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»The historians, lacking vision, resist linking their work to theory in the first place, while the theorists, lacking humility, claim such sweeping applicability for their generalizations as to make virtually unrecognizable the history upon which they are based.«

»Die Historiker, aus einem Mangel an Visionen, verweigern es in erster Linie, ihre Arbeit mit Theorien zu verbinden, während die Theoretiker, aus einem Mangel an Bescheidenheit, solch eine umfassende Anwendbarkeit ihrer Verallgemeinerungen in Anspruch nehmen, als wollten sie eigentlich die Geschichte, auf der ihre Erkenntnisse beruhen, unkenntlich machen.«

John Lewis Gaddis, 1991

(Übersetzung Th. Casagrande)

Danksagung

An erster Stelle möchte ich Prof. Dr. Volker Nitzschke nennen. Ohne seine vielfältigen Anregungen und seine konstruktive Kritik wäre diese Publikation nicht möglich geworden. Danken möchte ich auch meinem Kollegen Prof. Hans-Heinrich Ruta für die Gestaltung und die Satzherstellung. Danken möchte ich an dieser Stelle ebenfalls Frau Elli Bartel, die mir einige Bilder zur Verfügung stellte, wie auch Frau Dr. Gertrud Krallert- Sattler und dem Justus Perthes Verlag für die von ihnen erteilte Abdruck- genehinigung der Landkarte.

Inhalt

Einleitung 13 Anmerkungen zur Einleitung 24 I Zur Theorie ethnischer Konflikte 27 I Das Eigene
Einleitung
13
Anmerkungen zur Einleitung
24
I
Zur Theorie ethnischer Konflikte
27
I
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen,
Konflikte und Krieg
27
1.1
Bedeutung des Eigenen und des Fremden
in der Entwicklung des Menschen
28
1.1.1 Die soziale Funktion ethnischer Gruppen
39
1.1.2 Das reine Eigene und das unreine Fremde
40
1.1.3 Ethnische Koloniebildung
42
1.2
Ethnie, Volk und Nation
48
1.2.1 Zur Konstruktion des Ethnischen
48
1.2.2 Zum Mythos von Volk und Nation
52
1.3
Vom ethnischen Konflikt zum ethnisch-national
begründeten Krieg
60
1.3.1 Ethnische Schichtung und ethnischer Konflikt
62
1.3.2 Der ethnisch-national begründete Krieg
66
1.4
Zusammenfassung
71
Anmerkungen zum Kapitel I
77
II
Die Donauschwaben
87
1
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben
zu einer deutschen Volksgruppe
88
1.1
Die Anfänge der Kolonisation
l.l. l Die Neubesiedlung des Balkans als politische und mer-
kantilistische Maßnahme der Habsburger Monarchie
89
89

II •)

Inhalt

1

1.1.2 Methoden der Ansiedlung und daraus resultierende Probleme für das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien 92
1.1.2 Methoden der Ansiedlung und daraus resultierende
Probleme für das Zusammenleben der verschiedenen
Ethnien
92
1.1.3 Erste Ansätze einer gemeinsamen donauschwäbischen
Lebensweise der deutschsprachigen ethnischen
Gruppen
98
1.2 Die Donauschwaben im Kaiserreich Österreich
im 19. Jahrhundert
107
1.2.1 Der Kampf um die Sprache in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts
107
1.2.2 Von der Revolution 1848 bis zum Ausgleich 1867 -
Die Verschärfung der Widersprüche zwischen den
Ethnien
110
1.3 Unter dem Druck der Nationalbewegungen -
Die Donauschwaben als ethnische Minderheit
114
1.3.1 Die Donauschwaben in Ungarn bis 1918
114
1.3.2 Die Donauschwaben im Königreich Jugoslawien
1918 bis 1933
125
1.3.3 Vom Ethnomanagement zur nationalsozialistischen
Volksgruppenpolitik - Die Donauschwaben in
Jugoslawien 1933 bis 1941
135
Zusammenfassung unter Berücksichtigung
der theoretischen Vorüberlegungen
Anmerkungen zum Kapitel II
2
144
146
III
Die Banater Schwabe n 1941-1945
155
1
Die Zerschlagung und Aufteilung
des jugoslawischen Staates
155
2
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers
Serbien
167
2.1
Der Partisanenkrieg in Serbien bis zur Aufstellung
der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
167
2.2
Die Situation der Volksdeutschen im Banat
174
2.3
Erste Pläne zur Aufstellung
einer neuen SS-Division
183
3
Die 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen«
187

// 10

Inhalt

3.1 Die Werbung 187 3.1.1 Im Banat 188 3.1.2 In Kroatien 197 3.1.3 Volksdeutsche aus
3.1 Die Werbung
187
3.1.1 Im Banat
188
3.1.2 In Kroatien
197
3.1.3 Volksdeutsche aus Rumänien und anderen Staaten
Südosteuropas in der »Prinz Eugen«
207

3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«

3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen« 211
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen- setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen« 211

211

3.2 Aufstellung und Ausbildung

3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212

2123.2 Aufstellung und Ausbildung

3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften

3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften
 
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften   212

2123.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und Mannschaften  

3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung

3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung
 
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung   222

222

3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps

3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung des V. SS-Armeekorps 228

228

3.3.1 1942 - Erste Versuche im Partisanenkampf in Serbien

 

.

.

229

3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien

 
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien   236

236

3.3.3 Die Operation »Weiß«

3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241

241

3.3.4 Die Operation »Schwarz«

3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251

251

3.4 Die Einsätze vom September 1943

 

bis zur Kapitulation im Mai 1945

 
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261
bis zur Kapitulation im Mai 1945   261

261

3.4.1 Die Unternehmen »Achse«, »Herbstgewitter«

und »Landsturm« - September bis November 1943 261

und »Landsturm« - September bis November 1943 261 3.4.2 Verschiedene Operationen in Bosnien   zwischen
und »Landsturm« - September bis November 1943 261 3.4.2 Verschiedene Operationen in Bosnien   zwischen
und »Landsturm« - September bis November 1943 261 3.4.2 Verschiedene Operationen in Bosnien   zwischen

3.4.2 Verschiedene Operationen in Bosnien

 

zwischen November 1943 und Juli 1944

 
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268
  zwischen November 1943 und Juli 1944   268

268

3.4.3 Der Einsatz nach dem Abfall Rumäniens und

 

Bulgariens - August und September 1944

 
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290
Bulgariens - August und September 1944   290

290

Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III

4

Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien Anmerkungen zum Kapitel III 4 298 301

298

301

IV

Der Ausbau der Waffen-SS

Der Ausbau der Waffen-SS
 
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323
IV Der Ausbau der Waffen-SS   323

323

1

Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen

 
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323
1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen   323

323

2

Von der SS-Elite zum Massenheer

2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325

325

2.1

Die west- und nordeuropäische SS

2.1 Die west- und nordeuropäische SS 326
2.1 Die west- und nordeuropäische SS 326
2.1 Die west- und nordeuropäische SS 326
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2.2

Die ost- und südosteuropäische SS

 
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2.2.1

Die 13. SS-Division »Handschar«

 
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Anmerkungen zum Kapitel IV

Anmerkungen zum Kapitel IV
 
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Anmerkungen zum Kapitel IV   335
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Inhalt

V Schluss 339 Anmerkungen zum Kapitel V 351 Quellen Literatur Karten- und Bildnachweis Personenregister
V
Schluss
339
Anmerkungen zum Kapitel V
351
Quellen
Literatur
Karten- und Bildnachweis
Personenregister
Ortsregister
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354
362
362
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Einleitung

Mein Vater war Südtiroler und optierte 1939 für Deutschland. Wie viele seiner Freunde meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS und trug einen italienischen Familiennamen, den Namen seines Großvaters mütterlicher- seits: Casagrande. Der Name seiner Großmutter war Folladori. Mein Vater war der uneheliche Sohn eines italienischen Offiziers und zweisprachig groß geworden. Ich konnte als Heranwachsender an ihm und seiner Bio- grafie wenig »Deutsches« erkennen. Trotzdem war er von seinem »Deutsch- sein« zutiefst überzeugt und fühlte sich ohne jeden Zweifel der deutschen »Volksgruppe« zugehörig. Ich konnte diese seine persönliche Entscheidung damals ebenso wenig verstehen wie die klare Trennungslinie, die er und seine Freunde generell zwischen Südtirol und Italien zogen. Mit den Jahren wuchs mein Interesse an seiner Geschichte. Ich begann nachzuforschen und zu fragen: Warum ging mein Vater zur Waffen-SS? Wo kämpfte er? Ich stellte auch die mit Angst besetzte Frage, ob er an Men- schenrechtsverbrechen beteiligt gewesen war. Um diese Fragen beantwor- ten zu können, musste ich mich über seine persönliche Geschichte hinaus mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander setzen. Daraus entwickelte sich zunehmend ein umfassendes Interesse an der Geschichte der »Volksdeutschen« 1 zu dieser Zeit und speziell an ihrer Geschichte innerhalb der Waffen-SS. In den neunziger Jahren, als sich die Spannungen auf dem Balkan ver- schärften und in einen offenen Krieg mündeten, rückte die Frage nach den Ursachen ethnischer Konflikte zunehmend in den Mittelpunkt des öffent- lichen Interesses. Es erschienen verschiedene wissenschaftliche Publika- tionen, die sich mit diesem Problem auseinander setzten. Die neuen Fron- ten auf dem Balkan verliefen zunehmend entlang der alten Trennungsli- nien, und die scheinbar längst vergessenen Differenzen zwischen den ver- schiedenen Bevölkerungsgruppen brachen wieder auf, sodass sich mir die Frage nach der Struktur solcher Konflikte stellte. Wie war es möglich, dass alte Differenzen zu Auseinandersetzungen von solch tödlicher Intensität führten, nachdem sie jahrelang anscheinend geruht hatten? Wie überlebten

//13

Einleitung

Grenzziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, um nach Jahrzehnten und Jahrhunderten noch so scharf zu sein, dass sie zu ei- nem oft tödlichen Unterscheidungskriterium werden konnten? An dieser Stelle trafen sich die zwei Themenkomplexe an einem ge- meinsamen Schnittpunkt: die Geschichte der Volksdeutschen und die Fra- ge nach Struktur und Kontinuität ethnischer Differenzen und Konflikte. Wie auch immer man die Geschichte der Volksdeutschen zur Zeit des Na- tionalsozialismus interpretieren will, es ist eine Tatsache, dass sie europa- weit in Konflikte mit ihren Nachbarn gerieten und in diesem Zusammen- hang aktiv in allen Bereichen des »Dritten Reichs« vertreten waren.

Besonders klar und deutlich ist dabei der Weg der Volksdeutschen auf dem Balkan, insbesondere der Weg der Banater Schwaben, der sie bis hin zu einer eigenen SS-Division zur Bekämpfung der Partisanen und damit ih- rer Nachbarn führte. Diesen Weg nachzuzeichnen und an ihm exempla- risch aufzuzeigen, welche Schritte es ermöglichen, dass Differenzen zwi- schen verschiedenen Bevölkerungsgruppen auch nach einer Phase relativ friedlichen Zusammenlebens unter bestimmten Bedingungen wieder in ei- ne gewaltsame Katastrophe führen können, ist das Ziel dieses Buches. Lange Zeit sah es so aus, als wäre das Ethnische aus der Politik des 20. Jahrhunderts in Europa verschwunden oder nur noch Teil einer Aus- einandersetzung zwischen Minoritäten und Majoritäten innerhalb eines bestehenden Staatengebildes (vgl. Waldmann 1995). Dass das Ethnische als Prinzip der Unterscheidung zwischen »Eigenem und Fremdem« (Erdheim 1992, 8) noch einmal eine solch vernichtende Wirkung im Europa des aus- gehenden Jahrhunderts haben würde, hatte niemand vorausgesehen (vgl. Nassehi 1997, 9). Eine Rückkehr der Bilder von Massenvertreibungen, Um- siedlungen, Lagern und Massenmord schien nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges undenkbar. Mit der Katastrophe auf dem Balkan ver- stärkte sich das öffentliche Interesse an einer Erklärung der kollektiven Ge- waltphänomene (vgl. Höpken/Riekenberg 2001, VII), und es wurde ver- sucht, die aktuellen Aspekte des ethnischen Nationalismus neu zu deuten (vgl. Binder/Niedermiiller/Kaschuba 2001, 7). In diesem Zusammenhang wurde auch das Ethnische an sich - als Ursache von Konflikten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen - Gegenstand der wissenschaftlichen Diskussion. Anknüpfend an bereits vorliegende Arbeiten 2 versuchte man deshalb, der Frage nach der Hartnäckigkeit, mit der sich das Ethnische als Ordnungsprinzip behauptet, aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Grund zu gehen.

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Einleitung

So haben sowohl die Psychoanalyse als auch die Soziologie und die An- thropologie wichtige Erkenntnisse zur Erklärung des Ethnischen im Allge- meinen und ethnischer Konflikte im Besonderen beigetragen. Unterwirft man die vorliegenden Arbeiten einem genaueren Blick, so fällt auf, dass die verschiedenen Ansätze unterschiedliche Aspekte des Problems zum Teil überzeugend analysieren, aber jeweils alleine keine umfassende Erklärung der Ursachen ethnischer Konflikte anbieten. Einige psychoanalytische Untersuchungen (vgl. Erdheim 1988/1992; Bohleber 1992; Heim 1992) zeigen den Zusammenhang zwischen frühkind- lichen Strukturen, ethnischer Identität und ethnischen Differenzen auf. Erdheim (1998) verweist - mit einem speziellen Blick auf die Adoleszenz - auf den Antagonismus von Familie und Kultur. Mentzos (1993) unter- nimmt eine differenzierte Analyse des Phänomens Krieg, geht aber nicht auf die spezifischen Strukturen der Herausbildung ethnischer Differenzen und Konflikte ein. Den bisher umfassendsten Versuch, ethnische Konflikte aus psychoanalytischer Sicht zu untersuchen, macht der amerikanische Psychoanalytiker Vamik D. Volkan (1999). 3 Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kernidentität des In- dividuums und Großgruppenidentität der Ethnien. Volkan entwickelt ein theoretisches Konzept zur Erklärung von Konflikten zwischen Großgrup- pen. Seine Untersuchungen basieren auf Arbeiten, die hauptsächlich im angelsächsischen Sprachraum veröffentlicht wurden (vgl. Wirth, in: Vol- kan 1999,1), und beinhalten keine Auseinandersetzung mit der Terminolo- gie und den Ergebnissen der europäischen Soziologie und Politologie zu diesem Thema. Aus dem Bereich der Soziologie und der Politologie liegen zahlreiche Untersuchungen (vgl. Elwert 1989; Balibar/Wallermann 1990; Heckmann 1992; Kaschuba 1995; Esser 1996; Heitmeyer/Dollase 1996; Nas- sehi 1997; Höpken/Riekenberg 2001; Binder/Niedermüller/Kaschuba 2001) sowohl zu den konkreten Erscheinungsformen des Ethnischen als auch zu den unterschiedlichen Aspekten ethnischer Gruppenbildung und ethni- scher Konflikte vor, ohne dass man aber hier schon von einer umfassenden Theorie des Ethnischen sprechen könnte. Gemeinsam ist den genannten Untersuchungen aus Psychoanalyse, Soziologie und Politologie, dass sie sich nicht nur mit der Frage des Ethnischen an sich, sondern auch mit des- sen Verhältnis zum Nationalen auseinander setzen. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wird dabei das Spannungsverhältnis zwischen dem Ethni- schen und dem Nationalen beleuchtet und der Frage nach etwaigen Ge- meinsamkeiten beziehungsweise Differenzen nachgegangen.

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Einleitung

Die Fülle der noch offenen Fragen 4 zeigt sich auch an der Vielfältigkeit der Forschungsansätze innerhalb der Sozialwissenschaften. Dabei bestätigt sich, dass die Sozialwissenschaften nicht nur im Allgemeinen (vgl. Haber- mas 1996, 30), sondern auch bei der Analyse des Ethnischen im Besonde- ren, auf Basis einer rein empirisch ausgerichteten Forschung, schnell an ih- re Grenzen stießen und somit einem hermeneutischen Ansatz den Weg öff- neten. Dem Verstehen und Erklären der psychischen Grundlagen mensch- lichen Verhaltens in ethnischen Konflikten kommt deswegen in vielen Ar- beiten eine große Bedeutung zu (vgl. Krainz 1982; Dollase 1996; Hon- drich 1996). Der dabei zum Teil unternommene Versuch bei der Erklärung des Ethnischen, Erkenntnisse aus der Psychoanalyse heranzuziehen und damit auch deren Begriffe zu verwenden, ist aber nicht unumstritten und mit einigen methodischen Schwierigkeiten verbunden. Aus der Sicht der empirischen Sozialforschung gehen die Schwierigkeiten der Verwendung von bestimmten Begriffen, wie beispielsweise »Unbewusstes«, über das Problem der Nominaldefinition und der Konzeptspezifikation hinaus, da diese Begriffe sich nicht mit der Realität konfrontieren lassen und somit keinen wissenschaftlichen Wert haben. 5 Aber auch innerhalb der Psycho- analyse ist die Diskussion über das Verhältnis von Empirie und Theorie noch nicht abgeschlossen. 6 Die methodischen Schwierigkeiten, die durch die Aufnahme psychoanalytischer Ansätze innerhalb der Soziologie ent- stehen, spiegeln sich auch in der Auseinandersetzung zwischen den ver- schiedenen Befürwortern einer Verknüpfung von Psychoanalyse und Ge- sellschaftswissenschaften wider. Dabei reicht die Diskussion bis in die dreißiger Jahre zurück, verdeutlicht etwa in der Auseinandersetzung zwi- schen Wilhelm Reich und Erich Fromm (vgl. Dahner 1980). Unabhängig da- von wird aber immer wieder von Neuem für eine Zusammenarbeit von Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft plädiert (vgl. Rüsen/Straub 1998). Insgesamt zeigt die Lebendigkeit der Diskussion, dass ein Prozess in den Sozialwissenschaften im Gange ist, dessen Ziel die Aufhebung der von John Gaddis beklagten Trennung zwischen »Theorie« und »Empirie« ist. 7 Der Versuch, diese Trennung aufzuheben, zeigt sich auch in den bereits ge- nannten Arbeiten: Meist wird empirisches Material aus den unterschied- lichsten historischen und geographischen Zusammenhängen als Beispiel für die Richtigkeit der vorgelegten Thesen verwandt. Dies gilt auch für die psychoanalytischen Arbeiten über das Ethnische." Andere Beiträge zur ak- tuellen Diskussion kollektiver Identität und ethnisch begründeter Gewalt wiederum verbinden ihre Analyse zwar mit einzelnen Fallstudien, ohne

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Einleitung

sich dabei allerdings mit dem Ethnischen an sich oder mit dem Entste- hungsprozess der verschiedenen am Konflikt beteiligten ethnischen Grup- pen ausführlich auseinander zu setzen. Dies gilt unter anderem für die von Binder/Niedermüller/Kaschuba und Höpken/Riekenberg 2001 herausgege- benen Bände. In Ersterem findet eine Auseinandersetzung mit der Insze- nierung des Nationalen und der damit verbundenen ethnischen Identität anhand von Fallstudien aus Mittel- und Osteuropa statt. In Letzterem wird das Phänomen kollektiver Gewalt mit Hilfe vergleichender Studien über Südosteuropa und Jugoslawien untersucht. Beide Bände diskutieren also ethnische und nationale Probleme in einem überschaubaren geographi- schen Raum und stellen einen wichtigen Beitrag für die aktuelle Diskus- sion dar, beinhalten aber - wie bereits ausgeführt - keine Auseinanderset- zung mit dem Ethnischen an sich oder mit den Entstehungsgeschichten der verschiedenen ethnischen Gruppen.

