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psychologie ı sportmotivation

Den
inneren
Schweinehund
überwinden
Gerade zum neuen Jahr nehmen sich viele Menschen vor, regelmäßig Sport
zu treiben. Doch oft bleibt es bei den guten Vorsätzen. Psychologen erfor-
schen, wie wir uns dauerhaft einen aktiven Lebensstil angewöhnen können.

Von Ralf Brand und Daniela Kahlert

H underte von wissenschaftlichen Studien


belegen: Wer sportlich aktiv ist, verringert
sein Risiko, frühzeitig etwa an einem Herzin-
ist er »extrinsisch« motiviert. In diesem Fall
mangelt es häufig an Intentionsstärke – zu
Deutsch: einer festen, eigenen Absicht. Will Pe-
farkt oder einem Schlaganfall zu sterben. Das ter dagegen aus freien Stücken und Spaß an der
Berliner Robert Koch-Institut empfiehlt zur Prä- Sache Sport treiben, ist er »intrinsisch« moti- Sport treiben –
vention unter anderem von Herz-Kreislauf-Er- viert. Hat er ein Ziel übernommen, weil es in Ein- Reserven bilden
krankungen, sich täglich etwa eine halbe Stunde klang mit seinen eigenen Werten steht (»Der
Damit der Körper fit bleibt,
lang so zu bewegen, dass der Puls merklich an- Arzt hat ja Recht«), dann sprechen Psychologen
müssen wir ihn regel­
steigt und sich Schweiß bildet. Das tut de facto von Selbstkonkordanz.
mäßig ermüden – das
allerdings nur etwa jeder dritte Deutsche. Leider muss Peter feststellen: Selbst eine in- heißt einen biologischen
Stellen wir uns einen Durchschnittsbürger trinsische Motivation genügt nicht immer, um Anreiz dafür geben, in
vor: Peter Müller, 46 Jahre alt, berufstätig. Wie gute Vorsätze in die Tat umzusetzen. Das bes­ der anschließenden Re-
den meisten Menschen ist auch ihm bewusst, tätigten 2006 die englischen Psychologen Tho- genera­tionsphase sein
dass er mehr Sport treiben sollte. Zum Jahres- mas Webb und Paschal Sheeran, heute beide Energie­reservoir (vor allem
wechsel hat er sich daher vorgenommen, künf- an der University of Sheffield, nachdem sie 47 Kohlenhydratspeicher)
nicht nur wieder aufzufül­
tig mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. experimentelle Studien zu diesem Thema aus-
len, sondern zusätzliche
Damit er einen solchen Vorsatz (Intention) gewertet hatten. Sie schlossen aus ihrer Meta- Reserven anzulegen. Für Quelle:  W. Schlicht & R. Brand, Körperliche Aktivität, Sport und Gesundheit, Juventa, Weinheim 2007
überhaupt entwickelt, müssen zwei Bedingun- Analyse: Selbst wenn die Intention mit Hilfe den Körper spielt es kaum
gen erfüllt sein: Erstens erwartet Peter, dass die eines Motivationstrainings gefestigt wird, be- eine Rolle, welche Art von
Vorteile des täglichen Radelns die Nachteile einflusst sie das Verhalten nur schwach bis mä- physischer Aktivität wir
überwiegen: »Ich muss dann zwar morgens frü- ßig stark. wählen. Vereinfacht ge-
her aufstehen, lebe aber gesünder und werde Noch heute stellt diese Intentions-Verhal- sprochen macht vor allem
die Summe der durch
schlanker.« Psychologen bezeichnen das als tens-Lücke, die im Volksmund auch als innerer
Muskelarbeit in Bewe­
Konsequenzerwartung. Zweitens sollte er über- Schweinehund bekannt ist, für viele Gesund-
gung umgesetzten Ener­
zeugt sein, sein Ziel überhaupt erreichen zu heitsforscher die größte Herausforderung dar. gie den positiven Effekt
können – das ist die so genannte Selbstwirksam- Um sie zu überwinden, empfiehlt der Sozial­ auf die Gesundheit aus.
keitserwartung. psychologe Peter Gollwitzer von der Universität Wer Joggen geht, kann in
Die meisten Psychologen halten außerdem Konstanz konkrete Aktivitätspläne, die das kurzer Zeit viel Energie
einen dritten Faktor für wichtig: die Quelle der Wann, Wo und Wie des beabsichtigten Verhal- umsetzen. Wer stattdes­
sen »nur« spazieren gehen
Motivation beziehungsweise den Grad der tens präzise festlegen – so genannte Implemen-
möchte, muss eben länger
Selbstbestimmung. Hat Peter dem Drängen sei- tierungsintentionen. Für Peter könnte ein sol-
unterwegs sein.
ner Frau oder seines Arztes nachgegeben, dann cher Plan beispielsweise lauten: Wenn ich am

