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de/

URBAN & FISCH ER

Heft 1
102. Jahrgang
Januar 2013

♦ w ww .journals.elsevier.de/m ikrokosm os
© Elsevier GmbH. Alle Rechte vorbehalten; http://www.elsevier.de/

Z e its c h rift fü r M ik ro s k o p ie
H erau sg eg eb en von K la u s H a u sm a n n (Berlin) v.i.S.d.P.
R e d a k tio n sassiste n tin : R en ate R ad e k (Berlin)

Mitteilungsorgan für den Arbeitskreis Mikroskopie im Freundeskreis Botanischer Garten Köln, Arbeitskreis
Mikroskopie im Naturwissenschaftlichen Verein zu Bremen, Arbeitskreis Rhein-Main-Neckar, Berliner
Mikroskopische Gesellschaft e.V., Mikroskopie-Gruppe Bodensee, Mikroskopisches Kollegium Bonn
(MKB), Mikroskopischer Freundeskreis Göppingen im Naturkundeverein Göppingen e.V., Mikrobiologische
Vereinigung sowie AG M ikropaläontologie im Naturwissenschaftlichen Verein zu Hamburg, M ikrobiologi­
sche Vereinigung München, Mikroskopischer Arbeitskreis Ruhrgebiet, Mikroskopische Gesellschaft Wien,
Mikroskopische Arbeitsgemeinschaft der Naturwissenschaftlichen Vereinigung Hagen e.V., Mikroskopische
Arbeitsgemeinschaft Hannover, Mikroskopische Arbeitsgemeinschaft Mainfranken, Mikroskopische Arbeits­
gemeinschaft Stuttgart, Mikroskopische Gesellschaft Zürich, Tübinger Mikroskopische Gesellschaft e.V.

äzfeslI___________________
Artikel Rubriken
1 Editorial 2, 13
Klaus Hausmann und Renate Radek Aus den
Arbeitsgem einschaften
4 Frullania dilatata - Ein Leberm oos mit Untermietern
Hans Brogmus
14
9 Chronische lym phatische Leukäm ie (CLL) Nachrichten
Oskar R. Weber
19,46, 49, 63
16 Bau und Funktion von Drehflieger-Diasporen
Buchbesprechungen
Teil 6: Wenn die Linden-Früchte herabregnen.
Z ur W indverbreitung von D iasporen der Sommer-Linde
Werner Nachtigall 37
M ikro-M arkt
20 Aquatische Einzeller genauer unter die Lupe genommen
Teil 1: Foram iniferen 47
Robert Sturm Form und Funktion im
26 D as Jahrhundert desSüß w asserpolypen M ikro- und M akrobereich
Rainer Hendel
38 Kleines Sonnentier ( Oxnerella)
attackiert zu großes W impertier
Pedro Galliker
41 Steindorffs „Mikrobenjäger“ - Revolutionäres M ikroskop-D esign
im D eutschland der Nachkriegszeit
Teil 2
Martin Mach und Manuel del Cerro
50 M ikroskopieren mit Kindern der Prim arstufe
Klaus Vormayr
54 Stacking in der Lupenfotografie
Teil 1: Lupenfotografie in der freien N atur -
A usübung, Arbeitsweise und Erzeugung der RAW-Daten
Gerhard Zimmert

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Indexed in: Bibliography and Index of Geology (also known as GeoRef)/Biological Abstracts/Chemical
Abstracts/Excerpta M edica/Scopus/Zoological Records
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Umschlagabbildung: Goldaugenbremse ( Chrysops relictus) nach einem Fokusstack aus 126 Einzelschichten.
Siehe Artikel G. Zimmert, S. 54-63.
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MIKROKOSMOS l

Wieder einmal wurde ein informationsrei­ Nebe n konventionellen M ikroskopier­


ches M IK R O K O SM O S-]abr abgeschlos­ und Abbildungsmethoden finden unter­
sen. Im Jah r 2012 spannte sich der The­ dessen auch mehr und mehr neuere Tech­
menbogen von der allgemeinen Botanik niken wie beispielsweise das Stacking und
und Zoologie, der Anatomie und H istolo­ Stitching ihren Einsatz. Diese und weitere
gie sowie der Darstellung seltener O rga­ Computer basierte Verfahren mögen dem
nismen aus dem Plankton und Periphyton einen und anderen Leser fremd oder gar
über die Mineralogie und Materialkunde, absolut unbekannt sein.
die Biophysik und Bionik sowie der aktu­ Vor diesem Hintergrund freuen wir uns
ellen und historischen Gerätetechnik und natürlich ganz besonders, kompetente Au­
-entwicklung bis hin zu philosophisch toren zu haben, welche offenkundige In­
und künstlerisch geprägten Abhandlun­ formationslücken gerade a u f dem Gebiet
gen. Diese Fülle an verschiedenen The­ der Computertechnik durch allgemeinver­
men verdanken wir einzig und allein Ih­ ständlich verfasste Artikel schließen.
nen, unseren Autoren, welche die Ergeb­
nisse ihrer jeweiligen Tätigkeiten im wei­ D as heißt allerdings nicht, dass wir uns
ten Feld der M ikroskopie zu M anuskrip­ langsam einem Autoren- oder Themen-
ten aufbereitet und uns zur Veröffentli­ Sättigungspunkt nähern. Ganz im Gegen­
teil: Wir sind essentiell a u f Ihre Mitarbeit
chung eingereicht haben. Und hier ist un­
angewiesen. Und so freuen wir uns nach
serem im letztjährigen Editorial geäußer­
wie vor über jeden neuen Namen, über je­
ten Wunsch nach neuen Autorennamen
des neue Sujet, wodurch der Facetten­
nachgekommen wordeii. Ein besonderes
reichtum des M IK R O K O SM O S erweitert
Dankeschön geht an die Novizen.
wird. Insbesondere möchten wir nach­
Bei den zur Veröffentlichung eingereich­ drücklich jüngere an der M ikroskopie
ten Illustrationsvorlagen gab es die volle Interessierte auffordern, aktiv zu werden,
Bandbreite der heutzutage verfügbaren allerdings nicht ohne gleichzeitig die „ a l­
Optionen. Es fanden sich gleichermaßen ten H asen “ daran zu erinnern-, weiterhin
per H and oder Computer angefertigte die Redaktion mit spannenden Berichten
Diagramme und Strichzeichnungen sowie zu erfreuen.
analoge und digitale Makro- und M ikro­
fotos. Der heutigen Technik entsprechend In der Hoffnung,
wurden überwiegend digitale, vielfach dass die oben dargelegte Entwicklung
computermäßig optimierte Bilddaten anhält und sich darüber hinaus
eingereicht. Die Zeiten der mühevollen die Autorenschar nach und nach verjüngt,
Dunkelkammerarbeit scheinen endgültig grüßt Sie, liebe Leser,
passee zu sein. Aber, notabene, auch über Ihr Berliner Herausgeberteam
wunderschöne Aquarelle durften wir uns Prof. Dr. Klaus Hausmann
wieder freuen. Priv.-Doz. Dr. Renate Radek
Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013
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2 MIKROKOSMOS

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Kontaktadressen der Mikroskopischen Vereinigungen


Berliner Mikroskopische Gesellschaft e.V. (BMG) Eingang Leobener Straße/James-Watt-Straße
Kontaktadressen: Prof. Dr. Klaus Hausmann, Termine: 3. Donnerstag im M onat um 18:15 Uhr
FU Berlin, Institut für Biologie/Zoologie, Königin- Mikroskopischer Freundeskreis Göppingen
Luise-Straße 1-3, 14195 Berlin, Tel.: 0 30/83 85 64 75, im Naturkundeverein Göppingen e.V.
E-Mail: hausmann@zedat.fu-berlin.de; Kontaktadresse: Ingeborg Siebrasse,
Dr. Helmut Pfaffmann, Gershwinstraße 3, Tel.: 0 71 61/7 34 05, E-Mail: i.siebrasse@web.de
14513 Teltow, Tel.: 0 33 28/33 09 61, Treffpunkt: Clubraum des VHS-Gebäudes,
E-Mail: helmutpfaffmann@alice-dsl.de Mörikestraße 16, 73033 Göppingen
Internet: www.berliner-mikroskopischegesellschaft.de Termine: Siehe Programm
Treffpunkt: Ehrenbergsaal des Instituts (viermal pro Semester, montags um 19:00 Uhr)
für Biologie/Zoologie (1. Stock, Neubau,
Eingang Hadersiebener Straße 1-3) Mikroskopische Arbeitsgemeinschaft
Termine: Siehe Programm (jede 2. Woche freitags, der Naturwissenschaftlichen Vereinigung Hagen e.V.
19:00 Uhr) Kontaktadresse: Jürgen Stahlschmidt,
Haferkamp 60, 58093 Hagen, Tel.: 0 23 31/5 75 09,
Mikroskopie-Gruppe Bodensee (MGB)
E-Mail: nwv.stahlschmidt@t-online.de
Kontaktadresse: Günther Dorn, ’
Internet: www.nwv-hagen.de
Mennwanger Baindt 7, 88693 Deggenhausertal,
Treffpunkt: Umweltzentrum Hagen (NWV-Raum),
E-Mail: info@dorn-konzeption.de und
Boeler Straße 39, 58097 Hagen
info@jet-fotodigital.de
Termine: Siehe Programm auf der Internetseite
Internet: www.mikroskopie-gruppe-bodensee.de
Treffpunkt: Im Deggenhausertal, bei verschiedenen Mikrobiologische Vereinigung Hamburg
Mitgliedern oder in der freien Natur Kontaktadresse: Dr. Georg Rosenfeldt,
Termine: Circa alle 4-6 Wochen nach Absprache Nigen-Rägen 3b, 22159 Hamburg,
Arbeitsgemeinschaft BO N ITO e.V. (Limnologie) Tel.: 0 40/6 43 06 77,
Kontaktadressen: Wolfgang M. Richter, E-Mail: georg@harald-rosenfeldt.de,
Fichtenweg 8, 21709 Himmelpforten (Nd.-Elbe), Planktongruppe: Frau E. Pieper, Tel.: 0 40/8 70 14 53
Tel.: 0 41 44/49 25, E-Mail: bonitorichter@web.de, Internet: www.mikrohamburg.de
Internet: www.bonito-feldberg.de; Treffpunkt: Zentrum für Schulbiologie und Umwelt­
Dr. Georg Kubsch, Humboldt-Universität zu Berlin, erziehung (ZSU), Hemmingstedter Weg 142,
Institut für Chemie, Brook-Taylor-Straße 2, 22609 Hamburg (Klein Flottbeck),
12489 Berlin, Tel.: 0 30/20 93 71 77, Tel.: 0 40/8 23 14 20, E-Mail: zsu@li-hamburg.de
Fax: 0 30/20 93 69 85, Termine: Siehe Programm auf der Internetseite
E-Mail: georg.kubsch@chemie.hu-berlin.de Foraminifera.eu Project
Internet: www.linscheidlab.de In Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft
Mikroskopisches Kollegium Bonn (MKB) M ikropaläontologie im Naturwissenschaftlichen
Kontaktadresse: Jörg Weiß, Verein Hamburg
Helene-Lange-Straße 25, 53757 Sankt Augustin Kontaktadresse: Michael Hesemann,
Tel.: 01 72/2 88 88 09, Tel.: 0 40/4 39 24 65, E-Mail: info@foraminifera.eu
E-Mail: info@mikroskopie-bonn.de Internet: www.foraminifera.eu
Internet: www.mikroskopie-bonn.de Treffpunkt: In der Regel monatlich, nach Bedarf
Treffpunkt: Geologisches Institut der Friedrich Wil­ Treffen der Projektgruppen,
helms Universität Bonn, Nußallee 8, 53115 Bonn, grundlegende Englischlcenntnisse sind erforderlich
Seminarraum 314, 3. OG Termine: siehe Programm auf der Internetseite
(Anfahrtsskizze auf der Webseite) http://mikrohamburg.de/ProgrammPalaeo.html
Termine: Siehe unter Termine auf der Webseite;
Mikropaläontologische Arbeitsgruppe
regelmäßige Treffen an jedem dritten Donnerstag im im Naturwissenschaftlichen Verein Hamburg
M onat ab 18:00 Uhr und Veranstaltungen und
Kontaktadresse: Herr M atthias Burba,
Exkursionen zu speziellen Themen
Tel.: 0 40/8 80 21 75,
Arbeitskreis Mikroskopie E-Mail: matthiasburba@hotmail.com
im Naturwissenschaftlichen Verein zu Bremen Internet: www.mikrohamburg.de/HomePalaeo.html
Kontaktadresse: Hans-Jürgen Koch, Bremer Straße 46, Treffpunkt: Zentrum für Schulbiologie und
28844 Weyhe, Tel.: 0421/8 09 0 2 7 9 , 0421/8 0 9 2774, Umwelterziehung (ZSU), Hemmingstedter Weg 142,
Fax: 04 21/8 09 27 72., 22609 Hamburg (Klein Flottbeck),
E-Mail: Koch-Hans-Juergen@t-online.de Tel.: 0 40/8 23 14 20, E-Mail: zsu@li-hamburg.de
Internet: www.nwv-bremen.de Termine: Monatliche Treffen, siehe Programm auf
Treffpunkt: Raum A 4030, Universität Bremen NW 2, der Internetseite ü
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Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013
www.journals.elsevier.de/mikrokosmos I, BIBLIOTHEK
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Aus den Arbeitsgem einschaften 3

Mikroskopische Arbeitsgemeinschaft Hannover Dr. Peter Voigt, Bottrop,


(MAH) Tel.: 0 20 41/2 64 05 50,
Kontaktadresse: Karl Brügmann, E-Mail: petervoigt@t-online.de
Woltmannweg 3, 30559 Hannover, Treffpunkt: Städtisches Ratsgymnasium, Raum 202
Tel.: 05 11/81 33 33, E-Mail: karl@kg-bruegmann.de in der Mittelstraße 50 in 45964 Gladbeck
Internet: www.lcg-bruegmann.de Termine: Freitags nach vorheriger Absprache, in der
Treffpunkt: Universität Hannover, Regel ab 18:00 Uhr. Siehe Ankündigungen unter
Institut für Organische Chemie, Schneiderberg 1B, www.mikroskopieren.de oder
30167 Hannover www.mikroskopie-forum.de
Termine: Nach Verabredung
Mikroskopische Arbeitsgemeinschaft Stuttgart e.V.
Arbeitskreis Mikroskopie Kontaktadresse: Klaus Kämmerer, Hauffstraße 11,
im Freundeskreis Botanischer Garten Köln e.V. 71732 Tamm, Tel.: 0 71 41/60 15 48, E-Mail:
Kontaktadressen: Eckart Hillenkamp, Bügelstraße 2, Klaus_Kammerer@web.de
46045 Oberhausen, Tel.: 02 08/6 26 57 83, Internet: www.mikroag-stuttgart.de
E-Mail: info@mikroskopieren.de; Treffpunkt: Universität Hohenheim, Übungsraum
Friedrich Lütkemöller, Tel.: 02 21/89 47 35; U150 der Genetik und Mikrobiologie im Gebäude
Dr. Wilhelm Wefers, Tel.: 02 08/76 09 50 BIO I (Biologiezentrum), Garbenstr. 30, Hintereingang
Internet: www.freundeskreis-flora-koeln.de und Termine: Am 2. Freitag des Monats
www.mikroskopieren.de (außer August und Dezember), 19:00 Uhr
Treffpunkt: Betriebsgebäude des Botanischen Gartens
Köln, Raum 2.1 (Zugang über den Wirtschaftshof), Tübinger Mikroskopische Gesellschaft e.V.
Amsterdamer Straße 34, 50735 Köln (Riehl) Kontaktadressen: PD Dr. Alfons Renz
Termine: In der Regel einmal monatlich montags, (Vorsitzender), Zoologisches Institut, Morgenstelle
19:15 Uhr. Details siehe Programm 28, 72074 Tübingen, Tel. 0 70 71/2 97 01 00,
Mikroskopische Arbeitsgemeinschaft Mainfranken Fax: 0 70 71/8 38 01,
Kontaktadresse: Joachim Stanek, E-Mail: Alfons.Renz@TMG-tuebingen.de;
Am Moosrangen 28, 90614 Ammerndorf, Dr. Klaus Dönnebrink (Schriftführer),
Tel.: 0 91 27/88 32, E-Mail: info@stanek.name Berneckeweg 8, 72227 Egenhausen,
Internet: www.stanek.name Tel.: 0 74 53/14 53, Fax: 0 74 53/91 02 69,
Treffpunkt: BlO-Zentrum der Universität Würzburg E-Mail: Klaus.Doennebrink@TMG-tuebingen.de;
in Gerbrunn (Am Hubland) Michael Franke (2. Vorsitzender), Laibernstraße 9,
Termine: Nach Ankündigung 72108 Hemmendorf, Tel.: 0 74 78/26 17 72,
Fax: 0 74 78/26 17 73,
Mikrobiologische Vereinigung München
E-Mail: Michael.Franke@TMG-tuebingen.de
Kontaktadressen: Siegfried Hoc, Donaustraße 1A,
Internet: www.TMG-tuebingen.de_
82140 Olching, Tel./Fax: 0 81 42/24 52,
Treffpunkt: Zoologisches Institut, Morgenstelle 28,
E-Mail: Siegfried-Hoc@t-online.de;
72074 Tübingen
Martin Mach, Versailler Straße 13,
Termine: Meist donnerstags um 20:00 Uhr,
81677 München, Tel.: 0 89/6 90 98 43,
siehe Programm
E-Mail: webmaster@baertierchen.de
Internet: www.mikroskopie-muenchen.de Mikroskopische Gesellschaft Wien
Treffpunkt: Seminarraum 04 Kontaktadresse: Peter Pavlicek,
(Kellergeschoss des Neubaus), TU München, Zollernsperggasse 8/2/11, A-1150 Wien,
Lothstraße 17, Haltestelle Lothstraße der Straßen­ Tel./Fax: 00 43 (0) 1/952 87 74,
bahnlinie 20, Zugang von der Dachauer Straße oder E-Mail: peter.pavlicek@aon.at
Heßstraße Internet: www.mgw.or.at
Termine: Siehe Programm Treffpunkt: Räume der Mikrographischen Gesellschaft
Arbeitskreis Mikroskopie Rhein-Main-Neckar Marineiligasse 10a, Wien 2
Kontaktadresse: Dr. Detlef Kramer, Tannenweg 13, Termine: Dienstags um 19:15 Uhr
64354 Reinheim, Tel.: 0 61 62/91 84 49 oder Mikroskopische Gesellschaft Zürich
Institut für Botanik der TU Darmstadt, Kontaktadresse: Felix Kuhn, Waldmeisterstrasse 12,
Schnittspahnstraße 3-5, 64287 Darmstadt, E-Mail: 8953 Dietikon, Schweiz,
kramer@bio.tu-darmstadt.de Tel.: 00 41 (0) 44/7 42 06 56, E-Mail:
Treffpunkt: Seminarraum B l 02/1 oder Kursraum felix.kuhn@surfeu.ch
B2 03/148 der TU Darmstadt, Fachbereich Biologie, Internet: www.mikroskopie.ch
je nach Programm Treffpunkt: Kurs- und Arbeitslokal im Kantons-
Termine 2013: 1.2., 5.4., 7.6., 2.8., 11.10. und 6.12. schulhaus Freudenberg, Gutenbergstrasse 15,
Eventuelle Änderungen werden zeitnah unter 8002 Zürich (Lokal E 226).
www.mikroskopie-forum.de bekannt gegeben. Kurse, Praktika und Vorträge finden jeden Mittwoch
Anmeldung ist nicht erforderlich. von 18:45 bis 22 Uhr statt, ausgenommen während
Mikroskopischer Arbeitskreis Ruhrgebiet (MAR) der Schulferien. Das Lokal ist ab 18 Uhr offen.
Kontaktadressen: Dr. Hans Jürgen Voß, Bottrop, Änderungen und Ausnahmen werden im Blatt
Tel.: 0 20 45/8 26 31, Mikroskopische Nachrichten und im Internet
E-Mail: tichy-voss@t-online.de; publiziert.
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4 MIKROKOSMOS

Frullania dilatata -
Ein Lebermoos mit Untermietern
Hans Brogmus

Vornehmlich in gebirgigen Lagen im Süden Deutschlands wächst epiphytisch auf der


Borke von Laubbäumen auf Kalkuntergrund für den M ikroskopiker ein lohnendes
und in mehrfacher Hinsicht interessantes Studienobjekt. Es ist das Breite Wassersack­
moos.

E
in bryologisch (Moos betreffend) nicht Wuchsformen und Standorte
vorgebildeter Spaziergänger wird das Im Allgemeinen ist die Wuchsform flach auflie­
zweizeilig beblätterte Lebermoos en pas­ gend in Decken (Geflechten, Matten) ausgebil­
sant nicht an Bäumen bemerken, da es in seiner det. Von einem Ausgangspunkt wächst das Le­
Wuchsform flächig wenig ausgedehnt und auf bermoos, nach allen Seiten sich ausbreitend, in
dunkler Borke farblich völlig unauffällig ist. unregelmäßigen Verästelungen auf der Borke.
Dem Mooskenner wird das Auffinden erleich­ Es ist mit winzigen wurzelähnlichen Gebilden
tert, wenn sich das M oos - wie man es immer (Rhizoiden) an der Unterseite der Unterblätter
wieder beobachten kann - auf hellem Flechten­ auf dem Substrat angeheftet (Abb. 4a, in der
untergrund zeigt (Abb. 1). Mitte auf dem Stämmchen).

Abb. 1: Frullania dilatata: Decke auf Gemeiner Esche,


Hossingen, etwa 3 cm breit.

Abb. 2: Frullania dilatata: Rasen.


a Von der Seite, 7 -8 mm hoch;
b von schräg oben, auf Gemeiner Esche, Deilingen.

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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Frullania http://www.elsevier.de/
dilatata - Ein Lebermoos m it Unterm ietern 5

Im Sommer 2012 fand ich das Lebermoos erst­ Farbenspiele und Artmerkmale
malig in einer mir bis dahin nicht bekannten
In der Farbe zeigt sich das M oos recht variabel
Wuchsform an einer Gemeinen Esche (Fraxinus von schwärzlich, dunkelbraun, dunkelrötlich
excelsior), nämlich als Rasen (Abb. 2a und b), über gelblichgrün nach grün. An feuchten Stel­
in dem die einzelnen Pflänzchen rechtwinklig len findet man es meist in grüner Färbung. Es
zum Untergrund dicht beieinander standen. Die meidet direktes Sonnenlicht.
Gemeine Esche scheint eine bevorzugte Baum­ Dem Mikroskopiker, der ein kleines dunkles
art zu sein. An dieser Art entdeckte ich das Sprossstückchen mitgenommen hat, fällt bald
Lebermoos siebenmal, an Zitter-Pappeln (Po- auf, dass das Präparat - eine Weile in Wasser
pulus tremula) zweimal, an Berg-Ulme ( Ulmus gelegt - die Farbe verändert, von dunkelbraun
glabra), Eberesche (Sorbus aucuparia), Spitz- nach grünlich (Abb. 3a und b). Auch andere
Ahorn (Acer platanoides), Sommer-Linde (Tilia M oosarten (darunter Laubmoose) werden im
platyphyllos), Stiel-Eiche (Quercus robur) so­ trockenen Zustand (Anabiose) dunkel.
wie Fichte (Picea abies) je einmal. Von diesen Beim Mikroskopieren mit lOOfacher Vergröße­
Unterlagen haben Esche, Ulme, Ahorn rung (Abb. 4a) ist man beglückt, wenn man am
und Pappel nach Hallingbäck und Holmäsen Sprossende zuerst die wesentlichen Merkmale
(1981) eine rikbark (eine Borke reich an Ba­ an der Unterseite, die beidseitig am Stämmchen
sen), also einem höheren pH-Wert. Linde und aufgereihten Wassersäckchen, erblickt. Das
Eiche sind Arten mit einer mellanbark (mellan Diminutiv ist angebracht, denn ein Säckchen ist
= mittel), einem mittleren pH-Wert. Die Fichte nur etwa 0,3 mm breit (Abb. 5e). Es sind umge­
gehört in die Kategorie fattigbark (fattig = arm) bildete Unterlappen der großen Flanlcenblätter.
mit niedrigem pH-Wert. Es besteht demnach Dazwischen erkennt man die gegabelten Unter­
eine Präferenz für Laubbäume. Der Fundort an blätter mit Rhizoidenbüscheln, meist wenig
einer Fichte (29.8.1998, am Haldensee, Öster­ breiter als das Stämmchen und zuweilen außen
reich) ist eher ungewöhnlich. In seltenen Fällen mit einem Zahn versehen. An den krugartig
ist das M oos auch epilithisch (auf Steinen; hier aussehenden Wassersäckchen findet man hier
kalkfreie Felsen) oder epigäisch (auf der Erde) und da ein Anhängsel (Stylus). Erhöht man die
anzutreffen (Frahm und Frey, 1992). Vergrößerung auf 400x, erkennt man in den

Abb. 3: Sprossende, 4 mm lang,


Oberseite, a Trocken;
b feucht, auf Zitter-Pappel,
Nusplingen.
6 H. Brogmus © Elsevier GmbH. Alle Rechte vorbehalten; http://www.elsevier.de/

Sporen. Nicht zu übersehen sind Brutwarzen


und kleine Brutkörper auf der Außenseite des
Perianths (Abb. 6 und 7). Das M oos der Abbil­
dung 7 fand ich noch am 3. Juni.
Zum gleichen Zeitpunkt fiel mir auch nach jah­
relanger Suche ein Pflänzchen in die Hände,
das männliche Sprossenden aufwies (Abb. 8).
Die männlichen Aste sind ähren- oder kopfför­
mig, die Hüllblätter bis zur Mitte in zwei fast
gleichgroße Lappen geteilt. Antheridien zu 1-2
in den Blattachseln (Rabenhorst, 1957). Die
Antheridien (männliche Geschlechtsorgane)
sind hier nicht dargestellt. In der Literatur, be­
sonders in den Bestimmungsbüchern, findet
man selten Abbildungen hierzu.
Frullania dilatata ist getrenntgeschlechtig.
Pflänzchen mit weiblichen und männlichen
Gametangienständen können nebeneinander
stehen. Auch wenn die geschlechtliche Fort­
Abb.4: Sprossende, etwa 2,5 mm lang, a Unterseite; pflanzung nicht zustande kommt, ist die Ver­
b Oberseite, auf Gemeiner Esche, Gräbelesberg. mehrung auf jeden Fall durch Brutkörper ge­
sichert. Auch abgefallene Blätter können zu
neuen Pflänzchen auswachsen.
Zellen jeweils 3-4 helle Punkte, die Ölkörper.
Die Zellecken sind dreieckig verdickt (Abb. 5d,
Bemerkenswert hohe Wasserspeicherung
Mitte, unten). Mit etwas Glück entdeckt man
manchmal in den Unterblättern vergrößerte Wenn auch die Borke (umgangssprachlich
Zellen, per heb nurartig angeordnet oder zer­ Rinde genannt) älterer Bäume poröser ist als
streut, Ozellen genannt (Rabenhorst, 1957). bei Jungbäumen und für eine Zeit lang Feuch­
Die Abbildung 4b zeigt dasselbe Sprossende tigkeit halten kann und somit ein verhältnismä­
umgedreht mit den unterschlächtig (dachziegel­ ßig gutes Substrat für das Sackmoos darstellt
artig) am Stämmchen angehefteten großen und wenn weiterhin das M oos auch kleinste
Flankenblättern. Abbildung 5 schließlich bietet Wassermengen aufbewahren kann, so ist das
beide Seiten eines Sprossstückes in Aquarell­ Überleben dieser kleinen Lebermoosart an die­
farben. sem Extremstandort, an dem zuweilen lange
Trockenperioden zu überstehen sind, äußerst
bewundernswert.
Meist weiblich, seltener männlich
Ein Rasenstück wie in Abbildung 2 brachte
Bei genauerer Betrachtung der Abbildung 2 mich auf die Idee, das Wasserhaltevermögen zu
erkennt man an mehreren Stellen bimförmig ermitteln. Es wog trocken 1,45 g, nass und ab­
aufgeblasene Gebilde (Perianthien, Detail in getropft 14,26 g. Das ist fast das Zehnfache des
Abb. 6). Es sind - aus dem Vorjahr stammend - Trockengewichtes. Sehr beachtlich, denn alles
die weiblichen Gametangienstände, die aus drei Wasser wird kapillar gehalten, ohne besondere
verwachsenen Blättern entstandene Hülle um Wasserspeicherzellen wie beispielsweise bei den
das junge Lebermoossporogon (Frahm und Torfmoosen.
Frey, 1992). Das Sporogon, aus Sporenkapsel
mit Stiel bestehend, sitzt an den Enden der
weiblichen Sprosse. Ab Oktober kann man auf Symbiotische Situationen
neu gebildete Perianthien stoßen, die - innen Eine noch größere Bewunderung verdient die
dunkel durchscheinend - Kapsel mit Stiel Tatsache, dass das M oos mit Bärtierchen und
(Pseudopodium) zeigen. Kapsel und Stiel Rädertierchen in einer Symbiose leben kann.
durchdringen das Perianth oberseits (Abb. 7). Rädertierchen fand ich wiederholt an frisch
Die Kapsel spaltet vierteilig auf und entlässt gesammelten M oosproben. Schon 1929/30
mit Hilfe von Schleuderzellen (Elateren) die wies Budde im M IKR O K O SM O S auf dieses
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Frullania http://www.elsevier.de/
dilatata - Ein Lebermoos m it Unterm ietern 7

Abb. 5: Sprossende, 3 mm
lang, a Oberseite; b Unterseite;
c Habitus, 15 mm lang;
d Zellverband, eine Zelle circa
0,025 mm breit; e ein Wasser­
säckchen, 0,3 mm breit, auf
Gemeiner Esche, Gräbelesberg.

symbiotische Verhältnis hin. Er nennt zwei mikroskopisch untersucht, sieht man fast im­
Rädertierarten als Bewohner der Wassersäcke: mer Rädertiere in diesen Bechern. Meist sind
Callidina symbiotica und Callidina leitgebi sie kontrahiert, und man muß oft stundenlang
und schreibt dazu: Wenn man die Unterseite warten, ehe sie sich ausstrecken und Nahrung
eines Zweiges in einem Tropfen Wasser einstrudeln.
8 H. Brogmus © Elsevier GmbH. Alle Rechte vorbehalten; http://www.elsevier.de/

Abb. 6: Weibliches Sprossende, etwa 4,5 mm lang, mit Perianth, auf Gemeiner Esche, Gräbelesberg. -
Abb. 7: Weibliches Sprossende mit Kapsel, 3 mm lang. - Abb. 8: Männliches Sprossende, 6 mm lang; beide auf
Gemeiner Esche, Deilingen.

