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VATICAN

 ‒  

spezial SCHÖNHEIT
UND DRAMA DER
W E LT K I R C H E

Das Kreuz mit dem


Missbrauch
Plädoyer für die Unterscheidung der Geister

Sünde, Süchte und


Dämonen
Die Kirche als der
Sündenbock
Auf dem Weg der
Heilung
editorial

GUIDO HORST

Die Geister unterscheiden


Seit über drei Jahren erscheint monatlich das VATICAN- lich unterscheiden, nicht nur die Geister, sondern auch
magazin, in Rom im Schatten der Kuppel des Peters- die Sachverhalte. Wer genau hingeschaut hat, wird fest-
doms produziert, für Leserinnen und Leser im gestellt haben, dass auch der Vatikan unterschieden hat
deutschsprachigen Raum. „Schönheit und Drama der – er sah sich gewissermaßen gezwungen, eine doppelte
Weltkirche“ heißt es im Untertitel der Zeitschrift. Wir Strategie zu fahren: Zum einen muss er die Kirche
sind weder ein Amtsblatt der römischen Kurie noch gegen jene verteidigen, die anscheinend auf diesen
eine illustrierte Werbebroschüre für das deutsche Anlass nur gewartet haben, um mit all dem abzurech-
Pontifikat, sondern schreiben darüber, was es in der nen, an dem die katholische Kirche unbeirrt festhält –
Kirche schon immer und seit ihren Anfängen gegeben und das immer mehr gegen den „Trend der Zeit“: Das
hat: Licht und Schatten, Treue und Verrat, Heilige und reicht vom Lebensschutz über Homo-„Ehen“ bis zum
Sünder, Mittelmäßigkeit und eine reiche Tradition in Zölibat, geht aber über Einzelfragen hinaus: Der größ-
Kunst, Kultur und Liturgie. Auch den unbequemen te Grund des Ärgernisses ist der, dass es Kirche und
Themen weichen wir nicht aus. Lange bevor in der Papst immer noch wagen, eine Wahrheit über Gott und
deutschsprachigen Berichterstattung über die Kirche den Menschen zu verkündigen, die konkrete Folgen für
das hässliche Wort „Missbrauch“ auftauchte, widmeten das persönliche und gesellschaftliche Leben hat. Und
wir diesem Vergehen eine Titelgeschichte: Ein Opfer das trotz des allgemein konsequent verfochtenen Dog-
schrieb sich die Erinnerung an seinen Pfarrer von der mas des Relativismus.
impressum Seele, der sich an ihm in der Jugendzeit vergangen
hatte – und schilderte auch den langwierigen Prozess, Auf der anderen Seite aber müssen Papst und Va-
Herausgeber
Paul Badde, Bernhard Müller, wie er zum Glauben an die Kirche und auch zur Wert- tikan die Kirche durch eine Krise im Inneren führen,
Dr. Norbert Neuhaus schätzung des Zölibats zurückgefunden hatte. Miss- die einfach nicht schönzureden ist. Da muss man auch
Chefredaktion stände in der Kirche löst man nicht dadurch, dass man in sich gehen, dem Unfassbaren in die Augen schauen,
Guido Horst (Inhalt) sie unter den Teppich kehrt. harte Aufklärung betreiben und die Kraft für einen
Christina Badde (Koordination)
Neuanfang suchen. Etwas Diabolisches ist in die Kirche
Fotos Zum ersten Mal nun geben wir ein Sonderheft her- eingedrungen. Verteidigung gegen Angriffe von außen:
Paul Badde
aus, dieses VATICAN-spezial, weil das Thema „Miss- ja. Aber noch wichtiger dürfte es sein, dass sie in ihren
Gestaltung brauch“ wie eine Lawine durch die Medien gegangen Repräsentanten, den Gott geweihten Personen, zu den
Barbara Knievel ist. Es war wie ein Hochwasser, das die Kirche über- Idealen der Heiligkeit, Reinheit und Lauterkeit des
Redaktionsbüro spülte und die Särge aller Leichen, die einzelne Kleriker Herzens zurückfindet. Denn da genügen einige wenige
VATICAN magazin – und auch Laien – noch in den Kellern liegen hatten, Übeltäter, um die Glaubwürdigkeit der ganzen Kirche
Viale delle Mura Aurelie 15
00165 Rom, Italien nach oben drückte. Der Vatikan und die deutschen zu zerstören. Diese doppelte Strategie, auf Polemik zu
Telefon: 0039-06/39378471 Bischöfe haben reagiert – nie hat ein Papst so klare antworten und die Wahrheit zu verteidigen, sich aber
Telefax: 0039-06/39378471
redaktion@vatican-magazin.com
Worte zu diesen Vergehen gefunden wie Benedikt XVI. gleichzeitig im Inneren auf den Weg eines Reini-
www.vatican-magazin.com in seinem Brief an die irischen Katholiken –, aber gungsprozesses zu begeben, ist argumentativ schwer zu
bestimmten Teilen der deutschen und vor allem angel- vermitteln, muss aber sein.
Verlag
Vertrieb und Abonnenten- sächsischen Presse war das nicht genug: Sie bliesen
Verwaltung zum Generalangriff auf das deutsche Pontifikat – Dieses VATICAN-spezial will dazu beitragen. Ar-
Fe-Medienverlags GmbH
Hauptstraße 22 pünktlich zu dessen fünfjährigem Jubiläum – und ver- tikel und Interviews, die in vergangenen Ausgaben der
88353 Kisslegg, Deutschland knüpften den Missbrauchsskandal mit anderen Reiz- Zeitschrift erschienen sind, wurden durch neue Beiträ-
Telefon: 07563/92005
Telefax: 07563/3381
themen, die mit den Vergehen pädophiler Kleriker ge ergänzt und sollen in dieser dunklen Stunde der
vatican@fe-medien.de nichts zu tun haben: dem Zölibat, der katholischen Kirche, die mancher als Verunsicherung und Prüfung
Sexualmoral, den angeblich ausstehenden Reformen des eigenen Glaubens erfährt, Kraft und Mut geben,
Bankverbindung
Kreissparkasse Ravensburg innerhalb der Kirche. Wie so immer wirkten die übli- um den Weg der inneren Reinigung zu gehen, aber
BLZ 65050110 chen Romkritiker fleißig bei der Medienkampagne auch etwas Gelassenheit vermitteln, wenn es um die
Konto 101028338
IBAN DE57650501100101028338 mit. völlig überzogenen Angriffe und Forderungen von au-
BIC SOLADES1RVB ßen geht. Dieses Sonderheft gibt es umsonst, wer wei-
Druck Deshalb unser Entschluss, eine Sonderausgabe des tere Exemplare anfordern möchte, wende sich bitte an
Mayer & Söhne, Aichach VATICAN-magazins herauszubringen. Man muss näm- den Fe-Verlag.