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LAUFBANDARBEIT
Von zwei Deutschen, die erst-
mals in einem Fitnessstudio
trainieren, bleibt einer nicht
länger als ein halbes Jahr dabei.
Arne Trautmann / fotolia

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Vorabend eines Arbeitstags ins Bett gehe, stelle er sich wappnen, etwa wasserdichte Kleidung
Lieblings- ich den Wecker auf 6.30 Uhr. Wenn es um besorgen oder das Hindernis (Regen) von vorn-
sportarten sind 7.30 Uhr weder stürmt noch schneit, gehe ich herein als Ausnahmesituation definieren, in der
Alterssache! in den Fahrradkeller et cetera. Die Situation Plan B in Kraft tritt – mit dem Auto zur Arbeit
(»Wenn …«) dient als Auslöser und gibt den Im- und dafür nach der Arbeit ins Hallenbad fahren.
bis 19 Jahre:
puls für das beschlossene Verhalten. Psychologen bezeichnen das als Intentionsab-
Mannschaftssport wie
Fußball und Basketball Dass diese Methode erfolgreich ist, bewiesen schirmung: »gefährliche« Situationen und Hin-
Sheeran und Gollwitzer im Jahr 2006. Ihre dernisse frühzeitig erkennen und sich dann
20 bis 29 Jahre: Zusammenfassung von mehr als 90 Studien nachmotivieren, also etwa vergegenwärtigen,
Fitnesstraining zeigte: Wer seine Absicht in einem konkreten wie viel man durchs Radfahren schon abgenom-
30 bis 39 Jahre: Wenn-dann-Plan formuliert, wird sein Vorha- men hat. Und für den Fall, dass das nicht genügt,
Joggen ben viel eher in die Tat umsetzen. Warum das so Alternativen festlegen.
ist, haben Sheeran und sein Kollege Webb 2008
40 bis 59 Jahre: wiederum in einer Meta-Analyse herausgefun- SOS: Soll ich oder soll ich nicht?
Radfahren
den. Die Wirkung der Aktivitätspläne beruht Wenn sich Peter die SOS-Frage stellt (Soll-ich-
ab 60 Jahre: demnach darauf, dass sie helfen, potenzielle oder-soll-ich-nicht?), braucht er also nur noch
Gymnastik, Wandern, Auslösesituationen zu erkennen – also im geeig- auf eine schriftlich fixierte Strategie zurück­
Spazierengehen neten Moment an die Absicht zu erinnern. zugreifen. Aber nicht nur solche Pläne bestim-
Christoph Breuer, Deutsche Natürlich ist auch ein solcher Plan kein Ga- men das Durchhaltevermögen, sondern auch
Sporthochschule Köln 2008, rantieschein: Es kann immer etwas dazwischen- der Glaube daran, Hindernisse überwinden und
nach einer Studie an 2360
Aktiven kommen. In Peters Fall beispielsweise, dass es sich nach Rückschlägen wieder am Riemen rei-
morgens regnet. Für solche Eventualitäten sollte ßen zu können. Das zeigten im Jahr 2008 der
Gesundheitspsychologe Ralf Schwarzer von der
Freien Universität Berlin und seine Kollegen in
