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J an Robert Bloch

Utopie: Ortsbestimmungen im Nirgendwo


Begriff und Funktion von Gesellschaftsentwürfen
Kieler Beiträge zur Politik
und Sozialwissenschaft
Herausgegeben von Wilfried Röhrich
und Carsten Schlüter-Knauer
Band 13
J an Robert Bloch

Utopie:
Ortsbestimmungen
im Nirgendwo
Begriff und Funktion
von Gesellschaftsentwürfen

Leske + Budrich, Opladen 1997


Der Autor arbeitet am Institut ftIr die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Christian-
Albrechts-Universität Kiel (IPN).
Das IPN ist ein Institut der Wissenschaftsgemeinschaft Blaue Liste und wird als For-
schungseinrichtung des Landes Schleswig-Holstein gemäß der ,.Rahmenvereinbarung For-
schungsförderung zwischen Bund und Ländern" finanziert. Seine AufgabensteIlung ist
überregional und gesamtstaatIich.
Das IPN soll durch seine Forschungen die Pädagogik der Naturwissenschaften wei-
terentwickeln und fördern.
Das Institut gliedert sich in die Abteilungen Didaktik der Biologie, Didaktik der
Chemie, Didaktik der Physik, Erziehungswissenschaften, Pädagogisch-Psychologische
Methodenlehre (einschließlich Datenverarbeitung) und die Zentralabteilung.

ISBN 978-3-8100-1773-4 ISBN 978-3-322-95801-3 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-322-95801-3

© 1997 Leske + Budrich, Opladen

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung
außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages
unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfaltigungen. Übersetzungen. Mi-
kroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Meiner Tochter Anna Leonore

5
Inhalt

Vorwort................................................................................ 9
Von der Dystopie zur Utopie:
das vorscheinende Ende der menschlichen Vernunft ....... 11
Zur fundamentalistischen Gegenutopie:
die mythische Todesmaschine Deutschland ...................... 17
Das thermodynamische Ende der Natur
als Ende der Utopie überhaupt .......................................... 19
Utopische Übergänge in der bürgerlichen
Zwischenwelt ....................................................................... 21
Die rationalen Sozialutopien der beginnenden Neuzeit ... 24
Dilemmata der Utopien und mögliche Erbschaft
ihrer Zeit........ ....................................... ............ ................... 33
Die gesellschaftstheoretischen Bedeutungen der Utopie.... 40
Utopie heute: Abschied von der Utopie oder
Utopie als Essentia ............................................................. 43
Der Begriff der Utopie in der Differenz zwischen
der Kritischen Theorie Theodor W. Adornos und
dem utopischen Prinzip Ernst Blochs ............ ...... .... .......... 50
Die Kunst utopisch gefaßt als Auftauchen in einem
anderen Ort: Die Ästhetik des Noch-Nicht im
Werk Ernst Blochs ...................................... ............ ............ 67
Die Zukunft des irdischen Sozialprozesses als
utopisches Realproblem und Experiment.......................... 96
Die Utopie der Natur im Rahmen der
materialistischen Erkenntniskritik
Alfred Sohn-Rethels und der utopischen
Naturphilosophie Ernst Blochs .......................................... 101

7
Vorwort

Die Quellen und Verästelungen utopischer Modelle sind mit


den politischen, ökonomischen, religiösen Strukturen ihrer
Entstehungszeit eng verbunden. Zum Gebiet der Utopie
zählt nicht nur die sie begründende sozialutopische Litera-
turgattung, sondern ebenfalls die geschichts- und weltprä-
genden Modelle in Architektur, Kunst, Technik, Medizin,
Naturwissenschaften, Recht, Religion oder Naturphiloso-
phie. Die oft zeitgleich aufkommenden Gegenutopien sind
doppelten Charakters: zum einen können diese Dystopien
einer nihilistischen Zukunfts diagnose dienen, zum anderen
kann die in ihnen dargestellte Negation der Freiheit eben
dadurch einen antithetischen utopischen Horizont eröffnen.
Dem Utopiethema zugehörig sind seine Dilemmata: inwie-
weit nämlich eine utopische Zukunftsprogrammatik zur
Despotie führen kann. Kehrseite dessen ist die kritische
Funktion der Utopie, die nicht nur als theoretische Unruhe
wirkt, sondern überdies seismographisch die Widersprüche,
Strömungen und Tendenzen einer Gesellschaft aufzeigt. Ein
weites, vergleichsweise wenig bereistes Gebiet ist das der
Naturutopie, in der der gesellschaftliche Stoffwechsel mit
der Natur anders als herkömmlich perspektiviert wird.
Auch dieses ist Thema des Bandes und gehört zu den Orts-
bestimmungen im Nirgendwo: mit der unentwegten Aufgabe
der Ankunft in einem unentfremdeten Jetzt und Hier.

9
Von der Dystopie zur Utopie: das
vorscheinende Ende der menschlichen
Vernunft

George Orwell hat mit ,Nineteen Eighty-Four' (1949i ein


Inferno der Zukunft gezeichnet: totale Verwaltung aller
Lebensbereiche, Reduktion der Beziehungen auf die nied-
rigsten Ebenen menschlicher Existenz, graue Uniformiert-
heit im Würgegriff des Großen Bruders. Das Dasein im
Kriegsstaat Oceania ist nicht nur grau und hoffnungslos,
sondern auch blutig. Immer wieder werden die Schlachtfel-
der angeheizt: der Krieg gegen die Nachbarländer Eastasia
und Eurasia wird zum Opium fürs Volk. Die Spuren der
Vergangenheit sind getilgt, die Sprache verkommt zum ge-
säuberten Mittel der Täuschung, Verdrehung und Heuche-
lei, die allgegenwärtige Gedankenpolizei besorgt die morali-
sche und intellektuelle Unterwerfung der ohnmächtigen
Untertanen - eine gefesselte, düstere und zugleich mittels
der durchgehenden Kontrolle aller Bürger gleichsam bleich-
gläserne Welt ohne Schönheit, Farbe und Glanz.
Einzig die bedrohte, verzweifelte, schließlich verratene
Leidenschaft zwischen Julia und Winston deutet einen
Ausweg in der Ausweglosigkeit an: ihre Beziehung könnte
zum sprengenden Bündnis inmitten despotischer Herrschaft
werden, zur Perspektive der Befreiung vom engen, überle-
bensgroßen Gefängnis durch die Erfüllung beider Liebenden
in sich selbst. Denn die Liebe wäre eine innere Kraft, die
das unmenschliche Gerüst zum Einstürzen bringen könnte,
eine Kraft jenseits des alle Lebensbereiche durchdringenden
Apparats Oceanias: wenn Liebe möglich ist, wenn die Men-
schen trotz allem noch fähig sind, ohne Argwohn und Kalkül
für einander Liebe zu empfinden, wird der Weg zur men-
schenwürdigen Gemeinschaft geebnet, wird zur realutopi-
schen Möglichkeit. In der selbstvergessenen Leidenschaft

1 George Orwell: Nineteen Eighty-Four. Penguin Books, Middlesex


1983.

11
der Umarmung, im Augenblick der höchsten Erfüllung, fällt
die äußere Despotie ab und die unentfremdete Gesellschaft,
marxistisch auch Kommunismus ,enannt, kehrt ein.
In ,The Time Machine' (1895) von Herbert George Wells
werden die verästelten, verschleierten Herr-und-Knecht-
Strukturen der modernen bürgerlichen Ordnung auf die
Ebene eines unverhüllt nackten Gegenüber gebracht, alle
schichtenspezifischen Differenzierungen entfallen: im Jahre
802701 sind die reichen Herren von ehedem singende, tan-
zende und scheinbar sorglose Blumenkinder geworden, die
im Müßiggang verblödet sind. Die proletarischen Knechte
von ehedem entwickelten sich unterdessen zu schwärzlichen
Nibelungengeschöpfen von weit höherer Intelligenz und
hausen in unterirdischen Höhlen. Die Menschennaturen über
sie, die ohne Arbeit infantil geblieben sind, werden gleich-
sam als Viehherde gehalten. So, wie der kollektive Sinn der
Blumenkinder untereinander nichtssagend geworden ist,
ist auch ihre Beziehung zu den Kanalwesen der Unterwelt
unterkomplex linear: sie werden von jenen wahllos heraus-
gegriffen und verschlungen. Das Moment der Arbeit kehrt
bei H.G. Wells, in Art einer hegelianischen Wende, die
Machtverhältnisse zwischen Herr und Knecht um.
Bei Aldous Huxley wiederum leben die Weltbürger im
standardisierten Weltstaat nach den Parolen Community,
Identity und Stability in einem aufgrund eugenischer Mani-
pulation verewigten Klassenverhältnis. In ,Brave New World'
(1932)3 bezeichnet Community einen Typ Gemeinschaft, in
der jeder Einzelne der funktionalen Rationalität des Ganzen
untergeordnet ist, Identity die Abschaffung jedweder indivi-
dueller Verschiedenheit, und Stability den völlig entdyna-
misierten gesellschaftlichen Stillstand. Die depersonalisier-
ten Menschen leben auf der Oberfläche einer entzauberten,
aseptischen Konsumwelt, die sich für das Paradies hält, und
dämmern mit Hilfe euphorischer Allheildrogen ihrem debi-
len Glück entgegen.
Im nachrevolutionären Rußland entwirft Jewgenij Sam-
jatin in seinem Zukunftsroman ,Wir' (1920)4 einen Modell-
staat, in dem die Bürger ohne Not und ohne Gedanken da-
hinleben. Die etatistische Überwachung degradiert das Indi-
viduum zu einem gläsernen Menschen. Das konkrete ,Ich'
wird durch das abstrakte ,Wir' des Staates ersetzt, wodurch

2 Herbert George WeHs: The Time Machine. London 1895.


3 Aldous Huxley: Brave New World. Harper and Row, New York
1969.
4 Jewgenij Samjatin: Wir. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1983.

12
den Menschen das ewige Glück gesichert werden soll. Die-
ses Glück wird, wie in der schönen neuen Welt Huxleys,
obrigkeits staatlich bestimmt: es wird von oben als ein ob-
jektives gesetzt - denn im Kern eines Strebens nach sub-
jektivem Glück stecken Aufruhr und Meuterei. Nach der
Vertilgung jeglicher Individualität in einer Welt ohne zwi-
schenmenschlichen Eros, verwandtschaftliche Bindung und
kommunale Nächstenliebe gerät der Staat zum einzig mög-
lichen Objekt für menschliche Zuneigung. Diese Zuneigung
ist von algebraischer Art: alles ist nach mathematischen
Gesetzen geordnet. Im durchsichtigen, vollendeten Univer-
sum von ,Wir' sagt ein Zweifler, dem die Phantasie noch weg-
operiert werden muß, zu einem der Angepaßten: »Wir sind
vollkommen glückliche arithmetische Durchschnittsgrößen.
Wie ihr sagen würdet, die Integration von Null bis Unend-
lich, vom Idioten bis zu Shakespeare. "5
Das eingeschriebene Merkmal der negativ-utopischen Li-
teratur der Moderne, der Dystopien, ist die Umkehrung Uto-
pias: einst wurde Utopia rur seine Bürger gedacht, nunmehr
werden die Bürger fiir Utopia gemacht. Es wird ein falsches,
repressives ,Wir' konstituiert, das kein individuelles ,Du'
oder ,Ich' kennt und erst recht nicht das gute ,Wir' der frei-
en, unentfremdeten Gemeinschaft. 6 Im Zentrum der dysto-
pischen Gewordenheit stehen funktionale Schemata einer
transparenten, verwissenschaftlichten und kontrollierten Uni-
versalwelt, in der nur das Notwendige notwendig ist und
das Rationale schließlich irrationale Macht ausübt, steht die
Verarmung und zunehmende Zertrümmerung der menschli-
chen Identität: der Beziehungen auf allen Ebenen des Lie-
bens und Denkens.
Die moderne Dystopie steht am Scheidewege zweier
Motive, wenngleich diese zuweilen verschränkt sind: Der
dystopische Erzählrahmen kann einerseits der nihilisti-
schen Diagnose dienen, daß der Mensch nicht nach der
Utopie einer freien Gesellschaft leben kann und leben soll,
ja froh sein darf, die Last der Freiheit und der Selbstverant-
wortung abzuwerfen und diese einer externen instrumen-
tellen Ratio zu überantworten. Der Rahmen kann anderer-
seits durch die dargestellte Negation der Freiheit Wider-
stand erzeugen und somit auf dialektische Weise dem utopi-
schen Horizont eines unentfremdeten, heimatgewordenen

5 ebenda, S. 36.
6 Das realgeschichtliche Pendant zu diesem falschen ,Wir' ist die
faschistische ,Volksgemeinschaft' mitsamt Wehrmacht, Arbeits-
dienst und Kraft durch Freude.

13
Daseins treu bleiben. Zum Schema des Romans gehören da-
zu Außenseiter, deren menschliche Natur sich im inneren
Ringen um die Wahrheit aufbäumt und die sich der bedin-
gungslosen Einfügung in die staatlich erzwungene Kollek-
tivität widersetzen. Selbst wenn im Konfliktfeld zwischen
eigener Individualität und totaler Herrschaft die Rebellen
untergehen, wie Winston Smith in ,1984', enthält das Schei-
tern das Unabgegoltene der ertasteten Möglichkeit, der un-
erfiillten Hoffnung. In der Rebellion steckt Sehnsucht nach
einer besseren Welt und Heimweh nach einer Vergangen-
heit, die Spuren der möglichen Zukunft trägt - sofern diese
vom omnipotenten Apparat nicht bereits völlig vertilgt sind.
Und daher ist der Kampf der großen Brüder gegen die Ver-
gangenheit ein immerwährendes Baumoment ihres Impe-
riums. Die Schreckensherrschaft waltet auf dem Boden des
großen Vergessens, der Geschichtslosigkeit.lhre Sprache ist
Newspeak: "By 2050 - earlier, probably - all real knowledge
of Oldspeak will have disappeared. The whole literature of
the past will have been destroyed."7
Auch die Dystopien tragen die Züge ihrer Zeit: den
Fahrplan, den Ernst Bloch für die Utopien als Ausdruck der
sich anbahnenden Tendenz nach vom diagnostizierte8 , gilt
erst recht hier - seien es die Ministerien für ewige Wahrheit,
seien es die enthumanisierten, enthumanisierenden Maschi-
nenwelten, sei es der sinnentleerte Schutthaufen im infan-
tilisierenden Amusement, sei es die künstliche Fabrikation
der menschlichen Natur. Die alptraumartigen Visionen ver-
deutlichen, was am Beginn des geschichtlichen Kontinuums
noch verschleiert und unbegriffen ist. Sie wirken wie die
Färbemethode der Biologen, die durch Pigmentierung einen
Mikroorganismus sichtbar machen. Solchermaßen verlän-
gert Huxleys ,Brave New World' den Amerikanismus: seine
konsequente Extrapolation führt zum kollektivierten Land
des falschen Lächelns bei fortdauernder Profitökonomie und
Geldwirtschaft. Huxley erkennt, daß die von Dostojewski in
,Die Brüder Karamasow' gestellte Frage, ob durch die Be-
friedigung materieller Bedürfnisse das Verlangen nach
Freiheit ausgelöscht wird, im Konsumalltag des amerika-
nisch industrialisierten Kapitalismus zunehmend bejaht
wird.

7 George Orwell: Nineteen Eighty-Four. a.a.O., S. 50.


8 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Suhrkamp, Frankfurt 1959, S.
555ff.

14
Der Fahrplan bei Orwell ist von anderer Art. In seinem
antizipierten Schattenreich der Armut und Willkür fehlt
jegliche kapitalistisch überkommene luxurierende Verbrä-
mung des Elends: seine politische Extrapolation gilt in erster
Linie der staatlichen, nicht der ökonomischen Macht und der
Pate ist nicht amerikanisch, sondern sowjetisch. "War is
Peace. Freedom is Slavery. Ignorance is Strengthu9 sind die
Losungen der Partei des Großen Bruders: was immer die
Partei ftir Wahrheit hält, ist Wahrheit. Das unter stalini-
stischem Regime gesungene Lied Louis Fürnbergs beginnt
mit: ,Die Partei, die Partei, die hat immer recht'.
Hinter den Antizipationen einer düsteren Zukunft stehen
oft bittere und einschneidende Erfahrungen - bei George
Orwell die Hand Stalins im Spanischen Bürgerkrieg, bei
H.G. Wells der Schlag, den der 1. Weltkrieg seinem Glauben
an die menschliche Vernunft versetzte und der erlebt, wie
der geschichtsoptimistische Sinn des 19. Jahrhunderts in
den Schützengräben verkommt und hinfällig wird. Vorherr-
schend bei den meisten Autoren ist die Wahrnehmung einer
vollständig der technischen Funktion unterstellten künfti-
gen Gesellschaft. Sie sehen den bevorstehenden Untergang
der wahren menschlichen Werte in den entzauberten Welt-
systemen Kapitalismus und Kommunismus.
Es sind vorwiegend Autoren der Linken: sie erkennen
mit Entsetzen die Aussichten einer Zukunft, die sie selber
einstmals ersehnt hatten. Sie lernen, die Verwirklichung
des Fortschritts, das Gelingen ihrer Visionen zu fürchten,
nicht das Mißlingen, da eine positive Erfüllung des vordem
auch von ihnen geteilten Optimismus nach ihrer Erfahrung
zur Apokalypse führen würde. Die Geburt ist ihr Problem,
nicht die Fehlgeburt. Mit diesem Selbstmoment unterschei-
det sich ihre Position zugleich von den paradoxen Argumen-
ten der konservativen Utopiekritik: jene konstruiert den
fiktiven Gegensatz zwischen realpolitischem Handeln und
utopischem Wunschdenken (als ob geschichtliche Entwick-
lung ohne utopische Modelle denkbar wäre) und ordnet zu-
gleich der ,harmlosen', weil irrealen Utopie einen bedrohli-
chen Totalitarismus zu - um mit dem Paradoxon das Fakti-
sche der Machtverhältnisse als das Normative der Gesell-
schaft zu definieren, zu gestalten und überhistorisch zur Gel-
tung zu bringen: nDer Kampf gegen die Utopie findet seinen
Stachel nicht so sehr in ihren Vorstellungen von einer schö-
neren Zukunft, vielmehr in ihrer Kritik an einer schlechten

9 George Orwell: Nineteen Eighty-Four. a.a.O., S. 18.

15
Gegenwart. Nicht die Bilder des Besseren an sich werden
denunziert, sondern die auch in solchen Bildern immer
schon enthaltene Kritik am Bestehenden. So wird, was
utopisch ist, gerade dort am exaktesten bezeichnet, wo es
bekämpft wird: in der Kontroverse um die Bestimmung des
Begriffs spiegelt sich die um das, was er immer schon
meint.u10

10 Arnhelm Neusüss: Utopie. Luchterhand, Neuwied und Berlin,


1972. S. 33.

16
Zur fundamentalistischen Gegenutopie:
die mythischen Todesphantasien
Deutschlands

Eine dystopische Gattung anderer Art sind die ,völkischen'


Wunschbilder nach einem wiedererstarkten Deutschland,
die überwiegend in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg ent-
standen. Eine schundige Gattung freilich, die aber gleich-
wohl folgenreiche Hohlräume besetzte. Zwischen 1895 und
1945 erschienen (von den Programmen der Nazifiihrer abge-
sehen) über hundert alldeutsche, protofaschistische und
nazistische Zukunftsromane, zum Teil in hohen Auflagen,
die von Millionen gelesen wurden.
Die faschistische Ideologie hat aus politischen Gründen
hier ihren Platz, da zum einen die anti-utopischen Argu-
mente der Konservativen mit dem Verweis auf die Nazivi-
sionen die vernichtenden Konsequenzen utopischer Modelle
überhaupt zu belegen trachten. Zum anderen überließ in
entscheidender Zeit die Linke das utopische Symbolfeld und
Bildgebiet den NazislI: sie hatte der faschistischen Trans-
formation der antikapitalistischen Ressentiments der Bevöl-
kerung in einen mystifizierten Überlegenheitswahn, in eine
atavistisch verortete, barbarische Gegenaufklärung, wenig
entgegenzusetzen.
Bis 1933 werden die Zukunftsbilder in der Regel durch
düstere und verbitterte Romane erzeugt, in denen ein zeris-
senes und ausgebeutetes, entrechtetes und gedemütigtes
Deutschland zum Opfer erbarmungsloser Siegermächte wird
und von niederträchtigen Nachbarländern umgeben ist. Ex
negativo produziert diese Literatur in selbstbemitleidende
Haßtiraden gegen die ,Schmach von Versailles' chiliastisch
geprägte Visionen eines rettenden Heils von oben: ein völki-
scher Messias wird ersehnt, der die Deutschen vom fremden
Joch befreit. Zu diesen Erlöserphantasien gesellen sich

11 siehe Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit. Suhrkamp, Frankfurt


1962.

17
,völkische Widerstandsromane von unten', in denen die
,Deutsche Zeitenwende' und eine ,nationale Wiedergeburt'
durch Aufstände eingeleitet wird, um bald in die dritte vi-
sionäre Phase überzugehen - die der rassistisch begründe-
ten Weltherrschaft.
"Der alte Traum vom neuen Reich"12 ist gekoppelt an
die rückwärts gewandte Mystik des ,nordischen Blutes', an
archaische Vorstufen der Menschwerdung. Die Blut- und
Boden-Phraseologie mitsamt dem antisemitisch verkleide-
ten Antikapitalismus und -industrialismus bindet zwar die
Massen, gerät indessen bald in Widerspruch zu den realen
Globalinteressen der Naziführung. Die kleinbürgerlich ver-
klemmte Überdrehtheit der alldeutschen Romane, die eine
Rückkehr zu altgermanisch handwerklich-bäuerlichen Ver-
hältnissen visionierten, paßte nicht zum militärisch veran-
kerten aggressiven Imperialismus, der technische Wunder
erwartete, zum architektonischen Größenwahn, der überle-
bensgroße Ewigkeitsdokumente plante, zum ,wissenschaft-
lich und naturgesetzlieh' begründeten deutschen Sozial-
darwinismus, an dem die ganze Welt genesen sollte. Und so
wird der nazistische Wahn immer weniger von bodenständi-
ger Rückkehr zur Scholle oder von synkretistischen Anlei-
hen bei Allerweltsmythen bestimmt, sondern zunehmend
vom Abstraktum des Herrenmenschen, der als Soldat, Inge-
nieur, Architekt, Wissenschaftler auf der Grundlage mo-
dernster Großtechnik jedes bisherige menschliche Maß
sprengen soll.

12 Jost Hermand: Der alte Traum vom neuen Reich. Frankfurt 1988.

18
Das thermodynamische Ende der Natur
als Ende der Utopie überhaupt

Die Verwüstung der gesellschaftlichen Bindungen und der


menschlichen Identität ist das durchgängige Leitmotiv der
modernen dystopischen Literatur. Die Zerstörung der Natur
indessen erscheint als einhergehendes, sprachloses Neben-
her - beim Fall in den gegenutopischen Abgrund wird sie
mitgezerrt und versinkt. An der Naturschranke gibt es
nichts mehr zu verschieben - sie ist zerbrochen. Nach Orwell,
Huxley und Samjatin zeigt Hollywood Jahrzehnte später die
Naturverwüstung der schönen neuen Welt im Bühnenbild
der Zukunft: das Szenario der aufräumenden Rambo-Gestal-
ten ist ein verrottetes Superharlem mit verödeten Ruinen,
umgeben von Ratten und gelblichem Gestank und Müllton-
nen, die in erstarrten Gassen immerfort umfallen und weg-
rollen, sobald der Mann rot sieht. Sonst bewegt sich kaum
etwas.
Jewgenij Samjatin kämpfte in seinen Romanen gegen
die von ihm mit ,Entropie' bezeichneten gleichschaltenden
Kräfte. Kein Zweifel: Negative Utopien lassen sich im Sinne
des physikalischen Entropiesatzes verstehen, nach dem die
Komplexität eines geschlossenen Systems auf dem Pfeil der
Zeit abnimmt. Die dystopische Literatur skizziert einen Zu-
kunftsraum, in dem differente Strukturen verdämmern und
eine karge Ordnung13 mit Gewalt und Entmündigung auf-
rechterhalten wird. Die Unterdrückung jeglicher Vielfalt ist
der Grundzug dieses Sozialraums, da freie Autonomie zügel-
lose Leidenschaften wachrufen und Verwirrung stiften wür-
de und die Stabilität des einzig auf Funktionalität gebauten
Systems somit gefährdet wäre. Das ent-utopisierte Haus
wird, sofern es überhaupt noch steht, vom technizistisch
extrapolierten Neo-Klassizismus und Positivismus bestimmt.

13 earl Friedrich von Weizsäcker sah das entropische Ende, den


Wärmetod, als einen Zustand, in der nicht alles eingeebnet ist,
sondern erstarrte Skelettstrukturen das Gebiet besetzen.

19
Diese Welt des total integrierten Gleichgewichts entbehrt
des Unvorhergesehenen, des Zufalligen, des Unberechenba-
ren. Sie kennt weder das Barocke noch das Romantische,
weder Märchen noch Mythen. Sie bietet der Überraschung
kein Obdach, dem Neuen keine Möglichkeit, dem Abenteuer
keine Gelegenheit. Ihre faschistoide Metaphysik ist die ma-
schinelle Vernunft.
Einige zerbrochene Figuren in Samuel Becketts Entro-
piedramen haben eine Mülltonne zum Gehäuse. Im ,End-
spiel' schaut sich Clov mit dem Fernglas um: "Es ist grau.
Grau! GRAU!" Hamm zuckt zusammen: "Grau! Sagtest Du
grau?" Und Clov antwortet: "Ein helles Schwarz, allüberall."
Sie sind am thermodynamischen Ende - die Welt ist verbli-
chen, die Menschen verkrüppelt, die Natur erstarrt: Hamm:
"Die Natur hat uns vergessen." Clov: "Es gibt keine Natur
mehr." Hamm: "Keine Natur mehr! Du übertreibst." Clov:
"Ringsherum."14 Die Geschichte aller ist ein Trümmerhau-
fen, eine ewige Wiederkehr des Immergleichen: Staub und
Asche. ,Irgendetwas geht seinen Gang' in diesem Endspiel -
und dieses Etwas verdämmert in einer verlöschenden Erde,
die sie nie brennen sahen. Estragon und Wladimir warten
auf Godot. Statt seiner kommt ein kleiner Junge, der ihnen
sagt, daß Godot nicht kommen wird. Alles versinkt im Brei
des vergeblichen Nicht-Mehr.

14 Samuel Beckett: Dramatische Dichtungen in drei Sprachen. Band


1. Suhrkamp, Frankfurt 1963. S. 247; 223.

20
Utopische Übergänge in der
bürgerlichen Zwischenwelt

Im Gegensatz zu den dystopischen Visionen einer verwalte-


ten und verkümmerten Welt am Ausgang ihrer Möglichkei-
ten antizipiert die positive Utopie den Beginn einer besse-
ren. Ihr Thema ist die Verwirklichung des Glücks. Die uto-
pische Idee ist älter als die Sozialutopie der Neuzeit, die
durch Thomas Morus ihren Namen bekam. Die Prophezei-
ungen der Bücher Moses, die Visionen eines apokalypti-
schen Messianismus, die Exoduspartien der Bibel, die Escha-
tologie des himmlischen Jerusalem, der platonische Begriff
vom Eros als dem Kind von Armut und Reichtum mit utopi-
scher Spannung zwischen Nicht-Haben und Haben, die Sehn-
sucht der Materie nach der höchsten, göttlichen Form bei Ari-
stoteles, die Mysterien Christi (Auferstehung, Himmelfahrt,
Wiederkehr), der Kampf des Lichts des Gottesreichs mit der
Finsternis des Weltreichs in Augustins ,De civitate Dei' (Dies
septimus nos ipsi erimus: Der siebte Tag werden wir selber
sein), das vom Abt di Fiore im 13. Jahrhundert prophezeite
und im deutschen Bauernkrieg revolutionär treibende terti-
um evangelium - diese Wegbeispiele zeugen vom frühen
Anfangsort utopischer Zielinhalte, gehören als Sedimente
menschlicher Sehnsucht und menschlichen Widerstands zum
Altneuland der Utopie.
Die verheißende Zukunft wurde von Anfang an skep-
tisch begleitet: Utopische These und komplementäre dysto-
pisehe Gegenthese durchziehen die Geschichte der Utopie bis
in unsere Gegenwart. Parallel zur Konstruktion des ersehn-
ten Ideals in den Utopien der Antike läuft die Vemeinung
des großen Wachtraums - die utopischen Entwürfe, die die
Gegebenheiten zu überschreiten trachten, werden als ver-
rückte Pläne verhöhnt. Die satirischen Komödien von Ari-
stophanes bringen Zerrbilder auf die Bühne, in denen Pla-
tons utopisch-aristokratische Kommune ,Politeia' (372 v.
Chr.) parodiert wird. In Aristophanes' gynäkokratischen
Modell der ,Frauenvolksversammlung' wird der Gleich-

21
heitsgedanke in den gütergemeinschaftlichen Utopien sei-
ner Zeit ad absurdum geführt und im Wolkenkuckucksheim
der ,Vögel' verspottet er die geometrisierenden städtebauli-
chen Visionen des Hippodamus.
Die gegenutopische Bewegungen sind folglich älter als
die absteigenden Äste des 20. Jahrhunderts - ihre Motive
sind indessen von anderer Art. Die antiken Texte haben
zum Gegenstand die Unmöglichkeit der utopischen Idee und
somit ihre Absurdität. Das Thema aber der modemen Texte,
eines HuxIey oder Samjatin etwa, ist gerade die Möglichkeit
der utopischen Idee, positiv erfiillt zu werden: die Furcht
vor der totalen Geometrisierung der menschlichen Lebens-
verhältnisse nach dem Maß einer maschinisierten Funktio-
nalität, die Furcht vor der vollzogenen Gleichheit und vor
der endgültigen Verwirklichung des Glücks, die Furcht vor
der Vollendung der Geschichte - den Autoren wird es aus
der Erfahrung ihrer Epoche ernst und sie zeichnen Zu-
kunftsbilder, die diese Erfahrung verlängern. Daher ver-
klingt in der neuzeitlichen dystopischen Literatur jenes maß-
gebliche Motiv der Gegenutopien der Antike: die bezwei-
felnde Ironie, mit der die visionären Planspiele zum Gol-
denen Zeitalter als nicht verwirklichbare beziehungsweise
lebensuntaugliche Phantastereien abgetan werden.
Im Mittelalter, zwischen ausgehender Antike und begin-
nender Neuzeit, tritt, mit Ausnahme der religiösen Linie von
Augustin zu Joachim di Fiore, sub specie utopiae eher Ruhe
ein (wenngleich die im 12. Jahrhundert hervortretenden
weltlichen Gralserzählungen durchaus utopische Züge tra-
gen). Dieser Mangel an Entwürfen zu einer besser verfaßten
künftigen Ordnung der Gemeinschaft deutet auf eine relative
Gleichzeitigkeit von Überbau und Basis: auf eine vorwiegende
Übereinstimmung der gebildeten Schichten, Adel und Klerus,
mit der gesellschaftlichen Organisation, die wiederum mit
dem göttlichen Schöpfungswillen harmoniert.
In Epochen, in denen die Synthese der Verschiedenheit
(in diesem Fall der Antike, des Germanentums, des Christen-
tums in Folge der Völkerwanderung) die sozialen Prozesse
beherrscht, dominieren die internen Differenzierungen, Ver-
arbeitungen und Lösungen: es wird keine andere Zukunft
gegenwärtig als die unmittelbar gegenwärtige. Ohne künftig
vorscheinende Gegenwart der Feme, ohne perspektivische
Zukunftsicht, gibt es keine utopische Grenzüberschreitung:
ein solches System operiert geschlossen und wird zwar in-
nere Grenzen strukturell verschieben, aufheben oder ande-
ren Orts etablieren (durch die Errichtung einer ständisch

22
geordneten Gesellschaft zum Beispiel), kaum jedoch das
Abenteuer einer symmetriebrechenden Dynamik eingehen,
die mit utopischen Prozessen einhergeht. Diese anschei-
nende utopische Ruhe soll indessen nicht darüber hinweg-
täuschen, daß es unter der Oberfläche gärte, daß Unzufrie-
denheit und Sehnsucht sich kondensatorhaft sammelten
und im ausgehenden Mittelalter mit utopischen Entladun-
gen die Neuzeit einleiteten.
Die von der römischen Kirche bewirkte Einheit des
Christentums in lateinischer Wort und Schrift bildet eine
auch kulturell umfassende, gewissermaßen ent-ut<?J>isieren-
de Einheit. Die beginnenden Spannungen beim Ubergang
von Feudalherrschaft zur Bürgeremanzipation werden in
der gottgewollten politischen Ordnung des Civitas Dei, des
Staates Gottes, noch überdacht von einem kollektiven christ-
lichen Weltbild, dem somit eine tragende, konforlnierende
Bedeutung zukommt. Diese Stabilisierung endet mit der
beginnenden Vergesellschaftung der Bildung, mit der Über-
brückung der kulturellen Kluft zwischen Klerus und städti-
schem Bürgertum. Die ,Schwarze Pest', die 25 Millionen
Menschen hinrafRe, tat ein übriges, den Glauben an eine
göttlich verfügte Welt zu erschüttern.
Die Skepsis mit der überkommenen Ordnung, mit der
als absolut geltenden Glaubenslehre mündet in die utopi-
sche, faustische Suche des auf sich gestellten, auf sich zu
stellenden Individuums nach einer offenen und besseren
Welt. Symbolgestalten dieser Stimmung sind die Seefahrer
Kolumbus, Magellan oder Amerigo Vespucci, die sowohl von
den neuen ökonomischen und politischen Motiven des an-
brechenden bürgerlichen Zeitalters wie vom altneuen chilia-
stisch-antiken Motiv der Renaissance angetrieben werden.
Sie sind Figuren der Zwischenwelt. Ihre geographisch-utopi-
schen Ausfahrten zum gesuchten irdischen Paradies brin-
gen Entdeckungen mit sich, die mit dem Verschieben der
kartographischen Grenzen die Weltkenntnis ungemein er-
weitern und zugleich die festgefiigten Werte der alten Welt
relativieren. Erst recht gilt das für die nachfolgenden wis-
senschaftlichen Entdeckungen in der Planetenwelt, für den
kosmischen Aufbruch eines Kopernikus oder Galilei: hielt
Kolumbus noch die Erde für den Mittelpunkt des Univer-
sums, so sprengt das heliozentrische System den irdischen
Rahmen menschlichen Selbstbewußtseins, indem es seinen
reflektierenden Schauplatz ins Planetarische verlagert.

23
Die rationalen Sozialutopien der
beginnenden Neuzeit

Mit dem Anschluß des utopischen Denkens an die bürgerli-


che Emanzipation ändert sich seine Bestimmung. Während
in den antiken Utopien die für den Freien schändliche Arbeit
kaum eine Rolle spielt und ebensowenig, bei aller Kühnheit
der Pläne zum Goldenen Zeitalter, die Forderung nach
Gleichheit der Individuen {eine hierarchische Ordnung des
Staates mithin akzeptiert wird}, während in den religiösen
Reichsintentionen die konstruktiven Einzelzüge noch unge-
nau sind, kommt in den Utopien der Renaissance, der Re-
formationszeit, des Humanismus eine genauer einschla-
gende Dynamik auf - gewaltig begleitet vom naturwissen-
schaftlichen und technischen Umbruch jener Zeit, von Ver-
änderungen der Arbeitswelt, vom Kunstgenie eines Leo-
nardo, in dessen italienischem Licht das Rinascimento, die
Wiedergeburt des Menschen als Menschen, ein besonderes
Maß an Schönheit bekommt. Im Übergang vom Feuda-
lismus zum Frühkapitalismus, in der Zwischenwelt des
Nicht-Mehr der Desintegration und des Noch-Nicht der Anti-
zipation, stellen sich auf allen Lebensgebieten die altneuen
Probleme der Antike schärfer. Das Neue der Renaissance
beginnt mit der kritisch-entdeckenden Rückwendung zum
Alten. Die erstarrte Wirklichkeit der Gegenwart ist die Nega-
tion einer möglichen besseren Welt - und die Utopie die
Negation dieser Negation.
In den politischen Utopien der Renaissance werden die
Grundrisse der Entwürfe bestimmter, wird das Gleichheits-
und Gerechtigkeitsmotiv der athenischen Vorbilder prinzi-
pieller und drängender. Durch die Neuentdeckung der Welt
als offene Möglichkeit und des Menschen als individuelle
Persönlichkeit wird die göttliche Vorsehung ersetzt durch
das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, den künftigen Staats-
organismus, das ideale Gemeinwesen selber herzustellen.
Mit der einsetzenden Befreiung vom fremdbestimmten und
begrenzten Weltverständnis, mit der Abkehr vom kirchli-

24
chen Dogma und vom engen feudalen Korsett, entsteht ein
neuer Menschentypus: das selbstbewußt erfolgreiche und
universale Individuum, das seine Verhältnisse gestaltet und
beherrscht und ..der Welt seinen eigenen Stempel aufdrük-
ken kannu15 •
Verweltlichung und Subjektorientierung prägen die uto-
pische Literatur dieser Epoche, in der die Vorzeichen der spä-
teren Aufklärung bereits gesetzt sind. Mit der Reformation,
dem Bruch mit der Obhut der päpstlichen Romkirche, wird
diese Prägung, die bislang in der gebildeten Schicht ihren
Ausdruck fand, vergesellschaftet: die Idee des Selbstver-
trauens wird für alle Menschen erreichbar, indem sie mit
der ,Freiheit eines Christenmenschen' jenseits klerikaler
Vormundschaft Gott unmittelbar erreichen können. Der
Glaube wird durch das Motiv der Selbsterlösung - gestützt
auf das eigene, vom Evangelium geleitete Gewissen - auf
irdische Art rational. Mit Luthers Bibelübersetzung eröffnet
sich allen Schichten, in erster Linie den verelendeten und
unterdrückten Bauern und Leibeigenen, der unverwaltete
Geist des Evangeliums und damit das Unabgegoltene urkom-
munistischer Relikte in der kämpferisch-ethischen Tradition
des Christentums, die in Thomas Müntzers Utopie eines
klassenlos gerechten ,Reichs Gottes auf Erden' zum revolu-
tionären Programm wird.
Die rationalen Sozialutopien sind die bürgerlichen
Stammhäuser des modemen antizipierenden Denkens. Sie
finden ihren Ausdruck im sogenannten Staatsroman: Tho-
mas Morus (,Utopia', 1516), Thomas Campanella <,Sonnen-
staat', 1623), Francis Bacon <,Neu-Atlantis', 1627) sind seine
wesentlichen Autoren 16 • Sie verlegen die vorbildliche Men-
schengemeinschaft auf eine feme und fiktive Insel, von der
im Stil einer Reisebeschreibung berichtet wird. Diese Insel
heißt modellbildend und begriffsstiftend bei Morus U-topia:
Nirgend-wo. Die geographische Bestimmung dieses besten,
kommunistischen Gemeinwesens wird vom erzählenden
Weltreisenden, dem Inselnamen gemäß folgerichtig, unter-
schlagen: er berichtet von einem Ort, der nicht existiert und
daher nicht besichtigt werden kann.
Durch diese eigentümlich ausgehängte Verantwortung
verankert die Konstruktion des Morus bereits im Namen je-
ne entscheidende Paradoxie von einem im Nirgendland lie-

15 Agnes Heller: Der Mensch in der Renaissance. Hohenheim, Köln


1982. S.16.
16 versammelt erschienen in: Klaus J. Heinisch (Hrsg.): Der utopi-
sche Staat. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1984.

