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May und Corbyn gehen grosse Risiken


ein
Cathrin KahlweitKorrespondentin@CathrinKahlweit
9-10 Minuten

Eines ist sonnenklar: Priti Patel ist definitiv kein Fan von Jeremy
Corbyn. Von ihrem Twitteraccount verschickt sie just an jenem Tag,
der das neue, zarte Band zwischen Tories und Labour festigen soll
und an dem die konservative Premierministerin sich mit dem
Sozialisten Corbyn treffen will, ein Foto. Es ist eine Collage aus den
Gesichtern von May und Corbyn, eine bärtige May also, mit Corbyns
skeptischem Blick und seinem schiefen Mund und mit ihren
Ohrringen und ihrem vollen, grauen Haar.

Ein Times-Journalist schreibt «echt beängstigend», aber weit


beängstigender ist der Text, den darunter, die ehemalige
Entwicklungshilfeministerin Priti Patel zu ihrem Tweet gestellt hat:
«Ein Mann, der mit Terroristen und sozialistischen Diktatoren
paktiert, der unsere Atomwaffen abschaffen würde und den
Antisemitismus in seiner Partei hat ausufern lassen, der
Grossbritannien in den Ruin treiben würde – der hat nun den
Schlüssel zum Brexit bekommen.»

A man who sides with terrorists and socialist dictators, would


surrender our nuclear deterrent, has let anti-Semitism run rife in his
Party and would bankrupt Britain has now been given the keys to
Brexit. https://t.co/glGXAQUAXj

— Priti Patel MP (@patel4witham) 3. April 2019

Patel, so viel ist spätestens jetzt klar, ist auch kein Fan des neuen

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Kurses von Theresa May. Diese hatte am Vorabend, nach einer


mehr als siebenstündigen Kabinettssitzung, zur Überraschung der
Nation verkündet, dass sie auf die Opposition zugehen, mit dieser
einen gemeinsamen Weg aus der Misere suchen und damit die
fehlenden Stimmen kompensieren würde, die ihr die Hardliner in den
eigenen Reihen über Monate verweigert hatten. Am Morgen danach,
dem Mittwoch also, schreibt sie allen Mitgliedern der Tory-Fraktion
auch noch einen Brief. Offenbar will sie dem Aufschrei begegnen,
von dem sie weiss, dass er kommen wird.

Und wie er kommt. May hatte an ihre Abgeordneten geschrieben, es


helfe ja nun mal nichts, aber sie wolle No Deal vermeiden, und sie
hätte den Deal gern mithilfe der Konservativen und des nordirischen
Partners, der DUP, durchgebracht. Da das offenbar unmöglich sei,
hole sie jetzt den Chef der Opposition ins Boot. Mit freundlichen
Grüssen. Die Botschaft ist klar, sie lautet: Ihr seid selbst schuld.
Hättet ihr für meinen Deal gestimmt, müsstet ihr jetzt nicht mit der
sehr realen Drohung eines weichen Brexit leben.

Bei der Befragung ist der Oppositionsführer eher milde

Der Tweet von Priti Patel ist noch eine der harmloseren
Kampfansagen, da sie sich prima vista gegen Corbyn richtet. Man
muss aber dazu wissen, dass Patel, die aus einer indisch-
ugandischen Familie stammt und unter Mays Vorgänger, Premier
David Cameron, Karriere machte, wegen eigenmächtiger
Verhandlungen mit israelischen Gesprächspartnern, die sie daheim
in London verschwiegen hatte, vergangenes Jahr zurücktreten
musste. Seither ist sie auch eine Kritikerin von Theresa May, und vor
allem ist die scharfzüngige Politikerin eine der wenigen Frauen im
Lager der ganz harten Brexiteers. Sie glüht für Britannien, sie hasst
Labour, sie hasst Corbyn, und sie kommt nicht darüber hinweg, dass
Tory-Chefin May, so sieht sie es zumindest, einen Kotau vor den
Sozialisten gemacht hat.

Die Zeitungen titeln bereits Stunden vor dem ersten Treffen von May
und Corbyn, dem noch Treffen mit den Regierungschefs von

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Schottland und Wales, Nicola Sturgeon und Carwyn Jones, folgen


sollen: «Tories stinksauer über Mays Einladung an den
‹unqualifizierten› Corbyn». Aber vorher muss May noch die Prime
Minister's Questions überstehen. In dieser allwöchentlichen
Fragestunde wird sie normalerweise vom Oppositionschef gegrillt,
wie die Briten sagen, aber der ist an diesem Tag eher milde und
meidet das Thema Brexit. Es würde auch seltsam aussehen, hätte
er, wie all die Wochen zuvor, die Klingen zu einem Thema gekreuzt,
bei dem bald schon Frieden herrschen soll.