Der Versuch, die verschiedenen Aspekte ethnischer Gruppenbildung und ethnischer Konflikte an der Geschichte einer Ethnie anhand einer Ein- zelfallstudie zu zeigen und dabei die aufgestellten Thesen zu überprüfen, ist selten. Ansätze bilden hier die Arbeiten der Kulturanthropologinnen Marylin McArthur (1990) über die Siebenbürger Sachsen und Regina Röm- hild (1998) über die Russlanddeutschen. Marylin McArthur (1990) legt eine spannende Arbeit vor, die allerdings zu wenig die verschiedenen theoreti- schen Ansätze zur Erklärung ethnischer Identität und ethnischer Differen- zen aufgreift (vgl. Weber/Nassehi 1990). Regina Römhild (1998) setzt sich ebenfalls differenziert mit der Geschichte der Russlanddeutschen ausein- ander und erstellt eine überzeugende Studie. Darüber hinaus bezieht sie auch aktuelle theoretische Analysen ein. Allerdings streift sie sowohl die psychoanalytischen Aspekte ethnischer Gruppenbildung als auch das Pro- blem des ethnischen Krieges nur am Rande.

Wenn aber ein theoretisches Modell zur Erklärung von Wirklichkeit tauglich sein soll, dann muss man mit ihm einerseits allgemeine Struktu- ren ethnischer Gruppenbildung auch an einer ethnischen Gruppe aufzei- gen können. Andererseits muss es aber auch möglich sein, die Entstehung ethnischer Konflikte und Gewalt an diesem konkreten Beispiel weiterzu- verfolgen und die aufgezeigten Strukturen in den Maßnahmen und Hand- lungen der jeweiligen Politik wieder zu finden. Somit muss man die Eska- lation der Spannungen zwischen ethnischen Gruppen auch im »Detail« am Beispiel einer konkreten historischen Situation verfolgen können. Dieser Blick auf das Konkrete durch die »Brille« der Theorie fehlt wiederum oft

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Einleitung

bei der historischen Aufarbeitung von Geschichte, womit dann die Ein- sicht in Zusammenhänge verstellt und Erkenntnis erschwert werden kann. Die These dieser Arbeit ist, dass die Gefühle und Strukturen, die mit der Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem im frühen Kindesalter ver- bunden sind, die Basis bilden, auf der die im weiteren Verlauf der Ausbil- dung des Individuums sich entwickelnde ethnische Identität aufbaut. Die sich herausbildenden Organisationsformen ethnischer Gruppen erhalten und reproduzieren die damit verbundenen ethnischen Differenzen. Dieser Prozess kann durch verschiedene Einflüsse und Entwicklungen vermindert oder auch verschärft werden. Bei einer Verschärfung ethnischer Differen- zen hin zum Konflikt können die psychischen Strukturen frühkindlicher Ängste wieder bedeutsam werden. Je schärfer der Konflikt sich entwickelt, desto mehr können aus eingebildeten Ängsten wirkliche Gefahren werden. Gipfelt der Konflikt in einem ethnischen Krieg, so schafft dieser eine Wirk- lichkeit, in der das Eigene vom Fremden bedroht wird. Das Fremde wird zum »wirklichen« Bösen. Ist der fatale Mechanismus gegenseitiger Gewalt- taten, ethnischer Säuberungen und Vertreibungen erst einmal in Gang ge- setzt, widersteht der Hass auf das Fremde dem Aufruf zur Verständigung. Jeder ethnische Krieg schafft die Voraussetzung für seine Fortsetzung und Wiederholung.

Die Geschichte der Volksdeutschen in der Waffen-SS, die entscheidend von den damaligen Ereignissen auf dem Balkan beeinflusst wurde, ist bis- her nicht unter ethnischen Gesichtspunkten analysiert worden. Dabei er- öffnet eine solche Herangehensweise den Zugriff auf eine geradezu als exemplarisch zu bezeichnende Geschichte der Instrumentalisierung von ethnischen Differenzen und kann somit bedeutsam zur Absicherung sozial- wissenschaftlicher Theorien sein. Darüber hinaus kann sie auch Erkennt- nisse über Veränderungen beim Einsatz der Volksdeutschen durch die SS während des Zweiten Weltkrieges liefern und damit zu einer historischen Betrachtung beitragen. Die Geschichte der Volksdeutschen während des Zweiten Weltkrieges ist eng mit der Geschichte der Waffen-SS verbunden (vgl. Wegner 1997). Die SS entwickelte sich während der Zeit des Nationalsozialismus zu einer weitgehend eigenständigen Institution, die schließlich mit den anderen Säulen des »Dritten Reichs« um die Vorherrschaft stritt. Die Stationen des Aufstiegs der SS (Röhmputsch 1934, Überfall auf Polen 1939, 20. Juli 1944) sind bekannt und wurden eingehend untersucht (vgl. Stein 1967; Höhne 1967; Buchheim 1967; Wegner 1997). Der steigende Einfluss der SS im Reich

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Einleitung

machte sich auch in der Truppenstärke der Waffen-SS bemerkbar. Sie stieg von 18 000 Mann im Jahr 1939 auf 910 000 im Jahre 1944 (vgl. Steiner 1995; Höhne 1996). 9 Dieser Ausbau der Mannschaftsstärke konnte nur gegen den Widerstand der Wehrmachtsführung erfolgen, die darüber wachte, dass ihr als »Waffenträger der Nation« der hauptsächliche Zugriff auf die Rekruten- jahrgänge vorbehalten blieb. So richtete sich das Augenmerk der SS-Füh- rung bei ihrem Versuch, der SS innerhalb des nationalsozialistischen Staa- tes mehr Einfluss zu verschaffen und die Mannschaftsstärke der Waffen-SS zu erhöhen, fast zwangsläufig auf die nicht reichsdeutschen Volksgruppen in Europa. Hier waren, neben den »germanischen Freiwilligen« (Wegner 1980) und anderen ausländischen Einheiten, vor allem die Volksdeutschen von zentraler Bedeutung.

So stieg denn der Anteil der Volksdeutschen innerhalb der Waffen-SS kontinuierlich an (vgl. u. a. Herzog 1955; Höhne 1996; Wegner 1997) und lag Ende des Krieges bei ungefähr 310 000 (vgl. Hausser 1953,13; Neulen 1980, 200). 10 In der Organisation der verschiedenen Volksgruppen war die SS al- so durchaus erfolgreich. Sie hatte mit der »Volksdeutschen Mittelstelle« (VOMI) ein Instrument, durch das sie auf die verschiedenen Volksgruppen Einfluss nehmen konnte (vgl. Lumans 1993). Bei allen deutschen Volks- gruppen, die im Einflussbereich des »Dritten Reichs« lagen, gingen denn auch mehr wehrfähige Männer zur SS als zur Wehrmacht (vgl. Herzog 1955). Der Einsatz der Volksdeutschen in der Waffen-SS wurde aber bisher, zu- sammen mit der Verwendung der »germanischen Freiwilligen«, in erster Li- nie unter dem Aspekt der quantitativen Ausdehnung der Waffen-SS be- trachtet (vgl. Stein 1967; Wegner 1980 und 1997; Neulen 1980 und 1985). Der qualitativen Veränderung in der Verwendung der Volksdeutschen wurde nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Stein 1967; Wegner 1997). 11 1941/42 wurden Volksdeutsche zum ersten Mal nicht mehr als Ersatz für be- reits existierende SS-Divisionen genutzt, sondern gezielt zu einer eigen- ständigen SS-Division zusammengefasst und zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. 12 Die Aufstellung der 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen« aus Angehörigen der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien, insbe- sondere der Banater Schwaben, wurde dabei zu einer Generalprobe. Weite- re Volksdeutsche SS-Divisionen folgten, so zum Beispiel 1943 die 11. SS-Di- vision »Nordland« und 1944 die 18. SS-Division »Horst Wessel«, die eben- falls zuerst bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt wurden.

Aber nicht nur für die »Volksdeutschen« war die Aufstellung der 7. SS- Division »Prinz Eugen« von Bedeutung. Die »Prinz Eugen« war die erste

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Einleitung

SS-Division, die nach ethnischen Gesichtspunkten zusammengesetzt und ausschließlich in ihrer Heimatregion eingesetzt wurde. Weitere Aufstel- lungen von SS-Divisionen nach ethnischen Prinzipien folgten (vgl. Stein 1967), wobei gezielt die Spannungen zwischen den verschiedenen Volks- gruppen verstärkt und ausgenutzt wurden. So wurden auf dem Balkan nach der Aufstellung der SS-Division »Prinz Eugen« noch eine bosnische und eine albanische SS-Division aufgestellt und ebenfalls zur Partisanen- bekämpfung eingesetzt (vgl. Stein 1967; Neulen 1982; Wegner 1997). Bis jetzt liegt jedoch keine wissenschaftlich fundierte Divisionsgeschichte der 7. SS-Division »Prinz Eugen« 13 vor, obwohl sie beim Ausbau der »nicht reichsdeutschen« Waffen-SS eine Schlüsselstellung einnimmt.

Die »Prinz Eugen« und der Krieg in Jugoslawien sind nicht von der Ge- schichte des Nationalsozialismus zu trennen. Es verbietet sich - wegen der Singularität der industriellen Massenvernichtung von Menschen durch die Nationalsozialisten — die einfache Gleichsetzung von Nationalismus und Nationalsozialismus. Im Nationalsozialismus wurden aber die verschiede- nen Aspekte - besonders die rassistische Komponente - des »Phantasmas der Nation« (Bohleber 1992) so zugespitzt, dass er als die extremste Aus- formung der Verbindung von Nationalismus und Rassismus verstanden werden muss. Damit kann die Untersuchung der Instrumentalisierung eth- nischer Konflikte durch den Nationalsozialismus Erkenntnisse gewähren, die weit über den konkreten historischen Zeitraum hinaus für das Ver- ständnis von Nationalismus und Rassismus gültig sind. Vor der Darstellung der Geschichte der Banater Schwaben und der SS- Division »Prinz Eugen« sollen einige grundsätzliche theoretische Überle- gungen zu den Strukturen ethnischer Konflikte angestellt werden. Die schon genannten Ansätze aus der Psychoanalyse, der Soziologie und der Anthropologie sollen dabei aufgegriffen und miteinander verbunden wer- den, um sich so der Erklärung der Ursachen ethnischer Differenzen anzu- nähern. Dieser Versuch der Annäherung muss zwangsläufig an Umfang gegenüber den einzelnen Ansätzen der verschiedenen Kulturwissenschaf- ten verlieren. 14 Es sollen so aber die Verbindungspunkte aufzeigt werden, an denen eine noch zu entwickelnde interdisziplinäre Theorie ethnischer Konflikte ansetzen kann. Die Schwierigkeiten meines Verfahrens liegen, wie bei jeder »rationalen Verstehenskonzeption«, in dem ihm immanenten Widerspruch, der sich aus der Verknüpfung zwischen einem empirischen Zugang zur Wirklichkeit mit deren Sinndeutung ergibt.

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Einleitung

»Wird der Zugang empirisch-analytisch gewählt, ist das Verständnis der sozialen Wirklichkeit nomologisch auf Kausalbeziehungen reduziert. Soll darüber hinaus die soziale Wirklichkeit in ihrer rationalen oder nichtrationalen Sinnhaftigkeit verstanden werden, verweisen die Aus- gangsbegründungen dieses Verstehens nicht auf empirische Fakten, sondern auf die sprachlichen Voraussetzungen der Erzeugung und Thematisierung vom Sinn dieser empirischen Fakten« (Jung/Müller- Doohm 1995, 20).

Trotz der aus diesem Widerspruch resultierenden Methodenprobleme (ebd. 22) ist diese Vorgehensweise durch die vorgenommene Aufgabenstel- lung gerechtfertigt. Geht es doch gerade bei der Deutung ethnischer Diffe- renzen und Konflikte darum, das Verhältnis von »objektiver Bedeutung« und »subjektivem Sinn« herauszuarbeiten. Was allgemein für die soziale Wirklichkeit gilt, ist im Besonderen auch für die Entstehung und den Er- halt des Ethnischen von Bedeutung. Den handelnden Individuen ist die »versteckte soziale Bedeutung« ihres »Tuns«, sind die tiefer liegenden Mo- tive ihres Verhaltens keineswegs umfassend bewusst.

»Das soziologische Verstehen ist in diesem Fall mit dem Problem kon- frontiert, die versteckte >soziale< Bedeutung des offensichtlichen, des buchstäblichen Sinns, seine interne Logik analytisch freizulegen« (Jung/Müller-Doohm 1995, 21).

Die so gestellte Aufgabe der Soziologie verweist auf die Notwendigkeit ei- ner Methodenkombination (ebd. 24). Nur eine Verknüpfung der verschie- denen Ansätze zur Erklärung ethnischer Konflikte ermöglicht es, die Struk- turen ethnisch motivierter Kriege und Vertreibungen umfassend aufzu- decken und die Frage, warum sich ethnische Differenzen immer wieder neu entwickeln, befriedigend zu beantworten. 15 Im Anschluss an diesen theoretischen Teil erfolgt im II. Kapitel eine Dar- stellung der Vorgeschichte der Banater Schwaben. Die Darstellung wird aus dem Blickwinkel der im I. Kapitel vorgenommenen Theoriebildung erfol- gen. Mit den dort eingeführten Begriffen soll sowohl dieser Teil der Ge- schichte des Banats verständlich gemacht als auch die im theoretischen Teil aufgestellten Hypothesen überprüft werden. Danach wird dann der Weg der 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen« von ihrer Auf- stellung und Ausbildung bis hin zu ihren Kampfeinsätzen, auf Basis der er- stellten Analyse eines ethnischen Krieges, untersucht. Die theoretische Analyse ethnischer Konflikte führt scheinbar weit weg von dem histori-

// 21

Einleitung

sehen Untersuchungsgegenstand. Jedoch werden in der Geschichte der Ba- nater Schwaben und der 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen« die verschiedenen Aspekte der »Theorie« wieder sichtbar und können so helfen, diese sonst zum Teil nur schwer verständliche Tragödie besser zu verstehen. Im III. Kapitel werden schließlich die Jahre 1941 bis 1944 und die von Volksdeutschen SS-Einheiten durchgeführte Aufstandsbekämpfung detailliert beschrieben und analysiert. Das III. Kapitel präsentiert darüber hinaus auch einige Fotografien. Dabei sind es aber nicht die auf den Bildern dargestellten Situationen alleine, welche die in der Arbeit aufgezeigten Aspekte unterstreichen. Vielmehr wirken sie vor allem zusammen mit den Originalkommentaren der Kriegsberichterstatter, die den meisten Fotogra- fien beigefügt werden konnten. Bei der historischen Aufarbeitung der Ge- schichte der Volksdeutschen, nach ethnischen Gesichtspunkten aufgestell- ten SS-Division »Prinz Eugen« beziehe ich mich auf Quellen aus dem Bundesarchiv in Berlin, dem politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn, 16 dem Militärarchiv in Freiburg und dem Militärhistorischen Archiv in Prag. Der größte Teil der wichtigen Dokumente über die Vorbereitung der Aufstellung der SS-Division »Prinz Eugen« findet sich in den Beständen aus Berlin und Bonn. Die Prager Bestände sind weniger umfangreich, bie- ten aber einen detaillierten Einblick vor allem in die Ausbildung der Divi- sion. Über die Verwendung und den Einsatz der Division im Partisanen- kampf geben sowohl die Dokumente aus Berlin und Bonn als auch aus Frei- burg Auskunft. Wobei in Bezug auf die militärischen Aspekte vor allem das Militärarchiv in Freiburg von Bedeutung ist. Über diese Quellen hinaus werde ich bereits erstellte Arbeiten zur Geschichte der Banater Schwaben, der Waffen-SS - und hier insbesondere zur Geschichte der Volksdeutschen innerhalb der Waffen-SS - heranziehen, um die Geschichte der 7. SS-Divi- sion »Prinz Eugen« umfassend darstellen zu können.

Eine weitere wichtige Grundlage dieses Teils meiner Arbeit ist die kriti- sche Sekundäranalyse von schriftlichen Berichten und Erinnerungen be- teiligter Zeitgenossen. 17 Der von dem Bundesministerium für Vertriebene 1961 herausgegebene 5. Band der Dokumentation der Vertreibung der Deut- schen aus Ost-Mitteleuropa bietet nicht nur eine umfassende Darstellung der Vertreibung und des Endes des deutschen Siedlungsgebietes im Banat, sondern darüber hinaus auch eine Fülle von Material - in erster Linie Zeit- zeugenberichte über die Geschichte der Banater Schwaben und der 7. SS- Division »Prinz Eugen«. Zu der von ehemaligen NS-Historikern wie Theo- dor Schieder und Werner Conze erstellten Dokumentation liegen inzwi-

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Einleitung

sehen verschiedene kritische Untersuchungen vor. Beide Historiker gehör- ten im »Dritten Reich« zu denjenigen Wissenschaftlern, die von Götz Aly und Susanne Heim (1993) als »Vordenker der Vernichtung« 18 bezeichnet wurden. Trotzdem wurde die Dokumentation, an der unter anderem auch ehemalige Volksgruppenaktivisten wie Johann Wüscht und Franz Hamm 19 mitgearbeitet hatten (vgl. Dokumentation der Vertreibung Band 5, VI), auch von kritischen Historikern insgesamt als seriös, wenn nicht gar als bei- spielhaft für eine moderne Annäherung der Geschichts- an die Sozialwis- senschaften gewürdigt (Beer 1999; Aly 1999). 20

Der Umgang mit Aussagen von Zeitzeugen, insbesondere von Verant- wortungsträgern des »Dritten Reichs«, über ihre Beteiligung am damaligen Geschehen ist generell schwierig und verlangt Sorgfalt. 21 Die erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs niedergelegten Berichte sind darüber hinaus nicht aus dem Kontext von Anklage und Rechtfertigung zu lösen. Aussagen von Verantwortlichen, wie dem Volksgruppenführer Sepp Janko, dem Gründer der Arbeitergenossenschaften im damaligen Jugoslawien Johann Wüscht und dem Kommandanten der 7. SS-Division »Prinz Eugen« vom 30. Januar 1944 bis 20. Januar 1945 Otto Kumm, sind deswegen unter dem Aspekt der Verteidigung und Beschönigung der eigenen Handlungen gegenüber der Anklage, an einem verbrecherischen Krieg beteiligt gewesen zu sein, zu sehen. Die Motivation, sich zu verteidigen, ist dabei nicht nur für den juristischen Teil der Anklage von Bedeutung, auch gegenüber einer moralischen Anklage kommt sie zum Tragen (vgl. Moser 1992). Den ge- nannten Berichten werden, wo es möglich ist, Dokumente aus den Archi- ven gegenübergestellt. 22

Anlehnend an John Gaddis möchte ich meine Arbeit somit in den Dienst einer engeren Verknüpfung von Sozial- und Geschichtswissenschaften stel- len. In diesem Sinne kann die vorliegende Arbeit - abhängig vom jeweili- gen Blickwinkel - sowohl als ein sozialwissenschaftlicher Beitrag zur hi- storischen Aufarbeitung der Geschichte der 7. SS-Division »Prinz Eugen« als auch als ein historischer Beitrag zur Bildung einer Theorie ethnischer Konflikte verstanden werden.

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Anmerkungen zur Einleitung

Anmerkungen zur Einleitung

1 Der Begriff »Volksdeutsche« wurde laut einem Schreiben des Reichsministers und Chefs

in Sprache und

Kultur deutschen Stammes waren, nicht aber als Bürger zum Deutschen Reich gehörten« (Herzog 1955, 2).