vatican-spezial Mai|2010
titel-thema

Die dunkle
Stunde VON KLAUS BERGER

Der Pfarrer von Ars, der Teufel und der einem halb atheistischen Land, das sind die Orden und vor allem
junge Ordensgründungen, das ist die Jugendarbeit – wie sehr
Zustand der Kirche habe ich stets Jugendseelsorger bewundert – und nicht zuletzt das

Foto: dpa
Diadem des Zölibats und natürlich, wen könnte es wundern, der
deutsche Papst. Es ist wirklich das Tafelsilber der Kirche, das man
hier zu den Nachttöpfen einer Bedürfnisanstalt macht. Denn das
alles betrifft nicht nur das, was vor allem in den siebziger und
achtziger Jahren geschehen ist, das ist schlimm genug, sondern es
betrifft vor allem die Art der Erörterung und Zurschaustellung.

„Es ist wirklich das Tafelsilber der


Kirche, das man hier zu den Nachttöpfen
einer Bedürfnisanstalt macht“
Und wenn ich jetzt vom Teufel rede, geht es mir nicht darum,
Menschen freizusprechen, denn die Sexualvergehen, die disku-
tiert werden, sind Süchte. Bei jeder Sucht ist zumindest der erste

D
Schritt freiwillig, aber dann gerät der Süchtige in ein unentrinn-
bares Gefängnis. Schon Paulus nennt die Sünde eine Sucht, und
genau an dieser Stelle sprechen die drei ersten Evangelien von den
ass Papst Benedikt XVI. den Pfarrer von Ars zum Attacken des Teufels und der Dämonen. Die Menschen haben
Patron des Priesterjahres benannte, war eine pro- sich mit dem Teufel eingelassen. Und er benutzt die Täter und die
phetische Tat. Freilich in einem ungeahnt er- Medien zu dem einzigen Ziel der Ausradierung der Kirche. Unter
schütternden und bisweilen entsetzlichen Sinn. Strafgefangenen gilt der Missbrauchstäter als der Minderwer-
Denn die Massivität und Scheußlichkeit, mit der tigste, er steht in der Gefängnishierarchie ganz unten. Genau dort
der Teufel dem Pfarrer von Ars zusetzte, trifft steht in der öffentlichen Meinung nun die katholische Kirche.
jetzt die ganze Kirche. Es ist der schwerste Ansturm seit Men- Und eben nicht ganz ohne Schuld; dass es außerhalb der Kirche
schengedenken; und wenn das selbst Kardinal Joachim Meisner zehn Mal mehr Missbrauch gibt, interessiert nun keinen mehr.
sagt, der gegen die Kommunisten kämpfte, will das etwas heißen. Ein Freund sagte mir kürzlich: Was ich überhaupt nicht ver-
Denn immer wenn Märtyrer gefragt waren, stand die Kirche stehen kann, ist der Fall der Legionäre Christi. Ein junger, kraft-
von Anfang an als strahlende Siegerin da. voll blühender Orden mit eigenen Universitäten und großem
Aber jetzt geht es um etwas anderes. Die gebündelte Macht Widerhall und Zulauf. Normalerweise sind die Stifter solcher
der modernen Massenmedien versucht seit Monaten, die Kirche Orden Kandidaten für die Heiligsprechung. Doch hier gab es
von den Organen aus zu zerfetzen, die an ihrem Körper die hoff- einen Stifter, der keine sexuelle Scheußlichkeit ausließ. Wie kann
nungsvollsten waren. Das waren die christlichen Schulen in das zusammen kommen? Und ich habe geantwortet: Schauen Sie,

vatican-spezial Mai|2010 3
titel-thema

„Die Kreuztragung Christi“ von Hieronymus


Bosch (um 1450-1516): Jesus auf dem Weg
nach Golgotha, umgeben von dem Hass
der Meute.

fast alle der Missbrauchstäter waren nicht nur bei den Schülern Es kann sein, dass wirklich gesegnet und gut war, was ein Täter
äußert beliebt, sie waren hervorragende Pädagogen, und die Pfar- gewirkt hat, dass man Gott dafür danken kann – und daneben
rer, die jetzt zurücktreten müssen, waren überaus beliebte Seel- hat er anderes getan. Wir wissen nicht, wo uns der Kopf steht. Die
sorger. Milieus sind verschwunden, die christlichen wie die nichtchristli-
Was ist da geschehen? Wie gesagt, keiner der Täter ist un- chen. Die Menschen leben isoliert und werden isoliert zu Kampf-
schuldig. Aber was hier geschieht, ist doch sehr viel mehr, es plätzen, auf denen oft genug der Teufel siegt. Das genau ist seine
gehört in die Geschichte des Teufels, um die Jesus übrigens ganz neue Strategie.
genau weiß. Das ist neu: Engel und Teufel zerren nicht von außen, sind
auch nicht Inspiration oder Versuchung im Herzen, sondern es
„Früher gab es Heilige und geht um vollendete Taten. Der Teufel zerstört das Antlitz der
Menschen, der zur Heiligkeit Berufenen. Die Kopten sagen: Der
Sünder. Jetzt aber spielt sich beides in Tod zerstört das Antlitz. Hier und jetzt gilt: Der Teufel zerstört
demselben Menschen ab“ das Antlitz der Kirche. Und ist nicht die Rede vom göttlichen
Antlitz der geheime rote Faden durch die Reden dieses Papstes
Der Teufel aber hat offenbar seine Strategie verändert. Früher hindurch?
gab es Heilige und Sünder. Jetzt aber spielt sich beides in demsel- Es gibt die Verheißung Jesu für seine Kirche: „Die Pforten der
ben Menschen ab. Der das Zeug zum Heiligen hätte, der die Hoff- Hölle werden sie nicht überwältigen“. Das hat Jesus nicht nur
nung der Seelsorge sein könnte, er selbst begeht abscheuliche Ver- nebenbei gesagt als fromme Zutat. Wir erleben wirklich, wie das
brechen. Und so kommt das Ganze ins Wanken. versucht wird. Und wem tut es nicht weh, wenn er feststellen
Früher konnte man sagen, ob jemand ein Heiliger oder ein muss: An dieser Schule, in jenem Orden hat Gott „eine Bataille
Verbrecher war. Jetzt aber benimmt sich ein Ordensgründer wie verloren“.
ein „perverses Schwein“. Und das kann die Kirche nicht aushal- Aber ehrlich gesagt und auch auf die Gefahr hin zu verwirren:
ten. Durch die Widersprüche in diesen Menschen selbst sprengt So ganz ungeläufig ist mir das alles auch von mir selbst her nicht,
der Teufel je und je den ganzen Menschen auseinander. Niemand relativ Gesegnetes neben relativ Abscheulichem. Nur Gott kann
kann die Verbindung von Heiligkeit und seelsorgerlichem Erfolg das aushalten. Die Kirche wird leicht beschädigt. Daher kennt
auf der einen Seite und das Entsetzliche auf der anderen verste- schon das Neue Testament den Rat zur Zurückhaltung gegenüber
hen. Man weiß nicht mehr, woran man ist. Und ich denke, das der Öffentlichkeit, wenn es um eigene Sünden geht; ich denke vor
genau ist die Absicht. Teufel heißt: „der durcheinander wirbelt“. allem an den ersten Korintherbrief.