25
genden Glücksland, die den antiken Vorgängern zwar geläu-
fig war, ihnen aber als Prädikator fehlte: die Utopie selber.
Der Inselstaat heißt ja nicht Eutopia, guter Ort. Die geogra-
phische Bestimmung dieses besten Gemeinwesens wird vom
erzählenden Weltreisenden, dem Inselnamen gemäß folge-
richtig, unterschlagen: er berichtet von einem Ort, der nicht
existiert und daher nicht besichtigt werden kann. Die Na-
mensgebung hat Folgen, denn fortan wird die Verschrän-
kung des Guten mit dem Unwirklichen, einer besseren Welt
mit einer nicht realisierbaren, dem Begriff ,Utopie' einge-
schrieben. Und mit der merkwürdigen Taufe taucht zudem
die Frage auf, ob überhaupt bei der ,Utopia' des Morus sel-
ber von einer Utopie im Sinn einer antizipierenden Welthal-
tung gesprochen werden kann oder ob nicht vielmehr ein
hypothetisches Reformprojekt vorliegt, das nicht auf eine
Neuordnung der Zukunft, sondern auf humane Optimierung
des Bestehenden gerichtet ist.
Ein solches Projekt wäre, gemäß dieser Umformulierung
der utopischen Energie, zugleich ein Erkenntnismodell und
einem Modell dieser Art geht es nicht um die Beseitigung
der vorgegebenen gesellschaftlichen Ordnung im England
des 16. Jahrhunderts und die Einführung einer utopisiert
vollendeten, sondern um die Aufklärung der Mißstände und
ihrer Ursachen (im Sinn des blank zu putzenden Erkennt-
nisspiegels in der späteren Idolenlehre Bacons): durch den
Besuch der Insel ,Utopia' und die dadurch hergestellte Di-
stanz zur sonst unbegriffenen Nähe des eigenen Daseins
können die Menschen ihre Verhältnisse besser verstehen
und somit zum Besseren gestalten. Für das Aufklärungs-
motiv, nach dem die vollkommene Gesellschaft sich jeder-
zeit und überall einrichten ließe, sofern die Menschen durch
Einsicht zu einer entsprechenden Staatsverfassung gebracht
werden könnten, spricht die räumliche (und eben nicht zeit-
lich in die Zukunft gerichtete) Verlegung der Glücksinsel
Utopia auf ein Eiland im Weltmeer:. Morus (aus gleichem
Grunde auch Campanella) erschien es möglich, mit den Mit-
teln der Gegenwart den besten Staat zu verwirklichen.
Morus' Insel ist ein Nirgendland im Elend der frühkapi-
talistischen ursprünglichen Akkumulation in England,
durch die der größte Teil der Landbevölkerung die Existenz-
grundlage verlor und als vagabundierendes Lumpenprole-
tariat vegetierte. Die Emanzipation der Leibeigenen zu frei-
en, über sich selbst verfügende Arbeiter, führte von der feu-
dalen zur kapitalistischen Unterdrückung: "Ein Vergleich
zwischen den Schriften der Kanzler Fortescue und Thomas

26
Moros veranschaulicht die Kluft zwischen dem 15. und 16.
Jahrhundert. Aus ihrem goldnen Zeitalter, wie Thomton
richtig sagt, stürzte die englische Arbeiterklasse ohne alle
Zwischenübergänge in das eiseme."17 Spätere Ausbeutung-
stheorien vorwegnehmend beschreibt Morus diese Zustände
im ersten Teil der Schrift ,Utopia' und erkennt in der Vere-
lendung die Wurzel des Verbrechens: "So verhängt man har-
te und entsetzliche Strafen über Diebe, während man viel
eher dafiir hätte sorgen sollen, daß sie ihren Unterhalt haben,
damit sich niemand der grausigen NotwendiFkeit ausgesetzt
sieht, erst zu stehlen und dann zu sterben."l
In seinem Idealstaat, von dem Morus im zweiten Teil
vortragen läßt, gibt es weder Privateigentum noch Geld-
wirtschaft, ihre Bürger leben, wie in Platons ,Politeia', in
Gütergemeinschaft. Der Stoffwechsel mit der Natur wird
subsistenzökonomisch geregelt, die politische Verkehrsform
der Utopier ist Selbstverwaltung, die Todesstrafe ist abge-
scham und die Tagesarbeitszeit auf sechs Stunden be-
schränkt.
Bei solcher Positivität ist freilich nach unserer Erfah-
rung bedenkenswert, ob ein so beschaffener bester Staats-
zustand, der die einheitliche Gesellschaft über die indivi-
duelle Mannigfaltigkeit stellt, wünschens- und lebenswert
wäre, ob nicht die Menschen sich wie in einem abgefederten
Gefangnis vorkämen, ob nicht die Spuren zu ,Brave New
World' oder ,1984' bereits bei Platon, Morus oder Campanella
angelegt sind. Prüfstein ist, inwieweit im utopisierten Ideal-
staat die freie Entwicklung des Einzelnen zum Grundmotiv
gehört, inwieweit der Idealstaat eine umfassendere geistige
Perspektive, eine höhere Entfaltung der individuellen Per-
sönlichkeit ermöglicht als zuvor. 19 Prüfstein ist weiterhin
das gesellschaftsbildende Vermögen des Individuums, die
Möglichkeiten seines Beitrags zur Gemeinde versus abstrak-
ten staatlichen Verordnungen, die die menschlichen Ver-
hältnisse zu regeln sucht. Auf die damalige Epoche selbst
bezogen steht die Frage freilich anders: Vor der Herausbil-
dung bürgerlicher Subjektivität, auf dem Niveau von Sein
und Bewußtsein der Renaissance etwa, ist die entworfene

17 Karl Man:: Das Kapital. 1. Band. MEW 23. Dietz, Berlin 1979, S.
746.
18 Thomas Morus: Utopia, Reclam, Leipzig 1976, S. 19.
19 Die fordernde Frage stellt sich umso schärfer als von jeher der
klassische utopische Diskurs von anti-individualistischen Tenden-
zen des umfassenden Wir gelebt hat.

27
Welt in der Tat eine freiere, da sie starre, überkommene
und ungleichzeitige Ordnungsstrukturen aufbricht.
Der Fahrplan der Utopie ist undeutlicher als im Fall der
Dystopien, bei denen das geschichtliche Material in den
wesentlichen Zügen vorliegt und nicht erst antizipiert wer-
den muß. Trotz der geringeren Schärfe läßt sich gleichwohl
in den Utopien die jeweils nächste geschichtliche Tendenz
erkennen, da Geburtszeit und Herkunftsort die Utopie prä-
gen und in den Hoffnungen einer Epoche die in ihnen auf-
spürbare ,utopische Funktion' dämmert20 • Der utopische
Plan ist somit nicht beliebig, sondern konkreter Ausdruck
seiner Zeit. Seine Vorwegnahmen entspringen den Wider-
sprüchen der jeweiligen Epoche, in Krisenzeiten verschärft.
Utopische Antizipationen, die sich nicht aus Analyse und
Kenntnis der je vorliegenden Gesellschaft ableiten, haben
wenig sozialen Gehalt, da die Realisierung des Realisierba-
ren in der konkreten Tendenzkunde im vorfindlichen gesell-
schaftlichen Material ihr Fundament haben muß: "Die So-
lidität einer Gedankenkonstruktion beruht darauf, daß sie
sich nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt, als die Wirk-
lichkeit sich in der Entwicklung von sich selber entfernen
kann; ihr Rang beruht darauf, daß sie das Element des Un-
bedingten in ihrer Zielsetzung ebensowenig in Frage stellt
wie die Verwirklichung."21
Morus' ,Utopia' fällt in die Periode der Entfaltung des
freien Handelskapitals in England und der Ablösung der
mittelalterlich-feudalen Landnutzung durch die kapitalisti-
sche, durch die mit höherer Produktivität für den Markt er-
zeugt werden kann. Campanellas ,Sonnenstaat', etwa 100
Jahre später, steht am Übergang vom zersplitterten Hand-
werk zur großen Manufaktur unter zentralisierter Königs-
gewalt: "Das beginnende Manufaktursystem, das Arbeiter
und technische Produktionsmittel in großen Werkstätten
vereinigte, wird staatssozialistisch utopisiert."22 Der humani-
stisch-skeptischen Utopie der sozialen Freiheit bei Morus
folgt Campanellas fanatisch-katholische Utopie der organi-
sierten Ordnung, in der das bürgerliche Interesse der fortge-

20 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 16lf. Siehe auch


Pierre Furter: Ernst Blochs ,Prinzip Hoffnung' in der Diskussion
übers utopische Denken. In: B. Schmidt (Hrsg.): Materialien
zu Ernst Blochs ,Prinzip Hoffnung'. Suhrkamp, Frankfurt 1978. S.
577f.
21 Jürgen Teller: Nachwort. In: Thomas Morus: Utopia. a.a.O., S.
149.
22 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 609.

28
schrittenen Länder des europäischen Barock an einer ein-
heitlichen Wirtschaft mit den Interessen der absolutisti-
schen Monarchie zusammentrifft. Beiden Utopien gemein-
sam ist die Abschaffung des Privateigentums, beide ken-
nen weder Ausbeutung noch Profit. Bei Morus entspringt
dieser vorweggenommene Kommunismus dem verweltlich-
ten Wunschbild nach Gleichheit und Gerechtigkeit im demo-
kratischen Kollektiv, nach Vergesellschaftung des Eigen-
tums, dieser Quelle allen Elends, bei Campanella dem
messianistischen Wunschbild nach höchster Verstaatlichung
(indem der Staat das vollendete Abbild des Sonnengottes
ist): Die durchgehende Verwaltung aller Lebensbezirke
schließt jedwede individuelle, jenseits des Staatsinteresses
liegende Differenzierung aus - so auch die private Eigen-
tumsbildung. Was in ,Utopia' die Voraussetzung für demo-
kratische Gleichheit ist, wird im ,Sonnenstaat' die Grund-
lage für eine nach astrologischen Maßgaben geregelte Ord-
nung. Daher sind im kühlen, theokratischen Pyramidenbau
Campanellas die Strukturen unter dem Regiment des all-
waltenden Sonnengottes hierarchisch aufgestuft. Der breit
ausgegossene, milde Glanz über Morus' glückselige Zauber-
inseI weicht den harten Konturen eines staatssozialisti-
schen Reichs der kosmischen Ordnung, in dem die Menschen
als Individuen aufgehoben werden: Der Staat wird zum
höchsten Zweck seiner Bürger, zum funktionalen Zweck sei-
ner selbst.
Im Francis Bacons Utopiefragment ,Neu-Atlantis' nun
wird von einem Haus Salomon auf der Insel Neu-Atlantis
berichtet, in dem wissenschaftliche Möglichkeiten zur Ver-
besserung der Lebensbedingungen untersucht werden. Das
Haus ist ein utopisches Laboratorium technischer Ent-
deckungen, dessen Forscher mit verblüffender Prophetie noch
ungeborene, spätere Realerfindungen vorwegnehmen. Wenn-
gleich Bacons Fragment vor der Antizipation eines besten
Staates Salomonis abbricht, das technische Humanum dem
sozialen also vorauseilt, erweist es sich trotz der phanta-
stisch-spekulativen Art als überzeugenderes Dokument kon-
struierender Utopie: seine heilsgeschichtliche Vision setzt
auf empirische Naturforschung und Erfahrungswissen und
nicht auf programmatische Ordnungsprinzipien einer idea-
len Gesellschaft.
In Bacons auf Wissenschaft und Technik beruhendem
Glücksmodell wird die ausgerichtete Form der politisch-
sozialen Utopie durchbrochen. Die Zukunftsentwürfe in der
experimentierenden Akademie der technischen Wohltaten

29
auf der Insel Atlantis übersteigen eine nur gesellschaftliche
Modellfunktion utopischen Denkens. Mit Bezug auf Bloch
erinnert Schmidt an die Breite utopischer Horizonte im an-
tizipierenden Bewußtsein23 • Utopie ist somit nicht auf die
Probleme der besten Gesellschaftsverfassung beschränkt,
sondern umfaßt, mit freilich unterschiedlichem Maß, sämt-
liche Gebiete menschlicher Tätigkeit. Zu dieser Enzyklopä-
die gehören dergestalt medizinische, technische, geographi-
sche oder architektonische Utopien, solche in Kunst, Religi-
on oder Naturphilosophie wie auch Erkenntnis- und Erzie-
hungstheorien, die das utopische Sozialmodell mit einem
utopisierten Staatsrecht verbinden. In der Epoche bür.ßerli-
eher Manifestation wird solchermaßen Rousseaus ,Emile'
(1762), nach dem der Mensch von Natur aus gut ist und zur
Freiheit geschaffen, die pädagogische Ergänzung zu seiner
Vertragstheorie ,Contrat social'.
In diesen Epochen, am frühsten in England, übernimmt
das aufgeklärte Naturrecht die Funktion der Sozialutopie24
und verändert sie: die utopischen Glücksbilder weichen der
Konstruktion des politisch emanzipierten Rechtsraums,
wenngleich beide im Überholen des Gegebenen miteinander
verschränkt sind: "Die Sozialutopie ging auf menschliches
Glück, das Naturrecht auf menschliche Würde. Die Sozial-
utopie malte Verhältnisse voraus, in denen die Mühseligen
und Beladenen aufhören, das Naturrecht konstruierte Ver-
hältnisse, in denen die Erniedrigten und Beleidigten aufhö-
ren. u25 Die Ableitung der Rechtsprinzipien aus den Frei-
heits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsmaximen der Auf-
klärung bildet das Fundament für die amerikanische Unab-
hängigkeitsbewegung und die Französische Revolution, für
die Erklärung der unveräußerlichen Menschenrechte.
Thomas Hobbes (,De cive', 1642; ,Leviathan', 1651), Hugo
Grotius (,De iure belli et pacis', 1625), John Locke (,Two
Treatises of Government', 1690), Jean-Jacque Rousseau
(,Contrat social', 1762), Immanuel Kant (,Zum ewigen Frie-
den', 1795) oder Johann Gottlieb Fichte (,Der geschlossene
Handelsstaat', 1801) sind, um nur einige zu nennen, die
Verfasser programmatischer Rechtsutopien, in denen die
sittlichen und autonomen Gesetze des Citoyen konzipiert

23 Burghart Schmidt: Utopie ist keine Literaturgattung. In: Gert


Ueding (Hrsg.): Literatur ist Utopie. Suhrkamp, Frankfurt 1978.
S.17ff.
24 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 621ff.
25 Ernst Bloch: Naturrecht und menschliche Würde. Suhrkamp,
Frankfurt 1961. S. 13.

30
werden. Somit gibt es zwei Wege in die Moderne, die zu-
nehmend konvergieren und zugleich wechselseitige Korrek-
tive bilden: den individualistisch-vertragstheoretischen und
den kollektiv-utopischen. Mit der Einarbeitung der indivi-
dualistischen Momente des Kontraktualismus nähert sich
das utopische Denken an die strukturellen Prinzipien der
sich durchsetzenden bürgerlichen Gesellschaft und bildet
zugleich ihren kritischen Gegenpol, wird zum Korrektiv des
besitzindividualistischen Kapitalismus, gar zum mehr oder
minder eingemeindeten Gegner. Damit treten Sache und
Kritik der Sache in ein produktives Verhältnis mitsamt der
ihm eigenen Dynamik. Solchermaßen zeichnet sich der
Widerspruch ab, der fortan fiir die bürgerliche Gesellschaft
zum Merkmal wird: kapitalistische Dynamik im moralfreien
Raum auf der einen Seite, der sozial und ethisch regulie-
rende Rahmen des Staates auf der anderen. 26
Morus, Campanella und Bacon verlegten ihre politisch-
sozialen Wunschländer der Gegenwart in räumliche Entfer-
nung: das Land Utopia des Morus liegt auf einer Insel des
Weltmeeres in der Gegend der Neuen Welt Amerikas, der
Sonnenstaat Campanellas im Innern Ceylons und Bacons
Haus Salomon auf einer Insel Bensalem in der Südsee. Ihre
Nachfolger zu Beginn des 19. Jahrhunderts projizierten ihre
Utopie in die Zukunft. Aufgrund der Widersprüche der bür-
gerlichen industriellen Produktion und Ökonomie entfernt
sich das Problem des Naturrechts aus dem utopischen Plan.
Es entstehen frühsozialistische Projekte: Robert Owens
agrarisch-handwerkliche Zukunftsgemeinden unter Wegfall
jeglichen Profits (,The Social System', 1820), Charles Fou-
riers genossenschaftliche Organisation der Erzeugung und
Verteilung von Gütern in Gestalt individueller Kommunen
(,Traite de l'association domestique et agricole', 1822) und
Saint-Simons zentralistische Utopie der organisierten
Großindustrie (,Systeme industriei', 1821), in der mittels
rationaler Planung die Willkür ausbeuterischer Einzelun-
ternehmen verhindert wird.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem das groß-
technische Zeitalter mit der industriellen Revolution ange-
brochen ist und die mächtige Maschinerie die Lebensberei-
che durchsetzt hat, werden in den meisten Utopien vergan-
gen geglaubte Harmoniewelten wach und Zukunftsbilder
lebendig, in denen Beziehungsreichtum, Gerechtigkeit und

26 siehe Peter Koslowski: Ethik des Kapitalismus. Mohr, Tübingen


1984.

31
Frieden vorherrschen. In einem der vielen Beispiele solcher
Projekte, in William Morris' ,News from Nowhere' (1891),
wird ein ideales Gemeinwesen geschildert, in dem die indu-
strielle Produktion und die mechanisierte Lohnarbeit abge-
löst wird durch vielseitiges Handwerk, das, als Gütererzeu-
gung und künstlerische Gestaltung zugleich, dem Leben
nützt und den Lebenszusammenhang der Gemeinschaft
widerspiegelt. Die Arbeit ist nicht mehr unwürdig und un-
beseelt, keine ausgebeutete Plackerei, die nur Häßliches
und Nutzloses hervorbringt, sondern schöpferischer Teil des
guten, selbstbestimmten und bewußten Lebens in einer be-
freiten Natur, die - anstelle der vordem verödeten, indu-
striell erstickten Landschaft mitsamt städtischem Lärm -
unentfremdet aufblüht.
Utopien sind ihrem Wesen nach Vorgriffe der Beherrsch-
ten, der Unterdrückten, der ,Außenseiter' (Hans Mayer) - so
auch der Juden, der Frauen. Das prophetische Gebetsziel
,Nächstes Jahr in Jerusalem' mündet in das zionistische
Traumbuch des ,wahren Sozialisten' Moses Hess (,Rom und
Jerusalem', 1862), ein Menschenalter später visioniert
Theodor Herzl (,Der Judenstaat', 1896; ,Altneuland', 1900)
die jüdische Nation, die Heimstatt des jüdischen Volkes.
Und das Grundbuch über die Frauenrechte von Mary Woll-
stonecraft (1792) findet utopische Wiederkehr in Charlotte
Perkins Gilmans Reiseroman über eine nur von Frauen be-
wohnte und weise gestaltete, liebevolle Friedensrepublik
mit gottgeschenkten Kindern (,Herland', 1915).

32
Dilemmata der Utopien und mögliche
Erbschaft ihrer Zeit

Mit Morus, Campanella und Bacon sind drei utopische


GrundmodeHe der Neuzeit bezeichnet, deren Motive und
somit Merkmale, wenngleich geschichtlich überformt und
somit auf ein anderes Niveau gebracht, in den nachfolgen-
den Utopien wiederkehren. Morus' diesseitsfrohe ,Utopia'
führt zu Edward Bellamys ,Looking Backward' (1888), Hen-
ry David Thoreaus ,WaIden' (1854) oder William Morris'
,News from Nowhere' (1891), Campanellas ,Sonnenstaat' zu
Saint-Simons ,Systeme industriel' und schließlich zu Sam-
jatins ,Wir' - womit die Grenzlinie zwischen Utopie und
Dystopie verschwimmt. Bacons erfindende Technikkunst im
salomonischen Haus wiederum findet spekulative Nachbar-
schaft in den Wissenschaftsphantasien der technischen
Zukunftsromanen eines Jules Verne oder H.G. WeHs und
wirkt in zahlreichen Utopien und Dystopien der Moderne
weiter, um schließlich in Science-fiction und intergalakti-
schen Kriegen zu enden.
Morus' ,Utopia' mutet wie eine humanistische Land-
schaft demokratischer Unabhängigkeit an, jene Campanel-
las - und erst recht Samjatins ,Wir' oder, um ein weiteres
verwandtes Beispiel zu nennen, B.F. Skinners ,WaIden Two'
(1948) - wie ein ins Totale gesteigertes Matriarchat mit
durchorganisierter Behütung von oben. Bacons technische
Utopie in ,Neu-Atlantis' wiederum erscheint als männlich-
wagendes Programm, das der erklärenden, aufklärenden und
vornehmlich verändernden Macht des Wissens verpflichtet
ist. Seine technische Ausfahrt durchkreuzt das begrenzte
Feld des Überkommenen, die weltausgreifenden Projekte
machen seine Utopie zu einer prometheisch Rebellion gegen
Raum- und Zeitkontingente. Ein ,mütterliches' Moment ist
freilich diesen drei Fiktionen gleichermaßen beigegeben: ihre
utopischen Räume sind - als Insel oder ummauerte Stadt -
eingekreist und somit geschlossen (im Gegensatz etwa zum
meist weltumfassenden dystopischen Raum), ihre Zeitver-

33
läufe zyklisch - die Idylle ist nicht nur ohne auffindbaren
Ort, sondern zudem geschichtslos rekursiv.
Bloch unterschied im Marxismus zwischen dem Kälte-
und dem Wärmestrom. 27 Diese differenzierende Orientie-
rung ist auch fiir utopische Modelle zutreffend: alle Utopien
enthalten Ordnungs- und Freiheitskategorien, nach denen
unterschieden werden kann zwischen statisch und dyna-
misch, regional und kosmopolitisch, egalitär und hierar-
chisch, weiblich und männlich, kontingent und unbegrenzt,
opulent und asketisch, weltlich und messianistisch, diony-
sisch und apollinisch, religiös und rational, spielerisch und
szientistisch, barock und kristallin, pädagogisch und funk-
tional, eintönig und vielfaltig, romantisch und sachlich, ge-
schlossen und offen und so fort. Diese Gruppierung dient
der Orientierung im utopischen Material, nicht seiner
Klassifikation: gewissermaßen als Tendenzkunde zur schär-
feren Konturierung der Antizipationen.
Wesentlich zu den Dilemmata der Utopie, besonders der
literarischen mit sozial-utopischer Positivität, gehört die
nietzschehafte ewige Wiederkehr des Immergleichen, die
sich wiederholenden Bauelemente utopischer Konstruktio-
nen, die im unterschiedlichen Gewand eine eigentümliche
Monotonie ausströmen.
Die Motive, die einem in der utopischen Literatur wohl-
vertraut sind und häufig zu bekannt vorkommen, sind der
Gattung nicht immer forderlich. Das gilt nicht nur der ver-
breiteten literarischen Form des romanhaften Reiseberichts,
in dem meist wenig differenzierte Personen auftreten, da es
dem Autor auf die ausführliche Schilderung des utopischen
Systems ankommt, sondern allgemein dem entdifferenzier-
ten Gemeinsinn überhaupt, der vielschichtige Situationen
und Konflikte einebnet. Das trotz der Entfaltungsvisionen
meist niedrige Komplexitätsniveau in den universalistischen
Sozialsystemen der klassischen Utopiemodelle setzt allemal
einen hohen Konsensgrad der Bürger voraus und dieser
wiederum kann nur durch unterschiedlich kalte und warme
Hebel herbeigeführt werden, seien diese Erziehung oder
Sonnengott, aufgeklärte Vernunft oder platonische Polizei.
Solchermaßen konkretisiert sich oft die sprengende
utopische Intention eines spekulativen Textes am genaue-
sten nicht in der positiven Bestimmung dessen, was sie will,
sondern in dem, was sie nicht will, worin allerdings die po-

27 In: Rainer TraubIHarald Wieder (Hrsg.): Gespräche mit Ernst


Bloch. Suhrkamp, Frankfurt 1975. S. 222f.

34
sitive Bestimmung enthalten ist. Anderenfalls könnte das
Nein nicht so virulent und gültig sein, wenn ihm nicht ein
Ja unterlegt wäre. In der Verneinung wird Utopie system-
transzendent und subversiv - in dieser negativen Dialektik
bleibt sie ihrem Namen, dem ,Nirgendwo', treu und nimmt
ihn beim Wort, indem die schlechte Wirklichkeit kenntlich
wird angesichts der besseren Möglichkeit. Dies gilt freilich
in erster Linie der literarischen Form, nicht jedoch der bil-
denden Traumkraft in Musik und Malerei: diese Weisen der
Kunst nur als Kritik des Bestehenden zu verstehen und
nicht als Vorboten einer möglichen, besseren Welt wäre
utopisch leer.
Nochmals: daß utopische Sehnsucht zu den stärksten
Motiven des Menschen gehört, steht außer Zweifel. Kommt
indes der Utopie in Gestalt ihrer Träume einer menschlich
gelingenden, gelungenen Welt positive politische Lösungs-
kapazität zu oder gewinnt sie ihre Bedeutung nur als Sta-
chel im Fleisch des Bestehenden, als Murren der Kinder
Israel?
Inwieweit die Kritik der schlechten, unhaltbaren Wirk-
lichkeit ohne Wagnis des konstruktiven Entwurfs die Rolle
der Utopie übernehmen kann, inwieweit in der Positivität
utopischer Bilder der Zukunft die geschichtsmächtige Hoff-
nung universal ontologisiert wird und somit zum kanoni-
siert geschlossenen Totum gerät, inwieweit das utopisch Ge-
meinte in seiner vorscheinenden Tendenz mit einer "Utopie
reduziert auf kritische Funktion u28 in praktisch-vernünf-
tiger Absicht erzeugt werden kann, inwieweit also Kritik
ohne positiven Bilder, ohne Symbole und Zeichen eines vor-
scheinenden Gelingens Veränderung bewirken kann in Rich-
tung eines wahrhaften Novum, Wege eröffnen und Spuren
setzen kann zur ausstehenden Verwirklichung antizipierter
Möglichkeit - diese Fragen markieren die Diskussion zwi-
schen der Kritischen Theorie Theodor W. Adornos 29 und der
Ontologie des Noch-Nicht-Seins Ernst Blochs30 sowie, aus

28 Burghart Schmidt: Kritik der reinen Utopie. Metzler, Stuttgart


1988. S. 169ft".
29 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt
1970.
30 Ernst Bloch: LogikumlZur Ontologie des Noch-Nicht-Seins. In:
Tübinger Einleitung in die Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt
1970. S. 210-300.

35
anderem Impetus, zwischen dieser Ontolo~e und jener des
gesellschaftlichen Seins von Georg Lukacs3 .
Den drei Philosophen gemeinsam ist das Nein zum wa-
rengesellschaftlichen apriori der bürgerlichen Ordnung. Auf
dieses Nein baut die kritische Funktion der Utopie. Sie ist
als theoretische und politische Unruhe letztlich die maßgeb-
liche Instanz, die den Prozeß der Veränderungen am Leben
erhält. Jede Kritik des Ganzen bedarf des utopischen Vor-
blicks, anderenfalls wäre sie ohne Maß und Ziel, verfügte
weder über das Mikroskop zum Aufspüren der konkret uto-
pischen Spuren und Tendenzen in der jeweiligen Jetztzeit
noch über den Kompaß, der den Kurs der Wege angibt. Das
Maß aller Dinge ist der Mensch, der "das Seine ohne Entäu-
ßerung und Entfremdung in realer Demokratie begrun-
det"32. Dieses Maß ist der archimedische Ort der Kritik: als
anthropologische Konstante gibt es die Invariante der Rich-
tung in der Kritik des herrschend Gegebenen an. Dieses
Sinns steht auch die Kritische Theorie bei all der ihr eige-
nen Ablehnung spekulativer Positivität auf utopischem
Grund, ohne ihn hätte sie weder Anker noch Ufer.
Unterdessen steckt in der Verwirklichung der ,Träume
einer besseren Welt' das Dilemma der Utopie - mit der inten-
dierten ,Realisierung des Realisierbaren' geriet die Utopie
in den geschichtlichen Etappen ihrer gesellschaftlich durch-
gehenden Konkretisierung zur sanften Schwester des Ter-
rors. Solchermaßen trug das utopische Freiheitswort Schil-
lers und Beethovens ,Alle Menschen werden Brüder', trugen
die unabdingbaren Losungen des roten Oktober, trug die
Verheißung eines kommenden Glücks der Menschengemein-
schaft historisch allemal den Keim der Despotie in sich:
,Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den
Schädel ein'. Insofern bedarf das "Wir" unentwegt der wa-
chen Reflexion, um seinen drohenden Holismus aufzubre-
chen und es mit den unverzichtbaren Rechten des Individu-
ums in Übereinstimmung zu bringen.
Das bleibt ein gültiges Problem: der Umschlag des uto-
pischen Freiheitsgedankens in eine tyrannische Wirklich-
keit. Das Problem hat nichts gemein mit dem Interesse der
Herrschenden am status quo und ihrem Beschluß, das uto-
pische Zeitalter für be endet zu erklären - ein zweckhafter
Beschluß, nach dem der utopische Unruhestifter endlich

31 Georg Lukacs: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins.


Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1984.
32 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 1628.

36
ausgespielt haben soll und die Geschäfte ohne den Stachel
der Utopie und somit ungestört weitergehen können. Das
gültige Problem jenseits einer an der Affirmation der gege-
benen Ordnung interessierten und folglich anti-utopischen
Ideologie geht auf die Frage, welche Verriegelungen im uto-
pischen Entwurf eingebaut werden müssen, um seinen
geschichtsnotorisch gewordenen Umschlag zu verhindern.
Richard Saage33 ging der Frage nach, ob und inwieweit
das utopische Denken die Grundlage fiir diktatorische Syste-
me geliefert habe. Er beginnt seine Analyse mit Thomas
Morus, Tommasso Campanella und Francis Bacon, deren
Utopien in der anbrechenden Neuzeit, wie gesagt, keines-
wegs als gesellschaftliche Modelle betrachtet wurden, die es
zu verwirklichen galt, sondern als regulative Leitideen: ihre
Utopien waren nicht politische Programme zur umwälzen-
den Gestaltung der Zukunft, sondern boten Orientierungen
dar und stellten mögliche systemimmanente Lösungen zur
Diskussion. Die Funktion der utopischen Entwürfe ihrer
Nachfolger verwandelt sich zunehmend: sie werden immer
mehr als Vorstellungen wahrgenommen, die Wirklichkeit
werden sollen. In diesen politischen Utopien wird wachsend
die Frage nach der Legitimation von Herrschaft gestellt,
wird die Sehnsucht nach staatsfreien Gemeinwesen wach.
Im 19. Jahrhundert zudem, dem Jahrhundert der Wissen-
schaft und Technik, beflügelt die Idee des Machbaren das
utopische Denken: die Antizipation einer ganz anders orga-
nisierten Gesellschaft wird von der Kapitaldynamik beschleu-
nigt, von den industriellen Schüben und der hohen gesell-
schaftlichen Produktivität. Mit der umgreifenden Entfaltung
des Kapitalismus wurde der Boden bereitet, auf dem die bis-
lang utopisch visionierte sozialistische Ordnung ante portas
steht, zur Wirklichkeit drängt und nur noch von der herr-
schenden Klasse, die es zu stürzen gilt, verhindert wird.
Die Verschiebung der politischen Funktion der Utopie
von einer aufklärerischen Leittafel zu einem Grundriß einer
neuen, zu verwirklichenden Gesellschaft offenbart sich in
der Verwandlung der utopischen Darstellungsform. Morus,
Campanella und Bacon verorteten ihre politisch-sozialen
Wunschländer in räumlicher Entfernung: das Land ,Utopia'
liegt auf einer Insel des Weltmeeres in der Gegend der Neuen
Welt Amerikas, der ,Sonnenstaat' Campanellas im Innern

33 Richard Saage: Das Ende der politischen Utopie. Suhrkamp,


Frankfurt 1990; Politische Utopien der Neuzeit. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt 1991; Vermessungen des Nirgendwo.
Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 1995.

37
Ceylons und das Haus Salomons in Bacons ,Nova Atlantis'
auf einer Insel namens Bensalem in der Südsee. Die vor-
bildliche Menschengemeinschaft wird in die Gleichzeitigkeit
des Raumes auf feme und fiktive Orte hineingedacht, von
denen im Stil eines Reiseromans berichtet wird. Der utopi-
sche Raum ist, als Insel bei Morus und Bacon, als ummau-
erter Staat bei Campanella, geschlossen.
Die Nachfolger zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Robert
Owen, Charles Fourier oder Saint-Simon, verlegten ihre
frühsozialistischen Projekte in eine zeitliche Distanz. Das
Glück liegt nicht mehr an einem femen Ort, sondern in einer
femen Zukunft. Richard Saage erkennt in diesem Umzug
der utopischen Modelle von der Raumebene auf die Zeit-
achse eine wesentliche Quelle der Metamorphose der Utopie
zur Despotie: mit der Verzeitlichung erhalten die Utopien
Bündnisgenossenschaft mit der Geschichtsphilosophie, mit
ihrem gerichteten Entwicklungsgedanken, mit einem inne-
wohnenden Telos. Der geschichtsphilosophisch fundierte
Geltungsanspruch identifiziert die Verwirklichung dieser
Utopien mit dem welthistorischen Fortschritt. Die Zeitachse
fügt der Utopie das Moment des Werdens bei und der Ver-
heißung, während bei der Verankerung der utopischen Idee
an einem femen Ort ein gleichzeitiges Anders-Sein geschil-
dert wird, dem eher ein statisches Vergleichen innewohnt.
Das prüfende Wissen aus der Erfahrung des Umschlags
der utopischen Freiheit in reale Unfreiheit steckt in der
Kritik Adornos an der Ontologisierung der Utopie, die er
auch Bloch zuwarf: "die Farbe, die Bloch meint, wird grau
als Totale. Hoffnung ist kein Prinzip"34. Das Totale, das
Adorno meinte, sah er bereits in Blochs ,Spuren' und erst
recht im ,Prinzip Hoffnung', dem offenen System des anti-
zipierenden Bewußtseins. Entstehungsgeschichtlich vor
jenem System jedoch liegt die grundlegende Eröffnung die-
ses Bewußtseins mit dem frühen Werk ,Geist der Utopie'.
Darin ersteht eine utopische Vision, die keineswegs einen
ungebrochenen Himmel auf Erden verheißt. Die Vision
nämlich der Eigentlichkeit in einem Reich jenseits des Kapi-
talismus, in dem die Menschen frei wären, frei werden, sich
der Essenz ihres Lebens zu stellen - einer Eigentlichkeit, in
der das Überhaupt-Problem, ein Mensch zu sein, in der die
wahre Not der menschlichen Existenz erst zu Bewußtsein
käme. ,Karl Marx, der Tod und die Apokalypse' heißt das

34 Theodor W. Adorno: Noten zur Literatur 2. Suhrkamp, Frankfurt


1961. S. 148.

38
beziehungsreiche Schlußkapitel mit der Offenbarung der zu
sich selbst gekommenen Gemeinschaft: "Dann werden die
Menschen endlich zu jenen einzig praktischen Sorgen und
Fragen frei, die sonst nur in der Todesstunde warten, nach-
dem in ihrem ganzen bisherigen Unruhleben wenig mehr
als Abriegelung vom Wesentlichen war. Es ist so, wie der
Baalschem sagt, daß erst dann der Messias kommen kann,
wenn sich alle Gäste an den Tisch gesetzt haben; dieser ist
zunächst der Tisch der Arbeit, jenseits der Arbeit, dann
aber sogleich der Tisch des Herrn. u35
Der utopische Ruf nach Eigentlichkeit, ein Ruf über die
bei der Utopie gemeinhin mitgedachten Welt des Glücks
hinaus, steht quer zum heillosen Optimismus der kapitali-
stischen Dynamik. Der Ruf stört den falschen Frieden einer
unentwegten Ablenkungswelt, in der dort zerstreut wird, wo
es eigentlich zu werden droht, in der die Profitwirtschaft
selbstzufrieden auf die Trümmer gesellschaftlicher Experi-
mente im Osten schaut und uns einreden will, wir seien be-
reits dort, wo uns die Revolution vergeblich hinbringen woll-
te: in Utopia.
Philosophische Breite und Tiefe wie praxistheoretische
Bestimmung erhält die Utopie als Noch-Nicht-Sein im Werk
Ernst Blochs, der im Marxismus die konkreteste aller Anti-
zipationen erkennt. Dessen ,Schichten der Kategorie Mög-
lichkeit,36 bilden die ontologische Grundlegung zur Utopie des
noch offenen Weltexperiments, in dem das antizipierende
Bewußtsein sich mit der objektiv-realen Möglichkeit der Welt
selber verbündet. Die Fundierung der Utopie in einer entele-
chetisch bestimmten, aufsteigenden Materie, die dem Men-
schen- und Weltheil entgegenkommt, die Konstitution einer
dem handelnden Subjekt prozessual verbundenen objektiven
Naturutopie, ist zugleich ihr problemreichster Teil.

35 Ernst Bloch: Geist der Utopie. Suhrkamp, Frankfurt 1964. S. 307.


36 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 258ft'.

