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TATJANA TARKIAN

Wahrheit in der Ethik

D er moralische Diskurs trägt Kennzeichen der Objektivität. Sind wir


in moralischen Fragen mit widerstreitenden Positionen konfron-
tiert, so glauben wir, dass nicht alle Diskursteilnehmer gleichermaßen im
Recht sein können. Wir interpretieren den Widerstreit als Ausdruck ei-
ner Kontroverse über einen gemeinsamen Diskursgegenstand. Besteht die
Gelegenheit, so versuchen wir, der Spannung auf den Grund zu gehen
und sie, wenn möglich, argumentativ aufzulösen. Dabei suchen wir un-
ser moralisches Urteil zu rechtfertigen, indem wir es durch Gründe ab-
stützen. Wir fordern von unseren Gesprächspartnern Gründe für ihr Ur-
teil ein und kritisieren sie gegebenenfalls mit dem Hinweis darauf, dass
ihre Auffassungen nicht wohlbegründet oder vielleicht gar inkonsistent
sind. Merken wir andererseits, dass wir unser moralisches Urteil nicht
zureichend begründen können, so wird unser Vertrauen in unser Urteil
gemindert. Auch wenn manch eine hitzige Debatte um moralische Fra-
gen den Eindruck nähren kann, dort kämen eher Überredungsmanöver
als echte Argumente zum Einsatz, so scheint eine radikale skeptische
Haltung hinsichtlich der Begründungsfähigkeit moralischer Urteile
überzogen. Schließlich setzt unsere Kritik persuasiver Manöver in mora-
lischen Debatten eine Vorstellung dessen voraus, was als gutes morali-
sches Argument gelten dürfte. Mit unserer Diskussionspraxis setzen wir,
so scheint es zumindest, voraus, dass moralische Urteile begrün-
dungsfähige, rational debattierbare Urteile sind. Es liegt somit nahe, mo-
ralischen Urteilen propositionalen Gehalt und damit die Eigenschaft der
Wahrheitswertfähigkeit zuzusprechen und sie als Ausdruck von kogniti-
ven mentalen Zuständen, also als Ausdruck von Überzeugungen zu be-
greifen.1
Gleichzeitig verstehen wir moralische Urteile als normative Urtei-
le: als Urteile, mit denen wir ausdrücken, dass wir bestimmte Handlun-
1
Der Ausdruck ‚Überzeugung‘ sei hier durchweg im Sinne eines kognitiven men-
talen Zustands verstanden.

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gen wählen sollten oder bestimmte Gegenstände unsere Wertschätzung


verdienen oder es gerechtfertigt oder angemessen ist, angesichts be-
stimmter (realer oder imaginierter) Situationen bestimmte moralische
Gefühle zu haben. Fraglos haben moralische Urteile oft aufgrund ihres
Gehalts etwas mit Handlungen zu tun: etwa dann, wenn ihr Gegenstand
die Frage ist, was zu tun ist. Darüber hinaus weist das moralische Urtei-
len häufig in einem anderen Sinne einen engen Zusammenhang zum
Handeln auf. Insbesondere deontische moralische Urteile – Urteile dar-
über, was zu tun ist – zeichnen sich durch ihren praktischen Charakter
aus. Etwas scheint im argen zu liegen, wenn jemand aufrichtig ein sol-
ches moralisches Urteil äußert, er diesem Urteil aber keinerlei praktische
Relevanz zubilligt. Aufrichtiges moralisches Urteilen führt hier nicht
immer, aber immerhin im günstigen Fall zum Handeln. Es scheint ent-
weder mit einer Motivation zum Handeln einhergehen oder diese unter
bestimmten Bedingungen erzeugen zu können. Unter geeigneten Be-
dingungen lassen sich Handlungen durch moralische Auffassungen recht-
fertigen und erklären. Durch ihren normativen und praktischen Cha-
rakter unterscheiden sich moralische Urteile von gewöhnlichen empiri-
schen Urteilen.
Stimmt man dieser Diagnose zu, so liegt die Herausforderung einer
Grundlagentheorie der Moral zunächst einmal darin, dem objektiven
und normativen Charakter des moralischen Diskurses gleichermaßen
Rechnung zu tragen. Will man der Objektivität und der Normativität
moralischer Urteile gerecht werden, so bietet es sich an, moralische Ur-
teile als Ausdruck von Überzeugungen aufzufassen, die normative Pro-
positionen zum Gegenstand haben. Moralische Urteile könnten als
wahrheitswertfähige (und möglicherweise wahre) normative Urteile be-
griffen werden. Naheliegend wäre der folgende Vorschlag. Fällen wir
moralische Urteile, so behaupten wir die Wahrheit von Propositionen
darüber, dass es gute Gründe gibt, in bestimmter Weise zu handeln, oder
dass es Gründe gibt, bestimmte Dinge zu schätzen oder mit bestimmten
moralischen Gefühlen auf die jeweiligen Gegenstände moralischer Beur-
teilung zu reagieren (so etwa mit dem Gefühl der Empörung oder der
Bewunderung). Der normative assertorische Gehalt moralischer Urteile
müsste durch eine überzeugende Konzeption normativer Gründe weiter
expliziert werden.

