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Januar 2019

D € 8,20 | A € 8,20 | CH CHF 14,50


übrige Euroländer € 8,90 | E 2164 E

EXKLUSIV-
BEILAGE
Die Digitalisierung
der Welt

WISSEN WELT

Leben auf
Saturn-Mond
Enceladus

LEBEN MENSCH

Luftmessung:
Ein Riecher
für Gefühle

TECHNIK ZUKUNFT

Von der Mondrakete


zum Fusionsantrieb
Welche Technik uns morgen
in den Weltraum bringt
Editorial

Der Physiker RALF BUTSCHER


ist bild der wissenschaft-Redakteur
für Technikthemen

DAMALS
Bildband Weimar

Liebe Leserinnen und Leser,


es war eines der größten Medienspektakel nauten Ulrich Walter. Lesen Sie ab Seite
aller Zeiten: Weltweit verfolgten 500 bis 22, wie er die Entwicklung einschätzt.
600 Millionen Menschen am Fernseh- Abgerundet wird unser Raumfahrt-
schirm, wie die Landefähre „Eagle“ von Schwerpunkt durch einen Beitrag von Kai
Apollo 11 auf dem Mond aufsetzte und Dürfeld. Er berichtet ab Seite 30 über die
NASA-Astronaut Neil Armstrong als erster praktischen Schwierigkeiten von Astro-
Mensch den Erdtrabanten betrat. Es war nauten auf langen Raumflügen, etwa bei
ein wahrhaft riesengroßer Schritt für die Ernährung und Abwasser – und über
Menschheit – am 21. Juli 1969, morgens Lösungsansätze der Wissenschaftler.
um 3 Uhr 56 mitteleuropäischer Zeit. Über etwas ganz Besonderes dürfen
2019 jährt sich das sich unsere Abonnen-
Ereignis zum 50. Mal. tinnen und Abonnen-
Ein Grund für uns, ein ten freuen: Sie finden
Schlaglicht auf den
50 Jahre nach der in der Post die sehr
größten Meilenstein Mondlandung: Auf aufwendig gestaltete
in der Geschichte der Sonderausgabe „Von
Raumfahrt zu werfen. zu neuen Zielen! der Erde zum Mond“,
Im ersten Teil unserer die alle wichtigen Fak-
Titelgeschichte ab Seite 14 gewährt Ihnen ten zur Mondlandung vor 50 Jahren prä-

„ “ Die
Astronomie- und Raumfahrt-Autor Tho- sentiert. Der 130 Seiten starke Band ist in
mas Bührke einen Blick hinter die Kulis- Zusammenarbeit mit der Wissenschaftli-
sen des Apollo-Programms der NASA, an
dem zeitweise rund 400 000 Wissen-
chen Buchgesellschaft entstanden.
Und wir haben noch ein Extra für Sie:
Republik von
schaftler und Techniker arbeiteten. Er Die Digitalisierung hat alle Bereiche von Weimar
offenbart erstaunliche Details über den Arbeit und Alltag durchdrungen und vie-
Wettlauf zum Mond und die Menschen, le gewohnte Abläufe auf den Kopf ge-
die ihn vorangetrieben haben. stellt. Wie sich diese Entwicklung verant-
Die Raumfahrt hat längst neue ehrgei- wortungsvoll gestalten lässt, erforschen
zige Ziele im Visier. Eines Tages werden Wissenschaftler im deutschen Südwesten
sogar Raumschiffe aus dem Sonnensys- – in Programmen der Baden-Württemberg
tem hinaus zu fernen Sternen fliegen.
Welche Technik wird das ermöglichen?
Stiftung, die dafür viel Geld in die Hand
nimmt. Das Sonderheft „Jetzt ist morgen“,
Jetzt bestellen!
Ich hatte das Glück und die Freude, mit das dieser Ausgabe von bild der wissen-
Foto: Frank Post

einem renommierten Experten für Raum- schaft beiliegt, zeigt Ihnen eindrucksvol-
fahrttechnik darüber sprechen zu können: le Beispiele. Sie machen klar: Das Geld ist DAMALS Leserservice
dem Münchner Forscher und Ex-Astro- gut angelegt. Postfach 810580, 70522 Stuttgart
Phone 0711/72 52-208, Fax 0711/72 52-399
Online bestellen:
www.direktabo.de/damals/sonderband

21838AD

1 2019 bild der wissenschaft | 3


DAMALS. Die faszinierendste Seite der Geschichte.
Inhalt

TECHNIK ZUKUNFT

12 Titelthema

14 Der Schuss zum Mond


Der Bau von Mondrakete, Apollo-
Raumschiff und Landefähre vor 50 Jahren
war eine technische Meisterleistung

22 Ionen, Sonnensegel, Kernfusion


Für den Aufbruch ins All arbeiten Forscher
an unterschiedlichen Antriebstechniken.
Welche Perspektive bieten sie?

30 Grüner Daumen fürs All


Eine Reise zum Mars würde sehr lang dauern.
Was wäre da mit Proviant und Abwasser?
Wissenschaftler testen Lösungen in der Ant-
arktis und im Orbit

36 Clevere Klamotten
Forscher entwickeln Textilien mit trick-
reichen Zusatzfunktionen. Was können die
neuen Kleidungsstücke schon?

83 Neue Forschungen belegen, dass Mutationen im


Knochenmark einen Herzinfarkt auslösen können

Titelbild/Illustration: K. Shaklein/Alamy; Foto oben: NASA; Illustration: S. Kaulitzki/Shutterstock.com


WISSEN WELT

46 Schwankende Venus-Tage
Forscher haben herausgefunden, warum
unser Nachbarplanet so regellos rotiert

48 Leben im Enceladus-Meer?
Im Ozean des Saturnmonds hat die Cassini-
Sonde organische Moleküle entdeckt. Sind sie
Relikte von Organismen in dem Tiefenmeer ?

52 Traumreise Südamerika
Exklusive bild der wissenschaft-Leserreise
im Juni und Juli 2019 nach Peru und Chile
Als Beilage finden
54 Hilfe! Sherlock schwächelt Sie in dieser Ausgabe
Die neuen Rätsel im Neujahrs-Gewinnspiel das Sonderheft
2019 machen den Meisterdetektiv ratlos. „Jetzt ist morgen“
zur Digitalisierung
Helfen Sie ihm!
der Welt, entstanden
in Kooperation mit
der Baden-Württem-
berg Stiftung.
4 | bild der wissenschaft 1 2019
LEBEN MENSCH

66 Smarte Bildung – um jeden Preis?


Warum der Schulunterricht bislang kaum
digital ist

72 Die Gerücheküche
Wer sich freut oder ängstigt, sondert Gerüche
ab. Wie ein Forscher die Duftspur vermisst

12 78 Rettung für Amerikas Fledermäuse


So kämpfen Tierschützer gegen eine Seuche
Die erste bemannte
Mondlandung jährt
83 Der andere Herzinfarkt
sich 2019 zum 50.
Mal. Ein Rückblick
Die Gefahr lauert im Knochenmark
auf die Mission und
ein Ausblick auf die 88 Mund, Speiseröhre und Magen
künftige Raumfahrt Serie „Das Wunderwerk unserer Organe“:
Der erste Weg der Nahrung

Standards
3 Editorial
6 Das Bild der Wissenschaft
8 Magazin
42 Leserforum
43 Ausgerechnet
Im Kreis gedacht
44 Auslese
Neue Wissensbücher

72
Wie ein Chemiker
70 Europa-Karte
Bevölkerungsentwicklung
94 Cogito
den Geruch von
Das neue Rätsel – und die Auflösung des
Emotionen misst
Oktober-Rätsels mit den Gewinnern
96 Update
Impfung gegen Krebs
98 Vorschau und Impressum
Foto: J. Gyarmaty/VISUM; Illustration: imago/StockTrek Images

bild der wissenschaft im Internet


Unser Wissensportal: www.wissenschaft.de
Informationen zu den Nachrichten:www.wissenschaft.de/quellen

/bildderwissenschaft @bdwredaktion /wissenschaftdetv

48 Ein Gemisch organischer Moleküle schwimmt unter der


Eiskruste des Saturnmonds Enceladus. Gibt es dort Leben?

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imago/ZUMA Press

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Das Bild der Wissenschaft

Das Tor zur Hölle


In der turkmenischen Karakum-Wüste brennt
es im „Krater von Derweze“ seit inzwischen
fast 50 Jahren. Das Gebiet ist reich an Erd-
gas. Bei Bohrungen 1971 waren Geophysiker
zufällig auf eine mit Methan gefüllte Höhle
gestoßen. Der Boden unter der Bohrplatt-
form brach ein – und es entstand ein riesi-
ges Loch von etwa 70 Meter Durchmesser.
Um die Freisetzung des giftigen und umwelt-
schädlichen Gases zu verhindern, beschloss
man, es zu verbrennen. Die Flammen sind
bis heute nicht erloschen.

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Magazin

Entsteht MULTIPLE
SKLEROSE im Darm?
Multiple Sklerose, kurz MS, ist eine Autoimmun­
krankheit, bei der das Zentralnervensystem von
einer fehlgeleiteten Antwort des körpereigenen
Immunsystems geschädigt wird. Forscher ver­
muten seit Längerem, dass der Auslöser Immun­
reaktionen gegen Darmbakterien sein könnten.
Die verantwortlichen Immunzellen sollen For­
schern der Universität Zürich zufolge auf ein
Eiweiß namens GDP-L-Fucose-Synthase reagieren.
Dieses Enzym wird sowohl von menschlichen
Zellen als auch von Bakterien gebildet, die in der
Darmflora von MS-Patienten gehäuft zu finden
sind. "Wir denken, dass die Immunzellen im
Darm aktiviert werden, dann ins Hirn wandern
und dort eine Entzündungskaskade anstoßen,
wenn sie der menschlichen Variante ihres Ziel­
Antigens begegnen", erklärt Mireia Sospedra,
MS-Forscherin von der Universität Zürich. Sie
hofft, dass sie mit dieser Erkenntnis die Therapie
der Krankheit verbessern kann. "Unsere Therapie richtet sich gegen die pathologischen autoreaktiven Immun­
zeIlen", sagt Sospedra. Damit unterscheide sie sich von den aktuell verfügbaren Behandlungen, die das ge­
samte Immunsystem drosseln und mitunter starke Nebenwirkungen haben. Erste Studien laufen bereits.
Von den Ergebnissen hängt ab, ob in etwa zwei Jahren eine internationale klinische Studie starten kann. Im
Bild eine mikroskopische Aufnahme, die die Folgen der Erkrankung zeigt: Im unteren Bereich sieht man die
schwindenden Nervenhüllen. An den lädierten Stellen im Gehirn von MS-Patienten fehlt das Myelin.

KURZ-INTERVIEW

Akkus aus Plastik


Birgit Esser, Professorin für Organische Also an einen Kunststoff?
Chemie an der Universität Freiburg, hat Ja, denn das hat einen großen Vorteil: Ein
einen neuen Akku für kleine Energiemen- Polyme r ist viel umweltfreundlicher, als es
gen entwickelt - aus Kunststoff. Er ist die Schwermetallverbindungen in bisheri-
dünn, bie gsam und lädt sich extrem gen Akkus si nd. Das wa r u ns w i Ch ti g.
schnell auf.
Welche Vorteile hat die Batterie noch?
Wie kamen Sie auf die Idee, eine Batte­ Sie lässt sich innerhalb weniger Minuten
rie aus Kunststoff zu entwickeln? aufladen. Das war auch für uns eine über­
Der Gedanke stammt aus unserer Grund­ raschende Entdeckung. Einer der Gründe
lagenforschung. Wir haben Moleküle ist, dass die Moleküleinheiten in der Elek­
untersucht, di e Ladungen aufnehmen t r od e u n geordn et vorliegen und nicht

können. Dann stellten wir uns die Frage, wie in Lithium-Ionen-Akkus in einer kris­
Birgit Esser ist Professorin für
wie sie sich in der Praxis nutzbar machen tallinen Struktur: Bei Kristallstrukturen Molekulare/Organische Funk­
lassen. Dazu haben wir diese Moleküle an braucht es mehr Zeit, bis sich die Moleküle tionsmateria/ien in Freiburg.

ein Polymer gehängt . geordnet haben .

8 I bild der wissenschaft 1 2019


100 0
Spinatblätter für die Forschung

Selbstheilendes Material
Was Pflanzen schon la n ge können, soll bald auch bei
Polymeren möglich sein: Sie regenerieren sich mithil­
fe der Energie aus Sonnenlicht und dem Kohlenstoff­
dioxid aus der Luft. Risse und Löcher durch Belastung
könnten sich so wie von Zauberhand schließen. Es
wäre eine Revolution der Materialforschung - und
klappt tatsächlich bereits im Labor. Dabei bedienen
sich die Forscher des amerikanischen MIT, da s diese
Technik entwickelt hat, unter anderem pflanzlicher
Bausteine, etwa aus Spinatblättern. Erfreulicher
Nebeneffekt: Der P rozess entzieht der Atmosphäre
das Treibhausgas CO,.

Gerste wird knapper


Wie viel EIS steckt in
den WOLKEN? Klimawandel VERDOPPELT Bierpreis
Bisherige Wolkenstudien konzentrieren Ein Sixpack Bier kostet in Zukunft vielleicht mehr als 15 Euro. Eine harte Nachricht
sich vorrangig auf Wolken aus Wassertröpf­ für Biernationen wie Deutschland: Hierzulande trinkt jeder Erwachsene im Schnitt
chen - obwohl die Eiswolken in höheren etwa 104 Liter Gerstensaft im jahr. Das werden sich wahrscheinlich in den nächs­
Schichten ebenfalls unser Klima beeinflus­ ten jahrzehnten immer weniger Menschen leisten können, wie chinesische Wis­
sen: Sie reflektieren Sonnenlicht und halten senschaftler um Wei Xie von der Universität Peking herausgefunden haben. Der
Wärmestrahlung zurück. Sie sind jedoch we­ Grund dafür: je wärmer es auf der Erde durch den Klimawandel wird wird, desto
gen ihrer Eiskristalle kniffliger zu untersu- größer sind die Einbußen bei der Gerstenernte.
chen - bisher. Künftige Klimamodelle dürften je nachdem, wie der Klimawandel fortschreitet,
genauer werden, denn Forscher haben nun erwarten die Forscher einen Rückgang um 3 bis 17
die Daten zweier NASA-Satelliten genutzt, Prozent in den nächsten jahrzehnten. Damit nicht
um anhand der Reflexion von Mikrowellen­ genug: Gerste wird nicht nur als Bierzutat, son­
und Laserstrahlen weltweit die Zahl der Eis­ dern auch als Futtermittel in der Tierzucht einge­
kristalle in diesen Wolken zu messen. Das setzt - und die Futtermittelproduktion hat bei
Ergebnis: "Mit der Methode kann man erst­ dem Einsatz des Getreides Vorrang vor der Bier­
mals die Zahl der Eispartikel pro Liter Luft produktion. Im schlimmsten Fall wird deshalb die
bestimmen", sagte Odran Sourdeval, Leiter Bierproduktion um 16 Prozent zurückgehen. Und
der Forschungsgruppe gegenüber bild der dieser Rückgang wiederum wird sich auf die Bier­
wissenschaft. Über Europa beträgt sie im preise auswirken. Sie könnten sich, so die Berech­
Schnitt rund 200 Eiskristalle pro Liter. Das ist nungen der Wissenschaftler, über kurz oder lang
etwa ein Tausendstel der Zahl der Tröpfchen auf der ganzen Welt nahezu verdoppeln.
in den tiefen Wolken.

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Magazin

Autonomes Fahrrad für


den Stadtverkehr
Selbstfahrende dreirädrige E-Bikes sollen ab 2022 vor allem Men­
schen am Stadtrand mobiler machen, die auf ein eigenes Auto
verzichten wollen. Ein erster Prototyp fährt bereits über den Cam­
pus der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Ein Team
aus Maschinenbauern, Informatikern, Logistikern und Umwelt­
psychologen arbeitet an der Marktreife. Das Ziel der Wissen­
schaftler: einBike-sharing-System mit Fahrrad-Ruffunktion. Die
Vision: Raus aus der U-Bahn, mit dem Smartphone ein Fahrrad
rufen, per QR-Code am Fahrrad identifizieren und ab damit zum
Ziel- mit Unterstützung eines Elektromotors. Danach fahrt das
Fahrrad eigenständig zum nächsten Einsatz. "Die größten Heraus­
forderungen lie gen in der umfeld-Wahrnehmung und der Inter­
aktion mit Passanten.Bei den ersten Testfahrten si nd uns kuriose
Hindernisse begegnet, etwa Hundeleinen oderWassersprenger,
die den Radweg bewässerten", berichtet Stephan Schmidt, Profes­
sor für Autonome Fahrzeuge an der Uni Magdeburg. Dazu kommt:
"Autonomes Fahren auf Rad-und Fußwegen ist heute rechtlich Bei Anruf kommt das Fahrrad:
nicht möglich. Wir bemühen uns um eine Ausnahmegenehmi­
Das fes/modell der Magdebur­
ger Forscher ist einsatzfähig.
gung." Ab 2022 ist eine Erprobungsphase geplant.

FORSCHUNGST/CKER: +++ HOHLER GEHT'S KAUM +++

Gase einfangen, filtern oder spei­ sene Hohlraum-Volumen. Entwi­ haben am Rechner nach und nach
chern - das gelingt besonders gut ckelt wurde DUT-6D über zwei möglichst ideale Bausteine gefun­
mit porösem Material. Einen neuen Jahre hinweg in einem virtuellen den." Mit DUT-60 lassen sich kleine
Weltrekord für den Anteil an Hohl­ Verfahren. "Das ist wie ein drei­ polare Moleküle sehr gut einfan­
raum haben nun Forscher der dimensionales Netz aus Stäben gen und binden - und die Verbin­
Technischen Universität Dresden und Knoten", erklärte Stefan Kas­ dung kann als Filter dienen. Es
aufgestellt: Das neu entwickelte kel, Professor für Anorganische gibt allerdings noch ein Problem:
Material DUT-60 hat mit 90,3 Chemie an der TU Dresden, gegen­ Bisher ist DUT-60 in der Herstel­
Prozent das höchste jemals gemes- über bild der wissenschaft. "Wir lung teurer als Diamant.

SENSIBLE Wirk-Stoffe

Moderne Textilien können mittlerweile bei Weitem mehr als nur den
Körper zu schützen oder ihn modisch einzukleiden. Mit Sensoren be­
stückt, können spezielle Kleidungsstücke mittlerweile den Blutdruck
des Trägers messen, seinen Puls erfassen und Körpertemperatur oder
Schweißabsonderung registrieren. Der nächste Schritt erscheint lo­
gisch: Was wäre, wenn auch Wundverbände und Pflaster mitdenken
würden? Forscher der Eidgenössischen Materialprüfungs- und For­
schungsanstalt ( Empa) haben Textilfasern entwickelt, die nach Bedarf
Medikamente freisetzen. Der Wirkstoff ist dabei durch einen speziel­
len Spinnprozess direkt ins Gewebe integriert. Dafür eignen sich
Polymere, die bei bestimmten Temperaturen ihre Struktur verändern.
"Denkbar wäre ein Stoff, der bei Fieber reagiert", erläuterte Guiseppi­
no Fortunato von der Empa gegenüber bild der wissenschaft. "Und
Wunden verändern ihren pH-Wert - auch das wäre also eine Anwen­
dung." WiChtig: Das Polymer gibt den Wirkstoff nur solange ab, wie
Temperatur oder pH-Wert nicht wieder Normalwerte erreicht haben.

Oiese Ausgabe enrhäJt eine Bcifage von Reader's Digest DeutS<hJand Verlag das 8este GmbH, Sturtgalt.
10 I bild der wissenSChaft 1 2019 Wir bitlen unsere Leser um Beachtung.
Hartmetall - in Zukunft mit neuem Verfahren

Extreme Härte aus dem


3D-Drucker
Die Industrie braucht für die
Fertigung von werkzeugen für
die Metallverarbeitung immer
mehr Materialien von extremer
Härte. Bisher werden solche
werkzeuge aus Hartmetall mit­
hilfe des Pulverpressens unter
extrem hohem Druck herge­
stellt. Der Nachteil: Manche
Formen und Hohlräume lassen
sich mit diesem Verfahren
Disteln statt Glyphosat
nicht fertigen. Deswegen ha­
ben Forscher am Fraunhofer­ Ein Unkraut, das Unkräuter vernichten
Institut für Keramische Tech­ kann? Das gibt es wirklich. Der italienischen
nologien und S}'steme (lKTS) Chemikerin Catia Bastioli ist es gelungen,
in Dresden das Herstellungs­ aus einem Abfallprodukt, das bei der Her­
verfahren von Hartmetall mit stellung von Distelöl entsteht, ein neues
der Technik des 3D-Drucks Herbizid zu gewinnen, das ähnlich wirkt
kombiniert. Das funktioniert, wie Glyphosat.
indem der Kunststoff-Faden
Pelargonsäure, so heißt das ,,wundermittel",
des 3D-Drucks zu wesentlichen
wird nach dem Aufspritzen nicht von der
Teilen mit dem Hartmetall­
pnanze aufgenommen. Es sorgt lediglich
Pulver gefüllt wird. Nach dem
dafür, dass ihre Blätter verbrennen. Des­
Druck wird der Kunststoff entfernt, und das Pulver wird durch eine
wegen ist das Biozid für Menschen un­
Warmebehandlung verdichtet und gehärtet. "Dadurch können wir
schädlich - anders als es bei Glyphosat
dieselben Härtegrade erreichen wie bei den üblichen Methoden -
vermutet wird, das in die gesamte Pflanze
und zudem bisher nicht realisierbare Geometrien und Hohlräume
einlagert wird.
innerhalb der Werkzeuge ermöglichen", sagtjohannes Pötschke vom
IKTS. Mit dem neuen 3D-Druck-Verfahren ließen sich künftig sogar Ergebnisse aus zwei Testjahren liegen
Sensoren und Messgeräte in die Werkzeuge integrieren. den Forschern mittlerweile vor. Die Firma
Matrica, eine Ausgliindung von Bastioli und
des italien ischen Mineralölunternehmens
ENI, hat inzwischen eine Zulassung des
Bio-Herbizids bei den Behörden erwirkt.
Sie gilt für den Einsatz auf Kartoffeläckern,
im Wein- und Obstanbau und auf öffentli­
chen Grünflächen in Frankreich, Italien
und Österreich.

Auch in Deutschland wird an Pclargonsäure


als Ersatzmitrel für Glyphosat geforscht:
Seit 2018 ist das Herbizid Beloukha, dessen
Hauptinhaltsstoff Pelargonsäure aus Rapsöl
ist, zur Krautabtötung beim Anbau von
Kartoffeln zugelassen. Andere Herbizide,
die Pelargonsäure enthalten, sind bei Anbau
von Hopfen, Wein, Kern- und Steinobst er­
laubt.

Nach der Auswertung der bisherigen Tests


im Gewächshaus und auf Freilandflächen
meint Sabine Andert von der Agrar- und
Umwelrwissenschaftlichen Fakultät der
Universität Rostock: "Die Pelargonsäure
kann Glyphosat in Teilen ersetzen, jedoch
nicht zu hundert Prozent." Ein Mittel, das
genauso effektiv wirkt wie Glyphosat, so
die Forscherin, gebe es derzeit nicht.

1 2019 bild der wissenschaft I 11


TECHNIK .::.+ ZUKUNFT

I
TECHNIK.:::> ZUKUNFT Titelthema

Der Schuss
zum Mond
Der Bau der Mondrakete sowie des Apollo-Raumschiffs und der
Landefähre vor 50 Jahren war eine technische Meisterleistung

von THOMAS BÜHRKE

in halbes jahrhundert, nachdem Neil waren kaum zu überblicken, alles musste


Armstrong und Buzz Aldrin als erste neu entwickelt und gebaut werden. Im
Menschen einen fernen Himmels- Kennedy Space Center entstanden eine
körper betreten haben, erscheint das da­ Montagehalle, die lange jahre das größte
malige Unternehmen unfassbar. Nach nur Gebäude der Erde war, und ein 3000 Ton­
acht jahren EntwiCklung wurde das Apollo­ nen schwerer Raketentransporter. Die leis­
Projekt, an dem in der Hochpha se 400000 tungsfähigste Rakete aller Zeiten musste
Menschen arbeiteten, zu einer beispiello­ gebaut werden. Die Entwicklung des
sen Erfolgsgeschichte. Doch bevor Neil Raumschiffs mit allen Lebenserhalrungs­
Armstrong seinen großen Schritt für die systemen und der Mondlandefähre schien
Menschheit vollziehen konnte und als ers­ zeitweise nicht bewältigbar. Vieles stand
ter Mensch den Mond betrat, musste eine anfangs in den SterneIl. Klar war nur das
gewaltige Zahl an techni schen und organi­ Ziel: Zwei Astronauten sollten bis zum
sarorischen Problemen gelöst werden. Ende des jahrzehnts auf dem Mond landen
Ohne den Wettstreit der pol itischen und unbeschadet wieder zurückkehren.
Systeme wäre die Mondlandung in dieser Die Kompetenzen waren klar verteilt: von Braun übernahm die Entwicklung der
Eile nie realisierbar gewesen. Die Aufgaben Der aus Deutschland stammende Wernher Mondrakete, der US-Raumfahrtingenieur
Robert Gilruth war verantwortlich für die
Raumschiffe und Kurt Debus, Brauns Kol­
lege aus seiner Forschungszeit in Peene-
münde, war als Direktor des Kennedy Spa­
ce Center für die Anlagen dort zuständig.

Drei Wege zum Erdtrabanten


Dabei war anfangs nicht einmal klar, wie
die Reise zum Mond und zurück ablaufen
sollte. Bei der ASA wu rde heftig über drei
unterschiedliche Strategien diskutiert: Ers­
tens der Direkt flug zweitens ein Rendez­
,

vous-Manöver in der Erdumlaufbahn und

Akteure bei Apollo: Robert R.


GiJruth (1.0.), lohn C. Houbolt
(I.u.) und Wernher von Braun.

14 I bild der wissenschaft 1 2019


Gewaltig: Die riesige Montage­
halfe wurde eigens tür die
5aturn-Raketen gebaut.

drittens ein Zusammentreffen in der die Rückkehr sollte also nach dem Muster zwei Astronauten besetzte Mondfähre von
Mondumlaufbahn_ des Direktverfahrens verlaufen. dem Orbiter. Dieser besteht aus Komman­
Im Szenario des Direktflugs , das Gil­ Doch dann schlug der NASA-Ingenieur do- und Triebwerksteil. auch Service-Mo­
ruths Gruppe vorschlug , befördert eine lohn Houbolt ein Mond-Rendezvous­ dul genannt. Während ein Astronaut im
fünfstufige Rakete ein Raumschiff direkt Manöver vor. Demnach sollte das gesamte Orbiter bleibt, landet die aus zwei Stufen
zum Mond. Dort bremst die vierte Stufe Raumschiff mit einem einzigen Start in die bestehende Mondfähre auf der Oberfläche
das Geschoss ab, das sanft auf der Ober­ Erdumlaufbahn gebracht werden, von dort des Erdtrabanten.
fläche landet. Die ausgebrannte vierte Stu­ aus zum Mond fliegen und am Erdtraban­ Man fährt also gewissermaßen mit dem
fe dienr dann als Starrrampe für die fünfte ten in eine Umlaufbahn einschwenken. Bus bis zum Mond und nimmt für die letz-
Stufe, die das Raumschiff Zl\r Erde zurück­ Dort, so das Konzept trennt sich die mit
, ten Kilometer ein Taxi. Der Rückstart er­
bringt. Diese Variante hätte eine Rakete folgt nur mit der Oberstufe der Fähre, die
mit einer mindestens doppelt so großen wieder an die Kommandokapsel andoc"1:.
Schubstärke erfordert, wie sie die spätere Die beiden Mondbesucher steigen in den
Saturn V besaß - das erschien nicht reali­ Orbiter um, dann wird die Mondfähre ab­
• Die unter der leitung von Wernher
sierbar. von Braun entwickelte Mondrakete ist gestoßen, und schließlich beschleunigt
Von Brauns Rendezvous-Methode sah bis heute in ihrer leistung unerreicht. das Triebwerksteil das Raumschiff in Rich­
den Stan von zwei Raketen vor. Der Plan: tung Erde. Ist dieses Manöver geglüc"1:,
• Zu Spitzenzeiten waren rund 400000
Die eine Rakete hievt das Raumschiff in die Menschen in laboren, Werkstätten, wird als letztes noch der Triebwerksteil
Erdumlaufbahn, und die zweite liefert Fabriken, Büros und Versuchsanlagen abgestoßen, sodass die drei Astronauten
Treibstoff, mit dem das Raumschiff im Or­ in rund 20000 Unternehmen mit dem in der Kommandokapsel nach Hause zu­
Projekt Apollo beschäftigt.
bit betankt wird. Dann erst bricht es zum rückkehren. Dieses Szenario hatte SChon
Mond auf. Die Landung auf dem Mond und • Die Entwicklung des Raumschiffs und Ende der 1920er-lahre der sowjetische >
der landefähre fand unter harten
Bedingungen statt. Ziele waren große
Zuverlässigkeit und geringes Gewicht.
1 2019 bild der wissenschaft I 15
Die Triebwerke für die
Raketen wurden vor dem
Einsatz gründlich getestet.

Raketenwissenschaftler juri Kondratjuk Die erste und zweite srufe waren des­ Bauteile wurden neue Techniken und
veröffentlicht. halb komplette Neukonstruktionen, während Werkzeuge entwickelt. Teams mit je 10 bis
Ein jahr lang diskutierten die Gruppen die dritte Srufe auf der Centaur-Stufe der 15 Mitgl iedern verschweißten im Schicht­
um Gilruth, von Braun und Houboldt hart­ Saturn IB aufbaute. Die erste Srufe wurde betrieb rund um die Uhr die Tanknähte.
näckig das Für und W ider der Konzepte. mit erwa 1.6 Millionen Liter flüssigem Sau­ Trotzdem benötigten sie bis zu neun Mo­
Lange Zeit blieb Houboldts Plan chancen­ erstoff und einer Million Liter Kerosin be­ nate für die insgesamt zehn Kilometer
los, weil er technisch sehr anspruchsvoll tankt. Die fünf Triebwerke verbrauchten langen ähte. Das Verschweißen von Ble­
und auch risikoreich war: Misslang das zusammen pro Sekunde 8500 Liter Sauer­ chen aus einer speziellen Aluminium­
Rendezvous-Manöver in der Mondumlauf­ stoff und knapp 5000 Liter Kerosin. Damit legie rung galt an fangs als unmöglich. Ein
bahn, gab es keine Rettungsmöglichkeit. könnte ein Airbus A380 über 500 Kilometer Mitarbeiter von Brauns aus Peenemünde.
Doch der NASA-Ingenieur rechnete vor, weit fliegen. Turbopumpen mit 60000 PS Werner Kurs, entwickelte hierfür ein neues
dass seine Variante billiger sei und man Leistung waren nötig, um diese gewaltigen Verfahren, bei dem die Bauteile mit Wolf­
mehr Nutzlast mitnehmen könne. Schließ­ Flüssigkeitsmengen möglichst gle ichför­ ram-Elektroden und unrer Helium-Schutz­
lich gelang es Houbolt, von Braun zu über­ mig von den Tanks zu den Brennkammern gas verschweißt wurden.
zeugen. der bei einem Treffen am 7. juni zu transportieren und unter hohem Druck Probleme bereitete auch das Triebwerk
1962 dessen Missionsverlauf zustimmte. einzuspritzen. Diese erste Stufe brachte der ersten Stufe, F-I genannt. Es war mit
Damit waren die Weichen gestellt. eine Leistung von knapp 34000 Kilo­ 24 Tonnen das schwerste Einzelteil der
newton - so viel wie 100 Triebwerke eines Sarurn V. Der riesige Injektor besaß 5700
Das Kraftpaket Saturn V A380. Nach 2,5 Minuten hatte die Saturn V Löcher, durch die in jeder Sekunde 2700
Bei dem Bau der Mondrakete Saturn V eine Höhe von 60 Kilometern und eine Liter Kerosin und Sauerstoff in die Brenn­
konnten Wernher von Braun und seine Geschwindigkeit von 8600 Kilometern pro kammer versprüht wurden. Dabei traten
Mannschaft auf Entwicklungen der Vorläu­ Stunde erreicht. gefährliche Instabilitäten auf. Akribische
fermodelle Sarurn I und Sarurn IB aufbau­ Studien und sukzessive Verbesse rungen
en. Aber die Saturn V sollte über einen Eine völlig neue Schweißtechnik führten letztlich zum Erfolg abe r grundle­
,

fünfmal so großen Schub wie ihre vorgän­ Nie zuvor und auch nicht danach wurde gend verstanden haben die Ingenieure das
gerin verfügen und bis zu 133 Tonnen in eine größere Raketenstufe mit Flüssig­ Problem nie. Berstende Flügelräder der
eine 185 Kilometer hohe Erdumlaufbahn treibstoffen gebaut. Die Anforderungen Turbopumpen und andere Probleme brach­
bringen können - ein gewaltiger Schritt. waren enorm. Für das Formen der riesigen ten das F-l mehrmals zur Explosion. Kein

16 I bild der wissenschaft 1 2019


Titelthema TECHNIK.:::> ZUKUNFT

Kniffelig: Ein Tech­


niker bei Boeing
installiert ein
F-'-Triebwerk in der
Flugsrufe einer
Saturn V. Jeder
kleinste Fehler hätte
zur Katastrophe
führen können.

Gehirn und Nervenzenlfum


der Rakete: Ein mächtiger Ring
trug die Steuerinstrumente.

anderes Triebwerk wurde jemals so oft ge­ tel' pro Stunde. Es verließ die Erdumlauf­ wicklung. Der damalige Direktor der NASA,
testet wie das F-l- nämlich 2471 Mal. bahn und flog zum Mond. James Webb, sah das mit großer Besorgnis.
Die zweite Stufe verfügte ebenfalls über Aus heutiger Sicht unglaublich war die Denn schon bald schien es, als müsse er
fünf Triebwerke, die etwa 400000 Liter dürftige Computerleistung. Am oberen den Termin der ersten Mondlandung auf
flüssigen Sauerstoff und 1,2 Millionen flüs­ Innen rand der dritten Stufe waren ringför­ 1971 verschieben. Daher ordnete die Füh­
sigen Wasserstoff verbrannten. Sie brach­ mig die Instrumenteneinheit und der rung der NASA 1963 an, dass künftig nicht
ten die Rakete innerhalb von 6,5 Minuten Computer untergebracht. Dieses "Gehirn mehr wie bisher einzelne Komponenten
bis in 180 Kilometer Höhe, wo sie eine Ge­ und Nervenzentrum" der Rakete verfügte der Saturn V bei Testflügen überprüft wer­
schwindigkeit von 24000 Kilometern pro unter anderem über Kreisel zur Erkennung den sollten, sondern nur noch die kom­
Stunde erreichte. der räumlichen Ausrichtung, Borddaten­ plette Version - einschließlich Raumschi ff
sender und Batterien. Der 35 Kilogramm und Mondfähre. Dieses beschleunigte Ver­
Kickstart aus der Parkbahn schwere Computer verbrauchte 438 Watt fahren stieß anfänglich bei Gilruth und
Die dritte Stufe hievte die Restrakete, die und konnte 9600 Rechenoperationen pro von Braun auf scharfen Protesr. Doch Webb
nur noch aus dem Apollo-Raumschiff und Sekunde ausführen. Heutige Smartphones blieb hart. Um sein Verfahren durchzuset­
dem Mondfahrzeug bestand, au f rund 185 sind etwa eine Million Mal schneller. Ent­ zen, berief er Samuel Phillips zum Direktor
Kilometer Höhe. Damit harte das Gespann scheidend war die Zuverlässigkeit der Sys­ des APOllo-Projekts. Phillips hatte das
seine Parkbahn erreicht, in der alle Syste­ teme. Von Braun sorgte daher dafür, dass Simultanverfahren bereits bei der Air Force
me überprüft wurden. War alles in Ord­ alle Teile des Computers dreifach ausgelegt erfolgreich realisiert - es sollte sich auch
nung, zündete das Triebwerk erneut und waren, die Speichermodule sogar sechsfach. bei Apollo bewähren.
beschleunigte das Raum chiff innerhalb Die zunehmenden technischen Schwie­ Auch die Entwicklung des Apollo­
von etwa fünf Minuten auf 37500 Kilome- rigkeiten verzögerten die gesamte Ent- Raumschiffs erwies sich als äußerst kom- >

1 2019 bild der wissenschaft I 17


WISSEN

Immense Kosten
Bau und Entwicklung der Saturn V
verschlangen von 1962 bis 1973 ins­
gesamt 6,S Milliarden Dollar, was
heute etwa 36 Milliarden Dollar ent­
spräche. Jeder Start schlug mit 18S
Millionen Dollar (heute eine Milliar­
de) zu Buch, davon 110 Millionen Ein weitläufiges
(600 Millionen) für die Produktion Testgelände in
der Rakete. Zum Vergleich: Der Start Kali[ornien. Foto
einer Ariane 5 kostet etwa 170 Millio­ Mitte: Montage
nen Dollar. Das gesamte Apollo-Pro­ bei McDonnell
gramm schätzt die NASA auf 25,4 Douglas.
Milliarden Dollar, nach heutigem
Wert also 140 Milliarden Dollar. Das "

entspricht etwa den Kosten der Inter­


nationalen Raumstation ISS. ,

Vollendung der Giganten: In


einer riesigen Halle bei New
Orleans wurden die zum Start
gezündeten Stufen der Mond­
raketen zusammengebaut.

20 I bild der wissenschaft 1 2019


Titelthema TECHNIK.:::> ZUKUNFT

Den Weg über das Kennedy


Space Cenler in Florida legte
die Rakete mobil zurück.

mengepfuscht?" Die Entwicklung der Forderung der Mehrfachauslegung von kri­ reichten die Mondfahrer die Umlaufbahn
"Weltraumwanze" erwies sich zudem als tischen Elementen beim Landemodul des Mutterschiffs Columbia. Armstrong
fortwährender Kampf gegen Übergewicht . nicht überall erfüllen. Ausgerechnet beim manövrierte den "Adler" bis auf etwa zehn
Die Ingenieure entfernten nach und nach Starttriebwerk verzichtete man darauf Es . Meter an das Mutterschiff heran, dann

immer mehr Teile des anfänglichen Proto­ gab nur einen einzigen Motor. Würde er übernahm Collins das Andockmanöver.
typen: Aus fünf Landebeinen wurden vier, versagen, gäbe es für die Astronauten keine Alles verlief planmäßig. Schließlich wurde
aus zwei Sitzen wurden Armstützen. Rückkehrmöglichkeit zur Erde. die Mondfähre abgestoßen, und es ging zu­
Deshalb wurde dieses Triebwerk so ein­ rück nach Hause.
Kampf gegen Übergewicht fach wie möglich konstruiert. Es besaß nur
Ein gelungener Trick war die Aufteilung in zwei Ventile, die die selbstentzündlichen Die Botschaft der Mondbesucher
zwei Stufen. Die insgesamt 7 Meter hohe ("hypergolischen") Treibsroffkomponen­ Zurück blieb die Landesrufe der Mondfäh­
Fähre landete als komplette , 15 Tonne n ten zusammenführten. Der Schub ließ sich re. An einem der Beine befand sich eine
schwere Einheit auf dem Mond. Um für den nicht regeln es gab bloß zwei Betriebszu­
, Metallplakette. Sie ze i g t oben die zwei He­
Rückstart Gewicht und damit T re ibs toff zu stände: "ein" und "aus". john Houbolt misphären der Erdkugel und unten die
sparen, hob nur der obere 4,5 Tonnen nannte es einmal den "best erprobten Ra­ Unterschriften der drei Astronauten sowie
schwere Teil ab. Die Abstiegssrufe bestand ketenmoror im Universum". Tatsächlich die von Präsident Richard Nixon. In der
aus einer Rahmenkonstruktion, über die funktionierte e r bei allen Rückstarts vom Mitte steht übersetzt: "Hier setzten zum
e ine Folie aus Mylar gespannt war - einem Mond fehlerfrei. ersten Mal Menschen vom Planeten Erde
Material, das auch in schusssicheren Wes­ Nur e in Schalter sorgte bei Armstrong einen Fuß auf den Mond. juli 1969 I\.D.
ten verwendet wird. Die Wände des Auf­ und Aldrin kurz für Aufregung. Unmittel­ Wir kamen in Frieden für die gesamte
stiegsmoduls, in dem sich die Astronauten bar vordem Start bemerkte Aldrin, dass ein Menschheit." •
aufhielten, bestanden aus hauc hdünne r Stromkreisschalter, der indirekt den Motor
Aluminiumfolie. Sobald die Kabine im in Gang setzen sollte, abgebrochen war.
Weltraum mit Sauerstoff gefüllt war, blähte Kurzerhand griff er sich einen Kugels chr e i­
THOMAS BÜHRKE
sie sich auf. Der ApoIl0-9-Astronaut james ber und arretierte den Schalter. Das war die
verfolgte als Zwölfjähriger
McDivirr nannte die Fähre deshalb einmal Lösung: Das Triebwerk sprang an, die Fähre nachts gebannt die ver­
"Seiden papi er R aumsc hiff .
- ' hob ab. Aldrin erkannte gerade noch, wie rauschten Fernsehbilder

wegen der notorischen Gewichtspro­ der Düsenstrahl die amerikanische Fahne vom Mond - ein wegweisen­
des Erlebnis.
bleme konnten die Ingenieure von Brauns umwehte, dann ging es ab. Planmäßig er-

1 2019 bild der wissenschaft I 21


Titelthe m a 'TECHNIK.:::> ZUKUNFT

Ionen, Sonnensegel,
Kernfusion

Für den Weg ins All stehen etliche Antriebe bereit. Doch jede Technik hat Vor- und Nachteile.
Welche Herausforderungen Forscher und Ingenieure zu bewältigen haben - und welche
neuen Perspektiven sich der Raumfahrt bieten

von RALF BUTSCHER

5 Meter Spannweite, 2,5 Kilo·


gramm Gewicht: Das kleine
s ist ein sonderbares Objekt, das Ste­ Fiction-Serie "Raumschiff Enterprise" alias Flugzeug fliegt mit Ionen kraft.

E ven Barrett und sein Team durch eine


Sporthalle in der Nähe von Boston
fliege n lassen. Zuerst katapultieren die In­
"Star Trek" - hat damit einen ersten Schritt
in die Luftfahrt gemacht.

genieure das selts ame Flugzeug, dessen Mit schnellen Ionen in die Umlaufbahn für Raumfahrttechnik an der Technischen
Tragflächen gerade mal fünf Meter über­ Weiter oben, viele Tausend Kilometer über Universität München.

spannen, ruckartig in die Luft. Danach der Erdoberfläche, ist diese Technik bereits Um die Vorteile eines Weltraum-Ionen­
fliegt das Gerät rund 50 Meter weit, bevor seit etlichen Jahren im Einsatz. So nutzen antriebs zu beschreiben, erklärt eier Wis­
es zu Boden sinkt - völlig geräuschlos. Der zum Beispiel Betreiber von Fernsehsatel­ senscha ftle r ZlInächst die prinzipielle
Grund: Das Miniatur-Flugzeug, das die liten-Systemen Ionenantriebe, um neue Funktionsweise derTechnik, deren Grund­
Forscher am Massachusetts Institute of Satelliten abzusetzen - in einer geostatio­ lagen bereits in den 1950er-Jahren entwi­

Technology (MIT) entwickelt haben, be­ nären Umlaufbahn, rund 36000 Kilometer ckelt wurden: "Solche elektrischen Antriebe
sitzt kein einziges bewegliches Teil. Es hat über der Erele. "Damit können Unterneh­ basieren auf einem kalten Plasma, das
auch keinen Motor. Stattdessen sind unter men wie der Satelliten-TV-Netzbetreiber durch Ionisieren von Atomen oder Mole­
seinen Flügeln mehrere Drähte gespa nnt , Astra im Vergleich zu herkömmlichen külen entsteht." Das kalte Plasma enthält
an denen eine elektrische Spannung an­ chemischen Antrieben viel Treibstoff und elektrisch geladene Teilchen wie Elektronen

liegt - die Basis für den Antrieb des Flug­ damit auch Kosten sparen", sagt Ulrich und Atome mit geringer Energie. Häufig
objekts: Es ist das Erste mit einem Ionen­ Walter. Der Physiker war 1993 als Astronaut elienen Edelgas-Atome wie Argon oder Xe­
triebwerk. auf der D2-Mission mit dem damaligen non als "Rohstoff' für das Ionen- Plasma.
Es nutzt elektrisch geladene Moleküle Weltraumlabor Spacelab zehn Tage lang im Ein sehr starkes elektrisches Feld be­
der Luft, die im elektrischen Feld an der All. Seit 2003 ist er Inhaber des Lehrstuhls schleunigt die elektrisch geladenen Partikel,

Vorderseite der Tragflächen entstehen. Die die dann nach hinten ausströmen und dort
Spannung zieht sie nach hinten, wobei die sofort neutralisiert werden. So entsteht
Ionen andere Luftmoleküle mit sich reißen. - wie bei allen sogenannten Rückstoßan­
Dadurch entsteht ein Gasstrom - und mit trieben - mit einem Strahl neutraler Parti­
• Bei Satelliten·Manövern und für Raum·
ihm letztlich eine SChubkraft, die das 2,5 sonden im nahen Sonnensystem haben
kel der erforderliche Schub. Allerdings:
Kilogramm leichte Flu gzeug bewegt Der . sich Ionentriebwerke durchgesetzt. Statt des von Raketenantrieben gewohnten
Ionenantrieb - einer der futuristischen donnernden Röhrens unter Rauch und
• Für Missionen zu fremden Sternen
technischen Gimmicks in der Science- sind nukleare Antriebe unverziehtbar. Flammen geschieht das geräuschlos und >
• Ideen wie ein Aufzug ins All werden
wohl eine Utopie bleiben.
1 2019 bild der wissenschaft I 23
Forscher bei der NASA arbeiten
an etlichen neuen Antriebskon·
zepterl, etwa mit Kernspaltung.

mit einem geheimnisvollen farbigen Glim­ enorme I-litze erzeugt. Die heißen Gase ja­ In der Schwerelosigkeit des Weltraums wird
men, was durch Rekombination der Elek­ gen in einem hohen Strom (meist mehrere der geringe Schub durch monatelangen
tronen mit den Tonen, die Neutralisation, Tonnen pro Sekunde) aus der Rakete und Antrieb wettgemacht. So gelangen etwa
entsteht. "Da sich die Ionen auf eine große schieben sie durch den Rückstoß an. "Der moderne TV-Satelliten mit Ionenantrieben
Geschwindigkeit von bis zu 45 Kilometer Schub durch solche chemischen Antriebe mit einem Fünftel des Treibstoffs erst nach
pro Sekunde bringen lassen, haben elektri­ ist gewaltig", sagt der Münchner Forscher. 90 Tagen auf einer spiralförmigen Bahn in
sche Antriebe eine sehr hohe Effizienz", "Doch die Effizienz dieser Art von Antrieb den geostationären Orbit. Die Kosten redu­
sagt Walter. ..Sie ist rund zehn Mal so hoch ist miserabel." zieren sich dadurch gewaltig. Die größere
"
wie bei einem chemischen Antrieb. Das sorgt für einen immensen Bedarf an Zeitspanne können sich die Betreiber von
Treibstoff: Dieser beträgt rund 80 Prozent TV-Satellitensystemen leisten, denn sie
Deutlich weniger Treibstoff platzieren einen neuen Satelliten in der
Die Folge: Der Treibstoffbedarf verringert Regel lange vor seinem Einsatz, quasi als
sich typischerweise auf ein Fünftel - ein Reserve, im Orbit. Fällt ein Satellit aus,
enormer Pluspunkt in der Raumfahrt, wo Chemische Antriebe springt der in Wartestellung für ihn ein.
der Treibstoffanteil in einem Satelliten oft
liefern gewaltigen Schub -
60 Prozent ausmacht. Diesen Vorteil bieten Elektromobilität im Orbit
auch andere elektrische Antriebe wie der bei miserabler Effizienz "Wenn man aber nur einen Satellit oben
Hall-Antrieb, der den magnetischen Hall­ hat, der ausfällt und für den schnell ein
Effekt nutzt (siehe Grafiken auf Seite 26), der Gesamtrakete. Ein Ionenantrieb, der Ersatz benötigt wird, kommt es natürlich
oder der HEMP-Antrieb (HEMP: High Effi­ den Treibstoff auf ein Fünftel reduzieren auf jeden Tag an", erklärt Ulrich Walter.
ciency Multi Stage Plasma), den Forschern würde, wäre hier also genau das RiChtige. "Dafür wird es weiterhin die alten chemi­
der Thales Group entwickelt haben. Doch Ionenantriebe haben zwei gravie­ schen Antriebe geben - doch sonst werden
Bislang war es üblich, eine Rakete nach rende Nachteile: Sie funktionieren nur im sich elektrische Antriebe allmählich
dem feurigen Start mit ihrer letzten Stufe Vakuum und nicht beim Aufstieg in der durchsetzen."
in den Zielorbit zu bringen. Das Prinzip: Atmosphäre. Außerdem sind sie bei glei­ Die beiden großen Nachteile des Ionen­
Alle Stufen nutzen einen energiereichen cher Baugröße rypischerweise 10 Millionen antriebs lassen sich nicht beseitigen, denn
und leicht entzündlichen Treibstoff oder Mal schubschwächer als chemische Antrie­ sie sind physikalisch bedingt. Grund ist die
ein Gemisch mehrerer Stoffe, das ver­ be: Eine Rakete mit Ionenantrieb würde geringe Dichte des Plasmas in der Trieb­
brennt und neben Reaktionsgasen eine erst gar nicht von der Starrrampe abheben. werkskammer: "Die elektrisch geladenen

24 I bild der wissenschaft 1 2019


Titelthema TECHNIK.:::> ZUKUNFT

Ionen dort stoßen sich gegenseitig ab", er­


klärt Walter. "Deshalb lassen sie sich längst
nicht so dicht packen wie elektrisch neu­
trale Moleküle im Brennraum einer Rakete
mit chemischem Triebwerk." Die Masse
des ausgestoßenen Ionen-Gases ist gering
eine sehr geringe TeiJchendichte
bedeutet physikalisch einen schwachen
Schub, und eine hohe TeiJchendichte der
Atmosphäre verhindert die Erzeugung eines
dünnen kalten Plasmas.

Eine gute Wahl für weite Wege


Fernab der irdischen Lufthülle jedoch eig­
net sich die elektrische Antriebstechnik
exzellent, um Raumsonden zu bewegen.
"Wenn es darum geht, eine Sonde in eine
große Distanz von der Erde zu bringen, ist
ein Ionenantrieb eine gute Wahl", sagt Ex­
perte Walter. Auf solchen Missionen, die
ohnehin etliche Jahre dauern, spielt die
geringe Schubkraft des Aggregats keine
Rolle. Denn über lange Zeit lassen sich
auch damit hohe Reisegeschwindigkeiten
erreichen.
Die agelprobe im fernen All hat die
Technik bereits vor rund 20 Jahren bestan­
den. Am 24. Oktober 1998 wurde mit der
Raumsonde "Deep Space I" der NASA - von
einer Delta-lI-Rakete - erstmals ein Objekt
ins All gebracht, das ein Ionentriebwerk an
Bord hatte. Dieses Antriebsaggregat zu tes­
ten, war eines der wichtigsten Ziele der
rund drei Jahre dauernden Mission, wäh­
rend der die Sonde in rund 200 Millionen
Kilometer Entfernung bis weit jenseits der
Umlaufbahn des Mars gelangte. Den elek­
trischen Strom für den Antrieb, der in etwa
5 Millionen Kilometer Distanz zur Erde
seinen Betrieb aufnahm, lieferten damals
3600 neuartige Solarzellen.

Jenseits von Jupiter ist Schluss


Auch bei späteren Missionen lieferte das
Sonnenlicht die nötige Energie, um elektri­
sche und magnetische Felder in einem
Ionentriebwerk zu erzeugen. Aber da ist ein

>

Ulrich Walter war 1993 zehn


Tage im All. Nun forscht der
Physiker zur Raumfahrrteclillik.

I 2019 bild der wissenschaft I 2S


TECHNIK.:=:> ZUKUNFT Titelthema

Verbrennen oder verschmelzen?

Alle Raketenantriebe, die heute verwendet, entwickelt oder erforscht werden, basieren physikalisch auf dem Rückstoßprinzip. Dabei wird
Materie mit hoher Geschwindigkeit nach hinten ausgestoßen. Dadurch entsteht eine Kraft, die die Rakete in entgegengesetzte Richtung
stößt. Doch darin, wie die ausgestoßene Materie erzeugt und beschleunigt wird, unterscheiden sich verschiedene Antriebskonzepte.

Kernreaktor

Abgase

Bei einem chemischen Antrieb wird Treibstoff in einer chemischen Ein nuklear·thermischer Antrieb nutzt dasselbe Konzept: Ein heißes
Reaktion verbrannt. Die dabei freigesetzte Energie lässt heiße Gase, Gas strömt durch eine Düse aus und erzeugt den Schub. Die Energie
die bei der Verbrennung entstehen, in einer Düse expandieren. dafür liefert die Spaltung oder Verschmelzung von Atomkernen.

Gas Gitter Kathode Gas magnetischer Kern

In einem Ionentriebwerk wird ein Gas, etwa Xenon, zunächst ioni· Auch in einem Hall-Triebwerk werden positive Ionen elektrisch be­
siert. Ein elektrisches Feld beschleunigt die positiven Ionen, die schleunigt. Zudem zwingt ein radiales Magnetfeld die Elektronen
vor dem Ausstoß durch Elektronen wieder neutralisiert werden. auf eine Kreisbahn. Das verstärkt die Beschleunigung der Ionen.

