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II. Philosophischer Arzt und poeta medicus.

Literarische Anthropologie in der Fieberschrift


II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

1. Die Fieberschrift
1. Die Fieberschrift
1.1. Doppelte Anthropologie

Dass Schillers medizinische Dissertationen „im Schatten des literari-


schen Frühwerks und nur am Rande des literaturwissenschaftlichen
Interesses“1 stehen, wird heute niemand mehr behaupten. Konnte
Benno von Wiese die medizinischen Schriften noch stillschweigend
übergehen, so sind sie inzwischen durch die Forschungen zur „anth-
ropologischen Wende der Spätaufklärung“2 und durch die kulturwis-
senschaftliche und wissenspoetische Wende in der Forschung3 in den
Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.4 Seit Wolfgang Riedels Studie
zur Anthropologie des jungen Schiller ist keine Beschäftigung mit
dem Frühwerk ohne Einbettung der literarischen in die medizinische
Anthropologie denkbar.5 Die ideengeschichtliche Situierung der
––––––––––––––
1 Riedel: Anthropologie, S. 3.
2 Riedel, Wolfgang: Die anthropologische Wende. Schillers Modernität. In: Hinderer,
Walter (Hg.): Friedrich Schiller und der Weg in die Moderne. Würzburg 2007 (= Stif-
tung für Romantikforschung 40), S. 143-163; erneut in: Robert, Jörg (Hg.): Würzbur-
ger Schiller-Vorträge 2005. Würzburg 2007 (= Würzburger Ringvorlesungen 5), S. 1-
24; zum Überblick über den Ertrag der Anthropologie-Forschung vgl. Riedel, Wolf-
gang: Anthropologie und Literatur in der deutschen Spätaufklärung. Skizze einer
Forschungslandschaft. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Lite-
ratur (IASL), Sonderheft 6. Forschungsreferate 3 (1994), S. 93-157; Schings, Hans-
Jürgen (Hg.): Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert. DFG-
Symposion 1992. Stuttgart 1994 (= Germanistische Symposien / Berichtsbände 15).
3 Dazu im Überblick Pethes, Nicolas: Literatur- und Wissenschaftsgeschichte. Ein For-
schungsbericht. In: IASL 28 (2003), S. 181-231.
4 Den Ausgangspunkt stellt die Studie von Hans-Jürgen Schings: Melancholie und Auf-
klärung, dar (hier S. 11-40: „der philosophische Arzt. Anthropologie, Melancholie
und Literatur im 18. Jahrhundert“). Die Tatsache, dass die Anthropologie inzwischen
Lehrbuchstatus erreicht hat, dürfte den Abschluss der heroischen Epoche ihrer Er-
forschung bezeichnen. Košenina, Alexander: Literarische Anthropologie. Die Neuent-
deckung des Menschen. Berlin 2008.
5 Riedel, Wolfgang: Die Anthropologie des jungen Schiller. Zur Ideengeschichte der medi-
zinischen Schriften und der ‚Philosophischen Briefe‘. Würzburg 1985 (= Epistemata 17).
Vertieft noch einmal in Ders.: Jacob Friedrich Abel: Eine Quellenedition zum Philoso-

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56 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Dichtungen im Diskurs um den ‚wohltemperierten‘6 Menschen und


in der Erfahrungsseelenkunde (psychologia empirica) wurde zum Me-
dium einer vom Rande her „erneuerten Klassik“7. Das Leitbild des
Dichter-Anthropologen Schiller bedeutete zugleich eine klare Be-
schränkung des Untersuchungsfeldes auf eine Werkperiode, die in be-
sonderer Weise von der Interferenz medizinischer, philosophischer
und poetologischer Fragestellungen bestimmt ist. Diese Periode habe,
so die verbreitete Einschätzung, mit dem Einschwenken auf den Kan-
tianismus ihre definitive Grenze gefunden. So stellt Peter-André Alt
fest, dass „zu den naturphilosophischen Neigungen des jungen Karls-
schulmediziners“ für den Ästhetiker der 1790er Jahre „aus Mangel an
systematischem Interesse und aus prinzipiellen Vorbehalten kein Weg
mehr zurück[führe]“.8
Auch innerhalb der Rezeption der Schiller’schen Anthropologica
zeigen sich charakteristische Fluchtlinien und Fehlstellen:
1. liegt und lag der Akzent auf den genuin anthropologischen
Schriften (im neuen, von Ernst Platner inspirierten Sinn), d.h. auf der
ersten und vor allem der dritten Dissertation (Versuch ueber den Zu-
sammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen,
1780), während die sog. Fieberschrift (De discrimine febrium inflam-
matoriarum et putridarum, 1780) nur mittelbar an Platners Projekt
einer Wissenschaft vom ganzen Menschen und damit auch am Wis-
senschaftsparadigma Anthropologieforschung partizipiert. Wer nach
dem Problem des commercium mentis et corporis beim jungen Schiller
fragt, scheint notwendig auf den Versuch ueber den Zusammenhang
verwiesen, der neben dem markanten Titel zugleich das prägnante
Forschungsprofil einer „philosophischen“ Arzneikunst bietet. In
Schillers Worten: „Philosophie und Arzneiwissenschaft stehen unter
––––––––––––––
phieunterricht an der Stuttgarter Karlsschule (1773-1782). Mit Einleitung, Übersetzung,
Kommentar und Bibliographie. Würzburg 1995. Die Spuren Foucaults verfolgt Hol-
ger Bösmann: Projekt-Mensch. Anthropologischer Diskurs und Moderneproblematik bei
Friedrich Schiller. Würzburg 2005. Die anthropologische Wende zeigt sich darin, dass
die große Schiller-Biographie Peter-André Alts den medizinischen Traktaten ein um-
fangreiches Kapitel widmet. Alt: Schiller, Bd. 1, S. 156-188. Die literarische Anthropo-
logie zählt seit nunmehr 20 Jahren zu den umkämpftesten Sektoren der Aufklärungs-
forschung. Zur Begriffsklärung Riedel, Wolfgang: Literarische Anthropologie. Eine
Unterscheidung. In: Braungart, Wolfgang / Ridder, Klaus / Apel, Friedmar (Hg.):
Wahrnehmen und Handeln. Perspektiven einer Literaturanthropologie. Bielefeld 2004
(= Bielefelder Schriften zu Linguistik und Literaturwissenschaft 20), S. 337-366.
6 Nowitzki, Hans-Peter: Der wohltemperierte Mensch. Aufklärungsanthropologien im
Widerstreit. Berlin/New York 2003 (= Quellen und Forschungen zur Literatur- und
Kulturgeschichte 25), hier S. 81-85 zum Versuch.
7 Stöckmann, Ingo: Traumleiber. Zur Evolution des Menschenwissens im 17. und 18.
Jahrhundert. In: IASL 26/2 (2001), S. 1-55, hier S. 9.
8 Alt: Schiller, Bd. 2, S. 575.

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1. Die Fieberschrift 57

sich in der vollkommensten Harmonie: Diese leihet jener von ihrem


Reichthum und Licht; jene theilt dieser ihr Interesse, ihre Würde, ih-
re Reize mit“.9 Daher müsse es das Ziel sein, die „Hippokratische
Kunst aus der engen Sphäre einer mechanischen Brodwissenschaft in
den höhern Rang einer philosophischen Lehre“ zu erheben.10 Im Ver-
such geht es Schiller darum, „den merkwürdigen Beitrag des Körpers
zu den Aktionen der Seele, den grossen und reellen Einfluß des
thierischen Empfindungssystemes auf das Geistige in ein helleres
Licht zu sezen.“11 Man kann diese Sätze, denen der Versuch viele ähn-
liche folgen lässt, als Manifest der Schiller’schen Anthropologie be-
zeichnen. Sie paraphrasieren im Großen und Ganzen das viel zitier-
ten Platnersche Projekt, „Körper und Seele in ihren gegenseitigen
Verhältnissen, Einschränkungen und Beziehungen zusammen [zu] be-
trachten“.12 Gerade als philosophischer Arzt ist Schiller also kein ori-
gineller Denker; gerade in diesem Feld bezeugen seine Schriften einen
„Eklektizismus im Schatten der großen Systeme“.13 Ausnahmslos alle
Konzepte der genuin anthropologischen Schriften lassen sich mehr
oder weniger präzise fachwissenschaftlichen Filiationen, meist auch
konkreten Lehrpositionen und –persönlichkeiten der Karlsschule zu-
ordnen. „Allenthalben […] ist das Schiller’sche Denken in den Zeit-
geist getaucht, berührt Bekanntes und wird von den gleichen Pro-
blemen bewegt“.14
2. Die Konzentration auf und Faszination durch die Platnersche
Linie hat dazu geführt, dass allzu schnell der vorlauten Selbstakkla-
mation des jungen Schiller beigestimmt wurde. So hat man geflissent-
lich den vermeintlich innovativen Anthropologen gegenüber dem
konservativen Mediziner aufgewertet und dabei unterschätzt, dass
Schiller eine doppelte Arzneikunst mit diametral entgegengesetzten
Prinzipien vertritt: a) eine theoretische in der Philosophie der Physiolo-
gie und im Versuch, welche die Medizin „in den höhern Rang einer
philosophischen Lehre“15 erhob, und b) eine praktische, die sich im
Namen klinischer Erfahrung gegen die „leere Theorie“ der älteren
Fachliteratur wandte.16
––––––––––––––
9 NA 20, 38.
10 Ebd.
11 NA 20, 41.
12 Ernst Platner: Anthropologie für Aerzte und Weltweise, Leipzig 1772 (Ndr. Hildesheim
u.a. 1998), S. XVII.
13 Riedel: Anthropologie, S. 10.
14 Nowitzki: Der wohltemperierte Mensch, S. 84.
15 NA 20, 38.
16 Die beste Edition der Fieberschrift ist die von Irmgard Müller im Rahmen der Sämt-
lichen Werke (Hanser-Ausgabe) besorgte, die im Folgenden zu Grunde gelegt wird

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58 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Da Schiller selbst die praktische Medizin seiner Fieberschrift im


Versuch ueber den Zusammenhang unter lautem Methodengetöse
(„mechanische Brodwissenschaft“17) kassiert, schien die Forschung be-
rechtigt, ihm in dieser Abwertung zu folgen. Denn anders als die spe-
kulativen qualitates occultae wie ‚Mittelkraft‘ oder ‚Sympathie‘ hat der
Themenkreis Fieber kaum das Interesse der Anthropologieforschung
gefunden.18 Die Schrift gilt als eilig und „ohne rechte Liebe zur Sache
in kurzer Zeit niedergeschrieben“, da sie „zahlreiche Flüchtigkeiten
sachlicher und sprachlicher Natur“ aufzuweisen scheint19. Schon die
Gutachter an der Karlsschule bemängelten schließlich, der Verfasser
habe, „wie man überall bemerken kann, wenig Zeit auf die Verferti-
gung dieser Schrift verwant“.20 Zudem war diese Schrift in eben jener
„terminologischen“ Form niedergelegt, die der andere Schiller im pa-
rallelen Versuch ueber den Zusammenhang so wortreich perhorreszier-
te. Die Fieberschrift schien daher nicht nur unoriginell, sie war auch
unter anthropologischem Blickwinkel überholt. Da von ihr keine
Wechselwirkungen mit der Dichtung zu erwarten waren, blieb sie im
Hinblick auf Schillers literarische Anthropologie meist unberücksich-
tigt.
Die folgenden Streifzüge durch das Früh- wie Spätwerk sollen be-
legen, dass diese Auffassung zumindest verkürzt ist. Sie versuchen so
etwas wie eine Ehrenrettung der unterschätzten medicina empirica
Schillers. Mag die Fieberschrift einer literaturwissenschaftlichen Er-
schließung die größten Hürden entgegen stellen, so ist sie doch in
fachhistorischer Perspektive die eigenständigste, sicher die couragier-

––––––––––––––
(SW, Bd. 5, S. 1056-1147). Zitat hier S. 1056. Die Übersetzungen lateinischer Passagen
modifizieren Müllers Vorschläge an einigen Stellen.
17 NA 20, 38.
18 Das Verhältnis der Literaturwissenschaft zur Fieberschrift ist daher kaum anders als
ratlos zu nennen. Eine Ausnahme stellt lediglich Peter-André Alt dar, der in Schiller,
Bd. 1, S. 172-177 eine Zusammenfassung der medizinhistorischen Befunde gibt. Das
Verdienst, die Schrift aus der Perspektive der Medizingeschichte in ihrer Substanz er-
schlossen und in ihrer Originalität entdeckt zu haben, gebührt dem Pionierwerk von
Dewhurst, Kenneth / Reeves, Nigel: Friedrich Schiller. Medicine, Psychology and
Literature. Berkeley/Los Angeles 1978, hier bes. der ‚Editorial Commentary’ (S. 242-
251). Den einlässlichsten medizinhistorischen Zugang bietet nun Irmgard Müller in
ihrem Kommentar zu „Abhandlung über die Fieberarten.“ In: SW, Bd. 5, S. 1314-
1341; vgl. dies.: „Die Wahrheit [...] von dem Krankenbett aus beweisen.“ Zu Schillers
medizinischen Studien und Bestrebungen. In: Schiller: Vorträge aus Anlaß seines 225.
Geburtstages. Hg. von Grathoff, Dirk / Leibfried, Erwin. Frankfurt/Main 1991, S.
112-132; weiterhin: Sutermeister, Hans Martin: Schiller als Arzt. Ein Beitrag zur Ge-
schichte der psychosomatischen Forschung. Bern 1955 (= Berner Beiträge zur Geschichte
der Medizin und der Naturwissenschaften 13), S. 19-27.
19 NA 22, 354.
20 NA 21, 124. Riedel: Anthropologie, S. 3.

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1. Die Fieberschrift 59

teste „Streitschrift“21 des Karlsschülers, die nicht ohne Grund den ent-
schiedenen Widerspruch der Fachgutachter provozierte.22 Es ließe
sich geradezu die These vertreten, dass die Fieberschrift mehr als die
anderen beiden Dissertationen motivische und strukturelle Nuklei
der poetischen Produktion bereithält; in ihr wird das praktisch-
medizinische Substrat greifbar, von dem die frühe Lyrik (Anthologie),
Dramatik (Räuber) und Epik (Geisterseher) zehren. Fieber ist – das
wird zu zeigen sein – beim frühen Schiller zugleich pathologische wie
poetologische Leitkategorie, eine Chiffre des psychophysischen Aus-
nahmezustandes, der verlorenen Mittellage und Temperatur, an der
zwischen Anthologie und Räubern, Fieberschrift und Versuch in kon-
tinuierlicher „Vieläugigkeit“23 und Diskursvermengung gearbeitet
wird. Die Fäden schießen dabei zwischen Medizin und Dichtung hin-
und her. Die Ökonomie der Ekstasen, Delirien und Ausnahmezu-
stände wird das eine Mal medizinisch-normativ, das andere Mal poe-
tisch-experimentierend vorgeführt. Um das Phänomen Fieber for-
miert sich eine zugleich medizinische und poetische Weltanschauung.
So wird verständlich, warum Schiller sogleich bei der Wahl eines
zweiten, praxisnäheren Dissertationsthemas nach dem abgelehnten
ersten Versuch auf den Fieber-Komplex zugeht.24
3. Die Auseinandersetzung mit Schillers medizinischen Schriften
steht, sofern sie nicht fachgeschichtliche Rekonstruktion sein will, in
ideen- und quellengeschichtlicher Perspektive. Die Austauschprozesse
zwischen Pathologie und Poetologie wurden daher zumeist nur da-
raufhin untersucht, inwiefern hier Wissen in Literatur implementiert
wird. Die These von der „Gleichursprünglichkeit“25 von Ästhetik
und Anthropologie, der Verschränkung von „Wissenspoetik“ und
poetischem Wissen wird kaum einmal in ihrem vollen Umfang ernst
––––––––––––––
21 Ebd. S. 2.
22 Vgl. das Gutachten der Leibärzte Reuß und Consbruch sowie des Chirurgen Klein,
abgedruckt in SW, Bd. 5, S. 1314f. Anm. 4.
23 Oesterle, Günter: Exaltationen der Natur. Friedrich Schillers Semele als Poetik tödli-
cher Ekstase. In: Braungart, Georg / Greiner, Bernhard (Hg): Schillers Natur. Leben,
Denken und literarisches Schaffen. Hamburg 2005 (= Zeitschrift für Ästhetik und
allgemeine Kunstwissenschaft. Sonderheft 6), S. 209-220, hier S. 213.
24 Die Themenwahl war weithin den Kandidaten überlassen. So unterbreitete Schiller
nach Ablehnung der ersten Dissertation seinen Lehrern zwei Themen für eine weite-
re Streitschrift: „I. Ueber den großen Zusammenhang der thierischen Natur des Men-
schen mit seiner geistigen. II. Ueber die Freiheit und Moralität des Menschen“ NA 21,
124. Publiziert in Morgenblatt für gebildete Stände (Nr. 70-72), 1847. Ob für die Fie-
berschrift ein ähnlicher schriftlicher Vorschlag eingebracht wurde, ist wohl nicht
mehr zu klären. Riedel: Anthropologie, S. 2f.
25 Zelle, Carsten (Hg.): Vernünftige Ärzte. Hallesche Psychomediziner und die Anfänge der
Anthropologie in der deutschsprachigen Frühaufklärung. Tübingen 2001 (= Hallesche
Beiträge zur europäischen Aufklärung 19).

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60 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

genommen. So ist – zumindest für Schiller – kaum bedacht worden,


ob und inwiefern Kategorien, Denkformen, Strukturmodelle oder
Motive des literarisch-ästhetischen Diskurses auch zu Begründungs-
modellen medizinischen Denkens werden können. Während das epi-
stemologische Substrat der poetischen Texte längst erkannt ist,
scheint die Frage nach der Poetizität der wissenschaftlichen noch gar
nicht gestellt. Dies gibt dem Schlagwort von der „Poetologie des Wis-
sens“26 als einer „Lehre von den Genres und Darstellungsmitteln“ ei-
nen neuen, konkreten Sinn. Die Erkenntnis, dass „jede epistemologi-
sche Klärung“ zugleich mit einer „ästhetischen Entscheidung ver-
knüpft“27 ist, d.h. Wissensbestände durch bestimmte Formen und
Formeln nicht einfach nur vermittelt, sondern überhaupt erst konsti-
tuiert werden, trifft in besonderer Weise auf den poetischen Arzt
Schiller zu. Die folgenden Untersuchungen belegen, wie sich die Wis-
senspoetik (in diesem Fall der Fieberschrift) durch das Wissen der Po-
etik und der Poesie konfiguriert – und umgekehrt. „Oeconomia mor-
bi“ und poetische Ökonomie bilden – zumal im Frühwerk – einen
Austausch- und Verweisungszusammenhang. Nicht nur zwischen
Körper und Geist besteht eine „wunderbare und merkwürdige Sym-
pathie“, sondern auch zwischen poetisierender Medizin und medizi-
nischer Poetik. Beide Seiten des poeta medicus bilden, um noch einmal
den Versuch zu zitieren, „die innigste Vermischung“28.
Das Fieber besetzt in dieser Wechselwirkung als meta-poetologi-
sche Kategorie eine zentrale Stellung. Um sie zu rekonstruieren, wird
es darum gehen müssen, die Schiller’sche Fieberlehre nicht auf das
Erwartbare und Typische, d.h. den medizinhistorischen Stand des
Fieber-Wissens um 1780, zu reduzieren, sondern eben jene letzthin
poetischen Überschüsse und Residuen herauszustellen, die über die
„reichlich trockene Darstellung“29 hinausweisen. Der These, dass
Schiller in ihr „durchweg nur die Ansichten seiner Lehrer wie-
der[gibt]“30, also lediglich jene Kompendien exzerpiert, deren dogma-
tische Autorität in § 2 bestritten wird, ist nicht nur in medizinischer
Hinsicht zu widersprechen. Irmgard Müller hat zuletzt den Fieber-
traktat als ambitionierte, „eigenständige Leistung“ gewürdigt, die
Schillers „umfassende Kenntnisse der zeitgenössischen Krankheits-
theorien ebenso wie seine kritische Distanz zum Lehrbuchwissen der
––––––––––––––
26 Zu Begriff und Konzept vgl. Vogl, Joseph (Hg.): Poetologien des Wissens um 1800.
München 1999.
27 Vogl, Joseph: Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen. Zü-
rich/Berlin 2004, S. 13.
28 NA 20, 64.
29 NA 22, 353-358, hier 354.
30 NA 22, 354.

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1. Die Fieberschrift 61

Karlsschulärzte deutlich hervortreten läßt“.31 Jenseits des fachhistori-


schen Horizonts liegt hier der Gewinn, der sich aus dem Text für die
Kryptogenese der Schiller’schen Ästhetik und Poetik ziehen lässt.
Dieser Gewinn liegt wieder im Abhub des Doktrinalen, in den se-
mantischen Unschärfen, rhetorisch überschießenden Bilder und in
einer philosophisch-metaphysischen Spekulation, welche die Wis-
senspoetik der Schrift nicht nur einfärbt, sondern in ihren epistemo-
logischen Grundeinstellungen beeinflusst. Denn auch und gerade für
die Fieberschrift gilt es philologisch zu nutzen, was bereits Schillers
Lehrer und Gutachter am Versuch ueber den Zusammenhang bemän-
gelten, nämlich „jene poetische(n) Ausdrücke, welche so offt den ru-
higen Gang des philosophischen Styls unterbrechen“, die Tatsache al-
so, dass „der Verfasser sich manchmal zu viel von seiner Einbildungs-
kraft fortreißen läßt“32, um sich damit inmitten der Medizin als Dich-
ter zu erweisen.

1.2. Grundzüge der Fieberlehre

In der Medizin des ausgehenden 18. Jahrhunderts war Fieber eine


„Universalkrankheit“33, die nicht nur als Symptom, sondern als „selb-
ständiges Krankheitsgeschehen“34 und nosologischer „Prototyp“35
galt. Nach Ursachen, Symptomen und Krankheitsverlauf wurde da-
bei zwischen einer Vielzahl von Fieberarten unterschieden36. Man
kannte das hitzige oder das schleichende, das stetige („febris
continua“) oder das Wechselfieber („intermittens“), das als Ein-, Drei-
oder Viertagefieber („tertiana“, „quartana“ usw.) begegnen konnte.
Andere Fieber wurden nach affizierten Körperteilen klassifiziert. Es
gab gastrische, exanthemische oder Nervenfieber, endemische oder

––––––––––––––
31 Müller: Kommentar, SW, Bd. 5, S. 1322.
32 NA 21, 124.
33 Georg Friedrich Sigwart: De febre tertiana intermittente soporosa ut plurimum funesta,
feliciter tamen curanda. Diss. Tübingen 1759, S. 3 (§ 1, Vorrede): „Dum alii morbi
non nisi partem aliquam corporis humani infestant, hic totum, quantum quantum
est, corpus pervadit torquetque: unde merito a Medicis universalis morbi nomen re-
portavit.“ Den besten Überblick über die Geschichte des Fiebers bietet Bynum,
Wiliam F. / Nutton, Vivian (Hg.): Theories of Fever from Antiquity to the Enlighten-
ment. London 1981 (= Medical History, Supp. 1).
34 Müller: Kommentar; SW, Bd. 5, S. 1316.
35 Kommentar NA 22, 354.
36 Einen Eindruck von der Fülle der Fieberarten vermittelt Friedrich Hoffmanns
Medicina rationalis, die eine mehr als 300 Seiten umfassende systematische Beschrei-
bung aller Fieberarten enthält. Hoffmann, Friedrich: Medicina rationalis 1737, S. 1-
320.

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62 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

sporadische Varianten. Ebenso reich wie die Phänomenologie des Fie-


bers waren seine Ursachen: Kälte oder Hitze, Temperatur- und Kli-
mawechsel, die besondere Beschaffenheit der Luft oder Ausdünstun-
gen stehender Gewässer, mangelnder oder übermäßiger Genuss von
Nahrungsmitteln oder Alkohol wurden für den Ausbruch von Fieber
verantwortlich gemacht. Hinzu kamen nach der Theorie des commer-
cium mentis et corporis und des influxus psychicus Affekte und Passio-
nen.37 Wie der Titel verrät, wendet sich Schiller zwei antitypischen
Fieberarten zu: dem ‚entzündlichen‘ und dem ‚Faulfieber‘. Nach ei-
ner Einleitung (§ 1-2), die Schillers grundsätzliches Verständnis von
Krankheit, Krise und medizinischer Methodik erläutert, widmen sich
§ 3 bis 18 dem entzündlichen Fieber („febris inflammatoria“), das als
Subspezies des „hitzigen“ („febris ardens continua“) klassifiziert wird.
In § 19 bis 30 folgt die Darstellung der fauligen Fieber („febres
continuae remittentes“). Für beide Spezies werden Ursachen, Symp-
tome und Heilmittel benannt, es folgen jeweils einige Fallbeschrei-
bungen. Am Ende der Abhandlung folgt schließlich eine dritte Spezi-
es, das „gallig-entzündungsartige Fieber“ (§ 31-38). Ein „Ungeheuer
von Krankheit“ nennt es Schiller, das „aus einem verhängnisvollen
Ehebund“ von entzündlichem und fauligem Fieber hervorgeht.38 Alle
drei Fieberarten deutet Schiller, hierin der Fieberlehre Hermann
Boerhaaves (1668-1738) folgend, als „hydromechanisches Geschehen
im Gefäßsystem, das hauptsächlich durch Blutfülle (plethora) in den
Blutgefäßen, im Falle der galligen Faulfieber zusätzlich unter Mitwir-
kung der scharfen Galle, ausgelöst wird.“39
Schillers Fieberlehre ruht auf zwei Voraussetzungen: Einerseits
auf der auf Hippokrates von Kos (ca. 460-375 v.Chr.) zurückgehen-
den, in der Neuzeit durch Thomas Sydenham und andere sog. Neo-
Hippokratiker wie Boerhaave, Brendel, Consbruch, Stoll oder Sarco-
ne reformierten Humoralpathologie, der Lehre vom Gleichgewicht
(„Eukrasie“) der vier Körpersäfte.40 In der Tradition der Humoralpa-
––––––––––––––
37 SW, Bd. 5, S. 1070. § 6 summiert verschiedene „Gelegenheitsursachen“ des hitzigen
Fiebers.
38 Ebd. S. 1130: „Ex quo damnoso connubio tertium prosilit Morbi Monstrum, Febrem
bilosam inflammatoriam appellant.“
39 Ebd. S. 1319.
40 Dewhurst / Reeves: Schiller, S. 245: „‚Humours’ are mentioned on nearly every page
of his dissertation.“ Hippokrates (bzw. das Corpus Hippocraticum) und die Neo-
Hippokratiker sind die leitenden Autoritäten der Fieberschrift. Dewhurst / Reeves
sprechen von einer „overwhelming evidence of the Hippocratic foundation of Schil-
ler’s essay“ (S. 245), vor allem für den ersten Teil der Schrift. Vgl. Versuch NA 20, 62:
„In der Idee der Gesundheit ist die Idee einer gewissen Temperatur der natürlichen
Bewegungen wesentlich eingeflochten.“ Das Gutachten der Lehrer Reuß und
Consbruch attestiert Schiller denn auch, dass er „bey dem Mangel eigener Erfahrung,

