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November 2012 Tagesthema: Palästina | 3


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Von einem, der überlebte


Wie der Palästinenser Zakaria Sbeidi vom Kämpfer zum Theaterdirektor wurde
Von Fabian Köhler spielen und Kämpfer des Islami-
schen Jihad, was dasselbe ist. Sie
Im Flüchtlingslager Jenin galt er als warten auf den Telefonanruf, der
Ikone des Widerstandes. Immer wie- den Anmarsch der israelischen
der versuchte die israelische Armee, Armee ankündigt. Dann verste-
ihn zu töten. Statt seiner starben cken auch sie sich hinter durchlö-
Freunde. Seine Mutter sah er verblu- cherten Mauern. Auf Kreuzungen
ten. Jahre später und ausgezehrt von haben sie zuvor Müllsäcke gesta-
Haft und Folter führt Zakaria Sbeidi pelt. Als brennende Barrikaden
nun den Kampf weiter – an einem sollen sie später die gepanzerten
Theater. Bulldozer der Israelis aufhalten.
Sbeidi schleicht im Polo vorbei
Hinter der Mauer wartet der Tod. »Komm, ich nehme dich mit«, ruft
Die kleinen Finger umklammern er. Morgen wolle er mir seine Frau
den Griff einer Maschinenpistole. und Kinder vorstellen. Er scheint
Die Schritte kommen näher. Mit sich wohl zu fühlen in seiner neu-
einem lauten Schrei springt Jussuf en Rolle.
aus seinem Versteck. Sekunden Fünf Jahre später arbeitet
später liegen drei Kinder regungs- Sbeidi immer noch am »Freedom
los am Boden. »Jetzt will ich das Theatre.« Sein Gesicht ist schma-
Gewehr, und du nimmst die Pisto- ler, seine Haltung ein wenig ge-
le«, sagt der zwölfjährige und reißt bückter. Im April 2011 erschoss
die Plastik-Kalaschnikow an sich. ein Unbekannter seinen Freund
Ziemlich echt sehen die Waffen Juliano (siehe Beitrag unten
aus. Die Einschusslöcher in den rechts). Ein halbes Jahr später wi-
Mauern sind es. derruft Israel unerwartet das Am-
»Die Brigaden gegen die Ar- nestieabkommen. Im Mai dieses
mee« heißt das beliebte Spiel auf Jahres wird ihm einmal mehr ein
den Straßen des palästinensischen Sack über den Kopf gestülpt. Die-
Flüchtlingslagers Jenin im West- ses Mal sind es seine ehemaligen
jordanland. Zakaria Sbeidi ist eine Kollegen der palästinensischen Si-
Art lebender Prototyp. Einst war er cherheitskräfte. Wieder sitzt er in
der von Israel meistgesuchte Ter- Haft. Als nach fünf Monaten der
rorist. Nun sitzt er auf der staubi- internationale Druck zunimmt und
gen Treppe eines Lebensmittella- ein Arzt bestätigt, dass Sbeidis
dens und achtet darauf, dass das Hungerstreik binnen der nächsten
simulierte Kindersterben nicht zu drei Tage zum Tod führen werde,
laut wird: »Kommt schon, haut kommt er frei.
ab«, beendet er das Scharmützel Dass der Widerstand weiterge-
und streicht einem der nun wieder Jenin, eine Stadt im Westjordanland. Graffiti wie diese ersetzen vielerorts die Plakatkultur. Fotos: Saif Dahlah hen müsse, sagt er in einer Erklä-
lachenden Toten väterlich über rung zu seiner Inhaftierung. Er
den Kopf. meint das nächste Stück am Thea-
führer einer der gefürchtetsten te Israeli, den der junge Zakaria tifada die israelische Armee in das liano Mer Khamis, jüdischer ter, das heute so erfolgreich ist wie
Milizen der Zweiten Intifada fährt kennen lernte, nahm seinen Vater Flüchtlingslager Jenin einrückt, Schauspieler und Sohn jener Arna nie zuvor. Nur ein Theaterstück ist
Die Pistole ist zum VW-Polo. Aus dem Fenster ragt die mit. Mit 13 traf ihn eine israelische greift auch Sbeidi zu den Waffen. Mer Khamis, die im Haus von in Jenin bis heute noch populärer:
Sterben, nicht zum Töten Mündung eines amerikanischen Kugel das erste Mal ins Bein. Zu Als ein Freund stirbt, schließt er Sbeidis Mutter einst ihre Proben »Die Brigaden gegen die Armee«.