39
Die gesellschaftstheoretischen
Bedeutungen der Utopie

Einer nur disziplinär verfaßten Soziologie ist der Begriff der


Utopie kaum ein zentrales Motiv - die meisten soziologi-
schen Handbücher verzichten auf das entsprechende Schlag-
wort. Die Utopie scheint in den Theoriebildungen soziologi-
scher Schulen wenig zu Hause zu sein oder eine Art sub-
kutane Existenz zu führen, indem eine utopische Hinter-
grundstrahlung zwar auf bestimmte gesellschaftstheoreti-
sche Kategorien wirken kann, das utopische Denken selber
aber selten zum Gebiet der Soziologie heranreift. Eine sozio-
logische Begegnung mit dem Begriff der Utopie findet sich
in der wissenssoziologischen Arbeit Karl Mannheims 37
(freilich auf dem Umweg des reflektierten Ideologiebegriffs),
in Neusüss' Untersuchung zu einer Soziologie des utopi-
schen Denkens auf der Grundlage ausgewählter Texte 38
oder in Krysmanskis Versuch, die Bedeutung der spekulati-
ven Denkweise in den Sozialwissenschaften zu bestimmen39.
Es überrascht wenig, daß eine sozialtechnologisch und
positivistisch ausgerichtete Soziologie für den utopischen Be-
griff kein Quartier hat. Ihr kritisches Verhältnis zur Gegen-
wart bezieht sich im wesentlichen auf die Optimierung des
Gegebenen und nicht auf die Projektion anderer gesell-
schaftlicher Modelle. Ebensowenig wird eine systemtheore-
tisch und autopoietisch fundierte Sozialwissenschaft die
Utopie zum Gegenstand haben, denn ihre Konzeption der
Gesellschaft als zyklisch-geschlossene und sich selbst erzeu-
gende Organisation steht im Gegensatz zum systemtrans-
zendierenden Widerstand im utopischen Entwurf.
Aber auch die dialektisch-hermeneutisch orientierte
Soziologie hat keinen begriffskonstituierenden Zugang zum

37 Karl Mannheim: Ideologie und Utopie. Frankfurt 1965.


38 Arnhelm Neusüss: Utopie. a.a.O.
39 Hans..Jürgen Krysmanski: Die utopische Methode. Westdeutscher
Verlag, Köln und Opladen 1963.

40
utopischen Denken: sie gewinnt ihren Rang als kritisch un-
tersuchende Theorie der Gesellschaft, die Utopie aber ist
kein analytischer Begriff und folglich kann sie nicht zum
Instrument dieser Theorie werden. Dem verwandt ist die
mit Engels' Schrift ,Die Entwicklung des Sozialismus von
der Utopie zur Wissenschaft,40 verstärkte szientistische Ab-
lösung der Utopie im Marxismus, die ihre sozialtheoretische
Bedeutung im marxistischen Diskurs zusätzlich geschmä-
lert hat.
Entzieht sich die Utopie der disziplinären Diskussion, so
entzieht sie sich in erster Linie der fachspezifischen Verwal-
tung und somit wird die soziologische Eingemeindung der
utopischen Spekulationen zu einer Frage auch der Inter-
disziplinarität. Georg Lukacs beharrte auf die Totalität des
gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs. Daraus erhellt
die ,Künstlichkeit', der konstruierte (arbeitsteilig analytisch
freilich notwendige) Charakter der Einzelwissenschaften,
mithin auch der Soziologie. Das utopische Denken, das des-
kriptiv-normativ angelegt ist und vor allem intentional,
sprengt den Rahmen solcher Sozialforschung, denn Inten-
tionalität läßt sich weder zu diagnostischen Zwecken opera-
tionalisieren noch ist sie im wissenschaftlichen Sinn ein
theoretisches Instrument der konstruktiven Synthese. Gegen-
stände der Soziologie sind in erster Linie existente Gegen-
stände. Daher bewirkt der Widerstand des auf Zukunft
gerichteten utopischen Imagos gegen die greifbare Evidenz
der Gegenwart seine Heimatlosigkeit im sozialwissenschaft-
lichen Diskurs.
Neusüss indessen erkennt umgekehrt gerade in der kri-
tischen Funktion der Utopie ihre soziologische Bedeutung:
"Als theoretische Unruhe ist Utopie kritisch im Prozeß der
Selbstreflexion der Sozialwissenschaften noch wirksam;
vielleicht ist sie die einzige Instanz, die diesen Prozeß am
Leben erhält.,,41 Demnach bedarf jede sozialwissenschaftli-
che Kritik des Ganzen des utopischen Vorblicks, anderen-
falls wäre sie im wörtlichen Sinn maßlos und ohne Ziel. Das
Maß aller Dinge ist der Mensch und dieses Maß ist der archi-
medische Ort der Kritik. Diese anthropologische Konstante
gibt die Invariante der Richtung in der Kritik der herr-
schenden Verhältnisse an. Solchermaßen steht auch die

40 Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie


zur Wissenschaft. MEW 19, Dietz, Berlin 1974.
41 Arnhelm Neusüss: Utopie. a.a.O., S. 110.

41
Kritische Theorie bei aller Ablehnung spekulativer Positivi-
tät auf utopischem Grund, sonst wäre sie uferlos.
Die Untersuchung des utopisch Gemeinten und Visio-
nierten kann sich auf analytische Weise soziologische Gel-
tung verschaffen, indem utopische Modelle seismographisch
verstanden werden. Denn nach der oben erwähnten ,utopi-
schen Funktionc42 ist die jeweilige epochale Utopie nicht
beliebig, sondern gibt mit der Kritik am Bestehenden detek-
tivische Auskunft über die jeweilige Epoche - mit diesem
Theorem fände eine Soziologie des utopischen Denkens ihre
Begründung: sowohl in den utopischen Dokumenten wie
erst recht in denen der Dystopie werden unterschwellige
Widersprüche, Strömungen und Tendenzen sichtbar ge-
macht, gewissermaßen begreifbar positiviert, und somit zum
genuinen Gegenstand der Soziologie.

42 siehe FuBnote 20.

42
Utopie heute: Abschied von der Utopie
oder Utopie als Essentia

Nach diesem einführenden Überblick erhebt sich die Frage


nach der gegenwärtigen Relevanz utopischen Denkens. Als
nach den Sommerereignissen 1989 in Osteuropa Francis
Fukuyama, stellvertretender Abteilungsleiter fiir Politikpla-
nung im Washjngtoner Außenministerium, in der Zeitschrift
,National Interest' das ,Ende der Geschichte~ ausrief, ging
auch das Wort vom Ende der Utopie um. Der Wettlauf bei-
der Weltsysteme sei ökonomisch und politisch zugunsten
der kapitalistischen Wirtschaftsweise und der bürgerlichen
Demokratie entschieden und damit wäre das Ende des ideo-
logischen Wettstreits eingeläutet und mit ihm das Ende uto-
pischer Radikalität überhaupt. Indem keine Systemalterna-
tive zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung sich als funk-
tionsfahig erwies, indem der Kapitalismus nach der Über-
windung des Feudalismus die Konfrontation mit Faschismus
und Bolschewismus wie auch mit dem undogmatischen
Dritten Weg (in Gestalt etwa des jugoslawischen Modells
Titos) siegreich überstanden hat, ist laut Fukuyama das
Ende der Geschichte gekommen: es hat sich das politisch-
ökonomische Gesamtkonzept Kapitalismus als die gültige,
endgültige Form menschlicher Gemeinschaft erwiesen. Die
warengesellschaftliche Verkehrsform wird zur überzeitli-
chen Kategorie, zur optimierten und optimalen ,Sache selbst'
der menschlichen Geschichte nominiert.
Somit wäre die von Karl Marx bezeichnete bürgerliche
,Vorgeschichte der Menschheit' bereits die eigentliche Ge-
schichte der Menschheit: die Menschen stehen nunmehr
nicht vor den Pforten des ,Reichs der Freiheit', sondern ent-
weder bereits mittendrin oder es gibt dieses Reich gar nicht.
Indes ging es nicht um das kommunistisch antizipierte
Reich der Freiheit im Sinne Marxens, sondern um das von

43 Der Aufsatz ist zum Buch ausgearbeitet worden: Francis Fuku-


yama: Das Ende der Geschichte. Kindler, München 1992.

43
den Altherrenriegen der osteuropäischen Zentralkomitees
verwaltete Erbe Stalins. Das ,Ende der Geschichte' ist das
Ende ihrer Geschichte, nicht der unseren. Nach ihrem
Endreich sucht Lancelot in Christoph Heins ,Die Ritter der
Tafelrunde' vergeblich: "Ich habe gesucht und gesucht. ...
Wenn der Gral auf der Welt wäre, ich hätte ihn finden müs-
sen .... Er ist überhaupt nicht vorhanden. Vielleicht ist er im
Verlauf der Zeit zu Staub zerfallen.ce« Das Ende der Grals-
partei und ihres Herrschaftssystems aber bedeutet keines-
wegs das Ende unseres Denkens über Alternativen jenseits
der warengesellschaftlich gegebenen Grenzen, im Gegenteil.
Die apodiktische Verschränkung der Planungsdiktatu-
ren mit Utopie im allgemeinen, mit der Utopie des Sozia-
lismus im besonderen, ist in Wirklichkeit eine interessierte
Konstruktion jener, die das Ende des utopischen Zeitalters
ausrufen und damit zugleich die sozialistische Idee ein-
dämmen wollen. 45 De facto hat gerade der realsozialistische
Block (mit dem Präfix ,real' deutlich signalisiert) sich be-
reits lange von den Wegweisungen eines utopischen Sozia-
lismus abgewandt und den ,Geist der Utopie' verabschiedet.
Wie es sich in den Leipziger Jahren an der Philosophie
Ernst Blochs zeigte, stand vor allem sein antizipierendes Be-
wußtsein der Staatsdoktrin zunehmend im Wege, verfolgten
die Behörden sein utopisches Denken. 46
Utopisches Denken ist gefährliches Denken: es ist in
erster Linie die Denkweise der Unterdrückten und Entrech-
teten, die mit der Utopie gegen die bestehenden Verhältnis-
se protestieren. Das erstarrte Gefüge Osteuropas, die Omni-
potenz des Staates mitsamt seiner monolithischen, einzäu-
nenden Ordnungspolitik, war als geschlossenes Gesamt-
system die Negation möglicher Veränderungen - und die
Utopie wiederum die Negation dieser Negation. Daher geht
die Gleichsetzung des utopischen Denkens mit den staatsso-
zialistischen Systemen, in denen die utopischen Impulse des

44 Christoph Hein: Die Ritter der Tafelrunde. Luchterhand, Frank-


furt 1989. S. 58.
45 Der gewiß nicht als Anhänger des Marxismus und der sozialisti-
schen Ideale verdächtige liberale Theoretiker Max Weber schloß
seine Rede ,zur allgemeinen Orientierung von österreichischen
Offizieren in Wien 1918' mit: ,Denn ich bin der Meinung: ein Mit-
tel, die sozialistische Überzeugung und die sozialistischen Hoff-
nungen aus der Welt zu schaffen, gibt es nicht. Jede Arbeiter-
schaft wird immer wieder in irgendeinem Sinne sozialistisch sein.'
46 siehe: ,Hoffnung kann enttäuscht werden' - Ernst Bloch in Leip-
zig. Dokumentiert und kommentiert von Volker Caysa, Petra Cay-
sa, KD. Eichler und Elke Uhl. Anton Hain, Frankfurt 1992.

44
roten Oktober längst verraten wurden und gerade trans-
zendierende, die realexistierenden Zustände überholende
Antriebe letztlich ins Zuchthaus fiihrten, an den ideologi-
schen Wesenszügen und an der politischen Realität jener
Systeme vorbei.
Das Kredo vom ,Ende der Utopie' (mit dem die sozia-
listische gemeint ist) insinuiert, daß die Produktion von
Gebrauchsgütern nach dem Profitprinzip nicht nur in einem
Hegeischen Sinn vernünftig ist, weil sie sich fiir Neuzeit
und Gegenwart als wirklich erwiesen hat, sondern daß die am
Profit gekettete gesellschaftliche Verkehrsform als einzig
mögliche Vernunft auch die künftige sein wird - fiir alle Zei-
ten. Die posthistorische Diagnose einer Welt ohne Utopie
(und somit, wie Oskar N egt sagt, ohne geschichtsprägende
echte Kategorien des Neuen) stellt eine gesellschaftliche Zu-
kunft vor, die sich bestenfalls lediglich auf die reformerische
Verwaltung irdischer Bestände beschränkt: auf input-output-
Analysen und Währungsstabilität, auf gesetzliche und techni-
sche Regelungen, auf ökologische Orientierung und Abfede-
rung der sozialen Konflikte, auf das Management der Nach-
frage und die Verbesserung der Gesundheitsfiirsorge.
Der utopische Gedanke wäre somit bestenfalls histo-
risch relevant, nicht jedoch fiir umbildende Gestaltungen
der Zukunft - als ob politische, geschichtliche Entwicklung
ohne utopische Modelle denkbar wäre. Die Verbannung der
Utopie in das Museum fiir Geschichte erklärt die Hoffnungs-
wege der irdischen Sozialprozesse fiir beendet und die kapi-
talistische Verkehrsform der Gegenwart fiir überzeitlich all-
gültig. Für Beschlüsse dieser Größenordnung gilt der Satz
Michel Foucaults: ,Die Zeitgenossen neigen dazu, die Bedeu-
tung der Gegenwart zu überschätzen indem sie meinen, aus-
gerechnet sie ständen an einem Scheideweg oder Schnitt-
punkt der Geschichte.,47
Begleitet und unterstützt wird dieser Grabgesang auf
die Utopie vom Weltbild einer populär gewordenen postkau-
salen Physik. Die sogenannte Chaostheorie etwa neutrali-
siert in Gestalt einer übergreifenden Ideologie (verwandt
der Ausweitung des physikalischen Entropiesatzes auf das
Universum überhaupt, das dem Wärmetod zustrebt soll)
jegliche utopische Energie, da nach ihr das kleinste unvor-
hergesehene Ereignis jedes Zukunftsprojekt zunichte ma-
chen kann, die eingreifende und gerichtet schaffende Antizi-

47 Michel Foucault: Um welchen Preis sagt die Vernunft die Wahr-


heit? Ein Gespräch. In: Spuren, Heft 1 und 2. Hamburg 1983.

45
pation einer besseren Welt mithin prinzipiell unmöglich ist.
Nach den Maßgaben der postkausalen Physik ist folglich ein
geschichtliches Telos vergeblich und utopische Intentiona-
lität bereits in statu nascendi unsinnig. Brechts Lied in der
,Dreigroschenoper':
,Ja, mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch ,nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Doch sein höh'res Streben
Ist ein schöner Zug.'
wird solchermaßen allseitig gültig - ohne Ansehung der
Bedingung der Möglichkeit zum Werden der Utopie, also
ohne Ansehung der gesellschaftlichen Schranken, die der
Vermittlung von utopischem Bewußtsein mit künftiger
Wirklichkeit im Wege stehen.
Wer feiert heute welchen Triumph? Sollen wir frohlok-
ken über das Herannahen der Vision Aldous Huxleys in
,Brave New World', über die Erfahrung, daß die Gesellschaft
besser funktioniert, wenn sie vom Profitstreben geprägt ist?
Macht es uns glücklich, daß dem Kapitalismus keine alter-
native Weltordnung gegenübersteht, die ihn bremst und
mildert, wenigstens sozial abfedert? Erinnern wir uns noch,
daß der ,Angst vor dem Kommunismus' auf dialektische
Weise zugleich gesellschaftliche Reformen im bürgerlichen
Lager bewirkte, daß der Sozialstaat im Westen Deutsch-
lands seine Entstehung wesentlich der Existenz der ost-
deutschen Republik verdankte? Welche Lebensbedingungen
böte die kapitalistische Welt, wenn sie weder mit einer sozia-
listisch orientierten Gewerkschaftsbewegung noch mit dem
utopischen Widerstand der Unternommenen konfrontiert
wäre? Was erwartet uns, wenn das vereinigte Kapital aller
Länder nunmehr noch zügelloser um sich greifen kann? Was
steht den Menschen bevor, wenn die Auseinandersetzung
mit utopisch-sozialistischen Ideen entfällt, wenn das ent-
standene Vakuum, das der Tod des osteuropäischen Blocks
hinterlassen hat, ideell und materiell von expandierendem
Kapital und bürgerlichem Kabinett ausgefüllt wird?
Was erwarten wir von den kapitalistischen Industrie-
ländern, die angesichts der epochalen und globalen Folgen
ihrer Beutezüge gegen die Natur allen Grund hätten, sich
radikal umzuorientieren, sich indessen durch die realsozia-
listische Katharsis bestätigt fühlen? Mit dem Sieg der Kon-

46
zerne im Kampf beider Systeme erlangt ihre profitökonomi-
sche Naturvergessenheit einen erweiterten Weltrnaßstab,
begleitet von der ungebrochenen Zuversicht fündiger Gold-
gräber: Bürgerlicher Jubel über die zerfallene Planwirt-
schaft auf der einen Seite und reflektierte Abkehr von der
schrankenlosen Kolonialisierung der Natur auf der anderen
sind miteinander kaum vereinbare Sinnes arten. Die zu er-
wartende territoriale Expansion der enthusiastischen Indu-
strieherren macht die Utopie einer vom ökonomischen Dik-
tat befreiten Natur um so lebenswichtiger.
Indessen besteht kein Zweifel: auf das Konto der zen-
tralistischen Stümperei in der elitär beherrschten Gesell-
schaft des Ostblocks mitsamt der Knebelung jeglicher Kritik
an der Umweltvernichtung gehen Zerstörungen der städti-
schen und ländlichen Lebensgrundlagen und ökologische
Katastrophen, die den Menschen jegliche Hoffnung auf eine
bessere Zukunft nahmen und deren Ausmaß selbst den
Raubbau westlicher Konzerne übersteigt. Vieles spricht da-
für, daß diese Katastrophen letztlich maßgeblich waren für
den Machtverfall der Regimes in jenen Ländern Osteuropas,
in denen die Naturverwüstung im bereits lebensgefahrli-
chen Maß um sich griff: ein Staat zerbricht letztlich, wenn
er seinen Bürgern angesichts verheerender Vernichtung der
lebensnotwendigen Naturumgebung nicht die Spur einer
Hoffnung, nicht den kleinsten utopiehaltigen Ausblick auf
eine Verbesserung der natürlichen Lebensbedingungen ge-
ben kann. Während sich diese Bedingungen rapide ver-
schlechterten, verschwanden die Umweltdaten, sofern über-
haupt erhoben, in den Tresorschränken der Partei. Zum Na-
turdesaster gesellte sich solchermaßen ein Desaster des öf-
fentlichen Wissens: Erkenntnisse konnten nicht zur Verän-
derung führen, weil sie verboten wurden.
Zum Triumph gibt es keinen Anlaß. Aber zur Freude,
daß die Menschen im ehemals sowjetisierten Reich der Not-
wendigkeit, in den Absurdistans unter Parteidiktatur, Aus-
sicht auf Zukunft überhaupt haben. Wir können froh sein,
daß der dortige Spuk vorbei ist und lebensfähige Wirklich-
keit einkehrt. Die Völker Osteuropas und der ehemaligen
Sowjetunion können endlich wieder an ihre eigene Geschich-
te anschließen mitsamt den verschütteten, unterdrückten
Utopien - von denen die meisten älter sind als das Kommuni-
stische Manifest sowie von anderer, wenngleich nicht unver-
wandter, Art.
Die Linke hat keinen Grund zu lamentieren, wie das
Leiden Jesu zu Pferde durch die Weltgeschichte zu reiten

47
und den Rechten, wie Wolf Biermann sagt, ihren Triumph
zu versüßen. Aber die Linke hat allen Grund, nach dem
Scheitern der staatlich verwalteten und verstümmelten Uto-
pie einer sozialistischen Gesellschaft der hemmungslosen
Profitdynamik des kapitalistischen Systems ihre Utopie
entgegenzusetzen: die Utopie nämlich des radikal-kritischen
Gegenentwurfs mit weitreichenden Imaginationen zur Zu-
kunft - mit Inhalten einer neuen Qualität, die über sozial-
demokratische Reformpolitik hinausragt und durch die der
Sozialismus erneut definiert werden kann "... als Unterord-
nung des Ökonomischen unter die Gesellschaft und der öko-
nomischen Zwecke unter gesellschaftliche Zwecke, die sie
umfassen und ihnen die untergeordnete Stellung von Mit-
teln zuweisen. Die Wirtschaftstätigkeit muß im Dienste von
Zwecken stehen, die sie überschreiten und ihren Nutzen, ih-
ren Sinn erst begründen. ... Sozialismus kann, darf nie als
alternatives System begriffen werden, ist nichts anderes als
der Sinnhorizont, den soziale Bewegungen aufreißen, wenn
sie fur eine an lebensweltliche Bedürfnisse rückgekoppelte,
öffentlich und demokratisch gestaltete Entwicklung kämp-
fen - gegen die Logik des Rentabilitätskalküls, das Über-
wiegen der im Kapital verkörperten ökonomischen Rationa-
lität, die in der gesellschaftlichen Megamaschine verkörper-
te antihumane Macht. Dieser Kampf ist nie endgültig gewon-
nen, nie hoffnungslos verloren .... Die Politik der Sozialde-
mokratie ist niemals ein Sozialismus gewesen: Sie hat sich
darum bemüht, Enklaven innerhalb der ökonomischen Ratio-
nalität freizusetzen, ohne jedoch deren Herrschaft über die
Gesellschaft zu erschüttern. Diese Enklaven waren im Gegen-
teil in das reibungslose Funktionieren des Kapitalismus
eingebettet und dazu bestimmt, dieses zu befordern.,,48
Der antithetische Gegenentwurf mit anderen Möglich-
keiten wird angesichts der Sieges- und Beutezüge unter
dem Kommando der ökonomischen Logik drängender denn
je. Hierbei geht es nicht nur um Dritte Wege und Alternati-
ven, die sich im Sinne der Vergesellschaftung der Produk-
tionsmittel ausschließlich sozialistisch definieren lassen,
sondern genereller um die Geburt menschen- und natür-
würdiger Modelle aus der dialektischen Verschränkung von
kapitalistischer Entfaltung von oben und Widerstand von
unten. Nach dem Niedergang und Zerfall der diktatorischen
und staatsfixierten realsozialistischen Verdinglichung bleibt

48 Andre (ffirz: Kritik der ökonomischen Vernunft. Rotbuch, Berlin


1989. S. 186ff.

48
indes die sozialistische Utopie die positive Negation des
Kapitalismus - eines Kapitalismus, der langfristig eher an
seinen Erfolgen scheitert (bei denen er seine basalen Quel-
len Arbeit und Natur erodiert) als an seinen inneren Wider-
sprüchen oder intermediären Niederlagen.
Wer auch immer die Utopie verabschieden will - diese
Frage wird den daran interessierten Prognostikern vom
menschlichen Wesen des Menschen und von der Weltwirk-
lichkeit aus der Hand genommen: sie beide erzeugen utopi-
sches Denken. Mit dem Versiegen stalinistischer Herrschaft
wird die Welt nicht frei von Armut und Hunger, Elend und
Erniedrigung, Unrecht und Terror, Ausbeutung und Unter-
drückung - sie wird somit erst recht nicht frei von der Uto-
pie der Befreiung und des besseren Lebens. Aber auch ohne
gesellschaftlichen Mißstand lassen sich jahrhundertalte uto-
pische Träume - ob diesseitig oder jenseitig gerichtete -
nicht per Dekret für be endet erklären. Diese Träume gehö-
ren der Menschheit und kommen immer wieder zum Vor-
schein: weder sie noch Beethovens 9. Sinfonie können zu-
rückgenommen werden. Ende der Utopie wäre: Ende des
Menschseins des Menschen.
Wenn die Bedrängten überlegen, daß das, was ist, nicht
so sein muß, wie es ist, sind sie bereits auf dem utopischen
Weg. Wege entstehen, wenn wir sie gehen. Und zu diesen
Wegen gehören Grenzüberschreitungen in den noch nicht
erfahrenen Raum der Zukunft, gehören Träume von einer
besseren, gerechteren, menschen- und naturwürdigen, fried-
lichen Welt, gehören realutopisch die Bedingungen der Mög-
lichkeit ihrer Verwirklichung. Die Herstellung dieser Bedin-
gungen obliegt keinem geschichtlichen Träger des Absolu-
ten, keiner Herrschaft im Namen einer Klasse, keinem fun-
damentalistischen Kollektivsubjekt einer künftigen Gesell-
schaftsordnung, sondern unserer praktischen Vernunft.

49
Der Begriff der Utopie in der Differenz
zwischen der Kritischen Theorie
Theodor W. Adornos und dem
utopischen Prinzip Ernst Blochs

Oft und unterschiedlich bedacht wird der zunehmende Wider-


spruch zwischen der enthemmten industriellen Vergesell-
schaftung auf der einen Seite und der humanen Bewahrung
kultureller wie auch naturgerechter Traditionen in der tech-
nozentrischen Moderne auf der anderen. Walter Rathenau,
in der Weimarer Republik als Außenminister und Industri-
eller Politiker wie Unternehmer zugleich, hat diesen Inter-
essenkonflikt in Antizipation einer bedrohten Zukunft ge-
danklich extrapoliert. Robert Musil gedachte seiner in dem
polyzentrischen Roman ,Der Mann ohne Eigenschaften' mit
der ambivalenten Figt,lr Dr. Arnheim, der Kohlepreis und
Seele vereinigen will. 49 Rathenaus zwiespältiges Bedenken
hat angesichts der wachsenden Expansion der großtechni-
schen Maschinerie mitsamt ihrer qualitativen Verschiebung
in Richtung der informationellen Vernetzung und der gen-
technischen Produktion nichts an Aktualität verloren, zu-
mal mit der Vollendung des Industrialismus im modernen
Krieg auch die militaristischen Tendenzen der zivilen
Großindustrie sich modellhaft deutlicher zeigen. Die militä-
rische Vollendung nämlich treibt die mit der großen Indu-
strie einhergehende Gefährdung von Mensch und Natur zu
beider Vernichtung - der Golfkrieg war nur ein Beispiel für
die Entfesselung einer wechselseitig schrankenlosen Ver-
achtung des Lebens. Während aber die industrielle Pro-
duktion und Destruktion mit Widerstand von unten zu
rechnen hat (intern als Streik, extern als Bürgerinitiative),
entfällt im vollendeten Industrialismus der Kriegsmaschine-

49 vgl. Wolf Lepenies (Hrsg.): Ein Mann vieler Eigenschaften. Walt-


her Rathenau und die Kultur der Moderne. Wagenbach, Berlin
1990.

50
rie jegliche antagonistische Gegenbewegung durch die Tota-
lität der Befehlsgewalt. Insofern indiziert der Krieg das
noch unvollendete Projekt einer durchgehenden Industria-
lisierung der Gesellschaft: im Krieg kommen alle Züge einer
großtechnischen Grenzsituation zum Vorschein, die Rathenau
befürchtete.
Eine der Optionen angesichts der dynamischen Unge-
brochenheit des wissenschaftlich-technischen Siegeszugs der
Moderne ist der Bruch mit der modernen Rationalität über-
haupt. Dieser Bruch ist die entdialektisierte Antwort auf die
geschichtliche Erfahrung einer Krise der Vernunft - einer
Vernunft, die weit dringender der humanisierten Resur-
rektion bedarf als den Abschied von ihr mitsamt der Ablö-
sung durch die sinnentleerte Esoterik postmoderner Strö-
mungen. Eine andere, wenngleich nicht unverwandte Opti-
on sucht erinnernde Zuflucht (und darin unterscheidet sie
sich von der Vergessenheit der posthistorischen Montage,
vom postmodernen Höhlenkino) in eine vergangene heile
Welt, in die die Moderne entzaubernd eingebrochen ist. Eine
weitere Option entspricht der Struktur nach dem Konflikt
Rathenaus: statt Beliebigkeit nach vorn beziehungsweise
Flucht nach hinten die Zwänge der kapitalistischen Indu-
striegesellschaft selbst aufzubrechen und von vornherein
auf eine zwar leistungsfähige, nach Möglichkeit aber zivile
Systemgestaltung zu setzen.
Gegen Wirklichkeitszerfall, Unverbindlichkeit und Ge-
schichtsverlust des postmodernen Votums steht das dia-
lektische Gerüst der Kritischen Theorie, steht ihr Leitmotiv,
das in den Erscheinungen der gesellschaftlichen Realität
zum Ausdruck kommende (Un-)Wesen zu reflektieren.
Adorno (mehr als Horkheimer) widerstand den Lockzeichen
einer ,heilen Welt' und verurteilte ihren unbegriffenen
Scheinfrieden. Er lehnte in ,Jargon der Eigentlichkeit,50 die
Nostalgie nach einer heillosen Geborgenheit ab, richtete
sich gegen die ,Tiefe und Wesensfiille' deutscher Ideologie
(in erster Linie jene Heideggers, die die braune Barbarei
deckte), wandte sich gegen das Undialektische des Heils im
Anrufen der frommen Seelen wie auch im Geraune des
Deutschtums. Eben das Nichtidentische repräsentiert fiir
Adorno etwas, was anzuerkennen und auszuhalten war -
etwas, was nicht in eschatologischer, theologischer, mes-

50 Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen


Ideologie. Suhrkamp, Frankfurt 1964.

51
sianistischer ~rlösung aufzuheben wäre. 51 Das Nichtidenti-
sche bildet ftir ihn gleichsam ein Kräfteparallelogramm zwi-
schen Subjektivität und Objektivität, eine konstitutiv dia-
lektische Spannung in der gegebenen Welt: "Der Wider-
spruch ist das Nichtidentische unter dem Aspekt der Identi-
tät; der Primat des Widerspruchsprinzips in der Dialektik
mißt das Heterogene am Einheitsdenken. Indem es auf sei-
ne Grenze aufprallt, übersteigt es sich. Dialektik ist das
konsequente Bewußtsein von Nichtidentität. u52
So hochwichtig die Kritische Theorie sozialphiloso-
phisch, gesellschaftstheoretisch und ideologiekritisch auch
ist: zur Natur im Sinne einer nicht-antagonistischen ,Quelle
alles Reichtums', im Sinne eines unentfremdeten Bauplat-
zes zur Schaffung von Weltheimat, vermag sie wenig zu sa-
gen. Gemäß der ,Dialektik der Aufklärung'53 scheitert die
menschen- und naturwürdige Weltgestaltung an der instru-
mentellen UnteIjochung der inneren wie außermenschlichen
Natur. Der Herrschaft des bürgerlichen Subjekts entwächst
eine Praxis, in der die Emanzipation des Menschen von der
Natur sie mit jedem ihrer Schritte mit einer neuen Fessel
bindet, in der die Natur wiederum verkannt und bis zur
Unkenntlichkeit entzaubert wird.
Die Kenntlichkeit aber der Natur, wie sie aus der
menschliche Aneignung ihrer in Gestalt gesetzeshafter Bezie-
hungen hervorgeht, ist keine freischwebende Stimme ohne
Körper, sondern Teil der Naturidentität selber: in dem Ma-
ße, wie die Natur im Prozeß ihrer Erkundung den erkann-
ten Gesetzesbeziehungen entspricht, die ihr innewohnende
mathematisierbare Regelhaftigkeit enthüllt. Diese Entspre-
chung ist das ontische Moment der Rationalität und der ob-
jektive Teil ihrer Genesis. Insofern ist die Humanisierung
der sozialen Verhältnisse sowie die Herstellung eines ge-
sellschaftlichen Friedens mit der Natur auf ihre umfängli-
che Stoffiichkeit und gesetzeshafte Struktur angewiesen.
Die Erkenntnis dieses Umfangs ist unabdingbarer Teil an-
tizipierter Freiheit: Forschung und Erkenntnis aus einem
im doppelten Sinne menschlichem Interesse - eine Natur-

51 damit ging Adomos ,Jargon der Eigentlichkeit' implizit auch gegen


das ,Prinzip Hoffnung', dessen letztes wie erstes Wort ,Heimat'
lautet. Bloch spürte das und drehte den Spieß um: indem er Ador-
no ,Jargon der Uneigentlichkeit' zuwarf.
52 Theodor W. Adomo: Negative Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt
1966. S. 15.
53 Max Horkheimer und Theodor W. Adomo: Dialektik der Aufklä-
rung. Fischer, Frankfurt 1969.

52
Wissenschaft, die nicht einem Substrat von Herrschaft gleich-
kommt - gehören zum Bauplan einer menschlichen Welt.
Die Frage, unter welchen Bedingungen ,objektive' Naturer-
kenntnis möglich ist, mag offen bleiben und nach Maßgabe
der Aufhebung der Entfremdung beurteilt werden - daß
aber objekthaft Erkennbares in der Natur als natureigene
Syntax existiert, bleibt Voraussetzung für jene Welt.
Der Begriff der Natur in der Kritischen Theorie bewegt
sich jenseits der Anerkennung des nomothetischen Eigen-
charakters des Naturgebiets sowie der Notwendigkeit der
geistigen und materiellen Aneignung der Natur. Ihr Begriff
offenbart ihr Naturdilemma: er haust im Reich der negati-
ven Bestimmung, gleichsam als Depeschen ohne Haupt-
quartier - und mit einem solchen Begriff läßt sich nicht
bauen. 54 • Im kalifornischen Exil entstand das Bild der Fla-
schenpost: die Depeschen des Instituts für Sozialforschung
haben keinen Empfanger und werden dennoch verab-
schiedet - in der Hoffnung, eines Tages anzukommen. Diese
Hoffnung hat sich auf ergiebige Weise erfüllt: die Depeschen
bilden ein wesentliches Fundament analytischer, kritisch-
reflexiver Erkenntnis in der deutschen Republik. Indem
aber die Depeschen eines Naturquartiers entbehren (eines
Quartiers, in dem auch der numerisch-quantitativ Natur-
sektor selber das Potential zur menschlichen Baugemein-
schaft mit der Natur enthält), verlieren sie das Vermögen,
Grundriß eines naturwissenschaftlich-technischen Huma-
num zu werden, verliert die Utopie ihren ontischen Natur-
boden.
Adornos Diktum ,Es gibt kein richtiges Leben im fal-
schen' führt zu einer ,Uneigentlichkeit' seines utopischen
Denkens, indem auch die fragmentarischen Wegmarken und
Spuren eines antizipierbaren richtigen Lebens im falschen,
im ,beschädigten Leben', negiert werden, sofern sie mit onti-
schem Anspruch einem philosophischen System eingemein-
det werden. Ein solches Systemgebäude wurde mit dem
,Prinzip Hoffnung' errichtet, das auf die Eigentlichkeit des
Noch-Nicht-Seins setzte und dadurch Adornos Genossen-
schaft verlor.
Die Spuren sind Wegweiser der Utopie, Vorboten der
Bilder, die Bilder Vorschein eines möglichen Seins. Keine

54 als wichtige Ausnahme im Umfeld der Kritischen Theorie wäre


(neben Herbert Marcuse und Karl August Wittfogel) Alfred
Schmidt mit seiner Untersuchung ,Der Begriff der Natur in der
Lehre von Marx' (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1962) zu
nennen.

53
Zeile habe er geschrieben, ohne seiner zu gedenken, schrieb
Adomo über Bloch. Dieses Gedenken ist auch antithetisch
zu verstehen als Negation der nicht erfüllten, aber seinshaft
erfüllbaren Tagträume vom besseren Leben (eben im fal-
schen): der Ontologie also des Noch-Nicht-Seins. Nicht zufäl-
lig (um ein zwar kleines, aber den Unterschied aufweisendes
Merke zu nennen) benutzt Adorno ein bezeichnendes Gleich-
nis gegen Bollnows ,Neue Geborgenheit,56: "Die schwarzen
Worte so gut wie die weißgewaschenen des Bollnowschen
Sonntags sind numino~ so dicht am Jubel wie von je die
schreckliche Posaune." Die Trompete nun, der ,schreckli-
chen Posaune' nicht unverwandt, trägt das Hoffnungssignal
des ,tuba mirum spargens sonum' in Beethovens ,Fidelio'
und hatte fiir Bloch immerwährende utopische Bedeutung:
als ,laut wird die Posaune klingen' des Jüngsten Gerichts
gegen despotische Unterdrückung, als ,zur Freiheit, zur Frei-
heit ins himmlische Reich' aller Geknechteten.
Indem das Nichtidentische fiir die Kritische Theorie
maßgebend ist, wird zugleich ein Bilderverbot fiir jegliche
positivierte Utopie verhängt. Dieses Bilderverbot ist auch
im Marxschen Denken angelegt und durchzieht die Geschich-
te des Kommunismus auf verhängnisvolle Weise, indem po-
sitive Bezirke der Zukunft unbesetzt blieben und statt einer
zu schaffenden praktischen Vernunft des Marxismus der
alles beherrschender Sowjetmarxismus mit Allmacht auf
den ,objektiven' Lauf der Geschichte setzte. 57
Ohne praktische Vernunft im kantischen Sinn einer
moralischen, ohne positive Begriffe der Zukunft aber, ohne
weisende Bilder des Wohin und Wozu gibt es wenig, woran
sich die Menschen halten können und wofiir sie rebellieren
würden - selbst wenn sie wissen, wogegen. Wer würde fiir
eine nicht einmal in Umrissen angedeutete und damit unge-
wisse Zukunft kämpfen und fiir leblose Vokabel bar jeder
vorstellbaren Fülle die Opfer tragen, woher käme die Vor-
lust auf das Neue, solange dieses im allgemeinen Nebel
bleibt?

55 Otto Friedrich Bollnow: Neue Geborgenheit. Stuttgart 1956.


56 Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit. a.a.O., S. 29.
57 Brecht notierte das Bilderverbot in seinem Fragment ,Me-ti. Buch
der Wendungen' (Suhrkamp, Frankfurt 1983): »Me-ti war gegen
das Konstruieren zu vollständiger Weltbilder" (S. 55). Zu den Din-
gen, die Me-ti nicht liebte (ebensowenig Ka-meh und En-Fu, wie
Marx und Engels im ,Buch der Wendungen' heißen), gehörte
,Zukunftspläne zu machen'.