Magnet zentrale Heizkammer

Radioantenne verengung
A node

Magnetplasmadynamische Antriebe beschleunigen Ionen nicht mit In einem VASIMR-Triebwerk wird der Treibstoff, meist Wasserstoff,
elektrischen, sondern mit magnetischen Feldern - durch ein kompli­ durch Radiowellen ionisiert und in eine Kammer mit Magnetfeldern
ziertes Wechselspiel der Felder in einem trichterförmigen Aggregat. geführt, wo die Wellen ihn auf mehrere Millionen Grad erhitzen.

weireres Limit für den Einsatz derTechnik: Doch weiter draußen im All versagt die " ew Horizons" ausgestattet, die sich
"Die Intensität des Sonnenlichts nimmt Technik - das fahle Licht der weit entfern­ seit 2006 auf dem Weg zum Pluto­
quadratisch mit dem Abstand von der Sonne ten Sonne spendiert dafür nicht genug System befindet.
ab", erklärt der Münchner Wissenschaftler. Energie. Selbst für die interne Stromver­
"Mit den heute verf ü gbaren Solarzellen sorgung reichen dann keine Solarzellen. Trickreiche Sonnensegel
gibt es daher n u r etwa bis zur Ju piterbahn Dort behelfen sich die Raumfahrtinge­ Das Manko der abnehmenden Sonnen­
ausreichend intensives Licht, um Solarzel­ nieure bislang mit der Energie, die Pluto­ strahlung behindert auch eine ganz andere
len zu betreiben." Und auch das geh t nur nium beim radioaktiven Zerfall freisetzt. Antriebsmethode, die ebenfalls auf aus­
mit riesigen Flächen aus Solarmodulen. Damit ist zum B eispiel die NASA-Sonde reichend Licht von der Sonne a ngewiesen

26 I bild der wissenschaft 1 2019


Um elektrische Antriebe testen
zu können, müssen die Aggre­
gate in eine Vakuum kammer.

ist: den Antrieb mit einem Sonnensegel. "Der Hype, den es eine Zeitlang um diese bisher nicht, außerdem würde ihre giganti­
Das Konzept dieser Technik: Eine weit Technik gegeben hat, ist inzwischen wie­ sche Energiedich te das Sonnensegel sofort
aufgespannte Folie aus einem extrem dün­ der abgeflaut", sagt Walter. Für einen verdampfen. Alternativ könnte man das
nen und reflektierenden Material fängt die Dämpfer hat unter anderem die schlechte Segel mit Materieteilchen von der Erde be­
Photonen des Sonnenlichts auf - wie das Steuerbarkeit der Sonden mit Segel ge­ schießen, die einen viel höheren Impuls­
Segel eines Schiffs den Wind über dem sorgt: Sie können im Wesentlichen nur überrrag erzeugen. J\llerdings: Bei den Par­
Meer. "Die Lichtpartikel werden von dem geradeaus fliegen - in Richtung der Strah­ tikeln von der Erde wüsste man nicht, ob
Segel reflektiert und überrragen dabei das len des Sonnenlichts, hin zum Rand des sie auch nach etlichen Jahren Flug das an­
Doppelte ihres Impulses auf die Raumson­ visierte Segel noch treffen würden.
de" erklärt Ulrich Walter. Doch da der Im­
, völlig utopisch erscheinen aus heutiger
puls eines Photons winzig ist, braucht es Sicht Triebwerke, die auf der gegenseitigen
riesige Segel, um einen ausreichend gro­ Pfiffige und verrückte Ideen Vernichtung von Materie und Antimaterie
ßen Effekt zu erzielen. basieren. Zwar wäre das im Prinzip mög­
- ganz im Stil von
Der ließe sich allerdings durch einen lich und die dabei freigesetzten Mengen an
Trick enorm vergrößern. Man könnte eine Raumschi!f Enterprise Energie wären gewaltig, doch praktisch
Raumsonde zunächst weit hinein in das stehen dem Konzept riesige Hürden im
innere Sonnensystem bringen und erst Sonnensystems und letztlich darüber hi­ Weg: So ist es bislang nicht möglich, Anti­
dort das Segel öffnen. Nahe der Sonne wäre naus. Das Kreuzen zwischen Planeten oder materie im Milligramm-Bereich herzustel­
der Impuls des Lichts dann groß genug, um gar eine Rückkehr ZlIr Erde sind ausge­ len und aufzubewahren. Außerdem lässt
dem Raumfahrzeug einen immensen Schub schlossen. sich dichte neutrale Antimaterie nicht in
ZlI verleihen - und es schwungvoll hinaus Ideen, wie sich Sonden und Raumschiffe einem Tank speichern.
in die äußeren Bereiche des Planetensys­ in Zukunft starten und durch die Weiten Andere Ansätze nutzen - allesamt aber
tems zu treiben. des Weltraums bewegen I ießen, gibt es vie­ bisher nur in der Theorie - technische
le. Manche erscheinen pfiffig und visionär, Hilfsmittel, um Satelliten oder Sonden
Ein Lichtstoß von der Sonne andere einfach verrückt - ganz im Stil von ohne die Unterstützung einer Rakete ins
Ausprobiert hat ein solches schwungvolles Raumschiff Enterprise. So könnte ein J\ll zu befördern: zum Beispiel ein Kata­
Manöver bislang niemand. Die Verwen­ Weltraum Segel statt des Sonnenlichts die
- pult, eine sogenannte Railgun - eine Art
dung von Sonnensegeln als Anrrieb im All Strahlung eines Lasers auffangen, der von Kanone, bei der das Projektil auf einer lan­
ist dagegen bereits mehrfach getestet wor­ der Erde ins All leuchtet. Das Problem: gen Schiene abgeschossen wird -, oder
den, etwa auf der 2010 gestarteten japani­ Laser, die stark genug wären, um ein sol­ einen Aufzug, der von der Erde bis in den
schen Raumsonde "Ikaros". Allerdings: ches Raumfahrzeug anZlltreiben, gibt es Weltraum führt. >

1 2019 bild der wissenschaft I 27


Farbiges Leuchten ist typisch
tür Ionenantriebe. Links: HaI/­
Triebwerk auf dem TestSland.

Der Gedanke klingt bestechend: Wenn ausgesetzt wäre, müsste man es beweglich kann die Raumfahrt künftig noch effizien­
man schon nach weit oben will - warum lagern - etwa auf dem Meer. Die irdische ter und leistungsfähiger werden? Und wie
soll man dann nicht einfach einen Aufzug Verankerung des Lifts würde so je nach lassen sich Raumflüge auch weit hinaus an
benutzen? Die clevere Idee, die zuerst der Wind und Wetter um mehrere Hundert Ki­ die Grenzen des Sonnensystems oder gar
russische Wissenschaftler juri Arzutanow lometer hin und her treiben. Problema­ zu fremden Sternsystemen realisieren?
Ende der 1950er-jahre beschrieben hat, ist tisch wäre auch die Energieversorgung für
"
heute unter dem Begriff "Weltraum-Lift den Weltraum-Lift, der sich nur aus extrem 100 Prozent Technik von damals
(englisch: " Space Elevator") bekannt. leichten und zugleich robusten Materialien Beim Start ins All wird es noch lange Zeit
wie Kohlenstoff-Nanoröhrchen bauen ließe. keine Alternative zu chemischen Antrie­
Per Aufzug ins All? "Doch vor allem: Einschläge von Meteo­ ben geben, ist Ulrich Walter überzeugt. Die
Das Konzept sieht so aus: Ein robustes Seil riten oder Weltraummüll würden dem Seil, Technik, um die Gravitationskraft der Erde
wird von der Erde aufgezogen oder von zu überwinden, ist auch heute noch die­
einem fest über einem bestimmten Punkt selbe wie die in den Mondraketen des
der Erde stehenden Satelliten herabgelas­ APOllo-Programms der 1960er- und 1970er­
sen - und dient als Leitung für einen Las­ Zerstörer;scher Hagel jahre. In der ersten Raketenstufe steckt so­
tentransport ins All. Doch was auf den ers­ gar " noch zu 100 Prozent die Technik von
aus Meteor;ten
ten Blick simpel erscheint, hat seine Tü­ damals", sagt der Münchner Physiker. Die
cken: "Es lässt sich berechnen, dass das und WeltraummülJ chemischen Antriebe sind längst ausge­
Seil 144000 Kilometer weit hinaufreichen reift, kraftvoll und haben sich bei unzähli­
müsste", sagt Ulrich Walter - weit über die das eine effektive Querschnittsfläche von gen Starts bewährt.
Umlaufbahnen von geostationären Satelli­ 300 mal 300 Quadratmetern hat, schon Allerdings: Bereits in den 1960er-jahren
"
ten hinaus. nach kurzer Zeit den Garaus machen , sagt schielten die Raumfahrringenieure auf eine
Um stabil genug zu sein, müsste das Seil Ulrich Walter. Der Wissenschaftler hält die technische Alternative, die noch mehr
bis zur stationären Höhe immer dicker Idee des Weltraum-Lifts daher für eine gu­ Schub und zugleich eine deutlich höhere
werden: Dort hätte es etwa einen Millime­ te Aufgabe für Studenten und Nachwuchs­ Effizienz verspricht - die Nutzung der
ter Durchmesser, während es in seiner Ver­ forscher, an der sich viele technische He­ Kernkraft. "In den USA entwickelte man in
ankerung am Erdboden nur 0,2 Millimeter rausforderungen aufzeigen lassen. dem Projekt ,Orion' sogar Antriebe mit
dick wäre. Insgesamt würde es etwa 100 In der Praxis aber erscheint sie ihm Kernenergie für die Mondraketen", berich­
Tonnen wiegen. Und da das Seil in den un­ nicht umsetzbar. In der aktuellen For­ tet Ulrich Walter. Dem stand letztlich bloß
teren Bereichen der Atmosphäre dem Wind schung geht es mehr um die Fragen: Wie die in den 1960er-jahren aufkommende

28 I bild der wissenschaft 1 2019


Titelthema TECHNIK.:::> ZUKUNFT

Raumfahrzeuge mit Nuklear­


technik sind eine Zukunftsvision
(hier eine Illustration).

Ächtung von Nukleartechnik im Weltraum Funktionsprinzip wäre dasselbe wie bei tionale Thermonukleare Experimentalre­
durch das 1963 geschlossene internationale einem chemischen Antrieb: Ein Gas wird aktor ITER errichtet wird. Wenn solche Re­
"
"Nuclear Test Ban Treaty" entgegen. Es be­ erhitzt, komprimiert und unter hohem aktoren irgendwann zuverlässig laufen,
endete die damaligen überlegungen, einen Druck ausgestoßen - doch die Energie da­ müssen sie noch verkleinert werden und
Antrieb zu entwickeln, bei dem etliche für würde statt durch eine chemische Re­ man muss sie an die Verhältnisse in einem
kleine Atombomben am Heck der Rakete aktion durch Kernspaltung gewonnen. Raumfahrzeug anpassen", sagt Walter.
gezündet werden, um für Schub zu sorgen. "Das Problem der dabei entstehenden ra­ Wenn all das geschafft ist, wäre das ein
dioaktiven Strahlung ließe sich bewälti­ enormer Sprung nach vorn für die Raum­
Nonplusultra für die Raumfahrt gen", meint Walter, "und wäre bei unbe­ fahrt, betont der Forscher: "Die Raketen
Dennoch: "Raketenantriebe auf Basis der mannten Raumsonden weit draußen im All könnten deutlich kleiner gebaut werden
Spaltung oder Fusion von Atomkernen ohnehin vernachlässigbar." und wären zudem preisgünstiger." Raum­
wären das Nonplusulrra für interplanetare Forschungsprojekte zu nuklearen An­ fahrtmissionen zu fernen Planeten oder
oder interstellare Raumflüge , meint Wal­
" trieben, für die es jahrzehntelang kein Geld Sternen würden leichter oder wären gar
ter. "Sie vereinen in sich die Vorteile von gab, sind inzwischen wieder gestartet, un­ erst möglich. "Wenn wir aus dem Sonnen­
chemischen und elektrischen Antrieben." ter anderem in den USA. In der Raumfahrt system hinaus wollen, kommen wir an nu­
Das bedeutet: Ein Raumfahrzeug mit u­ scheint man nur darauf zu warten, dass es klearen Antrieben nicht vorbei", meint VI­
klearantrieb hätte einen überaus kraftvol­ irgendwann grünes Licht für den Einsatz rich Walter. Und er ist überzeugt: Der weg
len Antrieb für den Start und auch danach der Technik gibt . dorthin ist zwar noch steinig und weit.
reichlich Energie für die Reise - und das Doch ihn zu gehen, lohnt sich. Denn er
nur mit recht wenig Brennstoff an Bord. Es Hoffen auf Kernverschmelzung führt zu einem Tor, hinter dem sich ganz
wäre nicht auf das Sonnenlicht als Energie­ Ulrich Walter hat vor allem die Kernfusion neue Möglichkeiten eröffnen, um die Rät­
quelle angewiesen und ließe sich flexibel im Visier, die Verschmelzung von Atom­ sel des Weltalls zu erforschen . •
steuern. Deshalb steht diese Technik heute kernen. "Sie wäre um das Zehnfache effi­
wieder im Fokus vieler Forscher und zienter als die Kernspaltung, weil pro Mas­
Raumfahrtplaner. se viel mehr Energie freigesetzt wird", er­
RALF BUTSCHER
"Aggregate mit einem Kernspaltungs­ klärt er. Allerdings: Die Technik ist noch
wartet stets gespannt auf
reaktor sind technisch ausgereift, funktio­ nicht so weit. Weltweit forschen Wissen­
Bilder und Erkenntnisse aus
nieren gut und wären sofort einsetzbar", schaftler derzeit an funktionsfähigen Fusi­ dem All. umso besser, wenn
meint Vlrich Walter. "Man könnte sie heute onsreaktoren - zum Beispiel im südfranzö­ Sonden mit neuer Technik
bald weitere Ziele erreichen.
bauen und morgen damit fliegen." Das sischen Cadarache, wo zurzeit der Interna -

1 2019 bild der wissenschaft I 29


TECHNIK.:::> ZUKUNFT Titelthema

Grüner Daumen
fürs All
Auf der langen Reise zum Mars wären der Proviant und das Abwasser ein
Problem. Praktisch wäre ein Gewächshaus und eine Kläranlage. Beides wird jetzt
ausprobiert - in der Antarktis und im Orbit

von KAI OÜRFELD

enn Hollywood ins Weltall auf­ len, nahrhafte Biomasse aufbauen und an­

W bricht, dann grünt und blühr es


nichr nur auf dem Mars. Ge­
wächshausmodule gehören zum Standard­
schließend wieder in Dünger
nächste Generation verwandeln oder kom­
plexe chemische Verbindungen aus Ab­
für die Im Fokus der Mission fu:CROPIS
(Euglena Combined Regenerative
Organic Food Production in Space)
sind Tests zur Langzeitstabilität
repertoire von Science-Fiction-Autoren. wasser filtern und zerlegen. Nichts wird eines biologischen I.ebenserhal­
Raumschiffe beherbergen sie genauso wie von der Natur verschwendet, die Kreisläu­ tungssystems fürs All. Der ein Meter
Außenposten auf fremden Welten. Sie lie­ fe si nd geschlossen. lange und 230 Kilogramm sch,vere
Satellit wurde am Deutschen Zen­
fern Nahrung, reinigen die Luft, klären das Im All hingegen sind bisher vor allem
trum für Luft- und Raumfahrt in
Wasser und erhellen die Gemüter von offene Systeme im Einsatz. Für Stippvisi­
Bremen gebaut und wird mit einer
-

Passagieren und Kolonisren. Die Realirät ten in den Orbir haben die Raumfahrer Fa/con-9-Rakete von Space-X in
sieht freilich anders aus. Denn selbst 57 Nahrung, Wasser und Sauerstoff dabei. Das Kalifornien ins All fliegen. An Bord:
24 Tomatensamen.
Jahre, nachdem Juri Gagarin als erster Kohlendioxid wird aus der Ateml u ft ent­
Mensch ins Weltall flog, ähneln die orbita­ fernt und chemisch gebunden, der Urin in
len Unterkünfte auf Zeit eher technischen den 'Neltraum entlassen. Erst Raumstatio­
Laboren als grünen Oasen. nen wie die ISS müssen mit den Ressour­
Auf der Erde ist es die Biosphäre, die cen haushalten. Zwar liefern Versorgungs­
Mensch und Tier überleben lässr. Es sind flüge sterig Nachschub, doch der hat sei­
biologische Prozesse, die Kohlendioxid nen Preis, sodass jedes Kilogramm zählt. Stellung. Auf der Station dient es nicht nur
binden und Sauerstoff zur verfügung stel- Vor allem das Wasser hat hier eine zentrale zum Trinken und zur Hygiene. Durch Elek­
trolyse wird daraus auch lebenswichtiger
Sauerstoff gewonnen. Der Wasserstoff geht
dabei ebenso als "Abfall" über Bord wie das
aus der Luft gefilterte Kohlendioxid. Ein
System auf Grundlage des Sabatier-Prozes­
Paul Zabel erntete im ses, das aus den beiden Abfallgasen Wasser
im EDEN'ISS-Gewächs­ gewinnen soll, hilft mittlerweile hauszu­
haus in der Antarktis
halren. Und auch das Abwasser wird heure
bis September 2018
recycelt. Ein Urinaufbereiter destilliert die
zwölf Kilogramm
Kohlrabi und fünf Kilo­ Ausscheidungen der Crew und kann auf
gramm Radieschen, diese Weise rund 85 Prozent des Wassers
außerdem pro Woche
wiedergewinnen.
im Schnitt 740 Gramm
Das all es funkrioniert und hat s i ch bis­
Tomaten.
her hundertfach bewährt. Doch was ist,
wenn die er ten Menschen in Richtung
Mars aufbrechen? Wenn Versorgungsflüge

30 I bild der wissenschaft 1 2019


nicht mehr eine Sache von Stunden, son­ über den Horizont hinaus. Der Container Der R aumfahrtingenieur vom Bremer
dern eine von Wochen und Monaten sind? vom Projekt EDEN steht am Rand der Institut für Raumfahrtsysteme am Deut­
Wenn jedes gesparte Kilogramm, jede wie­ Antarktis. Dort arbeitet Zabel als Gärtner. schen Zentrum für Luft- und Raumfahrt
derverwendete Ressource das Überleben In einem Container, kaum größer als eine (DLR) ist Teil des Projektes EDEN-ISS. In
sichern kann? Und wenn die Crew auf ei­ Srudentenbude, kümmert er sich Tag einem G ewächshausconr ai ner unweit der
nem anderen Planeten oder Mond aushar­ ein Tag aus um zartes Grün und junges deutschen Polarforschungsstation Neu­
ren muss? Dann braucht man geschlosse­ Gemüse. ma)'er III des Alfred-wegener-Instituts
nen Lebenserhaltungssysteme. (AWI) wird auf dem Ekström-Schelfeis die
rflanzenzucht unter harschen Bedingun-
Frischer Salat aus der Eiswüste KOMPAKT gen erforscht. "Mit EDEN-ISS wollen wir
Für Monate in einer fremden Welt gefan­ Technologien und Verfahren entwickeln,
Wer zum Mars fliegt, sollte frische
gen ist auch Paul Zabel. Sein Arbeitsplatz Nahrungsmittel dabei haben und den
um künftige Raumfahrtmissionen mit fri­
befindet sich an einem der lebensfeind­ Dünger dafür selbst erzeugen. schen Nahrungsmitteln zu versorgen", er­
lichsten Orte des Blauen Planeten. Eisige klärt Projektleiter Daniei Schubert die Idee
Deshalb testen Forscher, wie sich Ge­
Stürme jagen über die riesigen schneebe­ müse unter den extremen Bedingun­ dahinter. Er ist überzeugt: "Für längere be­
deckten Ebenen. Das Thermometer scheint gen der Antarktis anbauen und künst­ mannte Expeditionen zu Mond und Mars
bei 25 Grad unter null festgefroren zu sein, licher Urin im Erdorbit recyceln lässt. werden Gewächshausmodule essenziell
und die Sonne schafft es wochenlang nicht • Auf der Erde können die Technologien sein. Und für den Einsatz unter derart >
helfen, Abwasser von Medikamenten­
rückständen zu reinigen und Gemüse
in Großstädten anzubauen.
1 2019 bild der wissenschaft I 31
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In der Thermotransport­
box (vorne) wird auf
einem Schlitten Salat
und Gemüse vom Ge­
wächshaus zur Station
Neumayer 1/1 gebracht.

Rund 13 Quadratmeter misst die Anbau­


fläche. Erde sucht man hier vergebens.
Stattdessen platziert Zabel die Samen vor­
sichtig in kleinen Steinwolleblöcken, die
in den Deckeln der Stiegen eingelassen
sind. Das feinfaserige Wurzelgeflecht von
Tomate, Gurke und Co hängt frei in der
Kontrollzentrum im Plastikbox und wird don automatisch und
Warmen: Die Antarktis­
in regelmäßigen Abständen mit Nährlö­
Mission EDEN-ISS wird
sung besprüht.
vom Deutschen Zentrum
für Luft- und Raumfahrt Die Oberseite des Deckels war schon
in Bremen übenvacht bald nur noch durch ein Blätterdach zu
.
erahnen. Denn wohldosiertes Licht aus
Spezial-LEDs und angenehme Temperatu­
ren von 21 Grad Celsius bei 65 Prozent rela­
tiver Luftfeuchte lassen die Sämlinge
schnell keimen und zu kräftigen Pflanzen
lebensfeindlichen Bedingungen benötigen kühlkost. An frische, leicht verderbliche heranwachsen. Schießlich gelangten jede
wir geschlossene Systeme." Ware ist nicht zu denken - normalerweise. Woche fast ein Kilogramm Tomaten und
Um diese zu erproben. ist die Antarktis Denn im Winter 2018 steht fast jeden Tag zweieinhalb Kilogramm Salat in die Stati­
ein ideales Übungsterrain. Wenn ab Februar ein bunter Salat auf dem Speiseplan der onsküche - dazu Radieschen, Kohlrabi,
der antarktische Winter naht, verlässt der Crew. Die Zutaten stammen aus Zabels grü­ Kräuter und so viele Gurken, dass sie die
größte Teil der rund 50-köpfigen Crew die nem Reich in Sichtweite der Station. Crew schon kaum noch auf dem Teller se­
Station. Dann lichtet das letzte Versor­ Um Schneeverwehungen zu vermeiden hen mochte.
gungsschiff seinen Anker. Auch die Flüge und die Langzeitmessungen der Wissen­
von Kapstadt. die im kurzen Polarsommer schaftler nicht zu beeinträchtigen, liegen Bio-Klo im Weltraum
Frischobst und Gemüse bringen, werden 400 Meter zwischen Polarstation und Ge­ Den Dünger für seine Pflanzen hatte Zabel
eingestellt. wächshaus. Dieses throm auf einer Platt­ im Gepäck. Für Flüge zum Mond und Mars
Für die verbleibenden neun Besat­ form über dem ewigen Eis. Die isolierte ist das wenig praktikabel. ach einer Lö­
zungsmitglieder, die Überwinterungscrew, Containerwand hält den Frost draußen. sung dafür wird im Satellitenprojekt
beginnt dann die fast neunmonatige Isola­ Drinnen stapeln sich ZL1 beiden Seiten des Eu:CROPIS gesucht (Euglena and Combi­
tion. In den Lagern der Station stapeln sich schmalen Gangs flache Plastikstiegen in ned Regenerative Organic Food Production
lang haltbare Lebensmittel, KonselVen, Tief- metallenen RegalkonstfLIktionen. in Space). Man schielt dabei auf eine ganz

32 I bild der wissenschaft 1 2019


WISSEN.:::> WELT

C.R.O.P.-Demonstrator
(Combined Regenerative
organic Food Praduction)
in Köln wird mit dem
Nahrungsanbau experi­
mentiert (links). Die
Nährstoffe stammen
von Lebensmirtelresten.
Im Aquarium werden
Tilapia-Fische gehalten.
Auch in der Antarktis wer­
den die Methoden getes­
tet oben Steinwo/leblöcke
mit Samen, unten eine
blühende Erdbeerppanze
sowie Radieschen.

besondere Ressource: den Urin der Welt­ also teilweise immundefizient. Sobald sie Für die beiden Forscher war Eu:CROPIS
raumfahrer. Um diesen aufzubereiten, hat aber ihren Fuß wieder auf die Erde setzen, ein Glücksfall. Nachdem ein schon geneh­
Jens Hauslage vom Instimt für Luft- und sind ihre T-Zellen wieder normal aktiv. Wie migtes Projel:t abgebrochen werden muss­
Raumfahrtmedizin am DLR den Biofilter diese Zellen Gravitation wahrnehmen, ist te, sprangen sie in die Bresche: ,.wir haben
C.R.O.P. (Combined Regenerative Organic bislang völlig unklar." vorgeschlagen, das Pflanzenwachsmm unter
Food Productionl entwickelt. Aus organi­ Lebert forscht allerdings nicht mit As­ verschiedenen Schwerkrafteinflüssen mit
schen Abfällen wie Urin soll eine einsatz­ tronauten, sondern mit Einzellern - kon­ mikrobiellen Filtern und Nährstoffrückge­
fahige Düngemittellösung entstehen. kret: mit Augentierchen der Art Euglena winnung zu kombinieren", sagt Lebert.
Das Herzstück ist poröses Lavagestein, gracilis... Dieser Organismus ist ein Mittel­
das Mikroorganismen einen Lebensraum ding zwischen Tier und Pflanze. Er betreibt Minigewächshäuser fürs All
bietet. Neu ist die Idee nicht. Doch um Bio­ zwar Photosynthese, ist aber keine Alge. Ihr Satellit gleicht einer Tonne mit vier 50-
filter als geschlossenes System im Welt­ Und er kann sich wie eine tierische Zelle larmodulen an einem Ende. Drinnen ist er
raum oder auf fremden Himmelskörpern auf einer Oberfläche bewegen. Wenn man zweigeteilt und symmetrisch aufgebaut.
zu betreiben, müssen diese Filter nicht nur sich Eug1ena genetisch anschaut, findet Die beiden Minigewächshäuser liegen
weiterentwickelt, sondern auch unter man tatsächlich eine Mischung: zur einen einander gegenüber, ebenso wie die Was­
möglichst realistischen Bedingungen ge­ Hälfte aus pflanzlichen und zur anderen sertanks, die durch Schottwände unterteilt
testet werden, etwa bei einer veränderten aus tierischen Genen." sind. Ähnlich wie bei einem Schiff wird so
Schwerkraft. Um zu untersuchen, wie sich die Augen­ verhinderr, dass sich Wellen aufschaukeln.
tierchen in der Schwerelosigkeit verhalten, Die Augentierchen haben ihr eigenes Be­
Augentierchen recyceln Urin schickt Lebert sie regelmäßig auf Parabel­ hältnis. Die künstliche Urinlösung wird
Solche Bedingungen benötigt auch Michael flüge oder direkt ins All. Doch sein Modell­ aus dem Wassertank in die Säule mit dem
Leben für seine Forschungen. In der Abtei­ organismus kann noch mehr. Es ist Eugle­ Filter hineingepumpt. Sie tröpfelt hin­
lung Zellbiologie der Universität Nürn­ nas Appetit auf Ammoniak, der den Einzel­ durch, der Harnstoff wird zu Nitrat abge­
berg-Erlangen untersucht der Wissen­ ler für das Urinrecycling interessant macht baut und anschließend ins Gewächshaus
schaftler, wie Organismen außerhalb des und Leben letztlich zu Eu:CROPIS führte. gespült. Auf Steinwolle wachsen dort sechs
Schwerefeldes der Erde existieren können. "Jens Hauslage und ich arbeiten schon Tomatenpflanzen, deren Wurzeln von der
"Vor allem für die Raumfahrt ist es wichtig länger an Lebenserhaltungssystemen. Wir Nährlösung umspült werden. Diese fließt
zu wissen, wie eine Zelle Schwerkraft haben uns gefragt, ob sich vielleicht die zurück in den Wasserrank, und der Kreis­
wahrnimmt", sagt er. "Beispielsweise Ausscheidungen der Astronauten nutzen lauf beginnt von vorn.
T-Lymphozyten, die in der Immunabwehr lassen. Bisher werden sie entsorgt. Dabei Das Behältnis mit den Augentierchen
eine wichtige Rolle spielen. Sie sind bei enthalten sie einen wesentlichen Anteil stellt ein zweites Lebenserhaltungssystem
Astronauten auf der ISS und allgemein im der Nährstoffe, die Pflanzen für ihr Wachs­ dar. Ober einen Austauscher ist es mit dem
Weltraum weniger aktiv. Astronauten sind mm benötigen." Wasserrank gekoppelt. Alle Substanzen, >

1 2019 bild der wissenschaft I 33


Irdische Tests tür himmlische Zwecke: Inge­
nieure fertigten in Bremen den Forschungs­
satelliten Eu:CROPIS (Fotos oben und Mitte).
Die Entwicklung solcher geschlossenen
Lebensräume ist auch auf der Erde nützlich
- etwa tür den Einsatz in Katastrophen­
gebieten, in Bergwerken und unter Wasser. Biokläranlage zu betreiben? Der Aufwand ben lange Zeit Pflanzen gepflegt. Etwas
ist enorm - Versorgungsketten und techni­ Grünes um sich zu haben, das stark an die
sche Systeme sind erprobt, und dauerhafte Erde erinnert, haben sie dabei immer als
Mond- oder MarS-Stationen existieren vor­ sehr positiv beschrieben."
erst nur auf dem Papier. Auch Zabel berichtet: "Das frische Obst
die von den Einzellern abgebaut werden und Gemüse auf dem Teller war fürdie Stim­
sollen, gehen dort hindurch und werden Gemüse für die Psyche mung der Gruppe enorm wichtig. Besonders
dann verstoffwechselt. "Biologische Lebenserhaltungssysteme wer­ die Kräuter waren bei der Besatzung be­
Euglena hat für das Eu:CROPIS-Projekt den eine Ergänzung sein", meint Leberr. liebt, denn damit ließ sich jedesEssen auf­
"
einen riesigen Vorteil", sagt Lebert. "Beim "Kein vernünftiger Mensch wird auf tech­ peppen." Außerdem würden weder das Ge­
mikrobiellen Abbau von Urin sind höhere nische Systeme verzichten wollen. Denn wächshaus in der Antarktis noch der Satel­
Ammoniakkonzentrationen nicht auszu­ jedes biologische System kann umkippen. lit mit Treibhaus allein auf eine Weltraum­
schließen. Doch für Pflanzenwurzeln sind Und ein Neustarr dauert Zeit. Wenn dann nutzung abzielen, versichern beide Teams.
die nicht gesund. Der Organismus Euglena auf einem Flug zum Mars für zwei bis
wiederum greift ausschließlich auf Ammo­ sechs Wochen das Urin-Recycling ausfällt, Einmal Orbit und zurück
niak als Stickstoffquelle zurück. Er ist da­ ist das einfach nicht akzeptabel." Für Leben ist klar: "Die Experimente sind
mit in der Lage, das ganze System zu ent­ Vorteile, da ist sich der Wissenschaftler sehr teuer. Und deshalb sehen wir uns auch
giften, ohne das Nitrat als Pflanzennähr­ sicher, haben biologische Systeme trotz­ in der Bringschuld, irdische Anwendungen
stoff anzutasten." dem. "Einer der größten ist psychologi­ zu entwickeln." Bei EU.CROPIS liegen diese
Um zu untersuchen, wie Filter und scher Natur", sind sich die Wissenschaftler in der speziellen Oberflächenstruktur der
Augentierchen auf die Gravitation von von EDEN und Eu:CROPIS einig.
Ein Lavabröckchen im Filter versteckt.
"
Mond und Mars reagieren, wird der Satellit Raumfahrzeug ist eine außerordentlich Durch die unterschiedlich tiefen Ein­
"
in Rotation versera. Als Erstes werden die reizarme Umgebung", sagt Leberr. "Da bUChtungen gibt es auch Bereiche mit guter
"
Verhältnisse des Erdtrabanten simuliert, blinkt es zwar überall, und es ist wahnsin­ Sauerstoffversorgung , kommentiert II- aus­
und eine der beiden Satellitenhälften er­ nig laut, aber letztlich bietet der Blick aus lage seinen Filter. "Die sind im Wesentli­
wacht zum Leben. Ein halbes Jahr später jedem irdischen Fenster viel mehr Reize." chen von aeroben, also sauersroffliebenden
muss sich die andere Hälfte unter Marsbe­ Sich mit Pflanzen ein Stück Heimat an Bakterien besiedelt. In andere Bereiche
dingungen beweisen. Doch ist es wirklich Bord zu holen, ist hier geradezu Balsam für wiederum dringt kaum Sauerstoff vor. Dort
sinnvoll, im Weltall eine Gärtnerei und eine die Seele. "Die Astronauten auf der ISS ha- wachsen nur anaerobe Bakterien. Das Zu-

34 I bild der wissenschaft 1 2019


WISSEN.=:> WELT

Der Satellit Eu:CRDPIS soll während seiner Mission in 600 Kilometer Höhe so rotieren, dass
in seinem Inneren für sechs Monate zunächst die Schwerkraft des Mondes und anSChließend
ebenso lang die des Mars hemcht. Dabei sollen Tomatensamen keimen. Mikroorganismen
in einem Rieselfilter sorgen dafür, dass Dünger aus künstlichem urin entsteht. Die Euglena-
Einzeller an Bord sollen Sauerstoff liefern und Ammoniak abbauen.

sammenspiel der Organismen erlaubt, dass fach: Pflanzen gedeihen in übereinander aktuell behaupten. Für die gehobene Gas­
der Filter alle möglichen Substanzen um­ gestapelten Behältern und erhalten alles, tronomie liefern sie zum Beispiel essbare
setzen kann, etwa Urin zu Nitrat." was sie zum Leben benötigen. Die künstli­ Blumen oder hochwertige Kräuter.
"Wirklich spannend dabei ist, dass diese che Beleuchtung lässt sich steuern, ebenso Und natürlich sind sie an Orten will­
anaeroben Bakterien echte Problemstoffe die Temperatur und die Zusammensetzung kommen, die sonst von der Versorgung ab­
wie Diclofenac knacken können", nimmt der Nährlösung. geschnitten wären - etwa in der Antarkris.
Lebert den Faden auf. "Das macht den Fil­ Dort ist mittlerweile Hochsommer. Und
ter für die Wasseraufbereitung auf der Erde landwirtschaft für die Stadt Zabel musste seinem Gewächshaus Lebe­
interessant." Der Stoff, von dem er spricht, Vertical Farming entkoppelt Pflanzen­ wohl sagen. Fast ein Jahr lang hatte der
ist ein Schmerzmittel, das häufig bei Rheu­ wachstum und natürliche Umgebungsbe­ Antarktisgärtner das kleine Fleckchen
ma oder Hexenschuss verschrieben wird. dingungen. Schon heute reichen die An­ Grün inmitten einer eisigen Welt behütet.
Fast 70 Prozent des Wirkstoffes verlassen wendungen von kühlschankgroßen Gerä­ Die Weltraumgärtner stehen hingegen
den Patienten allerdings wieder über den ten für die heimische Küche über getränke­ erst am Anfang: Bald wird ihr Satellit in
Urin. Allein in Deutschland sind dies jähr­ automatengroße Schränke für Supermärk­ run d 600 Kilometer über der Erde kreisen.
lich mehr als 60 Tonnen. te bis hin zu Hallen von der Größe eines Sobald die künstliche Schwerkraft das
"Vor allem in urbanen Ballungszentren Logistikzentrums. iveau vom Mond erreicht hat, wird die
gelangen große l\'lengen pharmazeutischer Die Vorteile: Schnell verderbliche N ah­ erste Hälfte des Experiments starten und
Substanzen wie Schmerz- oder Verhü­ rungsmittel wachsen direkt beim Konsu­ das Bild vom grünenden und blühenden
tungsmittel ins Abwasser", sagt Hauslage. menten. Lange Transporrwege entfallen, Raumschiff ein wenig mehr von Fiction zu
"ln herkömmlichen Klärwerken können die wohldosierte Gabe von Wasser und Science v erschieben. •
sie nur unzureichend abgebaut werden Nährstoffen reduziert den Ressourcenver­
und finden sich schließlich im Grundwas­ brauch, und kontrollierte Bedingungen
ser wieder. Für unsere Mikroorganismen machen Pflanzenschutzmittel unnötig.
sind diese Stoffe hingegen kein Problem." Die Nachteile: Der Energiebedarf für KAI OÜRFELO ist freier

Auf Ballungszentren hat es auch das Licht, Kühlung der Lampen und Wasser­ Wissenschafts- und Technik­
journalist in Schkeuditz.
EDEN-Team abgesehen. Denn die Erkennt­ rückgewinnung aus der Luft ist sehr hoch.
Zuletzt ber ichtete er in bild
nisse aus den Versuchen in der Antarktis Mit herkömmlicher Landwirtschaft können
der wissenschaft 10/2018
lassen sie in das Konzept des vertical Far- die Systeme bisher kaum konkurrieren. über Extremleben.
mings einfließen. Die Idee dahinter ist ein- Nur im I-Iochpreisbereich können sie sich

1 2019 bild der wissenschaft I 3S


kifahren macht Spaß - solange man auf Knopfdruck aus der Jacke heraussaugt. Noch vor wenigen jahren sah das an­

S
ist.
nicht frieren muss. Doch das passiert
manchmal schneller, als einem lieb
Da saust man die P iste hinunter,
Sel bst nach einer Viertelsrunde Abfailits­
lauf fühlt man sich so trocken, als hätte
man die K l eidung gerade aus dem Schrank
ders aus. Bereits 2004 kam die erste Sport­
jacke mit mp3-Player, Freisprecheinrich­
rung und Stofftastarur am Ärmel in die Ge­
stemmt die Carving-Ski in den Schnee und geholt. schäfte. Damals bejubelte man die "Intelli­
gerät ordentlich ins Schwitzen Und wenn
. Oie undurchschwitzbare Skijacke soll in gente Kleidung", die "Wearable electro­
man Pech hat, muss man unten am Lift der Wintersaison 2018/2019 in die Läden nies", die tragbare Elektronik, als Zukunfts­
warten. Dann dauert es nicht lange, bis kommen. Sie zeigt, was Kleidung heute technologie. Doch dann folgte der Katzen­
einem die Kälte in den Körper kriecht. Vor alles kann: Mit Spezialfasern oder Elektro­ jammer. Nur wenige Käufer konnten sich
allem da, wo der Schweiß die Unterwäsche nik ausgestattet. steigern Jacken, Westen für die Zwitter aus Elektronik und Textil er­
durChnässt hat, besonders am Rücken. Da oder Unterhemden niCht nur den Trage­ wärmen. Und für die eher technikaffinen
helfen selbst moderne Sporthemden aus komfon - sie können blinken, warnen, jugendlichen waren die jacken zu teuer .

Mikrofaser und atmungsaktive Jacken we­ heizen. Künftig soll es sogar Textilien ge­
nig - man friert. ben, die Frühchen auf der Wochenstation Zuerst nur ein Medien-Hype
Forschern aus der Schweiz ist es jetzt übelwachen. Die "Smart Textiles", so nen­ "Das war durchaus ein Hype in den
gelungen, das Problem zu lösen. Sie haben nen Experten solche Funktionstextilien, Medien", erinnert ich Andreas Röpert, der
eine Skijacke entwickelt, die den Schweiß sind ausgereift. in Srarnberg die Firma Inreracrive Wear

36 I bild der wissenschaft 1 2019


'
TECHNIK.:::> ZUKUNFT

gearbeitet, die robust und waschbar sind - Belastung pro Stunde bis zu zwei Liter
Beim Ski[ahren produziert
der Körper viel Feuchtigkeit und heute vielfältig eingesetzt werden Wasser ausschwitzt. Herkömmliche at­
- doch neue Kleidungstech­ können. mungsaktive Jacken funktionieren nur so
nik hält ihn trocken. Was dazugehött, um gute Funktions­ lange, wie der Stoff trocken ist. Der
kleidung herzustellen, weiß Simon Anna­ Schweiß kann als Wasserdampf durch die
heim von der Eidgenössischen Material­ Membranen in der Jacke nach außen ab­
prüfungs - und Forschungsanstalt (Empa) dampfen. Schwitzt man aber zu stark, wird
im schweizerischen St. Gallen. Annaheim der Stoff durchnässt, und er lässt den Was­
hat die neue Skijacke maßgeblich mitent- serdampf nicht mehr durch.
betreibt - eine Technik-Schmiede, die wickelt. "Eine Jacke besteht aus mehreren
Elektronik für Spezialbekleidung entwi­ Schichten, etwa dem Futter und dem Ober­ Strom saugt Schweiß auf
ckelt. "Doch man hat die Nachfrage über­ material, die zusammen den Tragekomfort Anders bei der neuen Skijacke: Am Rücken
schätzt oder die Kleidung schlecht ver­ ausmachen. Für eine Zusatzfunktion muss wird ein mehrl agiges Polster eingenäht,
marktet. Selbst manche Verkäufer in den alles perfekt aufeinander abgestimmt sein das auf Knopfdruck von Strom durchflos­
Modeabteilungen waren damit überfor­ - das i t die Schwierigkeit." sen wird. Der Strom stammt aus einer
dert. Ihnen fehlte die technische Kenntnis, Bei einer Skijacke besteht das Problem Powerbank, die in einer kleinen Tasche
um die Kunden von den ,Wearablc clectro- darin, dass ein erwachsener Mensch unter untergebracht ist und vor dem Waschen
nies' zu überzeugen. " Viele Technologie- herausgenommen wird. Die Idee für die
Pattner seien in die Insolvenz gegangen, Entwicklung der Schwitzschutz-Funktion
nicht zuletzt weil ihre Erwartungen viel zu kam von der schweizerischen Firma 05-
hoch waren. motex, die das elektronische Polster mit
Textilien können heute weitaus mehr,
Inzwischen aber haben Elektronik­ als den Körper warm zu halten.
entwickelt hat. Es besteht aus einer Spe­
experten, Materialwissenschaftler und zialmembran und zwei Schichten aus Tex-
• High-Tech-Fasern und Module werden
Textilforscher neue Materialien entwi­ tilfasern , die hauchdünn mit leitfähigem
in den Stoff integriert, um unter­
ckelt, neue Stick- und Webverfahren aus­ schiedliche Funktionen zu erfüllen. Carbon ummantelt sind. Setzt man die
probiert lind an leitf ähigen Spezialfasern
• Auch in der Pflege bekommen intelli­
Schichten unter Strom, entsteht zwischen >
gente Stoffe immer mehr Aufgaben -
etwa Schutz vor dem Wund liegen.

1 2019 bild der wissenschaft I 37


dehnbare Elektronik mit
tEDs (oben) und biegsame
Mikrobatterien (rechts).

ihnen ein elektrisches Feld, das das Wasser Die Textilschichten müssen daher so ein Kleidungsstück wirklich bequem zu
nach draußen zieht. "Wasser besteht ja konstruiert sein, dass das Schwitzwasser tragen ist.
nicht nur aus den H p -Molekülen, son­ nicht wieder mit dem Körper in Berührung
dern auch aus den Wasser-Ionen HlO+ und kommt. Um den perfekten Schichtaufbau Gestickte Metaillitze
OH·", erklärt Simon Annaheim. "Diese ge­ zu finden, haben die Forscher eigens ein Wahrend die Idee zur elektronischen
ladenen Teilchen werden im elektrischen Computermodell der jacke entwickelt. Schweißregulation brandneu ist, gibt es
"
Feld bewegt. Zudem gibt es in den Empa-Labors ein wärmende Winterkleidung schon länger
Die an der Empa mitentwickelren Spe­ "technisches Manikin" (das wirklich so zu kaufen. Doch viele dieser elektrisch
"
zial-Polster mit dem Namen "Hydro Bot heizbaren jacken und Handschuhe haben
werden in die jacken integriert. Nach letz­ die Kunden eher frustriert, sagt Andreas
ten Praxistests soll die jacke in der Winter­ Röpert von Interactive Wear. "Vor allem
saison 2018/2019 auf den Markt kommen. Die jackenheizung wird weil die Laufzeit so gering war. Die Batte­
rien mussten klein sein, um in den Hand­
von einem intelligenten
Mit "Manikin" ins Prüflabor schuh zu passen, und konnten nur für et­
Der weg dahin war lang. Zunächst mu sten Algorithmus gesteuert wa eine Dreiviertelstunde genug Strom lie­
die Forscher testen, wie dick oder dünn die fern. Die Kunden waren enttäuscht."
Textilschichten sein sollten, damit sie die heißt und geschrieben wird). "Es ist gewis­ Als der italienische Modehersteller Zeg­
Wärme speichern, das Wasser aber abge­ sermaßen eine SChaufenster-Puppe mit na auf ihn zukam, machte Röpert es an­
ben. Das Problem: Der Körper verdunstet einem Millionen Franken teuren Innen­ ders. Zusammen mit Zegna und anderen
den Schweiß in Form von Wasserdampf, leben", sagt Simon Annaheim und lacht. Partnern entwickelte er ein ausgetüfteltes,
um sich zu kühlen. Die elektrische Mem­ Die Puppe ist mit etlichen Düsen ausge­ elektronisch geregeltes Il
- eizgewebe, das in
bran aber kann nur flüssiges Wasser trans­ stattet, über die Wasser wohldosiert ab­ den Rücken der jacken eingenäht ist. Der
portieren. Das heißt, dass der Wasser­ gegeben wird. Eine Vielzahl von Sensoren Strom kommt aus einer Powerbank, die in
dampf zunächst an der Membran konden­ misst die Feuchtigkeit und die Temperatur einer kleinen Tasche sitzt. Die Heizung
sieren muss, damit er nach außen gelan­ auf der Körperoberfläche. AuS den Mess­ wird von einem Algorithmus intelligent
gen kann. werten können die Forscher ablesen, ob geregelt, damit der Strom für einen ganzen

38 I bild der wissenschaft 1 2019


TECHNIK.:::> ZUKUNFT

Optische Fasern in einem


Textilsensor helfen, die Herzfre'
quenz zu messen. Foto unten:
LEDs auf textilen Leiterbahnen.

Hinweise zur richtigen


Rückenhaltung gibt ein in
die Kleidung integriertes
Multi'Sensor'System vom
Fraunhofer IlM in Berlin.

Tag reicht. Die Wärme wird gewisserma­ anwendungen eingesetzt werden. Alltags­
ßen in Wellen erzeugt. Einer Heizphase kleidung wie die gute alte Jeans und das
folgt eine Stromsp arphas e . Baumwoll-T-Shirt wird sie nicht verdrän­

Das hat auch einen psychologischen gen. Doch weil sie immer robuster wird,
Effekt. Der Kunde bekommt immer wieder wird man sie immer häufiger tragen.
Wärmeimpulse, was ihm ein Wohlgefühl
verschafft. Die Wärme entsteht in einer Winzige leuchtelemente und Sensoren
f einen Kupferlitze, die wie ein Toaster­ man von induktiven Ladeschalen für Am Textilforschungsinstir ut Thüringen­

Draht vom Strom durchflossen wird. Damit Handys kennt. Vogtland (TITV) in Greiz ist es jetzt gelun­
sie nicht korrodiert, ist sie von einem Auch in S portkleidun g wurde das I-Ieiz­ gen, Elektronik-Komponenten so mit Tex­
schützenden Lack überzogen. Diese Litze gewebe schon eingebaut. Sportler können tilien zu verbinden, dass diese auf Stoff
ist mit Millimeterpräzision in engen Bögen damit die Zeit vom Aufv,ärmtraining bis sicher halten - zum Beispiel wenige Milli­
auf e inem feinen Gewebe aufges tickt. zum Start überbrücken und verhindern, meter kleine Leuchtdioden oder Druck-,
"Es gehört viel technisches Know-how dass ihre Muskeln in der Zwischenzeit wie­ Feuchtigkeits- und Temperatursensoren.
dazu, um eine solche litze aus Metali­ der abkühlen. Bislang werden solche Teile meist auf Folie
faden, der einen anderen Durchmesser als Nach rund 20 Jahren Erfahrung in befestigt, kontaktiert und dann mitsamt
herkömmliche Garne hat, mit Stick­ Sachen Smart Textiles sind sich die Exper­ der Folie in den Stoff eingenäht.
maschinen verarbeiten zu können. Wir ten ein ig, da ss Funktionskle idung in den Doch Folie ist weniger biegsam als Stoff.

arbeiten daher mit einer schweizerischen nächsten jahren einen Durchbruch erleben Und für Bekleidung ist diese Stoff-Folien­
Firma zusammen, die unter anderem für und viele neue Anwendungen erschließen Kombination nicht gut geeignet, weil man
ihre fein bestickte Wasche bekannt ist", wird - denn jetzt sei die Technik fit für den unrer der Folie schnell schwitzt. Auf Leiter­
sagt Röpert. Alltag. Die Zegna-Jacken mit der Heizung platten kontaktiert man LEDs und Senso-
Der Clou des I-Ieizsystems: Die Power­ etwa überstehen leicht 40 waschgänge . ren normalerweise mit einer Lörpaste. Ist
bank lädt sich automatisch und kabellos Allerdings, so heißt es aus der Branche, die Leiterplatte bestückt, wird sie in den
wieder auf, wenn man die jacke auf den wird Funktionskleidung auch weiterhin Ofen geschoben, damit die Paste mit den
Spezialbügel hängt - eine Technik, die vor allem in Nischen und für Spezial- Bauteilen verschmilzt. Textilien wie Poly -
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1 2019 bild der wissenschaft I 39


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Die Forscher aus Greiz nehmen deshalb angenehmer." I

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140 Grad \
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eine Lötpaste, die schon bei
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schmilzt. Sensormatte schützt vor Wundliegen
Ein Problem beim Zusammenfügen von Vieles ist mit dem neuen Verfahren mög­
" ,'n' " " . ,

Elektrobauteil und Gewebe ist, dass sich lich. So haben Scheibner und seine Kolle­
Textilien verziehen können. Die TlTV-For­ gen eine dünne Sensormatte entwickelt,
scher kleben den Stoff deshalb zunächst mit der sich verhindern lässt, dass sich
auf einen Träger, damit nichts verrutscht. Druckgeschwüre entwickeln. Diese Ge-
Erst dann löten sie schwüre bilden
die Elektronik fest. sich, wenn jemand
Anschließend lösen lange Zeit reglos
sie den Stoff wieder viele Patienten können von auf derselben Stelle
von der Unterlage.
den neuen intelligenten liegt, vor allem
"Wir können jetzt bettlägerige M en-

Stoffe nach Belie­ Stoffen profitieren sehen. Denn der


ben mit LEDs und Druck stört die
Sensoren verbinden - auch wasserdicht, Durchblutung der Haut, und mit der Zeit
indem wir sie mit einer Polymerschicht bilden sich offene Wunden, die schlecht
überziehen", sagt Wol fgang Scheibner, Sen­ verheilen.
sorik-Experte am TITV. Damit sind etwa Die Experten vom TITV haben eine dün­
Warnwesten denkbar, die durch Leuchtele- ne Stoffmatte hergestellt, auf der zahlrei­
mente besonders auffällig sind . che DTlIcksensoren von der Größe eines
Auch mit winzigen Sensoren besetzte Babyfingernagels sitzen. Noch gibt es erst
Kleidungsstücke kann man herstellen. Je ein Funktionsmuster der Matte, sagt Wolf­
nach Komfonbedürfnis lassen sich die gang Scheibner. Künftig aber könnte man
Elektro-Bauteile mit verschiedenen Fäden damit die Stellen identifizieren, an denen
zusammenbringen. Scheibner: "Feine Me­ der Druck einen kritischen Wert erreicht. die Matte mit einer Auswerteelektronik,
tallfäden eignen sich eher für Möbelstoffe. Pfleger könnten den Patienten dann recht­ lassen sich die kritischen Stellen sogar
Trägt man den Stoff direkt auf der Haut, zeitig und gezielt umbetten. Koppelt man automatisch identifizieren.
In den kommenden zehn Jahren dürfte
Funktionskleidung vor allem in der Medi-
zin und im Sport zum Einsatz kommen,
Kniebandage mit Dehnungs­
Sensor vom Fraunho!er-Institut sagt Andreas Röpert. "Der Trend wird dahin
IZM Berlin. Damit wird der Knie­ gehen, dass man in einem Kleidungsstück
wjnkel gemessen und optimjert. verschiedene Sensoren zu sogenannten
Multisensor-Anwendungen verknüpft -
etwa um Atmung, Bewegungen, Körper­
temperatur und Puls gleichzeitig zu mes-
sen. Vor allem die Kombination mit
dem Smartphone, um Sensoren
zu steuern oder auszulesen,
wird zu neuen Produkten füh­
ren." Schon heute werden
Messdaten oleher Sensoren
von neuronalen Netzen in
Computern analysiert. Diese
neuronalen Netze können
bestimmte Muster erkennen,
etwa das charakteristische Be­
wegungsprofil eines Sportlers.
In Kombination mit einem
Smartphone kann die Kleidung dem
Sportler künftig mitteilen, ob er eine
Übung korrekt ausführt - und ihm Tipps
geben, wie er sich verbessern kann.
UV-Ucht tritt aus den Schlaufen
des Spezial-Gewebes aus (links):
Essoll die lichttherapie bei Babys
mit Gelbsucht ersetzen.

