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Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens. Neue Folge Band 10

Im Auftrag der Dominikanerprovinz Teutonia

herausgegeben von Walter Senner OP (Federfiihrender Herausgeber) KasparElm Ulrich Engel OP Isnard W. Frank OP Ulrich Horst OP

ALBERTUS

MAGNUS

Zum Gedenken nach 800 Jahren:

Neue Zugänge, Aspekte und Perspektiven

Herausgegeben im Auftrag der Dominikanerprovinz Teutonia durch Walter Senner OP unter Mitarbeit von Henryk Anzulewicz, Maria Burger, Ruth Meyer, Maria Nauert, Pablo C. Sicouly OP, Joachim Söder, Klaus-Bemward Springer

Akademie Verlag

Gedruckt mit Unterstützung der Dominikanerprovinz Teutonia

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei der Deutschen Bibliothek erhältlich

ISBN 3-05-003563-3

ISSN 0942-4059

© Akademie Verlag GmbH, Berlin 2001

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~700

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Das eingesetzte Papier ist alterungsbeständig nach DlNIISO 9706.

Alle Rechte, insbesondere die der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner Form - durch Photokopie, Mikroverfilmung oder irgendein anderes Verfahren - reproduziert oder in eine von Maschinen, insbesondere von Datenverarbeitungs- maschinen, verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden.

Druck: GAM MEDIA, Berlin Bindung: Norbert Klotz, Jellingen-Scheppach

Printed in the Federal Republic of Germany

Inhaltsverzeichnis

SENNER, Walter OP

Vorwort

IX-XVI

HONNEFELDER, Ludger

Albertus Magnus 1200-2000

XVII-XXIV

Albertus Magnus Institut

Albertus Magnus: Gesamtverzeichnis der Werke und ihrer Abkürzungen

XXV-XXIX

1. Teil

ALBERTS QUELLEN

SÖDER, Joachim

Die Erprobung der Vernunft. Vom Umgang

mit Traditionen in De homine

1-B

JECK, Udo Reinhold RIGO, Caterina

Albert der Große über Anaximander Zur Rezeption des Moses Maimonides im

15-27

Werk des Albertus Magnus

29-66

BERTOLACCI, Amos

The Reception ofAvicennas' "Philosophia

Prima" in Albert the Great's Commentary on the "Metaphysics ": the case ofthe doctine ofunity

67-78

WEBER, Edouard-Henri OP

Un theme de la philosophie ambe interprete

par Albert le Grand

79-90

2. Teil

PRIMA PHILOSOPHIA, ERKENNTNIS

AERTSEN, Jan

Die Frage nach dem Ersten und Grund-

legenden. Albert der Große und die Lehre von den Transzendentalien

91-112

ANZULEWICZ, Henryk

"Bonum" als Schlüsselbegriffbei Albertus

 

113-140

füHRER, Markus L.

Albertus Magnus ' Theory ofDivine

Illumination

141-155

WÖHLER, Hans-Ulrich

Alberts des Großen Lehre von den

Kontrarietäten

157-169

SANTOS-NOYA, Manuel

Die Universalienlehre der" Nominales" in

der Darstellung Alberts des Großen

171-194

GULDENTOPS, Guy

Albert 's Influence on Bate 's Metaphysics

andNoetics

195-206

LIPKE, Stephan

Die Bedeutung der Seele für die Einheit des

Menschen nach De homine

207-219

VI

3. Teil

SCHÖNBERGER, Ralf

SAARINEN, Risto

Inhaltsverzeichnis

WILLE

Rationale Spontaneität. Zur Theorie des Willens bei Albertus Magnus Die aristotelische Willensschwäche im Mit-

telalter: der Beitrag von Albertus Magnus MCCLUSKEY, Colleen Albertus Magnus and Thomas Aquinas on the Freedom ofHuman Action

TROTTMANN, Christian

4.

Teil

La synderese selon Albert le Grand

ETHIK UND POLITIK

MÜLLER, Jöm

Ethics as a Practical Science in Albert the

ERNST, Stephan

Great's Commentaries on the Nicomachean Ethics Philosophische Ethik im Rahmen der

STAMMKÖTTER, Franz- Bemhard

Theologie bei Albertus Magnus Die Entwicklung der Bestimmung der Pru- dentia in der Ethik des Albertus Magnus

221-234

235-242

243-254

255-273

275-285

287-301

303-310

TRACEY, Martin

J.

Albert's Readings ofAristotle 's

Moral-

 

Philosophical Treatises on Pleasure vis-a-vis Three Recent Perspectives on his Thought 311-325

PIERPAULI, Jose

Ricardo

Ordo naturae et ordo politicus unter

 
 

ontotheologischer Perspektive bei Albert dem Großen

327-341

SCHMIDT, Hans-Joachim

Politische Theorie und politische Praxis: Al-

bertus Magnus und die städtische Gemeinde STEHKÄMPER, Hugo Albertus Magnus und politisch ausweglose

343-357

 

Situationen in Köln

359-373

5. Teil

PHILOSOPHIA NATURALlS

MEYER, Ruth

,'positio vero est quidam situs partium et generationis ordinatio ". Zur Kategorie der

ASUA, Miguel de

Lage bei Albertus Magnus 375-388 Minerals, Plants and Animals from A to Z. The Inventory ofthe Natural World in Albert

