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Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Institut für Musikpädagogik

Hausarbeit:

Hanns Eisler: „Gegen den Krieg“


Thema und Variationen für gemischten Chor a capella

Vorgelegt von: Markus Liebscher

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung S. 3
2. Analyse der Variationen S. 4
2.1 Thema S. 4
2.2 Variationen 1-10 S. 5
2.3 Intermezzo (Variationen 11-13) S. 9
2.4 Variationen 14-19 S. 11
2.5 Fuge (Variationen 20-24) S. 14
3. Literatur S. 14

1
Hanns Eisler: Gegen den Krieg
Thema und Variationen für gemischten Chor a capella

1. Einleitung

Textgrundlage

Die Chorvariationen „Gegen den Krieg“ sind das erste Werk, in welchem Eisler die
Zwölftontechnik mit einer politischen Thematik verbindet. Der Text, der dem Werk zu
Grunde liegt, stammt zum größten Teil aus Berthold Brechts „Deutschen Kriegsfibel“. Brecht
schuf sie ab 1933 im dänischen Exil (Svendborg). Die Textzeilen, die zu den Variationen 11-
13 (Intermezzo, siehe unten) gehören, sind dem 1937 verfassten „Deutschen Lied“ (ebenfalls
von Berthold Brecht) entnommen.

Entstehung

Hanns Eisler komponierte dieses außergewöhnliche Chorwerk anlässlich eines


Preisausschreibens „zur Erlangung eines weltlich-zyklischen Chorwerks“, das von einem
Privatchor aus der Schweiz organisiert wurde. Die Ausschreibung war seit Mai 1936 in
verschiedenen europäischen Musikzeitschriften zu lesen. In der Jury, die über das beste Werk
entscheiden sollte, saßen wichtige Komponisten wie Arthur Honegger, Ernst Krenek und
Paul Sacher. Eislers „Thema und Variationen...“ wurden jedoch nicht mit einem Preis belohnt.
Trotz des ausgebliebenen Erfolges veröffentlichte Eisler das Werk 1938 in New York.

Ich möchte in dieser Arbeit Eislers Chorvariationen genauer analysieren. Besonders wichtig
werden mir dabei die Struktur des Werkes, die Art und Weise, wie Eisler das Reihenmaterial
entwickelt und Aspekte der musikalischen Textausdeutung sein.

Struktur des Werkes:

Das gesamte Werk weist eine klare Symmetrie auf: Beginn (Thema) und Abschluss (Coda)
stehen beide im Unisono. Dazwischen sind 24 Variationen eingebettet, deren Mitte ein
Intermezzo bildet (Variationen 11-13). Auch innerhalb der beiden durch das Intermezzo
getrennten Variationsteile finden sich Unterteilungen, auf die ich jedoch später eingehen

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möchte. Thematisch ist dem ersten Teil der Variationen (Var. 1-10) die verlogene Propaganda
der „Ob’ren„ mitsamt ihren Konsequenzen verarbeitet. Der zweite Teil (Var. 14-24) stellt die
Folgen der Propaganda im Einzelnen dar.

2. Analyse der Variationen

2.1 Thema

Das Thema wird forte und im unisono vorgetragen. Es ist mit „andante con moto“
überschrieben. Ihm sind die ersten 3 Verse des Gedichts unterlegt.

Als der letzte Krieg vorüber war, gab es Sieger und Besiegte.
Bei den Besiegten hungerte das nied’re Volk.
Bei den Siegern hungerte das nied’re Volk auch.

