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Korporationen heute - drei Zunftjubiläen

Autor(en): Rudolf Grüninger

Quelle: Basler Stadtbuch

Jahr: 2004

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Korporationen heute -
drei Zunftjubiläen Rudolf Grüninger

Geschichte feiern, Geschichte gestalten

Im Jahr 2004 begingen die beiden Zünfte zu Schiffleuten und zu Fischern ihr Die geschichtliche Bedeutung der
650- sowie die Kleinbasler Ehrengesellschaft zum Rebhaus ihr 700-jähriges Basler Zünfte und Gesellschaften
Jubiläum. Solche Jubiläen sind Marschhalte auf dem Weg aus der Vergangenheit Das Basler Zunftwesen hat gut
in die Zukunft. Man sieht zurück, schaut, wo man ist, blickt vorwärts fünfhundert Jahre mitteleuro­
und überlegt im Sinne einer Standortbestimmung, wohin <die Reise geht>. päische Zunftgeschichte ge­
schrieben und die baslerische
Geschichte entscheidend mitbe­
stimmt und mitgestaltet. Basler
Stadtgeschichte ist demzufolge
Die Kleinbasler gleichzeitig Zunft- und Gesell­
Ehrengesellschaft schaftsgeschichte. Die ersten
zum Rebhaus Basler Zünfte sind bereits An­
feierte ihr 700-
jähriges Jubiläum. fang 13. Jahrhundert entstanden,
sind also teilweise älter als der
Bund der Eidgenossen. In ihrem
Ursprung viel älter, vereinigten
sich - mit ihrer erstmalig in
deutscher Sprache abgefassten
Zunftordnung - die Schiffleute
und Fischer allerdings erst am
12. Februar 1354 zu einer so
genannten <gespaltenen> Zunft.
1304 bereits ist die älteste der
Drei Ehrengesellschaften Klein-
basels urkundlich erwähnt. Da­
rum konnte E.E. Gesellschaft
zum Rebhaus am 19. Juni 2004
ihr 700-Jahr-Jubiläum feiern.
Die grosse Bedeutung der
Fischerei für die Ernährung der
Bevölkerung im Mittelalter - ins­
besondere auch im Hinblick auf
die vielen von der Kirche vor­
geschriebenen Fasttage - und die

