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Jörn Steigerwald (Gießen)

Bettine Menke: Prosopopoüa: Stimme und Text bei Brentano,


Hoffmann, Kleist und Kafka}

Mitte der 1980er Jahre sorgte Frie- Seit Mitte der 90er Jahre gibt es
drich Kittlers Habilitationsschrift auch auf Seiten der ,Poststrukturali-
Aufschreibesysteme 1800 ' 1900 für sten' (horribile dictu) Korrekturen an
Furore, da in ihnen die bis dato und Einwände gegen die ,Aufschrei-
kaum hinterfragten Basiskategorien besysteme', die sich vor allem an der
wie ,Werk\ ,Autor', Geist4 oder darin vorgenommenen Reduktion der
,Sinnc und ,Bedeutung4 historisch Schrift auf ihre reine Materialität reibt.
bearbeitet wurden. In dieser epo- Dabei handelt es sich aber weniger um
chenmachenden Studie2 behandelt er generelle Widersprüche als um Relek-
die beiden Umbruchssituationen um türen und Komplementierungen. Ihren
1800 und um 1900, die seiner Analy- gemeinsamen Artikulationsort fanden
se nach die Grenzwerte dessen bil- diese Antworten zunächst in dem von
den, was allgemein ,Dichtung' ge- Gerhard Neumann geleiteten DFG-
nannt wird. Diese Dichtung selbst Symposium zum Poststrukturalismus,
formiert sich, so Kittler, über neue um von da aus auf verschiedenen We-
Alphabetisierungs- und Literarisie- gen weiterzugehen.3 So kritisierte ei-
rungspraktiken sowie -pädagogiken, nerseits Albrecht Koschorke die
die zum Verschwinden der Materia- Nicht-Berücksichtigung der Semiose-
lität der Signifikanten und zur Orali- leistung der Schrift, während anderer-
sierung der Buchstaben führen. So seits Bettine Menke die Vernachlässi-
entstehen um 1800 Bücher, die - in gung von deren Rhetorizität bemän-
Kittlers schöner Formel - halluzi- gelte. Beide Kritiken haben sich in der
nierbar wie Filme und interpretierbar Zwischenzeit zu veritablen Büchern
wie Philosophien sind, während um materialisiert und lassen so die Ergän-
1900 technische Medien die Wörter zungen und Veränderungen deutlich
zum alleinigen Medium von Psycho- vor Augen treten. Legte Koschorke
analyse und Literatur werden lassen. schon mit Körperströme und Schrift-

München: Fink 2000.


