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Gerold Prauss

Die Einheit
von Subjekt
und Objekt
Kants Probleme mit
den Sachen selbst

VERLAG KARL ALBER B


Gerold Prauss
Die Einheit von
Subjekt und Objekt

VERLAG KARL ALBER A


Kann »Spaltung« oder »Abgrund« zwischen Subjekt und Objekt das
letzte Wort sein?
Nicht, wenn beides doch von dieser Welt ist als der einen. Und
auch nicht, wenn jene »Sachen selbst«, mit denen Kant gerungen
hatte, wie mit Zeit und Raum oder Bewußtsein, immer rätselhafter
werden, auch für Mathematiker und Physiker: Warum denn aus-
gerechnet solche zwei wie Zeit und Raum der einen Welt? Warum
nicht mehr, doch auch nicht weniger? Warum der Raum als Ausdeh-
nung denn ausgerechnet drei-, die Zeit jedoch anscheinend eindimen-
sional? Warum nicht mehr, doch auch nicht weniger? Sind Zeit und
Raum als Ausdehnung auf ihrem Grund diskret oder kontinuierlich?
Geht es an, sie kurzerhand zur »Punktmenge« diskret zu machen, nur
um ihre Ausdehnung durch Zahlen berechenbar zu machen? Kann
verwundern, daß Mathematik und mathematische Physik mit dem
Kontinuum von Ausdehnung in Schwierigkeiten kommen, wenn sie
demgemäß »punktmengentheoretisch« mit ihm umgehen müssen?
Steht laut Quantentheorie nicht längst schon fest, auf seinem Grund
gehorche unser Kosmos nicht der »Mengentheorie«? In welchem
Grundverhältnis stehen Punkt und das Kontinuum von Ausdehnung
ursprünglich zueinander? Und was ist denn Zeit- und Raum-Be-
wußtsein, wenn Objekte von Subjekten als Bewußtsein abhängig
sind, wie nach Kant und nach der Quantentheorie? Ist es vielleicht
verfehlt, wenn Mathematiker und Physiker, doch auch so manche
Philosophen die Philosophie als strenge Wissenschaft verabschieden,
weil sie als solche angeblich etwas Unmögliches wie »Ursprungs-«
oder »Erste Philosophie« sei?
Zumindest gilt es, allen diesen rätselhaften »Sachen selbst« mit
Kant noch einmal auf den Grund zu gehen.

Der Autor:
Gerold Prauss, geb. 1936 in Troppau (Sudetenland), studierte 1957–
65 Philosophie an den Universitäten Bonn, Göttingen und Oxford;
1965 Promotion und 1970 Habilitation in Bonn; seit 1966 Lehrtätig-
keit an den Universitäten Yale, Bonn, Heidelberg, Köln, Münster und
Freiburg; seit 2001 emeritiert in Freiburg.
Gerold Prauss

Die Einheit
von Subjekt
und Objekt
Kants Probleme mit
den Sachen selbst

Verlag Karl Alber Freiburg / München


Originalausgabe

© VERLAG KARL ALBER


in der Verlag Herder GmbH, Freiburg / München 2015
Alle Rechte vorbehalten
www.verlag-alber.de

Satz und PDF-E-Book: SatzWeise GmbH, Trier

ISBN (Buch) 978-3-495-48773-0


ISBN (PDF-E-Book) 978-3-495-80789-7
Dem »Lehnstuhl«
Im »Elfenbeinturm«
Zum »Glasperlenspiel«
Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

Erster Teil
Die Logik und Ontologie von Zeit und Raum

Kapitel I.
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum . . 27
§ 1. Die Ausdehnung von Zeit und Raum . . . . . . . . . . 27
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum . . . . . . . . . . 39
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum . . . 71
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit
und Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99

Kapitel II.
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum 144
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu
dem des Raums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit . . . . . . . 171
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied
zu dem von Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung . . . . . . 237

7
Inhalt

Zweiter Teil
Das Zeit- und Raum-Bewußtsein

Kapitel I.
Kants Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbst-
bewußtsein des Subjekts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes« . 271
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung . . . . . . . . . 298
§ 11. Selbstverwirklichung und das Problem des Selbst-
bewußtseins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324

Kapitel II.
Kants Probleme mit dem Raumbewußtsein als dem Fremd-
bewußtsein des Subjekts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351
§ 12. Der Unterschied zwischen verschiedenen Räumen als
verschiedenem Bewußten für verschiedenes Bewußtsein . 351
§ 13. Das Bewußtsein des empirisch-ursprünglichen Urteils als
Bewußtseinsganzes von Bewußtseinsgliedern . . . . . . 388
§ 14. Stellungnahmen gegen Freud und gegen Libet . . . . . 416
§ 15. Der Unterschied zwischen verschiedenen Zeiten als ver-
schiedenem Bewußten für verschiedenes Bewußtsein . . 433
§ 16. Stellungnahmen zur Physik als mathematisch-
geometrischer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 466

Dritter Teil
Das Endliche als Glied im Ganzen des Unendlichen

§ 17. Die Welt als Einheit von Subjekt und Objekt auf der
Grundlage ihres Ansichseins . . . . . . . . . . . . . . 507
§ 18. Die von Kant vermutete »Gemeinsamkeit« als »Wurzel«
von »Verstand« und »Sinnlichkeit« des Subjekts . . . . 533
§ 19. Ausdehnung und Punkt als das Unendlich-Große und
Unendlich-Kleine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 561
§ 20. Das Unendliche als Punkt und Ausdehnung . . . . . . . 582

8
Inhalt

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 615

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 620
Namen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 620
Sachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 622
Stellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 636

9
Vorwort

Dem Verlag Karl Alber sei gedankt für seine Einladung im Jahr 2010,
zu einer Festschrift anläßlich von seinem hundertjährigen Grün-
dungsjubiläum beizutragen. Das verhalf zur Vergewisserung, wie
die Gedankengänge dieses Buches anzulegen sind.
Mein Dank gilt auch den Teilnehmern an meiner letzten Lehr-
veranstaltung, die ich in Freiburg bis 2013 hielt. Geduldig hörten sie
mir zu und stellten förderliche Fragen, als ich meine ersten Gehver-
suche in diese Gedankengänge unternahm.
Besonderer Dank gebührt Hans-Ulrich Baumgarten, Bernd
Dörflinger, Cord Friebe, Edmund Heller, Marko Martić, Thomas
Müller, Lothar Schäfer, Alexander Wachter. Auf verschiedenen We-
gen hat der sachlich-kritische Gedankenaustausch mit ihnen zu man-
chen Klärungen verholfen. Insbesondere danke ich Hans-Ulrich
Baumgarten sowie Cord Friebe für das Gegenlesen des entstehenden
Textes, wie auch Marko Martić für das Lesen des gesamten, und die
anschließenden hilfreichen Gespräche mit ihnen.
Wie sich versteht, liegt aber die Verantwortung für meine Aus-
führungen nur bei mir.

Oberbirken, Ostern 2015 Gerold Prauss

11
Einleitung

Unzählig sind inzwischen die Belege für etwas Verwunderliches. Die


seit jeher größten ungelösten Rätsel finden noch bis heute keine Lö-
sung, sondern werden sogar nur noch rätselhafter. Was die Zeit und
was der Raum und was Bewußtsein ist, wird mit dem Fortschritt un-
serer Erkenntnis immer fraglicher. Nicht mehr nur Philosophen näm-
lich fragen das, sondern auch Mathematiker und Physiker. Denn
immer heikler wird für sie, von all dem ständig ausgehen zu müssen,
ohne auch nur eines von all dem sich annähernd erklären zu können.
Schließlich heißt das, auf etwas zu bauen, das als Grundlage sich nicht
mehr weiter überprüfen oder gar begründen läßt. So fehlt, was Zeit
und Raum betrifft, allein schon eine Antwort auf die Frage: Warum
gibt es davon ausgerechnet zwei? Warum nicht mehr, doch auch nicht
weniger als zwei? Zumal man diese Frage auch erst gar nicht stellt,
sondern auf diesen beiden Rätseln einfach aufzubauen pflegt.
Herangezogen werden alle diese Rätsel aber nicht allein im all-
gemeinen, sondern auch im einzelnen. So etwa Zeit und Raum als
Ausdehnungen, die von dieser oder jener Dimension sein können,
nämlich nach Bedarf auch von beliebig hoher, wie der Raum; indes
die Ausdehnung der Zeit, so viele Dimensionen man dem Raum auch
geben mag, stets brav eine bloß eindimensionale bleiben soll. Doch
niemand fragt, ob das nicht dem Begriff der Ausdehnung zuwider-
läuft, weil das bei ihm, der nach wie vor nicht definiert ist, gar nicht
auffallen kann. Aus diesem Grund fällt auch das weitere Problem
nicht auf: Was soll es eigentlich bedeuten, wenn man Zeit und Raum
als Ausdehnung so auffaßt, daß sie seit dem Urknall erst im Zug der
Ausdehnung des Kosmos sich mit ihm zusammen ausgedehnt hat?
Welcher Sinn von Ausdehnung soll eigentlich gewährleisten, daß
dies zu keinem Widerspruch führen kann, obwohl dies doch zur
grundverschiedenen Ausdehnung von Zeit und Raum führen soll?
Denn offen bleibt dabei: Wie treten diese danach auf? Beide auf ein-
mal? Oder nur in irgendeiner Reihenfolge? Und wenn letzteres: In
welcher?

13
Einleitung

Doch selbst wenn man davon absehen könnte, muß noch weiter
fraglich bleiben: Soll das heißen, zufällig dehnt dieser Kosmos sich im
Fall des Raums zu etwas Dreidimensionalem aus, im Fall der Zeit
jedoch genauso zufällig zu etwas Eindimensionalem? Denn seit jeher
und bis heute gibt es keine Antwort auf die Fragen: Warum ist die
Ausdehnung des Raums, wie wir sie von den wahrgenommenen Ob-
jekten kennen, ausgerechnet dreidimensional? Warum nicht weniger,
doch auch nicht mehr als dreidimensional? Und warum ist die Aus-
dehnung der Zeit, wie wir sie ebenfalls von ihnen kennen, ausgerech-
net eindimensional, wie man vermeint? Warum nicht mehr, doch
auch nicht weniger als eindimensional? Das pflegt man in der Regel
gar nicht erst zu fragen, weil man meint, die Antwort könne jeweils
ohnehin bloß sein: Das ist nun einmal so.
Jedoch selbst wenn das gelten könnte, bliebe immer noch der
Widersinn, den man hier stillschweigend in Kauf nimmt: Dehnt der
Kosmos sich dann ohne Grund zu einer eindimensionalen Ausdeh-
nung gleich zweimal aus? Das eine Mal zu dem angeblich Eindimen-
sionalen solcher Ausdehnung der Zeit, wie auch das andere Mal noch
zu dem Eindimensionalen einer ersten Ausdehnung des Raums?
Denn trotz all diesem angeblich Zufälligen muß doch dem Drei-
dimensionalen solcher Ausdehnung in irgendeinem Sinn das Ein-
dimensionale von ihr schon zugrundeliegen, das es folglich zweimal
geben müßte. Und so wäre all dieses angeblich Zufällige auch noch
etwas in sich Widersinniges. Zumal die Zeit als eindimensionale Aus-
dehnung dann auch zu einer Art von Raum entstellt auftreten müßte.
Ist dem Kosmos derlei zuzutrauen?
Nur gilt eben trotz all dieser Problematik: Solches Eindimensio-
nale ihrer Ausdehnung ist hier auch unentbehrlich, um die Zeit als
etwas zu behandeln, das sich zählen, messen und berechnen läßt.
Kann doch die Zeit auch nur als diese eindimensionale Ausdehnung
wie eine eigene Dimension behandelt werden, die zum dreidimensio-
nalen Raum als weitere und somit vierte Dimension hinzukommt.
Denn auch nur als solche bildet sie mit ihm zusammen jene vier-
dimensionale »Raumzeit«, die den Mathematikern und Physikern
bisher so grundlegend erscheint. Gerade diese aber sind es heute, de-
nen das von Grund auf problematisch wird. Denn damit werde solche
Zeit nicht nur zu einem Raum verfälscht und so als Zeit am Ende aus
der Welt verbannt. Vor allem werde die Dynamik solcher Zeit da-
durch zu einer Statik stillgelegt und damit in ihr Gegenteil verkehrt.
All dies jedoch verfehle von Grund auf, was insbesondere die Quan-

14
Einleitung

tentheorie inzwischen als das Wesen unseres Kosmos sichere: das


durch und durch Dynamische desselben, wie es auch das Wesen sei-
ner Zeit sei.
Nur ist man hier vorerst ratlos: Welch einer Geometrie denn
könnte solches durch und durch Dynamische gehorchen, wenn sie
nicht mehr die Geometrie von etwas Statischem wie einem eindimen-
sionalen Raum sein dürfte? Und wie könnte sich dergleichen noch
berechnen lassen, wenn doch etwas Räumliches wie eine Linie, das
die Grundlage aller Berechenbarkeit bildet, als Verfälschung nun-
mehr auszuscheiden hätte? Noch hinzu kommt nämlich: Nach der
Quantentheorie vermag die mathematisch-geometrische Physik das
Subjekt als Bewußtsein nicht mehr zu vernachlässigen, von dem sie
bis dahin so erfolgreich abgesehen hatte. Läßt sich doch der Einfluß
des »Beobachters« auf das »Beobachtete« für das Mikroskopische
nicht mehr so übergehen wie für das Makroskopische und damit auch
nicht länger die Bewußtseins- oder Subjekt-Abhängigkeit des Ob-
jekts. So aber steht man eben auch noch vor der Frage, was denn die
Geometrie von einem Subjekt als einem Bewußtsein ist.
Legt man dabei doch auch zurecht zugrunde, daß »natürlich al-
les«, was es gibt, seine »Geometrie« besitzen muß. Nur müßte dies
dann die Geometrie des Subjekts als eines »Beobachters« mit »Zeit-
pfeil« sein, das jeweils als das Einzige in dieser Welt im strengen Sinn
»lokal« ist. Denn das heißt, daß ein Subjekt in dieser Welt als Einziges
im geometrisch strengen Sinn jeweils ein Punkt ist. Jedes Objekt als
das Übrige in dieser Welt dagegen ist zunächst einmal zu einer Aus-
dehnung gerade ausgebreitet, nämlich »delokalisiert« und so gerade
»nichtlokal«. Als jene Problematik aber wird die Zeit auf diese Weise
vollends rätselhaft. Zum einen nämlich heißt das: Jenes durch und
durch Dynamische des Kosmos ist sie nicht nur auf der Seite der
Objekte, sondern auch auf der von jedem Subjekt als »Beobachter«
mit »Zeitpfeil«. Und zum andern heißt das: Die Geometrie der Zeit ist
dann gerade nicht mehr die von einer Ausdehnung wie einem ein-
dimensionalen Raum als Linie, sondern die von einem Punkt.
Mit solchem Punkt im Unterschied zu solcher Ausdehnung je-
doch stößt mathematisch-geometrische Physik sogleich auf zweierlei,
wovon sie durchgehend Gebrauch macht, ohne auch nur eines davon
jemals definiert zu haben. Denn voraus setzt sie es doch auch immer-
hin als dasjenige, dessen Unterschied geradezu den Ursprung der Ge-
nauigkeit von jeglicher Berechnung bildet. Ist doch, was sie ausmacht,
immer wieder das Verhältnis zwischen so etwas wie einem Punkt und

15
Einleitung

einer Ausdehnung, – wovon auch immer. Denn genau berechnet ist


die eine oder andere Ausdehnung von etwas doch gerade in dem Sinn,
daß sie es bis zu diesem oder jenem Punkt genau ist. Ausgerechnet
dies jedoch, daß mathematisch-geometrische Physik gerade hier und
so darauf gestoßen wird, verwundert sie: »Warum es überhaupt loka-
le Beobachter gibt«, von denen jeder so ein Punkt als »Zeitpfeil« ist,
»bleibt freilich ein Geheimnis«.
Über die Verwunderung darüber kann sich aber wiederum der
Philosoph nur wundern. Ist es nicht der Mathematiker und Physiker
als solcher selbst, der das Verhältnis zwischen Punkt und Ausdeh-
nung voraussetzt, um als »Schnitte« einer Ausdehnung durch Punkte
das gesamte Reich der Zahlen zu gewinnen, das die Grundlage jeder
Berechnung ist? Warum verwundert ihn, daß er die Geister nicht
mehr loswird, die er ruft? Haben die Geister etwa ihre Schuldigkeit
für ihn getan und könnten gehen, tun es aber nicht? Und stehen sie
ihm vielleicht im Weg, weil er inzwischen bis zu solchem, sprich: bis
dorthin vordringt, wo mit Punkt und Ausdehnung in dem bisher vor-
ausgesetzten Sinn kein Weiterkommen ist? Wie kann verwundern,
daß ein Punkt, der Punkt des »Zeitpfeils« sein soll, wie jenes »Lokale«
des »Beobachters«, kein »Schnittpunkt« sein kann?
Jener nämlich kann kein Punkt sein, der die Ausdehnung der
Zeit angeblich »schneidet« und sie somit als »geschnittene« angeblich
außerhalb von sich besitzt. Im Zeitsinn eines »Zeitpfeils« müßte die-
ser Punkt die Ausdehnung der Zeit vielmehr auf irgendeine Weise
innerhalb von sich besitzen, statt im Schnittsinn außerhalb von sich.
Ausschließlich dieser nämlich ist der Sinn, in dem der Mathema-
tiker und Physiker dieses Verhältnis zwischen Punkt und Ausdeh-
nung bisher als ursprünglich und grundlegend betrachtet: in dem
Sinn von Schnittpunkt und geschnittener Ausdehnung. Wie aber,
wenn all jene Rätsel wesentlich damit zusammenhingen, daß dies
Schnittverhältnis zwischen Punkt und Ausdehnung gerade nicht das
einzige und ursprüngliche ist, wie es der Mathematiker und Physiker
zu Zwecken der Berechnung ansetzt? Wenn es vielmehr noch ein
anderes und eigentlich ursprüngliches Verhältnis zwischen ihnen gä-
be, zu dem dieses Schnittverhältnis nur das von ihm abgeleitete Ver-
hältnis wäre? Wenn sonach zu gelten hätte, daß dies letztere das er-
stere als eigentlich grundlegendes Verhältnis schon voraussetzt, ohne
daß es bisher irgendjemandem bekannt ist?
Nur daß Mathematiker und Physiker es vorziehen, bei ihrer Ver-
wunderung darüber stehenzubleiben. Fern liegt ihnen, sich das

16
Einleitung

Selbstgemachte dieser Problematik zu gestehen, weil mit ihm ihr Un-


ternehmen eben steht und fällt. Und das obwohl es von dieser Ver-
wunderung doch nur ein Schritt bis zu der Einsicht ist: Sind jeweils
Schnittpunkt und geschnittene Ausdehnung das, was ein Schnitt er-
gibt, so sind sie eben auch nur das Ergebnis einer Analyse dessen, was
dabei geschnitten wird. Die aber kann doch ihrem Wesen nach nur
das ergeben, was in dem durch sie Analysierten auch enthalten ist.
Denn als ein Auseinandernehmen von ihm kann sie aus ihm doch
auch nur zutage fördern, was zusammen als die »Elemente« in ihm
das Analysierte ausmacht. So gewiß es folglich Punkt und Ausdeh-
nung als »Elemente« von sich auch in sich enthalten muß, so kann es
sie dann ebenso gewiß doch nicht als Schnittpunkt und geschnittene
Ausdehnung enthalten.
Denn als solche sind sie eben auch erst das Ergebnis von Analy-
sieren oder Schneiden, was erfolgt, oder auch nicht. Als solche kön-
nen sie darum gerade nicht auch schon die »Elemente« dessen sein,
was allererst analysiert oder geschnitten wird, oder auch nicht. Und
müssen sie im letzteren denn auch gewiß enthalten sein, so können
Punkt und Ausdehnung in ihm dann ebenso gewiß doch nicht in
einem Schnittverhältnis zueinander stehen. Vielmehr müßten Punkt
und Ausdehnung hier ein von Grund auf andersartiges Verhältnis
zueinander bilden, worin jedes von den beiden auch nur den genauen
Gegensinn zum Schnittsinn haben könnte, was dann aufzuklären wä-
re. Demnach hätte dies für Zeit genauso wie für Raum zu gelten,
deren jedes Punkt und Ausdehnung in sich enthalten müßte und sich
dann auch nur als ein so andersartiges Verhältnis zwischen beidem
definieren lassen könnte.
Trotz ihrer Verwunderung indessen können Mathematiker und
Physiker, die es auch bleiben wollen, diesen Schritt nicht tun. In ei-
gener Sache nämlich ist ein jeder von ihnen auf diesen Schnittsinn
oder dieses Schnittverhältnis förmlich festgelegt. Denn nur im Sinn
von solchen Schnitten kann es Zahlen für ihn geben, die ihm Zählen,
Messen und Berechnen von etwas ermöglichen. Und das ist eben
gleichbedeutend damit, daß er mittels solcher Schnitte zu etwas Dis-
kretem machen muß, was von sich selbst her nichts Diskretes, son-
dern eben das Kontinuum der Ausdehnung von Raum und Zeit ist.
Muß er das doch so grundsätzlich, daß er solche Ausdehnung als ein
Kontinuum zuletzt sogar auch nur noch zu verleugnen oder zu besei-
tigen vermag, indem er es als bloßen Inbegriff dieses Diskreten auf-
faßt. Und das hat die »Mengentheorie« als »mengentheoretische«

17
Einleitung

Mathematik oder Geometrie, die das Kontinuum von Ausdehnung


nur noch als bloße »Punktmenge« betrachtet, vorerst endgültig be-
siegelt.
Nur gerät sie mittlerweile eben damit auch in immer größere
Bedrängnis, weil die Einsicht wächst: Als bloße »Punktmenge« läßt
das Kontinuum von Ausdehnung sich grundsätzlich nicht wieder-
geben, weil es auch durch eine »überabzählbar« unendlich große
»Punktmenge«, wie die »reellen Zahlen«, nicht vollständig erfaßbar
sein kann: auch durch den »Infinitesimalkalkül« nicht. Anderseits
kann das Kontinuum von Ausdehnung auch nur als Inbegriff von sol-
chen Diskretionen überhaupt etwas Berechenbares sein. Und so gerät
die mathematisch-geometrische Physik unter den wahrlich nicht ge-
ringen Druck all jener ungelösten Rätsel, die im Rätsel des Kontinu-
ums der Ausdehnung von Zeit und Raum geballt zum Ausdruck kom-
men, das zugleich das Rätsel unseres Bewußtseins davon ist.
Denn folgerichtig müßte sich die mathematisch-geometrische
Physik gestehen, daß sie hier am Ende ist, was ihr etwa die Quanten-
theorie denn auch vor Augen führt. Ist sie doch auch gerade nicht
mehr aufgebaut nach »mengentheoretischen« Prinzipien, wie deren
Kenner zugestehen. Denn zuletzt läuft sie darauf hinaus: Auf seinem
Grund ist unser Kosmos eben nichts Diskretes, sondern als Kontinu-
um ein in sich einheitliches Ganzes, und zwar insbesondere als das
durch und durch dynamische Kontinuum der Zeit. Wie aber sollte so
ein Ganzes, das nicht länger als die bloße Summe von Diskretem sich
behandeln läßt, sich trotzdem noch berechnen lassen? Und wie könn-
te das in diesem Sinn denn zum Ergebnis einer »Weltformel« als
»Theorie für Alles« führen, die man doch anstrebt?
Hier am Ende ist genau genommen nämlich nur das Unterneh-
men des grundsätzlichen Reduktionismus, den Physik als mathema-
tisch-geometrische und so als letztlich »mengentheoretische« jedoch
auch wesentlich betreiben muß. Eine reduktionistische ist danach jede
Theorie, die so, als sei das selbstverständlich, davon ausgeht: Was es
gibt, sei jeweils solches, das verlustlos sich in »Elemente« ausein-
andernehmen und aus »Elementen« sich zusammensetzen läßt. Ge-
nau als solches nämlich ist es das, was mathematisch-geometrisch
zählbar, meßbar und berechenbar sein soll, indem es sich quantifizie-
ren lasse. Dies jedoch gilt eben nur für das, was grundsätzlich als
bloße Summe von diskreten »Elementen« sich behandeln läßt.
Wie aber sollte dies auch noch für solches gelten können, das als
Ganzes sich gerade nicht behandeln läßt wie eine bloße Summe sei-

18
Einleitung

ner »Elemente«, weil es solche »Elemente« zwar desgleichen, doch


durchaus nicht als diskrete hat? Genau das nämlich hätte für jedes
Kontinuum zu gelten, wenn es Punkt und Ausdehnung als seine
»Elemente« zwar besitzen müßte, diese aber eben nicht als Schnitt-
punkt und geschnittene Ausdehnung besitzen könnte. Denn das hie-
ße, daß es diese »Elemente« dann auch nicht als eine bloße Summe
von ihnen besitzen könnte, sondern als ein Ganzes aus ihnen besitzen
müßte, das sich nicht verlustlos als die bloße Summe von ihnen be-
handeln ließe. Und tatsächlich wäre der Verlust, zu dem solche Be-
handlung führt, auch kein geringerer als der: Verloren ginge das Ver-
hältnis zwischen ihnen als die Art der Einheit von ihnen, die den
genauen Gegensinn zum Schnittsinn haben müßte; denn an deren
Stelle träte als die Art der Einheit von ihnen dann das Verhältnis
eines bloßen Schnitts mit seinem bloßen Schnittsinn.
Um es positiv zu wenden, hieße das für solche »Elemente« eines
Ganzen aber im besonderen: Es könnte diese weder als diskrete Teile
haben, wie geschnittene Ausdehnung es jeweils wäre, noch auch als
diskrete Grenzen zwischen solchen Teilen, wie ein Punkt als Schnitt
es jeweils wäre. Vielmehr könnte es sie nur als Glieder von sich als
dem Ganzen haben, worin sie mit ihrem eigentümlichen Verhältnis
zueinander eine eigene Art von Einheit miteinander bilden müßten.
Folglich müßten sie als die verschiedenen Glieder sich auch unter-
scheiden lassen, und zwar voneinander ebenso wie auch von diesem
Ganzen selbst, nur eben ohne daß dazwischen jeweils irgendwelche
Diskretionen wären. Unterscheiden und bestimmen ließen sie sich
somit auch nicht mehr quantitativ, sondern nur noch qualitativ, was
aber trotz des Mangels solcher Diskretionen seine eigene und eigen-
tümliche Genauigkeit erreichen müßte.
Wie erforderlich das wäre, zeigt denn auch ein weiteres Rätsel,
das mit jenen ungelösten Rätseln miteinhergeht, über das man sich
jedoch hinwegzusetzen pflegt. Gewiß hat etwa jener dreidimensiona-
le Raum, wie wir ihn von den wahrgenommenen Objekten kennen,
seine drei verschiedenen Dimensionen. Ebenso gewiß jedoch hat er
sie als verschiedene nicht etwa dadurch, daß dazwischen irgendwelche
Diskretionen wären. Denn obwohl sie als die drei sich sogar zählen
lassen, läßt sich zwischen ihnen schlechterdings nichts feststellen,
was auch nur im schwächsten Sinn des Wortes als etwas Diskretes
zwischen ihnen gelten könnte. Vielmehr können diese Unterschiede
zwischen ihnen stets bloß nachträglich durch Linien als Schnitte zwi-
schen ihnen angedeutet werden, wie durch die drei senkrecht zuein-

19
Einleitung

ander stehenden Achsen eines Achsenkreuzes. Nichts dergleichen


aber weist der dreidimensionale Raum etwa von sich her zwischen
diesen seinen drei verschiedenen Dimensionen auf. Und dennoch hat
man keinerlei Bedenken, wenn man ihn so zu behandeln pflegt, als ob
er sich in seine drei verschiedenen Dimensionen auseinandernehmen
und auch aus ihnen zusammensetzen ließe.
Insbesondere gilt das nämlich auch noch für die Zeit, die man als
eine vierte Dimension von Ausdehnung dem Raum hinzufügt, um
ihn als die vierdimensionale »Raumzeit« zu behandeln. Schon allein
als dreidimensionaler aber ist der Raum in grundsätzlichem Unter-
schied zu all diesem Reduktionistischen gerade etwas Ganzheitliches,
eben ein Kontinuum. Sogar auch jeweils zwischen seinen drei ver-
schiedenen Dimensionen nämlich ist er noch Kontinuum und somit
gleichsam über sie hinweg oder durch sie hindurch auch nur ein ein-
ziges Kontinuum. Was schon für Ausdehnung und Punkt gilt, wie sie
im genauen Gegensinn zum Schnittsinn jeder einzelnen der Dimen-
sionen seiner Ausdehnung zugrundeliegen müßten, gilt daher auch
noch für jede einzelne seiner drei Dimensionen selbst: Auch diese
könnten, im genauen Gegensinn zum Schnittsinn, jeweils nur ein
Glied in ihm als einem Ganzen sein, was nicht mehr quantitativ zu
berechnen wäre, sondern nur noch qualitativ zu begreifen.
Doch erst recht gilt das, wenn man beachtet, wie zu diesem
Raum sich jene Zeit verhält, die Zeit des »Zeitpfeils« sein soll, den
jeder »Beobachter« als das »Lokale« eines Punktes bilde. Denn als
der »Beobachter« steht er ja dem »Beobachteten«, sprich: dem wahr-
genommenen räumlich-dreidimensionalen Objekt gegenüber, weil er
dabei das es wahrnehmende Subjekt ist. Das aber soll er danach eben
als die Zeit des »Zeitpfeils« sein, von welcher Dimension auch immer
sie dann sein mag. Demgemäß ist es denn auch gerade diese Dimen-
sion der Zeit, was solchem Räumlich-Dreidimensionalen als dem Ob-
jekt gegenüberstehen soll, wenn ihm als einem wahrgenommenen
Objekt ein wahrnehmendes Subjekt gegenübersteht. Doch so gewiß
es sich dabei auch in der Tat sogar im Vollsinn um ein Gegenüber
handelt zwischen Wahrgenommenem und Wahrnehmendem, so ge-
wiß ist trotzdem nicht einmal das Zwischen dieses Gegenübers etwa
von der Art, daß eine Diskretion dazwischen läge. Ja sogar so wenig
tritt dergleichen dabei auf, daß vielmehr zwischen Wahrnehmung
und Wahrgenommenem als dem Bewußten für Bewußtsein nichts
als ein ununterbrochenes Kontinuum besteht, im Zuge dessen ein
Subjekt als ein Bewußtsein ungehindert beim Bewußten ist.

20
Einleitung

Sogar auch diese Dimension der Zeit des »Zeitpfeils« also kann
wie jede der drei Dimensionen dieses Raums nur Glied im Ganzen
eines einzigen und lauteren Kontinuums aus ihnen sein. Und das ob-
wohl sie als die Dimension der Zeit des wahrnehmenden Subjekts
diesem Raum des wahrgenommenen Objekts von drei Dimensionen
nicht erst nachgeordnet ist, nicht wie als jene vierte seinen dreien,
sondern ihm schon vorgeordnet ist. Und in der Tat liegt zwischen
Subjekt und Objekt, zwischen Bewußtsein und Bewußtem, auch
nicht einmal eine Spur von Schnitt als Grenze in diesem Kontinuum
dazwischen, und darum erst recht nicht so etwas wie Trennung oder
Abstand. Und das ist nicht unerheblich, weil dergleichen sonst auch
innerhalb von jedem einzelnen leibhaftigen Subjekt auftreten müßte.
Denn auch seinem Körper, an den es als Subjekt unlösbar gebunden
ist, steht es nur gegenüber als Bewußtsein einer Wahrnehmung von
ihm als dem Bewußten oder Wahrgenommenen. Und dennoch hält
all das nicht davon ab, daß man im Vollsinn des Reduktionismus un-
bekümmert von der »Spaltung« oder gar dem »Abgrund« zwischen
Subjekt und Objekt zu sprechen pflegt.
Recht eigentlich muß dies jedoch bedeuten: Mangels jeder Art
von Diskretion dazwischen kann auch dieser grundsätzliche Unter-
schied zwischen Subjekt und Objekt nur bestehen als der von bloßen
Gliedern innerhalb von einem Ganzen, das als in sich einheitliches
unseren Kosmos ausmacht: eben als Kontinuum. Worauf es an-
kommt, ist daher, diesen Reduktionismus, der bloß auf die Analyse
setzt, zu überwinden, um auch die entsprechende Synthese einzuse-
hen. Auch nur diese nämlich könnte alle solchen immer wiederkeh-
renden Verhältnisse von bloßen Gliedern eines Ganzen als eines Kon-
tinuums erklären. Als Synthese herzuleiten hätte sie die Antwort auf
die Frage: Wie entspringen dem ursprünglichen Verhältnis zwischen
Punkt und Ausdehnung, das noch kein Schnittverhältnis zwischen
ihnen sein kann, Zug um Zug die weiteren Verhältnisse als Glieder
eines Ganzen, die am Ende das Kontinuum von Zeit und Raum er-
geben, das zuletzt auch noch das zwischen dem Bewußtsein als Sub-
jekt und dem Bewußten als Objekt ist?
Diesem Ziel entsprechend hat im Titel dieses Buches das Wort
»Einheit« einen Zweifachsinn. Zum einen steht es für die Einheit, die
ein jedes Objekt und ein jedes Subjekt je für sich besitzen muß; zum
andern und vor allem aber steht es auch noch für die Einheit, die
Subjekte und Objekte miteinander bilden müssen. Denn die eine wie
die andere Einheit bilden sie von vornherein gerade in dem Sinn der

21
Einleitung

Ganzheit bloßer Glieder. Kann doch auch nur der in Frage kommen,
wenn es sich dabei um ein Kontinuum verschiedener Dimensionen
handeln muß. Vor unser aller Augen nämlich liegt der Mangel jeder
Diskretion dazwischen, der das sichert. Dieses Ziel erreichen kann
daher grundsätzlich nicht eine reduktionistische Mathematik oder
Geometrie oder Physik. Erreichen kann es vielmehr nur eine grund-
sätzlich nichtreduktionistische Philosophie, die als Synthese ganz-
heitlich verfährt und durch Synthese ganzheitlich erklärt, was bloße
Analyse als reduktionistische in bloße »Elemente« auseinander-
nimmt, die sich zuletzt nur noch als Schnittpunkt und geschnittene
Ausdehnung erweisen.
Von den Sachen selbst her, um die es sonach zu tun ist, sieht ein
solches Unternehmen sich denn auch auf die Philosophie von Kant
verwiesen. Denn mit unbeirrter Sachlichkeit pflegt er wie keiner vor
ihm oder nach ihm auf die Sachen selbst sich sogar so weit einzulas-
sen, daß er sich zutiefst in sie verstrickt. Genau diese Verstrickungen
sind deshalb, wenn man ihnen bis auf ihre letzten Gründe nachgeht,
die Gelegenheiten, um die Sachen selbst am Ende aufzuklären. Mit
der gleichen Sachlichkeit bekennt Kant nämlich selbst die »Dunkel-
heit« und »Schwierigkeit« in seinen Texten, »wo die Sache selbst tief
eingehüllt ist«, was man aber tunlichst nicht auf sich beruhen lassen
oder auch noch übernehmen sollte. Fällt doch Kant sogar, der das
genaue Gegenteil zu ihm erstrebt, noch oft genug zurück in den Re-
duktionismus. Denn zum Beispiel die »Synthese« oder »Synthesis«,
die ihm schon vorschwebt, gilt ihm immer wieder fälschlich-wörtlich
als »Zusammensetzung«: ob nun die der Zeit oder des Raums oder
des Zeit- und Raum-Bewußtseins, wovon es dann durchwegs los-
zukommen gilt.
Sich leiten läßt ein solches Unternehmen der Philosophie denn
auch von der Gewißheit: Wie das der Mathematik oder Geometrie ist
es ein Unternehmen der Nichtempirie. Kriterium für dessen Wissen-
schaftlichkeit ist darum auch nicht Empirie, sondern ausschließlich
Argumentation, die von ihr unabhängig ist. Im Unterschied zum Un-
ternehmen der Mathematik oder Geometrie gilt für das der Philoso-
phie jedoch des weiteren: Deren wissenschaftliche Genauigkeit er-
folgt auch noch nicht als Quantifizieren, wie bei jenen, sondern ihm
zuvor erst einmal als Qualifizieren, woran jene es nicht selten fehlen
lassen. Seine eigene und eigentümliche Genauigkeit hat dieses Unter-
nehmen nämlich darin, für die Sachen selbst zunächst die jeweils an-
gemessene Begriffsbildung zu finden. Und das ist nach Kant nun ein-

22
Einleitung

mal Philosophen als »Erforschern der Begriffe« aufgegeben. Daran


aber fehlt es angesichts der ungelösten rätselhaften Grundprobleme
dieser Sachen selbst ja auch tatsächlich. Sind sie doch im wesentlichen
auch die Rätsel der Definitionen für die Grundbegriffe dieser Sachen
selbst, die bisher ausstehen.
Ihnen weiter nachzugehen, heißt für Philosophie denn auch, das
Wagnis einzugehen, sich abermals auf so etwas wie »Erstbegrün-
dung« oder »Letztbegründung« einzulassen und so als »Erste Phi-
losophie« oder »Ursprungsphilosophie« sich zu versuchen. Denn
ganz abgesehen von der unvermeidbaren Gefahr, sich dabei zu ver-
steigen: Damit wagt sie, in den Augen derer, die dergleichen schon
seit langem und bis heute noch für unmöglich erklären, dann von
vornherein schon als verstiegen zu erscheinen. Nur empfiehlt sich
freilich erst einmal das Abwarten, ob dieser Mangel an Zutrauen zur
Philosophie als strenger Wissenschaft denn in den Sachen selbst be-
gründet ist, oder vielleicht nur im Zurückschrecken vor ihnen. Jeden-
falls ist nicht zu sehen, wer denn sonst sich einer Lösung jener unge-
lösten Rätsel widmen könnte, wenn nicht dieser oder jener Philosoph.
Zumindest aber sollte die Philosophie sich durch sich selbst nicht
an sich selbst behindern lassen, mag die Schwierigkeit und Dunkel-
heit, die diese Sachen selbst umgibt, auch noch so abschreckend er-
scheinen. Daher taugt so ein Versuch wie dieses Buch durchaus nicht
etwa gleich einem Nachschlagewerk als Auskunftei. Es ist auch nichts
für Eilige, weil nichts zum Lesen im Geschwindschritt. Vielmehr
wendet es sich nur an Liebhaber, die gern verweilen: auch bei klein-
sten Einzelheiten, die dem größeren Zusammenhang seine Verständ-
lichkeit erst sichern. Jedenfalls wird der Gesamtzusammenhang sich
nur dem nachhaltig Nachdenklichen erschließen.

23
Erster Teil
Die Logik und Ontologie
von Zeit und Raum
Kapitel I
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit
von Zeit und Raum

§ 1. Die Ausdehnung von Zeit und Raum

Von Anbeginn seiner Bemühungen um eine Theorie von Zeit und


Raum entstehen für Kant Probleme, bleiben für ihn selbst jedoch im
Hintergrund. Für Kant im Vordergrund stehen die Probleme, die
für seine Vorgänger in dieser Theorie entstanden waren, wie etwa
für Leibniz und für Newton. Dieser hatte Zeit und Raum genauso
wie die Dinge, die in Form von ihnen auftreten, als etwas objektiv
und absolut Gegebenes aufgefaßt, wonach sie so etwas wie zwei
Behälter-Dinge für die Dinge wären. Dem trat Leibniz mit der Auf-
fassung entgegen, Zeit und Raum seien zwar wie die Dinge etwas
Objektives, aber nicht wie sie auch etwas Absolutes. Vielmehr seien
sie nur etwas Relatives, nämlich jeweils nur ein Netz von Relatio-
nen zwischen Dingen, das durch deren Sukzession oder Koexistenz
sich bilde. 1
Kant jedoch tritt beiden gleicherweise gegenüber: Weder folgt er
der Verdinglichung von Zeit und Raum durch Newton, noch dem
Leibnizschen Versuch, ihr zu entkommen, weil er ihn als zirkulär
durchschaut. 2 Nach Kant sind Zeit und Raum nicht erst die Folge von,
sondern bereits der Grund für Sukzession oder Koexistenz von Din-
gen, so daß Zeit und Raum als dieser Grund auch weiter der Erklä-
rung harren. Und der erste Schritt zu ihr besagt: Es handle sich bei
Zeit und Raum um etwas, das ursprünglich überhaupt nichts Objek-
tives sein kann, einerlei ob absolutes oder relatives, sondern das ur-
sprünglich etwas Subjektives sein muß: eine Sache des Bewußtseins
von etwas, dessen Besonderheit er dann als »Anschauung« zu fassen
sucht. Mit diesem Schritt jedoch gerät Kant in Probleme, die ver-

1
Über diese Auseinandersetzung orientiert am besten Leibniz’ Briefwechsel mit
Clarke, vgl. Leibniz 1991, dort z. B. S. 37 ff. (= 3. Brief an Clarke).
2
So spätestens seit 1770 in seiner Dissertation, vgl. § 15 D.

27
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

glichen mit den angeblichen, die man bisher darin sah, die eigent-
lichen sind, die man indes wie Kant bisher nicht sieht. 3
Ist Kant doch so der erste, für den es durch diesen seinen eigenen
Schritt notwendig wird, sich auch noch zusätzlich zu überlegen, wo-
rin denn das Einheitlich-Gemeinsame von Zeit und Raum bestehe.
Denn genau in diese Richtung geht ja schon sein erster Schritt, weil
nach ihm jedes dieser beiden Anschauung sein soll, ein Schritt, der
dann jedoch auch noch zu einem zweiten zwingt: Wer Zeit und Raum
als Anschauung betrachtet, muß auch sagen: Anschauung wovon.
Denn »Anschauung« muß analytisch »Anschauungsbewußtsein«
heißen, so daß von ihm unterschieden werden muß, wovon es ein
Bewußtsein bilden oder was das Angeschaute solcher Anschauung
sein soll: Dem Einheitlich-Gemeinsamen, daß jedes davon Anschau-
ung sein soll, muß dann als Angeschautes auch noch etwas Einheit-
lich-Gemeinsames von Zeit und Raum entsprechen.
Demgemäß kommt Kant auch nicht umhin, dies bei Gelegenheit
zu nennen. Dort zum Beispiel, wo dies unbedingt erforderlich wird,
weil hier nur von dem, was dabei anschaulich-bewußt sein soll, die
Rede sein kann, während er von Zeit oder von Raum sonst überwie-
gend bloß als Anschauung zu sprechen pflegt. So kann es ihm, wenn
er auf diese Art in vollem Zuge ist, zum Beispiel zustoßen, daß er
auch noch auf »Örter in« der Zeit oder im Raum zu sprechen kommt
und sie auch schon als »Örter in einer Anschauung« bezeichnet. Die-
se Art der Formulierung aber läßt ihn dann doch stutzen, weil ihm
klar wird: Damit meint er ja gewiß nicht so etwas wie ›Örter in einem
Bewußtsein‹, welcher Art auch immer. Deshalb setzt er hier an dieser
Stelle zur Erläuterung des eigentlich Gemeinten unmittelbar hinter
»Anschauung« in Klammern »Ausdehnung«. 4
Nicht Anschauung als ein Bewußtsein meint er also, sondern
Ausdehnung als das dabei für sie Bewußte oder durch sie Angeschau-
te: »Örter in« der Zeit oder im Raum sind Örter in der Ausdehnung
von Zeit oder von Raum als anschaulich-bewußtem Gegenstück zu
Anschauung oder Bewußtsein. Und das heißt: Liegt Anschauung
von Zeit und Raum vor, dann als Anschauung der Ausdehnung von
Zeit und Raum. Infolgedessen aber müßte solche Ausdehnung nicht
nur das Einheitlich-Gemeinsame von ihnen sein; sie müßte sich viel-

3
Das vorerst letzte Beispiel dafür liefert Brandt 2010, S. 15–65.
4B 66. Zu diesem Sinn von »Ausdehnung« vgl. auch A 21 B 35, B 70, B 149, A 359,
A 360, A 371, A 384, A 438 B 466, A 469 B 497, A 491 B 519.

28
§ 1. Die Ausdehnung von Zeit und Raum

mehr als Ausdehnung von Zeit oder von Raum auch unterscheiden:
wie die Gattung von zwei Arten.
Dies jedoch führt in Probleme, die es in sich haben, weil sie un-
lösbar sind und weil ihre Unlösbarkeit anzeigt, daß die Sache selbst es
ist, die sich auf diese Art zur Wehr setzt. Müßten nämlich Zeit und
Raum die Arten solcher Ausdehnung als Gattung sein, so müßten sie
als solche sich auch definieren lassen. Und das heißt: Es müßte mög-
lich sein, zum Sinn von Ausdehnung als Gattung zusätzlich auch
noch den Sinn des jeweiligen Unterschieds zu finden, der sie zu der
je verschiedenen Art der Ausdehnung von Zeit oder von Raum dann
überhaupt erst macht: den Sinn der differentia specifica, was eben
heißt: den Sinn des artbildenden Unterschieds. Gilt doch bekanntlich:
definitio fit per genus proximum et differentiam specificam, so daß
die species oder die Art es wäre, die durch solche definitio als Um-
grenzung ihres Sinns verständlich würde.
Dem jedoch hat Kant sich nie gestellt. Entsprechend ist ihm auch
nie aufgefallen, worauf sein eigener Versuch einer Bestimmung für
den Sinn von Zeit und Raum zuletzt hinausläuft, wenn er es dabei
beläßt, sie seien Ausdehnung als Nacheinander und Zugleich. Denn
hätte er gefragt, was daran jeweils als spezifisch-definierende Diffe-
renz in Frage kommen soll, dann hätte er gemerkt: Weder kann jedes
dieser beiden selbst als eine solche Differenz in Frage kommen, noch
läßt diese jedem dieser beiden sich entnehmen. Nicht das erstere, weil
diese Differenz nur dann artbildend sein kann, wenn ihr Sinn den
Sinn der Art, der durch sie allererst gebildet werden soll, nicht schon
voraussetzt. Den jedoch setzt Nacheinander und Zugleich sehr wohl
bereits voraus, weil Zeit und Raum nichts anderes als Nacheinander
und Zugleich bedeuten, so daß jedes davon letztlich tautologisch für
sie wäre. Doch auch nicht das zweitere: Müßte doch jede Angabe,
durch welchen zusätzlichen Sinn der Sinn von Ausdehnung zum
Sinn von zeitlicher oder von räumlicher Ausdehnung wird, den Sinn
von Zeit oder von Raum bereits in Anspruch nehmen und so gleich-
falls tautologisch werden.
Keiner von diesen Versuchen also kann einer Tautologie ent-
gehen, was feststellen wird, wer dazu diese oder jene Art von Vorstoß
unternimmt. Da Kant dies aber niemals unternommen hat, blieb ihm
nicht nur diese Tautologie verborgen, sondern auch noch ein mit ihr
verbundenes Problem, das hätte weiterführen können.
Dieses Scheitern durch Tautologie ist nämlich bei genauem Hin-
sehen höchst verwunderlich. Es scheitert nämlich nur in einer ganz

29
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

bestimmten Hinsicht, weil in einer ganz bestimmten anderen gerade


nicht, und zwar gerade dahingehend nicht, daß es auch in der ersteren
dann eigentlich nicht scheitern dürfte. Denn zu einer Definition des
Sinns von Arten unter einer Gattung ist nicht nur erforderlich, die
jeweilige differentia specifica zu finden, sondern ihr zuvor zunächst
einmal das angemessene genus zu den Arten. Ist es doch gerade dieses
genus, dessen Sinn zusammen mit dem Sinn der einen oder andern
differentia specifica den Sinn der Arten bilden soll. Aus diesem
Grund ist das Verhältnis zwischen genus und der einen oder andern
differentia specifica stets ein synthetisches Verhältnis. Umgekehrt
dagegen muß der Sinn von jedem dieser beiden, die dieses syntheti-
sche Verhältnis zueinander bilden, aus dem Sinn der Arten analytisch
folgen und zusammen mit dem anderen den Sinn der jeweiligen Art
erschöpfen.
Demnach aber müßte gelten: Hat aus Zeit und Raum die Aus-
dehnung sich analytisch als das angemessene genus für sie als die
beiden Arten dieser Ausdehnung ergeben, müßte sich genauso analy-
tisch auch die jeweilige differentia specifica daraus ergeben, weil sie
sozusagen analytisch übrig bleiben müßte. Eben das tut sie jedoch in
diesem Fall nicht einmal im entferntesten, so daß sich umgekehrt
vielmehr sofort die Frage stellen muß, ob denn die Ausdehnung tat-
sächlich als das angemessene genus dafür gelten kann. Nur bleibt
zugleich auch unerfindlich, welches andere dafür in Frage kommen
könnte, was im ganzen somit als ein echtes Sachproblem hervortritt,
durch das die Tautologie, in der es sich verbirgt, noch überboten wird.
Erst damit nämlich wird in vollem Umfang zum Problem, was es
mit Zeit und Raum denn auf sich hat: Obwohl nach allem, was an Zeit
und Raum sich als ihr Einheitlich-Gemeinsames ermitteln läßt, die
Ausdehnung als ihre Gattung richtig angegeben ist, ergibt sich nicht
auch noch, was sich dann mit ergeben müßte: die jeweils spezifisch-
definierende Differenz für sie als Arten dieser Gattung. Trotz der
Richtigkeit der Ausdehnung als Gattung für sie scheinen Zeit und
Raum sich als die Sache selbst dem Zugriff durch diesen Begriff noch
nicht zu fügen, weil sie sich durch ihn noch nicht erschlossen finden.
Dieses Sachproblem, das Kant nicht sieht, umfaßt jedoch noch
mehr, was ihm des weiteren entgeht: So wenig wie das Tautologische
von Nacheinander und Zugleich für Zeit und Raum sieht er, daß dies
allein schon als Versuch einer Bestimmung – von ihrer Tautologie
ganz abgesehen – gar nicht möglich sein kann. Denn für ihn muß
Kant etwas in Anspruch nehmen, das er seinem eigenen Ansatz nach

30
§ 1. Die Ausdehnung von Zeit und Raum

gar nicht in Anspruch nehmen kann: den Sinn von Nacheinander und
Zugleich. Der nämlich setzt etwas voraus, das diesem Ansatz nach für
Kant noch gar nicht zur Verfügung stehen kann. Denn Ausdehnung
als Nacheinander und Zugleich sind Zeit und Raum nur in dem Sinn,
daß eine Teilung solcher Ausdehnung ein Mannigfaltiges herbei-
führt, dessen Elemente unter sich jeweils ein Nacheinander oder ein
Zugleich ergeben: einerlei, ob es bei diesen Elementen sich um Teile
oder Grenzen zwischen ihnen handelt. 5 Nur wenn diese oder jene
Elemente einer Mannigfaltigkeit verfügbar sind, kann auch ein Sinn
des Nacheinander oder des Zugleich von ihnen zur Verfügung stehen.
Gerade Kant jedoch kann solche Elemente nicht in Anspruch
nehmen und mithin auch nicht den Sinn von Nacheinander und Zu-
gleich, weil er von diesen Elementen abhängt. Denn ausdrücklich
schließt er aus, es könnten bei Gegebenheit von Zeit und Raum als
der ursprünglich-subjektiven Anschauung von Ausdehnung etwa
auch solche Elemente innerhalb von ihr noch mit gegeben sein. 6 Aus-
drücklich formuliert er deshalb wiederholt, »daß alles, was […] zur
Anschauung gehört […], nichts als bloße Verhältnisse enthalte«, 7
wodurch »nichts als bloße Verhältnisvorstellungen gegeben wer-
den«. 8 Und mithin gerade nicht gegeben werden dadurch etwa auch
die einen oder andern Elemente noch, die in diesen Verhältnissen
aufträten.
Denn das heißt mit andern Worten: Durch die Anschauung der
Ausdehnung von Zeit und Raum gegeben sind ausschließlich Relatio-
nen, nämlich noch ganz ohne die Relate dieser Relationen. Freilich
kann all dies zunächst einmal nur als ein Widersinn erscheinen: nicht
allein von Leibniz her, sondern bis heute noch. Gleichwohl muß Kant
mit seiner Theorie im Gegenzug zu der von Leibniz all dies in der Tat
vertreten. Ist sie doch in eben dieser Hinsicht auch tatsächlich die
genaue Umkehrung zur Auffassung von Leibniz: Ihm zufolge sollten
auf der objektiven Seite jene Dinge als Relate oder Elemente das Pri-
märe sein, durch deren Sukzession oder Koexistenz erst Zeit und
Raum als jeweiliges Netz von Relationen zwischen ihnen sich er-
geben könnten. Dies jedoch galt Kant als Zirkel, weil für Sukzession
oder Koexistenz von etwas Zeit und Raum bereits vorausgesetzt sind.

5 Vgl. z. B. A 31 f. B 47 f., A 33 B 50, A 505 B 533.


6
Dazu vgl. etwa das »uneingeschränkt« in A 32 B 48.
7 B 66.
8
B 67. Vgl. auch A 274 B 330, A 284 B 340.

31
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Ihm zufolge sollen vielmehr auf der subjektiven Seite jene Anschau-
ung der Ausdehnung von Zeit oder von Raum als jeweiliges Netz von
Relationen das Primäre, eben Aprioritäten sein, worin sich stets erst
sekundär, aposteriori, diese oder jene Elemente als Relate einstellen
können: sei es nun durch Auftreten empirisch-subjektiver Sinnes-
daten innerhalb von ihnen oder durch Fingierung solcher Empirie in
den Gestalten der Geometrie. 9
Als Aprioritäten solcher Relationen ohne die entsprechenden
Relate aber sind dann Zeit und Raum gerade nicht mehr etwas Rela-
tives, wie nach Leibniz, sondern wieder etwas Absolutes, wie nach
Newton: Waren sie nach Leibniz etwas Relatives doch nur, weil nach
ihm es ja zunächst einmal die Dinge gibt, die als Relate allererst die
Relationen zueinander bilden, deren jeweiliges Netz dann Zeit und
Raum sein sollten. An Relaten aber, welcher Art auch immer, soll
dabei nach Kant gerade keines vorgegeben sein und somit auch
nichts, relativ worauf die Zeit oder der Raum dann eben etwas Rela-
tives bilden müßten. Vielmehr müssen sie dann umgekehrt gerade
etwas jeweils Absolutes bilden, nur statt auf der objektiven Seite, wie
bei Newton, nunmehr auf der subjektiven. Folglich muß dann auch
noch fraglich werden, was es eigentlich bedeuten soll, durch Zeit
oder durch Raum gegeben seien jeweils nur ein Inbegriff von Rela-
tionen.
Fraglich werden muß das denn auch nicht nur gegenüber Kant,
sondern bis heute jedem gegenüber, der noch weiter zwischen Zeit
und Raum dem Sinn nach unterscheidet und ihn deshalb nur als den
von Nacheinander und Zugleich umschreiben kann. Wer nämlich
nicht zurück in jenen Zirkel fallen will, wie Leibniz, oder gar, wie
Newton, in jene Verdinglichung, kommt nicht umhin, sie als dies
Subjektive zu erwägen. Gilt das doch auch noch für jene Physiker,
die sie zuletzt für »Illusionen« halten möchten, 10 deren jede also min-
dest ein Bewußtsein als etwas Mentales sein muß. Als dies Subjektive
nämlich müssen sie dann jeweils auch noch etwas Absolutes sein, als
das sie insbesondere auch bei Einstein immer schon vorausgesetzt
sind. Denn auch er muß sie zunächst einmal als etwas seinem Sinn

9 Vgl dazu etwa A 581 B 609: »Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne ist ein
Verhältnis derselben zu unserem Denken, worin etwas (nämlich die empirische Form)
a priori gedacht werden kann […]« (kursiv von mir).
10
Vgl. z. B. Randall 2008, S. 499 ff.

32
§ 1. Die Ausdehnung von Zeit und Raum

nach Unterschiedliches zugrundelegen, um sie dann in seinen Relati-


vitätstheorien auch mit Sinn relativieren zu können. 11
Deren Sinn kann nämlich ganz gewiß nicht dahin gehen, die
relative Zeit oder der relative Raum sei relativ, weil dies nur analy-
tisch-uninformativ sein könnte. Als recht eigentlich informativ-syn-
thetischer besagt ihr Sinn vielmehr, daß Zeit und Raum als etwas
Absolutes, das sie von sich selbst her sind, zu etwas Relativem wer-
den, nämlich relativ zu den Objekten, die in Form von ihnen auftre-
ten und zueinander unterschiedlich sich bewegen. Denn genau in die-
sem Sinn von etwas Absolutem muß auch Einstein noch den Raum
»lokal«, das heißt: »im kleinen«, als Zugleich voraussetzen, weil er
ihn von der Zeit als Nacheinander unterscheidet. Ja in diesem Sinn
von etwas Absolutem muß er für die Zeit sogar etwas vertreten, das
de facto auch schon Kant durch seine Theorie vertreten hatte, damals
aber gegen Newton nie ausdrücklich zu vertreten wagte.
Danach kann es Zeit zunächst einmal nur geben als die jeweilige
»Eigenzeit« des einzelnen »Beobachters«, 12 so daß es dann in diesem
Sinn von Zeit zunächst einmal genau so viele Zeiten geben muß wie
auch Subjekte als »Beobachter«. Auch diese jeweils absolute »Eigen-
zeit« eines »Beobachters« relativiert sich nämlich nach den Theorien
von Einstein nur, wenn sie auch auf Objekte als »Beobachtetes« noch
bezogen wird, die zueinander unterschiedlich sich bewegen. Wird sie
doch auch erst als diese Zeit solcher Objekte dann zur objektiven,
während sie als jene »Eigenzeit« des einen oder anderen »Beobach-
ters« zunächst einmal gerade subjektive Zeit sein muß. 13 Für diese ist
der Physiker jedoch nicht zuständig, so daß er sie für eine »Illusion«
erklären muß. Die aber ist sie eben nur als etwas für ursprünglich
objektiv Gehaltenes, gleichviel ob absolutes oder relatives, was denn
auch schon Kant vertritt. 14 Genau wie eine »Illusion«, die doch als
solche selbst nicht nichts ist, sondern etwas, ist dann auch die Zeit
etwas ursprünglich Subjektives. Und als solches ist sie eben etwas
Absolutes, das ein jedes Subjekt als »Beobachter« zunächst einmal

11 Dazu wäre dann auch noch zu unterscheiden zwischen »relativ« in dem speziellen
Sinn der Relativitätstheorien und im Sinn von bloß »relational«. Vgl. dazu Friebe
2012, S. 259 f. mit Anm. 6.
12 Einstein 1988, S. 17.

13
Willkommen ist daher, daß dies seit langem schon Vermutete jetzt als erwiesen
gelten kann. Vgl. dazu Friebe 2012.
14
So etwa, wenn er sie in diesem Sinn als »Schein« auffaßt, wie in B 70 Anm.

33
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

von sich her mitbringt und durch sein »Beobachten« sodann in die
Objekte als »Beobachtetes« einbringt.
Dann jedoch wird vollends rätselhaft, wovon denn eigentlich die
Rede sein soll, wenn von Zeit und Raum als etwas zueinander Unter-
schiedlichem die Rede ist: nicht nur bei Kant, sondern bis heute. Denn
der Unterschied von Nacheinander und Zugleich kann dann auch
nicht nur nicht zur Definition herangezogen werden, sondern nicht
einmal mehr zur Erläuterung, sofern man die zuletzt daraus entste-
hende Tautologie etwa zu dulden willens wäre. Könnte man sich doch
darauf berufen wollen, daß wortwörtlich dieses Nacheinander und
Zugleich für Zeit und Raum doch gar nicht tautologisch sei, sondern
bloß analytisch und so immerhin erläuternd.
Denn auch das ist eben nicht der Fall, wie sich zuletzt ergeben
hat. Setzt deren Sinnverschiedenheit doch die Relate zu ihnen als
bloßen Relationen schon voraus, Relate, die jedoch nach Kant dabei
gerade nicht schon mit gegeben sind. Und nicht zu unterschätzen ist,
welch ein Problem sich damit auftut, das bis heute ohne Lösung ist,
worüber jeder sich im klaren sein muß, der als Philosoph zu Zeit und
Raum sich äußern möchte. Lassen sie durch Nacheinander und Zu-
gleich sich nicht einmal erläutern, so erweist ihr Unterschied sich als
ein vorerst rein intuitiver, sprich, rein anschaulicher, der sich vorerst
jeglichem Versuch verweigert, ihn auch noch in den entsprechenden
begrifflichen, sprich, diskursiven Unterschied zu übersetzen.
Dann jedoch vertieft dieses Problem sich nur noch weiter, näm-
lich auch noch hinter Zeit und Raum zurück bis in die Ausdehnung
als anscheinende Gattung zu ihnen als anscheinenden Arten von ihr.
Sollen nämlich Zeit und Raum nur als ein Netz von Relationen ohne
die entsprechenden Relate gelten, müßte dies auch noch für Ausdeh-
nung als ihre Gattung gelten. Danach wäre auch der Sinn von Aus-
dehnung ein vorerst rein intuitiver, sprich, rein anschaulicher, der
sich vorerst gleichfalls jeglichem Versuch verweigert, ihn auch noch
in den entsprechenden begrifflichen, sprich, diskursiven Sinn zu
übersetzen. Dafür nämlich scheidet dann auch etwas Weiteres noch
aus, wovon Kant zur Erläuterung des Sinns von Ausdehnung ge-
legentlich Gebrauch macht, nämlich sie als ein »Außereinander« 15
zu umschreiben. Denn ersichtlich setzt auch dieses jene Elemente
schon voraus, weil auch im Fall von bloßer Ausdehnung nur Teile

15A 23, B 257, B 262, A 264 B 320, A 283 B 339, A 370, B 414, A 435 B 463, A 443
B 471.

34
§ 1. Die Ausdehnung von Zeit und Raum

von ihr oder Grenzen zwischen ihnen etwas sind, wovon sich sinnvoll
sagen läßt, daß diese zueinander ein Verhältnis des »Außereinander«
bilden.
Ist jedoch auch das noch ausgeschieden, bleibt als einziges noch
Ausdehnung als solche übrig, deren Sinn der Klärung harrt, doch
ohne daß ersichtlich würde, wodurch er sich klären ließe, weil er jeg-
lichem Versuch dazu sich widersetzt. Hier könnte man auf den Ge-
danken kommen, sich das so zurechtzulegen, als ob Ausdehnung gar
keinen eigenen Sinn besitze, den es zu bestimmen gelte, weil wir der-
lei doch auch überhaupt nur kennen als die Ausdehnung von Zeit und
Raum. Auf diese beiden seien wir daher zurückverwiesen, weil doch
keine Frage sei: Genau wie es zum Beispiel Obst nur gibt, indem es so
etwas wie Äpfel oder Birnen usw. gibt, doch nicht etwa noch zusätz-
lich dazu als weiteres solches, so gibt es auch Ausdehnung nur da-
durch, daß es Zeit und Raum gibt, aber nicht auch noch als etwas
Anderes als sie.
Doch so gewiß das zutrifft, so gewiß ist auch: Als Ausdehnung
von beiden, die sich voneinander unterscheiden, müßte sie sich auch
von beiden unterscheiden, wie die Gattung sich von ihren Arten un-
terscheidet, wenn sie beider Gattung wäre. Denn genau so unter-
schiede sich ja in der Tat von jenem Nacheinander und Zugleich jenes
Außereinander, wenn die drei als die Bestimmungen für Zeit und
Raum als Ausdehnung in Frage kommen könnten. Nur sind eben
dafür mittlerweile alle drei gerade ausgeschieden, weil zuletzt auch
noch jenes Außereinander als Bestimmung für die Ausdehnung.
Entsprechend unerfindlich wird, was überhaupt noch übrig blei-
ben und dann zur Verfügung stehen könnte, um den Sinn von Aus-
dehnung als solcher oder gar als zeitlicher bzw. räumlicher Ausdeh-
nung auch nur analytisch zu erläutern. Bleibt man darin folgerichtig,
so daß man zuletzt nur noch den Sinn von Ausdehnung als solcher
vor sich hat, entdeckt man aber plötzlich: Dieses Ausscheiden von all
dem ist nicht nur kein Nachteil, sondern umgekehrt sogar ein Vorteil.
Hält man all dies Ausgeschiedene tatsächlich fern, enthüllt sich näm-
lich: So gewiß der Sinn von Ausdehnung vorerst nur als ein rein
intuitiver, sprich, rein anschaulicher gelten kann, so läßt sich ihm
doch immerhin entnehmen, daß der ihr entsprechende Begriff in der
Gestalt des Wortes »Ausdehnung« auf keinen Fall ein Relations-
begriff sein kann. Und das muß nach den letzten Überlegungen doch
ziemlich überraschen.
Trifft das nämlich zu, so unterscheidet er sich damit wie auf

35
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

einen Schlag von allen dreien, welche vorhin ausgeschieden sind: von
»Nacheinander« und »Zugleich« genauso wie auch von »Außerein-
ander«. Sind sie alle drei doch Relationsbegriffe, deren Sinn von den
entsprechenden Relaten abhängt, die nach Kant jedoch, wenn Aus-
dehnung als Zeit oder als Raum gegeben ist, nicht mit gegeben sind.
Ist ihr Begriff jedoch kein Relationsbegriff, dann ist auch Ausdeh-
nung, wenn sie gegeben ist, gerade nicht gegeben als ein Netz von
Relationen, deren Sinn von den entsprechenden Relaten abhängt.
Und das heißt, daß Ausdehnung als solche und darum erst recht als
zeitliche oder als räumliche nichts Relatives sein kann, sondern in der
Tat nur etwas Absolutes. Und tatsächlich sind doch Ausdrücke wie
»Ausdehnung« und alle ihre Ableitungen jeweils einstellige Prädika-
te: Ist von Ausdehnung die Rede oder auch von etwas Ausgedehntem
oder von etwas Sichausdehnendem, so ist jedes davon diesem seinem
Sinn nach eines und als solches seinem Sinn nach auch verständlich,
ohne dazu irgendeines andern zu bedürfen, wie bei einer Relation als
einem mehrstelligen Prädikat. Allein schon deshalb ist ein jedes der
drei Ausgeschiedenen als ein Begriff für eine Ausdehnung oder für
eine Art von Ausdehnung unangemessen, weil es ein Begriff für eine
Relation ist und weil eine Ausdehnung gerade keine Relation ist.
Denn tatsächlich ist der Sinn von Ausdehnung, wenn sie gegeben ist,
nicht davon abhängig, daß dabei innerhalb von ihr auch diese oder
jene voneinander unterschiedenen Elemente noch gegeben sind.
Zurecht sind also alle drei dieser Begriffe ausgeschieden, weil sie
Relationsbegriffe sind, die deshalb das, was uns als Ausdehnung ge-
geben ist, ob nun als zeitliche oder als räumliche, für unseren Blick
geradezu verstellen. Entsprechend frei wird unsere Sicht nunmehr
auf das, womit wir es hier eigentlich zu tun bekommen. Danach wird
als erstes klar, was haltbar ist an jener Auffassung von Kant und was
gerade nicht. Daß Zeit und Raum als Ausdehnung gegeben seien,
ohne daß mit ihnen jeweils auch verschiedene Elemente als Relate
innerhalb von ihnen noch gegeben wären, läßt sich halten. Nicht zu
halten ist dagegen, diese Ausdehnung von Zeit oder von Raum sei
daher nur gegeben als »bloße Verhältnisse« oder als bloße Relationen,
eben ohne die entsprechenden Relate.
Vielmehr kann nur gelten, daß genausowenig wie Relate inner-
halb der einen oder anderen auch diese Ausdehnung von Zeit oder
von Raum dann nicht gegeben ist als jeweiliger Inbegriff von bloßen
Relationen. Schon allein als Ausdehnung ist jedes davon vielmehr
etwas Absolutes – das von Grund auf Andere zu einer Relation, das

36
§ 1. Die Ausdehnung von Zeit und Raum

durch ein einstelliges Prädikat zum Ausdruck kommt – und somit


auch erst recht als Ausdehnung von Zeit oder von Raum. Daher ist
jedes davon auch tatsächlich schon von vornherein, schon a priori,
etwas Absolutes anstatt etwas Relatives, wie es Kant hier auf der sub-
jektiven Seite ohnehin vertreten muß. Entsprechend ist es letztlich
auch gerade dies, was er sich selbst durch die drei ausgeschiedenen
Relationsbegriffe immer wieder zu verstellen droht. Denn nie hat er
gesehen, wie grundverfehlt der eine von den dreien schon allein für
Ausdehnung als anscheinende Gattung für die Zeit oder den Raum
als anscheinende Arten von ihr ist, und so erst recht die beiden ande-
ren für Zeit und Raum. Verborgen blieb ihm dadurch, daß allein
schon Ausdehnung als solche selbst nichts Relatives sein kann, son-
dern etwas Absolutes sein muß, was darum erst recht für Zeit und
Raum als Ausdehnungen gelten müßte.
Damit aber, daß dies nunmehr aufgedeckt wird, ist noch nichts
gewonnen, sondern das bestehende Problem auch nur noch weiter,
nämlich bis in seinen Grund hinein entfaltet. Daß Kant überhaupt
darauf verfällt, trotz jener fehlenden Relate diese Ausdehnung von
Zeit oder von Raum als Inbegriff von Relationen zu betrachten, ist
nichts anderes als Ausdruck seiner Grundverlegenheit, die Zeit oder
den Raum als Ausdehnungen zu bestimmen. Eben darin bleibt seine
Kritik an Leibniz eine Halbheit, nämlich bloße Umkehrung von des-
sen Auffassung, von der sie darum, eben weil sie sich als Umkehrung
von ihr nicht lösen kann, abhängig bleiben muß. Das zeigt sich daran,
daß Kant von ihr etwas übernimmt, was er nicht übernehmen dürfte:
Zeit und Raum als bloße Relationen. Denn recht eigentlich teilt er mit
dieser Auffassung von Leibniz überhaupt nichts, nämlich weder die
Relate noch die Relationen innerhalb von Zeit und Raum.
Vielmehr vertritt er gleichsam über ihn hinweg wie Newton wie-
der eine Auffassung von Zeit und Raum als zwei verschiedenen Behäl-
tern. Nur sind diese nicht mehr wie nach Newton zwei Behälter-Dinge
auf der objektiven Seite, sondern nunmehr auf der subjektiven Seite
zwei Behälter von grundsätzlich anderer Art als Dinge, was es daher
zu bestimmen gälte. Eben dafür nämlich müßte diese Ausdehnung
von Zeit und Raum als etwas Nichtrelationales oder Absolutes ein-
stehen, wofür sie bei Kant jedoch gerade aussteht, weil ihre Bestim-
mung bei ihm ausbleibt. Denn durch jene Auffassung als Inbegriff
von Relationen täuscht er selbst sich darüber hinweg, daß er für keins
der drei eine Bestimmung hat, die auch nur eine analytische Erläute-
rung, geschweige denn eine synthetische Definition sein könnte.

37
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Daß für Zeit oder für Raum eine Definition nicht glücken will,
obwohl die Ausdehnung als ihre Gattung doch so klar zu sein scheint,
ist denn auch nicht mehr verwunderlich, wenn schon allein der Sinn
von ihr keiner Bestimmung fähig ist. Nur in Bezug auf diesen als
bestimmten nämlich, den von Ausdehnung als Gattung, könnten
auch noch die spezifisch-definierenden Differenzen als bestimmte
sich ergeben; und mit ihm zusammen müßten diese dann synthetisch
zu dem Sinn von Zeit und Raum als Arten dieser Gattung führen.
Doch allein schon dieser Sinn bleibt eben unbestimmt, das heißt rein
anschaulich, sprich, rein intuitiv, weil er sich nicht in den entspre-
chenden begrifflichen, sprich, diskursiven übersetzen läßt. Denn jeg-
licher Versuch dazu mißlingt nicht erst im Fall von Zeit und Raum,
sondern auch schon im Fall von Ausdehnung, indem er auf eine Tau-
tologie hinausläuft.
Sicherstellen läßt sich zwar, daß er kein relativer Sinn sein kann,
sondern ein absoluter Sinn sein muß. Denn jeder Ausdruck einer
Ausdehnung kann nur als einstelliges Prädikat auftreten. Ist es doch
in jedem solchen Fall ein Gegenstand, von dem die Rede ist, indem
von ihm gesagt wird, er sei ausgedehnt, wie auch im Gegenfall, er sei
unausgedehnt. So ist im Regelfall ein Gegenstand in unserer Umwelt
ausgedehnt und nur im Ausnahmsfall einmal unausgedehnt: das
Elektron zum Beispiel, für das bisher keiner von den diesbezüglichen
Versuchen eine Ausdehnung erweisen konnte, so daß es bekanntlich
bis auf weiteres als »punktförmig« betrachtet wird. Und das bedeutet
eben jeweils räumlich ausgedehnt oder unausgedehnt, wogegen zeit-
lich ausgedehnt etwa ein Vorgang unserer Umwelt ist.
Nur können solche Fälle als die Quelle für den Sinn, den wir mit
so etwas wie Ausdehnung zunächst verbinden, hier nicht weiter-
helfen. Denn nach Kant kann es auf objektiver Seite jeden solchen
Gegenstand für uns nur geben, wenn von subjektiver Seite her die
Zeit oder der Raum als Ausdehnung schon vorgegeben sind, weil es
ja jeden solchen Gegenstand auch nur in Form von ihnen geben kann.
Von einem solchen Gegenstand zu sagen, er sei ausgedehnt, gleichviel
ob zeitlich oder räumlich, läuft aus diesem Grund nach Kant darauf
hinaus, das Ausgedehnte ausgedehnt zu nennen. Und das ist dann in
der Tat wortwörtlich tautologisch, also auch nicht einmal mehr er-
läuternd, weil vielmehr nur noch trivialerweise analytisch.
Und so stellt zuletzt sich eben das Problem: Wie ließe sich syn-
thetisch – und das heißt: nichttautologisch oder nichttrivial-informa-
tiv – von etwas reden, das als Zeit oder als Raum ursprünglich aus-

38
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

gedehnt sei und mithin gerade nicht erst abgeleitet, wie etwas in
Form von Zeit und Raum. Kann doch die Zeit in diesem Sinn syn-
thetisch ausgedehnt nicht dadurch sein, daß sie in Form von Zeit auf-
träte, und so auch der Raum synthetisch ausgedehnt nicht dadurch
sein, daß er in Form von Raum aufträte. Vielmehr müßte das erneut
eine Verdinglichung sein, die zudem auch nur einen unendlichen Re-
greß herbeiführen könnte.
Von all dem im vorigen Erörterten bleibt jedenfalls nur der zu-
nächst rein anschaulich-intuitive Sinn von Ausdehnung noch übrig.
Und zu einer Lösung für dieses Problem verhelfen könnte er nur,
wenn er sich auf irgendeinem Weg auch noch bestimmen ließe zu
einem entsprechenden begrifflich-diskursiven Sinn. Bestimmen las-
sen müßte er sich dazu aber auch gerade so, daß er auf Grund seiner
Bestimmtheit sich verstehen ließe als der Sinn der Gattung zu dem
Sinn von Zeit und Raum als deren Arten, woraus dann auch noch der
Sinn von deren je spezifisch-definierenden Differenzen sich als ein
verständlicher ergeben müßte. Daher dürfte auch der Sinn der zu
solcher Bestimmung nötigen Begriffe diesen Sinn von Zeit und Raum
als Nacheinander und Zugleich nicht schon voraussetzen. Denn die-
ser müßte sich vielmehr gerade umgekehrt aus jenem allererst er-
geben. Oder anders ausgedrückt: Diese Begriffe müßten eine Defini-
tion für Ausdehnung ergeben, aus der folgt, daß sie nur die von
Nacheinander oder von Zugleich als Zeit oder als Raum sein kann.

§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

Obwohl bis heute ungelöst, 1 ist das Problem der Ausdehnung von
Zeit und Raum jedoch nicht, wie man deshalb meinen könnte, ein
latentes Scheinproblem. Es ist vielmehr ein manifestes Sachproblem,
auch wenn, wie echt es wirklich ist, erst daran sich erweist, wie weit es
wirklich reicht. Denn mit einem vergleichbaren, doch noch viel
schlimmeren und noch viel weiter reichenden Problem bekommt es
Kant zu tun, wenn er versucht, der Ausdehnung als dem Kontinuum
von Zeit oder von Raum gerecht zu werden. Darauf nämlich ist gera-
de Kant, der ihre Ausdehnung als eine Sache unserer Anschauung
vertritt, geradezu verpflichtet, weil die Zeit oder der Raum, wie sie

1 Das Wesentliche dieses Paragraphen ist bereits erschienen als ein Beitrag zu der
Festschrift für Bernd Dörflinger zu seinem 60. Geburtstag (Vgl. Hüning 2013).

39
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

uns anschaulich gegeben sind, auch in der Tat jeweils als ein Kontinu-
um gegeben sind. Nur gilt nicht ohne Grund seit jeher schon das
Wesen des Kontinuums als Labyrinth, das zu begehen für Kant zu
einem Abenteuer wird, das er so wenig durchsteht, wie auch Aristo-
teles schon vor ihm es nicht durchgestanden hatte, was jedoch bisher
anscheinend noch nicht aufgefallen ist.
Das dürfte daran liegen, daß die Analyse des Kontinuums, wie
Aristoteles in Auseinandersetzung mit der Überlieferung sie durch-
führt, zum Vorzüglichsten gehört, was er uns hinterlassen hat, und
schon für Kant zugleich zum Überzeugendsten, weil sie gerade das
uns anschaulich gegebene Kontinuum von Zeit und Raum analysiert.
Im Wesentlichen übernimmt er sie daher zunächst einmal, um sie in
seinem Sinn dann weiter auszubauen, wobei jedoch wie Aristoteles
auch Kant nichts von den Schwierigkeiten sieht, die sich dabei er-
geben.
So führt Kant zum Beispiel aus: »Die Eigenschaft der Größen,
nach welcher an ihnen kein Teil der kleinstmögliche (kein Teil ein-
fach) ist, heißt die Kontinuität derselben. Raum und Zeit sind quanta
continua, weil kein Teil derselben gegeben werden kann, ohne ihn
zwischen Grenzen (Punkten und Augenblicken) einzuschließen, mit-
hin nur so, daß dieser Teil selbst wiederum ein Raum, oder eine Zeit
ist. Der Raum besteht also nur aus Räumen, die Zeit aus Zeiten.
Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, d. i. bloße Stellen ihrer
Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit jene Anschauungen, die
sie beschränken oder bestimmen sollen, voraus, und aus bloßen Stel-
len, als aus Bestandteilen, die noch vor dem Raume oder der Zeit
gegeben werden könnten, kann weder Raum noch Zeit zusammenge-
setzt werden«. 2 Und damit faßt er in der Tat zusammen, was an Ein-
sicht in das Wesen des Kontinuums von Zeit und Raum seit der Phy-
sik des Aristoteles gewonnen ist, wobei mit dem Kontinuum gerade
das der Ausdehnung von Zeit und Raum gemeint ist.
Denn auch hier kann, wo von »Anschauung« die Rede ist, nur
»Ausdehnung« gemeint sein, auch wenn Kant sie diesmal nicht aus-
drücklich zur Erläuterung in Klammern anfügt. Kann es sich doch wie
bei jenen »Örtern« 3 auch bei diesen »Stellen« nicht um etwas in der
Anschauung als Anschauungsbewußtsein handeln, sondern nur um
etwas in der Ausdehnung als Angeschaut-Bewußtem. Eben diese

2 A 169 B 211.
3
B 66.

40
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

Ausdehnung von Zeit und Raum ist es denn auch, die für ihr Wesen
als continua entscheidend ist, was Aristoteles als erstem aufgegangen
war, auch wenn er es nicht ausdrücklich hervorhebt.
Danach ist das Wesen des Kontinuums die Teilbarkeit in Teile,
deren jeder wieder teilbar ist, so daß es dadurch nie zu Teilen kommen
kann, die nicht mehr weiter teilbar, sondern einfach wären. Demge-
mäß läßt als Kontinuum die Zeit oder der Raum nur so sich teilen,
daß die Teile wieder Zeiten oder Räume und als solche wieder teilbar
sind, so daß in diesem Sinn auch umgekehrt zu gelten hat, die Zeit
bestehe nur aus Zeiten wie der Raum auch nur aus Räumen. Und wie
streng das gilt, erhellt besonders klar im Fall des Raumes. Ist uns
dieser doch zunächst einmal nur als der anschauliche Raum der Au-
ßenwelt gegeben, der ein dreidimensionaler, und das heißt: ein drei-
fach ausgedehnter Raum ist. Diesen als Kontinuum zu teilen nämlich
muß danach zu Teilen führen, deren jeder nicht nur abermals ein
Raum, sondern sogar auch seinerseits ein dreidimensionaler Raum
sein muß.
Dies festzuhalten, ist von Wichtigkeit. Denn was zustande-
kommt, wenn eine Teilung einer Ausdehnung erfolgt, sind ja nicht
nur die Teile, sondern auch die Grenzen zwischen diesen Teilen, weil
sie Teile doch auch nur durch ihre Grenzen sind. Bei Teilung dieser
Ausdehnung des dreidimensionalen Raumes sind die Grenzen seiner
dreidimensionalen Teile aber erst einmal die Flächen, die wir deren
Oberflächen nennen. Und als solche sind sie eben gleichfalls Räume,
wenn auch nur noch zweidimensionale. Doch obwohl auch ihrerseits
noch Räume, sind sie keineswegs auch ihrerseits noch Teile dieses
dreidimensionalen Raumes. Deshalb muß im Fall der Ausdehnung
des Raumes nicht nur gelten, daß die Teile eines Raumes wieder Räu-
me, sondern sogar wieder Räume von derselben Dimension wie der
geteilte Raum sein müssen.
Denn das gilt nicht nur für Teile eines dreidimensionalen Rau-
mes als die Körper, deren Grenzen nur noch Flächen sind als zwei-
dimensionale Räume. Vielmehr gilt das in genauester Entsprechung
dazu auch für Teile eines zweidimensionalen Raumes als die Flächen,
deren Grenzen nur noch Linien als eindimensionale Räume sind, wie
auch für Teile eines eindimensionalen Raumes als die Linien, deren
Grenzen nur noch Punkte und als solche überhaupt kein Raum mehr
sind. Und wichtig ist das eben, weil das umgekehrt nicht bloß bedeu-
tet, daß der Raum dann nur aus Räumen, sondern sogar nur aus Räu-
men von derselben Dimension besteht. Und das gilt denn auch nicht

41
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

nur für den eindimensionalen Raum der Linie, der danach nur aus
Linien besteht und nicht etwa aus Punkten, worauf Kant sich mei-
stens kurzerhand beschränkt, weil er die Ausdehnung der Zeit, die
er mit einer Linie vergleicht, dann gleich mit einbeziehen kann. Das
gilt vielmehr auch für den zweidimensionalen Raum der Fläche, der
danach allein aus Flächen, aber nicht etwa aus Punkten oder Linien
besteht, wie auch noch für den dreidimensionalen Raum des Körpers.
Der nämlich besteht danach auch nur aus Körpern, aber nicht etwa
aus Punkten oder Linien oder Flächen.
Das Entscheidende an all dem aber ist tatsächlich, daß all dies
dem Wesen des Kontinuums von Zeit oder von Raum als Ausdeh-
nung gerecht wird, wie sie unserer Anschauung entspricht. Gerade
daran nämlich läßt es jene andere Auffassung vom Wesen des Kon-
tinuums von Grund auf fehlen: die der »mengentheoretischen« Ma-
thematik oder Geometrie. Vertritt sie doch bekanntlich umgekehrt:
Sehr wohl bestehe ein Kontinuum wie das der Linie aus den Punkten,
die durch deren Teilung jeweils aufzuweisen oder mathematisch-geo-
metrisch zu bestimmen seien: und entsprechend das Kontinuum der
Fläche aus den Punkten oder Linien, wie auch das des Körpers aus den
Punkten oder Linien oder Flächen. Denn verbürgt sei dies gerade da-
durch, daß es sich dabei um eine jeweils überabzählbar unendlich
große Menge solcher Punkte, Linien oder Flächen handle, wie als er-
ster Cantor eingesehen habe.
Doch das überzeugt in keiner Weise. Denn auch dadurch, daß sie
eine überabzählbar unendlich große Menge miteinander bilden, kön-
nen beispielsweise Punkte sich nicht so zusammenfinden, daß aus
ihnen etwas Anderes als sie hervorgeht: eine Linie als eine Ausdeh-
nung, die etwas Anderes als Punkt bzw. Punkte ist. Nicht etwa kann
ein Punkt den anderen berühren, so daß sie, sich aneinanderreihend,
eine Linie bilden könnten. Jeder Punkt ist vielmehr von der Art, daß
er mit einem andern Punkt nur entweder zusammenfallen oder nicht
zusammenfallen kann, wobei dann aber eben eine Ausdehnung als
Abstand zwischen ihnen liegen muß, durch die allein sie, statt nur
einer, mehr als einer sind. Gerade darin lag das Wesentliche jener
Einsicht ins Kontinuum, die Aristoteles als erster hatte, 4 das denn
auch der mengentheoretischen Auffassung des Kontinuums zugrun-
deliegen muß, auch wenn sie es verleugnen möchte. 5

4 Vgl. z. B. Physik Buch V,3 und VI,1.


5
Einsichtige Mathematiker gestehen dies dagegen ein: »Man kann mit Zahlen ein

42
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

Dies jedoch gilt auch für das entsprechende Verhältnis zwischen


Linien bzw. Flächen jeweils zueinander. Zwar sind diese nicht mehr
Punkte, sondern ein- bzw. zweidimensionale Ausdehnungen, doch als
solche sehr wohl punktuelle Ausdehnungen, weil punktdünne Linien
und punktflache Flächen. Und als solche kann auch eine Linie oder
Fläche sich nicht, ihrer punktuellen Ausdehnung entlang, mit einer
jeweils anderen berühren, so daß sie, sich aneinanderreihend, eine
Fläche oder einen Körper bilden könnten. Vielmehr kann auch eine
Linie oder Fläche, ihrer punktuellen Ausdehnung entlang, mit einer
jeweils anderen nur entweder zusammenfallen oder nicht zusam-
menfallen, wobei aber gleichfalls jeweils eine Ausdehnung als Ab-
stand zwischen ihnen liegen muß. Und solche Ausdehnung kann des-
halb auch in keinem dieser Fälle eine bloße Menge solcher Punkte,
Linien oder Flächen sein, weil solche Ausdehnung vielmehr in jedem
dieser Fälle die Bedingung ist, die notwendig erfüllt sein muß, soll es
sich dabei überhaupt um eine Mehrheit solcher Punkte, Linien oder
Flächen handeln können.
Ein Kontinuum als bloße Menge davon hinzustellen, wie es die
mengentheoretische Auffassung tut, läuft deshalb auf den Widersinn
hinaus, daß dadurch ausgerechnet das verleugnet wird, wodurch al-
lein sie jeweils eine Menge, nämlich eine Mehrheit sind: durch das
Kontinuum der jeweiligen Ausdehnung als Abstand zwischen ihnen.
Daß man letztere als solche nicht zur Kenntnis nehmen möchte, liegt
denn auch nur daran, daß man sich, anstatt an sie als ein Kontinuum,
vielmehr an das entsprechende Diskrete solcher Punkte, Linien oder
Flächen halten möchte. Dabei nämlich geht es um das mathematisch-
geometrisch zu Bestimmende oder Bestimmte, dessen Inbegriff dieses
Diskrete ist; wogegen das Kontinuum als eine Ausdehnung vielmehr
der Inbegriff des Unbestimmten ist, das gleichwohl notwendige Vor-
bedingung für dieses Diskret-Bestimmte ist.
Nur läßt sich dieses Unbestimmte eben nicht auch noch als sol-
ches selbst einer Bestimmung unterwerfen, die es statt bloß negativ
als Nichtbestimmtes oder Unbestimmtes auch noch positiv als das

Kontinuum nicht beschreiben. Man kann es teilen, sogar in sehr kleine Stücke,
kommt dabei aber nie zu Punkten, es ist homogen, kein Teil ist von einem anderen
zu unterscheiden. Zahlen dagegen sind diskret und unterscheidbar. Versuchen wir
trotzdem unsere Vorstellung von einem Kontinuum mit Zahlen zu erfassen, wandelt
es sich in etwas anderes: in eine Punktmenge. Da wir in der Mathematik so vorgehen
müssen, ›ist das, was die Philosophen als Kontinuum ansprechen, aus der Mathematik
eliminiert‹« (Claus 1996, S. 171). Vgl. auch Laugwitz 1986, S. 9 ff.

43
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

bestimmen würde, worin es in Wirklichkeit besteht, wenn nicht als


bloße Menge des entsprechenden Diskreten. Denn nach all dem kann
nun einmal keine Rede davon sein, daß eine Ausdehnung als ein Kon-
tinuum, gleichviel von welcher Dimension, aus Nichtausdehnungen
bestehen könnte. Und so wiederholt sich nur jenes Problem einer Be-
stimmung für die Ausdehnung noch einmal als dieses Problem einer
Bestimmung für dieses Kontinuum der Ausdehnung, worin es aber
nur noch weiter sich vertieft.
Vor dem Problem jedoch steht nicht bloß diese mengentheoreti-
sche Auffassung vom Kontinuum, die dessen Wesen schon von vorn-
herein verfehlt. Vor dem Problem steht vielmehr auch noch jene Ein-
sicht in das Wesen des Kontinuums bei Aristoteles und Kant, die dem
Kontinuum zunächst einmal gerecht wird.
Dies erhellt, wenn man berücksichtigt, daß diese beiden Auffas-
sungen sich auch noch in einer weiteren wesentlichen Hinsicht von-
einander unterscheiden. Daß die Grenzen einer Ausdehnung, von
welcher Dimension auch immer, nicht die Teile dieser Ausdehnung
und somit auch nicht das sein können, woraus sie besteht, bleibt eine
negative Einsicht, die durch die entsprechend positive einzulösen wä-
re. Dem Erfordernis kommt aber nur die eine von den beiden nach:
die Auffassung des Aristoteles, der Kant sich anschließt und die
gleichfalls von der Ausdehnung des dreidimensionalen Raumes her
besonders klar wird. Daß die Grenzen eines dreidimensionalen Rau-
mes nicht die Teile dieses Raumes sind – auch dann nicht, wenn sie
selber Räume sind, wie etwa Flächen (»Oberflächen«) oder Linien
(»Kanten«) eines Körpers –, heißt nach Aristoteles: Statt Teile sind
sie vielmehr Eigenschaften von ihm, weil nur er dabei zugrundeliegt
als etwas Selbständiges, während sie als etwas Unselbständiges an
ihm bestehen. 6
Denn auch dabei handelt es sich vorerst nur um eine negative
Einsicht, die durch die entsprechend positive einzulösen wäre. Trotz-
dem ist dann auch schon damit etwas Wesentliches eingesehen, das
jene andere Auffassung vernachlässigt, obwohl sie es berücksichtigen
müßte. Übersieht doch Aristoteles bei dieser Einsicht keineswegs, daß
etwa Geometer auch noch Flächen oder Linien so behandeln, als ob sie
desgleichen etwas Selbständiges wären, wofür Aristoteles sie auch
nicht im geringsten kritisieren möchte. 7 Nur schließt seine Einsicht

6 Vgl. z. B. Kategorien 1 a 23–25; Metaphysik 1044 b 9.


7
Vgl. z. B. Physik 193 b 22–35.

44
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

eben ein, daß sie gerade dann sich auch für Flächen oder Linien wie-
derholt und somit auch im Fall von ihnen sich bewährt. Denn dann
bestehen auch deren Grenzen nur als Eigenschaften an ihnen und so
desgleichen nur als etwas Unselbständiges an ihnen als dem jeweils
Selbständigen. Und das gilt denn auch zuletzt noch für die Zeit als
Linie, deren Grenzen jeweils Punkte und als solche ebenfalls nur de-
ren Eigenschaften sind.
Zwar kennen wir empirisch etwas Selbständiges nur als drei-
dimensionale Körper in der Außenwelt, so daß von Grund auf frag-
lich ist, ob hier auch weniger als Dreidimensionales etwas Selbstän-
diges sein kann. Doch selbst wenn – wie in der neuesten Physik – so
etwas in Betracht gezogen wird: zum Beispiel »Branen« oder
»Strings«, die geometrisch bloße Flächen oder Linien sein sollen, 8 so
in der Tat als etwas, das auch seinerseits dann Eigenschaften hat, die
sich als etwas Unselbständiges an ihm dann ebenfalls von ihm als
etwas Selbständigem unterscheiden. Würde dies doch auch sogar
noch für die vorerst »punktförmigen« Elektronen gelten, weil sie
auch als bloße Punkte etwas wären, das »Masse«, »Ladung« oder
»Spin« nicht sein, sondern nur haben kann: nur als das Unselbstän-
dige der Eigenschaften von sich als dem Selbständigen.
Eben dies Verhältnis aber zwischen etwas und der einen oder
andern Eigenschaft von ihm, die es nur hat, besitzt in dem Verhältnis
zwischen etwas als Kontinuum von Ausdehnung und deren Grenzen
als etwas Diskretem seine eigentümliche Konkretheit, die gerade sei-
ne Anschaulichkeit ausmacht. Denn bei jeder solchen Grenze als et-
was Diskretem, wo auch immer sie hier auftritt, handelt es sich dann
recht eigentlich nur um etwas durch sie Begrenztes: Insgesamt ist
dieses dann etwas Konkretes aus diskreter Grenze und kontinuierli-
cher Ausdehnung als durch sie begrenzter. Dessen Anschaulichkeit
ist denn auch gerade das Verhältnis zwischen dem Kontinuum und
dem Diskreten, das es bildet: innerhalb von welcher Dimension auch
immer.
Eben dies Verhältnis als dies Anschaulich-Konkrete aber geht
verloren, sobald es, je nach Dimension, als bloße Menge solcher
Punkte, Linien oder Flächen aufgefaßt wird, wie nach jener mengen-
theoretischen Auffassung des Kontinuums. Denn damit macht sie
jedes davon, welches nach der andern Auffassung jeweils nur Grenze
als das unselbständige Diskrete am Kontinuum von einer Ausdeh-

8
Vgl. z. B. Randall 2008, S. 317 ff.

45
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

nung als etwas Selbständigem ist, auch seinerseits zu etwas Selbstän-


digem. So jedoch ersetzt sie nicht nur jeweils das Kontinuum von
Ausdehnung durch das entsprechende Diskrete jeweiliger Nichtaus-
dehnung, sondern demgemäß auch noch das Anschaulich-Konkrete
durch etwas entsprechend Unanschauliches oder Abstraktes. Und das
kann nur heißen, daß dies Anschaulich-Konkrete eben wesentlich
von solcher Ausdehnung als dem Kontinuum abhängig ist und nicht
etwa von dem Diskreten ihrer Grenze als der Nichtausdehnung an
der Ausdehnung.
Gehören doch zum Anschaulich-Konkreten einer Ausdehnung,
wenn sie als ein Kontinuum so oder so begrenzt ist, diese Grenzen
zwar gewiß noch mit hinzu. Doch keineswegs in dem Sinn, daß dies
Anschaulich-Konkrete etwa ebenfalls verloren ginge, wenn man
nicht die Grenzen als dieses Diskrete festhält und die Ausdehnung
als das Kontinuum dazwischen wegläßt, wie die Mengentheorie, son-
dern gerade umgekehrt die Grenzen als dieses Diskrete wegläßt und
die Ausdehnung als das Kontinuum dazwischen festhält. Ganz im
Gegenteil tritt dieses Anschaulich-Konkrete solcher Ausdehnung als
ein Kontinuum erst dadurch voll hervor als etwas, das ausschließlich
jeweils zwischen oder außerhalb von solchen Grenzen vorliegt. Ist
doch ein Kontinuum von Ausdehnung auch ohne solche Grenzen
dieses Anschaulich-Konkrete, wie zum Beispiel eine unbegrenzte Li-
nie für den Geometer, die er von einer begrenzten Strecke unter-
scheidet.
Die Gesamtheit all dieser Verhältnisse, die Aristoteles und Kant
als Wesen des Kontinuums zur Geltung bringen, ist es denn auch, was
die Mengentheorie bekanntlich mit Geringschätzung herabsetzt. Und
dies eben weil es als etwas Konkretes bloß auf Anschauung beruhe,
während das entsprechende Diskrete zwar etwas Abstraktes, dafür
aber mathematisch zu bestimmen sei, was nicht bestritten werden
soll. Nur ist es eben darum auch nicht das der Anschauung entspre-
chende Kontinuum von Ausdehnung, was so bestimmt wird. Denn
gerade dabei bleibt es vielmehr weiter jenes Unbestimmte, von dem
weiter fraglich bleiben muß, in welchem Sinn es etwas positiv Be-
stimmtes sei. Liegt doch der Grund dafür, daß diese Frage bisher ohne
Antwort ist, womöglich auch gerade in der Anschauung als Anschau-
ungsbewußtsein, das für die Mathematik und mathematische Physik
auch gar kein Thema sein kann.
Wie also bestimmt denn die Philosophie, für die es Thema ist,
dieses Kontinuum von Ausdehnung als Anschaulich-Bewußtem?

46
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

Welches Positive löst das Negative der Bestimmung ein, daß Grenzen
einer Ausdehnung nicht Teile dieser Ausdehnung und somit auch
nicht das sein können, woraus sie bestehe? So zu fragen nämlich lenkt
den Blick darauf, daß dies ja eine zweifach negative Antwort ist. Die
Einlösung, daß eine Grenze einer Ausdehnung vielmehr nur eine
Eigenschaft von ihr ist, löst daher auch bloß die erste Hälfte von ihr
ein: vorausgesetzt, daß eine Eigenschaft im Unterschied zu einem Teil
sich auch noch positiv bestimmen lasse. Denn die zweite Hälfte findet
damit keine positive Antwort: Was denn ist es, woraus eine Ausdeh-
nung als ein Kontinuum besteht, wenn nicht aus ihren Grenzen, die
nur ihre Eigenschaften sind?
Vor dieser Frage aber stand schon Aristoteles und steht auch
Kant noch, ohne sie beantworten zu können: was sich daran zeigt,
daß beide, von ihr förmlich umgetrieben, unhaltbare Antworten auf
sie erwägen.
Diese deuten sich bereits in jenem Text an, worin Kant auf jene
Auffassung des Aristoteles vom Wesen des Kontinuums zurückgreift.
Definiert er es doch auch geradezu durch seine Teilbarkeit in Teile,
deren jeder wieder teilbar ist, so daß es dadurch nie zu Teilen kommen
kann, die nicht mehr weiter teilbar, sondern einfach wären. 9 Daraus
aber folgert Kant bereits für das Kontinuum von Raum oder von Zeit:
»Der Raum besteht also nur aus Räumen, die Zeit aus Zeiten«, 10 wo-
durch ausgeschlossen wird: nicht etwa aus den Grenzen zwischen
diesen Räumen oder Zeiten als den Grenzen zwischen solchen Teilen.
Dieses eigens auszuschließen aber ist durchaus nicht trivial.
Denn dabei kommen wie die Teile auch die Grenzen zwischen ihnen
ja notwendig mit ins Spiel, worüber Kant sich annähernd im klaren
ist, indem er sagt: »kein Teil derselben [kann] gegeben werden […],
ohne ihn zwischen Grenzen […] einzuschließen«, womit er bezeich-
net, was bei einer Teilung vor sich geht. Danach entstehen durch eine
Teilung nicht nur Teile, sondern auch noch Grenzen zwischen diesen
Teilen, weil ja das Entstehen der letzteren auch nur durch das Ent-
stehen der ersteren erfolgt. Gleichwohl jedoch soll folgen, nur die
Teile, nicht die Grenzen dieser Teile seien das, woraus die Zeit oder
der Raum als ein Kontinuum von Ausdehnung bestehe.
Dies jedoch ist sogar alles andere als trivial, weil es sich dabei
jeweils um dieselbe Teilung als denselben Vorgang handelt, der bzw.

9 Vgl. z. B. Aristoteles, Physik 231 b 16.


10
A 169 B 211 (kursiv von mir).

47
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

die das eine wie das andere entstehen läßt. Als Vorgang einer Teilung
aber ist er letztlich eine Analyse, die nur das zum Vorschein bringen
könnte, was dann das Analysierte in der Tat in sich enthalten müßte,
so daß dies vom einen wie vom anderen zu gelten hätte. Dennoch aber
soll das nur vom einen gelten, nicht auch noch vom anderen: nur von
den Teilen und nicht auch noch von den Grenzen, nämlich in dem
Sinn, daß nur die Teile das sind, »aus« dem ein Kontinuum »besteht«.
Der Sinn, in dem das gelten soll, hängt dann jedoch von dem Sinn ab,
in dem dieses »bestehen aus« sich von jenem »enthalten in« auch
unterscheiden müßte, weil in dem genannten Sinn »enthalten in« ja
beides wäre.
Den davon verschiedenen Sinn, den Kant mit dem »bestehen
aus« verbindet, gibt er denn auch zu erkennen, weil er statt (und
somit für) »bestehend aus« auch ohne weiteres sagen kann »zusam-
mengesetzt aus«. Nur so läßt jedenfalls die negative Aussage, »aus«
bloßen Grenzen könne »weder Raum noch Zeit zusammengesetzt
werden«, sich durch die entsprechend positive Aussage ersetzen: son-
dern nur »aus« Teilen als den Räumen oder Zeiten, woraus jedes da-
von als Kontinuum »besteht«, wie er zuvor schon formuliert. Wie
also unterscheidet sich vom Sinn dieses »bestehend aus« der Sinn
jenes »zusammengesetzt aus«?
Das lehrt ein Beispiel für jenes Verhältnis zwischen einer Grenze
einer Ausdehnung und ihr als dem durch sie Begrenzten, wie es etwa
in Gestalt von einer Statue konkret wird. Diese nämlich ist nichts
anderes als ein Fall der Ausdehnung von einem Material in einer
Form als einer Grenze. Von der Statue zu sagen, sie »bestehe aus«
dem Material und dieser Form, gilt deshalb in dem Sinn, es liege jedes
davon vor: es mache nämlich jedes mit dem anderen zusammen diese
Statue aus. Verglichen damit aber käme noch etwas Entscheidendes
hinzu, dies dahin zu verstehen, die Statue sei »zusammengesetzt aus«
dem Material und dieser Form.
Der Sinn von letzterem geht nämlich über den von ersterem
hinaus, weil auch noch dahin: Jedes dieser beiden, »aus« denen etwas
»zusammengesetzt« ist, sei etwas, das schon vorliege, wenn »aus«
ihm und dem anderen etwas »zusammengesetzt« wird, so daß auch
umgekehrt, wenn die Zusammensetzung wieder aufgehoben wird,
dann jedes weiter vorliege. Dies aber kann hier allenfalls für eins
von beiden gelten: für das Material, doch nicht auch für die Form.
Denn sie ist etwas, das als dessen bloße Grenze bei der Herstellung
von etwas als der Teilung eines Materials in Statue und Abfall viel-

48
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

mehr allererst entsteht, wie auch wieder vergeht, wenn umgekehrt


das Material die Form der Statue wieder verliert. In diesem Sinn kann
eine Statue also keineswegs »zusammengesetzt aus« dem Material
und einer Form sein.
Doch sehr wohl kann sie in jenem andern Sinn »bestehen aus«
dem Material und einer Form. Entsprechend sind in jenem andern
Sinn die beiden auch sehr wohl »enthalten in« der Statue, so daß der
eine und der andere Sinn genau zu unterscheiden sind. Daß Kant sich
festlegt auf den von »zusammengesetzt aus« als beiden gegenüber
stärksten Sinn, liegt deshalb auch nur daran, daß er ihn für seine
nichttriviale Auffassung benötigt: Nicht aus Grenzen, sondern nur
aus Teilen kann danach der Raum oder die Zeit als ein Kontinuum
von Ausdehnung zusammengesetzt sein. Sie können es mithin auch
nicht etwa – gleichsam als Kompromiß – sowohl aus Teilen wie aus
Grenzen sein, obwohl bei Teilung doch sowohl das eine wie das an-
dere entsteht.
Von so besonderer Art ist folglich das Verhältnis zwischen Teil
und Grenze: Es kann für ihn als durch sie Begrenztes nur der Sinn in
Frage kommen, daß etwas Begrenztes aus dem einen und dem ande-
ren besteht und daß in ihm das eine wie das andere enthalten ist, ein
Sinn, der deshalb auch ein ganz besonderer sein muß. Und in der Tat
genügt ein Blick auf etwas, das in diesem Sinn etwas Begrenztes ist,
wie eine Statue, und man sieht: Daß es sich dabei nicht um etwas
handeln kann, welches zusammengesetzt aus der Ausdehnung als
Material und einer Form als Grenze wäre, heißt, daß nicht nur Gren-
ze oder Form dabei kein Teil ist, sondern daß auch umgekehrt dann
Ausdehnung als Material dabei kein Teil ist. 11
Denn sonst müßten letztere dies ja im Unterschied zu Grenze
oder Form sein, während es zu einem Teil ja analytisch mit hinzuge-
hört, daß er begrenzter Teil ist. Nur die Statue oder das Begrenzte
insgesamt kann somit Teil sein, und dies eben auch nur gegenüber
einem andern solchen Teil, oder auch mehr als einem, wie dem Abfall.
Zu dem Sinn von »Teil« gehört dies darum auch so wesentlich hinzu,
daß es auch voll in jene nichttriviale Auffassung von Kant mit ein-
geht. Und gerade damit setzt auch Kant sich wieder den Problemen
aus, die schon seit Aristoteles sich hartnäckig bemerkbar machen.
Nicht zu übersehen ist nämlich: Wie schon Aristoteles vermag auch

11 Schon für Aristoteles scheint dies jedoch nicht klar zu sein, wie etwa in Physik 207

a 27 f. sich zeigt.

49
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Kant dem Wesen des Kontinuums sich nur von dessen Teilen her zu
nähern, so daß beide vor der unlösbaren Frage stehen, wie es von
seinen Teilen her begrifflich zu bewältigen sein sollte.
Diese Schwierigkeit fällt schon an einer Äußerlichkeit seiner
Formulierung auf, wenn Kant auf das Verhältnis zwischen dem Kon-
tinuum und seinen Teilen einzugehen versucht. Trotz seiner Auffas-
sung, daß es aus Teilen, nicht aus Grenzen sich zusammensetze, for-
muliert er wiederholt: Das sei gleichwohl nicht dahin zu verstehen,
als könnten solche Teile »vor« einem Kontinuum »vorhergehen«,
weshalb man demgemäß erwarten muß, daß sie vielmehr nur ›nach‹
einem Kontinuum ›nachfolgen‹ können. Und dies umso mehr, als
Kant doch ohnehin vertritt, daß Teile nur durch Teilung als Begren-
zung oder Einschränkung eines Kontinuums gegeben werden kön-
nen. In dieser Erwartung aber sieht man sich getäuscht. Denn jenem
abgelehnten »vor« setzt Kant dabei nicht dieses ›nach‹ entgegen, son-
dern etwas, das eine Entgegensetzung zu ihm gar nicht ist: Nicht
»vor« einem Kontinuum, sondern nur »in« ihm seien Teile des Kon-
tinuums gegeben. 12 Und so wenig steht das »in« dem »vor« entgegen,
daß es sich mit ihm sogar vereinbaren läßt. Denn einmal angenom-
men, Teile wären in der Tat »vor« dem Kontinuum gegeben, so daß es
aus ihnen sich zusammensetzen ließe, dann bedeutete gerade dies,
daß Teile auch tatsächlich »in« diesem Kontinuum gegeben wären.
Mit dem »in«, das Kant dem »vor« entgegensetzt, zielt er sonach
auf ein Verhältnis zwischen Teilen und Kontinuum der Ausdehnung
von Raum und Zeit, das dann als eigentliches auch ein anderes Ver-
hältnis als das der Zusammensetzung bilden müßte, was jedoch gera-
de seine unlösbaren Schwierigkeiten hat. Das zeigt sich immer wieder
dort, wo Kant versucht, dieses Verhältnis anzugeben, dabei aber je-
desmal auf Abwege gerät, weil er es nur als das einer Zusammen-
setzung aus den Teilen begreifen kann, obwohl sie doch nicht »vor«
dieser »vorhergehen« sollen.
So zum Beispiel an der dritten der zuletzt zitierten Stellen, wo er
von dem »vor« sich auf das »in« zurückziehen möchte, weil er sich
zunächst einmal im klaren ist: »Den Raum [als ein Kontinuum] sollte
man eigentlich nicht Komposit[i]um, sondern Totum nennen, weil
die Teile desselben nur im Ganzen und nicht das Ganze durch die

12 Vgl. z. B. A 25 B 39 mit A 170 B 211 und A 439 B 467. Vgl. ferner Bd. 4, S. 508,
Z. 1 ff.

50
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

Teile möglich ist.« 13 Nur ist das eben mindestens auch eine Selbst-
kritik, weil er das Kritisierte ständig selber tut, wie sogar kurz nach
dieser Stelle wieder, wenn er über diesen Raum als ein Kontinuum
bemerkt: Es kann, »wenn ich alle Zusammensetzung in ihm aufhebe,
nichts, auch nicht einmal der Punkt übrigbleiben; denn dieser ist nur
als die Grenze eines Raumes[,] (mithin eines Zusammengesetzten)
möglich«. 14
Diese Schlußfolgerung aber müßte zu der Frage führen, welche
Annahme ihm eigentlich erlauben sollte, durch »mithin« aus ihr so-
gar auch noch zu schließen, daß der Raum als ein Kontinuum etwas
»Zusammengesetze[s]« sei. Ist nämlich diese Frage erst einmal ge-
stellt, ergibt sich auch sogleich die Antwort: Das erschließt er daraus,
daß »der Punkt […] nur als die Grenze eines Raumes […] möglich«
ist: nur dadurch also, daß es möglich ist, den Raum als ein Kontinuum
zu teilen, wobei der Punkt als Grenze ein Ergebnis einer Teilung ist.
Und etwas, das sich teilen läßt, so seine Annahme, muß dementspre-
chend auch etwas »Zusammengesetzte[s]« sein.
Auch ohne daß er ihn ausdrücklich zöge, zeigt sich dieser Schluß
denn auch an den Begriffen, die er zu Erörterungen dieser Art ver-
wendet. So enthält ein kurzer Text zum Beispiel eine Fülle von Bele-
gen dafür: Diese Teilung des Kontinuums, die Kant auch subdivisio,
also Unterteilung nennt, ist für ihn gleichbedeutend mit einer decom-
positio des Kontinuums als einer Ent-Zusammen-Setzung von ihm,
weil er diese beiden Wörter dabei offenkundig synonym verwendet. 15
Danach aber hätte eine Teilung oder Unterteilung von etwas als eine
Ent-Zusammensetzung dieses Etwas in der Tat eine Zusammen-Set-
zung dieses Etwas zur Voraussetzung: Ganz so, als könnte eine
Teilung eine Unterteilung, nämlich eine Zwischenteilung zwischen
etwas nur in dem Sinn sein, daß sie gleichsam den Fugen als den
Grenzen folgen müßte, die eine Zusammensetzung hinterlassen hätte
zwischen all dem, aus dem sie etwas zusammensetzte.
Nur weist eben ein Kontinuum von Ausdehnung, wie sie für
Anschauung gegeben ist, von solchen Fugen oder Grenzen schlech-
terdings nichts auf. Denn sogar dann, wenn solche Ausdehnung be-
grenzt ist, wie als Strecke gegenüber einer unbegrenzten Linie, ist sie

13
A 438 B 466.
14 A. a. O. (kursiv von mir).
15
Vgl. A 513 B 541 mit A 523 ff. B 551 ff.

51
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

als Kontinuum für Anschauung nur zwischen oder außerhalb von


diesen Grenzen, doch nicht etwa auch noch über sie hinweg gegeben.
Dennoch zieht Kant jenen Schluß auch noch ausdrücklich für die
Ausdehnung, wie sie als ein Kontinuum für Anschauung gegeben ist.
So etwa spricht er wiederholt von »Anschauung des Ausgedehnten
und mithin Zusammengesetzten«. 16 Demnach schließt er kurzerhand
von etwas Ausgedehntem auf es als Zusammengesetztes. Denn ganz
generell vertritt er, wie er ebenfalls ausdrücklich ausführt, daß »die
Teilbarkeit [von etwas es als] ein Zusammengesetztes voraussetzt«. 17
Also schließt er, da die Teilbarkeit von Ausdehnung, wie sie für An-
schauung gegeben ist, ersichtlich ebenfalls gegeben ist, aus ihr dann
ohne weiteres auf die Zusammengesetztheit solcher Ausdehnung.
Das aber ist, wie diese Ausdehnung gerade für die Anschauung
erweist, ein Fehlschluß, der durch eine unhaltbare Umkehrung zu-
standekommt. Denn so gewiß etwas, wenn es zusammengesetzt ist,
auch teilbar sein muß, so gewiß gilt doch nicht auch das Umgekehrte,
nämlich daß, wenn etwas teilbar ist, es auch zusammengesetzt sein
muß. Zu letzterem ist vielmehr diese Ausdehnung für Anschauung
das evidente Gegenbeispiel, da sie keineswegs, weil teilbar, auch zu-
sammengesetzt ist. Dann aber fragt sich eben, welcher Sinn denn
eigentlich noch bliebe, in dem sich von Teilen sprechen läßt, aus de-
nen eine Ausdehnung als ein Kontinuum zusammengesetzt sei.
Auf diese Frage könnte Kant nur eine Antwort geben, die er aber
bloß vereinzelt einmal formuliert, obwohl sich hinter ihr gerade jene
Überlieferung seit Aristoteles verbirgt, an die er dabei anknüpft. So
geht Kant sogar so weit, zu sagen: In dem Fall von einer Ausdehnung,
die »zwischen ihren Grenzen« eingeschlossen und in diesem Sinn
»ein Ganzes« ist, sei nicht nur dieses Ganze einer Ausdehnung für
Anschauung gegeben, sondern auch die Teile, woraus es zusammen-
gesetzt sei; hier nämlich könne jede Teilung nur zu Teilen führen, die
innerhalb von dessen Grenzen liegen und sonach mit diesem Ganzen
mit gegeben sind. Auch nur der Unterschied, ob eine Teilung so eine
begrenzte oder eine unbegrenzte Ausdehnung betreffe, sei entschei-
dend dafür, ob sich sagen lasse, eine solche Teilung gehe ins Unend-
liche, in infinitum, oder nur ins Unbegrenzte, in indefinitum. 18
Spätestens an solchen Stellen aber muß er sich ausdrücklich

16
A 359 (kursiv von mir). Vgl. auch A 438 B 466.
17 B 416 Anm. Vgl. auch Bd. 11, S. 35, Z. 8–11.
18
A 512 ff. B 540 ff. und A 523 ff. B 551 ff.

