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Wie viele deutsche

Sprachen gibt es?


29. September 2013Analyse, Deutsch, Deutsche Sprachen, Germanische Sprachen,Sprachen
Sucht man bei Google nach „die deutsche Sprache“, werden 295 Millionen
Resultate angezeigt, sucht man dagegen nach „die deutschen Sprachen“, findet
man nur 106.000 Resultate. Es scheint also allgemeines Wissen zu sein, dass
es die eine deutsche Sprache gibt; alles andere sind Dialekte. Dennoch
unterscheidet die Sprachwissenschaft oft mehrere „deutsche Sprachen“;
mindestens Niederdeutsch („Plattdeutsch“) und Jiddisch werden als eigene
Sprachen anerkannt.

Darum habe ich einmal recherchiert, wie viele „deutsche Sprachen“ denn von
verschiedenen linguistischen Listen anerkannt werden…

1. Ethnologue – 22 deutsche Sprachen

Ethnologue ist eine Datenbank aller bekannten Sprachen der Welt. Selbst wenn
man Jiddisch und Niderdeutsch ausnimmt, bleiben im Stammbaum noch
sagenhafte 19 deutsche Einzelsprachen. Wenn man sich die Liste anschaut,
kommen mir allerdings Zweifel an der Eigenständigkeit vieler Varianten –
„Alemán Coloniero“ ist ein spezifischer alemannischer Dialekt, den
Auswanderer vom Kaiserstuhl nach Venezuela gebracht haben; das macht ihn
nicht gleich zu einer eigenen Sprache. Ebenso ist „Pennsylvania Dutch“
eindeutig Teil des Pfälzischen. Welches merkwürdigerweise als eigene Sprache
aufgeführt wird, das nah verwandte Hessische dagegen nicht. Auch sonst
enthält der Stammbaum eine offensichtliche Fehler z.B. dass Limburgisch dem
Rheinfränkischen zugeordnet wird. Mir scheint es, dass die Autoren nicht
unbedingt Experten für Germanistik sind. Immerhin geben sie zum Thema
Dialekte des Deutschen zu: „Our present treatment is incomplete“.

Folgende Karte zeigt, welche deutschen Sprachen ethnologue anerkennt und


wie unvollständig sie verteilt sind:
2. Wikipedia – undefiniert

Die englische Wikipedia listet in einem Template eine große Zahl von
germanischen Sprachformen auf, die Überschrift lautet allerdings „languages
and dialects“ – dadurch bezieht die Seite keine Stellung, ob es sich bei einer
einzelnen Form um eine Sprache oder einen Dialekt handelt. Je nach Artikel
und Wikipedia-Version werden immer wieder unterschiedliche Auflistungen
verwendet, ohne dass jemals klar definiert wird, wie viele deutsche Sprachen es
gibt. Fast immer als eigene Sprachen dabei sind Niederdeutsch, Jiddisch,
Luxemburgisch und Pennsylvania-Deutsch.

Interessant ist auch, in welchen deutschen Sprachformen eigene


Wikipedias existieren – das sind außer der (Standard-)Deutschen Wikipedia
noch 7 weitere:

 Luxemburgisch
 Niederdeutsch
 Alemannisch
 Bairisch
 Ripuarisch bzw „Kölsch“
 Pennsylvania-Deutsch
 Rheinfränkisch bzw Pfälzisch

Die ersten drei haben Artikelzahlen im fünfstelligen Bereichen und weisen somit
einen größeren Umfang auf als manche etablierte Nationalsprache. 5 weitere
Versionen (Plautdietsch, Ostfränkisch, Schwäbisch, Schlesisch und
Wilmesaurisch) stehen noch im Inkubator.

