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Psychologie der Sprichwörter

Dieter Frey
Hrsg.

Psychologie der
Sprichwörter
Weiß die Wissenschaft mehr als Oma?
Herausgeber
Dieter Frey
Ludwig-Maximilians-Universität
München
Deutschland

ISBN 978-3-662-50380-5 ISBN 978-3-662-50381-2 (ebook)


DOI 10.1007/978-3-662-50381-2

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V

Dieses Buch widme ich meinen drei Kindern Lena, Johanna und Josef, mit denen ich viel
über Sprichwörter und Gegensprichwörter diskutiert habe. Wir haben es uns oft zum Spiel
gemacht, für bestimmte persönlich erlebte Episoden ein Sprichwort zu finden.
VII

Vorwort

Jeder, der die Chance hat, mit Großeltern aufzuwachsen, hat letztlich immer auch die Erfah-
rung gemacht, dass sie für alles, was auch immer passiert, ein Sprichwort bereithalten und
damit zudem fast immer recht haben! „Gegensätze ziehen sich an“, „Gleich und Gleich gesellt
sich gern“ – zwei berühmte Sprichwörter, die jedoch gegensätzlich sind. Und da ihr Fundus an
Sprichwörtern besonders groß ist, können sie immer ein passendes auswählen.

Häufig gebrauchte Sprichwörter werden somit an die Enkel übermittelt, sodass sie sich über
Jahrhunderte von Generation zu Generation fortpflanzten. Sprichwörter sind fast überall
relevant: im Erziehungsverhalten, im Führungsverhalten, in der Bildung von positiven und
negativen Stereotypen und Vorurteilen. Sie können darüber hinaus eine selbsterfüllende Pro-
phezeiung sein: Man verhält sich entsprechend dem Sprichwort, an das man im Moment am
stärksten glaubt.

Sprichwörter können prospektiv oder retrospektiv verwendet werden. „Jeder ist seines eigenen
Glückes Schmied“ kann prospektiv eine Aufforderung sein im Sinne von „Handle, sei aktiv,
nimm Dein Schicksal in die eigene Hand“. Retrospektiv dient es als Rechtfertigung, denn wer
seines eigenen Glückes Schmied ist, hat es wirklich selbst zu verantworten, dass er so erfolg-
reich war. War jemand nicht erfolgreich, kann man es natürlich genauso mit einem Sprichwort
rechtfertigen und sagen: „Jeder hat das, was er verdient“.

Faszinierend wird es, wenn man sich eingehender mit Sprichwörtern auseinandersetzt: Stim-
men Sprichwörter überhaupt? Warum stimmen sie? Und unter welchen Bedingungen stimmen
Sprichwörter? Weiß die Wissenschaft mehr als meine Großmutter? Das ist die Herausforderung,
die sich in diesem Buch stellt.

Diese Arbeit wurde von 30 Masterstudenten des Masters Wirtschafts- und Sozialpsychologie
an der LMU in einem Vertiefungsseminar bearbeitet. Die Studierenden für den Master wurden
aus über 400 Studierenden ausgewählt. Sie haben sich intensiv mit diesen Sprichwörtern be-
schäftigt und dabei insbesondere reflektiert: Wann haben die Großeltern recht und wann nicht?

Die Studenten haben die Herausforderung so bravourös gemeistert, dass sich der Springer-Ver-
lag gerne bereit erklärt hat, die Beiträge zu publizieren, denn es ist sowohl für den Laien interes-
sant, sich mit Psychologie einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu beschäftigen, als auch
für Fachleute, da die gesamten Mosaiksteinchen der Psychologie angesprochen und integriert
werden. Im Gegensatz zu klassischen Lehrbüchern ist das aktuelle Werk weder abstrakt noch
trocken, sondern stellt das psychologische Wissen anhand bestehender Volksweisheiten und
Sprichwörter lebendig dar. Wir haben bewusst keine strenge Vereinheitlichung der Beiträge
gewählt, sondern der Vielfalt, die sich auch in den unterschiedlichen (internationalen) Sprich-
wörtern, thematischen Bezügen und kulturellen Einflüssen widerspiegelt, den Vorzug gegeben.

Wie sind wir vorgegangen? Die Texte wurden in dem Vertiefungsseminar erarbeitet und dis-
kutiert. Dabei haben sich die Studierenden gegenseitig bzw. im Austausch mit dem Herausgeber
Feedback zu den Texten gegeben, bis dann die Endfassung vorlag.
VIII Vorwort

Ich danke dem Springer-Verlag, insbesondere Herrn Coch (Planung), Frau Danziger (Projekt-
management), Frau Stefanie Teichert (Lektorat) sowie Alexandra Kessler und Julia Weschen-
felder (studentische Testleserinnen des Verlags) für ihre Unterstützung.

Ebenso danke ich Michaela Bölt, Albrecht Schnabel, Martin Fladerer und Julia Albrecht für
die Begleitung.

Meine Kinder Lena, Johanna und Josef haben mich während der ganzen Zeit in der Formulie-
rung der Grundidee sowie in der Umsetzung gut beraten und aktiv unterstützt. Ihnen gebührt
mein herzlicher Dank.

Dieter Frey
München, im August 2016
IX

Über den Herausgeber

Kurzdarstellung
Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Uni-
versität München. Seine Forschungsinteressen liegen sowohl im Bereich der
Grundlagenforschung (beispielsweise Dissonanztheorie, Kontrolltheorie oder
die Theorie der gelernten Sorglosigkeit) als auch im Bereich der angewandten
Forschung (beispielsweise Entstehung und Veränderung von Werten, Entste-
hung von Innovationen, Grundlagen und Faktoren professioneller Führung,
Zivilcourage). Auch interessiert ihn die konkrete Umsetzung von Forschungs-
ergebnissen in die Praxis.

Ausführlicher Biografietext
Dieter Frey, studierte Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim und
der Universität Hamburg. Nach seiner Promotion und Habilitation in Mann-
heim, die unter anderem durch ein VW-Stipendium und ein DFG-Stipendium
gefördert wurden, war er von 1978 bis 1993 Professor für Sozial- und Organisa-
tionspsychologie an der Universität Kiel. Dazwischen war er von 1988 bis 1990
Theodor-Heuss-Professor an der Graduate Faculty der New School for Social
Research in New York. Seit 1993 ist Dieter Frey Professor für Sozialpsychologie
an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor hatte er Rufe nach
Bochum, Bielefeld, Zürich, Hamburg und Heidelberg erhalten.

Er ist Leiter des LMU Centers for Leadership and People Management und Mit-
glied in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von 2003 bis 2013 war
er Akademischer Leiter der Bayerischen EliteAkademie. Über mehrere Jahre
war er Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1998 wurde er zum
Deutschen Psychologie Preisträger („Psychologe des Jahres“) ernannt. 2011
hat die Zeitschrift Personalmagazin ihn zum „Praktischen Ethiker“ und einem
der führenden Köpfe im Personalbereich in Deutschland ausgezeichnet. Für
seine Arbeiten, die für eine humanere Welt beitragen, wurde er 2016 von der
Magrit Egner Stiftung Zürich ausgezeichnet.

Seine Forschungsgebiete liegen sowohl in der Grundlagenforschung (z. B.


psychologische Theorien wie Dissonanztheorie, Kontrolltheorie, Theorie
der gelernten Sorglosigkeit) als auch in der angewandten Forschung (z. B.
Entstehung und Veränderung von Werten, Entstehung von Innovationen,
Grundlagen und Faktoren professioneller Führung, Zivilcourage). Schließlich
beschäftigt er sich auch mit der Anwendung von Forschung auf soziale und
kommerzielle Organisationen.
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Bedeutung und Relevanz von Sprichwörtern – Warum


nutzen wir Sprichwörter? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Dieter Frey

2 Sprichwörter und Psychologie - eine Annäherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3


Julia Albrecht und DieterFrey
2.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2.2 Deutsche und internationale Sprichwörter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2.2.1 Konzeptionelle Klärung des Begriffs „Sprichwort“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
2.2.2 Sprachliche Erscheinungsformen von Sprichwörtern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2.2.3 Psychologische Funktionen hinter Sprichwörtern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
2.2.4 Psychologische Funktionen von Sprichwörtern aus dem Blickwinkel sozialpsychologischer
Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
2.2.5 Sprichwörter als Spiegel der Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.2.6 Ursprünge deutscher Sprichwörter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
2.2.7 Universalität von Sprichwörtern – eines passt immer? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.3 Volksmund und Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.3.1 Berührpunkte zwischen Sprichwörtern und Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.3.2 Bisherige psychologische Forschung mit Bezug zu Sprichwörtern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
2.4 Das aktuelle Projekt: Sprichwörter aus psychologischem Blickwinkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.5 Impulse für Forschung und Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

I Freundschaft und Familie

3 Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sag dir, wer du bist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Svetlana Dominova
3.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
3.2 Streben nach Zugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
3.2.1 Herkunft und Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
3.2.2 Wissenschaftliche Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
3.2.3 Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
3.3 Gegentendenz: Streben nach Individualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
3.3.1 Wissenschaftliche Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
3.3.2 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
3.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

4 Gleich und Gleich gesellt sich gern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25


Clara Mihr
4.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
4.2 Similarity-Attraction-Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
4.2.1 Erklärungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
XI
Inhaltsverzeichnis

4.2.2 Tatsächliche vs. wahrgenommene Ähnlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26


4.3 Komplementarität: Gegensätze ziehen sich an . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
4.3.1 Tribut an die Evolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
4.3.2 Optimale Distinktheit: das Salz in der Suppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
4.3.3 Komplementaritätsansatz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
4.3.4 Extreme, nach außen wahrnehmbare Unterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
4.4 Weitere Einflüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
4.4.1 Zeitkomponente: Anfängliche Verliebtheit vs. langfristige Beziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
4.4.2 Kultur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
4.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

5 Jeder ist sich selbst der Nächste – Eine Hand wäscht die andere . . . . . . . . . . . . . . . 33
Manuel Stabenow
5.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
5.2 Handeln im Eigeninteresse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
5.2.1 Wissenschaftliche Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
5.2.2 Empirische Überprüfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
5.3 Kooperatives Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
5.3.1 Wissenschaftliche Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
5.3.2 Empirische Überprüfung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
5.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

6 Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39


Luisa von Albrecht
6.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
6.2 Anlage- und Umwelteinflüsse auf die menschliche Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
6.2.1 Methoden zur Erfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
6.2.2 Anlage-Umwelt-Kontroverse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
6.2.3 Erblichkeit von Intelligenz und ausgewählten Persönlichkeitseigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . 42
6.3 Präsenz des Sprichworts in unserem Alltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
6.3.1 Ist es sozial erwünscht, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
6.3.2 Ist Bildung durch das Elternhaus determiniert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
6.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

II Geld

7 Geld regiert die Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51


Laura Stina Maciejczyk
7.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
7.1.1 Bedeutung und Gebrauch des Sprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
7.1.2 Weitere Sprichwörter zum Thema Geld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
7.2 Theorie und Empirie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
7.2.1 Sind die Mächtigen reich oder die Reichen mächtig? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
7.2.2 Wieso streben wir nach Reichtum? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
XII Inhaltsverzeichnis

7.3 Gültigkeit des Sprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55


7.3.1 Geld regiert die Welt … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
7.3.2 … aber Geld ist nicht das Wichtigste im Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
7.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57

8 Geld allein macht nicht glücklich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59


Lisa Andrea Straßer
8.1 Einleitung: Wandel der Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
8.2 Wissenschaftliche Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
8.2.1 Easterlin-Paradoxon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
8.2.2 Geldsegen und Geldverlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
8.2.3 Gesundheit, Liebe und Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
8.3 Exkurs: „Geld macht einsam“ und „Geld verdirbt den Charakter“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
8.3.1 Investieren von (Arbeits-)Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
8.3.2 Auswirkungen auf das Sozialverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
8.3.3 Set-Point-Theorie des Glücks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
8.3.4 Bedeutung des sozialen Vergleichs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
8.4 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
8.4.1 Individuelle Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
8.4.2 Politik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
8.4.3 Wirtschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
8.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65

III Lebensgestaltung und Lebensbewältigung

9 Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69


Wiebke Erk
9.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
9.2 Konzeption von Liebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
9.3 Entstehung von Liebe und Partnerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
9.3.1 Evolutionsbiologischer Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
9.3.2 Sozialpsychologischer Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
9.4 Beständigkeit von Liebe und Partnerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
9.4.1 Evolutionsbiologischer Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
9.4.2 Sozialpsychologischer Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
9.4.3 Ehe und Scheidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
9.4.4 Erfolgsfaktoren für eine glückliche Partnerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
9.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

10 Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81


Svetlana Jung
10.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
10.2 Herkunft und Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
10.3 Herleitung eines Gegensprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
XIII
Inhaltsverzeichnis

10.4 Psychologische Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82


10.4.1 Theorien der Sozialpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
10.4.2 Theorien der Organisationspsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
10.5 Psychologische Erkenntnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
10.6 Implikationen für die Praxis und Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
10.7 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86

11 Lügen haben kurze Beine – Ehrlich währt am längsten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89


Verena Speth
11.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
11.2 Kategorisierung und Motive von Lügen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
11.2.1 Geltungslüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
11.2.2 Prosoziale Lüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
11.2.3 Antisoziale Lüge. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
11.2.4 Selbstlüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
11.3 Gültigkeit des Sprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
11.3.1 Auswirkungen von Lügen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
11.3.2 Diskussion der beiden Sprichwörter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
11.4 Lügendetektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
11.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96

IV Zeit

12 Zeit ist Geld – Eile mit Weile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101


Julia Albrecht
12.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
12.2 Zeit aus gesellschaftlicher Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
12.3 Theorie und Empirie zur Be- und Entschleunigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
12.3.1 Urteilen und Entscheiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
12.3.2 Soziale Interaktion und Gesprächsführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
12.3.3 Leistung und Kreativität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
12.4 Auswirkungen erhöhten Zeitdrucks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
12.4.1 Time Urgency . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
12.4.2 Subjektives Stresserleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
12.5 Diskussion: Weile in der Eile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
12.6 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

13 Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick sind,


verpassen wir alles. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Tamaris Böttcher
13.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
13.2 Herkunft und Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
13.3 Wissenschaftliche Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
13.3.1 Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
XIV Inhaltsverzeichnis

13.3.2 Empirie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110


13.3.3 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
13.4 Zukünftige Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
13.5 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
13.5.1 Arbeit und Wirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
13.5.2 Erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
13.6 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

14 Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen . . . . . . . . . . . . 117
Thomas Andreas Diller
14.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
14.2 Dysfunktionaler Aufschub/Prokrastination . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
14.2.1 Auswirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
14.2.2 Theorien und Hintergründe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
14.3 Funktionaler Aufschub . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
14.3.1 Strategischer Aufschub . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
14.3.2 Chronotypenforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
14.3.3 Stress und Burn-out . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
14.3.4 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
14.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

15 Wer rastet, der rostet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125


Thomas Haimerl
15.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
15.2 Bedeutung und Herkunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
15.3 Gegensprichwort: Eile mit Weile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
15.4 Einbettung in psychologische Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
15.4.1 Kano-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
15.4.2 Destruktive Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
15.5 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
15.6 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130

V Zufriedenheit und Glück

16 Jeder ist seines Glückes Schmied . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133


Lara Christoforakos
16.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
16.2 Bedeutung und Relevanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
16.3 Psychologische Theorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
16.3.1 Selbstwirksamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
16.3.2 High-Performance-Zyklus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
16.3.3 Gelernte Hilflosigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
XV
Inhaltsverzeichnis

16.3.4 Veränderbare und unveränderbare Welten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135


16.4 Empirische Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
16.4.1 Glück durch persönliche Variablen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
16.4.2 Glück durch Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
16.5 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
16.5.1 Gültigkeit des Sprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
16.5.2 Streben nach Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
16.6 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
16.6.1 Erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
16.6.2 Wirtschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
16.7 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

17 Das Glück kommt zu denen, die lachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141


Manuela Christine Kronseder
17.1 Einleitung: Glück als höchstes Gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
17.1.1 Selbstverwirklichung als Weg zum Glück. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
17.1.2 Begriffsklärung und wissenschaftliche Forschungsbereiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
17.2 Bedeutung und Interpretation des Sprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
17.2.1 Subjektives Wohlbefinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
17.2.2 Grundeinstellung und Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
17.3 Gegensprichwörter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
17.4 Psychologische Theorien und empirische Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
17.4.1 Neuronale Plastizität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
17.4.2 Sozial-kognitive Theorie der Selbstwirksamkeit von Bandura . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
17.4.3 Theorie des sozialen Vergleichs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
17.5 Exkurs: Glück – Anlage oder Umwelt?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
17.6 Empirische Befunde und Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
17.6.1 Auswirkungen von Glück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
17.6.2 Implikationen für den Alltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148
17.7 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150

18 Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf


dem Dach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
Mona Maertins
18.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
18.1.1 Herkunft und Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
18.1.2 Gegensprichwörter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
18.2 Grundlegende Theorien zu Entscheidungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
18.2.1 Zeit und Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
18.2.2 Wahrscheinlichkeit und Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
18.2.3 Gewinn/Verlust und Wert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
18.3 Einfluss der Persönlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
18.4 Situative Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
18.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
XVI Inhaltsverzeichnis

VI Gruppen: Leistung, Erfolg, Team und Kommunikation

19 Vier Augen sehen mehr als zwei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165


Fiona A. Kunz
19.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
19.2 Anwendungsbereiche in der Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
19.3 Empirische Überprüfung der Praxisbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
19.4 Theoretische Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
19.4.1 Kognitionspsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
19.4.2 Sozialpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
19.5 Bedingungen für die Anwendung des Vier-Augen-Prinzips . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
19.5.1 Aufgabencharakteristika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
19.5.2 Teamzusammensetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
19.5.3 Kultur und Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
19.5.4 Interaktion und Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
19.6 Implikationen und Forschungsausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
19.7 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171

20 Viele Köche verderben den Brei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173


Tabea Mehrbrodt
20.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
20.2 Arbeitsgruppe – die Gruppe der Köche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
20.2.1 Gruppengröße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
20.2.2 Gruppenzusammensetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
20.3 Aufgabentyp – das Gericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
20.3.1 Soziale Erleichterung und Hemmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
20.3.2 Klassifikation von Aufgabentypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
20.4 Führungskräfte – der Chefkoch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
20.4.1 Selbstkontrolle und geteilte Führung in der Gruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
20.4.2 Führungsstile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
20.5 Umweltfaktoren – die Küche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
20.6 Diskussion – das Misslingen bzw. Gelingen des Gerichts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
20.6.1 Prozessverluste. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
20.6.2 Prozessgewinne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
20.6.3 Tatsächliche Gruppenleistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
20.7 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178

21 Erst wägen, dann wagen – Hör auf deinen Bauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181


Annemarie Müssig
21.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
21.2 Entscheidungen und Entscheidungsfindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
21.2.1 Kognitiver Verarbeitungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
21.2.2 Automatisierung reflektiver Prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
21.3 Kognitive Verzerrungen: Warum wir besser den Kopf einschalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
21.3.1 Erwartungs-Nutzen-Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
21.3.2 Neue Erwartungstheorie (Prospect Theory) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
XVII
Inhaltsverzeichnis

21.3.3 Kognitive Heuristiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185


21.3.4 Hypothesentheorie der sozialen Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
21.3.5 Theorie der kognitiven Dissonanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
21.3.6 Theorie der kognizierten Kontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
21.4 Erfahrungswerte: Wann wir unserem Bauch vertrauen können . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
21.4.1 Begrenzte Rationalität (Bounded Rationality) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
21.4.2 Satisficing vs. Optimizing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
21.4.3 Komplexe Entscheidungssituationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187
21.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188

22 Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
Marcel Obermeier
22.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
22.2 Gültigkeit des Sprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
22.2.1 Soziales Faulenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
22.2.2 Trittbrettfahren und Trotteleffekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
22.2.3 Herdenverhalten und Hidden Profile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
22.2.4 Das 2-6-2-Prinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
22.3 Gegensprichwort: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
22.3.1 Psychologischer Nutzen von Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
22.3.2 Köhler-Effekt und soziale Erleichterung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
22.3.3 Die Kehrseite der Medaille – Stanford-Prison und Gruppendenken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
22.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196

VII Entwicklung und Lernen

23 Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199


Jana Geelink
23.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
23.2 Kritische Phasen in der Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
23.3 Lernfähigkeit und Alter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
23.3.1 Intelligenz als Einflussfaktor auf Lernfortschritte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
23.3.2 Informationsverarbeitung, Gedächtnis und selbstwirksame Kognitionen
als Einflussfaktoren auf Lernfortschritte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
23.3.3 Lernfähigkeit älterer Personen im Vergleich zu jüngeren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
23.3.4 Kompensationsmöglichkeiten älterer Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
23.3.5 Konstanzen und Instabilitäten im Lebenslauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
23.4 Diskussion und Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
23.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206

24 Was man gern macht, macht man gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209


Stefanie Kosel
24.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
XVIII Inhaltsverzeichnis

24.2 Leistungsfähigkeit und -bereitschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209


24.2.1 Etwas gern tun = gute Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
24.2.2 Etwas gern tun ≠ gute Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
24.2.3 Etwas ungern tun = gute Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
24.3 Exkurs: Schwierigkeits- und Zeitempfinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
24.3.1 Schwierigkeit – Was man gern tut, geht leicht von der Hand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
24.3.2 Zeit – Was man gern tut, ist schnell getan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
24.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
24.4.1 Mehrwert der Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
24.4.2 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
24.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216

25 Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt . . . . . . . . . . . . . . . 217
Felix Schwindl
25.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
25.1.1 Herkunft und kultureller Stellenwert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
25.1.2 Interpretation des Sprichworts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
25.2 Befunde aus der Psychologie und mögliche Erklärungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
25.2.1 Theorie des regulatorischen Fokus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
25.2.2 Core Self-Evaluations . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
25.2.3 Lernen am Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
25.2.4 Construal Level Theory . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
25.3 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
25.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221

26 Wer schön ist, ist auch gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223


Miriam Weber
26.1 Einleitung: Schönheit und Attraktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
26.2 Empirische Befunde: Ist schön auch gut? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
26.2.1 Kindliche Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
26.2.2 Gesundheit und Partnerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
26.2.3 Gleichgeschlechtliche Interaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
26.2.4 Akademischer und beruflicher Kontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
26.3 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
26.4 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
26.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227

27 Nur unter Druck entstehen Diamanten – In der Ruhe liegt die Kraft . . . . . . . . . . 229
David Schnell
27.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
27.2 Leistung im Arbeitskontext. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
27.2.1 Leistungssteigerung: Nur unter Druck entstehen Diamanten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
27.2.2 Achtsamkeit: In der Ruhe liegt die Kraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
27.2.3 Synthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
27.3 Randbedingungen für Leistungserbringung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
27.3.1 Persönlichkeitsfaktor Selbstwirksamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
XIX
Inhaltsverzeichnis

27.3.2 Soziale Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232


27.3.3 Psychologische Distanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
27.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234

VIII Kommunikation

28 Reden ist Silber, Schweigen ist Gold . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239


Stefanie Benedikter
28.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
28.2 Wissenschaftliche Betrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
28.2.1 Persönlichkeit: Introversion vs. Extraversion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
28.2.2 Verhalten: Zurückhaltung vs. aktive Kommunikation/Proaktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
28.3 Implikationen für die Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
28.3.1 Erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243
28.3.2 Arbeitsplatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
28.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245

29 Kindermund tut Wahrheit kund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247


Sebastian Müller
29.1 Einleitung: Zeugenaussagen von Kindern vor Gericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
29.1.1 Stellenwert von Augenzeugenberichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
29.1.2 Kinder als Opfer von Straftaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
29.2 Glaubwürdigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
29.2.1 Interpretation durch das Gericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
29.2.2 Fähigkeit zur Lüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
29.2.3 Einfluss durch Erwachsene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
29.3 Gedächtnisprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
29.3.1 Entwicklung des Gedächtnisses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
29.3.2 Verzerrende Einflüsse auf das Gedächtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
29.4 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
29.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253

30 Geteiltes Leid ist halbes Leid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255


Juliane Schünke
30.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
30.2 Aufrechterhalten der inneren Balance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
30.3 Leid mit nahestehenden Menschen teilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
30.3.1 Emotionen unterdrücken oder neu bewerten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
30.3.2 Emotionen vertrauter Menschen wahrnehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
30.4 Leid mit fremden Menschen teilen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
30.4.1 Unterdrücken von Emotionen in einer Interaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
30.4.2 Folgen des Unterdrückens von Emotionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
30.4.3 Exkurs: Psychotherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
30.5 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
XX Inhaltsverzeichnis

30.6 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259


Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260

IX Abschließende Bemerkungen

31 Bewusst kommunizieren: Zum Einfluss von Sprichwörtern auf


das Erleben und Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
Martin Fladerer und DieterFrey
31.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
31.2 Sender-Empfänger-Modelle der Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
31.2.1 Anatomie einer Botschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
31.2.2 Glaubwürdigkeit des Senders . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
31.2.3 Weitere Einflussfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
31.3 Bewusste Kommunikation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
31.3.1 Situationsreflexion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
31.3.2 Selbstklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
31.3.3 Strukturierte Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 266
31.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267

32 Ausgewählte Lebensweisheiten als Handlungsanweisungen


für ein positives Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
Christina Franze und DieterFrey
32.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
32.2 Interpretation und Diskussion ausgewählter Lebensweisheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
32.2.1 Du verhörst dich, weil du mich verhörst und nicht hörst: Hypothesentheorie
der sozialen Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
32.2.2 Zwei hören die gleiche Sinfonie, doch das gleiche nie: Hypothesentheorie
der sozialen Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
32.2.3 Niemand außer dir kann dich glücklich oder unglücklich machen: Attributionstheorie,
Theorie der gelernten Hilflosigkeit und der kognizierten Kontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
32.2.4 Wenn du gut hinhörst, wird immer irgendwo ein Vogel singen: transaktionales
Stressmodell und die Rolle von Ressourcen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
32.2.5 Jeder ist seines Glückes Schmied: Konzept der Selbstwirksamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
32.3 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274

33 Großmütterliche Weisheit vs. wissenschaftliche Weisheit:


Die Wahrheit ist ein Plural. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
Dieter Frey und JuliaAlbrecht
33.1 Was war die Kernidee des aktuellen Projekts? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
33.2 Was lernen wir aus dem Projekt? Wie können wir Sprichwörter verwenden? . . . . . . . . . . 275
33.3 Welchen Nutzen hat der psychologische Blick auf Sprichwörter? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276

Serviceteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
XXI

Autorenverzeichnis

Albrecht, Julia Frey, Dieter, Prof. Dr.


München Lehrstuhlinhaber Sozialpsychologie
E-Mail: albrecht_julia@gmx.de LMU – Department Psychologie
Leopoldstr. 13
von Albrecht, Luisa 80802 München
Berlin E-Mail: dieter.frey@psy.lmu.de
E-Mail: luisavonalbrecht@outlook.com
Geelink, Jana
Benedikter, Stefanie Ingolstadt
München E-Mail: jana-geelink@web.de
E-Mail: stefanieben@web.de
Haimerl, Thomas
Böttcher, Tamaris Biberach
Olching E-Mail: t.haimerl@gmx.de
E-Mail: tamaris.boettcher@gmail.com
Jung, Svetlana
Christoforakos, Lara München
München E-Mail: sv.jung@yahoo.de
E-Mail: lara.christoforakou@gmail.com
Kosel, Stefanie
Diller, Thomas München
Taufkirchen E-Mail: stefie.kosel@hotmail.de
E-Mail: thomas.diller@gmx.de
Kronseder, Ela
Dominova, Svetlana München
Augsburg E-Mail: mkronseder@yahoo.de
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Kunz, Fiona A.
Erk, Wiebke München
München E-Mail: fiona.kunz@gmx.de
E-Mail: wiebke.erk89@gmail.com
Maciejczyk, Laura Stina
Fladerer, Martin, M.Sc. München
LMU Center for Leadership and People E-Mail: stina_mac@web.de
Management
Geschwister-Scholl-Platz 1 Maertins, Mona
80539 München München
E-Mail: martin.fladerer@psy.lmu.de E-Mail: mona_maertins@web.de

Franze, Christine Mehrbrodt, Tabea


Unterhaching Tel Aviv-Yafo
E-Mail: christina.franze@gmx.de E-Mail: tabea.mehrbrodt@gmx.net
XXII Autorenverzeichnis

Mihr, Clara E-Mail: julischuenke@gmail.com


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Müller, Sebastian E-Mail: felix.schwindl@gmx.de
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Weißensberg
Müssig, Annemarie E-Mail: verena.speth@t-online.de
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Obermeier, Marcel manuelstabenow@hotmail.com
Holzkirchen
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Schnell, David E-Mail: lisa_andrea_strasser@yahoo.de
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München
Schünke, Juliane E-Mail: miriamcharlotte.weber@web.de
Berlin
1 1

Einleitung: Bedeutung und


Relevanz von Sprichwörtern – Warum
nutzen wir Sprichwörter?
Dieter Frey

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_1

Jeder Mensch kennt etwa 100 Sprichwörter. Er wird Aus der Forschung zu diesem Effekt ist allerdings
sie im Sinne der Unterstützung immer dann aktivie- bekannt, dass es einen großen Unterschied ausmacht,
ren, wenn eine Episode – also eine Erfahrung oder etwas im Nachhinein zu wissen oder im Voraus vor-
ein Erlebnis – ein Sprichwort bestätigt, weniger dann, herzusagen. Die Ergebnisse sind hier eindeutig: Kei-
wenn sie es nicht bestätigt. neswegs können Menschen Ereignisse im Voraus so
gut vorhersagen, wie sie im Nachhinein glauben, es
z Warum benutzen wir Sprichwörter? vorhergesagt zu haben.
Letztlich besteht eine universelle Sehnsucht des Men- Es gibt fast keinen Bereich, zu dem es kein Sprich-
schen, die auftretenden Episoden positiver oder wort gibt. In der Tat existieren 250.000 Sprichwör-
negativer Art im Nachhinein zu erklären. Man nennt ter, die meistens eher allgemein gehalten sind. Das
dies den „I-knew-it-all-along“-Effekt („Ich wusste führt dazu, dass man gleichzeitig viele Gegenbelege
es schon immer“). Das heißt, bei vielen Ereignis- finden kann. Deshalb können Sprichwörter selten als
sen, die auftreten, neigen Menschen im Nachhinein Universallösung herangezogen werden. Die Realität
zur Behauptung, dass sie diese Ereignisse genau so ist viel komplexer, als die Sprichwörter suggerieren.
vorhergesagt haben oder hätten. Je mehr man dies Trotzdem ist die Reflexion sinnvoll, wann Sprichwör-
kann, umso mehr hat man das Gefühl, die Umge- ter zutreffen und wann nicht und warum sie zutreffen
bung strukturieren und kontrollieren zu können. und warum nicht.
Dies unterstützt gleichzeitig den Selbstwert und das Sprichwörter haben oft ihre Richtigkeit, aber
eigene Kompetenzgefühl: Man weiß, man ist ein ebenso oft auch nicht. Das Buch gibt Hinweise, wann
kompetenter Urteiler und lebt in einer (relativ) vor- sie keine Richtigkeit haben. Sprichwörter und Lebens-
hersehbaren Welt. weisheiten dienen Menschen als Heuristiken, um sich
Der „I-knew-it-all-along“-Effekt kann nicht nur schnell eine Meinung zu bilden und Entscheidungen
motivational im Sinne des Selbstwertschutzes und ohne größere kognitive Leistung zu treffen. Insofern
des Kompetenzmotivs erklärt werden, sondern eben- könnte man Sprichwörter als kognitives Schema
falls kognitiv bedeutsam sein: Man erinnert sich eher betrachten, als mentale Wissensstrukturen, die Infor-
an die Episoden, die ein Sprichwort unterstützen, als mationen über Objekte in abstrakter Form enthalten
an die, die es widerlegen. Die Forschung zeigt, dass und vorgefertigte Denk- und Handlungsstrategien
im Gedächtnis jeweils diejenigen Sprichwörter akti- für entsprechende Situationen zur Verfügung stellen.
viert werden, die das Ereignis, das bereits aufgetreten Im Kern geht es darum: Wo kommt das Sprich-
ist, bestätigen. Weil einem dieses Sprichwort schnel- wort her? Wie hat es sich entwickelt? Was ist der
ler einfällt, unterliegen wir häufig der Illusion, es theologische, philosophische und/oder kulturelle
ohnehin (überwiegend) schon im Voraus gewusst Hintergrund? Welche empirischen Beweise gibt es
zu haben. in der Forschung für ein bestimmtes Sprichwort?
2 Kapitel 1 · Einleitung: Bedeutung und Relevanz von Sprichwörtern – Warum nutzen wir Sprichwörter?

Zu fast allen Lebenslagen gibt es mehrere widersprüchlich, was oft übersehen oder bewusst
1 Sprichwörter, die einem das Leben durch Weis- übergangen wird, weil es gerade nicht passt. Das
heiten vereinfachen sollen. Im entsprechenden heißt, die Wahrnehmung, Interpretation und das
Kontext geben sie uns Orientierung und helfen uns, Abrufen von Sprichwörtern ist durchaus selektiv
die richtige Entscheidung zu treffen und die Welt und abhängig davon, ob es zur jeweiligen Gegeben-
zu interpretieren. Häufig sind die Sprichwörter heit passt oder nicht.
3 2

Sprichwörter und Psychologie - eine


Annäherung
Julia Albrecht und Dieter Frey

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_2

2.1 Einleitung allgemeingültig zu interpretieren? Gilt manch-


mal nicht auch das Sprichwort „Ratschläge sind
» Schriften, Schulen und Universitäten thun auch Schläge“, sodass wir Omas Weisheit ignorie-
vieles und manchmal mit nicht kleinem ren sollten? Diese Frage bildet das Fundament für
Geräusch. Aber es geht, ungesehen und ein Projekt, in dem Sprichwörter verschiedener
ungeachtet, viel Weisheit und Klugheit im Themen mit psychologischen Theorien und psy-
Lande umher, von Mund zu Mund. (Johann chologischer Empirie verglichen werden. Dieser
Michael Sailer, 1751–1832, katholischer Vergleich ermöglicht eine Antwort auf die Frage,
Theologe, Bischof von Regensburg) ob die Psychologie, die empirische – auf Erfahrung
basierende – Wissenschaft, mehr Wissen beher-
Sprichwörter, Lebensweisheiten und Redewen- bergt als das Sprichwort als althergebrachte, kompri-
dungen finden sich in jeder Kultur und Sprache mierte Lebenserfahrung, als „Omas Weisheit“. Ist die
und bestehen teilweise seit mehr als 2000 Jahren. Aussage des Feuilletonisten Otto Weiss berechtigt,
Sie werden über Generationen weitergegeben und der sagte: „Ich wollte, die Völker hätten nur halb so
gehen dem Sprecher als sprachliche Formeln in viel Verstand wie ihre Sprichwörter“? Gibt es empi-
Fleisch und Blut über. Schon in unserer Kindheit rische Evidenz für die Aussagen und Handlungs-
begegnen wir den Weisheiten unserer Großmutter, empfehlungen, die Sprichwörter liefern? Klaffen
mit denen sie uns richtiges Verhalten und Entschei- Sprichwort und psychologische Erkenntnisse ausei-
den vermitteln will: „Wer einmal lügt, dem glaubt nander? Sollte man sich auf psychologische Evidenz
man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht“, verlassen oder reicht die großelterliche Weisheit?
„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“, Um die Ratschläge und Aussagen deutscher
„Der Ton macht die Musik“. Diese großelterlichen Sprichwörter in diesem Vergleich besser zu verste-
Weisheiten entsprechen im Grunde tradierten Ver- hen, lohnt sich vorab ein Blick in deren Geschichte,
haltensempfehlungen, die uns sozial anerkanntes kulturellen Hintergrund, Anwendung und Funktion.
und richtiges Verhalten lehren, vor Folgen „schlech-
ten“ Verhaltens warnen und uns damit Werte und
Normen vermitteln sollen. Im Laufe des Lebens 2.2 Deutsche und internationale
erlernt der durchschnittliche Deutsche zwischen 300 Sprichwörter
und 500 Sprichwörter (Essig 2010). Diesen Sprich-
wörtern wird im Allgemeinen ein hoher Wahrheits- 2.2.1 Konzeptionelle Klärung des
gehalt zugeschrieben – so lautet beispielsweise ein Begriffs „Sprichwort“
türkisches Sprichwort „Wer das Sprichwort nicht
beachtet, heult am Ende“. Ein Sprichwort kann als scheinbar allgemeingültiger
Doch ist es sinnvoll, das Sprichwort immer Satz beschrieben werden, der sowohl individuelle als
zu beachten, es als Ratgeber zu verstehen, als auch kulturelle Erfahrung komprimiert. So besagt ein
4 Kapitel 2 · Sprichwörter und Psychologie - eine Annäherung

persisches Sprichwort „Sprichwörter sind die Töchter 4 Ebenso kann ein Sprichwort eine Wertung und
der Erfahrung“. Umurova (2005, S. 24) definiert das damit ein Urteil enthalten: „Lieber den Spatz in
Sprichwort als einen „traditionellen, wiederholbaren, der Hand als die Taube auf dem Dach“, „Lieber
2 leicht einprägsamen, allgemein bekannten, anerkann- ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken
ten und volkstümlichen sowie festgeprägten Satz, der ohne Ende“ oder „Vertrauen ist gut, Kontrolle
eine Lebensregel oder Weisheit prägnant und kurz ist besser“. Durch einen wertenden Vergleich
zum Ausdruck bringt und dessen sich zu gegebe- geben diese großmütterlichen Weisheiten eine
ner Zeit jeder bedienen kann, weil er als Medium direkte Handlungsempfehlung.
allgemeiner, aus dem praktischen Alltag gewonne- 4 Möglich ist auch die Form der Warnung: „Wer
ner lebensnaher Erfahrung etwas formuliert, worin nicht hören will, muss fühlen“ oder „Hochmut
viele übereinstimmen“. Ein Sprichwort ist damit eine kommt vor dem Fall“ sind im Modus einen
Lebensweisheit in festem und prägnantem sprachli- neutralen Aussagesatzes formuliert, wirken
chem Korsett. Während „Sprichwort“ und „Lebens- jedoch durch das Aufzeigen von Konsequenzen
weisheit“ daher synonym verwendet werden können, gleichzeitig warnend.
ist eine Abgrenzung zu anderen Begriffen notwendig: 4 Manche Sprichwörter bedienen sich des
4 Eine Redewendung besteht in einer sinnbild- Imperativs oder enthalten eine direkte
lichen, festen Wortverbindung („Maulaffen Aufforderung oder Vorschrift wie „Verliebe
feilhalten“), die jedoch im Gegensatz zum dich oft, verlobe dich selten, heirate nie“ oder
Sprichwort keine Botschaft oder Weisheit „Erst denken, dann handeln“.
enthält und die entgegen der festen Form des
Sprichworts sprachlich an den Rest des Satzes Diese Funktionen haben Sprichwörter nicht per se,
angepasst werden muss. sondern sie bilden diese erst im kommunikativen
4 Eine Sentenz ist dagegen ein autor- oder Gebrauch aus. Obwohl sich die meisten Sprichwörter
textgebundener Spruch, der als semantisch und in die Gewänder von Erfahrungs- und Aussagesät-
syntaktisch eigenständiger „Ein-Satz-Text“ eine zen kleiden und selten ein direkter Imperativ ausge-
scheinbar allgemeingültige Weisheit geschliffen sprochen wird, zeichnen sich die meisten Sprichwör-
formuliert (Hallik 2007). Sentenzen entstammen ter durch einen explizit oder implizit auffordernden
damit einem literarischen Kontext – „Die Axt Charakter aus. Sie ermuntern uns, nachzudenken, sie
im Haus erspart den Zimmermann“ geht z. B. geben Empfehlungen zur Handlung und Entschei-
auf Schillers Wilhelm Tell zurück. Teilweise dung und warnen uns vor möglichen Konsequenzen.
wird das „Sprichwort“ aus dem Volksmund, das Damit enthalten sie normative Komponenten und
eigentlich keinen bekannten Autor hat, synonym können als Orientierungshilfe oder sogar als Verhal-
zur Sentenz verwendet. tensimperativ interpretiert werden.
In ihrer Formulierung sind Lebensweisheiten
sehr verständlich und einprägsam. Sie bedienen sich
einer einfachen, für den Volksmund verständlichen
2.2.2 Sprachliche Erscheinungsformen und damit leicht erinnerbaren Sprache, deren Ein-
von Sprichwörtern prägsamkeit durch eine bildhafte, konkrete Sprache
und Metaphern („Der frühe Vogel fängt den Wurm“)
Der für das Sprichwort typische prägnante Satz kann unterstützt wird. Alle Sprichwörter stehen im
syntaktisch und sprachlich unterschiedlich formu- Präsens („Den Letzten beißen die Hunde“), was auch
liert sein: zur Aktualität eines Sprichworts beiträgt. Weitere
4 Möglich ist eine Formulierung als Feststellung häufig verwendete sprachlich-stilistische Mittel wie
oder Beobachtung wie im Falle von „Neue der Reim („Jammern füllt keine Kammern“), die
Besen kehren gut“ oder „Morgen, morgen, Alliteration („Aller Anfang ist schwer“), der Paral-
nur nicht heute, sagen alle faulen Leute“. Als lelismus („Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“), die
Aussagesatz im Indikativ können Sprichwörter Überkreuzstellung bzw. der Chiasmus („Was Häns-
neutral und wertungsfrei erscheinen. chen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“) oder
2.2 · Deutsche und internationale Sprichwörter
5 2
Dopplungen („Auge um Auge, Zahn um Zahn“) 4 Lebensweisheiten können dazu dienen, den
dienen ebenfalls der erleichterten Einprägsamkeit Empfänger zu beruhigen („Es ist noch kein
des sprachlichen Bildes eines Sprichworts. „Buchen Meister vom Himmel gefallen“) oder zu trösten
sollst du suchen, Eichen sollst du weichen“ vereint („Lehrjahre sind keine Herrenjahre“). Sprich-
mit Reim, Parallelismus und Metapher gleich wörter dienen damit auch der Emotionsarbeit.
mehrere Stilmittel. Häufig ist zudem eine Personi- 4 Dabei können Sprichwörter auch fokussieren
fikation von abstrakten Begriffen wie in „Gut Ding („Lieber den Spatz in der Hand als die Taube
will Weile haben“, „Die Zeit heilt alle Wunden“ oder auf dem Dach“) und den Empfänger erden
„Lügen haben kurze Beine“, was wiederum zur bild- („Hochmut kommt vor dem Fall“).
haften Sprache und Einprägsamkeit des Sprachbil- 4 Dabei kann uns eine Weisheit gleichzeitig
des beiträgt. beflügeln („Wo ein Wille ist, ist auch ein
Weg“) und uns bei Misserfolg oder Traurigkeit
aufheitern („Auch ein blindes Huhn findet mal
2.2.3 Psychologische Funktionen ein Korn“).
hinter Sprichwörtern

Unabhängig ihrer sprachlichen Gestaltung, ihrer


Syntax und Wortwahl, haben Sprichwörter unter- 2.2.4 Psychologische Funktionen
schiedliche psychologische Funktionen. Diese Funk- von Sprichwörtern
tionen können als das Ziel verstanden werden, mit aus dem Blickwinkel
dem uns Großeltern ein Sprichwort mit auf den Weg sozialpsychologischer Theorien
geben. Die häufigsten Funktionen von Sprichwörtern
sind Orientierung und Rat, die aus der Interpretation Diese Funktionen, die Sprichwörter erfüllen können,
des Sprichworts als komprimierte Lebenserfahrung lassen sich mithilfe verschiedener sozialpsychologi-
resultieren. scher Theorien erklären. Diese Theorien können
4 Insbesondere wertende Sprichwörter können einerseits beschreiben, welche Bedürfnisse Men-
eine Entscheidungshilfe sein („Besser etwas als schen haben und warum sie diese haben, und ande-
gar nichts“, „Lieber ein Ende mit Schrecken als rerseits aufzeigen, was Menschen hilft, mit schwie-
ein Schrecken ohne Ende“), die in schwierigen rigen Situationen leichter umzugehen. Daher sollen
Situationen Orientierung bietet. im Folgenden drei sozialpsychologische Theorien
4 Manche Lebensweisheiten, die im neutralen exemplarisch erläutert werden, die die Wirkung und
Gewand eines Aussagesatzes stecken, dienen damit auch den „Nutzen“ vieler Sprichwörter erklä-
als Denkanstoß zur Reflexion oder zum ren können.
erneuten Überdenken („Gottes Mühlen mahlen
langsam“, „Der Teufel steckt im Detail“),
ohne konkrete Ratschläge, Handlungen oder Theorie der Selbstwerterhöhung
Denkrichtungen aufzuzeigen. Die beschriebenen Funktionen der Aufheiterung,
4 Großelterliche Weisheiten können aber auch Beflügelung und des Trosts durch Sprichwörter stabi-
einfach nur (vermeintliche) Ratschläge lisieren und erhöhen den Selbstwert und entsprechen
gesunden Lebens beinhalten wie „Käse nach der psychologischen Theorie der Selbstwert-
schließt den Magen“ oder „Bier auf Wein, das erhöhung dem menschlichen Bedürfnis eines posi-
lass sein; Wein auf Bier, das rat ich dir“. tiven Selbstbildes (Tesser 1988). Lebensweisheiten
wie „Aus Fehlern lernt man“, „Pech im Spiel, Glück in
Gleichzeitig erfüllen Sprichwörter auch Funktionen, der Liebe“ oder „Andere Mütter haben auch schöne
die im täglichen Umgang mit anderen Menschen Töchter“ erfüllen genau diese Funktion, indem sie
relevant sind. Die Großmutter kennt Weisheiten, mit Trost spenden und unseren Selbstwert auch bei Miss-
denen sie uns den Umgang mit Emotionen, mit Unsi- erfolg und Enttäuschung durch den gezielten Blick
cherheit oder Komplexität erleichtern will: nach vorne stabilisieren.
6 Kapitel 2 · Sprichwörter und Psychologie - eine Annäherung

Theorie der kognizierten Kontrolle/ demotivierende Effekte schlechter Bezahlung oder


Autonomie Hilfsarbeiten „impfen“. So kann der Einfluss, die
Viele Sprichwörter liefern schlichtweg „Erklärungen“ Enttäuschung oder der Ärger über spätere nega-
2 für bestimmte Situationen. Laut der Theorie der kog- tive Erlebnisse während der „Lehrjahre“ reduziert
nizierten Kontrolle/Autonomie suchen Menschen werden. Diese Warnung vor Unangenehmem führt
Erklärbarkeit, Vorhersehbarkeit und Beeinflussbar- also nach der Impftheorie zur besseren Bewältigung
keit (Frey u. Greif 1987). „Kein Rauch ohne Flamme“ und Akzeptanz aversiver Zustände (McGuire 1964).
kann beispielsweise als Anstoß zu weiterem Nachfor- Ein Grund für die Beliebtheit und das lange
schen und -denken und damit als Reflexionsimpuls Überleben zahlreicher Sprichwörter könnte daher in
dienen oder auch als Erklärung für eine bestimmte der Vielseitigkeit ihrer Anwendungssituationen und
Situation verwendet werden. Die nicht zugedrehte den in diesen Situationen erwünschten, auch psycho-
Zahnpastatube kann der Zündstoff eines lautstar- logischen Zwecken und Funktionen (z. B. Aufhei-
ken, „rauchenden“ Streits sein, hinter dem eine terung, Selbstwerterhöhung oder Warnung) liegen.
„Flamme“ unterschwelliger, nicht angesprochener
Konflikte brodelt. „Kein Rauch ohne Flamme“ kann
erklären, dass hinter dem augenscheinlichen Streit 2.2.5 Sprichwörter als Spiegel
etwas Tieferes liegen muss. Es zeigt also ein nicht der Kultur
für jeden deutliches Ursache-Wirkungs-Verhältnis
auf. Sprichwörter vermögen damit, die Komplexität Unabhängig der konkreten Funktion repräsentieren
von Sachverhalten zu reduzieren und Erklärbarkeit Sprichwörter komprimierte individuelle, aber auch
zu schaffen. Diese Erklärbarkeit ist ein Kernelement kulturelle Erfahrungen. Sie existieren in jeder Kultur –
der Theorie kognizierter (wahrgenommener) Kon- teilweise auch in modifizierter Form über Kultu-
trolle (Frey u. Greif 1987). Vorgänge und Ereignisse ren hinweg. So entspricht das deutsche Sprichwort
erklären zu können, ist ein fundamentales mensch- „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“ dem
liches Bedürfnis, das mit Sprichwörtern zumindest englischen „Don’t count the chicken before they are
in gewissem Ausmaß und auf eher kommentierende hatched“ und „In der Ruhe liegt die Kraft“ dem eng-
Weise befriedigt werden kann. lischen „Haste makes waste“. In den inhaltlich kon-
gruenten Sprichwörtern „Das ist nicht mein Bier“
und „It’s not my cup of tea“ (Großbritannien) werden
Impftheorie kulturell typische Getränke zum Symbol für Verant-
Weiterhin können Sprichwörter im Sinne der sozial- wortlichkeit. „Kleider machen Leute“ und „Clothes
psychologischen Impftheorie eine Art „impfende“ make the man“ stimmen fast wörtlich überein.
Funktion einnehmen. Die Impftheorie besagt, dass Dennoch gibt es auch kulturspezifische – bei-
es hilft, Menschen mit widrigen oder suboptimalen spielsweise typisch deutsche – Sprichwörter. So
Bedingungen der Umgebung zu konfrontieren und finden sich für die deutschen Sprichwörter „Was der
mit ihnen zu erarbeiten, wie man trotz der widrigen Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“ und „Ordnung
Bedingungen ein sinnerfülltes Leben führen kann. ist das halbe Leben“ keine Entsprechungen im roma-
Personen, die geimpft sind, können in der Folge leich- nischen oder angloamerikanischen Raum. Die GLO-
ter mit solchen suboptimalen Bedingungen umgehen. BE-Kulturvergleichsstudien (Global Leadership and
Unabhängig von konkreten Erfahrungen warnt der Organizational Behavior Effectiveness) zeigten für
Sinnspruch „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ vor Deutschland im Vergleich mit 60 anderen Ländern
mageren Zeiten während einer Ausbildung und kann eine besonders starke Ausprägung auf der Dimen-
gleichzeitig Trost spenden. Durch das Nachdenken sion Unsicherheitsvermeidung (Brodbeck u. Frese
über dieses Sprichwort kann z. B. ein Auszubildender, 2007; Chhokar et al. 2013). Die beiden genann-
der sich in seinen „Lehrjahren“ befindet, Durststre- ten Sprichwörter spiegeln diese Tendenz wider,
cken während der Ausbildungszeit besser antizipie- denn das, „was der Bauer nicht kennt“, entspricht
ren. Die frühzeitige Verdeutlichung eines kritischen Fremdem und Unbekanntem, das er meidet. Sicher-
Aspekts („keine Herrenjahre“) kann damit gegen heit und Ordnung werden durch Regeln, Normen
2.2 · Deutsche und internationale Sprichwörter
7 2
und Bürokratie hergestellt – denn „Ordnung ist das [auf andere] wälzt, auf den wird er zurückkom-
halbe Leben“. Sprichwörter können damit nicht nur men“ (Spr 26,27), „Hochmut kommt vor dem Fall“
Werte und Normen vermitteln, sondern sind glei- (Spr 16,18) sowie „Auge um Auge, Zahn um Zahn“
chermaßen ein Spiegel der kulturell tradierten, tief (2 Mose 21,24). Sprichwörter mit biblischer Her-
verankerten Werte und Normen. kunft dienen häufig der Vermittlung von Moral und
Vermeintliche kulturelle Praktiken und Stereo- Werten. In den deutschen Sprachgebrauch gingen
type finden sich auch im Tonus von Sprichwörtern, diese Sprichwörter jedoch erst nach Luthers Über-
Redewendungen und Formulierungen wieder. So ist setzung ins Deutsche ein.
das Thema Humor im Deutschen – analog des kul- Das 15. und 16. Jahrhundert gelten nach Röhrich
turellen Stereotyps humorloser Germanen – negativ und Mieder (1977) als Blütezeit des Sprichworts. In
dominiert: „Zum Lachen in den Keller gehen“, „Wer dieser Zeit entstanden im gesamten deutschsprachi-
zuletzt lacht, lacht am besten“, „Scherz beiseite“, „Spaß gen Raum zahlreiche Sprichwortsammlungen. Bis
muss sein“, „totlachen“, „Schluss mit lustig“, „Wer zum 17. Jahrhundert wurden Sprichwörter häufig zu
lacht, hat noch Reserven“. Dagegen steht nur ein rein didaktischen und erzieherischen Zwecken verwen-
positives Sprichwort zu Humor und Freude: „Lachen det, da damit die Lebenserfahrung vieler Generatio-
ist die beste Medizin“. nen auf volksnahe Weise dargestellt werden konnte.
Sprichwörter weisen damit einen engen Kulturbe- Der Aphoristiker Peter Sirius bezeichnete Sprichwör-
zug auf, können kulturelle Praktiken und Werte impli- ter als „Konversationslexikon der Lebenserfahrung“,
zieren und tradieren. Manche Sprichwörter können beispielsweise dienten sie in Klöstern zur Moral-
im Laufe der Zeit auch an kultureller Aktualität verlie- vermittlung (Umurova 2005). Auch Martin Luther
ren und damit ihre erkenntnisstiftende Funktion ein- selbst erkannte früh die Schlagkraft eines volkstüm-
büßen. Das früher sehr gängige Sprichwort „Müßig- lichen Sprichworts und erstellte eine Liste deutscher
gang verzehrt den Leib wie Rost das Eisen“ ist zwar Sprichwörter für den didaktischen Eigengebrauch,
sehr verständlich und metaphorisch nachvollzieh- da er mit Sprichwörtern das „gemeine Volk“ errei-
bar, heute jedoch kaum mehr bekannt. In der heu- chen und verstanden werden wollte (Luther 1996;
tigen „Freizeitkultur“ ist die negative Beurteilung Umurova 2005).
des Müßiggangs vielleicht nicht mehr aktuell (Földes Während Sprichwörter im 16. Jahrhundert auf
2004). Andere Sprichwörter mit ähnlichem Inhalt wie dem Gipfel ihrer Beliebtheit standen, verloren sie in
„Müßiggang ist aller Laster Anfang“ sind zwar eher der Zeit der Aufklärung und der klassischen Litera-
unpopulär, aber dennoch noch im aktuellen Sprach- turperiode deutlich an Bedeutung. Von Gebildeten
gebrauch. Damit wird deutlich, dass ein Sprichwort wurden Sprichwörter teilweise gemieden, da sie als
nicht nur ein Sprachbild ist, sondern vielmehr ein Zeichen von „Unbildung“ und „banausischer Sinnes-
sprachliches Sinnbild einer Kultur (Földes 2004). art“ verstanden wurden (Umurova 2005, S. 29; Seiler
Der Sinn eines Sprichworts kann mit seiner kultu- 1922). Lessing, Schiller und Goethe zeigten in dieser
rellen Aktualität also verblassen und das Sprichwort bildungsbetonten Zeit dennoch Interesse am Volks-
kann seine Funktion als kulturelle Metapher verlieren. mund. So lässt Goethe den Mephistopheles in seinem
Woher die heute noch gebräuchlichen Sprich- Werk Faust ein damals gängiges Sprichwort zitieren:
wörter stammen und wie sie Eingang in den deut- „Ein Sprichwort sagt: Ein eigner Herd, ein braves
schen Sprachschatz und die deutsche Kultur gefun- Weib sind Gold und Perlen wert“ (Szene: Garten).
den haben, wird im Folgenden beleuchtet. Eine mit biblischen Sprichwörtern vergleich-
bare Historie weisen Sprichwörter lateinischen
Ursprungs auf wie „Not macht erfinderisch“, was auf
2.2.6 Ursprünge deutscher „Labor ingenium miseris dat“ (wörtlich: „Not gibt
Sprichwörter den Unglücklichen Einfälle“) aus Marcus Manilius
Astronomica zurückgeht (Fels 1990).
Ein großer Teil deutscher Sprichwörter hat seinen Auch Sätze aus der Literatur wie „Die Axt im
Ursprung in der Bibel (2008): „Wer [anderen] eine Haus erspart den Zimmermann“ aus Schillers
Grube gräbt, fällt selbst hinein; und wer einen Stein Wilhelm Tell können aufgrund ihrer Popularität und
8 Kapitel 2 · Sprichwörter und Psychologie - eine Annäherung

häufigen Wiederholung Eingang in den Sprichwort- Lage verändert werden und somit immer ein Quänt-
schatz finden. Ähnliches ist bei Aussagen öffentlicher chen Wahrheit enthalten. So besagt auch ein russi-
Personen möglich, die sich aus ihrem ursprünglichen sches Sprichwort: „Das Sprichwort unterliegt nicht
2 Kontext lösen und zum Sprichwort entwickeln, wie dem Urteil der Gerichtshöfe.“
die relativ aktuelle Feststellung Gorbatschows anläss- Trotz des Anspruchs der Allgemeingültigkeit
lich des 60. Geburtstags der DDR 1989: „Wer zu spät gibt es auch für konträre Situationen immer pas-
kommt, den bestraft das Leben“. sende und demnach konträre Sprichwörter: Heiratet
eine Ärztin einen Arzt, kommentiert die Großmut-
ter dieses Ereignis mit „Gleich und Gleich gesellt sich
2.2.7 Universalität von Sprichwörtern gern“ – heiratet die Ärztin einen Klempner, heißt es
– eines passt immer? dagegen, „Gegensätze ziehen sich an“. Scheitert eine
Gruppe, lässt sich das mit „Jede Kette ist nur so stark
Gorbatschows Aussage hat daraufhin ein Eigenleben wie ihr schwächstes Glied“ kommentieren. Hat eine
entwickelt und sich losgelöst vom ursprünglichen Gruppe – möglicherweise unerwartet – Erfolg, passt
Kontext zu einem Sinnspruch auf höherer Abstrak- dagegen das Sprichwort „Verbunden werden auch die
tionsebene, zu einem „geflügelten Wort“ entwickelt. Schwachen mächtig“. Der Volksmund kann Wahr-
Dies gilt aus sprachwissenschaftlicher Sicht als Kenn- heit transportieren, doch diese Wahrheiten sind
zeichen von Sprichwörtern und hat zur Folge, dass unter bestimmten Bedingungen nicht generalisier-
die meisten Sinnsprüche trotz eines sehr konkreten bar auf alle ähnlichen Situationen oder Personen.
sprachlichen Bildes oder eines historischen Hinter- Eine zentrale Differenzierung bezieht sich
grunds auf eigene Bedürfnisse oder aktuelle Ereig- demnach auf die Wahrheit im Gegensatz zur Gül-
nisse adaptiert werden können. tigkeit eines Sprichworts. Jedes Sprichwort ist für
Diese Loslösung vom ursprünglichen Kontext einen bestimmten Kontext, eine bestimmte Situa-
betrifft nicht nur den zeitgeschichtlichen Hinter- tion oder Person wahr, aber nicht allgemein, uni-
grund der Entstehung eines Sprichworts, sondern versell, generalisiert gültig. Der Gebrauch eines
auch die Visualisierung des Inhalts. So denkt beim Sprichworts gleicht damit dem Tanz auf der Rasier-
Sprichwort „Eine Schwalbe macht noch keinen klinge – der Frage, wie weit sich der Gültigkeitsbe-
Sommer“ kaum jemand an Vögel oder Sonnen- reich eines einzelnen Sprichworts erstreckt, wo seine
schein. Das Sprachbild wird als Metapher statt als Grenzen liegen, wo das Konträre gilt. Insofern bedarf
Beobachtung begriffen – als Handlungsempfehlung, es permanenter Reflexion, in welchem Kontext und
als Denkanstoß oder als Warnung, keine voreiligen welcher Situation Sprichwörter Laienurteile und
Schlüsse zu ziehen. Sein Sinn und seine Bedeutung damit tradierte Weisheiten bestätigen und in welchen
liegen außerhalb des sprachlichen Korsetts. Das Ver- Situationen Sprichwörter „falsch“ sind und mit ihren
ständnis dieser Metaphern erfordert demnach eine impliziten Handlungsempfehlungen Menschen viel-
Interpretation, eine Loslösung von der konkreten leicht sogar in die Irre führen können.
Aussage.
Diese ist nach Erkenntnissen psychologischer
Forschung nur Menschen mit psychischer Gesund- 2.3 Volksmund und Psychologie
heit möglich – Patienten mit Störungen aus dem schi-
zophrenen Formenkreis favorisieren eine wörtliche 2.3.1 Berührpunkte zwischen
Interpretation von Sprichwörtern und neigen damit Sprichwörtern und Psychologie
zu einer „konkretistischen“ Sicht (Brüne u. Boden-
stein 2005), ohne die eigentliche sprichwörtliche Bot- Welche Sprichwörter gelten nun angesichts dieser
schaft zu verstehen. Die Notwendigkeit einer Inter- Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit mancher
pretation schafft damit auch einen Spielraum, eine Sprichwörter? Sind Sprichwörter immer wahr,
Möglichkeit zur interindividuell oder situationsspe- oder gilt das Sprichwort „Ausnahmen bestätigen
zifisch unterschiedlichen Deutung und Anwendung. die Regel“? Welchen Mehrwert hat die Psycholo-
Jedes Sprichwort kann für die eigene Position und gie gegenüber diesen Sprichwörtern, die sich zu
2.3 · Volksmund und Psychologie
9 2
einfachen Sätzen mit dem Anspruch der Allgemein- derer die Produktivität, Kreativität, der Zusammen-
gültigkeit entwickelt haben, die in der deutschen halt und die Einstellung zur Gruppe erklärt, beschrie-
Kultur verankert sind? ben und vorhergesagt werden können. Auch sozia-
Psychologie ist die Wissenschaft des menschli- les Urteilen und Sympathie ist ein zentrales Thema
chen Erlebens und Verhaltens und befasst sich mit sozialpsychologischer Forschung, zu dem es bei-
diesem Erleben und Verhalten in Abhängigkeit spielsweise mit „Gleich und Gleich gesellt sich gern“
der Person und Umwelt. Sie untersucht, inwieweit und „Gegensätze ziehen sich an“ widersprüchliche
Erleben und Verhalten abhängig ist von der Person – Sprichwörter gibt.
ihrer genetischen Veranlagung, ihrer frühen und
späteren Erfahrungen –, aber auch, inwieweit diese
Person von der Umwelt geprägt wird. Kommunikation
Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft, Neben der Interaktion ist die Kommunikation
in der Theorien gebildet, überprüft und durch das sowohl ein Thema von Sprichwörtern („Reden ist
gewonnene Wissen versucht wird, verschiedene Silber, Schweigen ist Gold“, „ein Mann ein Wort“)
psychologische Phänomene zu beschreiben, zu als auch von psychologischer Forschung und Theo-
erklären und vorherzusagen. Was macht Menschen riebildung – beispielsweise in Form der fünf Axiome
beruflich erfolgreich? Wie entstehen Konflikte? zwischenmenschlicher Kommunikation, die der
Wie kann man persönliches Glück erreichen? Soziologe und Psychotherapeut Paul Watzlawick
Diese psychologischen Fragestellungen sind auch formulierte (Watzlawick et al. 1974).
Gegenstand von Sprichwörtern. Die Psycholo- Geht es um das Sprichwort „Zwei hören die
gie hat in ihrer Forschung und Theoriebildung gleiche Sinfonie, doch das gleiche nie“ kann genauso
demnach zahlreiche thematische Berührpunkte ein Blick in das Vier-Ohren-Modell der Kommuni-
mit Sprichwörtern. kation von Schulz von Thun (1981) hilfreich sein,
Die in den folgenden Abschnitten angerissenen dem zufolge eine Aussage auf der Sachebene, der
Themen, mit denen sich sowohl die Psychologie als Ebene der Selbstoffenbarung, auf Beziehungsebene
auch der Volksmund befassen, werden in den wei- oder als Appell interpretiert werden kann. So lassen
teren Kapiteln dieses Buches anhand ausgewählter sich unterschiedliche Interpretationen der Kommu-
Sprichwörter differenziert beleuchtet. nikationspartner erklären.

