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SWR2 Wissen

Global Denken lernen


Von Manuel Waltz

Sendung: Samstag, 9. März 2019, 8:30 Uhr


Redaktion: Lukas Meyer-Blankenburg
Regie: Autorenproduktion
Produktion: SWR 2019

Artensterben, Klimawandel, Flucht und Migration - der Ansatz „Globales Lernen“ will jungen
Menschen eine neue Perspektive auf weltweite Probleme geben.

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MANUSKRIPT

Atmo: Raum mit Menschen

Ariane Fröhlich:
Die globalisierte Welt ist sehr komplex.

Sprecher:
Ariane Fröhlich steht vor einem Flipchart, auf den einige Stichpunkte gepinnt sind.

O-Ton Ariane Fröhlich:


Und hinter dem Stichwort „Orientierung“ steht die Idee, dass ich mich mit komplexen
Zusammenhängen natürlich nur auseinandersetzen mag, wenn ich sie auch erfassen
kann, wenn ich mich darin orientieren kann. Und deswegen wollen wir es den
Lernenden ermöglichen, sich in dieser komplexen Welt zu orientieren, sie zu
erfassen.

Sprecher:
Eine Gruppe von 25 angehenden Referendarinnen und Referendaren hat sich in
einem Stuhlkreis vor sie gesetzt. In wenigen Wochen werden die Studierenden in
einer Schule ihre Ausbildung abschließen. Bei Ariane Fröhlich holen sie sich
Anregungen für ihren künftigen Unterricht – freiwillig und in einem sehr speziellen
Bereich.

O-Ton Ariane Fröhlich:


Weil wir wissen, wenn wir uns nicht auseinandersetzen, dann wenden wir uns ab und
wenden uns vielleicht den einfachen Antworten zu. Vorhin hat jemand gesagt:
Populismus, reaktionäre Ideen… Das möchte Globales Lernen nicht. Globales
Lernen möchte Auseinandersetzung ermutigen und deswegen Orientierung schaffen.

Ansage:

Global Denken lernen.

Eine Sendung von Manuel Waltz.

Sprecher:
Artensterben, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Flucht und Migration – die
Herausforderungen der Menschheit sind gewaltig. Gemeinsam ist ihnen, dass sie nur
global gelöst werden können und dass dies eine Aufgabe für mehrere Generationen
ist. Der Ansatz Globales Lernen versucht, jungen Menschen eine neue Perspektive
auf weltweite Probleme zu bieten und ihnen etwa den nachhaltigen Umgang mit
Ressourcen zu vermitteln oder die Privilegien der Industrieländer gegenüber dem
globalen Süden in Frage zu stellen.

Vor allem aber, dass das eigene Handeln dafür wichtig ist. In Deutschland beteiligen
sich zunehmend Schulen, NGOs, aber auch Initiativen der Bundesregierung daran.
Seit 2016 ist Bildung für Nachhaltige Entwicklung auch eine Leitperspektive im
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Bildungsplan des Landes Baden-Württemberg. Doch lässt sich wirklich in der Schule
lernen, die Sorgen der Menschheit zu lösen?

O-Ton Ariane Fröhlich:


Es geht um Perspektivwechsel. Globales Lernen soll Schülerinnen und Schüler oder
alle Menschen, die Globales Lernen machen, ermutigen, die Perspektive zu
wechseln. Und dafür ist es notwendig, erst einmal die eigene Perspektive zu kennen.
Also zu wissen, was sind meine eigenen Wertvorstellungen, was sind die Normen,
auf die ich zurückgreife, die Werte, die ich lebe? Was ist meine Perspektive? Also die
Fähigkeit, auch diese eigene Perspektive wahr zu nehmen, um sich auch mit
anderen Perspektiven auseinander setzen zu können.

Sprecher:
Wie die Referendare hier hat auch Ariane Fröhlich auf Lehramt studiert, sich aber
dann für die außerschulische politische Bildung entschieden. Seit mehreren Jahren
bietet sie mit ihren Mitstreitern vom Eine-Welt-Haus in Heidelberg, in einem
ehemaligen Verwaltungsgebäude der Bahn direkt neben dem Hauptbahnhof, Kurse
in Globalem Lernen an. Während das Gebäude noch den Charme der sechziger
Jahre verströmt, sollen hier im Globalen Klassenzimmer die Weichen für morgen
gelegt werden, dafür, dass diese Welt auch in einigen Jahrzehnten noch lebenswert
ist.

O-Ton Sylvana:
Ja, hallo, ich bin Sylvana, meine Fächer sind Englisch und Sport.