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Obwohl es attraktiv scheint, moralische Urteile als genuin norma-


tive Behauptungen – als Urteile mit irreduzibel normativem assertori-
schen Gehalt – zu begreifen, ziehen es Anhänger zweier bedeutender La-
ger der zeitgenössischen Debatte um Grundlagenfragen der Moral vor,
diesen Weg nicht einzuschlagen. Dies sind Nonkognitivisten auf der ei-
nen und externalistische moralische Realisten auf der anderen Seite. Im
Folgenden sollen in Kürze einige Defizite dieser beiden Theorietypen
aufgezeigt werden. Dabei wird auch von Überlegungen zu reden sein, die
aus der Sicht von Nonkognitivisten und Naturalisten dagegen sprechen
mögen, die Rede von (möglicherweise wahren) genuin normativen Be-
hauptungen zu akzeptieren. Anwälte einer weiteren Variante des morali-
schen Realismus hingegen – normative Realisten – verstehen moralische
Urteile als genuin normative Behauptungen und bestimmen ihre Wahr-
heitsbedingungen in der Repräsentation metaphysisch robuster normati-
ver Tatsachen. Allerdings darf dem Postulat einer Klasse irreduzibler und
metaphysisch robuster normativer Tatsachen mit guten Gründen mit
Skepsis begegnet werden. Jenseits des normativen Realismus bietet sich
jedoch die Option einer antirealistischen, aber kognitivistischen Grund-
lagentheorie der Moral an. Diese erlaubt es, von (möglicherweise wah-
ren) genuin normativen Behauptungen zu sprechen, ohne dabei gehalt-
volle ontologische Annahmen über die Existenz normativer moralischer
Tatsachen zu machen.

Nonkognitivismus und moralischer Realismus

Sofern die These vom kognitiven Charakter moralischer Urteile eine


ebenso hohe Anfangsplausibilität besitzt wie die These vom normativen
Charakter moralischer Urteile, so liegt es nahe, moralische Urteile als
normative Behauptungen zu verstehen. Doch Nonkognitivisten oder
Expressivisten geben die kognitivistische These zugunsten der These
vom normativen Charakter moralischer Urteile auf. Umgekehrt verab-
schieden naturalistische externalistische moralische Realisten die These
vom normativen Charakter moralischer Urteile und halten an der kogni-
tivistischen These fest. Man sollte daher vermuten, dass es grundsätzliche
Bedenken gibt, die gegen die Vereinbarkeit der beiden Thesen sprechen.
Diese Bedenken gibt es, wie wir sehen werden, in der Tat, und wer mo-

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ralische Urteile als normative Behauptungen verstehen will, muss sich


ihnen widmen. Lässt sich die These vom kognitiven Charakter morali-
scher Urteile überhaupt mit der These von ihrem normativen Charakter
vereinbaren? Im Folgenden soll ausgeführt werden, welche Überlegun-
gen gegen die Vereinbarkeit der beiden Thesen sprechen.

Nonkognitivismus

Nonkognitivisten bestreiten, dass moralische Urteile ausschließlich pro-


positionalen Gehalt haben. Sie verstehen sie daher nicht als assertorische
und wahrheitswertfähige Urteile. Moralische Urteile seien kein Aus-
druck kognitiver psychischer Zustände, sondern Ausdruck von nonko-
gnitiven, konativen Einstellungen wie Emotionen, Wünschen, Präfe-
renzen, Intentionen, vorschreibenden Haltungen oder Ausdruck der Ak-
zeptanz von Normen.2
Die Diskussion der letzten drei Jahrzehnte ist durch die Blüte kog-
nitivistischer Theorien gekennzeichnet. Der Nonkognitivismus scheint
mittlerweile eher zur Position einer Minderheit geworden zu sein. Den-
noch sind die skeptischen Einwände hinsichtlich der These von der
Wahrheitswertfähigkeit moralischer Urteile, die bereits von den frühen
positivistischen Anhängern des Nonkognitivismus vorgebracht wurden,
beileibe nicht ausgeräumt.
Was bewegt Nonkognitivisten zur Preisgabe der These vom propo-
sitionalen Charakter moralischer Urteile? Der zentrale Einwand, der
nonkognitivistische Positionen motiviert, lautet im Kern wie folgt. Eine
kognitive Theorie der Moral könne dem normativen Charakter morali-
scher Auffassungen nicht gerecht werden. Moralische Urteile seien nor-
mative (oder, wie Hare sie nennt, „präskriptive“) Urteile. Der normative
Charakter des moralischen Diskurses lasse sich auf angemessene Weise
durch seine essentiell praktische Funktion explizieren. Eine essentiell
praktische Funktion habe der moralische Diskurs, insofern es zu den
Äußerungsbedingungen moralischer Verpflichtungsurteile gehöre, dass

2
Klassische nonkognitivistische Konzeptionen finden sich bei A.J. Ayer (1981)
Kapitel 6; Charles L. Stevenson (1937), sowie (1944) und Richard M. Hare (1952).
Eine Revitalisierung des nonkognitivistischen Programms bieten Simon Black-
burn (1984), Kapitel 6, (1993) und (1998) sowie Allan Gibbard (1990).

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der Sprecher motiviert ist, die jeweils ins Auge gefassten Handlungen zu
wählen. Wer aufrichtig ein moralisches Verpflichtungsurteil äußert, der
sei notwendigerweise motiviert, die als richtig, geboten oder gesollt be-
zeichnete Handlung auszuführen. Die These, dass aufrichtiges morali-
sches Urteilen notwendigerweise mit einer Motivation oder Intention
zum Handeln einhergeht, sei hier als motivationaler Internalismus be-
zeichnet.3 Alle Nonkognitivisten bekennen sich zum motivationalen In-
ternalismus und charakterisieren den normativen Charakter des mo-
ralischen Diskurses durch seine praktische Funktion.4 Nun weisen
Überzeugungen jedenfalls gemäß der gewöhnlichen Sicht der Dinge in
der philosophischen Psychologie keinen solchen inneren und not-
wendigen Zusammenhang mit einer Motivation zum Handeln auf, wie
er durch den motivationalen Internalismus behauptet wird. Daher spre-
che, so die Überlegung von Nonkognitivisten, der normative und prakti-
sche Charakter des moralischen Urteilens dagegen, moralische Urteile als
kognitive Urteile zu begreifen. Der Normativität des moralischen Dis-
kurses könne hingegen angemessen Rechnung getragen werden, indem
moralische Urteile als Ausdruck konativer mentaler Zustände verstanden
werden, wie es Intentionen, Wünsche oder Wünschen ähnliche Zustände