Siehe dazu den historisch einordnenden Artikel: Kittler, Friedrich in: Metzler Lexi-
kon Literatur- und Kulturtheorie. Hg. v. Ansgar Nünning. Stuttgart / Weimar 1998.
Siehe Gerhard Neumann (Hg.): Poststrukturalismus: Herausforderung an die Lite-
raturwissenschaft. Stuttgart / Weimar 1997.
Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahr-
hunderts. München 1999.
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verkehr4 eine sehr umfangreiche Ar- Dem folgend enthält die Studie ei-
beit vor, so wird er darin von Bettine ne doppelte, komplementäre Verfah-
Menke spielend übertroffen. Ihre Stu- rensweise aus Synthetisierung des
die erreicht mit fast 800 Seiten Text theoretischen Gehalts dekonstrukti-
beinahe den doppelten Umfang und ver Lektüren - vor allem Paul de
gehört damit wohl in die Klasse Mans - und aus Lektüre romanti-
des germanistischen Superschwerge- scher und moderner Texte. Doch
wichts. handelt es sich hierbei nicht um ei-
Menkes Impetus besteht darin, ei- nen theoretischen Überbau, sondern
ne produktive Auseinandersetzung um eine historisch gegebene Konfi-
mit und zwischen dekonstruktiver guration. Denn das Ende der Rheto-
Rhetorik und Medienanalyse zu rik in der Poetik (Rüdiger Campe)
führen, deren Ziel es ist, die Proso- und das Aufkommen der Ästhetik
popoiia als romantische Modell für bedeutet nicht die Entrhetorisierung
die Verstimmlichung des Textes und von literarischen Texten. Vielmehr
damit für seine Entrhetorisierung muß von systemischen Verschiebun-
evident werden zu lassen. Um dies gen gesprochen werden, die beson-
zu realisieren, führt sie einerseits ders die Faktur der Texte betreffen.
tradierte, aber bis dato different be- In diesem Sinne präzisiert sie Kitt-
handelte Vorgaben zusammen und lers These von der Oralisierung als
unternimmt andererseits auf dieser Verstimmlichung der Texte, die
Basis ihre Lektüren zum Zusam- selbst wieder rhetorisch ist. Das
menspiel von Text und Stimme. So führt auch zu einer weiteren Diffe-
folgt sie implizit der historischen renzierung gegenüber den bisherigen
Einordnung Kittlers von um 1800 / Arbeiten über die romantische Ver-
1900 durch ihre Textauswahl, und bindung von Literatur und Musik.6
bezieht sich explizit auf die zentrale Die genaue Lektüre der romanti-
Stellung der Prosopopeia (so de schen Texte zeigt, so Menke, daß das
Mans Schreibweise) in der dekon- neue Ideal der Literatur bisher nur
struktiven Literaturkritik. Dabei in- ungenau mit Musik wiedergegeben
tegriert sie zugleich die Diskussion wurde, während es präzise mit Tö-
zwischen de Man und Riffatere über nen zu bestimmen sei. Diese Unter-
die Rhetorizität der Prosopopeia, um scheidung ist für ihre Lektüren von
den Unterschied zwischen struktura- großer Bedeutung, da Tönen zu-
listischer und poststrukturalistischer gleich für Nachklang und Resonanz
Lektüre der Trope zu markieren. Ge- stehen kann und darüber hinaus eine
rade ihre Arbeit zeigt, wie Recht J. unvollkommene Wiedergabe, ein
Hillis Miller mit seinem Diktum hat, Stottern bezeichnet. Am wichtigsten
in dem er die Prosopopeia als „ma- ist jedoch, daß das Tönen auf eine
ster-trope of deconstruction" apo- konstruierte Stimme verweist, die
strophierte.5 gegeben wurde, und die nun im Text

Siehe J. Hillis Miller: Versions of Pygmalion. Cambridge / Mass. 1990.


Zu nennen sind hier besonders Carl Dahinaus: Die Idee der absoluten Musik. K
sel 1978 und Christine Lubkoll: Mythos Musik: poetische Entwürfe des Musi
schen in der Literatur um 1800. Freiburg i. Breisgau 1995.
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in unterschiedlichen Figurationen er- der Lektüren de Mans unter der Fi-