O-Ton Laura:
Ich bin die Laura, ich studiere - ich habe studiert - Englisch und Biologie.

Sprecher:
Die jungen Referendarinnen stellen sich jetzt der Reihe nach vor. Sie haben
unterschiedlichste Fächer studiert, auch solche, die auf den ersten Blick nichts mit
Fragen der Nachhaltigkeit oder globaler Gerechtigkeit zu tun haben, wie etwa
Mathematik. Die Seminarleiterin Ariane Fröhlich hat Bilder auf den Linoleumboden in
der Mitte des Stuhlkreises gelegt. Jede Kursteilnehmerin soll sich nun eines nehmen
und sagen, warum sie es ausgesucht hat und was sie damit verbindet.

O-Ton Laura:
Wir haben uns hier das Flughafenbild ausgewählt, weil es direkt vor uns lag. [lachen]
Und weil sicher jeder das Problem kennt, ja, zu reisen aber dann zu überlegen, hmm,
wenn ich jetzt einmal um die ganze Welt fliege, nur um zwei Wochen mich vom
Examen zu erholen, ist es das wirklich wert? Man macht es trotzdem. Ja, wir haben
die Möglichkeiten und das Gewissen ist irgendwie dabei aber aufs Fliegen will man ja
trotzdem nicht verzichten.

Sprecher:
Auf dem Boden liegen noch viele weitere Bilder, zum Beispiel von einer Näherei in
Südostasien, in der im Akkord Mode für europäische Discounter hergestellt wird.

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Oder von einem brennenden Öltanker oder einer Tonne mit weggeworfenen
Lebensmitteln.

O-Ton Liesa-Marie:
Also ich bin die Liesa-Marie und ich habe Bio und Chemie und wir haben uns
zusammen dieses Bild rausgesucht, mit dem Gedanken erst einmal der
Wegwerfgesellschaft, also was der Supermarkt am Ende des Tages alles wegwirft
und eben nicht benutzt und dass um acht Uhr immer noch eigentlich alles vorhanden
sein muss.

Sprecher:
Liesa-Marie fragt, ob die Supermärkte nicht dazu verpflichtet werden könnten, keine
Lebensmittel mehr wegzuschmeißen, wie es seit etwa drei Jahren in Frankreich und
seit kurzem in Tschechien der Fall ist. Aber sie hinterfragt auch, warum wir erwarten,
dass auch kurz vor Ladenschluss noch alles im Supermarkt vorhanden sein muss –
selbst die Lebensmittel, die am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden können.
Nun ist die Dozentin der Gruppe an der Reihe, auch sie hat sich ein Bild mit einem
Flugzeug herausgesucht.

Dozentin:
Stellvertretend für Mobilität im Allgemeinen, weil da betrifft mich Globales Lernen
ganz persönlich, es ist für mich der Bereich, wo mir Nachhaltigkeit am schwersten
fällt, an dem ich auch kein Vorbild für meine Schüler bin und ich denke diese Frage
ist eine, mit der wir als Lehrkräfte ganz häufig konfrontiert sind, einerseits Globales
Lernen, Nachhaltigkeit zu transportieren und andererseits auch sich zu bemühen,
Vorbild zu sein. Ganz, ganz große Herausforderung in meinen Augen.

Sprecher:
Der Klimawandel und seine Auswirkungen, Klimagerechtigkeit, Gerechtigkeit im
Allgemeinen, Verteilungsfragen, Umweltzerstörung, Ausbeutung, koloniales Erbe,
Rassismus… Die Inhalte von Globalem Lernen sind extrem vielseitig und komplex
und damit für den Schulunterricht nur schwer zu greifen. Denn Schule denkt meist
noch in einzelnen Fächern. Globales Lernen will sich aber gerade nicht dieser
Fächerlogik unterordnen.

O-Ton Kafalo Sékongo:


Alle diese unterschiedlichen Themen haben das Gemeinsame, dass wir für eine
nachhaltige, eine zukunftsfähige Welt tendieren, wir möchten in einer Welt leben, die
einfach in der Lage ist, uns als Menschen zu ertragen.

Sprecher:
Kafalo Sékongo arbeitet im Entwicklungspädagogischen Informationszentrum in
Reutlingen - kurz EPiZ. Auch hier gibt es ein Globales Klassenzimmer. Der Verein
arbeitet zudem mit dem Kultusministerium bei der Entwicklung von Globalem Lernen
in Baden-Württemberg zusammen. Letztendlich sollten die Menschen dazu gebracht
werden, ihr alltägliches Handeln zu verändern, so Kafalo Sékongo.