PARAVICINI BAGLIANI,

the Great 's philosophia naturalis Le Speculum Astronomiae. Enquete sur les

389-400

Agostino

manuscrits

401-411

HOSSFELD,

Paul

Das zweite Buch der Meteora des Albertus

 

Magnus

413-426

LINDGREN,

Uta

Abschied von Aristoteles. Die Zeit als

 

Problem

427-435

Inhaltsverzeichnis

VII

KÖHLER, Theodor

Der Tiervergleich als philosophisch-anthro-

Wolfram

OSB

pologisches

Schlüsselparadigma - der Bei-

 

trag Alberts

des Großen

6. Teil

BIBLISCHE UND SYSTE- MATISCHE THEOLOGIE

EMERY, Gilles OP

La relation dans la theologie de S. Albert le

OLSZEWSKI, Mikolaj

Grand St. Albert the Great 's Theory

HOENEN, Maarten F.

Of Interpretation of the Bible Glaube und Vernunft. Die Trinitäts

437-454

455-465

467-478

Theologie des Albertus Magnus HOEDL, Ludwig Wesenseinheit und Personbeziehungen im frühen trinitätstheologischen Denken Alberts des Großen

479-492

493-513

BLASBERG, Ralf

OBENAUER, Klaus OP

HORST, Ulrich OP

CONFORTI, Patrizia

"Qui tempus ab aevo ire iubes H. Zur positiven Theologie der Zeit im Frühwerk und in der Summa des Albertus Magnus Zur Prädestinationslehre des hl. Albertus Magnus Albertus Magnus und Thomas von Aquin zu Matthäus 16,18f Ein Beitrag zur Lehre

515-535

537-552

vom päpstlichen Primat 553-571

La doctrine de la grace d'union et son

 

Grand et ses

evolution chez Albert le contemporains

7. TEIL MYSTIK UND SPIRITUALITÄT

573-586

HOYE, William J.

Mystische Theologie nach Albert dem

Großen

587-603

MOONAN, Lawrence

What is a negative theology? Albert 's

605-618

SICOULY, Pablo C. OP

answer Gebet als" instrumenturn theologiae H. ZU

einer Aussage Alberts des Großen in seinem Kommentar zu Ps.-Dionysius' De divinis nominibus

619-631

SCHINAGL, Elisabeth

Naturwissen in den Predigten der

Handschrift Leipzig Univ. 683

633-645

SPRINGER, Klaus-Bemward

Albertus Ma&Tflus und die

"religiöse Frauenbewegung"

647-662

Inhaltsverzeichnis

Register

TextsteIlen bei Albertus Magnus

665-677

Handschriftenregister

679-680

Personen aus Bibel, Antike und Mittelalter

681-687

Sachregister (vorzugsweise lateinische Begriffe)

689-697

MANUEL SANTOS NOYA, Tübingen

Die Universalienlehre der 'Nominales' in der Darstellung Alberts des Großen

Am Ende seiner Schrift De V universalibus (tr. 9, c. 3) faßt Albert seine Universalien- lehre zusammen und verweist den Leser auf den vorangehenden 2. Traktat, in dem er die Frage nach der Natur der Universalien thematisch erörtert hatte. Dabei macht er ein merkwürdiges Geständnis: An der erwähnten Stelle habe er die Position der Realisten (reales) vertreten, weil sie schwieriger zu verteidigen war als die Lehre der Nominali-

sten (nominales): "

stinuimus quod dixerunt reales, eo quod magis difficile fuit ad sustinendum". Zwar fehlt

der Nebensatz "eo quod magis difficile jUit ad sustinendum" in den Druckeditionen 1 , er wird aber von allen Handschriften mit einer einzigen Ausnahme 2 bezeugt, so daß er als authentisch zu gelten hat. Als Leser ist man etwas ratlos angesichts einer solchen Aus- sage, da man Albert kaum abnehmen kann, daß er tatsächlich nur aus didaktischen Gründen die Universalienlehre der Realisten vertreten habe, gehört sie doch zweifels- ohne zum Kern seiner eigenen Philosophie. Darüber hinaus hatte er in dem erwähnten

2. Traktat gesagt, daß die Argumente der 'Reales' zwingend seien 3 Weswegen er nun

in praecedentibus de tractatu communi de universalibus hoc su-

am Ende von De V universalibus seine Verteidigung des Universalienrealismus plötz- lich relativiert, ist wohl nicht mehr zu klären. Womöglich hat er diese Bemerkung ge- macht, weil er mit seiner eigenen Argumentation nicht ganz zufrieden war. Eines steht auf jeden Fall fest: Albert war der Meinung, daß seine eigene Universalienlehre zutref-

fend sei, jedoch einen größeren Schwierigkeitsgrad als die der Nominalisten biete 4 . Albert setzt sich mit der Universalienlehre der Nominalisten im 2. und vor allem im

3. Kapitel des bereits erwähnten 2. Traktats auseinander, welcher der Darstellung des

Seinsmodus und Wesens der Universalien gewidmet ist und deswegen zu Recht den Ti- tel "De universalibus" trägt. Es ist zu bemerken, daß Albert seine eigene Lehre mittels

VgI. ALBERTUS Magnus: De V univ., tr. 9, c. 3: Ed. Paris. t. I, S. 147a. Die Textüberlieferung der Schrift De V universalibus ist äußerst mangelhaft. Die Druckeditionen und einige Handschrif- ten haben zahlreiche, zum Teil gravierende Lesefehler, in deren Folge die Aussage Alberts zuwei- len in ihr Gegenteil umgekehrt werden. Auf die wichtigsten Lesefehler der Druckeditionen werde ich in diesem Beitrag an den entsprechenden Textstellen hinweisen. Es handelt sich um den Codex Pisa, BibI. Cateriniana, 99, der oft die Texttradition der Drucke vertritt.

