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DER GEISTIGE WEG

DES

TAERYON - DO

Von

Otto Schönbrunner
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis Seite 2

Prolog Seite 3

1. Kapitel: Was ist unter dem Begriff Do zu verstehen? Seite 4

2. Kapitel: Formschüler und Wegschüler Seite 8

3. Kapitel: Graduierung und Kennzeichnung Seite 10

4. Kapitel: Die Trainings-Etikette Seite 18

5. Kapitel: Das Lehrer-Schüler-Verhältnis Seite 22

6. Kapitel: Die Lehrpyramide Seite 29

7. Kapitel: Technische Komponenten der Form in ihrer Seite 32


Beziehung zum Weg

Epilog Seite 36

Literaturhinweise Seite 37

Prolog

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Der Anfänger im Kampfsport sieht möglicherweise im TAERYON-DO ein


Kampfsystem, das aggressiv und zerstörend wirken kann. Er betrachtet es
gegebenenfalls als Hilfsmittel zur Ausgleichung körperlicher Schwächen um
Macht und Anerkennung zu erreichen.

Schnell wird jedoch der Schüler begreifen, dass sich hinter dem
umfassenden Kampf- und Selbstverteidigungssystem mehr verbirgt, als das
Erlernen und die Perfektionierung der Einzeltechniken. Im Laufe der Zeit wird
der Schüler verstehen, dass die Techniken lediglich eine "Form" zur
Erlangung eines höheren, geistigen Ziels darstellen.

In der Präambel der Sportordnung des TAERYON-DO wird unter anderem


das TAERYON-DO folgendermaßen definiert:

Was heißt TAERYON-DO eigentlich?

Beim TAERYON-DO handelt es sich um eine sogenannte „Weg-Sportart“. In


der wörtlichen Übersetzung bedeutet das Wort „TAERYON“ Kampf und der
Begriff „DO“ steht für den geistigen Weg. In der Zusammensetzung der
Begriffe kann man TAERYON-DO mit „Der geistige Weg des Kampfes“
übersetzen, was darstellen soll, dass einerseits der Kampfsport eine wichtige
Rolle in dem System einnimmt, aber gleichzeitig mit dem Erlernen der
Techniken eine positive geistige Haltung dem Sport gegenüber vermittelt,
sowie dem Übenden die Hinführung zur geistigen Reife nahegebracht
werden soll. Das Hauptziel des TAERYON-DO begründet sich auf der
Ausbildung und Erziehung zu leistungsfähigen, fairen Sportlern ebenso wie
auf die Entwicklung zu selbstbewussten und reifen Menschen. Diesem
Grundsatz dient das Formsystem des TAERYON-DO.

Diese Definition lässt ahnen, dass es neben der sporttechnischen


Komponente auch das Hinführen der Schüler zu einer bestimmten geistigen
Haltung, die mit dem Begriff des "ethischen Wegs", dem "Do" im Namen
"TAERYON-DO" bezeichnet wird.
Weiterhin soll damit ausgedrückt werden, dass im TAERYON keine
Erziehung zur Aggressivität, sondern Unterstützung zur Entwicklung eines
friedvollen Geistes angestrebt wird.

Doch was steckt hinter dem komplexen Begriff des "Do"? Was sagt der
Begriff "Weg" im eigentlichen Sinne, bezogen auf Budo-Sportarten aus?
Welche Bedeutung und welchen Stellenwert hat das "Do" im TAERYON-DO?
Wie kann der "Weg" praktiziert werden?

Auf all diese Fragen sollen nachstehend Hinweise zur Beantwortung bzw. zur
besseren Erkenntnis gegeben werden.
1. Kapitel

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Was ist unter dem Begriff "Do" zu verstehen?

Der Begriff "Do" stammt aus dem japanischen Zen-Buddhismus und


bezeichnet ein Prinzip asiatischer Weltanschauung. Übersetzt bedeutet er:
Weg, Grundsatz, Lehre, Richtung, Philosophie, Pfad, Prinzip oder Methode.

Eine Vielzahl von Kampfsportsystemen und -schulen verwenden heutzutage


den Begriff "Do", ohne jedoch auf die ursächlichen Ziele des "Wegs"
hinzuarbeiten. Eher im Gegenteil zum ursprünglichen Sinn entfernen sich
viele Kampfsportler aus Unkenntnis, Unverständnis oder aus Unvermögen
immer mehr von dem "Weg", der durch die traditionellen Kampfkünste
gelehrt wurde. Der Begriff "Do" verkümmert zu einer Floskel im Namen
verschiedener Systeme und verliert den eigentlichen geistigen Inhalt sowie
seinen erzieherischen Wert. Häufig wird der Sieg in einem Wettkampf oder
eine rekordmäßige körperliche Leistung als das höchste Ziel im Kampfsport
proklamiert, wobei lediglich der Erfolg zählt.

Im Gegensatz dazu ist der Leitspruch der "Japan Karate Association" (JKA)
zu sehen, der besagt:

Oberstes Ziel in der Kunst des Karate-Do


ist nicht Sieg noch Niederlage
- der wahre Karatekämpfer erstrebt die Vervollkomnung
seines Charakters.

Dieser Leitspruch, der für alle Wegsportarten passend und zutreffend ist,
umschreibt mit knappen Aussagen eines der Zielrichtungen des "Do", wie sie
auch im TAERYON-DO vorgegeben ist.

"Do" ist ein Weg, in dessen Zentrum die Übung einer Form, hierbei des
TAERYON-DO steht, deren Ziel jedoch nicht nur das Erlernen der Fertigkeit,
sondern das Erweitern des im Menschen liegenden Potentials ist, durch das
er zu seiner Sinnbestimmung wachsen und sein Leben mit Bewusstsein und
Erkenntnis ausfüllen kann.

Es ist die Grundidee des "DO", die Lücke zwischen Willen, Gedanken und
Körper zu schließen, um in dem so erreichten Zustand dem Geist freie
Entfaltungsmöglichkeit zu geben und ihm Zugang zur höchsten Wirklichkeit,
zum Satori, zu ermöglichen.

Diese oben erwähnte Lücke zu schließen, wird dadurch erreicht, dass Geist,
Gedanken und Körper durch bestimmte, kontinuierlich fortgesetzte Tätig-
keiten oder Verhaltensweisen aneinander gebunden werden, welche durch
den Willen bestimmt sind und so allmählich völlig ineinander übergehen. Der
Geist gebraucht also seine Instrumente so lange, bis er sie völlig zu
handhaben versteht und sie ein Teil seiner selbst geworden sind.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Wie schwierig es ist, allein durch den Willen (Geist) die Gedanken in die
gewünschte Richtung zu beeinflussen wird der Schüler, dem der "Weg" noch
fremd ist, leicht feststellen, indem er versucht, seine Gedanken 30 Sekunden
lang auf ein absolutes Nichts zu richten.

Er wird feststellen, dass sich nach wenigen Augenblicken die Gedanken


selbstständig machen und ihm ungewollte Bilder und Überlegungen in den
Sinn kommen.

Der Geist ist in dieser Phase noch nicht in der Lage, die Gedanken zu
kontrollieren. Auch wird der Körper noch nicht beherrscht, da die
Konzentration zur Erreichung und zur Ausführung einer bestimmten Leistung
noch nicht durch den Geist bestimmt und durchgesetzt werden kann.

Die durch den "Weg" praktizierte Geisteshaltung soll den Menschen gänzlich
"entleeren", denn erst dieser Zustand bringt höchste Objektivität mit sich und
die Möglichkeit zu einem Denken, um wahre Einsicht zu gewinnen.

Der Zustand völliger "Leere", der ungemein schwierig ist und den sich die
meisten Europäer kaum vorstellen können, stellt den Ausgangspunkt für das
wahre Erkenntnisvermögen dar, das höher ist als das Denken und alle sonst
gebrauchten Urteilsmittel. Es kann auf diese völlig verzichten, ist von ihnen
gänzlich unabhängig und würde nur von ihnen gestört.

Die Erreichung dieses Zustandes ist "Satori", jene wahre und mit Worten
nicht wiederzugebende Einsicht in das Wesen des Seins, ein unmittelbares
Wissen um alle Dinge in einer Weise, dass man mit ihnen eins wird und sie
nicht mehr von außen, als zweites beurteilt.

Erst im Zustand des Satori ist das harmonische Zusammenwirken von Geist,
Gedanken und Körper möglich. Dazu muss sich jedoch der Lernende frei
machen von störenden Einflüssen seines eigenen Ichs wie Selbstdarstellung,
Egoismus, Überheblichkeit sowie emotionalen Regungen. Er muss seinen
Geist "entleeren" und frei machen für den Zustand höchster Auf-
nahmebereitschaft. Der geforderte Zustand der "Leere" ist jedoch keinesfalls
mit einem Vakuum zu verwechseln, sondern ganz im Gegenteil dazu stellt
der Zustand der "Leere" die Grundlage allen Denkens und Handelns durch
die objektive Aufnahme der Situation und des Umfelds dar.

Im Zustand des Satori, in dem alles Störende abgeschaltet ist, wird der
Körper zum Gefäß des Geistes, der bereit ist, Höheres aufzunehmen und zu
verwirklichen. Dieser Zustand auf dem Weg des Do wird erst nach
jahrelangen Bemühungen erreicht. Vorerst blitzt er nur sekundenlang in den
Übungen des Schülers auf, ohne zunächst wiederzukehren. Doch bereits
derart kurze Momente des Vorerlebens eines Satori, auch wenn sie vom
Schüler noch nicht richtig gedeutet werden können, sind so bestimmend und
eindeutig, dass der Schüler überzeugt ist, auf dem rechten Weg zu sein und
ihn das Sehnen nach dem Ziel nicht mehr loslässt.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Dieses Vorerlebnis eines Satoris tritt für den Schüler zumeist völlig
unerwartet ein. Der Schüler, der zum Beispiel seit Monaten oder Jahren eine
bestimmte Technik übt, ohne das letztendliche Ziel der Perfektion zu er-
reichen mit dem er sich gedanklich auseinandersetzt, zweifelt möglicher-
weise an seiner eigenen Fähigkeit. Einmal erlahmt er in seinen Bemühungen
und er übt "vor sich hin", beziehungsweise folgt gedankenlos automatisch
den Kommandos des Trainers, im Glauben doch nichts mehr erreichen zu
können. Seine verkrampften Gedanken, Hindernisse in seinem Inneren, sind
für einen Moment gelöst. Und in diesem Augenblick kann es geschehen:

Gedankenlos übt er - zum vielleicht aberhundertstenmal - und in dieser


Gedankenlosigkeit bricht aus seinem Inneren ungestört der Strom der Leere,
des Absoluten, in dem alle Formen, alles Seiende begründet sind. Ohne es
zu wollen, ja gerade deswegen, gelingt ihm die Ausführung der Technik.
Dieser Moment ist unbeschreiblich eindrucksvoll, er erstaunt den Erlebenden
über alle Maßen, er ergreift ihn völlig. Eine Sekunde lang hat er den Hauch
des Alls, das in ihm verborgen liegt, verspürt, eindeutig und unwiderleglich.
Was er wollte ist ihm gelungen, als er es gar nicht absichtlich wollte. Als er
sich in seiner Erschöpfung gehen ließ, abgeschaltet hatte und so den Riegel
des Intellektes vor dem Tor zu seinen inneren, höheren, überintellektuellen
Kräften öffnete. Sofort will er es wieder versuchen, doch ein zweites mal
gelingt es ihm nicht. Er hatte das Tor wieder geschlossen, indem er es
diesmal bewusst wollte. Er muss lernen, derartige Einbrüche des Satori
gelassen hinzunehmen, sich gar nicht darüber zu freuen, sie nicht willentlich
wiederholen zu wollen.

An dem oben genannten Beispiel soll aufgezeigt werden, dass zwischen dem
Rhythmus der Übungen, der Aufnahmefähigkeit (Leere) und dem Ziel des Do
eine innere Parallele besteht.