Strampelanzug gegen Gelbsucht sich der Sensor mir Strom versorgen. Das Sport eingesetzt werden. Bei der Sportklei­
wie Sensoranwendungen künftig ausse­ Baby kann im Arm der Mutter liegen und dung ließen sich damit unangenehme
hen könnten, zeigt eine Entwicklung der muss nicht mehr von ihr getrennt werden. Gerüche vermeiden.
Empa-Forscher. Sie haben ein Sensorge­ Normaleiweise bleibt das Licht in einer Für antibakterielle Textilien werden
webe entwickelt, das aus lichtleitenden optischen Faser gefangen, da die Außen­ bislang oftmals Silber-Nanopartikel ge­
Spezialfasern besteht. Wie bei einer Glasfa­ wände es zurück nach innen reflektieren. nutzt, die die Mikroorganismen durch die
ser für die Telefonleitung kann man in die­ Nur dank dieser Reflektion kann eine Abgabe von Silberionen töten. Die Forscher
se Fasern Licht einkoppeln. Eine mögliche optische Faser überhaupt Licht leiten. aber wollten ohne Nanopartikel auskom­
Anwendung wäre die Behandlung der Neu­ Wenn man eine solche Faser biegt, tritt men und verwendeten stattdessen Spiru­
geborenengelbsucht. Bei Neugeborenen an der Krümmung Licht aus. Die Heraus­ lina-Algen. Das Gewebe von Spirulina kann
arbeitet die Leber oftmals noch nicht voll­ forderung besteht darin, die Faser so in sehr gut Metalle wie Silber binden. Den Ex­
ständig. Sie kann daher die gelbliche Sub­ Schlaufen zu legen, dass Licht in der richti­ penen ist es gelungen, das Algenmaterial
stanz Bilirubin nicht richtig verwerten, die gen Menge und an der riChtigen Stelle aus so zu bearbeiten und auf die Fasern aufzu­
beim natürlichen Abbau des Blutfarbstoffs der Faser austritt. Damit der Strampelan­ nagen, dass es gut haftet. Und Experimen­
Hämoglobin entsteht. zug funktioniert, müssen die Fasern also te haben gezeigt, dass das Algenmaterial
Bilirubin färbt aber nicht nur die Haut präzise in Schlaufen gelegt und sorgsam über lange Zeit antibakteriell wirkt.
gelblich. In hohen Dosen kann es zu einer festgestickt werden. Derzeit gibt es zwei Solche Experimente bestätigen, wovon
Fehlentwicklung des Gehirns führen. Neu­ Prototypen des Strampelanzugs. Kliniken viele Experten überzeugt sind: Die Ära der
geborene mit hohen Bilirubin-Werten wer­ hätten großes Interesse daran, sagt Simon Funktionstextilien beginnt eigentlich erst
den deshalb mit blauem Licht bestrahlt, Annaheim. jetzt. Wir dürfen gespannt sein, was wir in
wodurch das Bilirubin abgebaut wird. Oft- 15 Jahren rragen werden. •

mals werden die Kinder in kleine Leucht- Algen in antibakteriellen Textilien


kästen oder auf Lichtmatten gelegt. Dazu Ganz ohne Elektronik kommt eine Er-
muss man sie von der Mutter trennen. Die findung von Forschern der Hochschule
TIM SCHRÖOER
Empa-Forscher haben nun einen Strampel­ Niederrhein und des Deutschen Textil­
ist zwar ein ausgesproche­
anzug entwickelt, in den das Lichtfaser­ forschungszentrums ord-West aus: Sie
nes Nordlicht - doch er
Gewebe eingenäht wird. Die Fasern sind so haben antibakterielle Textilien entwickelt, fährt gerne Ski. Ein heizbares
weich, dass auch ei n eugeborenes den die mit Algen beschichtet werden. Diese Jäckchen würde er gerne am
Lift tragen.
Stoff tragen kann. Über eine Batterie lässt könnten künftig in Kliniken oder auch im

1 2019 bild der wissenschaft I 41


Leserforum

Ihre Meinung war gefragt ... (Heft 11/2018)

Kennen Sie Beispiele für Selbstüberschätzung?

Ihre Meinung ist gefragt ...

zum Thema "Die Uhr des Lebens"


Frank Gehry fing 2007 im Bois de Boulogne an. eine Kostenexplosion. Die Eröffnung wurde

die Fondation Louis Vuitton zu bauen - für die von 2013 auf 2015 verschoben. und die End­ Ab Seite 68 berichten wir über einen
Kunstsammlung des Konzernchefs Bernard rechnung kletterte von 200 Millionen Euro auf Forscher. der aus der Methylierung der

Arnault, den reichsten Mann Frankreichs und mehr als 380 Millionen Euro. Bei der Elbphilhar­ Gene auf die restlichen Lebensjahre
einen Freund des ehemaligen Präsidenten monie gab es Verzögerungen auch deswegen. eines Menschen schließen will. Ein
Sarkozy. Er wollte das Museum 2010 eröffnen. weil man lange mit den Schweizer Architekten umstrittenes Thema. Wie geht es

Es wurde vier jahre später eröffnet und kostete jacques Herzog & Pierre de Meuron während Ihnen damit: Möchten Sie wissen,
circa 117 Millionen Euro. Und bei der neuen des Baus gestritten hatte, zudem kam es auch wie viele jah r e Sie noch vor sich

Pariser Philharmonie in Parc de la Villette von zu einigen Baustopps. haben?


jean Nouvel gab es Bauverzögerungen und Igor Fodor, München •
Ihre E-Mail mit Stichwort "Umfrage"

bitte an: wissenschaft@konradin.de

auch gegen den Widerstand von ein Bezug zu anderen Theorien wird gefun­
kritischen Kollegen. Aber eines den. Irgendwann wird es möglich sein, ihre
Schön wär's!
gilt auch hier: Keine Tür sollte Ta­ grundlegendste Form zu entdecken ..."
.-_ .._ .. 1_ .......-
/. �. ,. ..
bu sein. und wer sich in der Tür Igor Fadar, München
geirrt hat. sollte ohne Furcht vor

kollegialer Häme nach einer an­ Heft 9/2018


deren Tür suchen. Das ist doch Wie viel wiegt eine Prise?
auch typisch für die Grundlagen­ Wassertropfen aus einer laborüblichen Bürette
forschung. und das gilt besonders oder Pipette haben Volumina von circa 0,06
für diese unsichtbaren Phänome- bis 0,07 Milliliter, bei dünneren Spitzen eher
neo Werner Heisenberg hat sich 0.05 Milliliter. Alkoholhaltige Flüssigkeiten
gründlich mit diesem Thema be- bilden deutlich kleinere Tropfen. Also mit

schäftigt. und eine offene Diskus- 5· 10'· m' käme man etwa hin. Eine Prise dürf-
sion unter Fachleuten ohne Vorur- te auch eher 1 ·10-· m' haben. 2,5 Milliliter
teile wäre ganz sicher in seinem Salz oder Zucker oder Backpulver könnten auf

Sinne. Also, danke für diesen offe­ die Spitze von Sindbads Krummsäbel passen,
Heft 9/2018
nen Beitrag von Sabine Hossenfelder. Und ich aber nicht auf die Spitze eines Messers. Eine
Schön wär's!"
freue mich schon auf ihr Buch. Zehnerpotenz weniger sollte passen. Bei Tee­
Ästhetik und Symmetrie sind kein absoluter Reimund Gut, per E-Mail und Esslöffel stimmts dann wieder. 15 Milliliter
Leitfaden für die Erforschung der Naturgesetze. Flüssigkeit auf einen Esslöffel ist seit jahrzehn­
Das gilt besonders für die Quantenphysik. Was die Physik in die Krise getrieben hat. ist ten ein Standardmaß.
aber auch für die Bildung der universellen ihre Mathematisierung. Einstein sagte bereits Winfried Kögler, Waiblingen

Strukturen. also die Verteilung von Dunkler 1933: "Ich bin überzeugt. dass wir durch rein
Materie und Dunkler Energie. mathematische Konstruktionen die Konzepte Den Artikel über die Umrechnung von Koch­
Besonders imponiert hat mir, dass Sabine und die Gesetze entdecken können ... die den bucheinheiten in Kubikmeter habe ich mit
Hossenfelder ihre Berufskollegen animiert. Schlüssel zum Verständnis der Naturphäno­ einem Augenzwinkern geschrieben. Doch in
offen für neue wege zu sein. Natürlich haben mene liefern ..." meinem Labor sind von Studenten Messungen
die Spitzenforscher in diesem Bereich ein gro­ Und der Nobelpreisträger Yoichiro Nambu gemacht worden, um zu den Umrechnungs/ak­
ßes Renommee erworben. und aus Vorsicht meinte: "Wenn eine neue Theorie geSChaffen toren zu gelangen. Die Standardabweichungen
vermeidet man eine Relativierung eigener wird. anstatt über entscheidende Experimente waren bei manchen Kochbucheinheiten wie der
oder übernommener Theorien. Die großen und Beobachtungen nachzudenken, müssen Prise oder der Messerspitze ganz erheblich und
Geheimnisse von Dunkler Materie und Dunk­ Physiker mit der Untersuchung der formalen lagen sogar teilweise bei über einer Größenord­
ler Energie sowie die Natur der kleinsten mathematischen Strukturen der Theorie be­ nung. Um den Artikel lesbar zu halten, bin ich
Quanten werden vielleicht in einigen jahren ginnen. Die Theorie und ihre mathematische darauf nicht eingegangen.
von kreativen Köpfen offenbart. vermutlich Sprache werden untersucht. umgestaltet und profi Heinrich Hemme

42 I bild der wissenschaft 1 2019


Ausgerechnet

Im I(reis gedacht
Allerlei Wissenswertes zur Kreiszahl Pi - von Physik-professor Heinrich Hemme

Was verbindet den Entenhausener Bürger Donald Duck, Einen praktischen Nutzen hat die Kenntnis dieser vielen
den Dekan des Fachbereichs Maschinenbau und Mecha­ Stellen jedoch nicht. Würde man aus dem Durchmesser
tronik der FH Aachen Prof. Dr.-Ing. Andreas Gebhardt und des Universums seinen Umfang mit einer Genauigkeit
die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland Dr. Angela eines Elektronendurchmessers berechnen wollen, reich­
Merkel mit der Kreiszahl Pi? ten dafür 42 Stellen von Pi aus.
Das ist eine längere Geschichte: Teilt man den Umfang Die Zahl Pi hat weltweit eine große Gemeinde von Fans.
eines Kreises durch seinen Durchmesser, erhält man im­ Sie nennen sich Piologen und feiern den 14. März, der in
mer die gleiche Zahl, unabhängig da- amerikanischer Schreibweise als 3/14
von, ob der Kreis riesig groß oder win- dargestellt wird, als pi-Tag.
zig klein ist. Diese Zahl wird mit dem Im Internet kann man unter
Anfangsbuchstaben IT (Pi) des grie­ Die Zahl pi hat www.angio.netloi/b igp i.cgi ein Pro­
chischen Wortes perimetros (Umfang) gramm eine beliebige Ziffernfolge
unendlich viele Stellen
bezeichnet und ist etwas größer als 3. unter den Stellen von IT suchen las-
jedes Kind lernt in der Schule die ers­ nach dem Komma sen. So taucht das Datum des Ge-
ten drei Stellen 3,14 auswendig, tat- bu rtstags von Donald Duck, der
sächlich aber hat Pi unendlich viele Stellen nach dem 13.03.1920, erstmals ab der 14 676414-ten Nachkomma­
Komma. steile in Pi auf. Das Geburtsdatum 15.02.1953 des Dekans
Eine Merkregel für die ersten 24 Stellen von Pi hat ein Andreas Gebhardt erscheint erstmals ab der
unbekannter Dichter im 19. jahrhundert in Verse ge­ 126013208-ten Stelle in Pi und das der Bundeskanzlerin
schmiedet, wobei die Ziffern durch die Buchstabenzahlen Angela Merkel erstmals ab der 22 431820-ten Nachkomma­
der Wörter ausgedrückt werden: steIle. Da schließt sich der Kreis.
"Wie, 0 dies rr / Macht ernstlich so vielen viele Müh' I
Lernt immerhin, jünglinge, leichte Verselein / Wie so
zum Beispiel dies dürfte zu merken sein!"
Den offiziellen Weltrekord beim Auswendiglernen
von Pi hält übrigens seit fast einem jahr-
zehnt der Chinese Chao Lu. Am 20. No-
Zurzeit sind von der Zahl Pi
vember 2005 sagte er aus dem 12100000000050 Stellen
Gedächtnis die ersten 83432 nach dem Komma bekannt.

Stellen von Pi auf.


Schon seit jahrtausenden versu­
chen Mathematiker, Pi so genau wie
möglich zu berechnen. Die Autoren des
Buchs der Könige im Alten Testament
glaubten, Pi betrüge genau 3, der
große griechische Wissenschaftler
Archimedes hingegen kannte um
250 v.Chr. drei Stellen von Pi, und
Ludolph van Ceulen gelang es
1596, 35 Stellen zu bestimmen.
Seit es Computer gibt, ist es
zum mathematischen Hochleis­
tungssport geworden, möglichst
viele Stellen von Pi zu berechnen.
Den Weltrekord halten zurzeit der
japaner Shigeru Kondo und der Ame­
rikaner Alexander Yee, die 2013 die ers­
ten 12100000 000 050 Stellen von Pi be­
stimmten.

1 2019 bild der wissenschaft I 43


Auslese

Biegen, Brechen,
Verbinden
Ein Neurowissenschaftler und ein Komponist haben drei
Komponenten gefunden, die wesentlich sind für jeden Akt
der Kreativität

Es wirkt wie ein Wunder, dass Menschen so etwas erschaffen können wie eine be­ FISCHE VERSTEHEN

glückende Melodie oder ein einzigartiges Gemälde. Oft verstehen sie selbst nicht, Fische sind nicht nur ein wichtiger Teil der

wie es ihnen gelungen ist. Irgendwie war es plötzlich da. Was geht da vor sich? Die­ Natur oder gesunde Nahrung aus dem
ses Rätsel will der amer ikanische Neurowissenschaftler David Eagleman in seinem Wasser - sie sind auch Individuen. Was wir

neuen Buch erhellen, das er gemeinsam mit dem Komponisten Anthony Brandt ge­ Säugetieren oder Vögeln gerne zugestehen,
schrieben hat. Es geht also um Kreativität, ein weithin beschriebenes Thema. Doch verweigern wir den ebenfalls mit uns ver­
die Perspektive von Eagleman und Brandt ist neu und faszinierend. Die beiden, die wandten Wasserbewohnern.

seit vielen Jahren befreundet sind, haben drei Komponenten ausgemacht. die jedem Eindrucksvoll und anschaulich beschreibt
kreativen Akt zugrunde liegen: Biegen (das Abwandeln vorhandener Ideen oder For­ der Verhaltensbiologe jonathan Balcombe

men, wie es der Architekt Frank Gehry in seinen Entwürfen tat), Brechen (die schöp- außergewöhnliche Lernleistungen der Fische.
ferische Zerstörung gewohnter Muster wie So prägt sich eine Grundelart namens Frillfin
in den kubistischen Gemälden Picassos, in Goby bei Flut die Oberfläche des Meeres­

denen er mit der traditionellen Perspektive bodens genau ein: Dadurch wissen die Fische
t-iAN
DAVID EAGLE DT brach) und Verbinden (wie in "Mash-ups" - dann bei Ebbe, wo sie aus einem Gezeiten­
& THONY BRAN
AN collagierten Musikstücken, in denen Sequen­ tümpel in den nächsten springen können,
zen und Sam pies aus anderen Stücken neu ohne ihn sehen zu müssen. Die kleinen Grun­
zusammengefügt sind). deln legen eine Karte im Kopf an, die sie
Diesen Dreiklang der Kreativität spielen selbst nach Jahren nicht vergessen haben.
Eagleman und Brandt an verschiedenen Bei­ Auch das soziale Zusammenleben der Fische
spielen durch - von der Technik über die ist vielfältiger und differenzierter als allge­
Kunst und die Wirtschaft bis zum Sport. Sie mein angenommen. Einzelne Tiere kennen
analysieren eine Fuge von johann Sebastian sich, sie kooperieren miteinander, bilden

Bach, die Patentanträge Albert Einsteins für lebenslange Freundschaften und wissen im
einen Kühlschrank und eine wasserfeste Schwarm, wo sie hingehören.

Weste. Wenn man zum Beispiel den legendä­ Warum Wissenschaftler die Fähigkeiten
ren Flyer betrachtet, das erste motorisierte dieser Wirbeltiere so lange übersehen haben,
Flugzeug der Wright-Brüder von 1903, dann hat viele Gründe. Vor allem: Ihre Intelligenz

findet man im Entwurf dazu alle drei Kompo­ ist für uns nicht so einfach zu verstehen, weil
nenten: Die wrights nahmen vorhandene sie sich von unserer unterscheidet. Denn

Flugkörper aus der Technik und der Natur Fische müssen ganz andere Herausforderun­
auseinander (unter anderem die Tragflächen­ gen meistern als Tiere an Land. Als kundiger
Entwürfe Otto Lilienthais), wandelten sie ab (konstruierten "Fischversteher" gibt jonathan Balcombe den
etwa einen besonders leichten Vierzylinder-Motor) und setzten sie neu zusammen - stummen Wasserwesen eine laute Stimme.
sie brachen, bogen und verbanden. Michael Lange
Noch ein Tipp: Wegen der vielen Fotos und Illustrationen lohnt es sich, das Buch in
Papierform zu kaufen. Tobias Hürter Jonathan Balcombe
WAS FISCHE WISSEN
Wie sie lieben, spielen, planen:
David Eagleman, Anthony Brandt
Unsere Verwandten unter Wasser
KREATIVITÄT
Mareverlag, 352 5., € 28,00,
Siedler, 288 S., ( 25,-, ISBN 978-3-827-50018-2
ISBN 978-3-866-48283-8
E-Book für € 19,99, ISBN 978-3-641-22462-2
E-Book für € 20,99, ISBN 978-3-866-48342-2
Hörbuch bei Lagato-Verlag, ( 17,90, ISBN 978-3-955-67997-2

44 I bild der wissenschaft 1 2019


Roma Agrawal
DIE GEHEIME WELT
DER BAUWERKE
(arl Hanser, 262 S., ( 24,­
ISBN 978-3-446-26030-6

Die Geheimnisse des Bauens


Die britische Physikerin und mehrfach ausge­
zeichnete Bauingenieurin Roma Agrawal hat ein
faszinierendes Buch über die Kunst der Statik ge­
schrieben - von der Betonkuppel des Panthenon
bis zum bionischen Bauen der Zukunft. UQ

Hagel aus dem All In der Hauptrolle: der Mond


Roine Magnusson,
Seit gut vier Milliarden jahren saust die Erde So richtig rund läuft es nicht für jazz Bashara. Äsa Ottosson,
durch das Weltall, immer um die Sonne he­ Pleite sein und einen unangenehmen job ha­ Mats Ottosson
VÖGEL GANZ NAH
rum. Wie gefährlich dieser Trip ist, schildern ben kann man eben auch als Bewohnerin von
Sieveking Verlag
Christian Köberl und Alwin Schönberger ein­ Artemis, der ersten und einzigen Stadt auf 272 5., € 35,-
drucksvoll. Zahllose Felstrümmer säumen dem Mond. jazz behilft sich mit Schlagfertig­ ISBN
978-3-94474-85-2
unsere kosmische Bahn, andere werden erst keit und ein wenig Kleinkriminalität - bis

erkannt, kurz bevor sie der Erde nahe kom­ da dieses fadenscheinige Angebot kommt,
men. Immer wieder schlagen diese Relikte das sie nicht ausschlagen kann. Doch das Starke Persönlichkeiten

aus der Entstehungszeit der Planeten auf der zieht so manche Komplikation nach sich ... Keck und selbstbewusst blickt die Blaumeise auf
dem Buch. In einer schwedischen Beringungssta­
Erde ein und richten Unheil an. Nachdem Andy Weir in seinem überaus
tion ging sie ins Netz. Dort entstanden meister­
Die beiden Autoren verbindet Fachwissen erfolgreichem Debütroman "Der Marsianer"
hafte Fotos von über 30 europäischen Vogelarten.
und Schreibtalent. Köberl ist Planetarer Geo­ über einen auf dem Mars gestrandeten NASA­ In diesem edlen Bildband sind sie mit vielen Infor­
loge an der Universität Wien, Schönberger Astronauten geschrieben hat, geht es in sei­ mationen und Erlebnisberichten angereichert. PW

Wissenschaftsjournalist und Redakteur des nem neuen Buch um eine Mondbewohnerin,


österreichischen Magazins Profil. Das Buch die keinerlei Ambitionen hat, jemals zur Erde
ist flott geschrieben - aber noch wichtiger zurückzukehren - trotz Schulden, schlechtem
Linda Bertola,
ist, dass es an den aktuellen Forschungs- job und einem Haufen Probleme. Als Krimi Agnese Baruzzi
stand heran führt, nicht zuletzt mit eigenen ist das Buch nichts Besonderes. Aber die VERRÜCKT NACH MATHE
Schule für Spione
Erkenntnissen Köberls. Die Autoren beschrei- Hauptrolle spielt der Mond - und da wird
White Star, 56 illustrierte
ben in dramatischen Szenarien, was bei die Geschichte großartig, besonders wenn Seiten, € 9,95
einem künftigen Einschlag geschehen würde man technische Details liebt. Wie ist es zum ISBN 978-8-863-12316-6

und wie sich die Menschheit dagegen wapp- Beispiel möglich, eine Naht im Vakuum zu
nen könnte - zugegeben eine reichlich utopi- schweißen?

sche Vision. Weir entwirft ein sehr realistisches Szena- Mathe mit Spaß

Es mag zynisch klingen, aber aus Sicht der rio, wie eine dauerhafte Besiedlung unseres Bruchrechnen kann spielerisch leicht sein.
Wer das schön gestaltete übungsheft für 10-
Evolution hat der kosmische Steinschlag auch Trabanten im Alltag funktionieren kann -
bis 12-jährige in die Hand nimmt, glaubt das
seine guten Seiten: vom Einfluss auf die Le- was die Bewohner essen, wie sie ihr Geld sofort. So mancher Erwachsene beginnt da
bensentstehung über Meteoriten als ältes- verdienen, was sie da eigentlich atmen. gleich mitzuk nob eln . UQ

tem Baustoff unserer Welt bis hin zu Kratern, Und, ja, wie sie schweißen.
die neuen Arten Lebensraum bieten. Das Wie gut. dass noch ein paar Himmelskör­
Buch eignet sich gut als Schmöker für ein per im Sonnensystem übrig sind. sollte sich
Wochenende, es liest sich bisweilen span­ Weir für einen dritten Roman entscheiden.
nend wie ein Krimi. Reinhard Breuer Franziska Konitzer

Chrlstian Köberl, Alwin Schönberger AndyWeir Bücher bestellen


ACHTUNG STEINSCHLAG! ARTEMIS Alle in bild der wissenschaft
Christian Brandstätter Verlag Heyne, 432 S., € 15,-, ISBN 978-3-4S3-27167-8
besprochenen Bücher erhalten Sie
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E-Book für € 18,99, ISBN 978-3-7106-02511 Hörbuch (gekürzte Lesung), Random House
Audio, € 15,-, ISBN 978-3-837-14165-8 Medienservice Konradin GmbH
Postfach 100353, 70747 Leinfe/den
Telefon 0711-71924580
Telefax 0711-71924444

1 2019 bild der wissenschaft I 45


WISSEN .=:;+ WElT

Schwankende
Venus-Tage
Forscher haben herausgefunden, warum unser Nachbarplanet so unregelmäßig rotiert

von DIRK EIDEMÜllER

Winde. die von Bergen abgelenkt werden.


erzeugen großräumige SchlVerelVellen in der
oberen Venus-Atmosphäre. weil die aufstei­
genden Lujtströmungen in eh�a 60 bis 70
Kilometer Höhe mit den schnellen Winden in
der oberen Wolkendecke wechselwirken. Das
führt zu kleinen Unregelmäßigkeiten in der
Rotation des Planeten. Die Darstellung der
Oberfläche der Venus in dieser Grafik basiert
auf Radarmessungen der Sonde Magellan.
WISSEN.:::> WELT

as ihre Ausmaße betrifft, ist die

W Venus fast ein Zwilling der Erde.


Doch sie hat eine völlig andere
Atmosphäre: extrem dicht, siedend heiß
und säurehaltig. Die Venus dreht sich auch
deutlich langsamer als die Erde: Ein Venus­
Tag dauert rund 243 Erdentage. Außerdem
haben Raumsonden, die die Rotation der
Venus in den letzten Jahrzehnten immer
wieder gemessen haben, erstaunliche
variationen von bis zu mehreren Minuten
zwischen verschiedenen Venus-Tagen auf­
gedeckt. Die Ursache hierfür war bislang
unklar. Nach dem Gesetz der Drehimpuls­
erhaltung müssen es starke Kräfte sein, die
eine solche veränderung der Planetenrota­
tion bewirken.
Des Rätsels Lösung liegt wohl zu einem
großen Teil in den riesigen Wolkenwellen,
die sich in der rasend schnell rotierenden
Venus-Atmosphäre bilden können. Ihre
Geschwindigkeit erreicht bis zu 400 Kilo­
meter pro Srunde und benötigt - im Ge­
gensatz zur Rotation des Planeten - nur Die Nachtseite der
Venus, aufgenommen
vier Erdentage für einen Umlauf. Die japa­
von der Akatsuki-SOnde
nische Venus-Sonde Akatsuki hat in den
im In/rarolbereich bei
letzten Jahren mehrere großräumige 1,74 und 2,26 Mikrome­
Wolkenwellen ausgemaehr, die sich über ter wellenlänge.

Gebirgszügen wie dem Hochplateau


Aphrodite Terra gebildet hatten (bild der
wissenschaft 4/2018, "Stürmische Venus").
Darunter war auch eine riesige atmosphä­
rische Welle mir 10000 Kilometer Aus­
dehnung, die sich vom Nordpol bis zum
Südpol zog .

Stationäre Wellen am Nachmittag


Nun ist es einem amerikanisch-französi­
sehen Forscherteam um Thomas Navarro
von der University of California in Los
Angeles gelungen, diese Wolkenwellen
und ihre Wechselwirkung mit der Oberflä­
che des Planeten erstmals sehr genau im
Computermodell zu simulieren. Danach
bilden sich diese stationären Wellen vor Auf der Erde pielen hierbei auch andere sprechend mehr Druck erzeugt. Anderer­
allem am Nachmittag eines Venus-Tags. Effekte eine Rolle - etwa die Zirkulation seits ist die Rotation der Venus so langsam,
Hervorgerufen werden sie durch tageszeit­ der Ozeane und das saisonale Schmelzen dass der atmosphärische Staudruck an den
liehe Schwankungen des Atmosphären­ und Gefrieren von Eismassen. Gebirgsformationen sehr viel länger wir-
drucks. Die atmosphärischen Wellen füh­ ken kann.
ren zu einem starken Staudruck an den Eine extrem dichte Atmosphäre Die Venus und die Erde sind nicht die
Gebirgen, der die Planetenroration an­ Dass der Effekt auf der Venus so außeror- einzigen Körper in unserem Sonnensys­
schiebt oder abbremst. dentlich stark ist und die Planetenrotation tem, an denen sich dieser Effekt bemerk­
Das ist an sich nicht ungewöhnlich: Die um mehrere Minuten beeinflussen kann, bar macht. "Auch auf dem Mars und aufSa­
Drehung der Erde ändert sich ebenfalls mi­ liegt einerseits an ihrer extrem dichten At- nlrns Mond Titan beeinflusst die Atmo­
nimal, sodass manche Tage um Millise­ mosphäre, die rund 100 Ma l mehr Masse sphäre die Rotationsgeschwindigkeit", sagt
kunden kürzer oder länger sind als andere. aufweisr als die Erdarmosphäre und enr- Thomas Navarro • .

1 2019 bild der wissenschaft I 47


WISSEN .::;+ WElT

Leben im
Enceladus-Meer?
Im Ozean des Saturnmonds hat die Cassini-Sonde organische Moleküle entdeckt. Stammen sie aus
chemischen Reaktionen - oder sind sie Relikte von Organismen, die das Tiefenmeer bewohnen?

von THORSTEN DAMBECK

er 15. September 2017 war ein aufre­ Motor ist. Klar war nur, dass die Sonne ladus auf seiner elliptischen Bahn mal

D gender Tag für viele Planetologen:


Ihr Flaggschiff, die Sonde Cassini,
stürzte wie geplant in elie Wolken des Ring­
nicht infrage kommt, denn der sonnenferne
Enceladus erhält nur mnd ein Prozent der
Wärme, mit der die Erde versorgt wird. Die
stärker und mal schwächer von Saturns
Schwerkraft durchgewalkt wird. Dabei ent­
steht Reibungswärme. Doch die Wärme­
planeten (bild der wissenschaft 9/2017, Temperaturen auf der Oberfläche sind daher produktion in der Eiskruste ist zu schwach,
"Cassinis großes Finale"). !3 Jahre hatte die kaum höher als minus 200Grad Celsius. um das Einfrieren des Ozeans damnter zu
Raumsonde den Gasriesen und dessen im­ Doch wer eine komplert gefrorene Ku­ verhindern. Frühere Rechnungen hatten
posante Ringe erforscht. Nun war es damit gel aus Eis erwartet hatte, wurde durch gezeigt, dass ohne eine zusätzliche "V,ir­
vorbei. Der Wust an Daten wird noch lange Cassini eines Besseren belehrt: Unter der mequelle das Tiefenmeer in wenigen Mil­
ausgewertet werden. Doch der geologisch festen Eiskruste liegt ein globaler Ozean. lionen Jahren eingefroren wäre. Um die
aktive Mond Enceladus sorgte bereits für Davon zeugt Enceladus' Schwerefeld. Gezeiten im Saturn-System im Detail zu
Überraschungen. verstehen, müssen zudem die Kräfte der
Forscher untersuchen akribisch dessen Des Mondes Kern Trabanten untereinander berücksichtigt
Südpol, eit Cassini elort Geysire entdeckt Woher stammt die W-arme für flüssiges werden (siehe Kasten auf Seite 50: "Enge
hat. Durch sie spuckt der kleine Trabant Wasser? Bereits seit Längerem vermuten Beziehung zu Dione").
Wasserdampf und Eiskristalle ins All. Bis­ Experten, dass Saturns Gezeitenkräfte den Jetzt hat ein Team um Ga<'l Choblet von
her rätselten die Wissenschaftler, was ihr Mond erhitzen. Dies geschieht, weil Ence- der Universität Nantes die zusätzliche
Wärmequelle aufgespürt: Sie muss im Kern
eies Mondes liegen, argumentieren die For­
scher im Fachblatt Nature Astronomy. In
ihren Modellrechnungen gehen sie von
einem verformbaren Enceladus-Kern aus:
"Er besteht nicht aus konsolidiertem Fels.
Schematischer Auf­
bau von Enceladus: Man muss ihn sich eher locker gefügt vor­
Unter seinem Eis­ stellen, wie eine Ansammlung aus Kies
panzer befindet sich
und Sand mit Löchern dazwischen", sagt
auf der Südhemi­
derGeophysiker. Auf dem Kern des nur 504
sphäre ein kaltes
Meer, das vom Kilometer kleinen Mondes lastet ein ver­
Mondkern erhitzt gleichsweise geringer Druck durch die
wird. Durch Brüche Massen darüber. Deshalb - und wegen der
im Eis entweichen
moderaten Temperaturen im lnnern - soll
Wasserdampf und
Eiskristalle ins All. der Kern seine hohe Porositär aus der Ge­
burtsphase des Mondes behalten haben.
Und das ist nicht folgenlos geblieben:
Ohne den festen Zusammenhalt bewirken

48 I bild der wissenschaft 1 2019


Enceladus schickt auf seiner Südpolregion
eisige Geysire ins All. Vor Kurzem haben
Astronomen darin organische Moleküle aus
dem Ozean unter dem Eis entdeckt.

Saturns Gezeiten im Enceladus-Kern eine kaum fünf Kilometer dick. Doch warum Enceladus-Oberfläche aktiv waren. Er ist
zusätzliche Reibungswärme. Die Forscher spucken die Geysire nur im Süden - wo überzeugt, erste Hinweise darauf gefunden
schätzen eine Leistung von 10 bis 30 Giga­ doch beide Pole im Modell gleich behan­ zu haben.
watt. Das entspricht etwa der Wärmeleis­ delt werden? Die Wissenschaftler nehmen
tung der acht Kernkraftwerke, die 2017 in an, dass die Eiskruste im Süden schon frü­ Makromoleküle unter dem Eis
Deutschland noch aktiv waren. her erwas dünner oder verformbarer war Cassinis feuriger Sturz in die Saturnwolken
Auch das Innere von Enceladus ähnelt als am Nordpol. Dies habe einen sich selbst sollte auch verhindern, dass die Sonde
einem Reaktor: Das Wasser aus dem Ozean verstärkenden Prozess begünstigt, der eines Tages das Saturn-System mit irdi­
sickert durch den porösen Kern und wird schließlich den Unterschied bewirkte. schen Mikroben kontaminiert. Eine Kolli­
darin bis auf 200 Grad Celsius erhitzt. Francis Nimmo von der Universit)' of sion mit Enceladus oder dem Riesenmond
Choblets Modell zufolge wird das Thermal­ California vermutet außerdem, dass Gey­ Titan war so ausgeschlossen. Dabei neh­
wasser bevorzugt unter den Polargebieten sire früher auch an anderen Stellen der men die Hoffnungen, auf Enceladus Leben
abgegeben und fließt, etwas abgekühlt, mit zu finden, weiter zu: Wie das Wissen­
rund 100 Grad in den darüber liegenden schaftsblatt Nature im Juni 2018 berichtete,
Ozean. Dies steht im Einklang mit Cassinis
KOMPAKT zeigen neue Analysen von Cassinis CDA­
Messungen, denn an den Polen ist die Eis­ Instrument (Cosmic Dust Analyzer) eine
• Ein konzentriertes Gemisch organi­
kruste deutlich dünner als am Äquator. scher Makromoleküle schwimmt
aktive organische Chemie im Meerwasser.
Besonders nah an die Oberfläche reicht unter der Eiskruste von Enceladus. "Wir haben festge teilt, dass in dem Ozean
der Ozean am Südpol. Dort ist die Kruste
• Der zentrale Kern des Saturnmonds
organische Makromoleküle treiben", sagt >
besteht nicht aus festem Gestein,
sondern aus lockerem Geröll.

1 2019 bild der wissenschaft I 49


WISSEN .=:;+ WElT

Enge Beziehung zu Dione Frank Postberg vom Cassini-Team. Bis zu


200 Atommassen besitzen die Moleküle,
die mit CDA genau vermessen wurden.
Enceladus umrundet den Saturn zwischen Zum Vergleich: Ein Benzol-Ringmolekül
den beiden Trabanten Mimas und Tethys. Er hat 78 Atommassen. Außerdem gibt es
braucht dafür nur 32,9 Stunden. Dabei wen­
I-linweise auf sehr große organische Mole­
det er dem Ringplaneten immer dieselbe Sei­
küle mit teils mehr als 1000 Atommassen.
te zu. Ähnlich starr ist die sogenannte gebun­
"Die meisten der an sich schon großen Mo­
dene Rotation bei der Erde und ihrem Mond.
Mit dem äußeren Mond Dione hat Enceladus leküle, die wir gemessen haben, sind Frag­
eine orbitale 2: '-Resonanz. Das bedeutet: mente noch erheblich komplexerer Makro­
Wenn sich Dione einmal komplett um Saturn moleküle", ist Frank postberg überzeugt.
gedreht hat, ist Enceladus bereits mit seiner CDA war das einzige deutsche Instru­
zweiten Runde f er tig Diese Resonanz stabili­
ment an Bord von Cassini. Es wurde haupt­
.

siert die leicht elliptische Gestalt von Encela­


sächlich am Max-Planck-Institut für Kern­
dus' Orbit, die sich sonst im Lauf längerer
physik in Heidelberg gebaut und hat Staub­
Zeiträume zu einer reinen Kreisbahn verän­
dern würde. Die unrunde Form der Umlauf­ körnchen untersucht, die nur Mikrometer

Der Mond Dione vor Satum bahn trägt wesentlich dazu bei, dass sich (0,001 Millimeter) groß sind. Die Partikel

- fast auf Höhe der Ringe, Enceladus' Inneres durch die Gezeitenkräfte wurden entweder direkt über dem SÜdpol
die ihren Schatten auf die Saturns erwärmt. Das ist auch die Ursache von Enceladus oder in Saturns E-Ring auf­
Atmosphäre werfen. für die G eysir e.
gefangen. Dieser von der Erde kaum sicht­
bare Ring wird durch winzige Eispartikel
aus den Enccladus-Geysiren g esp eist. In
be iden Fällen handelt sich um die gefrore­

nen Tröpfchen des Untergrundmeeres.


Die CDA-Messungen haben geholfen,
die Umweltbedingungen zu enthüllen:
..Wir wissen, dass der Ozea n salzig ist, und
Die Eisteilehen aus den Kryo­
d a ss an seinem Grund heiße Quellen exis­
vulkanen von Enceladus
(heller Punkt) erschaffen den tieren", sagt Postberg, der an der Universi­
diffusen E-Ring. Dieser zweit­ tät Heidelberg die CDA-Messungen aus­
äußerste Satumring ist 2000 weitet (bild der wissenschaft 4/2012, "Der
Kilometer dick und fast eine
spuckende Saturnmond").
Million Kilometer vom Mittel­
punkt des Riesenplaneten ent­
fernt. Er besteht aus winzigen Astrobiologische Experimente
Wassereis-Kömchen mit Bei­ Die spektakulären Einblicke in das Innere
mengungen von Silikaten,
des Trabanren haben Asrro biolo gen zu Labor­
Kohlendioxid und Ammoniak.
tests motiviert. Sie sollen klären, ob irdi­
Sie sind nur etwo einen Tau­
sendstel Millimeter groß - sche Mikroben die Extrembedingungen
und somit kleiner als ein rotes überstehen könnten. Ein internationales
Blutkörperchen,
Team um Simon Rittmann von der Un iver­
sität Wien publ izierte vor einigen Monaten
die Resultate von Experimenten, mit de­
nen die Umweltbedingungen in dem fernen

Meer nachgestellt wurden. Die Forscher


wollten wissen, ob Organismen aus der
Gruppe der Archaea dolt überleben können.

Enceladus' Silhouette vor den Diese methanogenen Prokaryoten sind


Satumringen im Gegenlicht. zellkernlose Einzeller und gelten als Nach­
Deutlich sind die Geysire am fahren der ältesten Lebensformen der Erd e .

Südpol zu erkennen. Unter


Sie produzieren Methan und benötigen als
der Ringebene zeichnet sich
schwach der 80 Kilometer Energiequelle dafür Wasserstoff und Koh­
große Mond Pandora ab. lendioxid. Diese Gase hatte Cassini in den
Fontänen des Mondes nachgewiesen.
Laut Rittmann sind manche dieser
Mikroben regelrechte Überlebenskünstler:
"Wir haben festgestellt, dass Methanogene

50 I bild der wissenschaft 1 2019


Die Pole des Eismonds

Enceladus' Nordpol, hier aufgenommen von der Sonde Cassini


am 27. November 2016 aus 32000 Kilometer Distanz, sieht ganz
anders aus als der Südpol. Die vielen Krater belegen, dass die
nördliche Mondoberfläche sehr alt ist.

Die bläulich gefärbten Tigerstreifen an Enceladus' Südpol markie­


ren lange Bruchgräben in der Eiskruste bei Kryovulkanen. Der ein­
montierte 25 Kilometer breite farbige Streifen zeigt eine Messung
im Mikrowellen-Bereich be i 2,2 Zentimeter. Sie belegt, dass die
Gräben wärmer sind (gelb) als ihre Umgebung. Das lässt auf einen
Ozean schließen, der nur wenige Kilometer unter dem Eis liegt. Saturns Eismond Enceladus, 504 Kilo­
meter im Durchmesser. Dieses Bild ist
aus vielen Fotos zusammengesetzt,
aufgenommen von der Raumsonde
Cassini am 9. Oktober 2008 - nach ei­
unter ähnlichen Bedingungen, wie sie auf kroben noch bei 50 Bar rege vermehrten, nem Vorbeif/ug in 25 Kilometer Distanz.

Enceladus herrschen, zur Vermehrung fä­ erst bei höherem Druck nahm ihre Aktivi­
hig sind. Ein Teil des in den Fontänen tät ab. Auch andere Archaea konnten sich
nachgewiesenen Methans könnte prinzi­ im Labor b ehaupten .

piell biologischen U rsprungs sein. " Ob diese Experimente in allen Einzel­ den haben, ist mit Cassinis Instrumenten
Als Testkandidat fungierte unter ande­ heiten eine gute Simulation des Meeres im besonders leicht nachweisbar." Und er
ren die Mikrobe Methanothermococcus Saturnmond sind, bezweifelt Frank Post­ wagt eine Prognose: "In weniger als zehn
okinawensis. E i n Stamm erwie s ic h als berg allerdings. "Die Autoren haben ihre Jahren wird eine neue Sonde dorthin star­
besonders anpassungsfähig: In der jap ani­ Versuche in einem sauren M ilieu du rchge­ ten, denn nirgendwo sonst ist die Proben­
schen Tiefsee hatte er sich an hohe Druck­ führt", sagt der Enceladus-Experte. "Unsere nahme eines potentiellen außerirdischen
und TemperatUlwerte adaptiert. Die Mi­ Analysen un d d i eje n igen weiterer Cassini­ H ab i tats ei nfa ch er." •

krobe stammt aus hydrothermalen Schlo­ Instrumente belegen jedoch pH-Werte von
ten in fast 1000 Meter Meerestiefe. Druck 9 bis 10,5." Demnach wäre das Seewasser in
und Temperatur im Enceladus-Ozean sind Enceladus alkalisch - ähnlich wie bei eini­
THORSTEN DAMBECK
durch Modellrechnungen weitgehen d be­ gen mit florierenden Biotopen bevölkerten
ist Physiker und berichtet für
kannt. In ihren Experimenten testeten die hydrothermalen Feldern i m Atlantik.
bild der wissenschaft häufig
Forscher die Produktivität der robusten Die bisher nachgewiesenen organi­ über die Erforschung des
Einzeller unter diesen Beding ungen . Es schen Moleküle hält Postberg bloß für die Weltalls. Im Oktober-Heft
hatte er Jupiter im Visier.
zeigte sich, dass sich die japanischen Mi- Sp i t ze de s Eisbergs "Was wir haben gefun-
.

1 2019 bild der wissenschaft I 51


bild der
mffflimifljJ Studienreise

TraumreIse
Südameril(a
20-tägige Studienreise: im Juni und Juli 2019 nach
Peru und zur Sonnenfinsternis in Chile

Die wichtigsten Stationen Am 6. Tag besichtigen wir die bunten


Ruinen der Inka-Siedlung Tambo Colorado
Am Sonntag, 16. juni 2019, fliegen wir und fahren hinauf nach Ayacucho, der ehe­
abends von Frankfurt/Main nach Lima, maligen Hauptstadt der Huari-Kultur, einem
wo uns am 17. juni der Altamerikanist Vorläufer der Inka-Kultur.
Prof. Markus Reindei vom Deutschen
Archäologischen Institut (DAI) empfängt. Deren alte Hauptstadt Cusco erreichen
Im archäologischen Museum von Lima wir am 8. Tag. Hier erwartet uns eine
führt er uns in die Geschichte Perus ein. weitere Attraktion. Am 24. jun i wird die
Inka-Zeremonie Inti Raymi gefeiert: die
Am 3. Tag brechen wir nach Süden zu Wintersonnenwende auf der Süd halbkugel.
den Ausgrabungsgebieten von Prof. Reindei Die Ruinen der verlassenen Gebirgsmetro­
auf. Er hat die alten südamerikanischen pole Machu Picchu erkunden wir am
Kulturen von Paracas, Palpa und Nazca 10. und 11. Tag.
erforscht und das Geheimnis der gewaltigen
Bodenzeichnungen, der Geoglyphen, ent­ Über Cusco und Lima gelangen wir am 14.
schlüsselt. Die berühmtesten sind die Palpa­ Tag nach Santiago de Chile, wo uns der Hei­
und die Nazca-Linien. Wir erkunden sie delberger Max-Planck-Astronom Dr. Klaus
vom Boden aus und am 5. Tag auch mit jäger empfängt. Mit ihm brechen wir in die
dem Flugzeug. Wüste Nordchiles auf. Sie ist eine der Land-

Ein Spektakel sondergleichen:


die Inka-Zeremonie Inti Raymi
zur Wintersonnenwende auf der
Südhalbkugel (1). In Klein[lug­
zeugen Cl) [liegen wir über die
bombastischen Geoglyphen
von Nazca (3), die wir zuvor
ausführlich vom Boden aus
erkundet haben.
Die 20-tägige Reise kostet pro Person im
Doppelzimmer 10600 Euro. Der Zuschlag
für ein Einzelzimmer beträgt 1826 Euro.
schaften der Welt, wo sich der gestirnte
Himmel am besten erforschen lässt, was Im Reisepreis enthalten sind: 17 Übernach­
die vielen Teleskope dort bezeugen. Highlights tungen mit Frühstück, meist in hochwerti­
gen Hotels, 17 Abendessen, 2 Mittagessen
Unsere ganz persönliche Himmelserkundung Flug über die Nazca-Geoglyphen und 2 Mittagessen als Lunchbox, alle Flüge
findet am 15. Tag statt - genauer gesagt: in und Fahrten zu den angegebenen Zielen,
Inka-Zeremonie Inti Raymi
der Nacht. In der Atacama-Wüste herrscht die wissenschaftliche Reisebegleitung
völlige Dunkelheit - und während unserer Machu picchu durch Prof. Markus Reindei und Dr. Klaus
Reisezeit ist die Milchstraße überwältigend Jäger, Führungen und Eintritte sowie Trink­
Totale Sonnenfinsternis über
klar zu sehen. So werden Sie das gestirnte gelder für Kofferträger und Zimmerservice.
dem ESO-Observatorium La Silla
Himmelsband wohl nie wieder erleben! Wir Die Trinkgelder für unsere ständigen Reise­
legen uns auf Isomatten in die Wüste und führer und Fahrer sind nicht enthalten.
genießen die Sternenwelt - die wir auch mit Nicht genannte Leistungen - auch Geträn­
eigener Ausrüstung beobachten werden. ke - müssen individuell beglichen werden.
Klaus Jäger ist begeisterter Astrofotograf. Programmänderungen sind vorbehalten.
Er berät Sie, wie Sie den Himmel besonders Reiseveranstalter ist die Ikarus Tours GmbH
eindrucksvoll dokumentieren können. in Kooperation mit bild der wissenschaft.

Am 17. Tag unserer Studienreise, einem Ansprechpartner bei bild der wissenschaft
Dienstag, erleben Sie gut 600 Kilometer ist der Redaktionsdirektor für Sonderpro­
nördlich von Santiago auf dem Gelände jekte und frühere Chefredakteur Wolfgang
der europäischen Südsternwarte ESO über Hess: wolfgang.hess@konradin.de
dem Observatorium La Silla das phänome­
Wissenschaftlicher Reiseleiter in Peru:
Prof. Markus Reindei vom Deutschen
nale Schauspiel einer totalen Sonnenfinster­ Anmeldungen bitte an: Andre Friedrichs,
Archäologischen Institut ist der
nis - auf 2400 Meter Höhe und kurz nach Ikarus Tours GmbH, Am Kaltenborn 49-S1,
Geoglyphen-Experte schlechthin
16:30 Uhr lokaler Zeit. 61462 Königstein Tel. 06174 /290 217,
Fax: 06174/22952, friedrichs@ikarus.com
Am Abend des 19. Tages fliegen wir zurück Es gelten die Reisebedingungen von Ikarus,
nach Frankfurt/Main, wo wir am Freitag­ die Sie zusammen mit der Reisebestäti­
morgen ankommen. gung erhalten.

Eine ausführliche Reisebeschreibung


finden Sie im Internet unter:
wwwwissenschaft.de/magazjnlleserrejsen/

Die Ruinen der ehemaligen Anden·


metropole Machu Picchu (4) sind
ein Muss auf einer archäologischen
Wissenschaftlicher Reiseleiter in Chile: 4
Dr. Klaus Jäger ist Wissenschaftskoordinator IKARUSTOURS
Reise durch Peru. AnSChließend
wechseln wir den Stoa/, landen in am Max-Planck-Institut für Astronomie
Santiago de Chile (5), um über dem
Observatorium von La Silla (6) eine
atemberaubende 5annenfinsternis
(7) zu erleben. Der Nachthimmel
über den Anden ist im juli beson·
ders beeindruckend (6).
PREISRÄTSEl

Hilfe! Sherlock
schwächelt
Die neuen Rätsel im Neujahrs-Gewinnspiel 2019 machen den Meister­
detektiv ratlos. Helfen Sie ihm!

Text: THORWALD EWE, Illustrationen: HUBERT WARTER

eit Wochen schläft er schlecht, und muss ein Buchstabe entnommen werden - der Teilnahme finden Sie im Kasten auf

S - ein Alarmzeichen - die geliebte


Pfeife schmeckt ihm nicht
Tro tz Lupe ist Sherlock Holmes daran ge­
mehr.
welcher, das steht am Ende jeder Rätsel­
geschichte. Wenn Sie, liebe Leserinnen

und Leser, die acht Buc h staben beisam­


dieser Seite. Viel Vergnügen!
Ein kleiner Hinweis: Das korrekte, aus

acht Buchstaben bestehende Lösungswort


scheitert. die in den fol genden acht Ge- men haben, brauchen Sie sie nur noch ist ziem l i ch er-ba u li c h .
s chichten gesuchten Erfinder und Entde- durchzumischen und zum Lösungswort

cker auszuspähen. Die bild der wissen­ zusammenzusetzen. 1. Am Volkszorn gescheitert


schaft-Leser sind seine letzte Hoffnung. Im N euja hrs-Gewinnspi el 2019 gibt es Benjamin Franklin, ein Gründervater der
Jeweils einen Namen pro Geschichte gilt attraktive Preise zu gewinnen - sie stehen USA, wird als Erfinder des Blitzableiters
es zu finden, und jedem der a ch t am e n im Infokasten am S ch l u ss Die Form a lien
. bezeichnet. Doch er hat eu r opäis che Kon­
kurrenz. Es sieht sogar so aus, als sei der
hier Gesuchte ihm etwas zuvorgekommen
zumindest was die technische Konstruk­
SO KÖNNEN SIE MITMACHEN __________�
-

tion einer geer deten " m eteoro logischen


M as c h ine a n geh t
" , w i e er si e nan n te .
Einsendeschluss
E igentlich war er Pater und Ordensbru­
Schicken Sie uns das aus acht Buchstaben bestehende Lösungswort bitte bis zum
14. Januar 2019 per Postkarte an: der bei den Prämonstratensern. Doch seine

bild der wissenschaft, Leidenschaft galt der Elektrizität. Er war


Kennwort: "Gewinnspiei" ü berzeugt, er k önne die gefahrliche Elek ­

Ernst·Mey·Str. 8, 70771 Leinfelden-Echterdingen t rizi t ä t a us Gewit terwolken ablei te n u n d


Sie können das Lösungswort auch faxen an 0711/7594 5835 (bitte "Kennwort:
E inschl äge verhindern. Doch als er anb ot ,
Gewinnspiei" dazu schreiben!) - oder per E·Mail senden an
seine Erf ind ung auf dem Dach der W iener
gewinnspiel.wissenschaft@konradin.de
Hofburg zu montieren, zeigte man ihm

Auflösung und Gewinner dort den Vogel. Abgeblitzt!