Soziale Wahrnehmung und Interaktion Entwicklung und Lernen


Ein großer Teil der volkstümlichen Weisheiten Persönliche Entwicklung und Lernen finden sich als
betrifft die zwischenmenschliche Interaktion – ein Themen in Sprichwörtern wie „Aus Fehlern lernt
zentrales Thema der Sozialpsychologie. man“, „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nim-
Gruppenprozesse werden mit „Viele Köche ver- mermehr“, „Man lernt nie aus“, „der Mensch wächst
derben den Brei“, „Allein ist besser als mit Schlech- an seinen Aufgaben“ und „Es ist noch kein Meister
ten im Verein“, „Pack schlägt sich, Pack verträgt vom Himmel gefallen“ wieder.
sich“ oder „Verbunden werden auch die Schwa- Erkenntnisse zur Gültigkeit dieser Sinnsprü-
chen mächtig“ thematisiert. Diese Sprichwörter che liefert insbesondere die Entwicklungspsycholo-
können Menschen als Entscheidungshilfe dabei gie, die sich mit zeitlich stabilen, aufeinander auf-
dienen, ob Projekte allein oder gemeinsam durch- bauenden Veränderungen menschlichen Erlebens
geführt werden, mit wessen Beteiligung der größte und Lernprozessen befasst. Zur Betrachtung der
Erfolg erzielt werden kann und mit welcher Partei die Gültigkeit der genannten Sprichwörter können ver-
Zusammenarbeit wohl harmonisch läuft. schiedene Lerntheorien wie das Lernen am Modell
Sozialpsychologische Forschung hat sich intensiv (Bandura et al. 1963) oder Modelle der Konditio-
mit Gruppen befasst und in Phänomenen wie Vor- nierung herangezogen werden. Genauso kann sich
eingenommenheitseffekten oder sozialem Faulen- ein Blick in die Forschung zu lebenslangem Lernen
zen Bedingungen und Prozesse identifiziert, anhand lohnen.
10 Kapitel 2 · Sprichwörter und Psychologie - eine Annäherung

Persönlichkeit und Intelligenz Determinismus und Beeinflussbarkeit liegt. Oft


Persönlichkeitspsychologie und Volksmund berüh- steht diese Frage dabei in Zusammenhang mit dem
ren sich vor allem im Hinblick auf Persönlichkeits- Lebensglück: „Ein wenig Hilfe will das Glück schon
2 eigenschaften. Beispielsweise existieren Sprichwör- haben“, „Fleiß ist des Glückes rechte Hand, Spar-
ter zu Eigenschaften wie Extraversion/Introversion samkeit die linke“, „Glücklich ist, wer vergisst, was
(„Stille Wasser sind tief “), zu erfolgsrelevanten Cha- nicht mehr zu ändern ist“, „Jeder ist seines Glückes
raktereigenschaften („Bescheidenheit ist eine Zier, Schmied“, „Es kommt, wie es kommt“. Die Erfor-
doch weiter kommt man ohne ihr“) oder zur Ver- schung des Lebensglücks kann keiner konkreten psy-
erbung von Persönlichkeit („Der Apfel fällt nicht weit chologischen Richtung zugeordnet werden, jedoch
vom Stamm“). von positiver Psychologie, Attributionstheorien,
Intelligenz ist ein weiteres Konstrukt der diffe- Arbeitszufriedenheitsforschung oder dem Konzept
renziellen Psychologie, die sich mit Unterschieden der Selbstwirksamkeit (Bandura 1977) profitieren.
zwischen einzelnen Personen befasst. Auch zum
Thema Intelligenz finden sich einige Sprichwörter,
deren Gültigkeit mithilfe von Forschung aus dem 2.3.2 Bisherige psychologische
Bereich der differenziellen Psychologie hinterfragt Forschung mit Bezug zu
werden kann: „Ein Narr fragt mehr, als zehn Weise Sprichwörtern
beantworten können“, „Die Dummen sind so sicher
und die Gescheiten so voller Zweifel“. Interaktion, Kommunikation, Lernen, Beurteilung
anderer, Erfolg, Arbeit, Verantwortung, Lebensglück
und daraus resultierende Themen wie richtiges Ent-
Leistung und Erfolg scheiden und richtige Handlungsplanung beschäfti-
Hier wird bereits ein weiteres Kernthema von Sprich- gen einen jeden Menschen im Laufe seines Lebens.
wörtern angesprochen – (beruflicher) Erfolg. Pas- Gleichzeitig sind diese Themen – wie beschrieben
sende Sprichwörter sind „Genie ist Fleiß“, „Können – Gegenstände psychologischer Forschung. Diese
setzt Fleiß voraus, Erfolg Ausdauer“ oder auch Forschung bietet das Potenzial zu tatsächlichem
„Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten“. Beruflicher Erfolg Erkenntnisgewinn über den Sinn oder Unsinn
und Leistung („Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, unserer Sprichwörter.
„Nach getaner Arbeit ist gut ruhen“, „Arbeit macht das Ansätze und Werke, die die Gültigkeit verschie-
Leben süß, [Faulheit stärkt die Glieder]“) sind For- dener Sprichwörter prüfen, gibt es bereits. Diese
schungsgegenstände der Arbeits- und Organisations- sind in ihrer Herangehensweise jedoch interdiszi-
psychologie, die sich mit der Analyse, Bewertung und plinär und ziehen statt psychologischer Theorie und
Gestaltung menschlicher Arbeit und der Wechselwir- Empirie beispielsweise Expertenbefragungen heran,
kung zwischen Organisation und Individuum befasst. um die Gültigkeit von Sprichwörtern zu beurteilen
Auch die organisationspsychologisch komplexen (beispielsweise Schmidt 2012). Die Weisheiten des
Themen Führung und Verantwortung beschäftigen den Volksmunds und die Erkenntnisse der Psychologie
Volksmund: „Ein guter Feldherr ist so gut wie eine halbe wurden bisher also nie in direkten Zusammenhang
Armee“, „Bei ruhigem Wetter kann jeder leicht Steuer- gebracht, nie systematisch verglichen.
mann sein“, „Wie der Herr, so’s Gscherr“, „Der Fisch Neben sprachwissenschaftlicher Forschung zu
stinkt vom Kopfe“ oder auch „Ein guter Hirte schert formalen Eigenschaften von Sprichwörtern, deren
seine Schafe, aber er zieht ihnen nicht das Fell über die semantischen Kontext oder Beziehungen einzelner
Ohren“. Zur Klärung der Gültigkeit dieser Weisheiten syntaktischer Komponenten dominiert Forschung
lohnt sich ein Blick in aktuelle Führungsforschung. zur Rolle von Sprichwörtern in sozialer Interaktion
und Kommunikation (Briggs 1985; Umurova 2005).
Bisherige sozialwissenschaftliche und psychologi-
Zufriedenheit und Glück sche Forschung fokussierte sich auf das Verständnis
Ähnlich komplex ist auch das in deutschen Sprich- von Sprichwörtern – im Hinblick auf Kulturunter-
wörtern häufige Thema der Selbst- versus Fremd- schiede (Weber et al. 1998) oder verständnisrelevante
bestimmung, hinter dem die Frage nach Zufall,
2.4 · Das aktuelle Projekt: Sprichwörter aus psychologischem Blickwinkel
11 2
kognitive Fähigkeiten wie abstraktes Denken (Gibbs das Finden des rechten Augenblicks werden in „Wer
u. Beitel 1995; Kemper 1981). nicht kommt zur rechten Zeit, muß nehmen, was
Ein interessanter Forschungsansatz liegt in noch übrig bleibt“ thematisiert. Tiefsinnige, nahezu
der Beziehung von Wertewandel und Sprichwör- philosophische Gedanken und der Bezug zu End-
tern. Durch eine Gegenüberstellung von aktuellen lichkeit, Vergänglichkeit und Transzendenz kommen
Sprichwörtern und Sprichwörtern aus dem 19. Jahr- im heutzutage sehr populärem „Carpe diem“, in
hundert wurde die veränderte Wahrnehmung und „Was bald wird, vergeht auch bald wieder“ oder –
Einstellung zum Thema „Zeit“ untersucht (Hinz etwas banaler – in „Alles hat seine Zeit, nur die alten
2000). Als Basis für die Analyse „alter“ Sprichwörter Weiber nicht“ zum Ausdruck.
diente die 250.000 Sprichwörter umfassende Samm-
lung des Germanisten und Pädagogen Karl Fried-
rich Wilhelm Wander (1803–1879), die bis heute 2.4 Das aktuelle Projekt:
die größte existierende Sammlung deutschspra- Sprichwörter aus
chiger Sprichwörter ist. Diese „alten Sprichwörter“ psychologischem Blickwinkel
wurden mit „aktuellen“ Sprichwörtern verglichen,
die heute noch Teil des täglichen Sprachgebrauchs Zu nahezu allen relevanten Alltagsthemen gibt es
sind. Der Vergleich „alter“ und „aktueller“ Sprich- also eine Reihe unterschiedlicher Sprichwörter.
wörter zeigte, dass die Zeit früher vorwiegend als Der Wahrheitsgehalt oder Gültigkeitsbereich dieser
etwas „über mich Herrschendes“ erlebt wurde, dem Sprichwörter ist bis heute kein relevantes Thema der
man in Ohnmacht ausgesetzt ist („Zeit und Stunde Psychologie. Häufig werden Sprichwörter schlicht-
warten nicht“). In heutigen Sprichwörtern wird die weg illustratorisch in der Herleitung von Hypothesen
Aufforderung zur Anpassung an die Zeit seltener herangezogen, um ihre Plausibilität zu untermauern,
genannt. Als Tugend im Umgang mit Zeit galten weniger um das Sprichwort selbst als Hypothese zu
im 19. Jahrhundert sofortiges Erledigen von Aufga- prüfen. Eine weitere Beschränkung der Sprichwort-
ben sowie die Identifizierung des „rechten Augen- forschung liegt in der Dominanz englischer Sprich-
blicks“ („Wer nicht kommt zur rechten Zeit, muß wörter, da Englisch die internationale Wissenschafts-
nehmen, was noch übrig bleibt“). Zudem enthielten sprache ist.
die Sprichwörter früher im Vergleich zu heute mehr Der Psychologe Frank Detje ging 1996 einen
Empfehlungen zu Geduld und Langsamkeit als zu ersten Schritt in Richtung einer Gegenüberstel-
Schnelligkeit („Nimm dir Zeit und nicht das Leben“). lung von psychologischen Theorien und deutschem
Dennoch dominieren auch in aktuellen Sprichwör- Sprichwortschatz. In seiner Arbeit beleuchtete er
tern Aufforderungen zu Langsamkeit und Bedäch- anhand einer Theorie der Handlungsorganisation
tigkeit („Eile mit Weile“; „Kommt Zeit, kommt Rat“; und einer darauf aufbauenden Taxonomie der Hand-
„Gutes braucht seine Zeit“). Empfehlungen für und lungsfehler 3.400 Sprichwörter aus psychologischer
gegen eine Berücksichtigung der Zukunft waren Perspektive. Detje (1996) sieht Sprichwörter dabei als
ungefähr gleich häufig festzustellen („Lebe, als soll- differenzierte Anleitungen zum richtigen Handeln.
test du morgen sterben, und arbeite, als solltest du In der Sozialpsychologie finden sich noch am
morgen leben“). Auffällig an aktuellen Sprichwörtern ehesten Ansätze, die sich direkt oder vermehrt indi-
ist der verstärkte Wettbewerbscharakter („Lieber tot rekt auf Sprichwörter beziehen. Rogers (1990) stellte
als zweiter“, „Zieh schneller als dein Gegner“). einen Überblick zu Studien und Befunden zusam-
„Die Zeit weilt, eilt, teilt und heilt“ – am Thema men, die bestimmten englischen Sprichwörtern
Zeit zeigt sich ein weiteres Mal die Vielfalt deut- zugeordnet werden können – meist ohne sich direkt
scher Sprichwörter, die unterschiedlichen Richtun- darauf zu beziehen. Hier wird bereits deutlich, dass
gen und auch widersprüchlichen Aussagen: „Was zum Thema eines Sprichworts (z. B. Lernen im Alter)
du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf extensive Forschung existiert, deren Untersuchungs-
morgen“ oder auch „Zeit ist Geld“ betreffen Zeitma- ergebnisse jedoch nicht zwangsläufig eine Falsifika-
nagement und Zeit als Wert; „Kommt Zeit, kommt tion oder Verifikation eines spezifischen Sprichworts
Rat“ und „Eile mit Weile“ beziehen sich dagegen auf („Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer-
die Tugend der Geduld. Pünktlichkeit, Timing und mehr“) bedeuten. Vielmehr identifizieren diese
12 Kapitel 2 · Sprichwörter und Psychologie - eine Annäherung

Studien implizit Bedingungen und Kontextfaktoren, die Schwierigkeit deutlich, Sprichwörter zu For-
unter denen das Sprichwort Gültigkeit finden könnte. schungshypothesen zu erheben, da häufig ein kon-
Nur wenige Sprichwörter können nach Rogers träres Sprichwort existiert, das die Gegenhypothese
2 (1990) als (indirekt) widerlegt oder bestätigt betrach- darstellt.
tet werden. So zeigte Sigelman (1981) beispiels- Ziel des aktuellen Projekts ist es demnach nicht,
weise, dass für „Ignorance is bliss“ bzw. das deutsche Wahrheit und Gültigkeit absolut und generalisiert zu
Pendant „Selig sind die geistig Armen“ keine Befunde betrachten, sondern für Sprichwortcluster oder anti-
existieren – Intelligenz steht in keinem Zusammen- thetische Sprichwortpaare mithilfe psychologischer
hang mit Lebensglück oder -zufriedenheit. Das Theorie und Empirie jene Bedingungen und Ein-
Sprichwort „Der erste Eindruck zählt“ wird dagegen flussfaktoren herauszuarbeiten, unter denen Sprich-
von empirischer Evidenz untermauert. So zeigt eine wörter gültig und uns damit tatsächlich nützlich sein
Studie beispielsweise, dass bereits aus sehr kurzen können. Diese Gültigkeitsbereiche, diese „Wahrhei-
Videoausschnitten einer anderen Person (ohne Ton) ten“ verschiedenster Sprichwörtern differenziert her-
vorhersagbar ist, wie diese von anderen beurteilt auszuarbeiten, ist dabei das wesentliche Ziel.
wird, und dass dieser erste Eindruck relativ stabil ist
(Ambady u. Rosenthal 1993; Funder u. Colvin 1988). » Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen.
Bei der Suche nach Verifikation oder Falsifika- Vor lauter Gräsern die Wiese nicht sehen.
tion eines Sprichworts landet man jedoch meist in Vor lauter Tropfen den Regen nicht sehen.
der Grauzone dazwischen: So beschrieben Bruce Vor lauter Haaren die Glatze nicht sehen. Vor
et al. (1982) Lernerfolg als Zusammenspiel von lauter Gesetzen das Recht nicht sehen. Vor
Bedeutsamkeit der Aufgabe und dem Alter einer lauter Wörtern die Sprache nicht sehen. Vor
Person. Demnach gibt es differenzierte Befunde zum lauter Sprichwörtern die Wahrheit nicht sehen.
Thema „Lernen im Alter“, die sowohl „You can‘t teach (Rainer Kohlmayer, Professor für Interkulturelle
an old dog new tricks”/„Man lernt nie aus” als auch Germanistik)
„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“
bestätigen bzw. widerlegen. Darüber hinaus gibt es weitere Ansatzpunkte für die
Die Herausforderungen an die Psychologie im psychologische Erforschung von Sprichwörtern.
Umgang mit Sprichwörtern lassen sich damit auf die Interessant ist beispielsweise der Zusammenhang
folgenden beiden Punkte zusammenfassen: zwischen der Orientierung an einem Sprichwort und
1. Gibt es zu jedem Sprichwort psychologisches der Bewahrheitung des Sprichworts in der Konse-
Wissen oder gar psychologische Theorien? quenz. Sprichwörter sind letztlich immer auch Vor-
Lohnt es sich, über Sprichwörter zu forschen, stellungen in den Köpfen der Menschen, die im
zu denen noch keine Befunde existieren? weitesten Sinne Verhalten steuern und Urteile beein-
2. Bietet die Psychologie für konträre Sprich- flussen. So könnte das Sprichwort „Jede Kette ist nur
wörter Erkenntnisse über die Bedingungen, die so stark wie ihr schwächstes Glied“ als Überzeugung
die Gültigkeit eines Sprichworts bestimmen – verinnerlicht werden, dass eine bestimmte Gruppe
ist sie damit der „Laienpsychologie“ überlegen? aufgrund eines einzelnen Schwächeren keine Chance
auf Erfolg hat. Dies könnte im Rahmen einer selbst-
erfüllenden Prophezeiung zu tatsächlichem Schei-
tern führen (Merton 1948).
2.5 Impulse für Forschung und Interpretiert man ein Sprichwort als kulturell ver-
Praxis ankerte, komprimierte Erfahrung und damit als eine
Aussage, der eine Vielzahl an Menschen zustimmt,
Der Kontext und damit die Anwendungssitua- lässt sich eine Analogie zum Majoritätseinfluss, also
tion eines Sprichworts bestimmt seine Gültigkeit – zur Beeinflussung durch Mehrheiten ziehen (Asch
abhängig von der Art der Situation mit all ihren dif- 1956; Tajfel 1982).
ferenzierten Rahmenbedingungen trifft das eine Interessant wäre die Untersuchung, inwie-
oder andere Sprichwort zu. An dieser Stelle wird fern das Aufzeigen von Hinweisreizen (Priming)
Literaturverzeichnis
13 2
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14 Kapitel 2 · Sprichwörter und Psychologie - eine Annäherung

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15 I

Freundschaft und
Familie
Kapitel 3 Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sag dir,
wer du bist – 17
Svetlana Dominova

Kapitel 4 Gleich und Gleich gesellt sich gern – 25


Clara Mihr

Kapitel 5 Jeder ist sich selbst der Nächste – Eine Hand wäscht
die andere – 33
Manuel Stabenow

Kapitel 6 Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – 39


Luisa von Albrecht
17 3

Sag mir, wer dein Freund ist,


und ich sag dir, wer du bist
Svetlana Dominova

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_3

3.1 Einleitung 3.2 Streben nach Zugehörigkeit

Freunde, Arbeitskollegen oder Mitglieder eines Eines der ältesten Sprichwörter, die das Verhältnis
Vereins – wir sind fast nie allein und neigen dazu, zwischen Mensch und Gesellschaft beschreiben, ist
uns mit Menschen zu umgeben, die wir sympathisch „Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sage dir, wer
finden. Gruppenzugehörigkeit ist uns sehr wichtig du bist“. Unter „Freund“ ist dabei die unmittelbare
und wir genießen es, ein Teil von etwas Größerem zu soziale Umgebung zu verstehen. In diesem Fall lässt
sein. Zugehörigkeit zu einer Gruppe bedeutet, dass sich diese Lebensweisheit daher folgendermaßen
man Gemeinsamkeit mit den anderen Mitgliedern auffassen: Jeder gleicht sich den Personen, mit denen
aufweist. Sie zeigt Ähnlichkeit unserer Interessen, er sich umgibt, an. Diese Personen bilden die soziale
Einstellungen und Lebensstile. Gruppe, der man angehört und deren Normen man
Aber kann man einen Menschen tatsächlich mit der eigenen Meinung widerspiegelt.
anhand seines sozialen Umfelds beurteilen? Stimmt
es tatsächlich, dass wir unser Verhalten an unseren
Freunden, Kollegen und unserer sozialen Umge- 3.2.1 Herkunft und Interpretation
bung ausrichten? Oft hören wir „Sag mir, wer dein
Freund ist, und ich sage dir wer du bist“, was darauf Das Sprichwort fand erstmals Erwähnung bei grie-
hindeutet, dass unsere Freunde einen starken Ein- chischen Dramatikern und wurde später von Miguel
fluss auf unser Handeln haben können. Anderer- de Cervantes Saavedra berühmt gemacht, als er es in
seits leben wir in einer Zeit, die von Individualismus seinem Werk Der sinnreiche Junker Don Quijote von
geprägt ist, und die Idee, dass wir genauso wie unser der Mancha (2. Buch, Kap. 10) verwendete. Auch einer
soziales Umfeld sind, könnte von vielen als Beleidi- der größten deutschen Dichter Johann Wolfgang von
gung empfunden werden. Wir legen viel Wert auf Goethe machte sich zu diesem Thema Gedanken und
Exklusivität und lieben es, durch unser Aussehen schrieb in Wilhelm Meisters Wanderjahre (2. Buch,
und Verhalten aufzufallen. Dazu würde besser ein Kap. 11): „Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich
Zitat von Forbes „Ohne Ausnahme jeder möchte eine dir, wer du bist“. Interessanterweise ist diese Lebens-
Ausnahme sein“ passen. weisheit in mehreren Kulturen zu finden. So gibt es
Was stimmt also? Möchten wir unserem sozia- ein analoges Sprichwort mit gleicher Bedeutung in
len Umfeld ähneln, oder wollen wir anders sein? der deutschen, englischen, russischen und rumäni-
Streben wir nach Zugehörigkeit oder eher nach Ein- schen Sprache, es handelt sich also um eine kultur-
zigartigkeit? Um das herauszufinden, werfen wir übergreifende Lebensweisheit.
einen Blick in die psychologische Forschung, die Die Hauptidee dieses Sprichworts besteht darin,
Aufschluss darüber gibt, wann und warum diese dass wir unser Handeln, unsere Einstellung und
polaren Bedürfnisse auftreten und welche psycho- Meinung oft an unseren Freunden oder Bezugsgrup-
logischen Mechanismen dahinter stehen. pen ausrichten. Deswegen werden wir häufig als ein
18 Kapitel 3 · Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sag dir, wer du bist

Spiegel unserer Umgebung angesehen. Allerdings Gruppe wird von anderen Gruppen abgrenzt
liefert das Sprichwort keine Erkenntnisse über die (z. B. indem man einen anderen Fußballverein
Hintergründe und Mechanismen des Phänomens, abwertet: „FC Bayern“ ist besser als „Borussia
das es beschreibt. Zudem ist unklar, warum und Dortmund“ oder andersherum).
unter welchen Umständen das Phänomen auftritt 3. Das individuelle Selbstkonzept oder „Ich
und ob es für alle Menschen gleichermaßen gilt. Um im Vergleich zu den anderen Mitgliedern
3 diese Fragen beantworten zu können, betrachten wir bestimmter Gruppen“ (z. B. Annahme, dass
Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie. man selbst ein treuerer Fan ist als andere
Mitglieder des Fanclubs).

3.2.2 Wissenschaftliche Analyse Normalerweise betrachtet man sich als Individuum.


Allerdings verlieren individuelle Unterschiede zwi-
In Bezug auf Sozialpsychologie kann unter „Freund“ schen den Mitgliedern einer Bezugsgruppe in Situ-
jede soziale Gruppe verstanden werden. Was sind ationen, in denen die Mitgliedschaft zur Gruppe
soziale Gruppen und warum sind sie so wichtig für wichtiger ist, an Bedeutung. Beim Jubeln im Stadion
uns? beispielsweise spielt es keine Rolle, welche Berufe
Man kann eine soziale Gruppe eng (Familie oder die Fans ausüben oder ob sie Single oder verheira-
Fanclub eines Fußballteams) oder global (Nation tet sind. Von Bedeutung ist nur, mit welcher Mann-
oder Religion) betrachten. Jede Gruppe, zu der wir schaft sie mitfiebern, ob sie zu „uns“ oder zu den
gehören, gibt uns eine konkrete Identität oder eine „Anderen“ gehören. Das führt zur Akzentuierung
Rolle. Als Mitglied einer Umweltschutzorganisation von Ähnlichkeiten zwischen Mitgliedern der eigenen
positioniert man sich z. B. als Kämpfer gegen schäd- Gruppe und Distinktion, d. h. Abgrenzung von der
liche Veränderungen der Biosphäre und verbreitet anderen Gruppe. Wird diese gemeinsame Identi-
Ideen eines nachhaltigen Umgangs mit der Natur. tät als besonders intensiv wahrgenommen, kann es
Unser Selbstbild setzt sich aus diesen Rollen zusam- zu Depersonalisierung kommen, dem Verlust des
men wie aus Puzzleteilen. Wenn diese Rollen sehr Persönlichkeitsgefühls. Dies wiederum führt dazu,
wichtig für uns sind und intensiv erlebt werden, ver- dass man sich nicht mehr als individuelle Person
innerlichen wir sie als Teil unserer Selbstwahrneh- verhält, sondern zu Gruppenverhalten tendiert.
mung. Daher werden bei der Selbstbeschreibung bei- Man richtet sich nach der Gruppe und handelt sehr
spielsweise Eigenschaften wie die eigene ethnische stereotyp. Dies ist bei der Stadionwelle (La-Olá-
Herkunft, die politische Zugehörigkeit oder die Mit- Welle) oder bei Hooligan-Krawallen zu beobach-
gliedschaft in einem Fanklub erwähnt. ten. In diesem Fall ist es logisch, dass die Meinung
Betrachten wir im Folgenden anhand eines Bei- über eine Person anhand der Personen, mit denen
spiels wie und warum die Zugehörigkeit zu einem Fuß- sie sich umgibt, gebildet wird. So bekommt ein Fuß-
ballfanclub sich auf unser Verhalten auswirken kann. ballfan aus England sehr wahrscheinlich schnell das
Etikett Hooligan, weil man den stereotypischen eng-
lischen Hooligan vor Augen hat, dessen Verhalten
Psychologische Theorien von Randale und gewalttätigen Übergriffen gekenn-
Unterschiedliche psychologische Theorien erklären, zeichnet ist. Dies gilt auch für andere Subkulturen.
warum es den Menschen wichtig ist, die Normen und Tajfel und Turner (1986) postulieren in der
Regeln der Gruppe zu teilen, und das Verhalten ihrer Theorie der sozialen Identität, dass man nach einer
Bezugsgruppen widerzuspiegeln. positiven Selbsteinschätzung strebt und die soziale
Laut der Selbstkategorisierungstheorie (Turner Identität ein eminenter Teil davon ist. Eine bessere
et al. 1987) hat jeder Mensch drei Ebenen des soziale Identität bedeutet also einen höheren Selbst-
Selbstkonzepts: wert. Man favorisiert die Eigengruppe und diskri-
1. „Ich“ als Mensch. miniert Fremde, um den Kontrast deutlicher zu
2. Das soziale Selbstkonzept oder „Ich als machen. Wenn man die eigene Gruppe als positiv
Mitglied bestimmter Gruppen“: Die eigene einschätzt, versucht man seine Mitgliedschaft zu
3.2 · Streben nach Zugehörigkeit
19 3
akzentuieren, indem man Normen, Regeln und ein Problem oder in Diskussionen gleichen die Teil-
Werte der Gruppe noch strenger beachtet. Für die nehmer ihre Ideen der vorherrschenden Gruppen-
Fans von erfolgreichen Fußballmannschaften dreht meinung an und verschweigen Meinungsdifferen-
sich daher manchmal das ganze Leben nur um den zen, um Konflikte zu vermeiden. Man strebt nach
Sport und ihr Lieblingsteam. Sie zeigen ihre Zuge- Konsens, Gleichsinn und Harmonie in der Gruppe,
hörigkeit anhand diverser Symbole und sind häufig favorisiert einzelne Vorschläge und zeigt dadurch
einer Meinung darüber, wer ein guter Spieler ist und ein hohes Niveau an Konformität. Dies passiert, um
wer ausgewechselt werden muss. Ein Fan versucht die positive Stimmung in der Gruppe zu schützen.
mit aller Kraft, zu einer Zelle des Mannschaftsor- Das ist noch ein Grund, warum ein Eindruck von
ganismus zu gehören, um ein Teil des Prestiges der ganzen Gruppe die Einstellung zu den einzelnen
mitzuerleben. Mitgliedern prägen kann.
Aber sogar bei Niederlagen bleiben die Fans treu.
Das lässt sich dadurch erklären, dass man für die
„eigene“ Mannschaft grundsätzlich eine Vorliebe hat Empirische Befunde
und die anderen Mannschaften dadurch dauerhaft Die Tendenz, das eigene Verhalten dem der Bezugs-
diskriminiert. Bei einem negativen Ereignis wechselt gruppe anzupassen, wurde in mehreren empiri-
man einfach die Vergleichsdimension: „Zwar haben schen Studien nachgewiesen. In den Experimenten
wir weniger Tore geschossen, aber unser Team hat von Sherif (1935) wurde herausgefunden, dass Men-
fairer gespielt!“, oder die Vergleichsgruppe: „Na ja, schen während sozialer Interaktion dazu tendieren,
Augsburg hat gegen Bayern verloren, ist aber immer Gruppennormen zu entwickeln und zu übernehmen.
noch höher als Dortmund platziert!“ Erstaunliche Ergebnisse ergaben hierzu die Experi-
Eine Erklärung, warum Menschen in Bezugs- mente von Asch (1951, 1956): Bis zu 75 % der Ver-
gruppen gleich handeln und ähnliche Meinungen suchspersonen lieferten bewusst deutlich falsche
haben, liefert das Konzept des sozialen Drucks oder Antworten, wenn alle anderen Gruppenmitglieder
Konformismus. Dabei spielen normativer und infor- diese konsequent als die richtige Lösung angaben.
mativer Druck von sozialen Gruppen eine entschei- Dieser Effekt fiel umso stärker aus, je größer die
dende Rolle. Der normative Druck basiert darauf, wie Gruppe war.
wichtig einer Person die Zugehörigkeit zur Gruppe Auch im Arbeitskontext wurden Effekte einer
ist, und wird durch die Angst, ein Außenseiter zu starken Verbindung zur Bezugsgruppe untersucht.
sein, aktiviert. Der informative Einfluss bewirkt eine Laut einer Studie von Riketta (2005) hat eine starke
Anpassung des eigenen Verhaltens oder Urteils an Identifikation mit dem Unternehmen einen posi-
das der Gruppe, weil die anderen Gruppenmitglie- tiven Einfluss auf das Engagement, korreliert mit
der als Experten wahrgenommen werden. So wird Arbeitszufriedenheit und verringert die Kündi-
die persönliche Unsicherheit durch die Übernahme gungsabsichten von Mitarbeitern.
der Gruppenmeinung bewältigt. Im Allgemeinen
wird uns beigebracht, dass ein zu individualisiertes
Handeln zu Isolation und Einsamkeit führen kann 3.2.3 Implikationen
und soziale Abgrenzung und Zurückweisung zur
Folge hat. Deswegen versucht man oft, der Gruppe zu Das Sprichwort „Sag mir, wer dein Freund ist, und
beweisen, dass man ihre Erwartungen erfüllt. Im Ext- ich sage dir, wer du bist“ macht uns darauf aufmerk-
remfall, wenn die Gruppenzugehörigkeit eine sehr sam, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe unser
starke Bedeutung hat und man sich in hohem Maße Verhalten beeinflusst. Das Streben nach Zugehörig-
mit der Gruppe identifiziert oder wenn starker sozia- keit kann dabei sowohl positive als auch negative
ler Druck vorliegt, kann es sogar zu blinder Konfor- Konsequenzen haben. Kenntnisse und Verständnis
mität kommen. über Kohäsionsvorgänge ermöglichen eine bessere
Ein anderes Phänomen, das dazu führt, dass wir Gestaltung der Gruppenarbeit.
unseren „Freunden“ gleichen, ist das sog. Group- Die Anpassung an Gruppennormen und die
think (Janis 1972). Bei der Suche nach Lösungen für Bereitschaft sich nach dem Kollektiv zu richten, ist
20 Kapitel 3 · Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sag dir, wer du bist

eine Voraussetzung für ein produktives Arbeits- zudem durch die Stärke des Strebens nach positiver
klima. Die Identifikation mit der Gruppe führt zur sozialer Identität bestimmt. Dies ist besonders in kol-
Steigerung von Engagement und Motivation der lektivistischen Kulturen und in Situationen, die von
Gruppenmitglieder. Die Ziele, Normen und Werte großer Unsicherheit geprägt sind, von Bedeutung.
der Bezugsgruppe werden als eigene wahrgenom- Bei einer zu starken Gruppenidentität oder einem
men, was die Leistung von jedem Mitglied und zu ausgeprägten Streben nach Gruppenmitglied-
3 dadurch die Gesamtleistung der Gruppe erhöht. schaft und Konsens kommt es vor, dass Personen ihr
Gruppenkohäsion nicht nur für eine Fußballmann- eigenes Urteil aufgeben, ihre Meinung und Überzeu-
schaft von Vorteil, sondern auch für Arbeitsteams gung zurückstellen und nur noch als Gruppenmit-
generell. Deswegen sollte der Gruppenkohäsion bei glied – und nicht mehr als souveräne, unabhängige
Teambildungsmaßnahmen viel Aufmerksamkeit Person – handeln. Und daher bleibt die Lebensweis-
gewidmet werden. heit „Zeig mir deine Freunde und ich sage dir, wer
Andererseits zeigen die erwähnten Experi- du bist“ aktuell.
mente auch, dass Menschen bei der Übernahme von
Normen einer Gruppe manchmal nicht in der Lage
sind, ihre eigene Meinung auszusprechen. Grund 3.3 Gegentendenz: Streben nach
dafür ist die Angst, von der Gruppe weniger respek- Individualität
tiert oder bestraft zu werden. Eine Folge dieses Phä-
nomens könnte z. B. sein, dass viele Politiker bei der Wir haben bisher die Lebensweisheit „Sag mir, wer
Verabschiedung eines Gesetzes konform abstimmen dein Freund ist, und ich sage dir, wer du bist“ ana-
und ihre Stimme für etwas abgeben, das sie eigent- lysiert. Sie beschreibt die Suche der Menschen nach
lich für falsch halten, nur, weil die anderen Mitglieder sozialer Identität oder die Tendenz ihr Verhalten
ihrer Partei diese Meinung vertreten. nach ihrem sozialen Umfeld zu richten.
Um die negative Aspekte durch den Gruppen- Und dennoch treffen wir immer wieder Men-
einfluss und Groupthink zu vermeiden, ist es sinn- schen, die nach Exklusivität und Anderssein streben
voll, Projekte in kleine Untergruppen zu organisie- und sich ständig gegen die Gesellschaft stellen, um
ren und darauf zu achten, dass jedes Mitglied die ihre eigene Individualität zu beweisen. Neben dem
Gelegenheit hat, seine eigene Meinung vorzustel- Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe gibt
len. Eine effektive Strategie, um dies umzusetzen, es nämlich ein weiteres gänzlich gegensätzliches
ist die anonyme statt offene Abstimmung. Diese Bedürfnis, und zwar das Streben nach Exklusivi-
Erkenntnisse sind nützlich und von Interesse für die tät, d. h. das Bemühen, nicht „wie alle anderen“ zu
Gestaltung von Gruppen im Sport-, Arbeits- und sein. Diejenigen, die sich der Gesellschaft entgegen-
Bildungsbereich. setzen, werden allerdings oft dafür ausgestoßen und
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass wir als „schwarzes Schaf “ bezeichnet. Trotzdem mag
tatsächlich sehr oft so handeln, wie unsere Freunde man das Gefühl, ein „bunter Hund“ zu sein, also das
es tun. In gewisser Weise versuchen Menschen das Gefühl der Einzigartigkeit.
für ihre Bezugsgruppe typische Verhalten widerzu- Hier sprechen wir über eine Gegentendenz und
spiegeln oder einer prototypischen Gruppe beizu- sollten nun nach einem Gegensprichwort suchen.
treten, um das Gefühl der Zugehörigkeit zu steigern Einer der größten Individualisten, Malcolm Forbes,
bzw. ihr Selbstbild positiver zu erleben und darzu- hat das Bedürfnis, sich von anderen zu unterschei-
stellen. Indem wir die Meinung unserer „Freunde“ den, und das Streben nach privater Identität sehr
und Bezugsgruppen unterstützen, drücken wir Flexi- bildlich in einem Zitat geschildert: „Ohne Ausnahme
bilität, Offenheit und Sensibilität gegenüber anderen jeder möchte eine Ausnahme sein“:
Gruppenmitgliedern aus. Wie sehr wir unsere eigene
Meinung an die Gruppenmeinung anpassen, hängt » There is no exception to the rule that
proportional mit der Wichtigkeit und Stärke der everybody likes to be an exception to the rule.
Identifikation mit der Gruppe zusammen und wird (Forbes, zitiert in Dickson 2013, S. 116)
3.3 · Gegentendenz: Streben nach Individualität
21 3
3.3.1 Wissenschaftliche Analyse Einzigartigkeit von Individualisten abzielt, ist kun-
denindividuelle Massenproduktion. Dabei können
Die Aussage von Forbes passt gut zu den Ergebnissen Kunden Designmerkmale oder die Passform von
der Experimente von Snyder und Fromkin (1980). Produkten selbst bestimmen. Es ist interessant, dass
Sie postulieren, dass Studenten, wenn ihnen rück- diese Möglichkeit der Differenzierung des Produkts
gemeldet wird, sie würden ihren Kommilitonen zu höherer Kundenzufriedenheit führt als funktio-
bezüglich des Lebensstils oder anderen wichtige nale und ästhetische Anpassung (Franke u. Schreier
Aspekten wie Aussehen und Hobbys ähneln, traurig 2008). Damit stützen die empirischen Befunde die
und unzufrieden werden und später nonkonformes Aussage von Forbes.
Verhalten innerhalb der akzeptierten gesellschaft- Natürlich grenzen wir uns nicht nur durch
lichen Normen zeigen. Als Folge änderten die Stu- erworbene Produkte von anderen ab. Ein iPhone
denten bei Diskussionen ihre Aussagen, falls ihr oder ein schönes Kleid sind nicht genug für das
Beitrag schon von anderen Anwesenden erwähnt Gefühl der Einzigartigkeit. Eigenschaften, die beim
wurde. Wenn uns also bewusst wird, dass wir „keine Vergleich mit den Menschen in unserer Umgebung
Ausnahme“ sind, und wenn wir an unserer Indi- herausstechen (Aussehen, Interessen, Herkunft und
vidualität zweifeln, suchen wir nach alternativen sogar Religion), sind die Bausteine unseres „wahren
Verhaltensweisen, ändern unsere Aussagen und Mei- Ich“. Vermutlich ist deswegen Einzigartigkeit eines
nungen und kämpfen für unsere Individualität und unserer grundlegenden Bedürfnisse und der Grund
Einzigartigkeit. dafür, dass wir bunt und anders aussehen möchten.
Dies lässt sich auch in alltäglichen Situationen Wir suchen nach Kriterien, die uns von der Masse
beobachten. Die Tendenz, sich von der Umgebung unterscheiden, um uns zu definieren und zu ver-
abzuheben und „eine Ausnahme zu sein“, wird bei- stehen, wer wir sind, um die Tonalität unseres „Ich“
spielsweise bei Konsumentscheidungen und beim zu realisieren. Wir sehnen uns nach einem klaren
Kaufverhalten sichtbar. Ariely und Levav (2000) Selbstbild, nach einer konsistenten und kohärenten
stellten u. a. fest, dass Personen es vermeiden, bei Definition unseres Selbst, um einen positiven Selbst-
einem gemeinsamen Essen im Restaurant die glei- wert zu erhalten (Campbell 1990).
chen Gerichte und Getränke zu bestellen. Sie ändern Forschung von McGuire und Kollegen (McGuire
sogar die Wahl ihres bevorzugten Gerichts, falls es u. Padawer-Singer 1976, McGuire et al. 1978) zeigt,
schon von anderen bestellt wurde. dass Kinder, wenn man sie bittet, von sich selbst zu
„Eine Ausnahme sein“ bedeutet außerdem, erzählen, vorwiegend saliente Merkmale nennen,
einzigartige, seltene Dinge zu besitzen. Das Wort die bei anderen nicht vorkamen. Kinder mit Merk-
„selten“ weist auf etwas Besonderes und Außerge- malen wie auffälligem Aussehen (rotes oder blondes
wöhnliches hin. Deswegen erscheinen uns beim Ein- Haar, blaue Augen, Übergewicht) oder Migrations-
kaufen diejenigen Produkte attraktiver, die uns das hintergrund, die sie von der Mehrheit ihrer Kame-
Gefühl verleihen, einzigartig zu sein. Aus diesem raden unterschieden, nutzten diese Eigenschaften
Grund sind wir versessen auf Seltenheiten, Antiqui- als Beschreibung ihrer Identität. Die eigene Ethnie
täten und handgemachte Sachen und lassen lieber die wurde allerdings nur bei Angehörigen ethnischer
Finger von offensichtlicher Stangen- oder Fließband- Minderheiten für die Identifikation des eigenen
ware. Wie sagt man so schön: Was kann schrecklicher Selbst verwendet.
für eine Frau sein, als eine andere Frau im gleichen Ein Fluch der Gegenwart ist, dass Exklusivität
Kleid zu sehen? und Individualisierung zum Trend geworden sind.
Mehrere Experimente und Studien legen nahe, Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Hipster-
dass Konsumenten Produkte vorziehen, die seltener Subkultur. Ziel dieser Bewegung ist es eigentlich, sich
erhältlich und schwieriger zu beschaffen sind, und gegen den Mainstream zu stellen, und zwar in Bezug
die es ihnen ermöglichen, sich selbst als einzigartig auf ihr Handeln, ihre Ideologie, ihre Interessen und
darzustellen (Brock 1968; Lynn 1991; Szybillo 1975). ihr Aussehen. Da aber zu viele „anders sein wollen“,
Ein aktueller Trend, der auf das Bedürfnis nach und die Merkmale eines Hipsters sehr prägnant sind
22 Kapitel 3 · Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sag dir, wer du bist

und daher leicht kopiert werden können, nennen sich Akzeptanz von sich selbst, Offenheit für Neues und
heutzutage viele Leute Hipster und sehen trotz ihres Kreativität, Vertrauen in die eigene Erfahrung beim
Strebens nach Differenzierung gleich aus: Hornbrille, Handeln und Freiheit (Kernis u. Goldman 2006).
selbstentworfene Tattoos, Kopfhörer und iPhone, Man darf und sollte, wie Friedrich der Große einst
gleiche Musikinteressen usw. (Schiermer 2014). meinte, nach „eigener Fasson selig werden“ (Büch-
mann 1977), d. h., selbstbestimmt leben, ohne sich
3 von anderen beeinflussen zu lassen, und eigene Vor-
3.3.2 Implikationen für die Praxis stellungen zu Prioritäten haben.

Die vorgestellten psychologischen Befunde liefern


Informationen darüber, wie sehr das Streben nach 3.4 Fazit
Individualisierung unser Kaufverhalten beeinflusst.
So können Hersteller und Verkäufer uns zum Kauf Bisher wurde unsere Aufmerksamkeit den Sprich-
bewegen, indem sie uns von der Seltenheit der Pro- wörtern gewidmet, die sich mit zwei gegensätzlichen
dukte überzeugen. Diese Strategie heißt „künstliche Bedürfnissen von Menschen beschäftigen: Zugehö-
Herstellung von Produktknappheit“ und ihr Erfolg rigkeit und Distinktheit. Dabei wurde festgestellt,
und ihre Effizienz sind nicht zu unterschätzen. Zu dass man nach beiden Bedürfnissen strebt und sich
Beginn des Facebook-Zeitalters konnte man bei- sowohl bei starker Differenzierung und Entfremdung
spielsweise nur nach einer Einladung und den Nach- als auch bei zu starker Ähnlichkeit mit der sozialen
weis der Zugehörigkeit zu einer Universität einen Umgebung unwohl fühlt. Aber wie findet man die
Account erstellen. Jeder wollte „ein Auserwählter“ Balance zwischen diesen beiden Extremen?
sein und zum engen Kreis der Mitglieder des ersten Laut Brewer (1991) und ihrer Theorie der opti-
sozialen Netzwerks werden. Dank dieser Strategie ist malen Distinktheit strebt man tatsächlich nach
Facebook sehr schnell zu einem globalen Phänomen einem Gleichgewicht zwischen diesen beiden grund-
geworden. legenden Bedürfnissen. Um dies zu erreichen, ver-
Das Streben nach Einzigartigkeit beeinflusst aber meidet man einerseits Situationen oder Handlungen,
nicht nur unsere Konsumentscheidungen. Die psy- bei denen man zu individualistisch erscheint, und
chologischen Erkenntnisse veranschaulichen, dass andererseits Situationen und Handlungen, bei denen
die Wahrnehmung der eigenen Einzigartigkeit für man zu abhängig von der Gesellschaft wirkt.
unser Selbstbild sehr wichtig ist. Ein Beispiel dafür wäre ein neuer Job. Eine neue
Es wird deutlich, dass der Wunsch, „eine Aus- Arbeit bedeutet ein neues Arbeitskollektiv, und
nahme zu sein“, also das Streben nach Einzigartig- dadurch steht man vor einem Dilemma: Adaptation
keit, ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen ist oder Opposition. Natürlich ist es vernünftig, sich mit
und die Funktion hat, ein klares Bild von sich selbst den Kollegen anzufreunden, nach Gewohnheiten
zu erschaffen. Unsere Einzigartigkeit ist ein relatives im Betrieb zu fragen und das eigene Verhalten dem
Konstrukt, das nur im Vergleich mit anderen ver- der Kollegen teilweise anzugleichen. Das bedeutet:
wirklicht werden kann. Aus diesem Grund handeln keine bunten Shorts, falls sie gegen die Kleiderord-
wir oft gegen unsere ursprünglichen Absichten, um nung verstoßen, und kein Anzug, wenn alle anderen
uns von anderen zu unterscheiden. Um einzigartig Jeans tragen. Man akzeptiert die Regeln und Normen
zu sein, sollten wir aber einfach unseren eigenen dieser neuen Gruppe, lässt aber trotzdem Platz für
Weg finden, auf unser Herz hören und uns selbst treu Individualität.
bleiben, statt zu versuchen eine Ausnahme zu sein. Im Laufe des Lebens variieren die Bedürfnisse
Wahre Einzigartigkeit wird nur durch einen der Menschen. Manchmal überwiegt das Bedürf-
authentischen Lebensstil erreicht. Wir sind vor nis nach sozialer Identität. Das passiert vor allem,
allem dann authentisch, wenn unser Handeln unser wenn die Meinung der Gruppe oder unserer Freunde
wahres Ich reflektiert, wenn wir selbst entschei- uns sehr wichtig ist, wenn wir die anderen Mitglie-
den, was und wie wir etwas tun, sagen und erleben. der als Experten betrachten, wenn sie sich über die
Merkmale von Authentizität sind Verständnis und Richtigkeit ihres Handelns einig sind oder wenn die
Literaturverzeichnis
23 3
Gruppe uns sehr stark beeinflusst. In solchen Situ- Büchmann, G. (1977). Geflügelte Worte. München: Komet.
Campbell, J. D. (1990). Self-esteem and clarity of the self-
ationen sind wir motiviert, uns den anderen anzu-
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passen. In diesem Fall wird das Stichwort „Sag mir, 59(3), 538–549.
wer dein Freund ist, und ich sage dir, wer du bist“ de Cervantes Saavedra, M. (2000). Der sinnreiche Junker Don
relevant. Manchmal legen wir aber viel mehr Wert Quijote von der Mancha – Zweites Buch. Düsseldorf:
auf unsere private Identität. Das Streben nach Ein- Winkler.
Dickson, P. (2013). The official rules: 5,427 laws, principles, and
zigartigkeit ist dann ausgeprägter, wenn der Druck
axioms to help you cope with crises, deadlines, bad luck,
der Umgebung stärker wird oder wenn unsere Ähn- rude behaviour, red tape, and attacks by inanimate objects.
lichkeit mit den anderen zu auffällig ist. Dann suchen New York: Dover Publications.
wir nach Unterschieden und tendieren zu nonkon- Franke, N., & Schreier, M. (2008). Product uniqueness as a dri-
formem Verhalten. In diesem Fall könnte man sagen ver of customer utility in mass customization. Marketing
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„Ohne Ausnahme jeder möchte eine Ausnahme sein“.
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Eine kohärente Gesellschaft ist unvorstellbar, Frankfurt am Main: Insel.
wenn alle Individualisten sind; ein hohes Niveau von Janis, I. L. (1972). Victims of groupthink: a psychological study
Konformität blockiert aber die Entwicklung. Deshalb of foreign-policy decisions and fiascoes. Boston: Houghton
ist ein Gleichgewicht zwischen diesen beiden Konst- Mifflin.
Kernis, M. H., & Goldman, B. M. (2006). A multicomponent
rukten die einzige Lösung, der „goldene Mittelweg“.
conceptualization of authenticity: Theory and research.
Man darf und sollte nach Zugehörigkeit streben Advances in Experimental Social Psychology 38, 283–357.
und sich mit der Bezugsgruppe identifizieren, aber Lynn, M. (1991). The effects of scarcity on perceived value:
gleichzeitig nicht zu einer meinungslosen Mario- Investigations of commodity theory. Psychology &
nette werden. Man darf und sollte nach Exklusivi- Marketing 8(1), 43–57.
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zeitig sollte man begreifen, dass Individualität nicht Social Psychology 33(6), 743–754.
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25 4

Gleich und Gleich gesellt sich gern


Clara Mihr

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_4

4.1 Einleitung 4.2 Similarity-Attraction-Effekt

Wenn es um partnerschaftliche Beziehungen geht, „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ – zu diesem
scheiden sich im Volksmund die Geister. Sowohl Schluss kommt eine Vielzahl wissenschaftlicher
„Gleich und Gleich gesellt sich gern“ als auch „Gegen- Untersuchungen im Labor (z. B. Byrne u. Nelson
sätze ziehen sich an“ sind im Alltag gern genutzte 1964) und im Feld (z. B. Amos 1971). Personen, die
Sprichwörter, und sicherlich kann jeder von uns ein sich hinsichtlich Intelligenz, Ausbildung, Werten,
Paradebeispiel für eine Beziehung, die zu dem einen Glaube, Ethnie, sozioökonomischem Statuts und
oder dem anderen Sprichwort passt, aus seinem physischer Attraktivität ähneln, fühlen sich eher
persönlichen sozialen Umfeld präsentieren. Anschei- zueinander hingezogen und berichten von größe-
nend haben also beide Sprichwörter – obgleich gänz- rer Zufriedenheit in einer Beziehung (Buss 1985;
lich gegensätzlich – im alltäglichen Gebrauch ihre Tan u. Singh 1995). Dieses Phänomen wird
Daseinsberechtigung. Similarity-Attraction-Effekt genannt und konnte
Was jedoch sagt wissenschaftliche psycholo- für Persönlichkeitseigenschaften (Banikiotes u. Nei-
gische Forschung dazu? Was ist dran, an solchen meyer 1981), Einstellungen (Byrne et al. 1971), phy-
Volksweisheiten, und wie kommt es, dass sie neben- sische Attraktivität (Peterson u. Miller 1980) und
einander bestehen, obwohl sie einander auf den Hobbys gezeigt werden (Werner u. Parmelee 1979).
ersten Blick ausschließen. Gilt womöglich – wie so
oft im Leben – auch hier, die Devise „Ja, aber“? Dem
wollen wir im Folgenden auf den Grund gehen. Dazu 4.2.1 Erklärungsansätze
betrachten wir zunächst psychologische Theorien
und Erklärungsansätze, auf denen die Sprichwörter Eine denkbar simple Erklärung für den Similarity-
jeweils basieren. Wo ergänzen sich die Sprichwör- Attraction-Effekt ist Verfügbarkeit. Menschen mit
ter möglicherweise oder wo liegen Überschneidun- ähnlichen Lebensumständen und Bildungshinter-
gen vor? Schließlich stellen wir uns die Frage, welche gründen, derselben Religion, gleichen Werten und
Kontexteinflüsse und Begleitumstände eine Rolle Gewohnheiten oder ähnlichen Freizeitaktivitäten
spielen? Macht es beispielsweise einen Unterschied, verkehren in ähnlichen sozialen Umfeldern und
welche spezifische Persönlichkeitseigenschaft wir lernen sich daher schneller und häufiger kennen.
betrachten? Ist bei der einen womöglich eher Ähn- Die Auswahl an potenziellen Kandidaten für eine
lichkeit und bei der anderen eher Gegensätzlichkeit Partnerschaft ist also automatisch eher auf Perso-
von Vorteil? Ist es relevant, ob wir hinsichtlich einer nen begrenzt, die uns ähnlich sind. Die resultierende
Beziehung über deren Dauer, deren Bestand oder soziale Homogamie, d. h., die Wahl eines Partners,
über anfängliche Verliebtheit sprechen? Bestehen der möglichst gleiche Bedingungen (Abstammung,
womöglich kulturelle Unterschiede? Alter, Bildungsniveau, sozialer Status, finanzielle
26 Kapitel 4 · Gleich und Gleich gesellt sich gern

Lage, Hobbys, politische Neigung, Religion) in eine von Condon und Crano (1988), dass vielmehr die
Partnerschaft einbringt, beschreibt einen eher passi- wahrgenommene Ähnlichkeit als die tatsächliche für
ven, indirekten Effekt auf Ähnlichkeiten in Partner- den Effekt verantwortlich ist.
schaften (Watson et al. 2004). Damit es zwischen zwei Menschen „funkt“, ist
Darüber hinaus können der Wahl eines ähn- nicht die reale Ähnlichkeit zwischen ihnen entschei-
lichen Partners auch ganz eigennützige Motive dend, sondern lediglich der Eindruck, dass sie sich
zugrunde liegen. Nach der Selbstverifizierungstheo- ähneln. In Wirklichkeit können die Personen ganz
rie von Swann u. Read (1981) streben wir Menschen verschieden sein. Wenn sie aber das Gefühl haben,
4 danach, ein konsistentes, zusammenhängendes Bild sich in vielen Aspekten ähnlich zu sein, führt das
von uns selbst zu erhalten, indem wir unser Selbst- zu größerer Sympathie. Setzt man hingegen zwei
konzept, d. h. die Annahmen, die wir über uns selbst Menschen zusammen, die sich tatsächlich ähnlich
haben, von anderen bestätigt bekommen. Durch sind, im Sinne von geteilten Eigenschaften, ist
Interaktion mit Personen, die uns ähnlich sind, unser nicht zwangsläufig mit gegenseitiger Anziehung zu
Verhalten ergänzen und unsere Einstellungen und rechnen. Allein die wahrgenommene Ähnlichkeit
Werte gutheißen, erfahren wir Selbstbestätigung und erhöht also die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine
ein Gefühl der Sicherheit (Markey u. Markey 2007). andere Person mögen (Tidwell et al. 2013).
Dabei streben wir laut der Selbsterhöhungstheorie Über die Kausalitätsrichtung dieses Effekts gibt
jedoch nicht nur nach möglichst akkuratem, sondern es verschiedene Annahmen. Es ist plausibel, dass
auch nach möglichst positivem Feedback (Sedikides wahrgenommene Ähnlichkeit zu Anziehung führt;
u. Strube 1995). Bei Personen, die uns ähnlich sind, ebenso besteht die Möglichkeit, dass Anziehung dazu
also unsere Ansichten und Verhaltenstendenzen führt, Ähnlichkeiten eine größere Bedeutung bei-
teilen, ist die Wahrscheinlichkeit, positives Feedback zumessen (Morry 2005). Insbesondere in der Ken-
zu bekommen, größer, weshalb wir uns gerne mit nenlernphase spielt die gezielte Suche nach Ähn-
ihnen umgeben (Swann et al. 1994). Darüber hinaus lichkeiten eine große Rolle. Gemeinsamkeiten und
gibt es Befunde, die zeigen, dass wir uns nicht nur zu ähnliche Interessen bieten eine Gesprächsgrundlage,
Menschen hingezogen fühlen, die uns im Hinblick und wenn die Unterhaltung interessant ist und die
auf unser tatsächliches Selbst ähnlich sind, sondern Chemie zwischen den Gesprächspartnern stimmt,
auch zu denjenigen, die so sind, wie wir gerne wären, wird der Tatsache, dass beispielsweise beide den-
d. h., die Ähnlichkeit mit unserem idealen Selbst selben Fußballverein mögen, womöglich eine viel
haben (LaPrelle et al. 1990; Klohnen u. Luo 2003). größere Bedeutung zugesprochen, als wenn sie
Des Weiteren ermöglicht uns das Wissen über einander unsympathisch wären und das Gespräch
Vorlieben oder Abneigungen von Personen, die ähn- langweilig. Abhängig davon, wie unser Bauchgefühl
liche Einstellungen wie wir selbst haben, deren Reak- gegenüber einem Menschen ist, den wir neu ken-
tionen besser zu verstehen und vorherzusagen und nenlernen, bewerten wir Informationen über Ähn-
unser Verhalten ihnen gegenüber anzupassen. Der lichkeiten oder Gegensätze unterschiedlich stark. Je
Umgang mit ähnlichen Personen gibt uns folglich sympathischer uns jemand nach der ersten Begeg-
nicht nur Aufschluss über uns selbst, sondern ver- nung ist, desto mehr Ähnlichkeiten fallen uns auf
einfacht auch die Verhaltensvorhersage (Berscheid und desto stärker werden sie gewichtet. Die wahrge-
u. Walster 1969; Byrne 1971). nommene Ähnlichkeit ist also nicht unbedingt Vor-
aussetzung, sondern vielmehr Resultat der Anzie-
hung (Murray et al. 2002). Plakativ könnte man
4.2.2 Tatsächliche vs. sagen, wir verlieben uns nicht, weil wir uns ähnlich
wahrgenommene Ähnlichkeit sind, sondern glauben, dass wir uns ähnlich sind, weil
wir uns verliebt haben. Dieser Effekt scheint nicht
„Gleich und gleich gesellt sich gern“ galt lange Zeit als nur in der Kennenlernphase zu gelten, sondern
eine Art Dogma der Psychologie, wenn es um zwi- auch in bestehenden Beziehungen. In einer sehr
schenmenschliche Beziehungen ging. Allerdings frühen Untersuchung mit verheirateten Paaren
zeigen bereits sehr frühe Untersuchungen wie die konnten Buunk und Bosman (1986) zeigen, dass
4.3 · Komplementarität: Gegensätze ziehen sich an
27 4
es für gegenseitige Anziehung lediglich ausschlag- Dieses unbewusste Streben nach genetischem
gebend ist, wenn Individuen glauben, ihre Partner Gegensatz ist ein Relikt der Evolution und soll
seien ihnen ähnlich – unabhängig davon, ob eine gesunden Nachwuchs garantieren, da die Verbin-
reale Ähnlichkeit besteht oder nicht. Auch auf die dung verschiedener Immunsysteme die Stärkung der
Zufriedenheit in der Beziehung haben tatsächliche körpereigenen Abwehr der Nachkommen fördert.
Ähnlichkeiten kaum einen Einfluss (Dyrenforth
et al. 2010; Shiota u. Levenson 2007).
4.3.2 Optimale Distinktheit: das Salz
in der Suppe
4.3 Komplementarität: Gegensätze
ziehen sich an Auch wenn sich die sozialpsychologische Forschung
insgesamt einig darüber ist, dass bei der Partnerwahl
4.3.1 Tribut an die Evolution generell das Ähnlichkeitsprinzip überwiegt, kommt
hinsichtlich bestimmter Persönlichkeitseigen-
Ganz banale Evidenz für das Sprichwort „Gegensätze schaften auch das Ergänzungsprinzip zum Tragen.
ziehen sich an“ liefert die Tatsache, dass Liebesbezie- Gegensätze stellen sozusagen das Salz in der Suppe
hungen mehrheitlich heterosexuell sind. Wir suchen aus Übereinstimmungen dar. Um die Suppe nicht
also insofern nach Gegensätzen, als wir uns in der zu versalzen, dürfen dabei die Gegensätze jedoch
Regel zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen. nicht überwiegen. Laut der Theorie der optimalen
Evolutionär betrachtet und im Hinblick auf Repro- Distinktheit streben wir nach einer ausgewogenen
duktion ist diese natürliche Anziehung essenziell, um Balance zwischen dem Bedürfnis nach Zugehörig-
die Erhaltung unserer Art zu garantieren. keit, die durch Ähnlichkeit bestimmt ist, und dem
Doch nicht nur in Bezug auf das Geschlecht Bedürfnis nach Abgrenzung bzw. Einzigartigkeit
spielen Gegensätze bei der Fortpflanzung und damit (Brewer 1991, 2003). Dabei ist es auch besonders
auch bei der Partnerwahl eine Rolle. Offenbar sind wichtig, zwischen unterschiedlichen Persönlichkeits-
wir in dieser Hinsicht viel stärker von unseren Genen eigenschaften zu differenzieren, da bei einigen Ähn-
und Trieben gesteuert, als wir vielleicht glauben lichkeit, bei anderen Komplementarität von Vorteil
möchten. Die Natur hat uns so geschaffen, dass wir ist, wie wir im Folgenden sehen werden.
bemüht sind, unser eigenes Erbgut mit einem mög-
lichst unterschiedlichen anderen Erbgut zu vermi-
schen, um eine größtmögliche Vielfalt zu erreichen. 4.3.3 Komplementaritätsansatz
Folglich wählen wir beispielsweise Sexualpartner,
deren Immunsystem sich stark von unserem eigenen Der Komplementaritätsansatz besagt, dass Indivi-
unterscheidet. Zentral ist dabei der sog. Haupthisto- duen sich besonders zu potenziellen Partnern hin-
kompatibilitätskomplex oder Hauptgewebeverträg- gezogen fühlen, die sie und ihre persönlichen Eigen-
lichkeitskomplex. Diese Gruppe von Genen legt das schaften ergänzen. Einen Grund dafür sehen De
individuelle Immunsystem fest und bestimmt über Raad und Doddema-Winsemius (1992) beispiels-
das Erkennen körpereigener und fremder Zellen weise darin, dass ein gegensätzlicher Partner mit
und die Gewebeverträglichkeit bei Transplantatio- größerer Wahrscheinlichkeit unseren Bedürfnissen
nen. Einen im Hinblick auf diese Gengruppe geeig- gerecht wird. So mag sich beispielsweise eine ängst-
neten Partner erkennen wir beispielsweise anhand liche, unsichere junge Frau eher zu selbstbewussten,
eines anziehenden oder abstoßenden Körpergeruchs. älteren Männern hingezogen fühlen, die sie beschüt-
Das heißt, wenn sich das Immunsystem eines poten- zen können (Eagly u. Wood 1999).
ziellen Partners stark von unserem eigenen unter- Markey und Markey (2007) fanden, dass Men-
scheidet, finden wir seinen Körpergeruch besonders schen in ihrer Beziehung zufriedener sind, wenn sie
anziehend. Bei einem sehr ähnlichen Immunsystem sich hinsichtlich der Charaktereigenschaft Dominanz
hingegen stößt uns der Körpergeruch eher ab (Wede- unterscheiden, d. h., wenn sie sich insofern ergänzen,
kind et al. 1995). als sich eine Person eher dominant und die andere
28 Kapitel 4 · Gleich und Gleich gesellt sich gern

eher submissiv verhält. Starke Ähnlichkeit ist hier Individuen, die emotional sehr instabil oder neuro-
eher von Nachteil. Der Grund dafür liegt auf der tisch sind, vermutlich eher einen starken Partner an
Hand: Eine Beziehung zwischen zwei dominanten ihrer Seite, und eine sehr extravertierte Person mit
Dickköpfen ist anfälliger für Konflikte, während eine einem großen Mitteilungsbedürfnis fühlt sich viel-
Partnerschaft zwischen zwei sehr unterwürfigen Per- leicht eher zu ruhigen Personen hingezogen, die gut
sonen möglicherweise zu Frustration führt, da keiner zuhören können (Rammstedt u. Schupp 2008).
der beiden je die Initiative ergreift und beide ihren
Ärger lieber in sich hineinfressen, als den Mund auf-
4 zumachen. Jedoch zeigte sich auch hier wieder, dass 4.3.4 Extreme, nach außen
tatsächliche und wahrgenommene Unterschiede wahrnehmbare Unterschiede
nicht unbedingt übereinstimmen müssen, um diesen
Effekt zu finden. Personen, die sich in Bezug auf Statt wie „Topf auf Deckel“, wie „Feuer und Wasser“ –
Dominanz tatsächlich unterscheiden, geben trotz- manche Paare könnten auf den ersten Blick unter-
dem an, ihren Partner ähnlich zu sich selbst wahr- schiedlicher nicht sein: Sie ist 20 cm größer als er
zunehmen. Offenbar basiert das Urteil des Partners und 20 kg schwerer; er 15 Jahre jünger als sie; sie ist
über die Ähnlichkeit bezüglich einer Eigenschaft viel- schwarz, er weiß; er kommt aus der Türkei, sie aus
mehr darauf, wie zufrieden er mit der Beziehung ist. Deutschland. Partnerschaften zwischen Personen,
So kann es sein, dass eine Ähnlichkeit wahrgenom- die in den Augen der Öffentlichkeit nicht zusam-
men wird, obwohl faktisch ein Gegensatz besteht, menpassen und nicht der gesellschaftlichen Norm
womöglich insbesondere dann, wenn die Eigenschaf- entsprechen, müssen einiges aushalten können.
ten komplementär gut funktionieren wie im Fall von Doch genauso wie unter Druck Diamanten entste-
Dominanz (Dryer u. Horowitz 1997). hen, kann auch das Gefühl, im gesellschaftlichen
Auch für einige der klassischen Big-Five- Abseits zu stehen, Paare noch näher zusammenbrin-
Persönlichkeitsdimensionen gilt das Sprichwort gen. Extreme Unterschiede zwischen zwei Partnern,
„Gegensätze ziehen sich an“. Während es für die beispielsweise in Bezug auf Alter, Einkommen oder
Dimensionen Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Attraktivität, sind häufig Ziele sozialer Vorurteile,
Neues und Verträglichkeit von Vorteil ist, dem und zwar sowohl von Personen aus den eigenen
Partner ähnlich zu sein, finden sich bei den Fakto- sozialen Netzwerken als auch von der Gesellschaft
ren Neurotizismus und Extraversion geringere Über- insgesamt. Dies muss aber nicht immer einen Belas-
einstimmungen in Partnerschaften. Betrachtet man tungsfaktor darstellen. Lehmiller und Agnew (2007)
Verhaltensweisen, die mit den genannten Persönlich- fanden beispielsweise heraus, dass sich Individuen in
keitsdimensionen assoziiert sind, erscheinen diese einer Beziehung fernab vom Mainstream viel stärker
Befunde intuitiv logisch. Wenn eine sehr gewissen- mit ihrem Partner verbunden fühlen als konventio-
hafte, d. h. ordentliche, Sauberkeit liebende und ver- nelle Paare. Die Abgrenzung durch die Gesellschaft
antwortungsbewusste Person und eine sehr wenig fördert womöglich die Einstellung „Wir gegen den
gewissenhafte Person aufeinandertreffen, können Rest der Welt“ und schweißt dadurch unkonventio-
die unaufgeräumte Küche oder die herumliegen- nelle Liebespaare noch enger zusammen.
den Sportsocken schnell zu Konflikten führen. Auf
den Dimensionen Neurotizismus und Extraversion
hingegen werden Gegensätze besser verkraftet und 4.4 Weitere Einflüsse
sind für eine gut funktionierende Beziehung sogar
erwünscht oder notwendig. Man kann sich einerseits 4.4.1 Zeitkomponente: Anfängliche
gut vorstellen, dass eine Beziehung zwischen zwei Verliebtheit vs. langfristige
labilen Neurotikern tendenziell weniger stabil ist, Beziehung
und andererseits, dass beim Aufeinandertreffen von
zwei extravertierten Entertainern womöglich häu- Wir kennen sie alle, die rosarote Brille, die Verlieb-
figer die Fetzen fliegen und beide Schwierigkeiten ten zu Beginn einer Beziehung den Blick vernebelt.
haben, zu Wort zu kommen. Daher wünschen sich Der Partner scheint makellos, und den schlechten
4.5 · Fazit
29 4
Eigenschaften wird keine Beachtung geschenkt stellen. Diese Haltung scheint in individualistischen
oder sie werden schöngeredet (Barelds et al. 2011). Kulturen wie in Nordamerika stärker verbreitet zu
In dieser Phase zu Beginn einer Partnerschaft stören sein als in kollektivistischen wie in Japan.
uns auch offensichtliche Gegensätze nicht, vielmehr Die Ergebnisse, die für den Zusammenhang zwi-
werden sie als interessant und aufregend empfun- schen Selbstwert und Similarity-Attraction-Effekt
den. Felmlee (1995) nennt diesen Reiz des Fremden gefunden wurden, sind allerdings nicht ganz eindeu-
„fatal attraction“, verhängnisvolle Anziehung. Die tig, sodass es weiterer Forschung in diesem Bereich
Anziehung ist insofern verhängnisvoll, als sie auf bedarf. Eine andere Erklärung für kulturelle Unter-
lange Sicht nicht von Bestand ist. Von „fatal attrac- schiede bezüglich der Stärke des Similarity-Attrac-
tion“ spricht man dann, wenn eine Eigenschaft, die tion-Effekt könnte die größere Beziehungsmobili-
vom Partner im Laufe der Zeit als unattraktiv emp- tät in Nordamerika sein. Beziehungsmobilität meint
funden wird, lediglich eine übertriebene Ausprägung das Gefühl, über viele Möglichkeiten zu verfügen,
derselben Eigenschaft ist, die zu Anfang besonders neue Beziehungen aufzubauen (Schug et al. 2009).
attraktiv war. Somit können genau die Eigenschaf- In „offenen Beziehungsmärkten“ westlicher Länder
ten, die dafür sorgen, dass sich zwei Menschen inei- haben die Menschen viele Gelegenheiten, neue
nander verlieben, später der Grund für eine Tren- Beziehungen einzugehen und achten dabei vermehrt
nung sein. Eine Frau, die sich wegen seines „Sinns für auf bestimmte Eigenschaften, die sie an anderen
Humor“ in einen Mann verliebt hat, wird vielleicht anziehend finden, wie beispielsweise Ähnlichkeit zu
später beklagen, er könne nie „ernst sein“. sich selbst. In eher „geschlossenen Beziehungsmärk-
Der Reiz des Fremden ist offenbar nicht von allzu ten“ wie in Japan hingegen sind die Möglichkeiten,
langer Dauer. Zu diesem Schluss kommt auch eine außerhalb der dauerhaften Ingroup eine neue Bezie-
Untersuchung von Barelds und Dijkstra (2007), die hung aufzubauen, begrenzt, weswegen Individuen
zeigt, dass sich Personen, die sich die Zeit nehmen, womöglich weniger Wert auf bestimmte Eigenschaf-
ihren potenziellen Partner erst richtig kennenzuler- ten legen, die sie anziehend finden (Adams 2005).
nen – im Gegensatz zu denen, die sich Hals über Kopf
verlieben und in eine Beziehung stürzen – eher auf
einen Partner einlassen, der ihnen ähnlich ist. 4.5 Fazit

So komplex, vielfältig und facettenreich wie die Liebe


4.4.2 Kultur selbst scheinen auch die Sprichwörter zu sein, die
der Volksmund sich ausgedacht hat, um eine gewisse
Auch kulturelle Prägungen haben möglicherweise Regelhaftigkeit in das Chaos zu bringen. Es kommt
einen Einfluss darauf, ob uns eher Gegensätze anzie- offenbar auch nicht von ungefähr, dass dabei seit
hen oder wir uns lieber zu unseresgleichen gesellen. jeher zwei gegensätzliche Sprichwörter in Gebrauch
Heine et al. (2009) fanden heraus, dass der Similari- sind. Psychologische Forschung der letzten Jahr-
ty-Attraction-Effekt in Japan deutlich schwächer aus- zehnte macht deutlich, dass beide Sprichwörter ihre
fällt als im westlich geprägten Nordamerika. Einen Daseinsberechtigung haben. „Gleich und Gleich
Grund dafür sehen die Forscher in einem Zusam- gesellt sich gern“ gilt ebenso wie „Gegensätze ziehen
menhang mit dem Selbstwertgefühl, das sie aufgrund sich an“. Entscheidend ist wohl letzten Endes – wie
der erhobenen Daten bei Nordamerikanern stärker mit nahezu allem im Leben – eine gute Balance.
ausgeprägt sehen als bei Japanern. Individuen, die Gemeinsamkeiten bieten eine solide Basis für eine
ein sehr positives Bild von sich selbst haben, schei- langfristige Beziehung, wobei besonders gleiche
nen Personen, die ihnen ähnlich sind, eher zu mögen Wertvorstellungen (Berscheid u. Walster 1969) und
als solche mit einem weniger positiven Selbstwert. ähnliche kommunikative Fähigkeiten wichtig sind
Diese Tendenz, sich zu Individuen hingezogen zu (Burleson et al. 1994).
fühlen, die einem ähneln, ist – überspitzt formuliert Unterschiede können sowohl am Anfang einer
– die ultimative Form von Egotismus, d. h., die über- Beziehung aufregend sein als auch langfristig die
trieben Neigung, sich selbst in den Vordergrund zu Spannung erhalten, indem sie eine gewisse Distanz
30 Kapitel 4 · Gleich und Gleich gesellt sich gern

schaffen und eine Reibungsfläche bieten, die für Buss, D. M. (1995). Evolutionary psychology: A new paradigm
for psychological science. Psychological Inquiry 6, 1–30.
viele Paare wichtig ist. Was den Charakter angeht,
Buunk, B. P., & Bosman, J. (1986). Attitude similarity and attrac-
sind Ähnlichkeiten vorteilhaft, aber nicht zwingend tion in marital relationships. Journal of Social Psychology,
notwendig. Anscheinend ist es ohnehin wichtiger, 126, 133–134.
wie wir unseren Partner wahrnehmen und über ihn Byrne, D. (1971). The attraction paradigm. New York: Academic
denken, als wie er tatsächlich ist. Denn obgleich sich Press.
Byrne, D., & Nelson, D. (1964). Attraction as a function of atti-
bestimmte Regelmäßigkeiten für zwischenmensch-
tude similarity-dissimilarity: The effect of topic importance.
liche Anziehung und den Erfolg oder das Scheitern Psychonomic Science, 1, 93–94.
4 von Partnerschaften finden lassen, ist am Ende doch Byrne, D., Baskett, G. D., & Hodges, L. (1971). Behavioral indica-
jeder Mensch und jede Beziehung einzigartig und tors of interpersonal attraction. Journal of Applied Social
wird von so vielen Faktoren beeinflusst, dass der Ver- Psychology, 1, 137–149.
Condon, J. W., & Crano, W. D. (1988). Inferred evaluation and
gleich von Ähnlichkeiten und Gegensätzen regel-
the relation between attitude similarity and interpersonal
recht plump erscheint. Solange uns nämlich Bauch attraction. Journal of Personality and Social Psychology, 54,
und Herz sagen, dass es passt, zieht auch der Kopf 789–797.
nach und schert sich wenig darum, ob das nun daran De Raad, B., & Doddema-Winsemius, M. (1992). Factors in the
liegt, dass der Partner uns ähnlich ist oder uns durch assortment of human mates: Differential preferences in
Germany and the Netherlands. Personality and Individual
seine Gegensätzlichkeit ergänzt.
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33 5

Jeder ist sich selbst der Nächste – Eine Hand


wäscht die andere
Manuel Stabenow

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_5

5.1 Einleitung 5.2 Handeln im Eigeninteresse

Wir leben in einer hochkomplex organisierten und Das Sprichwort „Jeder ist sich selbst der Nächste“
kapitalistischen Gesellschaftsform mit großer individu- stammt aus der Komödie Andria von Publius Terent-
eller Selbstverantwortung und Wahlfreiheit. Das Gebot ius Afer (deutsch: Terenz; ca. 190–160 v. Chr.). Als
der eigenen Leistungsmaximierung besitzt fast norma- freigelassener Sklave aus Nordafrika schrieb er bis
tiven Charakter. Ständig müssen wir neu entscheiden, in die Moderne wirkende, humanistisch geprägte
wie wir uns in dem Spannungsfeld eigener und fremder Komödien für die römische Oberschicht. In dem
Interessen verhalten wollen. Soll ich meinen Kollegen Stück wirft ein Freund dem anderen Rücksichtslosig-
ausbooten, um selbst an den begehrten neuen Job zu keit vor, weil dieser die Frau, die er liebt, anscheinend
kommen, obwohl er eigentlich an der Reihe wäre? zu heiraten beabsichtigt. Zur Verteidigung seines
Wie kann ich die Unterstützung der Kollegin erhalten, Handelns fällt der Satz: „Proximus sum egomet mihi“
damit ich mein Projekt erfolgreich abschließen kann? (Seidel 2011).
Soll ich in der WG das Geschirr von allen abwaschen, Das Sprichwort lässt sich in diesem Kontext so
obwohl ich dazu keine Lust habe? Schnapp ich dem verstehen, dass Menschen bei bestehendem Eigenin-
anderen Autofahrer den Parkplatz weg? teresse bereit sind, anderen Schaden bzw. Leid zuzu-
Zur Beantwortung sowohl dieser alltäglichen als fügen. Es zeigt den Menschen als Egoisten, der seine
auch schwerwiegenderer Fragen könnten uns z. B. eigenen Bedürfnisse und Interessen ohne Rücksicht
die Sprichwörter „Jeder ist sich selbst der Nächste“ auf die Belange seiner Mitmenschen durchzusetzen
und „Eine Hand wäscht die andere“ nützen. Beide gewillt ist.
befassen sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln
mit dem elementaren Komplex von „Geben und
Nehmen“, der das Zusammenleben aller sozialen 5.2.1 Wissenschaftliche Theorien
Gemeinschaften bestimmt (Adloff u. Mau 2005).
Während das erste Sprichwort den Eigennutzen Ein früher Vertreter dieser Auffassung ist der Phi-
als dominierendes und universelles Motiv formu- losoph und Staatstheoretiker, Thomas Hobbes
liert, weist uns das zweite auf die Notwendigkeit des (1588–1679). Er gilt als der Begründer der moder-
Kooperierens hin. Auf den ersten Blick scheint hier nen Wissenschaft vom Politischen. Für ihn gibt es
also ein Widerspruch zu bestehen. Da wir aber in den aus der Natur des Menschen heraus keinen univer-
Sprichwörtern nichts über die Bedingungen erfah- sell verbindlichen moralischen Standard, sondern es
ren, unter denen sie jeweils Geltung haben könnten, herrscht das Primat des eigenen Interesses als uni-
lohnt es sich, einen Blick auf ihre originäre Herkunft verselles Gesetz. Als Konsequenz – zur Verhinde-
und Bedeutung zu werfen und zu prüfen, ob sich aus rung einer dadurch allgegenwärtigen Gefahr eines
dem wissenschaftlichen Bereich Hinweise für ihre rücksichtslosen Kampfes eines „Jeden gegen Jeden“ –
Gültigkeit finden lassen. forderte er eine uneingeschränkte staatliche Gewalt
34 Kapitel 5 · Jeder ist sich selbst der Nächste – Eine Hand wäscht die andere

zur Durchsetzung der notwendigen Rechte und Werde ich also tatsächlich dem anderen Autofahrer
Pflichten (Zeitverlag Gerd Bucerius 2006). den Parkplatz wegschnappen, das Geschirr stehen-
Im 19. Jahrhundert entsteht unter Bezugnahme lassen und meinen Kollegen ausbooten, und muss ich
auf Darwins Evolutionstheorie der sog. Soziald- davon ausgehen, dass meine Mitmenschen ebenfalls
arwinismus. Darwin versucht das selbstbezogene so handeln würden? Der unbefangene Laie würde
Handeln evolutionsbiologisch zu erklären und zu wohl spontan antworten: „Es kommt darauf an.“
rechtfertigen. Der tägliche Kampf ums Überleben
führt ihm zufolge unweigerlich zu einem Konkur-
renzkampf zwischen den Menschen, wobei nur der 5.2.2 Empirische Überprüfung
Tüchtigste und Stärkste (Egoistischste) überlebt
5 (Reusch 2000). Die Überprüfung der Vorhersagekraft des Homo-
Das Konzept eines rein auf den eigenen Nutzen oeconomicus-Modells fand vor allem im Rahmen
konzentrierten Handelns wird ab dem 20. Jahrhun- der empirischen Entscheidungstheorie statt (Wessler
dert vor allem in ökonomischen Theorien radikal 2012). Es wurde geprüft, ob Menschen tatsächlich
vertreten. Zur Erklärung menschlichen Verhaltens bevorzugt nichtkooperative Strategien verfolgen. Das
im wirtschaftlichen Bereich postulieren Theorien bekannteste Experiment ist sicher das im Rahmen
wie die der rationalen Erwartungen (Lucas u. Pre- der Spieltheorie entwickelte sog. Gefangenendi-
scott 1971) und die Spieltheorie (Holler u. Illing lemma, das auf viele Bereiche ökonomischer und
2000) ein rein rational gesteuertes und eigennütziges politischer Phänomene anwendbar ist (Varian 2011).
Entscheidungsverhalten. Der Homo oeconomicus Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen wurden,
ist geboren. Dem Homo oeconomicus wird unter- fanden weit über den wirtschaftlichen Bereich und
stellt, dass er stets rationale und eigennützige Ent- das reine Marktverhalten hinaus Beachtung (Frey u.
scheidungen trifft, die dadurch gekennzeichnet sind, Benz 2001).
dass er im Hinblick auf erwartete Folgen handelt und Die ursprüngliche Version geht auf den Psycho-
bestrebt ist, seinen Nutzen zu maximieren (Kirch- logen Tucker zurück, der 1950 in einem Vortrag über
gässner 1991). Er wägt ausschließlich zwischen den Spieltheorie das folgende soziale Dilemma zur Ver-
erwarteten Kosten und dem Nutzen verschiedener anschaulichung formulierte:
Alternativen ab und entscheidet sich dann für die
Alternative mit dem größten Nutzen. Nach Falk » Es ist gelungen, zwei Verbrecher zu fassen,
(2003) bildet die Idee des Menschen als eigennützi- die eines schweren Vergehens verdächtig
gem Nutzenmaximierer den verhaltenstheoretischen sind, das ihnen aber nicht in vollem Umfang
Kern nahezu aller ökonomischen Verhaltensmodelle. nachgewiesen werden kann: Man ist hier
Die Ökonomen formulierten damit ein Men- auf ein Geständnis angewiesen. Es ist aber
schenbild, das in der Folge auf alle Bereiche mensch- möglich, die beiden für eine geringere Straftat
lichen Handelns übertragen wurde (Frey u. Benz zu verurteilen, was zwei Jahre Gefängnis
2001). Der Reiz des ökonomischen Verhaltensmo- bedeuten würde. Nun bietet die Staatsan-
dells besteht dabei darin, dass es einheitlich und all- waltschaft den beiden folgende Regelung an:
gemeingültig ist und klare Vorhersagen erlaubt (Frey Sagt einer von ihnen als Kronzeuge aus, so
u. Benz 2001). Und damit kommen wir zu unserem kommt er frei, während der andere die volle
Sprichwort zurück, das in seiner Formulierung ja Strafe von sechs Jahren erhält. Belasten sich
ebenfalls Allgemeingültigkeit beansprucht. In der beide Gefangenen gegenseitig, so bekommen
Tat lässt sich die Behauptung „Jeder ist sich selbst der beide jeweils vier Jahre. (Wessler 2012, S. 33)
Nächste“ im Modell des Homo oeconomicus voll-
ständig wiederfinden. Für den Einzelnen ist es am sichersten zu gestehen,
Aber lassen sich die eingangs formulierten beidseitiges leugnen aber verspricht das beste Gesamt-
Fragen damit sicher und verlässlich beantworten und ergebnis. Seitdem spricht man von einem einmaligen
erklärt das klassische ökonomische Verhaltensmo- Gefangenendilemma – unabhängig von der Situation –,
dell sicher und verlässlich menschliches Handeln? wenn folgende Rahmenbedingungen vorliegen: Zwei
5.2 · Handeln im Eigeninteresse
35 5
Akteure, zwei Handlungsalternativen, symmetrische verhalten, wie es auch das Menschenbild des Homo
Auszahlungsmöglichkeiten, keine mögliche Abspra- oeconomicus annimmt. Weitere experimentelle
che, wechselseitige Interdependenzen. Untersuchungen des Gefangenendilemmas konnten
Ein typisches Beispiel aus der Wirtschaft für jedoch zeigen, dass die Kooperation zwischen den
ein einmaliges Gefangenendilemma liefert Wessler Parteien zunimmt, wenn sich die Situation mehr-
(2012): mals wiederholt (Andreoni u. Miller 1993; Bruttel u.
Kamecke 2012). Wir würden also das Geschirr abwa-
» Auf einem von zwei Unternehmen schen. Aber warum kooperieren wir?
beherrschten Markt betrachten wir nur zwei Wenn wir uns in sich wiederholenden Situatio-
Marketingstrategien: Entweder es wird in nen weiterhin egoistisch Verhalten, ist das für uns
Werbung investiert oder nicht. Die Gewinne nicht von Vorteil. Es würde sich dauerhaft sogar
(etwa in Tausender-Geldeinheiten gemessen) negativ auf unseren eigenen Nutzen auswirken. Eine
sind gleich, sofern beide werben oder beide Kooperation liegt also in unserem eigenen Interesse.
nicht werben. Im ersten Fall entstehen Damit wir eine gewisse Sicherheit haben, dass unser
Werbekosten und die Gewinne sind niedriger. Partner ebenfalls kooperieren wird, gibt es Strate-
Wirbt hingegen nur ein Unternehmen, so hat gien, mit denen wir die Situation aktiv beeinflussen
dieses einen enormen Vorsprung vor dem können. Eine Verhaltensstrategie, die sich dabei als
anderen. (Wessler (2012, S. 32) die erfolgreichste herausgestellt hat, ist einfach, aber
genial: „Tit for Tat“ („Wie du mir, so ich dir“). Es wird
Die Unternehmen müssen sich also zwischen den dabei folgendermaßen vorgegangen: Beim ersten
beiden Strategien Kooperation und Nichtkoope- Zusammentreffen zeigt man kooperatives Verhalten
ration entscheiden. Es wird jedem intuitiv sofort und antwortet dann auf Kooperation mit Koopera-
bewusst sein, dass die einzig sichere Wahl darin tion und auf nichtkooperatives Verhalten ebenfalls
besteht, sich für die Investition zu entscheiden. Es mit nichtkooperativem Verhalten (Axelrod 1984).
werden also beide Unternehmen Werbung schalten, Entscheidend für den Erfolg von „Tit for
obwohl dadurch sogar ein Nachteil für sie entsteht. Tat“ ist, dass sie eine freundliche Strategie ist. Sie
Zwar könnten beide Unternehmen ihren Gewinn beginnt mit Kooperation, wehrt sich aber sofort
noch maximieren, dafür wäre aber ein beidseitiger gegen Nichtkooperation. Kehrt der Gegner wieder
Strategiewechsel notwendig. Sie müssten koope- zurück zur Kooperation wird diese sofort positiv
rieren und sich gemeinsam entscheiden, nicht zu erwidert. „Tit for Tat“ ist damit der Beweis, dass sich
werben – ein Risiko, auf das sich aber keiner einlas- Kooperation lohnen kann. Diese Erkenntnis hat
sen würde. Die Unternehmen sollten sich also egois- u. a. großen Einfluss auf die Mitarbeiterführung in
tisch verhalten. Sie werden also tatsächlich nach der Unternehmen genommen. Das klassische „manage-
Lebensweisheit „Jeder ist sich selbst der Nächste“ ment by exception“ ist mittlerweile abgelöst von
handeln. Szenarien, wie sie im Gefangenendilemma modernen Führungsstilen, welche die Interak-
beschrieben werden, lassen sich auch im Alltag zur tion von Führungskraft und Mitarbeiter in den
Genüge finden. Mittelpunkt stellen. Handlungsleitende Koordina-
Auch die Frage, ob ich das Geschirr meiner Mit- ten sind dabei Vertrauen und Kooperationswille
bewohner abwasche oder liegen lasse, kann die Form (Braun et al. 2013).
eines Gefangenendilemmas annehmen. Kommt „Jeder ist sich selbst der Nächste“ bzw. das Modell
diese Situation nur einmal vor, wird man sich mit des Homo oeconomicus greifen also zu kurz. Wie
Sicherheit egoistisch verhalten (Kanazawa u. Fon- funktioniert es dann? Das Sprichwort „Eine Hand
taine 2013). Aber leider wird natürlich auch in den wäscht die andere“ zeigt ein anderes Menschenbild,
nächsten Tagen wieder schmutziges Geschirr anfal- das mit den Erkenntnissen der experimentellen
len. Soll ich mich in diesem wiederholenden Gefan- Wirtschaftsforschung eher übereinstimmt (Adloff
genendilemma weiterhin egoistisch verhalten? u. Mau 2005). Welche Motive und welche theoreti-
In der Theorie bleibt die einzige stabile Lösung schen Konzepte hinter diesem Sprichwort stehen, soll
weiterhin, dass sich beide Parteien egoistisch im Folgenden behandelt werden.
36 Kapitel 5 · Jeder ist sich selbst der Nächste – Eine Hand wäscht die andere

5.3 Kooperatives Handeln dass sich viele unserer Ziele nicht im Alleingang,
sondern nur in sozialer Kooperation erreichen lassen.
Das Sprichwort „manus manum lavat“ geht zurück Das Besondere an diesen allgegenwärtigen sozia-
auf den römischen Vertreter der stoischen Philoso- len Austauschprozessen besteht nach Blau (1968) in
phie und Staatsmann Seneca (4 v. Chr. bis 66 n. Chr.), folgenden Merkmalen:
der u. a. auch ranghoher Berater von Kaiser Nero war 4 Der Austausch findet freiwillig statt.
(Seidel 2011). In unserem Sprachraum fand es seine 4 Es gibt eine belohnende, verstärkende Antwort
Verbreitung durch folgenden Vierzeiler von Johann des anderen.
Wolfgang von Goethe: 4 Die anfallenden Verpflichtungen sind nicht
exakt im Vorfeld zu spezifizieren (im Unter-
5 » Mann mit zugeknöpften Taschen,/ dir tut schied zur rein wirtschaftlichen Transaktion).
keiner was zulieb‘:/ Hand wird nur von Hand 4 Ich erweise einen Gefallen bei unspezifischer
gewaschen;/ Wenn du nehmen willst, so gib! Gegenleistung und gehe davon aus, dass eine
(Scholze-Stubenrecht 2008, S. 353) angemessene Gegenleistung erfolgen wird.