Drei mal hinter einander steht hier die Grundform der Zwölftonreihe. Dabei fällt jeweils das
erste Wort einer Verszeile mit dem ersten Ton der Zwölftonreihe zusammen. Am Ende der
ersten Reihe werden die Töne 10, 11, 12 und (erneut) 1 („gab es Sieger“) noch einmal
wiederholt („und Besiegte“). Der Grund, warum Eisler genau diesen Teil noch einmal
wiederholt, muss in der Bedeutung des Textes gesucht werden. „Sieger“ und „Besiegte“
werden hier - durch die Wiederholung - jeweils in der gleichen Tonabfolge wiedergegeben.
Eigentlich, so würde man denken, sind die Sieger und die Besiegten eines Krieges durch
Gegensätze unterschieden - so müsste dieser Gegensatz auch musikalisch ausgedrückt
werden. Durch die Verwendung des gleichen Motivs für „Sieger“ und „Besiegte“ soll aber
gezeigt werden: sie stehen auf derselben Stufe, denn: beide sind Verlierer, da beide Hunger
leiden müssen. Diese Gleichsetzung wird auch beim Vergleich der zweiten und der dritten
Reihe (unter Beachtung der Textzuordnung) deutlich.

Auffällig ist, dass die Reihe, die Eisler seinem Werk zu Grunde legt, nicht in strenger Weise
den Grundsätzen der Zwölftontechnik folgt.
Zum einen erscheinen innerhalb der ersten sechs Töne der Reihe drei kleine Terzen
(aufwärts): e – g, fis – a, gis – h. Das kann in gewisser Weise als Abweichung von
kompositorischen Leitsätzen der Dodekaphonie gesehen werden: größere und kleinere
Intervalle sollten in einer Reihe möglichst miteinander wechseln. Zudem sollten nicht mehr
als zwei gleich große Intervalle nacheinander erscheinen.
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Des Weiteren weist die Zwölftonreihe des Themas Merkmale der Tonalität auf. Die ersten
sechs Töne der Reihe ergeben den Eindruck von E-Dur: e (1.Ton), fis (3.Ton), gis (5.Ton), h
(6.Ton). Zum 3. und 5. Ton leitet jeweils ein Halbtonschritt (abwärts) hin. Der 12. Ton hat
den Charakter eines Leittones zum Anfangston e, der tatsächlich auch am Schluss der Reihe
angefügt wird. Der Hörer kann kaum umhin, die Tonalität der Reihe und den Bezugston e zu
empfinden. Ob E-Dur oder e-moll empfunden wird, kann man allerdings nicht eindeutig
entscheiden. Für ein Stück der Zwölftonmusik ist ein solcher tonaler Bezug ungewöhnlich.
Die Einzeltöne einer Reihe sollten, von den Grundsätzen der Zwölftontechnik aus betrachtet,
nicht auf ein „tonales Zentrum“ hin ausgerichtet sein. Jeder Ton steht in völliger
„Gleichberechtigung“ in Beziehung zu allen anderen Tönen der Reihe. Die Besonderheiten
des Kompositionsstils Eislers vor dem Hintergrund anderer Komponisten der Zwölftonmusik
soll jedoch nicht Thema dieser Arbeit sein. Eine Andeutung sollte vielmehr genügen.

Nun soll gefragt werden, wie der Text musikalisch umgesetzt wird. Das Thema wirkt herb,
fast schon trocken. Es macht den Eindruck, der Text würde mit einer „Objektivität“
vorgetragen, aus der die subjektive Ebene der Gefühle eines „selbst Betroffenen“
ausgeklammert bleibt. In objektivierter Sicht wird mitgeteilt, dass der letzte Krieg Elend und
Hunger auf beiden Seiten mit sich gebracht hat.

2.2 Variationen 1-10

An dieser Stelle möchte ich noch etwas Allgemeines vorausschicken, das zuvor nur kurz
erwähnt wurde: die Zusammenfassung der Variationen in Gruppen.
Wenn auch vier Variationen einzeln stehen (Var. 1; 2; 5; 14), so hat Eisler die Mehrzahl in
Gruppen zusammengefasst. Zusammen gehören: 3+4; 6+7; 8-10; 11-13 (Intermezzo); 15-17;
18+19; 20-24 (Fuge)

Variation 1:

Die erste Variation ist wird im piano gesungen und ist ein zweistimmiger Kanon (S/A + T/B).
Der Stimmeinsatz von T/B ist um einen Takt versetzt und die Reihe tritt stets nur in der
Grundgestalt auf. Wie im Thema sind auch hier je drei Gedichtverse mit drei Reihen
verbunden.