Durch das harmonische Zusammenwirken von Form, Rhythmus und Idee


findet die Erweckung, Verstärkung und Verwandlung der latenten seelischen
Kräfte statt, von denen die dem bewussten Willen normalerweise
unterworfenen den kleinsten Bruchteil darstellen. Durch die Übungen (das
Erlernen der Form) werden sie erst in ihrer Gesamtheit unter Kontrolle
gebracht. Die Form ist demnach das Gefäß der anderen Qualitäten. In ihr
werden die Elemente des menschlichen Geistes belebt und seine
schlafenden Kräfte geweckt.

Diesem Ziel dient der Do. Er soll zum Erreichen einer Geisteshaltung
beitragen, in der sich der Wegschüler von Dingen löst, die den Geist oder
das intuitive Einsichtsvermögen des Menschen hindern oder einengen und
Gemütsbewegungen die Voreingenommenheit bedeuten, ausschaltet.

Durch dieses Hinstreben zu der oben beschriebenen Geisteshaltung prägt


sich für den Menschen, der sich auf dem Weg befindet, ein Selbstverständnis
in seinem Sein, dass durch positiven Charakter und Haltung geprägt wird.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

In der heutigen, modernen Zeit ist es weitaus schwieriger wie zu historischen


Zeiten die traditionellen Erwartungen des Do ausnahmslos zu praktizieren.
Dieses begründet sich teilweise dadurch, dass sich der Mensch in der
modernen, westlichen aber auch asiatischen Welt in einer anderen Rolle und
in anderen Zwängen wiederfindet wie es im alttraditionellen asiatischen
Bereich möglich und üblich war. Trotzdem oder besonders dadurch kann der
Mensch in der modernen Industriegesellschaft, der zum Wegschüler
avanciert, das Selbstverständnis und somit die Haltung und Gelassenheit
finden, das ihm hilft, sein Leben zu meistern.

2. Kapitel

Formschüler und Wegschüler

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

In allen Wegsportarten, wie auch im TAERYON-DO, unterscheidet man


zwischen der Form, der technischen Komponente mit seinen Einzel-, Kampf-
und Selbstverteidigungstechniken, und dem Weg, der Hinführung zum geistig
und moralisch reifen Menschen.

Der Anfänger beginnt grundsätzlich mit dem Erlernen der Form. Diese hilft
ihm seinen Körper zu trainieren und seinen Geist und Willen zu schulen. Die
Technik ist der Maßstab, die Herausforderung an das Bemühen, an das
Wollen, an die Hingabe, an die Ausdauer und an die Selbstüberwindung. Nur
durch Disziplin und Bekenntnis kann der Schüler sie meistern. Das harte
körperliche Training stärkt den Körper und gibt dem Geist sein Lot, sein Maß
und seine Richtung.

Die Form (Technik) dient weiterhin dem Lehrer bei der Klärung, ob der
Schüler bereit ist eine wirkliche Herausforderung anzunehmen. Hier bewährt
sich der Schüler durch seine Haltung und Handlungen, die dem Lehrer
zeigen, an welches innere Potential er wirklich appelliert.

Das Streben der Schüler nach Perfektion im Kampfsport kann von zwei
verschiedenen Haltungen beeinflusst sein: entweder vom Bemühen um die
äußere Form oder vom Bemühen um die innere Haltung.
Im ersten Fall will man die Anerkennung in der Welt, im zweiten sucht man
den Kampf um persönliche Reife. Hierin unterscheidet sich hauptsächlich der
Formschüler vom Wegschüler.

An der primären Entscheidung, welchem Zweck die Übung dienen soll, und
nicht in der Formübung selbst scheiden sich die Wege. Auf beiden Wegen ist
es dieselbe Form, der Unterschied liegt allein in der Technik: Will der Schüler
die Form um mit ihr zu gelten, oder übt er sie, um selbst zu wachsen? Richtet
er seinen Blick auf Ruhm und Anerkennung oder in sein Inneres? Der Inhalt,
der Sinn und das Ergebnis seiner Übung hängen von dieser Entscheidung
ab.

Der Anfänger erkennt zunächst nur das Formsystem, er studiert die


Prüfungsordnung, betrachtet die Gürtelstufen und schätzt seine Aufstiegs-
chancen. Doch wenn er den Weg mitbetrachtet, erkennt er, dass jeder Schritt
nach vorn ihm auch eine innere Verantwortung gegenüber seinen Zielen
auferlegt.

Alle Übenden streben nach oben, doch ohne die rechte Haltung wird das
Streben nach Fortschritt nur zum Streben nach Fortschrittsgraden. Höhere
Stufen im Budo, und somit auch im TAERYON-DO, sind nicht auf diese
Weise zu erreichen, sondern nur durch das Annehmen einer höheren
Verantwortung gegenüber sich selbst und der Kampfkunst. In vielen Fällen
vergessen die Schüler dies und entscheiden sich nur für das Image. Hier
trennen sich die Richtungen zwischen Formschüler und Wegschüler.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Ein Kampfkunstübender wird erst zum Wegschüler, wenn sein Streben nach
Formperfektion plötzlich von etwas berührt wird, dass ihn veranlasst, seine
bisherige Wegrichtung in Frage zu stellen.

Dann erst ruft er nach dem Meister, denn er erkennt, dass das Üben der
Technik seine Grenzen hat und am Lebenssinn vorbeigeht. Meist geschieht
dies erst auf der Schwarzgurtstufe, dann also, wenn ein Übender die Technik
bereits beherrscht. Wenn er richtig durch die Schülerstufen geführt und in
dieser Zeit nicht endgültig in eine Wettbewerbsgesinnung getrieben wurde,
stellt sich von selbst die Frage nach dem tieferen Sinn der Übung und wird
zu einer echten Herausforderung. So kann er vom Formübenden zum
Schüler des TAERYON-DO werden.

Ob ein Meister einen Übenden als Wegschüler annimmt, wird nicht durch
dessen äußeres Talent, sondern durch seine innere Fähigkeit entschieden.
In den meisten Fällen gibt es dafür eine lange Testzeit der ausschließlichen
Formübung, in der sich der Übende als Mensch bewähren und zum
Wegschüler entwickeln kann.

Alle wirklichen Meister betrachten die Förderung eines nur auf


Formperfektion bedachten Schülers ohne inneren Kampf, ohne die Fähigkeit
zum Opfer und zum Ideal, als Verrat am Weg. Nur die wenigsten Mitglieder
eines Vereins oder Gruppe können daher die Formhürde überspringen und
auf den Weg gelangen.

Viele Schüler suchen nach einem Ausweg und finden ihn im Nachahmen der
Technik. Dort suchen sie mit mehr oder weniger Einsatz ihre Vorstellung von
Fortschritt zu verwirklichen. Auch diese Übung hat ihren Wert, doch den
Weg, den Do, beinhaltet sie nicht. Dieser besteht vor allem in einem
ständigen Angriff auf jenes Selbstgefühl, das nie etwas anderes will als den
Kampf um Image und Prestige. Ein Schüler kann viele Jahre lang unter
einem Meister üben und dessen Formen nachahmen, ohne zu erkennen,
dass er im Grunde genommen an dem, was der Meister lehrt, blind
vorbeigeht. Schüler, denen der Sinn des Wegs verborgen bleibt, verharren
auf der Stufe des Formschülers, in der eigenen Überzeugung, sich
weiterentwickelt zu haben. Nach langer Zeit verspüren sie eine
Unausgefülltheit und verlieren das Interesse am Sport, in diesem Fall an der
Form und beenden ihre Aktivitäten oder suchen neue Interessensgebiete.
Der Wegschüler jedoch, in dem das Verständnis für den Weg reift,
entscheidet sich zu lebenslangem lernen, denn ihm gibt das TAERYON-DO
auch Ausgefülltheit und Interesse über das Wissen um die Form hinaus.

3. Kapitel

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Graduierung und Kennzeichnung

Zur Unterscheidung der Leistungsstufen in der Form, sowie der Stufen der
geistigen Reife, wurde im TAERYON-DO ein Graduierungssystem einge-
führt, welches durch Gürtel verschiedener Farbe nach außen dargestellt wird.

Es unterteilt sich zum einen in die Schülergraduierungen (koreanisch: Kup)


und zum anderen in die Graduierungen der Meister und Lehrer (Dan).

Die Graduierungen der Formschüler sind farbig und zeigen an, auf welchem
Wissensstand innerhalb der Technik sich der Schüler befindet.

Im Einzelnen bedeuten die Schülergraduierungen:

Grad Gurtfarbe Bedeutung

7. Kup weiß Weiß ist die unbefleckte Farbe, ihr Träger ist
noch unwissend.

6. Kup weiß/gelb Die gelben Farbmarkierungen auf dem weißen


Gürtel symbolisieren, dass der Träger aus dem
Zustand der Unwissenheit heraustritt und
bereit ist, zu lernen.

5. Kup gelb Die gelbe Farbe charakterisiert den unbebauten


Erdboden, also den ursprünglichen Anfang, auf
dem alles Folgende wächst.

4. Kup orange Die Farbe orange steht für den gepflügten,


vorbereiteten Boden, der bereit ist etwas
entstehen zu lassen.

3. Kup grün Grün zeigt, dass bereits Früchte entstanden sind,


schon steigendes Leben aus den Grundlagen
hervorgegangen ist.

2. Kup blau In der blauen Farbe wird der Himmel dargestellt,


also das Erreichen einer gewissen Grenze, was
nun zu Höherem befähigt.

1. Kup braun Braun bedeutet "Achtung!", hier entsteht etwas


Bedeutendes. Großes ist in Vorbereitung, im
Kommen.
Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle auch auf die
Farbkennzeichnung der Meistergrade hingewiesen werden:

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Grad Gurtfarbe Bedeutung

1. - 5. Dan schwarz Die schwarze Farbe des Meisters ist die


Farbe, die alle anderen in sich einschließt,
stärker als alle anderen. Die Farbe, die
Achtung und Ehrfurcht einflößt.

6. - 7. Dan rot/weiß Die rote Farbe steht für Erkenntnis und


Wissen. Der Wechsel zwischen rot und
weiß symbolisiert dass der Träger noch
nicht gefestigt in der Erkenntnis um den
Weg ist.

8. - 9. Dan rot Der komplett rote Gurt symbolisiert die


gefestigte Erkenntnis des Weges und den
Grad der Reife als Lehrer des TAERYON-
DO.

10. Dan weiß Die Farbe weiß steht für rein, einfach und
leer. Sie steht für den reinen Geist des
Weges und das Freimachen von
hindernden Dingen zur Erlangung des
intuitiven Einsichtsvermögens sowie der
positiven Geisteshaltung des Weges.
Der Kreis vom Anfänger bis zum höchsten
Grad ist nunmehr geschlossen.

Die Meistergrade an sich werden nochmals in verschiedene Stufen und


Klassen unterteilt. So wird in der Weglehre zwischen den technischen
Meistergraden (japanisch: YUDANSHA) und den geistigen Meistergraden
(japanisch: KODANSHA) unterschieden.

Die KODANSHA werden in der Weglehre als die wahren Meistergrade


angesehen, innerhalb derer selbstständige Titel wie RENSHI, KYOSHI und
HANSHI vergeben werden. Darauf wird in der Folge noch näher
eingegangen.

Zur besseren Übersicht dient folgende Tabelle der Meistergrade:

Technische Meistergrade des TAERYON-DO: (YUDANSHA)

1. Dan - Grad des Suchenden nach dem Weg

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

2. Dan - Grad des Schülers am Anfang des Weges

3. Dan - Grad des anerkannten Schülers

4. Dan - Grad des technischen Experten

Geistige Meistergrade des TAERYON-DO: (KODANSHA)

5. und 6. Dan - RENSHI - Grade des Wissens

7. und 8. Dan - KYOSHI - Grade der Reife

9. und 10. Dan - HANSHI - Grade der Reife

Wie man unschwer erkennen kann, ist das Dan-System im TAERYON-DO,


wie auch im traditionellen Budo, genau definiert und jede Stufe hat eine über
die Technik hinausgehende Bedeutung.

Ab dem ersten Dan wird der Träger wieder zum Schüler, zum wahren
Schüler, zum Schüler des Weges.