VgI. De V univ

eoneludere". VgI. aueh ebd., S. 24b: "

nudum et purum sunt, sieut incontradicibiliter probant secundo induetae rationes"

Sunt [universalia] et extra vel praeter intelleeturn solum,

tr. 2, c. 3: S. 26a: "Ea autem quae seeundo indueta sunt, puto de neeessitate

4 VgI. loe. eit.: S. 20b-22b.

172

MANUELSANTOsNoYA

einer Auseinandersetzung mit den Nominalisten darstellt. Er verfährt dabei so, daß er zunächst sieben Beweise der Nominalisten und andererseits sieben Beweise der Rea- listen 5 anfUhrt, wobei er schließlich die Argumente der Nominalisten widerlegt6. Es gibt keinen der Darlegung der eigenen Lehre speziell gewidmeten expositorischen Teil. Vielmehr erfolgt die Formulierung der eigenen Position fast ausschließlich mittels die- ser dialektischen Abfolge von Argumenten, Gegenargumenten und Antworten, so daß die Auseinandersetzung mit den Nominalisten gleichzeitig der Exposition der eigenen Lehre dient. Wie Albert selbst am Anfang des 3. Kapitels sagt, soll diese 'dialektische'

Gegenüberstellung der Argumente

In diesem Sinne beginne ich die Darstellung mit der 'leichteren' Theorie und versu- che zunächst die Aussagen Alberts über die Universalien lehre der Nominalisten in ei-

nen systematischen Zusammenhang einzuordnen; anschließend versuche ich herauszu- finden, welche Nominalisten bzw. welchen Typus von Nominalismus Albert be- kämpfte. Zum Abschluß folgen einige allgemeinere Bemerkungen über die Universa- lienlehre Alberts.

zu einer besseren Erkenntnis

der Wahrheit fUhren 7

L Die Universalienlehre der 'Nominales'

1. Alles Seiende ist individuell

Die Nominalisten gehen von der Identität des wirklich Seiendem mit dem Individuum aus. Alles, was außerhalb des Intellekts Realität besitzt und abgetrennt existiert, ist "ein Partikuläres und ein Individuum"s. In der extramentalen Wirklichkeit existieren nur

5

6

7

Vgl. loc. eit.: S. 22b-24a.

Vgl. loc. cit.: S. 24a-26a.

Vgl. loc. cit.: S. 20b: "Ad quaestionem ergo primam [an ista quae genera et speeies dicuntur in re

subsistant

dubitationem

pro parte faciunt

Text dieser programmatische Hinweis auf die eigene Methode verschleiert. Wie stark dieser kleine Fehler das Verständnis des Textes beeinträchtigt, wird aus der deutschen Übersetzung der Text- stelle in der von Hans-Ulrich Wöhler herausgegebenen Auswahl von Texten zum Universalien- streit deutlich, vgl. wäHLER, Hans-Ulrich (Übers. und Hrsg.): Texte zum Universalienstreit. Bd.

J u. 2 (Berlin J992 u. 1994), in der Folge zitiert als: WäHLER [Anm. 7], Bd. 1, bzw. Bd. 2, -

hierzu Bd. 2, S. 9: "Zur ersten Frage sind also die größeren Schwierigkeiten anzuführen, die im

sind also die

größeren Schwierigkeiten anzufUhren, aufgrund deren jede der beiden Positionen in Frage gestellt wird". Da Wöhler fUr seine Übersetzung nur die Drucke benutzt hat, spiegeln sich unvermeidli- cherweise in seiner Übertragung die Fehler des gedruckten Textes wider. Meine Berichtigungen seiner Version bedeuten also keine Kritik an seiner sonst verdienstvollen Arbeit. ALBERTUS Magnus: De Vuniv., tr. 2, c. 3: ed. eit., S. 21a: "Tertiam adducunt [seil. nominales] rationern, quod sicut omne, quod est secundum esse separatum in natura, particulare et individuum est

einzelnen die Unklarheit hervorrufen". Eigentlich müßte es aber etwa heißen: "

lesen, wird im gedruckten

ut

] difficultates maiores, quae dubitationem pro utraque parte faciunt, sunt inducendae,

visa rationc dubitationis melius intelligatur soluta dubitatione". Da die Drucke " "

dubitationem pro utraque parte faeiunt

"

"

Die Universalienlehre der 'Nominales'

173

Individuen, und nur diese haben wirkliche Subsistenz, da alles, was abgetrennt existiert, als solches existiert, weil es ein Individuum ist. Diesen Grundsatz der Identität von wirklicher Existenz und Individualität beweisen die Nominalisten unter Berufung auf Aristoteles, Boethius und Avicenna, die wie sie sagen - der Meinung gewesen seien, "daß alles, was in der Natur als ein Abgetrenntes existiert, gerade deswegen als solches existiert, weil es zahlenmäßig ein Einzelnes ist"9. Individualität und Singularität sind somit die Vorbedingung wirklicher Existenz, d, h. reale Existenz ist nur möglich in der Form der Individualität, oder in Alberts prägnanter Zusammenfassung des Arguments:

"alles was ist, ist deswegen, weil es zahlenmäßig Eines ist"IO.