Das Sprichwort reflektiert das Angewiesensein auf Diese Beschreibung ist eigentlich passgenau mit
den anderen Menschen. Als konzeptuelle Meta- unserem Sprichwort „Eine Hand wäscht die andere“.
pher formuliert, vermittelt es in erster Linie die Dabei gilt auch in der Austauschtheorie weiterhin die
Alltagserfahrung, dass wir bestimmte Dinge nicht Annahme, dass das Erbringen einer Leistung (Gefal-
ohne Hilfe tun können – die Hand kann sich nicht len) für einen anderen nicht uneigennützig ist, man
alleine waschen (Kispál 2004). sich also einen Vorteil erhofft. „Eine Hand wäscht die
In dem Vers von Goethe wird dabei die Not- andere“ stünde damit nicht im Widerspruch mit der
wendigkeit des Gebens betont. Das Geben einer universellen Regel „Jeder ist sich selbst der Nächste“.
wie auch immer gearteten Leistung erscheint als Wenn wir in Beziehungen wechselseitig nach der
die zwingende Voraussetzung, selbst etwas erhal- Regel „Eine Hand wäscht die andere“ handeln, ist
ten zu können. So könnte meine Entscheidung, den nach Gouldner (1960) ein uraltes Prinzip wirksam,
Abwasch meines Mitbewohners eben doch zu über- das so wichtig sei, wie das Inzesttabu: die Reziprozi-
nehmen, an die Erwartung geknüpft sein, dass dieser tätsnorm. Sie besagt, dass Menschen dazu neigen,
dafür hoffentlich mein Leergut wegbringt. Meinen Gutes mit Gutem und Schlechtes mit Schlechtem
Kollegen für die neue Stelle zu empfehlen, anstatt ihn zu vergelten. Ausgedrückt in weiteren Sprichwör-
auszubooten, könnte durch die Vorstellung, ihn mir tern bzw. Rechtsformeln: „Wie du mir, so ich dir“,
zu verpflichten, motiviert sein. „do ut des“ (Ich gebe, damit du gibst) und „quid pro
quo“ (dieses für das). Dabei beurteilen wir, unseren
Gegenüber mit Blick auf die Vergangenheit und die
5.3.1 Wissenschaftliche Theorien Zukunft, in der Rolle des jeweiligen Gläubigers oder
Schuldners. Gouldner (1960) spricht hier von einer
Wie die Tit-for-Tat-Strategien gezeigt haben, kann Gedächtnisbank, bei der wir unseren aktuellen Kon-
kooperatives Verhalten äußerst erfolgreich sein. tostand abrufen, der uns darüber informiert, ob wir
Die Entscheidung für Kooperation im Sinne eines einem Gläubiger helfen müssen oder uns von einem
„Gibst du mir, so gebe ich dir“ setzt dabei voraus, Schuldner helfen lassen können (Gouldner 1984).
dass die Handelnden erkennen, dass sie sich in einem Der Homo reciprocans betritt die Bühne.
sozialen Austauschverhältnis befinden. Dabei ist
die Annahme der Austauschtheorien, u. a. der von
Homans (1958), soziale Interaktionen als Austausch- 5.3.2 Empirische Überprüfung
prozesse zu betrachten, eine logische Konsequenz
aus der vorhergehenden Annahme, dass Menschen Wie sich Menschen in Austauschbeziehungen
danach streben, Nutzen aus ihren Kontakten zu tatsächlich verhalten, wurde in Experimenten der
ziehen. Dies ist verständlich vor dem Hintergrund, verhaltensorientierten Spieltheorie untersucht.
5.4 · Fazit
37 5
Eines der bekanntesten Experimente zur Rezipro- Wechselseitiges Geben wird durch das Bedürfnis
zitätsnorm ist das sog. Ultimatumspiel (Güth et al. nach (Schulden-)Ausgleich und Gerechtigkeit quasi
1982). Das Verhandlungsspiel belegt eindrucksvoll, zur Verpflichtung. Auch dem Sprichwort „Eine Hand
dass das Prinzip der Reziprozität unsere Entschei- wäscht die andere“ lässt sich dieses Bedürfnis nach
dungen beeinflusst. fairem Ausgleich zugrunde legen.
In diesem Spiel verhandeln zwei Spieler über
die Aufteilung eines Geldbetrags. Dabei kann der
Empfänger den ihm angebotenen Geldbetrag nur 5.4 Fazit
annehmen oder ablehnen, die Aufteilung aber nicht
beeinflussen. Der Geber macht zu Beginn einen Auf- Im Laufe unserer individuellen Entwicklung
teilungsvorschlag. Wenn der Empfänger das Angebot eignen wir uns komplexe Verhaltensmuster an,
akzeptiert, endet das Spiel mit der vorgeschlagenen auch um in den vielfältigen sozialen Interaktio-
Aufteilung. Akzeptiert der Empfänger den Vor- nen erfolgreich handeln zu können. In unserer
schlag aber nicht, erhalten beide kein Geld. Unter Entscheidungsfindung müssen wir uns jeweils mit
der Annahme, dass sowohl der Geber als auch der dem Zusammenspiel unserer persönlichen „egois-
Empfänger rational und nutzenorientiert handeln, tischen“ Interessen und der Notwendigkeit bzw.
müsste der Empfänger jeden Geldbetrag annehmen. dem Wunsch nach Kooperation auseinandersetzen.
Dementsprechend sollte der Geber dem Empfänger Dabei spielen Reziprozität und Fairness eine wich-
den kleinsten Betrag anbieten und den Rest für sich tige Rolle (Dopfer 2003). Sie finden sich bereits in
behalten (Güth et al. 1982). dem alten Grundsatz der praktischen Ethik wieder,
Entgegen des Homo-oeconomicus-Modells ten- formuliert in den Sprichwörtern „Was du nicht willst,
dieren die Geber aber nicht dazu, ihren eigenen Anteil was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“
zu maximieren, sondern bieten dem Empfänger im bzw. „Behandle andere so, wie du behandelt werden
Durchschnitt zwischen 40–50 % der Gesamtsumme willst“ (Höffe 2008).
an. Gleichzeitig werden Angebote von weniger als Der Blick auf die eigenen Bedürfnisse lässt sich
30 % in den meisten Fällen zurückgewiesen (Fehr u. dann als ein positiver Egoismus verstehen: „Wenn
Schmidt 1999). Die Ergebnisse des Ultimatumspiels jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“. Eigene
wurden unter Hinzuziehung der neuen Variablen Bedürfnisse und Interessen zu verfolgen, steht dabei
Bedürfnis nach Ausgleich und Gerechtigkeit erklärt. keineswegs im Widerspruch zu kooperativem Ver-
Dabei geht Montada (1998) so weit, dem Eigennutz halten, wenn dabei die Einhaltung der ethischen
die Gerechtigkeit als eigenständiges Motiv entgegen- Regeln berücksichtigt wird. Schließlich ist ein
zustellen, das ebenfalls entscheidend unser (Aus- großer Teil menschlicher Grundbedürfnisse (z. B.
tausch-)Verhalten mitbestimmt. Sicherheit und soziale Beziehungen) ohnehin von
Eine Erweiterung des Ultimatumspiels stellt dem Verhalten anderer Menschen abhängig (Blau
das Geschenkaustauschspiel dar. Bei diesem Spiel 1968). Nehmen, ohne zu geben, aber auch geben,
verhandeln zwei Spieler ebenfalls über einen Geld- ohne zu nehmen, ist so in der langfristigen Perspek-
betrag. Der Geber bietet dem Empfänger einen tive letztlich überhaupt nicht praktizierbar oder wie
bestimmten Betrag an Geld, z. B. in Form von einem es Joachim Ringelnatz (1883–1934) auf den Punkt
Gehalt, an. Wenn der Empfänger das Angebot akzep- bringt:
tiert, muss er im Gegenzug ebenfalls eine Leistung
erbringen. Ganz im Sinne von „Eine Hand wäscht » Was ist denn Leben? Ein ewiges Zusichnehmen
die andere“ konnten Fehr et al. (1993) zeigen, dass und Vonsichgeben. (Ringelnatz 2008)
das Verhalten vom Geber, welches vom Empfänger
als fair und großzügig empfunden wird, einen posi- Trotzdem sollte man genau prüfen, unter welchen
tiven Effekt auf die Austauschbeziehung hat. Ein Rahmenbedingungen man sich in einem sozialen
großzügiges Gehalt wird durch den Empfänger mit oder auch wirtschaftlichen Austausch befindet, um
einer entsprechenden Gegenleistung erwidert (Fehr abschätzen zu können, ob das Gegenüber eher eine
u. Schmidt 2000). egoistische Nutzenmaximierung oder einen fairen
38 Kapitel 5 · Jeder ist sich selbst der Nächste – Eine Hand wäscht die andere

reziproken Austausch anstrebt. Art und Dauer der Frey, B. S., & Benz, M. (2001). Ökonomie und Psychologie:
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39 6

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm


Luisa von Albrecht

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_6

6.1 Einleitung der Anlagetheorie besonders in der Sprachforschung.


Noam Chomsky (*07.12.1928) geht von angebore-
Wie kommt es, dass wir die sind, die wir sind? Sind es nen grammatikalischen Prinzipien aus, die uns das
unsere Gene, die uns zu dem machen, was wir sind, Erlernen einer Sprache ermöglichen (Kany u. Schöler
oder werden unsere Fähigkeiten, Merkmale und Ver- 2014). Befunde hierfür liefert eine Studie von Eimas
haltensweisen durch unsere Umwelt bestimmt? aus dem Jahr 1985, in der er zeigen konnte, dass Neu-
Die Kontroverse, ob wir eher durch unsere geborene in einem Alter bis zu einem halben Jahr
Anlagen oder durch unsere Umwelt determiniert Phoneme aus nahezu allen Sprachen unterscheiden
sind, ist eine der großen Menschheitsfragen, die können, was auf eine angeborene Fähigkeit rück-
sich von der Antike bis in die Neuzeit erstreckt und schließen lässt.
in diversen Disziplinen diskutiert wird. Bis heute Vertreter des Empirismus wie Aristoteles
stellen sich u. a. Biologen, Philosophen, Psychologen, (384–322 v. Chr.) hingegen postulieren, dass Wissen
Pädagogen und Soziologen die Frage, ob mensch- erst aus „Erfahrung“ entsteht. Wieder aufgegriffen
liches Verhalten anlage- oder/und umweltbedingt wurde dieser Ansatz u. a. von John Locke (1632–1704)
ist. Daraus resultiert die Frage, ob unsere Entwick- und Jean Jacques Rousseau (1712–1778), die annah-
lung ein Reifungs- oder/und Lernprozess ist. Die men, dass das Bewusstsein des Menschen bei der
frühesten Anzeichen einer solchen Differenzierung Geburt wie eine „Tabula rasa“ – eine leere Tafel –
finden sich bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. bei dem sei, die erst durch Wahrnehmungen und Erfahrun-
Sophisten Protagoras, der zwischen „physis“, der gen aus der Umwelt gefüllt werden müsste (Sodian
Natur, und „nomos“, dem vom Menschen Geschaf- 2014; Störig 1961). Auch die Behavioristen, mit John
fenen, unterscheidet. Schon damals konkurrierten Broadus Watson (1878–1958) als Vorreiter und
nativistische und empiristische Theorien über den Gründer der Strömung, postulieren die einschlä-
Ursprung menschlichen Wissens (Flammer 2009; gigen Auswirkungen der Umwelt und des Lernens
Krettenauer 2014). auf die Persönlichkeitsbildung und das Verhal-
Einer der frühesten Befürworter der Anla- ten von Menschen (Watson 1913). Unterstützend
getheorie ist Platon (427–348/347 v. Chr.). Als beschreibt auch Pierre Bourdieu, einer der wich-
Vorreiter des Nativismus postuliert er, dass den tigsten Soziologen des letzten Jahrhunderts, dass
Menschen Ideen über die Wirklichkeit angeboren der „Habitus“ – die soziale Persönlichkeitsstruk-
sind und sie durch diese die Welt erfassen können. tur des Menschen – nicht angeboren wäre, sondern
Durch die Idee des Tieres beispielsweise ist es den durch die Sozialisation und die Milieuzugehörigkeit
Menschen möglich, Vögel und Hunde als solche zu geformt würde (Bourdieu 1984).
erkennen (Hildebrandt 1955). Platons Tradition Neben der wissenschaftlichen Relevanz ist die
folgte u. a. der Rationalist Immanuel Kant (1724– Anlage-Umwelt-Kontroverse auch ein sehr aktu-
1804). Dieser war der Anschauung, dass es möglich elles und stark politisch motiviertes Thema. Denn
sei, aus angeborenen Grundsätzen ein wahres Bild die Erkenntnisse, ob Gene oder Lernerfahrungen
der Welt zu entwickeln, ohne auf Erfahrung angewie- für unser Sein entscheidend sind, haben besonders
sen zu sein (Störig 1961). Heute findet man Vertreter für Bildungseinrichtungen eine große Bedeutung
40 Kapitel 6 · Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

(Flammer 2009). Wären wir hauptsächlich durch weitestgehend unverändert (geringe Änderungen
unsere Gene determiniert, könnten mit Bildung, durch Mutation oder schädliche Einflüsse von außen
Trainings und Fortbildungsprogrammen keine sind möglich). Allerdings kann sich die Aktivität und
großen Veränderungen bezüglich der Fertigkeiten folglich Beschaffenheit der Gene zu unterschiedli-
und Intelligenz beim Einzelnen erzielt werden. Hat chen Zeitpunkten bemerkbar machen und beein-
aber die Umwelt, d. h. die Sozialisierung und Bildung flusst somit die Entwicklung des Menschen auch in
u. a. durch Eltern, Kindergärten, Schulen und Uni- höherem Alter noch (Asendorpf 1998). Die Affini-
versitäten, den entscheidenden Einfluss auf unsere tät zum Erlernen von Sprachen kann sich beispiels-
Entwicklung, bestärkt dies den Sinn dieser Einrich- weise erst zeigen, wenn das Kind zu sprechen beginnt
tungen. Zudem ermöglicht es, in einer Gesellschaft bzw. eine Fremdsprache erlernt. Dennoch kann die
Chancengleichheit zu etablieren, indem bestimmte Erklärung dafür, dass es dem einen leicht und dem
Defizite durch bildungspolitische und pädagogische anderen schwerfällt, in den Genen liegen. Die Aus-
Maßnahmen kompensiert werden. prägung der Anlage kann – neben dem Einfluss der
6 Auch in Laienwissenschaften und der Kunst elterlichen Gene – aber auch durch Schädigungen des
findet sich die Anlage-Umwelt-Thematik wieder. Erbguts vor, während oder nach der Geburt bedingt
Beispielsweise existieren einige Sprichwörter und sein. Zusammenfassend werden unter der Anlage
Redewendungen, die in Bezug zu dieser Kontroverse des Menschen all jene Faktoren verstanden, die die
zu bringen sind. Das wohl bekannteste dieser Sprich- weitere Entwicklung der Person – ohne externe Ein-
wörter ist „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. flüsse – fördern oder hemmen (Flammer 2009;
Im Folgenden soll näher auf dieses Sprichwort ein- Grimm 2007).
gegangen werden.
z Umwelt
Der Begriff Umwelt beschreibt alle nicht vererbten
6.2 Anlage- und Umwelteinflüsse Einflüsse, also insbesondere die materielle und soziale
auf die menschliche Entwicklung Umgebung eines Menschen. Unter der materiellen
Umgebung versteht man die Qualität des Wohn-
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ ist ein gän- raums und der Wohngegend, den sozioökonomi-
giges Sprichwort der deutschen Sprache. Fragt man schen Status der Familie, chemisch-physikalische
Menschen unterschiedlicher Bildung und Alters- Einflüsse sowie die Verfügbarkeit von Ressourcen.
gruppen nach seiner Bedeutung, zeigt sich, dass hie- Die soziale Umgebung setzt sich aus allen menschli-
rüber ein genereller Konsens besteht: Der Apfel steht chen Einwirkungen zusammen wie dem Elternhaus
metaphorisch für ein Kind, der Stamm repräsentiert (Eltern und Geschwister), Freunden, Kindergarten-
die Familie bzw. Eltern. „Nicht weit fallen“ beschreibt und Schulkameraden sowie dem Verhältnis zu diesen.
die Nähe und Verbindung zwischen beiden. Somit Auch wenn Kinder in ein und derselben Familie auf-
bedeutet das Sprichwort, dass Kinder Ähnlichkei- wachsen, sind sie doch zum Teil unterschiedlichen
ten mit ihren Eltern aufweisen. Diese Ähnlichkeiten Umwelteinflüssen ausgesetzt. Aus diesem Grund wird
können Charakterzüge, Aussehen, Verhaltenswei- in der Umweltforschung zwischen von Geschwis-
sen, Vorlieben, Ansichten, Werte oder auch Inter- tern geteilten und nicht geteilten Einflüssen differen-
essen betreffen. ziert. Zu den nicht geteilten Einflüssen zählen u. a.
der Schwangerschaftsverlauf, Geburtsumstände,
z Anlage Unfälle, Krankheiten, die Beziehung zu den Eltern
Unter dem Begriff Anlage versteht man die gene- sowie die sozialen Kontakte des Kindes. Geteilte Ein-
tischen Erbinformationen, die in den Chromo- flüsse sind das Familienklima, der Erziehungsstil der
somen enthalten sind und von beiden Elterntei- Eltern, Verwandte und Bekannte der Familie sowie
len zu je 50 % an die Kinder weitergegeben werden. die soziale Schicht (Kuhl 2010). Diesbezüglich ist zu
Die Genstruktur eines Menschen ist von dem Zeit- beachten, dass objektive Einflüsse sehr stark von sub-
punkt der Verschmelzung von Eizelle und Samen jektiv erlebten Einflüssen abweichen können. Somit
der Eltern gegeben und bleibt im Laufe des Lebens werden objektiv geteilte und gleiche Umwelten zum
6.2 · Anlage- und Umwelteinflüsse auf die menschliche Entwicklung
41 6
Teil subjektiv als sehr unterschiedlich wahrgenom- sind und somit unterschiedlichen externen Ein-
men (Klauer 2001; Krettenauer 2014). flüssen ausgesetzt waren. Ist allerdings die Überein-
Um die Richtigkeit der Aussage „Der Apfel fällt stimmung mit der Adoptivfamilie höher, kann man
nicht weit vom Stamm“ zu bewerten, geht es zunächst davon ausgehen, dass die Sozialisation und Umwelt
darum, den Einfluss der Gene kombiniert mit dem einen entscheidenderen Einfluss auf das Merkmal
Umwelteinfluss, der durch die Eltern/Familie ent- hatten als die Gene (Lohaus et al. 2010).
steht, zu betrachten, da beide Aspekte die Aussage Eines der bekanntesten Adoptions- und zugleich
unterstützen. Der Einfluss aller weiteren Umwelt- Zwillingsphänomene ist das der „Jim Twins“, die
faktoren wird diesen gegenübergestellt, da er eher nach ihrer Geburt getrennt wurden und sich erst mit
gegenläufige Aussagen unterstützt. 39 Jahren wieder trafen. Trotz komplett unterschied-
licher Umwelten hatten beide zweimal Frauen mit
denselben Namen geheiratet, waren beide Kettenrau-
6.2.1 Methoden zur Erfassung cher sowie Nägelkauer und übten denselben Beruf
aus. Durch diese Befunde wurde die sog. Minnesota-
Aus ethischen Gründen können quantitative Gene- Studie von Bouchard (1990) motiviert, in der in
tikversuche an Menschen nicht durchgeführt werden. etwa 10 Jahren über 100 getrennt aufgewachsene
Allerdings erlauben es einige besondere Konstella- Zwillings- oder Drillingspaare untersucht wurden.
tionen, die gewünschten Daten dennoch zu erheben. In dieser Studie konnten hohe Erblichkeitswerte für
Zur Erforschung der Erblichkeit bestimm- diverse Merkmalsausprägungen gefunden werden,
ter Eigenschaften werden seit den 1920er-Jahren die in 7 Abschn. 6.2.3 näher ausgeführt werden.
Verwandtschafts- oder Zwillingsstudien heran- Zudem wird die Anlage-Umwelt-Frage in Depri-
gezogen. Die Übereinstimmung der Gene variiert vationsstudien untersucht, die in der Regel an Tieren
zwischen den Menschen. Beispielsweise teilen ein- durchgeführt werden. In solchen Studien werden den
eiige Zwillinge zu 100 % dieselbe Genstruktur, wobei untersuchten Objekten normale Lernerfahrungen
Eltern und ihre Kinder sowie zweieiige Zwillinge und Anregungen vorenthalten. Wird die Entwick-
und Geschwister diese nur zu durchschnittlich 50 % lung dadurch eingeschränkt, kann man davon ausge-
gemein haben. Während sich bei eineiigen Zwillingen hen, dass bei dieser Merkmalsentwicklung die Umwelt
Entwicklungsunterschiede aufgrund der identischen eine große Rolle spielt. Im gegensätzlichen Fall ist mit
Genstruktur nur auf Umwelterfahrungen zurückfüh- einem starken Einfluss der Gene zu rechnen. In solchen
ren lassen, können diese Unterschiede bei anderen Studien an Frosch- und Salamanderlarven konnte fest-
Geschwisterpaaren sowohl auf Anlage- als auch gestellt werden, dass Schwimmbewegungen bei diesen
auf Umweltfaktoren beruhen. Aus diesem Grund Spezies anlage- und nicht umweltbedingt sind (Tücke
müssten vererbte Eigenschaften bei eineiigen Zwillin- 1999). In Einzelfällen, in denen Kinder einem ext-
gen einen höheren Übereinstimmungswert aufwei- remen Mangel an äußeren Anregungen und Reizen
sen als bei zweieiigen Zwillingen, Geschwistern oder ausgesetzt waren, konnten hingegen eingeschränkte
Eltern-Kind-Paaren. Anhand der Übereinstimmung Fähigkeiten besonders im sprachlichen und sozialen
bestimmter Eigenschaften, kann man erfassen, inwie- Bereich festgestellt werden. Dies deutet darauf hin,
weit diese vererbbar sind oder nicht (Schick 2012). dass das Erlernen dieser Fähigkeiten von Umweltein-
Eine weitere Möglichkeit, Rückschlüsse auf den flüssen abhängig ist und sie ohne Umweltaktivierung
Ursprung bestimmter Eigenschaften zu ziehen, sind nicht oder nur rudimentär entwickelt werden können
Adoptionsstudien . Bei diesen werden vorzugs- (Flammer 2009; Lohaus et al. 2010).
weise eineiige Zwillinge untersucht, die möglichst
bald nach der Geburt getrennt und in verschiede-
nen Familien aufgezogen wurden. Hierbei geht man 6.2.2 Anlage-Umwelt-Kontroverse
davon aus, dass Gemeinsamkeiten bestimmter Merk-
male mit den leiblichen Eltern oder Geschwistern Seit Anfang des 20. Jahrhunderts besteht die allge-
auf identische Gene zurückgeführt werden können, meine Auffassung, dass sowohl die Gene als auch die
da sie in verschiedenen Umwelten aufgewachsen Umwelt in die Entwicklung des Menschen einfließen.
42 Kapitel 6 · Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Somit wurde die dichotome Sichtweise durch die Genetik gibt eine Unter- und Obergrenze vor, sodass
Konvergenztheorie von Stern abgelöst. Laut Stern ist wir nicht unendlich groß werden oder winzig klein
„seelische Entwicklung […] das Ergebnis einer Kon- bleiben können. Durch Umweltfaktoren wie Lebens-
vergenz innerer Angelegenheiten mit äußeren Ent- bedingungen, Ernährung und Gesundheit wird aber
wicklungsbedingungen […]“ (Stern 1967, S. 26). Wie letztendlich bestimmt, welche exakte Größe wir
und zu welchen Anteilen die Gene und die Umwelt innerhalb des Rahmens annehmen. Diese erblich
wirken, ist allerdings weiterhin ein intensiv disku- vorgegebenen Reaktionsspielräume können von
tiertes und untersuchtes Thema (Lohaus et al. 2010). Person zu Person unterschiedlich ausfallen (Krette-
Hierzu gibt es diverse Modelle, von denen im Folgen- nauer 2014).
den zwei kurz vorgestellt werden sollen. Ein weiteres Beispiel einer multiplikativen Ver-
knüpfung konnte durch Adoptionsstudien von
Cadoret (1983) gezeigt werden. Sie untersuchten
Modelle additiver Verknüpfung adoptierte Kinder mit einem genetisch bedingten
6 Modelle der additiven Verknüpfung wie das Prinzip der Risiko für kriminelles Verhalten. Es zeigte sich,
Kanalisierung von Waddington (1966) beschreiben dass sich die Ausprägung nur bei den Kindern
das Zusammenspiel von Anlage und Umwelt dahin- überdurchschnittlich entwickelte, die zudem in
gehend, dass mehrere mögliche Entwicklungsverläufe ungünstigen sozialen Verhältnissen aufwuchsen.
genetisch vorgegeben sind. Welcher dieser Verläufe Bei genetisch belasteten Kindern, die in positiven
aber gewählt wird, entscheiden zusätzliche Umwelt- sozialen Verhältnissen aufwuchsen, allerdings
faktoren. Dies lässt sich durch den Verlauf einer Kugel- nicht.
bahn visualisieren, bei der es mehrere mögliche Wege In einer anderen Studie konnte Weinberg (1989)
gibt, die Kugel aber trotz gleicher Wahrscheinlichkeit zeigen, dass je nach Umwelteinfluss der Intelligenz-
aller Pfade nur einem folgen kann (Krettenauer 2014). quotient eines Menschen um 20–25 Punkte (Reak-
Nach der Perspektive der dynamischen Systeme tionsspielraum) um den genetisch prädisponierten
verhält es sich bei der Kindesentwicklung ähnlich. Wert schwanken kann.
Innerhalb aller Möglichkeiten, die Kinder bezüglich Es können allerdings keine allgemeinen Aus-
ihrer Reaktionen offenstehen, werden bestimmte sagen darüber getroffen werden, in welchem Maße
ausgewählt. Obwohl faktisch für alle dieselbe Wahr- Unterschiede zwischen Menschen auf genetische
scheinlichkeit besteht, bilden sich doch durch das oder umweltspezifische Faktoren zurückzuführen
Zusammenspiel aller möglichen Faktoren einige sind, da diese Unterschiede je nach Merkmal und
Verhaltenstendenzen heraus, die mit relativer Sta- Einstellung des Menschen unterschiedlich groß sein
bilität bei Problemlösungen angewandt werden. Ein können (Flammer 2009; Kuhl 2010). Außerdem ist
Beispiel hierfür wäre, dass Kinder bei einer Addi- anzumerken, dass sich die Relevanz von Anlage
tion (z. B. 3+6) intuitiv von der größeren Zahl nach und Umwelt im Laufe des Lebens verändert, was
oben zählen (6+1+1+1) und nicht von der kleineren darin begründet liegt, dass bestimmte Gene nur zu
(3+1+1+1+1+1+1), obwohl die Wahrscheinlichkeit, bestimmten Zeiten aktiv sind. Beispielsweise konnte
eine der beiden Möglichkeiten zu wählen jeweils bei Asendorpf (1998) bezüglich der menschlichen Intel-
50 % liegt (Alibali u. Sidney 2015). ligenz feststellen, dass mit zunehmendem Alter der
Einfluss der Gene wieder stärker wird.

Modelle multiplikativer Verknüpfung


Zudem gibt es Modelle multiplikativer Verknüpfung. 6.2.3 Erblichkeit von Intelligenz
Eines ist das Konzept des Reaktionsspielraums. Es und ausgewählten
besagt, dass die Anlagen ein bestimmtes Spektrum an Persönlichkeitseigenschaften
Variationsmöglichkeiten für ein Merkmal vorgeben,
dieses aber durch Umwelteinflüsse variiert. Im Folgenden wird auf das Ausmaß der geneti-
Ein Beispiel hierfür ist das erblich sehr stark schen Einflüsse einiger Persönlichkeitseigenschaften
determinierte Merkmal der Körpergröße . Die eingegangen.
6.2 · Anlage- und Umwelteinflüsse auf die menschliche Entwicklung
43 6
Intelligenz Weitere Persönlichkeitseigenschaften
Zusätzlich zu den bisher genannten Befunden lässt Bei der Untersuchung von genetischen Einflüssen
sich bezüglich der allgemeinen Intelligenz bei Men- auf Persönlichkeitsunterschiede werden neben der
schen sagen, dass die Erblichkeitsschätzungen gene- Intelligenz meistens die fünf Basisdimensionen der
rell recht hoch ausfallen. Es werden Werte genannt, Persönlichkeit untersucht, die sog. Big Five: Extra-
die meist einen genetischen Anteil von über 50 % version, Neurotizismus, Verträglichkeit, Gewissen-
der interindividuellen Intelligenzunterschiede haftigkeit und Offenheit für Neues (Kuhl 2010). In
beschreiben (Stern u. Neubauer 2013). Demnach ist Zwillingsstudien konnte gezeigt werden, dass auch
die Übereinstimmung zwischen eineiigen Zwillin- hier ein bedeutender Anlageeinfluss besteht. Dieser
gen höher als zwischen zweieiigen Zwillingen und zeigt sich darin, dass die Gemeinsamkeiten zwischen
die Übereinstimmung von Adoptivkindern zu ihren eineiigen Zwillingen deutlich höher ausfallen als die
leiblichen Eltern höher als die zu ihren Adoptiveltern zweieiiger. Auch hier lagen die Anteile, die auf die
(Plomin et al. 1994, 1999). Der Einfluss der Umwelt Anlage zurückzuführen sind, im Schnitt bei 50 % mit
spiegelt sich in der Tatsache wider, dass nicht einmal einer besonders hohen Ausprägung auf dem Faktor
eineiige Zwillinge bezüglich ihrer Intelligenz iden- Gewissenhaftigkeit (Borkenau et al. 2001; Plomin et
tisch sind. Außerdem zeigen gemeinsam aufgewach- al. 1999; Riemann et al. 1997).
sene Geschwister eine höhere Übereinstimmung Bezüglich des Ursprungs anderer für die Gesell-
bezüglich ihrer Intelligenz als getrennt aufgewach- schaft bedeutsamer Eigenschaften wie Gerechtigkeit,
sene (Siegler et al. 2008). Dankbarkeit und prosoziales Verhalten gibt es wenige
Für einen starken Einfluss der Anlagen bei der empirische Untersuchungen. Allerdings konnte in
Entwicklung der Intelligenz sprechen auch die einer Studie gezeigt werden, dass gesellschaftlich
Ergebnisse einer Studie von Scarr und Weinberg relevante Einstellungen wie Sozialkompetenz und
(1983), in der Adoptivkinder untersucht wurden, positive (bzw. negative) Emotionalität einen Erblich-
die aus sozial benachteiligten Familien und von keitswert um 50 % aufweisen (Tellegen et al. 1988).
Eltern mit einem niedrigen Intelligenzquotienten Trotz einer starken Prägung durch unsere Anlagen ist
stammten, aber in einer Adoptivfamilie mit gebil- es aber möglich, diese Eigenschaften durch eine ent-
deten Eltern aufwuchsen. Hier zeigte sich, dass die sprechende Umwelt zu fördern (bzw. abzumildern).
Intelligenzquotienten der Kinder eher mit denen In der Regel wird prosoziales Verhalten, positive
der leiblichen als mit denen der Adoptiveltern Emotionalität und Gerechtigkeit von anderen hono-
übereinstimmen. riert und belohnt und dadurch wiederum verstärkt.
Durch Adoptionsstudien konnte zudem gezeigt Da wir durch sowohl durch Verstärkung eigener
werden, dass die Übereinstimmung des Intelli- Handlungen als auch Beobachtung verstärkten Ver-
genzquotienten zwischen Kindern und biologi- haltens anderer Leute lernen können, ist es wichtig,
schen Eltern im Laufe der Entwicklung von ca. 40 % dass Kinder schon früh damit in Berührung kommen
in der Kindheit bis etwa 60 % im Erwachsenenalter (Siegler et al. 2008). Auf die Relevanz des Umwelt-
zunimmt, die Übereinstimmung mit den Adoptivel- einflusses bezüglich sozialen Verhaltens wurde
tern allerdings abnimmt (Brody 1992; Honzik et al. bereits in 7 Abschn. 6.2.1 hingewiesen. Nicht immer
1948). Dieses Phänomen lässt sich dadurch erklären, ist der gute Einfluss durch die Eltern gewährleistet,
dass sich Kinder in höherem Alter, nachdem sie das daher müssen Lehrinstitutionen diese Aspekte in
Adoptivelternhaus verlassen haben, welches mög- ihren Lehrplan eingliedern, sodass bei jedem Kind
licherweise eine für sie ungünstige Umwelt geboten zumindest eine Basis für soziales Verhalten geschaf-
hat, eigenständig ihre Umwelten suchen können und fen werden kann.
somit eine für sich passende auswählen, die ihren Bezüglich unseres Sprichworts kann man
Anlagen entspricht. Wachsen Kinder allerdings bei sagen, dass Intelligenz und auch einige unserer Per-
ihren leiblichen Eltern auf, sind die dort gebotenen sönlichkeitseigenschaften trotz Umwelteinflüs-
Umwelten in der Regel passend zu den Anlagen, da sen stark determiniert durch unsere Anlagen und
diese auch in hohem Maße denen der Eltern entspre- die frühe Prägung sind, die in der Regel durch die
chen (Lohaus et al. 2010). eigenen Eltern geschieht. Zudem ist an dieser Stelle
44 Kapitel 6 · Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

zu betonen, dass die hier angegeben Prozentzahlen generelle Toleranz gegenüber Andersartigkeit sehr
nicht auf das Individuum zu beziehen sind, sondern gering bis nicht vorhanden war. Dies zeigte sich nicht
auf den Durchschnitt in der Gesamtbevölkerung. nur im von Rassismus beherrschten Gedankengut
Somit kann es sein, dass bei einigen Menschen die des Nationalsozialismus, sondern auch in kleinerem
Anlage bezüglich einer bestimmten Eigenschaft Ausmaß. Noch in der Generation unserer Großeltern
eine entscheidendere Rolle spielt als bei anderen, wurden viele Kinder durch strikte Erziehung und
bei denen die Umwelteinflüsse bedeutender sind Drill zu Idealen erzogen, die nicht dem tatsächlichen
(Lohaus et al. 2010). Wesen jedes Einzelnen entsprachen. Jungen sollten
sportlich, mutig, rational, zielstrebig und bestimmt
sein, wohingegen Mädchen eher Tugenden wie Sitt-
6.3 Präsenz des Sprichworts in lichkeit, Ruhe und das Ausführen von Tätigkeiten
unserem Alltag innerhalb des Hauses zugesprochen wurden (Kruse
2012). Zudem wurde Homosexualität von der breiten
6 6.3.1 Ist es sozial erwünscht, dass Masse noch in den 1950er-Jahren als Krankheit und
der Apfel nicht weit vom Perversion betrachtet (Gammerl 2010). Doch woran
Stamm fällt? liegt das? Sollten wir Andersartigkeit nicht auch bei
unseren Kindern als Chance und Ressource sehen,
In seinem Buch Weit vom Stamm stellt Andrew als eine Möglichkeit unseren Horizont zu erweitern
Solomon (2013) die These auf, dass es das besondere und selbst daran zu wachsen? Im Arbeitskontext ist
Bedürfnis von Eltern sei, dass ihre Kinder so werden bereits die Meinung vertreten, dass diverse Teams in
wie sie. Schon durch den Begriff der Reproduk- vielerlei Hinsicht effektiver und besser arbeiten als
tion würde ihnen suggeriert, dass sie durch diesen sehr homogene Teams (Horwitz u. Horwitz 2007).
Vorgang Abbilder ihres Selbst erschaffen könnten. Wieso also nicht in der Familie?
Doch, auch wenn Eltern ihr Erbgut zu 50 % an die Selbstverständlich kann man eine Familie nicht
Kinder weitergeben, können diese ganz anders als die direkt mit einem Arbeitsteam vergleichen, dennoch
eigenen Eltern sein. Dies muss nicht unbedingt eine können unterschiedliche Meinungen und Fähigkei-
starke Andersartigkeit wie Behinderungen oder eine ten auch im Familienkreis von Nutzen sein. Durch
unterschiedliche sexuelle Ausrichtung sein, sondern eine Andersorientierung der Kinder können sich
kann sich auch in anderem Aussehen, anderen den Eltern gänzlich neue Erfahrungsgebiete eröffnen
Geschmäckern, Typen oder Eigenschaften abbilden. und ihr Horizont wird erweitert. Aber genau diese
Doch wie gehen Eltern damit um, wenn ihre Erfahrungen bringen durch ihre Neuartigkeit auch
Kinder anders sind? Werden die Kinder dahinge- Unsicherheit mit sich, da man sich außerhalb seiner
hend gefördert, sich so zu entwickeln, wie es für sie gewöhnlichen Umgebung und Komfortzone bewegt.
am besten ist oder werden sie in die Fußstapfen der In besonderen Fällen kann diese Unsicherheit sogar
Eltern gezwungen? Diesbezüglich lässt sich natürlich in Angst übergehen und genau diese beiden Aspekte
keine allgemeingültige Antwort geben. Aber es lässt konnten als Gründe identifiziert werden, warum
sich wohl sagen, dass wir heutzutage in Deutschland man sich Unbekanntem fernhält (Kaas u. Manger
– im Gegensatz zu anderen Ländern – in einer ziem- 2012). Bei Eltern ist diese Angst natürlich besonders
lich liberalen Gesellschaft leben, die Andersartig- stark ausgeprägt, wenn es um ihre Kinder geht, denn
keiten generell toleriert. Es ist dennoch zu betonen, es gibt nichts Natürlicheres, als sein Kind beschüt-
dass zum einen nicht alle unsere Mitbürger im zen zu wollen (Bauer 2012; Solomon 2013). Eltern
selben Ausmaß tolerant sind und Diskriminierung wollen das Beste für ihre Kinder und haben in der
von Menschen anderen Geschlechts, anderer Reli- Regel auch eine genaue Idee davon, wie dies aussieht.
gion, anderer sexueller Ausrichtung, anderen Alters Doch ist das tatsächlich auch immer das Beste für
oder Menschen mit Behinderungen nach wie vor an das Kind?
der Tagesordnung sind (Berk 2011; Finkelstein et Häufig ja. Aber es gibt dennoch Fälle, in denen
al. 1995; Plant et al. 2011). Zum anderen ist es auch Eltern über ihren eigenen Horizont blicken müssen.
in Deutschland noch gar nicht lange her, dass die Ich selbst habe eine solche Situation erlebt. Bei dem
6.4 · Fazit
45 6
Übertritt unserer Grundschulklasse in eine höhere mehr Schüler Zugang zu ganztägigem Lernen, mehr
Schule wurde einigen Kindern nicht die Empfehlung erreichen einen höheren Bildungsabschluss und
für das Gymnasium ausgesprochen. Dies führte zu weniger brechen die Schule ohne Abschluss ab (im
einer Beschwerdewelle. Eltern zweier Kinder konnten Vergleich zu den Vorjahren). Allerdings gibt es weiter-
durch das Ausüben von Druck durchsetzen, dass die hin Defizite, sodass es immer noch einigen Kindern
Übertrittzeugnisse dahingehend angepasst wurden, nicht möglich ist, Regelschulen zu besuchen. För-
dass den Kindern der Zugang zum Gymnasium derschulen sind zwar auf die Bedürfnisse der ein-
ermöglicht wurde. Eines der Kinder musste bereits zelnen Kinder ausgerichtet, bieten aber in der Regel
nach der 5. Klasse das Schuljahr wiederholen und keine Möglichkeit, einen höheren Schulabschluss zu
beide sind nach der 7. Klasse vom Gymnasium abge- erhalten, was wiederum den folgenden Bildungs-
gangen, um auf eine Realschule zu wechseln. Für beide weg einschränkt. Um Chancengleichheit herzustel-
war der Wechsel richtig. Ihre Leistungen haben sich len, muss an dieser Stelle interveniert werden, damit
verbessert und auch die Freude an der Schule und dem mehr Kindern – unabhängig ihrer Herkunft – der
Lernen selbst wurde gesteigert. Ein weiterer solcher Zugang zu höherer Bildung ermöglicht wird. Derzei-
Fall kann eintreten, wenn Kinder Einschränkungen tig stammen in Deutschland knapp 70 % der Studie-
irgendeiner Art haben (z. B. körperliche oder geistige). renden aus einem Elternhaus mit mindestens einem
Eltern wollen das Kind in jeder Hinsicht unterstüt- akademischen Elternteil, nur 2 % haben Eltern mit
zen und ihm alles ermöglichen, aber manchmal bleibt niedrigerem Bildungsgrad (mittlere Reife oder Haupt-
dadurch die Entwicklung der Selbstständigkeit auf schulabschluss; Gwosc et al. 2011).
der Strecke. Dies zeigt sich dann im späteren Leben, Ein Grund für diese Diskrepanz sind häufig die
wenn sich die nun erwachsenen Kinder nicht souve- Eltern (Koch 2012). Viele Kinder, deren Eltern einen
rän in ihrer Umwelt bewegen können. niedrigen Bildungshintergrund haben, kommen gar
Obwohl eine große Ähnlichkeit zu ihren Kindern nicht auf die Idee, zu studieren, da die Unterstützung
für Eltern häufig sehr wichtig ist, sollte diese dennoch des Elternhauses fehlt und zumeist das soziale Umfeld
nicht erzwungen und den Kindern der Freiraum für dem des eigenen Elternhauses entspricht. Aus demsel-
ihre eigene Entwicklung und Orientierung gegeben ben Grund ziehen auch nur wenige Kinder akademi-
werden. Falls dies sehr schwerfällt, könnten z. B. scher Familien einen Ausbildungsberuf in Betracht.
Eltern nach Festingers Theorie der kognitiven Disso- Schon durch die Schulwahl, die in der Regel von den
nanz (1957) Strategien mentaler Umstrukturierung Eltern durchgeführt wird, wird ein Grundstein für
anwenden, um besser mit der Situation umgehen zu die weitere Entwicklung gelegt. Dass Eltern als Vor-
können. Hierbei kann man beispielsweise neue posi- bilder für ihre Kinder in der Berufswahl fungieren,
tive Gedanken zu den bedrückenden hinzufügen, zeigt auch eine Studie der Universität Jena. Durch
indem man bewusst auf Ähnlichkeiten und nicht frühe Prägung durch das Elternhaus ist die Wahr-
nur die Unähnlichkeiten achtet (Irle et al. 2012) – in scheinlichkeit bei Unternehmerkindern, sich selbst-
jeder Eltern-Kind-Beziehung werden sich nämlich ständig zu machen, zweimal höher als bei Kindern
auch diese finden lassen. von Nichtunternehmern (Lorenz 2010). Ein weiterer
Grund könnte auch sein, dass dies der einfachste Weg
ist, der aus mangelnder Auseinandersetzung mit allen
6.3.2 Ist Bildung durch das Elternhaus bestehenden Möglichkeiten gewählt wird.
determiniert?

Bildung ist eines der höchsten Güter unserer Gesell- 6.4 Fazit
schaft und eine gute Möglichkeit, Gerechtigkeit, Fair-
ness und gleiche Chancen zu schaffen (BMBF 2015). Eine generelle Aussage, ob das Sprichwort „Der
Laut des Chancenspiegels 2014 der Bertelsmann Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ stimmt, lässt sich
Stiftung sind im deutschen Schulsystem durchaus nicht treffen. Neben all den divergenten empirischen
positive Tendenzen hin zu Chancengleichheit und Befunden und Theorien sei an dieser Stelle noch
Gerechtigkeit zu verzeichnen. Unter anderem haben einmal angemerkt, dass jeder Mensch einzigartig ist
46 Kapitel 6 · Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

und auch jedes Merkmal einzeln betrachtet werden differences: The Minnesota Study of Twins Reared Apart.
Science, New Series 205(4978), 223–228.
muss. Aus diesem Grund ist eine Generalisierung
Bourdieu, P. (1984). Die feinen Unterschiede. Kritik der gesell-
nicht möglich. schaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Meist entsprechen die Erbanlagen der im Eltern- Borkenau, P., Riemann, R. Angleiter, A., & Spinath, F. M. (2001).
haus erlebten Umwelt. In positiven Fällen kann sie Genetic and environmental influences on observed per-
verstärkend wirken, in negativen Fällen aber auch in sonality: Evidence from the German Observational Study
of Adult Twins. Journal of Personality and Social Psychology
einer Abwärtsspirale münden. Hier ist es Aufgabe der
80, 655–668.
Gesellschaft, zu intervenieren und die externen Umwel- Brody, N. (1992). Intelligence (2nd ed.). San Diego, CA: Acade-
ten entsprechend anregend zu gestalten, dass solche mic Press.
Teufelskreise aufgehoben werden können. Denn die Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). (2015).
externen Umwelten sind in diesem Falle die von außen Bildung und Forschung in Zahlen 2015. Bonn, Berlin: BMBF.
https://www.bmbf.de/pub/Bildung_und_Forschung_in_
veränderbaren Welten. Eine Veränderung durch Förde-
Zahlen_2015.pdf. Zugegriffen: 08. April 2016.
rung bewirkt nicht nur beim Einzelnen eine Verbesse-
6 rung der Lebensqualität, sondern dient auch als Multi-
Cadoret, R. J., Cain, C. A., & Crowe, R. R. (1983). Evidence for
gene-environment interaction in the development of
plikator in unserer Gesellschaft, indem die geförderten adolescent antisocial behavior. Behavior Genetics 13,
Personen anders mit ihren Mitmenschen interagieren. 301–310.
Eimas, P. D. (1985). The perception of speech in early infancy.
Neben der Förderung Benachteiligter ist es
Scientific American 252(1), 34–40.
wichtig, in der gesamten Bevölkerung eine Grund- Irle M., Möntmann V, & Festinger L. (Hrsg.) (2012). Theorie der
haltung für Toleranz zu schaffen. Denn Andersartig- kognitiven Dissonanz (2. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
keiten und Pluralität sind essenziell für eine Gesell- Finkelstein, L., Burke, M.J., & Raju, N. (1995). Age discrimination
schaft. Heterogenität ist eine Qualität und Chance in simulated employment contexts: An integrative
analysis. Journal of Applied Psychology 80, 652–663.
sowie Ressource. Ebenso steht es auch für Familien.
Flammer, A. (2009). Entwicklungstheorien. Psychologische Theo-
Durch die Akzeptanz von Andersartigkeit der Kinder rien der menschlichen Entwicklung (4. Aufl.). Bern: Huber.
verliert diese ihre Bedrohlichkeit, die Vorzüge können Gammerl, B. (2010). Dossier: Homosexualität. Eine Regen-
gesehen werden und auch der vermeintlich „weit vom bogengeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung.
Stamm gefallene Apfel“ kann somit gedanklich wieder Artikel vom 17. Mai 2010. http://www.bpb.de/gesell-
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49 II

Geld
Kapitel 7 Geld regiert die Welt – 51
Laura Stina Maciejczyk

Kapitel 8 Geld allein macht nicht glücklich – 59


Lisa Andrea Straßer
51 7

Geld regiert die Welt


Laura Stina Maciejczyk

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_7

7.1 Einleitung 7.1.1 Bedeutung und Gebrauch


des Sprichworts
Bevor wir uns der Analyse des Sprichworts widmen,
welches sich maßgeblich um das Thema Geld dreht, Bei dem Sprichwort „Geld regiert die Welt“ handelt es
sollten wir uns zuerst einmal verdeutlichen, wieso sich im semantischen Sinne um eine Personifikation,
Geld überhaupt eine wichtige Rolle in unserer heu- da dem Geld als Objekt die menschliche Eigenschaft
tigen Gesellschaft spielt. des Regierens zugesprochen wird. Des Weiteren hat
Ursprünglich wurde Geld als Tausch- und Zah- man es mit einer Übertreibung zu tun, da in der Rea-
lungsmittel erfunden und besaß einen rein ökono- lität nichts und niemand offiziell die Welt regiert. Im
mischen Nutzen. Als Wertbewahrungsmittel löste es übertragenen Sinne sagt das Sprichwort also aus, dass
leicht verderbliche Güter als Erwerbsmittel für andere derjenige, der viel Geld hat, auch über viel Macht
Güter und Dienstleistungen ab (Crowther 1940). verfügt. Macht und Reichtum scheinen eng mitein-
Im Laufe der Zeit hat sich dieser Nutzenwert immer ander verbunden. Die Stilmittel betonen zusätzlich
mehr erweitert, wie die folgenden Ausführungen die große und exklusive Rolle des Geldes. Die Macht
zeigen. Geld steht für Erfolg, Sicherheit, Lebensquali- scheint nicht nur allumfassend, sondern auch unab-
tät und Selbstständigkeit. Es hat mit Ehre und Bestäti- hängig von anderen Aspekten wie den Eigenschaften
gung zu tun, was dadurch gezeigt wird, dass wir Geld der Personen einzig an deren Vermögen gekoppelt zu
aus manchen Geldquellen nicht annehmen würden sein. Mit anderen Worten könnte man sagen: Geld ist
(Zelizer 1997). Je nachdem wie viel Geld man besitzt, alles. Allerdings wird kein kausaler Zusammenhang
besaß, gerne hätte oder andere haben, kann es Gefühle deutlich gemacht. Es bleibt unklar, ob Reichtum zu
wie Neid und Stolz in uns hervorrufen. Seit jeher wird großer Macht oder aber Macht zu Reichtum führt.
aus finanziellen Gründen verraten und gemordet, Einige Beispiele, bei denen das Sprichwort in
begehrt und geheiratet. Unser persönlicher Reichtum der Öffentlichkeit gebraucht wurde: Fußballfans
kann bedeutsamen Einfluss auf unseren Selbstwert aus Dortmund postulierten „Geld regiert die Welt,
haben (Zhang 2009). Aktuelle Forschungsergebnisse aber hier regiert der BVB“ bei einer Begegnung mit
deuten sogar darauf hin, dass Geld die Effekte existen- dem Gegner Hoffenheim, der erst seit finanzieller
zieller Ängste wie der Todesangst abschwächen kann Unterstützung eines Unternehmers Erstligist wurde
(Zaleskiewicz et al. 2013). Der Nutzen von Geld hat sich (Müller 2009). Die ARD zeigte eine kritische Doku-
über die Jahre hinweg also vom rein ökonomischen mentation über Hedgefonds im Bankensektor, die
hin zu einem psychosozialen erweitert. Wie weit diese als Titel das Sprichwort trägt (Achtnich u. Michel
Bedeutung allerdings wirklich geht, lässt sich weniger 2014). Die Sängerin Liza Minnelli besingt in einem
anhand klassischer Definitionen als in zahlreichen vom Lied mit dem Refrain „Money makes the world go
Volksmund geprägten Sprichwörtern erahnen. ‘round“ („Geld regiert die Welt“), welche Möglich-
Eines dieser Sprichwörter, das die Bedeutsam- keiten Reiche durch ihr Vermögen haben, während
keit von Geld in der heutigen Welt beschreibt, lautet Unvermögende aufgrund ihrer Geldnöte großen
„Geld regiert die Welt“. Problemen gegenüberstehen.
52 Kapitel 7 · Geld regiert die Welt

Den Beispielen zufolge drückt das Sprichwort Sinnhaftigkeit dieser Tatsache anzweifelt, ist „Geld
eine eher negative Beurteilung über die große Rolle allein macht nicht glücklich“ (7 Kap. 8). Unterstüt-
von Geld aus. Es ist kein Beispiel zu finden, bei dem zung hierfür ist in der Forschung zu finden. Am
durch Gebrauch des Sprichworts eine Befürwortung bekanntesten ist wohl das Easterlin-Paradoxon, das
dieser Bedeutsamkeit ausgedrückt wird. eine Auswertung über den Zusammenhang zwischen
Die hohe Trefferquote, die das Sprichwort in Such- Reichtum und Glück darstellt. Es sagt aus, dass, wenn
maschinen erhält, weist außerdem darauf hin, dass grundlegende Bedürfnisse gestillt sind, mehr Reich-
es sich um ein sehr verbreitetes Sprichwort handelt, tum nicht zu mehr Glück führt (Easterlin 2001). Dies
welches häufige Verwendung im Alltag findet. bedeutet, wenn Glück ein höheres Ziel als Macht dar-
stellt, erweist sich „Geld regiert die Welt“ zwar nicht
als falsch, aber als weniger bedeutsam und Reichtum
7.1.2 Weitere Sprichwörter zum dadurch nicht unbedingt als erstrebenswert.
Thema Geld Unbestritten bleibt hingegen die Hauptaussage
unseres Sprichworts „Geld regiert die Welt“. Um
Besonders im englischsprachigen Raum existie- herauszufinden, ob Geld tatsächlich alles ist und
7 ren neben „Money makes the world go ‘round“ welcher Zusammenhang zwischen Geld und Macht
und „Money talks“ viele weitere Sprichwörter, die besteht, werden im Folgenden Studien und Theorien
dasselbe oder etwas Ähnliches aussagen: „He who zum Thema analysiert. Am Ende soll dadurch eine
has the gold makes the rules“ („Wer das Geld hat, Aussage möglich sein, ob das Sprichwort mit wissen-
bestimmt die Regeln“), „Money will make the mare schaftlichen Erkenntnissen vereinbar ist und unter
go“ („Geld wird die Stute zum Laufen bringen“), welchen Umständen es gilt.
„A golden key can open any door“ („Ein goldener
Schlüssel kann alle Türen öffnen“). In vielen weite-
ren Sprachen finden sich inhaltlich vergleichbare 7.2 Theorie und Empirie
Sprichwörter, sogar im Lateinischen heißt es „Nervus
rerum“ („Das Wesentliche der Sache ist das Geld“). 7.2.1 Sind die Mächtigen reich oder
Während für viele andere Sprichwörter häufig die Reichen mächtig?
auch Gegensprichwörter zu finden sind, gibt es
für „Geld regiert die Welt“ kein Sprichwort, das der Wie bereits kurz angerissen, besagt „Geld regiert die
Aussage ernsthaft widerspricht. Einige hingegen, die Welt“ nicht, wie Reichtum und Macht genau ver-
versuchen, die Bedeutsamkeit von Geld abzuwerten, knüpft sind, d. h., die Kausalität des Zusammenhangs
sind immer auch mit einem sich selbst entkräften- bleibt uneindeutig. Führt Reichtum dazu, dass man
den Zusatz versehen: „Geld ist nicht alles, aber ohne mächtig wird, oder werden mächtige Menschen eher
Geld ist alles nichts“, „Gesundheit (Liebe) kann man reich? Hierzu gibt es interessanterweise einige For-
nicht kaufen, Medikamente (Sex) aber schon“, „Geld schungsergebnisse bezüglich des Studiums, die für
ist nicht alles, das stimmt – aber für Geld kann man einen wechselseitigen Zusammenhang zwischen
alles kaufen, und das stimmt auch“, „Geld ist nicht Reichtum und Macht sprechen.
alles, aber viel Geld ist schon etwas“. Selbst auf Post- So wurde herausgefunden, dass Studenten, die
karten und T-Shirts finden sich Sprüche wie „Geld mehr finanzielle Unterstützung von den Eltern
ist nicht alles. Es gibt auch noch Kreditkarten (alter- erhielten, zum einen bessere Noten erzielen, zum
nativ: Gold und Diamanten)“. Indem sie versuchen, anderen mehr Praktika absolvieren konnten, da sie
auf humorvolle Weise das Sprichwort zu widerlegen, weniger Nebenjobs ausführen mussten. Dadurch
untermauern sie indes eher dessen Richtigkeit. Die hatten Sie nach dem Studium mehr Chancen auf
Aussage all dieser Sprichwörter, Zitate und Sprüche gut bezahlte Arbeitsstellen und höhere Positionen
ist dieselbe: Geld spielt eine unbestreitbar große Rolle (Humphrey 2006). Dies bedeutet, dass ein wohlha-
in der Gesellschaft, die nicht kleinzureden ist. bende Herkunft gleichzeitig zu eigenem Reichtum
Ein anderes Sprichwort, das nicht die Rolle und zu machtvollen Positionen im Arbeitsleben
von Geld in der Gesellschaft an sich, sondern die führen kann.
7.2 · Theorie und Empirie
53 7
Eine weitere Untersuchung zeigte, dass Schulabsol- benötigen wir Informationen über uns. Die Theorie des
venten, die befürchten, sich aufgrund eines Studiums sozialen Vergleichs (Festinger 1954) besagt, dass wir
verschulden zu müssen, häufiger eine Entscheidung diese beispielsweise durch den Vergleich mit anderen
gegen das Studieren fällen (Callender u. Jackson 2005). gewinnen können. Wenn wir bei einem Vergleich
Auch hier zeigt sich, dass diejenigen, die in eine wohl- besser abschneiden als das Gegenüber, können wir
habende Familie geboren werden, bessere Chancen auf dadurch unser Selbstwertgefühl schützen oder sogar
einen schnelleren und steileren Karriereweg haben, der verbessern. Dabei greifen wir gerne auf quantitative
wiederum „machtvolle“ Arbeitspositionen und eine Variablen zurück, da diese im Gegensatz zu quali-
gute finanzielle Versorgung nach sich zieht. tativen Variablen einfacher und genauer zu messen
Außerdem zeigen Untersuchungen immer sind. So fällt es uns schwerer, eine Aussage darüber zu
wieder, welche große Rolle persönliche Kontakte treffen, ob wir beliebter oder attraktiver als eine Ver-
beim Finden einer neuen Arbeitsstelle spielen. gleichsperson sind (qualitativ), als darüber, ob wir
Darauf spielt auch das bereits erwähnte Sprichwort vermögender als die Vergleichsperson sind (quan-
„A golden key can open any door“ an. Wer selbst titativ). Dazu müssen wir nicht einmal das genaue
schon viele Kontakte nach oben hat – und das sind Einkommen der Person kennen, sondern können
zumeist die „Mächtigen“ – kommt mit größerer hinreichend aussagekräftige Informationen aus
Wahrscheinlichkeit an höhere, besser bezahlte Jobs, Beruf, Kleidung, Freizeitgestaltung, Statussymbolen
also an eigene Macht und Reichtum (Granovetter etc. erlangen. Da uns unser Selbstwert sehr wichtig ist
1995). Fazit all dieser Studien ist demnach, dass in und wir uns – mehr oder weniger bewusst – häufig
einem wechselseitigen Zusammenhang Reichtum vergleichen, ist es nicht verwunderlich, dass Reich-
zu Macht und Macht wiederum zu Reichtum führt. tum für viele Menschen ein erstrebenswertes Ziel
Dass Macht und Reichtum tatsächlich selten darstellt.
unabhängig voneinander zu finden sind, wird deut- Besonders Personen, die sehr unsicher sind,
lich, wenn man einmal näher betrachtet, wer auf der fühlen sich mit Geld mächtiger und anderen über-
Welt Macht hat und wer reich ist. Unter den aktuell legen (Locke et al. 1996). Der Begründer der Indi-
10 mächtigsten Menschen der Welt befinden sich vidualpsychologie, Alfred Adler, würde wohl sogar
Staatsoberhäupter, Firmengründer und -inhaber so weit gehen, dass das Streben nach Reichtum und
(Forbes 2015b). Von Putin bis hin zu den Erfin- Macht einzig der Kompensation von erworbenen
dern von Google findet man durchaus auch wohlha- Minderwertigkeitsgefühlen dient. Das kann bei-
bende Menschen. Wer hier übrigens Papst Franziskus spielsweise bedeuten, dass, wenn man als Kind durch
(Platz 4) ausnehmen möchte, sollte bedenken, dass soziale Ablehnung einen Angriff auf den Selbstwert
der Vatikan über dreistellige Milliardenbeträge erfährt, ein Gefühl der Minderwertigkeit entsteht.
verfügt (Frerk 2010). Zu den derzeit 10 reichsten Men- Dieses würde man im Erwachsenenalter dann durch
schen der Welt zählen wiederum Firmengründer und die Anhäufung von Geld oder machtvolle Positionen
-inhaber sowie deren Erben – also auch hier wieder zu überwinden versuchen, um den verloren gegan-
Menschen mit einer gewissen Macht (Forbes 2015a). genen Selbstwert wiederherzustellen.
Im Folgenden soll erläutert werden, welche Wichtig ist dabei allerdings nie der absolute,
Gründe – neben Macht – für das Streben nach Reich- sondern der relative Reichtum im Vergleich zu
tum sprechen. anderen: Nicht hohe Gehälter an sich, sondern nur
Gehälter, die höher als jene von Vergleichspersonen
wie Kollegen, Nachbarn oder Freunden sind, steigern
7.2.2 Wieso streben wir nach die Lebenszufriedenheit (Boyce et al. 2013).
Reichtum? Wieso allerdings vergleichen wir so gerne unser
Vermögen und nicht andere ebenso gut messbare
Selbstwert Variablen? Der Grund ist, dass Reichtum zumeist
Eines der zentralen Bedürfnisse des Menschen ist automatisch mit anderen positiv belegten Eigen-
das Erlangen eines positiven und stabilen Selbst- schaften wie Macht in Verbindung gebracht wird.
bildes. Um zu wissen, wer und wie wir selbst sind, Lemrová et al. (2014) konnten in einer Studie zeigen,
54 Kapitel 7 · Geld regiert die Welt