Die kleinen Lebewesen ernähren sich von Bak­ Dank


terien im und vor dem Wassersack (bei Nässe). Ich danke Dr. Erich Lüthje für die kritische Durch­
Die Ausscheidungen werden von Zellen des sicht des Manuskripts und für Literatur- und weitere
Sackmooses aufgenommen und bessern den oh­ wichtige Hinweise sowie Apotheker Döring, Nus-
nehin kargen Speisezettel auf. Bemerkenswert plingen, für das Wiegen meiner Moosproben mit sei­
ist dabei, dass die Tierchen ebenso gut an Tro­ ner Feinwaage.
ckenzeiten angepasst sind wie das epiphytisch
lebende M oos, indem sie sich auf längere Zeit
Literaturhinweise
enzystieren und bei erneuter Wasserzufuhr wie­
der zum Leben erwachen (Düll, 1993). Budde, E.: Parasitische Rädertiere, die leicht zu fin­
den sind. Mikrokosmos 23, 66-68 (1929/30).
Düll, R.: Exkursionstaschenbuch der Moose. IDH-
Empfindsamer Bioindikator Verlag, Bad Münstereifel 1993.
Frahm, J. P.: M oose als Bioindikatoren. Quelle &
Das Breite Wassersackmoos ist ein Bioindika­ Meyer Verlag, Wiesbaden 1998.
tor. Es zeigt eine relativ hohe Luftreinheit an Frahm, J. P., Frey, W.: M oosflora, 3. Auflage. Ulmer,
(Düll, 1993). Alle oben erwähnten Fundorte Stuttgart 1992.
lagen an Plätzen ohne Verkehr und ohne In­ Hallingbäck, T., Holmäsen, I.: Mossor. Interpublish­
ing AB, Stockholm 1981.
dustrieemissionen, hauptsächlich im westlichen Rabenhorst, L.: Rabenhorst’s Kryptogamen-Flora.
Teil der Schwäbischen Alb. Gegenüber Luftver­ VI. Bd.: Die Lebermoose, 2. Abt. Akademische
schmutzungen (Schwefeldioxid und Stickstoff­ Verlagsanstalt, Leipzig 1957.
eintrag) ist es sehr empfindlich. Das liegt daran,
dass das M oos Wasser und Nährstoffe über Re­
gen oder Tau direkt aus der Luft aufnimmt.
Frahm (1998) stuft das M oos als eine sehr ge­ Verfasser: Hans Brogmus,
ring toxitolerante Art ein. Salzmannstr. 6, 33739 Bielefeld
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MIKROKOSMOS 9

Chronische lymphatische Leukämie (CLL)


O skar R. W eber

Das städtische Krankenhaus San Jose, Costa Rica, Abteilung Pathologie sowie Häma­
tologie, hat m ir mikroskopische Präparate zur Verfügung gestellt. Ich w ill - in keinem
Fall sehr wissenschaftlich, sondern leicht verständlich - die Kriterien einer Leukämie,
insbesondere der chronischen lymphatischen Leukämie (CLL), darstellen.

W
as verstehen wir unter einer Leukä­ Lymphgewebe und in anderen Organen ge­
mie? Man sagt: Die weißen Blutkör­ kennzeichnet. Da diese nicht funktionsfähigen
perchen fressen die roten Blutkör­ Blutkörperchen länger leben, verdrängen sie
perchen auf. Daher nehmen die weißen regelrecht die normalen, gesunden Blutzellen
Blutkörperchen zu. Aus wissenschaftlicher und (Abb. 1 und 2). Die Ansammlung unreifer Vor­
medizinischer Sicht ist diese Annahme falsch, läuferzellen schwächt das Immunsystem. So
zumindest irreführend. In dem nun folgenden kann es zu einer Infektion und/oder anderen
Beitrag werde ich daher versuchen, das Wesen Symptomen wie Müdigkeit, Knochenschmer­
einer Leukämie näher zu erläutern. zen, Schweißausbrüchen, Appetitlosigkeit und
Im Grunde genommen ist die Leukämie eine Gewichtsverlust kommen (persönliche Mittei­
maligne, also bösartige Erkrankung des Kno­ lung Dr. Peter Hillmen, Pinderfields General
chenmarks. Betroffen ist das blutbildende Sys­ Hospital, Wakefield).
tem im Knochenmark. Der Körper produziert
übermäßig viele weiße Blutkörperchen, die
Blutbestandteile
nicht funktionsfähig sind.
Die Leukämie ist durchwegs durch eine An­ Im Blut finden wir die Erythrozyten (rote Blut­
sammlung unreifer, weißer Blutkörperchen zellen), zuständig für den Sauerstofftransport.
(Lymphozyten) im Knochenmark, Blut- und Sie sind mit rund 5-6 Millionen pro mm3 ver­

Abb. 1: Blutausstrich eines gesunden Menschen bei niedriger Vergrößerung (50fach). Die Färbung erfolgt im
Labor mit der Farbstofflösung nach W right. Man sieht eine Vielzahl von Erythrozyten, aber nur vereinzelt Leuko­
zyten (blau). Das Verhältnis liegt bei 5 -6 Millionen rote Blutzellen zu 5 .0 0 0 -1 0 .0 0 0 weißen Blutzellen. -
Abb. 2: Der zweite Blutausstricn zeigt den eines CLL-Patienten. W ir sehen hier eine Vielzahl von Lymphozyten.
Typischer Befund im peripheren Blut: Deutliche Vermehrung von kleinen Lymphozyten. W ir sehen nier aucn die
sog. Gumprecht'schen Kernschatten (Zeichen besonderer Verletzlichkeit lymphatischer leukämischer Zellen).

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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treten. Es folgen die weißen Blutzellen, die so an. Wir unterscheiden B-Lymphozyten und
genannten Leukozyten, die mit rund 5.000- T-Lymphozyten. Beide haben gemeinsame lym­
10.000 Zellen pro mm3 zu finden sind und für phatische Vorfahren, die sich aus den pluripo­
die Abwehr und die Immunität Sorge tragen. tenten hämatopoetischen Stammzellen entwi­
Sie untergliedern sich in Basophile, Eosino­ ckeln. Bestimmte Grundregeln der Zelldifferen­
phile, Lymphozyten, Neutrophile und M ono­ zierung legen dann fest, ob sich eine B-Zelle
zyten. Weiße Blutzellen befinden sich meist oder eine T-Zelle entwickelt. Die CLL ist über­
außerhalb des Kreislaufs, sie sind sozusagen wiegend von malignen B-Zellen gekennzeich­
auf Patrouille und führen einen ständigen net, so dass ich mich nur mit diesen B-Zellen
Kam pf gegen Eindringlinge. auseinandersetzen werde.
Im Blut finden wir noch eine weitere Gruppe B-Zellen entwickeln sich im Knochenmark. An­
von Zellen, die Thrombozyten (Blutplättchen). schließend wandern sie zu den peripheren lym­
Die Norm liegt bei 250.000-400.000 pro mm3. phatischen Organen (z.B. Lymphknoten, Milz,
Ihre wichtige Aufgabe ist die Blutgerinnung. lymphatisches Gewebe der Schleimhäute).
Im menschlichen Körper zirkulieren rund 4-5 Schauen wir uns die Entwicklung genauer an.
Liter Blut. Die zellulären Elemente machen in In der 7. Auflage der Janeway - Immunologie
etwa 45% des Blutvolumens aus, die restlichen (Murphy et al., 2009) wird die Entwicklung
55% bestehen aus Blutplasma. Dieses besteht wie folgt dargestellt:
zu 90 % aus Wasser. Der pH-Wert des Blutplas­ 1. Ein B-Zell-Vorläufer lagert seine Immunglo­
mas beim Menschen beträgt 7,4. buline um. Es entstehen B-Zell-Rezeptoren
Im Blut befinden sich noch andere Substanzen im Knochenmark.
wie Elektrolyte, Plasmaproteine, Immunglobu­
2. Eine unreife B-Zelle, an die ein körpereige­
line, Gerinnungsfaktoren, Nährstoffe, Stoff­
nes Zelloberflächenantigen gebunden ist,
wechselschlacken, Atemgase, Hormone und
wird ausgeschieden (negative Selektion im
Weiteres.
Knochenmark).
Lebenszeit: Erythrozyten, Leukozyten und
Blutplättchen müssen ständig ersetzt werden. 3. Eine reife B-Zelle, an die ein Fremdantigen
Erythrozyten haben beispielsweise eine Lebens­ gebunden ist, wird aktiviert. B-Zellen wan­
dauer von etwa 3-4 Monaten, Leukozyten von dern in die peripheren lymphatischen Or­
wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten, und gane und werden aktiviert.
Thrombozyten leben nur 7-12 Tage. 4. Aus aktivierten B-Zellen entstehen Plasma-
In meinem Beitrag will ich mich mit den Lym­ und Gedächtniszellen. (Antikörperfreiset­
phozyten beschäftigen, denn eine ungehemmte zung und Gedächtniszellen im Knochen­
bösartige Vermehrung dieser Lymphozyten mark und im lymphatischen Gewebe).
führt beispielsweise zur chronischen lymphati­
Vereinfacht kann man die Entwicklung der B-
schen Leukämie, also zur CLL.
Zellen wie folgt beschreiben:
Stammzelle —» frühe Pro-B-Zelle —> späte Pro-
Blutbildung B-Zelle —*• große Prä-B-Zelle —> kleine Prä-B-
Ort der Blutbildung ist das Knochenmark. Die Zelle —> unreife B-Zelle —* reife naive B-Zelle
Bildung findet in der weichen Substanz der lan­ —> Lymphoblast B-Gedächtniszelle.
gen Röhrenknochen, den Beckenknochen und Die zwei Arten von Lymphozyten, die B- und T-
auch in den Wirbelkörpern statt. Zellen, arbeiten eng zusammen. Sie verständi­
So reifen die Blutzellen in mehreren Entwick- gen sich durch Aussendung und Erkennen von
lungs- und Teilungsstufen heran und werden Botenstoffen, den Zytokinen. B-Zellen und T-
dann als funktionsfähige, spezialisierte Blut­ Zellen werden im Organismus trainiert, T-Zel-
körperchen oder Blutplättchen in das zirkulie­ len im Thymus, B-Zellen in den Keimzentren
rende Blut ausgeschleust. Die Entwicklung der der Lymphknoten.
weißen Blutzellen nennt man Granulopoese,
Morphologische Differentialdiagnose eines
die der roten Blutzellen Erythropoese, und die
Lymphozyten:
Entwicklung der Blutplättchen bezeichnet man
als Thrombopoese. Zellform-, rund-oval
Schauen wir uns nun den ganz normalen Ent­ Kern: rund oder gebuchtet, weniger kontrast­
wicklungsvorgang der Lymphozyten genauer reich gefeldert, grobschollig marmoriert
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C hronische lym phatische Leukämie (CLL) 11

Nukleolen (Kernkörperchen): 1-4; meist un­ mie ist charakterisiert durch stetige Akkumula­
sichtbar tion und Proliferation von monoklonalen, so
Zytoplasma: meist schmal und halbmondför­ genannten CD5 B-Lymphozyten im peripheren
mig, mittelhell basophil, feintropfig aufgehellt, Blut, im Knochenmark und in lymphatischen
manchmal azurgranuliert Geweben (Lymphknoten, Milz, Leber). Unter
„C D “ versteht man eine Nomenklatur, ein
internationales System für die Bezeichnung von
Tumoren des Lymphsystems Differenzierungsantigenen auf der Zellober­
fläche von Leukozyten. Laut der Weltgesund­
Einzelne B-Zellen können eine neoplastische heitsorganisation (WHO) wird die CLL als
Transformation, das heißt eine Umwandlung leukämisches, lymphozytisches Lymphom be­
einer normalen Zelle in eine Tumorzelle, durch­ schrieben. Als Leukämie wird ein Lymphom
laufen. Dadurch können entweder hämatogene dann bezeichnet, wenn die bösartigen lympha­
Leukämien (durch das Blut verursacht und tischen Zellen in hoher Zahl im Blut auftau­
weiterverbreitet) oder Lymphome im Gewebe chen. Als Lymphome bezeichnet man verschie­
entstehen. Die chronische lymphatische Leukä­ dene Arten von lymphatischen bösartigen

11
Abb. 3-11: Abb. 3: Typischer Befund im peripheren Blut. W ir sehen eine deutliche Vermehrung von kleinen
Lymphozyten. Der Pfeil w eistauf die Gumprecht'schen Kernschatten hin. Bei 1 Prolymphozyten, bei 2 fraglicher
Paraimmunobiast, bei 3 Monozyt. - Abb. 4: Peripheres Blut. Neben Lymphozyten blastoide Zelle = Paraimmuno-
plast, x = ausstrichbedingter Artefakt. - Abb. 5: Besonders große Blastenform im peripheren Blut bei CCL. -
Abb. 6: Knochenmarkpunktat bei CLL. Neben mäßiger Vermehrung von Lymphozyten sind noch viele Elemente
der Myelopoese nachweisbar (Teil der Hämatopoese), was ein Zeichen relativer Gutartigkeit der Erkrankung ist.
- Abb. 7: Knochenmarkpunktat bei CLL; ausgeprägte lymphatische Zellinfiltration, bestehend aus kleinen
Lymphozyten und einem Prolymphozyten (Pfeilj. Bei x ein Normoplast. Diffuse lymphatische Markinfiltration ist
bei der CLL häufig nachweisbar, auch wenn noch keine Zeichen einer Verdrängungsmyelopathie bestehen. -
Abb. 8: Blutausstrich. Teilweise gekerbte Lymphozyten bei B-CLL. - Abb. 9: Blutausstrich. Fortgeschrittenes
Stadium einer CLL mit starken Atypien der lymphatischen Zellelemente. - Abb. 10: Lymphknoten-Tupfpräparat.
Auffallend stark proliferative CLL. Neben kleinen Lymphozyten vermehrt Paraimmunobiasten. - Abb. 11: M ark­
ausstrich: Gegenüber der Norm vermehrter Glykogengehalt der Lymphozyten bei CLL (PAS-Reaktion).
Die Abbildungen 3-11 sind mit freundlicher Genehmigung des Verlags dem Buch Praktikum der mikroskopischen
Hämatologie (Heckner und Freund, 2001) entnommen worden.
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Erkrankungen. Ein Lymphom ist demnach eine Diagnose und Pathogenese


bösartige Krankheit, die von Zellen des Für die Diagnose einer CLL muss ein Lympho­
Lymphsystems ausgeht. Eine der vielen unter­ zytenwert von mehr als 5.000 mm3 vorliegen
schiedlichen und noch unreifen Vorstufen der oder ein chronischer absoluter Anstieg von
Lymphozyten ist zu einer funktionslosen Lym­ charakteristischen Leukämiezellen. Die CLL ist
phom-Zelle entartet. die häufigste Leukämie im Erwachsenenalter in
Normalerweise überprüft das Immunsystem, den westlichen Ländern. Ihr Anteil beträgt 25 -
ob sich während der Reifung funktionslose 30% aller Leukämien. Die Anzahl der Neuer­
oder entartete Lymphozyten zeigen. Ist dies der krankungen (Inzidenz) liegt bei 3,38 pro
Fall, tötet das Immunsystem diese mutierten 100.000 Einwohner pro Jahr. Die Erkran­
Lymphozyten. Eine funktionslose Lymphom- kungshäufigkeit nimmt mit steigendem Lebens­
Zelle ist offenbar dem Immunsystem entwischt alter zu (im Schnitt bei 65 Jahren). Männer er­
und vermehrt sich unkontrolliert. kranken häufiger; das Verhältnis Männer zu
Das auffälligste Merkmal von Tumoren ist die Frauen beträgt 1,5-2,0 :1.
ungehemmte Anhäufung von Zellen eines einzi­
Diagnostik
gen Klons. Ein Klon ist eine Population von
Zellen, die alle von einer gemeinsamen Vorläu­ Zur Diagnose einer CLL werden in der Regel
zunächst zwei Untersuchungen durchgeführt:
ferzelle abstammen. Die ungehemmte Vermeh­
rung wird durch Mutationen verursacht, wel­ a) Blutbild mit Differenzialblutbild und Blut­
che die Zelle von Faktoren, die normalerweise ausstrich
ihr Wachstum regulieren, abkoppeln oder ihren b) Immunphänotypisierung der Leukämie­
normalen programmierten Zelltod verhindern zellen im peripheren Blut
(bei B-Zell-Tumoren = Fehler bei der Umlage­ Lymphknotenhistologie
rung der Immunglobulin-Gene). Die in B-Zell-
Eine histologische Lymphknotenuntersuchung
Tumoren auftretenden Translokationen stören
ist nur in unklaren Fällen erforderlich. Histolo­
die Expression und Funktion von Genen, die
gisch zeigen die betroffenen Lymphknoten eine
das Zellwachstum regulieren. Der Beweis, dass
charakteristische Infiltration mit relativ kleinen
die bcl-2-Umlagerung und die zwangsläufige Lymphozyten, die einen schmalen Zytoplasm a­
Überproduktion des Genprodukts das Ent­ saum und einen dichten, runden Kern mit teil­
stehen von Lymphomen fördern kann, fand weise verklumptem Chromatin und gelegentlich
sich bei Mäusen, die ein konstitutiv überexpri- kleinen Nukleolen besitzen.
miertes bcl-2-Transgen tragen (Murphy et al.,
2009). Behandlungsmethoden
In den Abbildungen 3-11 werden anhand Chemotherapie, m onoklonale Antikörper,
von Blut- und Knochenmarkausstrichen und Rezidiv-Therapie, Stammzelltransplantation,
Lymphknotenpunktaten verschiedene Krank­ Splenektomie, nur, um einige zu nennen. Chro­
heitsbilder demonstriert. Die Abbildungen 12- nische Leukämien haben eine langsamere
14 zeigen Leukozyten mit verschiedenen, expri- Wachstumstendenz, so dass in vielen Fällen
mierten Differenzierungsantigenen. eine sofortige Behandlung nicht erforderlich ist.

Abb. 12-14: Leukozyten mit verschiedenen exprimierten Differenzierungsantigenen. - Abb. 12: CD 5. -


Abb. 13: CD 20. - Abb. 14: CD 23.
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Aus den Arbeitsgem einschaften 13

Danksagung Internet
Der Autor dankt Frau Dr. Alejandra Carvajal, Patho­ Hallek, M ., Sandherr, M .: Fragen und Antworten zur
login am Städtischen Krankenhaus San Juan, San chronischen lymphatischen Leukämie, Ratgeber
Jose, sowie der hämatologischen Abteilung des für Patienten. Bayer Health Care, in Kooperation
mit der Deutschen Leukämie-und Lymphom-Hilfe
Krankenhauses. e.V. (DHL), Universitätsklinik Köln 2007.
http://www.leukaemie-hilfe.de/broschuerenange-
Literaturhinweise bot.htm l?& no_cache=l& tx_drblob_pil% 5Bdown
Dreyling. M .: Manual - Maligne Lymphome, 8. Auf­ loadU id% 5D =600
lage. Tumorzentrum München, W. Zuckschwerdt-
Verlag, München 2008.
Heckner, F., Freund, M.: Praktikum der mikroskopi­
schen Hämatologie, 10. Auflage. Elsevier, M ün­
chen 2001.
Murphy, K., Travers, P., Walport, M .: Janeway - Im­ Verfasser: Dr. Oskar R. Weber,
munologie, 7. Auflage. Spektrum, Heidelberg 2009. Apdo 1763-2050 San Pedro, Montes de Oca,
Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 262. Auflage, Costa Rica,
de Gruyter, Berlin 2011. E-Mail: anthur6@gmail.com

Mikroskopische Gesellschaft 30.04.: Ing. Peter Bauer:


Wien Gesteinskunde (mit Beamer)
07.05.: Prof. Mag. Alfred Ratz:
Programm Präparationsabend Botanik
Januar bis Juni 2013 14.05.: Dr. Hans Frey:
Die Problematik bleihaltiger Munition
0 8.01.: Vorweisungsabend. (mit Beamer)
Die Mitglieder der Gesellschaft werden 1 7 .0 5 .- 2 0 .0 5 .: 11. Internationales Mikroskopiker-
ersucht, Präparate zur Besprechung mit der Pfingsttreffen mit Workshop
Mikroskop-Videoeinrichtung mitzubringen. „Unser tägliches Brot“
15.01.: Jahreshauptversammlung im Saal des Hotel-Cafe Waitz in A-2442
Unterwaltersdorf, Hauptplatz 9
22.01.: Prof. OStR Mag. Peter Schulz:
Präparationsabend Botanik 2 8 .0 5 .: Hermann Hochmeier:
Präparationsabend Diatomeen
29.01.: Ing. Daniel Böswirth:
Botanische Experimente (mit Beamer) 04.06.: Hans Haslinger, SR:
Die „Evapo Image M ethode“ (mit Beamer)
12.02.: Herbert Csadek:
Astronomische Filme 11.06.: Hans Günter Plescher, MSc:
Präparationsabend Fluoreszenzmikroskopie
19.02.: Mag. Walter Ruppert:
Präparationsabend Histologie 18.06.: Prof. OStR Mag. Peter Schulz:
Präparationsabend Botanik
26.0 2.: Alfred Schuttes:
Mikro-Dias-Abend 25.0 6 .: Urlaubsvorbereitungen, Berichte,
Vorweisungsabend
05.03.: Dr. Thomas Kann:
Präparationsabend Histologie Juli und August: Sommerpause
12.03.: Dr. Thomas Kann: Alle Vorträge und Kurse finden in den Räumen der
Erklärungen zum Präparationsabend
Gesellschaft in Wien, Marinelligasse 10a, an Diens­
vom 5. M ärz (mit Beamer)
tagen statt und beginnen um 19 Uhr. Gäste sind will­
19.03.: Hans Günter Plescher, MSc.: kommen.
Süßwasseralgen (mit Beamer)
09.04.: Peter Recher:
Das Leben im Wassertropfen (mit Beamer) Anmerkung: Die MGW bietet gegen Porto- und Ver­
sandspesenersatz Lebendmaterial von Euglena viridis
16.04.: Friedrich Wertl: an. Lieferzeit circa vier Wochen nach Bestellung.
Präparationsabend Botanik
23.04.: Klaus Böiger: Kontaktadresse: Prof. OStR. Erich Steiner, Triesting-
Spinnentiere (mit Beamer) gasse 35, A-1210 Wien, Tel./Fax: 01/8 13 84 46.
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14 MIKROKOSMOS

Limnologie am Bodensee 2012

Abb. 1:
Probennahme
am Mindelsee.

Am Sonntag, den 23. 9. 2012 trafen sich 20 Teilneh­ Am Donnerstag fuhren wir zum Illmensee, der ur­
mer zur 23. Bodman-Woche. Unter diesen waren sprünglich auch ein Baggersee war und heute in ein
diesmal auch Gäste aus Österreich. Erneut hatten wunderschönes Naturschutzgebiet mit Badesee um­
sich Jan Kros und Verena Mrosek viel Mühe ge­ gewandelt wurde. Trotz der eisigen Kälte an diesem
macht, ein gutes Programm zusammenzustellen. Es Tag ließen doch noch einige mit Erfolg ihre Plank­
war ein Wiedersehen von Freunden, und natürlich tonnetze ins Wasser. Hinterher wärmten wir uns in
gehörte auch die Familie Dietl dazu, bei denen die einem nahe gelegenen Restaurant bei Tee und heißer
Mikroskopiker schon seit Jahren im Haus Greth als Schokolade auf. Nachmittags kam Martin Kreutz
Gäste herzlich willkommen sind. Nach dem Aufbau mit Proben von Hegne und überraschte uns mit ei­
der Geräte und der Begrüßung durch Felix Kuhn, nem schönen Vortrag über Ciliaten. Freitagmorgen
dem Präsidenten der Mikroskopischen Gesellschaft wurden in Ruhe die Proben von Hegne durchgesehen
Zürich (M GZ), trafen wir uns gemeinsam zum (Abb. 3). Nachmittags machten wir uns auf den Weg
Abendessen, um hinterher noch einen gemütlichen zur Marienschlucht, die einen mit dem Schiff, die än­
Abend miteinander zu verbringen. dern zu Fuß. Da hat sich einiges geändert, denn der
Am Montagvormittag wurde traditionell das Plank­ Kapitän, der jedes Jahr so freundlich war, das Schiff
ton vom Ueberlingersee untersucht. Es war wieder mitten im Ueberlingersee zu stoppen, um unsere
sehr interessant. M ittags fuhren wir zum Mindelsee, Planktonnetze noch ein letztes Mal ins Wasser zu
einem Naturschutzgebiet in der Nähe von Möggin- tauchen, ist in Pension gegangen und die neue Besat­
gen, das uns jedes Jahr reichhaltiges Material liefert zung hat keine Erlaubnis für diesen Sonderstopp. So­
(Abb. 1). Dienstag ging es zur Schwackenreuter Seen­ mit fiel leider das Abendplankton aus, und die wun-
platte. Das ist eine Kette von elf, durch Auskiesung
entstandenen Baggerseen. Für uns war das ein neues
Gebiet, das nicht nur Plankton bietet, sondern auch
ornithologisch interessant ist. Die hier gezogenen
Proben waren sehr ergiebig. Wir werden im nächsten
Jahr wieder in dieses landschaftlich sehr attraktive
Gebiet fahren. Am Mittwoch besuchten wir den
Mühlhaldenweiher bei Dettingen (Abb. 2). Das M a­
terial war wie immer reichhaltig und vielverspre­
chend. Auch dieses Jahr fanden wir wieder seltene
Moostierchen. Nach dem Abendessen erklärte uns
Michael Miedaner mit großem Wissen und für jeder­
mann gut verständlich in einem interessanten Vor­
trag die Funktion der Thymus-Drüse. Es war ein Ge­
nuss, ihm zuzuhören. Dazu erhielt jeder Teilnehmer
ein Fertigpräparat (ein Schnitt durch den Thymus
eines Lamms). Vielen Dank Michael! Abb. 2: Der Mühlhaldenweiher bei bestem Wetter.

