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Geistlich immun?

Wie Hauptamtliche wieder Feuer fangen können.


Von Hanspeter Wolfsberger
Herbst ’07

photocase, chival
Hanspeter Wolfsberger (58) ist Pfarrer der
Evangelischen Landeskirche in Baden und
leitet in Betberg (20 km südlich von Freiburg),
zusammen mit seiner Kollegin Evelyn Hauser
das Einkehrhaus „Haus der Besinnung“ 25 – 35
(www.betberg.de) 6
Gott begegnen

E iner hat geschrieben: „Ich merke, wie ich immer unzufrie-


dener werde. Ich habe unser Rede-Christentum so satt.
Immer soll ich Reden halten über Gott, aber mir ist, als
hätte ich gar nichts, wo ich es her nehmen könnte. Ich rette mich
von einem Nichts ins andere. Auch beim Zuhören geht es mir so.
kaum zugänglich. Sie empfinden Fremdheit dabei und sie ver-
mitteln diese selber. „Fremd“ kommt von „weit weg sein von
etwas“ – und das ist der Eindruck, den sie bisweilen selber ver-
mitteln: Da ist jemand bei manchen Themen weit weg. Vor allem
bei Themen einer persönlichen Lebensgestaltung aus Quellen
Ich war neulich in B. und die Predigten von ... waren sehr gut. des Glaubens. Ein Kollege seufzte neulich über die Aggressivität,
Aber es hat mich fast gar nicht interessiert, nicht bewegt, nicht be- die ihm bei Pfarrkonventen entgegenschlägt, wenn es um die
rührt. Ich bin wie abgestumpft, innerlich platt, wie nicht aufnah- Praxis einer eigenen Spiritualität geht. Ein anderer empfindet:
mefähig. Ich werte andere nach Äußerlichkeiten oder ob der Kol- Deutsche Theologen und theologische Funktionäre leiden an
lege in meine Schublade passt. Inhaltlich bin ich nach zwei Minu- einer enormen Selbstüberschätzung: Was sie nicht selber sagen
ten weg vom Fenster, spätestens, wenn das Eingangsbeispiel vorü- oder erfunden haben, kann kaum richtig sein. Und wieder einer
ber ist und die Bibel dran kommt.“ fasst es so: „Wenn es um geistliches Leben geht, dann sind die
Ein anderer sagte es öffentlich: „Ich würde nie wieder Pfarrer Hauptamtlichen die schwierigste Gruppe. Sie können fast nicht
werden. Ich habe darüber mein geistliches Leben verloren.“ hinhören. Sie ver-zwecken alles. Bedeutsam für sie ist nur, was sie
für ihre nächste Predigt verwenden können.“
Des frommen Gelabers müde …
Die folgenden Zeilen wollen manches – aber eines bestimmt Das Leiden: Innere Unberührbarkeit
nicht: Sie wollen niemandem zusätzliche Last auflegen. Sie sind Frage: Ist das richtig beobachtet? Leiden viele hauptamtliche
viel mehr bestimmt von Anteilnahme. Ich nehme Anteil am Erle- Pfarrer, Pastoren, Diakone beiderlei Geschlechts nicht nur an
ben so mancher Haupt- und Ehrenamtlicher, Leiter, Funktionäre schlimmen Einsamkeiten, an Sprachlosigkeit über sich selbst,