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O-Ton Kafalo Sékongo:
Diese globalisierte Welt ist so, dass ich kann nicht so leben, als wäre ich alleine auf
der Welt. Das heißt, mein Handeln hat Wirkungen auf andere Menschen in anderen
Ländern.

Sprecher:
Auch im Kultusministerium in Baden Württemberg ist man von dieser Idee überzeugt
und hat deshalb den Stellenwert von Globalem Lernen und Bildung für Nachhaltige
Entwicklung deutlich erhöht, wie Staatssekretär Volker Schebesta betont. Dabei
ginge es aber nicht allein um Klimaschutz und effizienteren Ressourcenverbrauch,
sondern auch darum…

O-Ton Volker Schebesta:


Die Demokratiefähigkeit der Schülerinnen und Schülern zu stärken, sie gerade bei
dem, was an Fake News unterwegs ist, was an Populismus auch auf sie einstürzt,
das ist gerade in dieser Zeit ein wichtiger Bildungsinhalt.

Sprecher:
Und dabei spielen Initiativen wie das EPiZ und das Eine-Welt-Zentrum in Heidelberg
eine große Rolle. Denn Globales Lernen wurde von außen an die Schule
herangetragen. Nicht-Regierungsorganisationen und Vereine haben das Konzept
entwickelt. Es waren vor allem zivilgesellschaftliche Akteure, die die neuen
Unterrichts-Methoden entworfen haben. Über Themenwochen oder Projekttage
haben Menschen wie Kafalo Sékongo und Ariane Fröhlich Schulen und Lehrer von
ihrem Anliegen überzeugt. Mit Erfolg. Mittlerweile ist Globales Lernen offizieller
Bestandteil des Bildungsplans und es gibt eine immer stärkere Nachfrage der
Schulen nach Globalem Lernen. Auf den Erfahrungsvorsprung der Initiativen greift
man weiterhin gerne zurück. So wie im Globalen Klassenzimmer in Heidelberg.

Atmo Globales Klassenzimmer

Sprecher:
Einen Tag nach den Referendaren besucht eine neunte Realschulklasse das globale
Klassenzimmer in Heidelberg. Lehrerin Miriam Streit erläutert die Regeln.

O-Ton Miriam Streit:


So ab jetzt, ich erkläre noch kurz das Spiel.

Sprecher:
Miriam Streit hat sich eine blaue Arbeitsjacke angezogen. Hinter ihr auf den Tischen
stehen mehrere Nähmaschinen, auf einem anderen verschiedene Knöpfe, Jeansstoff
oder einfach nur Kisten. In einem Rollenspiel sollen die etwa 30 Jugendlichen die
Arbeitsbedingungen in einer Näherei in Asien nachstellen. An jedem der Tische
werden einzelne Arbeitsschritte nachgestellt.

O-Ton Miriam Streit:


Ab jetzt bin ich eure Vorarbeiterin, ich bin eure Chefin. Und da verstehe ich auch
keinen Spaß, in dieser Fabrik, da herrscht immer Ruhe, ihr dürft hier nicht reden, ihr

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seid hier zum arbeiten, nicht zum quatschen. Ganz wichtig, sonst überlege ich mir
Sanktionen. Jeder von euch bekommt einen Lohnzettel, da steht vorne Lohnzettel
drauf, hinten Gesundheitscheck, ihr braucht das, ihr geht nachher auch zum Arzt,
nehmt euch mal jede einen Zettel und gebt sie weiter durch.

Sprecher:
Zur Vorbereitung des Spiels hat die Gruppe darüber diskutiert, welche Rolle Mode in
ihrem Leben spielt, wie viele Kleider sich jede durchschnittlich kauft, wo diese Kleider
herkommen und ob sie sich Gedanken darüber machen, wie diese Kleider hergestellt
werden.

O-Ton Miriam Streit:


Schreibt bitte noch nichts auf die Zettel drauf, denn ihr bekommt eine Rollenkarte, ihr
arbeitet auch noch nicht.

O-Ton Schülerin:
Wir brauchen noch Stifte!

Sprecher:
Jede Schülerin schlüpft in eine andere Identität, neuer Name, anderes Alter inklusive.

O-Ton Miriam Streit:


So, ihr schaut nach. Eure Rollenkarten sehen so aus. Da steht ein Name drauf, da
steht eine Abteilung drauf. Und da steht eure Geschichte drauf. Diese Namen klebt
ihr euch bitte mit einem Klebeband, das gebe ich euch auch noch, auf euer
Namensschild. Und ihr habt euch jetzt schon hingesetzt, einfach, deshalb verteile ich
euch die Rollen entsprechend. Und keine Angst, ihr müsst auch arbeiten. So ich
verteile die...