4 vatican-spezial Mai|2010
Jesus sagt (Lk 22,31): „Simon, Simon, der Satan hat sich aus- Das befleckte Gewand und
bedungen, euch durcheinander rütteln zu dürfen wie auf einem
Sieb.“ Dass einige durch die Maschen des Siebs fallen, liegt in der die „Qualitätsmedien“
Natur der Sache. Interessant ist, dass in diesem Wort dann Petrus
die entscheidende Rolle spielt. Die Sache „geht an ihn“. Er soll die Seit Monaten schon stehen zahllose deutsche Katholiken
Jünger stärken. Es steht alles wie selbstverständlich im Neuen erschüttert und beschämt vor dem befleckten Gewand,
Testament. Und wir können mit Händen greifen, wie es sich zum in dem ihre Kirche sich präsentiert, vor dem furchtbaren
Beispiel jetzt erfüllt. Leid der durch katholische Priester und Erzieher geschän-
deten Opfer. In den Schock und die Trauer hinein mischte
„Petrus soll die Jünger stärken. sich bei vielen allerdings auch zunehmende Fassungs-
losigkeit über die Berichterstattung in den Medien.
Es steht alles wie selbstverständlich im Was als Aufklärung und Aufdeckung begonnen hatte,
Neuen Testament“ geriet zu einem wahren antikirchlichen Furor. Da wurde
der Zölibat an den Pranger gestellt, in den Schmutz gezo-
Offenbar betrifft dieser Ansturm des Teufels nur die katholi- gen und als allein verantwortlich ausgemacht, gerade so,
sche Kirche, keine andere Konfession (die haben die Presse auf als ob Pädokriminelle nur heiraten müssten, um auf ewig
ihrer Seite). Offenbar weiß der Teufel, wie sehr es sich gerade hier von ihren Gelüsten frei zu sein. Die anfänglich absolute
lohnt. Heiligkeit und Zölibat sind ihm ein Dorn im Auge. Ich Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass das Problem als
muss gestehen, dass ich noch nie so heftig und innig an die gesamtgesellschaftliches Problem beachtet werden
katholische Kirche geglaubt habe wie jetzt in den Wochen der müsse mitsamt der Ausblendung sämtlicher kriminologi-
schwersten Stürme. Denn die Wespen stürzen sich auf den lecker- scher Erhebungen und Expertenmeinungen dazu, war
sten Pflaumenkuchen, nicht auf langweiligen norddeutschen umso erstaunlicher, als sie besonders bei säkularen, an-
Stopfkuchen. geblich kritisch-hinterfragenden „Qualitätsmedien“ in
ihrer gröbsten Form zu Tage trat. Faktenlagen und Statis-
tiken, Aussagen von Ärzten, Kriminologen, Psychiatern
wurde mit dem Verweis auf eine dumpfe, unterdrückeri-
sche Sexualmoral, wie sie angeblich von der Kirche ver-
treten werde, und deren deutlichster Ausdruck der Zöli-
bat sei, abgeschmettert. Befremdlich für ein Land, das für
seine Wissenschafts- und Expertenhörigkeit ansonsten
sprichwörtlich ist.

Barbara Wenz
Foto: Paul Badde

Der Heidelberger
Exeget Klaus Berger.

vatican-spezial Mai|2010 5
einblicke das deutsche pontifikat

Wie geht’s denn nun weiter,


Herr Mosebach? VON ALEXANDER GÖRLACH

Die katholische Kirche geht durch eine


der größten Krisen in ihrer Geschichte.
Und der deutsche Papst führt sie zu
ihren Ursprüngen zurück. Benedikt XVI.
vor über einem Jahr im Gebet in der
Grabkammer Jesu Christi.