und Mitarbeiter im christlichen Bereich – weil ich selber so einer sondern auch an einer im Berufsleben wachsenden inneren Un-
bin. Ich kenne die oben beschriebene Unzufriedenheit aus eige- berührbarkeit gegenüber den „reichen Gütern seines Hauses“
nem Erleben. Und so versuche ich beim Schreiben solche vor mir (Psalm 36,9) – also an einer schleichenden Kontaktarmut ge-
zu sehen, die – wie ich – zeitweise der frommen Worte müde genüber Gott? Ich frage: Kann man als Hauptamtlicher unemp-
sind, „des frommen Gelabers“ überdrüssig. Ich sehe Kollegen vor findlich werden gegenüber dem Durst der eigenen Seele und ge-
mir, denen die nächtlichen (Alibi-Arbeits-)Stunden am PC auch genüber geistlichen Dingen? Kann man als (Quasi-)Profi im
noch die letzten Nischen vitalen Lebens weg gefressen haben, die theologischen Dienst in einen Zustand geraten, der einen „über
auf die Frage nach ihrem Ergehen eine Art Mantra sprechen: „Im Gott“ Reden halten lässt – ohne dass man noch merkt, was
Moment ist es gerade ein bisschen viel…“ – an Arbeit, Stress manche Zuhörer schon längst spüren: „Aus Gott reden“ wäre
usw. wohl anders? „Als aus Gott reden wir vor Gott, in Christus.“(2.
Solche Pfarrer und Pastoren sehe ich vor mir, die als Predigt- Korinther 2,17)?
hörer dadurch auffallen, dass sie ausfallen oder allenfalls wer- Fragt man Menschen in geistlichen Ämtern nach Ursachen
tend hören können. Leute, an denen geistliche Aussagen ablaufen für diesen Zustand – den die meisten übrigens bei Kollegen(!)
wie Wasser an der Fensterscheibe und von denen man in Ein- sehr wohl schon bemerkt haben – so gibt es mancherlei Vermu-
kehrhäusern oder bei Kommunitäten weiß: Sie finden in die tungen:
Stille wahrscheinlich gar nicht hinein. Wenn sie denn überhaupt Die schier uferlose Arbeitserwartung an einen Pfarrer, sagen
mal in solch ein „Haus der Stille“ kommen, dann werden sie dort manche, lasse keine Zeit übrig für eine eigene spirituelle Praxis:
statt einer persönlichen Einkehr irgendein Buch lesen, sie wer- z.B. für Gebet, für Hören auf Gott oder für Schritte einer lectio
den mitgebrachte Arbeit auf dem Notebook erledigen und froh divina (siehe Kasten), wie sie für Luther unentbehrlich waren.
sein, wenn ihr Handy ihre Unentbehrlichkeit verkündet. Andere meinen: Der Erfolgsdruck aus den Gemeinden ver-
„Ich bin halt kein Stille-Typ“ reicht ihnen als Begründung derbe alles. Hatte ein Hauptamtlicher früher noch Hunger nach
für ihre Unruhe. Die Erfahrung einer Hausfrau, die sich nach Gott, so nährt er sich im Dienst immer stärker von der Anerken-
einem einfachen Gebetsspaziergang tief berührt zeigt, ist ihnen nung durch Menschen. Wo einer früher die „Rechfertigung des
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8 Gottlosen“ pries, da lebt er heute eine „Selbstrechtfertigung des


