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H. KRUKENBERG

GESICHTSAUSDRUCK

DES MENSCHEN

FERDINAND ENKE m STUTTGART

DER GESICHTSAUSDRUCK

DES MENSCHEN

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in 2016

https://archive.org/details/dergesichtsausdrOOkruk

DER

GESICHTSAUSDRUCK

DES MENSCHEN

VON

Dr. med, H. KRUKENBERG

MIT 203 TEXTABBILDUNGEN MEIST NACH ORIGINALZEICHNUNGEN

UND PHOTOGRAPHISCHEN AUFNAHMEN DES VERFASSERS

STUTTGART

VERLAG VON FERDINAND ENKE

1913

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung Vorbehalten.

Hoffmannsche Buchdruckerei Felix Krais, Stuttgart.

RESEARCH LIBRARY

fsrTTY RESEARCH INSTITUTE

Inhaltsverzeichnis.

I. Einleitung. Zweck und Wesen der physiognomischen Forschung

II. Literaturverzeichnis

III. Historisches. Kritik der bisherigen Schriften über Physiognomik

Aristoteles (S. 14).

Kunst des Altertums (S. 16). Altchristliche

Kunst (S. 19). Michelangelo (S. 19). Leonardo da Vinci (S. 20).

Joh. Baptist Porta (S. 22).

Lavater (S. 22).

Gail (S. 25).

Schiller (S. 27).

Camper (S. 29). Duchenne (S. 29).

Schack (S. 34).

Lombroso (S. 35). Möbius. Schwalbe (S. 37). Preyer. Virchow.

Birch-Hirschfeld. Henke. Magnus. Mantegazza. Skraup (S. 38). Hughes. Heller. Möller. Fritsch-Harless. Boree. Rudolph (S. 39).

Sante de Sanctis (S. 40). Fehlen eines Sammelpunktes der

Literatur (S. 41).

Darwin (S. 30).

Wundt (S. 33).

Piderit.

> Mimik der Tiere

> Entwicklung der Physiognomie. Anthropologisches. Entwicklung

der einzelnen Rassenmerkmale. Entwicklung des Individuums.

Geschlechtsmerkmale. Altersmerkmale. Pathologisches

.

.

Rasseneinteilung (S. 49). Uraustralier (S. 49). Neger. Mongole (S. 51). Kaukasier (S. 53). Antike (S. 54). Schönheitsgefühl

der einzelnen Rassen (S. 59) Neugeborener (S. 59). Alters- merkmale, Gesichtsproportionen (S. 62). Geschlechtsmerkmale (S. 68). Künstliche Verschönerungsversuche (S. 72). Körper-

liche Fehler (S. 77). Krüppel (S. 78). Idioten (S. 80). Er-

nährungszustand (S. 82). Krankheit (S. 84).

VI. Entstehung des menschlichen Mienenspiels. Entwicklungsgeschichte.

Physiologie. Ausfallserscheinungen. Pathologie Gesichtsmuskeln (S. 87). Bedeutung der Kenntnis der einzelnen

Muskeln für den Künstler (S. 94). Fettgewebe (S. 96). Arten der Bewegungen (S. 97). Reflexbewegungen. Instinktive Be-

wegungen (S. 98). Willkürliche Bewegungen (S. 99). Reiz-

stärke und Reizempfänglichkeit (S. 101). Neugeborener (S. 105).

Gesichtssinn des Neugeborenen (S. 106). Gehör des Neugeborenen (S. 107). Geruch, Geschmack, Schmerzempfindung beim Neu-

geborenen (S. 108). Weinen, Hunger beim Neugeborenen (S. 109). Aufmerksamkeit, Furcht, Zorn beim Kinde (S. 111). Küssen

(S. 111). Abwehr- und Annäherungsbewegungen. Reagieren der

VI

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Anhänge einzelner Sinnesorgane auf ihre spezifischen oder andere

Sinnesorgane betreffende Reize (S. 112). Modifikation des Mienen-

spiels mit fortschreitender Entwicklung (S. 113). Ideelle Reize

(S. 113). Mimik des Kindes (S. 115). Mimik des Erwachsenen

(S. 115). Einfluss der Erziehung (Nietzsche) (S. 116). Ueber-

grosse Reize nicht zu beeinflussen (S. 117). Wahrnehmung von

Gemütsbewegungen bei der Umgebung. Nachahmung (S. 118).