52
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

überlegen, welchen Sinn von Teilen er dabei zugrundelegt, weil er


sich grundsätzlich im klaren ist, daß solche Teilung jeden Teil »aller-
erst wirklich macht«. 19 Genau entsprechend gibt er zu erkennen, daß
von Teilen hier auch nur als »möglichen Teilen« die Rede sein kann. 20
Damit aber eignet er sich auch den Kern der Theorie des Aristoteles
vom Wesen des Kontinuums noch an. Danach entspricht seiner De-
finition durch seine Teilbarkeit in immer wieder Teilbares auch nur
die Möglichkeit von dem, das ein Ergebnis einer solchen Teilung ist.
Und welche Art Ergebnis einer Teilung man auch immer in den Blick
nimmt, Teile oder Grenzen zwischen ihnen, es sind stets nur endlich,
nie unendlich viele. Vielmehr sind sie letzteres stets nur der Möglich-
keit und nie etwa der Wirklichkeit nach, was für Aristoteles vielmehr
ein Unding ist. 21
Auf diese Art jedoch verschärft sich jene Frage nur noch weiter,
jedenfalls für Kant, soweit er die Zusammengesetztheit des Kontinu-
ums vertritt. So fragt sich nämlich nur noch dringlicher, weshalb es
dann nicht ebenso aus Grenzen wie aus Teilen zusammengesetzt ist,
wenn jedes davon doch Ergebnis einer Teilung ist und jedes davon
Grenze oder Teil auch nur der Möglichkeit nach ist. Fragt sich doch
dann auch nicht mehr nur, ob es nun aus dem einen oder anderen
zusammengesetzt sei. Dann fragt sich vielmehr noch des weiteren,
ob es denn überhaupt zusammengesetzt sei aus etwas, von dem nur
als etwas Möglichem statt Wirklichem die Rede sein kann, einerlei,
ob nun bei Teilen oder Grenzen.
Diese Frage aber stellt sich wie an Kant auch über ihn zurück an
Aristoteles. Sie nämlich fragt dann: Welche Art Begriffsbildung soll
es denn eigentlich erlauben, derlei wie Zusammensetzung dabei auch
nur zu erwägen, eine Frage, die von Kant genausowenig wie von Ari-
stoteles gestellt wird. Und die Antwort kann nur lauten: Ohne den
Begriff für irgendetwas, aus dem es zusammengesetzt sei, könnte für
das Kontinuum eine Zusammengesetztheit schon von vornherein gar
nicht erwogen werden. Und so fragt sich eben insbesondere, ob ein
Begriff wie »Grenze« oder »Teil« denn dafür überhaupt in Frage
kommen könnte. Welchen Sinn von Teil oder von Grenze sollte ein
Begriff wie »Teil« oder wie »Grenze« überhaupt besitzen, wenn doch

19
A 524 B 552.
20 A 513 B 541.
21
Vgl. z. B. Physik, 206 a 14–18, 207 b 27.

53
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

jeder davon einen Teil bzw. eine Grenze nur als einen möglichen bzw.
eine mögliche bezeichnen soll?
Denn zu dem Sinn solcher Begriffe, deren jeder aus der Um-
gangssprache stammt, gehört doch analytisch mit hinzu, daß etwas
Teil bzw. Grenze auch nur ist, wenn es als Teil bzw. Grenze wirklich
ist. Dies aber heißt: Ist es als Grenze oder Teil bloß möglich, ist es
alles, nur nicht Teil, und alles, nur nicht Grenze, – worum es sich
dann auch immer handeln möge. Daraus geht hervor: Von einem Teil
als einem wirklichen zu sprechen, ist im Grunde tautologisch, näm-
lich analytisch wahr, wie auch, von einem Teil als einem möglichen zu
sprechen, letztlich widersprüchlich, nämlich analytisch falsch ist, und
dasselbe gilt für eine Grenze. Dies deckt auf, daß jenes »in«, das Kant
vergeblich jenem »vor« entgegensetzen und allein für Teile geltend
machen möchte, letztlich ohne jeden Sinn bleibt. Denn der bloßen
Möglichkeit nach wären Grenzen ebenso wie Teile »in« einem Kon-
tinuum gegeben, während doch im eigentlichen Sinn von Grenze
oder Teil der Wirklichkeit nach vielmehr keins von beidem »in«
einem Kontinuum gegeben ist.
Der Sinn einer Begriffsbildung von Teil als wirklichem und Teil
als möglichem täuscht somit letztlich vor, als sei dabei in jedem Fall
von einem Teil die Rede, was jedoch nicht zutrifft. Und dasselbe gilt
für eine Grenze. Was hier vorliegt, ist vielmehr ein Fehler, der nicht
eben selten vorkommt und der sich auch hier auf Teile oder Grenzen
nicht beschränkt: der Fehler falscher Spezifikation. Der Sinn dieser
Begriffsbildung erweckt den Schein, als ließen »Teile« oder »Gren-
zen« sich als angebliche Gattungen spezifizieren zu »aktualen« oder
»wirklichen« und »potentiellen« oder »möglichen« als angeblichen
Arten beider, deren jede jeweils eine Art von Teilen oder eine Art
von Grenzen wäre, was hier aber nicht der Fall ist. Denn nur wirkliche
sind Teile oder Grenzen, mögliche dagegen überhaupt nicht Teile oder
Grenzen, weshalb fraglich werden muß, was überhaupt der Sinn die-
ser Begriffsbildung sein sollte. 22

22 Vgl. dazu Aristoteles bereits in der Metaphysik 1048 a 32. – Doch nicht einmal dort
fällt das Verfehlte dieser Spezifikation bei Aristoteles ins Auge, wo man das mit ihr
Gemeinte voll hervorhebt: Was durch sie spezifiziert wird, sei »etwas Identisches, das
bald aktuell, bald potentiell existiert« (Düring 1966, S. 208, vgl. auch S. 617). – Ein
Sinn für diese Unterscheidung läßt sich übrigens auch dann nicht retten, wenn man
annimmt, daß sie gar nicht als Spezifikation gemeint sei, was durchaus der Fall sein
mag. Zumindest nämlich soll sie als informative Unterscheidung gelten, und das ist
sie eben nicht, weil sie nur unterscheidet zwischen Widersprüchlichem und Tautolo-

54
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

Als ein Sinn für sie kann nämlich auch nicht folgendes in Frage
kommen. Könnte man doch zu bedenken geben, daß es sich beim
Reden von den »möglichen« zwar nicht um Teile oder Grenzen hand-
le, doch sehr wohl um eine haltbare Definition für das Kontinuum,
wie sie seit Aristoteles und Kant ja immer weiter überliefert und ge-
schätzt wird. 23 Werde doch zum Zweck seiner Definition durch seine
Teilbarkeit in Teile dabei nur vorweggenommen, was Ergebnis seiner
Teilung sei. Nur sind Ergebnis seiner Teilung eben nicht allein die
Teile, sondern auch die Grenzen, die jedoch für diese Definition, die
sich nur an die Teile hält, außer Betracht bleiben: wie schon bei Ari-
stoteles, so auch bei Kant noch.
Denn als das, woraus sich ein Kontinuum zusammensetze, kom-
men danach eben nur die Teile, nicht die Grenzen in Betracht. Wird
diese Definition doch sofort fragwürdig, sobald auch diese Grenzen
als Ergebnisse Berücksichtigung finden. Danach nämlich müßte das
Kontinuum, im Sinn von »mögliche«, gerade beides sein, »mögliche
Teile« ebenso wie auch »mögliche Grenzen«, und so aus den einen
ebenso wie aus den anderen zusammengesetzt sein. Doch damit kann
für eine Einsicht in sein Wesen eben nichts gewonnen sein. Denn ein
Kontinuum ist eine Ausdehnung doch stets nur dann, wenn sie bzw.
es gerade weder Teil noch Grenze ist, sprich: stets nur zwischen Gren-
zen oder innerhalb bzw. außerhalb von Teilen. Dadurch aber bleibt
für Ausdehnung oder Kontinuum gerade unerfindlich, was es heißen
sollte, wenn von ihr bzw. ihm gesagt wird, daß der Möglichkeit nach
sie bzw. es dann sowohl Teil sei wie auch Grenze. Schließlich unter-
scheidet beides sich wie Ausdehnung und Nichtausdehnung.
Ja das gibt sogar so wenig eine Antwort auf die Frage nach dem
Wesen des Kontinuums, daß es vielmehr auch nur noch dringlicher
die Frage nach ihm stellt: Führt also seine Teilung als die Analyse von
ihm etwa zu Ergebnissen, die so wie Ausdehnung und Nichtausdeh-
nung sich zu widersprechen scheinen? Letzteres ist nämlich nicht
schon durch den Hinweis auszuräumen, das Verhältnis zwischen Teil

gischem. – Beachtet sei daher: Die Unterscheidung zwischen »Energie« als »potentiel-
ler« und »kinetischer«, wie die Physik sie trifft, bleibt von dieser Kritik am Sinn der
Unterscheidung zwischen einem Etwas als dem »potentiellen« und dem »aktualen«
unberührt. Mit »potentieller Energie« ist nämlich nur die »Ruheenergie« im Unter-
schied zu der »Bewegungsenergie« als der »kinetischen« gemeint, von denen jede eine
»aktuale« ist. Und damit ist auch jede eine Art von Energie, zumal es auch noch wei-
tere Arten von ihr gibt, wie etwa »Energie als Druck« (Schaller 2010, S. 41 ff.).
23
Selbst von Mathematikern, vgl. etwa Laugwitz 1997, S. 4 ff.

55
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

und Grenze sei gar kein symmetrisches, wie zwischen Widersprüch-


lichem, sondern ein asymmetrisches. Denn als etwas Begrenztes sei
ein Teil stets etwas Selbständiges, eine Grenze an ihm aber etwas Un-
selbständiges. Dies nämlich heißt zunächst einmal nur noch ver-
schlimmernd, daß in der Gestalt eines Begrenzten jeweils Ausdeh-
nung und Nichtausdehnung sogar unlösbar vereinigt sind. Daß dies
kein Widerspruch sei, könnte vielmehr nur die Aufklärung des Sinns
von Ausdehnung (und Nichtausdehnung) oder von Kontinuum (und
Diskretion) erweisen, die jedoch noch immer aussteht.
Noch ein weiteres Beispiel für den Fehler falscher Spezifikation
gibt Aufschluß, wie verfehlt der Sinn von dieser Art Begriffsbildung
tatsächlich ist. Denn was liegt danach näher, als sich vorzustellen, das
Kontinuum sei etwas Ganzes, das sich teilen lasse, so daß es dies Gan-
ze als geteiltes oder auch als ungeteiltes geben könne? So ein Ganzes
jedenfalls muß Kant vor Augen haben, wo er kritisiert, daß ein Kon-
tinuum nicht ein Kompositum, sondern ein Totum sei, bevor er kurz
danach zum Kritisierten selbst wieder zurückkehrt. 24 Nicht verwun-
derlich jedoch ist diese Rückkehr, wenn er ein Kontinuum dabei in
diesem Sinn als etwas Ganzes auffaßt. Denn für ein Kontinuum als
so ein Ganzes macht es danach auch nicht den geringsten Unter-
schied, ob es als solches nun ein ungeteiltes oder ein geteiltes ist.
Genau in diesem Sinn spricht man ja auch ganz selbstverständlich in
der Umgangssprache von den Teilen eines Ganzen, wie schon Aristo-
teles, der daran nichts zu kritisieren hat: 25 nicht einmal im Zusam-
menhang mit dem Kontinuum. 26 Nur ist die Umgangssprache eben
keine Theorie, in deren Rahmen man sich vielmehr überlegen muß,
in welchem Sinn man die aus Umgangssprache aufgenommenen Be-
griffe nutzen möchte.
Vom Verhältnis zwischen Teil und Ganzem aber kann im Rah-
men einer Theorie über das Wesen des Kontinuums dann auch nur
ein Begriff in Frage kommen, der gerade ausschließt, was die Um-
gangssprache zuläßt: Keineswegs kann gelten, daß es sich nicht nur
bei einem ungeteilten, sondern auch noch bei einem geteilten um ein
Ganzes handle. Denn wird etwas, das im Sinn eines Kontinuums ein
Ganzes ist, geteilt, so hört es eben damit auf, ein Ganzes als Konti-

24
Vgl. nochmals A 438 B 466.
25 Vgl. z. B. Physik, 210 a 15 ff.
26
Vgl. z. B. Physik, 231 b 1 ff.

56
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

nuum zu sein. Tritt eben damit doch statt seiner dann die bloße Sum-
me der dadurch entstandenen Teile auf: statt eines Ganzen als eines
Kontinuums vielmehr nur eine Summe dieser Teile als etwas Diskre-
tes. In dem Sinn eines Kontinuums kann es ein Ganzes folglich kei-
neswegs als ein geteiltes ebenso wie als ein ungeteiltes geben, was
vielmehr ein weiterer Fall des Fehlers falscher Spezifikation ist. Als
Kontinuum kann es ein Ganzes vielmehr nur als ungeteiltes geben, so
daß Ausdrücke wie »ungeteiltes Ganzes« und »geteiltes Ganzes«
eben analytisch sind: der erste analytisch wahr, der zweite analytisch
falsch, doch nicht etwa synthetisch und mithin auch nicht spezifisch.
Daran aber ändert sich auch dann nichts, wenn man mit berück-
sichtigt, was Aristoteles und Kant vernachlässigen, nämlich daß ein
Teilen auch ein Schneiden ist, und umgekehrt. Das heißt, daß es nicht
nur zu Teilen, sondern auch zu Grenzen zwischen ihnen allererst
durch Teilung oder Schneidung kommt. Es hilft nichts, wenn man
sich verdeutlicht: Wie es scheint, sieht keiner von den beiden und bis
heute niemand, daß der Vorgang eines Teilens oder Schneidens einer
und derselbe ist, doch das Ergebnis eines Teilens oder Schneidens
dann ineinem etwas Grundverschiedenes. Kann es doch kein Teilen
geben, das nicht auch ein Schneiden wäre, sowie umgekehrt kein
Schneiden, das nicht auch ein Teilen wäre, was als Vorgang also einer
und derselbe ist. Gleichwohl jedoch ist das Ergebnis dieses selben Vor-
gangs dann ineinem etwas Grundverschiedenes. Denn wie »Teilen«
soviel heißt wie »Herstellen von diesem oder jenem Teil«, bedeutet
»Schneiden« eben »Herstellen von diesem oder jenem Schnitt«. Je
danach aber, was geschnitten wird, ist so ein Schnitt eben Schnitt-
Punkt oder Schnitt-Linie oder Schnitt-Fläche, und das sind nun ein-
mal Grenzen und nicht Teile des Geschnittenen.
Dieser Unterschied ist immerhin so ausgeprägt, daß ihm gemäß
sich ohne weiteres von einem einzigen Schnitt sinnvoll sagen läßt, er
sei Ergebnis eines Schneidens, während nur von mehr als einem Teil
sich sinnvoll sagen läßt, daß sie Ergebnis eines Teilens seien. Aber
trotzdem bleibt es dabei, daß ein Teilen oder Schneiden als ein Vor-
gang sich nicht unterscheidet, das daher tatsächlich als Dasselbe je-
weils das so Unterschiedliche ergibt. Daraus erhellt, wie einseitig es
ist, von diesem Unterschiedlichen das eine zu berücksichtigen und das
andere zu vernachlässigen, wie gleich Aristoteles auch Kant dies tut.
Denn in der Tat ließe sich das Kontinuum nicht nur durch seine Teil-
barkeit in Teile, sondern auch genausogut durch seine Schneidbarkeit
in Schnitte definieren, wie die Mengentheorie es auch tatsächlich

57
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

möchte. Nur heißt eben weder ersteres, daß es aus Teilen, noch auch
letzteres, daß es aus Schnitten oder Grenzen sich zusammensetze.
Deshalb ändert sich auch nicht das mindeste, wenn man auch
noch die letzteren berücksichtigt, um das Verhältnis eines Ganzen
als eines Kontinuums nicht nur zu seinen Teilen zu erwägen, sondern
auch zu seinen Schnitten. Denn ein Ganzes als Kontinuum kann es
genausowenig wie als ein geteiltes auch als ein geschnittenes nicht
geben, sondern nur als ungeteiltes oder ungeschnittenes. Hört es
doch, ob nun geteilt oder geschnitten, eben damit auf, ein Ganzes als
Kontinuum zu sein. Denn damit tritt statt seiner dann die bloße Sum-
me der dadurch entstandenen Teile oder Schnitte auf: statt eines Gan-
zen als eines Kontinuums vielmehr nur eine Summe dieser Teile oder
Schnitte als etwas Diskretes.
Damit aber ist dann endgültig erwiesen, daß durch solche Ana-
lyse des Kontinuums dem Wesen des Kontinuums nicht beizukom-
men ist, gleichviel, was man als das Ergebnis von ihr in Betracht zie-
hen will: ob nur die Teile oder nur die Schnitte als die Grenzen
zwischen ihnen oder beides. Denn gerade das Kontinuum der Aus-
dehnung ist es, was dieser Art von Zugriff solcher Analyse immer
wieder sich entzieht, indem es einfach sich zurückzieht: Jedem Teilen
oder Schneiden nämlich geht es gleichsam aus dem Weg, indem es
immer wieder neu vor ihm zurückweicht und sich als Kontinuum
von Ausdehnung dorthin zurückzieht, wo man durch ein Teilen oder
Schneiden seiner niemals habhaft werden kann. Denn immer wieder
neu tritt es dabei bloß zwischen Grenzen oder Schnitten auf und so-
mit immer wieder neu bloß innerhalb bzw. außerhalb von Teilen,
niemals aber etwa über sie hinweg. 27

27 Zu beachten gilt es hier: »geteilt« bzw. »ungeteilt« ist nicht dasselbe wie »begrenzt«
bzw. »unbegrenzt«. Entsprechend ist ein Ganzes, wenn auch nicht als ein »geteiltes«
ebenso wie als ein »ungeteiltes« möglich, so sehr wohl doch als »begrenztes« ebenso
wie auch als »unbegrenztes«. So ist etwa eine »Strecke« ein begrenztes Ganzes, wäh-
rend eine »Linie« ein unbegrenztes Ganzes bildet. Letzteres ist demnach als Konti-
nuum ein unbegrenztes, ersteres jedoch ist ein Kontinuum als ein begrenztes. Trotz-
dem aber heißt das nicht etwa, erzeugen lasse ein Kontinum sich folglich nicht bloß
als ein unbegrenztes, sondern auch als ein begrenztes. Denn erzeugt man etwa eine
»Strecke«, so erzeugt man dabei kein Kontinuum, sondern auf Grund eines Kontinu-
ums, wie es als »Linie« schon zugrundeliegen muß, zwei Diskretionen als zwei Gren-
zen innerhalb von ihm. Erzeugen läßt sich ein Kontinuum vielmehr ausschließlich so,
daß es als Unbegrenzt-Unendliches wie eine »Linie« verläuft. Für Weiteres dazu vgl.
unten §§ 3–4, z. B. S. 90, Anm. 31 (Anlaß dieser Anmerkung war eine Nachfrage von
Marko Martić).

58
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

Zuletzt erweist sich somit das Kontinuum für jeglichen Versuch,


es zu ergründen, nicht allein als Labyrinth, sondern geradezu als Ab-
grund. Denn das heißt dann umgekehrt, daß dem Kontinuum von
Ausdehnung mit keinem der Begriffe beizukommen sein kann, deren
Bildung für den Zugriff darauf bisher als erfolgversprechend galt:
weder von seinen »Teilen« noch von seinen »Schnitten« oder »Gren-
zen« her. Hat all dies demnach auszuscheiden, stellt zuletzt sich aber
noch die Frage: Welchen Sinn verbinden wir denn eigentlich mit dem
Begriff »Kontinuum« oder »kontinuierlich« selbst?, dem Kant an-
scheinend nicht mehr nachfragt, weil er ihm vermutlich als ein Ter-
minus bereits geläufig ist. Für Aristoteles dagegen, der ihn dazu aller-
erst gemacht hat, ist er noch so ungeläufig, daß sein Sinn ihm noch zu
schaffen macht. Und das gibt Aufschluß darüber, worin zuletzt die
eigentliche Problematik des Kontinuums besteht.
Das Wort continuum ist nämlich im Lateinischen die Überset-
zung für das, was im Griechischen mit syneches bezeichnet wird.
Denn als Kompositum (con-, syn-) bedeutet jedes soviel wie »Zusam-
men-hang« oder »Zusammen-halt« (»zusammen-hängend« oder
»-haltend«). Und in diesem Sinn kennt Aristoteles den Ausdruck
syneches schon von den Vorsokratikern, wie etwa von Parmenides,
der ihn in seinem Lehrgedicht über die Welt verwendet. Darin führt
er aus: Im Unterschied zu all dem Vielen und Verschiedenen in ihr sei
unsere Welt als etwas Seiendes vielmehr nur Eines und Dasselbe, weil
ein jedes von dem Vielen und Verschiedenen als Seiendes zu Seien-
dem sich fügt (eon gar eonti pelazei) und mithin ein Ganzes bildet,
das als solches syneches sei. 28 Und das übersetzt man heute unbe-
denklich mit »kontinuierlich«, 29 während es doch kurz danach schon
auf erhebliche Bedenken stieß.
So wird man schwerlich fehlgehen, wenn man eine Stelle in
dem Dialog Parmenides, wo Platon zur Erörterung von dieser Lehre
antritt, als eine Kritik an eben dieser Überlegung liest. 30 Der Sache
nach gibt er hier nämlich zu bedenken, ob Parmenides sich nicht mit
seiner eigenen Lehre selbst in Schwierigkeiten bringt, wenn er von
einem Seienden im Unterschied zu einem anderen spricht und sagt,
daß eines zu dem anderen sich fügt (pelazei). Da dieses zur Zeit von

28
Parmenides, Fragment 8,25.
29 Vgl. z. B. Kirk 1994, S. 276.
30
Platon, Parmenides 148 d ff.

59
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Platon schon veraltete pelazein 31 nämlich auch »berühren« heißen


kann, ersetzt es Platon durch das diesbezüglich deutlichere haptes-
thai, um einzuwenden: Nur von Zweien lasse sinnvoll sich behaup-
ten, daß sie sich berühren, aber nicht etwa von Einem, 32 das Parme-
nides jedoch gerade meint, wenn er von ihm behauptet, es sei etwas,
das zusammenhängend, syneches, im Sinne von berührend ist. So
nämlich wird von Grund auf zum Problem, ob dabei nun die Rede
ist von Einem oder Zweien, und entsprechend, wie denn ihrem Sinn
nach sich »zusammenhängend« und »berührend« zueinander eigent-
lich verhalten.
Mit genau diesem Problem bekommt es dann auch Aristoteles zu
tun. Das zeigt sich schon rein äußerlich, weil er im Rahmen seiner
Theorie vom Wesen des Kontinuums den Ausdruck syneches bald als
ein einstelliges Prädikat benutzt, 33 bald als ein mehrstelliges, 34 doch
anscheinend ohne daß ihm auffällt, wieviel Unklarheit aus diesem
Wechsel herrührt. 35 Und das ist umso bemerkenswerter, als gerade
Aristoteles über das Wesen des Kontinuums doch soviel Klarheit
schafft, daß sie bis heute Geltung hat. 36 Dazu gehört etwa die Klärung
dessen, was allein es heißen kann, wenn wir von Zweien sagen, daß
sie sich berühren. Denn so klar auch Platon schon an jener Stelle
sieht, daß dies allein von Zweien gelten kann, so sagt er hier doch
nichts darüber, was genau das heißt.
Dies einzusehen, bildet vielmehr eine von den Grundeinsichten
in das Wesen des Kontinuums bei Aristoteles. Sie findet sich beson-
ders klar an einer Stelle der Metaphysik, wo er von Punkten, Linien
oder Flächen spricht und sie als Grenzen von etwas erörtert. Denn als
solche sind sie ontologisch von besonderer Bedeutung, nämlich etwas,
das in irgendeinem Sinn entstehen und vergehen kann. Und dies er-
läutert er durch einen Satz, der eine förmliche Definition des Sinns
einer Berührung gibt, weil dieser Satz zugleich auch noch den Sinn
des Gegenteils zu ihr mitdefiniert. Besagt er doch: »Wenn Körper sich

31 Nur noch in einem zitierten alten Sprichwort tritt es auf, vgl. Symposion 195 b.
32 A. a. O. 148 e-149 a.
33 Aristoteles, Physik 207 b 16, 208 a 1 f., 211 b 30 f., 219 a 11, 231 a 25, 231 b 16.

34 A. a. O., z. B. 185 b 9 ff., 211 a 29 f., 231 a 22.

35 Doch selbst dort, wo man das sieht, nimmt man nicht Anstoß daran, sondern sieht

zuletzt sogar »eine Pointe« darin (vgl. z. B. Wieland 1992, S. 284–286; Wieland 1975,
S. 259–263).
36
Vgl. zum folgenden z. B. Knerr 1989, S. 201.

60
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

berühren oder trennen, wird aus deren Grenzen bei Berührung eine,
und bei Trennung werden aus der einen Grenze zwei«. 37
Genau in diesem Sinn vertritt er das denn auch an andern Stel-
len, wie etwa in der Physik, wo zusätzlich noch das Kontinuum zur
Sprache kommt, das hier an dieser Stelle der Metaphysik, wie zu
beachten ist, gerade nicht behandelt wird. Danach berühren zwei be-
grenzte Linien zum Beispiel sich genau in dem Sinn, daß die Grenze
als ein Punkt der einen und die Grenze als ein Punkt der anderen zu
einem Punkt zusammenfallen. 38 Nur von einer Linie als einer Aus-
dehnung kann demnach gelten, daß sie eine andere Linie als eine
andere Ausdehnung berühre. Nicht jedoch kann dies auch noch von
einem Punkt als einer Nichtausdehnung gelten, weil er nicht auch
seinerseits noch eine Grenze haben kann, die somit auch nicht mit
der Grenze eines anderen zusammenfallen kann, weshalb sie sich
auch nicht berühren können. 39
Punkte nämlich können deshalb keine Grenzen haben, weil sie
selber Grenzen sind, die darum auch nur etwas Anderes haben
kann. 40 Und all das gilt entsprechend auch für jede weitere Grenze:
für die Linie als die Grenze einer Fläche oder für die Fläche als die
Grenze eines Körpers. Nur wenn eine Grenze einer solchen Ausdeh-
nung zusammenfällt mit einer Grenze einer andern solchen Ausdeh-
nung, läßt sich von solchen Ausdehnungen, die dann zwei sind, sinn-
voll sagen, daß sie sich berühren, nicht jedoch von ihren Grenzen, die
dann eine sind. Solange nämlich nicht nur solche Ausdehnungen,
sondern wegen eines Abstands auch die Grenzen zwischen ihnen zwei
sind, kann von der Berührung solcher Ausdehnungen keine Rede
sein. Gerade dem entspricht bei Aristoteles und Kant die Auffassung:
Auch nur durch die Zusammensetzung solcher Ausdehnungen könne
eine solche Ausdehnung zustandekommen, nicht jedoch durch die
Zusammensetzung solcher Grenzen.
Doch gerade diese Klärung für den Sinn einer Berührung, die bis
heute haltbar ist, gerät bei Aristoteles bereits ins Wanken. Diese Klä-
rung aufrechtzuerhalten, wird nämlich zur größten Schwierigkeit für
ihn, sobald es darum geht, zwischen »Berührung« und »Zusammen-
hang« im Sinn eines Kontinuums zu unterscheiden. Und das ist umso

37 Metaphysik 1002 a 34 f.
38
Vgl. z. B. Physik 211 a 33 ff., 231 a 21 ff. So auch schon Kategorien 5 a 1 ff.
39 A. a. O. 231 a 24 ff.
40
A. a. O. 231 a 28 ff.

61
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

bemerkenswerter, als es dazu dort gerade kommt, 41 wo Aristoteles


ausdrücklich auf den Wortsinn von Kontinuum als syneches zu spre-
chen kommt. Denn »wie das Wort besagt« 42 versucht er anzugeben,
was der Sinn von syneches sei. Bis in Einzelheiten seiner Formulie-
rungen läßt sich denn auch verfolgen, wie er dabei gleichsam ins Ge-
dränge zwischen Singular und Plural kommt, sprich, zwischen syn-
eches als einstelligem oder mehrstelligem Prädikat: So nämlich, daß
entgegen dem Versuch, dies Prädikat als einstelliges einzusetzen, 43 es
zuletzt sich als ein mehrstelliges durchsetzt.
Und warum?
Weil Aristoteles es trotz dieses Versuches nicht vermag, die
Grenze loszuwerden zwischen dem, was danach syneches sein soll.
Für sie gerade spreche seine Wortbedeutung von »zusammenhän-
gend« oder von »zusammenhaltend« als Verhältnis zwischen Zweien,
auch wenn deren Grenzen dabei eine und dieselbe sind, ja eigentlich
gerade dann. Solange nämlich auch noch deren Grenzen zwei sind,
seien sie gerade nichts »Zusammenhängendes« oder »Zusammen-
haltendes«. 44
Und das ist eben ein unlösbares Dilemma.
Offenkundig wird es dort, wo Aristoteles versucht, doch nicht
vermag, zu unterscheiden zwischen Grenzen, die »zusammenfallen«,
und Grenzen, die »zu einer und derselben werden«. Darin nämlich
möchte er den Unterschied zwischen »berührend« und »zusammen-
hängend« als kontinuierlich sehen, ohne daß dies irgend einsichtig
sein könnte. Liefe das doch auch auf nichts geringeres hinaus, als jene
klare Definition des Sinns einer Berührung plötzlich hinzustellen als
die Definition des Sinns eines Kontinuums. Von dieser nämlich soll
sich die Definition des Sinns einer Berührung nunmehr unterschei-
den. Denn auf einmal soll Berührung den davon verschiedenen Sinn
besitzen, daß die Grenzen dabei bloß »zusammen« (hama) seien, was
gerade nicht bedeute, daß sie »eine und dieselbe« seien. 45
Dies jedoch verstieße gegen seine eigene wesentliche Einsicht,
wonach es für das Verhältnis zwischen Grenzen nur zwei Möglich-
keiten geben könne, nämlich daß sie entweder zusammenfallen und

41 A. a. O. 227 a 10 ff.
42 A. a. O. 227 a 12.
43 A. a. O. 227 a 11.

44
A. a. O. 227 a 13.
45 So z. B. in Physik 227 a 10 ff. und 231 a 21 ff., zwei Stellen, deren letztere in diesem

Sinn ausdrücklich auf die erstere verweist.

62
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

mithin zu einer werden oder auseinanderfallen und mithin zu zweien


werden. Wäre das doch diesen beiden Möglichkeiten gegenüber eine
dritte Möglichkeit, die vor dem Hintergrund von diesen beiden als
den beiden einzigen nur unverständlich bleiben kann. Zumal selbst
dann, wenn diese dritte Möglichkeit verständlich werden könnte, jene
Definition für die Berührung als Definition für das Kontinuum nun
umgekehrt nur unverständlich bleiben könnte. Handelt es sich doch
bei dem, das sich berührt, gerade nicht um etwas, das »zusammen-
hängt« oder »zusammenhält« im Sinn eines Kontinuums, weil es so-
gar im Gegensatz zu ihm vielmehr etwas Diskretes ist, was mit etwas
Diskretem sich berührt. Daß Aristoteles in diese Schwierigkeit gerät,
liegt daran, daß er hier in der Physik auch noch auf das Kontinuum zu
sprechen kommt, das dort in der Metaphysik, wo es nur um Berüh-
rung geht, noch keine Rolle spielt.
Denn diese Schwierigkeit entsteht, weil das »Zusammenhän-
gen« oder das »Zusammenhalten« eben das Gemeinsame von beidem
ist, das deshalb aber auch für beides unspezifisch bleibt, was Aristote-
les anscheinend nicht gesehen hat. Zwar gilt von dem, das sich be-
rührt, auch zweifellos, daß es »zusammenhängt« oder »zusammen-
hält«, doch nur in dem Sinn, daß es voneinander nicht getrennt ist,
aber keineswegs im Sinn eines Kontinuums. Denn wenn auch von-
einander nicht getrennt, durch einen Abstand, ist es gegeneinander
doch geteilt, durch einen Schnitt als eine Grenze zwischen ihnen.
Notwendig ist diese nämlich nicht nur dafür, daß es zwei sind, son-
dern auch noch dafür, daß sie sich berühren, weil sie das gerade in der
Grenze tun, die dafür eine und dieselbe zwischen ihnen sein muß.
Unausweichlich also ist durch sie etwas »Zusammenhängendes« oder
»Zusammenhaltendes« im Sinn eines Kontinuums gerade unterbro-
chen. Und insofern ist es eben als Kontinuum beseitigt und ersetzt
durch gegeneinander abgegrenzte Teile als etwas Diskretes.
Daraus geht denn auch der Grund hervor, weshalb ein Unter-
schied bestehen muß zwischen solchem, das geteilt oder geschnitten
wird, und solchem, das getrennt wird. Denn daß es geteilt oder ge-
schnitten werde, läßt sich immer nur von jeweils Einem sinnvoll sa-
gen, nämlich nur von Einem als dem Ungeteilten oder Ungeschnitte-
nen. Ginge doch der Sinn von Teilung oder Schneidung sonst
verloren, weil sie einen Schnitt oder zwei Teile ja erst immer herstellt.
Dem entgegen aber läßt sich, daß etwas getrennt wird, immer nur
von jeweils Zweien sinnvoll sagen, weil der Sinn von Trennung,
sprich: von Aufhebung einer Berührung zwischen Zweien, diese

63
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

immer schon voraussetzt. Deshalb kann es sich bei diesen Zweien


auch allein um Teile handeln. Denn nur diese sind durch Teilung oder
Schneidung schon als zwei vorhanden, nicht jedoch der eine Schnitt
oder die eine Grenze zwischen ihnen. Diese oder dieser eine wird
vielmehr erst durch die Trennung zwischen Teil und Teil zu zweien.
In dem Sinn von Teil macht demgemäß schon Teilung oder Schnei-
dung jeweils Zwei aus Einem; in dem Sinn von Schnitt oder von
Grenze aber macht erst Trennung zwischen Teilen jeweils Zwei aus
Einem. 46
Insgesamt verhält sich dabei das ursprünglich Eine demnach so,
daß es in der Gestalt der jeweils einen Grenze zwischen Teil und Teil
solange durchhält, bis die Trennung zwischen Teil und Teil auch noch
aus diesem Einen in Gestalt der einen Grenze zwischen Zweien je-
weils Zwei gemacht hat. Demzufolge zeigt zuletzt sich daran ins-
gesamt: Um ein Kontinuum zu sein, muß etwas nicht nur etwas Un-
getrenntes, sondern auch noch etwas Ungeteiltes und so auch noch
etwas Ungeschnittenes sein. Für all dies Negative aber kommt als
das entsprechend Positive dann auch nur noch das in Frage, was in
dem Sinn jeweils Eines oder Ganzes ist, daß er durch keinen Sinn
der bloßen Vielheit oder Summe von etwas begreifbar sein kann: sei
es nun von Teilen oder auch von Schnitten als den Grenzen zwischen
ihnen.
Damit aber wird von Grund auf fraglich, was dann überhaupt
noch zur Verfügung stehen kann, um auf einen Begriff zu bringen,
was wir als »Kontinuum« von Ausdehnung für Anschauung als ein
Bewußtsein davon kennen: Muß nicht vielmehr jeder Zugriff auf es,
um einen Begriff von ihm zu bilden, notwendig zu einem Rückfall in
genau das führen, was vermieden werden muß? Und zeigt das nicht
auch jedes solche Wort wie syneches oder continuum bereits als sol-

46
Der wesentliche Grund für jene Schwierigkeit von Aristoteles liegt somit letztlich
darin, daß er diese Unterschiede zwischen Teilung oder Schneidung einerseits und
Trennung anderseits nicht sieht, wofür es einen deutlichen Beleg gibt. Allen seinen
Einsichten in das Kontinuum zum Trotz vertritt er nämlich: »Teilt jemand etwas Zu-
sammenhängendes wie eine Linie in zwei Teile (›Hälften‹), so nimmt er den einen
[Teilungs-]Punkt als zwei, nämlich als Grenze (›Anfang‹) von dem einen und als
Grenze (›Ende‹) von dem andern Teil« (vgl. Physik 263 a 23–25). Das trifft jedoch
nicht zu. Denn diese Zweiheit ist dabei nicht die von individuellen Punkten, sondern
bloß von Eigenschaften dieses einen individuellen Punktes, der die Eigenschaft der
Grenze eben zweifach hat: als Grenze von dem einen wie auch von dem andern Teil.
Dies zu verfehlen, kann Aristoteles jedoch nur unterlaufen, weil er Teilen offenbar
sogleich als Trennen auffaßt. Vgl dazu auch noch unten § 20, S. 596 f.

64
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

ches selbst? Denn ist ihr Sinn eines »Zusammenhangs« oder »Zu-
sammenhalts« nicht auch das Mindeste, was in einem Begriff von
ihm dann in der Tat für das Kontinuum zum Ausdruck kommen muß,
wenn er tatsächlich ein Begriff von ihm sein soll? Wie aber sollte sich
dieses »Zusammen-« in »Zusammenhang« oder »Zusammenhalt«
von dem »Zusammen-« in »Zusammensetzung« unterscheiden kön-
nen, dessen Sinn geradezu der Inbegriff des Rückfalls in das Falsche
wäre?
Denn nach dessen Sinn kann etwas doch nur dann etwas Zusam-
mengesetztes sein, wenn jegliches, woraus dieses zusammengesetzt
ist, ein Teil ist, so daß eben Teil mit Teil zu ersterem zusammenge-
setzt ist. Und wenn durch diesen Sinn eines »Zusammen-« der eines
»Kontinuums« von Grund auf schon verfehlt wird, – muß dies dann
nicht auch für jeden Sinn eines »Zusammen-« gelten? Und das heißt:
Muß dies dann nicht auch für den Sinn jenes »Zusammen-« gelten,
wie es in »Zusammenhang« oder »Zusammenhalt« erscheint, weil
doch auch hier etwas im Spiel sein muß, das mit etwas »zusammen-
hängt« oder »zusammenhält«? Denn »mit« bedeutet doch wohl ana-
lytisch soviel wie »zusammen mit«.
Hat man sich diese Frage aber erst einmal gestellt, enthüllt sich
zwischen beidem eine aufschlußreiche Sinn-Verschiedenheit, die
weiterführt. Sie tritt hervor als eine Möglichkeit, die beim »Zusam-
men-« in »Zusammenhang« oder »Zusammenhalt« besteht, doch
beim »Zusammen-« in »Zusammensetzung« nicht.
Läßt sich für das, womit etwas »zusammenhängt« oder »zusam-
menhält«, doch etwas einsetzen, was sich für das, womit etwas »zu-
sammengesetzt« ist, gerade nicht einsetzen läßt. Dadurch erfolgt da-
zwischen denn auch eine Abgrenzung im Sinn eines Begriffs, der eine
erste Einsicht in das Wesen des Kontinuums vermittelt: Ein »Zusam-
menhang« oder »Zusammenhalt« ist ein Kontinuum in dem Sinn,
daß dabei zwar gleichfalls etwas mit etwas »zusammenhängt« oder
»zusammenhält«, jedoch gerade nicht mit etwas Anderem, wie Teil
mit Teil, 47 sondern mit sich. Man braucht jedoch nur zu versuchen,

47 Damit ergibt sich noch ein weiterer Grund, weshalb das Wesen des Kontinuums
sich nicht von Teilen her bestimmen lassen kann, auch dann nicht, wenn sie nur als
»mögliche« oder als »potentielle« gelten sollen. Denn selbst wenn, ja eigentlich gerade
wenn man zuließe, daß »Teile« nicht allein als »wirkliche« oder als »aktuale«, sondern
auch als »mögliche« oder als »potentielle« ihren Sinn besitzen, müßten sie auch min-
destens als etwas zueinander Anderes gelten, weil sonst »Teile« auch noch ihren Rest
von Sinn verlören. Diese müßten also ein Verhältnis zueinander bilden, das nicht nur

65
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

diese Einsetzung des »sich« auch bei »Zusammensetzung« vorzuneh-


men, und es springt geradezu ins Auge, wie unmöglich sie dort ist.
Denn schlechthin ausgeschlossen ist, es könnte sich im Fall eines
»Zusammengesetzten« darum handeln, daß dabei etwas mit sich »zu-
sammengesetzt« sei. Legt doch der Sinn einer »Zusammensetzung«
selbst schon fest, daß etwas immer nur mit etwas Anderem als sich
»zusammengesetzt« sein kann, ein Sinn, auf den dieses Mißlingen
dieses Einsetzungsversuchs denn auch geradezu die Probe ist.
Sehr wohl jedoch ist eine Ausdehnung als ein Kontinuum gerade
etwas, das als Eines oder Ganzes jeweils das ist, was mit sich »zusam-
menhängt« oder mit sich »zusammenhält« und so gerade nicht mit
etwas Anderem als sich. Im Gegenteil: Hängt oder hält es nicht allein
mit sich, sondern auch noch mit etwas Anderem als sich zusammen,
bildet es gerade kein Kontinuum mit ihm, sondern gerade ein Dis-
kretum zu ihm als einem Diskretum, deren jedes zwar das Andere
berührt, jedoch kontinuierlich eben nur mit sich ist. Denn auch etwas,
das etwas berührt, hängt oder hält zusammen, doch gerade nicht mit
sich, sondern mit Anderem als sich. Jeweils mit sich zusammen hängt
es oder hält es eben nur als etwas, das mit sich kontinuierlich ist, was
dann gerade nicht bedeutet, daß es mit sich in Berührung ist, sondern
gerade einen eigenen positiven Sinn besitzt. 48 Genau in diesem Sinn
ist syneches oder continuum mithin auch in der Tat nur einstelliges
Prädikat, nicht mehrstelliges: ganz genau so, wie sich das im vorigen
bereits für »Ausdehnung« ergeben hatte.
Trotz dieser Gemeinsamkeit der Einstelligkeit beider Prädikate
aber kann dieser besondere Sinn des Prädikats »Kontinuum« nicht
etwa auch zum Sinn des Prädikats »Ausdehnung« noch gehören, son-
dern bleibt auf ersteres beschränkt und damit die Besonderheit von
ihm. Denn ausgeschlossen ist, etwa auch noch den einstelligen Sinn
von »Ausdehnung«, der bisher nur intuitiv verständlich ist, entspre-
chend aufzufassen. Keinen Sinn ergibt es nämlich, auch noch einen
Fall von Ausdehnung so zu verstehen, daß er ein Fall von Ausdeh-
nung mit sich sei statt mit etwas Anderem als sich. Ergibt doch schon
allein das »mit«, auf »Ausdehnung« bezogen, keinen Sinn, so daß

– weil es genausogut für »Grenzen« oder »Schnitte« gälte – unspezifisch und in die-
sem Sinn dann uninformativ für das Kontinuum sein müßte, sondern auch noch
falsch, wie nunmehr sich ergibt.
48 Wie unklar diese Unterschiede von »Zusammenhang« noch heute sind, sogar für

Mathematiker, dazu vgl. etwa Laugwitz 1986, S. 21, Z. 6–9.

66
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

auch keiner dieser beiden Fälle einen Sinn ergeben kann. Dies aber
macht die Einsicht in den Sinn des Prädikats »Kontinuum« so wenig
hinfällig, daß es vielmehr zu einer weiteren Einsicht führt. Und die
läßt auch noch das Verhältnis einsehen, welches zwischen diesem
Prädikat und dem von »Ausdehnung« besteht.
Auch wenn der Sinn des Prädikats »Kontinuum« nicht auch
noch zu dem Sinn des Prädikats von »Ausdehnung« gehören kann,
so läßt er sich doch von ihm aussagen, weil ersteres den Sinn von
einem Meta-Prädikat des letzteren besitzt: Ist etwas ausgedehnt, so
ist es zwar nicht mit sich ausgedehnt, sehr wohl jedoch mit sich zu-
sammenhängend ausgedehnt oder mit sich zusammenhaltend aus-
gedehnt, was eben heißt: mit sich kontinuierlich ausgedehnt. Ein
Ausdruck wie »mit sich« gehört dabei ausschließlich zu den Ausdrük-
ken »zusammenhängend« und »zusammenhaltend« und »kontinu-
ierlich«, deren jeder insgesamt, das heißt mitsamt dieses »mit sich«,
ein Meta-Prädikat zu »ausgedehnt« ist. Als der eigentliche Sinn von
syneches oder continuum läßt dieser sich denn auch noch weiter
sichern, weil es eine zusätzliche Möglichkeit der Überprüfung für
ihn gibt.
Man könnte nämlich meinen, daß er einem Einwand unterliege.
Könnte man doch sagen: Zwar sei nicht daran zu rütteln, daß der Sinn
»mit sich« im Unterschied zum Sinn »mit Anderem als sich« hier
einsetzbar sei, dort dagegen nicht. Doch unabhängig davon bleibe
dieser Sinn danach in jedem Fall unlösbar abhängig vom Sinn des
»mit«, und dieser hänge seinerseits unlösbar ab vom Sinn jenes »Zu-
sammen-«, weil in jedem Fall der Sinn von »mit« ja analytisch soviel
wie »zusammen mit« bedeutet. Hängt dann aber nicht auch der Ge-
samtsinn von »mit sich« unlösbar davon ab, daß er sich auf ein
sprachliches Kompositum beziehen kann, das diesen Sinn eines »Zu-
sammen-« auch bereitstellt? Das jedoch sei sprachlich zufällig und
deshalb sofort hinfällig, sobald für die Bedeutung des Kompositums
ein Simplex eintritt, das den Sinn dieses »Zusammen-« nicht bereit-
stellt. Und im Unterschied zum Griechischen oder Romanischen hat
beispielsweise das Germanische ein solches Simplex auch tatsächlich
zur Verfügung, nämlich in Gestalt der Wurzel, die im Deutschen das
Wort »stetig« hat.
Es als ein Simplex für jenes Kompositum tatsächlich einzuset-
zen, macht jedoch diesen Gesamtsinn von »mit sich« nicht nur nicht
hinfällig, sondern verstärkt ihn sogar noch. Ist etwas »ausgedehnt«,
dann heiße dies gemäß dem Sinn jenes Kompositums, daß es »mit

67
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

sich zusammenhängend ausgedehnt« oder »mit sich zusammenhal-


tend ausgedehnt« sei, so ergab sich. Dafür aber läßt sich nicht nur
sinnvoll sagen, daß es demnach »mit sich stetig ausgedehnt« sei; da-
für ist der Sinn von diesem Simplex »stetig« auch sogar noch sinn-
verstärkend. Daß jenes »Zusammen-« nunmehr ausbleibt, hat näm-
lich zur Folge, daß auch jener unhaltbare Anteil an dem Sinn von ihm
jetzt wegbleibt, und zwar ohne daß dadurch dann etwa auch das Halt-
bare an seinem Sinn verloren ginge. Ganz im Gegenteil tritt es da-
durch vielmehr nur umso deutlicher zutage. Denn durch dieses »mit«
kann dieses »stetig« nur auf dieses »sich« bezogen sein, durchaus
nicht aber, wie jenes »zusammenhängend« und »zusammenhaltend«,
etwa auch auf »Anderes als sich«. Ist doch auch ein »Berühren« zwi-
schen zueinander Anderem jeweils ein »Zusammenhängen« und
»Zusammenhalten« zwischen zueinander Anderem. Aber niemals
kann etwas, das »stetig« ist, dies etwa auch »mit Anderem als sich«
sein, sondern eben nur »mit sich«.
Wie schon hervortrat, ist »zusammenhängend« eben auch bloß
das Gemeinsame von beidem, weil es für »kontinuierlich« ebenso wie
für »berührend« gilt, und daher ist es auch für jedes etwas Unspezi-
fisches. Spezifisch für »zusammenhängend« als »berührend« ist denn
auch allein, daß letzteres »mit Anderem als sich« zusammenhängend
heißt. Und für »zusammenhängend« als »kontinuierlich« ist spezi-
fisch eben nur, daß letzteres »mit sich« zusammenhängend heißt. 49
Entsprechend ist es denn auch eben dieses letztere Spezifische, was
durch das Simplex »stetig« schon elementar zum Ausdruck kommt.
Und dadurch unterscheidet dieses sich vom unspezifischen »zusam-
menhängend« dahingehend, daß auf ersteres nur das »mit sich« be-
zogen werden kann und nicht etwa auch das »mit Anderem als sich«,
wie auf das letztere. 50
Auf diese Weise aber ist, und zwar für Ausdehnung, ein Sinn
ermittelt, der nicht länger bloß ein anschaulich-intuitiver ist, sondern

49 Von diesem nachweislichen Sinn des Worts »zusammenhängend« für »kontinuier-


lich« kommt dagegen schlechthin nichts zur Geltung, wo es für ein »Punktkontinu-
um« als »Punktmenge« herangezogen wird (vgl. Cantor 2013, S. 194).
50 Der Ausdruck »mit sich stetig« ist daher auch analytisch wie der Ausdruck »weißer

Schimmel«. Umgekehrt dagegen sind die Ausdrücke »mit sich zusammenhängend«


und »mit sich zusammenhaltend« wie der Ausdruck »weißes Pferd« vielmehr syn-
thetisch, sprich: im eigentlichen Sinn spezifisch-definierend. Denn durch »stetig« ist
genau so wie durch »Schimmel« nur die Art als solche selbst bezeichnet, doch nicht
auch noch definiert.

68
§ 2. Das Kontinuum von Zeit und Raum

auch noch ein diskursiv-begrifflicher. Kann doch auch immer wieder


nur von Ausdehnung die Rede sein, wenn von einem Kontinuum die
Rede ist, weil auch nur eine Ausdehnung im Sinn eines Kontinuums
das jeweils Eine oder Ganze sein kann, das in jedem Fall von einer
Linie oder einer Fläche oder einem Körper jedem von uns anschaulich
gegeben ist. Soweit ich sehen kann, ist dieser Sinn, wie er auf diesem
Weg am Ende doch noch sich ergibt, denn auch der einzige, der übrig
bleibt für einen haltbaren Begriff vom Wesen des Kontinuums. Gera-
de der jedoch eröffnet schließlich wie auf einen Schlag den eigent-
lichen Zugang zu ihm, der so lange Zeit verschlossen blieb. Denn
was in ihm zum Ausdruck kommt, ist letztlich nichts geringeres als
dies, daß dem Kontinuum nur durch einen Begriff von ihm als einem
Selbstverhältnis beizukommen sein kann. Dementsprechend mußte
jeder der bisherigen Begriffe von ihm deshalb an ihm scheitern, weil
er ein Begriff von ihm als einem angeblichen Fremdverhältnis war.
Das lehrt bereits ein Rückblick auf das Scheitern des Versuchs,
den Sinn von Ausdehnung im allgemeinen als den von »Außerein-
ander« zu begreifen, oder im besonderen der Ausdehnung von Zeit
oder von Raum als den von »Nacheinander« oder von »Zugleich«. 51
Wie es zunächst den Anschein hatte, scheitere das daran, daß es sich
dabei in jedem Fall um ein Verhältnis handle, wie es durch ein mehr-
stelliges Prädikat zum Ausdruck kommt. Dagegen könne es sich doch
bei dem, was »Ausdehnung« als einstelliges Prädikat zum Ausdruck
bringt, in keinem Fall um ein Verhältnis handeln: ob im Fall von Zeit
oder von Raum. Wie nunmehr aber sich herausstellt, war der eigent-
liche Grund für dieses Scheitern, daß in jedem Fall dieses Verhältnis
stillschweigend sogar als Fremdverhältnis galt. Denn was auch immer
zueinander ein Verhältnis des »Außereinander« bildet, sei es nun ein
»Nacheinander« oder ein »Zugleich«, verhält sich dabei als ein wech-
selseitig Anderes zueinander, so daß es wie Teil zu Teil oder wie
Schnitt zu Schnitt in einem Fremdverhältnis zueinander steht.
Was nunmehr sich ergibt, ist somit folgendes: Daß Ausdehnung,
wie sie in einem einstelligen Prädikat zum Ausdruck kommt, kein
Fremdverhältnis sein kann, muß nicht auch noch heißen, daß sie kein
Verhältnis sein kann, weil ja auch ein Selbstverhältnis ein Verhältnis
ist. Es kann vielmehr nur heißen, daß sie ein Verhältnis eigener Art
sein muß, das sich als Selbstverhältnis gegenüber jeder Art von
Fremdverhältnis unterscheiden und entsprechend einen eigenen po-

51
Vgl. oben § 1.

69
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

sitiven Sinn besitzen muß. Gerade dieser Sinn von Selbstverhältnis


müßte denn auch das sein, was als einstelliges Prädikat der »Ausdeh-
nung« zum Ausdruck kommen kann, das ja zuletzt auch noch ein
jedes seiner Meta-Prädikate wie »Kontinuum«, »kontinuierlich« oder
»stetig« ist. Daß deren Analyse aber für die Ausdehnung als ein Kon-
tinuum am Ende diesen Sinn des Selbstverhältnisses als einzig halt-
baren ergibt, begründet jene Auffassung von Ausdehnung als einer
Sache unserer Anschauung noch sehr viel weiter, als es Kant für mög-
lich halten konnte.
Denn wie schon bemerkt, bedeutet Anschauung dabei ja analy-
tisch Anschauungsbewußtsein. Dieses aber hat in einem Selbstver-
hältnis auch geradezu sein Wesen. Kann doch jegliches Bewußtsein,
auch ein jedes Fremdbewußtsein, als Bewußtsein nur in einem ur-
sprünglichen Selbstbewußtsein gründen und so auch nur ein von die-
sem abgeleitetes Bewußtsein bilden. Doch ergibt sich dieser Sinn des
Selbstverhältnisses als einzig haltbarer nach dieser Analyse ja gerade
nicht für Anschauung als Anschauungsbewußtsein, sondern aus-
schließlich für Ausdehnung. Die aber unterscheidet sich von An-
schauung gerade dahingehend, daß sie dabei statt die Anschauung
vielmehr das durch sie Angeschaute ist und somit auch statt das Be-
wußtsein vielmehr das für es Bewußte ist. Denn zur Erläuterung von
eben diesem Unterschied setzt Kant an jener Stelle hinter »Anschau-
ung« in Klammern »Ausdehnung«, 52 was aber auch für andere solche
Stellen gilt, wo er das unterläßt. 53
Und trotzdem ist es auch noch solche Ausdehnung, für die durch
diese Analyse sich der Sinn des Selbstverhältnisses ergibt. Und das
bedeutet, daß dadurch auch sie als das doch nur Bewußte oder An-
geschaute für Bewußtsein oder Anschauung noch einbezogen wird in
das, was als Bewußtsein oder Anschauung die Grundstruktur des
Selbstverhältnisses besitzt: in das Subjekt als das Mentale gegenüber
dem Objekt als dem Somatischen. Obwohl es sich bei Ausdehnung als
dem Kontinuum der Zeit oder des Raumes also nur um etwas An-
geschautes als Bewußtes handelt, bildet es doch etwas, das noch ganz
zur inneren Struktur des Subjekts selbst gehören muß, wie Kant dies
ohnehin vertreten möchte: In Gestalt von dieser muß ein Subjekt
eben erst einmal ein Selbstbewußtsein von sich selbst sein, innerhalb
von dem auch das Bewußte für es selbst als das Bewußtsein noch es

52 B 66. Vgl. dazu § 1.


53
A 169 B 211.

70
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

selbst sein muß, wie das Kontinuum der Ausdehnung von Zeit und
Raum als Selbstverhältnis dies bezeugt.
Zuallerletzt ergibt sich somit: Hätte Kant die Problematik des
Kontinuums gesehen, statt sich den Blick für sie verstellen zu lassen
durch die Theorie von Aristoteles als angebliche Lösung für sie, wäre
er von ihr geraden Weges in die Mitte seiner Theorie von Zeit und
Raum und deren Ursprung im Subjekt geleitet worden. Denn ersicht-
lich das Subjekt, die Sache selbst, ist es, was als Kontinuum-Problem
so lange und so hartnäckig auf eben dieser seiner Lösung als der ein-
zig möglichen bestanden hat: auf dem Kontinuum von Ausdehnung
als Selbstverhältnis des Subjekts.

§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

Doch nicht nur unentdeckt und daher ungelöst bleibt das seit Aristo-
teles bestehende Kontinuum-Problem bei Kant. Vielmehr vergrößert
es bei ihm sich noch erheblich, weil es hier auch in die Ausweitung
der Theorie von Zeit und Raum noch eingeht, worin Kant über die
Theorie des Aristoteles hinausgeht. Denn trotz allem, was Kant von
ihm übernimmt, kann er bei einem doch nicht stehenbleiben: beim
Kontinuum von Zeit und Raum als etwas Statisch-Objektivem, das
für uns einfach gegeben ist, wie Aristoteles dies überwiegend tut. 1
Vielmehr muß Kant es auch noch als etwas Dynamisches erwägen,
weil er es als eine Sache unserer Anschauung von Ausdehnung be-
trachtet, wonach ein Subjekt als ein Bewußtsein durch Bewußtseins-
bildung das Kontinuum der Ausdehnung von Zeit und Raum hervor-
bringt.
Etwas Statisch-Objektives ist es danach nur als Folge davon, daß
Subjekte es zunächst einmal erzeugen als etwas Dynamisch-Subjek-
tives, um in Form von ihm Objekte zu gewinnen. Erst indem es sich
als Form von ihnen an Objekten gleichsam niederschlägt, wird es zu
jenem Statisch-Objektiven, dem es aber als dieses Dynamisch-Sub-
jektive immer schon zugrundeliegt. Genau diese dynamische Erzeu-
gung des Kontinuums von Zeit und Raum als dem durch sie Erzeug-

1
Ausnahmen sind allenfalls die Stellen, wo Aristoteles schon für die Zeit erwägt, sie
könne es doch wohl nicht ohne Seele geben (vgl. z. B. Physik 223 a 21 f.), was er aber
für den Raum anscheinend niemals tut.

71
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

ten gilt nach Kant denn auch als eine »Synthesis« 2 durch die Subjekte
und entsprechend das Kontinuum von Zeit und Raum als das durch
sie Synthetisierte.
Für den Sinn von dieser Synthesis jedoch verstärkt die ungelöste
Problematik des Kontinuums sich noch entscheidend weiter, weil sie
damit auch noch bis ins Innere der Subjektivität hineinreicht und ver-
hindert, deren innere Struktur auf einen angemessenen Begriff zu
bringen. Die entsprechenden Versuche scheitern denn auch offen-
kundig daran, daß sie immer wieder in Konflikt geraten mit der Sache
selbst, die ihnen sich nicht nur nicht fügt, sondern sich sogar gegen
sie zur Wehr setzt, was auf Schritt und Tritt zum Ausdruck kommt in
Ungereimtheiten, ja Widersprüchen. Und sie alle lassen sich auf
einen und denselben Grund zurückführen: auf das Subjekt als die
Sache selbst, die sich entzieht, indem sie aus ihrer Entstellung sich
zurückzieht, um an Stelle von sich selbst diese Entstellung von sich
selbst zurückzulassen.
Denn entstellt wird sie, weil ständig durch Begriffe auf sie zu-
gegriffen wird, durch die sich das Kontinuum von Zeit und Raum
nicht fassen läßt, wie sich bereits ergeben hat. Zeigt sich das doch
auch schon rein äußerlich, weil Kant die »Synthesis« nicht nur wort-
wörtlich durch »Zusammensetzung« übersetzt, 3 sondern genau im
Sinn von dieser Übersetzung auch behandelt. 4 Nachträglich ergibt
sich somit ferner: Wohl nicht zufällig faßt Kant, soweit er das Kon-
tinuum wie Aristoteles zunächst als etwas Statisches betrachtet, es
auch als etwas Zusammengesetztes auf. Denn dabei hat er freilich
auch die eigene und weitergehende Auffassung von ihm schon mit
im Blick, sprich: von ihm als etwas Dynamischem, nämlich durch
solche Synthesis Synthetisiertem.
Diese aber wäre nicht so leicht verständlich, wie Kants Interpre-
ten offenbar bis heute meinen, stünde für sie nicht der Sinn dieser
Zusammensetzung zur Verfügung. Bietet doch das Wort »Zusam-
mensetzung« durch sein »…ung« natürlich nicht nur jenen stati-

2 Vgl. z. B. A 145 B 184, B 201 Anm., B 202, A 163 B 204, A 170 B 211.
3 Vgl. z. B. B 202: »[…] durch die Synthesis […], d. i. durch die Zusammenset-
zung […]«.
4 Vgl. dazu B 201, wo Kant unmittelbar vor der zuletzt zitierten Stelle eigens de-

finiert, wie er »Zusammensetzung« auffaßt. Danach ist sie eine »compositio« als eine
»Synthesis« von solchem, »was nicht notwendig zueinander gehört, wie z. B. die zwei
Triangel, darin ein Quadrat durch die Diagonale geteilt wird, für sich nicht notwendig
zueinander gehören«.

72
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

schen Sinn, sondern auch diesen dynamischen. Denn welcher andere


Sinn einer Synthese als einer Erzeugung von etwas vermöchte dies
als ein dynamischer für sie zu leisten, wenn nicht der von solcher
Synthesis als dem dynamischen Zusammensetzen von etwas? Nur
kommt es dabei auch von vornherein bereits zu Reibereien. Denn
gegen diese Hilfeleistung durch die Sprache leistet hier die Sache
auch von vornherein bereits erbittert Widerstand. Doch weder Kant
noch seine Interpreten scheinen zu bemerken: Dieser Widerstand ge-
gen die Theorie der Synthesis in diesem Sinn macht sich als deren
Widersinn auch durchgehend in ihr bemerkbar.
Schon von Anbeginn bleibt nämlich unverständlich: Wie soll
diese Synthesis denn jemals diesen Sinn einer Zusammensetzung ha-
ben können, wo nach Kant doch gelten soll, »der Raum« bestehe »nur
aus Räumen« und »die Zeit« bestehe »[nur] aus Zeiten«, 5 so daß all-
gemein zu gelten hätte, ›eine Ausdehnung‹ bestehe ›nur aus Ausdeh-
nungen‹. Denn es hilft nichts, wenn man sich vor Augen hält, daß er
»bestehend aus« nun einmal als »zusammengesetzt aus« versteht,
was für die Ausdehnung von Zeit und Raum als ein Kontinuum nicht
zutrifft, wie im vorigen ermittelt. Bliebe doch auch dann, wenn man
ihm diesen statischen Sinn von »Zusammensetzung« als »Zusam-
mengesetztheit« zugestehen wollte, immer noch unlösbar problema-
tisch: Wie denn könnte diese Synthesis, die er im Blick hat, als Zu-
sammensetzung im dynamischen Sinn gelten? Soll sie Synthesis von
Zeit und Raum doch dahingehend sein, daß sie ursprüngliche Erzeu-
gung solcher Ausdehnungen sei, was sie jedoch als die »Zusammen-
setzung« von ihnen auch dann nicht sein kann, wenn sie es in dem
dynamischen Sinn dieses Wortes sein soll.
Denn eine dynamische Zusammensetzung könnte sie dann
immer wieder nur von der Zeit und von dem Raum sein, zu dem oder
zu der sie als Zusammensetzung jeweils führt. Durchaus nicht aber
könnte sie es auch noch von den Zeiten oder Räumen sein, aus denen
sie als die dynamische Zusammensetzung ersteren und erstere jeweils
zusammensetzt. Denn dazu müßten letztere vielmehr schon immer
statisch vorgegeben sein, weil sonst gar nichts verfügbar wäre, was
sich zu etwas zusammensetzen ließe. Von einer Synthese als einer
ursprünglichen Erzeugung also könnte keine Rede sein, weil Zeit
und Raum als solche selbst dadurch auch nicht nur nicht entspringen
könnten, sondern dafür sogar immer schon bestehen müßten. Nur als

5
A 169 B 211.

73
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

immer schon bestehende nämlich könnten sie dafür auch zur Ver-
fügung stehen.
Dieser Problematik kann man nämlich nicht entgehen, indem
man dieser Theorie zugute hält, daß sie natürlich allgemein für jeden
Raum und jede Zeit gedacht sei: Diese Synthesis betreffe nicht nur
die Zeit oder den Raum, zu dem oder zu der sie zusammensetze, son-
dern auch die Zeiten oder Räume noch, aus denen sie zusammenset-
ze. Denn das führt dann unausweichlich in einen unendlichen Regreß
und schließlich zu der Frage nach der Synthesis von einer ersten Zeit
und einem ersten Raum, wofür noch keine Räume und noch keine
Zeiten zur Verfügung stehen. Auf diese Frage aber, woraus sich denn
dieser erste Raum und diese erste Zeit zusammensetzen lasse, kann es
keine Antwort geben, weil das diese Synthesis als die dynamische
Zusammensetzung selbst verhindert.
Deren Problematik zeigt sich nämlich nicht bloß an diesem un-
endlichen Regreß und dieser Frage nach der Synthesis von einem
ersten Raum und einer ersten Zeit, sondern auch dann noch und so-
gar noch schärfer, wenn man davon absieht. Denn zu dem Begriff von
dieser Synthesis als der dynamischen Zusammensetzung selbst ge-
hört es, daß es sich bei dem, woraus diese etwas zusammensetzen soll,
auch mindestens um eine Zweiheit davon handeln muß. Nicht zufäl-
lig wählt Kant daher von vornherein den Plural, wenn er sagt, der
Raum bestehe »nur aus Räumen« und die Zeit bestehe »[nur] aus
Zeiten«, eben weil er damit die Zusammensetzung meint. Denn kei-
nen Sinn ergäbe es, den Singular zu wählen und zu sagen, daß der
Raum aus Raum und daß die Zeit aus Zeit zusammengesetzt sei. Der
Plural steht daher in jedem Einzelfall von solcher Synthesis, den man
betrachten will, für eine jeweilige Zweiheit solcher Räume oder Zei-
ten.
Kann das doch auch gar nicht anders sein, weil solche Synthesis
als die dynamische Zusammensetzung von etwas auch nur die Auf-
hebung der Trennung zwischen etwas sein kann, wie im vorigen be-
reits ermittelt. Denn wie Trennung zwischen etwas soviel heißt wie
Schaffung eines Abstands zwischen etwas, so Zusammensetzung als
die Umkehrung zu dieser eben Abschaffung des Abstands zwischen
etwas. Und wie jeder Einzelfall von Trennung zwischen etwas eben
nur die Zweiheit von etwas betreffen kann, so jede einzelne Zusam-
mensetzung als die Umkehrung dazu auch nur die Zweiheit von et-
was. Denn im dynamischen Sinn etwas mit etwas zusammensetzen,
kann auch in der Tat nur heißen, etwas miteinander in Berührung

74
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

bringen, was jeweils die Zweiheit von etwas betrifft. Und so ver-
schärft sich das Problem geradezu bis ins Absurde.
Denn zum einen heißt das für jenen unendlichen Regreß: Es
muß sich angesichts von ihm dann nicht allein die Frage stellen nach
einem ersten Raum oder nach einer ersten Zeit; vielmehr muß sich
sogar die Frage nach zwei ersten Räumen und zwei ersten Zeiten
stellen, weil sogar deren jeweilige Zweiheit die Voraussetzung ist für
eine dynamische Zusammensetzung von etwas zu einem Raum oder
zu einer Zeit. Das heißt ganz unabhängig von diesem Regreß jedoch
auch noch zum andern: Eine solche Synthesis der jeweiligen Einheit
von etwas erfolge aus der jeweiligen Zweiheit von etwas, die aber
eben nur die zweimalige Einheit von etwas bedeuten kann. Und das
heißt wiederum, daß letztere dadurch auch nicht nur nicht erzeugt
sein könnte, sondern dafür sogar immer schon vorausgesetzt sein
müßte. Dies jedoch führt nicht nur für sich selbst schon ins Absurde,
sondern auch gerade am Kontinuum von Zeit und Raum einfach vor-
bei.
Denn Kant läßt keinen Zweifel daran, daß es auch gerade diese
Art einer Synthese als einer dynamischen Erzeugung von etwas sein
soll, die dafür bürge, daß die Ausdehnung von Zeit oder von Raum
gerade als Kontinuum erzeugt wird. 6 Hierfür aber wird gerade der
Begriff einer dynamischen Zusammensetzung von etwas dann voll-
ends problematisch, wenn man festhält, was nach vorigem zum We-
sen des Kontinuums gehört. Danach ist es so wesentlich je Eines oder
Ganzes, daß es ein Begriff von Summe oder Vielem prinzipiell nicht
treffen kann. Gerade das jedoch ist wiederum dieser Begriff einer
»Zusammensetzung« wesentlich, nämlich Begriff von Summe oder
Vielem, was er als Begriff einer dynamischen Zusammensetzung
denn auch noch zum Ausdruck bringt. Geradezu dramatisch nämlich
tut er das, indem er diesen seinen wesentlichen Sinn wie seine Seele
gleichsam aushaucht, wenn man sozusagen mit Gewalt versucht, da-
gegen zu verstoßen. Eben das geschieht, wenn man versucht, ihn ge-
gen seinen eigenen Sinn dazu zu zwingen, auch noch die Erzeugung
des je Einen oder Ganzen auszudrücken, wie es jede Art von Aus-
dehnung als ein Kontinuum nun einmal ist: als Zeit genauso wie als
Raum.
Dies nämlich könnte man versuchen durch die Überlegung, daß
es eben zur Erzeugung von einem Kontinuum nicht reicht, wenn man

6
Vgl. z. B. A 170 B 211 f.

75
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

sie bloß in dem Sinn als dynamische Zusammensetzung auffaßt, wie


zuletzt ermittelt. Danach sei eine dynamische Zusammensetzung von
etwas ja bloß die Umkehrung zu einer Trennung von etwas. Zu ihr als
Schaffung eines Abstands zwischen etwas sei sie auch bloß Abschaf-
fung des Abstands zwischen etwas, so daß dies dynamische Zusam-
mensetzen von etwas auch bloß das In-Berührung-Bringen von etwas
bedeute. – Nur kann eben nicht ersichtlich werden, was denn an dy-
namischer Zusammensetzung darüber hinaus noch vor sich gehen
könnte. Und dies umso weniger, als doch das Sich-Berühren von
etwas in jedem Fall schon das Zusammenhängen oder das Zusam-
menhalten von etwas bedeutet, wie wir wissen. Sich-Berührendes
könnte also schlechterdings – sit venia verbo – nicht auch ›noch zu-
sammener‹ sich bringen lassen als bloß zur Berührung.
Dennoch könnte man das meinen und darin sogar den eigent-
lichen Schritt erblicken wollen, der die Erzeugung des Kontinuums
herbeiführt. Könnte man doch überlegen, daß es dafür eben nicht
schon reiche, bloß die Trennung zwischen etwas aufzuheben, sondern
daß es dafür vielmehr ferner gelte, auch die Teilung zwischen etwas
aufzuheben: Nicht schon diese Aufhebung der Trennung als die Ab-
schaffung des Abstands zwischen etwas führe zum Kontinuum, son-
dern erst eine Aufhebung der Teilung als die Abschaffung der Grenze
zwischen etwas. Werde das Kontinuum doch auch erst dann erreicht,
wenn das, was während einer Teilung ja verteilt auf Teile, sprich: ver-
teilt auf Vieles sei, die Ausdehnung, zu der von Einem als dem Gan-
zen werde.
Nur kann eben nicht ersichtlich werden, welchen Sinn es haben
sollte, auch noch diesen Schritt als den einer »Zusammensetzung« zu
bezeichnen – oder gar ausschließlich diesen, weil das Wort »Zusam-
mensetzung« sonst für zwei einander widersprechende Begriffe von
Zusammensetzung stünde. Denn der Schritt der Aufhebung von
Trennung und der Schritt der Aufhebung von Teilung sind und blei-
ben etwas Grundverschiedenes. Vielmehr bringt diese Bezeichnung
für ihn den Begriff einer Zusammensetzung ein für alle Mal um sei-
nen angestammten Sinn. Denn da er nun einmal gebunden an die
Vielheit dessen ist, woraus etwas, wie auch, wozu etwas zusammen-
gesetzt wird, muß er entschwinden, wenn er ausgerechnet als der
Sinn von diesem Schritt der Aufhebung von solcher Vielheit gelten
soll. Muß doch auch Sich-Berührendes noch Vieles sein. Zumal ja
auch nicht der geringste Grund besteht, jenen rundum bestimmten
und verständlichen Normalsinn von Zusammensetzung preiszu-

76
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

geben, wonach sie tatsächlich nur die Aufhebung der Trennung von
etwas bedeutet und nicht auch oder gar nur die Aufhebung der Tei-
lung von etwas.
Jedoch auch wenn man über all das sich hinwegsetzt, um in sol-
chem Sinn gewaltsam diesen letzten Schritt der Aufhebung von Tei-
lung als Zusammensetzung zu bezeichnen, kann sie nicht den ange-
strebten Sinn einer ursprünglichen Erzeugung des Kontinuums
besitzen, ja gerade dann am allerwenigsten. Sie dafür auszugeben,
stellt vielmehr die Sache selbst gerade auf den Kopf. Denn eine Tei-
lung aufzuheben, kann ja nur bedeuten, eine Teilung rückgängig zu
machen, sprich: das wiederherzustellen, was für eine Teilung immer
schon verfügbar sein muß: das Kontinuum als Eines oder Ganzes.
Dieses also kann dadurch auch nicht nur nicht entspringen,
sondern muß dafür sogar bereits bestehen. Damit aber ist dann auch
die allerletzte Möglichkeit geschwunden, das Entspringen des Konti-
nuums durch das Erzeugen des Kontinuums als ein dynamisches Zu-
sammensetzen des Kontinuums von Zeit oder von Raum als Ausdeh-
nungen zu begreifen. So jedoch erweist sich endgültig: Tatsächlich ist
in vollem Umfang problematisch, welchen Sinn denn eine »Synthe-
sis« von etwas als eine dynamische Erzeugung von etwas besitzen
könnte, wenn auf keinen Fall den wörtlichen einer »Zusammen-
setzung« von etwas. –
Dieselbe Problematik, vor der Kant hier steht, tritt nämlich noch
viel deutlicher zutage, wenn man zusätzlich berücksichtigt: Mit sei-
ner Theorie der Synthesis setzt Kant sich auch noch über einen wei-
teren, tieferen Wesenszug dieses Kontinuums hinweg, der ebenfalls
im vorigen bereits hervorgetreten ist. Ihr aber stellt dieses Kontinu-
um sich als die Sache selbst in diesem Fall sogar durch einen offenen
Widerspruch entgegen, in den Kant dabei gerät.
Wie nämlich sich ergeben hat, ist sowohl »Ausdehnung« als Prä-
dikat wie auch »Kontinuum« als deren Meta-Prädikat nur einstelliges
Prädikat. Und das bedeutet: Solchen einstelligen Prädikaten muß
dann auf der Seite dessen, über das durch solche Prädikate etwas aus-
gesagt wird, eine Eigenschaft von ihm als gleichfalls einstellige ge-
genüberstehen, nämlich als eine Beschaffenheit von ihm, die es be-
reits als Eines oder Ganzes selbst hat: eine Qualität. Genau in diesem
Sinn ist ein Kontinuum der Ausdehnung von etwas eben eine Quali-
tät von diesem Etwas als dem Einen oder Ganzen, von dem »Ausdeh-
nung« oder »Kontinuum« entsprechend auch nur einstelliges oder

77
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

ganzheitliches Prädikat ist, wie etwa von einer Linie oder einer Fläche
oder einem Körper.
Doch gerade darüber setzt Kant sich schon vornherein hinweg,
und zwar gerade dort, wo er die Synthesis als die dynamische Erzeu-
gung des Kontinuums der Ausdehnung von Zeit oder von Raum be-
handeln möchte: in den ersten beiden seiner Grundsätze. 7 Entspre-
chend gilt hier seine Auffassung von Synthesis als der dynamischen
Zusammensetzung von etwas natürlich weiter. Demgemäß führt er
die Ausdehnung von Zeit oder von Raum als das, wovon dies gelten
soll, gerade nicht etwa als Qualitäten ein, sondern von vornherein als
Quantitäten, sprich: als »quanta« oder »Größen«, die er »extensive
Größen« nennt. 8 Betont er dabei doch: Auf das, worum es dabei gehe,
»gründet sich die Mathematik der Ausdehnung (Geometrie)«, wes-
halb er diese beiden Grundsätze auch kurzerhand als »mathemati-
sche« bezeichnet. 9
Und sogleich belegt Kant, was er meint, auch durch das Beispiel
einer Linie, indem er sagt: »Ich kann mir keine Linie, so klein sie auch
sei, vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d. i. von einem Punkte
alle Teile nach und nach zu erzeugen, und dadurch allererst diese
Anschauung zu verzeichnen. Ebenso ist es auch mit jeder[,] auch der
kleinsten Zeit bewandt. Ich denke mir darin nur den sukzessiven
Fortgang von einem Augenblick zum anderen, wo durch alle Zeitteile
und deren Hinzutun endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt
wird«. 10 Und auch das ist wieder eine Stelle, wo er »diese Anschau-
ung« durch »diese Ausdehnung« erläutern müßte, wie auch sonst
schon.
Denn das eigentlich Gemeinte ist gerade diese Linie als Ausdeh-
nung: als jenes Angeschaute für die Anschauung oder Bewußte für
sie als Bewußtsein, weshalb er dergleichen Ausdehnungen wiederholt
auch als »Erscheinungen« bezeichnet. 11 Und wortwörtlich ist dabei
gemeint, daß es hier um Erzeugung durch dynamische Zusammen-
setzung von ihnen als »Größen« oder »quanta« gehe, wovon die Geo-
metrie als die Mathematik der Ausdehnungen handle. Denn das zeigt

7 A 162 ff. B 202 ff.


8 Vgl. z. B. B 202, B 203.
9 Vgl. z. B. B 110, A 162 B 201.

10 A 162 f. B 203 (kursiv von mir).

11
A. a. O. Deswegen kann er die Geometrie nicht nur als die »Mathematik der Aus-
dehnung« bezeichnen, sondern in demselben Sinn auch als die »Mathematik der Er-
scheinungen« (A 165 B 206).

78
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

seine Definition für sie als »extensive Größen«, die das Beispiel dieser
Linie belegen soll. Sie lautet nämlich: »Eine extensive Größe nenne
ich diejenige, in welcher die Vorstellung der Teile die Vorstellung des
Ganzen möglich macht, (und also notwendig vor dieser vorher-
geht).« 12 Und das verallgemeinert er auch noch ausdrücklich für die
»extensiven Größen« der »Erscheinungen« als »Ausdehnungen«
eines Raumes oder einer Zeit, indem er sagt: »Alle Erscheinungen
werden demnach schon als Aggregate (Menge[n] vorher gegebener
Teile) angeschaut«. 13 Doch ebenso ausdrücklich widerspricht er sich
auf diese Weise, und gleich mehrfach, was in jedem Fall nur daran
liegt, daß er hier von »Zusammensetzung« im dynamischen Sinn
dieses Wortes spricht.
Denn dort, wo er im statischen Sinn von »Zusammensetzung«
über das Kontinuum der Ausdehnung von Zeit und Raum spricht,
sagt er: Dessen Teile seien etwas, das gerade nicht »vor« ihm gegeben
sei, sondern nur »in« ihm, was auch immer dieses »in« als angeb-
licher Gegensatz zu diesem »vor« bedeuten mag. Ja dort behauptet
er sogar auch noch ausdrücklich, »daß die Teile desselben nur im
Ganzen und nicht das Ganze durch die Teile möglich ist«. 14 Doch hier
behauptet er nun das genaue Gegenteil dazu, wonach sehr wohl »die
Vorstellung der Teile die Vorstellung des Ganzen möglich macht«;
und danach werden solche Ganze wie der Raum oder die Zeit auch
jeweils »schon als Aggregate«, nämlich »Menge[n] vorher gegebener
Teile […] angeschaut«, was doch wohl offenkundig widersprüchlich
ist.
Das scheint ihm später selbst schon aufgefallen zu sein, weil er
versucht, hier noch zu retten, was jedoch nicht mehr zu retten ist,
indem er diese nähere Erläuterung in Klammern als »(Menge[n] vor-
her gegebener Teile)« einfach streicht. 15 Denn das hilft gar nichts, da
die Kennzeichnung für diese Ganzen als die »Aggregate« aus den
»Teilen«, woraus sie zusammengesetzt seien, stehen bleibt, zumal
sie dem, was in der Tat gemeint ist, auch genau entspricht. Was aber
ist es denn, das ihn zuletzt in diesen Widerspruch geraten läßt?
Nichts anderes als die Notwendigkeit der Vielheit von etwas, wie sie
besonders für eine dynamische Zusammensetzung von etwas erfor-

12 A 162 B 203.
13
A 163 B 204.
14 A 438 B 466 (kursiv von mir).
15
Vgl. Bd. 23, S. 46, Z. 22.

79
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

derlich ist, weil es eben mehr als eines von dem geben muß, aus wel-
chem sie etwas zusammensetzt.
Nur darin liegt denn auch der Grund dafür, daß Kant dabei das
Eine oder Ganze des Kontinuums von einer Ausdehnung zugunsten
dieser Vielheit oder Summe davon (»Aggregat« von »Teilen«) über-
geht. Genau das ist es nämlich, was er tut, indem er sie von vornher-
ein bloß als ein quantum oder eine Quantität davon versteht, deren
Wieviel das Thema der Mathematik sei, während doch das jeweils
Eine oder Ganze des Kontinuums von einer Ausdehnung erst einmal
eine Qualität ist. Das jedoch tut Kant nicht ohne daß dies Übergange-
ne, die Sache selbst, sich meldet, indem sie erneut durch Widerspruch
sich äußert. Und das tut sie auch nicht zufällig an einer Stelle, wo er
seine Theorie der Synthesis von einer Ausdehnung gerade als einem
Kontinuum noch einmal aufgreift. 16
Denn auch nur dieses Kontinuum ist es, das als die Sache selbst,
die Kant hier einmal annähernd berücksichtigen will, bei ihm auch
eine Theorie erzwingt, die der noch kurz zuvor von ihm vertretenen
förmlich widerspricht. Hier aber bleibt es zweifelhaft, ob dieser Wi-
derspruch ihm ebenfalls bewußt geworden ist. War ihm doch auch
beim Streichen jener Klammer nicht bewußt geworden, daß er schon
das »Aggregate«, das unmittelbar vor ihr vorhergeht, streichen müß-
te, wodurch dann jedoch auch die gesamte Theorie der Synthesis als
der dynamischen Zusammensetzung von etwas noch mitgestrichen
wäre. Ist es doch gerade dieser Sinn von »Aggregat«, den er an dieser
Stelle nunmehr abweist, sprich: nachdem er eine Ausdehnung oder
Erscheinung als Kontinuum hervorgehoben hat.
Denn nur, um dem Kontinuum gerecht zu werden, setzt er da-
nach etwas von ihm ab, das er gerade nicht als ein Kontinuum be-
trachten will, indem er ausführt: »Wenn die Synthesis des Mannig-
faltigen der Erscheinung unterbrochen ist, so ist dieses ein Aggregat
von vielen Erscheinungen, und nicht eigentlich Erscheinung als ein
Quantum«. 17 Den gemeinten Unterschied erläutert er denn auch so-
gleich im selben Satz wie folgt: Wenn eine solche Unterbrechung ein-
tritt, kommt es vielmehr bloß in dem Sinn zur Erzeugung von etwas,
daß letzteres »durch [bloße] Wiederholung einer immer aufhörenden
Synthesis erzeugt wird«. 18 Das Kontinuum von einer Ausdehnung

16
A 169 f. B 211 f.
17 A 170 B 212 (kursiv von mir).
18
A. a. O. (kursiv von mir). – Der Gesamtbau dieses Satzes, der von »Wenn …« bis

80
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

oder Erscheinung sei vielmehr von der Art, daß es »durch die bloße
Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art [von Aus-
dehnung] erzeugt wird«, 19 wobei diese »Fortsetzung« als »bloße« das
bedeutet, was sie ihrem Sinn nach analytisch ist: eine ununterbroche-
ne, weil eine unterbrochene eben keine Fortsetzung mehr ist.
So eine unterbrochene kann danach aber nicht nur keine Fort-
setzung, sondern auch keine Synthesis mehr sein: zumindest keine
von einer Erscheinung oder Ausdehnung, weil die als ein Kontinuum
jeweils »ein Quantum« sei. Denn dessen oder deren Synthesis be-
stimmt Kant hier gerade als eine ununterbrochene und somit auch
gerade als das Gegenteil zu einer unterbrochenen. Damit aber führt
er nunmehr eine Synthesis als die Erzeugung von etwas in einem
Sinn ein, der sich von dem Sinn der Synthesis, die er bislang vertreten
hat, von Grund auf unterscheidet. Schlechthin ausgeschlossen ist es
nämlich, auch noch diese neue Art von Synthesis als die Erzeugung
von etwas im Sinn einer dynamischen Zusammensetzung zu ver-
stehen, wie bisher. Denn eine Synthesis im Sinn einer dynamischen
Zusammensetzung ist nach dieser neuen Überlegung Kants nur
allenfalls die Synthesis als »unterbrochene« und »wiederholte«, die
zu einem bloßen »Aggregat« führt.
Diese neue Art von Synthesis dagegen ist danach gerade eine, die
nicht als Zusammensetzung vor sich gehen kann, sondern jeweils vor
einer Zusammensetzung vor sich gehen muß, sprich: als die Erzeu-
gung von etwas, woraus dann auch noch durch eine Zusammenset-
zung sich etwas erzeugen läßt. Und so ist diese neue Art von Syn-
thesis gerade eine, die vor jeglicher Zusammensetzung immer schon
im voraus vor sich gehen muß. Denn auch nur von dieser neuen Art
der Synthesis kann gelten, daß sie »unterbrochen« werden kann und
sich auch »wiederholen« läßt, was aber auch nur soviel heißt: Als das,
als was sie jeweils vor sich geht: als jeweils fortwährende »Fortset-
zung«, kann sie beendet und wieder begonnen werden. Erst aus dem
jedoch, was diese neue Art von Synthesis als jeweils fortwährende
immer schon erzeugt hat, läßt sich dann auch noch etwas durch eine

»… wird.« reicht, macht wahrscheinlich: Die Bemerkung »und nicht eigentlich Er-
scheinung als ein Quantum« hat Kant nachträglich in den schon fertigen Gesamtsatz
eingefügt. Und dabei ist ihm offenbar entgangen, daß dadurch das unmittelbar an-
schließende »welches« sich nicht mehr auf »Aggregat« bezieht, wie es gemeint war,
sondern jetzt auf »Quantum«, wie es nicht gemeint ist. Jedenfalls erübrigen sich da-
mit alle dazu angestellten Konjekturen.
19
A. a. O. (kursiv von mir).

81
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Synthesis im Sinn einer Zusammensetzung von etwas erzeugen. Die-


se aber möchte Kant hier als die »unterbrochene« und »wiederholte«
Synthesis der neuen Art bezeichnen.
Doch genau genommen ist das keine mögliche Bezeichnung für
sie. Denn solange eine Synthesis von dieser neuen Art im Gang ist,
kann gerade keine Synthesis von jener alten Art im Gang sein, wie
auch umgekehrt, so daß sich beide vielmehr wechselseitig ausschlie-
ßen. Zumal die Synthesis der alten Art, da sie Zusammensetzung sein
soll, die der neuen Art bereits voraussetzt, und zwar als die »unter-
brochene«, sprich: als die abgebrochene oder beendete, die also gar
nicht mehr im Gang und somit als im Gang befindliche auch nicht
mehr wirklich ist. Denn auch nur dadurch können jeweils diese oder
jene Ausdehnungen als bestimmte »quanta« oder »Größen« vorlie-
gen, aus denen als den »Teilen« sich etwas als »Eines« oder »Ganzes«
soll zusammensetzen lassen.
Offenkundig aber übersieht das Kant: Das Neue jener neuen Art
von Synthesis bekommt er gar nicht in den Blick, weil er das Fort-
währende oder Fortgesetzte von ihr auch nur als eine Verdeutlichung
für das Dynamische von dieser alten ansieht, die er als Zusammenset-
zung aufrechthält. Denn nicht allein den Ausdruck »Aggregat« vor
der gestrichenen Klammer läßt er stehen, sondern auch den gesamten
Text auf den vorausgegangenen 8 Seiten, wo er seine Theorie der
Synthesis als wörtlicher Zusammensetzung eines »Ganzen« aus den
»Teilen« darlegt. 20 Hält er doch sogar auch innerhalb von jener neuen
Theorie der Synthesis, die ihm bloß als Verdeutlichung von dieser
alten gilt, die Vielheit dessen fest, woraus nach ihr etwas zusammen-
gesetzt werde. Zwar bezeichnet er sie nunmehr bloß noch als »die
Synthesis des Mannigfaltigen« einer »Erscheinung« oder »Ausdeh-
nung« 21 und nicht mehr als die Synthesis von »Teilen«. 22 Gleichwohl
aber muß auch damit letztlich eine Vielheit von etwas gemeint sein,
also letztlich auch eine Zusammensetzung von etwas.
Denn streng genommen kann es bei der neuen Art von Synthe-
sis zu einer Vielheit gar nicht kommen, also auch nicht zu einer Zu-
sammensetzung. Folglich muß auch fraglich bleiben, was es heißen
soll, daß die Erscheinung oder Ausdehnung, die solche Synthesis er-
zeugt, als etwas »Mannigfaltiges« erzeugt wird. Streng genommen

20
A 162 ff. B 203 ff.
21 A 170 B 212 (kursiv von mir).
22
Vgl. A 162 f. B 203 f.

82
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

kann sie nämlich nur als die ununterbrochene vor sich gehen, weil sie
ja auch bei »Wiederholung« nur als die ununterbrochene wiederholt
wird. Und als die erzeugt sie eben etwas, das als eine Ausdehnung von
einer Linie oder einer Fläche oder einem Körper jeweils Eines oder
Ganzes ist, und so gerade nicht etwas, das Summe oder Vielheit ist.
Genau das gilt denn auch für jede solche Ausdehnung, wie sie für
Anschauung jeweils gegeben wird, weil sie dabei in keinem Sinn als
Summe oder Vielheit von etwas gegeben wird.
Gleichwohl jedoch faßt Kant auch diese neue Art von Synthesis
noch weiter auf als die »des Mannigfaltigen« von einer »Ausdeh-
nung« oder »Erscheinung«. Deshalb müssen, wie gesagt, auch Zwei-
fel bleiben, ob er die Verschiedenheit und damit auch den Wider-
spruch zwischen der alten und der neuen Art von Synthesis tatsäch-
lich sieht. Zumal noch mehr dagegen spricht, was er genausowenig
sieht. Denn dafür, daß er vielmehr weiterhin von einer Vielheit aus-
geht, deren Synthesis eine dynamische Zusammensetzung sei,
spricht auch noch, daß er eine Ausdehnung oder Erscheinung weiter-
hin als eine Quantität betrachtet: als »ein quantum« oder eine »ex-
tensive Größe«.
Ganz und gar entgeht ihm nämlich, daß gerade er sie erst einmal
als eine Qualität behandeln müßte, weil die Qualität von Ausdeh-
nung oder Erscheinung die notwendige Voraussetzung für sie als eine
Quantität ist. 23 Eben dazu ist die neue Art von Synthesis denn auch
geradezu der schlagende Beleg. Als die ununterbrochene im Gegen-
satz zur unterbrochenen erzeugt sie nämlich eine Ausdehnung oder
Erscheinung nicht allein als Eines oder Ganzes, sondern auch als ein
Kontinuum, weil sie als fortwährende oder fortgesetzte eben die kon-
tinuierliche Erzeugung einer Ausdehnung oder Erscheinung ist. Und
so erzeugt sie eine Ausdehnung oder Erscheinung eben auch zunächst
einmal als eine Qualität, das heißt, als eine einstellige Eigenschaft
oder Beschaffenheit von etwas als dem Einen oder Ganzen, der die
Prädikate »Ausdehnung« oder »Kontinuum« als gleichfalls einstel-
lige auch genau entsprechen.
Nicht nur das jedoch entgeht ihm, sondern eben damit auch noch
etwas anderes, das Kant durch diese neue Art von Synthesis belegen
könnte, wenn er ihre Grundverschiedenheit von jener alten wirklich
sehen würde. Könnte er durch sie doch förmlich hieb- und stichfest

23 Das holt ihn gelegentlich auch ein, wo er es dann jedoch auch nur behaupten, aber
nicht begründen kann. Vgl. dazu Dörflinger 2002, S. 26 ff.

83
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

sicherstellen: Genau in dem Sinn, in dem sie zunächst einmal als eine
solche Qualität erzeugt wird, muß dann diese Qualität der Ausdeh-
nung oder Erscheinung auch zunächst einmal etwas von Grund auf
Unbestimmtes sein. Muß sie das doch in dem Sinn, daß eine Er-
scheinung oder Ausdehnung als eine solche Qualität gerade nicht
auch schon eine bestimmte Quantität sein kann, weil zu dem Sinn
von einer Quantität ja analytisch mit hinzu gehört, daß sie eine be-
stimmte ist.
Denn förmlich definiert ist eine Quantität als ein Wieviel von
etwas, und das heißt: als ein Wieviel mal Eins von etwas, worin die
Bestimmtheit von ihr wesentlich besteht. 24 Dies Etwas aber ist in die-
sem Fall eben die Ausdehnung oder Erscheinung als das Etwas einer
Qualität, und die ist keineswegs schon immer von sich selbst her auch
eine bestimmte Quantität. Denn auch noch eine solche Quantität, die
sie gerade nicht schon immer von sich selbst her ist, kann sie vielmehr
erst immer werden. Dazu nämlich ist es nötig, daß ein Maßstab für
sie eingeführt wird, der von außen her an sie herangetragen werden
muß, weil eine Ausdehnung als Qualität eines Kontinuums durchaus
nicht schon von innen oder von sich selbst her einen Maßstab mit-
bringt oder vorgibt.
Einen Maßstab für sie einzuführen, heißt jedoch nichts anderes,
als eine Einheit von ihr festzusetzen, die als Maß für sie genommen
wird, um beispielsweise das Kontinuum der Ausdehnung von einer
Linie zu messen nach der Einheit eines Millimeters oder Zentimeters
oder Meters oder einer andern. Dazu aber ist es eben unbedingt not-
wendig, diese neue Art der fortwährenden oder fortgesetzten Syn-
thesis zu »unterbrechen«, nämlich abzubrechen oder zu beenden.
Auch nur dahin nämlich kann die Festsetzung von einer Einheit ge-
hen, die als ein Maß für eine Messung dienen kann. Denn so gewiß es
durch die neue Art der Synthesis von etwas zur Erzeugung von dem
Einen oder Ganzen einer Ausdehnung oder Erscheinung kommt, so
doch gewiß nicht in dem Sinn der Einheit als der Maß-Einheit von
ihr.
Als diese nämlich kann gewiß nicht eine Ausdehnung in Frage
kommen, die als ein Kontinuum zwar Eines oder Ganzes ist, doch in
dem Sinn, daß es kontinuierlich-fortgesetzt erzeugt wird, wie zum
Beispiel eine »Linie« als »unendlich« fortgesetzte Ausdehnung, von
der die Geometer eine »endlich« ausgedehnte »Strecke« unterschei-

24
So schon Kant selbst, vgl. z. B. A 242 B 300.

84
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

den. Vielmehr kann gewiß nur eine solche Ausdehnung als Maß-Ein-
heit in Frage kommen, die nicht mehr erzeugt wird, sondern die be-
reits erzeugt ist. Und das heißt, daß deren Synthesis nicht mehr in
»Fortsetzung« begriffen sein kann, sondern »unterbrochen« sein
muß, also abgebrochen und mithin beendet sein muß. Demgemäß
muß diese Ausdehnung als die durch solche Synthesis hervorge-
brachte ein für alle Mal zu einer endlichen und eben dadurch auch
bestimmten Ausdehnung geworden sein. Denn auch nur dadurch ist
sie dann statt eine »fortgesetzte« eben eine »festgesetzte« Ausdeh-
nung und damit eine Einheit, die als Maß-Einheit für Messungen
verfügbar ist und auch verfügbar bleibt.
Genau in diesem Sinn besteht denn auch ein grundlegender Un-
terschied zwischen dem Einen oder Ganzen einer Ausdehnung als
Qualität, das sie schon als dynamisch-fortgesetzte ist, und einer Ein-
heit als der Maß-Einheit derselben. Denn als eine Quantität von Aus-
dehnung bemißt sie dann gerade eine Quantität der Qualität von ihr,
wozu sie erst als statisch-festgesetzte wird. Und diesem Unterschied
entspricht denn auch genau, daß diese bloße Qualität von Ausdeh-
nung als dem Dynamisch-Fortgesetzten auch zunächst einmal bloß
etwas Unbestimmtes ist. Als etwas nämlich, das sich wesentlich im
Gang befindet, ist dieses Dynamisch-Fortgesetzte einer Ausdehnung
als bloßer Qualität dann auch etwas von sich her Immerweitergehen-
des, mithin etwas Unendliches. Als solches nämlich kann es nur durch
einen Grund von außen her zu etwas Endlichem und so auch zu etwas
Bestimmtem werden: nur indem aus der Dynamik von ihr eine Statik
von ihr wird, zu der diese Dynamik von ihr gleichsam stillgestellt
wird.
Nicht zu übersehen aber ist, wie es sich rächt, daß Kant die Qua-
lität von Ausdehnung als der zunächst noch unbestimmten übergeht,
indem er sie von vornherein schon als bestimmte Quantität betrach-
tet, weil ihm deren Vielheit für die Synthesis als die Zusammenset-
zung von etwas auch unentbehrlich ist und bleibt. Das Übergangene
nämlich lehnt sich gleichsam auf, indem es Kant zu etwas Unhalt-
barem zwingt, das ihm wohl kaum entgangen sein kann, das er aber
stehen lassen muß. Da er die Qualität von Ausdehnung zugunsten
ihrer Quantität ja übergeht, kann er natürlich auch den Unterschied
zwischen dem Unbestimmten und Bestimmten einer Ausdehnung als
Qualität und Quantität nur übergehen.
Als solchen selbst jedoch vermag er dadurch diesen Unterschied
zwischen dem Unbestimmten und Bestimmten einer Ausdehnung

85
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

nicht im geringsten loszuwerden, der ihm vielmehr auf den Fersen


bleibt, weil er zur Sache selbst gehört. Entsprechend bleibt Kant nur
noch der Versuch, ihn zu verlegen, nämlich ihn statt als den Unter-
schied zwischen der Qualität und Quantität von Ausdehnung viel-
mehr als einen innerhalb der Quantität von Ausdehnung alleine
anzusiedeln, ein Versuch, dessen notwendiges Mißlingen aber jeder-
mann ins Auge springen muß.
Versucht er doch, um diesem Unterschied gerecht zu werden,
zwischen einer »Größe« als dem »quantum« und der »Quantität«
von Ausdehnung zu unterscheiden. »Größen« in dem Sinn von
»quanta« seien Ausdehnungen danach »nur […] als solche«, was so-
viel bedeuten muß wie: ›nur als unbestimmte‹ Größen. Denn im Un-
terschied dazu versucht er, eine »Größe« als die »quantitas« von einer
Ausdehnung im Sinn der »Antwort auf die Frage: wie groß etwas sei«
zu definieren, 25 folglich als bestimmte Größe.
Mit diesem Versuch jedoch mißachtet Kant bereits von vornher-
ein die unterschiedliche Semantik dieser beiden Ausdrücke, die ihm
geläufig war. Und offen sichtbar ist das, weil er dazu jeden dieser
Ausdrücke durch »Größe« oder »Größen« übersetzen muß, was aber
für den Ausdruck »quantum« oder »quanta« eine falsche Über-
setzung ist. Bedeutet »quantum« doch auch nur »ein Großes« oder
»etwas Großes«, also »etwas, das groß ist«, durchaus nicht aber seine
»Größe«, die es hat, nicht ist, von der durch diesen Ausdruck folglich
keine Rede ist. Denn erst durch »quantitas« kommt eigens noch die
Rede auf die »Größe« von etwas, das groß ist, so daß auch nur »quan-
titas« soviel wie »Größe« heißen kann.
Mit jenem Unterschied zwischen der Unbestimmtheit und Be-
stimmtheit von etwas jedoch hat dieser Unterschied von »etwas
Großem« oder »etwas, das groß ist«, und seiner »Größe« nicht das
mindeste zu tun. Denn so, wie »etwas Großes« oder »etwas, das groß
ist,« dies stets als ein bestimmtes Großes ist, genauso ist auch seine
»Größe« stets eine bestimmte Größe. Deshalb kann der Unterschied
zwischen der Unbestimmtheit und Bestimmtheit von etwas als Un-
terschied zwischen dem »quantum« und der »quantitas« nur fehl am
Platze sein. Statt einer zwischen »quantitas« und »quantum« einer
Ausdehnung ist er vielmehr der Unterschied zwischen der »quanti-
tas« und »qualitas« von ihr.
Gehört doch, wie zur »quantitas« das »quantum«, auch zur

25
A 163 B 204 (kursiv von mir).

86
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

»qualitas« das »quale« einer Ausdehnung. Und ebenso, wie eine Aus-
dehnung als »quantum« nur soviel wie »etwas Großes« oder »etwas,
das groß ist,« bedeutet, so auch eine Ausdehnung als »quale« nur
soviel wie »etwas so und so Beschaffenes« oder »etwas, das so und so
beschaffen ist«. Und wie im Unterschied zu »etwas Großem« seine
»Größe« für sich selbst dann erst durch »quantitas« im Unterschied
zu »quantum« auf einen Begriff gebracht wird, so auch die »Beschaf-
fenheit« von »etwas so und so Beschaffenem« als solche erst durch
»qualitas« im Unterschied zu »quale«.
Dann jedoch ergibt sich für Bestimmtheit oder Unbestimmtheit
eine gänzlich andere als die von Kant behauptete Verteilung. Denn
genauso, wie das »Große« als das »quantum« und die »Größe« als
die »quantitas« von einer Ausdehnung dann gleicherweise als etwas
Bestimmtes gelten muß, so muß das »so und so Beschaffene« als das
»quale« einer Ausdehnung und die »Beschaffenheit« als »qualitas«
von ihr dann gleicherweise auch als etwas Unbestimmtes gelten.
Demgemäß verteilt sich Unbestimmtheit und Bestimmtheit nicht
auf »quantum« als das Unbestimmte gegenüber »quantitas« als dem
Bestimmten, wie Kant selbst es möchte, sondern auf die »qualitas«
oder das »quale« als das Unbestimmte gegenüber »quantum« oder
»quantitas« als dem Bestimmten, wie die Sache selbst es fordert.
Mit der »qualitas« oder dem »quale« einer Ausdehnung entgeht
ihm aber nichts geringeres als die Einsicht in ihr Wesen als Kontinu-
um, zu der Kant unterwegs ist. Denn indem er sie zugunsten ihrer
»quantitas« und ihres »quantums« übergeht, entgeht sie ihm nicht
nur als Eines oder Ganzes, weil er sie vielmehr als das Diskrete einer
Summe oder Vielheit ansetzt, um sie als etwas durch Synthesis Zu-
sammengesetztes auffassen zu können. Ihm entgehen dadurch viel-
mehr auch alle andern Wesenszüge, die sie als Kontinuum besitzt, die
sie jedoch sofort verliert, sobald sie zu einem Diskretum wird, als das
sie dann vielmehr das jeweilige Gegenteil zu jedem dieser Wesens-
züge annimmt. Denn dann weist sie nicht nur statt der Einheit ihrer
Qualität die Vielheit ihrer Quantität auf, sondern auch statt ihrer
Unbestimmtheit als Unendlichkeit ihrer Dynamik noch entsprechend
ihre Statik als die Endlichkeit ihrer Bestimmtheit. Und was alles Kant
dadurch entgehen muß, sollte man sich auch im einzelnen vor Augen
führen.
Denn ein Kontinuum kann eine Ausdehnung dann nur als diese
Qualität sein, und nicht etwa auch als jene Quantität. Vielmehr muß
sie als eine Quantität dann schon etwas Diskretes sein, weil sie als eine

87
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Quantität schon ein Wieviel mal Eines ist, von denen jedes gegenüber
jedem anderen diskret, sprich: abgegrenzt sein muß. Daß Kant die
Ausdehnung als diese Qualität verfehlt, indem er sie von vornherein
als Quantität betrachtet, heißt von daher, daß er sie als einstellige
Eigenschaft verkennt, indem er sie von vornherein als mehrstellige
auffaßt. Denn genau das ist der Unterschied zwischen der Qualität
und Quantität von Ausdehnungen: sei es nun von Linien oder Flächen
oder Körpern. Ist doch eine Quantität als ein Wieviel mal Eines von
etwas gerade ein Verhältnis oder eine Relation des einen Etwas zu den
andern. Demgemäß ist sie als eine Eigenschaft von ihnen eben not-
wendig die mehrstellige Eigenschaft von einer Mehrheit oder Viel-
heit, 26 so daß eine Quantität von Ausdehnung wie Ein mal Eines oder
Null mal Eines auch nur Sonderfall derselben ist.
Vor dieser ihrer Quantität jedoch zieht ihre Qualität sich gleich-
sam zu dem jeweils Inneren von jedem Einzelnen davon zusammen
und zurück, weil sie als seine Ausdehnung ja stets nur zwischen oder
innerhalb von seinen Grenzen auftritt. Denn zuletzt sogar tut sie das
noch bis dahin, daß die Ausdehnung im Sonderfall von einem Punkt,
wo sie dann Null mal Eines ist, sogar verschwunden ist, der aber eben
darum dann auch nicht mehr eine Maß-Einheit für eine Ausdehnung
als Quantität sein kann. Das kann vielmehr nur etwas sein, das
grundsätzlich die Qualität der Ausdehnung besitzt, und zwar sogar
die Qualität von solcher Ausdehnung, für die es Maß-Einheit sein
soll. Denn für die Ausdehnung von einer Linie kann eben Maß-Ein-
heit auch nur die Ausdehnung von einer Linie sein, und nicht etwa
ein Punkt, und so für eine Fläche auch nur eine Fläche, und nicht etwa
eine Linie, so wie auch für einen Körper nur ein Körper, und nicht
etwa eine Fläche. Ist ein Punkt doch gegen eine Linie null, so wie
entsprechend eine Linie gegen eine Fläche wie auch eine Fläche gegen
einen Körper null ist, während eine Maß-Einheit für diese oder jene
Ausdehnung nur das sein kann, was größer null ist.
Doch auch nur als jene Unbestimmtheit ihrer Qualität kann eine
Ausdehnung dann ein Kontinuum sein, und nicht etwa auch als die
Bestimmtheit ihrer Quantität, als die sie vielmehr schon jenes Dis-
krete sein muß. Oben hatte sich gezeigt, 27 daß Ausdehnung als ein-

26 Demnach wiederholt sich damit als formale Auffassung, was Kant bereits als in-
haltliche Auffassung vertritt, nämlich die Ausdehnung von Zeit oder von Raum sei
ein »Außereinander« als ein »Nacheinander« oder ein »Zugleich«. Vgl. dazu oben § 1.
27
Vgl. § 1.

88
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

stellige Eigenschaft, als Qualität, und »Ausdehnung« als einstelliges


Prädikat für sie zunächst einmal nur anschaulich-intuitiv verständ-
lich ist, nicht aber auch begrifflich-diskursiv. Erst durch ihr Meta-
Prädikat »Kontinuum« ließ sie sich auch begrifflich-diskursiv ver-
ständlich machen. 28 Ist sie aber, wie sich nun herausstellt, von sich
selbst als Qualität her etwas Unbestimmtes, muß sich jetzt auch fra-
gen, was das eigentlich bedeuten soll. Kann es doch keinesfalls bedeu-
ten, daß die Ausdehnung als dieses Unbestimmte damit nun etwas
Bestimmtes sei. Dies nämlich müßte, wenn nicht sogar widersprüch-
lich, also logisch falsch, dann mindest unzutreffend, also faktisch
falsch sein.
Denn etwas Bestimmtes ist die Qualität der Ausdehnung nach
vorigem ja nur als Quantität von ihr, wogegen sie als Qualität gerade
weiter dieses Unbestimmte bleibt, das sich als das Kontinuum der
Ausdehnung vor jeder Diskretion von ihr zusammen- und zurück-
zieht. Solche Ausdehnung zu so etwas Bestimmtem zu bestimmen,
heißt daher auch nur, von ihr als dieser unbestimmten Qualität eine
bestimmte Quantität bzw. ein bestimmtes Quantum zu quantifizie-
ren. Schlechthin nichts dergleichen aber findet statt, wenn eine Aus-
dehnung als ein Kontinuum verständlich wird, indem zu »Ausdeh-
nung« als ihrem Prädikat das Prädikat »Kontinuum« als Meta-
Prädikat ermittelt wird. Durchaus nicht heißt das, eine Ausdehnung
als eine Qualität zu einer Quantität oder zu einem Quantum von ihr
zu quantifizieren. Vielmehr heißt das, jeder solchen Quantifikation
vorweg die Qualität von Ausdehnung als solche zu qualifizieren,
nämlich sie als eben jenes Unbestimmte zu begreifen, das sie von sich
selbst her ist. Denn von sich selbst her ist sie ja gerade nicht, wie sich
gezeigt hat, das Bestimmte einer Quantität.
Daß Ausdehnung durch den Begriff »Kontinuum«, der jenen
ganz bestimmten Sinn besitzt, dann ihrerseits bestimmt wird, heißt
daher nicht etwa, daß dadurch aus ihr als jenem Unbestimmten dann
etwas Bestimmtes würde. Vielmehr bleibt sie weiter dieses Unbe-
stimmte, weil sie durch diesen Begriff »Kontinuum« recht eigentlich
als dieses Unbestimmte selbst bestimmt wird. Ist es doch gerade die-
ses Unbestimmte einer Ausdehnung als solches selbst, was auf einen
Begriff gebracht wird, wenn sie als Kontinuum ermittelt wird. Denn
der Begriff »Kontinuum« besitzt ja jenen definierten Sinn, wogegen

28
Vgl. oben § 2.

89
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

»Ausdehnung« für Ausdehnung ja ein Begriff ist, der sich jedem De-
finitionsversuch entzog. 29
Entsprechend wichtig ist es, auch noch die zwei weiteren Einzel-
heiten festzuhalten, die als Wesenszüge des Kontinuums der Ausdeh-
nung ermittelt wurden.
Denn auch nur als die Unendlichkeit ihrer Dynamik, die sie als
die fortgesetzt-erzeugte ist, kann eine Ausdehnung dann ein Kon-
tinuum sein, aber nicht etwa auch als die Statik ihrer Endlichkeit, als
die sie vielmehr schon jenes Diskrete sein muß. Freilich könnte dies
als Widersinn erscheinen. 30 Denn man könnte meinen: Auch eine dis-
krete Ausdehnung, wie etwa eine ganz bestimmte »Strecke«, sei doch
ein Kontinuum, nämlich als eine Ausdehnung, die zwischen oder in-
nerhalb von deren Grenzen liege, was ja auch nicht falsch ist. 31
Schließlich solle gelten, eben hierhin ziehe sie sich als Kontinuum
vor solcher Diskretion zusammen und zurück. Nur gilt es dabei eben
zu beachten: Eine Ausdehnung als solche zu betrachten, heißt dann
aber auch, von ihren Grenzen abzusehen, sie also ohne ihre Grenzen
zu betrachten. Dies jedoch kann nur bedeuten, ihre Diskretion als die
Begrenzung von ihr rückgängig zu machen, was nur dahin gehen
kann, die Linie wiederherzustellen, aus welcher sie durch die Begren-
zung als die Diskretion hervorgeht.
Dann jedoch kann diese Linie im Unterschied zu einer Strecke
als begrenzter und so »endlicher« auch nur als unbegrenzte gelten
und so auch nur als »unendliche«, sprich: als jene dynamisch-fort-
gesetzt erzeugte. Denn bekanntlich gibt es geometrisch zwischen
einer »Linie« und einer »Strecke« nur das eine Mittelding, das von
den Geometern als ein »Strahl« bezeichnet wird, der eine »Halb-

29 Vgl. dazu oben § 1.


30
Zum folgenden vgl. schon § 2, Anm. 27.
31 Zu beachten gilt es dafür aber eben ferner: Daß ein Ganzes als Kontinuum sowohl

ein unbegrenztes, »Linie«, wie auch ein begrenztes, »Strecke«, sein kann (vgl. oben
S. 58, Anm. 27), heißt nicht, daß »begrenzt« und »unbegrenzt« etwa zwei Arten von
Kontinuum spezifizierten. Dazu nämlich müßte jeder dieser beiden Ausdrücke, bezo-
gen auf »Kontinuum«, synthetisch sein. Das aber gilt nur für »begrenzt«, doch nicht
auch noch für »unbegrenzt«, das auf »Kontinuum« bezogen vielmehr analytisch ist.
Entsprechend ist »begrenzt«, bezogen auf »Kontinuum«, dann zwar synthetisch, doch
nicht auch spezifisch: es bestimmt nicht etwa eine Art von ihm, sondern etwas Dis-
kretes. Schließlich ist auch »grün«, auf »Baum« bezogen, zwar synthetisch; doch bloß
deshalb wird durch »grüner Baum« nicht auch gleich eine Art von Baum bestimmt.
(Der Anlaß dieser Anmerkung war gleichfalls eine Nachfrage von Marko Martić).

90
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

gerade« sei, 32 das heißt: eine ›gerade Halblinie‹. Gemeint ist nämlich,
daß im Unterschied zu einer »Strecke«, die ja beidseitig begrenzt und
endlich ist, ein »Strahl« nur einseitig begrenzt und endlich ist. Ent-
sprechend ist er auch nur einseitig unendlich und so auch nur einsei-
tig eine dynamisch-fortgesetzt erzeugte Linie. Förmlich augenfällig
wird daher an ihr bzw. ihm, daß ohne eine oder beide ihrer Grenzen
eine Strecke in der Tat nur als dynamisch-fortgesetzt erzeugte Linie
gelten kann und damit auch nur als unendliche, als die allein sie denn
auch ein Kontinuum sein kann. 33
Doch alle diese Wesenszüge des Kontinuums von Ausdehnung,
wie sie für Anschauung gegeben ist, entgehen Kant, nur weil er von
der Synthesis als der Zusammensetzung von etwas nicht loskommt.
Denn zuletzt läuft auch noch jene neue Art von Synthesis darauf
hinaus, weil Kant sie nur als die Verdeutlichung für das Dynamische
von dieser ansieht, während beide sich von Grund auf unterscheiden
und mithin auch widersprechen, wie ermittelt.
Deutlich zeigt das jener Satz, mit dem Kant seine Überlegungen
zur Synthesis eröffnet, wenn er formuliert: »Ich kann mir keine Li-
nie, so klein sie auch sei, vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen
[…] und dadurch allererst diese [Ausdehnung für] Anschauung zu
verzeichnen«. 34 Bliebe es bei dieser Art von Formulierung, müßte
man den Eindruck haben, daß nur diese neue Art von Synthesis ge-
meint ist, die mit jener alten Art einer Zusammensetzung nichts zu
tun hat. Denn so formuliert, entspräche sie genau der näheren Be-
schreibung, die Kant kurz darauf für diese neue gibt und die mit jener
alten unvereinbar wäre, wonach nämlich eine solche Linie »erzeugt

32 Vgl. z. B. Knerr 1989, S. 202.


33 Nur die »Mengentheorie«, die das Kontinuum als »Punktmenge« verstehen möch-
te, kennt so etwas wie ein »Intervall«, das »offen« oder »halboffen« oder »geschlos-
sen« sein kann, je nach dem, ob beide seiner Grenzpunkte ihm fehlen oder nur einer
oder keiner. Gleichwohl aber soll in jedem dieser Fälle dieses »Intervall« von einer und
derselben endlich-gleichbleibenden Länge sein, was für das anschaulich gegebene
Kontinuum von Ausdehnung jedoch nur unverständlich bleiben kann. Entspräche
geometrisch doch dem »Intervall« als »offenem« die »Linie« als beidseitig unendliche
oder dynamisch-fortgesetzt erzeugte, und dem »Intervall« als dem »halboffenen« der
»Strahl« als einseitig unendlicher oder dynamisch-fortgesetzt erzeugter, und dem
»Intervall« als dem »geschlossenen« die »Strecke« als die endliche, weil beidseitig
begrenzte. Keine Rede aber könnte davon sein, in jedem dieser Fälle liege eine und
dieselbe endlich-gleichbleibende Länge vor, weil das vielmehr ausschließlich von der
»Strecke« gelten kann.
34
A 162 f. B 203.

91
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

wird […] durch die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis


einer bestimmten Art [von Ausdehnung]«. 35
In Wirklichkeit jedoch bleibt es gerade nicht bei dieser Art von
Formulierung, geht es vielmehr an der nach dem »ziehen« ausgelas-
senen Stelle gänzlich anders weiter: An die Formulierung, wonach es
ein »Ziehen« als ein »fortgesetztes« sei, was eine Linie erzeuge,
schließt Kant eine gänzlich andere an, die diesen Eindruck ein für alle
Mal zunichte macht. Hier nämlich gibt Kant förmlich eine Definition
dafür, was es bedeute, eine »Linie […] zu ziehen«, indem er sagt: »d. i.
von einem Punkte alle Teile nach und nach zu erzeugen«, oder für den
Fall der Zeit als Linie, daß »durch alle Zeitteile und deren Hinzutun
endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt wird.« 36
Ist doch diese Art von Synthesis tatsächlich nur noch als Zusam-
mensetzung zu verstehen, weil sie Raum sowohl wie Zeit als eine
Ausdehnung erzeuge, die dabei nur »nach und nach« und auch nur
»Teil« für »Teil« zustandekomme, so daß jede davon zur »bestimm-
ten Größe« werde: zur bestimmten Quantität als der bestimmten
Vielheit einer Einheit davon. Dem jedoch entspricht von jener späte-
ren Beschreibung dann auch allenfalls die gegenteilige. Nach dieser
gehe hier die neue Art von Synthesis gerade nicht vonstatten, weil sie
dabei immer wieder »unterbrochen ist«, weshalb dabei auch immer
wieder nur die »Wiederholung« von ihr als der immer wieder »auf-
hörenden Synthesis« erfolge. 37
Als die vielmehr unaufhörliche oder ununterbrochene wäre
nämlich jene neue Art von Synthesis bereits für die dynamische Er-
zeugung jedes einzelnen von solchen Teilen zuständig, wofür sie aber
als dynamische Zusammensetzung solcher Teile gar nicht erst in
Gang kommt. Denn bereits ein jeder Teil von Zeit oder von Raum,
das heißt: bereits ein jeder Teil von solcher Ausdehnung, »so klein
sie [oder er] auch sei«, 38 müßte durch diese neue Art von Synthesis
als die ursprüngliche Erzeugung von ihnen zustandekommen. Eben
darum könnte sie auch nicht als die bloß abgeleitete Zusammen-
setzung von ihnen vonstatten gehen; denn für diese könnten solche
Teile, deren jeder ja schon eine solche Ausdehnung sein müßte, auch
noch gar nicht zur Verfügung stehen.