Die Auflösung der acht Rätselfragen finden Sie in bild der wissenschaft 3/2019. Aber er ließ nicht locker. Mit der Auto­
Diese Ausgabe ist ab 19. Februar 2019 an den Kiosken erhältlich. Im selben Heft ritä t des gei stli che n Chefs ausgestattet,
werden die Namen der Gewinner veröffentlicht. Wer nicht so lange warten verpflichtete er die Bauern seiner Kloster­
möchte: Sobald die Gewinner gezogen sind, veröffentlichen wir die Namen pfarrei, ihr Scherflein zu einem Großexperi­
vorab auf www.wisse nsc haft .de unter dem Stichwort "Neujahrs·Gewinnspiel".
ment beizutrage n. Im Pfarreigarten ließ er
Jeder Gewinner wird außerdem schriftlich benachrichtigt.
eine 40 Meter h oh e Eisens ta nge errichten.
Darauf balancierte ein horizontales Kreuz
Teilnahmebedingungen
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des Verlags und deren Angehörigen. mit Dosen, die mit Eisenfeilspänen gefüllt
Unter den Einsendern des richtigen Lösungswortes werden die Preise verlost, die waren und aus denen D rähte nach oben
am Ende dieses Beitrags genannt sind. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, und auch herausragten. Die Konstruktion war mit
eine Auszahlung der Preise in Form von Bargeld ist nicht möglich. Ei se n kett e n im Boden verankert und so­
mit geerdet. >

54 I bild der wissenschaft 1 2019


PREISRÄTSEl

Der enthusiastische Pater schwärmte stelle sich vor: mutterseelenallein in der hoben sie ab. Die Frau hatte eine klobige,
davon, das Wetter beeinflussen zu können. sonnendurchglühten Geröllwüste! aber leistungsstarke Luftbildkamera aus­
Seinen Schäflein wurde das zunehmend Aus der Nähe betrachtet, wirkte sie noch geliehen und unter dem Bauch des Hub­
unheimlich. War es nicht ein Verstoß ge­ merkwürdiger. Braungebrannt wie eine schraubers angebracht. Sie selbst war mit
gen den gö ttlichen Willen, strafende Blitze Kaffeebohne, einen Reisigbesen in de r einem Seil an die Kufen des Fluggeräts ge­
schadlos abzuleiten? Als fünf Jahre nach Hand. An ihren bloßen Füßen trug sie bundell.
dem Anlagenbau das Getreide auf den Fel- Gummisohlen, die sie offenbar aus einem Die riesigen rätselhaften Linienbilder
dern verdorrte, nahmen die Bauern das als alten Last wagenreife n geschnitten hatte. wurden weitberühmt. otieren Sie sich
ein Signal von oben. Sie drangen nachts in Als sie ihn auf Spanisch ansprach, bemerk­ den vierten Buchstaben aus dem Nach­
den Pfarrhof ein und zerstörten das Teufels­ te der Pilot einen Akzent. Es war eine Aus­ namen der Forscherin - übrigens eine ge­
ding. Der Pater beschränkte sich von da an länderin. bürtige Sächsin.
auf theoretische wissenschaftliche Korres­ achdem sie ein paar Worte gewechselt
pondenz. hatten, rückte die seltsame Frau mit ihrem 3. Ihm war herrlich schlecht
Seinen slawischen Nachnamen findet Anliegen heraus. Mitfliegen wollte sie, und Wieder hing er über der Toilettenschüssel
man in sechs unterschiedlichen Schreib­ zwar außerhalb der Kabine, um aus der und erbrach sich. Sein Magen krampfte
weisen. Darum ist hier, um Komplikationen Luft Fotos zu machen. Es ging ihr um weit­ sich zusammen und schickte Wellen von
zu vermeiden, der vierte Buchstabe seines räumige, einst von Indios in den Boden Schmerz durch den Körper. Schon seit
vornamens(!) gesucht. gekratzte Linien - Umrisse von Tieren, Tagesanbruch war ihm sterbensübel. Und
geometrische Figuren. Diese Linien waren er war ja so glücklich darüber.
2. Die linientreue der Grund ihres Eremitendaseins in einer Der Held dieser Rätselgeschichte war
Der Pilot, der am Rand einer Ortschaft ärmlichen [-[ütte hier draußen. Den Linien keineswegs Masochist. Aber seine Magen­
seinen Helikopter gelandet und Wartungs­ folgte sie wie besessen, schon monatelang, schleimhautentzündung war ein starkes
arbeiten ausgeführt hatte, schaute auf. Da und fegte sie mit dem Besen frei. Den Heli­ Indiz für die Richtigkeit der Hypothese, die

stand sie vor ihm. Sie war ihm offenbar am kopter sah sie als ihre große Chance. er und sein väterlicher Freund und Mit­
Boden gefolgt - die Frau, die er vor Stun­ Kopf Chüttelnd stimmte der Luftwaffen­ streiter entwickelt hatten. Letzte Sicher­
den beim Überflug gesichtet hatte. Man offizier schließlich zu. Eine Woche später heit brachte danach die einwöchige Anti-

56 I bild der wissenschaft 1 2019


PREISRÄTSEl

biotika-Therapie, der sich der Gepeinigte stellen - bis schließlich der hier Gesuchte, Benommen stolperte er an seinen Sitz zu­
unterzog - denn sie kurierte ihn vollstän­ um den letzten Beweis zu führen, einen rück. Während die Show weite rging, sah
dig. 22jahredanach heimste er, zusammen großen Schluck Bakteriensuppe trank. XY, wie eine Blutlache aus einem Hosen·

mit seinem älteren Kompagnon, den No­ Wer unternahm den mutigen Selbstver­ bein des Freundes quoll: Der hatte sich
belpreis für Physiologie oder Medizin ein. such? Sie brauchen den dritten BUChstaben schlimm am Schienbein verletzt, spürte
Die bahnbrechende Erkenntnis der bei­ aus seinem Nachnamen. aber gar n ichts.
den: Ein Bakterium löst die Krankheit aus, Das brachte XY ins Grübeln. War das
die jahrzehntelang als Folge von Stress 4. Au Backe - das ging schief Gas womöglich ein potentes Narkotikum?

oder Übersäuerung des Magens galt. Andere Zunächst war das 1772 entdeckte farblose Als ihn bald darauf ein faulender Zahn
Mediziner hatten es zuvor für undenkbar Gas nur eine jahrmarktsattraktion: Wer es peinigte, bat er einen Kollegen, ihm nach
erklärt, dass Krankheitskeime im ätzenden einatmete, begann hysterisch zu lachen Einatmen des Gases und vor Zeugen den
Milieu der Magensäure leben könnten. oder herumzukrakeelen und verlor dann Plagegeist zu ziehen. Der Eingriff verlief
Erste Anzuchtversuche des verdächtigen kurzzeitig das Bewusstsein. Dieses Spekta­ tatsächlich völlig schmerzlos.

Bakteriums waren gescheitert. Eine Panne kel wollten sich auch der hier gesuchte Der gesuchte Zahnmediziner ging jetzt
musste helfen: Während der Osterfeiertage Zahnarzt XY und sein Freund gönnen, als aufs Ganze. Er arrangierte eine öffentliche
blieben einige Proben davon - wider jede Schausteller in ihr Provinzkaff kamen. Vorführung vor Arzten an einer berühmten
Regel - tagelang im Brutschrank. Das gab Als der Ausrufer nach Freiwillig en f ra gte, Klinik. Aus ervosität wartete er j edoch
den sich nur langsam entwickelnden Kul­ stürmte der Freund sofort auf die Bühne. nicht, bis das Gas richtig gewirkt hatte.

turen endlich genügend Zeit, um heranzu­ Nach dem Inhalieren lachte er gellend, Außerdem wäre sein Patient auch für heu­
wachse n . Mit genüge nd Bakterienmaterial dann kippte seine Stimmung: Er prügelte tige Anästhesisten ein Problemfall gewe-
konnten die beiden nun Forschungen an- sich mit Umstehenden, ging zu Boden. sen: ein extrem korpulenter Alkoholiker. >

1 2019 bild der wissenschaft I 57


PREISRÄTSEl

Als das Zahnziehen begann, brüllte der Pa­ einen Scheiterhaufen hieven lassen. Meh­ 6. Hoppla. verzählt!
tient vor Qual. Unter Buhrufen warf man rere Stunden prasselte die Feuerlohe. Als Wie viele Chromosomen hat der Mensch in
xv aus dem Hospital. die Panzerkassen hernach geöffner wur­ seinen Körperzellen - die Keimzellen aus­
Später machte das Gas doch noch als den, war der Inhalt unbeschädigt. Applaus! genommen? Ist doch klar, das sind 46!,
Betäubungsmittel Karriere - XY jedoch Doch nicht nur Feuersicherheit, auch wird jetzt jeder AbSolvent eines Leistungs­
ging Bankrott: Sein Ruf war ruinien. Er Schutz vor Schweren jungs sollten seine kurses in Biologie rufen. Indes: In der mo­
starb im Gefängnis von eigener Hand. Produkte bieten. Der Fabrikant und begna­ dernen Zellbiologie ist es kein Geheimnis
Wer war es? Bitte norieren Sie sich den dete PR-Manager in eigener Sache serzre mehr, dass manche menschlichen Körper­
ersten Buchstaben seines Nachnamens. verlockende Prämien für denjenigen aus, zellen "krumme" Chromosomenzahlen
der es bei öffentlichen Veranstaltungen aufweisen - nur im Durchschnitt sind es
5. Feuer- und panzerknackerfest schaffen sollte, eine seiner Kassen zu kna­ tatsächlich 46. Aber das wusste man Mitte
Was für eine PR-Aktion! Alle, die in Wien cken. Alle Einbruchsproben scheiterten. des 20. Jahrhunderts noch nicht.
Rang und Namen hatten, waren zu dem Die Panzerkassen verkauften sich glän­ Der Grund: Die Chromosomen sind im
Spektakel erschienen. Was an diesem 19. zend. Der Fabrikant wurde reich und be­ Zellkern dichter gepackt als die sprich­
Februar 1853 auf einem Festplatz vor rühmt, vom Kaiser zum .. Freiherr Franz wörtlichen Sardinen in der Dose. So kamen
Schloss Belvedere stattfinden sollte, war von ..... geadelt, schließlich mit der Würde die Physiologen jener Epoche auf unter­
eine Feuerprobe - im doppelten Wortsinn: des .. Kaiserlichen Truchsess" geehrt. Dabei schiedliche Ergebnisse. Man einigte sich
Der Veranstalter wollre seinen geladenen war er kein genialer Ingenieur, nur Kauf­ schließlich - irrtümlich - auf 48 Chromo­
Gästen die Vortrefflichkeit der von ihm mann. Aber ein reger Rechercheur: Das somen.
gefertigten neuartigen .. Panzerkassen" de­ Bauprinzip seiner Panzerkassen sah er 1851 Auch der hier gesuchte junge Wissen­
monstrieren. auf der Weltausstellung in London, und schaftler ging an menschlichen Zellkultu­
Unter den Augen der Zuschauer hatte die nicht zu knackenden Yale-Schlösser ren der Zählfrage nach. Als er eines Tages
der Industrielle echre Banknotenstapel so­ kamen aus den USA. Für beides erwarb der vor einem Zählgang eine Zellprobe waschen
wie Wertpapiere darin deponiert. Die drei rührige Fabrikant beizeiten die Patente wollte, passierte ihm ein Lapsus: Er wollte
schrankgroßen Prototypen - mit doppel­ und produzierte dann in Eigenregie. eine isotonische Salzlösung verwenden -
ten Stahlwänden, dazwischen als Isolier­ Sie brauchen den drittletzten Buchsta­ also eine Lösung mit dem gleichen osmoti­
schicht Asche - hatte der Fabrikant auf ben des Nachnamens. schen Druck, der im Zellinneren herrscht.

58 I bild der wissenschaft 1 2019


PREISRÄTSEl

(J

Doch leider hatte er zu wenig Salz zugege­ rium auf dem Hohen Sonnblick entdeckte, Ihre Landsleute sind begeistert von der
ben. Das ließ die Zellen, die das Dmckge­ war eine Überraschung. abenteuerlustigen Wissenschaftlerin und
fälle ausgleichen wollten, unter dem Mi­ Sie fing kondensiertes Wasser aus einer haben ihr bereits den Titel "Österreicherin
kroskop grotesk anschwellen . Wolke auf, die nahe der wissenschaftli­ des Jahres" verliehen. Sie brauchen hier den
Der Forscher erschrak - aber stellte chen Beobachtungsstation vorbeizog. 1m zweiten Buchstaben ihres achnamens.
dann beglückt fest, dass die Chromosomen Labor des Observatoriums zeigte sich unter
"
sich dabei "entzerrt hatten und nun be­ dem Mikroskop unelwartet viel Leben: pro 8_ Auf die Höhe gehoben
quem abzuzählen waren. Er hatte der Zell­ Milliliter Wolkenwasser ungefähr 1500 Heute kennt ihn jeder als einen ganz Gro­
biologie eine neue und höchst wertvolle Bakterien. Das ist weit weniger als in ßen auf dem Gebiet der Psychologie. Aber
Untersuchungsmethode eröffnet. Doch sei­ einem beliebigen Wassertröpfchen an der nach Abschluss seines Medizinstudiums
ne Begeisterung vernebelte ihm möglicher­ Erdoberfläche, aber in Wolken weit mehr hatte der junge Arzt noch ganz andere
weise den Blick: Beim Zählen kam er auf 48 als je gedacht. Und: Die Mikroorganismen Interessen.
Chromosomen und publizierte das. Erst reisten nicht etwa tiefgefroren oder zu­ Vor allem die pharmazeutische For­
vier Jahre später stellten andere - mithilfe mindest in Kältestarre in ihrem Wolken­ schung hatte es ihm angetan. Fasziniert
der neuen Methodik - fest, dass es in vehikel, sondern waren aktiv. Sie fraßen las er den Bericht eines Militärarztes, der
Wahrheit 46 waren. an winzigen, aus Verbrennungsprozessen Soldaten mit einer neuen Substanz aus
Wer war dieser Glückspilz und Pechvo­ stammenden Rußpartikeln, und sie ver­ dem südamerikanischen Coca-Strauch be­
gel? Sichern Sie sich den ersten Buchstaben mehrten sich. handelt hatte und die positiven Folgen
seines kurzen Nachnamens. "Leben ist überall", staunt die Forsche­ lobte. Der junge Arzt beschloss, die Wir­
rin, die sowohl im Eis der Polarregionen kungen von "Cocain" auf den menschli­
7_ In den Wolken wuselt es als auch in hochalpinen Gletschern überall chen Körper genauer zu untersuchen.
Dass Bakterien und Pilzsporen von Höhen­ auf Bakterien gestoßen ist. Und eben sogar Die Selbstversuche, mit denen er begann,
winden viele Tausend Kilometer weit in Wolken - offenbar ein eigenes ökologi­ stimmten ihn optimistisch, um nicht zu
rransportiert werden können, ist seit den sches Habitat. Beileibe kein kleines: Im­ sagen: heiter. Offenbar wirkte sich die Sub­
1980er-Jahren bekannt. Aber was die hier merhin sind durchschnittlich 60 Prozent stanz wohltätig auf das mentale Gleichge­
gesuchte Limnologin (SüßwasserökOlogin) des Planeten von Wolken bedeckt. Die At- wiCht aus. " In meiner letzten großen ver­
im 3106 Meter hoch gelegenen Observato- mosphäre lebt! stimmung habe ich wieder Coca genom- >

1 2019 bild der wissenschaft I 59


PREISRÄTSEl

men und mich mit einer K leinigkeit wun­ Gesuchten mit immer höheren Dosen ze u gend - übrigens n i ema ls ö ffentli ch
derbar auf die Höhe geh oben", schrieb er Kokain therapieren zu lassen. Zunächst zugegeben. Er sc hwieg lediglich von n u n
seiner Verlobten. Und das Tollste: Die konnte der Kollege eine Zeitlang die Finger a n darüber. Und wandte sich der mensch­

Substanz mache nicht süchtig! vom Morphium lassen. Dann hing er lichen Psyche zu, was ihn weltberühmt
Ganz sicher war er, dass das Wu nde r­ wieder an der Nadel - jetzt als Morphium­ machte.
mittel die Entzugserscheinungen bei plus KOkain-SÜChtiger. Die doppelte Dro­ Sie brauchen den ersten Buchstaben
M orphiu ms üch tigen lindern würde. Ein genabh ängigkei t brachte ihn um. Der seines Nachnamens. Nun schütteln Sie
von M or p hiu m abhängiger befreundeter junge Arzt hat seine Fehlbeurteilung des bitte die acht gefundenen Buchstaben, bis
Kollege stimmte zu, sich von dem hier Kokains - a l s angeblich nicht suchter- das Lösungswoft vor Ihnen liegt ! •

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In dem spannenden Sachbuch vermit­ Wegweiser zu den astronomischen zieht den Leser in ein packendes Rätsel
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schaftler darüber. wie das Universum kennen und Mondfinsternisse zu be­ Glonus verstreut sind. Es geht darum,
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Partner eigentlich nur anstoßen, etwas feiern, aber nicht gleich eine ganze Monatsmotiven als Postkarte zum Heraustrennen. Noch mehr Wissen: Die
Flasche trinken. Dafür gibt es jetzt ei e tolle technisch .. s g mit aus­
glasklaren Texte hat auch dieses Jahr unser Astronomie-Redakteur Rüdiger
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doppelter Bügelsicherung. Der Sekt- und Champagner-Verschluss CHAMP Ihnen zu jedem Bild ab sofort noch mehr fundiertes Wissen.
wurde von dem Designer Stefan Koitzsch entwickelt und funktioniert wie
ein klassischer Bügelverschluss - genial einfach: Verschluss aufsetzen, Ob Schweizer-Käse-Terrain auf der Oberfläche des Mars, eine neue hoch­
beide Bügel an den Flaschenhals klappen, fertig! Der "Champ" verschließt auflösende Aufnahme von Europa bei Nacht oder ein unglaublich schönes
Flaschen absolut dicht - die Kohlensäure bleibt über Tage, wo sie hin ge­ Foto von Jupiter- dem König des Sonnensystems: genießen Sie jeden Mo­
hört - und die neu verschlossene Flasche passt in jede Kühlschranktür. Sie nat stellare Feuerwerke, gewaltige Staubwolken und bizarre Gasnebell Der
können die Flasche sogar liegend im Kühlschrank lagern - es läuft absolut Kalender wird nach höchsten Umweltstandards produziert: FSC Papier aus
nichts aus. nachhaltiger Forstwirtschaft - und klimaneutraler Druck. Viel Freude bei
Ihrer Sternenreise durch das Jahr!
Das sagen die Kunden: "Die anderen von mir bisher benutzten Sektjlaschen­
verschlüsse ließen nach relativ kurzer Zeit die Kohlensäure aus der Flasche Sternzeit premium 2019. Wandkalender, Made In Germany.
entweichen. Dieser Verschluss hält mindestens eine Woche. Er ist von sehr
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Der kubus W2: ein schöner Klangkünstler!
einen Umschlag aus edlem, dunklem Walnussholz. Doch die echte Überra­ Das warme Holzgehäuse und die Front aus Metall machen den kubus W2
schung versteckt sich im Inneren. Sobald Sie das Buch öffnen, geht Ihnen zu einem eleganten Blickfang. Besonders intensiv wurde an seinem Klang
im wahrsten Wortsinn ein Licht auf: dieses Bych ist eine Desigo.:.Lam� g.etiif:telt zwei Breitband-Lautsprecher mit 15 Watt liefern einen volumi­
Die warm-weißen LEDs werden durch das Öffnen eingeschaltet und erlö­ nösen Stereo-Sound mit klaren, austarierten Höhen und einem tiefen, sat­
schen automatisch, wenn Sie das Buch zuklappen. Das Beste: Die "Seiten" ten Bass. Nutzen Sie ein modernes Soundsystem: Digitalradio DAB+ emp­
dieser Licht-Skulptur bestehen aus umweltfreundlichem Dupont-Papier­ fangt die wichtigsten Sender wie Deutschlandradio Kultur, Klassikradio
das Material ist extrem widerstandsf.ihig, hält auch Spritzwasser aus und oder Ihre regionalen Sender in glasklarerTonqualität! Wichtig für die junge
hat dabei eine Struktur die echten Buchseiten zum Verwechseln ähnlich Generation: Über Bluetooth 4.0 verbinden Sieiedes moderne Smartphone
Ob auf dem Sideboard, dem Nachttisch oder dem Wohnzimmertisch - oder Tablet drahtlos mit Ihrer Anlage. Der kubus w2 verfügt außerdem
Sie können das Buch als Stimmungslicht aufgeklappt hinlegen, hinstellen über einen USB-Anschluss. Sie können natürlich auch Ihre CD-Sammlung
�gar 360 Grad öffnen - versteckte Magnete im Umschlag machen (auch mp3) abspielen. Der kubus W2 ist dabei kinderleicht zu bedienen -
es möglich. Kabellos glücklich: ein integrierter Lithium-Ionen-Akku macht direkt am Gerät oder per Fernbedienung. Ob im Büro oder im modernen
Ihre Buch-Lampe unabhängig von einer Steckdose! Wohnzimmer, der kubus W2 überzeugt mit Spitzenklang nicht nur die Oh·
Buch-Lampe LED, ren, er ist auch ein stilvolles Design-Highlight!

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Modernste Lichtforschung für gute Laune!


Eine kleine Solar-Sonne verändert die Welt! In der dunklen Jahreszeit gehen wir oft morgens bei Dunkelheit aus dem
Haus und kommen abends bei Dunkelheit wieder - dazu Schneematsch,
Der weltberühmte Lichtkünstler Olafur Eliasson hat mit dieser kleinen, kalter Regen, Vitamin-D-Mangel und Stress. Viele Menschen beginnen
hochwertigen LED Solarlampe eine Designikone geschaffen. Hinter dem sich müde, kränklich und schlapp zu fühlen. Dagegen können Sie etwas
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Ein Flut-Licht für helle Köpfe!


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beim Basteln, oder Löten - die H8R der Lichtpioniere von LED Lenser hat
Feinste Lichtobjekte aus Glas und Porzellan: Wer das erste Mal einen Glas·
sich überall bewährt! Prof. Alexander Haas von der Uni Hamburg hat die
perlenstern leuchten sieht, wird überrascht sein von der Ausstrahlung
Vorgängerversion auf einer Borneo-Expedition getestet: "Noch vor weni­
seines intensiven Lichtbildes. Bei Studien zur Lichtbrechung hatte der
gen Jahren hätte man 50 viel Leuchtkraft in einer so kompakten Lampe nicht
Dresdner Künstler Andreas Schildhauer die Idee zu den "Dresdner Glasper·
für möglich gehalten. Wir konnten ohne Probleme Säugetiere hoch oben in
lensternen". Sie sind patentiert und werden ausschließlich in der Dresd·
den Baumkronen des Regenwaldes lokalisieren. "Mit einem Lichtstromyon
ner Werkstatt des Künstlers gefertigt. Für den "Großen Achter" werden
bis zu 600 Lumen (!l und einer Reichweite von '50m ist die neue H8R ein
Glaskugeln eigens in Böhmen angefertigt, um eine perfekte ästhetische
kleines Lichtwunder. Besonders praktisch: Sie können die Helligkeit mit ei­
Kombination von Material projektion und Iichtfarbe zu erzielen. Die Por·
zellanträger nach Entwürfen des Künstlers stammen aus der Freiberger
ner Hand stufenlos von 0 bis 100% regulieren. Die jn Nürnberg entwjckelte
Präzisions·Optik bietet Ihnen ein revolutionäres Linsensystem: Sie haben
Porzellanmanufaktur. Mit Präzision, größter Sorgfalt und viel Liebe zum
die Wahl zwischen breitem Flutlicht und einem scharf gebündelten Fern­
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Denn Sauerstoff ist der Feind
des Weines. Und am nächsten
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Flasche dann da wie ein Mahn­
mal: trink mich schnell aus,
sonst werde ich Essig! Damit
ist jetzt Schluss: Die Vakkum­
Pumpe einfach aufsetzen und
die Luft entziehen - so behält
der Wein sein Aroma und kipRt Sehen Sie zu, wie die Welt erwacht!
nicht um-wie neu verkorktl
Auf dieser magischen Tasse sehen Sie zunächst nur die schattenhaften
Die kleine Vakuum-Pumpe wurde von der Designerin Gabriele Dörfler ent­ Umrisse der Kontinente bei Nacht -dazu wenige verteilte Lichtpunkte der
wickelt und jetzt mit dem Deutschen Designpreis 20,6 ausgezeichnet. Die Großstädte und ßallungszentren. Sobald Sie heißen Kaffee oder Tee in die
Jury schreibt:"Mit der Wein-Vakuumpumpe CHAMP lässt sich der Sauerstoff Tasse füllen, können Sie eine erstaunliche Verwandlung beobachten! Die
in der Flasche leicht entziehen, wodurch der Oxidationsprozess des Weins ge­ Welt wacht auf, während Sie Ihren Morgenkaffee trinken. Durch die Wärme
stoppt wird und das Aroma erhalten bleibt. Sein flaches Design ermöglicht erstrahlt die Tasse langsam in einem kräftig leuchtenden Blau - und die
es, die Flasche im Kühlschrank aufzubewahren. Ein funktionales Produkt, das Weltkarte verändert Ihre Erscheinung: Die Kontinente treten klar und hell
durch die reduzierte Formensprache und die Verwendung von Edelstahl sehr hervor - es wird Tag auf der Erde.
hochwertig wirkt." Nie wieder gyten Wein wegg� - eine lohnende In­ Und wenn die Tasse abkÜhlt, wird auch die Weltkarte wieder dunkel-lang­
vestition, die sich schnell rechnet... sam zieht die Nacht Über sie hinweg_- zumindest bis zum nächsten Früh­
Wein Vakuum-Pumpe Champ_ stück -eine magische Geschenkidee!

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Geschicklichkeit in der 3. Dimension! Alle 217 Folgen Alpha Centauri!


125 knifflige Schritte zum Ziel! "Dieses Spiel macht süchtig. Ich könnte stun­ Kann man mit Lichtgeschwindigkeit reisen? Ist Schrödingers Katze tot?
denlang spielen, auch wenn ich es immer nur bis zu Station 28 schaffel" Sei­ Wieso ist das Universum so dunkel? Was war vor dem Big Bang? Was ist
ten war ein Spiel bei den Kunden in den USA ein solcher Renner. Es wurde die Planck-Welt? Und wann schlug eigentlich der letzte Komet auf der
als TQYof the Yea( ausgezeichnet -dieser Preis gilt weltweit als der Os­ Erde ein? Die Antworten liefert Prof Harald Lesch in seiner Kultsendun g
car" der Sl'ielwarenindustrie! Jetzt bringen wir das 3D-Kugel labyrinth nach All'ha Centauri. Sein Hilfsmittel? Eine ausrangierte Schultafel, auf die er
Deutschland-und es ist wirklich extrem schwierig. Es sieht mit seinen ver­ das jeweilige Thema schreibt. Spontan und ungekÜnstelt gibt er klare
wirrenden Formen aus wie eine Skulptur von M.E. Escher. Antworten auf komplexeste Fragestellungen. �ge bündelt in knapp-
Schicken Sie die kleine s'rurl!IY e e ' e e'se r i ses or e g� 15 Minuten extrem viel Wissen. Ab sofort können Sie mitreden, ob es um
wirr. Durch vorsichtiges Drehen und Wenden des Spieles müssen Sie die Higgs-Teilchen. Schwarze Löcher oder Quantenphysik geht! Jetzt erstmals
Kugel auf dem nummerierten Weg ins Ziel manövrieren. Dabei gilt es, 125 als Komplett-Box mit allen 2lliQJgen-davon 57 Folgen die nie ayf DYD
Stationen zu meistern: über Wippen Seilbahnen Buckelpisten Falltüren erschienen sind -Über 50 Stunden feinstes Wissens-Kino - ein fundierter
oder Rohrrutschen-eine Achterbahnfahrt in allen Dimensionen. Sie brau­ und unterhaltsamer Crashkurs über die Physik unseres Universums!
chen Geduld, Konzentration und Fingerspitzengefühl. Eine Herausforde­ "Für mich gibt es nichts Befriedigenderes als mich mit den zentralen Fragen
rung für Jung und Alt, die man nicht mehr weglegen kann, Denn wenn die der Kosmologie auseinander zu setzen und dabei immer wieder ins Staunen
Kugel wieder einmal abgestürzt ist. gibt es nur einen Gedanken-nochmal I zu geraten und zu sogen: Meine Güte, was für ein Universum!" (H, Lesch)
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Hawking - das
Vermächtnis!
Brillanter Physiker, revolutionä­
rer Kosmologe, unerschütterlicher
So zauberhaft ist elektrostatisches Fliegen!
Optimist. In seinem persÖnlichs­
ten Buch beantwortet Stephen Dieser Zauberstab hat in kürzester Zeit die Klassenzimmer in den USA er­
Hawking die großen Fragen des obert und fünf Preise gewonnen. Im Inneren des Stabes verbirgt sich der
menschlichen Lebens und spricht wahrscheinlich kleinste Van-de-Graaff-Generator der Weltl Damit wan­
die wichtigsten Themen unserer deln Sie mechanische in elektrische Energie. Elektrostatik sorgt dafür, dass
Zeit an. Zugänglich und klar er­ die mitgelieferten Mylar-Folien zu wunderschÖnen Flugobjekten werden.
. "
läutert er die Frage nach Gott und Was zunächst aussieht wie ein Lametta-Knäuel,
dem Anfang des Universums, aber Stab in einen frei schwebenden Schmetterling oder eine Art dreidimensi­
auch die Folgen des menschlichen onales Atommodell. Mylar ist die leichteste Folie, die hergestellt werden
Fortschritts - vom Klimawandei bis hin zu künstlicher Intellig� - und kann und ist außerdem ein guter elektrischer Isolator. Leiten Sie die Flug­
diskutiert seine Gefahren. Ein großer Appell an politische Machthaber und objekte mit Ihrem Zauberstab durch den Raum oder lassen Sie Ihre Hand
jeden Einzelnen von uns, unseren Heimatplaneten besser zu schützen. den Weg weisen. Sie kÖnnen mit Ihrem Zauberstab aber auch Coladosen
Inhalt: Gibt es einen Gott? Wie fing alles an? Gibt es andere intelligente bewegen, Seifenblasen dirigieren, Papier an die Wand "kleben", einen Was­
Lebewesen im Universum? KÖnnen wir die Zukunft voraussagen? Was be­ serstrahl ablenken oder eine kleine Elektro-Trommel bauen. So faszinie­
findet sich im Inneren eines Schwarzen Lochs? Sind Zeitreisen mÖglich? rend kann Wissenschaft sein!
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Renner. "Während Du die Kügelchen zu immer neuen Gebilden formst,
In Zeiten von Internet und Fernsehen vergisst man häufig, wie schÖn und
vergisst Du alles - selbst das Essen." So bringt es eine begeisterte Kundin
facettenreich die deutsche Sprache sein kann. Der renommierte Audio­
auf den Punkt. Schon den einfachen Würfel mit 6 Kugeln Kantenlänge
buch-HÖrverlag hat jetzt sein Archiv für Sie geÖffnet. Herausgekommen ist
wieder herzustellen, ist gar nicht so einfach! Denn Magnete haben eben
ein einmaliges Mammutwerk das erstmals sechs literarische Hausschatz­
immer eine anziehende und eine abstoßende Seite! Das faszinierende an
Sammlungen auf mp-CDs in einer Geschenkbox vereint: den Hausschatz
dem Magnet-Puzzle: es gibt nicht nur eine LÖsungsform. Sie kÖnnen bei­
deutscher Dichtung, Balladen, Liebesgeschichten, Sagen, Märchen sowie
nahe jede geometrische Figur nachbauen! Alles beginnt mit einer Kugel
der Hausschatz des deutschen Humors! Das Ergebnis kann sich hÖren las­
und Euklids erstem Satz: ein Punkt ist, was keine Teile hat. Setzen Sie nun
sen - ein HÖrbuch-Fundus deutscher Literatur - so viel Freude kann klas­
die Kugelpunkte zu einer Linie zusammen. Von jetzt an sind Ihrer Fantasie
sische Bildung machen! Die neue Geschenk-Box versammelt die Großen
im dreidimensionalen Raum keine Grenzen mehr gesetztl Wir hatten noch
der deutschen Literatur in über Hörstunden: Meisterwerke von Goethe,
kein Produkt in der Hand, das auf so charmante Weise süchtig macht und
Rilke, Storm, Fontane, Tucholsky, Heine, Trakl. Kafka, Kleist, Schiller... Setzen
dabei auch noch Stress abbaut. Man ist sofort in einer anderen Welt. Die
Sie sich doch einfach in einen gemütlichen Ohrensessel und lassen Sie sich
besten Dinge sind eben genial einfach!
die Weltliteratur von den besten deutschen Sprechern vorlesen: Christian
"Es gibt kein schöneres Schreibtisch-Spielzeug!" (Esquire) Berkel, Eva Matthes, Otto Sander, Anna T halbach ...
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gehören bei dieser SmartWatch zum Standard. Nutzen Sie den Multi-Sport Kernstück bildet das Advanced Focus System. Die am OEC Institut unter
Leitung von Prof Dr HaraldRies entwickelteLinsentechnologi.e. wurde wei­
Modus: Sie können sich individuelle Ziele setzen. Die Uhr zählt nicht nur
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können Sie sich eine zurückgelegte Strecke nachher in maps ansehen -
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F tienten auf dem Gelände des Berliner


Virchow-Klinikums zu ihren Unter­

suchungen. Navigationsgeräte bestimmen


ist noch weitgehend analog - oder "anti­
quiert" und "verstaubt", wie Kritiker des
deutschen Schulsystem s meinen. F rontal­
gien zu m Gru ndrepertoire fundierter Aus­
bildung", sagt ßirgi t Eickelmann. Die ßiI­

dungsfOl'scherin der Universität Paderborn


im Auto, wo es lang geht. Roboter fräsen in unterric ht, sc hmier ig geputzte Tafeln, über koordiniert für Deutschland die Ver­
menschenleeren Fabrikhallen passgenau die weiße Kreide kratzt, und Schulbücher, gleichsstudien ICIlS (International Com­
Zahnräder für die Industrie. Kinder und ju­ die jugendlichen raten, eine Interviewsi­ puter and Information Literacy St u dy). die
gendliche tragen das Weltwissen in ihren tuatio n mit einem Kassettengerät aufzu­ zuletzt 2013 festgestellt haben: Mit den di­
Hosentaschen mit sich herum. nehmen - Unterricht, der mit der Lebens­ gitalen Kompetenzen der Schüler hierzu­
wirklichkeit der Digital Natives wenig zu lande ist es nicht allzu weit her.
Die neue Digital-Generation tun hat. Fast ein Drinel der Achtklässler in
Diese jugend lichen werden Generation Deutschland kann nicht mehr als klicken,
Selfie, Generation Smartphone oder Digital Die Schule steckt in der Kreidezeit fest um Nachrichten abzurufen oder zu versen­

Natives genannt. Kein Buch und kaum ein Bislang, so die Bestandsaufnahme einer den. Aber vor allem konsumieren sie pas­
analoges Spielzeug ist in ihren Zimmern Studie des Medienpädagogischen For­ siv: Die Digital-Analphabeten haben wegen
heute so verbreitet wie das inrernetf<ihige schungsverbunds Südwes t im jahr 2017, ihrer Wissenslücken auch keinen blassen
Mobiltelefon oder seine digitalen Ver­ sind digitale Medien in bundesdcutschen Schimmer, welche Spuren sie im Netz hin­
wandten Tablet und Computer. Die Teenies Schulen noch nicht wirklich zu Hause. Le­ terlassen - und was Megakonzerne wie
blicken stundenlang auf die Bildschirme in diglich Whiteboards und Computer in Whatsapp, Facebook und Amazon mit ih­
ihrer Hand. Form unbeweglicher Desktops spielen im ren Daten alles anfangen. Zudem sind sie
Und selbst die jüngsten im Vorschul­ Unterricht eine - kleine - Rolle. handwerklich nicht in der Lage, eine Prä­
alter haben eine deutliche Affinität zur Zu wenig, um die Heranwachsenden sentation oder eine Webseite zu erstellen.
virtuellen Welt, wie die Medienstudie mit den Kompetenzen auszustatten, die sie Und sie reflektieren auch nicht, wie sie

BUKK (abgekürzt von Bewältigung, Lern­ für einen erfolgreichen Bildungs- und Be­ ihre Botschaften adressatengerecht aufbe­
verhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kom­ rufsweg benötigen, meinen immer mehr reiten können oder wie digitale Produkte
munikation) unlängst aufgedeckt hat: Bildungsforscher. "In einer digitalisierten auf andere wirken.
70 Prozent der Mädchen und jungen i m Gesellschaft gehört der reflektierte und
Kindergartenalter nutzen das Smartphone Die soziale Schere
ihrer EItern mehr als eine halbe Stunde Ganz wie im analogen Schulalltag sind es
täglich. Schon bevor sie auch nur einen KOMPAKT überwiegend jugendliche aus sozio-öko­
Fug in die Schule gesetzt haben, klicken, nomisc h schwachen und bildungsferneren
• Digitale Geräte können mit bestimm·
daddel n und wischen sie begeistert und Elternhäusern, die beim reflektierten Um­
ten pädagogischen Programmen
begierig, selbstständig und intuitiv auf Kinder beim Lernen unterstützen. gang mit digitalen Medien auf der Strecke
Bi ldschi rm en herum. bleiben. "Das Handy bloß zu wischen,
• Doch wie man lernt, vermitteln am
Doch diese Fähigkeiten sind in der besten klassische Medien. reicht nicht aus, um arbeits- und zukunfts­
Schule b islang w enig gefragt. Der Unter- fahig zu sein", warnt Schulpädagogin
• Vor allem Kinder bis 10 Jahre brau·
ehen bildschirmfreie Räume, um ihre
Begabungen ungestört zu entfalten.

66 I bild der wissenschaft 1 2019


Tabler auf dem Tisch, Finger
in die Luft: Digitale Geräte
können beim Lernen helfen.

Eickelmann. "Wenn wir 30 Prozent der He­ Doch ist es wirklich sinnvoll, Kinder und festgestellt: Mit den Schulnoten von rumä­
ranwachsenden auf dem Weg in die Infor­ Jugendliche, die ohnehin schon den größ­ nischen Schülern ging es in Mathe, Eng­
mations- und Wissensgesellschaft chan­ ten Teil ihrer Freizeit vor Bildschirmen ho­ lisch und Rumänisch deutlich bergab, als
cenlos zurücklassen, ist das nicht nur für cken, auch noch in der Schule mit dem die Regierung Kinder aus weniger begüter­
den Einzelnen bedauerlich. Das ist eine Di­ Einsatz digitaler Medien zu berieseln? Ler­ ten Familien mit Computern ausstattete,
mension, die Einfiuss auf die Stabilität der nen sie dadurch tatsächlich besser? um deren Bildung zu fördern. Die Schüler
Gesellschaft haben kann." In der Forschung ist das umstritten. paukten nicht, sondern daddelten lieber.
Verschiedene Studien kommen zu dem Er­
Der Digitalpakt Schule gebnis, dass Lernen mit digitalen Medien Computer sind kein Selbstzweck
Einige Bildungsforscher fordern: Das deut­ sogar gefalulich sein könnte. Denn die Klar ist: Tablet, Smartphone und PC im
sche Schulsystem soll digitaler werden. ßildschirmmedien, so der Tenor einiger Klassenzimmer sind erst einmal nur neue
Die Bundesregierung hat inzwischen ver­ Untersuchungen, besitzen nicht nur ein Kommunikationsgeräte. Sie können kei­
sprochen, viel Geld ins Bildungssystem zu hohes Suchtpotenzial, sondern führen nesfalls die primären Erfahrungen erset-
pumpen. Den "Digiralpakt Schule" will sie auch zum Verlust wichtiger kognitiver Fä­ zen, die ein Kind bis zum Alter von zehn
sich zwischen 2018 und 2022 fünf Milliar­ higkeiten. Bekannt ist seit Längerem: Wer Jahren machen muss, um intelligent, lern­
den Euro kosten lassen. Und die Kultus­ sich immer auf sein av igationsgerät ver­ fähig und selbstkompetent zu werden. Vor "

mi nisterkonferenz (KMK) hat Ende 2016 lässt, verlernt Karten zu lesen und sich in all em die Jüngsten müssen ihre Lernerfah­
mit ihrem Strategiepapier "Bildung in der freier Natur selbst zu orientieren. rungen ungestört von Bildschirmmedien
digitalen Welt" beschlossen, Kinder und Die Ökonomen Ofer Malamud von der selbst in ihrer Umwelt machen dürfen", rät
Jugendliche durch mehr digitalisierten University of Chicago und Cluistian Pop­ David Martin, Professor für Pädiatrie an der
Unterricht fit zu machen für die Berufsan­ Eleches von der Columbia UniverSity in Universität Witten-Herdecke. Er tritt des­
forderungen im digitalen Zeitalter. New York haben in einer weiteren Studie halb - wie viele seiner deutschen Kinder- >

1 2019 bild der wissenschaft I 67


LEBEN .:=;+ MENSCH

arzt-Kollegen - für einen konsequent bild­ Motivation aber muss vom Lernen selbst Solche Lernprogramme funktionieren wie
schirmfreien Kindergarten ein. Und auch ausgehen. Und die steigt dann, wenn Kin­ ein persönlicher Coach. Aus Tausenden
im G rundschulalter wird Medienkompe­ der und jugendliche mit digitalen Medien von Aufgaben sucht das Programm nach
tenz nicht unbedingt durch das Wischen aktiv gestalten, entwickeln und Verantwor­ einem eingangs durchgeführten Leistungs­
am Tablet gefördert. "Programmieren lernt tung für ein Projekt übernehmen können", test maßgeschneidert Aufgaben für jeden
ein
Achtjähriger dabei sicher nicht!", gibt erklärt Eickelmann. "Das kann zum Bei­ Schüler, erklärt bei Bedarf die einzelnen
Martin zu bedenken. spiel die gelungene Präsentation eines Ex­ Rechenschritte, spürt Wissenslücken auf
Doch Computer können unter Umstän­ periments oder eines Schulausflugs sein." und passt die Lektionen stets dem Lern­
den Jugendliche auch zum Lernen moti­ Pädagogen wissen schon lange: Erfolge fortschritt an. Auch die Lehrer werden lau­
vieren. 82 Prozent der 14- bis 19-)ährigen motivieren zum Lernen. Und die stellen fend über den Wissensstand jedes Einzel­
deutschen jugendlichen erklärten in einer sich für Kinder und jugendliche vor allem nen ihrer SChützlinge informiert.
Auf diese
repräsentativen Umfrage des Meinungs­ dann ein, wenn das Lehrangebot auf jeden Weise können auch sie schnell erkennen,
forsc hungsinstituts TNS Emnid im Auftrag einzelnen Schüler zugeschnitten ist - jeder wer an welcher Stelle noc h H ilfe brauc ht .

des Bundesministeriums für Bildung und den Stoff also so schnell oder langsam be­ "Gute Lernplattformen holen die Ler­
Forschung, dass digitale Technologien ihre arbeiten kann, wie seine Fähigkeiten das nenden da ab, wo sie stehen", erklärt Bu­
Lust steigern, Neues zu lernen. zulassen. row, Pädagogik-professor der Universität
Dauerhafte Faszination allein aus der Kassel. "Sie fordern, aber über- oder unter­
Technik, so die Erfahrung von Bildun gsfor­ Individueller Unterricht fordern nicht und geben ein passgenaues
scherin Birgit Eickelmann, "ergibt sich bei Dafür eignen sich digitale Medien wie individuelles Feedback."
Kindern aber nicht". Tablets und Co kön­ Matheprogramme bestens, meint Erzie­ Dass der bloße Einsatz digitaler Medien
nen zwar als Lernwerkzeuge dienen, "die hungswissenschaftier OlafAxel Burow. an sich noch keinen Vorteil bringt, haben
Wissenschaftler des Zentrums für inter­
nationale Bildungsvergleichsstudien (ZIß)
an der Technischen Universität München

Nicht viel mehr als Bewegtbild- und Recherchekanal? (TUM) nachgewiesen. Sie haben in einer
Metastudie knapp 80 EinzeIuntersuchun­
Eine Studie zu den Nutzungsmöglichkeiten digitaler Geräte in der päda­
gen aus Mathematik, Biologie Chemie und
,

gogischen Vermittlung von Wissen in der Schule förderte Erstaunliches


Physik ausgewertet, die seit dem jahr 2000
zutage: Die meisten Pädagogen sehen das Digitalmedium primär als
Recherchemöglichkeit, dicht gefolgt von der Möglichkeit, damit eine audio­ weltweit erschienen sind.

visuelle Darstellung von Lehrinhalten und ergänzenden Informationen vor­ Fazit des Forscherteams um Kristina
zunehmen. Dagegen sieht nicht einmal j eder zehnte Päd agogik- Profi in Reiss, Professorin für Mathematik-Didak­
digitalen Lernprogrammen eine Chance, den Unterricht individuell zu ge­ tik und Leiterin des ZIB: Schüler aus Klas­
stalten und die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten von Kindern zu sen, in denen mit digitalen Medien gear­
berücksichtigen. In diesen Zahlen offenbart sich, welche Defizite bei der
beitet wird, erzielen zwar durchweg besse­
Ausbildung von Lehrkräften in Bezug auf die technischen Möglichkeiten
re Ergebnisse in Leistungstests als Kinder
von neuen digitalen Kanälen bestehen.
und jugendliche, die nur traditionell un­
terrichtet werden. Aber diese Wirkung
Potenziale des Einsatzes digitaler Medien für den Fachunterricht hängt entscheidend davon ab, wie die Me­

Anteile für Deutschland, Angaben in Prozent dien eingesetzt werden. Schüler profitie­
ren davon, wenn
Audi ovisuelle Darstellung von Lehrstoffen • sie nicht allein vor dem Bildschirm sit­
und ergänzenden Informationen zen, sondern die Aufgaben in Paaren bear­
Wissen/Kompetenzen beiten
erweitern allgemein • Lehrer sie bei der Bearbeitung des digita­
Informationsquellen/ len Materials unterstützen
31,5
Recherchemöglichkeiten
• sie neben digitalen Unterrichtsmedien
Vermittlung von zusätzlich mit traditionellen Lernmitteln
Med ienkom pete nz
büffeln
Vorbereitung auf Zukunft! • die digitalen Medien nur kurzfristig zum
Arbeit und Beruf
Einsatz kommen. Bei längerfristigem Ein­
Aufbau/Vertiefen von satz war der Effekt zwar insgesamt positiv,
Fachwissen
fiel aber gegenüber punktuell gesetzten
Individueller Unterricht/Berüc ksic htig u ng Reizen durch Tablet und Co deutlicher ge­
unterSChiedlicher Lerngeschwindigkeiten
ringer aus
• die Lehrkräfte zuvor eine Schulung ab­
solviert hatten, in der sie lernten, Lernpro-

68 I bild der wissenschaft 1 2019


Das Internet ist tür Jugendliche allgegenwärtig Mit zehn Jahren haben die meisten ein Smartphone

Eine Befragung der Bitkom, des Interessenverbandes der Digi­ Die Bitkom-Studie zeigt außerdem, dass digitale Geräte bei
talindustrie, zeigt, wie deutlich die Nutzung des Internets Kindern weit verbreitet sind: Spätestens in der fünften Klasse
schon bei Erstklässlern gewachsen ist: Knapp die Hälfte sind gehört ein Smartphone zum Standard. Und im Alter von 14 bis
mittlerweile im Netz unterwegs_ Bei den 12- bis 13-jährigen ist 15 jahren besitzen zwei Drittel der jugendlichen bereits einen
die Nutzung auf 99 Prozent gestiegen. eigenen Computer.

Welche der folgenden Geräte hast du persönlich schon? Nutzt Du zumindest gelegentlich das Internet? ja-Antworten

100 --

• • 99 98 99 99 99100
80 --------��--�.

60 -------,�--��--
c:
...
N

e
� �----��--------����
40 ----------

Tablet
20

o i I i i i
6 bis 7 8 bis 9 10 bis 11 12 bis 13 14 bis 15 1 6 bis 18 6 bis 7 8 bis 9 10 bis 11 12 bis 13 14 bis 15 16 bis 18

Alter in jahren Alter in jahren

gramme oder Plattformen sinnvoll in ih ren spektive" verläuft. Die eigen tlich Handeln­ indikator 2017 herausgefunden. Drei jahre
Unterricht zu integrieren. den sind je nach Art des Unterrichts ande­ nacheinander haben Wissenschaftler Leh­
Studienleiterin Reiss rät Lehrkräften, re: Treten bei der Erarbeitung der Lern­ rern im Länderindikator die ..Gretchen­
..digitale Medien mit Augenmaß einzubau­ inhalte mit digitalen Medien Fragen auf, frage" gestellt - "Wie hältst du es mit den
en" und ..bewährte analoge Formate" auf suchen die jugendlichen die Hilfe ihres neuen Technologien?" Ergebnis: "Die große
diese Weise zu ergän ze n . Lehrers. Im klassischen Frontalunterricht Skepsis weicht der zunehmenden Bereit­

dagegen sind es meist die Lehrer, die den schaft, digitale Medien nicht mehr nur für
Erfolge in den MINT-Fächern Schülern Fragen stellen. die Unterrichtsvorbereitung zu nutzen,
Gerade bei komplexen und abstrakten sondern sie auch im Unterricht selbst
Inhalten in Naturwissenschaften und Die Lehrerbildung muss sich ändern einzusetzen", berichtet die Paderborner
Mathematik, hat die Forschung gezeigt, Doch auf eine derart veränderte Rolle und Professorin.
können digitale Medien punkten. So hilft den sinnvollen Einsatz von Tablet und Co "Die Digitalisierung ist keine Mode­
die V isua lisier un g durch den Computer bereitet das l.ehramtsstudium die Pädago­ erscheinung, die wieder verschwindet. Sie
Schülern dabei, den Aufbau chemischer gen bislang nur unzureichend vor. Auch strukrurien und beeinflusst zunehmend
Verbindungen besser zu verstehen. Zu die­ wie sie digitale Medien lernfördernd in unser leben", sagt Birgit Eickelmann.
sem E rgebn is kommt eine Studie von Mar­ den Unterricht einbinden können, lernen ..Schule steht in der Verantwortung, Kin­
cel Frailich, Wissenschaftlerin am Weiz­ die angehenden Lehrer an den Unis bisher dern und jugendlichen das Rüstzeug für
mann Institute of Science i n Israel. Schü­ noch viel zu selten. De u tsch l a n d, das hat diese Welt mitzugeben."
ler, die sich mit webbasierter Umgebung die Studie ICllS vor fünf jahren aufge­ Dazu gehört eben auch, ihnen beizu­
abstrakte Phänomene im Chemieunter­ deckt, ist im internationalen Vergleich mit b ringen, was sie Sinnvolles mit ihren
rieht erarbeiteten, schnitten in den Leis­ allen 23 an der Studie teilnehmenden län­ Smartphones anstellen könne n . •

tungskontrollen signifikant besser ab als dern Schlusslicht beim Einsatz der neuen
die Schüler d er Kont rollgruppe, die tradi­ Technologien in de r Schule.
tiOlleIl unterrichtet wurde. Doch die Verweigerungshaltung der
KATRYN KORTMANN
Die israelische Bildungsforscherin be­ Pädagogen in Deutschland scheint allmäh­
Immi­
ist eher ein .. Digital
tont, dass computerunterstützter Unter­ lich zu bröckeln. Zunehmend entdecken
grant". Für sie erwiesen sich
richt einen stärker "schülerzentrierten Lehrer die pädagogischen Potenziale digi­ bei der Recherche die Com­
Ansatz" verfolgt, während der klassische ta l er Medien. Dies hat, so Sildungsforsche­ puterkünste von Sohn Jasper,
13, als sehr wertvoll.
Unterricht eher aus ..lehrerzentrierter Per- rin Eickelmann, zuletzt die Studie Länder-

1 2019 bild der wissenschaft I 69


Europa-Karte

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ATLANTISCHER

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Nordsee

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FRANKREICH

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Bevö I ke ru ngsentwickl u ng
selection
Mehr oder weniger?
Während die Einwohnerzahl im Osten Europas
schrumpft. wächst sie in Nord- und Westeuropa

Ab- und Zuwanderung, Geburten und Sterbefälle beeinflussen die regionale


Bevölkerungsentwicklung. In Europa zeigen sich dabei große Unterschiede: Im
Osten nimmt die Zahl der Menschen meist ab, verursacht durch Abwanderung,

hohe Sterberaten und niedrige Geburtenraten. Besonders auf dem Land sind die
demografischen Zukunftsaussichten düster. Ein ähnliches Bild bietet sich seit der

Finanzkrise 2008 im Mittelmeerraum. Dagegen sind viele Regionen in Nord- und


Westeuropa, darunter vor allem Großstädte, attraktive Ziele für Zuwanderer aus
dem In- und Ausland. Ein großer Anteil der Zuziehenden sind junge Menschen,

was einen positiven Effekt auf die natürliche Bevölkerungsentwicklung hat, denn
es gibt dadurch deutlich mehr Geburten als Sterbefälle.

Faktoren der Bevölkerungsentwicklung


2014-2016
nach NUTS-3-Regionen
Wachstum
_ Geburtenübersct-üsse und OIe NUTS-Regionen (französisch
Wanderungsgowlnne NomenCl8ttro des urite,; territoriales
_ �=ü�����sßchen statjstiques) sind rilumfiche Bezugs­
einheIten der ooroptJisci1en Statistik.
Zu doo NUTS-3-Regionan gehören
LJ Geburtenübersct-üsse gleichen in Deutscl"Jand die Krotse und kreis­
Wanderungsvertuste aus freien Stadte, In BelgIen die
IVrondlsseme1lts, in Franl<relCh die
Schrumpfung Departements, in der Schweiz die
_ Wanderungsvertuste ubersteigen Kantone und in Östetreich G-uppet1
Geburtenübersct-üsse von PoI,tlschen Bezrken usw.