Bewusstsein des Mienenspiels (S. 118). Angemessenheit des Mienenspiels (S. 119). Nachhaltige und plötzliche Reize (S. 120).

Feste Züge (S. 121). Darstellung der Bewegung in der Kunst.

Grenzen der Momentphotographie (S. 122). Ausfallserscheinungen

(S. 127). Angeborene Erblindung (S. 127). Taubheit, Schwer-

hörigkeit (S. 130). Mienenspiel bei Geisteskrankheiten (S. 131).

Mienenspiel bei Idioten (S. 134). Einfluss körperlicher Krank-

heiten (S. 135). Sterben. Tod (S. 137).

VII. Die Haut

140

Oberhaut, Lederhaut (S. 140). Unterhautbindegewebe (S. 141).

Hautfarbe (S. 142).

Hautoberfläche (S. 144).

Haare (S. 145).

Talgdrüsen. Haarmuskeln (S. 146). Schweissdrüsen (S. 147).

Altersveränderungen der Haut (S. 147). Verschönerungsver-

suche (S. 148). Krankhafte Veränderungen (S. 149). Funktionen

der Haut (S. 150). Veränderungen durch seelische Erregungen

(S. 151).

VIII. Das Auge

Augapfel. Lederhaut. Hornhaut (S. 152). Proportionen des Kinder-

auges (S. 154). Regenbogenhaut (S. 155). Pupille (S. 156).

Vermehrter Glanz des Auges durch vermehrte innere Spannung (S. 159). Tränen (S. 162). Augenlider (S. 164). Augen-

Be-

brauen.

Augenwimpern (S. 166). Lidspalte (S. 166).

wegungen des Augapfels (S. 168). Bewegungen der Augenlider und des Stirnmuskels (S. 170). Bewegungen des Nasenrücken-

muskels (S. 175).

Zug des Schmerzes (S. 176). Mimik des

Denkens (S. 178). Stirn in der Antike (S.

179).

IX Das Ohr

152

181

Bau der Ohrmuschel (S. 181). Bedeutung der Ohrmuschel (S. 184).

Einfluss von Gehörseindrücken auf den Gesichtsausdruck (S. 185).

X. Die Nase

186

Bedeutung der äusseren Nase (S. 186). Bau der äusseren Nase

(S. 187). Verschiedene Nasenformen (S. 191). Altersverände- rungen. Verschönerungsversuche (S. 193). Krankhafte Prozesse

(S.

194). Funktionen der Nase (S. 195). Mimische Bewegungen

der Nase (S.

196).

XI. Der Mund

198

Funktionen des Mundes (S. 198).

Die Lippen (S. 200). Die

Mundspalte (S. 202). Das Kinn (S. 204). Die Zähne (S. 205).

Oberkiefer

(S. 208).

Unterkiefer (S. 209). Organe der

inneren Mundhöhle.

Mundflüssigkeit

(S.

210).

Mimische

Inhaltsverzeichnis.

VII

Seite

Formveränderungen des Mundes (S. 211). Ruhe und Erregung

(S. 212). Gehobene Gemütsstimmung und Depression (S. 213 .

Atmung (S.

214). Blasen, Jauchzen, Aechzen , Schluchzen,

Gähnen (S. 215). Husten, Räuspern, Niesen (S. 216). Lachen (S. 217). Modifikationen des Lachens (S. 220). Weinen (S. 223).

Nahrungsaufnahme. Saugen. Trinken. Schlürfen (S. 226).

Lecken. Aufnahme fester Nahrung (S. 227). Kauen.

Beissen.

Zähnefletschen. Wut (S. 228). Körperlicher Schmerz (S. 229).

Kraftanstrengung (S. 230). Angst (S. 233). Prüfung der

Nahrung. Angenehmer Geschmack (S. 234). Widerwärtiger Ge-

schmack (S. 235). Sättigung (S. 237). Uebersättigung. Unmut

Erbrechen

(S. 240). Sprache (S. 241). Entwicklung der Sprache (S. 242).

(S. 238). Ausstossung der Nahrung. Ausspeien.