2. Die Wirklichkeit besteht ausschließlich aus Individuen

Die Nominalisten gehen noch einen Schritt weiter: Nicht nur das, was in der Natur sub- sistiert, ist partikulär und individuell, sondern auch alles, was den Individuen zugrunde- liegt, ist seinerseits partikulär und individuell, da es von der Materie genau so indivi- dualisiert 11 wird wie die Individuen, denen es zugrundeliegt:

"So wie alles, was in der Natur als ein Abgetrenntes existiert, ein Partikuläres und ein Individuum ist, so ist alles, was in einem solchen abgetrennt Existierenden ist, partikulär und individualisiert, wie zum Beispiel jede substantielle und akzidentelle Form, die in einem Individuum ist, individu- ell ist, denn sie wird durch die Materie, die das Prinzip und die Ursache jeder Individuation ist, zu einem Individuellem gemacht"12

9 Op. cit: S. 21a: "Dicunt [seil. nominales] quod Boethius et Aristoteles et Avicenna dicun.t, quod omne, quod separatum in natura est, ideo separatum est, quia unum numero est". Vgl. WÖHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 10.

ALBERTUS Magnus: De V univ, tr. 2, c. 3: [Anm. I], S. 25a: "Ad id ergo quod primo pro prima parte indueitur, dicendum quod, eum dicunt Aristoteles et Boethius quod omne quod est, ideo est, quia unum numero est

"

.

.

dicendum quod, eum dicunt Aristoteles et Boethius quod omne quod est, ideo est, quia unum numero

10

Dieses auf der individualisierenden Wirkung der Materie gründende Argument kann m dieser Form kaum von den Nominales stammen. Lehrten sie doch, daß alles Seiende aus sich selbst und durch die eigene Wesenheit partikulär und individualisert sei; vgl. unten Anm. 57.

alles Seiende aus sich selbst und durch die eigene Wesenheit partikulär und individualisert sei; vgl. unten
alles Seiende aus sich selbst und durch die eigene Wesenheit partikulär und individualisert sei; vgl. unten

11

12 Op. cit.: S. 21a: "Tertiam adducunt rationem, quod sieut (Ed. Paris. si) omne, quod est secundum

esse sepamtum in natura, particulare et individuum est, ita omne, quod est in eo, quod sie separa-

individuatum est om. Ed. Paris.), ut omms

forma, quae in individuo est, individua est, sive sit substantialis sive aceidentalis. Individuatur

enim per materiam, quae omnis individuationis prindpium et causa est". Im gedruckten Text fehlt

infolge eines Homoioteleutons der zweite Teil des Vordersatzes (ita omne, quod est in eo, quod sie separatum est, parlieulare et individuatum est), so daß die eigentliche Intention des Arguments - nämlich, daß dem Individuum rein individuelle Formen zugrundeliegen - verschleiert wird. - Bei seiner Übersetzung hat Wöhler die Konditionalkonjunktion 'si' ausgelassen, da sonst der Text kei-

Alles, was von Natur als [=

nen Sinn gehabt hätte, vgl. WäHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 10: "

tum est, partieulare et individuatum est (ita omne,

Die Universalienlehre der 'Nominales'

177

Negation der extramentalen Existenz der Universalien ('weil das Universale in der ex- tramentalen Wirklichkeit nichts ist') eine entschiedene Behauptung derselben: 'weil das Universale ja außerhalb des Intellekts in der Außenwirklichkeit existiert'22.

4.1. 'Universale in solis intellectibus'

erste der drei Fragen 23 , die Porphyrius am Anfang der Isa-

goge über die Natur der Universalien (bzw. der Genera und Spezies) stellt, mit einer dreifachen Betonung der rein gedanklichen Natur (in soZis, nudis et puris intellectibus) derselben 24 : Die Universalien - sagen sie in Alberts Darstellung subsistieren nicht in der real-gegenständlichen Welt, sondern existieren nur 'in den alleinigen, bloßen und reinen Gedanken'. 'Allein in den Gedanken' (in soZis intellectibus), weil "allein der Intellekt bewirkt (fadt), daß sie existieren und irgendwie Sein besitzen"25. Diese deutli- che Formulierung der nominalistischen Lehre von der rein intellektuellen Natur der

Die Nominalisten lösen die

Universalien ist im gedruckten Text völlig entstellt. Statt "quae ut sint et quoquo modo esse habeant, sojus facit intellectus", wie es in allen Handschriften heißt, lesen die Edi- tionen (Ed. Paris., 1. 1, S. 19b) "quae utrum sint et quomodo esse habeant, sojus seit intellectus", d. h.: "Nur der Intellekt weiß, ob sie existieren und wie sie ein Sein besit- zen"26. Damit wird aus einer Aussage über den rein intellektuellen Charakter der Uni- versalien eine gnoseologische Frage nach der Art und Weise, wie die Universalien er-

22 Vgl. WÖHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 11: "Weil es [das Universale] ja außerhalb des Intellekts der Wirklichkeit angehört".