drei Längsschnittuntersuchungen.
Modell zum Aufbau körperlicher Aktivität Das internationale Forscherteam befragte
insgesamt mehr als 800 Patienten in Rehabi­-
Ob ich eine Absicht entwickle und sie letztlich auch umsetze, beeinflussen ver- litationseinrichtungen zunächst nach ihren
schiedene Faktoren. Zunächst bedarf es dafür zweier Überzeugungen: dass ich bisherigen körperlichen Aktivitäten und neu
das Ziel aus eigener Kraft erreichen kann (Selbstwirksamkeitserwartung) und gefassten Absichten, nach den erhofften Kon­
davon profitieren werde (Konsequenzerwartung). Bei der Realisierung helfen sequenzen und den befürchteten negativen
möglichst detaillierte Pläne, die definieren, wann und wie ich meine Absicht in Folgen weiterer Inaktivität. Außerdem be-
die Tat umsetze. Tritt eine dort beschriebene Situation ein, erinnert sie an das stimmten sie die jeweilige Selbstwirksamkeits-
Ziel und gibt den Impuls, wie geplant zu handeln. Habe ich das schließlich tat- erwartung und die Überzeugung, nach einem
sächlich getan, ist es wichtig, dass ich den Erfolg (Absicht in die Tat umgesetzt!) Rückfall in die Inaktivität das Training wieder
als mein Verdienst ansehe. Denn nur dann glaube ich, dass mir das künftig wie- aufzunehmen. Danach lernten die Patienten,
der gelingen wird. Außerdem nehmen darauf noch zwei weitere Faktoren Ein- die mehrheitlich an Herz-Kreislauf-Erkrankun-
fluss: wie gut ich meine Pläne gegen etwaige Widrigkeiten abschirme und ob gen litten, detaillierte Aktivitätspläne aufzu­
ich glaube, dass ich nach Misserfolgen einen neuen Anlauf starte. stellen.
Ein Jahr später überprüften die Forscher, wie
aktiv die Teilnehmer nun waren. Resultat: Die
erwartete Absicht befürchteten Risiken hatten nahezu keinen Ef-
erwartete
Verhaltenskontrolle (Intention)
Konsequenzen fekt auf die sportliche Betätigung gehabt, dafür
(Selbstwirk-
(mehr positive als
samkeits- aber die Güte ihrer Pläne sowie die Überzeu-
negative)
erwartung) Wenn-dann-Plan
gung, nach inaktiven Phasen trotzdem weiter-
(Implementierungs­
intentionen) zumachen.
An der Universität Freiburg bieten der Sport-
psychologe Reinhard Fuchs und seine Kollegen
erwartete Misserfolgs- ein solches Interventionsprogramm unter dem
Auslösesituation
bewältigung
Kürzel LISA (Lebensstilintegrierte Sportliche Ak-
tivität) an. Dessen Schwerpunkt liegt darauf, die
Erklärung für körperliche Aktivität erlebte geschilderte Lücke zwischen Absicht und Ver-
erlebten Erfolg/ (Zielverhalten) Konsequenzen halten zu schließen. Zunächst besprechen je-
Misserfolg
weils sechs Teilnehmer mit einem Sportpsycho-
logen, mit welchen Zielen sie sich für das Pro-