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1. Die Fieberschrift 63

thologie sind Zirkulation und Gleichgewicht die Voraussetzungen ei-


nes gesunden Organismus, Schiller spricht vom „natürlichen Fluß der
Gesundheit“.41 Fieber bezeichnete in diesem Rahmen eine „Bewe-
gungsstörung“42, bei der die freie Zirkulation der Säfte, des Blutes und
der Lebensgeister durch Stauungen, Verengungen und mechanische
Hemmnisse behindert oder ganz unterbunden wird.43 Drang in diesen
wohl temperierten, abgeschlossenen und autonomen Kreislauf eine
infektiöse Materie („materia peccans“) ein und hob das Gleichgewicht
der Säfte auf (Dyskrasie), so sorgte der Körper dafür, dass diese zu-
nächst rohe Materie durch Kochung („coctio“ oder „pepsis“), d.h.
durch eine Art von „Verdauungs- oder Fermentationsprozess mit Hil-
fe der Wärme“44, erhitzt und damit unschädlich gemacht wurde.45 In
einem sich anschließenden Stadium der Entscheidung („Krise“) muss-
ten die unverkochten Residuen im Körper dann beseitigt werden.46
––––––––––––––
die Erfahrung deß Hippocrates und seiner eigenen Lehrer schicklich zu benutzen
waist“ (SW, Bd. 5, S. 1314). Dewhurst / Reeves S. 248 kommen zu dem Schluss „that
he modified, rather than rejected, classical humoral theory.“ Die wichtigsten hippo-
kratischen Ideen, die Schiller aufgreift, sind die Lehre von der „epidemischen Konsti-
tution“, die Idee der „vis medicatrix naturae“, das sympathetische Band zwischen
Körper und Seele, die Lehre der ‚Kochung’ und ‚Absonderung’ der Säfte sowie zahl-
reiche therapeutische Maßnahmen. Zum Kontext vgl. Temkin, Owsei: Die Krank-
heitsauffassung von Hippokrates und Sydenham in ihren ‚Epidemien‘. In: Archiv für
Geschichte der Medizin 20 (1928), S. 327-352; Hell, Regina: Der Säftebegriff in den
Schriften Thomas Sydenhams (1624-1689). Diss. Tübingen 2002; Müller, Ingo Wilhelm:
Humoralmedizin. Physiologische, pathologische und therapeutische Grundlagen der gale-
nischen Heilkunst. Heidelberg 1993.
41 SW, Bd. 5, S. 1092: „Donec […] omnia ad naturalem Sanitatis Rhythmum recurrant.“
Vgl. im Versuch das „zweite Gesez der gemischten Naturen, daß mit der freien
Thätigkeit der Organe auch ein freier Fluß der Empfindungen und Ideen […] verbunden
sey.“ (NA 20, 63).
42 Sutermeister: Schiller als Arzt, S. 20.
43 SW, Bd. 5, S. 1072 (§ 8): „Ineluctabile Impedimentum humorum circulo sese
opponit“; S. 1070: „Nec tamen, quam diu Circulus sanguinis, utut citatissimus muscu-
lorum ope, per venas expedite adhuc absolvitur, nec ullibi resistentiam invincibilem
offendit, locus dabitur Inflammationi.“ Die nosogene Wirkung der gehemmten Blut-
zirkulation ist universell, nicht nur auf Fiebererkrankungen beschränkt. Vgl. den
Brief an Körner vom 20.8.1788, in dem Schiller bei seinem Freund ein Hämorrhoi-
dalleiden konstatiert: „Die Quelle der Hämorroiden aber, wie ich sie bey Dir denke,
ist ein erschwerter Umlauf des Bluts durch die Gefäße des Unterleibs, durch Verdi-
ckung des Bluts, zuviele Ruhe locale Erhitzungen in diesen Theilen und vielleicht
durch eine langwierige und stille Gemüthsbewegung hervorgebracht.“ NA 25, 94.
44 Müller: Kommentar; SW, Bd. 5, S. 1319.
45 Zusammenfassend Cunningham, Andrew: Sydenham versus Newton: The Edinburgh
Fever Dispute of the 1690s between Andrew Brown and Archibald Pitcairne. In: Bynum
/ Nutton (Hg.): Theories of Fever, S. 71-98, hier S. 75.
46 Zum Krankheitsgeschehen in der hippokratischen Medizin Diepgen, Paul: Geschichte
der Medizin. Die historische Entwicklung der Heilkunde und des ärztlichen Lebens. Bd. 1.
Berlin 1949, S. 84-86 und Eleftheridis, Anastasia: Die Struktur der hippokratischen The-
orien der Medizin. Logischer Aufbau und dynamische Entwicklung der Humoralpatholo-

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64 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Misslang dies, konnte es zu einer Verlagerung des Krankheitsstoffes


oder zum Rezidiv kommen. Da Schiller mit Boerhaave Blutfülle
(„plethora“) als Hauptursache für die entzündlichen Fieber ausge-
macht hatte47, kam es bei der Therapie darauf an, die freie Zirkulation
der Säfte wiederherzustellen. Wesentliches Mittel zu diesem Zweck
war der Aderlass, denn, wie Schiller schreibt, „nach Beseitigung des
Hemmnisses fließt das Arterienblut wieder frei, und ungehinderter
fließen die Säfte durch ihre jeweiligen Gefäße“.48
Die zweite Voraussetzung war eine epistemologische; sie betraf
das Wesen der Krankheit. Schiller geht von einer Auffassung aus,
wonach die Aufgabe des Arztes darin besteht, durch Differentialdia-
gnose jedes konkrete Krankheitsbild auf einen Typus („genus“, „cha-
racter“ oder „genius morborum“) innerhalb eines klassifikatorischen
Tableaus zurückzuführen, dessen Taxa die eigentliche und wesenhafte
Realität der Krankheit („essentia“) enthielten.49 Schiller ist im Hori-
zont der Medizingeschichte des ausgehenden 18. Jahrhunderts ein
‚Nosologist‘. Schon der Titel der Fieberschrift – De discrimine febri-
um [...] – deutet die Zugehörigkeit zu dieser Diskurstradition an. No-
sologie setzt ein essentialistisches und „realistisches“ Verständnis von
Krankheit voraus. Der Arzt muss um die „natura morborum“50 wis-
sen, seine Aufgabe besteht darin, ein Geflecht empirischer Krank-
heitszeichen auf „nosologische Konstante(n)“ und konstante Krank-
heitstypen zurückzuführen, die in einer vollständigen Taxonomie,
einem natürlichen System der Krankheiten geordnet waren.51 Zwi-
schen Boissier de Sauvages Nosologia und Philippe Pinels Nosographie
philosophique, schreibt Foucault, „beherrscht die Regel der Klassifika-

––––––––––––––
gie. Frankfurt/Main u.a. 1991, S. 33f. Zum Modell der Säftelehre und seinem Umbau
zum verschlossenen Körper Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr, S. 54-66.
47 SW, Bd. 5, S. 1066: „Caussa antecedens omni Febrium phlogisticarum cohorti com-
munis Plethora habetur. Plethora quidem ex vulgari medicorum sententia justo major
est Sanguinis in systemate vasorum accumulatio, quam ad sustinendum actionum vi-
gorem requiritur.“ Vgl. Herman Boerhaave: De cognoscendis et curandis morbis apho-
rismi una cum eiusdem de materia medica et remediorum formulis libello. Leip-
zig/Frankfurt 1758 (hier Aphorismus 106): „Plethora est copia boni sanguinis maior
quam ferre possit eas mutationes, quae vitae ineuitabiles accidunt, nisi inducantur
morbi.“
48 SW, Bd. 5, S. 1084f.
49 Foucault, Michel: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Mün-
chen 72005 (zuerst 1963), S. 23: „essentielle(n) Krankheit.“
50 SW, Bd. 5, S. 1064.
51 Sutermeister: Schiller als Arzt, S. 27 spricht ein wenig einseitig von Schillers „gewalt-
same(r) Schematisierung des Krankheitsgeschehens“, die dazu geführt habe, dass er
„seine Patienten, wie auch sich selbst, allzu schematisch und daher vielfach unglück-
lich behandelte.“

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1. Die Fieberschrift 65

tion die medizinische Theorie und sogar die Praxis“.52 Nosologische


Systeme – „natürliche Systeme der Krankheiten“ (Nosologie naturelle)
genannt – „schossen nur so aus dem Boden“.53 Linné begnügte sich
noch mit 325 Gattungen, Boissier de Sauvages zählt in seiner Noso-
logia methodica bereits 2400 Gattungen von Krankheiten, Louis Vitet
in seiner Médicine expectante (Paris 1806) immerhin über 2000.54
In der Diagnostik kommt alles darauf an, so schreibt Schiller, „das
Wesen [der verschiedenen Krankheiten] zu unterscheiden“ („essenti-
am discrepare“), den „genius morbi“55 zu erkennen und daraus eine
‚spezifische Ökonomie‘ der Krankheit zu ermitteln, welche die „na-
türlichen Zeitgestalten der Krankheiten“56 einschließt. Dies liegt ganz
auf der Linie Sydenhams, der großen Autorität in der Fieberlehre
(„Febrium dominator Sydenhamus“57). Wie er begreift auch Schiller
die Fieberarten „ontologisch-realistisch“58, d.h. als überindividuelle
Entitäten. Nicht der Kranke, sondern die Krankheit ist Gegenstand
der Erkenntnis. So kann nur Erfolg haben, wer in der Lage ist, vom
individuellen Erscheinungsbild zu abstrahieren und „die Bilder, die
Typen, das Wesentliche und Bleibende der Krankheiten“ herauszuar-
beiten.59 „Daher“, so resümiert Schiller, „kommt es in der Praxis ent-
scheidend darauf an, die spezifische Ökonomie beider Fieberarten
und ihre unterschiedlichen Charaktere auf ihre natürliche Norm [sc.
den Typus] zurückzuführen, um schließlich desto leichter den Weg

––––––––––––––
52 Foucault: Geburt der Klinik, S. 20.
53 Lesky, Erna: Medizin im Zeitalter der Aufklärung. Göttingen 1968, S. 77-99, S. 88;
Karst, Wilhelm: Zur Geschichte der natürlichen Krankheitssysteme. Berlin 1941; Gold-
schmid, Edgar: Nosologia naturalis. In: Science, Medicine and History. Hg. von Edgar
Ashworth-Underwood. Bd. 2. Oxford 1953, S. 103-122. Die klassische Studie, die ma-
terialreich über die Prinzipien der Nosologie naturelle informiert, ist Michel Foucaults
Die Geburt der Klinik, hier bes. S. 19-37 und 186-205 („Die Krise der Fieber“); fortge-
führt von Wolf Lepenies in: Das Ende der Naturgeschichte und der Beginn der Mo-
derne. In: Koselleck, Reinhart (Hg.): Studien zum Beginn der modernen Welt. Stuttgart
1977, S. 317-351, hier bes. S. 331-338 („Von der Nosographie zur Krankengeschich-
te“); modifiziert in ders.: Das Ende der Naturgeschichte. Wandel kultureller Selbstver-
ständlichkeiten in den Wissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts. Frankfurt/Main
1978, hier S. 78-87 („Von der Nosographie zur Krankengeschichte“).
54 Lepenies: Studien, S. 332.
55 SW, Bd. 5, S. 1130 (§ 32): „[U]niversum genium morbi“ (1130).
56 Hartmann, Fritz: Thomas Sydenham (1624-1689). In: Engelhardt, Dietrich von /
Hartmann, Fritz (Hg.): Klassiker der Medizin. Bd. 1: Von Hippokrates bis Christoph
Wilhelm Hufeland. München 1991, S. 154-172, hier S. 155.
57 SW, Bd. 5, S. 1144.
58 Probst, Christian: Der Weg des ärztlichen Erkennens am Krankenbett. Herman
Boerhaave und die ältere medizinische Schule. 2 Bde. Wiesbaden 1973, hier Bd. 1: (1701-
1787). Wiesbaden (= Sudhoffs Archiv, Beiheft 15), S. 27.
59 Hartmann: Sydenham, S. 160.

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66 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

zur Behandlung zu bahnen.“60 Die nosologische Wahrheit liegt nicht


im empirischen Fall, d.h. an der Oberfläche der oft trügerischen, sich
verlarvenden Symptome61, sondern im reinen Wesen, das durch eine
scharfsichtige physiognomische Detektion der Krankheitszeichen he-
rausgearbeitet werden muss. Diese typologische Krankheitsauffassung
widerspricht nicht notwendig dem empiristischen Ansatz. Wie die
Biologie setzt auch die Medizin der Spätaufklärung auf die gleichzei-
tige Verbindung von „Empirie und System“62. Nur die exakte ‚empiri-
sche’ Beobachtung der kleinsten Symptome stellt die richtige Zuord-
nung zu einem Krankheitstypus sicher.
Begründer dieses „ontologische(n) Krankheitsbegriff(s)“63 ist ein
medizinischer Klassiker des 17. Jahrhunderts, mit dem sich Schiller in
der Fieberdissertation an exponierter Stelle auseinandersetzt, der be-
reits erwähnte ‚englische Hippokrates‘ Thomas Sydenham (1624-
1689)64. Sein Ansatz forderte eine Synthese von empirischer Beobach-
tung und botanischer Klassifikation, von induktiver Methode und re-
alistischem System. Einerseits erhob Sydenham in seinen Observatio-
nes Medicae65 die Forderung nach einer empirischen Medizin, die von
einer präzisen Erfassung der Symptome („descriptio […] graphica &
naturalis“) ausgehend zu einer methodisch reflektierten Praxis („pra-
xis seu methodus“) gelangen müsse.66 In der Empirie des ärztlichen
Blicks am Krankenbett lag für Sydenham und seine Schüler der hip-
pokratische Anteil ihrer Methode.67
Dieser moderne Hippokrates steht indes im Zeichen Bacons und
des naturwissenschaftlichen Empirismus.68 An Hippokrates wird ge-
––––––––––––––
60 SW, Bd. 5, S. 1060: „[…] Quare in praxi medica summi momenti est, oeconomiam
utriusque specificam ac characteres distinctivos ad normam Naturae tradidisse ut eo
facilior ad ipsam denique Therapiam Via sternatur.“
61 Ebd. S. 1088: „[F]allax hujus pulsus imago.“
62 Jahn, Ilse: Biologische Fragestellungen in der Epoche der Aufklärung (18. Jh.). In:
Dies. (Hg.): Geschichte der Biologie. Theorien, Methoden, Institutionen, Kurzbiogra-
phien. Jena/Lübeck u.a. 31998 (zuerst 1982), S. 231-273, hier S. 235.
63 Probst: Boerhaave, S. 12.
64 Dewhurst, Kenneth: Dr. Thomas Sydenham (1624-1689). His Life and Original Writ-
ings. Berkeley/Los Angeles 1966; Brinkmann, Hellmut: Thomas Sydenham (1624-
1689). Die Einflüsse des Hippokratismus auf seine Medizin. Diss. Hamburg 1970.
65 Thomas Sydenham: Observationes Medicae circa morborum acutorum historiam et
curationem. London 1676. Übersetzungen im Folgenden von J.R.
66 Sydenham: Observationes, Fol. a (1)r.
67 Dewhurst / Reeves: Schiller, S. 245.
68 In der Tat war die Differenz zum großen Vorbild Hippokrates unübersehbar. Hip-
pokrates stellte den erkrankten Menschen ins Zentrum, wo Sydenham an der Krank-
heit selbst (als Idee, Typus, Spezies usw.) ansetzte. Empirisch waren durchaus beide
orientiert, doch kam der Erfahrungstatsache ein anderer logischer Status zu. Wo
Sydenham auf Subsumtion zielt, das einzelne als Fall und Beispiel des Allgemeinen

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1. Die Fieberschrift 67

schätzt, dass er sich der exakten Aufnahme der Phänomene ver-


schrieben habe, ohne Rückgriff auf spekulative Hypothesen („nullâ
Hypothesi adscitâ“).69 Lange bevor Newton diese Haltung in die De-
vise „Hypotheses non fingo“70 goss, war sie von Sydenham fast wört-
lich und unter Berufung auf Bacon reklamiert worden. Gewiss ist der
medizinische Empirismus der Spätaufklärung „in seinem wissen-
schaftlichen Selbstverständnis am Vorbild Isaac Newtons orien-
tiert“71; dennoch konnte er sich auf Traditionen des eigenen Fachs be-
rufen, eben jene Linie der medizinischen Praxis, die von den Grün-
dervätern Sydenham und Boerhaave bis zu Hallers Experimentalphy-
siologie oder Zimmermanns Konzept der „Erfahrung in der
Arzneykunst“ reichte, und in der die Medizin der Karlsschule insge-
samt verankert war.72 In diese Forderung stimmt Schiller schon mit
dem ersten Satz der Fieberschrift ein: „Ich glaube kaum, dass ein Wis-
sen, das auf das Wohlergehen der Menschen zielt, sich aus hohler
Theorie schöpfen lässt“.73 Beide Linien – die der Physik und der Me-
dizin – können im 18. Jahrhundert auch deshalb wieder konvergie-
ren, weil sie ursprünglich von einem gemeinsamen Ausgangspunkt,
der Baconschen Wissenschaftsrevolution und empirischen Wende,
ausgegangen waren. Die Abneigung gegen bloße Theorie und Speku-
lation steht vor dem Hintergrund der Vorurteilskritik des Novum
Organon („idola theatri“). Sydenham fordert fast gleich lautend, dass
„bei der Abfassung der Krankheitsgeschichte für eine Weile jede phi-
losophische Hypothese beiseite gelegt werden müsse, die das Urteil
des Verfassers einnimmt“.74

––––––––––––––
(des Typus) betrachtet, bedeutet für Hippokrates Krankheit „die Vielheit der Er-
krankungen“, wobei sich jeder Erkrankungsfall „auf den ganzen Menschen“ bezieht.
Temkin: Krankheitsauffassung, S. 340. Anders als für Sydenham war für Hippokrates
„die Unterordnung eines Kranken unter einen bestimmten Krankheitstypus nicht das
erstrebenswerte Ideal“; für ihn gab es „nur eine unzählige Menge von ‚Fällen’ kranker
Menschen […] und gerade die Erkenntnis der Eigenart jedes einzelnen ‚Falles’ [macht]
das wesentliche aus.“ Ebd. S. 337.
69 Sydenham: Observationes, Fol. a6v.
70 Das Motto erscheint zum ersten Mal im „Scholium generale“ im Anhang der 2. Aus-
gabe der Principia (1713). Newton, Isaac: Philosophiae naturalis principia mathematica,
the third edition (1726). Hg. von Alexander Koyré und I. Bernhard Cohen. 2 Bde.
Harvard 1972, hier Bd. 2, S. 764.
71 Riedel: Anthropologie, S. 102.
72 Ebd.
73 SW, Bd. 5, S. 1056: „nec scientiam, hominum saluti innixam inani Theoria exhauriri
posse, facile credo.“
74 Sydenham: Observationes, Fol. A3r: „[I]n scribendâ morborum Historiâ, seponatur
tantisper oportet quaecunque Hypothesis Philosophica, quae scriptoris judicium
praeoccupaverit.“

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68 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Sydenham schwebt eine historia morborum vor, die sich am Mo-


dell der allgemeinen Naturgeschichte, insbesondere der Botanik, ori-
entiert. In der Einleitung seiner Observationes entwirft Sydenham ein
methodisches Projekt, das sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun-
derts durchsetzen wird:
Zunächst empfiehlt es sich, alle Krankheiten auf bestimmte und zuverlässige
Gattungen zurückzuführen, und zwar mit der gleichen Gewissenhaftigkeit
und Genauigkeit, wie die Botaniker dies in ihren Pflanzenbüchern tun.
Denn es kommen Krankheiten vor, die einer Klasse oder einem Begriff zu-
geordnet werden, weil einige Zeichen übereinstimmen, und die doch unter-
schiedliche Heilmethoden verlangen, weil sie ihrer Natur nach voneinander
verschieden sind.75
Für Sydenham bildet die Nosologie ein taxonomisches Feld, bei dem
es darauf ankam, aus einer verwirrenden Fülle von Symptomen stabi-
le Entitäten zu ermitteln und einer bestimmten Gruppe zuzuordnen,
vergleichbar den Arten, Gattungen und Gruppen der Botanik oder
der Zoologie. Seiner Anregung ist es zu verdanken, dass das essentia-
listische Modell der Krankheit zum analytischen Normalmodell und
das 18. Jahrhundert zum „initial golden age of classification“ wird76.
So kommt es in der Folge zu bemerkenswerten Austausch- und Inter-
ferenzprozessen. Die Botanik erfüllt dabei Leitfunktion für die Medi-
zin. Will Sydenham die Medizin der Botanik angleichen, so greift
Carl von Linné, der in Uppsala zunächst Professor der Medizin ist,
die Sydenhamsche Anregung einer historia naturalis morborum auf,
um sie in der Botanik zu verwirklichen.77 1763 legt Linné ein eigenes
System der Krankheiten (Genera morborum) vor.

––––––––––––––
75 Ebd. Fol. a2r: „Primò, expedit ut morbi omnes ad definitas ac certas species revocen-
tur, eâdem prorsus diligentiâ ac aökribeißa# quâ id factum videmus à Botanicis scripto-
ribus in suis Phytologiis. Quippe reperiuntur morbi qui sub eodem genere ac Nomen-
claturâ redacti, ac quoad nonnulla symptomata sibi invicem consimiles, tamen & na-
turâ inter se discreti diversum etiam medicandi modum postulant.“ Übersetzungen –
wo nicht anders vermerkt – vom Verf.
76 Pichot, Pierre: The Concept of Psychiatric Nosology. In: Schramme, Thomas /
Thome, Johannes: Philosophy and Psychiatry. New York u.a. 2004, S. 83-93, hier S. 83;
Foucault: Geburt der Klinik, S. 102-120.
77 Die Brücke zwischen den Disziplinen bildeten seine Lehrverpflichtungen über
Materia medica (pharmazeutische Botanik), die in der Ausbildung der Mediziner eine
bedeutende Rolle spielte. Jahn: Biologische Fragestellungen, bes. S. 236; Jahn, Ilse /
Schmitt, Michael: Carl Linnaeus (1707-1778). In: Dies. (Hgg.): Darwin & Co. Eine Ge-
schichte der Biologie in Portraits. München 2001, S. 9-30 (bes. S. 23-28); Goerke, Heinz:
Carl von Linné. Arzt – Naturforscher – Systematiker. Stuttgart 1989, S. 133-150 („Arzt
und Lehrer der Heilkunde“), hier S. 135; Hjelt, Otto Edvard August: Carl von Linné
als Arzt und seine Bedeutung für die medicinische Wissenschaft. Ein Beitrag zur Geschich-
te der Medicin. Leipzig 1882; Lefèvre, Wolfgang: Die Entstehung der biologischen Evolu-
tionstheorie. Frankfurt/Main 2009, S. 210-245.

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1. Die Fieberschrift 69

Sydenhams Traum, der Botaniker der Krankheiten zu werden,


wird Mitte des 18. Jahrhunderts von vielen Medizinern geträumt.
Immer wieder wird dabei Sydenhams eben zitiertes Credo als Anre-
gung und Auftrag verstanden. Dies gilt z.B. für François Boissier de
Sauvages (1706-1767), Linnés Freund und Briefpartner, der selbst Me-
diziner und Botaniker in Personalunion war. Angeregt durch Linné
unternahm er den Versuch, in seiner Nosologia methodica sistens mor-
borum classes, Genera et species (4 Bücher, 1763) eine Klassifikation der
Krankheiten zu entwerfen, die Linnés Prinzipien in die Medizin re-
importierte. Boissiers erster Versuch einer Taxonomie der Krankhei-
ten (Traité des classes des maladies) war im selben Jahr (1731) erschie-
nen wie Linnés Genera plantarum.78 Linné schrieb an Boissier, die
Symptome seien hinsichtlich der Krankheiten, „was die Blätter und
die Stützen für die Pflanzen sind“.79 Der Untertitel von Boissiers
Traktat – „Juxta Sydenhami Mentem et Botanicorum ordinem“ („im
Geiste Sydenhams und nach der Ordnung der Botaniker“) – unter-
strich, dass er die Anregung zur Botanik letztlich der Praefatio zu den
Observationes verdankte, die im kollektiven Gedächtnis der Fachwelt
nach wie vor präsent war. Auch die Medizin unterstand damit jenem
Geist des Unterscheidens und Klassifzierens, den Michel Foucault am
Beispiel der Naturgeschichte und des Linnéschen Systems beschrieben
hat.80 Auch Sydenham und Schiller partizipieren an einer Wissensord-
nung, in der „die Kenntnis der empirischen Einzelwesen nicht anders
als durch eine kontinuierliche, geordnete und allgemeine Übersicht
(tableau) aller möglichen Unterschiede erworben werden kann“.81
Noch Kant wird in der Kritik der reinen Vernunft die Prinzipien von
Fülle und Kontinuität als regulative Prinzipien der Biologie und der
anderen Wissenschaften anerkennen: „datur continuum formarum“.82
Als Schiller seine Fieberschrift verfasste, war der Geist des Sys-
tems, die Suche nach den „genera“ bzw. „species morborum“ als eine
––––––––––––––
78 Foucault: Geburt der Klinik, S. 103.
79 Nach Koselleck: Studien, S. 332.
80 Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften.
Frankfurt/Main 1974 (= stw 96), S. 165-210.
81 Ebd. S. 188.
82 Kant: Werke, Bd. 4, S. 576 (KdrV): „(D)atur continuum formarum, d.i. alle Verschie-
denheiten der Arten grenzen an einander und erlauben keinen Übergang zu einander
durch einen Sprung, sondern nur durch alle kleinere Grade des Unterschiedes, da-
durch man von einer zu der anderen gelangen kann; mit einem Worte, es gibt keine
Arten oder Unterarten, die einander (im Begriffe der Vernunft) die nächsten wären,
sondern es sind noch immer Zwischenarten möglich, deren Unterschied von der ers-
ten und zweiten kleiner ist, als dieser ihr Unterschied von einander.“ Lovejoy,
Arthur O.: Die große Kette der Wesen. Geschichte eines Gedankens. Frankfurt/Main
1993 (zuerst 1936) (= stw 1104), S. 290f.

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70 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Suche nach den Identität verbürgenden Unterschieden das alles be-


stimmende Modell von Wissenschaft und Linné ihre überragende,
längst sprichwörtliche Autorität.83 Es verwundert daher nicht, wenn
auch der Erzähler Schiller das taxonomische Denken aus Medizin
und Botanik aufgreift und in die Psychologie zu übertragen sucht. In
der Einleitung zum Verbrecher spielt er mit der Idee, „für das Men-
schengeschlecht ein Linnäus“ zu werden, der „nach Trieben und Nei-
gungen klassifiziert“, und dabei eine „Ordnung“ der „Verirrungen“
und Laster – gleichsam ein Systema errorum bzw. vitiorum – konstru-
iert, das die medizinisch-botanische methodus einer ärztlichen Genera-
lisierkunst nun auch in die empirische Psychologie übertragen sollte.
Dies war keine Verletzung der „Grenzengerechtigkeit“ der Diszipli-
nen, sondern Ausdruck der universalen Geltung eines Wissenschafts-
und Ordnungsparadigmas, das bei Schiller nun auch zum Modell der
empirischen „Seelenkunde“84 und der literarischen Anthropologie
avancierte.85

1.3. Ordnungswissen

Mag der junge Schiller wiederholt gegen die „Spinnweben von Syste-
men“ zu Felde ziehen, so bleibt doch der taxonomische Impuls so-
wohl in der ästhetischen Theorie als auch in der Dichtung gegenwär-
tig. „Der Mensch“, schreibt Schiller in der Geschichte des Abfalls der
––––––––––––––
83 Vgl. Schlegel: Fragmente [345]: „Es wäre zu wünschen, daß ein transzendentaler Lin-
né die verschiedenen Ichs klassifizierte und eine recht genaue Beschreibung derselben
allenfalls mit illuminierten Kupfern herausgäbe, damit das philosophierende Ich nicht
mehr so oft mit dem philosophierten Ich verwechselt würde.“ KFSA, 1. Abt. Bd. 2, S.
226. Dagegen in der Lucinde: „Darum gibt es in der weiblichen Liebe keine Grade
und Stufen der Bildung, überhaupt nichts allgemeines; sondern so viel Individuen, so
viel eigentümliche Arten. Kein Linné kann uns alle diese schönen Gewächse und
Pflanzen im großen Garten des Lebens klassifizieren und verderben.“ Ebd. 1. Abt.
Bd. 5, S. 22.
84 NA 16, 9.
85 Eine ironische Wendung gibt Schiller dem Taxonomieprojekt in der dritten Disserta-
tion. Deren Physiognomie-Kapitel (§ 22) schließt mit einem süffisanten Ausblick auf
die von Lavater geplante „Physiognomik organischer Theile, z.E. der Figur und
Grösse der Nase, der Augen, des Mundes, der Ohren u.s.w. der Farbe der Haare, der
Höhe des Halses u.s.f.“, deren Durchführbarkeit Schiller bezweifelt. In dieser Auf-
zählung sind Äquivalente zu den 26 Einzelcharakteristiken des Linnéschen Gattungs-
systems benannt, und so kann Schiller Linné und Lavater – selbstverständlich iro-
nisch – in eine ‚Klasse’ ordnen: „Wer die launichten Spiele der Natur, die Bildungen,
mit denen sie stiefmütterlich bestraft, und mütterlich beschenkt hat, unter Klassen
bringen wollte, würde mehr wagen, als Linné, und dürfte sich sehr in Acht nehmen,
daß er über der ungeheuren kurzweiligen Mannigfaltigkeit der ihm vorkommenden
Originale nicht selbst eines würde.“ NA 20, 70.