Atmo

Sprecher:
Die Schülerinnen beginnen nun an den einzelnen Tischen mit den verschiedenen
Arbeiten. Eine Gruppe muss eine bestimmte Anzahl Taschen aufnähen, eine andere
muss mit Schmirgelpapier Hosen im Used-Look erzeugen, andere wiederum sollen
Knöpfe annähen oder Material hin und her tragen. Alles im Akkord.

O-Ton Miriam Streit:


Und ihr müsst schneller arbeiten. Unsere Kunden in Europa brauchen gute, schnelle
Arbeit. Der Auftrag muss morgen schon raus.

Sprecher:
Die Kursleiterin Miriam Streit fühlt sich sichtlich wohl in ihrer Rolle und kommandiert
ihre Arbeiterinnen ordentlich herum. Einige murren schon, obwohl sie nur wenige
Minuten arbeiten müssen. Schließlich verordnet Streit auch noch zwei Überstunden –
im Rollenspiel zwei Minuten –, um den Auftrag zu vollenden. Am Ende des
Arbeitstages bekommt jede Arbeiterin ihren Lohn ausgezahlt. In einer Reihe stellen
sie sich vor Miriam Streit auf und kassieren ihr Geld. Davon wird direkt noch Miete
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und Geld für die Anreise zur Fabrik abgezogen. Anschließend schickt Miriam Streit
die Schülerinnen auf einen imaginären Markt, dort sollen sie noch auf Papier gemalte
Lebensmittel kaufen, doch das Geld reicht kaum.

O-Ton Miriam Streit:


Aktivistinnen aus allen Textilfabriken der Region haben heute zu einer Demonstration
für einen besseren Lohn, die Zulassung von Gewerkschaften, die Freilassung der
Gefangenen aufgerufen. Schließt euch der Demonstration für bessere
Arbeitsbedingungen an. Wie sieht so eine Demo aus? Aufstehen! Und fordert mal!
Was fordert ihr?

O-Ton Schülerinnen:
Weniger Arbeit, mehr Geld. Mehr Geld…

Sprecher:
Mit selbst gemalten Schildern demonstrieren die Schülerinnen im Klassenzimmer für
bessere Rechte.

O-Ton Miriam Streit:


Die Polizei macht Gebrauch von Tränengas und Schlagstöcken. Die
Gewerkschaftsführerin wurde in der Menge erschossen. Der Tag ist zu Ende. Ihr
hattet einen sehr, sehr langen Arbeitstag. Die Demonstration hat euch den letzten
Rest Energie geraubt. Aufgewühlt und müde geht ihr nach Hause. Meine Geschichte
ist zu Ende, was haltet ihr von einer Pause?

Sprecher:
Die Teilnehmerinnen wirken erschöpft. Alle diskutieren noch, wie es war, im Akkord
zu arbeiten. Rollenspiele sind typisch für Globales Lernen. Spielerisch, in erfahrbaren
Situationen und in Bewegung sollen die Inhalte transportiert werden.
Frontalunterricht kommt nur sehr selten zum Einsatz und dann auch nur in kurzen
Einheiten. Die Teilnehmerinnen sollen bestimmte Übungen auch selbst mitgestalten,
eigene Vorschläge machen, diskutieren.

Atmo

Sprecher:
Miriam Streit baut einen Beamer auf. Sie wird im Anschluss an das Spiel einen Film
zeigen, der dokumentiert, wie es wirklich in den Nähereien zugeht. Während die
Kursleiterin das Zimmer für den Film vorbereitet, diskutieren die Teilnehmerinnen
noch weiter über das gerade erlebte oder nehmen ein Vesper in der Pause zu sich.
Die Lehrerin der Klasse beobachtet ihre Schülerinnen von der Seite aus. Bildung für
Nachhaltige Entwicklung, davon ist die Realschullehrerin überzeugt, wäre ohne diese
Initiativen kaum möglich. Für die Schülerinnen seien die Angebote aber sehr wichtig.

Lehrerin:
Wir haben Internetrecherche gemacht und ich habe schon relativ viel Vorarbeit
geleistet und da waren sie sehr interessiert. Ansonsten, man muss sie halt ein
bisschen darauf hinführen und dann das Interesse erst erwecken. Also die kommen
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jetzt eigentlich nicht mit viel Grundwissen in die Schule oder mit viel Interesse. Aber
ich denke, mit solchen Workshops kann man Interesse wecken. Und das halte ich für
wichtig. Zu einem kritischen Umgang auch mit Ressourcen generell.

