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22.04.

2016

Bildungsbenachteiligungen im Kontext
von Mehrsprachigkeit und sozialer
Herkunft
Vorlesung ‚Deutsch als Zweitsprache‘
22. April 2016
Christoph Gantefort

Übersicht

• Schule im Spannungsfeld von Selektion und


Qualifikation
• Bildungsbenachteiligung – Indikatoren
• Bildungsbenachteiligung – Studienergebnisse
• Theoretische Modelle zur Erklärung von
Bildungsbenachteiligungen und Einbettung der
Forschungsergebnisse
• Fazit und Implikationen für die sprachliche
Bildung

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Aufgaben der Institution Schule

SCHULE IM SPANNUNGSFELD VON


SELEKTION UND QUALIFIKATION

Was ist eine Institution?

• „Verfestigte gesellschaftliche Einrichtungen, die


mit speziell ausgebildetem Personal
wiederkehrende Aufgaben nach festgelegten
Regeln erledigen“ (Becker-Mrotzek & Voigt 2009, 5)

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Was ist der gesellschaftliche Auftrag der


Institution Schule? (vgl. Becker-Mrotzek & Voigt 2009,
Prengel 2011, Bourdieu 1983)

• Qualifikation
– Weitergabe von Wissen und Fähigkeiten an die
nächste Generation
→ ‚Inkorporiertes
– Ausmaß des Wissens- und Kompetenzerwerbs
kulturelles Kapital‘
sollte nur von den individuellen (kognitiven)
Voraussetzungen der Schülerinnen und
Schüler abhängen
• Selektion
– Vergabe von Noten
– Vergabe von Bildungszertifikaten → ‚Institutionali-
siertes kulturelles
– Erworbene Bildungszertifikate sollten nur von
Kapital‘
den erworbenen Kompetenzen abhängen

→ Selektion und Qualifikation entscheiden über den zukünftigen


gesellschaftlichen Status der Schülerinnen und Schüler

Selektion und Qualifikation – Historische


Bezüge (vgl. Prengel 2011)
• Von ‚geburtsständischer Statuszuweisung‘ zum
‚Leistungsprinzip‘
• Geburtsständische Statuszuweisung
– Herkunft entscheidet über Kompetenzen und Zertifikate
– Getrennte Bildungsgänge je nach ständischer Herkunft
(höheres und niederes Schulwesen)
– Getrennte Bildungsgänge nach Geschlecht
– Ausschluss von Menschen mit Behinderung
• Leistungsprinzip
– Leistung entscheidet über Kompetenzen und Zertifikate
– Einführung einer allgemeinen Schulpflicht
– Sukzessiver Einschluss bislang ausgeschlossener Gruppen
– Einführung einer ‚integrativen‘ Grundschule

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Relikte des geburtsständischen


Zuweisungsprinzips
• Frühe Selektion der Schülerinnen und Schüler in
weiterführende Schulformen
• Sonderschulwesen
• Vorteile für Schülerinnen und Schüler aus
privilegierten Elternhäusern, unabhängig von der
schulischen Leistung?

‚Egalitäre Differenz‘ (vgl. Prengel 2005)

• Emanzipation ohne Assimilation


– ‚Recht, verschieden zu sein‘
• Differenz ohne Hierarchie
– ‚Recht auf gleiche Chancen‘

→ In Bezug auf die gesellschaftliche Aufgabe der Institution


Schule:
- Kompetenzerwerb unabhängig von (äußeren)
Herkunftsmerkmalen, nur auf der Grundlage individueller
Dispositionen
- Erwerb von Abschlüssen nur auf der Grundlage individueller
Kompetenzen, nicht auf der Grundlage äußerer
Herkunftsmerkmale

→ Welche Mechanismen zeigt die empirische Bildungsforschung?