Ste<beüberschiJsse Cbersteigen
Wanderungsgewlnne
_ �=��� und
Ll keine Angabe
Quellen' Eurostat 2018, eigene BerecIr1ungen,
Na/ionalal/as a/dueH

S
Chwarzes Meer

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o 200 500 km
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ZYPERN

1 2019 bild der wissenschaft I 71


LEBEN.=:> MENSCH

Die Gerüchel{üche
Wer sich aufregt, freut oder ängstigt, sondert Gasmoleküle ab. Ein Max-Planck-Forscher hat sich
auf die Duftspur begeben - und auf dem Fußballplatz sowie in der Kinoluft Gefühle gemessen

von KLAUS jACOB

in Kino als Großraumlabor: Jonathan schung erst ermöglichen. Sie spüren Sub­ pflanzen etwa warnen damit ihre Artge­

E Williams hat sich mit seiner kleinen


Mannschaft und großem Gerät hinter
den Kulissen des Mainzer Multi p lex - K ino s
stanzen auf, die nur in einer Konzentration

von einem Billionst el (p pt) in der Luft ent­


halten sind. Die Geräte können innerhalb
nossen, wenn sie angefressen werden. An­

dere locken mit Duftstoffen Insekten an,


die ihre Blüten befruchten oder ihre Feinde
"Cinestar" eingerichtet und den Ab luft­ von einer Sekunde mehrere Hundert unter­ ve rtilgen.

schacht angezapft. Der Chemiker vom schiedliche Chemikalien messen. Das er­ Auch im Tierreich spielen Gerüche eine
Mainzer Max-Planck-Instirut für Chemie laubt eine Aufzeichnung in Echtzeit, wie sie große Rolle. Ameisen legen Duftspuren,
hat es auf die Ausdüns tungen de s Publi­ für einen solchen Kino-Versuch nötig ist. um ihre Wege zu markieren. Viele Schmet­
k ums a bgesehen Denn er ist davon über­
. terlinge betören Sexualpartner mit Duft­
zeugt, dass Menschen bestimmte chemi­ Die Duftsprache der Natur stoffen, wobei zum Beispiel dem Seiden­

sche Substanzen absondern, wenn die Der Chemiker Williams ist nicht der Erste, spinner schon wenige Moleküle genügen,
Emotionen hochgehen. Angst, Liebe, der sich auf die Duftspur begeben hat. um in Stimmung zu kommen. Viele Säuge­
Trauer, Euphorie - all das mache sich Auch Wisse nschaftle r aus ande ren Dis zi p ­ tiere kennzeichnen ihr Revier mit Duft­
durch Geruchsstoffe bemerkbar. Und wel­ linen erforschen seit jahren die Wirkung marken. Hunde können mit der Nase
cher Ort eignet sich besser für einen Nach­ verschiedener Geruchsstoffe, die in der Rauschgift, ßettwanzen und sogar Geld­

weis als ein Kino, wo geweint wird und ge­ Natur eine zentrale Rolle bei der Kommu­ scheine aufspüren (siehe bild der wissen­
zittert, meint Williams. Er nutzt hochsensi­ nikation spielen. Pflanzen verständigen schaft 5/2017, "Ein Hauch von ßitterman­

ble Massenspektrometer, die diese Art For- sich mit sol chen "Pheromonen". Tabak- dei") . Auch Angst, heißt es, können sie
wahrnehmen.

Schnuppernde Störche
Der Atmosphärenchemiker
Jonathan Wil/iams ist mensch· Die Liste I ieße sich beliebig verlängern -

lichen Düften auf der Spur. obwohl viele Zusammenhänge noch gar
nicht erforscht sind. jonathan Williams
hat zusammen mit dem Ornithologen Mar­

tin Wikelski, Direktor des Max-Planck-In­


stiruts für OrnithOlogie in Radolfzell, eine

dieser Lücken gesch l oss en . Die beiden


Wi ss ensch aftler fr agt en sich, warum Stör­
che stets zur Stelle sind, wenn ein Bauer

Gras mäht. Die Augen können es nicht


sein, denn die Vögel legen oft viele Kilome­

ter zu rück , um an den reich gedeckten


Tisch zu gelangen.
Williams vermutete, dass der Duftstoff

Cis-3-Hexenol (kurz: Blätteralkohol) da­


hint ers teckt , der beim Grasschnitt ent­

steht. In seinem Labor öffnet er eine Fla­


sche aus seiner Duftkollektion. Die Chemi­
kalie riecht intensiv nach frisch gemä hter

72 I bild der wissenschaft 1 2019


Auf der Suche nach einem .duften" Partner treffen sich junge Leute auf einer Pheromon-Party in Berlin: Jeder Teilnehmer gibt am Eingang ein getragenes
T-Shirt ab. Es wird in eine Plastiktüte gesteckt und erhält eine Nummer - bei Frauen in pink, bei Männern in blau. Die Tüten werden auf einem Tisch ausge­
breitet und die Teilnellmer schnuppern nach und nach daran. Wenn einem Teilnehmer ein Geruch gefällt, lässt er sich mir Beutel und Nummer fotografieren.
Die Fotos werden auf einer Leinwand gezeigt - und der Teilnehmer. zu dem die Nummer gehört, kann die Person ansprechen, die den Geruch ausgewählt hat.

Wiese_ Als die beiden Forscher die Sub- Mensch unbewusst viele Informationen Unsere Nase ist fein genug, um viele
stanz zusammen mit zwei weiteren Gras­ aus dem Geruch des Gegenübers heraus­ Duftnoten zu unterscheiden. Der mensch­
Komponenten auf einer Versuchsfläche liest: vom Alter über die Gesundheit bis zur liche Geruchssinn wird meist unter­
bei Konstanz versprühten, kamen die Stör ­ gesellschaftlichen Stellung und Verwandt­ schätzt. Alle Säugetiere haben eine gute
che bald angeflogen, obwohl es nichts zu schaft. Und dass er auf die stillen Botschaf­ Nase, was letztlich ein Relikt aus dem Zu­
fressen gab. ten reagiert. Versuche haben gezeigt, dass sammenleben mit den Dinosauriern ist.
ein gestresster oder verängstigter Mensch Unter der Knute dieser dominanten Tier­
Angstgeruch verunsichert seine Umgebung verunsichert: ,;-Ner mit gruppe mussten unsere Säugetier-Vorfah­
Auch beim Menschen spielt der Geruch ihm zu tun h at, dessen Organismus stellt ren während des Erdmittelalters versteckt
eine wichtige Rolle. Wir benutzen zur sich unbewusst auf Gefahr ein", erklärt leben, waren nachtaktiv oder verkrochen
Verständigung zwar vor allem die Sprache, Bettina Pause. sich in Höhlen. Dabei entwickelten sie not ­

unbewusst lassen wir uns aber auch von gedrungen einen ausgeprägten Geruchs­
Pheromonen leiten, davon ist die Sozial­ sinn, der sich bis heute erhalten hat.
psychologin Bettina Pause von der Univer­ KOMPAKT
sität Düsseldorf überzeugt, die seit Jahren Duftspur auf der Wiese
Ein Mainzer Chemiker hat im Kino die
auf diesem Gebiet forscht. flüchtigen organischen Komponenten
Die Menschen können es dabei mit vielen
.2
Aus gutem Grund greifen Frauen und (VOCs) gemessen, die Zuschauer wäh­ aufnehmen. Die NeuTOwissenschaftler
auch immer mehr Männer zu künstlichen rend eines Films ausdünsten. oam Sobel und Jess Porter von der Uni­
Düften, um an Attraktivität zu gewinnen. • Die Kurven geben den Filmverlauf versity of California in Berkeley haben das
Und die Redewendung "Ich kann dich exakt wieder. Jede spannende Szene schon 2006 eindrucksvoll bewiesen: Sie
nicht riechen!" ist durchaus wörtlich zu erzeugt einen "Peak". ließen Studenten eine Duftspur erschnüf­
nehmen. Pause geht davon aus, dass der • Am deutlichsten ist der Ausschlag, fein, die sie auf einer Wiese ausgelegt hat- >
wenn eine Hauptperson verletzt wird.
Mitleid scheint eine messbare körper­
liche Reaktion auszulösen.
1 2019 bild der wissenschaft I 73
LEBEN.:::> MENSCH

Der Biologe Hanns


Hatt hat die Funktion
eines Pheromonrezep­
tors in der mensch­
lichen Riechschleim­
haut (unten> nach­
gewiesen.

Auf diesem 325 Meter hohen Forschungsturm im Amazonas­


Regenwald betreibt Jonathan Wifliams Atmosphärenchemie:
Er misst flüchtige organische Komponenten in der Luft.

ten. Zwei Drittel der Probanden konnten Der Mainzer Chemiker Jonathan Wil- tion, um ihn zu beste igen. Hier kann Wil­
der zehn Meter langen Schokoladen-Fährte Iiams will nun weitere Substanzen finden, Iiams in unterschiedlichen Höhen die
problemlos folgen. die mit Gefühlen zusammenhängen. Wäh- zahlreichen hochreaktiven VOCs messen
rend andere auf sterile Laborbedingungen und e rmi tteln, wie sie mit Bestandteilen
Das Pheromon des Vertrauens achten, geht Williams ins Kino. Er ist ein der Luft sowie miteinander reagieren, wie
Doch welche Chemikalien bei der Begeg­ S eiten einsteiger - eigentlich arbeitet er auf sie abg ebaut werden und wie sie die Atmo­
nung zweier Menschen eine Rolle spielen, einem ganz anderen Gebiet: Wetter und sphäre und letztlich Wetter und Klima be­
welcher Duft-Cocktail aus Haut und Atem Klima sind sein Metier. Als Atmosphären- einflussen. Dass sie einen erheblichen Ein-
dringt, wenn sich Gefühle wie Stress, Angst fluss etwa auf die Bildung von bodenna­
oder Zuneigung einstellen, das ist noch hem Ozon und Feinstaub haben, ist er­
nicht geklärt. Der Biolog e und Mediziner wiesen. Die Forschungsstation steht im
Hanns Hatt hat vor zwei Jahren erstmals Wir reagieren auf Dschungel, weil Pflanzen den größten Teil
die Funktion eines Pheromonrezeptors der VO Cs, die in der Atmosphäre treiben,
Pheromone, ohne einen
in der Riechschleimhaut des Menschen emittieren. Der anthropogene Anteil wird
nachgewiesen, "VNIRl" genannt. Geruch wahrzunehmen auf nur zehn Prozent geschätzt.
Er kann das Pheromon "Hedion" wahr­ Hier, mitten in der Wildnis, fand wil-
nehmen, das Vertrauen schafft - "nach chemiker beschäftigt er sich mit Gerüchen, 1iams vor zehn Jahren sein neues For­
dem Motto: wie du mir, so ich dir". Der Ge­ die der Tropenwald und andere Vegeta­ schungsgebiet. Es begann mit ein paar
ruchsforscher von der Ruhr-Univer ität tion formen ausschwitzen. Williams übermütigen Studenten, die zum Mess­
Bochum sagt : "Die Z ellen haben eine direk­ spricht von "flüchtigen organischen Kom­ trupp gehörten . Sie pusteten zum Spaß in
te Ne rvenleitung ins Gehirn, das g eht nicht pon enten", kurz VOCs (Volatile Organic das Massenspektrometer, das e igentlich
über den Riechkolben." Das könnte erklä­ Compounds). Waldluft einfangen sollte - und waren er­
ren , warum wir unbewusst auf Pheromone Mitten im Amazonas-Regenwald hat die staunt. In ihrem Atem steckten offenbar
reagieren, ohne einen bestimmten Geruch Max-Planck-Gesellschaft einen 325 Meter zahlreiche \lOCs, die auch der Dschungel
wahrzunehmen. hohen Turm errichtet. Man braucht Kondi- ausschwitzt, vor allem der I-Iauptbestand-

74 I bild der wissenschaft , 2019


Tooooor!

Williams und sein Team maßen die Gefühle der Fußball­ 35


fans nicht nur im St adium, sondern auch im Kino: Als bei
der Europameisterschaft 2016 das Spiel Deutschland 30 100 2,0

gegen Italien in einem Mannheimer Kino übertragen


wurde, registrierten sie die (02-' Isopren- und Ethanol­ 2S :2 :2
� 80 �
Emissionen. Der ( 02-G ehalt erhöht sich durch rasche­ 1,5

res A tmen, der Isopren -G ehal t bei Bewegung und der � 20 �


� 60


Ethanol-Gehalt durch Alkoholkonsum. Die lila Säulen
im Hintergrund markieren die 1. und die 2. H albzeit, �
.2 15
I!
E �
0 1,0
� .�
die Verlängerung sowie das Elfmeter-Schießen . Als Me­
sut Özil das 1 : 0 schoss (Bild oben), stieg der Isopren­
§
es 10
�c 40 E
i
Gehalt, weil die Zuschauer aufsprangen und jubelten.
"
2
u
ii 0,5
20
Auch der Ethanolgehalt nahm zu - offenbar tranken g IZ

die Zuschauer auf das Tor. Der Ausgleich durch Bonucci


zeigte sic h nur durch einen Isopren-Anstieg. Beim O�U%�L-�----�--LJ�T----T� 0 0
l1-Meter-Schießen schoss auch der (02-Geh alt nach 20:00 21:00 22:00 23:00 24:00
oben: Die Zuschauer atmeten vor Aufregung schneller. Uhrzeit

teil Isopren. Vielleicht, so mutmaßte für Verwunderung, doch die Cl ubleit u ng Dsc hungel Isopren dominiert, war es im
Williams, hat die Forschung die VOCs, die zeigte sich kooperativ. Das S tadion gle ich t S tadio n Ethanol, besser bekannt als Alko­
vom Menschen stammen, unterschätzt. einer Kiste, die oben teilweise geschlossen hol. Der Ethanol-Pegel stieg kontinuier­
Schließlich leben inzwischen mehr als sie­ ist - gute Bedingungen für eine Messkam­ lich, während sich die Ränge füllten, weil
ben Milliarden Menschen auf der Erde . pagne. Unter dem Dach, wo sich die Abluft die Fans "vorgeglüht" hatten. Während d er
fing, postierte williams mit seinem Team ersten Halbzeit ging er leicht zurück, da-
Menschenmief im Stadion die mannshohen Geräte. Bei einem Heim­ nach be sorg ten sich die Besucher neues
Williams suchte nach einer Möglichkeit, spiel gegen Wolfsburg maß er neben den Bier - und die Kurve klettelte wieder. Auch
der Sache auf den Grund zu gehen. VOCs auch die CO,-Konzentration. Denn Acetonitril waberte in relativ großen Men­
Die naheliegende Methode, einen Proban­ de r menschliche Atem enthält rund vier gen durch die Luft - eine Chemikalie, die
den in einen Glaskasten zu setzen, die Prozent des Treibhausgase s und reichert williams aus dem Dschungel kennt. Sie
Abluft zu analysieren und das Ergebnis mit die Umgebung damit an. tauchr immer auf, wenn der Wald brennr.
sieben Milliarden zu multiplizieren, Tatsächlich stieg die Konzentration, Was im Stadion brannte, war en Zi garet t en.
schied aus. Denn jeder Mensch hat seine nachdem die rund 31000 Schlachten­ Vor allem in der Halbzeitpause, wenn die

individuelle Duftnote. Nicht nur seine bummler ihre Plärze gefunden hatten, von Raucher am Glimmstengel Halt suchten,

Körperhygiene beeinflusst seine Ausdüns­ rund 400 auf 500 ppm (parts per million). kletterten die Werte in d i e Höh e.
rungen, auch Krankheiten, das Alter, die Noch beeindruckender war für Williams,
letzte Mahlzeit, Zahnprobleme, Stim­ dass die COI-Kurve den Spielverlauf spie­ Großes Gefühlskino
mungsschwankungen und vieles mehr. gelte. Jede brenzlige Situation, ob Freistoß Und Williams wollte es noch genauer wis-
Will i ams brauchte also einen Querschnitt oder Eckball, erzeugte einen kleinen Peak sen. Er suchte nach einem Ort, wo er die
über eine große Gruppe von Men sc hen. in der Messkurve. Denn wer sich a uf regt verbrauchte Atemluft ohne Turbulenzen
Als Fußballfan fiel ihm das Stadion von oder vom Sirz springt, dessen Atem geht und störende Verdünnung an alys ieren
Mainz 05 ein, das er vom Fenster seines In­ schneller. konnte. Ein geschlossener Raum sollte es
stitutsgebäudes sehen kann. Sein Anliegen, Auch die VOCs lieferten Hinweise auf sein. Williams fand ihn in einem Mainzer
den Mief der Fans zu messen, sorgte zwar das Verhalten der Fans. Während im Kino: Die Lüftung unter den Sitzen erzeugt
>

1 2019 bild der wissenschaft I 7S


LEBEN.=:> MENSCH

e inen ständigen Luftstrom zur Decke, der Das Mass enspektrom eter liefene auch die Leinwand ließ in rascher Fo lge immer
alle Gerüche unmittelbar zum Abluft­ kuriose Einblicke in die Gewohnh eite n der neue Emotionen aufkeimen. Williams ord­
schacht bringt. Hier postierten Williams Kinogänger. So waren die Ethanol-Werte, nete zunächst jede Szene einem be stimm­
und seine Mitarbeiter ihre Mes sfühl e r. al so d er Alkoh olgehalt , bei den Samstag­ ten Thema zu - und damit einer bestimm­
Wieder maßen sie neben den VOCs Abend-Vorstellungen am höchsten. Offen­ ten Emotion. Die Liste um fasst 28 Sparten
auch Kohlendioxid. D essen Konzentration bar kamen einige Besucher beschwipst zur - von Blut, Tod und Schrei über Traum,

s tieg von 400 auf bis zu 2400 ppm, wenn Vorstellung. Und die Siloxa ne gaben Aus­ Action und Kuss bis zu Landschaft, Unter­
alle Plätze belegt waren. Besonders interes­ kunft über die Hygiene, denn sie stecken in haltung und Comedy. Für die weitere Aus­
sant war en, wie schon im Fußballstadion, weItung musste ein Computer her. Der be­
die feinen Schwankungen. Jede spannende rechnete die wahrscheinlichkeit, dass ein
Szene erzeugte einen winzigen Peak. Paral­ bestimmter Geruchs-Cocktail mit einem
lel dazu ging auch der Isopren-Geh a lt in Erhöhter Puls, Gänsehaut, Gefühl korrespon diert .
die Höhe. Diese Substanz wird durch Die Resultate stimmen Williams opti­
Anspannung - all das ist
Stoffwechselvorgänge in den Muskeln ein­ mistisch: Es gab eindeutige Muster. A m
gelagert und bei Bewegung frei. Erhöhter in der Luft messbar deutlichsten ze igte sich der Zusammen­
Puls, Gänsehaut, i\nspannung - all das hang, wenn eine Hauptperson verletzt
ließ die Konzentration von Kohlendioxid Deos und Shampoos . Ihr Ausstoß stieg bei wur de: Mitleid scheint eine messbare kör­
und Isopren steigen . Die Kurven gaben der Abendvorstellung kräftig an, weil sich perliche Reaktion zu verursachen. Neben
den Filmverlauf exakt wieder, fast wie viele Besucher vorher "frisch" gemacht den Gefü hlen gaben die Messungen auch
die Rillen einer SChallplatte die Musik. hatten. Einen Peak gab es jeweils am An­ Hinweise auf die Art des Films. Williams
Das Ergebnis war repro duzierbar, bei fang und Ende eines Films, wenn die Zu­ ist überzeugt, dass er die FSK-i\ltersfreiga­
d er nächs ten Vo rs tellung ergab sich der­ schauer ihre Jacken und Pullover aus - od er be aus den Gerüchen herauslesen kann -
selbe Verlauf. anzog en und dabei die Ar m e hoben. ohne den F i lm gesehen zu haben. Eine
Aber eigentlic h gin g es bei den Messun­ Messung am Abluftkanal genügt. Auch hier
gen ja um die großen Gefühle. Das war eine kommt es auf eine besti m mte Kombinati­
knifflige i\ufgabe, denn die sensiblen Gerä­ on von VOCs an , wie er durch d en Ver­
te erfassten Hunderte von Substanzen un d gleich vieler Filme herausgefunden hat.
Jonathan Williams hat das
Kino als Forschungs/abor tür
menschliche Ausdünstungen
entdeckt.

Das Maß der Gefühle

Emotionen hinterlassen ihre Spuren in der Kinoluft. Das zeigte sich, als Williams jede
Filmszene einem Thema zuordnete - und damit einer Emotion. Dann berechnete er im
Computer den AUC-Wert (Area under the curve) - ein Maß für die Wahrscheinlichkeit,
dass ein bestimmtes Geruchsgemisch mit einem bestimmten Gefühl korrespondiert.
Am deutlichsten zeigte sich ein Zusammenhang, wenn jemand in einer Filmszene ver­
letzt wurde und die Zuschauer Mitleid empfanden. Bei einem AUC-Wert von 0,5 ist ein
Zusammenhang rein zufällig.

1.0

0,8

u
� 0,6

0,4

0.2

76 I bild der wissenschaft 1 2019


Spurensuche im Kino
Während verschiedener Filmvorführungen im Mainzer Multiplex­ Auch die Isopren-Konzentration in der Kinoluft wurde gemessen:
Kino CineStar maß Williams' Forscl1erteam den COl-Anteil in der Sie zeigte an vier Tagen (unterschiedlich gefärbte Kurven) wäh­
Luft (in Anteilen pro Million, ppm). Er nahm zu, wenn die Zuschau­ rend eines bestimmten Films immer denselben Verlauf und nahm
er den Kinosaal füllten, bis sich nach einiger Zeit ein Gleichge­ mit der Zahl der Zuschauer zu. Isopren, das im Muskelgewebe ge­
wicht einstellte zwischen der Atemluft der Zuschauer und der ein­ speichert ist, entweicht bei Bewegung über die Atemluft. Am Ende
strömenden Frischluft. Je mehr Zuschauer einen Film anschauten des Films stieg die Konzentration abrupt an, weil die Zuschauer
(Zahlen über der Kurve), umso höher stieg der COz-Wert. die Plätze verließen.

30 ,-
----.,---r--,
_ 26.12
25 _ 27.12
_ 28.12
_ 29.12

1800
1600

E 1400
S 1200

Ö 1000

u 800
600

400

12:00 15:00 18:00 21:00 24:00 3:00 12:4S 13:15 13:45 14:15 14:45 15:1S 15:45 16:15 16:45
Uhrzeit Uhrzeit

Aber was sind das für Chemikalien, die gi bt, kann die Wi r kun g ausbleiben. "Denn andere Menschen testen. Doch bis solche
der Mensch bei Gefülliswallungen von sich die Konzentration ist entscheidend", sagt Chemikalien tatsächlich gefunden wer­
gibt? Hier muss Williams passen. Denn die Sozialps\'chologin Bettina Pause. den, ..ist es noch ein weiter Weg", sagt der
sein Massenspektrometer liefert keine Mediziner Hanns Hatt.
chemischen Formeln, sondern bloß die Be­ Virtuelle Achterbahnfahrt Fest steht: Wer die formeln kennt, hat
standteile einer Substanz. Wie das Molekül Williams lassen diese Fragen keine Ruhe. Macht über Gefühle. Im Kino könnten
genau aufgebaut ist, bleibt oft im Dunkeln. Ihm steht nun ein Massenspektrometer Düfte die Szenen wirkungsvoll unterma­
Doch gerade beim Geruch kommt es auf zur Verfügung, das noch genauer messen len, und Parfumeure hätten fantastische
winzigste Details an. So gibt es spiegelver­ kann. Und er hat wissenschaftliche Koope­ Möglichkeiten. Al l erdings hat die chemi­
kehrte Moleküle - Chemiker sprechen von rationen angepeilt: So will er Probanden sche Manipulation ihre Kehrseite:
Chiralität. Oie Substanzen glei ch en sich mithilfe der virtuellen Realität in Angst "Manche sehen mit einer gewissen Skepsis
wie die linke und rechte I-land eines Men­ und Schrecken versetzen, etwa bei einer auf diese Forschung", sagt Hatt, "weil man
schen - sie sind völlig identisch, was Mas­ virtuellen Achterbahnfahrt. Bei solchen sich gegen diese Art von Düften nicht
se, Struktur und Bestandteile an geht. Sie Versuchen folge n die unterschiedlichen wehren ka n n. " •

sind nur spiegelbildlich. Für die Atmo­ Gefühle nicht wie im Kino im Stakkato auf­
sphärenchemie spielt das keine Rolle, einander, wo auf einen Mord gleich eine
wohl aber für die Nase. Sie kann die Zwil­ Liebesszene folgt. Williams kann jedes
KLAUS JACOB ist seit
linge ausgezeichnet auseinanderhalten. Gefühl gewissermaßen freipräparieren. Als
Langem fasziniert davon,
Und eine weitere Hürde: Selbst wenn die Partner hat er das Max-Planck-Institut für
dass bestimmte Gerüche
chemische Formel eines humanen Phero­ Psycholinguistik im holländischen Nij­ Szenen aus der vergangen­
mons bekannt ist und man diese Substanz megen gefunden. Zudem will er die heit lebendig werden lassen.

einer Versuchsperson zum Schnuppern Wirkung der gefundenen Substanzen auf

1 2019 bild der wissenschaft I 77


Rettung für Amerikas
Fledermäuse
Eine Seuche dezimiert seit über einem Jahrzehnt die Fledermaus-Kolonien Nordamerikas. Mithilfe neuer
Forschungen wollen Tierschützer nun die Kehrtwende schaffen

von ROMAN GOERGEN

78 I bild der wissenschaft 1 2019


lall Hicks hatte eine düstere Ah­ Doch Hicks rechnete nicht damit, dass dermäuse getötet. Insgesamt neun nord­

A nung. Der Fledermaus-Spezialist


von der Umweltbehörde des Staates
New York warnte schon im Januar 2008 vor
sich WNS im rolgenden Jahrzehnt mit tÖd-
licher Effizienz über den nordamerikani-
sehen Kontinent ausbreiten würde. Die
amerikanische Fledermaus-Arten wei en
Krankheitssymptome auf - acht weitere
sind von dem Pilz befallen, ohne bislang
der größten Bedrohung für Fledermäuse in Seuche hat inzwischen nach unterschied- Symptome zu zeigen.
den USA. Die Tiere starben zu Tausenden lichen Schätzungen und Hochrechnungen
während ihres Winterschlafs in den Höh­ zwischen fünf und sieben Millionen Fle- Um 85 Prozent dezimiert
len und Minen von New York und Ver­ Besonders scll\ver sind dabei das Nord­
mont. Rund um die Nasen der verendeten amerikanische Mausohr (Myotis septen­
Tiere fanden Forscher einen weißen Pilz­ KOMPAKT trionalis), die Kleine ßraune Fledermaus
befall, welcher der mysteriösen Krankheit (Myotis lucifugus), die Ost-Pipistrelle
• Seit 2007 hat die Weißnasenkrankheit
bald ihren Namen gab: ,�Vhite-Nose Syn­ in Nordamerika zwischen fünf und
(PerimyotiS subnavus) und das Indiana­
drome" (WNS), auf deutsch: Weißnasen­ sieben Millionen Fledermäuse getötet. Mausohr (Myotis sodalis) betroffen. Wenn
krankheit. Der Pilz Pseudogymnoascus der Pilz Kolonien dieser Arten während des
• Der krankheitserregende Pilz hat
destructans (Pd) wurde bis in eine Höhle genetische Schwachstellen - ein Winterschlafs erreichte, wurden diese im
nahe der Stadt Albany zurückverfolgt, wo Ansatzpunkt für seine Bekämpfung. Durchschnitt um 85 Prozent dezimiert. Ex­
ihn im Winter 2006/2007 vermutlich Tou­ • Manche Forscher fordern, den Fleder­
perten verweisen darauf, dass die nord­
risten aus Europa eingeschleppt hatten. mausbestand durch genetische amerikanischen Arten keine Abwehrme- >
Auslese widerstandsfähig zu machen.

, 2019 bild der wissenschaft I 79


LEBEN.=:> MENSCH

Die Ausbreitung der Weißnasenkrankheit

Nach dem aktuellen Stand der Forschung nehmen Wissenschaftler an,


dass der Erreger Pseudogymnoascus destructans aus Europa eingeschleppt mir Pilzbefal/ in einer Höhle

wurde. Denn auch hier wurde der Pilz nachgewiesen. Doch offensichtlich bei NelV York (oben). Unten:
Untersuchung eines Flügels.
sind die in Europa heimischen Arten widerstandsfähiger gegen den Pilzbe-
fall. Die Krankheit breitet sich in Nordamerika mit großer Geschwindigkeit
aus: Mittlerweile sind 33 Staaten der USA und 7 Provinzen Kanadas betroffen.
--

Das White-Nose-5yndrom
Vorkommen nach Bezirken

Fledermaus­
Überwinterungszeit
_ 2006-07
_ 2007-08
_ 2008-09
_ 2009-10
_ 2010-11
_ 2011-12
_ 2012-13
2013-14
2014-15
_ 2015-16 500 km
_ 2016-17
_ 2017-18

chanismen gegen den europäischen Fun­ Grenzen stoppen würde, erfüllte sich reserven reichen nicht über den Winter",
gus entwickeln konnten und vergleichen nicht. 2016 überwand der pilz die Rocky sagt Haase. Die Tiere verhungern, verdurs­
dieses Phänomen mit den Auswirkungen, Mountains. Nach groben Berechnungen ten oder erfrieren.
die durch europäische Siedler einge­ legt er jährlich etwa 300 bis 400 Kilometer "Viele Flederrier-Biologen versuchen
schleppte Krankheiten auf die amerikani­ zurück. "Auch der Süden ist nicht mehr si­ z urzei t genau wie ich, das komplizie rte
sche Urbevölkerung hatten. cher, wir haben Massensterben in Staaten Verhältnis zwischen WNS, Überwinre­
Im Oktober 2018 war das Vorkommen wie Aiabama oder Georgia festgestellt, von rungsplätzen und Fledermaus-Überleben
v on WNS in 33 amerikanischen Bundes­ denen wir dachten, sie seien sicher wegen zu entschlüsseln", sagt Haase. Mathema­
staaten und 7 kanadischen Provinzen be­ ihres wärmeren Klimas und der kürzeren tische Modelle sollen dabei helfen, die
stätigt. "Und WNS breitet sich weiter aus", Übe rwinterungszei ten ", sagt Coleman. Überlebenschancen einzelner Arten zu
sagt Jeremy Coleman von der Artenschutz­ Denn während des Winterschlafs der beziffern.
behörde U.S. Fish and Wildlife Service Fledermäuse entfaltet WNS seine tödliche
(USFWS), die dem amerikanischen Innen­ Wirkung. "Wenn sich die Fledermäuse in Die Achillesferse des Schädlings
ministerium unterstellt ist. Coleman koor­ den physiologischen Schlafzustand von An solchen Berechnungen ist auch die
diniert den offiziellen WNS-Plan der Kl einsäugern fällt, den sogenannten Tor­ ameri kan ische Landwirtschaft interes­
Regierung, der inzwischen mehr als 100 por-Zusrand, reduzieren sie ihre Körper­ siert. Denn in moderaten Klimaregionen
Forschungsprojekte und Eindämmungs­ temperatur und den Stoffwechsel auf nur frisst eine Fledermaus pro Nacht rund 600
maßnahmen umfasst. fünf Prozent der Normalwerte. So verbrin­ Insekten - ein enormer Beitrag zur Schäd­
Einiges von dem, was Coleman dazu in gen sie 90 bis 95 Prozent des Winter­ lingsbekämpfung. Allein den amerikani­
Händen hält, bietet eine realisti sche Hoff­ schlafs", erläu tert Catherine Haase, Biolo­ schen Maisfarmern ersparen die verschie­
nung auf Besserung. "Wir haben Fortschrit­ gin an der Monrana Stare Universiry. denen Arten eine Milliarde U.S.-Dollar an
te gemacht, wenn es um biologische Wirk­ Da sich der Pilz in den dunklen Höhlen, Chemikalien. Hinzu kommt noch ander­
stoffe geht, die den Pilz durch Kontakt ver­ in denen die Tiere überwintern, besonders weitiger ökologischer utzen. Verschiede­
nichten, ein Impfstoff ist derzeit in der Er­ gut vermehn und er besonders bei niedri­ ne Berechnungen setzen den Gesamtwert
probung. Und wir haben sogar entdeckt, gen Tempe raturen aktiv ist, befällt er v or der Fledermäuse für die amerikanische
dass Pd eine generische SchWäche gegen­ allem im Winter die Kolonien. Durch den Landwirtschaft pro Jahr auf bis zu 53 Milli­
über UV-Licht hat", so Coleman. juckenden Pilz erwachen die Tiere häufig arden Dollar an.
Doch die Hoffnung, dass die Seuche an aus dem Torpor. "Dann verbrennen sie 75 Trotz der potenziell weitreichenden
geografischen oder meteorologischen Mal mehr Fert, und die angefressenen Fett- Folgen eines anhaltenden Fledermaus-

80 I bild der wissenschaft 1 2019


Probenentnahme in einer
Höhle in Tennessee (oben).
Darunter links: der Pilz
unterm Mikroskop, rechts:
Behandlung mit UV-Licht.

Sterbens in Nordamerika ist die Forschung "UV-Strahlung beschädigt die DNA des "Bislang haben wir uns darauf konzen­
über den Pilz, der WNS verursacht, noch Pilzes erheblich", bestätigt Co-Autor Daniel triert, im Labor die Empfindlichkeit des
relativ jung. "Obwohl WNS eine der Lindner, ein USFS-Phytopathologe: "Dieser Pilzes für UV-Strahlung zu prüfen. Tm kom­
schlimmsten jemals aufgezeichneten Tier­ Pilz hat sich über Millionen von jahren in menden Winter wird es darum gehen zu
krankheiten in freier Wildbahn ist, wissen der Dunkelheit entwickelt, deswegen hat prüfen, wie das UV-Licht auf infizierte Fle­
wir immer noch sehr wenig über die Biolo­ er es nie gelernt, durch Licht verursachte dermäuse wirkt", sagt Jonathan Palmer.
gie von Pd und besonders darüber, wie er Ein erster Test ist bereits an der Buck­
genau die Krankheit verursacht", erläutert nell University in Pennsylvania im Gange.
Jonathan Palmer, Botaniker an der nördli­ DaZLI wurden 60 mit WNS infizierte Exem­
chen Forschungsstation der amerikani­ Forscher haben eine plare der Kleinen Braunen fledermaus in
schen Forsrverwaltung (USFS). Wisconsin eingefangen und in Bucknell in
Schwachstelle des
Gemeinsam mit USFS-Kollegen und einer künstlichen Winterschlaf-Kammer
Kollegen von der University of New Hamp­ Erregers gefunden ausgesetzt. Nun werden sie dort mit regel­
shire machte sich Palmer daher daran, mäßigen Dosen von UV-C-Licht behandelt.
Schwachstellen des Pilzes zum Zweck Schäden zu reparieren." Schon eine schwa­ "Zuerst nahmen wir eine niedrige Licht­
einer möglichen Bekämpfung genauer zu che Dosis von energiereichem UV-C-Licht dosis, die in Tests ohne Fledermäuse aus­
untersuchen. Mit Erfolg: Das Team ent­ mit einer Wellenlänge von 280 bis 100 Na­ reichte, den Pilz zu 85 Prozent zu töten. Wir
deckte eine bis dato unbekannte "Achilles­ nometern über nur wenige Sekunden gab wollten prüfen, ob die Bestrahlung auch
ferse" von Pd, wie es in einer Studie heißt. Pd nur noch eine 15-prozentige Überle­ bei den Tieren funktioniert. Anschließend
Die Studie, die im januar 2018 in dem benschance. Wurde die Dosis der UV­ erhöhten wir die Intensität des Lichts um
Fachblatt Nature Communications veröf­ Strahlung auf mittlere Werte erhöht, so das Zehnfache, um sicherzustellen, dass
fentlicht wurde, vergleicht das Genom von vernichtete das Licht den Pilz ZLI 99 Pro­ die Fledermäuse von der Dosis nicht be­
Pd mit sechs eng verwandten Pilzarten. zent. Zur Anwendung genügte eine einfa­ einträchtigt werden und um gleichzeitig zu
Dabei stellten die Wissenschaftler fest, che handgroße UV-C-Licht-Lampe. prüfen, ob sich die Effektivität der Behand­
dass dem Pilz ein Schlüssel-Enzym fehlt, lung verbessert", beschreibt Kenneth Field
das in anderen Pilzen DNA-Schäden repa­ Schutz durch ein UV-lichtbad das Experiment.
riert. Also setzten Palmer und seine Kolle­ Nun wollen die Wissenschaftler erfor­ Der Bucknell-Immunologe schränkt
gen den Pilz mehreren DNA-schädlichen schen, inwieweit diese Entdeckung den zwar ein, dass nicht genügend Tiere ein­
Einflüssen aus, darunter UV-Licht. bedrohten Fledermäusen helfen kann. gesetzt wurden, um allgemein gültige >

1 2019 bild der wissenschaft I 81


LEBEN.:::> MENSCH

wenig resistent", sagt Tuttle und verweist


auf einen Artikel vom januar 2017 im Fach­
blatt Philosophical Transactions of the
Royal Society B.

Natürliche Selektion unterstützen


In ihm hatten Wissenschaftler um Har­
vard-Biologin Kate Langwig darüber be­
richtet, dass der Pilzbefall in jenen Popula­
tionen der Kleinen Braunen Fledermaus

rückläufig sei, die der Krankheit Resisten­


zen entgegensetzen konnten. "Wenn wir
die Überlebenden schützen, können wir
einen Wiederaufbau schaffen, der auf ge­
netischer Immunität basiert", so Tuttle.
wissenschaftliche Erkenntnisse zu erlan­ den sind, dass sie ohne Hilfe nicht über­ "Wenn wir dagegen genetisch anfällige
gen. "Aber der Test hat gezeigt. dass wir leben würden", so Field. Fledermäuse behandeln, dünnen wir den
den Pilz töten können, ohne den Fleder­ Genpool aus. Denn sie paaren sich ja
mäusen dabei zu schaden", so Field. Er und Lieber für resistente Tiere sorgen? auch mit resistenten Tieren", sagt Forscher
a uch jonathan Palmer betonen, dass diese Doch nicht alle Fledermaus-Experten sind Tutrle.
Studie noch im Gange sei und die Ergeb­ von solchen Ideen überzeugt. Kritiker be­ Doch Palmer und Lindner verteidigen
nisse noch ausgewertet würden. "Wir hof­ tonnen, dass die aufwendige und mitunter ihre Arbeit. "Wir müssen diese Krankheit
fe n, dass wir gegen Ende nächsten Som­ teure Suche nach einem Heilmittel die einfach noch besser verstehen, um gute
mers mehr wissen", sagt Field. Doch nach Aufmerksamkeit von einem ihrer Meinung Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie
Palmers Angaben sind die vorläufigen nach wesentlich wichtigeren Aspekt ablen- kontrolliert werden kann", sagt jonathan

Daten "vielverspre- ke: der Etablierung Palmer. So könne seine Forschung zur UV­
chend". genetisch überle­ Strahlung auch die natürliche Selektion
Natürlich wissen bensfähiger Fleder- unterstützen, indem durch das Licht ge-
die Forscher, dass es Kann man Hunderttausende maus-Populationen, reinigte Höhlen genetisch widerstands­
einfacher ist, eine in denen die Tiere fahigen Tieren ein sauberes Rückzugsge­
Fledermäuse in freier
Handvoll Fleder- durch Auslese von biet bieten.
mäuse im Labor mit wildbahn behandeln? selbst Widerstands- Und größere Populationen hätten na­
UV-Licht zu behan- kräfte gegen WNS türlicherweise eine größere genetische
deln als Hunderttausende erkrankter Tiere entwickeln. Solche Kolonien werden sich Diversität und damit auch mehr wider­
"
in freier Wildbahn, in entlegenen Höhlen erholen, und die Zahl ihrer Mitglieder wird standsfähige Individuen. "Wenn eine Po­

oder Minen. sich durch genetisch widerstandsfähige pulation sehr rasch dezimien wird, ster­
"Wir können nicht alle erkrankten Tiere Individuen vergrößern. Auf die e Weise ben am Ende auch die resistenten Tiere
individuell behandeln. Wir sehen aber haben sich die Fledermäuse in Europa an aus. Denn Resistenz nützt wenig, wenn es
zwei Möglichkeiten, wie die Methode einer Pd angepasst", sagt Merlin Turtle. keine Partner zur Fonpflanzung mehr
Gesamtpopulation helfen könnte", sagt Der Gründer der internationalen Fleder­ gibt", argumentiert Daniel Lindner • .

Field. Zum einen könnten UV-Lampen am maus-Schutzorganisation Bat Conserva­


Ein gang von Nist- und Über winter ungs­ tion International hat in seiner über
plätzen, vor allem von Höhlen, anbracht 60-jährigen Arbeit immer wieder Indizien
ROMAN GOERGEN
werden. Damit würden wir den Kolonien zur \,viderstandsfahigkeit der Tiere gefun­
" arbeitet als Journalist im
ein krankheitsfreies Rückzugsgebiet schaf­ den. "Natürliche Selektion arbeitet auf die südafrikanischen Johannes­
fen. Zum anderen könnten wir die Anwen­ übliche Art und Weise. Einige amerikani­ burg. Seine Spezialität sind

dung auf solche Populationen beschrän­ sche Arten scheinen inzwischen hochgra­ Reportagen zu ungewöhnli­
chen Naturthemen.
ken, die von WNS so stark geschwächt wor- dig resistent zu sein oder zumindest ein

82 I bild der wissenschaft 1 2019


Ein Herzinfarkt kann neuen Forschungsergebnissen zufolge auch durch Mutation von Blutstammzellen im
Knochenmark entstehen. Was Wissenschaftler heute wissen - und welche Therapieansätze diskutiert werden

von GERLINDE FELIX

n j edem Jahr erleiden in Deutschland systems, die Makrophagen, die Entzün­ entstehen, das das Gefäß verengt oder so­

I RInd 300000
farkt, weitere
Menschen einen Herzin­
270000 einen Schlagan­
fall. Über die Hälfte geht auf das Komo
dungsstoffe und Lockstoffe für weitere Ab­
wehrzellen produzieren und zu Schaum­
zeIlen werden. Sie heißen so, weil sie Fette
gar komplett blockiert. Dann tritt der Gau
ein: Wenn es sich um ein Herzkranzgefäß
handelt, kommt es zum Herzinfarkt. Ist die
arteriosklerotischer Plaques. Das sind Ab­ (Lipide) speichern, die unter dem Mikro­ Halsschlagader durch ein Blutgerinnsel
lagerungen in der innersten Wandschicht skop schaumig aussehen. Diese Schaum­ blockiert, oder verstopft ein angeschwemm­
größerer arterieller Blutgefäße wie Herz­ zeIlen werden Teil einer arterioskleroti­ tes Blutgerinnsel ein gehirnversorgendes
kranzgefäße, Halsschlagader und hirnver­ schen Plaque, die sich ständig vergrößert. Blutgefaß, tritt ein Schl aganfa ll auf .
sorgender Arterien. Sie können entstehen, Reißtdie bindegewebige Deckplatte über

wenn es zu winzigen Schädigungen der einer Plaque auf, kann ein Blutgerinnsel Altersabhängiges Risiko
Gefäßinnenhaut, des Endothels, kommt. Die klassischen Risikofakroren für Herzin­
Fette und andere Blutbestandteile können farkte und Schl agan falle sind inzwischen
durch sie in die Bindegewebsschicht ein­
KOMPAKT gut bekannt: zu wenig Bewegung, zu vieles
wandern. Das folgend e komplexe Gesche­ und schlechtes Fen im E s se n , zu hohe
• Bisher galten die klassischen Risiko­
hen hat viele Akteure (siehe Infokasten auf faktoren wie Rauchen, Übergewicht Cholesterinwerte, überschüssige pfunde
Seite 93). Eine wich tige Rolle spielen mit und Blutfette als Hauptauslöser. vor allem im Bauchraum, Bl u thoChdruck,
Fett überladene Fresszellen des Immun-
• Neue Forschungen belegen, dass Mu­
Rauchen, eine familiär bedingte Veranla- >
tationen im Knochenmark ebenfalls zu
Ablagerungen in den Arterien führen.

1 2019 bild der wissenschaft I 83


3D-Illustration der Bildung
(Hämatopoese) weißer Blut­
körperchen_

gung oder Diabetes_ Auch bakterielle Infek- derselben mutierten Mutterzelle ab- DNMT3A, ASXLl oder TP53 in den Blut-
tionen können eine Rolle spielen. Doch stammten. stammzellen des Knochenmarks. Verän­
tatsächlich haben geschätz te 60 Prozent Ein Befund machte die Forscher um Ste­ delt sich das TET2-Gen, verzehnfacht sich
der älteren Patienten mit arteriosklero­ ve McCaroll, Genetiker des Broad Institute das Risiko für Leukämie.
tisch bedingter Herzerkrankung und man­ und des Harvard Medical College, stutzig: "Mutationen in diesen Genen sind
che Jüngere mit leichter Arteriosklerose Ein Blick auf die Krankendaten der Men­ nicht vererbt, sondern werden erworben,
keinen oder höchstens einen dieser übli­ schen mit derartigen Zellklonen zeigte, dass etwa durch Schadsroffe, die beim Rauchen
chen Risikofaktoren. Es muss also alters­ diese ein um 54 Prozent erhöhtes Risiko freigesetzt werden sowie als Folge natürli­
abhängige, bislang unbekannte Faktoren che r Alterungsvorgänge , sagt der Kardio­
"

für Herzgefäßerkrankungen geben . loge Heribert Schunkert, Direktor der Kli­


nik für Erwachsenenkardiologie am Deut­
Ein zufälliger Fund Mutierte Makrophagen schen Herzzentrum München. Auch ioni­
Die gute Nachricht: Mehrere US Forscher­ sierende Strahlung kann solche Genverän­
können für die Arterien
-

teams sind hier zu fündig geworden. Dabei derungen verursachen. Mit zunehmendem
hatten sie eigentlich etwas anderes ge­ sehr gefährlich sein Alter tritt CHIP deshalb häufiger auf. Wäh­
sucht: Sie erforschten die Gene von Men­ rend CHIP bei etwa zwei Prozent der Men­
schen, die ein erhöhtes Risiko für Leukä­ harten, in den nächsten zehn Jahren an schen vor dem 40. Lebensjahr vorkommt,
mie haben. Dafür durchforsteten sie Da­ einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfal l ist bei den über 70-Jährigen mehr als j ed er
tenbanken, die das Erbmaterial aus den zu sterben. Zehnte betroffen.
weißen Blutzellen Tausender Personen mit Und die Forscher stellten fest: Je größer
erhöhtem Leukämie-Risiko dokumentieren. der Zellklon beim Menschen, desto ausge­ Ein verhängnisvoller Vorteil
Unerwartet viele dieser Menschen ha­ prägter ist die Arteriosklerose und desro Ausgangspunkt aller Blutzellen sind soge­
be n zwar mutierte Blutzellen, die eigent­ höher ist die Zahl von herz bedingten Er­ nannte Blutstammzellen im Knochen­
lich eine Leukämie verursachen könnten. krankungen wie Herzinfarkten. Eine derar­ mark. Abkömmlinge der BlutstammsteI­
Doch die meisten bildeten keine Krebs­ tige Ansammlung mutierter Blutzellen ist len, die Vorläuferzellen, tragen die Haupt­
erkrankung des blutbildenden Systems als "Klonale Hämatopoese von unbe­ last der Blutbildung. Tagtäglich entstehen
aus, etwa eine Akute Myeloische Leukämie stimmtem Potential" (Clonal Hemaropoie­ Millionen neue weiße Blutzellen und er­
(AML). Die Forscher entdeckten allerdings sis of Indeterminate Potential), kurz CHIP, setze n al te abgestorbene.
bei ihnen ein oder zwei Zellklone mu­ bekannt. Ausgelöst wird CHIP von Verän­ Eine CHfP-mutierte Blut tammzelle gibt
tierter weißer Blutzellen, die jeweils von derungen an einzelnen Genen, etwa von die Mutation über ihre Vorläuferzellen an

84 I bild der wissenschaft 1 2019


LEBEN .:=;+ MENSCH

Mutationen im Knochenmark: Wie sich Blutzellen zu Auslösern von Krebs entwickeln

Mit zunehmendem Alter nehmen Störungen bei der Blutbildung denen zu wenig funktionstüchtige Blutzellen gebildet werden.
zu. Damit einher gehen verschiedene Erkrankungen und eine er­ Schließlich kann sich nach Genveränderungen eine AML entwickeln,
höhte Sterblichkeit. Die Grafik (Quelle: Deutsches Ärzteblatt) zeigt eine Akute Myeloische Leukämie. Die mutierten Gene (+DNMT3A,
die schrittweise Entwicklung der normalen Blutbildung ohne +ASXL1, +TP53) sind hier nur exemplarisch dargestellt. Es können
Mutationen über CHIP C.Clonal Hematopoiesis of Indeterminate auch andere Gene und in anderer Reihenfolge betroffen sein.
Potential"), das noch als gutartige veränderung gilt, zu MDS und Die durch die CHIp-veränderung entstehenden Makrophagen
AML. Die als bösartig geltenden MDS (Myelodysplastische Syndrome) erhöhen nach jüngsten Forschungen das Risiko für die Entstehung
umfassen eine Reihe von Erkrankungen des Knochenmarks, bei von Arteriosklerose in den Arterien erheblich.

Normal/leUS +ONMT3A, CHIP MDS AML 1


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ihre Nachkommenschaft weite r. Verh äng­ farkte sind, lag die Vermutung nahe, dass Die Walsh'sche Gruppe arbeitete mit für
nisvoll ist: CHIP-Mutationen verleihen den es eine Verbindung zwischen diesen Abla­ Arteriosklerose anfälligen Mäusen ohne
betroffenen Stammzellen gegenüber nicht­ gerungen und CHIP geben muss. Die For­ LDL-Rezeptor und mit einem kleinen
mutierten Stammzellen einen Vorteil bei schungsfrage der Wissenschaftler lautete: Anteil an TET2-mutierten BlutstammzeI­
Überleben und Wachstum. Sie sind in der Fördern mutierte weiße Blurzellen die len. Normal fette und sehr fettreiche Kost
Lage, auch in solchen Teilen des Knochen­ Arteriosklerose - und wenn ja, wie? initiierte bei ihnen Arteriosklerose. Die Ab­
marks gut zu überleben, wo es für andere kürzung LDL steht dabei für "Low Densiry
Stammzellen unwiltlich ist. Und die mu­ Aggressive Mutanten Lipoprotein", einen Transponer für fett­
tierten Stammzellen überdauern die nor­ Zwei Forschergruppen, Kenneth Walsh ähnliche Subtanzen wie Cholesterin. LDL
malen. Sie tragen also insgesamt stärker und sein Team von der Boston university t,schlechtes Cholesterin") ist als Risikofak­
zur Blutbildung bei als andere, nichtmu­ School of Medicine sowie Benjamin Ebert tor für Herzinfarkte bekannt .

tierte Stammzellen. Ihre Vorläuferzellen und seine Mitarbeiter vom Dana-Farber D as E rgebnis der Mäusetests: CHIP be­

produzieren immerfon murierte Nach­ Cancer Institute, gingen dieser Fragestel­ schleunigte die Arte rioskle rose . Die zügig
kommen, die mit dem Blutstrom durch lung nach. Ihre Hypothese lautete: Die entstandenen arteriosklerotischen Ablage­
den ganzen Körper reisen. Wenn solche Mutation des TET2-Gens verändert die rungen in den Blutgefäßen der Nager wa­
mutierten Monozyten die Blutbahn verlas­ Funktion der Makrophagen derart, dass die ren rund 60 Prozent größer als jene bei un­
sen und in Gewebe einwandern, werden Arterienverkalkung verstärkt beziehungs­ veränderten Mäusen. Diverse Versuche mit
sie zu mutierte n Makrophagen. Und die weise beschleunigt wird. Denn Makropha ­ TET2-mutierten Makrophagen ergaben:
können für Arterien brandgefahrlich sein. gen enthalten einen Proteinkomplex, der • Das TET2-Gen reguliert die Produktion
Nachdem bereits bekannt war, dass Ma­ an der Produktion von Enrzündungsstof­ von Interleukin , beta in Makrophagen.
krophagen wesentlich zur Aneriosklerose fen wie Interleukin-l beta (IL-l beta) und • Die Mutation und damit der Ausfall des
beitragen und arteriosklerotische Plaques Interleukin-6 (lL-6) sowie von Lockstoffen T ET2-Gens förder t entzündliche Prozesse
in der Gefäßwand ursächlich für Herzin- für Monozyten beteiligt ist. und verschlimmen Aneriosklerose. >

, 2019 bild der wissenschaft I 8S


• Sowohl Bakterienbestandteile als auch Unterm Strich hat die bisherige For­ kament, das unter anderem bei Altluitis
oxidiertes LOL aktivieren bestimmte Teile schung zu CHIP ergeben, dass die häufige und Gicht verschrieben wird. "Canakinu­
des Makrophagen-Protein-Komplexes und TET-2-Muration das Herzinfarktrisiko al­ mab drängt das entzündliche Geschehen
fördern die Freisetzung von Interleukin-I tersunabhängig verdoppelt und es bei zurück und lässt die Werte für den Herzin­
beta durch TET2-murierte Makrophagen. Menschen, die bereits einen Herzinfarkt farkt-Risikomarker CRP sinken", berichtet
• Interleukin-I beta ist an der Rekrutierung erlitten hatten, sogar vervierfacht Schunkert. CRP ist die Abkürzung für C-re­
weiterer mutierter Monozyten beteiligt Ob andere mit Herzgefäßerkrankungen aktives Protein. Und er betont, dass Patien­
Die Ebelt'sche Gruppe konnte im assoziielte CHIP-Murationen dieselben Ef­ ten, die den Antikörper erhalten haben, in
Reagenzglas-Versuch nachweisen, dass fekte auf die Makrophagen haben, ist noch der Studie ein geringeres Herzinfarktrisiko
Makrophagen ohne TETl-Gen im Vergleich ungeklärt. Die Ebert'sche Gruppe hält es für hatten.
zu unveränderten Kontroll-Makrophagen denkbar, dass es zwischen der TET2-Muta­
als Antwort auf Bakterienbestandteile oder tion, den aggressiveren Makrophagen und Bisher nur für Hochrisikopatienten
einen Überschuss an nicht-oxidieltem LOL Der Wermutstropfen: Wegen eines erhöh­
vermehlt Lockstoffe produzierten. ten Risikos für bakterielle Infektionen und
Die Mutation des TETl-Gens in den Ma­ weil Canakinumab sehr teuer ist, wird es
krophagen fördert laut Ebert die Arterio­ Die TET-2-Mutation vermutlich Hochrisikopatienten vorbehal­
sklerose, indem durch vermehrt freigesetz­ ten bleiben. Derzeit wird ein bewährtes
verdoppelt das
te Lockstoffe viele weitere Monozyten und Basismedikament zur Therapie chronisch­
andere Blutzellen angelockt werden. Die Herzinfarkt-Risiko entzündlicher Erkrankungen, das Metho­
Ebert-Gruppe stellte zudem bei zwölf Men­ trexat, als kostengünstigere Alternative
schen mit TET2-Mutation eine erhöhte anderen entzündlichen Erkrankungen getestet.
Menge eines Lockstoffes (Interleukin-8l im wie Arthritis ebenfalls einen Zu ammen­ Medikamente, die in der Lage wären,
Blut fest. Walshs Arbeit zeigte, dass die hang gibt. direkt die Produktion von Interleukin-l
TET2-Mutation auch zur vermehrten Pro­ wie entscheidend Entzündungen für beta und von Lockstoffen zu verhindern,
duktion der Enrzündungsstoffe Inrerleu­ das Herzinfarktrisiko sind, bestätigt die indem sie einen Teil des Proreinkomplexes
kin-I beta und Interleukin-6 führt. placebokontrollierte Doppelblindstudie in den mutierten Makrophagen blockie­
CANTOS (Canakinumab Anti-lnnammato­ ren, könnten ebenfalls für die Therapie in­
Die Entzündung wird beschleunigt ry Thrombosis Outcomes srudyl von 2017, frage kommen. Bis in der Praxis hilfreiche
Das Fazit der beiden Studien: "Die mutier­ durchgeführt von Bostoner Wissenschaft­ Medikamente für Patienten vorliegen, wer­
ten Makrophagen beschleunigen die Ent­ lern mit mehr als 10000 Patienten. Sie den aber wohl noch einige Jahre der For­
zündung in der Gefaßwand", sagt Schun­ zeigte, dass das Herzinfarktrisiko sinkt, schung und Prüfung vergehen. •
kert - und damit arteriosklerotische Pro­ wenn es gelingt, die Entzündung in der
zesse. Die vermehrt ausgeschütteten Lock­ Blurgefo'ißwand einzudämmen. Eine Mög­
GERlINDE FELIX
stoffe für mutierte Monozyten sorgen für lichkeit wäre, Interleukin-I beta als gefähr­
ist Wissenschaftsautorin aus
Nachschub an weiteren mutierten Makro­ lichen Stimulus für Entzündungen durch
München. Sie ist von dem
phagen, die ihrerseits Entzündungs- und einen zielgerichteten Antikörper zu blo­ therapeutischen Potenzial
Lockstoffe freisetzen. Es ist, als ob zusätz­ ckieren. Und den gibt es schon: Canakinu­ der neuen Forschungs­
ergebnisse überzeugt.
lich Öl ins Feuer gekippt würde. mab, ein genrechnisch hergestelltes Medi-

86 I bild der wissenschaft 1 2019


LEBEN.=:> MENSCH

Wie kommt es zur Bildung


arteriosklerotischer Plaques?
Tunica externa
Ort des komplexen Geschehens einer Arte­ Tunica intima -----, (Bindegewebe mit
riosklerose ist die innere Gefäßwandschicht (Bindegewebe) kollagenen Faser
der Arterie, die die Grenze zum Blut bildet.
Sie besteht aus einer geschlossenen Schicht Tunica intima ------, -'!RIJ-....'-P--- Tun ica media
von Endothelzellen und einer darunterliegen­ (Basalmembran) .-I...,j"IIJII!I
�"""" (B indegewebe)
den dünnen Bindegewebsschicht.
Vereinfacht dargestellt. spielt sich hier Fol­ -1m�Io.:::::..P-'--- Tunica media
gendes ab: Plaques können entstehen, wenn (Muskulatur)

das Endothel eine kleine verletzung hat. Die­


se Verletzungen sind Eintrittspforten für fett­
ähnliche Substanzen und etwa LDL-Partikel,
Eine Arterie, die von Arterio­
sklerose bedroht ist: Die
die sich am Endothel oder im Blut tummeln.
wachsenden Ablagerungen
Das sind aus Proteinen, Cholesterin und an­
erschweren den Blutfluss und
deren Fetten bestehende Klümpchen gerin­
führen zu kardio-vaskulären
ger Dichte, die dem Transport von Choleste­ Erkrankungen.
Tunica intima
rin dienen.
arteriosklerotische Plaques (Endothel)

Erst Fett, dann Plaques


LDL kann chemisch verändert werden und
oxidieren. In der Gefäßwand stimuliert es
in der Folge eine Immunantwort. Makropha­
gen schütten daraufhin Lockstoffe aus. Und
diese ziehen viele weitere Monozyten an, die
sich in der Gefäßwand in Makrophagen und
andere Immunzellen umwandeln. Die Makro­
phagen nehmen nun oxidiertes LDL in un­
kontrollierten Mengen auf, können es aber
nicht verarbeiten.
Mit Fett überladen, werden sie zu soge­
nannten Schaumzellen. Diese Schaumzellen
setzen Entzündungsstoffe wie Interleukin-l
beta frei. Im weiteren Verlauf werden die
Schaumzellen Teil der arteriosklerotischen
Plaque.
Das alles macht die Makrophagen zu ge­
fährlichen Protagonisten bei Arteriosklerose.
Die Plaques wachsen beständig, der betroffe­
ne Gefäßwandteil baut sich um, der Kollagen­
anteil verringert sich. Die Wand wird lokal
steifer und das Endothel instabiler. Entzün­
dungen haben einen wesentlichen Anteil an
der Arteriosklerose-Entstehung.