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1. Die Fieberschrift 71

Niederlande, „kömmt durch Klassifikation seiner Beschränkung zu


Hülfe, gleich dem Naturforscher setzt er Kennzeichen und eine Regel
fest, die seinem schwankenden Blick die Uebersicht erleichtert, und
wozu sich alle Individuen bekennen müssen“.86 Selbst da, wo Schiller
„viel Kantischen Einfluß“87 einräumt, z.B. in der Schrift Ueber den
Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen (entstanden 1791,
gedruckt 1792)88, bricht sich methodisch eine in Fleisch und Blut
übergegangene ärztliche Unterscheidungskunst Bahn, die man nicht
abschätzig als „philosophische Einteilungslust und Abgrenzungs-
wut“89 werten sollte. In ihr äußert sich vielmehr ein aus dem Wissen-
schaftsbegriff der Zeit resultierender Wille zum System. Die ange-
strebte „bündige Theorie des Vergnügens“ und „Philosophie der
Kunst“90 setzt die medizinisch-botanische Systematik fort. Schiller re-
zipiert gleichsam Kant im Lichte Linnés, indem er der Kritik der Ur-
teilskraft sein Systema artis tragicae entgegenstellt, in dem nun nach
Herzenslust geordnet, hierarchisiert und klassifiziert werden kann.
„Artis tragicae theoriam illustrabit exemplis, quae Tragicorum prin-
cipes tam veteres quam recentiores subministrabunt“ – so hatte Schil-
ler jenes Kolleg im Sommersemester 1790 angekündigt, auf das die
Schrift zurückgeht.91 Methodisch kommt es also zu einer Überlagerung
medizinischer, poetologischer und kritischer Ansätze, die für die dis-
kursive Physiognomie der „Übergangsschriften“ nach der Begegnung
mit dem Kritizismus kennzeichnend ist.92
Die Reformulierung Kantischer Systematik vor einem älteren
Wissensmodell hebt sich besonders dort ab, wo Schiller scheinbar un-
mittelbar Kantische Themen übernimmt. Wenn man Schillers Bemü-
hungen um eine „Eintheilung der Künste“ in „Kunstklassen“ mit dem
entsprechenden Kapitel Von der Einteilung der schönen Künste (KdU §
––––––––––––––
86 NA 17, 55 (Abfall der Niederlande).
87 An Körner 4.12.1791; NA 26, 116.
88 NA 20, 133-147. Zur Schrift vgl. die Beiträge von Carsten Zelle: Schiffbruch vor Zu-
schauer. Über einige popularphilosophische Parallelschriften zu Schillers Abhand-
lungen über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen in den neunziger
Jahren des 18. Jahrhunderts. In: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft 34 (1990),
S. 289-316; ders. Über den Grund des Vergnügens an schrecklichen Gegenständen in
der Ästhetik des achtzehnten Jahrhunderts. In: Gendolla, Peter / Zelle, Carsten:
Schönheit und Schrecken. Entsetzen, Gewalt und Tod in alten und neuen Medien. Hei-
delberg 1990, S. 55-91; ders.: Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenstän-
den. In: Luserke-Jaqui (Hg.): Schiller-Handbuch, S. 364-374.
89 Koopmann: Denken in Bildern, S. 239.
90 NA 20, 134.
91 NA 41/II A, 311: „Er [Schiller; J.R.] wird die Theorie des Trauerspiels mit Beispielen
vorführen, welche die besten Tragiker – alte wie neuere – beisteuern werden. Vgl.
Alt: Schiller, Bd. 2, S. 87.
92 Zelle: Über den Grund des Vergnügens, S. 366.

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72 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

51 ff.) vergleicht, fällt sogleich auf, mit welch unerbittlichem Sys-


temwillen hier Kants eher laxe und tentative Untergliederung der
Künste nach der „Analogie der Kunst mit der Art des Ausdrucks, des-
sen sich Menschen im Sprechen bedienen“, aufgegriffen wird.93 De-
monstrativ gleichgültig hatte Kant auf jeden Versuch verzichtet, seine
„Einteilung auch dichotomisch ein[zu]richten“, also im Geiste der ob-
soleten, seit Bacon immer wieder als pedantisch verspotteten
ramistischen Dialektik mit ihren zweigliedrigen Dihäresen und Di-
chotomien. Schiller sucht dagegen Ordnung im ästhetischen Tableau,
daher der neo-scholastische Zug, das „Universitätsmäßige“ auch dieser
Abhandlung.94 Entsprechend dichotomisch werden die „Schönen“
und die „Rührenden Künste“ in jene eine „besondere Klasse“ verwie-
sen.95 Noch deutlicher wird der Wille zum System in der „Taxono-
mie“96 der Tragödienformen, die Schiller auf die wirkästhetische Be-
stimmung des „moralische(n) Vergnügens“ an der Tragödie im Hori-
zont der Theorie des Erhabenen folgen lässt. Es sei dahingestellt, ob
Schillers Ableitung der tragischen Lust aus dem Erhabenen, wonach
„das höchste Bewußtseyn unsrer moralischen Natur nur in einem
gewaltsamen Zustand, im Kampfe, erhalten werden kann“97, in ihrem
Rigorismus „dem preußischen Militarismus“ präludiert oder gar
„nach allem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts als terroristisch er-
scheinen [muss]“.98 Hervorzuheben ist jedoch die doppelte, inhaltli-
che wie formale Affinität des Themas zu den anthropologisch-medizi-
nischen Traktaten der Karlsschulzeit. Inhaltlich liegt dies einmal
mehr in der unverbrüchlichen Wahlverwandtschaft von Poetologie
und Pathologie begründet, in dem Umstand also, dass Schillers Theo-
ria artis tragicae nicht nur eine Theorie des „moralische(n) Vergnü-
gen(s)“, sondern – notwendig – auch eine Theorie der psycho-phy-
sischen Unlust, d.h. eine Poetik des Schmerzes ist.99

––––––––––––––
93 Kant: Werke, Bd. 8, S. 422 (Kritik der Urteilskraft). Ausdrücklich distanziert sich Kant
in der Fußnote sogar von jedem systematischen Interesse: „Der Leser wird diesen
Entwurf zu einer möglichen Einteilung der schönen Künste nicht als beabsichtigte
Theorie beurteilen. Es ist nur einer von den mancherlei Versuchen, die man noch an-
stellen kann und soll.“
94 Koopmann, Helmut: Kleinere Schriften nach der Begegnung mit Kant. In: Ders.
(Hg.): Schiller-Handbuch, S. 575-586, hier S. 578 (bezogen auf Ueber die tragische
Kunst).
95 NA 20, 136 bzw. 137.
96 Zelle: Über den Grund des Vergnügens, S. 370.
97 NA 20, 139.
98 Zelle: Über den Grund des Vergnügens, S. 373.
99 Borgards, Roland: Poetik des Schmerzes. Physiologie und Literatur von Brockes bis Büch-
ner. München 2007.

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1. Die Fieberschrift 73

Vielleicht war es diese Pathologik des Lust durch Unlust-Ansat-


zes, vielleicht auch der Wille zur integralen Tragödientheorie, die
Schiller an das taxonomische Ideal des nosologischen Tableaus erin-
nert hat. Immerhin: der zweite Hauptteil der Schrift setzt mit einem
taxonomischen Kalkül ein. Schiller will das konträre Verhältnis sei-
ner beiden Parameter – moralische vs. Naturzweckmäßigkeit – dazu
nutzen, „eine Stuffenleiter des Vergnügens von der untersten biß zur
höchsten hinaufzuführen und den Grad der angenehmen oder
schmerzhaften Rührung a priori aus dem Prinzip der Zweckmäßig-
keit angeben.“ Konsequent wird die enkaptische Ordnung der Taxo-
nomie, wie sie Linné und die Nosologen anwendeten, auf die Kunst
übertragen.100 Die scala naturae wandelt sich zur Scala artis tragicae.101
Aus der empirisch, gleichsam nach Lustquanten gemessenen Hierar-
chie tragischer Wirkungen ergeben sich „bestimmte Ordnungen der
Tragödie“ und „alle mögliche(n) derselben“, die man „in einer voll-
ständigen Tafel erschöpfen“ könnte, gewissermaßen, um Boissiers
Nosologia zu zitieren: „secundum Sydenhami mentem et Botanicorum
ordinem“. Ein solches Schema würde es ermöglichen, „jeder gegebe-
nen Tragödie ihren Platz anzuweisen“ und – Kalkül des poetischen
Arztes und seines prognostischen Blicks102 – „den Grad sowohl als die
Art der Rührung im voraus zu berechnen, über den sie sich, vermöge
ihrer Species nicht erheben kann“.103 Es ist zu bedauern, dass Schiller
seine Ankündigung nicht wahr gemacht hat, „diese(m) Gegenstand
[in] einer eigenen Erörterung“ weiter nachzugehen. Deutlicher als in
dieser Skizze hätte sich in ihr die diskursive Ambivalenz von Ästhe-
tik und Nosologie, von Kant und Consbruch gezeigt.
Der taxonomische Impuls bleibt jedoch unterschwellig gegenwär-
tig, etwa in den dichotomischen Unterscheidungen der ästhetischen
––––––––––––––
100 Dies gilt auch für die Zerstreuten Betrachtungen über verschiedene ästhetische Gegen-
stände (ersch. Oktober 1794), die so beginnen (NA 20, 222): „Alle Eigenschaften der
Dinge, wodurch sie ästhetisch werden können, lassen sich unter vielerley Klassen
bringen, die sowohl nach ihrer objectiven Verschiedenheit, als nach ihrer verschiede-
nen subjectiven Beziehung auf unser leidendes oder thätiges Vermögen ein nicht bloß
der Stärke sondern auch dem Werth nach verschiedenes Wohlgefallen wirken.“ Wei-
ter unten ist von einer „Klassifikation der ästhetischen Gegenstände“ die Rede (ebd.
S. 224).
101 Dazu die klassische Studie von Lovejoy: Die große Kette der Wesen, bes. Kap. VIII
(„Die Kette der Wesen und die Biologie des 18. Jahrhunderts“), S. 274-292 und S. 359-
364 (zu Schillers Philosophischen Briefen); zur Rezeption der Vorstellung von der
„Great chain of being“ in Schillers medizinischen Schriften vgl. Riedel: Anthropologie,
S. 111-121.
102 Vgl. Boerhaave: Aphorismi, S. 6: „Dirigitur illa applicatio (5.) a mente praescia futuri
effectus: quo exigitur scientia generalis legum, iuxta quas actiones illae exercentur;
vnde itaque doctrina signorum, & methodi medendi, necessaria est.“
103 NA 20, 141.

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74 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Schriften wie z.B. Ueber naive und sentimentalische Dichtung. Unter-


schieden werden nun nicht mehr komplementär-gegensätzliche gene-
ra morborum, sondern „Vorstellungsarten“ und „Empfindungswei-
sen“, Dichter von der „sentimentalischen“ und der „naiven Gat-
tung“104, die Schiller als psychologische Typen, Grundkomplexionen
oder Temperamente behandelt. Der Traum von der „vollständigen
Tafel“ der Tragödie erfährt seine Ausweitung in dem „Dichtungs-
stemma“105, mit dem Schiller beide typologischen Sphären entfaltet,
um dann doch nur die „sentimentalische“ nach ihren „Species“106 und
Subspezies (satirische vs. elegische Dichtung usw.) zu entfalten. Im
Übrigen überdauert Schillers Sinn für graphische Repräsentationen
des Wissens, Grade und Stufenleitern auch die Phase der ästhetischen
Spekulation, wie die beiden „Schemata über den Dilettantismus“ ver-
raten. Goethe weiß „Schillers philosophischen Ordnungsgeist“ zu
schätzen und sieht ihn nachdrücklich durch die „Notwendigkeit von
tabellarischer und symbolischer Behandlung“107 gerechtfertigt:
Wir zeichneten zusammen jene Temperamentenrose wiederholt; auch der
nützliche und schädliche Einfluß des Dilettantismus auf alle Künste ward
tabellarisch weiter ausgearbeitet, wovon die Blätter beidhändig noch vorlie-
gen. Man nahm sie von Zeit zu Zeit wieder auf, prüfte sie, stellte sie um.108
––––––––––––––
104 NA 20, 435.
105 Zelle, Carsten: Über naive und sentimentalische Dichtung. In: Luserke-Jaqui (Hg.):
Schiller-Handbuch, S. 476. Man vergleiche das hier rekonstruierte ‚Stemma’ – Schiller
spricht von „Tafel“ – mit den Tabulae / Diagrammen der zeitgenössischen Biologie.
Daraus wird schnell deutlich, dass Schiller in der Tat mit einem solchen Diagramm
gearbeitet haben muss.
106 NA 20, 466: „Es bleiben mir noch einige Worte über diese dritte Species sentimenta-
lischer Dichtung [sc. zur Idylle; J.R.] zu sagen übrig.“
107 Die ‚natürlichen Systeme’ eines Linné und seiner Abkömmlinge lehnte er gleichwohl
vom Standpunkt des Vitalismus ab: „Natürlich (!) System: ein widersprechender
Ausdruck. Die Natur hat kein System; sie hat, sie ist Leben und Folge aus einem un-
bekannten Zentrum, zu einer nicht erkennbaren Grenze. Naturbetrachtung ist daher
endlos, man mag ins Einzelnste teilend verfahren oder im Ganzen nach Breite und
Höhe die Spur verfolgen.“ Probleme. MA Bd. 12, S. 294.
108 Goethe: Tag und Jahreshefte 1799 (BA Bd. 16, S. 62). Eine vielleicht weiterführende
Spekulation zum naturgeschichtlichen Substrat der klassischen Ästhetik sei hier er-
laubt: Möglicherweise führt ja von der Botanik und Zoologie mit ihren „Stufenlei-
tern“ der Wesen auch ein Weg in den ästhetischen Staat. Linné hatte seine Tier- und
Pflanzenarten in eine hierarchische Ordnung gebracht, die drei „Reiche“ (regna) un-
terschied (Mineralien, Pflanzen, Tiere), die wiederum in Klassen (classes), Ordnungen
(ordines), Gattungen (genera) und Arten (species) unterteilt wurden. Die Disposition
spricht sogar von „imperium Naturae.“ Vielleicht liegt in dieser zoologischen Drei-
Reiche-Lehre auch der Schlüssel zur Idee der ästhetischen Reichsgründung der Briefe
26 und 27. Der ästhetische Staat hat zwei Quellen: 1. die augustinische ecclesia
invisibils und civitas dei („die reine Kirche“, NA 20, 412), 2. die hierarchische Ord-
nung der Natur in imperia oder regna der Zoologie bzw. Naturgeschichte mit ihren
hierarchischen Unterscheidungen und ‚Skalen’ vom „Elementarreich“ (NA 20, 406)

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1. Die Fieberschrift 75

1.4. Vom Ursprung der Krankheit

Unter den Argumenten, die – wohl zu Unrecht – die Ablehnung der


Fieberdissertation durch die Gutachter Reuß, Consbruch und Klein
provozierten109, nimmt eines eine herausgehobene Stellung ein. Nicht
so sehr der „Mangel eigener Erfahrung“ als Schillers Auffassung von
Entstehung und Ausbruch der Krankheit waren Stein des Anstoßes,
denn „die Stelle § 2. Materia morbosa per se hostilis non est, könnte
zu manchen Irrungen in der Cur Anlaß geben.“110 Schiller vertritt an
der genannten Stelle die These, „der krankmachende Stoff [sei] nicht
an sich feindlich“, sondern werde dies erst durch eine die Gesundheit
beeinträchtigende Agitation der Lebenskräfte („Virium animalium
turbas“), die er verursache. Dies bedeutete in der Tat eine Provokati-
on für die neo-hippokratische Lehrmeinung. In dieser Hypothese lag
Schillers sichtbare Eigenleistung, ein „occasional glimpse of origina-
lity“111 inmitten eines vermeintlichen Schülerwerkes. Liest man den
betreffenden § 2 aufmerksam, so zeigt sich, dass diese Eigenleistung
weniger unter medizinisch-physiologischem als unter philosophisch-
weltanschaulichen Vorzeichen steht. Die Nosologie bietet Schiller die
verdeckte Gelegenheit zu einer Reflexion über Theologie und Meta-
physik, genauer: über die Frage nach der Theodizee bzw. Physeo-
dizee. In der Beschäftigung mit Wesen und Genese der Krankheit im
Zusammenspiel von materia peccans und Körper wird das Problem
der zweckmäßig-teleologischen Einrichtung des Menschen wie der
Natur mit gestellt. Die Theorie der Krankheit und die des „kranken
Weltplans“112 teilen eine philosophische Struktur und Semantik. Schil-
lers Widerspruch gegen die Fieberlehre seiner Lehrer zeigt selbst je-

––––––––––––––
oder „Reich der blinden Masse“ (S. 398) über die „niedrigsten Naturen“ bis zum
„Reich des schönen Scheins“, das sich in der scala naturae „aufwärts“ erstreckt, „bis
wo die Vernunft mit unbedingter Nothwendigkeit herrscht und alle Materie aufhört“
(S. 411). Es wäre reizvoll, die beiden kultur- und entwicklungsgeschichtlichen
Schlussbriefe der Ästhetischen Erziehung, in denen systematisch die Anthropogenese
einbezogen wird, einmal konsequent vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bio-
logie (richtiger: der Zoologie) und Naturgeschichte zu lesen. Schiller als Biologe –
von dieser Hypothese her könnte noch einmal neues Licht auf die notorisch irisie-
rende Metaphorologie des Politischen fallen. Möglicherweise hat Schiller eine plato-
nische Ontologie (vgl. Das Reich der Schatten), die seit den Philosophischen Briefen im
Bild von der „Leiter“ der Wesen bzw. der „tausendfache(n) Stuffen / zahlenloser
Geister“ präsent war, vor dem Hintergrund botanisch-zoologischer Taxonomien
reformuliert.
109 So die Einschätzung von Dewhurst / Reeves: Schiller, S. 248.
110 SW, Bd. 5, S. 1314.
111 Dewhurst / Reeves: Schiller, S. 249.
112 NA 1, 166 (Resignation; v. 54).

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76 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

nen „Fieberparoxysmus“113 des Zweifels, den Schiller seine literari-


schen Stellvertreter Julius, Franz oder den Prinzen durchleben lässt.
Die Fieberschrift ist ein wissenschaftlicher Nebenschauplatz der
Skeptizismus-Debatte. Der Zweifel an einer guten, sich selbst heilen-
den Natur, steht im Zeichen einer frühen Teleologie- und Theodizee-
skepsis, die der beschriebenen Kompensationsstruktur nach dem
Schema bonum durch malum die Gefolgschaft aufkündigt.114
Doch zunächst zu Schillers Argumentation. § 2 setzt ein mit der
Polemik gegen einen Fundamentalsatz aus Sydenhams Observationes,
der zum eisernen Bestand der Neo-Hippokratiker des 18. Jahrhun-
derts gehörte. Er lautet im originalen, bei Schiller nur geringfügig
veränderten Wortlaut:
Die Vernunft nötigt zu der Annahme, dass Krankheit, wie sehr auch immer
ihre Ursachen dem menschlichen Körper feindlich sind, nichts anderes ist
als der Versuch der Natur, den krankmachenden Stoff mit aller Kraft und
zum Wohl des Kranken zu entfernen.115
Gott habe dem Menschen zwar anfällig gemacht für äußere Ein-
flüsse (z.B. kontagiöse Miasmen). Doch die Natur selbst sei es, die
sich Abhilfe schaffe, indem sie die materia peccans aus dem Körper
ausscheide.116 Selbst Krankheiten wie Pest oder Arthritis seien thera-
peutische Mittel der Natur.117 Fieber erklärt Sydenham daher als
„Werkzeug der Natur, durch das sie die unreinen von den reinen Tei-
len absondert.“118 Die hier aufscheinende Vorstellung einer „vis
medicatrix naturae“ war, wie gesagt, communis opinio aller Neo-Hip-
pokratiker der Zeit. Fieber bezeichnete „eine zweckgerichtete Reak-
tion des Organismus, der sich gegen eine pathogene Attacke oder

––––––––––––––
113 NA 20, 108 (Philosophische Briefe).
114 Exemplarisch: Marquard, Odo: Der angeklagte und der entlastete Mensch in der Phi-
losophie des 18. Jahrhunderts. In: Ders.: Abschied vom Prinzipiellen. Philosophische
Studien. Stuttgart 2005, S. 39-59.
115 Sydenham: Observationes, S. 1. (Sectio prima, Caput I De morbis Acutis in genere):
„Dictat ratio […] Morbum, quantumlibet ejus Causae humano corpori adversentur,
nihil esse aliud quàm Naturae conamen, materiae morbificae exterminationem, in ae-
gri salutem, omni ope molientis.“
116 Ebd. S. 2: „Hisce rerum circumstantiis, ita intimè essentiae humanae intertextis com-
plicatisque, ut nemo quisquam se ab illis in solidum queat liberare, Natura de ejus-
modi methodo ac symptomatum concatenatione sibi prospexit, quibus materiam
peccantem atque alienam, quae totius Fabricae compagem aliter solveret, è suis fini-
bus possit excludere.“
117 Ebd. S. 3: „Ipsa Pestis quid, obsecro, aliud est quàm Symptomatum complicatio, qui-
bus utitur natura ad inspiratas unà cum aere particulas miasmvßdeiw, per emunctoria,
Apostematum specie vel aliarum eruptionum operâ, excutiendas?“
118 Ebd. S. 45: „Profecto enim est Febris ipsa Naturae instrumentum, quo partes impuras
à puris secernat.“

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1. Die Fieberschrift 77

Substanz verteidigt“.119 Die ärztliche Kunst besteht darin, wieder nach


Sydenham, „der geschwächten Natur zu Hilfe zu kommen, die zügel-
lose zu bändigen und zur Ordnung zurückzuführen. […] Die Natur
zielt darauf die Krankheit auszutreiben und zu beseitigen“.120
Schiller widerspricht dieser These entschieden, wenn er auch Sy-
denhams „ingenium practicum“ pflichtschuldig hervorhebt. Auch Ge-
org Ernst Stahls These einer „umumschränkten Machtkompetenz der
Seele“, die den Heilungsprozess eigenmächtig („egregia ista Stahliana
autocratia“121) steuere, wird zurückgewiesen. Dagegen setzt Schiller
eine skeptische Pointe. Die Heilversuche der Natur zielen nicht auf
die Vertreibung der materia peccans ab. In einem lebenden Körper
strömen die Lebensgeister („spiritus animales“) an den Ort des Reizes
und versetzen die reizbaren Phasen in heftige Erregung, ein Vorgang,
der „weit davon entfernt, dem Menschen zum Wohl auszuschlagen,
vielmehr einzig und allein die Krankheiten hervorbringt, sie ver-
schlimmert und tödlich macht“.122 Die Gefahr für Leben und Ge-
sundheit kommt also von innen, aus der physiologisch unzweckmä-
ßigen Reaktion des Körpers auf einen Fremdstoff. Pathogen wirkt
nicht wie bei Sydenham das aufgenommene Miasma, sondern „der
ungestüme Eifer der Natur, es zu beseitigen“.123 In Schillers Formulie-
rung: „Auf dem aktiven Versuch der Natur, gegen den krankma-
chenden Stoff vorzugehen, beruhen daher sowohl Krankheit als auch
Schwere der Krankheit“.124 Daher erfüllen die Symptome, die im
Prozess der Kochung und Krise auftreten, nicht den Zweck, die kon-
tagiösen Stoffe auszuscheiden; diese würden vielmehr beiläufig wäh-
rend dieses Prozesses eliminiert. Schiller ist sich der ungeheuerlichen
Provokation seiner These bewusst; er rechtfertigt sie mit einer Volte
gegen das Wissen der Kompendien, zu denen nun auch und gerade die
Observationes des Praktikers Sydenham zählen: „Ich freilich bin
durch mannigfache Labyrinthe der Irrtümer schließlich zu der Über-

––––––––––––––
119 Foucault: Geburt der Klinik, S. 191.
120 Sydenham: Observationes, Fol (a7)r-v: „[U]nde etiam non aliam Arti demandat
provinciam, quàm ut deficienti naturae succurrat, effraenam coerceat & in ordinem
redigat; utrumque verò hoc, tum passu illo, tum etiam methodo quibus.“
121 SW, Bd. 5, S. 1074.
122 Ebd. S. 1062: „Haec vero lex, tantum abest, ut in salutem hominis cedat, ut potius so-
la sit eademque, quae Morbos procreat, procreatos graves reddit ac internecinos.“
123 Ebd. S. 1062: „Non myasma in Sanguinem resorptum vitae periculum induceret, at
quoties induxit importunus Naturae impetus ad istud eliminandum?“
124 Ebd. S. 1062: „In activo itaque Naturae adversus morbosam materiam conatu et
Morbus et Morbi gravitas collocata est.“

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78 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

zeugung gelangt, daß die Ordnung der Natur der Dinge nicht so be-
schaffen ist, wie wir sie uns in unseren Lehrbüchern zurechtlegen“.125
Es ist dies eine dunkle und skeptische Naturordnung, eine Inver-
sion der Sydenhamschen guten Natur. Auch die vermeintlich so pe-
destre Fieberschrift enthält eine implizite Philosophie der Krankheit,
die sich nur zwischen den Zeilen, in lakonischen Seitenbemerkungen
oder Metaphern artikuliert.126 Für Schiller ist der Mensch schwach,
das Leben „zerbrechlich“127. Sydenham wird zur Zielscheibe, weil
Schiller allergisch auf seinen zutiefst optimistischen, von der Leib-
niz’schen Theodizee und der Physikotheologie geprägten Naturbe-
griff reagiert.128 Zumal die Observationes zeigen, dass Sydenhams No-
sologie „nicht frei [war] von religiösen Überzeugungen und naturphi-
losophischen Voraussetzungen“.129 Schon die oben zitierte Stelle aus
dem Kapitel über akute Krankheiten zeigt die kryptometaphysische
Rechtfertigungs- und Kompensationsstruktur seines Denkens. Gott
hat dem Menschen die Anfälligkeit für Krankheiten verliehen, ‚kom-
pensiert’ dies jedoch durch eine ‚gute’, zur Selbstheilung fähige Na-
tur. Auch das „Moment des Systemischen“,130 die botanische Taxo-
nomie der Krankheiten und die Lehre von den festen (zeitlichen und
morphologischen) Verlaufsgestalten zeigt einen ausgeprägten ordo-
Sinn: „Krankheiten sind nicht unordentliche Veranstaltungen der Na-
tur, sondern sie haben ihre gesetzmäßigen Ordnungen“.131 Sie folgen
daher „nicht geringeren Gesetzen […] als die „Kreuzung der Pflanzen
und Tiere […]“. Konstanz, Hierarchie und Analogie beherrschen als
immanente Strukturgesetze die große Kette der Krankheiten:
Wer aufmerksam die Anordnung, die Zeit und die Stunde beobachtet, in der
das Quartanfieber auftritt, sowie die Erscheinungen des Schüttelfrostes, der
Hitze und die anderen spezifischen Symptome, wird ebenso viele Gründe
haben, zu glauben, dass diese Krankheit eine Art ist, wie er Gründe hat zu

––––––––––––––
125 Ebd. S. 1064: „Ego quidem per varios Errorum labyrinthos ad persuasionem tandem
perductus sum, talem ordinem non esse in rerum natura, qualem in nostris compen-
diis concinnamus.“
126 So etwa Ebd. S. 1067: „[H]oc unum est quod boni natura molitur.“
127 NA 3, 40.
128 Vgl. Temkin, Owsei: Thomas Sydenham und der Naturbegriff des 17. Jahrhunderts.
In: Internationale Beiträge zur Geschichte der Medizin. Festschrift für Max Neuburger.
Wien 1928, S. 287-295.
129 Hartmann: Sydenham, S. 166.
130 Temkin: Naturbegriff, S. 290. Vgl. S. 292: „Das Prinzip der Ordnung tritt in den Vor-
dergrund, der Versuch der Systematisierung durchdringt das Ganze“, und S. 293:
„Die gesetzmäßig waltende Natur offenbart sich in der gesetzmäßigen Hervorbrin-
gung verschiedener, aber bestimmter Arten.“
131 Hartmann: Sydenham, S. 167.