3
Stephen Darwall spricht hier in Abgrenzung von anderen Varianten des Interna-
lismus vom „morality/motives ‚judgement internalism‘“ (vgl. 1996, 509). Die
Bezeichnung „judgment internalism“ etablierte Darwall bereits in (1983), 54.
4
Die Explikation der Normativität des moralischen Diskurses mit Rückgriff auf den
motivationalen Internalismus wird etwa bei Richard M. Hare deutlich, der im
Sinne einer Definition des präskriptiven Sprachgebrauchs schreibt (Hare 1981,
21):
„We say something prescriptive if and only if, for some act A, some situation S
and some person P, if P were to assent (orally) to what we say, and not, in S,
do A, he logically must be assenting insincerely“.
Vgl. ähnlich auch Richard M. Hare (1991), 458:
„A speech act is prescriptive if to subscribe to it is to be committed, on pain of
being accused of insincerity, to doing the action specified in the speech act, or,
if it requires someone else to do it, to willing that he do it“.
Zeugnis für das Votum zugunsten des motivationalen Internalismus geben ferner
etwa Charles L. Stevenson, (1937, 13); Simon Blackburn, (1984, 188) und Allan
Gibbard, (1990, 56, 76).

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sind. Auf diese Weise werde der enge Zusammenhang zwischen dem mo-
ralischem Urteilen und dem Handeln erklärlich.
Nonkognitivisten konstatieren also ein unauflösliches Spannungs-
verhältnis zwischen der kognitivistischen These und der These vom
normativen Charakter moralischer Urteile. Dabei ist es (neben einer
weit verbreiteten Auffassung über die Natur von Überzeugungen einer-
seits und konativen mentalen Zuständen andererseits) die spezielle sub-
jektivistische, an nonkognitive Einstellungen gebundene Konzeption der
Normativität, auf der die Überzeugungskraft des geschilderten Argu-
ments beruht. Diese Konzeption assoziiert Normativität mit motivatio-
nalen mentalen Zuständen von Urteilenden. Stützte sich der Einwand
gegen die kognitivistische These allein auf die Plausibilität der non-
kognitivistischen Konzeption der Normativität, so käme er einer petitio
gefährlich nahe. Es ist also zu fragen, ob es unabhängige Argumente zu-
gunsten der an motivationale Einstellungen gebundenen Konzeption der
Normativität gibt oder Argumente, die gegen rivalisierende Kon-
zeptionen sprechen. Auf welche argumentativen Ressourcen könnten
Nonkognitivisten zurückgreifen, um ihre Behauptung zu stützen, dass
die nonkognitivistische Konzeption der Normativität adäquat ist? War-
um sollten wir nicht annehmen, dass moralische Urteile normative Ur-
teile sind, welche Propositionen mit genuin normativem Gehalt aus-
drücken?
Eine mögliche Ressource liegt hier sicherlich in der Verteidigung
einer radikalen empiristischen Theorie der kognitiven Bedeutung. Ein
Satz könne nur dann eine sinnvolle synthetische Proposition ausdrük-
ken, wenn er sich empirisch verifizieren lasse. Das Verifikationskriteri-
um spricht gegen eine kognitive Interpretation der Moral, insofern sich
moralische Urteile kaum auf diejenige unmittelbare Weise empirisch ve-
rifizieren lassen, welche die logischen Positivisten für theoretische Urtei-
le ins Auge gefasst hatten. Jedoch findet das empiristische Sinnkriterium
mittlerweile ganz grundsätzlich mit guten Gründen kaum noch Anhän-
ger. Aus der Sicht zeitgenössischer Expressivisten spricht vielmehr, so
lässt sich vermuten, eine andere Überlegung gegen die Rede von (mögli-
cherweise wahren) normativen Behauptungen und Propositionen.
Wahrheitswertfähige Sätze dienten der Übermittlung von Informationen
darüber, was der Fall und was nicht der Fall ist. Wahr seien sie, wenn die
Dinge so liegen, wie sie durch die Sätze repräsentiert werden; wahr seien

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sie also, wenn die Wirklichkeit ihrer sprachlichen Repräsentation ent-


spricht.5 Die moralische Sprache sollte jedoch nicht als repräsentationaler
Diskursbereich angesehen werden, denn es gebe nichts, was sie repräsen-
tieren könnte. Es gebe nichts jenseits dessen, was potentieller Gegenstand
empirischer Untersuchungen ist, und mithin keine irreduziblen evaluati-
ven oder normativen Eigenschaften und Tatsachen. Entsprechend sei die
Rede von möglicherweise wahren normativen Behauptungen und Pro-
positionen irregeleitet. „Normative talk is part of nature, but it does not
describe nature“6 – in dieser Behauptung Allan Gibbards findet sowohl
die repräsentationalistische Charakterisierung wahrheitswertfähiger Sät-
ze als auch die naturalistische metaphysische Grundüberzeugung vieler
Nonkognitivisten treffend ihren Ausdruck. Für metaphysisch robuste
normative Tatsachen – seien dies moralische Tatsachen, Tatsachen dar-
über, welche Handlungen vernünftigerweise zu tun sind oder auch Tat-
sachen darüber, welchen empirischen Urteilen vernünftigerweise zuzu-
stimmen ist – ist kein Platz in der naturalistischen Konzeption des Wirk-
lichen. Aus der Sicht naturalistisch motivierter Nonkognitivisten gilt es,
eine „dünne Realität“7 zu erhalten, unsere Ontologie mithin nicht mit
verdächtigen Entitäten zu bevölkern, wie es irreduzible normative Tat-
sachen sein müssten. Blackburn und Gibbard folgen konsequent dem
Programm, normative Phänomene auf einer naturalistischen Grundlage
zu erklären. Eine Ressource für das Votum zugunsten der nonkognitivi-
stischen Konzeption der Normativität liegt offenbar in deren Vereinbar-
keit mit dem metaphysischen Naturalismus.
Unabhängig vom nonkognitivistischen Argument gegen die These
von der Wahrheitswertfähigkeit moralischer Urteile, welches auf der
notwendigen motivationalen Kapazität moralischer Auffassungen be-
ruht, ist es somit die Kombination zweier Thesen, die gegen den Vor-
schlag spricht, moralische Urteile als genuin normative und mögli-
cherweise wahre Behauptungen zu bezeichnen. Einerseits habe ein Dis-
kursbereich gewisse starke substantielle Anforderungen zu erfüllen, um
als solcher gelten zu dürfen, der kognitiven Gehalt hat. Wahrheits-
wertfähige Sätze seien durch ihre repräsentationale Funktion cha-