Foto: OR

6 vatican-spezial Mai|2010
Müssen wir uns nicht auch auf Missbrauchsfälle in katholischen
Einrichtungen anderen Ländern einstellen und wie sollte Ihrer
Meinung nach Papst Benedikt dann darauf reagieren?
Selbstverständlich muss die Kirche immer damit rechnen, dass in
ihren Schulen und Internaten einzelne Erzieher sich an den
Schülern vergreifen, das liegt in der Natur der Sache. Wo Kinder
unterrichtet werden, finden sich stets auch Persönlichkeiten mit
pädophilen Neigungen ein. Wir müssen uns aber fragen, wieso es
Mitte April haben viele in katholischen Internaten gerade in den unmittelbar auf das
Zweite Vatikanische Konzil folgenden Jahren gehäuft zu Sexu-
Medien Bilanz gezogen: Fünf alstraftaten von Priestern gekommen ist. Es führt kein Weg an der
Jahre Papst Benedikt. Oft fiel bitteren Erkenntnis vorbei: das Experiment des „Aggiornamen-
to“, der Angleichung der Kirche an die säkularisierte Welt, ist auf
das Urteil negativ aus, man- furchtbare Weise gescheitert. Nach dem Zweiten Vatikanischen
che sprechen von einem Konzil legten die meisten Priester die Priesterkleidung ab, sie hör-
ten auf, täglich die heilige Messe zu feiern, und sie beteten nicht
gescheiterten Pontifikat. mehr täglich das Brevier. Die nachkonziliäre Theologie tat alles,
Völlig falsch, sagt der deut- um das überlieferte Priesterbild vergessen zu lassen. Alle Institu-
tionen, die einem Priester auf seinem schwierigen und einsamen
sche Schriftsteller Martin Lebensweg Hilfe geleistet hatten, wurden in Frage gestellt. Was
Mosebach. Der Papst hat Wunder, wenn viele Priester in diesen Jahren sich nicht mehr in
überlieferter Weise als Priester empfinden konnten. Die priester-
sich erfolgreich der schweren liche Disziplin, die gezielt verdrängt worden ist, wurde sehr weit-
Aufgabe gestellt, eine inner- gehend im Konzil von Trient formuliert. Auch damals war es da-
rum gegangen, einer Verkommenheit des Klerus zu wehren und
kirchliche Revolution auf das Bewusstsein von der Heiligkeit des Priesteramtes neu zu wek-
nicht-revolutionäre Weise zu ken. Es ist schön, wenn jetzt die Amtsträger der Kirche die Opfer
der Missetaten um Vergebung bitten, aber noch wichtiger wird es
heilen. Das Gespräch sein, die Zügel der Disziplin im Sinn des Konzils von Trient wie-
führte Alexander Görlach der anzuziehen und zu einem Priestertum der katholischen Tra-
dition zurückzukehren.

In den späten sechziger Jahren gab es auf der Welt viele Um-
Wie bewerten Sie persönlich die fünf Jahre, die Papst Benedikt brüche: die Kulturrevolution in China, der Prager Frühling in
XVI. im Amt ist? der Tschechoslowakei, die Studentenunruhen bei uns, der Viet-
Benedikt XVI. hat sich die schwerstmögliche Aufgabe gestellt: Er namkrieg – und das Zweite Vatikanische Konzil. Kann man diese
will die schlimmen Folgen der innerkirchlichen 68er-Revolution Umbrüche in einer Reihe nennen?
auf nicht-revolutionäre Weise heilen. Dieser Papst ist eben kein Das Jahr 1968 ist ein meines Erachtens noch überhaupt nicht ge-
päpstlicher Diktator, er setzt auf die Kraft des besseren Argu- nügend erkanntes Phänomen. Hier in Deutschland beschäftigt
ments und er hofft, dass die Natur der Kirche das ihr nicht Ge- man sich in diesem Zusammenhang gern mit beseligenden Er-
mäße von selbst überwinden wird, wenn ihr dazu gewisse kleine innerungen an Wohngemeinschaften und den Streit über die
Hilfestellungen gegeben werden. Dieses Programm wird seine richtige Marx-Lektüre. In Wahrheit ist 1968 ein Achsenjahr der
Wirkung erst in der Zukunft, wahrscheinlich erst deutlich nach Geschichte mit voneinander scheinbar vollkommen unabhängi-
dem Ableben des Papstes, zeigen. Aber schon jetzt ist der Mut des gen Anti-Traditionsbewegungen in der ganzen Welt. Ich bin aber
Papstes erkennbar, mit dem er Versöhnung über die engen
Grenzen des Kirchenrechtes hinaus stiftet – in China durch die
Integration der Patriotischen Kirche und gegenüber der russi-
schen und griechischen Orthodoxie – und durch seine neuartige
Verschmelzung traditioneller und aufgeklärter Bibeltheologie,
die aus den Sackgassen rationalistischer Bibelkritik herausführt.

vatican-spezial Mai|2010 7
einblicke das deutsche pontifikat

Foto: Paul Badde


Martin Mosebach.

Kirche erlaubten, hat er bei seiner Wiedereinsetzung des überlie-


ferten Ritus hier eingegriffen und eine neue Formulierung inner-
halb des Alten Ritus angeordnet, die gleichfalls Gott darum bit-
tet, die Juden zu Jesus Christus zu führen, aber die Deutung der
Geringschätzung ausschließt. Man hat dem Papst vorgeworfen,
dass er überhaupt für die Bekehrung der Juden zu Jesus Christus
davon überzeugt, dass man eines Tages, wenn erst genügend Ab- beten lassen will – aber kann man der Kirche der Juden Petrus
stand da ist, die chinesische Kulturrevolution und die römische und Paulus ernsthaft zumuten, auf eine solche Gebetsintention
Liturgiereform in einem engen Zusammenhang begreifen wird. zu verzichten?