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1. Die Fieberschrift 79

glauben, dass eine Pflanze eine Art bildet, da sie immer in derselben Weise
wächst, blüht und abstirbt.132
Gegen die Autorität der Lehrer und Lehrbücher entwirft Schiller ein
Bild der Natur, das die feindselige Unzweckmäßigkeit der Schöpfung
gegenüber dem Menschen voraussetzt.133 Dieser bis zum Zynismus
skeptische Naturbegriff bestimmt auch die zeitgleich entstandene
dritte Dissertation, den Versuch ueber den Zusammenhang der thieri-
schen Natur des Menschen mit seiner geistigen, der sich in vielen Aspek-
ten mit der Fieberschrift deckt. Auch hier wird die konstitutive
Schwäche und Anfälligkeit des Menschen betont; umgekehrt er-
scheint eine Natur, die dem Menschen alles andere als gütig oder heil-
sam, sondern in feindlicher Indifferenz gegenüber steht. Aus dieser
condition humaine entwickelt der Versuch nun jedoch seinen optimis-
tischen Impuls. Im Sinne der humanistischen Diskurstradition De
hominis dignitate entwickelt Schiller aus dem malum von Schwäche,
Krankheit und Tod das bonum des menschlichen Kulturauftrages. §
11 bildet in Anlehnung an Schlözer das Grundschema einer erhabe-
nen Zivilisationsgeschichte, die dem Schema bonum durch malum,
genauer: Kultur durch Krankheit folgt. Fortschritt und Zivilisation
verdanken sich „Hunger und Blösse“134, die „Dürftigkeit der mütterli-
chen Gegend“135 stimuliert Gemeinschaftsbildung und Zivilisierung.
Es sind „Noth und Neugierde“, welche die Medizin entdecken helfen,
indem sie „die Schranken des Aberglaubens“136 überwinden. Die Me-
dizin ist ein Akt der Auflehnung gegen die Natur. Sie schafft durch
Empirie und Autopsie erst die Selbsterkenntnis des Menschen als
Menschen. Dieser „ergreift muthig das Messer – und hat das gröste
Meisterstück der Natur den Menschen entdekt“.137
Damit ist die einfache Teleologie à la Leibniz durch eine höhere,
dynamisch-dialektische ersetzt. Ein erstes Mal erprobt Schiller damit
jene universalhistorische Theodizee, die als Programm in der An-
trittsvorlesung wiederkehren wird.138 Die höhere List der Natur be-
––––––––––––––
132 Foucault: Geburt der Klinik, S. 23. Sydenham nach Boissier de Sauvages: Nosologie
méthodique. Bd. 1, Lyon 1772, S. 124f.
133 Leider berücksichtigt die verdienstvolle Studie von Hans Lutz: Schillers Anschauungen
von Kultur und Natur. Berlin 1928 (Ndr. Nendeln 1967) (= Germanische Studien 60)
die Fieberdissertation nicht. Vgl. den Hinweis auf das illusionslose Naturbild des Ver-
suchs ebd. S. 12.
134 NA 20, 53.
135 NA 20, 54.
136 NA 20, 55.
137 NA 20, 55f.
138 NA 17, 369: „Das unerträgliche Elend der Barbarey mußte unsre Vorfahren von den
blutigen Urtheilen Gottes zu menschlichen Richterstühlen treiben, verheerende Seu-
chen die verirrte Heilkunst zur Betrachtung der Natur zurückrufen, der Müßiggang

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80 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

steht in der technisch-wissenschaftlichen Erziehung des Menschenge-


schlechts:
So mußte das schlimmste das gröste erreichen helfen, so mußte uns Krank-
heit und Tod drängen zum gnvji seauton. Die Pest bildete unsere Hippo-
krate und Sydenhame, wie der Krieg Generale gebar, und der einreissenden
Lustseuche haben wir eine totale Reformation des medicinischen Ge-
schmacks zu verdanken.139
Die bestehende Welt ist nicht die beste aller möglichen Welten,
sie bereitet dieser besten Welt jedoch durch ihre Übel den Weg: „Die
Natur eines endlichen Wesens macht die unangenehme Empfindung
unvermeidlich. Das Uebel exulirt nicht aus der besten Welt, und die
Weltweisen wollen ja darinn Vollkommenheit finden“.140 Einmal auf
diesem Weg, widmen sich die § 23 bis 27 mit großer Intensität einer
Bestandsaufnahme des menschlichen Lebens als Sein zum Tode, der
Versuch ueber den Zusammenhang wird zum Versuch einer Philoso-
phie des Schmerzes. Der § 27 („Trennung des Zusammenhangs“) ent-
hüllt die letale Ökonomie unseres Daseins:
Die Weisheit […] hat bei Gründung unserer physischen Natur eine solche
Sparsamkeit beobachtet, daß, ungeachtet der steten Kompensationen, doch
die Konsumtion immer das Uebergewicht behalte, daß die Freiheit den Me-
chanismus mißbrauche, und der Tod aus dem Leben, wie aus seinem Keime sich
entwikle.141

2. Fieberpoetik: Die Räuber


2. Fieberpoetik: ›Die Räuber‹
2.1. Das Drama des Fiebers

Lässt man die Bilder auf sich wirken, die der Fiebertraktat zur Cha-
rakterisierung Krankheitsentstehung aufbietet, so zeichnen sich Un-
terschiede zu Sydenhams Darstellung deutlich ab. Schon auf den ers-
ten Blick fällt auf, dass in die Schrift zahlreiche „in der Medizin sonst
ungebräuchliche militärische Metaphern“ einfließen142. Irmgard Mül-
lers Hinweis, diese seien „dem Abfassungsort, der Militärakademie,
geschuldet“143, greift jedoch ebenso zu kurz wie die Annahme, die Fie-
––––––––––––––
der Mönche mußte für das Böse, das ihre Werkthätigkeit schuf, von ferne einen Er-
satz zubereiten.“
139 NA 20, 56.
140 NA 20, 72 (§ 24).
141 NA 20, 75.
142 Müller: Kommentar; SW, Bd. 5, S. 1323.
143 Ebd.

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2. Fieberpoetik: ›Die Räuber‹ 81

berschrift sei „bis auf ein Shakespeare- und latentes Vergil-Zitat frei
von poetischen Versatzstücken geblieben“.144 Beinahe das Gegenteil
scheint der Fall. Auf einer strukturellen und metaphorologischen
Ebene sind die intertextuellen Bezüge (zur antiken Dichtung) wie die
Analogie des Krankheitsgeschehens zu poetischen Formen (Drama)
so sehr in die Tiefenstruktur des Textes eingelagert, dass sie die fach-
medizinische Auseinandersetzung mit den Koryphäen der Nosologie
hervortreiben und befeuern. Die Analyse der Bildlichkeit bietet daher
eine Möglichkeit, die Fieberschrift als proto-ästhetischen Text in die
Kryptogenese der Schiller’schen Ästhetik einzubeziehen.
Im Zentrum dieser Protoästhetik stehen Figuren der Anfechtung
und des Widerstandes, die sich zu einer Theorie des physiologisch
Erhabenen zusammenschließen. Die Fieberschrift zeichnet ein Bild
des Lebens als Kampf gegen eine prinzipiell feindliche, aggressive und
„invasive“ Natur. Die Auseinandersetzung zwischen Krankheit und
Körper gleicht einer Belagerung, bei der je nach Fieberart unter-
schiedliche Strategien zur Anwendung kommen. Das Fieber greift
entweder „in offener Feldschlacht“ die „Kräftigen“ an oder bedient
sich der Heimtücke und des „Scheins von Gutartigkeit“, um sich den
bereits Geschwächten zu nähern. Der Beginn der Erkrankung ähnelt
einem Sturmangriff („insultus“145) bzw. einem Verteidigungskampf
gegen feindliche Invasoren: „Die Seelenkräfte werden zum Angriff ge-
führt wie gegen etwas Fremdes“.146 An anderer Stelle „führt die ange-
schwollene, faulige Galle das schreckliche Heer der Symptome“ an.147
Der geschlossene Säftekörper erscheint als Bastion, zu deren Be-
hauptung der Körper die „Truppen“ der Seelenkräfte in Bewegung
setzt. Dass es gerade dieser Widerstand ist, der sich gemäß der Maxi-
me „materia morbosa per se hostilis non est“ gegen die eigene Ökono-
mie kehrt, ist eine Wendung, die Schiller mit tragisch-ironischer Süf-
fisanz gegen das an Leibniz gemahnende Dogma der Güte und
Zweckmäßigkeit der Natur, und damit gegen die Autorität Syden-
hams und der eigenen Lehrer schleudert. Literarisch liest sich die
Symptomatologie des Fiebers (§ 8) wie ein allegorisches Epos, eine
Psychomachie oder richtiger Physiomachie, bei der die Symptome wie
autonome und dämonische Wesen den Körper des Erkrankenden be-

––––––––––––––
144 Ebd. S. 1317.
145 Ebd. S. 1058.
146 Ebd. S. 1072-1074 (§ 8): „Vires animales in impetum aguntur, quasi peregrinum quid
intus lacessat, ad quod abigendum omnis machina sese accingit, hinc Algores praecur-
runt.“ Vgl. S. 1072: „[S]timulum autem Spiritus animales densiore agmine ad loca
stimulata rapere supra monitum est.“
147 Ebd. S. 1104: „Turgens putrida Bilis Symptomatum agmen ducit atrocissimum.“

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82 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

stürmen und im Kampf herausfordern (§ 23: „Mens ipsa vario modo


tentatur“148).
Wenn die Krankheit als feindlicher Aggressor, der Körper als be-
lagerte Bastion erscheint, so spiegelt sich hierin das essentialistische
Denken der Nosologie. Wird den Krankheiten eine eigene Wesenheit
(„essentia“) zugewiesen, so befördert dies die rhetorischen Figuren
von Personifikation und Prosopopoiie.149 Die Großschreibung der
Symptome im Text („Algor“, „Aestus“, „Rigor“) unterstreicht die
Substantialität der Phänomene, die den kranken Körper wie feindli-
che Dämonen bedrängen. Nosologie formt sich so zur Dämonologie.
Schillers Darstellung des kranken Körpers speist sich aus den Be-
schreibungen der „Tugenden und Laster, Leidenschaften u.d.m.“, die
seit der Antike zum Standardarsenal der Dichtung (zumal der epi-
schen) zählt. Namentlich in den descensus- und Unterweltsvisionen
im Gefolge Vergils durften Darstellungen der „pallentes Morbi“ oder
später der christlichen Todsünden nicht fehlen.150 Die Psychomachie
des spätantiken Dichters Prudentius (geb. 348 n. Chr.), „das erste
vollständig allegorische Großgedicht der europäischen Literatur“151,
spielt in dieser Tradition eine Schlüsselrolle. Schillers Schmerz- und
Fieberpoetik folgt diesen Anregungen allegorisierender Epik, die sich
für den jungen Schiller maßgeblich in drei poetischen Modellen kris-
tallisiert: in Ovid, dem Dichter der Metamorphosen, in Milton und
Klopstock.152
Wie selbstverständlich schlägt Schiller in den Räubern Kapital aus
dieser Tradition. Dies zeigt sich im berühmten Monolog des Franz
Moor zu Beginn des zweiten Aktes (II, 1): Franz Moor ist tatsächlich
ein „gescheite(r) Arzt“, der – ganz Nosologist auch im Psychischen –
um die unterschiedlichen „Gattung(en) von Empfindnissen“153 seeli-
scher Passionen, ihre Symptomatik und Zeitgestalt weiß.154 Franz
––––––––––––––
148 Ebd. S. 1106.
149 Vgl. Mahlmann, Theodor: Personifikation/Personifizierung. In: Historisches Wörter-
buch der Philosophie, Bd. 7. Basel 1989, Sp. 341-345; ergänzend Hartmann, Volker:
Personifikation. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 6. Tübingen 2003, Sp.
810-813.
150 In der Aeneis sind sie am Beginn des descensus in eine Art limbus versammelt (6, 273-
281). Schon Vergil erwähnt die „pallentes Morbi“ unter den höllischen Allegorien.
151 Albrecht, Michael von: Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boëthius.
Mit Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die Neuzeit. 2 Bde. München 1994, hier Bd. 2,
S. 1079.
152 Vgl. Vorrede zu den Räubern (NA 3, 7): „Klopstocks Adramelech wekt in uns eine
Empfindung, worinn Bewunderung in Abscheu schmilzt. Miltons Satan folgen wir
mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos.“
153 NA 3, 39.
154 Zu dieser Szene und ihrem anthropologischen Gehalt vgl. Riedel, Wolfgang: Die
Aufklärung und das Unbewusste, S. 211. Eine Fortsetzung dieser Linie unternimmt die

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2. Fieberpoetik: ›Die Räuber‹ 83

Moor, den Schiller auf einen „Trabanten der Hölle“ einquartiert wis-
sen will155, gebärdet sich dabei wie Klopstocks Satan, der seine hölli-
schen Arsenale in Bewegung setzt, um – wie die „Pest in mitternächt-
lichen Stunden“156 – Judas zum Abfall von Jesus zu bewegen: „So fall
ich Streich auf Streich, Sturm auf Sturm dieses zerbrechliche Leben
an, bis den Furientrupp zuletzt schließt – die Verzweiflung! Triumf!
Triumf!“157 Die eigentliche Pointe von Franzens psychopathologi-
scher Registerarie erschließt sich nur vor dem doppelten Hintergrund
einer essentialistischen Nosologie, die Krankheiten als personale Enti-
täten auffasst, sowie einer allegorischen Manier, die sich aus einer lan-
gen Tradition vergilischer Epik mit ihren obligaten Unterweltsgän-
gen und allegorischen Chargen speist. Schon die Fieberschrift enthält
daher, wo sie die physiologischen Folgen psychologischer Schwächen
beschreibt, den Grundriss des Franz’schen Monologs:
Deshalb pflegen die alltäglichen Gemütsbewegungen Gemütsbewegungen
wie Unwillen, verzehrender Zorn, Kummer, Ekel, Heimweh und Melan-
cholie eingedrungene Krankheitsstoffe, ja sogar selbst Wunden einer fauli-
gen Krankheit Angriffspunkte zu bieten.158
Diese Erkenntnis – „Leidenschaften mißhandeln die Lebenskraft“ –
bietet das Fundamentalgesetz, auf dessen Grundlage nun Franz seine
höllischen Heerscharen in Bewegung zu setzen unternimmt. Es sind
teils dieselben „Gattungen von Empfindnissen“, die schon in der Fie-
berschrift genannt werden. Franzens „Arsenal des Todes“ ist ein in-
fernales Bestiarium, in dem sich Physiologie und Physiologus nahe
kommen nach dem Schema: „Zorn? – dieser heißhungrige Wolf frißt
sich zu schnell satt – Gram? – Dieser Wurm nagt mir zu langsam –
Sorge? – diese Natter schleicht mir zu träge“.159

––––––––––––––
anregende Studie von Nikolas Immer: Der inszenierte Held. Schillers dramatische
Anthropologie. Heidelberg 2008, hier S. 191-233.
155 NA 22, 122 (Selbstbesprechung der Räuber).
156 Klopstocks Werke in einem Band. Ausgew. und eingel. von Karl-Heinz Hahn. Ber-
lin/Weimar 1985, S. 23 (Messias, 3. Buch).
157 NA 3, 40.
158 SW, Bd. 5, S. 1102 (§ 20): „Diuturni itaque animi adfectus, quales sunt Indignatio siva
Ira depascens, moeror, taedium, nostalgia et Melancholia, miasmata introducta, quin
ipsa Vulnera morbo putrido ansam praebere consueverunt.“
159 NA 3, 39. Auf die Tiere folgen dann konsequent die Dämonen und Teufel christli-
cher Anfechtung: „Reue, höllische Eumenide“ und am Ende des „Furientrupp(s)“
eben die „Verzweiflung.“

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84 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

2.2. Das Fieber im Drama

Zwischen Dichter und Mediziner, Räubern und Fieberschrift verlau-


fen vielfältige Verbindungen. Das medizinische Wissen präfiguriert
den dramatischen Konflikt des Bruderzwistes und umgekehrt. Diese
These gewinnt an Plausibilität, setzt man Themenwahl und erste Dis-
position der Fieberschrift mit dem dramatischen Erstling in Bezie-
hung. Die Entscheidung für die gegensätzlichen Fiebertypen mag für
Schiller deshalb plausibel gewesen sein, weil sie unmittelbar die Asso-
ziation der gegensätzlichen, in ihrer Ungeheuerlichkeit jedoch kom-
plementären Brüder weckte. Für entzündliches und Faulfieber gilt
wie für Karl und Franz Moor, dass beide „sich an Charakter sehr un-
ähnlich sind“160 und daher „eine der anderen grundlegend zuwider
läuft“.161 Schon in § 2 werden die beiden Fieberarten nicht nur perso-
nifiziert, sondern als Ideal- und Antitypen, gewissermaßen als ver-
feindete Brüder behandelt.162 Wüsste man nicht, dass hier von akuten
Fiebererkrankungen die Rede ist, man könnte den Satz unmittelbar
auf das feindliche Brüderpaar Franz und Karl Moor beziehen. In bei-
den verwirklichen sich nicht nur „unterschiedliche Heldenkonzep-
te“163, sondern auch Krankheitsbilder.
So gilt für die dramatischen Figuren dieselbe Komplementarität
wie für die Fieberarten. Wo des einen Weg gerade geht, ist der andere
„heimtückischer schadenfroher Gemütsart“.164 Karl, der seinen anti-
ken Vorbildern durch „Taten“, „Größe“ und „Fülle von Kraft, die al-
le Geseze übersprudelt“165, gleichkommen will und sich „in offener
Feldschlacht“ den Mächtigen entgegenwirft, entspricht dem Typus
des „entzündlichen Fiebers“. Franz, der „schleichende Teufel“166,
gleicht dem Faulfieber, das sich „wie ein hinterlistiger Feind in das In-
nere des Körpers einschleicht“167 und heimtückisch seinen malignen
Angriff „unter dem Schein der Gutartigkeit“ auf die bereits Ge-
schwächten, im Falle der Räuber auf „die kraftlose(n) Knochen“ des
Vaters168 richtet. Wie Franz bedient sich das Faulfieber subtiler Stra-
––––––––––––––
160 NA 22, 115.
161 SW, Bd. 5, S. 1058: „quorum unum [sc. genus] ab altero prorsus abhorret“
162 Ebd. S. 1059: „Simplicius primum, at rigidius atrociusque aperto Marte in firmos de-
cumbit, sed sub insidiis alterum, et sub specie benignitatis malignum in labefactos sese
insinuat. Subito irruens illud, hoc subdole lentoque gradu obrepit.“
163 Immer: Der inszenierte Held, S. 191.
164 NA 22, 115.
165 NA 3, 6 (Vorrede zur 1. Auflage).
166 NA 22, 118.
167 SW, Bd. 5, S. 1102: „[H]ostis insidiosus per corporis penetralia serpit.“
168 NA 3, 50.

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2. Fieberpoetik: ›Die Räuber‹ 85

tegien der Dissimulation, der „Masken“.169 Als „heimtückischer


Feind“ dringt es unbermerkt „unter der Maske katarrhalischer Er-
krankungen“ ein170 und „schmiegt sich in alle Formen“.171
Das Faulfieber ist gewissermaßen der Höfling und Intrigant unter
den Krankheiten, umgekehrt führt Franz Moor die zersetzende Kraft
des Faulfiebers in die dramatische Ökonomie der Räuber ein. Der
dramatische Erstling gewinnt so die allegorische Dimension eines See-
len- und Weltkampfes. Franz ist jener „pessimus morbus“, von dem
Schiller sagt, dass er „durch keine Abhandlung erschöpfend behandelt
werden kann“.172 So hat Schiller in seinem Stück nicht nur „die Natur
gleichsam wörtlich abgeschrieben“ oder in einem Gemälde porträtiert
(man denke an Sydenhams medizinische „Porträtkunst“), sondern
auch das nosologische Drama der beiden Fieberarten. Hier wie dort
folgt der Autor dem Prinzip des Kontrastes: Wenn Schiller in der
Vorrede zu den Räubern schreibt: „Es ist einmal so die Mode in der
Welt, daß die Guten durch die Bösen schattiert werden, und die Tu-
gend im Kontrast mit dem Laster das lebendigste Kolorit erhält“173, so
gilt die Patho-Logie des komplementären Übels schon für die Kon-
zeption der Fieberschrift. Schiller selbst hat in seiner Selbstbesprechung
auf das medizinische Substrat seines Dramas hingedeutet. Wie eine
medizinische Fallbeschreibung zeigten sich hier die Folgen des psy-
chischen Einflusses auf den Körper:
Ich denke vielmehr überzeugt zu sein, daß der Zustand des moralischen
Übels im Gemüt eines Menschen ein schlechterdings gewaltsamer Zustand
sei, welchen zu erreichen zuvörderst das Gleichgewicht der ganzen geistigen
Organisation (wenn ich so sagen darf) aufgehoben sein muß, so wie das gan-
ze System der tierischen Haushaltung, Kochung und Scheidung, Puls und
Nervenkraft durcheinander geworfen sein müssen, eh die Natur einem Fie-
ber oder Konvulsionen Raum gibt.174
Damit illustriert Schiller am dramatischen Exemplum nur jenes
„Fundamentalgesez der gemischten Naturen“, wonach „die Thätig-
keiten des Körpers […] den Thätigkeiten des Geistes“ korrespondie-
ren.175 Schillers Beispiele für psychogene Erkrankungen sind denn
auch weniger am Krankenbett („ad lectos aegrorum“176) gewonnen als
––––––––––––––
169 NA 22, 123.
170 SW, Bd. 5, S. 1098f.
171 NA 22, 123.
172 SW, Bd. 5, S. 1106: „Supersunt innumera plura quae pessimum morbum insigniunt,
nulla certe exhaurienda tractatione.“
173 NA 3, 5.
174 NA 22, 121 (Selbstrezension der Räuber).
175 NA 20, 57 (Versuch ueber den Zusammenhang).
176 SW, Bd. 5, S. 1056.

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86 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

durch Lektüre Shakespearischer „Febrizitanten“ und „Delirant(en)“


wie Brutus, Cassius, Richard, Lady Macbeth usw., vor allem aber
durch das eigene Schreibexperiment der Räuber. Shakespeare erfüllt
für Schiller in etwa die Rolle, die Consbruch mit seiner medizini-
schen Praxis erfüllt: er ist Medium und Gewährsmann empirischer
Psychologie. Shakespeares Stücke firmieren daher in § 15 des Versuchs
unter dem Stichwort „Fieber“: „Furcht, Unruh, Gewissensangst,
Verzweiflung wirken nicht viel mehr als die hitzigsten Fieber“.177 Die
Räuber setzen ins Bild, was Fieberdissertation und Versuch ueber den
Zusammenhang analytisch herauspräparieren. Sie schildern die Psy-
chogenese einer Krankheit, die im Falle Franz Moors in der Tat den
skizzierten Verlauf von der seelisch-sittlichen zur physischen Zerrüt-
tung nimmt. Schiller konnte daher die entscheidende Krise des Franz
Moor in seinem Versuch als empirischen casus analysieren:
Der von Freveln schwer gedrükte Moor, der sonst spitzfindig genug war, die
Empfindungen der Menschlichkeit durch Skeletisirung der Begriffe in nichts
aufzulösen, springt eben izt bleich, athemloß, den kalten Schweiß auf seiner
Stirne, aus einem schrecklichen Traum auf. Alle die Bilder zukünftiger Straf-
gerichte, die er vielleicht in den Jahren der Kindheit eingesaugt, und als
Mann obsopirt hatte, haben den umnebelten Verstand unter dem Traum
überrumpelt. Die Sensationen sind allzuverworren, als daß der langsamere
Gang der Vernunft sie einholen und noch einmal zerfasern könnte. Noch
kämpfet sie mit der Phantasie, der Geist mit den Schrecken des Mechanis-
mus.178
Zu den dramatischen wie medizinischen Pointen des Stücks zählt der
Umstand, dass der kalte Intrigant im weiteren Verlauf der Handlung
selbst zum Opfer des hitzigen Fiebers wird. Im Text des Versuchs
folgt auf die eben angeführte Stelle eine Analyse des Dialogs zwischen
dem Bedienten (später Daniel) und Franz Moor (V, 1), die belegen
soll, „wie das auffahrende Integralbild des Traums das ganze System
der dunkeln Ideen in Bewegung [bringt]“.179 Es scheint, als hätten sich
die Rollen umgekehrt. Der Diener Daniel ist zum Arzt geworden:
„Ihr seyd totenbleich, eure Stimme ist bang und lallet“180, diagnosti-
ziert der Laienmediziner, der seinen Herrn „ernstlich krank“ findet.181
Franz, der „gescheite Arzt“, weiß um seinen Zustand: „Ich habe das
Fieber. Sage du nur, wenn der Pastor kommt, ich habe das Fieber. Ich
will morgen zur Ader lassen, sage dem Pastor“ – wohl wissend, dass
im „Aderlass die Hauptsache dessen liegt, was [beim Fieber] zu tun
––––––––––––––
177 NA 20, 60.
178 Ebd.
179 Ebd.
180 NA 3, 117.
181 NA 3, 118.

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2. Fieberpoetik: ›Die Räuber‹ 87

ist182. Nun wirkt das Fieber wiederum zurück auf den Geist. „Die
Krankheit verstöret das Gehirn, und brütet tolle und wunderliche
Träume aus“183, etwa jenes „leibhaft Konterfey vom jüngsten Tage“,
das Franz im Anschluss schildert184. Was Franz hier halluziniert und
Schiller literarisch imaginiert, entspricht den Unterwelts- und Pest-
phantasien der Anthologie mit ihren Höllenvisionen und Schreckbil-
dern der letzten Dinge: „Hohl und hager, wandelnde Gerippe, / Keu-
chen sie in des Cocytus Boot.“ In beiden Fällen, in den Räubern wie
im Anthologie-Gedicht, handelt es sich um Fieberträume, Halluzina-
tionen von „Febrizitanten“, die poetisches Kapital aus der empiri-
schen Nosologie schlagen, die Delirien des Fiebers nun zu poetischen
Imaginationen ausbauen.185 Was Franz betrifft, so ist er nicht nur „als
Denker blamiert“186, sondern auch als Mediziner. Der „gescheite“
Arzt ist am Ende ein gescheiterter, der sich in der Ätiologie seiner
Krankheit und ihrer Symptome gründlich verschätzt hat. Schon der
materialistischen These, dass „unser Wesen nichts ist als Sprung des
Geblüts“187, widerspricht Schillers eben zitierte psychologische Ablei-
tung physiologischer Vorgänge.
Franzens diagnostische Irrtümer werden erst vor dem Hinter-
grund des medizinischen Wissens der Fieberschrift deutlich. Wo
Franz die Seele schlechthin auf eine Funktion des Körpers reduziert,
wertet Schiller diesen radikalen Materialismus als Symptom und
„Fieberparoxysmus“ des freidenkerischen Zweifels ab. In Wirklich-
keit ist es der Geist, der hier den Körper baut resp. abbaut. Ein zwei-
tes Mal täuscht sich Franz in der Ursache seiner Traumdelirien. Die
kommen nämlich nicht „aus dem Bauch“, worauf der Fieberspezialist
Schiller in einem seiner polemischen Seitenhiebe auf Autoritäten der
Medizin, „die ein Delirium nur gelten lassen, wenn es aus dem tiefs-
ten Teil des Unterleibes heraus ein sympathetisches ist“188, hinweist.
Mit der Vision des Jüngsten Gerichts hat das Fieber – wie das Drama
– seinen Höhepunkt erreicht. Das hitzige Fieber geht durch „Ver-
schlimmerungen“ seinem Höhepunkt zu, dessen Symptomatologie
Schiller in § 10 beschreibt. Auch für den delirierenden Franz „besteht
––––––––––––––
182 Ebd. Zum Aderlass vgl. SW, Bd. 5, S. 1082: „Rerum faciendarum summa in sanguinis
missione collocata est.“
183 NA 3, 118
184 NA 3, 119.
185 Auch Karl Moor erlebt einen Fieberparoxysmus, verbunden mit halluzinativen Visi-
onen und Bildern (NA 3, 80: „Oh all ihr Elisiums Scenen meiner Kindheit“).
186 Riedel: Die Aufklärung und das Unbewusste, S. 207.
187 NA 3, 121.
188 SW, Bd. 5, S. 1079 (§ 9): „Dantur, qui delirium non admittunt, nisi ex imo ventre
sympathicum multisque sententiam speciosis adornant ratiunculis […].“

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88 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

keine Hoffnung auf Unterbrechung, solange die Ursachen, die das


Fieber nährten, in einem fort bestehen.“189 Wo die Dissertation
schließlich auf die Heilverfahren zu sprechen kommt, muss das Dra-
ma mit dem Befund einer Krankheit zum Tode bzw. zum Selbstmord
abbrechen. Hier liegt die Pointe der Kunst und gleichzeitig die Stelle,
an der sie sich von der Medizin trennt: Die Heilung vollzieht sich
nicht auf der Bühne, sondern durch die Bühne. Wo die Figuren an ih-
rem Fieber zu Grunde gehen, wird der Zuschauer durch die poetische
Medizin der Schaubühne therapiert. In der Selbstbesprechung wird die-
se Analogie in einem für das 18. Jahrhundert singulären Vergleich
ausgesprochen. Der Autor – also Schiller selbst – muß „starke Dosen
in Emeticis [Vomitive; J.R.] ebenso lieben als in Aestheticis“.190
Dies war der Stand der Katharsis-Deutung in der Phase der Räu-
ber. Das Drama dient weniger als Palliativ denn als Purgativ. Das Ge-
biet des Theaters beginnt dort, wo das der Medizin endet. Wo deren
„Medikamente“, wie es im Motto heißt, „nicht heilen“, kommt das
„Feuer“ der Dichtung zum Einsatz, konkret jene „Fieberhitze“, an
welcher der Protagonist stellvertretend zu Grunde gehen muss, damit
das Publikum gesundet. So lassen sich per analogiam auch die Räuber
als „pathographischer Grundriss“ („morbi Ichnographia“)191 lesen, der
die Krankheit des Protagonisten „von ihrem ersten Angriff bis zum
letzten Abklingen“ verfolgt. Die Schaubühne wird zur Klinik, in der
sich der letale Fall eines hitzigen Fiebers studieren lässt, das parado-
xerweise den „kalte(n), hölzerne(n)“192 Radikalaufklärer trifft. Patho-
logie und Poetik sind einander verpflichtet, und dies nicht nur moti-
visch, sondern strukturell – ut febris poesis.