5
Die repräsentationalistische Charakterisierung wahrheitswertfähiger Sätze vertei-
digt ebenfalls Frank Jackson, vgl.(1998, 114).
6
Allan Gibbard, (1990, 7).
7
Vgl. Simon Blackburn (1984, 169).

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rakterisiert. Propositionaler Gehalt sei als metaphysisch robuster fakti-


scher Gehalt zu begreifen. Andererseits erzwinge jedoch die naturalisti-
sche metaphysische Sichtweise die Diagnose, dass es keine robusten und
irreduziblen normativen Tatsachen gibt. Die Schlussfolgerung darf dann
lauten, dass die These verabschiedet werden sollte, dass moralische Urtei-
le ausschließlich propositionalen Gehalt haben.
Doch muss ein Diskursbereich tatsächlich gehaltvolle Bedingungen
erfüllen, um als Anwärter auf das Wahrheitsprädikat betrachtet werden
zu dürfen? Diese Frage wird abschließend noch zur Sprache kommen.
Zunächst ist zu fragen, wo die Probleme oder Defizite nonkognitivisti-
scher Ansätze liegen. Zwei knappe Bemerkungen sollen hier verständlich
machen, warum es angezeigt sein mag, nach Optionen jenseits des Non-
kognitivismus Ausschau zu halten.
Erstens bietet die nonkognitivistische Konzeption der Normativi-
tät Anlass zur Kritik. Nonkognitivisten explizieren die Normativität des
moralischen Diskurses durch dessen essentiell praktische Funktion und
bestimmen diese im Sinne des motivationalen Internalismus. Auf-
richtiges moralisches Urteilen ginge notwendigerweise mit einer Motiva-
tion zum Handeln einher. Jedoch scheint der motivationale Internalis-
mus bereits als solcher keine plausible These zu sein. Der motivationale
Internalist behauptet, dass ein begrifflicher Zusammenhang zwischen
dem moralischen Urteilen und einer Motivation zum Handeln besteht.
Es sei durch die Bedeutung moralischer Ausdrücke garantiert, dass derje-
nige, der ein aufrichtiges moralisches Verpflichtungsurteil fällt, zum ent-
sprechenden Handeln motiviert ist. Diese These impliziert, dass jemand,
der ein Urteil wie ‚Es ist richtig, Zivilcourage an den Tag zu legen‘ äu-
ßert, aber nicht zum entsprechenden Handeln motiviert ist, kein morali-
sches Urteil fällt. Doch es scheint sehr wohl möglich zu sein, im Zustand
einer lähmenden Depression etwa ein aufrichtiges moralisches Verpflich-
tungsurteil zu fällen, ohne zum Handeln motiviert zu sein. Haben moti-
vationale Internalisten Recht, so wäre dies nicht etwa nur aus psycholo-
gischen Gründen wenig wahrscheinlich, sondern vielmehr begrifflich
unmöglich. Anders, als es motivationale Internalisten behaupten, haben
wir wenig Anlass zu glauben, dass der antriebslose Depressive nicht zum
aufrichtigen moralischen Urteilen fähig ist.
Der motivationale Internalismus ist eine zu starke These. Die Ver-
bindung zwischen dem moralischen Urteilen und Handeln ist störungs-

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anfällig. Moralisches Urteilen geht sicherlich normalerweise – also in