54
Zu den positiven Begriffen der Zukunft, zur praktischen
Vernunft einer humanen Weltgestaltung gehört die Antizi-
pation eines in Allianz mit dem Menschen produktiven Natur-
gebiets: gesellschaftliche Utopie ohne utopischen Natur-
begriffbleibt leer, indem sie sich ihres Baustoffs begibt. Sol-
chermaßen leidet die Kritischen Theorie am Mangel bildhaf-
ter Perspektiven im utopischen Bedenken einer vom Kapi-
taldiktat befreiten und doch rur den und mit dem gesell-
schaftlichen Menschen den eigenen Gesetzen gemäß erzeu-
genden Natur. Blochs ,spekulativer Materialismus' mit dem
durchgehaltenen ,Bogen Utopie-Materie' begreift die Natur-
materie als eine im utopischen Horizont des möglichen
Neuen: das utopische Gebiet des Weltstoffs ist ein Bedin-
gungsort rur die Antizipation des besseren Lebens. Potenz
des Menschen und Potentialität der Materie sind somit uto-
pisch verschränkt. Die Natur ist das materielle Substrat der
gesellschaftlichen Beziehungen, auch der künftig befreiten.
Sie ist es zudem ex negativo: nicht nur als die zweite ,Quelle
alles Reichtums', sondern durch eine dystopisch ökolo-
gieverletzte Gegenwart: in Gestalt ihres gewaltigen dionysi-
schen Aufbegehrens wehrt sich die Natur gegen die unre-
flektierte Einverleibung im bürgerlichen Stoffwechsel.
Indessen fanden Bloch und Adorno in Hinblick auf die
transzendierende Funktion utopischen Denkens in ihrem
Rundfunkgespräch (1964) zueinander: "... und ich glaube,
Teddy, hierin sind wir allerdings einig: Die wesentliche
Funktion, die dann Utopie hat, ist eine Kritik am Vorhande-
nen. Wenn wir die Schranken nicht schon überschritten hät-
ten, könnten wir sie als Schranken nicht einmal wahr-
nehmen." Darauf Adorno: "Ja, die Utopie steckt jedenfalls
wesentlich in der bestimmten Negation, in der bestimmten
Negation dessen, was bloß ist, und das dadurch, daß es sich
als ein Falsches konkretisiert, immer zugleich hinweist auf
das, was sein soll."58
Beide wollen sich nicht mit dem abfinden, was ist - in
diesem Widerstand der Nichtanerkennung des Gegebenen
sind sie vereint. 59 Beide eint überdies eine Abstinenz gegen-
über dem (in einem positivistischen Sinn) greifbar Mögli-
chen - gegenüber dem also, was bei dem gegenwärtigen
Stand der Produktivkräfte ohne Fernbilder ,wirklich' mög-

58 Rainer TraubIHarald Wieser (Hrsg.): Gespräche mit Ernst Bloch.


a.a.O., S. 70.
59 eine Verlängerung der frühen Linie in Blochs ,Geist der Utopie':
,,(wir) suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das bloß Tatsächliche
verschwindet - incipit vita nova." (a.a.O., S. 13).

55
lich wäre. Für Bloch käme das einer verdinglichten Planung
gleich60 und Adorno ftihlte sich fiir Positivierungen dieser
Art ohnehin nicht zuständig. Was sie - auf einer die Natur-
frage übergreifenden, umgreifenden Ebene - trennt (und
was die Kritische Theorie gleichfalls von Marx trennt) ist:
die Weltfrage. Blochs ,Experimentum Mundi' - das Ganze,
auf das er ging und auf das es ihm ankam - war fiir Adorno
das Unwahre und die unterbrochene, unterbrechende Form,
die er wählte, nach Gedankenweise der ,Minima Moralia',
sollte ihn vor dem drohenden Ganzen schützen - denn er
sah sich gefährdet, den Lockungen des Identischen zu fol-
gen, dem er sich durch seine Vorstellung vom ,wahren Leben'
des nicht-entfremdeten Menschen trotz allem näherte.
Die Kritische Theorie verstand sich als Erweiterung des
Marxismus auf sozial- und kulturwissenschaftliche Gebiete
wie etwa Psychoanalyse, Kunstsoziologie, politische Theo-
rie, Sozialphilosophie, Ökonomie oder Erziehungssysteme.
Sie geriet kraft dieser Verzweigungen zunehmend zur Gesell-
schaftstheorie, während der ihr ursprüngliche Marxismus
im philosophischen Sinn eine auch die Naturmaterie umfas-
sende Weltanschauung ist. Die Erweiterung führte somit
zugleich zu einer Verengung, indem die Natur als zu begrei-
fender tätiger Teil der Welt keine Aufnahme fand: in der auf
Gesellschaftlichkeit fokussierten Kritischen Theorie wurde
die Natur in ihrer gesetzeshaften Verfaßtheit als Produk-
tionsgebiet und Werkstoff für eine bessere Weltzukunft
nicht dialektisch anerkannt. 61
Dialektische Anerkennung der Natur ist eine naturphi-
losophische Kategorie, zu der auch die Anerkennung der in
der Natur jenseits gesellschaftlicher Vereinbarungen inne-
wohnenden mathematisch formulierbaren Beziehungen, die
der ,instrumentellen Vernunft' in Gestalt einer physikalisch
beherrschbaren Natur entgegenkommen, gehört. 62 Es ist al-

60 siehe Burghart Schmidt: Gegen gängige Verwechslung konkreter


Utopie mit technologischer Planung. Kritik der reinen Utopie.
a.a.O., S. 1-68.
61 entsprechend ist in der ,Zeitschrift für Sozialforschung', von 1932
bis 1941 das programmatische Organ der Kritischen Theorie, die
Naturfrage in keinem der Beiträge ein Thema.
62 dieses ist der Frage der Abhängigkeit der Naturerkenntnis von
der gesellschaftlichen Konstitution benachbart, wie sie vor allem
Alfred Sohn-Rethel stellt und in der er sich gegen eine Halbierung
der Vernunft (kritischer Materialist für die Geschichtswahrheiten,
szientistischer Idealist für die Naturwahrheiten) wendet: "Wenn
es dem Marxismus nicht gelingt, der zeitlosen Wahrheitstheorie
der herrschenden naturwissenschaftlichen Erkenntnislehre den

56
so nicht nur die Gleichsetzung von zweckrationaler Erhal-
tung des Selbst mit instrumenteller Vernunft im Haupt-
motiv der ,Dialektik der Aufklärung' eine Verengung der Ge-
nesis von Subjektivität, sondern in ähnlichem Maß eine Ver-
engung der Potentialität der Natur: indem diese nur unter
dem Zeichen der Verdrängung und eines dadurch notwendig
wiederkehrenden Naturjochs betrachtet wird ("Jeder Ver-
such den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen
wird, gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein. u63 )
und nicht unter dem Zeichen möglicher werktätiger Ge-
nossenschaft, in der die Gesetzesformigkeit der Natur als An-
lage zu einer noch ausstehenden Mensch-Natur-Vermitt-
lung begriffen wird. Diese Allianz setzt voraus, daß der
Natur ein inhärentes nomothetisches Potential zukommt
und zugleich zuerkannt wird, daß die mit der Aufklärung
eingeleitete neuzeitlich wissenschaftlich-technische Bestim-
mung des Wesens der Natur mit dem Wesen der Natur sel-
ber korrespondiert, etwas von und in ihr zum Ausdruck
bringt: "Es gehört so zum ganz empirischen ,Wesen' von
Zinkblende, regulär-tetraedrisch, von Magnetkies, hexago-
nal zu kristallisieren. u 64
Mit Naturwissenschaft und Technik hat der Mensch das
Wirken der Natur selbst in die Hand genommen. Dieses Wir-
ken aber ist, nach der Naturphilosophie Schellings, gleich-
falls eine Bewegung vom Objekt zum Subjekt - eine Bewe-
gung, die auch Friedrich Engels darlegt: "Nicht in der ge-
träumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die
Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze und in
der damit gegebenen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimm-
ten Zwecken wirken zu lassen. u65 Die Naturgesetze aber
sind von einer nur sozialphilosophischen und gesellschafts-
historischen Warte betrachtet ein erratischer Block, der in
jene Verhältnisse hineinragt, die zu ändern die Utopie auf-
ruft. Für die Kritische Theorie gibt es keine subjekt-unab-
hängigen Beziehungen, die sich zu nomothetischen Hypo-
thesen festschreiben ließen: "Daß die Annahme von Natur-

Boden zu entziehen, dann ist die Abdankung des Marxismus als


Denkstandpunkt eine bloße Frage der Zeit." (Geistige und körper-
liche Arbeit. Zur Theorie der gesellschaftlichen Synthesis. Suhr-
kamp, Frankfurt 1972. S. 17).
63 Dialektik der Aufklärung. a.a.O., S. 19.
64 Ernst Bloch: Tendenz-Latenz-Utopie. Suhrkamp, Frankfurt 1978.
S.154.
65 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissen-
schaft (,Anti-Dühring'). Dietz, Berlin 1971. S. 106.

57
gesetzen nicht a la lettre zu nehmen, am wenigsten im Sinn
eines wie immer gearteten Entwurfs vom sogenannten
Menschen zu ontologisieren sei, dafür spricht das stärkste
Motiv der Marxschen Theorie überhaupt, das der Abschaff-
barkeit jener Gesetze. Wo das Reich der Freiheit begönne,
gälten sie nicht mehr.... Erst eine Verkehrung der Mar-
xischen Motive wie die des Diamat, der das Reich der Not-
wendigkeit prolongiert mit der Beteuerung, es wäre das der
Freiheit, konnte darauf verfallen, den polemischen Mar-
xischen Begriff der Naturgesetzlichkeit aus einer Kon-
struktion der Naturgeschichte in eine szientistische Invari-
antenlehre umzufälschen."66
Wenngleich Adorno seine Ablehnung überzeitlicher
Naturgesetze auf die kapitalistische wie auch sowjetisierte
Gesellschaft münzt, so ist darin ein grundlegender Rest
Abweisung der Naturgesetze überhaupt enthalten.67 Bei
Marx indessen, auf den Adorno sich beruft, klingt das Ge-
meinte im Rest anders: "Naturgesetze können überhaupt
nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschied-
nen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin sich
jene Gesetze durchsetzen."68 und "In der Natur sind es -
soweit wir die Rückwirkung der Menschen auf die Natur
außer acht lassen - lauter bewußtlose blinde Agenzien, die
aufeinander einwirken und in deren Wechselspiel das all-
gemeine Gesetz zur Geltung kommt."69
In der Kritischen Theorie wird die materialistische Basis
der gesetzeshaften Naturzusammenhänge verabschiedet:
als seien die Gesetze Konventionen unter quantitativ-nume-
rischem Zeichen, als könne sich Natur-Wissenschaft aus der
reinen Subjektivität herleiten lassen, als habe das Kom-
pendium der physikalischen Erkenntnis die Beliebigkeit

66 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. a.a.O., S. 346.


67 Die Kritik an der Objektivitätsstruktur der Erkenntnisform ist
richtig, da die gesellschaftliche Form der Auseinandersetzung mit
der Natur in der ,reinen' naturwissenschaftlichen Erkenntnis
ausgeblendet wird und das Destillat Bedingungen und Genesis der
Erkenntnis nicht mehr enthält - mithin, in den Begriffen Schel-
lings, das Produzierende über dem Produkt vergessen wird. Und
zweifellos wird in der naturwissenschaftlichen Syntax das Prozeß-
hafte, Prozessierende der Natur verdinglicht. Gleichwohl: das än-
dert nichts an den gesetzeshaften Beziehungen in der Natur in
Gestalt einer natureigenen Matrix.
68 Karl Marx: Brief an L. Kugelmann. MEW 32. Dietz, Berlin 1985.
S.553.
69 Kar! Marx: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen
deutschen Philosophie. MEW 21. Dietz, Berlin 1984. S. 296f.

58
einer Partitur - ohne Verankerung im Stoff selber. Schließ-
lich: als wären die Naturgesetze lediglich instrumentell ver-
nünftige Gesetze, die mit der Humanisierung der Vernunft
hinfällig würden.
Das Buch der Natur bleibt eines, das in Zahlen oder in
Dreiecken geschrieben wird: in ihm finden sachhaft gegebe-
ne, im Naturobjekt gelagerte Maßrelationen ihren Aus-
druck. Die Naturerkenntnis ist nicht nur bürgerlicher Schein,
sondern erweist ihre Gültigkeit in der realen Bewährung,
im technischen Gelingen. Die vom Menschen formulierten
Naturgesetze und die in der ,Natursache selbst' verankerten
Zusammenhänge sind miteinander verschränkt. Auch wenn,
mit Kant, der Verstand der Natur die Gesetze vorschreibt,
das Subjekt also so zum Objekt kommt, gibt die ergänzende
naturphilosophische Wendung Schellings mit der Frage, wie
das Objekt zum Subjekt komme, die Natur mithin im Men-
schen ihre Maßrelationen ausdrückt.
In den odysseeischen Zwischenwelten70 erweist sich das
Subjekt der Naturbeherrschung als Vergewaltiger und Ent-
sagender zugleich. Odysseus' Selbstbeherrschung mündet in
Selbstverleugnung: die Loslösung von der Natur, das Ver-
schieben der Naturschranke, führt zur Unterdrückung der
eigenen Natur als Naturwesen. Die Befreiung von den
Zwängen der Natur stürzt das bürgerlich arbeitende Sub-
jekt in die Sklaverei einer selbstentäußerten Existenz. Somit
dienen Wissen und Logik, Intelligenz und Wissenschaft
nicht der Emanzipation, sondern einer immer tiefergehen-
den Verstrickung in selbsterzeugte Knechtschaft, somit ver-
gewaltigt und zerstört das naturwissenschaftliche Denken
bereits in statu nascendi die Natur: "Die Abstraktion, das
Werkzeug der Aufklärung, verhält sich zu ihren Objekten
wie das Schicksal, dessen Begriff sie ausmerzt: als Liquida-
. "71
t Ion.
Bei aller Ansehung der Deformation der Gesellschaft
durch die vorherrschende Logistik der kapitalistischen Ver-
kehrsform (die durch ihre hermetische Struktur nicht in der
Lage ist, zu sich selbst in ein reflexives Verhältnis zu tre-
ten): in der ,Dialektik der Aufklärung' tritt die Urgeschichte
der Subjektivität entdialektisiert auf, indem die Ambivalenz
gesellschaftlicher Zweckrationalität in Richtung zirkulärer
Instrumentalität verengt wird. So wird zum Beispiel der

70 Exkurs 1: Odysseus oder Mythos und Aufklärung. In: Max Hork-


heimer und Theodor W. Adomo: Dialektik der Aufklärung. a.a.O.,
S.50ff.
71 ebenda, S. 19.

59
Doppelsinn des Wortes ,beherrschen' übergangen: es bedeu-
tet ja nicht nur entmündigende Unterdrückung, sondern
ebenso wissendes Können und befreiende Fähigkeit - wie
beim Pianisten etwa, der sein Instrument beherrscht und
dadurch die Freiheit erlangt, sich dem Eigentlichen zu
widmen und das Werk zu entfalten, es gleichsam zum Sin-
gen zu bringen, womit es zugleich das Instrument verläßt
und schwebende Kunst im Raum wird.
In diesem Zirkelkreis jenseits der Janusköpfigkeit des
Kapitals bleibt die Potentialität der Naturbeherrschung als
produktiver und emanzipierender Zusammenhang zwischen
Natur und Arbeit im geschlossenen Kreis der Kritik einge-
fangen - eben a-utopisch insofern, als kein ,Reich der Frei-
heit' innerhalb des numerisch-quantitativen Natursektors
und mit ihm antizipiert wird, ein technisch-wissenschaftli-
ches Humanum mithin zur contradictio in adjecto gerät. Das
so geartete, in Möglichkeit stehende Humanum wird in der
Kritischen Theorie einer zur Erlösung fiihrenden, transzen-
denten Versöhnung mit der Natur geopfert - die zwar nicht
ins Amorphe zurückgleiten soll, wiederum aber nicht ge-
dacht werden darf, da ein solches dem Bilderverbot wider-
spräche. Die Verwirklichung aber der Vernunft schließt die
Antizipation einer tätigen, mit dem Menschen und fiir ihn
tätigen Natur ein.
Der Begriff der Gesellschaft greift zu kurz, um die Ge-
biete der ,zweiten Basis der Philosophie', der Natur, zu erfas-
sen und somit das Weltganze zu bedenken. Evident wurde
die Abwesenheit utopisch-materialistischer Begriffe zur
Naturproduktivität in der Kritischen Theorie in der Zeit der
studentischen Protestbewegungen im Westdeutschland der
sechziger Jahre. Anders als in England oder den USA ent-
stammte die Kritik an den gegebenen Verhältnissen im
wesentlichen den geisteswissenschaftlichen Fakultäten.
Eine Wissenschaftskritik aus den Reihen jener, deren Dis-
ziplin an den kritisierten Verhältnissen maßgeblich beteiligt
war (Naturwissenschaftler, Techniker, Architekten, Medizi-
ner, ... ) gab es - mit wenigen Ausnahmen, wie etwa im Um-
feld des Kommunistischen Bunds Westdeutschlands - nicht.
Diese Kritik kam erst später, insbesondere im Zusammen-
hang mit der Planung der naturwissenschaftlich-tech-
nischen Fachbereiche an den Reformuniversitäten. In Eng-
land oder den USA hingegen war die Gesellschaftskritik mit
der Wissenschaftskritik amalgamiert, zu einem wesent-
lichen Teil wurde sie von Naturwissenschaftlern eröffnet.
Diese so fundierte Kritik fiihrte auch zu wissenschaftsbezo-

60
genen radikal-politischen Organisationen, wie etwa ,Science
for the People' in den USA oder die ,British Society for Social
Responsibility in Science' sowie ,Science for People' in Eng-
land. ,Wissenschaft für das Volk' brachte Wissenschaft und
Technik als immanent gesellschaftlich-historische Projekte
zur Diskussion und enthielt somit andere Dimensionen als
die späteren Formulierung im Zuge der Kritischen Theorie -
wie ,Kritik der instrumentellen Vernunft', ,Herrschaftswis-
sen', ,zweckrationale Mittelkenntnis' oder ,Technologie als
Herrschaft': allesamt Formeln, unter denen der naturwis-
senschaftlich-technische Komplex von der Frankfurter Schule
in Gestalt zwar nicht angenommener, zugleich aber aner-
kannter Bündel zur Seite gelegt wurde - mit einem Respekt
vor den ,harten' Wissenschaften, wie sie Geisteswissen-
schaftlern oft eigentümlich ist.
In England arbeiteten Steven und Hilary Rose Mitte der
sechziger Jahre über ,Science and Society'72, die britische
Zeitschrift ,Radical Science Journal' war das Forum für eine
revolutionär gefaßte Naturwissenschaft, die ,British Society
for Social Responsibility in Science' widmete sich fachim-
manent und fachübergreifend, also intra muros et extra, den
politischen Problemen der Wissenschaft, in dem Sammel-
band ,The Social Impact of Modern Biology' schrieben aus-
schließlich Biologen7 und in den USA verfaßte der Botani-
ker Bar~ Commoner das vielbeachtete Buch ,Science and
Survival'· .
Ein wesentlicher Traditionsunterschied zwischen
Deutschland und England war die kommunistische Vergan-
genheit namhafter britischer Wissenschaftler: Joseph Need-
ham, J.B.S. Haldane, Lancelot Hogben, Hyman Levy oder
J.D. Bernaf5 sind Beispiele für die Zeit nach dem 1. Welt-
krieg76 (dieser Tradition außerhalb der Geisteswissenschaf-
ten entsprach in Deutschland am ehesten die kommunisti-
sche bis sozialdemokratische Haltung der meisten Mitglie-

72 Hilary Rose and Steven Rose: Science and Society. Penguin,


Middlesex 1969.
73 Watson Fuller (ed.): The Social Impact of Modern Biology. Rout-
ledge & Kegan Paul, London 1971.
74 Barry Commoner: Science and Survival. Viking, New York 1963.
75 insbesondere Bernals vierbändiges Werk ,Science in History' sowie
seine Untersuchung ,The Social Function of Science' bildeten eine
wesentliche Grundlage für die politische Erkenntnis wissen-
schaftlicher Zusammenhänge.
76 siehe Gary Werskey: The Visible College. A Collective Biography
of British Scientists and Socialists of the 1930s. Allen Lane, Lon-
don 1978.

61
der des Bauhauses, wie bei Hannes Meyer, Mies van der
Rohe, Sigfried Giedion und anderen). In Westdeutschland
indessen gab es für die Studenten der naturwissenschaft-
lichen Fächer keine vergleichbare Vergangenheit, an die
angeknüpft werden konnte und solchermaßen blickte der
kritische Teil dieser Studenten vorwiegend nach Frankfurt.
Gleichwohl: die Rolle der Kritischen Theorie für diese Intel-
ligenz kann nicht hoch genug veranschlagt werden, ihre Be-
deutungen bleiben nachhaltig wirksam. Es gab endlich etwas,
was gültig dem Glauben der Väter, Naziväter zumeist, ent-
gegengesetzt werden konnte. Sie bekamen einen kritischen
Spiegel, den sie der Welt vorhalten konnten, sie erfuhren
eine Theorie, die auf das in den Erscheinungen zum Aus-
druck kommende Unwesen reflektiert, sie lernten, das ideo-
logische Ineinander von Wesen und Erscheinung zu erken-
nen. Das naturwissenschaftlich-technische Gebiet indessen
blieb von detaillierter Ideologiekritik unberührt.
Das Werkzeug der Kritischen Theorie war also auf einer
Kante stumpf: sie brachte ihre marxistische Herkunft auf
den Begriff einer Gesellschaftstheorie, der dialektische Ma-
terialismus wurde entmaterialisiert und auf das gesell-
schaftliche Sein reduziert. Indem die Theorie die naturge-
bundene Dialektik aus ihrem Denkgebäude entließ wurde
das Universum der Naturforschung der Kritik entzogen -
und damit auch der Produktivität. Denn die Kritik als Unzu-
friedenheit mit dem Vorfindlichen ist eine produktive Kate-
gorie: indem der Bauer sein Feld pflügt, kritisiert er es. Die
Kritik wird solchermaßen zum Pflug, der umgräbt und so-
mit den gegebenen Boden negiert, um einen fruchtbaren
Acker zu erzeugen.
Es gab somit für die Studenten der naturwissenschaft-
lich-technischen Fächer kaum eine Tradition, die der des
,Visible College' Englands entsprochen hätte. Otto Hahn,
Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker waren
die gängigen Namen, die umliefen - allesamt Mitläufer der
Nazis, die sich nach der Zerschlagung des Hitlerismus im
westdeutschen Haus einrichteten und keine vergleichbare,
politisch fundierte wissenschaftskritische Orientierung boten.
Diese Studenten waren, was die politische Eingemeindung
ihres Faches in eine produktive Umwälzung anbetraf, aus-
gesiedelt: von der Tradition der deutschen Naturwissen-
schaftler war nichts zu erwarten und von der Kritischen
Theorie für ihre eigene Sache auch nichts. Sie erfuhren von
ihr, daß sie sich auf einem falschen, weil affirmativen Gelei-
se bewegten, daß sie sich mit ihrer Wissenschaft einem neuen

62
Mythos ausgeliefert hätten, daß sie mehr oder weniger bor-
nierte Handlanger des falschen Lebens wären.
Zwar hatte die Hinwendung kritisch gewordener Stu-
denten der naturwissenschaftlich-technischen Fächer zu
den Gesellschaftstheorien der Frankfurter Schule die Wis-
senschaftskritik eröffnet und weitergetrieben, in Ermange-
lung einer korrespondierenden Naturtheorie indessen kei-
nen Wissenschaftsbegriff gezeitigt, der einem neuen, ande-
ren gesellschaftlichen Naturumgang jenseits der kapitalisti-
schen Entfremdung entsprochen hätte. Das Gebiet der Natur-
philosophie spielte so gut wie keine Rolle, und die Ökologie-
frage, die sich in den USA ankündigte, auch nicht. Die Wis-
sensehaftskritik wurde durch diese Naturvergessenheit
links-positivistisch - sie blieb also, was Natur und Technik
angeht, auf der Ebene der Diskussion um Wertfreiheit, Auf-
tragsforschung, Rolle der technischen Intelligenz und ähn-
liches mehr. Einige politisch reflektierende Naturwissen-
schaftler arbeiteten später im wesentlichen reaktiv (indem
sie zum Beispiel Umweltschäden analysierten): ihre Wis-
senschaft war nicht mehr das konstruierende Feld rur ein
technisches Humanum, wie bei Francis Bacon, sondern
geriet meist zur Warnstation fiir die Natursünden einer aus-
schließlich ökonomiebezogenen Produktion. Die negativen
Reste der Kapitallogik wurden in erster Linie ihr Thema,
nicht der Entwurf wirklich alternativer Möglichkeiten jen-
seits der profitbedingten Naturzerstörung. 77
Die Bedeutung der Diskussionen zur Wissenschaftsfrage
wie auch zum Naturproblem im Nachgang der Studentenre-
volte soll keineswegs gering veranschlagt werden. Auf seiten
der Wissenschaftsfrage wäre Alfred Sohn-Rethels Waren-
form-Denkform-Zusammenhang zu nennen, auf seiten des
Naturproblems Herbert Marcuse, der Natur und Freiheit
als sinnlich politisches Ineinander verstand und der auf dem
Umweg über die rebellierende Subjektivität, über die Poli-
tisierung der erotischen Energie, zur außermenschlichen
Natur fand und ihre Befreiung als Mittel der Befreiung des
Menschen begriff: in der Befreiung der Natur mithin eine
Erweiterung der materialistischen Basis fiir die Menschen
sah.

77 zu nennen wären andererseits die Konzepte zu ,sanften Tech-


nologien' oder zu alternativen Energiequellen - aber auch diese
Antizipationen und Konstruktionen waren von eigentümlicher
Enge, die vergesellschaftete Großprojekte von vornherein aus-
schloß.

63
Eine der wichtigsten und nachhaltigsten Naturdiskus-
sionen betraf die gesellschaftliche Gebundenheit der Er-
kenntnis: inwieweit unter anderen gesellschaftlichen Ver-
hältnissen sich eine andere Naturauskunft ergäbe. Diese
Verschränkung von ,Erkenntnis und Interesse' fragt, ob jen-
seits des bürgerlichen Produktionshorizonts noch unent-
deckte Natursektoren möglich sind: Sektoren, die sich erst
bei anderem gesellschaftlichen Interesse enthüllen, durch
endlich konkret gewordene Arbeit (an Stelle der abstrakten
Lohnarbeit) hervorgebracht werden und dadurch ihrerseits
den eigenen, konkret werdenden Ausdruck finden.
Die Frage nach der gesellschaftlichen Verfaßtheit der
Naturerkenntnis ging um und tut es noch. Von ihr leitet
sich die Erkundung der auf qualitative wie quantitative Art
brachliegende Potentialität der Natur ab, die erst durch eine
gesellschaftliche Arbeit unter einem anderen Stern als dem
des Profits sich offenbart - in Gestalt einer anders beschaf-
fenen Naturernte durch das Transzendieren der politischen
Ökonomie der kapitalistischen Gesellschaft, wie im Marx-
sehen ,Reich der Freiheit' visioniert. 78
Das Motiv der freien und solidarischen Assoziation gilt
bei Marx nicht nur den sozialen Beziehungen der Menschen
untereinander, sondern auch dem menschlichen Naturver-
hältnis. Dieses eingeläutete Motiv wird in der Blochschen
Philosophie zum Kernthema, zum ersten wie letzten Thema
,Naturallianz': eine Allianz, die indessen nicht nur eine
Friedenskategorie im Sinne der Versöhnung von Mensch
und Natur ist, sondern wesentlich eine Kategorie der Erzeu-
gung. Die Produktion von Menschen- und Naturheimat setzt
tätige Mensch-Natur-Beziehung voraus. Wie auf jeder Bau-
stelle gibt es Widersprüche, Widerstände, Widersacheri-
sches, Unfalle und Probleme. Nur: diese sind, vom ökonomi-
schen Diktat befreit, von anderer Art - von Art der Reibung
etwa, die Wärme erzeugt. Wenn Marx im dritten Band des
Kapital antizipiert: "Vom Standpunkt einer höhern ökono-
mischen Gesellschaftsformation wird das Privateigentum
einzelner Individuen am Erdball ganz so abgeschmackt er-
scheinen wie das Privateigentum eines Menschen an einem
andern Menschenu79 , so bedeutet die Aufhebung des Privat-
eigentums nicht die Eröffnung einer Subjekt-Objekt-Iden-

78 siehe auch Hans ImmlerlWolfdietrich Schmied-Kowarzik: Marx


und die Naturfrage. VSA, Hamburg 1984.
79 Kar! Marx. MEW 25. Dietz, Berlin 1979. S. 784.

64
tität zwischen Mensch und Natur80 , sondern (wie bei Men-
schen, die einander auch nicht im eigentumsrechtlichen
Sinn gehören) vielfältig verknüpfte Beziehungsebenen, die
allemal Andersheit und somit Differenz zur Voraussetzung
haben.
Das Problem-Werden der Natur geschieht bei Man auf
andere Weise als in der Kritischen Theorie. Im Marxschen
Denken ist die Natur das Universum des Seienden und
damit die Grundlage der menschlichen Geschichte. Das ,Wer-
den der Natur für den Menschen' geschieht in der Arbeit81 -
ein Werden, das Man zunächst in überzeitlichen Katego-
rien darstellt: "Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nütz-
liche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesell-
schaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Men-
schen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwi-
schen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu
vermitteln. u82 und "Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwi-
schen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch sei-
nen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat ver-
mittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff
selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblich-
keit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und
Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoffin einer
für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem
er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und
sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er
entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unter-
wirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit. u83
Im gleichen Atem insistiert Bloch: ,,Die Wurzel der Geschich-
te aber ist der arbeitende, schaffen~ die Gegebenheiten
umbildende und überholende Mensch.
Nach der Kritischen Theorie hingegen führt das Ver-
schieben der Naturschranke in der menschlichen Arbeit zur
Ablösung von der Natur - eine Ablösung, die wiederum das
arbeitende Subjekt, das gerade im Prozeß der Emanzipation

80 Ernst Bloch hat, jenseits eines so gearteten Idealismus, beides mit


dem feinen Wort ,wie' unterschieden: "... Weltwege, vermittelst
derer das Inwendige auswendig und das Auswendige wie das In-
wendige werden kann." (Geist der Utopie. a.a.O., S. 289).
81 gemeint ist hier ,Arbeit' nach der Dekonstruktion ihrer bürgerli-
chen Prägung und Korruption in Gestalt abstrakter Lohnarbeit in
Richtung einer wiederzugewinnenden befreiten und konkreten
Arbeit.
82 Karl Marx: Das Kapital. 1. Band. MEW 23. a.a.O., S. 57.
83 ebenda, S. 192.
84 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 1628.

65
von der Natur entsteht, im Zuge der Naturbeherrschung
sogleich vernichtet.
Marxistisch kann die gefesselte Subjektivität der Natur
nur durch Aufhebung der Eigentumsverhältnisse an ihr und
damit zwischen den Menschen befreit werden - das ist die
notwendige, wenngleich nicht hinreichende Bedingung.
,Naturverbundenheit' erlangt solchermaßen perspektivisch
einen beziehungsreichen Doppelsinn: Natur als unabding-
bar für die menschliche Existenz sowie Natur im Horizont
der Solidarität. Beiden Bedeutungen indessen ist die Arbeit
(eine auch als ,tätige Muße' gedachte) eingelagert, durch die
die Naturverbundenheit Ausdruck findet. Die ,wahre Resur-
rektion der gefallenen Natur' ist solchermaßen als ein ver-
ändertes Verhältnis zur Natur in einer und durch eine ver-
änderte Welt der Arbeit zu verstehen. Somit ist die Befrei-
ung der Natur als utopische Kategorie mit dem Konkret-
werden der menschlichen, gesellschaftlichen Beziehungen
verschränkt: "Naturströmung als Freund, Technik als Ent-
bindung und Vermittlung der im Schoß der Natur schlum-
mernden Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an
konkreter Utopie. Doch auch nur der Anfang zu dieser Kon-
kretion setzt zwischenmenschliches Konkretwerden, das ist,
soziale Revolution voraus; eher gibt es nicht einmal eine
Treppe, geschweige eine Tür zur möglichen Naturallianz. u85 •

85 ebenda,S.813.

66
Die Kunst utopisch gefaßt als
Auftauchen in einem anderen Ort: Die
Ästhetik des Noch-Nicht im Werk Ernst
Blochs

Am Anfang der ,Selbstbegegnung' im ,Geist der Utopie'


steht der einfache Bartmannkrug, den Bloch als Wegmarke
setzte, steht "das braune, ungeschlachte Gerät, fast ohne
Hals, mit wildem Männergesicht und einem bedeutenden,
schneckenartigen, sonnenhaften Zeichen auf der Wöl-
bung."86 Adorno nahm das Motiv auf und sah darin Blochs
Wendung gegen künstlerische Erlesenheit, so sie sich darin
erschöpft und dadurch außerstande wird, ein spurenreiches
Kunstwerk zu schaffen, sah darin Blochs "Ungeduld mit der
Kultur, die aufschiebt und verhindert, was jetzt und hier
sein sollte. Ihm ist das halbbarbarische Stück lieber und
krud Stoffiiches wie der wilde Mann, der mehr vom Geheim-
nis - dem Geheimnis §egen den Tod - verkörpert als alle
gelungene Immanenz."
~s ist schwer zu ergründen", fährt Bloch fort, "wie es
im dunklen, weiträumigen Bauch dieser Krüge aussieht.
Das möchte man hier wohl gerne inne haben. Die dauernde,
neugierige Kinderfrage geht wieder auf. Denn der Krug ist
dem Kindlichen nahe verwandt. Und zudem, hier geht das
Innere mit, der Krug faßt und hat sein Maß. Aber nur noch
der Geruch vermag einen feinen Duft von längst vergesse-
nen Getränken mehr zu erraten als zu empfinden. Und den-
noch, wer den alten Krug lange ~nug ansieht, trägt seine
Farbe und Form mit sich herum." Im verwandten, später-
hin abweichenden, Fahrplan verlängert Adorno wiederum
diesen Gedanken, greift den spekulativen Duktus auf:

86 Geist der Utopie. a.a.O., S. 18.


87 Henkel, Krug und frühe Erfahrung. In: Siegfried Unseid (Hrsg.):
Ernst Bloch zu ehren. Beiträge zu seinem Werk. Suhrkamp,
Frankfurt 1965. S. 17.
88 Geist der Utopie. a.a.O., S. 19.

67
"Wüßte man nur recht, was der Krug, in seiner Dingspra-
che, sagt und wiederum verbirgt, so wüßte man, was zu wis-
sen wäre und was die Disziplin zivilisatorischen Denkens,
mit dem Gipfel von Kants Autorität, dem Bewußtsein zu
fragen verboten hat. Dies Geheimnis wäre das Gegenteil
dessen, was immer so war und immer so sein wird, der Inva-
rianz: das, was einmal endlich anders wäre."89
Der Text Adornos gleicht einem inneren Gespräch mit
dem Manne, dessen ,Philosophie dem Fluch des Offiziellen
entronnen' ihm schien, dessen ,Geist der Utopie' den sieb-
zehnjährigen Abiturienten Adorno mit solcher Wucht traf,
daß er Jahrzehnte später dessen eingedenk blieb: "Das
Buch, Blochs erstes und alles Spätere tragendes, dünkte mir
eine einzige Revolte gegen die Versagung, die im Denken,
bis in seinen pur formalen Charakter hinein, sich verlän-
gert. Dies Motiv, allem theoretischen Inhalt vorausgehend,
habe ich mir so sehr zugeeignet, daß ich meine, nie etwas
geschrieben zu haben, was seiner nicht, latent oder offen,
gedächte."90
Adornos frühe Erfahrung setzt keimhaft das, was in ihm
bei erneuter Lektüre nach über vierzig Jahren nachreifte:
~er Gehalt des Textes hat erst in der Erinnerung ganz sich
entfaltet. Viel mehr enthält er, als er enthält, und nicht nur
im vagen Sinn potentiell sich anschließender Assoziationen.
Unzweideutig kommuniziert er, was er eindeutimzu kom-
munizieren sich weigert. Das ist der ganze Bloch." 1
Der innerer Dialog Adornos mündet in eine Apotheose
der Selbstbegegnung, die an Stelle der Selbstentfremdung
treten soll, indem er Bloch folgt und den Krug utopisch
bedenkt - in Möglichkeit eines künftigen Seins, als Mög-
lichkeit der endlich fälligen Ankunft des Menschen in seiner
werdenden, zu werdenden Immanenz: "Der Krug Blochs bin
ich selber, wörtlich und unmittelbar, dumpfes Muster des-
sen, was ich werden könnte und nicht sein darf: ,Wohl aber
kann ich krugmäßig geformt werden, sehe mir als einem
Braunen, sonderbar Gewachsenen, nordisch Amphorahaften
entgegen, und dieses nicht nur nachahmend oder einfach
einfühlend, sondern so, daß ich darum als mein Teil reicher,
gegenwärtiger werde, weiter zu mir erzogen an diesem mir
teilhaftigen Gebilde.",92

89 Henkel, Krug und frühe Erfahrung. a.a.O., S. 19.


90 ebenda, S. 11.
91 ebenda, S. 20.
92 ebenda, S. 18.

