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Musikwissenschaftliches Seminar Detmold

Kurs: Popmusik als Gender Trouble Playground von den 1990ern bis heute
DozentIn: Sarah Schauberger
StudentInnen: Norbert Fuhrmann, Janne Gruhn, Larissa Hermanns
Datum: 24.01.2019

Musikanalyse Mashrou‘ Leila: Fasateen (Mashrou‘ Leila)

Text (übersetzt)
Remember when you told me
That you would marry me
Without money or a house
Remember when you loved me
Even though I wasn't of your religion
Remember how we were
Remember when your mother
Caught me sleeping in your bed
And told me to forget about you
So we agreed to stay like that
Without roles or talks
Without neckties or morning chats

Without millions
Without dresses

You took my hand and promised me a revolution


How could you forget, how could you forget me?
You combed my hair
And sent me off
Comb me the way you comb yourself

Remember when you told me that you intend to leave me


Without money or a house

Das Lied Fasateen (Kleider) ist der erste Song der CD Mashrou' Leila von der
gleichnamigen Band. Geschrieben wurde der Song von allen 5 Musikern der Band
Mashrou' Leila, die arabische Wurzeln haben und sich in Beirut trafen. Der „westliche“
Einfluß entstammt der Ausbildung einiger der Musiker an der Amerikanischen Universität
Beirut. Ihre Songs spiegeln die Erfahrungen mit Gewalt und Unterdrückung, besonders in
Hinsicht auf queeres Denken und Leben, durch ihre arabische Umgebung wieder.
Die Band arbeitet in der Besetzung: Schlagzeug, Bass, Keyboard / Gitarre, Geige und
Gesang.
Der Titel erzählt von einer gescheiterten Liebe („How could you forget me“, „Remember
when you told me that you intend to leave me“) wie sie eigentlich jedem widerfahren kann.
Angesprochen ist eine bestimmte Person, die das lyrische Ich verlassen hat, obwohl sie
dem Ich versprochen hatte, immer an seiner Seite zu sein, auch ohne Geld und ohne
Haus, also quasi bedingungslos. Die folgende Analyse soll zeigen, inwiefern der Song
queer zu deuten ist, doch ohne den speziellen Hintergrund/Kontext der Band bzw. des
Sängers und vor allem ohne das Videos ist dies eigentlich nicht ganz eindeutig zu
bestimmen (was wiederum Raum für eine queere Deutung zulässt). Deshalb seien diese
beiden Aspekte vorangestellt.
Kontext und Stimmung
Das Lied Fasateen stammt von dem ersten Studio Album, Mashrou‘ Leila, der Band
welches 2008 ohne ein Label veröffentlicht wurde. Auf dem Album steht es an erster
Stelle. Auf Spotify ist das Lied auf Platz 3 der meistgehörten Lieder der Band und wurde
bisher 1.148.715 Mal gestreamt. Auf Youtube hat ihr Kanal 163.999 Abonnenten und
Fasateen hat 5,6 Millionen Aufrufe.
Das Lied wirkt traurig, voll Verlangen, schmerzerfüllt. Die Stimme des Sängers wirkt echt
und greifbar, was eine direkte Verbindung zum Künstler für den Hörer eröffnen kann. Das
anfängliche Zusammenspiel aus Gitarre und Stimme ist gleichzeitig spielerisch leicht,
jedoch suggeriert die hinzukommende Geige Trauer und Schmerz.
Die Band Mashrou‘ Leila ist in vieler Hinsicht außergewöhnlich. Sie sind eine libanesische
Pop-Band, die über politische Freiheit, Unterdrückung, Bürgerrechte, Terror, queere
Belange und Sex singen. Sie sind die erste Band aus dem Nahen Osten, die es auf die
Titelseite des Rolling Stone schaffte. Sie gelten als Kultband der LGBTQ-Szene in der
arabischen Welt und stellen den Status quo der Pop-Industrie des Nahen Ostens in Frage.
Mashrou‘ Leila haben Fans auf der ganzen Welt und touren im Jahr 2019 durch Europa.
Ihre Konzerte sind teilweise innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. In Ägypten jedoch dürfen
sie nach einem Zwischenfall nach einem Konzert in Kairo 2017 nicht mehr auftreten. Bei
dem Konzert wurden Regenbogenfahnen geschwenkt und im Anschluss wurden viele
Menschen, die das Konzert besucht hatten, verhaftet. Es wurden Strafverfahren eröffnet,
mit Haftstrafen zwischen 6 Monaten und 6 Jahren.
Obwohl es im Libanon, insbesondere in der Hauptstadt Beirut, bereits eine große queere
Szene gibt, sind nach wie vor rechtliche Unklarheiten vorhanden. Gerichte fällen
unterschiedliche Urteile was Verurteilungen von Menschen der LGBTQ-Szene aufgrund
ihrer sexuellen Orientierung betrifft. Der allgemeine Konsens im Land richtet sich eher
gegen die Szene und ihre Mitglieder, Menschen verlieren ihre Jobs, Familie, ihren Besitz
aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Das Land wird außerdem von vielen Menschen die
fliehen müssen aus Syrien, Palästina, Sudan und Irak aufgesucht, für die in ihren eigenen
Ländern Lebensgefahr besteht.
Mashrou‘ Leila vertreten diese Szene und die Probleme dieser Menschen in ihrem Land
und in vielen anderen Ländern, die in Bezug auf sexuelle Freiheit rechtlich und politisch
(noch) nicht an zum Beispiel deutsche oder kanadische Rechte heranreichen.
Der Sänger Hamed Sinno gilt in manchen Kreisen als der Freddie Mercury des Nahen
Ostens aufgrund seiner Stimmreichweite über drei Oktaven und – in Sinnos Falle - seiner
offenen Homosexualität.