Abwesenheit störender psychologischer Faktoren – mit einer Motivation
zum Handeln einher, jedoch nicht notwendigerweise. Wichtiger ist hier
aber, dass der Hinweis auf motivationale Einstellungen von Urteilenden
prinzipiell nicht geeignet scheint, den Begriff der Normativität auf erhel-
lende Weise zu explizieren. Zwischen moralischen Verpflichtungsurtei-
len und einer Motivation zum Handeln besteht kein notwendiger, son-
dern ein normativer Zusammenhang. Wenn es ein moralisches Erforder-
nis gibt, welches gebietet, eine bestimmte Handlung auszuführen, dann
sollte jemand, der dies einsieht, motiviert sein, diese Handlung zu wäh-
len. Wenn es ein moralisches Erfordernis gibt, eine Handlung zu wählen,
dann gibt es Überlegungen, die es gebieten, dass wir motiviert sind, dies
auch zu tun. Etwas kann ein normatives Erfordernis für uns darstellen,
ohne dass wir motiviert sind, entsprechend zu handeln. Umgekehrt
können wir motiviert sein, etwas zu tun, ohne dass dazu ein normatives
Erfordernis besteht. Anders, als es Nonkognitivisten suggerieren, ist es
offenbar nicht der Umstand, dass ein Sprecher motiviert ist, in bestimm-
ter Weise zu handeln, oder dass er will, dass andere dies tun, der seinem
Urteil normativen Status verleiht. Es drängt sich die Vermutung auf, dass
eine vernünftige Konzeption von Normativität darauf angewiesen ist,
über die rein subjektive Sphäre der motivationalen Einstellungen indivi-
dueller Urteilender hinauszugehen. Mir scheint, dass entscheidende
Momente hier in der Praxis der intersubjektiven Rechtfertigung morali-
scher Urteile zu suchen sind, als deren Ziel gelten sollte, dass sich morali-
sche Urteile gegenüber umfassender vernünftiger Kritik bewähren.8
Zweitens legen die Phänomenologie und Pragmatik des morali-
schen Diskurses eine kognitivistische Interpretation nahe.9 Die Moral-
sprache zeichnet sich durch einen propositionalen Oberflächencharakter
aus. Moralische Sätze gehorchen den gewohnten syntaktischen Regula-
ritäten kognitiver Diskursbereiche. Sie können negiert, durch binäre lo-
gische Junktoren verbunden und in Argumentformen und komplexe
syntaktische Strukturen eingebettet werden. Anders als Anweisungen

8
Vgl. für eine Ausarbeitung dieser Grundidee T.M. Scanlon, (1998).
9
Vgl. in diesem Sinne stellvertretend für viele Julian Nida-Rümelin (2002, insbes.
14-15, 16-17); Stephen Darwall, Allan Gibbard und Peter Railton, (1997, 5); Ste-
phen Darwall, (1998, 75-76); Peter Railton, (1989, 163) sowie Crispin Wright
(1994, 10-11, 193).

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oder Imperative können sie den Gegenstand propositionaler Ein-


stellungen ausdrücken (‚Ich glaube, dass das reproduktive Klonen zu äch-
ten ist‘), als Gegenstand von Berichten fungieren (‚Die katholische Kir-
che meint, dass die verbrauchende Forschung an humanen Embryonen
gegen die Menschenwürde verstößt‘), eine Rolle in Alltagserklärungen
spielen (‚Wäre Eichmann nicht so ein pervertiertes Subjekt gewesen, so
hätte er nie getan, was er tatsächlich getan hat‘) und in hypothetischen
Überlegungen auftreten (‚Wenn wir als Liberale niemandem verbieten
sollten, Alkohol zu trinken, dann sollten wir wenigstens Aufklärungs-
kampagnen starten, um über die Gefahren zu informieren‘). Die Anwen-
dung des Wahrheitsprädikats auf moralische Urteile ist aus sprachlicher
Sicht unauffällig. Auch die Praxis der moralischen Argumentation und
die Tendenz zur Konvergenz in den Urteilen wohlinformierter mora-
lisch Urteilender sprechen für die kognitivistische These. Auf diesem
Hintergrund präsentiert sich der Nonkognitivismus als revisionäre Posi-
tion. Es ist fraglich, ob es von einer expressivistischen Warte aus gelingen
kann, der propositionalen Oberfläche des moralischen Diskurses erklä-
rend und rechtfertigend Rechnung zu tragen.10 Gelingt dies jedoch nicht,
so wird unser Vertrauen in die Praxis der moralischen Rede und Ar-
gumentation in Mitleidenschaft gezogen.

10
Auf einen paradigmatischen Fall des Problems der expressivistischen Interpreta-
tion moralischer Ausdrücke in eingebetteten Kontexten machte Peter T. Geach
aufmerksam (vgl. P.T. Geach 1965, insbes. 461-464). Geach stellte dabei einen Be-
zug zu Überlegungen her, die Frege (1918/19) angestellt hatte. Daher wird das
Problem der expressivistischen Interpretation moralischer Ausdrücke in eingebet-
teten Kontexten meist als „Frege-Geach-Problem“ diskutiert. Simon Blackburn
(1984, 189-196; 1988, sowie 1998, 68-74) und Allan Gibbard (vgl. 1990, 92-102) ha-
ben verschiedene Antworten auf Geachs Herausforderung vorgelegt. Mir scheint,
dass das Frege-Geach-Problem bislang von expressivistischer Seite nicht zufrieden-
stellend gelöst wurde. Für kritische Einwände gegen Blackburns Vorschläge vgl.
etwa Bob Hale, (1986) und (1993) sowie Crispin Wright, (1988).

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Naturalistischer externalistischer moralischer Realismus