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Die das Fleisch wegnehmen vom Tisch, lehren Zufriedenheit.
Die, für die die Gaben bestimmt sind, verlangen Opfermut.
Die Sattgefressenen sprechen zu den Hungrigen von großen Zeiten, die kommen werden.

Die Reihe wird streng durchgeführt, nur rhythmisch verändert. Sie schreitet in Vierteln voran
und nur da, wo das Metrum des Textes es fordert, werden zwei Achtel an Stelle einer Viertel
gesetzt. Die Töne 11, 12 und 1 der Reihe werden am Ende dreimal wiederholt. Mit einem
ritardando und decrescendo klingt in diesen Wiederholungen die Variation aus.

Variation 2:

Die zweite Variation setzt subito forte ein. Obwohl sechs Stimmen (S, A1, A2, T1, T2, B)
gesungen werden, ist sie "eigentlich" dreistimmig: Sopran und 1.Tenor laufen unisono, 1.Alt
und 2.Tenor ebenso. Der 2.Alt läuft einmal mit dem 1.Alt/2.Tenor, ein anderes Mal mit dem
Bass mit. Die Hauptstimme scheint hier der Bass zu sein. In ihm erscheint die Reihe drei Mal:
zunächst in der Umkehrung (Takte 1-6), dann im Krebs (Takte 5-7) und dann wieder in der
Umkehrung (Takte 7-10). In den Takten 5/6 überlappen sich die Umkehrungs- und die
Krebsreihe. Die oberen Stimmen übernehmen die Funktion der Harmoniebildung. In ihnen ist
ebenfalls die Reihe in der Grundgestalt "versteckt"1 . Drei mal, jeweils mit unterschiedlichem
Rhythmus, wird die Harmoniefolge in den Oberstimmen wiederholt (T. 1-4; T.5-7, T. 7-12).
Alle fünf Oberstimmen zusammen ergeben einen Verlauf von parallel geführten Terzen
(kleine und große). Im Zusammenklang mit der Bassstimme bilden diese Terzreihen den
besonderen harmonischen Charakter der Variation. In den takten 7-9 läuft der 2. Alt parallel
mit dem Bass. Am Ende der Variation erklingen erneut die letzten drei Töne des Themas
(Töne 11, 12, 1 der Reihe in Grundgestalt)

Variation 3:

Dieser Variation liegt nur die Umkehrung der Reihe zugrunde. Sie wird jeweils auf zwei
Stimmen aufgeteilt (S/T - A/B), in denen zunächst jeweils abwechselnd ein Ton der Reihe
erklingt. Doch spätestens ab dem 8. Ton der Reihe ist die Regelmäßigkeit dieses Sich-
Abwechselns aufgehoben, bis schließlich vom 10. Ton an alle Reihentöne in der jeweils
tieferen Stimme erscheinen. Parallel dazu beginnt in der jeweils höheren Stimme eine neue