68
"Der alte Krug", so endet Blochs ungeduldig ausgreifen-
der, rückgreifender, vorgreifender Text im ,Geist der Utopie',
"hat nichts Künstlerisches an sich, aber mindestens so müß-
te ein Kunstwerk aussehen, um eines zu sein"93.
Was dem alten Krug innewohnt ist die Urvergessenheit:
eine Geschichte, die der Krug erzählen will, dies indessen
nur fragmentarisch kann, weil wir noch nicht (oder nicht
mehr) Krug sind, aber Krug sein wollen, nämlich bei uns, in
uns. Zugleich sind wir so unvollkommen wie der Krug, die-
sem Gebilde, das so fern jeglicher Glattheit gerade dadurch
ein fragendes ist. Das proletarisch Bäuerische schimmert in
dieser anti-bourgeoisen Ästhetik durch, gegen jegliche ein-
gerundet geschlossene Raffinesse, die sich selbst genug ist -
darin Brecht nahe, wenn auch in anderem ihm fern. 94
Der alte Krug ist eine ästhetische Chiffre und kraft des-
sen Zeichen seiner selbst wie eines Anderen. Das Andere
liegt außerhalb der ästhetischen Erfahrung und doch inner-
halb dieser, da eine menschliche Gemeinde antizipiert wird,
in der das ästhetisch Gemeinte nach Hause kommen, Hei-
mat finden kann. Blochs Wort von den ,melismatischen De-
peschen aus fernem Hauptquartier,95 zur Musik Gustav
Mahlers meint eben dieses: daß jene Welt noch nicht er-
schienen ist, in der diese Musik in Eigentlichkeit tönen,
erklingen könnte. Das gefiel auch Adorno, dem Denker des
Bilderverbots: zum Kunstwerk solchen Sinns gehört das
Undarstellbare, damit es nicht verdinglicht wird - es ver-
weist auf andere Spuren, ohne die Spur selber zum vollen-
deten Ausdruck zu heben. Der Versuch, die Erhabenheit als
Totale darzustellen, führt zur platten Idylle, gar zur Todes-
seite der Erhabenheit: so setzt die faschistisch besungene,
gemalte, beschriebene, gebaute, also dargestellte Erhaben-
heit allemal einen thanatischen Punkt.
Die ästhetische Chiffre wird zum ,Vor-Schein' (so die von
Bloch entdeckte und benannte Kategorie) einer besseren Welt
- nicht nur gegen die gegebene, sondern auch gegen waren-
ästhetisch verkantete Bilder einer falschen Erfüllungen in

93 Geist der Utopie. a.a.O., S. 19.


94 Die Differenz besteht dort, wo dies Gemeinsame bei Brecht zum
undialektischen Plebejerkult gerät - wie im Stück ,Die Verurteilung
des Lukullus': Lukullus wird im Zwischenreich der Toten gefragt,
welche Zeugen er zu seiner Entlastung rufen, welcher Taten er sich
rühmen könne. Er wünscht sich Alexander den G.roßen - König von
Makedonien und Schüler AristoteIes' - zum Zeugen seiner Verteidi-
gung. Vergebens: jener ist dem Gericht nicht bekannt.
95 Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 1284.

69
der eben falschen Gemeinde. So sagt in Brecht/Weills Sing-
spiel ,Mahagonny' der einfache Holzfäller aus Alaska, Jimmy
Mahoney, inmitten der vermeintlich blühenden Erfiillung des
kapitalistischen Betriebs: ,Aber etwas fehlt'.
,Der alte Krug hat nichts Künstlerisches an sich, aber
mindestens so müßte ein Kunstwerk aussehen, um eines zu
sein.' Der Krug teilt mit dem meisterhaften Kunstwerk das
Überzeitliche, er vergeht mit der Zeit nicht, kann gar in Art
einer Nachreife in eine Zeit heranwachsen, die ihm gemäß
ist, ihm gemäßer wird. Der Krug birgt in seiner bauchigen
Wölbung das Dunkel des ,bäurischen Tao' (wie es beispiel-
haft bei Jeremias Gotthelf zu finden ist), der gut gerichte-
ten, heimatgewordenen, heimatbildenden Ordnung eines
,richtigen Lebens im Richtigen'. Ein vergangenes Dunkel,
das zugleich Losung der Zukunft ist, indem es die bessere
Welt inmitten der schlechten anmahnt. Der Krug ist Arche-
type der Vergangenheit wie der Zukunft, er weist auf utopi-
sche, fragmentarische Ränder von etwas, was noch nicht er-
schienen ist und doch in der Welt ist, seiner Hebung bedarf.
Der Krug wird im Nach-Schein zum "Vor-Schein vom objek-
tiv noch Latenten in der Welt"96 und erlangt den Rang des
antizipierten Kunst-Seins, Kunst-Werdens: "Daher auch
vergeht das ,bedeutende' Werk mit der Zeit nicht, obwohl es
darin gesellschaftlich wurzelt und ihr zweifellos, doch nicht
auf erschöpfende Weise, ideologisch zugehört. Die großen
Kunstgebilde haben ihre Dauer und Größe gerade darin,
daß sie voll Vor-Schein, voll utopischer Bedeutungsländer
wirken."97 Zukunft in der Vergangenheit: der Krug enthält
eine Erinnerung an Eden, ohne die wir nicht ins Paradies
gelangen. Verwandten Sinns schreibt Ernst Fischer ,Es ist
der dialektische Widerspruch im Wesen der Phantasie, daß
sie nur als produktive Erinnerung Künftiges vorwegzuneh-
men vermag' und Bloch fragte im philosophischen Staunen
jedesmal ,Woher weiß er das von mir?', so er ein Buch vor
seiner Zeit las, das in seine Gegenwart schlug, dessen Ver-
gangenes ins Jetzt sprang.
Die Meisterwerke der Kunst sind ihrem Wesen nach
utopisch, das Utopische macht das Kunstwerk, so es eins
ist, zum Meisterwerk. Indem das Kunstwerk auf das Unab-
gegoltene weist und nicht in inwärtiger Vollkommenheit
sich selber genug ist, wird es zum Dokument der Transzen-
denz, zur Vorahnung einer Seinsfülle, die dem Menschen

96 Tübinger Einleitung in die Philosophie. a.a.O., S. 102.


97 ebenda, S. 100f.

70
zur eigentlichen Menschwerdung jenseits der Entfremdung
noch nicht gegeben ist.
Diese Vorahnung pulsiert im Meisterwerk, ihn meinend
und zugleich überstrahlend - gleichsam als ob ein Gemälde
mit dem vom Maler gesetzten Rand nicht endet, die Gren-
zen seines Rahmens transzendiert und in unser Diesseits
hineinragt, etwas glimmend Brennendes im Jetzt und Hier
berührt, aufrührt. Das Überdauernde des utopischen Ge-
halts, die auf den höchsten Augenblick des ,Verweile doch,
du bist so schön' gerichtete künstlerische Fernsicht, der ver-
schlungen weisende Sinn im Tagtraum der Kunst, der sich
immer neu offenbart, das ,Was sich nie und nimmer hat be-
geben, das allein veraltet nie', so es im Horizont des Gemein-
ten als objektiv-reale Weltmöglichkeit aufscheint - dies alles
gehört zum immerwährenden Adel des großen Kunstwerks,
zu seiner die Gegebenheiten sprengenden Wahrheit, einer
Wahrheit, die sich noch nicht erfüllt hat.
Damit ist der fundierende Gedanke benannt, der aller
ästhetischen Theorie vorangeht, sie unterströmt und baut:
die ,Ontologie des Noch-Nicht-Seins'. Durch die künstleri-
sche Erschaffung großer Werke manifestieren sich bedeu-
tungshaltige Zeichen des Noch-Nicht: in ihm ist die ,objekti-
ve Phantasie' aufgerufen, Bilder des Noch-Nicht-Geworde-
nen zu entwerfen, das ganz Andere zu antizipieren. Die gro-
ße Kunst hat ihre Größe darin, Vor-Schein dieses objektiv-
real Anderen zu sein.
,Bilder sind unser eigenes Auftauchen in einem anderen
Ort' schrieb Franz Marc. Das Diktum schlug bei Bloch kon-
genial ein, indem so dem Utopischen der Kunst ein ontologi-
scher Rang verliehen wurde, indem so die Phantasie, wie sie
in Kunst, Märchen, Mythos die Gestaltungen vorantreibt,
zum Vorboten eines Noch-Nicht erhoben wurde. Seine Phi-
losophie der unfertigen, noch nicht zu sich gekommenen
Welt sucht im Kunstwerk die Spuren auf, die zur noch aus-
stehenden, gelungenen Identität fUhren. Die philosophisch
kategorial gesetzte objektiv-reale Möglichkeit dieses Advent
ist, wie Hans Mayer eindenkend ausführt, der ästhetische
Grundzug der Philosophie Blochs überhaupt: "Ernst Bloch
konnte auf eine eigene ästhetische Theorie verzichten, weil
sein gesamtes Oeuvre im höchsten Verstande ein Denken
über menschliches Geschehen sub specie des Ästhetischen
repräsentiert. "98

98 Hans Mayer: Der Widerruf. Über Deutsche und Juden. Suhrkamp,


Frankfurt 1994. S. 242.

71
Die Kunst wird zum Exempel seines philosophisch
Gemeinten - als vorrangiges Medium zur Antizipation des
zu Realisierenden. Im ,Prinzip Hoffnung' wird im entschei-
denden Kapitel "Künstlerischer Schein als sichtbarer Vor-
Schein"gg das ästhetisch einbegriffene Werdenwollen grund-
legend um die Wahrheitsfrage zentriert, um das herauszu-
bringende Wesen der Sache:
"Die Frage nach der Wahrheit der Kunst wird philoso-
phisch die nach der gegebenenfalls vorhandenen Abbildlich-
keit des schönen Scheins, nach seinem Realitätsgrad in der
keineswegs einschichtigen Realität der Welt, nach dem Ort
seines Objekt-Korrelats. Utopie als Objektbestimmtheit, mit
dem Seinsgrad des Realmöglichen, erlangt so an dem schil-
lernden Kunstphänomen ein besonders reiches Problem der
Bewährung. Und die Antwort auf die ästhetische Wahr-
heitsfrage lautet: Künstlerischer Schein ist überall dort
nicht nur bloßer Schein, sondern eine in Bilder eingehüllte,
nur in Bildern bezeichenbare Bedeutung von Weitergetrie-
benem, wo die Exaggerierung und Ausfabelung einen im Be-
wegt-Vorhandenen selber umgehenden und bedeutenden Vor-
Schein von Wirklichem darstellen, einen gerade ästhetisch-
immanent spezifisch darstellbaren. Hier wird belichtet, was
gewohnter oder ungestumpfter Sinn noch kaum sieht, an
individuellen Vorgängen wie an gesellschaftlichen, wie an
naturhaften. Eben dadurch wird dieser Vor-Schein erlang-
bar, daß Kunst ihre Stoffe, in Gestalten, Situationen, Hand-
lungen, Landschaften zu Ende treibt, sie in Leid, Glück wie
Bedeutung zum ausgesagten Austrag bringt. Vor-Schein
selber ist dies Erlangbare dadurch, daß das Metier des Ans-
Ende-Treibens in dem dialektisch offenen Raum geschieht,
worin jeder Gegenstand ästhetisch dargestellt werden kann.
Ästhetisch dargestellt, das bedeutet: immanent-gelungener,
ausgestalteter, wesenhafter als im unmittelbar-sinnlichen
oder unmittelbar-historischen Vorkommen dieses Gegen-
stands. Diese Ausgestaltung bleibt auch als Vor-Schein
Schein, aber sie bleibt nicht Illusion; vielmehr alles im
Kunstbild Erscheinende ist zu einer Entschiedenheit hin
geschärft oder verdichtet, die die Erlebniswirklichkeit zwar
nur selten zeigt, die aber durchaus in den Sujets angelegt
ist."IOO

99 Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 242ff.


100 ebenda, S. 247f.

72
"Kunst ist Vorschein"IOI - darauf beharrt Bloch schafft
so ein ästhetisches Urteilsmaß, das er anhand der Chronik
des künstlerischen Scheins entfaltet, um schließlich das
Seine zu begründen und zu behaupten. Zur Chronik gehören
die empirischen Einwände gegen den ,goldenen Nebel der
Kunst', nach denen Kunst lllusion und Täuschung, letztlich
Lüge ist, da ohne Wahrheit: denn im grellen Licht der erfahr-
baren Tatsachenwelt vergilbt der schöne Schein der Kunst
und erweist sich als Blendwerk. Neben diesen Einwänden
stehen die rationalen, nach denen die künstlerischen Vor-
stellungen wissenschaftlich nicht diskutierbar sind und so-
mit die Wahrheit ihrer entraten kann. Die spirituellen und
religiösen Einwände wiederum sehen in der Kunst ein luzi-
ferisches Machwerk, das Götzendienste inszeniert statt dem
unsichtbaren Gott zu huldigen, der allein in Wahrheit ist.
Insbesondere die protestantisch-puritanische Kargheit wähnt
im Kunstschönen eine Buhlerin, die die Menschen vom rech-
ten Weg führt und ins Verderben treibt.
Die klassische Ästhetik hingegen, von Kant über Schil-
ler und Goethe bis Hegel, sieht im Kunstschönen nicht die
täuschende lllusion, sondern in ihm Schein und Wahrheit
miteinander verbunden: "Doch der Schein selbst ist dem We-
sen wesentlich, die Wahrheit wäre nicht, wenn sie nicht
schiene und erschiene, wenn sie nicht für Eines wäre. "102
Diese Wahrheit im Schein der Kunst ist für Bloch Voraus-
setzung für seinen utopischen Kunstbegriff, der sich gleich-
wohl durch das Hoffnungsprinzip von Hegels fertiggefügter
Wahrheit einer in der Vergangenheit gipfelnden Vollendung
der Kunst abhebt: solchermaßen anderen Orts ist "Kunst
für ihn nicht Widerschein einer metaphysisch bestimmten
Wahrheit und daher auch nicht nach der Seite ihrer höch-
sten Bestimmung für uns ein Vergangenes, sondern vor-
scheinende Gestaltung eines noch ausstehenden Gelingens
und damit Stimulans revolutionärer Praxis."l03
So ist Blochs ästhetischer Begriff dem Schillers näher,
für den der Schein sich kritisch zur schlechten Wirklichkeit
verhält und im Widerstreit mit dieser antizipiert, was noch
nicht ist. Sein konkret-utopischer Kunstbegriff übersteigt

101 Abschied von der Utopie? Vorträge (herausgegeben von Hanna


Gekle). Suhrkamp, Frankfurt 1980. S. 73.
102 G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik I. Suhrkamp, Frank-
furt 1970. S. 21.
103 Gerd Ueding: Blochs Ästhetik des Vor-Scheins. In: Ernst Bloch:
Ästhetik des Vor-Scheins 1 (herausgegeben von Gerd Ueding).
Suhrkamp, Frankfurt 1974. S. 22.

73
indessen Schillers Sicht der utopischen Funktion, er ist
mehr denn eine regulative Leitidee: indem im Schein das
objektiv-real Mögliche angelegt ist in Gestalt realisierbarer
Zukunft.
Die Verankerung der Phantasie, die das Kunstwerk
baue" , hat in der ,Ontologie des Noch-Nicht-Seins' eine spe-
kulative, also umherspähend-detektivische wie auch detek-
torische Art der Spurensuche zur Folge. Der Kunstfreund
ahnt im Kunstwerk das Kommende, ohne es ergreifen zu
können. Das ,Verweile doch' entschwindet, ohne im Hier
und Jetzt angekommen zu sein. Es sind dies hinweisende,
vor-weisende Zeichen des Neuen, die utopisch bewegen, und
nicht eine ausgemalte Ganzheit, die das Begonnene durch
solche Vollendung beendet. Die Nuance ist maßgebend, die
eine antizipierende Kunst von der programmatischen unter-
scheidet, ihre Utopie von der erstarrt leeren, ja zukunfts-
losen Vollkommenheit der Planung trennt.
Die Vollendung induziert ein vermeintlich Ganzes, des-
sen Symmetrie nicht zum Gelingen treibt und somit eine
falsche Erfüllung, ein leeres Arkadien entropischer Har-
monie vorspiegelt. Die ,fertige Gefülltheit', die ,abgerundete
Befriedigung ästhetischer Art' macht, daß der im Sujet ein-
gelagerte utopische Gehalt nicht durchscheinen kann, das
Kunstwerk von einer "Immanenz ohne sprengenden
Sprung'105 umgeben ist. Hingegen zeigt "alle große Kunst
das Wohlgefällige und Homogene ihres werkhaften Zusam-
menhangs überall dort gebrochen, aufgebrochen, vom eige-
nen Bildersturm aufgeblättert, wo die Immanenz nicht bis
zur formal-inhaltlichen Geschlossenheit getrieben ist, wo sie
sich selber als noch fragmenthaft gibt. Dort öffnet sich -
ganz unvergleichbar mit bloßer Zufälligkeit des Fragmen-
tarischen im vermeidbaren Sinn - noch ein Hohlraum sach-
licher, höchst sachlicher Art, mit ungerundeter Immanenz.
Und gerade darin zeigen die ästhetisch-utopischen Bedeu-
tungen des Schönen, gar Erhabenen, ihren Umgang.«l06
Die Hoffnungsdimension der Kunst verdämmert in der
ausgepinselten Breite des Vordergründigen und diesen Ver-
lust der utopischen Dynamik meinte Bloch, als er gegen
realsozialistische Entzauberungen und Erstarrungen oppo-

104 zur Bedeutung der Phantasie im Prozeß der Kunstschöpfung und


im Akt der Kunstrezeption siehe auch Günther K. Lehmanns in-
teressante Betrachtungen zur poetischen Hermeneutik: Phantasie
und künstlerische Arbeit (Aufbau, Berlin und Weimar 1976).
105 Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 25l.
106 ebenda. S. 252.

74
nierte, in denen sich der Sozialismus ,allzusehr von der
Utopie zur Wissenschaft entwickelte'. Diesen Verlust meinte
er, als er sich gegen Lukacs' Ästhetik wandte, deren fertig
gepackte ,Auskonstruiertheit' der Wirklichkeit kaum utopi-
sche Ränder zuließ. Bei Adorno wiederum wird Blochs mili-
tante Utopie selber Gegenstand einer ähnlich anmutenden
Kritik, nach der Blochs Spurensammlung, in statu nascendi
der Fährtensuche Walter Benjamins oder Georg Simmels
verwandt, schließlich zum ontologisierten Großbild über-
höht wird. 107
Die Kunst als genuiner Ort der Phantasie: an diesem
Ort sind die probierenden Entwürfe dessen, was noch nicht
ist, was uns noch nicht erschienen ist, im umfänglichen
Maße aufgrund der freien Bewegung im Material möglich.
Die Kunst vermag im eigenen Medium ohne die Schranken
des faktisch Gegebenen das Hoffen zu lehren - sie artiku-
liert und antizipiert, was in der Wirklichkeit als Realmög-
lichkeit nach vorn schwelt. Die Kunst ist imstande, kraft ih-
res entschiedenen Freiseins in ihren Einarbeitungen, Ver-
arbeitungen, Umarbeitungen zum Wesen des Gegenstands
vordringen und damit zu seinen Horizonten.
Sie wird so zum Experimentierfeld bedeutungsvoller
Bilder - durch sie kann das evoziert werden, was sozial
noch nicht eingelöst ist, was gesellschaftlich verhindert
wird, wovon wir noch keinen rechten Begriff haben. Diese
prospektivische Funktion der Phantasie steht gegen die
Unterwerfung der Kunst unter dem Diktat ihrer Nützlich-
keit und bedeutet stattdessen das einfühlende, erkennende
Ahnen der Menschen- und Weltmöglichkeiten, eine hin- und
umwendende Überschreitung des ,ehernen Gehäuse' der
entzauberten Welt.
Die Kunst im Sinne eines Experimentierfelds verleiht
ihr den Rang einer politischen Probierkunst (im Sinne des
von Hannah Arendt dekonstruierten, rekonstruierten Poli-
tikbegriffs: im Sinne einer verändernden Praxis). Daher sah
Bloch in Bertolt Brecht einen Wahlverwandten, auf dessen
Bühne ,Proben aufs Exempel' vorgefiihrt wurden, die auf
produktive, produzierende Weise unfertig waren und hier-
durch mit Blochs offenem System der Welt als Laborato-
rium möglichen Heils korrespondierten: "Kunst ist ein Labo-

107 beziehungsreich hierzu heißt der erste Band des Bloch·Lukacs-


Symposiums 1985 "Georg Lukacs - Ersehnte Totalität", der zweite
"Ernst Bloch - Utopische Ontologie" (heide herausgegeben von
Gvozden Flego und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik. Germinal,
Bochum 1986).

75
ratorium und ebenso ein Fest ausgeführter Möglichkeiten. u108
Der Versuchsraum Brechts entsprach so sehr der philosophi-
schen Werkstatt Blochs, daß dieser seinen in der ,Welt-
bühne' 1938 erschienenen Aufsatz zur Theatertheorie Brechts
(,Ein Leninist der Schaubühne') erweitert und umgearbeitet
im ,Prinzip Hoffnung' aufnahm109 : "Das Brechtsche Theater
beabsichtigt, eine Art von variierenden Herstellungsversu-
chen des richtigen Verhaltens zu sein. Oder was das gleiche
heißt: Ein Laboratorium von richtiger Theorie-Praxis im
kleinen, in Spielform, gleichsam im Bühnenfall zu sein, der
dem Ernstfall experimentierend unterlegt wird. "110
Die Wahlverwandtschaft zu Brecht wird vom durchge-
henden Motiv einer experimentierenden Welt geleitet, deren
Ankunft noch aussteht, einer vor-scheinenden Heimat, worin
noch niemand war. Dieses Sinns offenbart das Kunstwerk
den prozeßhaft offenen Reichtum einer künftigen Wirklich-
keit, einer wirklich möglichen Zukunft in Freiheit: "Überall
dort, wo Kunst sich nicht zur Illusion verspielt, ist Schön-
heit, gar Erhabenheit dasjenige, was eine Ahnung künftiger
Freiheit vermittelt. Oft gerundet, nie geschlossen: diese goe-
thische Lebensmaxime ist auch die der Kunst."m
Jene Offenbarung kommt in der Tiefenperspektive her-
vor, die in Werken der Kunst eingelagert ist. Die nicht aus-
gemalte Tiefe im Kunstwerk stimmt die Vision auf das
mögliche Ganze an, ruft ein gerichtetes Schweben auf etwas
hin ans Licht: auf ein Etwas, das fehlt und aus dieser Tiefe
uns ruft - auch hier in Art der ,melismatischen Depeschen
aus fernem Hauptquartier' bei Gustav Mahler: "Sein letztes
Wort geht, als ,Lied von der Erde', mit unaufgelöstem Vor-
halt in ein unermessenes Ewig, ewig.,,112
Die Tiefenperspektive überspannt Wirklichkeit und
Möglichkeit, das Jetzt und das Noch-Nicht und konturiert
so das Ungleichzeitige dieser Sphären. Diese Ungleichzeitig-
keit ist mehr als ein temporales Phänomen, sie ist eine Kate-
gorie des uneingelösten, im Vergangenen eingekapselten

108 Ernst Bloch: Ästhetik des Vor-Scheins 1. a.a.O., S. 249.


109 In: ,Die Schaubühne, als paradigmatische Anstalt betrachtet, und
die Entscheidung in ihr' (Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 478ff.).
Siehe auch Erdmut Wizisla: Ernst Bloch und Bertolt Brecht. Neue
Dokumente ihrer Beziehung. In: Bloch-Almanach. 10. Folge 1990.
Nomos, Baden-Baden 1990. S. 95f.
110 Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 482.
111 ebenda, S. 250.
112 ebenda, S. 1284.

76
,Traums von einer künftigen Sache', des Weltfriedens einer
entdinglichten Menschheit.
Die Kategorie der Ungleichzeitigkeit eröffnet eine arka-
dische Tiefendimension, die einen utopisch offenen Fern-
blick bietet: "Aufschlußreich ist das jeweils spezifische Ver-
hältnis zwischen Breite und Tiefe, das den realisierten Ver-
mittlungen zugrunde liegt. Es gibt zunächst einmal keine
realistisch dargestellte Landschaft ohne Tiefe, das heißt ohne
Perspektive. Mit der Entdeckung der Perspektive wird die
Tiefe zum Ausdruck der Ungleichzeitigkeit, und sie ver-
anschaulicht das problematische Verhältnis zwischen dem
Menschen und seiner ,Naturumgebung': Es entsteht die
Spannung zwischen dem Vordergrund und dem Hinter-
grund. Darüberhinaus deutet auch die Tiefe auf eine ande-
re, noch nicht seiende Welt hin. Breite und Tiefe vereinigen
sich in solchen Bildern zu einer Synthese, während in ande-
ren Breite und Tiefe diskrepant bleiben, in einem span-
nungsvollen Verhältnis zueinander stehen. ulla
Das Meisterwerk intoniert eine Wahrheit der Zukunft,
die den Dingen innewohnt, indes - vom Dunkel des unver-
mittelten Augenblicks umgeben - noch verhüllt ist und erst
durch Hebung und Drehung im künstlerischen Prozeß ans
Licht kommt. Insofern ist Meisterkunst eine hervorbringen-
de Kunst, die das einwohnende Inwendige ihres Gegen-
stands auswendig macht, das in ihm Verborgene aus der
Tiefe eines noch unentdeckten Seins an die Oberfläche
bringt. Dieses kommt treffend dort zum Ausdruck, wo die
Natur der Stoff jener Hebammenkunst ist: sie durchströmt
den Künstler, der die Wahrnehmungen transformiert zu einer
weiteren Wahrheit, die der Natur ,an sich' nicht gegeben ist.
Die Potenz des künstlerischen Subjekts schafft so ein Na-
turbild, das tiefere Schichten des Naturstoffs zum Ausdruck
bringt, ästhetische ,Auszugsgestalten des Gelungensein' im
naturhaft Gemeinten darstellt. Der Künstler überschreitet
das Gebiet des umweglos Sichtbaren, durchbricht die dingli-
chen Hüllen und taucht ein in das Wesen seines Stoffs, das
sich mit ihm, durch ihn entwickelt und solchermaßen voran-
getrieben zu sich kommt. Seine Kunst ist es, die das vorder-
gründig Gegebene überquert und eine andere Wahrheit
sucht als jene, die die oberste Naturschicht den Sinnen bie-
tet. Somit transformiert der Künstler werktätig die sich ihm
bietende Natur zur utopischen Leitidee, in der arkadisch

113 Gerard Raulet: Natur und Ornament - Zur Erzeugung von Hei-
mat. Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1987. S. 15f.

77
gelungene, gelingende Spuren der Zukunft antizipiert wer-
den. Dieses Sinns mag ein Landschaftsbild Cezannes mo-
dellhaft das Gebiet einer unentfremdeten menschlichen
Gemeinschaft zum Ausdruck bringen - indem es sagt, daß
die Gemeinde in ihrer tätigen Ruhe so aussehen könnte,
wäre ihre Ökonomie vom beherrschenden Profitkalkül be-
freit.
Der ,Traum nach vorwärts', der Traum von einer Sache,
die noch nicht herausgebracht ist, aber als heraufkommen-
de, heraufzukommende Möglichkeit antizipiert werden kann,
ist durch Bloch ein Sprengstoff der Realität. Der Musik
kommt hierbei erstrangige Bedeutung zu: ist sie doch ein
Medium, in dem Erwartungshaltungen unentwegt schwin-
gen und solcherart zu ihrem Wesen gehören, ist sie doch eine
Zeitkunst mit einer dynamischen wie auch innehaltenden
Unmittelbarkeit der Wirkung, die den anderen Künsten
vergleichsweise fehlt.
Bloch kam es darauf an, die Geschichte und die Theorie
der Musik philosophisch-werkanalytisch zu transzendieren
und dadurch ihren Gehalt freizulegen. Die wie keine andere
im weitesten Sinn mehrstimmige Kunst wird durchgemu-
stert und auf ihren utopischen Überschuß hin abgeklopft,
um im seltsam beredten Dunkel der Musik, um in den ,offe-
nen Intensitätsräumen der Tonsphären' den ,Blick auf die
gleichsam in den Fenstern des Werks liegenden Bedeu-
tungsländer zu werfen'. Seine musikästhetische Konzeption
erzeugt ein neuartiges Sprechen über Musik, ohne daß über
sie hinweggeredet würde, ist eine spekulative Wendung zum
Versuch hin, aus dem Geist der Musik zu philosophieren,
denn die immanente Substanz der musikalischen Realität
verlangt das Aufgeben einer nur rezeptiven Haltung: indem
wir zuhören, brennen auch wir.
Von allen Künsten also nimmt die Musik in Blochs Philo-
sophie eine zentrale Stellung ein: "Kunst ist Vor-Schein ...
vor allen Dingen in Musik, wo ein Ungestaltetes trotzdem
gestaltet herandrängt.u 1l4 Zum Verstehen der utopischen
Werkgestalt kann nicht genügend bedacht werden, wie
musikgeleitet er schrieb (hierin Ingeborg Bachmann ähn-
lich), wie sehr das antizipierende Bewußtsein von Musik ge-
tragen und durchdrungen wurde, wie beharrlich sein Can-
tus firmus der gelehrten Hoffnung die polyphone philosophi-
sche Partitur durchzog - sowohl in den einzelnen Exkursio-
nen im noch unbekannten Land der Hoffnung als auch im

114 Abschied von der Utopie? a.a.O., S. 73f.

78
Gesamtbau des Werks. In solchem musikalischen Sinn
kehrt die erste Auflage des ,Geist der Utopie' am Ende der
Gesamtausgabe wieder: als letzter Band, als Thema des An-
fangs, das den Schlußakkord setzt und zugleich aufhebt. Die
Werkkomposition folgt auch hier der goethischen Maxime:
gerundet, ohne geschlossen zu sein.
In diesem ersten Hauptwerk ,Geist der Utopie', das
keimhaft die künftigen Wege legte, dessen "revolutionäre
Romantik im ,Prinzip Hoffnung' Maß und Bestimmung"ll5
fand, wird die Theorie und Ästhetik der Musik, wird die
,Philosophie der Musik' dem immer wiederkehrenden Ziel-
motiv der ,Selbstbegegnung' gewidmet. Am Horizont der
Musik zeichnet sich die Möglichkeit ab, in zunehmender ex-
pressiver Bestimmtheit mit der Selbstbegegnung des Men-
schen auf einen gemeinsamen Punkt aufzutreffen, der bis-
her nur als Vor-Schein, als erfiillter ästhetischer Augenblick
gleichsam stellvertretend für die uns Menschen immanente
Sehnsucht nach Identität künstlerisch darstellbar ist. Die
Selbstbegegnung ist die visionierte prinzipielle Emanzi-
pationsbewegung im neuen, erfiillten Leben, das epochal
anbrechen soll: incipit vita nova.
Die Musik, ihre immanente Kraft als Botschaft sui gene-
ris, bildet den Urgrund dieses Motivs zum "Durchbruch aus
dem Irrtum der Weltu1l6 - aus einer Welt, die in der Zeit um
den 1. Weltkrieg verdüstert und sinnlos dahindämmerte
und über die er damals so befand: »Was jetzt war, wird wohl
bald vergessen sein. Nur eine leere, grausige Erinnerung
bleibt in der Luft stehen. ull7
Blochs spekulative Ästhetik enthüllt das Erträumte im
Werk, durch sie schlägt die musikalische Substanz ins Dies-
seits. Er erfuhr dies an Beethovens ,Fidelio' - einem Werk,
dessen Bedeutungen ihn sein ganzes Leben begleiteten, gip-
felnd in der sprengenden utopischen Gewalt des Trompe-
tensignals, das in den Kerker Florestans hineintönt. Was
ihn ergriff, war der künstlerische Vor-Schein einer konkre-
ten Utopie im Bilde des erfiillten Augenblicks. Das Trompe-
tensignal wird für Bloch zur transzendierenden Botschaft,
zum Vor-Schein künftiger Freiheit überhaupt: genau in dem
Augenblick, da Leonore die Pistole gegen Pizzaro richtet,
ertönt von oben jene Fanfare, die zwar zu seiner Warnung
die Ankunft des Ministers ankündigen soll, aber weit mehr

115 Nachbemerkung (1963). In: Geist der Utopie. a.a.O., S. 347.


116 Geist der Utopie. a.a.O., S. 13.
117 ebenda, S. 11.

79
meint - nämlich als ,tuba mirum spargens sonum die An-
kunft des Messias,1l8.
Diese Stelle ist ein Modellfall für Blochs Philosophieren,
fiir die von ihm entwickelte Kategorie des Noch-Nicht als
Grundanlaß des Philosophierens überhaupt. Kein Zufall,
daß Beethoven hierfiir zur Zentralgestalt wurde, denn mit
seiner Musik wird ein neues Kapitel in der Musikgeschichte
aufgeschlagen. Bloch nennt dies die ,luziferisch prome-
theische Klangschicht', die mit der Geburt der Sonate in die
Welt kommt: als künstlerische Ereignisform schlechthin, in
der ein stets auf Zukunft gestellter Ton angeschlagen wird -
ein Ton, der ,gleichzeitig ladet und zielt'.
Der Vor-Schein im bedeutenden Kunstwerk überschrei-
tet das Gegebene - mit innerweltlichem Bogen zur diesseiti-
gen Wirklichkeit, zum irdischen Jammertal, der den Grund
des utopischen Denkens bildet. "Der Vorschein bleibt, zum
Unterschied vom religiösen, bei allem Transzendieren imma-
nent,,1l9: anders als beim Vortraum der Religion bedarf der
Vortraum der Kunst nicht der ,visio haeretica', der subver-
siven Hermeneutik, die das biblische Wort enttheokratisie-
rend quer liest, um das Gelobte Land auf Erden heranzufor-
dem und nicht im Jenseits: "Hat die Bibel doch auch nur in-
soweit und dadurch Zukunft, daß sie mit dieser Zukunft oh-
ne Transzendenz transzendiert. ,,120
Das Kunstwerk ist mithin kraft seiner ästhetischen
Potenz ein auf Immanenz gerichtetes ,Transzendieren ohne
Transzendenz' - das gemalte, gedichtete, komponierte, gehau-
ene Bild eröffnet einen Kosmos unerfiillter Vorträume des
Eschaton der Geschichte und verschränkt diese mit der
menschlichen Praxis im Diesseits, es formt eine Chronik des
Zeitalters und intoniert zugleich seinen utopischen Über-
schuß: "Dergestalt lautet die Losung des ästhetisch versuch-
ten Vor-Scheins: wie könnte die Welt vollendet werden, ohne
daß diese Welt, wie im christlich-religiösen Vor-Schein, ge·
sprengt wird und apokalyptisch verschwindet.,,121 Die seh-
nende Ahnung im künstlerischen Schaffen drängt auf eine
neue Lösung des unerfiillten Wir-Problems der Welt - auf
das, worauf unentwegt zu insistieren ist: auf das, was "allen
in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Hei-
ma. t ,,122

118 Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 1295ff.


119 ebenda, S. 248.
120 Atheismus im Christentum. Suhrkamp, Frankfurt 1968. S. 111.
121 Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 248.
122 ebenda, S. 1628.

80
Das künstlerische Schaffen will gestalten, und zwar
nach den Maßgaben der Schönheit: "Das Tier", so Marx in den
»Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten", "Das Tier for-
miert nur nach dem Maß und dem Bedürfnis der species,
der es angehört, während der Mensch nach dem Maß jeder
species zu produzieren weiß und überall das inhärente Maß
dem Gegenstand anzulegen weiß; der Mensch formiert da-
her auch nach den Gesetzen der Schönheit. Eben in der Bear-
beitung der gegenständlichen Welt bewährt sich der Mensch
daher erst wirklich als ein Gattungswesen. Diese Produktion
ist sein werktätiges Gattungsleben. Durch sie erscheint die
Natur als sein Werk und seine Wirklichkeit."123
Herbert Marcuse verstand diesen Passus als eine Ästhe-
tik der Befreiung und die Schönheit als eine Form der Frei-
heit. Er erkannte im ästhetischen Vermögen nicht nur die
kulturspezifische Dimension, sondern auch ein »inhärentes
menschliches Maß" gegen Gewalttätigkeit, Grausamkeit
und Brutalität - ein Maß, das als antizipierte ethische Kate-
gorie die Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft leiten
soll: »In scharfem Gegensatz zur kapitalistischen Ausbeu-
tung der Natur wäre ihre »menschliche Aneignung" gewalt-
los, nicht zerstörerisch: orientiert an den der Natur inne-
wohnenden lebenssteigernden, sinnlichen, ästhetischen
Qualitäten."l24
Ein verwandtes inhärentes Maß ist auf der Jahrestagung
1990 der Ernst-Bloch-Gesellschaft ~ufrechter Gang auf be-
wohnbarer Erde" zum Problem »Rechte der Natur" erörtet
worden. Eine Fragelinie betraf das Ende der Gewalttätig-
keit, Grausamkeit und Brutalität in der menschlichen An-
eignung der Natur durch die Anerkennung der Rechtssub-
jektivität der Natur, eines Rechts der Natur »um ihrer selbst
willen".125 Das ist nun, solange Tiere und Pflanzen verzehrt
werden, gewiß unerfiillbar. Für synthetische Nahrungsmit-
tel (die Konsequenz eines universellen Tier- und Pfanzen-
schutzes) würden sich weder links noch rechts, weder oben
noch unten Mehrheiten finden lassen. Insofern hat die
menschliche Naturaneignung den Vorrang - was aber nicht

123 Karl Marx: Texte zu Methode und Praxis 11. Pariser Manuskripte
1844. Rowohlt, Reinbek 1966. S. 57.
124 Herbert Marcuse: Natur und Revolution. In: Konterrevolution und
Revolte. Frankfurt 1973. S. 81.
125 Jan Robert Bloch: Vertragsfähigkeit der Natur? In: Aufrechter
Gang auf bewohnbarer Erde. Zur Philosophie und Politik der
Menschenrechte. Jb. der Ernst-Bloch-Gesellschaft, Ludwigshafen
1991.

81
heißt, daß die ,Als-ob-Kategorie' einer Natursubjektivität
und somit ihre Rechtsfiihigkeit als Korrektiv in Gestalt eines
reflexiven Bedenkens des gesellschaftlichen Handeins ihre
Bedeutung verlöre. Im Gegenteil: Eben dieses Bedenken
steht gegen den bedenkenlosen Stoffwechsel mit der Natur
unter der Leitidee des Profits. Mit der hypothetischen Sub-
jektivität der Natur wird eine ,regulative Idee der menschli-
chen Vernunft' gewonnen, nach der zwar in der gegenwärti-
gen Welt die Solidarität unter den Menschen Vorrang hätte,
die indessen immer verschwistert wäre mit einer N atur-
aneignung nach Maßgabe der Natur als Spenderin not-wen-
diger Gebrauchsgüter und nicht nach den Vorgaben der poli-
tischen Ökonomie.
Die ,Als-ob-Kategorie' überschreitet das Gegebene und
enthält in Gestalt eines Vorscheins menschen- und natur-
würdiger Beziehungen den Stachel des Aufbegehrens gegen
das, was ist, gegen das, wie es ist. Die Kategorie ähnelt
darin der Rolle des Kunstwerks, das einen Schein des mögli-
chen guten Seins wirft: die Kunst erschließt n'" eine andere
Dimension der bestehenden Wirklichkeit: die der möglichen
Befreiung. Das ist freilich Schein, aber ein Schein, worin
sich eine neue Wirklichkeit kundtut. Dies geschieht nur, so-
fern Kunst von sich aus Schein sein will: lieber eine un-
wirkliche Welt als die bestehende. Und in eben dieser Trans-
figuration bewahrt und transzendiert Kunst ihren Klassen-
charakter - transzendiert ihn nicht in Richtung auf ein
Reich bloßer Fiktion und Phantasie, sondern auf ein Uni-
versum konkreter Möglichkeiten.,,126
Gestaltung der gegenständlichen Welt ,nach den Geset-
zen der Schönheit' ist bei Marx, wie Marcuse betone27 , ein
spezifisches Merkmal freier menschlicher Praxis: "Ästheti-
sche Qualitäten sind wesentlich gewaltlos, nicht herrschaft-
lich .. ,. Die Revolution würde diese Unterdrückung beseiti-
gen und die ästhetischen Bedürfnisse neu als subversive
Kraft mobilisieren, die imstande ist, der herrschenden Ag-
gressivität entgegenzuwirken, die das gesellschaftliche und
natürliche Universum geformt hat."128
Die Naturdinge erhielten mit der Entwicklung der bür-
gerlichen Epoche, mit der Trennung von Politik und Wirt-
schaft, mit der Trennung von Lebenswelt und Systemwelt
ein zwiefaches Maß. Das zwiefache Maß betrifft das Quali-

126 Herbert Marcuse: Natur und Revolution. In: Konterrevolution und


Revolte. a.a.O., 104.
127 ebenda, S. 90.
128 ebenda.