Flüstersprache.

Vokale und Konsonanten (S. 243). Schrei

(S. 244). Gesang (S. 245).

XII. Zusammenfassung der einzelnen Ausdrucksweisen

250

Allgemeine Regeln für die Entstehung der einzelnen Ausdrucksweisen

(S. 251). Verstandestätigkeit. Gemütsbewegungen. Bedrohung (S. 252).

Furcht. Ruhe. Schlaf. Zufriedenheit. Geistiges und körperliches

Wohlbefinden. Körperliche Anstrengung. Erschöpfung. Körperlicher

Schmerz (S. 253). Gram.

Ermüdung. Dummheit.

Unterdrückter seelischer Schmerz.

Scheinheiligkeit (S. 254).

Schlauheit.

Blendung. Missbehagen. Aufmerksamkeit. Misstrauen. Hass. Kon-

Sehnsucht. Geistige Arbeit. Intelli-

genz. Strenge (S. 225). Andacht. Verzückung. Bescheidenheit.

Demut. Verlegenheit. Schmollen. Unterwürfigkeit. Vorwurf. Selbst- bewusstsein. Hochmut. Ueberraschung. Entsetzen (S. 256). Wut. Wahrnehmungen durch das Ohr. Schlechter Geruch. Ekel. Ver- achtung. Wohlgeruch. Wollust. Süsser Geschmack. Inniges Wohl-

zentrieren auf ideelle Dinge.

behagen. Widerwärtiger Geschmack. Verdruss. Lachen (S. 257).

Heiterer Charakter. Verhöhnung. Wohlwollen. Weinen (S. 258).

Schrei. Komik. Schlussbetrachtung (S. 259).

Register

260

I.

Einleitung.

Zweck und Wesen der physiognomischen Forschung.

das

Geistesleben des Menschen kundgibt, scheinen im Antlitz zusammen-

gedrängt zu sein. Das menschliche Antlitz ist der Sitz der Sinnes-

organe, durch welche unserer Seele die für die Entwicklung des Geistes unentbehrlichen Eindrücke von der Aussenwelt vermittelt

werden.

Umgekehrt finden alle Bewegungen der Seele im Antlitz

ihren Ausdruck. Die Werkzeuge der Sprache, welche den Menschen

vom Tier unterscheidet und durch welche wir unser Denken und

Empfinden unserer Umgebung kundgeben, haben ihren Sitz im Ge-

sicht. Aber auch ohne gesprochene Worte findet die Tätigkeit der

Seele im Gesicht ihren beredten Ausdruck in dem Mienenspiel,

jener so unendlich mannigfaltigen, so reichen und so schönen und

doch so leicht verständlichen Sprache, die allen Völkern gemeinsam

ist. Als das Menschengeschlecht nach dem vermessenen Turmbau

zu Babel in alle Winde zerstreut wurde, da verwirrte,

Alle höheren und edleren Funktionen,

in

denen sich

so

lehrt uns

die Bibel, der Herr ihre Sprache und kein Volk verstand das andere.

Und noch bis auf den heutigen Tag sind die Sprachen der Völker

einander fremd geblieben, immer mehr haben sich die Laute und Dialekte der einzelnen Zungen getrennt und entfremdet, so dass

Nur eine Sprache

kein Volksstamm den andern mehr versteht.

hat die Menschheit aus jener glücklichen Zeit,

da

sie

noch ein

Volk bildete, als ein gemeinsames Gut gerettet, eine Sprache, die

noch jetzt alle Völker verstehen und

die doch

in keiner Schule

gelehrt wird und in keiner Grammatik zu finden ist, die das Kind

ebenso versteht, wie der Sprachgelehrte : das ist die stumme Sprache

Krukenberg, Der Gesichtsausdruck des Menschen.

1

2

Einleitung.

des Antlitzes.

Sie sagt oft mehr als noch so eindringlich gesprochene

Reden.

Wenn wir von tiefsten Gemütsbewegungen überwältigt keine

Worte mehr finden, dann tritt die stumme Sprache des Antlitzes in

ihre Rechte ein.

andern mehr als alle Worte!

in den Augen des andern und wie beredt sprechen oft seine Züge

Wie

oft sagt uns

ein Blick

in das Gesicht des

Wie viel Liebe

und Glück lesen wir

von dem, was er an Freud und Leid erlitten hat!