35 A 170 B 212 (kursiv von mir).


36
A 162 f. B 203.
37 A 170 B 212.
38
A 162 B 203.

92
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

Diese neue Art von Synthesis als die gerade unaufhörliche oder
ununterbrochene wird dabei also bloß vorausgesetzt, jedoch nicht im
geringsten auch in Gang gesetzt – geschweige daß sie etwa ihrem
Wesen oder Ursprung nach auch noch begründet und entfaltet würde.
Bloß vorausgesetzt wird sie, weil sie von Kant auch bloß benutzt wird,
um ihre Dynamik als Erläuterung heranzuziehen für die Zusammen-
setzung als Dynamik. Möglich aber ist das nur, weil die Dynamik
auch bloß die Gemeinsamkeit von beiden ist, so daß sie sich auch für
Zusammensetzung geltend machen läßt. Denn umgekehrt ist jene
neue Art von Synthesis zwar ebenso wie diese alte Art eine Dynamik,
doch gerade nicht eine Dynamik der Zusammensetzung.
Diese nämlich, so dynamisch sie auch sei, setzt jeden von den
ausgedehnten Teilen, woraus sie zusammensetzt, als einen statischen,
weil fertigen, bereits voraus. Dagegen müßte jene gleichsam noch
dynamischer als diese sein: Sie hätte jeglichem dynamischen Zusam-
mensetzen statisch-fertiger Ausdehnungen vorweg vielmehr schon
Ausdehnung als solche selbst dynamisch vorzunehmen, was nur hei-
ßen kann: das Ausdehnen von ihr, das erst als »unterbrochenes«, also
abgebrochenes, diese oder jene Ausdehnung als statisch-fertige er-
gibt. Denn um Kants Beispiel aufzunehmen: Eine »Linie […] zu zie-
hen«, kann doch wohl nur heißen, sie ursprünglich zu erzeugen, und
nicht etwa, sie aus schon ›gezogenen‹ Linien abgeleitet bloß zusam-
menzusetzen: eine Linie also ursprünglich-dynamisch auszudehnen.
Nur in diesem Sinn kann jedenfalls die neue Art von Synthesis eine
Dynamik sein und die Dynamik jener alten Art von Synthesis grund-
sätzlich überbieten.
Um ihr Wesen zu ermitteln, gilt es daher auch als erstes, alle jene
Wesenszüge festzuhalten, die sich schon für sie ergeben haben. Deren
jeder nämlich ist gerade Wesenszug von ihr als dieser ganz besondern
Dynamik. Und bloß weil sich Kant von der Zusammensetzung als
Dynamik gleichsam blenden läßt, kommt er nicht von ihr los,
wodurch er aber ausgerechnet jenes Ziel verfehlt, mit dem er über
Aristoteles und dessen Theorie vom Wesen des Kontinuums der Aus-
dehnung hinauswill. Danach soll sie eben ursprünglich etwas Dyna-
misches sein und erst abgeleitet etwas Statisches, wie Aristoteles sie
auffaßt, weil sie Kant zufolge eine Sache der dynamischen Erzeugung
durch Subjekte sei. Das ist sie aber eben nur als die Dynamik dieses
Ausdehnens und nicht als die Dynamik des Zusammensetzens. Um
sie angemessen zu begreifen, eignet der Begriff »Zusammensetzung«
sich auch dann nicht, wenn man seinen Sinn nur als dynamischen

93
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

statt statischen heranzieht: als den von »Zusammensetzen« statt


»Zusammengesetztheit«, wie sein »…ung« es ja erlaubt. Geeignet
dazu ist vielmehr nur der dynamische Sinn des Begriffes »Ausdeh-
nung«, der durch sein »…ung« nicht bloß die »Ausgedehntheit« als
die statisch-fertige bezeichnen kann, sondern auch noch das »Aus-
dehnen« als das dynamisch-unfertige.
Dieser Sinn von Ausdehnung als Ausdehnen wird aber nur noch
aufschlußreicher, wenn man mitbeachtet: Ein Kontinuum kann eine
Ausdehnung auch nur als die Dynamik dieses Ausdehnens, jedoch
nicht auch als jene Statik einer Ausgedehntheit sein, weil sie als letz-
tere schon ein Diskretum sein muß, wie gezeigt. Vielmehr kann die-
ser falsche Eindruck nur solange herrschen, wie der Sinn von »Aus-
dehnung« als statischer oder dynamischer noch nicht gesondert ist,
wodurch verdeckt bleibt, was allein gemeint sein kann. Denn legt
man jene einzig mögliche Definition für den Begriff »Kontinuum«
jetzt ausschließlich für das Kontinuum des Ausdehnens zugrunde,
führt das in der Tat zu weiterer Einsicht in das Innere der Subjektivi-
tät eines Subjekts.
Ist ein Kontinuum nach dieser Definition seines Begriffes doch
ein Selbstverhältnis, wonach eine Ausdehnung als ein Kontinuum
eine mit sich kontinuierliche Ausdehnung ist: im Sinn einer mit sich
zusammenhängenden oder mit sich zusammenhaltenden als einer
mit sich stetigen. Ist eine Ausdehnung jedoch nur als ein Ausdehnen
so ein Kontinuum, dann ist sie eben auch nur als ein solches Ausdeh-
nen ein Selbstverhältnis. Jene Frage nach dem Grund für sie muß sich
dann aber auch nicht nur für Ausdehnung als jene Statik einer Aus-
gedehntheit stellen, sondern erst recht für Ausdehnung als die Dyna-
mik dieses Ausdehnens, die aber ein Subjekt dann als ein ganz beson-
deres Geschehen erschließt.
Auf diese Frage nach dem Grund für Ausdehnung als Ausdeh-
nen kann nämlich nicht dieselbe Antwort wie auf jene Frage nach
dem Grund für Ausdehnung als Ausgedehntheit möglich sein.
Konnte der Grund für letztere, die als diskret-begrenzte eine endliche
und so bestimmte ist, doch stets nur etwas Anderes als sie sein, durch
das Ausdehnung als Ausdehnen stets erst von außen her zu Ausdeh-
nung als Ausgedehntheit wird, eben gemacht wird. Denn von innen
her ist erstere gerade die unendliche und unbestimmte, weil kontinu-
ierlich-unbegrenzte. Als der Grund für sie kann daher auch nicht
etwas Anderes als sie in Frage kommen, weil sie als kontinuierliche
ja nur mit sich zusammenhängt. Dagegen müßte sie als die kontinu-

94
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

ierliche auch noch mit etwas Anderem als sich zusammenhängen,


wäre etwas Anderes als sie der Grund für sie, was aber ausgeschlos-
sen ist. Mit diesem Anderen nämlich könnte sie nur so zusammen-
hängen, wie etwas, das etwas Anderes berührt, mit ihm zusammen-
hängt. 39 Dies aber kann es eben nicht in dem Sinn tun, daß es mit
ihm kontinuierlich wäre, weil es ja kontinuierlich nur mit sich sein
kann, zu ihm jedoch diskret sein muß, weil nur Diskretes sich be-
rühren kann. 40
Um etwas Anderes zu berühren, das dadurch der Grund für sie
sein könnte, müßte somit Ausdehnung als Ausdehnen anstatt etwas
Kontinuierliches vielmehr etwas Diskretes sein, was sie jedoch nicht
ist. Infolgedessen könnte solche Ausdehnung, wenn anders sie als
Ausdehnen nicht grundlos sein kann, auch mit ihrem Grund nur wie
mit sich zusammenhängen. Denn das heißt dann: Eine Ausdehnung,
die nur als solches Ausdehnen mit sich kontinuierlich sein kann, muß
als solches Ausdehnen kontinuierlich auch mit ihrem Grund noch
sein. Auch noch mit ihm muß sie so wie mit sich zusammenhängen,
der daher für Ausdehnung als Ausdehnen auch nur von innen her der
Grund sein kann. Und das heißt umgekehrt: Daß Ausdehnung als
Ausdehnen, als das allein sie ein Kontinuum sein kann, nicht nur
mit sich zusammenhängen muß, sondern genau so, wie mit sich, auch
mit dem Grund für sich zusammenhängen muß, kann nur bedeuten,
daß der Grund für sie dann auch nur in einem Sich-Ausdehnen zu ihr
bestehen kann.
Daß Ausdehnung als ein Kontinuum bereits von Anbeginn nur
als ein Selbstverhältnis sich begreifen ließ, lag somit nur daran, daß
sie als das dynamische Kontinuum des Ausdehnens das Selbstver-
hältnis des Sich-Ausdehnens zu ihrem Grund hat. Dieses aber ist
nichts anderes als ein Subjekt, das sich mit sich kontinuierlich aus-
dehnt und dabei mit sich kontinuierlich ein Bewußtsein von sich als
dem so sich ausdehnenden bildet. Dieses kann daher auch nur ein
Selbstbewußtsein von ihm sein und muß je nach der Art seines

39 So berühren sich etwa zwei Billardkugeln, wenn im Falle eines Stoßes die Bewe-
gung von der einen zu dem Grund für die Bewegung von der andern wird. Entspre-
chendes muß aber auch noch innerhalb von einem »Feld« der Fall sein, wenn hier ein
Ereignis für ein anderes Ereignis nach dem »Nahwirkungsprinzip« der Grund sein
soll. So sehr daher das »Feld« als ein »kontinuierliches« allein mit sich zusammen-
hängen mag, so sehr gilt doch für jedes der Ereignisse in ihm, daß es als wirkendes
oder bewirktes nur mit etwas Anderem als sich zusammenhängen kann.
40
Vgl dazu nochmals oben § 2.

95
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Sich-Ausdehnens, von dem es Anschauungsbewußtsein ist, sein ur-


sprüngliches Zeitbewußtsein oder Raumbewußtsein bilden. Bis hin-
ein in jede Ausdehnung, wie sie in der Gestalt von jedem Objekt in
der Außenwelt empirisch vorzufinden ist, erstreckt sich folglich die-
ses Selbstverhältnis eines Subjekts, für das diese Ausdehnung sonach
Beleg ist. Wer das leugnen wollte, müßte die Definition für das Kon-
tinuum der Ausdehnung als Selbstverhältnis widerlegen und durch
eine angemessene ersetzen, was ihm aber schwerfallen dürfte.
Letztlich also heißt das: Alles, was von unten aufwärts analy-
tisch zu ermitteln war, läßt sich von oben abwärts dann synthetisch
nur erklären durch die Theorie von Subjektivität als Spontaneität, die
Kant bereits für sie vertreten hat. Als diese nämlich muß sie Kant
zufolge auch schon ihrer Rezeptivität zugrundeliegen, weil sie auch
nur so aus sich heraus und über sich hinaus zu Anderem als sich
gelangen kann: zu Außenwelt durch sich als die Erfahrung oder Em-
pirie von ihr. 41 Gerade dies wird durch das Wesen des Kontinuums
von Ausdehnung als dem Sich-Ausdehnen denn auch belegt: durch
seine Qualität der Unbestimmtheit und Unendlichkeit von Ausdeh-
nung als der Dynamik des Sich-Ausdehnens eines Subjekts. Ergibt
das nämlich die Ausdehnungen von Zeit und Raum, erklärt das auch,
daß sie als eben dieses Subjektive jene Formen sind, in die hinein erst
so etwas wie Rezipieren dieses oder jenes Inhalts für Erfahrung oder
Empirie von Außenwelt erfolgen kann, der dann »empirische An-
schauung« innerhalb von ihnen als »formalen Anschauungen« ist. 42
Als solche nämlich bilden Zeit und Raum tatsächlich wieder die
Behälter, als die Kant sie in der Tat wieder vertreten muß: Entgegen
Leibniz kann er sie nicht mehr als etwas Relatives ansehen, sondern
nur wie Newton abermals als etwas Absolutes. 43 Nur sind Zeit und
Raum dies Absolute hier bei Kant gerade nicht mehr als das Statisch-
Objektive von Behälter-Dingen, wie bei Newton, sondern eben als das
Subjektiv-Dynamische dieses Sich-Ausdehnens. Als dieses nämlich
wird ein Subjekt unaufhörlich zu einem dynamischen Behälter, und
als der ist es gerade das genaue Gegenteil zu jedem statisch-ding-
lichen Behälter. Ist doch das Dynamische, wie ein Subjekt sich aus-
dehnt, dann auch das Dynamische, wie ein Subjekt sich öffnet, und

41
Dazu vgl. auch Dörflinger 2002, S. 23 ff.
42 Vgl. z. B. B 160 mit Anmerkung (kursiv von mir).
43
Vgl dazu oben § 1.

96
§ 3. Die Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

das heißt: sich mit sich selbst kontinuierlich immer weiter ausdehnt
oder immer weiter öffnet.
Denn das bildet doch auch eine notwendige Vorbedingung, die es
zu erfüllen hat, damit es innerhalb von ihm, als so einem Sich-Aus-
dehnen zu einer Form wie Zeit oder wie Raum, auch noch zu einem
Inhalt kommen kann. Zu diesem kommen kann es nämlich nur, in-
dem er hier als dieses oder jenes Etwas gegenüber diesem oder jenem
andern Etwas sich dann zeitlich oder räumlich abgrenzt ebenso wie an
es angrenzt: Denn auch nur auf Grund, sprich: nur in Form von Zeit
oder von Raum kann für ein Subjekt nämlich so etwas entspringen
wie ein Rot-Gehalt im Unterschied zu einem Grün-Gehalt oder ein
Haus-Gehalt im Unterschied zu einem Baum-Gehalt. Kann doch
auch jeder solche gegenüber jedem andern solchen nur als zeitlich
oder räumlich abgegrenzter wie auch angrenzender »anschaulich«
für ein Subjekt »erscheinen«, sprich: als Etwas in einer Umgebung.
Folglich kann er das auch nur, indem er innerhalb von Ausdehnung
als dem Sich-Ausdehnen dann auch zu Ausdehnung als dieser oder
jener Ausgedehntheit wird. So nämlich ist die Unbestimmtheit erste-
rer dann auch tatsächlich die notwendige Voraussetzung für die Be-
stimmtheit letzterer. Entsprechend bilden auch in jedem solchen Fall
dann Ausdehnung als das Sich-Ausdehnen und Ausdehnung als sol-
che Ausgedehntheit eine unlösbare Einheit miteinander.
Denn für jeden solchen Fall muß Ausdehnung als ein Sich-Aus-
dehnen sich auch schon immer weiter ausdehnen als diese Aus-
gedehntheit innerhalb von ihm. Kann als bestimmt-begrenzte oder
statisch-endliche doch jede solche Ausgedehntheit zur »Erscheinung«
oder »Anschauung« nur werden, wenn dieses Sich-Ausdehnen schon
immer über sie hinausgeht: eben als etwas Dynamisch-Unbegrenztes
oder Unbestimmt-Unendliches. Dies aber gilt für jeden solchen Inhalt
nicht allein, sofern er als das anschauliche »Sinnesdatum« etwas Sub-
jektives ist. Das gilt für ihn vielmehr auch noch, sofern er als ein
anschauliches Ding oder Ereignis in der Außenwelt dann etwas Ob-
jektives ist, das durch Erfahrung oder Empirie aus ihm als ersterem
gewonnen wird. So weit sie nämlich in das Mikro- oder Makroskopi-
sche der Außenwelt auch vordringt, kann sie über letztere als etwas
Objektives doch nur geltend machen, was zuletzt durch anschauliche
»Wahrnehmung« oder »Beobachtung« sich überprüfen läßt.
In jedem solchen Fall tritt somit Ausdehnung als das Sich-Aus-
dehnen und Ausdehnung als Ausgedehntheit unlösbar in Einheit
miteinander auf, weshalb es auch nur umso dringlicher ist, zwischen

97
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

ihnen innerhalb von dieser Einheit hinreichend zu unterscheiden:


Erst als Statik dieser oder jener Ausgedehntheit, die diskret-bestimmt
und endlich ist, kann Ausdehnung das Relative einer Quantität sein;
nicht jedoch schon als Dynamik des kontinuierlich-unbestimmten
und unendlichen Sich-Ausdehnens, als das die Ausdehnung vielmehr
das Absolute einer Qualität sein muß. Die Unterscheidung zwischen
beiden aber macht Kant selbst sich schon von vornherein unmöglich,
weil er letztere von vornherein als erstere verkennt, indem er Aus-
dehnung als »quantum« oder »Quantität« von »extensiver Größe«
auffaßt. Und das zeigt sich nicht nur daran, daß die beiden Grund-
sätze, die sie behandeln, ihm als »mathematische« Grundsätze gelten,
sondern daß er dann auch erst die übrigen – in welchem Sinn auch
immer – als »dynamische« Grundsätze ansieht, 44 während im ge-
nannten Sinn doch schon die ersteren dynamische sein müßten.
So entgeht ihm aber letztlich nichts geringeres als der Unter-
schied, daß innerhalb von jener unlösbaren Einheit zweierlei vereint
ist, weil es auf zweierlei Grund zurückzuführen ist, die zueinander
auch noch asymmetrisch sind. Kann doch auch erst auf Grund von,
nämlich erst in Form von Ausdehnung als dem Sich-Ausdehnen, das
als Subjekt ein autonomer Grund sein muß, dann auch noch etwas
Anderes als ein Subjekt zu dem heteronomen Grund für einen Inhalt
in ihm werden, was Kant als die »Affektion« eines Subjekts durch
dieses Andere bezeichnet. 45 Zum heteronomen Grund für einen In-
halt kann er dann jedoch auch nur noch als ein nachträglicher werden,
nämlich als ein Grund auf Grund von jenem autonomen als dem vor-
gängigen, der als das Formale des Sich-Ausdehnens sich dieses oder
jenes Inhaltliche somit selbst dynamisch zuzieht. Nie und nimmer
nämlich könnte das Ergebnis solcher »Affektion« durch etwas Ande-
res als ein Subjekt gleichwohl zu etwas Subjektivem werden: zu dem
inhaltlichen »Sinnesdatum«, läge nicht dieses Sich-Ausdehnen zu
Zeit oder zu Raum als das formale Subjektive immer schon zugrunde.
Doch all dies verstellt sich Kant, indem er es zu etwas anderem
entstellt, das es nicht ist. Und dies obwohl das alles nachweislich in
seinem Sinn ist, weil es sich aus seinen Texten hinreichend belegen
läßt. Da ihm die neue Art von Synthesis als die Dynamik des Sich-
Ausdehnens nur wie von ferne vorschwebt, kann er sie nicht einmal
ansatzweise in den Griff bekommen, sondern nur entstellen zur Dy-

44 Vgl. z. B. B 110, A 162 B 201.


45
Vgl. z. B. A 288 B 344, A 358.

98
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

namik der Zusammensetzung. Deshalb galt und gilt es weiter, sie aus
dieser Art ihrer Entstellung zu befreien, um sie Schritt für Schritt als
jene eigentliche zu gewinnen. Der entscheidende von diesen Schritten
nämlich steht noch aus. Denn eine weitere und noch tiefergehende
Möglichkeit besteht, die Sache einer Ausdehnung im Sinn eines
Sich-Ausdehnens als Sache einer Quantität statt Qualität von Grund
auf zu verkennen, was Kant gleichfalls nicht erspart blieb.
Sie auch noch aus dieser Art ihrer Entstellung freizulegen, wird
denn auch verständlich machen, daß sie als Dynamik des Sich-Aus-
dehnens tatsächlich eine autonome Spontaneität sein muß. Denn
auch erst das ihr eigene Gesetz oder Prinzip, nach dem sie als Sich-
Ausdehnen erfolgt, vermag dann zu erklären, daß es gerade die Aus-
dehnungen von Zeit und Raum sind, wozu sie sich ausdehnt.

§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums


von Zeit und Raum

Soweit sie bisher vorgetragen wurde, könnte die Behandlung von


Kants Theorie der Synthesis als der dynamischen Erzeugung des
Kontinuums von Zeit und Raum auf Unbehagen stoßen. Könnte da-
nach doch der Eindruck herrschen, die damit verbundene Kritik sei
ungerecht. Sie suche Kant auf etwas festzulegen, das er gar nicht
meine: Daß er Ausdehnung als Qualität verkenne, da er sie von vorn-
herein als Quantität betrachte, treffe gar nicht zu, weil er sie zwar als
extensive Größe, diese aber eben nur als unbestimmte Größe oder
Quantität verstehe. Die Kritik daran sei aber nicht berechtigt, weil er
dadurch doch auch nur die Ausdehnung als Qualität umschreibe, die
auch ihm als die Voraussetzung für jegliche bestimmte Quantität von
ihr geläufig sei.
So weise doch er selbst im Fall der Ausdehnung des Raums zum
Beispiel darauf hin, daß durch einen »Begriff« wie »Raum« oder wie
»Ausdehnung« von einer Ausdehnung oder von einem Raum die Re-
de sei, »der sowohl [einem] Fuße, als [auch] einer Elle gemein ist«.
Denn es handle sich dabei nur um »die Grenzenlosigkeit im Fortgan-
ge der [Ausdehnung für] Anschauung« als »der Unendlichkeit der-
selben«, so daß auch dieser »Begriff« von ihr oder von ihm »in An-
sehung der Größe nichts bestimmen […] kann«. 1 Dies aber lasse sich

1
A 25 (kursiv von mir).

99
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

doch wohl nur so verstehen: Mit solcher Ausdehnung, wie sie der Elle
und dem Fuß »gemein[sam]« sei, meint Kant die Ausdehnung als
Qualität, die schon vor jeder Einteilung durch diese oder jene Maß-
einheit gegeben sein muß: ob es die von Elle oder Fuß sei oder eine
andere. Und daß man für diese Ausdehnung als Qualität »in An-
sehung der Größe nichts bestimmen kann«, bedeute dann doch wohl,
daß es bei ihr sich eben nur um eine unbestimmte Größe handeln
kann.
Die erstere auf diese Art zu kennzeichnen, sei aber nicht nur eine
letztlich harmlose Umschreibung für die Ausdehnung als Qualität,
sondern sogar die einzig angemessene Bezeichnung für sie. Soll mit
Ausdehnung als Qualität doch auch ausschließlich die Dynamik einer
Ausdehnung als Ausdehnen gemeint sein, weil sie doch auch aus-
schließlich als dieses eine unbestimmte sei. Denn als die Statik einer
Ausgedehntheit sei sie ja eine bestimmte, was jedoch nichts anderes
bedeuten könne als: eine bestimmte Quantität oder bestimmte Grö-
ße. Also müsse förmlich die Dynamik einer Ausdehnung als Ausdeh-
nen, als das sie eine unbestimmte ist, auch eine unbestimmte Größe
sein als eine unbestimmte Quantität von Qualität.
Dies nämlich müsse doch auch in der Tat als zwingend gelten,
wenn man dafür jenes Beispiel Kants vom »Ziehen einer Linie« wei-
terhin zugrundelege. Denn bedeute dieses Ziehen grundsätzlich das
Ausdehnen von ihr, dann sei mit diesem auch das Zunehmen von ihr
verbunden, das indes auch nur das Zunehmen von ihr als Größe oder
Quantität bedeuten könne. Doch als zunehmende könne diese ihre
Größe oder Quantität dann auch keine bestimmte sein, sondern nur
eine unbestimmte. Als eine bestimmte nämlich trete ihre Größe oder
Quantität erst auf, wenn Ausdehnung nicht mehr als Ausdehnen von
einer Linie zunehme, sondern schon feststehe als diese oder jene Aus-
gedehntheit von ihr. –
Damit aber würden gleich zwei Irrtümer auf einmal unterlaufen.
Denn so wäre nicht allein verkannt, wie Kant diese Dynamik einer
Ausdehnung als Ausdehnen verstehen möchte, die ihm durch das
Ziehen einer Linie als Beispiel allenfalls von ferne vorschwebt. Da-
durch würde auch vor allem noch verdeckt, daß diese Unbestimmt-
heit einer Ausdehnung als der Dynamik eines Ausdehnens tatsäch-
lich nur die Sache ihrer Qualität ist und nicht ihrer Quantität, was
wiederum besagt: Verdeckt würde dadurch vor allem auch noch, daß
durchaus nicht diese unbestimmte Qualität von Ausdehnung als
Ausdehnen bestimmt wird, wenn die Quantität von ihr bestimmt

100
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

wird, sondern daß es dazu eines gänzlich andern Schritts bedarf, zu


dem Kant nicht mehr ansetzt.
Beide diese Irrtümer beruhen aber letztlich wieder einmal auf
dem Fehler falscher Spezifikation. Sie nämlich unterläuft hier als Ver-
such, zwischen der »Quantität« als »unbestimmter« und »bestimm-
ter« zu spezifizieren, der nur scheitern kann. Denn »Quantität« be-
deutet schon als solche selbst »bestimmte Quantität«, weshalb dieser
Begriff im Grunde tautologisch ist und »unbestimmte Quantität« als
Gegenteil zu ihm im Grunde widersprüchlich ist. Daß Kant in jenem
Text die Ausdehnung als unbestimmte Quantität vertrete, ist denn
auch ein Fehlschluß: Daß »in Ansehung der Größe« einer Raumaus-
dehnung, wie sie als Gemeinsamkeit von Elle oder Fuß vor beiden
vorgegeben sei, sich »nichts bestimmen« lasse, daraus folgt mitnich-
ten, daß sie also eine unbestimmte Größe oder unbestimmte Quanti-
tät sein müsse. Das bedeutet vielmehr nur, daß sie als solche so etwas
wie eine Größe oder Quantität noch überhaupt nicht sein kann, eben
weil sie dazu stets erst werden kann. Denn dazu werden kann sie erst
durch ihre Einteilung nach einem Fuß oder nach einer Elle oder einer
andern Maßeinheit, wodurch sie dann jedoch auch schon von vorn-
herein eine bestimmte Größe oder Quantität sein muß. 2
Daß sich für Ausdehnung als solche selbst »in Ansehung der
Größe nichts bestimmen« läßt, ist somit auch nur eine negative oder
indirekte Charakterisierung für die Ausdehnung als Qualität. Ent-
sprechend fragt sich auch nur umso dringlicher: Wie ließe sie als diese
bloße Qualität direkt und positiv sich charakterisieren, eben sich qua-
lifizieren statt quantifizieren, so daß sie als unbestimmte selbst noch
weiter zu bestimmen wäre? Daß Kant diese Frage ungestellt läßt, liegt
denn auch noch daran, daß er diese Ausdehnung durchaus nicht als
die bloße Qualität benötigt, wenn er sie als die Dynamik eines Aus-

2
Nicht einmal der Umgangssprachgebrauch, wo das Wort »groß« als einstelliges
Prädikat verwendet werden kann, ist ein Beleg dafür, daß sich mit Sinn von einer
unbestimmten Größe sprechen lasse. Denn bloß scheinbar zeigt ein Fall, wo nur von
einem einzigen Objekt gesagt wird, es sei groß, daß deshalb seine Größe hier auch nur
als eine unbestimmte angesprochen sein kann. Hat doch Aristoteles schon aufgedeckt:
Der Sinn von Größe, der in einem solchen Fall grammatisch einstellig zu sein scheint,
ist semantisch mehrstellig, weil hinter »groß« sich dabei eigentlich der Komparativ
»größer als« verberge. Denn etwa von einem Berg zu sagen, er sei groß, bedeute
eigentlich, er sei größer als andere Berge. In Bezug auf deren (Durchschnitts-)Größe
als die Maßeinheit für ihn ist seine Größe denn auch hier bereits eine bestimmte.
Denn sonst wäre, so begründet Aristoteles, nicht möglich, daß ein Berg auch klein
sein und ein Hirsekorn auch groß sein kann (Kategorien 5 b 16 ff.).

101
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

dehnens behandelt. Und erst recht benötigt Kant sie dabei nicht etwa
als »unbestimmte Größe« oder »unbestimmte Quantität«, weil Aus-
dehnen als Zunehmen auch angeblich nur eine unbestimmte sei.
Denn auch als das Dynamische von Ausdehnen als Zunehmen ist
Ausdehnung vielmehr von vornherein eine bestimmte Größe oder
Quantität, sobald sie grundsätzlich als Sache einer Größe oder Quan-
tität behandelt wird, wie Kant dies tut. Und wie sich zeigen läßt, gilt
auch tatsächlich, daß er Ausdehnung dabei von vornherein schon als
bestimmte Größe oder Quantität behandelt, weil er Ausdehnung
auch nur in einem ganz beschränkten Sinn als Ausdehnen betrachtet.
Denn sein Beispiel dafür, jenes »Ziehen einer Linie«, stellt auch
das noch sicher. Wie er es versteht, zeigt nämlich eine Stelle, wo er
einmal nicht vom Ziehen einer, sondern mehr als einer Linie spricht.
Danach ist dieses Ziehen als die »produktive Synthesis« 3 von dieser
oder jener Linie durch ein Subjekt die Sache seiner »produktiven Ein-
bildungskraft, welche die Linien größer oder kleiner ziehen […]
kann«. 4 Erweist doch auch allein schon dies, daß er so eine Linie, wie
solches Ziehen sie dynamisch ausdehnt, als eine bestimmte Größe
oder Quantität betrachtet. Solche Linien so aufzufassen, daß sie da-
durch »größer oder kleiner« seien, setzt nämlich voraus, auch eine
Maßeinheit noch mitzudenken, in Bezug auf die sie größer oder klei-
ner sind. Und zwar gleichviel, an welche Maßeinheit er dabei denken
mag: ob nur an diese Linien selbst, von denen nur die eine größer
oder kleiner als die andere sei, oder auch noch an eine als dieselbe
Maßeinheit für beide, in Bezug auf die dann jede unabhängig von
der andern größer oder kleiner sei. Denn beidenfalls muß sowohl jede
dieser Linien als auch jede Maßeinheit für sie eine bestimmte Größe
oder Quantität sein. Kann doch auch nur dann mit Sinn von größeren
oder kleineren Linien die Rede sein.
Den Sinn, den Kant hier mit der Ausdehnung als der Dynamik
eines Ausdehnens verbindet, bringt er denn auch selbst auf einen an-
gemessenen Begriff. Und zwar nicht zufällig an einer Stelle, wo er
später noch einmal auf seine Theorie der Synthesis von Zeit und
Raum als Arten einer Ausdehnung zurückblickt, so daß ihm der Sinn
von dieser Theorie hier klar vor Augen steht. Wie er sie dort in den
zwei »mathematischen Grundsätzen« darlegt, so nennt er sie hier
jetzt »die zwei ersten Arten der Zusammensetzung der Vorstellun-

3 A 170 B 212.
4
A 164 f. B 205 (kursiv von mir).

102
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

gen« und sagt von diesen beiden Arten solcher Synthesis: »Man
könnte« diese als »die mathematische[n]« bezeichnen, und fügt zur
Erläuterung in Klammern unmittelbar noch hinzu, sie seien als »die
mathematische[n]« die »Arten der Zusammensetzung« in dem Sinn
der Synthesis als »der Vergrößerung«. 5
An ihr jedoch fällt schon bei erstem Hinsehen auf: Ersichtlich ist
es nur die neue Art von Synthesis, die Kant nunmehr durch den bis-
lang genauesten Begriff einer »Vergrößerung« bezeichnet. Gleich-
wohl aber nennt er das, was sie zustandebringt, noch immer »Arten
der Zusammensetzung«. Das jedoch galt vielmehr für die alte Art
von Synthesis, die deswegen nicht haltbar war. Daß dies auch unter
dem bisher genauesten Begriff für diese neue Art von Synthesis als
die »Vergrößerung« noch immer gelten soll, muß daher auch zu-
nächst einmal befremden. Denn dieser Begriff scheint der Dynamik
als dem Ausdehnen von Ausdehnung ja voll gerecht zu werden. Zeigt
sich doch auch erst bei näherem Hinsehen, daß dies trotzdem durch-
aus folgerichtig ist, nämlich gerade dann, wenn Kant es mit diesem
Begriff für sie als die »Vergrößerung« genau nimmt.
Denn das kann auch nur bedeuten: Diese neue Art von Synthesis
als die Dynamik eines Ausdehnens von Ausdehnung bringt Kant jetzt
voll auf den Begriff, der einzig angemessen für sie ist. Betrachtet Kant
doch auch die neue Art von Synthesis noch ausschließlich als eine
Sache solcher Ausdehnung als Größe oder Quantität und so gerade
nicht als Sache ihrer Qualität. Und als »Vergrößerung« von Ausdeh-
nung ist Ausdehnen von Ausdehnung denn auch erst recht nur eine
Sache der bestimmten Größe oder Quantität von ihr, und nicht etwa
der unbestimmten, die allein sie angeblich als dabei zunehmende bil-
den könne. Denn dasselbe, was für Ausdehnen von Ausdehnung, die
»größer oder kleiner« ist, vorausgesetzt sein muß, das muß erst recht
für Ausdehnen von Ausdehnung im Sinn einer »Vergrößerung« vor-
ausgesetzt sein: das Bestimmte einer Größe oder Quantität.
Vorausgesetzt muß dieses nämlich für Vergrößerung sogar
gleich zweifach sein, und zwar genau in dem Sinn, in dem Kant die
Synthesis, die ihr zugrundeliegt, als »mathematische« bezeichnet.
Denn mit Sinn kann von einer Vergrößerung bekanntlich nur die
Rede sein im Rahmen einer mathematischen Berechnung, um wie-
viele Einheiten von dieser oder jener Maßeinheit eine Vergrößerung

5Bd. 7, S. 177 Anm. (kursiv von mir). Der Text, zu dem Kant diese Anmerkung
macht, ist bedeutsam und zum richtigen Verständnis ihres Sinns auch zu beachten.

103
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

erfolgt, indem nämlich ein »Faktor« dafür angegeben werden kann.


Bei solcher mathematischer Berechnung handelt es sich also grund-
sätzlich um eine »Multiplikation«, in deren Rahmen dieser eine Fak-
tor als »Multiplikator« den »Multiplikanden« als den anderen multi-
pliziert.
Wenn das, was so berechnet wird, jedoch das Ausdehnen als die
Vergrößerung von Ausdehnung sein soll, muß jeder von diesen Fak-
toren nicht nur eine Größe, nämlich eine Zahlen-Größe sein, sondern
auch noch eine bestimmte Zahlen-Größe. Diese aber muß dann wie-
derum im Sinn von einer endlichen eine bestimmte sein, die zwischen
null liegt und unendlich. Denn im Rahmen der Berechnung von Ver-
größerung als einem Ausdehnen von Ausdehnung durch Multiplika-
tion kann weder als Multiplikator noch auch als Multiplikand ein
Faktor null oder unendlich sinnvoll sein. Dabei muß vielmehr jeder
solche Faktor ein bestimmter endlicher dazwischen sein, auch wenn
sie sich dabei als Zahlengrößen voneinander unterscheiden.
Zu beachten gilt es nämlich, daß allein die Zahlengröße des Mul-
tiplikanden dabei auch noch zu einer Ausdehnungsgröße wird, weil
dessen Zuordnung zu einer Ausdehnung auch sie noch zu einer Aus-
dehnungsgröße macht. Dagegen bleibt die Zahlengröße des Multi-
plikators dabei eine bloße Zahlengröße, nämlich eine bloße Rechen-
größe, der die bloße Durchführung der Rechnung zufällt. So etwa,
wenn eine Linie von 4 Zentimetern als Multiplikand mit dem Multi-
plikator 3, der dabei nicht etwa auch seinerseits für eine Linie von
3 Zentimetern steht, multipliziert wird und in diesem Sinn vergrö-
ßert wird zu einer Linie von 12 Zentimetern.
Diesem ihrem Unterschied zum Trotz gilt also, daß von solchen
Zahlengrößen jede als eine bestimmte eine endliche sein muß. Dies
aber heißt dann, daß auch jede Ausdehnung, der eine solche Zahlen-
größe zugeordnet wird, um sie als den Multiplikanden mit einem
Multiplikator zu multiplizieren, als eine bestimmte eine endliche sein
muß. Kann doch auch insbesondere für sie nur unverständlich blei-
ben, welchen Sinn eine Vergrößerung als die Dynamik eines Ausdeh-
nens von Ausdehnung denn haben sollte, wäre diese nicht im Sinn
von einer endlichen eine bestimmte Größe. Denn auch dann, wenn
der Multiplikator dabei eine solche Größe wäre, müßte unerfindlich
bleiben: Wie denn könnte eine Multiplikation eines Multiplikanden,
der für eine Ausdehnung der Größe null oder unendlich steht, eine
Vergrößerung als die Dynamik eines Ausdehnens von Ausdehnung
bedeuten? Eine rechnerische Wiedergabe dafür kann vielmehr nur

104
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

eine Multiplikation sein, welche nicht bloß zu ihrem Multiplikator,


sondern auch noch zu ihrem Multiplikanden eine Größe als bestimm-
te endliche besitzt, so daß zuletzt auch eine Ausdehnung als ein Mul-
tiplikand bei einer Multiplikation nur eine Größe als eine bestimmte
endliche sein kann.
Dann aber läßt auf einmal sich verstehen, daß Kant auch das, was
diese neue Art von Synthesis im Sinn einer Vergrößerung zustande-
bringt, als »Arten der Zusammensetzung« auffaßt. Kann sie nämlich
als die »mathematische«, als die er sie betrachtet, nur die Sache einer
Multiplikation sein, so bedarf es dafür nur noch der Berücksichti-
gung, wie die Mathematiker so eine Multiplikation verstehen. Da-
nach nämlich ist sie »eine abkürzende Schreibweise« für eine Addi-
tion gleicher Summanden, 6 wie zum Beispiel »3 mal 4« die Abkür-
zung für »4 plus 4 plus 4« ist. Eine Addition ist aber gar nichts
anderes als die mathematisch angemessene Wiedergabe für eine Zu-
sammensetzung. Und so wird verständlich, daß auch diese neue Art
der Synthesis von Ausdehnung, die Kant am Ziehen einer Linie als
Beispiel vorschwebt, ihm noch immer wie die alte als Zusammenset-
zung gilt. Trotz der Dynamik, die das Ziehen einer Linie an ihr her-
vorhebt, unterliegt die neue somit auch denselben Einwänden, durch
die sie wie die alte unhaltbar ist.
Kann doch von ursprünglichem Erzeugen einer Ausdehnung als
ursprünglichem Ausdehnen von ihr dann auch nicht bei der neuen
Art von Synthesis die Rede sein, wenn schon ein jedes von den Glie-
dern, woraus sie als die Zusammensetzung von ihnen erfolgt, eine
bestimmte endliche Ausdehnung sein muß. Dafür nämlich bleibt es
gleichgültig, ob solche Synthesis eine Dynamik der Vergrößerung
von Ausdehnung nun in dem Sinn der Multiplikation oder der Addi-
tion ist. Denn wie eine Multiplikation den Sinn von Ausdehnen als
dem Vergrößern einer Ausdehnung nicht haben kann, wenn die Fak-
toren dabei von der Größe null oder unendlich sind, so auch nicht
eine Addition, wenn die Summanden dabei von der Größe null oder
unendlich sind. Auch dabei also ist die Ausdehnung, die ursprünglich
erzeugt und hergeleitet werden soll, vielmehr vorausgesetzt, weil sie
als jedes Glied solcher Zusammensetzung schon eine bestimmte end-
liche sein muß.
Auch das an dieser neuen Art von Synthesis hervorgehobene
Dynamische kann also nicht hinwegtäuschen darüber, daß sie eigent-

6
Knerr 1989, S. 86.

105
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

lich die alte ist. Und das bedeutet: Was am Ziehen einer Linie als dem
bloßen Beispiel für sie wirklich neu ist gegenüber dieser alten, weil es
wirklich etwas Anderes als Zusammensetzen ist, all das bekommt
Kant überhaupt nicht in den Griff. Daher vermag er es auch nicht
aus ihm herauszuholen und in eine Theorie von ihm zu überführen,
um es hier auf einen angemessenen Begriff zu bringen. Wäre dazu
doch erforderlich, zum einen zwar an diesem Ziehen einer Linie fest-
zuhalten, doch zum anderen auch jede Vorstellung der Quantität von
ihm zunächst noch strengstens fernzuhalten, um zunächst einmal der
Qualität von ihm als einem Ausdehnen von Ausdehnung gerecht zu
werden. Denn genau das letztere ist es, woran es Kant von Grund auf
fehlen läßt, indem er Ausdehnung und Ausdehnen von Ausdehnung
bereits von vornherein und ausschließlich als eine Sache ihrer oder
seiner Quantität betrachtet und behandelt.
Um jedoch auch richtig einzuschätzen, was Kant hier versäumt,
muß man berücksichtigen: Das ist etwas Wichtiges, das nicht nur die
Philosophie, sondern auch die Mathematik und mathematisch-geo-
metrische Physik bis heute immer noch versäumt. Und zwar selbst
dort, wo mindest letztere es nicht versäumen dürften, weil es wesent-
lich dazugehört, nämlich in der Topologie als neuestem Spezialgebiet
der Geometrie. Ein Spezialgebiet derselben ist sie nämlich als eine
»Geometrie […], die sich mit den Lagebeziehungen zwischen geo-
metrischen Gebilden befaßt und dabei Quantitäten und das Rechnen
mit Größen völlig außer Acht läßt«. 7 Denn als eine Art von »Gummi-
tuchgeometrie […] untersucht [sie] Eigenschaften, die unverändert
bleiben, wenn Raum gedehnt oder anderweitig verformt wird (ohne
daß dabei Stücke […] abgetrennt oder […] Löcher gebohrt werden)«, 8
kurz: wenn solches Verformen wie etwa ein Ausdehnen oder ein
Schrumpfen geometrischer Gebilde als Kontinuum dabei erhalten
bleibt, indem es nicht zu Diskretionen darin kommt. 9
Etwas Bemerkenswertes aber läßt sich feststellen, wenn versucht
wird, diese Grundidee einer speziellen topologischen Behandlung an
konkreten geometrischen Gebilden darzulegen. So zum Beispiel in
einem Zusammenhang, wo vor wie nach diesem Versuch des länge-
ren die Rede ist von Grundgebilden der Geometrie wie Punkten, Li-

7
Livio 2010, S. 248 f.
8 A. a. O., S. 253.
9
Vgl. Stewart 2010, S. 201.

106
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

nien, Flächen. 10 Doch sobald versucht wird, deren topologische Be-


handlung zu erörtern, ist auf einmal ohne jegliche Erläuterung nur
von den Linien oder Flächen noch die Rede, während von den Punk-
ten einfach stillgeschwiegen wird, von denen aber schon 3 Zeilen spä-
ter wieder wie zuvor die Rede ist. 11
Dies aber fällt nicht nur an solchen älteren Texten auf, 12 sondern
auch noch an neuesten. So etwa in einem Zusammenhang, der über
Punkte, Linien, Flächen als die »Ecken«, »Kanten«, »Oberflächen«
eines Körpers spricht, 13 und zwar sowohl bevor wie auch nachdem
versucht wird, zu erörtern, wie »Topologie« als »Gummituch-Geo-
metrie« von ihnen handelt, die berücksichtigt: sie »schrumpfen,
strecken oder biegen sich«. 14 Sobald jedoch die Sprache darauf
kommt, ist plötzlich ohne jegliche Erläuterung nur von den »Kanten«
(Linien) oder »Oberflächen« (Flächen) eines Körpers noch die Rede,
während von den »Ecken« (Punkten) einfach stillgeschwiegen wird. 15
Dies kann nur heißen, daß man so, als ob das selbstverständlich sei,
voraussetzt: Nur bei so etwas wie Linien oder Flächen kann mit Sinn
von so etwas wie Schrumpfen oder Ausdehnen die Rede sein, doch
nicht bei Punkten.
In genau dem Maße aber, in dem sich das in der Tat von selbst
versteht, wird auch ersichtlich, daß von einem Schrumpfen oder Aus-
dehnen auch hier nur als einem Vergrößern von etwas oder Verklei-
nern von etwas die Rede ist. Versteht sich dann doch auch tatsächlich
schon von selbst: Weder das letztere noch auch das erstere kann je-
mals einen Punkt betreffen. Denn um erst einmal beim Beispiel einer
Linie zu bleiben: Weder kann das Schrumpfen einer Linie als Verklei-
nern von ihr jemals so beendet werden, daß dieses bei einem Punkte
ankommt. Noch auch kann das Ausdehnen von einer Linie als Ver-
größern von ihr jemals so begonnen werden, daß dieses von einem
Punkte ausgeht. Vielmehr ist das eine wie das andere nur möglich,
wenn sowohl dasjenige, was vergrößert wird oder verkleinert wird,
wie auch dasjenige, wozu etwas vergrößert wird oder verkleinert
wird, grundsätzlich eine (kleinere oder größere) Linie ist.

10 Weyl 1990, S. 34–46.


11 A. a. O., S. 41.
12 Dieser stammt bereits von 1928.
13
Stewart 2010, S. 200–215.
14 A. a. O., S. 201.
15
A. a. O., S. 201, S. 203.

107
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Läßt doch vom einen wie vom anderen nur dann sich sinnvoll
reden, wenn Faktoren angebbar sind, die im Rahmen einer Multipli-
kation das eine wie das andere regeln. Möglich aber ist das eben nur,
wenn jeder von diesen Faktoren eine Zahlengröße zwischen null ist
und unendlich, was besonders auch für den Multiplikanden gilt, der
grundsätzlich für eine Ausdehnung als etwas größer null stehen muß.
Dies aber gilt für eine Nichtausdehnung wie den Punkt, dem eine
Zahlengröße null entspricht, gerade nicht, so daß er danach weder
das sein kann, wovon ein Ausdehnen von einer Linie als Vergrößern
ausgeht, noch auch das, wobei ein Schrumpfen von ihr als Verklei-
nern ankommt. Auf dem Weg einer Verkleinerung oder Vergröße-
rung kann demnach, kurz gesprochen, weder eine Linie zu einem
Punkt noch auch ein Punkt zu einer Linie werden, also weder eine
Linie in einen Punkt noch auch ein Punkt in eine Linie übergehen.
Dann jedoch erweist sich ferner, daß bei jener topologischen Be-
trachtung, so als sei das selbstverständlich, stillschweigend noch sehr
viel mehr vorausgesetzt wird: nicht bloß bei den gar nicht erst er-
wähnten Punkten, sondern auch bei den sehr wohl erwähnten Linien
oder Flächen. Daß bei ihnen, deren jede eine Ausdehnung grundsätz-
lich ist, auch jenes Schrumpfen oder Ausdehnen als ein Vergrößern
oder ein Verkleinern möglich ist, gilt nämlich nur in einer Hinsicht
und in einer anderen genausowenig wie beim Punkt. Denn geo-
metrisch-topologisch ist bekanntlich eine Linie nur in einer Hinsicht
eindimensional und eine Fläche nur in einer Hinsicht zweidimensio-
nal, in einer andern Hinsicht aber jede nulldimensional, weil eine
Linie oder eine Fläche als »unendlich dünn« bzw. als »unendlich
flach« gilt: also letztlich als »punktdünn« oder »punktflach«.
In dieser andern Hinsicht nämlich hat auch noch die Linie und
die Fläche wie der Punkt die Nichtausdehnung null. Genau in dieser
zweiten Hinsicht kann daher auch bei der Linie oder Fläche nicht mit
Sinn von einem Schrumpfen oder Ausdehnen als der Vergrößerung
oder Verkleinerung von ihr die Rede sein, sondern allein in jener
ersten. Auf dem Weg einer Vergrößerung oder Verkleinerung kann
demnach, kurz gesagt, auch eine Fläche nicht zu einer Linie werden
oder eine Linie zu einer Fläche, und so auch nicht eine Fläche überge-
hen in eine Linie oder eine Linie in eine Fläche. Auch all dies jedoch
setzt jene topologische Betrachtung stillschweigend voraus, als ob es
selbstverständlich wäre, was es aber gar nicht ist. Von selbst versteht
es sich für sie vielmehr nur, weil auch sie von Ausdehnungen und
vom Schrumpfen oder Ausdehnen derselben bloß als Quantitäten

108
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

handelt, auch wenn sie, wie schon bemerkt, »das Rechnen mit [ihnen
als] Größen völlig außer Acht läßt«.
Ganz und gar nicht selbstverständlich aber ist all dies, wenn man
noch mitbeachtet: Ausdehnung und Ausdehnen von ihr als Quantität
setzt Ausdehnung und Ausdehnen von ihr als Qualität voraus, weil
eine Quantität von ihr oder von ihm nur eine Quantität der Qualität
von ihr oder von ihm sein kann. Und das gilt insbesondere, wenn
Ausdehnung, ob nun als Zeit oder als Raum, nicht länger, wie nach
Aristoteles, etwas Gegebenes sein soll, sondern etwas Erzeugtes, wie
nach Kant. Dies aber müßte heute mindest ansatzweise auch in der
Mathematik und mathematisch-geometrischen Physik beachtet wer-
den, und nicht nur in subjektiver Hinsicht, sondern auch in objek-
tiver.
Denn beachten müßte man das nicht nur dort, wo man die Aus-
dehnung von Zeit und Raum gerade als Kontinuum für eine »Illu-
sion« hält, weil sie danach etwas sei, was wir uns als Subjekte
machen. Vielmehr müßte man das auch in der Kosmologie berück-
sichtigen, weil sie heute auf den Kosmos angewandte mathematisch-
geometrische Physik ist. Auch nach ihr soll heute nämlich gelten, daß
zusammen mit der Ausdehnung des Kosmos auch noch Zeit und
Raum als Ausdehnungen allererst entstehen, weil die Ausdehnung
des Kosmos keineswegs in eine Zeit oder in einen Raum hinein erfol-
ge, die als Ausdehnungen schon bestehen. Und zwar sei dieses Ent-
stehen etwa im Fall des Raums als Ausdehnung so zu verstehen, daß
dabei jeder Punkt des Raums in Ausdehnung begriffen sei. 16
Dies aber muß von Grund auf unverständlich bleiben, weil auch
hier das Ausdehnen von Ausdehnung des Raums oder der Zeit von
vornherein und durchwegs als Vergrößerung verstanden wird, die
meßbar sei, so daß zum Beispiel auch die unterschiedliche Geschwin-
digkeit von ihr sich messen lasse. Als Vergrößern nämlich kann ein
Ausdehnen nur das von Ausdehnungen sein, nicht das von Punkten
(weil dies letztlich widersprüchlich wäre), also nur ein Ausdehnen
von Ausdehnung, die schon besteht. Entsprechend kann auch hier
von Zeit oder von Raum als einer Ausdehnung, die erst entstehe, also
ursprünglich entstehe, keine Rede sein: genausowenig wie bei Kant
und seiner Synthesis im Sinn einer Zusammensetzung.
Vielmehr könnte von einem ursprünglichen Entstehen der Aus-
dehnung von Zeit oder von Raum genauso wie bei Kant auch hier nur

16
Vgl. dazu Friebe 2004 b.

109
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

dann gesprochen werden, wenn erst einmal strengstens unterschie-


den würde zwischen Ausdehnung als Quantität und Qualität, dann
aber eben auch noch zwischen Ausdehnen im Sinn der Quantität und
Qualität. Denn dabei könnte auch nur ersteres, das Ausdehnen im
Sinn der Quantität, als ein Vergrößern gelten, während letzteres,
das Ausdehnen im Sinn der Qualität, einer von Grund auf anderen
Begriffsbildung gehorchen müßte. Sie ist somit das, was hier noch
immer wie bei Kant versäumt wird.
Erste Schritte, um das nachzuholen, ergeben sich jedoch schon
folgerichtig aus dem vorigen.
Denn förmlich folgern läßt sich daraus etwas, das bereits den
Sinn von Ausdrücken wie »Ausdehnung« und »Ausdehnen« als sol-
chen selbst betrifft. Soll nämlich Ausdehnen im Sinn von Quantität
soviel bedeuten wie Vergrößern, dann folgt zwingend, daß es auch
nur Ausdehnen von dieser oder jener Ausdehnung bedeuten kann.
Das heißt: Es kann auch immer nur von dieser oder jener Ausdeh-
nung die Rede sein, wenn von dem Ausdehnen als dem Vergrößern
von etwas die Rede ist. Um abermals zunächst beim Beispiel einer
Linie zu bleiben: Nur von einer Linie kann die Rede sein, die eine
Ausdehnung schon ist, wenn von dem Ausdehnen als dem Vergrö-
ßern von etwas die Rede ist, wonach mit jenem Ziehen einer Linie
eben nur Verlängern einer Linie gemeint sein könnte, sprich: Vergrö-
ßern ihrer Länge.
Soll dagegen Ausdehnen gerade nicht im Sinn von Quantität
soviel bedeuten wie Vergrößern, dann folgt umgekehrt genauso
zwingend, daß es auch nicht Ausdehnen von dieser oder jener Aus-
dehnung bedeuten kann. Das heißt: Dann muß von etwas gänzlich
Anderem als dieser oder jener Ausdehnung die Rede sein, wenn Aus-
dehnen nicht als Vergrößern gelten soll, sondern als etwas Anderes.
Der Rückzug vom Vergrößern als dem Ausdehnen im Sinn der
Quantität kann aber nur den Rückgang auf das Ausdehnen im Sinn
der Qualität bedeuten. Und tatsächlich läßt sich dann, was »Ausdeh-
nen« im Sinn von Qualität statt Quantität bedeutet, förmlich definie-
ren. Denn dann folgt, daß es ein Ausdehnen von etwas sein muß, das
nur eine Nichtausdehnung sein kann, soll auch dieses Ausdehnen im
Sinn der Qualität noch seinen Grundsinn haben, wonach es ein Aus-
dehnen von etwas, nicht von nichts ist.
Gilt von ihm doch keineswegs, es müßte etwa, nur weil auch es
selbst ein Ausdehnen von etwas sein muß, auch sogleich ein Ausdeh-
nen von Ausdehnung als ein Vergrößern sein. Dieses zu meinen,

110
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

heißt vielmehr, genau das zu versäumen, was es nachzuholen gilt: Ein


Ausdehnen von etwas kann es vielmehr auch in dem Sinn sein, daß es
zunächst einmal, im Sinn der Qualität, ein Ausdehnen von Nicht-
ausdehnung ist, wenn anders auch ein Fall von Nichtausdehnung
etwas und nicht nichts ist. Und das wird man insbesondere dort, wo
man von Punkten, Linien, Flächen handelt und sie dabei im genann-
ten Sinn als Nichtausdehnungen betrachtet, auch am allerwenigsten
verleugnen können. Jedenfalls ist mindest soviel nun gesichert: Hin-
ter »Ausdehnen« verbergen sich zwei grundverschiedene Begriffe, je
nach dem, ob es sich dabei um ein Ausdehnen von Ausdehnung oder
ein Ausdehnen von Nichtausdehnung handeln soll. Und diese lassen
sich als Ausdehnen im Sinn der Quantität (»Vergrößerung«) und
Ausdehnen im Sinn der Qualität verstehen und definieren, wenn
auch ohne daß im Fall des letzteren sich dann sogleich auch die Ent-
sprechung zu »Vergrößerung« im Fall des ersteren ergäbe.
Was ein Ausdehnen im Sinn der Qualität entsprechend zum Ver-
größern als dem Ausdehnen im Sinn der Quantität bedeuten muß,
ergibt sich vielmehr erst durch weitere Folgerungen, wenn man wei-
terhin zunächst bei jenem Ziehen einer Linie als Beispiel bleibt. Legt
man die letzten Folgerungen nämlich schon zugrunde, folgt des wei-
teren: Jene neue Art von Synthesis, die Kant bei diesem Beispiel vor-
schwebt, läßt sich nur begreifen, wenn bei diesem Ziehen einer Linie
jede Vorstellung von einer Ausdehnung, die dabei ausgedehnt wird,
strengstens unterbleibt. Denn eben das bedeutet unausweichlich, de-
ren Ausdehnen im Sinn der Quantität als ein Vergrößern von ihr
aufzufassen und mithin als ein Zusammensetzen, woran auch dessen
Dynamik überhaupt nichts ändert, wie ermittelt. Daraus aber folgt
dann zwingend, daß dies Ziehen als ein Ausdehnen auch gar nicht
das von einer Linie sein kann, die ja eine Ausdehnung schon ist. Als
solche kann die Linie also auch nicht dasjenige Etwas sein, das dabei
ausgedehnt wird, sondern nur dasjenige, wozu es ausgedehnt wird.
Dann jedoch kann dieses Ziehen das von einer Linie auch nur in dem
Sinn sein, daß Kant die Linie als das Wozu des Ausdehnens beim
Formulieren von ihm als dem Ziehen einer Linie stillschweigend be-
reits vorwegnimmt, ohne sich das klarzumachen.
Jedenfalls ist die bisherige Redeweise über »Ausdehnen von
etwas« durch ihr »von« in dem Sinn doppeldeutig, daß es sowohl das
bedeuten kann, was dabei ausgedehnt wird, als auch das, wozu es
dabei ausgedehnt wird, deren Sinn jedoch zu unterscheiden, weil ver-
schieden ist. Nur liegt es freilich nahe, diesen Unterschied zu über-

111
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

gehen, wenn jedes davon eine Ausdehnung ist, wie bei Ausdehnen im
Sinn von Quantität als dem Vergrößern. Doch selbst dabei muß noch
immer dieser Unterschied bestehen zwischen der Ausdehnung, die
ausgedehnt wird, und der Ausdehnung, zu der sie ausgedehnt wird,
auch wenn beide nur als kleinere und größere verschieden sind. Erst
recht jedoch muß dieser Unterschied bestehen, wenn nicht jedes da-
von eine Ausdehnung sein kann, sondern nur eines, von dem sich das
andere als eine Nichtausdehnung unterscheiden muß, wie es das Aus-
dehnen im Sinn der Qualität statt Quantität erfordert.
Dabei nämlich muß nur das, wozu sich etwas ausdehnt, eine
Ausdehnung sein, während dieses Etwas, das sich dabei ausdehnt,
eben eine Nichtausdehnung sein muß. Und so ist es auch vergleichs-
weise trivial, daß Ausdehnung aus Ausdehnung hervorgeht, wie bei
Ausdehnen im Sinn von Quantität als dem Vergrößern; alles andere
als trivial ist es hingegen, wenn aus Nichtausdehnung Ausdehnung
hervorgeht, wie bei Ausdehnen im Sinn von Qualität. Nicht zufällig
ist es daher auch nur das letztere, das ein ursprüngliches Entstehen
von Ausdehnung wie der von Zeit oder von Raum bedeuten kann.
Und was es als Entsprechendes zum Ausdehnen als dem Vergrößern
ist, ergibt sich, wenn man auf der Grundlage der letzten Folgerungen
noch einmal ins Auge faßt, wie Kant das Ziehen einer Linie als das
Beispiel für die eigentliche Synthesis verstehen möchte.
Dann fällt nämlich etwas auf, das ohne diese Folgerungen un-
auffällig bleibt, das aber, wenn man es zur Kenntnis nimmt, belegen
kann: Mit jener neuen Art von Synthesis will Kant auf etwas gänzlich
Anderes hinaus als auf Zusammensetzung, wie mit jener alten. Das
spezifisch Neue an ihr ist tatsächlich nicht ihre Dynamik, die sie viel-
mehr bloß gemeinsam hat mit der Zusammensetzung, sondern etwas,
das sie in der Tat spezifisch von ihr unterscheidet. Auch wenn Kant
sie immer wieder in Begriffen der Zusammensetzung irreführend
formuliert, gibt er von Anbeginn doch zu erkennen: Wenn er seine
Synthesis am Ziehen einer Linie erläutert, denkt er an eine spezifisch
andere Dynamik als die der Zusammensetzung, auch wenn er sie nie
auf den ihr einzig angemessenen Begriff bringt. Eine Synthesis sei
Ziehen einer Linie gerade in dem Sinn, so setzt Kant ein, daß es »von
einem Punkte« ausgeht, 17 folglich ausgehend »von einem Punkte«
eine Linie zieht und somit ausgehend von ihm als einer Nichtausdeh-
nung eine Ausdehnung wie diese Linie erzeugt.

17
A 162 B 203.

112
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

Tatsächlich aber wäre eine Synthesis in diesem Sinn eine ur-


sprüngliche Erzeugung, die von einer abgeleiteten wie der einer Zu-
sammensetzung sich spezifisch unterschiede, auch wenn Kant sie un-
mittelbar anschließend sogleich wieder wie diese formuliert. Im
ganzen sagt er nämlich: Solches Ziehen einer Linie bestehe darin,
zwar von einem Punkte auszugehen, doch »von einem Punkte alle
Teile [einer Linie] nach und nach zu erzeugen«. 18 Letzteres jedoch
muß abermals nach einer abgeleiteten Erzeugung als einer Zusam-
mensetzung klingen, weil doch jeder von den »Teilen« einer Linie
selbst schon eine Linie sein muß. Hält man sich indes an diesen
Punkt, von dem sie ausgeht, stellt man fest, daß sie als eine solche
abgeleitete gar nicht gemeint sein kann, sondern nur als eine ur-
sprüngliche Erzeugung.
Denn sofern nur immer, ausgehend von einem Punkt, aus die-
sem Punkt durch Ziehen eine Linie hervorgeht, tut sie das als eine,
deren Ziehen jenes ›Unaufhörliche‹ oder ›Ununterbrochene‹ der
»Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art [von
Ausdehnung]« ist, wie Kant selbst sie danach charakterisiert. 19 Und
das gilt denn auch noch für diese Linie selbst als das Synthetisierte
solcher Synthesis. Genau in diesem Sinn ist eine Linie als jenes Eine
oder Ganze ein Kontinuum, das bis ins Unbestimmt-Unendliche ver-
läuft und daher immer schon zugrundeliegt für jedes Endliche, Be-
stimmte einer Diskretion als einer Strecke innerhalb von ihm. Was
durch ein Ziehen, ausgehend von einem Punkt, aus diesem Punkt
hervorgehen kann, sind somit niemals »Teile« einer Linie, deren jeder
als diskrete Strecke etwas Endliches, Bestimmtes wäre, sondern
immer nur das Unbestimmt-Unendliche der Linie selbst als das kon-
tinuierlich Eine oder Ganze einer Ausdehnung »einer gewissen
Art«. 20
Daß Kant sogleich von »Teilen« statt zunächst von Ausdehnung
als Einem oder Ganzem spricht, liegt wieder einmal daran, 21 daß sie
freilich sich in Teile teilen läßt. Nur kann das eben nicht bedeuten,
daß ihr Ziehen als Erzeugen von ihr dahin ginge, »alle Teile [von ihr]
nach und nach zu erzeugen«, um auf diese Art die Ausdehnung von
einer Linie zu erzeugen. Denn in der Gestalt von jedem solchen Teil,

18 A 162 f B 203.
19
Vgl. dazu nochmals A 170 B 212.
20 A. a. O.
21
Vgl. dazu oben § 2.

113
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

wie klein auch immer man ihn wählen mag, muß aus dem Punkt her-
aus und über ihn hinaus die Ausdehnung von einer Linie immer
schon erzeugt sein, wenn sie als ein Linien-Teil im Unterschied zu
andern Linien-Teilen gelten soll.
Daher ist auch das »Nach und Nach« des Ziehens einer Linie, das
Kant erst auf die Vielheit »alle[r] Teile« dieser Linie bezieht, recht
eigentlich bereits das Nach und Nach des Ausdehnens der Einheit oder
Ganzheit einer Linie selbst; und die verläuft kontinuierlich ausgehend
von einem Punkt als diese Einheit oder Ganzheit selbst ins Unbe-
stimmt-Unendliche. Denn erst durch nachträgliches Anlegen von
einem Maßstab dieser oder jener Maßeinheit kann es auch noch zum
Nach und Nach der Vielheit solcher Maßeinheiten werden, die als
endliche, bestimmte Strecken dann diskrete »Teile« einer Linie bilden.
Förmlich zwingend ist denn auch, daß es bei solchem Ausdehnen
sich nicht um ein Zusammensetzen, weil auch nicht um ein Vergrö-
ßern handeln kann, wofür sein Ausgehen von einem Punkt geradezu
der Bürge ist. Denn ob Zusammensetzen als Vergrößern nun im Sinn
von Addition oder von Multiplikation verstanden wird, – in keinem
Fall kann als ein Glied der einen oder anderen ein Punkt mit seiner
Nichtausdehnung null in Frage kommen. Kann doch weder eine Mul-
tiplikation noch eine Addition in der Mathematik die Wiedergabe von
einem Vergrößern sein, wenn ein Summand oder ein Faktor inner-
halb der einen oder anderen die Zahlengröße null besitzt. Wovon das
Ziehen einer Linie ausgeht, könnte daher auch kein Ausgangs-Punkt
sein, sondern müßte eine Ausgangs-Linie sein, wenn es ein Ausdeh-
nen im Sinn eines Vergrößerns wäre und mithin eines Zusammen-
setzens.
Doch nach Kant geht es im Gegenteil gerade nicht von einer
Linie aus, sondern von einem Punkt, was somit weiter sichert: Sol-
ches Ausdehnen schwebt Kant entgegen allem Anschein nicht als ein
Vergrößern vor und so auch nicht als ein Zusammensetzen. Dann
jedoch gilt umgekehrt: Obwohl es also nicht von einer Linie ausgehen
soll, sondern von einem Punkt, soll dieses Ausdehnen jedoch sehr
wohl zu einer Linie führen: Obwohl das, was sich dabei ausdehnt,
nur ein Punkt sein könnte, müßte folglich dennoch das, wozu ein
Punkt sich dabei ausdehnt, eine Linie sein. So aber wäre zwar gewähr-
leistet, daß es sich dabei um ursprüngliches Entstehen von Ausdeh-
nung der Qualität nach handeln müßte, weil dabei aus Nichtausdeh-
nung Ausdehnung entspringen würde. Gleichwohl bleibt die Frage,
ob das auch verständlich werden könnte.

114
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

Denn das könnte es nur dann, wenn es imstande wäre, all das zu
erklären, was Ausdehnung der Qualität nach auch tatsächlich ist,
wenn sie die Ausdehnung von Zeit oder von Raum ist. Geht doch jede
Theorie, die wissenschaftlich vorgeht, dahin, einen Anspruch zu er-
heben, der in äußerster Verkürzung lautet: »X läßt sich erklären,
wenn man annimmt, daß …«. Und nur, wenn sie genau diese Erklä-
rung auch erbringt, ist eben dadurch eine solche Annahme im Rah-
men einer solchen Theorie gerechtfertigt, was es in diesem Fall be-
sonders zu beachten gilt. Vereinigt diese Annahme in diesem Fall
doch zwei Begriffe, »Ausdehnung« und »Nichtausdehnung«, die sich
auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen, womit jede Theorie
von vornherein schon hinfällig sein müßte.
Denn das mindeste, was danach gelten müßte, wäre: Ausdeh-
nung und Nichtausdehnung müßten dann auch irgendeine Art von
Einheit miteinander bilden, also doch wohl etwas, das als »Ausdeh-
nung und Nichtausdehnung« gelten müßte, das es aber, wenn dies
widersprüchlich wäre, gar nicht geben könnte. Jene Linie des Geo-
meters aber gibt es, und zwar auch als das, was einerseits als Ausdeh-
nung und anderseits als Nichtausdehnung gilt, wie schon ermittelt,
ohne daß dies widersprüchlich sein kann. Und so fragt sich eben, wel-
che Art von Einheit eine Linie als Ausdehnung und Nichtausdehnung
bildet, so daß es sie widerspruchsfrei geben kann.
Das heißt: Worin genau besteht denn jene Annahme, indem ein
Punkt sich ausdehne, entspringe eine Linie? Doch weder in der An-
nahme, ein Punkt, der eine Nichtausdehnung ist, sei eine Linie als
eine Ausdehnung, noch in der umgekehrten, eine Linie, die eine Aus-
dehnung ist, sei ein Punkt als eine Nichtausdehnung, was tatsächlich
widersprüchlich wäre. Jene Annahme geht vielmehr dahin, daß ein
Punkt, wenn er sich ausdehne, zu einer Linie nur werde, wodurch sie
als eine Ausdehnung aus ihm als einer Nichtausdehnung nur entste-
he; und das wäre, wenn es sich von ersterem so unterschiede, wie sich
Sein und Werden von etwas tatsächlich unterscheiden, auch nicht
widersprüchlich.
Ist diese Bedingung doch auch in der Tat erfüllt und auch gerade
so, daß jener Widerspruch dadurch vermieden wird. Denn eine Linie,
die als ein Kontinuum ins Unbestimmt-Unendliche verläuft, ist damit
die Dynamik eines Werdens und gerade nicht die Statik eines Seins,
weil eine Linie auch nie als etwas Fertiges einfach gegeben sein kann.
Eben dadurch unterscheidet eine Linie sich vielmehr von dieser oder
jener Strecke, deren jede als etwas Diskretes etwas Endliches, Be-

115
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

stimmtes ist. So unterscheidet eine Linie sich jedoch auch noch von
jenem Strahl als jener Halbgeraden, die im Unterschied zur Linie nur
einseitig ins Unbestimmt-Unendliche verläuft, die Linie aber eben
beidseitig. Dies alles zu beachten, ist uns nämlich auferlegt schon
durch Geometrie, was für Philosophie jedoch geradezu ergiebig wird,
wenn man es für die Linie voll zur Geltung bringt.
Hält man an ihr als der Dynamik eines Werdens nämlich fest
und jedes Sein als eine Statik von ihr ab, kann auch kein Widerspruch
entstehen zwischen dem Punkt als Nichtausdehnung und der Linie
als Ausdehnung. Daß sie als ein sich ausdehnender Punkt entspringt,
heißt danach, daß er eine Linie stets nur wird und nie auch ist, was
widerspruchsfrei ist. Und in der Tat tritt so ein Punkt, aus dem, wenn
er sich ausdehnt, eine Linie entspringt, in der Gestalt von dieser Linie
überhaupt nicht auf. Ist doch, was dabei auftritt, nur die schiere Linie
selbst als ein Kontinuum. Entsprechend folgt, daß dieser Punkt auch
überhaupt nicht gleichrangig mit dieser Linie ist, was er jedoch sein
müßte, wenn hier zwischen ihm und ihr ein Widerspruch entspränge.
Dieser Punkt ist daher auch von jedem Punkt in einer Linie zu
unterscheiden, der nur nachträglich in dieser Linie in Erscheinung
treten und auch nur ein Schnittpunkt von ihr sein kann. Nur macht
so ein Punkt aus einer Linie als einem Kontinuum dann auch schon
ein Diskretum, welches durch so einen Punkt zumindest einseitig be-
grenzt ist, wie ein Strahl als Halbgerade, oder sogar beidseitig, wie
eine Strecke. Doch auch so ein Punkt in einer Linie ist dann nicht
gleichrangig mit ihr und damit auch nicht widersprüchlich zu ihr,
weil er als ein Schnittpunkt von ihr diese Linie bereits voraussetzt.
Jener andere Punkt hingegen ist kein Schnittpunkt jener Linie, weil
nicht er die Linie voraussetzt, sondern umgekehrt vielmehr die Linie
ihn voraussetzt. Also gilt, daß jene zwei sowohl wie diese zwei nicht
miteinander gleichrangig und somit auch nicht widersprüchlich zu-
einander sind, wenngleich in jeweils umgekehrtem Sinn.
Denn als ein Punkt, aus dem, wenn er sich ausdehnt, jene Linie
entspringt, wird jener Punkt zum Quell- oder zum Ursprungspunkt
für jene Linie, der so zum Grund für sie wird und als dieser Grund in
ihr auch nachweisbar ist. Denn daß jeder Schnitt durch eine Linie
eben einen Schnitt-Punkt zum Ergebnis haben muß, ist Nachweis
dafür, weil durch Schnitt als Analyse einer Linie nur zum Vorschein
kommen kann, was durch Synthese einer Linie auch tatsächlich in sie
eingehen muß. Indem nämlich ein Punkt es ist, was sich zu einer
Linie ausdehnt, ist es auch ein Punkt, was sich dabei zu einer Linie

116
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

verwandelt oder sich dabei in eine Linie umwandelt. Infolgedessen


muß der Punkt dabei genau in diesem Sinn als Element von ihr in
diese Linie eingehen, nämlich ohne daß der Punkt als dieses Element
in ihr auch noch zum Vorschein kommen kann. Das kann und muß er
vielmehr erst durch deren Analyse, die gerade gegensinnig zu deren
Synthese vor sich geht. Denn wie bekannt, läßt sich nur das analy-
sieren, was es schon gibt, und auch nur das synthetisieren, was es
noch nicht gibt.
Tritt doch auch erst so der eigentliche Sinn von Synthesis hervor,
den Kant vor Augen haben muß, wenn er vom Ziehen einer Linie
spricht, und der auch noch den letzten Rest des Sinns von Synthesis
als der Zusammensetzung hinter sich gelassen hat. Um all das voll-
ends einzusehen, ist daher entscheidend, sich bewußt zu machen: So
gut wie unmöglich ist es, schon im voraus zu vermeiden, sich von
diesem Ziehen einer Linie eine falsche Vorstellung zu machen. Dem-
entsprechend möglich kann vielmehr nur sein, sich nachträglich von
dieser falschen Vorstellung wieder zu lösen, um zur richtigen zu fin-
den. Zwar führt Kant ausdrücklich aus, sich »eine Linie […] vor[zu]
stellen«, heiße nur, »sie in Gedanken zu ziehen«. 22 Dennoch dürfte
unvermeidlich sein, daß man sich bei der Vorstellung vom Ziehen
einer Linie erst einmal an der Vorstellung vom Zeichnen einer Linie
orientieren wird, wie man es etwa mittels eines Kreidestücks an einer
Tafel vornimmt.
Dies jedoch muß unausweichlich dazu führen, daß man sich die-
ses Ziehen zunächst als das von einem Strahl als einer Halbgeraden
vorstellt statt als das von einer Linie. Zumal Kant selbst hervorhebt,
dieses Ziehen gehe aus »von einem Punkte«, so daß man sich diesen
dabei als den Grenzpunkt vorstellen dürfte, von dem dieser Strahl als
diese Halbgerade ausgeht und daher nur einseitig ins Unbestimmt-
Unendliche verläuft. Jedoch die Linie, von der allein bei Kant die Rede
ist, wenn er von diesem Ziehen spricht, 23 verläuft gerade zweiseitig
ins Unbestimmt-Unendliche. Nur daß es eben technisch schwierig ist,
das Ziehen einer Linie auch noch in diesem Sinn durch Zeichnen
einer Linie darzutun und vorzustellen. Denn durchaus nicht ist das
etwa damit zu erreichen, daß man es bei diesem Zeichnen eines
Strahls als einer Halbgeraden nicht bewenden läßt, indem man, aus-

22
A 162 B 203 (kursiv von mir).
23Auch an den andern Stellen, wo er es als Beispiel nennt, vgl. z. B. auch noch A 102,
B 137 f., B 154, B 156. Bd. 4, S. 285, Z. 2.

117
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

gehend von deren Grenzpunkt, in die Gegenrichtung auch noch einen


zweiten Strahl als eine zweite Halbgerade zeichnet. Dadurch nämlich
zeichnet man statt eines Strahls nur einen Doppel-Strahl und damit
auch nur zwei statt einer Halbgeraden, doch nicht eine Linie.
Verläuft doch diese, ohne daß es einen Grenzpunkt oder Schnitt-
punkt in ihr gäbe, beidseitig ins Unbestimmt-Unendliche, was vor-
zustellen allein schon die Geometrie uns auferlegt, wie Kant gewiß
vor Augen hatte. Jenes Ziehen einer Linie in diesem Sinn als Zeich-
nen einer Linie vorzustellen, hat aber eben seine Schwierigkeit. Läuft
dies doch auf die Forderung hinaus, die Vorstellung von einem Punkt
im Unterschied zu einer Ausdehnung, die bloß zu ihm hinzukommt,
zu vermeiden, der jedoch als Ausgangspunkt des vorgestellten Zeich-
nens sehr wohl auftritt.
Bei der Vorstellung vom Ziehen einer Linie, die beidseitig ins
Unbestimmt-Unendliche verläuft, tritt so ein Punkt dagegen gar
nicht auf, was dabei also gegen diese Vorstellung vom Zeichnen einer
Linie festzuhalten ist. Sonst wäre nämlich auch noch immer nicht
vermieden, sich das Ziehen einer Linie »von einem Punkte« her noch
immer als Zusammensetzen vorzustellen aus Punkt und Ausdeh-
nung: Auch wenn es dann nicht mehr der Quantität nach das Ver-
größern eines Punktes oder einer Ausdehnung sein könnte, müßte
es der Qualität nach immer noch als ein Zusammensetzen gelten.
Doch nicht einmal dieser Restsinn von Zusammensetzen kann in
Frage kommen, wenn es nichts als jenes Eine oder Ganze einer schie-
ren Linie ist (die beidseitig ins Unbestimmt-Unendliche verläuft),
wozu es durch ein Ziehen dieser Linie kommt. Ein Ausgehen von
einem Punkt kann dieses Ziehen einer Linie dann vielmehr nur noch
als ein Ausdehnen von einem Punkt sein, der sich selbst zu einer Linie
ausdehnt. Dabei handelt es sich also keineswegs um einen Punkt, den
es als solchen selbst gibt, so daß ihm das Ziehen einer Linie diese Linie
als eine Ausdehnung bloß anfügt. Vielmehr handelt es sich dann um
einen Punkt, den es nur als zur Linie sich ausdehnenden gibt. Infol-
gedessen gibt es umgekehrt auch eine Linie nur als ein Sich-Ausdeh-
nen von einem Punkt, in das er auch nur derart eingehen kann, daß er
als solcher selbst in ihm verborgen bleiben muß, weil er ihm auch nur
als sein Element zugrundeliegen kann. 24

24
Daß dies zu zeichnen schwierig ist, kann aber nicht bedeuten, daß es geometrisch
gar nicht widerspruchsfrei und mithin auch weder vorstellbar noch nachvollziehbar
sei. Gibt es dafür doch Beispiele, wie etwa das im vielzitierten »Flächenland« als einem

118
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

Daß ein sich ausdehnender Punkt es sei, was sich als Grund für
eine solche Linie in ihr als einer Ausdehnung verberge, ist daher ge-
nau die Annahme, die sich nur dadurch zu rechtfertigen vermag, daß
auch nur sie die Art der Ausdehnung von einer Linie zu erklären
vermag, was in der Tat der Fall ist. Denn so sehr auch dieser Punkt
als bloßes Element von ihr in dieser Linie als einer Ausdehnung ver-
borgen sein und bleiben mag, so ist doch er allein es, der die Art als
Qualität der Ausdehnung von einer Linie festlegt. Lautet doch die
Antwort auf die Frage nach der Art oder der Qualität der Ausdeh-
nung von einer Linie bekanntlich, daß sie eine eindimensionale Aus-
dehnung als eindimensionaler Raum sei, was bedeute, daß sie einfach
ausgedehnt sei. Dadurch unterscheide sie sich von der Fläche, die als
zweifach ausgedehnte eine zweidimensionale Ausdehnung als zwei-
dimensionaler Raum sei, und wie sie auch noch vom Körper, der als
dreifach ausgedehnter eine dreidimensionale Ausdehnung als drei-
dimensionaler Raum sei.
Nur ist das dann auch so gut wie selbstverständlich, weil es letzt-
lich analytisch-uninformativ ist. Läuft es doch zuletzt auch nur dar-
auf hinaus, die Linie als das Einfach-Ausgedehnte einfach-aus-
gedehnt zu nennen, und entsprechend auch die Fläche und den
Körper als das Zweifach- oder Dreifach-Ausgedehnte zweifach- oder
dreifach-ausgedehnt zu nennen. Das entsprechende Informativ-Syn-
thetische dagegen lautet: Nicht von einer Linie oder einer Fläche oder

geometrisch-idealen zweidimensionalen Raum, den geometrisch-ideale »Flächenwe-


sen« wie Quadrate, Kreise oder Dreiecke bewohnen. Was für solche Wesen auftritt,
wenn hier aus der dritten Dimension her kommend eine dreidimensionale Kugel
durch ihr Flächenland hindurchgeht, muß daher ein schon von vornherein sich zwei-
seitig zu einer Linie ausdehnender Punkt sein, der kein Teilungs- oder Schnittpunkt
sein kann. Denn sobald hier etwas für dieselben auftritt, kann dies Etwas nur ein
Punkt der Kugeloberfläche sein, an dem sie Flächenland berührt und der sonach mit
einem Punkt in Flächenland zusammenfällt und hier sofort auch nur zu einer Linie
werden kann, doch nicht etwa zu einem Teilungs- oder Schnittpunkt von ihr. (Vgl.
dazu Abbot 1982, S. 172; Randall 2008, S. 36; Lüst 2011, S. 134 ff.). Zur Überprüfung
stelle man sich vor: Statt einer Kugel würde sich ein Kegel, aus der dritten Dimension
her kommend und beginnend mit der Spitze, durch dies Flächenland hindurch bewe-
gen. Anders als die eintreffende Oberfläche einer Kugel ist die eintreffende Spitze
eines Kegels nämlich von sich selbst her schon ein Schnittpunkt. Ihm zufolge kann
ein solcher Durchgang denn auch nicht mehr dazu führen, daß für Flächenwesen eine
Linie zum Vorschein kommt, zu der ein Punkt sich ausdehnt. Vielmehr kann für sie
statt einer solchen Linie nur ein Doppel-Strahl auftreten, dessen beide Strahlen zwar
von seinem Schnittpunkt ausgehen, dessen Schnittpunkt sich jedoch durchaus nicht
zu den beiden Strahlen ausdehnt.

119
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

einem Körper kann dabei die Rede sein, sondern ausschließlich von
einem sich ausdehnenden Punkt. Zu einem eindimensionalen Raum
wie einer Linie kommt es, wenn ein Punkt sich einfach ausdehnt, und
zu einem zweidimensionalen Raum wie einer Fläche, wenn ein Punkt
sich zweifach ausdehnt, und zu einem dreidimensionalen Raum wie
einem Körper, wenn ein Punkt sich dreifach ausdehnt.
Denn daß er sich außer einfach auch noch zweifach oder dreifach
ausdehnt, heißt ja nur: Er dehnt sich nicht allein als Punkt zum ein-
dimensionalen Raum der Linie aus; er dehnt sich vielmehr auch noch
als das Punktuelle aus, als das er auch im eindimensionalen Raum der
Linie noch erhalten bleibt, die ja punktdünn ist; und er dehnt sich
auch noch als das Punktuelle aus, als das er auch im zweidimensiona-
len Raum der Fläche noch erhalten bleibt, die ja punktflach ist. Und
das heißt: In jedem solchen Fall legt dasjenige, was sich ausdehnt,
jeweils fest, von welcher Qualität die Ausdehnung als dasjenige ist,
wozu sich jenes ausdehnt. Und im Fall des eindimensionalen Raums
der Linie ist das eben jener Punkt, im Fall des zweidimensionalen
Raums der Fläche jenes Punktuelle dieser Linie und im Fall des
dreidimensionalen Raums des Körpers eben jenes Punktuelle dieser
Fläche.
Denn als dasjenige, was sich dabei ausdehnt, geht ja jedes davon
als das Element in dasjenige ein, wozu sich jenes ausdehnt: in die
Ausdehnung von eindimensionalem Raum der Linie jener Punkt
und in die Ausdehnung von zweidimensionalem Raum der Fläche
jenes Punktuelle dieser Linie und in die Ausdehnung von dreidimen-
sionalem Raum des Körpers jenes Punktuelle dieser Fläche. Auch nur
dadurch nämlich, daß ein jedes als ein bloßes Element in jede eingeht,
als das es dabei gerade nicht in ihr zum Vorschein kommt, kann jede
solche Ausdehnung die Qualität eines Kontinuums besitzen, das ins
Unbestimmt-Unendliche verläuft. Denn so, wie diese oder jene Strek-
ke als bestimmte, endliche erst eine Diskretion in dem Kontinuum
des eindimensionalen Raums sein kann, so kann dann auch das End-
liche, Bestimmte dieser oder jener Fläche oder dieses oder jenes Kör-
pers erst als eine Diskretion in dem Kontinuum des zweidimensio-
nalen oder dreidimensionalen Raums auftreten.
Ein Sich-Ausdehnen von Punkt bzw. Punktuellem zu entspre-
chenden Ausdehnungen, wie sie als eindimensionaler oder zwei-
dimensionaler oder dreidimensionaler Raum sich unterscheiden,
kann jedoch in keinem Sinn die Sache ihrer Quantität sein, sondern
nur die Sache ihrer Qualität. In keinem Sinn kann nämlich das Her-

120
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

vorgehen der jeweiligen Ausdehnung aus einem Punkt oder aus


etwas Punktuellem etwa gelten als Vergrößern dieses Punktes oder
dieses Punktuellen, oder auch nur als Zusammensetzen von ihm mit
der jeweiligen Ausdehnung. Als die Entsprechung zum Vergrößern
als dem Ausdehnen im Sinn der Quantität von Ausdehnung ergibt
sich somit für das Ausdehnen im Sinn der Qualität von Ausdehnung
dieses Sich-Ausdehnen als Selbstausdehnung dieses Punktes oder
Punktuellen. Deshalb sind und bleiben die verschiedenen Ausdeh-
nungen als verschiedene Dimensionen dieser Räume, auch wenn sie
sich zählen lassen, Qualitäten dieser Räume, die sich nicht als Quan-
titäten darstellen lassen, woran sich bis heute nichts geändert hat. 25
Schon Kant hat sie daher mit Recht als Beispiel dafür angeführt,
daß die Mathematik oder Geometrie als die »Mathematik der Aus-
dehnung« durchaus nicht bloß von Quantitäten, sondern auch von
Qualitäten handelt, 26 auch wenn er den Unterschied der Dimensionen
als den Unterschied von Qualitäten nicht begründen konnte. Zu be-
gründen ist das eben nur von diesem Punkt bzw. Punktuellen her,
wodurch die jeweilige Ausdehnung gerade nicht bereits voraus-
gesetzt, sondern als deren jeweilige Selbstausdehnung eben hergelei-
tet wird und so begründet und erklärt wird. Kant hingegen pflegt bei
den entsprechenden Versuchen diese oder jene Ausdehnung bereits
vorauszusetzen, so daß er sich wiederholt vergeblich fragt, aus wel-
chem Grund etwa der Raum der Außenwelt gerade dreidimensional
sei. 27 Dadurch nämlich bringt er selbst sich um die Einsicht, daß zur
Qualität der jeweiligen Ausdehnung noch sehr viel mehr an Unter-
schied gehört als nur die Dimensionen, deren Zahl sich unterscheidet.
Deutlich wird das etwa dort, wo Kant sich ganz entschieden da-
hin äußert, »daß der vollständige Raum […] drei Abmessungen habe,

25
Das geht sogar aus der Mathematik hervor, die das Kontinuum als »Punktmenge«
betrachten möchte. Denn bekanntlich ist die letztere dann unabhängig davon, welche
Dimension es hat, für ein Kontinuum als solches unterschiedslos eine »überabzählbar
unendlich große Punktmenge«. Trotz dieser ihrer Selbigkeit in jeder Dimension je-
doch ist diese Punktmenge eines Kontinuums der einen Dimension nicht stetig ab-
bildbar auf diese Punktmenge eines Kontinuums von anderer Dimension (Knerr 1989,
S. 267; Waismann 1996, S. 119 f.). Der Unterschied der Dimension eines Kontinuums
muß nämlich als der Unterschied der Anordnung von Punkten dabei immer schon
vorausgesetzt sein, eben weil er nicht zur Quantität eines Kontinuums als »Punkt-
menge« gehört, sondern zu seiner Qualität.
26 A 715 B 743.

27
A 24, B 41, B 299. Bd. 4, S. 284 f., Bd. 8, S. 220, Bd. 11, S. 37.

121
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

und Raum überhaupt auch nicht mehr derselben haben könne«. 28


Auch noch dessen nämlich ist er sich hier sicher: Dies »beruht un-
mittelbar auf Anschauung[,] und zwar reiner a priori, weil [es] apo-
diktisch gewiß ist«. Nur müßte er dies dann aus solcher Anschauung
auch herleiten, zumal sie ja die Anschauung der Ausdehnung von
Zeit und Raum als einer a priori zu erzeugenden sein soll. Daß er
jedoch den Weg zu dieser Herleitung nicht findet, wie er öfters einge-
steht, 29 kann nicht verwundern. Denn er selbst verstellt sich diesen
Weg, indem er solche Ausdehnung, obwohl sie doch durch Synthesis
erst zu erzeugen sei, bereits voraussetzt, wie in diesem Fall den drei-
dimensionalen Raum.
Das geht aus seiner Formulierung dieser Stelle klar hervor, wo-
nach der dreidimensionale Raum ihm deshalb als »der vollständige«
gilt, weil dieser »keine Grenze eines anderen Raumes mehr ist.« 30
Wie nämlich insbesondere das »keine […] mehr« bezeugt, vergleicht
er ihn als dreidimensionalen dabei mit dem zweidimensionalen oder
eindimensionalen Raum, der jeweils sehr wohl Grenze eines anderen
Raumes sei, wie etwa eine Fläche eine Grenze eines Körpers oder eine
Linie eine Grenze einer Fläche oder eines Körpers. Dann jedoch ist
dieser dreidimensionale Raum »der vollständige« ebenfalls nur im
Vergleich zum zweidimensionalen oder eindimensionalen Raum als
einem deshalb ›unvollständigen‹, woran sich zeigt, daß Kant den drei-
dimensionalen als den vollständigen dabei immer schon voraussetzt.
Der Gesamtbehauptung, daß der Raum, weil er mit den drei Dimen-
sionen schon »der vollständige« sei, »nicht mehr derselben haben
könne«, fehlt daher auch nicht erst jene apriorische Begründung.
Vielmehr fehlt ihr schon allein der Nachweis ihrer Wahrheit als Vor-
aussetzung dafür, daß so eine Begründung für sie möglich ist, weil sie
auch nur als eine wahre sich in diesem Sinn begründen lassen könnte.
Dieser Nachweis aber fehlt bis heute. Deshalb können die Ma-
thematik, Geometrie und mathematisch-geometrische Physik sich
unbekümmert über diese Dreidimensionalität des Raums hinwegset-
zen, um seine Dimensionen nach Belieben und Bedarf zu wählen und
zu berechnen. Denn daß unsere Außenwelt, wie unsere Wahrneh-
mung sie zum Objekt gewinnt, für uns in anschaulicher Form von

28 Bd. 4, S. 284 f., Bd. 8, S. 220. Auch damit übernimmt Kant nur, was Aristoteles
bereits behauptet. Vgl. z. B. Über den Himmel Buch I,1, 268 a 1–b 5.
29 So etwa in Bd. 11, S. 37.

30
Bd. 4, S. 284.

122
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

dreidimensionalem Raum erscheint, sei eine Zufälligkeit, wie sie mei-


nen, und die habe den Erfordernissen einer in sich stimmigen Physik
zu weichen. Nur setzt man hier eben stillschweigend voraus, was man
für selbstverständlich hält, daß nämlich unter »Dimension«, was
nichts als »Ausdehnung« bedeute, 31 jedesmal dasselbe zu verstehen
sei, weil es sich angeblich nur nach der Zahl der Dimensionen unter-
scheide.
Jene Herleitung von Ausdehnung jedoch, wonach sie dasjenige
ist, wozu sich jener Punkt bzw. jenes Punktuelle ausdehnt, führt zu
einem gänzlich anderen Ergebnis. Jenes stillschweigend Voraus-
gesetzte ist danach so wenig selbstverständlich, daß es vielmehr sogar
falsch ist. Ihrer Qualität nach unterscheidet Ausdehnung von Aus-
dehnung sich auch noch anders als bloß ihrer Dimension nach. Und
den Weg zu diesem Punkt bzw. Punktuellen findet Kant nur deshalb
nicht, weil er den Weg der Reflexion auf »die Bedingungen der Mög-
lichkeit für etwas« nicht zu Ende geht. Natürlich kennen wir den
Raum zunächst nur als den dreidimensionalen Raum von Körpern in
der Außenwelt. Entsprechend kennen wir natürlich einen zwei-
dimensionalen oder eindimensionalen Raum zunächst auch nur als
Grenze oder Schnitt von diesem dreidimensionalen Raum, der für
sie immer schon vorausgesetzt ist. Denn sie treten stets nur an ihm
oder in ihm auf, wie etwa eine Grenz- oder Schnittlinie oder -fläche
als die »Kante« oder »Oberfläche« eines Körpers. Und so muß all dies,
weil es durch Schnitt als bloße Analyse von ihm sich aus ihm ergibt,
in irgendeinem Sinn dem dreidimensionalen Raum zugrundeliegen.
Dennoch geht Kant schon allein auf diesem Weg der Reflexion
darauf nicht folgerichtig vor. Schon solche Reflexion als bloße Analy-
se führt er nicht bis dahin durch, wo sie zur Reflexion auf ein Ergeb-
nis von ihr werden muß, das ihm höchst merkwürdig erscheinen
müßte. Denn die Grenze, die durch Schnitt als Analyse sich ergibt,
hat dabei schon zum zweiten Mal als eine solche sich ergeben, welche
selbst wieder ein Raum ist, wenn auch nur ein zweidimensionaler
oder eindimensionaler. Doch gleichwohl ergibt sich dann beim dritten
Mal als Grenze plötzlich etwas, das kein Raum mehr ist: ein Punkt.
Auch dieser aber müßte dann in irgendeinem Sinn dem dreidimen-
sionalen Raum zugrundeliegen, weil auch dieser Punkt als Grenze
wie die vorigen durch Schnitt als bloße Analyse von ihm sich aus
ihm ergibt. Und dennoch könnte er ihm nicht so wie die vorigen

31
Knerr 1989, S. 198.

123
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Grenzen als ein Raum zugrundeliegen, so daß er zu ihm auch keine


Dimension beisteuern könnte, wodurch er jedoch auch umso merk-
würdiger werden müßte.
Trotzdem wird er das für Kant nicht im geringsten, der sich viel-
mehr über dessen Merkwürdigkeit selbst wie folgt hinwegtäuscht:
»Fläche ist die Grenze des körperlichen Raumes, indessen doch selbst
ein Raum, Linie ein Raum, der die Grenze der Fläche ist, Punkt die
Grenze der Linie, aber doch noch immer ein Ort im Raume«. 32 So
jedoch verbirgt Kant förmlich vor sich selbst, daß dieser Punkt, ob-
wohl er wie die Fläche oder Linie eine Grenze ist, gerade nicht mehr
wie die Fläche oder Linie ein Raum ist. Kant versucht sich vielmehr
dieser Merkwürdigkeit zu entziehen, indem er sich darauf zurück-
zieht: Dieser Punkt sei trotzdem »aber doch noch immer ein Ort im
Raume«, nämlich als ein Grenzpunkt oder Schnittpunkt dieses Rau-
mes in ihm »eingebettet«, wie die Geometer sagen, und in diesem
Sinn ein Raumpunkt. Daß sie »eingebettet« sind, gilt für die Fläche
oder Linie aber gleicherweise, nur sind sie es eben jeweils als ein
Raum, während der Punkt es vielmehr als ein Nichtraum ist. Als
solchen aber nimmt ihn Kant nicht in den Blick, indem er seinen Blick
vielmehr auf ihn als diesen Raumpunkt richtet, der von ihm als die-
sem Nichtraum ablenkt.
Täuscht er über ihn sich doch sogar noch dort hinweg, wo er über
den dreidimensionalen Raum einmal ausdrücklich sagt, daß von »sei-
nen dreierlei Grenzen« nur »zwei selbst noch Räume« seien. Diese
spätere Stelle nämlich sagt vom Raum dasselbe wie die vorige, doch
so, »daß er als vollständiger Raum drei Abmessungen habe, imglei-
chen von seinen dreierlei Grenzen, davon zwei selbst noch Räume
[sind], der [sic!] dritte, nämlich der Punkt, die Grenze aller Grenze[n]
ist«. 33 Und so entzieht sich Kant auch hier der Folgerung, daß dieser
Punkt das eben als ein Nichtraum ist, indem sich Kant für ihn als
»Grenze aller Grenze[n]«, deren jede ja ein Raum ist, wenigstens
noch einen Schein von Raum verschafft. Und so bringt Kant sich eben
selbst um diesen Punkt als den für seine Reflexion entscheidenden,

32 Bd. 4, S. 354 (kursiv von mir).


33 Bd. 8, S. 220 (kursiv von mir). Das hervorgehobene »der«, das zweifellos gramma-
tisch falsch ist, weil grammatisch richtig nur ein »die« sein könnte, läßt natürlich eine
harmlose Erklärung zu, nämlich als Prolepsis des folgenden »der« in »der Punkt«.
Gleichwohl drängt sich der Eindruck auf, daß mehr dahintersteckt, nämlich der
Wunsch als Vater des Gedanken, auch den Punkt noch irgendwie als einen Raum zu
retten, was die Schlüsse beider Stellen ja auch übereinstimmend bezeugen.

124
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

sprich: als den Wendepunkt, an dem aus ihr als Analyse dieses Rau-
mes umgekehrt Synthese dieses Raumes werden könnte.
Als die Herleitung desselben muß er diese aber eben schuldig
bleiben. Wäre dafür doch auch nicht nur nötig, folgerichtig diesen
Punkt als Nichtraum festzuhalten. Nötig wäre vielmehr ferner, folge-
richtig auch sogar noch abzusehen von dem Raum, in den er »einge-
bettet« ist, auf den noch weiter hinzusehen Kant jedoch nicht abläßt.
Beides nämlich ist dann nicht nur folgerichtig, sondern auch erforder-
lich, soll Reflexion nach Analyse dieses Raumes auch noch zu Syn-
these dieses Raumes übergehen, die nur gelingen kann, wenn sie, was
herzuleiten ist, nicht schon voraussetzt. Von ihm abzusehen, heißt
sonach, den Punkt zwar festzuhalten, doch nur in dem Sinn, daß aus-
gerechnet er als Nichtraum sich aus Raum ergeben hat, und nicht
auch noch in dem Sinn, daß er Grenzpunkt oder Schnittpunkt dieses
Raumes ist. Denn letzteres ist er ja nur mit diesem Raum zusammen,
der daher mit ihm zusammen festgehalten wäre. Diesen Raum statt-
dessen fallen zu lassen, heißt denn auch nur, seine Analyse zu voll-
enden, sprich: ihn dadurch voll zu reduzieren auf sein allerletztes
Element, das ihm zugrundeliegen muß, weil eine angemessene Ana-
lyse auch nur dazu führen kann.
Als das allerletzte Element der Analyse dieses Raumes, die ihn
darauf reduziert, ist nämlich dieser Punkt zugleich das allererste Ele-
ment seiner Synthese, die ihn daraus produziert: als jene »produktive
Synthesis«. Und die vollzieht sich folgerichtig eben nur als Selbstaus-
dehnung eines Punktes im zuletzt erzielten Sinn. Denn auch nur des-
sen Selbstausdehnung setzt noch keine von den Dimensionen als den
Ausdehnungen jenes Raums voraus, sondern ausschließlich diesen
Punkt, weil jener Raum vielmehr mit jeder seiner Dimensionen oder
Ausdehnungen sich gerade umgekehrt durch solche Selbstausdeh-
nung dieses Punktes allererst ergibt. Als der zu ihm sich ausdehnende
also steuert dieser Punkt sehr wohl zu jenem Raum die erste seiner
Dimensionen bei. Und wie gesagt, bedarf es der Rechtfertigung, von
dieser Annahme der Selbstausdehnung eines Punktes auszugehen,
weil ja in keiner dieser Ausdehnungen oder Dimensionen dieser
Punkt zum Vorschein kommt. Rechtfertigen kann diese Annahme
sich daher auch nur dadurch, daß ausschließlich sie in allem einzelnen
erklärt, was wir als solche Ausdehnungen oder Dimensionen kennen,
ja daß auch sogar erst sie es vollständig und anschaulich uns aufdeckt.
Daß nach dieser Annahme ein solcher Punkt sich ausdehnt, kann
dann nämlich nur bedeuten, daß er sich als dasjenige ausdehnt, was er

125
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

von sich selbst her ist: das geometrisch Einfache schlechthin. Als
Punkt sich demnach punkthaft auszudehnen, heißt daher, sich geo-
metrisch einfach auszudehnen, was genau zu einem eindimensiona-
len Raum einer punktdünnen Linie führen muß, der also weder mehr
noch weniger an Dimensionen haben kann. Erklärt und hergeleitet
wird auf diese Weise aber nicht allein, daß, was sich dabei einfach
ausdehnt, nicht die Linie ist, sondern der Punkt, weil sie dabei viel-
mehr das ist, wozu sich dieser einfach ausdehnt, wie bereits erwähnt.
Erklärt und hergeleitet wird dann auch noch: So gewiß der Punkt sich
dabei einfach ausdehnt, so gewiß doch auch zu einer Ausdehnung, in
die er deshalb derart eingeht, daß er sich in ihr als punktueller Aus-
dehnung erhält, obwohl er nicht im mindesten etwa als Schnittpunkt
oder Grenzpunkt in ihr auftritt.
Dies jedoch bedeutet dann des weiteren: Als dieses Punktuelle
dieser Ausdehnung, als das er sich in ihr erhält, dehnt sich der Punkt
dabei gerade nicht aus, so daß er genau in diesem Sinn sich dabei
unvollständig ausdehnt. Beides also kann dabei gerade nicht von die-
ser Linie gelten: weder dies, daß sie sich ausdehnt, noch auch dies, daß
sie sich unvollständig ausdehnt, weil sich beides vielmehr nur auf
diesen Punkt beziehen kann. Daß Kant den eindimensionalen oder
zweidimensionalen Raum von Linie oder Fläche als den unvollständi-
gen betrachtet, weil sie bloß die Grenzen eines zweidimensionalen
oder dreidimensionalen Raumes seien, liegt nur daran, daß er letzt-
lich diesen dreidimensionalen schon als vollständigen Raum voraus-
setzt, was als Zirkel nunmehr voll ersichtlich wird.
Durchaus kein Zirkel aber ist das, wenn es ausschließlich von
dem sich ausdehnenden Punkt gilt, der allein dabei vorausgesetzt
wird und mithin gerade nicht auch noch der Raum von Linie oder
Fläche oder Körper. Ausschließlich von diesem Punkt kann denn auch
gelten, daß er ein sich unvollständig ausdehnender ist, wenn er zu
einer Linie sich einfach ausdehnt. Hält man daran nämlich streng-
stens fest, ergibt sich das genau Entsprechende auch noch für das Her-
vorgehen des zweidimensionalen Raums der Fläche aus dem ein-
dimensionalen Raum der Linie. Denn auch hier gilt dann, daß, was
sich dabei zweifach ausdehnt, nicht die Fläche ist, sondern der Punkt,
weil sie dabei vielmehr das ist, wozu sich dieser zweifach ausdehnt,
wie bereits erwähnt. Dies aber ist dann gleichbedeutend damit, daß
der Punkt, wie er sich auch noch als das Punktuelle dieser Linie erhält,
sich dabei seinerseits noch einmal einfach ausdehnt und im ganzen
somit zweifach in dem Sinn von zweimal einfach.

126
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

Dann jedoch ergibt sich, daß der Punkt sogar auch noch als ein
sich zweifach ausdehnender ein sich unvollständig ausdehnender ist.
Denn auch die Ausdehnung der Fläche ist noch eine punktuelle, so
daß er sich auch im Punktuellen dieser Ausdehnung der Fläche noch
als Punkt erhält, doch ohne daß er oder es als Grenze oder Schnitt
darin zum Vorschein kommt. Das Unvollständige seines Sich-Aus-
dehnens zu Linie oder Fläche ist sonach in keinem Fall etwa die Folge
davon, daß sie bloße Grenzen eines zweidimensionalen oder drei-
dimensionalen Raumes wären, der dabei in keinem Fall vorausgesetzt
ist. Vielmehr wird dabei in jedem Fall gerade umgekehrt nur dieser
Punkt vorausgesetzt. Entsprechend ist es auch gerade umgekehrt nur
eine Folge dieses Punktes selbst, daß er sich unvollständig ausdehnt,
wenn er sich zu eindimensionalem oder zweidimensionalem Raum
von Linie oder Fläche einfach oder zweifach ausdehnt.
Nichts geringeres als das Wesen dieses Punktes selbst ist es so-
nach, was als das geometrisch Einfache von ihm, das sich zur Ausdeh-
nung von Linie oder Fläche ausdehnt, sich in solcher Ausdehnung
auch äußert, so daß es in ihr für Reflexion auf sie auch zu begreifen
ist. Und das bedeutet eben umgekehrt: Mit so etwas wie einer Aus-
dehnung, von welcher Dimension auch immer, läßt ein Sinn sich nur
verbinden, wenn mit ihm auch das noch mitgedacht wird, dessen
Ausdehnung sie ist: der Punkt oder das Punktuelle, wie ermittelt.
Eine Illusion ist es sonach, zu meinen, ein Begriff von Ausdehnung
sei möglich, ohne daß mit ihm auch ein Begriff von dem einhergeht,
dessen Ausdehnung sie ist: von Punkt oder von Punktuellem. Das
Sich-Ausdehnen von Punkt oder von Punktuellem führt zu einer Li-
nie oder Fläche als einer speziellen Art von Ausdehnung: zu einer
einfach oder zweifach punktuellen Ausdehnung. Das aber ist als Qua-
lität von solcher Ausdehnung gerade nicht erfaßt, wenn es bloß quan-
titativ als die Zahl der Dimensionen von ihr angesehen wird, weil sie
als Ausdehnung dabei gerade unspezifisch bleibt.
Denn auch nur, wenn man all dies strengstens festhält, ist man
in der Lage, einzusehen, wie grundsätzlich der dreidimensionale
Raum sich von all dem gerade unterscheidet. Dieser Unterschied ist
nämlich von der gleichen, wenn auch umgekehrten, Merkwürdigkeit
wie der vorigen, daß jene Analyse dieses dreidimensionalen Raums
zuletzt zu jenem Punkt als Nichtraum führt: Verfolgt man die Syn-
these jeder einzelnen von diesen Dimensionen als den Ausdehnungen
dieses Raums noch weiter, so ergibt sich für die Ausdehnung der drit-
ten Dimension ein Unterschied, der in der Tat nicht merkwürdiger

127
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

sein kann. Zweifellos kann nämlich auch noch diese dritte Dimension
von Ausdehnung sich auf dem Weg solcher Synthese nur ergeben,
wenn sich jener Punkt auch noch als derjenige ausdehnt, als der jener
Punkt sich auch im Punktuellen jener zweidimensionalen Ausdeh-
nung der Fläche noch erhält. Heißt dies doch in der Tat, daß er im
ganzen sich dann dreifach ausdehnt, weil er sich dann auch noch als
das Punktuelle dieser Ausdehnung der Fläche, zu der er sich zweifach
ausdehnt, nochmals einfach ausdehnt. Und so dehnt er sich denn auch
in dem Sinn dreifach aus, daß er sich dreimal einfach ausdehnt.
Dann jedoch muß folgerichtig gelten, daß auch das Spezifische
von solcher dreidimensionaler Ausdehnung des Raums sich an-
gemessen nur begreifen läßt, wenn auch für sie der Punkt oder das
Punktuelle, dessen Ausdehnung sie ist, noch mitbegriffen wird. Auch
in die dreidimensionale Ausdehnung des Raums muß also dieses
Punktuelle oder dieser Punkt als dasjenige eingehen, dessen Ausdeh-
nung sie ist: genauso wie in jenen eindimensionalen Raum der Linie
jener Punkt eingehen muß, als dessen Ausdehnung sie eine einfach
punktuelle ist, und wie in jenen zweidimensionalen Raum der Fläche
jenes Punktuelle dieser Linie eingehen muß, als dessen Ausdehnung
sie eine zweifach punktuelle ist. Und dennoch ist der dreidimensiona-
le Raum, zu dem der Punkt sich dreifach ausdehnt, nicht auch selbst
noch einmal eine dreifach punktuelle Ausdehnung. Er ist vielmehr
zum ersten Mal eine nichtpunktuelle, wodurch er sich seinerseits
von beiden seiner Vorgänger spezifisch unterscheidet. Erst die drei-
dimensionale Ausdehnung des Raums ist erstmals eine reine Aus-
dehnung in dem Sinn, daß sie trotz der Herkunft aus dem Punkt oder
dem Punktuellen keine punktuelle Ausdehnung mehr ist.
Doch nicht bloß erst, sondern auch nur die dreidimensionale
Ausdehnung des Raums ist eine reine Ausdehnung in dem erzielten
Sinn, weil sie es nicht bloß als die erste ist, sondern auch als die ein-
zige. Ist sie es nämlich darin, daß sie keine punktuelle Ausdehnung
mehr ist, so gibt es eben damit auch nichts mehr an ihr, was über sie
hinaus noch einmal sich zu einer weiteren solchen Ausdehnung aus-
dehnen könnte. 34 Diese also, die dann eine vierdimensionale Ausdeh-
nung sein müßte, kann es im erzielten Sinn von Ausdehnung nicht
geben und mithin erst recht auch keine von noch höheren Dimensio-

34Darauf wird im folgenden sich auch noch eine aufschlußreiche Probe machen las-
sen. Vgl. unten § 8.

128
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

nen. Daß sie alle »anschaulich« nicht »vorstellbar« sind, hat sonach
den hiermit definierten Sinn und Grund, daß es gerade geometrisch
nichts mehr geben kann, das dann auch noch zu ihnen allen sich aus-
dehnen könnte. Demgemäß kann dies auch keineswegs als »evolutio-
näre Zufälligkeit« gelten, wie man sich bisher bekanntlich überreden
möchte, sondern nur als geometrische Notwendigkeit. Kann dieses
Punktuelle einer Ausdehnung doch auch nicht etwa in dem Sinn von
Grenze oder Schnitt in Frage kommen. Denn als jenes Punktuelle
jener Ausdehnung des ein- oder des zweidimensionalen Raumes tre-
ten ja auch Linie oder Fläche nicht etwa im Sinn von Grenzen oder
Schnitten auf.
Vielmehr ist jeder dieser Räume, auch der dreidimensionale, eine
Ausdehnung, die als Kontinuum ins Unbestimmt-Unendliche ver-
läuft und nichts von einer Diskretion wie Schnitt oder wie Grenze
aufweist. Trotz dieser Gemeinsamkeit mit jedem seiner beiden Vor-
gänger ist dieser dreidimensionale Raum jedoch im Unterschied zu
jedem von den beiden die Ausdehnung, die als erste und als einzige
eine nichtpunktuelle ist. Und so ergibt sich eben insgesamt: Was an-
geblich das Ein- und Zwei- und Dreidimensionale von verschiedenen
Ausdehnungen sein soll, das ist eigentlich das Ein- und Zwei- und
Dreifache eines Sich-Ausdehnens von einem und demselben Punkt.
Die so entfaltete Gesamtstruktur dieser verschiedenen Verhältnisse
von Punkt und Ausdehnung ist daher auch nur eine in sich ebenso
gegliederte wie in sich vollständige Einheit oder Ganzheit.
Doch der Grund dafür ist eben keineswegs, daß dieser dreidi-
mensionale Raum als Ausdehnung schon eine vollständige wäre, je-
ner zwei- und eindimensionale Raum als Ausdehnung jedoch noch
eine unvollständige, was Kant in jenen Zirkel führt. Der Grund dafür
ist vielmehr jener Punkt, weil er, wenn er als jenes geometrisch Ein-
fache sich ausdehnt, dies dann auch nur geometrisch einfach kann, so
daß er dreimal geometrisch einfach sich ausdehnen muß, um voll-
ständig sich auszudehnen. Dieses Vollständige oder Unvollständige
bezieht sich also nicht auf das Verschiedene von Ausdehnung als drei-
dimensionaler oder weniger als dreidimensionaler, weil es sich auf sie
etwa verteilte; es bezieht sich vielmehr auf das Selbige von jenem
Punkt als dem sich ausdehnenden. Was auf das Verschiedene von die-
sen Ausdehnungen sich verteilt, ist vielmehr das Nichtpunktuelle
oder Punktuelle dieser Ausdehnungen. Das allein gehört nämlich zu
deren jeweiliger Qualität. Das Unvollständige und Vollständige von
Sich-Ausdehnen gehört dagegen nur zur Qualität von Punkt als geo-

129
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

metrisch Einfachem, auch wenn die einen beiden mit den andern bei-
den im erzielten Sinn zusammenhängen.
Durch den Sinn, in dem sie jeweils mit dem Punkt zusammen-
hängen, bilden somit solche Ausdehnungen jeweils schon spezielle
Arten, so daß deren Gattung nicht einfach bloß Ausdehnung sein
kann, sondern gerade der Zusammenhang von Punkt mit Ausdeh-
nung sein muß. Als Gattung solcher Arten ist dieser Zusammenhang
dann aber auch gerade das dynamische Zusammenspiel von Punkt
mit Ausdehnung, wie es als unlösbare Einheit des Sich-Ausdehnens
von Punkt zu Ausdehnung erfolgt. Dieses Zusammenspiel als Gat-
tung ist es demgemäß, was sich zu solchen Arten selbst spezifiziert.
Entsprechend muß auch jede solche Art den Sinn von Punkt und Aus-
dehnung in sich vereinen, so daß jede solche Art auch nur als jeweils
unterschiedliches Verhältnis zwischen beiden zu begreifen sein kann.
Auch nur innerhalb von dieser unlösbaren Einheit des Sich-Ausdeh-
nens von Punkt zu Ausdehnung der einen oder andern Art bekom-
men nämlich die Begriffe »Punkt« und »Ausdehnung« einen je posi-
tiven Sinn. Dagegen können diese außerhalb von dieser Einheit nur
den negativen Sinn des wechselseitig Negativen zueinander haben,
wonach Punkt nicht Ausdehnung und Ausdehnung nicht Punkt ist. 35
Dieser negative Sinn taugt aber nicht nur nicht zu deren Defini-
tion, sondern ist für sie sogar irreführend, weil er nahelegt, ihr Ge-
gensatz sei ein kontradiktorischer. In Wahrheit aber kann er, wie sich
hier schon zeigt, nur ein konträrer sein. Denn mindestens im Fall von
ein- und zweidimensionalem Raum der Fläche oder Linie als punk-
tueller Ausdehnung sind Punkt und Ausdehnung vereinbar mitein-
ander. Folglich müßte die nichtpunktuelle Ausdehnung des dreidi-
mensionalen Raums als Sonderfall das eine Glied eines konträren
Gegensatzes zwischen Ausdehnung und Punkt sein, der als das kon-

35
Auch für Ausdehnung gilt somit, was schon seit Euklid für Punkt gilt, nämlich daß
es sich dabei um etwas handelt, das nur negativ, nicht positiv, sich definieren läßt und
damit letztlich überhaupt nicht. Dem hat erstmals Hilbert zu Beginn des vorigen Jahr-
hunderts abgeholfen: mittels seiner Axiomatik, die zu einer Art von impliziter De-
finition für die Begriffe führt, die in sie eingehen und durch sie dann zueinander
unterschiedliche Verhältnisse gewinnen, wie für »Punkt«, »Gerade«, »Ebene« (vgl.
Hilbert 1987). Nur gilt es freilich, diesem überzeugenden Verfahren schon die eigent-
lichen Grundbegriffe der Geometrie zu unterwerfen, die als »Punkt« und »Ausdeh-
nung« den eigentlichen Grund für diese legen. Bilden »Punkt« und »Ausdehnung«
doch zueinander die Verhältnisse, die allen anderen bereits zugrundeliegen: nicht erst
den Verhältnissen von »Punkt« und »Ausdehnung« im Fall des Raums, sondern auch
schon im Fall der Zeit. Vgl. dazu unten §§ 6–8 und § 20.

130
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

träre Gegenglied zu ihm sich noch in positivem Sinn ergeben müßte.


Zur Verfügung nämlich haben wir ihn vorerst sogar innerhalb von
dieser unlösbaren Einheit des Sich-Ausdehnens von Punkt zu Aus-
dehnung auch seinerseits nur negativ als jenen Nichtraum.
Als das Positive hinter diesem Negativen aber wird sich dieser
Punkt als ursprüngliche Zeit ergeben. Deshalb werden unter jener
eigentlichen Gattung des Zusammenspiels von Punkt mit Ausdeh-
nung im ganzen mehrere verschiedene Arten von ihr zu bestimmen
sein. Und das wird die Erklärung dafür sein, daß bloße Ausdehnung
als angebliche Gattung wie auch Zeit und Raum, die angeblich bloß
zwei verschiedene Arten dieser angeblichen Gattung seien, sich bis
heute nicht bestimmen lassen. Schwierig nämlich ist das deswegen,
weil Ausdehnung als deren Gattung ja nicht falsch, sondern bloß un-
vollständig ist, da sie als Ausdehnung eine bestimmte nur durch das
ist, dessen Ausdehnung sie ist: durch Punkt oder durch Punktuelles.
Auch nur daran lag es deshalb, daß sich Zeit und Raum nicht definie-
ren ließen, obwohl Ausdehnung als deren genus analytisch richtig
aus ihnen ermittelt war, weil trotzdem nicht auch deren jeweilige
differencia specifica sich analytisch mitergab. 36
Zeigt daran sich doch ferner: Auch Mathematik, Geometrie und
mathematisch-geometrische Physik legt einen gänzlich unbestimm-
ten, unspezifischen Begriff von Ausdehnung zugrunde, wenn sie
Ausdehnung nur nach der Zahl der Dimensionen unterscheidet, ja
sogar als etwas Anderes zu Punkt ganz fallen läßt, indem sie Aus-
dehnung nur noch als »Punktmenge« betrachtet. Denn auch nur als
gänzlich unbestimmte, unspezifische gestattet Ausdehnung, die Zahl
der Dimensionen von ihr nach Belieben und Bedarf zu wählen und zu
berechnen, wie zum Beispiel in der »String«-Physik, wo bis zu 26 Di-
mensionen für den Raum erwogen werden. Deshalb darf man auch
gespannt sein, ob sich für so viele Dimensionen auch tatsächlich eine
physikalische Bedeutung einstellen wird, was gar nicht auszuschlie-
ßen ist, weil so ein letztlich leerer Ausdehnungsbegriff natürlich wi-
derspruchsfrei ist. Nur sind es damit eben diese Wissenschaften, die
das tun, was sie gerade umgekehrt der Philosophie vorzuwerfen pfle-
gen, nämlich daß sie Ausdehnung nur anschaulich-intuitiv zugrun-
delege. Denn gerade umgekehrt ist vielmehr die Philosophie auf diese
Weise in der Lage, den zunächst bloß anschaulich-intuitiven Sinn von
Ausdehnung, den doch wir alle nur vom dreidimensionalen Raum der

36
Vgl. oben § 1.

131
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Außenwelt her kennen können, auch noch diskursiv-begrifflich zu


bestimmen.
Sinnlos aber wäre es von vornherein, auch nur zu fragen, ob es
sich bei jenen mehr als dreidimensionalen Ausdehnungen denn nun
eigentlich um punktuelle oder um nichtpunktuelle handeln soll.
Denn ein bestimmt-spezifischer Begriff von Ausdehnung, an den so
eine Frage sinnvoll wäre, liegt hier eben nicht zugrunde. 37 So jedoch
entgehen diesen Wissenschaften solche Ausdehnungen nicht nur als
spezielle Arten mit speziellen Qualitäten. So entgeht ihnen vor allem
auch die Art der Einheit zwischen solchen Ausdehnungen, in der die-
se sich zu einem einzigen und einzigartigen Zusammenhang entfal-
ten. Der ist nämlich so unlösbar, daß er jeglicher Versuche spottet,
mit der Vorstellung an ihn heranzugehen, er lasse durch Zusammen-
setzen solcher Ausdehnungen sich erstellen und durch Auseinander-
nehmen solcher Ausdehnungen sich ergründen.
Doch gleichwohl bleibt jenen Wissenschaften wegen ihres unbe-
stimmten, unspezifischen Begriffs von Ausdehnung nichts anderes
als eben diese Vorstellung: und auch nicht erst im Fall von mehr als
dreidimensionalem, sondern schon im Fall von dreidimensionalem
Raum. Doch der entzieht sich jeder solchen Vorstellung, weil er als
ein Kontinuum wie jedes seiner Vorgänger-Kontinua nur durch Sich-
Ausdehnen von Punkt oder von Punktuellem auftritt und in keinem
Sinn durch ein Zusammensetzen von etwas: ob es nun Punkt sei oder
Ausdehnung. Und das ist immerhin bemerkenswert, weil man die
Ausdehnungen, die in ihm als dreidimensionalem zählbar sind, als
die in ihm vereinten unterscheiden kann und muß. Und dennoch sind
sie so in ihm vereint, daß dieser trotzdem eben schiere Ausdehnung
ist: so wie schon der ein- und zweidimensionale Raum die schiere
Ausdehnung von Linie oder Fläche ist. Und das liegt daran, daß es
eben je und je der Punkt oder das Punktuelle ist, der oder das als Vor-
gänger zum Nachfolger sich ausdehnt: Demgemäß kann es von vorn-
herein zu keinen Diskretionen zwischen ihnen kommen und so auch
zu keinen Diskretionen zwischen den Kontinua von einer und von
mehr als einer Dimension. Was so entspringt, ist deshalb je und je
gerade dieses Schiere von Kontinuum, auch wenn es insgesamt als

37 Deshalb ist willkommen, daß man hier auch einmal ausspricht, was man sonst nur
stillschweigend voraussetzt, weil man es für selbstverständlich richtig hält, obwohl es
falsch ist, nämlich daß »die drei unendlichen Dimensionen, die unseren Raum kon-
stituieren, qualitativ dieselben sind« (Randall 2008, S. 58).