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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die Hegne-Proben sowie auch anderes Material, das


wir im Laufe dieser Woche gesammelt hatten, welches
aber noch nicht näher durchgesehen werden konnte.
Zu unserem Schlussabend überraschte uns Familie
Dietl mit einem feinen und wunderschön dekorierten
Buffet, das sie wieder für uns mit viel Liebe vorberei­
tet hatte. Mit einigen Dankesworten vom Felix Kuhn
und einem Glas Sekt schlossen wir die diesjährige
Bodman-Woche. Am nächsten Morgen kam der Ab­
schied. Die Woche war mal wieder viel zu schnell
vorübergegangen. Dank auch an die Wettergötter für
das herrliche Wetter, das wir genießen durften. Aber
auch ein herzliches Dankeschön für die gute Betreu­
ung an Bisa und Wolfgang Dietl.
Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Bodman-
Abb. 3: Intensive Mikroskopierarbeit war angesagt.
Woche, die vom 2 2 .9 . bis zum 29. 9 .2 0 1 3 stattfin­
den wird.
derschöne Leptodora, die wir sonst immer in diesen Man kann sich bereits jetzt anmelden bei
Proben gesichtet haben, blieb in den Tiefen des Bo­ Verena Mrosek (E-Mail: vrenimrosek@hotmail.com
oder Telefon: 00 41/4 44 92 22 20)
densees zurück.
oder Jan Kros (E-Mail: jkros@xs4all.nl).
Einige Teilnehmer fuhren bereits am Samstag heim.
Diejenigen, die noch geblieben waren, untersuchten Jan Kros, Hellevoetsluis, Niederlande

Actinophrys sol: Einzeller des Jahres 2 0 1 3


Die Deutsche Gesellschaft für Sonnentier unter anderem zum
Protozoologie (DGP) hat für das Beutefang in der Art eingesetzt
Jahr 2013 das Sonnentier Acti­ werden, dass an ihnen Beuteor­
nophrys sol zum Einzeller des ganismen arretiert werden. Das
Jahres erkoren. Unter der Feder­ Nahrungsspektrum erstreckt sich
führung von Frau Dr. Ute Risse- von Flagellaten über einzellige
Buhl vom Lehrstuhl für Gewäs­ Algen bis hin zu Ciliaten. Bei der
serschutz der Brandenburgisch Nahrungsaufnahme und -Ver­
Technischen Universität Cottbus dauung fusionieren häufig einige
wurde von einem vierköpfigen Zellen zu Fressgemeinschaften.
Team ein sehr attraktiver Flyer Nach der Nahrungsverdauung
über diesen zu den Amöben zäh­ trennen sich die Individuen wie­
lenden Organismus zusammen­ der voneinander. Außer als eine
gestellt. Über die Homepage Art Leimruten beim Nahrungs­
der DGP (www.protozoologie.de) erwerb dienen die Axopodien als
kann dieses Faltblatt aus dem Schwebefortsätze. Und auch im
Internet heruntergeladen wer­ Zusammenhang mit der Bewe­
den. gung entlang von Oberflächen
Actinophrys sol tritt häufig im spielen sie eine wichtige Rolle.
Süßwasser auf. Mit einem Zell­
Kulturansätze können über
körperdurchmesser von 40-50 pm PD. Dr. Michael Schweikert
gehört der kugelige Einzeller von der Universität Stuttgart
eher zu den kleineren Protisten. bezogen werden:
Seinen deutschen Namen ver­ Universität Stuttgart,
dankt er der Tatsache, dass von Biologisches Institut - Abteilung
seinem Zellkörper rund 40 Axo- Actinophrys so l Zoologie, Pfaffenwaldring 57,
podien abstrahlen. Axopodien 70569 Stuttgart,
sind feine, relativ starre, durch E-Mail: Michael.Schweikert@
Mikrotubulusbündel ausgesteif­ ZELL ER bio.uni-stuttgart.de
DES JAHRES
te Zellausläufer (Pseudopodien),
die von dem räuberischen Redaktion M IKRO KO SM O S.
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16 MIKROKOSMOS

Bau und Funktion von Dreh flieger-Diasporen


Teil 6: Wenn die Linden-Früchte herabregnen.
Zur Windverbreitung von Diasporen
der Sommer-Linde

W erner N a ch tig a ll

Wenn im Spätherbst stärkere W inde aufkommen, verw andelt sich eine Linden-Allee
in einen Vorhang silbrig herabtrudelnder Früchte, die sich am Boden zu ganzen
Wolken anhäufen. Nicht auf die schiere Masse kommt es aber an - da ist die Natur
verschwenderisch - , sondern darauf, dass diese Diasporen möglichst w eit vom Mutter­
baum entfernt zu Boden gehen und ankeimen können.

m Vergleich zum zarten Fallschirmchen einer mit Einzelfrüchten (Abb. la ), die im gefrorenen

I Löwenzahn-Diaspore oder dem feinen Wat-


tebäuschchen einer Weiden- oder Pappel-
diaspore, die vom leisesten Windhauch mitge­
nommen werden, sind die Linden-Diasporen
Zustand abgenommen worden waren und nach
zwei Stunden bei Zimmertemperatur zur Be­
arbeitung kamen. Im Folgenden angegeben sind
Mittelwerte. Die kugeligen, dickschaligen und
massive Gebilde. Wie schaffen sie es trotzdem, leicht kantigen Früchte haben einen Durchmes­
Seitwinde günstig zu nutzen? ser von 0,85 cm und damit eine größte Quer­
schnittsfläche von 0,57 cm2 sowie eine Masse
von 0,136 g beziehungsweise ein Gewicht von
Kenngrößen 1,34 • 10_3N. Das Hochblatt hat eine Fläche von
8,5 cm2. Die gesamte Diaspore wiegt 0,178 g be­
Näher untersucht wurden drei Exemplare von ziehungsweise 1,71 • 10-3 N. Die Frucht nimmt
Diasporen der Sommerlinde Tilia platyphyllos also 77 % am Gesamtgewicht ein.

Abb. 1: Die drei vermessenen


Diasporen (a), Lot und Maßstab
(b) und Streak-Registrierungen
rotierend (c-f) beim Absinken vor der Düse
3 Nüsschen
(links) eines mit der konstanten
(abgeschnitten)
nicht _— Geschwindigkeit von 5,0 m s'1
. rotierend
c d . H (18 km Ir1, Windstärke 3-4,
schwache bis mäßige Brise) hori­
zontal blasenden Windkanals.
rotierend
Winkelabweichung a vom Lot:
Nur Frucht etwa 3,5°, nicht
nicht
e— | ^ rotierend rotierende Diaspore etwa 20°,
rotierende Diaspore etwa 50°.

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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Bau Rechte
und vorbehalten;
Funktion http://www.elsevier.de/
von D rehflieger-D iasporen - Teil 6 17

Relative Sinkgeschwindigkeiten

Im Mittel sanken die unveränderten Diasporen


mit vsink = 1,43 m s_1 ab. Setzt man diesen Wert
gleich 100% , so beträgt vsjnkfür die Frucht al­
leine 188% . Damit reduziert das Tragesystem
in der vorliegenden Stichprobe die Sinkge­
schwindigkeit der Frucht alleine um 47% be­
ziehungsweise auf 5 3 % , grob verallgemeinert
also auf die Hälfte. Ohne Frucht fällt das nun
leichtere Tragesystem langsamer, nämlich mit
66 % der Geschwindigkeit einer unveränderten
Diaspore.

Abb. 2: Streak-Aufnahme (a) und Stroboskop-Auf- Seitwind „ mit Schlupf"


nahme (b; 267 Blitze s_1, Blitzabstand 3,75 ms) einer
abwärts rotierenden Diaspore von Tilia platyphyllos. Je langsamer die Diaspore fällt, eine desto län­
gere Zeit kann ein Seitwind einwirken, und
über eine desto größere Strecke sGriind kann er
sie von der Mutterpflanze entfernen - der öko­
logische Sinn einer jeden Fallzeitverzögerung.
Damit arbeitet das Hochblatt sehr effektiv,
Fallversuche denn es würde in einem Seitwind-Feld konstan­
ter Geschwindigkeit die Strecke sGrimd auf das
Die Diasporen wurden in natürlicher Lage aus Doppelte verlängern. Es kommt aber ein weite­
2,5 m Höhe einzeln fallengelassen. Die Fallzeit rer Effekt dazu. Er gilt im Grunde für alle ab­
über 1,85 m bis zum Boden wurde mit einer sinkenden Diasporen, wurde aber bisher nicht
elektronischen Stoppuhr (1/100 s) abgestoppt. näher betrachtet.
Meistens waren sie an der oberen Stoppgrenze Von einem derartigen Seitwind-Feld wird ein ab­
bereits im Rotationszustand (Abb. 2); andern­ sinkender Körper „mitgenommen“ (Abb. 4). Im
falls wurde die Messung verworfen. Pro Exem­ Moment des Ablösens hat er die Geschwindig­
plar wurden je n = 10 Messungen der Fallzeit keit vKörperseit = 0 und wird von da an seitlich be­
tsink durchgeführt und daraus die Sinkgeschwin­ schleunigt. Im Grenzfall kann er auf die
digkeiten vsink(m s“1) = 1,85 (m )/tsink(s) berech­ Geschwindigkeit vWindseit kommen. Eine sehr
net, und zwar mit der Gesamtdiaspore, bei ab­ kleine, watte- oder fallschirmartige Diaspore
geschnittener Frucht (nur Hochblatt und (Löwenzahn - Gattung Taraxacum -, Weiden,
Fruchtstiel) sowie mit der Frucht alleine. Pappeln) wird diese größtmögliche Endge­
Die Abbildung 2 zeigt ein absinkendes Exemp­ schwindigkeit in Sekundenbruchteilen oder Se­
lar in Streak- und Stroboskopdarstellung. Die kunden erreichen und dann konstant halten. Im
berechneten Mittelwerte stehen in Abbildung 3. Seitabdrift-Sinkgeschwindigkeits-Diagramm er­

Gesamt- Diaspore Nur

Diaspore ohne Frucht Frucht

Abb. 3: Mittelwerte ± Standard­


Exem plar 1 1,51 ± 2,9% 0,91 ±30,6% 2,80 ±4,8%
abweichung der Sinkgeschwin­
digkeiten (m s“ 1) für das rotie- Exem plar 2 1,68 ± 5,2% 0,74 ± 7,7 % 2,80 ± 4,3 %
rend-stationäre Absinken der
drei Diasporen-Exemplare von Exem plar 3 1,10 ±13,9% 1,22 ±13,2% 2,47 ± 2,8%
Abbildung 1a. Jeweils n = 5
Messungen sowie Summenwerte,
Z Einzelwerte 1,43 ±18,9% 0,94 ±28,6% 2,69 ±7,1 %
gerechnet mit n = 15.
18 W . N a ch tig a ll © Elsevier GmbH. Alle Rechte vorbehalten; http://www.elsevier.de/

gibt sich eine Gerade (Abb. 2 in Nachtigall Ähnliche Werte ergeben sich aus Absinkversu­
2009b und Abb. 4 dieser Arbeit). Ein schwerer chen vor der Düse eines horizontal blasenden
und dann noch strömungsangepasster Körper Windkanals (Abb. lc-f): Der Winkel a zwi­
(Tilia-Frucht) wird dagegen „mit Schlupf“ seit­ schen dem Lot und der Absinkbahn der Frucht
bewegt werden und während des Durchlaufens alleine beträgt etwa 3° -r- 4° (Abb. lc), bei
der gegebenen Fallstrecke die Grenzgeschwin­ der nicht rotierenden Diaspore etwa 15° -j- 25°,
digkeit wohl nicht erreichen. In der entsprechen­ bei der rotierenden Diaspore etwa 40° 60°.
den sseit (ssink)-Registrierung ergibt sich eine ge­ Über eine gegebene Sinkstrecke ist das Verhält­
krümmte Kurve (Abb. lc-f). Je größer nun aber nis der Seitabdrift-Strecken sseit rotierendeDiaspore/
die Windangriffsflächen sind (Hochblatt, Frucht S s e i t Frucht a l l e i n e gleich tan ex rotierende Diasp?re / tan
und Stiel), desto größer ist auch der von vWindseit a Frucht aiieine- Bei mittleren Grobwerten ergibt sich
induzierte Strömungswiderstand und damit die damit ein Verhältnis von etwa 2 0 :1 oder grö­
seitliche Abdrift. Im Vergleich zur Kugelfrucht ßer.
alleine kann man für den Strömungswiderstand Zurück zum Strömungswiderstand Fw. Je
einen Faktor von mehr als 30 (!) abschätzen: größer dieser ist, desto effektiver ist dies also
Der Gesamtwiderstand Fges der nicht rotieren­ für die seitliche Verdriftung, und zwar auf
den Diaspore berechnet sich für das Exemplar zweierlei Weise. Zum Ersten wird bei größerem
„ 1 “ (mit cw Widerstandsbeiwert, A Bezugsflä­ Fw ein Angleich in Richtung auf vwindseit rascher
che, q Staudruck) unter Vernachlässigung des erfolgen, wie aus der Abbildung lc - f direkt
Fruchtstiels und unter der Annahme einer etwa zu entnehmen ist. Zum Zweiten wird dieser
senkrechten Anströmung des Hochblatts zu Angleich näher an die Grenzgeschwindigkeit
( ^ W H ochblatt ’ -^ H o c h b la tt Frucht ’ -^ F ru ch t ) ' Q Ä ( l j 3 Vwindseit herankommen. Die Verhältnisse sind
• 8,5 (cm2) + 0,6 • 0,57 (cm2)) • q = 11,33 q. Für in dem Denkschema der Abbildung 4 skizziert.
die Frucht alleine ergäben sich 0,34 q. Durch
die Existenz des Hochblatts, das nur 23 % an
der Gesamtmasse einnimmt, vergrößert sich
also wegen der großen Windangriffsfläche der Wirkung des Hochblatts
Widerstand der nicht rotierenden Gesamt-
diaspore im Verhältnis zum Widerstand der Das Hochblatt wirkt damit letztendlich in
kleinen Kugelfrucht auf nicht weniger als das viererlei Hinsicht.
33fache. Durch die Rotation ist der Effekt - Es reduziert die Sinkgeschwindigkeit bereits
noch sehr deutlich stärker ausgeprägter. beim rotationsfreien Absinken.
- Es setzt im Allgemeinen nach kurzer dreh­
freier Sinkstrecke die Diaspore in Rotation
und reduziert damit die Sinkgeschwindigkeit
noch deutlich stärker.
- Es sorgt dafür, dass die Diaspore vom Seit­
wind rascher mitgenommen wird.
- Es sorgt dafür, dass die Diaspore während
des Absinkens weiter an die mögliche End­
geschwindigkeit vWindseit herangeführt wird.

Alle diese vier Effekte spielen so zusammen,


dass die Diaspore in einem gegebenen Ge­
schwindigkeitsfeld vWindseit eine möglichst große
Strecke sGrund über den Boden getrieben wird
und damit den optimalen ökologischen Effekt
erfährt.
Die Natur konstruiert meist so, dass eine mor­
phologische Struktur ihre Funktion auf mehre­
Abb. 4: Gedankenexperiment. Schematische Absink­ ren Parallelpfaden ansteuert - ganz im Gegen­
bahnen unterschiedlicher Diasporen(teile) in einem satz zur häufig noch reichlich „monomanen“
Seitwindfeld konstanter Geschwindigkeit. Technik.
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Danksagung Nachtigall, W.: Biomechanik von Flugsamen. Teil 5:


Absinken von pappustragenden Diasporen gerin­
Der Autor dankt Dr. Alfred Wisser, Saarbrücken, für ger Flächenbelastung. Beispiel Weide, Salix spec.
die Tafelzusammenstellung und das Layout der Ab­ Mikrokosmos 100, 14-18 (2011).
Ulbrich, E.: Biologie der Früchte und Samen (Karpo-
bildungen.
biologie). Springer, Berlin 1928.

Literaturhinweise

Nachtigall, W.: Biomechanik von Flugsamen. Teil 1: Verfasser: Prof. em. Dr. rer. nat. Werner Nachtigall,
Die Fallschirmchen des Löwenzahns: M ikrostruk­ Außenstelle Universität des Saarlands zur Arbeits­
turierung und Verringerung der Sinkgeschwindig­ stelle für Technische Biologie und Bionik der Akade­
keit. M ikrokosmos 98, 159-162 (2009a). mie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.
Nachtigall, W.: Biomechanik von Flugsamen. Teil 2: Postanschrift: Universität, Bau A 2.4, Raum 043,
Stabilität und Verbreitung der Fallschirmchen des 66041 Saarbrücken,
Löwenzahns. Mikrokosmos 98, 198-205 (2009b). E-Mail: w.nachtigall@mx.uni-saarland.de.

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lich jagenden Bücherskorpion bis Autoren-Elternpaares auch stille Erich Lüthje, Kiel
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20 MIKROKOSMOS

Aquatische Einzeller genauer unter die Lupe


genommen
Teil 7; Foraminiferen

Robert Sturm

Foraminiferen sind überwiegend marine, einzellige Organismen mit ein- oder mehr-
kammerigen Gehäusen. Der griechische Historiograf Strabon machte bereits im
5. Jahrhundert vor Christus auf diese Einzeller aufmerksam, als er die im Kalkstein
der ägyptischen Pyramiden enthaltenen Nummuliten, eine großschalige, benthische
Foraminiferengruppe, beschrieb (Hausmann e ta l., 1997). Heute gelten Foraminiferen
neben ihrem enormen W ert für die Biostratigrafie vor allem als Zeigerorganismen für
ehemals vorherrschende Meerestemperaturen (Paläoklimatologie) und Meerestiefen
(Paläobathymetrie). Im Folgenden soll eine kurze Übersicht über Biologie, Ökologie
und Mikroskopie dieser eindrucksvollen Einzeller präsentiert werden.

F
oraminiferen, deren Name sich von den Biologie und Ökologie der Foraminiferen
lateinischen Bezeichnungen foramen
(Loch) und ferre (tragen) ableitet, reprä­ Geht man zunächst der Frage nach der biologi­
sentieren einzellige Organismen, die in nahezu schen Klassifikation der Foraminiferen nach,
allen marinen, aber auch einigen limnischen so richtet sich deren systematische Untergliede-
Biotopen vertreten sind und sich entweder die rung primär nach der Zusammensetzung und
planktische oder benthische Lebensweise ange­ Morphologie des Gehäuses. Für die Gehäuse­
eignet haben. Wenn auch bereits Strabon unbe­ wand sind drei grundlegende Zusammenset­
wusst auf jene in den ägyptischen Kalksteinen zungen zu unterscheiden:
massenhaft auftretenden Nummuliten hinge­ • Aufbau aus organischen Bestandteilen
wiesen hatte, so erfolgte die wissenschaftliche • Aufbau durch Zusammenfügung unter­
Auseinandersetzung mit diesen Einzellern erst schiedlicher Bestandteile aus der Umgebung
in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Jahre (agglutinierte Formen)
1835 nämlich identifizierte der Franzose Dujar- • Aufbau aus Kalziumkarbonat (C a C 0 3).
din die Foraminiferen erstmals als Protozoen
(tierische Einzeller), und kurz darauf gelang Der ersten Kategorie von Schalenbauern gehö­
dem Paläontologen d’Orbigny eine erste grobe ren die Allogromiina an, der zweiten die Textu-
Klassifikation der Organismen. Einen wahr- lariina und der dritten die Fusulinina, Miliolina
lichen Quantensprung für die Foraminiferen­ und Globigerinina, denen auch die schon er­
forschung brachten jene in den 1870er Jahren wähnten Nummuliten (lat. nummulus = kleines
unternommenen ozeanografischen Forschungs­ Geldstück) zuzuordnen sind.
expeditionen, bei welchen man sich ein genaue­ Die Gestalt der Foraminiferengehäuse unterliegt
res Bild über die Lebensweise dieser faszinieren­ einer enormen Variation, wobei für die Klassifi­
den Einzeller machen konnte. Im 20. Jahrhundert kation lediglich zwei Merkmale ausschlag­
hielt das vermehrte Interesse an der so genann­ gebend sind: Die Anordnung der einzelnen
ten Foraminiferologie kontinuierlich an, was Gehäusekammern und die Form der Gehäuse­
zur Folge hatte, dass man sich zunehmend mündung (Abb. 1 und 3). Grundsätzlich kann
der biostratigrafischen Bedeutung dieser Tier­ zwischen ein- und mehrkammerigem Gehäuse
gruppe bewusst wurde und jene bis heute gül­ unterschieden werden, wobei im letztgenannten
tige Systematik ins Leben gerufen wurde (Loeb- Fall die Anordnung der Kammern nach ver­
lich und Tappan, 1964, 1987). schiedenen geometrischen Strategien (planspiral,

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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biserial, trochospiral, etc.) erfolgt. Bei den Mün­ Foraminiferen der photischen Zone leben häu­
dungsformen ist unter anderem zwischen run­ fig in Symbiose mit photosynthetisch aktiven
den, ovalen, schlitzförmigen und dendritischen Algen wie etwa Dinoflagellaten, Diatomeen
(verästelten) Öffnungen zu differenzieren. oder Chlorophyten. Im Gegenzug für die von
Foraminiferen befleißigen sich einer Vielzahl Algen bereitgestellten organischen Nährstoffe
von Ernährungsstrategien, die im Zusammen­ liefern sie das für den Photosyntheseprozess
hang mit der starken Variation der Gehäuse­ essentielle Kohlendioxid.
form zu sehen sind. Trotz dieser hinsichtlich der Der Lebenszyklus der Foraminiferen verbirgt
Nahrungsaufnahme beschiedenen Komplexität bis zum heutigen Tage noch zahlreiche Geheim­
können einige Verallgemeinerungen getätigt nisse, ist es doch bislang erst für 20 der etwa
werden, die dem Laien einen besseren Überblick 4.000 rezenten Arten gelungen, ein vollständi­
ermöglichen. Benthische Foraminiferen sind ges Bild der Fortpflanzung zu zeichnen. Als
mikro-omnivor (Kleinpartikel-Allesfresser) und eine ungeachtet des Wissensstandes wohl für
ernähren sich demzufolge von Bakterien, Algen, alle Spezies zu attestierende Besonderheit gilt
Protisten, kleinen Metazoen und Detritus. der Generationswechsel, das heißt der regel­
Manche Formen nutzen ihre Pseudopodien, um mäßige Wechsel sich unterschiedlich fortpflan­
die Nahrung aus dem Wasser beziehungsweise zender Generationen. Bei den Foraminiferen
Sediment zu entnehmen. Andere wiederum be­ wechseln hierbei eine geschlechtliche mit
nutzen Pseudopodiennetze (Reticulopodien) einer ungeschlechtlich entstandenen Genera­
zur Filtrierung von Nahrungspartikeln aus tion (Abb. 2). Die asexuell gebildeten Gamon-
dem Wasserkörper. Benthische und planktische ten der so genannten megalosphärischen (groß­

Abb. 1: a Gehäuseformen fossiler und rezenter Foraminiferen: 1 einkammerig, 2 uniserial, 3 biserial,


4 triserial, 5 planspiral bis biserial, 6 miliolin, 7 planspiral aufgerollt, 8 planspiral eingerollt, 9 streptospiral,
10-1 2 trochospiral. b Mündungsformen fossiler und rezenter Foraminiferen: 1 offener Endtubus, 2 radial,
3 schlitzförmig, 4 umbilikal, 5 schleifenförmig, 6 interiomarginal, 7 multipel interiomarginal, 8 areal cerbrate,
9 mit phialiner Lippe, 10 mit bifider Lippe, 11 mit umbilikalen Zähnen, 12 mit umbilikaler Bulla.
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wüchsigen) Generation verfügen lediglich (ca. 550 M io. Jahre) bis heute. Die ersten in
über haploides Erbmaterial. Nach Beendigung Gesteinsformationen konservierten Fossilien
ihres Wachstums unterziehen sie sich zahl­ dieser Einzeller verfügten über organische oder
reichen Zell- und Kernteilungsprozessen, die in einfache agglutinierte Gehäuse. Hartschalige
der Bildung von Isogameten resultieren. Diese Foraminiferen traten vermehrt im Devon (ca.
haploiden Keimzellen verschmelzen im Zuge ei­ 4 10-360 Mio. Jahre) auf, wobei in dieser Peri­
ner Kopulation zur Zygote, welche im Rahmen ode vor allem die Fusuliniden eine erste Blüte­
der mikrosphärischen Generation zu einem di­ zeit verzeichneten. Diese resultierte schließlich
ploiden Organismus heranwächst (Agamont). in der Ausbildung hoch komplexer Gehäuse­
Die den Reproduktionszyklus schließenden formen im späten Karbon (ca. 360-280 Mio.
haploiden Gamonten (Embryonen) entstehen Jahre) und im Perm (ca. 280-220 Mio. Jahre).
durch Reduktionsteilungen des Agamonten. Die Fusuliniden wurden zusammen mit zahl­
reichen anderen Organismen (z.B. Trilobiten)
ein Opfer des am Ende des Paläozoikums ein­
Paläontologische Bedeutung setzenden Faunenschnitts. Eine rapide Ver­
der Foraminiferen mehrung der Foraminiferenarten lässt sich
etwa seit des Obertrias beziehungsweise des
Die geologische Zeitspanne des Auftretens der Unterjura verzeichnen, wobei alle bis dahin er­
Foraminiferen reicht vom frühesten Kambrium schienenen Formen ausschließlich benthische
Lebensweise zeigen. Planktische Foraminiferen
sind erst seit der mittleren Jura nachweisbar
und beschränken sich hier auf die Gesteins­
schichten des Nordrandes der Tethys (Ozean
im Osten des Superkontinents Pangaea) und

Abb. 2: Reproduktionszyklus der Foraminiferen.