Wie kann den

Unglücklichen ein Blick in das Auge des Mächtigen aufrichten oder

ihn lehren, dass sein Herz von Stein ist!

O Gott, in diesen Zügen

wohnt kein Herz!“ ruft Maria Stuart schaudernd aus, als sie bei der

ersten Begegnung der Königin Elisabeth ins Auge geschaut hat und

sie weiss,

noch

ehe diese gesprochen hat, dass von ihr kein Er-

barmen zu erwarten ist! Es gibt Gesichtszüge, die auf andere geradezu eine dämonische

Macht ausüben, die dem, welchem sie begegnen, das Blut in den

Adern erstarren machen.

Schiller lässt jenen Jüngling, der sich

erkühnte, den

Schleier über dem Antlitz der Wahrheit zu lüften,

ohnmächtig zusammensinken und seines Lebens Heiterkeit auf ewig

verlieren.

Nach der griechischen Sage erstarrt des Menschen Blut

beim Anblick des starren Medusenantlitzes zu Stein.

Talleyrand hat einmal gesagt: Das Wort ist dem Menschen

gegeben, um seine Gedanken zu verbergen.“

Die Sprache der

Augen aber lügt nicht.

Selbst der Teufel verrät sich durch seine

Physiognomie. Mephisto vermag das harmlose Gretchen wohl mit

Worten, aber nicht mit Blicken zu täuschen, sein Anblick schnürt

ihr das Innere zu, denn

es steht ihm an der Stirn geschrieben,

dass er nicht mag eine Seele lieben.“

Ein schuldbeladenes Gewissen verbietet dem Frevler, seinen

Mitmenschen ins Gesicht zu schauen, und es gilt als besonders ver-

messen, wenn jemand

einem andern eine

Lüge oder ein unehr-

erbietig*es Wort „ins Gesicht“ sagt. Ein gehorsames Kind wird von

der Mutter nicht durch Worte zurechtgewiesen, sondern es liest ihr

die Ermahnungen und Wünsche „von den Augen ab“. Wenn wir

einen Freund nach langer Trennung Wiedersehen, so sagt uns auch

ob er der alte geblieben ist

ohne Worte ein Blick in sein Antlitz,

oder

verwischbaren Spuren in seine Züge eingegraben haben.

Mirza-Schaffy sagt:

ob

er

sich

verändert hat,

ob Sorge und Kummer ihre un-

Schon

Zweck und Wesen der physiognomischen Forschung.

3

In jedes Menschen Gesichte

Steht seine Geschichte,

Sein Hassen und Lieben

Deutlich geschrieben.

Sein innerstes Wesen Es tritt hier ans Licht Doch nicht jeder kann’s lesen,

Verstehn jeder nicht.

Der menschliche Gesichtsausdruck setzt sich zusammen aus

dem Mienenspiel und den dauernden Zügen. Letztere bilden

das charakteristische Merkmal des Menschengeschlechts überhaupt

und der Rasseneigentümlichkeit im speziellen. Diese Züge werden

modifiziert durch die Merkmale des Geschlechts und Alters und die

Eigentümlichkeiten der besonderen Abstammung, durch Familien-

ähnlichkeit, und endlich tragen sie den speziellen Stempel der

Persönlichkeit, der es uns gestattet, aus der unendlichen Zahl der

Menschen jeden einzelnen herauszufinden und zu identifizieren.

Dieser dauernde Gesichtsausdruck

wird als Physiognomie

bezeichnet. Die charakteristischen physiognomischen Merkmale bilden sich erst ganz allmählich heraus. Kleine Kinder sehen ein-

ander alle ähnlich und sind für den Fernstehenden nur schwer von-

einander zu unterscheiden.

Erst ganz allmählich wird dem Gesicht

das charakteristische Gepräge der Persönlichkeit aufgedrückt; die

Schicksale und die Arbeit, nicht nur die des Körpers, sondern noch

mehr die des

Geistes, graben

ihre Spuren mit ehernen Lettern in

das Antlitz hinein, und

ein Gesicht,

in

dem

diese Spuren fehlen,

ist nichtssagend, es ist langweilig, auch wenn es schön ist.