2 Ausgangspunkt vieler dieser Arbeiten war dabei die Auseinandersetzung mit verschiede- nen Aspekten gerade deutscher Geschichte in Verbindung mit der Zeit des Nationalsozia- lismus. So z. B. bei Levi-Strauss 1972; Norbert Elias 1969 und 1989; Alexander und Marga- rete Mitscherlich 1967; Ewald Krainz 1982.

3 In einem Artikel für die Zeitschrift Psyche legt Volkan (2000) die zentralen Thesen seines Buches noch einmal komprimiert dar.

4 Siehe hierzu das Vorwort von O. Backes, R. Dollase und W.Heitmeyer zu den von ihnen pu- blizierten Tagungsergebnissen (vgl. Heitmeyer/Dollase 1996).

5 »Mitunter besitzen Erklärungen, obwohl sie der angestrebten D-N-Struktur (deduktiv-no- mologischen Struktur. Anm. durch den Verf.) genügen, keinen wissenschaftlichen Wert, weil sie sich nicht mit der Realität konfrontieren lassen. Beispiele für solche Erklärungen operieren häufig mit Begriffen wie >Unbewußtes<, (Hervorhebung durch den Verf.) gesell- schaftliche Totalitäten<, >Seele<, >System< usw. als Ursache (oder Folge) für bestimmte Ereig- nisse, wobei die Begriffsinhalte so definiert sind, daß sie sich der direkten Wahrnehmung entziehen.« (Schnell/Hill/Esser 1999, 70).

6 Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Problemen, welche die zunehmende em- pirische Orientierung der neueren psychoanalytischen Theorie aufwirft, bietet Ursula Dre- her. Die Autorin plädiert dafür, den Zusammenhang von empirischer Forschung und theo- retischer Begriffsbildung nicht aus den Augen zu verlieren. »Psychoanalytische Empirie oh- ne pschoanalytische Konzepte ist blind, psychoanalytische Konzepte ohne Praxis sind leer« (Dreher 1998, 8). Otto Kernberg setzt sich wiederum mit Widerständen innerhalb der Psychoanalyse gegenüber einer Untersuchung pychoanalytischer Situationen mit empiri- schen Methoden auseinander. Er plädiert für eine psychoanalytische Forschung, die lang-

grundlegende Wis-

der Reichskanzlei vom 25.1.1938 für diejenigen Personen verwandt, »

die

fristig der Psychoanalyse »die Anerkennung und Wertschätzung

senschaft der menschlichen Psyche« sichern soll (Kernberg 1997, 45).

als

7 So schreiben Schnell, Hill und Esser in ihrem Vorwort zur ersten Auflage der Methoden der empirischen Sozialforschung (1988), dass das Hauptproblem bei der Vermittlung der Grundlagen der Soziologie in den Schwierigkeiten liegt, »die die Verbindung von Soziolo- gie und deren Überprüfung durch empirische Untersuchungen« macht. »Dieses Vermitt- lungsproblem von Theorie und empirischer Basis erscheint in einem Fach (und einem Land), in dem ein >Theoretiker< immer vorzugsweise durch seine Weigerung oder Unfähig- keit, empirisch zu arbeiten, geradezu >definiert< werden kann, nahezu zwangsläufig als Folge einer auch institutionellen Trennung.« Ziel des Buches ist es »die Vermittlung von empirischer Forschung und soziologischer Theoriebildung etwas zu erleichtern« (Schnell/ Hill/Esser 1999, 1).

8 Stellvertretend will ich in diesem Zusammenhang nur auf die wichtigen Arbeiten von Ma- rio Erdheim bzw. Vamik D. Volkan aus der Psychoanalyse und von Friedrich Heckmann bzw. Georg Elwert aus der Soziologie verweisen. In ihnen werden zur Verdeutlichung und Absicherung der vorgelegten theoretischen Analyse Beispiele aus den unterschiedlichen historischen Epochen (Mittelalter/Neuzeit) und verschiedenen Kulturkreisen (Afrika, Ame- rika, Europa) angegeben, (vgl. Elwert 1989; Heckmann 1992; Erdheim 1994; Volkan 1999).

9 Die Zahlenangaben in den verschiedenen Untersuchungen schwanken. Der ehemalige Ge- neralinspekteur der Waffen-SS, Hausser (1953,13), gibt die Gesamtstärke der SS für den De- zember 1944 mit 950 000 an.

// 24

Anmerkungen zur Einleitung

10 Wegner schätzt, dass Ende des Krieges alleine 20 bis 25 % aller Mitglieder der Waffen-SS aus Rumänien bzw. Ungarn stammten (vgl. Wegner 1997, 353).

11 George H. Stein (1967) untersucht in seinem Standardwerk Geschichte der Waffen-SS auch den Einsatz der Volksdeutschen. Allerdings übernimmt Stein das vernichtende Urteil des Divisionskommandeurs der SS-Division »Totenkopf« über den Volksdeutschen Ersatz, oh- ne dessen Urteil kritisch zu hinterfragen (vgl. ebd 172 ff; Siehe hierzu auch die Kapitel III/2.3 und III/3.4.3 dieser Arbeit).

12 Stein (1967) und Wegner (1997) verweisen auf diese Veränderung, ohne jedoch auf die konkreten Ereignisse auf dem Balkan und die 7. SS-Division »Prinz Eugen« näher einzu- gehen.

13 Die von dem Kommandanten der Division »Prinz Eugen« Otto Kumm - er führte die Divi- sion von 1944 bis 45 - geschriebene Divisionsgeschichte hat stark apologetischen Charak- ter. Sie kann keinen umfassenden Einblick in die Struktur der Division und der Partisa- nenkämpfe bieten. Kumms Darstellung der Divisionsgeschichte wird im III. Teil dieser Ar- beit aber durchaus von Bedeutung sein.

14 Stellvertretend soll hier nur auf die Arbeit Volkans (1999) hingewiesen werden, die selbst- verständlich psychoanalytische Theoriekonzepte ausführlicher darstellt, als dies im Rah- men meiner Arbeit möglich ist.

15 Markus Scherer geht davon aus, dass eine umfassende Darstellung der Dimensionen der Fremdheit über die klassische Soziologie hinausgeht und in das Feld der Anthropologie, Ethnologie, Psychologie, Psychoanalyse, Kulturwissenschaft, Sprach- und Literaturwis- senschaft hineinreicht (vgl. Scherer 1997, 19).

16 Zu Beginn meiner Untersuchungen befand sich das politische Archiv des Auswärtigen Amtes noch in Bonn. Der Umzug nach Berlin erfolgte im Sommer 2000 während der Aus- wertung der in Bonn eingesehenen Dokumente.

17 Über die Geschichte der Banater Schwaben und der 7. SS-Freiwilligen-Division »Prinz Eu- gen« liegen verschiedene Berichte vor. Sepp Janko (1982) schildert als ehemaliger Volks- gruppenführer Weg und Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien. Otto Kumm (1978) beschreibt als ehemaliger Divisionskommandant den Kampf der 7. SS-Freiwilligen- Division »Prinz Eugen«. Eine Vielzahl von zeitgenössischen Aussagen findet sich in der vom Bundesministerium für Vertriebene (1961) herausgegebenen Dokumentation der Ver- treibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa.

18 Eine weitere Untersuchung zur Bedeutung Theodor Schieders und Werner Conzes als His- toriker während des Nationalsozialismus und in der BRD unternimmt Götz Aly (1999).

19 Wie aus Akten des politischen Archivs des Auswärtigen Amtes hervorgeht, hatten 1941 beide, sowohl Wüscht als auch Hamm, aktiv an der Denunziation ihrer jüdischen Mitbür- ger teilgenommen. (Siehe hierzu Kapitel III/l.)

20 Den Zusammenhang zwischen der Forschungsarbeit Schieders und Conzes im »Dritten Reich« und der nach 1945 erstellten Dokumentation des Bundesministeriums für Vertrie- bene untersucht Mathias Beer (1999, 99-117) in einem Beitrag für die Zeitschrift Ge- schichte in Wissenschaft und Unterricht. Des Weiteren siehe hierzu auch Mathias Beer:

Der >Neuanfang< der Zeitgeschichte nach 1945. Zum Verhältnis von nationalsozialisti- scher Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik und der Vertreibung der Deutschen aus Ost- mitteleuropa; in: Schulze /Oexle (Hg.) 1999.

21 So wurde Daniel Goldhagen für seinen unkritischen Umgang mit den Aussagen von An- gehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 in seinem Buch Hitlers willige Vollstrecker, Berlin 1996, vielfach kritisiert, weil er unter anderem die spezifische Bedeutung von Aus- sagen Angeklagter in juristischen Prozessen nur ungenügend bei seiner Verwendung des Materials in Betracht gezogen hat (vgl. Pohl 1997; Birn 1997). Interessant hierzu ist auch Goldhagens Gegenposition bzw. die Rechtfertigung seiner Vorgehensweise (vgl. Goldha- gen 1996).

// 25

Anmerkungen zur Einleitung

22 Eine vergleichbare Methode gebrauchten Christian Jansen und Arno Weisbecker in ihrer Studie über den »Volksdeutschen Selbstschutz« in Polen. Die Autoren verwendeten in er- ster Linie Protokolle von Prozessen gegen Mitglieder des »Selbstschutzes«. Sie konzen- trierten sich dabei auf die gemachten Zeugenaussagen und überprüften diese an Hand von zeitgenössischen Dokumenten (vgl. Jansen/ Weisbecker 1992, 10).

// 26

I

Zur Theorie ethnischer Konflikte

l

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Innerhalb der Sozialwissenschaften wurde die Diskussion über den Charakter des Ethnischen entlang zweier unterschiedlicher Konzepte ge- führt. Dabei hat sich das konstruktivistische Konzept, welches die histo- risch-politische Dimension von Ethnizität hervorhebt, immer mehr gegen- über dem essentialistischen Konzept, welches Ethnizität als universellen Ausdruck einer objektiven, ursprünglichen Abstammungsgemeinschaft sieht, durchgesetzt (vgl. Heitmeyer 1996, 34; Kneer, 1997, 93; Römhild 1998, 13). 1 Es zeigte sich, dass die Organisation von Gruppen auch entlang anderer Kriterien als denen einer gemeinsamen Sprache und Abstammung verlau- fen kann (vgl. Kneer 1997, 93). Damit war der universelle Anspruch der es- sentialistischen Definition aufgebrochen, da sich zu jeder von ihr benann- ten Gesetzmäßigkeit ethnischer Gruppenbildung eine Ausnahme benen- nen ließ (vgl. Elwert 1989, 18). Durch den konstruktivistischen Ansatz wurde die Theorie ethnischer Gruppen von der Nähe zu biologistischen und nationalistischen Positionen befreit. Aber trotz der scheinbaren Überlegenheit des konstruktivistischen Ansatzes erweist sich der essentialistische Ansatz als »zählebig«. Dies ist sicherlich zum einen darauf zurückzuführen, dass mit dem essentialisti- schen Konzept die Hartnäckigkeit ethnischer Differenzen und Konflikte einfach aufgrund der scheinbar objektiven Existenz dieser Differenzen er- klärt werden kann. Auf der anderen Seite wurde die auf dem Konstrukti- vismus basierende Ansicht, dass mit einem zunehmenden Maß an Moder- nisierung die Bedeutung des Ethnischen abnehmen würde, durch die Wirklichkeit widerlegt (vgl. Esser 1988; Nassehi 1990 und 1997). Das Ethni- sche wird nun insofern als ein begleitendes Moment der Moderne verstan-

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

den, als es Orientierungsmöglichkeiten in einer von Auflösung alter Struk- turen geprägten Welt bietet (vgl. Nassehi 1990, 286 ff) beziehungsweise aus den Widersprüchen des Systems immer wieder von Neuem erwächst (Wal- lerstein 1990, 106). Insbesondere tauchen Ansätze des Essentialismus im- mer dann wieder auf, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, warum Mitglieder ethnischer Gruppen bereit sind, sich für kollektive Ziele aufzu- opfern. Gerade in diesem Punkt scheint das konstruktivistische Konzept gegenüber dem essentialistischen im Nachteil zu sein, fällt es doch schein- bar mit ihm schwer, diesen emotionalen Aspekt zu erklären (vgl. Heitmey- er 1996, 35). Es geht im Folgenden darum, »die faktische Macht des Ethnischen« 2 zu untersuchen. Diese Macht besteht darin, eine Realität zu schaffen, die, ein- mal existent, nicht mehr vergehen will und eine ungeheure emotionale Wirkung auf die Menschen hat. Bei der Auseinandersetzung mit der Frage des Ethnischen wurde deswegen von vielen Autoren der Aspekt der ethni- schen Identität aufgegriffen (vgl. Nassehi 1990 und 1997; Heckmann 1992; Roth 1997; Römhild 1998). Damit die Bedeutung des Ethnischen und der ethnischen Identität für die Organisation menschlicher Kollektive umfas- send aufgezeigt werden kann, ist es aber notwendig, das konstruktivisti- sche Konzept weiterzuentwickeln und mit einem psychoanalytischen An- satz zu verbinden (vgl. Volkan 2000, 950). So soll der Blick zunächst weg von der Gruppe als Ganzes und hin auf ihre einzelnen Mitglieder gelenkt werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit Grenzbildung und Grenzerhaltung zwischen Eigenem und Fremdem nicht erst im Zu- sammenhang mit ethnischen Kollektiven bedeutsam sind, sondern schon eine Bedeutung für das Individuum in seinem Entwicklungsprozess, unab- hängig von ethnischen Gruppenbildungen, haben.

1.1

Bedeutung des Eigenen und des Fremden

in der Entwicklung des Menschen

Nach dem ersten »Schock der Geburt«, den das neugeborene Kind zu überwinden hat und der den »paradiesischen Urzustand im Mutterleib« (Krainz 1982, 333) beendet, folgt eine Phase, in der sich eine Symbiose zwi- schen dem Kind und der Mutter herausbildet.

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

»Symbiose bedeutet die illusionäre Vorstellung der Verschmolzenheit von zwei in Wirklichkeit getrennten Individuen und einer gemeinsamen Grenze dieser beiden nach außen. Am Ende der Symbiose zerfällt die Welt in ein Selbst und Objekte, Innen und Außen können allmählich als unterschiedlich wahrgenommen werden« (ebd. 333).

Das Kleinkind entwickelt die Grundlagen seiner »Kernidentität« (Volkan 2000, 933), 3 aber auch die Objektbeziehungen in Interaktion mit der Mutter, wobei zur versorgenden Mutterbrust eine ambivalente Beziehung besteht. Je nachdem, ob die Mutter die Bedürfnisse des Säuglings befriedigt oder nicht, entstehen in ihm positive und negative Gefühle. »Im Mischverhält- nis von oraler Triebbefriedigung und unausweichlicher Triebversagung spaltet sich die mütterliche Brust in einen >guten< und einen >bösen< Teil« (Heim 1992, 720). Diese Aufspaltung in »gut« und »böse« wird für das Grundmuster der Gefühle in die Objektbeziehungen übernommen. Der ganze Zusammen- hang zwischen Externalisierung und Internalisierung bei der Entwicklung von Identität kann hier nicht aufgezeigt werden. 4 Für das Verständnis der psychischen Grundlagen ethnischer Identität aber ist es wichtig festzuhal-

ten, dass die externalisierten Objektbilder außerhalb des kindlichen Selbst- bildes mit unterschiedlichen Affekten, positiven oder auch negativen, ver- bunden werden. Diese Externalisierung spielt bei dem Aufbau eines aus- gewogenen Selbstbildes eine wichtige Rolle (vgl. Volkan 2000, 936). Sie be- gegnet uns später auch auf der Ebene der ethnischen Gruppe wieder. Für die Psychoanalyse ist die früheste Wahrnehmung »des Fremden« im Säuglingsalter mit der Abwesenheit der Mutter verbunden (vgl. Erdheim 1992, 732). Das Bewusstwerden der »Nicht-Mutter« als »das Fremde« (Erd- heim 1988, 258) ist eine schmerzliche, Angst auslösende Erkenntnis und wie schon die Geburt gleichsam ein »Paradiesverlust« (Krainz 1992, 335). Dieses Bewusstwerden äußert sich etwa im achten Lebensmonat in Form ei- ner mehr oder weniger ausgeprägten Fremdenangst beim Säugling (vgl. Bohleber 1992, 693). Hier tritt gegenüber dem Eigenen und dem Fremden die Aufspaltung von »gut« und »böse« wieder auf. Das Bild des Fremden,

wird dabei mit »einem Trieb verhalten gegen-

die Fremdenrepräsentanz,

über Objekten, die nicht im Sinne des Lustprinzips besetzt werden kön- nen«, (ebd. 721) verknüpft. Diese negative Besetzung des Fremden hat eine wichtige psychohygienische Funktion (vgl. Erdheim 1992, 732). Sie ermög- licht dem Kind, seine negativen Gefühle gegenüber der Mutter, später auch gegenüber dem Vater und seinen Geschwistern, zu verlagern und sie im

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

Bild des Fremden unterzubringen. 5 Diese Externalisierung kann für das weitere Verhältnis zwischen Eigenem und Fremdem von entscheidender Bedeutung sein. Das Fremde wird dann zum Hort all dessen, was als be- drohlich in der eigenen Familie oder sogar am eigenen Selbst wirkt.

»So vermag sich die Fremdenrepräsentanz zu einer Art Monsterkabinett des verpönten Eigenen zu entwickeln. Der Gewinn ist beachtlich, denn das Eigene wird zum Guten und das Fremde zum Bösen« (ebd. 733).

Dabei überlagert und verdrängt aber diese Aufspaltung eine andere Bedeu- tung des Fremden für das Kind. Das Bild des Fremden bietet grundsätzlich auch die Chance, Beziehungen zu anderen Personen als zur eigenen Mut- ter aufzunehmen. Dabei kann der Vater zum »ersten Fremden« werden, der dem Kind vorlebt, dass sowohl die Beziehung zur Mutter als auch eine tem- poräre Trennung von ihr gefahrlos möglich ist« (Wirth 2001,1221). Damit erfüllt er eine wichtige »Brückenfunktion« (ebd.) bei der Kontaktaufnahme mit dem Fremden. Im Ausnahmefall, sollte der eigenen Mutter etwas zu- stoßen, kann das Bild des Fremden die Überlebensmöglichkeiten des Kin- des sichern (vgl. Erdheim 1992, 732).

Somit sind verschiedene kindliche Reaktionen auf »das Fremde« sicht- bar. Fremdes wird in der frühen Kindheit durchaus mit Neugier betrachtet, solange die Beziehung zur Mutter gesichert ist und das Kind auf die eigene Mutter zurückgreifen kann (vgl. Erdheim 1988, 260). Dieses Gefühl der Neugier wird aber durch die psychohygienische Funktion der Fremdenre- präsentanz verdrängt. Für Mario Erdheim sind diese Verhaltensmuster des Kindes die Ausgangspunkte, von denen aus sich die zwei extremen Pole menschlicher Umgangsweise mit dem Fremden entwickeln. »Um diese bei- den frühkindlichen Reaktionsformen herum kristallisieren sich jene Hal- tungen, die zum Exotismus und zur Xenophobie führen werden« (ebd. 259). Dabei spielt der Exotismus, in Form einer Idealisierung des Fremden als etwas Schöneres und Besseres, erst im weiteren Verlauf der Entwick- lung des Kindes eine Rolle, während in der frühkindlichen Phase die Xe- nophobie als Angst vor dem Fremden erscheint. Wir haben gesehen, wie sich in der frühkindlichen Entwicklung das Bild des Fremden, die Fremdenrepräsentanz, im Säugling entwickelt und ihm dadurch die Möglichkeit erwächst, lebenswichtige Beziehungen zu anderen Personen als seiner Mutter aufzubauen. Fremd war zuerst die »Nicht-Mutter«. In der weiteren Entwicklung des Kindes wird der Begriff des Eigenen auf die Familie ausgedehnt. Fremd sind damit alle die, die

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

nicht zur Familie gehören (vgl. ebd. 238). Auch hier findet nach Mario Erd- heim wieder die Ausbildung einer neuen Fremdenrepräsentanz statt, die eine Loslösung von der Familie ermöglicht. Erdheim vermutet, dass auch dieser Fremdenrepräsentanz wiederum eine psychohygienische Funktion, ähnlich wie schon im Säuglingsalter, zukommt.