Stattdessen bekommt May es von den eigenen Leuten ab, und sie
wehrt sich, das muss man sagen, mit Würde. Wieso sie jemanden
mitentscheiden lasse, fragt ein Abgeordneter, über den sie noch
unlängst gesagt habe, er sei «die grösste Gefahr für
Grossbritannien»? Wieso sie nicht lieber No Deal zulasse, als sich
ins Bett zu legen mit einer «marxistischen, antisemitischen Co-
Regierung»? Wieso sie heute einen Deal mit Corbyn wolle, wo sie
doch immer gesagt habe, kein Deal sei besser als ein schlechter?
Alle seien verantwortlich, sagt May, und alle sollten mitreden. Aber
auch ihr schwant: Versöhnung sieht anders aus.

Mit zwei Staatssekretären, die am Mittwoch wegen Mays Kurs


zurücktraten, war sie offenbar nicht mehr möglich.

Der Krieg hat begonnen

Derweil kursiert im Unterhaus ein Antrag auf einem Blatt Papier,


nicht namentlich gezeichnet, auf dem vorgeschlagen wird, all jenen
Kabinettsmitgliedern, die am Dienstag für Mays Kurswechsel votiert
hatten, das Gehalt um 50 Prozent zu kürzen. Man muss wohl sagen:
Der Krieg hat begonnen. Ein Reporter der Mail on Sunday
kommentiert: «Anarchie im Kabinett. Einige wollen, dass May in den
nächsten 24 Stunden weg ist. Die Hinterbänkler schlagen zurück.
Und die Leaver in der Regierung sind wütend auf die ERG.»

Die ERG, die European Research Group, ist jene Gruppe, die sich
dem reinen Brexit, gern auch ohne Deal, verschrieben hat. Ihr Ober-

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VIP, Jacob Rees-Mogg, hatte den Tag in der BBC mit der
Kriegserklärung eröffnet, der sich dann zahlreiche Kollegen
anschlossen: Er habe unwesentlich mehr Vertrauen in May als in
Corbyn. «Aber da liegt die Messlatte ja auch schon sehr niedrig.»

Die Aufbruchsstimmung, die sich May mit ihrem Befreiungsschlag


vom Dienstag versprochen hatte, ist also sehr schnell wieder dahin.
Vielleicht hätten die Abgeordneten nach zwei Jahren Debatte, in
denen sie sich fast täglich sahen und sich fast täglich
Boshaftigkeiten um die Ohren schlugen, einen Mediator buchen
oder einfach mal vier Wochen in die Ferien gehen sollen?

Was, wenn May und Corbyn scheitern?

Dem Parlament ist, etwas mehr als eine Woche vor Ablauf der
Austrittsfrist, mit Mays Vorstoss ein wenig Wind aus den Segeln
genommen. Man wollte in aller Eile ein Gesetz verabschieden, das
die Premierministerin zwingen soll, im Falle eines drohenden No
Deal eine weitere Verschiebung des Austrittstermins in Brüssel zu
beantragen – und diesen späteren Termin dann wieder vom
Parlament absegnen zu lassen. Das sei doch alles gar nicht mehr
nötig, sagen einige Abgeordnete, May mache das doch nun
sowieso. Aber dabei wollen es nicht alle Kollegen bewenden lassen.
Was, wenn May und Corbyn scheitern?

Die Deadline und ein – wenn gleich vielleicht unbeabsichtigter – No


Deal sind ja nicht aus der Welt; das ist allen im Unterhaus
schmerzlich bewusst. May will daher bis zum Wochenende mit
Corbyn einen Fahrplan vorlegen, nächste Woche damit nach
Brüssel reisen und, so alles klappt, diesen Fahrplan vor den
Europawahlen und damit vor 22. Mai mit einer wie auch immer
gearteten Parlamentsmehrheit in allen Details beschliessen.

Mays rote Linien sind die Unterzeichnung ihres Deals

Just hier zeigt sich das nächste Problem, das in der ersten
Fragestunde Mays nach dem Plädoyer für eine nationale
Anstrengung überdeutlich wurde: Wie hellrosa sind eigentlich die

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ehemals roten Linien der Tories, nun, da sie Kompromisse machen


sollen? Können May und Corbyn Verständigung? Und würden sie
sich zumindest, wenn auch widerstrebend, von Mitarbeitern und
Abgeordneten von den Rändern in die Mitte schieben lassen?
Dahin, wo Remain und Leave eine Schnittmenge hätten?

May jedenfalls antwortet auf die Frage, was sie mit Corbyn gemein
habe beim Brexit, man wolle Arbeitnehmerrechte schützen. Man
wolle der Wirtschaft nicht schaden. So weit, so gut. Aber dann sagt
sie, beide Seiten wollten kontrollierte Immigration und wüssten, wie
eminent wichtig der Austrittsvertrag sei. Übersetzt hiess das: Mays
rote Linien sind die Unterzeichnung ihres Deals und ein Modell für
die Zukunft, das den Briten die Kontrolle über die Einwanderung
zurückgibt. Was Corbyn nicht unbedingt will. Der schaute denn auch
überrascht über seine schwarzrandige Brille. Und sehr skeptisch
schaute er auch. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.04.2019, 20:23 Uhr

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