Video
Das Video spielt im Kontext der queeren Deutung eine wichtige Rolle, denn durch dieses
werden viele der später folgenden musikalische Aspekte erst klar. Es entwickeln sich
verschiedene Perspektiven auf den Song. Die anfangs vermutete Fahrt im Auto stellt sich
als Abtransport des fahruntüchtigen Wagens heraus. Zum Ende schieben die
Protagonisten das Fahrzeug selbst. Man kann diese Progression der Aktion auch mit der
realen Situation der Erzähler vergleichen, die sich nicht auf die vermeintlich gegeben
Strukturen verlassen können und am Ende die Dinge selbst in die Hand nehmen.
Die Farbtupfer sind die Dekoration des Autos sowie die (Hochzeits-) Torte. Die Torte wird
dekoriert, u.a. mit zwei Figuren, die offensichtlich Mann und Frau, bzw. ein Hochzeitspaar,
darstellen sollen. Die Figuren sind hier in den „gender-coding“ Farben ausgeführt: pink und
blau. Anschließend wird sie auf den Boden geworfen, also der Standard zerstört. Teile der
Dekoration, die zerbrochenen Figuren, werden dann im Auto mitgenommen.
Insgesamt zeigt das Video die Zerstörung von Symbolen althergebrachter Strukturen: die
Blumen, die von der Frau im Küchengerät zerstört werden, die Torte, die Matratze.
Ausgehend vom Erzähler / Fahrer steigen nach und nach mehr Menschen zu. Aufgrund
dieses Verhaltens kann man klar erkennen, dass es sich um eine queere Situation
handelt.
Zum Ende stehen alle „Männer“ am Straßenrand und es sieht so aus, als würden sie
urinieren, während die „Frau“ sich abgewandt amüsiert.
Das Setting des Videos spiegelt die Situation im Heimatland wieder: staubig, marode …
Bei einem PBS Interview sagte der Sänger der Band, dass die Songs der Band von
Zerstörung und Unterdrückung vor allem im Hinblick auf Genderproblematik handeln.

Musikalische Gestaltung
Die Beziehung dieser beiden Figuren, dem Du und dem Ich, die über 2 Verse (später mehr
zur Struktur) in Erzählstruktur skizziert wird, scheint doch irgendwie außerhalb der Norm
zu liegen, die durch die Umgebung des Erzählers festgelegt ist, so scheinen sie nicht der
gleichen Religion anzugehören und auch von Elternseite nicht akzeptiert zu sein; „(...)
Even though I wasn't of your religion (...)“; [Mom] … told me to forget you; … and we
agreed to continue without playing any role … . Die Zeile „Without money or a house“
kann man auch darauf beziehen, dass es für ein Paar schwierig ist Wohnraum und Arbeit
zu finden, wenn es nicht in die traditionellen Ansichten des Umfeldes passt.