»Das Konzept einer Repräsentanz des Fremden scheint mir brauchbar zu sein, um das Verhalten der Kinder gegenüber Personen außerhalb der Familie zu verstehen. Zu erwägen wäre auch, ob nicht eine wichtige Funktion dieser Repräsentanz im Ausgleich des Verhältnisses zur Mutter- und Vaterrepräsentanz - sei es als Hilfe für die Abspaltung aggressiver Tendenzen, sei es als Möglichkeit, um sich das zu besorgen, was man zu Hause nicht erhält - besteht« (Erdheim 1988, 240).

Die Adoleszenz ist dann auch die Lebensphase, in der sich Exotismus und Xenophobie als Haltung ausprägen und einen wichtigen Stellenwert bei der Loslösung des Jugendlichen von seiner Familie bekommen (vgl. ebd. 261). Dabei sind beide Haltungen, bei aller Gegensätzlichkeit, durchaus miteinander verwandt. Auf der einen Seite bekämpft die Xenophobie alles Fremde, erschwert den Ablösungsprozess und erhält so die eigene Familie. Auf der anderen Seite idealisiert der Exotismus das Fremde und fördert den Ablösungsprozess. Beiden gemeinsam aber ist, dass

»sie Vermeidungsstrategien sind. In der Xenophobie meidet man das Fremde, um das Eigene nicht in Frage stellen zu müssen, im Exotismus zieht es einen in die Fremde und man muss deshalb zu Hause nichts ändern (ebd. 261). >Exotisch< ist das, was einen nicht an die eigene Familie erinnert und trotzdem deren Werte und Gewohnheiten bestä- tigt« (ebd. 260). 6

Damit haben beide ein ambivalentes Verhältnis gegenüber der Geschichte. Während die Xenophobie aus Angst vor Veränderung Geschichte nicht als Wandel und als chronologischen Prozess des Austausches von Fremdem und Eigenem verstehen kann und Geschichte mystifiziert, idealisiert der Exotismus das Ursprüngliche in der Geschichte und verstellt sich so den Blick auf das Gegenwärtige (vgl. Erdheim 1988, 261). 7

Beiden Haltungsmustern ist also gemeinsam, dass sie letztendlich das Alte, Familiäre erhalten, wenn auch auf unterschiedliche Weise, und sich nicht davon lösen können. Jeder Ablösungsprozess bedeutet aber auch ei- ne Auseinandersetzung mit etwas Neuem. Im Kleinkindalter findet mit

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

dem Ablösungsprozess von der Mutter gleichzeitig der Aufbau einer Vater- repräsentanz statt. Dies ermöglicht die Entwicklung hin zur ödipalen Struktur (vgl. ebd. 238). In der Adoleszenz wiederum ist das Problem der Ablösung von der Familie gleichzeitig auch ein Problem der Hinwendung zur Gesellschaft, zur Kultur (vgl. ebd. 239). An dieser Stelle ist es notwendig, einen Blick auf den Begriff der Kultur zu werfen, da er in seinen unterschiedlichen Aspekten im weiteren Verlauf dieser Arbeit von Bedeutung sein wird. Die Vielfalt der Verwendung des Kulturbegriffs ist beeindruckend (vgl. Nassehi 1997, 185). So steht Kultur für das gesamte soziale Erbe und damit für das komplexe Ganze, welches Wissen, Glaubensvorstellungen, Kunst, Moral, Recht, Sitten und Bräuche einschließt. Kultur beinhaltet aber auch alle anderen Fertigkeiten und Ge- wohnheiten, die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben be- ziehungsweise übernommen hat (vgl. Vivelo 1981, 50; Reinhold/Lamnek/ Becker 1997, 375) und die hier als kulturelle Tradition bezeichnet werden sollen. Kultur als »symbolischer Sinnhorizont« besitzt damit eine »hand- lungsleitende Funktion« (Nassehi 1997, 185) und wird in dieser Funktion zum Teil mit Gesellschaft gleichgesetzt (vgl. Nassehi 1997; Reinhold/Lam- nek/Becker 1997). 8 Kultur wird zu einem »gewissermaßen unvermeid- lichen Element des Sozialen« (Nassehi 1997, 187) und so zu einer anthro- pologischen Konstanten, die den unterschiedlichsten Erscheinungsformen menschlicher Gruppenbildung gemeinsam ist.

Diese Gemeinsamkeit menschlicher Kultur wird aber durch verschiede- ne Differenzierungen des Kulturbegriffs überdeckt. Zum Teil wird die um- fassende Verwendung des Kulturbegriffs eingegrenzt und Kultur als die Ge- samtheit der »nicht-materiellen Errungenschaften einer Gesellschaft« von der Zivilisation als Gesamtheit aller materiellen Errungenschaften unter- schieden (vgl. Vivelo 1981, 52; Reinhold/Lamnek/Becker 1997, 375). Die problematische Seite dieser Unterscheidung wurde von Norbert Elias (1969) in Hinblick auf die französische und deutsche Gesellschaft unter- sucht. Er weist nach, dass die Begriffe Zivilisation und Kultur bei der spe- zifischen Entstehung der französischen und deutschen Gesellschaft unter- schiedliche Bedeutung hatten. Für die Darstellung der Ursachen ethni- scher Konflikte ist seine Untersuchung insofern wichtig, als sie zeigt, dass der Zivilisationsbegriff, wie er etwa in der französischen und englischen Gesellschaft gebraucht wurde, die nationalen Differenzen zwischen den Völkern bis zu einem gewissen Grad zurücktreten lässt und den Fortschritt der eigenen Nation in Verbindung mit dem Fortschritt des Abendlandes

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

und der Menschheit schlechthin sieht und somit die kulturellen Gemein- samkeiten betont. Dagegen hebt der Kulturbegriff, wie er in der deutschen Geschichte entwickelt wurde, die nationalen Unterschiede, die Eigenart der Gruppen besonders hervor. 9 Zivilisation wird hier zu etwas Nützli- chem, was aber die Wesensart des Menschen nur an der Oberfläche berührt, während die Eigenart eines Volkes mit dem Begriff der Kultur verbunden wird (vgl. Elias 1969, 2 ff). Kultur wird so zu einem wesentlichen Unter- scheidungsmerkmal zwischen verschiedenen Gesellschaften (vgl. Vivelo 1981, 53).

»Kultur ist in diesem Sinne eine besondere Form der gesellschaftlichen Erzeugung von Identitäten und Differenzen, die die Welt dadurch bestimmbar machen, dass Möglichkeitsräume eingeschränkt werden« (Nassehi 1997, 188).

Daraus ergibt sich die Aufteilung zwischen eigener und fremder Kultur. Diese Aufteilung ermöglicht eine Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem und ist, wie später gezeigt werden wird, für die Konstitution des Ethnischen von entscheidender Bedeutung. Die Verwendung des Kulturbegriffs als Differenzierungsmerkmal wird auch dadurch deutlich, dass man die unterschiedlichsten Ebenen mensch- licher Organisation, unabhängig von der Größe der jeweiligen Lebenskrei- se, als Kultur bezeichnet: Als spezifisch menschliche Weltkultur im an- thropologischen Sinn (ebd. 185), als abendländische beziehungsweise eu- ropäische Kultur, als nationale Kultur oder auch als städtische bezie- hungsweise ländliche Kultur. Des Weiteren wird der Begriff der Kultur auch in einem qualitativen Sinn verwendet. Man unterscheidet hohe Kultur von »Unkultur« und so von niedrigen Formen der Weltauslegung und -gestaltung (Nassehi 1997, 185; vgl. Balibar 1990, 37, Anm. 8). Diese Wertung von Kultur erhält in Zu- sammenhang mit dem Aspekt der Grenzziehung und der Unterscheidung in Eigenes und Fremdes eine besondere Bedeutung, die im weiteren Ver- lauf der Arbeit thematisiert wird. Darüber hinaus überdeckt die Betonung der Verschiedenheit von Kultu- ren einen anderen Aspekt von Kultur, der zunächst dargestellt werden soll. Betrachtet man Kultur, über die Grenzziehung hinaus, nun nicht aus dem Blickwinkel des Triebverzichts des Individuums als Anpassung an die Er- fordernisse der Gesellschaft, wendet man also den Blick weg vom »kultu- rellen Zwang« (Greverus 1995, 3) und dem »Unbehagen in der Kultur«

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

(Freud 1930) und setzt Kultur auch nicht gleich »mit dem Bekannten, Ver- trauten, schon immer Familiären« (Erdheim 1992, 734), dann erschließt sich

»die andere Seite von Kultur, nämlich die schöpferisch-grenzüber- schreitende Fähigkeit, die zum Entwurf neuer kultureller und sozialer Muster, auch als Collagen aus Eigenem und Fremdem, notwendig ist« (Greverus 1995, 4).

Diese Herangehensweise eröffnet, neben der eingangs zitierten Betrach- tungsweise der Kultur, einen Blick auf den sozialen Aspekt der Interaktion, wie ihn unter anderem Maria Greverus aufgezeigt hat, einen Aspekt, der die Vielfältigkeit von Kultur im beschriebenen Sinne erst möglich macht. Und noch deutlicher heißt es bei Mario Erdheim dazu:

»Kultur ist das, was in der Auseinandersetzung mit dem Fremden entsteht, sie stellt das Produkt der Veränderung des Eigenen durch Aufnahme des Fremden dar« (Erdheim 1992, 734). 10

Damit ist der Begriff der Kultur eng mit dem Begriff des Fremden verbun- den. In der Adoleszenz ist Kultur damit aber auch mit ähnlich ambivalen- ten Gefühlen besetzt wie das Fremde. Kultur bietet zwar somit die Chance, sich aus dem engen Rahmen der Familie zu lösen und sich zu verändern, löst gleichzeitig aber auch, ebenso wie das Fremde, Angst aus. An dieser Stelle siedelt Mario Erdheim den Begriff des Ethnischen an:

»Das Ethnische deckt sich weder mit der Familie noch mit der kulturel- len Dynamik, versucht aber beide dadurch, dass es die Gegensätze abbaut, einander näherzubringen« (Erdheim 1992, 740).

Somit kann man eine wesentliche begriffliche Unterscheidung vornehmen, die im weiteren Verlauf der Arbeit beibehalten werden soll: Der Begriff Kul- tur steht für eine gesteigerte Auseinandersetzung mit dem Fremden und ist nicht mit dem Ethnischen gleichzusetzen. 11 Der Übergang zwischen Ethnie und Kultur ist je nach Grad der Auseinandersetzung mit dem Fremden flie- ßend und mehr oder weniger beunruhigend. Das Ethnische verlängert dabei die Geborgenheit und Vertrautheit der Familie, dehnt sie aus auf eine Grup- pe und macht so die Öffnung hin zur Kultur als dem Ort einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Fremden möglich. Das Kulturelle und das Ethnische haben den Aspekt der Grenzziehung gemeinsam. Sie unterschei- den sich aber durch ihren Anteil an Vertrautem und Familiärem. Ethnie und Kultur stehen somit letztendlich für unterschiedliche Lebenskreise.

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Damit unterscheidet sich diese Definition des Ethnischen und der Kul- tur entscheidend von allen Versuchen, die Kultur und das Ethnische gleichzusetzen und beiden eine statische, auf rassischen und nationalen Vorurteilen beruhende Bedeutung zu verleihen. 12 Vielmehr erwächst dem Ethnischen dadurch ein Stellenwert in der Entwicklung des Individuums, der zumindest auf der individuellen Ebene die Hartnäckigkeit der Existenz

einer ethnischen Identität erklärt. Wenn die Familie der Ort ist, an dem das Verhältnis zu den eigenen Eltern und den Geschwistern im Mittelpunkt steht und, wie Sigmund Freud (1930) schreibt, die Familie dazu neigt, den Jugendlichen nicht freigeben zu wollen, Kultur aber gleichzeitig über das Eigene hinaus nur durch den Kontakt mit dem durchaus Angst auslösen- den Fremden möglich ist, dann bedarf die Loslösung von der Familie und die Hinwendung zur Kultur für den Jugendlichen 13 einer Vermittlung. Die in diesem Prozess der Vermittlung herausgebildete ethnische Identität ist individuell 14 und »bezieht sich auf das Bewußtsein und die Wertschätzung einer Person in Hinsicht auf ihre eigene Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe« (Schnell/Hill/Esser 1999, 123). Sie wirkt somit als »eine psychi-

, die Orientierungshilfen anbietet, indem sie Kategorien

des Eigenen und des Fremden in ein Verhältnis bringt« (Erdheim 1992,

730).

Die Bedeutung der ethnischen Identität darf somit auf keinen Fall unter- schätzt werden: Laut Akhtar/Samuel (1996) gehören zu der Herausbildung einer stabilen Kernidentität eines Individuums unter anderem neben einem realistischen Körperbild, einem subjektiven Gefühl der Unverwechselbar- keit und einer Klarheit über das eigene Geschlecht auch das Zugehörig- keitsgefühl zu einer ethnischen Gruppe (vgl. Volkan 1999,44 und 2000, 933). Für Erdheim (1992, 730 und 743) hat die ethnische Identität eine ähnliche Wichtigkeit für das Individuum bei der Orientierung innerhalb sozialer Be- ziehungen wie die Geschlechtsidentität. 15 Auch nach Heckmann (1992,198) gehört ethnische Identität ebenfalls zur sozialen Identität einer Person. 16 Eine Verbindung zwischen der individuellen Kernidentität und der Großgruppen- oder auch ethnischen Identität findet durch eine transgene- rationelle Vermittlung statt. Die Auswahl der bei der Externalisierung be- nutzten Objekte durch das Kind ist unbewusst. Sie erfährt aber eine Unter- stützung durch die Großgruppe (vgl. Volkan 2000, 937). Die sich endgültig erst in der Adoleszenz herauskristallisierende ethnische Identität hat ihre ersten Grundlagen bereits im Kindesalter. Die vom Kind mit positiven Af- fekten besetzten Objekte teilt es mit anderen Kindern der ethnischen Grup-

sche Struktur

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

pe, welche die gleichen Objekte benutzen. So entsteht ein Gefühl von »Wir- heit« (Volkan 2000, 939), das sich im Laufe der Entwicklung des Kindes fes- tigt und auch auf der Gruppenebene zu einem Gefühl der Unverwechsel- barkeit führt.

Ethnische Identität ermöglicht es, in der Adoleszenz eine Standortbe- stimmung jenseits der Familie vorzunehmen, sich der Zugehörigkeit zu ei- nem größeren Lebenskreis zu versichern, ohne sich gleich ganz dem Frem- den öffnen zu müssen. Ethnische Identität ist in der Regel mit der Sprache und den Eigenheiten der Region, aus der die Gruppe stammt, verbunden (vgl. Erdheim 1992, 730). 17 So gibt sie Sicherheit und schafft ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer größeren Einheit. Die Definition der eigenen ethni- schen Identität ist aber veränderbar und muss sich nicht dauerhaft aus- schließlich auf diese ursprünglichen Zusammenhänge beziehen (vgl. ebd.

730).

Für Nassehi und Weber (1990, 254) ist die Ausbildung einer Identität zur Beantwortung der Frage »Wer bin ich?« eine anthropologische Notwendig- keit. Diese Aussage kann in Bezug auf die ethnische Identität noch diffe- renziert werden: Wenn die Familie eine erste Antwort auf die Frage »Wer bin ich?« gibt, indem sie es dem Kind ermöglicht, sich als Sohn/Tochter von einer bestimmten Mutter und einem bestimmten Vater zu verstehen, dann kann man sagen, dass das Ethnische die Frage »Wohin gehöre ich?« beantwortet. 18 Der Jugendliche kann sich an einer Gruppe orientieren, de- ren Mitglieder ihm ähnlich sind (vgl. Bohleber 1996, 270). Im Entwicklungsprozess eines Menschen ist die Loslösung aus den je- weiligen Zugehörigkeiten immer mit der Hinwendung zu einem größeren Lebenskreis verbunden: Der Ablösung von der Mutter folgt die Hinwen- dung zum Vater und zu den Geschwistern. Die Ablösung von der Familie erfolgt über das Ethnische hin zur Gesellschaft, zur Kultur. 19

»Während die Familie Hort bewährter Traditionen und eingeschliffener Rituale ist, die jede Generation auf das Eigene zu fixieren trachtet, verdankt sich die Kultur dem Kontakt und der Konfrontation mit dem Fremden. Zwischen beiden Extremen und den je spezifischen Gefahren, die sie bergen, vermittelt die Ethnie, die weder Biologie noch Kultur ist. In der Adoleszenz als einer Phase der Verunsicherung und Neuorientie- rung muß das Individuum mit Hilfe seiner ethnischen Identität lernen, den beunruhigenden Widerspruch zwischen familialen und kulturellen Anforderungen, zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu lösen« (Erdheim 1992, 730; vgl. auch Erdheim 1998, 9 ff).

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Dieser Prozess ist ein sich wiederholendes Öffnen des Eigenen und eine Auseinandersetzung mit dem Fremden und wird von ambivalenten Gefüh- len begleitet. Gelingt der Prozess, so wird ein Bild des Fremden, eine Frem- denrepräsentanz aufgebaut, welche die Hinwendung zum Fremden und damit zu einem größeren Lebenskreis ermöglicht, wobei aber die Bindun- gen zur Mutter, später zur Familie und zur Ethnie nicht gänzlich aufgelöst, sondern in den größeren Lebenskreis einbezogen werden (vgl. Rüsen 1996, 144). Auf allen Ebenen ist aber dieser wichtige Schritt, der eine Bereiche- rung der eigenen Lebenswelt darstellt, von der psychohygienischen Funk- tion der Fremdenrepräsentanz bedroht.

»Die psychohygienische Funktion ist nicht nur auf das Individuum beschränkt, ihre verheerende Wirkung rührt eigentlich daher, dass sie auch auf der Ebene der Gruppe bedeutsam wird« (Erdheim 1992, 733).

Im vorherigen Abschnitt konnte gezeigt werden, dass die Auseinanderset- zung mit dem Eigenen und dem Fremden, mit Familie, Ethnizität und Kul- tur, Teil des Entwicklungsprozesses des Individuums ist und von der Her- ausbildung seiner sozialen Identität nicht getrennt werden kann. Die sozi- ale Identität bildet sich zwangsläufig in den Grenzen der bestehenden so- zialen Umwelt (Mutter, Vater, Familie, soziale Schicht, ethnische Gruppe, Gesellschaft) aus. Inwieweit dabei die soziale Umwelt mehr oder weniger stark nur bestätigt und reproduziert oder auch geöffnet und verändert wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Dies gilt auch für den Bereich des Ethnischen. Bevor nun die Struktur ethnischer Gruppen analysiert und in Zusammenhang mit der eingangs vorgenommenen Untersuchung der Bedeutung des Ethnischen in der individuellen Entwicklung des Men- schen dargestellt werden soll, muss noch einmal auf den Begriff des Ethni- schen an sich zurückgekommen werden. Bisher wurde vom Ethnischen in erster Linie im Zusammenhang mit ethnischer Identität gesprochen. Dabei ging es um den Stellenwert, den die ethnische Identität in der Entwicklung des Individuums, vor allem bei der Vermittlung zwischen Familie und Kultur, einnimmt. Was kann man aber nun unter dem Ethnischen als Prinzip für die Organisation von Gruppen verstehen?