Sprecher:
In ihrer eigenen Lehramts-Ausbildung hätten Globales Lernen oder Bildung für
Nachhaltige Entwicklung keine Rolle gespielt.

O-Ton Lehrerin:
Nein, das muss man sich selber ein bisschen beibringen. Es hängt auch ab von dem
individuellen Interesse der Lehrer. Ich mach das begleitend zu einem Projekt im
Englischunterricht.

Sprecher:
Solche neuen Themenblöcke und auch Unterrichtsformen nun in den Schulalltag
einzubauen, das erfordert ein zusätzliches Engagement von den Lehrern. Und
natürlich ist nicht jeder dazu bereit.

O-Ton Lehrerin:
Ohne solche Angebote findet Globales Lernen kaum statt. Jeder Lehrer muss sich
halt selber darum kümmern. Der eine macht das halt mehr, der andere weniger.

Sprecher:
Für die Schulen sind die Angebote der Globalen Klassenzimmer meist kostenlos.
Und anfragebasiert. Will eine Lehrerin ein bestimmtes Thema im Globalen
Klassenzimmer durchnehmen, dann fragt sie dieses an und Miriam Streit und Ariane
Fröhlich versuchen, das so umzusetzen. Dabei greifen sie auf viele
Kooperationspartner zurück, um die Themenvielfalt überhaupt bewältigen zu können.

Der Verein finanziert sich vor allem durch Spenden oder Unterstützungen von
Stiftungen und durch das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit.
Trotzdem ist die Lage prekär. Viel Geld für die beiden hauptamtlichen
Mitarbeiterinnen gibt es nicht, die Finanzierung ist nie langfristig gesichert und ohne
Hilfe von Ehrenamtlichen würde es nicht gehen.

Atmo

O-Ton Miriam:
Jetzt ist meine Frage, was hat das denn mit uns zu tun?

Sprecher:
Nach der Dokumentation aus Bangladesch, die die Arbeits- und Lebensbedingungen
der Näherinnen gezeigt hat, sitzt Kursleiterin Miriam Streit mit den Schülerinnen
wieder im Stuhlkreis zusammen.

O-Ton Miriam:
Am Anfang haben wir gesagt: Mensch, wir gehen gerne shoppen und Kleider,
schöne Kleider anhaben und Gemütliches sind uns wichtig. Aber die
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Arbeitsbedingungen, haben wir jetzt gesehen, sind nicht gut, die Löhne sind sehr
niedrig, die Stunden zu lang, der Druck zu hoch, die freie Meinungsäußerung ist nicht
mehr gegeben. Was hat das denn mit uns zu tun, was können wir denn da tun? Du
wolltest direkt was dazu sagen?

O-Ton Schülerin:
Wenn man die Möglichkeit hat Fairetrade-Produkte kaufen.

O-Ton Schülerin:

Eine Swap-Party organisieren.

O-Ton Miriam Streit:


Was ist das?

O-Ton Schülerin:
Ach so, äh. Das ist so, da bringt jeder ein Kleidungsstück mit und dann tauscht man
die.

O-Ton Miriam Streit:


Voll die gute Idee. Ich nenne das immer Kleidertauschparty. Aber Swap-Party klingt
auch sehr gut. Ja.

O-Ton Schülerin:
Klamotten verschenken oder spenden an andere Leute.

O-Ton Miriam Streit:


Was geht euch gerade noch durch den Kopf oder was bewegt euch gerade noch von
heute, von unserem gemeinsamen Vormittag. Wer möchte anfangen?

O-Ton Schülerin:
Der Film, also die Arbeiter, also ich fand das voll krass, also die Arbeiter. Ich fand
das voll schockierend, wie die Verhältnisse da sind.

O-Ton Schülerin:
Also ich fand dieses Spiel und den Film also relativ gut. Weil, man, also ich hab auch
nicht gedacht, dass das echt so ist, wie wir das hier gemacht haben. Und dann hat
man in dem Film aber doch gesehen, dass es genauso ist.

O-Ton Miriam Streit:


Vielen, vielen Dank für diese Runde. Ihr seid eine richtig tolle Gruppe, Vielen, vielen
Dank für eure vielen Fragen, für eure Mitarbeit, für die Simulation, die ihr mitgemacht
habt. Das hat riesig Spaß gemacht.

Sprecher:
Von neun Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags waren die Schülerinnen jetzt im
Globalen Klassenzimmer zu Gast. Morgen geht der normale Schulalltag wieder

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weiter. Was bleibt hängen, von dem, was heute hier besprochen, überlegt und
ausprobiert wurde?