Nonkognitivisten geben die These vom propositionalen Charakter mo-


ralischer Urteile auf. In diesem Sinne bestreiten sie den Anspruch des
moralischen Diskurses auf Objektivität. Moralische Realisten behaupten
hingegen, dass wir mit moralischen Urteilen assertorische Urteile fällen,
die genau wie gewöhnliche empirische Urteile mit einem Wahr-
heitsanspruch verbunden sind. Moralische Prädikate bezeichneten reale
Eigenschaften. Wahr sei ein moralisches Urteil genau dann, wenn es mo-
ralische Tatsachen korrekt beschreibt, deren Bestehen unabhängig von
jeglichen Gründen des Fürwahrhaltens ist. Moralische Realisten verste-
hen die normative Ethik also als eine Disziplin, die mit der Erkenntnis
von Wahrheiten über einen metaphysisch robusten Gegenstandsbereich
befasst ist. Dabei nehmen sie an, dass wir gute Gründe haben zu glauben,
dass zumindest einige unserer moralischen Urteile wahr sind.
Eine Variante des moralischen Realismus wird von ethischen Na-
turalisten der zeitgenössischen „Cornell-Schule“ verteidigt: von Richard
Boyd, Nicholas Sturgeon und David Brink.11 Im deutschen Sprachraum
hat Peter Schaber für eine ähnliche Position argumentiert.12 Bei den Ver-
tretern der Cornell-Schule handelt es sich um externalistische moralische
Realisten. Externalistische moralische Realisten bestreiten, dass morali-
sche Überzeugungen notwendigerweise mit guten Gründen und mit Mo-
tiven zum Handeln verknüpft sind. Die Normativität der Moral und der
praktische Charakter moralischer Auffassungen verdanke sich Faktoren,
die außerhalb des kognitiven Gehalts moralischer Überzeugungen liegen,
nämlich kontingenten psychologischen Tatsachen: also etwa Fakten über
die individuellen Motive moralisch Urteilender. Naturalistische externa-
listische Realisten begreifen moralische Tatsachen als empirische und
nichtnormative Tatsachen. Moralische Urteile seien objektive, aber kei-
ne normativen Urteile; die Propositionen, die moralische Überzeugun-
gen zum Gegenstand haben, seien empirische und nichtnormative Pro-
positionen.
Die Anhänger dieser Position sind metaphysische Naturalisten, die
den moralischen Realismus in auffälliger Analogie zum wissenschaftli-
11
Vgl. Richard N. Boyd, (1988), Nicholas L. Sturgeon, (1985) und David O. Brink,
(1989).
12
Vgl. Peter Schaber (1997).

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chen Realismus modellieren. Sie teilen die Skepsis der Nonkognitivisten


hinsichtlich metaphysisch robuster normativer Tatsachen, ziehen es aber
vor, statt der These vom kognitiven Charakter moralischer Urteile die
These vom normativen Charakter moralischer Urteile aufzugeben. Es ist
nicht zuletzt die repräsentationalistische Charakterisierung wahrheits-
wertfähiger Sätze und das Bekenntnis zum metaphysischen Naturalis-
mus, welches diese Theoretiker Abstand von der Rede von möglicher-
weise wahren genuin normativen Propositionen nehmen lässt.
Ein zentraler Einwand gegen die externalistische Variante des ethi-
schen Naturalismus lässt sich kurz wie folgt fassen. Moralische Urteile
als empirische und nichtnormative Urteile zu begreifen, scheint dem All-
tagsverständnis moralischer Begriffe zuwiderzulaufen. Bezeichnet etwa
jemand eine Handlung als moralisch richtig, so will er mehr sagen, als
dass dieser Handlung bestimmte empirische Eigenschaften zukommen.
Er will sagen, dass wir so und nicht anders handeln sollten; er weist sei-
nem Urteil normative Signifikanz zu. Es gehört, so meine ich jedenfalls,
zum gewöhnlichen Verständnis der Semantik moralischer Begriffe wie
‚moralisch richtig‘, ‚moralisch geboten‘ und ‚moralische Verpflichtung‘,
dass diese Begriffe eine normative Dimension haben. Dies äussert sich
darin, dass wir glauben, dass etwas grundsätzlich „schief läuft“, wenn je-
mand vorgibt zu wissen, was zu tun moralisch richtig ist, er sich aber
dennoch unbeeindruckt zeigt und etwa weiter nach guten Gründen fragt,
das zu tun, was er als ‚moralisch richtig‘ bezeichnet. Mir scheint, dass
wir eine solche Person nicht nur als Person mit einem seltsamen psycho-
logischen Haushalt betrachten würden. Vielmehr haben wir, so denke
ich, Anlass, an der Aufrichtigkeit ihres Urteils zu zweifeln oder Anlass
zu der Annahme, dass sie die moralische Sprache auf unorthodoxe Weise
benutzt. Externalistische moralische Realisten halten es allerdings für be-
grifflich möglich, aufrichtig und wahrheitsgemäß zu behaupten, dass es
moralisch richtig ist, Notleidenden beizustehen, ohne dass es gute Grün-
de gibt, dies auch zu tun. Mein Verständnis moralischer Begriffe spricht
gegen einen solchen Gebrauch moralischer Prädikate.

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Normativer Realismus

Wir haben bislang gesehen, dass die repräsentationalistische Charakteri-


sierung wahrheitswertfähiger Sätze in Verbindung mit dem metaphysi-
schen Naturalismus dagegen spricht, moralische Urteile als möglicher-
weise wahre Urteile mit genuin normativem propositionalen Gehalt zu
verstehen. Wer der Idee wahrheitswertfähiger normativer Urteile wei-
terhin gewogen ist, könnte daher erwägen, den metaphysischen Natura-
lismus zu verabschieden und sich dem normativen Realismus zuzuwen-
den. Normative Realisten suchen moralische Tatsachen als irreduzible
metaphysisch robuste normative Tatsachen zu begreifen. Gäbe es solche
Tatsachen, auf die wir uns in unseren moralischen Urteilen beziehen
könnten, so könnte dies der Rede von wahrheitswertfähigen und mögli-
cherweise wahren normativen Urteilen Berechtigung verschaffen.
Gegen diese Option spricht allerdings nicht nur, dass eine Skepsis
hinsichtlich der Annahme metaphysisch robuster normativer Tatsachen
wegen der ontologischen Merkwürdigkeit13 solcher Tatsachen durchaus
angebracht scheint.14 Gegen den normativen Realismus spricht ebenfalls,
dass er inakzeptable erkenntnistheoretische Implikationen mit sich
bringt. Der Realist spricht metaphysisch robusten normativen Tatsachen
das Primat im Erkenntnisprozess zu. Moralische Erkenntnis habe sich an
diesen Tatsachen zu orientieren, nicht etwa die Tatsachen an den Bedin-
gungen und Charakteristika unseres Erkenntnisvermögens. Dem korrekt
moralisch Urteilenden wird vom Realisten eine perzeptive Rolle zuge-
wiesen. Jedoch scheint das perzeptive Modell des moralischen Erkennt-
nisprozesses der Phänomenologie moralischen Urteilens und Argumen-
tierens nicht angemessen. Es liegt nicht nahe, Gründe zum Handeln so-
wie Gründe zur Wertschätzung als metaphysisch objektives Material für
13
Vgl. John L. Mackie, Ethics: Inventing Right and Wrong, Kapitel 1. Mackies Ein-
wand von der ontologischen Merkwürdigkeit metaphysisch robuster normativer
Tatsachen hat seine Berechtigung auch unabhängig von Mackies These, dass die
Erkenntnis solcher Tatsachen – sofern es sie gäbe – uns notwendigerweise zum
Handeln motivieren müsste. Auch wenn wir dem normativen Realisten nicht die
Last aufbürden, den motivationalen Internalismus zu verteidigen, bleibt das Postu-
lat metaphysisch robuster gebietender Tatsachen fragwürdig.
14
John McDowell (1985) beansprucht freilich zeigen zu können, dass moralischen
Tatsachen keine ontologische Merkwürdigkeit zukommt, wenn man moralische
Eigenschaften nach dem Muster sekundärer Qualitäten zu begreifen sucht.