50 entstehen Verengungen (Bild oben):


5chaumzellen, die aus Makrophagen
entstanden sind, lagern sich an der
Gefäßwand an. Neue Wirkstoffe helfen,
diese Barrieren aufzulösen (unten).

1 2019 bild der wissenschaft I 87


LEBEN .:=;+ MENSCH

Die Nahrung: zermalmt und zersetzt

Mund, Speiseröhre
und Magen
Erst wird die Nahrung im Mund grob zerkleinert, dann rutscht sie durch die Speiseröhre und
schließlich wird sie von der aggressiven Magensäure zersetzt. Ein äußerst effektiver Prozess

Text: JÜRGEN BRATER, Illustrationen: FRIEDERIKE GROß

s ist eine der großartigsten Leistun­ deutlich, dass einer der beteiligten Kau­ Er schützt die Zähne durch seine Spül­

E

gen unseres Organismus überhaupt: muskeln, gemessen an seiner Größe, zu funktion und durch die Wiedereinlage­
Jedes verwertbare Molekül, das wir den stärksten Muskeln des Körpers gehört. rung herausgelöster Mineralien vor Karies.
uns mit der Nahrung einverleiben, wird Dafür, dass das Produkt anschließend • Er setzt flüchtige Bestandteile aus der
dem Speisebrei entzogen und zum Au f­ widerstandslos weiterrransportiert werden ahrung frei und verbessert damit ent­
und Umbau körpereigener Substanzen ver­ kann, sorgt der Speichel. den drei größere, scheidend die Geschmackswahrnehmung.
wendet. Nichts bleibt ungenutzt. Deshalb paarig angelegte sowie zahlreiche winzige,
kann eine Frau die Pille auch inmitten in die Mundschleimhaut eingebettete Drii
. ­ Ein Schlauch mit Peristaltik
eines opulenten Fünf-Gänge-Menüs schlu­ sen fortv,ährend absondern. Im Mittel sind Ist die aufgenommene Nahrung so zu einer
cken und muss keine Angst haben, das ein bis anderthalb Liter pro Tag. Die gleitfähigen Masse geworden, beginnt der

schwanger zu werden. machen den Speisebrei nicht nur glitschig, Schluckakt. Er besteht aus einem willkürli­
Dass das zuverlässig funktioniert, dafür sondern setzen bereits den ersten Schritt chen Anteil, bei dem zuer t die Zunge und
sorgt die Verdauung, das heißt, die Auf­ der Verdauung in Gang. DaZLI enthält der anschließend das bewegliche Gaumense­
spaltung unserer Nahrung in ihre kleins­ Speichel eine sogenannte Alpha-Amylase: gel den Kloß nach hinten in den Rachen
ten Bestandteile und deren anschließende ein Enzym namens Ptyalin, das langkerrige schieben. Berührt er dessen hintere Wand,

Aufnahme ins Blut. Das Ganze geschieht in Kohlenhydrate in kleinere Zuckereinhei­ lösen Rezeptoren über auf- und absteigen­
mehreren hintereinander geschalteten ten spaltet. Deshalb schmeckt etwa Voll­ de Nervenbahnen den nicht mehr willent­
Hohlorganen mit raffinierter Ausstattung, kornbrot, wenn es lange gekaut und dabei lich zu stoppenden Schluckreflex aus: Wir
die in ihrer Gesamtheit eine Art verschlun­ gründlich eingespeichelt wird, mit der Zeit halten automatisch die Luft an, der Kehl­
genen Muskelschlauch bilden, der den immer süßer. Daneben hat der Speichel deckel klappt über den Kehlkopf, um zu

Körper durchzieht. Um die ersten drei die­ noch drei weitere wichtige Aufgaben: verhindern, dass ahrungsbestandteile in
ser Verdauung in tanzen - Mund, Speise­ • Er tötet einen Teil der mit der Nahrung die Luftwege geraten, und der schlüpfrige
röhre und Magen - geht es in diesem Bei­ aufgenommenen Keime mithilfe antibak­ Klumpen verschwindet in der Speiseröhre.
trag, Dünn- und Dickdarm folgen. terieller und antiviraler Bestandteile ab. Die ist allerdings, anders als der Name
vermuten lässt, kein starres Rohr, sondern
Der Mund - das Kraftpaket vielmehr ein häutiger muskulöse Schlauch
KOMPAKT
Das er te Organ , das neben anderen Au fga­ von etwa 25 bis 30 Zentimeter Länge. Er liegt
ben der Nahnll1gsverwerrung dient, ist der hinter der Luftröhre und weist an beiden
• Der Speichel macht die Nahrung gleit­
Mund. Dort sorgen 32 - sofern komplett fähig, tötet Keime, schützt vor Karies
Enden eine Art Schließmuskel auf. So wird
vorhandene - bleibende beziehungsweise und verbessert den Geschmack. verhindert, dass vom Rachen her Lufr und

im kindlichen Gebiss 20 Milchzähne für • Weil der Magen gegen das Zwerchfell
vom Magen her saurer Saft in die Speiseröh­
die grobe Zerkleinerung der Nahrung. Wei­ drückt, kann man nach einer üppigen re eindringen. Beim Schluckakt werden die-
che Kräfte dabei im Spiel sind, wird daran Mahlzeit nur mit Mühe tief einatmen. se Muskeln jeweils reflektorisch kurz gelo-
>
• Die Magensäure ist etwa 1000 Mal so
sauer wie das Blut.

88 I bild der wissenschaft 1 2019


ORGANE"
ERK UNSERER
"DAS W
TEIL 6 DER SERIE

e[tihl,
Ein schläfriges WOhlg
Magen mit
wenn sich der leere
haU
köstlichem Essen gefijllt
Sack kann
Der ehemals schlaffe
hmen.
bis zu zwei Liter aufne
LEBEN .:=;+ MENSCH

.$?EJC\! Ell>RVSE--'r----t-&;:;;u;. 1&'-"""-- ZUNGE


;L---f---::- SPEICHELDRüSEN

�-'r-- SPflsER��E.
t-+--;/--lUFTRÖIlRE

ckert. Bevor die Speiseröhre den Magen er­ von einem Reflux. Der Betroffene leidet reich mit der Zeit derart verändern, dass
reicht, zieht sie unmittelbar am Herzen ent­ unter Sodbrennen. Auch scharf gewürzte sich schlimmstenfalls - wenn auch
lang abwärts und passiert dann den soge­ Speisen sowie Fett, Schokolade, hochpro­ zum Glück selten - ein SpeiserÖhren krebs
nannten ZwerChfellschlitz, eine Spalte in zentiger Alkohol, Kaffee und Nikotin kön­ entwickelt.

der Muskelplatte, die Brust- und Bauch­ nen die Muske ls pannun g herabsetzen und
raum trennt. einen Reflux auslösen. Fassungsvermögen: zwei Maßkrüge
Der Transport der Nahrung innerhalb Dass zudem auffällig viele werdende Der Magen ist im leeren Zustand ein
der Speiseröhre erfolgt nicht etwa, indem Mütter über Sodbrennen klagen, liegt am schlaffer Sack mit stark gefalteter Wand,
sie lediglich passiv abwärts rutscht, son­ Schwangerschaftshormon Progesteron, der auf seiner Innenseite mir Schleimhaut
dern dadurch, dass sich der Schlauch vor da s auf die S pei ser öhr enmuskula tur einen aus gek leidet ist. Wenn wir etwas essen,
dem Inhalt jeweils kurz erweitert und hin­ erschlaffenden Effekt hat. Insgesamr gese­ dehnt er sich rasch aus und kann dann ma­
ter ihm wieder zusammenzieht. Mithilfe hen gehört Sodbrennen zu den häufigsten ximal eineinhalb bis zwei Liter Nahrung
dieser "Peristaltik" schiebt die Wandmus­ Beschwerden überhaupt, und es ist auf aufnehmen - das ist immerhin der Inhalt
kulatur den Bissen aktiv voran. Je nach Dauer keineswegs harmlos. Denn durch von zwei Maßkrügen. Dabei drückt er von
Konsistenz des Verzehrten dauert der Weg den stä ndigen Säureangriff kann sich die unten gegen das Zwerchfell, unseren wich­
vom Rachen zum Magen unterschiedlich Schleimhaut im unteren Speiseröhrenbe- tigsten Atemmuskel, dem es dadurch
lang: Während Flüssigkeiten gerade mal schwerfällt, sich zusammenzuziehen und
eine Sekunde brauchen, um die Speiseröh­ dabei die auf ihm sitzende Lunge auszu-
re zu passieren, benötigt breiige Nahrung dehnen. Die Folge: Nach einer üppigen
Sl'EISE.l�ÖHRE (ÖSOPHAGv.s)
dazu bei aufrechter Kö rp er ha ltung Mahlzeit können wir nur mit Mühe
etwa fünf Sekunden und feste tief einatmen.
bis zu zehn Sekunden. Apropos In erster Linie dient der
aufrechte Körperhaltung: D ie MAGENGfWÖl8f Magen als Speicherorgan, das
ist für den Nahmngstrans- (FUNDlIs) uns ermöglicht, mit relativ
port keinesfalls er forde r- wenig en Mahlzeiten aus-
lich. Vielmehr sorgen zukommen. Daneben
d ie peri staltischen Wel­ sorgt die von einer
len dafür, dass wir ABSU/t<'TT kräftigen Musk ulatur
VOR 1>EM PFÖRTNER
ohne Probleme auch (ANTROM) in der Wand ausge­
im Liegen, ja sogar im löste Bewegung dafür,
Handstand schlucken dass sich die Bestand­
können. teile seines Inhalts
Schließt der untere fortwährend aneinan­
Muskelring infolge ei- der reiben und da-
ner funktionellen Stö- durch immer kleiner
rung nicht vollständig, werden. Im Lauf eines
kann saurer Magensaft in Jahres knetet der Magen
die Spe iser ö hre zurückflie­ auf diese Wei e bis zu eine
ßen - der Mediziner spricht Tonne Nahrung durch und

90 I bild der wissenschaft 1 201 9 ZWöLFFINbER,DARM (DUODENUM)


LEBEN.=:> MENSCH

Den salzsäurehaitigen Magen­


saft brauen Haupt-. Neben­
und Belegzellen zusammen.

bereitet sie auf den Weitenransport in den kleinere Bruchstücke. sogenannte Peptide. ren Bestandteilen verleiht sie dem Magen­
Zwölffingerdarm vor. den ersten Abschnitt Dass Pepsin nicht gleich in seiner wirksa­ saft einen pH-Wert von etwa 1.5 bis 2 - das
des Dünndarms. men Form in den Magen abgegeben wird. entspricht dem Säuregrad einer Zitro ne .

ist überaus sinnvoll. Denn so wird gewähr­ Neben der Pepsinogen-Aktivierung er­
Der Magensaft leistet. dass es erst weiter innen tätig wird füllt die Salzsäure noch zwei weitere wich­
Doch bevor es so weit ist. kommt der Ma­ und nicht etwa die ja auch aus Protein be­ tige Aufgaben: Zum einen tötet sie Ba�1:e­
gensaft ins Spiel. An seiner Produktion stehende Organwand angreift. rien ab. die den Angriff des Speichels über­
sind rund 35 Millionen Schleimhautzellen Die Nebenzellen geben einen zähen. bi­ lebt haben und mit der N ahrung in den
beteiligt. die im Ruhezustand pro Stunde karbonathaitigen und damit basischen Magen gelangt sind. Zum anderen lässt
bloß etwa 10 Milliliter absondern. Ist aber Schleim ab, der die Magenschleimhaut in sie die ankommenden Proteine ausflocken
Nahrung im Anmarsch. laufen sie zu gro­ einem dichten Film überzieht. Auch das - Mediziner sprechen von Denaturierung -
ßer Form auf und se tzen bis zum Hundert­ dient dem Schutz vor Selbstverdauung, und macht sie damit für das Pepsin viel
fachen frei: bis zu einem Liter pro Stunde. denn dadurch kann der entscheidende An­ leichter angreifbar. Falls Sie den Prozess
Bei drei Mahlzeiten kommen so jeden Tag teil des Saftes. die Salzsäure, der Magen­ einmal aus der Nähe beobachten möchten:
im Mittel zwei bis drei Liter zusammen. wand nichts anhaben. Diese Säure stammt Vermischen Sie einfach Eiklar mit etwas
Drei Arten von Zellen sind an der aus der dritten Zellart. den Belegzellen. Essig. Die weißen Schlieren und Klümp­
Magensaft-Produktion beteiligt: Haupt-. Nirgendwo sonst im Körper findet sich chen. die sich dabei rasch zeigen. sind
Neben- und Belegzellen. Die Hauptzellen eine auch nur annähernd so starke Säure. nichts anderes als denaturiertes Protein .

produzieren Pepsinogen. eine Enzymvor­ Deren pH-Wen beträgt unmittelbar nach Allerdings ist der Magensaft nur so sau-
stufe. die beim Kontakt mit Säure zu Pep­ der Absonderung etwa 1 - das ist 1000 Mal er, wenn das Organ leer ist. In gefülltem
sin aktiviert wird. Das spaltet Proteine in so sauer wie Blut. Im Verein mit den ande- Zustand hängt der pB-Wen dagegen stark >

1 2019 bild der wissenschaft I 91


LEBEN.=:> MENSCH

SERIE
derer. se hr unterschiedlicher Symptome genügte nach ell1lger Zeit allein dieser
verursachen. etwa Bauchschmerzen. Krib­ Klang. um den Hundespeichel reichlich
Das Wunderwerk unserer Organe
beln in den I-länden und Füßen, einen zu strömen zu lassen.

Diese Teile sind bereits erschienen: raschen Puls sowie Konzentrationsstörun­

Die leber (3/18) gen. AiS erstes auffälliges Anzeichen tritt Der Magen-Pförtner
Die Nieren (5/18) häufig heftiges Zungenbrennen auf. Wie lange bleibt nun die geschluckte Spei­
Das Herz (7/18) Die Freisetzung von Magensaft wird se im Magen? Das hängt stark von ihrer Be­
Das Blut (9/18)
durch eine Reihe unterschiedlicher Fakto­ schaffenheit ab. Denn erst, wenn die Ma­
Die lunge (11/18)
ren angeregt beziehungsweise gehemmt. genmuskulatur alles so lange wieder und
Mund, Speiseröhre und Magen (1/19)
Eine wichtige Rolle spielen dabei Anblick, wieder durchgeknetet hat, bis darin kein
In Heft 3/19 folgt:
Der Darm Geruch und Geschmack der Speisen. Wenn Teilchen mehr größer als zwei Millimeter
wir uns auf eine appetitliche Mahlzeit ist, lässt der Schließmuskel am Magenaus­
Fehlt Ihnen ein Heft? Sie können es freuen, läufr uns nicht nur das sprichwört­ gang, der auf den schönen Namen "Pfört­
bestellen bei: bdw@zenit-presse.de liche Wasser im Mund, sondern auch der ner" (medizinisch: Pylorus) hört, die Nah­
Saft im Magen zusammen. Tatsächlich rung Richtung Zwölffingerdarm durch. 90
kann allein schon die Erwartung schmack- Prozent der Partikel sind dann sogar schon
haften Essens diesen Mechanismus in kleiner als 0,25 Millimeter. Von einem
von der Art der Füllung ab. Ilaben wir uns Gang serzen. Aber auch Emotionen haben ..Speisebrei" zu sprechen, ist also durchaus
etwa größere Mengen basischer Obst-, Ge­ einen messbaren Einfluss: Ärger, Wut, zutreffend. Den pförtner passiert der Brei
müse- und Salatsorten schmecken lassen, Stress und Schmerz lassen den Saft üppig, aber nicht etwa in einem einzigen Schwall.
etwa Kartoffeln, Spinat oder Äpfel, steigt er Angst und Trauer dagegen nur spärlich sondern in zahlreichen kleinen Portionen.
stark an - im Extremfall bis auf etwa 6, also fließen. ur so ist die Schleimhaut des Zwölffin­
nahe an den Neutralpunkt (pH 7). Berühmt geworden ist in diesem Zu- gerdarms in der Lage, den sauren Magenin-
sammenhang der Versuch des russischen halt zu neutralisieren, bevor sie ihn in den
Das Vitamin B 12 Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow aus anschließenden Dünndarm weitertrans­
Die Belegzellen sondern noch eine andere dem Jahr 1905, bei dem er die sogenannte portiert Das ist deshalb sehr wichtig, weil
.

wichtige Substanz ab: den sogenannten In­ klassische Konditionierung entdeckte. Er die dortigen Verdauungsenzyme ihre volle
trinsischen Faktor. Dieser bindet sich an stellte fest. dass der Speichelfluss bei Hun­ Wirkung nur in basischer Umgebung ent­
das mit der Nahrung angelieferte Vitamin den deutlich anstieg, sobald den Tieren ihr falten.
B 12 (Cobalamin) und ermöglicht so dessen Fressen vorgesetzt wurde. ließ Pawlow Während Flüssigkeiten den Magen etwa
spätere Resorption im unteren Dünndarm. dabei jedes Mal eine Glocke ertönen, so 10 bis 20 Minuten nach ihrer Ankunfr
Ohne Intrinsischen Faktor käme es zu schon wieder verlassen, dauert die Passage
einem Bl2-Mangel und damit zu einer spe­ bei Brot und Kartoffeln ungefähr zwei bis
ziellen Form der Blutarmut, einer soge­ drei Stunden und bei sehr fetthaitigen
nannten perniziösen Anämie. Diese macht Speisen sogar bis zu sechs Stunden. Eine
sich durch allgemeine Symptome wie besondere Rolle spielt Alkohol, denn der
Müdigkeit, Blässe und Leistungsabfall geht zum Teil bereits über die Magen­
bemerkbar. kann aber auch eine Reihe an- schleimhaut ins Blut über. Kein Wunder

)J

Bis zu sechs Stunden


verbringen sehr [etthal­
tige Speisen im Magen.

92 I bild der wissenschaft 1 2019


LEBEN.=:> MENSCH

sind deren Schutzmechanismen leicht

überfordert. Mit dem Ergebnis, dass


sich eine Art Krater, eben besagtes

Geschwür, in sie hineinfrisst. Übri­


gens: Nicht jeder, in dessen Magen
sich Helicobacter pylori findet, ent­

wickelt auch Symptome.


Mittlerweile haben Wissenschaftler
herausgefunden, dass Helicobacter pylori
keineswegs das einzige Bakterium im Ma­
gen ist. Insgesamt 128 weitere Arten konn­

ten sie einwandfrei identifizieren, von de­


nen sich einige hinsichtlich ihrer geneti­

schen Ausstattung erheblich von allen an­


deren bislang bekannten Bakterien unter­
Der Spejsebrej passjert den
Magen-Pförtner in vielen
scheiden. Die Forschungen darüber sind

kleinen Portionen. noch im Gange. Möglicherweise eröffnet


die exakte Bestimmung der Bakterienflora
im Magen einmal eine präzisere Diagnose
und Behandlung von Magen-Darm-Krank­
heiten. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Ein anderes relativ häufiges Magenlei­


den, mit dem in den modernen Industrie­
ländern rund 25 Prozent der Bevölkerung
mindestens einmal im Leben zu tun ha­
ben, ist der sogenannte Reizmagen. Er

macht sich durch Völlegefühl nach dem


daher, dass man seine Wirkung nach dem Essen, Sodbrennen, Übelkeit und Schmer­
Trinken rasch spürt. zen im Oberbauch bemerkbar, ohne dass
Bisweilen kommt es allerdings vor, dass dafür organische Ursachen zu finden sind.
der Mageninhalt einen anderen Weg Häufig spielen dabei psychische Faktoren,
nimmt. Etwa dann, wenn das Brechzen­ etwa Stress, Angst und nagende Sorgen, eine
trum im I-lirnstamm nach Auswertung von entscheidende Rolle. Redensarten wie "Das

Meldungen unterschiedlicher Nerven­ schlägt mir auf den Magen" oder "Da dreht
impulse zu dem Schluss gelangt, es drohe Helicobacter pylori sich mir der Magen um " haben also durch­
eine akute Vergifmng. Dann sorgt es umge­ Wenn davon die Rede war, dass die Magen­ aus einen realen Hinrergmnd. So unange­
hend dafür, dass sich Magen, Zwerchfell säure die Bakterien abtötet, so stimmt das nehm ein solcher Reizmagen auch sein
und Bauchmuskeln ruckartig zusammen­ nicht ganz. Vielmehr haben Forscher bei mag, gefahrlieh ist er in der Regel nicht. Oft

ziehen, woraufhin der Mageninhalt in mehr als 95 Prozent der Patienten mit bringen schon geringe Umstellungen der
einem Schwall über Speiseröhre und einem Magengeschwür - einem Defekt in Ernährung, mehr Ruhe beim Essen, weni­
Mundhöhle wieder ausgestoßen wird. Bei der Wand von Magen oder Zwölffinger­ ger Alkohol, der Verzicht auf Nikotin und
offenem Magenausgang können dem Er­ darm - Bakterien gefunden, denen sie den vor allem eine gelassenere Lebensführung
brochenen sogar Dünndarminhalt und Namen I-Ielicobacter pylori gaben. Dass spürbare Erleichterung. •

-säfte, in erster Linie Galle, beigemengt diese Stäbchenbakterien mit den extremen
sein. Dann sieht das Erbrochene gelblich­ Bedingungen zurechtkommen, verdanken
Autor der Serie "Das
braun aus und schmeckt bitter, während sie einem von ihnen eigens produzierten
Wunderwerk unserer
es, wenn es nur aus Mageninhalt besteht, Enzym, das Harnstoff in Kohlenstoffdioxid
Organe" ist der Arzt
vor allem sauer riecht und schmeckt. Als und basisches Ammoniak spaltet. Und das Dr. med.JÜRGEN BRATER,
Ursachen für das Erbrechen kommen hef­ neutralisiert wiederum die Salzsäure in der der viele Jahre in eigener
Praxis tätig war.
tiger Ekel, der Verzehr verdorbener Nah­ unmittelbaren Umgebung.
rungsmittel sowie Krankheiten des Magen­ Die schädigende Wirkung von l-Ielico­
Die originelle Bebilderung
Darm-Trakts ebenso infrage wie unge­ bacter beruht auf der Stimulation der Gas­
stammt von FRIEDERIKE
wohnte Reizungen des Gleichgewichts­ trin-Ausschüttung, wodurch wiederum die
GROß, Professorin für
organs, etwa bei einer Seereise. Berüchtigt Produktion von Salzsäure und vor allem Illustration an der BTK,
ist zudem das hormonbedingte Erbrechen von PepSinogen angekurbelt wird. Ist die Hochschule für Gestaltung,
Campus Hamburg.
in der Frühphase einer Schwangerschaft. Magenschleimhaut schon vorgeschädigt,

1 2019 bild der wissenschaft I 93


Cogito
von Heinrich Hemme
Professor für Physik an
der Fachhochschule Aachen

Der Tod des Urahns


England sagt man nach, es habe die spleenigsten
Clubs Europas. Doch einige Gegenden des Kontinents

können es in dieser Beziehung durchaus mit dem Insel­


reich aufnehmen. Dazu gehört das Saterland, eine lang­

gestreckte Sandinsel in den Mooren Niedersachsens. Bis


ins 19. jahrhundert hinein war es nur auf dem Wasserweg
erreichbar und entwickelte durch diese Isolation seine

eigene Sprache, das Saterfriesisch.


Seit fast 150 jahren soll es im Saterland den Logikerclub

geben. Seltsamerweise kennt ihn kaum jemand. Er hat im­


mer genau vier Mitglieder, und nur wenn ein Mitglied
stirbt, wird ein neues aufgenommen. Kein Außenstehender

weiß genau, was in dem Club passiert. Margarethe, die


Frau des Mitglieds Dieter Nanninga, deren spitze

1.
Zunge gefürchtet ist, erzählt beim Frisör und beim Dann hörte der Elektriker Nanninga
Bäcker zwar immer wieder, die Männer würden in sagen: "jetzt verrate ich Heinrich nur, an
ihrem Club nur teuren Wein trinken und dicke Zigar­ welchem Monatstag jan starb. Albert verra­

ren rauchen und die Hausarbeit ihren Frauen überlas­ te ich nur den Todesmonat und Wilhelm nur
sen, aber vermutlich ist das nicht wahr. das Todesjahr." Und Dieter Nanninga flüsterte

Eines Tages hörte ein Elektriker, der den Kühl­ dem Clubmitglied Heinrich den Todestag seines
schrank der Clubraums reparierte, wie Dieter
Nanninga zu seinen drei Clubfreunden sagte: "jan • Vorfahren ins Ohr, dann Albert den Todesmonat
und schließlich Wilhelm das Todesjahr. Nach kurzer

Nanninga war einer meiner Urgroßväter der männli- Zeit begannen die drei Männer laut nachzudenken:
chen Linie. Streng genommen müsste er die Vorsilbe "ur" Albert: "Ich weiß nicht, wann jan starb, aber ich weiß,
dreizehnfach tragen. jan diente im Dreißigjährigen Krieg dass Heinrich es auch nicht weiß."
als Söldner in den Heeren von Tilly und Wallenstein. Wie Heinrich: Ich weiß auch nicht, wann jan starb, aber ich
"
so viele Soldaten, raffte ihn der Krieg hinweg - allerdings weiß, dass Wilhelm es auch nicht weiß."
nicht durch Waffengewalt, sondern durch die Französi­ Wilhelm: "Ich weiß auch nicht, wann jan starb, aber ich
sche Krankheit. Er starb an einem der 20 Tage dieser lis­ weiß, dass Albert es auch nicht weiß."
te." Der Elektriker sah Dieter Nanninga ein Blatt Papier auf Albert: "Ich weiß jetzt, wann jan starb."
den Tisch legen, über das sich die vier Männer beugten: Heinrich: "Ich weiß es ebenfalls."
Wilhelm: "Ich weiß es auch."
19. April 1630 - 18. Mai 1631 - 15. März 1632 - 21. März 1633 Wissen Sie ebenfalls, wann jan Nanninga starb?
15. Mai 1630 - 17. Juni 163 1 - 18. April 1632 - 20. April 1633
15. Juni 1630 - 16. Juli 1631 - 16. Mai 1632 - 21. Juli 1633
17. Juli 1630 - 14. Aug. 1631 - 13. Juni 1632 - 16. Sept. 1633
19. Aug. 1630 - 18. Okt. 1631 - 18. Sept. 1632 - 20. Okt. 1633

94 I bild d er wissenschaft 1 2019


Cogito - rätseln Sie mit!
Teilnehmen kann jeder, außer den Mitarbeitern des verlags
und deren Angehörigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
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Wissenschaft
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Theoretische Physikerin, "warum unsere Suche nach
Schönheit die Physik in die Sackgasse führt". Sie
kritisiert zahlreiche Ansätze in der Teilchenphysik
und Kosmologie, zum Beispiel die supersymmetrie
und die Annahme anderer Universen, und macht kon­
struktive eigene Vorschläge. Mehr Informationen finden
Sie unter wwwfjscheryerlagede

Die Lösung des Oktober-Rätsels


Angenommen, die lösung ist so klein, dass der Tageskilometerzähler nicht zwischen­
durch auf 0 springt. Dann beträgt die Differenz zwischen den beiden Kilometer­
zählern während der gesamten Fahrt 12 345,6 - 123,4 = 12 222,2. Der größtmögli­
che Wert des Tageskilometerzählers mit verschiedenen Ziffern ist 987,6 und führt zu
einem maximalen Wert des Kilometerzählers von 12222,2 + 987,6 = 1 3209,8. Folglich
kann der Kilometerzählerstand, unten als Buchstaben codiert, nur mit den Ziller 12
oder 13 beginnen. Der Buchstabe E in der Subtraktion steht also für die 2 oder die 3.
Versuchen wir es zunächst einmal mit E = 2. In den letzten
IlJJCU.A vier Spalten ist das Ergebnis der Subtraktion jeweils eine 2.
deI>. a Wenn es dort nirgends einen übertrag gibt. ist die obere
Ziller stets um 2 größer als die mittlere. Somit muss über
12222.2
der 0 die 2 stehen - was aber ausgeschlossen ist. da diese
schon für das E steht. Also muss es einen Übertrag geben.
Das ist nur in einem Fall mögliCh - wenn nämlich unter der 0 die 8 steht. In drei der
vier letzten Spalten müssen dann jeweils beide Zillern über dem Strich entweder
gerade oder ungerade sein. Nur links der Spalte, in der die 0 und die 8 stehen, be­
trägt die Dillerenz der beiden Zillern 3. Somit stehen in ihr oberhalb des Strichs
eine gerade und eine ungerade Ziffer. Die vier rechten Spalten enthalten also ober­
halb des Strichs eine ungerade Zahl gerader Zillern und eine ungerade Zahl ungera­
der Ziffern. Es stehen aber nur vier gerade und vier ungerade Ziffern zur verfügung.
Folglich ist das E nicht die 2, sondern die 3. Daraus ergibt sich 0 = 0 oder 0 = 2. Im
ersten Fall kann das d nur die 7 oder die 8 sein, im zweiten nur die 9. Die Möglich­
keiten lassen sich jetzt systematisch durch probieren und man findet nur die zwei
lösungen 13206,7 - 984,5 und 1 3 207 , 6 - 985,4. Das kleinere Zahlenpaar führt zur
gesuchten lösung des Rätsels. Das Auto muss 984,5 -123,4 = 861,1 Kilometer fah­
ren, bis erstmals alle Zillern beider Kilometerzähler unterschiedlich sind.

DIE GEWINNER

Das los hat unter den richtigen Einsendern


entschieden. Jeweils einen Kalender erhalten:

Familie Kotte, Dresden ; Veith Kremer, Her/ord;


Herbert Lutz, Hammelburg; Volker von Drach, Gmund.

1 20 1 9 bild der wissenschaft 1 9S


Wissenschaft in Bestform
pdate
Impfung gegen I(rebs
Eine Immunisierung von Mädchen gegen Humane Papillom­
Viren soll Gebärmutterhalskrebs verhindern. Jetzt wird die
Impfung auch Jungen empfohlen

Im Juni-Heft 2008
berichtete bild der wissenschaft über den ers­ bevor sie sich zu Krebs entwickeln. Doch das und HPV-18-Krebsvorstufe hat sich nach der
ten Impfstoff als Vorsorge gegen Krebs. Die ist nicht ungefährlich. Christian Dannecker, Impfung bei Frauen zwischen 15 und 25 jah­

Impfung gegen Humane Papillom-Viren stellvertretender Direktor der Klinik und Poli­ ren von 113 auf 6 Frauen pro 10000 reduziert.
(HPV) soll Mädchen vor GebärmutterhaIs­ klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Doch ob auch weniger Frauen an Gebär­
krebs schützen. Dabei gilt: Nur Hochrisiko­ Großhadern der Universität München, erklärt: mutterhaiskrebs erkranken und sterben, kann

HPV-Typen wie HPV 16 und HPV 18 können "Das ist ein kleiner ambulanter Eingriff mit noch nicht abschließend beurteilt werden.
nachweislich die Entstehung von Krebsvor­ großen Folgen: Er verdoppelt das Risiko für "Die bisherigen Studienlaufzeiten sind zu

stufen und Krebs verursachen. Seit 2007 eine Frühgeburt. Das betrifft junge Frauen kurz, um statistisch gesicherte Aussagen zu
empfiehlt die Ständige Impfkommission zwischen 20 und 40 jahren, die mitten in der treffen", sagt Sybille Kohlstädt vom Deut­
(STIKO) am Robert-Koch-Institut die zweima­ Familienplanung sind." Dazu kommt die psy­ schen Krebsforschungszentrum. "Nach einer

lige Impfung für Mädchen vor dem ersten Ge­ chische Belastung durch die Diagnose Krebs­ HPV-Infektion dauert es 15 bis 30 jahre, bis
schlechtsverkehr. Die Krankenkassen über­ vorstufe, über die laut Dannecker kaum ge­ eine Krebserkrankung festgestellt werden

nehmen die Kosten. sprochen wird. Er betont, dass eine Impfung kann." Aufgrund des Rückgangs an Krebsvor-
die Vorstufen verhindert und somit vor Opera- stufen könne man allerdings mit niedrigeren
tionen am Gebärmutterhals schützen kann. Erkrankungs- und Sterberaten rechnen.

Heute Das belegen die Ergebnisse der Cochrane lässt sich eine Infektion nicht auch durch
empfiehlt die STiKO auch jungen die Imp­ Collaboration vom Mai 2018, die 26 Studien Vorsichtsmaßnahmen verhindern? Nur be-

fung. Denn Männer können die Viren beim überprüft hat: Das Risiko für eine HPV-16- dingt: Die konsequente NuLzung von Kondo-
Geschlechtsverkehr übertragen. Dazu kommt: men verringert zwar die Anste­
Nicht nur Gebärmutterhalskrebs wird durch ckungsgefahr, eine Infektion ist

HP-Viren verursacht, sondern auch bösartige aber trotzdem möglich - durch


Tumore an Penis, After und im Mund- oder ungeschützte Schleimhautberei­
Rachenraum. Je nach Impfstoff werden jun­ che oder beim Oralverkehr. Das
gen zudem vor harmlosen, aber sehr unange­ Risiko einer Erkrankung erhöht
nehmen Feigwarzen im Genitalbereich ge­ sich durch häufig wechselnde Se­

schützt. xualpartner, Rauchen und über­


In Deutschland sind 23 von 100 Frauen im mäßigen Alkoholkonsum. Wich­
Alter von 26 jahren mit Hochrisiko-HPV-Typen tig: Eine Impfung ersetzt nicht
infiziert. Und etwa eine Frau von 100 Infizier­ den regelmäßigen Arztbesuch.
ten erkrankt laut dem Deutschen Krebsfor­ Denn sie schüLzt nicht vor allen
schungszentrum an Gebärmutterhalskrebs. Hochrisiko-HPV-Typen, und Frauen­
Meist klingt die Infektion von alleine wieder ärzte können auch andere Krank­

ab. Nur wenn sie längere Zeit besteht, bilden heiten frühzeitig aufspüren.
sich Zellveränderungen , die aber oft auch Salome Berblinger
ohne Behandlung ausheilen.
Um Krebsvorstufen aufzuspüren, wird bei
der jährlichen Vorsorgeuntersuchung ein Zell­
2015 waren 45 Prozent der 17-jährigen Mädchen
abstrich vom Gebärmutterhals gemacht. Wer­
in Deutschland geimpft. Eine "Herdenimmuni­
den dabei Gewebeveränderungen am Mutter­ tät" gegen HP-Viren kann nur erreicht werden,
mund erkannt, können diese entfernt werden, lVenn viele Mädchen und Jungen geimpft sind.

96 I bild der wissenschaft 1 2019


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Impressum

ISSN 0006 -2375 I 56. jahrga llg

GRONDUNGSHERAUSGEBER: Pro!. Dr. Heinz Haber t

HERAUSGEBERIN: Katja Kohlhammer

VERLAG: Konradin Medien GmbH, E rnst'MeY'Straße 8.


10n, Lei nfelden-Ec hterd insen , Germany

GESCHÄfTSFÜHRER: Peter Oilger

VERLAGSLEITER: Kosta POOlios

CHEFREDAKTEUR: Prof. Or. Christoph Fasel

REDAKTION
Textchetin: Or. U1J Altmann. Phone +49 7117594-303
Bildred�ktion: Maren Hövelmann, Phone +49 7117594-392,
Susanne Söhling'lohnert, Phone +49 7117594-379
Assistenz: Ulri ke Malzke. Phone +49 111 7594-5855.
Carmelina Weber, Phone +49 711 7594-257
Fax. +49 711 7594-5835, E-Mail: wissen schaf t@konradin.de
Textredaktion: Or. Uta Altmann (Geowlss�nscharten, BUchet),
Phon� .. 49711 7594-303, Ralf Butscher (Technik:, Neue Medien).
phone +49 n17594-344, Karin SchloU (Archäologie,
Titelthema im Februar S ozialwissenschaften, Psychologie), Phone +49 711 7594-313,
Rü(!iger Va<ts (Astronomie, Physik), Phone +49 nl 7594-362,

Kosmische Katastrophen im Visier Salame Ber blin ger (Volontärin), Phonc +49 711 7594-406
layout: GrafikbOro Karl Marx (Art Oirectlon),
Beale BöHnet, 5amet au lut

Gammastrahlen künden von brachialen Ereignissen im All, Millionen Lichtjahre entfernt. Nun REDAKTIONSDIREKTOR SON DERPROJEKTE
Wolfgang Hess. Phone +49 7117594-301
haben Astronomen in den Schlund einer Quelle dieser rätselhaften Energieschleudern gespäht.

Und das ist erst der Anfang: Um sie zu beobachten, errichtet ein weltweites Wissenschaftler­ FREIE MITARBEIT
GrafikbOro Karl Marx (Visuelle Gestaltung/lnfograrik),
team gegenwärtig das größte Observatorium aller Zeiten in Chile und auf La Palma. Das erste Stefan Ripp ler (Magazin)

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E-Mail: petl(!sonnenfroh-kost®konradin.de

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Wissenschaft in Bestform
12173AP
ZUR SACHE INHALT
4 Muskeln im Modell
Per Supercomputer simulieren Forscher aus
Stuttgart, wie Muskeln funktionieren
6 Griff-Technik für die gelähmte Hand
Eine neuartige Stützstruktur lässt Menschen mit
Lähmung wieder sicher nach Gegenständen fassen
11 Licht am Limit
Ralf Butscher, Wichtiger Schritt für die Produktion: eine verläss-
bild der wissenschaft-Redakteur liche Qualitätskontrolle direkt in der Fertigung
für Technik und Kommunikation 12 Erkennen, wenn ein Auto lügt
Vernetzte Fahrzeuge sollen den Verkehr sicherer
Liebe Leserinnen und Leser, machen – und müssen Falschmeldungen erkennen
14 „Der Mensch muss stets über
als ich vor rund zehn Jahren erstmals mit der Baden-Württemberg
die Maschinen bestimmen“
Stiftung (die damals noch Landesstiftung hieß) zusammenarbeiten
Forschungsbereichsleiterin Dr. Angela Kalous
durfte, war ich von Beginn an beeindruckt von dem, was das kleine
und Geschäftsführer Christoph Dahl im Gespräch
und hochmotivierte Team dort leistet. Es ging um Forschungspro-
jekte, von der Stiftung finanziert, die sich etwa um Themen aus 18 Dem Pfeifen auf der Spur
Nanotechnik oder Photonik drehten. Die Wissenschaftler, mit de- Wie entsteht Lärm und wie breitet er sich aus?
nen ich sprach, waren begeistert und sichtlich stolz darauf, ein Die Antwort lässt sich aus Daten herausfiltern
Teil der Community rund um die Stiftung zu sein. 20 Gezähmte Datenkraken
Seither haben sich neue „heiße“ Themen herauskristallisiert. Die Viele Apps sind gratis, greifen aber persönliche
vielleicht wichtigsten sind Digitalisierung und Künstliche Intelli- Infos ab. Eine neue Technik kann das unterbinden
genz. Sie durchdringen mit atemberaubendem Tempo Mobilität, 22 Beihilfe zur Revolution
Medizin, Industrie und privaten Alltag. Schon jetzt haben sie viele Der Weg zur Industrie 4.0 ist mühsam. Forscher
Lebensbereiche umgekrempelt. Und auch wenn sich die weitere begleiten kleine und mittlere Unternehmen
Entwicklung kaum absehen lässt, ist klar: Da kommt noch viel auf
26 Helle Köpfe
uns zu – Nützliches, aber auch Bedenkliches.
In der Zukunftsakademie der Stiftung Kinderland
Und wieder geht die Baden-Württemberg Stiftung voran: In ihren
gibt es viel aus der Welt von morgen zu entdecken
Programmen zur Digitalisierung begleitet sie die Veränderungen
und leistet Pionierarbeit. Zum Beispiel bei der Digitalen Ethik. Diese 28 Digital durchstarten
hat das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine im Blick, die In einem Hightech-Truck lernen Jugendliche, was
Zuordnung von Verantwortlichkeiten und den Stellenwert von Digitalisierung für das Berufsleben bedeutet
Demokratie und Menschenwürde – auch in Zeiten von Bots, Ser- 30 Ein Dach aus Roboterhand
vicerobotern und Systemen mit Künstlicher Intelligenz. Hier klare Bauwerke, die ohne Abfälle entstehen? Ein neues
Signale zu setzen, basierend auf fundierten Forschungsergebnissen, Verfahren macht das möglich
ist eine Stärke der Stiftung. Was sie sonst noch an spannenden 35 Impressum / Bildnachweise
Projekten stemmt, zeigen Ihnen die Beispiele in diesem Heft. Ich
ns
wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und viel Spaß beim Lesen.
JETZT IST MORGEN
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wissenschaft.de

Forscher aus dem Südwesten legen


in Projekten der Baden-Württemberg
Stiftung die Basis für sichere, zu-
verlässige und für Alltag und Berufs-
welt vorteilhafte digitalte Techniken.
Eines der Forschungsziele: Künftig
sollen Menschen und Maschinen
Hand in Hand zusammenarbeiten.

Jetzt ist morgen


Wie Forscher aus dem Südwesten
die digitale Zukunft gestalten

Eine Sonderpublikation in Zusammenarbeit mit der Baden-Württemberg Stiftung

Der Stuttgarter Fotograf Dr. Frank Frick ist freier Michael Vogel aus
Wolfram Scheible ist seit Wissenschaftsjournalist Bietigheim-Bissingen
vielen Jahren für bild der in Bornheim bei Bonn. berichtet für bild der
wissenschaft aktiv. Fast Die Redaktion schätzt wissenschaft regelmäßig
alle Fotos in diesem ihn seit Langem als viel- über aktuelle Trends aus
Heft stammen von ihm. seitigen Autor. Technik und Physik.

bild der wissenschaft plus | 3


VIRTUELLER MENSCH

Muskeln im Modell
Mit digitalen Modellen und Superrechnern simulieren Stuttgarter Forscher Funktion und Zusammen-
spiel von Muskelfasern und Nerven. So lernen sie, den menschlichen Körper besser zu verstehen
von RALF BUTSCHER

E
ine Zahl ist für körperliche Bewegun-
gen besonders wichtig: 656. Denn so
viele verschiedene Muskeln sind im
menschlichen Körper enthalten. Verteilt
zwischen Stirn und großem Zeh sorgen sie
dafür, dass Laufen, Sprechen, Lachen, und
Greifen reibungslos funktionieren. Um die
Bewegungen zu steuern, sendet das Gehirn
über die Nervenbahnen elektrische Signale
– sogenannte Aktionspotenziale – an die
in den Muskeln verlaufenden Fasern: ein
komplizierter Prozess, an dem physikali-
sche, biologische und elektrochemische
Vorgänge beteiligt sind. Ihn besser zu ver-
stehen, haben sich Forscher aus unter-
schiedlichen Disziplinen zum Ziel gesetzt,
die im Projekt „Towards a digital human“
(DiHu) der Baden-Württemberg Stiftung
zusammenarbeiten.

Im Fokus: Bizeps, Trizeps und Co


„Im Fokus steht bei uns die Skelettmusku-
latur, die wir am Rechner simulieren“, sagt
Oliver Röhrle. Dazu gehören etwa die Ober-
armmuskeln Bizeps und Trizeps sowie die
Muskeln an Wade und Oberschenkel. „Wir
wollen durch eine digitale Nachbildung
ein tieferes Verständnis davon gewinnen,
was in einem Skelettmuskel vor sich geht
und wie er über die Nerven angesteuert
wird“, erklärt der Wissenschaftler, der die
Forschungsgruppe Kontinuumsbiomecha-
nik und Mechanobiologie am Exzellenz-
cluster Simulation Technology (SimTech)
der Universität Stuttgart leitet und das Pro-
Ein kompliziertes jekt DiHu koordiniert. Das ist 2016 gestartet
Geflecht von rund
und läuft über drei Jahre.
650 Muskeln macht
den menschlichen Die Herausforderung, der sich die Wis-
Körper beweglich. senschaftler zu stellen haben, ist riesig.
„Denn Muskeln enthalten viele einzelne

4 | bild der wissenschaft plus


Ein Ziel der Forscher im Projekt
DiHu ist es, Simulationen des
Körpers zu visualisieren. Im
Bild (von links): Leonardo
Gizzi, Tobias Rau, Oliver Röhrle.