132
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

dreifaches entspringt. Und das ist eben jeweils eine Art von Einheit,
die sich weder durch Zusammensetzen der Beteiligten erstellen läßt
noch auch durch Auseinandernehmen der Beteiligten ergründen läßt.
Ja letzteres am allerwenigsten, weil diese Art von Einheit durch
ein Auseinandernehmen der Beteiligten als Analyse des Kontinuums
vielmehr beseitigt wird. Solche Beseitigung läßt sich denn auch ge-
nauestens bestimmen: als die Umkehrung jenes Verhältnisses zwi-
schen dem Punkt oder dem Punktuellen und der Ausdehnung nach
der Synthese letzterer. Denn danach setzt die Ausdehnung jeweils
den Punkt voraus oder das Punktuelle, von dem diese somit abhängt.
Doch nach einer Analyse solcher Ausdehnung, wie sie durch Schnitt
erfolgt, setzt vielmehr Punktuelles oder Punkt gerade diese Ausdeh-
nung voraus, von der sie somit abhängen. Danach ist also das Ver-
hältnis zwischen ihnen das gerade umgekehrte, weil ein Punkt oder
ein Punktuelles nur durch Schnitt von solcher Ausdehnung entsprin-
gen kann, wie als Schnitt-Fläche oder -Linie oder -Punkt.
Daß jedes von diesen Verhältnissen, wie ausgeführt, nur darum
widerspruchsfrei ist, weil innerhalb von jedem dessen Glieder un-
gleichrangig zueinander sind, wenn auch je umgekehrt, bedeutet
demnach: Zwischen diesen zwei Verhältnissen kann es ein weiteres
Verhältnis dieser Glieder, innerhalb von dem sie miteinander gleich-
rangig sein könnten, widerspruchsfrei gar nicht geben. Und das heißt
dann ferner: Wird bei solcher Analyse die durch ersteres Verhältnis
definierte Einheit des Kontinuums beseitigt, so wird eben damit das
Kontinuum als solches selbst beseitigt, weil das erstere Verhältnis
dann auch übergangslos umschlägt in das letztere Verhältnis dieser
Glieder. Durch den Umschlag jenes ersteren Verhältnisses in dieses
letztere ist denn auch nichts geringeres definiert, als was geschieht,
wenn an die Stelle von einem Kontinuum durch Schnitt als Analyse
von ihm ein entsprechendes Diskretum tritt. Denn an die Stelle des
Kontinuums als einer Einheit oder Ganzheit tritt dann das Diskretum
als die Summe oder Vielheit seiner Teile samt der Summe oder Viel-
heit ihrer Grenzen. 38

38 Daß zwischen Punkt und Ausdehnung tatsächlich nur genau zwei Grundverhält-
nisse, die zueinander umgekehrte sind, bestehen, läßt sich nur einsehen, wenn beach-
tet wird, daß dazu jeweils auch nur das Verhältnis zwischen einem Punkt und einer
Ausdehnung heranzuziehen ist. Dies unterliegt daher auch nicht dem Einwand: Einen
Punkt kann es doch nicht nur einerseits als einen Schnittpunkt geben und zum andern
als einen sich ausdehnenden Punkt, sondern zum Beispiel auch noch als einen Berüh-
rungspunkt, der weder Schnittpunkt noch sich ausdehnender ist. Denn zu einem Be-

133
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Um das einzusehen, ist denn auch erforderlich, sich klarzuma-


chen, daß diese Verhältnisse als zueinander umgekehrte auch tatsäch-
lich miteinander sich vergleichen lassen. Könnte doch der Einwand
naheliegen, daß sie keineswegs vergleichbar seien, weil durchaus
nicht jedes ihrer Glieder sich mit dem entsprechenden des anderen
Verhältnisses vergleichen lasse. Denn das gelte nur für den Vergleich
von Ausdehnung mit Ausdehnung im einen oder anderen Verhältnis,
aber nicht für den Vergleich des Punktes oder Punktuellen innerhalb
des einen mit dem Punkt oder dem Punktuellen innerhalb des ande-
ren Verhältnisses. Sei doch auch nur die Ausdehnung in beiden etwas
Aktuales, nicht jedoch der Punkt oder das Punktuelle, die ja nur als
Schnitte etwas Aktuales innerhalb des zweiten von den beiden seien,
aber nicht auch innerhalb des ersten. Im Vergleich zu solchen Schnit-
ten als den aktualen Punkten oder als dem aktualen Punktuellen seien
diese hier vielmehr nur potentielle Punkte oder potentielles Punk-
tuelles, so daß dabei Unvergleichbares verglichen werde.
Das Verfehlte dieser Spezifikation durch »potentiell« und »aktu-
al« 39 erweist sich damit aber nur noch einmal und noch deutlicher,
weil damit offenkundig wird, wie grundsätzlich sie insbesondere den
Punkt oder das Punktuelle innerhalb des ersteren Verhältnisses ver-
fehlt. Denn um der Kürze halber vorerst nur vom Punkt zu sprechen:
Offenkundig wird hier insbesondere, daß »potentieller Punkt« dann
folgerichtig »potentieller Schnittpunkt« heißen müßte. Auch als »po-
tentieller« also müßte dieser grundsätzlich den Sinn von »Schnitt-
punkt« haben, was jedoch in keiner Weise für ihn zutrifft. Denn in
keiner Weise gilt für diesen Punkt, daß er gleich einem Schnittpunkt
etwa Ausdehnung voraussetzt, sondern umgekehrt vielmehr, daß
Ausdehnung gerade ihn voraussetzt.
Deshalb trifft des weiteren nicht zu, daß dieser Punkt es sei, der
als ein potentieller Schnittpunkt dann durch einen aktualen Schnitt
zu einem aktualen Schnittpunkt aktualisiert wird. Denn in Wahrheit
handelt es bei diesem Punkt sich nicht nur nicht um einen Schnitt-
punkt, sondern auch um keinen bloßen potentiellen Punkt. Es handelt
sich bei diesem Punkt vielmehr auch seinerseits um einen aktualen,
wie er aktualer gar nicht sein kann, weil er als sich ausdehnender

rührungspunkt gehören schon zwei Ausdehnungen, doch zu einem Schnittpunkt oder


zu einem sich ausdehnenden Punkt nur eine, zu der letzterer sich ausdehnt oder die
durch ersteren geschnitten wird.
39
Vgl. dazu oben § 2.

134
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

Punkt ja ein agierender Punkt ist. Zumal doch auch ein Punkt als
Schnittpunkt nur in dem Sinn aktual ist, in dem auch ein Schnitt als
das Agieren eines Schneidens aktual ist. Diesem aktualen Schnitt-
punkt gegenüber unterscheidet jener Punkt sich somit nicht etwa als
bloßer potentieller Schnittpunkt, sondern seinerseits gerade als ein
aktualer Nichtschnittpunkt.
Wird doch auch erst durch Schneiden als Agieren dann aus die-
sem aktualen Nichtschnittpunkt ein aktualer Schnittpunkt. Denn
auch erst durch Schneiden als Agieren wird in einen aktualen Punkt
und eine aktuale Ausdehnung zerlegt, was als ein aktualer Punkt und
eine aktuale Ausdehnung gerade unzerlegt im Spiel ist: im Konti-
nuum als dem Zusammenspiel von Punkt mit Ausdehnung, das als
Sich-Ausdehnen von Punkt zu Ausdehnung erfolgt, bis es als voll-
ständiges das Kontinuum des dreidimensionalen Raums ergibt. Und
dieser Unterschied zwischen »zerlegt« und »unzerlegt« im Sinn von
»ungesondert« und »gesondert« bringt nur auf Begriffe, was tatsäch-
lich jeweils auftritt. Bei Synthese als der Selbstausdehnung eines
Punktes nämlich gilt: Wo Ausdehnung auftritt, dort tritt auch Punkt
auf als zu ihr sich ausdehnender, und wo Punkt auftritt, dort tritt
auch Ausdehnung auf, zu der er sich ausdehnt, so daß dabei immer
beide miteinander auftreten, nur eben ungesondert oder unzerlegt.
Bei Analyse als der Teilung einer Ausdehnung dagegen gilt:
Zwar treten dabei gleichfalls immer beide miteinander auf, weil
Punkt dabei nie ohne Ausdehnung und Ausdehnung nie ohne Punkt
auftritt, jedoch zerlegt oder gesondert. Denn wo Punkt auftritt, dort
tritt nicht Ausdehnung auf, und wo Ausdehnung auftritt, dort tritt
nicht Punkt auf. Beide Male also, bei Synthese wie bei Analyse, treten
Punkt und Ausdehnung nur miteinander auf. Sie unterscheiden sich
daher nur dadurch, daß die ursprüngliche Abhängigkeit zwischen ih-
nen, in der Punkt und Ausdehnung zunächst noch ungesondert oder
unzerlegt sind, in die umgekehrte umschlägt, in der sie sodann bereits
zerlegt oder gesondert sind. Nur heißt das eben nicht, daß sie sodann
etwa getrennt sind. Heißt doch, eine Ausdehnung durch einen Punkt
zu teilen, nicht einmal, den einen Teil der Ausdehnung vom andern
Teil der Ausdehnung zu trennen; und mithin heißt es erst recht nicht,
daß dadurch der eine Teil oder der andre Teil der Ausdehnung etwa
vom Punkt getrennt wird, der sie teilt. Und dennoch treten Punkt und
Ausdehnung dadurch sehr wohl zerlegt oder gesondert auf. 40

40
Dieser Unterschied zwischen »gesondert« und »getrennt« ist als ein Unterschied

135
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

Das alles gilt daher nicht nur vom Punkt, sondern entsprechend
auch vom Punktuellen jener Ausdehnung des ein- und zweidimen-
sionalen Raums. Als zueinander umgekehrte lassen sich darum die
zwei Verhältnisse dazwischen auch sehr wohl vergleichen, weil die
beiden Glieder innerhalb von jedem sehr wohl etwas Aktuales sind.
Entsprechend ist, was durch ein Schneiden als Agieren vor sich geht,
durchaus nicht eine Überführung eines bloßen Potentiellen in ein
Aktuales. Was dadurch erfolgt, ist vielmehr nur die Überführung
des ursprünglichen Verhältnisses der beiden Glieder in das umge-
kehrte als das abgeleitete Verhältnis, das jenes ursprüngliche bereits
voraussetzt, wobei aber jedes dieser beiden Glieder in diesen Verhält-
nissen ein aktuales ist.
Und das ist die Erklärung für etwas, das bisher nur als unerklär-
tes Faktum hingenommen werden kann, wie oben dargelegt: 41 Nicht
nur entspringt durch eine und dieselbe Teilung oder Schneidung von
einem Kontinuum jeweils auf einmal zweierlei: zum einen aktuale
Ausdehnung von Teilen und zum andern aktuale Nichtausdehnung
als der Punkt oder das Punktuelle eines Schnittes oder einer Grenze
zwischen diesen Teilen. Dieses Zweierlei entspringt vielmehr jeweils
auf einmal auch gerade so, daß solche Nichtausdehnung als der Punkt
oder das Punktuelle einer Grenze oder eines Schnittes bloß als etwas
Unselbständiges an solcher Ausdehnung von Teilen als dem Selbstän-
digen auftritt, von dem es dann abhängt, weshalb deren Einheit auch
nicht widersprüchlich sein kann. Als Erklärung dafür aber scheidet
aus, durch Teilen oder Schneiden werde etwas Potentielles angeblich
zu etwas Aktualem aktualisiert, weil das den Unterschied von selb-
ständig und unselbständig unerklärt läßt. Denn zu etwas Aktualem
würde dadurch ja der potentielle Teil genauso wie die potentielle
Grenze, die jedoch als unselbständige an ihm als selbständigem da-
durch eben unerklärt bleibt. Als Erklärung kommt vielmehr nur in
Betracht: Recht eigentlich nimmt eine Teilung oder Schneidung viel-
mehr eine Umkehrung der Abhängigkeit vor, die schon in dem ur-
sprünglichen Verhältnis zwischen aktualem Punkt bzw. Punktuellem

der Sache selbst denn auch so wichtig, daß es förmlich als ein Glücksfall gelten muß,
wenn auch die Sprache, wie die deutsche, diese zwei verschiedenen Ausdrücke dafür
bereithält. Daß sie in der Umgangssprache nämlich in der Regel synonym sein dürf-
ten, macht dann nur noch augenfälliger, wie notwendig und sinnvoll der in ihnen
nunmehr hinterlegte Unterschied tatsächlich ist, für den sie fortan nicht mehr syn-
onym sein können. Vgl. dazu ferner unten § 20, S. 596.
41
Vgl. oben § 2.

136
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

als der aktualen Nichtausdehnung und der aktualen Ausdehnung be-


steht.
Die falsche Spezifikation durch »potentiell« und »aktual« da-
gegen müßte noch des weiteren vertreten: Auch dieses Verhältnis
einseitiger Abhängigkeit dieses Punktes oder Punktuellen von der
Ausdehnung liege als potentielles wie die potentielle Grenze und der
potentielle Teil schon im Kontinuum als einem aktualen vor; als et-
was Potentielles werde darum auch dieses Verhältnis durch ein aktua-
les Teilen oder Schneiden als Agieren nur zu etwas Aktualem aktua-
lisiert. In Wahrheit aber liegt dieses Verhältnis dort als das gerade
umgekehrte vor, das dort als solches auch gerade aktual ist. Doch das
wird durch diese – für sich selbst schon falsche – Spezifikation noch
zusätzlich und vollständig verdeckt, weshalb es als Problem der Sache
selbst, das es von Grund auf ist, bis heute unentdeckt geblieben ist.
Und das obwohl sich diese Spezifikation zuletzt noch selber ad absur-
dum führt. Kann dabei doch auch immer wieder neu nur von einem
Kontinuum als einem aktualen gelten, daß es dasjenige sei, das po-
tentiell angeblich all dies ist. Dann aber müßte ferner gelten, es sei
eben dies Kontinuum als etwas Aktuales, was durch Teilung oder
Schneidung dann auch noch als Teil und Grenze und deren Verhältnis
einseitiger Abhängigkeit aktual wird. Und das könnte nur ein offener
Widerspruch sein, weil dann vielmehr statt eines Kontinuums auch
nur noch ein entsprechendes Diskretum aktual sein kann.
Um das im ganzen einzusehen, ist denn auch nötig, die Begriff-
lichkeit zu überblicken, die hier insgesamt im Einsatz ist. Den Gegen-
satz zu dieser Teilung oder Schneidung als der »Analyse« von einem
Kontinuum bildet durchaus nicht etwa die »Synthese« von einem
Kontinuum. Der Gegensatz zu dieser »Analyse« als dem Ausein-
andernehmen von einem Kontinuum in seine Elemente ist vielmehr
jenes Zusammensetzen solcher Elemente als jene »Synthese«, die ge-
rade niemals ein Kontinuum ergeben kann: gleichviel um welche Ele-
mente es sich handeln mag. Genau in diesem Sinn der Vielheit sol-
cher Elemente nämlich ist nicht nur der Sinn von »Analyse«, sondern
auch der von »Synthese« als dem Gegensatz zu ihr »reduktionistisch«
in der Vollbedeutung dieses Terminus. Denn daß doch bei »Synthese«
gar nicht »reduziert« wird, sondern nur bei »Analyse«, kann kein
Einwand sein, weil dieser Terminus sich einseitig nur an die »Analy-
se« hält, die ihrem Sinn nach notwendig reduktionistisch sein muß.
Die »Synthese« aber muß das keineswegs, kann ihrem Sinn nach
vielmehr auch als eine nichtreduktionistische erfolgen, und das heißt:

137
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

als eine einheit- oder ganzheitliche, weil sie schon von vornherein zu
einer Einheit oder Ganzheit führt. 42
Denn auch jenes Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu einer
Ausdehnung kann nur eine »Synthese« aus den Elementen Punkt
und Ausdehnung bedeuten, wenn auch eben keine in dem Sinn eines
Zusammensetzens dieser Elemente, so daß auch nur in dem Sinn des
ersteren eine »Synthese« ein Kontinuum ergeben kann. Ersichtlich
wird das daran, daß der Gegensatz zu der »Synthese« des Kontinu-
ums in diesem Sinn gerade nicht die »Analyse« des Kontinuums in
jenem Sinn sein kann, weil deren Sinn eben reduktionistisch sein und
bleiben muß. Vielmehr kann Gegensatz zu der »Synthese« von einem
Kontinuum als dem »Sich-Ausdehnen« nur ein »Sich-Eindehnen« in
dem Sinn sein, daß ein »Sich-Dehnen« das Gemeinsame für beide ist
und diese somit ein »Sich-Dehnen« als ein positives oder negatives
sind, wobei das negative ebenso synthetisch wie das positive ist. 43 Und
wenn auch vorerst noch nicht abzusehen ist, was sich durch letzteres
erklären ließe, muß es festgehalten werden, weil es zur Gesamt-
begrifflichkeit gehört. Ist dessen Sinn doch als der Gegensatz zum
Sinn von ersterem dann auch wie er ein nichtreduktionistischer. Ent-
sprechend kann »Sich-Eindehnen« auch nicht im mindesten etwa den
Sinn der »Analyse« von »Sich-Ausdehnen« als der »Synthese« ha-
ben, weil es vielmehr den der gegenläufigen »Synthese« haben muß.
Dies alles einzusehen, ist denn auch erforderlich, um zu verste-
hen, warum es – anders als wir meinen – ganz und gar nicht selbst-
verständlich ist, daß eine »Analyse« als die Teilung oder Schneidung

42 Entgegen seiner wiederholten Rede von »Synthese« als reduktionistischer »Zu-


sammensetzung« schwebt sie Kant jedoch recht eigentlich als nichtreduktionistische
Synthese vor, die keineswegs der Gegensatz zur Analyse ist. Und darüber ist Kant sich
immerhin auch soweit schon im klaren, daß er von ihr sogar sagt, sie sei so wenig
Gegensatz zur Analyse, »daß die Auflösung (Analysis), die ihr Gegenteil zu sein
scheint, sie doch jederzeit voraussetze« (B 130, kursiv von mir).
43 Auch dafür kann als Beispiel jene Kugel dienen, die durch Flächenland hindurch-

geht, wenn man deren Durchgang durch es vollständig berücksichtigt, das heißt, von
deren Eintritt in es bis zu deren Austritt aus ihm. Was dann für ein Flächenwesen
insgesamt auftreten muß, ist nämlich ein von vornherein schon zweiseitig zu einer
Linie sich ausdehnender Punkt, der dann, wenn deren Länge die des Kugeldurchmes-
sers erreicht, sich wieder eindehnt und sofort verschwinden muß, sobald er nicht
mehr ein sich eindehnender ist. (Wird doch der Unterschied von »Linie« als ins Unbe-
stimmt-Unendliche verlaufender und »Strecke« als bestimmter endlicher in »Flä-
chenland« vernachlässigt. Vgl. Abbot 1982, S. 5). Genau entsprechend dazu kann der
Punkt ja auch nur auftauchen, sobald er schon ein zweiseitig zu einer Linie sich aus-
dehnender Punkt ist.

138
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

von einem Kontinuum nicht widersprüchlich, also möglich ist. Das ist
sie nämlich nur, weil diese »Analyse« eben nicht der Gegensatz ist zu
jener »Synthese« des Kontinuums, da jede vielmehr Glied in einem
andern Gegensatz-Verhältnis ist: in einem nichtreduktionistischen
jene »Synthese«, diese »Analyse« aber in einem reduktionistischen.
Und so gewiß sie widerspruchsfrei-möglich ist, so führt sie doch zu-
letzt zu Punkt und Ausdehnung als Elementen, durch deren »Syn-
these« als deren Zusammensetzung das Kontinuum sich nicht erstel-
len lassen kann, obwohl ein jedes solche Element durch »Analyse«
von ihm sich aus ihm ergeben muß. Und das liegt eben daran, daß
durch »Analyse« sich zwar jedes solche Element ergeben muß, nicht
aber auch die Einheit zwischen ihnen sich ergeben kann, die das Kon-
tinuum erst ausmacht und die dadurch vielmehr wie es selbst ver-
loren gehen muß.
Besteht sie doch als das Verhältnis jener einseitigen Abhängig-
keit einer Ausdehnung von einem Punkt bzw. Punktuellen, worin
beide als die Elemente ungesondert voneinander bleiben. Jene Einheit
aber kehrt die »Analyse« eben in die umgekehrte Einheit um, wo-
durch die beiden als die Elemente nun gesondert voneinander wer-
den, so daß zwischen ihnen das Verhältnis der nun umgekehrten ein-
seitigen Abhängigkeit eines Punktes oder Punktuellen von einer
Ausdehnung auftritt. Durch ein jedes Teilen oder Schneiden als Agie-
ren einer »Analyse« von einem Kontinuum wird also – wo auch
immer sie in ihm ansetzen mag – jeweils gesondert aus ihm das her-
ausgeholt, was jeweils ungesondert in ihm steckt: zum einen Punkt
bzw. Punktuelles und zum andern Ausdehnung. Daher ist dieser
Punkt bzw. dieses Punktuelle innerhalb des letzteren Verhältnisses
auch nicht mehr das Agierende, weil das vielmehr nur noch das Tei-
lende oder das Schneidende sein kann. Als etwas dennoch Aktuales
können deshalb Punkt und Punktuelles hier auch nur noch das sein,
was durch Teilen oder Schneiden als Hinein-Agieren ins Kontinuum
dann um sein eigenes Agieren als etwas Dynamisches gebracht wird
und mithin zu dem entsprechend Statischen gemacht wird.
Denn als etwas Statisches hört Punkt und Punktuelles eben auf,
dynamisch durch Sich-Ausdehnen jeweils der Ursprung einer Aus-
dehnung zu sein, die dadurch ebenfalls dynamisch aus ihnen hervor-
geht, so daß auch dieses Dynamische von Ausdehnung zu etwas Sta-
tischem noch werden muß. Und statisch treten beide miteinander
denn auch auf, indem jenes Kontinuum zerlegt oder gesondert zu
ihnen in dem Sinn wird, daß dort, wo Punkt bzw. Punktuelles ist,

139
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

nicht Ausdehnung, und dort, wo Ausdehnung, nicht Punkt bzw.


Punktuelles ist. Und dennoch ist die Einheit, in der sie dann mitein-
ander stehen, immer noch in vollem Sinn vergleichbar mit der Ein-
heit, die sie miteinander im Kontinuum gebildet hatten, eben weil sie
nur die zu ihr umgekehrte ist. Denn so gewiß in jedem Fall sich zwi-
schen Ausdehnung und Punkt bzw. Punktuellem unterscheiden läßt,
so doch gewiß in keinem dieser Fälle etwa deshalb, weil dazwischen
eine Grenze wäre.
Vielmehr kann es eine Grenze zwischen Ausdehnung und Punkt
bzw. Punktuellem nicht einmal nach einer Teilung oder Schneidung
von einem Kontinuum als der Zerlegung oder Sonderung dazwischen
geben. Denn sogar noch hier nach deren Sonderung oder Zerlegung
ist der Unterschied von Ausdehnung und Punkt bzw. Punktuellem
nach wie vor ein grenzeloser zwischen ihnen, den sie innerhalb von
ihrer somit gleichfalls grenzelosen Einheit miteinander eben zuein-
ander bilden. Als die umkehrende Einheit der Zerlegung oder Sonde-
rung von ihnen deckt sie daher auch nur auf, was auch schon in der
dadurch umgekehrten ursprünglichen Einheit von ihnen als Unzer-
legtem oder Ungesondertem besteht: ein grenzeloser Unterschied von
Ausdehnung und Punkt bzw. Punktuellem innerhalb von ihrer somit
gleichfalls grenzelosen Einheit. Dieses jeweils Grenzelose ihres Un-
terschieds und ihrer Einheit ist es denn auch, was dann wiederkehrt,
wenn Teilen oder Schneiden des Kontinuums die ursprüngliche Ein-
heit von ihm in die umgekehrte Einheit des entsprechenden Diskre-
tums eben umkehrt, an dem deren Art dann kenntlich wird.
Denn an der Art der Einheit und des Unterschiedes zwischen
ihnen ändert sich durch solches Teilen oder Schneiden überhaupt
nichts. Ist doch dieser Unterschied und diese Einheit zwischen ihnen
auch nach Teilung oder Schneidung, wonach Ausdehnung und Punkt
bzw. Punktuelles dann zum ersten Mal zerlegt oder gesondert von-
einander sind, noch immer einzigartig. Denn der Sinn, in dem sie
danach jeweils zueinander schon etwas Diskretes sind, ist derart ei-
gentümlich, daß er noch ganz diesseits zum Normalsinn liegt, indem
er der ursprüngliche Sinn von etwas Diskretem ist. Denn im Normal-
sinn ist etwas Diskretes ja nur das Diskrete einer Ausdehnung zu dem
Diskreten einer andern Ausdehnung bzw. das Diskrete eines Punktes
oder Punktuellen zum Diskreten eines andern Punktes oder Punk-
tuellen.
Der Normalsinn solcher Diskretionen schließt sonach mit ein,
daß jeweils etwas zwischen ihnen liege, und zwar etwas von der Art

140
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

des jeweils Anderen. Denn zwischen dem Diskreten einer Ausdeh-


nung und dem Diskreten einer andern Ausdehnung liegt jeweils
Punkt bzw. Punktuelles, und auch umgekehrt liegt zwischen dem Dis-
kreten eines Punktes oder Punktuellen und dem andern jeweils Aus-
dehnung. All dies jedoch setzt das Diskrete des Verhältnisses von
Ausdehnung und Punkt bzw. Punktuellem jeweils zueinander mit
seinem ursprünglich-eigentümlichen Sinn eben immer schon voraus.
Denn der ist deshalb ein ursprünglich-eigentümlicher, weil Ausdeh-
nung und Punkt bzw. Punktuelles jeweils zueinander dies Diskrete
eben nicht auch ihrerseits bereits durch etwas sind, das zwischen
ihnen liegt, weil zwischen ihnen vielmehr nichts liegt.
Jenes Teilen oder Schneiden als Agieren ist daher schon abhän-
gig von dem Agieren, das erst einmal ein Kontinuum als eine Wirk-
lichkeit erzeugen muß, damit durch deren oder dessen Teilen oder
Schneiden als Agieren überhaupt erst diese oder jene Diskretionen
wirklich werden können. Und wie sich bereits im vorigen ergeben
hatte, 44 kann das erstere Agieren dann auch nur ein autonomes und
das letztere dann auch nur ein heteronomes sein. Kann doch der
Grund für ein Kontinuum nur innerhalb von diesem liegen, der für
eine Diskretion in ihm jedoch nur außerhalb von ihm. Die Einsicht in
die innere Struktur von Subjektivität, die damit dort bereits gewon-
nen war, erweitert hier sich aber noch entscheidend: durch die dort
noch ausstehende Antwort auf die Frage: Nach welchem Gesetz oder
Prinzip erfolgt denn die Auto-Nomie dieses Agierens?
Kann die Antwort doch nur lauten: Das Gesetz oder Prinzip die-
ses Agierens ist der Punkt, weil jede Ausdehnung das, was sie ist, nur
als die eines Punktes oder Punktuellen ist. Das müßte sich daher auch
nicht bloß für die Ausdehnung des Raums ergeben, sondern gleicher-
weise für die Ausdehnung der Zeit. Zusammen nämlich sind sie Kant
zufolge ein Kontinuum als das Formale eines Gegenstandes für ein
Anschauungsbewußtsein, das als auch noch inhaltlich-diskret besetz-
tes dann das Wahrnehmungsbewußtsein eines Subjekts ist: In irgend-
einem Sinn muß so ein Subjekt als das Selbstverhältnis eines Selbst-
bewußtseins so ein Punkt sein, der durch sein Sich-Ausdehnen zur
Ausdehnung von Zeit und Raum sich seine Wahrnehmung von Au-
ßenwelt als die ursprüngliche empirische Erkenntnis von ihr selbst
ermöglicht.
Angesichts von solcher Wahrnehmung, wie wir sie kennen,

44
Vgl oben § 3.

141
Kants Problem mit der Gemeinsamkeit von Zeit und Raum

stellt sich aber eine Frage, die bis heute ihrer Antwort harrt, weil erst
dieses Sich-Ausdehnen sie geben kann. Geradezu als Wesenszug von
ihm hat nämlich sich ergeben, daß dieses Kontinuum von Ausdeh-
nung, das es erzeugt, dies nur im Sinn von Ausdehnung als Qualität
ist und gerade nicht etwa im Sinn von ihr als Quantität. Nur der ver-
fehlte Sinn von Ausdehnung als Quantität, den Kant von vornherein
zugrundelegt, verleitet ihn zu der verfehlten Vorstellung von der Dy-
namik dieses Ausdehnens als dem Zusammensetzen und Vergrößern
von etwas, das dafür selbst schon diese oder jene Quantität von Aus-
dehnung als Größe sein muß.
Wie verfehlt das in der Tat ist, läßt sich nämlich nicht mehr über-
sehen, wenn man einmal versucht, es folgerichtig auf die Wahrneh-
mung, wie wir sie kennen, anzuwenden. Kennen wir sie doch als das
Bewußtsein eines Subjekts, durch das es bewußt bei diesem oder je-
nem Objekt in der Außenwelt ist, wenn es dieses dort als etwas Drei-
dimensionales wahrnimmt. Welche Antwort aber haben wir dann auf
die Frage, was das eigentlich bedeuten soll? Wenn sich durch Nach-
messen etwa herausstellt, so ein Objekt sei 10 m weit entfernt von
diesem Subjekt: Heißt dies dann, das Wahrnehmungsbewußtsein die-
ses Subjekts sei 10 m lang, weil es doch als Bewußtsein bis zu diesem
Objekt hinreicht, wenn dieses Subjekt bewußt bei diesem Objekt ist?
Und diese Frage stellt sich auch schon außerhalb der Theorie von
Kant, muß innerhalb von ihr sich aber noch verschärfen.
Ist nach Kant doch ein Subjekt, wenn es ein Objekt wahrnimmt,
als Bewußtsein dadurch bei diesem Objekt, daß dieses Subjekt sich
formal zur Ausdehnung von Zeit und Raum als dem Kontinuum er-
zeugt, in dem dieses Objekt sich inhaltlich als ein Diskretum ab-
grenzt. Denn mit dem Kontinuum der Ausdehnung einher geht Kant
zufolge eben das Kontinuum formaler Anschauung als ein Bewußt-
sein davon, die als inhaltlich besetzte dann das Wahrnehmungs-
bewußtsein von diesem Diskretum als dem Objekt ist. Heißt dann,
sich derart auszudehnen und Bewußtsein davon zu gewinnen, für so
ein Subjekt etwa, sich auf 10 m zu vergrößern, wenn es als ein Wahr-
nehmungsbewußtsein zu einem Objekt gelangt, das 10 m von ihm
entfernt ist? Ja bedeutet dies gar, sich noch etwas weiter als nur auf
10 m zu vergrößern, weil doch über das jeweilige Diskretum das je-
weilige Kontinuum hinausgehen muß, wenn innerhalb von ihm sich
ein Diskretum abgrenzt?
Mögen diese Fragen aber schon allein als solche unsinnig er-
scheinen, müßte Kant sie folgerichtig doch bejahen, wenn Sich-Aus-

142
§ 4. Die Dynamik der Synthese des Kontinuums von Zeit und Raum

dehnen soviel wie Sich-Vergrößern hieße und mithin als Sich-Zu-


sammensetzen zu der Ausdehnung von Zeit und Raum als »extensi-
ven Größen« führte. Solche Fragen aber stellen sich erst gar nicht,
wenn man festhält, daß dies vielmehr nur im Sinn von Ausdehnung
als bloßer Qualität geschehen kann, weil Quantitäten eben immer
erst als Diskretionen gegenüber Diskretionen innerhalb dieses Kon-
tinuums von Zeit und Raum auftreten können. So bemißt der Ab-
stand eines Objekts, das von einem Subjekt 10 m entfernt ist, sich
auch nur als Abstand zu dem Objekt, das der eigene Körper dieses
Subjekts ist. Der aber ist wie alle anderen Objekte eben Außenwelt
für dieses Subjekt, und sie alle nimmt es eben nur als Diskretionen
innerhalb dieses Kontinuums von Zeit und Raum wahr.
Gegenüber solcher Außenwelt von Diskretionen als den Quan-
titäten ist dieses Kontinuum, wie es als bloße Qualität all dem zu-
grundeliegt, sonach auch bloße Innenwelt des Subjekts selbst: Indem
es autonom als Punkt sich ausdehnt, ist es dieses Subjekt selbst, das
als dieses Agieren zu diesem Kontinuum sich selbst erzeugt und so als
Innenwelt auch ständig diesseits bleibt zu jedem Objekt solcher Au-
ßenwelt. Als diese Qualität eines sich ausdehnenden Punktes ist ein
solches Subjekt denn auch keine Größe oder Quantität: als Punkt so
wenig wie als Ausdehnung, und daher als Sich-Ausdehnen von Punkt
zu Ausdehnung auch nicht ein Sich-Vergrößern oder Sich-Zusam-
mensetzen.
Damit aber stellt sich dann ein weiteres Problem. Bleibt all das
ständig diesseits solcher Außenwelt, weil es als Innenwelt sich stän-
dig innerhalb des Subjekts abspielt, müßte dies bedeuten, daß all das
auch ständig innerhalb von Punkt sich abspielt. Wie aber kann dies
verständlich werden, wenn doch gelten soll: Als ein sich ausdehnen-
der Punkt geht dieser ständig über sich hinaus, indem er zu der Aus-
dehnung sich ausdehnt, die zuletzt als dreidimensionaler Raum die
Ausdehnung von Außenwelt sein soll? – Die Lösung für dieses Pro-
blem wird erst die Antwort auf die Frage bringen: Wie denn sollte in
dem Sinn, in dem der Raum trotz seiner drei verschiedenen Dimen-
sionen ein Kontinuum ergibt, sogar auch noch die Dimension der Zeit
mit den drei Dimensionen dieses Raums zusammen ein Kontinuum
ergeben können?

143
Kapitel II
Kants Probleme mit den Unterschieden
zwischen Zeit und Raum

§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit


im Unterschied zu dem des Raums

Die Art und Weise unseres Verfahrens – wie im vorigen auch im


weiteren – sei hier einmal eigens angesprochen. So erheblich auch
der Anteil an Kritik und kritischem Zu-Ende-Denken sein mag, so
beruhen die Ergebnisse im wesentlichen doch auf Texten, die verbür-
gen: Was sich abzeichnet, ist eine Theorie, zu der Kant zweifellos
schon unterwegs gewesen war, von der Kant aber auch genauso zwei-
fellos noch weit entfernt geblieben ist, obwohl sie haltbar scheint.
Entsprechend sollte man sich vergewissern, daß dies eng mit der Ge-
staltung seiner Texte selbst zusammenhängt: Indem er sie verfaßt,
läßt Kant sich nämlich immer wieder so weit auf die Schwierigkeit
der jeweiligen Sache selbst ein, daß er sie für uns erschließt, indem
er selbst sich tief in ihre Schwierigkeit verstrickt. Der aussichtsreich-
ste Weg, die jeweilige Sache selbst noch weiter zu verfolgen, ist daher,
diesen Verstrickungen so weit wie möglich nachzugehen, um sie zu-
letzt so weit wie möglich abzustreifen. Was dadurch aus seinen Tex-
ten freigelegt wird, ist am Ende nämlich gar nicht Kant, sondern recht
eigentlich die jeweilige Sache selbst, um die es ihm zu tun war. Denn
die »Schwierigkeit« und »Dunkelheit« in seinen Texten, »wo die
Sache selbst tief eingehüllt ist«, war ihm nicht entgangen. 1
Dies im Auge zu behalten, ist erforderlich, will man durchschau-
en, was zum Dunkelsten und Schwierigsten der Theorie gehört, der
Kant die beiden Gruppen seiner »mathematischen Grundsätze« wid-
met. Alles andere als auf der Hand liegt nämlich, was der Grund dafür
sein sollte, daß Kant meint: Es gelte nicht nur die Erzeugung einer
»extensiven Größe« wie der Zeit oder des Raums durch eine apriori-
sche Synthese zu erklären, sondern auch noch die Erzeugung einer
»intensiven Größe«. Dieser nämlich widmet er speziell die zweite

1
A 88 B 121, vgl. auch A 98.

144
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

Gruppe von ihnen, die er als »Antizipationen der Wahrnehmung«


auffaßt, während ihm die erste Gruppe als »Axiome der Anschau-
ung« gelten. 2
Eine apriorische Erzeugung auch noch einer »intensiven Grö-
ße«, so meint Kant, sei nämlich für den Inhalt einer Anschauung
notwendig, da die apriorische Erzeugung einer »extensiven Größe«
wie der Zeit oder des Raums ja nur die Form von ihr erstelle. Eine
solche Anschauung als eine Form, in der ein Inhalt auftritt, soll zu-
letzt jedoch als eine Wahrnehmung von Außenwelt auftreten. Des-
halb spricht Kant, wenn er über die Bedingungen für apriorische Er-
zeugung dieser »intensiven Größe« für den Inhalt handelt, von den
»Antizipationen« solcher Wahrnehmung. Denn jeder solche Inhalt
innerhalb von ihr habe als »intensive Größe« eines »Grades« auf-
zutreten. Müsse jeder solche Inhalt doch auch einen »Grad des Ein-
flusses auf« das Subjekt besitzen, in dem er ursprünglich als eine
»Empfindung« dieses Subjekts auftritt wie etwa als die von »Farbe«
oder »Wärme« oder »Schwere«. 3 Dieser Grad des Einflusses durch
einen solchen Inhalt lasse sich als »intensive Größe« von ihm mittels
apriorischer Erzeugung von ihr schon vorwegnehmen als etwas
Apriorisches wie Zeit und Raum der Form von ihm als »extensiver
Größe«.
Doch selbst wenn man erst einmal beiseite läßt, wie denn ver-
gleichbar mit den »extensiven Größen« Zeit und Raum auch zusätz-
lich noch eine »intensive Größe« apriori sich erzeugen lassen könnte,
tappt man schon allein im Dunkeln: Was denn eigentlich soll das Pro-
blem sein, so daß es zu seiner Lösung auch noch diese Theorie erfor-
dert? Was denn bliebe unerklärt, wenn diese Theorie als die Erklä-
rung dafür unterbliebe? Denn gerade innerhalb des Ansatzes von
Kant bleibt dies erst einmal unerfindlich, so daß man den Eindruck
einer Theorie gewinnen muß, die fehlschlägt, aber nicht, weil sie zu
wenig, nein, weil sie zu viel erklärt. Zumal genau in diesem Sinn
bereits Kant selbst sich äußert, seine eigenen Bedenken dann jedoch
nicht gelten läßt. Denn was ihm dabei vorzuschweben scheint, droht
ja auf nichts geringeres als folgendes hinauszulaufen: Ausgerechnet
den empirischen Gehalt der Wahrnehmung, der in ihr als ursprüng-
licher empirischer Erkenntnis von der Außenwelt gerade niemals
apriori, sondern nur aposteriori sein kann, könne ein Subjekt aposte-

2 Vgl. A 162 B 202 mit A 166 B 207.


3
A 166 ff. B 207 ff., A 169 B 211.

145
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

riori in sich selbst nur aufnehmen, indem es dessen »intensive Grö-


ße« durch deren Synthese apriori in sich selbst bereits vorwegnehme.
Nur hat dabei Kant selbst bereits erhebliche Bedenken, wonach
»es befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen,
was gerade die Materie derselben angeht, die man nur aus ihr schöp-
fen kann.« 4 Er meint jedoch, sich darüber hinwegsetzen zu können,
weil es bei Vorwegnahme der »intensiven Größe« von einer Empfin-
dung gar nicht um »eine besondere« Empfindung als den einen oder
anderen empirischen Gehalt zu tun sei. Denn »es finde sich doch
etwas, was sich an jeder Empfindung, als Empfindung überhaupt,
(ohne daß eine besondere gegeben sein mag,) a priori erkennen
läßt«. 5 Und das sei eben ihre »intensive Größe« als Empfindung, »von
der man sich nur bewußt werden kann, daß [man als] das Subjekt
affiziert sei«, 6 was dann heißen muß: und nicht auch, ›wie [man als]
das Subjekt affiziert sei‹, weil das vielmehr die Empfindung als empi-
rischen Gehalt betrifft.
Denn durchaus sinnvoll ist es, so zu unterscheiden, wie sich auch
an andern Stellen zeigt. So etwa, wenn Kant sagt: »Daß diese Affek-
tion der Sinnlichkeit in mir ist, macht gar keine Beziehung von der-
gleichen Vorstellung auf irgend ein Objekt aus«, 7 was entsprechend
nur bedeuten kann: ›Nicht daß sie, sondern wie sie in mir ist, macht
eine Beziehung von dergleichen Vorstellung auf irgendein Objekt
aus‹. Nur muß hier mit diesem Wie die Form der Vorstellung gemeint
sein, die sie in einem Subjekt bekommt, indem sie innerhalb von Zeit
und Raum als jenen »extensiven Größen« auftritt. Dort dagegen
kann mit jenem Wie nur die »Empfindung« als empirischer Gehalt
der Vorstellung gemeint sein. Deshalb kann je nach Zusammenhang
der Sinn von diesem Wie verschieden sein, der Sinn von jenem Daß
dagegen immer nur derselbe. Und mit eben diesem Sinn muß Kant,
was eine eigene »intensive Größe« für das bloße Daß der Affektion
betrifft, im Rahmen seines eigenen Ansatzes in eine unlösbare
Schwierigkeit geraten.
Denn mit diesem bloßen Daß der Affektion kann ja auch nur das
bloße Daß der Wirkung einer Affektion im Unterschied zu deren Ur-

4 A 167 B 209. Und wie erheblich die Bedenken sind, zeigt sich besonders deutlich, wo
er sie noch einmal wiederholt, indem er ihnen einen ganzen Absatz widmet, vgl.
A 175 B 217.
5
A. a. O. (kursiv von mir).
6 B 207 (kursiv von mir).

7
A 253 B 309 (kursiv von mir).

146
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

sache gemeint sein. Darum ist Kant auch insofern noch im Recht,
wenn er bemerkt: »Mit der Kausalität habe ich für jetzt noch nicht
zu tun«, 8 daß er sonach mit dieser Theorie der »intensiven Größe«
nicht etwa den »Grundsatz der Kausalität« hier unzulässig schon vor-
wegnimmt. Denn tatsächlich gilt, daß es dabei nur um die Frage geht,
welche Bedingungen durch ein Subjekt erfüllt sein müssen, wenn es
innerhalb von ihm zu einer Wirkung einer Affektion durch eine Ur-
sache soll kommen können.
Dann jedoch wird offenkundig, daß für Kant auf diese Frage eine
Antwort gar nicht möglich sein kann. Aber nicht etwa, weil er sie
nicht mehr geben könnte, sondern weil er sie im Rahmen seines An-
satzes schon längst gegeben hat. Vertritt gerade Kant doch darin
durchwegs jene autonome Spontaneität eines Subjekts, als die es jeder
apriorischen Synthese von etwas wie Zeit oder wie Raum als der ur-
sprünglichen Erzeugung von ihnen zugrundeliegt. Denn auch, wenn
er sie nicht in allen Einzelheiten des Sich-Ausdehnens von einem
Punkt ermittelt, kann sie Kant als ein Agieren, das spontan und auto-
nom erfolgt, nicht zweifelhaft sein. Dann jedoch muß gelten: Tritt ein
Subjekt ständig als der Ursprung so eines Agierens auf, dann eben
damit auch noch ständig als der Vorsprung so eines Agierens vor
dem Reagieren auf dieses Agieren, so daß ferner gelten muß: Genau
in diesem Sinn ist es denn auch solches Agieren, welches so ein Rea-
gieren, wenn es eintritt, als ein Reagieren auf sich selbst mit einer
Wirkung in sich selbst dann durch sich selbst hervorruft.
Daß ein solches Reagieren ausbleibt aber ist unmöglich. Viel-
mehr muß es notwendig erfolgen und notwendig auch durch etwas
Anderes, wenn gilt: So ein Subjekt ersteht als dies Agieren von Men-
talem aus Somatischem heraus, das es empirisch dann als einen von
den Körpern in der Außenwelt, nämlich als seinen Körper kennen-
lernen kann. Zu einem Daß von einer Wirkung in solchem Agieren
muß es also wegen dieses notwendigen Reagierens auf solches Agie-
ren dann auch durch solches Agieren selbst notwendig kommen.
Zieht solches Agieren nämlich solches Reagieren auf sich selbst not-
wendig nach sich, heißt das folglich, daß dadurch solches Agieren
dieses Daß von einer Wirkung in sich selbst dann auch sich selbst
notwendig zuzieht: Die Autonomie dieses Agierens kann dann dieser
Heteronomie von diesem Reagieren nicht entgehen, weil die erstere
die letztere selbst auslöst. Doch zu einem Wie von solcher Wirkung,

8
A 169 B 210.

147
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

das mit diesem Daß von solcher Wirkung miteinhergeht, kann es


dann nur kontingent und faktisch kommen. Hängt doch dieses dann
auch zusätzlich noch von dem faktisch-kontingenten Zustand jenes
Andern ab, das als der Körper eines Subjekts mit den andern Körpern
in der Außenwelt zusammenhängt.
Erfolgt solches Agieren aber als ursprünglich-apriorische Erzeu-
gung jener Ausdehnung von Zeit und Raum, erstellt es sich dadurch
zu diesen »extensiven Größen« als genau demjenigen, das dieses Daß
von einer Wirkung in sich dann auch apriori schon vorwegnimmt.
Denn tatsächlich ist dieses Agieren als das apriorische Erzeugen von
deren Kontinuum die apriorische Vorwegnahme von einer Wirkung
in ihm als einer Besetzung von ihm. Diese nämlich kann dann fak-
tisch-kontingent so oder so erfolgen, indem sie als Wirkung in ihm
das Kontinuum von Zeit oder von Raum kontinuierlich läßt oder
diskret macht: es zum Beispiel als Kontinuum von Rotgehalt kon-
tinuierlich läßt oder durch eine Grenze zwischen Rot- und Grün-
gehalt diskret macht. Zur Verbürgung dessen eine weitere apriorische
Erzeugung einer eigenen »intensiven Größe« anzusetzen, ist daher
von Grund auf überflüssig, so daß es auch nicht verwundern kann,
wenn unerfindlich bleibt: Wie könnte zusätzlich zu »Größen« als den
»extensiven« dann genauso apriori auch noch eine »Größe« als die
»intensive« sich erzeugen lassen?
Denn selbst wenn man einmal annimmt, das sei möglich, muß
des weiteren unverständlich bleiben, weshalb diese »Größe« nur noch
eine »intensive« sein soll, die von jenen »extensiven« sich entspre-
chend unterscheide. Kann dies doch gewiß nicht heißen: Durch jene
Kontinua von Zeit und Raum als »extensive Größen« könne auch nur
das Kontinuierlichlassen des Kontinuums vorweggenommen werden,
das Diskretmachen von ihm dagegen nur durch eine eigene »inten-
sive Größe«. Denn als eine Wirkung im Kontinuum der einen oder
andern »extensiven Größe« tritt ja beides auf: Kann durch Diskret-
machen doch ebenso wie durch Kontinuierlichlassen auch nur das
Kontinuum als solches selbst betroffen werden, weshalb umgekehrt
durch die Erzeugung von ihm auch tatsächlich schon das eine wie das
andere vorweggenommen werden muß.
Denn deren Unterschied, das heißt, ob nun im Einzelfall gerade
ein Kontinuierlichlassen oder ein Diskretmachen erfolgt, gehört be-
reits zum faktisch-kontingenten Inhalt, auch wenn jedes, für sich
selbst genommen, noch zur Form gehört. Bedürfte somit das Diskret-
machen im Unterschied zu dem Kontinuierlichlassen auch noch zu-

148
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

sätzlich einer Vorwegnahme durch eine eigene »intensive Größe«,


müßte jeweils durch die »extensive« ebenso wie durch die »intensive«
jedes schon vorweggenommen werden. Folglich könnte keines mehr
ein Faktisch-Kontingentes sein, wogegen das Kontinuum der bloßen
»extensiven Größe« eben keines davon festlegt und so jedes davon als
ein Faktisch-Kontingentes zuläßt. Demnach gilt im ganzen: Eines da-
von muß sich jeweils einstellen, jedes davon aber kann sich, keines
davon also muß sich jeweils einstellen. Durch die zusätzliche »inten-
sive Größe« aber würde somit selbst noch auf der Ebene der bloßen
Form in jedem Fall vom Faktisch-Kontingenten eines Inhalts schon
etwas vorweggenommen, was jedoch in keinem Fall gemeint sein
kann.
Nur fragt sich dann auch desto dringlicher, was eigentlich ge-
meint sein soll. Denn damit scheidet ja nur aus, speziell für das Dis-
kretmachen eines Kontinuums sei zusätzlich zu ihm als dieser oder
jener »extensiven Größe« auch noch eine »intensive Größe« für den
Inhalt apriori zu erzeugen. Doch durchaus nicht scheidet damit auch
noch aus, daß eben zusätzlich zu dieser oder jener »extensiven Grö-
ße« für ihn auch noch eine »intensive Größe« für ihn apriori zu er-
zeugen sei. Infolgedessen muß sich fragen, was denn dieses Zusätzli-
che eigentlich bedeuten könnte, wenn nicht das bislang Erwogene.
Was dann noch bleibt, ist nämlich mindestens, daß diese »intensive
Größe« zusätzlich zu Zeit und Raum als »extensiven Größen« nötig
sei. Denn alle seien doch nicht nur als »Größen«, sondern auch noch
»apriori« zu erzeugen.
Gibt es dann doch mehr als eine Möglichkeit, in welchem Sinn
diese Erzeugung zusätzlich zu der von Zeit und Raum erfolgen müs-
se. So etwa, daß die Erzeugung dieser »intensiven Größe« der Erzeu-
gung dieser »extensiven Größen« schon vorauszugehen oder erst
nachzufolgen habe, wobei letzteres erst einmal näher liegen muß als
ersteres. Denn soll die »intensive Größe« die Voraussetzung für Auf-
treten von Inhalt in der Form der »extensiven Größen« sein, muß die
Erzeugung letzterer doch wohl bereits erfolgt sein, so daß innerhalb
von ihnen die Erzeugung dieser »intensiven Größe« vor sich gehen
kann. Nur könnte »zusätzlich zu ihnen« eben auch noch »außerhalb
von ihnen« heißen, so daß ihnen diese »intensive Größe« für Gehalt
auch schon vorausgehen und erst nachträglich in eine Form von
ihnen als den »extensiven Größen« eingehen könnte. Jedenfalls
spricht für die andere Möglichkeit zunächst einmal auch dies, daß erst
die zweite Gruppe jener »Grundsätze« von dieser »intensiven Größe«

149
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

handelt, von den beiden »extensiven Größen« aber schon die erste
Gruppe.
Tritt man, jede solche Möglichkeit vor Augen, an den Text heran,
stellt sich jedoch heraus, daß diesbezüglich die größtmögliche Verwir-
rung in ihm herrscht. Denn gänzlich unentschieden zeigt sich Kant
von Anbeginn der »mathematischen Grundsätze«, was die ursprüng-
liche Art des Auftretens von einem Inhalt als einer Empfindung im
Subjekt betrifft, als die er eine »intensive Größe« haben soll, die
apriori zu erzeugen sei. Sobald Kant dabei nämlich auch noch auf die
»extensive Größe« als die Form zu sprechen kommt, worin ein sol-
cher Inhalt auftritt, formuliert er immer wieder unterschiedlich: Da-
nach tritt ein Inhalt bald in »Raum und Zeit« auf, 9 bald hingegen in
»Raum oder Zeit«, 10 wobei nicht klar wird, ob im Sinn von »vel« das
»oder« mit dem »und« sich noch vereinbaren läßt oder im Sinn von
»aut« dem »und« schon widerspricht. Entschieden wird das nämlich
auch nicht an der einen Stelle, wo für dieses »oder« einmal ein »ent-
weder-oder« eintritt. 11 Denn an einer andern Stelle werden alle diese
Möglichkeiten wieder rückgängig gemacht, weil hier von einem »we-
der-noch« die Rede ist, 12 so daß sich die Verwirrung nicht mehr über-
bieten läßt. 13 Und wenn den »Königen« beim Bauen derlei unterläuft,
sollten die »Kärrner« innehalten und erst einmal überlegen, was der
Grund dafür sein mag, bevor sie es zum Schutt befördern.
Gilt es doch sogar als erstes schon sich klarzumachen: Dieses
»weder-noch« gehört tatsächlich mit in diese Reihe und vollendet da-
her die Verwirrung in der Tat. Es läßt sich nämlich nicht aus ihr ent-
fernen, etwa mit dem Hinweis, daß sein Sinn bloß ein empirischer,
kein apriorischer sein könne; denn der Satz, in dem es auftritt, laute,
daß »Empfindung an sich gar keine objektive Vorstellung [,] ist und
in ihr weder die Anschauung vom Raum, noch von der Zeit, angetrof-
fen wird«. 14 Sei damit doch auch nur gemeint, Empfindung könne

9
B 202, B 203, A 165 B 206 (2mal), B 207, B 208, B 209.
10 B 202, B 203, B 207.
11 B 203, kurz vor 204.

12 B 208.

13 An Abhandlungen über diesen Text von Kant (vgl. z. B. Maier 1930, S. 58–73; Böh-

me 1974, S. 246, S. 250 ff.) fällt aber immer wieder auf: Die Einzelheiten dieser Wider-
sprüche nehmen sie entweder gar nicht erst zur Kenntnis oder nicht recht ernst. Sie
lösen nämlich das sich Widersprechende aus seiner Widersprüchlichkeit heraus, um
jedes dann gesondert zu verwerten.
14
A. a. O. (kursiv von mir).

150
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

nicht als bloßes Daß der bloßen Wirkung einer Affektion die Form
von Raum und Zeit empirisch mit sich bringen, sondern eben apriori
nur bekommen durch das Wie von ihrem Auftreten in einem Subjekt.
Diesen Satz so zu verstehen, scheidet nämlich aus, weil dessen
Fortsetzung bereits belegt, daß hier von vornherein nicht von sol-
chem Empirischen die Rede sein kann, sondern nur von solchem
Apriorischen. Sie lautet nämlich: Deshalb »wird ihr zwar keine exten-
sive, aber doch eine Größe […], also eine intensive Größe zukom-
men«. Behauptet wird sonach nicht nur, das Apriorische der Form
für Auftreten einer Empfindung im Subjekt sei weder Raum noch
Zeit als »extensive Größe«; vielmehr wird sogar auch noch daraus
gefolgert, dieses Apriorische sei darum auch nur eine »intensive Grö-
ße«, weshalb diese ganze Überlegung sich von vornherein ausschließ-
lich im Bereich des Apriorischen bewegt.
Denn gegen letzteres und so für ersteres spricht auch nicht, daß
Kant dabei das Bewußtsein in Gestalt einer Empfindung »das empiri-
sche Bewußtsein« nennt, weil sie als Wirkung einer Affektion tat-
sächlich das Empirische des Inhalts von diesem Bewußtsein aus-
macht. Umso deutlicher wird nämlich, daß es dabei also nur um
dessen oder deren Form geht als das Apriorische, auf Grund von
dem das Auftreten dieses Empirischen in einem Subjekt vor sich geht.
Denn solches Auftreten in ihm ist Kant zufolge eigentlich ein Auf-
nehmen durch es, das Kant als die »Apprehension« durch ein Subjekt
bezeichnet 15 und als ein Agieren auffaßt, das gleich dem Agieren der
Erzeugung jener »extensiven Größen« eben das einer Erzeugung die-
ser »intensiven Größe« sein soll.
Der Verwirrung, der sonach nicht zu entkommen ist, kann dem-
gemäß nur beizukommen sein durch Wörtlichnahme dieses »weder-
noch«. Gerade mit dem letzteren legt Kant sich nämlich fest auf die
Erforderlichkeit dieser »intensiven Größe« zusätzlich zu jenen »ex-
tensiven Größen«. Folglich müßte Kant die apriorische Erzeugung
von ihr auch tatsächlich streng unter Voraussetzung von diesem »we-
der-noch« begründen können, sprich: als die besondere von den not-
wendigen »Bedingungen der Möglichkeit« für solchen Inhalt. Könnte
das gelingen, müßte sich jedoch sogleich auch fragen, weshalb erst die
zweite Gruppe jener »Grundsätze« von dieser »intensiven Größe«
handelt, weil von ihr dann eigentlich schon deren erste Gruppe han-
deln müßte, so daß von den »extensiven Größen« erst die zweite

15
A. a. O.

151
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

handeln könnte. Gälte nämlich dieses »weder-noch«, so müßte auch –


entgegen allem ersten Anschein – die Erzeugung dieser »intensiven
Größe« der Erzeugung jener »extensiven Größen« schon voraus-
gehen, so daß diese »intensive Größe« dann erst nachträglich auch
noch in jene »extensiven Größen« eingehen könnte.
Ein Versuch der Wörtlichnahme dieses »weder-noch« muß aber
auf der Stelle scheitern, weil Kant selbst ihm innerhalb jenes zitierten
Satzes offen widerspricht. Fügt Kant in dessen zweiten Teil, in jene
Folgerung, doch eine Klammer ein, wo er in Kürze ausführt, wie er
sich jene »Apprehension« von Inhalt durch Erzeugung einer »inten-
siven Größe« für »Empfindung« vorstellen möchte. Von dieser Emp-
findung nämlich ist die Rede, wenn Kant sagt, dem »weder-noch«
zufolge habe sie »zwar keine extensive, aber doch eine Größe (und
zwar durch die Apprehension derselben, in welcher [sie als] das em-
pirische Bewußtsein in einer gewissen Zeit von nichts = 0 zu ihrem
gegebenen Maße erwachsen kann), also eine intensive Größe«. 16 Zu
dem »weder-noch« ist dieses »in einer gewissen Zeit« jedoch nicht
einfach nur ein Widerspruch, sondern sogar auch noch ein aufschluß-
reicher. Widerspricht es ihm doch nicht als Ganzem, sondern nur zum
Teil, weil das, wovon die Rede ist, nach Kant zwar »in einer gewissen
Zeit«, jedoch nicht etwa auch noch ›in einem gewissen Raum‹ er-
folgen soll.
Entsprechend müßte das bedeuten: Um auch eine »intensive«
noch als eine »Größe« auffassen zu können, kann er zwar vom Raum
als »extensiver Größe« absehen, nicht jedoch auch von der Zeit als
»extensiver Größe«. Wie aber soll dann verständlich werden können,
daß als Form einer »Empfindung« diese Zeit auf einmal nicht mehr
eine »extensive Größe« sein soll, sondern nunmehr plötzlich eine
»intensive Größe«? Denn soll dadurch, daß sie »in einer gewissen
Zeit« apprehendiert wird, die »Empfindung« eine »intensive Größe«
haben, dann muß dabei diese Zeit als Form von ihr so eine »intensive
Größe« sein. Infolgedessen aber muß sich eben fragen: Was für eine
»Größe« ist denn diese Zeit nun wirklich: eine »extensive« oder eine
»intensive« oder beides oder etwa bald das eine bald das andere?
Denn auch erst so beginnt hervorzutreten, was die eigentliche
Problematik ist, mit der es Kant zu tun bekommt und die sich hinter
dieser angeblichen Problematik einer zusätzlichen »intensiven Grö-
ße« für »Empfindung« als den »Inhalt« bis zur Unkenntlichkeit noch

16
B 208 (kursiv von mir).

152
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

verbirgt. Ist diese Frage nämlich erst einmal gestellt, enthüllt sich
hinter ihr die weitere und tiefergehende, die Kant jedoch genauso-
wenig stellt wie diese: Welchen Sinn soll es denn überhaupt ergeben
können, unter dem Begriff der »Größe« zu spezifizieren zwischen
einer »extensiven Größe« einerseits und einer »intensiven Größe«
anderseits?
Denn daß Kant überhaupt von Zeit und Raum als »Größen«
sprechen kann, hat nach wie vor ja nur den Grund, daß er die »Aus-
dehnungen« Zeit und Raum sogleich als Quantitäten statt zunächst
als Qualitäten auffaßt, und das macht sich eben weiterhin bemerkbar.
Auch nur daran liegt es nämlich, daß es erst einmal so scheinen muß,
als sei es ohne weiteres möglich, unter dem Begriff der »Größe« zwi-
schen einer »extensiven« oder »intensiven« zu spezifizieren. Sobald
man aber einmal auch tatsächlich für ihn einsetzt, was er eigentlich
bedeutet, nämlich »Ausdehnung«, wird dies als bloßer Schein sofort
entlarvt. Denn eine »extensive« ist ja eine »ausgedehnte«, die dann
also eine »ausgedehnte Ausdehnung« sein müßte, während eine »in-
tensive«, die ja mindestens eine »nicht-extensive« sein muß, dann
auch nur eine »nicht-ausgedehnte Ausdehnung« sein könnte. Und
das springt als Fehler falscher Spezifikation geradezu ins Auge, was
Kant selbst jedoch nicht sehen kann, weil er selbst an »Ausdehnung«
als »Größe« eben durchwegs festhält.
Davon abzulassen und von »Ausdehnung« statt »Größe« aus-
zugehen, schärft daher den Blick für das Problem, mit dem er es zu
tun bekommt und das gerade kein Problem des Inhalts, sondern ein
Problem der Form ist, nämlich ein Problem der Zeit als Form für
Inhalt. Denn in Kants Begrifflichkeit gesprochen, steht er damit vor
der Frage, ob die Zeit als Form für Inhalt ihrerseits denn eine »exten-
sive« oder »intensive Größe« sei. Dem nämlich müßte dann eine Be-
grifflichkeit entsprechen, die von »Ausdehnung« statt »Größe« aus-
geht, wobei aber eben nicht auf Anhieb auch schon klar sein kann, wie
das denn möglich werden und was es bedeuten könnte. Denn das wäre
dann die Frage, ob die Zeit als Form für Inhalt ihrerseits denn eine
»ausgedehnte Ausdehnung« sein soll oder eine »nicht-ausgedehnte
Ausdehnung«, was doch wohl schon allein als Frage sinnlos ist.
Daß dies nicht einfach in den Text hineingelesen wird, sondern
aus ihm herauszulesen ist, zeigt sich sogleich hernach, wo Kant aus-
führlicher auf die Apprehension von Inhalt durch Erzeugung einer
»intensiven Größe« für »Empfindung« eingeht. So drückt er dasselbe,
was er kurz zuvor in jener Klammer ausführt, beispielsweise auch wie

153
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

folgt aus: »Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, er-


füllt nur einen Augenblick, (wenn ich nämlich nicht die Sukzession
vieler Empfindungen in Betracht ziehe). Als etwas in der Erschei-
nung, dessen Apprehension keine sukzessive Synthesis ist, die von
Teilen zur ganzen Vorstellung fortgeht, hat sie also keine extensive
Größe«. 17
Dies jedoch muß jeden, der den kurz vorhergehenden Text noch
mit vor Augen hat, zunächst einmal zutiefst befremden. Denn daß die
Apprehension einer Empfindung »in einer gewissen Zeit« erfolge,
wie Kant vordem formuliert, kann jedermann zunächst einmal nur
so verstehen, daß dies »in einer gewissen Zeit [als Ausdehnung]«
bedeute, während hier sich nun herausstellt, daß dies »in einer gewis-
sen Zeit [als Punkt]« bedeuten soll. Läßt doch nicht nur der Ausdruck
»Augenblick«, wofür Kant auch »Moment« sagt, 18 keinen Zweifel
darüber, sondern erst recht, daß Kant noch zusätzlich betont, solche
Apprehension sei »keine sukzessive Synthesis« oder erfolge »nicht
durch sukzessive Synthesis«. Ein Fall der letzteren sei sie vielmehr
nur als Apprehension »vieler Empfindungen«, während eine Empfin-
dung eben »nur als Einheit apprehendiert wird«. 19 Eben darum könne
ihre Form als eine »Größe« auch nur eine »intensive Größe« sein,
»deren Apprehension nicht sukzessiv, sondern augenblicklich ist«,
und somit auch nur Punkt, nicht Ausdehnung der Zeit. 20
Dies aber wird nur noch befremdlicher, wenn man hinzunimmt,
wie er die Erzeugung einer »intensiven Größe« für »Empfindung« als
im bloßen Punkt der Zeit »apprehendierte« auffaßt. Daß dies nicht
durch sukzessive Synthesis zustandekomme, kann im Rahmen seiner
Konzeption ja nicht bedeuten, es erfolge etwa ohne jede Synthesis.
Vielmehr muß Kant auch dafür eine Synthesis in Anspruch nehmen,
die er somit auch von jener abzugrenzen hätte, weil sie als die sukzes-
sive ja speziell für die Erzeugung jener »extensiven Größen« zustän-
dig sein soll. Und das versucht er durch die Überlegung, eine »inten-
sive Größe« könne jeweils »kleiner oder größer sein […], obschon die
extensive Größe der Anschauung gleich ist«, 21 woraus er dann fol-

17 A 167 B 209 (kursiv von mir). Dasselbe kurz darauf im wesentlichen nochmals
wiederholt, vgl. A 168 B 210.
18 Vgl. z. B. A 176 B 218.

19 A 168 f B 209 f. (kursiv von mir); vgl. auch A 99: »denn als in einem Augenblick

enthalten, kann jede Vorstellung niemals etwas anderes[,] als absolute Einheit sein.«
20 A 169 B 210

21
A 173 B 214, vgl. A 176 B 217.

154
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

gert: »Man kann also von der extensiven Größe der Erscheinung
gänzlich abstrahieren, und sich doch an der bloßen Empfindung in
einem Moment eine Synthesis der […] Steigerung von 0 bis zu dem
gegebenen empirischen Bewußtsein vorstellen« 22 als bestimmtem
»Grad« oder bestimmter »intensiver Größe«.
Daß man das so vorstellen kann, muß dann jedoch bedeuten, daß
man, wenn man es so vorstellt, das, was ist, und nicht etwa, was nicht
ist, vorstellt, weil das doch nur eine falsche Vorstellung sein könnte.
Also müßte dieser Vorstellung als einer wahren eine gänzlich andere
Art der Synthesis entsprechen, als von Kant behauptet. Denn als
Synthesis der »Steigerung von 0 bis« zur bestimmten »intensiven
Größe« oder zum bestimmten »Grad« könnte auch sie nur eine »suk-
zessive Synthesis« der Zeit als einer »extensiven Größe« sein, die sie
als angebliche »intensive Größe« nicht verständlich machen kann. Sie
könnte danach nämlich wieder umgekehrt nur Zeit als Ausdehnung,
nicht Zeit als Punkt sein.
Zeigt dasselbe sich doch auch am Inhalt, der in Form von dieser
angeblichen »intensiven Größe« auftritt: am »empirischen Bewußt-
sein« der »Empfindung«. Wäre deren angebliche »intensive Größe«
als der »Grad« durch Synthesis als »Steigerung von 0 bis« zu einem
bestimmten »Maße« 23 zu erzeugen, müßte jeder Unterschied zwi-
schen Empfindung während ihrer »Steigerung von 0 bis« zum be-
stimmten Maße auch als eine jeweils eigene, von jeder anderen ver-
schiedene Empfindung gelten. Wäre jeder solche Unterschied im
Grad von ihr doch nur ein jeweils faktisch-kontingenter, und als sol-
cher müßte er bereits zum Inhalt innerhalb von dieser oder jener
Form gehören und so auch tatsächlich apriori schon vorweggenom-
men sein. Entsprechend müßte eine Synthesis in diesem Sinn auch
nicht bloß ihrerseits als eine »sukzessive« gelten, sondern könnte
ihrerseits auch nur als eine Synthesis »vieler Empfindungen« statt
einer gelten. Denn auch diese Synthesis müßte »von Teilen« her
»zum Ganzen« hin erfolgen, während Kant all dies doch ausschließ-
lich der Synthesis von »extensiven Größen« vorbehalten möchte.
Nur ergab sich freilich schon im vorigen, daß solches Vorgehen
von Teilen her zum Ganzen hin auch für die Synthesis von »extensi-
ven Größen« nicht verständlich werden kann. Läßt doch auch jede
»extensive Größe« sich als ein Kontinuum von Ausdehnung nur so

22 A 176 f. B 217 f.
23
Vgl. dazu nochmals A 208.

155
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

erzeugen, daß sie dadurch schon von vornherein zu einer Einheit oder
Ganzheit wird. Dies aber möchte Kant hier nur speziell für eine »in-
tensive Größe« geltend machen, wozu er auch nur die Zeit heranzie-
hen möchte, aber nicht auch noch den Raum, weil eine »intensive
Größe« dabei angeblich auch nur für einen Inhalt nötig werde. Doch
in Wahrheit hat er das Problem, das hier das eigentliche ist, bei Raum
genauso wie bei Zeit und bei der »extensiven Größe« ebenso wie bei
der »intensiven Größe« wie auch bei der »Form« genauso wie beim
»Inhalt«. Ohne jede Antwort nämlich bleibt die Frage: Wie soll die
Erzeugung einer ursprünglichen Einheit oder Ganzheit gegenüber
einer Vielheit als bloß abgeleiteter denn überhaupt erfolgen können?
Und dies bei der »extensiven Größe«, die angeblich auf die Form be-
schränkt sei, ebenso wie bei der »intensiven Größe«, die angeblich auf
den Inhalt sich beschränke, und bei Raum genauso wie bei Zeit.
Erst nach all den vergeblichen Versuchen, diese Theorie der »in-
tensiven Größe« zu verstehen, fällt nämlich auf, wie unbegründet sie
von Anbeginn den Raum vernachlässigt, indem sie nur die Zeit be-
rücksichtigt. Kann doch ein Inhalt als Empfindung nicht allein in
Form von Zeit auftreten, sondern auch in Form von Raum. Entspre-
chend müßte Kant, wie er von Zeit als »extensiver Größe« plötzlich
abgeht und zu ihr als »intensiver Größe« für den Inhalt übergeht, so
auch vom Raum als »extensiver Größe« abgehen und zu ihm als »in-
tensiver Größe« für den Inhalt übergehen. Denn nach denselben,
wenn auch fehlgehenden Überlegungen von Kant könnte ein Inhalt
auch in Form von Raum nur eine »intensive Größe« als die Einheit
oder Ganzheit eines »Grades« haben. Daher müßte deren Synthesis
auch hier entsprechend fraglich werden, nämlich wie im Fall der Zeit,
ob erstere denn nun im »Augenblick« oder »Moment« als Punkt der
Zeit erfolge oder in der »Sukzession« der Zeit als Ausdehnung. Denn
auch wenn dieser Punkt im Fall des Raumes keinen eigenen Namen
führt wie »Augenblick« oder »Moment« im Fall der Zeit, so müßte
sich doch auch im Fall des Raumes fragen: Soll die Synthesis von
»intensiver Größe« als dem »Grad« von Inhalt nun im Raum als
Punkt oder als Ausdehnung erfolgen?
Auch im Fall des Raumes also müßte sich die Frage nach dem
Unterschied von »intensiver Größe« gegenüber »extensiver« stellen,
da doch jede davon »Größe« sein soll. Und weil hinter dieser sich nur
»Ausdehnung« verbergen kann, so müßte auch im Fall des Raumes
sich die Frage stellen, ob es sich dabei nun um »ausgedehnte« Aus-
dehnung oder »nicht-ausgedehnte« handeln soll, und das ist doch

156
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

wohl schon allein als Frage sinnlos. Desto mehr fällt darum auf, daß
dennoch bei Erörterung der »intensiven Größe« für den Inhalt inner-
halb von dieser oder jener Form der Raum nicht die geringste Rolle
spielt. Und dies deckt schließlich das Problem auf, mit dem Kant es
eigentlich zu tun hat, und zugleich den Grund, warum er meint, es als
Problem des Inhalts angehen zu können, wodurch er verkennt, daß es
in Wahrheit ein Problem der Form für Inhalt ist.
Muß Kant im Rahmen seiner Konzeption doch unterscheiden
zwischen Inhalt, der nur in der Form von Zeit auftritt, und Inhalt,
der auch in der Form von Raum auftritt, obwohl die beiden Formen
als Kontinuum von Zeit und Raum ja apriori schon zugrundeliegen
sollen. Denn als eine »Empfindung« in einem Subjekt muß jeder In-
halt in der Form von Zeit auftreten, 24 doch nicht jeder Inhalt auch
noch in der Form von Raum, was er sonach bloß kann, nicht muß.
Entsprechend gilt im Sinn von einer Reihenfolge, die rein logisch und
nicht etwa zeitlich ist: Zunächst sonach muß jeder solche Inhalt in der
Zeit, sodann jedoch kann einiger von solchem Inhalt auch noch in der
Form von Raum auftreten, weshalb eben möglich wird, daß einiger
nur in der Form von Zeit auftritt und einiger auch in der Form von
Raum.
So nämlich wird Kant erstmals einem Unterschied zwischen
»Empfindungen« gerecht. Gilt es doch auch zu unterscheiden zwi-
schen den Empfindungen, die wir »Gefühle« nennen und die nur als
etwas Subjektives gelten können, und den anderen »Empfindungen«,
die nicht nur etwas Subjektives sind, die vielmehr als das Subjektive,
das auch sie sind, auch als etwas Objektives gelten müssen. Und zwar
in dem Sinn, daß ihr Gehalt im Unterschied zu dem bloßer Gefühle
etwas beizutragen hat zur ursprünglichen Wahrnehmung von Au-
ßenweltobjekten, wie zum Beispiel die Gehalte der Empfindungen,
die wir je nach dem »Sinnesorgan«, das sie uns vermittelt, etwa als
Gesichtsempfindungen oder Gehörsempfindungen bezeichnen. 25 Und
als das dafür Entscheidende gilt Kant, daß ihr Gehalt sich eben nicht
bloß in die Form von Zeit einstellen kann, sondern auch zusätzlich
noch in die Form von Raum, durch den als schließlich dreidimensio-
nalen Raum sich dieses oder jenes Objekt als das Wahrgenommene
für Wahrnehmung von Außenwelt gewinnen läßt. 26

24
Vgl. z. B. A 99, A 101, A 115 f., A 123 f., A 138 f. B178 f., A 155 B 194.
25 Vgl. z. B. Bd. 4, S. 299 Anm.; Bd. 6, S. 211 Anm.
26
Vgl. z. B. A 87 B 120, A 157 B 196, A 224 B 271, B 291 ff.

157
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Entsprechend unterscheidet Kant genau in diesem Sinne wieder-


holt zwischen dem bloßen Subjektiven und dem auch noch Objekti-
ven von Empfindungen. 27 Und dieser Unterschied ist es, der sich in
jenem Schwanken widerspiegelt. Danach soll ein Inhalt als Empfin-
dung bald in »Zeit und Raum«, bald in »Zeit oder Raum« auftreten,
was Kant einmal sogar als »entweder-oder« auffaßt, bis er sich zuletzt
auf jenes »weder-noch« zurückziehen möchte, das er aber gar nicht
aufrechthalten kann, weil er für Inhalt als Empfindung mindestens
die Zeit benötigt. Und so läßt zuletzt sich wenigstens vermuten, wie
er zu der unhaltbaren Theorie der »intensiven Größe« für den Inhalt
als Empfindung kam: Obwohl er beide, Zeit und Raum, schon längst
als »extensive Größen« eingeführt hat, nutzt er wenigstens die Zeit
im Unterschied zum Raum für eine Synthesis der »intensiven Grö-
ße« eines Inhalts als einer Empfindung.
Denn tatsächlich tritt ja jede in der Form von Zeit auf, so daß er
sie damit alle, ihrem subjektiven Inhalt nach, erfaßt zu haben meint.
Doch bleibt ihm dabei das Problem, daß einige Empfindungen auch in
der Form von Raum sich einstellen, wie zum Beispiel die der flächig
auftretenden »Farben«, 28 die er damit, ihrem objektiven Inhalt nach,
gerade nicht erfaßt hat. Nur ist eben eine eigene »Größe« als die
»intensive« für den Inhalt – einerlei ob nur in Zeit oder sowohl in
Zeit wie Raum – auch gar nicht nötig. Denn das Auftreten von Inhalt
innerhalb von ihnen ist ja durch die angeblichen »extensiven Grö-
ßen« Zeit und Raum schon hinreichend erklärt, wie eingangs dieses
Paragraphen ausgeführt. Und so ist diese Theorie der »intensiven
Größe« eben nicht nur unhaltbar, sondern auch überflüssig.
Für Kant problematisch ist dabei vielmehr etwas ganz anderes.
Sein Problem ist danach nicht der Unterschied zwischen dem Inhalt
und der Form, in der er auftritt. Vielmehr ist es nur der Unterschied
zwischen der einen oder andern Form von ihm, in der er auftritt,
wenn er nur in Form von Zeit bzw. wenn er auch in Form von Raum
auftritt. Und das heißt kurz gesprochen: Problematisch für ihn ist die
Unterscheidung zwischen Zeit und Raum als diesen Formen, als die
sie angeblich »extensive Größen« seien, und gerade nicht etwa die
Unterscheidung einer »intensiven Größe« gegenüber diesen »exten-
siven Größen«. Denn auch nicht bloß durch die Unterscheidung zwi-
schen ersterer und letzteren droht Kant das Faktisch-Kontingente

27 Vgl. vorletzte Anm.


28
Vgl. nochmals A 169 B 211.

158
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

eines Inhalts anzutasten, sondern auch durch die Nichtunterschei-


dung zwischen letzteren, indem er fälschlich von ihm etwas apriori
schon vorwegnimmt, was zu ihm doch nur als dem aposteriorischen
gehören kann.
Zu dem in diesem Sinne Faktisch-Kontingenten eines Inhalts
nämlich zählt als erstes, sprich: noch vor all dem bereits Erwähnten,
ob er sich, wenn er sich einstellt, nur in Form von Zeit bzw. auch in
Form von Raum einstellt: im letzten Fall sonach in Form von Zeit und
Raum als Einheit. Davon aber, daß auch dies in jedem Fall nur etwas
Faktisch-Kontingentes sein kann, wofür sich in keinem Fall schon
apriori etwas vorentscheiden läßt, ist nirgendwo bei Kant auch nur
mit einem Wort die Rede. Täuscht man sich, wenn man als Grund
dafür die Meinung Kants vermutet, aller Inhalt habe doch in jedem
Fall in Form von »intensiver Größe« und von »extensiven Größen«
aufzutreten, so daß mindest soviel doch auch apriori schon gesichert
sei? Nur nimmt er eben mit den letzteren das Auch von beiden, das
bloß faktisch-kontingent und somit bloß aposteriori sein kann, aprio-
ri schon vorweg.
So aber wird das Faktisch-Kontingente unterschiedlicher Vertei-
lung eines Inhalts nur auf Zeit bzw. auch auf Raum gerade übergan-
gen. Kann doch nur, wer zwischen ihnen als den »extensiven Größen«
auch noch angemessen unterscheiden kann, auch noch auf dieses Fak-
tisch-Kontingente stoßen, nicht jedoch, wer bei ihnen als »extensiven
Größen« stehenbleibt. Zumal er dann auch in den Zwiespalt jener
Frage noch geraten muß, ob jener Inhalt nun in Zeit oder in Raum
als »intensiver« oder »extensiver Größe« auftritt, was zuletzt nur
heißen kann: ob er denn nun in Zeit oder in Raum als Punkt oder als
Ausdehnung sich einstellt. Müßte Kant doch sogar nicht nur einfach
zwischen ihnen unterscheiden können, sondern auch noch so, daß sie
trotz ihres Unterschiedes jene Form des Auch als Einheit miteinander
bilden können, also ohne daß sie innerhalb von dieser Einheit mitein-
ander widersprüchlich zueinander werden müßten.
Dies jedoch ist aussichtslos, solang man die Begrifflichkeit von
»Größe« als angeblich »extensiver« oder »intensiver« festhält, statt
sie aufzugeben für die »Ausdehnung«, die eigentlich gemeint ist.
Denn sobald man erstere durch letztere ersetzt, entfällt mit ihr auch
noch die Spezifikation von ihr durch »extensiv« und »intensiv«, die
ohnehin als »ausgedehnt« oder »nicht-ausgedehnt« für »Ausdeh-
nung« nur sinnlos sein kann. Welche andere Spezifikation für sie in
Frage kommen könnte, mußte Kant jedoch verborgen bleiben. Denn

159
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

selbst dort, wo er von Zeit und Raum einmal als »Ausdehnungen«


statt als »Größen« spricht, bleibt er bei »Ausdehnung« von Zeit und
Raum als deren Gattung stehen. Und so verfügt er eben nur noch
über jenes »Nacheinander« und »Zugleich« für Zeit und Raum als
Ausdehnungen von verschiedener Art, das sie als solche aber nicht
verständlich machen kann. 29
Als solche auch verständlich werden können sie anscheinend
nur, wenn man bei bloßer Ausdehnung nicht stehen bleibt, sondern
zu ihr auch das noch mit hinzunimmt, was sie überhaupt erst zu einer
bestimmten macht: den Punkt oder das Punktuelle, dessen Ausdeh-
nung sie ist. Zumindest hat sich uns im vorigen ergeben, daß der
Raum in ersten Schritten sich verständlich machen läßt, wenn man
als Gattung für ihn nicht einfach nur Ausdehnung betrachtet, son-
dern Ausdehnung als den sich ausdehnenden Punkt bzw. das sich aus-
dehnende Punktuelle. Nicht einfach bloß Ausdehnung ist danach
Gattung für ihn, sondern das Zusammenspiel von Punkt mit Ausdeh-
nung als das Sich-Ausdehnen von einem Punkt oder von etwas Punk-
tuellem zu der einen oder andern Ausdehnung. Und damit fragt sich
eben, ob nicht auch die Zeit als Art von dieser eigentlichen Gattung
noch verständlich werden könnte, so daß Zeit und Raum als die spe-
ziellen Arten dieser eigentlichen Gattung sich begreifen ließen.
Denn gerade solche Spezifikation ist es, der sie sich unter den
bisherigen Begrifflichkeiten widersetzen, was an jener unlösbaren
Doppel-Schwierigkeit sich zeigt, zu unterscheiden zwischen ihnen
als den »extensiven Größen«, oder als der jeweils »intensiven Größe«
und der jeweils »extensiven Größe«. Kann doch unter dieser anderen
Begrifflichkeit zumindest eine Schwierigkeit bereits von vornherein
nicht mehr entstehen, die insbesondere hinter der Unmöglichkeit der
Unterscheidung zwischen ihnen als der jeweils »intensiven« und der
jeweils »extensiven« Größe sich verbirgt: Soll es bei Zeit oder bei
Raum denn nun um Punkt oder um Ausdehnung sich handeln?
Handelt es sich nämlich beidenfalls bereits der Gattung nach um
ein Zusammenspiel von Punkt mit Ausdehnung als ein Sich-Ausdeh-
nen von Punkt zu Ausdehnung, so handelt es sich auch bei jedem von
den beiden schon von vornherein um Punkt und Ausdehnung. Ent-
sprechend kann es dann auch nur noch darum gehen, innerhalb von
dieser einzigartigen Struktur der Einheit zwischen Punkt und Aus-
dehnung als Selbstausdehnung eines Punktes die speziellen Arten

29
Vgl. oben § 1.

160
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

von ihr zu ermitteln. Diese nämlich können danach nur in einem


jeweils unterschiedlichen Verhältnis zwischen Punkt und Ausdeh-
nung bestehen, wofür die unterschiedlichen Verhältnisse von Punkt
und Ausdehnung im Fall des Raumes, wie sie vorhin schon ermittelt
wurden, ein gewisses Vorbild liefern.
Wie erforderlich die Unterscheidung zwischen Zeit und Raum
bei Kant bereits gewesen wäre, zeigt sich nämlich Schritt für Schritt,
wenn man, von dieser anderen Begrifflichkeit geleitet, auf die erste
Gruppe seiner »mathematischen Grundsätze« noch einmal zurück-
blickt. Wie gesagt, behandelt deren erste Gruppe nur die »extensiven
Größen« Zeit und Raum, und deren zweite Gruppe nur die »intensive
Größe«, ohne daß sich klären ließe, wie sie sich von ihnen als den
»extensiven Größen« unterscheiden könnte. Das Problem sei denn
auch nicht die Unterscheidung einer »intensiven Größe« von den
»extensiven«, woran Kant mit deren zweiter Gruppe scheitert, so er-
gab sich. Das Problem sei vielmehr eine Unterscheidung zwischen
diesen »extensiven Größen« selbst, wodurch jedoch die »Grundsätze«
als »mathematische« sich anders gliedern würden, weil sie ja zu-
nächst einmal die Zeit allein betreffen müßten und sodann erst noch
den Raum dazu betreffen könnten.
Ohne Zweifel nämlich kommt nach Kant der Zeit ein Vorrang
und dem Raum ein Nachrang zu, 30 der ihren Unterschied bereits vor-
aussetzt, so daß jeder auch mit jedem andern steht und fällt. Und so
geleitet, deckt ein Rückblick auf die erste Gruppe über »extensive
Größen« auch noch auf, wie sehr Kant jede von den beiden zu ent-
stellen droht, indem er sie zusammen bloß als »extensive« auffaßt.
Unausweichlich stößt man dabei nämlich darauf, welche Schwierig-
keit entsteht, wenn man versucht, die Überlegungen von Kant zu
»extensiven Größen« generell jeweils für Zeit oder für Raum speziell
und so getrennt nachzuvollziehen. Denn für beide, Zeit und Raum,
soll jene Synthesis, die sie erzeugt, ja eine »sukzessive« sein, die sich
»von Teilen« her »zum Ganzen« hin vollziehe und daher im Sinn
einer »Zusammensetzung« vor sich gehe, wie im vorigen schon kriti-
siert. Im Fall des Raums, für den Kant jene Linie als Modell her-
anzieht, heißt das demgemäß, daß er ins Unbestimmt-Unendliche
verlaufe, wie im vorigen bereits behandelt. Ein Versuch jedoch, dies
nun für Zeit und Raum getrennt nachzuvollziehen, macht dies für

30Vgl. dazu nochmals A 99, A 101, A 115 f., A 123 f., A 138 f. B178 f., A 155 B 194
gegenüber A 87 B 120, A 157 B 196, A 224 B 271, B 291 ff.

161
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

jedes von den beiden problematisch, wenn auch jeweils unterschied-


lich.
Denn im Fall des Raums führt das zunächst zur Einsicht, dieses
Sukzessive seiner Synthesis bedeute, daß dabei die Zeit als jenes
»Nacheinander« schon zugrundeliegt und darin eben ihren Vorrang
vor dem Raum und dieser eben seinen Nachrang nach der Zeit hat.
Doch im Fall der Zeit zieht das wie folgt erst einmal eine Schwierig-
keit nach sich: Erzeugt wird dann die Zeit, solang sie wie der Raum als
bloße »extensive Größe« aufgefaßt wird, gleich dem Raum auch ih-
rerseits durch eine sukzessive Synthesis. Die müßte demgemäß nicht
nur im Fall des Raumes, sondern auch im Fall der Zeit als »extensiver
Größe« so erfolgen, daß ihr als der sukzessiven Synthesis dann eben-
falls schon Zeit zugrundeläge. Folglich müßte ein unendlicher Regreß
von Zeiten sich ergeben, der nicht haltbar sein kann. Dennoch geht
die Gleichbehandlung von ihnen als »extensiven Größen« immerhin
bis dahin, daß Kant jenes Ziehen einer Linie nicht nur als Modell für
Synthesis von Raum heranzieht, sondern auch für Synthesis von
Zeit, was durch die Auffassung als »Größe« oder »Quantität« für
jedes davon noch verstärkt wird. 31
Aber trotzdem läßt sich der Regreß vermeiden, wenn man fest-
hält: Etwas Sukzessives soll ja diese Synthesis nicht in dem Sinn sein,
daß ihr Zeit bereits zugrundeläge und mithin bereits die Form für sie
als einen Inhalt in ihr wäre, sondern daß die Synthesis als dieses Suk-
zessive eben die Erzeugung dieser Zeit und damit dieser Form als
solcher selbst ist. Demgemäß liegt erst der weiteren Synthesis von
Raum als der Erzeugung einer weiteren Form das Sukzessive dieser
Synthesis der Zeit als Form bereits zugrunde. Doch auch ihr noch
nicht in dem Sinn, daß der Raum etwa schon Inhalt in ihr wäre. Viel-
mehr so, daß er auch seinerseits bloß Form ist, die an sie als Form
jedoch sich anschließt und mit ihr vereinigt. Folglich so, daß logisch
er ihr nachfolgt und sie ihm vorausgeht, beide miteinander aber eben
eine Einheit bilden, die ein Form-Geglieder als ein Form-Gefälle ist,
worin der Zeit der Vorrang und dem Raum der Nachrang zukommt.
Und die Art von dieser Einheit harrt natürlich der Erklärung.
Daß sich so die Schwierigkeit jenes Regresses für die Zeit ver-
meiden läßt, zieht dann jedoch auch für den Raum noch eine Proble-
matik nach sich. Deren Lösung aber ist nur durch die Antwort auf die
Frage möglich, in der das Gesamtproblem besteht: Worin besitzen

31
Vgl. z. B. A 162 f. B 203 f.

162
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

Zeit und Raum denn eigentlich ihre Gemeinsamkeit als ihre generelle
Gattung wie auch ihre jeweilige Unterschiedlichkeit als die speziellen
Arten dieser Gattung? Dann muß nämlich folgerichtig auch das Suk-
zessive jener Synthesis von Raum das Sukzessive dieser Synthesis
von Zeit sein, und das zwingt zur Überprüfung wie auch Fortentwick-
lung unserer bisherigen Begrifflichkeit. Denn auf dem Spiel steht da-
mit jener Grundgedanke einer Synthesis als der ursprünglichen Er-
zeugung von etwas, auf die nach Kant doch nicht allein das Auftreten
von so etwas wie Zeit in unserer Welt zurückgehen soll, sondern auch
das von so etwas wie Raum.
Ist diese Synthesis als sukzessive nämlich die von Zeit und nicht
von Raum, so muß sich sofort fragen, ob und wie denn Raum dann
überhaupt noch Sache einer Synthesis sein kann. Ja noch viel weiter
gehend muß sich fragen, ob und wie denn Raum dann überhaupt jene
Dynamik des Kontinuums sein kann. Als solches nämlich soll er doch
ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen, was durch eine Linie im Un-
terschied zu einer Strecke vorgestellt wird, und entsprechend auch
beim zwei- und dreidimensionalen Raum von Fläche oder Körper.
Droht das alles dann nicht hinfällig zu werden, wenn dafür das Suk-
zessive jetzt entfallen soll, weil es nur für die Zeit und nicht auch für
den Raum gilt?
Diese Fragen aber braucht man nur zu stellen, um zu sehen, daß
dies keineswegs der Fall ist. Vielmehr ist das sogar die Gelegenheit,
sich klarzumachen: Irreführend legt dies Sukzessive nochmals jene
falsche Vorstellung von Synthesis als abgeleiteter Vergrößerung von
etwas nahe, das dafür bereits vorausgesetzt ist, während sie doch die
ursprüngliche Erzeugung von etwas sein soll, das dafür nicht bereits
vorausgesetzt wird. Das Dynamische eines Kontinuums von Raum,
wie es durch eine Linie im Unterschied zu einer Strecke vorgestellt
wird, ist jedoch gewiß nicht schon von vornherein die Sache einer
Quantität des Immer-größer-Werdens, sondern erst einmal die Sache
einer bloßen Qualität des bloßen Immer-weiter-Gehens. Um das fest-
zuhalten, reicht es, solchen Raum durch das Sich-Ausdehnen von je-
nem Punkt zu Linie (oder Fläche oder Körper) vorzustellen, deren
Größe eben anders als bei der bestimmt-begrenzten Strecke unbe-
stimmt-beliebig bleibt.
Für unsere eigene Begrifflichkeit, die Ausdehnung auf das Sich-
Ausdehnen von jenem Punkt zurückführt, heißt das dann jedoch:
Nicht erst für solche Ausdehnung von Raum, sondern bereits für
das Sich-Ausdehnen von Punkt zu solcher Ausdehnung von Raum

163
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

muß folgerichtig jede Vorstellung des Sukzessiven unterbleiben, um


den ursprünglichen Sinn der bloßen Qualität statt Quantität dafür zu
sichern. Dies jedoch erweist sich nicht nur nicht als ein Verlust, son-
dern sogar als ein Gewinn, sobald in diese Überlegung auch die Zeit
miteinbezogen wird, weil dann sofort erhellt: Von Grund auf irrefüh-
rend ist es, schon die Synthesis als solche selbst für etwas Sukzessives
anzusehen, wie Kant es tut, der ständig von ihr als der »sukzessiven
Synthesis« zu sprechen pflegt. 32 Denn etwas Sukzessives kann durch-
aus nicht schon die Synthesis als solche selbst sein, sondern kann erst
das durch sie Synthetisierte sein; und zwar ganz einfach deshalb
nicht, weil selbst das durch die Synthesis Synthetisierte etwas Suk-
zessives nur in einem Fall sein kann, weil nur im Fall der Zeit, und
nicht auch noch im andern Fall des Raums.
Für Synthesis als solche selbst bleibt demnach nur der generelle
Sinn eines Sich-Ausdehnens von einem Punkt zu einer Ausdehnung
als einer Grunddynamik, die nur als die eine oder andere ihrer spe-
ziellen Arten auftritt, denen sie als deren Gattung nur zugrundeliegt:
So wie es Obst nur gibt, indem es Äpfel, Birnen usw. gibt, und nicht
etwa als eine weitere (Quasi-)Art auch für sich selbst noch. Und im
Rahmen unserer Begrifflichkeit bedeutet dies, daß wir zunächst ein-
mal auch nur den generellen Sinn dieses Sich-Ausdehnens von einem
Punkt zu einer Ausdehnung zugrundelegen dürfen, um den Weg zu
einer Herleitung der Arten von ihm als der Gattung zu ihnen zu
finden. Bilden diese aber auch die Ausdehnung der Zeit als »Suk-
zessives« oder »Nacheinander« und des Raumes als »Zugleich« von
Ausdehnung, so darf dies dafür doch nicht schon vorausgesetzt sein,
sondern muß daraus erst folgen, wenn es wirklich definiert und her-
geleitet sein soll. 33 Und das ist tatsächlich ein Gewinn, weil es er-
zwingt, erst einmal mit dem Sinn von dieser bloßen Gattung aus-
zukommen. Denn das heißt, zu überlegen, wie zum bloßen Sinn von
dieser Gattung sich auch noch der Sinn der Differenzen finden lassen
könnte, die geeignet sind, gerade diese bloße Gattung auch noch zu
spezifizieren zu den Arten dieser Gattung.
Nur gehört auch schon zu diesem Sinn der bloßen Gattung eini-
ges, das es im einzelnen erst einmal auszuschöpfen gilt, um zu ermit-
teln, wie aus ihm sich auch noch eine Spezifikation von ihm ergeben
kann. Was alles ist sonach im einzelnen schon mit einem Sich-Aus-

32 Vgl. z. B. A 162 ff. B 203 ff., A 167 ff. B 209 ff.


33
Vgl. oben § 1.

164
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

dehnen von einem Punkt zu einer Ausdehnung als Sinn von Synthe-
sis gesichert, so daß daraus nicht allein die vorgeführte Spezifikation
des Raumes sich ergibt, die eigentlich sogar schon mehr als eine war,
sondern auch eine Spezifikation der Zeit noch? Einerseits natürlich
erst einmal die darin auftretenden Elemente »Punkt« und »Ausdeh-
nung«. Sodann jedoch zum anderen vor allem ihre Einheit, innerhalb
von der sie auftreten, wenn ein »Sich-Ausdehnen« von Punkt zu
Ausdehnung erfolgt. Nur soll ja diese Einheit, die als Ganzheit so in
sich gegliedert ist, den Sinn der Synthesis als der ursprünglichen Er-
zeugung von etwas besitzen. Und weil angebbar ist, welches Etwas
das durch solche Synthesis Erzeugte sein soll, eben Ausdehnung, ist
dieser Sinn auch nachvollziehbar. Dann jedoch gehört zu diesem Sinn
schon analytisch, nämlich schon der Gattung nach hinzu, daß dabei
also ein ursprüngliches Entstehen von Ausdehnung erfolgt.
Dies aber könnte auf den Einwand stoßen, damit werde also doch
wieder das Sukzessive, das erst für die Zeit als Art von Ausdehnung
spezifisch sein soll, schon der Gattung nach vorweggenommen. Dem-
gemäß sei der Versuch, es erst noch herzuleiten, damit schon geschei-
tert, weil er es vielmehr bereits voraussetze. Von Wichtigkeit ist des-
halb, einzusehen, daß dies keineswegs der Fall ist, weil sich über ein
Entstehen in einem ontologisch-grundlegenden Minimalsinn spre-
chen läßt, wonach es noch nicht etwas Zeitlich-Sukzessives darstellt.
Denn für ein Entstehen ist nur notwendig, daß es ein Entstehen von
etwas sein muß, nicht von nichts sein kann, weil ein Entstehen von
nichts als ein Entstehen gar nicht verständlich werden könnte. Dies
jedoch ist hier gewährleistet, weil dieses Etwas eben Ausdehnung sein
soll. Ja nicht nur das ist hier verbürgt, daß es Entstehen von etwas,
sondern auch, daß es Entstehen aus etwas ist, weil dieses Etwas eben
Punkt sein soll. Im ganzen also handelt es sich in der Tat bloß um
Entstehen von etwas aus etwas in einem ontologisch-grundlegenden
Minimalsinn, der kein zeitlich-sukzessiver ist.
In Anspruch nimmt man dieses denn auch nicht allein in logisch-
mathematisch-geometrischen Zusammenhängen, sondern auch in
physikalischen. So etwa das Entstehen von einem »Photon« als
»Lichtteilchen«, wenn es durch »Emission« entspringt, und zwar als
etwas, das sich wesentlich mit »Lichtgeschwindigkeit« bewegt. Dies
nämlich tut es dabei keineswegs in dem Sinn, daß es etwa nach sei-
nem Entstehen erst allmählich, also zeitlich-sukzessiv auf seine
Lichtgeschwindigkeit »beschleunigt« würde. Vielmehr tut es das in
dem Sinn, daß es schon von vornherein mit seiner Lichtgeschwindig-

165
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

keit entsteht, die daher wesentlich zu ihm hinzugehört: Es wird


gleichsam mit ihr geboren. 34 Daß es sich dabei also nicht um ein all-
mähliches Entstehen als ein zeitlich-sukzessives handelt, heißt daher
in keiner Weise, daß es sich dabei nicht schon in vollem Sinn um ein
Entstehen handelt. Ja es kann sogar noch in besonders ausgeprägtem
Sinn als ein Entstehen gelten, weil auch davon keine Rede sein kann,
daß so ein Photon mit Lichtgeschwindigkeit, bevor es als ein solches
emittiert wird, als ein solches etwa schon besteht, so daß es dabei auch
im vollen Sinn des Wortes neu entsteht.
Es läge somit dieser ontologisch-grundlegende Minimalsinn des
Entstehens von etwas auch als Sinn der Gattung einer Synthesis von
etwas schon zugrunde. Also träte jede Art von dieser Gattung auch als
eine Art solchen Entstehens auf, so daß sowohl das Auftreten von
Zeit wie auch das Auftreten von Raum in unserer Welt so ein Ent-
stehen wäre, dessen genereller Sinn noch weder den speziellen Sinn
von Zeit bereits voraussetzt noch auch den speziellen Sinn von Raum.
Als Sinn der Gattung wäre vielmehr nur vorausgesetzt, es handle sich
dabei sowohl im Fall von Zeit wie auch im Fall von Raum um ein
Entstehen von Ausdehnung als ein Entstehen aus Punkt, weil um
ursprüngliches Sich-Ausdehnen von Punkt zu Ausdehnung. Und für
die Art der Ausdehnung müßte sonach wie schon im Fall des Raums
auch schon im Fall der Zeit entscheidend sein, daß es bei solcher Aus-
dehnung sich eben um die eines Punktes handelt.
Was denn also steht uns zur Verfügung auf der ontologisch-
grundlegenden Ebene, die durch den Minimalsinn des Entstehens ge-
sichert wird, das noch kein zeitlich-sukzessives sein kann? Welche
weiteren solchen Möglichkeiten sind zusammen mit der ontolo-
gisch-grundlegenden Möglichkeit dieses Entstehens von Ausdeh-
nung eröffnet, die mit ihr einhergehen könnten? Dieser Möglichkeit
entsprechen müßten dann auch noch zwei weitere, so daß auf dieser
ontologisch-grundlegenden Ebene im ganzen drei verschiedene Mög-
lichkeiten zu bedenken wären: In dem Sinn, in dem es möglich ist,
daß solche Ausdehnung entsteht, muß es auch möglich sein, daß sol-
che Ausdehnung vergeht, doch auch, daß solche Ausdehnung besteht;
und damit wäre alles, was auf dieser ontologisch-grundlegenden Ebe-
ne möglich ist, erfaßt. Genau in diesem Sinn kann jedenfalls das sich
mit »Lichtgeschwindigkeit« bewegende »Photon« nicht nur entste-

34»Entweder bewegt sich das Licht mit Lichtgeschwindigkeit oder es gibt kein Licht.«
(Povh 2011, S. 189, vgl. auch S. 221).

166
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

hen, nämlich wenn es »emittiert« wird, sondern auch vergehen, wenn


es nämlich »absorbiert« wird, und dazwischen als mit seiner Licht-
geschwindigkeit bewegtes eben auch bestehen.
Dies legt nahe, eine ganz bestimmte Reihenfolge anzusetzen für
die Art und Weise, wie die beiden Möglichkeiten des Vergehens von
etwas und Bestehens von etwas miteinhergehen können mit der
Möglichkeit eines Entstehens von etwas. Denn damit etwas entstehen
kann, hat doch wohl zunächst einmal zu gelten, daß dies Etwas nicht
besteht, sonst hat »entstehen« gar keinen Sinn. So aber legt dies auch
die Umkehrung dazu noch nahe. Denn damit etwas vergehen kann,
hat doch wohl auch umgekehrt zu gelten, daß dies Etwas dann be-
steht. Infolgedessen könnte ein Entstehen von etwas sich nur an das
Nichtbestehen von diesem Etwas anschließen, und dem entsprechend
könnte sich dann umgekehrt auch ein Vergehen von etwas nur an das
Bestehen von diesem Etwas anschließen. Doch so geläufig diese Auf-
fassung auch sein mag, weil es faktisch-kontingent so sein kann, wie
in diesem Fall eines »Photons«, so trifft bloß deshalb doch nicht auch
gleich zu, daß es in jedem Fall so sein muß. Dies zu meinen, ist viel-
mehr ein Fehlschluß, der durch diese Umkehrung zustandekommt,
die unhaltbar ist. So gewiß es nämlich zutrifft, daß Entstehen von
etwas Nichtbestehen von diesem Etwas zur Voraussetzung hat, so
gewiß folgt daraus doch nicht auch das Umgekehrte, daß daher Ver-
gehen von etwas auch Bestehen von diesem Etwas zur Voraussetzung
hat.
Statt dieser Notwendigkeit gilt vielmehr eine weitere Möglich-
keit. Und die muß ihrerseits sogar notwendig gelten, wenn man wei-
terhin für all das jenen ontologisch-grundlegenden Minimalsinn auf-
rechthält, auf den wir uns für eine Herleitung beschränken müssen.
Dieser nämlich legt nur fest, daß ein Entstehen das von etwas sein
muß und nicht das von nichts sein kann, wie ausgeführt. Dann aber
ist das ontologisch erste Minimale, das an ein Entstehen von etwas
sich anschließen muß, gerade nicht etwa gleich das Bestehen von die-
sem Etwas, sondern ist vielmehr nur das Vergehen von diesem Etwas,
weil das erstere schon unterscheidbar mehr ist als das letztere. Muß
doch Bestehen von etwas seinem Minimalsinn nach soviel wie Nicht-
Vergehen von diesem Etwas sein, und so im Anschluß an Entstehen
von diesem Etwas eben ontologisch mehr sein als Vergehen von die-
sem Etwas. Folglich ist das ontologisch erste Minimale, das an das
Entstehen von etwas sich anschließen muß, recht eigentlich nur das
Vergehen von diesem Etwas. Denn als ein Vergehen von etwas, nicht

167
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

von nichts, ist es auch seinerseits gesichert, weil es an Entstehen von


etwas, nicht von nichts, sich anschließt. Und so gilt entsprechend
auch des weiteren: Ein Bestehen von diesem Etwas kann sich als das
ontologisch zweite Minimale nur noch an das ontologisch erste Mini-
male des Vergehens von diesem Etwas anschließen, weil unter der
Voraussetzung des ontologisch-grundlegenden Minimalsinns dafür
auch nur diese Reihenfolge davon als notwendig gelten kann. 35
Doch unter der Voraussetzung der Möglichkeit eines Entstehens
von etwas schließen sich, trotz ihrer Reihenfolge, diese beiden Mög-
lichkeiten des Vergehens von diesem Etwas und Bestehens von die-
sem Etwas wechselseitig aus. Sie könnten daher auch die Arten von
ihr als der Gattung für sie sein. Zumal mit den drei Möglichkeiten des
Entstehens und Vergehens und Bestehens von etwas die Möglich-
keiten auf der ontologisch-grundlegenden Ebene, von der hier aus-
zugehen ist, auch vollständig erfaßt sind. Eine Spezifikation dieses
Entstehens von etwas als der Gattung könnte also zu den beiden Ar-
ten des an dieses sich anschließenden Vergehens von diesem Etwas
vor sich gehen oder des an dieses sich anschließenden Bestehens von
diesem Etwas. 36 Doch an keiner dieser Arten wird etwa auch noch die
jeweilige Differenz erkennbar, durch die jene Gattung sich spezifiziert
zu diesen Arten.
Deshalb läßt sich zwar intuitiv erfassen, daß Vergehen von et-
was, das sich an Entstehen von diesem Etwas anschließt, eher mit der
Zeit zu tun hat, und Bestehen von etwas, das sich an Entstehen sowie
Vergehen von diesem Etwas anschließt, eher mit dem Raum zu tun
hat. Diskursiv verständlich werden kann dies aber eben erst, wenn das
darin bloß implizit enthaltene Spezifische der jeweiligen Differenz
auch selbst noch explizit wird. Daher kann so eine volle Spezifikation
sich auch erst dann ergeben, wenn durch »Punkt« und »Ausdeh-
nung« konkret-differenziert wird, was als dieses bloße »Etwas« un-
differenziert-abstrakt bleibt, nämlich daß dabei Entstehen oder Ver-
gehen oder Bestehen von etwas und aus etwas auftritt, sprich: von
Ausdehnung aus Punkt heraus. Zusammen nämlich führen diese

35 Erinnern mag dieses Prinzip des ontologisch Minimalen hier wie auch im weiteren
an das Prinzip der »kleinsten Wirkung« mit dem »kleinsten Aufwand«, das in der
Physik gilt (vgl. z. B. Barrow 2011, S. 243 f.; Stöltzner 2012, S. 342 ff.).
36 So erhellt, was sich im folgenden auch weiterhin bestätigen wird: Dabei gibt es

keinen Anlaß zur Befürchtung, daß zwischen Entstehen und Vergehen von etwas ein
Widerspruch entspringt, wenn eine Einheit beider gelten soll (vgl. Friebe 2001,
S. 190).

168
§ 5. Die Dynamik des Kontinuums der Zeit im Unterschied zu dem des Raums

Spezifikation und diese ihre Reihenfolge dann zu einer ontologisch


immer reicheren Struktur, deren Synthese schließlich alle Einzelhei-
ten zu erklären vermag, die wir durch Analyse der Strukturen unse-
rer Wahrnehmung von Außenwelt als Fakten kennen.
Setzt man also für das jeweilige »Etwas« ein, was eigentlich ge-
meint ist, nämlich »Punkt« bzw. »Ausdehnung«, ergeben zwischen
ihnen sich denn auch noch weitere Verhältnisse, und wieder in dem
Sinn, der sich für sie im vorigen bereits ergeben hatte. Danach han-
delt es sich bei dem »Ziehen einer Linie« um ein Sich-Ausdehnen von
einem Punkt zu einer Ausdehnung als einem eindimensionalen
Raum, wobei sowohl der Punkt als ein agierender ein aktualer ist
wie auch die Ausdehnung als Folge von seinem Agieren eine aktuale
ist. Und das obwohl der aktuale Punkt in dieser aktualen Ausdehnung
nicht als ein aktualer Schnittpunkt in Erscheinung tritt. Denn der
setzt diese Ausdehnung als die geschnittene bereits voraus, wogegen
jene Ausdehnung als die noch ungeschnittene gerade umgekehrt je-
nen sich-ausdehnenden als agierend-aktualen Nichtschnittpunkt vor-
aussetzt, wie schon ausgeführt.
Bei Einsetzung von all dem für das jeweilige »Etwas« innerhalb
jener Verhältnisse zwischen Entstehen oder Vergehen oder Bestehen
differenzieren diese sich als ein jeweiliges Verhältnis zwischen Punkt
und Ausdehnung entscheidend weiter. Jedenfalls bis dahin, daß dann
auch das eigentlich Spezielle jener Ausdehnung des Raums hervor-
tritt und mit ihm zusammen auch das eigentlich Spezielle jener Aus-
dehnung der Zeit, wenn ihrem Generellen nach doch jede davon eine
ist, zu der ein Punkt sich ausdehnt. Denn als erstes wird dann ein-
sichtig, daß ein Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu einer Ausdeh-
nung eine Bedingung zu erfüllen hat, wenn es dadurch zu einer Aus-
dehnung von Raum wie etwa jener Linie kommen soll: Zu ihr vermag
so ein Sich-Ausdehnen von einem Punkt nur dann zu führen, wenn
es bei der Ausdehnung, zu der es dadurch kommt, auch bleibt, indem
die Ausdehnung dabei nicht nur entsteht, sondern im Anschluß dar-
an auch besteht, wobei »besteht« zunächst auch nur bedeutet »nicht
vergeht«, das heißt: nicht mehr, doch auch nicht weniger. 37
Als so bedingtes aber läßt sich das Verhältnis von Entstehen zu
Bestehen solcher Ausdehnung durch ein Verhältnis zwischen Punkt

37
Vor allem also heißt »besteht« hier nicht etwa auch schon »beharrt« im Sinne der
»Beharrlichkeit« als »Schema« der »Substanz« eines Objekts (vgl. A 144 B 183,
B 225, B 291).

169
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

und Ausdehnung genau bestimmen. Denn dann muß es eine Stelle


geben, wo an das Entstehen das Bestehen solcher Ausdehnung sich
anschließt. Diese Stelle aber muß dann auch ein Punkt sein, weil der
Unterschied zwischen Entstehen und Bestehen eben scharf ist. Geben
muß es diesen Punkt sonach, obwohl es sich bei ihm noch nicht um
jenen aktualen Schnittpunkt handeln kann, sehr wohl jedoch um
einen aktualen als agierenden Punkt handeln muß. Wie aber könnte
das verständlich werden, wenn doch weiter gelten muß, daß so ein
Punkt in einer Linie als einem eindimensionalen Raum, bei dem wir
vorerst bleiben, nun einmal nicht in Erscheinung tritt?
Daß es ihn danach trotzdem geben muß, erweist denn auch ein
Umstand, der schon längst im Spiel war, doch noch längst nicht aus-
geschöpft ist. Denn als eindimensionaler Raum verläuft doch eine
Linie als ein Kontinuum ins Unbestimmt-Unendliche, wodurch sie
sich von jeder Strecke als bestimmt-begrenzter endlicher gerade un-
terscheidet. So jedoch verläuft sie zweiseitig ins Unbestimmt-Unend-
liche, das heißt, auf jeder ihrer beiden Seiten, die darum auch unter-
scheiden muß, wer eine solche Linie angemessen vorstellt. Und das
tut er denn auch, wenn er sie bei ihrer Vorstellung etwa auf jeder
ihrer beiden Seiten mittels einer Pfeilspitze ins Unbestimmt-Unend-
liche verlaufen läßt, die jeweils Gegenrichtung zu der jeweils andern
hat. Mag aber auch gewiß sein, daß er sie an einer Linie unterscheiden
muß, so ist doch gleich gewiß, daß er sie nicht etwa durch eine Linie
als solche unterscheiden kann.
Denn welche eine er auch wählen wollte, – jede solche hätte doch
von sich her schon von vornherein ihre zwei Seiten, deren jede ihre
eigene Richtung als die Gegenrichtung zu der andern hätte. Was als
Frage noch bis heute nicht einmal gestellt wird, fragt sich somit hier-
nach, wenn man diese Linie vergleicht mit einer Strecke. 38 Die zwei
Grenzen einer Strecke nämlich sind etwas grundsätzlich Anderes als
die zwei Seiten einer Linie: Jene beiden Grenzen sind zwei Punkte, die
sich durch die Ausdehnung dazwischen unterscheiden lassen; diese
beiden Seiten aber sind zwei Ausdehnungen, die sich nur durch einen
Punkt dazwischen unterscheiden ließen. Und so fragt sich eben, wel-
cher Punkt das sein soll. Denn wer auch nur weiß, was eine Linie ist,
der unterscheidet eben damit auch schon zwischen ihren beiden Sei-
ten. Demnach kann er das nur dadurch, daß er an ihr auch noch einen
Punkt in Anspruch nehmen kann, der an ihr also zur Verfügung ste-

38
Zum folgenden vgl. oben § 4.

170
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

hen muß, damit von ihm her zwischen diesen beiden Seiten unter-
schieden werden kann.
Das heißt jedoch: Genau so offenkundig, wie der Unterschied
von diesen beiden Seiten einer Linie an ihr gegeben ist, muß auch
ein Punkt an ihr gegeben sein als der den Unterschied verbürgende,
auch wenn er nicht als Schnittpunkt in ihr auftritt. Denn wenn eines
feststeht, dann doch dies, daß eine Linie nicht so etwas wie ein Dop-
pel-Strahl ist, innerhalb von dem durch einen aktualen Schnittpunkt
zwischen seinen beiden Strahlen unterschieden wird, der innerhalb
von einer Linie aber eben fehlt. Und dennoch kann und muß auch
innerhalb von einer bloßen Linie zwischen ihren beiden Seiten unter-
schieden werden, ohne sie dadurch als einen Doppel-Strahl falsch vor-
zustellen. Demzufolge muß dies dann zuletzt bedeuten: Wo auch
immer eine Linie mit ihrem Unterschied ihrer zwei Seiten auftritt,
muß auch so ein Punkt der Unterscheidung zwischen ihnen auf-
treten, auch wenn er dies nicht als ein Schnittpunkt in der Linie tun
kann, sondern eben nur als der zu ihr sich ausdehnende Punkt. 39

§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

Spätestens nach dieser Überlegung nämlich braucht dann dieser


Punkt auch nicht mehr als bloß angenommen, sondern kann jetzt als
erwiesen gelten. Denn aus ihm läßt sich noch weiteres für die Linie
folgern, das an ihr genauso offenkundig wie der Unterschied ihrer
zwei Seiten und mithin genauso offenkundig wie der Punkt dazwi-
schen ist, jedoch bisher noch nicht für sie gefolgert ist. Daß nämlich,
wo auch immer eine Linie ist, auch ein zu ihr sich ausdehnender
Punkt sein muß, heißt dann des weiteren: Es muß die Ausdehnung
der Linie dabei auch grundsätzlich als etwas außerhalb von ihm auf-
treten. Denn auch nur in ihr als der grundsätzlich außerhalb von ihm
auftretenden kann so ein Punkt in einer Linie ihre zwei Seiten unter-
scheiden, der kein Schnittpunkt in ihr ist. Und daraus wiederum läßt

39 Meiner Kenntnis nach gibt es jedoch bis heute noch kein Lehrbuch der Geometrie,
das auch nur diese ganze Problematik sehen, geschweige denn sie lösen könnte. So
jedoch bleibt die Geometrie als solche selbst von Grund auf problematisch. Förmlich
grundlegend für sie soll nämlich eine hinreichende Unterscheidung zwischen einer
Linie mit zwei Seiten, einer Strecke mit zwei Grenzen wie auch einem Strahl mit
einer Grenze sein, woran es aber eben fehlt. Entsprechend kann ein Philosoph sich
dann in der Philosophie als eigentlicher Grundlegung auch nur bestärkt sehen.