Ruhelosen“.
Oder ist dies eine Ursache: „Den Hauptgrund sehe ich in der
Weigerung, mich Gott auszusetzen. Der damit verbundene oder
befürchtete Machtverlust, das Gefühl, etwas aus der Hand geben
zu müssen, ohnmächtig oder handlungsunfähig zu sein, das
bremst.“
Oder ist es schlicht eine berufsbedingte Enttäuschung, die sich
wie die Asche eines Vulkans auf alles Lebendige legen kann – Aber hier meine ich tatsächlich: Wie man bei einem Auto re-
Enttäuschung an Menschen, Enttäuschung an Gott, weil nach so gelmäßig Öl, Wasser und Luft prüfen soll – vom Energiehaushalt
viel „preisenden Reden“ über ihn so wenig sichtbar ist von ihm? ganz abgesehen – so sei es auch wichtig, längst vor dem Ruhe-
Kardinal Lehmann schreibt: „Auch ein Theologe kann zum stand auf das eigene Leben zu achten, auf unser Leben aus Gott
Atheisten werden, wenn er nicht versucht, ungekünstelt als Glau- und vor den Menschen. Es ist doch wohl nicht wahr, dass es aus-
bender zu leben, wenn er nicht das Gespür fürs vitale Leben be- schließlich Augustin’s Herz gewesen ist, welches „unruhig“ war,
hält, wenn er nicht einfach und lernend bleibt in allen Dingen. so lange es ohne Gottesnähe auskommen musste, das unsere ist
Man kann nicht das Leben in der theologischen Retorte erzeugen es doch auch! Und dann und wann hören wir unser Herz ja auch
und alles in Vernunft und Argumentation auflösen. Es ist schon sprechen, wenn es fragt – in den Wachstunden bei Nacht oder
eine teuflische Versuchung, sich mit den Dingen des Glaubens zu vor dem Erwachen: War das alles? Ist das die ganze Geschichte
befassen indem man hauptsächlich darüber redet, sich aber dem Gottes mit einem Menschenleben – wie ich sie derzeit lebe?
Vollzug entfremdet. Es kann vorkommen, dass einer dies gar nicht Nur zum vorsichtigen Fragen und Hinspüren – so möge
merkt und nur immer bemüht ist, die Dinge in äußerster Objekti- man diese Zeilen lesen – wage ich hier ein paar Hinweise aus
vation zu beherrschen.“ („Es ist Zeit, an Gott zu denken“, Herder dem Neuen Testament (Lukas 24,13-35): Zwei namentlich unbe-
Freiburg 2000) kannte Männer aus dem Jüngerkreis gehen auf dem Weg nach
Emmaus. Sie sind voll vom Erlebten der letzten Tage – Karfreitag,
Was könnte helfen? die Gerüchte einer Auferweckung usw. Sie versuchen, das Unge-
Weil diese Frage sofort im Raum steht, wenn jemand die oben heure im Gespräch zu verarbeiten.
beschriebenen Aussagen macht, wollte ich diesen Artikel lange
Zeit gar nicht schreiben. Denn wer bin ich, dass ich anderen „... da nahte sich Jesus selbst
Menschen mit ihrer je eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte und ging mit ihnen.“
irgendwelche Ratschläge zu geben hätte? Welch ein Satz. Man müsste ihn in Gold schreiben, hat Luther
Gleichzeitig berührt mich die Not in der Sache. Über dem zeitweise gesagt. Was ist an diesem Satz? Nun: Ohne dass der
Arbeiten auf frommen Äckern gehen die eigenen Lebensjahre Herr selber zu seinen Leuten kommt, wird es kaum gehen. Das
dahin wie im Flug. Ruheständlern gelingt manchmal noch ein gilt für alle Menschen – aber ich meine für uns Hauptamtliche
bedauernder Rückblick, wenigstens das: „Wenn ich es noch mal besonders. Egal, auf welchem Wege Gott kommt: Ob durch ein
zu tun hätte, würde ich …“ Aber wer leistet sich als Theologe, als beschämendes Gelingen unserer Arbeit oder durch ein berufli-
Gemeindeleiter, als Vorsitzender, Präses oder Oberkirchenrat eine ches Scheitern, ob durch ein mutiges Bruderwort oder durch
ausreichende Zwischenbilanz, so lange er noch im Dienst ist? eine familiäre Krise, ganz egal – wenn er nur kommt! Und wenn
Vielleicht gibt es sie ja … er nicht kommt, dann weiß ich sofort auch nicht mehr weiter.
„Er nahte sich ihnen“ höre ich im Übrigen auch so: Ich
glaube, dass Funktionäre in geistlichen Ämtern auf jeden Fall
Menschen brauchen, die sich in ihr Leben einmischen dürfen, die
ihnen ein unabhängiges Feedback geben dürfen, sonst sind Fehl-
„Ich habe unser Rede-Christentum so satt. haltungen vorprogrammiert. Den Jüngern damals nahte sich
einer. So, dass sie ihn ertragen konnten, so, dass sie vor ihm
Immer soll ich Reden halten über Gott – drauflos sprechen konnten. Er hört nur und wartet – und dann
aber mir ist, als hätte ich gar nichts, wo ich steigt er auf das ein, was sie ihm hingehalten haben. Und so hat
er es zu seinen Lebzeiten immer wieder getan. Bevor er an seinen
es her nehmen könnte.“ Jüngern handelt, sollen sie ihm ihre Lage hinhalten und erzählen.
„Es ist schon eine teuflische Versuchung, sich mit den Dingen des Glaubens zu
befassen, indem man hauptsächlich darüber redet, sich aber dem Vollzug entfremdet.“