Papst BenediktXVI. war als Konzilstheologe an diesem Aufbruch Wie bewerten Sie das Verhältnis des Papstes zu den Juden, zu
des Konzils beteiligt. Wie erleben Sie sein Engagement heute, Israel?
einzelne liturgische Elemente der vorkonziliaren Kirche wieder- Benedikt XVI. ist vielleicht seit Petrus der erste Papst, der das
zubeleben? Christentum derart eng aus dem Judentum heraus begreift. Sein
Benedikt XVI. sieht eine seiner Hauptaufgaben darin, das Wesen Jesus-Buch verrät über weite Strecken den Versuch, das Neue
der Kirche wieder deutlicher sichtbar zu machen – den Katho- Testament mit den Augen des Alten Testamentes zu lesen. Die Be-
liken, und dann auch den Nicht-Katholiken. Der Papst weiß, dass ziehung des Papstes zum Judentum ist keine oberflächliche, poli-
die Kirche unauflösbar an ihre Tradition gebunden ist. Kirche tische, kein bloßes Sympathisieren aus einem modischen Philo-
und Revolution sind unversöhnliche Gegensätze. Er versucht, semitismus heraus, sondern ist tief theologisch, im Glauben ver-
dort einzugreifen, wo das Erscheinungsbild der Kirche durch wurzelt. Man durfte gelegentlich gar den Eindruck haben: Wenn
einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit verzerrt wird. Die Benedikt nicht Christ wäre, wäre er Jude. Diesem Papst Antisemi-
Kirche hat eben, wie ihr Stifter, zwei Naturen: eine historische tismus nachzusagen, verrät eine Unkenntnis und Inkompetenz,
und eine überzeitliche. Sie darf nicht vergessen, woher sie die vom öffentlichen Diskurs ausschließen müsste.
kommt, und sie darf nicht vergessen, wohin sie geht. Damit tut
sich speziell die Kirche im Westen gegenwärtig schwer: Sie hat Das Christentum gehört zu den Grundpfeilern Europas. Wird es
weder einen Sinn für ihre historische Gewachsenheit noch für ihr in Zukunft noch relevant für den Kontinent sein?
Leben in der Ewigkeit. Das Christentum ist der Grundpfeiler Europas, ich sehe keinen
anderen. Alle geistigen Strömungen der Neuzeit, auch dann, wenn
Die Bitte für die Bekehrung der Juden, wie sie bis zum Konzil im sie das Christentum bekämpfen, verdanken ihren Ursprung dem
Gebrauch war, wurde durch die Wiederzulassung des alten Ritus Christentum, und auch die antike Philosophie und Kunst haben
wieder erlaubt. Ist das ein richtiger Schritt? wir aus den Händen des Christentums empfangen. Sollte die eu-
Mit der Wiederzulassung der unter Paul dem VI. häufig genug ropäische Gesellschaft sich im Ganzen vom Christentum abwen-
gewaltsam verdrängten, gewachsenen Liturgie gelangte auch die den wollen, dann hieße das nichts anderes, als dass sie sich selbst
aus dem Frühchristentum stammende Bitte um die Bekehrung verleugnete. Was man nicht weiß oder nicht wissen will, ist aber
der Juden, die ihren Platz in den Karfreitagsfürbitten hat, zurück deswegen dennoch da. Verdrängung kann kein Fundament für
in die offiziellen Bücher der Kirche. Diese frühchristliche, auf eine hoffnungsvolle Zukunft sein.
einer Formulierung des Apostels Paulus basierende Bitte, enthielt
die Wendung, Gott möge die Juden von „ihrer Verblendung“ be-
freien und „den Schleier von ihren Herzen nehmen“. Da diese
Formulierungen dem Papst aufgrund der jüngsten Geschichte
das Missverständnis einer Geringschätzung der Juden durch die

8 vatican-spezial Mai|2010
einblicke pädophilie

Kirche als
der Sündenbock VON MANFRED LÜTZ

Die gesamte Gesellschaft sollte die lange


Zeit betriebene Verharmlosung von
sexuellem Kindesmissbrauch als Teil ihrer
eigenen Schuld annehmen

Foto: Paul Badde

„Non praevalebunt“: Die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. (Mt 16, 18). Auch wenn sich dunkle Wolken über dem päpst-
liche Appartement zusammengebraut haben – im Kampf gegen das Böse ist der Kirche die Zusage des Herrn gewiss, dass der Widersacher
den Felsen Petrus nicht überwinden wird.

1970 erklärte der angesehene Sexualwissenschaftler Eberhard noch 1989 erschien im renommierten Deutschen Ärzteverlag ein
Schorsch unwidersprochen bei einer Anhörung im Deutschen Buch, das offen für die Erlaubnis von pädosexuellen Kontakten
Bundestag: „Ein gesundes Kind in einer intakten Umgebung ver- warb. In diesen Zeiten wurde insbesondere die katholische Sex-
arbeitet nichtgewalttätige sexuelle Erlebnisse ohne negative Dau- ualmoral als repressives Hemmnis für die „Emanzipation der
erfolgen“. Die linke Szene hätschelte die Pädophilen. Bevor sich kindlichen Sexualität“ bekämpft.
Jan Carl Raspe in die RAF verabschiedete, pries er 1969 im „Kurs- Erst Ende der achtziger Jahre haben dann vor allem femini-
buch“ die Kommune 2, in der Erwachsene Kinder gegen ihren stische Beratungsstellen zu Recht klargemacht, dass es keine ge-
Widerstand zum Koitieren brachten. Bei den Grünen gab es 1985 waltfreien sexuellen Beziehungen zwischen Kindern und Erwa-
einen Antrag auf Entkriminalisierung von Sex mit Kindern und chsenen gibt. Freilich war es dabei nicht immer einfach, zwischen

vatican-spezial Mai|2010 9
einblicke pädophilie

Foto: Paul Badde


Der Arzt, Theologe und
Buchautor Manfred Lütz.