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Bildungsbenachteiligung

INDIKATOREN

Indikatoren für
Bildungsbenachteiligungen
(vgl. Diefenbach 2007)

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Bildungsbeteiligung
(vgl. Diefenbach 2007)

• Schulformbezogener Anteilswert
– Anteil von Schüler*innen bestimmter Gruppen im
Verhältnis zueinander, z. B. der Anteil von Schüler*innen
mit und ohne Migrationshintergrund an der Hauptschule
• Bildungsbeteiligungsquote
– Anteile einer bestimmten Gruppe, die eine bestimmte
Schulform besuchen, z. B. Anteil der Schülerinnen und
Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf
insgesamt, die eine Förderschule besuchen
• Über-/Unterrepräsentationsmaße
– z. B. das Chancenverhältnis ‚Odds Ratio‘

Schulische Leistung bzw. Kompetenzerwerb


(vgl. Diefenbach 2007)

• Schulnoten
– Leicht nachvollziehbar
– Relevant für die Bildungsbiografie
– Ordinalskaliert, ungenau, wenig objektiv
• Punktwerte/Kompetenzstufen aus Leistungstests
– Kompetenzen, die den Schulnoten zu Grunde liegen
– Genauer als Schulnoten, da direkter gemessen
– vgl. IGLU, PISA etc.

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Bildungserfolg
(vgl. Diefenbach 2007)

• Erwerb formaler Abschlüsse bzw. Zertifikate


– ‚langfristiges‘ Maß
– Möglicherweise ergänzt um den Notendurchschnitt
(bei zentralen Prüfungen)

Vorab: Wann sind Unterschiede oder


Zusammenhänge ‚signifikant‘?
• … wenn die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der
Zusammenhang oder der Unterschied durch Zufall zu
Stande kommt, geringer als 5 % ist.
• Unterschiedshypothesen
– z. B. ‚Mädchen erreichen im Schnitt eine höhere
Lesekompetenz als Jungen‘
– Vergleich von Mittelwerten und Test auf Signifikanz
• Zusammenhangshypothesen
– z. B. Zusammenhang von Lesekompetenz und
mathematischen Fähigkeiten
– Bildung von Korrelationskoeffizienten und Test auf Signifikanz
– Wichtig: Ausschluss von ‚Scheinkorrelationen‘

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Vorab: Was ist eine


Regressionsanalyse?
Modellierung der (kausalen) Wirkung von
verschiedenen unabhängigen Variablen auf eine
abhängige Variable

UV
?

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UV AV
?

UV

Bildungsbenachteiligung

STUDIENERGEBNISSE

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Studienergebnisse

• Bildungsbeteiligung: Verteilung von


Schüler*innen auf die Schulformen 2006 vs. 2014
• Kompetenzerwerb: PISA 2003 vs. PISA 2009
• Bildungserfolg: Studie zum Übergang von der
Primar- in die Sekundarstufe
• (Zusätzlich: Studie zur Notenvergabe)

Bildungsbeteiligung nach
Migrationshintergrund (Bildungsbericht 2006, S.
152)

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Segregation, Konfundierung von Migrationsstatus


und sozialer Herkunft (Bildungsbericht 2006, S. 162)

Aktuelle Daten zur Bildungsbeteiligung


(vgl. Bildungsbericht 2014, 257)

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Bildungsbeteiligung:
Zusammenfassung
• Migrationshintergrund
– Schüler*innen mit Migrationshintergrund besuchen
überdurchschnittlich oft die Hauptschule und
unterdurchschnittlich oft das Gymnasium
– Positive Tendenz: Anteil an Gymnasien von 24,6% auf 27,5%
– Ungleichverteilung bleibt bestehen 39,6% vs. 27,5%
• Soziale Herkunft
– Schüler*innen mit niedrigem sozioökonomischem Status
besuchen überdurchschnittlich oft die Hauptschule und
unterdurchschnittlich oft das Gymnasium

→ Wirkt die Selektion nach Klasse 4 wie ein ‚geburtsständischer


Selektionsmechanismus‘?

Studienergebnisse

KOMPETENZERWERB

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Begrifflichkeit ‚Migrationsstatus‘

• ‚1. Generation‘ → Kind ist selbst im Ausland


geboren (‚Seiteneinsteiger‘)
• ‚2. Generation‘→ Kind ist im Inland geboren,
beide Elternteile sind im Ausland geboren
• ‚2,5. Generation‘ → Kind ist im Inland geboren,
ein Elternteil ist im Ausland geboren

Kompetenzerwerb nach
Migrationsstatus: PISA 2003 (Lesekompetenz,
vgl. OECD 2006)

→ Starke Kompetenzunterschiede zwischen SuS mit und ohne


Migrationshintergrund
→ In Deutschland schneidet die erste Generation besser ab als
die zweite!