Gott begegnen

27: Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte rungen zu ziehen aus dem, was es – nein: Was er – unterwegs mit 9
ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. ihnen gemacht hat. Jetzt sollen sie Schlüsse ziehen aus den Signa-
Die Schriftbelege zu dieser Stelle lassen ahnen: Die Sache len, die sie empfangen haben, welche auch immer. Und genau das
dauerte länger. Sein Reden und ihr Schweigen, meine ich. Was taten diese Jünger jetzt:
zumindest so viel bedeutet: Sie hielten in seiner Gegenwart über
eine längere Zeit einfach mal den Mund. – Ich mache daraus: 32: Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser
Ohne dass wir still werden, geht es ja auch nicht. Nicht wirklich. Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die
Ohne Stille, meine ich, ohne Hören auf Gott, ohne Zeit für ein Schrift öffnete?
Empfangen aus erster Hand geht es einfach nicht. Es ging für Es war ja so gut, dass sie einander dabei hatten! Und dass sie
Jesus selber nicht, es ging für Paulus nicht, es ging weder für Be- voreinander Gefühle ansprechen konnten: „Ist es dir auch so ge-
nedikt noch für Luther und für viele andere auch nicht. Woher gangen? Mir ist ganz anders geworden als er vorhin gesagt hat,
nehmen wir eigentlich heute die Kühnheit, zu meinen, es ginge dass … „ So verstehe ich die Worte: „Brannte nicht unser Herz in
bei uns ohne Stille vor Gott? uns …“ Die beiden Männer helfen einander, sich einzulassen auf
Wir brauchen eine Berührung mit den Inhalten des Glau- Regungen ihres Herzens. Es ist wichtig, solche Regungen und
bens „von innen her“, sagt Ignatius. „Es braucht im Glauben bei Stimmen des Herzens überhaupt zu registrieren – und es ist sehr
aller Vermittlung durch menschliche Personen und Strukturen wichtig, sie zuzulassen.
eine letzte Unmittelbarkeit zu Gott, die alles Endliche radikal Auch anderes sollen wir zulassen: Zulassen, was die Stimme
übersteigt und mich mit Gott selbst verbindet.“ (Karl Lehmann) meines Körpers mir sagen will, das ist vernünftig. Zulassen, was
Sonst trocknet man aus, sonst wird man flachwurzelig, sonst meine Seele mir anzeigt. Ich soll, auch und gerade als Hauptamt-
wird alles schal, sonst hält man sich an Zweitrangigkeiten auf licher, der gewöhnt ist, vielfach das letzte Wort zu haben, zulas-
und verliert die große Perspektive. Konkret: Wir brauchen Zeiten sen, was mir meine Beziehungen signalisieren. Und ich soll,
für und vor Gott, Einkehrtage, Beichte und Gespräche, wo wir wahrhaftig nicht zuletzt, zulassen, woran die Stimme Gottes bei
uns anschauen lassen, uns einfinden vor Gott und uns begleiten mir rührt. An diesem Zulassen hängt die Entwicklung unserer
lassen. ganzen Persönlichkeit. Denn nur wer diese Stimmen und Signale