Bleibt sein Interesse wach, so entwickelt sich daraus ein lebenslanges


Lernen. Zu Erwähnen wäre hierbei auch, dass der 8. Dan frühestens mit dem
50. Lebensjahr, der 9. Dan frühestens mit dem 60. Lebensjahr und der 10.
Dan frühestens ab dem 70. Lebensjahr erworben werden kann.

Zum besseren Verständnis der Bedeutung der einzelnen Dan-Grade werden


folgend die verschiedenen Stufen detailliert beschrieben:

Der erste Dan

Der erste Dan-Grad im TAERYON-DO (japanisch: Shodan oder Ichidan)


berechtigt zum Tragen des schwarzen Gürtels und ist der erste Schülergrad
auf dem Weg.

Diese Graduierung entspricht nicht, wie häufig angenommen, der Meister-


schaft in einer Budo-Disziplin, denn sie bezeugt keinen Wegfortschritt,
sondern lediglich ein in der Haltung sichtbar werdendes inneres Potential,
dank dem der Wegunterricht möglich wird.

Der erste Dan sagt über einen Menschen, der ihn erreicht hat, dass er in der
Lage ist, zu erkennen, dass hinter der körperlichen Übung ein Weg steht,
dessen Meisterschaft zu Höherem befähigt als die bloße Technik. Die

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Möglichkeit, dass zu erkennen, hat er sich in jahrelanger Suche nach


Formperfektion in den Kup-Stufen erworben.

Nun liegt der Weg vor ihm. Doch er weiß nicht um das Wie dieses Weges,
denn sein bisheriges Wissen ist nichts weiter als eine Vorahnung. Deshalb
wird diese Stufe auch als "Grad des Suchenden" bezeichnet. Noch ist kein
Schritt getan, doch die Voraussetzung, dass das Fortschreiten auf dem Weg
beginnen kann, ist jetzt gegeben.

Der zweite Dan

Der zweite Dan-Grad im TAERYON-DO heißt wie im Budo Nidan. Diese


Graduierung erhält ein Übender der Kampfkünste, der "am Anfang des
Weges" steht. Er unterscheidet sich von der ersten Dan-Graduierung
dadurch, dass der Schüler nun die Bedingungen des Weges durch seine
rechte Haltung verstanden hat und weiß, worauf es ankommt.

Doch er hat sich noch nicht endgültig entschieden, den Weg mit allen
Konsequenzen zu gehen. Er spürt die Anziehungskraft des Weges, doch die
Hintertür zur Flucht ist noch offen. Er weiß noch nicht, ob er den
Anforderungen des Weges wirklich gewachsen ist.

Der dritte Dan

Der dritte Dan-Grad im TAERYON-DO wird wie auch im traditionellen Budo


als Sandan bezeichnet, als "Grad des anerkannten Wegschülers". Er steht
für jene Fortschrittsstufe, auf der der Schüler unwiderruflich entschlossen ist,
den Weg der Kampfkünste bis an sein Lebensende zu gehen.

Während der Shodan die Voraussetzung entwickelt, den Weg des


TAERYON-DO gehen zu können, und der Nidan darüber hinaus erfahren
hat, welches der Weg ist, befindet sich der Sandan auf einer Stufe, auf der
es kein zurück mehr gibt.

Sowohl beim Shodan als auch beim Nidan besteht die Möglichkeit, dass er,
aus welchen Gründen auch immer, den Weg der Kampfkunst irgendwann
verlassen wird. Der Sandan hingegen ist dieser Gefahr nicht mehr
ausgesetzt. Der Meister erkennt ihn nun als echten Wegschüler an. Diese
Entscheidung trifft der Schüler nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen
und bekundet sie nicht durch Worte, sondern durch seine Haltung.

Der Sandan ist weder ein Verdienst noch ein zu erreichendes Niveau,
sondern eine seit jeher bestehende Berufung im Menschen, die durch die
rechte Haltung sichtbar wird. Für den Sandan gibt es keine Hindernisse
mehr, die ihm im Wege stehen. Nicht durch den Verstand, sondern allein
durch die Haltung hat der Sandan seine Wegrichtung entschieden.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Der vierte Dan

Der Yondan ist die vierte Graduierung im Dan-System. Es ist die Stufe des
Experten in der Technik, des vollendeten Kämpfers.

Mit diesem Niveau ist die Grenze der rein körperlichen Technik erreicht. Der
Yondan weiß, dass er von nun an neue Wege gehen muss, um sich weiter
zu verbessern. Die Kampfkunst ist für ihn mittlerweile zu einer Lebens-
philosophie geworden, mit der er sich völlig identifiziert. Er verinnerlicht die
geistigen Aspekte der Kunst, in dem er sie im Training und im Alltag lebt.

Auf dieser Stufe ist zum ersten mal die Verbindung zwischen Kampfkunst-
philosophie und Technik möglich. Der Yondan ist in der Lage, seinen Geist,
seine Atmung und seinen Ki-Fluß bei der körperlichen Übung zu
kontrollieren, mit der Technik zu verbinden und zu einer maximalen Wirkung
zu entwickeln. Deshalb sucht er in allem, was er tut, weiterhin die innere
Perfektion. Dort liegt der Schlüssel zur Meisterschaft.
Der Yondan weis um die Bedeutung der inneren Vervollkommnung für den
Fortschritt der äußeren Technik. Er hat jene Grenze erreicht, bis zu der
technischer Fortschritt allein durch Körperübung möglich ist. Gleich, ob er
Grundschule, Formentraining (Hyongtraining) oder Kampf übt, er sucht
immer eine innere Auseinandersetzung. Er sucht die Wahrheit in sich selbst.

Auf dieser Stufe ändert sich sehr viel. Das Denken erhält einen anderen
Inhalt, der Selbstumgang wird bewusster und die Übung eine andere.
Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen innen und außen. Grundschule,
Formentraining und Kampf werden erst hier zur wahren Wegübung.

Diese Art der Übung eröffnet neue Wege. Der Yondan ist die Vorstufe zur
wahren Meisterschaft.

5. bis 10. Dan - KODANSHA - Die Lehrer

Die Kodansha-Grade sind die eigentlichen Meistergrade im Budo und somit


auch im TAERYON-DO. In der überlieferten Budo-Tradition berechtigen nur
sie dazu, Wegschüler anzunehmen und zu unterrichten. Erst dieses Niveau
ermöglicht es, einen Schüler über die rein formalen Aspekte der Technik
hinauszuführen und ihn für die Wegübung vorzubereiten. Erst dieser
Abschnitt erlaubt einen Blick in die Zusammenhänge der Weglehre - eine
durch eigene Erfahrung erworbene Grundlage, die dazu befähigt, Schüler in
die Geheimnisse des Weges einzuweihen.

Den ersten Abschnitt der Meistergrade des Weges nennt man Kokoro. Ihm
spricht man ein in der generellen Haltung sichtbar gewordenes reifes
Bewusstsein zu. Dieser Abschnitt besteht aus dem 5. und 6. Dan.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Der erste Grad dieses Wegabschnitts kann frühestens im Alter von


fünfunddreißig Jahren erreicht werden. Er setzt neben der Erfahrung in dem
Kampfsportsystem auch Lebenserfahrung voraus. So kann ein Übender
zwischen dem fünfunddreißigsten und dem zweiundvierzigsten Lebensjahr
den 5. und 6. Dan erhalten, jeweils verbunden mit dem Titel RENSHI. Die
Renshi-Graduierungen sind selbstständige Meistergrade, welche die geistige
Reife eines Menschen ausweisen. Sie bezeichnen die dafür notwendigen
Formen der Selbstperfektion, vor allem die Überwindung der Selbstsucht.

Kokoro sind die Graduierungen der fortgeschrittenen Reife. Der "Mann mit
Bewusstsein" (Kokoro) ist ein Teil jener Kunst geworden, die er übt. Durch
die lange Zeit der Bemühungen hat er verstanden, dass er sich nun jeder
Erfahrung öffnen und jedes ihm zur Verfügung stehende Mittel nützen muss,
um die letzte Herausforderung bestehen zu können. Auf dieser Stufe gibt es
kein Zögern, kein Selbstmitleid und kein Bedauern mehr. Sie besteht aus
dem vollkommenen Opfer. Darum wissend, opfert dieser Meister einen
großen Teil seines Lebens dem Lehren. Dadurch erweitert er seine eigene
Erfahrung.

Die höchsten Meistergrade nennt man Iro kokoro. Sie sind die Grade der
Reife, verbunden mit den Titeln KYOSHI (7. und 8. Dan) beziehungsweise
HANSHI (9. und 10. Dan). Zwischen dem fünfundvierzigsten und dem
fünfzigsten Lebensjahr ist der Titel KYOSHI möglich. Ab dem sechzigsten
Lebensjahr ist der 9. und ab dem siebzigsten Lebensjahr der 10. Dan
möglich, denen man den Titel HANSHI zuspricht.

Der Hanshi lebt in vollkommenem Einklang zwischen innen und außen. All
seine Gesten und Handlungen sind Ausdruck dieser Art zu sein. Er hat jeden
nur erdenklichen inneren Zustand (Satori) gemeistert, nicht nur die
Abhängigkeit von Besitz und Prestige, sondern auch die Angst vor dem Tod
überwunden. Er lebt in vollkommener Freiheit, sein physischer Ausdruck ist
rein, weil sein Geist rein ist. Er weiß um diese hohe Perfektion, und ehe sein
Weg beendet ist, bemüht er sich jemanden zu finden, der sein Nachfolger
werden kann.

Während der Renshi und der Kyoshi an der Spitze der Lehrpyramide stehen,
befindet sich der Hanshi außerhalb der Pyramide. Seine Aufgabe ist es nicht
die Schülergruppen zu unterrichten, sondern den bereits Erfahrenen zum
letzten Schritt zu initiiren. Er öffnet das Tor zum Geheimen für all jene, die
über die bloße Technik hinausgewachsen sind.

Doch kein Mann der Reife lässt je den Umfang seiner Erfahrungen sichtbar
werden oder stellt seine Fähigkeiten zur Schau. Sein Sehen ist jenseits von
all dem, was weniger Erfahrenen wichtig erscheint. In diesem Bereich, zu
dem nur er Zugang hat, kennt er jede Tür, hinter der die Wahrheit liegt. Doch
nie öffnet er sie vor anderen, nie stellt er etwas richtig, nie belehrt er. Seine
Aufgabe besteht darin, zu warten bis der Schüler reif ist, den Hanshi

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

erkennen zu können. Ohne vollkommene Überwindung des Ich ist dies


jedoch unmöglich. Die unbekümmerte Heiterkeit des Hanshi, seine
vollkommene Bescheidenheit und Demut, täuschen den Selbstgefälligen
über die eigentliche Wahrheit hinweg. Die Fähigkeit, zu erkennen, dass der
Hanshi die höchstmögliche Stufe des Weges erreicht hat, ist nicht jedem
Menschen gegeben.

Der Hanshi wendet sich nicht an die Schüler, um zu unterrichten oder zu


verbessern. Er beobachtet, doch er sagt nichts. Nur derjenige, der gelernt
hat, zu sehen und der sich von seiner Unbekümmertheit nicht täuschen lässt,
kann sich an ihn wenden. Erst wenn er ein Niveau erreicht hat, dass ihm den
Zugang zum Hanshi ermöglicht, kann er ihn verstehen. So wie für den
normalen Menschen schwarz und weiß ein unverwechselbarer Kontrast sind,
ist für den Hanshi die Erkenntnis über innen und außen unverwechselbar.
Schüler, die dies noch nicht unterscheiden können, laufen Gefahr, ihn zu
verkennen. Seine perfekte Demut wird von ihnen oft mit Schwäche
verwechselt. Sie können seinen Rang und seine Stufe nicht erkennen.
Hätten sie Augen, zu sehen, und Ohren, zu hören, dann wären sie selbst
Meister.

Der Hanshi weiß um diese menschliche Schwäche und hat daher nur ein
freundliches Lächeln für den ewigen Kampf des kleinen Mannes um Erfolg
und Prestige.