Bild über die Häufigkeit. Außerdem sorgt die Kombination von


Sakralität, Sexualität und Kindergesichtern naturgemäß immer
für besondere Aufmerksamkeit. Was immer man schließlich von
der katholischen Sexualmoral halten mag, sie war jedenfalls auch
in Zeiten der allgemeingesellschaftlichen Verharmlosung von Pä-
dophilie für jeden, der sich daran hielt, ein Bollwerk gegen Kin-
Bagatellisierung und Skandalisierung einen angemessenen Weg desmissbrauch. Und den Zölibat in diesem Zusammenhang zu
zu finden. Dann ergriff die Welle auch die katholische Kirche und nennen, ist besonders verantwortungslos. Auf einer Tagung 2003
manche ihrer Vertreter verstanden die Welt nicht mehr. Hatten in Rom erklärten die international führenden Experten – alle
die Pädophilieentkriminalisierer sie gerade noch ob ihrer rigiden nicht katholisch – es gebe keinerlei Zusammenhang dieses Phä-
unmodernen Moral lächerlich gemacht, sollten sie jetzt plötzlich nomens mit dem Zölibat. Freilich gehört der Hinweis auf den
wegen ihrer Laschheit die eigentlichen Übeltäter sein. Auch in der Zölibat nicht selten zu den verlogenen Entschuldigungsstrategien
derzeitigen Debatte wird gewöhnlich der gesamte gesellschaftli- der Missbraucher.
che Kontext ausgeblendet und die katholische Kirche isoliert als Gerade weil der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
Sündenbock für all die abseitigen und skandalösen Träume vom durch katholische Priester und Ordensleute ein Verbrechen ist
Kindersex gebrandmarkt, die in alternativen Kreisen vor vierzig und weil die Sorge um die Opfer Priorität haben muss, wäre es
Jahren geträumt wurden. Kirchenkritiker und auch manche Kir- fahrlässig, das Feld denjenigen zu überlassen, die sich bei solchen
chenvertreter ergreifen die willkommene Gelegenheit, ihre übli- Themen bloß selbst ins Spiel bringen wollen. Man muss ohne
chen Platten aufzulegen: Die kirchlichen Strukturen, die Sexual- Scheuklappen die Erkenntnisse der Wissenschaft nutzen, sichern-
moral, der Zölibat seien schuld. Doch das ist nichts anderes als de und vorbeugende Maßnahmen ergreifen und für Transparenz
unverhohlener Missbrauch mit dem Missbrauch, vor allem aber sorgen. Jeder Bischof, der heute noch auf diesem Feld irgendet-
gefährliche Desinformation, die Täter schützt. was unter den Teppich kehren wollte, müsste von allen guten
Die Wahrheit ist, dass alle Institutionen, die mit Kindern und Geistern verlassen sein. Uns Deutschen aber ist zu wünschen,
Jugendlichen zu tun haben, Menschen anziehen, die missbräuch- dass wir endlich den Mut besitzen, bei diesem ernsten Thema auf
lichen Kontakt mit Minderjährigen suchen. Das gilt für Sportver- die üblichen Projektionen zu verzichten, und die lange Zeit
eine, Einrichtungen der Jugendhilfe, und natürlich auch für die betriebene Verharmlosung von sexuellem Kindesmissbrauch in
Kirchen. Einer der führenden Experten in Deutschland, Professor der gesamten Gesellschaft als einen Teil von unser aller Schuld
Hans-Ludwig Kröber, sieht keinerlei Hinweis darauf, dass zöliba- anzunehmen. Ein Beispiel nehmen kann man sich da an
täre Lehrer häufiger pädophil seien als andere. Leider hat die Eberhard Schorsch, der sich 1989 von seiner leichtfertigen Aus-
Wissenschaft noch keine Screeningmethoden entwickeln kön- sage von 1970 öffentlich distanzierte.
nen, mit denen man solche Menschen herausfinden kann. Es
bleibt also nur die verantwortungsvolle Beobachtung und die
schnelle Reaktion bei Auffälligkeiten. Da sind die Strukturen der
Kirche sogar hilfreich. Sie kann vernetzter und professioneller re-
agieren als ein örtlicher Sportverein. Andererseits wird aber über
den missbrauchenden Jugendwart in Niederbayern bloß im
Lokalteil der örtlichen Zeitung berichtet, handelt es sich aber um
den Pfarrer, gibt es bundesweite Schlagzeilen. Zu Recht, weil es
ein schwereres Verbrechen ist. So entsteht freilich ein verzerrtes

10 vatican-spezial Mai|2010
einblicke missbrauch

Man wird eher vom Küssen ter und Reinigungskräfte; 5.000 Jugend-
gruppen-Leiter.

schwanger als vom Zölibat


Den 94 vom Spiegel berichteten Tätern
seit etwa 1965, darunter zehn Missbrauchs-

pädophil
fälle in den letzten 25 Jahren im Erzbistum
Köln, stehen nach der Kriminalstatistik des
VON HANS-GERD JAUCH Bundeskriminalamtes – alle Zahlen nach
www.bka.de – bundesweit durchschnittlich
etwa 15.000 jährlich angezeigte Fälle von
Was die nackten Zahlen über die Täter im Umfeld der Kirche sexuellem Missbrauch an Kindern gegen-
und in der säkularen Gesellschaft sagen über.Das ergibt alleine für die letzten 15 Jah-
re rund 225.000 angezeigte Fälle im Bundes-
Die Fälle von sexuellem Missbrauch insbe- Messdienergruppe leitete. Aktuell wird ge- gebiet.
sondere an Schutzbefohlenen durch Pries- gen einen Hausmeister ermittelt. Auf der Grundlage der bekannten Zah-
ter, Ordensleute und angestellte Erzieher Das Erzbistum Köln hat – alle Zahlen len ist Deutschlands bekanntester, nicht
innerhalb der Kirche stehen im Zentrum nach www.erzbistum-koeln.de – rund der katholischen Kirche angehörender Kri-
der öffentlichen Wahrnehmung in 14.600 hauptamtlich tätige Personen, die minalpsychiater Hans-Ludwig Kröber, Pro-
Deutschland. Dadurch entsteht vorschnell regelmäßig Kontakt mit Kindern haben: fessor für Forensische Psychiatrie an der
der Eindruck, es handele sich schwer- 2.000 im pastoralen Dienst; 2.000 liturgi- Charité Berlin, zu der Annahme gelangt,
punktmäßig um ein Problem der katholi- sche Folgedienste (Küster, Kirchenmusi- dass die Wahrscheinlichkeit nicht-zöliba-
schen Kirche. Da lohnt sich ein Blick auf ker); 6.000 in Kindergärten; 2.200 Lehr- tär lebender Männer, Missbrauchstäter zu
die verfügbaren statistischen Daten: kräfte an katholischen Schulen; 2.400 in werden, etwa 36-fach höher sei als bei Pries-
So berichtete Spiegel-online am 6.Febru- der Jugendhilfe. Hinzu kommen zahlrei- tern (Man wird eher vom Küssen schwanger
ar 2010 mit dem einleitenden Satz: „Die che ehrenamtlich Tätige wie zum Beispiel als vom Zölibat pädophil. Cicero, 31. März
Zahlen sind ungeheuerlich“, von dem Er- 3.000 ehrenamtliche Kirchenmusiker, Küs- 2010).
gebnis einer Umfrage, auf die 24 der 27
deutschen Bistümer geantwortet hatten.
Seit 1995 seien mindestens 94 Kleriker und
Laien unter Missbrauchsverdacht geraten, Als Sternsinger verkleide-
von denen 30 juristisch belangt worden sei- te Kinder vor dem
en. Viele Fälle seien zum Zeitpunkt ihres Kölner Dom.
Bekanntwerdens bereits verjährt gewesen.
In Deutschland verjährt sexueller Miss-
brauch von Kindern strafrechtlich zehn
Jahre nach der Vollendung des 18. Lebens-
jahres des Opfers. In besonders schweren
Fällen beträgt die Frist 20 Jahre. Die ge-
nannten Fälle mögen mithin bis Mitte der
sechziger Jahre zurückreichen.
Das Erzbistum Köln beispielsweise hat
die Zahlen in der Schrift „Zu Vorfällen von
sexuellem Missbrauch–Informationen und
Dokumente“ aktuell veröffentlicht. Danach
gab es in den letzten 25 Jahren im Erzbis-
tum Köln einen 1994 verstorbenen Geistli-
chen, der sich in der siebziger Jahren an ei-
nigen Kindern vergriffen hat; einen straf-
rechtlich geahndeten Fall priesterlichen
Missbrauchs; weitere drei Fälle priesterli-
chen Missbrauchs, in denen die staatsan-
waltlichen Ermittlungen eingestellt wurden.
Unter in der Kirche tätigen Laien gab
es vier bekannt gewordene Fälle: 2001 ei-
nen Kirchenmusiker; 2002 einen Organis-
Foto: dpa