Der Aufbau des Textes ist in Erzählform, ohne feste Zeilenstruktur. Er skizziert die
Entwicklung einer Beziehung zwischen 2 Personen. Diese Beziehung liegt offensichtlich
außerhalb der Norm die die Umgebung des Erzählers festlegt. [Mom] … told me to forget
you; … and we agreed to continue without playing any role …

den blauen Text habe ich oben mit eingeflochten:)

Der Song ist recht einfach strukturiert, eine A-B-Solo(Vln)-A-B-Solo (Vln+Vox ad libs)-
A(Outro) Struktur, harmonisch entwickelt sich in diesem Song auch eher wenig. Eine Folge
aus Em-C-B7 Akkorden bilden das Grundgerüst, dem der ganze Song folgt (in der Hook-
Em-C-B7-Em). Die Verse (A) sind wie o.g. in Erzählform und werden mit dem Verlauf des
Songs kürzer bis hin zum letzten Vers, bei dem es sich nur noch um eine Akkordfolge
handelt, die abrupt auf einem B7 Akkord abbricht. Dieser Akkord führt normalerweise
zwingend in die Grundtonart (was sie ja auch in den restlichen Versen tut, da es dort
immer mit dem Em der Folgezeile weitergeht), das Abbrechen auf diesem Akkord wird
gerne auch als Stilmittel genutzt um den Hörer in der Erwartungshaltung zurück zu lassen,
die etwas Unbefriedigendes auslöst. In dieser Form aufzuhören ist nicht besonders typisch
für einen kommerziellen Pop-Song, meist folgt noch ein letzter Chorus, ein Höhepunkt
zum Schluss (oder wie in diesem Fall eine Art „Hook“=B-Teil). Das offene Ende wirkt wie
ein Frage, die er sich selbst nicht zu beantworten weiß: weshalb hat mich die Person
einfach verlassen? Lag es am gesellschaftlichen Druck? An der Angst vor dem verstoßen
werden? Oder schlichtweg an fehlender Liebe? Es drückt vielleicht auch eine Frustration
darüber aus, dass man sich scheinbar doch diesen traditionellen Grundstrukturen
unterordnen muss. Diesen Effekt gibt es nicht nur am Ende des Songs sondern im Prinzip
nach jeder Verszeile, es hält die Spannung oben.

Die „Hook“, „(..) without millions, without dresses (..)“, verstärkt den Aspekt des Ausbruchs,
der auch im Video gezeigt wird (wie o.g.), dass herkömmliche Strukturen zerstört werden
sollen. Das Wort „dresses“, welches auch namensgebend für den Song ist, lässt sich in
diesem Sinne auch als Verkleidung interpretieren. „Without dresses“ könnte somit etwas
bedeuten wie: Die Liebe sollte eigentlich ohne eine Verkleidung, ohne eine Maske sein,
ohne die Anstrengung, die Verkleidung zu bewahren.
Auf der anderen Seite (ganz im Gegensatz zum Video) werden musikalisch auch die
„herkömmlichen Strukturen“ verkörpert, aus denen es auszubrechen gilt. Die Besetzung ist
sehr traditionell und der Umgang mit Effekten recht sparsam. Es ist ein recht akustisch
abgebildetes Instrumentalset (siehe oben), einzig mit Hall wird gearbeitet. Diese
traditionelle Instrumentierung, der Einsatz der Geige und auch die weitgehend natürliche
Mischung kann man auf die o.g. Umgebung beziehen, auf das traditionell geprägte Umfeld
in dem sich das lyrische Ich bewegt, aus dem es wahrscheinlich eigentlich ausbrechen
möchte. Vielleicht ist das untypische offene Ende ein Hinweis darauf und steht (wie o.g.)
dem „Ausbruch“ gegenüber.