Doch noch einiges zur äußerlichen Kennzeichnung neben dem System


der Graduierungen:

Im TAERYON-DO wird der komplett weiße Kampfanzug getragen. Die weiße


Farbe des Kampfanzuges ist auch heute noch ein Symbol für Reinheit und
hat deshalb eine besondere Bedeutung. Im Training sind alle Menschen
gleich, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Stellung. Jeder bemüht sich
darum, die rechte Haltung zu erreichen und durch sie Fortschritte zu
machen. Daher sollte ein Kampfanzug nicht durch alle möglichen Abzeichen
und Aufnäher verunstaltet werden. Einzig erlaubte Kennzeichnungen auf
dem TAERYON-DO Kampfanzug sind das aufgenähte TAERYON-DO
Symbol (Tigerkopf) sowie das aufgenähte Vereins- oder Gruppensymbol.

Das TAERYON-DO Symbol stellt den TAERYON-DO Tigerkopf dar und ist
auf dem Kampfanzug über dem Herzen des Trägers aufgenäht. Damit
symbolisiert der Schüler (Form- wie auch Wegschüler) die bewusste, aus
dem Herzen heraus kommende Unterwerfung des Schülers unter die Regeln
und die Ziele des TAERYON-DO, sowie den Willen zur Erreichung der durch
den Tigerkopf verkörperten symbolischen Grundeigenschaften Mut, Kraft,
Schnelligkeit und Ausdauer.

16
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Für den Formschüler bedeutet dies in erster Linie die Erlangung der
physischen Grundeigenschaften. Er sieht darin die Anforderungen zur
Erreichung der technischen Reife im TAERYON-DO.

Für den beginnenden Wegschüler bedeuten die genannten


Grundeigenschaften weit mehr. Sie bekommen für ihn eine tiefere und
größere Bedeutung. So steht die Eigenschaft Mut nunmehr auch für die
Selbstüberwindung und das Hinarbeiten zur Gelassenheit ebenso wie der
Mut zur Eingestehung von Fehlern. Mit Kraft wird für den Wegschüler die
geistige Kraft zum Nichtnachlassen in dem Bemühen um den Weg
symbolisiert. Die Grundeigenschaft Schnelligkeit bekommt ihren zusätzlichen
Sinn in der Erlangung von Intuition zum Umsetzen in die richtige Handlung.
Neben der physischen Eigenschaft stellt die Ausdauer für den Wegschüler
eine der wichtigsten Anforderung an ihn dar. Die Ausdauer in der bewussten
geistigen Entwicklung, hin zu lebenslangem Lernen.

Doch auch das Vereins- oder Gruppensymbol hat seine tiefere Bedeutung.
Es soll dem Schüler, dem der Begriff Do noch fremd ist, das Gefühl des
Zusammenhalts und der Zusammengehörigkeit innerhalb seines Vereins
oder seiner Gruppe, seiner "Trainings-Familie", geben. In einer
Gemeinschaft, in der Zusammenhalt und Kameradschaft "erlebt" und
praktiziert wird, kann auch ein Kampfsport wie TAERYON-DO frei von
Aggressivität geübt werden.

4. Kapitel

17
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Die Trainings-Etikette

In der Philosophie der Wegsportarten hat nicht nur das Verstehen, sondern
auch das Erüben der inneren Haltung eine besondere Bedeutung. Daher
wurden die Budo-Regeln (Dojokun) geschaffen, die dem Schüler helfen
sollen die innere Haltung zu erüben und zu praktizieren.

Die Leitsätze der Dojokun bezeichnen eine zu verinnerlichende


Grundverfassung und umfassen fünf Punkte:

Charakter, Aufrichtigkeit, Streben, Höflichkeit und Selbstkontrolle

Ihre Übung hilft, die inneren Probleme zu überwinden und durch wahres
Erkennen den Geist zu bilden. Die rein körperliche Übung strebt ohne dieses
Bemühen zu einem falschen Ziel. Technik allein ist kein Weg, denn ohne
Geist erzeugt sie gerade jene Gesinnung, die zu überwinden es in den
Kampfkünsten gilt.

Dem Ziel des Erübens der Leitsätze der Dojokun dient im TAERYON-DO die
Trainings-Etikette, die immerwährend durch den Meister abgefordert wird
und nicht allein auf das Training beschränkt ist.

In allen traditionellen Schulen wird die Etikette sehr genau beachtet. Erst
durch sie wird das Dojo oder der Trainingsraum zu einem Ort, wo es einem
Übenden möglich ist, mit einem reinen Geist zu üben. Übung ohne Etikette
würde das Tor zur Gewalt öffnen und die Atmosphäre der Ruhe und
Selbstbesinnung zerstören. Die Einstimmung auf Harmonie, gegenseitige
Hilfe und Miteinander würde leiden, und die Kampfkunstübung würde ihren
Wert verlieren.

Der symbolische Ausdruck des rechten Verhaltens ist der Gruß, um den
herum sich die gesamte Verhaltensetikette aufbaut. Grüßen bedeutet nicht
einfach nur, den Kopf zu beugen, sondern beinhaltet den grundlegenden
Respekt, den ein Mensch in aller Bescheidenheit vor einem anderen
bezeugt. Alle Übenden müssen dies beachten. Man verbeugt sich mit Würde,
Achtung und Offenheit. Nie grüßt man oberflächlich und unkonzentriert. Die
äußere Form des Grüßens wirkt auf die innere Haltung und stimmt den
Menschen in seiner Gesamtverfassung auf die rechte Handlung und Haltung
ein. Ein schlechter Gruß ist eine schlechte Übung, eine Unachtsamkeit
gegenüber anderen und eine Verletzung der Trainings-Atmosphäre.

Wenn ein Übender einen Trainingsraum betritt, sollte er die Bedeutung der
Trainings-Etikette kennen. Die Etikette lehrt ihn, bescheiden, höflich und
achtsam zu sein. Wenn er sich erlaubt, die Regeln der Etikette zu verletzen,
schadet er sich selbst. Sie sind dazu gedacht, ihm zu helfen, sein Ich zu

18
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

kontrollieren und ihm den Weg der rechten Beziehung zu anderen zu zeigen.
Dies ist von ebenso großem Wert wie die Übung der Technik.

Für den echten Wegschüler ist sein Training oder sein Dojo ein zweites
Zuhause. Durch eine richtige Trainings-Beziehung entsteht ein
wechselseitiger Wertaustausch, bei dem der Einzelne reifen und der Budo-
Geist der Gemeinschaft gedeihen kann. Egoistische Menschen die ein Dojo
oder einen Trainingsraum nur als einfachen Übungsraum nutzen, können
nicht daran teilhaben. Ein Dojo lebt durch die Zugeständnisse seiner
Übenden an das Ideal der Kampfkunst. Nur auf diese Weise findet ein
Übender den Zugang zum Weg. Wenn ein wirklicher Schüler des TAERYON-
DO einen Trainingsraum betritt, lässt er die Probleme des Alltags vor der Tür
zurück. Es ist unachtsam, den Trainingsraum mit ihnen zu betreten. Der
Trainingsraum ist eine Stätte der Meditation, der Konzentration auf sich
selbst. Es ist das Gegenteil von all dem, was im Alltag passiert. Wenn man
es als solches versteht und die rechte Haltung in sich sucht, kann man in ihm
wachsen.

Doch wenn man vergisst, den Geist zu reinigen, ist die Übung im Training
nichts weiter als Sport. Der Übende dokumentiert die Reinigung des Geistes
durch eine Verbeugung beim Betreten des Trainingsraumes vor dem inneren
Ideal. Eine Verbeugung beim Verlassen des Trainingsraumes deutet an,
dass das Üben jetzt beendet und dieser Abschnitt verinnerlicht ist. Der
Übende kann sich jetzt wieder den Dingen des Alltags zuwenden.

In jedem Training gibt es Graduierungen, die den Fortschritt eines Übenden


anzeigen. Dies ist jedoch kein stellvertretendes Kastensystem, sondern nur
ein äußerer Ausdruck einer bereits gemachten Erfahrung in der Übung. Der
Respekt und die Höflichkeit gegenüber Höhergraduierten sind keine
Unterwerfung, sondern ein freiwilliges Zugeständnis an einen Menschen, den
man um Hilfe bei der Verwirklichung der eigenen Ziele bittet. Dieses
Zugeständnis basiert auf dem Respekt, den man sich selbst schuldet.
Schüler, die nicht in der Lage sind, solche Hilfe mit Dank anzunehmen und
mit Achtung auszugleichen, verlieren ihren Anspruch auf Unterricht und
gehören nicht in ein TAERYON-DO-Training. Sie glauben, dass
Fortgeschrittene für sie da sein müssen, und vergessen die Regeln des
"Bitte" und "Danke". Ohne diese Regeln sind die menschlichen Beziehungen
in einem Training jedoch zerrissen, unehrlich und einseitig.

Anfänger werden sich für die Hilfe der Fortgeschrittenen immer dankbar
erweisen müssen, und wenn sie es vergessen, werden sie keinen Fortschritt
erleben. Überheblichkeit verhindert jede ehrliche Beziehung, jede Möglichkeit
zu einer offenen Kommunikation und am Ende jeden Fortschritt.

Wenn sich ein Anfänger vor einem Fortgeschrittenen verbeugt, lernt er, sein
Ego zu kontrollieren. Dieses Ich, dem die meisten Menschen dienen, besteht
aus Wünschen, Vorstellungen und Eindrücken, die in die Abhängigkeit
führen. Indem man sich verbeugt, muss man sie überwinden. Verstärkt wird

19
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

diese Überwindung noch durch das begleitende "Danke", das aus


Überzeugung kommen muss und vom Meister abgefordert wird.

Nach jeder Belehrung, Zurechtweisung oder Strafe hat der Übende sich
ebenfalls zu Verbeugen und sich für die Belehrung, Zurechtweisung oder
Strafe beim Meister zu bedanken. Kommt dieser Dank aus reinem Herzen,
ist der Übende auf dem richtigen Weg zur inneren Haltung. Manchmal
provoziert der Lehrer eine vermeintliche, für den Schüler unverständliche
Bestrafung um den Schüler zu prüfen. Er prüft, ob der Schüler in der Lage
ist, sich selbst und seinen inneren Zorn, seine Unzufriedenheit oder seine
Gerechtigkeitszweifel zu überwinden und sich zu verbeugen und zu
bedanken. Ziel des Lehrers ist lediglich die Förderung der inneren Haltung.
Der sehende Schüler weiß um dieses Bemühen des Lehrers und wird ihm
aufrichtig danken.

Beim Grüßen im Training ist es wichtig, dass man seinen Geist konzentriert
und sich frei macht von negativen Gedanken. Sich beim Gruß überhaupt
nichts zu denken, ist ebenso falsch wie nicht zu grüßen. Hier geht es nicht
um die Form, sondern um ein Zeugnis ehrlichen Respekts vor sich selbst, vor
dem anderen und vor der Kunst. Unkonzentriert zu grüßen, ist eine
Verletzung der Trainings-Etikette. Die rechte Konzentration beim Grüßen hilft
beim Nachdenken über die rechte Haltung.

Übende, die das Grüßen durch Nachlässigkeit verletzen, gelten als


unbescheiden, selbstbezogen und nicht anpassungsfähig. Die Art und
Weise, wie ein Übender grüßt, ist ein Spiegel seiner selbst.

Den richtigen Gruß im TAERYON-DO zu lernen, trägt viel dazu bei, den
Übenden in seiner alltäglichen Haltung freier und achtungsvoller zu machen.
Dies ist einer der Gründe, warum die Trainings-Etikette so wichtig ist. Wir
leben in einem Zeitalter des Missbrauchs von Macht, von Überfluss und
Reichtum. Dies verdirbt Menschen und macht sie überheblich, manche
oberflächlich und größenwahnsinnig. Das führt dazu, dass viele Menschen
seelisch leiden und sich aus Verblendung selbst zerstören. In unserer Zeit
sind viele jener Tugenden, die den Menschen zum Menschen machen,
vergessen und durch legale Unarten ersetzt worden. Menschen, die das
Leben auf diese Weise verstehen, und den Sinn des Weges nicht verstehen
wollen, können kein TAERYON-DO üben. Die Grundlagen der Trainings-
Etikette sind Besinnung, Genügsamkeit und Demut.