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gramm angemeldet haben. Dann soll jeder ren Lebensstils. Doch wie wird daraus ein Auto-
herausfinden, welche Art von körperlicher Akti- matismus? Zu dieser Frage verfolgen Forscher
vität am besten zu ihm passt, sowie eigenstän- aktuell mehrere Ansätze.
dig einen Wenn-dann-Plan erstellen. Einige Tage Lernpsychologisch sind beim Bilden von Ge-
später prüft der Teilnehmer im Einzelgespräch wohnheiten zwei Prinzipien am Werk. Erstens:
mit einem Psychologen, ob das Vorhaben prak- Wer jeden Morgen sein Auto aus derselben Ga-
tikabel ist. In einem zweiten Gruppengespräch rage holt, tut das nach ein paar Jahren ganz au-
diskutieren alle Mitstreiter gemeinsam ihre Plä- tomatisch, ohne sich täglich erneut dazu ent-
ne und entwickeln Strategien für den Fall, dass scheiden zu müssen. Wenn sich die Situation

Dietmar Mitterer-Zublasing / fotolia


widrige Umstände ihre neue Aktivität zu ver- ändert – das Auto beispielsweise jeden Tag wo-
hindern drohen. Dann erst sollen sie ins Trai- anders parkt – fällt es leichter, kurz innezuhal-
ning einsteigen und den Verlauf protokollieren. ten und in den Fahrradkeller abzubiegen. Wer
Sechs Wochen später besprechen sie ihre Er- also eine alte Gewohnheit aufgeben will, tut gut
folge und Misserfolge mit einem Sportpsycho- daran, auslösende und begünstigende Rahmen-
logen. bedingungen zu verändern.
Erste Ergebnisse des Programms sind viel Zweitens: Um die positiven Eigenschaften FLOTTE FÜSSE
versprechend. Die Psychologinnen Wiebke Göh- des Autos (warm und bequem) zu überbieten, Um körperlich rege zu bleiben,
ner und Caroline Mahler aus dem Freiburger muss Peter die angenehmen Auswirkungen des genügt es bereits, regelmäßig
Team stellten fest: Im Vergleich zu einer Kon- neuen Verhaltens immer wieder selbst erleben. zügig spazieren zu gehen und
trollgruppe stiegen bei jedem Teilnehmer nicht Wenn er auf der Waage die Pfunde purzeln sieht Treppen zu steigen.
nur die Stärke der Absicht und der Glaube an die und sich zunehmend fitter fühlt, wird er dieses
eigene Kompetenz, sondern auch die tatsäch- Ergebnis auch weiterhin erwarten – und das
lich für den Sport aufgewendete Zeit. Außerdem motiviert.
hielten die Effekte zwölf Monate nach Abschluss Zu einem neuen Lebensstil trägt jedoch nicht
des Programms noch an, wie die Forscherinnen nur das Erleben von Erfolgen bei, sondern auch,
2008 berichteten. wie man sie sich erklärt. Wenn Peter morgend-
liches Radfahren eigenen Fähigkeiten wie Selbst-
Jeder Zweite gibt wieder auf disziplin zuschreibt (»attribuiert«), gelegentli-
Nachdem auch Peter professionelle Hilfe ge- ches Autofahren aber auf äußere Umstände wie
sucht und ein solches Programm erfolgreich ab- das ungemütliche Wetter zurückführt und nicht 3000 Schritte