Simon Dörner ist Lehrer am Hölderlin Gymnasium in Heidelberg. Sein Unterricht ist
gerade zu Ende. Draußen auf dem Schulhof hat er sich neben ein Klettergerüst auf
eine Bank gesetzt. Nach seinem ersten Staatsexamen hatte Dörner zwischenzeitlich
selbst für einen ähnlichen Verein wie das Eine-Welt-Haus Workshops in Globalem
Lernen durchgeführt.

O-Ton Simon Dörner:


Ich glaube, wir müssen uns häufig damit zufrieden geben im schulischen Kontext,
dass wir Impulse setzen, Anstöße machen, die dann beim Schüler, bei der Schülerin
was auslösen, dass sie sich für dieses Thema mehr interessieren und dann vielleicht
mehr mit dem Thema auseinandersetzen.

Sprecher:
Gerade in dem konkreten Alltags-Bezug zu jedem Einzelnen liegt für Simon Dörner
eine Chance, die Jugendlichen zu erreichen. Mit Mode oder Klima kann jeder etwas
anfangen. Viel schwieriger sei es dann, die Vielschichtigkeit der jeweiligen Themen
im Unterricht anzugehen, meint Dörner.

O-Ton Simon Dörner:


Also es gibt klare Hürden, die es schwierig machen, die Globales Lernen im
Unterricht so zu thematisieren, dass es auch eine Wirkung zeigt und ich würde
sagen, eine der größten Hürden ist, dass Globales Lernen eigentlich ein
interdisziplinäres Projekt ist, es betrifft wahnsinnig viele Fächer in der Schule
gleichzeitig.

Sprecher:
Themen wie der Klimawandel müssten eigentlich gleichzeitig in verschiedenen
Fächern behandelt werden. Das sei im Schulalltag aber oft kaum möglich, sagt
Dörner. Auch, dass beispielsweise ein Gemeinschaftskunde- und ein Geografielehrer
eine Unterrichtsstunde gemeinsam vorbereiteten und durchführten, sei für die
meisten eine ungewöhnliche Vorstellung. Dabei haben viele Schulen große
Spielräume bei der Gestaltung ihres Unterrichts. Doch eingefahrene Muster werden
im Alltagsstress nur selten geändert und Initiativen außerhalb der Schulnorm kaum
umgesetzt. Darüber hinaus erlebt Simon Dörner viele Vorbehalte auf Seiten der
Lehrkräfte.

O-Ton Simon Dörner:


Das ist glaube ich das große Vorurteil, das bei vielen Erwachsenen da ist, lautet, ah,
die Jugendlichen interessieren sich ja kaum für Politik und interessieren sich wenig
dafür, welche Auswirkungen eventuell ihr Verhalten auch in anderen Teilen der Erde
hat. Das ist ein Vorurteil.

Sprecher:
Das aber ist genau der Anspruch von Globalem Lernen, Denkprozesse in Gang zu
setzen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

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O-Ton Mandy Singer-Brodowski:
Weil es der eigentliche Anspruch ist, Kinder zu kritischem Denken zu erziehen, zum
Teilhaben an politischen Prozessen, zum Verstehen, wie funktioniert Politik, kann ich
mich einbringen, kann ich mich engagieren?

Sprecher:
Mandy Singer-Brodowski forscht an der Freien Universität in Berlin zum Thema
Globales Lernen. Viele Lehrkräfte haben die Sorge, dass ihre Klassen mit den
Inhalten des Globalen Lernens umerzogen werden sollten, ihnen Verhaltensweisen
und Anschauungen einfach aufgezwungen werden. Dabei gäbe es den sogenannten
Beutelsbacher Konsens, sagt Mandy Singer-Brodowski. Dieser verbiete es,
Jugendliche in der politischen Bildungsarbeit zu überwältigen, also ihnen eine andere
Meinung einfach vorzusetzen.

Wer Globales Lernen als Zwang ansehe, missverstehe das Konzept. Es geht viel
eher darum, die Schülerinnen und Schüler zu empowern, wie man in der
Wissenschaft sagt, ihnen die Wirksamkeit ihres eigenen Handelns klar zu machen
und zu zeigen, dass sie etwas bewegen können, in Fragen, die sie selbst bewegen.