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unsere Entdeckungen zu begreifen. Gründe sind treffender als Produkte


eines Prozesses vernünftiger Überlegung im Licht von Erfahrungen und
intersubjektiver Kritik charakterisiert. Sie konstituieren sich im Prozess
der Überlegung, sofern diese der kritischen Prüfung standhalten kann,
statt dem Erkenntnisprozess als objektive Sachverhalte vorauszugehen.
Gründe zum Handeln als objektive Sachverhalte zu verstehen – wie es
etwa Jonathan Dancy15 tut – heißt, die produktive Dimension der prakti-
schen Vernunft zu verkennen.

Antirealistischer Kognitivismus

Sind die vorangegangenen knappen kritischen Ausführungen in ihren


Grundzügen überzeugend, so wären sowohl nonkognitivistische als auch
prominente realistische Positionen unbefriedigend. Die Frage, ob sich die
skizzierten Defizite möglicherweise innerhalb der Grenzen des nonko-
gnitivistischen oder realistischen Programms beheben ließen, muss hier
offen bleiben.16 Stattdessen soll nach Ressourcen für die Verteidigung ei-
ner antirealistischen Position jenseits des Nonkognitivismus gefragt wer-
den, die Raum für die Rede von wahrheitswertfähigen und möglicher-
weise wahren genuin normativen Urteilen schafft.
Wie die Dinge liegen, ist es eine bestimmte These über die Natur
wahrheitswertfähiger Sätze, welche – in Verbindung mit dem Bekenntnis
zum metaphysischen Naturalismus – dagegen spricht, moralische Urteile
als möglicherweise wahre Urteile mit normativem Gehalt zu verstehen.
Die entsprechende Charakterisierung wahrheitswertfähiger Sätze wurde
zuvor die „repräsentationalistische“ Charakterisierung genannt. Nach
dieser Konzeption hat ein Diskursbereich substantiellen Anforderungen
zu genügen, um als Anwärter auf das Wahrheitsprädikat betrachtet zu
werden. Wahrheitswertfähige Sätze dienten dazu auszusagen, was der
Fall und was nicht der Fall ist. Der informative Gehalt von Sätzen ist

15
Vgl. Jonathan Dancy, (2000).
16
Beachtung verdient etwa der Versuch David Copps (2001), eine realistische Theo-
rie zu entwickeln, die wichtige Einsichten nonkognitivistischer Positionen zu ak-
kommodieren vermag. Ob es sich bei diesem Entwurf wirklich um eine Position
handelt, die realistisch genannt zu werden verdient, wäre ein Gegenstand einer ei-
genen Betrachtung.

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dabei als metaphysisch robuster faktischer Gehalt zu verstehen. Folgen


wir dieser Konzeption, so muss ein Gegenstandsbereich eine gewisse
„metaphysische Tiefe“ aufweisen, damit der ihm zugehörige Diskurs
Wahrheitswerte tragen kann – eine Tiefe, die der Gegenstand des Morali-
schen nach Ansicht vieler Skeptiker nicht aufweist. Ich teile diese Skep-
sis.
Wären wir an diese gehaltvolle Konzeption der Wahrheitswertfä-
higkeit gekettet – wäre es nicht möglich oder wünschenswert, Abschied
zu nehmen von der Konzeption eines jeden kognitiven Gehalts als meta-
physisch robustem faktischen Gehalt – so gäbe es offenbar keinen Raum
für eine Position jenseits des moralischen Realismus und des Nonkogni-
tivismus.17 Wir müssten uns in Grundlagenfragen der Ethik für irgendei-
ne Variante des Nonkognitivismus oder Realismus entscheiden.
Ein Votum für eine antirealistische, aber kognitivistische Theorie
der Moral muss daher darauf bauen, dass es Alternativen zur gehaltvollen
Konzeption der Wahrheitswertfähigkeit und des assertorischen Gehalts
gibt. Solche Alternativen gibt es zweifellos. So bietet es sich etwa an,
Überlegungen zu nutzen, die Crispin Wright in den letzten Jahren ver-
teidigt hat.18
Wright argumentiert zugunsten einer minimalistischen Konzeption
der Wahrheitswertfähigkeit. Die Sätze eines Diskursbereichs dürften als
Anwärter auf das Wahrheitsprädikat begriffen werden, wenn zwei Be-
dingungen erfüllt sind. Erstens müssten sie durch bestimmte syntaktische
Charakteristika ausgezeichnet sein. Sie müssten der Einbettung in kom-
plexe Kontexte fähig sein: logische Satzoperatoren müssten auf sie ange-
wandt werden können, und sie müssten etwa in Zuschreibungen von
propositionalen Einstellungen eingebettet werden können. Zweitens
müsse es Standards geben, an denen sich die Korrektheit des Gebrauchs
der Sätze in der Gemeinschaft der Sprecher messen lässt. Der Diskursbe-
reich müsse hinreichend „diszipliniert“ sein, um von der gerechtfertigten
Behauptbarkeit von Sätzen sprechen zu können. Wrights mini-
malistische Konzeption der Wahrheitswertfähigkeit wird als „diszipli-
nierter Syntaktizismus“ bezeichnet. Der moralische Diskurs erfüllt of-
fensichtlich die genannten minimalen Anforderungen. Die Konvergenz