3. Omniglot – 7 deutsche Sprachen

Omniglot ist eine hobby-linguistische Seite mit allerlei Aufzählungen und Links.
Auf ihrer Seite listen sie Sprachen nach Familien auf – unter den germanischen
Sprachen werden 7 Formen aufgelistet, die man zu den „deutschen Sprachen“
zählen würde: Elsässisch, Zimbrisch, Luxemburgisch, Niederdeutsch,
Pennsylvania-Deutsch, Schweizerdeutsch und natürlich Deutsch.
4. Linguasphere – 5 bis 67 deutsche Sprachen

Linguasphere Observatory ist ein Forschungsnetzwerk, welches – wie


ethnologue – versucht, alle bekannten Sprachformen zu katalogisieren.
Interessant ist, dass es zwischen „inneren Sprachen“ und „äußeren Sprachen“
unterscheidet – erstere sollen in der Klassifikation zwischen Dialekt und
Sprache stehen. Das Deutsche umfasst bei Linguasphere 5 „äußere Sprachen“:

 Niederdeutsch (wie sonst auch immer)


 Mitteldeutsch (inklusive Luxemburgisch, Standard-Deutsch und Ostfränkisch)
 Oberdeutsch (Bairische Dialekte sowie Schwäbisch, „Badisch“ und Elsässisch)
 Schweizerdeutsch (Alemannische Dialekte der Schweiz, Liechtensteins und
Vorarlbergs)
 „Auswanderungsdeutsch“ (alle Dialekte außerhalb des zusammenhängenden
Sprachgebiets Mitteleuropas)

Diese „äußeren Sprachen“ enthalten jeweils dutzende „innere Sprachen“; ohne


Niederdeutsch und die Auswanderer sind das schon alleine 37 innere
Sprachen; mit ihnen kommt man auf 67. Diese Karte zeigt die „inneren
Sprachen“ (ohne Auswanderer, ausgestorbene Dialekte und Standardformen):

5. Robert Lindsay – 140 deutsche Sprachen

Kein Scherz! Der Blogger und Linguist Robert Lindsay unterteilt die deutschen
Sprachen in140 Einzelsprachen. Auf eine solche sagenhafte Zahl kommt er
durch eine besonders enge Definition von Sprache (weniger als 90%
Verständlichkeit von zwei Dialekten reichen um sie als eigene Sprachen
abzugrenzen) sowie eine sehr fragwürdige Methode der Datensammlung und -
Analyse (es reichen schon Anekdoten, jemand würde die alten Leute eines
Nachbardorfes nicht versteht, um den Dialekt dieses Dorfes zur eigenen
Sprache zu machen).

Fazit

Je genauer man hinsieht, desto schwerer sind die Begriffe „Dialekt“ und
„Sprache“ zu definieren. Das gilt auch besonders beim Deutschen und seinen
Nachbarsprachen. Selbst wenn man sich darauf festlegt, die deutschen
Dialekte aufgrund von Ähnlichkeiten in Phonologie, Grammatik und Wortschatz
in Gruppen (bzw Sprachen) zu kategorisieren, bleiben trotzdem einige
Probleme bestehen:

 Die deutschen Dialekte bilden schon seit Jahrhunderten ein Kontinuum, bei
dem die einzelnen Ortsdialekte fließend ineinander übergehen. In Mannheim
und Lörrach werden komplett andere Sprachformen gesprochen
(Rheinfränkisch im einen Fall, Hochalemannisch im Anderen); wer jedoch durch
Baden von Nord nach Süd reist wird nirgendwo eine starke Sprachgrenze
feststellen.
 Selbst die Grenzen der „deutschen Dialekte“ sind schwer zu ziehen. nach
Süden und Osten sind sie eindeutig, da sie dort an andere Sprachfamilien
grenzen, im Nordosten ist der Übergang jedoch fließend. Limburgisch,
Kleverländisch und bergische Dialekte werden mal dem Niederländischen, mal
dem Deutschen zugeordnet; wieder Andere sehen sie als eigene Sprache ohne
gemeinsame Dachsprache/Ausbausprache.
 In Mittel- und Süddeutschland sowie Österreich besteht oft ein fließender
Übergang zwischen Basis-Dialekt und Standardsprache; Sprecher wechseln je
nach Situation und Gesprächspartner zwischen verschiedenen Stufen der
dialektalen „Reinheit“. Dadurch verändern sich auch die Dialekte selbst und
nähern sich bei jungen Sprechern stärker dem Standarddeutschen an. Dadurch
wird es zunehmend schwierig, bestimmte regionale Sprachformen einzuordnen.
 Auch die Zuordnung von Standarddeutsch selbst ist knifflig – ist es eine eigene
Sprache unabhängig von den Basisdialekten? Oder gehören bestimmte
deutsche Dialekte dazu, andere sind dagegen eigene Sprachen? Viele Autoren
gesellen Standarddeutsch zu den Ostmitteldeutschen Dialekten
(Obersächsisch, Thüringisch), da es historisch diesen am nächsten stand.
 Und schließlich sind Sprachen auch immer Träger einer regionalen und
kulturellen Identität. Allerdings gibt es oft wenig Übereinstimmung zwischen den
Grenzen der „regionalen Identitäten“ in Deutschland und den Grenzen zwischen
Clustern von Dialekten. Nur ein paar Beispiele: „Saarländisch“ (geteilt zwischen
Rheinfränkisch und Moselfränkisch), „Badisch“ (geteilt zwischen
Rheinfränkisch, Südfränkisch und Alemannisch), Pfälzisch (tatsächliche
Verbreitung viel größer als regionale Identität der Pfalz). Die Namen, welche
Linguisten den Dialektclustern bzw Sprachen geben, haben für die Sprecher
selbst oft keine Bedeutung.