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Wichtigkeit der Schifffahrt für den Handel, aber Vogel Gryff und Leu durch den minderen Stadtteil
auch für die Pilgerreisen, deren Teilnehmer seit je­ und präsentierten ihre Wehrkraft. Von diesem Um­
her den Strom der unsicheren Landstrasse vor­ gang leitet sich derjenige des heutigen Vogel Gryff-
zogen, legten es nahe, dass sich die Fischer und Spiels ab, und das anschliessende Gryffemähli ging
Schiffleute als Berufsgenossenschaften zünftisch aus dem einer Inspektion folgenden gemütlichen
organisieren wollten. In der Ehrengesellschaft zum Beisammensein der Wehrmänner hervor.
Rebhaus haben sich - wie der Name sagt - vorwie­ Allerdings geht das Zunftregiment Ende des
gend die Rebleute zusammengeschlossen, welche 18. Jahrhunderts praktisch und mit der neuen Kan­
im Kleinbasel vor den Stadttoren florierenden Wein­ tonsverfassung von 1875 auch rechtlich zu Ende.
bau betrieben. Mitglieder waren aber auch die (Am 7. Dezember 1874 hat infolgedessen der Grosse
Bauern, die zusammen mit den Winzern die Felder, Rat als letzte öffentlich-rechtliche Kompetenz den
Wälder und Wasserläufe zu beaufsichtigen hatten. Drei Ehrengesellschaften das Recht zur Ausübung
Jedenfalls haben die Zünfte und Gesellschaften der Vormundschaft entzogen.)
Basel nicht nur nachhaltig geprägt, sondern sie
waren für das Sozial- und Wirtschaftsgefüge der Die Aufgaben und das Selbstverständnis
mittelalterlichen Stadt unentbehrlich. Als dominie­ der heutigen Zünfte und Gesellschaften
rende und prägende baslerische Wirtschaftskraft Nachdem also den Basler Zünften und Gesellschaf­
standen sie für baslerische Wirtschaftsblüte und ten die wirtschaftliche und politische Macht abhan­
Wohlergehen der Stadt. den gekommen ist, fragt sich mancher, was von
Die Zünfte sind aus Handwerker- und Kauf­ ihrer Bedeutung und ihrem Einfluss überhaupt ge­
leutegesellschaften herausgewachsen aus zunächst blieben ist. Nach wie vor sorgen sie sich um den
lockeren Zusammenschlüssen von Berufstätigen berufsspezifischen Nachwuchs und ihren Berufs­
gleicher Ausrichtung, gleicher Interessen und glei­ stand an sich, und sicher zeichnet die Zünfte und
cher Gesinnung. Aus diesen genossenschaftlichen Gesellschaften mit ihren Mitgliedern noch immer
Zusammenschlüssen mit eigentlichem Lobbycha­ eine positive staatsbürgerliche Grundhaltung und
rakter - Handwerksmeister und Kaufleute haben eine wertbeständige Traditionsfestigkeit aus. Ge­
sich, ihr Gewerbe und ihren Handel gegen alle Risi­ nügt das aber als Begründung für ihre (Weiter-)
ken eines freien Marktes durch Preisabsprachen, Existenz? Sicher nicht, falls Tradition als etwas
Preisfestsetzungen, Produktions-, Kauf- und Ver­ Statisches verstanden wird. Wenn aber vom latei­
kaufs-, Einfuhr- und Ausfuhrverbote zu schützen nischen Substantiv <traditio> bzw. vom Verb <tra-
gewusst ! - werden bald vom Bischof anerkannte dere> ausgegangen wird, welches mit <übergeben,
berufsständische Organisationen. Anfang des überlassen, anvertrauen, preisgeben, überliefern,
16. Jahrhunderts wird die Bischofsherrschaft ab­ erzählen, mitteilen, lehren> übersetzt werden
gelöst durch ein reines Zunftregiment. Von da an kann, Tradition also als Entwicklungsprozess ver­
prägen die Zünfte und Gesellschaften das politische standen wird, als Synonym für Entgegennehmen
Leben, sie übernehmen bürgerliche und militäri­ und Weitergeben, dann kann man durchaus einen
sche Verantwortung. Sie sorgen für die Rechts­ weiterführenden Zweck im Traditionsbewusstsein
ordnung im Innern, erledigen den Wachtdienst auf erkennen, denn es verlangt, dass man unterschei­
den Ringmauern, den Löschdienst bei Feuersnot den kann zwischen der Qualität des Hergebrachten
und den Wehrdienst. Von dieser militärischen Auf­ und der Qualität des Neuen. Erforderlich ist ein
gabe stammt denn auch der heutige Vogel Gryff- Prüfen und Abwägen zwischen Historie und Moder­
Tag ab. Ursprünglich mussten nämlich alle Wehr­ nität, also ein Prozess von Geben und Nehmen.
pflichtigen den Meistern und Vorgesetzten ihre Dazu braucht es einerseits Vertrauen ins Funda­
Waffen im Sinne einer Inspektion vorzeigen. Dazu ment von festen Werten und Prinzipien und an­
zogen sie mit ihren Wappenhaltern Wild Maa, dererseits ein Offensein gegenüber neuen Entwick-