82
tative zum einen, das Quantitative zum anderen. ,Weiß ich
was ein Reis ist', singt Brecht im ,Lied vom Reishändler', ,ich
kenne nur seinen Preis.' Das ästhetisch-qualitative Maß wich
mit der Entwicklung der Warengesellschaft dem numerisch-
quantitativen, wodurch qualitativ völlig verschiedene Dinge,
wie etwa ein Kanarienvogel und ein Museumskatalog, ein
Teppich und ein Photoapparat, eine Stunde Arbeitskraft
und eine Schallplatte über ein Drittes, das monetäre Maß
Geld, in eine Gleichheitsbeziehung gebracht werden konn-
ten.
Wäre der Reis keine Ware, so gäbe es den Reishändler
nicht. Wäre die menschliche Arbeitskraft keine Ware, so gäbe
es den Kapitalismus nicht. Insofern wäre die Transforma-
tion des Reises zu einem qualitativen und konkreten Stoff
(durch das Warengesetz wird er ja zu einem numerisch-quan-
titativ abstrakten) bereits eine revolutionäre Tat - mitsamt
der damit verschränkten, die Transformation begleitende
wie sie voraussetzende Befreiung der menschlichen Poten-
zen vom ökonomischen Diktat. Die vollzogene Verwandlung,
Rückwandlung der Ware Reis und der Lohnarbeit zu Reis
und Mensch, womit ihre Verdinglichung aufKehoben wäre,
bildeten letztlich das Resultat der Revolution. 9
,Qualität' ist angesichts der Folgen umgreifend quanti-
fizierter Relationen eine politische Kategorie des Wider-
stands gegen die Unterwerfung der Natur: "Vergewaltigung
und Unterdrückung bedeuten hier, daß menschliches Han-
deln gegenüber der Natur, die Wechselbeziehung zwischen
Mensch und Natur, bestimmte objektive Qualitäten der Na-
tur verletzt - Qualitäten, die für die Steigerung und Erfül-
lung des Lebens wesentlich sind. Auf diesem objektiven
Boden ist die Befreiung des Menschen für seine humanen
Fähigkeiten untrennbar verknüpft mit der Befreiung der
Natur - auf ihm kann der Natur ,Wahrheit' nicht nur im
mathematischen, sondern auch existentiellen Sinn zuge-
schrieben werden. Die menschliche Emanzipation erfordert
die Anerkennung einer solchen Wahrheit in den Dingen, in
der Natur.,,13o
Von den Grundbezügen der wissenschaftlichen Entwick-
lung vor der Entfaltung der warengesellschaftlichen Moder-

129 Lucien Goldmann betrachtet die Verdinglichung als "Ersetzung


des Qualitativen durch das Quantitative, des Konkreten durch das
Abstrakte." (Dialektische Untersuchungen. Luchterhand, Neu-
wied und Berlin 1966. S. 104).
130 Herbert Marcuse: Natur und Revolution. In: Konterrevolution und
Revolte. a.a.O., S. 84.

83
ne war ursächlich allein die Ästhetik in der Lage, quanti-
fizierbare Gröpen zu liefern. So findet in der ,Weltharmonik'
Keplers die göttliche Ordnung ihren ästhetischen Ausdruck
geometrisch: im Kreis als Figur der Vollkommenheit. In
seiner Himmelsmechanik wird die Pythagoreische Harmo-
nie zur sphärischen Vollendung im All, zum mehrstimmigen
Tongefüge des Schöpfers.
Keplers mathematische Astronomie hat zum Baugrund
sowohl die göttliche Ordnung wie die Empirie der Welter-
fahrung, stets jedoch mit dem Primat des Schöpfers: indem
allein die göttlich-harmonische Spekulation zum wahren
Ergebnis führen kann. Die Erfüllung jener Ordnung steht
höher als die Empirie, diesesfalls die Meßerfahrung Tycho
de Brahes. Daher konnte das 1. Keplersche Gesetz (Die Pla-
neten bewegen sich auf Ellipsen, in deren einem Brenn-
punkt die Sonne steht) erst auf einem biblischen Umweg
formuliert werden: "So gibt er schließlich erst nach hartem
Kampf die Annahme auf, die Planeten bewegten sich auf der
vollkommensten, der Kreisbahn, als ihn die Messungen
Tycho de Brahes, den Umlauf des Mars betreffend, dazu
zwangen. Allerdings nur so, daß er den Sündenfall in die
Natur einfuhrt und deswegen die tiefer stehende, doch im-
merhin nächstvollkommene Bahn, nämlich die ElliI>se den in
Adams Sündenfall geratenen Planeten zuschreibt."131
Aus dem Beispiel Kepler erhellt, daß (anders als beim
Zeitgenossen Galilei) sich die Himmelsgeometrie in mathe-
matische Proportionen gliedert. Die ebenmäßige Vernunft
des Weltalls steht zwischen dem Bild einer zügellosen,
bacchantischen ,Natur des Außersichseins' (Hege!) und der
frühbürgerlichen Askese Galileis, in der sich die Ästhetik
der mathematisch-musikalischen Harmonie in eine nume-
risch-quantitative ,Ästhetik der Moderne' verwandelt, in der
sich die himmlischen Proportionen in Bewegungsgleichun-
gen auflösen. Die naturphilosophischen ,Eierschalen' in
Keplers Idealbildern des Weltakkords weichen dem sich an-
kündigenden ,Buch der Natur', das fortan in Zahlen und
Größen geschrieben wird. Dieses Buch freilich hat außer der
Äquivalenz zweier Seiten einer Gleichung, dem Gerüst der
bürgerlichen Wirtschaft, das ästhetische Leitmotiv ,simplex
sigillum veri', das Einfache ist das Zeichen des Wahren, in
sich: mithin eine Schönheit anderer Art.

131 Ernst Bloch: Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Philoso-


phie. Band 2. Suhrkamp, Frankfurt 1985. S. 217.

84
Es stehen sich somit zwei Zahlensysteme und damit
Maße gegenüber: ein qualitativ proportionales und ein quan-
titativ numerisches, das indessen durchaus auch Qualitatives
auszusagen vermag. Genese und Kategorien beider Maßsy-
steme sind unterschiedlich: bei der Proportionalität fragen
wir nach der ,eingeborenen' Maßidee, die ein ästhetisches
Vermögen in uns eröffuet (zur ,ebenmäßigen Vernunft des
Weltalls' bei Kepler etwa), bei der Gleichung nach dem
,ersten gesellschaftlichen Beweger', der qualitativ Unglei-
ches numerisch gleichsetzt, der zum ,Geld, der baren Münze
des Apriori,132 führt.
In der Wissenschaftsgeschichte wird beim Übergang
vom Mittelalter zur beginnenden Neuzeit eine ,urkommuni-
stische' Mathematik vom bürgerlichen Kalkül abgelöst, kon-
kret-qualitative Beziehungsrelationen von abstrakt-numeri-
schen Austauschbarkeitsformen. Es sind die Proportiona-
lität als Ausdruck qualitativer Harmonie zum einen und die
Gleichung als Ausdruck formal-abstrakter Identität zum
anderen nicht nur Indikatoren gesellschaftlicher Beziehun-
gen, sondern deren Wesensmerkmale. Das quantitativ-nume-
rische Zahlenslstem wird in der Erkenntnistheorie Alfred
Sohn-Rethels 13 , in der der homologe und stringente Zusam-
menhang zwischen Warenform und Denkform aufgewiesen
wird (der geldvermittelte Tausch von Äquivalenten ist eine
Abstraktionsleistung, die für das Bewußtsein konstitutiv
ist)l34 oder in den Untersuchungen RudolfWalter Müllers 135
zur Entstehung des theoretischen Bewußtseins auf der
Grundlage der sich entwickelnden Warentauschgesellschaft,
historisch-materialistisch analysiert: Die quantitativ-nume-
rische, formal-logische und universal-gültige Erkenntniswei-
se, das abstrakte Denken schlechthin, ist keine ,natürliche'
Form menschlichen Denkens, sondern Produkt seiner Ge-
schichte: die Abstraktion korreliert mit der Abstraktheit der
Warengesellschaft. Wie Susan Buck-Morss ausführt, ver-
suchte Georg Lukacs in ,Geschichte und Klassenbewußt-

132 Alfred Sohn-Rethel: Das Geld, die bare Münze des Apriori. Wa-
genbach, Berlin 1990.
133 Alfred Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit. Zur Theorie
der gesellschaftlichen Synthesis. Suhrkamp, Frankfurt 1972.
134 wenngleich die Abstraktion die Syntax der industriellen Produk-
tion und der Wissenschaft in der Moderne ist, prägt demnach die
Sphäre der Distribution das Bewußtsein und nicht jene der Pro-
duktion.
135 RudolfWalter Müller: Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte
von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike. Cam-
pus, FrankfurtJNew York 1977.

85
sein,l36 zu zeigen, "daß es eine strukturelle Identität zwi-
schen Geist und Gesellschaft gab und daß die logische
Struktur des abstrakten Formalismus - weit davon entfernt
universell zu sein - selbst das Produkt der Geschichte ist,
daß die Form der Erkenntnis selbst sozialer Inhalt ist. "137
Gleichwohl ermöglicht die aus der empirischen Erfah-
rung im Umgang mit der Natur hervorgehende Abstraktion
ein reicheres, tieferes Verständnis der gesetzmäßigen Natur-
zusammenhängel36, wobei zugleich die Abstraktion mit einer
Entsinnlichung der Naturmaterie einhergeht: "In Baco, als
seinem ersten Schöpfer, birgt der Materialismus noch auf
eine naive Weise die Keime einer allseitigen Entwicklung in
sich. Die Materie lacht in poetisch-sinnlichem Glanze den
ganzen Menschen an.... In seiner Fortentwicklung wird der
Materialismus einseitig. ... Die Sinnlichkeit verliert ihre
Blume und wird zur abstrakten Sinnlichkeit des Geome-
t ers. "139
Aus diesem Doppelcharakter erhellt, daß die Abstrak-
tion zum einen Sektoren der Natur in die menschliche Er-
kenntniswelt hineinhole40 (und dadurch produktiver Teil
einer Naturhermeneutik ist, die verhüllte Zusammenhänge
ans Licht bringt), daß aber zum anderen dieses Entbergen
seinen Preis hat - sofern die Abstraktion in eine formale
Syntax transponiert wird und allein das Feld besetzt, sie die

136 Georg Lukacs: Geschichte und Klassenbewußtsein. Luchterhand,


Neuwied und Berlin 1968.
137 Susan Buck-Morss: Sozio-ökonomische Verzerrungen in Piagets
Theorie und ihre Implikationen für interkulturell vergleichende
Untersuchungen. In: Klaus F. Riegel (Hrsg.): Zur Ontogenese dia-
lektischer Operationen. Suhrkamp, Frankfurt 1978. S. 56f.
138 .Die Abstraktion der Materie, des Naturgesetzes, die Abstraktion
des Wertes usw., mit einem Wort alle wissenschaftlichen (richti-
gen, ernst zu nehmenden, nicht unsinnigen) Abstraktionen spie-
geln die Natur tiefer, richtiger, vollständiger wider." (Wladimir 11-
jitsch Lenin: Philosophische Hefte. LW Band 38. Dietz, Berlin
1981. S. 160).
139 Friedrich Engels/Karl Marx: Die Heilige Familie. Dietz, Berlin
1973. S. 135.
140 .Eine gelungene menschliche Abstraktion, die aus der vom Natur-
prozeß geschaffenen Komplexität einzelne Gesetzmäßigkeiten her-
auslöst, ist keineswegs willkürlich. Immer wenn der Abstraktions-
vorgang experimentell bestätigt wird, wenn Konstruktion auf sei-
ner Grundlage möglich ist, kann man sicher sein, daß eine wirkli-
che Potenz durch ihn getroffen wurde." (Willfried Maier: Produk-
tion nach Gesetzen der Schönheit. In: Kommune 2, Frankfurt
1985. S. 46).

86
Sinnenwelt und somit die allseitige Entfaltung des Men-
schen verdrängt.
In der Abstraktion steckt also nicht nur die Entkleidung
der Natur von ihren Qualitäten (Chemie etwa ist dann nicht
mehr eine Stoflkunde mit allen durch die Sinnesorgane wahr-
nehmbaren Qualitäten, sondern wird letztlich zum Ensemble
verwickelter logischer Strukturen), sondern die Gewinnung
einer produktiven wie auch ästhetischen Qualität: indem die
inhaltliche Abstraktion wesentliche Naturzusammenhänge
zum Ausdruck bringt.
Unter inhaltlicher Abstraktion ist die begriffiiche Her-
vorbringung der Wesenszüge einer Sache zu verstehen,
unter formaler Abstraktion die Einebnung der Besonder-
heiten unter einen quantitativ-numerischen Begriff in Ge-
stalt eines gemeinsamen Nenners (die naturwissenschaft-
lich-technische Intersubjektivität wird dadurch erst ermög-
licht und synthetisiert), der dann notwendig ein kleiner
wird. Die Abstraktion fUhrt überdies nicht nur zur Auflö-
sung qualitativer Wesensmerkmale eines Dings oder eines
Zusammenhangs, sondern auch zum Verlust der Entste-
hungsgeschichte - wie bei einer Ware, die auf dem Markt
auftritt als ein Gegenstand, bei dem die Prozesse seiner
Herstellung verhüllt werden.
Ursprünglich war, wie eingangs angefUhrt, allein das
ästhetische Vermögen in der Lage, quantitative Beziehun-
gen zu zeitigen, die wiederum zur gesetzeshaften Grundlage
des technisch-künstlerischen Gestaltens wurden. Die Glei-
chung hingegen - das durch die bürgerliche Verkehrsform
erzeugte Destillat aus den harmonischen Proportionen von
ehedem - enthält zunehmend weniger ästhetische Potentia-
lität. Das Produzieren nach dem bloß numerisch-quantitati-
ven Maß dieses Destillats und die damit einhergehende
wachsende Verbannung der Schönheit, wie etwa beim beto-
nierten Städtebau, hat das Bedürfnis zur Gestaltung nach
den Gesetzen der Schönheit immer dringender erzeugt.
Unter dem Diktat der Physikalisierung der Mensch-
Natur-Beziehung in Gestalt der großen Maschinerie tritt
das menschliche Vermögen, das Ensemble seiner Sinnes-
organe zu benutzen, zurück - und mit ihm die Fähigkeit zur
ästhetischen Wahrnehmung und Differenzierung. Dieser
Prozeß der Enteignung verläuft entlang einer zwiefachen
Spirale: mit dem Formieren unter Mißachtung der Schön-
heit werden immer weniger Dinge hervorgebracht, die das
ästhetische Vermögen schärfen und weiterbilden könnten.
Die Instanz also, die aufgerufen wäre, im Sinne Marcuses

87
als "inhärentes menschliches Maß" subversiv zu wirken,
wird in der fortdauernden Begegnung mit einer eingeebneten
und ästhetisch verarmten Objektwelt an diese eingewöhnt
und verkümmert.
Das Erhabene treibt nach Kant die menschliche Ver-
nunft über die Grenzen des empirisch Erkennbaren hinaus,
womit die Naturästhetik vom Bann der mathematischen
Vernunft befreit wird. Wie steht es unterdessen - angesichts
der Wechselbeziehung zwischen Naturverarmung und damit
einhergehender Sinnesverarmung des Menschen - um die
Fähigkeiten, das Erhabene wahrzunehmen, in Resonanz mit
ihm zu treten, sich sowohl angesichts des Erhabenen "nied-
rigklein" zu empfinden (Goethe sah im Schaudern der
Menschheit bestes Teil) wie auch sich selbst erhaben: indem
der Mensch überhaupt in der Lage ist, mit dem Erhabenen
resonant zu sein und mit ihm zu kommunizieren. Wenn die
Verkehrsformen vom kalkülhaften Äquivalenzdenken ge-
prägt sind, in der Weltbegegnung folglich zunehmend Un-
gleiches untereinander gleich gesetzt wird, so vergeht das
Werkzeug, mit dem nach Maßgabe der Schönheit formiert
werden kann. Mit dem Verlust der Qualitäten in der Natur
geht auch das qualitative Vermögen des Menschen zur Nei-
ge, und mit abnehmendem Vermögen werden auch die
künftigen Naturgestaltungen mehr und mehr entschwinden.
Durch diese Verkümmerung werden die ästhetischen
Verluste immer weniger wahrgenommen und das "kollekti-
ve Gedächtnis" an das Schöne und Vielfältige entschwindet.
Wir wissen kaum mehr, wie ästhetisch harmonische Stadt-
viertel aussehen, weil die Bodenspekulation andere Maß-
stäbe setzt; wir wissen nicht mehr, welche Pflanzenarten
ausgestorben sind, weil wir sie nie kennengelernt haben. Es
fallen wesentlich nur die großen Katastrophen auf, nicht die
vielen kleinen. Die Subjekt-Objekt-Verarmung ist solcher-
maßen wechselseitig verschränkt. Das, was Auge und Ohr,
Nase, Zunge oder Hand erfreut, geht vermehrt abhanden -
und damit auch die differenziert ausgebildete Fähigkeit zu
sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu fühlen.
Dieses Vermögen ist im Sinne eines Aufbegehrens gegen
die Enteignung aufgerufen, sich wieder zu behaupten - um
nach Maßgabe der Schönheit gestalten zu können. Der Auf-
ruf ist damit ein politischer. Das Vermögen ist hierbei nicht
als je einzelner Körpersinn zu verstehen, sondern ist aus
diesen komponiert und bildet ein amalgamiertes Ensemble
von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wahrnehmungsweisen.
Das Mittel gegen das Vergessen ist die Erinnerung, gegen

88
Verlust die Wiedergewinnung. Und so ist Gestalten nach
ästhetischen Kategorien vorrangig eine Frage der allseiti-
gen Wiederaneignung der Sinnesfähigkeiten. Es geht um
Erinnerung an Arbeits- und Begegnungsweisen mit der
Natur, die nicht dem Primat einer ,positiven' Wissenschaft
oder Technik geopfert werden. Das Wissen, das solcherma-
ßen verlorengeht, gehört unabdingbar zum Rüstzeug ästhe-
tischer Gestaltung.
Das Urgebiet für ein ,Formieren nach den Gesetzen der
Schönheit' ist die Stadt; dort wird die Verödung des ästheti-
schen Vermögens am deutlichsten spürbar - als überlebens-
große und konzentrierte Unwirtlichkeit in Gestalt brutaler
Stahlbetonierungen und autogerecht durchschneidender
Trassen. Entlang der Häuserfluchten bewegt sich perspek-
tivlos ein Verkehr, der der sinnleeren Zeit den Takt gibt.
Nietzsehehaft kehrt das Immergleiche ewig wieder und die
gesamte Stadt gehorcht tendenziell dem zweiten Hauptsatz
der Thermodynamik: die Besonderheiten entschwinden und
es entsteht ein Reduktionsmuster, das nur noch in einem
technischen Sinn funktional ist - und häufig wird selbst
dieser Sinn verfehlt, weil die starr betonierten Strukturen
den sozialen Prozeßbewegungen nicht folgen können.
Dabei erlaubt gerade der Stahlbeton im Vergleich zu älte-
rem Baumaterial (wie Holz, Stein oder Ziegel) aufgrund der
ihm eigenen statischen Eigenschaften ganz andere, ja küh-
ne Werke, gar Kunstwerke architektonischer Schwerelosig-
keit. Das moderne Wissen um dieses andersartige Kon-
struktionsmittel bereichert nicht die Ästhetik des sozialen
Raums der Städte, sondern führt zur einförmigen Monoto-
nie. Die Emanzipation von der Natur, die Verschiebung der
Naturschranke in Gestalt des neuen Werkstoffs, zeitigt keine
Bereicherung der öffentlichen Lebensbezüge, sondern das
Gegenteil.
Die ursprünglich werkstatthafte und materialbezogene
Schönheit des Bauhauses, seine innere Einheit von Indu-
strialisierung, Konstruktion und Gefühl, verdampfte zugun-
sten abstrakter Einfallslosigkeit. Die Strukturen der Städte
werden von einigen wenigen Gesetzen beherrscht, womit
dem Erfahrungsschatz vorangegangener Baumeister kaum
neuartige ästhetische Möglichkeiten hinzugefügt werden,
womit die Vielfalt und Verzweigtheit vergangener Städte
kaum um eine mit der modernen Technik erst möglich gewor-
denen dynamischen und ätherischen Harmonie bereichert
werden. Die Gesetze, nach denen städtebaulich errichtet
wird (es geht in erster Linie um den Städtebau und nicht

89
um die architektonische Gestaltung repräsentativer Bau-
ten), sind nicht die Gesetze einer zu gewinnenden Stadtäs-
thetik, sondern die einer funktionalistischen Mechanik:
"Das leere Ich bildet sich keine Hülle mehr, um den darin zu
bergen, der ohnehin nicht zu Hause ist."I41
Formieren nach Gesetzen der Schönheit bedeutet letzt-
lich die tendenzielle Aufhebung der Differenz zwischen Natur
und Kultur, indem die städtische Wohlgestalt - wie die
Schönheit der Kunst - der Naturschönheit analog wird:
durch die Aufnahme naturgegebener Proportionen, durch
die Amalgamierung der bebauten Natur mit der umgeben-
den, durch den Einbau der Häuser in einer Landschaft, den
Linien der Natur folgend. Formieren nach Gesetzen der
Schönheit führt vor allem aber zum menschengemäßen
Raum: ".Architektur insgesamt ist und bleibt ein Produk-
tionsversuch menschlicher Heimat, - vom gesetzten Wohn-
zweck bis zur Erscheinung einer schöneren Welt in Propor-
tion und Ornament. Architektur sieht nach Hegels wahrer,
nicht bloß idealistischer Bestimmung ihre Aufgabe darin,
die anorganische Natur so zurechtzuarbeiten, daß sie als
kunstgemäße Außenwelt dem Geist verwandt wird. Der
Geist, soll heißen: das menschliche Subjekt, das selber noch
auf der Suche nach dem ist, was ihm verwandt genannt
werden kann. "142
Angesichts des sinnentleerten Trümmerhaufens in der
gottverlassenen Welt nach dem 1. Weltkrieg antizipierte das
Bauhaus den Beginn der städtebaulichen Vermittlung mit
der Natur und der Menschen untereinander, mit Glas und
Blick nach außen, in Richtung der Offenheit und Öffentlich-
keit. "Wir wollen ein Haus, das uns nicht wie ein Korsett
umschließt und intensivere Fühlung mit Boden, Himmel
und Außenwelt anstrebt als es bisher möglich war."143 Hier-
bei kam der Bautechnik selber eine untergeordnete Bedeu-
tung zu: Gropius forderte von den Architekten, daß sie un-
bekümmert um technische Schwierigkeiten mit Erfindungs-
gabe und Einfallsreichtum bauen sollen: ,Gnade der Phan-
tasie ist wichtiger als alle Technik, die sich immer dem Ge-
staltungswillen der Menschen fügt.' Seine Forderung stellt
das Kunst-Wollen über das technisch Gegebene und Mach-
bare, seine Forderung treibt das Gegebene zur Verände-
rung: nach Maßgabe der menschenwürdigen Stadt, nach

141 Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit. a.a.O., S. 228.


142 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 871.
143 Sigfried Giedion: Befreites Wohnen. Syndikat, Frankfurt 1985. S. 9.

90
Maßgabe der Schönheit, nach Maßgabe des künstlerischen
Vorstellungsvermögens. Der sogenannte ,Sachzwang', der
das je Mögliche einschränkt und gemeinhin nach unten
dekliniert, wird durch diesen Anspruch Gropius' an die Inge-
nieurskunst nicht anerkannt und somit transzendiert. Wer
die Wand berührt, hat sie - wie Hegel sagt - bereits über-
schritten. Nach dem Programm ,Neues Bauen' wächst die
Technik mit der Verwirklichung des Einfalls. Die Bautech-
nik soll beherrscht werden, damit die Baukunst nicht von
ihr beherrscht wird: um frei zu sein für das gestalterisch
Wesentliche - wie beim Pianisten, der erst durch die techni-
sche Beherrschung seines Instruments frei wird, das Werk
zur Entfaltung zu bringen. l «
Wir wissen unterdessen, was städtebaulich aus den ur-
sprünglichen Grundzügen des Bauhauses unter den Bedin-
gungen des bürgerlichen Bodenrechts geworden ist: die Herr-
schaft der Monokultur, die Rationalisierung unserer Lebens-
welt unterm Primat einer einförmigen ,instrumentellen
Vernunft', der Sieg des ökonomischen und technologischen
Kalküls über die gestalterische Phantasie, die somit heimat-
los wird. Die nur noch funktionelle Bautechnik bereichert
nicht das Kompendium des menschlichen Könnens, der ge-
schichtlich kumulierten Erfahrungsschätze um neuartige
Fertigkeiten unter Aufbewahrung der überkommenen, son-
dern ersetzt sie zugunsten reduzierter Verfahren, die zu einer
unterkomplexen Unwirtlichkeit mit redundanten Hohlräu-
men jenseits qualitativer Besonderheiten führen. l45 "Die
neuen Straßen sind für sich völlig leblos; wird eine alte An-
lage abgerissen und eine frische hingesetzt, so bleibt den-
noch ein Loch. Nichts setzt sich an, der Platz bleibt offen für
das, was fehlt. ul46 Solcherart rotiert durch Abriß und Neu-
bau die Stadtoberfläche, wird dadurch unsere Wahrneh-
mung automatisiert; was gestern neu war, ist bereits nicht
mehr und das nunmehr Neue ist bloß Dokument der fortge-
setzten Unbehaustheit. nDie alte Stadt-Land Komplemen-
tarität mit dem Gegensatz beider wird zerstört und städti-
sche Struktur prägt das gesamte Territorium, wobei die

144 Karl Kraus hat den politischen Gedanken und die progressive Logik.
der Aufhebung technischer Maßgaben im Bauhaus früh antizi-
piert: "Ich verlange von der Stadt, in der ich leben soll: Asphalt,
Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserlei-
tung. Gemütlich bin ich selbst."
145 so bedarf die Verwandlung einer Tankstelle etwa zu einem Geträn-
kemarkt keiner großen Umstellung.
146 Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit. a.a.O., S. 228f.

91
städtische Struktur selbst wiederum durch Ingenieure und
Wissenschaftler konstruiert ist. Das findet auch innerstäd-
tisch seinen Niederschlag: Seit dem vorigen Jahrhundert
stellt nicht mehr das Viertel mit seinen vielfaltigen, sich
selbst organisierenden Bezügen das Grundelement der Stadt-
entwicklung dar, sondern die geplante, durch die alten Vier-
tel gebahnte Straße als Schlagader des Verkehrs, wodurch
die Stadtzentren mit dem Territorium verbunden sind."l.7
Gestalten nach Maßgabe der Schönheit ist erst nach
dem Ende der totalen Herrschaft der Maschinenwelt über
die menschlichen Lebensbereiche möglich - wobei die Prä-
gungen durch die Maschinenwelt keineswegs verbannt wer-
den müssen. Denn auch sie kann neuartige ästhetische Per-
spektiven eröffnen und gehört, ihrem Potential nach, zur
Mannigfaltigkeit der sozialen und natürlichen Verbindungs-
ebenen, zum ausgreifenden Ensemble gelungener, gelingen-
der Fülle. Schönheit meint darum auch: die Möglichkeiten
zunehmenden Beziehungsreichtums unter den Menschen
und zu den außermenschlichen Sphären zu eröffnen l48 und
umfaßt die Verwirklichung phantasiereicher Entwürfe sowie
die Erhaltung des dazu notwendigen Erbes an Fertigkeiten,
Fähigkeiten, des Wissens auf allen Ebenen zum Umbau der
Erde zur menschlichen Heimat.
Die gelungene Stadt ist ein Ort der Aufklärung. Sie ist
ein der Landnatur abgerungenes Gebiet und der Bauplatz
zur Unabhängigkeit: vom Feudalherren etwa, von sozialer
Kontrolle der dörflichen Kleinverbände und, schließlich, von
der Natur. In der Stadt kann vielfach die Naturschranke
verschoben, die Nacht zum Tag gemacht werden - buch-
stäblich wie auch in einem erweiterten, metaphorischen
Sinn. Der eigene Lebensrhythmus muß nicht mehr dem
Wetter angepaßt werden, die Menschen werden davon befreit,
das Wasser am Brunnen zu holen und den Kot fortschaffen
zu müssen. Die Stadt bietet Entlastung auf vielen Ebenen
der Reproduktion und scham dadurch Freiheit für selbst-
bestimmte Tätigkeiten. Entlastung bedeutet die Reduktion
von Umweltkomplexität, die Schaffung überschaubarer Le-
benssektoren, die Markierung des Wesentlichen, eine Hier-
archisierung der Vielheit.

147 Willfried Maier: a.a.O., S. 52.


148 Beziehungsreichtum umgreift auch den inneren: die Kontemplati-
on und jene wertvollen Augenblicke, in denen wir allein sein
möchten, das Bedürfnis nach Einsamkeit haben; er meint überdies
keine Vielheit an sich, die zur unverbindlichen Beliebigkeit gera-
ten kann.

92
Freilich ist die Qualität dieser Reduktionsmuster ent-
scheidend, die die menschliche Welt von der unbebauten
natürlichen trennt; gehorchen sie der Effizienz gleichförmi-
ger Abläufe, so entsteht eine ästhetisch verarmte Stadtge-
stalt aus unvermittelten Schneisen und redundanten Bau-
blöcken, fern jeglicher Winkelhaftigkeit des Verborgenen,
das zu entdecken wäre. Richtet sich das Reduktionsmuster
nach dem Miteinander unterschiedlicher Traditionen zum
einen, nach dem demokratischen Konsens der gegebenen
wie der antizipierten, noch zu entbergenden Bedürfnissen
der Stadtbewohner, so bleibt die Geschichtlichkeit der Stadt
erhalten, bereichert um die selbstbestimmte Gegenwart. Hg
Im Miteinander unterschiedlicher Traditionen oszilliert
die ideal antizipierte Stadt zwischen dem Schmuck der Ver-
gangenheit und der physikalischen Klarheit der Gegenwart,
zwischen dem mittelalterlichen oder barocken Gefiige und
der modernen Dynamik der sichtbar in die Architektur ge-
kommenen Naturkräfte, zwischen gotischem Lebensbaum
und altägyptischen Pyramidenkristallen, zeitgenössisch
gedachten: als Moderne, die sich ornamental und traditions-
reich in den Kosmos einschwingt. "Wie kann menschliche
Fülle in Klarheit wieder gebaut werden? Wie läßt sich die
Ordnung eines architektonischen Kristalls mit wahrem
Baum des Lebens, mit humanem Ornament durchdringen?"
fragt Bloch, der das "ungeheure Bauproblem einer ,Gotik' im
Kristall" vorbringtl50.
Die menschenwürdige Stadt als Kunstwerk der Bezie-
hungsmöglichkeiten zeigt eine Dialektik von Freiheit und
Ordnung, von Dionysos und Apollo, von Offenheit und Ge-
schlossenheit, von Erweiterung durch Ausschluß, von Ver-
tiefung durch Verengung, von Verbreiterung durch Tiefen-
verlust. Die nach Maßgabe der Schönheit gebaute Stadt als
soziales Gefiige ist redundant und vielfältig zugleich, sie

149 Die "Transzendentalpragmatik" Karl-Otto Apels bietet einen Weg


zur demokratischen Planung der Stadt. Nach Apel ist die sinnlogi-
sche Voraussetzung der vernünftigen Rede das Apriori der Kom-
munikationsgemeinschaft: jeder, der seine Äußerung aus guten
Gründen für wahr hält, unterstellt, daß seine Gründe jeden Dis-
kurs partner überzeugen können sollten. In einem argumentativen
Auditorium gehen alle davon aus, daß im Diskurs ein vernünftiger
Konsens über die Wahrheit jeder dort vorgebrachten Äußerung
erzielt werden kann. Dieses Apriori eröffnet die Möglichkeit einer
gemeinschaftlich gewonnenen "letzten Begründung" von Normen
zur richtigen und gerechten Lösung von Problemen und Konflik-
ten.
150 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S 870.

93
bietet zum einen offene Plätze der Begegnung und zum ande-
ren Klausen des Rückzugs, sie bietet gewohnte Linien, Flä-
chen und Räume wie auch einmalige. Walter Benjamins
"Passagenwerk" beschreibt diese dialektischen Augenblicke
der integrierten Erfahrung einerseits, des atomistischen
Erlebnisses andererseits, wie sie der Flaneur erlebt - der
Müßiggänger, der genußvoll unter den Arkaden von Paris
umherschlendert.
Ernst Bloch gab dem wohlgerichteten Haus bei Johann
Peter Hebel und Jeremias Gotthelf die Bedeutung des
,bäurischen Tao': "... das Haus gut im Gang, das Leben und
sein Streben gut im Lauf, woran Segen ist, ein verborgener
und doch öffentlicher Zustand, den man vom Bauerntum her
sicherer versteht als aus den üblichen Vergleichungen mit
entlegener Mystik. Wobei noch eine andere Einbettung der
politisch-sektorenhaft so verschiednen und doch im gleichen
Kreis wohnenden Erzähler wichtig ist: die ins Fraulich-
Waltende an so vielen Orten, wie es dem altbäurischen Tao
durchaus entspricht. Hebels Geschichten sind überall dort
davon durchzogen, wo etwas gut wird, und in ,Einer Edel-
frau schlaflose Nacht' tritt dies Weiblich-Lenkende, auch
Einlenkende ganz offenbar vor. Gotthelf, ein Frauenlob
durch und durch, stellt uns überall seine vortrefflichen
Bäuerinnen vor Augen, ihre störrischen Männer zum gemein-
samen Besten an der Nase herumführend und leitend, in
wahrlich demeterhafter Fürsorge.,,151
Im altbäurisch taohaften Haus ist das Haus selber Aus-
druck des inneren Lebens, aus diesem Leben gebaut - sein
Stoff ist das vernünftige Lot der Hausdinge, die in ihm ihren
freundlichen, menschenfreundlichen Platz haben. Drinnen
und Draußen stehen im Einklang, Leben und Welt entspre-
chen einander.
Der solchem Tao verbundene Städtebauer plant nicht
von oben herab, von einem nach den Regeln der Ökonomie
und der kommerziellen Funktionalität geleiteten Reißbrett,
sondern läßt die Stadt aus den sozialen Beziehungen ent-
stehen und nimmt zum Baumaterial die Fülle der hand-
werklichen und industriellen Fertigkeiten, auch der gegen-
wärtigen. Er versteht Schönheit als Ausdruck der menschli-
chen Bewegungen und Bedürfnisse, sein ästhetisches Emp-
finden gilt den Proportionen menschengerechter Architek-
tur. Das zielt auf einen großen Baustil und auf heimatlich

151 Ernst Bloch: Literarische Aufsätze. Suhrkamp, Frankfurt 1965. S.


372.

94
werdende Entwürfe, die von der Idee einer besseren Welt
getragen sind; das zielt auch auf die vorläufige, prozeßhaft
erst werdende Stadt, deren Grundriß und Ausformung sich
in statu nascendi befinden: mit intermediären, beweglichen,
veränderbaren Ensembles, die schließlich manifest werden
in einer aus den Bewegungen und Bedürfnissen sich selbst
gewinnenden Gestalt. Diese sich bildende Gestalt aus
Kunstsinn und Harmonie ist für den Menschen geschaffen
und hängt von ihm ab - von seinem ästhetischen, prakti-
schen, körperlichen Sinnverständnis.
Solchermaßen emergierende Vielfalt setzt sich aus zahl-
reichen, im Experiment Gemeinschaft bewährten Einmalig-
keiten zusammen, deren Maß der Mensch selber ist - ein
anderes Maß kann es ftir den Menschen nicht geben. Und
die bewährten, selbsterzeugten Gestaltungen sind nicht sta-
tisch, sondern Teil einer sich bewegenden Welt und damit
selber prozeßhaft veränderbar - geleitet von der Lebens-
wirklichkeit nachfolgender Generationen, die ihr Neues dem
Alten zugesellen. Ein dergestalt praktisch-vernünftiges
Arkadien setzt eine gesellschaftliche Arbeit voraus und
geht mit ihr einher, die vom menschenfernen Zwangmaß
der Warenabstraktion befreit ist. Diese Arbeit ist dann
endlich ftir Gestaltungen nach Maßgabe der Schönheit frei-
gesetzt und ist Ausdruck einer menschlichen Naturproduk-
tivität, die auf der Basis des gewordenen und werdenden
Wissens weit ausgreifende Bezüge zur äußeren Natur her-
stellen kann - mithin die Naturmelodien aufnimmt, um die
Menschenmelodie zu komponieren.