O-Ton Mandy Singer-Brodowski:


Dann geht es im Kontext von Nachhaltigkeit ganz klar um Gerechtigkeit,
Gerechtigkeit einerseits zwischen den jetzt lebenden Generationen im Kontext von
einzelnen Nationen, aber auch im Kontext von Menschen im globalen Norden und im
Globalen Süden einerseits und auf der anderen Seite um Gerechtigkeit im Kontext
von jetzigen Generationen im Hinblick auf zukünftige Generationen. Also das ist ganz
klar ein normativer Anspruch, der damit einher geht.

Sprecher:
Die abstrakten Fragen auf konkretes Handeln herunter zu brechen, das ist das
Kunststück, das Globales Lernen erreichen will. Wenn das gelingt, kann Globales
Lernen einiges bewirken, hat Simon Dörner immer wieder festgestellt.

O-Ton Simon Dörner:


Schüler und Schülerinnen sind durchaus sehr interessiert an solchen Themen. Und
ich glaube, sie sind am interessiertesten dann, wenn sie merken, es gibt eine
persönliche Betroffenheit. Das ist ein guter Ansatzpunk, um mit Schülerinnen und
Schülern ins Gespräch zu kommen. Nicht abstrakt darüber zu sprechen, sondern
ganz konkrete Beispiele zu zeigen, wo man sagt, hier sieht man, dass unser Handeln
hier vor Ort - beispielsweise unser Konsum - Auswirkungen in anderen Ländern hat,
dass man sich das konkret anschaut. Gerade in den letzten Wochen ist das Thema
nochmal aufgeploppt und groß geworden durch die Umweltaktivistin Greta Thunberg.

Sprecher:
Seit August 2018 geht die sechszehnjährige schwedische Schülerin Greta Thunberg
jeden Freitag nicht in die Schule, sondern demonstriert stattdessen vor dem
Reichstag in Stockholm gegen eine, wie sie findet, viel zu zögerliche Klimapolitik.
Immer mit dabei: ein selbst gemaltes Schild aus Pappe, auf dem auf Schwedisch
„Schulstreik für das Klima“ steht. Fotos ihrer Aktion gingen um die Welt und fanden
große Aufmerksamkeit. Mittlerweile ist Greta Thunberg berühmt und wurde
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beispielsweise zum Weltwirtschaftsforum nach Davos eingeladen, zu dem sie von
Schweden mit dem Zug anreiste. Überall schließen sich Schülerinnen und Schüler
Gretas Protest an. Auch in Deutschland versammeln sich seit Januar 2019
wöchentlich Tausende Jugendliche – und finden Gehör. So durften Berliner Schüler
ihr Anliegen vor der nationalen Kohlekommission vortragen. Umgekehrt aber ließen
sie Wirtschaftsminister Peter Altmaier von der CDU nicht auf ihrer Demo sprechen.
Die Jugendlichen sind selbstbewusst und machen Eindruck, so wie auch hier, auf
einer Demo in Leipzig.

Atmo Demo

O-Ton Schülerin:
Was treibt uns dazu? Einfach Panik, vor einer Zukunft, wie wir sie nicht haben wollen
und das Bewusstsein, wenn wir uns nicht einsetzen, dann tut es niemand,
anscheinend. Und den wichtigen Leuten scheint es nicht bewusst zu sein, was sie da
anrichten.

Sprecher:
Obwohl es verboten ist, die Schule für eine Demonstration zu schwänzen, mobilisiert
die Angst vor dem Klimawandel jeden Freitag viele Schülerinnen und Schüler.

O-Ton Schülerin:
Und wir hoffen dass sich das die nächsten Freitage weiter etablieren wird und dass
sich irgendwann viel mehr Schüler sich entscheiden werden, auf die Konsequenzen
zu scheißen.

Sprecher:
Die Stimmung auf der Demo ist ausgesprochen gut, auch wenn es für die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer um ein bedrückendes Thema geht. Die öffentliche
Aufmerksamkeit tut gut und gibt vielen Mut. Doch nicht alle finden die Schülerstreiks
gut. Das Kultusministerium von Sachsen-Anhalt etwa wollte Schulen dazu
verpflichten, die Streiks mit drakonischen Strafen zu ahnden, musste diese
Aufforderung aber nach deutlicher Kritik wieder zurückziehen. Auch die schwedische
Symbolfigur Greta Thunberg wird im Internet angefeindet und bekommt Hassmails.
Beirren lassen sich die Jugendlichen davon aber nicht.

O-Ton Schüler:
Wir machen es nur, weil wir aufmerksam machen wollen. Ich meine, wie traurig ist
das eigentlich, dass wir unsere Bildung opfern müssen, um auf so ein Thema
aufmerksam zu machen, was für jeden selbstverständlich sein sollte.