3. Die Anthologie als Anthropologie. Schillers frühe Lyrik


3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie
3.1. Phantasien

Der Tod, schreibt Benno von Wiese, ist in den Laura-Gedichten der
Anthologie auf das Jahr 1782 „der unheimlich anwesende, unerwünsch-
te Gast“.193 Es ist daher nur folgerichtig für den Regimentsarzt und
Angehörigen des „äskulapischen Orden(s)“, wenn die Sammlung auch

––––––––––––––
189 SW, Bd. 5, S. 1081 (§ 10).
190 NA 22, 131.
191 SW, Bd. 5, S. 1058.
192 NA 3, 14.
193 Wiese: Schiller, S. 126.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 89

„meinem Prinzipal dem Tod zugeschrieben“ wird.194 Der Arzt als Zu-
arbeiter des Todes – auf diesen Gedanken, der in der Anthologie in
verschiedenen satirischen Epigrammen weitergeführt wird, fällt von
den Räubern wie von den medizinischen Schriften ein eigenes Licht,
das die Ebene der „reinen Fachsimpeleien“ und die Analogie der „stu-
dentischen Bierzeitung“ durchaus übersteigt.195 Auch in der Antholo-
gie zeigt sich Schiller als poeta medicus, auch sie ist in ihren anthropo-
logischen Konturen nur als konzertierte Aktion des Dichter-Arztes
denkbar. Kontinuitäten zu den Räubern sind unübersehbar. Spiele-
risch schlüpft Schiller noch einmal in die Rolle des Franz Moor und
stellt sich als „umgekehrter“ Arzt vor, der „unsterbliche Fehde deiner
Erbfeindin Natur“ geschworen habe, „sie zu belagern mit Medika-
menten Heereskraft, eine Wagenburg zu schlagen um die Stahlische
Seele“.196 Treibt die Vorrede mit dem Tod ihr satirisch-mutwilliges
Spiel (etwa mit der Bitte, der Tod wolle diese Anthologie nicht ver-
schlingen wie die „Sächlein der Vorgänger“, z.B. Stäudlin), so stimmt
sie doch ein unfrohes „Hauptthema“197 der Sammlung an, das in einer
Serie von „Todesgesänge(n) in barocker Motivik“198 kulminiert. Die
Anthologie weist innerhalb von Schillers Lyrik „die reichste Bebilde-
rung des Todes“ überhaupt auf.199

––––––––––––––
194 NA 22, 83. Der Text ahmt Claudius’ Vorrede zum Wandsbecker Boten (1774) und de-
ren Monolog über „Freund Hain“ nach. Alt: Schiller, Bd. 1, S. 226. Zur Anthologie
Ebd. S. 225-236; Luserke-Jaqui: Friedrich Schiller. Tübingen/Basel 2005, S. 182-197;
Kurscheidt, Georg: Schiller als Lyriker. In: Ders. (Hg.): Friedrich Schiller: Gedichte.
Frankfurt /Main 1992, S. 749-803, hier S. 781-785; ders.: Anthologie auf das Jahr
1782. In: Luserke-Jaqui (Hg.): Schiller-Handbuch, S. 491-505; Oellers, Norbert: Kom-
mentar zu Schillers Lyrik. In: NA 2/II B, S. 299-323; Hettner, Hermann: Schillers
Anthologie. In: Sturm und Drang. Hg. von Manfred Wacker. Darmstadt 1985, S. 397-
409; Wiese: Schiller, S. 115-135; Fechner, Jörg-Ulrich: Schillers ‚Anthologie auf das
Jahr 1782‘. Drei kleine Beiträge. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 17
(1973), S. 291-303; Mommsen, Katharina: Nachwort zu: Dies. (Hg.): Friedrich Schil-
ler: Anthologie auf das Jahr 1782. Stuttgart 1973 (= Sammlung Metzler 118), S. 3*-21*;
dort S. 6*-12* eingehend zur Vorrede.
195 Mommsen: Nachwort, S. 7.
196 NA 22, 83.
197 Mommsen: Nachwort, S. 8
198 Kurscheidt: Schiller als Lyriker, S. 782. Hier gilt allerdings (mit Gerhard Storz: Der
Dichter Schiller. Stuttgart 1959, S. 199): „Solche Ausblicke bleiben letztlich im Unbe-
stimmten.“ Genaueres bei Andrea Bartl: Schiller und die lyrische Tradition. In:
Koopmann (Hg.): Schiller-Handbuch, S. 117-136, hier S. 123-128. Dort jedoch S. 126
auch das Eingeständnis, „wie wenig gesichert gerade die These ist, Schillers Lyrik be-
ruhe in manchem auf barocken Strukturen.“ Stäudlin hatte jedenfalls dieselbe Intuiti-
on. In seinem Gedicht Das Kraftgenie verspottet er Schiller als den größten Geist „seit
Vater Lohenstein“ (v. 3).
199 Bartl: Schiller und die lyrische Tradition, S. 127.

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90 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Im Kontext dieser lyrischen „Stilübungen“200, die das Gedicht zur


„Aufgabe und Probe, nicht zuletzt formal-technischer Art“201, und
den Autor zum „poetischen Stimmenimitator hohen Ranges“202 wer-
den lassen, bilden diese lyrischen Thanatopoesien, zu denen Stücke
wie Gruppe aus dem Tartarus, Die Pest, Eine Leichenphantasie zählen,
eine Gruppe eigenen Rechts und Charakters, die an allen themati-
schen Blöcken der Sammlung – Liebeslyrik, Hymnik, Lehrdichtung,
Zeitkritik und Satire203 – partizipieren. Die Anthologie umfasst „nahe-
zu sämtliche Formtypen der zeitgenössischen Lyrik“204, bietet
„schroffe Antithesen von Vernunft und Mechanik, von Idealismus
und Naturalismus, von Geist und Brunst, von Ewigkeit und Cha-
os“.205 Es dominiert der Gestus der Improvisation, der „Ord-
nungslosigkeit“206 und varietas. Inhaltlich spannt sich der Bogen von
„Paradieseskinder-Phantasien“ (Die Kindermörderin) über platonische
Vereinigungsvisionen bis zu lyrischer Totenbeschwörung. Der Flug
der Phantasie zählt nicht nur zu den wichtigsten Motiven, er ist das
zentrale Thema der Sammlung.
Darüber hinaus konstituiert er eine eigene Gruppe von Texten
mit dem Untertitel Phantasie.207 Es handelt sich um die Stücke Mor-
genphantasie, Die Herrlichkeit der Schöpfung, Phantasie an Laura, Eine
Leichenphantasie (1780) sowie Die Pest. Eine Phantasie. Die Gattungs-
bezeichnung Phantasie schafft einen doppelten Bezug – zu Musik und
Anthropologie. Zunächst und vor allem handelt es sich nicht um eine
literarische sondern eine musikalische Form. Phantasie bezeichnet in
dieser Tradition Improvisation. Um eine „Fantasie“ handelt es sich,
Sulzer zu Folge, wenn der Artist „nicht ein schon vorhandenes Stük
spielt, sondern eines, das er währendem Spielen erfindet“. Alle „auf
diese Weise gespielten Stüke werden Fantasien genennt, was für einen
Charakter sie sonst an sich haben.“208 Solches Stegreifspiel gewinnt
zeitgenössisch den Mehrwert des Regelfreien und Intuitiven, des emp-
findsam träumerischen Versinkens in die Wollust des Wohllautes.
Schon Johann Mattheson empfiehlt 1739, beim Fantasieren durch
––––––––––––––
200 Ebd. S. 120.
201 Storz: Der Dichter Schiller, S. 200.
202 Alt: Schiller, Bd. 1, S. 235.
203 Ebd. S. 226.
204 Ebd.
205 Wiese: Schiller, S. 119.
206 Kurscheidt: Anthologie, S. 499.
207 Von ihr hat die Forschung – abgesehen von Joachim Bernauer: ‚Schöne Welt wo bist
du? Über das Verhältnis von Lyrik und Poetik bei Schiller. Berlin 1995 (= Philologische
Studien und Quellen 138), S. 70 – kaum Notiz genommen.
208 Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Bd. 1, 368.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 91

„betrübte Ausdrückungen dem Hertzen Lufft“ zu machen, wenn man


„traurig und gekränckt“ sei.209 Dies geschieht, wenn Lady Milford in
einem freien, aber reizenden Negligé, die Haare noch unfrisiert, […]
vor dem Flügel [sitzt] und phantasiert“.210 Die trancehafte Versunken-
heit in die Improvisation wird in der Literatur der Zeit an musikali-
schen Genies wie Carl Philipp Emanuel Bach immer wieder be-
schrieben.211 In Laura am Klavier wird diese Symptomatik von der
Dichtung nachvollzogen, insofern ist Schillers Einbürgerung des Be-
griffs nur folgerichtig. Mit seinen lyrischen „Fantasien“ kreiert Schil-
ler eine neue lyrische und „erfahrungsseelenkundliche“ Subspezies.
Zwar bringt die empfindsame Lyrik der siebziger Jahre immer wieder
Gedichte An die Phantasie heraus (Hölty, Matthisson), als Genrebe-
zeichnung scheint sie jedoch Schillers Erfindung zu sein.212
Diesem ambivalenten Genre haftet ein nosologischer Schatten an.
Phantasieren bedeutet eben auch Verlust der Selbstkontrolle oder ins
Wahnhafte gesteigerte Vision. Am Anthologie-Gedicht Die Pest wird
der Zusammenhang zur Fieberschrift manifest. Der Text bietet nicht
nur „babylonische Turmbauten im Bildlichen“213, sondern ist ein Ver-
such in poetischer Arzneikunst. Schiller nutzt sein medizinisches
Wissen, um eine horrible, proto-expressionistische Todes- und End-
zeitvision zu entwerfen:
Gräßlich preisen Gottes Kraft
Pestilenzen würgende Seuchen,
Die mit der grausen Brüderschaft
Durchs öde Thal der Grabnacht schleichen. 214
Eingerahmt durch den doppelten Verweis auf Gott wird ein malignes
Krankheitsgeschehen in seiner psychophysischen Wechselwirkung
vorgeführt. Wie die seelischen die tierischen Empfindungen begleiten,
hatte Schiller in § 19 des Versuchs ausgeführt: Gezeigt wird, wie die
––––––––––––––
209 Johann Mattheson: Der vollkommene Capellmeister. Das ist: Gründliche Anzeige aller
derjenigen Sachen, die einer wissen, können, und vollkommen inne haben muß, der einer
Capelle mit Ehren und Nutzen vorstehen will. Hamburg 1739, S. 107.
210 NA 5, 25.
211 „Während dieser Zeit gerieth er dergestalt in Feuer und wahre Begeisterung, daß er
nicht nur spielte, sondern die Miene eines ausser sich Entzückten bekam. Seine Au-
gen stunden unbeweglich, seine Unterlippe senkte sich nieder und seine Seele schien
sich um ihre Gefährten nicht weiter zu bekümmern.“ Bitter, Carl Hermann: Carl
Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann Bach und deren Brüder. Bd. 2. Berlin 1868,
S. 99.
212 Zu prüfen wäre, ob Matthissons Gedicht „Phantasie“ bereits auf Schiller reagiert. Vgl.
Friedrich Matthisson: Gedichte. Hg. von Gottfried Bölsing, 2 Bde. Tübingen 1912,
hier Bd. 1, S. 221.
213 Dyck: Die Gedichte Friedrich Schillers, S. 8.
214 NA 1, 116.

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92 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Krankheit sich zunächst „in die verborgensten Winkel der Maschine


schleich(t)“215, um dort die „Lebenskraft der Nerven [zu] untergra-
ben“. Die nahe Auflösung kündigt sich durch eine „Revolution im
Karakter“ an. Die Seele beginnt, „den Fall ihres Gefährten in dunkeln
Ahndungen voraus zu empfinden“216, so lacht der „Wahnsinn in das
Angstgestöhne“ (v. 7). Es kommt zu Pulsrasen und Beklemmung
(„Bang ergreifts das klopfende Herz“; v. 4). Die Erkrankten werden,
wie Schiller mit Bezug auf den „grosse(n) Arzt“ Sydenham ausführt,
von „Vorschauer(n) (Horrores)“ heimgesucht. Schiller hatte diese
Symptomatik der Angst- und Kälteschauer bereits in der Fieberschrift
analysiert und mit einem ausführlichen Zitat aus Sydenham belegt.
Wie hier die Algores zu feindlichen Invasoren des geschlossenen Säfte-
körpers werden, stilisiert Schiller im Anthologie-Gedicht die Pestilen-
zen zu Dämonen und apokalyptischen Würgeengeln. Was in der Fie-
berschrift nur ästhetisch-rhetorische Zugabe war, rückt hier ins Zent-
rum: Die Krankheit als maligner Genius, der sich in den Körper ein-
schleicht, um seinen „Ruin“ herbeizuführen. Auch bei der eigentli-
chen Pointe des Gedichts reichen sich poeta medicus und medicus poeta
die Hand. Kristallisieren sich in der Fieberschrift die Zweifel an der
zweckmäßigen Einrichtung der Weltordnung an Sydenhams „vis
medicatrix naturae“, so wird die Frage nach der Theodizee gestellt
nun offen. Das Ergebnis ist eine Art paradoxes Enkomium, ein iro-
nisch-sarkastisches Lob des Übels, in dem Gott nicht mehr seiner Gü-
te, sondern seiner schieren Kraft wegen gepriesen wird.
Die Ausnahme- und Auflösungszustände, welche die „Grenzlinie
der Gesundheit“ überschreiten, werden in Schillers lyrischen Phanta-
sien nicht nur beschrieben, sie sind auch Modus der Beschreibung
selbst. Anthropologie und Poetik stehen sich konträr bzw. komple-
mentär gegenüber: „Die Extremisierung der Gefühlslagen“217 in der
frühen Lyrik macht die Aufhebung der Mittellage und die Trennung
des commercium zum lyrischen Prinzip. Dies geschieht einerseits
durch Krankheit und Tod, andererseits durch ‚Entgeisterung‘ und
Aufstieg zum Einen, so in den Laura-Gedichten. In jedem Fall entwi-
ckelt Schiller einen eigenen Typus von Rollendichtung, der dyna-
misch und performativ diesen gleichsam zentrifugalen Prozess der
psychophysischen Desintegration einfängt und abbildet. Begleitet
wird dieses discidium mentis et corporis regelmäßig von Visionen und
Delirien, von Fieber und „Phantasien“. Die „Phantasien“ sind Fieber-

––––––––––––––
215 NA 20, 65.
216 Ebd.
217 Koopmann, Helmut: Schillers Lyrik. In: Ders. (Hg.): Schiller-Handbuch, S. 303-325,
hier S. 308.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 93

lyrik, und Schiller weist auf diese Affinität in seiner Selbstbespre-


chung ausdrücklich hin, wenn er betont, die Laura-Gedichte seien
„mit brennender Phantasie und tiefem Gefühl geschrieben […], aber
überspannt sind sie alle und verraten eine allzu unbändige Imaginati-
on“.218
Dies führt zu einer paradoxen Rollenverteilung: Dichter und Kri-
tiker spalten sich in Partialinstanzen auf. Im Rezensenten lebt dabei
der Arzt fort, der sich selbst als Schwärmer denunziert.219 Die Selbst-
Rezension setzt mit ihrer fingierten Spaltung des Autor-Ichs in zwei
personae die „vielfache Spaltung seines Ichs“220 innerhalb der Antholo-
gie fort und wird strategisch zum Medium psychohygienischer Ab-
wehrarbeit – Kritik als Katharsis. Dies verbindet sie mit den dialogi-
schen Formen des Frühwerks, den Philosophischen Briefen und den ei-
gentlichen Dialogen (Spaziergang unter den Linden, Der Jüngling und
der Greis, das Philosophische Gespräch im Geisterseher). Der Autor spal-
tet sich in die Antitypen von Materialist und Idealist, von „Febrizi-
tant“ (d.h. Sprecher) und Arzt (d.h. Rezensent), eine Rolle, die der Li-
teraturkritik eine psychopathologische Semantik verleiht.221 Die Bür-
ger-Rezension wird dies bestätigen.

3.2. Pathologischer Petrarkismus

Die Beziehung zur medizinisch-anthropologischen Tradition ist je-


doch nur eine Seite. Dass die Laura-Gedichte darüber hinaus die Tra-
dition des Petrarkismus voraussetzen, ist schon im Namen der Ge-
liebten angedeutet. Das Neue liegt in der Verbindung beider Diskurse
zur Spielform eines pathologischen Petrarkismus, der Schillers eige-
nen Beitrag zum sog. „zweiten Petrarkismus“ darstellt.222 Tatsächlich
––––––––––––––
218 NA 22, 133.
219 Vgl. Otto, Regine: Schiller als Kommentator und Kritiker seiner Dichtungen von
den „Räubern“ bis zum „Don Carlos“. In: Weimarer Beiträge 22 (1976), S. 24-41.
220 Vgl. Julius Petersen: Nachwort zur Faksimile-Ausgabe der Anthologie (Stuttgart
1932), S. 11.
221 In dieser Doppelrolle von (kritischem) Arzt und (poetischem) Fieberzustand spiegelt
sich idealtypisch die von Freud bemerkte „Neigung des modernen Dichters, sein Ich
durch Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zerspalten und demzufolge die Konflikt-
strömungen seines Seelenlebens in mehreren Helden zu personifizieren.“ Freud: Der
Dichter und das Phantasieren. In: Gesammelte Werke, Bd. 7, S. 221.
222 Korch, Katrin: Der zweite Petrarkismus. Francesco Petrarca in der deutschen Dichtung
des 18. und 19. Jahrhunderts. Aachen 2000; Aurnhammer, Achim (Hg.): Francesco Pet-
rarca in Deutschland. Seine Wirkung in Literatur, Kunst und Musik. Tübingen 2006 (=
Frühe Neuzeit 118), allerdings ohne Beitrag zur Anthologie; Ders. (Hg.): Petrarca in
Deutschland. (Katalog zur) Ausstellung zum 700. Geburtstag (20. Juli 2004). Heidelberg
2004.

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94 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

kehren in den Laura-Gedichten nicht wenige Elemente des ‚ersten‘


Petrarkismus wieder, auch wenn Schiller weniger auf „direkte oder
indirekte Nachahmung Petrarcas“223 denn auf Anschluss an jene Ent-
wicklung sinnt, die mit einem „idyllisch-mystisch verklärte(n) Petrar-
ca-und-Laura-Kult im Frankreich der 1760er Jahre“224 eingesetzt hatte.
In Deutschland fand dieser empfindsame Petrarkismus seinen Grün-
dungstext in einer Klopstock-Ode mit dem Titel Petrarch und Laura
(1748; gedr. 1771).225 Eine Vermittlerrolle könnten Autoren wie Jo-
hann Peter Uz, Johann Wilhelm Ludwig Gleim, J.M.R. Lenz oder
Ludwig Hölty gespielt haben. In der deutschen Lyrik um 1770 waren
„Petrarca und seine Laura-Liebe so allgegenwärtig, daß ihn Gleim ge-
radezu in den Kreis der lebenden Poeten einreihte“.226 Gleim war es
auch, der gleichzeitig mit Klopstock und möglicherweise durch eige-
ne Lektüre des Canzoniere inspiriert systematische Annäherungen an
Petrarca unternahm, die dann in der Sammlung Petrarchische Gedichte
(Berlin 1746) zusammenflossen.227 Auch hier handelte es sich weniger
um literarische imitatio als um Nachvollzug exemplarischer Lebens-
und Liebesformen: „Petrarca und Laura wurden als das große Liebes-
paar rezipiert“.228 So treten bei den genannten Autoren weniger die
Texte als die Person Petrarcas und seiner Geliebten in Erscheinung.
Diese Züge lassen sich gut bei Hölty zeigen. Die Ode Laura etwa,
in der Logik des Canzoniere ein Stück in Morte di Madonna Laura,
enthält im Wesentlichen bereits das Arsenal motivischer und struktu-
––––––––––––––
223 Regn, Gerhard: Petrarkismus. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 6. Tübin-
gen 2003, S. 911-921. Schillers Petrarkismus ist und bleibt eine der bekanntesten Un-
bekannten der Forschung. Hier gilt Analoges wie zur Barockrezeption. Erst in Ueber
naive und sentimentalische Dichtung tritt Petrarca als Autor ins Blickfeld, bezeichnen-
derweise in einer Unterscheidung zwischen „überspannter Empfindung“ und dem
„Überspannten in der Darstellung“: „Es ist keine Täuschung, was Heloïse für Abelard,
was Petrarch für seine Laura, was S. Preux für seine Julie, was Werther für seine Lotte
fühlt, und was Agathon, Phanias, Peregrinus Proteus (den Wielandischen meyne ich)
für ihre Ideale empfinden; die Empfindung ist wahr, nur der Gegenstand ist ein ge-
machter und liegt außerhalb der menschlichen Natur.“ NA 20, 484.
224 Becker-Cantarino, Barbara: „Petrarca und Laura“. Erotische Performativität und Ima-
ginationen bei Gleim und Klopstock. In: Aurnhammer, Achim: Petrarca in Deutsch-
land. Ausstellung zum 700. Geburtstag. Heidelberg 2004, S. 297-312, hier S. 311.
225 Auch für Klopstock gilt, dass seine „Ode ohne eine Lektürekenntnis des Canzoniere
erfolgte.“ Fechner, Jörg-Ulrich: Klopstocks Petrarch und Laura (und die Nachfolger –
und die Folgen?). In: Aurnhammer: Katalog – Petrarca in Deutschland, S. 327. Und
weiter (S. 347): „Ihre Verwendung der Namen von Petrarca und Laura ist Bildungs-
gut und bleibt insgesamt unspezifisch und unverbindlich […] Das Gedicht ist weder
petrarkisch noch petrarkistisch und erst recht nicht antipetrarkistisch.“
226 Becker-Cantarino: Erotische Performativität, S. 297.
227 Fechner: Klopstocks Petrarch und Laura, S. 341f.; Aurnhammer: Katalog – Petrarca in
Deutschland, S. 78f.
228 Becker-Cantarino: Erotische Performativität, S. 298.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 95

reller Möglichkeiten, auf das Schillers Laura-Gedichte in der Antholo-


gie zurückgreifen werden: Elegische Stimmung, somnambule Todes-
visionen und –sehnsüchte, optische und akustische Halluzinationen
(„nächtlich hör ich ihr Schallen“). In der Struktur ein dynamischer,
durch Bewegung auf Bewegung („Rührung“) des Lesers zielender
Sprachfluss, in dem sich der Tränenfluss resp. -strom spiegelt. Imagi-
niert werden Aufschwünge, Grenzüberschreitungen, Selbstliquidie-
rungen im Sinne eines empfindsamen Ozeanismus, in dem sich Kör-
perströme und Schriftfluss229 verbinden:
Du Bothin Gottes! Wonne mir, Wonne mir,
Ich ströme, kommst du, kniend, wo Laura kniet,
Anbetung über sie, und Andacht,
Wann sie vom Kelche des Bundes trinket.230
In Der Traum kommen imaginäre Himmelsreisen hinzu, in denen
sich christliche und literarische Reminiszenzen, Eden und Elysium zu
einer „erotische(n) Utopie“231 verbinden. Entscheidend – auch für
Schillers Laura-Gedichte – war jedoch ein anderer Aspekt: Die Um-
deutung des Konzepts der Schmerzliebe („dolendi voluptas“) vor dem
Hintergrund der zeitgenössischen Anthropologie und Ästhetik. Die
semantischen wie sentimentalen Antinomien der Gefühlswechsel
(„contrari affetti“) geraten nun in das Einflussfeld einer gleicherma-
ßen antinomischen doppelten Ästhetik. Die antithetische Struktur
der petrarkistischen Liebe wird der Theorie der „vermischten Emp-
findungen“ inseriert. Auch die petrarkistische Schmerzlust ist eine
„gemischte Empfindung des Leidens und der Lust am Leiden“232, wie
Schiller – Petrarcas Stichwort paraphrasierend – in Ueber den Grund
des Vergnügens schreibt. Schon bei Hölty ist diese Integration des Pet-
rarkismus in den Kontext der ästhetischen Diskussionen um die Lust-
Unlust-Empfindungen von Rührung und Erhabenem vollzogen. Die
Laura-Liebe weckt jenen „delightful horror“ („süßre Schauer“; Laura,
v. 13), der für das Erhabene seit Edmund Burke konstitutiv ist.233
––––––––––––––
229 Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr, S. 87-94.
230 Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Sämtliche Werke. Hg. von Wilhelm Michael. 2
Bde. Weimar 1914, Bd. 1, S. 93.
231 So die Formulierung in der wegweisenden Studie von Heinz Schlaffer: Musa iocosa.
Gattungspoetik und Gattungsgeschichte der erotischen Dichtung in Deutschland. Stutt-
gart 1971 (= Germanistische Abhandlungen 37), S. 211.
232 NA 20, 138 (Ueber den Grund des Vergnügens).
233 Für Burke ist die Liebe eine typische vermischte Empfindung: „Die Leidenschaft der
Liebe hat ihren Ursprung in einem positiven Vergnügen; sie ist wie alles, was daraus
hervorwächst, geeignet, mit einer Art von Unlust vermischt zu werden, – wenn näm-
lich die Idee ihres Objekts im Gemüt gleichzeitig mit der Idee erregt wird, es unwie-
derbringlich verloren zu haben.“ Edmund Burke: Philosophische Untersuchung über
den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen. Übers. von Friedrich

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96 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Stellt man die Anthologie in diese doppelte Fluchtlinie des zweiten


Petrarkismus und der Ästhetik der vermischten Empfindungen, so
wird die Verspätung deutlich, mit der Schiller auf den lyrischen Ge-
schmackswandel des vorausliegenden Jahrzehnts reagiert. Zwei spezi-
fische Eigenheiten sind dabei hervorzuheben. Sie betreffen einerseits
die Genealogie der Schiller’schen Ästhetik, die in den Laura-Gedich-
ten noch nicht als doppelte, sondern als „einfache“ in Erscheinung
tritt, in dem Sinne, dass ihre Komponenten – das Schöne und das Er-
habene – noch funktional verbunden sind. Andererseits lässt sich der
Laura-Zyklus einem „pathologischen Petrarkismus“ zuordnen, wie
ihn Barbara Beßlich im Hinblick auf J.M.R. Lenz’ Komödie Der Eng-
länder (1777), die nicht zufällig eine „dramatische Phantasei“ unterti-
telt ist, beschrieben hat.234
Hinzu kommt, dass Schiller seinen Laura-Liedern eine zyklische
Dimension verleiht. Er schließt damit an die älteren petrarkistischen
Sammlungen an, die einen charakteristischen „Ereigniszusammen-
hang“235 und ein „narratives Substrat“ als Strukturprinzip vorausset-
zen.236 Diese zyklische Organisation gilt jedoch mit Einschränkun-
gen. Einerseits finden sich die Laura-Gedichte über die Sammlung

––––––––––––––
Bassenge. Hg. von Werner Strube. Hamburg 21989 (= Philosophische Bibliothek
324), S. 87.
234 Lenz, Jakob Michael Reinhold: Werke und Briefe in drei Bänden. Hg. von Sigrid
Damm. Bd. 1. München/Wien 1978, S. 317. Dazu Beßlich, Barbara: Lenz und Petrar-
ca – Stationen einer literarischen Begegnung zwischen Anakreontik und Selbstkritik
des Sturm und Drang. In: Aurnhammer (Hg.): Petrarca in Deutschland, S. 361-374,
hier S. 370-374; einen vergleichbaren Ansatz zur Engführung von Lyrik und Anthro-
pologie, der die „formale Störung der Bildlogik“ zu erklären sucht, findet sich bei
Hannelore Schlaffer: Die Ausweisung des Lyrischen aus der Lyrik. Schillers Gedich-
te. In: Buhr, Gerhard / Kittler, Friedrich A. / Turk, Horst (Hg.): Das Subjekt der
Dichtung. Festschrift für Gerhard Kaiser. Würzburg 1990, S. 519-532, hier S. 526: „Of-
fenbar folgt Schiller ganz dem Gebot der Odentheorie des Boileau und holt sich die
Legitimation für die Steigerung des „beau désordre“ ins Chaotische aus der Assoziati-
onenlehre seines Lehrers Abel.“
235 Regn: Petrarkismus, S. 911; im Blick auf den „ersten“ Petrarkismus vgl. Regn, Ge-
rhard: Torquato Tassos zyklische Liebeslyrik und die petrarkistische Tradition. Studien
zur Parte prima der Rime. Tübingen 1987 (= Romania Monacensia 25).
236 Der Begriff nach Hempfer, Klaus W.: Probleme der Bestimmung des Petrarkismus.
Überlegungen zum Forschungsstand. In: Stempel, Wolf-Dieter / Stierle, Karlheinz
(Hg.): Die Pluralität der Welten. Aspekte der Renaissance in der Romania. München
1987 (= Romanistisches Kolloquium 4), S. 253-277, S. 266. Folgende Texte sind dem
Komplex der Laura-Liebe zuzuordnen: Die Entzükung (NA 1, 23-24) – noch außer-
halb der Anthologie; Fantasie – an Laura (NA 1, 46-48); Laura am Klavier (NA 1,
53f.); Die seeligen Augenblike (NA 1, 64f.); Vorwurf – an Laura (NA 1, 92-94); Das Ge-
heimnis der Reminiszenz – An Laura (NA 1, 104-108); Melancholie an Laura (112-115);
außerhalb der Anthologie in der Thalia (1786) publiziert ist Freigeisterei der Leiden-
schaft – Als Laura vermählt war im Jahr 1782 (NA 1, 163-165). Erwähnt wird Laura
ferner in Resignation (1786).