In der heutigen Zeit werden Kampfkünste oft ohne Verhaltensetikette


unterrichtet. Doch Lehrer, die nur den körperlichen Aspekt vermitteln, sind
keine guten Lehrer. Wirkliche Budo-Meister achten auf das Verhalten ihrer
Schüler, auf das, was sie tun, und vor allem auf die Art, wie sie es tun.

Wenn ein überheblicher Mensch viele Jahre die Kampfkunst einer


Wegsportart übt, muss er sich unzählige Male vor dem Training oder vor den
Fortgeschrittenen verbeugen. Wird er ständig dazu angehalten, dies zu tun,

20
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

und jedes mal darauf hingewiesen, wenn er es vergisst, wird er seine


Überheblichkeit überwinden. Die Etikette ist dann, wenn sie richtig gelehrt
wird, eine gute Methode, das eigene Ich in seine Schranken zu weisen.

Im TAERYON-DO bildet der Gruß und somit die Verbeugung den Mittelpunkt
der Trainings- und Verhaltensetikette. Die Verbeugung bekundet den Willen
zum Erreichen einer Harmonie, die auf gegenseitigem Vertrauen, Respekt
und Loyalität beruht. Gleichzeitig bedeutet sie das Versprechen, seine
eigenen Probleme zu überwinden, die dieses verhindern.

Eine weitere wichtige Regel der Trainings-Etikette ist, dass sich alle Übenden
an der Säuberungsaktion im Trainingsraum beteiligen. Ein solcher Ort kann
von niemandem außer von den Übenden selbst gereinigt werden. Dabei wird
keine Ausnahme gemacht. Dies verdeutlicht, dass ein Übender sein Ich
besiegen und sich in den Dienst eines Höheren stellen kann. Egal was der
Übende "draußen" macht - ob er hohe Ämter oder Funktionen innehat -, im
Training reinigt er zusammen mit allen anderen den Raum. Das ist jenes
Phänomen, das die Kampfkünste von der isolierenden und entfremdenden
Atmosphäre des gesellschaftlichen Lebens unterscheidet.

Ebenso gehört zur Trainings-Etikette die schweigende Meditation, die zum


Ende jeder Übungsstunde stattfindet. Nachdem sich alle Übenden in Reihen
aufgestellt haben, gibt der Lehrer das Kommando, und alle setzen sich hin
zur stillen Meditation. Es ist von größter Bedeutung, dass die Meditation
solange dauert, bis die Schüler sich durch ihre Konzentration auf die Atmung
in Einklang miteinander gebracht haben. Die Meditation am Ende jeder
Übungsstunde ist ein entscheidender Faktor im Fortschritt der Übenden auf
dem Weg.

Auch die Kleidung fügt sich in den Rahmen der Trainings-Etikette ein. Die
Alltagskleidung wird abgelegt, der Schüler zieht den sauberen, weißen
Kampfanzug an, der der ostasiatischen Kleidung nachempfunden und
besonders geeignet ist, seine gedanklichen Kräfte zu konzentrieren. Das
Tragen des Kampfanzugs ist respektvolle Pflicht, da der Anzug das höhere
Ideal des Kampfsports symbolisiert. Das Anziehen des Kampfanzuges
versetzt den Schüler in die andere Welt des Do und trennt ihn vom
Alltagsdasein.

5. Kapitel

21
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Das Lehrer-Schüler Verhältnis

Der Lehrer des Weges oder der Meister - japanisch Sensei - hat in den
asiatischen Kulturen eine andere Bedeutung als in Europa. Dort ist er nicht
derjenige, der einem Schüler Wissen oder Können vermittelt, sondern
derjenige, der den Weg (Do) zeigt. Dazu bedient er sich einer Kunst, deren
Ziel jedoch über das Erlernen der Form hinaus in einer inneren
Auseinandersetzung besteht, woraus die Möglichkeit zum Weg entsteht. Die
Lehre eines Meisters ist daher jenen Menschen unzugänglich, die nur die
Form wollen. Sie wendet sich an das dem Menschen innewohnende
Potential zu Höherem, an den unerweckten "Meister in ihm" (Dürkheim). Die
Bezeichnung Meister meint einen Menschen, der sich bereits auf dem Weg
befindet, um die Problematik der Weghindernisse weiß und in der Lage ist,
Schülern über diese Hindernisse hinwegzuhelfen.

Der Schüler, im Kampf um Fortschritte, befindet sich viele Jahre in einem


Zwiespalt zwischen Form und Weg. In seinen anfänglichen Bemühungen
unterliegt er tausendfach den Versuchungen des Ich, und immer wenn er ein
Ziel sieht, das ihm wichtiger erscheint als die Selbstüberwindung, wehrt er
sich gegen den Meister. Dies wird solange geschehen bis der Schüler
Fortschritt nicht im Selbstzweck, sondern im Kampf gegen denselben sucht.
Selbst wenn der Schüler darum weiß, wird er noch lange der alten Tendenz
gehorchen und nicht erkennen, dass es jedes mal dieselbe Tiefe ist, in die er
fällt. Der Meister hört jedoch nicht auf die begründende Logik des Schülers,
er schaut auf sein Wesen und erkennt durch jede Maske hindurch die
dahinterstehende Wahrheit. So befinden sich beide in einem jahrelangem
Konflikt über Form und Weg, was eine Lehrer/Schüler-Beziehung nur dann
aushält, wenn wirkliches Vertrauen besteht. Erst wenn der Schüler selbst
Meister ist, weiß er um die häufige Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit
solcher Meisterkämpfe gegen die ungeheure Macht der menschlichen
Trägheit.

Manche Schüler, die durch das Erlernen einer Kampfkunst eigennützige


Zwecke verfolgen, verstehen die Kampfkunst als Weg nicht wirklich. Sie
gehen zu einem Lehrer, um seine Kunst zu lernen, wie man in eine Schule
geht, um einen Abschluss zu machen. Oft denken sie, dass sie dann, wenn
sie genug mitbekommen haben, ihren eigenen Weg gehen werden. Mit
dieser Haltung bleibt das Verständnis für die Kampfkunst aus, denn niemand
kann auf diese Weise wesentliche Fortschritte im Budo machen.

Trotzdem darf das Formtraining nicht als unwesentlich oder unwichtig


betrachtet werden, denn die Technik ist der Maßstab, die Herausforderung
an das Bemühen, an das Wollen, an die Hingabe, an die Ausdauer und an
die Selbstüberwindung. Nur durch Disziplin und Bekenntnis kann der Schüler
sie meistern. Die harte körperliche Arbeit in den Formübungen stärkt den

22
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Körper und gibt dem Geist sein Lot, sein Maß, und seine Richtung (siehe
auch 2. Kapitel, 2. Absatz). Doch dabei kommt es zu vielen Missver-
ständnissen zwischen Meister und Schüler. Der Meister urteilt nach dem
Inhalt, der Schüler nach dem äußeren Aspekt. Nicht selten geschieht es,
dass der Meister hochtalentierten, jedoch überheblichen Formspezialisten
sein Vertrauen entzieht und anderen, scheinbar weniger begabten, jedoch
bescheidenen Schülern den Vorzug gibt. Der Meister weiß um den Weg und
kennt die Bedingungen des Wachsens. Der Schüler kämpft oft nur um
technischen Fortschritt und kann die Hindernisse in sich selbst nicht
erkennen.

Der Weg des Budo ist daher mit der allgemeinen Haltung gegenüber dem
Leben eng verbunden. Der Meister weiß um die mögliche einseitige Tendenz
des Menschen, entweder hin zur Form oder zur philosophischen Theorie, die
beide falsch sind, wenn sie nur das Ich maskieren. Im Umgang mit dem
Schüler spürt er den falschen Ton, merkt jede Abweichung von der rechten
Haltung, und überall dort, wo der Drang zum Ich überhand nimmt, greift er
ein. Lässt er den Schüler gewähren, wie es diesem gefällt, ist jede Übung
vergeblich.

Darum ist eine intakte Lehrer-Schüler-Beziehung so wichtig, denn ohne sie


zerbricht jedes Ideal an den Grenzen der Logik. Die im Budo verwendeten
Mondo können nur unter dieser Bedingung fruchtbar sein. Mondo sind
Lehrgespräche, regelmäßige Zusammenkünfte der Schüler mit ihrem
Meister. Solche Gespräche sind jedoch keine Diskussion über falsch und
richtig, sondern Brücken von "Herz zu Herz". Über sie wurden alle
traditionellen Weglehren überliefert.

Eine andere Kommunikationspraktik im Budo ist Dokusan. Der Begriff


stammt aus der Lehrpraxis des Zen, ist jedoch in allen Weglehren von
Bedeutung. Gemeint sind damit regelmäßige persönliche Gespräche eines
Schülers mit seinem Meister. Sie bieten dem Schüler die Möglichkeit, über
die Probleme zu sprechen, die seinen Wegfortschritt oder seine Übung
hemmen oder belasten. Besteht ein Lehrer-Schüler-Verhältnis ohne
Dokusan, ist nur ein oberflächlicher Formunterricht möglich. Gleichzeitig zeigt
das Desinteresse des Schülers am Dokusan dem Lehrer, dass es diesem
nicht um das Eigentliche geht. Der Meister wiederum verweigert dem Schüler
Dokusan, wenn dieser die Grundvoraussetzungen für den Weg durch eine
falsche Haltung missachtet.

Das erste Dokusan eines Schülers bei seinem Meister nennt man Shoken. In
diesem Gespräch entscheidet der Meister, ob er den Schüler persönlich
unterweist. Nimmt der Meister den Schüler an, verpflichtet er sich, ihn zum
höchstmöglichen Niveau zu führen. Gleichzeitig verpflichtet sich der Schüler,
dem Meister voller Offenheit, Ehrlichkeit und Treue auf dem Weg zu folgen.
Zwischen beiden entsteht eine tiefe menschliche Beziehung, die in allen
Lehren des Weges unerlässlich ist, um höhere Fortschrittsstufen zu
erreichen.

23
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Der Schüler, der an seine Fähigkeiten glaubt, drängt schnell zu höheren


Fortschrittsstufen. Doch dann, wenn der Rausch verfliegt und die
Konfrontation mit der auf höherem Niveau existierenden Verantwortung
beginnt, übt sich mancher in bescheidener Zurückhaltung. Hier greift der
Meister ein: Ausgleich zwischen äußerem Anspruch und innerer Wahrheit
lautet seine Forderung. Dieses tief im Menschen wurzelnde Missverhältnis
zwischen Anspruch und Bereitschaft muss sichtbar werden, doch es ist in
allen Lehrer-Schüler-Beziehungen ein steter Anlass für Konflikte.

Je höher der Schüler im Anspruch greift und in der Bereitschaft versagt, um


so stärker spürt er den Druck des Meisters auf sein krankes Selbstgefühl.
Kommt ein Schüler mit dieser Haltung ins Training, wird der Meister seine
Träume schnell zerstören. Mit dem Erreichen höherer Graduierungen ist die
Pflicht zum Ausgleich zwischen Geben und Nehmen verbunden. Kein
Schüler des Budo, hierbei des TAERYON-DO, kann sich dieser Pflicht ohne
empfindliche Kränkung seines Selbstgefühls entziehen. Der Meister weiß um
die Bedeutung dieser Erfahrung für den weiteren Fortschritt, und er wird den
Ausgleich bedingungslos fordern. Es liegt am Schüler, ob er seine Bereit-
schaft steigert oder ob der Meister seine Ansprüche reduziert.

Der Meister unterrichtet Techniken, doch den Weg lehrt er durch seine
Persönlichkeit. Der entscheidende Funke, der bei allem Formtraining auf den
Schüler überspringt, resultiert aus der bloßen Anwesenheit des Meisters.
Von ihm geht etwas aus, was den Schüler auf eine unbestimmte Weise
fasziniert und bindet. Dieses ist es und nicht die Technik, was den wahren
Schüler auf dem Weg hält, ihn zur Weiterentwicklung drängt und ihm
letztendlich den entscheidenden Schritt ermöglicht.