Demnächst ein eigener Vorschlag zur Untergliederung der deutschen


Sprachen!
Wie viele deutsche
Sprachen gibt es – Teil 2
17. Oktober 2013Analyse, Deutsch, Deutsche Sprachen, Germanische Sprachen, Sprachen
Wie schon in Teil 1 klar geworden sein sollte, ist es oft sehr willkürlich,
bestimmte Formen als Dialekte und andere als Sprache zu bezeichnen. Im
Falle der deutschen Dialekte ist eine klare Grenzziehung praktisch unmöglich.
Da ich jedoch felsenfest überzeugt bin, dass die deutschen Dialekte
voneinander so weit entfernt sind, dass sie nicht Teil einer einzigen Sprache
sein können, habe ich einen Vorschlag zur Gliederung der „deutschen
Sprachen“: Wichtigste Kriterien nach denen ich zu meiner Kategorisierung
gekommen bin:

 Gemeinsamkeiten der enthaltenen Dialekte in Wortschatz, Phonologie und


Grammatik
 Verständlichkeit der enthaltenen Dialekte untereinander und geringe
Verständlichkeit der anderen Sprachen (mit einer gewissen Toleranz)
 Historisch gemeinsame Wurzeln der enthaltenen Dialekte
 Beurteilt werden vor Allem die konservativen, älteren Sprachformen

Weniger wichtig für meine Einteilung sind Ausbau/Standardisierung und


regional-kulturelle Identität der Sprecher.

Nach meinen Überlegungen kommt man auf 13 deutsche Sprachen…

Niederfränkische Sprachen

Die westgermanischen Sprachen lassen sich nach Verwandtschaft in fünf


Gruppen Teilen: Anglisch, Friesisch, Niederdeutsch, Niederfränkisch und
Hochdeutsch (Mitteldeutsch und Oberdeutsch). Einige „deutsche Dialekte“
Nordrhein-Westfalens sind enger mit dem Niederländischen als mit den
hochdeutschen Sprachen verwandten und werden deshalb in dieser Analyse
nicht berücksichtigt. Mindestens zwei niederfränkische Sprachen werden
offiziell anerkannt (Niederländisch und Afrikaans); viele Linguisten erkennen
jedoch noch weitere Formen an z.b. Limburgisch und Flämisch.

Niederdeutsche Sprache
1. Die Niederdeutsche Sprache

Niederdeutsch war lange die dominierende Sprache Norddeutschlands


(inklusive den ehemalig deutschen Gebieten in Pommern und Preußen) und der
östlichen Niederlande (dort „Nedersaksisch“ genannt), wird aber seit 500
Jahren kontinuierlich zurückgedrängt. Verwandtschaftlich steht es weit entfernt
von den übrigen westgermanischen Sprachen und lässt sich klar abgrenzen.
Eine besondere Variante – das Plautdietsch – wurde von Mennoniten auf der
ganzen Welt verbreitet und wird heute noch in „Kolonien“ in Kasachstan,
Russland, Kanada, Mexiko, Bolivien und Paraguay gesprochen. Viele
Linguisten trennen als eigene Sprache ab, da es sich seit 1750 eigenständig
entwickelt.