ten; 2004 einen Gruppenleiter bei den Pfad-


findern; 2008 einen Studenten, der eine

vatican-spezial Mai|2010 11
einblicke die ehelosigkeit der priester

Vom Zauber des


Zölibates VON PAUL BADDE

Foto: dpa

12 vatican-spezial Mai|2010
Foto: privat
Paul Badde.

Heilig in einer unheiligen Welt: In der Kirche geht es um Liebe, nicht um Lust

D
er Zölibat ist absurd. Die freiwillig gewählte Ehe- Denn Zölibat und Papsttum weisen beide auf Anfang und Ende
losigkeit ist, wie jeder weiß, dem Menschen un- der Kirche hin, auf das Alpha und Omega der Christenheit. Der
möglich. Gesunde erwachsene Männer, die sich Papst auf den Ursprung, auf Petrus, auf Christus, und der Zölibat
in ihrer Jugend vornehmen, bis zu ihrem Ende auf das Jenseits, das Hochzeitsmahl im Himmlischen Jerusalem:
enthaltsam keusch und ehelos zu leben, sind im Beide weisen auf Gott. Es ist ein Verzicht um der größeren Liebe
Programm der Evolution nicht vorgesehen. Nach willen. Für den Zölibat darf sich – auch wenn er für die Seelsorge
menschlichem Ermessen kann mit ihnen also etwas nicht stim- frei macht wie keine andere Lebensform – keiner aus anderen
men. Katholische Priester sind solche Männer. Nur mit dem Gründen entscheiden. Er lässt sich nur als persönliches Liebes-
Missbrauch von Kindern hat ihre Lebensform nichts zu tun. verhältnis leben. Der Zölibat ist kein soziologisches Experi-
„Statistisch gesehen wird man eher vom Küssen schwanger als ment. Katholische Priester halten sogar die säkularisierte Welt
vom Zölibat pädophil“, hat Hans-Ludwig Kröber beteuert, nach- zeichenhaft für die Ewigkeit offen, wo sie – darauf setzen sie –
dem der Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der dem Geliebten begegnen werden, der ihnen nie untreu geworden
Freien Universität Berlin schon vor Wochen darauf hingewiesen ist.
hatte, dass die Wahrscheinlichkeit des Kindesmissbrauchs durch
katholische Priester 36 Mal geringer sei als bei „normalen“ Män- „Männer, die keusch und
nern. In der Debatte um den Komplex der aufgedeckten Miss-
brauchsfälle einer verschwindenden Minderheit von Pädophilen
ehelos leben, sind im Programm der
unter Priestern hat der Zölibat also nichts zu suchen. Evolution nicht vorgesehen“
In einer Stadt wie Frankfurt am Main sind zwar circa sechzig
Prozent der Männer aus verschiedenen Gründen Singles, doch Natürlich ist das maßlos und ein Ärgernis für eine Welt, die
Ehelosigkeit um Gottes und des Himmels Willen ist etwas ganz, hinter dem Horizont nichts gelten lassen will. Denn wer sich zum
ganz anderes. Das aber und nichts anderes ist der Zölibat. Dass Zölibat entschließt, will heilig werden in einer unheiligen Welt.
Theologen wie Hans Küng oder Eugen Drewermann kaum eine Junge Männer, die Priester werden wollen, glauben, dass es mehr
Talkshow auslassen, um gegen den Zölibat zu polemisieren, ist so gibt als das irdische Leben. Sie wollen in den Himmel kommen.
selbstverständlich wie die vielen Verlautbarungen der Initiative Am Beginn des Zölibats steht eine größere Liebe zu Gott als zu
„Wir sind Kirche“. Doch auch all die keuschen Priester „sind sich selbst. „Liebe will nicht mehr sich selbst – das Versinken in
Kirche“, die den Zölibat frei gewählt haben und bewusst zu leben der Trunkenheit des Glücks –, sie will das Gute für den Geliebten:
versuchen, der zwar erst im Mittelalter in der katholischen Kirche Sie wird Verzicht, sie wird bereit zum Opfer, ja sie will es!“,
verbindlich wurde – und dennoch natürlich auf das Beispiel des schrieb Benedikt XVI., der prominenteste Priester unserer Zeit, in
Jesus von Nazareth selbst zurückgeht. seiner ersten Enzyklika, um Friedrich Nietzsche danach mit den
Es ist deshalb auch nicht ohne Grund, dass Papsttum und Zö- Worten zu widersprechen: „Liebe umfasst das Ganze der Existenz
libat fast immer in einem Atemzug genannt werden, wenn die in allen ihren Dimensionen, auch in derjenigen der Zeit. Das
katholische Kirche wieder einmal ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. kann nicht anders sein, weil ihre Verheißung auf das Endgültige