Der diploide Agamont bildet infolge eines Meiose-
Prozesses haploide Zellen aus, welche sich entweder
zu einem haploiden Gamonten oder einem haploiden
Schizonten ausbilden. Der Schizont erzeugt durch
asexuelle Reproduktion ebenfalls haploide Gamonten.
Die Gamonten selbst unterliegen einem sexuellen Fort­
pflanzungsprozess mit der Bildung von Gameten, die Abb. 3: Verschiedene benthische und planktische
sich zur diploiden Zygote vereinen und wiederum den Foraminiferen nach den Beobachtungen des Natur­
am Beginn des Zyklus stehenden Agamonten formen. forschers Ernst Haeckel (aus Haeckel, 1899-1 904).
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genom m en - Teil 1: Foram iniferen 23

der epikontinentalen Beckenzonen Europas. licher Rückgang sowohl der benthischen als
Wahrscheinlich handelte es sich dabei um me- auch der planktischen Formen vor (Lehmann
roplanktische Formen, welche diese Lebens­ und Hillmer, 1988).
weise erst in der Spätphase ihres Lebenszyklus
annehmen. Ein rascher evolutionärer Schub er­
folgte während des Paläozäns mit dem Auftre­ Präparation und Mikroskopie
ten der planktischen Globigerinen und Globo- von Foraminiferen
rotalien sowie im Eozän mit der Entwicklung
jener Großformen, die bereits die Aufmerk­ Im Gegensatz zur Präparation von pflanzlichen
samkeit der alten Griechen auf sich lenken Einzellern (Sturm, 2006) und mehrzelligen Or­
konnten. Sei dem Miozän liegt ein kontinuier­ ganismen erweist sich die vormikroskopische

Abb. 4: W ichtige planktische


Foraminferen.
1 Gtobigerina bulloides
(Durchmesser 380 pm),
2 Globigerina bulloides
(umbilikale Ansicht),
3 Subbotino triloculinoides
(Durchmesser ca. 300 pm),
4 Hantkenina alabamensis
(Durchmesser 200 pm),
5 Globorotalia menordii
(Durchmesser ca. 320 pm),
6 Ticinello primula
(Durchmesser 250 pm).
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Behandlung von Gesteinsproben mit Forami­ Diese Arbeit verlangt freilich ein hohes Maß an
niferengehalt als Wissenschaft für sich, die den Erfahrung im Umgang mit Gesteinsmaterial.
Hobbymikroskopiker bisweilen vor unüber­ Zudem bedarf es vielfach einer qualitativ hoch­
windbar erscheinende Hürden stellen kann. wertigen Ausrüstung, welche über die her­
Bei sehr hartem Kalkgestein empfiehlt es sich, kömmliche Schleifplatte und das Silizium-
Dünnschliffe, wie sie etwa für petrografische karbid-Pulver hinausgeht. Dafür aber können
Studien verwendet werden, herzustellen mit etwas Übung herausragende Ergebnisse er­
(Sturm, 2008). Dabei ist es jedoch nicht not­ zielt werden.
wendig, die Präparate auf eine Standarddicke Planktische und kleinere benthische Foramini­
von 30 pm zu reduzieren, sondern für jede indi­ feren (kleiner als 100 pm) werden zunächst aus
viduelle Probe die optimale Dicke zu ermitteln. dem Gesteinskörper freigesetzt, indem dieser in
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einige Millimeter große Fragmente zermahlen Sedimentschichten Louisianas dokumentiert


wird. Die zerkleinerte Probe wird in weiterer und repräsentiert dort ein bedeutendes Leit­
Folge in mit 6%igem Wasserstoffperoxid ver­ fossil. Zuletzt sei in diesem Zusammenhang
setztem Wasser gekocht, wobei sich die Länge noch auf Ticinella primula verwiesen (Abb.
dieses Kochvorganges nach dem Gesteinstyp 4/6), die den Sedimentschichten der unteren
richtet, jedoch eine halbe Stunde nicht über­ Kreide zugehörig ist.
schreiten sollte. Das so gewonnene, abermals Innerhalb der Gruppe der benthischen Forami­
zerkleinerte Material wird nun durch ein feines niferen gilt vor allem das Marmarameer als
Sieb (Maschenweite 63 pm) gewaschen, um Fundstätte zahlreicher rezenter Arten. Hier
feinste Schwebanteile zu eliminieren. Nach seien die drei Spezies Spiroloculina ornata ,
der Trocknung der Probe erfolgt deren Auf­ Elphidium macellum, Siphotextularia concava
trennung in verschiedene Korngrößenfraktio­ und Brizalina alata erwähnt (Abb. 5/1-4),
nen mittels einer Siebkolonne und die händi- deren Gehäuse in der Größenordnung von
sche Auslesung fossiler Organismenschalen. einigen Millimetern liegen. Ebenfalls diesem
Die Mikroskopie der Dünnschliffe ist mit einem Fundort zuzuschreiben ist Cassidulina neocari-
petrografischen Durchlichtmikroskop vorzu­ nata (Abb. 5/5), die über eine vermehrt rund­
nehmen, welches eine eventuelle Feincharakte­ liche, den Elphidien ähnelnde Gehäuseform
risierung des Schalenmaterials im Dunkelfeld verfügt. Zuletzt soll hier noch Planorbulina
zulässt. Einzeln aussortierte Foraminiferen mediterranensis genannt werden (Abb. 5/6),
werden auf spezielle, mit dünnem Deckglas über deren paläontologischen Wert man sich
verschließbare Objektträger aufgebracht und bislang noch nicht ganz im Klaren ist, da ihr
unter dem Auflichtmikroskop dokumentiert. erstmaliges Auftreten nicht gesichert ist.
Für detailliertere morphologische Studien ist
die Verwendung eines Rasterelektronenmikro­
skops unverzichtbar. Dabei werden die Schalen
der Einzeller einzeln am Objektträger fixiert. Literaturhinweise
Nach der Bedampfung mit Kohlenstoff und Haeckel, E.: Kunstformen der Natur. Verlag des
Gold erfolgt die mikroskopische Arbeit unter Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien,
Verwendung von Beschleunigungsspannungen 1899-1904
des Elektronstrahls zwischen 15 und 20 kV. Hausmann, K., Teichert, G., Limp, Ch.: Foramini­
feren contra Linsen - Auf den Spuren des griechi­
schen Geographen Strabon. M ikrokosmos 86,
233-236 (1997).
Beispiele weit verbreiteter planktischer und Lehmann, U., Hillmer, G.: Wirbellose Tiere der Vor­
benthischer Foraminiferen zeit. Enke-Verlag, Stuttgart 1988.
Loeblich, A. R., Tappan, H.: Sarcodina - chiefly
“ Thecamoebians” and Foraminiferida. In: Moore,
In die Gruppe der planktischen Foraminiferen R. C.: Treatise on invertebrate palaeontology, Part
fallen in erster Linie die Globigerinen und Glo- C, Protista 2, University of Kansas Press, 1-900
borotalien. Als Beispiele seien in diesem Z u­ (1964).
Loeblich, A. R., Tappan, H.: Foraminiferal genera
sammenhang Globigerina bulloides und G/o- and their classification. Van Nostrand Reinhold
borotalia menardii genannt (Abb. 4/1, 2, 5). Co., New York 1987.
Beide Spezies verfügen über einen Gehäuse­ Sturm, R.: Einfache pflanzenphysiologische Experi­
durchmesser von 300 bis 500 pm und spielen in mente und deren Wert für den biologischen Unter­
der Biostratigrafie insofern eine Rolle, als sie richt. Mikrokosmos 95, 321-327 (2006).
Sturm, R.: Gesteinsmetamorphose unter dem M ikro­
seit dem Pliozän mit regelmäßiger Häufigkeit skop - Mineralumwandlungsprozesse bei abneh­
in entsprechenden Sedimentschichten auftreten. menden Druck- und Temperaturbedingungen.
Eine den Globigerinen hinsichtlich der Form Mikrokosmos 97, 267-271 (2008).
nahestehende Art ist Subbotina triloculinoides,
welche sich jedoch noch zusätzlich dadurch
auszeichnet, dass sie bereits seit dem Paläozän
in biostratigafisch relevanten Sedimentschich­
ten nachweisbar ist (Abb. 4/3). Als wichtige
nur mehr im fossilen Zustand dokumentierbare Verfasser: M ag. mult. Dr. Robert Sturm,
Spezies gilt Hantkenina alabamensis (Abb. Brunnleitenweg 41, 5061 Eisbethen, Österreich,
4/4); diese Art ist beispielsweise für die eozänen E-Mail: Robert.Sturm@sbg.ac.at
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26 MIKROKOSMOS

Das Jahrhundert des Süßwasserpolypen


Rainer Hendel

Der Begriff des Revolutionszeitalters kann nicht nur auf die politischen und sozialen
Umwälzungen des 18. Jahrhunderts, sondern auch auf eine stille, aber nicht weniger
einschneidende Veränderung des Weltverständnisses angewendet werden. Damals
weiteten die Wissenschaften den Blick der Intellektuellen, diese wiederum vergrößer­
ten das Bildungsinteresse des Volkes, da sie Bildung erreichbar machten. Die Ent­
deckung des Süßwasserpolypen und seiner Fähigkeit, sich zu regenerieren, spielte
hierbei eine wesentliche Rolle.

scheibe heftet sich der Polyp an feste Unter­

B
ei den Süßwasserpolypen, die ein Jahr­
hundert lang die gelehrte Welt Europas lagen an. Die Mundscheibe am entgegengesetz­
in Bann hielten, handelt es sich um rela­ ten Körperende ist von meist fünf runden Fang­
tiv primitiv organisierte Tiere. Nur zwei Zell­ armen, den Tentakeln, umgeben. Ein After fehlt
schichten, das Ektoderm und das Entoderm, (Abb. 1 und 3).
bilden einen sack- oder schlauchförmigen Kör­ Die Vermehrung erfolgt ungeschlechtlich durch
per, der den Magenraum einschließt (Abb. 1). Knospung (Abb. 4). Geschlechtliche Fortpflan­
Zwischen diese beiden Schichten ist eine Stütz­ zung (Abb. 5) setzt meist erst dann ein, wenn
lamelle eingeschoben (Abb. 2). Mit seiner Fuß­ die Verhältnisse ungünstig werden.

Hypostom
Sinneszellen M undöffnung
Tentakel

Hoden-

N e rven zellen
Nesselkapseln
■Drüsenzelle

Nährzellen: Knospe

Ectoderm (Epidermis)
Mesogloea
Entoderm (Gastrodermis)

Fußscheibe-

Abb. 1: Habitus von Hydra viridissima (aus Storch und Welsch, 2009). - Abb. 2: Querschnitt durch den Rumpf
eines Süßwasserpolypen. Ektoderm und Entoderm sind durch die Stützlamelle (Mesogloea) getrennt.

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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Jah rhu nde rt des Süßwasserpolypen 27

Die Erstbeschreibung eines Süßwasserpolypen


durch Antoni van Leeuwenhoek
Am ersten Weihnachtstag des Jahres 1702
macht Antoni van Leeuwenhoek (Abb. 6) der
Hydrobiologie ein kostbares Geschenk. Er fasst
in einem Brief an die Royal Society in London
Beobachtungen der vergangenen Monate zu­
sammen, die er von einem Zeichner dokumen­
tieren ließ. Die beiden hatten sich auch zu einer
Exkursion in die Nähe Delfts entschlossen. Ei­
gentlich hatte der große Mikroskopiker nur
Wasserlinsen genauer besehen wollen, um zu
belegen, dass sie nicht durch Urzeugung am Bo­
den kleinerer Gewässer entstünden, sondern
sich durch Samen fortpflanzten. Bald aber fes­
selten ihn nie gesehene Kleinlebewesen, die den
Wurzeln anhafteten. Es handelt sich um Räder­
tiere und Glockentierkolonien. Er lässt sie von
seinem Zeichner festhalten, der, bezaubert von
der filigranen Schönheit, ausruft: Könnte man
Abb. 3: Mundscheibe und Tentakelkranz eines leben­ doch ihre so wunderbare Bewegung ebenfalls
den Süßwasserpolypen. abbilden! Dann aber fällt den beiden ein noch
seltsameres Wesen auf (Abb. 7). In seinem Brief
Die verschiedenen Formen der Nesselkapseln an die Royal Society schildert Leeuwenhoek
wurden von keinem der Mikroskopiker, die in seine Eindrücke:
dieser Arbeit vorgestellt werden, klar gesehen Des weiteren entdeckte ich noch ein Tierchen,
oder in ihrer Wirkung richtig beschrieben. D a­ dessen Körper zeitenweise langgestreckt, dann
für war wohl das Auflösungsvermögen der da­ wieder zusammengezogen und kurz war. Am
maligen optischen Instrumente zu gering. Mittelteil dessen Körpers (ich nahm an, dass es

Abb. 4: Süßwasserpolypen vermehren sich in der Regel durch Knospung. - Abb. 5: Sexuelle Vermehrung setzt
ein, wenn die Verhältnisse ungünstig werden.
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der untere Teil seiner Bauchregion war) schien


ein noch kleineres Tierchen desselben Körper­
baus mit seinem Hinterende befestigt. Wegen
seiner wunderbaren Struktur und der Methode
seiner Fortpflanzung ließ ich es, zweimal so
groß wie es dem Auge ohne optische Hilfsmit­
tel erscheint, abbilden; angeheftet im Wasser an
die Wurzel einer Wasserlinse. ... A BC D EFG
stellt dieses Lebewesen dar, A bezeichnet das
Hinterende, mit dessen Hilfe es sich anheftet,
wogegen CDE die acht Hörner zeigt.
Die Abbildung zeigt bei BH ein Kleinlebewe­
sen, das aus dem erstgenannten herauswächst.
Wenn ich vor diesem Zeitpunkt ein Kleinlebe­
wesen sah, das an einem großen festsaß,
glaubte ich, dass lediglich ein junges Wesen sich
zufällig an ein großes geheftet habe. Als ich
aber das Phänomen genauer in Augenschein
nahm, sah ich, dass es sich um einen Reproduk­
tionsakt handelte. Ich beobachtete nämlich,
dass zu dem Zeitpunkt, als ich erstmalig fest­
stellte, dass es sich wirklich um eine Reproduk­
tion handelte, es lediglich vier sehr kurze kleine
Hörner besaß. Sechzehn Stunden später jedoch
sah ich, dass Körper und Hörner an Größe zu­
genommen hatten, und nach weiteren vier
Stunden bemerkte ich, dass es seine Mutter ver­
lassen hatte.
Der Bericht über neu entdeckte Lebewesen er­
scheint uns heute wohl sachlich, doch recht
umständlich. Wir müssen uns aber darüber klar
werden, dass nicht nur der Untersuchungs­
gegenstand neu ist, sondern auch noch keine
Untersuchungsmethode existiert, mit der ein
Forscher die Eigenschaften neu entdeckter We­ Abb. 6: Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723);
sen systematisch feststellen könnte. Auch die zeitgenössisches Gemälde. - Abb. 7: Der Zeichner
Leeuwenhoeks schuf im Sommer 1702 diese erste
Sprache muss noch geformt werden.
Abbildung eines Süßwasserpolypen.

Leeuwenhoeks Arbeits- und


Leeuwenhoeks Arbeits- und Darstellungsweise
Darstellungsweise
stehen im krassen Gegensatz zu dieser erstarr­
Leeuwenhoeks Methode der Beschreibung und ten Tradition. Er nimmt den Typus des moder­
der Langzeitbeobachtung des Objekts ist eine nen Forschers vorweg, da er sich seinem
bemerkenswerte Neuerung. Um sie gebührend Gegenstand unvoreingenommen und ohne Prä­
bewerten zu können, müssen wir den Blick auf missen nähert, ihn genau beobachtet und das
die Schulen des beginnenden 18. Jahrhunderts Gesehene sprachlich umsetzt.
richten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war Stets stützen Abbildungen die Darstellung.
die Lehre vom Wesen der Natur kein eigenes Dazu beschäftigt Leeuwenhoek einen eigenen
Lehrfach, sondern ein Teil des Lateinunter­ Zeichner, dem er das eingestellte M ikroskop in
richts. Man las vorzugsweise die Naturalis His- die Hand gibt, um ihn ohne Umwege das Gese­
toria des älteren Plinius. Dieses enzyklopädi­ hene dokumentieren zu lassen. Nicht die Aus­
sche Großwerk fasst auf der Grundlage des einandersetzung mit dem Wort, sondern mit
Aristoteles die Arbeiten von über 500 antiken dem Ding und dem Handlungsablauf ist die
Autoren zusammen. Grundlage seiner Forschung. Ohne zu zögern,
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ordnet er im vorliegenden Fall die Vermehrung Vor der Wahrheit und der Wissenschaft fallen
der Hydra richtig als asexuelle Knospung ein, Standes- und Altersgrenzen. Aus den fürst­
obwohl diese Vermehrungsart bei Tieren noch lichen Raritätenkabinetten entstehen öffentlich
nie beschrieben worden war. Die Frage, ob Hy­ zugängliche Sammlungen mit dem Ziel, die Be­
dra ein Tier oder eine Pflanze sei, stellt er nicht. sucher zu bilden. Es ist für Forscher leichter ge­
Die Wendung Ich beobachtete weist immer worden, zu publizieren, denn vielerorts erschei­
wieder darauf hin, dass er allein für die Richtig­ nen gelehrte Zeitschriften, die in fasslicher
keit des Gesehenen bürgt. Nach Möglichkeit Form über vernünftige Lebensführung und
sichert er die Ergebnisse durch Wiederholung neueste Entdeckungen berichten. Sie sind heute
des Versuches oder durch Langzeitbeobachtung noch eine anregende, vergnügliche Lektüre. Im
ab. Im vorliegenden Fall ist beides nicht mög­ gehobenen Bürgertum wird es Mode, Experi­
lich, da er das einzige Exemplar 20 Stunden mente nachzustellen. Wer es sich leisten kann,
nach dem Fund tot und teilweise aufgelöst im engagiert reisende Schausteller.
Probenglas vorfindet. Es sollte 38 Jahre dau­ Eines der bedeutendsten Kunstwerke des 18.
ern, bis Hydra neu entdeckt wurde. Jahrhunderts setzt sich mit dieser Situation aus­
einander. Es handelt sich um das Gemälde Das
Experiment mit der Luftpumpe , das Joseph
Gedanken zu dem Gemälde
Wright of Derby (1734-1787) im Jahr 1768 ge­
Das E xp erim ent m it d e r Luftpum pe
schaffen hat (Abb. 8). Das Original befindet
von Joseph Wright of Derby
sich in der National Gallery in London.
Die Aufklärungsbewegung hat in den Jahr­ Der Betrachter wird in den Zuschauerkreis ei­
zehnten nach Leeuwenhoek Früchte getragen ner privaten Lehrstunde einbezogen, denn der
und einen neuen Forschertyp hervorgebracht. Experimentator blickt ihn direkt an. Er hat als
Nicht mehr der Eigenbrötler ist gefragt, man Höhepunkt seiner Versuchsreihe einen weißen
sucht jetzt den Austausch mit Gleichgesinnten. Haubenkakadu in einen Glaskolben gesteckt

Abb. 8: Das Experiment mit der Luftpumpe. Gemälde von Joseph W right of Derby, 1768.
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und die Atemluft abgepumpt. Der Vogel wurde gen auf die künstlerische Tradition und den
ohnmächtig und drohte zu ersticken. Doch der Formenkreis der christlichen Kunst lassen eine
Schausteller öffnet im kritischen Moment das Interpretation im religiösen Sinn zu. Das Leben
Ventil und rettet damit das Leben des Tiers. Die des Kakadus im Glas ist von der Entscheidung
Zuschauer, typischen Lebensaltern zugehörig, und Geschicklichkeit des Schaustellers ab­
reagieren verschieden. Drei Kinder auf der hängig. Wenige Sekunden liegen zwischen Er­
rechten Seite erfassen die Demonstration emo­ sticken und neuem Atemholen. Die Darstellung
tional, eine Autoritätsperson, wohl der Vater, enthält eine Warnung: Tod und Leben liegen
zeigt durch seine Erklärer-Pose, dass es um nicht mehr in Gottes Hand, sondern in der Ent­
Wissen, nicht um Gefühle geht. Ein Paar auf scheidung des Menschen. Er ist das Maß aller
der linken Seite beschäftigt sich mit sich selbst, Dinge. Seine Forschungen und damit die Zu­
der junge Mann links im Vordergrund folgt kunft der Welt führen nicht notwendigerweise
aufmerksam, aber auch mit der Distanz des in eine positive Richtung, sondern enthalten
Wissenden dem Geschehen. Den Greis rechts auch ein Gefahrenpotential. Nonverbal, aber
berührt die Szene anscheinend nicht, er ruht nicht weniger eindringlich führt Wright Ent­
sinnend in sich. wicklungstendenzen vor die Augen des Be­
Wie jedes große Kunstwerk spricht das Ge­ trachters und erinnert den Menschen an seine
mälde auf verschiedenen Interpretationsebenen Verantwortlichkeit innerhalb der Schöpfung.
zum Betrachter. Es kann als Dokument der
Aufklärungs-Pädagogik interpretiert werden.
Abraham Trembley entdeckt die Süßwasser­
Die Natur selbst ist die Lehrmeisterin. Aus den
polypen von Neuem
Gegenständen, die auf dem Tisch liegen, ist zu
schließen, dass der Zuschauergruppe nicht nur Abraham Trembley (Abb. 9), geboren 1710 in
ein Versuch, sondern eine ganze Unterrichtsein­ Genf als Sohn wohlhabender Eltern, beginnt
heit zum Thema Luft geboten wurde. Sicher seine Karriere als Hauslehrer. Diese Tätigkeit
wurde mit den Magdeburger Halbkugeln expe­ lässt genügend Zeit für sein Hobby: Die N atur­
rimentiert, von denen zwei auf dem Tisch lie­ kunde. Im Sommer 1740 schöpft er Wasser aus
gen; und in dem erleuchteten Glas schwimmen einem Graben und stellt das Glas an sein Zim ­
wohl die Lungen eines Tieres. merfenster (Abb. 10). Verschiedene Insekten
Doch das Bild zeigt nicht nur, sondern es be­ fesseln seine Neubegierde. Einige im Wurzel­
deutet auch etwas. Die zahlreichen Anspielun­ werk hängende Polypen nimmt er zwar wahr,

/ ,, //
A

Abb. 9: Abraham Trembley (17 10 -178 4); zeitgenössischer Kupferstich. - Abb. 10: Der Arbeitsplatz Trembleys.
Die auswechselbare Lupe w ird von so genannten Musschenbroek'schen Nüssen in der gewünschten Position
gehalten.
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Jah rhu nde rt des Süßwasserpolypen 31

fahren, ob dies von ohngefähr geschehen, oder


ob es von einem besondern Triebe herrühre,
den die Polypen hätten, sich nach der hellsten
Gegend im Glase zu ziehen. Um nun davon ge­
wiß zu werden, kehrte ich das Glas halb um.
Folglich war der Polypenhaufe nunmehro an
der dunklem Glasseite, und a u f der hellem be­
fanden sich nur noch einige. Hier kam es also
darauf an, ob sich der Polypenhaufe ivieder
von der dunkeln, nach der hellem Seite bege­
ben würde.
Aber wieder will der Forscher sich trotz gelun­
gener Beweisführung nicht sofort festlegen,
sondern den Zufall gänzlich ausklammern:
Doch traue ich mir noch nicht zu entscheiden,
ob sich diese Neigung gerade zu, aufs Licht be­
ziehe, oder ob sie ein anderer Umstand nach
dem Lichte gezogen habe (S. 16).
Diese zögerliche Haltung, die einen Gedanken
nie gänzlich zur Seite legt, selbst wenn er wider­
legt scheint, wird zum Arbeitsprinzip Trem-
bleys. Mit einer tüchtigen Portion Selbstironie
bescheinigt er sich Wollust im Ziveifel: Bey die­
ser Gelegenheit dachte ich abermal, daß diese
von mir beobachteten organisirten Körper
wohl Pflanzen wären, und es ist ein Glück ge­
Abb. 11: Trembley missdeutete die an Wasserpflanzen
angehefteten Polypen zunächst als Schmarotzerpflan­ wesen, daß ich diesen Gedanken beybehalten
zen. habe (S. 16). Deshalb kommt es am 25. N o­
vember 1740 zu einem der berühmtesten Expe­
rimente der Forschungsgeschichte, der Zweitei­
hält sie aber ihrer relativen Unbeweglichkeit lung eines Polypen. Ein Tier, so mutmaßt
wegen für Schmarotzerpflanzen, die a u f ande­ Trembley, würde diesen rüden Eingriff nicht
ren Pflanzen wachsen (Abb. 11). Dieser vorge­ überleben, eine Pflanze wohl. Es geschieht
fassten Meynung (Trembley, 1775, S. 12) ord­ Unvermutetes. Beide Stücke gehen nicht zu­
net er sogar die Tatsache unter, dass sein grunde, sondern sie ergänzen fehlende Teile.
Objekt die Tentakel willkürlich bewegt. Als je­ Ein simpler Scherenschnitt macht zwei Indivi­
doch die Organismen in mehreren Versuchen duen aus einem.
auf äußere Reize hin sich heftig zusammenzie­
hen, erkennt er sie als wirkliche Thiere, ähnlich
Trembleys Untersuchungsverfahren
den Schnecken.
Damit könnte der Amateurforscher sich zufrie­ M an hat Trembley den Vater der systemati­
den geben. In seinem Hang zur Genauigkeit schen Experimentalreihe genannt. Genauer ist
will er aber absolut ausschließen, dass es sich es, ihn als Forscher zu bezeichnen, der neue
vielleicht um empfindsame Pflanzen handeln wissenschaftliche Methoden systematisch in
könnte, ähnlich den Mimosen. Er notiert daher, der Praxis anwendet. Die Theorie hat ein an­
die Entscheidung zurückstellen zu wollen, bis derer französischer Denker entwickelt, näm­
mich neue Beobachtungen dazu berechtigt hät­ lich Rene Descartes (1596-1650). In seiner
ten (S. 14). 1637 anonym veröffentlichten Schrift Dis-
Tatsächlich entdeckt er Neues: Man erinnere cours de la methode geht es ihm darum, eine
sich hier wieder, daß mein Glas innerhalb des Methode fortschreitenden Denkens zu be­
Fensterbretes stand. Eines Tages bemerkte ich, schreiben, mit der sich neues Wissen gewinnen
daß sich ein ganzer Haufe Polypen an der Glas­ lässt. Stellt man Trembleys Vorgehen daneben,
seite versammlet hatte, die nach dem Lichte zu- wird deutlich, wie viel er dem Philosophen
gekehret war. Sogleich war ich begierig zu er­ verdankt.
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Folgende Einstellungen und gedankliche Abb. 12:


Schritte sind besonders wichtig: Rene Antoine
de Reaumur
• Unvoreingenommenheit (1683-1757);
zeitgenössischer
Trembley sucht seine neu entdeckten Wesen
Kupferstich.
nicht sofort in vorhandene Systeme einzu­
ordnen, sondern betrachtet sie als Indivi­
duen. Ausgangspunkt ist immer die Beob­
achtung.