solviert hat, steigt er zunächst jeden Morgen etwa auf eigene Faulheit, dann wird er weiter da- extra
plangemäß aufs Fahrrad. Er hofft, dass er sich ran glauben, dass er seine Gewohnheiten um- Das Bundesgesundheits­
bald daran gewöhnen wird, doch selbst nach ein stellen kann. ministerium wirbt derzeit
paar Monaten kostet es ihn immer noch große Laut Martin Seligman sind Menschen mit mit dem Slogan »Jeden
Überwindung. Schließlich lässt er das Rad wie- einem solchen Attributionsstil Optimisten (sie- Tag 3000 Schritte extra«
der häufiger stehen. he Kasten auf S. 18). Den Zusammenhang zwi- für einen körperlich akti-
ven Lebensstil. Das Pro­
So ergeht es vielen, die dauerhaft Bewegung schen Optimismus und Gesundheit wies der
gramm setzt vor allem auf
in ihr Leben bringen wollten. Im Schnitt bleibt Psychologe von der University of Pennsylvania öffentlichkeitswirksame
nur rund jeder Zweite, der mit einem Sport- schon 1988 nach. Seligman und sein Team hat- Kampagnen, die von Pro-
oder Fitnessprogramm beginnt, langfristig da- ten 99 Probanden über Jahrzehnte hinweg be- minenten begleitet wer-
bei. Eine Überblicksstudie des Sportpsycholo- gleitet. 1946, als sie im Durchschnitt 25 Jahre alt den. Außerdem bietet die
gen Wolfgang Schlicht und seiner Kollegen von gewesen waren, hatte er zunächst ihre positive zugehörige Website
den Universitäten in Stuttgart und Karlsruhe oder negative Grundhaltung anhand von Fra- www.die-praevention.de
Bewegungstipps und
ergab 2003, dass jeder zweite Rehapatient nach gebögen erfasst. Daraufhin ließ Seligman ihre
ein Onlinejournal. Dort
einem halben Jahr wieder mit dem Training Gesundheit alle fünf Jahre medizinisch begut-
kann jeder einen sport­
aufhörte. Die Sportwissenschaftlerin Petra Wag- achten. Ergebnis: Wer als 25-Jähriger optimis- lichen Wochenplan anle­
ner von der Technischen Universität Kaisers- tisch in die Welt blickte, war im Alter von 45 bis gen sowie einen Bild­
lautern berichtete 2007 nach einer ähnlichen 60 gesünder als ein Pessimist – auch dann, schirmschoner down-
Analyse: In Präventions- und Rehabilitations- wenn beide in jungen Jahren gleichermaßen ge- loaden, der zu fünf kleinen
programmen steigen 50 bis 70 Prozent inner- sund gewesen waren. Gymnastikübungen auf-
fordert. Leider funktioniert
halb von drei bis vier Jahren wieder aus. Dafür sind viele Erklärungen denkbar, etwa
das nur, wenn man sich
Die gesundheits- und sportpsychologische dass Optimisten weniger Stress empfinden und
zuvor online angemeldet
Forschung hatte ihr Augenmerk zunächst vor so ihr Immunsystem geringer belasten. Außer- hat – in gefühlten 3000
allem auf die Verhaltensänderung gelegt – auf dem dürften Optimisten auch stärker daran Schritten!
die ersten Schritte in Richtung eines gesünde- glauben, dass sie ihre guten Vorsätze in die Tat