23 Zu Beginn seiner Isagoge sagt Porphyrius, daß er drei wichtige Fragen über das Wesen und die Existenzweise der Universalien trotz ihrer Bedeutung übergehen wird. Indem er aber diese Fragen aufwarf und offen ließ, hat er ganze Generationen von Logikern dazu veranlaßt, sich mit der von ihm vermerkten Problematik auseinanderzusetzen. Die von ihm genannten Fragen lauten: [1.]

"existieren die Genera und die Spezies wirklich oder befinden sie sich nur in den bloßen Gedan- ken? [2.] wenn sie wirklich existieren, sind sie dann körperlich oder unkörperlich? [3.] sind sie von den Sinnendingen losgetrennt oder existieren sie in ihnen?". Cr. PORPHYRIUS: Isagoge Transla- tio Boethii (ed. Laurentius Minio-Paluello). Bruges [u.a.] 1966 (Aristoteles Latinus, t. 1,6-7), S. 5;

vgl. WÖHLER [Anm. 7], Bd. I,

S. 3.

24 Auch bei Abaelard befindet sich diese auf die porphyrische Frage bezogene - dreifache Bestim- mung der gedanklichen Natur des Universale, aber mit anderen Schwerpunkten (ABAELARDUS, Petrus: Logiea 'Ingredientibus', [Anm. 18], S. 27): "Unde merito intellectus universalium solus et nudus et purus dicitur, solus quidem a sensu, quia rem ut sensualem non percipit, nudus vero quantum ad abstractionem formarum vel omnium vel aliquarum, purus ex toto quantum ad dis- cretionem, quia nulla res, sive materia sit sive forma, in eo certificatur".

25 ALBERTUS Magnus: De V univ., tr. 2, c. 2: [Anm. I], S. 19b: "Sunt tarnen qui aliter ea, quae dicta sunt, interpretantur dicentes quod 'in solis intellectibus' sunt iIla quoad nos, quae ut (Ed. Paris. utrum) sint et quoquo (Ed. Paris. = quo) modo esse habeant, solus/aeit (Ed. Paris. = seit) intellectus. Et tale esse in intellectu universalia habere dixerunt iIIi, qui vocabantur nominales".

178

MANUEL SANTOS NOYA

kannt werden 27 , Die Art und Weise, wie der Intellekt die Universalien

wird an einer anderen TextsteIle angedeutet: Die Universalien existieren nur im Intel- lekt, der sie allein "auf Grund einer von den Dingen gemachten Abstraktion"28 her- vorbringt und bildet. Da die Wirklichkeit ausschließlich aus Individuen besteht, so daß in ihr nichts Uni- verselles vorkommt, sind die allgemeinen Wesenheiten und die Gattungen unter welche wir die Einzeldinge subsumieren und einordnen, rein gedankliche Konstruktionen:

"Eben jene, die man 'Nominales' nannte" - referiert Albert - "waren der Auffassung, daß die Universalien" bloß "ein gedankliches Sein besäßen und daß die Gemeinschaft, auf welche die zu den Universalien gehörenden Partikularien über welche die Univer- salien ausgesagt werden bezogen werden, nur gedanklich existiert"29. Die Universa- lien haben also kein getrenntes Sein (esse separatum) außerhalb des Intellekts, sondern existieren allein in den Gedanken, indem sie im Geist und im Licht der Vernunft als reine Begriffe und Intentionen (ration es et intentiones) entstehen 30 .

hervorbringt,

4.2. 'Universale in nudis purisque intellectibus'

Des weiteren lehren die Nominalisten, daß die Universalien 'bloße und reine' Gedanken sind. 'Bloß und rein', weil die Universalien als rein gedankliche Konstruktionen ohne jede Realität in der materiellen und real-gegenständlichen Welt - von allen sinnlichen Vorstellungen (phantasmata) entblößt und mit der Materie unvermischt sind: Das Uni-

27 Die Häufung solcher Lesefehler in den Druckeditionen und in einigen Handschriften der logischen Traktate Alberts ist dafUr mitverantwortlich, daß er in manchen Kreisen als schlechter Logiker gilt.

28 Vgl. ALBERTUS Magnus: De Vuniv., tr. 2, c. 2: [Anm. I], S. 19a: "Prima quidem [quaestio] est, an ista quae genera et speeies dicuntur, in re subsistant, aut non quidem in rerum natura sint sub-

sistentia, sed in solis nudis purisque intellectibus per abstractionem arebus faetam sint positaT - Vgl. WÖHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 7.

29 Op. eit., tr. 2, c. 2: S. 19b: "Et tale esse in intellectu universalia habere dixerunt illi, qui vocabantur nominales, qui communitatem, ad quam particularia universalium de quibus dicuntur ipsa universalia - referuntur, tantum in intellectu esse dicebant". Vgl. WÖHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 7.