Fasern, manche wie der am Oberschenkel trum Stuttgart (HLRS), die mit Tausenden Die Messungen des EMG dienen dazu, die
bis zu 500 000“, sagt Röhrle. Und die müss- vernetzter Rechenknoten arbeiten. Der mathematischen Modelle für die digitale
ten im Idealfall alle berücksichtigt werden. schnellste Superrechner am HLRS hat eine Simulation zu überprüfen und anzupassen.
„Dazu kommt, dass auch die Muskeln Leistung von bis zu 7,4 Petaflops – Billiarden Die Resultate aus dem Forschungspro-
nicht unabhängig wirken, sondern mit ei- Operationen in jeder Sekunde. Um die Re- jekt werden es zum Beispiel erleichtern,
nander gekoppelt sind“, erklärt der Stutt- chenkraft effizient nutzen zu können, Belastungen des Körpers durch bestimmte
garter Forscher. Vor müssen die For- Haltungen und Bewegungen zu ermitteln –
Beginn des Projekts scher ihre Modelle als Basis für eine ergonomisch günstige Ge-
war es gerade mal der Muskeln und staltung von Arbeitsplätzen. Auch bei
möglich, das Zu- Die Herausforderung: Nerven erst auf ihre Crashtests hoffen die Wissenschaftler auf
sammenspiel von
etwa 4000 Fasern
bis zu 500 000 Fasern in spezielle Funktions-
weise zuschneiden.
weitere Fortschritte. Zwar sind die dort
benutzten Modelle schon sehr präzise,
in einem Muskel zu einem einzigen Muskel Die bereits jetzt doch es gibt noch weiße Flecken in der Si-
berechnen. Inzwi- dabei erzielten Er- mulation – etwa in der Phase unmittelbar
schen konnten die Wissenschaftler die gebnisse lassen sich sehen: „Um ein Sys- vor einem Crash. „Wenn man einen Unfall
Zahl der Fasern in ihren Simulationen auf tem aus mehreren Tausend Muskelfasern auf sich zukommen sieht, ist die Muskula-
über 20 000 steigern. „Und bald werden wir detailliert zu simulieren, brauchten wir tur angespannt und der Aufprall im Airbag
die Aktivität von fünf oder sechs Muskeln früher ganze zwei Wochen – inzwischen hat eine andere Wirkung“, sagt Röhrle.
gemeinsam abbilden können“, sagt Röhrle. genügt dafür ein Tag“, freut sich Röhrle. Um die Simulation des menschlichen
Das Handwerkszeug, das die Forscher im Daten für die Berechnungen gewinnen Muskelsystems weiter zu verfeinern, wollen
Projektteam – darunter Ingenieure, Mathe- die Wissenschaftler aus hochempfindlichen er und seine Kollegen künftig noch mehr
matiker, Informatiker und Visualisierungs- Messungen der Aktionspotenziale in den Einflussgrößen in ihrem digitalen Modell
spezialisten – dafür nutzen, sind ausgefeilte Muskeln. Dazu erstellen sie „Elektromyo- berücksichtigen: etwa den Einfluss der
digitale Modelle und Computer mit gewal- gramme“ (EMG): „das Pendant bei den Haut, deren Empfinden bei Berührungen
tiger Leistung. Die von den Forschern ent- Muskeln zum bekannten EKG, das Einblick auf Nerven und Muskeln zurückwirkt –
wickelten Programme laufen auf Super- in die elektrische und mechanische Aktivi- und das Gehirn. Denn dort entstehen die
rechnern am Höchstleistungsrechenzen- tät des Herzens gibt“, erklärt Oliver Röhrle. Signale für die motorische Reizleitung. ■

bild der wissenschaft plus | 5


ORTHESEN

Griff-Technik für
die gelähmte Hand
Forscher aus Baden-Württemberg entwickeln eine Stützstruktur für gelähmte Hände, durch die Patienten
wieder Gegenstände greifen können. Gesteuert wird dieses Exoskelett mittels Hirnströmen, Augenbewegungen
und Künstlicher Intelligenz
von FRANK FRICK

A
nnette Dreher lebt „bereits länger fach toll – es war, als ob ich die eigene auf der Kopfhaut messen die Summe der
mit Schlaganfall als ohne“, wie sie Hand auf einmal wieder aktiv beeinflussen Signale von mehreren Millionen Nerven-
sagt. Denn als die 52-Jährige den könnte.“ Langfristig hofft die Informatike- zellen. Sie können die Signale längst nicht
Schlag bekam, war sie 25 Jahre alt. „An- rin auf Exoskelette, die sie beispielsweise so gut auflösen wie ein Implantat. Denn
fänglich konnte ich kaum sprechen – und in die Lage versetzen, wieder mit Messer das ist so dicht an den bewegungssteuern-
habe zudem Wörter vertauscht. Außerdem und Gabel zu essen. den Nervenzellen platziert, dass es die Sig-
war die rechte Körperhälfte nahezu kom- nale sehr kleiner Hirnareale getrennt von-
plett gelähmt“, berichtet Dreher. Hirnsignale auf der Kopfhaut lesen einander erfasst.
Heute ist sie eine Vorzeigepatientin. Nicht nur in Tübingen, sondern weltweit Trotzdem ist auch mit außen angelegten
Zum einen im übertragenen Sinn: Sie arbeiten Wissenschaftler daran, dass Ge- Elektroden die Absicht erkennbar, wenn
strahlt Lebensfreude aus und findet stets lähmte Exoskelette oder Roboterarme mit die Hand bewegt werden soll. Das haben
die richtigen Worte. „Ich bin selbstständige ihren Gedanken steuern können. Um das die Tübinger Mediziner schon vor einigen
Informatikerin und tippe mit fünf Fingern zu erreichen, pflanzen sie den Patienten Jahren demonstriert, unter anderem mit
– ist doch besser als mit zweien“, sagt An- normalerweise einen kleinen Chip mit Annette Dreher. „Das heißt aber nicht, dass
nette Dreher lächelnd. Zwar hat sie seit rund 100 Elektroden in die Hirnrinde ein. wir den genauen neuronalen Code des Ge-
dem Schlaganfall viele Fertigkeiten zurück- Allerdings: „Bei dieser Operation kann es hirns auslesen können, sondern vielmehr
erlangt, doch die rechtsseitige Beweglich- zu Infektionen und Blutungen kommen“, wird die Gehirnaktivität des Patienten für
keit ist noch immer eingeschränkt – und sagt Surjo Soekadar. „Das Risiko ist auch die Steuerung des Exoskeletts konditio-
die rechte Hand spastisch gelähmt. deshalb vergleichsweise hoch, weil Schlag- niert“, betont Surjo Soekadar.
anfallpatienten oder Querschnittsgelähmte
Ein geniales Gefühl häufig ein geschwächtes Immunsystem Nicht an eine Bewegung denken!
Doch auch im wörtlichen Sinn wird Annette und eine gestörte Wundheilung haben.“ Der Was das für Patienten bedeutet, schildert
Dreher vorgezeigt – von den Forschern der Oberarzt am Tübinger Universitätsklinikum Dreher so: „Ich musste lernen, mich auf die
Arbeitsgruppe Angewandte Neurotechno- und Leiter der Arbeitsgruppe Angewandte Absicht zu konzentrieren, das Exoskelett an
logie der Universität Tübingen. Dreher be- Neurotechnologie setzt daher auf eine an- der rechten Hand zu schließen. Dabei zeigte
richtet gerne darüber, wie die Mediziner dere Methode: Auf der Kopfhaut getragene mir ein Monitor einen Ball, den ich wäh-
vor rund zehn Jahren damit begonnen ha- Elektroden registrieren die Hirnsignale. rend dieser Konzentrationsphase zwischen
ben, aus ihren Hirnströmen gleichsam die Doch dieses sanfte Verfahren bringt ei- zwei Linien halten musste. Doch regelrecht
Absicht einer Arm- oder Handbewegung ne Schwierigkeit mit sich: Die Elektroden lernen musste ich auch, zu entspannen
auszulesen. Und sie erinnert sich, wie es und nicht an eine Bewegung zu denken.“
sich anfühlte, als sie erstmals kraft ihrer Die Tübinger Mediziner registrieren be-
Gedanken eine primitive Variante eines KOMPAKT stimmte Signale in den Hirnströmen, die
Hand-Exoskeletts – auch als Hand-Orthese sogenannten μ-Wellen. Die genaue Fre-
• Da die Signale im Gehirn, die die
bezeichnet – öffnete und schloss: „Das war Bewegungen der Hände steuern, von quenz der Wellen und die Lage des Hirn-
genial. Obwohl ich mit der Konstruktion außen erfasst werden, lassen sich areals, von dem sie ausgesendet werden,
nichts greifen konnte, war das Gefühl ein- Risiken durch eine Operation vermei-
den. Per Software lernt das System
variiert von Person zu Person. Insbesondere >
ständig hinzu und erkennt individuelle
Muster in den Hirnströmen.
6 | bild der wissenschaft plus
Eine Haube für mehr Lebens-
qualität: Die Informatikerin
Annette Dreher erlitt bereits
mit 25 Jahren einen Schlag-
anfall. Danach war ihre rechte
Körperhälfte weitgehend ge-
lähmt. Mit der neuen Technik
kann die heute 52-Jährige
wieder eigenständig nach
Gegenständen greifen und
Werkzeuge benutzen.

bild der wissenschaft plus | 7


Lernprozess: Projektkoordinator
Surjo Soekadar erklärt einer
Patientin, wie sie allein mit ihren
Gedanken einen roten Ball auf
dem Bildschirm bewegen kann.
Dazu misst eine Elektroden-Kappe
auf dem Kopf ihre Hirnströme.
bei Schlaganfallpatienten sind die Unter- Computer und Patient lernen dabei sozu-
schiede oft erheblich. Doch durch entspre- sagen gemeinsam in einem Team – eine
chendes Training können selbst Schlagan- Phase des Trainings, die heute üblicher-
fallpatienten lernen, ihre μ-Wellen sehr weise innerhalb von wenigen Stunden ab-
zuverlässig zu regulieren. Auch die Tages- geschlossen ist. Exoskelett, das Schlaganfallpatienten in
zeit kann eine Rolle spielen. „Wir haben Die Tübinger Wissenschaftler haben ihrem täglichen Leben einsetzen können,
Software entwickelt, durch die ein Compu- einfache über die Gedanken gesteuerte um zum Beispiel verschiedene Gegen-
ter selbstständig lernen kann, individuell Hand-Exoskelette bereits für Forschungs- stände zu greifen oder technische Geräte
verschiedene Mus- zwecke eingesetzt. zu bedienen.
ter in der Gehirnak- „Unter anderem ha- Im unruhigen Alltag gelingt das Ausle-
tivität zu erkennen“, ben wir in einer sen der Bewegungsabsicht aus den Hirn-
sagt Martin Spüler. Im Training lernen klinischen Studie strömen nicht mit 100-prozentiger Sicher-
Der Forscher vom
Wilhelm-Schickard-
Patient und Computer mit 30 Schlaganfall-
patienten nachge-
heit. „Wenn aber ein gefülltes Trinkglas bei
zehn Versuchen zwei Mal auf Grund einer
Institut für Infor- gemeinsam als Team wiesen: Verwenden plötzlichen Lockerung des Griffs runter-
matik in Tübingen Patienten täglich ei- fällt, dann ist das zwei Mal zu viel“, sagt
arbeitet bereits seit mehreren Jahren mit ne solche Orthese, so verbessern sich ihre Soekadar trocken.
den Medizinern zusammen. motorischen Fähigkeiten“, berichtet Soeka- Daher wollen die Projektpartner bei der
Dank der Algorithmen der Informatiker dar. Nun gehen die Wissenschaftler im nächsten Generation von Orthesen zusätz-
um Martin Spüler lässt sich die Signalaus- Projekt „KONSENS-NHE“, das von der Baden- lich zu den bisher bereits genutzten Hirn-
wertung auf jeden Patienten individuell Württemberg Stiftung finanziert wird, den strömen die Signale registrieren, die von
abstimmen. Nach einer Lernphase er- nächsten Schritt: Seit rund anderthalb Augenbewegungen ausgehen. Der gelähmte
kennt der Computer aus den Hirnströmen Jahren arbeiten sie zusammen in einem Patient müsste dann etwa seine Absicht
in Bruchteilen einer Sekunde automatisch Verbundprojekt von Forschern aus Tübin- bestätigen, den Griff zu lockern, indem er
die Bewegungsabsicht des Patienten. gen, Stuttgart und Reutlingen an einem den Augapfel kurz stark nach außen bewegt.

8 | bild der wissenschaft plus


ORTHESEN

Doch mit dem zuverlässigen Erkennen


der Absichten eines Patienten ist es nicht Kniffeliger Kunstgriff
getan. Das Exoskelett selbst, also die Stütz-
struktur für die gelähmte Hand, muss den
Die Aufgabe gilt als Königsdisziplin in Expertenwissen und höhere Mathe-
Patienten in die Lage versetzen, die beab-
der Robotik: Bauteile, die chaotisch in matik nötig. Das motiviert die Forscher
sichtigten Griffe auch durchzuführen. Und: einer Kiste lagern, sollen möglichst am IPA mit Künstlicher Intelligenz noch
„Das Exoskelett soll möglichst unauffällig rasch entnommen und beispielsweise eine Schippe auf bp3 draufzulegen.
und leicht sein. Trotzdem soll es die not- in definierter Position und Orientie- Im Projekt „Deep Grasping“, wollen
wendigen Kräfte bereitstellen“, beschreibt rung auf ein Transportband gelegt sie für Abhilfe sorgen, gemeinsam mit
Jonathan Eckstein die Anforderungen. werden. Was für einen Menschen Kollegen des Instituts für Parallele und
„Schließlich muss es auch noch individuell recht simpel ist, stellt automatische Verteilte Systeme der Universität Stutt-
Systeme vor große Herausforderungen. gart. Die Idee: In einer Computersimu-
auf die weiche, gelähmte Hand des jeweili-
Daher wird seit 2001 am Stuttgarter lation lernt ein virtueller Roboter durch
gen Patienten angepasst werden können.“ Fraunhofer-Institut für Produktions- Tausende von Versuchen und Fehlver-
Bei existierenden Handprothesen oder technik und Automatisierung IPA an suchen selbstständig, Bauteile in einer
Roboterhänden hat sich der Biomechatroni- der Software bp3 entwickelt, die aus Kiste – alles ebenfalls virtuell – zuver-
ker vom Institut für Industrielle Fertigung 3D-Punktewolken Werkstücke identifi- lässig zu erkennen und zu entnehmen.
und Fabrikbetrieb der Universität Stuttgart ziert und dem Roboter eine Bahn zum „Dass dieses maschinelle Lernen funk-
nur bedingt etwas abschauen können: Greifen vorgibt. tioniert, konnten wir bereits demons-
„Die Software wurde zwischenzeit- trieren“, sagt Kraus. Durch Trainieren
Handschuhsysteme etwa kommen nicht
lich in mehr als 20 Produktionsanlagen in einer virtuellen Umgebung werden
infrage, weil Schlaganfallpatienten mit
realisiert und ist damit marktreif“, sagt reale Schäden durch Fehlgriffe an Bau-
spastisch verkrümmten Händen sie nicht Werner Kraus vom IPA. Die größten teilen und am Robotersystem vermie-
anziehen können. „Außerdem haben wir bei Probleme bereiten die letzten Teile in den. Wird später das antrainierte Wis-
unserer Orthese nicht so viel Raum zur einer Kiste: Mit den eingesetzten Sen- sen auf den echten Roboter übertragen,
Verfügung wie bei Roboterhänden, in deren soren, meist Laserscannern, lassen sie kann er ohne weiteren Programmier-
Innerem sich viele Bauteile unterbringen sich nicht immer vom Kistenboden un- aufwand rasch beginnen, zu arbeiten –
lassen“, sagt Eckstein. Sein Entwurf sieht terscheiden. Weitere Schwierigkeiten: mit zuverlässigen Griffen und kürzerer
Zur Inbetriebnahme der Systeme sind Rechenzeit, hoffen die Wissenschaftler.
eine Stützstruktur aus dem Kunststoff Poly-
amid vor, die per 3D-Druck kostengünstig

Das Sehen im Blick:


Reutlinger Forscher
um Cristóbal Curio
(links) entwickeln
Systeme für künstli-
che Augen. Dafür
nutzen sie eine
Technik, mit der sich
Bewegungen präzise
erfassen lassen.

>
bild der wissenschaft plus | 9
ORTHESEN

individuell gefertigt werden kann. Steuern meint er, dass vibrierende Signalgeber In- vibrotaktile Feedback fest für den abge-
lassen sich Gelenke und Finger über ein formationen auf die Haut am Unterarm speckten Prototyp vorgesehen ist, arbeiten
System von Zugseilen. übertragen – ähnlich wie ein stumm ge- Forscher der Hochschule Reutlingen und
Ergreift ein gesunder Mensch ein Ob- schaltetes Smartphone das Eintreffen einer am Tübinger Centrum für Integrative Neu-
jekt, passt er seine Fingerhaltung und Nachricht durch Vibrationen anzeigt. Einen rowissenschaften (CIN) bereits an der noch
Griffstärke unwillkürlich den Erfordernis- entsprechenden Demonstrator hat Gizzi be- zukunftsweisenderen zweiten Variante.
sen an – wobei ihm Auge und Tastsinn die reits gebaut. „Das vibrotaktile Feedback ist
nötigen Rückmeldungen liefern. Daher kostengünstig zu verwirklichen, sehr zu-
wollen die Projektpartner in die nächste verlässig und diskret“, sagt der Forscher.
Version ihres Exoskeletts auch eine Art Er- Genau genommen arbeiten die Partner Intelligente Software
satz für den Tastsinn einbauen. an zwei Versionen ihres Exoskelett-Sys-
tems: Eine einfache Variante soll am Ende
wie bei Gesichtserkennung
Vibrationen am Arm der Projektlaufzeit Mitte 2020 zuverlässig oder Fahrassistent
„Die beim Greifen erzeugte Kraft soll dem funktionieren und Patienten direkt zugute-
Patienten vibrotaktil zurückgemeldet wer- kommen. In eine andere Variante werden Das Hand-Exoskelett intelligenter zu
den“, sagt Leonardo Gizzi vom Institut für die Forscher alle derzeitigen technischen machen und zu erreichen, dass es mithilfe
Mechanik der Universität Stuttgart. Damit Möglichkeiten integrieren. Während das einer Kamera Objekte selbstständig er-
kennt und seinen Griff entsprechend
wählt: Das ist das Ziel der Forscher im
Team von Cristòbal Curio an der Hoch-
schule Reutlingen. Dazu nutzen sie unter
anderem eine Software zur Bildverarbei-
tung, wie sie ähnlich in Fahrassistenzsys-
temen oder zur Gesichtserkennung für die
Zutrittskontrolle im Einsatz ist. Die Algo-
rithmen passen die Forscher an die Alltags-
umgebung von gelähmten Patienten an.
Ihre Tübinger Projektkollegen am CIN
dagegen konzentrieren sich darauf, die ko-
ordinierten Bewegungen des Arms und der
Finger des Hand-Exoskelettes schon vor
dem eigentlichen Zugreifen mit einer Soft-
ware vorzugeben. In Computermodellen
werden dazu alle Bewegungsbahnen auf
möglichst wenige Kontrollgrößen zurück-
geführt, damit die erforderlichen Rechen-
vorgänge nicht zu viel Zeit kosten und da-
durch das Greifen mit dem Hand-Exoske-
lett verlangsamen.
Um einen von Annette Drehers größten
Wünschen zu erfüllen, wird indes vermut-
lich bereits die einfache Variante des
Hand-Exoskeletts aus Baden-Württemberg
genügen: „Ich möchte“, sagt die Schlagan-
fallpatientin, „wieder klatschen können,
wenn mir etwas gefallen hat.“ ■

Meisterwerk der Technik: An einem Versuchs-


stand mit Hand- und Unterarmmodell testet
der Biomechatroniker Jonathan Eckstein von
der Universität Stuttgart Fingermodule des
Hand-Exoskeletts. Die Greifhilfe ist eine Ent-
wicklung aus dem Projekt KONSENS-NHE.

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PHOTONIK

Licht am
Limit
Eine 100-prozentige Qualitätskontrolle inner-
halb eines Fertigungsprozesses ist nicht ein-
fach zu garantieren. Doch Forschern der
Fraunhofer-Gesellschaft ist das gelungen
von MICHAEL VOGEL Fraunhofer-Forscher Tobias
Seyler hat mit optischer und
digitaler Technik die Qualitäts-
sicherung neu definiert.

M
it modernen Fräsen lassen sich Tobias Seyler forscht am Fraunhofer- Das erhöht die Messgenauigkeit und ver-
Bauteile aus Metall mit Toleran- Institut für Physikalische Messtechnik IPM größert den Messbereich. Ein entscheiden-
zen von wenigen Mikrometern in Freiburg. Der Ingenieur und seine Kol- der Punkt ist die heute verfügbare hohe Re-
fertigen – selbst wenn ihre Oberfläche eine legen haben eine Technik entwickelt, um chenleistung. Moderne schnelle Computer
komplizierte Geometrie hat. Trivial ist das das Problem zu lösen. Das Prinzip: Den verkürzen die Messzeit drastisch.
nicht. Die Hersteller der Werkzeugmaschi- Fräskopf entnehmen und dafür eine Art Dass die Mehrwellenlängen-Holografie
nen geben zwar Tipps, doch der Teufel optischen Prüfkopf einsetzen. Damit wäre in der Praxis funktioniert, hat das Team aus
steckt im Detail: Welcher Fräskopf eignet die Vermessung ein direkter Bestandteil des Freiburg bereits demonstriert. Im Rahmen
sich am besten? Wie schnell sollte er rotie- Fertigungsprozesses. Die Idee haben die von HoloCut haben die Projektpartner die
ren und sich dabei vorwärts bewegen? Und Forscher am IPM im Projekt „Holocut“ der Technik nun miniaturisiert, sodass sie sich
sollte er die zu bearbeitende Fläche von Baden-Württemberg Stiftung weiterentwi- in eine Fräse integrieren lässt. Pro Messung
außen nach innen abfahren oder streifen- ckelt – zusammen mit Wissenschaftlern nimmt das System bei zwei Wellenlängen
förmig von rechts nach links? Solche Ent- der Hochschule Aalen. insgesamt neun Bilder der Interferenzmus-
scheidungen beeinflussen das Ergebnis. ter auf. Jedes Bild hat neun Millionen Pixel.
Um es zu beurteilen, bedarf es einer Verräterisches Interferenzbild Zum Berechnen der resultierenden Ober-
präzisen Qualitätskontrolle – etwa durch In dem dreijährigen Forschungsprojekt, das fläche verarbeitet der Algorithmus rund
eine taktile Vermessung. Dabei tastet eine 2018 zu Ende ging, vereinten die Forscher 100 Millionen Bildpunkte. Die Messzeit ist
harte Kugel die Oberfläche ab, aber nur aus Südbaden und Ostwürttemberg digitale kürzer als eine halbe Sekunde – bei einem
punktuell oder linienförmig. Daneben gibt Technik mit der Photonik – der Nutzung Messfeld von vier Quadratzentimetern. Das
es optische Verfahren, mit denen sich die optischer Verfahren. Dabei setzten sie auf ist 10 bis 100 Mal so groß wie bei bisherigen
gesamte Oberfläche erfassen lässt. Das die digitale Mehrwellenlängen-Holografie. optischen Systemen in separaten Messräu-
Manko: Bisher geht das nicht direkt am „Das zu prüfende Bauteil bestrahlen wir mit men. Die flächige Auflösung liegt unter sie-
eingespannten Werkstück. Denn die Mess- Laserlicht“, erklärt Seyler, der das Projekt ben Mikrometern, die erfassbaren Höhen-
systeme sind zu groß, um sie in eine Werk- leitete. „Den zurückgestreuten Anteil über- unterschiede gar unter einem Mikrometer.
zeugmaschine zu packen. Und die Bedin- lagern wir mit unbeeinflusstem Laser- Das Laserlicht ist so schwach, dass es sicher
gungen in der Fertigung sind dafür zu rau. licht.“ So entsteht ein Interferenzbild, das für die Augen ist – ein wichtiger Aspekt für
Zudem kann die Messzeit für eine große eine Kamera aufnimmt. Darin steckt die den Betrieb in der Industrieproduktion.
Fläche viele Minuten betragen – zu lang für Information über die Oberflächenform des In der Industrie stößt die neue Technik
eine Kontrolle während der Bearbeitung. Bauteils. Sie lässt sich dann berechnen und auf großes Interesse. Doch ihre Möglich-
„Deshalb muss das Bauteil bislang aus der dreidimensional visualisieren. keiten sind noch lange nicht ausgereizt. So
Fräse genommen, vermessen und für die Der Kniff der Forscher besteht darin, die arbeiten die Forscher bereits daran, sie auch
Weiterbearbeitung wieder eingespannt wer- Messung mit mehreren leicht unterschied- für die Qualitätskontrolle von Zahnrädern
den“, erklärt Tobias Seyler. Das kostet Zeit. lichen Lichtwellenlängen zu wiederholen. nutzbar zu machen. ■

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Sicherheit wird groß geschrieben: Be-
reits im Fahrzeug analysieren die Ulmer
Wissenschaftler Frank Kargl (rechts)
und Matthias Matousek die bei einer
Testfahrt aufgezeichneten Daten. Die
werden anschließend für eine detaillierte
Analyse in ein System übertragen, das
unter anderem mit Methoden der
Künstlichen Intelligenz arbeitet.

Erkennen,
wenn ein Auto lügt
Fahrzeuge, die miteinander vernetzt sind, sollen den Verkehr sicherer, flüssiger und abgasärmer
machen. Doch dafür dürfen sie nicht auf gefährliche Falschinformationen hereinfallen
von FRANK FRICK

E
in Auto mitsamt Insassen beschleu- hatte sich womöglich von den Versuchen die Fahrgeschwindigkeit. Ihr Angriff erfolg-
nigt auf einem verlassenen Parkdeck zweier US-Sicherheitsforscher inspirieren te über das Infotainment-System, in dem
rasant, durchbricht die Absperrung lassen. Charlie Miller und Chris Valasek unter anderem Radio, Navigationsgerät
und fällt in die Tiefe: Jemand hat die Soft- hatten 2015 über das Mobilfunknetz und und Fahrassistent zusammengeführt sind.
ware der Bordelektronik gehackt und das mit einem Laptop die Kontrolle über einen Inzwischen haben wohl alle Automobil-
Auto fremdgesteuert. Jeep Cherokee gewonnen, der auf der Auto- hersteller Experten in ihren Diensten, die
Der Drehbuch-Autor der Folge „Mord ex bahn fuhr. Sie manipulierten aus der Ferne Fahrzeuge gegen solche böswilligen Zu-
Machina“ der Fernseh-Krimireihe Tatort die Lautstärke des Autoradios ebenso wie griffe zu wappnen versuchen.

12 | bild der wissenschaft plus


MOBILITÄT

Das Einfallstor für Hacker wird noch „Bei Projektbeginn gab es bereits viele Das Framework führt die Ergebnisse der
größer, wenn künftig Autos untereinander Mechanismen, um Falschmeldungen zu er- Mechanismen zusammen, indem es sie ge-
auch direkt kommunizieren. Daran arbeitet kennen“, sagt Kargl. So ist die Meldung eines wichtet und zu einem Gesamturteil ver-
die Industrie schon seit mehr als zehn Jah- Autos, mit Tempo 500 zu fahren, nicht knüpft. Dabei nutzt das System eine Logik,
ren intensiv. Denn Autos, die Informationen glaubhaft. Prüfungen der Plausibilität in der die nicht nur „wahr“ und „falsch“ kennt,
austauschen, bieten viele Vorteile. Typische Fahrzeugsoftware können solche Angaben sondern auch den Grad des Vertrauens in
Szenarien: Ein vernetztes Fahrzeug warnt ausfiltern. Andere Mechanismen testen, ob ein Urteil beziffert.
Fahrer in nachfol- Daten frei von Wi- Doch wie prüfen die Wissenschaftler, ob
genden Autos kurz- dersprüchen sind: ihr Framework die Sicherheit im Netzwerk
fristig, wenn plötz- So können nicht der Fahrzeuge erhöht? Die Antwort: Sie si-
lich eine Unfallstel- Mit Tempo 500 unterwegs? mehrere Autos zeit- mulieren Fahrzeuge und Netzwerk. Am
le, verlorene Fracht gleich an der glei- Computer wird etwa der Straßenverkehr in
oder ein Geisterfah-
Solche Falschmeldungen chen Stelle sein. Zu- einer ganzen Stadt mit vernetzten Autos
rer für Gefahr sorgt. werden aussortiert dem wird die Repu- imitiert oder eine Kolonne solcher Fahr-
Es schlägt Alarm, tation eines Autos zeuge, die eine bestimmte Route nehmen.
wenn an einer Kreuzung eine Kollision überprüft: Die Meldung eines Fahrzeugs, Die Forscher lassen in Simulationen
droht. Zudem sorgen vernetzte Autos, die das schon minutenlang richtige Infos sen- Autos verschiedene Arten von Lügen pro-
auch mit Ampeln und Verkehrsleitsystemen det, erscheint glaubwürdiger als die erste duzieren – und schauen, wie die anderen
in Kontakt stehen, für fließenden Verkehr: Meldung eines Wagens, der gerade neu im Fahrzeuge reagieren. „Die Simulationen
Sie empfehlen etwa ein Tempo, bei dem Kommunikationsbereich angekommen ist. zeigen, dass vernetzte Autos mit unserem
sich kein Stau bildet. Das hilft, Spritver- Während bisherige Sicherheitssoftware Framework ‚Maat‘ Falschmeldungen beson-
brauch und Abgasemission zu reduzieren. solche Tests meist in einer festen Reihen- ders schnell und zuverlässig von korrekten
Bereits 2006 haben Wissenschaftler um folge abarbeitet, haben Kargl und van der Infos unterscheiden können“, sagt Kargl.
Frank Kargl erarbeitet, wie sich Autos unter- Heijden ein „Framework“ entwickelt. In Das ist auch wichtig, weil die Autos künftig
einander zweifelsfrei identifizieren können dieses Softwaresystem lassen sich die Er- wohl nicht nur Daten austauschen, sondern
– eine Voraussetzung für einen sicheren kennungsmechanismen flexibel einbinden. auch ohne Fahrer auskommen. ■
Informationsaustausch. „Wir haben defi-
niert, dass vernetzte Fahrzeuge die Nach-
richten digital signieren müssen. Sonst
könnte jemand mit Laptop am Straßenrand
sich sozusagen als Fahrzeug ausgeben und Kritische Kommunikation
mit Falschinformationen Chaos auslösen“,
Künftig sollen autonome Fahrzeuge ständig miteinander in Kontakt stehen –
sagt Kargl, Professor an der Universität
und so für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen. Per Funk können sich
Ulm. Der Direktor des Instituts für Verteilte
die Wagen gegenseitig vor Gefahren wie Glätte, Unfällen oder Pannenfahr-
Systeme betont: „Andererseits müssen die zeugen warnen. Auch wenn sich ein Auto einer unübersichtlichen Kreuzung
Fahrzeuge ihre Identität laufend wechseln, nähert, kann es andere Verkehrsteilnehmer frühzeitig darauf hinweisen.
damit sie sich nicht nachverfolgen lassen – Allerdings: Der Austausch von Informationen muss verlässlich sein. Das
und die Privatsphäre so geschützt ist.“ gewährleistet eine Technik, die Forscher aus Ulm entwickelt haben. Durch
Doch trotz Signatur und einem Zertifi- mehrere Mechanismen verhindert sie, dass weder Hacker, Computerviren
kat, bei dem die Identität verschleiert wird, noch ein Softwaredefekt falsche Mitteilungen streuen.
können Autos Falschmeldungen verbreiten.
Dabei müssen sie nicht einmal das Opfer
eines Hacker-Angriffs oder eines Software-
virus geworden sein. Auch defekte Senso-
ren oder Softwarefehler könnten dazu füh-
ren, dass ein Auto eine falsche Position,
Geschwindigkeit oder Fahrtrichtung meldet.
Kargl und sein Doktorand Rens van der
Heijden haben im Projekt „Auto-Detect“
drei Jahre lang erfolgreich daran gearbeitet,
dass die vernetzten Fahrzeuge der Zukunft
nicht auf solche fehlerhaften Daten herein-
fallen. In dem Projekt, das von der Baden-
Württemberg Stiftung finanziert wurde und
im Oktober 2018 auslief, sind die beiden
Informatiker dazu neue Wege gegangen.

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INTERVIEW

„Der Mensch muss stets über


die Maschinen bestimmen“
Die Baden-Württemberg Stiftung stemmt Projekte aus Forschung, Bildung, Gesellschaft
und Kultur. Viele haben die Digitalisierung im Fokus. Forschungsbereichsleiterin
Angela Kalous und Geschäftsführer Christoph Dahl erklären, was die Ziele sind
Das Gespräch führten RALF BUTSCHER und CHRISTOPH FASEL

Wie erleben Sie die Digitalisierung? Haben Sie Wie wird die Digitalisierung das Leben verändern?
schon einen Roboter, der den Kaffee bringt? Christoph Dahl: Man kann die Entwicklung nicht vorher-
Christoph Dahl: Nein, das haben wir nicht. Und das wol- sagen. Aber klar ist, dass sie schnell verläuft. Ende Oktober
»Die Entwick- len wir auch gar nicht. In unseren Programmen haben wir hatten wir eine Veranstaltung, bei der junge Unternehme-
lung verläuft aber viel mit Robotern und Künstlicher Intelligenz zu tun rinnen und Unternehmer erklärten, wie sie die Zukunft
– und das wird in Zukunft sicher noch mehr werden. gestalten wollen. Ein wichtiges Thema wurde deutlich: die
schnell. Uns
ist wichtig,
sie mit
Programmen
zu begleiten«
Ethik im Digitalen. Sie spielt etwa beim autonomen Fahren negative Seiten der Digitalisierung zu erforschen und zu
eine Rolle, wo das Verhalten des Fahrzeugs über Leben bewältigen. Wir wollen nicht nur die technische Entwick-
und Tod anderer Verkehrsteilnehmer entscheiden kann. lung und das Wirtschaftswachstum stärken, sondern auch
dafür sorgen, dass Baden-Württemberg lebenswert bleibt.
Was kann die Baden-Württemberg Stiftung da tun? Christoph Dahl: Die Technikfolgenabschätzung, für die wir
Christoph Dahl: Die digitale Ethik wird uns künftig stark in Baden-Württemberg ein Institut haben, wurde schon als
beschäftigen. Was bedeutet der Einsatz von Algorithmen typisch deutsch belächelt. Aber die Angst vor den Folgen
in der Rechtsprechung, beim Abschätzen von Schadens- der Digitalisierung wie einem Arbeitsplatzverlust müssen
fällen? Was können Roboter in Pflegeheimen leisten? Wir ernst genommen werden. Künstliche Intelligenz bietet
sind auf dem Weg in einen neuen Raum – manche reden auch uns riesige Chancen, aber wir sollten nicht der Ent-
von „digitaler Migration“ – aber wir wissen nicht, wohin wicklung in China oder im Silicon Valley blind nacheifern,
er führt. Wir wollen diese Entwicklung begleiten. Dabei sondern in der Forschung auch die Folgen berücksichtigen.
ist für mich wichtig: Der Mensch muss immer über die
Maschinen bestimmen und die letzte Entscheidung haben. Woran denken Sie da konkret?
Christoph Dahl: Zum Beispiel an den Datenschutz – und »Wir wollen
Wo steht das Land bei der „digitalen Migration“? an Fragen wie: Was darf eine Maschine? Wo sind die Gren- dafür sorgen,
Angela Kalous: Das Land gibt viel Geld für Digitalisierung zen? Es darf nicht sein, dass sich die Digitalisierung wu-
und Künstliche Intelligenz aus. Diese Themen sind enorm chernd entwickelt – ohne Regeln und gesetzlichen Rah- dass Baden-
wichtig für die Zukunft Baden-Württembergs. In manchen men. Dabei spielt das Thema Transparenz eine große Rolle. Württemberg
Bereichen haben wir sicher Aufholbedarf – bei anderen Angela Kalous: Es kommt auch darauf an, junge Leute
sind wir stark, etwa bei der Ethik. Es geht auch darum, darauf vorzubereiten, was kommen wird. Experten sagen, lebenswert
bleibt«

»80 Prozent
der Berufe,
die unsere
Kinder mal
ergreifen
werden, sind
noch gar
nicht
bekannt«

>
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INTERVIEW

dass 80 Prozent der Berufe, die die heutigen Kinder einmal Viele Forscher, die an unseren Projekten mitgewirkt haben,
ergreifen werden, noch gar nicht bekannt sind. Die Welt konnten im Anschluss in ihrem jeweiligen Forschungsfeld
verändert sich rasant. Eine unserer Aufgaben ist es, junge weitere Drittmittel einwerben.
Menschen zu bilden und zu informieren. Unsere neue mo-
bile Bildungsinitiative expedition d eignet sich gut dafür. Gibt es Beispiele für erfolgreiche Projekte?
Angela Kalous: Ein Beispiel sind Milchzucker, die in der
Was macht die Finanzierung von Projekten durch Muttermilch enthalten sind. Sie sind für die Entwicklung
die Stiftung für Forscher im Land so attraktiv? von Kleinkindern wichtig, haben aber in Muttermilchersatz-
Angela Kalous: Je Programm gibt es vier bis fünf Millionen produkten bisher gefehlt. Dank eines unserer Forschungs-
Euro, je Projekt etwa 300 000 bis 500 000 Euro. Aber projekte lassen sie sich nun synthetisch herstellen.
»Es gelingt was die Stiftung macht, ist für die Wissenschaftler hoch- Christoph Dahl: Ein anderes Beispiel basiert auf einem
uns immer interessant. Die Forschungsthemen, die wir auswählen, Schwimmfarn, der dank bestimmter Strukturen eine Luft-
sind relevant und interessant, weil sie immer hochaktuell hülle unter Wasser festhalten kann. Das haben Wissen-
wieder, sind. Unsere Programme sind zielorientiert und fokussiert, schaftler aus Karlsruhe erforscht und technisch nachge-
hochrangige was immer wieder spannende Ergebnisse bringt. Zudem bildet. Nun werden Anstriche für Schiffe nach diesem
arbeiten wir sehr agil: Zwischen Ausschreibung und Bewil- Prinzip entwickelt. Sie verringern die Reibung und senken
Forscher für ligung vergeht wenig Zeit. Wir sind schnell und unkompli- so den Kraftstoffverbrauch und die CO2-Emissionen.
uns zu ziert, der Verwaltungsaufwand ist gering. Uns interessie-
ren die Resultate der Forschung. Das wirkt anziehend. Wofür steht die Baden-Württemberg Stiftung?
gewinnen« Christoph Dahl: Wir tragen mit unseren Programmen ak-
Wie zeigen sich die Erfolge Ihres Engagements? tiv zur Stärkung der Wettbewerbsposition des Landes bei.
Angela Kalous: Es gelingt uns regelmäßig, hochrangige Das ist einzigartig: Kein anderes Land hat eine Stiftung,
Wissenschaftler zu gewinnen. Das ist schon etwas Beson- die so breit aufgestellt ist und mit dem effektiven Einsatz
deres. Es gibt immer viel mehr Projektanträge, als wir be- von relativ geringen Mitteln so viel bewirkt. Wir errichten
willigen können. Zudem schaffen wir es, hervorragende Modellstrukturen und leisten Pionierarbeit. Wir zeigen, was
Gutachter für die Bewertung der Anträge zu gewinnen, möglich ist. Und wenn etwas gut funktioniert, können es
etwa Leibniz-Preisträger und renommierte Institutsleiter. das Land oder andere Träger aufgreifen und unterstützen.
Die loben übrigens ausdrücklich, dass wir riskante For-
schung unterstützen. Wenn einmal eine Methode nicht Hemmt die Niedrigzinspolitik ihr Engagement?
funktioniert, ist das auch eine wertvolle Erkenntnis. Christoph Dahl: Nein. Trotz Niedrigzinsphase hatten wir in
den letzten Jahren keine Einbußen. Das hängt damit zu-
Welchen Nutzen zieht die Stiftung daraus? sammen, dass wir einen beachtlichen Teil des Stiftungs-
Christoph Dahl: In der Regel müssen uns die Forscher die vermögens in Immobilien investiert haben – in besten
Ergebnisse ihrer Arbeit überlassen. Das ist eine sinnvolle Stuttgarter Lagen. Die Gebäude werfen eine hohe Rendite
Vorgehensweise, die sich auch gut eingespielt hat. Sie ist ab. Zudem arbeiten wir mit erfolgreichen Investmentfonds.
bei den Wissenschaftlern anerkannt und lohnt sich für uns.
Angela Kalous: Die Teilnahme an unseren Programmen Frau Kalous, Sie leiten seit September 2018 den
lohnt sich auch für die Forscher. Erhebungen zeigen: Bereich Forschung. Was reizt Sie an der Aufgabe?
Angela Kalous: Die Stiftung ist ein kleines und sehr kom-
petentes Team, das viel hinbekommt. Sie ist wendig und
innovativ. Im Spaß sage ich: Ich habe mir die Rosinen aus
meinen früheren Tätigkeiten herausgepickt. Als Kanzlerin
der Universität Heidelberg habe ich es genossen, exzellen-
ten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu begeg-
nen. Während meiner früheren Zeit als Marketingchefin
des Landes habe ich gern mit kreativen Agenturen zusam-
mengearbeitet. Beides erlebe ich jetzt auch in der Stiftung.

Herr Dahl, Sie sind seit 2010 Geschäftsführer. Was


waren für Sie die Highlights während dieser Zeit?
Christoph Dahl: Als ehemaliger Regierungssprecher kam
auch ich aus einem anderen Bereich. Ich denke, es ist mir
Im Gespräch bei der Stiftung (v. l.):
gelungen, das zu erhalten, was die Stiftung auszeichnet:
Christoph Dahl, Angela Kalous,
Kommunikationsleiterin Julia Sie ist überparteilich und neutral. Wir fahren mit unseren
Kovar-Mühlhausen, Forschungs- Programmen eine eigenständige Linie. Die Chance, hoch-
referentin Martina Rehnert, bdw- interessante Programme zu gestalten, bereichert mich.
Redakteur Ralf Butscher und
Chefredakteur Christoph Fasel.

16 | bild der wissenschaft plus


Besonders stark aber prägen mich Erfahrungen mit jungen
Menschen. Wir haben viele Programme mit Jugendlichen:
etwa das Baden-Württemberg-STIPENDIUM und mikro
makro mint für junge Erfinderinnen und Erfinder sowie
die Zukunftsakademie und Kulturakademie der Stiftung
Kinderland. Der Kontakt mit der jungen Generation zeigt
mir andere Sichtweisen und hält mich geistig jung.

Welche Ziele verfolgen Sie bei jungen Menschen?


Christoph Dahl: Es ist wichtig zu klären, was mit der digi- Christoph Dahl
talen Informationslawine geschieht, die uns überrollt. Da- ist seit 2010 Geschäfts-
für sind Leitlinien nötig, um unterscheiden zu können, was führer der Baden-
richtig oder falsch ist – und was Grundrechten wie der Württemberg Stiftung.
Menschenwürde widerspricht. Diese Kompetenz vermitteln Der gebürtige Reutlinger
wir. So wollen wir die Demokratie begreifbar machen und und Vater von fünf
den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Kindern arbeitete nach
dem Studium der
Sie haben 2018 eine Kampagne auf Facebook Geschichte und Germa-
gestartet. Worum ging es da? nistik in Tübingen unter Dr. Angela Kalous
Christoph Dahl: Hintergrund war ein Datenskandal. Um anderem als leitender leitet seit September
auf die Bedeutung des Datenschutzes hinzuweisen, haben Redakteur einer Tages- 2018 die Abteilung
wir unsere reguläre Kommunikation auf Facebook einge- zeitung und wechselte Forschung der Baden-
stellt und den Kanal genutzt, um über Datensicherheit im dann als Pressesprecher Württemberg Stiftung.
Netz zu informieren. Dazu haben wir Experten ins Boot ins Wirtschaftsministe- Zuvor war die promo-
geholt, die exklusive Beiträge für uns geschrieben, Inter- rium Baden-Württem- vierte Juristin sechs
views gegeben oder über Veranstaltungen berichtet haben. berg. Von 1991 bis 2005 Jahre lang Kanzlerin der
war Dahl Sprecher der Universität Heidelberg.
Welche Resonanz erhielten Sie darauf? CDU-Landtagsfraktion, Sie bekleidete zudem
Christoph Dahl: Bei Datenschützern rief die Kampagne danach bis 2010 verschiedene
Begeisterung hervor, aber auch in der Bevölkerung. Über Sprecher der Landes- Positionen im Wissen-
120 000 Nutzerinnen und Nutzer haben bis dato unsere regierung in Stuttgart. schaftsministerium und
Website zum Thema besucht. In den Printmedien hätte im Staatsministerium
ich mir hingegen eine größere Resonanz erhofft. Baden-Württemberg
sowie an der Universität
Herzlichen Dank für das Gespräch. ■ Karlsruhe.

Die Baden-Württemberg Stiftung


Die Baden-Württemberg Stiftung finanziert projekte laufen meist zwei bis drei Jahre. Die Beispiele aktueller Forschungsprojekte:
zurzeit insgesamt mehr als 70 Programme – Entscheidung über die Finanzierung eines • Neue Technologien: 3D-Sensorsysteme,
darunter 20 im Bereich Forschung, 19 zur Programms fällt nach Exzellenz und auf Basis High-Performance-Computing, 3D-Druck,
Bildung und 32 bei Gesellschaft und Kultur. von Evaluierungen durch externe Gutachter. Neurorobotik, Industrie 4.0
Projekte starten mit einem „Kick-off“, danach • Lebenswissenschaften: Epigenetik, Wirk-
Aktuelle Forschungsschwerpunkte: sind Meilensteine und Publikationen das Ziel. stoffforschung, nicht-kodierende RNAs
• Neue Technologien • Umwelt und Nachhaltigkeit: Rohstoff- und
• Lebenswissenschaften Typischer Verlauf eines Programms: Materialeffizienz in der Produktion, Nach-
• Umwelt und Nachhaltigkeit (1) Aufsichtsratssitzung, Ausschreibung haltiges Bauen
• Internationale Spitzenforschung (2) Einreichung der Anträge • MINT-Nachwuchs: Coaching4Future, Artur
• MINT-Nachwuchs (3) Evaluation durch Gutachter Fischer Erfinderpreis Baden-Württemberg
(4) Kick-off
Das Budget eines Forschungsprogramms be- (5) Zwischenbegutachtung Mehr Infos zur Stiftung und ihren
trägt vier bis fünf Millionen Euro. Forschungs- (6) Abschlussbegutachtung Programmen unter: www.bwstiftung.de

bild der wissenschaft plus | 17


SIMULATION

Dem Pfeifen
auf der Spur
Ein Forscherteam an der Universität Stuttgart entwickelt eine Methode, um aus unsicheren
Daten verlässliche technische Vorhersagen treffen zu können. Das funktioniert nur mit einem
sehr leistungsfähigen Computer
von MICHAEL VOGEL

B
ahnfahrer kennen das: Da verpasst
man den Anschlusszug nur um we-
nige Augenblicke – und man kommt
gleich mehrere Stunden später erst am
Ziel an. Kleine Ursachen können eben gro-
ße Wirkungen haben: Das ist nicht nur bei
der Reise mit der Bahn so. Vergleichbare
Phänomene gibt es in der Natur, der Tech-
nik, im Straßenverkehr und beim Verhal-
ten von großen Menschenansammlungen.
Sie werden in der Fachwelt als nichtlineare
Effekte bezeichnet.
Ein weiteres Beispiel sind die Strö-
mungsgeräusche bei Autos – Geräusche, die
durch den Fahrtwind entstehen. „Obwohl
die Fahrzeughersteller hierauf schon bei
der Entwicklung ihr Augenmerk legen,
kann es später beim Prototyp in gewissen
Situationen unangenehm pfeifen“, sagt
Andrea Beck. Die promovierte Luft- und
Raumfahrtingenieurin am Institut für Aero-
dynamik und Gasdynamik (IAG) der Uni-
versität Stuttgart entwickelt keine Autos,
aber sie erforscht Methoden, mit denen
sich dieses unerwünschte Pfeifen zuver-
lässig vorhersagen lässt. Ihr Werkzeug dafür
sind aufwendige Computersimulationen.
Andrea Beck prüft den Spalt an
einer Heckklappe. Solche
Störquellen können beim Kleine Ursache, große Wirkung
Fahren schrillen Lärm machen. „Simulationen, wie sie inzwischen bei der
Das Team um die Ingenieurin
Fahrzeugentwicklung etabliert sind, liefern
hilft, das zu verhindern.
leider kein vollständiges Bild dieser Pfeif-
geräusche“, beklagt Beck. Denn das Phäno-
men lässt sich nur schwer fassen: Ist die
Geschwindigkeit bloß wenig höher, tritt

18 | bild der wissenschaft plus


Der Lärm aus der Fuge: Das
Team aus Thomas Kuhn, Jakob
Dürrwächter und Claus-Dieter
Munz (von links) bewertet die
Ergebnisse einer Simulation, die
das Pfeifen womöglich nicht mehr auf. Ist Ausbreitung von Lärm in Strömungen“)
turbulente Schallwellen zeigt.
die Lufttemperatur etwas niedriger, wird werden diese Vorhersagen genauer er-
es vielleicht stärker. Und hat ein Spalt an forscht. Projektpartner des IAG ist das In-
der Heckklappe aufgrund der Fertigungs- stitut für Angewandte Analysis und Nume-
toleranzen eine nur geringfügig andere rische Simulation der Universität Stuttgart.
Breite, kann das den Pfeifton richtig schrill Durch die unsicheren Eingangsgrößen
klingen lassen. hat man es mit sehr großen Datenmengen muss für eine unserer Simulationen noch
zu tun. Denn Beck und ihr Team müssen viele Stunden lang rechnen“, verdeutlicht
Schwankende Eingangsgrößen einen realistischen Bereich bei Geschwin- Andrea Beck den Aufwand.
„An diesen Beispielen sieht man das digkeit, Temperatur und Fertigungstoleran-
grundsätzliche Dilemma heutiger Strö- zen abdecken und das alles dann zeitlich Auf viele Probleme übertragbar
mungssimulationen in der Automobilent- und räumlich fein aufgelöst simulieren. Im Projekt SEAL will das Wissenschaftler-
wicklung: Die möglichen Werte der Ein- Jede Eingangsgröße in der Simulation team erreichen, dass sich mit der neuen
gangsgrößen wie Geschwindigkeit oder kann in etlichen Millionen Varianten vor- Simulationsmethode zwei Fragen beant-
Fertigungsmaße können schwanken“, sagt liegen. Und für jede einzelne Eingangsgrö- worten lassen: Wann tritt das Pfeifen auf?
Beck. Deshalb gehen die Wissenschaftlerin ße gilt es, ungefähr zehn Millionen Zeit- Und wie lässt sich zuverlässig verhindern,
und ihr Team einen anderen Weg: „Wir ak- schritte zu simulieren. dass es pfeift?
zeptieren die Situation, akzeptieren sozu- Dafür genügt kein gewöhnlicher Büro- „Das Gute an unserem Ansatz ist, dass
sagen diese Unsicherheit, und suchen rechner – dafür bedarf es eines Supercom- er sich auf andere ingenieurwissenschaft-
nach rechnerischen Methoden, um daraus puters, wie er beispielsweise im Höchst- liche Probleme übertragen lässt“, betont
trotzdem verlässliche Vorhersagen treffen leistungsrechenzentrum der Universität die Forscherin – etwa auf die Frage, wie
zu können“, erklärt sie. Stuttgart steht: Ein PC arbeitet mit einigen sich Schwingungen auf die Lebensdauer
In dem von der Baden-Württemberg wenigen Prozessorkernen, ein Superrech- von Bauteilen auswirken. Eben auf alles,
Stiftung finanzierten Forschungsprojekt ner nutzt Hunderttausende oder Millionen wo eine kleine Ursache eine große Wir-
SEAL („Simulation der Entstehung und Kerne. „Und selbst so ein Supercomputer kung hat. ■

bild der wissenschaft plus | 19


DATENSCHUTZ

Gezähmte
Datenkraken
Der Konsument wird, oft ungewollt, zur Datenquelle. Karlsruher
Wissenschaftler haben eine Software entwickelt, durch die der
Nutzer die Kontrolle über seine persönlichen Angaben erlangt
von MICHAEL VOGEL

Hilfe für App-Nutzer: Gierige


Datenkraken greifen nach
„leckeren“ persönlichen Daten-
„Blüten“. Das System aus Karls-
ruhe wappnet diese dagegen.

20 | bild der wissenschaft plus


G
ut 3,5 Millionen Apps stehen in AVARE kann auch die Genauigkeit der AVARE falsche Daten ein, die aber als solche
Googles Play Store bereit. Der Groß- Ortsangabe innerhalb eines Radius von erkennbar sind.“ Die Schnittstelle des Mikro-
teil davon kostet – nichts. Genauer: mehreren Kilometern verwischen, sodass fons erhält ein Rauschen, die der Kamera
Ihr Download kostet kein Geld. Vielmehr zwar eine Wetter-App weiterhin verlässli- eine schwarze Fläche oder ein Wolkenbild,
bezahlt der Nutzer mit seinen Daten, weil che Voraussagen treffen kann, die Standort- die des Adressbuchs Notrufnummern von
er einer App Zugriffsrechte erteilt: auf information aber keine gebäudegenaue Feuerwehr und Pannendienst.
Adressbuch, Kamera und Bildergalerie, Mi- Auflösung mehr liefert. Die Wissenschaftler haben vorab analy-
krofon, Standortinfos und so weiter. Viele Um das Einrichten des Programms zu siert, wie AVARE in Einklang mit EU-Recht
Apps fordern mehr Zugriffsrechte, als sie erleichtern, haben die Forscher für Katego- aussehen muss. „Es gab bereits technische
für ihre Funktion benötigen, denn mit den rien wie „Messenger“ oder „Spiele“ Zu- Lösungen für Datensparsamkeit und Ano-
Daten lässt sich Geld verdienen, teils mehr griffsrechte voreingestellt. „So ist gewähr- nymisierung“, sagt Gunther Schiefer. Der
als mit Hard- und Software. Siehe Google, leistet, dass eine App weiter funktioniert“, Informatiker ist Mitarbeiter am KIT. „Doch
siehe Facebook, siehe Amazon. Deshalb gilt sagt Alpers. „Aber der Nutzer kann diese die greifen entweder in die Programmsub-
heute jeder Konsument als Datenquelle. Einstellungen jederzeit detailliert an seine stanz einer App ein, was Urheberrechte
Sich dem zu entziehen, ist schwer. Doch Bedürfnisse anpassen.“ Hat er sein Daten- verletzt, oder sie ermöglichen, die Zugriffs-
dass es grundsätz- schutzprofil für eine rechte nur pauschal zu erteilen oder zu ent-
lich geht, ohne zum Kategorie angelegt, ziehen. Beides wollten wir nicht.“
Totalverweigerer in kann er es auf alle Eine dritte Möglichkeit, um den Daten-
Sachen Digitalisie- Nützliche Einstellungen anderen Apps dieser zugriff von Apps zu kontrollieren, sei die
rung zu werden, ha- Kategorie sowie auf Installation eines anderen Betriebssystems:
ben nun Wissen-
für viele Apps weitere Geräte wie „Das ermöglicht dann zwar die gewünschte
schaftler des Karls- wie Spiele und Messenger Tablets oder Smart- differenzierte Rechteverwaltung“, erklärt
ruher Instituts für phones übertragen. Schiefer. „Doch die Gewährleistung des
Technologie (KIT) und des FZI Forschungs- „Die Synchronisation erfolgt über einen Geräts erlischt und der Nutzer benötigt
zentrums Informatik in Karlsruhe in einem Server des KIT. Die komplette Kommunika- technisches Know-how.“ Die einfache Be-
Forschungsprojekt gezeigt. Das Projekt, fi- tion wird dabei auf dem einen Endgerät ver- dienung sei aber wichtig, um viele Nutzer
nanziert durch die Baden-Württemberg schlüsselt und erst wieder auf dem anderen zu erreichen. „Sonst deinstallieren sie sol-
Stiftung, trägt den Namen AVARE („Anwen- Gerät entschlüsselt“, erklärt Alpers. „Der che Dienste bald.“ Daher haben die Forscher
dung zur Verteilung und Auswahl rechts- Austausch des digitalen Schlüssels zwi- vorab in Tests analysiert, wie Nutzer, die
konformer Datenschutzeinstellungen“). Das schen den beiden Endgeräten erfolgt direkt kein technisches Hintergrundwissen haben,
Ergebnis des Projekts kann sich sehen las- von Gerät zu Gerät über einen QR-Code.“ mit AVARE umgehen. Die Erkenntnisse
sen, denn es vereint auf clevere Weise die Der Server-Betreiber weiß also über die sind in Bedienkonzept und Gestaltung der
Reduktion von Daten mit rechtlicher Sicher- AVARE-Nutzer nur, dass sie existieren. grafischen Oberfläche eingeflossen.
heit und intuitiver Bedienbarkeit. „Wenn wir eine Anwendung entwickeln, Zum Projektende haben die Wissen-
Sascha Alpers, wissenschaftlicher Mitar- die Datenreduktion ermöglicht, würden wir schaftler den AVARE-Code als Open-Source-
beiter am FZI und einer der Projektbeteilig- uns sonst unglaubwürdig machen“, erklärt Software veröffentlicht. Sie hoffen, dass
ten, erläutert das Prinzip von AVARE an- der FZI-Informatiker. andere ihre Entwicklung aufgreifen. Sie sei
hand der beliebten Messenger-App Whats- Doch AVARE geht noch einen Schritt zwar ein Forschungsprojekt gewesen. Doch
App: „Wir haben einen Weg gesucht, um weiter: „Es gibt natürlich Apps, die so pro- Sascha Alpers ist optimistisch, dass „sich
Anwendungen wie WhatsApp uneinge- grammiert sind, dass sie ohne pauschal er- dank Open-Source zumindest einzelne
schränkt nutzen zu können, aber die eige- teilte Zugriffsrechte nicht funktionieren“, Funktionen in künftigen Anwendungen
nen Daten nur kontrolliert weiterzugeben.“ sagt Sascha Alpers. „In diesen Fällen spielt wiederfinden werden“. ■
AVARE lässt sich dazu auf einem Android-
Gerät wie eine App installieren und erzeugt
dann einen isolierten Bereich, über den die
Kommunikation zwischen Apps und Be-
triebssystem läuft. Das Prinzip ist in der Die App als Download
Softwarewelt etabliert und wird „Sandbox“
genannt. Will WhatsApp auf die Kontakte
Die in dem Forschungsprojekt AVARE entwickelte App ermöglicht eine zentrale
im Adressbuch zugreifen, erkennt AVARE Steuerung der Zugriffsrechte auf persönliche Daten. Die Grundlage dafür ist ein
das und ermöglicht dem Nutzer, nur ein- Präferenzprofil, das der Nutzer selbst anlegen und verwalten kann.
zelne Kontakte freizugeben und die Freiga-
be auch da auf Angaben wie Mobilnummer Die App ist als Download für Smartphones mit dem Betriebssystem Android
und Name zu beschränken. „Adresse oder (Version 6.X bis 8.X) erhältlich unter: www.avare.app
Geburtsdatum zum Beispiel sind ja für ei-
nen Chat nicht erforderlich“, sagt Alpers.