Doch die Persönlichkeit des Meisters ist für den Schüler nicht immer
angenehm. Viele Schüler kämpfen um Status, Recht oder Anspruch. Doch
der Meister reduziert alles, was aus dem Ich kommt, auf ein Nichts und bringt
den Schüler an die Kreuzung zwischen Form und Weg. Dadurch entsteht ein
innerer Kampf, der nur dann zu Gunsten des Weges entschieden werden
kann, wenn die Persönlichkeit des Meisters stärker wirkt als die Faszination
der Form.

Wenn der Schüler einen gewissen technischen Fortschritt erzielt hat, wird der
Meister seine Hilfestellung nach und nach reduzieren. Darin liegt ein
entscheidender Faktor zum Wegfortschritt. Der Schüler muss nun mit der
selbständigen Eigengestaltung beginnen und damit neue Verantwortung
übernehmen.

Nach einigen Jahren des Trainings steht daher mancher Schüler vor der
Entscheidung: alles oder nichts. Es gibt keinen, der ihm sagt, was er tun soll,
der seine Entscheidungen verantwortet und seine Schritte lenkt. Plötzlich ist
das, worum er jahrelang gekämpft hat, wahr geworden: Er ist frei. Doch
sofort stellt er fest, dass diese Freiheit ihren Preis hat. Überall dort, wo er

24
DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

glaubt, sie nun genießen zu können, ist sie plötzlich verschwunden. Um den
Fortschritt und die Freiheit zu erhalten, sind Selbstverantwortung und
Disziplin erforderlich. Will er den Fortschritt ohne Disziplin, kostet es die
Freiheit, will er die Freiheit ohne Disziplin, kostet es den Fortschritt.

Die Phase des Übergangs vom Geführtwerden ins Selbstlenken ruft bei
vielen Übenden große Probleme hervor. Hier bekommt das falsche
Selbstgefühl einen schweren Schlag, und dort wo es der Verantwortung nicht
gewachsen ist, sucht es resigniert sein Heil in der Flucht. Für manchen
Übenden wird in dieser Situation zum ersten Mal der Preis für die wirkliche
Freiheit sichtbar, denn sie verlangt als Gegengewicht die volle Verantwortung
für alles Tun und Lassen. So mancher erkennt erst jetzt, dass Freiheit einem
nicht geschenkt wird, sondern auf Arbeit am eigenen Selbst basiert.

Der Meister provoziert diese Situation. Den Schüler dahin zu bringen, sich im
Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen zu bewegen und die
Konsequenzen für jedes Tun und Lassen zu tragen, ist ein schwieriges
Unterfangen. Hier liegt die große Gefahr der Flucht vor der
Selbstverantwortung, die viele Menschen nicht tragen wollen oder nicht
tragen können. Diejenigen die darüber hinauswachsen, können die engen
Grenzen jener Lebenseinstellung sehen, die, jede eigene Verantwortung
ablehnend, die Schuld für Misserfolge auf äußere Umstände schiebt.

Mit der Selbständigkeit verändert sich vieles. Das die Lehrer-Schüler-


Beziehung bisher bestimmende Regelsystem beginnt sich aufzulösen und
macht einem menschlichen Nebeneinander Platz, das durch eine reife innere
Haltung möglich wird. Erst hier kann der Geist des Budo entstehen.

Die gute Lehrer-Schüler-Beziehung setzt eine individuelle Art des Lehrens,


bezogen auf jeden Schüler voraus. Jeder Lehrer kennt die Gefahren des
Wegunterrichts in der Gruppe. Um sie zu umgehen, bedarf es einer
persönlichen Bindung zwischen Lehrer und Schüler, in der individuelle
Weisungen möglich werden.

Die Grundvoraussetzung für die individuelle Lehrer-Schüler-Beziehung wird


vom Schüler durch rechtes Verhalten geschaffen. Denn bereits lange bevor
eine solche Beziehung zustande kommt, prüft der Meister den Schüler auf
sein inneres Potential hin. Er ruft ihn an, lässt ihn reagieren, beobachtet
seine Haltung, sein Denken, seine Selbstdisziplin und seine Gefühle.

Gruppenunterweisungen beschränken sich darauf, das Regelsystem des


Budo-Verhaltens in den Übungsgruppen durchzusetzen, um im Training eine
Atmosphäre zu ermöglichen, in der ungestört gearbeitet werden kann. Sie
regeln die Verhaltensformen der Übenden untereinander, damit jene, die den
Fortschritt suchen, wachsen können. Doch alles was darüber hinausgeht, ist
nur in einer individuellen Beziehung möglich. Allein durch die Gruppen-
weisung gibt es keinen Wegfortschritt. Ob jedoch eine individuelle Beziehung
zum Meister zustande kommt, hängt vom Schüler ab.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Die individuelle Beziehung zum Lehrer muss sich jeder Schüler über lange
Zeit hinweg erarbeiten. Nur wenn er sich wirklich bemüht, nimmt ihn der
Meister als Wegschüler an. Leider passiert es häufig, dass fortgeschrittene
Schüler mit wachsendem Selbstgefühl ihren Lehrer herausfordern. Sie
weisen ihm Fehler nach und kritisieren seine Haltung. Dies tun sie nicht in
böser Absicht, sondern in der festen Überzeugung, es besser zu wissen und
recht zu haben. Unabhängig davon, ob dem wirklich so ist, verletzen sie
jedoch die Etikette des Budo, werden überheblich und entwickeln dadurch
eine Haltung der Schwäche. Selbst wenn der Lehrer kein Budo-Meister ist,
müssen sie sich letztendlich unterordnen oder gehen. Wären sie wirklich das,
wofür sie sich halten, würden sie sich durch die Etikette lenken lassen und
stillschweigend verbeugen.

Die kleinen Ansprüche des Ich, wie zum Beispiel der falsche Stolz, das ewige
Beleidigtsein oder die Rechthaberei, gelten als elementare Prüfsteine in der
Übung des Wegs, stehen sie dem Einzelnen doch nicht nur im Training,
sondern in jeder Situation des Alltags im Wege. Zu lernen, sie zu sehen und
mit ihnen umzugehen, ist die erste Wegerfahrung.

So ist es auch vollkommen falsch, wenn sich Schüler einer negativen


Gruppendynamik hingeben und gegen die Lehrer um ihre Rechte kämpfen,
anstatt sich in der rechten Haltung zu üben. Solche Verhaltensweisen sind
einfacher als die Überwindung, doch sie machen blind für die wahre
Problematik und suchen den Ausweg.

Nicht selten verlassen solche Menschen das Training und wissen ihr ganzes
Leben lang zu berichten, wie recht sie damit taten. Doch den Weg des Budo
kann man auf diese Weise nicht verstehen. Man muss innere Stärke durch
Selbstüberwindung entwickeln.

Das was in der Kup-Stufe passiert, ist mit dem Besteigen eines hohen,
unwegsamen Berges zu vergleichen. Alle Schüler wollen schnell auf den
Gipfel. Doch die Meister, die bereits auf dem Gipfel sind, wissen, dass es
nicht gut ist, den Untenstehenden den leichten Weg zu zeigen. Sie
versperren die leichten Wege und lassen nur die schwierigen offen. Dies
können die Schüler nicht verstehen. Sie beklagen sich über das ihnen
widerfahrene Unrecht, und wenn ihnen das Vertrauen fehlt, gehen sie auf die
Barrikaden. Doch die Fortgeschrittenen wissen, dass nicht der Gipfel,
sondern die Wegerfahrung zum Gipfel das Entscheidende ist. Deswegen
erlauben sie keine Abkürzungen. Die Anfänger müssen sich an ihre inneren
Möglichkeiten wenden und ihren eigenen Weg suchen. Die Meister helfen
ihnen dabei nicht. Bestenfalls wachen sie darüber, dass keiner abstürzt.

Neuerdings kann man in vielen Kampfkünsten den Gipfel auch anders


erreichen. Große Kampfkunstorganisationen haben Fahrgelegenheiten
gebaut und dort oben Verteilungsstellen für hohe Dan-Graduierungen
errichtet. Sie machen die Übenden glauben, dass die Meisterschaft des Budo

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

in der Kraft ihrer Urkunden liegt. Doch das ist nicht der rechte Weg, denn die
Meisterschaft beweist sich selbst. Welchen Weg der Übende wählt, muss er
selbst entscheiden.

Die Lehrer-Schüler-Beziehung selbst, ist eine wichtige Lernvoraussetzung in


den Wegkünsten. Sie besteht aus den drei Komponenten: Pflichtgefühl
(jap.: Giri), Eifer (jap.: Nesshin) und Selbstlernen (jap.: Jitoku).

Mit Giri bezeichnet man das Versprechen des Schülers, sich stetig um das
Verständnis der rechten Haltung zu bemühen, die es ihm ermöglicht, die
wahren Weginhalte zu erfassen. Nesshin bezeichnet den ununterbrochenen
Eifer und Fleiß, mit dem der Schüler durch die Verwirklichung der Haltung
auf dem Weg fortschreitet, und Jitoku bedeutet, dass der Schüler nicht nur
nachahmen darf, sondern der Kampfkunst durch seine eigene Persönlichkeit
Sinn und Inhalt geben muss.

Diese Maßstäbe sind für jede echte Lehrer-Schüler-Beziehung des Budo


verbindlich. Sicherlich sind solche Inhalte weit entfernt von jener Vorstellung,
die ein Schüler normalerweise vom Lernen hat. Im Budo beruht das Lernen
nicht auf dem üblichen Weitergeben von Informationen, egal ob sie Wissen
oder Können vermitteln sollen.
Hier steht einzig und allein der Weg im Mittelpunkt, der nicht auf
herkömmliche Weise gelernt werden kann, sondern sich in jedem Menschen
auf eigene Weise neu begründen muss. Ihn zuzulassen, erfordert vom
Schüler besondere Formen des Bekenntnisses, der Hingabe, des
Vertrauens, der Selbstbetrachtung und des Verhaltens. Für jene Menschen,
die die Übung einer Wegkunst mit herkömmlichen Lernerwartungen
beginnen, ist daher die erste Konfrontation mit der Weglehre oft eine herbe
Enttäuschung.

In den Kampfkünsten steht Giri für das vom Weg geforderte und vom Schüler
gegebene Versprechen, die Gesetzmäßigkeiten der Budo-Lehre zu beachten
und sie nicht durch eigenwillige Interpretationen zu verfremden. Er verspricht,
die Lehre des Budo in seiner Haltung zu verwirklichen und diese als Beispiel
für weniger Fortgeschrittene sichtbar werden zu lassen. Als Grundübung
dient dazu die Verhaltensetikette zwischen Meister und Schüler, zwischen
Fortgeschrittenen und Anfängern, während der Übung, während einem
Lehrgespräch oder auch im alltäglichen Umgang miteinander. In der
Verhaltensetikette wird die rechte Haltung vor das eigenwillige Unterscheiden
zwischen richtig und falsch gestellt. Der Schüler übt sich ständig in der
rechten Haltung, indem er die Hindernisse, die aus dem Ich kommen
(Besserwisserei) entschieden bekämpft. Die rechte Haltung ist frei von
Selbstzweck, Anspruch und Geltungsdrang und drückt sich in der
Bereitschaft aus, anderen durch das eigene Beispiel zu helfen. Wenn dies
der Fall ist, kann das, was ein Meister lehrt, durch die Haltung verstanden
werden.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Nesshin ist der nächste wichtige Begriff aus der Lehrer-Schüler-Beziehung


des Budo und bedeutet soviel wie "eifriges Streben". Doch mehr als das
Streben nach technischer Perfektion ist das Streben nach der rechten
Haltung (Giri) gemeint, auf der jeder Wegfortschritt beruht. Dieses Streben
besteht im Eifer und in der Beständigkeit, mit der der Übende das Ideal der
rechten Haltung zu verwirklichen sucht. Der Schüler darf sich nicht auf dem
ausruhen, was er glaubt, verstanden zu haben. Nach dem, was der Meister
lehrt, muss er mit Ausdauer streben und in seiner Haltung verwirklichen. Der
echte Meister kennt den Schüler und weiß um die Grenzen jedes einzelnen.