»Ethnizität bezeichnet die für individuelles und kollektives Handeln bedeutsame Tatsache, dass eine relativ große Gruppe von Menschen durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft, durch Gemeinsam- keiten von Kultur, Geschichte und aktuellen Erfahrungen verbunden

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

sind und ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein besitzen« (Heckmann 1992, 56; vgl. auch Elwert 1989, 25).

Der Begriff der Ethnizität 20 zur Beschreibung dieser Tatsache als ein Ergeb- nis des historischen Prozesses menschlicher Entwicklung 21 hat sich inzwi- schen in den Sozialwissenschaften durchgesetzt (vgl. Heckmann 1992, 30). 22

Bei der obigen Definition von Ethnizität geht es eindeutig um die Selbst- zuschreibung einer Gruppe und damit um die endogenen Aspekte ethni- scher Identitätsbildung. Da es aber neben der Ethnizität auch eine Zu- schreibung ethnischer Merkmale von außen gibt, ist es notwendig, den Be- griff der Ethnisierung für die exogenen Aspekte ethnischer Identitätsbil- dung aufzunehmen (vgl. Römhild 1998, 142). 23 So kann der dialektische Prozess zwischen der Selbstzuschreibung einer Gruppe als ethnischem Kollektiv und der Zuschreibung von außen untersucht werden. Dabei ist es offensichtlich, dass sich Ethnizität und Ethnisierung gegenseitig bedingen. Die Selbstzuweisung von ethnischen Merkmalen (Ethnizität) und die da- mit verbundene Abgrenzung von anderen ist notwendigerweise mit einer Zuschreibung ethnischer Merkmale (Ethnisierung) an das Fremde ver- knüpft, das heißt, Eingrenzung des Eigenen bedeutet immer die Ausgren- zung des Anderen (vgl. ebd. 141).

An dieser Stelle kann noch einmal kurz der Unterschied zwischen dem eingangs dargestellten essentialistischen und dem konstruktivistischen Konzept verdeutlicht werden. Die Tatsache, dass Gruppen von Menschen sich und anderen eine unterschiedliche Kultur und Abstammung zu- schreiben, sich von anderen anhand ethnischer Merkmale unterscheiden, ist nicht Ergebnis einer objektiven, ursprünglichen Differenz, die erkannt wird (essentialistischer Ansatz). Sie ist vielmehr historisch-politisch be- dingt (konstruktivistischer Ansatz). Bevor aber auf die Frage, wie sich ethnische Identität innerhalb eines Kollektivs erhält und entwickelt, eingegangen werden kann, muss in die- sem Zusammenhang noch einmal auf den Begriff der ethnischen Gruppe eingegangen werden. Unter ethnischer Gruppe, Ethnie oder ethnischem Kollektiv ist eine unter dem Gesichtspunkt der Ethnizität vorgenommene Gruppenbildung zu verstehen, die durch ethnische Mobilisierung ein ge- meinsames Handeln möglich macht (vgl. Heckmann 1992, 57). 24 Dieses ge- meinsame Handeln hat auf den verschiedenen Ebenen menschlicher Orga- nisation unterschiedliche Bedeutungen. Je größer die Einheit, desto mehr

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

verändert sich die Basis eines gemeinsamen Handelns von der »alltäg- lichen kulturellen Praxis« (Römhild 1998, 160) hin zu einer kulturellen Vorstellungswelt als Ersatz für die real fehlenden gemeinsamen Erfahrun- gen. Diese schwerwiegende Veränderung ist für die Untersuchung ethni- scher Konflikte wesentlich und wird im Kapitel 1/1.3 untersucht.

1.1.1

Die soziale Funktion ethnischer Gruppen

»Die Menschen identifizieren sich als Mitglieder bestimmter sozia- ler Gruppen, weil ihnen gesagt wird, sie seien Mitglieder, und weil sie be- reitwillig sind, alles zu glauben, was ein Grundbedürfnis, in diesem Fall nach Zugehörigkeit, befriedigt« (Rapaport 1982 zitiert nach Mentzos 1993, 55). 25

Dabei erfüllen ethnische Gruppen eine wichtige Funktion. Sie ermög- lichen es ihren Mitgliedern, sich zu einem größeren Lebenskreis als dem der Familie zugehörig zu fühlen. Je sicherer die Zugehörigkeit und je grö- ßer und stärker das Kollektiv (vgl. Mentzos 1993, 157; Erdheim 1988, 279), desto mehr bietet sie Schutz vor der Auseinandersetzung mit dem Fremden und der damit verbundenen Angst vor dem Verlust des Eigenen. 26 An dieser Stelle wird der Begriff der Fremdenrepräsentanz, das Bild des Fremden und seine psychohygienische Funktion, wieder wichtig. Auch auf der Gruppenebene wiederholt sich die Bedeutung des Fremden für die Entwicklung des Eigenen. Der Austausch mit dem Fremden ermöglicht ei- ne Bereicherung der eigenen Lebensweise. Neue landwirtschaftliche Me- thoden, neue Feldfrüchte, 27 neue Techniken, veränderte Transportmittel - kurz: viele praktische Dinge werden zum Wohl der eigenen Gruppe über- nommen. Dieser Bereitschaft, gewohnte, aber weniger brauchbare mate- rielle Aspekte und Gewohnheiten für fremde, aber nützlichere aufzugeben, steht das Festhalten an ideellen, weltanschaulichen und religiösen Sitten gegenüber (vgl. Heckmann 1992, 183; Römhild 1998, 160). Die lebensnot- wendige Anpassung an die Umwelt wird durch das Erlernen fremder Kul- turtechniken erleichtert, bedeutet aber die Aufgabe gewohnter Verhaltens- weisen. Die dadurch ausgelösten Ängste können durch die Betonung der eigenen ethnischen Identität abgemildert werden.

»Ethnische Gruppen beruhen stets auf einer besonderen Grenzziehung:

der Heraushebung von Unterschieden zu anderen Gruppen und der

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

Betonung der Einmaligkeit und Eigenwertigkeit der eigenen Gruppe. Anders sind stabile Zuschreibungen und soziale Identitäten nicht möglich« (Esser 1996, 67).

Gerät das Gefühl der Einmaligkeit und Eigenwertigkeit der eigenen Grup- pe unter Druck, dann nimmt die Angst, dass sich diese ganz im Fremden auflösen könnte, und die Angst vor der damit verbundenen Bedrohung so- zialer Identität zu. 28 Zur Abwendung dieser Angst wird das Eigene omni- potent erhöht und verklärt. Das Bild des Eigenen verträgt dann keinen Widerspruch und Konflikt mehr. Dieser Prozess ist von der Größe der je- weiligen Gruppe unabhängig und kann auf allen Ebenen menschlicher Ge- sellschaft zum Tragen kommen.

»Je weniger eine Kultur zum Wandel bereit ist, desto gefährlicher wird ihr das Fremde und das heißt: die andere Kultur werden. Die Fremden- repräsentanz eignet sich ihrer psychohygienischen Funktion wegen vorzüglich dazu, Konflikte in der eigenen Kultur unbewußt zu machen:

Die Fremden sind an allem Ungemach schuld« (Erdheim 1992, 742).

Wie radikal sich das Grundbedürfnis des Dazugehörens in Form der Aus- grenzung des Anderen in der menschlichen Geschichte immer wieder ge- zeigt hat, sieht man an der Tatsache, dass ein Großteil der schriftlosen Ge- sellschaften sich selbst als »Menschenwesen« oder »Leute« bezeichnete, was zwangsläufig die anderen zu nicht wirklichen Menschen erklärte (vgl. Volkan 1999, 60). Auch die europäische Geschichte mit ihrer langen Tradi- tion, den Fremden zum Wilden oder Heiden zu machen (vgl. Vivelo 1981, 46; Wallerstein 1990, 39ff; Rüsen 1996, 142), verdeutlicht dies. 29 Diese radi- kale Form des Ethnozentrismus, 30 das Eigene als das Gute und das Fremde als das Schlechte zu sehen, ist eng verknüpft mit dem Bild der eigenen Reinheit und dem Bild der fremden Unreinheit.

1.1.2

Das reine Eigene und das unreine Fremde

Der Begriff der Reinheit ist in doppelter Hinsicht für die Abgren- zung des Eigenen vom Fremden relevant. 31 Zum einen wird Reinheit in Be- zug auf eine homogene Zusammensetzung der ethnischen Gruppe ver- wandt (Heim 1992, 723). Zum anderen wird der Fremde als schmutzig em-

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

pfunden, unbekannte Gerüche werden zum Gestank (vgl. Erikson 1982, 130). 32 Beide Aspekte von Reinheit sind eng miteinander verbunden und lassen sich auf das Bild der eigenen Gruppe als einen quasi lebendigen Or- ganismus zurückführen. 33 Nur wenn es gelingt, die eigene Gruppe mög- lichst rein von Einflüssen des Fremden zu bewahren, gelingt es, sie als ein- malig zu erhalten (vgl. Balibar 1990, 24). Dazu gehört, neben der Abgren- zung vom Fremden, die »Ausscheidung« von allem, was die eigene Rein- heit bedroht. Dabei ist für die ethnische Gruppe entscheidend, dass Rein- heit nicht unbedingt unter einem biologistischen Aspekt verstanden wer- den muss. Reinheit bezieht sich zunächst auf das Einhalten der gruppen- spezifischen Bräuche und Riten, der Merkmale also, welche die Gruppe als eigenständig definieren. Ethnische Gruppen, die dem zwangsläufig statt- findenden Wandel im materiellen Bereich (beispielsweise in auf Tausch beruhenden Gesellschaften) mit einer großen Festigkeit im ideellen Be- reich durch Bräuche und Rituale (wie Initiationsriten) antworten, sind zu- nächst äußerst stabil.

»Weil in diesen Kulturen alles seinen genauen, unwandelbaren Platz hat, sind Rituale auch die passende Form der Wissensvermittlung, und ihnen verdankt man auch entsprechend gut abgesicherte Identitäten Das heißt, die Kulturen sind so stabil, dass die Probleme und ihre Lösungen generationenlang immer mehr oder weniger gleich bleiben. Die Identität als Mann ist für den Großvater die gleiche wie für den

Enkel, und von daher haben die identitätsstiftenden Rituale einen Sinn«

(Erdheim 1992, 738). 34

Verstöße gegen die Gesetze werden oftmals mit der »Ausscheidung« des In-

dividuums aus der Gemeinschaft geahndet. Der Preis der Stabilität ist aller- dings hoch: Die durch die rigide Abgrenzung bedingten Auseinanderset- zungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen finden kein En-

de (vgl. ebd. 738). 35

Damit besteht ein den Körperausscheidungen vergleichbares Bild der fremden Einflüsse und Anteile, welche die Homogenität der Gruppe stö- ren. Um die Reinheit der eigenen Gruppe erhalten zu können, ist es not- wendig, das Fremde als Dreck auszuscheiden. Es gehört nicht dazu. 36 So ist neben der Dichotomie von Eigenem als gut und Fremdem als schlecht noch die Zuordnung von rein und unrein hinzugekommen. Dieses Grundmuster für den Umgang mit Eigenem und Fremdem wird im weiteren Verlauf der Arbeit immer wieder auftauchen. Es ist die Basis für die mythische Kon- struktion von Ethnie, Volk, Nation und Kultur. Die Ängste als Ursachen der

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

aufgezeigten Dichotomie spiegeln sich aber generell in der Organisation ethnischer Gruppen und ihrer gegenseitigen Abgrenzung wider.

1.1.3

Ethnische

Koloniebildung

Heckmann (1992, 97) verweist auf den historischen Koloniebegriff, der drei Elemente enthält:

»eine ausgewanderte Menschengruppe, die auf zunächst fremdem Territorium ihre nationale Identität erhält, die Formen ihrer ökonomi- schen und sozialkulturellen Organisation sowie ein Gebiet, in dem >gesiedelt< wird, ohne dass dies ein geschlossenes Siedlungsgebiet sein muß«.

Heckmann entwickelt angelehnt an diesen Koloniebegriff das Konzept der ethnischen Kolonie, dem hier im Weiteren gefolgt wird. Allerdings soll der von ihm verwendete Begriff der ethnischen Kolonie von seiner zu engen Anbindung an ausschließlich ethnische Minderheiten gelöst und auch als adäquat zur Beschreibung der sozialen und psychischen Strukturen der Abgrenzung miteinander konkurrierender ethnischer Gruppen eingesetzt werden. Der Begriff der ethnischen Kolonie 37 scheint dabei grundsätzlich sowohl treffend für die Struktur der Abgrenzung von ethnischen Gruppen untereinander als auch für die Abgrenzung einer ethnischen Gruppe gegen- über dem Austausch mit der Kultur, mit dem Fremden zu sein. Er impli- ziert die für die Gruppenbildung notwendige Ein- und Ausgrenzung be- stimmter ethnischer Merkmale. 38 Im Kontakt mit anderen ethnischen Gruppen und dem damit verbunde- nen Austausch von materiellen Gütern müssen die ideellen ethnischen Merkmale gepflegt werden, wenn die ethnische Gruppe ihre Einmaligkeit und Eigenwertigkeit erhalten will. Dabei kommt dem Bezug zur Familie ei- ne zentrale Bedeutung zu. Ethnische Koloniebildung verläuft entlang von familiären Strukturen. Dies geschieht auf zwei Ebenen. Zum einen findet eine »Kettenwanderung« statt. Das heißt, in der neuen Umgebung wird, wenn möglich, an schon bestehende verwandtschaftliche und nachbarli- che Kontakte aus dem »Herkunftskontext« angeknüpft (Heckmann 1992, 102). 39 Zum anderen verlaufen die sozialen Beziehungen in der neuen Hei- mat anfänglich ausschließlich innerhalb der eigenen Ethnie. Entlang der an

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Prinzipien der Verwandtschaft orientierten Struktur ethnischer Kolonien entwickelt sich ein weites System von Vereinen zur gegenseitigen Hilfe und zur Traditionspflege in der neuen Umgebung. Neben religiösen Verei- nigungen, die den von der neuen Heimat oft unterschiedlichen religiösen Hintergrund der ethnischen Gruppe pflegen, und den noch oft an Proble- men der alten Heimat orientierten politischen Gruppen entfaltet sich ein vielfältiges Angebot.

»Kultur, Sport, gesellige Freizeitgestaltung, nicht selten generationsmä- ßig und nach Geschlechtern differenziert, gehören zu den Aktivitäten dieses Vereinstypus; Chöre, Tanz- und Theatergruppen sind Formen kultureller Aktivität« (Heckmann 1992, 104). 40

Die ethnische Kolonie erfüllt auf diese Weise unterschiedliche Aufgaben. Sie erleichtert Neuankömmlingen die Ankunft in der neuen Umgebung, mildert den mit der Emigration verbundenen Kulturschock und stabilisiert so die Persönlichkeit ihrer Mitglieder. Darüber hinaus wirkt die ethnische Kolonie als ein Organ der Interessenartikulation und der Interessenvertre- tung der ethnischen Gruppe, auch als Ausgangsbasis für die Schulung und Rekrutierung von potenziellen Führungspersönlichkeiten (vgl. ebd. 114). Die ethnische Kolonie funktioniert auf diese Weise wie eine Brücke zwi- schen der alten und der neuen Heimat. Ihre Bedeutung verändert sich ent- sprechend der Bedürfnislage. Kommen keine neuen Einwanderer nach und ist eine Öffnung oder ein sozialer Aufstieg außerhalb der Kolonie möglich, kann die ethnische Kolonie mit der Zeit an Wichtigkeit verlieren. 41 Ist die Möglichkeit der Akkulturation gering und nimmt der Druck der Assimila- tion auf die ethnische Gruppe zu, kann es wieder zu einer Verstärkung der Bedeutung der ethnischen Kolonie kommen (vgl. Heckmann 1992,116). An dieser Stelle ist es wichtig, die Begriffe Akkulturation und Assimi- lation näher zu bestimmen und voneinander abzugrenzen. Beide werden, zusammen mit anderen Begriffen, zur Beschreibung des kulturellen Wan- dels sowohl von Gruppen als auch Personen verwendet (vgl. ebd. 167). Da- bei beschreibt Akkulturation 42 den wechselseitigen Prozess der Anpassung an das Fremde, den Austausch mit dem Fremden. Dies beinhaltet sowohl beiderseitige Veränderungen im Verhalten als auch einen damit verbunde- nen Wertewandel. Akkulturation lässt dabei die ethnischen Unterschiede in einem gewissen Maß fortbestehen. Verschwinden die Unterschiede zwi- schen den ethnischen Merkmalen vollständig, löst sich die selbstständige Existenz einer ethnischen Gruppe völlig auf, spricht man von Assimila-

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

tion. Assimilation steht für die vollständige Übernahme der ethnischen Merkmale einer Mehrheit durch eine Minderheit (vgl. Heckmann 1992, 169f). Dieser Unterscheidung zwischen Akkulturation und Assimilation muss aber noch ein weiterer Aspekt hinzugefügt werden, um deren Ein- fluss auf die Entwicklung ethnischer Identität deutlich machen zu können. Wie bereits gezeigt werden konnte, ist ethnische Identität als Teil der so- zialen oder auch Kernidentität für das Individuum von zentraler Bedeu- tung. Allerdings können sich die ethnischen Merkmale und darüber hinaus auch die ethnische Identität verändern (vgl. Erdheim 1992, 730). 43 Während eine freiwillige und behutsame Akkulturation langfristig sogar bis zu einer Assimilation führen kann, ohne dass dies vom Individuum als Angriff auf seine soziale Identität empfunden werden muss, führt eine zwangsweise durchgeführte Assimilation entweder zu einer Abwehrreaktion oder zu schweren Identitätsproblemen (vgl. ebd. 743).

die

durch Angst vor einer Assimilation noch verstärkt werden und unter- schiedlichen Einfluss auf den Prozess der Akkulturation haben können.

Eine

ethnische

Kolonie

birgt

in

diesem

Zusammenhang

Risiken,

»Besonders bei einer relativen Vollständigkeit der ethnischen Kolonie besteht die Gefahr einer ethnischen Selbstgenügsamkeit, die ein für das Aufbrechen der ethnischen Schichtung 44 und für soziale Mobilität notwendiges Aufnehmen außerethnischer Kontakte und das Eintreten in einen universalistischen Wettbewerb behindert. Das Vorhandensein ethnischer Strukturen entbindet von der Notwendigkeit, Kontakte

außerhalb der eigenen Gruppe zu suchen marriage<« (Heckmann 1992, 115).

[und]

behindert >inter-

Besonders intensiv ist die Abschottung der eigenen ethnischen Kolonie im Zusammenhang mit der Bildung von ethnisch bestimmten Siedlungsstruk- turen. Das »verpflanzte Dorf« wird zu einem Mikrokosmos, der sich durch seine Autarkie auszeichnet (vgl. Römhild 1998, 59). Kontakte mit anderen ethnischen Gruppen reduzieren sich - besonders in ländlichen Gebieten - auf wirtschaftlichen Tausch. Die ethnische Kolonie als Gebilde mit einem eigenen »symbolischen Sinnhorizont« (Nassehi 1997, 185) ist vollständig und ermöglicht es sogar, jenseits eines geschlossenen Siedlungsgebietes auf Basis verwandtschaftlicher Beziehungen kulturelle Kontakte zwischen den einzelnen Höfen, Weilern und Städten zu halten (vgl. Römhild 1998, 137). Bei der Pflege und Bewahrung der ethnischen Merkmale einer Grup- pe kommt den Frauen eine gewichtige Rolle zu. Bezüglich dieser Tradi- tionspflege kann man sicherlich die noch über diesen Aspekt hinausge-

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

hende Position des Psychohistorikers de Mause (1989) vertreten, der im Gegensatz zur gängigen Geschichtsauffassung der Meinung ist, dass

»über Geschichte zuerst in den Familien, von Frauen und Kindern, entschieden wird und dann sich [das Ergebnis] erst später in den öffent- lichen Aktivitäten der Erwachsenen widerspiegelt« (zitiert nach Ment- zos 1993, 137).