1
Zur Anordnung der Reihentöne in den Oberstimmen: siehe Kennzeichnungen in den Noten

5
Reihe in der Umkehrung. Interessant ist Takt 6 ff. ("Mann auf der Strasse..."): die Reihe
bleibt im S/T auf dem 7. Ton stehen. Dieser wird bis zum Ende der Variation repetiert,
während die Töne 8-12 der Reihe im A/B erklingen. Der Ausschnitt der Reihe wird dort
einmal wiederholt.
Dynamisch ist die Variation in zwei Teile gegliedert: Takte 1-5 in fortissimo; Takte 6-9 im
piano. Der fortissimo-Abschnitt beginnt mit einer sachlich wirkenden Aussage: „Wenn die
Ob’ren vom Frieden sprechen, ...“ Der zweite Teil des Satzes, die Aufforderung "Mann auf
der Straße, lass alle Hoffnung fahren." setzt im subito piano ein. Hier wird der Mensch zum
ersten Mal persönlich angesprochen, indem ihm eine traurige Mitteilung gemacht wird. So
lässt sich der plötzliche Wechsel der Dynamik dahingehend erklären, dass von einem
Aufzählen objektiver Tatsachen kurz zu einem persönlichen Ansprechen des Menschen
übergegangen wird.

Variation 4:

Die vierte Variation ist bis auf kleine rhythmische Unterschiede - die durch den Text bedingt
sind - mit der dritten identisch. Der Wechsel zum persönlichen Ansprechen des Menschen
wird auch hier dynamisch gekennzeichnet: „Kleiner Mann, mach Dein Testament.“ Steht
ebenfalls im piano.

Variation 5:

Die fünfte Variation ist zweistimmig (A, T). Bis zum Takt 12 findet sich die Grundgestalt der
Reihe im Alt, die Umkehrung der Reihe im Tenor. Ab Takt 13 ist die Umkehrung der Reihe
im Alt, der Krebs der Umkehrung im Tenor.
In den Takten 1-4 ist eine homophone Stimmführung der beiden Reihen (bis zum jeweils
5.Ton) kennzeichnend. Ab Takt 4 lässt Eisler beide Stimmen im Kanon einsetzen. Der
Stimmeinsatz des Tenors ist um einen Takt versetzt
In dieser Variation wird nicht nur rhythmisch variiert, sondern auch durch Herauslösung und
Wiederholung einzelner Motive, vor allem von chromatischen Tonverbindungen. (z.B.: in der
Grundgestalt: 6-7-6-7-6 ; 8-9; 10-11-12; in der Umkehrung: 6-7-8; 7-8-9-10; 9-10; im
Krebs der Umkehrung; 6-5-4; 4-3-2-1 (Schluss))

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An einer Stelle der Variation ist die Ausdeutung des Textes besonders klar zu erkennen. Es
handelt sich um die Takte 8-12 - Alt: "das Elend der Ausgebeuteten, der Hunger,..."; Tenor:
"Elend, Hunger, Not,...". Hier wird durch Wiederholung abwärtsgehender chromatischer
Motive (Seufzermotiv) der Eindruck von Schmerz und Leid musikalisch vermittelt.

Ab Takt 12 komponiert Eisler große crescendi, die auch im Sinne der Ausdeutung des Textes
verstanden werden können: alle negativen Erscheinungen des Krieges werden größer werden.
( „....das Elend der Ausgebeuteten, der Hunger, die Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Die
werden größer werden.“). So nimmt auch die Lautstärke des letzten Teiles der Variation zu.

Variation 6:

Diese Variation ist ein zweistimmiger Kanon, bei dem wieder (wie in Variation 1, 3 und 4)
zwei Stimmen gekoppelt werden ( S/T, A/B). Er hat zwei Abschnitte:
Im 1. Abschnitt setzen S/T mit der Grundgestalt der Reihe, später A/B mit dem Krebs der
Umkehrung ein. Im 2. Abschnitt (ab Takt 6) wurden der 1. und der 2. Stimmeinsatz in der
Umkehrung der Reihe komponiert.

Variation 7:

Die 7. Variation ist eng mit der vorangegangenen verbunden. Sie ist nach dem gleichen
Prinzip komponiert. Folgende Reihen werden in den beiden Abschnitten dieser Variation
verwendet: Im ersten Abschnitt singen die zuerst einsetzenden Stimmen (S/T) die Umkehrung
der Reihe, dann ihre Grundgestalt ("Der es geschrieben...") Die in Takt 3 einsetzenden
Stimmen (A/B) singen einmal den Krebs der Reihe.
Der Schlussteil der Variation steht im pianissimo und im unisono. Alle Stimmen singen den
Krebs der Reihe.