Mitteldeutsche Sprachen

2. Die Ripuarische Sprache

Ripuarisch ist die ursprüngliche Sprache des nördlichen Rheinlandes; das


Sprachgebiet entspricht etwa dem Südwesten des heutigen Bundeslandes
Nordrhein-Westfalen. Bekanntester Dialekt und archetypischer Vertreter ist das
„Kölsch“. Ripuarisch ist für Sprecher des Standarddeutschen fast
unverständlich; es teilt jedoch einige Gemeinsamkeiten mit dem
Moselfränkischen im Süden und dem Limburgischen im Norden und kann als
Übergangssprache zwischen Niederfränkisch und Hochdeutsch betrachtet
werden. Im Alltag ist Ripuarisch fast überall durch Standarddeutsch verdrängt
worden, füllt jedoch oft noch eine Nische als Kultursprache der Folklore
(besonders im Karneval) aus.

3. Die Moselfränkische Sprache

Die Moselfränkische Sprache wird im Südwesten des deutschen Sprachraumes


gesprochen; bekannte Dialekte sind Luxemburgisch, Eifler Platt, Trierer Platt,
westliches Saarländisch, Koblenzer Platt und Siegerländisch. Es teilt Merkmale
mit dem Ripuarischen im Norden und dem Rheinfränkischen im Osten. Im
Alltag ist es vielerorts noch sehr lebendig.

Luxemburgisch ist der einzige hochdeutsche Dialekt, der standardisiert wurde,


eine eigene Rechtschreibung hat und sogar Amtssprache Luxemburgs ist.
Deshalb sehen viele Autoren Luxemburgisch als eigene Sprache an; es steht
den benachbarten Dialekten in Rheinland-Pfalz jedoch so nahe, dass diese
Abgrenzung meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt ist.

4. Die Rheinfränkische Sprache

Rheinfränkisch besteht grob aus den beiden Dialektgruppen Pfälzisch und


Hessisch, welche viele Merkmale teilen. Dazu kommen lothringische Mundarten
in Frankreich und Übergangsformen zwischen den beiden (Rheinhessisch,
Kurpfälzisch, Odenwäldlerisch). Im Südosten geht es zwischen Mannheim und
Karlsruhe ins Südfränkische über, im Nordosten gibt es Übergangsdialekte zum
Thüringischen. Besonders im Süden des Sprachgebiets sind rheinfränkische
Dialekte oft noch die Alltagssprache.

5. Die Thüringisch-Obersächsische Sprache

Die Thüringisch-Obersäschische Sprache wird in Thüringen (bis auf den


Süden), Nord- und Mittelsachsen sowie dem Süden von Sachsen-Anhalt
gesprochen; eine Region die oft als „Mitteldeutschland“ bezeichnet wird. Von
allen deutschen Sprachen steht es dem Standarddeutschen am nächsten,
welches jedoch auch Einflüsse aus anderen hochdeutschen Sprachen erhalten
hat. Heute sind die meisten Dialekte im Rückgang oder schon komplett durch
Standarddeutsch verdrängt, welches in dieser Region jedoch oft dialektal
gefärbt ist, was umgangssprachlich als „sächseln“ bezeichnet wird.

6. Die Lausitzisch-Schlesische Sprache

Die Lausitzisch-Schlesische Sprache ist die östlichste der mitteldeutschen


Sprachen, hat jedoch nach 1945 den größten Teil ihres Sprachgebiets verloren
– in Schlesien und Ostpreußen (wo eine schlesische Dialektgruppe namens
„Hochpreußisch“ gesprochen wurde) wird heute Polnisch gesprochen.
Lausitzisch koexistierte schon immer mit dem Sorbischen und hat daher
slawische Einflüsse, wird jedoch auch an den meisten Orten durch dialektal
gefärbtes Standarddeutsch verdrängt.