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 97

verstreut, manche sind ihr sogar aus- bzw. vorgelagert. Andererseits


treten alle äußeren Ereignisse mehr noch als bei Petrarca hinter die
„Geschichte einer Seele im Konflikt zwischen irdischer und himmli-
scher Liebe“ zurück237. Was Schiller analog zu Petrarca zeigt, ist eine
Folge antinomischer Stimmungen zwischen Entzückung und Melan-
cholie, die weniger einen Ereigniszusammenhang als ein Empfin-
dungsgeschehen, gleichsam die Geschichte einer Weltanschauung
(vergleichbar den Philosophischen Briefen) bezeichnen.
Wie im Canzoniere bestehen Beziehungen zwischen Liebeslyrik
und Platonismus, bei beiden „aus zweiter Hand“.238 Die Anthologie-
Gedichte setzen die in den Philosophischen Briefen entfaltete neuplato-
nisch-kosmologische Liebesmetaphysik fort; deren Schlagworte („Un-
sterblichkeit“, „Vervollkommnung“, „Gottähnlichkeit“) werden in
den Laura-Gedichten nicht nur thematisiert, sondern in Extremisie-
rung der Klopstockschen Theorie der Sprachbewegung performativ
vollzogen. Wenn Liebe in den Philosophischen Briefen die „Leiter“ ist,
„worauf wir emporklimmen zu Gottähnlichkeit“239, dann gilt dies in
gesteigerter Form auch für die Laura-Lieder. Sie kommen zudem oh-
ne ontologische Zwischen- und Trittstufen aus, indem sie den Lie-
benden im „Wirbel“ der Ekstase zur Anschauung des Göttlichen
„über diese Welt […] flüchten“. Das sind die „seeligen Augenblike“,
die das gleichnamige Gedicht schildert.240
Die zentrale Figur dieser Texte ist die Entgrenzung. Die lyrische
persona überschreitet im Willen zur Apotheose nicht nur die Erschei-
nungswelt, sondern auch die „Grenzlinie der Gesundheit“ im Sinne
des Versuchs ueber den Zusammenhang. Vergleicht man diesen Liebes-
traum mit Höltys Traum, so zeichnen sich bei analoger Ausgangslage
und verwandter, ja „familienähnlicher“ Motiv- und Empfindungs-
struktur die stilistischen Eigenheiten nur umso deutlicher ab. Sie be-
stehen vor allem in einem Mehr an Bewegung, einer Intensivierung
und Beschleunigung der äußeren wie inneren Dynamik. Wo beim
Hainbündler nur ätherische „Ahnungen“ (Laura) schweben oder ein
„leiser Fittig“ den Träumenden sanft „umweht“ (Der Traum), da
stürzt Schiller seine Ich-persona in den „Flammenwind“ (v. 30) eines
delirierenden Fiebertraums, dessen halluzinativer Charakter gleich
einleitend mehrfach betont wird (v. 2: „wähn’ ich“, v. 4: „träum’ ich“;
––––––––––––––
237 So Gerhart Hoffmeister: Petrarca. Stuttgart/Weimar 1997 (= Sammlung Metzler
301), S. 93. Vgl Staiger, Emil: Friedrich Schiller. Zürich 1967, S. 106: „Die Liebespfeile,
die er [Schiller] versendet, schießen über das Ziel hinaus in imaginäre kosmische Fer-
nen, vor denen Laura sich verliert.“
238 Hoffmeister: Petrarca, S. 95.
239 NA 20, 124.
240 NA 1, 64.

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98 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

v. 9: „Ras’ ich“). Die Sprache gerät in denselben Schwindel und Tau-


mel wie der Liebende, sie entlädt sich „in einem funkensprühenden
Magnetfelde“ […], in dem „geladene Energiebündel vertikal aufschie-
ßen“.241 Dies trifft ganz wörtlich zu: Der Blickwechsel der Liebenden
führt buchstäblich zu elektrischen Entladungen, bei denen „Wollust-
funken aus den Augen regnen“ (v. 28). Die Fetischisierung der Augen,
die schon bei Petrarca und im Petrarkismus geläufig ist, wird hier auf
ein Extrem getrieben. Der lockende ist dabei zugleich der böse Blick.
Das Gefühlsgeschehen, das hier vor Augen geführt wird, lässt sich gut
mit dem Begriff der „Konvulsion“, eines „höchste(n) augenblickli-
che(n) Vigor(s)“ fassen, von dem im Versuch (§ 16) als Grenz- bzw.
Auflösungsphänomen der psychophysischen „Harmonie“ die Rede
ist.242
Die „Überfunktion des Stils“243 ist somit nicht nur Manier. Sie be-
sitzt mimetische Qualität, indem sie eine „graphica descriptio“ des
Krankheitsbildes leistet und den Sprecher als Fieberkranken charak-
terisiert. Die rhetorische Hypertrophie soll die Hypertrophien der
Lebenskräfte darstellen, in denen die Fieberschrift den Auslöser der
Erkrankung ausgemacht hatte. Hier fällt mancher Satz, der geradezu
wie ein Zitat aus dem medizinischen Zusammenhang anmutet. Wenn
etwa diagnostiziert wird: „Wilder flutet zum beklommenen Herzen,
Wie Gewapnete zur Schlacht, das Blut“ (v. 33f.)244, so setzt dies die
Beschreibung der Blutfülle („plethora“) in § 4 des Fiebertraktats vo-
raus. Die Blutfülle, so heißt es hier, sorgt für eine Überfülle der Le-
bensgeister („vires“), eine „erhöhte Lebensenergie“ („exaltatum vigo-
rem“). Blutüberfülle erzeuge, so die Fieberschrift weiter, einen Zu-
stand der „höchsten Lebenskraft“ („Vis summa vitalis“) und einen
„Geist, der stark zur Leidenschaft neigt“ („animus ad Exaestuationes
facillimus“)245. Dieser Zustand einer erhöhten Reizbarkeit und psy-
chophysischen Aktivität überschreitet die Grenze zum Pathologi-
schen: „Diese Verhältnisse liegen dem Körper zugrunde, der vom ent-
zündungsartigen Fieber ergriffen wird“.246 Die weiteren Symptome
decken sich exakt mit denen der seeligen Augenblike. Das Herz zieht
einen größeren Teil der Lebenskräfte an sich, schlägt „kräftiger und
schneller und erzeugt zahlreichere und größere Wogen von Blut“, so
––––––––––––––
241 Dyck: Die Gedichte Friedrich Schillers, S. 7f.
242 NA 20, 61.
243 Nach Hugo Friedrich: Epochen der italienischen Lyrik. Frankfurt/Main 1964, S. 546.
244 SW, Bd. 5, S. 1072: „Stimulum autem Spiritus animales densiore agmine ad loca sti-
mulata rapere supra monitum est […] Vires animales in impetum aguntur, quasi pere-
grinum quid intus lacessat.“
245 Ebd. S. 1068.
246 Ebd. S. 1069.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 99

dass „eine größere Menge Blutes zu dem Ort geworfen wird, an dem
das Hindernis festsitzt“.247 Die Lebenskraft ist „über die Maßen ange-
stachelt“ („vis Vitalis enormiter exaltata“)248, dies ist auf eine der „Ge-
legenheitsursachen“ zurückzuführen, die Schiller in § 6 erwähnt hat-
te: die „allzu heftigen Wallungen des Blutes, zu denen man Gemüts-
bewegungen ungestümerer Natur rechnet“249, aber auch einen „den
Genuss erhitzender Getränke“ oder einen „maßlosen Liebesgenuss“
(„Venerem immodice celebratam“250).

3.3. Diätetik und Exzess

An dieser Stelle wird deutlich, dass die Pathologie der Fieberschrift


auf dem Fundament der Diätetik ruht. Diätetik, so der Zedler-Eintrag
(s.v. Diät, Dieta), bezeichnet dabei „eine vernünftige Ordnung in Es-
sen und Trincken, zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit, da-
rinne bestehend, daß solche Speisen erwehlet werden, die dem Leibe
nicht schädlich, sondern zuträglich und gute Nahrung zu geben“.
Hinzu komme der „rechte Gebrauch […] derer Gemüthsbewegun-
gen“.251 Schon in § 5 hatte Schiller als eine der pathogenen Hauptur-
sachen des entzündlichen Fiebers die Fettleibigkeit ausgemacht, und
dies zu einer beiläufigen Invektive gegen eine Lebensform gemacht,
die dazu treibe, „das Leben bei so vielen Gastmählern zu verbringen“
oder „den schlaffen Körper reichlich in Muße zu betten“.252 Welch be-
––––––––––––––
247 Ebd. S. 1072: „Cor itaque majori sibi Virium parte vindicata validius celeriusque mi-
cat, plures atque majores eodem tempore emittit sanguinis undas, plus sanguinis ad
locum cui obstaculum inhaeret projicitur, dum semper minus expediri potest.“
248 Ebd. S. 1074.
249 Ebd. S. 1070: „Exagitationes sanguinis nimiae, quo referas animi pathemata feroci-
ora.“
250 Ebd.
251 Johann Heinrich Zedler: Universal-Lexikon. Bd. 7, S. 733.
252 SW, Bd. 5, S. 1066: „Obesitas contra in eos potius decumbit adultos, qui Vitam tantis
conviviis transigunt, nec minus facile concoquunt, largo praeterea otio corpus laxum
reponunt.“ Aus medizinisch-diätetischer Sicht wird hier Hofkritik als Kritik an einer
hedonistisch-epikureischen Lebensform geübt. Mit der Fettleibigkeit ist ein Thema
gefunden, das sich bis in die ästhetischen Schriften hinein fortsetzen wird. In einer
bemerkenswerten Fußnote zu Ueber Anmut und Würde kommt Schiller auf das The-
ma „Obesität“ erneut zurück, ersetzt die diätetische Begründung nun jedoch durch die
ästhetische (NA 20, 274): „Daher man auch mehrenteils finden wird, daß solche
Schönheiten des Baues sich schon im mittlern Alter durch Obesität sehr merklich
vergröbern, daß, anstatt jener kaum angedeuteten zarten Lineamente der Haut, sich
Gruben einsenken und wurstförmige Falten aufwerfen, daß das Gewicht unvermerkt
auf die Form Einfluß bekömmt und das reizende mannichfache Spiel schöner Linien
auf der Oberfläche sich in einem gleichförmig schwellenden Polster von Fette ver-
liert. Die Natur nimmt wieder, was sie gegeben hat.“

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100 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

deutende Rolle die Diätetik in der medizinischen Ausbildung der


Karlsschule einnahm, zeigt eine Dissertation, die Schillers Freund
Emanuel (Immanuel) Gottlieb Elwert ein Jahr zuvor (1779) vorgelegt
hatte. Elwert, der 1775, nach Verlegung der Akademie von der Solitu-
de nach Stuttgart, mit Schiller und vier weiteren Kommilitonen von
der Jurisprudenz zur Medizin gewechselt hatte,253 gab ihr den pro-
grammatischen Titel Dissertatio medico-diaetetica de vitae ratione
hominis naturae convenientissima (Stuttgart 1779).254 „Im Allgemeinen
trifft es zu, dass diejenigen Menschen am gesündesten sind und am
längsten leben, denen das Leben [ruhig] und ohne starke Gefühlsver-
wirrungen dahinströmt“.255 Auch Elwert steht unverbrüchlich auf
dem Boden der psychophysischen Wechselwirkung, der commercium-
Lehre.256 Mehr als einmal, schreibt er, habe man die Erfahrung ge-
macht, dass auch ein Exzess der Freude töten kann („nimium gaudi-
um occidisse non solitaria docuit experientia“), daher müsse „Mäßi-
gung der Affekte“ das wichtigste Ziel sein.257 In einem eigenen Kapitel
erörtert Elwert sodann den „schädigenden Einfluss der Leidenschaf-
ten“ (§16: „De funesto pathematum influxu“) und betont, dass „hefti-
gere geistige Erschütterungen plötzliche und sichtbare körperliche
Schäden und schreckliche Krankheiten hervorrufen können“.258 Eine
Quelle für solche Affekte ist die Lektüre von empfindsamer Litera-
tur, in der „alle seelischen Extremlagen ausgemalt seien“. Zumal junge
Frauen müsse man bis zu einem gefestigteren Alter von aller Roman-
lektüre abhalten, um nicht den Anlass zu Hysterien zu geben.259
Schillers Laura-Texte zählen zu dieser Gruppe von Texten, vor
denen Elwert seine Zöglinge bewahren will. Seine Einlassungen spie-
geln den medizinischen Erwartungshorizont der Zeit wieder, vor
––––––––––––––
253 Alt: Schiller, Bd. 1, S. 92f.
254 Ihre Grundgedanken popularisiert Elwert in einem Artikel im Schwäbischen Magazin
von gelehrten Sachen. 11. Stück, 1779, S. 737-748 mit dem Titel „Allgemeine diäteti-
sche Betrachtungen von den Leidenschaften.“ Riedel: Anthropologie, S. 30f.
255 Elwert: Dissertatio, S. 46: „Generatim autem verum est sanissimos homines esse &
maxime longaevos, quibus vita fluit, vel nullis affectibus fortioribus turbata.“
256 Ebd. S. 45: „Quid intermedium illud Ens sit, simplex cum composito nectens, corpus
cum non corporeo, qua ratione fieri possit, & quomodo actu contingat, ut commer-
cium animus cum corpore alat, hujus jam nunc loci non est disquirere. Sufficiat mihi
paucis indigitare, quam arctum sit illud commercium, & ad tuendam sanitatem quae-
dam inde deducere corollaria.“
257 Ebd. S. 47.
258 Ebd. S. 48: „[S]ubitaneas & evidentes in corpore noxas, dirosque morbos producere
posse graviores animi concussiones quascunque, quis inficiabitur?“
259 Ebd. 51: „Arduum autem pro puellarum inprimis educatione momentum est, a li-
brornm (!), in quibus omnia in extremis depicta sunt animi pathemata, eas arcere lec-
tione, dum confirmatae per constitutam aetatem sint, quot enim non hysteriis ansam
praebuisse fabularum romanensium praematuram lectionem experientia probavit?”

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 101

dem sich die „seelische Extremlagen“ der Schiller’schen Lyrik als pa-
thologische Extremisierungen abheben. Zielen die medizinischen
Schriften auf das Normale, so zeigt die Lyrik das pathologische Über-
schreiten des mittleren Zustands. Insbesondere der bereits oben ange-
sprochene § 16 des Versuchs ueber den Zusammenhang liest sich wie
ein Entwurf zu den Seeligen Augenbliken. Dort heißt es warnend und
ganz im Sinne des Freundes Elwert: „Die Freude tödet, wenn sie zur
Ekstasi hinaufsteigt, die Natur erträgt den Schwung nicht, in den in
einem Moment das ganze Nervengebäude geräth“.260 Die seeligen Au-
genblicke schildern solche Paroxysmen der Freude und Entzückung,
in denen die physische Maschine des Menschen an den Rand der
Selbstzerstörung geführt wird. Wo die „Seelen wie entbunden sich be-
gegnen“ (v. 29), werden sie zugleich vom Körper entbunden. Die Ver-
einigung der Liebenden erzwingt die Dissoziation des „ganzen Men-
schen“, die Schiller nun wieder mit den petrarkistischen contrari affet-
ti und „gemischten Empfindungen“ („Qualentzücken“, „Paradieses-
schmerzen“; v. 31) beschreibt.
Zu den Exzessen der Freude kommen die „Exzesse in allen sinnli-
chen Lüsten“ hinzu.261 Was den Seelenzustand des lyrischen Ichs im
Sinne der Diätetik zu einem pathologischen macht, ist eine Dispositi-
on zu Wollust und Sinnlichkeit. Hier trifft das Urteil der Selbstrezen-
sion ins Schwarze, bieten doch die Seeligen Augenblike mehr als „eine
schlüpfrige Stelle in platonischem Schwulst verschleiert“262, mehr als
eine Stelle, an der „noch im Übersinnlichen […] sinnlich geschwärmt
und im Sinnlichen die Pforte zur Ewigkeit aufgerissen [wird]“.263 Die
neuplatonisch-kosmologische Liebesspekulation kann nicht den sinn-
lichen Sinn dieser „Elisiumssekunde“ verdecken. Von Beginn an wird
hier am (eigenen) Fall und Exempel vorgeführt, wie „Zerrüttungen
im Körper […] das ganze System der moralischen Empfindungen in
Unordnung bringen, und den schlimmsten Leidenschaften den Weg
bahnen“ können264. Es geht um nichts anderes als die „natürlichen
Folgen der Unmäßigkeit“.265 Das lyrische Ich zeigt sich dem Leser als
ein „durch Wollüste ruinierter Mensch“, der „leichter zu Extremis
gebracht werden“ könne „als der, der seinen Körper gesund hält“.266
Der platonisierende Impuls zur (Selbst-)Vergöttlichung wird durch
diesen Exzess im Sinnlichen wie Übersinnlichen durchkreuzt. Man
––––––––––––––
260 NA 20, 61.
261 NA 20, 64.
262 NA 22, 133.
263 Wiese: Schiller, S. 118.
264 NA 20, 65.
265 NA 20, 63
266 NA 20, 65.

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102 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

muss dazu nicht einmal zwischen den Zeilen lesen. Offen ist (v. 11)
vom „wollustheiße(n) Munde“ der Geliebten die Rede, von der ero-
togenen Wirkung des Blickes. Keineswegs bleibt es bei dem – für den
Petrarkismus obligatorischen – distanzierten Austausch der Blicke,
der die Strophen 1-4 mit insistierender Nennung beherrscht.267 Bei
Schiller wird daraus ein (ganz unpetrarkischer) Dreischritt vom Blick
(visus) über Kuss (osculum) zum coitus. Der Aufstieg zum Elysium ist
in Wirklichkeit ein Abstieg in die „Wollust“:
Wenn dann, wie gehoben aus den Achsen
Zwei Gestirn, in Körper Körper wachsen,
Mund an Mund gewurzelt brennt,
Wollustfunken aus den Augen regnen,
Seelen wie entbunden sich begegnen
In des Athems Flammenwind – – – (NA 1, 64; v. 25-30)
„Elisiumssekunde“ und „Pause“, die an dieser Stelle „den Sinnen
droht“, sind nichts anderes als Pause und Peripetie der sexuellen Er-
füllung. Die seeligen Augenblike sind eine „Verherrlichung der ge-
schlechtlichen Liebe“268, ein Gedicht über Sinnes- als „Daseinstrun-
kenheit“.269 Die unio mystica ist ein coitus, der in seiner physiologi-
schen Symptomatik von der „Blutfülle“ über den „Schwindel“ (v. 36)
bis hin zur Beinahe-Ohnmacht mit medizinisch-empirischer Genauig-
keit und gleichsam im Selbstversuch eingefangen wird:
Eine Pause drohet hier den Sinnen
Schwarzes Dunkel jagt den Tag von hinnen,
Nacht verschlingt den Quell des Lichts –
Leises .. Murmeln ... dumpfer.. hin .. verloren..
Stirbt ... allmälig .. in den trunknen ... Ohren ...
Und die Welt ist .... Nichts.... (NA 1, 65; v. 37-42)
Die medizinische Analyse der seelisch-körperlichen Ekstasen findet
sich in § 25 des Versuchs, der sich der Frage widmet, ob der „Zustand
der grösten Seelenlust“ zugleich „der Zustand des grösten körperli-

––––––––––––––
267 Die Stufenleiter, die hier erklommen wird, entspricht den quinque lineae amoris (fünf
Stadien der Liebe) der alteuropäischen Liebe. Sie gehen auf Donats Terenz-Scholien
zurück. Vgl. im „Commentarius antiquior“ zu Terenz’ Eunuchus IV, 2, 12: „Quinque
enim lineae sunt amoris, scilicet visus allocutio tactus, osculum sive suavium, coitus.“
Hehn, Karl: Quinque lineae amoris. In: Germanisch-romanische Monatsschrift 29
(1941), S. 236-246; Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, S. 501f.;
Schlaffer: Musa iocosa, S. 76ff.
268 Gombrich, Ernst H.: Das Symbol des Schleiers. Psychologische Betrachtungen zu
Schillers Dichtung. In: Ders.: Gastspiele. Aufsätze eines Kunsthistorikers zur deutschen
Sprache und Germanistik. Wien/Köln/Weimar 1991 (= Literatur in der Geschichte /
Geschichte in der Literatur 22), S. 89-110, hier S. 99.
269 Wiese: Schiller, S. 124.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 103

chen Wohls“ sein könne270. Überschreiten die Nervenbewegungen ei-


nen „gewissen Grade der Moderation“, so können sie „wohl höchste
Aktivität, höchste augenblikliche Vollkommenheit seyn, aber dann
sind sie Exzeß der Gesundheit, dann sind sie nicht mehr Gesund-
heit“.271 Was folgt, entspricht genau der lyrischen Symptomatik der
Seeligen Augenblike: „So hat z.E. der Körper des entkräfteststen Wol-
lüstlings im Momente der Ausschweifung seine höchste Harmonie
erreicht, aber sie ist nur augenbliklich, und ein desto tieferer Nachlaß
lehrt zur Genüge, daß Ueberspannung nicht Gesundheit war.“272 Die-
ser „Nachlaß“ steht auch im Gedicht am Ende: „Aber ach! Ins Meer
des Todes jagen / Wellen Wellen“ (v. 52f.). Dies liegt darin begründet,
dass „der übertriebene Vigor der physischen Aktionen den Tod so
sehr beschleunigt als die höchste Disharmonie oder die heftigste
Krankheit“.273
Die Ambivalenz solcher Vereinigungsphantasien unterstreicht,
wie nahe sich Anthologie und Anthropologie in ihrer Diagnostik kom-
men. Dennoch sind auch die Unterschiede hervorzuheben. Zu den
Vorzeichen der Laura-Dichtung gehört, dass sie das philosophische
(Liebesmetaphyik) und anthropologische (Fieberdissertation, Versuch)
Wissen immer auch literarisch reflektieren, indem sie die seelischen
Extremlagen ins Zwielicht eines lyrischen Rollenspiels tauchen, das
zwischen Nosologie und Poetologie schwankt. Was im Menschenwis-
sen noch „Exzeß“ war, ist in der Lyrik schon poetische Strategie. Wie
der Arzt vor dem Krankenbett des „nosocomium academicum“ steht,
so tritt der Autor in Fantasie an Laura gleichsam vor sich selbst hin
und stellt die Frage nach der Ätiologie der eigenen Krankheit:
Und was ists, das, wenn mich Laura küsset,
Purpurflammen auf die Wangen geußt,
Meinem Herzen raschern Schwung gebietet,
Fiebrisch wild mein Blut von hinnen reißt?
Aus den Schranken schwellen alle Sennen,
Seine Ufer überwallt das Blut,
Körper will in Körper über stürzen,
Lodern Seelen in vereinter Glut. (NA 1, 64; v. 25-32)
Es gehört zur widersprüchlichen Affektstruktur der frühen Lyrik,
wenn sich in ihr Delirium und Diagnose, die Kälte des pathognomi-
schen Blicks und das selbst induzierte Feuer der Leidenschaft überla-

––––––––––––––
270 NA 20, 57.
271 NA 20, 73.
272 Ebd.
273 Ebd.