• Misstrauen gegenüber Doktrinen


Trembley hält Beobachtetes auch dann für
richtig, wenn es dem gegenwärtigen For­
schungsstand widerspricht. Sobald er zum
Beispiel weiß, dass es Blattläuse gibt, die sich
durch Parthenogenese vermehren, ist für ihn
der Lehrsatz Keine Geburt ohne Zeugung
nicht mehr brauchbar. In ähnlicher Weise
stürzt er die Doktrin, dass aktive Ortsverän­
derung und Verzehr gefangener Beute den
Tieren eigen seien. Gegenbeispiele sind emp­
Die Hydra mit den sieben Köpfen
findliche beziehungsweise fleischfressende
Pflanzen wie beispielsweise die Mimosen Die schier unendliche Kapazität eines Polypen,
und der Sonnentau. Körpersubstanz neu zu bilden, veranlasst den
Experimentator auch zu spektakulären, wissen­
• Schrittweises Eliminieren von Wider­ schaftlich kaum aussagekräftigen Versuchen.
sprüchen Trembley berichtet in seiner vierten Abhand­
Ein Wesen, das sich durch Knospung ver­ lung, er habe im Sommer 1741 Polypen längs
mehrt, in jedem Teilstück den Bauplan des und quer zerteilt, die kaum rekonstruierten
Ganzen trägt und ohne Augen zu haben die Tiere geviertelt, schließlich diese Stücke zur
hellste Stelle im Aquarium ansteuert, scheint Hälfte zerschnitten, um zweiköpfige Polypen
geradezu aus Widersprüchen erbaut. Im zu erhalten. Als ich diesen zweyköpfigen Poly­
Sinne der klassischen Biologie der Zeit war pen mit zwey Mäulern eine Zeitlang gefüttert
es nicht als Tier oder Pflanze definierbar. hatte, spaltete ich jede Kopfhälfte abermal der
Trembley eliminiert systematisch diese Länge durch, ln kurzem hatte er nun vier
Widersprüche und ermöglicht so eine Erwei­ Köpfe. Und dies trieb ich so weit, bis er ihrer
terung der Lehre vom Leben. sieben bekam. Einem ändern verschaffte ich
acht Köpfe. ... Ich habe dem siebenköpfigen
• Späte Festlegung von Ergebnissen Polypen alle seine Köpfe abgeschnitten, und
Endgültige Ergebnisse werden spät festge­ nach einigen Tagen sähe ich daran ein Wunder,
legt. Bis dorthin bleiben sogar experimentell welchem die Fabel von der Lernäischen
bewiesene Fakten noch fragwürdig. Schlange nichts nachgiebt.
Der letzte Satz macht klar, welche Absicht die­
• Kommunikation statt Geheimhaltung sen Experimenten zugrunde liegt. Bei der Ler­
Der Forscher hütet keine Geheimnisse mehr, näischen Schlange - da es sich um eine Wasser­
er korrespondiert, rät und lässt sich beraten. schlange handelt, heißt sie auch Hydra -
Trembley teilt seine Beobachtungen und Ar­ handelt es sich um ein neunköpfiges Ungeheuer
beitsergebnisse laufend, nicht abschließend der griechischen Sage. Schlug man ihr ein
wie Leeuwenhoek, berühmten Männern mit. Haupt ab, wuchsen zwei neue Köpfe nach. Erst
Vor allem Rene-Antoine Ferchault de Reau- Herakles konnte sie besiegen.
mur (1683-1757, Abb. 12) wird ihm ein Trembley parodiert diese Arbeit des griechi­
väterlicher Freund und Förderer. Dessen schen Sagenhelden, indem er ein Monster er­
Vorschlag, die neu entdeckten Wesen Poly­ schafft, nicht tötet. Er erzeugt in einer Karika­
pen zu nennen, nimmt er gerne auf. tur des Schöpfungsaktes ein Wesen, wie es die
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Die Auswirkungen
der Entdeckung Trembleys

Von Anfang an hielten die erstaunlichen Eigen­


schaften der Gattung Hydra nicht nur Forscher,
sondern auch Theologen und Dichter in Bann.
Trembleys Entdeckung erschütterte die Grund­
lagen der Theologie und Philosophie nicht we­
niger, als es ein Jahrhundert später die Erkennt­
nisse Darwins taten. Wenn ein Lebewesen
teilbar ist, gilt das dann auch für seine Seele?
Wenn man durch Ineinanderstecken aus zwei
Individuen eines werden lässt, bleibt dann eine
Seele übrig? Wo bleibt Gott?
Der Freiherr von Gleichen (Abb. 14), als Kon­
strukteur eines so genannten Universalmikro­
skops und Autor mehrerer einschlägiger
Werke, vor allem eines Buches über Infusorien,
Autorität auf dem Gebiet der mikroskopischen
Forschung, fasst im Jahr 1778 die Wirkung die­
ser wissenschaftlichen Sensation folgenderma­
ßen zusammen:
Kein Thier hat wohl die Naturforscher jemals
mehr beschäftiget, als dieses. Kaum meldete es
Natur nie vermochte. Der zeitgenössischen Herr Trembley unter dem Nahmen der Polypen
Literatur ist zu entnehmen, dass nun eine Art des süßen Wassers an, so waren schon aller
Wettbewerb der Naturforscher einsetzt: Wer Hände nach dieser Neuigkeit ausgestrecket,
bringt die grässlichsten Ungeheuer, die mons­ und aller Augen mit diesen Wassergeschöpfen
trösesten Polypen hervor (Abb. 13)? beschäftiget; und der Stoff, den sie unsern
Auf die Frage, was solche Experimente an Philosophen zu einer ganz neuen Logik, und
Kleinsttieren für einen Sinn hätten, erhalten wir den auserlesensten phisikalischen Predigten g a­
Antwort. Trembleys Übersetzer zitiert Otto ben, füllte Bücher, Köpfe und Bibliotheken an
Müller (1730-1784), einen dänischen For­ und begeisterte mit Gedanken, die nicht iveni-
scher: Die Natur legt uns in diesem Wurme das ger wunderbar waren, als das Geschöpfe selbst,
offenbar vor Augen, was sie mit so vieler Sorge so sie hervorgebracht.
bey den großen Tbieren verhehlet. Wohin das
Auge des Zergliederers mit Eisen und Stahl und
Kosten vieler Leben gedrungen ist, das findet
der ruhige Beobachter der kleinern Thiere,
ohne seinem Herzen wehe zu thun, durch Hülfe
einer Linse. Er belauscht die schwangere Natur
in den Vorsälen ihrer geheimen Werkstätten
und die Kleinigkeit ihrer Kinder verbirgt sie
vergebens vor seinem forschenden Auge.
Unterliegen Experimente an Kleinlebewesen
weniger einer Kontrolle durch die Moral als die
Versuche an Labortieren? Hat Ethik etwas mit
der Dimension zu tun? Was darf der Wissen­
schaftler? Was ist nötig, was nicht? Hier
scheint ein Grundproblem der Forschung am
lebenden Objekt auf. Noch immer, über 250
Jahre später, besteht kein Konsens über die De­ Abb. 14: W ilhelm Friedrich Freiherr von Gleichen,
finition und Einhaltung ethischer Grundfragen genannt Rußwurm (17 17 -178 3); zeitgenössischer
in den Biowissenschaften. Kupferstich.
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Von Gleichens Erklärung hebt den Schöpfungs­ Die Trembley-Übersetzung gelingt Goeze or­
prozess auf eine intellektuelle Ebene und ist da­ dentlich. Aber darum geht es dem Pastor nicht,
durch seiner Zeit weit voraus: Und wirklich iveiß er will das Primat der deutschen Forschung vor
ich nicht, ob der Begriff von der Allmacht und der französischen beweisen und seinen eigenen
Weisheit des Schöpfers: daß er im Anfang den Rang unter den ersten Mikroskopikern unter­
Elementen die Kraft eingedrucket haben könnte, streichen. Dieses Vorgehen ist nicht neu. Schon
die Bildung der Körper durch den Zusammentritt die schreibenden Mönche des Mittelalters
zur Organisation bestimmter Atomen zu würken wünschten sich Bedeutung, ja Unsterblichkeit.
nicht weit erhabener und edler ist, als zu glauben, Unter dem Deckmantel ihrer Anonymität
daß er wie ein Werkmeister der Menschen, sie schmuggelten manche von ihnen Korrekturen,
selbst zusammen gesetzet habe. Meinungen, sogar längere Textpassagen in das
Werk des zu kopierenden Schriftstellers. Auch
Johann August Goezes Kommentare zur
der Quedlinburger Pfarrer erliegt dieser Versu­
Trembley-Ubersetzung chung. Er verändert aber Trembleys Text nicht,
sondern schreibt einen eigenen in den Fußno­
Seit der Publikation der Memoires im Jahr ten. Oft überwuchert dabei dieser Kommentar
1744 waren ganze 31 Jahre ins Land gegangen, die ursprüngliche Aussage.
in denen eine deutschsprachige Fassung nicht Goezes Zusätze reichen vom Fachausdruck, ei­
zu fehlen schien. Das nimmt nicht wunder, genen Beobachtungen, Verbesserungsvorschlä­
denn wer sich im 18. Jahrhundert ein M ikro­ gen bis zur Kritik an der Versuchsanordnung.
skop leisten konnte, verstand wohl auch die Seine Verweise auf deutsche Kapazitäten wie
Bildungssprache Französisch. Erst 1775 legt Rösel von Rosenhof, Ledermüller und von
Johann August Ephraim Goeze (1731-1793, Gleichen werden zu einem Überblick über For­
Abb. 15), Pfarrherr in Quedlinburg, eine Über­ schungsstand und Forschung gegen Ende des
setzung ins Deutsche vor. 18. Jahrhunderts.
Ein Scharlatan ist Goeze nicht. Als er, 42 Jahre
alt, zum ersten Mal durch ein Mikroskop
blickt, treffen ihn die Wunder der Kleinlebe- Mitgeschöpf H y d ra :
welt wie ein Blitzstrahl. Er verkauft große Teile Georg Christoph Lichtenberg empfindet
seiner Bibliothek und erwirbt das Instrument. Mitleid
Ein Jahr später, 1773, wird der unermüdliche Die Auto-Reproduktionsfähigkeit der Polypen
Mikroskopiker die Tardigraden entdecken. erregte Aufsehen in der gelehrten Welt des 18.
Größere und kleinere Beiträge in den verschie­ Jahrhunderts. Georg Christoph Lichtenberg
densten Zeitschriften beweisen seine Begeiste­ (Abb. 16), Professor an der Universität Göttin­
rung und Kompetenz. gen und gleichermaßen berühmt wegen seiner

Abb. 15: Johann August Michael Goeze Abb. 16: Georg Christoph Lichtenberg
(1731-1793); (1742-1799);
zeitgenössisches Gemälde. zeitgenössischer Kupferstich.
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spektakulären physikalischen Versuche wie sei­ ... Jetzt lernte Satan,


ner scharfzüngigen Aphorismen, notiert im Su­ was Schmerz sei, als er hin und her sich wand,
delheft C zwischen September 1772 und Som­ So furchtbar klafft die Wunde,
mer 1773 physikalische Versuche, darunter die das Schwert ihm Versetzt.
auch solche von den Polypen. Wenig später Doch bald schloss sich der Ätherstoff
hält er fest, Versuche mit der Luftpumpe an­ Nicht lang trennbar ...
stellen zu wollen. Eine von ihm zusammen­ Doch heilt3 er bald, denn Geister, die durchaus
gestellte Literaturliste fordert die Anschaffung ln jedem Teil belebt...
Sterben durch Vernichtung nur.
der maßgeblichen wissenschaftlichen Publika­
Ihr fliiss’ger Körper Stoff kann Todeswunden
tionen.
So wenig als die flücht’ge Luft erhalten.
Im Sommer 1772 beschafft er sich in Hannover Ihr Wesen ist ganz Herz,
nach den Vorschriften Trembleys Wasserlinsen, ganz Haupt, ganz Aug’ und Ohr.
denen erwartungsgemäß Polypen anhaften. Er Einsicht und Sinn, und nach Gefallen nehmen
nimmt das größte Exemplar heraus, knotet Sie Glieder an, Gestalt und Farb’ und Größe.
stramm ein Haar um den Schleimklumpen und
setzt das Tier ins Wasser zurück. M it Erstaunen Dieses Zitat beschreibt die Verletzung Luzifers
beobachtet der Forscher, dass der Polyp sich durch einen Schwertstreich und die folgende
von der Fessel befreit, indem er das H aar durch sofortige Selbstheilung. Geister, so Milton, be­
seinen Körper wandern lässt, ohne in Stücke zu stünden nämlich aus einer Substanz, die in je­
zerfallen. Seine Beobachtungen schreibt Lich­ dem Teil das Ganze in sich trägt. Lichtenberg
tenberg zunächst ins Sudelheft D und veröf­ sieht darin die Regenerationsfähigkeit des Poly­
fentlicht sie dann im Hannoverischen Magazin , pen in poetischer Vorwegnahme beschrieben.
einer der wichtigen aufklärerischen Wochen­ Er folgt damit einer Tendenz der Zeit. Natur­
schriften des 18. Jahrhunderts. Neun Jahre spä­ wissenschaftler und Poeten suchen im 18. Jahr­
ter lässt er sie nochmals in einer überarbeiteten hundert nach geeigneten kommunikativen Aus­
Fassung in dem von ihm mitbegründeten Göt­ drucksformen, die es erlauben, die Grenzen der
tinger Magazin erscheinen. Hier soll nur die Fachsprachen zu überwinden. Ist Poesie geeig­
erste Fassung behandelt werden, denn es ist neter als die sachliche Prosa des Wissenschaft­
nicht das schlichte Experiment, das Lichten- lers, das Wunderbare, Unerklärliche in der
bergs Text bedeutsam macht. Das wirklich Welt auszudrücken? Der deutsche Dichter
Neue ist die Position des experimentierenden Klopstock wählt dafür in der Nachfolge M il­
Menschen zu seinem Versuchsobjekt. tons die Formen des Epos und der Ode. In
Wie wir bereits feststellten, fragt sich keiner der seinem Gedicht Die Frühlingsfeyer (zwei Fas­
bisher benannten Forscher, ob die Zerschnei­ sungen, 1759 und 1771) preist er die Unend­
dung, Pfropfung, das Umwenden des Inneren lichkeit der Schöpfung und zieht den Schluss,
nach außen, ja das Zerreiben der Körpersubs­ dass auch Kleinstlebewesen Mitgeschöpfe
tanz dem Polypen Schmerzen zufügt, und ob seien, denen Gott ebenso wie dem Menschen
diese Schmerzen in einem vernünftigen Verhält­ eine Seele verliehen habe.
nis zu den gewonnenen Erkenntnissen stünden. Doch eine sprachliche Grenzüberschreitung
Wenn Lichtenberg dagegen sein Versuchsobjekt kann auch misslingen. Trembley sucht seine Be­
in einem erbärmlichen Zustande wahrnimmt schreibung der Nahrungsaufnahme der Süß­
und erwägt, den Polypen aus Mitleiden in Stü­ wasserpolypen mit einem Zitat aus den M eta­
cke zu schneiden , um offensichtliche Qualen morphosen des römischen Dichters Ovid zu
des Tiers zu beenden; wenn er in einer kriti­ veranschaulichen:
schen Situation für ihn hofft und sich über eine Utque sub aequoribus deprensum polypus
gelungene Befreiungsaktion nicht wenig ver­ hostem
gnügt zeigt, dann verrät die Formulierung in­ Continet, ex omni dimissis parte flagellis...
nere Anteilnahme. Wie ein Polyp unter Wasser den Feind ergreift
Noch erstaunlicher ist, dass Lichtenberg eine und festhält, wobei er seine Tentakel nach allen
Stelle aus dem 1663 erschienenen Epos Para- Seiten streckt...
dise Lost des englischen Nationaldichters John Trembley übersieht dabei allerdings den Kon­
Milton (1608-1674) zitiert, um die Qualen des text. Ovid illustriert mit seinem Vergleich näm­
gebundenen Polypen und seine Fähigkeit der lich den missglückten Annäherungsversuch ei­
Autoreproduktion zu verdeutlichen. ner mannstollen Quellnymphe.
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Der Kampf des Herakles gegen das Böse und Das ist natürlich nicht zu beweisen. Aber: Exu-
ein Aquarell von Antoine de Saint-Exupery pery verbringt seine Kindheit vom 4. bis zum 9.
Der Begriff Hydra geht auf die griechische Sa­ Lebensjahr abwechselnd auf zwei Schlössern,
genwelt zurück. Er bezeichnet dort eine neun­ dem Besitz seiner Großmutter und dem einer
köpfige Wasserschlange, die durch jeden Teil­ Tante. Er durchstöbert die Bibliotheken, das ist
sieg des Gegners stärker wurde. Der Sieg des verbürgt, vornehmlich auf der Suche nach Bü­
Herakles mit dieser Inkarnation des Bösen ist chern über Naturwissenschaften und Technik.
sprichwörtlich geworden. Links neben dem
Eingang zur Wiener Hofburg findet sich eine
besonders heroische Darstellung dieses schier
aussichtslosen Kampfes (Abb. 17).
Antoine de Saint-Exuperys Märchen Der kleine
Prinz , ist eine der anrührendsten und tiefsinnig­
sten Dichtungen der Weltliteratur. Sein Autor,
leidenschaftlicher Flieger und feinsinniger
Dichter (1900-1944), hat den Text mit eigenen
Aquarellen illustriert und so ein Gesamtkunst­
werk geschaffen, das über allen Deutungsversu­
chen steht. Wer es aber gewohnt ist, nach Vor­
bildern zu suchen, den wird Exuperys
Darstellung der Affenbrotbäume seltsam be­
kannt anmuten (Abb. 18). Ist Trembleys
Wiedergabe der siebenköpfigen Hydra (Abb.
19) das Vorbild für eine Buch-Illustration?

18 ¥

Abb. 18: Affenbrotbäume zerstören einen kleinen Pla­


neten (Illustration Saint-Exuperys zu seinem Märchen
Der kleine Prinz). - Abb. 19: Trembleys Hydra mit
Abb. 17: Herakles tötet die Hydra. Figurengruppe links sieben Köpfen. Gezielte halbe Einschnitte ließen diese
vom Eingang der W iener Hofburg; gestaltet von Monstrosität entstehen, mit der Trembley auf eine der
Edmund Hofmann von Aspernburg (1847-1 930). Aufgaben des Herakles anspielt.
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Bei seinen Streifzügen durch die Bücherwelt handlungen zur Geschichte einer Polypenart des
mögen dem phantasiebegabten Buben Trem­ süßen Wassers. Quedlinburg 1775. (In der vorlie­
genden Arbeit wird der deutsche Text dieser Aus­
bleys Kupferstiche begegnet sein, denn es ist gabe zitiert.)
höchst wahrscheinlich, dass eine gepflegte
französische Schlossbibliothek dieses bahnbre­
chende Werk enthielt. In der Welt des Geistes Sekundäre Texte
und der Phantasie jedenfalls gibt es die erstaun­ Busch, W.: Joseph Wright of Derby: Das Experiment
mit der Luftpumpe. Eine Heilige Allianz zwischen
lichsten Querverbindungen. Wissenschaft und Religion. Fischer Taschenbuch
Verlag, Frankfurt 1986.
Estang, L.: Antoine de Saint-Exupery in Selbstzeug­
Literaturhinweise nissen und Bilddokumenten. Rowohlt Verlag,
Primäre Texte Reinbek bei Hamburg 1963.
Hendel, R.: Infusions=Thiere. Goethes mikroskopi­
Descartes, R.: Philosophische Schriften. Meiner-Ver­ sche Untersuchungen vom Frühjahr 1786. M ikro­
lag, Hamburg 1996. kosmos 83, 337-347 (1994).
Gleichen, W. F. Freiherr von: Abhandlung über die Hendel, R.: Metaphern aus der Mikro weit. M ikro­
Saamen- oder Infusionsthierchen. Gedruckt bei skopische Forschung des 18. Jahrhunderts im
Winterschmidt, Nürnberg 1778. Spiegel der Romane Jean Pauls. M ikrokosmos 84,
Ledermüller, M. F.: Nachleese seiner mikroskopi­ 147-154 (1995).
schen Gemüths- und Augen-Ergötzung. Gedruckt Hendel, R.: Ein Preisgedicht auf Leeuwenhoek.
bei Winterschmidt, Nürnberg 1762. Mikrokosmos 85, 159-170 (1996).
Lichtenberg, G. C.: Prof. Lichtenbergs Schreiben an Hendel, R.: Klopstocks Ode Die Frühlingsfeyer - Ein
Hrn. Prof. Förster zu Cassel, über die Polypen und Brückenschlag zwischen Poesie, Religion und N a­
eine sonderbare elektrische Erscheinung. Göttin­ turwissenschaft. M ikrokosmos 101, 100-106
ger Magazin der Wissenschaft und Litteratur für ( 2012 ).
das Jahr 1782, 4. Stück, S. 563-575. Hendel, R., Saake, E.: Leeuwenhoek entdeckt die
Lichtenberg, G. C.: Einige Versuche mit Polypen. Kryptobiose. Mikrokosmos 86, 285-291 (1997.)
Hannoverisches M agazin von 1773, 5. Stück, Henkel, K.: Ledermüller und Rußwurm. p. Vereins­
Spalte 7-182. zeitschrift der mikrobiologischen Vereinigung
Milton, J.: Das verlorene Paradies. Übersetzung von München, September 1997.
Karl Eitner. Anaconda-Verlag, Köln 2008. Promies, W.: Georg Christoph Lichtenberg mit
Müller, O. F.: Von Würmern des süßen und des salzi­ Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt
gen Wassers. Gedruckt bei Heineck & Faber, K o­ Verlag, Reinbek bei Hamburg 1964.
penhagen 1771. Storch, V., Welsch, U.: Kükenthal - Zoologisches
Rösel von Rosenhof, A. J. I.: Der monatlich heraus­ Praktikum, 26. Auflage. Spektrum Akademischer
gegebenen Insectenbelustigung Dritter Theil. Ge­ Verlag, Heidelberg 2009.
druckt bei Johann Joseph Fleischmann, Nürnberg Streble, H., Krauter, D.: Das Leben im Wassertrop­
1755. fen, 5. Auflage. Franckh-Verlag, Stuttgart 1981.
Trembley, A.: Memoires pour servir ä l’histoire d’un
genre de Polypes d ’eau douce, ä bras en forme de
corne. Gedruckt bei Jean & Hermann Vorbeek,
Leiden 1744. Verfasser: Rainer Hendel,
Trembley, A. (Autor) und Goeze, J. A. E. (Übersetzer Custenlohr 27,
und Kommentator): Des Herrn Trembleys Ab­ 97215 Uffenheim

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w w w . m ik r o s k o p ie r - b e d a r f .d e
o n lin e -sh o p & S ervice / R eparaturen
T e l./F a x : 0 3 4 1 / 4 61 6 5 9 6
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38 MIKROKOSMOS

Kleines Sonnentier (Oxnerella)


attackiert zu großes Wimpertier

Pedro G al liker

Was geschieht, wenn eine O xnerella ein doppelt so großes W im pertier angreift? Ob
eine Beute mundgerecht oder zu groß ist, zeigt sich manchmal erst im Nachhinein.
Beim Süßwasserpolyp w ird ein zu großer Bissen einfach w ieder herausgewürgt. Bei
Einzellern dagegen ist das etwas komplizierter. Sie überwältigen und schädigen ihr
Opfer häufig so schwer, dass es danach kaum mehr ein Überleben gibt.

D
er Akteur dieser Filmbeobachtung ge­ drängt. Die Mehrzahl der Actinopoda lebt im
hört mit weniger als 30 pm Durch­ Meer. Man denke nur an die populären Radio-
messer zu den kleinsten Sonnentieren. larien. Die Mikrotubulibündel in den Axopo­
Beobachtet wurde an der Grenze des lichtopti­ dien bewirken bei ihnen eine gewisse Steifheit
schen Auflösungsvermögens bei lOOOfacher und parallele Konturen.
Vergrößerung in einem Mikroaquarium. An der Oberfläche der Axopodien zirkulieren in
der dünnen Cytoplasmaschicht so genannte Ex-
trusomen, membranumschlossene Organellen,
Ein außergewöhnliches Sonnentier die auf ganz verschiedene Reizeinwirkungen hin
ihren Inhalt entladen. Sie dienen der Oxnerella-
Oxnerella ist unter den Sonnentieren eher ein Zelle nicht nur zum Schutz und Beutefang, son­
Sonderfall. Es gehört in die Verwandtschaft dern auch, um sich auf der Unterlage solide zu
von Actinopbrys oder Clathrulina , somit in das verankern. Das Auffälligste und für mich das
ehemalige Taxon Actinopoda, bei denen aus zuverlässigste Merkmal dieses Sonnentieres ist
einem einzigen zentral gelegenen Organisa­ jedoch seine Fähigkeit, sämtliche Axopodien
tionszentrum Mikrotubulibündel in die Achsen blitzschnell einziehen zu können (Febvre-
der Pseudopodien (Axopodien) auswachsen. Chevalier und Febvre, 1986). Doch darüber
Der Zellkern wurde in die Peripherie ver­ noch ausführlicher am Ende dieses Artikels.

Abb. 1-8: Teil 1 der für das Sonnentier Oxnerella erfolglosen Attacke.

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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Sonnentier ( O xnerellahttp://www.elsevier.de/
) a ttackiert zu großes W im p e rn tie r 39

Der Angriff auf das Wimpertier tiers platzt kurz vor derjenigen des Sonnentiers.
Man erkennt, dass das Wimpertier eine ge­
Wie der erste Kontakt zwischen Oxnerella und furchte Oberfläche besitzt. Zu diesem Zeit­
dem Wimpertier zustande kam, habe ich ver­ punkt (3:10 Minuten) verläuft die Oberfläche
passt. Ich vermute, dass die lebhafte Beute zufäl­ der Oxnerella auf der Seite der Beute fast ge­
lig auf das stationär fixierte Sonnentier gestoßen radlinig (Abb. 5 und 6). Jetzt wird das am
ist und sogleich festgebunden oder blitzartig von Boden fixierte Sonnentier durch die Kraft des
einigen Extrusomen angeklebt wurde. Das erste zappelnden Wimpertiers erstmal ganz wenig
Bild meines Films zeigt das Wimpertier etwas verschoben.
zugespitzt auf der knapp eingebuchteten Ober­
fläche von Oxnerella, zittrig bewegt durch leb­
haften Wimperschlag (Abb. 1). Die Beute ist zu groß
Nach 50 Sekunden klafft zwischen beiden eine
Lücke, durchzogen von einem Axopodium, des­ Nach 3:30 Minuten scheint die Angreiferhülle
sen Berührungspunkte sowohl beim Sonnentier nicht mehr zu wachsen. Ihr gegenüber bildet
als auch beim Wimpertier in zwei Eindellungen das Wimpertier eine große pulsierende Va­
münden. Nach 56 Sekunden bildet Oxnerella kuole, die sich im Folgenden zusammen mit
an der Einbuchtung eine Vakuole, die danach einer zweiten mehrmals entleert (Abb. 7). Das
langsam schrumpft (Abb. 2). Nach 1:02 Minu­ Wimpertier beginnt zu taumeln, die Angreifer­
ten erscheint im Wimpertier an der Kontakt­ hülle wird abgebaut, der Abstand zur Beute
stelle ebenfalls eine Vakuole. Schon 2 Minuten vergrößert sich, und dazwischen erkennt man
nach Filmstart erkennt man deutlich, dass der jetzt ein wirres Geflecht von Axopodien mit
Angreifer eine Hülle über die Beute aufbaut. Extrusomen und Überresten der Angreiferhülle
Diese ist auf der linken Seite weiter vorange­ (4:59 Minuten, Abb. 8).
schritten als auf der rechten in der Nähe der Die Abstandszone wird vakuolisiert, während
Einbuchtungen. Die Axopodien wurden in die­ das Beutetier bemüht ist, sich loszureißen. An
ser Zeit auf rund die Hälfte ihrer Länge einge­ seinem Kontaktpol pulsiert weiterhin eine
schmolzen, die Extrusomen sind in die Rumpf­ große Vakuole. Aber auch Oxnerella zeigt zu­
peripherie gewandert (Abb. 3). Bei Filmzeit erst lebhafte, später abnehmende Tätigkeit der
2:52 Minuten zeigt das Sonnentier noch weiter pulsierenden Vakuole. Ihre Axopodien samt
verkürzte Axopodien mit nur noch zwei Extru­ Extrusomen erscheinen wieder, der Umriss run­
somen. Seine ursprünglich runde Form ist auf det sich allmählich ab. Die Beute ist jedoch im­
fünf Seiten eingefallen (Abb. 4). Bei 3 Minuten mer noch mit mindestens zwei prominenten
besitzen beide Kontrahenten jeweils eine große Axopodiensträngen angebunden (ca. 15:00 M i­
pulsierende Vakuole. Diejenige des Wimper­ nuten, Abb. 9).

Abb. 9 -1 6 : Teil 2 der für das Heliozoon Oxnerella erfolglosen Attacke.


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Ein heftiger Zusammenstoß und Die Erholung bis zur normalen Ausdehnung
ein zweiter Angriff von O xnerella der Axopodien dauerte in meinem Fall etwa
3-5 Minuten. Für Heterophrys marina wurden
Bei 16:33 Minuten erfolgt ein heftiger Aufprall 2-3 Minuten angegeben. Ich überlege: Wenn
mit einem schnellen, kleineren Wimpertier, wo­ ohne äußeren Reiz eine Körperkontraktion
durch Oxnerella blitzschnell sämtliche Axopo­ erfolgt, könnte dies die Folge einer inneren
dien einzieht. Die Extrusomen häufen sich dabei Notwendigkeit sein. Von der vergleichenden
auf der Rumpfoberfläche (16:42 Minuten, Abb. Verhaltenforschung her wissen wir, dass so ge­
10 und 11). Durch die Verkürzung der Axopo­ nannte Erblcoordinationen zu automatenhaften
dien wird das Duo näher an die Oberfläche des Handlungen führen. Diese müssen keinerlei Be­
Objektträgers herangezogen. Nach der Fokus­ zug zu sinnhaftem Verhalten haben. Die in un­
sierung erkennt man dort einige ausgestoßene serem Fall nicht vollständig aufgezehrte Beute­
Rudimente des Kampfgeschehens (Abb. 11). Um fangenergie wurde durch die Schreck-Aktion
22:27 Minuten erfolgt nach gleichem Schema vielleicht noch vollständig aufgezehrt.
ein zweiter heftiger Angriff des Sonnentiers. Und Als sinnhaftes Verhalten hat Davidson 1982 bei
wiederum ist er nicht von Erfolg gekrönt (Abb. Heterophrys marina beobachtet, dass dieses
12 und 13). Die Beute ist ganz einfach zu groß. Sonnentier bei wiederholter mechanischer
Doch diesmal gelingt dem ausdauernd kämpfen­ Reizung immer weniger häufig reagierte. Dieses
den Beutetier nach rund 10-minütigem Zappeln Phänomen der Gewöhnung hat mancher
endlich die Rettung in die Freiheit (34:10 Minu­ Mikroskopiker ja auch schon am mehrzelligen
ten, Abb. 14). Doch das Opfer ist in einem be­ Süßwasserpolypen beobachtet. Diese so ge­
dauernswerten Zustand. Der Wimpernschlag ist nannte Habituation scheint das ursprünglichste
nicht koordiniert, eine geordnete Fortbewegung Niveau jedes Lernprozesses zu sein.
unmöglich, es zittert und torkelt. Ich bezweifle,
ob es sich jemals wieder ganz erholen kann.
Literaturhinweise
Plötzliche Körperkontraktion bei O xnerella Davidson, L. A.: Ultrastructure, behavior, and algal
Rund 6 Minuten, nachdem Oxnerella die Beute flagellate affinities of the helioflagellate Ciliophrys
entlassen hat, geschieht etwas ganz Über­ marina, and the classification of helioflagellates
(Protista, Actinopoda, Heliozoea). J. Protozool.
raschendes. Ohne irgendeinen äußerlich er­ 29, 19-29 (1982).
kennbaren Reiz zuckt das jetzt isolierte Son­ Febvre-Chevalier, C., Febvre, J.: Motility mecha-
nentier nochmals zusammen (Abb. 15 und 16). nisms in the actinopods (protozoa): a review with
Dabei wird es, wie bereits geschehen, durch particular attention to axopodial contraction / ex-
die sich verkürzenden Verankerungs-Axopo- tension and movement of nonactin filament sys-
tems. Cell Motil. Cytoskel. 6, 198-208 (1986).
dien blitzschnell an den Fixationpunkt auf dem Hausmann, K., Hülsmann, N ., Radek, R.: Protistol-
Objektträger gezerrt. Im Film geschieht dies ogy, 3rd edition. Schweizerbartsche Verlagsbuch­
zwischen zwei benachbarten Einzelbildern, so­ handlung, Stuttgart 2003.
mit in weniger als einer 24stel Sekunde. Page, F. C., Siemensma, F. J.: Nackte Rhizopoda und
In der Literatur von Page und Siemensma Heliozoea. In: Matthes, D. (Hrsg.): Protozoen­
fauna, Vol. 2. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart
(1991) ist zu dieser Thematik auf der Seite 179 1991.
Folgendes zu lesen: Das dynamische System der
Mikrotubuli erlaubt rasche Bewegungen. ...
Verfasser: Dr. Pedro Galliker, Bodenstrasse 26,
Die völlige Einschmelzung eines Axopodiums 6490 Andermatt, Schweiz,
geschieht bei Heterophrys marina innerhalb E-Mail: mail@pedrogalliker.ch,
von 20 Millisekunden. Homepage: www.pedrogalliker.ch

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s. B f r 4^ ® ^ j i j |

Mikrokosmos |
Zeitschrift fü r angewandte M ikroskopie
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MIKROKOSMOS 41

Steindorffs „Mikrobenjäger" -
Revolutionäres Mikroskop-Design
im Deutschland der Nachkriegszeit
Teil 2

M a rtin M ach und M anuel del C erro

Während der erste Teil dieses Artikels hauptsächlich die Bauweise des M ikroben­
jägers beschreibt, geht es im zweiten Teil um die deutschlandweite und internationale
Vermarktung, um Patentrechte sowie um die weitere Historie des Geräts.