17
Vgl. auch John Skorupski (1999, 438).
18
Vgl. Crispin Wright, (1994).

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in den Urteilen wohlinformierter Diskursteilnehmer ist ein Indiz für die


Disziplin des moralischen Diskurses.
Der moralische Diskurs erfüllt eine Reihe von „Plattitüden“ über
wahrheitswertfähige Diskursbereiche. So halten wir etwa Irrtümer und
Fehler in moralischen Fragen für möglich und die Korrektur moralischer
Sichtweisen im Licht relevanter neuer Überlegungen für geboten. Je
vollständiger und umfassender das einem Urteilenden zugängliche Fak-
tenwissen und je größer seine Sensibilität im Gebrauch subtiler Differen-
zen innerhalb des moralischen Vokabulars ist, desto eher werden wir
seinem Urteil Vertrauen schenken. Moralische Auffassungen unterliegen
der intersubjektiven Bewertung und Kritik, die in der alltäglichen Praxis
komplexen Standards folgt. All dies unterscheidet den moralischen Dis-
kurs kaum von gewöhnlichen empirischen Diskursen. Wollte man be-
haupten, dass diese „assertorischen Phänomene“ nicht hinreichen, um
moralischen Urteilen assertorischen Charakter zu verleihen, so liefe man
Gefahr, unserer moralischen Diskurspraxis ihre Berechtigung zu abzu-
sprechen – jedenfalls solange es einem nicht gelingt, die Vertrauenswür-
digkeit dieser Praxis auch ohne die Rede von der Wahrheit und Falsch-
heit moralischer Urteile zu erweisen. Es scheint wenig dagegen zu spre-
chen, die assertorischen Phänomene des moralischen Diskurses für bare
Münze zu nehmen und sich mit der minimalistischen Konzeption der
Wahrheitswertfähigkeit zu begnügen, solange man einen Weg findet, der
Rede von wahren moralischen Urteilen auch ohne die Verpflichtung auf
eine Metaphysik moralischer Tatsachen einen Sinn zu verleihen.
Wright argumentiert, dass der Begriff der Wahrheit nicht bereits
von sich aus ein Begriff der „metaphysischen Schwergewichtsklasse“19 ist.
Er plädiert für einen minimalistischen Wahrheitsbegriff (der nicht mit
der deflationären Konzeption von Wahrheit zusammenfällt). Machen
wir uns die minimalistische Sicht zu eigen, so verpflichtet uns die Rede
von wahren moralischen Urteilen nicht auf die Behauptung, es gebe me-
taphysisch robuste moralische Tatsachen in rerum natura. Der minimali-
stische Wahrheitsbegriff lässt es zu, von der Wahrheit normativer Urteile
zu sprechen, ohne eine Korrespondenzbeziehung zu robusten normati-
ven Tatsachen anzunehmen. Sobald der Begriff des propositionalen Ge-
halts von metaphysischen Implikationen entkleidet ist, eröffnet sich die

19
Vgl. Crispin Wright, (1994, 72).

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Möglichkeit der unproblematischen Rede von genuin normativen Pro-


positionen und Tatsachen.
Mit der Hinwendung zu einem minimalistischen Wahrheitsbegriff
sind noch keine Entscheidungen darüber getroffen, wann wir ein morali-
sches Urteil als wahres Urteil zu verstehen hätten. Jedoch verbietet sich
für eine antirealistische Theorie die Behauptung, dass die Wahrheit eines
moralischen Urteils von den möglichen Gründen seines Fürwahrhaltens
prinzipiell unabhängig ist. Dem Begriff erkenntnistranszendenter Wahr-
heit der Sätze eines Diskursbereichs lässt sich nur dann ein guter Sinn
abgewinnen, wenn etwas für die Vorstellung spricht, dass es etwas geben
kann, was diese Sätze unabhängig von unseren Möglichkeiten ihrer
Rechtfertigung wahr oder falsch machte.20 Die Dinge, um die es im mo-
ralischen Urteilen geht – Gründe zum Handeln, Gründe zur Wertschät-
zung und Gründe, moralische Gefühle zu haben – lassen sich aber nicht
als Dinge verstehen, die unseren Möglichkeiten der Rechtfertigung nor-
mativer Urteile prinzipiell entzogen sein könnten. Die Standards, an de-
nen unsere moralischen Urteile zu messen sind, sind recht-
fertigungsimmanent. Unter einer antirealistischen Interpretation bleibt
Wahrheit das Ziel des moralischen Diskurses. Doch der Weg zur Wahr-
heit ist hier kein an der Realität zu messender Fortschritt der Überzeu-
gungen, sondern die beständige Überprüfung moralischer Überzeugun-
gen im Licht vernünftiger kritischer Einwände.

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BOYD, RICHARD N. „How to Be a Moral Realist“. In: Essays on Moral Realism. Hg.

20
Vgl. Crispin Wright, Truth and Objectivity, 4.

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