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104 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

gern. Die „Ausweisung des Lyrischen“274 aus dieser Lyrik setzt mithin
die Einführung des Diagnostischen voraus. Das Ich der Laura-
Gedichte ist immer zugleich Arzt und Patient, die Texte schwanken
in ihrem Habitus zwischen analytischer Kälte und poetischem Furor
der Leidenschaft und Imagination. Die Ich-persona wird zum patho-
logischen casus verallgemeinert und gewinnt Objektivität als „Durch-
gang für Enthüllungen und Rühmungen, die anderen als persönlichen
Sinn haben“.275 Die Laura-Gedichte sind lyrische Selbstversuche mit
dem Ausnahmezustand, „poetische Experimentierräume“, in denen
das medizinische Wissen der Dissertationen vielstimmigen
„Dilemmalösungen“ zugeführt wird.276 Wo der Mediziner betont,
„dass schon in die Idee der Gesundheit […] die Idee einer gewissen
Temperatur der natürlichen Bewegungen wesentlich eingeflochten
ist“, zeigt die Lyrik die Folgen des Gleichgewichtsverlustes, der
„Unmäßigkeit“.277

3.4. Laura am Klavier

In die Symptomatik des Gleichgewichtsverlustes werden auch die


Kunst und das Schöne hineingezogen. Beide gemeinsam sorgen in der
„Fantasiesonate“278 Laura am Klavier für jene gefährlichen Exzesse der
sinnlichen Überspannung, die als „Tonwollust“ (Herder) oder „Wol-
lust des Gehörs“ (Sulzer) der zeitgenössischen Musikästhetik wohl be-
kannt sind.279 Wie die lyrische Operette Semele stellt Laura am Kla-
vier den „vewegenen“ Versuch dar, „die sinnliche Macht der Musik in
Worte und Verse umzusetzen“.280 Musik ist jedoch in anthropologi-
scher Sicht ein gefährliches Spiel. Der wohl temperierte Mensch wird
bei Schiller durch das wohl temperierte Klavier der Geliebten über
jene „Schranken“ getrieben, die der Mensch „nicht überschreiten darf,
––––––––––––––
274 H. Schlaffer: Ausweisung.
275 Storz: Der Dichter Schiller, S. 201.
276 Oesterle: Exaltationen, S. 213.
277 NA 20, 63.
278 Fähnrich, Hermann: Schillers Musikalität und Musikanschauung. Hildesheim 1977, S.
37.
279 Herder, Johann Gottfried: Viertes Kritisches Wäldchen. In: Ders.: Sämmtliche Werke.
Hg. von Bernhard Suphan. Berlin 1877-1913, Bd. 4, S. 3-198, hier S. 114f. Zu Herders
Musikologie Torra-Mattenklott, Caroline: Metaphorologie der Rührung. Ästhetische
Theorie und Mechanik im 18. Jahrhundert. München 2002 (= Theorie und Geschichte
der schönen Künste 104), S. 130-146; zu Laura am Klavier vgl. Korch: Der zweite Pet-
rarkismus, S. 172-179.
280 Finscher, Ludwig: Was ist eine lyrische Operette? Anmerkungen zu Schillers Semele.
In: Aurnhammer u.a. (Hg.): Schiller und die höfische Welt, S. 148-155, hier S. 153.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 105

ohne unterzugehen“.281 Laura am Klavier ist ein poetologischer und


anthropologischer Text. Die Gewalt der Musik282 ist – dies führt der
Text vor – in der Lage, den Grundsatz der Temperatur und des mitt-
leren Zustands, die offizielle Diätetik und Ästhetik für „seelige
Augenblike“ außer Kraft zu setzen. Musik ist Treibsatz zum „Flug
zur Vollkommenheit“283 und Sinne verwirrende Droge, aber auch
magisch-theurgische Praktik, die am Ende in einer Art musikalischem
Gottesbeweis die subjektive Evidenz eines höheren Wesens vermittelt
(„Weg! Es ist ein Gott“). Man könnte Laura am Klavier Schillers erste
und – zumindest für die vor-ästhetische Phase – wegweisende Refle-
xion über die Zwingkraft der Musik nennen. Nimmt man diesen Bei-
trag ernst, so muss die Behauptung, Schiller habe sich für die Theorie
der Musik „erst ab 1793 zu interessieren“ begonnen, relativiert wer-
den.284 Zwar sind dem Gedicht kaum Hinweise auf konkrete musika-
lische Sachverhalte zu entnehmen, wohl aber erhellende Spekulatio-
nen über die anagogischen und psychagogischen Potentiale der Ton-
kunst285, die – nach dem Schema ut musica poesis – als poetologische
Standortbestimmung des Lyrikers Schiller gelten können. Diese Pro-
to-Theorie der Musik in Laura am Klavier lässt sich drei Traditionen
zuordnen: 1. einer neuplatonisch-pythagoreischen, 2. einer empfind-
––––––––––––––
281 Fähnrich: Schillers Musikalität, S. 37 schließt aus Schillers Charakteristik der Klang-
wirkung, dass es sich bei Lauras Klavier um „Cembalo, Clavichord und Kielflügel“
gehandelt haben könnte.
282 Vgl. dazu die anregende Studie von Nicola Gess: Gewalt der Musik. Literatur und Mu-
sikkritik um 1800. Freiburg i. Br. u.a. 2006 (= Berliner Kulturwissenschaft 1), die je-
doch kaum auf die Epoche vor 1800 eingeht.
283 NA 20, 40.
284 Dahlhaus, Carl: Formbegriff und Ausdrucksprinzip in Schillers Musikästhetik. In:
Ders.: Klassische und romantische Musikästhetik. Laaber 1988, S. 67-77, S. 67: „Schiller
[…] begann sich für die Theorie der Musik erst zu interessieren, als er zu der Über-
zeugung kam, daß er sie in dem ästhetischen System, das er zu entwerfen versuchte,
berücksichtigen mußte.“ Dies schien gerechtfertigt durch eine Aussage gegenüber
Körner (11.1.1793): „An musikalischen Einsichten verzweifle ich, denn mein Ohr ist
schon zu alt; doch bin ich gar nicht bange, daß meine Theorie der Schönheit an der
Tonkunst scheitern werde.“
285 Brusniak, Friedhelm: Schiller und die Musik. In: Koopmann (Hg.): Schiller-
Handbuch, S. 167-188, S. 172. Zum Thema ‚Schiller und die Musik’ liegt eine reiche
Literatur vor (vgl. die Bibliographie bei Brusniak S. 187-189), in der jedoch die impli-
zite Musikästhetik der Anthologie und der zahlreichen, über die frühen Dramen ver-
streuten Musikmotive nicht systematisch zur Kenntnis genommen wird. Aus der
Vielzahl der Titel seien die folgenden herausgegriffen. Fähnrich: Schillers Musikalität,
S. 34-45; Gilbert, C.E.S.: Schiller’s conception of the interrelation of music and literature,
with special reference to the significance of music in his plays. Sheffield 1977 hingewie-
sen. Zur Verwurzelung Schillers in der empfindsamen Musikästhetik Riedel, Wolf-
gang: Erkennen und Empfinden. Anthropologische Achsendrehung und Wende zur
Ästhetik bei Johann Georg Sulzer. In: Schings (Hg.): Der ganze Mensch, S. 410-439,
hier S. 423-439.

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106 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

samen, 3. einer diätetisch-anthropologischen, die hier nacheinander


kommentiert werden.

Zunächst (1.) die neuplatonisch-pythagoreische Linie: Schillers


frühe Spekulation über Musik ist Spekulation über Harmonie. Sie
steht in einer auf die Spätantike (Macrobius, Aristides Quintilianus,
Boethius) zurückgehenden pythagoreisch-neuplatonischen Tradition,
die in der Musik die „sinnlich begreifbare Magie der Zahl“ erkennt:
„Das Sein der Dinge und der Welt ist Harmonie, Einigung des Ver-
schiedenen“.286 Musik ist Mystizismus der Zahl, spekulative Kosmo-
logie, fundiert in Mathematik und Arithmetik. Als solche wird sie
zur „universalen Ordnungswissenschaft“, zur „musica philosophica“,
wie noch G.A. Baumgarten definiert.287 Die antike Musikologie ist
geprägt vom dualistischen Weltbild des spätantiken Neuplatonismus
bzw. Neupythagoreismus. Hier gilt der Vorrang der theoretischen
vor der praktischen Musik. Boethius unterscheidet zwischen musica
mundana (Musik des Weltalls, Sphärenharmonie), musica humana
(Musik des Menschen, Harmonie zwischen Leib und Seele – der
„wohl temperierte Mensch“) und musica instrumentalis (die vom
Menschen erzeugte Kunst). Der biblische Topos, wonach Gott den
Kosmos nach „Maß, Zahl und Gewicht“ eingerichtet habe (Sapientia
11,21), gestattet die Einholung dieser Tradition in die mittelalterliche
Ontologie und Theologie. In dieser Verbindung lebt die Lehre von
der Sphärenharmonie in der Neuzeit fort: als spekulative Geheimwis-
senschaft (Agrippa von Nettesheim, Robert Fludd), aber auch in der
Astronomie. Noch Kepler hält in seinen Harmonices mundi libri V
(1619) die Lehre von der Sphärenharmonie der Planeten aufrecht. Der
neuzeitliche Rationalismus seit Descartes wird die Priorität der ma-
thematisch-spekulativen Musik noch einmal untermauern. Leibniz
spricht von der Musik als „der geheimen arithmetischen Übung des
unbewusst zählenden Geistes“.288
Wie sehr Schiller mit dieser Tradition vertraut war, belegen die
„seelenvolle(n) Harmonien“ (v. 15) von Lauras Klavierspiel, durch die
sich kosmische Räume und kosmogonische Visionen einstellen. Mu-
sik wird ganz in platonischer Tradition zum Medium des Aufstiegs
(bzw. der Rückkehr) vom Sinnlichen zum Übersinnlichen. Die Ord-
––––––––––––––
286 Bimberg, Siegfried / Scholtz, Gunter: Musik. In: Historisches Wörterbuch der Philoso-
phie. Bd. 6. Basel 1984, Sp. 242-257, hier Sp. 242.
287 Baumgarten, Alexander Gottlieb: Philosophia generalis. Halle u. Magdeburg 1770
(Ndr. Hildesheim 1968), § 148, S. 65.
288 „Musica est exercitium arithmeticae occultum nescientis se numerare animi.“ Leibniz,
Gottfried Wilhelm: Epistolae ad diversos […]. Hg. von Christian Kortholt. Leipzig
1734, S. 241 (epist. 44; vom 17.4.1712).

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 107

nung des Sonnen- und Planetensystems – mit Kepler gesprochen: die


„harmonice mundi“ – ersteht qua Musik aus des „Chaos Riesenarm“
(v. 19). ‚Harmonie‘ bezeichnet in den Laura-Gedichten einerseits die
Musik, andererseits die Liebe („Sympathie“), die Schiller als wesens-
verwandte Vereinigungs- und Schwerkräfte versteht, die den Kosmos
„in trauter Harmonie“ zusammenhalten: „Sphären ineinander lenkt
die Liebe, / Weltsysteme dauren nur durch sie.“289 Wie die Liebe
nimmt die Musik den Rang „eines gottgegebenen Naturgesetzes“ ein,
„dessen Aufhebung die Ordnung der Schöpfung zusammenbrechen
ließe“.290 Schon Fantasie an Laura verbindet beide Komponenten zu
einer erotisch-musikalischen Kosmologie, die amor mundanus und
musica mundana aufeinander abstimmt. Die Ordnung des „Weltsys-
tem(s)“ ist dynamische, musikalische Tanz-Ordnung, „Wirbel“ (v. 1)
und „Ringgang“ (d.h. Reigentanz). Noch in der Elegie Der Tanz wird
„die drehende Schöpfung“ des Tanzes zum Sinnbild für die „Harmo-
nien des Weltalls“ (v. 27), den „wirbelnde(n) Tanz, der durch den
ewigen Raum / Leuchtende Sonnen wälzt in künstlich schlängelnden
Bahnen“ (v. 30f.).291
In Phantasie an Laura enthält die Vision des harmonisch-musikali-
schen Kosmos’ eine polemische Tendenz, die in den Göttern Grie-
chenlandes aufgenommen wird. Sie richtet sich gegen die Vertreter ei-
ner mechanistischen Physik in der Tradition Newtons („Newtone“),
die das Weltall zum „Uhrwerk“ herabsetzen, das ohne okkulte Kräfte
wie die „Göttin“ (v. 21) Liebe und ohne jeden spirituellen Zusam-
menhalt auskommt. Das neuzeitliche physikalische Weltbild bedeutet
nicht nur Entmythologisierung (dies steht im Laura-Gedicht noch
nicht im Vordergrund), sondern auch Ent-Seelung der Weltenharmo-
nie zum „Chaos“ und „Riesenfall“. Hinter solchen Überlegungen
wirkt die „Überzeugung von der realen Analogie, wenn nicht gar
Identität von Liebe und“.292 Dies bedeutet jedoch keine einfache Ver-

––––––––––––––
289 Fantasie an Laura; NA 1, 46, v. 15f.
290 Riedel: Anthropologie, S. 183.
291 NA 1, 228. Barkhoff, Jürgen: Tanz der Körper – Tanz der Sprache. Körper und Text
in Friedrich Schillers Gedicht ‚Der Tanz‘. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesell-
schaft 45 (2001), S. 147-163; Golz, Jochen: Nemesis oder die Gewalt der Musik. In:
Oellers, Norbert (Hg.): Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller. Stuttgart
1996 (= RUB 9473), S. 114-122; Riethmüller, Albrecht: Friedrich Schiller: ‚Der
Tanz‘. Die Harmonie des Rhythmus. In: Ders. (Hg.): Gedichte über Musik. Quellen
ästhetischer Einsicht. Laaber 1996, S. 66-90.
292 Riedel: Anthropologie, S. 183 (und weiter S. 182-198); McCarthy, John A.: Koperni-
kus und die bewegliche Schönheit. Schiller und die Gravitationslehre. In: Braungart,
Georg / Greiner, Bernhard (Hg): Schillers Natur. Leben, Denken und literarisches
Schaffen. Hamburg 2005 (= Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissen-
schaft. Sonderheft 6), S. 15-37, S. 26: „Deshalb ist die klare Dialektik zwischen der

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108 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

söhnung mit dem Weltbild der „Newtone“, im Gegenteil. Keineswegs


übersetzt Schiller einfach einen physikalischen Sachverhalt qua „sym-
bolischer Operation“ in einen poetisch-mythologischen. Vielmehr
wird im Namen des alten gegen das neue, im Namen des poetischen
gegen das naturwissenschaftliche Weltbild Front gemacht. Schon die
Laura-Gedichte – nicht erst die Götter Griechenlandes – hegen revisio-
nistische Sehnsüchte. Sie predigen die Regression zu einem Status quo
ante frühneuzeitlicher Kosmologie, der hinter Newton zurückgreift
auf die Keplersche harmonice mundi und die in ihr gelöste herme-
tisch-spekulative Tradition. Was Schiller aus und gegen Newton für
sich rettet, ist eben jene „qualitas occulta“ und „Fernwirkung“ („actio
in distans“), für die ihr Entdecker gerade keine physikalisch-mechanis-
tische Theorie angeben konnte oder – im Sinne der Maxime „hypo-
theses non fingo“ – wollte.293 So trägt der Mechanist Newton „zur
Unterminierung des Mechanizismus wesentlich bei, indem er die An-
ziehungskraft, also sein oberstes physikalisches Prinzip, mechanizis-
tischer Erklärung entzieht.“294 Die Schwerkraft als Fernkraft ist das
Skandalon und „monstre métaphysique“ (Maupertuis) des Newton-
schen Weltbildes, das den Revisionisten wie Schiller die Gelegenheit
bot, im Gegenzug das hermetische Substrat einer neuplatonischen
Kosmologie zu restituieren.295

(2.) Die Linie der empfindsamen Musiktheorie: Schließen die kos-


mologischen Visionen von Laura am Klavier an vormoderne Tradi-
tionen an, so verweist die psychagogische Wirkung des Klavierspiels
auf die empfindsame „Standarddefinition“296 der Musik als Sprache
der Empfindung (der Leidenschaften, des Herzens usw.), wie sie seit
der musikalischen Reform um 1770, für die vor allem Carl Philipp
Emanuel Bach steht, im Schwange war. Wirksam wird sie z.B. in
Herders Polemik gegen die „Harmonisten“, die aus „todter Regelmä-
––––––––––––––
Negativität toter Uhrenmechanik und dem exzessiven Enthusiasmus typisch für
Schillers Schriften der 1780er Jahre.“
293 Vgl. den berühmten Satz in einem Brief an Bentley (17.1.1692): „You sometimes
speak of Gravity as essential and inherent to Matter. Pray do not ascribe that Notion
to me; for the Cause of Gravity is what I do not pretend to know and therefore
would take more Time to consider ist.“ Cohen, Bernhard (Hg.): Isaac Newton’s Papers
and Letters in Nature and Philosophy. Cambridge/MA 1958, S. 298. Vgl. Saporiti, Ka-
tia: Kausalität und Naturgesetz bei Berkeley. In: Hüttemann, Andreas (Hg.): Kausali-
tät und Naturgesetz in der frühen Neuzeit. Stuttgart 2001, S. 169-224, hier S. 212; Jam-
mer, Max: Gravitation. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 3. Basel 1974,
Sp. 863-866, hier Sp. 866.
294 Kondylis: Aufklärung, S. 218.
295 Ebd. S. 219.
296 Riedel: Erkennen und Empfinden, S. 432.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 109

ßigkeit […] eine todte Folge todter Regelmäßigkeiten“ extrapolieren.


Mathematik und Physik trügen „kein Jota zur Philosophie des
tonartig Schönen“ bei.297 Die Musik wechselt ihren Systembezug. Aus
einem mathematischen wird ein ästhetisches Phänomen.298 In der ais-
thesiologischen Diskussion des 18. Jahrhunderts nimmt die Musik ei-
ne der Lyrik analoge Sonderstellung innerhalb der Künste ein, weil
sie sich nicht auf Mimesis reduzieren lässt, sondern auf Darstellung
und „lebendige(n) Ausdruck des […] inneren Seyns“299 zielt. Im Ge-
gensatz zur diskursiven Begriffssprache entspricht sie der verlorenen
adamitischen „Sprache […], die man in Elysen spricht“ (Laura am
Klavier, v. 40).300
In der Musik verwirklicht sich eine doppelte Utopie: Die einer
universalen und die einer medienfreien Kommunikation, in der Stim-
mungs- und Schwingungszustände gleichsam analog, d.h. ohne Re-
kurs auf übersetzende Zeichen und Repräsentation ausgetauscht wer-
den. Als eine Sprache ohne (künstliche) Zeichen fasst auch Schiller
die Musik auf. Laura am Klavier setzt den semiotischen Antagonis-
mus von analoger und repräsentierender Kommunikation, eine me-
diologische Zwei-Sprachen-Lehre voraus. Als Ausdruckskunst steht
sie den mimetischen Künsten gegenüber und berührt sich andererseits
mit der Lyrik. Im Laufe der 1770er Jahre wird daher die Theorie der
Lyrik sukzessive auch auf die Musik übertragen, dies unter selektivem
Anschluss an die älteren Traditionen musikalischer Rhetorik und
Affektenlehre301. Wie der Gesang „allemal aus der Fülle der Empfin-
dung“ entspringt, so werden die lyrischen Gedichte „allemal von ei-
ner leidenschaftlichen Laune hervorgebracht“, sie sind „Aeußerung
einer Empfindung, oder die Uebung einer fröhlichen, oder zärtlichen,
oder andächtigen, oder verdrießlichen Laune, an einem ihr angemes-
senen Gegenstand.“ Musik hat ihren Zweck nicht in Bezeichnung
und Mitteilung, sondern „gefällt sich selbst“, ist augenblickliche und
„vorübergehend(e)“302 Eruption von Empfindungen und hat so die
„Natur des empfindungsvollen Selbstgespräches“. Lyrische Gedichte
––––––––––––––
297 Herder: Sämmtliche Werke ed. Suphan, Bd. 4, S. 113 bzw. S. 91.
298 Scholtz: Musik, Sp. 248f.
299 Herder. Sämmtliche Werke ed. Suphan, Bd. 15, S. 240.
300 Zimmermann, Christine: Unmittelbarkeit. Theorien über den Ursprung der Musik und
der Sprache in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts. Frankfurt/Main 1995 (= Europäische
Hochschulschriften Bd. I/1521)
301 Sulzer stellt dazu fest: „Der allgemeine Charakter dieser Gattung [sc. der lyrischen
Gedichte; J.R.] wird also daher zu bestimmen seyn, daß jedes lyrische Gedicht zum
Singen bestimmt ist. […] Um also diesen allgemeinen Charakter des lyrischen zu
entdeken, dürfen wir nur auf den Ursprung und die Natur des Gesanges zurük se-
hen.“ Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Bd. 2, S. 726.
302 Ebd. S. 727

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110 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

sind „Spiegel“ von Seelenzuständen, aus denen der empirische Psy-


chologe „das menschliche Gemüth in seinen verborgensten Winkeln“
zu erkennen vermag.303
Schillers frühe Theorie der lyrischen Dichtkunst wie seine Theo-
rie der Musik wandelt „unverkennbar auf den Spuren Sulzers“.304
Zwanglos lassen sich alle Elemente aus Laura am Klavier auf die All-
gemeine Theorie der Schönen Künste zurückführen. Auch für Sulzer ist
Musik „verständliche Sprache der Empfindung“305 bzw. „Sprache der
Leidenschaften“.306 In doppelter Weise erfüllt sie die Voraussetzungen
idealer „Mitteilung“. Im Hinblick auf das commercium schafft sie die
„ganz unmittelbare Verbindung zwischen dem Gehör und dem Her-
zen“, zwischen Wahrnehmung und (dunkler) Erkenntnis; im Hin-
blick auf die ästhetische Kommunikation sorgt sie dafür, dass Ge-
fühlslagen unmittelbar, d.h. medien- und störungsfrei transportiert
werden. Musik wirkt qua Resonanzschwingung, also durch affektive
Übertragung und actio in distans: „jede Leidenschaft kündiget sich
durch eigene Töne an, und eben diese Töne erweken in dem Herzen
dessen, der sie vernimmt, die leidenschaftliche Empfindung, aus wel-
cher sie entstanden sind“.307 Auch Sulzer sieht in der Musik eine eine
„Art der Bezauberung oder Ergreifung der Sinne“.308 Schiller spricht
vom „Zauber, der zum Geist monarchisch zwingt den Geist“.309 „Man
wird“, stellt Sulzer fest, „von keiner andern Kunst sehen, daß sie sich
der Gemüther so schnell und so unwiederstehlich bemächtige, wie
durch die Musik geschieht“.310 Wo Schillers lyrische persona sich „itzt
zur Statue entgeistert, Izt entkörpert“ sieht (v. 2f.), spricht Sulzer von
der Wirkung der Musik als einer „Entzükung“, welche die Zuhörer
„versteinert“.311 Die Musik ist in ihrer Wirkung also durchaus ambi-
valent. Gerade die „Musik der Neuern Zeiten“ birgt „die Gefahr des
„Mißbrauch(s)“, da sie durch die „Ueppigkeit der nichts sagenden und
blos das Ohr küzelnden Melodien“312 rein sinnlich und das heißt nur
auf die „Wollust des Gehörs“313 zielt.

––––––––––––––
303 Ebd. S. 726f.
304 Riedel: Erkennen und Empfinden, S. 438.
305 Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Bd. 2, S. 783.
306 Ebd. S. 784.
307 Ebd. S. 781.
308 Ebd. S. 783.
309 Fantasie an Laura; NA 1, 46; v. 3f.
310 Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, S. 788.
311 Ebd.
312 Ebd. S. 793.
313 Ebd. S. 791.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 111

Von hier aus lässt sich eine dritte Komponente der Schiller’schen
Musikästhetik fassen; auch sie weist auf Sulzer zurück. Neben die
empfindsame Linie der Empfindungssprache tritt eine Diätetik der
Musik, die nun auf den empirischen Psychologen Sulzer und an die
engen Beziehung zwischen Ästhetik und Anthropologie in dieser Zeit
hindeutet. Sulzer weiß genau um den „Einflus der Musik auf gewisse
Krankheiten“.314 Dieser Einfluss ist jedoch ambivalent. Sulzer hält es
für ausgemacht, dass „Menschen in schweeren Anfällen des Wahnwi-
zes durch Musik etwas besänftiget, gesunde Menschen aber in so hef-
tige Leidenschaft können gesezt werden, daß sie bis auf einen gerin-
gen Grad der Raserey kommen“.315 Physiologischer Grund für diese
Wirkung ist die Reizbarkeit der Nerven: „Musik dringet ein, weil sie
die Nerven angreift“316 oder – mit Schiller – an „tausend Nervgewe-
ben“317 rüttelt:
Da sie mit einer Bewegung der Luft verbunden ist, welche die höchst reizba-
ren Nerven des Gehörs angreift, so würket sie auch auf den Körper, und wie
sollte sie dieses nicht thun, da sie selbst die unbelebte Materie, nicht blos
dünne Fenster, sondern so gar feste Mauren erschüttert? Warum sollte man
also daran zweifeln, daß sie auf empfindliche Nerven eine Würkung mache,
die keine andere Kunst zu thun vermag, oder daß sie vermittelst der Nerven
eine zerrüttete fiebrische Bewegung des Geblüthes, in Ordnung bringen
könne, und, wie wir in den Schriften der Parisischen Academie der Wissen-
schaften finden, einen Tonkünstler, von dem Fieber selbst befreyt habe? 318
Das Gegenteil dieser therapeutisch-eurhythmischen Wirkung zeigt
sich in Laura am Klavier. Die musikalisch induzierten Ekstasen nä-
hern sich in der Tat „bis auf einen geringen Grad der Raserey“; statt
jedoch durch „Freude“ zu therapieren, überspannt und überreizt die
„Wollust“ der Töne die Saiten der Seele.319 Die Musik – und damit
zugleich Schillers Lyrik – überschreitet die „Grenzlinie der Gesund-
heit“. Lauras Klavierspiel gefährdet das „commercium mentis et cor-
poris“, indem es das „heilsame Gleichgewicht, das die Fortdauer un-
sers Daseyns so sehr verlangt“ durch einen „Exzeß der Gesundheit“320
untergräbt. Es ist ein Spiel um „Tod und Leben“ (v. 4):
Wenn dein Finger durch die Saiten meistert –
Laura, itzt zur Statue entgeistert,
Izt entkörpert steh ich da.
––––––––––––––
314 Ebd. S. 785.
315 Ebd.
316 Ebd. S. 789.
317 NA 1, 53, v. 5.
318 Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Bd. 2, S. 789.
319 NA 20, 58.
320 NA 20, 73.

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112 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Du gebietest über Tod und Leben,


Mächtig wie von tausend Nervgeweben
Seelen fordert Philadelphia; – (NA 1, 53; v. 1-6)
Musik wird hier zur magischen Praxis. Zu ihrem Vergleich muss der
berüchtigte Magier Philadelphia (alias Jacob Meyer) herhalten, jener
Scharlatan und Wundertäter aus der Familie der Gassner und Schröp-
fer, dem Lichtenberg sein berühmtes avertissement gewidmet hatte.321
Musik wird zur Theurgie („zwingst du sie“). Laura steht „mit höhern
Geistern […] im Bunde“ (v. 38), ist die „Zauberin“ (v. 13), die durch
Töne „entgeistert“322 und hypnotisiert, eine umgekehrte Sirene, die
ihr Opfer nicht in die verhängnisvolle Tiefe lockt, sondern per Eleva-
tion zum „ewgen Wirbelgang“ der Sphären befördert. Musik ist hal-
luzinative Kraft und „wollüstig Ungestüm“ (v. 16), in dem sich eroti-
sche und anagogische Wirkung, pythagoreische Musiktheorie und
platonische Liebesmetaphysik verbinden. Der Versuch ueber den Zu-
sammenhang spricht im Vorgriff auf Freuds „ozeanisches Gefühl“323
von der Sehnsucht „ins Unendliche aus[zu]fließen“.324 Andererseits
ereignet sich hier ein Kunstexzess, der die „tausend Nervgewebe“ des
primären wie des sekundären Zuhörers, des lyrischen Ichs und des
Lesers, überspannt. Neuplatonismus wird hier zur Neurose – im zeit-
genössischen Sinn von „Nervenkrankheit“, wie sie die an der Karls-
schule maßgebliche Neuropathologie eines William Cullen konzi-
pierte.325 Überspannung, Überreizung, „Phrenesie“ sind die Folgen ei-
ner Kunst, die auf physiologische Übertragung und Wechselwirkung,
Einstimmung und Mitschwingung zwischen Klaviersaiten und Ner-
vensaiten rechnet. Nur so kann sie ihren unmittelbaren, physischen
Einfluss („influxus physicus“) auf den Zuhörer ausüben.
Diese Resonanz-Theorie und Neurologie der Musik setzt zwin-
gend den Primat der Instrumentalmusik gegenüber der Vokalmusik
voraus.326 Um Sprache des Herzens zu sein, darf Laura sich keiner
Sprache – und sei es auch der lyrischen – bedienen. Schon hier gilt:
„Spricht die Seele, so spricht ach! schon die Seele nicht mehr“.327 Schil-

––––––––––––––
321 Hochadel, Oliver: Öffentliche Wissenschaft. Elektrizität in der deutschen Aufklärung.
Göttingen 2003, S. 258.
322 NA 1, 53 v. 2.
323 Freud: Gesammelte Werke, Bd. 10, S. 423 (Das Unbehagen in der Kultur).
324 NA 20, 69.
325 Riedel: Anthropologie, S. 7f.; Matussek, Paul / Red.: Neurosen (I-II). In: Historisches
Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 6, 1984, Sp. 760-766, hier Sp. 762: „Cullen verstand also
unter der Vielzahl der von ihm als Neurosen bezeichneten Krankheitsbilder sowohl
solche mit als auch ohne begleitende / verursachende organische Veränderungen.“
326 Dahlhaus: Formbegriff und Ausdrucksprinzip, S. 74-77.
327 Epigramm Sprache. NA 2/1, 322.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 113

ler teilt damit eine zeitgenössische Tendenz, die von der Vokalmusik
weg zur „Rechtfertigung der modernen freien Instrumental-Musik als
Kunst sui generis“ führt.328 Dies setzt Musik und Lyrik in ein wider-
spruchsvolles Verhältnis: das lyrische Gedicht ist Sprache, und kann
daher nicht Sprache der Seele sein, sondern lediglich deren Überset-
zung. Zugleich liegt in dem Versuch, das Erlebnis der Musik zu ob-
jektivieren, der doppelte Anspruch der Lyrik, zugleich Musik sein zu
können und doch deren Gefährdungspotentiale einzudämmen. In der
musikalischen Sprache verliert die Sprache der Musik ihre sinnlich-
wollüstigen Anteile. So ereignet sich in Stücken wie Laura am Klavier
ein regelrechter Paragone zwischen den Medien und Künsten, dessen
Ausgang offen scheint. An den Delirien der Musik schärft sich bereits
der Gedanke der ästhetischen Distanz, auch wenn es bis in die neun-
ziger Jahre dauern wird, bis Schiller das epistemische Modell der
Kunst von Übertragung, Resonanz und Analogie auf Zeichen, Medi-
um und Repräsentation umstellen und unter dem Banner der ästheti-
schen Freiheit versammeln wird. An die Stelle des schwachen tritt
dann das starke und ‚dichte‘ Medium, die Freiheit von Sprache wird
in eine Freiheit durch Sprache umgewertet.329
Dieser Prozess kündigt sich an einem beiläufigen Motiv an. Bis in
die achtziger Jahre hinein sind Saiteninstrumente bei Schiller ubiqui-
tär. Dabei fällt eine signifikante Vorliebe für die Saiteninstrumente
wie die Gitarre („Laute“), die von seiner Frau gespielte Mandoline
oder das Klavier (Cembalo, Clavichord, Fortepiano) auf. Erwähnt
wird gelegentlich die „hohe Inspiration“, die er sich von ihnen ver-
spricht.330 Die Frau, die, oft in anziehendem Äußeren und „reizenden
Negligé, die Haare noch unfrisiert vor dem Flügel [sitzt] und phanta-
siert“, zählt zu den Stereotypen weiblicher Empfindsamkeit.331 „Sai-
tenspiel“ ist im Frühwerk eine komplexe Metapher für die störungs-
freie Harmonie von commercium und Kommunikation. Musik besitzt
hier eine anthropologische und mediologische Dimension.332 Produk-
tionsästhetisch scheint das Gedicht aus selbstinduzierter Schwingung
hervorzugehen („Elisische Gefühle drängen / Des Herzens Saiten zu
Gesängen“333). In Die Herrlichkeit der Schöpfung entwirft Schiller den
Gedanken einer autophonen Welt; sie offenbart sich selbst durch ihr
––––––––––––––
328 Bimberg / Scholtz: Musik, Sp. 249.
329 Dieser ästhetische Wandel steht im weiteren Bezugsraum eines epistemologischen,
den Albrecht Koschorke: Körperströme und Schriftverkehr, S. 357-363 erläutert.
330 An Huber, 13.9.1785; NA 24, 20. Brusniak: Schiller und die Musik, S. 171.
331 Vgl. die Reaktion von Amalie in Kabale und Liebe (NA 3, 45): „Aufspringend, entzükt.
und von itzt an in seinen Armen auf ewig, Pause. Sie geht ans Klavier, und spielt.“
332 Nachweise bei Fähnrich: Schillers Musikalität, S. 35f.
333 NA 1, 12 (Von der École des Demoiselles; v. 1f.).