A
us den vom privaten Steindorff-Archiv In den Steindorff Firmenunterlagen hat sich ein
zur Verfügung gestellten Unterlagen KLM Flug-Bordjournal mit Datum vom 1. Feb­
lässt sich ablesen, dass die Firma in den ruar 1951 erhalten. Seine Rückseite trägt eine
1950er und 1960er Jahren regelmäßig Labor­ handschriftliche Dollar-Preisliste mit folgenden
mikroskope klassischer Bauart an US-Univer- Notizen: BIVIER $300, BITRE 282, BIZW O
sitäten und -Krankenhäuser verkaufte. Der da­
malige Steindorff-Vertreter in den USA, ein
gewisser J. Beeber, schickte regelmäßig Ver­
kaufsmeldungen an die kleine Zentrale in Ber­
lin. Einer dieser Berichte vermerkt nicht ohne
Stolz, dass am 25. Juni 1958 ein Steindorff
BF-KM-40 klassischer Bauart mit der Serien­
nummer 580135 an die Klinik der Universität
von Pennsylvania ausgeliefert wurde und erläu­
tert auch die Besonderheit, dass die Klinik von
Dr. Radwin geleitet wurde, der wegen seiner
Behandlung von Präsident Eisenhower und
Außenminister John Foster Dulles bekannt ge­
worden war. Der hier interessierende Mikroben­
jäger wird jedoch in dieser Korrespondenz
nicht erwähnt.

Verlockender Dollar/D-Mark-Umtauschkurs
in den USA

Zwar gibt es englischsprachige Kataloge, eine


US-Preisliste aus der Mikrobenjäger-Ära wurde
jedoch leider bislang nicht bekannt. Die wenigen
englischsprachigen Prospekte aus der Zeit um
1950 präsentieren den Mikrobenjäger stets als
Flaggschiff der Steindorff-Produktion (Abb. 1). THE MICROBE HUNTER
Als Verkaufscode für voll ausgestattete Mikro­
benjäger mit Sechsfachobjektivrevolver taucht
in den Broschüren die Bezeichnungen BIVIR, Abb. 1: Mikrobenjäger-Rek\avneb\aW für den
manchmal auch BIVIER auf. US-amerikanischen Markt.

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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M . M ach und M . del C erro

der Preis für ein typisches Zeiss Lumipan im


ih > tn 't\s > ^ —- Jahr 1952 je nach Ausstattung zwischen 2.000
(Y /k ts und 2.500 DM lag.

Die Angst vor dem Ideenklau -


P ju ^ rtu T Jfr r~ Wie lässt sich ein Mikroskopdesign
A ^g^- {f/ ’ wirkungsvoll schützen ?

Jfaru y i - Wir wissen leider nicht, in wessen Kopf und


wann genau die faszinierende Idee und das De­
//< T ’ sign des geschwungenen Doppelarmstativs ent­
//ts fy '/W b /f& t stand. Aus den Unterlagen lässt sich jedoch
schließen, dass die Pläne wohl 1948 oder An­
-J U c lt- J2 *< ‘■ huvr /U l r fang 1949 in die Realität umgesetzt wurden.
Eines der wenigen Werkstattfotos zeigt einen
Jh m 'l, ^U s . ° schon etwas älteren Herrn mit Bleistift und
ßZVJö einer hoffentlich nicht angezündeten Zigarette
A/iü£^2> A1 '1 '*~ (man bedenke: wir befinden uns in einer fein-
mechanisch-optischen Werkstatt) inmitten von
B r x / 13 Mikroskopen im Stadium der Endmontage. Er
beugt sich über ein Diagramm, auf dem das
Abb. 2: Handschriftliche Preisplanung auf der Rück­
seite eines KLM-Flugjournals von Februar 1951.
Mikrobenjäger-Stativ zu erkennen ist (Abb. 4).
Das Foto markiert anschaulich den Umbruch
zwischen der Fortsetzung der Kriegsproduktion
(mit schwarzem Finish an Stelle der kriegs­
283, B IM O N 270 (Abb. 2). Ein fast gleich­ bedingt eingeschränkten Verchromung) und
zeitiges Dokument von Ende Januar 1951 mit dem Aufbruch in eine hoffnungsvolle M ikro­
dem Titel Memorandum fixiert die geplante skopmoderne, den wohl auch der Fotograf in
Gründung einer Firma namens Steindorff o f Szene setzen sollte.
America (Abb. 3). Auch hier findet sich ein In der Zeit vom 9. bis 24. April 1949 wurde
Preis von 300 US$ für den Mikrobenjäger - ein anscheinend ein Foto des Mikrobenjägers im
erstaunlich günstiger Preis für die USA der New Yorker Museum o f Science and Industry
1950er Jahre. gezeigt. Dank der diesbezüglichen offiziellen
Wenn man bedenkt, dass der damalige Dollar/ Bestätigung samt Foto (Abb. 5) wissen wir,
DM-Wechselkurs 1 :4 ,2 0 betrug, errechnet dass zumindest ab April 1949 ein erster Mikro­
sich ein deutscher Inlandspreis von immerhin benjäger existiert haben dürfte. In den Unter­
1.260 DM. Zum Vergleich sei angemerkt, dass lagen findet sich auch ein Hinweis auf eine

Lfemonandum.

Dieser Vetrtrag abgeschlossen am 30. Januar 1951 durch und zwischen


Henry Kaiser aus Berlin, Deutschland, z.Zt. wohnhaft Larchwood
Avenue 5945 in Philadelphia, Pennsylvania, der Vollmacht hat
und die Fa. Steindorff & Co., Berlin S.0.36, Kottbusser Ufer 41,
vertritt, und D.H. Hair, der die Ermächtigung besitzt,durch George
Tietzi und K.F. Jasen, gewisse Erklärungen abzugeben, die nach­
stehend angegeben sind, und der für eine
zu gründende Gesellschaft handeln soll, die »zeiter unten beschrie­
ben ist. Diese Ermächtigung wird durch George Tietz und K.J.Jasen
durch k ± b ihre Unterschriften wie folgt bescheinigt.
D.H. Hair erklärt:
1. George Tieta, K.F. Jasen und D.H. Hair werden eine Gesellschaft
gründen, die "Steindorff of America, Inc.y heißen soll, mit dem
i i Vf'"einzigen Ziel und Zweck in den ü. S..A. Erzeugnisse zu verkaufen, die
J^*fcon Steindorff & Co., Berlin, hergefetellt werden. Abb. 3: Das Memorandum
2. Es ist die Absicht von Steindorff of America von Steindorff/Ber­ zur Gründung von Steindorff
lin g p jijifip fi) i/Ware zu kaufen, die genügt, um steindorff of America
zu befähigen, einen Jahresumsatz von mfaenstens $300,000 zu er­ o f America, 30. Januar 1951.
zielen. Der erste Auftrag auf 100 Mikroskope mit Codewort "BEVI^R"
Lrd auf der Grundlage, daß der Katalogpreis von Steindorff/Berlin Die markierte Textpassage
# 300.-- beträgt und daß die anderen Instrumente mretr entsprechen­ bezieht sich vermutlich auf den
de Preise haben, ä±s sofort erteilt werden nachdem die notwendi-
gen iizei Genehmgungen durch die deutschen und amerikanischen Beä Mikrobenjäger.
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Steindorffs „M ik ro b e n jä g e r " - T e il 2 43

Beteiligung an der First United States Trade


Fair-Messe, 7. bis 30. August 1950 in Chicago,
Illinois. Wir wissen jedoch nicht, ob dort ledig­
lich eine Abbildung oder das M ikroskop selbst
gezeigt wurde.
Nur kurz später erschien der eingangs er­
wähnte Kurzbericht von Horst Kaudewitz im
M IKRO KO SM OS. Dort wird erwähnt, dass
die Firma Steindorff den Mikrobenjäger anläss­
lich ihres 70jährigen Firmenjubiläums präsen­
tiert habe. Auch dies ist ein Hinweis auf das
mutmaßliche Entstehungsjahr 1949, denn die
Firma Steindorff wurde ja 1879 gegründet.
Schon sehr früh, vielleicht sogar vor den ersten
öffentlichen Präsentationen, scheint man bei
Steindorff über die Notwendigkeit eines K o­
pierschutzes für das neue M ikroskop nachge­
dacht zu haben. Aus heutiger Sicht hätte man
sich nicht allzu viele Sorgen machen müssen:
Der Mikrobenjäger kam nie auf größere Stück­
zahlen. Ein derart stolzes und vergleichsweise
teures Gerät eines weniger bekannten Herstel­
lers war im noch arg provinziell introvertierten
und ärmlichen Nachkriegs-Deutschland fehl
am Platze.
Die Firma Steindorff verfolgte das Kopier­ Abb. 4: Werkstattaufnahme bei Steindorff, mit M ikro­
schutzkonzept auf zwei parallelen Wegen. Mit skopen in unterschiedlichen Montagestadien, wohl vor
erheblichem zeitlichen und finanziellen Auf­ 1950. Auf dem Tisch liegt ein Mikrobenjäger-P\an.
wand versuchte man die Technologie (Doppel­
armstativ mit fixer Geometrie, Prismen­
umschalter und eine Prise Ergonomie) als Ein Parallelantrag für Ostdeutschland erlitt ein
klassisches Patent anzumelden. Die hierfür er­ ähnliches Schicksal und scheiterte im selben
forderlichen anwaltlichen Aktionen begannen Jahr.
Anfang April 1949, möglicherweise weil zu Somit war klar, dass der für den Mikrobenjäger
diesem Zeitpunkt die ersten Mikrobenjäger auf angestrebte Patentschutz nicht mehr erreichbar
dem Werktisch Gestalt annahmen. sein würde. Die Firma Steindorff hatte im Lauf
Nur kurz vor der ersten Auslandspräsentation der Jahre erhebliche Summen für ihren Patent­
des Mikrobenjägers in New York, am 8. April anwalt ausgegeben, wie der deprimierend um­
1949, reichte Steindorff einen Patentantrag fangreiche Schriftwechsel zu den einschlägigen
beim Westdeutschen Patentamt in München Honorarforderungen und Zahlungsmodalitä­
ein. Die begleitenden Planzeichnungen (Abb. ten eindrücklich belegt.
6) zeigen ein überraschend einfaches Konzept. Als sehr viel einfacher und gangbar erwies
So genügt ein einfacher Prismenschwenk zur sich jedoch der Weg über den Schutz des reinen
Umschaltung des Strahlengangs zwischen vi­ Designs. Zwar scheiterte ein erster Versuch
suellem Einblick und Fototubus. M it Datum bei einem Gericht in Berlin-Charlottenburg am
vom 24. Juli 1951 widersprach die Firma Leitz 27. M ai 1948. Im Jahr 1949 erteilte jedoch das
dem Patentantrag mit der Argumentation, dass Berner Bureau International de la Propriete
ein in seiner Stativgeometrie zwangsläufig International mit dem Aktenzeichen 12272
fixiertes, trinokulares M ikroskop gegenüber ein Design-(Geschmacksmuster-)Patent, wel­
dem flexibleren klassischen Design keinen ches die Firma Steindorff bis zum Jahr 1964
Fortschritt bedeute und deshalb nicht schüt­ aufrecht erhielt. Im Design-Patent beruft sich
zenswert sei. Nach einiger Zeit rechtlicher Un­ die Firma Steindorff somit ausdrücklich auf die
sicherheit wies das Patenamt den Antrag der ästhetischen Qualitäten ihres Instrumentes. Ge­
Firma Steindorff im Jahr 1954 offiziell zurück. nau diese Qualitäten sind es, die noch heute so
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M . M ach und M . del C erro

Abb. 5: Offizielle Bescheinigung,


O P T 1 C Ä L M E C H Ä N I C Ä L W O R K S derzufolge im April 1949 ein
Foto des Mikrobenjägers in New
STEIN DO RFF & C O . York gezeigt wurde.
B E R L I N S 0 36 / K O T T B U S S E R U F E R 41
F o u n d c t 1879 / C a b l e a t l r c s s : O p t i m i k r o s B e r l i n / P li o n c : 6 6 0 6 6 8 / U SA . Scctor

Es v;ird h i e rmit bescheinigt, dass die u n t e n stehende Abbilds


M i k r oskopes (bino-und monokularsäiend) von i
?irma Stein d o r f f & Co. auf der hiesigen Au Stellung
der Zeit vom 9 . -?-A- April 19-49 gezeigt wc rden ist.

:nm?nt Germ, n Exhibitioi


of Sei ence and
InsJfcstJry ,Ne\^/York

/V ö f

C O IN C ID EN T with the seventieth ycar of met with the approval of all compctent Pro­
our busincss foundation and on the strength fessional circles on account of its stablc and
of a long cxpcricncc, wc herewith have much highly hnished construction and the simplicity
plcasurc of calling your attention to a novcl of manipulation. The Instrument joins all the
microscope, dcvcloppcd in many ycars of con- characteristic features of modern microscopcs,
structional labour. This new microscopc has but is deviating from hitherto known types.

manchen M ikroskopamateur in Verzückung Wie ein kleiner Mikroskophersteller


geraten lassen. zu seinen Objektiven kam
Sicherlich finden sich beispielsweise auch bei
Leitz-Mikroskopen der 1920er Jahre und Einige unscheinbare, jedoch hoch interessante
Zeiss-Mikroskopen der 1950er Jahre an­ Einzelblätter aus dem Steindorff-Archiv führen
spruchsvolle Designkonzepte. Der feindosiert uns vor Augen, wie man mit vergleichsweise
schwarze Kurvenglanz des Mikrobenjägers bescheidenem Aufwand achromatische Objek­
blieb jedoch in seinem Schwung und Mut bis tive entwarf. Offensichtlich beauftragte die
zum heutigen Tage unerreicht. Freunde der Firma Steindorff hierfür eine Berliner Optik-
automobilen Vergleiche würden sagen: Ganz Rechnerin namens Käthe Gallus, deren Berech­
klar, hier haben wir so eine Art Bugatti Atlantic nungen sich für jedes Objektiv in jeweils einem
in der Welt der Mikroskope! Sündiger Über­ Blatt niederschlugen. Käthe Gallus entwarf
fluss! Was hinterher kam, ist allgemein be­ die komplette Objektivgeometrie, definierte die
kannt: Das Kastendesign mit seiner beigen Tris­ Linsenradien, Linsendurchmesser, Linsenab­
tesse und dann noch das Kostendesign mit stände und das jeweils notwendige Spezialglas.
seinen selbstverständlich überaus hochwertigen So zeigt eine Käthe-Gallus-Zeichnung mit D a­
Kunststoffteilen. tum vom 6. September 1949 die Konstruktion
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S teindorffs „M ik ro b e n jä g e r"- Teil 2 45

des hochauflösenden Steindorff-Trockenobjek­


tivs 45x / N.A. 0.85 (Abb. 7).
Wie man sieht, besteht dieses Objektiv aus fünf r
Linsen, die in drei Gruppen angeordnet sind.
Das (hypothetische) Deckglas ist im Plan be­
rücksichtigt. In einem einzigen Blatt finden sich
somit alle notwendigen Informationen zum op­
tischen Aufbau des Objektivs. Auch die Ab­
stände zwischen den einzelnen Elementen sind
spezifiziert, in diesem Fall mit 0,1 mm. Die
Zahlen entlang der optischen Achse beziehen S. Js-rr'

sich auf die jeweiligen Linsendicken, die sich 7 —


- ryr ^
auch in der dritten Spalte der Tabelle wiederfin­ J.
V*
y.
den. Die zweite Tabellenspalte definiert die Lin­ -
s:
senkrümmungen, mit positiven Werten für
konvexe Oberflächen, negativen Werten für
konkave. In der vierten Spalte finden sich die
freien Durchmesser, also die optisch nutzbaren
Querschnittsflächen der Linsen. Und - sehr Abb. 7: Ein Objektiventwurf der Optikrechnerin
wichtig - die letzte Spalte listet Glastyp und Be­ Käthe Gallus für die Firma Steindorff mit Datum vom
stellinformation auf. Dank dieses „Rezeptes“ 6. September 1949.
war der Großteil der Objektivplanung bereits
geleistet, den umgebenden Käfig bauten dann
die Steindorff-Feinmechaniker.
gen, dass die Eigentümer und Mitarbeiter der
Firma trotz schwieriger Randbedingungen, wie
Zusammenfassung beispielweise der Stromkontingentierung, mit
Hingebung an ihrem Produkt arbeiteten (Abb.
Eindrucksvoll zeigte sich, wie eine kleine Berli­ 8 ).
ner Firma in einer wirtschaftlich schwierigen Relativ wenige Menschen investierten somit
Zeit versuchte, die Mikroskop-Baukunst zu re­ ihre gesamte Energie direkt in ein Produkt, das
volutionieren und ihre Produkte in den USA zu normalerweise nur von erheblich größeren Fir­
vermarkten. Die wenigen Werkstattbilder bele- men hergetellt werden konnte. Mit Sympathie
46 © Elsevier GmbH. Alle Rechte vorbehalten; http://www.elsevier.de/
M . M ach und M . del C erro

Langfristig hatte die Firma Steindorff ihren


verdienten Erfolg, wenn auch leider nicht mit
ihrem Traummikroskop, so doch mit ihren soli­
den Instrumenten in klassischer Bauweise.
Tief im Herzen der M ikroskopsammler hat sich
die Einsicht festgesetzt, dass die Zeit der sanft­
schwarz schimmernden Stative in Verbindung
mit der gerade richtigen Dosis winziger,
handwerkstypischer Unvollkommenheiten un­
wiederbringlich der Vergangenheit angehört
und einer merklich gefühlskälteren, globalen
Abb. 8: Kritische Mikroskop-Fertigungs-Kontrolle in
Kultur perfekten Computerdesigns gewichen
der Werkstatt. ist. Wir sollten deshalb gut aufpassen, dass die
wenigen erhaltenen Mikrobenjäger keinen Rost
und Staub ansetzen!

blicken wir heute auf eine karge Zeit zurück,


als es noch keine Computer und keine Handys Verfasser: Martin Mach,
Versailler Straße 13, 81677 München,
gab und die Welt auch ohne die vermeintlich E-Mail: martin@tardigrades.com, und
allwissenden Zauberlehrlinge der Consulting- Manuel del Cerro,
Firmen zu funktionieren schien. E-Mail: pqb4@att.net

optimalen druckfertigungstechni­
Vd’acny, P., Foissner, W.:
schen Ansprüchen genügt. Das
Monograph of the dileptids
heißt, dass die sachlichen Inhalte,
(Protista, Ciliophora,
die vermittelt werden, genauso
Rhynchostomatia).
wie insbesondere die bildlichen
Land Oberösterreich, Biologie­ Darstellungen, die vorgelegt wer­
zentrum / Oberösterreichische den, von einer Qualität geprägt
Landesmuseen, Denisia 31, sind, die weltweit ihresgleichen
Linz 2012, sucht. Es erübrigt sich, festzuhal­
529 Seiten, Softcover, ten, dass die besagten Ciliaten in
€ 3 0 ,0 0 , einer fachlichen Breite bearbeitet
Bestellung werden, wie es kaum irgendwo
http://www.biologiezentrum.at sonst zu finden ist. Das Betrach­
oder ten der Bilddokumente ist - wie­
bio.buch@landesmuseum.at der einmal - ein Genuss.
ISSN 1608-8700. Die Online-Bestellung mag dem
einen und anderen mühselig er­
scheinen. Ich kann nur sagen: Es
Bei diesem Werk handelt es sich von Wilhelm Foissner aus Salz­ lohnt sich, insbesondere ange­
um eine weitere Buchveröffentli­ burg, Österreich. Wer seine Bü­ sichts des geringen Anschaffungs­
chung zu einer Ciliatengruppe - cher kennt, weiß was er zu erwar­ preises.
diesmal sind es die Dileptiden, ten hat, nämlich ein Produkt, das
welche monographisch bearbeitet qualitativ höchsten wissenschaft­
werden - aus der Arbeitsgruppe lichen, aber gleichermaßen auch Klaus Hausmann, Berlin
© Elsevier GmbH. Alle Rechte vorbehalten; http://www.elsevier.de/
MIKROKOSMOS 47

Pemi) cuDd] RmßsSiDDJ


ffi-n Äüfcp mxH (MnlfflhßxäxäMjü
Der Bienenwolf, ein Schwerlasttransporter
W erner N a ch tig a ll und A lfred W isser

Bienenwölfe sind räuberische Grabwespen, die Honigbienen einfangen und in ihre


unterirdischen Baue eintragen. Die Beutetiere wiegen etwa ebensoviel w ie der Räuber
selber. W ie schafft das der Bienenwolf?

Es ist schon ein eigentümlicher Erlebnis für den kann. Diese werden mit Honigbienen verpro­
Naturbeobachter, wenn er einen Bienenwolf viantiert und mit Eiern belegt. Die sich ent­
(Philanthus triangulus ) mit seiner bewegungs­ wickelnde Larven überwintern, und die neue
unfähig gemachten Beute anfliegen sieht und Generation schlüpft im nächsten Frühjahr. Es
hört. Die klassische Aufnahme von Günter wurden, zum Missfallen der Imker, schon an
Ohlberg aus der Frühzeit der Elektronenblitz­ die 100 Bienen pro Bau gezählt. Der Bienen­
fotografie (Abb. 1) und neuere Videoaufnah­ wolfmuss also fleißig eintragen und tut dies über
men mit Kurzzeitbelichtung (Abb. 2d-f) zeigen Dutzende, gelegentlich auch über Hunderte
deutlich, dass das Bauchseite an Bauchseite und von Metern.
Kopf voran geschieht. Und unser Ohr bemerkt Dass er sich dabei bis an die Grenze seiner Be­
schon aus einiger Entfernung einen sehr rauen lastungsfähigkeit abmüht, sieht man daran,
Flugton, während es einen unbeladenen Bie­ dass er - insbesondere nach längerer Flugstre­
nenwolf kaum wahrnimmt. Hat das mit dem cke, also in Baunähe - öfters einmal absetzen
Beutegewicht zu tun? muss. Er lässt dann seine Biene fallen (Abb. 2a)
Heute sind Bienenwölfe vielerorts rar gewor­ und nimmt sie nach einer kurzen Erholungszeit
den; früher hat es in Trockenregionen nahe von von vielleicht einer halben Minute, während
Bienenstöcken ganze Ansiedlungen gegeben. derer er sitzt oder einen kleinen, belastungs­
Bienenwölfe leben solitär, tun sich also nicht freien Rundflug macht (Abb. 2b) wieder auf
wie Honigbienen zu sozialen Verbänden zu­ (Abb. 2c). Wenn er weiter fliegt, erzeugt er, wie
sammen. Jeder gräbt sich einen eigenen Nest­ erwähnt, ein auffallendes, kratzend-sirrendes
bau in trockenem Sandboden, der knapp me­ Fluggeräusch. Am Bau angekommen, stellt er
terlang werden und mehrere Zellen enthalten sich mitsamt seiner Last unter 45° schräg (Abb.
2d-f). Da seine Flügel beim horizontalen N or­
malflug unter 45° zur Horizontalebene schla­
gen, bewegen sie sich nun in der Horizontal­
ebene und erzeugen somit keinen Schub mehr
sondern nur noch Hub. Dieser ist etwas kleiner
als das Gesamtgewicht, so dass sich der Bienen­
wolf langsam senkrecht herablässt, wie ein an­
landender Hubschrauber.
Eine „beladene“ Honigbiene besitzt eine Masse
von etwa 110 mg (Milligramm), entsprechend
einem Gewicht von rund 1,1 mN (Millinewton),
der Bienenwolf etwa ebensoviel. Er kann also
eine Zulast von sehr beachtlichen 100% trans­
portieren. Damit steht er aber nicht alleine. Für
Abb. 1: Bienenwolf, eine Honigbiene eintragend Rüsselkäfer eintragende Sandknotenwespen
(nach Olberg aus Nachtigall, 1969). (Cerceris), Larven eintragende Lehmwespen

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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48 Form und Funktion im M©ikElsevier
ro - undGmbH.
MAlle
akroRechte
bevorbehalten;
reich http://www.elsevier.de/

Abb. 2: Videobilder vom Flug


eines Bienenwolfs. Belichtungszeit
1/3000 s. a Fallenlassen der Last,
b Freiflug,
c Wiederaufnehmen der Last,
d -f Anlanden am Bau mit der Last
(Aufnahmen Nachtigall).