dass für materialistisch geprägte Personen Reich- 4 Aber auch bei den sozialen Bedürfnissen
tum sogar gleichbedeutend mit Macht ist. Das heißt, der 3. Stufe lässt sich mit Geld zumindest
indem diese ihren Reichtum vergleichen, erhalten sie nachhelfen: Die Zugehörigkeit zu einer
gleichzeitig Angaben zu ihrer Machtposition im Ver- Gruppe (Beispiel Golfklub) oder bestimmte
gleich zu anderen, was wiederum zur Festigung des Freundschaften lassen sich zumindest partiell
Selbstwertes beiträgt. mit Reichtum erwerben.
4 Wenn wir über das höchste Bedürfnis, die
Selbstverwirklichung, nachdenken, lassen sich
Sicherheit ebenfalls Beispiele finden, wie diese durch Geld
Ein weiteres grundlegendes Bedürfnis des Menschen einfacher erreicht werden kann. Wer sich selbst
ist Kontrollierbarkeit beziehungsweise Sicherheit. verwirklichen möchte, indem er Künstler wird
Hierzu zählen die Selbstbestimmung, die Aufrecht- oder sein Leben wohltätigen Zwecken widmet,
erhaltung des Status quo, die Vermeidung von Risiko erreicht dies durchaus einfacher und schneller
sowie Verlässlichkeit (Bierhoff u. Rohmann 2012). mit einem finanziellen Polster als mittellos.
Wie aber können wir unser Bedürfnis nach Sicher- 4 Zudem sollten wir der 4. Stufe, der sozialen
7 heit befriedigen, wenn wir in einer nur unzureichend Anerkennung und Wertschätzung, besondere
kontrollierbaren Umwelt leben? Aufmerksamkeit schenken. Hier geht es neben
Eine Möglichkeit besteht darin, sich ein finan- Anerkennung und Selbstachtung auch um
zielles Polster für die existenzielle Sicherung anzule- Geltungsbedürfnisse wie Macht und Einfluss.
gen. Während man wichtige Beziehungen zu Freun- Wieder wird deutlich, dass Geld auch auf dieser
den, dem Partner und Verwandten verlieren kann, Stufe unterstützend wirken kann, z. B. dann,
dient das gefüllte Bankkonto möglicherweise als sta- wenn der Neureiche durch seine Statussymbole
bilere Konstante. Auch die Kündigung des Arbeits- Anerkennung erhält und der Lobbyist aufgrund
platzes, der Wohnungsbrand oder der Totalschaden seines finanziellen Hintergrunds Einfluss auf
am Wagen lassen sich mit einem prallen Sparbuch in politische Entscheidungen nehmen kann.
der Hand schneller verkraften.
Zudem leben wir heutzutage in einer hedonis- Die Maslowsche Bedürfnispyramide zeigt uns also
tischen Gesellschaft, die dem kurzfristigen Spaß- nicht nur erneut die Verknüpfung zwischen Reich-
erleben nicht abgeneigt ist und durch modernen, tum und Macht auf, sondern ordnet beides teilweise
schnellen Konsum geprägt ist. Durch die sich immer den grundlegenden und wichtigen Bedürfnissen des
schneller entwickelnde Technik steigt die Anzahl Menschen zu.
der Angebote auf dem Markt exponentiell an. Wer
kann heute schon sagen, was er morgen gerne hätte?
Ein gewisser Reichtum ermöglicht es uns, neue Status
Bedürfnisse schnell zu befriedigen, ohne abwarten Eine weitere wichtige Rolle für Menschen spielt der
zu müssen, bis das benötigte Geld erarbeitet oder Status. Diesem kommt zwar keine so herausragende
erspart wurde. Bedeutung zu wie in früheren Zeiten, als außerhalb
Berücksichtigt man einmal die Bedürfnispyra- des eigenen Standes nicht geheiratet werden durfte
mide von Maslow (1954), so würde man Reichtum und Bildungs- bzw. Berufsmöglichkeiten stark
wohl ohne Umschweife auf der 2. Stufe der Sicherheit begrenzt waren. Dennoch spielt der Status auch heute
einordnen. Betrachtet man dann allerdings noch die noch für viele Menschen eine große Rolle und wird
anderen Stufen, wird offensichtlich, dass uns Geld mit Statussymbolen entweder verdeutlicht oder auf-
zur Erreichung sehr vieler der aufgezählten Bedürf- gewertet (Hradil 1987). Statussymbole sind meist
nisse dienen kann: kostspielig zu erwerben. Neben klassischen Gegen-
4 Selbst die untersten, primären Bedürfnisse ständen wie dem teuren Auto oder der luxuriö-
wie Nahrung, Sexualität und Schlaf lassen sich sen Armbanduhr können ebenso Hobbys (Golf),
teilweise mit Geld erwerben. Reisen (Kreuzfahrt) oder der Lebensstil (häufige
7.3 · Gültigkeit des Sprichworts
55 7
Restaurantbesuche) Ausdruck des Status sein. Dabei 7.3 Gültigkeit des Sprichworts
will ein einmal erworbener Status zumindest bei-
behalten, besser aber ausgebaut werden. Dafür ist 7.3.1 Geld regiert die Welt …
immer mehr Geld vonnöten, das durch das Streben
nach immer größerem Reichtum erlangt wird. Wie wir aus dem Weltgeschehen und mehreren wis-
senschaftlichen Studien ablesen können, besitzt Geld
einen unbestreitbar großen Stellenwert in vielen
Religion Bereichen. Es ist für Selbstwert, Sicherheit und Status
Zu guter Letzt kann auch die Religion einen Einfluss unabdingbar und selbst Verknüpfungen mit der Reli-
auf das Streben nach Reichtum haben. So beschreibt gion lassen sich finden. Für das Individuum hängt die
Max Weber (1988) in seiner „Protestantismusthese“ Bedeutsamkeit von Reichtum mit all seinen grundle-
die calvinistische Bewegung als einen Grund für die genden und höheren Bedürfnissen zusammen. Auch
industrielle Revolution sowie den modernen Kapi- auf staatlicher Ebene gehen nahezu alle politischen
talismus. Die calvinistische Arbeitsethik ist geprägt und wirtschaftlichen Entscheidungen, von der Prä-
von der Ansicht, dass Zeitvergeudung eine der sidentschaftswahl über Firmenexpansionen bis hin
größten Sünden des Menschen sei. Anhänger des zu Kriegseinsätzen, mit finanzieller Überlegung bzw.
Calvinismus führen demnach ein möglichst tugend- Überlegenheit einher. Der Zusammenhang zwischen
haftes, d. h. arbeitsreiches Leben, um die Gewiss- Macht und Reichtum ist so groß, dass es schwerfällt,
heit zu erhalten, zu den von Gott Auserwählten zu Beispiele zu finden, bei denen ausschließlich das eine
gehören. Deshalb steht die Nützlichkeit menschli- oder das andere vorhanden ist.
chen Handelns, also auch der Sinn der menschlichen
Existenz, in direktem Zusammenhang mit dem wirt-
schaftlichen Erfolg der Gesellschaft. Allerdings ist 7.3.2 … aber Geld ist nicht das
im Calvinismus auch der Luxus als zeitvergeudende Wichtigste im Leben
Sünde verpönt. Reichtum kann also nur als „Neben-
produkt“ der gottesfürchtigen Lebensweise gesehen Obwohl Geld in allen Bereichen der Gesellschaft eine
werden, niemals aber als deren primäres Ziel. große Rolle spielt, ist Geld anscheinend aber auch
Die Ansichten zu Arbeit und Reichtum finden nicht alles. Wie bereits erläutert, kommen Menschen
sich auch in anderen Religionen. Die Bibel predigt aus finanziell begünstigten Familien einfacher an
Fleiß, aber ein bescheidenes Leben, denn „Wer sich machtvolle Positionen. Allerdings gibt es neben den
auf seinen Reichtum verlässt, der wird untergehen“ bekannten Aspekten wie guten Noten, Intelligenz
(Sprüche 11,28; Luther 1984). Bekannt ist auch die und Ehrgeiz noch viele weitere externe Faktoren, die
Vertreibung der Geldwechsler und Kaufleute aus bewiesenermaßen Einfluss auf die Karriereentwick-
dem Tempel durch Jesus mit den Worten „Macht das lung haben. So erhalten Männer durchschnittlich
Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhause!“ (Joh bessere Empfehlungsschreiben und haben höhere
2,16; Luther 1984), die die Unvereinbarkeit zwischen Chancen auf Beförderungen als Frauen (Smith 2012)
Religion und dem Streben nach Reichtum verdeutli- und Menschen mit ausländisch klingendem Namen
chen. Ähnliche Textstellen sind ebenfalls im Koran zu werden seltener zu Bewerbungsgesprächen eingela-
finden, wo es heißt „Jene, die Gold und Silber anhäu- den (Kaas u. Manger 2012). Reichtum ist also neben
fen und es nicht aufwenden auf Allahs Weg – ihnen Geschlecht und Ethnizität nur einer von vielen wei-
verheiße schmerzliche Strafe“ (Koran 9:34–35). All teren Faktoren, die eine Rolle beim Erreichen hoher,
diesen Religionen ist gemein, dass sie sowohl Streb- machtvoller Positionen im Beruf spielen können.
samkeit und Fleiß bei der Arbeit, gleichzeitig aber Viele anerkannte Philosophen, Soziologen und
ein bescheidenes Leben ohne großen Luxus für die Psychologen kritisieren zudem das Streben des Men-
richtige Wahl halten. Überflüssiger Reichtum wird schen nach Reichtum, Luxus und allgemeinem Über-
durch Umverteilung wie Spenden an Arme oder an fluss. Als berühmter Vertreter ist Erich Fromm zu
die religiöse Institution vermieden. nennen, der in seinem Werk Haben oder Sein (1976)
56 Kapitel 7 · Geld regiert die Welt

das ewige menschliche Streben nach dem Haben Kritisch hingegen sind politische und wirtschaft-
anprangert und als Lösung eine Hinwendung zum liche Entscheidungen zu sehen, bei denen auf den
Sein propagiert. Er sieht die gesunde Gesellschaft als ersten Blick der finanzielle Vorteil nicht im Vor-
eine solche, in der die Menschen nur das produzieren dergrund zu stehen scheint. Humanitäre Friedens-
und konsumieren, was sie tatsächlich benötigen, und einsätze gemeinnütziger Organisationen haben
solidarisch miteinander sind, anstatt sich gegensei- beispielsweise häufig einen hohen politischen Stel-
tig zu übertreffen. Damit würde menschliches Leid lenwert und alle großen Unternehmen unterstützen
verringert und das Wohlergehen stünde an erster soziale Projekte, ohne einen direkten monetären
Stelle. Hier können wir also gleich über beide Begriffe Mehrwert zu erhalten. Kritiker werfen Regierungen
unseres Sprichworts Aussagen ableiten: Sowohl allerdings vor, besonders in solchen Regionen huma-
Reichtum als auch Macht gelten laut Fromm nicht nitäre Hilfe zu leisten, in denen sie sich beispielsweise
als erstrebenswert. Im Gegenteil stehen ihm zufolge durch Ölvorkommen langfristig Vorteile erhoffen
beide einer besseren Gesellschaftsform im Weg. können. Der Wettbewerbsvorteil von Unterneh-
Interessanterweise steht Reichtum auch nie an men, die sich unternehmerische Sozialverantwor-
erster Stelle, wenn man Menschen danach befragt, tung (Corporate Social Responsibility) auf die Flagge
7 was ihnen im Leben wichtig ist. In der tagesaktuellen schreiben, ist nicht von der Hand zu weisen und sogar
Aufstellung der OECD (2016) für Deutschland über mit harten Zahlen belegbar (Loew u. Clausen 2010).
die gewünschten Voraussetzungen für ein besseres
Leben nehmen Lebenszufriedenheit, Gesundheit
und Bildung die ersten drei Rangplätze ein; das Ein- 7.4 Fazit
kommen hingegen liegt auf dem drittletzten Platz.
Wer jetzt behauptet, das läge nur an der sowieso Abschließend bleibt festzuhalten, dass uns Theorien
schon sehr guten wirtschaftlichen Lage unseres Begründungen und Forschungsergebnisse Unter-
Landes, wird über die Ergebnisse anderer Staaten stützung für den Zusammenhang zwischen Reich-
erstaunt sein: Auch bei den Griechen, Brasilianern tum und Macht liefern. Letztendlich sind es aber
und Mexikanern schafft es das Einkommen nicht auf unsere eigenen Erfahrungen und das Weltgeschehen,
die vorderen Positionen auf die Frage, was für den die uns zeigen, dass Geld wohl tatsächlich nahezu
Anstieg des allgemeinen Lebensstandards wichtig überall eine unbestreitbar große Rolle spielt, auch
ist. Trotzdem sollten wir bei solchen Befragungen wenn sich kleine Einschränkungen und Ausnahmen
nicht aus den Augen verlieren, dass Menschen häufig finden lassen.
so antworten, wie es durch gesellschaftliche Normen Viel wichtiger jedoch bleibt es, zu hinterfragen,
sozial erwünscht ist. Da das Streben nach Reichtum welche Bedeutsamkeit man dieser Tatsache zuspricht.
zumeist nicht gut angesehen ist, könnten viele dazu Jeder muss für sich selbst entscheiden, welchen Stel-
neigen, den Wunsch nach einem hohen Einkommen lenwert Reichtum für ihn besitzt. Der Mensch strebt
im Rahmen der Befragung anderen, positiver behaf- nach Reichtum, weil man mit Geld fast alle Wünsche
teten Präferenzen unterzuordnen. und Bedürfnisse befriedigen kann – aber eben nur
Einige Forscher sind der Auffassung, dass es fast. Auch wenn man sich Macht erkaufen oder
besonders auf die Motive, die hinter dem Verdienen dadurch reich werden kann, ist das höchste Ziel der
von Geld stehen, ankommt: Menschen, die Geld zur meisten wohl immer ein anderes wie etwa Glück
Machterreichung nutzen, haben ein geringeres sub- und Zufriedenheit. Vielleicht kann man sogar sagen,
jektives Wohlbefinden (Srivastava et al. 2001). Diese „Geld regiert die Welt“, aber „Geld allein macht nicht
Ergebnisse deuten darauf hin, dass Geld allein die glücklich“ (7 Kap. 8). Oder man schließt sich doch
Menschen also nicht glücklich zu machen scheint. der Aussage des Comedians Henny Youngman an:
Ausführliche Erläuterungen zu diesem Thema
können dem 7 Kap. 8 „Geld allein macht nicht glück- » Was bringt einem Glück? Man kann damit
lich“ entnommen werden. nichts kaufen.
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8.1 Einleitung: Wandel der Wertewandel, welcher die Abkehr von materiellen
Gesellschaft Reichtümern propagiert und trägt diesen Wandel
hinein in die Berufswelt (Löhr 2013).
Martin Seligman, US-amerikanischer Psychologe Doch wie vielversprechend sind diese neuen
und Vordenker im Bereich der positiven Psycho- Lebensentwürfe bezogen auf unser subjektives Wohl-
logie, stellt in seinem Bestseller Der Glücks-Faktor befinden? Macht Geld allein tatsächlich nicht glück-
(2014) die These vom gesellschaftlichen Wandel weg lich, und wenn ja, welche Konsequenzen lassen sich
von einer Geld- hin zu einer Zufriedenheitswirt- daraus für die Privatperson, aber auch auf politischer
schaft auf. Materielle Bedürfnisse würden, analog und unternehmerischer Ebene ableiten?
der These der Wertsubstitution (Inglehart 1977),
postmaterialistischen sozialen und selbstverwirkli-
chungsbezogenen Bedürfnissen weichen. Vielleicht 8.2 Wissenschaftliche Befunde
mögen die Gründe dieses Wandels darin liegen, dass
Jugendliche und Erwachsene, die unter Bedingungen Geld und materieller Wohlstand zählen tatsächlich
materiellen Wohlstandes aufgewachsen sind, sich zu den drei großen Korrelaten des Glücks. Ganz
nicht mehr um materielle „Selbstverständlichkei- oben auf der Liste der Dinge, die hauptverantwort-
ten“ sorgen und andere, „höhere“ Interessen verfol- lich für unser subjektives Wohlbefinden sind, stehen
gen. Vielleicht ist in den Köpfen der Menschen aber (Hartmann et al. 2002):
auch angekommen, was ein altbekanntes Sprichwort 1. Stabile soziale Beziehungen und eine feste
schon lange prophezeit: „Geld allein macht nicht Partnerschaft
glücklich“. 2. Religiosität und Übernahme von
Seligmans Idee vom gesellschaftlichen Wandel Weltanschauungen
spiegelt sich auch in den Bedürfnissen und Wün- 3. Materieller Wohlstand und gesellschaftlicher
schen der Generation Y wider; jener sagenumwobe- Status
nen Bevölkerungskohorte, deren Eigenschaften in
den Medien heiß diskutiert werden und die insbe- Unser Glücksempfinden steigt jedoch nicht zwangs-
sondere in Hinblick auf den sog. „War for Talents“ läufig gemäß unserem materiellen Wohlstand an. Viel-
durchaus auch von wirtschaftlicher Relevanz ist. mehr zeigt sich, dass ein anwachsender Kontostand,
Für die Generation Y rückt anstelle von Prestige sobald ein gewisser Wohlstand erreicht ist, nicht unwei-
und Reichtum eine sinnerfüllte Arbeit in den Mit- gerlich auch zu mehr Glück führt (Easterlin 2001).
telpunkt und gilt eine Balance zwischen Beruf und
Freizeit als erstrebenswert. Damit zeigt sich auch
im beruflichen Kontext, analog der Maslowschen 8.2.1 Easterlin-Paradoxon
Bedürfnispyramide, ein Wandel weg von physiologi-
schen und Sicherheitsbedürfnissen hin zu Selbstver- Dieses Phänomen ist nicht nur auf privater, sondern
wirklichungs- und Individualbedürfnissen (Maslow auch auf Länderebene beobachtbar. Im Rahmen des
1943). Die Generation Y verkörpert demnach jenen sog. Easterlin-Paradoxon kann festgestellt werden,
60 Kapitel 8 · Geld allein macht nicht glücklich

dass trotz eines enorm gestiegenen Wohlstandes in Einstellungen oder Wünsche nicht miteinander ver-
den vergangenen Jahrzehnten das Glücksempfinden einbar scheinen. Durch das Abwerten des zuvor als
einer Bevölkerung unabhängig von diesem Trend erstrebenswert angesehenen finanziellen Reichtums
zu sein scheint. Obwohl also die Wirtschaftskraft kann dieser unangenehme Gefühlszustand aufgeho-
westlicher Länder gewachsen ist, ist das subjektive ben werden.
Wohlempfinden der Bevölkerung nicht merklich
gestiegen. Dies zeigen auch die aktuellen Daten des » Es stimmt, dass Geld nicht glücklich macht.
sozioökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Allerdings meint man damit das Geld der
Instituts für Wirtschaftsforschung, welches jährlich anderen. (George Bernard Shaw, zitiert nach
20.000 deutsche Haushalte bezüglich ihrer Lebens- Weber 2014)
zufriedenheit auf einer Skala von 0 (ganz und gar
unzufrieden) bis 10 (ganz und gar zufrieden) befragt.
Demnach ist zwar das Pro-Kopf-Einkommen seit 8.2.2 Geldsegen und Geldverlust
den 1980er-Jahren von durchschnittlich 20.000 Euro
auf fast 35.000 Euro jährlich gestiegen, die durch- Des Weiteren sollte auch der situative Einfluss auf
schnittliche Lebenszufriedenheit stagniert jedoch das menschliche Verhalten bei der Betrachtung des
um den Wert 7 (Gerstorf u. Schupp 2014). Zusammenhangs von Geld und Glücksempfinden
8 nicht außen vor gelassen werden. Es gilt beispiels-
» Es ist nicht schwer, Menschen zu finden, die weise zwischen einem unerwarteten Geldsegen
mit 60 Jahren zehnmal so reich sind, als sie und einem regelmäßigen Einkommen zu unter-
es mit 20 waren. Aber nicht einer von ihnen scheiden. Während das regelmäßige Einkommen,
behauptet, er sei zehnmal so glücklich. (George wie bereits erwähnt, ab einem bestimmten Grad –
Bernard Shaw, zitiert nach Weber 2014) man geht etwa von einem Jahreseinkommen von
50.000 US-Dollar aus – das persönliche Wohlbefin-
Dennoch haben vor allem die Befunde im Rahmen den längerfristig nicht weiter steigern kann, kann ein
des Easterlin-Paradoxons in den letzten Jahren Kritik unerwarteter Geldsegen – bereits ab wenigen Cent –
einstecken müssen und befeuerten einen bis heute eine Auswirkung auf das persönliche Wohlbefin-
andauernden Diskurs. Während Easterlin (2001) den haben. So zeigte eine Studie von Levin und Isen
seine Ergebnisse wiederholt nachweisen konnte, (1972), dass Personen, welche zuvor eine Münze im
gelangten Stevenson und Wolfers (2008) in ihren Rückgabefach eines öffentlichen Telefons gefunden
Forschungsarbeiten regelmäßig zu entgegengesetz- hatten, danach deutlich besserer Stimmung waren.
ten Resultaten: Die durchschnittliche Zufrieden- Interessanterweise zeigten diese Personen auch ein
heit steige parallel zum Wirtschaftswachstum einer deutlich prosozialeres Verhalten in Folgesituatio-
Nation. Es ist daher sinnvoll, einen differenzierteren nen. Während lediglich 4 % der Personen, welche
Blick auf das Thema Geld und Glück zu werfen und keine Münzen gefunden hatten, einem Mann dabei
dabei beispielsweise auch Aspekte der Situation bzw. halfen einen fallengelassenen Stapel Papiere einzu-
des persönlichen Standpunktes mit einzubeziehen. sammeln, erwiesen sich ganze 84 % derjenigen, die
So kann etwa argumentiert werden, das Sprich- einen plötzlichen „Geldsegen“ erhalten hatten, als
wort „Geld allein macht nicht glücklich“ diene ledig- hilfsbereit. Vielleicht liegt das Geheimnis des Glücks
lich als Rechtfertigung der Reichen und Mächtigen, ja gar nicht im Besitzen, sondern im Geben?
um Neid und Missgunst zu schmälern, die eigene Analog zum unerwarteten Gewinn spielt vor
Macht zu sichern und einen sozialen Aufstand zu allem auch der Verlust von Geld eine große Rolle
vermeiden. Zugleich dient das Sprichwort jedoch in Bezug auf das persönliche Wohlbefinden und
auch finanzschwachen Schichten als Rechtfertigung gezeigte Verhaltenstendenzen. Unter der sog. Ver-
für den eigenen sozialen Status und hilft kognitive lustaversion versteht man in Psychologie und Öko-
Dissonanz zu reduzieren. Darunter versteht sich ein nomie die Neigung, Verluste höher zu gewichten als
als aversiv empfundener motivationaler Gefühls- Gewinne. So ärgert man sich etwa über den Verlust
zustand, welcher auftritt, sobald Wahrnehmungen, von 100 Euro stärker, als man sich über den Gewinn
8.2 · Wissenschaftliche Befunde
61 8
von 100 Euro freuen würde (Kahneman u. Tversky Personen zeitweise schwieriger sein, zwischen
1979). Insbesondere unser Verhalten am Aktien- wahren und falschen Freunden zu unterschei-
markt wird maßgeblich durch die Angst vor Ver- den. Fakt ist aber auch, dass es gerade einmal 36 %
lusten gesteuert und führt beispielsweise dazu, dass der befragten Frauen einer Studie der Comdirect
steigende Aktien zu früh und sinkende Aktien zu aus dem Jahr 2012 in Ordnung fänden, wenn ihr
spät veräußert werden (Shefrin u. Statman 1985). Partner weniger Geld nach Hause brächte als sie
selbst. Zudem scheint der Kontostand des Mannes
auch Auswirkungen auf die Sexualität der Partnerin
8.2.3 Gesundheit, Liebe und Glück zu haben. Einer Studie aus dem Jahr 2009 zufolge
kommen Frauen gut situierter Männer häufiger
Letztendlich stellt sich bezüglich der Überlegung, zum Orgasmus als Frauen finanzschwacher Männer
ob Geld alleine glücklich macht, natürlich auch die (Pollet u. Nettle 2009). Der Kontostand des Mannes
Frage, was sich mit Geld überhaupt kaufen lässt. So scheint demnach einen größeren Zusammenhang
wird Geld beispielsweise oftmals mit Macht, Kont- mit dem weiblichen Orgasmus aufzuweisen als seine
rolle und Sicherheit gleichgesetzt und bedient damit allgemeine und körperliche Attraktivität. Der Evo-
grundlegende Bedürfnisse des Menschen (7 Kap. 7). lutionspsychologe Thomas Pollet erklärt sich diesen
Geld ist zudem ein sog. generalisierter Verstärker, Zusammenhang damit, dass der weibliche Orgasmus
welcher sämtliche primären (z. B. Essen, Wärme) bereits seit Urzeiten die emotionale Bindung zu gene-
und sekundären (z. B. Lob) Bedürfnisse abdeckt tisch hochwertigen Männern festigen soll.
und damit die Verfügbarkeit über Verstärker aller Das wohl entscheidendste Argument in Sachen
Art sicherstellt (Wiswede 2012). Geld und Liebe dürfte jedoch wohl die Tatsache sein,
Oft angemerkt wird natürlich, dass sich etwa dass verheiratete Menschen weitaus glücklicher sind
Gesundheit und Liebe nicht kaufen ließen, doch als Alleinstehende. Einer Berechnung von Blanch-
auch hier muss differenzierter unterschieden werden. flower und Oswald (2004) zufolge, belaufen sich die
Natürlich lässt sich Gesundheit nicht kaufen, doch „Glückskosten“ dafür, nicht verheiratet zu sein, im
es kann ebenso wenig bestritten werden, dass Geld Jahr auf bis zu 100.000 US-Dollar. Das heißt, das
dabei helfen kann, diese wiederzugewinnen bzw. auf- Glücksniveau einer verheirateten Person ist genauso
rechtzuerhalten. Nicht nur im umstrittenen ameri- hoch wie das einer geschiedenen, nicht wieder ver-
kanischen, auch im deutschen Gesundheitssystem heirateten Person, die 100.000 US-Dollar mehr im
lässt sich dieses Phänomen trotz einer gesetzlich Jahr verdient – unter der Voraussetzung, dass alle
verpflichtenden Krankenversicherung beobach- sonstigen Einflussfaktoren gleichgehalten werden.
ten. Diese Begebenheit zeigt sich schon im Kleinen, Neben dem Einkommen haben also viele weitere
etwa bei der Verfügbarkeit von Arztterminen, ist aber Faktoren einen Einfluss auf unser Glücksempfinden,
auch bei der Chefarztbehandlung von Privatpatien- welche die Stärke des Einflusses des Gehalts auf unser
ten oder im illegalen Bereich – Stichwort Organ- Glück moderieren oder sogar nivellieren.
spendeskandal – zu beobachten. Aktuelle Zahlen des Es kann demnach festgehalten werden: Wachsen-
SOEP unterstützen diese Beobachtungen (Gerstorf u. der Wohlstand macht Reiche langfristig nicht glück-
Schupp 2014). Demnach leben wohlhabende Frauen licher, dafür aber Arme. Eine aktuelle Studie der
im Durchschnitt 3,5 Jahre länger als unvermögende. University of British Columbia zeigt, dass Geld zwar
Bei den Männern ist dieser Unterschied sogar noch nicht glücklich, aber zumindest weniger traurig macht
deutlicher ausgeprägt. Hier kann davon ausgegangen (Kushlev et al. 2015). Demnach gab es zwar keinen
werden, dass Finanzschwache ganze 5 Jahre früher Zusammenhang zwischen viel Geld und dem tägli-
sterben. Diese starke Differenz mag neben der besse- chen Glücksempfinden, wohl aber mit dem Gefühl
ren Gesundheitsversorgung gut situierter Personen des täglichen Traurigseins. Die Forschergruppe um
auch darauf zurückzuführen sein, dass diese seltener Kushlev erklärte sich diesen Zusammenhang damit,
harte körperliche Arbeit leisten müssen. dass Wohlhabende eher das Gefühl hätten, schwierige
In Bezug auf die Liebe, sei sie romantischer oder Situationen meistern zu können als Unvermögende.
freundschaftlicher Natur, mag es für wohlhabende So sei ein Loch im Dach für vermögende Personen
62 Kapitel 8 · Geld allein macht nicht glücklich

zwar ärgerlich, aber durchaus leicht zu beheben, in der es überbewertet ist.“ Hinter dieser Aussage
wohingegen das lecke Dach für mittellose Personen verbirgt sich, was auch Aknin et al. (2009) in ihrer
ein längerfristiges Problem darstellen kann, welches Studie feststellen konnten. Ihren Erkenntnissen
auch das persönliche Wohlbefinden in Mitleiden- zufolge scheinen wir dazu zu tendieren, den Einfluss
schaft zieht. Der Vorteil von einkommensstarken von Geld auf das persönliche Wohlbefinden zu hoch
Haushalten liegt demnach eher darin, aversive Emo- einzuschätzen: So unterlagen die Versuchspersonen
tionen abzufedern als positive heraufzubeschwören. systematisch der Fehleinschätzung, dass ein geringe-
Eine Ansicht, die auch ein anderes deutsches Sprich- res Einkommen auch mit einer geringeren Lebens-
wort längst vertritt: „Wo Geld ist, da ist der Teufel; wo zufriedenheit gleichzusetzen sei.
keins ist, da ist er zweimal“. Als Folge dieser Fehleinschätzung betreiben wir
Da sowohl im deutschen als auch im englisch- einen immer größeren Aufwand, um unser Einkom-
sprachigen Raum kein „Gegensprichwort“ existiert men und damit vermeintlich auch unsere Lebenszu-
und der Zusammenhang von Geld und Macht bereits friedenheit zu steigern. Im Endeffekt bedeutet dies,
in 7 Kap. 7 erörtert wird, soll im Folgenden eine Reihe wir investieren immer mehr Zeit in unseren beruf-
weiterer Sprichwörter zum Zusammenhang von Geld lichen Erfolg und bewirken damit genau das Gegen-
und Glück näher betrachtet werden. Im Mittelpunkt teil. Mogilner (2010) konnte zeigen: Wird anstelle
stehen dabei u. a. Negativauswüchse von Reichtum von „Geld“ implizit das Konstrukt „Zeit“ aktiviert,
8 und das persönliche Anspruchsniveau. verbringen wir mehr Zeit mit Freunden und Familie,
anstatt zu arbeiten. Das heißt, ist uns anstelle eines
Geldanreizes das Phänomen Zeit präsent, zeigen wir
8.3 Exkurs: „Geld macht einsam“ und ein Verhalten, das grundsätzlich mit einem größe-
„Geld verdirbt den Charakter“ ren persönlichen Wohlbefinden assoziiert wird. Im
Gegensatz dazu führte die Aktivierung des Konstruk-
In der Politik wie in der Ökonomie ist oft davon die tes „Geld“ dazu, dass mehr gearbeitet und weniger
Rede, Geld sei da, um vermehrt zu werden. soziale Kontakte gepflegt wurden, was wiederum
nicht mit einem ansteigenden subjektiven Wohl-
» Geld allein macht nicht glücklich, es gehören befinden in Verbindung gebracht werden konnte.
auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu. Bezüglich ihrer Auswirkung auf das Glücksempfin-
(Danny Kaye, zitiert nach Weber 2014) den scheint Zeit eben nicht gleich Geld zu sein.

Doch wenn immer größerer Reichtum langfristig


nicht glücklicher macht, warum sollte der Mensch 8.3.2 Auswirkungen auf das
dann danach streben? Welche negativen Auswüchse Sozialverhalten
bezüglich des persönlichen Wohlbefindens zieht
Reichtum nach sich, und welche wissenschaftlichen Daneben liegen Befunde bezogen auf den Zusam-
Befunde der positiven Psychologie stellen übermäßi- menhang von Geld und schädlichem Sozialverhalten
gen Reichtum infrage? Im Folgenden werden einige vor, die den beiden wichtigen Korrelaten des Glücks –
interessante Aspekte herausgegriffen, welche versu- Geld und stabilen Beziehungen – zu widersprechen
chen, diese Fragen zu beantworten, und dabei helfen scheinen.
werden, ein besseres Verständnis bezüglich des Bereits Marx und Engels (1867) hielten Geld
Zusammenhangs von Geld und Glück zu erlangen. für die „Wurzel allen Übels“ und die Ursache für die
wachsende zwischenmenschliche Entfremdung –
eine Annahme, die auch Vohs et al. (2006) verfolg-
8.3.1 Investieren von (Arbeits-)Zeit ten: Sie zeigten, dass subliminal induzierte Gedanken
an Geld dazu führten, dass seltener Hilfe in Anspruch
Der US-amerikanische Schriftsteller Henry Louis genommen wurde, ein größerer räumlicher Abstand
Mencken sagte einst: „Der Hauptwert des Geldes zu anderen Personen gesucht und mit größerer
besteht in der Tatsache, dass man in einer Welt lebt, Wahrscheinlichkeit eine Freizeitbeschäftigung
8.3 · Exkurs: „Geld macht einsam“ und „Geld verdirbt den Charakter“
63 8
ausgewählt wurde, welche man auch alleine ausüben und zufrieden wir mit dem Ausgang, d. h. dem
konnte. Geld fördert demnach individualistische erreichten Ziel, in einer bestimmten Situation sind.
Tendenzen, senkt die gemeinschaftliche Motivation Fundierte Erkenntnisse zum Einfluss des
und kann daher in Extremfällen tatsächlich auch Anspruchsniveaus konnten mithilfe der Feld-
einsam machen. theorie von Kurt Lewin gewonnen werden (Lewin
et al. 2012). Demnach senken Misserfolge unser
» [Wohlstand] mindert unser Glück und belastet Anspruchsniveau, während Erfolge, beispielsweise
unsere Psyche. Geld und Reichtum führen ein höheres Einkommen, unser Anspruchsniveau
tendenziell zur Auflösung alter, traditioneller steigern. Es kann daher auch von einem Gewöh-
Gemeinschaften, enger Familienbande und nungseffekt gesprochen werden, wenn es darum
verlässlicher Freundschaften, und damit zu geht, welchen Einfluss ein wachsendes Einkommen
Einsamkeit und Isolation. Überspitzt formuliert auf unser Wohlbefinden hat.
könnte man sagen: In unserer Wohlstandsge-
sellschaft haben wir fast alles im Überfluss, nur
eins nicht – zwischenmenschliche Nähe. (Kast 8.3.4 Bedeutung des sozialen
2012, S. 1) Vergleichs

Das Beschaffen und Besitzen von Geld kostet Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusam-
demnach eben nicht nur Zeit, welche wir nicht im menhang auch der soziale Vergleich mit anderen
Kreis von Freunden und Familie verbringen können, Personen, denn Forschungsergebnisse zeigen: Geld
sondern führt auch dazu, dass wir nicht länger das kann tatsächlich glücklicher machen – vorausgesetzt
Gefühl haben, auf zwischenmenschliche Beziehun- man hat mehr als die Vergleichsgruppe. Von Wert
gen angewiesen zu sein und diese pflegen zu müssen. ist demnach vielmehr der gesellschaftliche Status
als Folgeerscheinung von Reichtum als der wach-
sende Wohlstand selbst. Diese Erkenntnisse lassen
8.3.3 Set-Point-Theorie des Glücks uns auch das Phänomen des Easterlin-Paradoxons
besser verstehen. Demnach kann der allgemein stei-
Vorgestellt werden die sog. Set-Point-Theorie des gende Wohlstand gar nicht zu mehr Glücksempfin-
Glücks und die Auswirkungen unseres persönli- den führen, da alle reicher werden, und es daher zu
chen Anspruchsniveaus auf unser Glücksempfinden. keinen Änderungen der sozialen und gesellschaft-
Eine der wohl bekanntesten Studien der positiven lichen Rangordnung kommt. Unterstützung findet
Psychologie untersuchte bereits 1978 die langfristi- diese These abermals durch die Daten des sozioöko-
gen Auswirkungen eines Lotteriegewinns bzw. einer nomischen Panels (SOEP), wonach eine Beförde-
Querschnittslähmung auf das persönliche Wohlbe- rung, die dazu führt, dass man mehr verdient als die
finden (Brickman et al. 1978). Die überraschenden Kollegen, tatsächlich auch das persönliche Wohlbe-
Ergebnisse zeigten, dass sowohl 1 Jahr nach einem finden ansteigen lässt (Gerstorf u. Schupp 2014). Ins-
Lottogewinn als nach Beginn der Erkrankung das per- besondere für Männer zählt die Faustregel: Nur wenn
sönliche Wohlbefinden wieder jenes Niveau erreicht, die Gehaltserhöhung einen zum Reichsten der Ver-
das die Person vor dem (Un-)Glücksfall aufwies. gleichsgruppe macht, bedeutet mehr Geld auch ein
Ist unser Glück also gar nicht so stark von äußeren höheres Maß an persönlichem Wohlbefinden.
Gegebenheiten abhängig und beeinflussbar, sondern Der Zusammenhang von Geld und Glück steht
kreisen wir vielmehr um ein relativ stabiles Glücks- demnach in einer komplexen Wechselwirkung,
level? Die Set-Point-Theorie des Glücks versucht zu die selten den einfachen Schluss zulässt, dass mehr
erklären, warum immer größerer Wachstum und Geld auch größeres Glück bedeutet. Vielmehr gilt es,
Reichtum nicht auch gleichbedeutend mit einem anstelle von bloßem Wachstum viele andere Kom-
Anstieg des Glückempfindens sind. Verantwortlich ponenten, welche einen Einfluss auf das persönliche
dafür ist u. a. das Anspruchsniveau einer Person, Glück haben, zu berücksichtigen. Mit Fug und Recht
welches maßgeblich daran beteiligt ist, wie glücklich kann somit der oftmals von Politik und Wirtschaft
64 Kapitel 8 · Geld allein macht nicht glücklich

geforderte immer größere Reichtum infrage gestellt 8.4.2 Politik


werden. Doch welche Implikationen ergeben sich aus
diesen Erkenntnissen für das weitere Vorgehen in der Doch nicht nur auf individueller, sondern auch auf
Glücksforschung, aber auch für das einzelne Indivi- politischer Ebene finden die vorgelegten Erkennt-
duum sowie die Politik und Wirtschaft? nisse, insbesondere das Easterlin-Paradoxon, Beach-
tung. So werden etwa Stimmen laut, welche anstelle
des Bruttoinlandsproduktes das Glücksempfinden
8.4 Implikationen für die Praxis einer Nation als Leistungsindikator erheben wollen
(Herrmann 2014). Die Grundüberlegung: Politiker
Mögliche Anwendungsbereiche finden sich bislang sollten sich mehr um das Wohlbefinden der Bevölke-
sowohl beim Individuum selbst wie auch auf politi- rung als um das Wirtschaftswachstum sorgen.
scher und wirtschaftlicher Ebene. Doch aktuelle Geschehnisse, etwa die steigende
Zahl an Suiziden in Griechenland, zeigen auch,
dass die Politik in erster Linie dafür verantwortlich
8.4.1 Individuelle Ebene zeichnen muss, die richtigen Rahmenbedingun-
gen zu schaffen, die ein glückliches Leben ermögli-
So lassen die hier dargestellten Erkenntnisse auf chen. Dazu zählt zuallererst die Sicherstellung von
8 individuellem Level etwa die einfache Überlegung
zu: „Bin ich mit dem mir zur Verfügung stehenden
Arbeitsplätzen, hat doch der Verlust derselben die
größte negative Auswirkung auf unser Glücksemp-
Vermögen nicht zufrieden, muss ich entweder mein finden – stärker noch als eine Scheidung etwa (Frey
Einkommen erhöhen oder mein Anspruchsniveau u. Frey 2010). Zudem kann unser ständig steigendes
senken.“ Das ist natürlich leichter gesagt als getan und Anspruchsniveau aber eben oftmals auch nur durch
lässt vielerlei weitere wichtige Einflussfaktoren außen steigendes Wirtschaftswachstum befriedigt werden.
vor, spiegelt aber dennoch wider, wie wichtig eigene
Erwartungen für das persönliche Wohlbefinden sind.
Alternativ gibt man sein Geld vielleicht auch 8.4.3 Wirtschaft
einfach nicht für die richtigen Dinge aus. So geben
Dunn et al. (2011) folgende 8 Empfehlungen, die Andererseits müssen auch Unternehmen dem ange-
Konsumenten dabei unterstützen sollen, mehr Glück nommenen gesellschaftlichen Wandel Rechnung
für ihr Geld zu bekommen. tragen. Hier gilt es, sich stärker darauf einzustellen,
den wachsenden Bedürfnissen der heutigen und
zukünftigen Arbeitnehmer in Bezug auf die Verein-
Empfehlungen zum Konsumverhalten zur barkeit von Beruf und Familie gerecht zu werden.
Steigerung des Glücks (Dunn et al. 2011) Die sich ändernden Bedürfnisse, insbesondere jene
1. Verwende dein Geld für Erfahrungen und der Generation Y, wonach Prestige und Vergütung
Erlebnisse anstatt für materielle Güter. einen immer geringeren Stellenwert einnehmen,
2. Nutze dein Geld, um andere zu zeigen, dass anstelle des Geldes die Zufriedenheit der
begünstigen anstatt dich selbst. Mitarbeiter immer stärker in den Fokus rücken muss.
3. Investiere in viele kleine anstelle von Wichtiger als je zuvor wird es demnach sein, Mit-
wenigen großen Freuden. arbeiter an das Unternehmen zu binden und dabei
4. Meide längere Bürgschaften oder andere zu helfen, den Job zur Berufung zu machen.
Formen von überteuerten Versicherungen. Wie den aufgeführten Überlegungen bereits zu
5. Zögere deinen Konsum hinaus. entnehmen war, ist das Feld der positiven Psycho-
6. Bedenke, ob nebensächliche logie wenig theoriegetrieben, sondern lebt haupt-
Anschaffungen deinen Alltag beeinflussen. sächlich von experimentellen wissenschaftlichen
7. Vermeide Wettbewerbsgedanken beim Befunden. Ziel zukünftiger Forschung muss es
Kauf von Gütern. demnach sein, die gewonnenen Erkenntnisse –
8. Achte auf das Glück anderer. etwa analog qualitativer Forschungsmethoden – zu
Literaturverzeichnis
65 8
nutzen, um allgemeingültige Theorien abzuleiten. Brickman, P., Coates, D., & Janoff-Bulman, R. (1978). Lottery
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Nur so kann sichergestellt werden, dass die gewon-
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http://www.comdirect.de/cms/ueberuns/de/presse/
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wave_report/soep_wave_report.html?id=diw_
allein macht nicht glücklich“.
01.c.423914.de&y%5B%5D=2015&y%5B%5D=2008&i=
Doch es wäre zynisch, einer hart arbeitenden &action=anwenden. Zugegriffen: 20. März 2016.
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mit äußerster Vorsicht ausgesprochen werden. Vor 2014. http://www.sueddeutsche.de/wissen/gluecksfor-
allem, da es sich bei den Untersuchungen lediglich schung-wie-politiker-buerger-zufriedener-machen-
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gemeinen Trend erklären können, jedoch nicht Inglehart, R. (1977). The silent revolution (Vol. 8). Princeton:
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Thema Geld und Glück ist dabei sicherlich ein erster Is Associated With Less Daily Sadness but not More Daily
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8
67 III

Lebensgestaltung und
Lebensbewältigung
Kapitel 9 Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen – 69
Wiebke Erk

Kapitel 10 Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – 81


Svetlana Jung

Kapitel 11 Lügen haben kurze Beine – Ehrlich währt


am längsten – 89
Verena Speth
69 9

Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen


Wiebke Erk

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_9

9.1 Einleitung 9.2 Konzeption von Liebe

„Wo die Liebe hinfällt, … “ ist ein Sprichwort, das Liebe – jeder hat sie bereits erfahren, doch für die
auf eine ungewöhnliche oder überraschende Part- meisten bleibt sie dennoch ein Mysterium. Schon
nerwahl aufmerksam macht und somit der Liebe ein allein die Definition des Begriffs stellt ein großes Hin-
gewisses Maß an Unberechenbarkeit zuschreibt. Das dernis in der Liebesforschung dar. Fehr und Russell
Sprichwort wird vor allem angewendet, wenn über (1991) befragten Studierende, um herauszufinden,
ein Liebespaar gesprochen wird, welches unerwartet wie viele Arten von Liebe sie aufzählen können.
zueinander gefunden hat und bei dem die Partner 216 Arten von Liebe wurden dabei mindestens einmal
im Auge des Betrachters nicht zueinander passen. genannt. Unter den am häufigsten genannten Begrif-
Das Sprichwort wird im Volksmund gerne durch fen befanden sich die Freundschaft, die sexuelle Liebe,
Nebensätze ergänzt. Die bekanntesten Ergänzungen die elterliche Liebe und die Geschwisterliebe. Dieses
sind „da wächst kein Gras mehr“ sowie „da bleibt sie Ergebnis zeigt, dass der Begriff „Liebe“ vielschichtig
liegen“. „Wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras und mehrdeutig ist. Letztendlich bildeten sich zwei
mehr“ drückt – ähnlich wie „Liebe macht blind“ – große Bereiche heraus, die partnerschaftliche Liebe
aus, dass der Liebste im Mittelpunkt steht und alles (Freundschaft, Zuneigung und Familiarität) und die
andere nachrangig ist, vergessen wird oder keine leidenschaftlichen Liebe (Romantik und Sexualität).
Rolle mehr spielt. „Wo die Liebe hinfällt, da bleibt Auf der Suche nach einer gemeinsamen Bestimmung
sie liegen“ ist hingegen ein Ausdruck der Überzeu- des Konzepts nutzen auch andere Forscher diesen
gung, dass Liebe ewig währt. psychometrischen Ansatz, um verschiedene Modelle
Diese Überzeugung findet sich auch in anderen und Theorien zu entwickeln. Eine der bekanntesten
Sprichwörtern wieder wie „Alte Liebe rostet nicht“, Theorien stellt dabei das Dreiecksmodell der Liebe
das besagt, dass die Liebe bis ins hohe Alter anhält von Sternberg (1986) dar. Seinem Modell nach besteht
und keineswegs nachlässt, sondern konstant Liebe aus den folgenden drei Komponenten:
bestehen bleibt. Weniger idealisierend ist im Gegen- 4 Leidenschaft (motivationale Komponente)
satz dazu der Ausspruch „Liebe ist vergänglich“. Er 4 Intimität (emotionale Komponente)
widerspricht der Vorstellung von ewiger Liebe, 4 Commitment (kognitive Komponente)
indem er die Vergänglichkeit aller Dinge auch der
Liebe zuschreibt. Es besteht im Volksmund demnach Die Kombinationen der einzelnen Elemente ergeben
Uneinigkeit über die Beständigkeit von Liebe. nach Sternberg (1986) 8 verschiedene Arten von
Auf die Frage, welches dieser Sprichwörter seine Liebe. Hendrick und Hendrick (1986) sprechen hin-
Berechtigung hat und den wahren Verlauf von Liebe gegen von 6 verschiedenen Arten der Liebe: „eros“,
beschreibt, können die Psychologie und ihre Befunde „storge“, „agape“, „ludus“, „mania“ und „pragma“.
eine Antwort geben. Dafür ist es hilfreich, sich zuerst Hinter diesen Begriffen verstecken sich Typen wie
mit dem Konzept der Liebe und ihrer Entstehung die romantische, leidenschaftliche, freundschaftli-
näher zu befassen. che, altruistische oder auch die praktische Liebe.
70 Kapitel 9 · Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen

Am weitesten verbreitet ist jedoch das Modell Kriterien unterliegt, kann davon ausgegangen
von Berscheid (2010). Sie unterscheidet vier funda- werden, dass sie einem Muster folgt und demnach
mentale Typen von Liebe: nicht willkürlich ist. Für diesen Fall stellt das Sprich-
4 Romantische Liebe wort „Liebe auf den ersten Blick“ eine mögliche
4 Partnerschaftliche Liebe Alternative dar. Sind jedoch keine allgemeingülti-
4 Liebe aus Mitgefühl gen Kriterien erkennbar, würde dies das Sprichwort
4 Liebe als Bindung „Wo die Liebe hinfällt“ rechtfertigen.

Die beiden prominentesten Arten sind dabei zum einen


die romantische Liebe, welche einen starken emotiona- 9.3.1 Evolutionsbiologischer Ansatz
len Zustand beschreibt, der durch emotionale Extreme,
physiologische Erregung und sexuelle Anziehung Aus evolutionsbiologischer Perspektive lässt sich
gekennzeichnet ist, und zum anderen die partnerschaft- argumentieren, dass die Auswahl des Partners
liche Liebe, welche durch freundschaftliche Zuneigung durch Faktoren bestimmt wird, die die Empfängnis,
und tiefe Verbundenheit charakterisiert wird. die Geburt und das Überleben der Nachkommen
Im Alltag spricht man zumeist über die roman- begünstigen. Dabei gibt es klare Geschlechterunter-
tische oder partnerschaftliche Liebe. Betrachtet man schiede (Buss 2004).
Geschlechterunterschiede in Bezug auf die Liebe, zeigt Frauen müssen sehr selektiv in der Partnerwahl
sich, im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme, sein, da sie nur eine begrenzte Anzahl an Kindern
dass Frauen romantischer seien als Männer, ein Wider- bekommen und großziehen können. Deshalb fühlen
9 spruch. Befunde zeigen, dass Männer eine romanti- sie sich von Männern, die älter sind und finanzielle
schere und leidenschaftlichere Vorstellung von Liebe Sicherheit bieten oder ambitioniert und intelligent
haben als Frauen und Frauen eher eine pragmatischere sind, stärker angezogen. Männer hingegen können
Vorstellung aufweisen (Fehr u. Broughton 2001). unzählige Kinder zeugen und erhöhen damit ihren
Auch gibt es kulturelle Unterschiede. So hat Reproduktionserfolg. Sie suchen sich demnach Frauen,
die romantische Liebe in kollektivistischen Gesell- die jung und physisch attraktiv sind, was als Zeichen
schaften eine geringere Bedeutung als in individua- für Gesundheit und Fruchtbarkeit gelten (Buss 1989).
listischen Gesellschaften (Dion u. Dion 2001). In Außerdem nehmen Männer die Gerüche und
manchen Kulturen, z. B. in Teilen der arabischen Stimmen von Frauen, die sich nahe ihres Eisprungs
Welt, ist der Begriff der romantischen Liebe sogar befinden – d. h. in ihrer fruchtbaren Phase sind –,
völlig unbekannt (Oghia 2015). Um die Komplexität als angenehmer wahr als zu anderen Zeitpunkten
einzuschränken, wird im Folgenden von individua- des Zyklus (Garver-Apgar et al. 2008). Der Geruch
listischen, westlichen Gesellschaften ausgegangen. spielt demnach auch eine Rolle bei der Partnerwahl,
und das Sprichwort „Jemanden gut riechen können“
erhält damit seine Daseinsberechtigung.
9.3 Entstehung von Liebe und Nichtsdestotrotz werden andere Eigenschaften
Partnerschaft wie Humor, Zuverlässigkeit und Liebenswürdigkeit
von Frauen und Männern als wichtiger bewertet als
Laut McAdams (1989) verfügt jeder Mensch über Alter und finanzielle Sicherheit (bei Männern) oder
ein Zugehörigkeitsbedürfnis, das sich durch den Jugend und Attraktivität (bei Frauen; Buss 1989).
Wunsch, soziale Beziehungen aufzubauen und zu
erhalten, äußert. Dieses fundamentale Bedürfnis
legt den Grundstein für die Entstehung von Liebe. 9.3.2 Sozialpsychologischer Ansatz
Um den Wahrheitsgehalt des Sprichworts „Wo
die Liebe hinfällt“ und damit die Unvorhersehbarkeit Die erste Begegnung
und Willkür der Liebe bzw. der Partnerwahl näher Aus sozialpsychologischer Perspektive werden u. a.
zu prüfen, müssen verschiedene Ansätze betrachtet Aspekte wie Nähe, Attraktivität, Ähnlichkeit und
werden. Falls die Entstehung von Liebe spezifischen Sympathie als Determinanten zur Entstehung von
9.3 · Entstehung von Liebe und Partnerschaft
71 9
Liebe diskutiert. Pauschal lässt sich sagen, dass man Anziehung durch Ähnlichkeit
sich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von einer Gemäß dem Sprichwort „Gleich und gleich gesellt
Person angezogen fühlt, der man häufig begegnet sich gern“ ist die Ähnlichkeit zweier Personen jedoch
(Latane et al. 1995). Bezeichnend für diese Tatsache nicht nur in Bezug auf die Attraktivität relevant.
ist der sog. Mere-Exposure-Effekt (Zajonc 1968). Er Auffällig ist vor allem die demografische Ähn-
besagt, dass man einen Reiz umso positiver bewer- lichkeit von Partnern hinsichtlich Alter, Bildung,
tet, je öfter man diesem Reiz ausgesetzt ist. Der Mere- ethnischer Hintergrund, Religion, Größe, Intelligenz
Exposure-Effekt tritt dabei auch bei unbewusstem und sozioökonomischer Status (Warren 1966). Auch
Kontakt mit einer Person auf (Kuntz-Wilson u. ähnliche Meinungen, Interessen und Werte (Luo u.
Zajonc 1980). Klohnen 2005) sowie ähnliche subjektive Erfahrun-
Wichtig bezüglich des menschlichen Kontakts gen, z. B. gemeinsam über etwas zu lachen (Pinel et al.
ist außerdem die Reziprozität. Getreu dem Motto 2006), haben einen Einfluss. Diese Ergebnisse wider-
„Wie du mir, so ich dir“ beschreibt sie den gegensei- sprechen der Aussage, dass sich Gegensätze anzie-
tigen Austausch zwischen dem, was wir geben, und hen. Und tatsächlich konnten Luo und Klohnen
dem, was wir erhalten. Wendet man dieses Prinzip (2005) zeigen, dass Gegensätzlichkeit keine Auswir-
auf die Partnerwahl an, zeigt sich, dass man Perso- kung auf die Anziehung zwischen zwei Personen hat.
nen auf den ersten Blick eher mag, die einem sofort Diese Erkenntnisse machen sich auch Partner-
das Gefühl vermitteln, dass sie einen auch mögen vermittlungen zunutze, wenn sie mit dem Slogan
(Aron et al. 1989). „Liebe ist kein Zufall“ werben. Die Partnersuche
Andersherum konnte aber auch der Hard-to-get- im Internet wird immer beliebter. Verkaufsargu-
Effekt nachgewiesen werden, welcher besagt, dass ment der Partnervermittlungen ist demnach die
man sich eher in jemanden verliebt, dessen Zunei- Vorhersagbarkeit von Liebe. Sie setzen dabei auf
gung man sich verdienen muss. Damit bezieht sich manipulierbare Faktoren. Einzelne Charakteristika
der Effekt auf sozial selektive Menschen (Aronson von Personen werden im Zuge der Vermittlung mit-
u. Linder 1965). einander verglichen und gemäß ihrer Ähnlichkeit
einander zugeordnet. Die Ähnlichkeit von Personen
bildet demnach das primäre Auswahlkriterium. Das
heißt, Partnervermittlungen bauen auf die Macht der
Positive Auswirkungen physischer Ähnlichkeit in der Entstehung von Liebe und negie-
Attraktivität ren den Zufall. Sie würden also nie das Sprichwort
Immer noch umstritten ist hingegen die Rolle physi- „Wo die Liebe hinfällt“ wählen.
scher Attraktivität in der Partnerwahl. Gemäß dem
Sprichwort „Liebe macht blind“ wird der physischen
Attraktivität ein geringer Einfluss bei der Partner- Die Macht des Zufalls
wahl zugeschrieben. Neben den genannten Faktoren, die von der Person
Die Forschungsergebnisse sprechen jedoch eher selbst abhängen und damit eine gewisse Vorhersag-
dafür, dass man sich wohlwollender gegenüber phy- barkeit erlauben, gibt es weitere Komponenten, die
sisch attraktiven als gegenüber unattraktiveren Per- völlig unabhängig von der Person zu Liebe führen
sonen verhält (Patzer 2006). Dafür verantwortlich ist können.
u. a. das Stereotyp „What is beautiful is good“ (Dion Dies beweist das berühmte Brückenexperiment
et al. 1972). Es bezeichnet die Assoziation von phy- von Dutton und Aron (1974). Sie konnten zeigen,
sischer Attraktivität mit anderen wünschenswerten dass Männer sich stärker zu einer attraktiven Frau
Qualitäten. hingezogen fühlen, wenn sie ihr auf einer schwan-
Doch nicht nur die absolute Schönheit, sondern kenden Brücke in großer Höhe begegnen. Diesen
auch die relative Schönheit einer Person spielt eine Effekt bezeichnet man als Fehlattribution von Erre-
Rolle. So entsteht romantische Liebe eher zwischen gung. Das heißt man ordnet körperliche Erregung
Personen, welche ähnlich attraktiv sind (Matching- (ausgelöst durch die Höhe der Hängebrücke) Reizen
Hypothese; Feingold 1988). zu, die nicht dafür ursächlich sind (Attraktivität der
72 Kapitel 9 · Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen

Frau). Die Person, auf die die Erregung attribuiert Suche als ein Vorteil bei der Vermehrung gilt, stellt
wird, ist somit willkürlich gewählt, was zu einer sie jedoch eine Gefahr für eine stabile und langfris-
unvorhersehbaren Partnerwahl gemäß dem Sprich- tige Paarbeziehung dar.
wort „Wo die Liebe hinfällt“ führen kann. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, könnte sich
Zusammengefasst lässt sich die Entstehung von die „Blindheit der Verliebten“ als evolutionärer
Liebe also als ein Zusammenspiel mehrerer Fakto- Vorteil durchgesetzt haben. Liebe wäre demnach ein
ren beschreiben. Biologische Aspekte bilden dabei psychologischer Mechanismus, um eine langfristige
einen Bezugsrahmen, indem sie die Auswahl poten- Bindung von Paaren zu fördern, indem sie unseren
zieller Partner einschränken. Die physische Nähe Wunsch zähmt, ständig nach dem optimalen, ver-
stellt außerdem eine entscheidende Grundlage fügbaren Partner zu suchen (Maner et al. 2008), und
dar, indem sie zu einer Erhöhung der Häufigkeit damit die Versorgung des Nachwuchses sicherge-
des Kontakts zwischen Personen führt. Dadurch stellt bleibt.
werden diese als positiver wahrgenommen und Ver- In der Wissenschaft gibt es zahlreiche Befunde,
trautheit wird geschaffen. Handelt es sich bei der welche diese These unterstützen (Farley 2014;
Person, der man häufig begegnet, um eine physisch Miller u. Maner 2010; Murray et al. 1996). So stufen
attraktive Person oder eine Person, die einem selbst Männer, die sich in einer Beziehung befinden, die
besonders ähnlich ist, wird die positive Wahrneh- Attraktivität von anderen Frauen geringer ein als Sin-
mung zusätzlich verstärkt und man fühlt sich von gle-Männer (Miller u. Maner 2010). Zeitgleich wird
der Person angezogen. von einer Reduktion des sexuellen Verlangens mit
Die „Liebe auf den ersten Blick“ ist anhand der fortschreitender Dauer der Partnerschaft berichtet
9 aufgeführten Befunde somit denkbar. Zu all diesen (Ben-Ze‘ev 1997).
planbaren Faktoren zählt jedoch auch der Zufall Diese Befunde weisen darauf hin, dass Liebe tat-
wie das Brückenexperiment von Dutton und Aron sächlich blind macht bzw. zu einer selektiven Wahr-
(1974) beweisen konnte. Mit ihm muss bei der Ent- nehmung führt, die eine wichtige adaptive Funktion
stehung von Liebe und Partnerschaft gemäß „Wo die hat. Außerdem scheint die Liebe darauf ausgerichtet
Liebe hinfällt“ also immer gerechnet werden. zu sein, bestehen zu bleiben. Ganz wie die Ergänzung
des Sprichworts „da bleibt sie liegen“ es voraussagt.

9.4 Beständigkeit von Liebe und


Partnerschaft 9.4.2 Sozialpsychologischer Ansatz

Auch die Frage nach dem Bestehen bzw. der Vergäng- Auch aus sozialpsychologischer Perspektiv gibt es
lichkeit von Liebe kann nicht so einfach beantwor- einige Theorien, die sich auf die Beständigkeit von
tet werden. Macht Liebe blind und führt daher dazu, Liebe anwenden lassen. So liefern z. B. die soziale
dass sie ewig währt und nicht „rostet“? Oder ist Liebe Austauschtheorie, die Equity-Theorie sowie der
vergänglich? Um den Wahrheitsgehalt der Sprich- Sunk-Cost-Effekt eher rationale Herangehenswei-
wörter zu prüfen, müssen die interindividuellen Ver- sen an die Fragestellung nach den beeinflussenden
änderungen und die Wechselwirkung zwischen den Faktoren und Bedingungen für eine lang anhaltende
Liebespartnern betrachtet werden. Bleibt die Liebe Partnerschaft. Auf die einzelnen Theorien wird nach-
wirklich da liegen, wo sie hinfällt? Auch hier gibt es folgend näher eingegangen.
unterschiedliche Perspektiven und Erkenntnisse.

Partnerschaft als Austauschprozess


9.4.1 Evolutionsbiologischer Ansatz Die soziale Austauschtheorie basiert auf der
Annahme, dass Menschen in ihren sozialen Bezie-
Wie bereits erwähnt, befinden wir uns aus evolutio- hungen durch den Wunsch, ihren Profit zu maxi-
närer Sicht ständig auf der Suche nach dem optima- mieren (Liebe, Kameradschaft, Unterstützung,
len Partner, um uns fortzupflanzen. Obwohl diese sexuelle Befriedigung) und ihren Verlust zu
9.4 · Beständigkeit von Liebe und Partnerschaft
73 9
minimieren (Aufrechterhaltung der Beziehung, den verpassten alternativen Partnern, erhöht sich
Konflikte, Kompromisse, Monogamie), genauso das Commitment für eine Beziehung. Infolgedes-
motiviert werden wie in geschäftlichen Ange- sen bleibt die Partnerschaft eher erhalten (Rusbult
legenheiten (Thibaut u. Kelley 1959). Demnach u. Buunk 1993). Dieses Prinzip entspricht dem Sunk-
sind Beziehungen, die mehr Gewinn bringen und Cost-Effekt, welcher sich darin äußert, dass man
weniger Kosten verursachen, zufriedenstellender einem Bestreben eher folgt, wenn man bereits etwas
und halten länger. Aus dem Vergleich von erwar- investiert hat (Arkes u. Blumer 1985).
tetem Gewinn und Verlust ergibt sich das sog. Die soziale Austauschtheorie ist demnach
Vergleichslevel (Comparison Level = CL). Bezie- wichtig, da die Bilanz aus Investition und Nutzen
hungen, die dieses Level nicht erreichen, erschei- und die potenziellen Alternativen das Commitment
nen in einem schlechteren Licht. beeinflussen, welches ausschlaggebend dafür ist, wie
lange Beziehungen halten.
Leider kann dieser normalerweise gewünschte
Angebot an alternativen Partnern Effekt von gesteigertem Commitment auch eine
Neben dem CL spielt auch das Vergleichslevel der negative Seite haben, z. B. bei Frauen, die häus-
Alternativen (Comparison Level Alternatives = licher Gewalt ausgesetzt sind (Rhatigan u. Axsom
CLalt) eine Rolle, welches beschreibt, was man von 2006). Zwar ist die Scheidungsrate bei Beziehun-
einer alternativen Situation erwarten würde (Drigo- gen, in denen Frauen von ihren Männern geschla-
tas u. Rusbult 1992). Falls jemand wenig akzeptable gen werden, deutlich höher als bei gewaltfreien
Alternativen hat (geringes CLalt), dann neigt er eher Beziehungen. Trotzdem gibt es einen kleinen
dazu, in einer Beziehung zu bleiben, die seine Erwar- Anteil von Frauen, der sich nicht von ihren
tungen nicht erfüllt und ihn dadurch nicht zufrie- Männern trennen möchte. Schließt man religiöse
denstellt. Somit beeinflussen die Alternativen das und kulturelle Hintergründe aus, kann die soziale
Beziehungs-Commitment und die Beständigkeit Austauschtheorie eine plausible Erklärung hierfür
der Partnerschaft. liefern. Vor allem Frauen mit schlechten Alterna-
Andererseits kann das Commitment wiederum tiven (niedriges CL alt), einem niedrigen CL und
die Wahrnehmung der Alternativen beeinflussen. hohen Investitionen bleiben eher bei ihrem Mann,
Wie bereits angesprochen werden andere poten- obwohl sie regelmäßig Gewalt erfahren (Rusbult
zielle Partner (Alternativen) als weniger anziehend u. Martz 1995).
beurteilt (Johnson u. Rusbult 1989). Zudem wird
der eigene Partner und die eigene Beziehung durch
eine „rosarote Brille“ betrachtet (Collins u. Feeney Geben und Nehmen
2000), und man ist eher dazu geneigt, zu vergeben Einen ähnlichen, austauschbasierten Ansatz vertritt
und zu vergessen, falls der Partner einen enttäuscht auch die Equity-Theorie. Sie besagt, dass Menschen
oder betrügt (Drigotas et al. 1999). Daraus lässt sich am zufriedensten mit ihrer Beziehung sind, wenn
schlussfolgern, dass eine positive Sichtweise auf den das Verhältnis von Vorteilen und Beiträgen für beide
Partner eine glückliche und stabile Partnerschaft Partner ähnlich ist (Adams 1965). Wichtig ist also das
begünstigt (Murray et al. 1996). Gleichgewicht zwischen den beiden Aspekten. Falls
ein Ungleichgewicht entsteht, führt dies zu negativen
Emotionen (Walster et al. 1978).
Opfer für die Liebe Nichtsdestotrotz spielt in Bezug auf die Zufrie-
Ein weiteres Element der sozialen Austauschtheo- denheit und die Dauer der Beziehung vor allem die
rie neben CL und CLalt, welches ebenfalls das Com- Anzahl der Vorteile eine entscheidende Rolle. Denn
mitment beeinflusst, stellt die Investition dar. Bei je mehr positive Dinge jemand aus einer Beziehung
einer Investition handelt es sich um etwas, das eine ziehen kann, desto besser fühlt er sich in dieser (Cate
Person in eine Beziehung einbringen muss und das u. Lloyd 1992). Das heißt, dass Faktoren der Bezie-
sie am Ende der Beziehung nicht wieder zurückbe- hung selbst einen Einfluss darauf haben, ob die Liebe
kommen kann. Aufgrund dieser Investitionen, z. B. „liegen bleibt“.
74 Kapitel 9 · Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen

Selbstoffenbarung und Intimität 4 Personen mit einem sichereren Bindungsstil


Die Beständigkeit von Liebe und Partnerschaft ist fällt es einfach, anderen nahe zu kommen.
jedoch nicht alleine durch das Abwägen von Vor- Dadurch haben sie zufriedenstellende Bezie-
und Nachteilen oder Alternativen bestimmt. In hungen, die glücklich und freundschaftlich
der Beziehung selbst beeinflusst auch der Grad sind und auf gegenseitigem Vertrauen basieren.
der Selbstoffenbarung die Qualität und Stärke Sichere Bindungstypen sind gutherzig und
der Partnerschaft. Sie verändert sich im Laufe von glauben an die Liebe.
Partnerschaften (Derlega et al. 1993). Die Wis- 4 Vermeidende Liebende hingegen fühlen
senschaft zeigt, dass man sich mehr offenbart, je sich unwohl, wenn sie anderen nahe sind und
stärker man emotional involviert ist. Daraus lässt zeigen mangelndes Vertrauen.
sich schließen, dass Paare, die ein höheres Level an 4 Ängstliche Partner hingegen haben das Gefühl,
Selbstoffenbarung zeigen, auch mehr Zufrieden- dass andere ihnen ungern so nahe kommen,
heit, Commitment und Liebe empfinden (Sprecher wie sie es gerne hätten, und sind ständig
u. Hendrick 2004). besorgt, dass ihr Partner sie nicht wirklich liebt
Die soziale Penetrationstheorie fasst diesen und sie verlassen möchte.
Gedanken auf und besagt, dass in Beziehungen eine
Entwicklung von oberflächlichem hin zu intime- Die einzelnen Bindungsstile haben entsprechend einen
rem Austausch stattfindet. Anfangs geben Perso- Einfluss auf die Beständigkeit von Liebe und Partner-
nen relativ wenig von sich preis und erhalten dafür schaft. So haben sichere Bindungstypen tendenziell
auch wenig im Gegenzug. Wenn sich diese Interak- längere Beziehungen (Powers et al. 2006) während ver-
9 tion jedoch als positiv erweist, wird der Austausch meidende Bindungstypen die am wenigsten stabilen
großflächiger und intensiver (Altman u. Taylor Beziehungen haben (Feeney u. Noller 1990).
1973). Dadurch verringert sich auch die Wahrschein- Wichtig anzumerken ist jedoch auch, dass –
lichkeit, dass sich die Partner gegenseitig belügen obwohl die Bindungsstile relativ stabil sind – diese
(DePaulo u. Kashy 1998). sich als Reaktion auf die Erfahrungen, die man in
Ob eine Beziehung lange hält, ist also auch von Beziehungen macht, verändern können (Baldwin u.
der Tendenz der jeweiligen Person abhängig, sich Fehr 1995). Das heißt, die Beständigkeit von Liebe
anderen zu offenbaren und intime Gedanken zu und Partnerschaft wird ebenfalls maßgeblich durch
teilen. Diese kann sich von Person zu Person bedeu- frühere Beziehungen und Partner bestimmt.
tend unterscheiden.