95
Die Zukunft des irdischen
Sozialprozesses als utopisches Real-
problem und Experiment

Das Ziel der Utopie Ernst Blochs steht - wie gezeigt - im


,Prinzip Hoffnung' als Schlußwort, das zugleich ein An-
fangswort ist: "Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang,
sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn
Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an
der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der
arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und
überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne
Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie be-
gründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die
Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. ,,152
Dieses utopische Unterwegs ist ein kontinuierlicher, wenn-
gleich gefährdeter Prozeß. Es wird von einem antizipieren-
den Bewußtsein begleitet, das eschatologisch auf das Ulti-
mum ,Heimat' gerichtet ist. Das Ultimum indessen wäre eine
geschlossene Figur, die mit Blochs ,offenem System' in Wi-
derspruch geriete. Daher ist die Heimkehr nicht als ab-
schließende Krönung des Lebens- und Weltkreises zu ver-
stehen, sondern als Ankunft, die die weitertreibende Unbe-
stimmtheit in sich trägt. Dieses Apeiron (das nie an eine
Grenze Kommende) bedeutet, daß das Unbestimmte deshalb
unbestimmt ist, weil es alle Bestimmungen in sich enthält,
die erst herausgebracht werden müssen: "In jeder Erfiillung,
sofern und soweit diese totaliter schon möglich ist, bleibt ein
eigentümliches Element Hoffnung, dessen Seinsweise nicht
die der vorhandenen oder vorerst vorhandenen Wirklichkeit
ist, folglich mitsamt ihrem Inhalt übrigbleibt. ,,153 Solcherart
ist das Ultimum asymptotisch zu verstehen: sich nähernd
dem gewonnenen ,Verweile doch, Du bist so schön', dem Re-
alität gewordenen ,Wunschbild des erfiillten Augenblicks',

152 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 1628.


153 ebenda, S. 213.

96
der gelungenen Identität, dem endlichen Advent. Ohne diese
Asymptote verlöre die Hoffnung ihren archimedischen Ort,
wäre sie nicht perspektivisch, sondern eine vergebliche und
ihre Ausfahrt führte stets wieder ins Noch-Nicht ohne je an-
zukommen.
Der Weg zu diesem Ziele ist bei Bloch vorgezeichnet
durch die Verschränkung einer vorgegebenen Latenz des
Weltprozesses mit einem subjektiven Handeln, das das
Latente in historische Realität verwandelt. Diese Latenz
des Weltprozesses korreliert dergestalt mit dem antizipie-
renden Bewußtsein des handelnden Subjekts: als objektiv
Mögliches in der Wirklichkeit, dessen Verwirklichung aus-
steht, als real-utopische Möglichkeit des Objekts, die durch
die menschliche Praxis manifestiert wird.
In dieser Subjekt-Objekt-Relation schreibt Bloch dem
subjektiven Faktor folgende Aufgaben zu: a) Herausbringen
des Gehalts des utopischen Ideals, b) Erkennen des adäqua-
ten HandeIns zur Verwirklichung des Ideals, c) Handeln im
Sinne dieser Erkenntnis. Diese Aufgaben des subjektiven
Faktors sind ein Sollen, eine moralische Forderung.
Indessen ergibt sich bei Bloch über die moralische Quali-
tät des subjektiven Sollens hinaus ein ontisch fundiertes
,Gehofftes' und ,Gesolltes'. Die Verwirklichung des Gehofften
oder des Gesollten muß möglich sein, darf den Bedingungen
der objektiven Wirklichkeit, den Naturgesetzen etwa, nicht
widersprechen. Aus diesem Einklang aber folgt kein eindeutig
Positives, keine ab origine vorgegebene Latenz des subjektiv
Erhofften, keine autonome Schöpfung aus dem Nichts, die -
zusammen mit einem vorgeblich aus dem ,Nicht-Haben'
stammenden Urdrang das subjektive Verhalten auf der
Ebene des Seins - den historischen Prozeß auf die echte
Utopie hinwendet. Die Potentialität des Subjekts meint bei
Bloch mehr als eine moralische Intention: sie basiert auf eine
treibende causa finalis im subjektiven Sein. Philosophisch-
politisch stellt sich in diesem Zusammenhang zudem die
Frage nach den Handelnden, in denen der rechte Drang ab
origine angelegt ist. Wer besitzt im von Bloch vorgestellten
,Wir' jene Latenz als Seinsgegebenheit, wer ist der Agent
der Geschichte, wenn das Kollektivsubjekt Proletariat aus-
gespielt hat? Was könnte schließlich ein utopischer Gene-
ralstab, so ein ontisch fundiertes Sollen nicht vorflndlich
wäre, ohne Armee ausrichten?
Wenn Blochs utopische Vision als ethisches Gebot zu
verstehen wäre - als das, was erzielt werden soll - so gäbe
es keine Vorbehalte, ganz im Sinne der Postulate, die er in

97
seinen ,Philosophischen Aufsätzen' formulierte 164 , nach denen
die Willensfreiheit des Einzelnen zu eigentlicher, nämlich
öffentlicher und somit politischer Handlungsfreiheit über-
gehen soll. Der Schritt der zielgemäß Handelnden im ge-
schichtlichen Sozialprozeß gehört gemäß diesen Postulaten
zu den Kategorien des Sollens und nicht des Seins: die ziel-
gerechte Mitwirkung des subjektiven Faktors wird als mora-
lische Forderung aufgestellt, die der handelnde Mensch an-
nehmen oder ablehnen kann, jenseits eines apriori verbürg-
ten ontischen Status des Gewollten.
Indes sieht es im philosophischen Gesamtbau anders aus:
Bloch spricht von einem Drang des subjektiven Faktors, der
seinerseits einem urzeitlichen Nicht-Haben entspringt, er
spricht von einem Drang, der das menschliche Handeln in der
Dimension des bloßen Seins - unabhängig von moralischen
Postulaten - in die richtige Bahn lenkt. Es geht auf der
Objektseite um die Idee eines zieladäquaten Urdranges, um
die Idee eines aus der Urzeit des mundanen Seins stammen-
den Triebkraft, die den Weltprozeß in eine die Menschheit
fördernde Richtung lenkt. Die Latenz des Geschichts- und
Weltprozesses, für sich betrachtet, ist fiir Bloch keine Garan-
tie ftir die Verwirklichung des utopischen Ziels. Dazu bedarf
es der Mit-Tat des handelnden Menschen, das ist die Funk-
tion des subjektiven Faktors.
In der Subjekt-Objekt-Relation sind ursächlich bei Bloch
alle im Prozeß der Weltgeschichte und darum auch im histo-
rischen Prozeß wirksamen Kräfte ,innerweltlich', also nicht
jenseitig. In dieser innerweltlichen Sphäre sind auch unper-
sönliche kosmische Naturkräfte wirksam, die den Weltpro-
zeß autonom beeinflussen. Ihr Einfluß erstreckt sich auf den
mundanen Entwicklungsgang und innerhalb dessen auf die
menschliche Geschichte, ohne jedoch den Geschichtsprozeß zu
determinieren. Der Verlauf des Geschichtsprozesses steht
also unter den Einflüssen der mundanen und kosmischen
Natur und kann von einer näher zu bestimmenden Stufe an
und innerhalb sich stetig erweiternden Grenzen (das Ver-
schieben der Naturschranke) durch menschliches Handeln
modifiziert werden.
Auf den ersten Blick scheint es, als könne man im
Grundsätzlichen übereinstimmen. Das Problem indes offen-
bart sich darin, daß Bloch der Objektwelt (wie gleichfalls

154 Im Kapitel ,Freiheit, ihre Schichtung und ihr Verhältnis zur


Wahrheit'. Ernst Bloch: Philosophische Aufsätze. Suhrkamp,
Frankfurt 1969. S. 573-598.

98
dem Subjekt) einen inneren Drang zuordnet - sei es dem
historische Weltablauf, sei es der prozessierenden Natur-
welt. Es geht um ein Entgegen-Kommen dieser Welten, um
eine eingelagerte Bewegung zum Menschen hin, mit der er
eingreifend korrespondieren soll zur Erfüllung des utopischen
Auftrags. Solcherart wird eine inhärente Autonomie des
historischen Prozesses angenommen, die vorgeblich aus
einem ,produktiven Nichts' erwächst: der ontologische Ge-
burtsbrief des Nichts führt zum Nicht-Haben und hernach zur
Sehnsucht nach Sein. Das Nichts wird zum Instrument des
Umschlags, zur gewaltigen Antithese im Sein. Wenngleich
Bloch neben der ihm wesentlichen ,Produktivität des Nichts'
auch vom toten, ,negativen Nichts' spricht (mit Hegel vom
,übertünchten Grab' und vom ,zertretnen Saatkorn', das
nichts hervorbringt), so wird dieses tote Nichts, das zur Bar-
barei führt, von ihm unterschätzt, da es die Idee des ziel-
adäquaten Urdranges nach unentfremdeter Heimat negiert.
Das negative Nichts fügt sich nicht ins Konzept des utopisch
visionierten Weltexperiments, in dem Bloch dem mundanen
Entwicklungsprozeß und damit der menschlichen Geschichte
eine vorgegebene Latenz mit Tendenz auf das ,Reich der Frei-
heit', auf ein Heil der Menschen- und Naturwelt zuspricht.
Im Gegensatz zur hypothetisierten entgegenkommenden
Naturwelt sind demgegenüber die autonomen Naturkräfte
total indifferent gegenüber dem Schicksal der Menschheit.
Wie es den Menschen geht, ist ihnen gleichgültig: so stellt
sich erneut die Differenz zwischen ontisch fundierter Hoff-
nung versus Hoffnung als intentional ethischer Kompaß.
Gleichwohl führt Blochs Hypothese, gewissermaßen on-
tisch entkleidet, zu einem sittlichen Handlungssinn, zu einer
moralischen Leitlinie, zu einem philosophisch behaupteten
realpolitischen Als-ob, das zur Solidarität im Mensch-Natur-
Verhältnis aufruft.
Zur Idee der Natur und zur Rolle des menschlichen Han-
delns im Ablauf des geschichtlichen Prozesses gilt zusammen-
fassend und abschließend:
Im vormenschlichen Abschnitt des mundanen Entwick-
lungsprozesses ist keine eindeutige Richtung zu erkennen,
und gewiß keine, die auf das ,Heil' der noch nicht vorhande-
nen Menschheit zielte. Die ,Normen' der Natur sind von
anderer Art und es gibt keinen Grund anzunehmen, daß diese
auf eine freundliche Begegnung mit dem Menschen gerichtet
wären. Die Fundierung der Utopie in einer entelechetisch
bestimmten, aufsteigenden Materie, die dem Menschen- und
Weltheil entgegenkommt, die Hypothese einer dem handeln-

99
den Subjekt prozessual verbundenen objektiven Naturutopie,
konstituiert dennoch ein gültiges philosophisches Problem:
Die ontisch verankerte, spekulativ-materialistischen Grund-
legung der Naturphilosophie Blochs mit entelechetischem Na-
turhorizont bildet zugleich, wie gezeigt, ein handlungsleiten-
des Fundament fiir eine Allianz zwischen Mensch und Natur.
Mit dem Entstehen und Bestehen des Menschen ist etwas
völlig Neues in den mundanen Prozeß eingetreten: ein Natur-
wesen mit einem stufenweise erwachenden Bewußtsein sei-
ner Umwelt und schließlich seiner selbst. Er lernt allmäh-
lich die Umwelt seinem Grundbedürfnis, dem Überleben,
nutzbar zu machen. Aus der Erfahrung dessen, was zur Be-
friedigung dieses Grundbedürfnisses nützlich und was schäd-
lich ist, eröffnet sich ihm die Dimension des Wertes. Aus der
Fähigkeit, zwischen Alternativen wählen zu können, ent-
steht ein Bewußtsein dessen, was wir auf einer höheren
Stufe Freiheit nennen - und mit diesem Bewußtsein gleich-
falls die Gefahr, das Schädliche zu tun.
Nur Unterwerfung unter eine Norm kann verhüten, daß
das freie Handeln der Glieder einer Gesellschaft in Anarchie
mündet und damit, gesamtgesellschaftlich gesehen, in Bar-
barei endet statt der echten Utopie des Menschen- und
Naturfriedens zuzustreben. Das Problem hierzu lautet wie-
der: läßt sich diese Utopie aus dem Sein ableiten, entsprä-
che sie nicht vielmehr einer Ausrichtung auf den ethisch,
nicht seinshaft, begründeten Frieden.
Auf die Frage, wann und aus welchen Wurzeln diese
Norm ins Bewußtsein tritt, gibt es wohl keine Antwort. Jene
ethische Norm aber bildet kein Analagon zu den Naturge-
setzen. Sie kann verworfen werden zugunsten einer unbe-
grenzten Freiheit (mit der Möglichkeit, eine alle Freiheit
vernichtende totalitäre Autokratie heraufzubeschwören), sie
kann anerkannt werden zur Konstitution einer zivilen Gesell-
schaft. Die Normen der Natur demgegenüber liegen jenseits
dieser Wahlfreiheit. Sie sind seinshaft verankert und bilden
die Grundlage fiir die Naturgesetze. Es gibt, wie gesagt, kei-
nen im Sein gelagerten Grund anzunehmen, daß die Na-
turnormen auf eine freundliche Begegnung mit dem Men-
schen gerichtet wären. Indessen: Blochs ontische Fundierung
der Utopie in einer °entelechetisch aufsteigenden Materie, die
dem Menschen- und Weltheil entgegenkommt, seine Konsti-
tution einer dem handelnden Subjekt prozessual verbunde-
nen objektiven Naturutopie, ist die wesentlichste Kategorie
seiner ,Ontologie des Noch-Nicht-Seins' und zugleich ihr
problemreichster Teil: im besten Sinne des Wortes.

100
Die Utopie der Natur im Rahmen der
materialistischen Erkenntniskritik
Alfred Sohn-Rethels und der utopischen
Naturphilosophie Ernst Blochs

Das zu erschaffende, unentfremdete Menschenhaus ist nicht


nur ein geschichtliches Projekt, steht nicht nur auf dem Fun-
dament der menschlichen Tätigkeit, sondern auch auf dem
Bauplatz der Natur. Im utopischen Programm Marxens wird
dieses doppelte Antlitz der Utopie grundlegend gezeigt: "Das
menschliche Wesen der Natur ist erst da fiir den gesell-
schaftlichen Menschen; denn erst hier ist sie fiir ihn da als
Band mit dem Menschen, als Dasein seiner fiir den andren
und des andren fiir ihn, wie als Lebenselement der mensch-
lichen Wirklichkeit, erst hier ist sie da als Grundlage seines
eignen menschlichen Daseins. Erst hier ist ihm sein natürli-
ches Dasein sein menschliches Dasein und die Natur fiir ihn
zum Menschen geworden. Also die Gesellschaft ist die vollen-
dete Wesenseinheit des Menschen mit der Natur, die wahre
Resurrektion der Natur, der durchgeführte Naturalismus des
Menschen und der durchgeführte Humanismus der Natur."155
Die ,wahre Resurrektion der Natur', ihr ,durchgeftihrter
Humanismus' und das ,menschliche Wesen der Natur' bil-
den utopische Horizonte einer Natur, die durch die abstrak-
ten Arbeitsbeziehungen der gegenwärtigen Warengesellschaft
nur ihr Verwertungsgesicht zeigt. Dieses Gesicht verhüllt
die qualitativen Wesenszüge der Natur, verdeckt ihr In-
Möglichkeit-Sein nach anderen Kriterien als nach denen des
Profitkalküls. Insofern bedeutet Utopie der Natur zugleich
eine radikale Änderung der gesellschaftlichen Verkehrsbe-
ziehungen. Natur als Gebiet der Befreiung zu verstehen
schließt somit die radikale Befreiung der Menschengesell-
schaft ein. "Radikal sein ist", wie Marx schreibt, "die Sache

155 Karl Marx: MEW Ergänzungsband. Schriften bis 1844. Dietz,


Berlin 1977. S. 537f.

101
an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber
der Mensch selbst.,,1M
Diese radikalgeschichtliche Linie hat Ernst Bloch ver-
längert in seiner Antizipation einer mit der Natur alliant
verbundenen Technik.: "Naturströmung als Freund, Technik.
als Entbindung und Vermittlung der im Schoß der Natur
schlummernden Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten
an konkreter Utopie. Doch auch nur der Anfang zu dieser
Konkretion setzt zwischenmenschliches Konkretwerden, das
ist, soziale Revolution voraus; eher gibt es nicht einmal eine
Treppe, geschweige eine Tür zur möglichen Naturallianz.,,157
Hierbei ist das ,eher' ein dialektischer Einschub, bedin-
gungsanalytisch eine Conditio sine qua non und kein nur
zeitliches Vorher. ,Eher' meint ein intermittierendes Mitein-
ander bei der Emanzipation der Natur und der Arbeit, ein
Ineinandergreifen eines anderen Naturumgangs mit der
sozialen Umwälzung, eine Verschränkung der Entwicklung
einer naturvermittelten Technik mit den gesellschaftlichen
Veränderungen. Die antizipierte Konkretion im Naturver-
hältnis wird begleitet von der antizipierten Konkretion im
Sozialverhältnis - bis zum Umschlag zur konkreten Eigent-
lichkeit, in der das abstrakte Leben, die Beziehung des
Menschen zum Menschen und zur Natur per definitionem
calculi verabschiedet wird.
In der Beziehung per definitionem calculi, nach Maßgabe
des Kalküls, wie sie der bürgerlichen Gesellschaft eigentüm-
lich ist, wird die Natur wesentlich numerisch-quantitativ
wahrgenommen. Der kapitalistische Verwertungszusammen-
hang sieht die Natur als Warenhaus von Rohstoffen, die ver-
wissenschaftlichte Technik bedient sich ihrer und unter-
wirft das Naturmaterial ihren eigenen Produktionsgesetzen.
Diese Gesetze folgen der mathematischen Naturwissen-
schaft, für die das Buch der Natur in Zahlen und Größen ge-
schrieben ist. Diesem quantifizierenden Denken gemäß wer-
den alle Naturgestaltungen dem Kalkül unterworfen, zu-
gleich aber zeigt der Triumph der modemen Naturwissen-
schaft mitsamt der ihrer Technik, daß ein Sektor der Natur
diesem Kalkül entspricht. Friedrich Engels erkannte, wie
erwähnt, diese Entsprechung als eine Bedingung der Frei-
heit: "Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Na-
turgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis

156 Karl Marx: Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie. In: Die
Frühschriften. Kröner, Stuttgart 1971. S. 216.
157 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 813.

102
dieser Gesetze und in der damit gegebenen Möglichkeit, sie
planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. ul58
Ohne Zweifel zielt die antizipierte Naturallianz auf die-
sen numerisch-quantitativen Sektor der Natur - nicht nur,
aber auch. Der Produktionsherd Natur und die Allianz-
technik sind naturgesetzlich verkoppelt. Naturgesetze sind
das Ergebnis gezielter Fragen an die Natur - woraus folgt,
daß andere Fragen andere gesetzeshafte Zusammenhänge
zeitigen. Die anderen Fragen wiederum hängen von der
Gesellschaft ab, in der sie gestellt werden. Fragen vom Stand-
punkt des Profitkalküls sind andere als solche von der War-
te der Bedürfnisbefriedigung der Menschen. Die profitorien-
tierte Wirtschaftsweise interessiert sich für den Rohstoff-
preis des Naturstoffs, nicht indes rur die der Natur inne-
wohnenden Möglichkeiten eines wahren, gemeinsam produ-
zierenden Friedens mit ihr. Im ,Lied des Reishändlers' heißt
es bei Brecht: ,Weiß ich was ein Reis ist, ich kenne nur sei-
nen Preis'. In der Verwandlung des Naturstoffs zur abstrak-
ten Ware und der Ware in Kapital wird der Naturinhalt
gleichgültig. Naturallianz ist folglich ein revolutionärer
Begriff, da er die bürgerliche Abstraktion zurückwälzt, also
im Wortsinn revolutioniert, und eine Natur antizipiert, die
neben ihrem quantitativen gesetzeshaften Sektor den quali-
tativen geltend macht, wie er vor allem in der Kunst vor-
scheint: als Schein einer auch gesellschaftlich realen Mög-
lichkeit, einer utopisch gefaßten.
Der quantitative gesetzeshafte Sektor der Natur hat
seine Heimat in der Natur selbst. Es geht um ein dialekti-
sches Ineinander von gesellschaftlichen Bedingungen der
Naturerkenntnis mit einer in der Natur selber eingelagerten
mathematischen Größen- und Kalkülmatrix - was zum dop-
pelten Thema, zum chiastischen Problem :fUhrt: die Gesetze
der Natur, die Natur der Gesetze.
In Anlehnung an die materialistische Erkenntniskritik
Alfred Sohn-Rethels und in Verbindung mit der utopischen
Naturphilosophie Ernst Blochs soll daher erkundet werden,
inwieweit dem naturwissenschaftlichen Kompendium über-
zeitliche Wahrheit zukommt und welche Konsequenzen rur
einen qualitativ anderen Umgang mit der Natur aus der
Verschränkung von Denkformen mit dem gesellschaftlichen
Sein folgen.

158 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissen-


schaft. a.a.O., S. 106.

103
These hier lautet, daß einerseits das vorherrschende
rationale Denken, wie es neuzeitlich durch die naturwis-
senschaftlich-mathematische Erkenntnisweise geprägt ist,
nur aus der gesellschaftlich-ökonomischen Entwicklung ver-
standen werden kann, andererseits dieses rationale Denken
wiederum mit einem gesetzeshaften Sektor in der Natur sel-
ber korrespondiert, zugleich aber den qualitativen (mithin
nicht numerisch-quantitativen und technisch nicht verwert-
baren) Sektor der Natur ausgrenzt und in ein Anderreich
verbannt. Diesen Sektor in sein Recht zu setzen ist, wie be-
tont, verwoben mit sozialer Umwälzung, denn ein so gearte-
tes Naturrecht als Recht der Natur setzt das Ende der öko-
nomischen Verfiigungsgewalt über die zu diesem Zweck
durchgehend objektivierte Natur voraus und antizipiert eine
konkrete Wissenschaft mitsamt einer ihr affinen anderen
Technik: einer Technik, die mit andersgeartetem Interesse
das Gesetzeshafte der Natur wie auch ihre Schönheit und
Erhabenheit produktiv eingemeindet, einer Technik, die
sich dem subjekthaften Ganzen der Natur wachsend vermit-
telt und somit den Umbau der Erde zur Heimat, die endlich
fällige Errichtung des menschlichen Hauses in der Welt in
Gang setzt.
Alfred Sohn-Rethel hat durch seine geschichtsmate-
rialistische Erkenntnistheorie Teile der wissenschaftskri-
tischen Öffentlichkeit mit Fragen und Perspektiven beun-
ruhigt, die nach wie vor unabgegolten und daher erratisch
vor uns stehen: "Die Frage der Naturwissenschaft und ih-
rer Erkenntnisform ist von Marx aus dem geschichtsma-
terialistischen Gesichtsfeld ausgelassen worden. ... Die
Naturwissenschaft wird weder dem ideologischen Überbau
noch der gesellschaftlichen Basis zugerechnet und bleibt
derart geschichtlich außer Ansatz .... Diese geschichtsma-
terialistische Auslassung der naturwissenschaftlichen Er-
kenntnisfrage hat zu einer höchst fragwürdigen Zweiglei-
sigkeit des Denkens im marxistischen Lager geführt. Auf
der einen Seite wird nichts von dem, was die Bewußt-
seinswelt an Phänomenen bietet, geboten hat oder noch
bieten wird, anders denn in seiner Geschichtlichkeit ver-
standen und dialektisch als zeitgebunden gewertet. Auf
der anderen Seite hingegen sind wir in den Fragen der
Logik, der Mathematik und der Objektwahrheit auf den
Boden zeitloser Normen versetzt. Ist ein Marxist also Ma-
terialist für die Geschichtswahrheiten, aber Idealist für
die Naturwahrheit? Ist sein Denken gespalten zwischen
einem dialektischen Wahrheitsbegriff, an dem die Zeit we-

104
sentlich teilhat, und einem undialektischen Wahrheitsbe-
griffvon zeitloser Observanz?"159
Dieses erkenntniskritische Projekt ist kein epistemo-
logisch-wissenschaftshistorisches nach Art der immanen-
ten Diskussion zwischen Thomas Kuhn l60 , Imre Lakatos,
Stephen Toulmin, Paul Feyerabend oder Karl Popper, son-
dern von höchster politischer Brisanz. Es mündet in die
immergärende Frage unserer Epoche - die des Sozialismus:
"Zur Schaffung des Sozialismus wird verlangt, daß es
der Gesellschaft gelingt, sich die moderne Entwicklung von
Naturwissenschaft und Technologie zu subsumieren. Wenn
die naturwissenschaftlichen Denkformen und der technolo-
gische Aspekt der Produktivkräfte sich aber der geschichts-
materialistischen Betrachtungsweise wesensmäßig entzie-
hen, so ist eine solche Subsumtion unmöglich. Dann geht die
heutige Menschheit nicht dem Sozialismus, sondern der
Technokratie entgegen, einer Zukunft also, in der nicht die
Gesellschaft über die Technik, sondern die Technik über die
Gesellschaft herrscht. Wenn es dem Marxismus nicht ge-
lingt, der zeitlosen Wahrheitstheorie der herrschenden natur-
wissenschaftlichen Erkenntnislehren den Boden zu entzie-
hen, dann ist die Abdankung des Marxismus als Denk-
standpunkt eine bloße Frage der Zeit."161
Worum geht es? Die argumentative Linie ist in Sohn-
Rethels frühem Aufsatz ,Zur kritischen Liquidierung des
Apriorismus' (1937l 62 vorgezeichnet. Es geht um den Nach-
weis des Ursprungs der ratio aus dem gesellschaftlichen
Sein, um die materialistische Erklärung der rationalen
Sicht. Für diesen Nachweis untersucht Sohn-Rethel die Ge-
schichte des abendländischen Denkens im Hinblick auf sei-
ne Einbettung in gesellschaftliche Verkehrsformen. Die
daraus hervorgegangene genuine Entdeckung formulierte er
1961 in seinem Ostberliner Vortrag ,Warenform und Denk-
form. Versuch über den gesellschaftlichen Ursprung des rei-

159 Alfred Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit. a.a.O., S. 15f.


160 Thomas Kuhn erkannte wenigstens den Mangel des gesamtgesell-
schaftlichen Blicks in der eigenen wissenschaftsphilosophischen
Arbeit: "Noch wichtiger ist, daß ich, abgesehen von gelegentlichen
kleinen Nebenbemerkungen, nichts gesagt habe über die Rolle des
technologischen Fortschritts oder der äußeren - sozialen, ökono-
mischen und intellektuellen - Voraussetzungen für die Entwick-
lung der Wissenschaften." (Die Struktur wissenschaftlicher Revo-
lutionen. Suhrkamp, Frankfurt 1967, S. 13).
161 Alfred Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit. a.a.O., S. 16f.
162 In: Alfred Sohn-Rethel: Warenform und Denkform. Suhrkamp,
Frankfurt 1978. S. 27fT.

105
nen Verstandes,l63 - ein Vortrag, der dem Band seiner be-
treffenden Studien den Titel gab. Diesem Versuch gemäß ist
die Sphäre der Warendistribution (und nicht die Erfahrung
der vergesellschafteten Produktion) konstitutiv fiir das Be-
wußtsein: fiir ein bewußtes Sein, das im gesellschaftlichen
Sein verankert ist und das wiederum geldvermittelt orga-
nisiert ist, infolgedessen kraft numerischer Abstrakta ope-
riert. Die Erkenntnisfunktionen des solchermaßen verge-
sellschafteten Denkens des Individuums sind eingefangen
im Gehäuse scheinbar apriorischer Kategorien. Alfred Sohn-
Rethel fUhrt die überzeitlich formale Abstraktionsseite der
Kategorien 164 auf ihre Genese zurück und erkennt mit der
entstehungsgeschichtlichen Wurzel zugleich das Mittel der
Aufhebung: die verändernde Verlängerung der Entstehungs-
geschichte, folglich die Umwälzung der sozialen Bedingun-
gen.
Die Verschränkung von Warenform und Denkform, somit
die genetische Erklärung der Erkenntnisgeltung, war in-
sofern die genuine Entdeckung eines unerforschten Neu-
lands, als in der gesamten erkenntnistheoretischen litera-
tur, von Kant bis Carnap oder Popper, dieses Motiv unbe-
kannt war und sich auch nicht in die bürgerliche Erkennt-
nislehre integrieren ließ. Die marxistische Literatur wie-
derum, besonders durch frühe Hinlenkungen Friedrich
Engels', begriff den Erkenntnisprozeß wesentlich als natur-
wüchsiges Werden auf der Achse des geschichtlichen Fort-
schritts, womit sich die Notwendigkeit zum befreiten, also
konkreten Denken fern des warengesellschaftlichen Kalküls
nicht ergab. Das Problem der Übernahme tradierter Erkennt-
nisprinzipien, des Hineinragens bürgerlich geformter kate-
gorialer Denkstrukturen in die zu schaffende kommunisti-
sche Zukunft blieb solchermaßen unbearbeitet.
Oskar Negt erkennt im Sohn-Rethelschen Werk eine
doppelte Wahlverwandtschaft, einen Brückenschlag zu Kant

163 ebenda, S. 103ft'.


164 Die hier und folgend gemeinte Abstraktion ist nicht jene, die ,aus
der Sache selbst' konstituiert wird (für Lenin nähert sich ein Den-
ken, das vom Konkreten zum Abstrakten aufsteigt, der Wahrheit,
indem das Gesetz das Wesen der Erscheinungen wiedergibt. [W.I.
Lenin: Konspekte zur ,Wissenschaft der Logik'. In: Philosophische
Hefte. Werke Bd. 38. Dietz, Berlin 1981. S. 160]), sondern die for-
male Abstraktion, die nach Maßgabe eines ursächlich sachfrem-
den Motivs erfolgt: in unserem Zusammenhang die Tauschab-
straktion nach Maßgabe des allgemeinen Äquivalents Geld, wo-
durch die Form vom Inhalt abstrahiert und zugleich subtrahiert
wird.

106
und Marx: zum Philosophen der erkenntniskritischen Gel-
tung einerseits, zum Philosophen der gesellschaftlichen
Genesis andererseits. l65 Denn das Credo und Postulat im
dialektischen Weltgebäude Marxens ,Das Sein bestimmt das
Bewußtsein' ließ die naturwissenschaftliche Erkenntnisform
unberührt und umgekehrt kennt die kantische Erkenntnis-
kritik keine gesellschaftsverankerte Entstehungsgeschichte.
Sohn-Rethels geschichtsmaterialistischer Kontrapunkt zu
den Begriffen der neuzeitlich-szientifischen Erkenntnisform
lautet: das transzendentale Subjekt ist in der Warenform
begründet. Das, was der Erfahrung vorhergeht, um Erfah-
rungserkenntnis möglich zu machen, das apriori Begrün-
dende der Erfahrung also, ist die Vergesellschaftung über
den Wert in der Form des allgemeinen Aquivalents: des Gel-
des. Das, was die Mannigfaltigkeit empirischer Evidenzen
verbindet, entspringt einem durch die Tauschabstraktion ge-
formten Denken. Es entquellen Kategorien, die schließlich als
Destillat der Erfahrung und der gesellschaftlich geprägten
Vernunft apodiktisches Format erlangen: mit überzeitlicher
Geltung, nunmehr von der Erfahrung mitsamt der sinnlichen
Wahrnehmung, mit der die wissenschaftlichen Kategorien
anhuben, abgekoppelt. l66 Sohn-Rethel setzt dagegen, daß
das synthetische Urteil apriori selber kategorial geformt ist:
durch die Abstraktion der Tauschhandlung.
Damit wird die kantische Frage ,Wie sind synthetische
Urteile apriori möglich?,167 zu einem Problembezirk mate-
rialistischer Art, denn die Bedingung ihrer Möglichkeit ist
vom abstrakten Tauschwert geformt, verformt: folglich von
einer Bedingung, die ,der Sache selbst' sui generis nicht an-
haftet. Die Vernunftprinzipien müßten außerhalb der waren-
geprägten Denkform gebildet werden, in einem Denkraum
frei vom Warenkalkül. Wahre und überzeitlich gültige Ur-
teile können somit nicht konstituiert werden, da ihre Bedin-
gung, ergo das von Menschen gemachte und somit veränder-
bare soziales Sein (im Sinne Giovanni Battista Vicos: ,Die
Menschen machen ihre Geschichte selber und darum ist sie

165 Dskar Negt: Unbotmäßige Zeitgenossen. Fischer, Frankfurt 1994.


S.55.
166 gemäß einem Ausdruck Walter Benjamins bewegen sich die Kate-
gorien in einer ,Eiswüste der Abstraktion'.
167 Der Apriorismus Kants ist weder chronologisch noch psycholo-
gisch, sondern rein erkenntnistheoretisch: er meint nicht ein zeit-
liches Vorher vor der Erfahrung, sondern eine über alle Erfahrung
hinausgehende und durch keine Erfahrung begründbare Allge-
meinheit und Notwendigkeit der Geltung von Vernunftprinzipien.

107
erkennbar') mit der Aufhebung der Warengesellschaft ent-
fiele.
Das Prinzip der formalen Abstraktion hat nach Sohn-
Rethel mehr als eine nur resonante Affinität zu jenem der
Warengesellschaft - die Verbindung ist nicht bloß analog,
sondern vielmehr stringent: die formale Abstraktion ist struk-
turell homolog dem Äquivalententausch, durch den Unglei-
ches mit Ungleichem gleichgesetzt wird. Diese Äquivalenz
ist keine auf den bürgerlichen Warenverkehr beschränkte
Besonderheit, sondern diffundiert durch alle Lebensbereiche
- bis hin zur psychischen Struktur des Individuums und
seinen Beziehungsebenen. l68
Sohn-Rethels Erkenntnistheorie faßt die Bedeutungen
der formalen Abstraktion schärfer als die marxistische Tra-
dition l69 , schärfer als Marx selber (wie oben zitiert: "Die Fra-
ge der Naturwissenschaft und ihrer Erkenntnisform ist von
Marx aus dem geschichtsmaterialistischen Gesichtsfeld
ausgelassen worden .... Die Naturwissenschaft wird weder
dem ideologischen Überbau noch der gesellschaftlichen
Basis zugerechnet und bleibt derart geschichtlich außer An-
satz."170). Sohn-Rethel ortet die geheime Identität zwischen
Warenform und Denkform in der Spezifik des modemen
Szientismus - nämlich vor den Erscheinungsformen, indem
die exakten Wissenschaften eine basale Matrix der kapitali-
stischen Gesellschaft konstituieren, mithin keine Über-
bauphänomene sind: sie bilden Gerüste des Unterbaus, sind
das formgenetische Grundgewebe der gesellschaftlichen Be-
ziehungen. Indem die Marxsche Kritik zu diesem Grundge-
webe schwieg, gar noch - umgeben von den naturwissen-
schaftlich-technischen Erfolgen seiner Zeit - szientistisch-
positivistisch affiziert wurde, wurde der sozialistischen Idee
keine substantiell andersgeartete Naturtheorie beigesellt.
Im Gegenteil: die positivierte Rezeption von Friedrich Engels'
Naturdialektik schuf die Grundlage fur die ,objektive Dialek-
tik' gesellschaftlicher Prozesse im Sowjetmarxismus. Die
mechanisch-materialistische Fetischisierung von Wissen-
schaftlichkeit gehört zur durchgehenden Begleitung kom-
munistischer Gehversuche - daher die apodiktische Progno-

168 siehe Dieter Duhm: Warenstruktur und zerstörte Zwischen-


menschlichkeit. Rosa Luxemburg, Köln 1974.
169 wobei Georg Lukacs in seinen Arbeiten zum verdinglichten Be-
wußtsein, in denen der Kapitalismus als organische und ideologi-
sche Totalität begriffen wird, ihm sehr nahekommt.
170 Alfred Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit. a.a.O., S. 15f.

108
se "Dann geht die heutige Menschheit nicht dem Sozialis-
mus, sondern der Technokratie entgegen."171
Sohn-Rethel enthüllt den Schein der ,reinen Kategorie':
"Allen aus der Tauschabstraktion stammenden Begriffen ist
der zeitlos ungeschichtliche Charakter gemeinsam. In der
Tauschabstraktion löscht die Gesellschaft sich selber
aus."172 Diese gesellschaftliche Abstraktion behauptet den
überzeitlichen Charakter jener Begriffe - sie ist unabding-
barer Funktionsteil der kapitalistischen Gesellschaft, aus
der sie hervorging. Die resultierende formale Abstraktion
ist sowohl konstruierter wie konstitutiver Bestandteil der
gesellschaftlichen Verkehrsform im Kapitalismus, sie ist die
manifestierte logische Struktur der Warengesellschaft. Das
Bindeglied zwischen der gesellschaftlichen und der begriflli-
chen Realität ist nach Sohn-Rethel das Geld: es ist der Ver-
mittler zwischen Sein und Bewußtsein, es ist der funktio-
nale Träger der gesellschaftlichen Synthesis: "Jedermann,
der Münzen in der Tasche trägt und ihren funktionellen
Gebrauch versteht, muß ganz bestimmte begriflliche Ab-
straktionen im Kopf haben, ob er sich dessen bewußt ist
oder nicht."173
Diese formale Abstraktion nach Maßgabe des allgemei-
nen Äquivalents Geld ist zu unterscheiden von Realab-
straktionen, wie sie in den Fußnoten 164 und 138 angeführt
wurden: als Abstraktionen ,aus der Sache selbst', in denen
der Aufstieg vom Konkreten zum Allgemeinen eine tiefere
Wahrheit über die Sache hervorbringt. Indes wird auch dieser
Unterschied zweifelhaft, zumindest gebrochen, denn Sohn-
Rethels Untersuchung über den gesellschaftlichen Ursprung
des ,reinen Verstandes' ergibt ja gerade, daß die Destillate
der abstrakten Beziehungen, die dem naturwissenschaftli-
chen Experiment entwachsen, selbst im Grenzfall nicht frei
sein können von den Kategorien der Tauschabstraktion.
Die Reinheit dieser Kategorien entspricht der Reinheit
des Geldes, des Bezugsmaßes der Äquivalenzlogik. So das
Geld einen materiellen Träger hatte, der mit dem Nennwert
ineins gesetzt werden konnte, beim gemünzten Goldstück
etwa, war es dem Sinn der Abstraktion nach ,unrein', da es
beim Zirkulieren einen Teil seines ursprünglichen Gewichts
verliert und die überzeitliche Gültigkeit des mit dem Träger

171 ebenda, S. 16f.


172 Alfred Sohn-Rethel: Materialistische Erkenntniskritik und Verge-
sellschaftung der Arbeit. Merve, Berlin 1971. S. 31.
173 ebenda, S. 29.