Wer es gut mit uns meint, mit uns Hauptamtlichen, der zulassen kann, kann das Loslassen üben, wenn es Zeit ist. Und
sorge dafür, dass wir uns solche Zeiten nehmen und geben las- nur wer loslassen kann, kann vertrauen, kann sich jemandem
sen. Regelmäßig, nicht als Möglichkeit, nicht als „weichen“ Ter- und auch Gott überlassen. Weil sie im eigenen Stillsein und im
min, sondern – wie war das mit dem Auto? Vermutlich wird sich Gespräch zu zweit etwas zulassen konnten, sich einlassen konn-
dazu auch in der (Berufs-)Begleitung von uns Hauptamtlichen ten, kamen die beiden Jünger vor Emmaus einen Schritt weiter.
etwas ändern müssen: Ich meine, man solle uns nicht nur fragen, Welchen Schritt?
wie wir das Gemeinde-Management optimieren, sondern man
soll uns auch fragen – auch kirchenleitend durch Dekane und 29: Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn
aus dem Oberkirchenrat: Wie lebst du deinen Glauben? Was es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er
nährt dein Leben? Wie geht es deinem Beten? Kannst du Gott lie- ging hinein, bei ihnen zu bleiben.
ben? Nötigen an sich ist schlecht. Aber hier ist etwas stark Per-
Ich bin mir sicher, dass diese Fragen in meiner evangeli- sönliches in Gang gekommen. Vielleicht nötigte Jesus sie selber
schen Kirche nicht inquisitorisch gestellt würden. Das ließe durch seine warmherzige Art der Zuwendung. Jetzt ist auch bei
schon die in Jahrzehnten unter uns gewachsene theologische Bil- ihnen eine innere Tür aufgegangen und sie sagen ihm, was für sie
dung nicht zu. Umso mehr bedaure ich, dass diese Fragen in der unentbehrlich ist: Sein Dableiben. Einfach sein Dableiben! Solch
Regel überhaupt nicht gestellt werden. Das empfinde ich als Ver- ein Vorgang ist für Hauptamtliche so selten wie kostbar. Aber ich
nachlässigung. meine, dass fast alle sich danach sehnen. Es ist etwas, wenn wir
Hauptamtliche wieder auf das Geheimnis Jesu stoßen. Wenn aus
28: Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Begriffenhaben Ergriffenheit wird. Übrigens: Dann werden wir
Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. als Verkündiger meistens sofort interessant. Denn die Menschen
Man darf ja fragen: Warum verstellte er sich? Eine mögliche unserer Tage sind hinter Gott her. Und sie suchen nach solchen,
Antwort ist: Bis zu dieser Weg-Station war alles gesagt, jetzt die diesen Gott selber kennen.
waren sie selber dran. Jetzt sollten sie sich zu ihm verhalten und Anthony de Mello sagt von Hindus, die auf einen christli-
aus dem Hören einen nächsten Schritt machen. Jetzt sind Folge- chen Missionar treffen: Sie werden dem Missionar zuhören, sie
Es ist etwas, wenn wir Hauptamtliche
wieder auf das Geheimnis Jesu stoßen. Wenn
aus Begriffenhaben Ergriffenheit wird.