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Kompetenzerwerb nach Migrationsstatus:


PISA 2009 (Lesekompetenz, vgl. Stanat , Rauch & Segeritz
2010)

Kompetenzerwerb nach
Migrationsstatus: PISA 2009

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Kompetenzerwerb: Einfluss von


Migrationsstatus und sozialer Herkunft:
PISA 2009 (Lesekompetenz, vgl. Stanat; Rauch & Segeritz
2010)

Kompetenzerwerb: Zusammenfassung

• Starke Disparitäten zwischen Schülerinnen und


Schülern mit und ohne Migrationshintergrund in
der Lesekompetenz
• Sowohl Migrationshintergrund als auch soziale
Herkunft wirken sich signifikant auf den Erwerb
von Lesekompetenz aus.
• (Leicht) positive Tendenzen von 2003 nach 2009
(und 2012)

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Studienergebnisse

BILDUNGSERFOLG

Studie zum Übergang von Schülerinnen und


Schülern mit Migrationshintergrund (Gresch &
Becker 2010)

• Welchen Einfluss haben Migrationshintergrund


und soziale Herkunft auf den Übergang auf das
Gymnasium?
• Kontrollierte Variablen:
– Migrationshintergrund (Türkisch vs.
Spätaussiedler)
– Sozioökonomischer Status
– Schulleistungen
– Schulnoten
– Übergangsempfehlung

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Studie zum Bildungsübergang von Schülerinnen


und Schülern mit Migrationshintergrund (Gresch &
Becker 2010)

Studie zum Bildungsübergang von Schülerinnen


und Schülern mit Migrationshintergrund (Gresch &
Becker 2010)

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Studie zum Bildungsübergang von Schülerinnen


und Schülern mit Migrationshintergrund (Gresch &
Becker 2010)

Studie zum Bildungsübergang von Schülerinnen


und Schülern mit Migrationshintergrund (Gresch &
Becker 2010)

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Studie zum Bildungsübergang von Schülerinnen


und Schülern mit Migrationshintergrund (Gresch &
Becker 2010)

Studie zum Übergang:


Zusammenfassung
• Schülerinnen und Schüler mit
Migrationshintergrund und mit niedrigem
sozioökonomischen Status haben eine geringere
Wahrscheinlichkeit, auf das Gymnasium zu
wechseln
• Bei gleichen Schulleistungen und Noten…
– Haben SuS mit Migrationshintergrund signifikant
größere Chancen, auf das Gymnasium zu
wechseln!
– Haben SuS mit niedrigem sozioökonomischem
Status signifikant geringere Chancen, auf das
Gymnasium zu wechseln

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Studie zur Benotung von Schülerinnen


und Schüler (vgl. Maaz, Baeriswyl & Trautwein 2012)
• Fragestellung: Spielen Herkunftsmerkmale,
unabhängig von der Schulleistung, eine Rolle für
die Benotung?
• Abhängige Variable: Notendurchschnitt von
Grundschüler*innen in Klasse 4
• Unabhängige Variablen
– Indikatoren für die schulische Leistung
– Indikatoren für die soziale Herkunft
– Migrationsstatus

Effekte der sozialen Herkunft auf den


Notendurchschnitt

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Effekte der sozialen Herkunft auf den


Notendurchschnitt

Effekte der sozialen Herkunft auf den


Notendurchschnitt

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Effekte der sozialen Herkunft auf den


Notendurchschnitt

Effekte der sozialen Herkunft und des


Migrationshintergrundes auf den Notendurchschnitt

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Effekte der sozialen Herkunft und des


Migrationshintergrundes auf den Notendurchschnitt

Effekte der sozialen Herkunft und des


Migrationshintergrundes auf den Notendurchschnitt

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Studie zur Benotung:


Zusammenfassung
• Schülerinnen und Schüler mit
Migrationshintergrund und mit niedrigem
sozioökonomischem Status erzielen schlechtere
Noten
• Bei gleicher Schulleistung…
– … erhalten Schüler*innen mit
Migrationshintergrund keine schlechteren Noten
– … erhalten Schüler*innen mit niedrigem
sozioökonomischem Status signifikant schlechtere
Noten

Bildungsbenachteiligungen

THEORETISCHE
ERKLÄRUNGSMODELLE

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Theoretische Erklärungsmodelle

• Institutionelle Diskriminierung (vgl. Gomolla 2011)