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lungen und modernen Erscheinungen. Zukunft wird sellschaft Probleme auf, wo sich die Menschen nir­
demzufolge aus der Herkunft gestaltet. Wer nicht gends zugehörig fühlen, wo sie nicht verankert
weiss, woher er kommt, weiss auch nicht, wohin er sind, wo sie zwischen kulturellen Welten schweben
gehen will, oder, wie André Malraux geschrieben und leben. Unsere Wirtschaft legt ein unglaubli­
hat: «Wer in der Zukunft lesen will, muss in der ches Tempo hin, sie verlangt von allen eine unge­
Vergangenheit blättern.» Mit dieser Grundhaltung heure Flexibilität, damit <man> im Wettbewerb
haben sich die Zünfte und Gesellschaften sicher bestehen kann. Es bleibt kaum mehr Zeit zum
nicht überlebt. Überlegen. Man muss einfach ständig irgendeiner
Sache nachrennen, dem vermeintlichen Erfolg
Die Wirkungen nach innen vielleicht, sicher aber der Zeit. Wohnsitz, Arbeits­
Auch das Grundgefühl einer inneren Zusammen­ platz, gesellschaftliche und familiäre Vernetzungen,
gehörigkeit und der Solidarität aus dem Geiste der alles ist nur noch situativ und episodenhaft. Es
Geselligkeit spricht für den Bestand und die Be­ braucht wenig, und man verliert den Halt. Das
rechtigung der Basler Zünfte und Gesellschaften. macht anfällig für Ängste, ein ideales Betätigungs­
Dieser soziale Rahmen gibt Halt, Selbstbewusstsein feld für falsche Propheten und selbstherrliche Ge­
und Identität. Vor allem dort treten in unserer Ge­ walthaber. Darum braucht der Mensch Strukturen,

«Das Basler Zunft- und Gesellschaftsleben hat längerfristig in unserem Gesellschaftssystem nur dann eine Chance,
wenn es sich als weltoffen, konfliktfähig und zukunftsgerichtet profilieren kann.» Denn: ...

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an denen er sich orientieren und festhalten kann. ihnen Halt ausserhalb ihrer eigenen Strukturen ge­
Eine solche Verankerung findet sich in den Zünften geben werden kann. Damit leisten die Zünfte und
und Gesellschaften. Diese gibt ihrerseits die Frei­ Gesellschaften denn auch ihren Beitrag an die In­
heit, im globalen Wettbewerb mit seiner hohen tegrationsbemühungen in der Stadt Basel.
Mobilität schnell, flexibel und innovativ auf neue
Herausforderungen Antwort zu geben. Der techno­ Obliegenheiten im korporationsexternen Verhältnis
logische Fortschritt gelingt nur, wenn die soziale Sicher haben die Zünfte und Gesellschaften in der
und kulturelle Balance in der Gesellschaft gewahrt heutigen Zeit als solche keine wirtschaftliche und
bleibt. Nur wer, etwa in den Zünften und Gesell­ kaum noch politische Bedeutung. Dafür sind sie im
schaften, eine feste Identität hat, kann auch welt­ sozialen Bereich gefordert. Im heutigen Zusammen­
offen sein. Eine so genannte <multikulturelle Gesell­ leben von Individualisten mag sich bedauerlicher­
schaft) kommt auf die Dauer nämlich in erhebliche weise niemand mehr um andere und ihre Sorgen
Zielkonflikte mit sich selber. Aufgabe der Zünfte kümmern. Gegenseitige Hilfe, uneigennütziger Bei­
und Gesellschaften sowie ihrer Mitglieder ist es da­ stand gehören nicht mehr zur heutigen an Einzel­
her auch, Auswärtige mit unserer Geschichte, mit interessen orientierten Lebensweise. Nächstenliebe
unseren Traditionen vertraut zu machen, damit und Solidarität mit den anderen, vor allem den

... «Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.»