Am Schwierigsten ist die Zuordnung des Berliner Dialekts, welcher ursprünglich


dem Lausitzischen nahe stand, jedoch außer niederdeutschen Einflüssen des
benachbarten Brandenburgs mittlerweile auch stark mit Standarddeutsch
vermischt ist. Diese Mischform ist jedoch sehr lebendig und breitet sich auch
seit Jahrzehnten auf das brandenburgische Umland aus, wo es die
einheimischen niederdeutschen Dialekte verdrängt.

7. Die Standarddeutsche Sprache

Ursprünglich war das Standarddeutsch ein Koine – eine Ausgleichssprache


zwischen den verschiedenen hochdeutschen Dialekten – welche der
überregionalen Kommunikation diente, aber nicht als Muttersprache
gesprochen wurde. Linguistisch gesehen teilt es die meisten Merkmale mit
mitteldeutschen Sprachen und wird daher von mir hier eingeordnet (lediglich
das „pf“ ist ein oberdeutsches Merkmal – die meisten mitteldeutschen Sprachen
sagen „Peffer“/“Feffer“ und „Appel“).

Heute dominiert es jedoch fast überall im deutschen Sprachgebiet und ist


besonders in Metropolregionen und der Nordhälfte Deutschlands fast
ausschließliche Muttersprache. Es kennt drei verschiedene Standardformen –
Deutsches, Schweizer und Österreicher Standarddeutsch – und weist darüber
hinaus viele regionale Formen auf, welche man sogar als „Dialekte“ bezeichnen
könnte, was jedoch zu Verwechslungen mit den ursprünglichen Ortsdialekten
führen würde.

8. Die Jiddische Sprache

Niemand bezweifelt die Eigenständigkeit des Jiddischen als eigene Sprache –


obwohl es (abgesehen von den slawischen und hebräischen Einflüssen sowie
des Alphabets) den deutschen Sprachen („Mundarten“) nicht weiter entfernt
steht als diese voneinander. Es weist eine typisch mitteldeutsche Phonologie
und Grammatik auf, jedoch auch mit einigen oberdeutschen Einflüssen. Seit
dem Holocaust hat Jiddisch massiv an Sprechern verloren, wird heute jedoch
von kleinen Gemeinschaften gepflegt, besonders in den USA (besonders New
York) und Israel.

Oberdeutsche Sprachen

9. Die Erzgebirgische Sprache


Am Südrand Sachsens entstand eine eigene Sprache, die mit dem
Oberfränkischen verwandt ist, sich jedoch durch eine deutliche Eigenständigkeit
sowie obersächsische Einflüsse unterscheidet. Viele Autoren zählen es zum
Mitteldeutschen oder sogar dem Obersächsisch-Thüringischen, die
oberdeutschen Merkmale überwiegen jedoch meiner Meinung nach. Da es für
Sprecher anderer deutscher Sprachen fast unverständlich ist, zähle ich es als
eigene Sprache. Besonders im Norden und Osten wurde es durch
Obersächsisch und Standarddeutsch verdrängt, ist im Westen des
Sprachgebiets jedoch noch lebendig.

10. Die Hochfränkische Sprache

Die Hochfränkische Sprache besteht aus zwei großen Dialektgruppen, deren


Verwandtschaft für Laien oft schwer nachvollziehbar ist – dem Südfränkischen
um Karlsruhe und Heilbronn und dem Ostfränkischen im bairischen Landesteil
Franken. Zu letzterem gehören auch der Nordosten Baden-Württembergs, der
Süden Thüringens und Vogtland in Sachsen. Als eigene Sprache ist das
Hochfränkische schwer zu charakterisieren, da es Merkmale der
Nachbarsprachen Rheinfränkisch, Schwäbisch, Bairisch, Erzgebirgisch und
Thüringisch-Obersächsisch vereint und oft fließende Übergänge bildet z.B. in
der Rhön, um Pforzheim oder um Nürnberg. Daher sollte das Hochfränkische
als Übergangssprache betrachtet werden, welches jedoch eigenständig ist und
zu keiner der Nachbarsprachen gehört.

