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Staunen und Warten

Sie sind ein kleiner Schatz der kirchlichen Liturgie:


Die sieben O-Antiphonen. Katholisch.de erklärt, was
es mit diesen alttestamentlichen Sätzen auf sich hat,
die uns ab dem 17. Dezember zum Weihnachtsfest
führen sollen.
Liturgie | Bonn - 15.12.2017

Der Advent geht in seine Zielgerade, wenn am 17. Dezember


die O-Antiphonen beginnen. O – was?, werden sich viele
fragen. Hinter dem sperrigen und ohne Musik- oder
Theologiestudium kaum verständlichen Begriff verbirgt sich ein
kleiner liturgischer Schatz. Es handelt sich um sieben Sätze,
älter als das Christentum, die spirituell auf Weihnachten
vorbereiten.
Denn bis zum 23. Dezember konzentriert sich in den O-
Antiphonen die Erwartung und Sehnsucht auf das Erscheinen
Jesus, des Messias und unseres Retters. Es sind sieben je
sechsstrophige Anrufungen, die aus dem Alten Testament
stammen, aus Jesaja, Exodus und den weisheitlichen Büchern.
In den Antiphonen wird Jesus in Anlehnung an die Bibelstellen
unter anderem als "Weisheit", "Morgenstern" oder "König der
Völker" angerufen und gebeten, auf der Welt zu erscheinen. Zu
hören bekommt man sie im Abendgebt der Kirche, der Vesper,
und in verkürzter Form in den (Werktags-)Gottesdiensten als
Ruf vor dem Evangelium.
Im Stundengebet betten die Antiphonen die Psalmen mit einem
Lob auf das Wirken Gottes ein: Stets vor und nach einem
Psalm wird ein Satz im Wechselgesang wiederholt. Sie werden
mit den althergebrachten gregorianischen Melodien gesungen,
vor allem von Ordensleuten. Die O-Antiphonen umrahmen das
"Magnificat", den Lobgesang Mariens, in der Vesper. Die
adventlichen sieben Sätze heißen deshalb so, weil die
Anrufung stets mit einem staunenden "O" beginnt. Sie enden
übrigens auch ähnlich. Der Schlusssatz beginnt immer mit
einem "Komm". Jesus soll kommen und Gefangene aus den
Kerkern befreien, die in der Finsternis Sitzenden erleuchten
und, wie es am 19. Dezember (O radix Jesse) heißt, uns
erretten:
"O Spross aus Isais Wurzel, gesetzt zum Zeichen für die Völker
– vor dir verstummen die Herrscher der Erde, dich flehen an die
Völker: O komm und errette uns, erhebe dich, säume nicht
länger!"

Mit der Anrede soll auf die Abstammung Jesu aus dem Haus
Davids verwiesen werden: Isai, auch Jesse genannt, ist der
Vater von König David. Der Prophet Jesaia verheißt einen
rettenden Messias, der aus dem Baumstumpf Jesse wachsen
werde (Jes 11,1-10). Geheimnisvoll klingt auch die Anrede
"Schlüssel Davids" (20. Dezember), die ebenfalls aus dem
Jesaiabuch stammt (Jes 22,22). Es handelt sich um einen
Schlüssel zur Befreiung aus körperlicher und seelischer
Gefangenschaft, nicht um einen Zugang zu Palästen und
Wohlstand. Der "Heilige", der den Schlüssel hat, kann öffnen,
sodass niemand mehr schließen kann und schließen, "sodass
niemand mehr öffnen kann", heißt es auch in der Offenbarung
(Offb 3,7).
"Ein ungehobener Schatz"
Besonders sind die O-Antiphonen auch, weil es sie schon so
lange in der Liturgie gibt und sie somit "zum Urerbe der
Adventszeit gehören", wie es Ludger Reichert, Pfarrer im
Bistum Mainz, beschreibt. Erste schriftliche Zeugnisse
stammen aus dem 7. Jahrhundert. Die kunstvollen, miteinander
verwobenen Zitate aus dem Alten Testament fokussieren
neben der erwarteten Ankunft die geistlichen Urnöte des
Menschen, von denen zu befreien Jesus gekommen ist. Die
Gläubigen bitten ihn um Einsicht, Befreiung, Erleuchtung, Hilfe
und Rettung.