171
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

sich sofort als Nächstes folgern: Ein Sich-Ausdehnen von einem


Punkt zu einer solchen Ausdehnung kann also auch von vornherein
und weiterhin nur als ein zweiseitiges vor sich gehen, das demnach
zweiseitig und somit beidseitig aus diesem Punkt heraus zu dieser
außerhalb von ihm auftretenden Ausdehnung führt. Sonst könnte es
auch schon von vornherein gar keine Linie sein, wozu es dadurch
kommt.
Entsprechend willkürlich und irreführend wäre es, dieses Sich-
Ausdehnen von einem Punkt zu solcher Ausdehnung als ein bloß
einseitiges anzusetzen, weil es dafür keinen Grund gibt und weil dies
noch zudem nahelegt, es wie den Ursprung eines Strahls aus einem
aktualen Schnittpunkt aufzufassen, was jedoch nicht zutrifft. Und
daß eine Linie nicht so wie ein Strahl bloß einseitig, sondern von
vornherein schon zweiseitig ins Unbestimmt-Unendliche verläuft,
heißt daher: Jede Stelle dieser Linie ist dieser Punkt, der also auch
von vornherein schon zweiseitig zu ihr sich ausdehnt als der Ausdeh-
nung, die er von vornherein schon zweiseitig zu etwas außerhalb von
sich erstellt. Auch dies erweist daher die nachträgliche Analyse des-
sen, was ursprünglich durch solche Synthese auftritt. Denn ein jeder
Schnitt als Analyse einer Linie muß zu einem Punkt führen, der Aus-
dehnung dann zweiseitig nur außerhalb von sich besitzen kann. Das
muß darum bereits für die Synthese gelten, da die Analyse ja nur die
in ersterer vereinten Elemente voneinander sondert, wie sich schon
gezeigt hat. Nach der Analyse kann daher die Ausdehnung auch nur
von Punkt gesondert außerhalb von ihm sein, während sie nach der
Synthese eben ungesondert von ihm außerhalb von Punkt sein muß,
weil er ja der zu ihr sich ausdehnende ist.
In der Begrifflichkeit von »Punkt« und »Ausdehnung« ist dieses
»außerhalb« von Ausdehnung zu Punkt mithin auch die genaue Wie-
dergabe für Bestehen dieser Ausdehnung im Anschluß an Entstehen
dieser Ausdehnung aus diesem Punkt heraus und damit die spezielle
Wiedergabe für die Ausdehnung von Raum. Denn wie sich noch er-
weisen wird, macht dieses »außerhalb« als ein Verhältnis zwischen
Punkt und Ausdehnung auch etwas explizit, das als etwas Spezi-
fisches in Frage kommt, doch in »Bestehen« implizit geblieben war.
Nur wissen wir ja schon: Dieses Bestehen von Ausdehnung, das an
jenes Entstehen von dieser Ausdehnung sich anschließt, ist nicht
jenes ontologisch erste Minimale, das sich an jenes Entstehen von
Ausdehnung anschließen muß. Das ontologisch erste Minimale, das
auftreten muß, wenn ein Entstehen von Ausdehnung erfolgt, ist viel-

172
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

mehr nur, daß an Entstehen von Ausdehnung Vergehen von dieser


Ausdehnung sich anschließt. Und das muß auch möglich sein, weil
ein Entstehen als ein Entstehen von Ausdehnung ja grundsätzlich
erfolgt, so daß im Anschluß an es auch Vergehen von solcher Aus-
dehnung noch möglich sein muß.
Was sich als das ontologisch erste Minimale an jenes Entstehen
von Ausdehnung anschließen muß, ist somit nur dieses Vergehen
von dieser Ausdehnung. Jenes Bestehen von Ausdehnung ist dem-
zufolge etwas, das sich an jenes Entstehen von Ausdehnung nur als
dasjenige Entstehen anschließen kann, an das sich demgemäß dieses
Vergehen von Ausdehnung anschließen muß. Das aber muß dann
eine Eigentümlichkeit des ursprünglichen Auftretens von Raum zur
Folge haben. Denn entspringen soll er doch gerade als dieses Bestehen
von Ausdehnung, das sich nur an dieses Entstehen von Ausdehnung
anschließen kann, an das zunächst einmal sich nur dieses Vergehen
von Ausdehnung anschließen kann. Dies jedenfalls, wenn all das nur
in ontologisch minimalen Schritten vor sich geht, was sich in unserer
Begrifflichkeit von »Punkt« und »Ausdehnung« als ein jeweiliges
Verhältnis zwischen Punkt und Ausdehnung müßte begreifen lassen.
Sie vermag denn auch sogleich als erstes zu erklären, warum all
dies tatsächlich nur in ontologisch minimalen Schritten vor sich ge-
hen kann, was bisher unerklärt geblieben war. Ist es doch nach wie vor
der Punkt als der sich ausdehnende, der bestimmt, was jeweils dieses
ontologisch Minimale ist. Denn als das geometrisch Einfache
schlechthin, so hatte sich bereits gezeigt, kann er, wenn er sich aus-
dehnt, sich auch nur als das ausdehnen, was er ist, und somit jeweils
auch nur punkthaft, nämlich einfach. Das war die Erklärung dafür,
daß der Punkt, wenn er zu einem Raum sich ausdehnt, auch nur ein-
fach sich ausdehnen kann: zu einer Linie als einem eindimensionalen
Raum, der hier das erste ontologisch Minimale ist. Und das entspre-
chend zweite oder dritte Minimale ist denn auch der zweidimensio-
nale Raum der Fläche und der dreidimensionale Raum des Körpers,
wozu dieser Punkt sich zweimal einfach oder dreimal einfach aus-
dehnt.
Zu beachten ist jedoch, daß uns in unserer Begrifflichkeit von
»Punkt« und »Ausdehnung« gerade hier kein Fehler unterlaufen
darf: Daß der sich ausdehnende Punkt, der hier zugrundeliegen soll,
das geometrisch Einfache schlechthin sei, kann hier nicht bedeuten,
daß er selbst etwa bereits das Einfache der Ausdehnung von einer
Linie als einem eindimensionalen Raum sei, weil der Punkt als sol-

173
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

cher selbst vielmehr gerade eine Nichtausdehnung ist. Denn allererst


die Selbstausdehnung eines solchen Punktes führt zu einer solchen
Ausdehnung, an der das Einfache von Punkt dann als das Einfache
von Ausdehnung sich niederschlägt, sprich: als das Punktuelle jener
Ausdehnung des ein- und zweidimensionalen Raums. Zu unterschei-
den ist daher zwischen dem schlechthin Einfachen von diesem Punkt
und dem gerade nicht mehr schlechthin Einfachen von dieser punk-
tuellen Ausdehnung des ein- und zweidimensionalen Raums.
Wird dieser Unterschied dazwischen doch auch offenkundig, wie
etwa an folgendem: Als dieses schlechthin Einfache ist dieser Punkt
auch schlechthin unteilbar, wogegen solche punktuelle Ausdehnung
nicht mehr schlechthin, sondern nur noch in einer Hinsicht unteilbar
ist. Denn bloß längs von ihrer punktuellen Ausdehnung ist eine Linie
noch etwas Unteilbares, quer zu ihrer punktuellen Ausdehnung da-
gegen ist ja eine Linie schon etwas beliebig Teilbares. Und das Ent-
sprechende zu ihr als eindimensionalem Raum gilt für den zwei-
dimensionalen Raum der Fläche. Deshalb ist der dreidimensionale
Raum des Körpers, weil er keine punktuelle Ausdehnung mehr ist,
auch nicht einmal in einer Hinsicht noch etwas Unteilbares, sondern
das schlechthin Teilbare, worin er abermals sich als konträrer Gegen-
satz zum Punkt erweist als dem schlechthin Unteilbaren, weil
schlechthin Einfachen.
Verglichen mit dem Einfachen der punktuellen Ausdehnung von
Raum als etwas Eindimensionalem oder Zweidimensionalem also ist
das schlechthin Einfache von diesem Punkt gerade etwas Nulldimen-
sionales: eben eine Nichtausdehnung. Jenes Eindimensionale ist so-
nach nur dann das ontologisch erste Minimale einer Ausdehnung,
wenn unter Ausdehnung dabei bereits speziell die Art der Ausdeh-
nung von Raum als jenes Außerhalb von Punkt verstanden wird.
Durchaus nicht aber ist es das, wenn unter Ausdehnung dabei nur
generell die Gattung zu der einen oder andern Art verstanden wird,
wie es geboten ist, wenn diese Arten definiert und hergeleitet werden
sollen. Dann ist nämlich nicht das Eindimensionale jenes ontologisch
erste Minimale einer Ausdehnung, sondern das Nulldimensionale,
das denn auch das eigentliche Minimale ist, weil weniger als null-
dimensionale Ausdehnung ja schon allein der Gattung nach, als Aus-
dehnung, nicht mehr in Frage kommen kann. Und wer sich daran
stößt, von einer nulldimensionalen Ausdehnung zu sprechen, hat
daran ein Zeugnis für die Neigung, der wir alle erst einmal erliegen,
nämlich so etwas wie Ausdehnung von vornherein schon mindestens

174
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

als eindimensionale vorzustellen und mithin als räumliche, wie jenes


Ziehen einer Linie ja belegt. Und so wird Ausdehnung als zeitliche,
die es ja gleichfalls gibt und die doch eine andere als räumliche sein
muß, auch schon von vornherein als räumlich-eindimensionale Aus-
dehnung verkannt, wie jenes Ziehen einer Linie ebenfalls belegt.
Nur macht die letzte Überlegung eben zwingend, daß auch eine
nulldimensionale Ausdehnung noch möglich sein muß, wenn das
Auftreten von Ausdehnung nach jenen ontologisch minimalen
Schritten vor sich gehen muß. Und so ist dieses Nulldimensionale
einer Ausdehnung auch in der Tat genau das, was allein als allererstes
sich ergeben kann, wenn an Entstehen von Ausdehnung als aller-
erstes sich Vergehen von Ausdehnung anschließen muß, wie herge-
leitet. Denn die Anschluß-Stelle als Prinzip des ontologisch Mini-
malen ist ja grundsätzlich der Punkt als der sich ausdehnende. Dem-
gemäß muß eine Ausdehnung, wenn an Entstehen von ihr Vergehen
von ihr sich anschließt, eine solche sein, die so ein Punkt nicht außer-
halb von sich, sondern nur innerhalb von sich erstellen kann. Und
dieses ständige Entstehen und Vergehen einer Ausdehnung als einer
innerhalb von Punkt ist eben etwas, das als Ausdehnung der Zeit uns
allen zwar vertraut ist, seiner inneren Struktur und Herkunft nach
jedoch noch immer unbekannt.
Die allererste als die allerminimalste Ausdehnung, die ein sich
ausdehnender Punkt erstellen muß, ist danach also in der Tat die null-
dimensionale innerhalb von diesem Punkt als Ausdehnung der ur-
sprünglichen Zeit. Und diese Ausdehnung muß der des ursprüng-
lichen Raums nach dem Prinzip des ontologisch Minimalen schon
vorausgehen und zugrundeliegen, so daß er als der ursprüngliche
nur anschließend an sie als die ursprüngliche entspringen kann und
eben darin seine Eigentümlichkeit besitzen muß. Dem »außerhalb«
von Ausdehnung als dem Spezifischen der Ausdehnung von Raum
entspräche somit dieses »innerhalb« von Ausdehnung als das Spezi-
fische der Ausdehnung von Zeit: Beziehen beide sich doch eindeutig
auf den zu Ausdehnung sich ausdehnenden Punkt als eindeutige Gat-
tung dieser beiden Arten solcher Ausdehnung, zu denen diese Gat-
tung durch das »innerhalb« und »außerhalb« spezifiziert wird, wie es
scheint.
Nur müßten letztere als die spezifizierenden Differenzen sich
dazu auch wechselseitig ausschließen. Dies aber tun sie nicht schon
von sich selbst her, sondern erst zusammen mit zwei weiteren Diffe-
renzen, die zu ihnen mithinzugehören und deren erste sich denn auch

175
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

schon mitergeben hat: Daß Zeit die Ausdehnung sein muß, die der
sich ausdehnende Punkt »nur innerhalb« von sich besitzen kann, be-
deutet nämlich, daß das eigentlich Spezifische an dieser Differenz das
»nur …« sein muß. Dies wiederum bedeutet, daß der eigentliche aus-
schließende Gegensatz zu jenem »innerhalb« nicht einfach jenes »au-
ßerhalb« sein kann. Denn die Negierung von »nur innerhalb« muß
klarerweise »nicht nur innerhalb« bedeuten, was dann positiv bedeu-
ten muß: »sondern auch außerhalb«, und demnach mitbedeuten
muß: »auch innerhalb«. Und das muß eben insgesamt bedeuten: »in-
nerhalb und außerhalb«, woran sich zeigt, daß »innerhalb« und »au-
ßerhalb« durchaus nicht ausschließende Gegensätze zueinander sind.
Und damit sind sie auch noch nicht spezifizierende Differenzen, weil
sie doch sogar vereinbar miteinander sind. Spezifizierende Differen-
zen vielmehr sind sie jeweils erst zusammen mit den beiden andern
Differenzen »nur …« bzw. »auch …« und lauten daher einerseits
»nur innerhalb« und anderseits »auch außerhalb«.
Daß jede solche Differenz sonach zwei Elemente hat, kann aber
nicht verwundern, weil ja auch die Gattung schon zwei Elemente hat.
Umfaßt sie doch als der zu Ausdehnung sich ausdehnende Punkt die
Elemente Punkt und Ausdehnung. Denn das, was auftritt, ist ja schon
allein der Gattung nach gerade Punkt mit Ausdehnung, die nur auf
Grund von dieser oder jener Art der Selbstausdehnung dieses Punk-
tes dann auch ihrerseits als Ausdehnung von dieser oder jener Art ist.
Definiert sind diese beiden Arten demgemäß als »Punkt mit Ausdeh-
nung nur innerhalb von sich« und »Punkt mit Ausdehnung auch
außerhalb von sich«, und dabei heißt »… von sich« in jedem Fall
»… von sich als Punkt«. Denn in der Tat ist jede doch eine spezielle
Weise, wie ein Punkt sich ausdehnt, und mithin auch jeweils eine
eigene Art der Ausdehnung durch Selbstausdehnung dieses Punktes.
Das ist denn auch die Erklärung dafür, daß nach dem Prinzip des
ontologisch Minimalen nur das Nulldimensionale einer Ausdehnung
das erste Minimale sein kann, zu dem so ein Punkt, wenn er sich
ausdehnt, sich ausdehnen muß. Denn eine Ausdehnung, die er »nur
innerhalb« von sich besitzen kann, weil danach sich an ihr Entstehen
nur ihr Vergehen anschließen kann, ist eben gleicherweise schlecht-
hin unteilbar wie er als schlechthin Einfaches. Und so entspricht dem
schlechthin Einfachen von Punkt als etwas schlechthin Unteilbarem
dieses Nulldimensionale seiner ursprünglichen Ausdehnung zu Zeit
als etwas gleicherweise schlechthin Unteilbares. Jenes Eindimensio-
nale seiner anschließenden Ausdehnung zu einem Raum dagegen

176
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

kann dann nicht mehr etwas schlechthin Unteilbares sein, sondern


nur noch in einer Hinsicht. Denn in jener andern Hinsicht muß es
schon beliebig teilbar sein, was auch für jenes Zweidimensionale je-
ner anschließenden Ausdehnung von Punkt zu einem weiteren sol-
chen Raum noch gilt. Erst recht jedoch gilt das für jenes Dreidimen-
sionale der zuletzt sich anschließenden Ausdehnung von Punkt zu
einem letzten Raum, der nicht einmal in einer Hinsicht noch etwas
Unteilbares sein kann, sondern das schlechthin Teilbare sein muß, wie
ausgeführt.
Als zwei konträre Gegensätze zueinander stehen sich demnach
gegenüber jene Zeit als jenes schlechthin Unteilbare jener nulldimen-
sionalen Ausdehnung von Punkt und dieser Raum als dieses schlecht-
hin Teilbare der dreidimensionalen Ausdehnung von diesem Punkt.
Denn zwischen ihnen steht das Eigentümliche von ein- und zwei-
dimensionalem Raum, das zu begreifen erst die Weiterführung unse-
rer Überlegungen erlauben wird.
Dazu verhilft uns die Erklärung, die sich nunmehr geben läßt,
warum bislang eine Definition für Zeit und Raum unmöglich war,
während sie hier nun möglich wird. Daß weder »Nacheinander« noch
»Zugleich« schon als spezifizierende Differenz in Frage kommen
kann, weil jedes vielmehr insgesamt bereits die Zeit oder den Raum
als Art von Ausdehnung beschreibt, läßt nunmehr nämlich sich er-
klären. Denn wie schon bemerkt, hat jedes davon seinen Sinn ja erst,
wenn es schon etwas gibt, das in Bezug auf etwas anderes im Ver-
hältnis von »Zugleich« oder von »Nacheinander« steht. Doch was
auch immer man mit solchen Elementen meinen mag, ob so etwas
wie Punkte (Punktuelles) oder Ausdehnungen, so ist hierfür ja in
jedem Fall schon Teilung dieser Zeit und dieses Raums vorausgesetzt,
weil nur auf Grund von ihr es diese oder jene Elemente geben kann.
Die aber tritt ja nicht einmal im Fall des Raums auf, der doch schon als
ein- und zweidimensionaler immerhin grundsätzlich teilbar und als
dreidimensionaler sogar schlechthin teilbar ist. Denn trotzdem tritt er
ja in jedem Fall zunächst einmal als ein ursprüngliches Kontinuum
und so als etwas Ungeteiltes auf, worin denn auch gerade keine Tei-
lung auftritt und so auch noch keins von diesen oder jenen Elemen-
ten, die durch ihr »Zugleich« ihn definieren könnten.
Das erklärt denn auch noch, daß dieses »Zugleich« tatsächlich
keine bloß spezifizierende Differenz sein kann, sondern den Raum
als Art von Ausdehnung im ganzen schon bezeichnen muß und daher
auch nicht definieren kann. Denn anwendbar ist es ja erst nach Tei-

177
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

lung als der Analyse von ihm, die dann freilich analytisch aufdeckt,
was synthetisch in ihm steckt, ihn damit aber eben insgesamt bereits
voraussetzt. Seine eigentliche Definition, die sich ergeben hat, tut
dies jedoch durchaus nicht. Vielmehr hält sie sich ausschließlich an
seine Synthese, weil sie wiedergibt, wie seine Ausdehnung nach
ihrer Gattung und deren spezifizierender Differenz zustandekommt
als Art von Ausdehnung. Danach ist Raum die Art von Ausdehnung,
die ein sich ausdehnender Punkt als eine »ungesondert außerhalb«
von ihm befindliche erstellt. Der Sinn der Einheit dieses »ungeson-
dert außerhalb« jedoch enthält noch nicht das mindeste vom Sinn der
Vielheit dieser oder jener Elemente, die Voraussetzung für ein »Zu-
gleich« von ihnen ist. Zumal dieses »Zugleich« zu allem auch den
Sinn von Zeit bereits voraussetzt, der von dem des Raums doch un-
terschieden sein und bleiben muß. Wie nämlich »Nacheinander« nur
soviel wie »zu verschiedener Zeit« bedeuten kann, so auch »Zu-
gleich« nur »zu derselben Zeit«, so daß es das Spezifische von Raum
gar nicht erfaßt.
Geradezu Beweis dafür ist: Nicht einmal die Teilung als die Ana-
lyse dessen, was diese Synthese bildet, muß nach deren Definition
den Sinn dieses »Zugleich« in Anspruch nehmen. Ihr gemäß ergibt
sich nämlich: Durch die Teilung als die Analyse muß »gesondert au-
ßerhalb« von Punkt auftreten, was durch die Synthese »ungesondert
außerhalb« von Punkt auftritt: die Ausdehnung, und dabei muß nicht
einmal ersteres etwas vom Sinn dieses »Zugleich« in Anspruch neh-
men. Denn »gesondert außerhalb« tritt dadurch eben auch nur Aus-
dehnung von Punkt auf und mithin auch umgekehrt nur Punkt von
Ausdehnung: nicht etwa Punkt von anderem Punkt und Ausdehnung
von anderer Ausdehnung. Muß hierfür doch auch jeweils schon et-
was vom jeweils Anderen dazwischen liegen: zwischen Punkten eine
Ausdehnung wie zwischen Ausdehnungen auch ein Punkt, wogegen
zwischen Punkt und Ausdehnung bzw. zwischen Ausdehnung und
Punkt noch nichts liegt. Dennoch liegt auch hier schon jedes von
dem anderen »gesondert außerhalb«, so daß sie grundsätzlich auch
eine Vielheit bilden. Nur ist ein »Zugleich« von Punkt mit Ausdeh-
nung oder von Ausdehnung mit Punkt trivial und damit nichtssagend
und überflüssig, weil der Punkt als Teilungspunkt ja von der Aus-
dehnung als der geteilten abhängt. Ein »Zugleich« von Punkt mit
anderem Punkt oder von Ausdehnung mit anderer Ausdehnung da-
gegen ist, weil keins von ihnen jeweils von dem andern abhängt,
nichttrivial, nur eben nicht im Sinn einer Definition des Raums.

178
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

Was für »Zugleich« als Kennzeichnung von Raum gilt, muß je-
doch auch für die Kennzeichnung von Zeit als »Nacheinander« gel-
ten. Und das tut es auch gleich so, daß es zudem noch weiter offen-
legt, wodurch sie sich von Raum spezifisch unterscheidet. Denn wie
für »Zugleich« ist doch für »Nacheinander« gleichfalls schon voraus-
gesetzt, daß es auch diese oder jene Elemente gibt, die zueinander
jeweils im Verhältnis dieses »Nacheinander« stehen, und damit eben
auch die Teilung dieser Zeit. Nur ist im Unterschied zur Ausdehnung
von Raum, der doch ab eindimensionalem schon grundsätzlich teilbar
ist, die Ausdehnung von Zeit nicht einmal dies, sondern grundsätz-
lich unteilbar. Und das obwohl auch sie als eine Ausdehnung ent-
springt, zu der ein Punkt sich ausdehnt, und entsprechend auch als
ein Kontinuum, das ebenso wie das Kontinuum des Raumes etwas
Ungeteiltes ist. Und dennoch unterscheidet ersteres von letzterem
sich grundsätzlich. Denn während dieses Raum-Kontinuum als etwas
Ungeteiltes teilbar ist, bleibt jenes Zeit-Kontinuum als etwas Unge-
teiltes eben schlechthin unteilbar. Dann aber folgt: Es kann das
»Nacheinander« nicht nur keine Definition für Zeit sein (wie auch
das »Zugleich« keine Definition für Raum); es kann vielmehr nicht
einmal nachträglich als eine angemessene Bezeichnung für die Zeit in
Frage kommen, während das »Zugleich« dies für den Raum an-
nähernd ist. Und zwar ganz einfach deshalb nicht, weil wegen dieser
Unteilbarkeit dieser Zeit dann auch nicht einmal nachträglich die Tei-
lung oder Analyse dessen möglich werden kann, was die Synthese
bildet. Deshalb kann es bei der Zeit dann auch nicht einmal nachträg-
lich zu Elementen kommen, sei es nun zu Punkten oder Ausdehnun-
gen, um auf diese – wie auf jene ein »Zugleich« – ein »Nacheinander«
anwenden zu können.
Damit aber zeigt sich endgültig: So wie für Raum kann auch für
Zeit nur die im vorigen gegebene Definition in Frage kommen. Ihr
gemäß ist Zeit die Ausdehnung, die ein sich ausdehnender Punkt
»nur innerhalb von sich« erstellt, und Raum die Ausdehnung, die
ein sich ausdehnender Punkt »auch außerhalb von sich« erstellt.
Und diese eigentliche Definition für sie deckt denn auch auf, was jene
angebliche Definition für sie als »Nacheinander« letztlich nach sich
zieht: Sie führt durch falsche Unterstellung einer Möglichkeit der
Analyse dieser Zeit zu einer analytischen Entstellung dieser Zeit.
Verglichen damit nämlich gibt die eigentliche Definition für sie den
Vollsinn der synthetischen Entsprechung zu dem »Nacheinander«
wieder, das als analytische Entstellung von ihm letztlich die Zerstö-

179
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

rung dieses Vollsinns ist. Denn das Synthetische, das als das Unent-
stellte diesem Analytischen entspricht, ist eben das an ein Entstehen
von Ausdehnung anschließende Vergehen von ihr, das durch diese
Definition gesichert wird.
Liegt ihr gemäß doch der zu Ausdehnung sich ausdehnende
Punkt dabei zugrunde, der dieses Entstehen von Ausdehnung ver-
bürgt; und so verbürgt er eben auch noch, daß nach dem Prinzip des
ontologisch Minimalen an dieses Entstehen von Ausdehnung sich
nur dieses Vergehen von ihr anschließen kann. Da beides aber eben
darum auch »nur innerhalb« von ihm erfolgen kann, verbürgt er als
sich ausdehnender Punkt des weiteren: Es kann innerhalb von ihm
auch noch kein Element im Unterschied zu einem anderen entsprin-
gen und mithin auch noch kein »Nacheinander« als ein zeitliches Ver-
hältnis zwischen ihnen, worin eines zeitlich vor dem anderen bzw.
zeitlich nach dem anderen auftreten könnte. Deshalb kann dabei auch
weder das Entstehen solcher Ausdehnung schon etwas sein, das zeit-
lich vor diesem Vergehen von ihr auftritt, noch kann dabei das Ver-
gehen solcher Ausdehnung schon etwas sein, das zeitlich nach diesem
Entstehen von ihr auftritt. Denn das eine wie das andere erfolgt ja
stets »nur innerhalb« von einem solchen Punkt. Entsprechend kann
auch der sich ausdehnende Punkt hier nicht schon etwas sein, das
zeitlich vor der Ausdehnung auftritt, die so entspringt, und umge-
kehrt auch solche Ausdehnung nicht etwas sein, das zeitlich nach
diesem zu ihr sich ausdehnenden Punkt auftritt.
Vielmehr tritt das Entstehen von Ausdehnung nur logisch vor
ihrem Vergehen und das Vergehen von Ausdehnung nur logisch nach
ihrem Entstehen auf. Demgemäß tritt auch dieser sich ausdehnende
Punkt nur logisch vor der Ausdehnung auf, die dadurch entspringt,
und umgekehrt auch diese Ausdehnung nur logisch nach diesem zu
ihr sich ausdehnenden Punkt. Kann dieses Vor doch auch nur das der
Gattung sein, die schon zugrundeliegen muß, und dieses Nach nur
das der Art, die erst entspringen kann aus ihr durch Spezifikation
von ihr, in deren Sinn es denn auch nur das Logische von Vor und
Nach sein kann. Und das Spezifische steckt eben implizit in diesem an
Entstehen von Ausdehnung anschließenden Vergehen von ihr und
wird erst explizit als diejenige Ausdehnung, die ein sich ausdehnen-
der Punkt zunächst »nur innerhalb von sich« erstellen kann. Und
dennoch, ja recht eigentlich gerade deshalb ist dieses bloß Logische
des Vor und Nach dazwischen auch die eigentliche Definition für das
Synthetische der Zeit, die darin ihren Vollsinn hat.

180
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

Denn dieses ist gerade nicht das Vor und Nach von diesen oder
jenen Elementen als dem Vielen, zu dem jenes falsche Analytische
des »Nacheinander« es vielmehr verfälscht. Als das entsprechend Un-
verfälschte ist dieses Synthetische der Zeit gerade nur das Eine einer
Ausdehnung, weil das an ihr Entstehen anschließende Vergehen von
ihr doch auch »nur innerhalb« des Einen eines Punktes vor sich geht,
der als zu ihr sich ausdehnender auftritt. Und so sind das Eine dieses
Punktes und das Eine dieser Ausdehnung auch keine Zwei, die sich
zum Einen solcher Zeit dann etwa erst »zusammensetzten«, weil sie
ja von vornherein nichts zueinander Äußeres sein können. Denn das
Eine dieser Ausdehnung tritt doch auch schon von vornherein und
auch noch weiterhin »nur innerhalb« des Einen dieses Punktes auf,
der deshalb kein abstrakter, sondern ein als Zeit konkreter ist. Und so
ist deren Ausdehnung, weil dieser Punkt sich zu ihr ausdehnt, auch
nur das, was dieser Punkt dadurch auch nur zu seinem eigenen Inne-
ren als der ihm eigentümlichen Gestalt macht.
Eben darin muß die Ausdehnung von Zeit dann die ursprüng-
lich punktuelle sein, so daß die punktuelle Ausdehnung von Raum
als ein- und zweidimensionalem auch nur eine abgeleitet punktuelle
sein kann, die dann von der Ausdehnung der Zeit als der ursprüng-
lich punktuellen abgeleitet sein muß. Schon die Ausdehnung der Zeit
hat demgemäß ihre Bestimmtheit als die Qualität von punktueller
Ausdehnung gerade darin, daß und wie sie nur die Folge einer
Selbstausdehnung eines Punktes sein kann. Das Ursprünglich-Punk-
tuelle als das Eine dieser Ausdehnung der Zeit ist dann jedoch etwas
Synthetisches, zu dem es ein entsprechend Analytisches als etwas
Wahres überhaupt nicht geben kann. Vielmehr kann jedes solche
Analytische dann nur das Falsche jenes »Nacheinander« sein, das
Teilbarkeit der Zeit in Vieles unterstellt, was aber gar nicht zutrifft.
Darin unterscheidet sich dieses Synthetische der Zeit spezifisch von
jenem Synthetischen des Raums, zu dem es, weil es teilbar ist, ein
wahres Analytisches annähernd gibt. Deckt eine Analyse als die Tei-
lung eines Raums doch in der Tat nur auf, was in ihm steckt, indem
sie Ausdehnung und Punkt, die voneinander ungesondert in ihm
stecken, voneinander sondert. Deshalb ist und bleibt das eine wahre
Analyse, auch wenn sie die Art der Einheit von ihnen, die sie als
Raum besitzen, nicht mit aufdeckt, ja sogar verdeckt, indem sie da-
durch jene Umkehrung ihres Verhältnisses in ihm vollzieht: Hängt
nach Synthese nämlich eine Ausdehnung des Raums von einem
Punkt als dem zu ihr sich ausdehnenden ab, so hängt nach Analyse

181
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

dann ein Punkt als der sie teilende von einer Ausdehnung des Raums
als der geteilten ab. 1
Im Fall der Zeit jedoch ist nichts von all dem möglich, nicht ein-
mal durch die Inkaufnahme der Umkehrung dieses ursprünglichen
Verhältnisses von Punkt und Ausdehnung, was hier noch nicht erfol-
gen kann: Hängt nach Synthese doch bei Zeit genauso wie bei Raum
die Ausdehnung von dem zu ihr sich ausdehnenden Punkt ab. Den-
noch lassen Punkt und Ausdehnung bei Zeit sich prinzipiell nicht
voneinander sondern, so daß es bei Zeit auch nicht so wie bei Raum
zu einer Analyse als der Teilung von ihr kommen kann. Der Grund
dafür ist denn auch kein geringerer, als daß die Art der Einheit dieser
Zeit eine spezifisch andere, nämlich spezifisch strengere als die des
Raums ist. Denn verglichen miteinander, ist die ontologisch erste
Art der Einheit zwischen Punkt und Ausdehnung bei Zeit eine spezi-
fisch engere, und so die ontologisch zweite Art der Einheit zwischen
Punkt und Ausdehnung bei Raum eine spezifisch weitere. Mag näm-
lich jede von ihnen auch eine Art sein, wie ein Punkt zu einer Aus-
dehnung sich ausdehnt, so ist doch die Art der Zeit schon die ur-
sprüngliche, die Art des Raums dagegen erst die von ihr abgeleitete;
und die geht eben über erstere als engere bereits hinaus als weitere,
was die spezifizierende Differenz für beide auch zum Ausdruck
bringt.
Denn das Spezifische ist eben, daß die Ausdehnung der Zeit »nur
innerhalb« von Punkt auftritt, während die Ausdehnung des Raumes
nicht »nur innerhalb«, sondern »auch außerhalb« von Punkt auftritt.
Und so wird offenkundig: Erst die Ausdehnung, die grundsätzlich als
eine »außerhalb« von Punkt auftritt, wie die des Raumes, kann dann
nicht nur »ungesondert außerhalb« von Punkt, wie nach Synthese,
sondern auch »gesondert außerhalb« von Punkt auftreten, wie nach
Analyse. Denn was eine Analyse als die Teilung einer Ausdehnung
des Raumes zum Ergebnis hat, ist ja nicht etwa, wie man bisher mei-
nen dürfte, daß ein Punkt dann außerhalb von einer Ausdehnung und
umgekehrt auch eine Ausdehnung dann außerhalb von einem Punkt
auftritt. Dies nämlich hat schon die Synthese zum Ergebnis, weil
schon durch Synthese eine Ausdehnung des Raumes eine außerhalb
von einem Punkt und umgekehrt ein Punkt auch einer außerhalb von
einer Ausdehnung ist: aber eben jeweils ungesondert außerhalb, wie
vorgeführt. Was eine Analyse als die Teilung zum Ergebnis hat, ist

1
Vgl dazu und zum folgenden noch einmal oben § 4.

182
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

somit eigentlich, daß dadurch dann gesondert außerhalb auftritt, was


vordem ungesondert außerhalb auftrat. Und so ist eine Ausdehnung
des Raumes eben von der Art, daß sie als eine, die grundsätzlich au-
ßerhalb von Punkt ist, eine solche ist, die nicht nur ungesondert, son-
dern auch gesondert außerhalb von Punkt sein kann und so erst hier
auch ihr Verhältnis zu ihm umkehren kann.
Durchaus nicht aber kann dies auch schon eine Ausdehnung, die
grundsätzlich als eine »innerhalb« von Punkt auftritt, wie die der
Zeit. Denn eine Ausdehnung, die »innerhalb« von Punkt auftritt,
kann auch nur »ungesondert innerhalb« von ihm auftreten, weil »ge-
sondert innerhalb« von ihm ein Widerspruch sein muß und damit
»ungesondert innerhalb« von ihm auch nur eine Tautologie sein
kann. Die beiden Möglichkeiten des »gesondert von ihm« oder »un-
gesondert von ihm« sind sonach an dieses grundsätzliche »außerhalb
von ihm« gebunden, das spezifisch eben nicht schon für die Ausdeh-
nung der Zeit ist, sondern erst für die des Raumes. Und so ist die
Einheit dieser Ausdehnung des Raumes, die ein Punkt »auch außer-
halb« von sich erstellt, verglichen mit der engeren der Zeit nicht nur
die weitere, sondern als solche auch die erste Einheit, die grundsätz-
lich teilbar ist. Die Einheit jener Ausdehnung der Zeit dagegen, die
ein Punkt »nur innerhalb« von sich erstellt, ist gegenüber der des
Raumes als der weiteren nicht nur die engere; vielmehr ist sie sogar
die engste Einheit, die für einen Punkt als den sich ausdehnenden
möglich sein kann und als solche auch grundsätzlich unteilbar sein
muß. Trotz ihrer inneren Struktur, die sie aus einer Ausdehnung
und einem Punkt als dem zu ihr sich ausdehnenden hat, kann diese
Einheit dieser Zeit als eine unteilbare daher auch nur eine absolute
Einheit sein.
Spätestens daran zeigt sich dann in vollem Umfang, was Kant
übergeht, indem er das Kontinuum der Zeit wie das Kontinuum des
Raums als bloße »extensive Größe« auffaßt und am Beispiel einer
Linie behandelt. Denn daß ein Kontinuum das sei, was sich in Teile
teilen lasse, deren jeder immer wieder teilbar sei, gilt eben erst für das
Kontinuum der Ausdehnung von Raum und eben nicht auch schon
für das der Ausdehnung von Zeit. Und dennoch ist auch sie schon
ihrerseits Kontinuum in vollem Sinn. Denn ihre Ausdehnung kann
jener Punkt als der zu ihr sich ausdehnende ja auch immer weiter
gehend nur zu solcher Ausdehnung gewinnen, an deren Entstehen
deren Vergehen anschließen muß. Entsprechend kann er sie auch
immer weiter gehend nur zu seiner eigenen, inneren Gestalt gewin-

183
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

nen, was denn auch am Absoluten seiner Einheit mit ihr als Kontinu-
um der Ausdehnung von Zeit nicht das geringste ändern kann.
Was Kant dadurch entgeht, ist somit ausgerechnet das, wonach
er sucht, nämlich die Einheit des Subjekts: Als eine absolute kann er
sie daher auch immer wieder nur abstrakt behaupten, 2 aber niemals
auch konkret begründen, nämlich herleiten und definieren. Und das
obwohl gerade er so nachdrücklich wie niemand vor ihm das Subjekt
als Zeit vertritt: als das, was ontologisch als Gestalt der Zeit auftre-
tend in die Welt tritt. Offenkundig nämlich wird dann, welch eine
Verfälschung unterlaufen muß, wenn dieses Immerweitergehen des
Auftretens von Zeit als Immerweitergehen von einer »Linie« durch
deren »Ziehen« vorgestellt wird: die Verfälschung dieser Zeit zu
einem Raum als die Verfehlung des Subjekts. Und ausgerechnet Kant
versäumt auf diese Weise ausgerechnet das, was erstmals er als We-
sensmerkmal dieses Subjekts sicherstellen könnte: seine Subjektivität
als die Dynamik seiner Spontaneität. Die nämlich gibt er ein für alle
Male aus der Hand, indem er das Kontinuum der Zeit als das Subjekt
wie das Kontinuum des Raums als etwas immer weiter Teilbares be-
handelt.
Denn wie ausgeführt, bedeutet eine Analyse als die Teilung eines
Raumes nicht nur eine Sonderung von Punkt und Ausdehnung als
eine Umkehrung ihres Verhältnisses, das sie gemäß Synthese dieses
Raumes als ursprünglich ungesonderte in ihm besitzen. Analyse oder
Teilung von ihm heißt vor allem auch noch, die Dynamik der Syn-
these von ihm als Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu einer Aus-
dehnung von Grund auf stillzustellen zu einer Statik zwischen ihnen.
Sind doch danach dieser Punkt und diese Ausdehnung dann eben je
für sich schon etwas statisch Feststehendes und durchaus nicht mehr
zusammen das dynamisch ins Unendliche verlaufende Agieren jener
Selbstausdehnung. Daß genau in diesem Sinn der Raum zwar teilbar
ist, die Zeit dagegen unteilbar, hat für die Zeit denn auch vor allem zu
bedeuten: Solche Stillstellung ihrer Dynamik ist im Fall der Zeit un-
möglich, so daß die Unteilbarkeit der Zeit geradezu die Unantastbar-
keit ihrer Dynamik nach sich zieht und das Subjekt als Spontaneität
des ständigen Agierens sicherstellt.
Denn auch erst so läßt sie als solche selbst sich auch begründen,
während man sie sonst nur zu behaupten pflegt und dann auch falsch

2 Vgl. z. B. A 67 B 92, A 99, B 135, A 401, A 402, A 658 B 686, A 784 B 812, A 788
B 816; Bd. 20, S. 359.

184
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

mit dem Photon vergleicht, das nie in Ruhe, sondern stets nur in
Bewegung sein kann. 3 Falsch verglichen ist sie damit nämlich deshalb,
weil diese Bewegung des Photons ja trotzdem eine relative äußere
Bewegung sein muß. Denn bei Subjektivität als Spontaneität eines
Agierens, das als die Dynamik ursprünglicher Selbstausdehnung
eines Punktes zu der Ausdehnung von Zeit auftritt, kann es sich eben
auch nur umgekehrt um eine absolute innere Bewegung handeln.
Nur als solche nämlich kann sie auch dem Absoluten ihrer Einheit
als dem Inneren der Ausdehnung von diesem Punkt entsprechen.
Auch erst so jedoch ist dann in vollem Umfang aufgewiesen, welch
eine Verfälschung droht, wenn Kant versucht, sich ausgerechnet dies
am Ziehen einer Linie vorzustellen. Vermag er doch nicht einmal an
der einen Stelle, wo er selbst diese Verfälschung schon am klarsten
drohen sieht, 4 ihr zu entkommen.
Denn er meint, es reiche, davon abzusehen, daß ein solches Zie-
hen einer Linie eben das von einem Raum sei, und bloß auf das Zie-
hen selbst zu achten, 5 um dadurch im Unterschied zur Vorstellung
von Raum die Vorstellung von Zeit zu sichern. Doch solange dabei
über dieses Ziehen selbst nichts weiteres gesagt wird, was Kant unter-
läßt, reicht das gerade nicht. Genau solange nämlich bleibt es als das
Ziehen von einer Linie eben noch ein Ziehen von Raum. Es wird
daher gerade nicht sogleich auch schon ein Ziehen von Zeit, sobald
man bloß das Ziehen als solches selbst betrachtet und den Raum, zu
dem es führt, vernachlässigt. Als solches selbst ist dieses Ziehen näm-
lich nur die Gattung, die Synthese, die ihnen gemeinsam ist, doch
nicht bereits die Art des Ziehens von Zeit anstatt der Art des Ziehens
von Raum. Worauf es ankommt, ist vielmehr, die jeweilige Art des
Ziehens zu spezifizieren, die zu Zeit im Unterschied zu Raum führt,
weil doch jedes davon durch eine spezielle Art von Ziehen als »Hand-
lung« einer »Synthesis« zustandekommen soll. Und deren jeweilige
Spezifikation gilt es auch umso mehr, als die der Zeit doch der des
Raums bereits vorausgehen und zugrundeliegen soll.
Worum es dabei geht, ist somit noch ein weiteres Verhältnis
zwischen Vor und Nach, das bloß ein logisches, kein zeitliches sein
kann. Nur eben diesmal um das Vor der ersten Art von Ausdehnung

3 Vgl. z. B. Rohs 1991, S. 53 f.


4
B 154 ff. Dazu Prauss 2004, S. 11 ff.
5 Vgl. B 154: »bloß auf die Handlung der Synthesis«; B 155: »bloß auf die Handlung«;

B 159: auf eine »Linie, sofern wir sie ziehen« (kursiv von mir).

185
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

als der von Zeit und um das Nach der zweiten Art von Ausdehnung
als der von Raum, der als der abgeleiteten die ursprüngliche Ausdeh-
nung von Zeit bereits vorausgeht und zugrundeliegt: Ganz so, wie
jenes Vor der Gattung vor dem Nach der Art, das gleichfalls nur ein
logisches sein kann, ja jeder solchen Art bereits vorausgeht und zu-
grundeliegt. Denn jede ist ja eine Ausdehnung durch Synthesis als
Selbstausdehnung eines Punktes. Und so gilt es dabei auch tatsäch-
lich, solchem Ziehen auf den Grund zu gehen, indem man vor es als
das Ziehen von Raum zurückgeht, um es dort erst einmal zu ermit-
teln als das Ziehen von Zeit, wie es dem Ziehen von Raum bereits
vorausgeht und zugrundeliegt.
Vor dieses Ziehen als das des Raums zurückzugehen, kann des-
halb nicht bedeuten, von ihm einfach abzugehen. Es muß vielmehr
sogar bedeuten, von ihm dafür auszugehen. Denn auch bei ihm gilt es
nur von dem abzugehen, was an ihm gerade das Spezifische für Zie-
hen von Raum ist, um von ihm her das Spezifische für Ziehen von
Zeit zu sichern. Deshalb kommt es dabei auch entscheidend darauf an,
gerade dieses Ziehen von Raum in seinem eigentlichen Sinne fest-
zuhalten. Folglich wird dafür noch einmal und besonders wichtig,
dieses Ziehen von Raum als jener Linie dabei nicht falsch am Zeich-
nen vorzustellen, wodurch es falsch als Ziehen von einem Strahl an-
statt von einer Linie vorgestellt wird. Deshalb reicht für dieses Vor-
haben auch nicht das Zeit-Modell, das in verschiedener Fassung
vorgeschlagen wurde, 6 weil es deren grundsätzlichen Unterschied
nicht hinreichend berücksichtigt. Das hat zur Doppel-Folge, daß da-
durch nicht klar genug der Punkt als Grenzpunkt oder Schnittpunkt
fortfällt, den ein Strahl besitzt, und somit auch nicht hinreichend
gesichert wird, daß eine Linie eben zweiseitig ins Unbestimmt-Un-
endliche verläuft und nicht gleich einem Strahl bloß einseitig. Denn
auch durch einen Doppel-Strahl läßt dieser Mangel sich nicht wett-
machen.
Im ganzen nämlich liegt der Unterschied gerade darin: Anders
als ein Strahl oder ein Doppel-Strahl hat eine Linie gerade keinen
Schnittpunkt oder Grenzpunkt und hat dennoch wie ein Doppel-
Strahl ihre zwei Seiten mit ihren zwei Richtungen, die zueinander
Gegen-Seiten sind mit Gegen-Richtungen. Entsprechend ist auch de-
ren Unterschied an ihr unzweifelhaft ersichtlich, was daher nur an
dem Punkt als dem zu einer Linie sich ausdehnenden liegen kann,

6
Vgl. Prauss 1990, § 16; Prauss 1999, § 10; Prauss 2004, S. 11 ff.; Prauss 2006, § 22.

186
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

der jeder Stelle dieser Linie als einer Ausdehnung zugrundeliegen


muß. Als solcher aber kann er eben noch nicht hinreichend gesichert
sein, solange dieser Unterschied von Linie gegenüber Strahl und
Doppel-Strahl nicht hinreichend gesichert wird, woran das Zeit-Mo-
dell es fehlen läßt. Nichts zeigt das deutlicher als das unlösbare und
auch unnötige Problem, das es sich dadurch einhandelt, indem es sich
am Zeichnen mittels eines Kreidestücks an einer Tafel orientiert.
Denn danach soll beim Zeichnen einer Linie, das gleich dem Zeichnen
eines Strahls erfolgt, dem Kreidestück ein Schwamm so folgen, daß
dabei von vornherein und weiterhin statt Zeichnen einer Linie nur
noch Zeichnen eines Punktes vor sich geht. Gerade dann jedoch,
wenn man sich dabei Kreidestück und Schwamm jeweils zu geo-
metrisch-idealen Punkten idealisiert vorstellt, weil ja auch dieser
Punkt dadurch als geometrisch-idealer Punkt entspringen soll, ergibt
sich das Problem: Dann soll zu diesem Zweck ein Punkt unmittelbar
an einen andern Punkt anschließen, was jedoch, wie hinlänglich be-
kannt, unmöglich ist, weil es den nächsten Punkt zu einem Punkt
nicht geben kann. 7
Dieses Problem jedoch entsteht erst gar nicht, wenn man wirk-
lich nur vom Ziehen einer Linie ausgeht statt vom Ziehen eines
Strahls. Dann nämlich kann es schon allein zu einem ersten solchen
Punkt nicht kommen und mithin erst recht auch nicht zu einem zwei-
ten solchen gegenüber diesem ersten solchen, deren jeder nur ein
Grenzpunkt oder Schnittpunkt sein kann wie der eines Strahls. Wo-
ran das Zeit-Modell es fehlen läßt, ist demgemäß: Den Punkt, um den

7 Um diese Problematik zu vermeiden, schlägt Cord Friebe einen andern Weg ein,
weil er dieses Zeichnen mittels Kreidestück und Schwamm zugrundelegt. Dem »näch-
sten Punkt zu einem Punkt« versucht er dadurch zu entgehen, daß er das Kreidestück
als Punkt zwar beibehält, den Schwamm als Punkt dagegen fallenläßt. Vielmehr ver-
sucht er ihn stattdessen aufzufassen als ein reines Intervall, das weder offen noch
geschlossen sei, sondern schieres Kontinuum, das nicht als »Punktmenge« verstanden
werde (Friebe 2001, S. 187 f.). So jedoch wird problematisch, wie der Schwamm vom
Kreidestück sich überhaupt noch unterscheiden sollte. Denn das könnte er doch nur
durch seine Grenze zu ihm, die auch dann ein Punkt sein müßte, wenn der Schwamm
nicht mehr als bloße »Punktmenge« zu gelten hätte. Ist ein Unterschied – auch wenn
durch den von Schwamm und Kreidestück erst einmal falsch vertreten – doch auch
unentbehrlich für die widerspruchsfreie Struktur der Zeit, um deren angemessene
Modellierung es dem Zeit-Modell zuletzt zu tun ist und die auch Cord Friebe auf-
rechthalten möchte (Friebe 2001, S. 188, S. 190). Und den Unterschied gewährleistet
im neuen Zeit-Modell eben der Unterschied der beiden Seiten einer Linie ohne
Grenzpunkt zwischen ihnen.

187
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

es dabei wie beim Raum auch bei der Zeit geht, unterscheidet es be-
reits von vornherein nicht hinreichend von einem Schnittpunkt oder
Grenzpunkt. Denn bei Zeit kann es sich doch genauso wie bei Raum
nur um den Punkt als den zu einer Ausdehnung sich ausdehnenden
handeln, der in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil zu einem Grenz-
punkt oder Schnittpunkt ist. Und das bedeutet eben letztlich: Dieses
Zeit-Modell vermag bereits die Gattung für das Ganze von zwei Ar-
ten unter dieser Gattung noch nicht hinreichend ins Spiel zu bringen,
so daß nicht verwundert, wenn es dann auch die Struktur der Zeit
nicht hinreichend zur Geltung bringen kann. Es gilt daher, es zu ver-
abschieden zugunsten eines besseren Modells für das Entspringen
einer Linie durch Sich-Ausdehnen von einem Punkt, das sich in »Flä-
chenland« ergibt. Denn erst durch dieses bessere Modell für das Ent-
springen einer Ausdehnung von Linie als Raum läßt sich dann auch
ein besseres Modell für das Entspringen einer Ausdehnung von
Punkt als Zeit erstellen. Erst das erbringt dann einen Nachweis für
die Widerspruchsfreiheit der inneren Struktur von Zeit, dem jenes
mangelhafte schon gegolten hatte.
Um dies zu erreichen, ist nur nötig, das Entspringen einer Linie
durch ein Sich-Ausdehnen von einem Punkt, wie es in Flächenland
tatsächlich statthat, zweiseitig ins Unbestimmt-Unendliche verlau-
fend vorzustellen anstatt bloß bis zur Länge, die der Kugeldurchmes-
ser besitzt. 8 Dann nämlich tritt im Vollsinn ihres Unterschieds zu
einer Strecke eine Linie auf, die keinen Schnittpunkt oder Grenz-
punkt hat, und die gleichwohl den Unterschied ihrer zwei Seiten of-
fenkundig an sich hat: mitsamt dem Unterschied ihrer zwei Richtun-
gen, die zueinander Gegen-Richtungen von ihnen als den Gegen-
Seiten zueinander sind. Genauso offenkundig also muß dann jeder
Stelle einer solchen Linie als einer Ausdehnung ein zweiseitig zu ihr
sich ausdehnender Punkt zugrundeliegen. Folglich läßt er sich genau-
so offenkundig auch schon voll als Punkt in Anspruch nehmen, ohne
ihn dadurch zu einem Grenzpunkt oder Schnittpunkt zu verfälschen:
Woraus nachträglich erhellt, wie unnötig sich jenes Zeit-Modell jenes
Problem einhandelt, das durch jenes Zeichnen eines Strahls statt

8 Und möglich ist das durch die Vorstellung: Was aus der dritten Dimension herkom-
mend sich durch Flächenland hindurch bewegt, sei keine Kugel, sondern sei ein Pa-
raboloid mit seiner kugelrunden Kuppe. Was dann für ein Flächenwesen in Erschei-
nung tritt, ist ein sich zweiseitig zu einer Linie ausdehnender Punkt, die beidseitig ins
Unbestimmt-Unendliche verläuft.

188
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

einer Linie sich ergibt. Denn nicht der Punkt des Strahls, sondern der
Punkt der Linie ist der eigentliche Punkt, der auch der eigentliche
Grund für diesen Unterschied der beiden Gegen-Seiten mit den bei-
den Gegen-Richtungen an jeder Linie ist. Mit Hilfe dieses eigentli-
chen Punktes aber läßt sich auch das eigentliche Zeit-Modell gewin-
nen, das im Unterschied zu jenem nicht nur haltbar ist, sondern auch
insgesamt den eigentlichen Aufschluß über Zeit und Raum gibt.
Zu dem Zweck sei erst einmal im einzelnen genannt, was uns
dafür verfügbar ist. Als Gattung steht uns dafür zur Verfügung das
Sich-Ausdehnen von einem Punkt als das Entstehen von Ausdeh-
nung, das also bloße Gattung beider Arten sein muß und so auch für
keine dieser Arten etwa schon spezifisch sein kann. Weiterhin ist uns
als Art von dieser Gattung das an dies Entstehen von Ausdehnung
anschließende Bestehen von ihr verfügbar als die Ausdehnung, die
als der Raum ein zweiseitiges Außerhalb von dem zu ihr sich ausdeh-
nenden Punkt ist. Dann jedoch steht uns des weiteren der Unter-
schied dieser zwei Seiten zur Verfügung, der durch diesen Punkt als
Gattung schon verbürgt wird und daher auch für die Vorstellung von
Zeit verfügbar sein muß. Denn sonst läge abermals die Vorstellung
von einem Strahl statt einer Linie zugrunde. Insbesondere verfügbar
aber ist uns dann mit diesem Unterschied dieser zwei Seiten auch der
Unterschied zwischen Sich-Ausdehnen von Punkt zu Ausdehnung
auf einer Seite und Sich-Ausdehnen von Punkt zu Ausdehnung auf
anderer Seite. Daß es nämlich beiderseits um Raum als ein Bestehen
von Ausdehnung im Anschluß an Entstehen von ihr sich handeln
muß, kann daran überhaupt nichts ändern.
Dieser Unterschied ist es denn auch, der eine Möglichkeit ergibt,
um ausgehend vom Raum zurückzugehen vor den Raum und dort
von ihm her zu der Zeit zu kommen, die ihm schon vorausgehen
und zugrundeliegen muß. Sie nämlich muß das, wie wir wissen, als
Entstehen von Ausdehnung, dem statt Bestehen von ihr Vergehen
von ihr sich anschließt. Dies vom Raum als dem Bestehen von Aus-
dehnung her vorzustellen, bietet sich am Raum sonach die Möglich-
keit, von den zwei Seiten seiner Ausdehnung als dem Bestehen von
ihr nur eine Seite zu berücksichtigen, um die andere zu diesem Zweck
geeignet anders vorzustellen. Und das hätte eben auf die Vorstellung
hinauszulaufen: Es erfolge logisch nach jenem Entstehen von Aus-
dehnung als Gattung, aber logisch vor diesem Bestehen von Ausdeh-
nung als Art der einen Seite somit anderes als bisher; es erfolge näm-
lich statt diesem Bestehen von Ausdehnung als Art der andern Seite

189
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

vielmehr ein Vergehen von ihr als andere Art von Ausdehnung. Auch
diese andere Art von Ausdehnung könnte daher nur durch die
»Handlung einer Synthesis« als jenes Ziehen entspringen, müßte
dann jedoch statt Ziehen von Raum gerade Ziehen von Zeit sein.
Um das widerspruchsfrei vorzustellen, gilt es denn auch bloß die
Rückbesinnung darauf, daß sich solche Synthesis ja nicht nur positiv
als ein Sich-Ausdehnen von einem Punkt vollziehen kann. Vielmehr
kann sie sich auch negativ als ein Sich-Eindehnen von diesem Punkt
vollziehen, das sich als eigentliches Gegenteil der eigentlichen Syn-
thesis erwiesen hat, die nicht etwa in der Analysis ihr Gegenteil be-
sitze. 9 Könnte doch dieses Sich-Eindehnen die Rolle übernehmen, für
Vergehen von Ausdehnung im Anschluß an Entstehen von ihr zu
sorgen, das durch das Sich-Ausdehnen von einem Punkt erfolgt.
Nur setzt dieses Sich-Eindehnen von einem Punkt jenes Sich-Aus-
dehnen von diesem Punkt natürlich immer schon voraus, was ja in
Flächenland am Beispiel von Sich-Ausdehnen zu einer Linie bis zur
Länge jenes Kugeldurchmessers gesichert war. Entsprechend hatte
das Sich-Eindehnen dort nachträglich an das Sich-Ausdehnen sich
angeschlossen in dem Sinn, daß an die Stelle von Sich-Ausdehnen
Sich-Eindehnen getreten war. Denn nur im Anschluß an solches
Sich-Ausdehnen kann seinem Sinn nach auch solches Sich-Eindeh-
nen als das von einem Punkt verständlich sein.
Gesichert ist und bleibt das aber auch noch hier. Denn beiden-
falls, weil grundsätzlich, ist das Sich-Eindehnen als Synthesis das Ge-
genteil zu dem Sich-Ausdehnen als Synthesis nur dadurch, daß von
ihnen jedes das von einem und demselben Punkt ist: das Sich-Eindeh-
nen genauso wie auch das Sich-Ausdehnen. Aus diesem Grund läßt
an Sich-Ausdehnen Sich-Eindehnen von diesem Punkt auch in der
Tat sich anschließen, und auch tatsächlich nicht erst nachträglich,
wie dort in Flächenland, sondern wie hier auch schon vorweg. Denn
dadurch kann sich immer noch kein Widerspruch ergeben, weil ja
weiter der durch diesen Punkt verbürgte Unterschied zwischen den
beiden Seiten einer Linie dabei zugrundeliegt. Wird dabei doch auch
nur die eine Seite von Sich-Ausdehnen zu dieser Linie durch Sich-
Eindehnen ersetzt, so daß die andere Seite als die von Sich-Ausdeh-
nen verbleibt. Und das bedeutet keineswegs, daß dieser Punkt da-
durch zu einem Schnittpunkt oder Grenzpunkt zwischen diesen bei-
den Seiten würde, weil er deren Unterschied an einer Linie vielmehr

9
Vgl. oben § 4.

190
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

gerade als der zweiseitig zu ihr sich ausdehnende Punkt verbürgt.


Entsprechend kann das auch nicht etwa dazu führen, es trete das
Sich-Ausdehnen als das Sich-Eindehnen auf, was tatsächlich wider-
sprüchlich wäre; führen kann das vielmehr nur zu dem, es schließe
das Sich-Eindehnen an das Sich-Ausdehnen sich an, und zwar von
vornherein bereits vorweg. Der Punkt als solcher selbst ist es infolge-
dessen, der dadurch als einer auftritt, welcher auf der einen Seite ein
sich ausdehnender Punkt und auf der andern Seite als der Gegen-
Seite zu ihr ein sich eindehnender Punkt ist. 10 Und tatsächlich hat dies
dann zur Folge, daß es dadurch zu einem Bestehen von Ausdehnung
von vornherein nicht kommen kann, sondern von vornherein nur
kommen kann zu einem ebenso Entstehen wie auch Vergehen von
Ausdehnung, weil dadurch an Sich-Ausdehnen von vornherein
Sich-Eindehnen sich anschließt.
Dabei aber gilt es zu beachten, was genau hier eigentlich von-
statten geht. Denn dies tatsächlich vorzunehmen, führt zu etwas, das
bemerkenswert ist und das man sich deshalb auch im einzelnen vor
Augen führen sollte. Folgerichtig festzuhalten gilt es nämlich: Durch
die Art des Schrittes, der dies vornimmt, hat Sich-Ausdehnen, an das
Sich-Eindehnen sich anschließt, ja noch voll den Sinn von dem Sich-
Ausdehnen, das zu der Art von Ausdehnung des Raumes führt als
dem Bestehen von Ausdehnung. Wird doch auch nur die eine von
den beiden Seiten des Sich-Ausdehnens durch das Sich-Eindehnen
ersetzt; die andere dagegen bleibt als das Sich-Ausdehnen noch voll
erhalten und mithin auch voll im Sinn von ihm als dem Sich-Aus-
dehnen zu einer Linie als einem Raum. Denn auch nur wenn das erst
einmal tatsächlich festgehalten wird, kann wirklich deutlich werden,
was geschehen muß, wenn durch besagten Schritt erzwungen wird,

10
Hieran zeigt sich, daß das alte Zeit-Modell noch einen weiteren Mangel hat, der
innerhalb von ihm sich nicht beheben läßt. Denn zu seiner Erstellung müssen Kreide-
stück und Schwamm ja jeweils in dieselbe Richtung wirken. Dadurch droht der Wi-
derspruch, daß in dieselbe Richtung ein Entstehen von Ausdehnung und ein Ver-
gehen von ihr erfolgen soll. Recht eigentlich ist aber zur Erstellung eines Zeit-
Modells bloß dieser Unterschied der Seiten einer Linie erforderlich, doch nicht auch
noch der Richtungen von ihnen. Nur ist eben diese Linie mit ihren zwei Seiten für das
alte Zeit-Modell nicht hinreichend verfügbar, weil das Zeichnen von ihm einen Strahl
statt eine Linie zugrundelegt. Das neue Zeit-Modell kann deshalb zulassen, daß ein
Sich-Ausdehnen und ein Sich-Eindehnen von einem und demselben Punkt in eine
und dieselbe Richtung vor sich geht, weil trotzdem durch den Unterschied der beiden
Seiten hier die Widerspruchsfreiheit gesichert wird.

191
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

daß an Sich-Ausdehnen in diesem Sinn dann ausgerechnet ein Sich-


Eindehnen sich anschließt.
Kann dieses Sich-Anschließen doch sicher nicht als ein Sich-An-
setzen den Sinn eines »Zusammensetzens« haben, weil es dabei ja
von vornherein um ein Sich-Ausdehnen und ein Sich-Eindehnen
von einem und demselben Punkt zu tun ist. Deshalb muß dieses
Sich-Anschließen vielmehr von vornherein bereits den Sinn der Bil-
dung einer ganz bestimmten Einheit von den beiden haben. Und die
müßte dahin gehen, daß dieses Bestehen von Ausdehnung als Raum
vereinigt würde mit einem Vergehen von solcher Ausdehnung, das
durch Sich-Eindehnen im Anschluß an Sich-Ausdehnen von einem
und demselben Punkt herbeigeführt wird. Unausweichlich aber
könnte eine solche Einheit einer Ausdehnung als ein Bestehen und
ein Vergehen von ihr nur widersprüchlich sein, weil sie die Einheit
einer Art von Ausdehnung sein müßte. Stünden dann doch beide auf
derselben Ebene derselben Art, so daß Bestehen als Nicht-Vergehen
in Einheit mit Vergehen von Ausdehnung stehen müßte. Unaus-
weichlich ist besagter Schritt daher zunächst einmal das Wagnis eben
dieses Widerspruches.
Den in diesem Sinn gewagten Schritt zu tun, bedeutet deshalb,
darauf zu beharren, daß er trotzdem nicht zu einem Widerspruch
führen kann, vor dem er vielmehr durch besagten Seiten-Unterschied
geschützt sein muß. Und siehe da: Aus diesem Grund den Schritt
auch in der Tat zu wagen, hat zur Folge, daß es bei der Sache selbst,
der man dadurch dann derart auf den Leib rückt, auch zu einer Wir-
kung kommen muß. Denn was dadurch mit dieser Sache selbst ge-
schieht, ist ja im besten Sinn des Wortes ein Experiment, das durch
einen Gedanken experimentiert, um zu erproben, ob sich das durch
ihn Gedachte, diese Sache selbst, ihm fügt oder verweigert. Und sie
fügt sich eben dadurch, daß sie Wirkung zeigt, indem sie sich ent-
hüllt. Denn dieser Schritt führt statt zu einem Widerspruch vielmehr
wie folgt zu einer Klarstellung: Dies könne dann auch nur in einem
Sinn noch gelten, der bloß Teilsinn des Gesamtsinns sei, der diesen
Widerspruch herbeiführen würde. Darauf zu beharren, daß es eine
solche Einheit von Sich-Ausdehnen, an das Sich-Eindehnen sich an-
schließt, widerspruchsfrei geben kann, erzwinge: Das Sich-Ausdeh-
nen könne dann nicht mehr den Gesamtsinn haben, wonach es zu
einer Art von Ausdehnung als dem Bestehen von ihr in der Gestalt
des Raumes führe. Vielmehr könne das Sich-Ausdehnen dann bloß
den Teilsinn noch besitzen (der in dem Gesamtsinn ja enthalten ist),

192
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

wonach es bloß zur Gattung einer Ausdehnung als dem Entstehen


von ihr zu führen vermöge.
Denn auch hier kann ein Gesamtsinn einer andern Art von Aus-
dehnung sich allererst ergeben. Kann er doch auch hier sich dann erst
dadurch einstellen, daß an dies Entstehen von Ausdehnung anstatt
Bestehen von ihr Vergehen von ihr sich anschließt. Eben das wird
durch Sich-Eindehnen im Anschluß an Sich-Ausdehnen erzwungen,
was denn auch zu einer andern Art von Ausdehnung in der Gestalt
von Zeit führen muß. Was hier geschehen muß, ist also, daß der
Schritt, der ja nur auf der einen Seite diesen Raum, indem er ihn dort
durch sein Gegenteil ersetzt, zurücknimmt, ihn dadurch de facto
dann auch auf der andern Seite noch zurücknimmt, so daß dieser
Schritt ihn dadurch insgesamt zurücknimmt. Deshalb muß dies auch
anstatt trivial vielmehr informativ sein, weil dies für die andere Seite
dann auch ohne zusätzliches Zutun eintritt. Denn zurück nimmt die-
ser Schritt den Raum der einen Seite ja nur trivialerweise, nach Vor-
aussetzung, doch den der andern Seite nichttrivialerweise, weil als
Auswirkung dieser Voraussetzung. Im ganzen also führt das dazu:
Dieser Schritt nimmt diesen Raum gerade so zurück, daß dann nicht
etwa nichts zurückbleibt, sondern durchaus etwas, nämlich Zeit zu-
rückbleibt. Und das heißt, daß dieser Schritt sie eben aufdeckt, durch
den Zeit sonach hervortritt hinter diesem Raum, dem sie vorausgeht
und zugrundeliegt, der sie als solche selbst jedoch verdeckt.
Dieses Modell für diese Zeit ist nachträglich jedoch auch für den
Raum noch aufschlußreich. Wie es gebildet wird, bezeugt es nämlich
auch noch rückläufig, wie wesentlich es für den Raum ist, daß er als
Bestehen von Ausdehnung von vornherein schon zweiseitig ent-
springen muß. Denn ihm auch nur die eine Seite solcher Ausdehnung
zu nehmen, wie der Schritt zu diesem neuen Zeit-Modell das tut,
führt eben dazu, ihm dadurch dann auch die andere Seite noch zu
nehmen: Eben darin liegt auch das Informative statt Triviale. Und
das läuft zuletzt darauf hinaus, daß es Bestehen von Ausdehnung als
einem Raum, der statt ein zweiseitiger nur ein einseitiger wäre, ur-
sprünglich auch gar nicht geben kann, sondern erst abgeleitet als den
Strahl, der eine Linie als den ursprünglichen Raum bereits voraus-
setzt. Auch noch diesen ursprünglichen Raum verfehlt sonach das
alte Zeit-Modell, indem es jenen abgeleiteten des Strahls zugrunde-
legt, und setzt durch ihn sonach den Raum schon falsch voraus.
Des weiteren folgt dann jedoch auch umgekehrt: Nicht als Be-
stehen von Ausdehnung im Anschluß an Entstehen von ihr kann eine

193
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Ausdehnung entspringen, die bloß eine einseitige ist. Das kann sie
dann vielmehr nur als Vergehen von Ausdehnung im Anschluß an
Entstehen von ihr und somit nur als Zeit, die dennoch nicht ein Strahl
sein kann, weil schon von vornherein kein Raum. Das heißt: Nur
wenn erst einmal solche einseitige Ausdehnung entspringt, als Zeit,
wird möglich, daß auf Grund von ihr auch solche zweiseitige noch
entspringt, als Raum. Nur eben nicht, indem sich eine solche einsei-
tige Ausdehnung etwa mit einer zweiten solchen noch »zusammen-
setzte«, die dann auch noch eine gegen-einseitige Ausdehnung sein
müßte, was sowohl als Zeit wie auch als Raum nur sinnlos werden
könnte. Vielmehr so, daß der sich ausdehnende Punkt im Anschluß
an die erste Synthesis von dieser ersten, einseitigen Ausdehnung der
Zeit durch eine zweite, neue Synthesis noch eine zweite, neue, zwei-
seitige Ausdehnung des Raums erzeugt, indem er auch das Gegenteil
zur ersten noch erzeugt. Und das ist eben das Bestehen als Nicht-Ver-
gehen von Ausdehnung, das an Vergehen von ihr sich anschließt,
wofür das Entstehen von Ausdehnung als Gattung dieser beiden Ar-
ten von ihr eben seinerseits bereits vorausgeht und zugrundeliegt.
Dies aber kann jetzt nicht mehr widersprüchlich sein. Denn
wohlgemerkt: Was danach auftritt, ist nicht mehr Bestehen von Aus-
dehnung in Einheit mit Vergehen als Nicht-Bestehen von ihr, was ja
nur jener Widerspruch sein könnte, weil das dann die Einheit einer
Art von Ausdehnung sein müßte. Was jetzt auftritt, ist danach viel-
mehr nur noch Bestehen von Ausdehnung im Anschluß an Vergehen
als Nicht-Bestehen von ihr, was widerspruchsfrei ist. Betrifft doch
dieser Anschluß schon zwei Arten, deren eine an die andere an-
schließt, so daß diese als die erste ihr vorausgeht und zugrundeliegt
und jene als die zweite eben umgekehrt auf ihr beruht. Nur stehen sie
damit als zwei Arten ihrerseits wieder in einer Einheit miteinander,
die durch das Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu einer Ausdehnung
verbürgt wird als die Gattung von zwei Arten solcher Ausdehnung.
Auf diese Weise aber kann jetzt hergeleitet werden, was bisher
als bloßes Faktum hingenommen werden muß, so daß an ihm auch
nur herumgerätselt werden kann: das Einseitige solcher Ausdehnung
von Zeit im Unterschied zum Zweiseitigen solcher Ausdehnung von
Raum. Ist doch mit einer Seite solcher einseitiger Ausdehnung von
Zeit und solcher zweiseitiger Ausdehnung von Raum auch noch die
Richtung des Sich-Ausdehnens zu solcher Ausdehnung verbunden.
Demgemäß muß solche Ausdehnung des Raums von vornherein
auch schon zwei Richtungen besitzen, während solche Ausdehnung

194
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

der Zeit von vornherein bloß eine Richtung haben kann. Auch nach
dem neuen Zeit-Modell geht also nicht nur das Sich-Ausdehnen und
das Sich-Eindehnen von einem und demselben Punkt in eine und
dieselbe Richtung, sondern eben damit gleichfalls das Entstehen und
das Vergehen von Ausdehnung, das es herbeiführt. Nur kann da-
durch innerhalb des neuen Zeit-Modells kein Widerspruch mehr dro-
hen wie innerhalb des alten.
Jene Klarstellung, die sich statt eines Widerspruchs ergibt, klärt
nämlich auch noch: Trotzdem kann sich zwischen dem Entstehen und
dem Vergehen kein Widerspruch ergeben; denn Entstehen als Gat-
tung und Vergehen als Art von Ausdehnung befinden sich doch gar
nicht auf derselben Ebene, was jenes alte Zeit-Modell mit seinen Mit-
teln ebenfalls nicht klarstellen konnte. Doch obwohl das demnach für
die Zeit dann widerspruchsfrei gelten muß, gilt für den Raum: Zwar
muß auch dieser dann auf dem Entstehen von Ausdehnung beruhen,
wie es mit dem Vergehen von ihr als Zeit zunächst nur einseitig in
eine Richtung gehen kann; doch trotzdem muß der Raum sodann als
das Bestehen von Ausdehnung, das als das Nicht-Vergehen an das
Vergehen von Ausdehnung der Zeit sich anschließt, zweiseitig in eine
Richtung und die Gegen-Richtung zu ihr gehen und somit in zwei
Richtungen. Und die sind eben gleichberechtigt zueinander, was für
Zeit gerade nicht gilt. Ist doch deren eine Richtung vielmehr vor der
Gegen-Richtung zu ihr, die als Umkehrung von ihr formal-abstrakt
sich vorstellen läßt, gerade ausgezeichnet: Jener Punkt vermag zu-
nächst sich eben nur in eine Richtung auszudehnen und mithin zu-
nächst auch nur zu Zeit im Gegensatz zu Raum, wie umgekehrt so-
dann zu Raum auch nur im Gegensatz zu Zeit in zwei.
Dies aber ist nichts anderes als die symmetrisch-isotrope Aus-
dehnung von Raum im Unterschied zur Ausdehnung von Zeit als
einer anisotrop-asymmetrischen, wie wir sie kennen. Dies jedoch,
was vordergründig nur als faktisch-zufälliger Unterschied erscheinen
kann, solang es seinem Ursprung nach ein Rätsel ist, enthüllt sich
hintergründig eben als ein sachlich-notwendiger Gegensatz, sobald
das Rätsel seines Ursprungs aufgelöst ist. Denn in ihm wird dann
auch noch konkret, was sich erst einmal nur abstrakt erfassen ließ:
das Ontologische der jeweils minimalen Schritte einer Selbstausdeh-
nung eines Punktes als Entstehen von Ausdehnung, dem sich als er-
stes nur Vergehen von ihr anschließen kann, so daß Bestehen von ihr
sich nur als zweites dem Vergehen von ihr anschließen kann; und das
entsprechend Logische von Ausdehnung, die so ein Punkt zunächst

195
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

nur innerhalb von sich besitzt, die er sodann jedoch auch außerhalb
und somit innerhalb sowohl wie außerhalb von sich besitzt. Und das
ist eben eine Logik und Ontologie, der dieser eigentliche Ursprung
einer Ausdehnung als Zeit und Raum auch pünktlich folgt: mit geo-
metrischer Genauigkeit.
Was diese Art von Ursprung für den Raum bedeutet, wird im
folgenden noch weiter deutlich werden. Vorerst sei nur festgehalten,
was sie für die Zeit ergibt. Was schon dem alten Zeit-Modell zwar
vorgeschwebt hat, was ihm aber noch nicht einwandfrei zu modellie-
ren gelang, läßt durch das neue sich zumindest weitergehend sichern:
Als die Ausdehnung, die ein sich ausdehnender Punkt zunächst »nur
innerhalb« von sich besitzen kann, ist Zeit ein stetig-neuer Punkt, der
seine eigene Ausdehnung als stetiges Entstehen wie auch Vergehen
von ihr auch nur zu seinem eigenen stetigen Vorübergehen hat. Ge-
nau das ist die absolute innere Bewegung eines Punktes, die der Ein-
heit seiner Ausdehnung als einer absoluten inneren entspricht: Hat er
doch diese Unteilbarkeit seiner Einheit auch geradezu als diese Un-
antastbarkeit seiner Bewegung und ist darin eben die Dynamik einer
Subjektivität als Spontaneität.
Um ihn als diese Art einer Bewegung angemessen vorzustellen,
ist denn auch erforderlich, noch einen weiteren Zug am alten Zeit-
Modell im neuen fallen zu lassen. Durch das Zeichnen mittels Kreide-
stück und Schwamm an einer Tafel mußte ja die Vorstellung von
einem Punkt als einem längs der Tafel sich bewegenden sich bilden.
Dies jedoch war eben bloß der Schein von einer relativen äußeren
Bewegung gegen diese Tafel. War doch dieser Punkt an jedem Ort
der Tafel, wo er jeweils sich befand, ein stetig-neuer, also nicht ein
Punkt, der als ein selbiger in Ortsbewegung war. Doch jetzt im neuen
Zeit-Modell fällt mit dem Zeichnen eben nicht nur Kreidestück und
Schwamm weg, sondern auch die Tafel. Deshalb ist dabei auch nichts
im Spiel, wogegen dieser Schein solcher Bewegung sich ergeben
könnte. Vielmehr müßte hier die Vorstellung von Ruhe sich ergeben,
würde man sich jene absolute innere Bewegung dieses Punktes un-
nötigerweise zusätzlich an irgendeinem Körper wie der Tafel vorstel-
len. Denn dann könnte diese Vorstellung von jener absoluten inneren
Bewegung auch nur noch zur Vorstellung von Ruhe als dem gleich-
sam Auf-der-Stelle-Treten werden. Doch auch diese wäre bloßer
Schein von Ruhe, weil auch letztere nur eine relative äußere sein
könnte, die für solche absolute innere Bewegung dieses Punktes eben-
falls nicht zutrifft.

196
§ 6. Die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit

Demnach wird auch dieser Schein von Ruhe durch das neue
Zeit-Modell ausdrücklich ausgeschlossen, weil es keinen solchen Kör-
per mehr zugrundelegen muß. Und das eröffnet denn auch eine wei-
tere Einsicht, die dem alten Zeit-Modell verschlossen blieb: Nicht nur
den Schein jener Bewegung, sondern auch den dieser Ruhe fern-
zuhalten aus der Vorstellung von solcher absoluter innerer Bewegung
dieses Punktes, sichert diese nämlich deshalb, weil ein jedes Subjekt
als ein Fall solcher Bewegung ja sehr wohl an einem Körper auftritt.
Dieser oder jener hochorganisierte Körper ist es nämlich, an dem so
ein Subjekt jeweils in die Welt tritt, so daß diese Zeit, als die es dabei
jeweils an ihm auftritt, als genau so viele Zeiten wie Subjekte auftritt,
weshalb diese auch zunächst einmal bloß subjektive Zeiten sind. 11
Im Hinblick auf den jeweiligen Körper aber, an dem so ein Sub-
jekt jeweils nur als solche Zeit auftreten kann, ist es von Wichtigkeit,
erklären zu können: Eben deshalb kann es weder als ein Fall jener
Bewegung in Erscheinung treten noch auch jener Ruhe: nicht einmal,
wenn man unter »Erscheinung« hier den bloßen Schein der einen
oder anderen verstehen wollte. Das ist nämlich die Erklärung dafür,
weshalb es absurd sein muß, die Anerkennung dieser Wirklichkeit
von Subjektivem als Mentalem, Psychischem und Geistigem von der
Erfüllung der Bedingung abhängig zu machen: Dazu müßte diese
Wirklichkeit auch in Erscheinung treten, wie doch auch die Wirklich-
keit von Objektivem als Somatisch-Körperlichem in Erscheinung tre-
te, sprich: als relative äußere Bewegung oder Ruhe. Denn erklärt wird
dadurch, weshalb sie das gar nicht kann und dennoch eine Wirklich-
keit sein muß, weil sie als solche uns bekannt ist und als die der Zeit
auch widerspruchsfrei ist, was durch das neue Zeit-Modell gesichert
wird. Gesichert ist infolgedessen: In Erscheinung treten kann sie des-
halb weder durch den Schein jener Bewegung noch auch durch den
dieser Ruhe, also überhaupt nicht.
So wird dadurch nämlich auch noch umgekehrt gesichert: Min-
destens der Schein von relativer äußerer Bewegung oder Ruhe ist
erforderlich dafür, daß etwas in Erscheinung trete; und ermöglicht
wird das eben erst, indem an solche Zeit auch solcher Raum sich an-
schließt. Denn auch nur in zusätzlicher Form von Raum sind dann
auch relative äußere Verhältnisse von einem Etwas gegenüber einem
andern Etwas möglich, so daß jedes gegen jedes auch in relativer äu-
ßerer Bewegung oder Ruhe sein kann. Dies jedoch kann dann zuletzt

11
Vgl. dazu oben § 1.

197
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

in Form von dreidimensionalem Raum auch nur noch ein Objekt sein
gegenüber einem Subjekt, das es wahrnimmt.
Was bis hierhin sich ergeben hat, bedeutet jedenfalls: Durchaus
nicht ist die Zeit so etwas wie noch eine vierte Dimension zu den drei
Dimensionen dieses Raumes. So wird sie vielmehr nur mangels jeder
Einsicht in den Ursprung und die innere Struktur von ihr bis heute
noch behandelt, und das heißt: recht eigentlich mißhandelt, weil ver-
fälscht zu etwas, das dann angeblich nur eindimensional sein kann. 12
Anstatt die vierte Dimension, die zu und somit nach diesen drei Di-
mensionen dieses Raumes noch hinzukommt, ist die Zeit vielmehr
die erste Dimension, so daß es umgekehrt gerade die drei Dimensio-
nen dieses Raumes sind, die zu und somit nach der ersten Dimension
der Zeit hinzukommen. Nur eben nicht etwa in dem Sinn, daß der
Raum am Ende nicht ein dreidimensionaler, sondern nur ein vier-
dimensionaler Raum sein könnte, weil bereits die Zeit angeblich ein-
dimensional sein müßte; und erst recht auch nicht in dem Sinn, daß
es eindimensionale Ausdehnung etwa gleich zweimal geben müßte:
einmal als die eindimensionale Zeit und einmal als den eindimensio-
nalen Raum, was nur ein Widersinn in sich sein könnte.
Nein, bei jenen Fakten, die wir kennen, kann es durchaus blei-
ben: Raum gibt es zuletzt als etwas Dreidimensionales, wie es etwas
Eindimensionales auch nur einmal, nämlich als die erste Dimension
von Raum gibt. Denn die Zeit als die ursprünglich erste Dimension
kann auch nur etwas Nulldimensionales sein, so daß der Zahl nach
diese Zeit als erste, zusätzliche Dimension zum Raum ihn als das
Dreidimensionale nicht zu etwas Vierdimensionalem machen kann,
obwohl es insgesamt vier Dimensionen sind. Entsprechend muß auch
nicht etwa die Ausdehnung der Zeit als Nachkommin des letztlich
dreidimensionalen Raumes eine mindest eindimensionale sein; viel-
mehr kann umgekehrt der Raum als Nachkomme von punktueller
Ausdehnung der nulldimensionalen Zeit zunächst einmal auch selbst
nur punktuelle sein, wie er als ein- und zweidimensionaler es tatsäch-
lich ist. Ja selbst als dreidimensionaler Raum, als der er keine punk-
tuelle Ausdehnung mehr sein kann, sondern erstmals nur eine nicht-
punktuelle, muß er immer noch eine punktabhängige sein, weil er
zuletzt nur noch die letzte Ausdehnung des letzten Punktuellen sein
kann. Diese seine Abhängigkeit von der Zeit jedoch ist für die Aus-

12Wie das auch Mathematikern und Physikern inzwischen aufzugehen beginnt, dazu
vgl. etwa Smolin 2014, Teil I.

198
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

dehnung von Raum in jeder seiner Dimensionen auch entscheidend-


wesentlich, wie sich im folgenden erweisen wird.

§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum


im Unterschied zu dem von Zeit

Gegen die zuletzt versuchte Herleitung von Zeit und Raum könnte
der Einwand naheliegen: Unzulässig setze sie etwas voraus, das gar
nicht zutreffe. Sie nehme jenes Ziehen von einer Linie als einem
Raum in Anspruch, um zu unterscheiden zwischen einem Ziehen
von Zeit und einem Ziehen von Raum. Doch dadurch lege sie sich fest
auf etwas, das für Raum als solchen und im ganzen gar nicht gelte,
sondern bloß für ihn als eindimensionalen. Denn auch bloß als ein-
dimensionaler Raum der Linie sei er eine Ausdehnung, deren Syn-
these als Sich-Ausdehnen von einem Punkt zwei Seiten mit zwei
Richtungen besitze. Schon bei ihm als zweidimensionalem Raum der
Fläche aber könne keine Rede mehr von solchen Seiten sein: und zwar
nicht nur von keinen zweien, sondern auch von keinen mehr als zwei-
en, weil ja überhaupt nicht mehr von endlich vielen. Denn bereits die
Fläche als der zweidimensionale Raum sei einer, der gleichsam rund-
um ins Unbestimmt-Unendliche verlaufe. Und genau dasselbe gelte
doch des weiteren vom dreidimensionalen Raum des Körpers.
Voll bestätigt werde dies denn auch noch zusätzlich. Besitze doch
die Ausdehnung von zweidimensionalem Raum der Fläche und von
dreidimensionalem Raum des Körpers nicht mehr endlich viele Rich-
tungen, sondern bereits unendlich viele, die sogar schon überabzähl-
bar unendlich viele seien. Deshalb lasse sich, was für die Ausdehnung
von eindimensionalem Raum der Linie gelte, nicht verallgemeinern
für die Ausdehnung von Raum als solchem und im ganzen. Denn für
diese sei das gar nichts Sachlich-Notwendiges, sondern höchstens für
die Ausdehnung von eindimensionalem Raum der Linie. Daher müs-
se auch von Grund auf problematisch bleiben, daß die Ausdehnung
von Raum als solchem und im ganzen das Ergebnis jener Selbstaus-
dehnung eines Punktes sein soll. Denn daß letzterer dafür zugrunde-
liege, lasse sich doch auch allein begründen durch den Unterschied
jener zwei Seiten und zwei Richtungen der Ausdehnung des ein-
dimensionalen Raums der Linie, einen Unterschied, wie er am zwei-
und dreidimensionalen Raum von Fläche und von Körper nun einmal
nicht mehr gegeben sei. Auf diesem Unterschied beruhe aber auch

199
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

vor allem schon das neue Zeit-Modell und so auch schon der erste
Unterschied zwischen dem Ziehen von Raum als Linie und Ziehen
von Zeit als Punkt, wovon daher durchaus nicht Raum als solcher
und im ganzen abhängig sein könne.
Doch so sehr auch zutrifft, wovon dieser Einwand ausgeht, näm-
lich dies Gemeinsame von zwei- und dreidimensionaler gegenüber
eindimensionaler Ausdehnung von Raum, so läßt er doch das gleich-
wohl Unterschiedliche dazwischen außer acht. Selbst wenn man näm-
lich von der Punktabhängigkeit des dreidimensionalen Raumes, weil
sie angezweifelt wird, erst einmal absieht, bleibt doch immer noch der
klare Unterschied zwischen der punktuellen Ausdehnung des zwei-
dimensionalen Raumes gegenüber der nichtpunktuellen Ausdehnung
des dreidimensionalen. Dieses Punktuelle aber hat die Ausdehnung
des zweidimensionalen Raumes wiederum gemeinsam mit der Aus-
dehnung des eindimensionalen. Jenem Merkmal, das der zwei- und
dreidimensionalen Ausdehnung gemeinsam ist, steht somit weiter
gegenüber dieses Merkmal, das der zwei- und eindimensionalen Aus-
dehnung gemeinsam ist. Und dabei handelt es sich eben um Ge-
meinsamkeiten, die sich überschneiden und zusammen somit lauter
Unterschiede bilden, durch die letztlich jede einzelne dieser drei Di-
mensionen sich von jeder andern unterscheidet. Jede von den dreien
nämlich hat danach etwas, das sie mit einer anderen gemeinsam hat,
und etwas, das sie von ihr unterscheidet.
Diese Unterschiede aber sind umso bemerkenswerter, als sie alle
doch gerade Unterschiede innerhalb von einer einzigen Gemeinsam-
keit der Ausdehnung des Raumes sind. Denn trotz der Unterschiede
jeder gegenüber jeder der drei Dimensionen von ihr ist sie eben ein
Bestehen von Ausdehnung. Und als dieses Gemeinsame von allen
dreien unterscheidet das Bestehen von Ausdehnung als Raum sich
eben insgesamt von Ausdehnung als Zeit, die als Vergehen von Aus-
dehnung im Anschluß an Entstehen von ihr gerade Nicht-Bestehen
von ihr ist. Doch auch nur noch wichtiger ist das Bestehen von Aus-
dehnung als das Gemeinsame von Raum, weil ja mit ihm auch noch
ein weiteres Gemeinsames von Raum einhergeht.
Denn in jeder seiner Dimensionen ist der Raum nicht nur dieses
Bestehen von Ausdehnung, sondern auch noch jenes Symmetrisch-
Isotrope von ihr: Nicht nur die zwei Richtungen von den zwei Seiten
jenes eindimensionalen Raums der Linie sind somit gleichberechtigt
zueinander, sondern auch die überabzählbar unendlich vielen Rich-
tungen von zweidimensionalem Raum der Fläche und von drei-

200
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

dimensionalem Raum des Körpers. Auch noch dadurch also unter-


scheidet sich der Raum in jeder seiner Dimensionen von dem Aniso-
trop-Asymmetrischen der Ausdehnung von Zeit. Als dieses eigent-
lich Gemeinsame von Raum ist beides also keineswegs etwa
beschränkt auf eindimensionalen Raum, und damit etwas Sachlich-
Notwendiges auch durchaus nicht nur für ihn. Vielmehr ist es er-
sichtlich etwas Sachlich-Notwendiges für den Raum als solchen und
im ganzen, auch wenn es bei seiner Herleitung erst einmal nur an
ihm als eindimensionalem Raum der Linie hervorgetreten ist. Ver-
glichen damit also könnte umgekehrt gerade die Gemeinsamkeit von
zwei- und dreidimensionalem gegenüber eindimensionalem Raum
bloß etwas Faktisch-Zufälliges sein: Nur er besäße danach bloß genau
zwei Seiten und genau zwei Richtungen, wogegen sie gemeinsam
hätten, daß sie weder eine Endlichkeit von Seiten noch von Richtun-
gen besäßen, sondern nur jene Unendlichkeit.
Gerade dann jedoch, wenn all das zutrifft, müßte gelten: Alle
diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten müßten sich im Zuge jener
Herleitung aus ihr ergeben und sonach ihre Erklärung durch sie fin-
den, soll die Art und Weise solcher Herleitung sich halten lassen.
Wurde diese vorerst doch auch nur bis einschließlich des eindimen-
sionalen Raumes durchgeführt, weil es zunächst bloß darum ging,
erst einmal grundsätzlich die Ausdehnung der Zeit im Unterschied
zu einer Ausdehnung des Raumes herzuleiten. Überdies lag nahe,
im Zusammenhang mit jenem Ziehen von Zeit im Unterschied zu
jenem Ziehen von Raum zunächst einmal die eindimensionale Aus-
dehnung der Linie als die erste Dimension der Ausdehnung des Rau-
mes herzuleiten. Demgemäß ist es geradezu die Probe auf die Halt-
barkeit von dieser Herleitung, ob deren Art und Weise sich auch
weiterhin bewährt. Erprobt wird dadurch nämlich: Kann sie denn ihr
Ziel auch dann erreichen, wenn sie nicht mehr nur von Zeit zu Raum
als eindimensionalem sich bewegt, wie bisher, sondern jetzt auch
noch von Raum zu Raum, weil jetzt auch noch von seiner ersten
Dimension zur zweiten und zur dritten als den zueinander unter-
schiedlichen und dennoch sämtlich räumlichen?
Kriterium für diese Herleitung als haltbare ist nämlich nicht nur,
ob sie alle diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen ihnen
herzuleiten und so zu erklären vermag, sondern ob sie es auch noch
weiter nach demselben ontologischen und logischen Prinzip vermag,
das ihr von Anbeginn bereits zugrundeliegt. Als erstes fragt sich so-
mit, ob denn diese Herleitung auch weiterhin nach dem Prinzip des

201
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

logisch-ontologisch Minimalen vor sich gehen kann. Um das zu si-


chern, reicht jetzt nämlich nicht mehr, was bereits vorweggenommen
wurde, nämlich daß Sich-Ausdehnen von einem Punkt als etwas geo-
metrisch Einfachem dann jeweils auch nur punkthaft oder einfach vor
sich gehen könne: Danach gelte, daß es eben, wenn es ein- und zwei-
und dreimal vor sich gehen müsse, auch nur ein- und zwei- und drei-
mal einfach vor sich gehen könne, wie zum ein- und zwei- und drei-
dimensionalen Raum. 1 Denn mittlerweile hat dieses Prinzip des lo-
gisch-ontologisch Minimalen, das durch diesen Punkt bedingt ist,
sich ja schon gegliedert nach jenen Verhältnissen von Ausdehnung
als dem Entstehen oder Vergehen oder Bestehen von ihr. Beruhte dar-
auf doch die grundsätzliche Herleitung von Raum aus Zeit, der so
jedoch auch vorerst nur als eindimensionaler hergeleitet ist.
Wie aber könnte das Prinzip des logisch-ontologisch Minimalen
sich auch darüber hinaus noch geltend machen lassen? Ist der Raum
als das Bestehen von Ausdehnung doch mit dem eindimensionalen
schon erreicht, weil auch der zwei- und dreidimensionale als ein
Raum so ein Bestehen von Ausdehnung sein muß. Wie also könnte
nicht nur zwischen Zeit und (eindimensionalem) Raum, sondern
auch jeweils für den zwei- und dreidimensionalen Raum noch das
Prinzip des logisch-ontologisch Minimalen gelten, wenn doch jeder
davon das bereits erreichte logisch-ontologisch Minimale des Beste-
hens von Ausdehnung bloß in dem Sinn des eindimensionalen Rau-
mes ist? Ersichtlich reicht als Antwort darauf jener Hinweis auf das
geometrisch Einfache des Punktes oder Punktuellen noch nicht aus.
Denn im Zusammenhang mit dem Entstehen und dem Vergehen von
Ausdehnung ist das Bestehen von ihr ja vorerst nur im Sinn des
Nicht-Vergehens von ihr bestimmt: als das entsprechend Positive
hierzu. Und so hat es seinen Sinn als zeitlichen daher auch erst ein-
mal nur für den ersten, eindimensionalen Raum, wie er aus null-
dimensionaler Zeit hervorgeht. Ist in diesem Sinn doch das Bestehen
von Ausdehnung auch vorerst nur als zeitabhängiges bestimmt, so
daß sich fragen muß: Läßt dieses logisch-ontologisch Minimale für
den Raum sich nicht stattdessen auch noch als raumeigenes ermit-
teln, das gleich diesem zeitabhängigen Bestehen von Ausdehnung
auch noch für die zwei weiteren Dimensionen dieses Raumes gilt?
Das heißt: Wie hat sich jener Punkt bzw. jenes Punktuelle auch noch
zum Bestehen von Ausdehnung des Raumes auszudehnen, um sich in

1
Vgl oben § 4.

202
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

raumeigenem Sinn jeweils zu etwas logisch-ontologisch Minimalem


davon auszudehnen?
Wie es scheint, könnte die Antwort lauten: Dieses jeweils Mini-
male sei erreicht, wenn solche Ausdehnung sich jeweils senkrecht zu
der jeweils vorigen vollziehe, weil im Unterschied zu Nichtsenkrech-
ten solche Senkrechten in der Geometrie eine gewisse Rolle spielen.
Um zu zeigen, daß sie gleichwohl als die Antwort darauf nicht in
Frage kommen können, gilt es etwas aufzudecken, das als ein Problem
bisher anscheinend nicht einmal gesehen wird, so daß auch gar nicht
erst versucht wird, es zu lösen. Jedenfalls scheint bisher überhaupt
nicht aufzufallen, wie problematisch es doch ist, als das Kriterium
dafür, von welcher Dimension ein Raum sei, folgendes zu nennen.
Daß etwa der Raum der Außenwelt, wie von uns wahrgenommen,
dreidimensional ist, lasse daran sich erkennen, daß es nicht mehr als
drei Linien in ihm geben kann, die jeweils senkrecht zueinander ste-
hen, also jeweils einen rechten Winkel miteinander bilden: Diese
Dreidimensionalität des Raumes »zeigt sich […] darin, daß die Bewe-
gung eines Körpers […] in höchstens drei voneinander unabhängigen
Richtungen erfolgen kann[, weil] sich durch jeden Punkt unseres
Raumes nur drei paarweise senkrecht aufeinander stehende Geraden
legen lassen.« 2
Dürfte doch der Hintergrund dafür jener Versuch sein, diesen
Umstand nicht erst analytisch als Kriterium dafür aufzufassen, son-
dern sogar schon synthetisch als Beweis für diese Dreidimensionali-
tät. Als solcher nämlich kann er nur ein »Zirkelschluß« sein, wie be-
reits der junge Kant 3 an Leibniz kritisiert. Denn dieser hatte das als
»eine geometrische Notwendigkeit« betrachtet, die »nur deshalb die
Geometer haben beweisen können«. 4 Jeder solche »Punkt« im drei-
dimensionalen Raum wird dabei nämlich als ein Schnittpunkt auf-
gefaßt, der diesen Raum als dreidimensionalen schon voraussetzt,
wie wir wissen. Doch auch als bloß analytisches Kriterium kann die-
ser Umstand nicht in Frage kommen. Denn damit es auch nur ein
erläuterndes sein könnte, müßte dann dieses Kriterium auch für
einen weniger als dreidimensionalen Raum noch gelten. Daß es näm-

2 Borucki 2008, S. 9; vgl. ferner S. 13, wo er dies auch noch für eine vierte Dimension
behauptet: Denn »die Richtung dieser vierten Dimension müßte senkrecht auf den
uns vertrauten Richtungen von Länge, Breite und Höhe stehen, also sowohl senkrecht
auf der Länge, als auch senkrecht auf der Breite und auch senkrecht auf der Höhe«.
3 Vgl. Bd. 1, S. 23.

4
Leibniz 1985, Theodizee § 351. Vgl. auch Leibniz 1966, Bd. 1, S. 59.

203
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

lich auch für zweidimensionalen Raum noch gilt, weil in ihm nicht
mehr als zwei Linien möglich sind, die jeweils senkrecht zueinander
stehen, hilft gar nichts, da es auch für eindimensionalen Raum noch
gelten müßte: Daß ein Raum bloß eindimensional ist, lasse daran sich
erkennen, daß in ihm nicht mehr als eine Linie möglich sei, die senk-
recht steht zu einer anderen.
Dies jedoch kann nur absurd sein, weil es eine solche andere
Linie im eindimensionalen Raum der Linie nicht geben kann und so
auch keine zu ihr Senkrechte. Ihn trotzdem sozusagen mit Gewalt
diesem Kriterium der Senkrechten zu unterwerfen, müßte zudem
auch im Zuge unserer Herleitung dieses Absurde noch erweitern.
Denn das könnte nur bedeuten, als die eine Senkrechte den eindimen-
sionalen Raum der Linie selber anzusehen, zu der die andere Senk-
rechte die Zeit sei, aus der sie als Raum gewonnen wird. Absurd ist
das jedoch gleich zweifach, weil die Zeit dann ihrerseits schon eine
Linie als eindimensionaler Raum sein müßte, was nicht zutrifft, und
weil dann der eindimensionale Raum der Linie nicht mehr eindimen-
sional und nicht mehr Linie sein könnte, sondern seinerseits schon
Fläche als ein zweidimensionaler Raum sein müßte, was genauso-
wenig zutrifft. Und so ist und bleibt das eben auffällig, weil es doch
solche Senkrechten im zwei- und dreidimensionalen Raum tatsäch-
lich geben kann, auch wenn die jeweilige Zahl von ihnen, wie sich
jetzt gezeigt hat, nicht Kriterium für die jeweilige Dimensionszahl 5
sein kann: Einziges Kriterium dafür scheint vielmehr nach wie vor
die Zahl zu sein, wie oft ein Punkt sich jeweils einfach auszudehnen

5 Einen Hinweis darauf, daß dieses Problem gesehen wird, gibt vielleicht, daß man
versucht, es zu umgehen: »Felix Hausdorff entwickelte einen vollkommen neuen Di-
mensionsbegriff, der auf einem Skalenverhalten beruht. Wenn eine Linie um einen
Faktor 3 skaliert wird, ist sie 3-mal so lang wie vorher. Da 3 = 31, sagt man, eine Linie
hat die Dimension 1. Wird ein Quadrat um einen Faktor 3 skaliert, ist seine Fläche 9-
mal so groß wie ursprünglich, und da 9 = 32, sagt man, die Dimension ist 2. Wird ein
Würfel um diesen Faktor skaliert, ist sein neues Volumen 27 oder 33-mal das ur-
sprüngliche Volumen, also ist die Dimension 3. Diese Werte für die Hausdorff-Di-
mension stimmen mit unseren Vorstellungen von einer Linie, Fläche oder einem Vo-
lumen überein.« (Crilly 2009, S. 103). Nur wird auf diese Weise eben auch das
Geometrische der zueinander Senkrechten beseitigt, weil es dabei durch etwas bloß
Arithmetisches ersetzt wird, das dann auch noch diese 1 als Zahl fürs Eindimensionale
liefert. Doch die zueinander Senkrechten sind eben nur im eindimensionalen Raum
unmöglich, während sie im zwei- und dreidimensionalen durchaus möglich sind. Und
so ist eben auch noch dieser Unterschied, der wichtig ist, durch diesen neuen Dimen-
sionsbegriff beseitigt.

204
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

hat zu einer Ausdehnung von Raum, um vollständig sich auszudeh-


nen. Nur kann das, wie schon gesagt, als jeweiliges logisch-onto-
logisch Minimales jetzt nicht mehr genügen, wenn es als raumeige-
nes für jede Dimension des Raumes gelten soll.
Daß aber auch das Senkrechte der Ausdehnung dafür nicht in
Betracht kommt, weil es für den eindimensionalen Raum der Linie
noch nicht gelten kann, hat Folgen, die dann weiterführen. Denn aus
demselben Grund hat dann auch jedes Nichtsenkrechte einer Aus-
dehnung noch als raumeigenes logisch-ontologisch Minimales aus-
zuscheiden, weil auch dieses gegenüber jener Zeit als Punkt, aus der
die Linie als eindimensionaler Raum entspringt, noch keinen Sinn
besitzen kann. Das heißt: Auch jedes bloße Quer zu einer Ausdeh-
nung im Unterschied zu jedem Längs von einer Ausdehnung kann in
Bezug auf Zeit als Punkt noch keinen Sinn besitzen, sondern kann
erst in Bezug auf Raum als Linie erstmals einen Sinn bekommen.
Demgemäß scheint allgemein zu folgen: Jeder Sinn von senk-
recht oder nichtsenkrecht und damit jeder Sinn von Winkel als dem
rechten oder nichtrechten kann gegenüber jener Zeit als bloßem
Punkt noch keine Geltung haben. Vielmehr kann er das erst gegen-
über einer Linie haben als dem eindimensionalen Raum und damit
eben auch erst ab dem eindimensionalen Raum für zwei- und drei-
dimensionalen. Denn erst in Bezug auf eine Linie als eindimensiona-
len Raum ist auch noch eine zweite oder dritte Linie als Senkrechte
oder als Nichtsenkrechte zu ihr möglich und mithin auch erst im
Raum als zwei- oder als dreidimensionalem. Und so bliebe nach wie
vor nicht nur für eindimensionalen Raum das logisch-ontologisch
Minimale als raumeigenes unbekannt, sondern als Folge davon auch
für zwei- und dreidimensionalen Raum.
Hier aber muß mit einem Einwand der Geometrie gerechnet
werden: Daß es nicht schon in Bezug auf einen Punkt, sondern erst
in Bezug auf eine Linie einen Sinn von all dem geben kann, sei un-
zutreffend. Falle unter »nichtsenkrecht« und damit unter »Winkel«
als »nichtrechten« doch auch das noch, was der Geometer als »ge-
streckten Winkel« kennt von 180°. Den aber könne es auch geben,
ohne daß es eine solche zweite Linie geben müßte, in Bezug auf die
er einen solchen Winkel bilde. Als eine »Gerade« nämlich sei doch
eine Linie auch als eine einzige schon etwas, wovon gelten müsse:
»Jeder Punkt auf einer Geraden markiert […] den Scheitel eines ge-
streckten Winkels«, den es also auch bloß in Bezug auf diesen
»Punkt« als einen Winkel gebe. Nur daß die Geometrie diesen »ge-

205
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

streckten Winkel« in Bezug auf seinen »Scheitelpunkt« etwa wie


folgt versteht, womit sie umgekehrt sich einem Einwand der Philoso-
phie aussetzen muß: »Am einfachsten läßt sich die Entstehung eines
Winkels in der Ebene mit einem Strahl zeigen […], den man um sei-
nen Anfangspunkt dreht. […] Bei dieser Bewegung erreicht der
Strahl […] eine Stellung, in der er seine Anfangslage zu einer Gera-
den ergänzt. Der Winkel, den er dabei beschrieben hat, beträgt genau
180° (der sogenannte gestreckte Winkel). Jeder Punkt auf einer Gera-
den markiert also den Scheitel eines gestreckten Winkels.« 6
Denn in eigener Sache unterläuft auf diese Weise der Geometrie
bereits ein Fehler, der die Grundlagen von ihr betrifft und Folgen hat,
die auch die mathematisch-geometrische Physik betreffen. So näm-
lich verstößt der Geometer gegen eine Unterscheidung, die er selbst
seiner Geometrie zugrundelegt: die Unterscheidung zwischen einer
Linie, die beidseitig als eindimensionaler Raum ins Unbestimmt-Un-
endliche verläuft, und einem »Strahl«, der einen »Anfangspunkt« als
Grenzpunkt oder Schnittpunkt hat und deshalb auch nur einseitig ins
Unbestimmt-Unendliche verläuft. 7 So aber rächt sich eben schon an
der Geometrie als solcher, daß der Geometer jede Überlegung unter-
läßt, auf Grund wovon die Linie als die »Gerade« denn ihre zwei Sei-
ten hat, so daß sie zweiseitig ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen
kann. 8 Denn auch genau der Punkt, den er als Grund dafür benötigt,
ist es, den er hier sich nur erschleicht, um auch für eine Linie als
Gerade den »gestreckten Winkel« als den Winkel zwischen ihren bei-
den Seiten zu vertreten. Ist es doch durchaus nicht eine Linie als eine
Gerade, wozu sich ein »Strahl« jeweils »ergänzt«, wenn er um 180°
gedreht wird, sondern eben bloß ein Doppel-»Strahl«. Nur dieser
nämlich ist es, der durch seinen Punkt als Grenzpunkt oder Schnitt-
punkt zwischen diesen beiden »Strahlen« unterscheidet und dadurch
»markiert«, was »Scheitel« des »gestreckten Winkels« zwischen
ihnen ist. Die beiden Seiten einer Linie als einer Geraden aber sind
zwar gleichfalls zwei, jedoch durchaus nicht wie zwei Strahlen auch
zwei Linien. Vielmehr ist die Linie trotz, ja eigentlich gerade mit ihren
zwei Seiten eben eine Linie als eine einzige Gerade, weil ein Punkt als
Grenzpunkt oder Schnittpunkt zwischen ihnen keineswegs besteht. 9

6 Knerr 1989, S. 202 f.


7
So etwa kurz zuvor auf S. 199 a. a. O.
8 Vgl. dazu oben § 5.
9
Unterläuft doch dieser Fehler nicht bloß geometrisch, sondern auch noch arithme-

206
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

Hier gilt es vielmehr die Geometrie gegen sich selbst in Schutz


zu nehmen, nämlich festzuhalten an dem grundsätzlichen Unter-
schied zwischen der Linie als Gerader und dem Doppel-Strahl. Denn
das führt zu Ergebnissen, die auch bereits für die Geometrie bedeut-
sam sind. Ist es doch eine Sache der Geometrie als solcher, folgerichtig
auch noch Weiteres zu unterscheiden. Denn der übergangene Unter-
schied zwischen der Linie als Gerader und dem Doppel-Strahl erhär-
tet sich dann auch wie folgt noch weiter. Daß der Geometer nämlich
trotzdem den gestreckten Winkel auch für die gerade Linie in An-
spruch nimmt, zieht nach sich, daß er als den Scheitelpunkt für ihn
auch einen Punkt dieser geraden Linie in Anspruch nehmen muß.
Und das obwohl es diesen Punkt im Unterschied zum Punkt des Dop-
pel-Strahls an der geraden Linie nicht als Grenzpunkt oder Schnitt-
punkt geben kann. Und das bedeutet eben, daß der Scheitelpunkt
dieses gestreckten Winkels der geraden Linie als einziger kein
Schnittpunkt oder Grenzpunkt sein kann, weil der Scheitelpunkt
von jedem Winkel, der ein nichtgestreckter ist, ein Schnittpunkt oder
Grenzpunkt sein muß. Und so unterscheidet sich der Doppel-Strahl
von der geraden Linie eben auch noch dadurch, daß der Scheitelpunkt
seines gestreckten Winkels dann als einziger ein Schnittpunkt oder
Grenzpunkt sein muß. Solche Unterschiede haben nämlich auch noch
für die mathematisch-geometrische Physik, wie etwa für die Quan-
tentheorie, eine erhebliche Bedeutung. Geht es dabei doch zuletzt um
nichts geringeres als die Unterscheidung zwischen etwas Ungeteiltem
als dem Ganzen und etwas Geteiltem als der bloßen Summe seiner
Teile. 10
So jedoch wirft dies dann auch noch etwas für Philosophie ab.
Denn das alles schärft den Blick für etwas, das erst dadurch auffallen
kann. Danach muß auch der eindimensionale Raum schon ein raum-
eigenes logisch-ontologisch Minimales haben, das hinausgeht über
das bloße Bestehen von Ausdehnung und das er so wie dieses auch
mit zwei- und dreidimensionalem Raum noch teilt. Verdeckt geblie-
ben ist das, weil bisher nur nötig war, am eindimensionalen Raum der

tisch: »Anschaulich illustriert man die […] reellen Zahlen […], indem man den Zah-
lenstrahl am Anfangspunkt spiegelt und damit die Zahlengerade erhält«. Und das
obwohl man diesen »Anfangspunkt«, sprich »die Zahl Null«, dabei sogar als eine
eigene »Art« von Zahl auffassen muß zwischen den »positiven« und den »negativen«
als den beiden anderen der »drei Arten von Zahlen«. (Kuba 2004, S. 100, kursiv von
mir; vgl. auch S. 125).
10
Vgl. dazu Friebe 2004 a.

207
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Linie die zwei Seiten von ihr als die Gegen-Seiten zueinander fest-
zuhalten, um die Ausdehnung von ihr als eine außerhalb von dem zu
ihr sich ausdehnenden Punkt zu sichern. Doch als Gegenteil zur Aus-
dehnung der Zeit, die innerhalb von dem zu ihr sich ausdehnenden
Punkt auftritt, war ja auch dieses Außerhalb noch nicht etwas Raum-
eigenes, sondern nur etwas Zeitbezogenes. Und das verdeckte etwas
unter sich, das unter ihm jetzt aufgedeckt wird, weil der Blick für ein
raumeigenes logisch-ontologisch Minimales durch das Fehlen jenes
Senkrechten am eindimensionalen Raum der Linie nunmehr ge-
schärft ist. Denn daß sie ein Außerhalb von Gegen-Seiten zueinander
ist, heißt ja nicht nur, bei diesen müsse es sich um zwei Seiten han-
deln; vielmehr heißt es auch, daß sie einen gestreckten Winkel mit-
einander bilden müssen und als Ganzes somit das, was die Geometrie
eine gerade Linie oder kurz eine Gerade nennt. Und das bedeutet
eben: Diese Seiten können nicht einfach nur Gegen-Seiten, sondern
müssen sogar solche Gegen-Seiten zueinander sein, die den gestreck-
ten Winkel als Voraussetzung für jeden andern Winkel bilden müs-
sen und mithin für jede Senkrechte und Nichtsenkrechte zu dem
Ganzen der geraden Linie.
Denn wie vorhin schon ermittelt: Geben kann es solche Senk-
rechten und Nichtsenkrechten keineswegs schon in Bezug auf einen
Punkt, sondern erst in Bezug auf eine Linie, die nur als Gerade mit
gestrecktem Winkel zwischen ihren beiden Seiten ihren Ursprung
haben kann. Verglichen damit ist dieser gestreckte Winkel sonach
auch der einzige, den es schon in Bezug auf einen Punkt gibt, nämlich
in Bezug auf den, durch den sich die zwei Gegen-Seiten der Geraden
unterscheiden lassen und bei dem es sich gerade nicht um einen
Schnittpunkt oder Grenzpunkt handeln kann. Daß trotzdem auch
schon die zwei Gegen-Seiten der geraden Linie den gestreckten Win-
kel zueinander bilden müssen, kann darum erneut nur heißen: Jede
Stelle dieser Ausdehnung der Linie hat als ein Punkt zu gelten, der
ein Scheitel-Punkt zu dem gestreckten Winkel dieser Linie als der
Geraden sein muß. Dafür aber kann infolgedessen auch erneut nur
der zu ihr sich ausdehnende Punkt in Frage kommen, der kein
Schnittpunkt oder Grenzpunkt dieser Linie als der Geraden sein
kann.
Dieser Punkt jedoch, aus dem durch sein Sich-Ausdehnen die
Ausdehnung des ersten, eindimensionalen Raums dieser geraden Li-
nie entspringt, ist eben jener Punkt, aus dem durch sein Sich-Aus-
dehnen zunächst einmal die Ausdehnung der nulldimensionalen Zeit

208
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

entspringt. Und das Gerade dieser Ausdehnung von Linie als erstem,
eindimensionalem Raum ist denn auch zweifellos das logisch-ontolo-
gisch Minimale dieser Ausdehnung, weil jedes Nichtgerade solcher
Ausdehnung auch nicht mehr dieses logisch-ontologisch Minimale
wäre. Und als das Gerade ist es auch ein solches logisch-ontologisch
Minimales, welches ein raumeigenes ist, weil es im Unterschied zu
jenem Senkrechten bereits dem eindimensionalen Raum der Linie
eigen ist. Denn auch, wenn es als das Gerade dieses eindimensionalen
Raums der Linie aus jenem Punkt der Zeit hervorgeht, so ist das Ge-
rade dieser Linie als gestreckter Winkel zwischen ihren beiden Seiten
doch allein auf sie als eindimensionalen Raum bezogen und mithin
etwas Raumeigenes. Schlechthin sinnlos nämlich müßte sein, auch
für die einseitige Ausdehnung der Zeit als Ausdehnung von jenem
Punkt noch vom Geraden dieser Ausdehnung zu sprechen, weil bei
ihr auch keine Rede sein kann von einem gestreckten Winkel zwi-
schen den zwei Seiten einer zweiseitigen Ausdehnung von ihr.
Dies aber muß den Eindruck nach sich ziehen: Sehr wohl muß
eine Möglichkeit bestehen, dieses Gerade solcher Ausdehnung des
eindimensionalen Raums der Linie schon als eine Qualität von ihr
zu definieren. Durchaus nicht kann erst eine Definition von ihr als
bloßer Quantität der »kürzesten Verbindungslinie von zwei Punk-
ten« möglich sein, 11 zumal bei einer Linie solche Punkte als die
Schnittpunkte von ihr auch gar nicht zur Verfügung stehen können. 12
Doch selbst wenn man davon absehen wollte, bliebe immer noch, daß
diese Definition der Quantität von ihr ja die der Qualität von ihr
bereits voraussetzt, ohne die sie somit letztlich sinnlos bleiben muß.
Schon Kant hat deshalb nachdrücklich darauf bestanden, das Gerade
einer Linie sei zunächst einmal die Sache ihrer »Qualität« und des-
halb auch zunächst einmal als solche selbst zu definieren, 13 auch
wenn er diese Definition nicht mehr gegeben hat, die noch bis heute

11
Wie man im Anschluß an Euklid bis heute noch behauptet (vgl. z. B. Knerr 1989,
S. 198 ff.), weil seine Definition für sie nicht überzeuge (vgl. Euklid 1980, Buch I,
Definition 4).
12 Das ist denn auch noch ein weiteres Beispiel dafür, wie der Geometer gegen seine

eigenen Grundunterscheidungen verstößt: Für das Gerade einer Linie nämlich kommt
das deshalb nicht einmal als eine quantitative Definition in Frage, weil es allenfalls für
das Gerade einer Strecke gilt. Und das spricht sogar dafür, daß für das Gerade einer
Linie, wenn man deren Unterschied zu einer Strecke festhält, gar nichts anderes mög-
lich sein kann als eine qualitative Definition.
13
Vgl. z. B. B 16.

209
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

aussteht. Deshalb könnte auf den ersten Blick so scheinen, als ob sie
auf Grund von dem, was sich zuletzt ergeben hat, wie folgt zu lauten
hätte: Eine Linie ist eine gerade genau dann, wenn jede Stelle von ihr,
die als Ausdehnung ja ein zu ihr sich ausdehnender Punkt sein muß,
der Scheitel-Punkt eines gestreckten Winkels ist und die zwei Schen-
kel dieses Winkels die zwei Seiten dieser Linie sind und so ins Unbe-
stimmt-Unendliche verlaufen.
Als eine Gerade aber wäre eine Linie dadurch auch schon von
jeder Gekrümmten mindest qualitativ abgegrenzt. Läßt doch diese
Bestimmung ihrer Qualität sich keineswegs auf die Gekrümmte über-
tragen, müßte sich auf diese aber übertragen lassen, wenn sie, wie
etwa als »Geodäte«, von einer Geraden gar nicht unterscheidbar sein
soll, wie man immer wieder vorbringt. Denn diese Bestimmung so-
zusagen mit Gewalt auf sie zu übertragen, würde dazu führen, daß
jeder Punkt von ihr statt angeblicher Scheitelpunkt eines gestreckten
Winkels mit zwei Schenkeln innerhalb von ihr vielmehr der Punkt
einer Tangente außerhalb von ihr sein müßte: auch wenn die Tangen-
ten dabei noch nicht mit dieser Gekrümmten vorgestellt sein könn-
ten. Denn als etwas innerhalb von der Gekrümmten müssen diese
Punkte für diese Tangenten trotzdem schon mit der Gekrümmten
selbst mit vorgestellt sein: so wie auch mit der Geraden schon die
Punkte als die Scheitelpunkte von gestreckten Winkeln mit den bei-
den Schenkeln als den beiden Seiten der Geraden.
Nur wird offenkundig, daß es sich dabei nicht um eine Definition
im strengen Sinne handeln kann. Denn dazu müßte sie synthetisch
sein. Das heißt: Sie hätte dazu eigens auszuwerfen, was dabei die
Gattung ist und was die Differenz, die sie zu einer Art spezifiziert,
so daß sich daraus auch die Gegen-Differenz dazu ergibt, die auch die
Gegen-Art der nichtgeraden Linie spezifiziert. Doch keine davon
kann darin als solche selbst erkennbar werden. Deshalb muß es auch
so scheinen, als ob mit dem Ausgehen von »jeder Stelle« einer Linie
das gemeint sei, was bekanntlich die Mathematik, Geometrie und
mathematisch-geometrische Physik vertreten. Danach sei auch jede
nichtgerade Linie eine gerade, nämlich »im Lokalen«, sprich, »im
Kleinen«, und das heißt: »je kleiner« man die »Stellen« von ihr
wählt. 14 Auch dies jedoch ist wie schon jene »kürzeste Verbindungs-
linie von zwei Punkten« abermals nur eine Sache ihrer Quantität,
nicht ihrer Qualität, um deren Definition es eigentlich zu tun ist.