Es

ist der Geist, der sich den Körper baut,“ sagt Schiller und

das gilt nicht nur für die Gliedmassen, die durch kräftigen Gebrauch

entwickelt werden,

es

gilt

in

gleicher Weise für das Antlitz,

das

durch die Tätigkeit des Geistes „durchgearbeitet“ wird.

Die Haupt-

aufgabe des Porträtmalers ist es daher, die charakteristischen Merk-

male, die der Geist dem Antlitz aufprägt, herauszufinden und auf

der Leinwand hervorzuheben.

Es gleicht aber nicht nur kein Gesicht dem andern vollständig,

sondern

man kann auch sagen, dass jedes Antlitz fortwährend

wechselt, je nach der Richtung, in welcher unser Seelenleben tätig ist, ob wir uns in einer gehobenen oder gedrückten Stimmung be-

finden,

ob

wir uns geistig anstrengen oder ruhen,

ob wir einen

4

Einleitung.

Gegenstand scharf beobachten oder unsere Gedanken in die Ferne

schweifen lassen, ob angenehme oder widrige Sinneseindrücke uns beherrschen. Dieser fortwährende Wechsel im Gesichtsausdruck

wird als Mienenspiel oder Mimik bezeichnet, während die Be-

wegungen aller Körperteile, durch welche wir Gedanken , Empfin-

dungen und Willen ausdrücken, Gebärdenspiel oder Panto-

mimik genannt werden.

Die Erforschung des Gesichtsausdrucks wird als Physio-

gnomik und Mimik bezeichnet, und zwar nennt man Physiognomik

die Lehre von dem dauernden Gesichtsausdruck, während als Mimik x

die Lehre von dem wechselnden Mienenspiel bezeichnet wird.

Das Studium des Gesichtsausdrucks hat zunächst ein

praktisches Interesse für den Künstler, für den Maler und Bild-

)

hauer.

Wenn der Künstler eine Person ähnlich darstellen will, so

kann er das nur durch genaues Beobachten aller Teile des Gesichts;

das Kopieren an sich ist daher schon ein praktisches physiognomisches

Studium.

Nachahmung der Natur begnügt, sondern in sein Porträt eine

künstlerische Auffassung hineinlegt, wenn er das, was für sein Modell

besonders charakteristisch ist, wenn er diejenigen Formen oder die-

jenige Haltung, welche dessen Seelenzustande besonders entspricht,

hervorheben und alles Unwesentliche in den Hintergrund drängen

will, so ist hierzu schon ein eingehenderes Studium der betreffenden

Person, ja des menschlichen Antlitzes überhaupt erforderlich. Noch

eingehenderer Kenntnisse der menschlichen Züge bedarf der Künstler,

wenn er Personen in einem speziellen Affekt darstellen oder wenn

er Schöpfungen seines eigenen Geistes oder historische Persönlich-

der Vorstellung des Volkes nach ihren Taten

Dieses Erforschen der

weiterleben, im Bilde wiedergeben will.

Wenn der Maler aber sich

nicht mit einer sklavischen

keiten,

wie sie

in

menschlichen Züge kann nun ein rein unbewusstes, intuitives sein

und tatsächlich haben viele bedeutende Porträtisten sich nicht

theoretisch mit der Physiognomik beschäftigt, gerade so, wie jemand

ein glänzender Redner sein kann in einer Sprache, deren Grammatik

ihm fremd ist. Umgekehrt werden physiognomische Kenntnisse ohne die notwendige künstlerische Veranlagung niemanden zu einem

J ) Der Sprachgebrauch unterscheidet Physiognomie = Gesichtsausdruck und Physiognomik = die Lehre von letzterem, während unter Mimik sowohl das Mienen-

spiel als auch die Lehre vom Mienenspiel verstanden wird. Dagegen werden die Störungen des Mienenspiels als Paramimie, Amimie, Hypermimie, Echomimie usw.

bezeichnet.

Zweck und Wesen der physiognomischen Forschung.