Dies gilt sowohl in Hinblick auf den Aspekt der Bewahrung und Abgren- zung des Eigenen vom Fremden als auch für den Prozess der Anpassung an neue Lebensformen. Die Frauen sind durch die Erziehung der Kinder stär- ker als ihre Männer an das Haus gebunden. Je autarker die ethnische Kolo- nie ist, desto weniger treten sie mit der Umwelt außerhalb des Dorfes in Kontakt. Durch die Frauen wird die Familie somit sowohl zu einer zentra- len Institution bei der Bewahrung der eigenen Sprache und der eigenen Sit- ten 45 als auch zu einem Ort, an dem die Veränderung ethnischer Merkmale sichtbar wird. Auch in der Familie wird dabei wieder der Unterschied zwi- schen materiellen und ideellen ethnischen Merkmalen deutlich. Einer Öff- nung gegenüber fremden Speisen und Gewürzen, gegenüber Modeeinflüs- sen in der Kleidung und der Wohnungseinrichtung (vgl. Weber-Kellermann 1962, 5Off) steht ein Festhalten an der eigenen Sprache (vgl. ebd. 54) und ei- genen Liedern (vgl. ebd. 75) 46 entgegen. Neben der Familie ist die Schule die zweite wichtige Institution, in der eine Traditionspflege stattfindet. 47 Gelingt es der ethnischen Kolonie, den Schulunterricht in der eigenen Sprache zu organisieren, ist nicht nur die weitere Pflege der Muttersprache gesichert, sondern auch ein zusätzlicher Ort geschaffen, an dem die ethnische Sprachgemeinschaft erhalten werden kann (vgl. Balibar 1990, 120). 48 Der Mikrokosmos der ethnischen Kolonie weist alle Züge einer voll- ständigen Gesellschaft auf. Er bietet ein weites Feld sozialer Beziehungen, die es ermöglichen, einen sozialen Status, unabhängig vom Kontakt mit an- deren Gruppen, zu erwerben. Dieser soziale Status basiert auf spezifischen Fähigkeiten und Leistungen, die sich das Individuum durch und in Bezug auf die eigene ethnische Gruppe erworben hat. Hartmut Esser (1996) unter- scheidet diesbezüglich zwischen verschiedenen ethnischen Ressourcen, die für die Entwicklung der ethnischen Gruppe von essentieller Bedeutung sind, da sie das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit durch den Besitz ei- nes gemeinsamen »spezifischen Kapitals« (Esser 1996, 68) 49 scheinbar ob- jektivieren. Der von Esser verwendete Begriff des »moralischen Kapitals«

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

ist dabei eng mit dem schon eingeführten Prinzip der Psychohygiene ver- bunden.

»Die ethnische Grenzziehung beinhaltet eine deutliche ingroup-out- group-Differenzierung nicht nur in beschreibender und typisierender Hinsicht, sondern insbesondere in der Verpflichtung, Hochwertung und Vertrauen nach innen, abwertende Distanz, sogar bewußte >Amoralität< und Mißtrauen nach außen [zu zeigen] « (ebd. 68).

Diese Verpflichtung ist Teil eines allgemeinen Lernprozesses, in welchem diese Gefühle immer wieder reproduziert werden. Sie sind damit einge- bettet in das gleichzeitige Erlernen spezifischer Besonderheiten, die das »kulturelle Kapital« einer Gruppe bilden. 50 Das »kulturelle Kapital« basiert auf ethnischen Merkmalen wie Sprache, Kleidung oder Religion, welche die Besonderheit der Gruppe ausmachen. Mit dem »moralischen« und »kulturellen Kapital« erwachsen soziale Beziehungen. Die Möglichkeit, auf diese Beziehungen zurückzugreifen, sich auf sie zu verlassen und sie unter Umständen für sich einzusetzen, ist das »soziale Kapital« einer Gruppe. Er- gibt sich eine Situation, in der die Durchsetzung oder Verteidigung der ei- genen ethnischen Interessen gegenüber anderen Gruppen notwendig und möglich ist, entwickelt sich auch ein »politisches Kapital«. Der Erwerb des sozialen Status innerhalb der Gruppe ist sowohl vom Besitz der ethnischen Merkmale als auch von der damit verbundenen Fähigkeit, die spezifischen Ressourcen zu nutzen, abhängig. Die Grenzen zwischen »moralischem«, »sozialem«, »kulturellem« und »politischem Kapital« einer ethnischen Gruppe sind offen. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie, und damit ihr Wert, als Teil des »spezifischen Kapitals« auf die Gruppe beschränkt sind. Außerhalb der Gruppe können eine bestimmte Sprache oder ein bestimm- ter Dialekt, eine besondere Tracht, die Zugehörigkeit zu einer politischen Organisation oder auch religiöse Essensvorschriften hinderlich sein oder sogar zum Nachteil für ihre Träger werden. Denn

»diese Ressourcen sind außerhalb der eigenen Gruppe nicht ohne weiteres nutzbar oder auf andere Räume transferierbar. Dies kennzeich- net die eigenartige Doppelnatur ethnischer Gruppierungen: Es sind einerseits Gruppen, die vorwiegend spezifische Ressourcen kontrollie- ren und gerade daraus ihre Reproduktions- und Mobilisierungsfähigkeit beziehen. Andererseits ist es aber gerade diese Spezifität der Ressourcen, die sie gegen Änderungen der Umgebungsbedingungen so empfindlich machen: Immer droht die Gefahr, dass mit einem Male sämtliche Ressourcen der Gruppe ihren Wert verlieren« (ebd. 70).

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Je selbstgenügsamer und abgeschlossener dabei die ethnische Kolonie ist, desto mehr gewinnt sie an Bedeutung im Bewusstsein ihrer Mitglieder, nicht nur als eine Lebensform unter anderen, sondern als Welt schlechthin. Droht sie unterzugehen, wird nicht nur ihre Lebensform bedroht, sondern, in der Wahrnehmung ihrer Mitglieder, ihr Leben an sich (vgl. Esser 1996, 66; Römhild 1998, 156). Daraus resultiert die Brisanz ethnischer Konflikte und erklärt sich die Bereitschaft von Mitgliedern ethnischer Gruppen, sich massiv für die Verteidigung ihrer ethnischen Merkmale und ihrer ethni- schen Kolonie einzusetzen. Wie bisher gezeigt werden konnte, hat die Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung des Individuums. Das Ethnische hat besonders während der Adoleszenz die Funktion des Vermittlers zwischen Familie und Kultur. Die in diesem Zusammenhang auf der individuellen Ebene existierenden Strukturen set- zen sich auf der Gruppenebene fort. Die aus den frühkindlichen Gefühlen von Angst und Neugierde erwachsenden Haltungen der Xenophobie und des Exotismus spielen auf der Ebene der ethnischen Kolonie eine ent- scheidende Rolle. Die Kraft der Siedler, die Heimat zu verlassen und in der Fremde ihr Glück zu versuchen, wird durch den Exotismus ermöglicht. Die Fremde verspricht etwas, was die Heimat nicht bieten konnte. 51 Da der Exotismus grundsätzlich die Auseinandersetzung mit der eigenen Ge- schichte vermeidet, findet auch keine kritische Aufarbeitung der Auswan- derungsgründe statt. Dies ermöglicht die Idealisierung der Heimat 52 und den schon beschriebenen Aufbau der ethnischen Kolonie. Gerät die eigene ethnische Identität und die ethnische Kolonie in Gefahr, aktiviert die reale Bedrohung alle negativen Gefühle gegenüber dem Fremden. Die Xenopho- bie wird dann zur vorwiegenden Haltung. Ethnische Gruppen entstehen aus dem Bedürfnis der Menschen nach Zugehörigkeit zu einer eigenwertigen Gruppe, welche Sicherheit in der Auseinandersetzung mit dem Fremden bietet. In diesem Zusammenhang organisieren sich ethnische Gruppen in ethnischen Kolonien und fördern so den Erhalt der eigenen Gruppenidentität in Zusammenhang mit einer Abgrenzung vom Fremden. Es bildet sich ein »kollektives Unbewusstes« heraus, welches ein über Generationen vermitteltes Grundmuster für Ver- halten und Deutungen bildet, das Roth (1997, 400) als »ethnische Menta- lität« bezeichnet. Aus diesem kollektiven Grundmuster bildet sich indivi- duell die ethnische Identität heraus. Dieser Prozess ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen. Mario Erdheim hält

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

»die kulturelle Identität für ebenso wichtig

tität, wenn man sich in Geschichte und Gesellschaft orientieren will Die Familie in ihren vielfältigsten Formen scheint eine unabdingbare Institution zu sein. Ähnliches möchte ich vom Ethnischen behaupten:

Man kann es zwar zerstören, aber damit unterbindet man gleichzeitig die Entwicklung wichtiger sozialer Fähigkeiten, nämlich eine über das einzelne Subjekt hinausreichende Beziehung zu Raum und Zeit, zu Umwelt und Geschichte herzustellen« (Erdheim 1992, S.743). 53

wie die Geschlechtsiden-

Gerade aber wegen dieser universellen Wichtigkeit für die Identitäts- und Gruppenbildung des Menschen erscheint das Ethnische leicht als eine un- veränderbare Grundkategorie menschlicher Existenz. Der Mythos der ur- sprünglichen Ethnie, des reinen Volkes und der ethnischen Nation ent- steht.

1.2

Ethnie, Volk und Nation

1.2.1

Zur Konstruktion des Ethnischen

Aufbauend auf der Bedeutung der Fremdenrepräsentanz im Kin- desalter konnte gezeigt werden, dass sich die Auseinandersetzung mit dem Eigenen und dem Fremden in der weiteren Entwicklung des Menschen fortsetzt. Das Bewusstwerden der Existenz verschiedener Einheiten menschlichen Zusammenlebens geht bei einer gelungenen Entwicklung einher mit der Identifikation mit dem jeweils größeren Lebenskreis: Kind, Mutter, Vater, Eltern, Familie, Ethnie, Gesellschaft/Kultur, Menschheit.

»Im Laufe der fortschreitenden Integration des einzelnen erst in die primäre, dann in die aufeinanderfolgenden sekundären Gruppen (und

in die Gesellschaft insgesamt) kommt es zu einem

erweiterung, der darin besteht, dass das, was zunächst als Gegenüber, als Gegenpol wahrgenommen und erlebt wurde, wenigstens partiell und zumindest in bezug auf gewisse Dimensionen vereinnahmt und zum

eigenen erweiterten Pol gemacht wird« (Mentzos 1993, 114).

Prozess der Selbst-

Ist die Unsicherheit zu groß und die Angst vor dem Fremden zu mächtig, stagniert diese Entwicklung und das Individuum verharrt auf einer Ebene,

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

idealisiert diese mit Hilfe der psychohygienischen Funktion der Fremden- repräsentanz und verweigert jede Veränderung (vgl. Erdheim 1992, 739; Mentzos 1993, 116). Dabei wird die Tatsache bedeutsam, dass mit jedem Schritt hin zur Gesellschaft/Kultur die Unmittelbarkeit der Beziehungen abnimmt und die Konstruktion, also die aktive soziale Handlung der Men- schen, zunimmt. Der Umfang der sozialen Gestaltungsmöglichkeiten zeigt sich bereits in der Vielfalt der menschlichen Verwandtschaftsformen. So wird die Organisation der Verwandtschaftsbeziehungen nach der Geburt durch die Mutter in den unterschiedlichen Gesellschaften verschieden gehandhabt. 54 Dabei variiert selbst die Rolle des Vaters je nach Gesell-

schaftsform. Je umfangreicher die Familie oder der Clan ist, desto vielfäl- tiger sind die weiteren Formen der Verwandtschaft (vgl. Vivelo 1988,

212 ff). 55

Einen wichtigen Schritt zur Erklärung der Strukturen ethnischer Grup- penbildung machte Frederik Barth (1969). 56 Er war der Ansicht, dass ethni- sche Unterscheidungen zu den organisierenden Grundelementen übergrei- fender Interaktionsprozesse zwischen ethnischen Kollektiven gehören und in diesen Interaktionsprozessen bedeutsam für die Grenzbildung und Grenzerhaltung der einen Gruppe gegenüber der anderen sind und sich so- mit im Kontakt verschiedener Gruppen zwangsläufig immer wieder repro- duzieren (vgl. Barth 1969, 9). Dieser Ansatz wurde nach Barth noch in ei- ner Reihe von Arbeiten weiterverfolgt (vgl. Elwert 1989; Heckmann 1992; Römhild 1998 ). 57 Es wurde deutlich, dass ethnische Gruppenbildung auch jenseits einer gemeinsamen Herkunft und sogar jenseits einer gemeinsa- men Sprache möglich ist 58 und es zahlreiche Beispiele von ethnischen Gruppen gibt, die »sich in erster Linie als Heiratsklassen, Altersklassen, so- zioprofessionelle Gruppen, Verwandtschaftslinien oder Lokalgruppen or- ganisierten« (vgl. Elwert 1989, 18). Damit kann man eine wichtige Aussage in Bezug auf Ethnizität machen. Die Organisationsform von Ethnien ist Ergebnis einer aktiven sozialen Handlung der Menschen. Sie ist Teil menschlicher Geschichte. Die Kon- struktion von ethnischen Gruppen kann in vielfältiger Art und Weise er- folgen. Es lässt sich dafür keine allgemeine Gesetzmäßigkeit festlegen. Dass aber eine Gruppenbildung erfolgt, scheint für die Existenz des Menschen als soziales Wesen unabdingbar (vgl. Heckmann 1992, 30). Damit liegt die konkrete Erscheinungsform einer Ethnie im Bereich der Zufälligkeit, die Tatsache ihrer wie auch immer gearteten Existenz aber im Bereich der Not- wendigkeit. 59 Dies erklärt, warum auf der einen Seite eine unendliche Viel-

I Zur Theorie

ethnischer

Konflikte

zahl von verschiedenen ethnischen Gruppen besteht, es auf der anderen Seite aber kein Beispiel einer menschlichen Lebensform gibt, die nicht auf einer Gruppenbildung beruht. 60

Die Merkmale der Ähnlichkeit und damit auch der Abgrenzung von an- deren, welche die Bildung einer ethnischen Gruppe möglich machen, be- ruhen auf sinnlich wahrnehmbaren Unterschieden. Sie beruhen in der Re- gel auf der Sprache, der Religion, der Hautfarbe, einer gemeinsamen Re- gion, in der man lebt, aber auch auf der Mode, dem Essen, der Musik oder dem Alter (vgl. Erdheim 1992, 730; Heckmann 1992, 33; Esser 1996, 67). Der Charakter der äußeren Merkmale einer ethnischen Gruppenbildung ist aus- tauschbar. Wichtig ist, dass sie die Abgrenzung von anderen Gruppen er- möglichen. Diese Abgrenzung ist, wie bereits angedeutet, ein aktiver Schritt, welcher die Differenz zwischen den eigenen und den fremden Merkmalen erhöht oder verringert, je nachdem, ob ein gesteigertes oder vermindertes Bedürfnis nach Abgrenzung besteht. Dies gilt auch für scheinbar so »objektive« Merkmale wie Sprache, Religion oder Hautfarbe. 61 Der Aspekt der Grenzziehung ist allen Gruppenbildungen eigen. Ethnien unterscheiden sich aber in einem wichtigen Punkt von beispielsweise po- litischen Vereinen oder auch religiösen Gemeinschaften. »Ethnische Grup- pen/Ethnien sind familienübergreifende und familienerfassende Gruppen, die sich selbst eine (u. U. auch exklusive) kollektive Identität zusprechen« (Elwert 1989, 22).

Dabei ist es möglich, dass sich bestimmte Gruppen formieren und fremdsprachige Familien, Clans oder auch Stämme aufnehmen und ande- re, der eigenen Sprachfamilie zugehörende Gruppen ausschließen. 62 Für die aufnehmende Gruppe ist es hierbei nicht von Bedeutung, ob der Beitritt zu ihrer Ethnie freiwillig erfolgt oder ein Ergebnis einer von ihr betriebe- nen Assimilation oder Zwangsassimilation ist. Wichtig ist für sie nur, dass die Aufnahme zu einer Übernahme und Bestätigung der eigenen ethni- schen Merkmale führt. Die Möglichkeit der ethnischen Konversion besteht nicht nur bei Gruppen, sondern auch auf der individuellen Ebene.

»Mit >familienübergreifend und familienerfassend< ist die Ethnie einer- seits vom Verwandtschaftsverband differenziert und andererseits wird

implizit auf die Erblichkeit der Zuordnung hingewiesen, unabhängig davon, ob der Vererbende selbst durch Geburt oder durch Beitritt in die Ethnie aufgenommen wurde. Auch die ethnische Konversion schafft

eine erbliche Identität

Vordergrund: Ethnien organisieren Verwandtschaft« (Elwert 1989, 24).

Ein wichtiger Aspekt rückt damit in den

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Ethnien begründen also Verwandtschaftsbeziehungen (vgl. Sigrist 1997, 45) auch jenseits von Herkunft und Abstammung, indem die durch einen Bei- tritt (Konversion) ermöglichte Zugehörigkeit vererblich ist und zumindest für die Nachkommen Verwandtschaftsbezüge schafft (vgl. Elwert 1989, 24). 63 Dabei ist die Exklusivität ethnischer Identität häufig üblich, aber nicht zwingend notwendig, sodass vor allem bei befreundeten ethnischen Gruppen Konversion die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen offen hält (vgl. Elwert 1989, 25).

Wie bisher gezeigt wurde, sind alle genannten ethnischen Unterschei- dungsmerkmale veränderbar. Ethnische Gruppen schaffen und bedienen sich dieser Merkmale, um sich gegenüber anderen Gruppen als eigenstän- dig erkennen zu können. Ein wichtiges Merkmal wurde aber bisher in die- ser Arbeit noch nicht dargestellt. In den verschiedenen schon vorgestellten Untersuchungen zur Auseinandersetzung mit dem Ethnischen taucht im- mer wieder der Begriff der Geschichte auf. Dabei wird hervorgehoben, dass der Glaube an eine gemeinsame Geschichte innerhalb einer ethnischen Gruppe eine wichtige Rolle spielt (vgl. Heckmann 1992, 57; Elwert 1989, 7; Römhild 1998, 22ff). An dieser Stelle beginnt der Übergang von der Kon- struktion der Gruppenbildung zur mythischen Verklärung einer imaginä- ren ethnischen Volks- beziehungsweise Nationszugehörigkeit. Werfen wir, um dies zu verdeutlichen, noch einmal den Blick auf ein eingangs ver- wendetes Zitat.

»Ethnizität bezeichnet die für individuelles und kollektives Handeln bedeutsame Tatsache, dass eine relativ große Gruppe von Menschen durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft, durch Gemeinsam- keiten von Kultur, Geschichte und aktuellen Erfahrungen verbunden ist und ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein besitzt« (Heck- mann 1992, 56; vgl. auch Elwert 1989, 26).