■■■■ ■ ■ ■ ■ ■ ■

I M

(Odynerus ) und Lehmkügelchen antransportie­ die Anstellwinkel auf etwa 40°. Hier beginnt
rende Töpfergrabwesepen (Sceliphron) gelten die Strömung schon abzureißen, und das er­
ähnliche Werte. Alle belasten sich bis an die zeugt den auffallend rauen Flugton. Nun kann
Grenze ihrer Tragfähigkeit und damit ihre Flü­ man ablesen: cA* 1,15 und cw « 0,82. Der Auf­
gel bis an die Grenze ihrer Funktionsfähigkeit. trieb steigt also auf das l,4fache und das
Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf die braucht der Bienenwolf auch, um sich mitsamt
„aerodynamische Visitenkarte“ des Flügels, der Zusatzlast in der Luft zu halten. Außerdem
seine so genannte Polare. Man versteht darun­ steigt die Flügelschlagfrequenz etwas, was den
ter die Auftragung seines Auftriebsbeiwerts cA Auftrieb zusätzlich erhöht. Leider steigt bei
über den Widerstandsbeiwert cw mit dem An­
stellwinkel a als Parameter. Diese Kenngrößen
sind im M IKRO KO SM OS bereits eingehend
diskutiert worden; es lohnt sich ein Blick auf
die Arbeit Nachtigall (2012).
In Abbildung 3 ist die Polare eines Honigbie-
nen-Flügels abgebildet; die vom Bienenwolf
dürfte praktisch gleich aussehen. Nehmen wir
das einmal an und betrachten diese Kennlinie
näher. Der Flügel arbeitet bei einem gegebenen
Anstellwinkel a dann gut, wenn er viel Auftrieb
erzeugt (bei gegebenen sonstigen Randbedin­
gungen: cA -> möglichst groß) und dabei wenig
Widerstand überwinden muss (cw —> klein und
damit auch Flugleistung -» klein). Beim norma­
len Streckenflug arbeiten die Flügel mit maxi­
malen Anstellwinkeln um die 15°. Aus der Po­
laren kann man hierfür ablesen: cA » 0,82 und
cw « 0,42. Damit kann er sich gerade in der
Luft halten und gibt auch nicht zu große Flug­ Abb. 3: Polare eines Honiabienen-Flügels (verändert
leistung aus. Trägt er aber eine Biene, so steigen nach Junge aus Nachtigall, 2003).
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dieser Einstellung auch der Widerstand auf fast Literaturhinweise


das Doppelte, und das bedeutet drastisch er­ Nachtigall, W. Gläserne Schwingen. Moos-Verlag,
höhte Flugleistung. Der Muskelmotor wird an München 1969.
seiner Grenze beansprucht und ermüdet leicht. Nachtigall, W.: Insektenflug. Konstruktionsmorpho­
Das ist der Grund für das Zwischendurch-Pau- logie, Biomechanik, Flugverhalten. Unter M itar­
beit von Alfred Wisser. Springer, Berlin 2003.
sieren. Nachtigall, W.: Nurflügler-Samen von Alsomitra
Ganz Ähnliches gilt für die Hubschrauber der macrocarpa - Die besten pflanzlichen Gleitflieger
Technik. Sind sie schwer beladen, so müssen der Welt. Teil 4: Die „aerodynamische Visiten­
auch sie den Anstellwinkel ihrer Rotoren erhö­ karte“ . Mit einer Einführung in die Strömungs­
technik. M ikrokosmos 101, 51-59 (2012).
hen. Aber hier ist schon bei weniger als 20°
Schluss; da beginnt der Rotor schon zu knat­
tern und die Strömung tendiert bereits zum Ab­
reißen. Das aber darf nie passieren. Der Bienen­ Verfasser: Prof. em. Dr. rer. nat. Werner Nachtigall
wolf hat es da leichter. Kommen seine Flügel und Dr. rer. nat. Alfred Wisser,
einmal in diesen überzogenen Zustand, lässt er Außenstelle Technische Biologie und
einfach seine Biene fallen und kann dann die Bionik der Akademie der Wissenschaften Mainz und
FB 8, Biowissenschaften,
Flügel schon beim nächsten oder übernächsten Universität des Saarlands.
Schlag wieder auf ungefährlich kleine Anstell­ Postanschrift: Postfach 151150, 66041 Saarbrücken,
winkel herunterfahren. E-Mail: a.wisser@mx.uni-saarland.de

im Feld nur etwa ein Viertel der bei


Amiet, F., Krebs, A.: Bienen
uns heimischen 740 Arten sicher
Mitteleuropas. Gattungen,
zuordnen. Auf etwa 50 einführen­
Lebensweise, Beobachtung.
den Seiten wird viel Interessantes
Haupt Verlag, Stuttgart 2012,
über Anatomie und Verhalten
423 Seiten,
(beides wichtig für die Bestim­
laminierter Pappband,
mung), Gefährdung und Beobach-
zahlreiche Farbfotografien und
tungs- beziehungsweise Unter­
Zeichnungen, € 39,90,
suchungsmethoden berichtet.
ISBN 978-3-258-07713-0.
Haben Sie beispielsweise gewusst,
dass sich manche Bienenarten zu
Neben der wohlbekannten West­ Schlafgesellschaften zusammenfin­
lichen Honigbiene (Apis mellifera) den und dabei teilweise exponiert
gibt es in Europa mehrere Hun­ mit den Mandibeln festgebissen an
dert Arten von Wildbienen. Sie Pflanzenteilen hängen? Wollbie-
unterscheiden sich nicht nur im nen bauen Nester aus Pflanzen­
Aussehen, sondern haben auch haaren, Mörtelbienen mauern ihre
ganz andere Lebensweisen als Nester aus mineralischen Mörtel
unser bekanntes Haustier. Das in oder Harz, andere graben Nester
erster Auflage im Haupt-Verlag in den Boden oder nutzen Spalten
erschienene Werk Bienen Mittel­ oder Schneckenschalen für ihre
europas von Felix Amiet und Al­ tigen Farbfotos und die dazugehö­ Brut. Beim Lesen wird durchaus
bert Krebs führt in nur unwesent­ rigen Steckbriefe der beschriebe­ ein gewisser Ehrgeiz geweckt, zu­
lich veränderter Form das Buch nen Arten aus. Mit dem mitgelie­ mindest einen Teil der beschriebe­
Bienen. Mitteleuropäische Gattun­ ferten Bestimmungsschlüssel kann nen Verhaltensweisen und Arten
gen, Lebensweise, Beobachtung man bis zur Gattung bestimmen. selbst zu entdecken und zu beob­
des Naturbuch Verlags fort. Den Aufgrund der vielen morpholo­ achten. Viel Spaß dabei.
Hauptteil machen die großforma­ gisch ähnlichen Arten kann man Renate Radek, Berlin
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50 MIKROKOSMOS

Mikroskopieren mit Kindern der Primarstufe

Klaus Vorm ayr

Der Afterdeckel einer Spinne, die Flügelschuppen des Apollo-Falters (Parnassius apollo),
die Staubfäden (Stamina) der Schwarzen Königskerze (Verbascum nigrum), die Stern­
haare (Trichome) der Acker-Schmalwand (Arabidopsis thaliana), die beeindrucken­
den Formen und Strukturen von menschlichen Harnkristallen - diese beliebig aus­
gewählten Teilaspekte eines myriadenfach vielgestaltigen Kosmos übersteigen den
alltagsmäßigen Vörstellungshorizont um das Vielfache des hinlänglich bekannten Ge­
wöhnlichen.

D
as Gewöhnliche, das seine Existenz aus turen und die große Freude über deren un­
dem Gewohnten ableitet, erfährt durch glaubliche Schönheit (Abb. 2). Diese Begeiste­
die Beobachtung von bislang unbe­ rung kann ich nun seit Herbst 2012 mit den
kannten Mikrostrukturen eine plötzliche Auf­ Kindern meiner eigenen Klasse (Integrations­
dehnung in Richtung auf das Staunen hin. klasse, 3. Schulstufe, gemeinsam mit meiner
Diese menschliche Fähigkeit des Staunens wird Kollegin Elisabeth Kreipl-Ruess geführt) und
seit der griechischen Antike als der Ursprung mit zehn Kindern aus anderen Klassen, welche
jedweder Philosophie betrachtet. Beim Philoso­ die unverbindliche Übung Mikroskopieren be­
phen Platon (5./4. Jh. v. Chr.) lesen wir: Denn suchen, teilen.
gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der
Weisheit [eines Philosophen], die Verwunde­
rung; ja es gibt keinen ändern Anfang der Welche Ziele verfolge ich mit diesem Angebot?
Philosophie als diesen (Theaitetos). Als Philo­
soph wurde dabei seit Heraklit (6.15. Jh. v. • Horizonterweiterung: Die „Welt“ endet
Chr.) der forschende Mensch bezeichnet. Dieser nicht dort, wo das Auflösungsvermögen un­
gibt sich nicht zufrieden mit den alltäglichen serer Augen seine Grenze hat.
Erfahrungen der so genannten objektiven, also • Beobachtungsschulung: Naturbeobachtung als
ihm entgegenblickenden Welt, sondern ihn Schule des Sehens (1953 gründete Oskar
treibt die Neugier an, hinter die Fassade des Be­
stehenden zu schauen, das Verborgene aufzu­
spüren (Abb. 1). Und hier gelangen wir zur we­
sensmäßigen Geistesart des Kindes: Jede
Pädagogin, jeder Pädagoge weiß um die Q ua­
lität dieser Geistesart, um deren bezaubernde
Unmittelbarkeit und Ästhetik. Und eben diese
Ästhetik, die in der Unmittelbarkeit des kind­
lichen Wissensdranges zu einer ihrer höchsten
Ebenen sich aufschwingt, fesselt mich bis heute
und war auch die treibende Kraft für mein an
der Volksschule Liefering 2 in Salzburg begon­
nenes Projekt.
Meine Leidenschaft für die Mikrowelt hat ihre
Wurzeln in jenen Mikroskopierübungen, an de­
nen ich als Zwölfjähriger in meiner damaligen
Schule teilnahm. Seit dieser Zeit begleitet mich Abb. 1: Flammarions Holzstich: Wanderer am
das Wissen um die Subtilität von Mikrostruk­ Weltenrand; unbekannter Künstler.

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


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M ikro skopiere n m it Kindern de r Prim arstufe 51

besondere Faszination aus - sie sind be­


sonders empfänglich für die Ästhetik bislang
unbekannter Strukturen.
• Sprachförderung: Die Grenzen meiner Spra­
che bedeuten die Grenzen meiner Welt (Lud­
wig Wittgenstein). Durch das Eintauchen in
die Mikrowelt sollen die Sprachgrenzen der
Kinder verschoben werden.
• Einübung ins wissenschaftliche Arbeiten: Be­
obachtung - Hypothesenbildung (Prämissen)
- selbständiges Aufsuchen von Informations­
quellen - Verifikation/Falsifikation - Schluss­
folgerung (Conclusio) - eventuell neue Hy­
pothese - Intersubjektivitäts-Prüfung durch
Abb. 2: Auskristallisierter Urin; Farbgebung durch Austausch mit den anderen Kindern.
Polarisationsfilter. • Einübung ins systemische Denken: Auflösung
von monokausalen und monofinalen Denk­
mustern; Integration von naturwissenschaft­
Kokoschka gemeinsam mit dem Kunsthänd­ lich-mathematischen und geisteswissenschaft­
ler Friedrich Welz die Internationale Som­ lich-philosophischen Denkmodellen.
merakademie für Bildende Kunst auf der Fes­ • Hinweis a u f die Stellung des Menschen: Die
tung Hohensalzburg als Schule des Sehens). Kinder erfahren, dass die Natur in allen
• Überraschung als Eckpfeiler des entdecken­ ihren Erscheinungen schützenswert ist. Der
den bzw. selbstbestimmten Lernens: Spätes­ Mensch hat nicht das Recht, sich über sie zu
tens seit den Erkenntnissen der Neurodidak- erheben und sie zu zerstören.
tik weiß man um den positiven Einfluss von • Koedukation: Für die Teilnahme an den
Überraschungen auf die Langzeitspeicherung Mikroskopierübungen sollen vor allem auch
von Lerninhalten. Der Blick durch ein M ik­ Mädchen gewonnen werden - bei der Wahl
roskop gleicht einer Reise durch ein fernes, der Studienfächer oder des Berufes sind noch
exotisches Land: Überraschungsgarantie! immer signifikante Unterschiede zwischen
• Förderung des ästhetisch-künstlerischen Emp­ Mädchen und Jungen feststellbar. Mädchen
findens: Die Mikrowelt übt auf Kinder eine entscheiden sich überwiegend für die Berei­

Abb. 3: Orientierender Blick durch das Stereomikroskop. - Abb. 4: Präparation mit Hilfe der Standlupe.
52 K. V o rm a yr © Elsevier GmbH. Alle Rechte vorbehalten; http://www.elsevier.de/

Abb. 5: Gemeinsames Betrachten


und Auswerten eines Präparates
mittels Videokamera und Beamer.

che Helfen, Pflegen, Assistieren und Er­ Unbekanntes oder besonders Interessantes, so
ziehen, Jungen für naturwissenschaftlich kommt es damit zu mir. Das Objekt wird so­
basierte, technische oder gewerbliche Stu­ dann unter die mit einer Digitalkamera ausge­
dienfächer oder Berufe. stattete Stereolupe (Leica EZ4 HD, Vergröße­
• Integration von Kindern mit Konzentrations­ rung 8- bis 35fach) gelegt oder für das digitale
störungen: Gerade diese Kinder sprechen auf Durchlichtmikroskop (Leica DM750 + ICC50
visuelle, generell auf sinnliche Eindrücke be­ HD, Vergr. bis lOOOfach) präpariert und mittels
sonders gut an - Überraschung als ständiger Beamer für alle sichtbar auf einer Leinwand ab­
Begleiter erhöht dabei das Konzentrations­ gebildet (Abb. 5). Es folgt daraufhin eine Erklä­
vermögen wesentlich. rung entweder durch das betreffende Kind oder
• Begabtenförderung: Leistungsstarke Kinder durch mich. Offene Fragen werden durch sofor­
erhalten vertiefende Einblicke in strukturelle tiges Nachforschen in den bereitliegenden Bü­
und kybernetische Gegebenheiten der bioti­ chern und Karteien oder im Internet zu beant­
schen und abiotischen Natur. worten versucht (Abb. 6). Von Zeit zu Zeit

Wie hat man sich den Ablauf einer solchen


Mikroskopierstunde vorzustellen ?

Bevor die Kinder an die Mikroskope (genauer:


Stereolupen, Marke Leica EZ4) gehen, waschen
sie sich die Hände. Anschließend verteilen sie
sich auf die vorhandenen Plätze (jedes Kind hat
eine eigene Stereolupe zur Verfügung) und be­
ginnen meist sofort mit ihrer Arbeit (Abb. 3).
Untersucht werden entweder Objekte, welche
die Kinder selbst mitbringen, oder solche, die sie
von mir zur Verfügung gestellt bekommen. Auf
einem eigenen Tisch können zu große Objekte
oder solche, deren Innenstrukturen untersucht
werden wollen, unter den bereitstehenden
Standlupen präpariert werden (Abb. 4). Findet Abb. 6: Zeitgemäße Internet-Recherche zur Be­
ein Kind bei seinen Untersuchungen etwas antwortung von Fragen.
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M ikro skopiere n m it Kindern d e r Primarstufe 53

wo die Kinder im Rahmen gerade laufender


Projekte (beispielsweise Körper oder Tiere) ge­
meinsam mit mir eine Reise in die Mikrowelt
unternehmen konnten: Der eigene Nasenpopel,
die Erythrozyten des eigenen Blutes, die Harn­
kristalle des eigenen Urins - dies alles und vie­
les mehr waren dabei höchst interessante und
amüsante „Sehenswürdigkeiten“ .
Ein eigener Projekt-Schwerpunkt schließlich
liegt auf der Kooperation mit dem Haus der
Natur und der Universität Salzburg. Hier
kam es im vergangenen Schuljahr zu zwei
„Gastvorlesungen“ , die von den Kindern begeis­
Abb. 7: Überraschungen aus dem Kaulquappen- und tert aufgenommen wurden. Für das kommende
Moorbecken. Schuljahr gibt es bereits weitere Zusagen.
Für die Zukunft plane ich, in Anlehnung an das
im Naturhistorischen Museum Wien angebo­
bekommen die Kinder eine Powerpoint-Präsen-
tene Mikrotheater, ein von Zeit zu Zeit stattfin­
tation gezeigt, worin ganz allgemeine, basale
dendes Mikrokino in unserem Turnsaal, das
Themen zur Sprache kommen, wie Anatomie
interessierte Kinder aus allen Klassen besuchen
und Morphologie von Spinnen, Fliegen, ausge­
können. Als Hauptdarsteller werden dabei le­
wählten Pflanzen, die Metamorphose des M a­
bende Kleinorganismen und interessante Pflan­
rienkäfers oder des Frosches, um nur einige Bei­
zen wie beispielsweise der Wasserschlauch Utri-
spiele zu nennen.
cularia vulgaris in Großprojektion präsentiert
Besonderes und dauerhaftes Interesse erwecken
werden.
die zwei Terrarien, die sich im Klassenraum be­
finden. In diese Terrarien können die Kinder
während des gesamten Schuljahres Objekte wie Schlussbemerkung
Insekten, Regenwürmer, kleine Pflanzen, inte­ Abschließend möchte ich bemerken, dass es für
ressante Aststücke oder Steine setzen. Auch ein mich als Pädagogen nichts Schöneres gibt, als
Becken für Kaulquappen, deren Metamorphose mich vom Strom der kindlichen Begeisterung
jedes Jahr erneut begeistert mitverfolgt wird, und Neugier mitreißen zu lassen - ein Aben­
und ein eigenes Moorbecken mit den entspre­ teuer, das mich zu ständig neuen Ufern bringt.
chenden Bewohnern - Egel, Hüpferlinge, Was­ Und wenn dann ein Mädchen zu mir sagt:
serasseln, Fadenwürmer, Wimpertiere, Algen - Klaus, nach der Vierten möchte ich in ein na­
sorgen für beständige Neugier und Überra­ turwissenschaftliches Gymnasium gehen!, dann
schungen (Abb. 7). erlaube ich mir kurz, mit mir selbst zufrieden
zu sein.
Kooperationen
Verfasser: Dipl.-Päd. Klaus Vormayr,
Bereits mehrmals war ich mit den digitalen Feldbahnweg 23/7, 5111 Bürmoos, Österreich,
Mikroskopen in anderen Klassen unserer Schule, E-Mail: klaus_vormayr@hotmail.com

Friedensstifter
Sie fü r Ihr Patenkind. Ihr Patenkind für seine W elt.

Eine P atenschaft b ew egt. W erd e n Sie Pate!

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54 MIKROKOSMOS

Stacking in der Lupenfotografie


Teil 1: Lupenfotografie in der freien Natur -
Ausrüstung, Arbeitsweise und Erzeugung
der RAW-Daten

G erhard Zim m ert

Als Fotograf hat man - neben vielem anderen - das Ziel, eine möglichst große Band­
breite an Abbildungsmaßstäben zur Verfügung zu haben, um dam it unterschiedliche
Details eines Objektes darstellen zu können. Eine der Möglichkeiten ist die Lupen­
fotografie. Sie liegt für mich zwischen der M akro- und der eigentlichen Mikroskop-
Fotografie und deckt bei mir den Abbildungsmaßstab zwischen 1 :1 und 20 :1 ab.
Damit kommt es in beide Richtungen zu Überschneidungen. Denn ich kann beispiels­
weise mit meinem Olympus BHS Mikroskop in Verbindung mit dem S-Plan 1 FL und
dem Projektiv 1,67 als schwächster Vergrößerung einen Abbildungsmaßstab von
circa 10:1 erreichen.

n diesem und einem weiteren Teil stelle ich der zu erzeugen. Um dieses Ziel zu erreichen,

I Ihnen vor, wie ich Lupenfotografie betreibe.


Zunächst beschreibe ich die von mir einge­
setzte Ausrüstung, die Arbeitsweise und die Ge­
winnung der RAW-Daten outdoor, danach die
konnte man damals an unterschiedlichen Stel­
len den Hebel ansetzen: Ein oder zwei Blenden
stärker abblenden, die Verlagerung der Schär­
fenebene, feinkörnigere Filme verwenden, in
Technik im Fotostüdio. In einem späteren Bei­ bessere Objektive investieren, Erschütterungen
trag steht dann die Verarbeitung der gewonne­ der Kamera durch Spiegelvorauslösung und
nen RAW-Daten zu den eigentlichen Bildern Verwendung eines Stativs verringern, Draht­
und deren Ausarbeitung im Mittelpunkt. Ich oder Fernauslöser einsetzen, blitzen. Aber je
werde die Anwendungsgebiete der einzelnen kleiner das zu fotografierende Objekt war,
Softwarekomponenten, deren Grundeinstel­ desto schwieriger wurde es. Durch die prak­
lung und die Bearbeitung der Bilddaten thema­ tisch nicht vorhandene Tiefenschärfe im Ma-
tisieren. Die in Teil 1 und 2 gezeigten Bilder kro- beziehungsweise Mikrobereich ergibt sich
durchlaufen im Zuge ihrer Verarbeitung den das Bedürfnis nach Erweiterung des kernschar­
RAW-Konverter, und danach werden die Ein­ fen Bereichs in diesen Abbildungsmaßstäben.
zelbilder mit Hilfe der Stacking-Software zu ei­ Ein starkes Abblenden scheidet aufgrund der
nem Fokus-Stack verrechnet. Um die Auflö­ kritischen Blende aus (mehr dazu im Abschnitt
sung zu erhöhen, werden einige Stacks im Kernschärfe und Zeichnungsvermögen weiter
Anschluss zu einem Panorama kombiniert. unten). Denn, je größer der Abbildungsmaß­
Welche Probleme treten dabei auf und wie löst stab, desto weniger kann abgeblendet werden
man diese? Und, faktisch kein Bild kommt und desto geringer wird die Tiefenschärfe, auch
ohne Retusche aus, da die Software in Teilbe­ wenn man das Problem der kritischen Blende
reichen nicht das gewünschte Ergebnis liefert dabei noch nicht berücksichtigt.
oder liefern kann. M it Ausnahme des Filmmaterials sind alle
Maßnahmen auch heute noch sinnvoll, aber es
kommt nun eine weitere, sehr effektive M ög­
Warum Stacking? lichkeit hinzu, nämlich die Technik des Fokus-
Stacking. Sie überwindet bei richtiger Anwen­
Schon in den Zeiten der analogen Fotografie dung diese Einschränkungen, ist vor 25 Jahren
auf Film war es mir ein Bedürfnis, scharfe Bil­ in der Werbefotografie aufgekommen und ver­

Mikrokosmos 102, Heft 1, 2013


www.journals.elsevier.de/mikrokosmos
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Stacking in de r Lupenfotografie 55

dankt ihre Existenz digitaler Bilddaten, die zu Raubfliegen, Bremsen) aufgenommen werden,
Beginn mittels Scannern angefertigt wurden. und andererseits das Fotografieren unter Stu­
Sinkende Kosten und der Siegeszug der digita­ diobedingungen, wo es mir darum geht, auto­
len Fotografie sowie die stetig steigende Leis­ matisierte Aufnahmeserien von Präparaten
tungsfähigkeit der Computer haben zur Ver­ (z. B. Insektenbein, Flügel einer Goldaugen-
breitung dieser Technik geführt. bremse, Fühler eines Weinschwärmers) anzu­
fertigen. Die Herausforderungen der Arbeit im
Studio beschreibe ich im zweiten Teil dieser
Stacken im Detail Serie.

Beim Stacken werden mehrere Schichten


hintereinander fotografiert und mittels Soft­ Stitching generell
ware zu einem Bild verrechnet. Zwischen den
einzelnen Bildern (Fokusschichten) liegen fein Im zweiten Teil wird darüber hinaus die Arbeit
abgestufte Mikroschritte, die auf drei unter­ um eine weitere Dimension erweitert. Zur Er­
schiedliche Arten erzeugt werden können: Be­ höhung der Auflösung werden nämlich zusätz­
wegen der Aufnahmekombination, Bewegen lich zur Aufnahme der einzelnen Fokusschich­
des Objekts oder durch Fokusdifferenz. Es ten im Zuge des Stackings Verschiebungen in
können theoretisch beliebig viele Schichten der xy-Richtung vorgenommen und eigenstän­
hintereinander gestapelt werden. Die Abbil­ dige Fokus-Stacks erzeugt, die anschließend zu
dungen la und lb zeigen je eine Fokusschicht einem Panorama verrechnet werden. Diese
aus einer Stacking-Serie, und in Abbildung lc Technik nennt man dann Stitching und das
sehen Sie das fertig berechnete Ergebnis. Die Bildergebnis ist ein so genannter PANO-Stack.
gezeigte Libelle lebt und ist in der freien Natur Da für Großvergrößerungen (Seitenlänge
aufgenommen worden. Dieses Beispiel zeigt von 70 cm und weit mehr) die beispielsweise
aber auch die Grenzen dieser Technik auf. 18 M egapixel einer Canon EOS 7D nicht aus­
Denn die geringste Bewegung des Objekts führt reichen, werden bei mir zwei bis 25 solcher Sta­
dazu, dass die einzelnen Schichten nicht mehr pel zum Panorama verrechnet. Man erhält so
miteinander verrechnet werden können. bei 300 dpi Datensätze, die einen Meter in der
Wenn ich von Stacking spreche, bedeutet das in Breite überschreiten, ohne die Daten hochrech­
der Praxis für mich zwei unterschiedliche Vor­ nen zu müssen, oder man kann durch Her­
gehensweisen, die ich auch getrennt beschreibe. unterrechnen der Daten auf zum Beispiel 50 %
Da gibt es einerseits den Outdoor-Einsatz, bei eine Auflösung erzielen, die mit einem Einzel-
welchem lebende Objekte (z.B. Schmetterlinge, Stack nicht erreichbar wäre.

Abb. 1: Libellenporträt, a Erste Fokusschicht, b Letzte Fokusschicht, c Fertiger Stack.


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Die Aufnahmeausrüstung für den Kernschärfe und Zeichnungsvermögen


Outdoor-Einsatz
Bevor wir uns der Aufnahme widmen, ist es
Beim Outdoor-Einsatz ist meist Schnelligkeit notwendig, die eingesetzten Objektive unter die
das wichtigste Kriterium. Ich arbeite dort da­ Lupe zu nehmen. Wie Sie sehen werden, gibt
her überwiegend mit den Objektiven EF es je Objektiv große Qualitätsunterschiede und
einen engen optimalen Bereich. Den gilt es
1: 2,8/100 mm IS L und vor allem mit dem MP
kennenzulernen und bei der Aufnahme einzu­
65, beide von Canon. Flankiert werden diese
setzen. Der überwiegende Teil der Aufnahme
durch ein Mamiya Tilt/Shift-Balgengerät, das
im Bereich der Lupenfotografie entsteht bei mir
ich mir auf Canon EOS umgebaut habe. Auf
mit nur einem Objektiv, dem Canon MP 65.
diesem Balgengerät setze ich Rodenstock APO
Das ist nicht mein bestes. Zugunsten der
Rodagon D Objektive der Brennweiten 75 und Schnelligkeit bei der Aufnahme wird hier von
120 mm neben Leitz Photaren der Brennweiten mir bewusst bei der Qualität ein Kompromiss
80 und 120 mm ein. Wenn Sie sich jetzt über eingegangen. Denn was hilft mir das beste Ob­
die Überschneidung der Brennweiten wundern, jektiv, wenn ich damit alle Motive verscheu­
so liegt der Grund in der Anzahl der in den che? Umso wichtiger ist es daher, im optimalen
Objektiven verbauten Blendlamellen und in Bereich des Objektivs zu bleiben. Begriffe wie
der Folge damit im Bouquet (Zeichnung im kritische Blende und Kernschärfe sind hier
Unschärfebereich). Die Photare haben deutlich entscheidend. Bevor wir uns der Kernschärfe
mehr Blendlamellen, die APO Rodagon D O b­ zuwenden, beginnen wir mit der kritischen
jektive hingegen die bessere Zeichnung. Man Blende.
muss von Fall zu Fall entscheiden, welchen
Nachteil man in Kauf nimmt. Von meinen K a­
merasystemen kommt in der Lupenfotografie Testtarget im Einsatz
zurzeit ausschließlich das Canon EOS System
zum Einsatz. Die Hasselblad H ist mir beim Um Ihnen das Thema von der praktischen Seite
Outdoor-Stacking zu langsam. Konkret ver­ näher zu bringen, habe ich ein Testtarget
wende ich die beiden Gehäuse Canon EOS (USAF HI-RES) der Firma Edmund Optics ein­
1D X und EOS ID M ark IV. Die EOS 7D setze gesetzt. Dieses Target, eine Glasplatte mit ei­
ich outdoor so gut wie nicht ein, weil der Spie­ nem geätzten Muster, das sich in unterschied­
gel nicht für die gesamte Aufnahmeserie noch lichen Größen wiederholt, dient der Ermittlung
oben geklappt werden kann, sie dadurch sehr der Auflösungsgrenze und lässt damit Rück­
laut ist und lebende Objekte in die Flucht schlüsse auf Objektivfehler wie zum Beispiel
schlägt. In freier Natur konzentriere ich mich Verzeichnung, Farbsäume und Überstrahlung
überwiegend auf lebende Objekte. Dabei wer­ zu.
den zwischen 10 und 180 Fokusschichten auf­ Um ein Objektiv wie das Canon MP 65 mm
Lupenobjektiv zu vermessen, müssen einige
genommen. Das erfordert Geduld und eine ge­
Aufnahmen gemacht werden, um die unter­
naue Kenntnis des zu fotografierenden Objekts.
schiedlichen Abbildungsmaßstäbe zu testen.
Die produzierte Datenmenge ist extrem groß,
Das Objektiv bietet die Möglichkeit (ohne Zu­
da der Ausschuss überproportional hoch ist.
behör) den Bereich von 1 : 1 bis zu 5 : 1 abzu­
Wind und Eigenbewegung des Objekts sind die decken. Outdoor ist für mich die Grenze der
Feinde Nummer 1. Während mit dem 100er am Lupenfotografie bei 5 : 1 erreicht. Ich mache
Fokusring oder am Einsteilschlitten zur nächs­ derartige Untersuchungen am Reprogerät und
ten Bildposition transportiert wird, ist für das verwende Durchlicht für die Beleuchtung des
65er ein genauer Einstellschlitten notwendig, Testtargets. Ich lege das Target dazu auf eine
um auch bei kleinen Objekten die Gleichmä­ Lichtleiter-Flächenleuchte von Schott Fostec.
ßigkeit zwischen den einzelnen Aufnahmen zu Der Lichtleiter befindet sich entweder an einer
erreichen. Beim Stacking gilt es, ausreichend Kaltlichtleuchte oder an einem Blitzgerät. Der
Daten zur Verfügung zu haben, um immer im Aufnahmeplatz ist circa 100 kg schwer, steht
Kernschärfebereich bleiben zu können. Daher auf Schwingungsdämpfern und ist fest mit der
ist die Anzahl der benötigten Einzelaufnahmen Wand verschraubt. In jedem der oben beschrie­
sehr hoch. benen Abbildungsmaßstäbe werden zwei Ein-
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Stacking in de r Lupenfotografie 57

Stellungen über die gesamte Blendenreihe (in und ich kenne mehrere Stücke dieses Typs - die
Drittelblendenstufen) des Objektivs fotogra­ Erkenntnis gewonnen, dass sein idealer Bereich
fiert. Einmal liegt der bildwichtige Teil des Tar­ bei 3,5facher Vergrößerung endet. Nur selten
gets in einer der vier Ecken des Vollformataus­ gehe ich über diese Grenze, da der Qualitätsab­
schnitts (zum Beispiel Bildecke rechts unten) fall deutlich zu sehen ist. Zur Verdeutlichung
und einmal in der Mitte des Bildkreises (Abb. 2 betrachten Sie bitte die Abbildung 2b. Diese
a und b). Ich habe bezüglich dieses Objektivs - zeigt den bestmöglichen Bereich bei 5 :1 , ver­

Abb. 2: Die Bilder in den Abbildungen 2 a -d sind mit dem Canon MP 65 mm Lupenobjektiv aufgenommen, Test­
target USAF HI-RES. a Eingestellte Blende 4,5, Abbildungsmaßstab 3 : 1 . Der gezeigt Ausschnitt des Targets
wurde in der rechten unteren Ecke der Bildfläche aufgenommen, b W ie Abbildung 2a, aber Ausschnitt in die
Mitte der Bildfläche geschoben. Der Kontrast ist deutlich besser, erkennbar an der Schwärzung, c Eingestellte
Blende 4,0, Abbildungsmaßstab 5 : 1 . Der gleiche Ausschnitt liegt in der oberen, rechten Ecke. Die schwarzen
Flächen werden nicht mehr schwarz wiedergegeben, und es sind deutliche Farbsäume in Rot an den Kontrast­
übergängen zu erkennen, d Eingestellte Blende 16, Abbildungsmaßstab 3 : 1 . Der Ausschnitt ist mittig ausge­
richtet - aie Qualität im gesamten Bildbereich ist deutlich abgefallen.
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gleichen Sie bitte das Ergebnis mit Abbildung


2c.
Das bedeutet, Sie können bei 1 :1 den Blenden­
bereich von 4 bis 8 nutzen, bei 2 :1 endet dieser
aber schon bei Blende 6,3 und bei 3 :1 bereits
bei 5,6. Um Ihnen zu demonstrieren was pas­
siert, wenn man diesen Bereich überschreitet,
habe ich Ihnen eine Aufnahme bei Blende 16 im
Abbildungsmaßstab 3 :1 hinzugefügt (Abb.
2d). Weitere Bilder dieser Testserie können Sie
auf meiner Homepage sehen.