• Primäre, sekundäre und tertiäre Herkunftseffekte
(vgl. Boudon 1974, Gresch 2012)

Institutionelle Diskriminierung
(vgl. Gomolla 2011)

• Diskriminierung: Bezeichnet festgestellte


Benachteiligungen aufgrund gruppenspezifischer
Differenzen wie Hautfarbe, Geschlecht,
Behinderung usw.)
– Auf der Grundlage diskriminierender Absichten
und Einstellungen von Akteuren
• Institutionelle Diskriminierung:
Benachteiligungen, die nicht auf subjektiven
Absichten beruhen, sondern auf institutionellen
Handlungsroutinen

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Unterscheidung (vgl. Feagin & Feagin 1986)

• Direkte institutionelle Diskriminierung


– Regelmäßige, intentionale Handlungen in
Organisationen
– z. B. Ausschreibung einer Stelle nur für männliche
oder weibliche Bewerber*innen
• Indirekte institutionelle Diskriminierung
– Anwendung gleicher Regeln, die bei
verschiedenen Gruppen ungleiche Chancen
bewirken
– z. B. Sprachbasierte Intelligenzdiagnostik bei
Zweitsprachlernenden

Aufdeckung institutioneller
Diskriminierung
• Betrachtung statistischer Indikatoren, die zeigen,
dass bestimmte Gruppen aufgrund institutioneller
Mechanismen in Institutionen und Organisationen
systematisch weniger Belohnungen erhalten als
Vergleichsgruppen (quantitativ)
• Untersuchung, wie diese Mechanismen konkret
zu Stande kommen (qualitativ)
– Welche Bedingungen ermöglichen die
Benachteiligungen?

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Institutionelle Diskriminierung in der


Schule
• Welche Mechanismen spielen – unabhängig von
der schulischen Leistung – eine Rolle bei der
Vergabe von Noten, Bildungsgangempfehlungen
und Bildungszertifikaten?
• Wie kommen diese Mechanismen zu Stande?
– Askription von bestimmten Eigenschaften?
– Historische Linien?
– Institutionelle Eigeninteressen?

Welche Mechanismen konnten


festgestellt werden? (vgl. Gomolla & Radtke 2009)
• Zurückstellung von Kindern mit mangelnden
Sprachkenntnissen
• Unangemessene Feststellung eines
sonderpädagogischen Förderbedarfs bei
mehrsprachigen Kindern
• Hauptschulempfehlungen für mehrsprachige
Kinder auch bei guten Noten
• …

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Primäre, sekundäre und tertiäre


Herkunftseffekte (vgl. Boudon 1974, Gresch 2012)
• Bildungsungleichheit als Ergebnis individueller
Dispositionen, Bildungsentscheidungen und
institutioneller Effekte

Primäre Herkunftseffekte

• Drücken sich direkt im Kompetenzniveau der


Schülerinnen und Schüler aus
– Negative Primäre Effekte:
- Niedriger sozioökonomischer Status > geringer
Kontakt zu Büchern > geringe Lesekompetenz
- Migrationshintergrund > geringe Deutschkenntnisse
> geringe fachliche Leistungen
– Positive primäre Effekte
- Hohes kulturelles Kapital > viel gemeinsames Lesen
> hohe Lesekompetenz

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Sekundäre Herkunftseffekte
• Beruhen auf der elterlichen Bildungsaspiration
• Bildungsgangentscheidungen als rationale Abwägung von
Kosten, Nutzen und Eintrittswahrscheinlichkeit
– Negative sekundäre Effekte
- Niedriger sozioökonomischer Status, gute Noten >
dennoch Wahl der Haupt- oder Realschule
– Positive sekundäre Effekte
- Hoher sozioökonomischer Status, schlechte Noten >
dennoch Wahl des Gymnasiums
- Migrationshintergrund, schlechte Noten > dennoch Wahl
des Gymnasiums

Tertiäre Herkunftseffekte
• Beruhen weder auf dem Kompetenzniveau noch auf
Entscheidungen des Elternhauses, sondern auf
institutionellen Mechanismen
– Negative tertiäre Effekte
- Niedriger sozioökonomischer Status, gute
Schulleistungen, dennoch schlechte Benotung
- Migrationshintergrund, hohe kognitive Fähigkeiten,
grammatische Abweichungen >
Hauptschulempfehlung
– Positive tertiäre Effekte
- Hoher sozioökonomischer Status, schlechte
Leistungen, dennoch Gymnasialempfehlung

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Fazit

• Vor dem Hintergrund des Leistungsprinzips sind


insbesondere negative tertiäre Effekte Ausdruck
von Bildungsungerechtigkeit

Studienergebnisse im Spiegel der


theoretischen Ansätze
• Werden Schülerinnen und Schüler ‚institutionell
diskriminiert‘?
• Sind die festgestellten Disparitäten Ausdruck
primärer, sekundärer oder tertiärer
Herkunftseffekte?
• Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang
sprachliche Bildung?