M16-Sturmgewehrs. An dessen Hause lernte er die andere Seite sich einer Fatah-Miliz an, wird abhielt. Die meisten Kinder wollen Israelis
Fünf Jahre ist es her, als ich Sbeidi Ende wachen drei durchtrainierte Israels kennen: Seine Mutter hatte Bombenbauer. Er schickt Attentä- spielen. »Die Palästinenser verlie-
im Flüchtlingslager im Norden der Männer. einer jüdischen Friedensaktivistin ter nach Israel, organisiert den ren schließlich immer«, erklärte
Westbank kennenlernte: ein Das Gerücht, Israel habe ihn ein Zimmer für Theaterproben zur Häuserkampf gegen die israelische
Warum die Kinder immer mir Sbeidi einmal.
schmaler freundlicher Mann mit von »der Liste« genommen, ver- Verfügung gestellt. Ständig ver- Armee. Israelis spielen wollen Die Frage, was die Intifada ge-
schwarz-gesprenkeltem Gesicht. breitete sich damals im Lager. kehren Israelis bei den Sbeidis. Is- Als sich Jenins palästinensischer bracht habe, beantwortet er dann
Ein Freund hatte einmal das Rohr Sbeidi sollte zu jenen 178 Kämp- raelis ohne Waffen, die sich für Gouverneur weigert, Löhne aus- Er ist es, der Zakaria von einem doch: »Nichts. Wir leben. Das ist
mit der Sprengstoffladung in die fern gehören, denen im Gegenzug Aussöhnung und gegen die Besat- zuzahlen, lässt Zakaria ihn ent- Kampf überzeugt, der damit be- alles.« Eine ganze Menge für einen
verkehrte Richtung gehalten. Frü- für die Abgabe ihrer Waffen eine zung einsetzen. führen. Das lokale Büro der Auto- ginnen müsse, die Kinder wie Mann wie ihn.
her war er Anführer der Al-Aqsa- Amnestie angeboten worden sei. nomiebehörde brennt er nieder. Männer hinter den Mauern her-
Märtyrer-Brigaden, nun ist er »Gott sei Dank!«, freuten sich jene, Viermal versuchen israelische Ar- vorzuholen, ihnen eine Alternative
Theaterdirektor. Ein mächtiger die ihn mochten laut. »Verräter«,
Die Intifada findet jetzt mee und Geheimdienste ihn zu tö- zur Gewalt aufzuzeigen. Zusam-
Mann. Und doch wirkt er hinter stöhnten einige heimlich. »Warten im Theater statt ten – erfolglos. Sbeidi wird zur Wi- men gründen sie 2006 das »Free-
seinem stets milden Lächeln wie wir ab. Vielleicht bin ich morgen derstandsikone und zum mäch- dom Theatre«. Das Theater erhält Juliano Mer Khamis
ein trauriger Schuljunge, über tot«, sagte Sbeidi. Trotzdem: Mit 15 landet er zum tigsten Mann des Lagers. Unterstützung aus der ganzen
dessen Pausbäckchen jeden Mo- Warum im Bund seiner Jeans ersten Mal hinter israelischen Ge- Am Ende der Intifada liegen der Welt. Kinder, die nur selten etwas Der israelische Schauspieler
ment die Tränen zu kullern dro- trotzdem eine Pistole steckt? »Die fängnismauern. Sechs Monate da- palästinensische Freiheitskampf anderes gesehen haben als die en- und Theaterregisseur galt als
hen. ist zum Sterben, nicht zum Töten«, für, dass er Steine auf Soldaten und das Flüchtlingslager in Trüm- gen unverputzten Gassen des ein- einer der bekanntesten Akti-
Jeden zweiten Morgen klingelt antwortet einer, der zu viel Zeit warf. Viereinhalb weitere Jahre mern. Die meisten von Sbeidis einhalb Quadratkilometer kleinen visten gegen die israelische