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INDUSTRIE 4.0

Beihilfe zur
Revolution
Die Digitalisierung der industriellen Fertigung ist eine Mammutaufgabe.
Wissenschaftler zeigen in Forschungsprojekten auf, wie kleine und mittlere
Unternehmen auf dem Weg zur Industrie 4.0 profitieren können
von MICHAEL VOGEL

E
s ist mal wieder von Revolution die das Forschungsprogramm „Industrie 4.0“
Rede. Diesmal im übertragenen Sinn, initiiert. Darin werden in mehreren Pro-
denn es geht um radikale Verände- jekten Technologien und Szenarien er-
rungen in den produzierenden Unterneh- forscht, die einfache Wege in die Digitali-
men. Das Schlagwort: Industrie 4.0. Die sierung des Produktionsalltags aufzeigen.
Vision: eine schnellere und flexiblere Fer- Zwei Forschungsprojekte – eines angesie-
tigung, ein höherer Grad an Automatisie- delt am FZI Forschungszentrum Informatik
rung und neue Erlösquellen. Zogen in den in Karlsruhe, das andere an der Universität
vergangenen vier Jahrzehnten PC, Software Stuttgart und am Fraunhofer-Institut für
und programmierbare Maschinen in die Produktionstechnik und Automatisierung
Produktion ein, so ist bei dem nun anste- IPA – sind beispielhaft dafür.
henden Wandel nicht mehr der Computer
die zentrale Technik, sondern die Vernet- Rücksichtsvolle Roboter Die Maschine als Kollege: Der
zung. Maschinen kommunizieren mit Ma- Was die Industrie 4.0 für die künftige Ar- Kalrsruher Forscher Arne
schinen und Sensoren, Sensoren mit Soft- beit in Fabriken bedeutet, lässt sich in ei- Rönnau entwickelt die techni-
waresystemen, Roboter mit Menschen. Eine nem Labor des FZI gut beobachten: Auf einer sche Basis, damit Mensch und
Roboter sicher und zielgenau
komplett digital gesteuerte Produktion gilt Arbeitsfläche stehen mehrere identische zusammenarbeiten können.
als die Idealvorstellung der Zukunft. Bauteile, auf denen jeweils eine Deckplatte
mit einigen Schrauben zu befestigen ist.
Einfache Wege weisen Am Rand des Tischs befindet sich ein Robo-
Eine besondere Herausforderung ist dieser terarm, vor dem Tisch steht Arne Rönnau.
Umbruch für kleine und mittlere Unter- Er steckt die Schrauben in die vorgesehenen
nehmen. Denn sie haben oft weder finan- Gewindelöcher, der Roboterarm zieht sie
zielle noch personelle Ressourcen, um dann mit dem gewünschten Drehmoment Bohrlöcher verschiedener Bauteile steckt,
große Veränderungsprojekte zu stemmen. fest. Das ist an sich nichts Besonderes. nicht ins Gehege kommt. Egal wie sich sein
Dabei fehlt es nicht am Willen – vor allem Doch der Roboter arbeitet nicht einfach menschlicher Kollege bewegt, der Roboter
nicht in der mittelständischen Industrie. Bauteil für Bauteil und Schraube für nimmt stets darauf Rücksicht. Rönnau ist
Das belegen aktuelle Studien mit über 1000 Schraube nacheinander ab – sondern er Wissenschaftler am FZI. Der Ingenieur lei-
Unternehmen: Schon heute steuert gut die achtet darauf, dass er Arne Rönnau, der die tete das Projekt „KolRob“, das nach drei
Hälfte der Befragten die eigene Produktion Schrauben in beliebiger Reihenfolge in die Jahren Laufzeit zu Ende ging.
zumindest in Teilen digital. Allerdings: „Wenn wir heute über Roboter in der In-
Nur fünf Prozent haben bereits alles oder dustrie reden, haben wir schnell die Robo-
weitgehend alles digital vernetzt. Damit KOMPAKT ter in der Automobilbranche vor Augen,
der Wandel zur Fertigung der Zukunft auch die in weitgehend menschenleeren Hallen
• Im Labor lassen sich künftige Abläufe
beim Mittelstand gelingt, der ja gemeinhin in der industriellen Fertigung bereits ihr Tagwerk verrichten“, sagt Rönnau. „Eine
als das Rückgrat der deutschen Wirtschaft heute durchspielen – etwa die Zusam- solche vollständige Automatisierung gibt
gilt, hat die Baden-Württemberg Stiftung menarbeit von menschlichen Arbeitern es aber selbst in der Automobilindustrie
und Robotern. So entwickeln Forscher
die bestmöglichen Konzepte zur Um-
setzung neuer Produktionstechnik.
22 | bild der wissenschaft plus
nur im Rohbau und bei den Lackierstraßen. Nutzen sofort erkennbar ist. Den Rest erle- gegen kann zwar auch fast fehlerfrei
In allen anderen Bereichen ist weiterhin digt weiterhin der Mensch. schrauben, aber eben nicht zu 100 Prozent,
viel Handarbeit gefordert.“ Und das, da ist „So ein Schraub-Arbeitsplatz wie in un- weil er ermüdet oder abgelenkt sein kann.
sich Rönnau sicher, wird auch künftig so serem Labor ist hierfür ein gutes Beispiel“,
bleiben: „Denn vieles ist nicht oder nur sagt der Forscher. Für einen Roboter ist es Genormte Zusammenarbeit
schwer automatisierbar – und wäre dann nämlich ein Riesenaufwand, eine Schraube „Seit 2016 gibt es eine international gültige
womöglich gar nicht wirtschaftlich.“ zu greifen und in die vorgesehene Bohrung Norm, die die direkte Zusammenarbeit von
zu stecken, für einen Menschen dagegen Roboter und Mensch ermöglicht“, sagt
Der Nutzen steht im Vordergrund nicht. Umgekehrt kann ein Roboter die be- Rönnau. „Ein Roboter darf einen Menschen
Er und sein Team sind mit KolRob daher reits in den Bohrungen steckenden Schrau- sogar berühren, weil die Norm festlegt, mit
einen Schritt zurückgegangen. Statt einen ben immer mit dem genau gleichen Dreh- welchen Kräften und Impulsen das gesche-
Fertigungsprozess rundherum zu automa- moment anziehen – und das zur Dokumen- hen kann, ohne für den Menschen gefähr-
tisieren, knöpften sich die Forscher dafür tation auch sofort digital an ein Qualitäts- lich zu sein.“ Man könne inzwischen also
nur jene Einzelschritte vor, bei denen der sicherungssystem melden. Ein Mensch da- „zertifiziert sichere“ Roboter kaufen – ein >
bild der wissenschaft plus | 23
Arbeitsteilung mit Köpf-
chen: Eine intelligente
dreidimensionale Über-
wachung des Arbeits-
raums stellt sicher, dass
sich menschliche Arbei-
ter und Kollege Roboter
nicht gegenseitig in die
Quere kommen. Das
clevere System ist eine
Entwicklung von
Christian Jülg, Gabriele
Bolano und Teamleiter
Arne Rönnau (von links).

gewaltiger Fortschritt im Vergleich zu den auf diese Weise ein Arbeitsplatz teilweise Menschen signalisieren, was er als nächs-
Lackier- und Schweißrobotern in der Auto- automatisieren lässt – ein interessanter tes tun will. Da sieht Arne Rönnau weite-
mobilindustrie. Die arbeiten hinter Absperr- Aspekt mit Blick auf den Mittelstand. ren Forschungsbedarf.
gittern oder Laserschranken. Kommt einem Neben solchen kollaborativen Arbeits-
Roboter ein Mensch zu nahe, schaltet er Gefühl der Vertrautheit szenarien kommt in der Industrie 4.0 vor
sich sicherheitshalber sofort ab. Bei der technischen Umsetzung konnten allem der Vernetzung große Bedeutung zu.
Die FZI-Entwicklung dagegen nimmt die FZI-Wissenschaftler im Rahmen des Zwar gibt es so etwas bereits heute, doch
Rücksicht auf den Menschen, was auch das Forschungsprojekts auch überraschende sind diese Verknüpfungen – etwa zwischen
Kürzel „KolRob“ ausdrückt. Das steht für Verhaltensweisen bei den Menschen beob- mehreren Maschinen und einer übergeord-
„kollaborativer, intelligenter Roboterkol- achten, die mit Robotern zusammenarbei- neten Steuerungs- und Planungssoftware –
lege“ – ein neuer Kollege für Facharbeiter ten: „Wenn jemand KolRob zum ersten Mal reine Insellösungen: Sie funktionieren nur
des Mittelstands. Um das rücksichtsvolle ausprobiert, agiert er sehr vorsichtig“, sagt in einem bestimmten Unternehmen oder an
Benehmen zu ermöglichen, überwachen Rönnau. „Doch da es nie zu Berührungen einer Anlage. Mehr noch: Die Fertigungs-
Kameras den voll- kommt, entsteht betriebe sind dabei auf die Produkte ange-
ständigen Arbeits- nach und nach eine wiesen, die es von Softwareherstellern,
raum von Mensch Art von Vertrautheit: Maschinen- und Anlagenbauern gibt. Und
und Roboter. „Aus Kameras wachen über den das Gefühl, im Team häufig deckt sich das Angebot nicht mit
ihren Bildern ermit-
telt ein von uns ent-
Arbeitsraum von zu arbeiten.“ Die
Forscher haben so-
den Bedürfnissen, die ein Industrieunter-
nehmen bei der Vernetzung hat.
wickelter Algorith- Mensch und Maschine gar festgestellt, dass
mus ständig dreidi- die Rücksicht des Suche nach der kleinen Lösung
mensional Aufenthaltsort und Bewegungen Roboters manchmal zu weit geht: Wenn Zwar ist mit Beratern und viel Geld vieles
des Menschen“, erklärt Rönnau. „Und er man immer wieder im Weg steht, würde machbar, aber für kleinere Unternehmen
regelt vorausschauend die Bewegungen des ein menschlicher Kollege das irgendwann oft zu teuer. Sie sind eher an einer schnell
Roboters, um Kollisionen zu vermeiden.“ monieren. Der Roboter dagegen plant ein- zu realisierenden „kleinen“ Lösung inte-
Damit er den Menschen nicht behin- fach jedes Mal um, ohne zu murren – und ressiert, mit der sich zumindest die bren-
dert, sucht sich der Roboter selbstständig wird dadurch selbst am Arbeiten gehindert. nendsten Probleme beheben lassen. Wis-
eine neue Aufgabe, zum Beispiel ein ande- Ein kollaborativer Roboter muss also in senschaftler des Fraunhofer IPA und des
res Bauteil. Das geschieht quasi in Echtzeit: gewissem Maß auch durchsetzungsfähig Instituts für Parallele und Verteilte Systeme
In weniger als einer Zehntelsekunde er- werden, etwa indem er durch maschinelles der Uni Stuttgart hatten bei ihrem gemein-
kennt der Roboter, dass der Mensch im Weg Lernen vorhersehen kann, was die nächsten samen Forschungsprojekt „MIALinx“, einem
steht, und plant seine Route blitzschnell Handlungen des Menschen sein werden. weiteren Projekt der Baden-Württemberg
neu. Eine Stärke des KolRob-Ansatzes ist Dann kann er seine Routenplanung darauf Stiftung im Programm Industrie 4.0, genau
auch der geringe Aufwand, mit dem sich ausrichten. Oder der Roboter muss dem diese Problematik vor Augen.

24 | bild der wissenschaft plus


INDUSTRIE 4.0

Dominik Lucke verdeutlicht den Gedan- tion Assistant. Darüber lassen sich rasch dass auch damit Industrie 4.0 machbar ist“,
ken an einem Beispiel: „In jeder Fertigung und auch ohne Informatikkenntnisse Sen- sagt Lucke. Das ist nötig, weil in der Indus-
gibt es Schaltschränke, über die sich die soren, Maschinen und Softwaresysteme ver- trie Maschinen ein bis zwei Jahrzehnte lang
Maschinen und Anlagen elektrisch versor- netzen. „In einem produzierenden Unter- im Einsatz sind – und kein Betrieb seinen
gen lassen.“ Diese Schaltschränke müssen nehmen könnte ein Facharbeiter, Meister Maschinenpark komplett modernisiert, nur
über einen Lüfter gekühlt werden. Und: oder Ingenieur die Vernetzung vornehmen“, um ihn vernetzen zu können. Nachrüsten
Damit die Elektronik im Innern dadurch sagt Lucke. Im Beispiel des Schaltschranks ist möglich, so die Botschaft der Forscher.
nicht verschmutzt, wird die Luft gefiltert. würde ein einfacher optischer Sensor die
„Da die Filter im Lauf der Zeit verschmut- Verschmutzung des Filters regelmäßig Die Zukunft muss nicht teuer sein
zen, müssen sie in einem festgelegten überprüfen. Wenn ein Austausch ansteht, An der Drehbank kontrollieren Sensoren
Turnus gewechselt werden“, erklärt Lucke. könnte er über die neu entwickelte Infor- die Riemenspannung und die Drehzahl.
Ob die Filter dann wirklich schon so mationsinfrastruktur eine Nachricht aufs „Kommt es zu Abweichungen von zuvor
verdreckt sind, dass ihr Austausch notwen- Diensthandy des Technikers und eine definierten Werten, schickt die Software ei-
dig ist, oder ob sie gar schon so schmutzig E-Mail an das Softwaresystem schicken, ne E-Mail und eine Ampel springt von
sind, dass die Elektronik im Schaltschrank das alle Wartungsarbeiten erfasst. „In MIA- Grün auf Rot um“, sagt Lucke. „Auf der letz-
unzureichend gekühlt wurde, lässt sich erst Linx muss dazu der Sensor mit seinem ten Hannover Messe Industrie haben wir
beurteilen, wenn man nachgeschaut hat. Profil einmal erfasst werden, um dann zudem die Überwachung einer Kühlmittel-
„Das klingt nach einem unbedeutenden Pro- durch einfach anzulegende Wenn-dann- pumpe demonstriert, wie sie an Werkzeug-
blem“, meint Lucke. „Aber in der Fertigung Regeln Alarm auslösen zu können“, erläutert maschinen zum Einsatz kommt.“ Kurz vor
stehen mehrere Hundert Schaltschränke – Lucke. „Diese Regeln wären danach auch dem offiziellen Projektende testen die
da wird die Instandhaltung schnell zur für andere Kommunikationsfälle im System Wissenschaftler MIALinx in einem Unter-
Zeitfrage.“ Daher wäre es schlauer, wenn hinterlegt, wären also wiederverwendbar.“ nehmen unter realen Bedingungen. „Wir
sich jeder Schaltschrank selbst melden wür- Im Labor haben Dominik Lucke und sei- haben in Workshops, Seminaren und auf
de, sobald er einen neuen Filter benötigt. ne Kollegen ein Szenario mit MIALinx auf- Messen sehr positive Reaktionen von Ex-
gebaut und ausgiebig getestet, um die perten aus Unternehmen bekommen, die
Eine SMS vom Sensor Machbarkeit zu demonstrieren. Es handelt in der Fertigung arbeiten“, freut sich Do-
Die Stuttgarter Forscher haben dafür eine sich um zwei Sensorquellen: den Schalt- minik Lucke. „Sie fanden vor allem beste-
nach modernen Kriterien gestaltete, web- schrank und eine Drehbank aus den 1950er- chend, wie einfach MIALinx sich handha-
basierte Informationsinfrastruktur entwi- Jahren. „Wir haben uns bewusst für so eine ben lässt.“ Industrie 4.0 muss eben nicht
ckelt: MIALinx, den Manufacturing Integra- alte Maschine entschieden, um zu zeigen, kompliziert und teuer sein. ■

Wartung nach Bedarf: Der


„Manufacturing Integration
Assistant“ MIALinx ermöglicht
es, Maschinen, Sensoren und
Softwaresysteme zu vernetzen
– rasch und ohne Informatik-
kenntnisse. So lassen sich un-
nötige Inspektionen vermeiden.
Im Bild: die Stuttgarter For-
scher Emir Cuk, Dominik Lucke
und Michael Luckert (v. l.).

bild der wissenschaft plus | 25


ZUKUNFTSAKADEMIE

Helle Köpfe
In der Zukunftsakademie der Stiftung Kinderland erfahren Jugend-
liche mehr über Themen, die für die Menschheit eine wichtige
Rolle spielen werden. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz
sind Paradebeispiele dafür
von MICHAEL VOGEL

I
rgendwann in der neunten oder zehnten „Wir wollen Jugendliche an Zukunfts-
Klasse muss es gewesen sein, als Katha- themen heranführen, von der Technik bis Ein buntes Team: Rund 20 Mädchen
und Jungen drangen bei einem
rina Vogl erstmals etwas über Künstliche zur kreativen Schreibwerkstatt“, erläutert
Workshop der Zukunftsakademie
Intelligenz (KI) hörte. „Dabei ging es vor Marianne Schultz-Hector, Kultusministerin tief ins Thema Digitalisierung ein.
allem um die Gefahren, die durch einen a.D., Mitglied im Stiftungsrat und Ideen- Die gestellten Aufgaben forderten
Missbrauch von KI entstehen können“, er- geberin für die Zukunftsakademie der die Jugendlichen und machten Spaß.
innert sie sich. Irgendwie fand die Schüle- Stiftung Kinderland. An den Workshops
rin das unbefriedigend: „Ich dachte, das können jeweils rund 20 Jugendliche teil-
kann doch nicht alles sein. Es gibt doch nehmen, doch die Bewerberzahl ist teils
immer Vor- und Nachteile – nicht nur mehr als doppelt so hoch. „Unser Online-
Nachteile.“ Fortan hörte sie genauer hin, Bewerbungsverfahren ist niederschwellig“,
wenn sie irgendwo etwas zum Thema auf- sagt Denise Uhlenbrock, Referentin Gesell-
schnappte und begann, mehr über Künst- schaft und Kultur bei der Baden-Württem- Der Workshop begann mit einer Führung
liche Intelligenz zu lesen. berg Stiftung. „Nur wenige persönliche durch Labors des Max-Planck-Instituts für
Inzwischen besucht Katharina Vogl die Angaben sind erforderlich – und natürlich Intelligente Systeme in Tübingen. Dort
zwölfte Klasse des Georg-Büchner-Gym- eine Begründung für die Motivation.“ Eine konnten die Jugendlichen unter anderem
nasiums in Winnenden. Biologie und Che- Jury der Stiftung wählt die Jugendlichen einen 3D-Scanner testen, der Menschen in
mie hat sie neben den Pflichtfächern – aus. Bei dem Workshop „Digitalisierung/ Bewegung erfasst, und mit einem Roboter
Deutsch, Mathe und eine Fremdsprache – Künstliche Intelligenz“ waren es acht Mäd- interagieren – Techniken, die Bestandteil
als weitere Hauptfächer gewählt. „Über die chen und elf Jungen. aktueller Forschungsprojekte sind. Der
KI-Forschung erfährt man in der Schule
wenig“, sagt Vogl. So kam es, dass sie sich
für den Workshop „Digitalisierung/Künst-
liche Intelligenz“ der Zukunftsakademie
beworben hat.
Lego-Mindstorm
Marke Eigen-
Wasser, Bildung und Work-Life-Balance bau: Henriette
Die Zukunftsakademie der Stiftung Kinder- Stehr und
Katharina Vogl
land gibt es seit 2012 unter dem Dach der
(rechts) haben
Baden-Württemberg Stiftung. Das Angebot den Roboter
ermöglicht Jugendlichen zwischen 15 und auch selbst pro-
18 Jahren, sich in Wochenend-Workshops grammiert.
mit Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft
und Praxis auszutauschen. Der themati-
sche Fokus liegt auf künftigen Herausfor-
derungen. Themen waren zum Beispiel
bereits Wasser, Mobilität, Energie, Bildung,
Work-Life-Balance sowie Integrations- und
Flüchtlingspolitik.

26 | bild der wissenschaft plus


Roboter etwa kann einem Menschen eine Städte auswirken könnte. Dabei kam auch
Tasse geben – er muss also sein Gegenüber die Praxis nicht zu kurz: „Wir konnten etwa
wahrnehmen und flexibel auf die Position Wissenschaftler werden mit Virtual-Reality-Brillen Städte von oben
der menschlichen Hand reagieren können. betrachten und sehen, wie sich urbane
„Bei den Demo-Experimenten ging es
von den Jugendlichen mit Räume verändern“, berichtet die Schülerin.
auch immer um die Frage, was Künstliche Fragen gelöchert Danach trugen die Teilnehmer in Gruppen-
Intelligenz heute bereits kann“, sagt Tama- arbeit Ideen zur „Zukunftsstadt“ zusammen
ra Almeyda. Sie führte die Jugendlichen wissenschaftlich interessierte Gymnasias- und präsentierten ihre Ergebnisse im Ple-
durchs Institut und ist Koordinatorin des ten. 2017 hat sie sich im Rahmen der Zu- num. Auch am Nachmittag und am dritten
Cyber Valley, einer vom Land Baden-Würt- kunftsakademie auch schon am Workshop Tag war Gruppenarbeit angesagt, diesmal
temberg geförderten Forschungskooperati- „Zukunft MINT“ beteiligt. Und sie hat in über Drohnen sowie Digitalisierung und KI
on von Wissenschaft und Industrie zur einem Ferienkurs programmieren gelernt. in Technik und Wissenschaft oder Medizin.
Künstlichen Intelligenz. „Die Teilnehmer Das kommt ihr nun zugute, denn sie Vogls Gruppe bearbeitete das Medizin-
sprachen mit Forschern und stellten un- nimmt an „Jugend forscht“ teil. thema. Internet und Zeitschriften dienten
glaublich viele Fragen“, berichtet Almeyda. „Ich möchte einen Algorithmus auf der als Recherchebasis. Krebsfrüherkennung,
„Man spürte, dass die jungen Leute bereits Grundlage eines neuronalen Netzes entwi- intelligente Kontaktlinsen, 3D-Druck von
viel über Digitalisierung und KI wussten.“ ckeln, mit dem sich medizinische Auffällig- Organen und roboterassistierte Operationen
Das naturwissenschaftliche und techni- keiten in Patientenakten automatisiert er- – die Liste interessanter Themen war lang.
sche Vorwissen der Workshop-Teilnehmer kennen lassen“, sagt die Schülerin. Neben- Ihre Ergebnisse aus dem Workshop der Zu-
hat auch Denise Uhlenbrock beeindruckt: bei hat sie sich zur MINT-Mentorin ausbil- kunftsakademie der Stiftung Kinderland
„Bei den Bewerbungen konnten wir nur den lassen, um eine Arbeitsgemeinschaft präsentierten wieder alle Gruppen in großer
staunen. So programmierten Schüler privat für andere Schüler anzubieten. Runde. „Das war spannend, zumal man
oder nahmen an Meisterschaften für Lego- Am Vormittag des zweiten Workshop- hier auf Gleichgesinnte trifft, die sich über
Roboter teil.“ Katharina Vogl experimen- Tags erfuhren Vogl und ihre Mitstreiter Wissenschaft, Forschung und Innovation
tiert alle zwei Wochen in der Chemie AG des von Forschern des Stuttgarter Fraunhofer- unterhalten wollen“, sagt Katharina Vogl, die
Schülerlabors Kepler-Seminar in Stuttgart, Instituts für Arbeitswirtschaft und Organi- sich vorstellen kann, später einen Beruf
einem Angebot für mathematisch-natur- sation IAO, wie sich die Digitalisierung auf mit Technik und Medizin zu ergreifen. ■

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AUF TOUR

Digital durchstarten
Der interaktive Truck „expedition d“ vermittelt Schülern in Baden-Württemberg Einblicke in eine Arbeits-
welt, die durch digitale Techniken bestimmt sein wird
von FRANK FRICK

A
nna steigt die Treppe hinauf in den gigantischen Medienwand, die eine ganze führen. Anna schwankt zwischen zweien
Truck. Er steht seit Montagmorgen Längsseite des Trucks einnimmt. Die der möglichen Themen: „Konstruiere ein
auf dem Schulhof. Wegen seiner Coaches führen den Schülern vor Augen, selbstfahrendes Auto“ und „Erstelle eine
hohen Aufbauten, seinen Grafiken und der wie Digitalisierung die künftige Arbeits- Smart Watch.“ Ihre zwei Freundinnen geben
Aufschrift „expedition d“ ist er kaum zu welt beeinflusst. Dabei zeigen sie Videos den Ausschlag: Ihnen erscheint die fiktive
übersehen. Anna weiß: Das „d“ steht für und Bilder, die sie durch einfache Berüh- Autoentwicklung besonders spannend.
Digitalisierung. Was sie im Truck erwartet, rungen der Medienwand abrufen. Dann Die Coaches teilen an jede Dreiergruppe
weiß sie dagegen nicht. fordern sie die Schüler auf, sich in Dreier- einen Tablet-Computer aus. Darauf findet
Zuerst sind das zwei Coaches. Sie emp- gruppen zusammenzuschließen, um ge- Annas Team eine Aufzählung von fünf digi-
fangen Anna und ihre Mitschüler vor einer meinsam je einen Arbeitsauftrag auszu- talen Techniken, die beim selbstfahrenden

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Auto wichtig sind. Drei davon sollen die
Mädchen näher erkunden. Anna und ihre
Freundinnen entscheiden sich für „Virtuelle
Realität (VR)“, „Sensorik“ und „Kommuni-
kationsprotokoll“. Eine Karte auf dem Tab-
let, in dem die entsprechenden Stationen
markiert sind, erklärt den Mädchen, welche
Techniken wo im 50 Quadratmeter großen
Der Truck „expedition d“ zeigt
Untergeschoss des Trucks zu finden sind. Schülerinnen und Schülern,
welche Auswirkungen die
Mit VR-Brille durchs Weltall Digitalisierung auf Berufe hat.
An der ersten Station von Annas Team kön-
nen sich die Schülerinnen mit VR-Brille
virtuell durch das Weltall bewegen. Mit dem
Controller, einem stabförmigen Steuergerät, funktioniert nur mit polarisiertem Licht“. zum Truck. Gemeinsam schauen sie alle
verschieben sie die Planeten und bringen Stimmt das? Nein, entscheiden sie letztlich. Stationen an und sprechen über die Infos
sie in ihre richtige Umlaufbahn. Danach Auch bei den folgenden Fragen zur Be- zu mehreren Berufsbildern.
sind sich Anna und ihre Freundinnen bei deutung der Virtuellen Realität im Berufs- „Wir möchten den Schülerinnen und
einem kleinen Verständnistest sicher: leben liegt Annas Gruppe richtig. Denn tat- Schülern zeigen, dass ihre berufliche Zu-
„Sensoren in einer VR-Brille erfassen durch sächlich werden Informatiker für jede VR- kunft von der Digitalisierung geprägt sein
Messung der Beschleunigungskräfte die Anwendung gebraucht. Und ja, als Auto- wird“, sagt Sabine Pfeifer, bei der verant-
Position des Kopfes und passen dadurch mobilkauffrau kann man mittels Virtual wortlichen Projektagentur Flad & Flad die
das Video in der Brille an“. Das wissen die Reality „Kunden helfen, ihr Wunschauto zu Leiterin des Programms „Coaching4Future“.
Mädchen aus dem Physikunterricht. Doch erleben, bevor es überhaupt gebaut wurde“. Expedition d ist ein neuer Baustein dieses
grübeln müssen sie bei der Aussage „VR Ähnlich ist der Ablauf an Annas nächster Programms, das die Baden-Württemberg
Station, die sich mit Sensoren beschäftigt. Stiftung, der Arbeitgeberverband Südwest-
Sie ermöglichen es unter anderem, dass metall und die Bundesagentur für Arbeit
ein Auto auftauchende Hindernisse selbst- finanzieren. Das Ziel: Nachwuchs gewin-
ständig erkennt. Die dritte Station der nen für Berufe, die auf den MINT-Fächern
Gruppe ist die Medienwand, die Anna (Mathematik, Informatik, Naturwissen-
nicht nur wegen ihrer Größe und ihren schaft und Technik) basieren.
scharfen Bildern beeindruckt: Auf jede ihrer „Die Schüler erstellen ihr Poster als ein
Touch-Eingaben reagiert die Wand blitz- eigenes digitales Produkt. Dazu erkunden
schnell und zuverlässig, obwohl viele sie verschiedene Technologien. Dann er-
Schüler gleichzeitig ihre Finger spielen bringen sie eine Transfer-Leistung: Sie er-
lassen. Denn auch andere Gruppen ihrer kennen, was die einzelne Technologie mit
Klasse erkunden an der Medienwand Tech- ihrem Produkt zu tun hat und wie Techno-
niken, die sie für ihren Auftrag benötigen. logien zusammenspielen“, erklärt Pfeifer.
Anna lernt: Kommunikationsprotokolle Im Obergeschoss des Trucks bieten die
sind ein Regelwerk, das Maschinen – also Coaches vertiefende Workshops an.
auch selbstfahrende Autos – benötigen, Nach dem Start der expedition d können
wenn sie miteinander kommunizieren. Schülerinnen und Schüler in Baden-Würt-
temberg das gleiche erleben wie die fiktive
Resultate auf dem Digiposter Anna. „Wenn wir die Schulen über den Start
Nach dem Rundgang erstellt Annas Gruppe der expedition d informiert haben, wird der
noch im Truck das in der Aufgabenstellung Truck schnell über ein Jahr im Voraus aus-
geforderte digitale Poster „Unser selbstfah- gebucht sein“, ist Christoph Dahl über-
rendes Auto“. Mithilfe von vorgefertigten zeugt. Der Geschäftsführer der Baden-
Grafiken und Textbausteinen stellen die Württemberg Stiftung kann sich auf die
Freundinnen darauf die drei erkundeten Erfahrung mit dem Truck „Discover Indus-
Eine Tafel für das digitale Techniken kurz vor und ergänzen eigene try“ berufen, der seit 2015 durchs Land
Erlebnis: Auf einer riesigen Anmerkungen. Später im Unterricht laden tourt und Schülerinnen und Schülern den
Medienwand können die
Besucher des Trucks Fakten, sie das Digiposter aus dem Internet herun- industriellen Produktentstehungsprozess
Bilder und Videoclips zu den ter. So können alle Schüler verfolgen, was nahebringt. Er ist dreifach überbucht. ■
Exponaten abrufen. die anderen Gruppen gemacht haben. Zu
Hause zeigt Anna ihren Eltern die Webseite Mehr Infos unter: www.expedition.digital

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ADDITIVE FERTIGUNG

Ein Dach
aus Roboterhand
Architekten, Ingenieure und Verfahrenstechniker aus Baden-Württemberg
erfinden das Bauen neu. Ihr Konzept basiert auf einer Verbindung von
additiver Fertigung mit einem digitalen Entwurfsverfahren für Bauteile
beliebiger Größe und Gestalt. Die neue Methode bietet etliche Vorteile
von RALF BUTSCHER

W
er wissen will, wie die Zukunft Württemberg Stiftung drei Jahre lang finan-
des Bauens aussehen könnte, ziert. Ziel des Projekts aus dem Programm
sollte seinen Blick in eine kleine „Additive Fertigung“ ist es, Leichtbau-Ver-
Fabrikhalle auf einem alten Industriege- bundwerkstoffe wie Carbonfasern für das
lände im Stuttgarter Stadtteil Wangen rich- Bauen nutzbar zu machen.
ten. Dort haben Forscher der Universität Der Vorteil dieser Materialien ist ihre
Stuttgart eine pfiffige Maschine aufgebaut, hohe Beständigkeit bei zugleich geringem
die aus fast endlos langen Fasern von Glas Gewicht. Allerdings: Die „Wunderwerk-
oder Carbon filigrane Objekte formt – stoffe“ sind teuer. Deshalb blieb ihr Einsatz
Komponenten, die sich beim Bau großer für Architekten und Bauingenieure bislang
Gebäude wie Bahnhofshallen oder Fuß- meist ein unerfüllbarer Wunschtraum. Das
ballstadien nutzen ließen. Der Clou dabei: könnte sich durch das neue Verfahren än-
Die sehr robusten und zugleich extrem dern, das die Forscher des Projektteams
leichtgewichtigen Bauteile entstehen förm- der Universität Stuttgart, bestehend aus
lich aus dem Nichts – nach dem Prinzip der Wissenschaftlern des ICD und der Institute
additiven Fertigung, der Herstellung von für Tragkonstruktion und konstruktives
Produkten durch Hinzufügen von Material. Entwerfen (ITKE) sowie für Textiltechnik, gewünschten Weise wickelt. Das digitale
„Ein Roboter zieht die Fasern durch ein Faserbasierte Werkstoffe und Textilmaschi- Verfahren ermöglicht es, die Fertigung von
Bad mit einem speziellen Harz“, erklärt nenbau (ITFT), entwickelt haben. Bauteilen beliebiger Form zunächst am
Achim Menges. Die zähe Flüssigkeit tränkt Rechner zu simulieren – und dabei die Ab-
die mikrometerfeinen Fibrillen, verbindet Rundherum digital folge der Punkte im Raum zu finden, die
sie miteinander und verleiht ihnen nach Der Trick, mit dem die Forscher aus dem der Roboter ansteuern muss, um das Faser-
dem Aushärten die fünffache spezifische Südwesten das erreicht haben, ist das Ver- gebinde in die richtige Gestalt zu bringen.
Steifigkeit von Stahl. Die Form des so ge- knüpfen von additiver Fertigung mit einem „Mit herkömmlichen, analogen Planungs-
fertigten Objekts entsteht um ein Grund- cleveren digitalen Planungsverfahren. Als verfahren wäre das nicht möglich, vor allem
gerüst von Glasfasern, das mit den Carbon- additive Fertigungseinheit fungiert der Ro- bei komplexen Formen“, sagt Menges.
fasern umwickelt wird – und ist vorgegeben boter, der die Fasern präpariert und in der Menschliche Intuition genügt nicht, um die
durch einen digitalen Bauplan. Menges ist geeigneten Raumpunkte und die Abfolge
Leiter des Instituts für Computerbasiertes ihrer Ansteuerung ausfindig zu machen.
Entwerfen (ICD) der Universität Stuttgart. KOMPAKT Die digitale Art der Gestaltung und Pla-
Der Architekt koordiniert das 2017 gestarte- nung dagegen führt zu einem architekto-
• Ein Roboter wickelt Fasern aus Glas
te Forschungsprojekt „Additive Fertigungs- oder Carbon zu filgranen Bauteilen – nischen Entwurf, der sich mit möglichst
methoden für Faserverbund-Großbauteile etwa für Messehallen oder Sport- geringem Aufwand umsetzen lässt – und
im Bauwesen“ (AddFiberFab), das die Baden- stadien. Die ressourcenschonende bei dem nur so viel Material verbraucht
und vielseitige Methode basiert auf
einem digitalen Ansatz, der herkömm-
liche Baukonzepte auf den Kopf stellt.
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Es begann mit einer visionären
Idee: Konzeptzeichnung des
„Faserpavillons“ auf der Bundes-
gartenschau 2019 in Heilbronn.
Seine frei tragende Konstruktion
besteht aus Komponenten, die ein
wird wie unbedingt nötig ist. „Damit haben sierung umgehen kann“, meint Menges. Es Roboter gefertigt hat.
wir eine echt digitale Methode für die Bau- habe zwar bereits zuvor Ansätze gegeben,
industrie geschaffen“, freut sich Menges. digitale Techniken beim Bauen zu nutzen –
Um das Bauteil herzustellen, sind weder „doch die beruhten stets darauf, bekannte
stützende Hilfsstrukturen oder teurer For- Prozesse einfach zu automatisieren.“ So
menbau erforderlich noch zusätzliche Bear- gibt es Maurerroboter, die Ziegelsteine hervorgehenden Bausysteme und Kon-
beitungsschritte, etwa das Zuschneiden selbstständig aufeinandersetzen können. struktionen von Anfang an ganzheitlich neu
oder Nachbearbeiten der Bauteile. Die Glas- Allerdings: „Mit solchen Techniken lässt denken.“ Diese Maxime haben die Wissen-
faser, die im ersten Schritt arrangiert und sich das Potenzial der Digitalisierung nicht schaftler im Projekt AddFiberFab beherzigt
danach mit der harzgetränkten Carbonfaser ausschöpfen“, sagt der Stuttgarter Archi- – und dadurch die Grundlage für einen Para-
umhüllt wird, bleibt ein integraler Bestand- tekt. Ziegelsteine etwa hätten nur deshalb digmenwechsel beim Bauen geschaffen.
teil des fertigen Produkts, sagt der Forscher. die bekannte Form und Größe, weil ein Das Konzept dafür haben die Forscher
Mensch sie so bequem handhaben könne. bei der Natur abgeschaut – ein bestechen-
Paradigmenwechsel beim Bauen In der digitalen Welt sind solche Vorga- des Beispiel für die Bionik: die Nutzung
Für ihn ist das komplett computergestütz- ben und Beschränkungen sinnlos, betont natürlicher Prinzipien in der Technik. „Zu
te Verfahren ein enormer Schritt für die Achim Menges. „Stattdessen müssen wir Beginn unserer Forschung diente uns unter
Baubranche. „Denn dieser fehlten bislang Entwurfs- und Planungsmethoden, Ferti- anderem das Exoskelett von Krustentieren
Visionen, wie sie sinnvoll mit der Digitali- gungs- und Bauprozesse sowie die daraus wie dem amerikanischen Hummer als Vor- >
bild der wissenschaft plus | 31
In Form gewickelt: Architektur-
professor Achim Menges zeigt
den Prototyp eines Großbau-
teils aus Verbundwerkstoffen.
Die meterlange Komponente
aus Glas- und Carbonfasern
wiegt nur wenige Kilogramm.

bild“, berichtet Menges. Die Körperteile des verstehen und für die Fertigung von Bau- schaftler. Denn die Bauwirtschaft ist welt-
Krustentiers haben ganz unterschiedliche teilen nutzbar machen. Mit ihren digitalen weit der größte Müllproduzent. Rund die
Merkmale: Seine Scheren sind hart und Ansätzen stellen sie die bisher gültigen Hälfte aller Abfälle entstehen beim Bauen
verformen sich nicht, andere Teile der Grundprinzipien des Bauens auf den Kopf. von Häusern, Brücken und Straßen – oder
Hummerschale hingegen sind weich und „Das Projekt der Baden-Württemberg Stif- bei ihrem Abriss am Ende der Nutzungs-
flexibel. Die Eigenschaften gehen fließend tung ist ein großer Schritt in diese Rich- dauer. Allein in Deutschland kommen so
ineinander über und hängen zudem davon tung“, sagt Achim Menges. laut Umweltbundesamt Jahr für Jahr rund
ab, von welcher Seite man das Tier anfasst. In der ersten Phase des Projekts haben 200 Millionen Tonnen nur an minerali-
die Forscher schon viel erreicht. Sie konn- schen Bauabfällen zusammen: zum Bei-
Die Natur stand Pate ten zeigen, dass die Technik funktioniert spiel Schutt, Steine und Asphalt. Hinzu
„Dennoch besteht das gesamte Exoskelett und sind in der Lage, bis zu zwölf Meter kommen weitere Abfälle wie gipshaltige
des Hummers aus demselben Material“, lange Komponenten aus den Faserwerk- Materialien.
betont Menges: aus einem natürlichen Ver- stoffen dreidimensional additiv zu fertigen.
bundwerkstoff mit Fasern von Chitin. „Die Die Vorteile des neuen Verfahrens sind Ein Mittel gegen die Müllberge
Natur schafft es, mit einem einzigen Mate- überzeugend: „Da wir dafür nur wenig von „Wir sollten daher jedes weitere Fertigungs-
rial das gesamte Exoskelett zu formen und dem kostbaren Carbon-Material benötigen, verfahren vermeiden, das zusätzlichen
dabei das vollständige Spektrum an mögli- lässt sich der Werkstoff tatsächlich wirt- Unrat erzeugt“, sagt Menges. Die additive
chen Materialeigenschaften abzubilden.“ schaftlich rentabel zum Bauen einsetzen“, Fertigung von Bauwerkskomponenten in
Das Konstruktionsprinzip der Natur lautet: sagt Menges. Zugleich bietet die additive Kombination mit einer durchgehend digi-
„Material ist teuer, Form ist billig“, erklärt Herstellung im freien Raum eine schier talen Planung dagegen könnte die Müll-
der Stuttgarter Architekturprofessor. „Daher unendliche Vielfalt an Möglichkeiten bei berge am Bau schrumpfen lassen: Am Ende
versucht sie, so viel wie möglich durch eine Größe und Gestalt der gefertigten Objekte – des Bauprozesses bleibt kein Material übrig.
geschickte Gestaltung natürlicher Faser- im Prinzip ließe sich so ein komplettes Allerdings: Die neue Methode eignet
materialien wie Chitin, Kollagen oder Zellu- Hallendach am Stück produzieren. Und: sich nicht für alle Bauwerke. „Sie ergibt vor
lose zu erreichen. Es bleibt kein Abfall zurück. Alles, was an allem dort Sinn, wo weite Distanzen über-
Die Raffinesse dieser Konstruktionsprin- Material zur Herstellung der Bauteile ver- spannt werden müssen“, erklärt Achim
zipien, für die es in der Natur noch viele wendet wird, steckt letztlich im Gebäude. Menges. „Denn je weiter ein Tragwerk
weitere Beispiele gibt – etwa bei Bäumen „Das kann dazu beitragen, ein riesiges spannt, desto wichtiger wird die Frage eines
und Gräsern – wollen die Wissenschaftler Problem zu lösen“, betont der Wissen- möglichst geringen Eigengewichts.“ Des-

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ADDITIVE FERTIGUNG

Ein Roboter fertigt filigrane


Bauteile – computergesteuert
frei im Raum. Dazu werden die
Fasern in Harz getränkt und
gewickelt. Im Bild links: Niccolò
Dambrosio, Christoph Zech-
meister und Serban Bodea (v.l).

halb haben die Projektpartner für ihre interdisziplinäre Zusammenarbeit und im „Eine Herausforderung, die wir im Pro-
Technik vor allem große öffentliche Bauten engen Austausch zwischen den beteiligten jekt zu bewältigen hatten, war die Frage,
wie Bahnhöfe oder Sportstadien im Visier. Universitätsinstituten gelegt. So hat ein wie wir einzelne Bauteile miteinander ver-
Leichtgewichtige Bauteile aus gewickelten Team um den Bauingenieur Jan Knippers binden“, berichtet Menges. „Dabei konnten
Fasern wären da enorm vorteilhaft. am ITKE eine geeignete Simulation für die sich die Forscher nicht an der Natur orien-
Wie das einmal aussehen kann, können Produktionsprozesse und entsprechende tieren, wo Fasern nahtlos ineinander über-
die Besucher der Bundesgartenschau 2019 Konstruktionsmethoden erarbeitet, Achim gehen. Die Lösung des Problems fand das
in Heilbronn bestaunen. Dort errichten die Menges und seine Mitarbeiter am ICD Team bei den Ankerpunkten, um die die
Wissenschaftler einen Pavillon mithilfe übernahmen die digitale Planung und Fer- Fasern gewickelt werden. Um mehrere
der dreidimensionalen additiven Ferti- tigung, eine Gruppe von Verfahrenstechni- Komponenten so zu verknüpfen, dass auf-
gungstechnik. Die kern um Götz Gres- tretende Kräfte zielgerichtet und ohne Ver-
luftige und helle ser am ITFT küm- luste übertragen werden, lassen sich die
Konstruktion, die merte sich um die Bauteile dort verschrauben.
im Wesentlichen Eine kuppelförmige Qualitätssicherung
aus einer kuppel-
förmig geschwun-
Konstruktion aus bei der Verarbei-
tung der Carbonfa-
Bislang nicht gekannte Dimensionen
„In diesem Forschungsprojekt haben wir
genen Tragstruktur 60 Waben-Elementen sern. Diese beziehen zum ersten Mal ein additives Fertigungs-
mit insgesamt 60 die Forscher von ei- verfahren mit diesen Materialien und für
wabenförmigen Elementen aus Faserver- nem Lieferanten, der das Rohmaterial aus- die Anwendung in der Bauwirtschaft ein-
bundwerkstoff besteht, überdeckt eine Flä- schließlich mit erneuerbarer Energie aus gesetzt“, sagt Achim Menges. Auch der Maß-
che von 400 Quadratmetern und spannt 25 Wasserkraftwerken herstellt. stab der Großbauteile, für deren Herstellung
Meter stützenfrei. „Der Pavillon bietet uns Für die Größe der Bauteile, die sich mit die baden-württembergischen Forscher die
eine großartige Gelegenheit, um unsere dem digital gelenkten Verfahren fertigen additive Fertigung nutzen, übertrifft die
bisherigen Erfahrungen aus dem For- lassen, gibt es grundsätzlich keine Be- meisten bisherigen Anwendungen dieser
schungsprojekt einzubringen und die ent- schränkung, betonen die Forscher. Die der- Technik.
wickelte neue Methode in der Praxis zu zeit maximale Länge von zwölf Metern ist Künftig, so das Konzept der Wissen-
testen“, freut sich Menges. nur den Maßen der Roboter-Fertigungsein- schaftler, soll auf jeder Baustelle, wo ein
Die Basis dafür haben die Wissen- heit und den Dimensionen der Wangener Bauwerk mit Faserwerkstoff-Komponenten
schaftler aus Stuttgart durch eine intensive Werkshalle geschuldet. errichtet wird, ein additiver Fertigungsrobo- >
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ADDITIVE FERTIGUNG

ter stehen und die dafür benötigten Kom- einer weiter wachsenden Bevölkerung auf
ponenten eigenständig vor Ort produzie- der Erde. Um die rund 10 Milliarden Men-
ren. Das Bauunternehmen müsste dann le- schen, mit denen Experten der Vereinten
diglich Spulen mit aufgerollten Glas- und Nationen für 2050 weltweit rechnen, mit
Carbonfasern sowie ein paar Kanister mit den notwendigen Bauwerken zu versorgen,
Harz anliefern. Auch das wäre ein enormer sind neue Ansätze nötig, betont der Wis-
Nutzen für Umwelt und Anwohner: „Bisher senschaftler. Er ist überzeugt: Die scho-
bringen alle große Baustellen reichlich nende Technik aus AddFiberFab kann dazu
Verkehr durch Lastwagen mit sich, die einen wichtigen Beitrag leisten.
Unmengen an Bau- Doch die Vision
materialien heran- der Stuttgarter Wis-
transportieren“, er- senschaftler reicht
läutert Menges. Die Per digitaler Planung noch weiter. So lässt
Begleiterscheinun-
gen sind Schmutz,
wird die Form des Bauteils sich das neue Ferti-
gungsverfahren auf
Lärm und die Emis- frei im Raum angelegt biologisch abbauba-
sion von klima- re Harze und Faser-
schädlichem Kohlendioxid (CO2). Ein Groß- werkstoffe übertragen – die Voraussetzung
teil davon würde durch die Nutzung der für eine hundertprozentige Recycelbarkeit
digitalen Technik überflüssig. der verwendeten Materialien. Zum anderen
Ohnehin ist die Bauwirtschaft sehr res- könnte es künftig eine bislang undenkbare
sourcenintensiv. Auf ihre Kappe gehen glo- Flexibilität beim Bauen ermöglichen: „Das
bal nicht nur über 50 Prozent der Abfälle, Harz, das wir derzeit zum Verbinden der
sondern auch 40 Prozent des weltweiten Fasern verwenden, härtet aus und bleibt
Energieverbrauchs und ein ebenso großer dann fest“, erklärt der Wissenschaftler.
Anteil des Bedarfs an Rohstoffen. Und: Doch es gibt andere Harze, die durch Erhit-
„Allein der CO2-Ausstoß für Neubauten ist zen wieder weich werden.
rund fünfmal so hoch wie die Emissionen Damit ließen sich die Fasern in den
aus dem ganzen Luftverkehr“, sagt Menges. Bauteilen am Ende der Nutzungszeit eines
Besserung ist mit den bislang genutzten Bauwerks wieder voneinander lösen – und
Baumethoden nicht in Sicht – angesichts zurück auf eine Spule drehen. Danach

Serban Bodea, Christoph Zech-


meister und Niccolò Dambrosio
(von links) forschen im Team von
Achim Menges am Institut für
Computerbasiertes Entwerfen der
Universität Stuttgart.

34 | bild der wissenschaft plus


Mit dem Verfahren, das die
Forscher um Achim Menges ent-
wickelt haben, lassen sich beliebig
geformte Objekte herstellen. Hier
zeigt der Stuttgarter Architekt ein
kantiges Großbauteil.

Impressum
JETZT IST MORGEN
Eine Sonderpublikation von
bild der wissenschaft
in Kooperation mit der Baden-Württemberg
Stiftung, Stuttgart

ERSCHEINUNGSTERMIN: Dezember 2018


(Beilage in bild der wissenschaft 1/2019)

HERAUSGEBERIN: Katja Kohlhammer

VERLAG:
Konradin Medien GmbH
Ernst-Mey-Straße 8
70771 Leinfelden-Echterdingen

REDAKTIONSDIREKTOR SONDERPROJEKTE:
Wolfgang Hess

CHEFREDAKTEUR: Prof. Dr. Christoph Fasel

PROJEKTLEITUNG: Ralf Butscher

GRAFISCHE GESTALTUNG: Beate Böttner

AUTOREN: Dr. Frank Frick, Michael Vogel

FOTOGRAFIE: Wolfram Scheible

BILDREDAKTION: Susanne Söhling-Lohnert

REDAKTION
BADEN-WÜRTTEMBERG STIFTUNG:
Julia Kovar-Mühlhausen, Dr. Martina Rehnert

VERTRIEB: Kosta Poulios

DRUCK:
Konradin Druck,
Kohlhammerstraße 1–15
70771 Leinfelden-Echterdingen

Weitere Exemplare von JETZT IST MORGEN


können Sie anfordern bei:
Leserservice bild der wissenschaft
Tel. 01805-260155
leserservice@wissenschaft.de
könnte man die langen, ungeschnittenen wird, ließe sich die innovative Technik
Die einzelnen Beiträge dieses Sonderhefts
Filamente zum Bau eines anderen Gebäudes einsetzen, um beispielsweise Größe und finden Sie auch online unter:
nutzen. „Damit hätten wir eine perfekte Anordnung der Räume zu variieren oder www.wissenschaft.de/jetzt-ist-morgen

Form der Wiederverwendbarkeit erreicht“, um dem gesamten Haus eine andere Ge-
freut sich Achim Menges. stalt zu verleihen.
Der Stuttgarter Forscher ist überzeugt:
Fernziel: wandelbare Gebäude „Dadurch werden sich Bauwerke künftig
Bildnachweise
So könnte ein stetiger Kreislauf der Bau- immer wieder neu gestalten und den sich Cover: Baden-Württemberg Stiftung gGmbH;
S. 5: shutterstock/Sebastian Kaulitzki;
materialien entstehen – und die Vorstel- wandelnden Ansprüchen ihrer Nutzer an- S. 13: Continental AG; S. 20, 26–29: Baden-
Württemberg Stiftung gGmbH; S. 26 unten:
lung davon, wann ein Bauwerk wirklich passen lassen.“ Ein älteres Gebäude einfach KD Busch; S. 31: ICD/ITKE Universität Stuttgart
fertig ist, würde sich drastisch verändern. abzureißen und stattdessen aufwendig ei- Alle anderen Fotos:
Denn nicht nur beim Errichten, sondern nen Neubau zu erstellen, ist dann häufig Wolfram Scheible für bdw

auch später, während das Gebäude genutzt keine sinnvolle Option mehr. ■

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ARTUR FISCHER ERFINDERPREIS
BADEN-WÜRTTEMBERG

ARTUR FISCHER ERFINDERPREIS BADEN-WÜRTTEMBERG 2019

ERFINDUNGEN
HABEN
IHREN PREIS
Die Stiftung Artur Fischer Erfinderpreis Baden-Württemberg fördert
Erfindergeist und Kreativität. Sie setzt sich dafür ein, diesen Werten
mehr gesellschaftliche Bedeutung zu geben. Der Preis wird alle zwei
Jahre verliehen. Für 2019 können Bewerbungen bis zum 28. Februar 2019
eingereicht werden.
www.erfinderpreis-bw.de