Variation 8:

Diese Variation hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Thema: das dreimalige Wiederholen der
Grundgestalt der Reihe, das Unisono aller Stimmen, das erneute Anfügen der letzten Töne der
Reihe (hier: Töne 10,11,12,1).

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Eine Besonderheit kann aber hier erwähnt werden. Der Variation ist eine gewisse Isorhythmik
eigen. Der Beginn einer neuen Wiederholung der Reihe deckt sich nicht mit Beginn eines
Verses. Während die Reihe dreimal hintereinander erscheint, werden nur zwei Verse
gesungen. Die rhythmische Struktur wiederholt sich im zweiten Vers („Wenn die Ob’ren...“
Takt 4). Es kommen also Durchläufe der rhythmischen Struktur auf drei Durchgänge der
Zwölftonreihe. In Bezug auf die folgende Variation wird hier bereits die rhythmische Struktur
vorgestellt

Variation 9:

Variation 9 ist wieder ein zweistimmiger, streng durchgeführter Kanon, bei dem jeweils zwei
Stimmen gekoppelt sind. Die Grundgestalt der Reihe ist zu Grunde gelegt, sowie die
isorhythmische Struktur der vorangegangenen Variation. Den Abschluss des Kanons bildet
ein Unisono im fortissimo (Töne 11, 12 und 1 der Reihe). Die Stimmen werden zusammen
geführt, indem Sopran und Tenor den 11. Ton der Reihe (f) aushalten, bis Alt und Bass den
gleichen Ton erreicht haben.

Variation 10:

Diese Variation schließt sofort an die vorangegangene an. Sie ist nach dem gleichen Prinzip
komponiert. Diesmal legt Eisler aber die Umkehrung der Reihe zu Grunde
Hier erreicht der gesamte Variationszyklus seinen dynamischen Höhepunkt: ein „fff“ gefolgt
von einem crescendo ("Wenn die Ob'ren von Opfern sprechen, so meinen sie unser Blut, nur
unser Blut, unser Blut"). Zusätzlich sind Akzente notiert (vor allem auf das Wort „Blut“).

2.3 Intermezzo (Variationen 11-13)

"Sie reden wieder von großen Zeiten, von Ehre, von Siegen. Marie, weine nicht."
Die Trauer eines Menschen tritt hier in den Vordergrund. Zum ersten Mal scheint die
Subjektivität des menschlichen Empfindens durch: "Marie, weine nicht."

Die Variation 11-13 bilden eine Einheit und sind mit „Intermezzo“ überschrieben.
Zur Charakteristik gehören ein sehr ruhiges Tempo und eine dynamische Entwicklung von
pp bis zum f (ein Rückgang zum p) innerhalb weniger Takte (vor allem innerhalb von

8
Variation 12). Das Intermezzo ist ebenfalls ein Kanon, dreistimmig (S/A/T) und wird nur von
der Hälfte des Chores gesungen.
Eine Verszeile von Brechts Gedicht wird in drei Verse umgeschrieben: „Sie reden wieder von
großen Zeiten. Sie reden wieder von Ehre. Sie reden wieder von Siegen.“ Am Ende jeder
Zeile wird eingefügt: „Marie, weine nicht.“ Zur Aufteilung der Verszeilen auf die drei
Variationen lässt sich sagen, dass der Alt eine Verszeile (einschließlich „Marie, weine
nicht“) pro Variation singt. In den anderen Stimmen (S, B) überlappen die Versgrenzen und
die Grenzen der musikalischen Abschnitte (d.h. der einzelnen Variationen ) einander.
Im Intermezzo werden alle vier Formen der Reihe verwandt.2

Variation 11:

Variation 11 steht im pp und wird sehr ruhig gesungen. Der Alt beginnt mit einer veränderten
Reihe in der Grundgestalt. Die Veränderung ist folgendermaßen: zwischen dem 1. und 2.
sowie dem 3. und 4. Ton der Reihe ist jeweils ein Durchgangston eingefügt worden.
Dadurch ergibt sich eine neue, schmerzvolle Melodie, die eindeutig als Reminiszenz an das
Stück "Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen" aus J.S. Bachs Matthäus-Passion identifiziert
werden kann.
An dieser Stelle des Werkes scheint es Eisler besonders stark um den Ausdruck von Schmerz
und Mitleid mit dem tragischen Schicksal der einfachen, vom Krieg gepeinigten Menschen zu
gehen. Genauso wie in Bachs „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“ steht hier das Bedürfnis
nach Trost und Mitgefühl im Zentrum, was die Auswahl dieser Reminiszenz erklären helfen
kann. Dieses subjektive Mitgefühl, das in der Anrede „Marie, weine nicht“ zum Ausdruck
kommt, steht im Gegensatz zu den relativ sachlich und objektiv vorgetragenen Tatsachen über
die Lügen und Propaganda der Kriegsherren im vorangegangenen Variationsteil.
Nun noch einen Satz zum den in dieser Variation verwendeten Reihen: Der Sopran setzt im
zweiten Takt mit der auf die selbe Weise veränderten Umkehrung ein. In Takt 5 setzt der
Tenor mit dem unveränderten Krebs der Umkehrung ein.

Variation 12:

Diese Variation ist, wie bereits erwähnt, charakterisiert durch eine große dynamische
Entwicklung ( pp --> cresc. --> f --> decresc.)

2
siehe dazu Markierungen auf den Noten

9
Der Alt beginnt wieder mit der gleichen, rhythmisch leicht veränderten Reihe in Grundgestalt
Der Tenor (Takt 3) und der Sopran (Takt 4) setzen mit dem unveränderten Krebs der Reihe
ein.

Variation 13:

Hier beginnt der Alt mit der um einige Durchgangstöne erweiterten Reihe in der Umkehrung.
Diese wandert in Takt 6 in den Sopran. Der 8. Ton der Reihe fehlt, die letzten 3 Töne werden
wiederholt. In Takt 4 setzt ein Krebs im Sopran ein, der in Takt 7 in den Alt wandert.
Im Tenor findet sich die Umkehrung der Reihe, die letzten Töne werden am Ende wiederholt
(9-10-11-12; 10-11-12).

2.4 Variationen 14-19

Thematisch liegen dem zweiten Variationsteil die Kriegspropaganda und ihre Folgen zu
Grunde. Diese werden im Einzelnen dargestellt.

Variation 14:

Wie setzt Eisler den Text "Wenn es zum Marschieren kommt: Euer Feind marschiert an der
Spitze" musikalisch Er wählt ein Marschtempo und einen marschierenden Rhythmus, der
während der gesamten Variation durchgehalten wird.
Besonders interessant ist hier auch die Verarbeitung der Zwölftonreihen.
In den Takten 1-5 werden der Krebs der Umkehrung und Krebs der Grundgestalt verarbeitet
Zunächst zum Krebs der Umkehrung im Takt 1 und 2. Die Reihe wird in zwei Teile geteilt:
1.: Töne 1-7; 2.: Töne 8-12. Sie werden vertikal und horizontal angeordnet. Die Töne 1-7
liegen im Alt, darüber die Töne 8-12 im Sopran. Die jeweils ersten Töne der beiden Teile der
Reihe werden in Takt 1 abwechselnd und parallel zueinander im Marschrhythmus gesungen
( Sopran: 8-9-8-9-8-9-10; Alt: 1-2-1-2-1-2-3 )

In Takt 4 wird die Reihe (Krebs der Umkehrung) in 4 Teile geteilt und horizontal und
vertikal in Sopran und Alt angeordnet ( Töne 1-3 im Sopran; 4-7 im Alt; 8-10 im Alt; 11-12
im Sopran ). Die Stimmen werden hier (Takt 3) getauscht: Sopran:1-2-1-2-1-2 ; Alt: 8-9-8-9-
8-9.