scheinen kann: derartige textuelle gur der Prosopopeia leistet und da-
Konfigurationen sind die Memnon- mit eine Synthese dekonstruktiver
Statue, die bzw. das Echo und die Si- Lektüren bietet. Bemerkenswert sind
renen. hier allerdings zwei Momente, die
Dieser These folgend liefert die bei der Lektüre unmittelbar auffal-
Arbeit ein Panorama der Stimm-Fi- len. So setzt Menke die Prosopopeia
gurationen in einzelnen Kapiteln, um als etymologische Zusammenset-
die möglichen Formen der Prosopo- zung aus prosopon und poien, ohne
peia aufzuzeigen und in den Texten darauf hinzuweisen, daß dies eben
lesbar zu machen. Die historische eine rein de Mansche Fassung ist,
Perspektive wird durch eine kafka- die nur von ihm und bei ihm gege-
sche Rahmung gewährleistet, in der ben ist.7 Auch wäre eine Auseinan-
jeweils ein Text - eingangs Der Bau, dersetzung mit neueren Kritiken am
ausgangs Josefine - zentral behan- dekonstruktiven Verständnis der Pro-
delt wird. Das erste Kapitel zu Kaf- sopopeia wünschenswert gewesen,
kas Der Bau bietet eine Exposition wie dies unlängst Inka Mülder-Bach8
der folgenden Arbeit, da in einer in- anhand von Anselm Haverkamps
tensiven wie extensiven Lektüre auf- Klopstock-Lektüre unternahm, da
geschlüsselt wird, wie sich der Text dies gerade für die historische Skal-
als Allegorie der Unlesbarkeit insze- ierung ertragreich gewesen wäre.
niert. Gerade Der Bau als Doppel, Das dritte Kapitel schließt wieder
d.h. als Text und als Konstruktions- daran an, indem hier historische, d.h.
prinzip macht deutlich, wie Täu- romantische Figurationen - eben
schungen und Fehlgänge, aber auch Memnon und Echo - vorgestellt und
Doppelgänger in dieser rhetorischen deren Form von Verstimmlichung
Konstruktion inszeniert werden und und Rhetorisierung dargestellt wer-
keine Lesbarkeit mehr erlauben. Zu- den. Abgeschlossen wird dieser eher
dem wird besonders in diesem Text theoretische Teil mit einem Exkurs
die Frage: Wer spricht? virulent und zu barocken Echos oder genauer zur
hintertreibt alle Lektüren. Das zweite Echofabrikation in Athanasius Kir-
Kapitel geht von dieser zunächst auf chers Musurgia universalis, die in
den Kafka Text bezogenen Frage aus Verbindung und Absetzung zum ro-
und entwickelt eine ,stimmgeleitete mantischen Tönen gelesen wird. Die
Lektüre' anhand der Prosopopoeia. folgenden drei Kapitel sind Lektüren
Wird doch diese nach Geoffrey Hart- ausgewählter Texte gewidmet, den
mann als ,giving a voice to the voi- Nachklängen Beethovenscher Musik
celess' verstanden. Allerdings ist von Clemens v. Brentano, der Heili-
dies nur ein Teil des Kapitels, da der gen Cäcilie von Heinrich v. Kleist
weitaus größere und mehr als beach- und verschiedenen Sirenentexten. In-
tenswerte Teil eine Zusammenschau nerhalb des letzten Teils wird zudem

7
Siehe Cynthia Chase: Giving a name to aface. In: dies.: Decomposingfigures. Rhe-
torical Readings in the Romantic Tradition. Baltimore / London 1986, S. 83-99.
8
Inka Mülder-Bach: Im Zeichen Pygmalions. Das Modell der Statue und die Ent-
deckung der „Darstellung" im 18. Jahrhundert. München 1998.
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noch eine Diskussion über die paral- bungen zustande, die einem punktu-
lele Debatten über die Arabeske um ellem Leser wohl entgehen werden.
1800 geführt. Den Abschluß bildet Als Beispiel hierfür sei das ,Echo'
dann erneut ein Kafka-Text, die Jo- genannt, das nicht eine festgefügte
sefine, die das Verschweigen, das Entität darstellt, sondern eine dyna-
Verstummen als Form der stimmli- mische Figuration ist, die
chen Auslöschung beschreibt. Abge- historischen Differenzierungen un-
rundet wird die Arbeit noch durch ei- terliegt. Gerade Menkes Strategie,
nen Tafelteil und ein sehr nützliches die barocke Hall-Kunst und das ro-
Namens- und Sachregister. mantische Tönen der Texte zusam-
Was hier in Kürze vorgestellt wur- menlaufen zu lassen, die sowohl
de ist materialiter aber über viele spannend als auch ergiebig ist, wür-
Hundert Seiten präzise, subtil und de einer solchen Lektüre wohl entge-
manchmal vielleicht auch ein wenig hen, da neben dem Begriff ,Echo'
in den Gegenstand verliebt ausge- noch eine Unzahl weiterer mitbe-
breitet, so daß dieses Referat allein dacht werden müßte, die sich erst im
nur einen ungenügenden Eindruck textuellen Mitvollzug erschließen.
bieten kann9. Zudem hat der Umfang Doch gelegentlich ist dieses ver-
des Werkes Vor- und Nachteile, die bindende Verfahren auch sehr an-
für den Nachvollzug und den Lek- strengend und nicht wirklich immer
türegewinn nicht unerheblich sind. ist die Notwendigkeit der einzelnen
Liest man die Schrift - wie der Re- Digressionen ersichtlich. So erfährt
zensent - linear und vollständig, so der Leser im Kapitel zu Kleists Hei-
bedarf man größter Konzentration, liger Cäcilie zwar einiges zum ei-
um wirklich alle Feindifferenzierun- gentlichen Lektüregegenstand, doch
gen, Allusionen und Nachhalle stets ungleich mehr über die Macht der
mitlesen zu können. Allerdings hilft Musik bei Wackenroder, Tieck und
für eine partielle Lektüre das Regi- Wackenroder/Tieck. Auch die her-
ster hervorragend, so daß dem nur an vorhebenswerte Lektüre der Nach-
einzelnen Phänomenen interessier- klänge wird durch den Anschluß an
tem hinreichend Hilfe geboten wird. eine Vielzahl weiterer Brentano-Ge-
Doch entgeht dem so lesenden die dichte merklich überdehnt. Zudem
Stringenz der Arbeit, die keineswegs ist manchmal die Argumentation
vernachlässigt werden darf. Denn nicht klar nachzuvollziehen, z.B.
durch eine große Anzahl an Digres- wenn - um bei obigem Beispiel zu
sionen, an stets differenzierenden bleiben - einerseits eine Differenzie-
Wiederholungen kommen Verschie- rung zwischen dem romantischen