Innerhalb dieser wird er ihn ständig herausfordern und auf die Probe stellen.
Durch die Art und Weise, wie sich der Schüler dabei verhält, erkennt der
Lehrer, wohin er strebt. Die Bereitschaft zu Nesshin wächst in jedem
Menschen erst mit der Zeit - erst wenn er den Weg als Notwendigkeit und
Bedürfnis in sich zu spüren und um dessen Verwirklichung zu kämpfen
beginnt.

Die Hilfe des Meisters besteht in der Forderung, das Ich zu überwinden.
Diese ist für den Nicht-Schüler ein ewiges Ärgernis, doch für den Wegschüler
eine absolute Notwendigkeit. Sie dient der Übung einer grundlegenden
Tugend, ohne die auf keinem Weg Fortschritt erreicht werden kann. Dies in
der Haltung zu verwirklichen ist wichtiger als das Streben nach Wirkung,
Gewinn oder Prestige. Fortgeschrittene Schüler des Budo wissen, dass die
Lehrer-Schüler-Beziehung als solche die eigentliche Lehre ist und das die
Technik dabei nur als Mittel zum Zweck dient.

Der dritte Begriff, Jitoku, bedeutet wörtlich übersetzt "Selbst (Ji), Gewinn,
Vorteil (Toku)". Doch in der herkömmlichen Bedeutung kann dieses wichtige
Prinzip der Lehrer-Schüler-Beziehung nicht interpretiert werden. Keinesfalls
ist damit ein Gewinn gemeint, den der Schüler durch die Perfektion der Form
erzielt. Vielmehr meint Jitoku, dass der Schüler durch geduldiges
Hinterfragen seiner Haltung die Grundvoraussetzungen für wahres
Verstehen schafft. Dies kann nicht geschehen, wenn er nur den
Formanforderungen ohne eigenes Denken entspricht. Der den Regeln
bedingungslos unterworfene Schüler ist braver, jedoch fortschrittsunfähiger
Mensch. Um fortschreiten zu können muss er über die Regel hinausgehen
und um eigenes Verstehen kämpfen. Im bloßen Kopieren dessen, was der
Meister sagt oder zeigt, gibt es kein Verstehen. Der Weg des Budo ist nicht
dem Nachahmer, sondern nur dem nach dem Sinn suchenden Menschen
zugänglich. Ohne eigene Initiative im Suchen gibt es auch keinen Weg.
Diese Initiative in der Haltung zu entwickeln und zu erhalten, ist eine wichtige
Aufgabe des Schülers. Sie erlaubt, dass jede erlernte Form auf individuelle
Weise im Menschen neu erwächst und Teil seiner selbst wird. Was nur
kopiert, nachgeahmt oder im herkömmlichen Sinn gelernt wird, bleibt
unverstanden und hat auf dem Weg keine Bedeutung.

6. Kapitel

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Die Lehrpyramide

Überall dort, wo ein Meister den Weg des Budo unterrichtet, etabliert sich im
Laufe der Zeit eine natürliche Graduierungs- und Lehrpyramide, die zur
Weitergabe der Lehre notwendig und für die Verhaltensübung der Schüler
unerlässlich ist.

Die Pyramide wird durch das Gürtelrangsystem symbolisiert. Gleich auf


welchem Niveau der Übende sich gerade befindet, seine Aufgabe ist es
immer, den Ansprüchen des bereits Erreichten durch eine entsprechende
Haltung gerecht zu werden, beispielgebend für alle unter ihm Stehenden zu
sein und die Herausforderung durch den nächsthöheren Fortschrittsgrad
anzunehmen. Auf keinen Fall darf der Übende aus der Verantwortung seines
Grades ausbrechen und ein höheres Niveau auf andere Weise anstreben als
durch die Arbeit an sich selbst. Dies würde zum Ende des Lernprozesses
führen.

Das Training der Übungen muss nicht unbedingt vom Meister selbst geführt
werden. Anfänger, bei denen es vorerst um das bloße Erlernen der
Techniken geht, können von Fortgeschrittenen (Sempai) angeleitet werden,
die mit den Formen vertraut sind. Auf diese Weise bildet sich im
Gruppenunterricht ein genau determiniertes Pyramidensystem, in dem die
bereits gemachten Erfahrung des Höhergraduierten nach unten wirkt. Die
Bezugslinien zwischen der Basis und der Spitze werden in einer gesunden
Struktur durch eine gute Trainings- und Veraltensetikette offengehalten.

Das Pyramidensystem besteht aus Erfahrungsbeziehungen, die immer von


oben nach unten wirken und deren Fluss nie unterbrochen werden darf. Die
Integration des Schülers in das Pyramidensystem ist keine Unterordnung
unter eine höhere Gewalt, sondern eine Übung im Selbstumgang.

Die Stufe der Schüler ist die Basis der Pyramide. Sie erstreckt sich über alle
Kup-Grade und umfasst Anfänger und Fortgeschrittene. Nur selten hat diese
Stufe mit dem Meister direkt zu tun. Die Älteren (Sempai / Trainer-
Assistenten) sind es, von denen diese Schüler unterrichtet werden und an
denen sie sich orientieren sollen. Ihre Aufgabe ist es, durch den Kampf um
die innere Haltung zu wachsen, eine Herausforderung gegen sich selbst
anzunehmen und durch Achtung eine gute Beziehung zu jenen zu schaffen,
die sie unterrichten. Sie müssen sich in Bescheidenheit üben, Vertrauen
entwickeln und lernen, sich selbst zu betrachten.

Eine Schlüsselposition in der Pyramide kommt den Älteren (Sempai) zu. Sie
sind das Bindeglied zwischen der eigentlichen Lehre des TAERYON-DO und
den Schülern. Der Sempai ist der direkte Lehrer der jüngeren Schüler. In der
Problematik des Unterrichts liegt seine Herausforderung, durch sie kann er

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

lernen, durch sie kann er reifen. Gleichzeitig ist er der Wächter über die
Tradition, über das rechte Verhalten und über das korrekte Einhalten der
Etikette.

Der Sempai weiß um die Schwierigkeiten der Weitergabe. Er kennt die


Probleme der Schüler aus eigener Erfahrung und erfährt sie nun aus der
Sicht des Lehrers. An seinen Schülern sieht er, wie er selbst einmal war,
doch inzwischen ist ihm klar, worauf er achten muss. So bleibt er jedem
negativem Einfluss gegenüber dem Budo-Geist wachsam. Er wirkt durch sein
beispielhaftes Verhalten und achtet darauf, dass jeder seine rechte Haltung
erkennen kann. Mehr als die Stärke der Technik muss er den reinen Geist in
seinen Schülern "trainieren".

Der Sempai lebt in der Regel seit vielen Jahren in der Nähe des Meisters und
kennt diesen gut. Längst hat er gelernt, den Meister auf eine natürliche
Weise anzunehmen und eine entsprechend natürliche Beziehung zu
entwickeln. Er kann zwischen dem Ewigen Meister (Ideal) und dem
Leibhaftigen Meister (Mensch) unterscheiden und weiß, wie wichtig diese
Erkenntnis ist. Auf diesem Bewusstsein basiert seine Position. Er lebt nicht
im Schatten des Meisters, doch er kämpft ständig darum, den Anforderungen
seiner Stufe durch Selbstverantwortung zu entsprechen.

Der Meister (Sensei) gibt die in den Kodansha-Stufen existierende Erfahrung


an die Sempai weiter, die sich darin üben, sie in der Arbeit mit ihren Schülern
zu verstehen. Obgleich die Sempai auch in einem direkten Lernverhältnis
zum Meister stehen, greift dieser in ihre Arbeit mit den Schülern nur dann
ein, wenn das Gleichgewicht bedroht ist. Der Schülerunterricht obliegt den
Sempai, die in dieser Aufgabe einen Teil ihrer Wegerfahrung suchen. Der
andere Teil besteht in der Nähe zum Meister, aus der die nötigen Impulse
zum eigenen Fortschritt kommen. Offen nach oben, selbstständig im Eigenen
und beispielgebend nach unten - das sind die wichtigsten Charakteristika der
Sempai.

Der Meister lehrt aus dem Hintergrund, während die Sempai die direkten
Lehrer sind. Zwischen Meister und Sempai gibt es große Unterschiede
hinsichtlich Art und Inhalt des Unterrichts. Für die Schüler ist die beste
Möglichkeit zum Wachsen dann gegeben, wenn beide sich ergänzen.

Die Bezeichnung Sensei (Meister) steht nicht automatisch jedem, der


Training erteilt, zu. Sie gebührt nur einem Menschen, der sein Leben ohne
Rückhalt der Suche nach dem Weg gewidmet hat. Darüber befindet der O-
Sensei (Großmeister). Diese Bezeichnung führt allein das jeweilig lebende
geistige Oberhaupt des TAERYON-DO.

Einzig der O-Sensei erteilt die Befugnis zum Führen der Bezeichnung
"Sensei". Er überwacht, ob der Sensei den strengen Anforderungen als
Meister gerecht wird. Bemerkt er Abweichungen, versucht er ihn wieder zur
rechten Haltung und zur Einhaltung des Wegs zu bewegen. Auch für den

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Sensei gilt der Grundsatz des immerwährenden, lebenslangen Lernens. Er


weiß um seine Verantwortung als Schüler der Etikette und seinem Meister,
dem O-Sensei gegenüber und wird dankbar die Hinweise des O-Sensei
annehmen.

7. Kapitel

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Technische Komponenten der Form in ihrer Beziehung zum Weg

In allen Künsten des Budo ist die Technik ein wichtiges Element der Übung.
Bis zum Erreichen des ersten Schwarzgurtes steht sie für jeden Übenden als
formales System im Vordergrund. Die erste Phase der technischen Kampf-
kunstübung umfasst deshalb ausschließlich das Erlernen spielraumloser
Grundformen, die als Voraussetzung für jeden weiteren Fortschritt gelten.

Im TAERYON-DO wurde ein Formsystem geschaffen, das auf folgenden


Grundkomponenten basiert:

Kibon-suryon = Grundschule

Hosinsul = Selbstverteidigung

Hyong = Form, imaginärer Kampf

Taeryon = Kampf

Kyek pa = Bruchtest

Dieses Formsystem, in das die zu erlernenden Einzeltechniken integriert


sind, ist die dauerhafte, unabänderliche Grundlage zur Bewegungsschulung
aller Formschüler und die Basis zum Beschreiten des Weges.

Einige Schüler betreiben neben dem TAERYON-DO noch andere


Kampfsportarten, um optimalere und effektivere Techniken zu erlernen, da
sie davon ausgehen, damit einen Fortschritt zu erzielen. Gern möchten sie
diese zusätzlichen Techniken in das TAERYON-DO Formsystem einbringen.
Doch es ist nicht Sinn des TAERYON-DO Formsystems sich ständig an
neuere Formen anzupassen, sondern Leistung (Geschicklichkeit) und Reife
(Gewandheit) zu schulen. Erst der Schüler, der der Form einen Sinn gibt und
über die bloße Form hinausgewachsen ist, wird ihre Effizienz erkennen.

In der Übung des TAERYON-DO steht die virtuose Extremitätenbewegung


erst an zweiter Stelle. Vorher muss der Übende lernen, korrekt mit der
Schwerkraft seines Körpers umzugehen, in allen Situationen das
Gleichgewicht des Körpers zu erhalten, seine körperlichen
Grundspannungen zu korrigieren und richtig zu atmen. Ausgehend von
diesen Prinzipien (zusammengefasst unter Haltung, Spannung, Atmung),
kann er die Techniken der Extremitäten entwickeln und diese über die
Atmung in ein harmonisches Verhältnis zu seinem Geist versetzen.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Man kann dies als Grundsatz für jedes sinnvolle Üben im Budo betrachten.
Die traditionelle Lehre, dass jede Handlung sich immer aus einer zentralen
Mitte (Hara) im Menschen bedient, aus der heraus sie entsteht, gesteuert
und kontrolliert wird, ist für jeden wirklichen Lehrer des Budo der Leitgedanke
bei all seinen Anweisungen.