es an der Tür: »Eine Tüte Wein- seines Lebens hinter Gefängnis- büßt er für einen Molotowcocktail. Kämpfern sind tot. Sein Bruder Lagers, bringen die Botschaft der Besatzungspolitik. Zusammen
trauben?« »Wurde der Herd im- mauern verbracht hat. Sbeidi schlägt sich durch mit mies wurde erschossen. Seine Mutter Intifada in die ganze Welt. Im Jahr mit Zakaria Sbeidi und zwei
mer noch nicht geliefert?« Mit ei- Wäre Sbeidi eine Figur an sei- bezahlten Gelegenheitsarbeiten: sah er verbluten. »Nein, über die darauf kommt das Amnestieange- Schweden eröffnete er im Jahr
nem freundlichen »Ma Schi?« – nem Theater, würden Kritiker sie Mal renoviert er in Tel Aviv Woh- Intifada will ich nicht reden«, sagt bot. Im Gegenzug hilft Sbeidi da- 2006 das »Freedom Theatre«
»Alles in Ordnung?«, verabschie- wahrscheinlich als zu plakativ nungen wohlhabender Israelis, er auf den Stufen seines Theaters. bei, die übrigen Milizen zu ent- im palästinensischen Flücht-
det er sich. zerreißen: Zakaria wuchs auf in mal transportiert er Olivenöl. Er Seine Intifada findet jetzt hier statt. waffnen. Die Armeeoperationen lingslager Jenin.
Ein Blick die Straße hinunter, einer Wohnung, zu klein für eine versucht sich bei den Sicherheits- »Kulturellen Widerstand«, nennt nehmen ab, das Leben im Lager Das Theater im Norden des
ein Blick zum Himmel. Dort zehnköpfige Familie; in einem kräften der Palästinensischen Au- er das. Nach den Jahren des Mor- wird ruhiger. Westjordanlandes war zuvor
brummt unsichtbar die israelische Flüchtlingslager, zu klein für tonomiebehörde. Wenig später dens hatten alle Israelis das Haus Es ist kurz nach 22 Uhr. In ei- von seiner Mutter geleitet,
Überwachungsdrohne. Am Boden 15 000 von Gewalt und Armut schmeißt er frustriert wieder hin. seiner Mutter und das Lager ver- ner neonbeleuchteten Garage tref- während der Intifada aber von
brummt der Dreitürer. Der An- traumatisierte Menschen. Der ers- Als mit Ausbruch der Zweiten In- lassen. Nur einer kam zurück: Ju- fen sich Jugendliche zum Billard- der israelischen Armee zer-
stört worden.
Mit seinem kulturellen Enga-
gement gegen die israelische
Besatzung erlangte der Sohn
eines christlichen Palästinen-
sers und der jüdischen Akti-
vistin Arna Mer Khamis in-
ternationale Berühmtheit.
»Alles, worum es mir geht, ist
Widerstand. Ich mache Kunst
nicht nur zum Wohle der
Kunst«, sagte der ehemalige
israelische Soldat einst in ei-
nem Interview.
Im Flüchtlingslager Jenin
blieb der israelische Schau-
spieler, dessen Theaterstücke
auch die traditionelle Werte-
ordnung im Lager kritisierten,
stets umstritten.
Am 4. April 2011 wurde Mer
Khamis in Jenin auf offener
Straße von einem Maskierten
ermordet. Bis heute ist das
Verbrechen nicht aufgeklärt.
Unter dem Vorwand von Er-
mittlungen kam es sowohl
seitens der Autonomiebehör-
de als auch Israels immer
wieder zu Repressalien gegen
das Ensemble des Theaters.
fak
Zakaria Sbeidi mit M 16-Sturmgewehr ... ... und als stolzer Prinzipal seines Theaters