Besonders im ersten Kapitel fordert Bettine Menke von ihrem Leser größte Auf-
merksamkeit, um ihre Sätze nachvollziehen zu können, da die (Logik der) Kursi-
vierung, Apostrophierung und Morphosyntax manchmal schwer zu verfolgen ist.
Siehe dazu: „Auf der Kehrseite des ,Gesichts' des Baus/ des Textes ,gibt es4 - und
gibt der Bau - eine Kontiguität von (reinem) Geräusch und Bau, in der sich die
Stimme des ErzählerTiers (letztendlich) verlöre — wenn nicht der Text an der Stelle
dessen endete, abbräche. Umgekehrt hatte sich die ,Stimme des Textes* hier nicht
schon verloren?", S. 132.
Prosopopoiia 275

Tönen und dem barocken Hallen Auch wäre im Anschluß an das von
dargelegt wird, andererseits aber vie- Kittler und Menke geleistete eine hi-
le oberflächliche bzw. ,auß wendige' storisch-anthropologische Untersu-
Übereinstimmungen festgehalten chung darüber, was es heißt, Bücher
werden, ohne daß allerdings auf den ,halluzinierbar4 zu machen äußerst
Unterschied von barocker Universal- spannend, da damit ein umfassende-
wissenschaft eines Jesuiten10 und res Verständnis geschaffen werden
dichterischer Produktion eines Ro- könnte, ohne allein auf die Materia-
mantikers eingegangen wird. Denn lität oder Rhetorizität abzuheben.
gerade die jüngsten wissenschaftli- So bleibt abschließend nur noch
chen Forschungen um Technisierung einmal zu sagen, daß Bettine Menke
und Mechanisierung beziehen immer mit dieser Arbeit eine wahrlich um-
mehr das Barock mit ein, so daß fassende Studie vorgelegt hat, die
nach den langen Diskussionen um reichhaltigen Gewinn bietet. Ob der
Romantik und Klassizismus bzw. Länge von Prosopopoiia würde der
Romantik und Aufklärung gerade die Rezensent aber gerne, wie einst Heb-
Frage nach Romantik und Barock bel nach der Lektüre von Stifters
spannend ist. Hierzu bieten die Lek- Nachsommer, die Krone Polens
türen und Überlegungen von Bettine demjenigen versprechen, der wie er,
Menke einen sehr fruchtbaren Bo- das Buch ganz gelesen hat.
den, der reichen Ertrag verspricht.

10
Zu Kircher siehe die Monographie von Thomas Leinkauf: Mundus combinatus. Stu-
dien zur Struktur der barocken Universalwissenschaft am Beispiel Athanasius Kir-
chers SJ (1602-1680). Berlin 1993.