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Primäre Herkunftseffekte
(→ Kompetenzerwerb)

• Negativ:
– Schülerinnen und Schüler mit
Migrationshintergrund erreichen niedrigere
Schulleistungen und Schulnoten
– Schülerinnen und Schüler mit niedrigem
sozioökonomischem Status erreichen niedrigere
Schulleistungen und Schulnoten
• Positiv:
– Schülerinnen und Schüler mit hohem
sozioökonomischen Status erreichen höhere
Schulleistungen und Noten

Sekundäre Herkunftseffekte
(→ Bildungsbeteiligung, Bildungserfolg)

• Negativ: Schülerinnen und Schüler mit niedrigem


sozioökonomischen Status haben bei gleicher
Schulleistung eine geringere Wahrscheinlichkeit,
auf das Gymnasium zu wechseln
• Positiv: Schülerinnen und Schüler mit
Migrationshintergrund haben bei gleichen
Leistungen eine höhere Wahrscheinlichkeit, auf
das Gymnasium zu wechseln

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Tertiäre Herkunftseffekte

• Negativ:
– Schülerinnen und Schüler mit niedrigem
sozioökonomischem Status werden bei gleicher
Leistung schlechter benotet und erhalten seltener
die Gymnasialempfehlung
• ‚Neutral‘:
– Schülerinnen und Schüler mit
Migrationshintergrund werden bei gleicher
Leistung nicht schlechter benotet

Institutionelle Diskriminierung

• Schlechtere Benotung bei gleicher Leistung kann


als Merkmal institutioneller Diskriminierung
aufgefasst werden
• Annahme homogener sprachlicher
Voraussetzungen kann als Merkmal
institutioneller Diskriminierung aufgefasst
werden

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Eine bislang offene Frage

• Wie kommt die Überrepräsentierung von


Schülerinnen und Schülern mit
Migrationshintergrund an Förderschulen
zustande?

→ Hypothese: Durchführung sonderpädagogischer


Intelligenzdiagnostik mit sprachbasierten Verfahren
in der Zweitsprache Deutsch

Reduktion negativer Herkunftseffekte

DER BEITRAG
SPRACHLICHER BILDUNG

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Reduktion negativer primärer Effekte

• Förderung sprachlicher Fähigkeiten als


Voraussetzung für den schulischen
Kompetenzerwerb
– Sprachsensibler Fachunterricht
– Mehrsprachige Bildungsangebote
• Einfluss der sozialen Herkunft: Sprachliche
Bildung für Kinder und Jugendliche mit und ohne
Migrationshintergrund

Reduktion negativer sekundärer


Effekte
• Spätere Aufteilung in unterschiedliche
Bildungsgänge/Inklusive Ansätze
→ Eltern müssen nicht an so früher Stelle Entscheidungen
über den Bildungsgang der Kinder treffen

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Reduktion negativer tertiärer Effekte

• Verbesserung der diagnostischen Kompetenz


von Lehrkräften
• Diagnostik sprachlicher Fähigkeiten in Erst- und
Zweitsprache
• Sonderpädagogische Intelligenzdiagnostik mit
kulturfairen und sprachfreien Verfahren bzw. mit
Verfahren im Medium der Erstsprache
• Lehrkräfte sollten in der Lage sein, institutionelle
Routinen zu reflektieren und zu hinterfragen

Zusammenfassung: Was können


Lehrerinnen und Lehrer beitragen?
Sprachsensibler
Fachunterricht,
Primäre Effekte Erstsprache als
Lernmedium

Sekundäre
Elternarbeit, Beratung
Effekte

Sprach- und
kulturfaires Testen,
Balancierte
Fehlertoleranz,
Tertiäre Effekte Faire Benotungen und
Empfehlungen,
Reflektion von
Vorurteilen und
Stereotypen

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FERTIG!