30 Op. cit., tr. 2, c. 3: S. 20b: "Est ergo quaestio prima, utrum universalia et praecipue genera et species quae quid significant (Ed. Paris. quidem significantur), subsistant in natura secundum esse separatum ab intellectu, an non quidem sic subsistant, sed in solis nudis purisque intellectibus posita sint, ita quod separatum non habeant esse, sed tantum sint accepta, prout sunt rationes et intentiones in mente et lumine intellectus acceptae. Auch hier ist der gedruckte Text fehlerhat. da

genera et speeies quae

genera et species quae quidem significantur U statt .,

quid significant ., heißt. Wöhler hat versucht, dem unverständlichen Text einen Sinn abzu- gewinnen, und übersetzte (WÖHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 9): "Die erste Frage lautet also, ob das als 'Universalien' bezeichnete und in erster Linie die Genera und Spezies wirklich in der Natur mit "

Eigentlich heißt es aber: "Die erste Frage

lautet also, ob die Universalien - und in erster Linie die Genera und Spezies, die eine Wesenheit

es in den Edition .,

einem vom Gedanken getrennten Sein existieren

('quid') bedeuten wirklich in der Natur mit einem vom Gedanken getrennten Sein existieren

"

184

MANlJEL SANTOS NOYA

Dementsprechend räumt er der Darstellung und Widerlegung der Argumente der Nomi- nalisten gegen die reale Existenz der Universalien verhältnismäßig viel Platz ein. Man kann sagen, daß Albert in seiner Dastellung der Lehre der Nominalisten die sprachliche Dimension des Universalienproblems stark reduziert, um sich vor al1em auf die Polari- tät von res und intellectus zu konzentrieren. In dieser Hinsicht paßt seine Beschreibung der Nominalisten eher für jenen Typus von Nominalismus, den Johannes von Salisbury unmittelbar nach der Lehre Abaelards erwähnt und von dessen Vertretern er sagt, daß sie die Universalien als intellectus und notiones deuten:

"Ein anderer beruft sich auf die Gedanken [intellectus] und sagt, daß natürlich sie die Genera und Spezies sind. Sie stützen sich dabei auf Cicero und Boethius, die Aristoteles als Urheber dafür rühmen, daß man die Genera und Spezies für Begriffe halten und als solche ansprechen müsse. Ein Begriff ist nun nach ihrer Meinung die aus einer zuvor aufgenommenen Form rührende Erkenntnis eines jeden Dinges, die einer Deutung bedarf. Und an anderer Stelle heißt es: ein Begriff ist ein gewisser Gedanke und ein einfaches geistiges Auffassen. Durch ein solches Verfahren wird also alles, was geschrieben wurde, zurechtgebogen, damit der Gedanke bzw. der Begriff die Allge- meinheit von Universalien besitzen"49.

Zwar berücksichtigt auch Albert die sprachlichen und logischen Aspekte des Universa-

, aber er behandelt viel ausführlicher die metaphysische Dimension, näm-

lich die Frage nach der Realexistenz der Universalien als al1gemeine Naturen. Wie Abaelard geht auch er von der aristotelischen Definition des Universale als 'das was von vielem prädiziert werden kann' (quod de multis aptum est natum praedieari) a~s.In dieser sprachlichen Funktion, als Prädikabile von vielem, ist das Universale der Ge- genstand der Logik: "In der Wissenschaft der Logik muß an erster StelIe das Universale untersucht werden", denn "das Wesen und der Grund eines Prädikabile besteht darin, d~ es Universale ist,,51. Der Grund der 'Prädikabilität' der Fähigkeit, von vielem prä- d~zIertzu werden - besteht also in der ontologischen Universalität (in der Fähigkeit, in VIelem zu sein). Nur was wirklich in vielem ist, kann von vielem prädiziert werden 52 .

50

lienproblems

49 WÖHLER [Anm. 7], Bd. I, S. 208-209. - JOHANNES Saresberiensis: Metalogicon Il cap. 17:

[Anm. 19], S. 81: "Alius versatur in intellectibus, et eos dumtaxat genera dicit esse et species. Sumunt enim occasionem a Cicerone et Boethio qui Aristotilem laudant auctorem, quod hae credi et dici debeant notiones. Est autem, ut aiunt, notio ex ante percepta forma cuiusque rei cognitio, enodatione indigens. Et alibi: Notio est quidam intellectus, et simplex animi conceptio. Eo ergo

50 deflectitur quicquid scriptum est, ut intellectus aut notio universitatem universalium claudat".

51 VgL ALBERTUS Magnus: De Vuniv., tr. 2, c. I: [Anm. I], S. 17-19.

Ratio

52 ergo et causa praedicabilis est quod sit universale". - Vgl. WÖHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 3. Vgl. WIELAND [Anm. 13], S. 41: "Das Problem des Universale gehört für Albert sowohl in den Bereich der Logik als auch in den der Metaphysik. Die Logik behandelt es im Hinblick auf die Aussagbarkeit, denn das Aussagbare wird als solches durch seine Allgemeinheit konstituiert. So- weit es sich beim Universale um eine Natur handelt und damit um eine spezifische Weise des Sei-

Loc. eil.: S. 17a: "Primum autem quod in scientia logica est considerandum, universale est

Die Universalienlehre der 'Nominales'