www.gehirn-und-geist.de 17
Es wäre nahe liegend gewesen, dass Opti-
misten besonders lange bei einer Sache bleiben,
weil sie an sich glauben. Tatsächlich aber ver-
weilten sie im Schnitt nur sieben Minuten bei
den unlösbaren Aufgaben, während sich die Pes-
simisten durchschnittlich ganze elf Minuten
vergebens abmühten.
Die beiden Forscherinnen schlussfolgerten,
Lisa Kyle Young / iStockphoto

dass Optimisten wohl besser mit ihren Ressour-


cen haushalten. Da neue Verhaltensweisen mit
den altgewohnten um Zeit und Energie konkur-
rieren (Fernsehen versus Fitnesstraining), sind
Optimisten beim Alltagsmanagement mögli-
cherweise im Vorteil: Sie halten sich nicht unnö-
SCHWIMMEN NACH PLAN umsetzen, und können deshalb auch mit Hin- tig damit auf, unrealistische Ziele zu verfolgen,
Wer mit seinen guten Vorsät- dernissen oder Rückschlägen besser umgehen. etwa ein allzu umfangreiches Programm zu be-
zen ernst machen möchte, Inwiefern sie sich tatsächlich in ihrem Co- wältigen. Und im Fall eines Miss­erfolgs betrach-
sollte sich feste Termine setzen. ping-Verhalten – der Art, Stress und Probleme ten sie nicht sich selbst, sondern die gewählte
zu bewältigen – von Pessimisten unterscheiden, Aktivität als ungeeignet. Das erlaubt es ihnen,
untersucht derzeit unsere Forschungsgruppe in nach einer passenderen Sportart zu suchen oder
Potsdam. Einen ersten Hinweis gaben schon sich realistischere Ziele zu setzen.
1999 experimentelle Befunde der Psychologin-
nen Lisa Aspinwall von der University of Utah in Ich fühle, also trainiere ich
Salt Lake City und Linda Richter vom Human Optimismus umfasst aber noch eine weitere
Sciences Research Council in Südafrika. Ihre 96 Komponente, die bei der Frage, wie Menschen
Probanden dachten, sie würden an einem Intel- sich zum Sporttreiben motivieren lassen, bis-
ligenztest teilnehmen, während ihnen darin im lang kaum beachtet wurde: Emotionen. Lange
ersten Block unlösbare und in einem zweiten Zeit haben sich Sportpsychologen vor allem da-
Block lösbare Aufgaben vorgelegt wurden. Die rauf konzentriert, kognitive Faktoren wie Erwar-
Forscherinnen interessierte, wie lange sich die tungen für einen sportlich aktiveren Lebensstil
Teilnehmer mit dem unlösbaren Aufgabenblock verantwortlich zu machen. Einstellungen wur-
aufhalten würden, ehe sie zum nächsten wech- den deshalb meist als rational geprägte Über-
selten. Insgesamt hatten sie 20 Minuten Zeit. zeugungen verstanden, und Forscher erfragten
etwa, wie sehr eine Testperson dem Satz »Sport
treiben ist gesund« zustimmt. Doch solche
Der Erklärungsstil (»Attribution«) Überzeugungen müssen nicht unbedingt den
Ausschlag geben – auch Gefühle können das
Erfolg: »Ich habe es Misserfolg: »Ich habe es morgendliche Radfahren erleichtern oder er-
heute geschafft zu joggen. heute nicht geschafft zu joggen.
schweren. Welche Bedeutung haben also Emoti-
Der Grund:« Der Grund:«
onen für das Aufrechterhalten eines körperlich
Optimist Pessimist aktiven Lebensstils?
internal »Was ich mir vornehme, »Was ich mir vornehme, schaffe Um diese Frage zu klären, verglichen wir
schaffe ich auch …« ich nicht …« 2006, ob sich sportliche Aktivität bei 196 er-
wachsenen Probanden besser aus rational oder
stabil »… und zwar immer …« »… und zwar nie …«
aus emotional geprägten Einstellungen (»Wenn
global »… und in allen Lebensbe- »… und das geht mir überall so.« ich daran denke Sport zu treiben, dann fühle ich
reichen.«
mich wohl«) vorhersagen ließ. Tatsächlich un-
Pessimist Optimist terschieden sich die sportlich Aktiven von den
Inaktiven deutlich stärker in ihren Gefühlen als
external »Es war das richtige »Es hat geregnet, …«
Wetter, …« in rationalen Erwägungen zu den Vorteilen
sportlichen Engagements.
variabel »… das gibt es aber »… aber morgen wird das Wetter
Weil Probanden manchmal sozial erwünscht
selten …« wieder besser …«
antworten – also zum Beispiel einer Aussage al-
spezifisch »… und das klappt auch »… und in anderen Lebensbereichen lein deshalb zustimmen, weil sie glauben, dass
nur im Sport.« bekomme ich sonst alles hin.«
es so richtig oder vernünftig ist –, haben wir das