vatican-spezial Mai|2010 13
einblicke die ehelosigkeit der priester

Foto: Paul Badde


Der Missbrauch mit dem Missbrauch
Weltweit gibt es über 400.000 Priester, über eine Million
Ordensleute und Millionen katholischer Laien, die sich für
Arme,Kranke, für eine bessere Gesellschaft engagieren
und sogar bereit sind, dafür ihr Leben zu geben. Die
Kirche unterhält über 70.000 Krankenhäuser, Kranken- zielt: Liebe zielt auf Ewigkeit.“ Ist das verwerflich? Haben
stationen, Leprastationen, Behindertenheime,Waisen- Gläubige nicht ein Recht auf solche Männer?
häuser und Kindergärten.Weltweit besuchen 40 Millio-
nen Schüler katholische Schulen (in Deutschland „Wer will denn noch
370.000 bei steigender Nachfrage). In Deutschland
sind nach Angaben des Kriminologen Christian Pfeifer
einer Kirche angehören, die nicht
0,1 Prozent der Missbrauchstäter Mitarbeiter der katholi- das Große wagt?“
schen Kirche. Wer den Missbrauch dann jedoch nur auf
eine bestimmte Gruppe begrenzt und 99,9 Prozent der Also noch einmal: Der Zölibat ist primär eine Liebesbezieh-
Täter außen vor lässt, macht ein riesiges gesamtgesell- ung. Natürlich können Priester deshalb so untreu werden wie
schaftliches Thema nicht nur klein, er unterstreicht Ehemänner ihren Ehefrauen untreu werden – und vielleicht ist
damit, dass es ihm nicht um die Opfer geht, sondern um der Fall sogar ähnlich häufig. Natürlich kann deshalb dieser
die Instrumentalisierung ihrer Fälle. Stand auch genau so misslingen wie eine Ehe. Die Ehe abzuschaf-
Das Argumentationsmuster der „Kritiker“, die in gei- fen hat deshalb aber noch keiner im Ernst verlangt. Deshalb wird
fernder Vorabverurteilung eine Kausalkette aus Kirche, auch die katholische Kirche sicher am Zölibat festhalten. Denn
Zölibat und katholischer Sexualmoral als ursächlich für Priester sind keine Agenten zur Sakramentenversorgung. Ihre
Missbrauch sahen, ist in sich zusammengebrochen. Un- Ehelosigkeit – für andere – ist ein existenzielles Pfand für den
zählige staatliche, private und protestantische Einrich- österlichen Glauben an die Auferstehung von den Toten. Wo es an
tungen mussten ähnliche Fälle einräumen. Das Beispiel Berufungen dafür mangelt, mangelt es zuerst an diesem Glauben,
Odenwaldschule, ein Vorzeigeobjekt der deutschen Re- den Strukturreformen nicht vermehren können. Der Glau-
formpädagogik, machte deutlich, dass die unselige Ver- benskrise der Christen lässt sich mit einem Rabatt oder anderen
bindung aus Scham, Schweigen und Schadensbegren- Tricks nicht beikommen. Wer will denn noch einer Kirche ange-
zung nicht genuin katholisch ist. hören, die nicht das Große wagt und nicht sichtbar Grenzen in
dem Abenteuer unserer Existenz überschreitet? Die keine Zeugen
Peter Seewald mehr hat, dass Gott existiert, und darauf nicht nur mit der Seele
in einem Kommentar für den setzen, sondern auch mit dem Leib – in der festen Hoffnung, dass
Online-Dienst kath.net dieses Leben nicht alles und ihr Geliebter treu ist, der die
Einsamkeit um seinetwillen reich entlohnen wird? Katholiken
sollten also besser eine Wache aufstellen um den Zölibat, dass er
ihnen nicht abhanden kommt. Dass ihre Kirche sich der Welt
nicht völlig angleicht. Denn es stimmt ja alles. Der Zölibat ist
absurd, unverständlich, menschenunmöglich. Ihm wohnt aller-
dings eine Evidenz und ein Ernst für das Evangelium inne, der
den Medien ebenso fremd ist wie der gesamten säkularisierten
Welt. Soll das ein Nachteil sein?
14 vatican-spezial Mai|2010
einblicke auf dem weg der heilung

Das ist eine Bildzeile

Papst Benedikt
an der Reeling
eines Katamarans
auf dem Weg zum
Treffen mit der
Jugend Maltas

Foto: CNS
am 18. April.

„Ihr in Italien habt


einen Heiligen!"
Auch auf Malta begegnete Können Sie erzählen, was Ihnen gesche- Darf ich Sie fragen, welche Worte Sie mit
hen ist? Benedikt XVI. ausgetauscht haben?
Papst Benedikt Missbrauchs- Ab dem Alter von 15 Jahren wurde ich von Als ich sagte, dass ich Joseph heiße, mach-
opfern. Ein Interview 1988 bis 1990 im Waisenhaus St. Joseph te der Papst seine Augen weit auf: „Joseph
sexuell missbraucht. Ein Priester, Pater wie ich!“ Ich habe ihn gefragt: „Warum hat
Charles Pulis, kam, um mich am Morgen mir dieser Priester das angetan, warum hat
zu wecken, und küsste mich auf den Mund, er mich missbraucht?“ Er hat mir geantwor-
Kurz nach der Begegnung von Papst Bene- dann masturbierte er mich.Ich konnte nicht tet, indem er mir sagte, er würde für mich
dikt XVI. am Sonntag, den 18. April, mit sprechen, ich konnte mich nicht widerset- beten, und wir haben zusammen gebetet.
acht Opfern von sexuellen Missbräuchen zen, ich konnte nichts sagen, weil er mir
durch maltesische Priester hat der italieni- drohte, mich aus dem Institut zu verwei- Was war die Reaktion des Papstes in die-
sche Journalist Andrea Tornielli ein Inter- sen. Seit sieben Jahren läuft der Prozess, sen Augenblicken?
view mit einem der betroffenen Männer doch ein Urteil steht noch aus. Wir haben Mich hat die Tatsache sehr beeindruckt,
geführt. Seinem Gegenüber erklärte dieser noch keine Gerechtigkeit erlangt. dass er so großen Schmerz verspürte. Man
Mann, der 38 Jahre alte Joseph Magro, dass sah, dass er zusammen mit mir litt. Ich
die Begegnung mit dem Papst nach all die- Wie war die Begegnung mit dem Papst? wollte ihn nicht leiden lassen, ich habe
sen Leiden ein wundervolles Geschenk ge- Ich hatte kein Vertrauen mehr in die Pries- ihm die von mir erlittenen Missbräuche
wesen sei: „Wir haben alle geweint", so Ma- ter. Jetzt, nach dieser bewegenden Erfahr- nicht erzählt. Er aber hat zusammen mit
gro, „auch der Papst hat geweint.“ Ort des ung, die ich machen durfte, habe ich wie- mir geweint, obwohl er keine Schuld an
hinter verschlossenen Türen stattgefunde- der begonnen, zu hoffen. Ihr in Italien dem hat, was mit zugestoßen ist.
nen Treffens war die Kapelle der Apostoli- habt einen Heiligen. Verstanden? Ihr habt
schen Nuntiatur von Malta. einen Heiligen!

vatican-spezial Mai|2010 15
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