14
Vgl. z. B. Knerr 1989, S. 272 f.; Weyl 1990, S. 115.

210
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

Denn das hieße letztlich, daß es zwischen einer nichtgeraden und


einer geraden Linie einen Unterschied der Art oder der Qualität nach
gar nicht geben könne. Und das ist und bleibt nun einmal unverständ-
lich, weil die Quantität von etwas eben eine solche Qualität von die-
sem Etwas immer schon voraussetzt.
Demnach gilt es, eine voll synthetische Definition dafür zu ge-
ben, die sich denn auch finden läßt, wenn man, was sich zuletzt er-
geben hat, voll ausschöpft. Denn vergleicht man es mit dieser un-
zureichenden Definition, wird klar: Die Vorstellung von einer Linie
als etwas schon Gegebenem gibt sie noch immer nicht voll auf und
bleibt insoweit auch bloß analytisch. Dementsprechend tritt hervor,
wie grundsätzlich jenes zuletzt gewonnene Ergebnis über diese Linie
vielmehr auf ihr als etwas erst noch zu Erzeugendem beruht. Und
dies voll auszuschöpfen, heißt denn auch, vor allem einzubringen,
daß es eben das Sich-Ausdehnen von einem Punkt ist, wodurch eine
Linie als eine Ausdehnung jeweils erzeugt wird. Daraus aber geht
hervor: Zu einer Ausdehnung in diesem Sinn gehört dann auch die
Richtung dieser Ausdehnung schon analytisch mit hinzu. Da es bei
dieser Ausdehnung jedoch auch schon um die von Raum im Unter-
schied zu der von Zeit sich handelt, muß die Richtung von ihr dann
genauso analytisch auch schon die gerade Richtung dieser Ausdeh-
nung bedeuten.
Denn von Grund auf undenkbar und unvorstellbar ist im Fall
von Ausdehnung als Raum, daß sie durch ein Sich-Ausdehnen von
einem Punkt zustandekommen könnte, (1) ohne daß sie Ausdehnung
in eine Richtung ist, und (2) ohne daß die letztere als Richtung eben
die gerade Richtung ist: Sowohl die Richtung als auch das Gerade
dieser Richtung muß dann analytisch mit zu solcher Ausdehnung
hinzugehören, weil dadurch mit ihr selbst auch so etwas wie ihre
Richtung als gerade Richtung erst entspringt, nicht etwa dafür schon
vorausgesetzt ist. Einzig und allein der Punkt und sein Sich-Ausdeh-
nen ist es, was dabei schon vorausgesetzt wird. Der jedoch muß sich
nach unserem Ergebnis eben nicht sogleich zu Ausdehnung als
Raum, sondern zunächst einmal zu Ausdehnung als Zeit ausdehnen.
Doch für deren einseitige Ausdehnung mit ihrer einseitigen Richtung
kann dieses Gerade einer Richtung noch nicht den geringsten Sinn
besitzen. Vielmehr kann es einen ersten Sinn erst für die Linie als
zweiseitige Ausdehnung des eindimensionalen Raumes mit ihren
zwei Richtungen bekommen, wie erwiesen.
Das jedoch legt nahe, innerhalb von diesem Definitionsversuch

211
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

als nächsten, letzten Schritt den weiteren zu tun, der daraus aber gar
nicht folgen würde: Also muß im Fall des eindimensionalen Raumes
dieser Linie mit zwei Seiten und zwei Richtungen auch jede die gera-
de Richtung sein, so daß die Linie als Ganzes eben die Gerade ist mit
dem gestreckten Winkel zwischen ihren beiden Seiten. Könnte dieser
Schritt doch nur ein Fehlschluß sein, der auch hervortritt, wenn man
weiter festhält an der Linie als einer erst noch zu erzeugenden.
Denn danach gilt: Auch dann, wenn sie keine gerade, sondern
eine nichtgerade, sprich: eine gekrümmte ist, muß eine Linie, die als
Ausdehnung von einem eindimensionalen Raum durch ein Sich-
Ausdehnen von einem Punkt entspringt, als zweiseitige Ausdehnung
entspringen. Doch des weiteren gilt danach: Dann muß jedoch, wenn
dieses zweiseitige Ganze einer Linie als eine nichtgerade oder als eine
gekrümmte Ausdehnung entspringt, auch jede der zwei Seiten dieser
Linie als eine nichtgerade oder als eine gekrümmte Ausdehnung ent-
springen. Weder daraus also, daß es sich dabei um zwei, noch daraus,
daß es sich dabei sogar um Gegen-Seiten handelt, läßt sich folgern,
daß es sich bei jeder und mithin auch bei der Linie als Ganzem um
eine Gerade handeln muß.
Entsprechend muß der Punkt, der sich zu den zwei Seiten von
ihr ausdehnt, auch durchaus nicht Scheitelpunkt eines gestreckten
Winkels zwischen ihnen sein. Kann es sich doch bei jeder und so bei
der Linie als Ganzem auch genausogut um eine Nichtgerade als eine
Gekrümmte handeln. Dann jedoch ist dieser Punkt, der sich zu den
zwei Seiten von ihr ausdehnt, statt der Scheitelpunkt eines gestreck-
ten Winkels innerhalb von ihnen vielmehr der Berührungspunkt
einer Tangente außerhalb von ihnen, wie schon deutlich wurde. Denn
das gilt auch dann, wenn dieser Punkt ein »Wendepunkt« der Nicht-
geraden als einer Gekrümmten ist, weil die Tangente an ihm dann
auch die »Wendetangente« ist, 15 die ebenfalls grundsätzlich außer-
halb von den zwei Seiten liegt. Und so ein Punkt ist dieser eben auch,
wenn faktisch so eine Tangente als ein Etwas außerhalb von den zwei
Seiten einer Linie hier noch gar nicht möglich ist. Denn wohlgemerkt
ist hier ja auch nur der zu einer Ausdehnung sich ausdehnende Punkt
vorausgesetzt. Und die kann hier dann auch nur die von Raum als
eindimensionalem sein, wogegen die Tangente als ein Etwas außer-
halb von diesem erst im zusätzlichen zweidimensionalen möglich
werden kann. Doch kann sie das hier eben nur, wenn dort auch ohne

15
Vgl. z. B. Knerr 1989, S. 492 f.

212
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

diesen zusätzlichen zweidimensionalen Raum der Punkt als der Be-


rührungspunkt für sie bereits im Spiel ist.
Nicht zu übersehen ist jedoch, welch eine Schwierigkeit dann
droht. Hatte doch vor der letzten Überlegung sich bereits ergeben:
Insbesondere dann, wenn eine Ausdehnung auf ein Sich-Ausdehnen
von einem Punkt zurückgeht, müsse sie als solche selbst, nämlich
schon analytisch eine Richtung als gerade Richtung haben. Und dann
droht der Widerspruch, daß eine Linie folglich doch als die gerade
Linie entspringen müsse, also nicht genausogut auch als die nicht-
gerade oder die gekrümmte Linie entspringen könne: eben weil sie ja
grundsätzlich auch als eine solche Ausdehnung entspringen müsse.
Überhaupt nicht einzusehen ist jedoch, daß dieser Widerspruch ver-
meidbar sei, wenn man nur fallen läßt, daß Ausdehnung als solche
selbst die Ausdehnung in eine Richtung als gerade Richtung sein
muß. Denn als Folge von einem zu ihr sich ausdehnenden Punkt läßt
sie sich anders gar nicht denken oder vorstellen. Also gilt es daran
festzuhalten, daß nicht sie es sein kann, woher dieser Widerspruch
hier droht, sondern nur das, was anschließend an sie noch weiter
folgen soll.
Dies aber muß den Blick auf die Begriffe von »Geradem« oder
»Nichtgeradem« als »Gekrümmtem« lenken, die allein dann einen
Grund für einen Widerspruch mit dem Begriff dieses »Geraden«
einer Ausdehnung als solcher selbst enthalten können. Und das führt
denn auch erneut zur Aufdeckung von etwas, das so überraschend wie
bemerkenswert ist: Muß für Ausdehnung, die durch Sich-Ausdehnen
von einem Punkt entspringt, als solche selbst bereits dieses Gerade
gelten, kann etwas nicht stimmen, wenn dieses Gerade kurzerhand
noch einmal gelten soll für das, was doch nur als die eine der zwei
Arten einer Ausdehnung entspringen kann, die durch Sich-Ausdeh-
nen von einem Punkt entspringen können. Und entsprechend kann
etwas nicht stimmen, wenn für das, was doch nur als die andere von
diesen beiden Arten solcher Ausdehnung entspringen kann, genauso
kurzerhand auch nur das Negative dazu als das Nicht-Gerade oder das
Gekrümmte gelten soll.
Als ein so kritischer deckt dieser Blick denn auch als erstes auf:
Diese Begriffe von »Geradem« oder »Nichtgeradem« als »Gekrümm-
tem« wären als sich ausschließende zur Bezeichnung von zwei Arten
zwar geeignet. Doch sie würden wieder einmal jede Auskunft schul-
dig bleiben, was dabei die Differenz sein sollte, durch die jede von den
beiden Arten erst gebildet werden könnte. Aber was auch immer sich

213
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

als solche Differenzen hier ergeben mag: Sie dürften sich, um diese
Arten erst zu bilden, dann auch nur auf deren Gattung als deren Ge-
meinsamkeit beziehen. Doch schon diese ist jenes Gerade einer Aus-
dehnung, weil jede ihrer Arten – ob »Gerade« oder »Nichtgerade« als
»Gekrümmte« – ja zumindest eine Ausdehnung sein muß. Und so
enthüllt sich eben, daß für keine dieser Arten der Begriff von ihr ein
angemessener sein kann, weil er im ersten Fall doch nur eine Tauto-
logie zu dieser Gattung und im zweiten nur ein Widerspruch zu ihr
sein könnte. Und das heißt: Als die Begriffe für diese zwei Arten
müssen beide aufgegeben werden.
Einen angemessenen Begriff für jede von den beiden Arten kann
vielmehr nur eine angemessene Spezifikation für sie ergeben, die
auch jeweils die spezifizierende Differenz für sie ausdrücklich aus-
wirft. Und die kann dann auch, wie sich des weiteren ergibt, nur da-
hin gehen, daß die eine Art jenes Gerade einer Ausdehnung als Gat-
tung beibehalte und die andere eben es nicht beibehalte, sondern von
ihm abweiche. Was sich enthüllt, ist demnach: Der Begriff einer »Ge-
raden« ist für das, was er bisher bezeichnen soll, ein gänzlich unspezi-
fischer und dadurch irreführender Begriff, weil er nicht erst für sie als
Art von Ausdehnung gilt, sondern schon für Ausdehnung als Gat-
tung von ihr. Und das heißt: Spezifiziert zu einer Art von Ausdeh-
nung ist jene eben nicht schon als »Gerade«, sondern erst durch die-
ses Beibehalten des Geraden einer Ausdehnung als Gattung.
Demgemäß ist auch die Gegen-Art zu ihr nicht schon spezifiziert
als »Nichtgerade« oder als »Gekrümmte«, sondern gleichfalls erst
durch das Nichtbeibehalten als das Abweichen von dem Geraden
einer Ausdehnung als Gattung. Und das heißt im ganzen: Was wir
damit haben, sind nur die spezifizierenden Definitionen dieser beiden
Arten, doch durchaus nicht auch schon die Begriffe als die neuen für
sie statt der alten, die ja beide aufgegeben werden müssen: Nicht nur
der einer »Geraden« muß das, weil der ja zur Gattung aufrückt, son-
dern auch noch der einer »Gekrümmten«, weil der ja den Gegensatz
zu ihm bezeichnet. Und so sind wir hier auch in der Tat in einer
Situation, als hätten wir nur die spezifizierenden Definitionen »wei-
ßes Pferd« und »schwarzes Pferd«, jedoch nicht auch noch den Begriff
von »Schimmel« und von »Rappen«. 16

16Deshalb wird im folgenden auch unvermeidlich sein, gelegentlich diese bisherigen


Begriffe wie »Gekrümmte« oder »Ungekrümmte« als »Gerade« weiter zu verwenden.

214
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

Das bedeutet deshalb keineswegs, es falle unter das Gerade als


die Gattung nicht nur (tautologisch) die »Gerade«, sondern (wider-
sprüchlich) auch die »Nichtgerade« als »Gekrümmte«. Dieser Schein
von Widersinn kann vielmehr nur entstehen, solange man all dies
nur statisch als ein immer schon Gegebenes betrachtet: nicht bloß
jede dieser Arten einer Ausdehnung wie die »Gerade« oder »Nicht-
gerade« als »Gekrümmte«, sondern auch womöglich noch die Aus-
dehnung als deren Gattung. Denn sobald man es dynamisch als ein
erst noch zu Erzeugendes erfaßt, verschwindet jeder Schein von Wi-
dersinn. Kann zur Dynamik von Sich-Ausdehnen zu dem Geraden
einer Ausdehnung als Gattung dann als Art doch auch nur weitere
Dynamik noch gehören, nämlich die des Beibehaltens von diesem
Geraden oder die des Abweichens von ihm. Und so wird auch ver-
ständlich, daß ein Beibehalten oder Abweichen von etwas in der Tat
nur möglich ist, wenn dieses Etwas dabei auch zugrundeliegt, was es
daher auch ebenso dynamisch tut: als das Gerade einer Ausdehnung
durch den zu ihr sich ausdehnenden Punkt. Als bloße Gattung aber
gibt es ihn und sie und es dann eben auch nicht etwa für sich selbst: so
wenig wie es Obst im Unterschied zu Äpfeln oder Birnen usw. gibt.
Vielmehr gibt es hier auch den Punkt und das Gerade einer Ausdeh-
nung durch seine Selbstausdehnung nur, indem es dabei auch noch
solches Beibehalten oder Abweichen von dem Geraden gibt.
Entsprechend gilt: Ein jedes davon muß aus diesem Grund, wenn
es erfolgt, auch jeweils schon von vornherein erfolgen: dieses Abwei-
chen genauso wie auch dieses Beibehalten von Geradem. Keineswegs
ist also das Gerade, von dem dieses Abweichen erfolgt, etwa jenes
Gerade einer Ausdehnung als Linie »im Kleinen« oder »im Lokalen«,
wo sie auch als eine nichtgerade oder als eine gekrümmte Linie an-
geblich eine gerade sei. Statt eine Sache ihrer Quantität, wie die Ma-
thematik, Geometrie und mathematisch-geometrische Physik es zu
berechnen trachtet, ist jenes Gerade, von dem abgewichen wird, viel-
mehr die Sache ihrer Qualität, die eine Linie als eine Ausdehnung
bereits der Gattung nach besitzt. Und als der Sachgehalt der Gattung
liegt die Qualität dieses Geraden eben jedem von den Sachgehalten
ihrer Arten schon zugrunde. Denn dieselbe Qualität dieses Geraden
ist ja nicht nur das, wovon die »Nichtgerade« als »Gekrümmte« ab-
weicht, sondern auch noch das, was die »Gerade« beibehält. Und so
hat eben eine Ausdehnung wie eine Linie den Maßstab für das Beibe-
halten oder Abweichen von ihm als Gattungs-Sachgehalt dieses Ge-
raden immer schon in sich.

215
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Als eine Qualität von ihr ist dieses aber eben etwas gänzlich An-
deres als eine Quantität von ihr »im Kleinen« oder »im Lokalen«, wo
sie sich »infinitesimal« berechnen lasse. Für den grundsätzlichen Un-
terschied dazwischen stellt sich nunmehr nämlich auch der einzig an-
gemessene Begriff ein: Diese Quantität ist danach nur von einer Aus-
dehnung als einer Linie her zu einem Punkt hin zu berechnen, der ein
Schnittpunkt von ihr sein muß; 17 diese Qualität jedoch ist umgekehrt
gerade nur von einem Punkt her hin zu einer Ausdehnung als einer
Linie zu begreifen, der kein Schnittpunkt von ihr sein kann, sondern
ein zu ihr sich ausdehnender Punkt sein muß. Das angeblich Gerade
jeder Art von Linie »im Kleinen« oder »im Lokalen« ist daher als
Quantität von ihr auch nur Ersatz für diese Qualität des eigentlich
Geraden jeder Linie der Gattung nach, als Ausdehnung, das mangels
Unterscheidung von all dem verdeckt bleibt.
Abermals und nur noch deutlicher erweist sich demgemäß, wie
unspezifisch, ja sogar, wie unbestimmt bereits der Gattung nach die-
ser Begriff der »Ausdehnung« in der Mathematik, Geometrie und
mathematisch-geometrischen Physik bleibt. 18 Nur noch offenkundi-
ger wird dadurch nämlich: Auch die Grundbestimmtheit, daß sie
grundsätzlich eine gerade ist, hat eine Ausdehnung nur als ursprüng-
liche, das heißt, nur als diejenige, die einem Punkt als dem zu ihr sich
ausdehnenden allererst entspringt, und somit eben nur von diesem
Punkt her. Den jedoch kennt bisher keine dieser Wissenschaften,
was nicht ohne Folgen bleiben kann, die sich daher wie schon im
vorigen so hier und auch im weiteren noch zeigen müssen.
Wer die Unterscheidung von all dem durch die Begriffe für all
dies als spitzfindig verwerfen möchte, sei denn auch daran erinnert:
»Philosophen« sind »[Er-]Forscher der Begriffe«, 19 wie Kant festhält,
und als solche eben jeweils mit den Sachen selbst und deren jeweiliger
Qualität befaßt. Denn wie bekannt, steht ein Begriff nie für sich
selbst, sondern für die durch ihn jeweils begriffene Sache selbst: mag
sie auch erst einmal nur vorläufig durch ihn begriffen sein, wie etwa
die Gerade bisher durch jenen Begriff »Gerade«. Und sie nicht nur
vorläufig, sondern zuletzt noch vollends zu begreifen, ist wohl auch

17 So etwa, wenn die gekrümmte Linie eines Kreises als »der Grenzwert eines Viel-
ecks« (Knerr 1989, S. 271) gelten und die Linien-Längen zwischen dessen Ecken je-
weils gegen Null gehen sollen.
18 Vgl. dazu schon oben § 4.

19
A 510 f. B 538 f.

216
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

für die Mathematik, Geometrie und mathematisch-geometrische


Physik nicht unerheblich. So begriffen, wird diese Gerade nämlich
zur Begründung dafür, daß tatsächlich wie das Beibehalten auch das
Abweichen von dem Geraden ihrer Gattung nach als jeweils innere
Qualität von jeder Linie zu verstehen sein muß. Ist es doch eben dies,
was die Mathematik, Geometrie und mathematisch-geometrische
Physik auch in der Tat voraussetzen, wenn sie darauf bestehen: Die
Krümmung einer Linie lasse sich nicht nur als eine äußere Qualität
von ihr berechnen, nämlich nicht nur als die Abweichung von einer
Linie, die als eine gerade dann auch eine zu ihr äußere sei, weil sie
bereits den zusätzlichen zweidimensionalen Raum voraussetze; eine
Berechnung solcher Krümmung müsse sich vielmehr auch ohne sol-
chen Raum und so auch ohne diese zu ihr äußere gerade Linie durch-
führen lassen, auch wenn es bei der bloß eindimensionalen Linie
»mathematische Klimmzüge« nötig mache. 20
Nur muß sich dann auch die Frage stellen: Was denn sollte wohl
in diesem Fall das sein, wovon die Krümmung einer Linie als die Ab-
weichung zu gelten hat? Auf diese Frage aber müssen die Mathema-
tik, Geometrie und mathematisch-geometrische Physik die Antwort
schuldig bleiben. Dafür nämlich kann gewiß nicht die gekrümmte Li-
nie in Frage kommen, die »im Kleinen« oder »im Lokalen« angeblich
eine Gerade sei. Denn diese könnte dann auch abermals nur eine zu
ihr äußere sein, die es doch nach Voraussetzung noch gar nicht geben
soll. Das einzige Gerade, das tatsächlich nur ein inneres von ihr sein
kann, ist eben das Gerade ihrer Ausdehnung von einem Punkt her,
das erst als die Gattung von ihr auch begriffenes jetzt aufgedeckt
wird. Der Begriff der inneren Krümmung eines Raumes aber ist für
die Mathematik, Geometrie und mathematisch-geometrische Physik
so wesentlich, daß ihnen auch nicht gleichgültig sein kann, was letzt-
lich die Begründung für sie ist. Denn daß diese Begründung für sie
fehlt, läßt sich nicht dadurch wettmachen, daß die Berechnung dieser
inneren Krümmung möglich ist, wenn auch erst ab dem zweidimen-

20 Knerr 1989, S. 273. Hier scheint ein Fehler vorzuliegen. Denn wie andere Mathe-
matiker dies übereinstimmend vertreten, sei bei der bloß eindimensionalen Ausdeh-
nung der Linie deren Krümmung als die innere quantitativ überhaupt nicht zu be-
rechnen, auch durch »mathematische Klimmzüge« nicht. Dann aber ist es von
besonderer Bedeutung, daß sie qualitativ sehr wohl zu bestimmen ist, weil sich »Ge-
krümmte« und »Gerade« doch spezifisch definieren lassen, ohne daß dafür schon eine
höhere Dimension herangezogen werden müßte.

217
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

sionalen Raum. Setzt die Berechnung die Begründung doch auch


immer schon voraus und so auch jenes innere Gerade.
Nichts geringeres als folgendes jedoch beruht auf dieser Krüm-
mung als der inneren und damit auf ihrer Begründung durch das
innere Gerade: Nicht nur die »Euklidische Geometrie« von un-
gekrümmtem Raum ist möglich, sondern auch noch diese oder jene
»Nichteuklidische Geometrie« von Räumen als gekrümmten. Denn
als eine nichteuklidische ist jede von den letzteren nur möglich, wenn
die Krümmung so eines gekrümmten Raumes auch tatsächlich nur
als innere betrachtet wird und nicht als äußere, die einen Raum von
jeweils höherer Dimension voraussetzt, in den der gekrümmte »ein-
gebettet« ist. Und da die Unterscheidung zwischen nichteuklidisch
und euklidisch bei bloß eindimensionalem Raum noch keinen Sinn
hat, gilt das alles eben ab dem zweidimensionalen auch noch für den
dreidimensionalen Raum. Denn als die Ausdehnung durch das Sich-
Ausdehnen von Punkt oder von Punktuellem kann ja jeder Raum von
jeder Dimension als eine ungekrümmte Ausdehnung entspringen
oder als eine gekrümmte.
So gewiß jedoch dieses Gekrümmte einer Ausdehnung grund-
sätzlich möglich ist, so ist es doch nicht jenes logisch-ontologisch Mi-
nimale einer Ausdehnung, zu dem ein Punkt, wenn er sich ausdehnt,
sich ausdehnen muß. Das logisch-ontologisch Minimale ist vielmehr
nur das Gerade einer Ausdehnung, das als das Beibehalten des Gera-
den auftritt, das sie schon der Gattung nach ist. Letzteres ist denn
auch das, was jede Ausdehnung in jeder Dimension von Raum schon
apriori sein muß, eben weil sie nicht als etwas immer schon Gegebe-
nes auftreten kann, sondern nur als etwas durch einen Punkt, durch
ein Subjekt, erst immer zu Erzeugendes. Denn dieses jeweils logisch-
ontologisch Minimale einer Ausdehnung des Raums in jeder Dimen-
sion ist es, wozu sich ein Subjekt als Form erzeugen muß, um inner-
halb von ihr zunächst die Anschauung von etwas und zuletzt die
Wahrnehmung von etwas zu gewinnen, das dann auch nur Außen-
welt in Form von dreidimensionalem Raum sein kann.
Aus diesem Grund kann jegliches Gekrümmte einer Ausdeh-
nung dann auch erst als etwas Empirisches durch einen zusätzlichen
Grund zustandekommen, dem jedoch das Apriorische dieses Geraden
einer Ausdehnung dann immer schon zugrundeliegen muß. Wird das
im Sinn einer Dynamik von Erzeugtem statt der Statik von Gegebe-
nem doch auch voll verständlich. Denn solange so ein zusätzlicher
Grund nicht auftritt, kann es dann auch nur zum Beibehalten des

218
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

Geraden von den Ausdehnungen kommen, die durch das Sich-Aus-


dehnen von einem Punkt entspringen, weil dieses Sich-Ausdehnen zu
jeder ja auch erst einmal erfolgen muß. Genau in diesem Sinn ist die
Euklidische Geometrie von ungekrümmtem Raum als einzige dann
auch tatsächlich eine nichtempirisch-apriorische Geometrie, die unse-
rer ursprünglichen Erfahrung als der Wahrnehmung von Außenwelt
zunächst einmal zugrundeliegen muß. Denn ohne dieses ursprüng-
liche Gegenüber zwischen Wahrnehmung und Wahrgenommenem
als dem Euklidisch-Dreidimensionalen, das dadurch ermöglicht wird,
kann es ein Wissen von etwas Empirischem für ein Subjekt nicht
geben, wie das folgende noch klarer zeigen wird. Dagegen sind die
Nichteuklidischen Geometrien von gekrümmten Räumen jeweils
nur eine aposteriorische oder empirische Geometrie, auch wenn sie
sich als diese oder jene Empirie formal bereits vorweg entwerfen
läßt. 21
Was so sich auch noch für den dreidimensionalen Raum ergibt,
ist dann jedoch desgleichen etwas Überraschendes wie auch Bemer-
kenswertes: Durchwegs nämlich hält man es für eine Selbstverständ-
lichkeit, als ein gekrümmter sei der dreidimensionale Raum nicht
vorstellbar, weil sich kein vierdimensionaler vorstellen lasse, in den
er als ein gekrümmter dreidimensionaler »eingebettet« sei. Und
selbstverständlich sei das auch nur eine evolutionäre Zufälligkeit,
weil sich unser Anschauungs- und Vorstellungs-Vermögen auch bloß
faktisch so entwickelt habe. 22 Dies jedoch ist alles andere als folge-
richtig und mithin auch von Grund auf verfehlt in eigener Sache.
Kann es sich doch bei der Krümmung von einem gekrümmten drei-
dimensionalen Raum, dessen Geometrie nur eine nichteuklidische
sein kann, auch nur um eine innere Krümmung handeln, nicht um
eine äußere, die einen vierdimensionalen Raum voraussetzt. Dieser
Fehlgriff aber unterläuft ersichtlich nur, weil man den Raum, und

21
Vgl. dazu A 581 B 609. – Da er Kant, der ihm bekannt war, nicht genau und ernst
genommen hat, ist selbst der große Gauß über die Sonderstellung der Euklidischen
Geometrie als einzig apriorischer einfach hinweggegangen. Denn dies treffe, wie er
meinte, gar nicht zu, weil sonst zu gelten hätte, »daß […] es eine constante a priori der
Länge nach gegebene [gerade] Linie geben müßte, welches absurd ist« (zitiert bei
Wußing 2009, S. 148). Nur muß eben das, was Gauß hier für »absurd« hält, sehr wohl
gelten, wenn man sich mit Kant verdeutlicht, daß so eine Linie auch nur eine immer
erst erzeugte sein kann, doch nicht eine immer schon »gegebene«, wie er gegen Kant
vermeint.
22
Vgl. z. B. Knerr 1989, S. 342 ff.

219
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

insbesondere den dreidimensionalen, wieder einmal bloß als etwas


schon Gegebenes betrachtet. Denn dann könnte eine Krümmung die-
ses Raumes sich tatsächlich nur noch vorstellen lassen, wenn sich
auch ein vierdimensionaler Raum noch als etwas bereits Gegebenes
vorstellen ließe, was jedoch nicht möglich ist.
Nur eben nicht aus Gründen der Evolution, sondern aus Grün-
den der Geometrie. Denn so etwas wie Ausdehnung, ob nun als Zeit
oder als Raum, läßt eben nicht als etwas immer schon Gegebenes sich
verstehen, sondern nur als etwas erst immer zu Erzeugendes. Sobald
man daran nämlich festhält, wird der Blick sofort von dieser Ausdeh-
nung des drei- oder des vierdimensionalen Raumes ab- und hinge-
lenkt zu jenem Punkt bzw. Punktuellen, von dem her sich so etwas
wie Zeit oder wie Raum als Ausdehnung der einen oder andern Di-
mension doch erst verstehen läßt: als eine durch dessen Sich-Aus-
dehnen erzeugte. Und so läßt sich dann von Anbeginn, das heißt be-
reits vom eindimensionalen Raum der Linie angefangen, solche
Ausdehnung auch schon von vornherein als ungekrümmte oder als
gekrümmte Ausdehnung erzeugen. Vorstellbar ist beides denn auch
jeweils, ohne daß ein Raum von höherer Dimension bereits voraus-
gesetzt sein müßte, wie er das auch gar nicht dürfte, weil auch er ja
nur als erst noch zu erzeugender auftreten könnte.
Vorstellbar ist das vielmehr genau insofern, als vorausgesetzt
hier eben nur jenes Sich-Ausdehnen von Punkt bzw. Punktuellem ist,
von dem her so etwas wie Ausdehnung als Zeit oder als Raum auch
allererst begreifbar und bestimmbar sein kann. Und so gilt das alles
eben auch zuletzt noch für den dreidimensionalen Raum, so daß gar
keine Rede davon sein kann, als gekrümmter dreidimensionaler sei er
gar nicht vorstellbar. Um ihn auch noch als solchen vorzustellen, gilt
es eben auch nur wegzusehen von jener Ausdehnung, als die er an-
geblich bereits gegeben sei, und hinzusehen auf jenes Punktuelle je-
ner zweidimensionalen Ausdehnung der Fläche, das durch sein Sich-
Ausdehnen das Dreidimensionale einer Ausdehnung von Raum ja
allererst erzeugen kann. Und das ist eben auch so überraschend wie
bemerkenswert.
Denn schon für eindimensionalen Raum der Linie kann es nicht
problematisch sein, sich vorzustellen, daß er aus jenem Punkt heraus
als ungekrümmter oder als gekrümmter sich erzeugen läßt. Doch
auch für zweidimensionalen Raum der Fläche kann es keine Proble-
matik sein, sich vorzustellen, daß er aus jenem Punktuellen einer
Ausdehnung der Linie heraus als ungekrümmter oder als gekrümm-

220
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

ter sich erzeugen läßt, und zwar als ein in jeder Dimension gekrümm-
ter oder ungekrümmter. 23 Und von daher kann es dann genausowenig
problematisch sein, sich auch für dreidimensionalen Raum zuletzt
noch vorzustellen, daß er aus dem Punktuellen dieser Ausdehnung
der zweidimensionalen Fläche sich als ungekrümmter oder als ge-
krümmter Raum erzeugen läßt, der ebenfalls in jeder seiner Dimen-
sionen ein gekrümmter oder ungekrümmter ist. Entscheidend dafür,
daß auch das sich vorstellen läßt, ist eben, daß von Punkt oder von
Punktuellem her nicht nur die ein- bis dreidimensionale Ausdehnung
des Raumes allererst entspringt, sondern mit ihr auch das Gekrümm-
te oder Ungekrümmte solcher Ausdehnung. Denn als Sich-Ausdeh-
nen von Punkt oder von Punktuellem läßt all das sich nicht nur vor-
stellen, sondern so auch allererst begreifen und bestimmen.
All das hängt daher auch wesentlich zusammen mit dem Grund-
begriff der Ausdehnung als Raum, weil sie in jeder ihrer Dimensio-
nen wesentlich eine gerade sein muß, so daß sie als nichtgerade oder
als gekrümmte auch nur von gerader Ausdehnung her vorstellbar,
begreifbar und bestimmbar sein kann. Denn als solche liegt sie eben
auch noch jeder nichtgeraden als einer gekrümmten apriori schon zu-
grunde. Legt man also auch nichts anderes als das Sich-Ausdehnen
von Punkt bzw. Punktuellem zu der Ausdehnung von diesem oder
jenem Raum zugrunde, kann sich auch nichts anderes als die Eukli-
dische Geometrie von ungekrümmtem Raum ergeben. Demgemäß
läßt sich auch jede Nichteuklidische Geometrie nur von Euklidischer
als apriorischer Geometrie her konstruieren, indem man nämlich et-
was von ihr wegläßt, wie etwa das Parallelen-Axiom, und es durch
etwas Anderes ersetzt, das Übrige von ihr dagegen aufrechthält. Denn
trotzdem handelt doch auch jede Nichteuklidische Geometrie von
dieser oder jener Ausdehnung als diesem oder jenem Raum, weil ja
auch sie eine »Mathematik der Ausdehnung[en]« ist. 24 Und als das
Apriorische ist das Gerade jeder Ausdehnung denn auch schon von
der ersten bis zur dritten Dimension von Raum das je raumeigene
logisch-ontologisch Minimale einer Ausdehnung, zu dem es, wenn
Sich-Ausdehnen von Punktuellem oder Punkt erfolgt, auch jeweils
kommen muß.

23 Und nicht etwa nur in einer seiner beiden Dimensionen, wie zum Beispiel die Zy-
linderfläche, die nur umgangssprachlich ein gekrümmter Raum ist, nicht jedoch im
Sinn der Nichteuklidischen Geometrien (vgl. z. B. Knerr 1989, S. 422).
24
Vgl. nochmals A 165 B 206.

221
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Doch gegen all dies könnte jener Einwand sich vielleicht sogar
verstärkt erneuern: Diese Herleitung, wie sie bis einschließlich von
dreidimensionalem Raum auch das Gerade einer Ausdehnung noch
als das logisch-ontologisch Minimale folgere, verallgemeinere erneut,
was sich doch allenfalls für eindimensionalen Raum herleiten lasse.
Könne doch auch bloß für diesen gelten, aus dem Punkt der Zeit her-
aus lasse sich dieser nur als Ausdehnung jener zwei Seiten einer Linie
erzeugen, die ursprünglich die Gerade mit gestrecktem Winkel zwi-
schen ihren beiden Seiten bilden müsse. Denn auch insbesondere die
Herleitung dieses Geraden einer Ausdehnung hänge doch ab von den
zwei Seiten mit gestrecktem Winkel dieser eindimensionalen Aus-
dehnung der Linie, was es bei zweidimensionaler Ausdehnung der
Fläche und bei dreidimensionaler Ausdehnung des Körpers nun ein-
mal nicht gebe. Und so müsse eben unerfindlich bleiben: Wie denn
soll sich das Gerade als das logisch-ontologisch Minimale einer Aus-
dehnung von Raum dann auch noch folgern lassen für den zwei- und
dreidimensionalen Raum von Fläche und von Körper?
Nicht zum Überfluß und Überdruß sei deshalb nochmals darauf
hingewiesen: Nur wer weiterhin den zwei- und dreidimensionalen
Raum für etwas immer schon Gegebenes hält, kann diesen Eindruck
haben, der zu diesem Einwand führt. Denn wer stattdessen jeden sol-
chen Raum vielmehr als etwas erst noch zu Erzeugendes erwägt, sieht
sich sofort von jeder solchen Ausdehnung als einer immer schon ge-
gebenen weg und hin verwiesen auf das jeweils Punktuelle, durch
dessen Sich-Ausdehnen sich jede dieser Ausdehnungen allererst er-
zeugen läßt. Dann aber steht er auch sofort noch vor der Frage: Wie
denn sollte dieser zwei- und dreidimensionale Raum sich je als das
erzeugen lassen, was er ist und als was er auch jedermann bekannt
ist, gälte nicht auch noch für dieses jeweilige Punktuelle, was für je-
nen Punkt gilt?
Kann doch keine Frage sein, daß auch der zwei- und dreidimen-
sionale Raum, wie wir ihn kennen, jeweils ein symmetrisch-isotroper
Raum ist, worin jede Richtung gleichberechtigt ist mit jeder anderen.
Durchaus nicht also ist dieses Symmetrisch-Isotrope eines Raums
etwa beschränkt auf jenen eindimensionalen Raum der Linie mit
ihren zwei Seiten und deren zwei Richtungen. Es gilt vielmehr ge-
nausosehr für diesen zwei- und dreidimensionalen Raum und dessen
jeweils überabzählbar unendlich viele Richtungen. Auch noch dieses
Symmetrisch-Isotrope also ist etwas, wodurch der Raum als solcher
und im ganzen von dem Anisotrop-Asymmetrischen der Zeit sich

222
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

unterscheidet, das mit ihr als jener einseitigen Ausdehnung einher-


geht. Dies jedoch ist nur erklärbar, wenn auch das Sich-Ausdehnen
des jeweils Punktuellen, das zur Ausdehnung von Raum als zwei-
und dreidimensionalem führt, als jeweils zweiseitiges vor sich geht,
und nicht etwa nur das Sich-Ausdehnen von Punkt zu eindimensio-
nalem Raum. Denn andernfalls könnte statt ein symmetrisch-isotro-
per Raum auch nur ein anisotrop-asymmetrischer entspringen. Also
müßte er entsprechend einem Strahl als einer »Halbgeraden« dann
als »Halbfläche« oder als »Halbkörper« auftreten, die nur einseitig
ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen. Folglich könnte er auch nicht
als Fläche oder Körper sich jeweils rundum ins Unbestimmt-Unend-
liche erstrecken, wie es doch der Fall ist. 25
Das bedeutet aber: Wollte man darauf bestehen, daß solche
Zweiseitigkeit einer Ausdehnung auf jenen eindimensionalen Raum
der Linie beschränkt sei, müßte man darauf verzichten, daß für das
Symmetrisch-Isotrope jeder Dimension des Raumes sich eine Erklä-
rung müsse geben lassen, und das ist denn doch wohl ein zu hoher
Preis. Zumal auch noch eine Erklärung dafür möglich wird, wodurch
es zu dem Schein kommt, als beschränke diese Zweiseitigkeit einer
Ausdehnung sich auf den eindimensionalen Raum der Linie. Hält
man nämlich weiter daran fest, daß sich wie Zeit auch Raum nur als
etwas erst immer zu Erzeugendes verstehen läßt, ergibt diese Erklä-
rung sich auch wie von selbst. Daß es nicht noch ein zweites und ein
drittes Mal zu einer solchen bloßen Zweiseitigkeit einer Ausdehnung
wie bei der Linie kommen kann, liegt dann auch nur an folgendem,
das es mit festzuhalten gilt.
Das Punktuelle einer Ausdehnung der Linie oder Fläche, dessen
Selbstausdehnung jeweils erst zu zwei- oder zu dreidimensionaler
Ausdehnung von Fläche oder Körper führt, ist jedes Mal doch das
von einer Ausdehnung, die ihrerseits bereits ins Unbestimmt-Un-
endliche verläuft: von jener punktuellen Ausdehnung der Linie oder
Fläche. Und das heißt zunächst im Fall der Linie: Das Sich-Ausdehnen
des Punktuellen ihrer Ausdehnung, wie es zu einer Fläche führt, er-
folgt genau so weit, wie dieses Punktuelle dieser Ausdehnung der

25 Dieses »rundum« benutze ich hier als Metapher zur Erläuterung des Überraschen-
den, daß beim Hervorgehen von zwei- aus eindimensionalem Raum auf einen Schlag
aus den zwei Seiten oder Richtungen des letzteren gleich überabzählbar unendlich
viele Seiten oder Richtungen des zweidimensionalen Raums entspringen, und ent-
sprechend auch beim dreidimensionalen.

223
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Linie sich selbst bereits erstreckt: wie sie oder mit ihr ins Unbe-
stimmt-Unendliche. Und das bedeutet eben, daß die Ausdehnung
der Fläche auch von vornherein schon mit der Ausdehnung der Linie
gleichauf ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen muß. So aber muß
sie dann aus deren eindimensionaler Ausdehnung heraus als zwei-
dimensionale eben auch bereits rundum ins Unbestimmt-Unendliche
verlaufen, kann sonach durchaus nicht mehr wie diese Linie bloß
zweiseitig ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen. Dennoch aber
kann auch diese Fläche aus dem Punktuellen dieser Ausdehnung der
Linie nur als eine zweiseitige Ausdehnung hervorgehen, wenn anders
sie auch ihrerseits eine symmetrisch-isotrope sein muß. Und das alles
gilt sodann entsprechend auch noch für den dreidimensionalen Raum
des Körpers, wie er aus dem Punktuellen dieser Ausdehnung von Flä-
che als dem zweidimensionalen Raum hervorgeht.
Dies jedoch ist alles andere als ein Widerspruch. Denn auf-
gedeckt wird dadurch nichts geringeres als der Grund, warum es blo-
ßer Schein ist, daß die Zweiseitigkeit solcher Ausdehnung auf ein-
dimensionalen Raum der Linie beschränkt sei. Dieser Schein kann
sich ergeben und erhalten nur, sofern man und solang man auch die
Ausdehnung von eindimensionalem Raum der Linie als etwas immer
schon Gegebenes betrachtet. Denn sobald man sie als etwas immer
erst noch zu Erzeugendes erfaßt, verschwindet dieser Schein und gibt
den Blick frei für die Einsicht: Keineswegs ist diese Zweiseitigkeit die
von Ausdehnung als einfach nur gegebener, sondern von ihr als erst
noch zu erzeugender, und so recht eigentlich die Zweiseitigkeit des
Sich-Ausdehnens von Punkt oder von Punktuellem. Die jedoch be-
schränkt sich keineswegs etwa auf eindimensionalen Raum der Linie,
sondern gilt genauso für den zwei- und dreidimensionalen Raum von
Fläche und von Körper, eben weil auch er nur dann als Raum sym-
metrisch-isotrop sein kann, was er doch ist. Und wer das nicht zur
Kenntnis nehmen mag, der muß dann eben auch den allzu hohen
Preis eines Verzichts auf die Erklärung dafür zahlen. Denn eine ande-
re Erklärung für dieses Symmetrisch-Isotrope unseres Raumes wird
sich schwerlich finden lassen.
Wird man ihr sich doch auch umso weniger entziehen können,
als sie noch etwas erklärt, das sich sonst nicht erklären ließe. Daß die
Ausdehnung von Fläche und von Körper als dem zwei- und drei-
dimensionalen Raum rundum ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen
muß, liegt unserer Herleitung zufolge ja nur daran, daß bereits die
punktuelle Ausdehnung von Linie als eindimensionalem Raum ins

224
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

Unbestimmt-Unendliche verläuft. Hervorgehend aus diesem Punk-


tuellen, kann daher bereits die Ausdehnung von zweidimensionalem
Raum der Fläche nur rundum ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen,
und mithin erst recht die Ausdehnung von dreidimensionalem Raum
des Körpers. Daß die Ausdehnung von eindimensionalem Raum der
Linie, obwohl auch sie ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen muß,
dies nicht rundum tun kann, sondern bloß zweiseitig, liegt somit auch
nur daran: Sie kann keineswegs auch ihrerseits schon aus etwas her-
vorgehen, das wie sie selbst bereits das Punktuelle einer Ausdehnung
des Raumes wäre. Denn hervor geht sie vielmehr aus jenem null-
dimensionalen Punkt mit seiner nulldimensionalen Ausdehnung der
Zeit, an deren oder dessen Nulldimensionalität auch dadurch sich
nichts ändern kann, daß sie als ein Kontinuum ja ebenfalls ins Unbe-
stimmt-Unendliche verlaufen muß.
Was unsere Herleitung ergibt, ist demgemäß: Im Fall der Linie
ist das Zweiseitige ihrer Ausdehnung genauso wie das Räumlich-Ein-
dimensionale von ihr eben die unmittelbare Folge ihrer Herkunft aus
dem Punkt der Zeit, wodurch sie als die ursprüngliche dann auch die
zeitnächste Ausdehnung des Raumes ist. Als diese aber kann sie erst
einmal nur zweiseitig ins Unbestimmt-Unendliche verlaufen, nicht
jedoch auch noch rundum, wie dann auf Grund von ihr die zwei-
und dreidimensionale Ausdehnung verlaufen muß. So aber bleibt
das Zweiseitige ihrer Ausdehnung im Fall der Linie eben aufgedeckt.
Im Fall der Fläche und des Körpers aber, wo es als das Zweiseitige von
Sich-Ausdehnen ja ebenfalls erfolgt, wird es verdeckt durch das
Rundum von deren jeweiliger Ausdehnung, das zusätzlich zu ihm
erfolgt. Und auch nur dadurch kommt es zu dem Schein, das Zwei-
seitige solcher Ausdehnung sei auf die Linie als eindimensionalen
Raum beschränkt.
In Wahrheit aber gilt es unbeschränkt für jede Dimension der
Ausdehnung von Raum, die durch Sich-Ausdehnen von Punkt oder
von Punktuellem sich ergibt. Und wie das Zweiseitige ist auch das
Gerade von Sich-Ausdehnen des Raumes etwas, das demnach für jede
seiner Dimensionen gilt, so daß ins Unbestimmt-Unendliche auch
jede solche als erzeugte jeweils zweiseitig-gerade sich erstreckt. Ent-
sprechend ist er auch in jeder Dimension von vornherein schon ein
symmetrisch-isotroper Raum, sprich einer, worin jede Richtung
gleichberechtigt ist mit jeder anderen. Dagegen gilt erst für den zwei-
und dreidimensionalen Raum, daß in ihm nicht nur zwei von solchen
Richtungen, sondern auch überabzählbar unendlich viele möglich

225
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

sind, weil seine Ausdehnung sich nicht nur zweiseitig, sondern auch
noch rundum ins Unbestimmt-Unendliche erstreckt. Und dennoch ist
und bleibt der Punkt oder das Punktuelle als der jeweilige Ursprung
jeder solchen Ausdehnung zugleich der Grund für ihre jeweilige
Zweiseitigkeit, die allein auch das Symmetrisch-Isotrope solcher
Ausdehnung begründet.
Läßt sich doch für eine Anerkennung ihrer Zweiseitigkeit auch
nicht etwa die Bedingung stellen: Der Punkt oder das Punktuelle
müßte als der Grund für solche zweiseitige Ausdehnung dann inner-
halb von ihr auch jeweils in Erscheinung treten. Denn dies tut ja nicht
einmal der Punkt im Fall der eindimensionalen Ausdehnung der Li-
nie, wo deren Zweiseitigkeit aufgedeckt bleibt und daher auch offen-
kundig ist, obwohl er nicht in ihr erscheint. Warum denn also sollte
dies im Fall von Fläche und von Körper als der zwei- und dreidimen-
sionalen Ausdehnung das Punktuelle tun, wo deren jeweilige Zwei-
seitigkeit vom hinzugekommenen Rundum der jeweiligen Ausdeh-
nung verdeckt wird? Etwa, um sie als die jeweils zweiseitige aufzu-
decken? Diese Antwort könnte nämlich nur absurd sein. Denn wie
offenkundig jene Zweiseitigkeit jener eindimensionalen Ausdehnung
der Linie auch sei, so ist sie doch nicht dadurch aufgedeckt, daß jener
Punkt in ihr erschiene. Einen Grund dafür gibt es ja hier wie dort so
wenig, daß es vielmehr jeweils einen Grund dagegen gibt. Erscheinen
nämlich könnte doch der Punkt oder das Punktuelle nur als dieser
oder jener Schnitt, wodurch sie dann genau die Ausdehnungen, deren
Grund sie jeweils sind, auch nur verfälschen könnten. Sind sie jeweils
Grund für solche Ausdehnungen doch gerade dadurch, daß sie nicht
nur nicht in ihnen in Erscheinung treten, sondern hinter solchen
Ausdehnungen auch sogar zurücktreten, so daß nur diese selbst her-
vortreten.
Bei keiner der drei Dimensionen dieses Raumes kann daher die
Rede davon sein, daß innerhalb der jeweiligen Ausdehnung der Punkt
oder das Punktuelle, das zu ihr sich jeweils ausdehnt, in Erscheinung
träte oder treten müßte oder auch nur könnte. Und gleichwohl muß
für die Ausdehnung von jeder der drei Dimensionen gelten: Als sym-
metrisch-isotrope ist sie jeweils eine zweiseitige Ausdehnung, als die
sie nur zurückgehen kann auf Punkt oder auf Punktuelles, weil sie
nur durch ein Sich-Ausdehnen des einen oder anderen hervorgehen
kann. Entsprechend sind dann die bestehenden Unterschiede und Ge-
meinsamkeiten zwischen solchen Ausdehnungen, wodurch jedes
Merkmal als die Qualität von jeder einzelnen zustandekommt, zu-

226
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

letzt auch alle nur zurückzuführen auf den Punkt oder das Punktuel-
le, die ihnen zugrundeliegen. Daher gilt nicht nur für eindimensiona-
len Raum der Linie, sondern auch für zwei- und dreidimensionalen
Raum von Fläche und von Körper: So wie jede Stelle einer Ausdeh-
nung der Linie ein Punkt sein muß, der zweiseitig zu ihr sich aus-
dehnt, muß auch jede Stelle einer Ausdehnung von Fläche oder einer
Ausdehnung von Körper noch ein Punktuelles sein, das zweiseitig zu
ihr oder zu ihm sich ausdehnt. Dieses Punktuelle aber ist im Fall des
Körpers eben das der Ausdehnung von einer Fläche und im Fall der
Fläche eben das der Ausdehnung von einer Linie, und im Fall der
Linie ist es eben jener Punkt der Ausdehnung von Zeit.
Kann es doch auch genausowenig sinnvoll sein, die Anerken-
nung dessen etwa davon abhängig zu machen: Punkt und Punktuelles
müßten dann in jeder Dimension von solcher Ausdehnung auch eine
ganz bestimmte Stelle oder Lage haben; trotzdem könnten letztere
sich nicht bestimmen lassen, was ein Widersinn sei. Denn auch dies
kann ja nur gelten, wenn die Ausdehnung von Raum in jeder Dimen-
sion dabei als etwas immer schon Gegebenes vorausgesetzt wird, weil
doch auch nur in einem bereits gegebenen Raum eine bestimmte
Stelle oder Lage dafür möglich sein kann. Noch ein letztes Mal ist
deshalb darauf hinzuweisen: Dabei geht es vielmehr gleichfalls nur
um einen Raum als immer erst noch zu erzeugenden, in welchem das,
woraus er erst noch zu erzeugen ist, eine bestimmte Stelle oder Lage
auch noch gar nicht haben kann. Das zeigt sich denn auch daran, daß
sie vielmehr als beliebig gelten muß. Eine bestimmte Stelle oder Lage
haben kann in jeder Dimension des Raumes nämlich immer erst ein
Etwas gegenüber einem andern Etwas, das es aber eben immer erst
durch diesen oder jenen Schnitt in jeder geben kann. Ein solcher
Schnitt jedoch, an welcher Stelle und in welcher Lage dieser auch
erfolgen mag, führt innerhalb von jeder Dimension zu dem, was als
ihr Ursprung ihr zugrundeliegt: im dreidimensionalen Raum zur Flä-
che und im zweidimensionalen Raum zur Linie und im eindimensio-
nalen Raum zum Punkt.
Nur gilt es dabei freilich wieder zu beachten, daß ein Schnitt in
jeder dieser Dimensionen dann auch nachträglich bloß analytisch
aufdeckt, was ursprünglich ja synthetisch in ihr steckt. Dies zu beach-
ten nämlich führt zuletzt zur vollen Einsicht in die Unterschiede und
Gemeinsamkeiten zwischen diesen Dimensionen und so in die ei-
gentliche Qualität von jeder einzelnen. Denn was bereits für einen
Schnitt in einer Linie galt, das gilt entsprechend auch für einen

227
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Schnitt in einem Körper und in einer Fläche, nämlich daß er das ur-
sprüngliche, synthetische Verhältnis zwischen Ausdehnung und
Punktuellem, aus dem sie hervorgeht, eben umkehrt. Hat doch auch
das Punktuelle einer zweidimensionalen Ausdehnung von Fläche, das
durch Schnitt als Analyse eines Körpers auftritt, dessen dreidimen-
sionale Ausdehnung gesondert außerhalb von sich. Und so hat auch
das Punktuelle einer eindimensionalen Ausdehnung von Linie, das
durch Schnitt als Analyse einer Fläche auftritt, deren zweidimensio-
nale Ausdehnung gesondert außerhalb von sich. Doch nach Synthese
hat ein jedes solche Punktuelle jede solche Ausdehnung durch seine
Selbstausdehnung zu ihr eben ungesondert außerhalb von sich. Nur
das ist nämlich die Erklärung dafür, daß es jeweils, ohne in ihr zu
erscheinen, dieser Ausdehnung zugrundeliegt.
Wie aber liegt dann jener Linie jener Punkt zugrunde, wenn man
auch noch jenen eindimensionalen Raum in diese Überlegung ein-
bezieht, wie sie von drei- und zweidimensionalem Raum her zwi-
schen Analyse und Synthese unterscheiden muß? Als was hat jener
Punkt zu gelten, der durch Schnitt als Analyse jener Ausdehnung von
jener Linie als jenem eindimensionalen Raum ja ebenfalls zutage tre-
ten muß als das, was ihr zugrundeliegt? Noch einmal nämlich steht
man damit vor der Frage, vor die Kant bereits geriet und vor die noch
bis heute die Geometrie gerät, wenn sie mit dieser Überlegung folge-
richtig an ihr Ende kommt. Worauf man damit stößt, ist nämlich erst
einmal ein unlösbares Rätsel, das man nur vor sich verbergen kann,
indem man weiterhin vermeint: Auch dieser Punkt sei »aber doch
noch immer ein Ort im Raume«, wie das Kant tat. 26 Oder gar, wie
noch bis heute die Geometrie das tut: Auch dieser Punkt sei doch ein
»Raum«, wenn auch nur noch ein »nulldimensionaler«. 27
Dessen aber ist man sich so wenig sicher, daß man oft genug hier
lieber nicht beim Wort genommen werden möchte, wonach so ein
Punkt dann etwas Widersinniges sein müßte, nämlich ein durch
Schnitt verschwundener Raum. Man trachtet vielmehr, diesem zu
entgehen, indem man sich darauf zurückzieht: Als ein Raum sei so
ein Punkt nicht sogleich ein verschwundener, sondern bloß ein »ver-
schwindender«: 28 Ganz so, als sei dabei der Schnitt, dessen Ergebnis
so ein Punkt doch sein muß, auch noch gar nicht ein vollzogener,

26
Vgl. Bd. 4, S. 354.
27 Vgl. z. B. Knerr 1989, S. 198 f. Ferner Lüst 2011, S. 142 f.
28
Vgl. z. B. Knerr 1989, S. 105, S. 462 f.

228
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

sondern bloß ein sich erst ›vollziehender‹, so daß dabei noch etwas
Raum erhalten bleibe. Und das alles nur, um nicht gestehen zu müs-
sen: So ein Punkt kann eben überhaupt kein Raum mehr sein, weil
nur ein mindest eindimensionaler noch ein Raum sein kann. Dies zu
gestehen statt zu verleugnen, müßte nämlich vor die weitere Frage
stellen, als was denn sonst sich so ein Punkt verstehen lassen könnte.
Ist es doch auch immerhin ein Schnitt als eine Analyse des uns wohl-
bekannten dreidimensionalen Raums, wodurch zuletzt sich so ein
Punkt ergibt, nachdem zunächst sich zweimal Punktuelles einer Aus-
dehnung als Raum ergab.
Nur ist es einem Geometer eben peinlich, wenn er sich gestehen
muß: »Es bleibt uns dabei nicht erspart, auf philosophische Gedan-
kengänge einzugehen, wenn es sich um Definitionen handelt«. 29 Ste-
hen vor dieser weiteren Frage doch auch wir, die Philosophen, und so
sollten nicht auch wir noch die Beantwortung von ihr verfehlen.
Nichts liegt nämlich näher als die Antwort: So ein Punkt, auf den
ein Schnitt als eine Analyse schließlich stoßen muß, sei eben nicht
ein Punkt als »nulldimensionaler Raum«, sei vielmehr jener Punkt
als nulldimensionale Zeit. Beim Wort genommen wäre dieses näm-
lich auch entsprechend falsch wie jenes. Ist doch so ein Punkt, wie er
durch Schnitt als Analyse einer Linie zustandekommt, durchaus nicht
derjenige Punkt, der ihr zugrundeliegt; vielmehr ist er gerade umge-
kehrt derjenige, dem sie zugrundeliegt. Denn er hängt dabei ab von
ihr, und nicht etwa hängt sie dabei von ihm ab. Letzteres gilt vielmehr
nur für ihn als den zu ihr sich ausdehnenden Punkt, als welcher er
jedoch kein Schnittpunkt von ihr ist.
Als Schnittpunkt also ist und bleibt der Punkt ein Punkt des
Raums, auch wenn er deshalb nicht sogleich ein Raum ist, auch kein
»nulldimensionaler«. Und als solcher ist er eben keineswegs der
Punkt der Zeit, hat er als nulldimensionaler somit auch durchaus
nicht schon anstatt der »nulldimensionalen« Ausdehnung des
»Raums« etwa sogleich die nulldimensionale Ausdehnung der Zeit.
Dies alles ist und hat er eben erst und nur als der zu einer Linie sich
ausdehnende Punkt, als den ihn die Geometrie jedoch nicht mehr zur
Kenntnis nehmen mag. Und dies, obwohl er keineswegs erst philoso-
phisch zugänglich sein kann, sondern durchaus schon geometrisch
zugänglich sein muß: so wahr die Linie den Unterschied ihrer zwei

29
Knerr 1989, S. 198.

229
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Seiten nur von ihm her an sich haben kann. Daß sich der Geometer
dem verweigert, dürfte daran liegen, daß er sich dem Eindruck nicht
entziehen kann: Die Philosophie, die diesen Punkt zur Kenntnis
nimmt, vollzieht die eigentliche Grundlegung für die Geometrie, die
ohne sie nur unbegründet in der Luft hängt, und das muß dem Geo-
meter eben peinlich sein. Was sich für den ergibt, der das zur Kennt-
nis nimmt, wird für den Geometer nämlich nur noch peinlicher.
Denn nirgendwo ist es so wesentlich wie hier, zu unterscheiden
zwischen Analyse und Synthese. Nirgends nämlich wird durch Ana-
lyse so wie hier verdeckt, was bei Synthese vor sich geht. Daß dieser
Punkt, wie er durch Schnitt als Analyse einer Linie auftritt, nur ein
Punkt des Raums sein kann, verdeckt vollkommen, daß derselbe
Punkt, wie er sich zur Synthese einer Linie ausdehnt, als derselbe
eben nicht ein Punkt des Raums sein kann, sondern der Punkt der
Zeit sein muß. Und dennoch muß gerade er als Punkt der Zeit es sein,
was schon von Anbeginn dem Raum zugrundeliegt, so daß nur auf
der Grundlage der Zeit die eigentliche Grundlegung des Raums und
der Geometrie erfolgen kann. Und was dem Geometer damit zuge-
mutet wird, ist ja auch in der Tat das Letzte, was er in Betracht zu
ziehen bereit ist. Es sei denn, wie er vermeint, daß Zeit als Ausdeh-
nung auch ihrerseits doch nur so etwas wie ein Raum ist, nämlich wie
der eindimensionale Raum der Linie, was aber eben nicht der Fall sein
kann. Die Zumutung geht vielmehr dahin: Diese Grundlage für eine
Grundlegung von Raum und von Geometrie muß diese Zeit vielmehr
als Ausdehnung von einem Punkt sein. Eine »nulldimensionale«
Ausdehnung ist dieser Punkt sonach sehr wohl, nur eben nicht als
»nulldimensionaler Raum«, sondern als nulldimensionale Zeit.
Daß deshalb auch schon jener Punkt als Punkt des Raums dem
Geometer nicht geheuer sein kann, hat daher den Grund, daß er als
bloßer Schnitt-Punkt eben ein abstrakter ist. Als solcher nämlich hat
er dann auch noch die letzte Ausdehnung von Raum der Linie geson-
dert außerhalb von sich. Denn zwar hat auch das Punktuelle von
Schnitt-Linie und Schnitt-Fläche ja die vorletzte und vorvorletzte
Ausdehnung von Raum der Fläche und des Körpers schon gesondert
außerhalb von sich. Gleichwohl jedoch ist jedes solche Punktuelle
immerhin noch das von einer Ausdehnung und so zusammen mit
ihr jeweils auch etwas Konkretes. Kann doch letzteres von diesem
Punkt gerade nicht mehr gelten. Denn in keinem Sinn kann er auch
seinerseits noch einmal wie das Punktuelle dieser oder jener Ausdeh-
nung von Raum etwa ein Punkt der Ausdehnung von Raum sein. Ein

230
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

abstrakter ist er demnach als ein Punkt, der ohne solche Ausdehnung
ist. Denn erst dann ist oder wird er als derselbe ein konkreter, wenn er
nicht mehr als Ergebnis einer Analyse dieses Raums betrachtet wird,
sondern als Ursprung der Synthese von ihm.
Nur als solcher nämlich ist auch er noch ein konkreter Punkt,
weil er auch nur als solcher Punkt der einer Ausdehnung ist, der von
Zeit, so wie das eine oder andere Punktuelle eben das der einen oder
anderen Ausdehnung von Raum ist. Und das heißt zuletzt: Genau in
diesem Sinn ist dieser Punkt, aus dem durch sein Sich-Ausdehnen die
ursprüngliche Ausdehnung von Raum entspringt, gerade nicht etwa
ein Punkt der Ausdehnung von Raum: Zu ihm als demjenigen Punkt,
aus welchem Ausdehnung von Raum ursprünglich erst hervorgehen
kann, kann eben darum Ausdehnung von Raum nicht schon gehören,
wie zum Punktuellen einer Linie oder Fläche dann sehr wohl schon
Ausdehnung von Raum gehören muß. Denn auch zu jedem solchen
Punktuellen kann ja nicht die Ausdehnung gehören, die doch erst aus
ihm hervorgehen kann, sondern nur die, die schon hervorgegangen
ist aus Punkt oder aus Punktuellem als dem Vorgänger zu ihm. Nur
kann dann eben nicht auch dieser Punkt noch einen solchen Vorgän-
ger besitzen, durch den auch zu diesem Punkt noch eine Ausdehnung
von Raum gehören müßte, so daß vielmehr auch nur jene Ausdeh-
nung von Zeit zu ihm gehören kann.
Durch diese aber wird dann das dem Geometer Zugemutete auch
nur noch schlimmer. Daß es danach nämlich nur der Punkt der Zeit
sein kann, der als zu einer Ausdehnung sich ausdehnende Punkt der
Grund und Ursprung eines Raumes sein muß, heißt zunächst für eine
Linie weiterhin: Wenn danach gilt, daß jede Stelle einer Ausdehnung
von einer Linie nur so ein Punkt sein kann, wie er zu ihr als (ein-
dimensionaler) Ausdehnung von Raum sich ausdehnt, dann gilt da-
nach dem vorweg, daß jede solche Stelle auch erst einmal dieser selbe
Punkt sein muß, wie er zunächst zu (nulldimensionaler) Ausdehnung
von Zeit sich ausdehnt. Und im ganzen heißt das eben: Jede solche
Stelle einer Ausdehnung von einer Linie als eindimensionalem Raum
muß ein sich ausdehnender Punkt sein, der als dieser selbige sowohl
zu Ausdehnung von Zeit wie auch zu Ausdehnung von Raum sich
ausdehnt: insgesamt sonach zu einer unlösbaren Einheit oder Ganz-
heit beider.
Was dem Geometer damit zugemutet wird, ist somit nichts ge-
ringeres als folgendes: Bei solchem Raum wie dem von einer ein-
dimensionalen Linie handelt es sich dann durchaus nicht nur um

231
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Raum, wie es der Geometer stillschweigend voraussetzt. Ebensosehr


handelt es sich dabei vielmehr auch um Zeit, weil sie ihm dabei eben
immer schon zugrundeliegen muß und er auf ihr daher auch immer
erst beruhen kann. Genau das ist sonach der Sinn, wie solcher Raum
mit solcher Zeit in unlösbarer Einheit stehen muß. Und dies bedeutet
eben, daß auch solcher Raum noch voll und ganz das Wesen solcher
Zeit besitzen muß: Wie diese Zeit als nulldimensionale Ausdehnung
von einem Punkt ein stetig-neuer Punkt sein muß, so muß auch die-
ser Raum als eindimensionale Ausdehnung von einer Linie eine ste-
tig-neue Linie sein.
Doch letzteres nicht etwa in dem Sinn, in dem die Ausdehnung
der Linie als Immerweitergehen ins Unbestimmt-Unendliche ver-
läuft. Vielmehr in dem Sinn, daß die Ausdehnung der Linie, wie weit
auch immer man ihren Verlauf sich vorstellen mag, nicht etwa längs
von diesem eine stetig-neue sein muß, sondern quer zu diesem. Ist
doch solches Stetig-Neue an ihr auch nicht etwa das, um was sie, weil
es mit ihr immer weiter geht, dann immer größer wird: Worum es
dabei geht, ist ja nicht ihre Quantität, sondern nur ihre Qualität.
Entsprechend ist das Stetig-Neue an ihr eben nichts, was längs von
ihr als zunehmende Quantität des Raums aufträte, sondern etwas,
das nur quer zu ihr als gleichbleibende Qualität der Zeit auftritt.
Denn schneiden läßt sich eine Linie doch auch nicht etwa längs von
sich, sondern nur quer zu sich, weshalb dann auch nur so als Schnitt-
punkt in Erscheinung treten kann, was ihr als der zu ihr sich ausdeh-
nende Punkt zugrundeliegen muß, wie vorgeführt. Muß aber jede
Stelle einer Linie als Raum so ein zu ihr sich ausdehnender Punkt
sein, der zunächst nur ein zu Zeit sich ausdehnender Punkt sein kann,
so muß auch jede Linie insgesamt wie dieser Punkt als stetig-neuer
eine stetig-neue sein.
Was dieser Punkt verlieren muß, wenn er als bloßer Schnitt-
punkt einer Analyse dieses Raums betrachtet wird, ist somit jede sol-
che Ausdehnung, zu denen er sich ausdehnt. Nicht nur muß er damit
die von Raum verlieren, in dem Sinn, daß er sie dadurch gesondert
außerhalb von sich besitzen muß. Vielmehr muß er dadurch auch
noch die Ausdehnung von Zeit verlieren, die er jedoch gesondert au-
ßerhalb von sich gar nicht besitzen kann: Verlieren muß er diese so-
mit auch sogar in dem Sinn, daß sie dadurch einfach unterschlagen
und beseitigt wird. Als Schnittpunkt einer Linie nämlich schneidet
dieser Punkt ja nicht allein den (eindimensionalen) Raum der Linie,
sondern eben damit faktisch doch auch noch die (nulldimensionale)

232
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

Zeit der Linie. Dann jedoch wird solche Zeit, die sich als nulldimen-
sionale Ausdehnung ja gar nicht schneiden läßt, sogar auch beidseitig
von diesem Punkt beseitigt, während der dadurch dann zeitentblößte
Raum der Linie beidseitig von diesem Punkt erhalten bleibt. In die-
sem Sinn muß es sich also auch bei solchem Raum schon um einen
abstrakten handeln, so daß dieser Punkt, abstrakt wie er schon ist, nur
noch abstrakter werden kann. Was dieser nämlich umgekehrt gewin-
nen muß, wenn er als Grund und Ursprung der Synthese dieses
Raums erfaßt wird, ist dann umgekehrt auch jede solche Ausdeh-
nung, zu denen er sich ausdehnt: die von Zeit und die von Raum.
Als der zu Zeit und Raum sich ausdehnende Punkt ist er dann näm-
lich auch der voll konkrete Punkt, der dadurch auch zur Linie als einer
voll konkreten führt, weil sie als ganze dann wie dieser stetig-neue
Punkt auch diese stetig-neue Linie ist.
Daß sie als Raum in diesem Sinn auch ihrerseits noch ganz das
Wesen solcher Zeit hat, heißt dann aber, daß es sich bei einer sol-
chen Linie als einem Raum auch nur um einen Zeit-Raum handeln
kann. Gebildet wird dieser Begriff des »Zeit-Raums« denn auch in
bewußtem Gegensinn zu dem Begriff der »Raumzeit«, wie ihn die
Physik verwendet. Denn mit ihm vertritt sie eine Raumabhängig-
keit der Zeit, wogegen hier gerade umgekehrt die Zeitabhängigkeit
des Raums vertreten wird, wie er zunächst als eindimensionaler
Raum der Linie entspringt. Als dieser Zeit-Raum aber hat er seinen
Gegensinn zu jener Raumzeit nicht einfach nur als die Umkehrung
zu ihr, sondern vor allem darin: Dieser Raum der Linie wird hier als
ein Raum nicht im geringsten angetastet dadurch, daß er als ein
Zeit-Raum auftritt und auch aufgefaßt wird; die Physik dagegen
muß die Zeit zu einer mindest eindimensionalen Ausdehnung als
einem eindimensionalen (Quasi-)Raum verfälschen, weil sie als die
vierte Dimension der vierdimensionalen Raumzeit meßbar sein soll.
Hier jedoch wird innerhalb von solchem Zeit-Raum weder Raum als
Raum dadurch verfälscht, daß er darin mit Zeit in Einheit steht,
noch Zeit als Zeit dadurch verfälscht, daß sie darin mit Raum in
Einheit steht.
Indem in solchen Zeit-Raum vielmehr jedes davon als das ein-
geht, was es ist, bleibt jedes davon innerhalb von ihm auch voll erhal-
ten und entsprechend unterscheidbar. Und so ist ein solcher Zeit-
Raum als die gleichwohl unlösbare Einheit oder Ganzheit beider auch
ein klarer Fall von dem, was die Mathematik, Geometrie und mathe-
matisch-geometrische Physik als eine störungsfreie Überlagerung be-

233
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

handelt. 30 Freilich mit dem Unterschied: Hier handelt es sich bloß um


eine störungsfreie Überlagerung von etwas, das nur seiner Qualität
nach unterschiedlich ist und unterscheidbar bleibt; dagegen werden
mathematisch-geometrisch-physikalisch eben auch noch störungs-
freie Überlagerungen dieser oder jener Quantitäten von etwas behan-
delt. Doch auch schon der bloßen Qualität nach bilden Zeit und Raum
in solcher Überlagerung als Einheit oder Ganzheit eines Zeit-Raums
etwas, das auch den Vertretern von Mathematik, Geometrie und ma-
thematisch-geometrischer Physik zu denken geben müßte. Denn
schon dabei handelt es sich um eine Struktur, für welche die Geo-
metrie zuständig ist, wenn anders sie zu Recht als die Mathematik
der Ausdehnungen gilt, wiewohl sie sich bisher auf Ausdehnung
von Raum beschränkt und Ausdehnung von Zeit im Unterschied zu
Raum vernachlässigt. Als Zumutung nimmt dies dann aber eben For-
men an, die insbesondere den Geometer erst einmal verstören müs-
sen.
Zwingen sie ihn doch zu nichts geringerem, als sich zu über-
legen, was er tut, wenn er auch eine Linie so behandelt, als ob sie
ihm so verfügbar wäre wie der dreidimensionale Raum, obwohl sie
doch nur eindimensionaler ist. Der dreidimensionale nämlich ist dem
Geometer zweifellos verfügbar als der Raum der wahrgenommenen
Außenwelt, auch wenn er ihm nicht als dieses Empirisch-Inhaltliche
gegenständlich wird, sondern nur als entsprechend Nichtempirisches
oder Formales für Geometrie von ihm. Doch jeder weniger als drei-
dimensionale ist ihm eben deshalb dann auch nur durch Schneiden
dieses dreidimensionalen Raums verfügbar als Schnitt-Fläche oder als
Schnitt-Linie: wie zuletzt auch noch der Schnitt-Punkt als vermeint-
lich nulldimensionaler Raum. Verglichen mit dem dreidimensionalen
nämlich ist dann jedes solche bloße Schnitt-Ergebnis von ihm auch
nur etwas Unselbständiges an ihm. Denn er ist dann das Einzige, das
als die Form der wahrgenommenen Außenwelt mit ihr zusammen
etwas Selbständiges ist: die Wirklichkeit des wahrgenommenen Ob-
jekts dem wahrnehmenden Subjekt gegenüber. Ist doch jedes bloße
Schnitt-Ergebnis dann auch nur die eine oder andere Grenze inner-
halb von solchem dreidimensionalen Raum und somit eben unselb-
ständig in ihm oder an ihm.
Damit aber kann und will der Geometer sich zurecht nicht ab-
finden, daß jeder solche weniger als dreidimensionale Raum sich nur

30
Vgl. z. B. Friebe 2001, S. 186.

234
§ 7. Die Dynamik des Kontinuums von Raum im Unterschied zu dem von Zeit

als so ein unselbständiger behandeln lassen soll, sprich: nur als »ein-
gebetteter« in einen Raum von jeweils höherer Dimension. Mit Recht
besteht der Geometer vielmehr darauf: Jeder solche lasse sich auch als
uneingebettet-selbständiger Raum behandeln, wie es ja auch unent-
behrlich ist für Nichteuklidische Geometrien gekrümmter Räume,
deren Krümmung jeweils etwas Inneres von jedem ist. Doch da nun
einmal keiner dieser Räume wie der dreidimensionale Raum als ein
uneingebettet-selbständiger Raum verfügbar ist, kann das nur hei-
ßen, daß er sich gleichwohl jedoch so vorstellen läßt und auf Grund
dessen auch noch so behandeln läßt. Nur ist es alles andere als folge-
richtig, wenn der Geometer, wie es durchgehend der Fall sein dürfte,
jeden solchen Raum auch weiterhin wie einen eingebettet-unselb-
ständigen sich vorstellt, eben weil er ihn bloß als ein Schnitt-Ergebnis
kennen kann. Denn trotzdem, meint er, lasse jeder solche sich auch als
uneingebettet-selbständiger vorstellen, weil sich doch auch absehen
lasse vom jeweils geschnittenen Raum, was aber widersinnig ist.
Denn dadurch wäre auch von jedem Schnitt-Ergebnis in ihm noch
mitabgesehen.
Solches bloße Absehen von einem Raum, in dem ein anderer
Raum als bloßes Schnitt-Ergebnis von ihm jeweils unselbständig-ein-
gebettet ist, reicht eben nicht, um letzteren als einen selbständig-un-
eingebetteten Raum vorzustellen: Jedenfalls so lange nicht, wie noch
kein Grund gelegt ist, der verbürgt, daß jeder solche auch tatsächlich
das sein kann, als was er vorgestellt sein soll: ein Raum als ein un-
eingebettet-selbständiger. Und erforderlich, um diesen Grund zu le-
gen, ist denn auch die Einsicht: Als das Vorgestellte einer solchen
Vorstellung von ihm kann jeder solche Raum dann auch nur das
durch eben diese Vorstellung Erzeugte sein: nicht das Ergebnis einer
Analyse eines Raums, der schon verfügbar ist, sondern nur das einer
Synthese eines Raums, der eben dadurch erst verfügbar wird. Sich
eine Linie vorzustellen, heißt daher nach allem, was bereits ermittelt
ist, nichts anderes, als sich zu einer Linie auszudehnen, nämlich sich
als Punkt eines Subjekts. Denn solchen Raum stellt so ein Subjekt
sich danach in dem Sinn vor, daß es den Raum, indem es selbst sich
zu ihm ausdehnt, auch sich selbst erst zur Verfügung stellt und damit
eben für sich selbst auch erst verfügbar macht. Dann aber muß ein
solcher Raum auch etwas sein, das so ein Subjekt eben innerhalb von
dem erstellt, wozu es erst einmal sich selbst erstellt, sprich: innerhalb
von sich als Zeit, so daß es sich bei diesem Raum auch nur um solchen
Zeit-Raum handeln kann.

235
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Genau so ein Subjekt ist denn auch jeder Geometer, der sich eine
Linie, die zweiseitig ins Unbestimmt-Unendliche verläuft, als einen
eindimensionalen Raum vorstellt, der ein uneingebettet-selbständi-
ger sei. Dies einzusehen, muß dem Geometer aber erst einmal zu-
wider sein, weil er zunächst auch nur den Eindruck haben kann, als
werde dadurch die Geometrie und ihre Objektivität einer Subjekti-
vierung ausgeliefert, was jedoch durchaus nicht zutrifft. Denn in
Wahrheit ist gerade dieser Grund und Ursprung eines Raums als
Zeit-Raums auch der Grund und Ursprung jeglicher Objektivierung,
an der auch dem Geometer liegt. Nur deshalb aber droht ihm diese
Einsicht dadurch zu entgehen, weil er bislang vermeint: Als Geo-
meter habe er doch nur mit Raum zu tun; auch noch mit Zeit dagegen
nur, weil doch auch sie als Ausdehnung so etwas wie ein (eindimen-
sionaler) Raum sei. So jedoch verkennt er, welche Reichweite seine
Geometrie als die Mathematik der Ausdehnungen eigentlich besitzt.
Denn ihre Zuständigkeit für die Ausdehnungen hat sie dann bis dort-
hin, wo für so etwas wie Ausdehnung der eigentliche Grund und Ur-
sprung liegt: im Punkt und seiner ursprünglichen Ausdehnung der
Zeit als Subjekt.
Deshalb braucht der Geometer auch nicht zu befürchten, daß er
höchstens noch zum Philosophen werden könnte, hätte er das nicht
nur einzusehen, sondern dem auch selbst noch nachzugehen. Denn so
wenig kann der Geometer dadurch nur zum bloßen Philosophen wer-
den, daß vielmehr gerade umgekehrt der Philosoph dadurch auch
noch zum Geometer werden muß. Was nämlich als Transzendental-
philosophie bisher bloß unterwegs war, wie mit Kant, das kann sein
Ziel nur als Fundamentalgeometrie erreichen. Auch der Geometer
wird daher am Ende anerkennen müssen: Eine Grundgeometrie im
eigentlichen Sinn ist die Geometrie gerade nicht, wie er bisher ver-
meint, als die der Ausdehnung von Raum, sondern als die der Aus-
dehnung von Zeit. Eine Geometrie hat nämlich nicht allein der Raum
der Außenwelt des Objekts, sondern auch die Zeit der Innenwelt des
Subjekts, weil »natürlich alles der Geometrie unterliegt«: Ist es hier
doch ein Vertreter mathematisch-geometrischer Physik, der nicht
bloß dessen sich so sicher ist, sondern auch davon überzeugt, daß
solche Innenwelt des Subjekts als »Bewußtsein […] aber für immer
subjektiv bleiben […] wird«. 31 Und dennoch also muß auch sie als
dieses Subjektive, das sie ist und bleibt, dann eine eigene Geometrie

31
Kiefer 2008, S. 310, S. 313.

236
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

besitzen, weil sie eine eigene Wirklichkeit des Subjekts gegenüber der
des Objekts ist. Und als die eigentliche Grundgeometrie ist diese eben
die Geometrie der Zeit, zu der auch noch der ursprüngliche Raum
gehören muß, weil er auch nur aus Zeit heraus entspringen kann
und so auch nur als Zeit-Raum.

§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

Nur als Zeit-Raum kann ein ursprünglicher wie der eindimensionale


Raum entspringen, so hat sich ergeben. Wie befremdlich dies jedoch
auch sei, so läßt sich dadurch doch vermeiden, was das Unternehmen
der Geometrie seit jeher so belastet, daß sie sich von ihm nicht zu
befreien vermag, sondern es nur auf sich beruhen lassen kann. Denn
daß der ursprüngliche Raum als eindimensionale Linie zweiseitig ins
Unbestimmt-Unendliche verlaufen muß, stellt für den Geometer
noch bis heute ein unlösbares Problem dar, dem er letztlich nur ent-
gehen kann, indem er sich auf Aristoteles zurückzieht und verläßt.
Bestanden hatte dieser nämlich darauf: Bei solchem Unendlichen
kann es sich stets nur handeln um ein bloßes potentiell Unendliches,
nicht um ein aktuales, nämlich nicht um ein Unendliches der Wirk-
lichkeit nach, sondern nur der Möglichkeit nach. Trotz der Unhalt-
barkeit dieser Unterscheidung zwischen einem Etwas als bloß Poten-
tiellem (Möglichem) und Aktualem (Wirklichem) vermag sie näm-
lich erst einmal leicht einzuleuchten. Dazu braucht man sich bloß
vorzustellen: Auf welch ein Unding liefe es hinaus, wenn eine Linie,
die ins Unbestimmt-Unendliche verläuft, als dies Unendliche ein
wirkliches oder ein aktuales wäre. Überböte dessen Widersinn doch
nicht nur den des schlimmsten Platonismus, sondern auch noch den
jenes Behälter-Raums bei Newton. Denn im Unterschied zu diesem
Raum als einem dreidimensionalen müßte dann auch noch ein Raum
als eindimensionaler nicht nur ein uneingebettet-selbständiger Raum
sein, sondern auch ein aktual unendlicher.
Nur scheint man auch bis heute noch nicht zu bemerken: Grund
dafür, daß dies in solchem Ausmaß als ein Widersinn erscheint, ist
weder die Unendlichkeit noch auch die Wirklichkeit von all dem.
Grund dafür ist vielmehr nur die dabei immer wieder zusätzlich und
stillschweigend vorausgesetzte Objektivität von all dem. Denn sobald
man sich vor Augen führt und hält, daß es sich dabei vielmehr aus-
schließlich um Subjektivität von all dem handelt (was beim Raum für

237
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Aristoteles so fernlag), schwindet jeder Anschein eines Widersinns:


Auch diese ist doch eine Wirklichkeit als eine Aktualität, indem sie
nämlich ein Agieren als Sich-Ausdehnen von einem Punkt ist, wie er
sich zur einen und zur andern Ausdehnung erstellt. Als solches aber
ist ein Subjekt eben die Dynamik des Kontinuums von jeder solchen
Ausdehnung, die als ein autonomes Immerweitergehen nur ins Un-
bestimmt-Unendliche verlaufen kann; denn jede Statik von etwas
Diskretem als Bestimmtem, Endlichem kann immer erst heteronom
in ihm zustandekommen. Als Dynamik aber ist und bleibt all dies
dann auch ausschließlich auf der Seite solcher Subjektivität und wird
sonach gerade nicht zu jener Objektivität, als die es platonistisch-un-
haltbar sein muß.
Verbürgt wird all dies nämlich dadurch: Auch die eindimensio-
nale Ausdehnung des Raums der Linie kann sonach nur innerhalb der
nulldimensionalen Ausdehnung von Zeit als Ausdehnung des Sub-
jekts selbst entspringen, weshalb solcher Raum dann auch nur im
genannten Sinn ein Zeit-Raum sein kann. Und als solcher hat er eben
nicht den Widersinn der Statik von unendlich-aktualer Objektivität,
sondern den vollen Sinn von Subjektivität als der Dynamik, die allein
als so agierende eine unendlich-aktuale ist und damit innerhalb von
sich verbleibt. Als so agierende ist solche Subjektivität dann aber eben
auch zugleich objektivierende, indem sie so nicht bloß zur Ausdeh-
nung von Zeit sich ausdehnt, sondern mit sich selbst als Ausdehnung
von Zeit einhergehend auch noch zur Ausdehnung von Raum als
Zeit-Raum.
Denn als der zu Ausdehnung sich ausdehnende Punkt hat ein
Subjekt dann Ausdehnung nicht mehr »nur innerhalb von sich«, wie
die der Zeit, sondern »auch außerhalb von sich«, als die des Raums,
die es als Zeit-Raum somit innerhalb sowohl wie außerhalb von sich
als Punkt besitzt. Denn so, wie dies durch »nur …« bzw. »auch …«
geregelt ist, bleibt dies dann ohne Widerspruch. Und damit hat ein
Subjekt innerhalb von sich denn auch bereits die Ausdehnung, durch
die es innerhalb von sich schon etwas vorstellen kann als etwas außer-
halb von sich und damit eben auch bereits objektivieren kann zu
etwas Anderem als sich. Denn als ein so zunächst bloß vorgestelltes
Anderes kann dieses auch noch nicht ein Wirklich-Anderes sein, weil
es vielmehr noch ganz die Wirklichkeit des Subjekts selbst besitzen
muß: die Wirklichkeit der Zeit, auch wenn dann diese Zeit hier schon
die Zeit als Zeit-Raum ist.

238
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

Was in Gestalt von solcher Überlagerung der beiden hier nun


noch konkreter wird, ist darum abermals, was in Gestalt von bloßer
Logik und Ontologie im vorigen zunächst abstrakt blieb: jener Über-
gang von »nur …« zu »nicht nur …, sondern auch …«. Denn das Kon-
krete dieser unlösbaren Einheit oder Ganzheit beider in Gestalt von
dieser ihrer Überlagerung ist nichts als eine Folge von jenem Prinzip
des logisch-ontologisch Minimalen. Danach gilt, daß es zu so etwas wie
einer ursprünglichen Ausdehnung von Raum auch gar nicht anders
kommen kann als in Gestalt der Überlagerung von Zeit-Raum. Und
dies eben deshalb, weil das logisch-ontologisch erste Minimale einer
Ausdehnung, die durch Sich-Ausdehnen von einem Punkt erfolgt, nur
das der Ausdehnung von Zeit sein kann, die so ein Punkt »nur inner-
halb von sich« besitzen kann. Und damit kann dann auch das nächste
logisch-ontologisch Minimale solcher Ausdehnung nur das der Aus-
dehnung von Zeit-Raum sein, die so ein Punkt nicht mehr »nur inner-
halb von sich« besitzen kann, die er vielmehr »auch außerhalb von
sich« besitzen muß. 1 Und das Konkrete einer Einheit oder Ganzheit
davon ist das eben als eine Gestalt mit Gliedern, weil sie selbst wie folgt
sich gliedern muß: An das Sich-Ausdehnen von einem Punkt als das
Entstehen von Ausdehnung, an das zunächst sich nur Vergehen von
ihr anschließen kann, als Zeit, kann sich sodann auch noch Bestehen
von ihr, als Raum, nur anschließen, indem es an dieses Vergehen von
ihr sich anschließt und mithin als Zeit-Raum seinen Ursprung hat.
Und das ist eben eine Einheit oder Ganzheit einer Gattung mit zwei
Arten unter sich, die dennoch darin widerspruchsfrei zueinander sind.
Besteht doch zwischen diesen Arten nicht nur der genannte Ge-
gensatz, der als kontradiktorischer ein je spezifizierender und so dif-
ferenzierender ist. Vielmehr besteht in der Gestalt von dieser ihrer
Einheit oder Ganzheit auch noch ein Geglieder als Gefälle zwischen
beiden Arten, wodurch deren eine mit der anderen durchaus nicht auf
derselben Ebene liegt, wie es ein Widerspruch erfordern würde. Han-
delt es sich dabei doch um das Ergebnis einer Überlagerung, worin
sich zweierlei nur seiner Qualität nach überlagert. Dafür aber ist es
eben – anders als bei solchem, das sich nur der Quantität nach über-
lagert – auch entscheidend-wesentlich, in welcher Reihenfolge es sich

1 Und das ist nicht etwa das »auch«, das »die Philosophie bekämpft« (vgl. Hegel 1965,
S. 79), sondern das »auch«, das die Philosophie begründet: wie etwa des weiteren das
»auch« in »jemanden nicht nur als Mittel, sondern auch als Selbstzweck zu behan-
deln«. Dazu vgl. Prauss 2008, S. 61 ff. und Prauss 2006, § 17 und § 25.

239
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

überlagert: welches dabei logisch vor bzw. logisch nach dem andern
auftritt. Denn durchaus nicht gilt, sie überlagerten sich einfach
»wechselseitig«, sprich »einander«, wie bei Quantitäten. Wörtlich
nämlich überlagert dabei nur der Raum die Zeit, indes die Zeit den
Raum nur unterlagert, so daß er auf ihr beruhen muß, weil die Zeit
schon logisch vor dem Raum, der Raum jedoch erst logisch nach der
Zeit auftritt. Durch diese ihre Reihenfolge in Gestalt von dieser ihrer
Einheit oder Ganzheit aber kann es zwischen ihnen innerhalb der
letzteren zu einem Widerspruch nicht kommen.
Vielmehr führt das nur die innere Gliederung von ihrer Einheit
oder Ganzheit zu einer Gestalt herbei, in der sie als die Glieder von
ihr unterscheidbar sind und bleiben. Und das heißt: Als solche bloßen
Glieder von ihr unterscheidbar sind und bleiben sie gerade, ohne daß
sie dadurch etwa Teile wären, die das Eine oder Ganze daraus als Kon-
tinuum von Zeit und Raum des Zeit-Raums fraglich machen könn-
ten. Und das ist bemerkenswert, weil es sich dabei jetzt um Ausdeh-
nungen handelt, die sogar als Zeit und Raum sich unterscheiden,
nämlich nicht mehr nur als Raum und Raum der einen oder andern
Dimension wie Linie oder Fläche oder Körper. War bereits im vorigen
doch klar geworden: Räume von verschiedenen Dimensionen, wie sie
innerhalb von dreidimensionalem Raum sich sogar zählen lassen, un-
terscheiden sich nicht dadurch, daß es zwischen ihnen etwa Schnitte
oder Grenzen als etwas Diskretes gäbe, das den dreidimensionalen
Raum als Einheit oder Ganzheit von einem Kontinuum in Frage stel-
len könnte. Und der Grund dafür war eben: Jede der drei Dimensio-
nen dieses Raums entspringt gerade durch Sich-Ausdehnen von
Punkt bzw. Punktuellem, so daß je und je der Vorgänger zum Nach-
folger sich ausdehnt. 2
Dies jedoch schließt jeweils auch von vornherein schon aus, daß
dieser Punkt bzw. dieses Punktuelle dadurch jeweils zu etwas Diskre-
tem innerhalb des Raumes werden könnten, wodurch sie in ihm er-
scheinen müßten. Ihm zugrunde nämlich liegen sie dadurch gerade,
ohne in ihm zu erscheinen, wie es doch auch in der Tat der Fall ist.
Denn im dreidimensionalen Raum erscheint nun einmal keins von
diesen dreien: weder jener Punkt, durch dessen Selbstausdehnung
jene punktuelle Ausdehnung der eindimensionalen Linie hervorgeht;
noch auch dieses Punktuelle einer Linie, durch dessen Selbstausdeh-
nung jene punktuelle Ausdehnung der zweidimensionalen Fläche

2
Vgl. oben § 4.

240
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

auftritt; noch gar dieses Punktuelle einer Fläche, durch dessen Sich-
Ausdehnen am Ende jene nicht mehr punktuelle Ausdehnung des
dreidimensionalen Körpers sich ergibt. Doch das gilt eben nicht erst
für die Unterschiede zwischen solchen Dimensionen dieses Raums;
vielmehr gilt das auch schon für jenen Unterschied zwischen der Di-
mension der Zeit und der des ersten, eindimensionalen Raums. Denn
so gewiß auch Zeit und Raum in der Gestalt der Einheit oder Ganz-
heit eines Zeit-Raums unterscheidbar sind und bleiben, so gewiß
doch nicht, weil zwischen diesen Dimensionen etwa das Diskrete
einer Grenze oder eines Schnitts aufträte, das den Zeit-Raum als
Kontinuum hinfällig machen müßte.
Vielmehr sind und bleiben sie trotz ihrer Unterscheidbarkeit in
dieser Einheit oder Ganzheit eines Zeit-Raums ein Kontinuum, so
daß sie hier sich unterscheiden lassen als zwei grundverschiedene
Kontinua in ihm als einem einzigen Kontinuum. Und dessen Einheit
oder Ganzheit ist denn auch trotz ihrer beiden grundverschiedenen
Glieder eine absolute: die von Zeit als Punkt eines Subjekts. Denn
jenes schlechthin Unteilbare ist die Zeit als nulldimensionale Aus-
dehnung von nulldimensionalem Punkt nicht bloß für sich allein,
sondern auch noch, wenn sie als Zeit-Raum dann die Zeit ist, die noch
zusätzlich mit Raum zusammen und vereinigt auftritt. Daß sie näm-
lich als ein Zeit-Raum wie etwa als eindimensionaler Raum der Linie
teilbar ist, bedeutet dazu keinen Widerspruch. Denn teilbar ist ein
solcher Raum der Linie doch nicht längs von sich, sondern nur quer
zu sich, wie schon hervorgehoben. Doch auch einen Zeit-Raum bildet
so ein Raum der Linie nicht etwa längs von sich, sondern nur quer zu
sich, wie ebenfalls bereits gezeigt. Denn auch nur quer zu sich ist er
als eine Linie eine stetig-neue. Und das heißt: Wie jener Punkt der
bloßen Zeit ein stetig-neuer ist, so ist auch dieses Punktuelle dieser
Linie ein stetig-neues, nämlich das von nicht mehr bloßer Zeit des
eindimensionalen Zeit-Raums. Und als solche Zeit von Zeit-Raum
ist das Punktuelle dieser Linie eben auch genauso unteilbar wie jener
bloße Punkt der bloßen Zeit. In einer und derselben Hinsicht also,
nämlich quer zu sich, ist eine Linie demnach teilbar ebenso wie
unteilbar, was daher wiederspruchsfrei nur sein kann, weil sie das
erstere als Raum, das zweitere als Zeit ist, indem sie als Ganzes eben
Zeit-Raum ist.
Das ist von Wichtigkeit, weil es begründet: Dann ist auch ein
jeder Teil, der durch heteronome Teilung dieses Raums in ihm zu-
standekommt, ein stetig-neuer Zeit-Raum. Und da er ein Teil von

241
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

ihm auch immer nur im Unterschied zu einem andern Teil von ihm
sein kann, die mindestens durch einen Punkt als eine Grenze zwi-
schen ihnen voneinander abgegrenzt sein müssen, gilt das auch für
jeden solchen Punkt als Grenzpunkt oder Schnittpunkt. Wichtig
nämlich ist das, weil es so ja auch erst innerhalb von solchem Raum
zu einem Etwas als bestimmtem gegenüber einem andern Etwas als
bestimmtem kommen kann, indem in dieser oder jener Form ein In-
halt gegenüber einem andern Inhalt auftritt. Denn daß damit dieser
oder jener Inhalt also auch bereits im Raum auftritt, das ändert über-
haupt nichts daran, daß er damit gleichwohl noch ganz innerhalb von
einem Subjekt bleibt. So nämlich bleibt ein solcher Inhalt – unbescha-
det der Bestimmtheit, die er durch den Raum schon hat – das stetig-
neue Vorgestellte einer stetig-neuen Vorstellung dieses Subjekts, weil
dieser Raum als Zeit-Raum eben selbst ein Raum der Zeit des Sub-
jekts ist.
Entsprechendes gilt dann jedoch auch für den Geometer als ein
Subjekt, das vom Inhaltlichen innerhalb dieses Formalen absieht, um
sich auf dieses Formale zu beschränken. Auch für ihn kann danach
etwa das Bestimmte einer Strecke, nämlich ein durch Punkte abge-
grenzter Teil von einer Linie, nur das stetig-neue Vorgestellte einer
stetig-neuen Vorstellung von ihm sein. Davon aber hat ein Geometer,
der dies einsieht, überhaupt nichts zu befürchten für all das, worum
es ihm zu tun ist. Dadurch nämlich ändert sich am Statisch-Objekti-
ven der Bestimmtheit einer solchen Strecke mit bestimmten Punkten
als bestimmten Grenzen überhaupt nichts, weil es davon gänzlich
unberührt dasselbe bleibt. Und etwas Objektives ist sie dadurch dann
in dem Sinn, daß etwas Empirisch-Objektives oder Wirklich-Anderes
der Außenwelt durch sie schon vorgebildet, eben vorgestellt ist: als
eine bestimmte Ausdehnung für eine Anschauung von ihr.
Nur muß der Geometer dafür, wenn auch nichts befürchten, so
doch trotzdem noch etwas beachten, weil es zu seiner Geometrie noch
mit hinzugehört. Daß eine solche Strecke oder Linie nur in der einen
Hinsicht teilbar, in der anderen dagegen unteilbar ist, heißt dann:
Auch nur in der einen Hinsicht ist sie meßbar, in der anderen dagegen
unmeßbar. Denn Messen kann ja auch nichts anderes als Bestimmen
sein, wievielmal Eines etwas ist, was nur durch Teilen möglich wer-
den kann, weil auch nur dadurch sich ein Teil zur Maßeinheit für das
Wieviel davon erheben läßt. Und das bedeutet eben: Eine Quantität
als etwas Meßbares kann eine Strecke oder Linie nur in der einen
Hinsicht sein, in der sie Raum ist, nicht jedoch auch in der anderen,

242
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

in der sie Zeit als Zeit-Raum ist. In dieser Hinsicht kann sie vielmehr
gleich der bloßen, ursprünglichen Zeit nur eine reine Qualität als
etwas Unmeßbares sein, die dennoch die notwendige Bedingung da-
für ist, daß auch noch eine Quantität als etwas Meßbares entspringen
kann. Denn als der Ursprung einer Quantität von etwas Meßbarem
kann Raum nun einmal nur aus Zeit heraus entspringen und daher
zunächst einmal auch nur als Zeit-Raum.
Demnach wird der Geometer sich dazu verstehen müssen: Kei-
neswegs muß gelten, daß seine Geometrie von vornherein und aus-
schließlich von Ausdehnung als Quantität des Raumes handeln kann.
Vielmehr hat sie zunächst einmal von Ausdehnung als bloßer Quali-
tät der Zeit zu handeln, die nicht nur als Ausdehnung in die Geo-
metrie fällt, sondern auch als Punkt noch, dessen Ausdehnung sie ist.
Genau als solche nämlich ist sie nicht allein die ursprüngliche, bloße
Zeit, sondern auch noch die abgeleitete als nicht mehr bloße Zeit des
Zeit-Raums. Ist doch auch nur sie als diese punktuelle Ausdehnung
von Zeit der Grund, weshalb die erste, eindimensionale Ausdehnung
von Raum der Linie gleichfalls nur als punktuelle Ausdehnung ent-
springen kann. Genau als solche punktuelle nämlich kann sie quer zu
sich auch nur die stetig-neue Ausdehnung von eindimensionalem
Raum der Linie als Zeit-Raum sein. Aus diesem Grund muß dann
jedoch auch nicht nur jede Strecke als begrenzter Teil von einer sol-
chen Linie eine stetig-neue Ausdehnung von Raum sein. Vielmehr
kann auch jeder Punkt als Teilungs- oder Grenzpunkt einer solchen
Linie oder Strecke nur ein stetig-neuer sein. Denn als ein Punkt, der
eine solche Linie teilt und damit eine solche Strecke schafft, indem er
Teilungs- oder Grenzpunkt von der einen oder andern wird, setzt er
sie jeweils auch voraus; er hängt daher von ihr auch ab und kann mit
ihr zusammen dann auch nur ein stetig-neuer Punkt an ihr als stetig-
neuer Linie oder Stecke sein.
Denn wohlgemerkt: Die Teilung als die Analyse von etwas, die
hier in Rede steht, ist nicht mehr die von einer Linie als einem Raum,
der irgendwie schon immer ein gegebener sei. Vielmehr besteht nun-
mehr ein Vollbewußtsein davon, daß es sich bei dieser Linie nur um
einen Raum als einen immer erst erzeugten handeln kann. Entspre-
chend kann eine heteronome Teilung als die Analyse von ihm auch
nur vor dem vollbewußten Hintergrund seiner Synthese in Betracht
gezogen werden. Als Ergebnis solcher Teilung oder Analyse kann ein
solcher Punkt deswegen auch nicht mehr jener abstrakte sein, vor
dem der Philosoph wie auch der Geometer nur in ratlose Verlegenheit

243
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

verfallen kann. Zwar muß dann auch ein solcher Punkt die Ausdeh-
nung von Raum der Linie, die er teilt, gesondert außerhalb von sich
besitzen. Denn als Teilungspunkt muß ja auch dieser Punkt die Um-
kehrung jenes ursprünglichen synthetischen Verhältnisses herbei-
führen, in dem er die Ausdehnung von Raum der Linie ungesondert
außerhalb von sich besitzt. Als letzterer ist er jedoch gerade der auch
noch zu dieser eindimensionalen Ausdehnung von Raum sich aus-
dehnende Punkt, der ihr zuvor zu jener nulldimensionalen Ausdeh-
nung von Zeit sich ausdehnt. Und so bleibt er eben, weil er durch die
Teilung als die Analyse nur von dieser Ausdehnung des Raums ge-
sondert werden kann, als der zu Zeit sich ausdehnende Punkt zurück,
so daß er auch als dieser nur ein stetig-neuer Punkt sein kann.
Doch kann er letzteres jetzt eben nur noch mit der stetig-neuen
Ausdehnung von Raum zusammen sein, die er als Teilungs- oder
Grenzpunkt teilt oder begrenzt: zusammen mit der einer Linie oder
Strecke. Und so ist mit solcher Ausdehnung zusammen dann auch so
ein Punkt das stetig-neue Vorgestellte einer stetig-neuen Vorstellung
durch das Subjekt, das innerhalb von sich schon etwas vorstellt als ein
Objekt außerhalb von sich. Das stetig-neue Gegenüber zwischen ste-
tig-neuer Vorstellung und stetig-neuem Vorgestellten ist es demge-
mäß, was auf die ursprünglichen Grundverhältnisse zurückzuführen
ist, die zwischen Punkt und Ausdehnung bestehen. Und als die
Grundlage für eine Grundlegung einer Geometrie der Subjektivität
sind diese eben auch die Grundlage für eine Grundlegung einer Geo-
metrie der Objektivität, mag derlei dem bisherigen Geometer nun
behagen oder nicht. Denn was ihm unbehaglich bleiben muß, ist eben
dieses Stetig-Neue als eine Dynamik, wie sie wesentlich für Subjek-
tivität ist. Meint er doch, er könne Objektivität, um die es ihm zu tun
ist, nur als eine Statik sicherstellen, wie sie nur der Raum im Unter-
schied zur Zeit ermögliche. In Wahrheit aber ist es die Geometrie als
solche selbst, wie sie als Grundgeometrie dem Raum zuvor bereits der
Zeit genügen muß, was die Struktur von Subjekt und von Objekt
gleicherweise sicherstellt. Und zwar genauso, wie auch jede »Axioma-
tik« bloßer Raum-Geometrie es gar nicht anders kann als nur der
Qualität nach. 3
Denn was hier behandelt werden soll, läßt sich nur einführen
durch undefinierte Grundbegriffe von etwas wie »Punkt« und »Aus-
dehnung«, für die ein Sinn sich erst durch »implizite Definition« er-

3
Vgl. Hilbert 1987, S. 2 ff.

244
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

geben kann: durch die Verhältnisse, die zwischen ihnen möglich sind.
Geregelt werden diese Möglichkeiten aber durch jenes Prinzip des
logisch-ontologisch Minimalen, wonach deren Zahl und Reihenfolge
bis zu ihrer Vollständigkeit überschaubar sind: in philosophisch-geo-
metrischer Genauigkeit. Und danach stehen Punkt und Ausdehnung
zunächst in dem Verhältnis, worin sie zunächst die Zeit als eine null-
dimensionale Ausdehnung von einem nulldimensionalen Punkt er-
geben. Als die absolute Einheit oder Ganzheit solcher Zeit ist ein Sub-
jekt dann aber auch noch Vorstellung von einem Objekt als dem
Vorgestellten, wenn ein Subjekt innerhalb von sich als solcher Einheit
oder Ganzheit dann auch noch den Raum umfaßt, der ohne Grenze
oder Schnitt dazwischen Zeit-Raum ist. Denn letztlich heißt das:
Auch ein solcher Raum mit jeglicher Struktur in ihm kann nur ein
Glied der inneren Gliederung von dieser absoluten Einheit oder
Ganzheit solcher Zeit als Punkt des Subjekts sein. Und diese Qualität
dieser ursprünglichen Verhältnisse von Punkt und Ausdehnung, wie
sie als erste philosophisch-geometrisch zu erklären sind, liegt eben
nicht bloß diesem eindimensionalen Raum zugrunde, sondern reicht
noch weiter.
Denn auch nur der Kürze halber wurden die ursprünglichen
Verhältnisse von Punkt und Ausdehnung mit ihren vielen Einzelhei-
ten vorerst bloß am eindimensionalen Raum der Linie entfaltet.
Doch sie gelten Zug um Zug entsprechend auch noch für den zwei-
dimensionalen Raum der Fläche. Denn kein Zufall ist es, daß gleich
dieser Linie auch diese Fläche nur als eine punktuelle Ausdehnung
des Raumes auftritt. Kann sie doch nur so entspringen, daß sich jener
Punkt der Zeit nicht bloß ein erstes Mal zu dieser Linie ausdehnt,
sondern sich auch noch ein zweites Mal zu dieser Fläche ausdehnt.
Denn das tut er dadurch, daß er sich auch als das Punktuelle dieser
Ausdehnung der Linie, als das er in ihr erhalten bleibt, noch aus-
dehnt. Doch gleichwohl bleibt dieser Punkt auch in der Ausdehnung
von einer solchen Fläche noch erhalten, weil auch deren Ausdehnung
noch eine punktuelle ist. Und das bedeutet eben insgesamt, daß alles,
was bereits für eine solche Linie galt, entsprechend auch für eine
solche Fläche gilt.
Daß auch die Ausdehnung von ihr noch eine punktuelle ist,
heißt demnach, daß auch sie als zweidimensionaler Raum noch Zeit-
Raum ist. Infolgedessen ist auch sie mit jeglicher Struktur, die in ihr
durch heteronome Teilung von ihr auftritt, nur ein Glied der inneren
Gliederung von jener absoluten Einheit oder Ganzheit jener Zeit als

245
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Punkt des Subjekts. Quer zum Punktuellen ihrer Ausdehnung ist da-
nach also auch die Fläche als ein zweidimensionaler Raum ein stetig-
neuer. Denn wie jene stetig-neue Linie, aus der heraus sie auftritt,
geht auch diese stetig-neue Fläche nur einher mit jenem stetig-neuen
Punkt der Zeit. Entsprechend hat das Stetig-Neue seiner absoluten
Einheit oder Ganzheit dieses Stetig-Neue jeder von den beiden dann
auch nur zu einem Glied der inneren Gliederung von sich als Subjekt.
Und so tritt auch jeder solche eindimensionale oder zweidimensionale
Zeit-Raum nur als etwas auf, das innerhalb von diesem Subjekt selbst
verbleibt und so auch ganz aufseiten eines solchen Subjekts selbst.
Was damit sich ergibt, ist denn auch nur, was wir als schlichtes
Faktum kennen, nämlich daß der Raum von Außenwelt als wahr-
genommenem Objekt nun einmal ein gerade dreidimensionaler ist.
Das heißt: Aufseiten des Objekts gibt es durchaus nicht so wie drei-
dimensionalen auch noch ein- und zweidimensionalen Raum. Denn
von den letzteren als Schnitten oder Grenzen innerhalb von ihm, als
die sie unselbständig-eingebettet in ihm sind, ist hier ja nicht die Re-
de, sondern mit dem Geometer nur von ihnen als uneingebettet-selb-
ständigen Räumen. Soll es sie auch noch als solche geben können, was
der Geometer ohne weiteres annimmt, dann auch nur aufseiten des
Subjekts und seiner Vorstellung von ihnen als dem durch sie Vor-
gestellten. Geben kann es sie deswegen nicht nur nicht aufseiten des
Objekts, sondern auch grundsätzlich nur diesseits des Objekts aufsei-
ten des Subjekts. So aber muß von Grund auf fraglich werden, wie es
denn erklärbar sein soll, daß der Raum aufseiten des Objekts als aus-
gerechnet dreidimensionaler auftritt, was bisher als bloßes Faktum
hingenommen wird: Das sei nun einmal so. Im Zuge einer durch-
geführten Grundgeometrie, die zwischen Punkt und Ausdehnung
jene Verhältnisse von Grund auf herzuleiten hat, bedarf jedoch, was
so nun einmal ist, einer Erklärung, die bis heute fehlt.
Denn als gerade dreidimensionaler Raum kann er aufseiten des
Objekts nur auftreten und nur verständlich werden, wenn ihm weni-
ger als dreidimensionaler irgendwie zugrundeliegt, weil sonst die
Dreizahl seiner Dimensionen unverständlich bleiben müßte. Dafür
aber können eindimensionaler oder zweidimensionaler Raum als
Schnitte oder Grenzen von ihm nicht in Frage kommen, weil sie ihn
bereits voraussetzen. Dafür in Frage kommt von ihnen vielmehr jeder
nur als seinerseits uneingebettet-selbständiger Raum, als der er ihm
zugrundeliegen müßte. Nur daß als ein solcher eben keiner von ihnen
aufseiten des Objekts verfügbar sein kann, sondern nur aufseiten des

246
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

Subjekts. Entsprechend bleibt als Rätsel ungelöst: Wie kann der


Raum aufseiten des Objekts, wo er als dreidimensionaler Raum der
Außenwelt anscheinend ein gegebener Raum ist, zu der inneren
Struktur seiner drei Dimensionen kommen? Wie kann das verständ-
lich werden, wenn doch trotz des Mangels jeder Diskretion dazwi-
schen deren jede im Kontinuum von dreidimensionalem Raum ein
jeweils eigener Raum sein muß? Denn die Gesamtstruktur, um die
es dabei geht, ist nun einmal der Inbegriff einer von Grund auf nicht-
reduktionistischen Struktur: in dem Sinn, daß sie weder durch Zu-
sammensetzen sich erstellen läßt, noch auch durch Auseinanderneh-
men sich ergründen läßt. Erstellen und ergründen läßt sie sich statt
durch die Zwei vielmehr nur als das Eine des Sich-Ausdehnens von
Punkt zu Ausdehnung nach dem Prinzip des logisch-ontologisch Mi-
nimalen.
Förmlich der Beweis dafür ist denn auch, daß im grundsätzlichen
Unterschied zu der nichtpunktuellen Ausdehnung von dreidimensio-
nalem Raum der zwei- und eindimensionale jeweils eine punktuelle
Ausdehnung von Raum als Zeit-Raum ist. Gerade dieser wesentliche
Unterschied dazwischen wird jedoch bis heute noch nicht hinreichend
beachtet, so daß nicht verwundert, wenn gerade für den dreidimen-
sionalen Raum als die nichtpunktuelle Ausdehnung von Raum eine
Erklärung noch bis heute aussteht. Um sie zu gewinnen, gilt es des-
halb auch erst einmal diesen wesentlichen Unterschied dazwischen
hinreichend zu sichern. Läuft er letztlich doch darauf hinaus, daß
dieser dreidimensionale Raum, der keine punktuelle Ausdehnung
mehr ist, dann eigentlich auch nicht mehr Zeit-Raum sein kann, weil
das wesentlich zusammenhängt. Und sichern läßt sich das, indem sich
zeigen läßt: Als punktuelle Ausdehnung kann auch der ein- und
zweidimensionale Raum dem Zeit-Modell noch unterworfen werden.
Dadurch läßt er sich wie jene bloße Zeit auch noch als diese nicht
mehr bloße Zeit von Zeit-Raum sicherstellen, wonach sie eine auch
noch weiter in sich widerspruchsfreie Struktur ist.
Möglich wird das, weil das neue Zeit-Modell ja wesentlich auf
jener Ausdehnung der Linie beruht, deren zwei Seiten nur zustande-
kommen können durch die Zweiseitigkeit des Sich-Ausdehnens von
jenem Punkt. Denn wie sich zeigen ließ, kann diese Zweiseitigkeit
keineswegs auf diese Ausdehnung von Punkt zu Linie beschränkt
sein. Vielmehr muß sie auch noch für die Ausdehnung des Punktuel-
len dieser Linie zu einer Fläche gelten wie auch für die Ausdehnung
des Punktuellen dieser Fläche noch zu einem Körper. War der Grund

247
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

dafür doch immerhin, daß auch nur dadurch das Symmetrisch-Iso-


trope dieses Raums in jeder seiner Dimensionen sich erklären läßt.
Und dieser Grund ist unabhängig davon, ob auf diese jeweilige Zwei-
seitigkeit solcher Ausdehnung, die er begründet, auch noch dieses
neue Zeit-Modell gestützt wird oder nicht. Denn dieser Grund dafür
ist eben nur die Zeit als jener Punkt oder als dieses Punktuelle dieser
Linie oder Fläche, doch nicht etwa das Modell für diese Zeit.
Um ihm auch diese Linie oder Fläche noch zu unterwerfen und
dadurch als Zeit-Raum abzusichern, muß man lediglich beachten,
worauf es zuletzt hinauslief. Denn gewonnen wurde dieses neue
Zeit-Modell doch letztlich nur durch ein genau geregeltes Verfahren,
im Modell die Raum-Erzeugung zu verhindern, um die Zeit-Erzeu-
gung zu gewinnen, wie sie dieser immer schon zugrundeliegen muß,
weil auch nur sie das erste logisch-ontologisch Minimale sein kann.
Und das lief darauf hinaus, die Ausdehnung von Zeit als Ausdehnung
des Punktes selbst zu modellieren, als die sie vor der Ausdehnung von
Raum vorweg noch nicht über den Punkt hinausgeht und so auch
noch nicht aus ihm heraus als Linie hervorgeht. Und so war es eben
statt der Linie als Ausdehnung von Raum vielmehr der bloße stetig-
neue Punkt als Ausdehnung von Zeit, was so sich modellieren ließ.
Die Art der Modellierung aber, die der eindimensionalen Ausdeh-
nung von Raum der Linie vorweg zunächst die nulldimensionale
Ausdehnung von Zeit als bloßem stetig-neuen Punkt gewinnt, läßt
sich verallgemeinern: Durchführen läßt sie sich sodann auch für das
jeweilige Punktuelle dieser Ausdehnung von Raum der Linie oder
Fläche, woraus jeweils die nächsthöhere Dimension der Ausdehnung
von Raum hervorgeht.
Gilt doch jene Zweiseitigkeit nicht allein für jenes erstere Her-
vorgehen von eindimensionalem Raum aus nulldimensionaler Zeit,
sondern auch noch für dieses weitere Hervorgehen von zwei- und
dreidimensionalem Raum aus ein- und zweidimensionalem Raum.
Denn wie bereits die erste Dimension von Raum aus jenem Punkt
der Zeit gerade zweiseitig hervorging, so geht auch die zweite und
die dritte Dimension von Raum aus diesem Punktuellen seines jewei-
ligen Vorgängers gerade zweiseitig hervor. Ist es in jedem Fall doch
Punkt bzw. Punktuelles, was dabei zu Raum sich ausdehnt, nämlich
Punkt von bloßer Zeit bzw. Punktuelles nicht mehr bloßer Zeit als
Zeit von Zeit-Raum. Und so läßt auch hier sich das Sich-Ausdehnen
zu solcher Ausdehnung auf einer Seite beibehalten und auf anderer
Seite durch Sich-Eindehnen ersetzen, so daß an Sich-Ausdehnen von

248
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

vornherein vorweg Sich-Eindehnen sich anschließt. Und so wird im


Anschluß an Entstehen von Ausdehnung auch hier anstatt Bestehen
von Ausdehnung vielmehr Vergehen von Ausdehnung erzeugt, wo-
durch anstatt von Raum-Erzeugung eben Zeit-Erzeugung modelliert
wird: Wie dadurch anstatt von jenem eindimensionalen Raum der
Linie vielmehr jener stetig-neue Punkt als das Modell für bloße Zeit
entsprang, entspringt auch hier anstatt von diesem zwei- und drei-
dimensionalen Raum der Fläche und des Körpers vielmehr dieses ste-
tig-neue Punktuelle seines jeweiligen Vorgängers. Und das ist das
Modell für nicht mehr bloße Zeit als Zeit von Zeit-Raum.
Damit aber unterliegt solche Verallgemeinerung von solcher
Modellierung dann einer Bedingung: Auch für ein- und zweidimen-
sionalen Raum noch durchführbar ist sie nur, weil ja auch die Aus-
dehnung von diesem Raum jeweils noch eine punktuelle ist. Verall-
gemeinern läßt das Zeit-Modell sich deswegen auch nur von jener
Ausdehnung der Zeit als jenem Punkt auf dieses Punktuelle dieser
Ausdehnung von Raum als ein- und zweidimensionalem: nicht je-
doch auch über dieses Punktuelle noch hinaus auf das Nichtpunktuel-
le jener Ausdehnung von Raum als dreidimensionalem. Daß ihm als
der dreidimensionalen Ausdehnung das Punktuelle fehlt, bedeutet
nämlich, daß sie als die vollständige Ausdehnung von jenem Punkt
die letzte ist, zu der sich jener Punkt ausdehnen kann und muß, um
vollständig sich auszudehnen. Und so fehlt am dreidimensionalen
Raum bereits der Grund und Ursprung, aus dem sich noch weiterer
Raum, nämlich auch vierdimensionaler noch ausdehnen könnte oder
sogar müßte.
Damit aber fehlt für eine Anwendung des Zeit-Modells auch
noch auf dreidimensionalen Raum dann schon die Möglichkeit. So
nämlich kann es nicht mehr möglich werden, ein Hervorgehen von
vierdimensionalem Raum aus dreidimensionalem zu verhindern, um
dadurch stattdessen im Modell auch noch den dreidimensionalen
Raum als Zeit-Raum zu gewinnen. Und das zeigt die Unanwendbar-
keit des Zeit-Modells auf diesen dreidimensionalen Raum im Unter-
schied zu seiner Anwendbarkeit auf den ein- und zweidimensionalen.
Damit ist sie auch geradezu der Aufweis für den grundsätzlichen Un-
terschied von punktueller Ausdehnung der ersten beiden Räume und
nichtpunktueller Ausdehnung als reiner Ausdehnung des letzten,
dreidimensionalen Raumes.
Dies jedoch hat weitere Folgen für die Auffassung, wonach es
möglich sei, die Zahl der Dimensionen eines Raumes nach Belieben

249
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

und Bedarf zu wählen. 4 Denn bereits für das Hinausgehen über drei-
dimensionalen Raum zu vierdimensionalem Raum fehlt dann dem
dreidimensionalen nicht nur dieses Punktuelle als der Grund und Ur-
sprung für den vierdimensionalen. Vielmehr fehlt ihm eben damit
dann auch noch das Zweiseitige des Sich-Ausdehnens von diesem
Punktuellen zu der weiteren Ausdehnung von vierdimensionalem
Raum. Nur dieses Zweiseitige aber ist der Grund und Ursprung für
das Isotrop-Symmetrische als das Spezifische von Raum verglichen
mit dem Anisotrop-Asymmetrischen als dem Spezifischen von Zeit. 5
Und dennoch legt man, so als ob das selbstverständlich sei, auch mehr
als dreidimensionale Räume noch als isotrop-symmetrische zugrun-
de, ohne daß man dies begründen könnte: So wie man ja schon beim
dreidimensionalen Raum als selbstverständlich ansieht, daß »die drei
unendlichen Dimensionen, die unseren Raum konstituieren, qualita-
tiv dieselben sind«, 6 was nunmehr aber offenkundig nicht der Fall ist.
Und zusammen hängt das eben damit, daß man schon von vornherein
für selbstverständlich hält, infolge dieser Dreiheit als der Vielheit
seiner Dimensionen sei der Raum reduktionistisch zu begreifen und
auch zu behandeln: Ihrzufolge sei er schon von Grund auf eine Sache
bloßen Auseinandernehmens und Zusammensetzens, womit nach
Belieben und Bedarf sich weitermachen lasse, 7 womit man in Wahr-
heit aber an der Sache selbst von vornherein vorbeigeht.
Offenkundig wird das daran, daß es sich bei diesen Dimensionen
nicht um Teile, sondern nur um Glieder dieses Raumes handelt, weil
es keine Diskretionen zwischen seinen Dimensionen gibt. Und den-
noch läßt sich deren Dreiheit nicht erst quantitativ zählen, sondern
dem zuvor schon qualitativ unterscheiden, weil die Art der Dreifach-
Gliederung ihres Kontinuums von Ausdehnung als Selbstausdeh-
nung jenes Punktes herleitbar ist. Und Ergebnis solcher Herleitung
ist eben: Nicht nur trotz, sondern gerade in Gestalt seiner drei Glieder
ist dieses Kontinuum das schon von Grund auf Nichtreduktionisti-

4 Vgl. dazu schon oben § 4.


5 Nur dieses jeweils Zweiseitige des Sich-Ausdehnens von Punkt bzw. Punktuellem
als Synthese dieses oder jenes Raums vermag ja jenes Faktum zu erklären, das sonst
unerklärlich bleiben müßte: Umgekehrt muß deshalb jede Analyse als die Teilung
oder Schneidung dieses oder jenes Raums gerade zu zwei Teilen führen und einer
Grenze oder einem Schnitt als Punkt bzw. Punktuellem zwischen ihnen.
6 Randall 2008, S. 58.

7
So beispielsweise a. a. O. auf Schritt und Tritt, vgl. etwa S. 17–69.

250
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

sche der unlösbaren Einheit oder Ganzheit als Dynamik der Erzeu-
gung seiner Dreifach-Ausdehnung.
Entsprechend kommt auch alles darauf an, eine Begrifflichkeit
dafür zu bilden, die entfaltet: Dies geht auf eine Dynamik des Er-
zeugtwerdens zurück, nicht etwa auf die Statik des Gegebenseins
von etwas, das sich auseinandernehmen und zusammensetzen lasse.
All der Aufwand, wie er für diese Begrifflichkeit getrieben wird, ist
denn auch deshalb nötig, weil es dabei gilt, dieses Dynamische dyna-
misch auch zu lassen und nicht dadurch, daß man es begreift, zu
etwas Statischem zu machen. Letzteres pflegt nämlich die Mathema-
tik selbst dort zu tun, wo sie als ein Infinitesimalkalkül zum Beispiel
auch Dynamiken behandelt, nämlich letztlich mengentheoretisch. 8
Mit reduktionistischer Begrifflichkeit von etwas Statischem ist all
diesem Dynamischen jedoch von vornherein nicht beizukommen.
Zugang zu ihm kann man nur gewinnen, wenn man dies Dyna-
mische, das letztlich das der Zeit ist, als etwas Dynamisches auch noch
begrifflich festhält. Deshalb ist auch nicht verwunderlich, daß die
Mathematik, Geometrie und mathematisch-geometrische Physik ge-
rade das Dynamische der Zeit bis heute noch nicht in den Griff be-
kommt.
Nur wenn man es durch die Begrifflichkeit von ihm im Griff
behält, bekommt man nämlich ferner in den Blick, welch ein Problem
dann auch noch dieser letzte, dreidimensionale Raum im Unterschied
zum Zeit-Raum und zur Zeit sein muß, wenn er kein Zeit-Raum
mehr sein kann. Denn in Ermangelung dieser Begrifflichkeit ist Kant
wie mit der Zeit auch mit dem Raum in einer ausweglosen Lage. 9
Spätestens seit der Dissertation von 1770 nämlich ist er sich im kla-
ren: Ihrem subjektiven Ursprung nach muß zwischen Raum und Zeit
nicht nur jenes Verhältnis ihres Vorrangs vor ihm oder seines Nach-
rangs nach ihr gelten. Vielmehr kann der Raum als der in diesem
Sinne subjektive dann auch nur ein Raum sein, der auch seinerseits,
als Raum, das Wesen dieser Zeit als Grundstruktur des Subjekts
selbst hat. Und das spricht er auch unmißverständlich aus, indem er
von der Zeit sagt: »In ihren Beziehungen umfaßt [die Zeit] als solche
alles [Subjektive] überhaupt, nämlich den Raum selbst«. 10

8 Vgl. z. B. Weyl 1990, S. 62 ff., S. 66 ff.; Zellini 2010, S. 193 ff.


9
Vgl. dazu etwa Dörflinger 2002, S. 12 f.
10 Bd. 2, S. 405, Z. 30–32: complectendo omnia omnino suis respectibus, nempe spa-

tium ipsum.