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Psychologie
fürs Leben

Mit einem Vorwort


Ergebnis 2008 in einer weiteren Studie gemein- von Prof. Dr. med.
sam mit unserem Potsdamer Kollegen Geoffrey Eckart Altenmüller.
2008. 453 S., 66 Tab.,
Schweizer sowie Matthias Blümke von der Uni- 4 Tab., Kt
versität Heidelberg überprüft. Dazu baten wir � 29.95 / CHF 49.90
ISBN 978-3-456-
93 Teilnehmer, mittels Tastendruck möglichst 84575-3
schnell zu entscheiden, ob es sich bei einem
Lutz Jäncke
auf dem Bildschirm präsentierten Adjektiv
(zum Beispiel »entspannt«) um einen positiven Macht Musik schlau?
oder negativen Begriff handelte. Kurz zuvor Neue Erkenntnisse aus den Neurowissen-
blitzte für 100 Millisekunden ein Wort aus dem schaften und der kognitiven Psychologie
Themenkreis Sport auf dem Bildschirm auf, Erstmals werden im Rahmen dieses Buches
zum Beispiel »Fahrrad fahren«. Wir erwarteten, die in den letzten 20 Jahren erzielten Befunde
dass die sportlich inaktiven unter den Proban- bezüglich der neurowissenschaftlichen und
kognitiven Grundlagen des Musizierens und des
den in diesem Fall langsamer auf ein positives
Musikhörens dargestellt und bewertet.
Adjektiv reagieren würden als die regelmäßig
Aktiven.
Genau dies war der Fall: Im Schnitt drückten
sie rund 100 Millisekunden später auf die rich-
tige Taste! Das deutet darauf hin, dass der Ge-
danke an Sport bei inaktiven Personen eher mit
negativen Gefühlen assoziiert ist.
Aus dem Englischen
Wenn allerdings schon der Gedanke an das
übersetzt
Fahrrad unangenehme Gefühle auslöst, dann Literaturtipps von Matthias
kostet es viel mehr Willenskraft und Energie, Brand, R.: Die affektive Ein- Wengenroth.
1. Nachdruck 2008
sich zu überwinden und trotzdem aufzustei- stellungskomponente und ihr der 5., überarb.
gen – während sich jene, die sich aufs Radeln Beitrag zur Erklärung von Aufl. 2007. 376 S.,
Abb., Kt
freuen, die SOS-Frage (»Soll-ich-oder-soll-ich- Sportpartizipation. In: Zeit- � 26.95 / CHF 43.50
nicht?«) schon nach kurzer Zeit überhaupt nicht schrift für Sportpsychologie, ISBN 978-3-456-
84478-7
mehr stellen. Wenn Peter also beim Radfahren 13(4), S. 147 – 155, 2006.
nur an Gegenwind und Abgase denkt, dann dürf- Fuchs, R., Göhner, W., Seelig, Robert B. Cialdini
te er sich das falsche Ziel gesetzt haben. Er sollte H.: Aufbau eines körperlich- Die Psychologie des
morgens ruhig wieder ins warme Auto steigen,
dafür aber nach der Mittagspause eine halbe
aktiven Lebensstils. Hogrefe,
Göttingen 2007.
Überzeugens
Ein Lehrbuch für alle, die ihren Mitmenschen
Stunde flott spazieren gehen. Ÿ Schwarzer, R. et al.: Social-co-
und sich selbst auf die Schliche kommen
gnitive Predictors of Physi- wollen
Ralf Brand ist Professor für Sportpsychologie an der cal Exercise Adherence. In:
Das Buch ist eine Offenbarung für alle, die sich
Universität Potsdam und erforscht unter anderem, Health Psychology, 27(1), S.
schon immer über ihre Leichtgläubigkeit geär-
welche kognitiven und emotionalen Prozesse das 54 – 63, 2008. gert haben.
Gesundheitsverhalten beeinflussen. Seine wissen- Webb, T., Sheeran, P.: Mecha-
schaftliche Mitarbeiterin Daniela Kahlert untersucht nism of Implementation In-
die Rolle des Optimismus beim langfristigen Aufbau tention Effects. In: British
über
ndel oder
körperlicher Aktivität. Journal of Social Psychology,
Buchha m
47(3), S. 373 – 395, 2008. Erhältlich im
g-han shuber.co
www.gehirn-und-geist.de/audio www.verla

www.gehirn-und-geist.de  19