Persönlichkeit zählt
Bindungsstile in Partnerschaften Nicht zuletzt haben aber auch Persönlichkeitsfakto-
Genauso wie Personen sich in ihrer Tendenz zur ren einen Einfluss. So konnten zahlreiche Studien
Selbstoffenbarung unterscheiden, unterscheiden sie beweisen, dass hoher Neurotizismus zu größe-
sich auch in ihrem jeweiligen Bindungsstil (Cassidy rer Unzufriedenheit und Instabilität in Beziehun-
u. Shaver 1999). Die gleichen Bindungstypen, die gen führt (Watson et al. 2000). Neurotische Partner
bei Kleinkindern unterschieden werden, eignen erhöhen das Level an Unzufriedenheit in der Part-
sich auch zur Beschreibung der Bindung zwischen nerschaft (Karney et al. 1994). Darüber hinaus weist
Erwachsenen. Dabei haben Kindheitserfahrungen lediglich Verträglichkeit einen positiven Effekt auf
einen Einfluss darauf, wie die späteren Beziehungen die Zufriedenheit auf (Watson et al. 2000), während
gestaltet werden. die Befunde für Gewissenhaftigkeit, Extraversion
Unabhängig von der Entstehung lässt sich in und Offenheit keinen eindeutigen Schluss zulassen.
der Partnerschaft eine klare Verhaltenstendenz in Die wissenschaftlichen Befunde zeigen somit,
Abhängigkeit des Bindungstypus feststellen (Mickel- dass sich das Sprichwort „Wo die Liebe hinfällt, da
son et al. 1997). Unterschieden werden der sichere, bleibt sie liegen“ nicht pauschal belegen lässt. Es gibt
der vermeidende und der ängstliche Bindungstyp: zwar Fälle, in denen es zutrifft, da jedoch eine Vielzahl
9.4 · Beständigkeit von Liebe und Partnerschaft
75 9
von Faktoren einen Einfluss auf die Beständigkeit von „verflixten siebten Jahr“ (Kovacs 1983). Auch stellte
Liebe und Partnerschaft haben, kann nicht von einer sich heraus, dass Partner mit ihrer Ehe umso zufrie-
Allgemeingültigkeit ausgegangen werden. dener sind, je mehr neue Erfahrungen sie mitein-
ander machen (Aron et al. 2000). Auf der anderen
Seite kommt es eher zu einer Scheidung, wenn die
9.4.3 Ehe und Scheidung anfängliche Abnahme der Zufriedenheit stärker ist
(Karney u. Bradbury 2000). Die Zufriedenheit der
Wie Umfragen zeigen, ist Heirat aus Liebe für beide Partner wird dabei als primäre Determinante für die
Geschlechter maßgeblich (Simpson et al. 1986). Stabilität der Ehe gesehen (Berscheid 2010).
Daten des statistischen Bundesamtes aus dem Jahre Im Laufe einer Ehe ist eine Abnahme der Zufrie-
2013 offenbaren jedoch auch, dass nach den derzei- denheit der Partner, der Intimität und der gemein-
tigen Scheidungsverhältnissen etwa 36 % aller in samen Aktivitäten jedoch deutlich erkennbar
einem Jahr geschlossenen Ehen im Laufe der nächs- (Pineo 1961). Die Ursachen für die Abnahme sind
ten 25 Jahren geschieden werden. Betrachtet man die noch nicht eindeutig bekannt. Viele Erklärungsan-
harten Fakten, scheint das Sprichwort „Wo die Liebe sätze konzentrieren sich auf Konflikte und negative
hinfällt, da bleibt sie liegen“ in dieser Hinsicht mehr Ansichten (Rogge u. Bradbury 2002).
einer Idealisierung als der Realität zu entsprechen.
Es stellt sich aber auch die Frage, wie Ehen sich über
die Zeit entwickeln und warum manche aufgelöst Kommunikation in der Ehe
werden und andere erhalten bleiben. Eine Ehe bringt viel Konfliktpotenzial mit sich, z. B.
Uneinigkeiten über Sex, Kinder und Schwiegerel-
tern. Unabhängig von der Ursache der Uneinigkeit
Entwicklungsmuster der Ehe entstehen die meisten Konflikte dadurch, dass nicht
Grundsätzlich ist erkennbar, dass in der Gruppe über diese Uneinigkeiten gesprochen wird. Wenn es
der frisch Verheirateten die Liebeswerte am höchs- zu einer Trennung kommt, werden Kommunikati-
ten sind, bei jungen Eltern etwas niedriger ausfallen onsprobleme als einer der am weitesten verbreiteten
und am tiefsten liegen, wenn die Kinder ausgezo- Gründe benannt (Sprecher 1994). Besonders negativ
gen sind (Tucker u. Aron 1993). Die Suche nach wirkt sich dabei ein Kommunikationsmuster aus, das
einem typischen Entwicklungsmuster ergibt jedoch von negativer Reziprozität geprägt ist. Das heißt, der
ambivalente Ergebnisse: Zum einen sind alle Ehen Ausdruck negativer Gefühle ist geprägt durch die
unterschiedlich und daher nur sehr eingeschränkt Einstellung „Wie du mir, so ich dir“. Durch dieses
vergleichbar; zum anderen lassen sich Muster in Verhalten geraten Paare in einen Teufelskreis, aus
Langzeitstudien erkennen. dem sie nicht mehr so einfach entkommen können
So untersuchte z. B. Kurdek (1999) verheira- (Gottman 1998). Ein weiteres negatives Kommu-
tete Paare über einen Zeitraum von 10 Jahren. Jedes nikationsmuster, ist allseits bekannt. Die Ehefrau
Jahr wurde die Zufriedenheit der Partner gemes- fordert ihren Mann dazu auf, ihre Beziehungspro-
sen. Die Ergebnisse zeigen eine allgemeine Abnahme bleme zu besprechen, und der Ehemann entzieht sich
der Qualität der Ehe sowohl für Frauen wie auch der Diskussion (Christensen u. Heavey 1993).
für Männer, vor allem stachen dabei zwei starke Das Hauptproblem ist dabei nicht das Kommu-
Abnahmezeitpunkte hervor. Frisch verheiratete nikationsmuster selbst, sondern die Unterschiede im
Paare neigen dazu, sich gegenseitig zu idealisieren, Kommunikationsstil zwischen den Partnern. Daher
und profitieren noch vom anfänglichen Eheglück stehen Konfliktregelung und Kommunikationsfä-
(Murray et al. 1996). Auf diese Flitterwochenphase higkeit auch im Zentrum von Paartherapien. Dabei
folgt jedoch bald eine Abnahme der Zufriedenheit. spielen vor allem auch die Attributionen, die man
Nach einer relativ stabilen Phase ist eine weitere in Bezug auf das Verhalten seines Partners hat, eine
starke Abnahme nach 8 Jahren Ehe erkennbar. entscheidende Rolle für die Qualität der Beziehung
Dieser Befund ist konsistent mit dem berüchtigten (Fincham et al. 2004). So haben glückliche Paare
76 Kapitel 9 · Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen

Attributionen, die positiv für die Beziehung sind: da bleibt sie liegen“ nur für einen Teil der Ehen als
Sie erklären negatives Verhalten durch situative, wahr befunden werden kann, denn die hohe Schei-
temporäre Faktoren und positives Verhalten durch dungsrate und die damit verbundenen Berichte vom
persönliche Faktoren; unglückliche Paare handeln Verschwinden der Liebe zeugen davon, dass Liebe
gegenteilig (Fiedler u. Ströhm 1991). Das heißt, durchaus vergänglich ist.
während glückliche Paare das Schlechte durch externe
Gründe minimieren und das Gute durch partnerbe-
zogene Aspekte maximieren, bleiben unglückliche 9.4.4 Erfolgsfaktoren für eine
Paare stur. Daraus lässt sich schließen, dass glückli- glückliche Partnerschaft
che Paare glücklicher werden und unglückliche Paare
unglücklicher (Karney u. Bradbury 2000). Nachdem nun Theorien über Liebe und Partner-
schaft sowie die Ehe und Scheidung näher betrachtet
wurden, lassen sich folgende Erfolgsfaktoren ablei-
Liebe ist vergänglich ten und benennen:
Die Annahme, dass Konflikte die Hauptursache für 1. Die Gegen-Prozess-Theorie besagt zwar, dass es
Unzufriedenheit in der Ehe und somit der primäre im Laufe der Partnerschaft auf der Grundlage
Trennungsfaktor sind, wird immer mehr infrage von Gewöhnung an die positiven Emotionen
gestellt. Stattdessen rückt die Abnahme von Liebe der Liebe zu einer Abnahme der erlebten
und damit ihre „Vergänglichkeit“ stärker in den positiven Gefühle kommen kann, dies äußert
Mittelpunkt. Damit einher gehen die Abnahme sich aber meist nur in einem Wandel der Liebe
9 offenkundiger Zuneigung und gegenseitigem Ent- von leidenschaftlicher Liebe in freundschaft-
gegenkommen sowie die Zunahme von Zwiespältig- liche Liebe. Wichtig ist primär, wie bereits in
keit (Huston et al. 2001). 7 Abschn. 9.4.3 angesprochen, dass die Liebe
Es besteht also die Vermutung, dass langfristig erhalten bleibt. Sie bildet den Grundstock für
glückliche Ehen durch mehr gekennzeichnet sind eine lange Partnerschaft.
als nur die Abwesenheit von Feindseligkeiten und 2. Gegenseitiges Vertrauen als Liebeskomponente
Konflikten. Vielmehr spielt die Gegenwärtigkeit von ist ein weiterer entscheidender Bestandteil in
positiven Aspekten wie „liebevolle und unterstüt- einer glücklichen Partnerschaft. Vertrauen ist
zende Verhaltensweisen“ eine entscheidende Rolle dabei maßgeblich davon gekennzeichnet, sich
(Caughlin u. Huston 2006). So konnten Gottman zu öffnen und sich gegenseitig abzusprechen
und Levenson (2000) feststellen, dass Negativi- (Schmid-Kloss 2006). Das Ausmaß der
tät eine gute Vorhersagekraft für eine frühe Schei- positiven Gefühle wird weiterhin durch
dung hat, die Abwesenheit positiver Aspekte jedoch ähnliche Einstellungen bei Vertrautheit
am besten späte Scheidungen vorhersagt. Die Paare vergrößert (Heider 1977).
waren zum Zeitpunkt der Befragung durchschnitt- 3. Neben der Vertrautheit stellt die Kommuni-
lich 5 Jahre verheiratet und relativ jung (Durch- kation einen weiteren bedeutenden Aspekt dar.
schnittsalter 30 Jahre). Sie schafft Verbundenheit und Nähe. Erfolgs-
Die Frage nach der Vergänglichkeit von Liebe faktor für eine glückliche Beziehung ist es also,
bzw. nach ihrer Beständigkeit im Sinne von „Wo die sich dem Partner zu öffnen und ihm seine
Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen“ ist demnach auch innersten Gedanken mitzuteilen. Dadurch
für die Eheforschung von großem Interesse, da sie gehen die Kommunikationsinhalte nie aus
einen entscheidenden Einfluss darauf hat, ob eine und ein beiderseits anhaltendes Interesse am
Ehe geschieden wird oder nicht. So geben viele Ex- anderen wird geschaffen.
Ehegatten als Hauptursache für ihre Scheidung den 4. Auch eine Streitbewältigung trägt zum
„Tod der Liebe“ und den „Mangel an Liebesgefühlen“ Gelingen der Partnerschaft bei (Schmid-Kloss
an (Berscheid 2010). 2006). Diese Streitbewältigung sollte vor allem
Daraus lässt sich schließen, dass die Sprichworte von einem Attributionsstil geprägt sein, der
„Alte Liebe rostet nicht“ und „Wo die Liebe hinfällt, positives Verhalten des Partners eher internen
Literaturverzeichnis
77 9
Faktoren und negatives Verhalten eher Experimente zur Fehlattribution von Erregung
externen Umständen zuschreibt (Fiedler u. beweisen konnten – auch völlig zufällig sein.
Ströhm 1991). In Anbetracht der hohen Scheidungsrate von
5. Weitere wichtige Aspekte für eine erfolgreiche 36 % kann nicht geleugnet werden, dass nicht jede
Partnerschaft sind gegenseitige Unterstützung, Liebe und Partnerschaft für immer hält. Das heißt,
die den Zusammenhalt besonders bei negativen die Liebe bleibt nicht dort liegen, wo sie hinfällt,
Lebensereignissen fördert, und vor allem auch sondern kann wieder aufstehen und andere Wege
die gegenseitige Toleranz und der gegenseitige gehen. Dennoch gibt es Erfolgsfaktoren für eine
Respekt. Sie sind nötig, um gemeinsame Ziele lange Partnerschaft. Diese sind oft von einer posi-
anzustreben. tiven Sichtweise und einem freundschaftlichen
6. Außerdem fördern gemeinsame Erlebnisse die Miteinander geprägt. Die gute Nachricht: Einige
Partnerschaft. Daher sollte eine gemeinsame der Erfolgsfaktoren können wir selbst kontrollie-
Zeit für Paarinteraktionen geschaffen werden ren und damit einen entscheidenden Beitrag dazu
(Schmid-Kloss 2006). leisten, ob unsere Liebe bestehen bleibt oder nicht;
7. Wie es in dem Sprichwort „Wo die Liebe andere können trainiert werden. Unabhängig davon
hinfällt, da wächst kein Gras mehr“ angedeutet gilt jedoch – wenn man Wilhelm Busch glauben darf:
wird, haben auch positive Illusionen eine
partnerschaftsfördernde Wirkung. Sie gehen so » Das Schönste aber hier auf Erden, ist lieben
weit, dass Schwächen und Fehler des Partners und geliebt zu werden! (Wilhelm Busch)
so umgedeutet werden, dass sie wie angenehme
Eigenschaften wahrgenommen werden
(Murray et al. 1996). Literaturverzeichnis
8. Kooperative Persönlichkeitseigenschaften
und Ähnlichkeit in der Wertvorstellungen Adams, J. S. (1965). Inequity in social exchange. In Berkowitz,
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78 Kapitel 9 · Wo die Liebe hinfällt, da bleibt sie liegen

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81 10

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser


Svetlana Jung

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_10

10.1 Einleitung welche Lenin häufig gebraucht haben soll. Daher


rührt wohl die Annahme, dass „Vertrauen ist gut,
Zu fast allen Lebenslagen gibt es ein oder sogar Kontrolle ist besser“ aus seiner Feder stammt, wohin-
mehrere Sprichwörter, die einem das Leben durch gegen der wahre Verfasser unbekannt bleibt.
klanghafte Weisheiten vereinfachen sollen. Dass es Unabhängig von der Herkunft der Redewen-
dabei durchaus vorkommen kann, dass die Redewen- dung spiegeln die vorher genannten Beispiele eine
dungen widersprüchlich sind, wird von uns gerne Gemeinsamkeit wider: Sie drücken aus, dass man
übersehen oder bewusst übergangen. Getreu dem sich nur auf das verlassen soll, was man nachgeprüft
Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht“ ver- hat (Drosdowski 1992). Nimmt man das Sprichwort
wenden wir gerne die Redewendung, die gerade am wörtlich, weitet sich die Einflussnahme zur Kontrolle
ehesten unserer Situation und Erwartungshaltung aus. Die Redewendung wird im Alltag in Zusammen-
entspricht. Schließlich prophezeit sie uns das, was hang mit Aufgaben gebraucht, die an andere Perso-
wir im Moment hören wollen. Wir Menschen haben nen delegiert wurden oder in Zusammenarbeit mit
eben gerne das Gefühl, die Kontrolle über die Dinge ihnen geschehen. Sie verdeutlicht, dass Vertrauen
zu behalten. So können wir sicher sein, dass sie auch alleine nicht ausreicht, die Aufgaben ordentlich erle-
so laufen, wie wir es wollen. digen zu lassen, und man daher selber das Ergeb-
Dass dies durchaus vernünftig ist, bestätigt das nis der anderen kontrollieren sollte. Kontrolle wird
Sprichwort „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. somit als etwas Positives gesehen, da man durch sie
Aber stimmt diese Aussage wirklich? Gibt es gar eine die Dinge nach den eigenen Vorstellungen beeinflus-
widersprüchliche Redewendung, die das Gegenteil sen kann.
behauptet? Und welche der Lebensweisheiten trifft Ein Kontext, in dem sich das Sprichwort gut
dann zu? Diesen Fragen soll im Folgenden auf den anwenden lässt, ist die Arbeitswelt. Geprägt von
Grund gegangen werden. Aufgaben und Hierarchien bietet sie eine einfache
Möglichkeit, Kontrolle auszuüben. In Bezug auf
die Arbeitswelt lässt sich das Sprichwort wie folgt
10.2 Herkunft und Interpretation interpretieren: Eine Führungskraft sollte die Kont-
rolle über ihre Mitarbeiter haben, anstatt darauf zu
Das Sprichwort „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist vertrauen, dass sie ihre Arbeit eigenverantwortlich
besser“ wird gerne dem russischen Politiker Wladi- erledigen.
mir Iljitsch Lenin zugeschrieben. Tatsächlich taucht
diese Formulierung aber in keinem von Lenins
Werken auf. Vielmehr findet sich in einem von 10.3 Herleitung eines
ihm verfassten Aufsatz das Zitat „Nicht aufs Wort Gegensprichworts
glauben, aufs Strengste prüfen – das ist die Losung
der marxistischen Arbeiter“ (John 2002). Dieser Aus- Wie bereits erwähnt, gibt es oft widersprüchli-
druck wiederum ähnelt der russischen Redewen- che Redewendungen, die exakt das Gegenteil eines
dung „Vertraue, aber prüfe nach“ (Büchmann 1959), Sprichworts ausdrücken. Im Hinblick auf „Vertrauen
82 Kapitel 10 · Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

ist gut, Kontrolle ist besser“ existiert kein gängiges verstanden wird, steht der Begriff in der Forschung
Gegensprichwort. Allerdings könnte man leicht für das Empfinden eines Menschen, etwas beeinflus-
ein solches herleiten, indem man das Sprichwort sen und gestalten zu können. Damit wird er eher im
umdreht und sagt: „ Kontrolle ist gut, Vertrauen ist Sinne von Autonomie und Selbstbestimmung einer
besser“. Weitet man den Kontext des Sprichworts aus Person verwendet. Zudem unterscheiden sich je nach
und sieht die Kontrollausübung als Akt von Macht Definition die Objekte, die kontrolliert werden. Das
an, findet sich ein passendes Gegensprichwort, das Alltagsverständnis von Kontrolle geht davon aus,
lautet: „[Kontrolle im Sinne von] Macht macht dass eine Person kontrolliert wird (man hat Macht
Angst, Angst macht Ohnmacht“. über jemanden), während die wissenschaftliche Defi-
Das Sprichwort wird Prof. Dr. med. Gerhard nition eher die Bedingungen in den Fokus stellt (man
Uhlenbruck, einem deutschen Immunologen und hat Kontrolle, d. h. Autonomie, über die Arbeit).
Aphoristiker, zugeschrieben (Mengel 2013). Im Kombiniert man beide Definitionen, lässt sich
Gegensatz zu „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ Kontrolle folgendermaßen verstehen: Hat eine Füh-
stellt der Aphorismus „Macht macht Angst, Angst rungskraft die vollständige Kontrolle (im Sinne von
macht Ohnmacht“ Macht als etwas Negatives dar. Macht), bleibt dem Mitarbeiter kein oder nur ein
Die Redewendung bezieht sich auf das Erleben geringes Ausmaß an Kontrolle (im Sinne von Auto-
und Verhalten der kontrollierten Person. Sie nomie; . Abb. 10.1).
beschreibt, wie die Macht im Sinne von Kontroll-
ausübung einer Person andere Personen in Angst
versetzt und dies wiederum zu einem Zustand der 10.4.1 Theorien der Sozialpsychologie
Handlungsunfähigkeit führt – der besagten Ohn-
macht. Überträgt man diese Interpretation auf die Das psychologische Konstrukt „Kontrolle“ wird dem
10 Arbeitswelt, verdeutlicht sie, dass Macht bzw. Kon- Themenbereich der Motivationstheorien zugeord-
trolle über Mitarbeiter zu Autonomieverlust und net. Unsere persönliche Kontrollmotivation animiert
Angst führen, was schließlich in der Handlungsun- uns dazu, Ereignisse und Zustände unserer Umwelt
fähigkeit der Mitarbeiter resultiert. kontrollieren, also beeinflussen, zu wollen. Durch
diese aktive Einflussnahme erleben wir Gefühle von
Wirksamkeit und Kompetenz (Frey u. Jonas 2002;
10.4 Psychologische Theorien White 1959).
Die Theorie der kognizierten Kontrolle von
Beide genannten Sprichwörter erscheinen plausibel, Skinner (1996) beschreibt diese Überzeugung bzw.
obwohl sie im Grunde genau das Gegenteil aussa- das Bestreben, wünschenswerte Zustände herbeizu-
gen. Einmal wird Kontrolle seitens der Führungskraft führen und negative Zustände zu vermeiden oder
als etwas Positives, das andere Mal als etwas Negati- verringern zu können. Damit unterscheidet sich
ves dargestellt. So stellen sich die Fragen, was besser die Begrifflichkeit in der Psychologie von dem All-
für den Mitarbeiter und die Organisation ist und tagsverständnis des Wortes Kontrolle. Man versteht
welchen Rat man daher beherzigen sollte. Anhand darunter in erster Linie nicht die Einflussnahme
von wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnis- auf andere Menschen, sondern die (wahrgenom-
sen der Psychologie sollen diese Fragen im Weiteren mene) Möglichkeit, Zustände und Situationen zu
beantwortet werden. beeinflussen. Wie der Begriff kognizierte Kont-
Die psychologische Forschung zum Bereich der rolle verdeutlicht, muss diese nicht einmal tatsäch-
Kontrolle stammt vor allem aus der Sozialpsycho- lich bestehen. Für ein Gefühl von Kontrolle reicht
logie und der Organisationspsychologie. Im Unter- bereits die subjektive Überzeugung der Person, dass
schied zum alltäglichen Verständnis von Kontrolle sie Kontrolle hat.
wird der Kontrollbegriff in der Wissenschaft aller- Wird langfristig keine Kontrolle im Sinne von
dings gegensätzlich verwendet. Während im Alltag Autonomie und Selbstbestimmung wahrgenommen,
(und in den Sprichwörtern) Kontrolle als Synonym kann das verschiedene Folgen haben. Es existieren
für Macht, Überwachung und Fremdbestimmung hierzu zwei Theorien, die gegensätzliches Verhalten
10.4 · Psychologische Theorien
83 10

Kontrolle durch die


Führungskraft
= Macht
Hoch Niedrig

Kontrollempfinden des
Mitarbeiters
= Autonomie
Niedrig Hoch

. Abb. 10.1 Auswirkung von Kontrolle seitens der Führungskraft auf das Kontrollempfinden des Mitarbeiters

in Form von Apathie bzw. Konfrontation vorhersa- Kontrollbegriff spielt insbesondere bei den beiden
gen: Die Reaktanztheorie von Brehm (1966) besagt, folgenden Modellen eine bedeutende Rolle.
dass eine (als illegitim empfundene) Einschränkung Das Demand-Control-Modell (Karasek u. Theo-
der persönlichen Freiheit zu Widerstand seitens des rell 1990) erklärt anhand der beiden Faktoren
Betroffenen führt, während die Theorie der gelern- Arbeitsanforderungen („job demands“) und Kon-
ten Hilflosigkeit von Seligman (1975) prognostiziert, trolle/Entscheidungsspielraum des Mitarbeiters
dass es infolge Kontrollverlust zur Verminderung der („job control“) wie diese ihre Arbeitstätigkeit wahr-
Kontrollmotivation, zur Beeinträchtigung der kog- nehmen. Der Begriff der Kontrolle steht dabei
nitiven Fähigkeiten und zu emotionalen Defiziten für den Entscheidungsspielraum und die Auto-
kommt. nomie, die dem Mitarbeiter bei der Bewältigung
Obwohl beide Theorien gegensätzlich erschei- seiner Arbeit zur Verfügung stehen. Sind sowohl
nen, lassen sie sich zu einer gemeinsamen Theorie die Arbeitsanforderungen als auch der Entschei-
integrieren. Wortman und Brehm (1975, zitiert dungsspielraum niedrig, wird die Tätigkeit als
nach Frey u. Jonas 2002) gehen von folgendem Stu- passiv wahrgenommen, während hohe Anforde-
fenmodell aus: Nimmt der Kontrollverlust ein gerin- rungen bei einer hohen Autonomie dazu führen,
ges Ausmaß an, wird zuerst mit Reaktanz reagiert. dass die Arbeitstätigkeit als aktiv wahrgenommen
Damit versucht die betroffene Person, die verlorene wird. Durch die Interaktion von hohen Arbeitsan-
Handlungsfreiheit aktiv widerherzustellen. Gelingt forderungen und geringer Kontrolle, im Sinne eines
dies nicht, und dauert der Kontrollverlust länger geringen Entscheidungsspielraums, entsteht laut der
an, nimmt die Reaktanzmotivation ab und geht in Theorie Stress, wohingegen die Kombination von
gelernte Hilflosigkeit über. Weiterhin betonen die niedrigen Arbeitsanforderungen bei hoher Auto-
Autoren, dass Reaktanz dann gezeigt werde, wenn die nomie in einer niedrig beanspruchenden Tätigkeit
Chance zur Wiederherstellung von Freiheit gesehen resultiert (vgl. Landy u. Conte 2007).
wird; Hilflosigkeit dagegen dann, wenn diese Chance Das Job-Characteristics-Modell von Hackman
nicht besteht. und Oldham (Nerdinger 2014) ist eine Theorie zur
Arbeitszufriedenheit. Sie besagt, dass bestimmte
Aufgabenmerkmale der Arbeit (u. a. Autonomie) das
10.4.2 Theorien der psychologische Erleben der Mitarbeiter beeinflussen
Organisationspsychologie und sich dieses wiederum positiv auf verschiedene
Aspekte wie die Motivation der Mitarbeiter oder
Im Bereich der Organisationspsychologie wird deren Arbeitszufriedenheit auswirkt. Autonomie
unter dem Begriff „job control“ die Möglichkeit liegt vor, wenn Mitarbeiter eigenverantwortlich die
verstanden, selbstbestimmt zu arbeiten. Dieser Mittel ihrer Arbeit wählen und Teilziele selbstständig
84 Kapitel 10 · Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

festlegen können. Neben den Aufgabenmerkmalen auf sie auswirkt. Ist diese durch die Führungskraft
und den psychologischen Erlebniszuständen sind die gegeben, kann das – wie in 7 Abschn. 10.4 beschrie-
Auswirkungen der Arbeit zudem vom individuellen ben – dazu führen, dass Mitarbeiter in ihrer Autono-
Bedürfnis des Mitarbeiters nach persönlicher Ent- mie und Selbstbestimmung beschränkt sind. Wenn
faltung abhängig. nun im Folgenden von Kontrolle die Rede ist, bezieht
sich dies auf die Kontrollmöglichkeiten (Autonomie
und Entscheidungsspielraum) seitens der Mitarbei-
Faktoren des Job-Characteristics-Modell ter und nicht des Vorgesetzten.
(nach Hackman u. Oldham 1980) In Studien, die den Zusammenhang zwischen
Kontrolle seitens der Mitarbeiter und den Arbeits-
5 Aufgabenmerkmale umfassen die verhältnissen untersuchten, zeigte sich ein positi-
Anforderungsvielfalt, Ganzheitlichkeit ver Einfluss auf eine Reihe von Faktoren (Spector
und Bedeutsamkeit der Aufgabe sowie 1986). Wurde von den Mitarbeitern Kontrolle, d. h.
die Autonomie und Rückmeldung aus der Autonomie, wahrgenommen, beurteilten sie ihre
Aufgabenerfüllung. Arbeitsbedingungen positiver, hatten einen höheren
5 Psychologische Erlebniszustände meinen beruflichen und finanziellen Status und wurden in
die erlebte Bedeutsamkeit der eigenen ihrer Arbeitsleistung besser bewertet (Greenber-
Arbeitstätigkeit, die erlebte Verantwortung ger et al. 1989; Hoff u. Hohner 1986). Wahrgenom-
für die Ergebnisse der eigenen mene Kontrolle wirkte sich zudem förderlich auf die
Arbeitstätigkeit und das Wissen über die Stimmung der Mitarbeiter und deren Aufgabenzu-
aktuellen Resultate. friedenheit aus (Jimmieson u. Terry 1998; Sargent u.
5 Auswirkungen der Arbeit können eine Terry 1998), reduzierte den Konflikt zwischen Arbeit
10 hohe intrinsische Motivation, eine hohe und Familie („work-to-family confilct“; Grönlund
Qualität der Arbeitsleistung, eine hohe 2007), führte zu signifikant geringerer Fluktuation
Arbeitszufriedenheit, ein niedriger sowie depressivem Erleben der Mitarbeiter (Kossek
Absentismus sowie eine niedrige et al. 2006) und verminderte die Fehlzeit der Mit-
Fluktuation sein. arbeiter (Ala-Mursula et al. 2005; Smulders u. Nijhuis
1999). Damit hat wahrgenommene Kontrolle, also
ein Gefühl der Selbstbestimmung, in vielerlei Hin-
sicht einen positiven Einfluss auf Mitarbeiter, aber
10.5 Psychologische Erkenntnisse auch die Organisation.
Äquivalent zu den positiven Ergebnissen bei vor-
Anhand der oben beschriebenen Theorien wird deut- handener Kontrolle, sind die Folgen von fehlender
lich, dass eine erschöpfende Analyse der Befunde Kontrolle, z. B. durch einen sehr eingeschränkten Ent-
zum Themenbereich Kontrolle aufgrund der teil- scheidungsspielraum, eher negativ. Eine Vielzahl von
weise unterschiedlichen Definition in den Fachbe- Studien zeigte vor allem einen nachteiligen Einfluss
reichen und der Fülle weiterer beteiligter Faktoren auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Mit-
nicht immer möglich ist. Generell lässt sich allerdings arbeitern. Haben diese kaum Kontrollmöglichkeiten
sagen, dass Menschen nach Kontrolle, d. h. Selbst- und fühlen sich in der Arbeit überlastet, ist ihre Anfäl-
bestimmung und Beeinflussbarkeit, streben, dieses ligkeit für koronare Herzkrankheiten erhöht (Pikhart
Bedürfnis unterschiedlich ausgeprägt ist und von et al. 2001; Siegrist 2001). Geringe Kontrollmöglich-
der Situation und den eigenen Kenntnissen abhängt keiten beeinträchtigen darüber hinaus die psychi-
(vgl. Frey u. Jonas 2002). schen Gesundheit (Dalgard et al. 2009) und stehen
Die hier folgenden Studien schildern die Kon- in Zusammenhang mit Depression, Angst und chro-
trollwahrnehmung aus der Sicht der Mitarbeiter, nischer Müdigkeit (Godin u. Kittel 2004).
da diese für die Durchführung von delegierten Auf- Außerdem ist Kontrolle als moderierender
gaben verantwortlich sind. Daher ist es von Inter- Faktor von Bedeutung. Empfinden Mitarbeiter ein
esse, wie sich das Vorhandensein von Kontrolle Gefühl von Kontrolle (Selbstbestimmung), werden
10.7 · Fazit
85 10
negative Einflüsse wie eine hohe (psychische) Belas- werden sollten. Die Ergebnisse veranschaulichen,
tung (Dalgard et al. 2009; Hollmann et al. 2001; wie wichtig das Empfinden von Kontrolle für die
Sargent u. Terry 1998; Schaubroeck et al. 2001) oder Gesundheit und Arbeitsleistung der Mitarbei-
eine mögliche Bedrohung des Arbeitsplatzes gemil- ter und letztendlich für das Unternehmen ist. Von
dert (Cheng et al. 2014; Schreurs et al. 2010) und posi- besonderem Interesse sind die Erkenntnisse für die
tive Einflüsse wie wahrgenommene Unterstützung Mitarbeiterführung.
seitens der Organisation verstärkt (Aubé et al. 2007). Eine Möglichkeit, die wahrgenommene Kon-
trolle der Mitarbeiter zu fördern, ist deren Betei-
ligung und Mitbestimmung bei Prozessen und
10.6 Implikationen für die Praxis und Entscheidungen. Studien legen dar, dass Partizipa-
Forschung tion zu einer erhöhten Einflussmöglichkeit auf die
Arbeit, höherer Arbeitszufriedenheit und vermehr-
Im Grunde lassen sich die empirischen Ergebnisse tem Commitment sowie Vertrauen in die Führungs-
wie folgt zusammenfassen: Verfügen Mitarbeiter kräfte führt (Bordia et al. 2004; Scott-Ladd et al. 2006;
über (wahrgenommene) Kontrolle, Autonomie und Timming 2012). Ein partizipativer Führungsstil ist
Einflussnahme, hat das positive Folgen, die nicht nur vor allem während Change-Prozessen entscheidend,
unmittelbar die Mitarbeiter betreffen, sondern sich da er die Zielerreichung und das Commitment zum
auch indirekt auf die Organisation auswirken. Die Unternehmen fördert und die Resistenz der Mit-
Definition von Kontrolle im Arbeitskontext und die arbeiter gegenüber der Veränderung vermindert
untersuchten Bereiche variieren dabei, was jedoch (Lines 2004). Wird von Beteiligten ein Fehlen oder
für die Bedeutsamkeit des Faktors spricht. der Verlust von Kontrolle wahrgenommen, resultiert
Trotzdem kann die Aussage, dass Kontrolle dies in negativen Emotionen. Positive Emotionen
im Sinne von „Selbstbestimmung“ per se gut ist, hingegen entstehen, wenn Mitarbeiter Kontrollmög-
nicht getroffen werden. Wie bereits erwähnt, ist das lichkeiten über Prozesse und Ergebnisse der Verän-
Bedürfnis nach Kontrolle von Mensch zu Mensch derung erhalten (Smollan 2014).
unterschiedlich und von anderen Faktoren abhän-
gig (Frey u. Jonas 2002). So gibt es durchaus auch
Menschen, die Selbstbestimmung bedrohlich finden, 10.7 Fazit
weil mehr Selbstbestimmung mit mehr Verantwor-
tung einhergeht. Ihnen ist daher eher die Devise In Anbetracht der Erkenntnisse lässt sich sagen,
„Sage mir, was ich tun soll“ lieber, da sie damit Ver- dass sich eine Führungskraft an der Redewendung
antwortung abgeben können. Welches Maß an Kont- „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ nur zum
rollübertragung bzw. Verantwortungsübernahme in Teil orientieren sollte. Nähme man das Sprich-
Organisationen ist das passende? wort wörtlich, würde dies eher nachteilige Auswir-
Sinnvoll wäre es, in weiteren Studien zu erfor- kungen auf die Aufgabenbewältigung haben, da
schen, unter welchen Bedingungen Kontrolle den Mitarbeitern wichtige Kontrollmöglichkeiten
positive oder eher negative Auswirkungen hat. Ins- genommen werden.
besondere die negativen Seiten von Kontrolle im In angemessenem Maße, also zur Überprü-
Sinne von Entscheidungsspielräumen wurden in fung und nicht zur Kontrolle der Arbeit, kann es
der Forschung bislang vernachlässigt. Schließlich dagegen sehr wohl sinnvoll sein. Denn blindes
führt Kontrolle über die eigene Arbeit zu einer Viel- Vertrauen könnte nur allzu schnell zu Nachteilen
zahl von Gestaltungsmöglichkeiten und vermehrter führen. Um ihren Mitarbeitern ein optimales Maß
Verantwortung, was einerseits motivierend wirken, an Selbstbestimmung zu ermöglichen, muss die
andererseits aber auch eine Überforderung nach Führungskraft mit Bedacht eine Balance zwischen
sich ziehen kann. Komplexere Studien könnten die Vertrauen und Kontrolle finden. Zur Orientierung
Grenzen des positiven Einflusses herausarbeiten. sollte sie sich daher eher die ursprüngliche Version
Dennoch wurde bereits eine Fülle von Erkennt- des Sprichworts zu Herzen nehmen: „Vertraue, aber
nissen erlangt, die in der Praxis berücksichtigt prüfe nach“.
86 Kapitel 10 · Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

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89 11

Lügen haben kurze Beine – Ehrlich


währt am längsten
Verena Speth

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_11

11.1 Einleitung werden diese Aspekte genauer beleuchtet und der


Wahrheitsgehalt beider Sprichwörter untersucht,
Der Volksmund sagt „Lügen haben kurze Beine“. wobei erstgenanntes im Vordergrund steht. Daneben
Dieses Sprichwort suggeriert: Lügen lohnt sich nicht, gibt es zahlreiche weitere Sprichwörter und Lebens-
am Ende kommt jede Lüge raus. Aber stimmt das weisheiten rund um das Thema Lügen, die in diesem
wirklich? Kontext ebenfalls kurz angeschnitten und durch psy-
Zwar heißt es schon in den 10 Geboten der Bibel chologische Befunde erklärt werden. Im Anschluss
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen an die Diskussion der Hauptsprichwörter werden
Nächsten“, dennoch zeigen Studien, dass Lügen einen Möglichkeiten und Ansatzpunkte zur Verbesserung
überraschend großen Bestandteil unserer Konversa- der Lügendetektion aufgezeigt.
tionen ausmachen. In etwa 20 % aller sozialen Inter- Begonnen wird jedoch damit, die verschie-
aktionen wird gelogen oder getäuscht (DePaulo denen Lügenarten zu kategorisieren und deren
et al. 1996). Dies erhöht sich sogar auf 60 %, wenn Hintergründe zu beleuchten. Denn die zugrunde
wir mit fremden Personen interagieren (Feldman et liegenden Motive sind sehr differenziert und stellen
al. 2002). Mit dem Erreichen des 60. Lebensjahres eine wichtige Grundlage für das Verständnis der
hat eine Person – konservativ gerechnet – im Durch- Sprichwörter dar.
schnitt bereits 43.800 Lügen erzählt (Anthony u.
Cowley 2012).
Aber was zählt als Lüge? Und wann sagen wir die 11.2 Kategorisierung und Motive
Wahrheit? Wichtig und gleichzeitig schwierig ist die von Lügen
Definition von Lügen. Denn Lügen können egois-
tisch sein, um andere hinters Licht zu führen. Sie Es wurde bereits festgestellt, dass Menschen relativ
können aber ebenso altruistisch sein, um beispiels- häufig lügen. Aber was sind die Gründe? Lügen sind
weise andere zu schützen. Es kann sich um kleine nicht gleich Lügen. Denn gelogen wird aus den ver-
Alltagslügen handeln oder um schwerwiegende Ver- schiedensten Gründen.
gehen wie Betrug. Bislang gibt es in der Forschung DePaulo et al. (1996) unterscheiden Lügen bei-
keine einheitliche Definition. Einige Forscher gehen spielsweise darin, wer von ihnen profitiert, ob diese
davon aus, dass Lügen ein bewusster Prozess ist und selbst- oder fremddienlich sind. Selbstdienliche
intentional geschieht. Andere definieren eine Lüge Lügen werden aus egoistischen Motiven erzählt, bei-
als „die bewusste oder unbewusste Abwendung von spielsweise aus materiellen oder auch aus psychologi-
der Wirklichkeit“ (Stiegnitz 1997, S. 11). schen Gründen, um sich selbst positiv darzustellen.
Aber was ist dran an dem Sprichwort „Lügen Fremddienliche Lügen hingegen sind oftmals altruis-
haben kurze Beine“? Wie gut sind wir beim Ent- tisch, ohne dass man selbst einen Vorteil daraus zieht.
decken von Lügen, und ist Lügen immer schlecht? In ihrer Studie fanden DePaulo et al. (1996) heraus,
Oder gilt „Ehrlich währt am längsten“? Im Folgenden dass in Gesprächen doppelt so häufig selbstdienliche
90 Kapitel 11 · Lügen haben kurze Beine – Ehrlich währt am längsten

wie fremddienliche Lügen erzählt werden. Gegen- Aufbauend auf diesen drei motivationa-
stand ist zwar häufig die Vertuschung von Fehlern len Grundprinzipien entwickelten Forscher die
und die Verheimlichung von Plänen oder Aufent- Impression-Management-Theorie, die die Hinter-
haltsorten, die meisten Lügen betreffen jedoch die gründe der Geltungslüge erklären (Tedeschi et al.
Gefühle der Personen – nach dem Motto „Nein, ich 1971, zitiert nach Leary u. Kowalski 1990). Diese
bin nicht eifersüchtig“ oder „Ja, es geht mir gut“. geht davon aus, dass das eigene Selbstbild vor allem
Aber es gibt auch andere Kategorisierungs- durch die Bewertung anderer bestimmt wird. Daher
möglichkeiten. Im folgenden Kapitel wird Bezug sind Menschen darum bemüht, den Eindruck, den
genommen auf die Kategorisierung von McLeod sie auf andere machen, aktiv zu steuern und zu kon-
und Genereux (2008). Diese unterscheiden ver- trollieren, indem sie lügen, um sich in einem bes-
schiedene Arten des Lügens, die sich durch ihre seren Licht darzustellen. Dies tritt immer dann auf,
Motive voneinander abgrenzen. Ihnen zufolge gibt wenn Situationen soziale Interaktionen erfordern, sei
es die Geltungslüge, um von anderen gemocht zu es bei einem Vorstellungsgespräch, beim Treffen mit
werden, die prosoziale Lüge, um anderen zu helfen Kollegen und Freunden oder bei einer Verabredung
oder sie zu beschützen, die Selbstlüge, bei der man (Leary u. Kowalski 1990).
sich bewusst oder unbewusst selbst belügt, und die
antisoziale Lüge, um anderen zu schaden oder sich
einen Vorteil zu verschaffen. 11.2.2 Prosoziale Lüge
Sollte alles, was man sagt, wirklich immer wahr
sein? Oder kann es unter Umständen manchmal
besser und sinnvoller sein, zu lügen? Da die Arten » Lügen sind der Schmierstoff der Kommunikation.
und Motive des Lügens sehr unterschiedlich sind, Die Menschen wollen oftmals nicht die Wahrheit
müssen auch ihre psychologischen Erklärungsan- hören, sondern etwas, mit dem sie sich gut
sätze differenziert betrachtet werden. Im Folgen- fühlen. […] im Alltag sind wir oft mit einer Lüge
den werden die Geltungslüge, die prosoziale Lüge, glücklicher. (Robert F. Feldman im Interview mit
11 die antisoziale Lüge sowie als zusätzlicher Punkt die Tobias Hürter 2012, S. 1)
Selbstlüge genauer betrachtet und deren Hinter-
gründe durch psychologische Theorien erklärt. Genau diesen Schmierstoff stellen prosoziale Lügen
dar. Meist sind es kleine Schwindeleien, um anderen
Sorge zu ersparen, ihnen eine Freude zu machen oder
11.2.1 Geltungslüge um Konfrontationen und Verletzungen zu vermei-
den (DePaulo et al. 1996). Diese Lügen werden auch
Verschleierungen, Beschönigungen, Übertreibun- oft als weiße Lügen bezeichnet. Sie werden als ethisch
gen – Menschen lügen, um andere zu beeindrucken. korrekt angesehen und daher auch eher akzeptiert,
Die Geltungslüge entsteht häufig vor dem Hinter- da ihnen keine egoistischen Motive zugrunde liegen
grund, anderen zu gefallen und den eigenen Selbst- (Levine u. Schweitzer 2014).
wert zu steigern (Leary u. Kowalski 1990). Denn drei Studien zeigen, dass Menschen, die prosozial
wichtige motivationale Grundmotive des Menschen lügen, als sympathischer wahrgenommen werden.
sind das Streben nach einem positiven Selbstbild Nach dem Sprichwort: „Alles was du sagst, sollte
und Anerkennung, das Streben nach Kompetenz wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, solltest
und Kontrolle und das Streben nach Zugehörigkeit du auch sagen“, soll man zwar immer die Wahrheit
(Smith u. Mackie 2007). Um diese Ziele zu errei- sagen, aber es deutet ebenfalls an, dass es nicht immer
chen, wird daher öfter zu Techniken des Lügens und sinnvoll ist und man je nach Situation auch darauf
Täuschens gegriffen. Nicht um anderen zu schaden, verzichten sollte. In diesem Sprichwort steckt viel
sondern um bei dem Gegenüber einen positiven Wahres. Denn es zeigt sich, dass gute Lügner den
Eindruck zu hinterlassen. Dies ist vor allem dann meisten Menschen sympathischer sind als Personen,
der Fall, wenn es um Gesprächspartner des anderen die immer die Wahrheit sagen (Hürter 2012). Vor
Geschlechts geht (Feldman et al. 2002). allem Menschen mit einer hohen sozialen Intelligenz
11.2 · Kategorisierung und Motive von Lügen
91 11
nutzen prosoziale Lügen. Sie können sich in andere Borderline-, histrionische, narzisstische und anti-
hineinversetzen, Situationen adäquat analysieren soziale Persönlichkeitsstörung. Eine Person mit
und haben ein Gespür dafür, was der Gesprächs- der Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung
partner gerne hören möchte. Sie sind daher in der ist emotional instabil und zeigt eine mangelnde
Lage, zu unterscheiden, wann man die Wahrheit Impulskontrolle. Dadurch kommt es häufig zu
sagen sollte und wann es besser ist, prosozial zu lügen gewalttätigem oder bedrohlichem Verhalten gegen-
(Hürter 2012). Darüber hinaus zeigen Studien, dass über anderen, aber auch gegenüber sich selbst. Der
durch prosoziale Lügen das Vertrauen in einer Bezie- Grund für häufiges Lügen geht bei diesem Störungs-
hung gestärkt werden kann. Für das soziale Mitein- bild zum größten Teil auf die Angst vor dem Ver-
ander kann es daher sogar vorteilhaft sein, proso- lassenwerden zurück (Wittchen u. Hoyer 2011). Die
zial zu lügen. Denn wenn die Wahrheit dem anderen histrionische Persönlichkeitsstörung ist gekenn-
schadet, werden prosoziale Lügen der Wahrheit vor- zeichnet durch starke Emotionalität, Theatralik und
gezogen (Levine u. Schweitzer 2015). dem übermäßigen Streben nach Aufmerksamkeit.
Interessant ist, dass Menschen sich oftmals nicht In dessen Folge kommt es oft zu Lügen und Über-
darüber bewusst sind, dass sie lügen. In einer Studie treibungen, um im Mittelpunkt zu stehen (Wittchen
nahmen Forscher die Konversation von sich fremden u. Hoyer 2011). Narzissten hingegen zeichnen sich
Gesprächspartnern auf. Etwa 40 % der Teilnehmer u. a. durch Durchsetzungsvermögen und Zielstre-
waren bei einer anschließenden Befragung der auf- bigkeit aus. Allerdings auch durch egoistisch moti-
richtigen Überzeugung, nicht gelogen zu haben. Als viertes, manipulatives und täuschendes Verhalten
ihnen die Videoaufnahme vorgespielt wurde, waren für den eigenen Vorteil, das mit Lügen einhergeht
sie überrascht, wie häufig sie kleine Unwahrhei- (Campbell et al. 2011). Lug und Betrug sind aber
ten entdeckten (Feldman et al. 2002). So scheinen wohl am stärksten mit der antisozialen Persönlich-
gerade sozial intelligente Menschen kleine Lügen als keitsstörung verbunden. Merkmale sind dabei vor-
unbewusste Technik und „Schmierstoff “ zu nutzen wiegend verhaltensorientiert wie wiederholte Taten,
(Hürter 2012, S. 1). die mit dem geltenden Recht in Konflikt stehen, die
Unfähigkeit von Reue sowie Reizbarkeit und Aggres-
sivität (APA 2000). Dabei wird ebenso spezifisch
11.2.3 Antisoziale Lüge von „Falschheit, die sich in wiederholten Lügen,
dem Gebrauch von Decknamen oder dem Betrügen
Wenn wir an Lügen denken, denken wir vor allem anderer zum persönlichen Vorteil oder Vergnügen
an schwerwiegende Lügen, an Lug und Betrug, und äußert“ (APA 2000, S. 706) gesprochen.
an Lügen, die aus egoistischen, selbstbereichernden Beachtet werden sollte dabei, dass die antiso-
Motiven heraus entstehen. Lügen, um anderen zu ziale Persönlichkeitsstörung nicht gleichzusetzen
schaden und sich dadurch einen Vorteil zu verschaf- ist mit der Diagnose der Psychopathie. Diese gilt
fen, das hat – wenn wir ehrlich sind – wahrscheinlich als schwere Form der antisozialen Persönlichkeits-
jeder schon einmal getan. Aber bei gewissen psycho- störung, die durch spezifische Persönlichkeitszüge
logischen Erkrankungen und Störungen tritt dieses gekennzeichnet ist, besonders durch affektive Defi-
Verhalten besonders stark auf und ist Teil des Krank- zite wie dem Mangel an Empathie und Schuldbe-
heitsbildes. Das Sprichwort „Lügen, dass sich die wusstsein, unzureichender Verhaltenskontrolle und
Balken biegen“ trifft vor allem auf krankhaftes Lügen- betrügerischem und manipulativem Verhalten, aber
verhalten zu. Im Folgenden werden Krankheiten, die auch durch oberflächlichen Charme und übersteiger-
stark mit dem Lügen verbunden sind, kurz beschrie- tem Selbstbewusstsein (Oggloff 2006).
ben und die dahinterliegenden Beweggründe erklärt. Studien gehen davon aus, dass etwa 3–5 % der
Menschen an einer antisozialen Persönlichkeits-
z Lügen als Krankheitssymptom störung leiden, wohingegen das Krankheitsbild
Lügen und täuschendes Verhalten ist ein Symptom des Psychopathen weniger als 1 % der Bevölkerung
zahlreicher psychologischer Krankheiten. Darunter betrifft. In Gefängnissen liegt die Quote bei 50–80 %
fallen vor allem Persönlichkeitsstörungen wie die an Insassen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung,
92 Kapitel 11 · Lügen haben kurze Beine – Ehrlich währt am längsten

wobei auf 15 % die Diagnose Psychopathie zutrifft oder neue selektiv gesuchte Informationen hinzufü-
(Hare 2003, zitiert nach Oggloff 2006). gen, wenn uns plötzlich z. B. nur noch gute Testbe-
richte der Marke A ins Auge fallen.

11.2.4 Selbstlüge z Rekognitionsheuristik


Wenn es um Urteile und Entscheidungen geht, spielt
„Sich in die eigene Tasche lügen“ – Jeder kennt dieses uns unser Gehirn oftmals einen Streich, indem es zu
Phänomen. Manchmal passiert es bewusst, wenn kognitiven Heuristiken greift, die nicht immer den
man versucht, sich etwas ein- oder schönzureden. richtigen Weg weisen. Das Sprichwort „Die Men-
Meistens jedoch belügen sich Menschen selbst, ohne schen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon
es zu bemerken. Es ist ein automatischer Prozess, hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die
der ganz selbstverständlich und unbewusst abläuft. ihnen völlig neu ist“ greift diesen Umstand auf.
Oftmals geht es darum, Informationen vor dem Tatsächlich zeigen Studien, dass Proban-
bewussten Ich zu verschweigen (Ekman u. Friesen den Aussagen, die sie bereits gelesen oder gehört
1969). Im Folgenden werden dazu zwei Phänomene haben, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für
kurz erklärt. Zum einen die unbewusste Änderung wahr halten als solche, die sie zum ersten Mal hören
der eigenen Meinung aufgrund von kognitiver Dis- (Dechêne et al. 2010). Grund dafür ist das impli-
sonanz, und zum anderen die unbewusste Selbst- zite Gedächtnis und die Nutzung von kognitiven
täuschung bei der Entscheidungsfindung durch Heuristiken zur Entscheidungsfindung. Die Aus-
Heuristiken. sagen können zwar nicht bewusst erinnert werden,
aber die Spur einer Erinnerung führt dazu, dass die
z Kognitive Dissonanz Aussagen als wahr beurteilt werden (Dechêne et al.
„Jeder glaubt gar leicht, was er fürchtet und was er 2010).
wünscht“ – zumindest der zweite Teil des Sprich- Eine Heuristik, die diesen Effekt erklärt, ist die
worts kann durch das psychologische Phänomen Rekognitionsheuristik. Sehen Menschen sich mit
11 der kognitiven Dissonanz von Festinger (1957; zitiert einer Aussage konfrontiert, über die sie kein bewuss-
nach Smith u. Mackie 2007) erklärt werden. Dieses tes oder nur ein ambigues Wissen abrufen können,
Phänomen bezeichnet einen kognitiven, unange- versuchen sie auf anderem Weg eine Entscheidung
nehmen Spannungszustand, der auftritt, wenn sich zu treffen. Bereits gelesene oder gehörte Aussagen
bei einer Person widersprechende Kognitionen führen zu einem Gefühl des Wiedererkennens.
einstellen. Dieses Gefühl aktiviert die Rekognitionsheuristik –
Man hat sich beim Autokauf für die Marke A ent- „Ich erkenne die Aussage, also muss sie wahr sein“ –
schieden, aber Marke B wäre billiger gewesen. Laut (Dechêne et al. 2010).
der Theorie der kognitiven Dissonanz ergeben sich Dieser sog. Truth-Effekt wurde für wahrhaftige,
drei Reaktionsmöglichkeiten, um diesen Spannungs- aber auch für falsche Aussagen, für triviale State-
zustand zu reduzieren. Eine ist die Änderung des ments, für Produkteigenschaften und sogar Mei-
Verhaltens. Da dieses meist jedoch nicht rückgängig nungsstandpunkte nachgewiesen (Dechêne et al.
zu machen ist, kommen die beiden anderen Möglich- 2010). Menschen glauben daher Aussagen eher,
keiten ins Spiel, die Rechtfertigung des Verhaltens wenn sie diese schon gehört haben, als einer Aussage,
durch Hinzufügen von bestätigenden Kognitionen die ihnen völlig neu ist. Das gilt sowohl für die Wahr-
oder durch Änderung der dissonanten Kognitionen. heit als auch für Lügen.
In beiden Fällen belügen sich Menschen unbewusst
selbst, indem sie entweder ihre Einstellung abän-
dern oder neue Informationen nur noch selektiv 11.3 Gültigkeit des Sprichworts
wahrnehmen, um die Entscheidung nachträglich zu
unterstützen (Smith u. Mackie 2007). Im Falle des Nach der Kategorisierung und differenzierten
Autokaufs können wir unsere Kognitionen verän- Betrachtung von Lügen, stellt sich nun die Frage: Was
dern, indem wir beispielsweise die Marke B abwerten ist wirklich dran an dem Sprichwort „Lügen haben
11.3 · Gültigkeit des Sprichworts
93 11
kurze Beine“? Lohnen sich Lügen, oder kommt am nicht entdeckt, gute Lügner besitzen auch häufig posi-
Ende doch jede Lüge raus? tive Eigenschaften wie Intelligenz und Erfolg. Denn
Studien zeigen, dass Menschen schlecht bei gute Lügner sind intelligent, sie sind – metapho-
der Erkennung von Lügen sind. Die meisten Men- risch gesprochen – gute Schachspieler und strategi-
schen denken zwar, sie könnten Lügner erkennen. sche Denker, denken mehrere Schritte voraus und
Dies ist jedoch oft nicht der Fall (Bond u. DePaulo können sich in andere hineinversetzen (Marantz
2006). Denn sie orientieren sich meist an dem ver- Henig 2006). Eine gute Lüge erfordert größere kog-
meintlich stereotypen Verhalten von Lügnern: nitive Anstrengungen, als die Wahrheit zu sagen (Vrij
Lügner sind nervös, fassen sich an die Nase und et al. 2008). Geht man einen Schritt zurück und erklärt
können dem Gegenüber nicht in die Augen schauen dies evolutionär, zeigt sich, dass mit einem größeren
(Hartwig u. Bond 2011). Studien zeigen jedoch, Neokortex und damit mit einer höheren Intelligenz
dass die Trefferquote bei der Entdeckung von Lügen die Fähigkeit in Primaten steigt, täuschendes Ver-
nur bei 54 % liegt (Bond u. DePaulo 2006). Dies ist halten zu zeigen (Byrne u. Corp 2004). Der Neokor-
ein wenig beeindruckendes Ergebnis, wenn man tex ist vor allem für höhere Funktionen des Gehirns
bedenkt, dass diese Entdeckungsrate nur gering- zuständig wie für das Gedächtnis und die Sprache.
fügig besser ist, als wenn jedes Mal eine Münze Pathologische Lügner weisen einen erhöhten Anteil
geworfen worden wäre (50%ige Chance). Sogar bei weißer Substanz im präfrontalen Kortex auf (Yang et
eigentlich geschulten Personen, die tagtäglich mit al. 2005). Die weiße Substanz ist für die Vernetzung
Lügnern zu tun haben, ist die Entdeckungsquote und den Informationsaustausch zwischen den Hirn-
erschreckend gering. So lagen Polizisten ebenfalls regionen zuständig. Ein hoher Anteil weißer Substanz
nur bei 56 %. Allein Mitarbeiter des Geheimdiens- geht mit einer vereinfachten und schnelleren Infor-
tes konnten eine Entdeckungswahrscheinlichkeit mationsverarbeitung einher (Abe 2011). Und in der
von 64 % vorweisen (Ekman u. O’Sullivan 1991). In Tat zeigen pathologische Lügner eine höhere sprach-
der Forschung existieren zwei verschiedene Erklä- liche Intelligenz als Kontrollgruppen.
rungsansätze für die geringe Entdeckungsrate. Zum Lügner sind nicht nur intelligent, sie sind auch
einen besteht die Möglichkeit, dass sich Menschen oftmals beruflich erfolgreich. So zählt die Fähig-
an falschen Lügenhinweisen orientieren, z. B. dem keit, zu lügen, sich zu verstellen und Wahrheiten zu
Vermeiden von Augenkontakt. Dieser Ansatz impli- verdrehen zu einem der Hauptmerkmale erfolgrei-
ziert, dass die Lügenentdeckung verbessert werden cher Präsidentschaften (Rubenzer u. Faschingbauer
kann, wenn auf die „richtigen“ Zeichen geachtet wird 2004). Auch neigen gerade besserverdienende Per-
(Hartwig u. Bond 2011). Der zweite Erklärungs- sonen dazu, in Geschäftssituationen zu lügen. Die
ansatz, den Hartwig und Bond (2011) durch ihre Bereitschaft dafür scheint jedoch nicht nur von der
Studie unterstützen, geht allerdings davon aus, dass Person abhängig zu sein, sondern von den Wertvor-
dies nicht der Fall ist. Die Unterschiede zwischen stellungen der jeweiligen Gruppe, mit der sich die
Lügnern und ehrlichen Menschen sind oftmals so Person umgibt (Piff et al. 2012). Darüber hinaus
gering und individuell unterschiedlich, dass sie nicht findet sich in den Vorstands- und Managementeta-
wahrgenommen werden können. Es gibt demnach gen eine überproportionale Anzahl von Personen mit
kein Verhaltensmerkmal, dass Lügnern immer zuge- ausgeprägten narzisstischen Zügen (Campbell et al.
schrieben werden kann. Daher kann man Lügner nur 2011; vgl. 7 Abschn. 11.2.3).
schlecht entlarven (Hartwig u. Bond 2011). Intelligente und erfolgreiche Menschen sind
Lügner sind egoistisch und auf ihren Vorteil meist extravertierte und redegewandte Personen.
bedacht, sie sind schlechte Menschen, und es ist Sie sind möglicherweise deshalb gute Lügner, da sie
demnach nicht wünschenswert ein Lügner zu sein. selbst, wenn sie lügen, als tendenziell glaubwürdiger
Auf schlechte Lügner mag das zutreffen. Allerdings eingeschätzt werden als Personen, denen diese Fähig-
haben schon die Ausführungen in 7  Abschn. 11.2 keiten fehlen (Riggio et al. 1987). Eine mögliche Erklä-
gezeigt, dass Lügen oft nicht erkannt werden und rung für dieses Phänomen ist der Halo-Effekt. Dieser
es – je nach Art der Lüge – durchaus sinnvoll sein beschreibt die kognitive Heuristik, von einer beob-
kann, zu lügen. Aber nicht nur werden Lügen oftmals achtbaren Eigenschaft auf andere nicht beobachtbare
94 Kapitel 11 · Lügen haben kurze Beine – Ehrlich währt am längsten

Eigenschaften zu schließen. Personen, die hinsicht- gleichen Ausmaß zu belügen. Frei nach dem Motto
lich ihrer kognitiven Fähigkeiten positiv bewertet „Wie du mir, so ich dir“ kommt es zu einer Art nega-
werden, werden auch positiv in ihrer Glaubwürdig- tiven Reziprozität (Tyler et al. 2006).
keit eingeschätzt. Hierbei wird häufig nicht zwischen Allerdings muss bei diesem Sprichwort das
der allgemeinen Glaubwürdigkeit und der situativen Lügen differenziert betrachtet werden. Denn im
Glaubwürdigkeit der einzelnen Aussage dieser Person Gegensatz zu antisozialen und selbstorientierten
unterschieden (Riggio et al. 1987). Lügen können prosoziale Lügen die Kommuni-
kation sogar erleichtern (Hürter 2012). Manche
Forscher gehen sogar so weit, zu sagen, dass ohne
11.3.1 Auswirkungen von Lügen diese kleinen Lügen, die Welt nicht die gleiche wäre.
Denn soziale Lügen wirken sich positiv auf Gesell-
Betrachten wir nun das Sprichwort: „Ehrlich währt schaften aus und machen diese stabiler und kom-
am längsten“. Studien zeigen, dass Lügen schwerwie- plexer (Iniguez et al. 2014). Auch können sie das
gende Folgen haben können. Denn schon wie das Vertrauen in einer Beziehung stärken: Probanden
Sprichwort „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, vertrauten Personen, die prosozial logen, mehr
und wenn er auch die Wahrheit spricht“ andeutet: im Vergleich zu Personen, die zwar die Wahrheit
Wird eine Lüge erkannt, kommt es zu einem Glaub- sagten, aber dadurch anderen schadeten (Levine u.
würdigkeitsverlust. Studien zeigen darüber hinaus, Schweitzer 2015). Die Sprichwörter „Ehrlich währt
dass auch die Sympathie verloren geht (Tyler et al. am längsten“ und „Wer einmal lügt, dem glaubt man
2006). nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“
In der Psychologie gibt es die Hypothesentheo- treffen daher auf antisoziale, nicht aber auf proso-
rie der sozialen Wahrnehmung (Bruner u. Postman ziale Lügen zu.
1951, zitiert nach Lilli u. Frey 1993), die dieses
Sprichwort näher erklären kann. Denn laut dieser
Theorie sind Menschen voreingenommen in der 11.3.2 Diskussion der beiden
11 sozialen Wahrnehmung anderer Menschen, haben Sprichwörter
also immer eine bestimmte Erwartung bzw. Hypo-
these über die Situation, die Person oder die Hand- Das Kapitel zeigt, dass Lügen durchaus „lange
lung. Das bedeutet, dass wir alles, was wir wahrneh- Beine“ haben können. Denn Menschen sind sehr
men, im Kontext der dazu gebildeten Hypothese schlecht darin, Lügen aufzudecken. Trotzdem ist
auffassen. Diese Hypothese wird mit der Wirklich- dieses Sprichwort fester Bestandteil der deutschen
keit abgeglichen und kann sich ggf. ändern oder Sprachkultur. Denn nach der Theorie des doppelten
anpassen. Hypothesen bewirken jedoch eine selek- Standards von Bond und DePaulo (2006) beurtei-
tive Wahrnehmung, d. h., sie sind aufmerksam- len Personen Lügen, die ihnen erzählt werden,
keitslenkend. Alle Aussagen und das Verhalten des strenger als die eigenen Lügen, die sie selbst erzäh-
Gesprächspartners werden im Licht dieser Hypo- len. Für den Belogenen gilt oftmals das Credo „Du
these betrachtet. Je häufiger eine Hypothese bestä- sollst nicht lügen“. Der Lügner jedoch differenziert
tigt wird, desto stärker wird sie. Und je stärker eine zwischen beispielsweise antisozialen und proso-
solche Hypothese verankert ist, desto weniger Infor- zialen Lügen. Außerdem steht er oftmals einem
mationen werden in der Folge benötigt, um sie zu Loyalitätskonflikt gegenüber. Wem soll er loyal
unterstützen (Lilli u. Frey 1993). Bezogen auf das sein? Sich selbst, anderen, die ihm etwas anver-
Lügen kann dies bedeuten, dass wenn man beim traut haben, oder dem Gesprächspartner, den man
Lügen erwischt wird, sich bei dem Gesprächspart- nicht verletzen will? Der Lügner zieht daher vielfäl-
ner die Hypothese von glaubwürdig zu unglaubwür- tigere Aspekte in Betracht als der Belogene. Wenn
dig ändert. Die weiteren Aussagen werden daher mit man das Thema Lügen differenziert betrachtet,
Skepsis betrachtet. sollte das Sprichwort eher lauten: „Egoistische und
Darüber hinaus zeigen Studien, dass Belogene antisoziale Lügen haben kurze Beine“. Damit dies
dazu tendieren, ihrerseits den Gesprächspartner im auch wirklich der Fall ist, können verhaltens- oder
11.4 · Lügendetektion
95 11
sprachorientierte Ansätze der Lügendetektion sprechen alle Menschen (Ekman u. Rosenberg 2005).
genutzt werden, die im nachfolgenden Kapitel Wichtig für die Lügendetektion sind vor allem spon-
beschrieben werden. tane Mikroexpressionen, die zwischen 40 ms und 4 s
Wenn Lügen schon keine „kurzen Beine“ haben, dauern können (Ekman 2003). Ekman (2009) postu-
währt dann Ehrlichkeit wenigstens am längsten? liert, dass Lügner in diesen Bruchteilen von Sekun-
Dieser Aspekt muss ebenfalls differenziert betrachtet den ihre wahren Emotionen zeigen, bevor sie versu-
werden. Ehrlichkeit währt dann am längsten, wenn chen, diese zu verbergen. Lügner können demnach
es sich um egoistische, antisoziale Lügen handelt, da entlarvt werden, indem die unbewussten Mikroex-
die Glaubwürdigkeit und Sympathie sinken, wenn pressionen der Emotionen erkannt und richtig inter-
eine solche Lüge vom Gesprächspartner entdeckt pretiert werden. Und hier sind wir bei dem großen
wird. Der Glaubwürdigkeitsverlust hängt allerdings Problem aller Lügendetektoren und auch des FACS
von der Art und Schwere der Lüge ab. So gilt dies vor- angekommen, das von Ekman (2003) als Othello-
wiegend für egoistische und antisoziale, nicht aber Problem bezeichnet wurde.
für prosoziale Lügen. Diese können sich sogar ent-
gegengesetzt, nämlich positiv, auswirken. » Emotions do not tell you their cause. The fear
of being disbelieved looks the same as the fear
of being caught. (Ekman 2003, S. 218)
11.4 Lügendetektion
Ekman (2003) betont daher, dass nur durch eine
„Lügen haben kurze Beine“ – der 7   Abschn. 11.3 weitere Befragung einwandfrei festgestellt werden
zeigt, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. Wie kann, ob eine Person lügt. Damit es allen Menschen
ist es möglich, Lügen besser zu erkennen? Nicht möglich ist, Mikroausdrücke zu erkennen, entwi-
nur im Alltag wünschen sich das viele, zumindest ckelte Ekman ein einstündiges Kurztraining, das
wenn es sich um antisoziale Lügen handelt. Warum Micro Expression Training Tool (METT), das auch
nicht einfach einen Lügendetektor nutzen? Der im online verfügbar ist (Ekman 2009).
Sprachgebrauch als Lügendetektor bekannte Polygraf
erfasst physiologische Parameter wie einen erhöh- z Auch Sprache kann Lügner entlarven
ten Puls oder die Schweißbildung. Anhand dieser Lange Zeit fokussierte man sich vorwiegend auf non-
Veränderungen sollen Lügner erkannt werden. In verbales Verhalten. Auf eine neue Art der Lügen-
Deutschland ist dieser Test jedoch verboten. Denn detektion haben sich Forscher aus Großbritan-
wie in 7 Abschn. 11.3 beschrieben wurde, gibt es keine nien spezialisiert. Sie analysieren die Sprache nach
eindeutigen Lügenmerkmale. Der Polygraf ist in der Lügenindikatoren. Die Methode Controlled Cogni-
Folge viel zu unzuverlässig, als dass er in wichtigen tive Engagement (CCE) stellt ein kurzes 3-minüti-
und heiklen Situationen, beispielsweise der Strafver- ges Interview dar. Mithilfe dieser Methode konnten
folgung, eingesetzt werden könnte (Seiterle 2010). In in einem Feldexperiment im Sicherheitsbereich von
der Forschung gibt es daher andere zuverlässigere Flughäfen 66 % der Lügner entlarvt werden (Omerod
Ansätze der Lügendetektion. u. Dando 2015). Grundlage der Methode ist es, dass
Lügen kognitiv anstrengender ist, als die Wahrheit
z Mikroausdrücke des Gesichts verraten die zu sagen. Die Fragen beziehen sich vor allem auf die
Wahrheit Person und ihre Herkunft. Das Interview startet mit
Einer der wohl bekanntesten Lügenforscher ist offenen Fragen und baut dann auf den jeweiligen
Paul Ekman aus den USA. Bekannt wurde er durch Antworten auf, z. B. „Wo wohnen Sie? Wie viele Sta-
seine Methode des Facial Acting Coding Systems tionen brauchen Sie zu ihrer Arbeit?“ Omerod und
(FACS), ein Kodierungssystem, mit dessen Hilfe Dando (2015) fanden heraus, dass Lügner im Verlauf
Emotionen genauestens erfasst und erkannt werden des Interviews immer kürzere, weniger informative
können (Ekman u. Rosenberg 2005). Denn die und oftmals widersprüchliche Antworten gaben.
Sprache der Emotionen wie Wut, Angst, Erstaunen, Auch andere Forscher haben sich mit der Sprache
Freude, Überraschung, Trauer, Ekel und Verachtung als Lügenindikator befasst. Es zeigt sich: Lügner
96 Kapitel 11 · Lügen haben kurze Beine – Ehrlich währt am längsten

müssen sich kognitiv stärker anstrengen, daher sind Wahrheiten mit Feingefühl anzusprechen, sodass
ihre Aussagen kürzer, weniger elaboriert und wenig negative Effekte gar nicht erst entstehen und der
komplex. Sie übertreiben häufiger ihre Emotionen andere auch die Wahrheit annehmen kann.
und verteidigen sich stärker bzw. zeigen größere
Verärgerung, wenn sie der Lüge bezichtigt werden.
Darüber hinaus verwenden sie weniger selbstreflek- Literaturverzeichnis
tierende Redewendungen, z. B. „Ich nahm an … “
Abe, N. (2011). How the Brain shapes deception: an integrated
oder „Ich dachte … “ (Hauch et al. 2014). review of the literature. The Neuroscientist 17(5), 560–574.
American Psychiatric Association (APA). (2000). Diagnostic
z Pinocchio-Effekt and statistical manual of mental disorders (4th ed.).
Neben diesen Ansätzen gibt es ein interessantes Washington, DC: APA.
Anthony, C. I., & Cowley, E. (2012). The labor of lies: how lying
Ergebnis neuerer Forschung. Spanische Forscher
for material rewards polarizes consumers’ outcome satis-
konnten die seit jeher propagierte Pinocchio-Nase faction. Journal of Consumer Research 39, 478–492.
nachweisen (Milán u. López 2012). Mithilfe der Bond, C. F., Jr., & DePaulo, B. M (2006). Accuracy of Deception
Thermografie konnten die Forscher zeigen, dass Judgements. Personality and Social Psychology Review
beim Lügen mehr Blut in die Nase fließt und sich 10(3), 214–234.
Byrne, R. W., & Corp, N. (2004). Neocortex size predicts decep-
dadurch die Durchblutung der Muskeln in der Nähe
tion rate in primates. Proceedings of the Royal Society of
der Nase erhöht. Durch das Blut dehnt sich diese London Series Biological Sciences 271, 1693–1699.
minimal aus. Gleichzeitig sinkt die Temperatur im Campbell, W. K., Hoffman, B. J., Campbell, S. M., & Marchisio,
restlichen Gesicht, da das Blut aus dem Gesicht ins G. (2011). Narcissism in organizational contexts. Human
Gehirn transportiert wird. Auslöser dafür, so vermu- Resource Management Review 21, 268–284.
Dechêne, A., Stahl, C., Hansen, J., & Wänke, M. (2010). The
ten die Wissenschaftler, ist eine Gehirnregion, die
truth about the truth: A meta-analytic review of the truth
für Gefühlsempfindungen, aber auch für die Tem- effect. Personality and Social Psychology Review 14(2),
peraturregulation zuständig ist. Die Pinocchio-Nase 238–257.
scheint demnach zu existieren, sie ist allerdings nur
11 mit einer Wärmebildkamera sichtbar.
DePaulo, B. M., Kashy, D. A., Kirkendol, S. E., Wyer, M. M., &
Epstein, J. A. (1996). Lying in everyday life. Journal of
Personality and Social Psychology 70(5), 979–995.
Ekman, P. (2003). Darwin, deception, and facial expression.
New York Academy of Science 1000, 205–221.
11.5 Fazit Ekman, P. (2009). Become versed in reading faces. Entre-
preneur. Artikel vom 26. März 2009. http://www.entre-
In diesem Kapitel konnten einige Sprichwörter preneur.com/article/200934. Zugegriffen: 10. März 2016.
Ekman, P., & Friesen, W. V. (1969). Nonverbal leakage and clues
in Bezug auf das Lügen bestätigt werden. Es zeigt
to deception. Journal for the Study of Interpersonal Proces-
sich, dass das Thema Lügen sehr komplex ist. Lügen ses 32(1), 88–106.
sollten zwar in den meisten Fällen „kurze Beine“ Ekman, P., & O’Sullivan, M. (1991). Who can catch a liar?
haben, aber dieser Anspruch ist nicht absolut zu American Psychologist 46, 913–920.
sehen. Denn nicht immer ist es von Vorteil für alle Ekman, P., & Rosenberg, E. (Hrsg.). (2005). What the face reveals
(2nd Ed.). New York: Oxford University Press.
Beteiligten, ständig die Wahrheit zu sagen und zu
Feldman, R. S., Forrest, J. A., & Happ, B. R. (2002). Self-presentation
hören. Es ist zu bedenken, wie schwer die Lüge wiegt and verbal deception: Do self-presenters lie more?. Basic and
und aus welchen Gründen gelogen wird. Applied Social Psychology 24(2), 163–170.
Oftmals stellen Lügen schlichtweg den einfa- Hartwig, M., & Bond, C. F., Jr. (2011). Why do lie-catchers fail?
cheren oder bequemeren Weg dar, bei dem unan- A lens model meta-analysis of human lie judgments.
Psychological Bulletin 137, 653–659.
genehme Wahrheiten oder unbeliebte Entscheidun-
Hauch, V., Blandón-Gitlin, I., Masip, J., & Sporer, S. L. (2014).
gen verschleiert werden. Trotzdem ist es wichtig und Are computers effective lie detectors? A meta-analysis of
häufig auch notwendig, diese zu kommunizieren. linguistic cues to deception, Personality and Social Psycho-
Dies erfordert Mut, Sensibilität und soziale Fähig- logy Review, 1–36.
keiten, zu denen auch eine „gute“, d. h. prosoziale, Hürter, T. (2012) Lügner sind sympathisch. Interview mit R. S.
Feldman. Zeit Online. Artikel vom 10. April 2012. http://
Lüge gehören kann. Eine noch höhere Kunst als die
www.zeit.de/zeit-wissen/2012/03/Interview-Robert-
des guten Lügens ist es allerdings, unangenehme Feldman. Zugegriffen: 10. März 2016.
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99 IV