1
In den Männerstimmen (Takte 3- 5 ist ein vollständiger Krebs enthalten: Töne 1-7 im Tenor,
Töne 8-12 im Bass. Wieder (wie in Takt 1-2) werden die jeweils ersten Töne der beiden Teile
der Reihe (8-9-...; 1-2-...) in den Takten 3 und 4 abwechselnd und parallel zueinander im
Marschrhythmus gesungen.
In den Takten 6-8 verwendet Eisler die Umkehrung der Reihe. Sie beginnt unisono in Takt 6,
wird in Takt nur im Alt und Bass fortgesetzt. Im Takt 8 wandert die Reihe in den Tenor.3
Die Takte 8-12 greifen die Idee des Anfangs wieder auf. Im Marschrhythmus wiederholt jede
Stimme die beiden ersten Töne eines Reihenabschnitts, was bis zum Schluss fortgesetzt wird.
Sopran und Alt singen 4 Töne des Krebses der Umkehrung (S: 1-2...; A: 8-9...); Tenor und
Bass singen 4 Töne des Krebses ( T: 1-2...; B: 8-9...).

Variation 15:

Variation ist die erste einer Gruppe von drei Variationen, die zusammen gehören.
Sie ist wiederum ein Kanon, zweistimmig (gekoppelte Stimmen), im Marschtempo zu singen.
Alle 4 Modi der Reihe werden verwendet.
Bemerkenswert sind Takte die 7-10. Der Text "Aber er hat einen Fehler,..." wird durch einen
kompositorischen Fehler verdeutlicht. In jeder der vier Stimmen ist der „Fehler“ auf dem
entsprechenden Wort („Fehler“) zu finden. Im Sopran/Tenor (Reihe: Krebs der Umkehrung):
passt der 2.Ton (in Takt 8) nicht an die Stelle, an die er gesetzt wurde. Er ist eigentlich der 4.
Ton der Reihe und steht hier 12. Stelle. Im Alt/Bass (Reihe: Krebs der Grundgestalt) sind der
1. und 2. Ton (in Takt 8) vertauscht worden: die Tönen 12-11 folgen aufeinander, 11-12
müssten eigentlich folgen.

Variation 16:

Variation 16 ist ein dreistimmiger Kanon. Sie ist ganz ähnlich der 15. Variation. Auch der
„komponierte Fehler“ findet sich am Ende.4

Variation 17:

Variation 17 ist ein vierstimmiger Kanon, ähnlich den Variationen 15 und 16. Die inhaltliche
Auflösung oder Pointe der beiden vorherigen Stücke wird hier gegeben: Der Mensch ist
3
siehe Verlauf der Reihe in Markierung der Noten, S. 7
4
In den Noten wurde keine Kennzeichnung vorgenommen, da Var. 15 als Muster dienen kann

1
brauchbar, denn er kann töten. Aber er hat auch (wie alles vorher Aufgezählte) einen Fehler:
er kann denken. Eisler lässt jede der drei Variationen komplexer werden, indem jeweils eine
Stimme hinzukommt. Auf diese Weise führt er dramaturgisch zur Pointe hin.