Man muss hier unterscheiden zwischen einem realen Gruppenbewusst- sein, also ethnischen Gemeinsamkeiten, aktuellen Erfahrungen und Er- innerungen auf der einen Seite und dem Glauben an eine gemeinsame Her- kunft und Geschichte auf der anderen Seite. Während Ersteres real gelebt wird, etwa in der Familie, auf dem Feld und der Arbeit, liegt Letzteres im Bereich der Vorstellung und des Glaubens. 64 Damit teilt sich auch der Ge- schichtsbegriff in zwei Teile, zum einen in Alltagsgeschichte, die in ge- meinsame Erinnerungen und Erfahrungen mündet, und Geschichte, die das selbst erlebte oder auch direkt überlieferte mit anderen Informationen

I Zur Theorie

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Konflikte

in einen größeren Zusammenhang stellt. 65 Das ethnische Merkmal einer ge- meinsamen Geschichte unterliegt aber den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie die anderen ethnischen Merkmale. Geschichte wird - wenn notwendig - umgeschrieben und verändert, 66 wenn Annäherung oder Abgrenzung stattfindet. Geschichte unterscheidet sich aber in einem wichtigen Punkt von den anderen ethnischen Merkmalen. Wo Geschichte nicht Annähe- rung an vergangene menschliche Handlungen ist, sondern versucht, diese zu verschleiern, wird sie zum Mythos.

1.2.2

Zum Mythos von Volk und Nation

In der Vorbemerkung zu seinem Buch Mythen des Alltags schreibt Roland Barthes über den Anlass zur Entstehung des Werkes, dass er dar- unter litt, »sehen zu müssen, wie Natur und Geschichte ständig miteinan- der verwechselt werden« (Barthes 1964, 7), und er deswegen diesem ideo- logischen Missbrauch auf die Spur kommen wollte. Der von ihm in diesem Zusammenhang verwendete Begriff des Mythos schien ihm treffend für diese falschen Augenscheinlichkeiten zu sein (vgl. Barthes 1964, 7). Grund- sätzlich ist das wesentliche Merkmal jedes Mythos die Tatsache, dass er ein sekundäres semiologisches System ist, also auf einem anderen, schon vor ihm existierenden semiologischen System aufbaut. Er benötigt somit zu seiner Entfaltung eine schon vor ihm existierende Bedeutung (vgl. ebd. 90 f). Der Mythos der ethnischen Nation baut auf der im bisherigen Teil der Arbeit ausführlich dargestellten Bedeutung des Ethnischen für die Ent- wicklung des Menschen auf. Es fällt dem Mythos leicht, die ethnischen Merkmale zu benutzen und ihnen eine neue Bedeutung zu verleihen. Wenn ethnische Identität so wichtig ist und die Verschiedenheit ethnischer Merkmale so augenscheinlich, dann müssen sie natürlich sein, suggeriert der Mythos. Auf diese Weise hat er eine wichtige Funktion bei der Ab- grenzung einzelner Gruppen voneinander. Dabei ist der Mythos Nachricht und Feststellung in einem. 67 Die historische Tatsache, dass verschiedene ethnische Gruppen gemeinsam in bestimmten Regionen verschiedene Sprachen, Sitten oder Religionen entwickelt haben, erscheint zuerst als ei- ne Nachricht. Sie entwickelt sich dann zu der Feststellung, dass es schon immer so gewesen ist. Das bedeutet:

»Die Welt liefert dem Mythos ein historisches Reales, das durch die Art

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

und Weise definiert wird, auf die es die Menschen hervorgebracht oder benutzt haben. Der Mythos gibt ein natürliches Bild dieses Realen wieder« (Barthes 1964, 130).

Er entzieht der Wirklichkeit der ethnischen Vielfalt dabei ihre menschliche Geschichte auf eine besondere Weise. Der Mythos leugnet die soziale Handlung der Menschen, 68 die diese Vielfalt hervorgebracht hat, indem er die Unterschiede zur Natur erklärt. Damit diese natürliche Existenz bewie- sen werden kann, wird menschliche Geschichte dort rekonstruiert, wo sie der Bestätigung der scheinbaren Natürlichkeit dient. So besetzt dieser Um- gang mit Geschichte die ethnischen Merkmale. Aktuelle Unterschiede der Sprachen, Religionen oder Sitten werden im Vergangenen gesucht, gefun- den und als naturgegeben verstanden. Wegen seiner schnellen, fast belie- bigen Manipulierbarkeit wird das ethnische Merkmal der gemeinsamen Geschichte für die Ideologie zum entscheidenden Moment. Denn gerade auf der Ebene des Nationalen ist der Mythos für die Ideo- logie unersetzlich. Die Existenz verschiedener Völker 69 und Nationen ist »das historisch Reale«, also die Nachricht, welche durch den Mythos zu ei- ner »Feststellung« wird. So überbringt der Mythos die Botschaft ihrer Na- türlichkeit. Dabei macht der Mythos des ethnisch reinen Volkes sich die ethnische Identität der Menschen zunutze. Er missbraucht die verschiede- nen Gefühle von Angst, Solidarität, Neugier oder Stolz, die mit ethnischer Identität verbunden sind, indem er diese für sich beansprucht. 70 So werden die auf der Ebene der ethnischen Gruppe durchaus in realen Beziehungen entwickelten und gelebten Gefühle (vgl. Bohleber 1992, 695) über den My- thos des Volkes auf die Ebene der Nation transformiert, wo sie ausschließ- lich im Bereich der Vorstellung verbleiben. 71 Balibar (1990, 118) spricht in diesem Zusammenhang von »fiktiver Ethnizität«:

»Keine Nation besitzt von Natur aus eine ethnische Basis, sondern in dem Maße, wie die Gesellschaftsformationen einen nationalen Charakter bekommen, werden die Bevölkerungen >ethnizisiert<, die sie umfassen, die sie sich teilen oder die sie dominieren; d. h. diese werden für die Vergangenheit und Zukunft so dargestellt, als würden sie eine natürli- che Gemeinschaft bilden, die per se eine herkunftsmäßige, kulturelle und interessenmäßige Identität hat« (ebd. 118).

Ahnliches beobachtet man bei den oft mit der ethnischen Identität verbun- denen Gefühlen gegenüber dem von der Ethnie bewohnten Territorium. Die Besetzung des Territoriums als »Heimat« ist Ergebnis eines »langen kul-

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Konflikte

turellen Sozialisierungsprozesses« (Greverus 1972, 333). Die mit der Hei- mat verbundenen Gefühle von Vertrautheit und Sicherheit (ebd. 382) kön- nen, ebenso wie die anderen mit der ethnischen Identität verbundenen Ge- fühle, auf der Ebene der Nation nicht real gelebt werden. Anders als in ei- ner Ethnie können die Mitglieder einer Nation sich mit dem nationalen Territorium nicht wirklich vertraut gemacht haben und sich niemals »face- to-face« (Anderson 1988) kennenlernen. Ihre Mitgliedschaft bleibt auf- grund der Anzahl der Mitglieder anonym (vgl. Heckmann 1992, 53), ihre Verbundenheit zum nationalen Territorium aufgrund dessen Größe imagi- när. Somit lässt sich die durch die Überschaubarkeit der Ethnien und durch die gemeinsame Alltagskultur entwickelte »ethnische Mentalität« (Roth 1997, 404) ebenfalls nicht auf die Ebene der Nation übertragen. Während man in Bezug auf Ethnien durchaus von einer ethnischen Mentalität spre- chen kann, verbietet es sich, auf der Ebene der Nation von »Volksgeist« und »Nationalcharakter« zu sprechen (ebd. 404).

Durch die Konstruktion des Volkes 72 als ein homogenes Gebilde mit lan- ger Tradition wird der Nation gleichsam eine Geschichte verliehen. Der Mythos des reinen Volkes und der ethnischen Nation hat ein

»besonders dynamisches Kraft- und Energiepotential, das durch religiöse, geschichtliche oder politische Mythenbildung gesellschaftlich freigesetzt wird. Um so stärker und wirksamer, je mehr ethnische Er- innerungsfäden darin eingewoben sind, je mehr das >völkische< Motiv im >nationalen< aufgeht« (Kaschuba 1995, 60).

Dadurch, dass die »ethnischen Erinnerungsfäden« auf der Ebene der Na- tion zwangsläufig nur in eine Vorstellungswelt übertragen werden können, lösen sie sich hier aber völlig von ihrem realen Bezug und werden Teil des »Phantasmas der Nation« (Bohleber 1992, 691 ff).

»Nationalismus hat eine zweifache gesellschaftliche Funktion: er ist Abwehr - und Integrationsideologie zugleich. Als kollektiv einigende Phantasie gibt die nationalistische Vorstellung von der Nation einem gestärkten Wir-Gefühl Ausdruck und hat emotionale Qualitäten, welche die nicht-rationalen Bedürfnisse der Menschen kanalisieren und befrie- digen können. Sie baut diejenigen, die sich mit ihr identifizieren, narzißtisch auf« (ebd. 695).

Die schon auf der Ebene der ethnischen Gruppe bedeutsamen Strukturen tauchen auf der Ebene des Volkes und der Nation wieder auf.

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

»Jene Phantasmagorien, die dem Kind einst Angst machten beziehungs- weise in ihm die Hoffnung nährten, woanders sei alles besser, tauchen wieder auf und erscheinen im ideologischen Bild, das das Verhältnis zu den Fremden regelt« (Erdheim 1988, 264).

Wie bereits gezeigt wurde, geht die Entwicklung von Kultur einher mit der Auseinandersetzung des Eigenen mit dem Fremden. Kultur generell ist das Ergebnis eines dialektischen Prozesses der Öffnung gegenüber dem Frem- den und der gleichzeitigen Abgrenzung des Eigenen vom Fremden. Das im Kapitel 1/1.1.2 aufgezeigte Wechselspiel zwischen der Aufnahme materiel- ler Aspekte fremder Kulturen und dem gleichzeitigen Festhalten an ideel- len Aspekten der eigenen Kultur verschärft sich auf der Ebene des ethnisch reinen Volkes und der ethnischen Nation. Das für die Familie bestehende Inzestverbot, das die Öffnung hin zu ei- nem größeren Lebenskreis erzwingt (vgl. Erdheim 1992, 740 und 1998, 17), lässt sich auf die Ebene der Ethnien ausdehnen. Auch hier bedeutet die Öff- nung kulturellen Gewinn und Entwicklung. Mit dem Inzesttabu eng ver- bunden ist das Prinzip der Gastfreundschaft, welches dem Fremden einen geschützten Zugang zum Eigenen ermöglicht (vgl. Erdheim 1992, 725). Der Mythos des reinen Volkes und der ethnischen Nation verkehrt beides, »In- zestverbot« und »Gastfreundschaft«, in ihr Gegenteil. Die Vereinigung mit dem Eigenen und die Bekämpfung des Fremden soll die Klammer sein, welche das »Phantasma der Nation« zusammenhält. Einerseits zerstört der Nationalismus das Ethnische real, da das Ethni- sche sich in seiner Vielfalt nicht mit dem Zentralismus einer ethnisch ho- mogenen Nation verträgt. Dies zeigt sich nicht nur in der Unterdrückung »anderer« Ethnien, sondern auch an der Entwicklung einer Nationalspra- che und der damit verbundenen Entwertung ethnischer Eigenheiten, wie regionale Dialekte (vgl. Erdheim 1988, 241 und 1992, 731), Trachten oder Traditionen. Keine Nation, in der nicht die ethnischen Eigenheiten ihrer verschiedenen Gruppen als rückständig belächelt oder sogar verspottet würden. 73 Andererseits belebt der Nationalismus das Ethnische fiktiv auf der Ebene des Volkes und der Nation wieder. Jetzt allerdings um den Preis der radikalen Abgrenzung auf Basis des Wunsches nach einer imaginären Reinheit. Ethnische Merkmale, die als Ergebnis menschlicher Handlungen soziale Wirklichkeit geworden sind, werden einem Volk, einer Nation zu- geschrieben. Im Zuge der Entstehung der Nationalstaaten 74 werden aus ih- nen die Bausteine, aus denen sich der Begriff der Nationalkultur heraus-

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Konflikte

bildet. Die eigene Kultur, die ohne die Aufnahme des Fremden nicht hätte entstehen können, wird nun zu einem entscheidenden Abgrenzungsmerk- mal von der fremden Kultur. Die Betonung der kulturellen Unterschiede zwischen verschiedenen Nationen überdeckt die Mannigfaltigkeit ihrer kulturellen Gemeinsamkeiten und damit die den Menschen gemeinsame Kultur (vgl. Nassehi 1997, 190). So wird auf der Ebene der Nation der dy- namische Aspekt einer sich ständig verändernden Alltagskultur durch ei- nen statischen Kulturbegriff ersetzt (vgl. Römhild 1998, 160).

»Solche Kultur läßt sich vor allem aus zeitlich weit entfernten Traditio- nen und aus einem eigens konstruierten kollektiven Ursprungsmythos ableiten und damit abseits der aktuellen kulturellen Dynamik konservie- ren« (ebd. 160).

Die Idee einer eigenen nationalen Kultur entwickelt sich auf der Ebene der Nation entlang der Bedeutung der Sprache. Mit ihr verbinden sich die ver- schiedenen »ethnischen und kulturellen Merkmale«, werden so zu Unter- scheidungskriterien und lassen kulturelle Gemeinsamkeiten hinter den Trennungslinien der verschiedenen Sprachen verschwinden. Das ethni- sche Merkmal der Sprache ist für den Mythos des ethnisch reinen Volkes und der Nation entscheidend. Die gemeinsame Sprache stellt die Kommu- nikationsfähigkeit der verschiedenen Klassen und Ethnien innerhalb eines Volkes sicher und ermöglicht so die Existenz des »Wir-Gefühls« (Bohleber 1992, 692) auf der Makroebene der Nation. Die nationale Sprache erscheint als das Element im Leben des Volkes, als die Realität, die sich jeder aneig- nen kann, ohne seine individuelle Identität aufgeben zu müssen (Balibar 1990, 120). Gleichzeitig genügt Sprache allein aber nicht für die Grenzzie- hung zwischen dem Eigenen und dem Fremden auf der Ebene der Nation. Sprache ist frei zugänglich und überlässt dem Fremden die Entscheidung über ihren Erwerb. Kommunikative Kompetenz alleine verleiht nicht das Attribut der Zugehörigkeit zur Nation. Sprache wird dabei ergänzt durch den Begriff der Rasse. Nur die Komplementarität von Sprache und Rasse er- laubt es, sich das »Volk« als eine absolut autonome Einheit vorzustellen (vgl. Balibar 1990, 119).

»Die Idee einer rassischen Gemeinschaft kommt auf, wenn sich die Grenzen der Zusammengehörigkeit auf der Ebene der Sippe, der Nach- barschaftsgemeinschaft und, zumindest theoretisch, der sozialen Klasse auflösen, um imaginär an die Schwelle der Nationalität verlagert zu werden« (ebd. 123).

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Auf diese Weise stellt die nationalistische Ideologie die These auf, dass die Mitglieder eines Volkes miteinander verwandt sind (ebd. 123), und miss- braucht so den Aspekt der Verwandtschaft als ein wichtiges Charakteristi- kum ethnischer Gruppen für den Mythos der ethnischen Nation. Durch die Verknüpfung von Sprache und Rasse wird die Muttersprache, über die Sprache der realen Mutter hinaus, zum Ausdruck einer gemeinsamen Ab- stammung. An dieser Stelle wird Geschichte zum entscheidenden Merkmal der fik- tiven Ethnizität des Volkes und der Nation. Geschichte als ethnisches Merkmal wird nun endgültig mit dem Prinzip Herkunft und Abstammung verbunden. Herkunft und Abstammung erscheinen als Quelle, aus der Ras- se, Sprache und Kultur entspringen. Sprache, Herkunft und Geschichte nehmen nun auf der Ebene der Nation als nationale Merkmale die gleiche Funktion ein wie ethnische Merkmale auf der Ebene der Ethnie, jetzt aller- dings zur Abgrenzung eines in Konsequenz nur fiktiven Eigenen von einem fiktiven Fremden. Geschichte wird dabei, ähnlich wie die Begriffe der Ras- se und der Kultur, mit dem Attribut von Reinheit oder Unreinheit verse- hen. Je ungetrübter Abstammung und Herkunft in der Geschichte zu sehen sind, desto besser und gesünder sei diese. Aus dieser Auffassung resultiert auch

»die für die meisten Ethnogeschichten typische kulturpessimistische Tendenz, mit der die Qualität der Gegenwart am bedrohten Bestand bewahrter kultureller Traditionen bemessen wird« (Balibar 1990, 29). 75

Dabei hat der Mythos aber nicht nur eine rückwärtsgewandte Sichtweise. Vielmehr wird die Hoffnung auf eine an der imaginierten Reinheit orien- tierte utopische Zukunft durch den Mythos des Vergangenen begründet (vgl. Bielefeld 2001, 4). Je größer aber die Einheit ist, auf die sich diese Vorstellungen beziehen, desto weniger entsprechen die ethnischen Merkmale, entspricht die kultu- relle Tradition der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Damit muss das Natio- nale beständig von neuem inszeniert werden, um die Existenz einer natio- nalen Identität erfolgreich suggerieren zu können (vgl. Binder/Niedermül- ler/Kaschuba 2001, 7ff). Dieser Widerspruch hat eine fatale Auswirkung auf den Nationalismus. Die ungeheure Aufwertung, die das Individuum durch die Identifikation mit dem Phantasma der Nation erfährt, ist permanent be- droht und muss verteidigt werden, um sich der eigenen Zugehörigkeit zur Sicherheit spendenden Nation zu versichern. Da real dem Traumbild der

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ethnisch reinen Nation nicht entsprochen werden kann, müssen vermeint- lich fremde Einflüsse ausgemacht und als Störungen »ausgeschieden« wer- den. Dieser innere Zwang verbindet den Nationalismus unweigerlich mit dem Rassismus (vgl. Balibar 1990, 49). Die wechselseitige Determination von Rassismus und Nationalismus zeigt sich auch in der Art und Weise, wie die verschiedenen Nationalismen der Neuzeit - wobei der deutsche Nationalsozialismus die konsequenteste und radikalste Variante darstellte - den Antisemitismus benutzt haben. Dabei wurde versucht, die fiktive Ethnizität der Nation durch die Verfolgung eines gleichsamen Prototyps ei- nes nicht nationalen, nicht assimilierbaren Feindes - dem »Juden« - zu si- chern (ebd. 67 ff). Da also die fiktive rassische und kulturelle Identität der »wahren Mitglieder der Nation« zwangsweise unsichtbar bleibt, leitet sie sich von der imaginierten Sichtbarkeit der falschen Staatsangehörigen ab (vgl. ebd. 77). Dabei sind die Grenzen der verschiedenen rassistischen Ka- tego-rien durchaus flexibel und können sich den Gegebenheiten der ak- tuellen Situation anpassen. Man kann an dieser Stelle wiederum auf den Zusammenhang von Möglichkeit und Notwendigkeit verweisen. Ausgren- zung und Diskriminierung sind für die Konstituierung des Rassismus not- wendig, während in Hinblick auf die Auswahl der stigmatisierten Gruppe und deren Stellung in der rassistischen Rangordnung Veränderungen mög- lich sind (vgl. Wallerstein 1990, 45).

In diesem Prozess erscheint jeweils das eigene Volk, die eigene Nation als ein biologischer Organismus (vgl. Bohleber 1992, 703). 76 »Jeweilige Werte, Ziele und Zwecke erhalten ihre Legitimation nur aus ihrer orga- nischen Einbindung in die Nation und ihre Zwecksetzungen« (ebd. 703). Für das Individuum bedeutet dies, dass es nicht nur sich selbst ge- hört, sondern Glied eines großen Ganzen ist (vgl. ebd. 703). Die Aufgabe der eigenen Handlungskompetenz wird belohnt mit der Befriedigung früh- kindlicher Verschmelzungssehnsüchte, die Trennung von der Mutter wie- der aufzuheben und die verlorene Symbiose wiederherzustellen (vgl. Krainz 1982, 335). Durch die Verlagerung der schon auf der individuellen, familiären und ethnischen Ebene existierenden psychohygienischen Funktion der Frem- denrepräsentanz auf die Ebene der Nation ergibt sich eine Verschärfung der Widersprüche. Die Idealisierung des Eigenen und die Abspaltung des Fremden als »Bösen« führt zu einer Bedeutungserhöhung der mythologi- schen Verklärung der eigenen Geschichte.