Zeit
Kapitel 12 Zeit ist Geld – Eile mit Weile – 101
Julia Albrecht

Kapitel 13 Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen


Augenblick sind, verpassen wir alles – 109
Tamaris Böttcher

Kapitel 14 Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht


auf morgen – 117
Thomas Andreas Diller

Kapitel 15 Wer rastet, der rostet – 125


Thomas Haimerl
101 12

Zeit ist Geld – Eile mit Weile


Julia Albrecht

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_12

12.1 Einleitung 12.2 Zeit aus gesellschaftlicher


Perspektive
» Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das
weiß, daß es sterben wird. Die Verdrängung Das Wissen, dass unsere Zeit auf dieser Welt – in
dieses Wissens ist das einzige Drama des welcher Form auch immer – begrenzt ist, verbunden
Menschen. (Friedrich Dürrenmatt) mit dem Unwissen, wie lange diese Zeit andauern
wird, beeinflusst unsere Haltung gegenüber der Zeit,
Wenn wir unterwegs in der S-Bahn „noch schnell“ unser Verständnis von Zeit und unseren Umgang mit
ein paar Aufgaben erledigen und das Handy piepsend der Zeit. Jeder weitere gelebte Tag bedeutet gleichzei-
den nächsten Termin ankündigt, kann uns eine ältere tig den Verlust eines Tages in unserem Leben.
Dame gegenübersitzen, die uns lächelnd zunickt und Die explizite oder implizite Erkenntnis, dass
sagt: „Gut so! Zeit ist Geld“, ebenso könnte sie zur jeder nur ein kurzes Stück mitfahren kann auf dem
„Eile mit Weile“ raten. Der Volksmund kennt also Fluss der Zeit, dass die Reise ein Ende hat, verleiht
beide Perspektiven im Umgang mit der Zeit – die dem Leben, aber auch der Zeit erst ihren Wert. Das
Beschleunigung und Entschleunigung. wird schon in der Alltagssprache deutlich: Man
Zu beiden gibt es eine Vielzahl großelterlicher spricht von einer zur Verfügung stehenden Res-
Ratschläge: Den Sprichwörtern „Zeit ist Geld“, source („Zeit haben“), von Zeit als geldähnlichem
„Zieh schneller als dein Gegner“ und „Lieber tot Wert („Zeit gewinnen/verlieren“) und von Zeit als
als zweiter“ stehen die Weisheiten „Gutes braucht Tauschobjekt („jemandem Zeit geben/schenken“).
seine Zeit“, „Eile mit Weile“ und „Wenn du es Zeit ist zugleich eine Ware. In modernen Industrie-
eilig hast, gehe langsam“ gegenüber. Sie benennen gesellschaften hat sich eine Dynamik entwickelt, die
sowohl Beschleunigung als auch Entschleunigung Hast und Hektik in alle Lebensbereiche trägt. Zeit
als menschliche Triebfedern. Sie raten uns, einerseits wird gestückelt, getaktet, bezahlt und getauscht.
unsere Zeit effektiv und effizient zu nutzen; anderer- Effizienz – maximaler Output in minimaler Zeit –
seits uns Zeit zu nehmen und bedachtsam zu sein. ist ein Schlagwort der Stunde, Beschleunigung in der
Welchem Rat sollten wir Gehör schenken? Wie heutigen Zeit damit allgegenwärtig.
stehen die Philosophie und Psychologie zur Abwä- Das norwegische Fernsehen will 2017 eine Ren-
gung von Beschleunigung und Entschleunigung? tierwanderung live übertragen, für 24 h, 7 Tage lang –
Bevor ein Überblick über die zentrale Empirie und Entschleunigung pur. Diese Nachricht hat weltweit
Theorie zu den beiden Lebensweisheiten im Umgang Verwunderung ausgelöst (Stefan 2015). Haben wir
mit Zeit und Zeitdruck geboten wird, stellt sich die den Willen verloren, Zeit in Originallänge auszu-
Frage nach dem Ursprung des Dilemmas und seiner halten, Langsamkeit zu ertragen und dabei bewusst
Relevanz in der heutigen Zeit. zu entschleunigen? Verschwenden wir damit
102 Kapitel 12 · Zeit ist Geld – Eile mit Weile

„wertvolle“ Zeit? Können wir heute nur noch be-, Heutiges Leben ist durch Schnelligkeit , hohen
aber nicht mehr entschleunigen? Wettbewerbscharakter und kontinuierliche Verän-
Der Wert der Zeit und damit der Zeitdruck steigt derung gekennzeichnet, es erfordert schnelle Anpas-
in einer Gesellschaft, in der jeder ein Smartphone sung und Reaktion, um mithalten und erfolgreich
hat, das die Zeit in kleine Einheiten taktet, in der sein zu können. Der Effizienzgedanke ist direkt mit
Filme immer kürzer, engmaschiger und ereignisrei- Schnelligkeit, aber auch mit Wettbewerb assoziiert.
cher werden, in der Updates im Sekundentakt ein- Das wird auch anhand der genutzten Sprichwörter
treffen und kein Interview länger als 30 s dauert. Wir deutlich: „Zeit ist Geld“ bezieht sich auf Zeit als Wert-
pressen möglichst viel Leben in eine möglichst kurze begriff, der im Vergleich mit anderen als Leistungs-
Zeitspanne. und Beurteilungsmaß dient („Zieh schneller als dein
Die Künstlerin Marina Abramović hat sich Gegner“, „Lieber tot als zweiter“).
2010 im Rahmen einer New Yorker Ausstellung Doch ist es immer ratsam, schnell zu sein? Liegt
auf einen Stuhl gesetzt und ihr Gegenüber ange- in der Hast nicht auch ein Risiko für Unachtsam-
schaut, während die Zeit einfach verging. Das zeit- keit und Fehler? Beschleunigung führt zu Effizienz.
entwöhnte Publikum brach bisweilen in Tränen aus Aber ist sie auch effektiv? Mit „Eile mit Weile“ und
und beschrieb die Erfahrung als „lebensverändernd“ der chinesischen Lebensweisheit „Wenn du es eilig
(Sander 2012). 75.0000 Besucher warteten stunden- hast, gehe langsam“ fordert Großmutter uns ande-
lang für diese „Zeit“-Erfahrung. Zeit einfach ver- rerseits zu Bedächtigkeit bei Zeitdruck und Zeitnot
streichen zu lassen, sie zu erfahren und bewusst oder auf und rät zur Entschleunigung. Mit „Gutes braucht
unbewusst zu leben, ohne an den nächsten „Zeitab- seine Zeit“ etabliert sie lange Dauer, etwas „gedeihen
schnitt“, Termin oder das nächste Event zu denken, lassen“, als wertvoll und erstrebenswert.
scheint selten geworden zu sein.
Zeit ist getaktet, sie wird genutzt und verplant.
Der von der Gesellschaft auferlegte Zeitdruck und 12.3 Theorie und Empirie zur Be- und
die erfahrene Beschleunigung sind stärker, je mehr Entschleunigung
wir im Netz sozialer Beziehungen verknüpft sind.
Dabei nimmt der Anteil der Stadtbewohner, die eine Um zu prüfen, in welchen Situationen bzw. unter
12 Uhr tragen, mit wachsender Bevölkerung zu; Land- welchen Voraussetzungen „Zeit ist Geld“ als Aufforde-
wirte seien dabei weniger auf einen genauen Zeitplan rung zu Beschleunigung gewinnbringend sein kann,
angewiesen als Angestellte (Fraisse 1985). Zeitdruck und wann Entschleunigung, d. h. „Eile mit Weile“, die
ist dabei gleichermaßen eine Einschränkung, die uns bessere Devise ist, werden wissenschaftliche Befunde
Freiheiten nimmt, aber auch ein Rahmen, der Orien- und Theorien zu einigen zentralen Bereichen aus dem
tierung bietet. Zeitdruck per se ist demnach nicht Alltags- und Arbeitskontext herangezogen.
schlecht.
Neben der kulturellen Bedeutung des Faktors
Zeit findet sich auch eine philosophische Ebene: 12.3.1 Urteilen und Entscheiden
In Platons Charmides versucht Sokrates mit zwei
Jugendlichen zu klären, was Besonnenheit ist und Treffen wir bessere Entscheidungen, wenn wir uns
worin ihr Ziel liegt (Schleiermacher 1985). Dabei an „Zeit ist Geld“ orientieren und unsere Entschei-
wird die Bestimmung der Besonnenheit sowohl dungsprozesse beschleunigen? Oder ist Zeitdruck für
als Schnelligkeit wie auch als Bedächtigkeit dis- unsere Urteile und Entscheidungen hinderlich und
kutiert, beide Definitionen letztlich jedoch ver- „Eile mit Weile“ sinnvoll?
worfen. Besonnene Lebensführung bestehe in Wenn wir bei einer Aufgabe unter Zeitdruck
Schnelligkeit und Bedächtigkeit, das Leben wird als stehen, dann möchten wir diese Aufgabe genauso
Dilemma, als Balanceakt von Be- und Entschleuni- gut bewältigen wie beim Aufwenden von unendlich
gung verstanden. viel Zeit. Daher strengen wir uns zusätzlich an, geben
In unserer Gesellschaft hat sich jedoch vorwie- mehr Energie in die Situation und versuchen, eine
gend Beschleunigung als erstrebenswert etabliert. Extrameile zu gehen. Denken wir also „Zeit ist Geld“
12.3 · Theorie und Empirie zur Be- und Entschleunigung
103 12
und nehmen Zeitdruck wahr, so stoßen wir Prozesse Zeitdruck die Entscheidung vermieden. Demnach
an, die die Effekte von Zeitdruck und das Ziel eines leidet die Genauigkeit einer Reaktion oder Entschei-
optimalen Outputs ausbalancieren. dung zugunsten ihrer Schnelligkeit (Dambacher u.
Doch dabei können wir die begrenzten Zeit- Hübner 2015).
ressourcen nicht immer vollständig kompensieren: Urteilsheuristiken und Entscheidungsfehler
Zeitdruck beeinflusst die Informationsverarbeitung, treten unter Zeitdruck verstärkt auf (Kruglanski u.
-gewichtung und Entscheidung. Wir verarbeiten Freund 1983). Treffen wir Entscheidungen unter dem
Information oberflächlicher und nutzen eine gerin- Zeitdruck, so nutzen wir beispielsweise verstärkt die
gere Anzahl von Informationen für Entscheidun- Ankerheuristik: Eine Ankerinformation („Anna hat
gen. Bei einer Auswahlaufgabe zwischen mehreren ein Auto für 20.000 Euro gekauft“) beeinflusst unsere
Alternativen neigen Menschen beispielsweise dazu, Einschätzung der Kaufpreise vorgegebener Autos,
unter Zeitdruck nur die ersten aufgezählten Attri- auch wenn der Kaufpreis von Annas Auto rein zufäl-
bute zu berücksichtigen (Edland u. Svenson 1993; lig ist. Zeitdruck bewirkt eine Fokussierung der Auf-
Wallsten u. Barton 1982). Haben wir eine „Zeit ist merksamkeit auf die relevante Aufgabe, kann dabei
Geld“-Haltung, dann gewichten wir zudem wichtige, aber auch zu Scheuklappendenken führen: Unter
zentrale Informationen stärker und vernachlässigen Zeitdruck werden häufiger nichtkompensatorische
weniger zentrale Informationen. Entscheidungsregeln verwendet im Vergleich zu
In einer Studie wurden Studenten verschie- Nutzenabwägungen (Edland u. Svenson 1993). Wir
dene Autos mit Informationen zu Kaufpreis, Bedie- lassen also z. B. nicht zu, dass ein hoher Kaufpreis
nungsfreundlichkeit, Haltungskosten, Optik und eines Autos A durch geringere Unterhaltskosten kom-
Fahrkomfort präsentiert. Für jede Eigenschaft war pensiert wird, sondern wählen das im Kauf günstigere
angegeben, wie sehr das jeweilige Auto unter oder Auto B unabhängig von dessen Unterhaltung.
über dem Durchschnitt liegt. Standen die Studen- Bei „effizienten“ Entscheidungen im Sinne einer
ten bei ihrem Urteil unter Zeitdruck, so nutzen sie Einstellung „Zeit ist Geld“ werden also weniger
vermehrt negative Information und gewichteten Informationen berücksichtigt, diese unausgeglichen
demnach Eigenschaften stärker, bei denen das Auto gewichtet und auf vorher bestehendes Wissen, auf
unterdurchschnittlich abschnitt (Wright 1974). Heuristiken und Gewohntes zurückgegriffen. Beson-
Fokussieren wir bei „Zeit ist Geld“ also auf Nega- ders bei wichtigen Entscheidungen, bei denen Alter-
tives und versuchen dieses zu vermeiden? Führt Zeit- nativen rational und ausgewogen verglichen werden
druck damit automatisch zur Risikovermeidung? sollten, scheint daher zu gelten „Gutes braucht seine
Probanden verhielten sich in Spielsituationen unter Zeit“ oder „Eile mit Weile“.
Zeitdruck häufiger risikoavers, wenn der erwartete
Wert des Spiels negativ war – wenn es also z. B. um
Geldverlust ging. Wenn es jedoch nicht um Scha- 12.3.2 Soziale Interaktion und
densvermeidung, sondern (Geld-)Gewinn ging, der Gesprächsführung
erwartete Wert demnach positiv war, zeigten sich die
Versuchspersonen risikofreudiger (Busemeyer 1985, Bei kognitiven Aufgaben und Urteilen scheinen
Hu et al. 2014). Risikoverhalten ist demnach nicht Entschleunigung und Bedachtsamkeit ratsam und
allein von der Einstellung „Zeit ist Geld“ oder „Eile Beschleunigung und Hast hinderlich zu sein. Gilt
mit Weile“ abhängig. dies auch für soziale Interaktion?
Grundsätzlich kann man drei strategische Stufen In Diskussionen mit Kollegen, dem Partner oder
unterscheiden, wie Entscheidungsfinder mit Zeit- Freunden entsteht bisweilen das Gefühl, gerade um
druck umgehen (Payne et al. 1993). Zuerst wird den „heißen Brei herumzureden“, ohne schnell auf
die Prozessgeschwindigkeit erhöht – wir arbeiten den eigentlich sehr naheliegenden „grünen Zweig zu
schneller, wir beschleunigen –, dann bei modera- gelangen“. Kann die Haltung „Zeit ist Geld“ derartige
tem Zeitdruck der Input stärker selektiert – wir Diskussionen beschleunigen, ohne das Ergebnis der
nutzen weniger Information und fokussieren auf Diskussion zu verändern? Oder gilt im Umgang mit
Negatives – und letztlich wird bei unerträglichem anderen eher „Eile mit Weile“?
104 Kapitel 12 · Zeit ist Geld – Eile mit Weile

In einfachen Verhandlungen oder bei einem mit unter dem Motto „Zeit ist Geld“ antreiben oder
einzelnen Streitpunkt führt Zeitdruck schneller zu lieber der Devise „Gutes braucht seine Zeit“ folgen?
Zugeständnissen und erhöht damit die Wahrschein-
lichkeit einer Einigung. Dieser Befund gilt jedoch
nur für Situationen, die einen sog. Gewinnrahmen Zeitdruck in Maßen, nicht in Massen
haben – wenn es beispielsweise um die Aufteilung Der Zusammenhang von Zeitdruck und Kreativität
von Belohnungen geht. Hier kann das Motto „Zeit lässt sich Studien zufolge als umgekehrte U-Form
ist Geld“ also sinnvoll sein. Wenn es sich dagegen um beschreiben – für mittleren Zeitdruck fällt die krea-
einen Verlustrahmen handelt und sich die Diskus- tive Leistung am höchsten aus (Baer u. Oldham
sion um Schadensvermeidung dreht, hat Zeitdruck 2006). Dieser Zusammenhang zeigte sich jedoch nur
keinen Effekt auf den Ausgang von Verhandlungen. für Personen mit hohen Werten auf der Persönlich-
Bei Gewinnen scheinen Personen daher kompro- keitsdimension „Offenheit für neue Erfahrungen“,
missbereiter zu sein als bei Schadensfällen (Carne- die gleichzeitig soziale Unterstützung für Kreativi-
vale et al. 1993). tät durch Vorgesetzte und Arbeitgeber erhielten. Bei
In komplexen Situationen und bei mehreren Mitarbeitern, die geringe Unterstützung erhielten,
verschiedenen Themen wird Zeitdruck als zusätz- sank die kreative Leistung kontinuierlich mit steigen-
liche Stressquelle in Diskussionen gesehen. Diese dem Zeitdruck. Das Beschleunigungsstreben kann
führt zu einer eingeschränkten Sichtweise, durch bei sozialer Unterstützung und persönlicher Offen-
die integrative Lösungen nicht gesehen werden und heit also tatsächlich Kreativität fördern.
eine Einigung unwahrscheinlicher wird (Carnevale Neben Persönlichkeit und sozialen Fakto-
u. Lawler 1986). Ähnlich wie im Bereich Urteilen und ren scheint auch der Wunsch nach Zeitdruck und
Entscheiden führt „Zeit ist Geld“ zu einer unflexiblen Beschleunigung relevant zu sein: Der erlebte Zeit-
Fokussierung auf einzelne, zentrale Aspekte. druck von Ingenieuren und Wissenschaftlern sagte
Dieser Effekt tritt jedoch nur bei einer kompe- in einer Studie von Andrews und Farris (1972) ver-
titiven Orientierung der Verhandlungsteilnehmer schiedene Aspekte von Leistung maßgeblich voraus,
auf – getreu dem Motto „Lieber tot als zweiter“. Bei darunter Nützlichkeit, Innovation und Produktivi-
kooperativer Orientierung der Teilnehmer kann es tät. In dieser Studie zeigte sich jedoch auch, dass die
12 sogar zu einer schnelleren Einigung kommen. Probanden mit hoher Leistung auch mehr Druck
Bei einfachen Themen und kooperativer Haltung wünschten. „Zeit ist Geld“ kann also ein Stressor
der beteiligten Parteien kann die Einstellung „Zeit ist sein, der als herausfordernd bewertet und gewünscht
Geld“ durchaus zu guten Ergebnissen bei effiziente- wird und letztlich Leistung und Innovation fördert.
rer Diskussion führen, bei komplexen Themen und Dies setzt voraus, dass das unternehmerische Motto
Wettbewerbsorientierung dagegen in Problemen „Zeit ist Geld“ vom Mitarbeiter verinnerlicht wurde,
resultieren. In diesem Fall bietet der großmütterli- dass beide dieses Motto teilen. Überschritt der Zeit-
che Rat zur „Eile mit Weile“ die bessere Orientierung. druck in der Studie jedoch deutlich die gewünschte
subjektive Grenze, waren Innovation und Produkti-
vität vergleichsweise gering.
12.3.3 Leistung und Kreativität Eine übermäßige Fokussierung auf „Zeit ist
Geld“ führt zum Druck, viele Aufgaben in wenig Zeit
Für Unternehmen gilt das Motto „Zeit ist Geld“. zu erledigen. Dieser hohe Workload ist mit depres-
Personalkosten zählen zu den größten Kostenfak- siver Symptomatik assoziiert, wenn er wahrgenom-
toren in Unternehmen, Arbeitszeit ist teuer. Wie mene berufliche Normen für Zeitdruck überschreitet
kann ein Unternehmen die Leistung und Kreativität (Ford u. Jin 2015) und der Mitarbeiter den erlebten
seiner Mitarbeiter und damit die Innovationskraft Zeitdruck für unangemessen und nicht zu bewälti-
und Wettbewerbsfähigkeit seines Unternehmens gen hält.
fördern? Unter welchen zeitlichen Rahmenbedin- Der Effizienzgedanke in Bezug auf „Zeit ist Geld“
gungen zeigen Mitarbeiter die höchste Leistung und kann damit durchaus Früchte tragen – beispielsweise
Kreativität? Sollten Unternehmen ihre Mitarbeiter durch erhöhte Kreativität bei moderatem Zeitdruck.
12.4 · Auswirkungen erhöhten Zeitdrucks
105 12
Dabei gilt „Zeit ist Geld“ aber nur begrenzt, essen- als übergeordnetes Motto kann durch gezielte und
ziell sind soziale Unterstützung und der Wunsch freie „Eile mit Weile“ gewinnbringend durchbro-
nach Zeitdruck. chen werden.

Innovation durch gezielte 12.4 Auswirkungen erhöhten


Entschleunigung Zeitdrucks
Reichen die Ressourcen zur Bewältigung extre-
men Zeitdrucks nicht aus, z. B. aufgrund mangeln- „Eile mit Weile“ und „Zeit ist Geld“ haben beide glei-
der Unterstützung durch Vorgesetzte, kann dies zu chermaßen ihre Gültigkeitsbereiche, aber auch ihre
Stress führen und Leistung beeinträchtigen. „Eile mit Grenzen. Was passiert, wenn wir diese Grenzen miss-
Weile“ ist bei geringer Unterstützung und bei Mit- achten und uns nur auf eine Weisheit fokussieren,
arbeitern mit geringer Offenheit für neue Erfahrun- wenn wir immer nur einen großmütterlichen Rat-
gen demnach gewinnbringender. schlag beachten?
Ein Plädoyer gegen den Zeitdruck und für „Eile
mit Weile“ liefern auch die Erkenntnisse zum Erfolg
von Bootlegging bei Mitarbeitern aus den Berei- 12.4.1 Time Urgency
chen Forschung und Entwicklung. Bootlegging-
Projekte werden von motivierten Mitarbeitern Für den Umgang mit Zeitdruck und seine Konse-
angestoßen, die neben ihrer alltäglichen Aufgabe quenzen scheint das Konstrukt der Time Urgency
an eigenen Projekten oder Entwicklungen arbeiten. entscheidend zu sein. Time Urgency kann als indi-
Einige Unternehmen fördern diese sog. Pet-Projects vidueller Sinn für die Dringlichkeit einer Sache ver-
ihrer Mitarbeiter, indem sie einen gewissen Anteil standen werden. Personen mit hoher Time Urgency
an Arbeitszeit für eigene, informelle Projekte einpla- haben ein chronisches Gefühl inadäquater verfügba-
nen und „frei“ zur Verfügung stellen. In die tägli- rer Zeit, das sie zu starker Effizienz antreibt. Sie sind
che berufliche „Eile“ wird damit eine frei verfügbare damit Repräsentanten der Einstellung „Zeit ist Geld“
„Weile“ integriert, in der die Mitarbeiter die Mög- und „Zieh schneller als dein Gegner“ und lassen
lichkeit haben, eigene Ideen jenseits offizieller Inno- Ruhe, Muße und Entschleunigung außen vor. Das
vationsprojekte zu entwickeln oder abgebrochene Konstrukt geht auf den sog. Typ-A-Persönlichkeits-
Projekte weiter zu verfolgen (Criscuolo et al. 2013). faktor zurück. Menschen dieses Typs zeichnen sich
Durch diesen gewissen Anteil freier Arbeitszeit durch Konkurrenzorientierung, Aggressivität, Unge-
ohne Druck konnten bereits zahlreiche Unterneh- duld und Hast aus und haben ein erhöhtes Risiko für
men Erfolge verbuchen: Die Kopfschmerztablette koronare Herzkrankheiten.
„Aspirin“ der Firma Bayer AG, der „Post-it“ der Menschen unterscheiden sich in der Wahrneh-
Firma 3 M sowie das E-Mail-Programm „Gmail“ von mung von Time Urgency, der Reaktion auf und den
Google entstanden allesamt durch engagierte Boot- verwendeten Strategien im Umgang mit Zeitdruck.
legging-Aktivitäten von Mitarbeitern in frei verfüg- Personen mit hoher Ausprägung auf der Dimension
barer Arbeitszeit (Michalik 2013). Time Urgency planen viele Aktivitäten in ihre verfüg-
Das bewusste Einsetzen von Entschleunigung, bare Zeit ein, ignorieren Hindernisse, die zusätzlich
das Anbieten von zeitlichem Freiraum, die „Eile mit Zeit erfordern könnten, und sind eher Overachiever-
Weile“ in einem von „Zeit ist Geld“ und „Zieh schnel- Personen, die durch starkes Engagement Leistun-
ler als dein Gegner“ geprägten Umfeld für Mitarbei- gen oberhalb ihres Potenzials erreichen (Rastegary
ter von Entwicklungs- und Innovationsabteilungen u. Landy 1993). Dabei verwenden sie verschiedene
kann sich für das Unternehmen und den Mitarbeiter Strategien, um Kontrolle über den Zeitdruck her-
selbst auszahlen. zustellen: Deadlines werden als Heuristiken zur
Großelterliche Weisheiten lassen sich im Bereich Priorisierung von Aufgaben gesetzt, Zeitpläne und
Leistung und Kreativität damit ineinander integrie- To-do-Listen erstellt und gewöhnliche Aktivitäten
ren: Eine moderate Einstellung zu „Zeit ist Geld“ wie Laufen, Reden und Essen beschleunigt.
106 Kapitel 12 · Zeit ist Geld – Eile mit Weile

Hohe Time Urgency führt dazu, sich auf stereo- der Wunsch nach einem gewissen Maß an Zeitdruck
types, gewohntes Verhalten und Denken, auf Alt- waren entscheidend für den Effekt von Zeitdruck auf
bewährtes, auf „kognitive Shortcuts“ zu verlassen. kreative Leistungen. Beide Faktoren begünstigen eine
Nach Jean Piaget (1952) verhindert derartiges Ver- Interpretation von Zeitdruck als Herausforderung,
halten Lerneffekte, da bei der Verwendung gewohn- das Motto „Zeit ist Geld“ wird also gewünscht.
ter Denk- und Verhaltensmuster keine Prozesse der Bei einem zu hohen Maß an Zeitdruck schla-
Angleichung von innerem Weltbild und äußeren gen die positiven Folgen schnell ins Negative um –
Erfahrungen stattfinden können. Wer dank einer Leistungseinbußen, Stress, Entscheidungsfehler und
Verinnerlichung von „Zeit ist Geld“ chronisch suboptimale Lösungen können die Folge sein. Ist
unter Stress steht, lernt damit weniger aus seinen die Orientierung an „Zeit ist Geld“ und damit der
Erfahrungen. Zeitdruck also zu groß, sehen wir ihn nicht mehr
Eine hohe Time Urgency hat auch Konsequen- als Herausforderung, sondern als Bedrohung. In
zen für Erholung und Regeneration: Personen mit beiden Fällen steigt die Herzaktivität, doch nur bei
hoher Time Urgency haben stärkere Schwierigkeiten der Interpretation des Stressors als Herausforderung
bei der Entschleunigung und berichten beträchtlich sinkt der periphere Widerstand des Herz-Kreislaufs-
größere Anspannung (Burnam et al. 1975). Die Prä- Systems, sodass die Leistungsfähigkeit steigt (Fritsche
misse „Zeit ist Geld“ und die damit einhergehende et al. 2011). Nach der Beurteilung als Herausforde-
kontinuierliche Beschleunigung kann daher dazu rung oder Bedrohung schätzen Menschen in einem
führen, die Fähigkeit zur „Eile mit Weile“, den Willen zweiten Schritt ihre Bewältigungsmöglichkeiten ein.
zur Bedächtigkeit und Langsamkeit und damit die Die aufgeführte Empirie konnte einen Anstieg
Fähigkeit zur Regeneration zu verlieren. kreativer Leistung nur bei sozialer Unterstützung
beobachten; die kooperative vs. kompetitive Ein-
stellung der beteiligten Parteien bestimmte zudem
12.4.2 Subjektives Stresserleben die Effekte von Zeitdruck in sozialer Interaktion.
Reichen unsere sozialen und persönlichen Ressour-
„Zeit ist Geld“, „Zieh schneller als dein Gegner“ und cen nicht aus – erhalten wir beispielsweise keine
„Lieber tot als zweiter“ treiben uns zu Schnelligkeit, Unterstützung durch Vorgesetzte am Arbeitsplatz –,
12 bauen Zeitdruck auf, etablieren Zeit als ein Leis- so erleben wir Kontrollmangel. Ist der Zeitdruck
tungsmaß und machen sozialen Vergleich salient. nicht beeinflussbar, haben wir keine Kontrolle beim
Wir möchten gleich viel oder mehr als der Umgang mit Anforderungen und erleben Stress.
Kollege schaffen und dafür weniger Zeit brauchen. Der Übergang der Gültigkeit von „Zeit ist Geld“
Gleicher Outcome bei geringerer verfügbarer Zeit zur „Eile mit Weile“ ist also fließend – herausfordern-
bedeutet, mehr Ressourcen, mehr Energie, mehr der Zeitdruck schlägt ohne ausreichende Unterstüt-
Engagement in eine Aufgabe oder eine Situation zung und Ressourcen schnell in Stress um. Dann
zu investieren. Die erfolgreiche Bewältigung einer bietet Großmutters Weisheit zur „Eile mit Weile“
Aufgabe unter Zeitdruck hängt damit wesentlich von den besseren Rat.
den zur Verfügung stehenden Ressourcen ab.
Die Empirie berichtet zahlreiche potenzielle,
positive Effekte des Zeitdrucks – beispielsweise 12.5 Diskussion: Weile in der Eile
durch erhöhte Kreativität oder schnellere Eini-
gung in Diskussionen (7 Abschn. 12.3). Zieht man » Nichts gehört uns zu eigen, nichts als die Zeit.
bekannte Stresstheorien heran, kann man diese Phä- (Seneca)
nomene leicht erklären: Hier nehmen wir Zeitdruck
als einen Stressor wahr, den wir bewältigen können Der altgriechische Begriff „chronos“ versteht Zeit
– wir sehen die Aufgabe unter Zeitdruck als Heraus- als Maßeinheit, als Messinstrument für Stunden,
forderung (Lazarus 1991). Die positiven Effekte von Minuten und Sekunden. Wenn wir Zeit als Ware,
Zeitdruck zeigten sich nur unter bestimmten Vor- als „Geld“ oder Leistungsmaß begreifen, ist sie für
aussetzungen: Offenheit für neue Erfahrungen und uns nicht mehr als ein Messinstrument, das uns
12.6 · Fazit
107 12
an verstrichene, investierte oder noch verfügbare Sich Zeit für eine Sache zu nehmen, bedeutet
Zeiteinheiten erinnert und uns erneut zu Effizienz Bewusstsein für sie zu schaffen, sie zu achten und
antreibt. Die Ressourcen und Energie, die wir für die sich auf sie zu fokussieren. Diese Weile, Momente des
Bewältigung des Zeitdrucks brauchen, sind keine Besinnens, des Verortens und der Ruhe sind selten
unendlichen Quellen, auch sie müssen aufgebaut, geworden im 21. Jahrhundert. Doch es gibt bereits
erneuert und wiederaufgeladen werden. Gegentrends: Slow-Food und Slow-Travel sind inter-
Die nicht messbare Zeit zwischen Leben und nationale Bewegungen von bewussten Genießern
Sterben, das Leben, die Lebenszeit und Lebens- und mündigen Konsumenten, die die Entschleu-
kraft, beschreibt der altgriechische Begriff „aion“. nigung und Langsamkeit schätzen. Ein Ziel dieser
Hier liegen die Ressourcen, die wir brauchen, um mit Bewegungen liegt in erfüllenden, bewusst erlebten
ständigem Vergleich, mit Zeit- und Effizienzdruck Momenten des Genießens. „Kairos“ als dritter und
umzugehen. Durch sie haben wir die Möglichkeit, letzter altgriechischer Zeitbegriff bezieht sich auf
der Kontrolldeprivation, der wir bei Zeitdruck und eben solche kostbare und gelungene Augenblicke, die
permanenter Orientierung an „Zeit ist Geld“ ausge- sich selbst überdauern, auf den sog. ewigen Augen-
setzt sind, mit einer erhöhten Verarbeitungs- und blick, auf eine zeitunabhängige Ressource, die dem
Reaktionsgeschwindigkeit zu begegnen und nicht gestressten Menschen Kraft gibt und das begrenzte
direkt in die Resignation zu fallen. Leben lebenswert macht.
Erholsame Aktivitäten zu Hause oder in der
Natur haben das Potenzial, die erschöpften men-
talen Ressourcen zu erneuern, die Menschen dafür 12.6 Fazit
brauchen, um Aufgaben mit Zeitdruck zu erfüllen
und das gesellschaftlich dominante Motto „Zeit ist Sinnvoll scheint anhand der Ausführungen eine Ori-
Geld“ auszuhalten. Wenn Menschen sich jedoch entierung an dem großmütterlichen Rat zur „Eile mit
bei Zeitdruck keine Zeit für erholsame Aktivitäten Weile“ als übergeordneter Einstellung, in die sich das
und Regeneration erlauben, begeben sie sich in eine Motto „Zeit ist Geld“ unterordnen und integrieren
negative Spirale aus reduzierten mentalen Ressour- lässt: Wir müssen effizient arbeiten, um mithalten
cen und Ineffektivität bei der Erfüllung täglicher Ver- zu können und wettbewerbsfähig zu sein – so funk-
pflichtungen, was wiederum zu erhöhtem Zeitdruck tioniert unser Wirtschaftssystem. Wir müssen also
führt und dem emotionalen Wohlbefinden schadet. häufig „eilen“. Gleichzeitig müssen wir „weilen“, d. h.,
Viele Trainingsinstitute bieten Trainings zum Ressourcen aufbauen, um Eile bewältigen zu können.
Zeitmanagement an, in denen Teilnehmer lernen, Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass
Ziele zu setzen, Pläne zu erstellen und Aktivitäten zu reine Eile nicht immer zielführend ist. Manchmal
priorisieren. Diese Verhaltensweisen lassen sich sehr müssen wir uns auch Zeit lassen, Entscheidungen
gut in die Einstellung „Zeit ist Geld“ und das Konst- bewusst angehen, Ideen frei und ungestört entwi-
rukt hoher Time Urgency einordnen. Time Urgency ckeln. Die Befunde zu den hoch innovativen Ergeb-
wiederum ist mit Anspannung und Regenerations- nissen von Bootlegging-Projekten zeigen, dass ein
problemen assoziiert. Zeitmanagement kann jedoch Wettbewerbsvorteil nicht immer auf Effizienz und
erwiesenermaßen einen positiven Effekt auf erlebten Zeitdruck beruht. Effizienz und Schnelligkeit sind
Stress haben und Zeitdruck mindern (Gärling et al. nicht gleichbedeutend mit einem Wettbewerbsvorteil,
2014). Zeitmanagement schafft Freiräume. Diese „Zieh schneller als dein Gegner“ und „Lieber tot als
Freiräume können Weile und damit Entschleuni- zweiter“ demnach keine allgemeingültigen Devisen.
gung in einer Welt der Beschleunigung und Eile Zeiten, in der Momente der Regeneration und
bieten – sozusagen „Weile in der Eile“. Entscheidend des Genießens möglich sind und das Leben bewusst
ist dabei, diese Freiräume nicht im Sinne der Einstel- entschleunigt wird, stellen eine wichtige Kraftres-
lung „Zeit ist Geld“ mit neuen Aufgaben anzufüllen, source dar, die es zu nutzen gilt.
sondern zur Regeneration, zur Erholung und damit
zum Aufbau sozialer und persönlicher Ressourcen » Zeit, die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas
zu nutzen. gibt. (Ernst Ferstl)
108 Kapitel 12 · Zeit ist Geld – Eile mit Weile

Literaturverzeichnis Sozialpsychologie – Individuum und soziale Welt


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109 13

Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen


Augenblick sind, verpassen wir alles
Tamaris Böttcher

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_13

13.1 Einleitung die Wissenschaft weiterhelfen? Ist es überhaupt sinn-


voll nur das eine oder andere zu tun? Auf diese Fragen
» Laufe nicht der Vergangenheit nach. Verliere dich wird im Folgenden eingegangen. Dabei liegt der
nicht in der Zukunft. Die Vergangenheit ist nicht Fokus auf den Zeitebenen Gegenwart und Zukunft.
mehr. Die Zukunft ist noch nicht gekommen.
Das Leben, wie es hier und jetzt ist, eingehend
betrachtend, weilt der Übende in Festigkeit und 13.2 Herkunft und Bedeutung
Freiheit. Es gilt, uns heute zu bemühen. Morgen
ist es schon zu spät. Der Tod kommt unerwartet. „Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augen-
Wie können wir mit ihm handeln? Der Weise blick sind, verpassen wir alles“ – die Wurzeln dieser
nennt jemanden, der es versteht, Tag und Nacht Lebensweisheit liegen im Buddhismus begründet,
in Achtsamkeit zu weilen. (Buddha) der durch Achtsamkeit und Gegenwartsorien-
tierung geprägt ist. Die Weisheit beschreibt die
Die Zeit ist eine komplexe Angelegenheit. Genera- Notwendigkeit, sich selbst auf die Gegenwart zu
tionen von Philosophen haben sich über ihre Defi- fokussieren, damit man das tatsächliche Leben nicht
nition und den richtigen Umgang mit ihr gestritten. verpasst. Hier geht es also darum, dass ein aktives
Fast jeder Mensch hat schon einmal mit ihr gehadert, und reales Leben nur im Moment passieren kann.
und uns mit ihr zu arrangieren und sie zu begreifen, Die Zukunft existiert noch nicht und ist lediglich eine
ist eine der schwierigeren Aufgaben des Lebens. In Konstruktion der eigenen Gedanken und Erwartun-
den Medien hört man beständig vom neuen Trend der gen. Der Mensch soll sich also auf den Augenblick,
Achtsamkeit – Leben im Hier und Jetzt. Andererseits das Hier und Jetzt, fokussieren.
sind Ziele, eine langfristige Vision und vorausschau- Auf der anderen Seite ist ein zu starker Fokus auf
endes Handeln anerkannte Qualitäten in unserer die Gegenwart dann negativ, wenn der Blick in die
Gesellschaft. Während die Medien den Umgang mit Zukunft vernachlässigt wird, was sich z. B. in dem
der Zeit in einem zunehmend schnelllebigen Umfeld Sprichwort „Wer zu sehr an der Gegenwart hängt,
thematisieren, zeigt sich die große Bedeutung des verpasst die Zukunft“ widerspiegelt. Ziele setzen,
Themas auch in der Wissenschaft. Studien zum planen und langfristig denken ist schwer, wenn man
Thema Zeit stammen vor allem aus den letzten Jahren. mit den Gedanken an der Gegenwart haftet.
Ebenso wie im Leben zeigt sich auch bei einem Blick
in die Welt der Lebensweisheiten ein buntes Sammelsu-
rium von Gegensätzen. Rät der eine dazu, sich auf die 13.3 Wissenschaftliche Betrachtung
Gegenwart zu fokussieren, betont der andere die Rele-
vanz der Zukunft – während wieder andere darüber Die Sprichwörter zur Zeitperspektive können auch
debattieren, ob die Gegenwart überhaupt existiert. unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet
Doch in welchen Situationen hat die eine oder werden. Hier spielt insbesondere die Forschung zur
andere Fokussierung Gültigkeit? Wie kann uns hier Zeitperspektive und Achtsamkeit eine Rolle.
110 Kapitel 13 · Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick sind, verpassen wir alles

13.3.1 Theorie Zimbardo und Boniwell (2004) schlagen als Ideal


eine balancierte Zeitperspektive vor: Der Mensch
Die kognitive Grundlage für die menschliche Zeit- kann flexibel zwischen den Zeiten wechseln – je
wahrnehmung liegt in der Fähigkeit des sog. „men- nachdem welches Verhalten in der jeweiligen Situ-
talen Zeitreisens“. Man spricht von einer geistigen ation am passendsten ist.
Bewegung zwischen verschiedenen Zeitebenen wie Neben diesen Zuordnungen gibt es ein weite-
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Bei einer res, relevantes Konstrukt: Achtsamkeit. Diese meint
Reise in die Zukunft wird die Gegenwart „ausge- das bewusste Lenken der Aufmerksamkeit auf den
schaltet“ und die Zukunft mental symbolisiert (Fort- gegenwärtigen Moment und das vorurteilslose, wert-
unato u. Fourey 2009). Dieses bewusste Ausschalten freie Erleben des Hier und Jetzt. Dabei wird jeder
bzw. Wechseln zwischen den Zeitebenen ermöglicht Gedanke registriert und beobachtet, ohne diesen zu
die Kontrolle über das eigene Handeln. Diese Kont- bewerten. Durch die Aufmerksamkeitsausrichtung
rolle wird als Metageist bezeichnet. auf die Gegenwart findet eine weniger starke Verstri-
Die Time-Mind-Theorie unterscheidet zwischen ckung in die eigenen Gedanken statt (nach Buchheld
verschiedenen Denkweisen, dem vergangenheits-, et al. 2002):
gegenwarts- und zukunftsbezogenem Denken (Fort- 1. Gegenwärtige, nicht identifizierbare Aufmerk-
unato u. Fourey 2009). Im Rahmen des gegenwartsbe- samkeit: Hierbei handelt es sich um eine auf
zogenen Denkens ist der Mensch fähig, seine eigenen den Körper gerichtete Aufmerksamkeit für die
Handlungen und die Umgebung bewusst zu kont- direkte Teilnahme am Augenblick.
rollieren und zu manipulieren. Er fokussiert eher auf 2. Akzeptierende, nicht urteilende Haltung:
den Grad der Zielerreichung als auf das Ziel selbst. Gemeint ist die nicht wertende Akzeptanz von
Dies geschieht, wenn Individuen Vergangenes und Gefühlen, Reaktionen und Gedanken, die mit
Zukünftiges in die Gegenwart integrieren. Auf Basis Geduld und Offenheit angenommen werden.
dessen werden Handlungspläne entwickelt und Infor- Dadurch fällt es leichter, sich selbst zu akzep-
mationen organisiert. Zukunftsbezogenes Denken tieren und wertzuschätzen.
zeichnet sich nach dieser Theorie durch eine opti- 3. Ganzheitliche Annahme: Verfolgt wird das
mistische, visionäre und kreative Denkweise und die Ziel, mit körperlichen Erfahrungen (insbe-
Neigung, sich auf Zukünftiges zu konzentrieren, aus. sondere negativen Emotionen) in Kontakt zu
Ebenfalls relevant ist die Einordnung zur bleiben und diese nicht abzuwehren, um dieses
13 Zeitperspektive von Zimbardo und Boyd (1999), Wissen auf andere Menschen und Situationen
der zufolge Menschen folgende fünf Perspektiven übertragen zu können.
einnehmen können, die gleichzeitig ihrer grundle- 4. Prozesshaftes einsichtsvolles Verstehen:
genden Disposition entsprechen: Bewusstwerden der eigenen Gefühle, Gedanken
4 Zukunftsperspektive: Ziele werden formuliert und Reaktionen über das Verständnis des
und umgesetzt, Pläne geschmiedet. eigenen Inneren. Damit wird die sofortige
4 Positive Vergangenheitsperspektive: Positive Reaktion auf einen Reiz vermindert.
Nostalgie bestimmt den Blick auf die
Vergangenheit.
4 Negative Vergangenheitsperspektive: Unange- 13.3.2 Empirie
nehme Gefühle dominieren die Vergangenheit.
4 Hedonistische Gegenwartsperspektive: Der In der Literatur finden sich zahlreiche empirische
Genuss des Moments, ohne die Konsequenzen Belege für die Gültigkeit der Lebensweisheit „Wenn
zu bedenken, steht im Mittelpunkt. Die wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick
Gegenwart ist voller Freude. sind, verpassen wir alles“. Gegenwartsorientie-
4 Fatalistische Gegenwartsperspektive: Resig- rung hilft dabei, die eigenen Ressourcen effektiv zu
nierter Glaube an das Schicksal bestimmt die organisieren. Auch um Entscheidungen schnell und
Gegenwart. Weder Zukunft noch Gegenwart effizient zu treffen, ist der Fokus auf die Gegenwart
können beeinflusst werden. hilfreich.
13.3 · Wissenschaftliche Betrachtung
111 13
Zukunftsbezogenes Denken ist hingegen nicht und Emotionsverarbeitung werden ebenso verbessert
nur positiv belegt, da es laut Fortunato und Furey wie psychisches Wohlbefinden und Lebenszufrieden-
(2010) auch mit Neurotizismus zusammenhängt. heit bei gleichzeitig geringerer emotionaler Erschöp-
Allerdings führt zukunftsbezogenes Denken eben- fung (Hülsheger et al. 2014; Vowinckel 2012). Diese
falls dazu, vorausschauend zu handeln und sich besser positiven Aspekte konnten auch für Führungskräfte
an veränderte Umweltbedingungen zu adaptieren. Es nachgewiesen werden (Roche et al. 2014).
erhöht kreatives Denken, Offenheit und Extraver-
sion und Optimismus. Zukunftsorientierte neigen
weniger stark zu Prokrastination. Ebenfalls unter- 13.3.3 Diskussion
stützt es einen positiven Umgang mit dem Altern
im Sinne von Selektion, Optimierung und Kom-
pensation (Baltes u. Baltes 1990), da es die entspre- » ‚Das Leben ist ja keine Flasche, in die man etwas
chenden Copingstrategien positiv beeinflusst. Auch hineingießen soll‘, meinte der Hundertjährige
unter gesundheitlichen Aspekten (reduziertes Über- mit der Fliege, ‚sondern eher wie eine Musik,
gewicht) ist die Ausrichtung auf die Zukunft relevant die manchmal weniger gelungene oder
(vgl. Baltes et al. 2014; Griva et al. 2015; Sirois 2014). langweilige Stellen hat und manchmal sehr
Es gibt aber auch Befunde die einer Gegen- intensive.‘ […] Eine einzelne Note berührt
sätzlichkeit der Zeitperspektiven widersprechen. Sie nur, weil Sie sich an die vorangegangene
Zukunfts- und gegenwartsbezogenes Denken hängen erinnern und die nächste erwarten. […] Jede
beide signifikant miteinander und mit anderen gewinnt ihren Sinn nur dadurch, dass sie in
Konstrukten wie Resilienz und Optimismus und ein wenig Vergangenheit gehüllt ist und in ein
weniger Zynismus, Depression und Ängstlichkeit wenig Zukunft. (Lelord 2006, S. 164)
zusammen. Tatsächlich tritt gegenwartsbezogenes
Denken als gedankliche Herangehensweise häufig Dieses Zitat beschreibt, wie eng die tatsächliche Ver-
mit einer zukunftsgerichteten Zeitperspektive auf knüpfung der einzelnen Zeitebenen miteinander ist
(Fortunato u. Fourey 2010, 2011). Die „balancierte und wie stark bestimmte Ausrichtungen auf die Ver-
Zeitperspektive“ steigert Wohlbefinden und Pro- gangenheit, Gegenwart oder Zukunft innerhalb jedes
duktivität und führt zu positiven Zuständen. Die Menschen verbunden sind.
theoretische Annahme der strikten Trennung ver- Die empirischen und theoretischen Befunde sind
schiedener Typen erscheint empirisch also wenig vielfältig und teilweise gegensätzlich. Fest steht, dass
wahrscheinlich. Menschen sind nie ausschließlich sowohl die Gegenwartsorientierung als auch die
auf die Zukunft oder die Gegenwart fixiert. Zukunftsorientierung mit negativen und positiven
Dennoch finden sich zahlreiche Hinweise, die Aspekten verbunden ist. Auffällig ist, dass die Ergeb-
dafür sprechen, dass das Training der – wertfreien – nisse weniger von einer Gegensätzlichkeit als von
Gegenwartswahrnehmung überaus positiv für den einer Synthese beider Perspektiven zeugen. Dafür
Menschen ist: Durch Achtsamkeit wird die Wahr- sprechen verschiedene Befunde:
nehmung der Gegenwart stabilisiert und ein reflek- 1. Die balancierte Zeitperspektive verfügt über
tierter Umgang mit neuen und alten Situationen zahlreiche positive empirische Befunde und
ermöglicht (Sauer et al. 2012). Es stehen mehr kog- gerade diese Perspektive erlaubt es, sich in
nitive Ressourcen für die Verarbeitung gegenwärti- jeder Situation so zu verhalten, wie es gerade
ger Erfahrungen bereit und auch im Gehirn können angemessen ist. Es geht also weniger darum,
positive Effekte nachgewiesen werden (Bishop et sich auf eine Zeit zu fokussieren, als alle Ebenen
al. 2004). Achtsamkeit ermöglicht eine größere zu beherrschen.
Sensibilität für das eigene Umfeld, mehr Offenheit 2. Gegenwartsbezogenes Denken hängt eng
für neue Informationen, ein erhöhtes Bewusstsein für mit zukunftsbezogenem Denken zusammen.
unterschiedliche Problemlösungen, einen Neustruk- Die beiden Konstrukte lassen sich also gar
turierung der eigenen Wahrnehmung sowie längere nicht so eindeutig trennen, wie man zunächst
Konzentration (Karma et al. 2013). Selbstregulation annehmen würde.
112 Kapitel 13 · Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick sind, verpassen wir alles

3. Die zukunftsgerichtete Zeitperspektive ist laut Das Denken über die Zeit und die zeitliche Per-
der Forschung von Fortunato und Fourey (2009) spektive sind eher im Bereich der Persönlichkeits-
bereits in das gegenwartsbezogene Denken eigenschaften anzusiedeln. Es handelt sich um eine
integriert. Wenn man also per Definition auf die stabile Eigenschaft („trait“), der nur bedingt änder-
Gegenwart ausgerichtet ist, heißt das, dass man bar ist. Achtsamkeit wiederum wird eher als aktu-
gleichzeitig die Zukunft mit im Blick hat. eller Zustand („state“) und damit als veränderbar
4. Achtsamkeit ist per Definition eigentlich auf und trainierbar verstanden. Folglich ist das Verhal-
die Gegenwart bezogen. Trotzdem tritt auch ten durch die Veranlagung, aber auch durch die Zeit,
Achtsamkeit zusammen mit der hedonistischen die in das Training einer Fertigkeit investiert wird,
Gegenwartsperspektive und der Zukunftsper- determiniert. Je mehr wir Achtsamkeit trainieren,
spektive auf. Negativ ist lediglich der Zusam- desto eher nehmen wir den Augenblick wahr (Bishop
menhang zur Vergangenheitsorientierung et al. 2004).
(Vowinckel 2012). Gleichzeitig spielen aber auch die situative
Aspekte eine Rolle wie persönliche Wichtigkeit und
Die Befürchtung „Wer zu sehr an der Gegenwart Involviertheit, die Beurteilung als subjektiv ange-
hängt, verpasst die Zukunft“, die impliziert, dass nehm oder unangenehm, die Komplexität, die Bean-
man sich zu sehr auf die Gegenwart fokussiert, ist in spruchung kognitiver oder emotionaler Ressourcen,
diesem Sinne also nicht haltbar. Auch hinter dieser der Bezug zum eigenen Wertesystem etc. Bei bewuss-
Antiweisheit verbirgt sich die Gegenwartsperspek- ten Entscheidungen setzt man sich intensiv mit dem
tive, daher das Gegenteil von langfristiger Planung Thema auseinander, wobei zumeist ein hoher Bezug
oder Zielsetzung. Diese tritt jedoch fast immer zu Persönlichkeit und Lebensstil vorliegt. Die Ver-
mit dem rückwärtsgewandten vergangenheitsbe- mutung könnte also lauten, je (kognitiv) aktivierter
zogenen Denken auf (Fortunato u. Fourey 2010). die Person ist, desto achtsamer reagiert sie in dem
Gegenwart – sei es im Sinne der Denkweise oder Moment. Bei unangenehmen Situationen könnte
der Achtsamkeit – ist jedoch immer auch mit einer man annehmen, dass der Mensch eher mit Flucht
Perspektive in die Zukunft verknüpft und umfasst reagiert und als Copingmechanismus versucht, die
so Planung, Verhaltensregulation und Antizipation. Situation möglichst wenig intensiv zu erleben. Auf
Trotzdem stellt sich die Frage, an welcher Stelle zu komplexe Situationen wiederum reagiert man
es möglich ist, „wahrhaft im gegenwärtigen Augen- häufig mit Vereinfachung in kognitive Schemata, um
13 blick zu sein“. Die Lebensweisheit beschreibt tatsäch- die Kontrolle über die Situation zu behalten (Osna-
lich den Fokus auf die Gegenwart eher im Sinne der brügge et al. 1985). Dies bedeutet eine Verarbeitung
Achtsamkeit als im Sinne der Zeit-Geist-Theorie von Reizen in Kategorien. Achtsamkeit als Prinzip ist
oder Zeitperspektive. Obgleich Achtsamkeit ein dieser Schemabildung teilweise entgegengesetzt, da
planendes und wohl überlegtes Handeln fördert, ist Achtsamkeit durch die abwartende und nicht wer-
es ihr Ziel, auf die Gegenwart zu fokussieren. Dabei tende Haltung verhindert, dass Schemata wirken
verschafft sich Achtsamkeit einen Raum zwischen können. Die tiefe Verankerung und erschwerte Ver-
Reiz und Reaktion und ermöglicht damit ein – in änderbarkeit von Schemata stellt einen Grund dar,
Bezug auf die Zukunft – überlegtes Handeln. Die warum Achtsamkeit so schwerfällt.
spannende Frage lautet also nicht, ob gegenwartsbe-
zogenes Denken grundsätzlich sinnvoll ist, sondern
in welchen Situationen dieses überhaupt gelingen 13.4 Zukünftige Forschung
kann. Zur Beantwortung dieser Frage ist es wichtig,
zu verstehen, wie sich eine Person verhält. Nach dem Um eine fundiertere Antwort auf die Abwägung
Grundsatz: Das Verhalten einer Person ist eine Funk- von Lebensweisheiten zur Zeit geben zu können,
tion aus Person und Umwelt (Lewin 1969) müssen sind weitere Untersuchungen mit einem allgemei-
sowohl die Person mit ihrer Persönlichkeit, Vor- neren Fokus auf die Zeitperspektive notwendig.
erfahrung und ihren Neigungen als auch die Situa- Besonders interessant scheint dabei die Frage, ob
tion mit allen sozialen Einflüssen betrachtet werden. die Präferenz für eine bestimmte „Lebensweisheit“
13.5 · Implikationen für die Praxis
113 13
bzw. Zeitperspektive mit der gelebten Realität über- Fülle von Aufgaben sowie der Vielzahl von Anforde-
einstimmt. Vor allem Achtsamkeit zeichnet sich rungen verschiedener Seiten.
immer mehr als Trend ab. Doch ob sich die allge- Achtsamkeit ist der Schlüssel, um dem Problem
meine Begeisterung für Achtsamkeit auch in einer der verrinnenden Zeit entgegen zu wirken.
realen Zunahme achtsamer Verhaltensweisen äußert, Dadurch, dass die Gegenwart bewusst und in
bleibt offen. Außerdem kann man in diesem Rahmen allen Details wahrgenommen wird, scheint sie
untersuchen, welche Faktoren förderlich oder auch langsamer zu vergehen. Mit Achtsamkeit ist es
hemmend für Achtsamkeit wirken. Diese ausführ- möglich, ganz im Moment aufzugehen. Dies bremst
lich zu erforschen, wäre die Basis für eine mögliche die Geschwindigkeit des Lebens und ermöglicht
Intervention zum Training und zur Verbesserung Konzentration.
dieser Fähigkeit. Obgleich die Ausrichtung auf die Zukunft,
Eine weitere spannende Frage ist es, in welchen Gegenwart oder Vergangenheit grundsätzlich ange-
Situationen der Fokus auf die Gegenwart überhaupt legt ist, zeigen Erkenntnisse zur Achtsamkeit auch,
sinnvoll und hilfreich für das Individuum ist und in dass diese trainierbar ist. Über den Zeitdruckge-
welchen Situationen es sich nicht mit dieser beschäf- danken hinaus wohnt Achtsamkeit der besondere
tigen möchte. Hier könnte mit positiven und negati- Aspekt der Wertfreiheit inne. Dieser kann einerseits
ven Beispielsituationen gearbeitet werden. So kann in Bezug auf das eigene Selbst, aber auch in sozia-
die Frage beantwortet werden, in welchen Situa- len Beziehungen kultiviert werden. Dies ermöglicht
tionen Achtsamkeit eher leicht- oder eher schwer- einen veränderten Umgang mit sich und anderen.
fällt. Über die bereits genannten Faktoren hinaus, Achtsamkeit unterstützt Menschen dabei, sich und
sollten weitere Einflüsse untersucht werden (vgl. ihre Umwelt so anzunehmen, wie sie sind.
7 Abschn. 13.3.3).
» Hector wusste, dass dies eine schwierige
Übung war, aber wenn man jeden Tag ein
13.5 Implikationen für die Praxis bisschen trainierte, konnte sie einem in
manchen Augenblicken glücken. Im Angesicht
Aus den beschriebenen Überlegungen zur Zeitper- der verrinnenden Zeit ließe es sich mit ihr
spektive leiten sich folgende Grundfragen ab: „Wo entspannter leben. (Lelord 2006, S. 202)
will ich den Schwerpunkt in meinem eigenen Leben
setzen? Ist es mir wichtig, im Hier und Jetzt zu leben, Um dem Vorbeirauschen der Zeit entgegenzuwir-
das Leben bewusst zu erfahren, oder möchte ich ken, ist es essenziell, Achtsamkeit in der Wirtschaft
lieber vorauseilen in meinen Gedanken, planen und und Erziehung zu vermitteln und zu trainieren. Der
den nächsten Schritt tun?“ Trend dazu zeigt sich bereits bei einem Blick in die
Obgleich die Zeitorientierung von der Situation Angebote der großen Trainingsanbieter: Achtsam-
beeinflusst wird, verfügt jeder Mensch über eine keit findet seinen Platz in der Wirtschaftswelt. Dabei
Grundeinstellung gegenüber der Zeit. Diese wird können gezielt Techniken, z. B. Meditationen, ein-
durch die Gesellschaft und die Erziehung gebildet. gesetzt werden.
Viele Menschen haben das Gefühl, die Zeit verrinne Bei der Meditation geht es u. a. darum, ganz
ihnen zwischen den Fingern, das Leben ziehe vorbei im Hier und Jetzt zu sein und sich auf den eigenen
wie ein Zug. Bei all den Aufgaben, dem Stress und Atem zu fokussieren. Eine Meditation kann aber
dem „immer einen Schritt voraus“ sein, bleibt keine auch andere Themen in den Fokus rücken wie bei-
Zeit mehr für das wirkliche Leben. „Unsere Gesell- spielsweise das Loslassen einer Beurteilung und das
schaft scheint heute ein Zeitproblem zu haben – erneute neutrale Betrachten von Situationen. Im
obwohl Menschen eigentlich mehr Freizeit haben als Arbeitsalltag bieten sich bestimmte Atemtechniken
früher“, so Katrin Petersen vom Museum für Kom- oder die sog. Mikropausen an, um sich für einen
munikation Frankfurt (Mueller-Töwe 2014, S. 1). Das Augenblick auf die Gegenwart zu fokussieren. Dies
Gefühl, immer weniger Zeit zu haben, greift um sich. ist, über den Umgang mit Stress hinaus, auch in Situ-
Gründe dafür liegen in der hohen Komplexität und ationen sinnvoll, in denen komplexe Entscheidungen
114 Kapitel 13 · Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick sind, verpassen wir alles

getroffen werden sollen oder andere Personen oder wichtig und werden bereits an den Schulen und von
Risiken einer Situation beurteilt werden. den Eltern gefördert.
Aus Sicht eines glücklichen und gesunden Lebens
ist dies aber nur eine Seite der Medaille. Kinder
13.5.1 Arbeit und Wirtschaft sollten auch das Recht haben, das Leben jetzt zu
genießen und sich nicht zu viele Sorgen über ihre
In der Führung bietet Achtsamkeit so die Chance, Zukunft zu machen. In der Kindheit erscheint das
überlegter und in höherer Übereinstimmung mit den Leben oft länger, die Sommerferien dauern ewig, da
eigenen Werten zu handeln. So könnte Achtsamkeit es den Kindern leichter fällt, ganz im gegenwärti-
auch einen authentischeren Führungsstil fördern. gen Moment im Sinne der Achtsamkeit zu leben. Mit
Außerhalb der Arbeit, im Bereich der Psychothe- einem höheren Alter und der Übernahme von Ver-
rapie, können geleitete Meditation oder Yoga unter- antwortung beginnt das Leben früh genug, an den
stützend wirken. Zur Stressreduktion bietet sich das Kindern vorbei zu ziehen.
Programm der Mindfulness-Based Stress Reduction Eine Möglichkeit, Kindern Achtsamkeit spiele-
(MBSR) an. Dabei werden die achtsame Wahrneh- risch näherzubringen, ist die sog. 7 Rosinenübung.
mung des Körpers (Bodyscan), Yoga, Sitzmeditation, Die Umgebung wird dabei mit viel Zeit und Offen-
Gehmeditation, Atemübungen und der Transfer in heit erkundet. Die Kinder können so dem eigenen
den Alltag vertieft (Grossman et al. 2004; Meibert Entdeckungsdrang spielerisch folgen. In dieser
et al. 2006). Übung nehmen die Kinder (oder auch Erwachse-
Durch Übung ist es möglich, sich die (nachweis- nen) eine Rosine in die Hand und essen diese ganz
bar) positiven Einflüsse der Achtsamkeit auf die bewusst. Dabei werden Farbe, Form, Textur, Geruch,
Arbeitswelt zunutze zu machen. Dazu zählen u. a. Konsistenz, Geschmack etc. bewusst und langsam
positive Effekte auf die Aufgabendurchführung, die wahrgenommen.
Arbeitszufriedenheit, die Bewältigung von emotio-
nalem Stress und die gesteigerte Zufriedenheit, Leis-
tung und Gesundheit der Mitarbeiter achtsamer Rosinenübung
Führungskräfte (Glomb et al. 2011; Hülsheger et al. Leg die Rosine auf deine Zunge – aber bitte
2012; Reb et al. 2014). noch nicht kauen – einfach nur auf die Zunge
Dies kann durch die private Teilnahme an legen. Wie fühlt sich die Rosine an? Gibt es
13 Kursen oder die berufliche Weiterbildung in Form schon einen Geschmack?
von Trainings oder Coachings angeregt werden. Und nun kau sie genau 1-mal und spüre dann
Dabei können die jeweiligen Coachingmethoden nach. Was verändert sich?
auf die vorherrschende Zeitperspektive des Coa- Kau die Rosine nun mindestens 10- bis 20-mal
chees abgestimmt werden (für einen detaillierten und bleib achtsam. Leg eine Pause ein und
Überblick über die Methoden im Coaching siehe nimm deine Sinne wahr. Was schmeckst du, wo
Boniwell et al. 2014). genau im Mund schmeckst du was … ? Und
nun schluck die Rosine runter – beobachte,
was weiter passiert …
13.5.2 Erziehung

Auch im Kindesalter ist es wichtig, eine Gegenwarts- Diese Übung hilft einerseits dabei, den Impuls, die
perspektive zu vermitteln. Kinder werden sehr früh Rosine sofort in den Mund zu stecken, zu unterdrü-
dazu erzogen, sich Ziele zu setzen und dem Leis- cken, andererseits geht es um die wertfreie Betrach-
tungsgedanken der Gesellschaft nachzukommen. tung dieses Lebensmittels. Außerdem eröffnen sich
Tatsächlich können Kinder und Jugendliche, die sich neue Perspektiven auf den Gegenstand. Dieses Vor-
auf die Zukunft fokussieren, leichter Entscheidun- gehen kann auch auf andere Bezugsgruppen über-
gen treffen, ihre Karriere planen und Ziele erreichen tragen werden: Für Kinder ist die Achtsamkeit
(Taber 2013). Diese Dinge sind natürlich richtig und besonders relevant, da sie die Fähigkeit verbessert,
Literaturverzeichnis
115 13
sich in andere Menschen hineinzuversetzen – eine Bishop, S. R., Lau, M., Shapiro, S., Carlson, L., Anderson,
N. D., Carmody, J., Segal, Z. V., Abbey, S., Speca, M., Velting,
Fähigkeit, die in der Kindheit erworben wird. Viele
D., & Devins, G. (2004). Mindfulness: A proposed opera-
weitere spielerische Übungen können Achtsamkeit tional definition. Clinical psychology: Science and practice
bei Kindern fördern. 11(3), 230–241.
Boniwell, I., Osin, E., & Sircova, A. (2014). Introducing time
perspective coaching. A new approach to improve time
13.6 Fazit management and enhance well-being. International
Journal of Evidence Based Coaching and Mentoring 12(2),
24–39.
Am Ende bleibt die praktische Frage: „Soll ich mein Buchheld, N., Grossman, P., & Walach, H. (2002). Measuring
Leben eher auf die Zukunft oder auf die Gegenwart mindfulness in insight meditation (Vipassana) and medi-
ausrichten?“ Die Antwort ist, wie so oft im Leben, tation-based psychotherapy: The development of the
Freiburg Mindfulness Inventory. Journal of Meditation
eine Frage der Balance: Wir müssen je nach Situation
Research (1), 11–34.
entscheiden, welche Perspektive tatsächlich passend Fortunato, V. J., & Fourey, J. T. (2009). The theory of mind time
ist, und so eine balancierte Zeitperspektive verfol- and the relationships between thinking perspective and
gen. Insgesamt ist eine (flexible) Fokussierung auf die the big five personality traits. Personality and Individual
Gegenwart durchaus sinnvoll ist. Die Wahrschein- Differences 47, 241–246.
Fortunato, V. J., & Fourey, J. T. (2010). The theory of mind time
lichkeit, dass wir die Zukunft über zu viel Gegen-
and the relationships between thinking perspective and
wart vergessen, ist nicht besonders hoch, denn selbst time perspective. Personality and Individual Differences 48,
gegenwartsbezogenes Denken ist immer mit einer 436–441.
Perspektive auf die Zukunft verknüpft. Fortunato, V. J., & Fourey, J. T. (2011). The theory of mind time.
Dafür können wir aber die Vorteile der Acht- The relationships between past, future and present thin-
king and psychological well-being and distress. Personal-
samkeit genießen, die sich in der buddhistischen
ity and Individual Differences 50, 20–24.
Lebensweisheit „Wenn wir nicht wahrhaft im gegen- Glomb, T. M., Duffy, M. K., Bono, J. E., & Yang, T. (2011). Mindful-
wärtigen Augenblick sind, verpassen wir alles“ aus- ness at work. Human Resource Management 30, 115–157.
drückt. Ein Training der Achtsamkeit kann dabei Griva, F., Tseferidi, S. I., & Anagnostopoulos, F. (2015). Time to
helfen, das Gefühl der verrinnenden Zeit zu verrin- get healthy: associations of time perspective with per-
ceived health status and health behaviors. Psychological
gern und zu entschleunigen. Und wer möchte das
Health Medicine 20(1), 25–33.
nicht in einer hektischen Gesellschaft, die das Wort Grossman, P., Niemann, L., Schmidt, S., & Walach, H. (2004).
Nachhaltigkeit zwar erfunden, jedoch nicht ver- Mindfulness-based stress reduction and health benefits: A
standen hat? Achtsamkeit stellt dabei eine effektive meta-analysis. Journal of Psychosomatic Research 57, 35–43.
und realistische Möglichkeit dar, die es auszuprobie- Hülsheger, U. R., Alberts, H. J., Feinholdt, A., & Lang, J. W. (2012).
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116 Kapitel 13 · Wenn wir nicht wahrhaft im gegenwärtigen Augenblick sind, verpassen wir alles

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13
117 14

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe


nicht auf morgen
Thomas Andreas Diller

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_14

14.1 Einleitung ist es zunächst wichtig, den Begriff der Prokrastina-


tion von strategischem Aufschub einer Tätigkeit zu
» Rede dir nicht ein: Sein Erbarmen ist trennen. Bei beiden Phänomenen wird eine offen-
grenzenlos; darum wird er mir meine vielen sichtliche oder verdeckte Handlung hinausgezögert,
Sünden schon vergeben. Es ist wahr: Bei ihm deren Start jedoch beabsichtigt und von persönlicher
ist viel Erbarmen – aber auch Zorn! Und den Wichtigkeit ist. Darüber hinaus ist der Aufschub frei-
bekommen die Sünder zu spüren. Deshalb willig und nicht durch externe Faktoren aufgezwungen
kehre schnell wieder zum Herrn zurück! (Klingsieck 2013). Der Unterschied zwischen strategi-
Verschieb es nicht von einem Tag auf den schem Aufschub und Prokrastination geht zurück auf
anderen! (Sir 5,6; Die Gute Nachricht Bibel) die Eigenschaften des Aufschubs selbst.
Ist der Aufschub unnötig oder irrational (Lay
Aus diesen biblischen Zeilen könnte Großmutter das 1986) und wird durchgeführt, obwohl dem Akteur
bekannte Sprichwort abgeleitet haben: „Was du heute mögliche negative Konsequenzen bewusst sind (Steel
kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“. 2007), spricht man von Prokrastination. Der Auf-
Doch was bedeutet es, wenn sie diesen Leitspruch schub hat außerdem zumeist subjektives Unbehagen
gegenüber ihrem Enkel äußert? Und in welchem und andere negative Auswirkungen zur Folge (z. B.
Rahmen ist es angebracht, ihr zu vertrauen und der Simpson u. Pychyl 2009). Damit wird Prokrastina-
Leitlinie dieses Spruches zu folgen? tion oft in Verbindung mit Worten wie Selbstbetrug,
Allgemein bedeutet es, notwendige, wichtige, wenn Selbstbehinderung oder Ablenkung gebraucht.
auch manchmal unangenehme Aufgaben gleich zu Auch im Falle eines strategischen Aufschubs
erledigen; sie nicht (auf morgen) zu verschieben, weil können mögliche negative Konsequenzen bewusst
später vielleicht die Gelegenheit nicht mehr besteht, werden. Jedoch ist der Betroffene davon überzeugt,
andere Dinge Priorität haben oder sich Aufgaben sum- dass positive Konsequenzen langfristig überwiegen
mieren, welche sich durch ihre Vielzahl nur noch sehr werden (Corkin et al. 2011).
schwer erledigen lassen (Hinsch u. Thiel 2016): Nach dieser Unterscheidung existiert zwar eine
1. Tätigkeiten zeitnah zu verrichten, hat demnach funktionale Form für Aufschub, jedoch nicht für
positive Auswirkungen auf den Akteur. Prokrastination (Klingsieck 2013). Die Beurtei-
2. Das Verschieben von Aufgaben hat hingegen lung, die das eine vom anderen unterscheidet, hängt
negative Konsequenzen. jedoch von den individuellen Normen einer Person
3. Von dem „zu Besorgenden“ geht ein gewisser ab. Wenn uns nun Großmutter aufträgt, unsere Auf-
Pflichtcharakter aus und es enthält eventuell gaben heute zu erledigen, möchte sie uns vermut-
eine nicht angenehme Tätigkeit. lich vor den Konsequenzen der Prokrastination
warnen. Daher soll im Folgenden auf mögliche
Um eine Diskussion über positive und negative Aus- negative Effekte eines Aufschubs näher eingegan-
wirkungen zeitnah erledigter Arbeit führen zu können, gen werden.
118 Kapitel 14 · Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen

14.2 Dysfunktionaler Aufschub/ prokrastinieren von ihrer Umgebung eher in einem


Prokrastination negativen Licht gesehen werden (Ferrari u. Patel
2004). Eine Folgestudie von Ferrari und Pychyl
14.2.1 Auswirkungen (2012) über Gewissenhaftigkeit in Zusammenhang
mit Prokrastination konnte zeigen, dass die negative
Über die letzten Jahrzehnte konnte eine Vielzahl von soziale Wahrnehmung mit einer erhöhten Tendenz
Zusammenhängen zwischen Prokrastination und von sozialem Faulenzen bei Prokrastinatoren ein-
den unterschiedlichsten Ebenen von Einstellungen, hergeht. Das bedeutet, dass diese Personengruppe
Gefühlen und Verhalten des Individuums festgestellt auch in ihrem gesellschaftlichen Umfeld und bei
werden. Gruppenaufgaben dazu tendiert, weniger eigene
Studienergebnisse zeigen signifikante Korrelatio- Leistung zum Ergebnis beizutragen, und darauf-
nen zwischen selbstberichteter Prokrastination und hin von ihren Mitmenschen negativ wahrgenom-
Gesundheit der Probanden (Stead et al. 2010; Tice men wird.
u. Baumeister 1997). Studenten, die höhere Werte in Zusammenfassend kann gesagt werden, dass
der „Generellen Prokrastinations-Skala“ (Lay 1986) Prokrastination in Beziehung mit vielen relevan-
erreichten, hatten schlechtere Noten in Aufsätzen ten Bereichen des Lebens steht, seien es gesundheit-
und Prüfungen und berichteten am Ende des Semes- liche, finanzielle oder soziale Themen. Im folgen-
ters über mehr Erkrankungssymptome, ein höheres den Abschnitt soll deshalb auf mögliche zugrunde
Stresslevel und suchten häufiger einen Therapeu- liegende psychologische Mechanismen eingegan-
ten auf (Tice u. Baumeister 1997). Sirois et al. (Sirois gen werden, die das Phänomen der Prokrastination
2007; Sirois et al. 2003) konnten außerdem feststel- erklären. Daneben werden die Gründe, weshalb
len, dass Personen mit Tendenz zur Prokrastination Menschen überhaupt dazu neigen, Aufgaben vor
weniger gesundheitsbezogene Handlungen durch- sich herzuschieben, behandelt.
führten. Dazu gehörten beispielsweise weniger
Konsum von Obst und Gemüse sowie eine geringere
physische Aktivität. Auch klinisch relevante Zusam- 14.2.2 Theorien und Hintergründe
menhänge von Prokrastination wurden bereits
untersucht. Demnach hängt Prokrastination mit ver- Es existieren mehrere Herangehensweisen, welche
schiedenen klinischen Störungsbildern wie Depres- den dysfunktionalen Aufschub von Tätigkeiten
sion (Flett et al. 1995) und Prüfungsangst zusammen erklären (Klingsieck 2013).
(Spada et al. 2006). Aus der Perspektive der differenziellen Psycho-
Doch auch finanzielle Folgen von dysfunktio- logie wird Prokrastination als stabile Persönlich-
14 nalem Aufschub scheinen weitreichend zu sein. In keitseigenschaft betrachtet, die in Verbindung zu
einer Umfrage der Firma H&R Block wird davon aus- anderen Persönlichkeitsvariablen steht (Steel 2007).
gegangen, dass Prokrastination bei der individuel- Es zeigt sich, dass häufige Prokrastination mit ver-
len Steuererklärung durchschnittlich 400 US-Dollar ringerter Gewissenhaftigkeit und erhöhten Neurot-
an Kosten verursacht, ausgelöst durch überhastetes izismuswerten korreliert sowie mit Perfektionismus,
Arbeiten und daraus resultierenden Fehlern. Der geringem Selbstwert und geringerem Optimismus
Gesamtverlust für die US-amerikanische Bevölke- einhergeht. Einige Studien untersuchten die Bezie-
rung im Jahr 2002 wird auf ca. 473 Mio. US-Dollar hung zu Intelligenz, fanden jedoch keinen Zusam-
beziffert (Kasper 2004). Studien mit wirtschaftswis- menhang (Ferrari 2000; Steel 2007).
senschaftlichem Hintergrund bezeichnen das Fehlen Eine weitaus funktionalere Erklärung liefert
von Sparverhalten für die Altersvorsorge ebenfalls die Motivations- und Volitionspsychologie. Aus
als eine Form der Prokrastination (O’Donoghue u. deren Perspektive beinhaltet Prokrastination einen
Rabin 1999). Ausfall von Motivation oder Willenskraft, die zu
Neben den physischen, psychischen und finan- einer Inkongruenz von Verhaltensabsicht und Hand-
ziellen Auswirkungen haben Studien zu sozialer lung führt (Lay 1986; Steel 2007). Eine der bekann-
Wahrnehmung gezeigt, dass Personen die häufiger testen konkreten Theorien in diesem Kontext ist die
14.3 · Funktionaler Aufschub
119 14
Temporal-Motivation-Theorie (zeitbezogene Moti- in 7 Abschn. 14.2.1 beschriebenen negativen Folgen
vationstheorie; Steel u. König 2006), die sich mit fol- für den Studenten auf.
gender Formel beschreiben lässt: Betrachtet man das Aufschieben von Tätigkeiten
aus der Perspektive des Phänomens Prokrastination,
Erwartung × Wert so scheint das Einhalten des großmütterlichen
Motivation =
Impulsivität × zeitliche Verzögerung Sprichworts „Was du heute kannst besorgen, das
verschiebe nicht auf morgen“ gerechtfertigt zu sein.
Im Rahmen dieser Theorie bezieht sich Motivation Inhaltsnahe Sprichwörter wie „Der frühe Vogel fängt
auf die Erwünschtheit einer Tätigkeit oder Alter- den Wurm“ oder „Erst die Arbeit, dann das Vergnü-
native für das Individuum und entspricht somit gen“ erhalten durch diese Argumentation ebenso
der Wahrscheinlichkeit, diese Tätigkeit auszufüh- eine gewisse Legitimation.
ren. Demnach steigt die Motivation, eine geplante
Handlung tatsächlich auszuführen, wenn sowohl
die subjektive Erwartung , dass ein Ereignis/die 14.3 Funktionaler Aufschub
Konsequenz eines Ereignisses überhaupt eintritt,
als auch der subjektive Wert des Verhaltens steigen. 14.3.1 Strategischer Aufschub
Tätigkeiten, die unmittelbar umgesetzt werden
können, also eine kurze zeitliche Verzögerung Doch wie bereits zuvor erwähnt, muss ein Aufschub
haben, sollten ebenfalls wahrscheinlicher ausge- von Tätigkeiten nicht zwangsweise negative Konse-
führt werden. Impulsivität bezeichnet die persön- quenzen nach sich ziehen. Eine von Chu und Choi
liche Sensitivität gegenüber zeitlicher Verzögerung. (2005) durchgeführte Studie zu „positiver/aktiver
Ist die Impulsivität einer Person hoch, ist die Moti- Prokrastination“ – von Klingsieck (2013) strategi-
vation, auf eine zeitverzögerte Handlung zu warten, scher Aufschub genannt – macht dies deutlich.
geringer. Nach dieser Theorie tritt Prokrastination Die Autoren der Studie vergleichen den
am wahrscheinlichsten auf, wenn das Ergebnis einer bekannten Typ des passiven Prokrastinators mit
unangenehmen Handlung in entfernter Zukunft dem des aktiven Prokrastinators (strategischen
liegt (Klingsieck 2013). Aufschiebers). Sie gehen davon aus, dass die von
Zur Veranschaulichung des Modells soll ein ihnen beschriebene Gruppe der aktiven Prokras-
kurzes Beispiel herangezogen werden: Ein Uni- tinatoren das gleiche Level von Prokrastinations-
versitätsstudent bekommt die Aufgabe, eine Haus- verhalten erreichen wie „traditionelle“ passive
arbeit bis zum Ende des Semesters zu schreiben. Der Prokrastinatoren. Das heißt, sie schieben Aufga-
Student mag gute Noten und Kontakte zu Freun- ben genauso vor sich her, obwohl sie sich mögli-
den in etwa gleich gern und ist ähnlich kompetent cher negativer Konsequenzen bewusst sind. Jedoch
im Knüpfen von Freundschaftsbeziehungen und haben aktive Prokrastinatoren ähnliche Charak-
im Studium (Wert und Erwartung konstant). Da terzüge wie Nicht-Prokrastinatoren. Sie erreichen
die Möglichkeit, Kontakte zu Freunden zu pflegen, höhere Werte bei den Dimensionen „zweckbe-
immer in der Gegenwart liegt, ist die Motivation, stimmte Einteilung der eigenen Zeit“, „Zeitkon-
sich mit Freunden zu treffen und auszugehen, über trolle“ und „Selbstwirksamkeit“ sowie bessere
das gesamte Semester konstant hoch (geringe zeitli- Ergebnisse bei gestellten Aufgaben. Chu und Choi
che Verzögerung). Die Hausarbeit hingegen, deren (2005) kommen deshalb zu dem Schluss, dass aktive
erwartete Belohnung zu Semesterbeginn noch Prokrastination vorteilhaft für Individuen ist, die
weit entfernt liegt (hohe zeitliche Verzögerung), in einem extrem anspruchsvollen, unvorhersehba-
hat anfangs einen geringeren Nutzen. Je näher ren und ständig wechselnden Umfeld arbeiten. In
der Abgabetermin rückt, desto geringer wird die dem Kontext könne diese Personengruppe effekti-
zeitliche Verzögerung, bis die Motivation für die ver arbeiten, da sie sich nicht auf zuvor festgelegte
Hausarbeit die des Ausgehens übersteigt. Es wird Pläne beschränkt, ihre Aufgaben immer wieder
wahrscheinlicher, dass an der Arbeit geschrieben neu priorisiert und somit auf ständig wechselnde
wird. Während dieser finalen Phase treten gehäuft die Anforderungen reagieren kann.
120 Kapitel 14 · Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen

Ähnliche Ergebnisse fanden Corkin et al. (2011). Erinnerungskapazität festgestellt werden (Schmidt
Personen, die zur Prokrastination neigen (passive et al. 2007).
Prokrastination), tendieren eher zur Vermeidung Unter Berücksichtigung dieser Befunde erscheint
von negativen Zielen, als dass sie positive Ziele errei- es deshalb sinnvoll – je nach individuellem Chrono-
chen wollen. Außerdem reflektieren sie seltener über typ – besonders wichtige Aufgaben, die große kog-
ihr eigenes Verhalten. Personen, die hingegen stra- nitive Ressourcen benötigen, nicht um jeden Preis
tegisch aufschieben (aktive Prokrastination), arbei- entgegen des eigenen Rhythmus durchzuführen. So
ten eher auf positive Ziele hin und glauben an ihren kann es ratsam sein, dass ein Morgentyp wichtige
Erfolg und an einen Einfluss ihrer Leistung auf das und kognitiv anspruchsvolle Aufgaben, die keine
Ergebnis. Diese in der Stichprobe untersuchte Perso- Fehler erlauben, am Abend nicht mehr durchführt
nengruppe erhielt außerdem bessere Noten in ihrem und auf den darauffolgenden Tag legt. Damit können
jeweiligen Studiengang als die Gruppe der (passi- kognitive Fehler vermieden und vorhandene Kom-
ven) Prokrastinatoren. Ein Aufschub von Aufgaben petenzen optimal genutzt werden.
ist demnach kein Nachteil, wenn der Aufschub gut Um sich nach seiner inneren Uhr richten zu
begründet ist sowie unter kontrollierten Bedingun- können, ist der erste Schritt die Ermittlung des
gen und im richtigen Kontext stattfindet. eigenen Chronotyps. Viele Menschen wissen bereits
intuitiv durch ihre lange Erfahrung in der Lern- und
Arbeitswelt, wann ihre persönlich leistungsstärkste
14.3.2 Chronotypenforschung Zeit ist. Zudem existieren mehrere Fragebögen, die
zur Einteilung des Typus verwendet werden. Unter
Ein weiterer Grund, Aufgaben nicht unbedingt den deutschen Fragebögen sind zwei im Internet
zeitnah zu erledigen, sind die unterschiedlichen frei verfügbar: der „Munich Chronotype Questi-
Chronotypen, die in der Bevölkerung vorherrschen. onnaire“ (MCTQ; Allebrandt u. Roenneberg 2008)
Eine Person wird entweder als Morgentyp, Abendtyp der medizinisch psychologischen Fakultät der Lud-
oder am wahrscheinlichsten als Neutraltyp eingestuft wig-Maximilian-Universität München, der das
(Horne u. Östberg 1976). eigene Ergebnis mit dem von über 50.000 Menschen
Dabei wird der Chronotyp bestimmt durch die vergleicht (unter: https://www.bioinfo.mpg.de), und
Aufsteh- und Zu-Bett-Geh-Zeit und dem zirkadia- die deutsche Version des Morningness-Evening-
nen Rhythmus von physiologischen Parametern ness Questionnaire (D-MEQ; Griefahn et al. 2001),
wie Körpertemperatur und Kortisolspiegel. Neben der auf der Internetseite des Leibniz-Institutes für
physiologischen Maßen werden auch mentale Pro- Arbeitsforschung (IfADo) einsehbar ist (unter: http://
zesse durch den zirkadianen Rhythmus eines Men- www.ifado.de/fragebogen-zum-chronotyp-d-meq/).
14 schen beeinflusst. Es besteht ein Zusammenhang In einem weiteren Schritt erscheint es sinnvoll,
zwischen der Maximumperiode des Rhythmus und ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Leis-
der kognitiven Leistungsfähigkeit des Individuums. tungszeiten zu schaffen. Das gilt für die betroffe-
Jeder Mensch besitzt demnach eine Zeitspanne am nen Personen selbst, die ermutigt werden sollten,
Tag, in der er die höchste kognitive Leistungsfähig- ihre Tagesgestaltung nach der ermittelten biologi-
keit aufweist. Bei Messungen zur fluiden Intelli- schen Uhr zu richten, aber auch für Vorgesetzte und
genz konnte beispielsweise festgestellt werden, dass Firmen. Ein institutionelles Instrument zur Steue-
bei Asynchronizität von Aufgabenzeitpunkt und rung der inneren Uhr kann beispielsweise die Ein-
Chronotyp der IQ-Wert um 6 Punkte fallen kann führung einer flexiblen Arbeitszeit im Rahmen
(Goldstein et al. 2007). Mecacci et al. (2004) fanden einer Gleitzeitvereinbarung sein (Hamm 2001),
gehäufte kognitive Fehler bei extremen Morgen- die in vielen deutschen Unternehmen bereits fester
typen vor allem am Abend, während sie bei ext- Bestandteil der Unternehmenskultur ist.
remen Abendtypen über den ganzen Tag verteilt Doch nicht nur die Biopsychologie und die For-
auftraten. Weiterhin konnten Einflüsse auf Auf- schung zu Chronotypen geben Anhaltspunkte, Auf-
merksamkeitsspanne, exekutive Funktionen und gaben nicht zeitnah zu erledigen.
14.3 · Funktionaler Aufschub
121 14
14.3.3 Stress und Burn-out betroffene Person durch den fehlenden Abstand zur
Arbeit in einem Erschöpfungszustand, erhöht sich
In diesem Abschnitt soll auf einen weiteren negativen daraufhin auch die Wahrscheinlichkeit bei darauf-
Aspekt sofortiger Aufgabenbewältigung eingegangen folgenden Aufgaben zu prokrastinieren.
werden, der vor allem dann besteht, wenn über einen Interessant ist, dass Prokrastination hier als
längeren Zeitraum zu vieles zeitnah erledigt wird. Ergebnisvariable von Stress am Arbeitsplatz und
Mitte der 1980er-Jahre propagierten Maslach Erschöpfung gesehen wird – eine weitere Bestä-
und Jackson (1984) ein neues klinisches Störungs- tigung für die Temporal-Motivation-Theorie
bild, das seitdem vor allem in der Arbeitswelt einen ( 7   Abschn. 14.2.2 ). Die starke Arbeitsbelastung
exponentiellen Anstieg von Fällen erfahren hat: beeinflusst den subjektiven Wert der Arbeit negativ
Das Burn-out-Syndrom. In der vernetzten Welt des und verringert somit die Wahrscheinlichkeit, erneut
21. Jahrhunderts steigen die Anforderungen des arbeitsrelevantes Verhalten zu zeigen. Diese empiri-
Arbeitnehmers, ausgelöst z. B. durch stetige Erreich- sche Studie stützt damit die Wichtigkeit des psycho-
barkeit, komplexere Aufgaben oder Stellenabbau. logischen Abstandes von der Arbeit in Hinblick auf
Einher geht damit häufig eine Erhöhung des sub- Erschöpfung und Prokrastinationsverhalten.
jektiv erlebten Stresslevels. Dabei kann eine sofor-
tige Aufgabenbewältigung im Sinne des Sprichworts
und der daraus resultierende Stress auch positiver 14.3.4 Implikationen für die Praxis
Natur sein und eine optimale Leistung erzeugen (vgl.
Weinert 1977). Nichtsdestotrotz sind die Reaktionen Wie die Literatur zum Krankenbild des Burn-outs
auf Stress vielfältig. Alkoholismus, Drogenkonsum zeigt, ist psychologischer Abstand nicht der einzige
und psychische Symptome wie Angst gehören dazu Ansatzpunkt, um sich vor den Gefahren des Erschöp-
(Weinert 2004). So wird übermäßige Involviertheit fungssyndroms zu schützen. Eine größere Zahl an
in die Arbeit als erste Vorstufe bzw. ein Merkmal auf privaten beruflichen und betrieblichen Vorkehrun-
dem Weg zum Burn-out beschrieben. Tritt der Burn- gen hilft, dem Burn-out vorzubeugen. Nicht selten
out-Fall ein, so ist mit Symptomen wie Ermüdung, stehen sie dabei im Widerspruch zum vorliegen-
Frustration, Hilflosigkeit und Zurückgezogenheit zu den Sprichwort. Im persönlichen Bereich steht der
rechnen, in deren Folge es zu weiteren schweren psy- Einsatz von Verfahren mit dem Kern der Entspan-
chischen und physischen Problemen kommen kann nung und der Achtsamkeit im Vordergrund. Dazu
(Maslach u. Jackson 1984). gehören autogenes Training, progressive Muskel-
Das sog. Stressor-Detachment-Modell (Sonnen- entspannung und Aktivierungsverfahren wie Yoga,
tag 2011) geht es um die Fähigkeit, sich von Stres- Qigong und Tai-Chi (Schüler-Schneider 2011).
soren hinreichend distanzieren zu können. Es hebt Im beruflichen Bereich wird oftmals eine posi-
die Bedeutung von psychologischem Abstand von tivere Arbeitseinstellung durch Umstrukturierun-
arbeitsbezogenen Gedanken nach der Arbeit hervor gen und Erweiterungen des Handlungsspielraums
und wurde von DeArmond et al. (2013) im Kontext geschaffen. Dies kann mit dem Kürzen von Arbeits-
von Stress am Arbeitsplatz und Prokrastination schichten oder Umstellungen in eine Teilzeitstelle
untersucht. Sie stellten fest, dass psychologischer der Fall sein (Fengler u. Sanz 2011). Dies sind wie-
Abstand zur Arbeit die Beziehung zwischen Arbeits- derum Maßnahmen, die sich mit dem Reduzieren
belastung und persönlicher Erschöpfung vollständig von Tätigkeiten beschäftigen und nicht – wenn es
vermittelt. Ist also ein Individuum einer erhöhten nach dem Sprichwort gehen würde – mit dem Erle-
Arbeitsbelastung ausgesetzt und kann sich nach digen von mehr Arbeit.
der Arbeit davon nicht distanzieren, so erhöht dies Nicht zuletzt sei auf die große Anzahl an Zeit-
die Wahrscheinlichkeit für ein Erschöpfungssyn- managementtechniken verwiesen, die sowohl im
drom. Erschöpfung wiederum vermittelt teilweise privaten als auch im beruflichen Kontext ihren
den Zusammenhang zwischen psychologischem Einsatz finden. Diese sind nicht nur Methoden zur
Abstand und Prokrastination. Das bedeutet: Ist eine Burn-out-Prävention, sondern erfreuen sich in der
122 Kapitel 14 · Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen

gesamten Berufswelt bis in das Management großer Warum wir immer alles auf morgen verschieben und
Beliebtheit. Stellvertretend sei hier die Eisenho- wie wir damit aufhören (Steel 2011).
wer-Methode genannt, bei der es essenziell ist, die Das bedeutet jedoch nicht, dass es sinnvoll ist,
eigenen Aufgaben nach Wichtigkeit und Dring- der Leitlinie des großmütterlichen Sprichworts kri-
lichkeit zu ordnen, damit am Ende des Tages nicht tiklos und unüberlegt zu folgen. Es wurde festge-
das Wichtigste liegen bleibt. Ein fester Bestandteil stellt, dass strategischer oder aktiver Aufschub von
der Methode besteht explizit darin, Aufgaben, die Aufgaben auch ein Zeichen von Flexibilität bedeu-
weder dringlich noch wichtig sind, in den Papier- ten und durchaus positive Konsequenzen nach sich
korb zu werfen oder zu mindestens zu delegieren ziehen kann. Außerdem legen die unterschiedlichen
(Klumpp u. Klumpp 2016). Auch dies ein klarer Chronotypen nahe, dass jeder Mensch eine Zeit-
Widerspruch zur Aussage des Sprichworts „Was du spanne am Tag besitzt, in der er die höchste kog-
heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf nitive Leistungsfähigkeit aufweist. Daher sollten
morgen“. wichtige Aufgaben außerhalb dieses Zeitraumes
Die Ausführungen zu Burn-out und Stress am nicht unter allen Umständen erledigt werden. Es
Arbeitsplatz sowie die beschriebenen Befunde zu wäre verantwortungsbewusst, wenn ein Morgen-
aktivem Aufschub und Chronotypen weisen darauf typus abends wichtige Aufgaben auf den nächsten
hin, dass es unter Umständen nicht vorteilhaft für Tag legt, um kognitive Fehler zu vermeiden und die
den Einzelnen ist, Tätigkeiten sofort zu erledigen. Aufgabe optimal zu bewältigen. Der Stress, aus-
Es sollte daher nicht verwundern, wenn Großmut- gehend von dem Gefühl, alles sofort erledigen zu
ter ihrem Enkel Sprichwörter wie „Wer die Arbeit müssen und dem damit einhergehenden fehlen-
kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt“ oder den Abstand zur Arbeit, können des Weiteren zu
„Gut Ding will Weile haben“ ans Herzen legt. Auch Burn-out, Erschöpfung, zu anderen stressbeding-
diese scheinen ein gewisses Maß an Wahrheit zu ten Erkrankungen und sogar zu weiterer Prokras-
besitzen. tination führen.
In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts,
in der jeder mit jedem vernetzt und rund um die
14.4 Fazit Uhr erreichbar ist, scheinen „heute“ und „morgen“
viel relativere Begriffe zu sein als vielleicht noch
In der vorliegenden Arbeit wurde das Sprichwort zu damaligen Zeiten. Die unzähligen Dinge, die
„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht heute noch erledigt werden können, stehen nicht
auf morgen“ interpretiert und unter psychologischen in Relation zur verfügbaren Zeit eines Tages (von
Gesichtspunkten erarbeitet, ob und unter welchen Rutenberg 2011). Daher rückt die Unterscheidung
14 Rahmenbedingungen dessen Aussage zutreffend zwischen „jetzt erledigen“, „nachher erledigen“ oder
ist. Nahezu alle Studienergebnisse im Rahmen der „gar nicht erledigen“ in den Vordergrund unseres
Prokrastinationsforschung sprechen eine eindeutige Denkens. Eine Methode, diese Art des Denkens zu
Sprache: Dysfunktionaler Aufschub von Tätigkeiten optimieren, liefern Zeitmanagementtechniken, die
zieht negative Auswirkungen auf die psychische und in der Arbeitswelt bereits tief verankert sind, aber
physische Gesundheit und das Wohlbefinden nach auch im alltäglichen Leben Nutzen finden. Das
sich, hat Einfluss auf die soziale Anerkennung und Wissen, darüber was heute noch besorgt werden
führt zu finanziellen Nachteilen. Dass Prokrastina- muss und was aufgeschoben, delegiert oder verges-
tion ein weitverbreitetes Problem ist, belegen nicht sen werden kann, nimmt einen viel größeren Stellen-
nur die Zahlen (20–25 % der Allgemeinbevölke- wert ein als das simple Befolgen eines Sprichworts.
rung prokrastinieren regelmäßig; Ferrari et al. 2007), Daher sollte Großmutter in dem Spruch vielleicht
sondern auch die Vielzahl an Ratgebern und Selbst- ein Wort ändern, um zu einem Leitsatz zu gelangen,
hilfebüchern. Ausgewählte Titel lauten Schluss mit der unsere heutige Realität ein Stück genauer abbil-
dem ewigen Aufschieben: Wie Sie umsetzen, was Sie det: „Was du heute musst besorgen, das verschiebe
sich vornehmen (Rückert 2011) oder Der Zauderberg: nicht auf morgen“.
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123 14
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14
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Wer rastet, der rostet


Thomas Haimerl

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_15

15.1 Einleitung dem Ausspruch „Arbeite nur – die Freude kommt


von selbst“ ebenfalls ein Sprichwort geprägt, dass
In diesem Kapitel werden die Sprichwörter „Wer Arbeit als wichtigen Prädiktor für Lebenszufrieden-
rastet, der rostet“ und „Eile mit Weile“ gegenüber- heit sieht. Auch die Maxime „Erst die Arbeit, dann
gestellt und deren Validität anhand von psychologi- das Vergnügen“ zeigt den Stellenwert einer kontinu-
schen Konzepten untersucht. Grundsätzlich können ierlichen Arbeitsleistung in der Gesellschaft auf.
der Beeinflussung durch ein Sprichwort oder eine Diese Sprichwörter verbindet bei genauerer
Lebensweisheit zwei verschiedene Quellen inne- Betrachtung neben der Betonung von Arbeit und
wohnen. Einmal kann sich das Individuum durch Leistung auch der Bereich Freude, Vergnügen und
Selbstverbalisierung (z. B. durch innere Monologe Begeisterung. Sollten sie also eine taugliche Heuristik
wie „Geh zum Sport, denn wer rastet, der rostet“) für Lebenszufriedenheit sein, muss es einen Zusam-
beeinflussen oder die Beeinflussung des Individuums menhang zwischen Freude und Begeisterung mit
geschieht durch die Umwelt, z. B. in einer dyadischen Arbeitsleistung geben.
Beziehung oder innerhalb eines Teams. Hierbei
wird im Folgenden vor allem auf den Arbeitskon-
text abgestellt. 15.3 Gegensprichwort: Eile mit Weile

Auch das Gegensprichwort „Eile mit Weile“ hat eine


15.2 Bedeutung und Herkunft häufige Verwendung im Arbeitskontext (7 Kap. 12).
Durch dieses Sprichwort soll die Bedeutung von
Das Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ wird häufig exakter, genauer Arbeit im Gegensatz zu schnellen
im Arbeitskontext verwendet, zeigt in seiner Bedeu- unsauberen Ergebnissen dargestellt werden. Schon
tung eine positive Konnotation von kontinuierlicher der römische Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.)
Arbeitsleistung mit wenigen Pausen und steht für sagte „Was ohne Ruhepausen geschieht, ist nicht von
eine calvinistische Arbeitsethik im Sinne von Max Dauer“, und das chinesische Sprichwort „Wenn du es
Weber. Diese Arbeitsethik zeichnet sich dadurch eilig hast, gehe langsam“ geht in die gleiche Richtung.
aus, dass eine rastlose Erwerbsarbeit als Heilmittel Diese Sprichwörter zeigen die Bedeutung von Pausen
gegen die menschlichen Selbstzweifel herangezogen und Unterbrechungen der Arbeit auf und betonen
und Erfolg in der Arbeitswelt als Zeichen des Gna- den Vorrang von Genauigkeit vor Schnelligkeit.
denstandes und der Sinnerfüllung gesehen werden
kann (Lilienthal 2001).
Für dieses Sprichwort gibt es historische Vor- 15.4 Einbettung in psychologische
bilder, die bis in die Antike zurückreichen, z. B. Theorien
das verwandte Sprichwort „Nur wer selbst brennt,
kann Feuer in anderen entfachen“, das Augustinus Durch den zunehmenden Zeit- und Leistungsdruck
von Hippo (354–430 n. Chr.) zugeschrieben wird. in der modernen Arbeitswelt ist eine Betrachtung
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) hat mit der dargestellten Sprichwörter und ihrer Bedeutung
126 Kapitel 15 · Wer rastet, der rostet

als Entscheidungsheuristiken wichtig. Durch Einbet- den Basismerkmalen kann es zu einer überpropor-
ten in psychologische Konzepte und Theorie können tionalen Verminderung der Zufriedenheit kommen,
diejenigen Faktoren aufgezeigt werden, die für das ebenso kann eine geringe Verbesserung bei den
korrekte Verwenden der jeweiligen Entscheidungs- Begeisterungsmerkmalen zu einer starken Steige-
heuristik sprechen. rung der Zufriedenheit führen (Kano et. al. 1984).
Über die Zeit gesehen verändern sich die Eigen-
schaften, da ein Gewöhnungseffekt entsteht. So wird
15.4.1 Kano-Modell ein Begeisterungsmerkmal zu einem Leistungs- und
später zu einem Basismerkmal (Kano et. al. 1984).
Der japanische Forscher Noriaki Kano stellte 1978 Gerade diese zeitliche Veränderung von Begeis-
das nach ihm benannte Kano-Modell auf (Kano terungs- hin zu Basismerkmalen zeigt die Bedeutung
et al. 1984). dieses Modells für das Zufriedenheitsempfinden von
Dieses Modell basiert u. a. auf der Zwei-Faktoren- Personen auf und soll im Folgenden auf das Sprich-
Theorie von Herzberg (1959). Diese beschreibt wort „Wer rastet, der rostet“ angewendet werden.
Arbeitszufriedenheit anhand von Hygienefakto- Als Beispiel wird die Entlohnung eines Mitar-
ren und Motivatoren. Hygienefaktoren, wenn sie in beiters herangezogen. Zunächst wirkt eine deutli-
ausreichendem Maß vorhanden sind, schaffen selbst che Lohnerhöhung als Begeisterungsmerkmal und
keine Zufriedenheit, ihre Abwesenheit sorgt aber für der Mitarbeiter erlebt seine Arbeit als zufriedenstel-
Unzufriedenheit. Motivatoren generieren Zufrie- lend, was in direkter Kongruenz zu „Arbeite nur,
denheit bzw. Unzufriedenheit je nach Ausprägung die Freude kommt von selbst“ steht. In dieser Phase
des Motivators. kann der Mitarbeiter durch seine positive Einstel-
Ursprünglich wurde das Kano-Modell als Erklä- lung andere mitziehen im Sinne von „Nur wer selbst
rungsansatz für Kundenzufriedenheit entwickelt, es brennt, kann Feuer in anderen entfachen“ und durch
eignet sich aber auch zur Erklärung von Lebens- und die gesteigerte Motivation und Begeisterung kann
Arbeitszufriedenheit. Vereinfacht dargestellt bein- sich seine Arbeitsleistung im Sinne von „Wer rastet,
haltet dieses Modell folgende drei Ebenen: der rostet“ steigern. Durch den Gewöhnungseffekt
4 Die 1. Ebene bilden die Basismerkmale, die so wird im Laufe der Zeit aus dem Begeisterungs- ein
fundamental und selbstverständlich sind, dass sie Basismerkmal, welches keine Steigerung der Zufrie-
erst bei Nichterfüllung bewusst werden (implizite denheit mehr mit sich bringt. Der Mitarbeiter hat
Erwartungen). Werden die Basismerkmale sich an das zusätzliche Gehalt gewöhnt und empfin-
nicht erfüllt, entsteht Unzufriedenheit – det keine Begeisterung mehr, was in Inkongruenz zu
werden sie erfüllt entsteht aber keine Zufrie- den Lebensweisheiten steht.
denheit. Diese Basismerkmale können mit den Die Autoren Judge et al. (2010) konnten in ihrer
Hygienefaktoren der Zwei-Faktoren-Theorie von Metaanalyse nachweisen, dass nur die Erhöhung
15 Herzberg (1959) verglichen werden. des Einkommens, aber nicht die absolute Höhe für
4 Die 2. Ebene sind Leistungsmerkmale, die eine Zufriedenheitserhöhung sorgt. Es konnte wei-
Zufriedenheit in Abhängigkeit vom Ausmaß terhin gezeigt werden, dass sich der Effekt über die
der Erfüllung schaffen. Die Leistungsmerkmale Zeit hinweg (Gewöhnungseffekt) wieder dem Aus-
können analog zu den Motivatoren der Zwei- gangsniveau annähert. Um dauerhaft motivierte und
Faktoren-Theorie von Herzberg (1959) gesehen begeisterte Mitarbeiter zu haben, ergibt sich aus dem
werden. Kano-Modell, dass Begeisterungs- und Leistungs-
4 Die 3. Ebene sind Begeisterungsmerkmale. merkmale für den Mitarbeiter laufend identifiziert
Darunter sind Merkmale zu verstehen, die und angewendet werden müssen, um die Motiva-
einen nicht erwarteten Zusatznutzen darstellen. tion und somit eine Einstellung des Mitarbeiters nach
dem Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ zu fördern.
In .  Abb. 15.1 ist der Zusammenhang der Basis-, Das Kano-Modell kann auch für das Gegen-
Leistungs- und Begeisterungsmerkmale dargestellt. sprichwort „Eile mit Weile“ angewendet werden.
Durch eine geringe Verminderung der Leistung bei Wenn zumindest die Basismerkmale erfüllt sind,
15.4 · Einbettung in psychologische Theorien
127 15

Zufriedenheit

Begeisterungsmerkmal
Leistungsmerkmal

Erfüllung der
Merkmale

Zeit
Basismerkmal

Unzufriedenheit

. Abb. 15.1 Zusammenhang von Basis-, Leistungs- und Begeisterungsmerkmalen mit der Lebens- und Arbeitszufriedenheit.
(Mod. nach Kano et. al. 1984)

gibt es keine Unzufriedenheit bei den Mitarbeitern. Je nachdem welche Heuristiken von Führungs-
Durch fehlende Begeisterung wird sich die Arbeits- kraft und Mitarbeiter angewendet werden, kann es
leistung nicht steigern und die Risikobereitschaft dazu kommen, dass Mitarbeiter eine entsprechende
wird ebenso geringer ausfallen. Die Motivation des Führungskraft als destruktiv und tyrannisch erleben.
Mitarbeiters bezieht sich in diesem Fall eher auf die In der jüngeren Führungsforschung rücken destruk-
Lebensweisheiten „Eile mit Weile“ oder „Wer sichere tive Führung und die daraus resultierenden Konse-
Schritte tun will, muss sie langsam tun“. quenzen stärker in den Fokus, in 7  Abschn. 15.4.2
Für eine konfliktarme Zusammenarbeit zwi- wird eine Verbindung zwischen diesem Führungsstil
schen Führungskraft, Team und Mitarbeiter ist und den untersuchten Lebensweisheiten hergestellt.
es förderlich, wenn alle eine ähnliche Einstellung
teilen. Da die untersuchten Sprichwörter und Heu-
ristiken häufig im Arbeitskontext vorkommen, ist die 15.4.2 Destruktive Führung
Betrachtung der Dyade Mitarbeiter und Führungs-
kraft bzw. Team von Interesse. Gerade hier kann es Einarsen et al. (2007) definiert destruktive Führung
zu Spannungen und Unzufriedenheit führen, wenn als systematisches und wiederholtes Verhalten von
nicht dieselben oder ähnliche Heuristiken angewen- Führungskräften, welches das gerechtfertigte Inter-
det werden. Wenn ein Mitarbeiter in seiner Selbst- esse von Unternehmen verletzt, indem es Ziele, Auf-
verbalisierung die Heuristik „Eile mit Weile“ und gaben und Ressourcen des Unternehmens sowie die
die Führungskraft bzw. das Team die Heuristik „Wer Leistungsfähigkeit und/oder Motivation, das Wohl-
rastet, der rostet“ verwendet, ist es leicht vorstell- befinden und die Arbeitszufriedenheit von Mitar-
bar, dass es zu einer Überforderung des Mitarbeiters beitern unterminiert oder sabotiert. Destruktive
kommen kann. In der modernen Arbeitswelt werden Führung kann u. a. in tyrannische Führung und
solche Überforderungen und die daraus resultieren- unterstützend-disloyale Führung unterteilt werden,
den Erkrankungen in Sinne eines „Burn-out“ häufig die im Folgenden in Bezug auf die genannten Lebens-
beobachtet (Burisch 2010). weisheiten betrachtet werden.
128 Kapitel 15 · Wer rastet, der rostet

Unter tyrannischer Führung versteht man


das Verhalten einer Führungskraft, die destruktiv
gegen die eigenen Mitarbeiter, aber positiv für die Überforderung
Organisation handelt. Als Beispiel hierfür dient
eine Führungskraft, die ihre Mitarbeiter ausbeutet,
um die Ergebnisse für die Organisation zu verbes- Flow

Anforderungen
sern. In Bezug zu den untersuchten Lebensweis-
heiten würde die Führungskraft der Heuristik
„Wer rastet, der rostet“ und der Mitarbeiter eher
der Heuristik „Eile mit Weile“ folgen. In diesem
Unterforderung
Fall kann es zu einer Demotivation und Überfor-
derung des Mitarbeiters kommen, da die von ihm
geforderte Leistung nicht mit seiner Einstellung
übereinstimmt.
Diametral zur tyrannischen Führung steht die Fähigkeiten
unterstützend-disloyale Führung. Hierbei zeigt
die Führungskraft positives Verhalten gegenüber
den Mitarbeitern, arbeitet jedoch gegen die Ziele . Abb. 15.2 Flow-Theorie nach Csíkszentmihályi (1995)
der Organisation. Beispielhaft dafür wäre eine Füh-
rungskraft, die sich für die Mitarbeiter einsetzt, aber In diesem Kontext muss zudem die Flow-Theorie
der Organisation ungerechtfertigte Ressourcen ent- von Csíkszentmihályi (1995) beachtet werden. Nach
wendet. In Bezug zu den untersuchten Lebensweis- der Flow-Theorie entsteht dann ein Zufriedenheits-
heiten würden sowohl die Führungskraft als auch die erlebnis, wenn die Anforderung an den Mitarbeiter
Mitarbeiter der Heuristik „Eile mit Weile“ folgen. In und die Fähigkeit des Mitarbeiters optimal zusam-
diesem Fall würde es zwar zu keiner Demotivation menpassen. In . Abb. 15.2 wird der Zusammenhang
der Mitarbeiter kommen, jedoch würden die Unter- grafisch dargestellt.
nehmensziele in Bezug auf Leistungssteigerung nicht Es ist also entscheidend, dass mit einem
erfüllt werden. Anstieg der Fähigkeiten auch die Anforderungen
angepasst werden, um die Begeisterungsfaktoren
zu erhöhen. Bei einer dauerhaften Überforderung
15.5 Diskussion würde sich nach dem Kano-Modell eine Unzufrie-
denheit bei dem Mitarbeiter einstellen; bei einer
Grundsätzlich erfolgt die Bewertung von Lebens- dauerhaften Unterforderung würden zwar die
weisheiten sowohl durch Selbstverbalisierung Begeisterungsmerkmale fehlen, jedoch sind die
15 als auch durch die Umwelt. Welche Heuristik von Basismerkmale noch vorhanden und somit würde
einem Individuum angewendet wird, hängt auch der Mitarbeiter eher zur Lebensweisheit „Eile mit
von äußeren Faktoren ab, die eine Bewertung und Weile“ tendieren.
dadurch eine Entscheidung stark beeinflussen Ein weiterer Entscheidungsfaktor für die Anwen-
können. dung einer der beiden Lebensweisheiten stellt die
Im Arbeitskontext ergibt sich aus dem Kano- Dyade Mitarbeiter und Führungskraft dar. Für
Modell, dass Mitarbeiter eher zu „Wer rastet, der eine konfliktarme Zusammenarbeit und auch für
rostet“ tendieren, wenn Begeisterungs- und Leis- eine Steigerung der Produktivität ist es förderlich,
tungsmerkmale hoch sind (z. B. durch eine höhere wenn jeweils ähnlichen Heuristiken gefolgt wird.
Entlohnung oder die Übernahme von hochwertige- Diese Theorie kann durch das Gesetz von Yerkes
ren Aufgaben). Nach dem Motto „Arbeite nur – die und Dodson (1908) untermauert werden, das den
Freude kommt von selbst“ wird Zufriedenheit an der Zusammenhang von Beanspruchung und Per-
Arbeit geschaffen. formance aufzeigt. Wie in .  Abb. 15.3 dargestellt
15.6 · Fazit
129 15
15.6 Fazit

In diesem Kapitel konnte gezeigt werden, dass die


Bewertung eines Individuums und dessen Entschei-
dung, der Lebensweisheit „Wer rastet, der rostet“ oder
„Eile mit Weile“ zu folgen, von vielen äußeren Faktoren
abhängig ist. Durch die Anwendung der Sprichwör-
Leistung

ter auf psychologische Theorien konnten diese Bewer-


tungsfaktoren definiert und zudem eine Möglichkeit
aufgezeigt werden, wie man diese beeinflussen kann.
Im Arbeitskontext kann zusammenfassend gefol-
gert werden, dass durch die Erhöhung der Begeiste-
rungseffekte nach dem Kano-Modell eine Beeinflus-
sung eines Individuums zur Heuristik „Wer rastet,
Beanspruchungsniveau der rostet“ erfolgt. Nach dem Flow-Modell muss
eine optimale Anpassung zwischen Anforderung
und Fähigkeiten erreicht werden, um die gewünschte
. Abb. 15.3 Beanspruchung und Leistung nach dem Beeinflussung in Richtung „Wer rastet, der rostet“ zu
Yerkes-Dodson-Gesetz
erzielen, ansonsten kann sich die Bewertung und Ent-
scheidung in Richtung „Eile mit Weile“ hin verschie-
kann der Zusammenhang durch ein umgekehrtes ben. Nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz ist es für eine
„U“ beschrieben werden. Demzufolge wird eine opti- optimale Performance sinnvoll, wenn sowohl Mit-
male Performance bei mittlerem Beanspruchungs- arbeiter als auch Führungskraft identische Heuristi-
level erreicht. ken anwenden. Ob die Lebensweisheit „Wer rastet,
Folgen die Führungskraft und der Mitarbeiter der rostet“ oder „Eile mit Weile“ eine optimale Per-
einer ähnlichen Heuristik, empfindet der Mitarbei- formance erzielt, hängt von den jeweiligen Anforde-
ter eher ein mittleres Erregungsniveau, wodurch die rungen der Arbeit ab. So wird in einer schnellen, leis-
Produktivität und Effektivität gesteigert werden. tungsorientierten Arbeitsumgebung eher das Motto
Wenn von Führungskraft und Mitarbeiter jedoch „Wer rastet, der rostet“ zum Erfolg führen, in einer
unterschiedliche Heuristiken angewendet werden, Arbeitsumgebung, in der sichere Ergebnisse not-
kann der Mitarbeiter eher ein niedriges oder wendig sind, hingegen eher die Einstellung „Eile mit
hohes Erregungsniveau empfinden, und es kann Weile“. Ebenfalls kann durch das Verhalten einer Füh-
zu einer Unter- oder Überforderung des Mitarbei- rungskraft die Bewertung eines Mitarbeiters hinsicht-
ters kommen – in beiden Fällen nimmt die Perfor- lich seiner Arbeitseinstellung beeinflusst werden.
mance ab. Daraus lässt sich folgern, dass es auf die Situ-
Die Einstellung des Mitarbeiters kann sich aber ation des Menschen, seine Fähigkeiten und sein
auch im Laufe der Zeit ändern, wenn z. B. – wie im Erregungsniveau sowie auf die Kongruenz zwi-
Flow-Modell beschrieben – eine permanente Über- schen Selbstverbalisierung und dem Einfluss der
forderung des Mitarbeiters vorliegt. Dann würde ein Umwelt ankommt, welche Heuristik angewen-
Mitarbeiter von der bisherigen Arbeitseinstellung im det wird. Auch seine Erfahrung wird ihm den Weg
Sinne von „Wer rastet, der rostet“ eher zu „Eile mit weisen, welchem Leitspruch er folgt und welchen er
Weile“ wechseln. Für die Ausrichtung des Mitarbei- als passend empfindet – oder mit den Worten von
ters ist dabei das Führungsverhalten des Vorgesetzten Miguel de Cervantes, einem spanischen Schriftstel-
entscheidend, wie in 7 Abschn. 15.4.2 beschrieben. Im ler des 16. Jahrhunderts, ausgedrückt:
Umkehrschluss kann durch das Führungsverhalten
auch eine Beeinflussung des Mitarbeiters in Bezug » Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf
zu seiner Einstellung erfolgen. lange Erfahrung gründet.
130 Kapitel 15 · Wer rastet, der rostet

Literaturverzeichnis A meta-analysis of the literature. Journal of Vocational


Behavior 77(2), 157–167.
Burisch, M. (2010). Das Burnout-Syndrom (4. Aufl.). Berlin, Kano, N., Seraku, N., & Takahashi, F. (1984). Attractive quality
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Csíkszentmihályi, M. (1995). Flow. Das Geheimnis des Glücks. Quality Control 14(2), 147–156.
Stuttgart: Klett-Cotta. Lilienthal, M. (2001). Interpretation. Max Weber: Die protestan-
Einarsen, S., Aasland, M. S., & Skogstad, A. (2007). Destructive tische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In G. Gramm,
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The Leadership Quarterly 18(3), 207–216. Hauptwerke der Sozialphilosophie. Ditzingen: Reclam,
Herzberg, F., Mausner, B., Snyderman Bloch, B. (1959). 94–107.
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Judge, T., Piccolo, R., Podsakoff, N., Shaw, J., & Rich, B. (2010). of stimulus to rapidity of habit-formation. Journal of
The relationship between pay and job satisfaction: Comparative Neurology and Psychology18, 459–482.

15
131 V

Zufriedenheit und Glück


Kapitel 16 Jeder ist seines Glückes Schmied – 133
Lara Christoforakos

Kapitel 17 Das Glück kommt zu denen, die lachen – 141


Manuela Christine Kronseder

Kapitel 18 Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf
dem Dach – 153
Mona Maertins
133 16

Jeder ist seines Glückes Schmied


Lara Christoforakos

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_16

16.1 Einleitung und diskutiert. Weiterhin werden relevante Ergeb-


nisse wissenschaftlicher Studien dargestellt. Nach
Bereits in der Antike wurde das Glück als zentrales einer näheren Betrachtung der wissenschaftlichen
Motiv des menschlichen Handels betrachtet (Frey Grundlagen werden Empfehlungen für die Berei-
u. Schmalzried 2013). Heutzutage behaupten zahl- che der Erziehung und Wirtschaft abgeleitet und
reiche Wissenschaftler außerdem, dass das Streben abschließend ein allgemeines Fazit gezogen.
nach dem Glück ein Grundbedürfnis der Menschen
widerspiegeln würde, das auf einer genetischen Ver-
ankerung basiere und somit in jedem Menschen 16.2 Bedeutung und Relevanz
wiederzufinden sei. Es stellt sich allerdings die
Frage, inwiefern es sich lohnt, ein Leben lang nach Das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“
dem eigenen Glück zu streben, zumal keine Einig- gilt als besonders geläufig. Es impliziert, dass jeder
keit darüber herrscht, ob und in welchem Ausmaß Mensch selber für sein eigenes Glück verantwortlich
sich dieses gezielt beeinflussen lässt. Können wir ist. „Es kommt, wie es kommt“ stellt ein mögliches
überhaupt selbst unser Wohlbefinden und unsere Gegensprichwort dar, da – nach diesem Sprichwort –
allgemeine Lebenszufriedenheit herbeiführen und in der Zukunft liegende Ereignisse nicht von einer
beeinflussen, oder hängt unser Glück von Umstän- Person selbst beeinflusst werden können und man
den ab, die nicht in unserer Hand liegen? sein eigenes Glück somit nicht in der Hand hat.
Hinter dieser Frage verbergen sich die beiden Besonders im Rahmen der positiven Psychologie
beliebten, gegensätzlichen Sprichwörter „Jeder ist (Seligman 1999) wird umfangreich zu den Themen
seines Glückes Schmied“ und „Es kommt, wie es Zufriedenheit, Glück und Wohlbefinden geforscht
kommt“. Welches der beiden Sprichwörter trifft also und untersucht, inwiefern das eigene Glück bewusst
zu? Und wieso werden beide verwendet, wenn nur beeinflusst werden kann. Ebenso begegnen wir dem
eines der Wahrheit entspricht? Könnte es also sein, Sprichwort „Jeder ist des Glückes eigener Schmied“ im
dass beide Sprichwörter zutreffen, jedoch in jeweils Kontext unterschiedlicher Alltagsbereiche. Besonders
unterschiedlichen Situationen gelten? in Bezug auf mentale und körperliche Gesundheit ist
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, dessen Relevanz hervorzuheben. Beispielsweise stellt
befasst sich die vorliegende Arbeit damit, ob und in der Krebsforschung die Möglichkeit der positiven
inwiefern das Glück eines Menschen von ihm selbst Beeinflussung der Heilung durch den Patienten selbst
beeinflusst werden kann. Dabei bezieht sich die Defi- einen zentralen Forschungsgegenstand dar.
nition des Glücks nicht auf das Zusammentreffen Einen weiteren Bereich bildet die Politik. Aktuell
günstiger Ereignisse, sondern auf den Zustand positi- befassen sich Spezialisten häufig mit dem Schicksals-
ver Gemütsfassung und innerer Befriedigung. Dieser glauben („Es kommt, wie es kommt“) und dessen
wird oft mit Lebenszufriedenheit gleichgesetzt. Zu Konsequenzen, die oftmals eine wichtige Rolle bei
Beginn werden psychologische Theorien, die mit politischen Auseinandersetzungen spielen, welche
den Sprichwörtern zusammenhängen, erläutert auf religiösen Konflikten beruhen.
134 Kapitel 16 · Jeder ist seines Glückes Schmied

16.3 Psychologische Theorien Verhalten überzeugt sind. Dies wiederum führt zur
reduzierten Handlungsintention, wodurch eine Ver-
Des Weiteren hängen diverse Theorien aus der Psy- werfung oder Veränderung dieses Glaubens kaum
chologie mit dieser Thematik zusammen. Nachdem möglich ist (Bandura 1977).
diese im Folgenden kurz erläutert werden, wird
anschließend deren Bezug zu dem Sprichwort
hergestellt. 16.3.2 High-Performance-Zyklus

Das theoretische Konzept des „high performance


16.3.1 Selbstwirksamkeit cycle“ (Hochleistungszyklus; Locke u. Latham 1990,
1991) stammt aus der Organisations- und Motivati-
Das Konzept der wahrgenommenen Selbstwirk- onspsychologie und findet besonders im Arbeitskon-
samkeit (Bandura 1986, 1997) basiert auf der sozial text großen Anklang.
kognitiven Theorie von Bandura (1962). Die wahr- Es veranschaulicht, dass das Setzen spezifischer,
genommene Selbstwirksamkeit beschreibt die sub- herausfordernder Ziele zu hoher Leistung führt
jektive Überzeugung einer Person, eine gewünschte (Kleinbeck et al. 1990). Diese hohe Leistung stellt
Handlung erfolgreich ausführen zu können. Diese wiederum eine Belohnung für den Handlungsaus-
beeinflusst wiederum weitgehend das Verhalten führenden dar. Dadurch wird die Zufriedenheit
einer Person sowie die damit einhergehenden men- gesteigert, welche daraufhin das weitere Setzen von
talen Prozesse und Strukturen. Eine hohe wahr- herausfordernden Zielen mit sich bringt (Latham
genommene Selbstwirksamkeit geht also mit dem et al. 2002). Diese zirkuläre Wirkung knüpft an das
Glauben einher, aufgrund eigener Kompetenzen Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung an, da
etwas selbstständig erreichen bzw. bewirken zu Personen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwar-
können. Menschen, die über eine geringe Selbst- tung und entsprechend hohen Ansprüchen an sich
wirksamkeitserwartung verfügen, vertrauen weniger selbst gezielt herausfordernden Zielen nachgehen.
oder gar nicht darauf, auf Basis ihrer eigenen Kom- Das Erreichen dieser mündet dann in der Bestäti-
petenzen eine angestrebte Verhaltensweise zeigen zu gung oder Steigerung der Selbstwirksamkeitserwar-
können (Frey u. Jonas 2002). tung. Allerdings können aus diesem Konzept ebenso
Das Konzept der wahrgenommenen Selbstwirk- Verhaltensweisen abgeleitet werden, die auch Per-
samkeit hängt insofern mit dem Sprichwort „Jeder ist sonen ohne hohe Selbstwirksamkeitserwartung
seines Glückes Schmied“ zusammen, als dass dieses ausüben können, um diese zu steigern.
darauf hinweist, dass Menschen mit einer hohen Folglich spricht das Konzept des High-Perfor-
wahrgenommenen Selbstwirksamkeit davon über- mance-Zyklus also eher für das Sprichwort „Jeder
zeugt sind, selber Einfluss auf ihr Glück zu haben. ist seines Glückes Schmied“, da es darauf hinweist,
Aus diesem Glauben resultiert der Theorie nach auch dass das Glück, das im Rahmen des Konzepts durch
ein aktives zielgerichtetes Verhalten. Diese Verhal- Erfolg veranschaulicht wird, durch ein Setzen hoher
16 tensweisen führen somit mit hoher Wahrscheinlich- Ziele erreicht werden kann und dann verstärkend im
keit zur positiven Reaktion der Umwelt und einem Bezug auf die weitere Leistung und den entsprechen-
erfolgreichen Erreichen der gesetzten Ziele. Dieses den Erfolg wirkt.
Erfolgserlebnis kann selbstverstärkend wirken und
das Hervorbringen solcher Verhaltensweisen in der
Zukunft fördern, woraus eine weitere Steigerung 16.3.3 Gelernte Hilflosigkeit
der Selbstwirksamkeitserwartung der Person folgen
kann. Für Menschen mit einer geringeren wahr- Die sozialpsychologische Theorie der gelernten
genommenen Selbstwirksamkeit kann jedoch das Hilflosigkeit (Abramson et al. 1978; Seligman 1975)
Sprichwort „Es kommt, wie es kommt“ als reprä- befasst sich mit den Konsequenzen eines langfristi-
sentativ betrachtetet werden, da diese Menschen gen Kontrollverlustes, der wiederholt auftritt. Nach
nicht von einem bewussten, eigenen Einfluss auf ihr Frey und Jonas (2002) entsteht ein Kontrollverlust,
16.4 · Empirische Befunde
135 16
wenn wider Erwarten positive Ereignisse nicht her- nämlich zum Großteil von der eigenen Leistung ab
beigeführt oder beibehalten werden bzw. negative (Locke u. Latham 1990), die man bei gegebener Intel-
Ereignisse nicht reduziert oder vermieden werden ligenz durch Anstrengung und Erweiterung der Fer-
können. Im Falle einer chronischen Erfahrung des tigkeiten direkt beeinflussen kann. Deshalb spricht
fehlenden Zusammenhangs zwischen dem eigenen man diesbezüglich von einer veränderbaren Welt.
Verhalten und dessen Konsequenzen tritt ein Der Bereich der persönlichen Gesundheit hängt
enormer Kontrollverlust auf. Dies passiert vor allem jedoch oft nicht von dem Menschen selbst ab, obwohl
dann, wenn diese Erfahrung nicht erklärt, auf spezi- durch präventives Verhalten viel Positives erreicht
fische Situationen beschränkt oder durch Verände- bzw. Negatives verhindert werden kann. Folglich
rung der eigenen Einstellung gegenüber der Situation bezieht sich die Gültigkeit des Sprichworts „Jeder
bewältigt werden kann und kann zu einem Zustand ist seines Glückes Schmied“ eher auf veränderbare
der gelernten Hilflosigkeit führen. Daraus folgt die Welten, während „Es kommt, wie es kommt“ eher im
Abnahme der Motivation, Einfluss auf Situationen Kontext unveränderbarer Welten zutrifft.
nehmen zu wollen. Ebenso resultiert daraus eine
Einschränkung der Fähigkeit, Zusammenhänge
zwischen Handlungen und deren Ergebnissen zu 16.4 Empirische Befunde
lernen, sowie eine emotionale Beeinträchtigung, die
beispielsweise in einer Depression münden kann Im Rahmen der zuvor behandelten Theorien wurden
(Abramson et al. 1978; Seligman 1975). bereits einige wissenschaftliche Befunde genannt.
Der Theorie nach zeichnet sich der Attributi- Im Folgenden werden weitere Studienergebnisse
onsstil der Personen im Zustand der gelernten Hilf- zum Thema Glück und dessen Beeinflussbarkeit
losigkeit durch eine internale, stabile und globale vorgestellt, die über die Überprüfung der Theorien
Ursachenzuschreibung der Probleme aus. Das hinausreichen, und in Bezug auf das Sprichwort
bedeutet, dass sie die Ursache von Problemen in interpretiert.
sich selbst sehen, glauben, dass das Problem unver-
änderlich ist, und dieses übergreifend auf jegliche
Situationen beziehen (Stiensmeier-Pelster 1988). 16.4.1 Glück durch persönliche
Dementsprechend repräsentieren Personen im Variablen
Zustand der gelernten Hilflosigkeit eher das Sprich-
wort „Es kommt, wie es kommt“, da sie aufgrund Zahlreiche Forschungsergebnisse deuten ähnlich wie
ihres typischen Attributionsstils nicht an ihren per- in einigen zuvor präsentierten psychologischen The-
sönlichen Einfluss auf Verhaltensergebnisse glauben. orien darauf hin, dass das subjektive Glück der Per-
sonen von inneren Variablen abhängt.
Es konnte beispielsweise gezeigt werden, dass
16.3.4 Veränderbare und Personen mit einer hohen wahrgenommenen Selbst-
unveränderbare Welten wirksamkeit eine schwächere Stressreaktion sowie
geringere Anfälligkeit gegenüber psychischen Stö-
Wenn man der Frage nachgeht, ob man sein Glück rungen aufweisen. Zudem zeigen diese Personen
beeinflussen kann, ist die Auseinandersetzung laut Studien ein stärkeres bewältigendes Verhalten,
mit der Unterscheidung zwischen veränderbaren woraus die Steigerung des eigenen Glücks resultieren
und unveränderbaren Welten unabdingbar. Diese kann (Bandura 1977, 1982; Bandura u. Adams 1977;
Differenzierung ist essenziell, zumal in einigen Bandura et al. 1982). Personen im Zustand erlernter
Lebensbereichen Veränderungen sowie eine persön- Hilflosigkeit scheinen hingegen tatsächlich schneller
liche Beeinflussung möglich sind, während dies in aufzugeben und ihre Ziele mühsamer zu erreichen
anderen nicht der Fall ist (Frey u. Jonas 2002). (Taylor et al. 2014). Die Studie von Mohanty (2014)
Um dieses Konzept zu veranschaulichen, erschei- liefert weiterhin einen Beleg dafür, dass das Glück der
nen besonders die beiden Bereiche Berufserfolg und Menschen von internalen Faktoren abhängt. Diese
Gesundheit passend. Der Erfolg im Beruf hängt konnte nämlich zeigen, dass die Lebenseinstellung
136 Kapitel 16 · Jeder ist seines Glückes Schmied

weitaus mehr als das Einkommen für das empfun- sportlicher Betätigung und Mahlzeiten mit der
dene Glück verantwortlich ist. Familie zusammenhängt (Lambert et al. 2014). Auch
Darüber hinaus implizieren Ergebnisse wissen- Dolan et al. (2014) konnten belegen, dass Lebens-
schaftlicher Studien einen positiven Zusammenhang zufriedenheit durch Sport gesteigert werden kann.
von Religiosität und Glück (Abdel-Khalek 2014; Dies impliziert, dass Personen durch Bemühungen
Bixter 2014). im Rahmen der Gestaltung ihres Alltags ihr Glück
Diese Befunde unterstreichen, dass das subjek- steigern können.
tive Glück hauptsächlich in veränderbaren Welten, Ebenso zeigen Forschungsergebnisse aus dem
beispielsweise durch einen ausreichenden Grad an Bereich der positiven Psychologie (Seligman 1999),
Selbstwirksamkeitserwartung, aber auch in unver- dass das persönliche Wohlbefinden bewusst durch
änderbaren Welten durch eine positive Einstellung unterschiedliche Praktiken der positiven Psycholo-
beeinflusst werden kann. Daraus lässt sich allerdings gie von der eigenen Person beeinflusst werden kann
auch ableiten, dass eine durch ungünstige Erfahrun- (Fredrickson et al. 2008).
gen entstandene, niedrige Selbstwirksamkeit und Folglich lässt sich aus den Ergebnissen interpre-
pessimistische Einstellung dem Leben gegenüber tieren: „Jeder ist seines Glückes Schmied“.
sogar in veränderbaren Welten einer Steigerung des
subjektiven Glücks entgegenwirken kann.
Weitere wissenschaftliche Befunde unterstüt- 16.5 Diskussion
zen die Ansicht, dass das Glück einer Person nur
beschränkt von ihr selbst beeinflusst werden kann, Die Auseinandersetzung mit den relevanten psy-
zumal es teilweise bereits vor der Entwicklung der chologischen Theorien sowie Studienergebnissen
zuvor genannten persönlichen Variablen wie der zeigt, dass die Frage, ob das Sprichwort immer gültig
wahrgenommenen Selbstwirksamkeit feststeht. ist, d. h. zutrifft, nicht einfach zu beantworten ist.
Lykken und Tellegen (1996) konnten beispielsweise Viel eher ist zwischen Personen und Situationen zu
zeigen, dass Unterschiede in der Lebenszufriedenheit unterscheiden.
von Personen zu einem erheblichen Anteil genetisch
zu begründen sind.
Weiterhin hängt nach Heller et al. (2004) die 16.5.1 Gültigkeit des Sprichworts
Lebenszufriedenheit u. a. von der Persönlichkeit des
Menschen ab. Die Persönlichkeit gilt in der Psycho- Das Konzept der Selbstwirksamkeit sowie der gelern-
logie als Gesamtheit von Merkmalen, durch die sich ten Hilflosigkeit deuten darauf hin, dass die Gültigkeit
Personen voneinander unterscheiden. Diese wird eines Sprichworts von der jeweils betrachteten Person
über die Zeit und Situation hinweg als relativ stabil abhängt. Personen mit hoher Selbstwirksamkeit sind
betrachtet (Fisseni 1998). davon überzeugt, Handlungsergebnisse beeinflussen
Derartige Befunde deuten darauf hin, dass inter- zu können und weisen demnach eine hohe Hand-
nale Faktoren wie die eigenen Gene, die der Mensch lungsmotivation auf (Frey u. Irle 2002b), sodass das
16 selbst nicht beeinflussen kann, eine entscheidende Erreichen von gewünschten Verhaltensergebnissen
Rolle im Bezug auf das subjektive Glück spielen. und somit des persönlichen Glücks wahrscheinlicher
sind. Personen mit niedriger Selbstwirksamkeitser-
wartung oder sogar im Zustand der gelernten Hilflo-
16.4.2 Glück durch Verhalten sigkeit jedoch glauben, ihr Glück nicht beeinflussen
zu können. In dem Fall repräsentiert das Sprichwort
Ebenso existieren Studien, die darauf hindeuten, dass „Es kommt, wie es kommt“ nicht nur deren Einstel-
Personen durch ihr eigenes Verhalten ihrem Glück lung, sondern auch die Realität, zumal diese Personen
den Weg bereiten können. dank ihrer Überzeugung keine Versuche unterneh-
In einer Studie konnte beispielsweise gezeigt men, gewünschte Ziele zu erreichen. Dies wiederum
werden, dass Glück positiv mit intakten familiä- führt zu einer erheblich gesenkten Wahrscheinlichkeit
ren Beziehungen, Freundschaften, regelmäßiger des Auftretens dieser Ergebnisse. Diese theoretischen
16.5 · Diskussion
137 16
Konzepte sprechen für eine Abhängigkeit des Glücks Im Rahmen veränderbarer Welten kann also
von persönlichen Faktoren der Person, die auf der jeder durch das gezielte Ausüben gewisser Verhal-
Erziehung und weiteren einschlägigen Erfahrungen tensweisen seines Glückes Schmied sein. Eine güns-
im Leben basieren. tige genetische Veranlagung und eine eher hohe
Das Konzept des High-Performance-Zyklus Selbstwirksamkeitserwartung sind dabei beson-
weist allerdings darauf hin, dass Personen unabhän- ders förderlich. Trotzdem können selbst bei Abwe-
gig von ihrer Selbstwirksamkeitserwartung durch senheit dieser Voraussetzungen Verhaltensweisen
gezielte Verhaltensweisen ihres Glückes Schmied erlernt werden, um eine hohe Selbstwirksamkeit zu
sein können. erlangen und das eigene Glück zu beeinflussen. Im
Die theoretische Differenzierung zwischen verän- Rahmen unveränderbarer Welten kommt es meis-
derbaren und unveränderbaren Welten veranschau- tens, wie es kommt – teilweise unabhängig von per-
licht die Tatsache, dass es Lebensbereiche, z. B. die sönlichen Voraussetzungen, da bestimmte Aspekte
Gesundheit des Menschen, gibt, die nur beschränkt des Lebens nicht in unserer Hand liegen. Innerhalb
von der eigenen Person kontrollierbar sind, unab- dieser Grenzen kann trotzdem jeder durch die Ver-
hängig von der persönlichen Einstellung. Auch die änderung von Umständen, die Aneignung von för-
Umwelt, in die man hineingeboren wird, bestimmt im derlichen Verhaltensweisen und die Anpassung
Laufe des Lebens viele Komponenten des subjektiven der eigenen Einstellung zu seines Glückes Schmied
Glücks einer Person. Daraus lässt sich schließen, dass werden.
der Mensch hauptsächlich im Rahmen veränderba-
rer Welten für sein Glück verantwortlich ist.
Konzepte wie die Selbstwirksamkeitserwartung, 16.5.2 Streben nach Glück
die Einstellung und die Religiosität eines Menschen
wirken unterstützend im Sinne der Aussage, dass In Anbetracht der Tatsache, dass eine Beeinflus-
subjektives Glück u. a. von persönlichen, durch frühe sung des subjektiven Glücks in einem erheblichen
Erlebnisse geformten Faktoren abhängig ist. Zuvor Ausmaß möglich scheint, stellt sich zuletzt die Frage,
erläuterte wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, dass inwiefern dieses Wissen förderlich für die mentale
eine solche Aussage durchaus berechtigt ist. Perso- Gesundheit des Menschen ist.
nen mit einer positiven Ausprägung in Bezug auf Besonders in westliche Kulturen, in denen das
die Selbstwirksamkeit und die persönliche Einstel- Streben nach Glück eines der zentralen Lebensziele
lung sind scheinbar eher ihres Glückes Schmied darstellt, kann das Wissen, sein eigenes Glück zum
als andere. Allerdings entscheiden nicht nur diese Großteil in der Hand zu haben, zu einer verzwei-
internalen Faktoren darüber, wie glücklich man ist. felten Suche und Bemühung führen. Trotz des posi-
Laut weiteren Studienergebnissen spielen Genetik tiven Endziels kann der Weg dahin das subjektive
und Persönlichkeit eine erhebliche Rolle in Bezug Wohlbefinden deutlich reduzieren. So konnten Ford
auf das subjektiv empfundene Glück. Des Weite- et al. (2014) zeigen, dass ein besonders ausgepräg-
ren existieren auch Studienergebnisse über Verhal- tes Streben nach Glück mit einer höheren Anzahl an
tensweisen wie Sport oder Achtsamkeitspraktiken, depressiven Symptomen einhergeht. Weiterhin gilt,
die das subjektive Glück steigern können, weshalb entsprechend der Achtsamkeitslehre, das perma-
das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ nente Streben nach einem in der Zukunft liegenden
als wissenschaftlich untermauert betrachtet werden Zustand als nicht förderlich für die mentale Gesund-
kann. Der Mensch hat also, unabhängig von seiner heit (Kabat-Zinn 2010).
genetischen Veranlagung oder internalen Faktoren, In diesem Sinne sollte man streng zwischen
bei deren Entwicklung er selbst nicht immer mitwir- beeinflussbaren und unbeeinflussbaren Situationen
ken kann, die Möglichkeit sogar in unveränderba- unterscheiden und die Bemühungen, sein subjekti-
ren Welten seines Glückes Schmied zu sein. Konkrete ves Glück zu steigern, im Rahmen unveränderba-
Verhaltensweisen und Praktiken der positiven Psy- rer Bereiche hauptsächlich auf die eigene Einstel-
chologie können dabei die bewusste Steigerung des lung beschränken. Denn mindestens so wichtig wie
eigenen Glücks unterstützen. das Wissen, sein Glück selbst in der Hand zu haben,
138 Kapitel 16 · Jeder ist seines Glückes Schmied

ist auch das Erlernen der Fähigkeit, loszulassen, um 16.6.2 Wirtschaft


bewusst im Augenblick leben zu können, ohne die
Dinge zu erzwingen. Neben der Förderung der Gesundheit der Mitarbei-
ter eines Unternehmens lohnt sich die Steigerung
ihrer Lebenszufriedenheit für Unternehmen u. a.,
16.6 Implikationen für die Praxis weil die Leistung der Mitarbeiter stark mit ihrer
Zufriedenheit zusammenhängt (Judge et al. 2001).
Wissenschaftlichen Ergebnissen zufolge zeichnen Abgeleitet vom Konzept der Selbstwirksamkeit sind
sich glücklichere Menschen durch einen besseren unmittelbares und konkretes Feedback sowie die
gesundheitlichen Zustand aus (Lyubomirsky et al. Darbietung von Belohnungen, z. B. nach erfolg-
2005). Da den psychologischen Theorien sowie den reich gemeisterten Projekten, innerhalb der Unter-
empirischen Studien zufolge das Glück der Menschen nehmen sehr zu empfehlen. Durch diese Art der
zum Großteil beeinflussbar ist, ist die Ableitung Informationsvermittlung wird ein direkter Zusam-
von Empfehlungen für zentrale Lebensbereiche menhang von Verhalten und Handlungsergebnis-
essenziell. Besonders die Bereiche der Erziehung sen hergestellt und somit die Selbstwirksamkeit der
sowie der Wirtschaft bieten sich dafür an. Mitarbeiter gesteigert. Davon profitieren auch die
Unternehmen, da eine gesteigerte Selbstwirksamkeit
eine erhöhte Handlungsmotivation mit sich bringt.
16.6.1 Erziehung Nach Latham und Locke (1991) kann dieser Effekt in
Kombination mit der Setzung von herausfordernden
Eine Vielzahl von persönlichen Faktoren, die für Zielen zu einem High-Performance-Zyklus führen
das empfundene Glück entscheidend sind, werden und somit in einer gesteigerten Leistung der Mitar-
bereits in jungen Jahren entwickelt und gefestigt. beiter resultieren.
Besonders die Selbstwirksamkeitserwartung ist Weiterhin sollten innerhalb der Unternehmen
in diesem Zusammenhang hervorzuheben. Nach veränderbare und unveränderbare Bereiche klar
Bandura (1977, 1986) gelten Bewältigungserfolge definiert werden. Ein klares Verständnis darüber,
einer Aufgabe als zentrale Informationsgrundlage welche Realitäten veränderbar sind und welche nicht,
für die Selbstwirksamkeitserwartung. Entsprechend ermöglicht den gezielten Einsatz von Ressourcen in
sollten Eltern ihren Schützlingen die Möglichkeit Bereichen, in denen sich eine Bemühung zur Verän-
geben, Aufgaben selbst zu bewältigen. Neben dem derung lohnt („change it“). Realitäten, deren Verän-
Erfolgserlebnis, das die Selbstwirksamkeit des Kindes derung nicht möglich ist, sollten hingegen akzeptiert
steigert, gilt auch die verbale Informationsvermitt- („love it“) oder ignoriert („leave it“) werden (Frey u.
lung im Bezug auf ihren Erfolg als äußerst wichtig. Jonas 2002). Dadurch ergibt sich die Möglichkeit,
Um den Zusammenhang der eigenen Handlung und durch die erfolgreiche Anpassung veränderbarer
deren Konsequenzen zu verdeutlichen, empfiehlt Bereiche Glück herbeizuführen und durch die Akzep-
sich außerdem eine Ausführung von Bewältigungs- tanz oder Ignoranz von unveränderbaren Bereichen
16 verhalten der Eltern vor den Augen ihres Kindes. Unglück zu vermeiden, das bei dem vermeintlichen
Denn stellvertretendes Verhalten kann besonders in Versuch, diese zu verändern, entstanden wäre.
Verhaltensbereichen, die dem Kind unbekannt sind, Eine weitere Empfehlung zur Förderung des
sehr lehrreich sein (Frey u. Irle 2002a). Glücks der Mitarbeiter könnte die Darbietung von
Basierend auf den Studienergebnissen von Raum und Zeit für sportliche Betätigung beispiels-
Lambert et al. (2014) fördern intakte familiäre Bezie- weise im Anschluss an die Arbeit sein. Auch die
hungen und gemeinsame Mahlzeiten der Familie Ermutigung zur Entspannung durch Praktiken der
weiterhin das subjektive Glück. Außerdem ist eine positiven Psychologie innerhalb von Abendkursen
Heranführung des Kindes an regelmäßige sportli- oder Wochenendseminaren, die vonseiten des Unter-
che Betätigung in diesem Sinne sehr zu empfehlen nehmens organisiert werden, wäre eine vorstellbare
(Dolan et al. 2014). Möglichkeit.
Literaturverzeichnis
139 16
16.7 Fazit Bandura, A. (1977). Self-efficacy: toward a unifying theory of
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des Menschen. Da dies eine besonders zentrale und Prentice Hall.
Bandura, A. (1997). Self-efficacy. The exercise of control. New
alltägliche Thematik repräsentiert, sind diese Sprich-
York: Freeman.
wörter auch äußerst geläufig. Bandura, A., & Adams, N. E. (1977). Analysis of self-efficacy
Insgesamt scheint die Beeinflussbarkeit des theory of behavioral change. Cognitive Therapy and
Glücks deutlich von im Laufe des Lebens geform- Research 1(4), 287–310.
ten persönlichen Faktoren abzuhängen. Menschen Bandura, A., Reese, L., & Adams, N. E. (1982). Microanalysis of
action and fear arousal as a function of differential levels
mit einer hohen Selbstwirksamkeit haben durch eine
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hohe Handlungsmotivation z. B. einen größeren Ein- Psychology 43(1), 5–21.
fluss auf ihr Glück. Außerdem spielt die Genetik in Bixter, M. T. (2015). Happiness, political orientation, and reli-
diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle und giosity. Personality and Individual Differences 72, 7–11.
schränkt die Beeinflussbarkeit des Glücks teilweise Dolan, P., Kavetsos, G., & Vlaev, I. (2014). The happiness work-
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ein. Ebenso kann der Mensch im Rahmen unverän-
Fisseni, H.-J. (1998). Persönlichkeitspsychologie. Göttingen:
derbarer Welten, z. B. hinsichtlich seiner Gesundheit, Hogrefe.
sein Glück nur in geringem Ausmaß beeinflussen. Ford, B. Q., Shallcross, A. J., Mauss, I. B., Floerke, V. A., &
Allerdings scheinen Verhaltensweisen zu exis- Gruber, J. (2014). Desperately seeking happiness: Valuing
tieren, die eine positive Wirkung in Bezug auf Glück happiness is associated with symptoms and diagnosis
of depression. Journal of Social and Clinical Psychology
haben. Beispielsweise erzeugt das Setzen von her-
33(10), 890–905.
ausfordernden Zielen durch eine zirkuläre Wirkung Fredrickson, B. L., Cohn, M. A., Coffey, K. A., Pek, J., & Finkel,
Glück durch Erfolg. Ebenso scheint sportliche Betä- S. M. (2008). Open hearts build lives: positive emotions,
tigung die Lebenszufriedenheit zu steigern. Des induced through loving-kindness meditation, build
Weiteren unterstützen zahlreiche Befunde aus der consequential personal resources. Journal of Personality
and Social Psychology 95(5), 1045–1062.
positiven Psychologie, dass selbst in Bezug auf unver-
Frey, D., & Irle, M. (2002a). Theorien der Sozialpsychologie, Band
änderbare Welten und tragische Schicksalsschläge II: Gruppen-, Interaktions- und Lerntheorien. Bern: Huber.
Praktiken erlernt werden können, die dem Menschen Frey, D., & Irle, M. (2002b). Theorien der Sozialpsychologie, Band
dazu verhelfen, sein subjektives Glück zu steigern. III: Motivations-, Selbst-, und Informationsverarbeitungs-
Folglich ist eine Entscheidung für eines der beiden theorien. Bern: Huber.
Frey, D. & Jonas, E. (2002). Die Theorie der kognizierten
Sprichwörter nicht ausnahmslos möglich, denn:
Kontrolle. In D. Frey, & M. Irle (Hrsg.), Theorien der. Sozial-
psychologie, Band III: Motivations-, Selbst-, und Informa-
» Das Schicksal mischt die Karten, aber wir tionsverarbeitungstheorien (S. 13–50). Bern: Huber.
spielen. (Arthur Schopenhauer) Frey, D., & Schmalzried, L. (2013). Die Tugendethik. In D. Frey,
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140 Kapitel 16 · Jeder ist seines Glückes Schmied