Sprecher:
Die Schülerinnen und Schüler auf der Demo halten viele selbstgemalte Schilder in
den Händen: Klimaschutz statt Kohleschmutz, „Es gibt keinen Planet B“ oder
„System change not climate change.“

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O-Ton Schüler:
Es ist alles ein bisschen paradox. Uns wird gesagt: Tut was, engagiert euch und
dann engagieren wir uns endlich und gehen auf die Straße und sagen unsere
Meinung und dann ist es auf einmal falsch. Es wird Leuten mit Schulverweisen
gedroht, es wurden schon welche verteilt.

Sprecher:
Auch Staatssekretär Volker Schebesta aus dem baden-württembergischen
Kultusministerium hegt inhaltlich große Sympathien für die Demonstrationen.

O-Ton Schebesta:
Und deshalb finde ich es gut, wenn junge Menschen, Schülerinnen und Schüler, sich
um die Themen, die für ihre Zukunft wichtig sind, kümmern, sich auch für den
Klimaschutz einsetzen. Die rechtliche Situation zum Thema „Fernbleiben vom
Unterricht“ ist eindeutig. Eine Unterrichtsbefreiung, um zu demonstrieren, ist vom
Schulgesetz nicht abgedeckt und deshalb sind die Schülerinnen und Schüler, wenn
sie aufgrund der Teilnahme an der Demonstration dem Unterricht fernbleiben, als
„unentschuldigt fehlend“ zu bewerten.

Sprecher:
Wie mündig sollen die Jugendlichen also sein? Sollen sie sich für eine bessere Welt
einsetzen, solange sie dabei die Regeln, die ihre Elterngeneration festgelegt hat,
nicht brechen? Für viele sind es gerade die Regeln und der Lebensstil der Alten, die
dazu geführt haben, dass heute eine Klimakatastrophe droht. Das Schule-
Schwänzen hat für sie deshalb auch einen symbolischen Charakter. Die Diskussion
darüber führt direkt zur Frage nach Sinn und Zweck von Globalem Lernen. Denn was
ist am Ende das Ziel Globalen Lernens: Faire Produkte kaufen, nur noch Bio aus
dem Bioladen, Fahrradurlaub statt ein Flug auf die Malediven?

Oder geht es um einen viel tiefer gehenden Wandel? Ein Symbol dafür könnte der
Schülerstreik sein, als der Griff zu drastischen Mitteln und vielleicht sogar ein erstes
Regelbrechen, dem der Bruch mit dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem folgt. Es ist
eine offene Diskussion, die zurzeit darüber geführt wird, wie unbequem die
Schülerinnen und Schüler sein dürfen und ob in den Schulen sogar gelehrt werden
soll, dass ein Grenzübertritt berechtigt ist, wenn es die Größe des Problems
erforderlich macht.

O-Ton Mandy Singer-Brodowski:


Das ist ja ganz klar ein Regelbrechen, was in erster Linie ja nur für die einzelnen
Menschen Konsequenzen hat und was nicht andere Menschen in Gefahr bringt.

Sprecher:
Findet Mandy Singer-Brodowski von der Freien Universität Berlin.

O-Ton Mandy Singer-Brodowski:


Insofern würde ich das als sehr legitimes Regelbrechen verstehen. Ganz nach Henry
David Thoreau, der gesagt hat, wenn deine Entscheidungsträgerinnen,
Politikerinnen, das System, in dem du lebst nicht den moralischsten Standard
verfolgt, den du dir vorstellen kannst und du eine höhere Moral im Sinne von
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Gerechtigkeitsvorstellungen wichtig findest, dann ist das nicht nur ein Recht, sondern
fast eine Pflicht zum zivilen Ungehorsam.

Sprecher:
Die streikenden Schülerinnen und Schüler dürfen noch nicht wählen. Sie sind es
aber, die die Auswirkungen des Klimawandels am stärksten zu spüren bekommen
werden. Sie müssen die Folgen dessen tragen, was heute entschieden wird. Deshalb
wählen sie den Schulstreik als Mittel. Auch Kafalo Sékongo kann das gut
nachvollziehen.

O-Ton Kafalo Sékongo:


Ich glaube solche Grenzen müssen ab und zu, ja, übertreten werden, um genau das
Ziel zu erreichen. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: Wenn man trommelt für eine
Person, die taub ist, ab und zu ist es gut, ihm auch auf den Kopf zu schlagen, ihm so
einen Schlag zu geben, dann weiß er, dass man auf die Trommel richtig haut. Sonst
merkt er das nicht.

*****

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