11. Die Bairische Sprache

Die Bairische Sprache erstreckt sich vom Böhmerwald bis nach Südtirol und
beinhaltet auch fast ganz Österreich. Es weist eine deutliche Eigenständigkeit
und Einheitlichkeit auf und lässt sich klar als eigene Sprache abgrenzen. Es gibt
jedoch auch innerhalb der Sprache Unterschiede, besonders das Tirolerische
unterscheidet sich von den restlichen Dialekten. Darüber hinaus gibt es kleinere
(stark bedrohte) Sprachinseln in Norditalien – Zimbrisch und Fersentalerisch –
die von manchen Linguisten aufgrund der Isolation als eigene Sprachen
betrachtet werden. Bairische Dialekte sind heute bis auf Großstädte noch sehr
lebendig, neigen aber zur Bildung von regionalen Ausgleichssprachen.

12. Die Schwäbische Sprache


Die Schwäbische Sprache wird von vielen Linguisten dem Alemannischen
zugeordnet und ist mit diesem eng verwandt; die Unterschiede in der
Phonologie und dem Wortschatz sind für mich jedoch groß genug, um es als
eigene Sprache abzugrenzen. Entscheidende Grenze ist hier der Unterschied
zwischen „Haus“ und „Huus“. Das schwäbische Sprachgebiet umfasst das
mittlere und östliche Baden-Württembergs sowie Bairisch-Schwaben. Die
meisten schwäbischen Dialekte sind noch sehr lebendig und verdrängen in
Baden-Württemberg sogar teilweise Nachbarsprachen, stehen jedoch vielerorts
auch in Konkurrenz zum Standarddeutschen oder mischen sich mit ihm.

13. Die Alemannische Sprache

Die südlichste aller germanischen Sprachen ist das Alemannische, dessen


bekannteste Formen das „Elsässische“ und das „Schweizerdeutsch“ sind.
Darüber hinaus gehören auch die Dialekte Badens (etwa bis Rastatt) und
Vorarlbergs zum Alemannischen. Von den anderen deutschen Sprachen
unterscheidet es sich durch deutlich eigenständige Phonologie und Grammatik
und eine schwere Verständlichkeit (selbst für Sprecher des Schwäbischen).
Viele Autoren erkennen „Schweizerdeutsch“ als eigene Sprache an, obwohl die
politischen Grenzen und die sprachlichen Grenzen völlig unabhängig
voneinander verlaufen. Im Elsass sind die alemannischen Dialekte stark im
Rückgang (zugunsten des Französischen), in der Schweiz dagegen höchst
lebendig als einzige Muttersprache und Alltagssprache mit Tendenzen zu einer
eigenen Ausbausprache und einer klaren funktionalen Trennung zwischen
„Mundart“ und „Schriftdeutsch“. In Deutschland und Vorarlberg gibt es dagegen
Verdrängung durch Standarddeutsch und Mischformen; auf dem Land sind die
alemannischen Dialekte jedoch noch lebendig.

„Höchstalemannisch“ in den Alpen hat sehr viele altertümliche Merkmale


bewahrt und ist selbst für Sprecher des Alemannischen schwer verständlich. Es
könnte daher sogar eine eigene Sprache bilden, besonders das
jahrhundertelang isolierte „Walserdeutsch“, welches von Linguisten oft auch als
eigene Sprache betrachtet wird.

Schlussbetrachtung:

Bei dieser Aufteilung gibt es einige Grenzziehungen, bei denen ich mir noch
nicht ganz sicher bin:
 Ist „Plautdietsch“ eine Dialektgruppe des Niederdeutschen oder eine eigene
Sprache?
 Bildet „Thüringisch-Obersächsisch“ eine einheitliche Sprache?
 Ist „Berlinerisch“ Teil des „Lausitzisch-Schlesischen“ oder Teil des
„Standarddeutschen“?
 Bildet „Hochfränkisch“ eine sinnvolle Einheit oder sollte man es auftrennen in
die „Südfränkische Sprache“ und die „Ostfränkische Sprache“?
 Sind „höchstalemannische Dialekte“ Teil des Alemannischen oder eine oder
vielleicht sogar zwei eigene Sprachformen („Walliserdeutsch“ und
„Walserdeutsch“)?

http://www.klett-sprachen.de/download/7497/1_Thema%20des%20Monats_4_2015.pdf