5

Porträtisten machen, ebensowenig wie das Studium der Grammatik

den Volksredner macht, aber für den angehenden Künstler wird es

von der grössten Bedeutung sein und ihm manche Verirrung er-

sparen, wenn ihm an den äusseren Zügen des Menschen dieses als

etwas Charakteristisches durch das innere Seelenleben Bedingtes klar-

gelegt, jenes dem Laien vielleicht auffallende Merkmal als etwas

Zufälliges, rein Aeusserliches gekennzeichnet wird. Die künstlerische

Umwertung besteht ja im Gegensatz zur photographischen Wieder-

gabe gerade darin, dass das Wesentliche herausgehoben und betont

und das Gleichgültige vernachlässigt wird. Eine monumentale Wir-

kung aber kann ein Kunstwerk nur erzielen durch Vereinfachung und

Verstärkung der charakteristischen Linien und durch Weglassung

alles Unwesentlichen. Hierzu wird die Physiognomik dem Künstler

Noch mehr aber ist die Kenntnis dessen, was

den speziellen Gesichtsausdruck bedingt, da notwendig, wo es sich weniger um Porträtähnlichkeit, als um Uebertreibung des Charak-

die Wege weisen.

teristischen d. h. um die Karikatur handelt.

Aber nicht weniger wie für den bildenden ist die Physio-

gnomik für den darstellenden Künstler von Bedeutung. Hervor-

ragende Schauspieler haben sie daher zum Gegenstand eingehen-

der Studien gemacht, gibt sie ihnen doch die Mittel

die Hand, nicht nur, wie sie durch Puder und Schminke ihr Antlitz

und Wege an

dem Darzustellenden möglichst ähnlich machen können, sondern

auch, wie sie ihre Gesten und Gebärden dem darzustellenden seeli-

schen Zustand anzupassen haben. Dadurch dass der Bühnenkünstler

die dem darzu-

stellenden Geisteszustände entsprechen, wird sein Spiel auf die Zu-

schauer packender und überzeugender wirken, aber er wird auch sich

selbst intensiver in seine Rolle versetzen können, denn eine heitere

Miene stimmt die Umgebung und ihren Träger selbst heiter und ein

griesgrämiges Gesicht versetzt den Menschen in eine noch ver-

driesslichere Stimmung.

Das Studium der Gesichtszüge hat weiterhin eine forensische

Bedeutung. Der Richter wird sich unwillkürlich durch das Gebaren

des Angeklagten und durch die Veränderungen, welche die Zeugen-

aussagen in seinem Gesichtsausdruck hervorrufen, beeinflussen lassen. Die Physiognomik dient ferner zur Feststellung der Persönlichkeit

Dieser Zweig

von Verbrechern, von Vermissten, Verunglückten usw.

der Physiognomik ist besonders von Bertillon in Paris ausgebildet

worden.

es versteht, sein

Gesicht in

die

Falten zu legen,

Sein System

besteht in

der Feststellung der Identität

6

einzelner Personen

nach

Einleitung.

photographischen Aufnahmen,

nach

Messungen der einzelnen Glieder und nach Feststellungen über die

Diese rein praktische

Form einzelner Gesichts- und Körperteile.

Ausübung der Physiognomik hat sich in sozialer, juristischer und

forensisch-medizinischer Hinsicht als nützlich erwiesen.

Auf mehr

theoretischer Basis hat Lombroso die Physiognomik zugunsten

der Verbrecher zu verwerten gesucht. Er versuchte den Nachweis zu führen, dass der Verbrecher im Grunde ein kranker Mensch sei

und dass schon an seiner Kopf- und Gesichtsbildung charakteristische

Merkmale geistiger Krankheit bzw. Minderwertigkeit nachzuweisen

seien, welche das Verbrechen in milderem Lichte erscheinen Hessen

und zu dem Schlüsse drängten : „Alles verstehen heisst alles verzeihen!

Von grosser Wichtigkeit ist die Beobachtung des Gesichts-

ausdrucks häufig für den Arzt. Die Veränderung der Gesichts- züge ist zuweilen das erste Anzeichen bei der kritischen Wendung

der Krankheit.