Variation 18:

Die 18. Variation bildet eine Einheit mit den folgenden. Eisler kehrt hier zur Zweistimmigkeit
(mit gekoppelten Stimmen: S/T; A/B) zurück.
Der Vers "m_ Aus den Schloten der Munitionsfabrik steigt Rauch" erklingt in beiden
Variationen. In der 18. Variation wird er von S/T in sehr gedehntem Rhythmus in der
Grundgestalt der Reihe gesungen. A/B singen einen kontrastierenderen, schnelleren
Rhythmus in der Umkehrung der Reihe. Gesungen wird von den schrecklichen Folgen des
Krieges (Hunger). Dem Hörer wird durch den zeitgleichen Vortrag der beiden Zeilen das Bild
eines schrecklichen, trostlosen Kriegsalltags vermittelt. Während man auf der einen Seite
hungert, wir in der Rüstungsfabrik gearbeitet. Das leise, anhaltende, monotone Aufsteigen
von Rauch setzt Eisler musikalisch durch eine ruhige Melodielinie um, die beide Variationen
durchzieht. Das gesummte „m“, das vor dieser Zeile steht, gibt dieser Szene den Charakter
von Gleichgültigkeit, Verharmlosung, Lethargie, was ganz im Kontrast zur eigentlichen
Dramatik der Situation steht.
Im A/B wird der 10. Ton der Reihe ab Takt 6 summend bis zum Schluss ausgehalten. Die
Töne 11+12 sind nicht ausgelassen, sondern im S/T zu finden (auf "fa-bri-…")

Variation 19:

In der 19. Variation wird die Zeile "m_ Aus den Schloten der Munitionsfabrik steigt Rauch"
von A/B in sehr gedehntem Rhythmus in der Umkehrung der Reihe gesungen.
S/T setzen wiederum mit einem kontrastierenden schnelleren Rhythmus in der Grundgestalt
der Reihe ein. Die schreckliche Situation, die hier benannt wird, ist das sinnlose
Blutvergießen im Volk. Wiederum wird dies zeitgleich mit dem Vers "m_ Aus den Schloten
der Munitionsfabrik steigt Rauch" gesungen.
Im S/T wird am Ende (ab Takt 6) der 11 + 12. Ton der Reihe in Grundgestalt (f-es) 4 mal auf
"Ah" wiederholt, im A/B wird der 11.+12. Ton der Umkehrung (es-f) auch wiederholt.
Der Chor singt hier im dreifachen forte den Schreckensschrei („Ah“), der Angesichts dieses
Elends hervorbricht.

1
2.5 Fuge (Variationen 20-24)

Die gesamte Fuge (34 Takte) deklamiert den Satz: "Dieser Krieg ist nicht unser Krieg."
Sie beginnt im piano und steigert sich bis fff cresc.. Alle 4 Modi der Reihe werden in diesem
Abschluss in strenger Form verwendet. Die Variationen 20-22 sind zweistimmig (gesamter
Chor, Stimmkopplungen), ab der 23 beginnt die Vierstimmigkeit.
Die ersten 3 Töne der Reihen werden jeweils in halben Noten vor den Beginn der gesamten
Reihe gesetzt ("Dieser Krieg", Takt 1,3,5,7,14,16,...) In den Variationen 20 und 21 finden sich
Grundgestalt und Umkehrung der Reihe abwechselnd in den Männer- und Frauenstimmen.
In Variation 22 sind es Krebs und Krebs der Umkehrung, ebenfalls abwechselnd in den
Stimmgruppen
In Variation 23 beginnt die Vierstimmigkeit. Verwendet wird nur Krebs der Umkehrung und
Grundgestalt der Reihe. Schließlich werden am Ende die letzten 3 Töne der Reihe in der
Grundgestalt immer wiederholt, was den abschließenden Höhepunkt des Stückes bildet. Alle
Stimmen erklingen unisono, im dreifachen forte und cresc.. So ist alle Unklarheit und jeder
Zweifel durch die Musik aufgehoben: Mit diesem Krieg soll niemand sich identifizieren.

3. Literatur

Betz, Albrecht: Hanns Eisler: Musik einer Zeit, die sich eben bildet, München, 1976,
S. 130-132
Eisler, Hanns: Gegen den Krieg op. 55, Chorpartitur, Deutscher Verlag für Musik

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