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10 werden Interesse zeigen an den Helden der Kirchengeschichte,


aber sie werden nicht beeindruckt sein. Sie werden sagen: „Das
ist schön. Und wie haben Sie selbst Gott erlebt? Sie kommen zu
uns mit Theologie, mit Liturgie und mit der Bibel ... Aber hinter
all diesen Riten, Worten und Begriffen befindet sich doch eine
Wirklichkeit, für die die Riten, Worte und Begriffe nur Symbole
sind, eine Wirklichkeit, die mehr ist als die Begriffe? Stehen Sie in
direkter Verbindung mit dieser Wirklichkeit? Können Sie mich mit
ihr verbinden?“ („Von Gott berührt“, Herder 1992, S. 22)

Sich der Glut aussetzen


Emil Brunner soll einmal den Protestantismus seiner Zeit so be-
schrieben haben: Dieser sei wie ein gefrorener Wasserfall. Man
sehe noch die gewaltigen Formen: Katechismen, Kirchen, Be-
kenntnisse, Gesangbücher usw. – aber was einmal Bewegung eine spezielle genetische Sonderausstattung. Eva von Thiele-
war, sei heute zur Erstarrung gekommen. Winckler sagt: „Stille ist eine Macht. In der Stille redet Gott. Ohne
Man versteht dieses Wort richtiger Weise nicht als eine Aus- Stille vor Gott werden wir ohne Offenbarungen bleiben. Wenn ich
sage gegen Formen, sondern gegen das Erfrieren. Erfrieren ist an den großen inneren Gewinn denke, der jedes Mal mein Teil
sterbende Wahrnehmungsfähigkeit, ist – etwa bei bestimmten war ... dann ist es mir unbegreiflich, dass ich nicht noch öfter in
Windverhältnissen – nahezu schmerzfreies Absterben des Gewe- die Stille ging.“
bes. Dass sich solches nicht mitten in der Christenheit ereignet, dass wir das Schauen wieder lernen. „Schauen” ist mehr als
zumal bei hauptamtlichen Christen, war das Anliegen bei der „sehen”. Es meint ein inneres und geistiges Wahrnehmen. Carlo
Gründung der Pfarrgebetsbruderschaft, der Berneuchner Bewe- Carretto sagt einmal, als er mitten in einer Großstadt die abendli-
gung, der Michaelsbruderschaft und anderer Gemeinschaften. chen Lichter eines Wolkenkratzers aufleuchten sieht: „Wie ist es nur
Bonhoeffer war der Meinung: Hauptamtliche brauchten eine ge- möglich, dass die hässlichsten Dinge so lebendig und schön werden,
pflegte geistliche Praxis, Übungen der Frömmigkeit – und er war wenn das Licht in sie einzieht.“ Das meint: Man muss die Dinge von
deshalb dafür, die theologische Ausbildung in kirchlich-klösterli- innen her wahrnehmen. So wie man ein Haus von innen her planen
che Schulen einzubetten. (vgl. bei Andreas von Heyl, „Zwischen muss. George Matheson, der blinde englische Sänger, hat vor hun-
Burnout und geistlicher Erneuerung“, Verlag Peter Lang). Man dert Jahren gebetet: „O Gott, dessen Liebe nicht auf von Menschen er-
müsse als Hauptamtlicher lernen, sich der „ewigen Glut unabläs- baute Gotteshäuser beschränkt ist, schließe mein Herz auf, dich zu er-
sig aussetzen, die einem aus dem Wort Gottes entgegen schlägt“, fassen. Lass mich dich doch überall erkennen. Hilf mir, dich zu sehen,
war auf der Barmer Synode 1934 zu hören. wo die Menschen nur die Welt sehen, und dich zu hören, wo die Men-
An diesen und anderen Vorschlägen haben seither viele wei- schen nur die Stimmen der Massen hören ... Lehre mich die Vereh-
ter gestrickt. Julius Schniewind, Manfred Seitz, Helmut Thielicke rungswürdigkeit aller Dinge erkennen, die wir gewöhnlich nennen;
u.v.a. Sie alle verbindet der Wunsch: lass mich dich überall erkennen!“
dass wir Christen alle, aber besonders die Hauptamtlichen,
nicht über Gott reden, ohne vorher von Gott zu empfangen. Es 30/31: Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm
soll uns nicht reichen, unsere Aussagen irgendwoher zusammen er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre
zu lesen oder uns in mancherlei Schöngeistigem oder rhetori- Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand
schen Kunstgriffen zu erschöpfen. Wir sollen Sehnsucht behalten vor ihnen.
nach einem eigenen Zugang zu den „reichen Gütern seines Hau- Ich stehe fast jeden Tag in einer alten Kirche. Iro-schottische
ses“ (Psalm 36,9). Mönche haben vor 1.200 Jahren aus einer keltischen Kultstätte
dass wir uns etwas sagen lassen: Von Begleitern – auch von einen Platz für Christus gemacht. Eine Kapelle entstand, später
solchen, die uns zunächst fremd scheinen. Gott kommt nicht uni- eine Wehrkirche. Und nun kommen durch den Mittelgang dieser
form. Und auf Signale sollen wir wieder achten lernen, Signale, Kirche seit Jahrhunderten Menschen zum Altar und halten ihre
deren Gott sich schon oft bedient hat – sei es unser Körper, un- Hand hin, um ein Stückchen Brot und einen Schluck Wein zu
sere Beziehungen oder die Widerfahrnisse unseres Lebens. empfangen. Warum? Es ist ein Geheimnis darin. Sacramentum
dass wir nicht so leben, als bräuchten wir zu Gebet und Stille war zeitweise Synonym für mysterion. Was darauf hinweist: Ein
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ihn.“ Was für mich heißt: Lasst uns „heilige Dinge“ wieder mit
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Vorhaben, Verpflichtung Ihres Lebens …) zu lassen – und die ent- der Narnia-Hörbücher Philipp Schepmann und
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sich anschauen. Schildern Sie Ihr Empfinden über Ihre Situation. Kawohl-Verlag | Blumenkamper Weg 16 | 46485 Wesel
Wagen Sie, offen und anhaltend zu hören. fon 0281/ 962 99 0 | fax 0281 / 96299100 | verlag@kawohl.de