Der frischere lebhafte Blick ist häufig der erste frohe

Bote der bevorstehenden Genesung und aus den plötzlich verfallenen

Gesichtszügen erkennt der Arzt zuweilen mit Schrecken das Vor-

handensein einer schweren inneren Verletzung oder den Eintritt einer

tödlichen, inneren Erkrankung. Besondere Bedeutung aber kommt

Die angeborene erbliche

Belastung gibt sich häufig in bestimmten Merkmalen der Gesichts-

oder Schädelbildung (sog. Degenerationszeichen) kund. Bei dem

Fehlen aller sonstiger Veränderungen am Körper deutet oft eine

geringe Veränderung des Mienenspiels, eine leichte Ungleichmässig-

keit der Gesichtshälften, eine kleine Verschiedenheit der Pupillen

auf den Beginn einer schweren, unheilbaren Krankheit oder der

eigenartige Blick des Kranken verrät, dass er Gehörs- oder Gesichts-

halluzinationen verfallen ist, die er vor seiner Umgebung verbirgt.

Dem Psychologen wird durch die Physiognomik ein Mittel

zur Vertiefung der allgemeinen Menschenkenntnis an die Hand ge- geben. Sie gestattet dem Kundigen, Schlüsse aus dem Aeusseren

auf das Innere des Menschen zu ziehen und aus der Beobachtung des Gesichtsausdrucks einen Einblick zu gewinnen, wie die Um-

gebung auf den Geist des Menschen einwirkt und wie diese Ein-

wirkung auf die äussere Gestaltung zurückstrahlt.

Der physiognomischen Forschung stehen verschiedene

Methoden zur Verfügung. Die einfachste und diejenige, welche von allen Menschen mehr oder weniger bewusst angewandt wird,

ist die Beobachtung des Gesichtsausdrucks bei Menschen, deren

der Physiognomik in der Irrenheilkunde zu.

Zweck und Wesen der physiognomischen Forschung.

7

Charakter wir aus ihren Taten und ihren Werken kennen und deren Stimmungen sich anderweitig durch ihre Handlungen kundgeben. Auf dieser Methode basiert im wesentlichen das Studium des

Porträtmalers. Sie kann nur den einzelnen befähigen, seine Kenntnis

der Ausdrucksweise des Menschen zu vertiefen. Wo eine solche

zum Gegenstand der Mitteilung an andere, zu einem Lehrgegen- stand gemacht werden soll, da müssen die einzelnen Gesichtsaus-

drücke analysiert oder im Bilde fixiert werden. Das Studium her-

vorragender Kunstwerke der Plastik und Malerei, die einen be-

stimmten Charakter oder Stimmungsausdruck besonders deutlich

wiedergeben, bildet daher ein weiteres Mittel der physiognomischen

Forschung. Demselben Zwecke dient die künstliche Erzeugung be-

absichtigter Ausdrücke und die Erforschung, welchen Eindruck eine

bestimmte Aenderung des Gesichts auf den Beobachter macht. Hier-

her gehört die künstliche Reizung einzelner Gesichtsmuskeln durch

den elektrischen Strom zur Erzeugung bestimmter Gesichtsausdrücke,

wie sie Duchenne methodisch vorgenommen hat. Auf ähnlicher

Basis beruht die willkürliche Verziehung des Gesichts zur Hervor-

rufung bestimmter Ausdrücke unter Kontrolle des Spiegels, wie sie

besonders von Schauspielern (Bo ree) und Künstlern (Rudolph)

ausgeübt worden und in photographischen Aufnahmen oder Zeich-

nungen festgehalten worden ist.

Solche Bilder geben den Beweis

einer grossen Fertigkeit des betreffenden Bühnenkünstlers, es fehlt

ihnen aber die innere Wahrheit, wie denn einzelne Ausdrucksweisen

mehr, andere weniger gelungen erscheinen. Beweisend würde nur

die photographische Aufnahme von Personen sein, die sich tatsäch-

lich in dem betreffenden Gemütszustand befinden. Solche Auf- nahmen stossen auf grosse Schwierigkeiten. Es wird nur in seltenen

Fällen möglich sein, einen Menschen, der sich in einer bestimmten

Gemütserregung befindet, zur Aufnahme zu bekommen, und sobald

der Betreffende merkt, dass er zum Gegenstand des Studiums dieser

Stimmung gemacht wird, so wird seine Aufmerksamkeit abgelenkt

und sein Gesichtsausdruck ver