Die Auffassung von der einzig und allein zweckorientierten Technik, die viele
Lehrer des "Sport-Budo" vertreten, ist nicht nur falsch, sondern verletzt die
elementaren Grundregeln des Weges. Eine Technik mit verspannten
Schultern und verkrümmtem Oberkörper ist im wollenden Ich gefangen und
bewirkt, wenn sie durch Routineübung zur Leistung gebracht wird, ein dem
Budo entgegengesetztes Bewusstsein. All ihre Wirkungen dienen dem Ego
und verhindern den Weg, da sie im Menschen eine falsche Haltung, einen
falschen Geist und ein falsches Ziel begründen.

Ein guter Lehrer lenkt die Aufmerksamkeit seiner Schüler auf die Prinzipien
der natürlichen Bewegung (Haltung, Spannung, Atmung). Von dort
ausgehend, kann der Übende Technik mit einem vollkommen neuen
Bewusstsein verstehen.

Folgend soll auf die Grundkomponenten des TAERYON-DO Formsystems


näher eingegangen werden, ohne jedoch technische Details auszuweiten, da
diese in der TAERYON-DO Sportordnung und den darin enthaltenen
verschiedenen Verfahrensordnungen ausgiebig erläutert sind.

Kibon suryon (Grundschule)

Durch ihr erfährt der Schüler um das wie der Einzeltechniken. Die ständigen
Wiederholungen der Einzeltechniken in strenger Disziplin optimieren einer-
seits die technischen Fähigkeiten des Übenden, schulen andererseits auch
die Geduld, die Selbstbeherrschung und den Willen des Schülers. Der Wille
(Geist) wird im Laufe der Zeit zum Beherrscher des Körpers. Begleitet durch
die Trainings- und Verhaltensetikette wird die Grundschule zur Basis der
Form und legt den Grundstein für das spätere Erkennen des Wegs.
Hemmungen und Verklemmtheiten werden abgelegt, der Schüler wird in
seiner Haltung freier und sein Geist aufnahmebereit.

In der Grundschule sind die Schüler aller Graduierungen gleich. Die


Fortgeschrittenen geben durch ihre Haltung, ihren Fleiß und ihr Bemühen
den weniger Fortgeschrittenen Beispiel und Ansporn und helfen somit in dem
Bemühen um die rechte Haltung. Das gemeinsame Grundschultraining lässt
die Gruppe zur Gemeinschaft werden.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Hosinsul (Selbstverteidigung)

Das Selbstverteidigungstraining schult die Kreativität in der Anwendung der


Einzeltechniken. Der Schüler erfährt, dass nicht die Kraft, sondern der Geist
das beherrschende Element ist. Der Schüler lernt, die Wucht und die Kraft
gegnerischer Angriffe zur eigenen Verteidigung auszunutzen und seinen
Geist und Körper in allen Situationen zu beherrschen. Das Wissen,
körperlichen Angriffen besser begegnen zu können, stärkt das
Selbstvertrauen und senkt die Aggressivitätsschwelle. Höchste Präzision und
Schnelligkeit in der Ausführung von Technik und Bewegung gilt im Selbst-
verteidigungstraining als selbstverständlich. Das, sowie Sicherheit und
Ausdauer entstehen durch das entsprechende Training und sind der Spiegel
der vorangegangenen Anstrengungen.

Hyong (Form, imaginärer Kampf)

Eine besondere Bedeutung im TAERYON-DO kommt den Hyongs (jap.:


Katas) zu. Das strenge System der vorgegebenen Bewegungsabläufe wird in
der heutigen Zeit häufig kritisiert, und viele Lehrer, die außerhalb der
Tradition unterrichten, betrachten sie als wenig sinnvoll und ersetzen sie
durch Kampfübungen. Doch Hyongs sind ein wichtiges Hilfsmittel in der
Methode, das Ich zu disziplinieren. Wenn Schüler viele Jahre dazu
angehalten werden, die Hyongs zu üben, können sie das verstehen. Das
Üben der Hyongs fordert von dem Übenden Disziplin und Konzentration. Es
öffnet dem Übenden den Blick für den Wert und die Schönheit der kleinen
alltäglichen Dinge. In den Wegkünsten nennt man dies Sabi (innerer Zustand
der gelösten Ruhe) und Wabi (die Bedeutung der einfachen und kleinen
Dinge des Lebens zu erkennen). Beide sind wichtig, um dem Menschen in
der Alltäglichkeit einen inneren Zustand der Harmonie zu ermöglichen und
seine Sehnsucht nach Superlativen zu mildern. Das Üben der Hyongs soll
auch den sehnlichen Wunsch des in der Kampfkunst gereiften Menschen
nach Frieden und Harmonie ausdrücken. Dieses wird in den Hyongs des
TAERYON-DO dadurch symbolisch verdeutlicht, dass jede erste Technik
grundsätzlich eine Abwehr ist.

Taeryon (Kampf, Freikampf)

Ziel des Taeryon ist es, den Schüler reif in seiner Technik zu machen, ihm
die Furcht zu nehmen und frei von Zweifeln zu machen. So wird der Geist
ruhig und schenkt dem Übenden die Freiheit seines Tuns. Der Übende kann
im Freikampf seinen Leistungsstand prüfen. Seine kreativen Möglichkeiten
im Vergleich mit einem anderen Individuum werden gefördert und er kann
seine Haltung in Bezug auf Selbstbeherrschung und Fairness, losgelöst von
dem streng disziplinierten System der Grundschule prüfen und
demonstrieren. Der Sinn des Freikampfes besteht nicht in der imaginären
Vernichtung des Gegners, sondern im Gegenteil dazu in der bewussten
Achtung des Gegners. Das beginnt mit der Befolgung des disziplinierten
Rahmens (Verbeugung, Kontrolle und Abstoppen der Schläge und Stöße)

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und setzt sich fort mit der notwendigen Beachtung des Gegners und dem
Zwang, ihn kennen zu lernen und zu durchschauen. Diese Beschäftigung mit
ihm zeigt dem Übenden sein Wesen, seine Eigenständigkeit und sein
Können. Im Freikampf geht es in erster Linie nicht darum, den Gegner,
sondern sich selbst, das heißt den unruhigen Geist, zu besiegen. Durch
diese Schulung von innerer Stille und gesammelter Wachsamkeit lernt der
Schüler in jeder Situation spontan richtig zu handeln. Dies ist eine Fähigkeit,
die nicht nur im Kampf, sondern auch im Fortschritt auf dem Weg wichtig ist
und die für das tägliche Leben von unschätzbarem Wert sein kann.

Kyek pa (Bruchtest)

Bruchteste werden eigentlich nie "trainiert", sondern sie ergeben sich


zwangsläufig aus den anderen Übungen, so zum Beispiel der Grundschule.
Sie zeigen in ihrer Durchführung die geistige Reife des Übenden, der sich
über die physischen Grenzen hinwegsetzt. Jeder Knochen, jeder Teil des
Körpers wäre für sich zu schwach, um zum Beispiel die Härte eines Steins
überwinden zu können. Nur die dahinterstehende, helfende, in Wahrheit
ausführende Kraft des Geistes, des Willens, ermöglicht einen derartigen
Sieg. Der Vorgang des Bruchtests verläuft, einzeln aufgeschlüsselt,
folgendermaßen: Absicht des Geistes ist es, eine vor ihm befindliche Materie
zu besiegen, das heißt: zu zerbrechen, zu zerschlagen oder zu zerstoßen.
Das ist der äußerliche materielle Ausdruck des dahinterstehenden Kampfes
der zugrundeliegenden Konfrontation des Geistes mit der Umwelt. Der Wille
muss geistig bereits den Bruch der Materie konzipiert haben. Für ihn ist
beispielsweise der Stein schon zerschlagen. Diese Ausstrahlung des Willens
erfasst die Gedanken, die sich dadurch in ihrer Richtung nur auf die
bestimmte Materie sammeln, was zu ausschließlicher Konzentration führt.
Die spirituelle Konzeption erfasst in der Folge den Körper, der jetzt zum Teil
eines von einer bestimmten Absicht durchdrungenen Ganzen wird und
dadurch nicht mehr alleinige, im Härtegrad schwächere Materie als die zu
zerschlagende ist, sondern lediglich letzteres, ausführendes Organ des
Geistes, der in seiner ihm eigenen Stärke, die wesentlich höher liegt als die
des Steines, diesen schon zerbrochen hat.

Das der Geist die von ihm gefasste Konzeption, den von ihm schon
vollendeten Bruch mit Hilfe seiner Instrumente auch ausführen kann, ist nur
möglich, wenn diese ihm völlig gehorchen, wenn er ihre Handhabung
versteht und diese voll einsatzfähig in allen ihren Möglichkeiten sind. Die
Lücke zwischen Geist, Gedanken und Körper muss bis zu einem gewissen
Grad geschlossen sein, womit wir bei der Grundidee des Do angelangt sind.
Hierdurch wird die fundamentale Bedeutung des kyek pa deutlich, aber eben
in der Weise, dass das eigentliche Training die Grundlage für den Bruchtest
schafft und dieser nur gelegentliche Bestätigung des bereits erreichten
Entwicklungsstandes ist. Der Bruchtest wird nur möglich, wenn der bis dahin
notwendige Weg im Do zurückgelegt ist.

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DER GEISTIGE WEG DES TAERYON-DO

Epilog

Seit Schaffung des Kampfsportsystems TAERYON-DO wurde den Schülern


der Begriff des Do bisher ausschließlich verbal vermittelt. Es wurde auf die
geistigen Hintergründe verwiesen, ohne dass bisher eine entsprechende
Grundlage vorlag, auf die sich der TAERYON-DO-Übende beziehen konnte.

Aus diesem Grunde wurde dieses Werk geschaffen, um dem TAERYON-DO


neben der technischen Komponente auch die schriftliche, geistige Basis zu
schaffen.

Dieses Werk soll zwar anleiten und Hilfestellung geben, soll Erläuterungen
zu bestimmten Vorgängen im TAERYON-DO vermitteln, doch wie der Finger,
der auf den Mond weist, nicht der Mond selbst ist, kann dieses Werk lediglich
Umrisse aufzeigen.

Die letztendlich offenen Fragen sind in der direkten Lehrer-Schüler-


Beziehung zu klären. Dieses Werk ist zwar Regel, doch kein Gesetz. Es soll
die Richtungen und die Ziele des traditionellen Wegs der Kampfkünste
insbesondere des TAERYON-DO übermitteln. Das Erkennen und das
Praktizieren des Wegs wird jedoch immer individuell sein. So wie dieses
Werk kein Neuerfinden des Wegs, des „Do“, sein kann, wird sich jeder
mögliche Wegschüler neu prüfen müssen, wie es viele andere in den
traditionellen Kampfkünsten bereits getan haben. So wird der Schüler auch
feststellen, dass das TAERYON-DO kein Alleinrecht auf einen geistigen
Hintergrund hat, sondern nur eine von vielen Wegsportarten ist, die unter
dem Begriff "Budo" zusammengefasst sind.

Ich möchte an dieser Stelle all denjenigen danken, die den Weg vorgelebt
und ihn fixiert haben und somit die Schaffung dieses Werks ermöglichten. Ich
verbinde hiermit auch die Hoffnung, dass dieses Werk dazu beiträgt, dass
das TAERYON-DO einen dauerhaften Platz als Wegsportart haben und
beibehalten wird.

Der Verfasser, im April 1998

Otto Schönbrunner

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Literaturhinweise

Werner Lind: Budo - Der geistige Weg der Kampfkünste

Kwon Jae Hwa: Zen - Kunst der Selbstverteidigung

Reinhard Kramer: Zen in der Kunst das Schwert zu führen

Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens

Gichin Funakoshi: KARATE-DO - Mein Weg

Otto Schönbrunner: TAERYON-DO Sportordnung

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