Literatur I
• Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2006). Bildung in Deutschland: Ein
indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Bielefeld: Bertelsmann.
• Autorengrupppe Bildungsberichterstattung (2014). Bildung in Deutschland 2014. Ein
indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur Bildung von Menschen mit Behinderungen.
Bielefeld: Bertelsmann.
• Becker-Mrotzek, M., & Vogt, R. (2009). Unterrichtskommunikation: Linguistische Analysemethoden
und Forschungsergebnisse (2. Aufl.). Germanistische Arbeitshefte: Vol. 38. Tübingen: Max
Niemeyer Verlag.
• Boudon, R. (1974). Education, opportunity and social inequality: Changing prospects in Western
Society. A Wiley-Interscience publication. New York: John Wiley.
• Bourdieu, P. (1983). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In R. Kreckel (Hg.),
Soziale Ungleichheiten. Soziale Welt / Sonderband, Bd. 2 (S. 183–198). Göttingen: Schwartz.
• Diefenbach, H. (2007). Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen
Bildungssystem. Erklärungen und empirische Befunde. Wiesbaden: VS Verl. für
Sozialwissenschaften.
• Feagin, J. R., & Feagin, C. B. (1986). Discrimination American style: Institutional racism and sexism
(2nd ed.). Malabar, Fla: Krieger.
• Gomolla, M. (2011). Institutionelle Diskriminierung: Rechtliche und politische
Hintergründe, Forschungsergebnisse und Interventionsmöglichkeiten im Praxisfeld Schule. In U.
Neumann & J. Schneider (Hg.), Schule mit Migrationshintergrund (S. 181–195). Münster: Waxmann.
• Gomolla, M., & Radtke, F.-O. (2009). Institutionelle Diskriminierung (3. Aufl.). Wiesbaden: VS, Verl.
für Sozialwiss.
• Gresch, C. (2012). Der Übergang in die Sekundarstufe I. Leistungsbeurteilung, Bildungsaspiration
und rechtlicher Kontext bei Kindern mit Migrationshintergrund. Wiesbaden: Springer VS.

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Literatur II
• Gresch, C., & Becker, M. (2010). Sozial- und leistungsbedingte Disparitäten im
Übergangsverhalten bei türkischstämmigen Kindern und Kindern aus (Spät-
)Aussiedlerfamilien. In K. Maaz, J. Baumert, C. Gresch, & N. McElvany (Hg.),
Bildungsforschung: Vol. 34. Der Übergang von der Grundschule in die weiterführende
Schule. Leistungsgerechtigkeit und regionale, soziale und ethnisch-kulturelle
Disparitäten (S. 181-200). Bonn u.a: Bundesministerium für Bildung und Forschung,
Referat Bildungsforschung.
• Maaz, K., Baeriswyl, F., & Trautwein, U. (2011). Herkunft zensiert?
Leistungsdiagnostik und soziale Ungleichheiten in der Schule. Eine Studie im Auftrag
der Vodafone Stiftung Deutschland. Düsseldorf: Vodafone Stiftung Deutschland.
• OECD (2006). Wo haben Schüler mit Migrationshintergrund die größten
Erfolgschancen: Eine vergleichende Analyse von Leistung und Engagement in PISA
2003. Verfügbar unter: http://www.oecd.org/dataoecd/2/57/36665235.pdf.
• Prengel, A. (2005). Pädagogik der Vielfalt (3. Aufl.). Reihe Schule und Gesellschaft2.
Opladen: Leske + Budrich.
• Prengel, A. (2011). Selektion vs. Inklusion - Geichheit und Differenz im schulischen
Kontext. In H. Faulstich-Wieland (Hg.), Professionswissen für Lehrerinnen und Lehrer
3. Umgang mit Heterogenität und Differenz (S. 23–48). Baltmannsweiler: Schneider
Verlag Hohengehren.
• Stanat, P., Rauch, D., & Segeritz, M. (2010). Schülerinnen und Schüler mit
Migrationshintergrund. In E. Klieme, C. Artelt, J. Hartig, N. Jude, O. Köller, M. Prenzel,
et al. (Hg.), PISA 2009. Bilanz nach einem Jahrzehnt (S. 200–230). Münster: Waxmann.

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