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16
141 17

Das Glück kommt zu denen, die lachen


Manuela Christine Kronseder

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_17

17.1 Einleitung: Glück als (Anerkennung und Wertschätzung, soziale Bedürf-


höchstes Gut nisse, Sicherheit, Grundbedürfnisse) erfüllt sein
müssen, damit der Mensch Zufriedenheit erlangt,
Das Streben nach Glück ist seit jeher eines der zent- führt erst die Erfüllung der Selbstverwirklichung
ralen Motive, das uns Menschen beschäftigt. Bereits darüber hinaus auch zu Glück (Maslow 1943).
in der antiken Philosophie kommt Aristoteles (384– Nun ist es verständlich, dass wir uns stark mit
322 v. Chr.) im Rahmen seiner nikomachischen der eigenen Zufriedenheit, der Selbstverwirklichung,
Ethik zu dem Schluss, Glückseligkeit sei das höchste und unserem persönlichen Glück auseinandersetzen.
Gut menschlichen Handelns (Frey u. Schmalzried Jedoch darf darüber hinaus auch unsere moralische
2013). Nach der Weltanschauung des Hedonismus, Pflicht und Verantwortung nicht vergessen werden,
welcher in der Antike durch Aristippos von Kyrene deren Erfüllung uns eventuell nicht unmittelbar
(ca. 435–355 v. Chr.) begründet wurde, geht es im glücklicher macht.
Leben darum, die begrenzte Zeitspanne, die uns zur Auch in der modernen Literatur steht das Thema
Verfügung steht, möglichst optimal und erfüllend zu Glück immer wieder im Fokus des allgemeinen Inte-
gestalten. resses. Der Suche nach dem persönlichen Glück
Besonders, wenn wir Menschen uns unserer wurde und wird – damals wie heute – eine große
Sterblichkeit bewusst werden, verstärkt sich unser Bedeutung beigemessen. Im Rahmen dessen stellen
Wunsch, aus dem einen Leben das Beste zu machen sich einige Fragen, so z. B.: „Was muss ich tun, damit
(Wewetzer 2012). Sogar in der Präambel der ame- das Glück zu mir kommt? Muss oder soll ich denn
rikanischen Unabhängigkeitserklärung wird neben überhaupt etwas tun? Oder ist es ganz und gar dem
dem Recht auf Leben und Freiheit das Streben nach Schicksal überlassen, ob ich Glück oder Pech im
Glück als unabdingbares Recht genannt (Declaration Leben habe?“
of Independence of the United States of America, July
4, 1776; DHM 2015).
Aus den genannten Aspekten lässt sich ablei- 17.1.2 Begriffsklärung und
ten, dass allen Zielen, die wir im Leben verfolgen, der wissenschaftliche
Wunsch übergeordnet steht, glücklich zu sein. Alles was Forschungsbereiche
wir tun, welche Entscheidungen wir treffen, wie wir uns
unseren Mitmenschen gegenüber verhalten, dient also In der Wissenschaft werden häufig die Begriffe sub-
letztlich dem großen Ziel, das eigene Glück zu finden. jektives Wohlbefinden oder Lebenszufriedenheit
verwendet, wenn es darum geht, was wir im Alltag
schlicht und einfach als Glück bezeichnen. Im Fol-
17.1.1 Selbstverwirklichung als Weg genden werden die Begriffe weitgehend synonym
zum Glück verwendet. Es geht dabei um den Zustand, der zu
psychischer Gesundheit führt und positive Emotio-
Maslow (1943) führt die Selbstverwirklichung nen und Gedanken in uns hervorruft. Glück ist hier
als höchste Stufe in seiner Bedürfnishierar- in erster Linie als langfristige Lebenszufriedenheit
chie auf. Während die darunterliegenden Stufen zu verstehen und weniger als spontanes Zufallsglück.
142 Kapitel 17 · Das Glück kommt zu denen, die lachen

Die sog. Glücksforschung beschäftigt sich damit, es lohnenswert ist, sich mit dem Thema Glückssuche
welche Merkmale glückliche Menschen gemeinsam zu beschäftigen, und wie wir diese Erkenntnisse im
haben und welches die Faktoren sind, die zu mehr Alltag nutzen können.
Lebenszufriedenheit führen. Da es im Zuge dessen
schwer fällt, Ursache und Wirkung eindeutig vonein-
ander zu unterscheiden, sprechen Forscher auch von 17.2 Bedeutung und Interpretation
den Korrelaten des Glücks. Zu diesen zählen materi- des Sprichworts
eller Wohlstand und gesellschaftlicher Status, sowie
stabile soziale Beziehungen und eine feste Partner- Die japanische Weisheit „Das Glück kommt zu
schaft, aber auch Religiosität und das Übernehmen denen, die lachen“ kann als Aufforderung inter-
von Weltanschauungen (Hartmann et al. 2002). Um pretiert werden, dass man mit einem Lachen im
die subjektiv empfundene Lebensqualität zu messen, Gesicht durchs Leben gehen sollte, um glücklicher
hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen und zufriedener zu werden.
Quality-of-Life-Test entwickelt, der sieben Dimen- Bei dieser Interpretation sind zwei wichtige Aus-
sionen der Lebenszufriedenheit abdeckt: Physis, sagen enthalten: Zum einen, dass Lachen und sub-
Psyche, Unabhängigkeit, soziale Beziehungen, jektives Wohlbefinden entscheidend sind für unsere
Umwelt, Spiritualität und Lebensqualität (Anger- mentale Gesundheit und das wahrgenommene
meyer et al. 2000). Glück. Zum anderen, dass es Eigeninitiative und
Ein noch relativ neuer Forschungsbereich der Handlung, aber auch eine gewisse Grundeinstellung
Psychologie, die sog. positive Psychologie, beschäf- erfordert, um Glück zu erlangen. Möchte jemand bei-
tigt sich mit den Ressourcen des psychisch gesunden spielsweise einen guten Freund aufheitern, der gerade
Menschen. Damit steht sie der klassischen Psycho- traurig auf den Boden starrt oder grimmig drein-
logie gegenüber, die sehr defizitorientiert arbeitet. schaut, so fällt gelegentlich der Satz: „Lach doch mal!“
Martin Seligman, renommierter US-Psychologe Damit möchte man beim Gegenüber bewirken, dass
und einer der Hauptvertreter im Bereich der posi- sich dieser besser fühlt und an etwas Schöneres denkt.
tiven Psychologie, greift in seinem Bestseller Der
Glücks-Faktor (2005) das Motto „Das Leben ist zu
kurz, um unglücklich zu sein“ auf. Man sollte also 17.2.1 Subjektives Wohlbefinden
seine kostbare Lebenszeit nicht damit verschwen-
den, auf das Zufallsglück zu hoffen, das irgend- Ein klassisches Experiment in der Sozialpsychologie
wann geschieht oder auch nicht, sondern selbst beweist, dass es tatsächlich helfen kann, zu lächeln,
aktiv werden und so das eigene Schicksal in positi- um sich in eine positivere Stimmung zu versetzen.
ver Weise beeinflussen. Schon Großmutter wusste: Da sich unsere Mimik auf die Emotionserzeugung
„Jeder ist seines Glückes Schmied“ (7 Kap. 16). Man im Gehirn auswirken kann, steigt mit einem bewusst
sollte demnach auf der Suche nach dem Glück am glücklichen, freudig strahlenden Gesichtsausdruck
besten selbst die Initiative ergreifen und den ersten oft auch die Stimmung (Hartmann et al. 2002).
Schritt tun. Strack et al. (1988) forderten ihre Probanden auf,
Das vorliegende Kapitel beschäftigt sich mit der einen Bleistift im Mund zu halten. Der Stift wurde
Frage, ob der Mensch sein Glück selbst in der Hand dabei quer zwischen die Zähne genommen, wobei
17 hat und wenn ja, auf welche Art und Weise er es am unbewusst die Mundwinkel nach oben gezogen
besten erreichen kann. Anhand verschiedener psy- und dieselben Muskelpartien aktiviert werden, mit
chologischer Theorien sollen das Sprichwort „Das denen wir lächeln. Die Probanden fanden gezeigte
Glück kommt zu denen, die lachen“ und das Gegen- Comics mit dem Bleistift zwischen den Zähnen lus-
sprichwort „Je mehr er [der Mensch] nach Glück tiger und berichteten bessere Stimmung als die Ver-
jagt, umso mehr verjagt er es auch schon“ gegen- gleichsgruppe, die den Stift längs zwischen den Lippen
übergestellt und interpretiert werden. Des Weiteren hielt (was eher zu nach unten gezogenen Mundwin-
werden entsprechende empirische Befunde vorge- keln führt, ein Lächeln also verhindert und negative
stellt. Schließlich wird darauf eingegangen, warum Stimmung induziert). Das Anspannen der Muskeln,
17.2 · Bedeutung und Interpretation des Sprichworts
143 17
die üblicherweise für einen lächelnden Gesichtsaus- Umständen. Die Ursachen für Glück oder Unglück
druck verwendet werden, löste dabei positive Emotio- liegen demnach überwiegend in der externen
nen aus, auch wenn den Probanden nicht bewusst war, Umwelt, in der wir uns bewegen.
dass durch den Gesichtsausdruck ein Lächeln erzeugt Das Sprichwort „Das Glück kommt zu denen, die
werden sollte. Es scheint sich dabei um ein inneres lachen“ legt jedoch nahe, dass es nicht nur Zufall ist,
Zusammenspiel zwischen dem emotionalen Stimu- wie gut es uns geht, sondern dass es durchaus auch
lus und der Motorik zu handeln, bei dem Kognition an der Person selbst und deren Einstellung und Ver-
nicht zwingend beteiligt sein muss (Strack et al. 1988). haltensweisen liegt, wie viel Glück ihr widerfährt. Ein
Auch weitere Untersuchungen konnten zeigen, bekannter Ausspruch des Münchner Komikers und
dass sowohl Mimik als auch Körperhaltung beein- Schauspielers Karl Valentin lautet „Ich freue mich,
flussen, wie wir uns fühlen und selbst wahrnehmen. wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue,
Das sog. Phänomen des Embodiments wird auch in regnet es auch“.
psychologischen Coachings oder in der Körperthera- Demzufolge kommt es weniger auf die äußeren
pie angewandt (Amrhein 2015). Eine aufrechte Kör- Umstände und die Geschehnisse in der Umwelt an
perhaltung und ein Lächeln im Gesicht zeigen nicht als vielmehr auf die Perspektive und die persönliche
nur unseren Mitmenschen, dass wir selbstbewusst emotionale und kognitive Bewertung als positiv oder
und gut gelaunt sind, sie können im Umkehrschluss negativ. Schon als Kind lernt man: „Wie man in den
auch erst die Wahrnehmung solcher Gefühle und Wald hineinruft, so schallt es heraus“. Wer also mit
Emotionen bei uns selbst hervorrufen. Schon unsere einer positiven Grundeinstellung auf seine Mitmen-
Großeltern wussten: „Lachen ist die beste Medizin“. schen zugeht, auf den wird mit größerer Wahrschein-
In der Praxis wird dies recht anschaulich beim sog. lichkeit auch dementsprechend reagiert.
Lachyoga deutlich: Dabei wird davon ausgegangen, Hierzu gibt es auch eine wissenschaftliche Erklä-
dass willentliches „gestelltes“ Lachen zu tatsächlichem rung: Sogenannte Spiegelneuronen sind Nervenzel-
unwillkürlichem Lachen führen kann, was wiederum len im Gehirn, die beim Betrachten von Handlungen
verschiedene positive körperliche und psychische Aus- das gleiche Aktivitätsmuster zeigen wie bei deren Aus-
wirkungen hat. Su-Schroll et al. (2013) führten eine führung. Sie spielen eine Rolle bei Verhaltensmustern
Untersuchung an Schmerzpatienten mit komorbider wie Imitation und Mitgefühl. Aufgrund dieser Spie-
Depression durch, bei welcher diese eigenmotiviert gelneuronen fällt es uns schwer, einem Lächeln nicht
an Lachyoga-Stunden teilnahmen. Sie kamen zu dem auch selbst wiederum mit einem Lächeln zu begegnen
Ergebnis, dass damit kurzfristig eine Schmerzreduk- (Lauer 2007). Das eigene Glück hängt also stets auch
tion und langfristig eine signifikante Stimmungsauf- eng mit dem sozialen Umfeld zusammen.
hellung bei den Patienten erzielt werden konnte. Damit Dostojewski interpretierte den Ausspruch in der
kann die Forschung also das Sprichwort „Das Glück Bibel „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ in dem
kommt zu denen, die lachen“ bestätigen. Man sollte Sinne, dass man zunächst einmal sich selbst lieben
hier jedoch differenzieren: Die Aufforderung zum muss, um seinen Nächsten lieben zu können (Watz-
Lachen kann bei vorhandener psychischer Gesund- lawick 1983). Übertragen auf das Glück bedeutet das:
heit über eine Phase der Trauer oder schlechten Laune „Das Glück kommt zu den Glücklichen“. Geht man
hinweghelfen. Wird die gleiche gut gemeinte Aufforde- nämlich vom umgekehrten Fall aus, also jemandem
rung jedoch an einen Depressiven gerichtet, so kann sie der mit sich selbst, aber auch der Welt um ihn herum
sogar die gegenteilige Wirkung haben und das Wohlbe- gänzlich unzufrieden ist, so wird sich das soziale
finden des Betroffenen noch weiter vermindern. Umfeld von dieser Person eher abwenden. Ist man
hingegen mit sich selbst und dem eigenen Leben
zufrieden und strahlt dies auch aus, so wenden sich
17.2.2 Grundeinstellung und Verhalten die Mitmenschen dieser Person auch vermehrt zu.
„Das Glück kommt zu denen, die lachen“ hat somit
Wenn es um Glück geht, assoziieren wir dieses oft in dem Sinne Gültigkeit, dass zum einen ein Lächeln –
mit Ausdrücken wie „Glück haben“ im Sinne von uns stellvertretend für Mimik, Körperhaltung und im
wohlgesinntem Schicksal oder zufälligen günstigen weiteren Sinne körperliche Gesundheit –durch
144 Kapitel 17 · Das Glück kommt zu denen, die lachen

interne biologische Prozesse zu positiver Stimmung dieser Suche auf das Glück konzentriert, oder ver-
und einem gesteigerten Wohlbefinden führen kann. sucht, eben gerade dies nicht zu tun.
Zum anderen bewirkt das Lachen aber auch eine Passend hierzu existiert eine buddhistische Weis-
Reaktion im sozialen Umfeld: Im Sinne der Rezip- heit, die besagt „Es gibt keinen Weg zum Glück. Glück-
rozität kommt es zu einem Aufschaukelungsprozess, lich sein ist der Weg“. Nach dem Prinzip „Der Weg
der dazu führt, dass das eigene Lachen vom Gegen- ist das Ziel“ versucht man bei der Meditation, ganz
über erwidert wird. im Jetzt anzukommen, Vergangenheit und Zukunft
Doch nicht in jeder Situation ist es uns Menschen ruhen zu lassen und die auftretenden Gedanken nur
möglich, einfach ein Lächeln aufzusetzen und so das kurzzeitig wahrzunehmen, wertfrei zu akzeptieren,
Glück anzulocken. Gerade wenn wir durch schwere um sie dann loszulassen. Der buddhistische Mönch
Schicksalsschläge getroffen werden oder große Ver- Matthieu Ricard definiert Glück als Wahrnehmung
antwortung auf uns lastet, stellt es eine besondere der Realität ohne Überlagerung durch mentale Kons-
Herausforderung dar, die Freude am Leben aufrecht- trukte. Seine Forschung zeigt, dass durch regelmäßige
zuerhalten. Manchen kommt es auch schlicht nicht Meditation sowohl Angst und Stress reduziert als auch
authentisch vor, wenn jemand stets lacht und gute geistiges und körperliches Wohlbefinden gesteigert
Laune nach außen präsentiert. Folgendes Zitat des werden können (Ricard 2014).
US-amerikanischen Schriftstellers James Branch Auch die Achtsamkeitslehre geht davon aus, dass
Cabell (1879–1958) verdeutlicht diesen Konflikt es dem Menschen gut tut, sich ganz auf den Moment,
anschaulich: auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, anstatt stets
über das nachzugrübeln, was einen in der Ver-
» The optimist proclaims that we live in the best gangenheit unglücklich gemacht hat, und mit den
of all possible worlds; and the pessimist fears Gedanken darum zu kreisen, was einen in Zukunft
this is true. (James Branch Cabell) glücklich machen wird. Dabei ist es auch wichtig,
dass eine nichtwertende kognitive Betrachtung der
Deshalb gibt es durchaus auch Kritik an der exten- Situation stattfindet. Man sollte also weder das Glück
siven Glückssuche. Im folgenden 7  Abschn. 17.3 jagen, noch vor dem Unangenehmen davonlaufen.
sollen daher Gegensprichwörter zu „Das Glück Wichtig ist zu berücksichtigen, dass sich die
kommt zu denen, die lachen“ vorgestellt und dis- Lebensweisheiten nicht völlig widersprechen. Nur
kutiert werden. das Motiv ist jeweils ein anderes. Während „Das
Glück kommt zu denen, die lachen“ nahelegt, dass
man viel lachen sollte, um glücklich zu sein und eine
17.3 Gegensprichwörter positive innere Einstellung als Grundvoraussetzung
für das Glücklichsein postuliert, impliziert „Je mehr
Viktor Emil Frankl, der als Psychologe während des er [der Mensch] nach Glück jagt, umso mehr verjagt
2. Weltkrieges und des Holocaust das Leben im Kon- er es auch schon“, dass man sich mehr auf die Dinge
zentrationslager erlebte, stellt die Annahme mit selbst konzentrieren sollte, die einem einen Grund
folgender Aussage infrage, dass es des Menschen höchs- geben, glücklich zu sein. Es geht also darum, Sinn zu
tes Ziel sei, glücklich zu sein: „Je mehr er [der Mensch] schaffen und wegen der Sache selbst zu handeln, und
nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon“. nicht darum, dem Glück hinterherzujagen.
17 Seine Grundthese, die sich auch ganz zentral in
der von ihm entwickelten Logotherapie und Exis-
tenzanalyse findet, ist: Der Mensch ist ein Wesen auf 17.4 Psychologische Theorien und
der Suche nach Sinn im Leben. Viel mehr als um das empirische Befunde
Glück an sich gehe es darum, einen Grund zu haben,
glücklich zu sein. Sobald man den Grund dazu erst Nach Interpretation und Gegenüberstellung der
einmal gefunden habe, stelle sich das Glücksgefühl Lebensweisheiten sollen diese nun anhand ausge-
von ganz alleine ein (Frankl 1997, 2003). Ein ent- wählter psychologischer Theorien und empirischer
scheidender Unterschied ist also, ob man sich bei Befunde aus der Forschung untersucht werden.
17.4 · Psychologische Theorien und empirische Befunde
145 17
17.4.1 Neuronale Plastizität Nach der Betrachtung der neurobiologischen
Vorgänge im Gehirn geht es im Folgenden um
Es wurde bereits angedeutet, dass entsprechend bestimmte Aspekte der Persönlichkeit, die sich auf
des Sprichworts „Das Glück kommt zu denen, die die Fähigkeit, glücklich zu sein, auswirken.
lachen“ bei der Suche nach dem Glück Eigeninitia-
tive und aktives positives Denken von Bedeutung ist.
Aber ist Glücklichsein überhaupt lernbar? 17.4.2 Sozial-kognitive Theorie der
Erkenntnisse der Neurowissenschaften sprechen Selbstwirksamkeit von Bandura
dafür, dass durch das Lernen positiven Denkens im
Gedächtnis Spuren erzeugt werden, die dann auch in Bandura (1986) geht in seiner sozial- kognitiven
Zukunft leichter positive Gedanken aktivieren und Theorie der Selbstwirksamkeit davon aus, dass es von
aufrechterhalten (Engert u. Bonhoeffer 1999). der wahrgenommenen Selbstwirksamkeit abhängt,
Donald O. Hebb, der als Entdecker der neu- welche Verhaltensweisen ausgeführt werden, ob sie
ronalen Plastizität gilt, formulierte 1949 die Hebb- mit positiven oder negativen Kognitionen einher-
sche Lernregel: „What fires together wires together“. gehen und wie mit Misserfolgen umgegangen wird.
Damit gemeint ist die Eigenschaft von Nervenzellen Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung
und Synapsen, sich in Abhängigkeit ihrer Nutzung bezeichnet die Erwartung, gewünschte Handlungen
zu verändern: das Phänomen der synaptischen Plas- aufgrund eigener Kompetenzen erfolgreich ausfüh-
tizität oder Langzeitpotenzierung (Schäfers 2016). ren zu können, also selbst gezielt Einfluss auf das
Beim Lernen von neuen Reizen bilden sich neue eigene Leben und die Umwelt nehmen zu können.
dendritische Dornen an den Synapsen. Diese bilden Eine hohe Selbstwirksamkeit führt laut Bandura
dann wiederum Synapsen mit den Axonen benach- (1986) durch den Glauben an die eigenen Fähigkei-
barter Zellen. Wie bei einem Trampelpfad, der sich ten und Kompetenzen zu positiveren Resultaten als
durch ständig wiederholtes Begehen zu einem rich- eine niedrige Selbstwirksamkeit.
tigen Weg ausbildet, werden auch die Bahnen im In Bezug auf die betrachtete Lebensweisheit „Das
Gehirn durch häufige Nutzung stärker ausgebildet. Glück kommt zu denen, die lachen“ bedeutet dies,
Die selten begangenen Wege oder Sackgassen hin- dass Personen mit einer hohen Selbstwirksamkeits-
gegen werden gewissermaßen stillgelegt. Die Synap- überzeugung eher glauben, dass sie es selbst in der
sen im Gehirn dienen dabei als Informationsspei- Hand haben, ein glückliches Leben zu führen. Sie
cher. Neuroplastizität ist damit die Grundlage allen werden also eher zielgerichtet solche Verhaltenswei-
Lernens und Vergessens (Engert u. Bonhoeffer 1999). sen an den Tag legen, die mit höherer Wahrschein-
Man kann folglich davon ausgehen, dass sich lichkeit dazu führen, dass die Umwelt positiv auf sie
auch durch wiederholtes Lachen und aktives, geziel- reagiert und dann wiederum positive Konsequenzen
tes Beschäftigen mit positiven, glücklich machen- mit sich bringt. Durch das Erfolgserleben der Selbst-
den Gedanken die entsprechenden Nervenbahnen wirksamkeit wird infolgedessen eine Verstärkung
im Gedächtnis stärker ausprägen. Demnach sollte es von zukünftigem zielführenden Verhalten dieser
durchaus möglich sein, Zufriedenheit und Glück- Art bewirkt.
lichsein zu erlernen und durch Übung zu verstär- Für Personen mit einer geringen Selbstwirk-
ken. Die Theorie der Neuroplastizität unterstützt samkeitsüberzeugung hingegen ist vermutlich die
somit die japanische Weisheit „Das Glück kommt Idee, die sich hinter dem Sprichwort „Je mehr er [der
zu denen, die lachen“. Mensch] nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es
Von einer Überbeanspruchung der Gedächtnis- auch schon“ verbirgt, ansprechender. Da diese Perso-
spuren ist in den Forschungsergebnissen zur Neuro- nen eher der Überzeugung sind, dass sie selbst keinen
plastizität nicht die Rede (Rösch 2013). Das Sprich- großen Einfluss auf ihr Glück haben, sondern das
wort „Je mehr er [der Mensch] nach Glück jagt, Schicksal entscheidet, ist es für sie auch nicht sinn-
umso mehr verjagt er es auch schon“ kann durch die voll, aktiv zu werden. Sie sollten folglich eher im
Theorie der synaptischen Plastizität also nicht unter- Sinne von Meditation und achtsamkeitsbasierten
stützt werden. Trainings lernen, Ereignisse gegenwärtig – so wie
146 Kapitel 17 · Das Glück kommt zu denen, die lachen

sie sind und ohne Ablehnung – wahrzunehmen und können, um eigene Meinungen und Fähigkeiten zu
zu bewerten. Dabei ist dann für die Lebenszufrieden- bewerten. Neben der Bestimmung der eigenen Posi-
heit entscheidend, dass unter dem Strich mehr posi- tion in einer sozialen Gruppe ist ein zentrales Motiv
tive als negative Episoden im Leben vorhanden sind die Selbstwerterhöhung. Durch den Vergleich nach
und entsprechende Voraussetzungen dafür geschaf- oben soll eine Verbesserung der eigenen Fähigkeiten
fen werden. erlangt werden.
Dies lässt sich auch auf die Fähigkeit, glücklich
zu sein, übertragen. Wir vergleichen das, was wir
17.4.3 Theorie des sozialen Vergleichs haben, und das, was wir können, mit den Menschen
um uns herum. Je nachdem, zu welchem Ergebnis
Schließlich soll eine weitere bekannte Theorie aus wir kommen, sind wir mehr oder weniger zufrieden
der Sozialpsychologie herangezogen werden, um zu damit. Je größer die eigene Unzufriedenheit, desto
erklären, wie sich das soziale Umfeld auf den Erfolg größer empfinden wir die Diskrepanz zu anderen,
bei der Glückssuche in Abhängigkeit von der Selbst- von denen wir annehmen, dass sie aufgrund dessen,
wirksamkeitsüberzeugung auswirken kann. was sie haben, folglich sehr glücklich sein müssen.
Die Idee, dass Glück relativ ist, basiert auf der So wird es entsprechend wahrscheinlicher, dass die
Annahme, dass das menschliche Glücksempfinden Mechanismen des sozialen Vergleichs angewendet
abhängig von Vergleichen ist (Veenhoven 1991). werden.
Diese Auffassung wird gestützt durch Studien zur Beim aufwärts gerichteten sozialen Vergleich
Lebenszufriedenheit wie der von Easterlin (1974), schauen wir uns bei den Glücklichen ab, was diese
die zeigt, dass Lebenszufriedenheit in armen und tun, um glücklich zu sein, und versuchen uns dadurch
reichen Ländern in etwa auf dem gleichen Level selbst diesem Zustand anzunähern. Das Lernen am
liegt, oder dem beeindruckenden Befund, dass sich Modell nach Bandura (1986), welches geschieht, wenn
sowohl Unfallopfer mit Querschnittslähmungen als wir Verhalten bei unseren Vorbildern abschauen und
auch Lotteriegewinner nach einer bestimmten Zeit dieses nachahmen, ist – wenn es gelingt – eine Quelle
wieder auf dem gleichen Glücksniveau wie vor dem der Selbstwirksamkeitssteigerung. So kann es – je
Ereignis einpendeln (Brickman 1978). nachdem wie das Ergebnis des sozialen Vergleichs
Und dennoch neigen wir Menschen dazu, uns ausfällt – sein, dass wir dem Sprichwort „Das Glück
stets mit unseren Mitmenschen zu vergleichen, in kommt zu denen, die lachen“ zustimmen können,
Wettbewerb zu treten und das eigene Wohlbefin- nämlich dann, wenn ein aufwärts gerichteter Ver-
den zum Teil maßgeblich von anderen abhängig zu gleich mit darauffolgendem Modelllernen erfolg-
machen. Ein englisches Sprichwort besagt: „The grass reich abläuft.
is always greener on the other side“. Wir wollen also Gelingt es jedoch nicht, sich dem angestrebten
immer das, was wir nicht haben: Der Single, der sich Glücksniveau der Vergleichspersonen anzunähern,
nach Zweisamkeit sehnt; der Verheiratete, der sich so trifft die Beobachtung von Frankl „Je mehr er
nach Freiheit und Abenteuer sehnt. Wenn es draußen [der Mensch] nach Glück jagt, umso mehr verjagt
kalt ist und regnet, wünschen wir uns die Sonne er es auch schon“ zu. Sehen wir unseren Selbstwert
herbei; kaum ist sie da, wird es uns zu heiß und wir bedroht, so liegt ein Vergleich mit denjenigen, die
verlangen nach Abkühlung und Erfrischung. Folglich das Schicksal noch härter getroffen hat, näher. Beim
17 ist es also auch wahrscheinlich, dass vor allem dieje- abwärts gerichteten Vergleich wird uns dann klar,
nigen Personen auf der Suche nach dem Glück sind, dass es uns – relativ gesehen – doch ganz gut geht.
die sich nicht bereits ausreichend glücklich fühlen. Nun kommt es wieder auf die Selbstwirksam-
Die Theorie des sozialen Vergleichs (Festinger keitsüberzeugung an, ob wir dieses relative Glück
1954) besagt, dass Menschen in sozialen Gefügen nach dem Sprichwort „Das Glück kommt zu denen,
Informationen über ihr eigenes Verhalten und die lachen“ unserem eigenen – im Vergleich mit den
Kompetenzen vor allem durch Vergleichsprozesse Unglücklichen – glücksförderlicheren Verhalten
mit anderen erhalten. Dies gilt vor allem dann, wenn zuschreiben, oder ob wir davon ausgehen, dass wir
keine objektiven Kriterien herangezogen werden in diesem Fall einfach mehr Zufallsglück hatten und
17.6 · Empirische Befunde und Implikationen für die Praxis
147 17
uns das Schicksal wohlgesonnen ist. Dem Sprich- auch das – objektiv gesehen – nur mittlere Niveau
wort „Je mehr er [der Mensch] nach Glück jagt, für die betroffene Person selbst bereits ein äußerst
umso mehr verjagt er es auch schon“ zufolge war hohes Ausmaß an Glück bedeutet. Sie kann also das
dann vielleicht sogar die Vergleichsperson zu sehr Niveau an Lebenszufriedenheit damit vergleichen,
auf das Glück fokussiert und findet es deshalb nicht, wie glücklich sie selbst in der Vergangenheit war und
weil sie zu verbissen danach sucht. So geht die not- welches Niveau an Glück sie in der Zukunft erreichen
wendige Gelassenheit verloren und die Person steht möchte. Oder aber die Person zieht zum Informa-
so sehr unter Zwang, eine hohe Lebenszufriedenheit tionsgewinn den Vergleich mit anderen Individuen
zu erreichen, dass sie den Sinn dahinter gar nicht heran, die ihrer subjektiven Einschätzung nach mehr
mehr sieht. Glück haben als sie selbst (7 Abschn. 17.4.3). Die Jagd
nach dem Glück wäre in diesem Fall also von vorn-
herein mit geringeren Erfolgsaussichten assoziiert.
17.5 Exkurs: Glück – Anlage oder Und nach dem Phänomen der selbsterfüllenden Pro-
Umwelt? phezeiung („self-fulfilling prophecy“; Merton 1948)
bestätigt sich für diese Personen dann die Annahme,
Haben wir überhaupt alle die gleiche Chance, glück- dass es sowieso nichts bringt, sich anzustrengen, um
lich zu sein? Lykken und Tellegen (1996) fanden in glücklicher zu werden.
ihren Untersuchungen zum subjektiven Wohlbe- Wichtig ist also, dass man Glück nicht ausschließ-
finden an Zwillingen heraus, dass ein bedeutender lich im Vergleich zu den Mitmenschen definiert.
Anteil von etwa 44–52 % der individuellen Unter- Jemand anderes hat vielleicht einfach die besseren
schiede in der Lebenszufriedenheit auf Genetik Voraussetzungen, ihm fällt es von vornherein leich-
zurückzuführen ist. ter, die Sonnenseiten des Lebens zu sehen. Ein sinn-
Heller et al. (2004) betrachteten etwa 70 Studien volles Ziel kann also sein, glücklicher zu werden, als
zur Lebenszufriedenheit und konnten zeigen, dass es derzeit der Fall ist, oder die aktuelle Situation kog-
dem Ausmaß an Lebenszufriedenheit, das erlebt nitiv so umzudeuten, dass man zufrieden ist mit dem,
werden kann, durch die Persönlichkeit durchaus wie es ist und was man hat.
Grenzen gesetzt sind. So sind extravertierte, verträg- Lyubomirsky et al. (2005a) geben an, dass sich –
liche und gewissenhafte Personen tendenziell glück- trotz des Rahmens innerhalb dessen wir uns aufgrund
licher und zufriedener mit ihrem Leben, während unserer angeborenen Persönlichkeit bewegen –
Personen mit hohen Werten auf der Dimension Neu- auch ein großer Anteil des Glücks (von etwa 40 %)
rotizismus eher dazu neigen, unzufrieden zu sein. durch das Verhalten und tägliche Aktivitäten unter
Innerhalb dieses durch die individuelle Persönlich- der Kontrolle des Individuums befindet. Im Gegen-
keit gesetzten Rahmens können Änderungen in der satz dazu werden nur etwa 10 % der Varianz in
Umwelt, im Verhalten und in der persönlichen Wahr- unserem Wohlbefinden den Einflüssen aus unserer
nehmung aber sehr wohl zu erhöhter oder verringer- Umwelt zugeschrieben. Demzufolge birgt die voli-
ter Lebenszufriedenheit führen (Heller et al. 2004). tionale (willentliche und zielgerichtete) Anstren-
Wenn jedoch genau diejenigen Personen das gung, das eigene Verhalten intentional zu verändern,
Glück jagen, die bereits durch ihre Persönlichkeit durchaus großes Potenzial, um das eigene Glück
eher im unteren Bereich der potenziell erreichba- langfristig zu steigern (Lyubomirsky et al. 2005a).
ren Lebenszufriedenheit einzuordnen sind, da sie
beispielsweise sehr introvertiert und zudem etwas
neurotisch veranlagt sind, so kann im Extremfall 17.6 Empirische Befunde und
– allen Anstrengungen zum Trotz – nur ein ver- Implikationen für die Praxis
gleichsweise mittleres Niveau an Lebenszufriedenheit
erreicht werden. Nun kommt es darauf an, in welchem Warum aber beschäftigen sich sowohl in der For-
Vergleichsrahmen sich die Person bewegt: Auf der schung als auch im Alltag so viele Menschen ein-
einen Seite könnte man argumentieren, dass sie ja gehend mit dem Thema Glück? Lohnt es sich denn
ausschließlich ihr eigenes Gefühl kennt und daher überhaupt, Zeit, Energie und Gedanken darauf zu
148 Kapitel 17 · Das Glück kommt zu denen, die lachen

verschwenden, glücklich zu sein? Oder handelt mehr Glück wahrnehmen, weil sie beispielsweise im
es sich dabei um einen Luxus, den man sich dann Frühling bewusst die ersten Sonnenstrahlen wahr-
leisten kann, wenn die Anforderungen an die anderen nehmen und hören, wie die Vögel zwitschern. Gut
Bereiche des Lebens wie Gesundheit, Arbeitsleben gelaunt sieht man die Welt den Forschern zufolge
und soziale Beziehungen bereits vollständig erfüllt grundsätzlich anders und facettenreicher (Schmitz
sind? Nach eingehender Betrachtung der Lebens- et al. 2009).
weisheiten anhand verschiedener philosophischer Glückliche leben außerdem signifikant länger:
Ansätze sowie psychologischer Theorien, sollen im Aus einer Gruppe von Nonnen, deren Glückslevel
Folgenden beispielhaft einige Erkenntnisse aus der beim Eintritt ins Kloster gemessen wurde, waren im
Glücksforschung vorgestellt und konkrete Verhal- Alter von 85 Jahren aus der optimistischsten Gruppe
tensimplikationen für den alltäglichen Gebrauch noch 90 % am Leben, während von den bei Kloster-
abgeleitet werden. eintritt am wenigsten positiv gestimmten nur noch
34 % lebten (Seligman 2005).
Da es sich hier um korrelative Zusammenhänge
17.6.1 Auswirkungen von Glück handelt, lassen sich Ursache und Wirkung nicht
immer eindeutig trennen. In vielen Fällen bewirkt
Empirische Studien zeigen, dass glückliche Men- Glücklichsein etwas Bestimmtes, welches dann aber
schen in vielen Lebensbereichen erfolgreicher sind: wiederum auch das Glückserleben steigern oder auf-
Sie haben stabilere Ehen, ein stärkeres Immunsys- rechterhalten kann. Meistens handelt es sich also um
tem, ein höheres Einkommen und mehr kreative reziproke Beziehungen, was stark für das Zutreffen
Ideen als weniger glückliche Peers. Lebenszufrie- der Lebensweisheit „Das Glück kommt zu denen, die
denheit und Glück sind dabei nicht nur Korrelat lachen“ spricht.
oder Konsequenz, sondern auch Ursache von Erfolg
(Lyubomirsky et al. 2005b).
Bucher (2009) fasst in seinem Buch mit dem Titel 17.6.2 Implikationen für den Alltag
Psychologie des Glücks die Befunde der Glücksfor-
schung zusammen: Glück wirkt sich nicht nur positiv Die positive Psychologie spielt in unserem Alltag
auf physische und mentale Gesundheit aus, sondern eine große Rolle. Wenn wir die Faktoren positives
fördert auch kognitive Fähigkeiten, Flexibilität und Denken, Achtsamkeit und glückliche Beziehungen
Kreativität. Glückserleben führt zu weniger Grübeln, zur Gewohnheit werden lassen und Schritt für Schritt
dafür zu mehr positivem Denken und entsprechen- in den Alltag integrieren, haben wir gute Chancen,
dem Verhalten, was dann wiederum das Erleben dass uns das Glück immer öfter begegnet und wir es
von Glück verstärkt. Außerdem fördert die eigene auch wahrnehmen.
Lebenszufriedenheit auch die Empathiefähigkeit und Zwar kann positives Denken nicht jeden Kon-
die soziale Orientierung hin zu den Mitmenschen. flikt vermeiden, eine optimistische, zuversichtliche
Eine Studie von Schmitz et al. (2009) zeigt, dass Grundhaltung hilft jedoch, den alltäglichen Prob-
der Glückszustand auch den Aufmerksamkeitsfokus lemen mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Dazu
beeinflusst. Positive Stimmung macht empfänglicher gehört auch das Vertrauen in die eigene Selbstwirk-
für Details. In der funktionellen Magnetresonanzto- samkeit und die Fähigkeit mit Schicksalsschlägen
17 mographie (fMRT) lässt sich beim Betrachten von vernünftig umzugehen.
emotionsinduzierenden Bildern nachweisen, dass bei Eckart von Hirschhausen empfiehlt seinen Zuhö-
den gut gelaunten Probanden die sog. Parahippo- rern und Lesern beispielsweise das Führen eines
campal Place Area, die in erster Linie auf räumliche Glückstagebuches . Dadurch soll eine Hinwen-
Anordnungen oder Hintergründe reagiert, deutlich dung des Aufmerksamkeitsfokus auf die positiven
stärker aktiviert ist, als bei denjenigen mit negativer Momente im Alltag geschehen. Durch das Aufschrei-
Stimmung. Glückliche Personen haben also einen ben von Glücksmomenten soll diesen Ereignissen ein
weiteren Aufmerksamkeitsfokus als unglückliche größeres Gewicht beigemessen werden als den nega-
Vergleichspersonen. Das kann dazu führen, dass sie tiven Episoden.
17.6 · Empirische Befunde und Implikationen für die Praxis
149 17
Glücksforscher fanden im Zuge ihrer Studien in ein anderes Licht rückt, ihr also einen neuen
heraus: Wer sich intentional mit positiven Akti- Rahmen gibt, ermöglicht man die Betrachtung aus
vitäten (z. B. dankbares, optimistisches und auf- einer anderen Perspektive. Das Sprichwort „Scher-
merksames Denken) beschäftigt, wird signifikant ben bringen Glück“ ist ein klassisches Beispiel für
glücklicher (Lyubomirsky u. Layous 2013; Sheldon Reframing. Einem intuitiv negativ assoziierten Ereig-
u. Lyubomirsky 2006; Sin u. Lyubomirsky 2009). So nis wird durch die kognitive Umdeutung ein positi-
kann durch Anpassen des Verhaltens und der Kogni- ver Wert zugeschrieben. Man nimmt hier also den
tionen mehr Lebensfreude erreicht werden. Verlust des zerbrochenen Gegenstandes in Kauf, da
Eine Technik der Logotherapie und Existenz- dieser dem höheren Wert, Glück zu erlangen, dient.
analyse nach Frankl ist die Einstellungsänderung: Im Sinne der Sprichwörter „Jeder ist seines Glückes
Dabei soll der Mensch Einsicht in unrealistische und Schmied“ (7 Kap. 16) oder auch „Man muss aufwärts
lebensfeindliche Einstellungen erhalten und eine blicken, um die Sterne sehen zu können“ geht es also
neue, der Lebenszufriedenheit förderliche Grund- darum, dass uns ein selbstinitiierter Perspektiven-
haltung entwickeln. Jeder, der für sich selbst die wechsel erst ermöglicht, das Gute um uns herum zu
Entscheidung trifft, ein glücklicheres und sinnerfüll- sehen. Wichtig ist dabei auch die Reflexion des Posi-
teres Leben führen zu wollen, sollte ganz konkret die tiven. Man sollte sich über das freuen, was man hat,
eigenen Einstellungen überdenken und so modifizie- anstatt mit dem Schicksal zu hadern und dem hin-
ren, dass einer positiven Bewertung der Dinge mehr terherzutrauern, was einem zum perfekten Glück
Raum gegeben wird – denn: noch fehlt.
Auch aus der Weisheit „Je mehr er [der Mensch]
» Nicht die Dinge selbst beunruhigen die nach Glück jagt, umso mehr verjagt er es auch schon“
Menschen, sondern die Meinungen und die lassen sich Verhaltensweisen für das tägliche Leben
Beurteilungen über die Dinge. (Epiktet, ca. ableiten. Achtsamkeit hilft dabei, sich im Alltag nicht
50–138 n. Chr.) in pessimistischen Gedanken und der Konzentration
auf das Schlechte und die Aussichtslosigkeit zu ver-
Während sich traditionell die Psychologie vor allem lieren, sondern stattdessen den Moment zu genießen.
mit dysfunktionalem Verhalten, Störungen und Die Meditation ist für viele eine hilfreiche Technik,
Defiziten auseinandersetzte, erlangte in den letzten um die Gedanken loszulassen und sich dadurch zu
Jahrzehnten die positive Psychologie immer mehr entspannen. Dies geht meist mit positiven Emotio-
Aufmerksamkeit. Basierend auf seiner Theorie zur nen und mehr Lebensfreude einher. Glück empfin-
erlernten Hilflosigkeit entwickelte Seligman (2005) den wir auch dann, wenn die Realität besser ist, als
die Theorie des gelernten Optimismus. Diese geht wir es uns erwartet hätten. Werden die Erwartun-
davon aus, dass durch das wiederholte Erleben posi- gen zu hoch gesetzt und können dann in der Realität
tiver Episoden ein Erlernen von glückssteigerndem nicht erfüllt werden, empfinden wir Unzufriedenheit
Verhalten ermöglicht wird. Ein Kind, das immer und Enttäuschung. Demzufolge sollte man, um mehr
wieder erlebt, dass es durch gute Stimmung, Freund- Glück zu erlangen, außerdem an der persönlichen
lichkeit und Lachen seine Ziele (z. B. Freunde finden, Erwartungshaltung arbeiten und Ziele möglichst
Süßigkeiten von den Eltern bekommen, Erfolg in der so setzen, dass sie motivieren, aber nicht unerreich-
Schule) eher erreicht als durch streiten, weinen oder bar werden und damit das Gefühl, unglücklich zu
Jähzorn, wird sehr wahrscheinlich dieses Verhalten sein, hervorrufen. Eine gewisse Gelassenheit gehört
und den gelernten Optimismus auch als Erwachse- ebenso zur benötigten Einstellung wie die Einsicht,
ner beibehalten. dass Glück nichts ist, das wir für uns beanspru-
Kognitive Umdeutung oder auch Reframing chen können oder worauf wir ein Recht hätten. Von
bezeichnet eine weitere Technik aus der positiven glücklichen Zufällen können wir nur dann über-
Psychologie, die darauf beruht, dass einem Ereig- rascht werden, wenn wir nicht jeden Moment darauf
nis durch Ändern oder Hinzufügen von Kognitio- warten, dass sie geschehen.
nen eine positivere Bedeutung zugeschrieben wird Schließlich sollten wir uns noch vor Augen
(Watzlawick et al. 1974). Indem man die Situation halten, dass glückliche soziale Beziehungen zu den
150 Kapitel 17 · Das Glück kommt zu denen, die lachen

wichtigsten Glückskorrelaten gehören und für mehr Die Betrachtung verschiedener psychologischer
Lebenszufriedenheit sorgen (Hartmann et al. 2002). Theorien hat gezeigt, dass man die Gültigkeit der
Möchten wir also glücklich sein, lohnt es sich, wenn Sprichwörter jeweils genauer differenzieren kann.
wir uns zunächst einmal darum kümmern, dass es Unabhängig davon, wie man das Glück am besten
unseren Nächsten gut geht. Sheldon u. Lyubomirsky erlangt – bewusst oder unbewusst, intentional oder
(2006) fanden heraus: Anderen zu helfen macht zufällig –, zahlreiche empirische Studien zeigen,
glücklich. dass glückliche Menschen in vielen Bereichen des
Konkret heißt das also: Wenn wir das Glück ver- Lebens erfolgreicher sind und sogar länger leben als
folgen, sollten wir immer wieder versuchen, die Pers- unglückliche.
pektive zu wechseln, und uns angewöhnen, die Dinge Die Ausführungen haben gezeigt, dass sich die
positiv zu bewerten, oder – wenn sie zunächst negativ beiden Lebensweisheiten nicht zwingend gegenseitig
scheinen – durch Reframing umzudeuten. Da unser ausschließen. Sie sind nur je nach individueller Per-
Körper durch Reziprozitätsprozesse dafür sorgt, wie sönlichkeit, sozialem Vergleichsniveau und Situation
wir uns fühlen, sollten wir außerdem durch Schlaf, mehr oder weniger zutreffend. Und für alle, denen es
gesunde Ernährung und Sport für unsere körperliche gelingt, im Moment zu leben, gilt sowieso:
Gesundheit sorgen. Und schließlich sollten wir uns
vor allem auch um das Glück der anderen kümmern, » Es geht nicht darum glücklich zu werden,
um selbst glücklich zu werden. sondern glücklich zu sein.

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17.7 Fazit
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12. April 2016.
153 18

Lieber den Spatz in der Hand als die


Taube auf dem Dach
Mona Maertins

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Sprichwörter,
DOI 10.1007/978-3-662-50381-2_18

18.1 Einleitung Ist uns ein kleiner, sicherer Nutzen wirklich mehr
wert, als die Hoffnung auf einen großen Nutzen,
» Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf wenn wir dafür das Risiko eingehen müssen, am
dem Dach. Nach dieser Devise haben in den Ende nichts zu haben?
vergangenen Jahren viele Anleger gehandelt. Dafür spricht, dass das Sprichwort auch in anderen
Statt der potenziell ertragreichen, aber stark Sprachen vertreten ist. So sagen z. B. die Italiener:
schwankenden Aktien kauften sie lieber „Meglio un uovo oggi che una gallina domani“ („Lieber
Unternehmensanleihen. (Eckert 2013, S. 1) heute ein Ei als morgen eine Henne“), und auch im
englischen Sprachraum ist man der Meinung „A bird
Solchen und ähnlichen Aussagen begegnet man in the hand is worth two in the bush“ („Ein Vogel in der
immer wieder, wenn man durch die Medien blättert Hand ist so viel wert wie zwei im Gebüsch“). Bereits
oder klickt. Egal, ob es um Finanzen geht, politische bei dem griechischen Dichter Aesop findet sich in
Diskussionen über beispielsweise Mindestlohnfor- der Fabel 7 „Die Nachtigall und der Habicht“ (Nickel
derungen, Klimaschutz und Bebauungspläne oder 2005) die Lehre, nicht auf den sicheren Gewinn zu ver-
die Partnerwahl, das Sprichwort aus der Vogelwelt zichten, um nach Größerem zu streben.
steht gerne Pate.
Doch was genau sagt es eigentlich aus? Laut
Duden steht das Sprichwort dafür, dass es besser Die Nachtigall und der Habicht (Aesop,
ist, sich mit dem zu begnügen, was man bekommen 620-564 v. Chr.)
kann, als etwas Unsicheres anzustreben (Duden Eine Nachtigall saß auf einer hohen Eiche und
2015). Es wird also lieber ein kleiner, aber sicherer sang wie gewöhnlich. Ein Habicht erblickte
Vorteil gegenüber der ungewissen Aussicht auf einen sie, und da er Hunger hatte, stieß er herab
großen Vorteil in Anspruch genommen. und packte sie. In ihrer Todesangst flehte sie
ihn an, sie loszulassen: Sie sei doch gar nicht
groß genug, um den Magen des Habichts zu
18.1.1 Herkunft und Bedeutung füllen. Er müsse sich, wenn er Hunger habe, an
größere Vögel halten. Der Habicht fiel ihr ins
Die Herkunft des Sprichworts ist nicht eindeutig Wort und sagte: „Aber ich wäre verrückt, wenn
belegt. Viele verweisen auf das lateinische Sprich- ich den Happen, den ich fest in meinen Krallen
wort „Capta avis est melior, quam mille in gramine habe, losließe und etwas verfolgte, was ich
ruris“ („Ein gefangener Vogel ist besser als tausend noch gar nicht sehe.“
im Gras“; Udem 2016). Aber auch die Bibel könnte Die Geschichte veranschaulicht, dass es auch
als Grundlage dienen. Im Lukasevangelium findet unter den Menschen so Unvernünftige gibt,
sich eine Textstelle, die vage an das Sprichwort erin- die in der Hoffnung auf Wertvolleres das, was
nert: „Habt keine Angst: Ihr seid Gott mehr wert als sie schon in ihren Händen haben, loslassen.
ein ganzer Schwarm Spatzen!“ (Krumm 2015).
154 Kapitel 18 · Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach

18.1.2 Gegensprichwörter Das Problem dabei ist, dass wir in der Regel die
Eintrittswahrscheinlichkeiten der Umweltzustände
Das betrachtete Sprichwort zeigt allerdings nur die und die Konsequenzen des Handelns nicht vollstän-
eine Seite der Medaille. Denn auch für die genau dig kennen. Das Bild des vollständig informierten
gegenläufige Ansicht lassen sich Sprichwörter finden: Homo oeconomicus ist inzwischen in den meisten
„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ („Nothing ven- wissenschaftlichen Disziplinen überholt. Menschen
tured nothing gained“), sagt aus, dass man auch mal haben eine eingeschränkte Informationsverarbei-
etwas riskieren muss, um Erfolg zu haben. „Unbe- tungskapazität. Sie sind keine Computer, die präzise
zwinglich ist, wer warten kann“ ruft dazu auf, seine Kalkulationen durchführen, sondern sie unterliegen
Bedürfnisse nicht sofort befriedigen zu wollen, Verzerrungen und nutzen Daumenregeln und Ver-
sondern längerfristig auf etwas hinzuarbeiten. Und einfachungen, wenn sie Entscheidungen treffen.
wem wurde nicht schon ans Herz gelegt, sich „nicht Auch die psychologischen Wert-Erwartungs-
mit dem Erstbesten zufrieden zu geben“? Theorien (vgl. Atkinson 1964; Vroom 1964) beschrei-
Im Folgenden soll das Sprichwort aus der Sicht- ben Handlungsmotivation als Zusammenspiel
weise der Psychologie betrachtet werden. Welche zwischen dem subjektiven Wert eines Ereignisses
Modelle und Theorien sprechen für die Wahl des und der subjektiv eingeschätzten Wahrscheinlichkeit,
Spatzen? Und gibt es Befunde, die einen mutig nach der dass dieses Ereignis eintritt bzw. erreicht werden kann.
Taube greifen lassen? Diese Fragen gilt es zu beantwor-
ten. Die Psychologie liefert uns Erkenntnisse, warum Motivation = Wert
den Menschen ein kleiner, sicherer Gewinn lieber zu (v, value) × Erwartung (p, probability)
sein scheint als eine unsichere Hoffnung. Dabei stehen
zwei unterschiedliche Aspekte im Fokus: einerseits die Motivation fehlt immer dann, wenn es entweder nichts
zeitliche Dimension, andererseits die Unsicherheit. zu gewinnen gibt oder die geschätzte Wahrscheinlich-
Die beiden Faktoren bedingen sich zudem gegenseitig, keit für das Eintreffen/Erreichen den Wert null ergibt.
da mit zunehmender zeitlicher Distanz zu einem Ereig- Betrachtet man z. B. einen Absolventen mit
nis auch die Unsicherheit zunimmt. Darüber hinaus Bachelorabschluss, so hat er die Wahl, entweder sein
spielen die Persönlichkeit sowie äußere Umstände eine Studium fortzusetzen und einen Masterabschluss zu
Rolle bei der Wahl zwischen Spatz und Taube. machen oder sich direkt eine Arbeitsstelle zu suchen.
Ob er seinen Master macht, hängt davon ab, wie
wichtig ihm dieser höhere Abschluss ist (Wert) und
18.2 Grundlegende Theorien zu für wie realistisch er es hält, den Abschluss auch zu
Entscheidungen schaffen (Erwartung). Bedeutet ihm der Masterab-
schluss nicht viel und/oder traut er sich den erfolg-
Aus einer ökonomischen Sichtweise heraus wird der reichen Abschluss des Studiums nicht zu, wird er sich
Entscheidungsprozess als Analyse und Abstimmung eher gleich einen Job suchen.
von Zielen, Handlungsalternativen und Umweltbe- Wir wenden uns also dem Spatz in unserer Hand
dingungen gesehen. Das rational handelnde Wirt- zu, wenn die Wahrscheinlichkeit, die Taube auf dem
schaftssubjekt entscheidet dabei stets so, dass es Dach zu erreichen, multipliziert mit dem Wert der
seinen Nutzen maximieren kann (Wöhe u. Döring Taube kleiner ist als die Multiplikation der Wahr-
2010). Gewählt wird die Handlungsalternative mit scheinlichkeit und dem Wert des Spatzen.
dem größten Ergebnisbeitrag unter dem am wahr-
18 scheinlichsten eintretenden Umweltzustand (Wöhe v (Taube) × p (Taube) < v (Spatz) × p (Spatz)
u. Döring 2010). Angenommen es gibt die Auswahl
zwischen drei Anlagestrategien: Strategie A ver-
spricht den höchsten Gewinn, wenn das Zinsniveau 18.2.1 Zeit und Wert
steigt, Strategie B, wenn es fällt, und Strategie C, wenn
es gleich bleibt. Ist bekannt, dass das Zinsniveau mit Schon lange ist bekannt, dass Menschen eine Tendenz
hoher Wahrscheinlichkeit steigt, entscheidet sich der zu myopischem (kurzsichtigem) Verhalten haben
rational denkende Mensch für Strategie A. (Böhm-Bawerk 1921). Es besteht eine allgemeine
18.2 · Grundlegende Theorien zu Entscheidungen
155 18
Präferenz für die Gegenwart, wobei künftige Bedürf- auch dann der Fall sein, wenn die gleiche Person am
nisse mit umso geringerem Gewicht in Entscheidun- Anfang des Studiums der festen Überzeugung war,
gen einbezogen werden, je weiter sie in der Zukunft bis zum Master studieren zu wollen. Alleine die ver-
liegen (Böhm-Bawerk 1921). Dadurch kann es dazu änderte zeitliche Perspektive gibt den Ausschlag. Sitzt
kommen, dass langfristige, eigentlich nutzenoptimale der Spatz also schon unmittelbar in unserer Hand, ist
Pläne durch kurzfristiges suboptimales Verhalten es unwahrscheinlicher, dass wir auf die Taube warten.
gefährdet werden (Rolle 2005). Myopisches Verhal- Ein weiterer Aspekt, der die Abwertung der
ten widerspricht dem Bild des absolut rational han- Belohnung beeinflusst, ist die Höhe des Gewinns. Je
delnden Menschen, da die Nutzenmaximierung nicht größer die in Aussicht gestellte Belohnung ist (bis
über eine lange Zeitspanne hinweg, sondern lediglich zu einem gewissen Maximum), desto langsamer
aktuell oder abschnittsweise erfasst wird. wird sie abgewertet (Green et al. 1997). Damit steigt
Diese Neigung zu kurzsichtigem Verhalten kann die Wahrscheinlichkeit, dass wir impulsives Ver-
z. B. den oben genannten Bachelorstudenten dazu halten unterdrücken und auf den großen Gewinn
verleiten, nur die unmittelbare Zukunft zu betrach- warten. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen:
ten. Deshalb entscheidet er sich für den direkten Zum einen halten Personen es bei einer größeren
Berufseinstieg, weil er so zunächst mehr Geld ver- Belohnung für unwahrscheinlicher, dass ein Szena-
dient. Dabei vergisst er aber, dass es langfristig ggf. rio eintritt, welches dazu führt, am Ende gar nichts zu
einen höheren Nutzen gehabt hätte, den Master zu erhalten (z. B. bleibt bei möglichen Verlusten immer
absolvieren, da er dann über viele Jahre hinweg ein noch „genug“ übrig). Zum anderen gehen Personen
höheres Gehalt haben könnte. davon aus, dass Wahlmöglichkeiten, die einen hohen
Und, seien wir ehrlich, wer hat nicht schon Gewinn beinhalten, seltener sind als solche, die einen
einmal seine Diät verschoben, für dieses eine, einzige, kleinen Gewinn betreffen (Green et al. 1997). Diese
winzige, unglaublich lecker aussehende Stück Torte. seltenen Gelegenheiten wollen wir dann auch nutzen.
Das Modell der zeitlichen Diskontierung/Abwer- Für die Aussicht auf eine wirklich große, schöne,
tung („temporal discounting“ bzw. „delayed dis- wertvolle Taube, lassen wir den Spatz eher ziehen.
counting“; Frederick et al. 2002; Kirby u. Herrnstein Wer weiß, ob wir jemals wieder die Chance bekom-
1995) liefert einen Erklärungsansatz für diese Gegen- men, eine so wertvolle Taube zu erhaschen.
wartspräferenz. Es beschreibt, dass der Wert einer Durch die beschriebenen Unregelmäßigkeiten
Belohnung abnimmt, je weiter sie in der Zukunft bei der Diskontierung treffen wir durchaus Entschei-
liegt. Dadurch sind kurzfristige Belohnungen den dungen, die nicht dem rationalen Prinzip entspre-
Menschen lieber, als auf größere warten zu müssen. chen, unseren Nutzen zu maximieren, wodurch uns
Dies zeigt sich beispielsweise darin, dass viele Per- Nachteile entstehen. Denn rein rational müssten wir
sonen lieber heute 100 Euro erhalten als in 1 Monat die 120 Euro 1 Monat später wählen, die Torte bei
120 Euro (Green u. Myerson 2004). einer Diät stehen lassen und der Bachelorabsolvent
Entscheidend dabei ist allerdings auch der sollte – vor allem aus finanziellen Gründen – seinen
Zeitpunkt, zu dem die Entscheidung gefällt wird. Masterabschluss anstreben.
Verschiebt man den Eintrittszeitpunkt der Beloh- Eine weitere Facette des Zusammenspiels von
nungen um 1 Jahr, so könnte es sein, dass sich die- Zeit und Wert einer Belohnung beleuchtet das
selbe Person statt für 100 Euro in 12 Monaten für Modell zur Time-and-Outcome-Valuation (Mowen
120 Euro in 13 Monaten entscheidet. Die Präferen- u. Mowen 1991). Das Modell versucht u. a., die
zen werden getauscht, obwohl die zeitliche Verzöge- Tendenz zur Risikovermeidung in der Gegenwart
rung identisch ist, nämlich genau 1 Monat (Green et zu erklären. Es nimmt an, dass die Bewertung einer
al. 1994). Dies widerspricht dem Diskontierungsmo- Alternative von der Nettodifferenz zwischen Gewin-
dell der klassischen Ökonomie, in welchem die Präfe- nen und Verlusten abhängt. Bei einer Entschei-
renz für eine Alternative über alle Zeitpunkte hinweg dung können Gewinne und Verluste zu verschiede-
bestehen bleibt (Koopmans et al. 1964). nen Zeitpunkten auftreten. Dabei werden Verluste
Man kann folglich annehmen, dass das höhere in der Gegenwart stärker gewichtet als Gewinne.
Gehalt in 3 Jahren dem Bachelorabsolventen weniger Über die Zeit hinweg werden Verluste schneller
wert ist als das unmittelbar verfügbare Geld. Das kann abgewertet als Gewinne. Außerdem wird auch das
156 Kapitel 18 · Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach

Verschieben eines Gewinns als Verlust wahrgenom- auch die Taube zu bekommen, wagen es mehr Per-
men. Aus diesen Annahmen ergibt sich, dass eine sonen, der Taube nachzujagen.
Entscheidung, die negative Folgen in der Gegenwart Die Erhöhung des in Aussicht gestellten
hat und positive erst in der Zukunft, eher abgelehnt Gewinns hat hingegen eine der zeitlichen Abwer-
wird. Denn die Verluste in der Gegenwart werden tung (7   Abschn. 18.2.1) gegensätzliche Wirkung.
über- und die Gewinne in der Zukunft unterbewer- Je größer die Belohnung ist, desto stärker wird sie
tet (Mowen 1992). unter Unsicherheit abgewertet (Myerson et al. 2003).
Jetzt auf einen kleinen Gewinn (100 Euro, Torte, Eine Person, die bei kleinen Summen risikoaversiv
Gehalt mit Bachelorabschluss, Spatz) zu verzich- handelt, tut dies bei großen Summen erst recht.
ten (= Verlust in der Gegenwart), um in einiger Zeit Des Weiteren haben Kahneman und Tversky
einen größeren (120 Euro, Wunschkleidergröße, bes- (1984) in ihrer neuen Erwartungstheorie (Prospect
seres Gehalt mit Masterabschluss, Taube) zu bekom- Theory) eine Verzerrung der wahrgenommenen Ein-
men, fällt uns also schwer und wird nur in Betracht trittswahrscheinlichkeiten von Gewinn- bzw. Ver-
gezogen, wenn die langfristigen Erfolge sehr deutlich lustsituationen festgestellt (7 Abschn. 18.2.3).
hervorstechen. Menschen sind demnach nicht besonders gut
darin, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen.
Geringe objektive Wahrscheinlichkeiten werden ten-
18.2.2 Wahrscheinlichkeit und Wert denziell überschätzt, mittlere und hohe Wahrschein-
lichkeiten eher unterschätzt.
Ähnlich der zeitlichen Abwertung („temporal Außerdem reagieren Menschen sehr sensibel auf
discounting“) ist das Modell der Abwertung auf- Veränderungen von Eintrittswahrscheinlichkeiten
grund der Wahrscheinlichkeit („probability dis- im Bereich der beiden Extrempunkte (also bei Wahr-
counting“; Green u. Myerson 2004). Wenn Perso- scheinlichkeiten nahe 0 % und 100 %). Die Taube zu
nen zwischen sicheren und unsicheren Ergebnissen 99 % zu bekommen oder zu 100 % macht subjektiv
wählen müssen, setzen sie den Wert eines solchen einen großen Unterschied („certainty effect“, Sicher-
Ergebnisses auf Basis der Eintrittswahrscheinlich- heitseffekt). Besonders erstrebenswert erscheint uns
keit herab. Je größer die Gefahr ist, die Belohnung auch das Nullrisiko. Dies führt dazu, dass wir das
nicht zu erhalten, umso stärker wird sie abgewer- Nullrisiko übermäßig bewerten und bereit sind, zu
tet. Am Ende entscheidet sich die Person für die viel dafür zu bezahlen („zero-risk bias“). Das heißt,
Alternative mit dem höheren (diskontierten) sub- um den Spatz ganz sicher zu haben, bezahlen wir
jektiven Wert. einen deutlich zu hohen Preis.
Wenn Personen entscheiden sollen, ob sie Doch nicht nur die Zeitspanne bis zu einer
120 Euro mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 % Belohnung und die Wahrscheinlichkeit, mit der
bekommen möchten, oder 100 Euro mit einer wir sie bekommen hat einen Einfluss auf den Wert,
Wahrscheinlichkeit von 99 % entscheiden sich viele den wir ihr beimessen. Auch die Interpretation als
für die 100 Euro. Der rechnerische Erwartungs- Gewinn oder Verlust hat einen großen Einfluss.
wert ist allerdings für die erstgenannte Alterna-
tive höher (0,85×120 Euro = 102 Euro ist größer als
0,99×100 Euro = 99 Euro). 18.2.3 Gewinn/Verlust und Wert
Auch bei diesem Phänomen sind Verschiebun-
gen in der Systematik zu erkennen. Ist die Wahr- Der menschlichen Tendenz, Risiken zu scheuen,
18 scheinlichkeit für beide Varianten sehr gering, wird versucht die Prospect Theory (Kahneman u.
in der Regel die riskantere Variante mit dem größe- Tversky 1979) auf den Grund zu gehen. Ihr zufolge
ren Gewinn der sichereren vorgezogen. Wird die ist nicht der eigentliche Nutzen eines Objekts ent-
Wahrscheinlichkeit proportional angehoben, ent- scheidend für die Bewertung ist, sondern die Ver-
scheiden sich manche um und wählen nun die siche- änderung ausgehend von einem Referenzpunkt.
rere Variante mit dem kleineren Gewinn. Wenn es Dieser Referenzpunkt kann beispielsweise der aktu-
also sehr unwahrscheinlich ist, sowohl den Spatz als elle Zustand sein, ein gesetztes Ziel oder auch das
18.2 · Grundlegende Theorien zu Entscheidungen
157 18

Subjektiver
+ (empfundener) Wert

Referenzpunkt
Gewinne

– + Objektiver Wert
–300 –200 –100 0 100 200 300

Verluste

. Abb. 18.1 Wertfunktion der Prospect Theory

Worst-Case-Szenario. Der Ausgang einer Entschei- verlieren kann, werden solche Überlegungen interes-
dung wird als Gewinn oder Verlust im Vergleich sant (z. B. Lotto, Wetten). Um sich auf das Spiel ein-
zum Referenzpunkt betrachtet. Dabei ist die Nutzen- zulassen – bei einer Chance von 50:50 100 Euro zu
funktion für Gewinne und Verluste unterschiedlich verlieren oder einen höheren Geldbetrag zu gewin-
(Kahneman u. Tversky 1984). Die Wertfunktion stellt nen –, muss den meisten Personen demnach 200 Euro
eine S-Linie dar, die im Verlustbereich steiler abfällt, als möglicher Gewinn in Aussicht gestellt werden.
als sie im Gewinnbereich ansteigt (. Abb. 18.1). Die Angst, etwas zu verlieren, ist also ein viel
Das bedeutet zum einen, dass in Relation zum größerer Motivator als die Aussicht, etwas von glei-
steigenden objektiven Wert des Objekts der subjek- chem Wert zu gewinnen. Sollten Sie also jemals in
tiv zugeschriebene Wert sinkt. Ein Geldbetrag von die Situation kommen, einer Person einen neuen,
200 Euro ist subjektiv also nicht doppelt so viel wert schnelleren Computer verkaufen zu wollen, verwei-
wie 100 Euro, sondern etwas weniger (zwei Spatzen sen Sie nicht darauf, wie viel Zeit sie einsparen kann,
sind uns also nicht wirklich doppelt so viel wert wie sondern wie viel Zeit sie mit dem langsamen Rechner
einer). Zum anderen bedeutet es, dass Menschen verliert.
Verluste mehr fürchten, als sie Gewinne anstreben Die Verlustaversion wird auch herangezogen, um
(frei nach dem japanischen Sprichwort: „Der ent- den Endowment-Effekt (Besitztumseffekt) zu erklä-
wischte Fisch ist immer der größte“). ren. Folgendes Beispiel: Angenommen eine Person
Diese starke Abneigung gegenüber Verlusten möchte sich ein neues Fahrrad kaufen. Im Laden
wird Verlustaversion genannt (Kahneman et al. kostet das Wunschmodell 500 Euro. Dieser Preis
1991). Ein Verlust wiegt emotional ungefähr doppelt ist dem Kunden zu hoch. Im Internet findet er das
so schwer wie ein gleich großer Gewinn. Diese tief gleiche Modell für 450 Euro und schlägt zu. Als er
greifende Verlustaversion lässt mögliche Gewinn- zum ersten Mal mit seinem neuen Fahrrad durch die
chancen bei der Entscheidungsfindung in den Hin- Stadt fährt, bietet ein Passant an, ihm das Fahrrad für
tergrund treten, sodass die Entscheidung nicht auf 520€ abzukaufen. Was passiert? Die Person lehnt ab.
objektiven Gewinn-Verlust-Wahrscheinlichkeiten Ökonomisch betrachtet ist das nicht sinnvoll. Doch
gründet. Erst wenn man deutlich mehr gewinnen als was wir besitzen, empfinden wir als wertvoller als
158 Kapitel 18 · Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach

das, was wir nicht besitzen. Wenn wir etwas verkau- Impuls hinzugeben, nach dem Spatz zu greifen,
fen, verlangen wir mehr Geld, als wir selbst dafür sondern sich in Selbstkontrolle zu üben und auf die
bereit wären auszugeben (Ariely 2008). Experimente Taube zu warten.
haben gezeigt, dass der verlangte Verkaufspreis rund Studien haben auch herausgefunden, dass ein
doppelt so hoch ist wie der angebotene Kaufpreis positiver Zusammenhang zwischen der Fähigkeit
(Horowitz u. McConnell 2002). zum Belohnungsaufschub, der Selbstkontrolle und
Loslassen fällt uns schwer. Den vorangegangenen der zukunftsgerichteten Zeitperspektive („future
Effekten sehr ähnlich ist auch der Status-quo-Bias time perspective”, FTP) besteht (Avci 2013). Die-
(Kahneman et al. 1991). Dieser besagt, dass Men- jenigen, mit einer langen FTP setzen