185

Das logische Universale setzt also das ontologische voraus. Das heißt, Albert zieht aus der aristotelischen Definition des Universale eine ganz andere Folgerung als Abaelard. Für diesen stehen wie oben dargelegt wurde die Ebene der Sprache und die Ebene der Wirklichkeit in unaufhebbarer Spannung: Das Universale als Prädikabile kann seine Fähigkeit, von vielem prädiziert zu werden, nur dann bewahren, wenn es keine ding- hafte Existenz erhält. Für Albert dagegen kann das Universale nur dann von vielem prädiziert werden, wenn es in vielem realiter existiert: 3 Er setzt also die Ebene der Sprache bzw. die der Erkenntnis mit der Ebene der Realität gleich: "Dasjenige, wo- durch ein Ding existiert, und dasjenige, wodurch es erkannt und gewußt wird, ist iden- tisch. Eine Wissenschaft aber gibt es nur vom Allgemeinen und durch das Allgemeine. Also existiert ein Ding überhaupt nur auf Grund des Allgemeinen"54. Weil die Sprache und die Wissenschaften mit allgemeinen Begriffen operieren, müssen die Einzeldinge von denen die Wissenschaften handeln auch etwas Al1gemeines in sich bergen, sonst könnten die allgemeinen Begriffe nicht von den Einzeldingen ausgesagt werden. Daher muß er die rein sprachliche Bestimmung des Universale (quod de pluribus praedicabile est) durch die ontologische Bestimmung (quod est in multis) ergänzen: "Universale

autem est, quod eum sit in uno, aptum natum est esse in pluribus

Et per hoc quod in

multis per aptitudinem est, praedieabile est de de illis. Et sie universale est, quod de sua

aptitudine est in multis et de multis"55.

Somit wird klar, daß in der Behandlung der Universalienfrage eine deutliche Ak- zentverschiebung stattgefunden hat. Die sprach-logischen Aspekte des Problems, die bei den Nominalisten im Mittelpunkt standen, treten bei Albert zugunsten des metaphy- sischen Moments 56 zurück. Indem er nun die Universalienlehre der Nominalisten aus

enden überhaupt, gehört es in den Bereich der Metaphysik. Die erste und allgemeine Bestimmung des Universale besteht darin, in vielen Trägern zu sein, womit die Möglichkeit der Aussage von eben diesen vielen Trägern gegeben ist".

53 Es ist bemerkenswert, daß Albert an dieser Stelle (De V univ., tr. 2, c. I) bereits die Lehre von der realen Existenz des Universale voraussetzt, die er erst im tr. 2, c. 3 beweisen wird.

54 ALBERTUS Magnus: De V univ., tr. 2, c. 3: [Anm. I], S. 22b: "Secundum [argumentum] est

quod, sicut dicit Aristoteles in principio I Physicorum, eadem sunt, ~uibus res est et quibus cognoscitur et scitur. Non est autem scientia nisi de universali et per unIversale. Ergo res non est

nisi per id, quod est universale". - WÖHLER [Anm. 7], Bd. 2, S. 12-13.

.

55 Op. cit., tr

2, c. I: S. 17b. Über diese Definition des universale vgl. oben Anm. 13. Auf dIese

Akzentverschiebung in Alberts Definition des universale hat G. Wieland ([Anm. 13], S. 41 f. Anm.

5) ebenfalls hingewiesen: "Daß Albert im Anschluß an Avicenna eine .Be~chr~ibung. des universale wählt, die zwar die Möglichkeit der Aussage von mehreren und damIt die anstoteltsche Bestimmung einschließt, aber darüber hinaus ein Element enthält, das das 'Innewohnen' des

nicht unwichtige

Akzentverschiebung, die dem Universale auch innerhalb der Metaphysik einen wichtigen Platz einräumt".

56 Ibid.: "Et hoc modo prout [universale] ratio est praedicabilitatis, ad logicum pertinet de universali tractare, quamvis secundum quod est natura quaedam et differentia entis, tractare de ipso pertineat ad metaphysicum".

universale in den Dingen hervorhebt (in multis), bedeutet eine

Die Universalienlehre der 'Nominales'

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kretisierten Universale wirklich werden. indem er das Universale abstrahiert. d. h. es der individualisierenden Materie u~d materiellen Eigenschaften lostrenne 5 Inso- fern kann Albert sogar behaupten, daß die Universalien in intellectu die Dinge selbst (res ipsae) sind und keine rein gedanklichen Vorstellungen der Dinge (intentiones re-

rum)76.

von

4. Die Universalität der in den Einzeldingen individualisierten Natur

Nun aber zurück zu Alberts Antwort auf das von den Nominalisten im Anschluß an Aristoteles und Boethius angeführte Argument, daß alles, was existiert, deswegen exis- tiere, weil es zahlenmäßig ein Eines sei. Albert antwortet, indem er zwischen einem Seinsmodus im vollendeten Akt der Existenz und einem Seinsmodus ohne diese letzte Vollendung und Aktualität der Existenz unterscheidet. Der erste Modus sei den Einzel- dingen eigen, der zweite den Prinzipien der Einzeldinge. Die Universalien aber existie- ren nicht im Seinsmodus der Einzeldinge, sondern im Modus der Prinzipien und Natu- ren. Wenn man also sagt, daß nur Individuen wirklich existieren, muß man die ver- schiedenen Bedeutungen des Verbs 'ist' oder 'existiert' unterscheiden: In der vollkom- menen Form der Wirklichkeit existiert nur das Individuum. In diesem Sinn kann man den Nominalisten zustimmen, wenn sie behaupten, daß nur die Individuen existieren. Aber daraus darf man nicht folgern, daß die Universalien keine Form der realen Exi- stenz haben, denn sie existieren wirklich - jedoch nicht in der vollendeten Seinsform der Individuen, sondern in einer den Prinzipien der Einzeldinge eigenen reduzierten

Seinsform77.