Das bemerkenswerteste ist aber, dass der Sohn Gottes im


Mittelpunkt der sieben Antiphonen steht, obwohl er nicht ein
einziges Mal genannt wird. Auf der Wortebene ist in ihnen
"nichts spezifisch Christliches festzustellen", bemerkt der
Bibelwissenschaftler Egbert Ballhorn. Weder das Wort
"Christus" noch "Messias", also das griechische und hebräische
Wort für den Gesalbten Gottes, tauchen auf; stattdessen nur
Namen und Begriffe aus der alttestamentlichen Überlieferung.
"Die O-Antiphonen stellen in dieser Hinsicht einen
ungehobenen Schatz unserer Verhältnisbestimmung von Altem
und Neuem Testament, von Judentum und Christentum dar",
schreibt Ballhorn in dem Aufsatz "Die O-Antiphonen.
Israelgebet der Kirche".
Die Reihenfolge der sieben Strophen steht fest und ist nicht
austauschbar: Es geht zunächst um die präexistente Weisheit,
dann um den Exodus und weiter um die Davids- und
Prophetenzeit. In der letzten Antiphon findet sich laut Ballhorn
der "einzige zarte Hinweis auf das Weihnachtsgeschehen".
Denn der auch als Jesustitel gebräuchliche Name Immanuel
taucht hier genauso auf, wie die Gottesanrede "du unser Herr
und unser Gott". Liest man die Anfangsbuchstaben aller
Anreden rückwärts, ergibt sich der lateinische Leistenvers "ero
cras" ("ich werde da sein") – was als Antwort auf das "komm"
gedeutet oder zumindest als Eselsbrücke genutzt werden kann.
Zusätzlich zu den gregorianischen Melodien des
Stundengebets gibt es für den Gottesdienst auch Kirchenlieder
wie "Herr, send herab uns deinen Sohn" (Gotteslob-Nummer
222, siehe Video) oder "O komm, o komm, Emmanuel", das
sich in den Regionalteilen der Gotteslobe einiger Bistümer
findet. Im liturgisch-musikalischen Vollzug erschließen sich die
Strophen. Wer sich also in den letzten sieben Tagen vor
Weihnachten auf die hymnischen Texte einlässt, kann vielleicht
seine Vorfreude auf die Geburt Jesu steigern und sich mit den
Versen auf das Fest einstimmen.
Von Agathe Lukassek

Die sieben O-Antiphonen


 O Sapientia (Weisheit)
 O Adonai (Herr)
Vom 17. bis 23. Dezember werden im katholischen Abendgebet die
sogenannten O-Antiphonen gesungen. Sie beginnen alle mit O und
einer bildhaften Anrede an den Messias. Am Ende münden sie in
einen Ruf nach dem Kommen des Herren, der alle Sehnsucht der
Menschen erfüllen kann.
O Adonai,
Herr und Führer des Hauses Israel -
im flammenden Dornenbusch bist du dem Mose erschienen
und hast ihm auf dem Berg das Gesetz gegeben:
O komm und befreie uns mit deinem starken Arm!

 O radix Jesse (Wurzel Jesse)


Vom 17. bis 23. Dezember werden in der Vesper die sogenannten O-
Antiphonen gesungen. Sie beginnen alle mit O und einer bildhaften
Anrede an den Messias. Am Ende münden sie in einen Ruf nach
seinem Kommen.
Du Spross aus Isais Wurzel,
gesetzt zum Zeichen für die Völker -
vor dir verstummen die Herrscher der Erde,
Komm und errette uns,
erhebe dich, säume nicht länger!

 O Clavis David (Schlüssel Davids)


Vom 17. bis 23. Dezember werden in der Vesper die sogenannten O-
Antiphonen gesungen. Sie beginnen alle mit O und einer bildhaften
Anrede an den Messias. Am Ende münden sie in einen Ruf nach
seinem Kommen.
O Schlüssel Davids,
Zepter des Hauses Israel -
du öffnest, und niemand kann schließen,
du schließt, und keine Macht vermag zu öffnen:
O komm und öffne den Kerker der Finsternis
und die Fessel des Todes!

 O Oriens (Morgenstern)
Vom 17. bis 23. Dezember werden in der Vesper die sogenannten O-
Antiphonen gesungen. Sie beginnen alle mit O und einer bildhaften
Anrede an den Messias. Am Ende münden sie in einen Ruf nach
seinem Kommen.
O Morgenstern,
Glanz des unversehrten Lichtes,
der Gerechtigkeit strahlende Sonne:
O komm und erleuchte, die da sitzen
in Finsternis und im Schatten des Todes!

 O Rex gentium (König der Völker)


Vom 17. bis 23. Dezember werden im katholischen Abendgebet die
sogenannten O-Antiphonen gesungen. Sie beginnen alle mit O und
einer bildhaften Anrede an den Messias. Am Ende münden sie in
einen Ruf nach dem Kommen des Herrn.
Du König aller Völker,
ihre Erwartung und Sehnsucht;
Schlussstein, der den Bau zusammenhält:
Komm und errette den Menschen,
den du aus Erde gebildet!

 O Emmanuel (Immanuel)
IMMANUEL
du unser König und Richter
Sehnsucht der Völker und ihr Erlöser
Komm und rette uns
Herr, unser Gott!

(erstmals erschienen am 17.12.2015, aktualisiert am


15.12.2017)