251
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Zumindest durch Behauptung nämlich wird damit der Raum als


Zeit-Raum schon von Kant vertreten, auch wenn eine nähere Be-
gründung für diese Behauptung ausbleibt. So jedoch muß bei ihm
problematisch bleiben, was dies auch nur als Behauptung eigentlich
bedeuten könnte. Ist ihm doch auch schon allein für das Dynamische
der Zeit noch keine angemessene Begrifflichkeit verfügbar und mit-
hin erst recht auch nicht für das Dynamische von so etwas wie Raum
als Zeit-Raum. Nicht verwundern dürfte denn auch: Alles andere als
geheuer war es Kant, etwas von diesem Rang hier zu vertreten, weil
er es bereits behaupten muß, doch nicht auch schon begründen kann.
Kein Wunder jedenfalls, daß Kant nach 1770 sich zurückhält, solches
Abhängen des Raumes von der Zeit ausdrücklich nochmals zu be-
haupten: Eher hält er dessen Folgerichtigkeit sogar im Hintergrund,
indem er nicht mehr, wie in der Dissertation, die Zeit schon vor dem
Raum behandelt, 11 sondern nunmehr umgekehrt den Raum schon
vor der Zeit behandelt, wie seit der Kritik der reinen Vernunft von
1781. 12
Bewundernswert ist deshalb, wie Hans Vaihinger gesehen hat,
daß trotzdem diese Folgerichtigkeit aus diesem Hintergrund gele-
gentlich noch einmal durchscheint, wie zum Beispiel in dem überlan-
gen Satz, 13 den er entsprechend auslegt. 14 Daß nach Vaihinger jedoch
»befremden« muß, wenn Kant dies so zurückhält, liegt nur daran, daß
er anders als Kant selbst wohl unterschätzt, was es erfordert hätte,
auch noch die Begründung für diese Behauptung zu entwickeln.
Denn gerade weil »die fundamentale Bedeutung der Zeitform später
immer stärker hervortritt, und sich dieselbe sogar als die Grundlage
der ganzen Analytik entpuppt«, 15 hätte dies eine Begrifflichkeit erfor-
dert, die Kant noch nicht zur Verfügung hatte: Nicht nur hätte er
dann müssen unterscheiden können zwischen Zeit und Raum, die er
als »extensive Größen« aber gar nicht unterscheiden konnte. 16 Viel-

11 Vgl. Bd. 2, S. 398 mit S. 402.


12
Vgl. A 22 B 37 mit A 30 B 46.
13 A 34 B 50: »Dagegen […] äußeren Erscheinungen«. Denn dem Gesamtgedanken-

gang gemäß müßte in diesem Satz nach dem »…, so ist …« recht eigentlich »[d]er
Raum« noch einmal aufgegriffen werden, um zuallererst für ihn die Folgerung
»…, so ist …« zu ziehen, wovor Kant jedoch zurückweicht und sich auf die bloßen
»äußeren Erscheinungen« zurückzieht: Sind »Erscheinungen« doch »äußere« nur
durch »den Raum«.
14
Vaihinger 1892, Bd. 2, S. 396.
15 A. a. O., S. 397.

16
Vgl. dazu oben § 5.

252
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

mehr hätte Kant dann insbesondere auch innerhalb des Raumes selbst
noch müssen unterscheiden können, nämlich zwischen ihm als Zeit-
Raum und als Nicht-Zeit-Raum.
Denn Kant zufolge gibt es Raum trotz seines Ursprungs im Sub-
jekt nicht nur als subjektiven Raum, als Zeit-Raum, sondern ohne
Frage auch als objektiven Raum, 17 als Nicht-Zeit-Raum. Der Unter-
schied dazwischen aber ist tatsächlich einer innerhalb des Raumes,
nämlich zwischen ein- bzw. zweidimensionalem Raum als punktuel-
ler Ausdehnung von Zeit-Raum und nichtpunktueller Ausdehnung
von dreidimensionalem Raum als Nicht-Zeit-Raum. Doch nicht ein-
mal von fern hat Kant gesehen: Gerade er, der diesen Raum doch –
gleichsam monolithisch – immer nur als einen auffaßt, müßte aus-
gerechnet innerhalb von diesem einen zwischen grundverschiedenen
Räumen unterscheiden können. Denn das hätte die Probleme, die er
mit dem einen als dem dreidimensionalen Raum ja ohnehin schon
hatte, bis zum äußersten für ihn verschärfen müssen: Daß der dreidi-
mensionale als der objektive nur ein Nicht-Zeit-Raum sein könnte,
hätte ihn zunächst einmal aufs äußerste verstören müssen. Damit
nämlich hätte er ihm nur als einer gelten können, der dadurch von
seinem subjektiven Ursprung gleichsam abgeschnitten wäre und so-
nach auch nicht mehr Form von Dingen als »Erscheinungen« sein
könnte, sondern höchstens noch von ihnen als »Ansichsein«. Und
das hätte ihm als ein Zusammenbruch seiner gesamten Systematik
gelten müssen.
Dieser Eindruck nämlich wäre ihm nur dann erspart geblieben,
wenn er eine Antwort auf die Frage hätte geben können: Wie denn
wird ein Raum, der ursprünglich ein subjektiver ist, zu einem objek-
tiven Raum, der doch wohl irgendwie aus diesem subjektiven abge-
leitet sein muß? Oder schärfer: Worin soll das Objektive dieses
Raums im Unterschied zum Subjektiven jenes Raums denn eigentlich
bestehen, wenn dieses Objektive letztlich nur das objektive Subjekti-
ve jenes Raums sein soll? Spricht Kant doch immer nur von einem
Raum, der beides sei: bald subjektiv (»transzendental ideal«) und bald
objektiv (»empirisch real«). 18 Denn durchaus nicht heißt das etwa,
Kant durch diese Frage ungerechtfertigterweise in die Enge treiben.
Kann doch seine Unbekümmertheit in dieser Hinsicht sogar so weit
gehen, durch einen kurzen Satz in einem Atemzug zu sagen: »Es gibt

17 Vgl. z. B. A 28 B 44.
18
Vgl. a. a. O.

253
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

aber auch außer dem Raum keine andere subjektive […] Vorstellung,
die apriori objektiv ist«. 19 Denn zunächst einmal ist er gerade als der
subjektive apriori, so daß er als einer und derselbe apriori subjektiv
wie apriori objektiv sein soll.
Ja dieser Mangel einer Unterscheidung zwischen ihm als diesem
und als jenem droht bei Kant sogar zu einem Widerspruch zu führen.
Soll doch »der Raum« gerade das Entscheidende an der »Beharrlich-
keit« als »Schema« der »Substanz« sein, 20 »weil der Raum allein be-
harrlich bestimmt«. 21 Denn das Beharren von »Beharrliche[m]« 22
kann ja nur ein Bestehen von etwas sein, das gegen den Verlauf der
Zeit auftritt, so daß der Raum als das formal daran Beteiligte ein
objektiver wäre. Und als solcher stünde dann »der Raum« im Wider-
spruch zu sich als subjektivem Zeit-Raum. Denn als dieser soll er ja
gerade kein Beharren sein, sondern bloß ein Bestehen von Ausdeh-
nung, das mit Entstehen wie auch Vergehen von Ausdehnung als dem
Verlauf der Zeit einhergeht, nämlich stetig-neu mit ihr als stetig-
neuer.
Jene Frage ohne Antwort lautet demnach: Wie kann Raum, der
apriori subjektiv ist, denn genauso apriori objektiv sein? Und sie hat
Gewicht, weil Kant ja erst im Zuge seiner kritischen Philosophie den
Raum als apriori dreidimensional betrachtet. Denn in vorkritischer
Zeit, wo ihm der Raum noch nicht als apriori gilt, zeigt sich sogar
auch Kant schon offen für die angebliche Möglichkeit, daß Raum
auch mehr als dreidimensional sein könnte. 23 So vertritt hier also
auch schon Kant, was die Mathematik, Geometrie und mathema-
tisch-geometrische Physik bis heute noch vertreten. Denn er bringt
die Dreidimensionalität des Raums mit dem Gravitationsgesetz bei
Newton in Zusammenhang, weil es invers von dem Quadrat des Ab-
stands zwischen den Objekten abhängt. Und so könnte, wäre dies
Gesetz als ein empirisch-faktisches ein anderes, entsprechend auch
die Dimensionszahl dieses Raumes eine andere sein, weil je nach Zahl
der Dimensionen die Gravitationskraft stärker oder schwächer ist. 24
Und folgerichtig ist sich Kant schon damals sicher: »Eine Wissen-
schaft von allen diesen möglichen Raumesarten wäre unfehlbar die

19 A. a. O. (kursiv von mir).


20 Vgl. z. B. A 144 B 183, B 225, B 291.
21 B 291.
22
A. a. O.
23 Vgl. Bd. 1, S. 23 ff.
24
Vgl. a. a. O., S. 24.

254
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

höchste Geometrie, die ein endlicher Verstand unternehmen könn-


te«, 25 was heute ganz im Sinne jener Wissenschaften ist.
Versuchen doch auch sie, diesen Zusammenhang zwischen Gra-
vitationsgesetz und Dimensionszahl dieses Raumes zu benutzen, um
erklären zu können, weshalb im Vergleich zu anderen Kräften die
Gravitation so schwach ist, wie sie ist. Je größer nämlich diese Zahl
von Dimensionen ist, in die hinein sich diese Kraft erstreckt, je
schwächer ist sie, und entsprechend großzügig verfährt man bei der
Wahl von dieser Zahl. 26 Und auf die Frage, die sich demzufolge stellen
muß, gibt damals Kant dieselbe Antwort wie auch diese Wissenschaf-
ten heute: »Die Unmöglichkeit, die wir bei uns bemerken, einen
Raum von mehr als drei Abmessungen uns vorzustellen, scheint mir
daher zu rühren, weil unsere Seele ebenfalls nach dem Gesetze [der
Gravitation] die Eindrücke von draußen empfängt, und weil ihre Na-
tur selber dazu gemacht ist, nicht allein so zu leiden, sondern auch auf
diese Weise außer sich zu wirken.« 27 Schließlich sei das alles doch
auch nur die Sache evolutionärer Zufälligkeit, wie man heute ganz
im Sinne dieser Auffassung des jungen Kant hinzuzufügen pflegt.
Was Kant durch seinen Schritt zur kritischen Philosophie ver-
läßt, ist denn auch nichts geringeres als dieser Standpunkt. Nur von
ihm her kann man sehen, worauf er sich damit einläßt. Ist es doch von
dort her erst einmal ein Wagnis, wenn er die »Unmöglichkeit«, sich
mehr als dreidimensionale Räume vorzustellen, nicht mehr als bloße
Zufälligkeit abtut und sie so um ihren strengen Sinn einer Notwen-
digkeit beschneidet, sondern ihr als einer Apriorität der Sache selbst
gerecht zu werden sucht: als einer Apriorität des vorstellenden Sub-
jekts selbst. Zumal mit ihrer Auffassung als einer Zufälligkeit doch
auch nichts erklärt ist, weil sie letztlich Dreidimensionalität auf Drei-
dimensionalität zurückführt, was als unhaltbarer Zirkel einem jun-
gen Kant bald klargeworden sein wird. Sie vielmehr für eine Apriori-
tät zu halten, die dem vorstellenden Subjekt selbst entspringt, heißt
denn auch letztlich: Diese Dreidimensionalität als die Geometrie des
Objekts muß zurückzuführen sein auf die Geometrie des Subjekts,
sprich, auf die Geometrie des Vorstellens von etwas dadurch Vor-
gestelltem. Und die letztere ist es, die Kant trotz seiner Überzeugung,
daß sie möglich sein muß, nicht gefunden hat.

25
A. a. O.
26 Vgl. z. B. Randall 2008, S. 66.
27
A. a. O., S. 24 f.

255
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Sie nämlich hätte nicht einfach eine Geometrie der Dreidimen-


sionalität von Raum des Objekts mehr sein können. Vielmehr hätte
sie eine Geometrie sein müssen, aus der die der Dreidimensionalität
von Raum des Objekts sich zuletzt ergibt und sich auch nur ergeben
kann, wenn erstere als diejenige des Subjekts noch gänzlich diesseits
der Geometrie des Objekts bleibt. Denn zwischen Subjekt und Objekt
muß doch wohl zweifellos ein Unterschied bestehen. Deshalb hätte
das auch nur eine Geometrie der Zwei- und Ein- und Nulldimensio-
nalität von Ausdehnung als Diesseits solcher Dreidimensionalität von
Ausdehnung sein können, was Kant als Geometrie von Raum als
Zeit-Raum und von Zeit jedoch nicht mehr entwickelt hat.
Nur wenn man das berücksichtigt, kann man vermeiden, einem
Mißverständnis zu erliegen, wenn man sieht, wie schwankend Kant
in seiner kritischen Philosophie sich dazu äußert. Denn da ist zu-
nächst einmal die Fülle von Belegen dafür, daß er von der Möglichkeit
einer in diesem Sinne apriorischen Geometrie tatsächlich überzeugt
ist. Danach ist etwa der Raum »eine notwendige Vorstellung a prio-
ri […], die notwendigerweise äußeren Erscheinungen zum Grunde
liegt«; und »auf diese Notwendigkeit a priori gründet sich die apodik-
tische Gewißheit aller geometrischen Grundsätze [,] und die Mög-
lichkeit ihrer Konstruktionen a priori«, weshalb »kein Raum […],
der mehr als drei Abmessungen hätte«, vorstellbar sei. 28 »Denn die
geometrischen Sätze sind insgesamt apodiktisch, d. i. mit dem Be-
wußtsein ihrer Notwendigkeit verbunden, z. B. der Raum hat nur drei
Abmessungen«. 29 All dem nämlich liege letztlich »Anschauung« zu-
grunde, die als »a priori[-]reine« 30 eine Anschauung von »Ausdeh-
nung« 31 sei als dem Vorgestellten durch sie als die Vorstellung von
ihm, was dem »Subjekt« entspringe. 32
Dieser größere 33 und allgemeinere Zusammenhang ist es sonach,
den Kant behauptet und in dem dann die speziellere Behauptung auf-
tritt: Als »der vollständige« sei der Raum ein dreidimensionaler, weil
er »keine Grenze eines anderen Raumes mehr ist« wie ein zweidi-
mensionaler oder eindimensionaler als die Grenze dieses dreidimen-

28 A 24 B 38 f.
29 B 41.
30 A. a. O.
31
B 66.
32 B 41.
33
Vgl. dazu auch noch Bd. 8, S. 220 ff., S. 249 f. Bd. 20, S. 278 f., S. 286, S. 356, S. 367.

256
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

sionalen. 34 Und eine speziellere Behauptung ist sie in dem Sinn, daß
sie schon der Versuch einer Begründung für die erste ist, auch wenn
dieser Versuch von Kant mißlingen muß. Doch anders als in jenem
Fall hat er in diesem Fall anscheinend nicht sofort gesehen, daß auch
dies ein Zirkel sein muß, weil auch dafür dieser dreidimensionale
Raum bereits vorausgesetzt ist. Dennoch zeigt auch dieser scheitern-
de Versuch schon deutlich, welche Art der Herleitung ihm für das
Dreidimensionale dieses Raumes vorschwebt, nämlich eine aus dem
weniger als Dreidimensionalen her. Nur müßte er es dafür, statt als
von ihm abhängige »Grenze«, auch als etwas von ihm Unabhängiges
einführen, was eben nur von dem sich ausdehnenden Punkt her mög-
lich ist: Die vollständige Ausdehnung von diesem Punkt ist dieser
dreidimensionale Raum nicht dadurch, daß er »keine Grenze […]
mehr ist«, sondern daß er keine punktuelle Ausdehnung mehr ist,
was zu diesem bloß Analytischen das ihm entsprechende Syntheti-
sche bedeutet. Und nur weil er diesen Weg nicht mehr gefunden und
beschritten hat, gerät Kant immer mehr in Zweifel darüber, was es
mit Zeit und Raum als diesem dreidimensionalen auf sich hat.
So etwa plagt ihn dabei mehrfach, daß er sich gestehen muß:
»[W]arum Zeit und Raum die einzigen Formen unserer möglichen
Anschauung sind«, dafür »läßt sich [… k]ein Grund angeben«, 35 so
daß »sinnliche Anschauung« auch »von anderer Art als die im Raume
und der Zeit« sein könnte, 36 weil auch »[a]ndere Formen der An-
schauung (als Zeit und Raum) […] möglich wären«. 37 Und insbeson-
dere für den Raum führt das am Ende dazu, daß Kant jede Hoffnung
aufgibt, eine Herleitung für dessen Dreidimensionalität zu finden:
»[S]o ist selbst das [R]ealwesen von Raum und Zeit und der erste
Grund, warum jenem drei, dieser nur eine Abmessung zukomme,
uns unerforschlich; eben darum, weil das logische Wesen analytisch,
das Realwesen synthetisch und a priori erkannt werden soll, da dann
ein Grund der Synthesis der erste sein muß, wobei wir wenigstens
stehen bleiben müssen.« 38 Von Wichtigkeit ist deshalb, festzuhalten:
Trotzdem kann dies alles keinesfalls bedeuten, daß Kant etwa zu der
ursprünglichen Auffassung in seiner frühen Zeit zurückkehrt, diese

34 Bd. 4, S. 284 f.
35 B 146.
36
B 139.
37 A 230 B 283. Vgl. auch noch B 150, B 155.
38
Bd. 11, S. 37 (Hervorhebung im Original).

257
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Dreidimensionalität des Raumes sei bloß eine Zufälligkeit. Sämtliche


Belege, die es dazu gibt, sind vielmehr Ausdruck für die außerordent-
liche Schwierigkeit der Sache selbst, die zu bewältigen hier ansteht.
Spricht Kant im zuletzt Zitierten mit »wir wenigstens« doch offen-
kundig von sich selbst und hebt sonach hervor, daß er zumindest die-
sen »Grund der Synthesis« dafür nicht finden kann. Und diese
Schwierigkeit besteht als die der Sache selbst bis heute fort, worüber
keine Täuschung herrschen sollte. 39
Denn in vollem Umfang gilt das auch noch für die Herleitung
und ihr Ergebnis, soweit sie bis hierhin vorgetragen wurden. Beide
laufen auf genau dieselbe Schwierigkeit der Sache selbst hinaus, die
auch nur deshalb schon für Kant so ausführlich entwickelt wurde.
Denn was heißt es eigentlich, wenn das Ergebnis lautet: Nicht um
etwas immer schon Gegebenes und Statisches kann es bei Zeit und
Raum sich handeln, sondern ganz im Sinn von Kant nur um etwas
Dynamisches, weil immer erst noch zu Erzeugendes? Gilt für den
Raum doch beides letztere wie für die Zeit auch vorerst nur als Zeit-
Raum und mithin auch vorerst nur bis einschließlich von ihm als
letzter punktueller Ausdehnung des zweidimensionalen Raums. Als
dreidimensionaler Raum jedoch, als der er nicht wie ein- und zwei-
dimensionaler eine punktuelle Ausdehnung mehr ist, kann er dann
auch nicht mehr ein Zeit-Raum sein.
Wie aber sollte er als dreidimensionaler Nicht-Zeit-Raum dann
auch noch seinerseits ein Raum als ein dynamisch erst noch zu erzeu-
gender sein können, wenn auch er das doch nur aus der Zeit als dem
Subjekt heraus sein könnte? – Oder gar noch umgekehrt: Läßt sich
dynamisch aus dem Subjekt als der Zeit heraus ein Raum denn über-
haupt als etwas anderes erzeugen denn als Zeit-Raum und sonach
auch nur bis einschließlich von zweidimensionalem und mithin gera-
de nicht auch noch bis einschließlich von dreidimensionalem Raum
als Nicht-Zeit-Raum? – Ja auch sogar noch weiter gehend: Mag der
dreidimensionale Raum auch noch so sehr als Nicht-Zeit-Raum, weil
als nichtpunktuelle Ausdehnung erwiesen sein, so kann er doch nur

39 So meint man einerseits, wie schon zitiert, entschieden, daß »die drei unendlichen
Dimensionen, die unseren Raum konstituieren, qualitativ dieselben sind« (Randall
2008, S. 58). Zum anderen muß man gestehen: »Wir wissen nicht, warum drei Di-
mensionen so etwas Besonderes sein sollten«, auch wenn es sich dabei doch um unsere
Außenwelt »in den drei räumlichen Dimensionen« handelt, »die wir kennen« (a. a. O.,
S. 78). Ja sogar: Das »macht einem bewußt, wie wenig wir über den Raum wissen, in
dem wir leben« (a. a. O., S. 81).

258
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

aus der punktuellen Ausdehnung von zweidimensionalem Raum her-


vorgehen. Muß er dann jedoch – als der aus solcher punktueller Aus-
dehnung von zweidimensionalem Raum heraus erst zu erzeugende –
nicht trotzdem auch noch seinerseits als bloßer Zeit-Raum sich er-
geben? Ist doch dieser zweidimensionale Raum, aus dem er sich er-
gibt, als solcher selbst nur Zeit-Raum. Warum also kann denn nicht
auch für den dreidimensionalen Raum noch gelten: Wie mit stetig-
neuer Zeit auch stetig-neuer Zeit-Raum als der eindimensionale
Raum einhergeht und mit diesem auch der stetig-neue zweidimen-
sionale Zeit-Raum noch einhergeht, so mit diesem auch der drei-
dimensionale Raum noch als ein stetig-neuer Zeit-Raum?
Denn zwar zeigt das Zeit-Modell, indem es unanwendbar auf ihn
ist, daß er kein Zeit-Raum ist und so im Unterschied zu einem Zeit-
Raum als dem subjektiven Raum ein objektiver ist. Doch zeigt dassel-
be Zeit-Modell, indem es anwendbar auf ein- bis zweidimensionalen
ist, daß der sehr wohl ein Zeit-Raum ist. Und damit wird durch dieses
selbe Zeit-Modell auch nichts geringeres befestigt als die vorerst wei-
ter unbeantwortbare Frage: Wie denn soll sich ausgerechnet an den
Zeit-Raum als den subjektiven Raum der objektive Raum als Nicht-
Zeit-Raum anschließen können? Denn das heißt, daß aus demselben
Grund: aus dem sich ausdehnenden Punkt heraus, zunächst sogar
zwei Zeit-Räume als subjektive Räume und zuletzt nur noch ein
Nicht-Zeit-Raum als objektiver Raum entspringen müssen.
Wie aber soll das verständlich werden können, daß zunächst nur
eine Zeit wie auch zuletzt nur ein Raum als der Nicht-Zeit-Raum
entspringen kann, der Zeit-Raum zwischen ihnen aber ausgerechnet
als zwei Zeit-Räume entspringen muß? Dies nämlich ist nicht etwa
dadurch zu erklären, daß am Zeit-Raum als der Überlagerung von
Zeit und Raum dann eben diese zwei beteiligt sind. Das bleibt viel-
mehr ein zusätzliches ungelöstes Rätsel, dessen Lösung sich im Zuge
der Gesamtlösung noch zusätzlich ergeben müßte. Denn im einzel-
nen entfaltet, sind all diese Fragen doch im wesentlichen jene, die
bereits bei Kant sich stellen müssen und sich hierdurch nur verschär-
fen können: Erste Schritte vorzugehen auf dem Weg, den Kant weder
gefunden noch beschritten hat, 40 führt Schritt für Schritt auch nur

40
Wie er schon selbst bemerkt, indem er von der »Dunkelheit« in seinen Texten
spricht und sagt, sie sei »auf einem Wege, der noch ganz unbetreten ist, anfänglich
unvermeidlich« (vgl. A 98).

259
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

noch weiter in die Schwierigkeit hinein, vor der Kant selber »stehen
bleiben« mußte.
Gewinnt doch jede dieser Fragen auch noch ihre letzte Schärfe
durch die Logik und Ontologie des jeweils Minimalen, die dabei zu-
grundeliegt. Die nämlich läßt nicht locker, sondern bleibt so unerbitt-
lich-zwingend bis zur letzten Folgerichtigkeit.
Die erste ist der Schritt, daß ursprüngliche bloße Zeit die Aus-
dehnung sein muß, die ein zu ihr sich ausdehnender Punkt »nur in-
nerhalb« von sich besitzt. Und diese Logik ist die der Ontologie, daß
hier Entstehen von Ausdehnung erfolgt, an das Vergehen von dieser
Ausdehnung sich anschließt, so daß der zu ihr sich ausdehnende
Punkt dadurch zum stetig-neuen Punkt als Zeit wird.
Diese Logik aber, die mit diesem »nur …« als erstem minimalen
Schritt beginnt, tut dann als nächsten minimalen eben den, zu dem
sie fortschreitet durch »nicht nur …, sondern auch …«. Und das ist
nach dem ersten minimalen Schritt als zweiter minimaler der zu
»nicht nur innerhalb« von sich, »sondern auch außerhalb« von sich
und so zu »innerhalb und außerhalb« von sich. Und diese Logik ist die
der Ontologie, daß hier Entstehen von Ausdehnung erfolgt, an das
Vergehen von dieser Ausdehnung sich anschließt, doch an letzteres
auch noch Bestehen von Ausdehnung sich anschließt.
Demgemäß wird der zu ihr sich ausdehnende Punkt nicht nur
zum stetig-neuen Punkt der Ausdehnung von Zeit, sondern auch
noch zur stetig-neuen punktuellen Ausdehnung von Zeit-Raum.
Und das ist denn auch die Einheit oder Ganzheit von zwei Arten einer
Gattung, zwischen denen jenes Vor und Nach als logisches Gefälle
waltet, so daß deren Überlagerung auch widerspruchsfrei ist: Durch
Zeit mit Raum als Zeit-Raum ist das alles nur die innere Gliederung
der Einheit oder Ganzheit eines Subjekts, das formal zu einem Vor-
stellen von etwas dadurch vorgestelltem Anderen wird. Denn so ge-
wiß es als der Raum schon etwas außerhalb von Punkt ist, bleibt es
doch als Zeit-Raum und mithin als Zeit noch etwas innerhalb von
Punkt. Und damit handelt es bei dieser Einheit oder Ganzheit als
dem Gegenüber zwischen Vorstellung und vorgestelltem Anderen
sich insgesamt noch immer um das Stetig-Neue von Subjekt als
Punkt der Zeit.
Dann aber kann es in der Reihenfolge solcher Logik und Onto-
logie, die mit dem ersten Schritt des »nur …« beginnt und mit dem
zweiten Schritt des »nicht nur …« fortschreitet zum »…, sondern
auch …«, bloß einen weiteren Schritt noch geben, der als nächster

260
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

und mithin als dritter auch bereits der letzte ist. Noch einmal durch
ein weiteres »… nicht …« zu einem weiteren »…, sondern …« fort-
zuschreiten, kann nur dazu führen, vom »… auch …« des zweiten
Schrittes abzugehen, um weiter vorzugehen zu einem neuen
»… nur …« als dem genauen Gegen-»… nur …« zu jenem ersten.
Und das läuft denn auch zuletzt darauf hinaus, daß sich durch diesen
dritten Schritt ergeben muß »nur außerhalb« von sich: als das ent-
sprechend Positive für das Negative »nicht auch innerhalb« von sich.
Im ganzen muß das folglich auch soviel wie »Punkt mit Ausdehnung
nur außerhalb von sich und nicht auch innerhalb von sich« bedeuten.
Und als letzter Schritt ist dieser dritte dann nicht nur der letzte mini-
male; vielmehr ist er auch zugleich noch derjenige, der als letzter
Schritt das Maximale, das an solchen Schritten möglich ist, vervoll-
ständigt zu einer in sich unlösbaren Einheit oder Ganzheit.
Denn als letzter Schritt in dieser Reihenfolge setzt er ja auch
jeden seiner Vorgänger voraus, weil dieser letzte ja auch nur mit je-
dem seiner Vorgänger zusammen seinen Sinn bekommen kann. Und
der muß es als einer im Zusammenhang von deren unlösbarer Einheit
oder Ganzheit dann auch in sich haben. Denn was diese Logik solcher
Einheit oder Ganzheit sicherstellt, ist nicht nur: Weder zwischen die-
sen Schritten noch auch über sie hinaus kann es noch eine weitere
Möglichkeit für solche Schritte geben. Vielmehr bringt sie auch in
jeder Einzelheit zum Ausdruck, daß es sich bei diesem letzten Schritt
zur dritten Ausdehnung von Raum nicht mehr um einen Zeit-Raum
handeln kann, sondern nur noch um einen Nicht-Zeit-Raum. Denn
deutlicher als dadurch, daß er eine Ausdehnung sein muß, die jener
Punkt »nur außerhalb« von sich besitzt, läßt sich das gar nicht aus-
drücken: Aus diesem Grund kann solche Ausdehnung von drei-
dimensionalem Raum nicht punktuelle Ausdehnung mehr sein, son-
dern nur noch nichtpunktuelle. Denn auch nur aus jenem Grund, daß
der sich ausdehnende Punkt die Ausdehnung von ein- und zwei-
dimensionalem Raum noch mindestens »auch innerhalb« von sich
besitzt, ist letztere noch jeweils eine punktuelle.
Nur besagt dann diese Logik auch in aller Deutlichkeit: Bei die-
sem Raum als einer nicht mehr punktuellen Ausdehnung kann es
sich auch nicht mehr um etwas handeln, das noch als ein Glied der
Einheit oder Ganzheit eines Subjekts auftritt, sondern nur um etwas,
das formal bereits die Einheit oder Ganzheit eines Objekts bildet, wie
es einem Subjekt gegenüber auftritt. Dabei aber handelt es sich um
ein Gegenüber, das von jenem Gegenüber grundverschieden sein

261
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

muß. Denn das zwischen Vorstellung und vorgestelltem Anderen ist


ein Gegenüber, das noch innerhalb der Einheit oder Ganzheit eines
Subjekts liegt, weil diese Glieder dieses Gegenübers nur die innere
Gliederung der Innenwelt von diesem Subjekt bilden. Doch bei drei-
dimensionalem Raum als der formalen Einheit oder Ganzheit von
einem Objekt als einem wirklich Anderen handelt es sich dann um
Außenwelt als Gegenüber solcher Innenwelt im ganzen, deren Ein-
heit oder Ganzheit ihrerseits durch jenes Gegenüber innerhalb von
ihr gegliedert ist. Das Außerhalb von Außenwelt als einem Gegen-
über zu so einer Innenwelt ist es mithin, was durch »nur außerhalb«
zum Ausdruck kommt und was dann auch nur weiter noch in jene
Schwierigkeit hineinführt.
Denn auch dessen Logik ist die der Ontologie, wonach der Raum
auch noch als dreidimensionaler nur Bestehen von Ausdehnung sein
kann, das auf Entstehen von Ausdehnung zurückgehen muß, an das
zunächst sich nur Vergehen von Ausdehnung anschließen kann. Nur
daß aus eben diesem Grund so ein Bestehen von Ausdehnung als
Raum auch seinerseits zunächst nur ein Bestehen sein kann, das ein
Entstehen sowie Vergehen von diesem ist und somit eben Raum als
Zeit-Raum. Doch genau das soll der dreidimensionale Raum als
Nicht-Zeit-Raum gerade nicht mehr sein. Und das obwohl gerade er
doch an den zweidimensionalen Raum als ein Entstehen wie auch
Vergehen dieses Bestehens von Ausdehnung anschließen soll, weil
erst aus ihm hervorgehen soll. Nur daß die Ausdehnung von drei-
dimensionalem Raum als die nichtpunktuelle eben nicht mehr jenes
Punktuelle hat, als das sie stetig-neuer Zeit-Raum des Entstehens
und Vergehens von Bestehen dieser Ausdehnung sein könnte. Und
so spitzt sich jene Schwierigkeit auch bis zum Äußersten noch zu:
Wie kann denn trotzdem auch noch dreidimensionale Ausdehnung
aus dem Subjekt als Punkt der Zeit hervorgehen, sprich: obwohl sie
nicht mehr Punkt als Punktuelles und mithin auch nicht mehr Zeit als
Zeit-Raum sein soll, sondern demzufolge erstmals Raum als bloßer
oder reiner?
Denn wozu sich diese Schwierigkeit dann zuspitzt, ist nicht nur
die Frage nach der Einheit des Subjekts und auch nicht nur die Frage
nach der Einheit des Objekts je für sich selbst. Es ist vielmehr auch
noch die Frage nach der Einheit von Subjekt und Objekt miteinander,
nämlich innerhalb der Welt, zu der ja jedes dieser beiden als ein Glied
von ihr gehören muß. Kann das doch jedes auch tatsächlich nur im
definierten Sinn der Glieder tun, der sie von dem der Teile abhebt.

262
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

Denn im Unterschied zu Teilen unterscheiden sie sich voneinander,


ohne daß es Grenzen oder Schnitte zwischen ihnen gäbe. Ist es doch
auch immer wieder nur das Wahrnehmen von etwas Wahrgenom-
menem, wodurch es innerhalb von dieser Welt zu einem ursprüng-
lichen Gegenüber zwischen wahrgenommenem Objekt und wahr-
nehmendem Subjekt kommen kann. Mag aber dieser Unterschied
von beiden, durch den sie ihr Gegenüber zueinander bilden, dann
auch noch so offenkundig zwischen ihnen sein, so ist er es doch nicht
etwa durch eine Grenze oder einen Schnitt als eine Diskretion dazwi-
schen.
Vielmehr ist er es ausschließlich als ein Unterschied der Dimen-
sion dazwischen, der wie alle Unterschiede zwischen Dimensionen
innerhalb eines Kontinuums nur der von Gliedern sein kann, nicht
von Teilen. So gewiß ein Objekt nämlich stets an einer seiner Gren-
zen wahrgenommen wird, so handelt es sich dabei doch auch immer
nur um eine Grenze zwischen ihm und einem anderen Objekt: bis hin
zur Grenze zwischen ihm und dem Objekt, das jeweils eigener Körper
eines wahrnehmenden Subjekts ist. Doch niemals kann es sich dabei
um eine Grenze handeln, die das wahrgenommene Objekt etwa zum
wahrnehmenden Subjekt hätte. Denn nur dadurch ist das Wahrneh-
men tatsächlich das von etwas Wahrgenommenem, daß zwischen
ihnen keine Grenze, sondern nur ein einziger ununterbrochener Zu-
sammenhang besteht: Wodurch sich wahrgenommenes Objekt und
wahrnehmendes Subjekt dabei unterscheiden, ist vielmehr im we-
sentlichen nur, daß so ein Objekt als etwas Somatisches dann eben
etwas Dreidimensionales sein muß, so ein Subjekt als etwas Mentales
aber eben schlechterdings nichts Dreidimensionales sein kann, son-
dern etwas weniger als Dreidimensionales sein muß. Und der Unter-
schied dazwischen ist dann eben der verschiedener Dimensionen in-
nerhalb von einem einzigen ununterbrochenen Kontinuum. Doch
dieses ist sonach die Einheit oder Ganzheit eines wahrgenommenen
Objekts und eines wahrnehmenden Subjekts miteinander, durch die
sie zusammen eine Welt ausmachen. Und die hat als eine Innenwelt
in ursprünglicher Wahrnehmung von einer Außenwelt dann eben
ursprüngliches Wissen. 41

41 So aber sind die Unterschiede zwischen Dimensionen innerhalb von einem ein-
zigen ununterbrochenen Kontinuum unwiderlegbar Zeugen für den Sinn, in dem es
Glieder gegenüber Teilen von etwas zu unterscheiden gilt. Und von Bedeutung ist das,
weil der Unterschied dazwischen keineswegs beschränkt auf Dimensionen ist, wo er

263
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Daß es hier tatsächlich um ein einziges ununterbrochenes Kon-


tinuum sich handeln muß, das seine Dimensionen nur als Unterschie-
de seiner Glieder haben kann, erweist sich nämlich gleichfalls an der
Logik und Ontologie, die hier zugrundeliegt. Denn insgesamt spezi-
fiziert sie ja drei Arten einer Gattung, sprich: als erste die von bloßer
reiner Zeit, als zweite die von Zeit-Raum als dem ein- und zwei-
dimensionalen, und als dritte die von dreidimensionalem als dem
bloßen reinen Raum. Sind alle drei doch auch tatsächlich Arten von
derselben Gattung, weil für alle drei ja »Punkt mit Ausdehnung …«
zugrundeliegt: für das »… nur innerhalb …« und das »… auch au-
ßerhalb …« genauso wie auch noch für das »… nur außerhalb …«.
Besagt doch diese Spezifikation im ganzen: »Punkt mit Ausdehnung
nur innerhalb von sich« und »Punkt mit Ausdehnung auch außerhalb
von sich« und »Punkt mit Ausdehnung nur außerhalb von sich«.
Denn ein zu einer Ausdehnung sich ausdehnender Punkt ist es nun
einmal, was die Gattung jeder einzelnen dieser drei Arten bildet. So
spezifisch nämlich jede der benachbarten sich jeweils von der anderen
benachbarten kontradiktorisch unterscheidet, so spezifiziert doch jede
von den dreien jeweils diese selbe Gattung, was daher auch für die
dritte gilt.
Und das treibt eben auf die Spitze, was hier problematisch ist und
vorerst weiter bleiben muß: Wie soll auch Ausdehnung, die so ein
Punkt »nur außerhalb« von sich besitzt, noch eine Ausdehnung sein
können, die aus ihm als dem zu ihr sich ausdehnenden Punkt bzw.
Punktuellen auftritt? Oder umgekehrt: Wie soll ein solcher Punkt
genauso, wie er mit der Ausdehnung zusammenhängt, die punktuelle
ist, auch noch zusammenhängen können mit der Ausdehnung, die
nicht mehr punktuelle ist? Hängt er mit ersterer doch in dem Sinn
zusammen, daß er als ein Punkt in ihr als punktueller eben noch
erhalten und in diesem Sinn in ihr enthalten ist. Genau in diesem
Sinn ist er in letzterer jedoch gerade nicht erhalten und enthalten,

vielmehr nur förmlich offenkundig wird. So kann es sich zum Beispiel auch bereits bei
den zwei Seiten jener Linie, die sich durchaus nicht als zwei Dimensionen unterschei-
den, nur um Glieder dieser Linie handeln, nicht um Teile. (Umgekehrt dagegen kön-
nen die zwei Strahlen eines Doppel-Strahls nicht Glieder von ihm sein, sondern nur
Teile). Und der Unterschied zwischen den beiden Seiten als den beiden Gliedern einer
Linie ist wiederum begründet in dem Unterschied, der jeweils zwischen Punkt und
Ausdehnung besteht als dem zu ihr sich ausdehnenden. Dieser Unterschied kann aber
auch erst recht nur einer zwischen Gliedern eines Ganzen sein, nicht zwischen Teilen
einer Summe.

264
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

weil sie keine punktuelle Ausdehnung, sondern nichtpunktuelle ist.


Wie also könnte er auch noch mit letzterer genauso wie mit ersterer
zusammenhängen, nämlich auch mit letzterer noch wie mit ersterer
ein einziges ununterbrochenes Kontinuum ausmachen?
Denn das heißt zuletzt: Wie könnte sein Zusammenhang mit
sich als ein- und zweidimensionalem Zeit-Raum innerhalb des wahr-
nehmenden Subjekts auch noch sein Zusammenhang mit Wirklich-
Anderem als sich sein: auch noch mit dem dreidimensionalen Nicht-
Zeit-Raum des wahrgenommenen Objekts, das außerhalb des wahr-
nehmenden Subjekts ist? Kann doch ein einziges ununterbrochenes
Kontinuum auch nur soviel bedeuten wie: ein einziger ununterbro-
chener Zusammenhang mit sich, weil er aus dem zu ihm sich ausdeh-
nenden Punkt hervorgeht. 42 Also heißt das letztlich: Wie kann so ein
Punkt genauso wie mit sich auch noch mit Wirklich-Anderem als sich
zusammenhängen? Oder: Wie kann so ein Punkt genauso wie mit
sich als Zeit und Zeit-Raum auch mit Nicht-Zeit-Raum von Wirk-
lich-Anderem als sich zusammenhängen? Oder: Wie kann so ein
Punkt genauso wie mit sich als punktueller auch noch mit nichtpunk-
tueller Ausdehnung von Wirklich-Anderem als sich zusammenhän-
gen?
Für die Lösung dieser letzten Problematik, wie sie diese letzten
Fragen deutlich machen, reicht ersichtlich die Ontologie nicht aus.
Denn sie genügt auch dadurch nicht, daß ihre Logik bis hinein in die
Geometrie als die Gesamtgeometrie der Welt entfaltet wird, nämlich
mitsamt der Grundgeometrie, wie sie vom Punkt her zu entwickeln
ist. Zwar ist sie dann die geometrische Ontologie von Zeit und Raum
als die von Subjekt und Objekt. Doch auch erst sie als die Gesamt-
geometrie der Welt von Subjekt und Objekt ist es, die zum Problem
macht, was wir alle als ein Faktum kennen: Raum gibt es auf objekti-
ver Seite eben nur als dreidimensionalen Raum, als der allein er ein
uneingebettet-selbständiger ist. Und nicht etwa gibt es auf objektiver
Seite ebenso wie dreidimensionalen Raum auch ein- und zweidimen-
sionalen Raum noch als uneingebettet-selbständigen Raum, sondern
nur analytisch als den eingebettet-unselbständigen von Grenze oder
Schnitt in dreidimensionalem. Als uneingebettet-selbständigen
Raum kann es den ein- und zweidimensionalen Raum vielmehr nur
als das Vorgestellte durch die Vorstellung von einem Subjekt als dem

42
Vgl. oben §§ 2–4.

265
Kants Probleme mit den Unterschieden zwischen Zeit und Raum

Geometer geben. Und so fragt sich eben: Woher soll der dreidimen-
sionale Raum als ein uneingebettet-selbständiger denn nun eigentlich
synthetisch diese Dreizahl seiner Dimensionen haben? Denn synthe-
tisch kann er sie doch auch nur aus der Ein- und Zweizahl dieser
Dimensionen eines Raumes her besitzen, der dann aber seinerseits
uneingebettet-selbständiger Raum sein müßte, dies jedoch auch nur
sein könnte auf der Seite eines Geometers als eines Subjektes.
Eine Lösung für dieses Problem kann daher auch nur die Geo-
metrie des Geometers, nämlich die Geometrie des Subjekts bringen,
zu der nicht bloß die Ontologie von ihm gehören kann, sondern auch
die Bewußtseinstheorie von ihm gehören muß. Das jeweils zugehöri-
ge Bewußtsein nämlich lief bislang nur mit einher, indem bislang nur
je und je darauf verwiesen wurde: Kant zufolge soll mit Ausdehnung
von Zeit oder von Raum formal auch Anschauung von Zeit oder von
Raum als Zeit-Bewußtsein oder Raum-Bewußtsein miteinhergehen:
bis hin zur Anschauung von Dreidimensionalem, die formal als
Wahrnehmung von Wahrgenommenem auftritt. Dem entsprechend
fragt sich eben ferner, wie denn die Geometrie solchen Bewußtseins
sich gestalten möchte, das nicht nur Bewußtsein solcher Ausdehnung
sein könnte. Vielmehr müßte es auch noch Bewußtsein von dem
Punktuellen oder von dem Punkt sein, dessen Ausdehnung sie jeweils
ist: bis hin zu ihm als dem Bewußtsein einer Wahrnehmung von dem
für sie Bewußten oder dem durch sie Gewußten als dem Wahrgenom-
menen. Und das erfordert eine nochmalige Tieferlegung der Geo-
metrie als Grundgeometrie von einem Subjekt als einem Bewußtsein,
die allein auch zur noch fehlenden Geometrie von einem Objekt als
einem Bewußten und Gewußten führen könnte.
Wie bereits erwähnt, muß nämlich jedes Wirkliche seine Geo-
metrie besitzen: nicht allein das wirkliche Objekt in Form von drei-
dimensionalem Raum, sondern auch noch das wirkliche Subjekt in
Form von nulldimensionaler Zeit, zu der auch ein- bis zweidimensio-
naler Zeit-Raum noch gehört. Denn innerhalb von dieser Welt als
einem einzigen ununterbrochenen Kontinuum zwischen dem Wahr-
nehmenden und dem Wahrgenommenen ist eben jedes gegenüber
jedem etwas Wirklich-Anderes gegenüber etwas Wirklich-Anderem,
ohne daß es eine Diskretion als Schnitt oder als Grenze zwischen
ihnen gäbe. Und so fragt sich eben nur noch dringlicher: Wie sollte
jemals aus dem Subjekt als dem einen Wirklich-Anderen heraus for-
mal das Objekt als das andere Wirklich-Andere entspringen können
und gleichwohl gerade dadurch seinen eigentlichen Sinn des objekti-

266
§ 8. Der Raum als dreidimensionale Ausdehnung

ven Wirklich-Anderen gewinnen können? 43 Zum Gesamtgebilde die-


ser Welt sich Zugang zu verschaffen, wird einem Reduktionisten als
dem Auseinandernehmer und Zusammensetzer jedenfalls nicht mög-
lich werden. Denn gewiß läßt diese Welt sich weder aus dem Wahr-
nehmenden und dem Wahrgenommenen zusammensetzen noch auch
in sie auseinandernehmen; und gleichwohl läßt innerhalb von ihr sich
zwischen beidem unterscheiden, wie wir es tagtäglich auch tatsächlich
tun.

43 Geradezu erheiternd ist es daher auch, zu sehen, wie »eindrucksvoll« man es als
Psychologe findet, daß die »Tiefe« als die dritte Dimension des Wahrgenommenen
»in der Reizvorlage keine unmittelbar korrespondierende Grundlage hat«: daß also
dessen dritte Dimension als seine Form durchaus nicht wie sein Inhalt mit ›von drau-
ßen rein‹ gekommen sein kann. Deshalb nämlich sei das »eindrucksvoll«, weil letzte-
res sehr wohl für die »Höhe und Breite« gelte, »die ja unmittelbar in entsprechenden
Merkmalen der Reizstruktur verankert sind«, das heißt: die sehr wohl mit ›von drau-
ßen rein‹ gekommen sind (Wohlschläger 2006, S. 61 f.), was die Erheiterung nur wei-
ter steigern kann. Denn damit stellt der Psychologe alles auf den Kopf, nur weil ihm
unvorstellbar bleibt: Nicht bloß die dritte kann nicht, sondern keine von den dreien
kann ›von draußen rein‹ gekommen sein, denn jede von den dreien muß vielmehr
›von drinnen raus‹ gegangen sein, was vorstellbar nur für den Philosophen als den
konsequenten Geometer werden kann.

267
Zweiter Teil
Das Zeit- und Raum-Bewußtsein
Kapitel I
Kants Probleme mit dem Zeitbewußtsein als
dem Selbstbewußtsein des Subjekts

§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

Das zuletzt entfaltete Problem bleibt ontologisch ungelöst und läßt


sich allenfalls bewußtseinstheoretisch lösen: Wie kann zwischen Zeit
und Raum als dreidimensionalem jener einzige, ununterbrochene
Zusammenhang bestehen? Doch sobald es zusätzlich als ein bewußt-
seinstheoretisches Problem auch nur erwogen wird, muß es sofort
sich noch einmal verschärfen. Denn selbst dann, wenn man erst ein-
mal offen läßt, wie sich der Ursprung und das Wesen von so etwas wie
Bewußtsein im Zusammenhang mit dieser ontologischen Struktur
von Zeit und Raum ergeben könnte, muß man doch von vornherein
beachten: Auch nur zu erwägen, daß in irgendeinem Sinn auch ein
Bewußtsein von der Zeit und von dem einen oder andern Raum je-
weils mit ihr oder mit ihm einhergeht, zwingt zu einer Überlegung,
die bisher nicht nötig war.
So war es bisher ohne weiteres möglich, von der Ausdehnung
der Linie oder Fläche als dem ein- und zweidimensionalen Raum zu
sagen, sie sei eine punktuelle, von der Ausdehnung des Körpers als
dem dreidimensionalen Raum jedoch, sie sei eine nichtpunktuelle.
Nunmehr aber muß sich fragen: Wie kann das Bewußtsein davon,
das darin zum Ausdruck kommt, überhaupt möglich sein, wenn es
zuletzt als das Bewußtsein vom Formalen wahrgenommener Körper
in der Außenwelt auftreten soll? Gehört doch zu einem Bewußtsein
dann von vornherein auch dessen Stellung oder Lage zu dem durch es
je und je Bewußten noch hinzu: mitsamt der Perspektive auf das letz-
tere. Und hierbei kann es Unterschiede geben, wie es bisher scheinen
mag, die das bisherige Bewußtsein vom jeweils Bewußten auch in
Anspruch nimmt. Denn als Bewußtsein von der Linie zum Beispiel
ist es nicht nur das von ihr als Ausdehnung, sondern auch das von ihr
als punktueller Ausdehnung.
Entsprechend muß zwischen dem Ausgedehnten dieser Ausdeh-
nung und dem Nichtausgedehnten als dem Punktuellen dieser Aus-

271
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

dehnung der Linie unterschieden werden, weil ja beides ohne Wider-


spruch in ihr als einer und derselben Linie vereinigt ist. Und wie es
bisher scheinen mag, erhellt daraus denn auch: Von diesem Punktuel-
len dieser Ausdehnung der Linie kann ein Bewußtsein dann auch nur
aus zwei genau bestimmten Perspektiven auf sie möglich sein: von
den zwei Seiten her, nach denen hin sie beidseitig ins Unbestimmt-
Unendliche verläuft. Von dem Nichtpunktuellen als dem Ausgedehn-
ten dieser Ausdehnung der Linie dagegen ist aus allen andern als den
beiden Perspektiven ein Bewußtsein möglich, wie es bisher scheinen
mag. Denn auch nur dadurch könne ein Bewußtsein von dem Punk-
tuellen und von dem Nichtpunktuellen als dem Ausgedehnten sol-
cher Ausdehnung der Linie möglich werden.
Mag dies aber auch so scheinen, ist es doch ein bloßer Schein, der
sofort schwinden muß, sobald man mitberücksichtigt, was dabei still-
schweigend vorausgesetzt wird. Ein Bewußtsein vom Nichtpunktuel-
len als dem Ausgedehnten dieser Linie kann nämlich nur aus einer
höheren Dimension des Raums her möglich sein, die dafür also schon
vorausgesetzt sein muß. Entsprechend kann die Linie auch nur eine
Schnittlinie in ihm sein und mithin auch nur ein Raum, der in ihm
eingebettet ist und so als Raum auch nur ein unselbständiger. Dies
aber gilt dann nicht bloß für den Geometer, der die Linie – so als sei
das selbstverständlich – schon von vornherein auf diese Weise vor-
stellt: auch wenn er sie als einen uneingebettet-selbständigen Raum
betrachten und behandeln möchte. Vielmehr muß das auch für jedes
andere Subjekt und so auch für den Philosophen gelten, der das in der
Regel gleichfalls tut, es aber gar nicht dürfte, wenn er eine Linie als
das Vorgestellte einer Vorstellung von ihr betrachten und behandeln
möchte: als durch sie ursprünglich erst erzeugte. Denn als solche
kann sie gar nichts anderes sein als ein uneingebettet-selbständiger
Raum, für welchen eine höhere Dimension des Raums gar nicht vor-
ausgesetzt sein darf. Entsprechend kann dabei die Linie auch gar nicht
als das Ausgedehnte ihrer Ausdehnung sich vorstellen lassen, weil die
Perspektive darauf gar nicht zur Verfügung stehen kann.
Wie also könnte dann – für wen auch immer – ein Bewußtsein
oder eine Vorstellung von einer Linie als dadurch Vorgestelltem und
Bewußtem möglich sein, wenn diese Möglichkeit gerade auszuschei-
den hat? Verschärft dieses Problem sich doch sogar noch weiter, weil
dafür auch jene zwei besonderen Perspektiven nicht in Frage kommen
können. Denn auch diese können dabei nicht verfügbar sein, wenn-
gleich aus einem andern Grund als dem, daß keine höhere Dimension

272
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

des Raums hier zur Verfügung stehen kann. Läuft eine Linie nämlich
zweiseitig ins Unbestimmt-Unendliche, so kann es schon allein aus
diesem Grund auch keine Stellung oder Lage zu ihr mit der Perspek-
tive auf sie geben, aus der ein Bewußtsein von dem Punktuellen die-
ser Ausdehnung der Linie möglich wäre. Müßte dafür doch grund-
sätzlich eine Stellung oder Lage jenseits von bzw. diesseits zu dem
jeweils Unbestimmt-Unendlichen der Linie möglich sein. Das aber
wird durch diese Linie als diesen beiderseitigen Verlauf ins Unbe-
stimmt-Unendliche gerade ausgeschlossen.
Jede dieser beiden Überlegungen, die nunmehr nötig sind, gilt
aber nicht nur für die Linie als den eindimensionalen Raum, sondern
entsprechend auch noch für den zwei- und dreidimensionalen Raum
der Fläche und des Körpers. Auch für diese kann es jeweils keine Per-
spektive geben, aus der ein Bewußtsein von dem Ausgedehnten ihrer
Ausdehnung als Fläche oder Körper möglich wäre. Auch für diese
nämlich kann es jeweils keine höhere Dimension des Raumes geben,
soll ein jedes als uneingebettet-selbständiger Raum betrachtet und
behandelt werden, den es jeweils erst ursprünglich zu erzeugen gelte.
Und genausowenig kann es jeweils eine Perspektive auf sie geben, aus
der ein Bewußtsein von dem Punktuellen dieser Ausdehnung des
zweidimensionalen Raums der Fläche möglich wäre oder ein Bewußt-
sein vom entsprechenden Nichtpunktuellen dieser Ausdehnung von
dreidimensionalem Raum des Körpers als dem schlechthin Aus-
gedehnten seiner Ausdehnung. Denn jeder solche Raum verläuft ins
Unbestimmt-Unendliche, so daß es keine Stellung oder Lage diesseits
zu bzw. jenseits von ihm geben kann.
So aber zeigt sich schließlich: Das Bewußtsein von so etwas wie
dem ein- und zwei- und dreidimensionalen Raum der Linien oder
Flächen oder Körper – das gleichwohl nicht nur der Geometer oder
Philosoph zugrundelegt, sondern auch jedes andere Subjekt – ist
immer wieder nur ein analytisches Bewußtsein von all dem. Indem
es nämlich diesen dreidimensionalen Raum des Körpers dabei als et-
was Gegebenes immer schon voraussetzt, ist es ein Bewußtsein von
dem zwei- und eindimensionalen Raum der Flächen und der Linien
immer erst als den Schnitt-Flächen und Schnitt-Linien in ihm und
damit auch von jedem immer nur als etwas Eingebettet-Unselbstän-
digem in ihm. Und so verfügt ein Subjekt über einen Sinn von all dem
dann auch immer nur als einen abgeleitet-analytischen: auch wenn es
als Bewußtsein davon all dies dann auch noch als etwas Selbständig-
Uneingebettetes betrachtet und behandelt. Und so wird denn auch

273
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

von Grund auf fraglich: Wie kann ein Bewußtsein von all dem zu-
standekommen, wenn es nicht erst als ein abgeleitet-analytisches,
sondern schon als ein ursprünglich-synthetisches zustandekommen
soll? Dann nämlich muß es ohne die Voraussetzungen von all dem
zustandekommen können, die durch diese Überlegungen jetzt auf-
gedeckt sind. Kann doch danach schlechthin keine Stellung oder Lage
außerhalb von dem verfügbar sein, was ursprünglich-synthetisch
immer erst noch zu erzeugen ist: weder das Außerhalb der jeweils
höheren Dimension des Raums noch auch das Außerhalb des Dies-
seits zu bzw. Jenseits von dem Unbestimmt-Unendlichen desselben.
Positiv gewendet kann dies dann jedoch nur heißen: Soll gleich-
wohl mit jedem solchen Raum auch ein Bewußtsein von ihm noch
einhergehen können, so auch jeweils nicht von außerhalb desselben,
sondern jeweils nur von innerhalb desselben. Und das Einzige, das
dafür innerhalb von jedem solchen Raum in Frage kommen kann,
weil es sich innerhalb von jedem dann auch noch von jedem unter-
scheiden lassen muß, ist eben der sich ausdehnende Punkt. Von jedem
solchen Raum läßt dieser Punkt sich nämlich als das unterscheiden,
was sich jeweils ausdehnt, jeder solche Raum jedoch als das, wozu der
Punkt sich jeweils ausdehnt, wie bereits ermittelt. Und so läßt auf
diese Weise sich schon folgern: Als ein Subjekt mit Bewußtsein kann
ausschließlich so ein Punkt betrachtet werden, der sich innerhalb von
dem befindet, wozu er sich ausdehnt und wovon er dabei ein Bewußt-
sein hat. Infolgedessen kann es weder für den Geometer oder Phi-
losophen noch für sonst ein Subjekt eine Stellung oder Lage oder
Perspektive geben, aus der es bevorrechtet sein könnte, ein Bewußt-
sein dieses oder jenes Raums aus einer anderen als dieser Innenper-
spektive auf ihn zu gewinnen, auch wenn es bisher den Anschein
danach haben mochte.
So willkommen dies Ergebnis daher sein mag, weil es hiernach
schon als hergeleitet gelten kann, so muß sich doch gerade dadurch
das zuletzt entfaltete Problem auch noch einmal verschärfen. Denn
zur Folge hat dies dann etwas, das Schritt für Schritt befremden muß,
weil es im einzelnen nur heißen kann: Gerade vom Entscheidenden
der Ausdehnung, zu der ein solcher Punkt sich jeweils ausdehnt,
nämlich von dem Ausgedehnten dieser Ausdehnung, vermag er dabei
kein Bewußtsein zu gewinnen, wie etwa im Fall des eindimensionalen
Raums der Linie. Ausgerechnet dieses Ausgedehnte solcher Ausdeh-
nung muß dabei diesem Punkt als dem Bewußtsein von ihr nämlich
vorenthalten bleiben. Denn stattdessen kann dem Punkt aus seiner

274
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

Innenperspektive auf sie dann vielmehr auch nur das Punktuelle die-
ser Ausdehnung der Linie zu Bewußtsein kommen. Und das heißt in
diesem Fall der Linie: Zu Bewußtsein kommen kann dabei die Linie
diesem Punkt nach jeder ihrer beiden Seiten hin nur wie ein Punkt.
Gilt das Entsprechende doch auch noch für die Fläche als die
Ausdehnung des zweidimensionalen Raumes. Auch von ihr kann
einem solchen Punkt aus seiner Innenperspektive auf sie nur das
Punktuelle ihrer Ausdehnung als Fläche zu Bewußtsein kommen.
Denn das heißt in diesem Fall der Fläche: Zu Bewußtsein kommen
kann dabei die Fläche diesem Punkt rundum, das heißt nach allen
ihren überabzählbar unendlich vielen Seiten hin, auch nur wie eine
Linie. Und dies obwohl der Punkt zur Fläche sich sogar schon zwei-
fach ausdehnt, indem er sich auch als jenes Punktuelle jener ein-
dimensionalen Ausdehnung der Linie noch einmal einfach ausdehnt.
Jedes Ausgedehnte solcher Ausdehnung von Linie oder Fläche kann
daher für das Bewußtsein dieses Punktes, der zu ihr sich jeweils aus-
dehnt, gar nicht zu Bewußtsein kommen, sondern jeweils nur das
Punktuelle solcher Ausdehnung als Punkt oder als Linie.
So nämlich muß für das Bewußtsein des zu solcher Ausdehnung
sich ausdehnenden Punktes gelten: Dieser eindimensionale Raum der
Linie und dieser zweidimensionale Raum der Fläche muß jeweils um
eine volle Dimension zurückbleiben, wenn er ihm nur aus seiner In-
nenperspektive auf ihn zu Bewußtsein kommen kann. Und dennoch
muß es insgesamt jeweils die Linie als ein eindimensionaler und die
Fläche als ein zweidimensionaler Raum sein, was dem Punkt hier zu
Bewußtsein kommt, weil es ja diese sind, zu denen er sich jeweils
ausdehnt und von denen er dabei so ein Bewußtsein haben soll. Was
also ist der Sinn, in dem er jeweils ein Bewußtsein davon hat, wenn
dabei unausweichlich ist: Im Vordergrund stehen kann für dies Be-
wußtsein jeweils nur das Punktuelle solcher Ausdehnung, während
das Ausgedehnte solcher Ausdehnung durch diesen Vordergrund ver-
deckt im Hintergrund stehen muß?
Wie unausweichlich das tatsächlich ist, wird nämlich daran deut-
lich: Erst wenn so ein Punkt auch noch ein drittes Mal zu einer drei-
dimensionalen Ausdehnung sich ausdehnt, muß ihm erstmals statt
des Punktuellen einer Ausdehnung das Ausgedehnte von ihr zu Be-
wußtsein kommen. Denn erst dann ist statt des ersteren das letztere
zum ersten Mal das Unausweichliche, wenn so ein Punkt sich auch
noch als das Punktuelle jenes zweidimensionalen Raums der Fläche
ausdehnt, welches ihm wie eine Linie zu Bewußtsein kommt. Ist dann

275
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

doch dasjenige, was ihm dadurch zu Bewußtsein kommen muß, schon


eine Fläche. Diese aber kann ihm jetzt nicht mehr gleich jener ersten
Fläche als das Punktuelle ihrer Ausdehnung, das heißt: nicht mehr
wie eine Linie zu Bewußtsein kommen, sondern muß ihm nunmehr
voll als Fläche, nämlich als das Ausgedehnte von ihr zu Bewußtsein
kommen. Denn durchaus nicht kann hier eingewendet werden, ohne
Sinn sei letztere Erwägung. Stehe doch schon fest, daß dreidimensio-
naler Raum, von dem hier eigentlich die Rede ist, gar keine punktuel-
le Ausdehnung mehr ist. Entsprechend sei trivial, daß er als solche
Ausdehnung dem Punkt auch nicht mehr zu Bewußtsein kommen
könne.
Trotzdem nämlich muß auch für den dreidimensionalen Raum
noch gelten: Dem zu ihm sich ausdehnenden Punkt kann dieser Raum
als dreidimensionaler ebenfalls nicht zu Bewußtsein kommen. Muß
doch auch der dreidimensionale Raum für diesen Punkt um eine volle
Dimension zurückbleiben, so daß er ihm nur wie ein zweidimensio-
naler Raum in der Gestalt von dieser zweiten Fläche zu Bewußtsein
kommen kann. Und so gewiß es sich bei dieser zweiten schon um eine
volle Fläche für ihn handeln muß, so kann für diesen Punkt im Vor-
dergrund doch auch nur diese Fläche stehen, so daß der dreidimensio-
nale Raum durch sie als diesen Vordergrund verdeckt im Hintergrund
stehen muß. Und von der Fläche, die allein sonach für ihn im Vorder-
grund stehen kann, bleibt denn auch sinnvoll, zu erwägen: Erst in der
Gestalt von ihr kann dem zu ihr sich ausdehnenden Punkt zum ersten
Mal das Ausgedehnte einer Ausdehnung anstatt des Punktuellen von
ihr zu Bewußtsein kommen. Denn das heißt: Selbst dann, wenn es
auch noch bei dieser zweiten Fläche sich um eine bloße zweidimen-
sionale Fläche handeln sollte, kann das Punktuelle ihrer Ausdehnung
für den zu ihr sich ausdehnenden Punkt nicht zu Bewußtsein kom-
men. Sinnvoll zu erwägen bleibt das nämlich deshalb, weil das Drei-
dimensionale, indem es dabei im Hintergrund bleibt, sozusagen auch
dahingestellt bleibt.
Doch nur desto dringlicher muß dann sich noch einmal die Frage
stellen: In welchem Sinn kann ein zu einer Ausdehnung sich ausdeh-
nender Punkt dabei auch ein Bewußtsein von ihr haben, wenn doch
unausweichlich ist, daß diese Ausdehnung dabei im Hintergrund
bleibt, weil im Vordergrund dabei nur das stehen kann, wohinter sie
um eine volle Dimension zurückbleibt? Gilt das doch in vollem Sinn
auch noch für Ausdehnung von dreidimensionalem Raum: auch
wenn der Vordergrund vor ihr, der sie als Hintergrund von ihm ver-

276
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

deckt, jetzt nicht mehr als das Punktuelle, sondern nunmehr erstmals
als das Ausgedehnte einer Ausdehnung auftritt. Denn trotzdem muß,
was insgesamt für diesen Punkt bewußt wird, auch in diesem Fall die
Ausdehnung von dreidimensionalem Raum im ganzen sein, weil sie
es ist, wozu der Punkt sich ausdehnt und wovon er dabei ein Bewußt-
sein haben soll. Und das erzwingt eine Begriffsbildung, die innerhalb
dieses Bewußtseins zwischen Vordergrund- und Hintergrund-Be-
wußtsein unterscheiden muß, weil sonst ein Widerspruch entstehen
müßte. Und zu dieser Unterscheidung bieten sich Begriffe an, die
Kant verwendet, deren Sinn jedoch erst klar wird durch die Aufdek-
kung ihrer Beziehung zueinander, die er ungeklärt gelassen hat.
So läßt sich etwa das, was dabei als der Vordergrund für diesen
Punkt bewußt wird, dadurch ausdrücken, daß es für ihn erscheint,
wogegen nicht für ihn erscheint, was dabei als der Hintergrund für
ihn bewußt wird. Und entsprechend findet letzteres als das, was nicht
für ihn erscheint, sehr wohl jedoch für ihn bewußt ist, dadurch seinen
Ausdruck, daß es etwas ist, das er sich dabei einbildet. Und zwar in
einem gänzlich positiven Sinn, der ohnehin der ursprüngliche dieses
Wortes ist. 1 Als solcher aber läßt er sich an dieser Stelle dann wie
ontologisch auch bewußtseinstheoretisch herleiten, wenn weiter ein
zu Ausdehnung sich ausdehnender Punkt zugrundeliegt. Was onto-
logisch heißt, sich zu ihr auszudehnen, sprich: sich zu ihr auszubil-
den, heißt zugleich bewußtseinstheoretisch, sich als dem Bewußtsein
dabei solche Ausdehnung selbst einzubilden, einzuformen. So ist
nämlich dies Bewußtsein von ihr als formaler Ausdehnung dann eben
die »formale Anschauung« 2 von ihr als dieser oder jener Ausdeh-
nung. Und so ergibt sich dann auch schon: Nur wenn im vollen po-
sitiven Doppel-Sinn von ontologisch wie bewußtseinstheoretisch
immer schon ein solches Einbilden des dadurch Eingebildeten erfolgt,
kann für den Punkt, der dabei ontologisch wie bewußtseinstheo-
retisch immer schon zugrundeliegt, dies Eingebildete auch als etwas
erscheinen oder in Erscheinung treten.
Um erst einmal bei der Linie als eindimensionalem Raum zu
bleiben: Soll sie auch nur als das Punktuelle ihrer Ausdehnung für
einen solchen Punkt erscheinen können, muß der Punkt die Linie als
das Ausgedehnte ihrer Ausdehnung auch immer schon sich onto-
logisch wie bewußtseinstheoretisch eingebildet haben. Und dies des-

1 Vgl. z. B. Paul 1992 s. v. »einbilden«.


2
Vgl. z. B. B 160 f. (Anm.).

277
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

halb, weil ihm überhaupt nur dadurch dieser erste Raum als irgend-
etwas auch erscheinen kann, und sei es eben erst einmal nur wie ein
Punkt für ihn als Punkt. Das heißt: In den Zusammenhang jenes
Kontinuums von Zeit und Raum auch nur den eindimensionalen zu-
sätzlich auch noch bewußtseinstheoretisch einzubringen, zwingt be-
reits zur Unterscheidung zwischen dem, als das ihn dieser Punkt sich
einbildet, und dem, als das ihn dadurch dieser Punkt sich zur Erschei-
nung bringt. Eine Erörterung von Zeit und Raum im einzelnen hat
Kant jedoch nie durchgeführt. Deswegen mußte ihm nicht nur ent-
gehen, wie das Einbilden und das Erscheinen von etwas jeweils von
vornherein zusammenspielen, sondern auch, wie sie dadurch den
Sinn jeweils ergeben, in dem er ihre Begriffe jeweils einsetzt.
So verwendet Kant »Erscheinung« auf der einen Seite synonym
mit »Anschauung« für etwas Subjektives, anderseits jedoch auch noch
für etwas Wahrgenommenes der Außenwelt als etwas Objektives.
Niemals aber wird bei ihm ersichtlich, wie berechtigt beides ist, weil
Schritt für Schritt das zweite aus dem ersten sich ergibt, wie noch
erhellen wird. Und das obwohl sich Kant von Anbeginn schon sicher
ist, daß die dabei von vornherein bereits zugrundeliegende Einbildung
auch tatsächlich schon für jeden solchen Einzelschritt das Wesentliche
ist. Müsse doch nicht nur für die subjektiven »Eindrücke« als Inhalte
»formaler Anschauungen« gelten, sondern auch noch für die objekti-
ve »Wahrnehmung« von etwas Wahrgenommenem der Außenwelt,
»daß die Einbildungskraft ein notwendiges Ingredien[s]« von all dem
sei. 3 Zumal er auch von Anbeginn schon überzeugt ist, ein durch Ein-
bildung jeweils erzeugtes »Schema« als etwas Formales seien nicht
erst die Spezialfälle von Zeit und Raum, die in der Regel so benannt
sind; vielmehr seien das schon »[s]elbst der Raum und die Zeit« je für
sich, »ja ihre Vorstellung ist ein bloßes [= formales] Schema«. 4
Dem entsprechend setzt sich das Zusammenspiel der Einbildung
von etwas und Erscheinung dieses Etwas, wie es sich zunächst am
eindimensionalen Raum der Linie zeigt, auch weiter fort am zwei-
dimensionalen Raum der Fläche und am dreidimensionalen Raum
des Körpers. Soll der zweidimensionale Raum der Fläche auch nur
als das Punktuelle ihrer Ausdehnung, das heißt wie eine eindimen-
sionale Linie für den sich ausdehnenden Punkt erscheinen können,
muß er sich das Zweidimensionale als das Ausgedehnte ihrer Aus-

3 A 120 (Anm.), vgl. auch B 151 f.


4
A 156 B 195.

278
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

dehnung schon immer eingebildet haben. Und so gilt denn auch noch
für die Ausdehnung von dreidimensionalem Raum des Körpers: Soll
sie auch nur wie das Zweidimensionale einer Fläche für diesen zu ihr
sich ausdehnenden Punkt erscheinen können, so daß erstmalig das
Ausgedehnte einer Ausdehnung für ihn erscheinen kann, muß dieser
Punkt sich auch das Dreidimensionale dieser Ausdehnung schon
immer eingebildet haben.
Und was damit sich ergibt, ist demgemäß: In diesem soweit nun
geklärten Sinn kann dieses Dreidimensionale einer Ausdehnung des
Raums für den zu ihr sich ausdehnenden Punkt gerade niemals etwas
sein, das ihm erscheinen könnte. Vielmehr kann es immer nur das
sein, was er sich einzubilden hat, damit ihm erstmalig das Aus-
gedehnte einer Ausdehnung erscheinen kann. Zu dieser also hat er
dreimalig im Sinn von vollständig sich auszudehnen. Dann jedoch
vermag sich dieser Punkt auch nicht ›noch vollständiger‹ auszudeh-
nen, wenn er doch zu dreidimensionalem Raum schon vollständig
sich ausgedehnt hat, weil die Ausdehnung von ihm nichts Punktuel-
les mehr an sich hat. Und so kann es eben keine weitere, vierdimen-
sionale Ausdehnung mehr geben, zu der dieser Punkt sich noch ein-
mal ausdehnen könnte, um durch deren Einbildung auch noch das
Dreidimensionale dieses Raumes zur Erscheinung für sich zu gewin-
nen. Vielmehr muß das Dreidimensionale dieses Raumes dann auch
das bloß Eingebildete desselben bleiben. Und das heißt zuletzt: Für
den zu ihm sich ausdehnenden Punkt kann es den dreidimensionalen
Raum auch immer nur als einen perspektivischen Raum geben:
immer nur unter der Perspektive einer Fläche als Erscheinung von
ihm. Und die muß zuletzt die Oberfläche eines Wahrgenommenen
der Außenwelt sein, einerlei, wie dabei diese Fläche dann empirisch-
analytisch eingeteilt sein möge.
Offenkundig wird sonach, wie unklar bleibt, was eigentlich ge-
meint sein soll, wenn man vom dreidimensionalen Raum zu sagen
pflegt, daß dieser für uns vorstellbar sei, doch ein vier- und mehr-
dimensionaler unvorstellbar. Trifft das doch nicht einmal für den
dreidimensionalen zu, wenn »Vorstellung« von ihm hier soviel wie
»Erscheinung« von ihm heißen soll, was dabei ausnahmslos der Fall
sein dürfte. Denn eine Erscheinung von ihm kann dann höchstens
eine zweidimensionale Fläche sein, wogegen er als dreidimensionaler
dabei nur das unter dieser Fläche Eingebildete sein kann und bleiben
muß. Und das ist eben eine Unterscheidung, die getroffen werden
muß für jedes solche Dreidimensionale, das Kant insgesamt und kur-

279
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

zerhand nur als »Erscheinung« zu bezeichnen pflegt. Denn das an


ihm bloß Eingebildete und so gerade nicht Erscheinende kann dabei
keineswegs als das verstanden werden, das Kant als »Ansichsein« zu
bezeichnen pflegt. Auch dann nicht, wenn man letzterem als dem
gerecht wird, als das Kant es meint: als etwas diesem Dreidimensio-
nalen selbst Zugrundeliegendes und nicht als etwas Hinterweltliches
zu ihm. Denn auch, wenn dieses Dreidimensionale als das Eingebil-
dete gerade niemals das Erscheinende sein kann, so muß es doch zu
dem noch mithinzugehören, was Kant an ihm »Erscheinung« und
gerade nicht »Ansichsein« nennt.
Dieselbe Art der Unterscheidung aber muß dann auch für jene
andere Bedeutung von »Erscheinung« gelten, die Kant synonym mit
»Anschauung« auch schon für Subjektives einsetzt und nicht erst für
Objektives. Denn nicht erst für diesen dreidimensionalen, sondern
auch bereits für jenen zwei- und eindimensionalen Raum gilt es zu
unterscheiden zwischen dem an ihm Erscheinenden und dem an ihm
bloß Eingebildeten. Und dabei kann das letztere erst recht nicht das
sein, was Kant als »Ansichsein« vorschwebt. Vielmehr zeigt sich dar-
an: Für einen zu ihm sich ausdehnenden Punkt kann Raum in jeder
seiner Dimensionen nur als perspektivischer bewußt sein; und zwar
in genau dem Sinn, daß dieses Perspektivische von ihm als drei-
dimensionalem Raum durch seine Herkunft aus dem zwei- und ein-
dimensionalen sich ergibt und somit herleitbar und hergeleitet ist.
Erhellt doch so des weiteren, wie fragwürdig es ist, wenn Kant in
jedem Fall ihrer Bedeutungen »Erscheinung« im Zusammenhang
mit »Anschauung« auf Ausdehnung bezieht. Denn dies kann jeder-
mann zunächst einmal nur so verstehen, als sei dadurch in jedem Fall
das Ausgedehnte einer Ausdehnung bezeichnet, was jedoch nicht zu-
trifft. Gilt das doch auch erst und nur im Fall des dreidimensionalen
Raums, während der ein- und zweidimensionale Raum jeweils nur als
das Punktuelle seiner Ausdehnung erscheinen kann.
Infolgedessen muß durchaus auch Punktuelles wie die Linie als
die Erscheinungsform der Fläche oder gar der Punkt als die Erschei-
nungsform der Linie etwas darstellen, das erscheinen kann, und eben
nicht etwa allein das Ausgedehnte einer Ausdehnung. Und so wird
die Vermutung zur Gewißheit: So etwas wie eine Linie oder einen
Punkt wird jedes Subjekt sich erst einmal nur als Schnitt-Linie oder
als Schnitt-Punkt vorstellen; entsprechend wird es den dadurch je-
weils geschnittenen Raum als einen immer schon gegebenen voraus-
setzen: auch wenn es jedes davon als etwas Uneingebettet-Selbstän-

280
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

diges vorstellen möchte und daher auch unterlassen müßte, solchen


Raum vorauszusetzen. Denn das muß tatsächlich auch für einen
Punkt noch gelten, wie sogar die mathematisch-geometrische Physik
ihn vorstellen muß. So kann etwa nach Einsteins Allgemeiner Rela-
tivitätstheorie nur ein Punkt es sein, aus dem als einer »Singularität«
heraus sich seit dem »Urknall« unser Kosmos ausdehnt. Danach soll
das nämlich so geschehen, daß dessen Ausdehnung nicht etwa in be-
reits gegebenen Raum hinein erfolge, sondern so, daß vielmehr auch
der Raum sich erst mit diesem Kosmos selbst ausdehne. Und so kann
für diesen Punkt der Raum gerade nicht vorausgesetzt sein, so daß
jedes Subjekt, auch ein Geometer oder Physiker, sich diesen Punkt
gerade nicht als Schnitt-Punkt vorstellen kann.
Entsprechend überraschend für ihn müßte daher auch die Ein-
sicht sein: Um einen solchen Punkt sich angemessen vorzustellen,
muß sich auch ein Geometer oder Physiker wie jedes andere Subjekt
schon immer eine ursprüngliche Linie vorstellen. Denn ein solcher
Punkt kann auch nur als Erscheinungsform von ihr entspringen, wo-
zu diese Linie auch immer schon das Eingebildete sein muß, das dabei
nicht erscheinen kann. Und das Entsprechende gilt für die Linie als
ursprüngliche Erscheinungsform der Fläche, wozu diese gleichfalls
das schon immer Eingebildete sein muß, das dabei nicht erscheinen
kann. Und dem entspricht, daß eine zweidimensionale Fläche als ur-
sprüngliche Erscheinungsform des Ausgedehnten einer Ausdehnung
erst dann auftreten kann, wenn dazu eingebildet immer schon die
dreidimensionale Ausdehnung von einem Körper wird, die dabei
nicht erscheinen kann.
Der wesentliche Unterschied zwischen dem Einbilden und dem
Erscheinen von etwas ist es denn auch, der übergangen wird, wenn
beides als ein bloßes Vorstellen von etwas dadurch Vorgestelltem an-
gesprochen wird. In jedem solchen Fall muß nämlich diesem Vorstel-
len von etwas dadurch Vorgestelltem dieser Unterschied des Einbil-
dens und des Erscheinens von etwas zugrundeliegen und daher auch
festgehalten werden. Und dies umso mehr, als dieser Unterschied
nicht einfach einer zwischen Zweien sein kann, sondern jeweils einer
sein muß innerhalb von Einem und Demselben. So ist es zum Beispiel
eines und dasselbe Dreidimensionale, das dabei das Eingebildete und
das Erscheinende ist, nur daß es gerade nicht als das erscheint, als was
es eingebildet wird, sondern wie etwas Zweidimensionales. Und ent-
sprechend gilt das für den Raum als zweidimensionalen und als ein-
dimensionalen.

281
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Vollends übergangen wird das alles aber, wenn dabei vom Vor-
stellen als »Anschauen« die Rede ist und unter letzterem gleich so
etwas wie »Wahrnehmen« verstanden wird. So nämlich meinen
durchwegs die Vertreter der Mathematik, Geometrie und mathe-
matisch-geometrischen Physik die Theorie von Kant verstehen zu
können, wonach die Geometrie und ihre Gegenstände eine Sache
»anschaulicher« Vorstellung sein sollen, die sie damit aber noch bis
heute gröblich mißverstehen, – von Philosophen ganz zu schweigen.
Damit angesprochen ist vielmehr nur das Formale an dem Wahrneh-
men von etwas Wahrgenommenem wie etwa das Bewußtsein dieses
Dreidimensionalen oder das Bewußtsein jenes Zwei- und Eindimen-
sionalen, das ihm immer schon zugrundeliegen muß.
Als dies Formale aber, wodurch Wahrnehmen von etwas Wahr-
genommenem zuletzt erst möglich wird, kann eben deshalb nichts
von all dem etwa selbst schon wahrnehmbar sein. Ein Bewußtsein
von diesem Formalen kann vielmehr nur möglich werden gleich je-
nem Bewußtsein, das der Geometer hat, wenn er formal von Körpern,
Flächen oder Linien als solchen spricht. Sind sie doch das, was er sich
jeweils einzubilden hat, damit es ihm auch als etwas erscheinen kön-
ne: bis hin zu dem ursprünglichen Punkt, von dem er nur als der
Erscheinung einer ursprünglichen Linie ein Bewußtsein haben kann.
Denn so, wie Geometer jeden solchen Gegenstand als einen geo-
metrisch-idealen vorstellen, tritt er doch nicht auf als ein Empirisch-
Wahrgenommenes aufseiten der Objekte, sondern wenn, dann eben
nur als etwas Nichtempirisch-Eingebildetes aufseiten von Subjekten
als den Geometern.
Doch selbst darin unterscheidet sich ein Geometer noch grund-
sätzlich von einem Subjekt, das all dies gleichfalls tut, doch nur, um
dadurch schließlich Wahrnehmung von etwas dadurch Wahrgenom-
menem zu gewinnen. Dabei nämlich kann für keinen solchen Schritt
zur Einbildung von etwas gelten, er sei etwa in dem Sinn ein Schritt,
daß ein Subjekt bei jedem auch erst einmal stehen bliebe: Gelten kann
das weder für den Schritt zur Einbildung von eindimensionalem
Raum der Linie, die als Punkt erscheint, noch für den Schritt zur Ein-
bildung von zweidimensionalem Raum der Fläche, die als Linie er-
scheint, noch für den Schritt zur Einbildung von dreidimensionalem
Raum des Körpers, der als Fläche in Erscheinung tritt. Denn bei dem
letzten bleibt ein Subjekt ja nur deshalb stehen, weil es als Punkt
schon vollständig sich zu ihm ausgedehnt hat. Vielmehr tut es jeden
dieser Schritte nur in einem einzigen ununterbrochenen Zusammen-

282
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

hang von Schritten, die zu einem einzigen ununterbrochenen Kon-


tinuum von Raum als dreidimensionalem führen. Denn daß zwischen
den verschiedenen Dimensionen innerhalb von diesem Raum sich
unterscheiden läßt, liegt ja nicht daran, daß es irgendwelche Diskre-
tionen zwischen diesen Dimensionen gäbe, wie wir wissen.
Also kann es dabei auch nicht etwa dazu kommen, daß zunächst
einmal ein Punkt als die Erscheinung einer Linie für sich allein er-
scheint, und dann in Abgrenzung dazu auch eine Linie als Erschei-
nung einer Fläche noch für sich allein, und dann zuletzt in Abgren-
zung dazu auch eine Fläche als Erscheinung eines Körpers noch für
sich allein. Da nämlich jeder solche Schritt gerade dahin geht, daß
Punktuelles oder Punkt es ist, was je und je zu einer Ausdehnung sich
ausdehnt, kann es schon von vornherein zu keinem davon kommen.
Denn stattdessen muß es dann vielmehr in einem Zug zum Aus-
gedehnten dieser Ausdehnung der Fläche als Erscheinung dieses letz-
ten Raumes kommen. Ist doch, was dabei erfolgt, dann dies, daß jener
Punkt sich eben vollständig, das heißt, von vornherein schon drei-
dimensional sich ausdehnt. Und so ist, was jenem Punkt dadurch be-
wußt wird, auch von vornherein schon dieses Ausgedehnte solcher
Ausdehnung der Fläche als Erscheinung dieses dreidimensionalen
Raums, der dabei eingebildet wird. Und das obwohl dadurch genauso,
wie mit diesem Raum auch jede seiner Dimensionen noch miteinge-
bildet sein muß, dann auch noch mit dem Bewußtsein von ihm jede
seiner Dimensionen mitbewußt sein muß.
Nur eben nicht so, wie dem Geometer, der sich jede Freiheit
nimmt, um all dies jeweils auch für sich alleine vorzustellen und dazu
auch jede Perspektive auf es zu benutzen, wenn er Körper, Flächen,
Linien oder Punkte einzeln in Betracht zieht: einerlei, ob ihm dabei
das eine oder andre nun als selbständig oder als unselbständig gilt.
Denn einem Subjekt, das dadurch zuletzt in Wahrnehmung von et-
was Wahrgenommenem begriffen ist, wird jedes davon nur mit je-
dem anderen zusammen innerhalb von einem einzigen ununterbro-
chenen Zusammenhang bewußt, in dem es auch einer bestimmten
Perspektive unterliegt. Und der ist eben ein Zusammenhang von
ihnen als den bloßen Gliedern eines Ganzen, was denn auch für das
Bewußtsein davon gelten muß, weil es entsprechende Bewußtseins-
Glieder auch nur innerhalb eines Bewußtseins-Ganzen bilden kann,
das perspektivisches Bewußtsein davon ist.
In dem Zusammenhang jedoch, der letztlich ein Zusammenhang
eines Bewußtseins davon ist, verschärft sich jenes ontologische Pro-

283
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

blem dann in der Tat noch weiter zu einem bewußtseinstheoreti-


schen. So nämlich ist dieser Zusammenhang nichts anderes als das
Zusammenspiel zwischen dem Einbilden und dem Erscheinen von
etwas, worin der Raum als ein am Ende dreidimensionaler nur noch
etwas Eingebildetes sein kann, das er auch bleiben muß, weil er als
etwas Dreidimensionales eben nicht auch noch etwas Erscheinendes
sein kann. Und so wird dieser Raum als dreidimensionaler dann auch
zusätzlich zu jenem ontologischen Problem noch ein bewußtseins-
theoretisches. Und als Gesamtproblem verschärft es sich nun vollends
zu der Frage nach dessen Verhältnis zu dem Raum als zweidimensio-
nalem, der ihm ja zugrundeliegen muß, weil er doch nur aus ihm
hervorgehen kann.
Der nämlich kann ja nur ein Zeit-Raum sein, wie sich ergab,
wogegen er als dreidimensionaler Raum ein Nicht-Zeit-Raum sein
müßte. Letzteres ließ ontologisch sich nur soweit ausdrücken, daß
dieser dreidimensionale Raum als der aus zweidimensionalem Raum
hervorgehende irgendwie auch ein an ihn sich anschließender Raum
sein müßte. Und das machte problematisch, wie er als ein Nicht-Zeit-
Raum dann etwas anderes sein könnte als ein Zeit-Raum. Denn als
ein aus ihm hervorgehender müßte er dann doch auch ein mit ihm
einhergehender sein und damit so wie er ein stetig-neuer zweidimen-
sionaler eben auch ein stetig-neuer dreidimensionaler Zeit-Raum.
Bloß vertrug sich das nicht damit, daß er logisch-ontologisch sich
nur als die Ausdehnung begreifen ließ, die der zu ihr sich ausdehnen-
de Punkt zum ersten Mal »nur außerhalb« von sich besitzt, weil sie
als Ausdehnung zum ersten Mal eine nichtpunktuelle ist. Denn
Merkmal dafür, daß der zwei- und eindimensionale Raum jeweils
ein Zeit-Raum ist, war ja, daß dessen Ausdehnung jeweils noch punk-
tuelle ist, weil der zu ihr sich ausdehnende Punkt sie nicht »nur
außerhalb« von sich besitzt, sondern »auch innerhalb von sich.
Wobei wir ontologisch stehen bleiben mußten, läßt bewußt-
seinstheoretisch sich jetzt aber noch viel weiter gehend dahin aus-
drücken, daß dieser dreidimensionale Raum sogar auch seinerseits
nur etwas Eingebildetes sein kann. Und das hat er nun vollends und
im Vollsinn als Gemeinsamkeit mit jedem seiner Vorgänger. Denn
jeder ist etwas nur Eingebildetes, das nicht als das erscheinen kann,
als was es eingebildet ist: auch wenn dann jeweils nachträglich als die
Erscheinungsform von zweidimensionalem eindimensionaler Raum
erscheint sowie als die Erscheinungsform von dreidimensionalem
zweidimensionaler. Und so gilt für jeden, daß er nicht als das erschei-

284
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

nen kann, als was er eingebildet ist, und das ist eben die Gemeinsam-
keit von allen dreien, die sich darin somit überhaupt nicht vonein-
ander unterscheiden. Nur noch problematischer wird das jedoch, weil
jeder solche Raum als ein bloß eingebildeter sich dann auch gleicher-
weise auf den Punkt bezieht, von dem allein sich sagen läßt, daß er es
ist, der diesen oder jenen Raum sich einbildet. So sehr es nämlich
logisch-ontologisch dabei bleiben muß, daß dieses Einbilden den
Weg nimmt, auf dem schließlich aus dem zweidimensionalen drei-
dimensionaler Raum hervorgeht, so gewiß kann dies bewußtseins-
theoretisch doch nicht etwa heißen, zweidimensionaler bilde drei-
dimensionalen Raum sich ein.
Als etwas Eingebildetes kann vielmehr jeder solche Raum nur
das sein, was nur jener Punkt sich eingebildet haben kann, indem er
logisch-ontologisch schrittweise sich dazu ausgedehnt hat und be-
wußtseinstheoretisch schrittweise sich davon auch Bewußtsein noch
gebildet hat. Und so, wie solche Selbstausdehnung dabei schon in
einem Zug bis hin zu ihrer Vollständigkeit in Gestalt der Ausdeh-
nung von dreidimensionalem Raum erfolgt, so ist auch, was dabei
bewußt wird, schon in einem Zug das Ausgedehnte dieser Ausdeh-
nung von dreidimensionalem Raum. Denn keiner von den Einzel-
schritten innerhalb des einen Zugs ist ja von diesem oder jenem an-
dern etwa abgesetzt; und jeder von den Einzelschritten ist auch auf
denselben Punkt bezogen, der sich dabei etwas einbildet, indem er
sich zu etwas ausdehnt, das er sich dabei bewußt macht. Ein Sich-
Einbilden in diesem vollen Doppel-Sinn erfordert dann jedoch auch
eine volle Wörtlichnahme, die zur Folge hat, daß jene Problematik
sich geradezu final verschärft.
Denn dieser selbe Punkt kann ja kein anderer sein als jener ste-
tig-neue Punkt der Zeit. Und dieser ist es somit, auf den gleichsam
über zwei- und eindimensionalen Raum hinweg auch dreidimensio-
naler Raum sich noch zurückbezieht, weil doch auch er noch, ja gera-
de er noch etwas ist, was dieser selbe Punkt sich einbildet. Und das
bedeutet: So gewiß der dreidimensionale Raum sich logisch-onto-
logisch an den zweidimensionalen anschließt, so gewiß schließt jener
sich bewußtseinstheoretisch ebenso wie dieser zwei- und eindimen-
sionale Raum an diesen selben Punkt an. Denn den Raum als ein-
oder als zweidimensionalen hat der dreidimensionale doch auch nur
als seine inneren Glieder ohne Diskretionen zwischen ihnen inner-
halb von sich als Ganzem, so daß er als Ganzes sich zusammen mit
ihnen auf diesen selben Punkt bezieht. Und wenn es sich bei letzte-

285
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

rem um jenen Punkt der Zeit als stetig-neuen handelt, könnte es sich
auch beim Raum als Ganzem nur um einen Zeit-Raum handeln.
Als ein dreidimensionales Ganzes nämlich müßte er dann ins-
gesamt aus dem zu ihm sich ausdehnenden Punkt hervorgehen, und
das heißt: wie jedes eindimensionale oder zweidimensionale Glied
von ihm auch selbst als Zeit-Raum. Und so müßte auch sofort in
Frage stehen, was jenes logisch-ontologische »nur außerhalb« denn
eigentlich bedeuten soll, das sich für ihn als nicht mehr punktuelle
Ausdehnung ergeben hatte. Trotzdem nämlich scheint jetzt vielmehr
endgültig sich zu ergeben, daß auch für den dreidimensionalen Raum
noch das »auch innerhalb« des Zeit-Raums gelten muß und so gerade
nicht schon das »nur außerhalb«. Muß das bewußtseinstheoretisch
doch auch vollends unausweichlich scheinen, wenn auch dreidimen-
sionaler Raum nur das sein kann, was jener stetig-neue Punkt der
Zeit sich einbildet.
Denn das, was man hier wörtlich nehmen muß, ist dann das Sich
in dem Sich-Einbilden von etwas. Und sich etwas einzubilden, heißt
dann eben, sich als stetig-neuem Punkt der Zeit dies Etwas einzubil-
den, was im ganzen heißt: sich zu ihm auszubilden, nämlich aus-
zudehnen, und es dabei sich bewußt zu machen. Und so kann auch
der als Ganzes dreidimensionale Raum dadurch nur innerhalb der
Zeit entspringen und sonach auch nur als Zeit-Raum. Was mit ihm
entspringen muß, ist dann jedoch auch noch das hinlänglich berüch-
tigte, weil nicht mehr weiter überbietbare Problem des Solipsismus.
Denn als Zeit-Raum, der noch innerhalb von Zeit als stetig-neuem
Punkt des Subjekts bleibt, ist dann auch dreidimensionaler Raum
noch Innenwelt des Subjekts selbst. So aber muß sich fragen, wie
dann etwas, das in Form von ihm das Wahrgenommene einer Wahr-
nehmung sein soll, ein Objekt in der Außenwelt sein kann. Die Lö-
sung hierfür ist daher auch nur von einer Untersuchung zu erwarten,
die ermitteln kann: Was haben jene logisch-ontologischen Verhält-
nisse »nur außerhalb« oder »auch innerhalb« oder »nur innerhalb«,
von denen jedes zwischen Punkt und Ausdehnung symmetrisch ist,
denn eigentlich bewußtseinstheoretisch zu bedeuten? Da sie logisch-
ontologisch wohlbegründet sind, müßte ihr Sinn sich nämlich auch
bewußtseinstheoretisch nachvollziehen lassen, so daß sich am Ende
auch der von »nur außerhalb« als ein bewußtseinstheoretischer noch
wohlbegründen ließe.
Daß dazwischen nämlich ein Zusammenhang vorliegen muß,
zeigt sich schon daran, daß zu jedem dieser drei Verhältnisse jenes

286
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

»… von sich« gehören muß, wobei das »… sich« den Rückbezug der
jeweiligen Ausdehnung auf den zu ihr sich ausdehnenden Punkt zum
Ausdruck bringt. Dann aber muß dieses »… von sich« jeweils be-
wußtseinstheoretisch noch den zusätzlichen Sinn »… von sich als
dem Bewußtsein dieser Ausdehnung« besitzen, so daß jedes von die-
sen Verhältnissen im ganzen ausdrückt: »Punkt mit Ausdehnung nur
innerhalb von sich als dem Bewußtsein von ihr« sowie »Punkt mit
Ausdehnung auch außerhalb von sich als dem Bewußtsein von ihr«
wie auch »Punkt mit Ausdehnung nur außerhalb von sich als dem
Bewußtsein von ihr«. Daran aber zeigt sich jetzt zum ersten Mal:
Dieses »nur außerhalb«, bei dem es logisch-ontologisch bleiben muß,
kann dennoch nicht das letzte Wort in dieser Sache sein, weil es gera-
de nicht mit ausdrückt: Diese Ausdehnung, die sich »nur außerhalb«
von diesem Punkt befinden kann, soll trotzdem das Bewußte für ihn
als Bewußtsein von ihr bilden, und das heißt: gerade über das »nur
außerhalb« von ihr hinweg.
Um auch noch das mit auszudrücken, kann dieses »nur außer-
halb« sonach auch nicht geeignet, sondern muß in seinem Sinn viel-
mehr beschränkt sein auf den logisch-ontologischen, was sich auch in
der Tat begründen läßt. Dazu ist nur erforderlich, den Sinn von »au-
ßerhalb«, der schon als dieser logisch-ontologische ja ein spezieller
ist, noch weiter zu spezifizieren. Denn das Verhältnis zwischen Punkt
und Ausdehnung, für das er dabei steht, ist ja bereits die Umkehrung
zu dem Verhältnis zwischen ihnen, das er herkömmlich bezeichnet.
Ihm gemäß ist Punkt gesondert außerhalb von Ausdehnung und
Ausdehnung gesondert außerhalb von Punkt, indem er Schnittpunkt
von ihr als durch ihn geschnittener ist und damit abhängig von ihr,
wie bei dem Schnittpunkt einer Linie.
Dagegen ist die Ausdehnung der Linie, zu der ein Punkt sich
ausdehnt, abhängig von ihm, weil er kein Schnittpunkt von ihr ist
und sie auch nicht eine durch ihn geschnittene, weshalb sie auch nur
ungesondert außerhalb von ihm ist und er auch nur ungesondert au-
ßerhalb von ihr. Und so ist dieses Außerhalb, ob nun gesondert oder
ungesondert außerhalb, in jedem Fall symmetrisch zwischen Punkt
und Ausdehnung, weil asymmetrisch nur die Abhängigkeit zwischen
ihnen ist. Und diese Symmetrie bleibt auch erhalten in den beiden
Spezifikationen dieses Außerhalb, wonach jener zu einer Ausdeh-
nung sich ausdehnende Punkt die Ausdehnung »auch außerhalb«
von sich besitzt oder sogar »nur außerhalb« von sich. Gilt dann in
jedem solchen Fall doch ferner, daß »auch außerhalb« oder »nur

287
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

außerhalb« dabei nicht bloß die Ausdehnung zum Punkt ist, sondern
auch der Punkt zur Ausdehnung.
Genau an dieser Stelle aber läßt der Sinn von »außerhalb« als
logisch-ontologischer sich unterscheiden von ihm als bewußtseins-
theoretischem. Denn eben diese Symmetrie des »außerhalb« von
Ausdehnung zu Punkt sowie von Punkt zu Ausdehnung bleibt auf
den Sinn von »außerhalb« als logisch-ontologischen beschränkt und
geht nicht etwa auch noch über auf ihn als bewußtseinstheoretischen.
Zwar muß die Ausdehnung auch noch bewußtseinstheoretisch das
sein, was »auch außerhalb« oder sogar »nur außerhalb« von Punkt
ist, wofür dieser Sinn als logisch-ontologischer sonach erhalten blei-
ben muß. Durchaus nicht aber kann bewußtseinstheoretisch etwa
auch noch das Symmetrisch-Umgekehrte gelten, nämlich daß der
Punkt dabei »auch außerhalb« oder sogar »nur außerhalb« von Aus-
dehnung sein müßte. Vielmehr wissen wir ja schon, daß als Bewußt-
sein und mithin bewußtseinstheoretisch dieser Punkt gerade inner-
halb der Ausdehnung sein muß, die als die Folge seiner Selbstausdeh-
nung auftritt, auch wenn diese Ausdehnung als die des Raumes eben
außerhalb des Punktes auftritt.
Freilich bleibt sie dabei ungesondert außerhalb von ihm. Und so
verweist dann dieses »ungesondert«, das bereits zum Sinn von »au-
ßerhalb« als logisch-ontologischem gehört, schon hier voraus auf den
besonderen Sinn dieses Verhältnisses, der sich bewußtseinstheo-
retisch nunmehr förmlich aufdrängt. Zwingt er doch zur Bildung
von Begriffen, die erlauben, zwischen »außerhalb« in grundverschie-
denem Sinn zu unterscheiden. Wie sich eingangs schon gezeigt hat,
kann es nämlich für den Punkt als das Bewußtsein von der Ausdeh-
nung, die Folge seiner Selbstausdehnung ist, grundsätzlich keine
Stellung oder Lage »außerhalb« derselben geben, worin er sich »au-
ßerhalb« zu ihr befände, wie etwa zur Ausdehnung der Linie: Weder
kann der Punkt von einer ihrer beiden Seiten her, nach denen hin die
Linie ins Unbestimmt-Unendliche verläuft, Bewußtsein von ihr ha-
ben, noch aus einem Raum von höherer Dimension heraus. Daß er
die Linie nicht in diesem Sinne »außerhalb« von sich besitzen kann
und so auch kein entsprechendes Bewußtsein von ihr, schließt jedoch
nicht aus, daß er in einem andern Sinne diese Linie sehr wohl »außer-
halb« von sich und ein entsprechendes Bewußtsein von ihr haben
kann. Denn ersteres bedeutet ja auch nur, er könne nicht das Ganze
von ihr »außerhalb« von sich und so auch nicht Bewußtsein dieses
Ganzen von ihr haben. Doch sehr wohl kann er die Glieder von ihr

288
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

»außerhalb« von sich und damit auch sehr wohl Bewußtsein dieser
Glieder von ihr haben.
Denn als der zu einer Linie sich ausdehnende Punkt muß er ja
ein zu dieser Linie zweiseitig sich ausdehnender Punkt sein. Und so
hat er jede von ihren zwei Seiten als ein Glied von ihr dann »außer-
halb« von sich und damit auch entsprechendes Bewußtsein von der
Linie. Genau als dieser zweiseitig zu ihr sich ausdehnende Punkt ist er
als das Bewußtsein von ihr aber »innerhalb« von ihr, nicht »außer-
halb« von ihr, obwohl sie als ein jedes ihrer Glieder und mithin als das
Bewußte für ihn sehr wohl »außerhalb« von ihm ist. Und so zeigt sich
eben, daß bewußtseinstheoretisch dieses Außerhalb von ihr zu ihm
durchaus vereinbar ist mit diesem Innerhalb von ihm zu ihr. Was
damit auf einen Begriff gebracht wird, ist denn auch gerade das Ver-
hältnis zwischen dem Bewußtsein einerseits und dem für es Bewuß-
ten anderseits: mag es nun auftreten als Vorstellung und Vorgestell-
tes oder Anschauung und Angeschautes oder schließlich Wahrneh-
mung und Wahrgenommenes. Denn wie sich schon gezeigt hat, tritt
hier weder logisch-ontologisch zwischen den verschiedenen Dimen-
sionen des Bewußten eine Diskretion auf, noch bewußtseinstheo-
retisch zwischen dem Bewußtsein und diesem für es Bewußten, wie
es sich zuletzt sogar noch an der Wahrnehmung von Wahrgenom-
menem erwiesen hatte.
Was bisher jedoch nur der Beschreibung nach ermittelt war, er-
gibt sich nunmehr auch noch der Erklärung nach, worauf das »unge-
sondert« schon im voraus hingedeutet hatte. Danach muß für Punkt
und Ausdehnung schon logisch-ontologisch gelten, daß er ungeson-
dert außerhalb von ihr und sie auch ungesondert außerhalb von ihm
ist. Und so weist das Logisch-Ontologische von ungesondert eben
auch auf das Bewußtseinstheoretische bereits voraus, daß ein zu einer
Ausdehnung sich ausdehnender Punkt nur innerhalb von dieser Aus-
dehnung auftreten kann, und daß er somit ein Bewußtsein von ihr als
Bewußtem für es auch nur innerhalb von ihr gewinnen kann. Das gilt
daher auch nicht bloß für die Ausdehnung der Linie als eindimensio-
nalen Raum, worauf wir uns zunächst beschränkten, sondern auch
für die von zwei- und dreidimensionalem Raum der Fläche und des
Körpers. Denn was jeweils zweiseitig erfolgt, ist ja nicht nur dieses
Sich-Ausdehnen von Punkt zur Ausdehnung der Linie, so daß er in-
nerhalb von ihr sie dann nach jeder ihrer Seiten außerhalb von sich
und das entsprechende Bewußtsein von ihr hat. Was jeweils zweisei-
tig erfolgt, ist vielmehr auch noch das Sich-Ausdehnen von Punkt als

289
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

jenem Punktuellen dieser Linie zur Ausdehnung der Fläche, wie auch
dieser Fläche noch zur Ausdehnung des Körpers.
Steht doch nicht nur jene eindimensionale Ausdehnung der Li-
nie, sondern auch noch diese zwei- und dreidimensionale Ausdeh-
nung der Fläche und des Körpers zu so einem Punkt in dem Verhält-
nis, daß er innerhalb von ihr sie dann nach allen ihren Seiten
außerhalb von sich und das entsprechende Bewußtsein von ihr hat,
das heißt: rundum. Denn daß die Zahl der Seiten dabei unterschied-
lich ist, weil ja beim eindimensionalen Raum der Linie sich nur zwei
ergeben können, doch beim zwei- und dreidimensionalen Raum der
Fläche und des Körpers überabzählbar unendlich viele sich ergeben
müssen, bleibt synthetisch unerheblich. Denn Sich-Ausdehnen er-
folgt dabei in einem Zug bis hin zur vollständigen Ausdehnung von
dreidimensionalem Raum, und nicht etwa getrennt nach Einzel-
dimensionen. Analytisch von Bedeutung ist nur: Auch für jeden Ein-
zelraum erhärtet sich dabei der Unterschied zwischen dem Eingebil-
deten und dem Erscheinenden; stellt dieser Unterschied sich dabei
doch heraus als einer innerhalb von einem und demselben je und je
Bewußten. Welchen Einzelraum man analytisch auch herausgreift, so
ist er nach jeder seiner Seiten doch etwas Bewußtes nur im Sinn des
Unterschiedes zwischen ihm als dem Erscheinenden und als dem Ein-
gebildeten. Die können somit auch nur Glieder innerhalb von ihm als
einem und demselben Ganzen des Bewußten bilden.
Dieser Ganzheit als der Einheit auf der Seite des Bewußten aber
müßte auf der Seite des Bewußtseins davon dann auch eine Einheit
oder Ganzheit von vergleichbar unterschiedlichen Bewußtseins-Glie-
dern noch entsprechen. Nicht nur logisch-ontologisch, sondern auch
bewußtseinstheoretisch müßte also zwischen jenem Punkt der Zeit
und jeder Dimension des Raums ein einziger ununterbrochener Zu-
sammenhang bestehen. Und bewußtseinstheoretisch müßte letzterer
sonach auch nicht nur zwischen allen Gliedern von Bewußtem als
dem Eingebildeten und dem Erscheinenden bestehen, sondern auch
noch zwischen den entsprechenden Bewußtseins-Gliedern. Dies je-
doch besiegelt dann auch endgültig die Problematik jeder solchen
Ganzheit, weil von ihnen jede aus dem stetig-neuen Punkt der Zeit
hervorgehen und entsprechend auch mit ihm einhergehen müßte
und sonach wie er auch ihrerseits nur eine stetig-neue Ganzheit bil-
den könnte.
Das Problem des Solipsismus wäre somit unausweichlich. Denn
ein Sinn von »außerhalb«, das als »nur außerhalb« zu gelten hätte,

290
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

könnte sich ja nur bewußtseinstheoretisch noch ergeben, so ist klar


geworden. Doch ergibt gerade die Bewußtseinstheorie nunmehr, daß
insbesondere bewußtseinstheoretisch dieser Sinn von »außerhalb« an
den von »innerhalb« zurückgebunden bleiben muß. Denn ein Be-
wußtsein von der Ausdehnung, zu der ein Punkt sich ausdehnt, kann
für ihn auch nur von innerhalb derselben möglich werden, weil der
Punkt als solcher selbst sich auch von vornherein nur innerhalb von
ihr befinden kann: selbst dann, wenn sie »auch außerhalb« oder sogar
»nur außerhalb« von ihm sein soll. »Von innerhalb« bedeutet dann
jedoch nicht nur »von innerhalb der Ausdehnung«, die »außerhalb«
des Punktes sein soll, der zu ihr sich ausdehnt: sei es nun »auch
außerhalb« oder sogar »nur außerhalb«, wie die des Raums. »Von
innerhalb« heißt vielmehr dem vorweg dann auch bereits »von inner-
halb der Ausdehnung«, die »innerhalb«, und zwar »nur innerhalb«
des Punktes sein soll, der zu ihr sich ausdehnt, wie die Ausdehnung
der Zeit.
Läßt sich dagegen doch nicht etwa einwenden, ein Fehlschluß sei
es, diese Folgerung zu ziehen. Denn das Sich-Ausdehnen von Punkt
zur Ausdehnung der Zeit erfolge doch nicht zweiseitig, wie das Sich-
Ausdehnen zu jeder Dimension der Ausdehnung des Raums, sondern
bloß einseitig. Dadurch entfalle die Begründung für das Innerhalb,
weil sie ja erst aus diesem Zweiseitigen folge. Doch in Wahrheit folgt
sie schon aus jenem Außerhalb, aus dem dann erst das Zweiseitige
folgt, weil dieses Außerhalb dabei nicht das von einem Ganzen sol-
cher Ausdehnung des Raumes sein kann, sondern nur von Gliedern
eines solchen Ganzen. Denn auch das Sich-Ausdehnen von Punkt zu
Ausdehnung der Zeit erfolgt ja nicht in dem Sinn einseitig, daß sie
dann sehr wohl als ein Ganzes so ein Außerhalb zu ihm sein müßte.
Kann sie doch von vornherein nicht als ein Außerhalb zu ihm ent-
springen, so als ob sie etwa statt wie eine Linie wie ein Strahl aus
diesem Punkt entspränge. Sie entspringt vielmehr von vornherein
als eine Ausdehnung, die dieser Punkt nur innerhalb von sich be-
sitzen kann, so daß er logisch-ontologisch sich auch umgekehrt nur
innerhalb von ihr befinden kann.
Von daher kommt bewußtseinstheoretisch eben noch hinzu:
Auch ein Bewußtsein von ihr kann für ihn dann gleichfalls nur von
innerhalb derselben möglich werden, die auch ihrerseits als etwas, das
nur innerhalb von ihm ist, zu etwas Bewußtem für ihn werden muß.
Und so hat eben generell zu gelten, daß bewußtseinstheoretisch ein
zu Ausdehnung sich ausdehnender Punkt nur innerhalb von dieser

291
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Ausdehnung sein kann, was dann für jede Ausdehnung als solche
gelten muß. Das heißt: Es muß nicht erst für Ausdehnung des Rau-
mes gelten, die schon »außerhalb« des Punktes auftritt. Gelten muß
es vielmehr auch bereits für Ausdehnung der Zeit, die »außerhalb«
von Punkt noch gar nicht auftritt, sondern die »nur innerhalb« von
Punkt verbleibt. Und damit haben wir es in Gestalt von Zeit und Zeit-
Bewußtsein als dem Ursprung von Bewußtsein insgesamt sogar mit
dreierlei »nur innerhalb« zu tun.
Denn zu dem logisch-ontologischen »nur innerhalb« sowohl von
Ausdehnung in Punkt als auch von Punkt in Ausdehnung, wie es in
diesem Sinn symmetrisch-zweimal statthat, tritt bewußtseinstheo-
retisch ja als drittes noch das eine, asymmetrische »nur innerhalb«
hinzu. Denn als »nur innerhalb« von ihr befindlicher kann dieser
Punkt auch nur von innerhalb der Ausdehnung dann ein Bewußtsein
von ihr als Bewußtem für es haben, so daß er auch als Bewußtsein
von ihr dann »nur innerhalb« von ihr sein kann. Dies nämlich kann
durchaus nicht auch noch umgekehrt-symmetrisch gelten, weil das ja
nicht heißen kann, es habe auch die Ausdehnung vom Punkt dabei
Bewußtsein, so als ob auch er für sie dabei etwas Bewußtes wäre,
was bewußtseinstheoretisch überaus informativ ist. Denn sehr wohl
ist sie ja logisch-ontologisch ebenso »nur innerhalb« von ihm wie er
»nur innerhalb« von ihr. Und damit klärt sich zwar, was Kant desglei-
chen ungeklärt läßt, doch nur so, daß jene Problematik sich verstärkt
sogar noch fortsetzt.
Hatte doch schon Kant vertreten: Zeit als innere Struktur des
Subjekts sei von der Art, daß es »einerlei« ist, ob man sage: »[D]iese
ganze Zeit ist in [m]ir, als individueller Einheit, oder ich bin, mit
numerischer Identität, in aller dieser Zeit befindlich«. 5 Zwar geht
Kant der Zeit hier nicht bis auf den Grund, wo sie als Punkt und
Ausdehnung ineinem eben stetig-neuer Punkt ist. Dem symmetri-
schen »nur innerhalb« der beiden ineinander ist er damit aber zwei-
fellos schon auf der Spur. Bloß unterscheidet er dabei nicht zwischen
dem »nur innerhalb« als logisch-ontologischem und als bewußtseins-
theoretischem, als das es asymmetrisch ist, weil er dabei auch immer
schon in einem Atemzug von dem Bewußtsein solcher Zeit als

5
A 362. – Später drückt er dies auch anschaulich-konkret wie folgt aus: »Das conti-
nens ist zugleich contentum«, was natürlich eo ipso heißt: und umgekehrt. Vgl.
Bd. 18, S. 314, Z. 13 und Z. 29.

292
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

»Selbstbewußtsein« des Subjekts spricht. 6 Erst wenn man dazwischen


unterscheidet, kann man sehen: Das Symmetrische daran behauptet
Kant zwar nur intuitiv, jedoch berechtigt, 7 weil das Asymmetrische
nur das Bewußtseinstheoretische daran ist, dem als Logisch-Ontolo-
gisches auch nur das asymmetrische Sich-Ausdehnen von Punkt zu
Ausdehnung als solches selbst entspricht: Kann doch, wie immer nur
ein Punkt es sein kann, was zu einer Ausdehnung sich ausdehnt, so
auch immer nur ein Punkt es sein, was dabei ein Bewußtsein von ihr
als Bewußtem für es bildet, und in keinem Fall etwa auch umgekehrt.
Und davon unterscheidet das Symmetrische des logisch-ontologi-
schen »nur innerhalb« der Ausdehnung im Punkt, und umgekehrt,
sich grundsätzlich.
Nur lassen eben alle diese Unterscheidungen sich auch erst tref-
fen, nachdem zweierlei Verhältnisse von Punkt und Ausdehnung sich
unterscheiden ließen, deren jedes nur das Logisch-Ontologische von
Punkt und Ausdehnung betrifft. Das herkömmlich-bekannte, worin
Punkt erst immer Schnittpunkt einer Ausdehnung als der durch ihn
geschnittenen ist und somit abhängig von ihr, ist danach nur das ab-
geleitete Verhältnis zwischen ihnen. Denn zugrunde liegt ihm als ur-
sprüngliches Verhältnis zwischen Punkt und Ausdehnung schon
immer das gerade umgekehrte mit der umgekehrten Abhängigkeit
zwischen ihnen, das ein bisher unbekanntes ist. Danach geht Ausdeh-
nung als Folge des zu ihr sich ausdehnenden Punktes eben immer erst
aus ihm hervor: ob nun als die »nur innerhalb« von ihm, wie die der
Zeit, oder als die »auch außerhalb« oder »nur außerhalb« von ihm,
wie die des Raums. Und jedes von diesen Verhältnissen, ob nun das
ursprüngliche oder abgeleitete, ist als ein logisch-ontologisches Ver-
hältnis zwischen Punkt und Ausdehnung natürlich ein symmetri-
sches.
Deswegen wurde auch nur mangels dieser Unterscheidung
fälschlich gegen Kant vertreten, daß dieses Verhältnis als ursprüng-
liches vielmehr ein asymmetrisches statt ein symmetrisches sein
müsse, weil es sonst mit dem entsprechend abgeleiteten verwechselt

6 Und zwar auch nur von »Selbstbewußtsein« (A 362; Bd. 18, S. 315, Z. 16), womit er
noch nicht die »Selbsterkenntnis« meint (vgl. z. B. B 158), wie sie durch zusätzliche
Selbstthematisierung dieses »Selbstbewußtseins« mittels »Ich …« zustandekommt
(vgl. Prauss 2006, §§ 23–25). Entsprechend gilt es davon abzusehen, daß Kant hier
schon von »ich« und »mich« und »mir« spricht. Denn was er vertritt, gilt schon allein
für ein Subjekt als bloßes »Selbstbewußtsein«.
7
Vgl. dagegen Prauss 1999, §§ 10–12 und Prauss 2004, S. 21 ff.

293
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

würde: Sei im Unterschied zu einer Ausdehnung, die »innerhalb« von


einem Punkt ist, doch ein Punkt, der »innerhalb« von einer Ausdeh-
nung ist, nur als Schnittpunkt von ihr möglich, 8 was nach dieser Un-
terscheidung aber gar nicht zutrifft. Denn ob als ein Schnittpunkt
einer Ausdehnung, oder als der zu ihr sich ausdehnende Punkt, hat
er zu ihr wie sie zu ihm doch ein symmetrisches Verhältnis: seien sie
nun, wie im Fall der Zeit, symmetrisch »innerhalb« einander oder,
wie im Fall des Raums, symmetrisch »außerhalb« einander. Schließ-
lich kommt sogar noch mit hinzu, daß in Bezug auf Ausdehnung der
Zeit ein Punkt als Schnittpunkt von ihr auch noch keinen Sinn besit-
zen kann, weil sie als absolute Einheit eines nulldimensionalen Punk-
tes wie auch seiner nulldimensionalen Ausdehnung sich jedem sol-
chen Schnitt vielmehr von vornherein entziehen muß.
So aber ist dann, was Kant nur intuitiv vertreten hatte, zwar
auch diskursiv noch festgehalten: das Verhältnis zwischen Punkt
und Ausdehnung im Fall der Zeit als ein symmetrisches »nur inner-
halb« der beiden ineinander. Doch zugleich ergibt sich damit gegen
Kant die Einsicht, daß er die Verhältnisse zwischen Bewußtsein und
Bewußtem noch in einem weiteren Fall nicht angemessen in den Griff
bekommt. Denn wie in den bereits genannten Fällen faßt er das Be-
wußte für Bewußtsein auch im Fall der ursprünglichen Ausdehnung
der Zeit nur einfach unter den Begriff der »Anschauung« oder »Er-
scheinung«, 9 ohne zu erwägen, wie denn das dabei »Erscheinende« als
»Angeschautes« sich zum dabei »Eingebildeten« verhält. Und so ent-
geht ihm wie in jenen Fällen auch in diesem Fall etwas Entscheiden-
des: das Eigentümliche der Zeit im Unterschied zu dem des Raums.
Galt doch für jeden Raum von jeder Dimension: Als das Bewußte
für Bewußtsein muß er jenen Unterschied in sich umfassen zwischen
dem Bewußten als dabei »Erscheinendem« und dem Bewußten als
dabei bloß »Eingebildetem«. In jeder Dimension bleibt nämlich inner-
halb von ihm als dem Bewußten das »Erscheinende« um eine volle
Dimension zurück hinter dem »Eingebildeten«. Insofern tritt er dabei
auf wie Vordergrund vor Hintergrund, der hinter ihm verborgen
bleibt, weil er durch ihn verdeckt wird. Gilt all dies doch für die Zeit
im Unterschied zum Raum gerade nicht. Für etwas nämlich, das wie

8
Vgl. a. a. O.
9Vgl insbesondere an den zitierten Stellen, wie etwa A 362: »innere Anschauung«;
Bd. 18., S. 314, Z. 11: »Erscheinung«.