Dem anderen Argument der Nominalisten 78 , daß alles, was dem Individuum zugrun- deliegt, selbst individualisiert und partikularisiert sei, stimmt Albert insofern zu, als er

75 Vgl. ALBERTUS Magnus: De V univ. tr. 2, e. 3: [Anm. IJ, S. 24a-24b: "Seeundum relationem autem, quam habet ad intelleetum eognoseentem, non eausantem, habet [universale] quod talis intelleetus, seeundum quod abstrahit ipsum, agit in ipso universalitatem, quam de natura sua ante habuit, per hoc quod separat ipsum a materia et materialibus individuantibus ipsum (Ed. Paris. = individuitatibus)". Vgl. WÖHLER [Anm 7], Bd. 2, S. 15.

76 Vgl. loe. eit.: S. 22b: "Si enim [universalia] essent in intelleetu tantum, essent rerum intentiones, et non res ipsae".

77 Vgl. loe. eit

eum dieunt Aristoteles et Boethius quod omne, quod est, ideo est, quia unum numero est, aut in- telligitur de his, quae ultimo in natura perfeeta sunt de his enim verum est -, sed universalia hoc modo non sunt. Sunt enim ut rerum prineipia, et non ut res ultimo actu in natura eonstitutae et eompletae".

78 Vgl. loe. eit.: S. 21a: "Tertiam addueunt [seil. nominalesJ rationem, quod sieut omne, quod est seeundum esse separatum in natura, partieulare et individuum est, ita omne, quod est in eo. quod sie separatum est, partieulare et individuatum est". Vgl. oben Anm. 12.

S. 25a: .,Ad id ergo, quod primo pro prima parte opinionis indueitur, dicendum quod,

192

MANUEL SANTOS NOYA

selber zugibt, daß "alles, was in einern Individuum ist, insoweit es im Individuum ist, singulär ist". Aber - fügt Albert hinzu das, was im Individuum ist, kann - unter einem anderen Gesichtspunkt betrachtet - ein Universale sein 79 Denn die den einzelnen Indi- viduen innewohnende Natur ist zwar durch die Inkorporierung in die Materie partikula- risiert und individualisiert, behält aber gleichzeitig ihre Fähigkeit, in vielem zu sein.

Und gerade darin besteht das Wesen

des Universale 80

5. Die 'Lumen' -Theorie

An dieser Stelle sei noch auf einen einigermaßen überraschenden und meist zu wenig beachteten Sachverhalt hingewiesen, nämlich darauf, daß Albert in seiner Zusammen- fassung der eigenen Universalienlehre (De V univ, tr.9 cap.3) die Entstehung des All- gemeinbegriffs anders erklärt als an den hier angeführten TextsteIlen des 2. Traktats. Im 9. Traktat hat er nämlich die Abstraktionslehre durch eine Art von Illuminationstheorie unvermittelt und ohne jede Erklärung ersetzt. Nach dieser Konzeption ist die ganze Weltwirklichkeit vorn Licht der göttlichen Intelligenz durchdrungen. Demnach ist jede einfache Natur und Form ein Abglanz und Strahl der alle Formen spendenden Ersten Intelligenz (quae dat omnesformas)81. Die solcherart im Licht der göttlichen Intelligenz bestehende einfache Natur wird dadurch begrifflich und intelligibel (efficitur ut intel-

lectus quidam et intelligibilis), daß der Abglanz der göttlichen Intelligenz in der Seele ein geistiges und intellektuelles Abbild seiner selbst (simile sibi in esse spirituali vel

intellectuali) hervorbringt 82 Als Abglanz und Strahl der wirkenden Intelligenz

intelligentiae), die mit ihrem Licht alle Formen bewirkt, bewegen die einfachen Naturen den intellectus potentialis der Seele und werden auf diese Weise selbst in der Seele hervorgebracht. Voraussetzung dafür ist allerdings, daß die Seele frei von jedem Hin- dernis ist und sich ihren eigenen Intellekt in dessen Eigenschaft als Intellekt vollkom-

(agentis

79

Vgl. Op. eiL, tr. 2, c. 3: [Anm. I], S. 25a-25b: "Ad id, quod tertio inducunt per dictum Avicennae, dicendum quod omne, quod est in individuo, secundum quod est in individuo, singulare esL Sed id, quod est in individuo, non prohibet esse universale, non seeundum quod est in individuo ae- eeptum; hoc enim seeundum se aeeeptum, nihil prohibet esse quale quid, et non hoe aliquid". Vgl. WÖHLER [Anm. 7] Bd. 2, S. 17.

80

Vgl. ALBERTUS Magnus: De V univ., tr. 9, e. 3: [Anm, I], S. 147a: "

quia universale ab hae

aptitudine [seil. ad hoe quod sit in pluribus int(:rioribus] dieitur universale, et non ab aetu quo effi-

eitur aetu universale".

81 Zur Lehre vom 'dator formarum' bei Albert vgL LlBERA [Anm. 72], S. 120-129.

82 Vgl. ALBERTUS Magnus: De V univ., tr. 9, c. 3: [Anm. I], S. 147a-147b: "Haee autem eadem natura aeeepta in lumine intelligentiae, euius ipsa est splendor quidam et radius secundum quod dieimus, quod omnis forma sive natura simplex splendor est et radius intelligentiae quae dat

omnes formas

operatur in anima (quae dat

spirituali sive intelleetuali".

efficitur ut intellectus quidam et intelligibilis, eo quod splendor intelligentiae

in anima om. Ed. Paris.) simile (Ed. Paris. = similis) sibi in esse