Trotz der geringen harmonischen Vielfalt wird dynamisch gearbeitet, was die Erzählung im
Video unterstützt (Dynamik ist nicht gleich Lautstärke, hier auf das Arrangement bezogen).
Das Instrumentalgerüst baut sich nämlich nach und nach auf, erst Vox+Gitarre, nach der
Hälfte des ersten A-Teils steigt die Geige ein. Das lyrische Ich wirkt allein, es kommt ein
Gefühl von Verlassenheit auf. Zur „Hook“ treten dann auch Drums, Bass und Klavier.
Analog dazu treten im Video nun auch weitere Personen zum lyrischen Ich dazu, wie im
Arrangement bekommt auch das lyrische Ich Gesellschaft, es entsteht ein Gefühl von
„man ist nicht allein“. In der letzten Hook gibt es einen klassischen Höhepunkt
(Background-Gesang tritt neu auf, Drums gehen in durchgehende 16tel auf der offenen
HiHat über, treibt voran). Der Männerchor suggeriert ebenfalls ein Gefühl von einem „nicht
allein sein“, analog hierzu ist im Video nun auch das Auto voll besetzt.

Es folgt ein Breakdown und der Gesang, analog zum Anfang, wird bloß von noch der
Gitarre begleitet. Es handelt sich nur noch um eine Verszeile, die (wie oben bereits
geschildert) sehr offen endet. Auch dies verstärkt die Melancholie des Stücks, da man am
Ende doch scheinbar wieder allein dasteht. Die durchlaufende Harmonik und der doch
immer recht ähnliche Beat geben dem Ganzen trotzdem etwas fließendes und eher
unauffälliges, dem man sich gut hingeben kann. Man könnte das Ende mit den
vorangegangenen Aspekten auch als resigniert interpretieren. Ein Beitrag zur leidenden
Stimmung leistet das Geigensolo zwischen den Versteilen, aber auch der häufig
melismatische Gesang, das Schleifen verschiedener Töne und „Seufzer“- Melodik. Auch
die freie (ad lib) Improvisation des Sängers am Ende gibt sein Leiden preis.
Unter all diesen Aspekten wird auch eine queere Deutung der Musik sinnvoll.

Songstruktur
Der Song ist recht einfach aufgebaut mit einer Intro - A – B – Outro Struktur, wobei die A-B
Sequenzen mehrfach wiederholt werden. Auf dem A-Teil wird auch ein Geigensolo
gespielt, was zum grundsätzlichen Melancholie des Songs beträgt. Dynamik ist innerhalb
des Songs wenig vorhanden, der Song plätschert vor sich hin, wie auf die Fahrt abläuft.
Insgesamt ist das Arrangement minimalistisch angelegt.

Hier habe ich die songstruktur tatsächlich etwas anders gehört, er beginnt ja direkt mit
gesang und man würde einen popsong eher in Verse und chorus unterteile, a und b teil
sind ja in sich nochmal geteilt und wieder holen sich musikalisch fast exakt :)

Bibliographie
Blech, Norbert, „Urteil im Libanon: Ausgelebte Homosexualität keine Straftat, sondern
Grundrecht“, https://www.queer.de/detail.php?article_id=28116, abgerufen am 22.01.2019
Kölner Philharmonie, „Mashrou‘ Leila“, https://www.koelner-
philharmonie.de/de/programm/mashrou-leila/119828, abgerufen am 22.01.2019

Mashrou‘ Leila, Facebook, https://de-de.facebook.com/mashrou3leila/, abgerufen am


22.01.2019

Mashrou‘ Leila, Youtube, https://www.youtube.com/user/Mashrou3Leila/about, abgerufen


am 22.01.2019

Mashrou' Leila: NPR Music Tiny Desk Concert, youtube.com, abgerufen 23.01.2019

Mashrou‘ Leila, http://mashrouleila.com/?page_id=57#home, abgerufen am 22.02.2019

Schock, Axel, „LGBT-Flüchtlinge im Libanon: Was Proud Lebanon leisten kann – für
Refugees und Einheimische“, https://www.iwwit.de/blog/2015/07/lgbt-fluechtlinge-im-
libanon/, abgerufen am 22.01.2019

Wegerhoff, Cornelia, Deutschlandfunk, https://www.deutschlandfunk.de/mashrou-leila-auf-


tour-wo-regenbogen-fahnen-nicht-verboten.807.de.html?dram:article_id=416494,
abgerufen am 22.01.2019