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114 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

Spiel „auf der Laute der Natur“. Die Natur übernimmt die Funktion
der Äolsharfe:334
Und welche Melodien
Dringen herauf? welch unaussprechlicher Klang
Schlägt mein entzüktes Ohr? [...] Der grose Lobgesang
Tönt auf der Laute der Natur! [...] In Harmonien,
Wie einen süßen Tod verlohren, preißt
Den Herrn des Alls mein Geist! (NA 1, 56, v. 46-51)
Die Resonanz der Saiten konnotiert reine (Ur-)Natur, Austausch un-
terhalb der oberen Vermögen und des Bewusstseins. Dies gilt auch für
die Schwingungen zwischen den befreundeten, narzisstisch ineinan-
der sich spiegelnden Seelen der Freunde. So kann Karlos mutmaßen,
dass „die schaffende Natur / Den Rodrigo im Karlos wiederholte, /
und unsrer Seelen zartes Saitenspiel / am Morgen unsres Lebens
gleich bezog“.335 Es ist daher nur konsequent, wenn sich auch das pes-
simistische Bild des zerrissenen Saitenspiels als Ausdruck von Hem-
mung und Trennung der Seelenresonanz findet, etwa in einer emb-
lematischen Szene von Kabale und Liebe (III, 4).336 Wo die „trennen-
de“ Stunde sich abzeichnet, misslingt der sympathetische Ausdruck
der Seele im Saitenspiel. Ferdinand, so schreibt die Regieanweisung
vor, „hat in der Zerstreuung und Wut eine Violine ergriffen, und auf
derselben zu spielen versucht – Jetzt zerreißt er die Saiten, zerschmet-
tert das Instrument auf dem Boden und bricht in ein lautes Gelächter
aus.“337 Ins Poetologische wird das Bild der fracta cithara in Melancho-
lie an Laura gewendet, wenn der Versuch „Götterfunken aus dem
Staub zu schlagen“ die Saiten des Dichters überreizt und zerreißt:
„Ach die kühnste Harmonie / Wirft das Saitenspiel zu Trümmer“.338

––––––––––––––
334 Schiller verwendet sie ein einziges Mal in Würde der Frauen, auch hier als Ausdruck
einer aufs höchste gesteigerten Empfindungsfähigkeit und Reizbarkeit: „Aber, wie
leise vom Zephir erschüttert / Schnell die äolische Harfe erzittert, / Also die fühlen-
de Seele der Frau.“ Zur Topik vgl. Braungart, Georg: Poetische Heiligenpflege: Jen-
seitskontakt und Trauerarbeit in An eine Äolsharfe. In: Mayer, Mathias (Hg.): Gedich-
te von Eduard Mörike. Stuttgart 1999 (= RUB 17508), S. 103-129.
335 Don Karlos I, 2; NA 6, 18; v. 224-227.
336 Nachweise bei Fähnrich: Schillers Musikalität, S. 35f.; zur Tradition vgl. auch Hess,
Günter: ‚Fracta Cithara‘ oder Die zerbrochene Laute: zur Allegorisierung der Bekeh-
rungsgeschichte Jacob Baldes im 18. Jahrhundert. In: Haug, Walter (Hg.): Formen
und Funktionen der Allegorie. Stuttgart 1979 (= Germanistische Symposien-
Berichtsbände 3), S. 605-631; Hammerstein, Reinhold: Von gerissenen Saiten und sin-
genden Zikaden. Studien zur Emblematik der Musik. Tübingen/Basel 1994.
337 NA 5, 58.
338 NA 1, 115, v. 90-94; vgl. noch Don Karlos IV, 24 (NA 6, 272; v. 5158-5163): „Gehört
die süße Harmonie, die in / dem Saitenspiele schlummert, seinem Käufer, / der es
mit taubem Ohr bewacht? Er hat / das Recht erkauft, in Trümmern es zu schlagen, /

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 115

Die skeptischen Töne, die sich schon hier in den Topos musikalischer
Unmittelbarkeit mischen, werden in Schillers klassischer Dichtung
das Bild des Saitenspiels (fast) völlig verschwinden lassen. Die Aus-
nahme bestätigt die Regel: Thekla ist die letzte, die in einem Schil-
ler’schen Drama zum Saitenspiel greift – um ihrer melancholischen
Resignation auf die Liebe Ausdruck zu verleihen. „Eine Gitarre liegt
auf dem Tische, sie ergreift sie, und nachdem sie eine Weile schwer-
mütig präludiert hat, fällt sie in den Gesang“.339 Spätestens mit dem
Wallenstein ist das Saitenspiel zum Emblem der empfindsamen, ten-
denziell weiblichen Seele geworden, nicht mehr universales Modell
zwischenmenschlicher Kommunikation.
Im Frühwerk ist das noch anders. Schon die Dissertationen zei-
gen, wie sich Mediologie und Anthropologie durchdringen. Das Para-
digma des Saiteninstruments spielt eine zentrale Rolle bei dem Ver-
such, die notorische Kluft zwischen Subjekt und Welt, d.h. das
commercium-Problem in seiner wahrnehmungspsychologischen Fa-
cette einzufangen.340 Auch hier lässt sich von einer Proto-Ästhetik
sprechen. Sie handelt von jenen Übertragungsvorgängen, die auch in
der Anthologie verhandelt werden. „Empfindung ist Schwingung eini-

––––––––––––––
doch nicht die Kunst, dem Silberton zu rufen/ Und in des Liedes Wonne zu zer-
schmelzen.“
339 Die Piccolomini, III, 7; NA 8, 129.
340 Auf die metaphorologische und aisthesiologische Bedeutung des Begriffs ‚Stimmung‘
und seine Karriere in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts macht David Wellbery
in seinem grundlegenden Artikel ‚Stimmung‘. In: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.): Ästheti-
sche Grundbegriffe. Bd. 5. Stuttgart/Weimar 2003, S. 703-733 aufmerksam; vgl. den
klassischen Essay von Leo Spitzer: Classical and Christian Ideas of World Harmony.
Prolegomena to an Interpretation of the word ‚Stimmung‘ (1944/45). Hg. von A.
Granville Hatcher. Baltimore 1963. Wellbery betont, dass in Sulzers Stimmungs-
Artikel ein „diskursgeschichtliche(r) Wendepunkt“ vollzogen sei, „an dem Traditi-
onsbestände einer spekulativ-symbolischen Theologie in Instrumente einer reflektier-
ten ästhetischen Theorie transformiert werden.“ Im Kern läuft dies auf eine Ent-
metaphorisierung der bei Sulzer – und vor allem bei Schiller – noch massiv präsenten
metapherngeschichtlichen Residuen („Weltharmonie“) hinaus, durch die der Begriff
für neue semantische und ästhetische Funktionen gewissermaßen ‚frei’ würde. Well-
bery kommt es dabei auf die Wendung vom „objektiven Sinn“ zur „Subjektivierung
des Begriffs“ (S. 707) an, vom Gestimmt-Werden zum Gestimmt-Sein. Trifft dies zu,
wäre Schillers Stimmungsbegriff gewissermaßen vor-modern oder vor-subjektiv, da er
einerseits physiologisch, andererseits kosmologisch verankert ist. Die Wahrheit liegt
jedoch in der Mitte. Auch im Hinblick auf den Stimmungsbegriff muss man von ei-
ner „doppelten Ästhetik“ Schillers ausgehen, nämlich in werkchronologischer Hin-
sicht. Zwischen den Laura-Gedichten (die Wellbery nicht diskutiert) und der ästheti-
schen Theorie vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Wenn Schiller im 20. Ästheti-
schen Brief von der „mittlere(n) Stimmung“ des Gemüts als einem Zustand der „realen
und aktiven Bestimmbarkeit“ (NA 20, 375) spricht, so ist hier die „Loslösung dessel-
ben [sc. Stimmungsbegriffes] vom Herkunftsbereich der musikalischen Praxis“ jeden-
falls vollzogen (Wellbery S. 710).

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116 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

ger Saiten, und das zerschlagene Klavier tönt nicht mehr“, weiß schon
der dilettierende Arzt Franz Moor.341 Gleichzeitig schreibt der Medi-
ziner Schiller:
Man kann in diesen verschiedenen Rüksichten Seele und Körper nicht gar
unrecht zweien gleichgestimmten Saiteninstrumenten vergleichen, die neben
einander gestellt sind. Wenn man eine Saite auf dem einen rühret, und einen
gewissen Ton angibt, so wird auf dem andern eben diese Saite freiwillig an-
schlagen und eben diesen Ton nur etwas schwächer angeben. So wekt, ver-
gleichungsweise zu reden, die fröhliche Saite des Körpers die fröhliche in der
Seele, so der traurige Ton des ersten den traurigen in der zweiten. Diß ist die
wunderbare und merkwürdige Sympathie, die die heterogenen Principien
des Menschen gleichsam zu Einem Wesen macht. Der Mensch ist nicht Seele
und Körper, der Mensch ist die innigste Vermischung dieser beiden Sub-
stanzen.342
Diese Verwendung des Beispiels Bezeichnet einen vollständigen Para-
digmenwechsel gegenüber der Philosophie der Physiologie. Dort hatte
Schiller die Frage, ob der Nerv „eine elastische Saite sei“343, also die
These einer Schwingungs- und Stimmungsübertragung vom Sinnes-
eindruck zum „Denkorgan“, wie sie Charles Bonnet vertrat (Essai
analytique sur les facultés de l’âme), noch unter heftiger Polemik gegen
den „französische(n) Gaukler“344 zugunsten einer spekulativen „Mit-
telkraft“ zurückgewiesen.345 Im Versuch kehren sich die Verhältnisse
––––––––––––––
341 NA 3, 121; umgekehrt ist die erste Leidenschaft der jugendlichen Luise Millerin „Auf
dem unberührten Klavier der erste einweihende Silberton!“ (NA 5, 74)
342 NA 20, 63f. Zum psychophysischen Begriff der Sympathie und seiner ideen- und me-
dizinhistorischen Herleitung eingehend Riedel: Anthropologie, S.121-129. Vgl. Zedler:
Universal-Lexicon, Bd. 41, Sp. 747 (s.v. „Sympathie“): „Zu den Arten der Sympathie
gehöret auch auf gewisse masse daß Merckmahl, so sich an musicalischen Instrumen-
ten ereignet. Man wird gewahr, wenn in einem Zimmer ein gewisses Instrument
gerühret wird, und ein anderes seines gleichen hengt an der Wand, so klinget dasselbe
auch, ob es schon niemand angreifft, noch deutlicher aber ereignet es sich, wenn sie
beyde auf dem Tische liegen, und auf einerley Art gespannet sind.“ Alt: Schiller, Bd.
1, S. 246 verweist auf eine Formulierung des Göttinger Popularphilosophen Johann
Georg Feder (Deutsches Museum, 1776; nach Sauder, Gerhard (Hg): Empfindsamkeit.
Quellen und Dokumente. Stuttgart 1980, S. 55): „Fast scheint es, daß eben so mecha-
nisch fremde Empfindungen in uns übergehen, als eine tönende Saite gleiche Schwin-
gungen in gleichartigen Saiten hervorbringt.“
343 NA 20, 16.
344 NA 20, 22.
345 NA 20, 24: „Wenn ich zwei Klaviere neben einander stelle, und auf einem derselben
eine Saite rühre, und einen Ton angebe, so wird auf dem andern Klavier die
nehmliche Saite und keine andere, ohne mein Zutun zittern, und eben den Ton, frei-
lich matter, angeben. Wir könnten also sagen: die Stelle des ersten Klaviers vertritt
die Welt, so wie sie sich in den sinnlichen Organen befindet, die Stelle der Luft den
Nervengeist. Die Stelle des zweiten Klaviers das Denkorgan.“ Dasselbe Exempel ist
schon in § 7 (NA 20, 17) angelegt: „Ich höre einen Schall, wenn ich das Zittern der
Luft empfinde. Da aber die Schwingungen der Luft immer mehr ermatten, je weiter

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 117

um, das Gedankenexperiment wird umgewertet. Das sympathetische


Vermögen als „Quidproquo für ‚Zusammenhang’“346 übernimmt die
Funktion der obsoleten Mittelkraft. Dies impliziert eine Verschie-
bung im Modell der Kommunikation. Von Repräsentation wird auf
Analogie, von vermittelter auf unmittelbare, d.h. medienfreie Über-
tragung umgestellt. Commercium wie Kommunikation sollen nun –
so das Postulat – ohne ein drittes und mittleres auskommen.347 Ist die
Mittelkraft ein Medium, dessen „Veränderungen […] Zeichen äußerli-
cher Veränderungen“ darstellen, also Außenwelt symbolisch reprä-
sentieren, so vollzieht sich Kommunikation durch Sympathie imma-
teriell und immediat, indem sie ohne den Umweg über ein repräsen-
tierendes Symbolsystem auskommt. Entscheidend ist, dass sich diese
sympathetische actio in distans auf physiologischer Basis, in Gefühl
und Empfindung, und damit gänzlich unwillkürlich und unbewusst,
aber auch unwiderstehlich vollzieht – daher der Vergleich mit dem
magischen Zwang.

3.5. Klassische Musikästhetik

Der frühe Schiller, so lässt sich resümieren, versteht die Musik und
damit auch ihre lyrische Schwesterkunst als magisch-hypnotische
Praxis, als Faszination im ursprünglichen Wortsinn. In Laura am
Klavier ist die Magie der Musik aufs Engste an die des bannenden
(‚bösen’) Blicks gebunden. In dieser radikalen Sinnlichkeit sieht der
spätere Schiller denn auch die bedenkliche Gefahr der Musik. Selbst
„die geistreichste Musik [steht] durch ihre Materie noch immer in einer
größern Affinität zu den Sinnen […], als die wahre ästhetische Frey-
heit duldet.“348 Sie ist, zumindest der Tendenz nach, eine Kunst der
Nähe, des Austauschs, der unbewussten Wechselwirkungen. Wenn es
daher Ziel aller Kunst ist, dass „das Gemüth des Zuschauers und Zu-
hörers […] völlig frey und unverletzt bleib(t)“, dann muss die Musik
eine prekäre Kunst sein, weil sie nicht „Freyheit von Leidenschaf-
ten“349, sondern diese Leidenschaften selbst induziert. Im 22. Ästheti-
––––––––––––––
sie sich von den zitternden Saiten entfernen, daß wir also kaum die nächste empfin-
den würden, so musten Unterkräfte des Ohrs die Schwingungen erhöhen.“
346 Riedel: Anthropologie, S. 127.
347 Alt: Schiller, Bd. 1, S. 246 sieht hier mit Foucault „das metaphysisch geprägte Denken
in Ähnlichkeiten, das im vorkantischen Zeitalter nochmals eine Brücke zu den Wis-
sensordnungen des 17. Jahrhunderts schlägt.“ Dies bezieht sich auf Foucault: Ord-
nung der Dinge, S. 46-77.
348 NA 20, 381.
349 NA 20, 382.

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118 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

schen Brief, der „zentralen Äußerung über Musik in Schillers Schrif-


ten“350, wird daher der nur auf den ersten Blick paradoxe Vorschlag
unterbreitet, die Formlosigkeit, „Stoffartigkeit“ und „blinde“ Macht
der Musik zu domestizieren.351 Er läuft hinaus auf den Versuch, die
einst von Lessing postulierten Grenzen der Künste im Hinblick auf
ihre „Wirkung auf das Gemüth“ wieder zu transzendieren. „Darin
eben zeigt sich der vollkommene Styl in jeglicher Kunst, daß er die
specifischen Schranken derselben zu entfernen weiß, ohne doch ihre
specifischen Vorzüge mit aufzuheben“.352 Schiller bezieht dies auf die
drei Grundkünste Musik, Plastik und Dichtung. Für die Musik be-
deutet dies, ihren Mangel an Form und Struktur durch „Errichtung
einer Gegeninstanz“353, d.h. durch Anlehnung an die Plastik zu kom-
pensieren: „Die Musik in ihrer höchsten Veredlung muß Gestalt wer-
den, und mit der ruhigen Macht der Antike auf uns wirken“.354
Dieser Gattungs- und Mediensynkretismus hat seinen Grund im
doppelten Makel der Musik, a) eine moderne Kunst und b) eine Kunst
der Bewegung zu sein. In Schiller’scher Phrasierung könnte man sa-
gen: Musik ist Spiel der Leidenschaften, nicht Spiel der Leidenschaften.
Im musikalischen Exkurs der Matthisson-Rezension wird Schiller da-
her von der idealen Musik fordern, „Form der Empfindungen zu
sein“, welche „die innern Bewegungen des Gemüts durch analogische
äußere zu begleiten und zu versinnlichen“ weiß. Nur so wird der
Tonsetzer zum „wahrhaften Seelenmaler“, der sich „wo nicht dem
plastischen Künstler, der den äußern Menschen, doch dem Dichter,
der den innern zu seinem Objekte macht, getrost an die Seite stel-
len.“355 Es geht also – mit Kants Überlegungen zur Einteilung der
schönen Künste gesprochen (§ 51 KdU) – um die Verwandlung einer
bloß „angenehmen“ in eine „schöne Kunst“, die nicht im „bloßen Sin-
neneindruck, sondern als die Wirkung einer Beurteilung der Form im
Spiele vieler Empfindungen anzusehen“ ist.356
––––––––––––––
350 Dahlhaus: Formbegriff und Ausdrucksprinzip, S. 68.
351 Vgl. An Körner 10.3.1795; NA 22, 295 (Anmerkungen zu Körners Aufsatz über die Mu-
sik): „Was ich indeß vorzüglich vermißte und daher zu beherzigen bitte, ist der mate-
rielle Teil der Musik, auf welchem allein ihre ganze spezifische Macht beruht […] Aber
weil in dem Reich der Schönheit alle Macht, insofern sie blind ist, aufgehoben werden
soll, so wird die Musik nur ästhetische durch Form. Die Form aber macht keines-
wegs, daß sie als Musik wirkt, sondern bloß, daß sie bei ihrer musikalischen Macht
ästhetisch wirkt. Ohne Form würde sie über uns blind gebieten; ihre Form rettet un-
sere Freiheit.“
352 NA 20, 381.
353 Dahlhaus: Formbegriff und Ausdrucksprinzip, S. 69.
354 NA 20, 381.
355 NA 22, 272.
356 KdU § 51. Kant: Werke, Bd. 8, S. 428.

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 119

Schillers klassische Musikästhetik bleibt auch deswegen „in ihren


Grundlagen auf einer vorklassischen Stufe stehen“357, weil sie im Bann
des ästhetischen Klassizismus steht bzw. aus ihm konzeptionell her-
vorgeht. Aus der Allianz von Lyrik und Musik ist eine von Musik
und Plastik geworden. Sie strebt durch Übertragung Winckelmann-
scher Kategorien („Ruhe“, „Kontur“, „Form“ etc.) nach einem Ideal
des Plastischen, in dem die magisch-sinnliche und hedonistische Na-
tur zugunsten formaler Bestimmungsmerkmale (Komposition und
mathematische Struktur als Äquivalente von Kontur und Form) sub-
limiert werden. Es ist kaum zu übersehen, dass damit auch die Lehren
aus der Laura-Dichtung gezogen werden, in der die Musik als Fieber-
und Halluzinationskunst figuriert. Hier stand eben das im Zentrum,
was der klassische Schiller an der „Musik der Neuern“ perhorreszie-
ren wird, die Tatsache nämlich, dass diese es „vorzüglich nur auf die
Sinnlichkeit anzulegen“ scheint und damit „dem herrschenden Ge-
schmack“ entgegenkommt, „der nur angenehm gekitzelt, nicht ergrif-
fen, nicht kräftig gerührt, nicht erhoben sein will.“ Aus diesem
Grunde werde „alles schmelzende […] vorgezogen, und wenn noch so
großer Lerm in einem Conzertsaal ist, so wird plötzlich alles Ohr,
wenn eine schmelzende Passage vorgetragen wird.“358 Was im An-
––––––––––––––
357 Dahlhaus: Formbegriff und Ausdrucksprinzip, S. 73
358 NA 20, 200. Es fällt nicht leicht zu präzisieren, an welche neuere Musik und Kom-
ponisten Schiller bei seiner Beschreibung gedacht haben mag. Namen nennt Brus-
niak: Schiller und die Musik, S. 175-178. Bekannt ist seine Verehrung für Christoph
Willibald Gluck († 1714), dessen Iphigenie er etwa Haydns Schöpfung vorzog. Ge-
meint war jedoch vor allem Mozart. Dies geht aus einer Gesprächsnotiz hervor, die
der Weimarer Kammermusiker und Daniel Gotlieb Schlömilch (1775-1861) um 1861
mitteilt: „Über Musik unterhielt sich Schiller sehr gern“, wird da berichtet. Insbeson-
dere über die neueren Tendenzen. „Es waren nämlich von Wien und Dresden aus
auch auf den mittel- und süddeutschen größeren Theatern die Mozartschen Opern so
beliebt und heimisch geworden, daß alle anderen derartigen Werke in den Hinter-
grund verdrängt wurden.“ NA 42, 368. Aus dieser Konstellation mag Schillers Ge-
gensatz von Anciens und Modernes hervorgehen: „Der Name Mozart beherrschte
eben alles, und es bestand auf diesem Kunstgebiet zwischen dem Alten und Neuen
ein ganz ähnlicher Kampf, wie jetzt [d.h. um 1860] zwischen den Wagnerschen
Opern und denen jener ältern Zeit.“ Schiller beharrt in dieser Querelle auf seiner ein-
mal gefassten Vorliebe für die ‚ältere’ Musik Glucks: „Aus diesen Unterhaltungen
leuchtete aber unverkennbar hervor, wie ungern Schiller es sah, wenn in jenem En-
thusiasmus für Mozart die älteren Gluckschen Werke vergessen werden wollten und
wenn dieselben nicht zu derjenigen Anerkennung gelangten, welche sie – seiner Mei-
nung nach – wert waren.“ Schlömilch belegt dies mit einer Unterhaltung über den
Don Giovanni, der seit dem 30.1.1792 wiederholt in Weimar gespielt worden war
(NA 42, 678), mithin sehr wohl im Hintergrund der kritischen Bemerkungen in
Ueber das Pathetische stehen könnte. Schelling berichtet, dass Schiller inspiriert von
einer Don Juan-Aufführung im Hause Hufelands (20.3.1801) selbst mit dem Gedan-
ken gespielt habe, den Stoff auf der Basis von Lorenzo da Pontes Libretto zu bearbei-
ten. Von diesem Unternehmen zeugt noch ein erhaltenes Balladenfragment (NA 2/1,

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120 II. Philosophischer Arzt und ›poeta medicus‹

schluss an diese Stelle folgt, ist eine zur Karikatur gesteigerte patho-
gnomische Studie über die Effekte „schmelzender“ Musik.359 Sein Be-
richt liest sich wie die Reminiszenz der musikalischen Ekstasen, wel-
che die literarische Laura einst mit ihrem Klavierspiel provoziert hat-
te, wie eine Palinodie der eigenen lyrisch-musikalischen Jugend. Die
Analyse der Symptome deckt sich teilweise mit den diätetischen
Überlegungen zu den Folgen der „Unmäßigkeit“ und „Exzesse(n) in
allen sinnlichen Lüsten“.360 „Schmelzende Musik“, im Übermaß ge-
nossen, zeitigt ähnliche Effekte der „Berauschung“ wie „übermäßiger
Genuss des Weines und des Weinbrands“ oder „maßloser Liebesge-
nuss“361:
Ein bis ins thierische gehender Ausdruck der Sinnlichkeit erscheint dann
gewöhnlich auf allen Gesichtern, die trunkenen Augen schwimmen, der of-
fene Mund ist ganz Begierde, ein wollüstiges Zittern ergreift den ganzen
Körper, der Athem ist schnell und schwach, kurz alle Symptome der Berau-
schung stellen sich ein: zum deutlichen Beweise, daß die Sinne schwelgen,
der Geist aber oder das Princip der Freyheit im Menschen der Gewalt des
sinnlichen Eindrucks zum Raube wird.362
Damit ist ein vollständiger Paradigmenwechsel gegenüber der frühen
Musikästhetik vollzogen. Anders als in Laura am Klavier ist Musik
nicht mehr Stimulus der Vergöttlichung, sondern deren Hindernis,
beraubt sie den Menschen doch seiner geistigen zugunsten seiner
„thierischen“ Natur. Die Musik muss sich gleichsam zur Plastik trans-
zendieren, um als Kunst im gesteigerten Sinne noch legitim sein zu
können. Dass dies auf eine Aporie zuläuft, muss kaum betont wer-
den. Die neue Reserve gegen die neueste Musik schlägt sich wiederum
unmittelbar in den Dramen nieder. So bedeutend die Musik in dra-
maturgischer Hinsicht für die klassischen Dramen bleibt, so ist sie
doch als Motiv und Metapher klar auf dem Rückzug. Ähnliches gilt
für den Kult der (mit-)schwingenden Saiten und Saiteninstrumente.
Anders als Amalia, der das Spiel auf Laute und Klavier zum Medium
––––––––––––––
422f.). Vgl. die Gespräche mit Goethe am 6.6.1797. Immerhin: Schiller bleibt auch
nach 1800 in Fragen der Musik ein Ancien, der darauf beharrt, „daß Gluck recht wohl
dem Mozart an die Seite gestellt werden könne“ (NA 42, 368). Valentin, Erich: Mozart
und Schiller. In: Ders.: Zeitgenosse Mozart. Augsburg 1971, S. 40-51.
359 Vgl. einen Brief von Voß an Ernestine Boie (18.9.1773): „Ich wurde genöthigt, auf
dem Klavier zu spielen. Vielleicht verschaffte die Musik den andern einige Linderung,
mir selbst, der jeden schmelzenden Affect ganz annehmen mußte, um ihn wieder
auszudrücken, schlug sie nur tiefere Wunden.“ Joh. Heinrich Voß: Briefe. Hg. von
Abraham Voß. 4 Bde. Halberstadt 1829-1833, hier Bd. 1 (1829), S. 222.
360 NA 20, 63 bzw. 64.
361 De discrimine febrium (SW, Bd. 5, S. 1070): „[U]sum Calidorum vini praesertim ejus-
demque spiritus, Venerem immodicam celebratam.“
362 NA 20, 200 (Ueber das Pathetische).

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3. Die ›Anthologie‹ als Anthropologie 121

einer „elysischen“ Herzenssprache wird, oder Karl, der sich mit der
Laute „zurük[zu]lullen“ hofft zu alter „Kraft“363, verzichtet Schiller
nun auf kammermusikalische Elemente auf offener Szene – Theklas
elegisches Lied zur Gitarre (III, 6) stellt, wie erwähnt, eine Ausnahme
dar. Das lakonische Schlusswort in dieser Angelegenheit findet sich,
wie so oft, im Schema über den Dilettantismus. Hier wird noch einmal
der Gegensatz von musica vetus und musica nova im Hinblick auf die
musikalische Kultur in Deutschland aufgegriffen. In der „alte(n) Zeit“
sei von der Musik „größerer Einfluß aufs leidenschaftliche Leben
durch tragbare Saiteninstrumente“ ausgegangen, die als „Medium der
Galanterie“ dienten, heute herrsche das „Klimpern“.364

––––––––––––––
363 NA 3, 107.
364 SW, Bd. 5, S. 1051.

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