Kernschärfenparameter

Jetzt fehlt noch ein kurzer Exkurs zur Kern­


schärfe. Die Kernschärfe ist jener Bereich aus
der Schärfentiefe, in dem der Zerstreuungskreis Abb. 3: Mein Einstellschlitten. Es wurde eine M ikro­
am kleinsten ist, sprich ein Punkt quasi auch meterschraube verbaut, um die Schrittweite exakt ein­
annähernd als Punkt in den RAW-Daten stellen zu können. Er w ird aber auch zur genauen
wiedergegeben wird und nicht unser Auge aus Positionierung der Kernschärfe bei der Aufnahme von
einem kleinen Kreis einen Punkt macht. In der Einzelbildern (Live View-Kontrolle l Ox) eingesetzt.
Schärfentiefe wird der Zerstreuungskreis ja im­
mer größer, je weiter wir uns von der Kern­
schärfe in Richtung der beiden Außenbereiche ten Zubehörteile. Zu diesen gehören Kreuzein­
(nach vorne und hinten) der Schärfentiefe be­ steilschlitten, Einstellschlitten mit Mikrometer­
wegen. Ich spreche in so einem Fall von einer schraube, Stative, Pflanzenstängelhalter, Re­
akzeptablen Unschärfe. Ich finde diese Formu­ flektoren, Diffusoren, Licht-/Windschutzzelt,
lierung besser als den gebräuchlichen Begriff Displaylupe, Winkelsucher und vieles mehr.
Schärfentiefe. Dieser gaukelt für mich vor, dass Stellvertretend zeige und beschreibe ich Ihnen
innerhalb der Schärfentiefe alles in Ordnung meinen Einsteilschlitten mit Mikrometer­
ist. Aber gerade beim Stacking wäre das eine schraube (Abb. 3). Er dient der exakten Fokus­
gravierende Fehleinschätzung. Die Software sierung, die durch Wind und Bewegung des
konzentriert sich auf den kernscharfen Bereich Objektes noch zusätzlich erschwert wird. Bei
der einzelnen Bilder und greift nur bei Lücken Stacking geht es darum, die genaue Anzahl von
auf die äußeren Bereiche der Schärfentiefe zu­ Fokusschichten zwischen dem entferntesten
rück. Natürlich ist der anzusetzende Qualitäts­ und dem am nächsten liegenden Fokuspunkt zu
standard stark von der angestrebten Ausgabe­ ermitteln. Die Abstände zwischen den Fokus­
größe abhängig. Will ich beispielsweise meine schichten müssen möglichst gleichmäßig einge­
Ergebnisse nur in einem Online-Forum posten stellt werden (natürlich haben der Abbildungs­
(1200 dpi ist die längste Seite), ist die Anforde­ maßstab und die geplante Blende einen
rung eine andere als für eine Vergrößerung von wesentlichen Einfluss auf die Abstände).
70 x 50 cm und darüber hinaus. Da die käuflich zu erwerbenden Einstellschlit­
ten sich für mich im Lupenfotobereich als zu
unpräzise erwiesen, habe ich mir nach langem
Meine Ausrüstung für den Outdoor-Einsatz Überlegen meinen eigenen Einsteilschlitten ge­
baut. Das Kernstück bildet eine Mikrometer­
An dieser Stelle kann ich aufgrund des zur Ver­ schraube, die einen Schlitten auf einer Linear­
fügung stehenden Platzes nur an der Oberflä­ führung bewegt. Die kleinste auf der Skala
che bleiben. Die von mir bevorzugten Kameras befindliche Markierung beträgt 0,01 mm. Man
und Objektive wurden weiter oben bereits er­ kann sich zusätzlich noch auf die Mittelposi­
wähnt. Jetzt geht es mir vielmehr um die in un­ tion zwischen zwei Teilstriche setzen, um die
serem Buch Digitale Naturfotografie (Zimmert Schrittweite zu halbieren. Für die oben be­
und Stepanitz, 2009) als Helferlein bezeichne- schriebene Suche des Nah- und Fernpunktes
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Stacking in d e r Lupenfotografie 59

empfehlen sich der Live View am Display der in Stellung zu bringen. Durch den Diffusor
Kamera und die Lupenfunktion. Der Sucher stelle ich sicher, dass das Insekt von der M or­
dient nur zur groben Einstellung, für die Kon­ gensonne nicht direkt angeschienen wird. Der
trolle ist die Genauigkeit eines zehnfach Lichteffekt wird vielmehr mit einem oder meh­
vergrößerten Bildes am Display bei weitem ef­ reren Reflektoren gesetzt. Die Abschattung mit
fektiver. dem Diffusor hat den zusätzlichen Effekt, dass
Ein zweites Hilfsmittel ist ein so genannter sich die Insekten weniger rasch aufwärmen und
Pflanzenstängelhalter. Auch hier vertraue ich daher mehr Zeit für die Aufnahme zur Verfü­
auf die unterschiedlichsten Eigenumbauten. gung steht. Wenn auch die Kamera am Einstell-
Mit diesen bin ich in der Lage, von 2 cm über schlitten und natürlich am Stativ montiert ist,
dem Boden bis auf 4 m Höhe Stängel oder Äste bleibt häufig noch viel Zeit, beispielsweise für
zu fixieren. Solche Extreme sind nicht unge­ ein Frühstück und aufmerksames Beobachten
wöhnlich, wenn Sie zum Beispiel Motive in der Umgebung. Dann kann es schon passieren,
Hanglange fotografieren möchten. Die Aufnah­ dass ich noch ein besseres Motiv entdecke und
mehöhen der Bilder in diesem Beitrag lagen entweder noch einmal alles umbaue oder mir
zwischen 120 und 180 cm. einen zusätzlichen Fotoplatz einrichte, vorzugs­
weise an einer Stelle, die später von der direk­
ten Sonne erreicht wird, um so die morgend­
Meine Arbeitsweise im Freiland liche Fotoausbeute zu erhöhen.
Insekten ändern oft im Morgengrauen ihre Stel­
Die Vorbereitung beginnt Tage vor der eigent­ lung. Um später mehr von der Morgensonne ab­
lichen Aufnahme und ist von größter Bedeu­ zubekommen, nehmen sie eine exponierte Posi­
tung. Je nach Zielobjekt/Motiv kann sich die tion auf der Pflanze ein. In der Nacht suchen sie
Vorbereitung aber auch über Jahre hinziehen, sich geschütztere Positionen und sitzen daher
wenn ich beginne, Wissen über das Objekt der weiter unten auf der Pflanze oder auf einer
Begierde zu sammeln, um zur richtigen Zeit am Blattunterseite. Nacht ist das Stichwort. M ög­
richtigen Ort zu suchen. lichst noch bei Dunkelheit muss die Kamera in
Bei Gegenden und Arten, die ich gut kenne, die endgültige Position gebracht werden. Dabei
geht das natürlich wesentlich schneller. Neh­ sind Stirn- und Taschenlampe hilfreich. Dazu
men wir als Beispiel einen Schmetterling. muss zuerst der Fokuspunkt gesucht werden,
Spätestens am Vortag der geplanten Aufnahme an dem die Staclcing-Serie beginnt (Fernpunkt).
geht die Vorbereitung in die finale Runde. So In Folge sucht man den der Objektivseite zu­
muss am Abend herausgefunden werden, auf gewandten Fokuspunkt (Nahpunkt). Der ge­
welche Pflanze sich der Schmetterling gesetzt wünschte Abbildungsmaßstab wird anhand des
hat. Ich kennzeichne die Plätze, um sie in der Kamerasuchers festgelegt. Alle weiteren Einstel­
Morgendämmerung wiederzufinden. Am Tag lungen werden mittels Live View am Kamera­
der Aufnahme bedeutete das früh aufzustehen, display eingestellt. Die finale Schärfenkontrolle
um deutlich vor Sonnenaufgang vor Ort zu wird, wie bereits erwähnt, anhand zehnfacher
sein. Wenn die Situation und vor allem die Vergrößerung vorgenommen. Ein unverzichtba­
Windprognose vielversprechend sind, beginne res Hilfsmittel bei Sonnenlicht ist eine Display­
ich mit dem Aufbau. Stative, Reflektoren und lupe von Zacuto. Diese schirmt das Display ge­
Diffusoren werden vorbereitet und, wenn mög­ gen Streulicht ab und verfügt über eine
lich, ein Pflanzenstängelhalter in Stellung ge­ eingebaute Lupe, die es mir ermöglicht, ohne
bracht. In dieser Phase sind die meisten Insek­ Brille zu arbeiten. Es gibt diese Lupen übrigens
ten noch in der Ruhestellung und, wenn man mit unterschiedlichen Vergrößerungen; ich emp­
Glück hat, mit feinem Morgentau überzogen. fehle die geringste Vergrößerung, nämlich
Wenn der Morgen zu weit fortgeschritten ist, 2,5fach zu wählen. Meine 3,5fache ist mir in
kann eine leichte Erschütterung beim Montie­ vielen Bereichen zu stark vergrößernd.
ren der Pflanze am Pflanzenstängelhalter aus­
reichen, um das Insekt zu verjagen und so für
Die zw ölf Erfolgsfaktoren
diesmal die Fotomöglichkeit zu verspielen. Da
ich zu diesem Zeitpunkt bereits die zu erwar­ Sie werden zu besseren Stacking-/Bildergebnis-
tenden Lichtverhältnisse analysiert habe, ist es sen gelangen, wenn Sie die Hinweise und Tipps
auch schon möglich, Diffusor und Reflektoren der folgenden Liste berücksichtigen:
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1. Sie müssen einen etwas größeren Aus­ das nach dem Trinken. Wenn immer mög­
schnitt wählen, als Sie für das endgültige lich, wird von ihnen Morgentau aufge­
Bild benötigen. nommen. Danach gibt es häufig eine Ruhe­
2. Je mehr Aufnahmen einer Stacking-Serie phase von mehreren Minuten. M it anderen
Sie auf die Speicherkarte bringen, umso Worten, man muss möglichst viel über das
eher haben Sie ein ausgezeichnetes Ergeb­ Verhalten seines Hauptdarstellers wissen.
nis. 11. Schnelle Bewegungen sind zu vermeiden.
3. Wenn die Zeit bleibt, mehrere Stacking-Se- Die Insekten scheinen zu wissen, dass sie in
rien vom gleichen Motiv zu machen, er­ der Morgenstunde am verwundbarsten
höht sich die Wahrscheinlichkeit, ein gutes sind. Schmetterlinge können beispielsweise
Ergebnis zu erhalten. Leider machen auch einen Kaltstart hinlegen und sich ein paar
Insekten Morgenwäsche und -gymnastik Meter wegbewegen.
oder es wird Morgentau getrunken. Jede
Bewegung ist ein Grund, einen Stack zu
verwerfen. Daher breche ich die Auf­ Beispielfotos
nahme-Serie sofort ab und beginne neu. Im Folgenden beschreibe ich anhand von drei
4. Je weniger Geräusche die Kamera macht, Bildbeispielen, wie ich bei der jeweiligen Auf­
desto besser ist es. Daher wird der Spiegel nahme vorgegangen bin und welche Aspekte
nach oben geschwenkt (das können bei bei den verschiedenen Abbildungsmaßstäben
weitem nicht alle Kameramodelle) und ver­ zu beachten waren. Die Aufnahmen sind über
bleibt dort, bis die Serie auf der Speicher­
mehrere Jahre entstanden und zeigen so unter­
karte ist.
schiedliche Entwicklungsstände meiner Erfah­
5. Um die Vibrationen zu reduzieren, wird
rung und Ausrüstung.
mit single shot gearbeitet. Ausnahmen wie
jene der Goldaugenbremse bestätigen die
Regel. Wenn volle Geschwindigkeit benö­
tigt wird, kann man single shot naturge­
mäß nicht einsetzen.
6. Um dem Motiv die volle Aufmerksamkeit
zu widmen, arbeite ich immer mit einem
Kabelauslöser. So brauche ich nicht durch
den Sucher zu sehen, sondern habe die Ge­
samtsituation in Blick.
7. Sie müssen unbedingt die Anfangs- und
Endposition kennen (z.B. die Einstellung
auf der Mikrometerschraube), gegebenen­
falls notieren, um bei Bedarf schnell wieder
mit einer neuen Serie beginnen zu können.
8. Gleichmäßige Abstände zwischen den Ein­
zelbildern steuert man am besten mit einer
Mikrometerschraube.
9. Die ISO-Einstellung ist immer eine Sache
des Muts. Je niedriger diese ist, desto höher
ist das Risiko von Bewegungsunschärfe.
Aber Sie werden glücklich sein, wenn Sie
eine Serie mit geringer ISO aufgenommen
haben, da anschließend bei der Verrech­
nung der Einzelschichten das Rauschen
verringert ist.
10. Wenn ein Insekt fotografiert werden soll,
muss man sich beim Stacken vom Insekt
weg bewegen (Vergrößerung der Fluchtdis­
tanz). Abb. 4: Raupe des Gabelschwanzes (Cerura vinula),
11. Den richtigen Startzeitpunkt zu kennen, ist Canon EOS 1DX, Canon MP 65 Lupenobjektiv,
entscheidend. Bei Bremsen zum Beispiel ist Österreich.
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Stacking in d e r Lupenfotografie 61

Großer Gabelschwanz Goldaugenbremse


(Abbildungsmaßstab circa 7 ,5 ; 1) (Abbildungsmaßstab circa 3 : 1 )

Die Raupe des Großen Gabelschwanzes (Abb. Am Motiv der Goldaugenbremse (Abb. 5a)
4) ist ein Zufallstreffer. Denn eigentlich war ich habe ich mehrere Jahre gearbeitet, bis ich das
in einem österreichischen M oor Proben entneh­ vorliegende Ergebnis erreicht habe. Ein be­
men und am Rückweg zum Auto ist mir die freundeter Fotograf hatte mich zu diesem M o­
Raupe aufgefallen. Da ich keine Kamera mit­ tiv angeregt. Gleich vorweg: Aus heutiger Sicht
hatte, wurde die Raupe auf ihrem Ast vorsichtig ist das Ergebnis nicht optimal, da es einerseits
zum Auto transportiert. Dort habe ich schnell etwa 50 % zu wenig Fokusschichten gibt und
aufgebaut und etliche Stacking-Serien mit andererseits die Abstände zwischen den Schich­
unterschiedlichen Objektiven gemacht. Inner­ ten nicht ausreichend gleichmäßig sind. Ver­
halb einer Stunde waren 32 GB an RAW-Daten gleichen Sie bitte dieses Ergebnis im Bereich der
entstanden. Nachdem dieses Motiv ein Zufalls­ Augen mit jenem im Raubfliegen-Porträt. Bei
fund war, konnte ich nicht wie sonst üblich in Letzterem sind durch die Verwendung der
den frühen Morgenstunden fotografieren, son­ Mikrometerschraube die Abstände viel gleich­
dern musste mit der Tatsache klarkommen, dass mäßiger, und es gibt im Verhältnis zur benötig­
die Raupe aktiv und intensiv mit dem Verzehr ten Tiefe auch mehr Fokusschichten. Man er­
eines Blatttriebes beschäftigt war. Der Nachteil kennt am Foto der Goldaugenbremse den
dabei war, dass viele der Stacking-Serien durch Wissensstand, den ich im Frühjahr 2011 hatte,
Bewegung der Raupe unbrauchbar waren. Mir und an jenem der Raubfliege, wie sich die in­
ist es bei derartigen Aufnahmen aber immer tensive Auseinandersetzung mit dem Stacking
wichtig, dass ich dem Tier keinen Schaden zu­ von lebenden Objekten auf meine Erfahrung
füge. Und so wurde die Raupe auch am Ende und das Ergebnis positiv ausgewirkt haben.
der Aufnahmen wieder in ihr Biotop entlassen. In den Jahren vor dieser Aufnahme habe ich
Im Verlauf dieser Serie sind Abbildungsmaßstäbe versucht, die Goldaugenbremse am Vorabend
von 0,5 :1 bis 3 :1 umgesetzt worden. Ich versu­ mit dem Schmetterlingsnetz zu fangen und sie
che, nach Möglichkeit unterschiedliche Aus­ dann in der Früh auf einen Ort meiner Wahl zu
schnitte/Stellungen zu fotografieren, um bei der setzen. Leider ist es gar nicht so einfach, eine
späteren Verwendung flexibler zu sein. Das setzt Goldaugenbremse zu fangen, und es hat sich
aber natürlich ein ruhig sitzendes Objekt voraus. als unmöglich erwiesen, diese zum Sitzen zu

Abb. 5: Goldaugenbremse (Chrysops relictus). a Canon EOS 1D Mark IV, Canon MP 65 Lupenobjektiv,
Bulgarien, b Ausschnitt aus Abbildung a. Das Problem der zu geringen Anzahl an Fokusschichten ist im Bereich
der Augen zu erkennen.
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bewegen. Umgekehrt, in der Früh eine zu fin­


den, ist wie die sprichwörtliche Suche nach der
Stecknadel im Heuhaufen. Aber an diesem Tag
ist es mir gelungen. Bemerkenswerter Weise ge­
lingt mir immer noch am letzten Tag eines Ur­
laubs ein besonderes Bild. Im Jahr 2011 war es
die Goldaugenbremse.
Aber zur Aufnahmesituation. Ich war in der
Lage, einen Pflanzenstängelhalter anzubringen,
und ich habe sowohl einen Diffusor als auch ei­
nen Reflektor auf ein Stativ aufbauen können.
Die Bremse war schon recht lebhaft. So musste
es bei der Aufnahme schnell gehen. Aus diesem
Grund habe ich auf Einzelbilder verzichtet und
bin mit Serienbild (die Canon 1 D M ark IV
schafft 10 Bilder in der Sekunde) an die Belich­
tung der Aufnahmen gegangen.
Nach circa 38 Bildern schlug dann der volle
Pufferspeicher der Kamera zu. Das war be­
sonders nachteilig, da ich bis zu diesem Zeit­
punkt sehr gleichmäßig am Trieb des Kreuz-
einstellschlittens drehen konnte. Mit vollem
Pufferspeicher ist das sehr schwer und rückwir­
kend betrachtet, ist es mir auch nicht so gut ge­
lungen, dieses Problem zu kompensieren. Der
volle Pufferspeicher bedeutet, dass die Kamera
langsamer auslöst und man seine Drehbewe­
gung am Trieb ebenfalls verlangsamen muss,
damit man pro Strecke weiterhin die notwen­
dige Anzahl von Schichten fotografieren kann.
Dass man das Zurücknehmen der Dreh­
geschwindigkeit im Verlauf einer Aufnahme­ Abb. 6: Raubfliegenporträt, Canon EOS 1D M ark IV,
serie nur schwer bewerkstelligen kann, ist Canon MP 65 Lupenobjektiv, Bulgarien.
leicht nachvollziehbar. Bei allen Aufnahmen
war der Schwingspiegel permanent nach oben
geschwenkt. Somit sieht man das Objekt nicht meist sitzen sie bewegungslos parallel zu einem
durch den Sucher und muss blind arbeiten. Ide­ Halm/Stängel. Wenn sie aber die Umgebung
alerweise verwendet man dann einen Kabelaus­ beobachten, um sich nach Beute umzusehen, ist
löser. Es ist mir gelungen, acht Versuche zu ein guter Augenblick gekommen. Das Problem
starten. Diese hatten zwischen 56 und 140 Ein­ ist, dass sie in dieser Phase sehr aufmerksam
zelbilder. Zwei dieser Serien waren dann sind und es praktisch unmöglich ist, ihnen die
brauchbar. Ich habe für die gezeigte Aufnahme Kamera vor die Augen zu stellen. Ich habe das
bewusst die Serie mit der geringeren Anzahl an Insekt also für diese Aufnahme umsetzen müs­
Bildern verwendet, um Ihnen zu zeigen, wie sen. Dabei muss man sehr langsam und er­
sich das Problem der zu geringen Anzahl an schütterungsfrei arbeiten.
Fokusschichten bei den Augen auswirkt (Abb. Nachdem ich in angenehmer Entfernung einige
5b). Raubfliegenindividuen ausmachen konnte, be­
schloss ich, einen Aufnahmeplatz zu gestalten
(mit vier Stativen, eines für die Pflanze, auf der
Raubfliegen-Porträt
später die Raubfliege sitzen soll, eines für die
(Abbildungsmaßstab circa 4 : 1 )
Kamera und je eines für Reflektor und Diffu­
Bei Raubfliegen ist es meiner Erfahrung nach sor). Anschließend galt es, die Sitzwarte ohne
nicht leicht, eine spannende Perspektive zu fin­ Erschütterung abzuschneiden und die Raub­
den, um einen Ausschnitt abzubilden, denn fliege mit ihrer Sitzwarte in Richtung der neuen
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Sitzwarte zu bewegen. Ruckartige Bewegungen Restarbeiten


sind dabei der Garant für Misserfolg. Des Wei­
Allen drei Aufnahmen ist gemeinsam, dass die
teren darf man nicht versuchen, die Raubfliege
RAW-Daten mit Capture One Pro für das nach­
auf. den gewünschten Platz zu setzen, sondern
folgende Stacking optimiert und im Anschluss
sie muss die Möglichkeit haben, ein paar
mittels Zerene Stacker Pro verrechnet wurden.
Schritte nach vorne zu gehen, um sich selbst für
Die Retusche wurde mit der Edit-Funktion in
den Platz zu entscheiden. Dabei nähert man sich
Zerene Stacker Pro begonnen und im Adobe
der neuen Sitzwarte mit der alten und berührt
Photoshop finalisiert. Abschließend wurden die
mit einer Drehbewegung die neue, um die
Daten noch für den Offsetdruck aufbereitet.
Raubfliege zum Umsteigen zu bewegen. Da der
Bei allen Motiven gab es mehrere Aufnahme-
Wind auch immer wieder zu vergleichbaren Be­
Anläufe, bis ein für mich akzeptables Ergebnis
wegungen beziehungsweise Berührungen führt,
vorlag. Wenn Sie jetzt fragen Ja warum muss es
ist sie das gewöhnt. Wenn sie umgestiegen ist,
unbedingt ein lebendes Objekt sein?, ist die
sucht sie sich eine bequeme Position. Nachdem
Antwort für mich einfach: Man sieht den
das Freilandstudio bereits aufgebaut ist, gehört
Unterschied in den Bildern! Die Tiere zeigen
für sie alles zur neuen Umgebung. Allerdings
natürliches Verhalten, eine natürliche Stel­
müssen Sie die Kamera bereits soweit positio­
lung/Position in der natürlichen Umgebung,
niert haben, dass Sie nur mehr über den Ein-
und bei vielen Insekten verändern sich die Au­
stellschlitten feinjustieren müssen. Bei der Auf­
gen nach dem Tod sehr rasch. Aber wie Sie im
nahme bewegen Sie sich immer vom Objekt
nächsten Teil dieser Serie sehen werden, gibt es
weg. Das funktioniert nicht immer, aber mit
Grenzen, und auch ich arbeite mit toten Objek­
Übung immer öfter. Ich hatte Glück. Der erste
ten, dann allerdings vorwiegend im Studio.
Versuch war bereits erfolgreich, und ich konnte
mittels Einzelbild und Mikrometerschraube das
gewünschte Ergebnis erzielen (Abb. 6). Ich war
Literaturhinweis und Webseiten
nach der Serie frech und habe die Kamera/Ob-
jelctivkombination wieder nach vorne bewegt, Zimmert, G., Stipanits, B.: Digitale Naturfotografie.
Verlag MITP, Heidelberg 2009.
um eine zweite Serie zu machen. Ein kleiner Edmund Optics: www.edmundoptics.de
Trick hilft dabei, indem man neben der Raub­ Novoflex: www.novoflex.de
fliege einen Grashalm bewegt und sie so ab­ Zacuto: www.zacuto.com
lenkt, während man die Kamera wieder in die
Ausgangsposition bringt. Auch bei dieser Auf­ Verfasser: Gerhard Zimmert,
Endresstraße 52 Haus 4/6, 1230 Wien,
nahme war der Schwingspiegel über den gesam­ Österreich
ten Vorgang nach oben geschwenkt, um Vibra­ E-Mail: gerhard@zimmert.eu,
tionen und vor allem Geräusche zu reduzieren. www.naturfoto-zimmert.com

Wieder ist ein für Diatomeen-Spezialisten hoch­


Riaux-Gobin, C., Romero, O. E., Compere, P., willkommener Kieselalgen-Band erschienen.
Al-Handal, A. Y.: Diesmal stehen kleine Vertreter der Achnanthales
aus dem Westindischen Ozean im Fokus des
Small-sized Achnanthales (Bacillariophyta) Interesses. Diese werden als Band 57 in der unter­
from coral sands of Mascarenes (Western Indian Ocean). dessen seit Dekaden bewährten Reihe Bibliotbeca
J. Cramer in der Gebrüder Borntraeger Verlagsbuch­ Diatomologica der Gebrüder Borntraeger Ver­
handlung, Stuttgart 2011, lagsbuchhandlung in der gewohnten Aufma­
234 Seiten, 88 Bildtafeln, Taschenbuch, € 94,00, chung und Qualität bearbeitet. Wie gesagt, das
ISBN 978-3-443-57048-4. Buch ist für Spezialisten von großem Interesse,
nicht so sehr für Hobbymikroskopiker.
Thomas Groß, Fleidelberg
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