294
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

Zeit sowohl als Punkt wie auch als Ausdehnung gerade nulldimensio-
nal ist, gibt es dann auch keine Dimension, um die es als »Erscheinen-
des« zurückbleibt hinter sich als »Eingebildetem«. Insofern gibt es
hier auch nichts, wodurch etwas verdeckt wird und wohinter es ver-
borgen bleibt, wie Vordergrund und Hintergrund. Und dieses schein-
bar Negative ist recht eigentlich das Positive, daß im Fall der Zeit
genau das an ihr »Eingebildete« auch das an ihr »Erscheinende« sein
muß, und umgekehrt, weil beides auch nur unterschiedslos Eines und
Dasselbe sein kann.
Zeigt sich doch allein schon daran: Gegen Kant, der den Begriff
»Erscheinung« für den Raum wie für die Zeit in einem und demsel-
ben Sinn benutzt, gilt es zu unterscheiden zwischen ihm als dem Be-
griff von Raum und dem Begriff von Zeit. Denn dieser Unterschied
ist kein geringerer als der zwischen »Erscheinung« von »Erscheinen-
dem«, von dem das dabei »Eingebildete« sich unterscheidet, und »Er-
scheinung« von »Erscheinendem«, von dem das dabei »Eingebildete«,
weil es mit ihm zusammenfällt, gerade nicht sich unterscheidet. Dem
entsprechend kann es hier auch nicht einmal mehr einen Anlaß ge-
ben, zu erwägen, ob denn etwas Eingebildetes als Nicht-Erscheinen-
des mit Kant nicht eigentlich als ein »Ansichsein« gelten müßte, 10
weil es einen Unterschied dazwischen hier noch gar nicht geben kann.
Dagegen möchte Kant so ein »Ansichsein«, wie es für Objekte gilt,
auch für Subjekte noch vertreten, weil ein Subjekt als die Ausdeh-
nung der Zeit ja nur »Erscheinung« sei. 11 Doch nicht einmal im Sinn
eines bloß Eingebildeten kann es der Zeit als der Erscheinung eines
Subjekts gegenüber noch etwas davon Verschiedenes geben. Denn als
stetig-neuer Punkt mit Ausdehnung ineinem ist sie eben auch schon
ein Subjekt in Gänze.
Voneinander unterscheiden kann und muß Erscheinendes und
Eingebildetes sich als Bewußtes für Bewußtsein eben erst im Fall
von Raum und nicht auch schon im Fall von Zeit. Erst dann muß
nämlich eine Ausdehnung auch diesen Unterschied noch annehmen,
wenn sie nicht mehr »nur innerhalb« von Punkt auftritt, wie noch im
Fall der Zeit, sondern »auch außerhalb« oder sogar »nur außerhalb«
von Punkt, wie schon im Fall des Raums. Denn erst das grundsätz-

10
Vgl. oben S. 280.
11 Vgl. z. B. A 492 B 520, B 152 f. Ferner Bd. 18, S. 314, Z. 11 mit Z. 24; S. 315, Z. 14,
Z. 21; S. 316, Z. 1–12.

295
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

liche Außerhalb von einer Ausdehnung zu einem Punkt kann als Be-
wußtes für Bewußtsein dieses Punktes nur gegliedert in »Erscheinen-
des« und »Eingebildetes« auftreten. Jenes grundsätzliche Innerhalb
der Ausdehnung im Punkt als Zeit dagegen kann etwas Bewußtes
für ihn als Bewußtsein nur in dem Sinn bilden, daß es als das Einge-
bildete auch das Erscheinende ist, wie auch umgekehrt. Denn als ein
bloßes Innerhalb kann solche Ausdehnung sich doch auch noch nicht
dahin bilden, daß sie als ein Vordergrund vor sich als einem Hinter-
grund auftreten könnte, der durch ihn verdeckt wird und der somit
hinter ihm verborgen bleibt, was vielmehr erst und nur für solches
Außerhalb der Ausdehnung des Raumes gilt. Erst Raum-Bewußtsein
kann und muß daher genau in diesem Sinn ein perspektivisches Be-
wußtsein bilden. Zeit-Bewußtsein muß dagegen in demselben Sinn
geradezu als Inbegriff eines nichtperspektivischen Bewußtseins gel-
ten, das als das ursprüngliche Bewußtsein dann auch jedem Raum-
Bewußtsein als dem abgeleiteten bereits zugrundeliegen muß. Denn
was im Fall der Zeit sich zum Bewußten für Bewußtsein bildet, ist
dann eben auch nur dieses Innerhalb der Ausdehnung im Punkt, die
dann auch nur als solches Innerhalb für ihn bewußt wird.
Damit aber kehrt sich jene Problematik auch noch um, und zwar
gleich so, daß deren Umkehrung ihr nicht nur nichts an Problematik
nimmt, sondern sogar noch weiteres hinzufügt. Denn bewußtseins-
theoretisch läuft dann, daß im Fall der Zeit ein Außerhalb von Aus-
dehnung zu Punkt noch gar nicht auftritt, sondern nur ein Innerhalb
von Ausdehnung zu Punkt, auf folgendes hinaus: Kann der zu einer
Ausdehnung sich ausdehnende Punkt dabei nur innerhalb von dieser
Ausdehnung auftreten, wie auch sie nur innerhalb von ihm, vermag
er ein Bewußtsein solcher Ausdehnung auch nur als derjenigen zu
gewinnen, die nur innerhalb von ihm auftreten kann. Mag nämlich
jedes davon auch grundsätzlich asymmetrisch sein – weil nicht bloß,
was zu Ausdehnung sich ausdehnt, sondern auch noch, was von Aus-
dehnung dabei Bewußtsein bildet, nur der Punkt sein kann – so bleibt
gleichwohl doch ihr Verhältnis zueinander als ein logisch-ontologi-
sches dabei symmetrisch und im Fall der Zeit mithin auch das eines
symmetrischen »nur innerhalb«.
Dann aber muß sich fragen, ob der Ursprung von dergleichen
wie Bewußtsein überhaupt ein anderer sein kann als der von etwas,
das dadurch nur zu sich selbst kommt und nur bei sich selbst bleibt,
weil ihm auch nur seine Innenwelt als solche selbst bewußt wird.
Denn selbst wenn man vorerst einfach annimmt, zu dem Gegenüber

296
§ 9. Das Bewußte als »Erscheinendes« und »Eingebildetes«

von etwas Bewußtem für Bewußtsein könne es auch hier im Fall der
bloßen Zeit schon kommen: Dabei könnte es sich doch auch nur noch
um ein Ineinander zwischen zweierlei »nur innerhalb« des einen in
dem andern handeln, das gleich einem Kreislauf in sich selbst zurück-
läuft, weil es nicht über sich selbst hinauskommt. Und so ließe sich
zwar nachvollziehen: Wie die Zeit als das Ursprüngliche dem Zeit-
Raum als dem Abgeleiteten bereits zugrundeliegt, so liegt auch ur-
sprüngliches Zeit-Bewußtsein abgeleitetem Zeit-Raum-Bewußtsein
schon zugrunde. Als Bewußtsein aber könnte dann ein Raum-Be-
wußtsein dabei eben nur insoweit auftreten, wie es ein Zeit-Bewußt-
sein von ihm als dem Zeit-Raum wäre, weil er als ein Außerhalb ja
bloß »auch außerhalb« von Punkt sein könnte, nämlich mindestens
»auch innerhalb« von ihm sein müßte.
Ganz und gar nicht nachvollziehbar wäre dann jedoch: Wie kann
auch noch von etwas, das wie dreidimensionaler Nicht-Zeit-Raum
»nur außerhalb« von Punkt und damit Außenwelt für ihn sein soll,
so etwas wie Bewußtsein überhaupt entspringen? Wie kann auch
noch Raum als dreidimensionaler zu etwas Bewußtem für Bewußt-
sein werden, wenn er doch in keinem Sinn mehr »innerhalb« dessel-
ben sein kann, weil »nur außerhalb« in keinem Sinn mehr »inner-
halb« bedeuten kann: nicht einmal mehr »auch innerhalb«,
geschweige denn »nur innerhalb«? Dann muß vielmehr die Frage
bleiben: Müßte nicht auch für den dreidimensionalen Raum noch
gelten, daß er mindestens »auch innerhalb« von Punkt sein muß
und so auch selbst noch Zeit-Raum, soll auch er noch als etwas Be-
wußtes für Bewußtsein auftreten?
Es sei denn, daß zum Logisch-Ontologischen dieser Bestimmun-
gen, das wohlbegründet ist, durch das entsprechende Bewußtseins-
theoretische dann doch noch etwas zu ergänzen wäre, so daß beides
miteinander wohlbegründet würde. Und so müßte die Bewußtseins-
theorie gleichsam den Schlußstein für den Bogen bilden, der von
beidem her geschlagen werden muß. Für beides aber müßte dieser
Bogen jeweils auch in einem Zug geschlagen werden, was bewußt-
seinstheoretisch nur bedeuten könnte: Auch der Bogen von all dem
als je und je Bewußtem für Bewußtsein läßt nur von der Zeit her und
bis hin zum dreidimensionalen Raum in einem Zug sich schlagen und
sich schließen.

297
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

Den letzten Überlegungen zufolge dürfte soviel sicher sein: Die Sym-
metrie der logisch-ontologischen Verhältnisse von Zeit und Raum, so
wohlbegründet diese von »nur innerhalb« und bis »nur außerhalb«
auch seien, kann für das Problem des dreidimensionalen Raumes kei-
ne Lösung bringen. Um sie zu erreichen, muß der Blick deswegen
statt auf diese Symmetrie vielmehr auf jene logisch-ontologische
Asymmetrie sich richten, die ihr schon zugrundeliegt. Danach kann
immer nur ein Punkt zu dieser oder jener Art von Ausdehnung sich
ausdehnen, nicht umgekehrt. Zumal der dreidimensionale Raum ja
nicht nur logisch-ontologisch, sondern auch bewußtseinstheoretisch
ein Problem ist, und bewußtseinstheoretisch die entsprechende
Asymmetrie besteht. Danach kann immer nur ein Punkt von dieser
oder jener Art der Ausdehnung sich ein Bewußtsein bilden, und nicht
umgekehrt. So aber fragt sich aus der Sicht dieser bewußtseinstheo-
retischen Asymmetrie, ob jene logisch-ontologische Asymmetrie
denn eigentlich als solche selbst schon ausgeschöpft sein kann. Denn
das zuletzt bewußtseinstheoretische Problem des dreidimensionalen
Raums zu lösen, könnte davon abhängen, zunächst einmal das lo-
gisch-ontologische Problem desselben vollständig zu stellen.
Was genau ist also logisch-ontologisch zu verstehen unter dem
Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu dieser oder jener von den Aus-
dehnungen, die auf Grund von dieser Asymmetrie des Sich-Ausdeh-
nens dann die Verhältnisse der Symmetrie zu diesem Punkt besitzen?
Kann die erste Art dieses Sich-Ausdehnens als Gattung doch auch
nur die Zeit sein. Denn als Gattung kann Sich-Ausdehnen auch nur
Entstehen von Ausdehnung bedeuten, und an dieses kann sich als das
erste logisch-ontologisch Minimale dann auch nur Vergehen von
Ausdehnung anschließen, wodurch das symmetrische »nur inner-
halb« von Ausdehnung in Punkt und Punkt in Ausdehnung als Zeit
zustandekommt. Erst daran kann sich als das nächste logisch-ontolo-
gisch Minimale das Bestehen von Ausdehnung anschließen, wodurch
das symmetrische »auch außerhalb« von Ausdehnung zu Punkt und
Punkt zu Ausdehnung als Raum zustandekommt. Nur kann es sich
bei diesem auch nur um den Zeit-Raum handeln, weil »auch außer-
halb« ja mitbedeuten muß »auch innerhalb«, so daß es sich dabei um
jene Überlagerung von beidem handeln muß. 1

1
Vgl. dazu und zum folgenden noch einmal oben § 8.

298
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

Doch so gewiß dem Doppel-»auch …« als weitere und letzte


Möglichkeit sich logisch-ontologisch das »nur außerhalb« anschlie-
ßen muß, so sicher muß bei letzterem auch offen bleiben, was in
»logisch-ontologisch« eigentlich der Anteil »…-ontologisch« für es
zu bedeuten haben könnte. Denn von »logisch-…« abgesehen bleibt
als einziger der ontologische Sinn von Bestehen übrig. Dieser aber ist,
ob er nun logisch durch das Doppel-»auch …« oder das »nur …« spe-
zifiziert wird, ontologisch unspezifisch, weil er eben auch nur all-
gemein den Sinn von Raum im Unterschied zu dem von Zeit bedeu-
tet. Und so muß hier offen bleiben, was das logische Bestehen von
Ausdehnung »nur außerhalb« im Unterschied zum logischen Be-
stehen von Ausdehnung »auch außerhalb« denn ontologisch eigent-
lich bedeuten sollte, weil sich dadurch am Bestehen als solchem gar
nichts ändern kann.
Das muß denn auch den Blick zurücklenken auf den Zusammen-
hang, in dem dieses Bestehen von Ausdehnung mit dem Vergehen
von ihr und dem Entstehen von ihr zusammenhängt. Doch auch in
diesem noch ausschließlich ontologischen Zusammenhang gibt es
noch keine Möglichkeit, zwischen verschiedenen Arten von Bestehen
zu spezifizieren. Und zwar nicht nur, weil es zum Entstehen oder Ver-
gehen oder Bestehen von etwas ontologisch nicht noch Weiteres ge-
ben kann, da ihr Zusammenhang ja als ein grundlegender auch ein
vollständiger ist. Vielmehr auch deswegen, weil sich nicht einsehen
läßt: Wie könnte denn Bestehen von Ausdehnung, das auf Entstehen
von ihr zurückgehen muß, nach dem Prinzip des ontologisch Mini-
malen sich auch anders einstellen als im Anschluß an Vergehen von
Ausdehnung? Nachdem sich, diesem ontologischen Prinzip gemäß,
an das Entstehen derselben das Vergehen derselben angeschlossen
hat, ist dann auch ausgeschlossen, daß Bestehen von Ausdehnung
sich etwa durch Umgehung des Vergehens von ihr unmittelbar an
das Entstehen von ihr anschließen könnte, so daß ihm nicht das Ver-
gehen von ihr zugrundeliegen müßte. Und so ist das eben gleich-
bedeutend damit, daß dabei gerade ontologisch unerfindlich bleiben
muß, wie Raum als ein Bestehen von Ausdehnung sich je als etwas
anderes bilden könnte denn als Zeit-Raum, was er aber als Bestehen
jener nichtpunktuellen Ausdehnung des dreidimensionalen Raums
sehr wohl sein müßte.
Das jedoch muß fraglich machen: Reicht dieser Zusammenhang
zwischen Entstehen oder Vergehen oder Bestehen, so grundlegend er
ist und bleibt, als ontologisch grundlegender aus? Liegt hier nicht

299
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

vielmehr noch ein anderer Zusammenhang zugrunde, der noch tiefer


geht und deswegen auch noch nicht aufgedeckt ist? Und das lenkt den
Blick zuletzt tatsächlich auf den ontologisch-asymmetrischen Zusam-
menhang zurück, daß nur ein Punkt zu einer Ausdehnung sich aus-
dehnt, und nicht umgekehrt, womit dann der bewußtseinstheo-
retisch-asymmetrische Zusammenhang einhergeht, daß auch nur
ein Punkt sich eine Ausdehnung bewußt macht, und nicht umge-
kehrt. An jenen also muß von diesem her sich dann die Frage richten:
Ist er ontologisch vollständig auf den Begriff gebracht, wenn er nur
als Sich-Ausdehnen von Punkt zu Ausdehnung begriffen wird, was
auf die Gattung des Entstehens von Ausdehnung hinausläuft, das als
Arten ein zunächst anschließendes Vergehen und ein sodann an-
schließendes Bestehen von solcher Ausdehnung herbeiführt? So ge-
wiß dadurch im einzelnen begriffen sein mag, wie sich gliedert, was
hier abläuft, so gewiß doch nicht auch schon im allgemeinen, was
dann ontologisch das Gemeinsame von all dem sein muß.
Auch nach ihm noch auszuschauen, führt am Ende zu der Ein-
sicht: Um auch dies noch zu begreifen, bietet nur ein einziger Begriff
sich an; und diesen einzubringen, muß sogleich auch auf die Probe
stellen, ob der Gesamtzusammenhang, um den es dabei geht, von
Grund auf standfest sein und bleiben kann. Und das ist der Begriff
der Wirklichkeit durch die Verwirklichung von etwas. Wie schon
jeder einzelne dieser Begriffe von Entstehen oder Vergehen oder Be-
stehen ist nämlich auch noch dieser allgemeine des Verwirklichens
von etwas doch ein sinnvoller Begriff, weil ja mit angegeben ist, um
welches Etwas es sich dabei handeln soll: um Ausdehnung. Zur Probe
aber wird das dann sofort für jene erste, grundlegende Ausdehnung
der Zeit, weil das erst einmal fraglich macht, ob es für Zeit denn über-
haupt zutreffen kann: Wie soll denn eigentlich als etwas Wirkliches
verständlich werden können, was doch seiner inneren Struktur nach
immer wieder etwas sein soll, an dessen Entstehen dessen Vergehen
sich anschließt, ohne jegliches Bestehen von ihm dazwischen?
Daß gleichwohl jedoch gesichert ist, um welches Etwas es sich
dabei handeln soll, nämlich um Ausdehnung als die der Zeit, ist daher
auch entscheidend. Denn daß Zeit als Ausdehnung in irgendeinem
Sinn auch etwas Wirkliches sein muß, ist ja seit jeher die Herausfor-
derung, daß sie dann auch widerspruchsfrei sich begreifen lassen
muß. Genau dem Zweck dient denn auch unser Zeit-Modell, nämlich
zu zeigen, daß die innere Struktur von ihr sich sogar geometrisch
modellieren läßt, weshalb der angemessene Begriff für sie kein Wi-

300
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

derspruch sein kann: mag es auch scheinen, daß die Schwierigkeit


ihrer Begrifflichkeit der Widersprüchlichkeit der Zeit sehr nahe kom-
me. Jedenfalls bedarf von den beteiligten Begriffen jeder erst noch der
Gewöhnung: nicht nur der Begriff von dem zu einer Ausdehnung
sich ausdehnenden Punkt, die er zunächst »nur innerhalb« von sich
hat; vielmehr auch der einer in sich unlösbaren Einheit von Ausdeh-
nung, an deren Entstehen deren Vergehen sich anschließt, ohne daß
deren Bestehen dazwischen tritt. Denn daß es sich bei solcher Aus-
dehnung, damit sie etwas Wirkliches sein könne, auch um irgendein
Bestehen derselben handeln müsse, hieße abermals, die Ausdehnung
von Zeit mißzuverstehen als eine Ausdehnung von Raum. Die Wirk-
lichkeit der ersteren ist eben auch in keinem Sinn – nicht einmal im
formalen Sinn – die eines Objekts, sondern die besondere von einem
Subjekt als der subjektiven Wirklichkeit der Zeit.
Dasselbe aber hat dann auch erst recht noch für Bestehen von
Ausdehnung als Raum zu gelten, der an Zeit als das Entstehen wie
auch Vergehen von ihr sich anschließt: Auch Bestehen von Ausdeh-
nung als Raum muß danach eine Wirklichkeit durch die Verwirk-
lichung derselben sein. Und zwar nicht nur als Zeit-Raum, der als
das Bestehen von Ausdehnung ja das Entstehen wie auch Vergehen
von Ausdehnung der Zeit noch teilt. Vielmehr auch noch als Nicht-
Zeit-Raum, dessen Bestehen von Ausdehnung dieses Entstehen wie
auch Vergehen von Ausdehnung der Zeit gerade nicht mehr teilen,
sondern ein Bestehen sein soll, das darüber hinausgeht. Kann doch
Grund dafür, daß es bei all dem sich um eine Wirklichkeit durch die
Verwirklichung derselben handeln muß, nicht etwa sein, daß es dabei
speziell um das Entstehen wie auch Vergehen von Ausdehnung der
Zeit sich handeln müßte. Grund dafür muß vielmehr sein, daß all dies
generell nur auf jenes Sich-Ausdehnen von Punkt zurückgehen kann
und somit auch noch für den Nicht-Zeit-Raum als dreidimensionalen
gelten muß, weil er ja nur die letzte Ausdehnung des letzten Punk-
tuellen sein kann. Und so geht das Generelle einer Wirklichkeit durch
die Verwirklichung von all dem eben auf das Generelle einer Ausdeh-
nung durch das Sich-Ausdehnen von jenem Punkt zurück. Und das
war bisher weder durch die Gliederung zwischen Entstehen oder Ver-
gehen oder Bestehen auf einen ontologisch-angemessenen Begriff
gebracht noch gar durch die zwischen »nur innerhalb« oder »auch
außerhalb« oder »nur außerhalb«.
So wohlbegründet daher jede von ihnen auch ist und bleiben
muß, so wird doch erst durch dieses Generelle des Begriffs von einer

301
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Wirklichkeit durch die Verwirklichung von ihr das Ontologisch-


Grundlegende dieses so gegliederten Gesamtzusammenhangs erfaßt,
was nach der letzten Überlegung denn auch zwingend einzubringen
ist. Zusammen mit den beiden Gliederungen, weil sie gültig bleiben
müssen, muß dies Generelle aber auch ein weiteres Problem herbei-
führen, das zu lösen dann jedoch den Weg zur Lösung der gesamten
Problematik weist. Nach der Ermittlung dieses Generellen nämlich
wird noch eine weitere Gliederung notwendig, die mit den bisherigen
zusammenhängt, doch über sie hinaus zu einem neuen, zusätzlichen
Sinn von ihnen führt. Zum einen nämlich ist durch dieses Generelle
auch für jedes einzelne von deren Gliedern zwar ein einheitlicher
Sinn gewonnen, der zu dem der Ausdehnung durch das Sich-Ausdeh-
nen von einem Punkt hinzukommt und als solcher dann auch für das
dritte Glied der Ausdehnung »nur außerhalb« von Punkt noch gilt.
Zum andern aber zwingt das auch noch zu einer Spezifizierung dieses
Generellen, weil es sich bei der Verwirklichung von einer Ausdeh-
nung zu einer Wirklichkeit ja handeln muß um das Sich-Ausdehnen
von einem Punkt zu ihr. Was bisher nur als eine Ausdehnung durch
Selbstausdehnung eines Punktes galt, hat deshalb seinem eigentli-
chen Sinn gemäß als Selbstverwirklichung von diesem Punkt zur
Wirklichkeit von einer Ausdehnung zu gelten. Und für eine Ausdeh-
nung wie die der Zeit als die »nur innerhalb« von Punkt ist das zu-
nächst einmal auch einsichtig, da sie als seine Ausdehnung ja gleich
ihm selbst als einem nulldimensionalen auch nur eine nulldimensio-
nale sein kann.
Ganz und gar nicht einsichtig ist das jedoch für eine Ausdeh-
nung wie die des dreidimensionalen Raums als die »nur außerhalb«
von Punkt. Muß auch noch diese Ausdehnung als eine Wirklichkeit
durch die Verwirklichung derselben gelten, so kann letztere dann
auch nur Fremdverwirklichung derselben sein. Und zwar in dem
Sinn, daß es bei dem Wirklichen, zu dem sie führt, sich dann auch
nur noch handeln kann um etwas Wirklich-Anderes als das, dessen
Verwirklichung vorausgeht und das deswegen auch umgekehrt nur
etwas Wirklich-Anderes als dieses sein kann. Denn als eine jeweilige
Wirklichkeit steht eine Ausdehnung »nur außerhalb« von Punkt
dann einer, die »auch innerhalb« oder »nur innerhalb« von Punkt ist,
gegenüber wie ein Wirklich-Anderes einem andern Wirklich-Ande-
ren. Und damit wäre das Bestehen von Ausdehnung des Raums als
grundsätzliches Außerhalb von Ausdehnung zu Punkt zum ersten
Mal auch ontologisch zu zwei Arten von ihm noch spezifiziert: Ver-

302
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

läuft doch diese Gliederung zwischen dem Wirklichen durch Selbst-


verwirklichung und dem durch Fremdverwirklichung in aller Deut-
lichkeit genau zwischen dem zweiten und dem dritten Glied; und so
verläuft sie auch inmitten dessen, was bisher bloßes Bestehen von
Ausdehnung des Raums als bloßes Außerhalb zu Punkt war und als
solches eben ontologisch ungegliedert. Denn genauso deutlich ist
auch noch die Wirklichkeit des zweiten Gliedes eine Wirklichkeit
durch Selbstverwirklichung, weil ja die Ausdehnung »auch außer-
halb« von Punkt »auch innerhalb« von Punkt ist und als solche eben
Zeit-Raum.
So jedoch folgt einiges, wovon dann jedes für sich selbst schon
ein Problem ist, das mit jedem anderen zusammen aber eine Proble-
matik ausmacht, deren Lösung das Gesamtproblem bewältigt: onto-
logisch und bewußtseinstheoretisch. Denn als erstes folgt dann: Eines
und dasselbe, was der Gattung nach als ein Sich-Ausdehnen von
einem Punkt zu einer Ausdehnung zu gelten hat, muß danach die
Verwirklichung von etwas sein, die sich von innen her zur Selbstver-
wirklichung von etwas und zur Fremdverwirklichung von etwas glie-
dert. Denn durchaus nicht muß etwa von außen her an diese Gattung
noch etwas herangetragen werden, um eine begriffliche Bestimmung
der drei Arten von ihr zu gewinnen, die aus ihr hervorgehen. Das
Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu einer Ausdehnung voraus-
gesetzt, folgt nämlich analytisch, daß dies dann als ein Entstehen
von Ausdehnung erfolgen muß: woraus nach dem Prinzip des lo-
gisch-ontologisch Minimalen die gesamte Gliederung zwischen Ent-
stehen oder Vergehen oder Bestehen von Ausdehnung sich dann er-
gibt bzw. die zwischen »nur innerhalb« oder »auch außerhalb« oder
»nur außerhalb«. Genauso analytisch folgt dann aber insbesondere
ontologisch eben auch noch, daß im Zuge der Verwirklichung von all
dem zwischen Selbstverwirklichung und Fremdverwirklichung zu
unterscheiden ist. Und dennoch handelt es sich bei all dem, dessen
Zusammenhang sich analytisch durch Begriffe so entfalten läßt, um
die Dynamik der Erzeugung einer einzigen Synthese von all dem.
Wie aber sollte sich verstehen lassen, daß aus einer und derselben
Gattung der Verwirklichung das zueinander Gegensätzliche von
Selbst- und Fremdverwirklichung hervorgehen könne?
Ist das alles aus der Sicht der Gattung eigentlich bereits Problem
genug, so folgt als zweites aus der Sicht der Arten doch auch noch ein
weiteres: Nicht nur, daß diese Gattung der Verwirklichung von etwas
sich von innen her zur Selbstverwirklichung von etwas auf der einen

303
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Seite und zur Fremdverwirklichung von etwas auf der andern glie-
dern muß. Vielmehr des weiteren, daß zwischen diesen Arten sich
auch noch die Reihenfolge bilden muß, wonach die Wirklichkeit
durch Fremdverwirklichung von etwas dann auch nur noch aus-
gerechnet aus der Wirklichkeit durch Selbstverwirklichung von etwas
sich ergeben kann. Denn aus der Sicht der Arten ist es eben die der
Wirklichkeit durch Selbstverwirklichung, die logisch-ontologisch vor
der Art der Wirklichkeit durch Fremdverwirklichung erfolgen muß
und diese somit logisch-ontologisch nach ihr. Ja recht eigentlich
muß diese nicht nur nach ihr, sondern auch noch durch sie vor sich
gehen, weil aus ihr heraus erfolgen, so daß sich die Frage stellen muß:
Wie kann, was Wirklichkeit durch Selbstverwirklichung sein muß,
denn überhaupt zu etwas führen, das Wirklichkeit durch Fremdver-
wirklichung sein soll?
Auf diese Weise nämlich droht als Drittes dann auch noch die
Problematik eines Widerspruchs in eigener Sache. Denn so deutlich
schien doch jene Gliederung zwischen der Wirklichkeit durch Selbst-
verwirklichung und der durch Fremdverwirklichung soeben noch
zwischen dem dritten und dem zweiten Glied zu liegen: zwischen
dem »nur außerhalb« und dem »auch außerhalb« von Ausdehnung
zu Punkt. Gerade hier jedoch scheint diese Gliederung nunmehr auf
Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Soll doch das Sich-Ausdeh-
nen von einem Punkt zu einer Ausdehnung bis einschließlich des
dritten Gliedes reichen, weil ja auch die Ausdehnung von dreidimen-
sionalem Raum als die »nur außerhalb« von einem Punkt zurück-
gehen soll auf das Sich-Ausdehnen von diesem Punkt und damit auf
die Selbstausdehnung als die Selbstverwirklichung von ihm. So aber
liefe das darauf hinaus, daß ausgerechnet hier dann Selbst- und
Fremdverwirklichung sogar zusammenfallen müßten und mithin
auch nicht etwa sich gliedern könnten zu verschiedenen Gliedern in-
nerhalb dieser Verwirklichung. Zumal es sich dabei doch um das Eine
oder Ganze eines einzigen, ununterbrochenen Zusammenhangs von
Gliedern handeln muß, der als Kontinuum sich nicht durch Diskre-
tionen, sondern nur durch Dimensionen gliedern kann. Was fraglich
bleiben muß, ist demgemäß: Wie könnten innerhalb von so geglieder-
ter Verwirklichung denn Selbst- und Fremdverwirklichung in Einheit
miteinander stehen, ohne zueinander einen Widerspruch zu bilden?
Doch zuletzt entspricht dann dieser Problematik auch die umge-
kehrte noch als vierte: Denn daß Selbst- und Fremdverwirklichung
zusammenfallen müßten, dieser Anschein bleibt ja auf das dritte

304
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

Glied beschränkt. Und dem entspricht dann für das zweite und das
erste Glied der Anschein, wonach Selbst- und Fremdverwirklichung
hier auseinanderfallen müßten, nämlich in dem Sinn, daß hier noch
keine Fremdverwirklichung erfolgen könnte, und das heißt, daß hier
noch reine Selbstverwirklichung erfolgen müßte. Doch auch hier
spricht, wenngleich jetzt im umgekehrten Sinn, dagegen, daß es sich
dabei doch um das Eine oder Ganze eines einzigen, ununterbrochenen
Zusammenhangs von Gliedern handeln muß, der als Kontinuum sich
nicht durch Diskretionen, sondern nur durch Dimensionen gliedern
kann. Nur läßt sich eben innerhalb von ihm die Gliederung von ihm
und so auch jedes seiner oder ihrer Glieder unterscheiden, auch wenn
keines sich von einem anderen nach Diskretionen, sondern nur nach
Dimensionen unterscheidet.
So jedoch führt das am Ende zum Gesamtproblem, das als das
eigentliche auch das ontologisch grundlegende ist: Gerade weil es sich
dabei nur handeln kann um dieses Eine oder Ganze einer einzigen
Verwirklichung, muß sie als Selbstverwirklichung, die sie als erstes
und als zweites ihrer Glieder ist, der Grund sein dafür, daß sie als ihr
drittes Glied dann Fremdverwirklichung sein kann. Der Grund für
letztere muß demgemäß in diesem Unterschied der beiden ersteren
gelegen sein, das heißt, in dem zwischen dem ersten und dem zweiten
Glied von dieser Selbstverwirklichung. So nämlich zeigt sich, daß
auch hier noch ungeklärt ist, wie sich diese Selbstverwirklichung
denn ontologisch in sich unterscheiden kann, wenn es von ihr doch
anders als von jener Fremdverwirklichung zwei Glieder geben muß
und nicht bloß eines. Denn so logisch klar auch jener Unterschied
zwischen der Ausdehnung »nur innerhalb« von Punkt auf einer Seite
und der Ausdehnung »auch außerhalb« von Punkt auf anderer Seite
sein mag: Es bleibt dennoch unklar, was er ontologisch als ein innerer
Unterschied von Selbstverwirklichung bedeuten könnte, wenn er
doch noch keiner zwischen Selbst- und Fremdverwirklichung sein
kann.
Gerade letzteres muß dabei nämlich fraglich werden, weil durch
dieses Außerhalb von Ausdehnung zu Punkt das »Fremde« oder
»Andere« zu Punkt doch grundsätzlich schon auftritt, nämlich
grundsätzlich bereits als Raum im Unterschied zu Zeit. Denn daß es
sich bei diesem Außerhalb nur handeln kann um ein »auch außer-
halb« und so um ein »auch innerhalb« von diesem Außerhalb, sprich:
nur um Zeit-Raum, ändert daran überhaupt nichts. Fragt sich dann
doch immer noch: Warum ist dementsprechend solche Selbstverwirk-

305
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

lichung nicht mindest auch noch Fremdverwirklichung und dem-


zufolge nicht auch ihrerseits schon etwas Widersprüchliches? Genau
in diesem Sinn ist somit diese Selbstverwirklichung gerade das ur-
sprüngliche Problem, weil der Gesamtzusammenhang von all dem ja
recht eigentlich aus ihr allein hervorgehen soll. Das heißt: So klar
dieser Zusammenhang in seiner Gliederung und jedem Glied auch
sein mag, und so deutlich auch sie alle wiedergeben mögen, was uns
als die innere Struktur von Zeit und Raum im einzelnen bekannt ist, –
insgesamt hängt all das ab von dieser Selbstverwirklichung und somit
davon, die Ontologie derselben widerspruchsfrei zu entwickeln. Und
das kann denn auch nur die Ontologie der Selbstausdehnung jenes
Punktes sein. Sie müßte demgemäß als dessen Selbstverwirklichung
zu dieser oder jener Ausdehnung verständlich werden, um am Ende
auch die Bildung des Bewußtseins von ihr als Bewußtem für es noch
verstehen zu lassen.
Deshalb ist dafür zuallererst erforderlich, in vollem Umfang sich
zu vergewissern, was genau denn eigentlich erfolgt, wenn Punkt und
Ausdehnung beansprucht wird, um ein Sich-Ausdehnen von einem
Punkt zu einer Ausdehnung zu denken. Denn als diese Selbstausdeh-
nung tritt dann so etwas wie Selbstverwirklichung, das man seit jeher
und bis heute noch für widersprüchlich hält, sogar als Gattung auf,
von der sich fragen muß, ob eine höhere sich geometrisch-ontolo-
gisch überhaupt noch denken lassen kann. Worauf es ankommt, wäre
somit, aufzuklären, was genau denn dabei das Verhältnis dessen ist,
was danach diese Gattung bildet: eben das Verhältnis zwischen Punkt
und Ausdehnung. Bisher war dazu noch nicht mehr gesagt, als daß
deren Begriffe »Punkt« und »Ausdehnung« hier als undefinierte
Grundbegriffe gelten müssen, deren jeweiliger Sinn erst durch deren
Verhältnis sich ergeben kann. Und wichtig daran war nur, daß dies
eben nicht allein für »Punkt« gilt, wie es die Geometrie seit Hilbert
schon beherzigt, sondern auch für »Ausdehnung«, für die sie es je-
doch vernachlässigt. 2
Das dürfte daran liegen, daß man unter »Ausdehnung« im
Grunde gar nicht etwas Anderes versteht als unter »Punkt«, weil
man sie »mengentheoretisch« nur als »Punktmenge« betrachtet.
Doch nach allem, was bisher dazu bereits ermittelt werden konnte,
dürfte mindest soviel feststehen: Insbesondere die Ausdehnung von
Zeit und Raum, wie sie uns anschaulich als ein Kontinuum bekannt

2
Vgl. dazu oben § 4.

306
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

ist, muß die Auffassung als »Punktmenge« von Grund auf schon dem
Wesen nach verfehlen. Und die Begründung dafür lautet aus der Sicht
des schon Ermittelten: Nach »mengentheoretischer« Auffassung
kann doch »Punktmenge« nur »Schnittpunktmenge« heißen, deren
jeder eine Ausdehnung bereits voraussetzt, die als allererst zu schnei-
dende gerade keine »Schnittpunktmenge« sein kann. Vielmehr muß
sie als gerade ungeschnittene die Voraussetzung für jedes Schneiden
und für jeden Schnitt als das Ergebnis eines Schneidens sein. Und
woher sonst denn sollte auch der »Mengentheoretiker« einen Begriff
der »Ausdehnung« besitzen, wenn nicht von der Ausdehnung der
Zeit oder des Raumes her?
Wie sehr es angezeigt ist, daran festzuhalten, geht denn auch
nicht erst aus dem bereits Ermittelten hervor, sondern schon daraus,
daß der Mathematiker als »Mengentheoretiker« mit seiner eigenen
»Mengentheorie« in einen für ihn unheimlichen Abgrund blickt, was
er gelegentlich auch eingesteht. Kann er doch nicht umhin, sich klar-
zumachen: Eine Ausdehnung als ein Kontinuum, von welcher Di-
mension auch immer, muß als »Punktmenge« die »Mächtigkeit« des
»überabzählbar Unendlichen« von Punkten haben. Deren Zahl kann
nämlich nicht mehr »abzählbar unendlich« sein wie 1, 2, 3 … 1 als
»natürliche Zahlen«, wie doch seit Cantor feststeht. Und vom Punkt
her heißt das: Jede Ausdehnung, die über ihn als Punkt hinausgeht,
mag sie als Kontinuum auch noch so klein sein, hat bereits die volle
»Mächtigkeit« des »überabzählbar Unendlichen«, sofern nur immer
gilt, daß es bereits um ein Kontinuum von einer Ausdehnung sich
handelt. Und was dies dann zu bedeuten hat, bereitet einem Mathe-
matiker ein solches Unbehagen, daß er es nicht unterdrücken kann:
»Die ganze unendliche Punktmenge des Universums mit seinen Aus-
dehnungen von Milliarden Lichtjahren steckt (in ihrer Mächtigkeit)
bereits in einer winzigen Strecke von beispielsweise 1 mm Länge!«.
Denn er »findet diese ungeheuerliche und unbegreifliche Tatsache«
entsprechend auch bemerkenswert. 3 Und dieses Unbegreifliche, ja
Ungeheuerliche einer solchen Strecke gilt für deren Ausdehnung da-
nach auch nur im Unterschied zu deren Punkten. Denn bei denen
handelt es sich ja bloß um das Endliche von zwei bestimmten Punkten
als den Grenzpunkten von ihr und somit nicht um etwas überabzähl-
bar Unendliches.
Um wieviel unbegreiflicher und ungeheuerlicher aber müßte

3
Knerr 1989, S. 267.

307
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

dies dem Mathematiker erscheinen, würde er zur Kenntnis nehmen,


was er dabei unbeachtet läßt: Durchaus nicht gilt das einfach nur für
Ausdehnung im Unterschied zu Punkt, sondern recht eigentlich ge-
rade im Zusammenhang mit Punkt. Und zwar nicht nur in dem Sinn,
daß es eine solche Ausdehnung von einer Strecke ohne solche Punkte
als die Grenzpunkte von ihr auch gar nicht geben kann. Vielmehr des
weiteren in dem Sinn, wonach solche Punkte als die Grenzpunkte der
Strecke dann zugleich auch gelten müssen als die Schnittpunkte der
Linie, die bereits zugrundeliegen muß. Denn eine solche Strecke kann
sich doch auch nur durch eine zweimalige Schneidung oder Teilung
einer solchen Linie aus ihr ergeben. Dann jedoch muß sich auch noch
die Frage stellen: Was genau hat eigentlich als das ursprüngliche Er-
gebnis einer solchen Teilung oder Schneidung einer Linie zu gelten?
Hat doch auch schon eine einmalige Schneidung oder Teilung einer
Linie ihr Ergebnis, wobei es sich aber nicht um eine Strecke, sondern
um zwei Strahlen handelt.
Denn wie schon ermittelt, 4 heißt ja »Teilung« oder »Schnei-
dung« einer Linie zunächst einmal nichts anderes als »Herstellung
von diesem oder jenem Teil« bzw. »Herstellung von diesem oder je-
nem Schnitt«. Da Teile aber Ausdehnungen sind und Schnitte eben
Punkte, muß zunächst der Eindruck herrschen, als ob jedes davon das
Ergebnis einer Teilung oder Schneidung sei. Zumal ja zwischen »Tei-
lung« oder »Schneidung« als dem Vorgang noch kein Unterschied
besteht, sondern erst zwischen den Ergebnissen desselben Vorgangs,
der sowohl zu Punkt als Schnitt wie auch zu Ausdehnung als Teil
führt. Doch als einmaliger führt derselbe Vorgang eben nur zu einem
Schnitt als einem Punkt, dagegen zu zwei Teilen als zwei Ausdehnun-
gen. Und das zeigt, daß Punkt und Ausdehnung als das Ergebnis einer
Teilung oder Schneidung eben nicht das letzte Wort sein kann. Zum
einen nämlich sind nicht einfach Ausdehnung, sondern zwei Ausdeh-
nungen das Ergebnis einer Teilung oder Schneidung, weil doch eine
Ausdehnung als eine Linie dafür auch immer schon zugrundeliegt.
Ergebnis davon also ist gerade eine Ausdehnung im Unterschied zu
einer andern Ausdehnung, was jede aber eben nur durch diesen einen
Punkt ist. Und zum anderen ist das Ergebnis einer Teilung oder
Schneidung auch nicht einfach dieser eine Punkt, obwohl er als ein
solcher Schnittpunkt von der Linie her durchaus nicht schon zugrun-
deliegen kann. Nicht einfach so ein Punkt als solcher ist dann das

4
Vgl. dazu oben § 2 und § 4.

308
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

Ergebnis davon, sondern so ein Punkt im Unterschied zu einer Aus-


dehnung, weil durch die Teilung oder Schneidung einer Linie ja der
Unterschied von jedem gegenüber jedem dieser beiden aus der Linie
allererst hervorgeht.
Denn damit als das Ergebnis davon eine Ausdehnung im Unter-
schied zu einer andern Ausdehnung auftreten kann, muß erst einmal
ein Punkt im Unterschied zu einer Ausdehnung auftreten. Kann doch
jede solche Ausdehnung im Unterschied zu einer anderen auch ihrer-
seits nur auftreten, wenn umgekehrt auch jede solche Ausdehnung
zunächst einmal im Unterschied zu einem Punkt auftritt. Als das ur-
sprüngliche Ergebnis einer Teilung oder Schneidung einer Linie kann
sonach genau genommen weder Ausdehnung als solche noch auch
Punkt als solcher gelten, sondern nur der Unterschied zwischen den
beiden. Dieser nämlich tritt bereits bei einmaliger Teilung oder
Schneidung auf, was dann jedoch auch noch für jede weitere und da-
mit auch für mehrmalige Teilung oder Schneidung gilt. Kurzum: Nur
dies, daß Ausdehnung von Punkt bzw. Punkt von Ausdehnung ge-
sondert auftritt, kann als das Ergebnis einer Teilung oder Schneidung
gelten, was jedoch gerade nicht bedeuten kann, daß Ausdehnung von
Punkt bzw. Punkt von Ausdehnung etwa getrennt aufträte.
Ganz im Gegenteil sind vielmehr Punkt und Ausdehnung dabei
als das, was voneinander unterschieden ist, auch das, was zueinander
so unmittelbar ist, daß es miteinander eine Einheit bildet, wie sie
strenger gar nicht denkbar ist, weil innerhalb von dieser Einheit zwi-
schen ihnen auch buchstäblich nichts ist. Und so kann denn auch
genau im Sinn von dieser ihrer Einheit dabei trotz des Unterschiedes
zwischen ihnen Punkt nicht ohne Ausdehnung und Ausdehnung
nicht ohne Punkt auftreten. Darum hat, was einem Mathematiker
als ungeheuerlich und unbegreiflich gilt, durchaus nicht nur für Aus-
dehnung im Unterschied zu Punkt zu gelten, sondern auch noch für
sie im Zusammenhang mit Punkt. Gehören doch die beiden Punkte
als die Grenzpunkte von jener Strecke mit zu ihr hinzu, und so ge-
hören diese trotz des Endlichen der Zweizahl auch zum überabzählbar
Unendlichen der Punkte ihrer Ausdehnung noch mit hinzu. Zumal
nach »mengentheoretischer« Auffassung durch das Teilen oder
Schneiden einer Linie, das zu einer Strecke führt, doch auch nur
Punkte ausgezeichnet werden, die zum überabzählbar Unendlichen
der Punkte dieser Linie gehören. Und so gilt denn jenes Unbegreif-
liche, ja Ungeheuerliche eben nicht erst für die allerkleinste Ausdeh-
nung von jener Strecke, sondern auch schon für die allerkleinste Aus-

309
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

dehnung von dieser Linie. Denn letztlich ist es überhaupt nicht Sache
ihrer Quantität, sondern ausschließlich ihrer Qualität. Das heißt: So-
bald es über einen Punkt hinaus auch grundsätzlich noch so etwas wie
Ausdehnung als eine Qualität gibt, muß auch dieses Unbegreifliche
und Ungeheuerliche für sie gelten.
Doch wie ungeheuerlich und unbegreiflich müßte jener Mathe-
matiker dann auch erst recht noch finden, was er bisher nicht zur
Kenntnis nimmt, daß nämlich zwischen Punkt und Ausdehnung noch
ein ganz anderer, noch ein viel tieferer Zusammenhang bestehen
muß. Denn feststehen dürfte danach: Als Ergebnis einer Teilung oder
Schneidung einer Linie kann ausschließlich diese strenge, unlösbare
Einheit zwischen Punkt als dem von Ausdehnung gesonderten und
Ausdehnung als der von Punkt gesonderten in Frage kommen. Dann
jedoch muß nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Vorgang einer
Teilung oder Schneidung etwas anderes sein als eine Auszeichnung
von Punkten, die zum überabzählbar Unendlichen der Punkte einer
Linie als Ausdehnung gehören, wie der »Mengentheoretiker« dies
sehen möchte. Dann muß eine Schneidung oder Teilung einer Linie
vielmehr ihren Vollsinn einer Analyse dieser Linie haben, nämlich
einer Sonderung von dem, was ungesondert durch Synthese einer
Linie immer schon in ihr enthalten sein muß. Müssen aber Punkt
und Ausdehnung es sein, was als Ergebnis einer Analyse dieser Linie
schon gesondert voneinander eine Einheit miteinander bilden muß,
so müssen gleichfalls Punkt und Ausdehnung es sein, was als Ergeb-
nis der Synthese einer Linie noch ungesondert voneinander eine Ein-
heit miteinander bilden muß. Und diese muß deswegen auch als die
entsprechend strenge, unlösbare Einheit gelten wie die Einheit nach
der Analyse dieser Linie. Unterscheiden sie sich voneinander doch
auch nicht als Einheit, sondern nur durch das Verhältnis, in dem in-
nerhalb von jeder solchen Einheit deren Elemente jeweils zueinander
stehen, nämlich Punkt und Ausdehnung. Denn innerhalb von der
synthetischen stehen sie zunächst noch ungesondert voneinander, in-
nerhalb der analytischen sodann jedoch bereits gesondert vonein-
ander, innerhalb von jeder aber dennoch zueinander gleich unmittel-
bar.
Den Vollsinn einer Analyse hat dann eine solche Teilung oder
Schneidung aber auch noch dahingehend, daß sie als die Analyse
einer Linie notwendig reduktionistisch ist. Das heißt, daß sie die Ele-
mente dieser Linie zwar gewinnt, die Einheit aber, in der diese Ele-
mente in der Linie stehen, nicht nur verliert, sondern als die verlore-

310
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

ne auch noch verdeckt, weil umkehrt und ersetzt durch diese umge-
kehrte Einheit. Tritt doch dadurch an die Stelle jenes Ungesonderten
von Punkt und Ausdehnung, wie es nach der Synthese einer Linie ja
die Einheit einer Ganzheit dieser Linie bildet, dann dieses Gesonderte
von Punkt und Ausdehnung. Das aber bildet nach der Analyse dieser
Linie bloß die Einheit einer Summe: mögen Punkt und Ausdehnung
als Elemente innerhalb von ihr auch ungleichartig sein. Jedoch ersetzt
und so verdeckt wird dadurch nicht allein das Ungesonderte durch das
Gesonderte von Punkt und Ausdehnung, weil vielmehr auch noch das
Verhältnis ihrer jeweiligen Abhängigkeit voneinander dadurch um-
gekehrt wird. Kann doch auch nicht fraglich sein, daß solche Analyse
einer Linie diese Linie als eine Ausdehnung bereits voraussetzt. So
gewiß jedoch Ergebnis solcher Analyse jene Einheit zwischen Aus-
dehnung als der von Punkt gesonderten und Punkt als dem von Aus-
dehnung gesonderten sein muß, so kann doch trotz der Symmetrie
dieses Gesonderten in dem Verhältnis zwischen beiden nur die
Asymmetrie einer einseitigen Abhängigkeit gelten.
Eine Linie nämlich muß als ungeschnittene oder ungeteilte Aus-
dehnung bereits verfügbar sein, soll sie mit Sinn sich schneiden oder
teilen lassen, um das in ihr Ungesonderte durch solche Analyse zum
Gesonderten zu machen. Und genau in diesem Sinn kann dabei eben
auch nur Punkt von Ausdehnung abhängen und mithin gerade nicht
auch umgekehrt noch Ausdehnung von Punkt. Indem die Analyse
das Verhältnis dieser einseitigen Abhängigkeit zwischen Punkt und
Ausdehnung herbeiführt, ist sie als die Analyse einer Linie aber auch
noch die genaue Umkehrung von dem Verhältnis jener einseitigen
Abhängigkeit zwischen Ausdehnung und Punkt, die durch Synthese
einer Linie zustandekommt. Und das ist eben das Verhältnis einer
einseitigen Abhängigkeit einer Ausdehnung von einem Punkt als
dem zu ihr sich ausdehnenden Punkt. Als solche aber kann sie jenem
Mathematiker auch nur als vollends ungeheuerlich und unbegreiflich
gelten. Denn das heißt, daß sie als jenes überabzählbar Unendliche
von Punkten ausgerechnet einem Punkt entspringt, der als ein ein-
ziger dies überabzählbar Unendliche von Punkten aus sich selbst her-
aus hervorbringt. Und das ist an Ungeheuerlichkeit und an Unbe-
greiflichkeit für jenen Mathematiker dann auch gewiß nicht mehr
zu überbieten. Und gleichwohl muß es doch unvermeidlich aus der
Einsicht folgen, was denn im ursprünglichen und eigentlichen Sinn
als das Ergebnis einer Schneidung oder Teilung einer Linie gelten
muß, von dem er selbst mit seinem Beispiel einer Strecke ausgeht.

311
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Nur daß es an dieser Einsicht in die Sonderung von Punkt und


Ausdehnung als eigentliches und ursprüngliches Ergebnis davon
eben noch bis heute fehlt, weil man es »mengentheoretisch« übergeht
zugunsten einer Sonderung von Punkt und anderem Punkt oder von
Ausdehnung und anderer Ausdehnung, was aber eben nicht das ei-
gentliche und ursprüngliche Ergebnis sein kann. Muß doch zwischen
jeden solchen zweien jeweils auch schon eines von den jeweils andern
zweien liegen: zwischen Punkten eine Ausdehnung wie zwischen
Ausdehnungen auch ein Punkt, und somit etwas, während jeweils
zwischen Punkt und Ausdehnung bzw. zwischen Ausdehnung und
Punkt gerade nichts liegt. Und so übergeht man »mengentheore-
tisch« eben auch des weiteren, daß die Linie als noch ungeschnittene
oder noch ungeteilte auch nur das noch Ungesonderte zum schon
Gesonderten von Punkt und Ausdehnung sein kann und damit eben
auch gerade der zu Ausdehnung sich ausdehnende Punkt sein muß.
Genau das Letztere ist nämlich das entsprechend Positive zu dem
bloßen Negativen, wonach es dabei auch nur um ein Verhältnis zwi-
schen Punkt und Ausdehnung als etwas Ungesondertem sich handeln
kann, wenn doch die Analyse einer Linie zum Gesonderten von bei-
den führen muß. Denn welche Art von Ausdehnung auch immer ein
zu ihr sich ausdehnender Punkt herbeiführen mag, so muß er als zu
ihr sich ausdehnender Punkt doch ungesondert von ihr bleiben wie
auch sie von ihm. Gilt das zunächst bloß für die Linie als eindimen-
sionalen Raum Ermittelte doch nicht allein genauso auch noch für
den zweidimensionalen Raum der Fläche und den dreidimensionalen
Raum des Körpers; denn auch jedes Punktuelle solcher Ausdehnung
muß ja von jeder weiteren Ausdehnung, zu der es sich noch weiter
ausdehnt, ungesondert bleiben. Vielmehr gilt all das vor allem auch
schon für die Zeit als nulldimensionale Ausdehnung des nulldimen-
sionalen Punktes selbst.
Hier nämlich muß das voneinander Ungesonderte der beiden
sogar tautologisch sein, da ihr Gesondertes hier auch nur wider-
sprüchlich sein kann. Denn bei einer Ausdehnung, die ein zu ihr sich
ausdehnender Punkt »nur innerhalb« von sich gewinnt, kann auch
noch keines davon einen eigenen Sinn besitzen: weder »ungesondert«
noch »gesondert«. Diesen kann es vielmehr erst im Fall von jedem
Raum als einer Ausdehnung bekommen, die ein Punkt als ein zu ihr
sich ausdehnender grundsätzlich schon »… außerhalb« von sich ge-
winnt, sei es »auch außerhalb« oder sogar »nur außerhalb« von sich.
Im Fall von Raum hat »ungesondert« und »gesondert« als Verhältnis

312
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

zwischen Punkt und Ausdehnung mithin sogar den Vollsinn von »ge-
sondert außerhalb« bzw. »ungesondert außerhalb« einander. Und
erst daran zeigt sich auch in vollem Umfang, welch eine Unmittelbar-
keit sich hier in genau zwei Arten definieren läßt. Ist doch auch jede
Art der Einheit zwischen Punkt und Ausdehnung, sei es nun die von
ihnen als dem voneinander Ungesonderten oder Gesonderten, gerade
eine Einheit der Unmittelbarkeit zwischen ihnen, die mithin sogar
nach einer Analyse zwischen ihnen als erzielten Elementen dieser
Analyse noch erhalten bleibt. Denn wie gesagt, herrscht nach der
Schneidung oder Teilung jeder Ausdehnung von Raum eine Unmit-
telbarkeit zwischen dem jeweils Gesonderten von Punktuellem oder
Punkt und Ausdehnung.
Erst recht jedoch muß so eine Unmittelbarkeit zwischen Punk-
tuellem oder Punkt und Ausdehnung auch dort schon herrschen, wo
es zwischen ihnen das Verhältnis des Gesonderten, wie nach der Ana-
lyse, auch noch gar nicht geben kann, sondern nur das des Ungeson-
derten von ihnen, wie nach der Synthese. Und das gilt denn auch für
die Synthese jedes einzelnen von den Verhältnissen, die zwischen
Punktuellem oder Punkt und Ausdehnung bestehen, wie auch für
jedes von diesen Verhältnissen zu jedem anderen: von dem der Zeit
an und bis hin zu dem des dreidimensionalen Raums. Daß es bei all
dem nur um einen einzigen, ununterbrochenen Zusammenhang
eines Kontinuums sich handeln kann, worin all das sich nur nach
Dimensionen, aber nicht nach Diskretionen unterscheiden kann, ge-
winnt denn auch erst darin seinen Vollsinn.
Denn das heißt: Nicht einmal in dem ursprünglichen, schwäch-
sten Sinn von Diskretion – in dem nach Analyse einer Linie etwa
Punkt und Ausdehnung bereits diskret sind zueinander, weil sie zu-
einander zwar unmittelbar, jedoch gesondert voneinander sind – kann
nach Synthese irgendeines von all dem diskret zu irgendeinem an-
dern davon sein. Vielmehr muß jedes von all dem zu jedem andern
von all dem dann umgekehrt im ursprünglichen, stärksten Sinn un-
mittelbar sein, auch wenn jedes gegenüber jedem von all dem sich
doch auch hinreichend noch unterscheiden läßt: wie logisch mittels
»… nur …« und »… auch …« und Gegen-»… nur …«, so auch noch
ontologisch mittels »… innerhalb« und »… außerhalb«. Diesem Ge-
samtbefund gemäß sind sie denn auch im ursprünglichen, stärksten
Sinn die bloßen Glieder eines Ganzen, dessen Einheit deren Vielheit
nur als eine innerliche innerhalb von sich als dieser Einheit selbst
besitzt: bis hin zu jener zwischen Wahrnehmung als Innenwelt und

313
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Außenwelt als Wahrgenommenem inmitten einer und derselben


Welt.
Doch was genau ist es dann eigentlich, wodurch ein Zugang zu
diesem Gesamtbefund von einem Ganzen solcher Glieder sich eröff-
nen läßt? Etwa bloß dies, daß nicht nur »Punkt«, sondern auch »Aus-
dehnung« als ein undefinierter Grundbegriff heranzuziehen sei, um
das hier durchgehend zugrundeliegende Sich-Ausdehnen von einem
»Punkt« zu einer »Ausdehnung« zu denken? Heißt das etwa: Statt
bloß einem seien dazu vielmehr noch ein weiterer und somit zwei
von solchen Grundbegriffen nötig? Eine Antwort darauf läßt sich ge-
ben, wenn man einbezieht, woher ein erster, vorläufiger Sinn dieser
undefinierten Grundbegriffe für uns überhaupt verfügbar sein kann.
Denn unzweifelhaft kann das nur der von »Punkt« als »Schnitt-
punkt« wie auch der von »Ausdehnung« als der durch ihn »geschnit-
tenen« sein, der aber den von ihr als »ungeschnittener« bereits vor-
aussetzt. Mag jedoch auch jeder dieser Grundbegriffe noch unde-
finiert sein, so war es doch mindestens der Sinn von »Schnittpunkt«,
auf den hin man mindestens den Grundbegriff von »Punkt« zu de-
finieren versucht hat: von Euklid bis Hilbert. Doch daß dann zu die-
sem Grundbegriff auch mindestens noch der von »Ausdehnung« als
der durch ihn »geschnittenen« bereits hinzugehört, hat man dabei
vernachlässigt, was auch für Hilbert gilt. Denn keine Rede sein kann
davon, daß er sähe: Was dann definierbar wird, sind keineswegs erst
die verschiedenen Verhältnisse, die zwischen Punkten oder zwischen
Ausdehnungen oder zwischen Punkten und Ausdehnungen bzw. um-
gekehrt bestehen: im Sinn von Schnitt oder Geschnittenem, die allein
er definiert.
Vielmehr ist, was dann definierbar wird, erst einmal das Verhält-
nis zwischen einem Punkt und einer Ausdehnung, das eine Art von
Einheit zwischen ihnen bildet, zu der es noch eine zweite Art von
Einheit zwischen ihnen geben muß, worin deren Verhältnis das gera-
de umgekehrte ist zu diesem ersten. Nur daß dieses eben gar nicht das
ursprüngliche sein kann, sondern nur das aus jenem abgeleitete, weil
vielmehr jenes das ursprüngliche sein muß. Denn das Verhältnis des
Gesonderten von Punkt und Ausdehnung setzt eben das des Unge-
sonderten von Punkt und Ausdehnung voraus; und so setzt das Ver-
hältnis zwischen Punkt und Ausdehnung, worin er abhängig von ihr
ist, denn auch das voraus, worin sie abhängig von ihm ist. Und so ist
in jeder dieser Hinsichten das abgeleitete Verhältnis zwischen ihnen
das gerade umgekehrte zum ursprünglichen Verhältnis zwischen

314
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

ihnen. Was auf diese Weise definiert wird, sind denn auch nicht etwa
die zwei Grundbegriffe »Punkt« und »Ausdehnung«, ist vielmehr
nur der eine Grundbegriff der einen Art von Einheit zwischen
»Punkt« und »Ausdehnung«. Mit diesem Grundbegriff zusammen
definiert ist dann jedoch auch noch der weitere eine Grundbegriff
der weiteren einen Art von Einheit zwischen »Punkt« und »Ausdeh-
nung«. Sind sie verschieden voneinander doch nur darin, daß sie als
die jeweilige Einheit miteinander nur das jeweilige Umgekehrte zu-
einander sind.
So aber sind sie eben auch nur die zwei Arten einer Gattung,
welche trotz, ja eigentlich gerade durch Beteiligung von »Punkt«
und »Ausdehnung« an ihr nur eine Gattung als die Sache einer Ein-
heit daraus ist. Denn schlechthin unerfindlich bleibt in diesem Fall,
wie es zu diesen Arten dieser Gattung auch nur eine weitere noch
geben könnte. Ist doch jede dieser beiden Arten, ihrer Gattung nach,
die Sache dieser unlösbar-unmittelbaren Einheit »Punkt und Ausdeh-
nung«, und nicht etwa die Sache einer Zweiheit »Punkt« und »Aus-
dehnung«. Entsprechend kurz bezeichnet, unterscheiden diese beiden
Arten sich denn auch nur dadurch, daß die ursprüngliche Art der
Gattung »Punkt und Ausdehnung« als Einheit eben »Punkt mit Aus-
dehnung« zu lauten hat, wobei das »mit« vor »Ausdehnung« bedeu-
tet »Punkt mit Ausdehnung als von ihm abhängiger«. Und die abge-
leitete als zweite Art der Gattung »Punkt und Ausdehnung« als
Einheit hat sonach zu lauten »Ausdehnung mit Punkt«, wobei das
»mit« vor »Punkt« bedeutet »Ausdehnung mit Punkt als von ihr ab-
hängigem«. Und wie es von dieser einen Gattung als der Einheit
»Punkt und Ausdehnung« bzw. »Ausdehnung und Punkt« noch eine
weitere Art als diese beiden zueinander umgekehrten sollte geben
können, bleibt tatsächlich unerfindlich.
Zum Ergebnis aber hat dies dann auch die Erklärung dafür, wes-
halb es von vornherein schon aussichtslos sein muß, auch nur einen
Begriff wie »Punkt« für sich allein zu definieren, wie man es zunächst
versucht hat. Danach nämlich war das der Versuch, etwas zu definie-
ren, das es gar nicht gibt und auch nicht geben kann, was ebenso von
»Ausdehnung« als dem Begriff für Ausdehnung zu gelten hat. Denn
wie auch könnte es das eine oder andere von ihnen schon für sich
alleine geben, wo es diese beiden doch noch nicht einmal zusammen
als die eine Einheit »Punkt und Ausdehnung« bzw. »Ausdehnung
und Punkt« für sich alleine geben kann? Genau das nämlich ist, was
sich ergeben hat, wenn richtig ist, daß »Punkt und Ausdehnung« bzw.

315
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

»Ausdehnung und Punkt« als Einheit nur die Einheit einer Gattung
von zwei Arten ist. Dann kann es diese Gattung nämlich auch nur in
Gestalt der einen oder andern Art von dieser Gattung geben: nur als
»Punkt mit Ausdehnung« oder als »Ausdehnung mit Punkt«. Hat
hier doch wieder einmal der Vergleich zu gelten, daß es so etwas wie
Obst nur geben kann, indem es Äpfel oder Birnen usw. gibt, doch
nicht auch noch als solches für sich selbst.
So wegweisend darum der Ansatz Hilberts auch gewesen sein
mag: Aus der Sicht dieses Ergebnisses ist er noch nicht einmal der
zweiten, abgeleiteten von diesen Arten, der er sich gewidmet hat, bis
auf den Grund von »Punkt und Ausdehnung« gegangen. Vielmehr ist
er stehen geblieben bloß bei den Verhältnissen zwischen verschiede-
nen Punkten oder Ausdehnungen wie »Gerade«, »Ebene« und »Kör-
per«. Und so kann als eigentliche Grundlegung auch nur der Vorstoß
bis zu dieser einen Gattung mit diesen zwei Arten gelten, wie er als
Gesamtbefund dieser Gesamtstruktur den Sinn aller beteiligten Be-
griffe ebenso entfaltet wie beschränkt. Denn schwerlich werden sich
die Sachen selbst, für die sie jeweils stehen, auch außerhalb von deren
Rahmen noch in einem andern Sinn vergleichbar definieren lassen.
Wohl aber muß hier schon sich die Frage stellen, – auch wenn die
Antwort auf sie hier noch offen bleiben muß: die Frage nach etwas
Gemeinsamem für »Punkt und Ausdehnung« bzw. »Ausdehnung
und Punkt«. Denn müßte nicht gerade dann, wenn beide doch nur
innerhalb der einen oder andern Art ihres Verhältnisses auftreten
können, wo sie jeweils auch nur umgekehrt und asymmetrisch zuein-
ander stehen können, etwas Asymmetrisches auch jeweils das Ge-
meinsame von ihnen bilden?
Jedenfalls scheint danach nunmehr soviel mindestens für Punkt
und Ausdehnung schon festzustehen: So etwas wie einen Punkt kann
es nur geben, wenn es auch noch so etwas wie eine Ausdehnung und
damit auch noch ein Verhältnis zwischen ihnen gibt. Und umgekehrt
kann es auch so etwas wie eine Ausdehnung nur geben, wenn es auch
noch so etwas wie einen Punkt und damit auch noch ein Verhältnis
zwischen ihnen gibt. Und davon kann es eben auch nur die zwei Ar-
ten einer Gattung geben, deren Einheit dann für jede dieser Arten
auch die maßgebende ist und so zuallererst zu gelten hat für deren
ursprüngliche Art als das ursprüngliche Verhältnis zwischen Punkt
und Ausdehnung: für das Sich-Ausdehnen von Punkt zu Ausdeh-
nung. Auch dafür muß das Maßgebende sein, daß es sich dabei schon
von vornherein, bereits der Gattung nach, nur handeln kann um

316
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

»Punkt und Ausdehnung« als eine Einheit, die der Art nach auftritt
als die Einheit »Punkt mit Ausdehnung«.
Hat man sich dessen vergewissert, hat man dadurch auch die
Aussicht darauf, angemessen zu verstehen, in welchem Sinn dieses
Sich-Ausdehnen von einem Punkt als seine Selbstausdehnung auch
nur seine Selbstverwirklichung zu Ausdehnung sein kann, wie sich
bereits ergeben hat. Dann sieht man nämlich, daß zu ihr als jener
Gattung von drei Arten sich sehr wohl noch eine höhere Gattung
denken läßt, zu der sie ihrerseits nur eine Art ist, und zwar auch nur
eine Art von zweien. Denn als Gattung der drei Arten »Punkt mit
Ausdehnung nur innerhalb von sich« oder »… auch außerhalb« von
sich oder »… nur außerhalb von sich« ist diese ja auch nur die Einheit
»Punkt mit Ausdehnung …«. Und so ist sie als deren Gattung eben
auch zugleich nur eine von den beiden Arten, deren andere die Ein-
heit »Ausdehnung mit Punkt« ist; und zu beiden ist die Gattung eben
»Punkt und Ausdehnung« bzw. »Ausdehnung und Punkt«. Das gilt
denn auch schon für die Einheit »Punkt mit Ausdehnung« als die
ursprüngliche, und so vermittelt das auch eine erste Einsicht in sie
als die Einheit einer Selbstverwirklichung, worauf die Selbstausdeh-
nung als Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu einer Ausdehnung ja
notwendig hinausläuft. Förmlich festgeschrieben ist dann nämlich,
daß es sich schon dabei nur um eine unlösbar-unmittelbare Einheit
handeln kann von »Punkt und Ausdehnung«, weil keins von diesen
ihren innerlichen Aufbaugliedern, deren jedes nur als etwas inner-
halb derselben gelten kann, sich etwa auch als etwas außerhalb von
dieser denken ließe.
Einsehen läßt das nämlich: Was der Sache einer Selbstverwirk-
lichung als etwas Widerspruchsfreiem bereits seit jeher und bis heute
noch als Hindernis im Weg zu stehen scheint, tritt dabei gar nicht auf.
Scheint so etwas wie Selbstverwirklichung doch dahin gehen zu sol-
len, es müsse dabei etwas geben, das sich selbst verwirkliche, das es
dabei zugleich jedoch nicht geben könne, weil es dann ja das sein soll,
wozu es nach Voraussetzung sich selbst verwirkliche. Und das sei
eben etwas in sich Widersprüchliches. Doch braucht man dabei nur
entsprechend einzusetzen, um zu sehen, daß dies gar nicht zutrifft.
Denn das hieße, dabei handle es sich um die Selbstverwirklichung von
diesem Punkt zu diesem Punkt, was aber nicht der Fall ist, weil es
vielmehr um die Selbstverwirklichung von diesem Punkt zu dieser
Ausdehnung sich handelt. Und entsprechend handelt es bei dieser
Selbstverwirklichung zu dieser Ausdehnung sich auch nicht etwa

317
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

um die Selbstverwirklichung von dieser Ausdehnung zu dieser Aus-


dehnung, gerade weil es dabei eben um die Selbstverwirklichung von
diesem Punkt zu dieser Ausdehnung sich handelt.
Kann es nämlich einen Punkt für sich und eine Ausdehnung für
sich bereits von vornherein nicht geben, sondern schon von vornher-
ein nur eine Einheit beider, so kann es sich dabei auch nicht handeln
um die Selbstverwirklichung von einem Punkt für sich oder von einer
Ausdehnung für sich. Stattdessen vielmehr kann es sich bereits von
vornherein nur handeln um die Einheit einer Selbstverwirklichung
von ihm zu ihr: Ein Punkt, der kein sich ausdehnender wäre, tritt hier
gar nicht auf, und eine Ausdehnung, die keine des zu ihr sich ausdeh-
nenden Punktes wäre, tritt hier gar nicht auf. Gibt es dabei doch kei-
neswegs erst einmal einen Punkt, der nicht sich ausdehnt, oder eine
Ausdehnung, die nicht einem sich ausdehnenden Punkt entspringt.
Denn nur indem ein Punkt sich ausdehnt, gibt es einen Punkt sowohl
wie eine Ausdehnung. Und damit gibt es eben auch bereits von vorn-
herein nur jene unlösbar-unmittelbare Einheit zwischen beiden in-
nerhalb von dem Sich-Ausdehnen: Kann letzteres ein ursprüngliches,
das zu Ausdehnung als ursprünglicher führt, doch auch nur sein,
wenn es Sich-Ausdehnen von einem Punkt als Nicht-Ausdehnung
ist. Danach sind ein Begriff wie »Punkt« und ein Begriff wie »Aus-
dehnung« auch nur Begriffe für sie als die Aufbauglieder innerhalb
von dieser unlösbar-unmittelbaren Einheit beider im ursprünglichen
Sich-Ausdehnen; und so sind sie es auch gerade nicht für etwas au-
ßerhalb von ihr, das es auch ohne das je andere je für sich selbst schon
geben könnte.
Demgemäß entfällt dann auch von vornherein schon jenes Hin-
dernis, das dieser Sache einer Selbstverwirklichung im Weg zu stehen
scheint. Ein bloßer Schein ist es, als müßte dabei das Wovon und das
Wozu der Selbstverwirklichung einfach Dasselbe sein, was jenen Wi-
derspruch herbeiführen muß, der aber unvermeidlich bleibt, solange
noch nicht eingesehen ist: Durchaus nicht handelt es sich dabei um
die Sache einer Einheit von etwas bloß Einfachem, sondern um die
der Einheit eines Ganzen von zwei Gliedern. Das Entscheidende, wo-
durch die Sache einer Selbstverwirklichung als etwas widerspruchs-
frei Denkbares erschlossen wird, ist somit diese Einsicht in die innere
Gliederung von ihr als einem Ganzen, zwischen dessen Gliedern sich,
wenn auch nicht trennen, so doch unterscheiden läßt. Daß sie sogar
für Kant jedoch noch unerschlossen blieb, dürfte der Grund dafür
gewesen sein, daß Kant die Sache dieser Selbstverwirklichung selbst

318
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

dort nicht voll vertreten kann, wo er sie schon zugrundelegt und le-
gen muß. Denn auf nichts anderes als solche Selbstverwirklichung
kann es hinauslaufen, wenn Kant auf »Selbsttätigkeit« einer »Spon-
taneität« zurückführt, was ein Subjekt als die Einheit von »Verstand
und Sinnlichkeit« mit den »formalen Ausdehnungen« Zeit und
Raum an »Apriorität« in jede Empirie schon immer von sich selbst
her einbringt.
Trotzdem nämlich bleibt er stehen bei metaphorischen Um-
schreibungen von solcher »Selbsttätigkeit« als der »Selbstgebärung«
des Verstandes, die er höchstens durch Begriffe aus der Überlieferung
wie ens a se im Sinne von ens causa sui kennzeichnet, womit er aber
dennoch diesen Vollsinn einer Selbstverwirklichung verbindet. 5 Auf-
schlußreich in eigener Sache wäre es denn auch gewesen, hätte Kant
bereits verfügen können über diese innere Gliederung von dieser
Selbstverwirklichung. Vor deren weiterer Entfaltung sei daher zu-
nächst nur aufgezeigt, was deren innere Gliederung allein schon für
die Einheit von »Verstand und Sinnlichkeit«, mit der es Kant zu tun
bekam, an Aufschluß hätte geben können. Kann doch deren Einheit,
um die er vergeblich so gerungen hat, gar kein Problem mehr sein,
wenn deren innere Gliederung die des zu Ausdehnung sich ausdeh-
nenden Punktes ist. Der nämlich bildet dadurch jenes Ganze, das zu
seinen inneren Gliedern dann zunächst die Zeit wie auch sodann den
Zeit-Raum und zuletzt den Nicht-Zeit-Raum besitzt. Denn hier be-
steht ja immer wieder nur die unlösbar-unmittelbare Einheit zwi-
schen Punkt und Ausdehnung als dem Kontinuum, das nur nach Di-
mensionen in sich selbst gegliedert ist. An dieser Art von Einheit aber
ändert sich auch dann nichts, wenn durch eine Analyse des Kontinu-
ums, das durch eine Synthese vorgeht, auch noch jene Umkehrung
von dieser Art der Einheit auftritt, worin Punkt und Ausdehnung
dann nicht mehr ungesondert voneinander sind, sondern gesondert.
Denn auch innerhalb von dieser umgekehrten Einheit zwischen
Punkt und Ausdehnung ist ihr Verhältnis zueinander immer noch
ein unlösbar-unmittelbares. Und dies eben weil es nur die Umkeh-
rung zu jenem ist, das diesem abgeleiteten als das ursprüngliche Ver-
hältnis zwischen ihnen immer schon zugrundeliegt und damit eben
auch schon immer als Kontinuum von jener Selbstverwirklichung.

5Vgl. dazu insgesamt etwa A 765 B 793 mit B 67 ff.; dazu Prauss 2006, S. 676–681
und S. 815–825.

319
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Entsprechend ist es auch nur der Zusammenhang dieser Verhält-


nisse von Ausdehnung und Punkt als zueinander umgekehrter, wozu
das Formale dieser Selbstverwirklichung dann führt, wenn auch noch
dieses oder jenes Inhaltliche innerhalb desselben auftritt, was nach
Kant die »Rezeptivität« der »Sinnlichkeit« als »Ausdehnung« ist. Da-
hin kann es zwar nur kommen, wenn zu dem sich ausdehnenden
Punkt, der als ein autonom-spontaner Grund dieses Kontinuum von
Zeit und Raum herbeiführt, zusätzlich noch ein heteronomer Grund
hinzukommt, der in das Formale von ihm dieses oder jenes Inhalt-
liche einbringt. Denn als autonom-spontaner Grund kann der sich
ausdehnende Punkt von sich aus eben auch nur das Formale des Kon-
tinuums von Zeit und Raum erzeugen. Eben deshalb aber kann der
zusätzlich-heteronome Grund dann seinerseits auch nur noch dazu
führen, daß er dieses Kontinuum diskret macht oder es kontinuierlich
läßt, indem sich Inhaltliches in dieses Kontinuum hinein erstreckt
oder in ihm sich gegen anderes solches Inhaltliche abgrenzt. Späte-
stens das letztere läuft dann jedoch auch noch auf eine Analyse des
Kontinuums hinaus, das durch eine Synthese auftritt, so daß solchem
Inhaltlichen als Formales dann auch das Gesonderte von Ausdehnung
und Punkt bzw. Punktuellem noch entspricht, weil das für jede Di-
mension von Raum gilt.
Daß es sich dabei tatsächlich um einen Zusammenhang dieser
Verhältnisse von Ausdehnung und Punktuellem oder Punkt als zu-
einander umgekehrter handelt, zeigt die daraus sich ergebende Ge-
samtgestalt. Sie nämlich läßt sich dann auch nur verstehen als eine
Summe auf der Grundlage von einer Ganzheit. Kann doch jede solche
Analyse auch nur Elemente zum Ergebnis haben, die bloß eine Sum-
me miteinander bilden können, weil sie dann, auch wenn sie un-
gleichartig zueinander sind, ja nur diskrete Elemente zueinander bil-
den können: ob als Ausdehnungen oder Punkte oder Punktuelles.
Möglich aber ist so eine Analyse eben immer erst von Raum als ein-
bis dreidimensionaler Ausdehnung, doch nicht auch immer schon
von Zeit als nulldimensionaler Ausdehnung, als die sie vielmehr eine
unteilbare oder unschneidbare ist und bleibt. Das heißt: Auch als die
Zeit, als die sie dann dem Zeit-Raum, ja zuletzt sogar auch noch dem
Nicht-Zeit-Raum zugrundeliegt (was nach wie vor ihn zum Problem
macht), ist und bleibt sie als Kontinuum von Ausdehnung ein unteil-
oder unschneidbares. Und so liegt sie eben schlechthin allem, was sich
an Diskretem zueinander dann in Form von zusätzlichem Raum als
Zeit-Raum oder Nicht-Zeit-Raum ergeben mag, auch immer schon

320
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

zugrunde. Denn so bildet sie als diese schlechthin unteilbare oder un-
schneidbare Einheit auch aus diesen bloß diskreten Elementen dieser
bloßen Summe dann noch eine Ganzheit, die kein Auseinanderfallen
derselben zuläßt. Durchwegs nämlich hält sie danach all das eben
durch sich selbst als diese grundsätzliche Selbstverwirklichung zu
Zeit zusammen. Und so wäre jene »Rezeptivität« der »Sinnlichkeit«
als Ausdehnung von Zeit und Raum denn auch zurückzuführen auf
die »Spontaneität« des Punktes als »Verstand«, wie er zu Ausdeh-
nung sich ausdehnt.
Daß dies in der Tat für die gesamte Selbstausdehnung als Sich-
Ausdehnen des Punktes gelten muß, erweist sich, wenn man zusätz-
lich das Inhaltliche innerhalb dieses Formalen miterwägt, soweit es
diese Zeit betrifft. Daß nämlich das Kontinuum der Ausdehnung von
Zeit als Einheit eine schlechthin unteilbare oder unschneidbare ist
und bleibt, muß dann bedeuten: Ein Besetzen des Formalen dieser
Zeit durch Inhaltliches kann dann nicht als ein Diskretmachen ihres
Kontinuums erfolgen, sondern nur als ein Kontinuierlichlassen von
ihm, eben weil ein Teilen oder Schneiden als die Analyse von ihm
noch nicht möglich sein kann. Und auch dies gilt nicht nur von der
Zeit, wie sie für sich das erste Glied in dieser Ganzheit bildet, son-
dern auch noch von der Zeit, wie sie darin mit Raum zusammen
auch das zweite Glied des Zeit-Raums und das dritte Glied des
Nicht-Zeit-Raums noch bildet, der ja gleichfalls noch mit ihr zusam-
menhängt. Auch das Formale jeder solchen Zeit läßt sich mit Inhalt-
lichem nicht durch ein Diskretmachen ihres Kontinuums besetzen,
sondern nur durch ein Kontinuierlichlassen des Kontinuums von ihr.
Und das bedeutet eben: Das Formale des Gesonderten von Punktuel-
lem oder Punkt und Ausdehnung kann es für Inhaltliches innerhalb
der Zeit nicht geben: weder innerhalb der Zeit für sich, noch inner-
halb der Zeit, wie sie dann auch noch diesem oder jenem Raum zu-
grundeliegt.
Dies aber ist dann auch für dieses Inhaltliche selbst schon von
Bedeutung, nämlich die Erklärung für den Unterschied, den Inhalt-
liches annimmt, je nach dem, ob es nur in der Form von Zeit auftritt
oder auch in der Form von diesem oder jenem Raum. Was dies be-
trifft, vermochte Kant nicht über jenen Unterschied hinauszukom-
men zwischen den Gehalten von »Empfindungen«, die als etwas nur
Subjektives bloß »Gefühle« sind, und den Gehalten von »Empfindun-
gen« wie etwa einer »Rot-« im Unterschied zu einer »Grünempfin-
dung«, die auch etwas Objektives sind, weil sie zu einer Wahrneh-

321
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

mung von einem Objekt taugen. 6 Deren Unterschied jedoch läßt sich
für jede seiner Seiten noch genauer fassen. Denn als Unterschied zwi-
schen bloß »Subjektivem« und auch »Objektivem« ist er mindest ir-
reführend, weil auch so etwas wie eine »Rotempfindung« oder
»Grünempfindung« ja noch etwas Subjektives ist, was diese mit »Ge-
fühlen« also erst einmal gemeinsam haben. Vielmehr unterscheiden
sie sich als dies gleicherweise Subjektive dadurch, daß als etwas In-
haltliches eine »Rotempfindung« oder »Grünempfindung« von einer
Bestimmtheit ist, wie ein »Gefühl« es niemals sein kann.
Denn etwas bestimmtes Inhaltliches sind die ersteren gerade da-
durch, daß sie voneinander abgegrenzt sind, und mithin durch etwas,
das als Grenze zwischen ihnen eben Punktuelles oder Punkt ist, was
es als etwas von ihrer Ausdehnung Gesondertes erst geben kann in
Form von zusätzlichem Raum. Das Inhaltliche von »Gefühlen« aber
ist, wie sehr das eine sich dem Inhalt nach auch immer von dem an-
dern unterscheiden mag, dies Unterschiedliche gerade niemals da-
durch, daß dazwischen eine solche Grenze wäre, weil es das Geson-
derte von Punkt und Ausdehnung in Form von bloßer Zeit noch gar
nicht geben kann. Gerade dadurch ist und bleibt das Inhaltliche von
»Gefühlen« im Verhältnis dazu vielmehr etwas Unbestimmtes, das
uns trotz der sauber-unterschiedlichen Bezeichnungen für sie be-
kannt ist als die Schwierigkeit, zwischen dem Auf- oder dem Abtreten
von einem gegenüber dem von einem anderen zu unterscheiden. Und
wie das Formale dieses Zeit-Kontinuums dann auch noch dem Forma-
len jedes Raum-Kontinuums zugrundeliegt, so bildet auch das Inhalt-
liche von »Gefühlen« innerhalb von ihm das durchgehende Unter-
grund-Kontinuum, auf dem dann jedes Inhaltliche als etwas Diskre-
tes gegenüber einem anderen Diskreten sich erst immer durch das
Zusätzlich-Formale dieses oder jenes Raumes bilden kann. Und den-
noch ist dieses Kontinuum der Zeit, das inhaltlich als das dieser »Ge-
fühle« gegenüber dem Diskreten als dem »Rationalen« das »Irratio-
nale« ist, dabei formal das durchgehende Rationale.
Denn als der zu Ausdehnung sich ausdehnende Punkt ist es da-
bei die Mitte des Subjekts, wie es als Zeit dem Raum zugrundeliegend
gleich weit reicht wie jeder Raum. Allein schon eine erste Einsicht in
das erste Glied der inneren Gliederung von solcher Selbstverwirk-
lichung des Subjekts hätte Kant denn auch darin bestärken können,

6
Vgl. oben § 5.

322
§ 10. Das Problem der Selbstverwirklichung

daß sie als die Einheit von »Verstand und Sinnlichkeit«, von Punkt
und Ausdehnung, sich widerspruchsfrei müßte denken lassen. Und
wie sich des weiteren bereits ergeben hatte, müßte sich einhergehend
mit widerspruchsfrei ablaufender Selbstverwirklichung auch noch die
Bildung des Bewußtseins von all dem begreifen lassen, das im Zuge
solcher Selbstverwirklichung im einzelnen verwirklicht wird. Und
das gilt eben nicht erst für das einzelne, das Kant als einziges in An-
sätzen behandelt hat, wie etwa eine »Anschauung«, der ein »Begriff«
entspricht, was schließlich in ein »Urteil« als die Form der Wahrneh-
mung von etwas Wahrgenommenem eingeht: So gewiß ein jedes da-
von ein Bewußtsein von etwas dadurch Bewußtem ist, so doch gewiß
nicht als das einzige, noch gar als das ursprüngliche Bewußtsein von
etwas Bewußtem als etwas Ursprünglichem. Denn so gewiß sich un-
ter »Anschauung«, »Begriff« und »Urteil« nur verstehen läßt ein
»Anschauungsbewußtsein« und »Begriffsbewußtsein« und »Urteils-
bewußtsein«, so kann all dies doch auch erst und nur hervorgehen aus
dem eigentlich ursprünglichen Bewußtsein, das dem Inhalt nach »Ge-
fühlsbewußtsein« ist.
Auch dies zeigt schon die erste Einsicht in das erste Glied der
inneren Gliederung von dieser Selbstverwirklichung, auf die all das
zurückgehen muß, weil danach auch »Gefühl« nur heißen kann »Ge-
fühlsbewußtsein«. Bloß hat Kant dies letztere als die Herausforde-
rung für seine gesamte Theorie nicht sehen können, weil er noch
nicht einmal diese erste Einsicht in das erste Glied der inneren Glie-
derung von Selbstverwirklichung gewonnen hatte. Und so konnten
auch die weiteren Glieder von ihr nicht zu den Problemen für ihn
werden, die sie wirklich sind. Auch weiter nämlich bleibt es die Her-
ausforderung, zu begreifen, wie formal aus so etwas »Irrationalem«
wie »Gefühl« denn eigentlich so etwas »Rationales« sich ergeben
kann wie das Diskrete einer »Anschauung« zu dem Diskreten einer
andern, ganz zu schweigen von so etwas wie einem entsprechenden
»Begriff« bzw. »Urteil«. Muß sich nämlich jedes davon gegenüber
jedem anderen auch unterscheiden, kann es sich bei jedem davon doch
auch nur um ein Bewußtsein von etwas dadurch Bewußtem handeln.
Und so müßten sie als ein je unterschiedliches mithin auch ein Ge-
samtbewußtsein von etwas Gesamtbewußtem bilden und sonach die
Glieder eines Ganzen von Bewußtsein und Bewußtem.
Auch nur davon ist zuletzt denn auch noch eine Lösung für die
ungelöste Problematik jenes dreidimensionalen Raumes zu erwarten,
nämlich klarzustellen: In welchem Sinn denn kann auch er nur das

323
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

zuletzt Bewußte für Bewußtsein als das letzte sein, weil es doch auch
mit jedem einzelnen der Glieder innerhalb des Ganzen solcher Selbst-
verwirklichung einhergehen muß? Und damit wäre das zuletzt auch
noch die Antwort auf die Frage, wie aus Selbstverwirklichung denn
Fremdverwirklichung und somit Fremdverwirklichtes aus Selbstver-
wirklichtem hervorgehen könne. Demnach fragt zuletzt sich eben
auch noch, wie sich das jeweils entsprechende Bewußtsein bilden
könnte, nämlich wie aus dem Bewußtsein einer Selbstverwirklichung
als Selbstbewußtsein das Bewußtsein einer Fremdverwirklichung als
Fremdbewußtsein sich ergeben könnte. Dann jedoch fragt sich als
allererstes, wie es denn zum allerersten Selbstbewußtsein allererster
Selbstverwirklichung soll kommen können, wenn es sich dabei for-
mal doch handeln muß um dasjenige, was dem Inhalt nach »Gefühls-
bewußtsein« als Bewußtsein von »Gefühl« ist.

§ 11. Selbstverwirklichung und das


Problem des Selbstbewußtseins

Wie sich ergeben hat, kann so etwas wie Selbstverwirklichung nicht


schon von vornherein als widersprüchlich gelten, wie man bisher
meint, weil man dafürhält: Das Wovon und das Wozu derselben
müßte dabei schlicht und einfach Eines und Dasselbe sein. Es kann
jedoch Verschiedenes sein, wie bei der Selbstverwirklichung von
einem Punkt zu einer Ausdehnung im Rahmen seiner Selbstausdeh-
nung. Demgemäß hält dieser Unterschied den Zugang offen zu den
Gliedern ihrer inneren Gliederung, die sie als etwas Widerspruchs-
freies verständlich machen müßte. Denn auch dies, daß Zeit als erste
Art von ihr sich sogar geometrisch modellieren läßt, stellt ja nur si-
cher, daß sie ohne Widerspruch sein muß, nicht aber auch schon, wie
sie ohne Widerspruch sein kann. Erst daraus vielmehr kann auch
noch das letztere erhellen, daß sich das Intuitive des Modells für Zeit
auch noch in das entsprechend Diskursive von Begriffen überführen
läßt, die als ein widerspruchsfreier Zusammenhang auch deren innere
Gliederung als eine widerspruchsfreie entfalten. Der Begriff für das
Wovon und das Wozu der Selbstverwirklichung, das innerhalb von
ihr sich unterscheidet, hält entsprechend auch nur eine erste Glie-
derung derselben fest. Und damit wären zusätzlich zu dieser auch
noch weitere Gliederungen durch noch weitere Begriffe von ihr fest-
zuhalten, um im ganzen zu entfalten, was von diesem Punkt her hin

324
§ 11. Selbstverwirklichung und das Problem des Selbstbewußtseins

zu dieser Ausdehnung an Leistung insgesamt erfolgen muß, damit


modellgemäß als widerspruchsfrei sich ergeben kann, was uns als Zeit
bekannt ist.
Doch bereits der erste solche weitere Vorstoß in die innere
Gliederung derselben führt zu einem weiteren Problem, so harmlos
er auch auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn keine Frage
kann es sein: Soll so etwas wie Selbstverwirklichung ihrem Begriff
genügen, muß sie auch in seinem Vollsinn so etwas wie Selbstver-
ursachung bedeuten, so daß zum Begreifen ihrer inneren Glie-
derung dann auch als erstes die Begriffe »Ursache« und »Wirkung«
einzusetzen sind. Und das scheint harmlos, weil auch dies nicht auf
den Widerspruch hinausläuft, Eines und Dasselbe sei dabei die Ur-
sache für sich und auch die Wirkung von sich. Denn wie das Wovon
und das Wozu der Selbstverwirklichung dabei doch nicht zusam-
menfallen, sondern unterscheidbar bleiben, so auch bei der Selbst-
verursachung, wo Ursache und Wirkung doch desgleichen nicht zu-
sammenfallen, weil die Unterscheidbarkeit von beidem auf sie
übergeht: Wie solche Selbstverwirklichung als Selbstausdehnung
die von einem Punkt zu einer Ausdehnung sein muß, so kann auch
solche Selbstverursachung nur die von einem Punkt als Ursache zu
einer Ausdehnung als Wirkung sein, weshalb die Ausdehnung als
Wirkung und der Punkt als Ursache auch dabei unterscheidbar blei-
ben: Nur für seine Ausdehnung als Wirkung seiner Selbstausdeh-
nung ist der Punkt dabei die Ursache, und nicht etwa auch für sich
selbst als diesen Punkt.
Dazwischen so zu unterscheiden aber zwingt dann dazu, auch
den Sinn, in dem so unterschieden wird, noch weiter zu entfalten,
wenn dies weiter sinnvoll bleiben soll, das heißt: auch jetzt noch unter
dem Begriff von Ursache und Wirkung. Was genau ist es denn eigent-
lich, was dabei dann bewirkt wird und was dabei dann gerade nicht
bewirkt wird, wenn als Wirkung zwar die Ausdehnung, doch nicht
der Punkt bewirkt wird? Handelt es sich dabei doch um Punkt und
Ausdehnung der Zeit, von denen gilt, daß er dabei »nur innerhalb«
von ihr und sie dabei »nur innerhalb« von ihm ist. Und so fragt sich
eben umso zwingender: Wie kann trotz solcher Symmetrie auch wei-
ter diese Asymmetrie gelten, wenn sie unter dem Begriff von Ursache
und Wirkung nunmehr sogar einen Ausschluß zwischen Punkt und
Ausdehnung bedeutet, weil nur er dabei die Ursache und auch nur sie
dabei die Wirkung sein soll? Trotzdem nämlich handelt es sich dabei
doch um jene unlösbar-unmittelbare Einheit zwischen Punkt und

325
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

Ausdehnung der Zeit, wie sie modellgemäß als die Dynamik eines
Punktes auftritt, der zu einem stetig-neuen wird.
Nur liegt mit diesem Stetig-Neuen auch genau jenes Intuitive
vor, das nunmehr zum entsprechend Diskursiven werden muß, indem
es weiter auf einen Begriff gebracht wird. Kann doch seinem Sinn
nach dieses Stetig-Neue eines solchen Punktes dann auch nur das
Stetig-Andere dieses Punktes sein, das als die Ausdehnung ihm eigen
ist, die durch jene spezielle Art seines Sich-Ausdehnens zustande-
kommt. Und daß nur seine Ausdehnung die Wirkung seiner Selbst-
ausdehnung sein kann, heißt, daß auch nur seine Andersheit dann als
die Wirkung gelten kann, die er als Ursache für sie hervorbringt.
Denn daß er durch seine Ausdehnung ein stetig-neuer ist, heißt nun-
mehr auch, daß er dadurch ein stetig-anderer ist. So aber muß dies
dann auch etwas weiteres noch bedeuten: Ist erst einmal seine Aus-
dehnung als seine Andersheit auf den Begriff gebracht, so muß, daß
nur die letztere die Wirkung von ihm sein kann, ferner heißen, daß
dann nicht etwa auch seine Selbigkeit die Wirkung von ihm sein
kann. Ist doch als der Gegensatz zu dieser seiner Andersheit dann
auch noch diese seine Selbigkeit in solcher Weise auf einen Begriff
zu bringen, weil auch sie dabei ja mit im Spiel sein muß. Denn ste-
tig-neuer oder stetig-anderer ist der Punkt dabei doch immer wieder
auch nur als ein einziger, wie das Modell für ihn erweist, und somit
immer wieder auch nur als ein selbiger.
Geradezu notwendig ist daher, daß nicht auch diese seine Selbig-
keit, sondern nur jene seine Andersheit die Wirkung seiner Selbst-
verwirklichung als Selbstausdehnung ist, weil sonst auch das doch
nur ein Widerspruch sein könnte. Denn das müßte abermals – und
nunmehr auch noch angereichert durch diesen Begriff der Selbigkeit
von diesem Punkt – auf jenen Widerspruch hinauslaufen, daß dieser
selbe Punkt für diesen selben Punkt die Ursache wie auch die Wir-
kung von ihm wäre. Doch in Wirklichkeit ist dieser selbe Punkt die
Ursache nur dafür, daß er als die Wirkung davon nur zu diesem ste-
tig-anderen wird. Als dieser selbe kann er folglich auch zu diesem
stetig-anderen nur als einem zu sich anderen werden, und das heißt:
zu einem, der als selbiger ein zu sich anderer wird. Entsprechend kann
es auch von vornherein nicht sinnvoll sein, zu fordern, daß auch seine
Selbigkeit – und nicht nur seine Andersheit – die Wirkung von ihm
als der Ursache für sie sein müsse, weil es auch nur dann um Selbst-
verwirklichung sich handeln könne. Wäre das doch auch noch deshalb
widersprüchlich, weil er als ein selbiger dabei ja wirklich ist, sprich,

326
§ 11. Selbstverwirklichung und das Problem des Selbstbewußtseins

als sich ausdehnender Punkt ja wirkend oder wirksam ist. Denn als
sich selbst ausdehnender ist er ja Punkt als seine Ausdehnung bewir-
kender und somit auch als wirklich–wirkender.
Nicht dies sonach kann dabei problematisch sein, sondern nur
etwas dazu Unterschiedliches. Nicht, wie er auch noch sich als selbi-
gen dabei verwirklicht, kann hier ein Problem sein; problematisch
sein muß vielmehr, wie der Punkt als selbiger, als der er wirklich ist,
auch wirklich bleibt, wenn er doch schon von vornherein und wei-
terhin zum stetig-anderen wird. Wie stellt er sicher, daß er als der
stetig-andere, zu dem er durchwegs wird, auch durchwegs nur der zu
sich stetig-andere wird?, das heißt: der stetig-andere zu sich als sel-
bigem und nicht etwa ein bloßer stetig-anderer. 1 Wie sichert er, daß
diese seine Andersheit nur in Gestalt von dieser seiner Selbigkeit
auftreten kann, daß also diese seine Andersheit gerade die von dieser
seiner Selbigkeit sein muß? Ist Zeit doch auch tatsächlich das, was
seine Selbigkeit, als Zeit, unmittelbar in seiner Andersheit besitzt:
was in der Tat seine Identität, als Zeit, unmittelbar in seiner Diffe-
renz hat.
Denn gerade wenn die innere Gliederung der Zeit jetzt richtig als
Sich-Ausdehnen von einem Punkt zu einer Ausdehnung, nicht um-
gekehrt, begriffen sein soll, kann noch nicht begriffen sein: Wodurch
soll so ein Punkt so eine Ausdehnung als seine Andersheit oder als
seine Differenz nur in Gestalt seiner Identität als seiner Selbigkeit
besitzen können, wenn er nichts als der zu solcher Ausdehnung sich
ausdehnende ist? Wodurch muß es bei dieser Asymmetrie bleiben,
nach der seine Andersheit nur in Gestalt von seiner Selbigkeit bzw.
seine Differenz nur in Gestalt seiner Identität auftreten kann, und
nicht etwa auch umgekehrt? Wodurch kann es nicht kommen zu der
Symmetrie, daß seine Selbigkeit auch in Gestalt von seiner Anders-
heit oder seine Identität auch in Gestalt von seiner Differenz auftre-
ten muß, und so sehr wohl auch umgekehrt? Zumal doch logisch-

1 Problem ist also auch erst recht nicht, wie der Punkt gewährleiste, daß er dabei der
stetig-andere zu sich als selbigem wird statt ein anderer zu einem weiteren (zweiten)
anderen, weil es zu diesem dabei schon von vornherein und weiterhin nicht kommen
kann. Denn dieser müßte doch auch ein diskreter zu ihm sein, und umgekehrt, so daß
es solche zwei diskreten Punkte auch nur unter der Voraussetzung des Raumes geben
könnte, während jener eine als der stetig-andere ja ein mit sich kontinuierlich anderer
sein muß (Der Anlaß dieser Anmerkung war eine Frage von Hans-Ulrich Baum-
garten).

327
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

ontologisch jene Symmetrie, daß so wie sie dabei »nur innerhalb«


von ihm auch er dabei »nur innerhalb« von ihr ist, nach wie vor in
Geltung ist.
Daß es gleichwohl bei dieser Asymmetrie bleiben muß, kann nur
an einer weiteren Leistung liegen, die der selbe Punkt bei seiner
Selbstausdehnung zusätzlich zu ihr erbringen muß: Wenn es so ist,
kann auch nur er es sein, der sicherstellt, daß es so ist. Um zu gewähr-
leisten, daß seine Ausdehnung als seine Differenz oder als seine An-
dersheit dabei nur in Gestalt von seiner Selbigkeit oder Identität auf-
treten kann, muß er als dieser selbige bei dieser seiner Ausdehnung
dann durchwegs-zusätzlich auch noch dabeisein, indem er als dieser
selbige mit dieser seiner Ausdehnung auch durchwegs-zusätzlich
noch miteinhergeht. Und das kann nur heißen, daß er durchwegs-
zusätzlich auch noch bewußt bei ihr dabeisein muß oder bewußt mit
ihr einhergehen muß, so daß sie nicht allein durch ihn bewirkt wird,
sondern dabei auch für ihn bewußt wird und in diesem Sinn sonach
durch ihn bewußt-bewirkt oder bewußt-gemacht wird. Erst als der,
dem sie auch noch bewußt sein muß, ist er dann einer, der auch bei
ihr als durch ihn bewirkter noch dabeisein oder mit ihr als durch ihn
bewirkter miteinhergehen muß, damit im ganzen sich ergibt, was je-
dem einzelnen Subjekt als Ausdehnung der Zeit bewußt wird.
Denn das ist und tut der Punkt gerade nicht allein schon als zu
ihr sich ausdehnender, weil sich dadurch vielmehr überhaupt erst das
entsprechende Problem stellt. Nicht nur solche Ausdehnung, sondern
auch noch Bewußtsein solcher Ausdehnung muß hier aus einem sol-
chen Punkt heraus sich bilden. Und zwar so, daß dies im ganzen auch
gerade ein Sich-Ausbilden zu solcher Ausdehnung sowohl wie ein
Sich-Einbilden von solcher Ausdehnung sein muß und somit ein Be-
wußtsein von ihr als dem so Bewirkt–Bewußten. Denn als etwas, das
genau in diesem Sinn das Eingebildete durch diesen Punkt sein muß,
kann sie dann nicht nur die sein, zu der er sich ausdehnt, sondern
muß sie auch noch die sein, die dabei als solche ihm erscheint, indem
sie ihm bewußt wird. Und so muß ursprüngliche Bewußtseinsbildung
eben insgesamt erfolgen als die Ausbildung von solcher Ausdehnung
aus diesem selben Punkt heraus sowohl wie als die Einbildung von
dieser Ausdehnung in diesen selben Punkt hinein, der sie als stetig-
neues Ganzes von bewirkt-bewußt oder bewußt-bewirkt sich zur Er-
scheinung bringen muß. Und wohlgemerkt: Nicht etwa wirklich muß
er dazu als der selbe werden, weil er als der selbe, der zu Ausdehnung
sich ausdehnt, wirklich ja schon ist; vielmehr auch zusätzlich bewußt

328
§ 11. Selbstverwirklichung und das Problem des Selbstbewußtseins

muß er dazu als der schon wirkliche und wirkende noch werden,
nämlich eben dieser Ausdehnung bewußt. 2
Hier aber gilt es einzuhalten, um nicht zu verdecken, daß es vor-
erst nur eine Behauptung sein kann, und nicht auch schon die Be-
gründung für sie, wenn vertreten wird: Nur durch das Mitentsprin-
gen des Bewußtseins von ihr kann dieses Entspringen solcher
Ausdehnung von Zeit als das Sich-Ausdehnen von solchem Punkt
vollauf erklärlich sein. Zumal Begriffe wie »Bewußtsein« und »be-
wußt« gleich den Begriffen »Punkt« und »Ausdehnung« hier auch
zunächst nur als undefinierte Grundbegriffe gelten können, deren
Sinn erst aus ihrem Zusammenhang sich definieren lassen kann.
Nur dann vielmehr kann sich auch die Begründung für diese Behaup-
tung noch ergeben, wenn aus der Definition für den Begriff »bewußt«
oder »Bewußtsein« sich als Sinn von ihm genau die Asymmetrie ein-
stellt, die für Punkt und Ausdehnung auch noch als etwas, das »Be-
wußtsein« oder das »bewußt sein« muß, zu gelten hat. Obwohl je-
doch das Thema des Bewußtseins schon genauso alt ist wie das
Unternehmen der Philosophie, bleibt man von so einer Definition
noch immer weit entfernt.
Das liegt indes nur daran, daß man trotz der vielen und verschie-
denen Arten von Bewußtsein, die man zu erörtern pflegt, noch nie
gefragt hat: Was denn ist dann das Gemeinsame als Gattung aller
dieser Arten, das dazu berechtigt, sie als Arten von Bewußtsein auf-
zufassen, wie etwa als »Selbstbewußtsein« oder »Fremdbewußtsein«
oder auch als »Wahrnehmungsbewußtsein« im Zusammenhang mit
»Urteils-«, »Anschauungs-«, »Begriffs-« oder »Gefühlsbewußtsein«?
Trotz des Vielen und auch Überzeugenden, das man dazu bereits her-
ausgefunden hat, tritt man hier auf der Stelle, was den Grundsinn

2 Zwischen Selbstverwirklichung und Selbstbewegung muß ein Unterschied bestehen:

Etwas, das in Selbstbewegung ist, muß nicht in Selbstverwirklichung begriffen sein,


doch sehr wohl umgekehrt: Das, was in Selbstverwirklichung begriffen ist, muß auch
in Selbstbewegung sein. Zumindest jene absolute innere Bewegung, die gemäß dem
Zeit-Modell als ursprüngliche subjektive Zeit verläuft, ist Selbstbewegung, die auf
Selbstverwirklichung beruht (vgl. oben § 6). Entsprechend zweifelhaft muß bleiben,
ob mit jener Selbstbewegung, wie schon Platon sie erwägt (vgl. Phaidros 245 c–e;
Nomoi X, 893 b ff.), auch Selbstverwirklichung gemeint sein kann. Daß nämlich das
sich selbst Bewegende, als Ursache, sich selbst, als Wirkung, »nie verläßt« und damit
auch »nie aufhört, sich selbst zu bewegen« (Phaidros 245 c 8 f.), reicht dafür nicht aus
und wird von Platon in den Nomoi auch nicht wiederholt. Erst recht bringt Platon
solche Selbstbewegung daher auch nicht mit Bewußtseinsbildung in Verbindung (vgl.
dazu Baumgarten 1989, S. 184–195; Friebe 2005, S. 29).

329
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

von »bewußt« oder »Bewußtsein« anbetrifft, und stiftet jenes unsäg-


liche Durcheinander, das nicht enden will. Vermutlich meint man,
diese Frage nach dem Grundsinn davon sich ersparen zu können, weil
man ihn für selbstverständlich hält, was er jedoch durchaus nicht ist.
Und so wird diese Unkenntnis zum Einfallstor der unbegründet-fal-
schen – und oft stillschweigend gemachten – Annahme, es sei der
ursprüngliche Sinn des Worts »bewußt« oder »Bewußtsein« der von
Fremdbewußtsein oder fremdbewußt.
Zumal der Sinn »Bewußtsein« schon allein der Sprache nach nur
aus dem Sinn »bewußt sein« als dem ursprünglichen abgeleitet ist, 3
weshalb als Grundsinn eben auch allein »bewußt« zu sein in Frage
kommen kann. 4 Daß er als selbstverständlich gilt, dürfte zusammen-
hängen mit der immer noch nicht völlig überwundenen Auffassung,
Bewußtsein könne nur dergleichen wie ein »Abbild« sein von etwas
in etwas wie einem »Spiegel«; denn ein Subjekt könne als etwas Men-
tales doch auch nichts als eine »leere Tafel« bilden, auf der oder in der
sich dann etwas »spiegelt« oder »abbildet«. 5 Solange derlei nämlich
noch nicht gänzlich aufgegeben ist, hat man auch keinen Anlaß, hin-
ter es zurückzufragen, weil es dann ja hinter ihm auch nichts mehr zu
erfragen geben kann. Genau in diesem Sinn ist jedenfalls auch auf-
schlußreich, daß man im wesentlichen das Gemeinsame der Gattung
von »Bewußtsein« und »bewußt« auf sich beruhen läßt und allenfalls
noch nach den Unterschieden seiner Arten fragt. Was aber soll es
eigentlich bedeuten, wenn man davon ausgeht, jede einzelne von die-
sen Arten trete auf als ein »Bewußtsein« von etwas, weil dies dabei
»bewußt sein« soll? Denn soll etwas »bewußt sein«, indem eben ein
»Bewußtsein« auftritt, dann muß sich auch fragen, wovon dabei ei-
gentlich die Rede sein soll. Und durchaus nicht kann die Antwort dar-
auf sich etwa von selbst verstehen.
Denn so zu fragen, dürfte zu der Antwort führen: Von dem na-
türlich sei dabei die Rede, das »bewußt« sei, nämlich das »Bewußte«,
von dem dabei ein »Bewußtsein« auftrete. Gehöre doch zum Sinn
eines »Bewußtseins« wesentlich hinzu, es sei von etwas ein »Bewußt-
sein«, und das heißt: von dem, das dabei eben das »Bewußte« zu ihm
ist, von dem es das »Bewußtsein« ist. Gerade der jedoch, der diese

3 Vgl. z. B. Kluge 1989, s. v. »bewußt«.


4
Vermutlich wird Entsprechendes auch noch für alle andern Umgangssprachen gel-
ten.
5
Vgl. dazu Prauss 2006, S. 879 ff.

330
§ 11. Selbstverwirklichung und das Problem des Selbstbewußtseins

Antwort als die einzig richtige betrachtet, trifft mit ihr dann faktisch
eine Unterscheidung zwischen zweierlei. Und daraus wiederum er-
hellt, daß diese Antwort keineswegs die einzig richtige sein kann, weil
vielmehr auch noch eine zweite richtig sein muß, so daß auch nur
beide miteinander die zwei richtigen sein können. Denn nach dieser
ersten Antwort kann doch als »bewußt« nur gelten, was »bewußt«
ist; davon unterschieden aber wird dadurch dann faktisch das, dem es
»bewußt« ist. Letzteres jedoch muß dabei dann auch seinerseits »be-
wußt« sein, weil ja dieses letztere es ist, das (jenes ersteren) »be-
wußt« ist, wie auch jenes erstere es ist, das (diesem letzteren) »be-
wußt« ist. Deshalb stellt sich auch erst durch diesen Gesamtbefund,
der das Ergebnis des Zu-Ende-Denkens dieses Grundsinns von »Be-
wußtsein« als »bewußt sein« ist, im vollen Umfang das Problem des-
selben, das erst dadurch dann auch lösbar werden kann.
Ist es doch in der Tat erst einmal ein Problem, wenn danach jedes
von den beiden etwas sein muß, von dem gilt, daß es dabei »bewußt«
sein muß. Denn trotzdem muß ja zwischen beiden weiterhin der
grundsätzliche Unterschied bestehen, wonach das eine dabei das ist,
dem etwas »bewußt« ist, und das andere dabei das, was ihm »bewußt«
ist, und nicht etwa umgekehrt. So sehr darum von jedem gelten muß,
daß es dabei »bewußt« oder etwas »Bewußtes« ist, so sehr muß dann
entsprechend auch zunächst der Eindruck herrschen: Dieser Sinn,
wonach von jedem gelten muß, daß es dabei »bewußt« oder etwas
»Bewußtes« ist, sei deshalb ein von Grund auf zweideutiger. Diesen
gelte es daher durch den entsprechend eindeutigen zu ersetzen. Somit
hätte das auf den Versuch hinauszulaufen, für den Sinn der Ausdrük-
ke »bewußt sein« und »Bewußtsein« andere zu finden, die das Zwei-
deutige ihres Sinns bereinigen. Und weil die Ausschau nach ihnen
vergeblich bleibt, ist das tatsächlich erst einmal von Grund auf pro-
blematisch.
Daß von ihnen nichts in Sicht ist, lenkt denn auch im Gegenzug
dazu den Blick in eine andere Richtung, nämlich auf die weitere Mög-
lichkeit, daß diese Zweideutigkeit nur ein Schein ist. Denn der Unter-
schied dazwischen kommt ja trotzdem klar zum Ausdruck als das,
dem etwas »bewußt« ist, und als das, was ihm »bewußt« ist, weil sich
das nicht umkehren läßt: Nur kommt er freilich so nicht auch schon
als ein Unterschied bezüglich von »bewußt« zum Ausdruck. Und das
könnte daran liegen, daß »bewußt« zwar beidenfalls denselben Sinn
hat, der jedoch als solcher selbst noch gar nicht vollständig bestimmt
ist, so daß er, um vollständig bestimmt zu sein, noch weiter sich be-

331
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

stimmen lassen müßte. Folglich könnte sich das auch nur so vollzie-
hen, daß zu »bewußt« noch etwas Weiteres hinzuzutreten hätte, um
seine Bestimmtheit zu vervollständigen. Dieses Weitere könnte daher
auch erst mit »bewußt« zusammen zu einem Gesamtsinn führen, der
nachvollziehbar werden ließe, was im einzelnen den Sinn eines »Be-
wußten« und »Bewußtseins« ausmacht. Und als das Kriterium dafür
hätte dieses Weitere dann auch dem noch zu genügen, daß sich das-
jenige, dem etwas »bewußt« ist, und dasjenige, was ihm »bewußt« ist,
dabei eben unumkehrbar unterscheiden muß.
Entsprechend müßte dann der vorerst bloß intuitiv-verständ-
liche Begriff »bewußt« dadurch auch mindestens in einem ersten
Schritt zu einem diskursiv-verständlichen noch werden. Denn von
sich allein her läßt dieses »bewußt« ja offen, welches von diesem so
Unterschiedlichen danach jeweils »bewußt« ist, weil »bewußt« ja
jedes sein muß. Und so fragt sich eben: Was denn müßte dieser Un-
terschied – daß sich das, dem etwas »bewußt«, und das, was ihm »be-
wußt« ist, unumkehrbar unterscheiden muß – als Unterschied bezüg-
lich von »bewußt« bedeuten, um den Sinn, den es für jedes dieser
beiden hat, dann jeweils auch noch zu vervollständigen? So zu fragen
aber heißt: In welchem Sinn muß das »bewußt« sein, dem etwas »be-
wußt« ist, und in welchem das, was ihm dabei »bewußt« ist? Oder
auch: Besteht ein Unterschied zwischen dem einen und dem andern,
– was ist dann der weitere Unterschied, der ihn zwar aufrechthält,
weil wiedergibt, der aber nicht bloß einer zwischen diesen beiden ist,
sondern entsprechend auch noch einer von »bewußt«?
Auf diese Frage aber, die dem Sinn »Bewußtsein« als »bewußt
sein« so weit nachfragt, kann die Antwort schwerlich fehlgehen: Das-
jenige, dem etwas »bewußt« ist, kann nicht einfach nur »bewußt«
sein, sondern muß »bewußt« im Sinne von »bewußt-begleitend«
sein; und das, was ihm »bewußt« ist, kann auch seinerseits nicht ein-
fach nur »bewußt« sein, sondern muß »bewußt« im Sinne von »be-
wußt-begleitet« sein. Und als ein so vervollständigter läßt der Sinn
»bewußt-…« dann eben nicht mehr offen, welches von den beiden so
Verschiedenen danach jeweils »bewußt« sei; vielmehr ist er dann als
solcher festgelegt auf entweder das eine oder andere, die zusammen
aber eine notwendige, unlösbare Einheit miteinander bilden müssen.
Kann es ein »Begleitendes« und ein »Begleitetes« doch auch nur mit-
einander geben, weil ja zu einem »Begleiten« auch zumindest zwei
gehören. Und so folgt, daß »ein Bewußt-Begleitendes« und »ein Be-
wußt-Begleitetes« auch nur als notwendige, unlösbare Einheit zwi-

332
§ 11. Selbstverwirklichung und das Problem des Selbstbewußtseins

schen ihnen »ein Begleiten« sein kann, nämlich »ein Bewußtes« oder
»ein Bewußtsein«. Es ergibt sich folglich: Soll es auch nur einen Fall
von etwas als etwas »Bewußtem« geben können, so muß innerhalb
von diesem einen Fall die innere Gliederung dieses »Bewußten« in
etwas »Bewußt-Begleitendes« und in etwas »Bewußt-Begleitetes«
auftreten. Auch erst so kann es mithin zu einem Fall davon, sprich:
zu einem »Begleiten« als einem »Bewußtsein« kommen, das als ein
»Bewußt-Begleiten« in »Bewußt-Begleitendes« und in »Bewußt-Be-
gleitetes« sich gliedern muß. Entsprechend abwegig ist deshalb, etwa
darauf zu beharren, daß »bewußt« auch einen Sinn besitzen müßte,
welcher nur der in »bewußt-begleitend« und nicht auch der in »be-
wußt-begleitet« ist, bzw. welcher nur der in »bewußt-begleitet« und
nicht auch der in »bewußt-beleitend« ist. Der Unterschied, der hier
besteht, ist eben keiner von »bewußt« für sich, sondern ist einer von
»begleiten«, nämlich der zwischen »begleitend« und »begleitet«.
Denn auch erst als ein so festgelegter, weil vervollständigter,
kann der Sinn »bewußt«, »Bewußtes« und »Bewußtsein« dann ein
vollbestimmter sein. Und auch erst so kann dann als hergeleitet gel-
ten, daß er als ein solcher unumkehrbar sein muß: In dem Sinn, in
welchem etwas das »Bewußt-Begleitende« oder »bewußt-begleitend«
ist, kann es nicht das »Bewußt-Begleitete« oder »bewußt-begleitet«
sein; und in dem Sinn, in welchem etwas das »Bewußt-Begleitete«
oder »bewußt-begleitet« ist, kann es nicht das »Bewußt-Begleitende«
oder »bewußt-begleitend« sein. Und dennoch, ja gerade deshalb muß
das eine dabei ebenso »bewußt« oder etwas »Bewußtes« sein wie auch
das andere: das, dem etwas »bewußt« ist, wie auch das, was ihm »be-
wußt« ist. Denn so wenig ist der Sinn »bewußt«, »Bewußtes« und
»Bewußtsein« etwa zweideutig, daß er vielmehr recht eigentlich der
eindeutige, einheitliche Sinn von beidem ist, weil er auch nur durch
beides Unterschiedliche zusammen seine Vollständigkeit sowie Voll-
bestimmtheit haben kann. Nicht den geringsten Sinn hat es mithin,
auch nur danach zu fragen, wie »bewußt«, »Bewußtes« und »Be-
wußtsein« für sich selbst zu definieren sei, weil das auch nur bedeu-
ten könnte, etwas definieren zu wollen, das es gar nicht geben kann.
Denn was es gibt, wenn es das gibt, ist dann auch nur Bewußtsein als
Bewußt-Begleiten des Bewußt-Begleiteten durch das Bewußt-Beglei-
tende, und keineswegs auch etwas, das »bewußt«, »Bewußtes« und
»Bewußtsein« wäre, ohne dies als ein Begleiten, ein Begleitetes oder
Begleitendes zu sein.
Dies nämlich ist dann die Erklärung dafür, daß es auch eine De-

333
Probleme mit dem Zeitbewußtsein als dem Selbstbewußtsein des Subjekts

finition von deren Sinn nicht geben kann. Denn eine höhere Gattung
zu ihm, durch deren Spezifizierung er als eine Art von ihr sich ein-
stellen könnte, kann es deshalb gar nicht geben, weil der Sinn »be-
wußt«, »Bewußtes« und »Bewußtsein« vielmehr seinerseits die Gat-
tung ist, durch deren Spezifikation sich Arten zu ihr einstellen
können. Diese Gattung aber ist er eben allererst als der so vollständi-
ge und auch vollbestimmte Sinn. Und mindest implizit ist er als sol-
cher auch ein definierter, nämlich durch sein unumkehrbar-inneres