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Schwachen, gehören nicht mehr als selbstverständ­ und viel weniger schön wäre es wohl, nicht hier
lich zur westlichen Kultur. Konflikte werden mit zu leben.
Schusswaffen, Messern und Wagenhebern ausge­
tragen. Wegsehen und Ignorieren sind an der Die Zünfte und Gesellschaften heute und morgen
Tagesordnung. Man vertraut darauf, dass andere Das Basler Zunft- und Gesellschaftsleben hat län­
Personen oder - im Zweifel - der Staat (mit seiner gerfristig in unserem Gesellschaftssystem nur dann
Polizei) helfen. Hier ist es besonders wichtig, dass eine Chance, wenn es sich als weltoffen, konflikt­
es Netzwerke gibt. Und dafür bieten sich die Zünfte fähig und zukunftsgerichtet profilieren kann. Wer
und Gesellschaften geradezu an. Und nicht nur nicht mit der Zeit geht, geht nämlich mit der Zeit.
innerhalb der Korporationen darf - wie gesagt - das Die Pflege der kulturellen Wurzeln ist demzufolge
Wir-Gefühl vorhanden sein, sondern ebenso zu all nicht Selbstzweck, sondern Ausgangspunkt für
denen, die ausserhalb stehen. Dabei ist Vertrauen neues Wirken. Damit die Zukunftsprobleme gelöst
eine der wichtigsten Ressourcen für ein friedliches werden können, braucht es Kräfte, die nicht nur
Zusammenleben. Der Selbsthilfegedanke, das Zu­ problemorientiert polarisieren, sondern in der Lage
sammenstehen und die Arbeitsteilung, die gegen­ sind, vermeintlich gegensätzliche Positionen zu­
seitige Solidarität, die Verantwortung für das Ge­ sammenzuführen und Spannungsfelder abzubauen;
meinwesen sind Grundaufgaben der Zünfte und es braucht Kräfte, die tatkräftig anpacken und
Gesellschaften. Das galt in der Vergangenheit eben­ nicht müde werden, sich ohne Eigennutz lösungs­
so wie es in der Gegenwart gilt. orientiert einzusetzen, auch wenn sichtbare Er­
Dabei muss man sich bewusst sein, dass die­ folge auf sich warten lassen.
jenigen, welche etwas bewirken wollen, zuweilen In diesem Sinne sollen und wollen die Basler
heftiger Opposition ausgesetzt sind und oft am Zünfte und Gesellschaften nicht nur sich selber
Handeln gehindert werden. Kritikanten bestimmen feiern, sich auch nicht sorgenvoll und resigniert
immer wieder das tägliche Leben, und das Nein- zurücklehnen, sondern freudvoll weiter wirken und
Sagen, ohne Alternativen aufzuzeigen, hat sich zu zukunftsgläubig zusammenspannen mit allen,
einer Art Credo von gewissen Meinungsträgern denen etwas daran hegt, dass alle auf Stadt und
auch in unserem Land entwickelt. Das soll die Region Basel stolz sein und Historiker künftiger
Zünfte und Gesellschaften und ihre Mitglieder aber Jahrhunderte feststellen können, die Basler Kor­
nicht daran hindern, füreinander und die Allge­ porationen hätten sich nicht nur Mühe gegeben,
meinheit da zu sein. sondern seien in ihrem Wirken auch erfolgreich
gewesen.
Bloss Jubel, Trubel, Heiterkeit?
Daher dürfen Jubiläumsanlässe nicht Selbstzweck
sein, darf sich zünftiges Denken und Handeln
nicht in nostalgischer Betrachtung alter Herrlich­
keit erschöpfen. Aufbauend auf ihrer historischen
Rolle und auf dem, was die Vorgänger geschaf­
fen haben, müssen die Zünfte und Gesellschaften
die Entwicklung neuer Werte fördern, müssen sie
sich verantwortungsbewusst um die Heimatstadt
Basel und ihr Umfeld kümmern. Insbesondere gilt
es, sich aktiv für eine nachhaltige Entwicklung
des Gemeinwesens und seiner Bewohnerinnen und
Bewohner einzusetzen, auch wenn es manchmal
schwer ist, in Basel zu leben. Aber noch schwerer

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