109
verknüpften Nennwerts somit verspielt wird. 174 Erst durch
die Ablösung der Zirkulationsmittel von ihrer ,wertvollen
materiellen Existenz' (durch Geldnoten etwa oder Münzen
ohne Edelmetall, erst recht im bargeldlosen Zahlungsver-
kehr), mithin erst in Gestalt von Geldzeichen ohne eigenen
Wert, erlangt das Geld die Würde seines Nennwerts, ohne
von der Beschaffenheit des Trägers abhängig zu sein (das
gekaufte Hemd muß blütenrein sein, der Geldschein mit-
nichten). Das solchermaßen zunehmend entstoffiichte Geld
wird im trägerlosen Medium zum immateriell flotierenden
Zeichen, dessen Beweglichkeit die materiellen Warenbewe-
gungen des Weltmarktes begleitet und erleichtert. 175
Die scheinbare Allmacht des gültigen Urteils offenbart
durch Sohn-Rethels materialistische Analyse seine geneti-
sche Bedingtheit und ist zugleich Indikator ftir die Epoche
seiner Entstehung. Erklärt die Entstehung des Entstande-
nen das Entstandene, so indiziert das Entstandene zugleich
die Entstehung: das Entstandene ist Indikator seiner eige-
nen Geschichte. 176 Im Detektivroman zur Entstehungsge-
schichte unserer Denkstrukturen wird das Entstandene
gleichsam zum clue, zum Indizienmaterial, zur Bodenspur
der einwohnenden Genese der Denkstruktur. Das innehal-
tende Bedenken, die prüfend detektorische Reflexion beim
scheinbar Selbstverständlichen177 , beim überzeitlichen Ge-
setz, bei vermeintlich allgültigen Abstraktionen, bei vorgeb-
lich naturgegebenen Normen, insgesamt also bei jeglicher
Verdinglichung der Beziehungen der Menschen untereinan-
der und zur Natur, ist die Voraussetzung der Enthüllung:
"Etwas ist nicht geheuer, damit fangt es an. Aber zugleich

174 entsprechend konnte einer Geldinflation nur durch Senkung des


Goldwertes der gewichtskonstanten Münze mittels Beimengung
wertloserer Metalle begegnet werden.
175 Zur Beweglichkeit des Geldes gehört auch, als abstrahiertes Me-
dium von der moralischen Last der eigenen Herkunft befreit zu
sein: das ,pecunia non olet' ist nur möglich, wenn dem Geld keine
Quelle anhaftet.
176 Ideengeschichtlich entspräche diesem epistemologischen Materia-
lismus die Korrespondenz zwischen der Quantentheorie und der
geistigen Atmosphäre in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg
(dazu: Karl von Meyenn [Hrsg.l: Quantenmechanik und Weimarer
Republik. Vieweg, Braunschweig/Wiesbaden 1994).
177 beispielhaft hierfür auf anderem Terrain sind Wolfgang Pohrts
aufmerkende, einmerkende Essays (Endstation. Rotbuch, Berlin
1982).

110
muß nach dem Weiteren, das hier das Nähere ist, gesucht
werden. "178
Das Entstandene in seiner verdinglichten Gestalt er-
scheint universal und somit universal-gültig, seine Gültig-
keit wird erst durch detektivische Spurensuche, durch die
materialistische Analyse Sohn-Rethels, gebrochen - wodurch
das historisch entstandene und bedingte Abstraktionsver-
mögen aufgedeckt wird: "Warenproduktion und Tauschhand-
lungen sind ihm zufolge die Ursprungszusammenhänge fiir
die gesellschaftlichen Abstraktionsleistungen; sie sind sozia-
le Akte, die gleichsam erfahrungsunabhängige, apriorische
Geltung annehmen. Die Kategorie der Substanz zum Bei-
spiel entsteht dadurch, daß beim Besitzwechsel der Waren
in der Tauschhandlung von der physischen Veränderung des
Tauschobjekts abstrahiert werden muß, die absolute mate-
rielle Konstanz der Ware also erhalten bleibt. Ohne diese
gesellschaftlich notwendige Abstraktion ist Warentausch
nicht möglich. u179
Georg Lukacs sah in seinem Aufsatz "Die Verdingli-
chung und das Bewußtsein des Proletariats"18o die Univer-
salität der Warenform als Charakteristikum der modernen
Gesellschaft schlechthin, als Wesen all ihrer Erscheinungs-
formen. Er erkennt darin die strukturelle Identität zwischen
Geist und Gesellschaft: die logische Struktur des abstrakten
Formalismus ist keine naturgegebene Algebra, sondern viel-
mehr ein geschichtliches Produkt - der abstrakte Forma-
lismus ist die besondere logische Struktur des westlichen
Kapitalismus. Somit ist die Form der Erkenntnis selber sozia-
ler Inhalt und verliert damit ihren unbefleckten Status der
überzeitlichen Gültigkeit.
Korrespondierend hat Susan Buck-Morss diese Ab-
straktion anhand der Kognitionspsychologie Jean Piagets
untersucht: die formal-abstrakte Erkenntnisstufe in seiner
Theorie der geistigen Entwicklung des Kindes ist Reflex
einer spezifischen Sozialstruktur, in der die Prinzipien des
Tauschwerts verkörpert sind. Die ,Kategorie der Substanz'
zum Beispiel in den Piagetschen Konservierungstests zum
konkret-operationalen Stadium erweist sich als Prinzip der
abstrakten Äquivalenz, das zugleich das ,Geheimnis der Zir-
kulationssphäre' bildet: ~bstrakte, formale Erkenntnis
könnte ein Reflex einer spezifischen Sozialstruktur sein, in

178 Ernst Bloch: Literarische Aufsätze. a.a.O., S. 242.


179 Oskar Negt: Unbotmäßige Zeitgenossen. a.a.O., S. 52.
180 In: Georg Lukacs: Geschichte und Klassenbewußtsein. a.a.O., S.
257-397.

111
der sich die Prinzipien des Tauschwerts, der Verdinglichung
und Entfremdung verkörpern, die die Produktions- und
Tauschprozesse in den industrialisierten Ländern des We-
stens bestimmen .... Die tatsächlichen Inhalte seiner Erhal-
tungs- und Klassifikationsversuche sind nur willkürlich.
Ihre Form ist von Bedeutung. Sie liefern die Entschuldigung
dafiir, daß die Fähigkeit, eine abstrakte Qualität zu identi-
fizieren, die trotz Verschiedenartigkeiten im Erscheinungs-
bild konstant bleibt, gemessen wird; dieses Vermögen bildet
eine direkte Parallele zur Fähigkeit, Waren und Arbeit auf
den abstrakten Tauschwert reduziert zu begreifen. u181
Die Genese der Verdinglichung (des ,versachlichten Ver-
hältnisses', durch den Beziehungen zwischen Menschen
durch Verhältnisse zwischen Dingen ersetzt werden, wodurch
von diesen Beziehun~en abstrahiert wird) ist ein Kernstück
der Theorie Marxens 82. Der Arbeiter ist in der kapitalisti-
schen Produktion nichts mehr als sein eigenes Tauschob-
jekt: er bietet seine Arbeitskraft feil im Tausch gegen den
Lohn. Er trägt sich mit dieser Arbeitskraft zu Markte, denn
das ist alles, was er verkaufen kann. In der Sphäre der Ver-
dinglichung und Entfremdung ist den Abstraktionen nicht
anzusehen, woher sie kommen. Sie erlangen universale
Würde und treten, wiewohl Produkt menschlicher Arbeit,
mit einer vom Produzenten unabhängigen Autorität auf. Die
Abstraktionen gleichen strukturell der Maschinerie, die dem
Arbeiter wie eine fremde Macht gegenübersteht. Der Arbei-
ter ist an der Genese dieser Maschinerie nicht beteiligt. Er
betritt die Bühne der Produktion und findet geronnene
menschliche Erfahrung vor - komprimierte Arbeit in Ge-
stalt aller sich in der Maschine manifestierenden Prozesse,
die sich vor seiner Zeit ereigneten. Der Arbeiter ist konfron-
tiert mit Konzentraten der Vergangenheit: die Macht der
industriellen Maschinerie ist Resultat der gesellschaftlichen
Verdichtung aller Arbeitszeiten, Erkenntnisse und Erfah-
rungen, die in sie eingingen. 183

181 Susan Buck-Morss: Sozio-ökonomische Verzerrungen in Piagets


Theorie und ihre Implikationen für interkulturell vergleichende
Untersuchungen. In: Riegel, Klaus F. (Hrsg.): Zur Ontogenese dia-
lektischer Operationen. Suhrkamp, Frankfurt 1978. S. 53/62.
182 nach Lucien Goldmann das Kernstück: "Allein die Theorie der
Verdinglichung (gibt) uns die Möglichkeit, den Zusammenhang
aller Marxschen Texte zu erfassen, die die Beziehungen zwischen
,Unterbau' und ,Überbau' zum Gegenstand haben." (Dialektische
Untersuchungen. a.a.O., S. 73).
183 siehe Oskar Negt/Alexander Kluge: Geschichte und Eigensinn.
Zweitausendeins, Frankfurt 1981. S. 720f.

112
Im Gleichklang mit der materialistischen Erkenntnis-
kritik Sohn-Rethels erkannte Adorno, daß die im formalen
System hergestellte Identität zwischen Begriff und Sache
die Welt zwar fungibel und verfügbar macht, damit aber
zugleich die wahre Identität der Sache scheinhaft verhüllt -
ihr bester Teil in Gestalt der je eigenen Qualität, Möglich-
keit und Freiheitsdimension wird vom formalen System, das
auf meßbare Quantität und austauschbare Größen ausge-
richtet ist, nicht erfaßt: "Das Tauschprinzip, die Reduktion
menschlicher Arbeit auf den abstrakten Allgemeinbegriff
der durchschnittlichen Arbeitszeit, ist urverwandt mit dem
Identifikationsprinzip. Am Tausch hat es sein gesellschaft-
liches Modell, und er wäre nicht ohne es; durch ihn werden
nichtidentische Einzelwesen und Leistungen kommensura-
bel, identisch."I84
Dieses Abstraktionsmotiv kehrt wieder ein im naturwis-
senschaftlichen Gesetz, das unter Absehung aller möglichen
Störfaktoren formuliert wird. Dergestalt werden die Regel-
sätze der Naturwissenschaften im idealen Raum entwickelt
- so gilt das Fallgesetz nur im Vakuum, das Gasgesetz p·v =
n·R·T nur unter Vernachlässigung der Teilchenanziehung
untereinander sowie ihres Eigenvolumens. Es entsteht so
ein ,reines' Gesetz, dessen ,Wahrheit' umso plausibler er-
scheint, je kürzer der mathematische Formalismus ist, der
ihn ausdrückt: ,simplex sigillum veri', das Einfache ist das
Zeichen des Wahren. Auf der Grundlage der gesellschaftli-
chen Abstraktion bilden sich die idealisierenden Denkformen
des ,Reinen' überhaupt: als Idolatrie der reinen Rationali-
tät, der reinen Theorie, auf dem Gebiet der Chemie des rei-
nen Stoffs. ISS
Diesem ,Reinen' einverleibt ist seine Überzeitlichkeit: es
wird in seiner verdinglichten Gestalt zum Produkt ohne
Prozeß - seine produzierende Vorgeschichte gerät ins Ver-
gessen, denn "alle Verdinglichung ist ein Vergessen: Objekte
werden dinghaft im Augenblick, wo sie festgehalten sind,
ohne in allen ihren Stücken aktuell gegenwärtig zu sein: wo

184 Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, Suhrkamp, Frankfurt


1970. S. 147.
185 Der Freiburger Chemiker Hermann Staudinger, dessen Arbeiten
zu Makromolekülen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden,
stieß anfangs gegen heftigen Widerstand. Die amorphen Polyme-
re, die er seinen Kollegen präsentierte, war fiir jene eine Provo-
kation: fiir die auf das ,Reine' eingeschworenen Chemiker war je-
der Stoff, der sich nicht als Reinstoff definieren ließ, kein Stoff ih-
rer Wissenschaft.

113
etwas von ihnen vergessen ist."l88 Schelling wandte sich mit
seinem Satz ,Über dem Produkt das Produzierende nicht
vergessen' gegen jedwede VerdingIichung der natura na-
turans - ein Satz, den Man: als ,aufrichtigen Jugendgedan-
ken' lobte und seiner Forderung, über die Ware den Produ-
zenten der Ware nicht zu vergessen, naturphilosophisch
entsprach.
Das Überzeitliche macht: das ,Reine' ist sich selbst ge-
nug. Es hat den archimedischen Ort im eigenen Zentrum.
Daher kann es keinen Hebel der Kritik geben, denn ein
Hebel setzt die Existenz zweier Angelpunkte voraus, eine
überzeitliche Naturkonstante aber hat nur einen Angel-
punkt: sich selber, unabhängig von der Peripherie, mithin
entbunden von den gesellschaftlichen Ursprüngen seiner
Evolution. Die universelle Macht des ,Reinen' entspringt der
vermeintlichen Losgelöstheit von seinem Ursprung. Die
Kritik kann nicht von außen ansetzen, wenn es kein Außen
gibt.
Sohn-Rethels materialistische Erkenntnistheorie als ent-
wicklungsgeschichtlich fundierte ,kritische Widerlegung des
Apriorismus' hat die in der ,Reinheit des Reinen' vorgeblich
gipfelnde überzeitliche Wahrheit aufgehoben, indem die un-
befleckt erscheinende Syntax in den Kontext ihrer Entste-
hung gestellt wird.
Die ,Reinheit des Reinen' ist unterdessen kein nur er-
kenntnis leitendes Prinzip - sie durchzieht als potentiell
destruktives Motiv alle Lebensbereiche. Daher geht es nicht
nur um die Dekonstruktion einer vorgeblich voraussetzungs-
losen Wissenschaft und der von ihr abgeleiteten Syntax,
sondern um menschenverachtende, menschenvernichtende
Zusammenhänge, die mit der ,Reinheit des Reinen' einher-
gehen, von ihr erzeugt werden. ,Rein' ist synonym mit ,sau-
ber'. Ob spanische Inquisition, stalinistische Säuberung,
Nürnberger Rassengesetze oder Ausländerhaß - stets
schimmert die durch Abstraktion erlangte Reinheit durch,
die das Andere und Fremde auszugrenzen trachtet. Die
Feindbilder des Krieges sind allemal in der Abstraktion ver-

186 Brief Adornos an Walter Benjamin vom 29. Februar 1940. In:
Theodor W. Adorno-Walter Benjamin. Briefwechsel 1928-1940.
Suhrkamp, Frankfurt 1994. Treffend hat Burghart Schmidt die
Postmoderne mit dem Epitheton ,Strategien des Vergessens' ver-
sehen (Postmoderne - Strategien des Vergessens. Suhrkamp,
Frankfurt 1994): die Flucht vor den Krisen der Moderne mündet
in die Flucht vor ihren Ursachen, deren Reflexion allemal eine ge-
schichtliche Rekonstruktion voraussetzen würden.

114
ankert: die Vernichtung anhand eines abstrakten Feindbil-
des ist die ideologische Voraussetzung der Feldzüge gegen
den Menschen.
Im Kapitel ,Zink' der Autobiographie Primo Levis steht
der Chemiestudent Levi vor der Aufgabe, Zink in verdünn-
ter Schwefelsäure aufzulösen; dazu holt er das chemisch
reine Metall. Es geschieht aber nichts:
"Das so zarte, empfindliche Zink, Säuren gegenüber so
nachgiebig, daß sie es mit einem Bissen verschlingen, ver-
hält sich ganz anders, wenn es sehr rein ist: dann wider-
setzt es sich hartnäckig jeder Verbindung. Man konnte dar-
aus zwei einander widersprechende philosophische Schluß-
folgerungen ziehen: das Reine preisen, das wie ein Schild
vor dem Bösen schützt; oder das Unreine preisen, das den
Weg freigibt zu Veränderungen und damit zum Leben. Ich
verwarf die erste, widerwärtig moralische und verweilte bei
der Betrachtung der zweiten, die mir näher lag. Damit das
Rad sich dreht, damit das Leben lebt, dazu bedarf es des
Unreinen und des Unreinen vom Unreinen: auch, wie man
weiß, im Boden, wenn er fruchtbar sein soll. Es muß den
Dissens, das Andersartige, das Salz- und das Senfkorn ge-
ben; der Faschismus möchte dies nicht, er verbietet es, und
deshalb bist du nicht Faschist; er will, daß alle gleich sind,
und du bist nicht gleich. Aber auch die makellose Tugend
gibt es nicht, oder wenn es sie gibt, so ist sie widerwärtig.
Nimm also die Kupfersulfatlösung, die im Reagenzglas ist,
tu einen Tropfen davon an deine Schwefelsäure und sieh,
wie die Reaktion beginnt: das Zink wird rege, bedeckt sich
mit einem weißen Mantel aus Wasserstofibläschen, da haben
wir's, der Zauber ist vollbracht, du kannst es seinem Schick-
sal überlassen, ein wenig durch das Labor spazieren und
schauen, was es Neues gibt und was die anderen ma-
Ch en.
"187

Wie sind Urteile außerhalb der Tauschabstraktion mög-


lich? Der erkennende Mensch, der die Genesis des ver-
meintlich überzeitlichen Geltungsanspruchs reflektieren
und die vorfindliche gesellschaftliche Ordnung transzendie-
ren will, ist aufgerufen, jenseits der Warenform zu denken.
Er bewegt sich indes zugleich in einem Begriffsgefangnis,
denn sein Vorstellungsreich ist von dieser warengesell-
schaftlich geprägten Welt, aus der er ut<?pisch heraustreten
müßte. Dazu bedarf es eines treibenden Uberbaus, also kon-
kreter Begriffe einer unverdinglichten Verkehrsform, mit-

187 Primo Levi: Das periodische System. Hanser, München 1987. S. 39.

115
tels derer er einen anders gestalteten, anders gestaltenden
Zugang zu den Dingen findet, mithin einen Umgang mit der
Natur jenseits des bloß numerisch-quantitativen Vorzei-
chens. Was enthüllte sich uns im Naturreich mit einem qua-
litativen Begriff - und dies, ohne das technische Interesse
an ihm aufzugeben? "Die Indianer", schrieb Ernst Bloch,
"sahen bei den Weißen zum erstenmal ein Pferd; dazu be-
merkt Johannes V. Jensen: wüßte man, wie sie es sahen, so
wüßte man, wie das Pferd aussieht."l88
Die Möglichkeit des Möglichen und ihre Antinomie: Wel-
che Urteile sind möglich, wenn Beobachter und Beobachte-
tes zusammenfallen und im Beobachter ,die Ware denkt',
folglich das warenformige Denken das warenformige Den-
ken nicht kritisch reflektieren kann, weil es ja ineins mit
sich selber ist? Die Homologie zwischen Warenform und
Denkform bedeutet in letzter Konsequenz, daß bis in die
fernsten Gehirnwindungen Begriff und Denkweise von
Tauschkategorien beherrscht und durchsetzt sind, wir folg-
lich kaum vermögen, anders als in den einverleibten Kate-
gorien des Äquivalententauschs zu denken.
Alfred Sohn-Rethel erkennt die gewichtige Evidenz: daß
die warenformige Erkenntnisweise sich offenbar in der bis-
herigen Praxis als eine von der gesellschaftlichen Struktur
unabhängige erwiesen hat und damit überzeitliche Geltung
erlangte. Die Intersubjektivität der mathematisch formu-
lierten Aussagen über die Natur ermöglicht jeden interna-
tionalen Physikerkongreß, von Peking bis New York, von
Havanna bis Kairo. Keine umwälzend andersgestaltete Ba-
sis der Moderne vermochte ernsthaft die Syntax der formalen
Abstraktion zu gefährden. 18g
Daraus resultiert eine doppelte Reflexion im Verhältnis
Mensch-Mensch und Mensch-Natur: die lebendige Arbeit
des Menschen - nach Marx die eine ,Quelle alles Reichtums'
- und die zweite Quelle Natur werden warenformig einver-
leibt. Diese Subsumtion unter dem Wertgesetz des Kapitals
führt zur Vernichtung der qualitas: der innere Reichtum des

188 Ernst Bloch: Spuren. Suhrkamp, Frankfurt 1969. S. 161.


189 Zum Pessimismus dieses Wissens gehört beispielhaft der Städte-
bau im ehemaligen ostdeutschen Reich der Notwendigkeit: zum
ersten Mal in der deutschen Neuzeit standen Stadtplaner und
Architekten nicht unter dem Verdikt der Bodenspekulation und
des bornierten Einzelkapitals. Sie hätten fern vom Aktienmarkt
kühne, menschengemäße Gesamtentwürfe verwirklichen, sich frei
im Material bewegen und Dokumente sozialer Würde erschaffen
können. Dennoch zeitigte der Städtebau dort lediglich die instru-
mentellen Neubaukasernen des Westens, nur schlechter.

116
Menschen wird eingeebnet auf Funktionalität und Fungibi-
litäe90 Analog dazu wird der innere Reichtum der Natur
gleichfalls auf das reduziert, was dem stofilichen Verwer-
tungszweck dient. Alles was jenseits dessen liegt, wird in
das Reich der schönen Künste verbannt oder der Urlaubs-
zeit zugeschlagen (ftir die verräterisch geworben wird mit
dem Versprechen: ,Ferien vom Ich' oder ,Endlich Mensch
sein'). ,Gäbe es kein Beton', schrieb Adorno, ,so gäbe es nicht
die Anhimmelung der Bäume'.
Der solchermaßen zugerichtete Mensch, die solcherma-
ßen zugerichtete Natur spiegeln ihre wechselseitige Zurich-
tung wider. Im doppelten Reflexionsverhältnis reflektiert
der Mensch die Natur und die Natur wiederum reflektiert
ihn. Die Natur spiegelt wider, was ihr durch den Menschen
widerfuhr, der Mensch spiegelt wider, was sich ihm durch
die solchermaßen überformte Natur vermittelt: wir hören
im Wald das, was wir hineingerufen haben. Dieses Echo
wirkt auf den Menschen ein, der wiederum, vom Echo gelei-
tet, auf die Natur einwirkt. Der Mensch erzeugt aus dem
Schoß der Natur kraft der herrschenden gesellschaftlichen
Verhältnisse Waren, und diese warenförmig konzipierte
Natur bestimmt die Verkehrsform mit ihr. Systemtheoretisch
betrachtet ist dieser Wechselwirkungsprozeß zirkulär-rekur-
siv und erftillt damit das Kriterium der Selbstreferenz: alle
Prozesse wirken bestätigend und selbstverstärkend in Rich-
tung einer operationalen Geschlossenheit.
Der ,Wahrheitsbegriffvon zeitloser Observanz', von dem
Sohn-Rethel im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen
Rationalität spricht, korrespondiert mit dem Wertgesetz der
kapitalistischen Ordnung: auch dieses Gesetz als Ausdruck
der gesellschaftlichen Beziehungen beansprucht zeitlose
Geltung, als ,Sache selbst' der menschlichen Gemeinschaft.
Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte 191
setzte das Signal ftir die interessierte Anti-Utopie, nach der
die moderne bürgerliche Ordnung der bisherigen histori-
schen Evidenz nach die dem Menschen einzig gemäße Le-
bensform sei. Das von Marx visionierte kommunistische
,Reich der Freiheit', das aus dem bürgerlichen ,Reich der
Notwendigkeit' hervorgehen soll, wäre damit schon ange-
brochen: die Menschen stehen demnach mittendrin in der

190 Alles, was jenseits dessen liegt, gehört zu seiner sogenannten Pri-
vatsphäre, die somit zum falschen Gegensatz zur vergesellschafte-
ten Erwerbsarbeit wird.
191 Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte. a.a.O.

117
endgültigen Eigentlichkeit ihres Daseins und nicht im Vor-
hof ihrer zu erringenden unentfremdeten Eigengeschichte.
"so wie es dem Marxismus um eine grundlegende Um-
wälzung des Kapitalismus geht, das heißt um die Aufhe-
bung der Herrschaft des Wertgesetzes über die lebendige
Arbeit und die lebendige Natur, so geht es auch erkenntni-
stheoretisch um eine grundlegende Umwälzung des herr-
schenden rein rationalen Wissenschaftsverständnisses. "192
Dieses problemhaltige Resumee leitet über zur Frage nach
einer Natur, die zum Ausdruck ihrer selbst kommen soll,
was auch eine kritische Reflexion des Naturbegriffs bei
Sohn-Rethel einschließt.
Es besteht nämlich ein prinzipieller Unterschied zwi-
schen der ,Herrschaft des Wertgesetzes über die lebendige
Arbeit und die lebendige Natur' und dem ,herrschenden rein
rationalen Wissenschaftsverständnis', die beide gleicher-
maßen umgewälzt werden sollen: die Herrschaft des Wert-
gesetzes ist eine epochale gesellschaftliche Vereinbarung.
Diese Herrschaft ist keine naturgegebene ontische Katego-
rie, sondern jederzeit aufhebbar. Die Menschheitsversuche
dazu mißlangen bisher, aber dies schließt die grundsätzliche
Möglichkeit der Befreiung vom ökonomischen Wertdiktat
nicht aus. Jeder Einwand gegen diese Befreiung hat nur em-
pirischen Charakter (mit begrenztem Experimentierraum),
ist aber nicht theoretisch fundiert im Sinne eines Naturge-
setzes. Es gibt keine Universallogik, nach der der Stoff-
wechsel mit der Natur bis in aller Ewigkeit nur nach profit-
geleitetem Maßstab vonstatten gehen muß.
Beim ,rein rationalen Wissenschaftsverständnis' hinge-
gen gibt es ein materiell sachhaftes Korrelat: die Natur näm-
lich. Diese Unterscheidung markiert die Differenz der Fahr-
pläne Alfred Sohn-Rethels und Ernst Blochs. Sohn-Rethel
schöpft seinen Zugang aus der geschichtsmaterialistischen
Analyse, Bloch aus dem utopischen Bewußtsein, das Mensch
wie Natur, also Welt, umfaßt, erfaßt. Die Natur als mate-
riell sachhaftes Korrelat der gesellschaftlichen Arbeit zu
verstehen bedeutet: das, worauf sich das Mensch-Maschine-
System als Subjekt der Arbeit in der äußeren Natur richtet,
korrespondiert mit diesem System: "Da die Beziehung nach
außen als materiell praktische in der Arbeit geschieht, muß
die gesellschaftliche Form der Arbeit so etwas wie eine ge-

192 Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Produktive Kräfte und gesell-


schaftliche Synthesis. Zum Naturproblem bei Ernst Bloch und AI-
fred Sohn-Rethel. Vorschein. Heft 13/14. Nürnberg 1993. S. 16.

118
sellschaftlich verstehbare Form der Natur hervorrufen. So,
wie gearbeitet wird, so ist die Natur jeweils, so daß sie ,prak-
tiziert' werden kann. "!93
Ohne Subjektcharakter der Natur könnte die Funktion
der Gesellschaft, zwischen Mensch und Natur zu vermitteln,
nicht erfüllt werden: die Natur funktioniert ,wie' das Sub-
jekt der Arbeit, das gesetzeshaft Auswendige der Natur wird
wie das naturwissenschaftlich-technische Inwendige des Men-
schen. So objektiv, wie das Maschinensystem konzipiert
wird (mit austauschbaren Produzenten, als unpersönliche
Ordnung und intersubjektive Organisation), so objektiv wird
auch Natur konstituiert (als physikalisches Ensemble nume-
risch reduzibler Größen). So subjektiv aber, wie das Maschi-
nensystem jenseits der organisatorischen Struktur als ge-
sellschaftlicher Agent wirkt (in Gestalt eben des Subjekts
der Arbeit), so subjektiv ist auch die ,zweite Quelle alles
Reichtums', die Natur. Die Entsprechung beider bildet die
gesellschaftliche Tat der Kapitalgenese. Die über nume-
risch-quantitative Begriffe objektiv verfaßte Natur wird so-
mit » ••• die ~ezielle industriekapitalistische Subjektgestalt
von Natur."! . Diese Subjektgestalt ist nicht jene des ästheti-
schen Natursektors (wie sie sich künstlerisch in Malerei,
Musik oder Dichtung offenbart), sondern jene des mathema-
tisch-physikalischen.
Solchermaßen enthüllt das rationale Denken einen wah-
ren Sektor in der Natur, eben den numerisch-quantitativen.
Die Wahrheit dieses Sektors erfüllt sich in der technischen
Bewährung, auch wenn diese Technik in der Natur, wie
Bloch sagt, ,wie eine Armee im Feindesland steht'. Damit
wird die Totalität der Sohn-Rethelschen Argumentation
zumindest relativiert, denn die Gesetze korrespondieren mit
einer überzeitlichen Struktur der Materie und wirken somit
unabhängig von der Gesellschaftsformation, in der sie ent-
standen sind. Friedrich Engels spricht diese doppelte Ver-
schränkung gültig an: »Nicht in der geträumten Unabhän-
gigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in
der Erkenntnis dieser Gesetze und in der damit gegebenen
Möglichkeitds sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken
zu lassen."! Zum einen also erkennt er die Naturgesetze
weitgehend an, zum anderen wählt er die passive Wendung

193 Ulrich EiseI: Ökologische Wissenschaft und gesellschaftliches Na-


turverhältnis. In: Kommune 10/1989. S. 74.
194 ebenda, S. 75.
195 Friedrich Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissen-
schaft. Dietz, Berlin 1971. S. 106.

119
,wirken zu lassen' - eine Wendung, deren Perspektive sich
prinzipiell vom industriellen Imperialismus des sich totali-
tär verhaltenden bürgerlichen Subjekts im Umgang mit der
Natur unterscheidet. Die Vision eines Stoffwechsels, in dem
der antagonistische Widerstreit zwischen Mensch und Natur
ein Ende hat, ein Stoffwechsel, in dem die Natur mitwirkt,
ohne erpreßt und geschunden zu werden, ist eine kommuni-
stisch antizipierte. Ernst Bloch hat diese Vision unter dem
Begriff ,Allianztechnik' ausgearbeitet. Eine solche Technik
baut auf die Mitproduktivität der Natur und kann darüber
hinaus auf ganz andere Weise in korrespondierender Ein-
tracht die Naturkräfte entfalten als die bisherige naturfeind-
liche Technik unter Kapitalkommando.
Solange die gesellschaftliche Verkehrsform vom Wert-
gesetz diktiert bleibt, die Warenabstraktion folglich das
durchgehende Gewebe aller Lebensbereiche darstellt, solange
wird diese Naturallianz als vernunftgeleitete Koproduk-
tivität zwischen Mensch und Natur nicht möglich sein. Der
Kapitalismus funktioniert im Sinn einer instrumentellen
Vernunft, die nach dem Maßstab von Mensch und Natur
nicht vernünftig ist. Globale ökologische Krisen und Mas-
senverelendung zeigen überdies, daß der Kapitalismus auch
in einem instrumentellen Sinn an die Grenzen seiner Funk-
tionalität gerät - das Vernünftige einer wahrhaft humanen
Vernunft somit durchaus auch funktional sein könnte, so es
sich in einer unentfremdeten Menschengemeinschaft entfal-
tete.
Das Vernünftige der Vernunft und sein utopisch trei-
bender Gehalt: man stelle sich im Sinn von Jürgen Haber-
mas oder Karl-Otto Apel eine ideale Diskursgemeinschaft
vor, in der keine Machtachse die Symmetrie zerbricht. Diese
Gemeinschaft wird bald darin übereinkommen, daß weder
Kriege noch Hungersnöte, weder Ozonloch noch Kohlen-
dioxid-Mantel, weder Erwerbslosigkeit noch Unbehaustheit
vernünftig sind. Diese Gemeinschaft wird rasch darin über-
einkommen, daß Kriege verheerend sind, daß die Erde alle
ernähren kann, daß ein vernetztes kommunales Verkehrs-
system vernünftiger ist als der motorisierte Individualver-
kehr, daß Marktplätze schöner sind als Autoschneisen, daß
betonierte Wohnsilos die Menschen krank machen und wei-
teres mehr. Es ließe sich so ein diskursiv gewonnenes Kom-
pendium des Vernünftigen erstellen. Und dennoch siegt das
Vernünftige nicht. Somit bleibt das langwährende Rätsel,
warum die Welt als Mensch-Natur-Gemeinschaft nicht glückt,
warum die Welt nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, warum die

120
Welt eine so schwere Geburt ist. Die Lösungswege dieses
Rätsels ist der Stoff der Utopie, die der ewigen Wiederkehr
des kapitalistisch Immergleichen ihr Veto entgegenstellt,
ein Veto mit dem Horizont des besseren, des gelingenden
Lebens.
Diese menschliche Vernunft jenseits der warengepräg-
ten Welt kann nicht ,wie eine bare Münze eingestrichen
werden', sie muß erkannt und praktisch werden. Der von
Sohn-Rethel formulierte stringente (und nicht bloß analoge)
Zusammenhang von Denkform und Warenform führt zur
epistemologischen Hypothese, daß die Warenform im Men-
schen denkt, daß die durch den Warentausch generierten
Realabstraktionen bestimmend für die Denkvorgänge sind.
Die Abstraktion ist eine doppelte: sie wirkt auf das ge-
sellschaftliche Gebiet, indem die lebendige Arbeit unter das
Wertgesetz subsumiert wird, sie wirkt auf das Naturgebiet,
indem die Naturmaterie nach Maßgabe ihrer Verwertbar-
keit konzipiert wird. In dieser negativen Genossenschaft
finden sich Mensch wie Natur gefangen im ,ehernen Gehäu-
se' der durch das Kapitalgesetz begrenzten Möglichkeiten.
Der Ausbruch aus dieser Vergesellschaftungsform ist daher
ebenfalls doppelten Gegenstands: soziale Revolution und
Befreiung der Natur. Insofern gehört, wie gezeigt, die Trans-
formation des Reises, von dem man nur den Preis kennt, zu
einem qualitativen und konkreten Stoff philosophisch und
politisch zur Aufgabe der Arbeiterbewegung, worauf Marx
in seiner ,Kritik des Gothaer Programms' der Sozialdemo-
kratie beharrte, indem er die Natur als ,Quelle alles Reich-
tums' als prospektiven Bündnispartner im künftigen Kollek-
tiv antizipierte. Diese Arbeit-Natur-Verkopplung als Emanzi-
pationsmoment beider kehrt in der nachfolgenden marxi-
stischen Tradition allewege ein - bei Walter Benjamin,
Karl-August Wittfogel, Ernst Bloch oder Herbert Marcuse.
Die geschichtsmaterialistische Analyse der beherrschen-
den Wertform durch Alfred Sohn-Rethel ist eine wesentliche
Grundlage für die naturutopischen Antizipationen Ernst
Blochs, die schließlich in eine Allianztechnik mit der Natur
münden. Diese Naturutopie hat zum philosophischen Kern
einen spekulativen Materialismus, in dem die Materie ge-
rettet wird vor einem mechanizistisch unproduktiven Be-
griff, in dem sie erhoben wird zu einem Stoff der Zukunft, zu
einem Stoff der befreiten Emanenz: "Die Materie ist die
reale Möglichkeit zu all den Gestalten, die in ihrem Schoß
latent sind und durch den Prozeß aus ihr entbunden wer-
den .... Ohne Materie ist kein Boden der (realen) Antizipa-

121
tion, ohne (reale) Antizipation kein Horizont der Materie er-
faßbar."I96
Dieser utopische Materiebegriff beendet die mecha-
nisch-materialistische Reduktion der Naturmaterie sowie
die im Neopositivismus nachfolgende formalistische Stoflbe-
trachtung. Das Ende induziert zugleich den Beginn eines
anderen Zugangs zum Bauplatz Natur, indem Blochs ,spe-
kulativer Materialismus' die Naturmaterie als eine im uto-
pischen Horizont des möglichen Neuen begreift: das utopi-
sche Gebiet des Weltstoffs ist Bedingungsort fiir die Antizi-
pation des besseren Lebens. Potenz des Menschen und Poten-
tialität der Materie sind somit utopisch verschränkt. Die
Natur bleibt materielles Substrat der gesellschaftlichen Be-
ziehungen, auch der künftig befreiten.
Der dialektische Begriffvon der Natur ist eine naturphi-
losophische Kategorie, zu der auch die Anerkennung der in
der Natur jenseits gesellschaftlicher Vereinbarungen inne-
wohnenden mathematisch formulierbaren Beziehungen ge-
hört, die der rationalen Denkform entgegenkommen. Natu-
rallianz bedeutet daher eine mögliche werktätige Genossen-
schaft, in der die Gesetzesförmigkeit der Natur als Anlage
zu der noch ausstehenden Mensch-Natur-Vermittlung be-
griffen wird. Diese Allianz setzt voraus, daß der Natur ein
nomothetisches Potential inhärent ist, daß die mit der Auf-
klärung eingeleitete neuzeitlich wissenschaftlich-technische
Bestimmung der Natur mit dem auch quantitativen Wesen
der Natur korrespondiert, etwas von und in ihr zum Aus-
druck bringt: "Es gehört so zum ganz empirischen ,Wesen'
von Zinkblende, regulär-tetraedrisch, von Magnetkies, hexa-
gonal zu kristallisieren. ,,197
Es wäre a-utopisch, wenn kein ,Reich der Freiheit' in-
nerhalb des numerisch-quantitativen Natursektors und mit
ihm antizipiert werden könnte, ein technisch-wissenschaftli-
ches Humanum mithin zur contradictio in adjecto geriete.
Die Verwirklichung der menschlichen Vernunft schließt die
Antizipation einer mit dem Menschen tätigen Natur ein,
einer gesetzeshaften.
Im Marxschen Denken ist die Natur das Universum des
Seienden und damit die Grundlage der menschlichen Ge-
schichte. Das ,Werden der Natur für den Menschen' geschieht
in der Arbeit. Die ,wahre Resurrektion der gefallenen Natur'
wird erst möglich durch eine veränderte Welt der Arbeit:

196 ebenda,S.271,274.
197 Ernst Bloch: Tendenz-Latenz-Utopie. a.a.O., S. 154.

122
durch die Aufhebung der abstrakten Lohnarbeit, die dem ab-
strakten Naturbegriff entspricht, durch die Etablierung der
konkreten Arbeit, die ein konkretes Verhältnis zur Natur
ermöglicht.
Somit bleibt die Befreiung der Natur als utopische Kate-
gorie mit dem Konkretwerden der menschlichen, gesell-
schaftlichen Beziehungen unentwegt verschränkt. Der ent-
scheidende Passus sei hier abschließend nochmals ange-
fUhrt: "Naturströmung als Freund, Technik als Entbindung
und Vermittlung der im Schoß der Natur schlummernden
Schöpfungen, das gehört zum Konkretesten an konkreter
Utopie. Doch auch nur der Anfang zu dieser Konkretion
setzt zwischenmenschliches Konkretwerden, das ist, soziale
Revolution voraus; eher gibt es nicht einmal eine Treppe,
geschweige eine Tür zur möglichen Naturallianz. ul98

198 Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. a.a.O., S. 813.

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