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

»Je extremer der Nationalismus ist, desto mehr werden wichtige Infor- mationen und Realitätswahrnehmungen durch unrealistische, eher unwichtige, aber von der nationalistischen Ideologie favorisierte ver- drängt« (Bohleber 1992, 695).

Dabei wirkt die Übertragung kollektiver Gefühle auf den Nationalstaat, ebenso wie schon auf der Ebene der Ethnie, in einem doppelten Sinn. Zwi- schen Ethnizität und Ethnisierung besteht ein dialektisches Verhältnis. »Ethnische Identität entsteht auf der Grundlage von aufeinander folgenden Fremd- und Selbstzuschreibungen« (Römhild 1998, 138). Oft ist es die na- tionalistische Entwicklung der Nachbarvölker, die erst die Entwicklung ei- nes Zugehörigkeitsgefühls einer ethnischen Gruppe zu einem anderen »Volk« vorantreibt. Eine ethnische Gruppe kann die Tatsache der eigenen Situation als Minderheit in einer bestimmten Region dadurch kompensie- ren, dass sie sich als Teil eines größeren »Volkes« außerhalb dieses Raumes als Mehrheit versteht. Die Zugehörigkeit zu einem »starken, großen Volk« befriedigt den Wunsch nach Sicherheit in einer sonst für die Minderheit bedrohlichen Situation. 77 Besonders konfliktträchtig ist diese Situation, wenn die Mehrheitsverhältnisse nicht eindeutig sind und sich die rivali- sierenden Ethnien jeweils selbst als Minderheiten verstehen; wenn also je- de am Konflikt beteiligte Ethnie sich in ihrer Existenz von der anderen Eth- nie bedroht fühlt. Waldmann verwendet in diesem Zusammenhang für zwei am Konflikt beteiligte Ethnien den Begriff der »doppelten Minder- heit« (Waldmann 1995, 106). 78 Sind mehr als zwei Ethnien, die den Min- derheitenstatus für sich in Anspruch nehmen können, an der Ausein- andersetzung beteiligt, bietet sich der Begriff »konkurrierende Minderhei- ten« an. Der Konflikt zwischen ethnischen Gruppen verschärft sich zusätz- lich, wenn über die ethnische Auseinandersetzung hinaus machtpolitische oder nationalistische Interessen anderer Staaten hinzukommen. Für den Nationalstaat bietet die Unterstützung ethnischer Gruppen, die als Min- derheiten auf dem Gebiet anderer Nationalstaaten leben, die Möglichkeit, Einfluss auf fremde Territorien zu nehmen. Damit wird deutlich, dass der Mythos von Volk und Nation sowohl eine eher defensive, schützende als auch eine offensive, expansionistische Funktion einnehmen kann. 79

»Wir müssen differenzieren zwischen einem realen Gruppen- und Kollektivbewußtsein einerseits und jenem nationalen Bewusstsein andererseits, das angeblich einer bestimmten Staatsform, dem National- staat zugrundeliegen soll. Dass beides dasselbe ist, will uns der Natio- nalist glauben machen« (Bohleber 1992, 695).

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In Bezug auf den Mythos von Volk und Nation wurde bisher nicht zwi- schen unterschiedlichen Interessen innerhalb sozialer Gruppen unter- schieden. Die ethnische Gruppe wurde als Kollektiv beschrieben und nicht zwischen den verschiedenen Mitgliedern der Gruppe differenziert. Dabei weisen ethnische Gruppen, ebenso wie Nationen, selbstverständlich auch eine immanente soziale Schichtung auf. Der soziale Status ist aber für ein Individuum nicht nur innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe von Be- deutung. Die soziale Stellung ist darüber hinaus entscheidend für die Rol- le, die einzelne Mitglieder beim Kontakt mit anderen ethnischen Gruppen und bei der Entstehung von Konflikten und Kriegen einnehmen.

1.3

Vom ethnischen Konflikt zum ethnisch-national begründeten Krieg

Wie gezeigt werden konnte, tauchen bestimmte Grundmuster des frühkindlichen Bildes vom Eigenen und Fremden sowohl in der Adoles- zenz als auch im Erwachsenenalter wieder auf. Sie bilden auf der Ebene der ethnischen Gruppe die Basis, auf der sich ethnische Identität entwickelt. Die damit verbundene Abgrenzung vom Fremden kann durch die psycho- hygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz zu einer Idealisierung des Eigenen und zur Verteufelung des Fremden führen. Diese psychischen Strukturen spiegeln sich in der Organisation der ethnischen Gruppe und der ethnischen Kolonie wider. Auch die für die Auswanderung in die Fremde bedeutsame Grundhaltung des Exotismus schützt nicht dauerhaft vor der Xenophobie. Jede reale oder auch vermeintliche Bedrohung der ethnischen Identität stärkt die Grundhaltung der Xenophobie und die da- mit verbundene Bereitschaft, das Eigene gegenüber dem Fremden zu ver- teidigen. Durch die psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsen- tanz ist Ethnisierung mit Abwertung des Fremden und Ethnizität mit Auf- wertung des Eigenen verknüpft. Diese Wechselbeziehung führt zu einer langen Geschichte gegenseitiger Entwertungen zwischen ethnischen Grup- pen. Die eigenen Erniedrigungen und das dabei erlittene Leid werden eben- so wie positive Erinnerungen an Zeiten eigener Größe im »kollektiven Ge- dächtnis« (Diner 1999) der Ethnien aufbewahrt. Sie erfahren hier eine spe- zielle Mythologisierung. So werden beispielsweise aus vergangenen mili- tärischen Siegen oder auch technischen und künstlerischen Errungen-

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Schäften »auserwählte Ruhmestaten«, derer man sich rituell erinnert und so das kollektive Selbstwertgefühl erhöht. Die erlittenen Niederlagen wer- den auf die gleiche Weise zu »auserwählten Traumata« (vgl. Volkan 1999, 72f und 2000, 942). 80 Sie spielen im kollektiven Gedächtnis eine besondere und komplizierte Rolle. Dass einzelne erlittene Erniedrigungen im kollek- tiven Gedächtnis bewahrt und hier zu »auserwählten Traumata« werden,

»ist mit der Unfähigkeit der vergangenen Generation verbunden, nach der Erfahrung eines geteilten traumatischen Ereignisses über die Verlu- ste zu trauern, und ist ein Zeichen, dass es der Gruppe nicht gelungen ist eine narzißtische Verletzung und Demütigung wiedergutzumachen« (Volkan 1999, 73).

»Auserwählte Traumata« sind als ethnische Merkmale wirkungsvoller als »auserwählte Ruhmestaten«. Ihre »transgenerationelle Übermittlung« ver- bleibt nicht auf der Ebene von erzählten Geschichten aus dem Leben der äl- teren Generation, derer man sich erinnert. Während »auserwählte Ruhme- staten« bloß die Selbstachtung der Gruppenmitglieder steigern, werden durch die Übermittlung der »auserwählten Traumata« komplizierte Aufga- ben wie Trauerarbeit oder sogar Wiedergutmachung von Erniedrigungen an die jüngere Generation weitergegeben (vgl. Volkan 2000, 946). Der Übergang aber von ethnischen Differenzen zu Spannungen, dann Konflikten und letztlich zum Krieg ist ohne die Instrumentalisierung der mit der ethnischen Identität verbundenen Gefühle und des »kollektiven Gedächtnisses« sowie der »auserwählten Ruhmestaten« oder »Traumata« nicht möglich. Bevor diese Instrumentalisierung dargestellt werden kann, muss die soziale Schichtung innerhalb der Ethnien in ihrer Bedeutung für die Ausbildung und den Erhalt einer ethnischen Identität untersucht wer- den. Die unterschiedlichen Interessen und Motivationen, die dem sozialen Status entspringen, nehmen bei der Eskalation ethnischer Spannungen hin zu offenen Konflikten und Kriegen eine entscheidende Stellung ein.

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Konflikte

1.3.1

Ethnische Schichtung und ethnischer Konflikt

Wie bereits im Abschnitt über ethnische Koloniebildung gezeigt, findet Auswanderung meistens entlang bereits vorher existierender Struk- turen, wie beispielsweise Verwandtschaftsbeziehungen, statt. Dabei wer- den nicht nur aus der alten Heimat stammende Sitten und Gebräuche, son- dern auch bestimmte Werthaltungen und Verhaltensstandards transferiert und die soziale Kontrolle des Einzelnen durch die Gruppe beibehalten (vgl. Waldmann 1982, 241). Das heißt aber auch, dass das alte soziale Gefüge mit in die neue Welt übernommen wird. Je abgeschlossener die ethnische Ko- lonie ist, desto mehr findet sozialer Aufstieg und Prestigegewinn erst ein- mal innerhalb der Ethnie statt. Die Ausbildung einer Führungsschicht der ethnischen Gruppe geht einerseits auf den alten sozialen Status, anderer- seits auf die innerhalb der Gruppe erworbene Anerkennung und Achtung zurück. Der Moment des Übergangs der Ethnizität von einer unbewussten Konstruktion des Ethnischen zu einem bewussten Ethnomanagement (vgl. Römhild 1998, 34) 81 ist eng mit der Existenz der ethnischen Führungs- schicht verknüpft. 82 Erst das aktive Eingreifen von »charismatischen Füh- rungspersönlichkeiten« schafft aus einer »diffusen kollektiven Gestimmt- heit« der ethnischen Gruppe eine ethnische Bewegung, die aktiv die Eth- nizität betreibt (vgl. ebd. 154). 83 Volkan (1999, 98) wird in diesem Zu- sammenhang noch deutlicher. Er spricht in Bezug auf die Gemütslage der ethnischen Gruppe von einer »Regression« als notwendiger Basis für die enge Verbindung zwischen Führer und Großgruppe. Dabei können die Füh- rer der ethnischen Bewegungen diese nur deswegen ins Leben rufen und dynamisieren, weil sie Teil der »diffusen kollektiven Gestimmtheit« sind. Sie sind »nur die in die Gruppenphantasien des Zeitalters am besten inte- grierten Menschen« (de Mause 1989, zitiert nach Mentzos 1993, 138) 84 Vol- kan führt hierzu aus:

»Transformierende/charismatische Führer geben die Gefühle der Groß- gruppen in den Meinungen wieder, die sie äußern, in ihrem öffentlichen Auftreten, in den Reden, die sie halten, in ihren erklärten Vorlieben und Abneigungen und selbst in der Art und Weise, wie sie sich kleiden« (Volkan 1999, 99).

Dies verwischt soziale Differenzen und erweckt den Anschein der Über- einstimmung der verschiedenen Interessen innerhalb der ethnischen Grup-

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

pe. 85 Die psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz, das Eige- ne als gut und das Fremde als schlecht anzusehen, wirkt innerhalb der Gruppe egalisierend. Sie setzt

»die horizontalen sozialen Grenzziehungen eines >Oben< und >Unten< durch vertikale ethnische Grenzziehungen zwischen >Wir< und >Sie< im kollektiven Bewusstsein außer Kraft« (Römhild 1998, 156; vgl. auch Heckmann 1992, 141).

Je stärker nationale Motive und fiktive Ethnizität die Differenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden betonen und das eigene »Volk« im Be- wusstsein der Mitglieder der Ethnien zum wesentlichen Orientierungs- punkt machen, desto mehr überdecken sie die vorhandenen sozialen Dif- ferenzen und Abhängigkeiten innerhalb der ethnischen Gruppe, des Volkes und der Nation. Die ideologische Egalisierung der sozialen Differenzen si- chert der ethnischen Führungsschicht nicht nur die Ressourcen und Po- tenzen der eigenen ethnischen Gruppe für den Konflikt mit den fremden Ethnien. Sie wirkt auch als Herrschaftsinstrument innerhalb der eigenen Gruppe und festigt die soziale Hierarchie. »Soziale Ungleichheit wird um- thematisiert in kulturelle Differenz« (Kaschuba 2001, 27). Die ethnischen Führer können dabei die mit der ethnischen Identität verbundenen Gefüh- le für ihre Ziele instrumentalisieren und vor der ethnischen Gruppe, aber auch vor sich selbst, den Anschein erwecken, ausschließlich im Sinne des Kollektivs zu sprechen und zu handeln. Die psychischen Motivationen von Führern und Gefolgsleuten unterscheiden sich aber innerhalb einer ethni- schen Bewegung deutlich voneinander. Mentzos spricht in diesem Zu- sammenhang von einem »psychosozialen Arrangement«. Das »Größen- selbst des Führers trifft sich mit den idealisierenden Tendenzen der vielen« (Mentzos 1993, 176). Während also Erstere eine narzisstische Befriedigung ihrer übersteiger- ten Größenphantasien erleben (vgl. Volkan 1999, 100 ff), erfüllen sich Letz- tere ihren Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe (vgl. Mentzos 1993, 198). 86 Die Identifikation mit dem charismatischen Führer führt dabei zu ei- ner Erhöhung der eigenen Person bei den Mitgliedern der ethnischen Gruppe (vgl. ebd. 71 ff). 87 Neben diesem »psychosozialen Arrangement« tei- len aber auch die auf dem sozialen Status basierenden Unterschiede objek- tiv die ethnische Gruppe. Ethnische Gruppen reproduzieren die Klassen- verhältnisse des Makrokosmos der menschlichen Kultur im Mikrokosmos der ethnischen Kolonie. Das heißt,

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ethnischer

Konflikte

»dass die Ethnizität von den noch so minimal priviligierten Klassen dazu ausgenützt wird, ihre Klassenposition auszubauen. In diesem Fall kommt es regelmäßig zu einer Mythologisierung des Ethnischen, das heißt, das Ethnische wird dazu benutzt, die bestehenden Herrschafts- und Klassenstrukturen zuerst zu erhalten und später weiter auszubau- en« (Erdheim 1988, 361).

Dabei tritt der innerhalb der Klassenstruktur der ethnischen Gruppe er- worbene Status auch in Konkurrenz zur Umwelt. Bietet diese der Füh- rungsschicht der ethnischen Gruppe die Möglichkeit zum Aufstieg und zur Befriedigung der eigenen Größenphantasien auch außerhalb der eigenen Gruppe, führt dies zu einer friedlichen Öffnung (vgl. Waldmann 1995, 89). Ist diese Entwicklung unmöglich oder mit dem Zwang zur Assimilation verbunden, richtet sich das Augenmerk der Führungsschicht vermehrt auf die eigene Ethnie. Deren Organisation wird nun zum eigentlichen Inhalt ih- rer politischen Tätigkeit, die sich eben dadurch auszeichnet, dass sie sich nicht auf die Pflege der Kultur der ethnischen Elite beschränkt. Auch hier nimmt der Kampf um ein eigenes Schulwesen eine zentrale Stellung ein. Die Schule ist dabei nicht der Ort, an dem eine scheinbar wertneutrale Bil- dung stattfindet. Sie ist vielmehr eine »volksnahe Institution«, in der die gesamte Sozialisation der heranwachsenden Mitglieder der Ethnie im Vordergrund steht. Sie ist der Ort, an dem eine nationalistische Ideologie verbreitet wird und der Fortbestand der Ethnie als Sprachgemeinschaft ge- sichert werden soll (vgl. Balibar 1990, 120). So droht die Entfaltung einer Dynamik, an deren Beginn die ethnische Bewegung steht und aus der sich der gewaltsame ethnische Konflikt entwickeln kann. 88 Die kulturellen Ak- tivitäten von Vertretern der Mittelschicht, oft Lehrer, Theologen oder Schriftsteller (vgl. Molik 1992, 24 ff), bilden dabei den Anstoß, der die eth- nische Bewegung ins Leben ruft und die Auseinandersetzung auch auf an- dere Schichten der Ethnie überträgt. 89

Dabei entwickeln ethnische Konflikte aufgrund ihrer besonderen Eigen- schaften eine eigene Dynamik. Die im ethnischen Konflikt erworbenen Ver- dienste sind nur solange von positiver Bedeutung, wie die eigene Gruppe stark genug ist, um sich in den Auseinandersetzungen zu behaupten und dem Aktivisten Anerkennung, Belohnung und Schutz zu geben. Was be- reits für das »spezifische Kapital« gilt, trifft hier noch radikaler zu. Wenn sich die Gesamtsituation ändert und eine Neubewertung des kulturellen Kapitals möglich ist, also eine Abwertung der eigenen Gruppe droht oder

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

eine Aufwertung erreichbar scheint, steigt die Bereitschaft, den Konflikt zu intensivieren. Es geht dann »um die Festlegung des Wertes des kulturellen Kapitals für eine unabsehbare Zukunft« (Esser 1996, 93). Die Chancen und Risiken für die Aktivisten der ethnischen Bewegungen sind dabei extrem hoch. Bei einem Sieg winkt nicht nur die Anerkennung der eigenen ethni- schen Gruppe, sondern auch die Kontrolle oder die Herrschaft über die be- nachbarten Ethnien. Bei einer Niederlage oder gar Auflösung der eigenen Ethnie sind die Führer und Aktivisten (vgl. Brunn/Horch/Kappler 1992, 3) 90 real in ihrem Leben bedroht. Dieses Gefühl übertragen sie auf die ethnische Gruppe an sich.

»Führer der aufsteigenden kleinen Nationen oder jener Völker, die eine nationale Einheit anstrebten, maßen ihrer Aufgabe einen einzigartigen Wert bei. Jeder glaubte, dass das Verschwinden (Assimilierung) ihres Volkes vergleichbar dem Schicksal eines individuellen Todes war« (Brunn/Horch/Kappler 1992, 3). 91

Dabei haben die Führer ein intuitives Gespür für die Reaktivierung auser- wählter Traumata. Durch die Verbindung einer Krisensituation der Gegen- wart mit einem Trauma aus der Vergangenheit - Volkan (2000, 947) nennt dies »Zeitkollaps« - gelingt es ihnen, mit dem auserwählten Trauma zu- sammenhängende Angstzustände, Erwartungen und Phantasien für das Bild der aktuellen Feinde zu mobilisieren und den Konflikt zu eskalieren (vgl. ebd. 948). 92 Diese Eskalation des Konfliktes geht in der Regel nicht auf spontane Gewaltaktionen ethnischer Gruppen zurück. Sie ist hingegen Teil einer wohlkalkulierten Strategie der Führer und Aktivisten, bei der durch den bewussten Einsatz von Gewalt die Solidarisierung weiterer Mitglieder der ethnischen Gruppe erreicht und deren Gewaltbereitschaft mobilisiert werden soll (vgl. Sundhaussen 2001, 49). Während in der Regel Teile der sozial schwachen Mitglieder über die Hoffnung auf eine Verbesserung ih- rer wirtschaftlichen Situation relativ schnell zu gewinnen sind (vgl. Höp- ken 2001, 71), 93 nimmt die Mehrheit der ethnischen Gruppe nur aktiv an den Konflikten teil, wenn sie sich bedroht und angegriffen fühlt. 94 Hier spielt der Mythos des reinen Volkes und die von ihm instrumentalisierte ethnische Identität eine entscheidende Rolle. An dieser Stelle können sich die bisher aufgezeigten Aspekte zu einer fatalen Dynamik verbinden. Eth- nizität mündet dann von der ethnischen Bewegung über ethnische Span- nungen und ethnische Konflikte in den ethnisch, völkisch und national be- gründeten Krieg.

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ethnischer

Konflikte

1.3.2

Der ethnisch-national begründete Krieg 95

Die bisher aufgezeigten Strukturen des Ethnischen tauchen alle auf der Ebene des Krieges wieder auf. Jetzt allerdings mit einer solchen Schär- fe und Radikalität, dass sie sich zu einer neuen Qualität verdichten. Die auf den verschiedenen Entwicklungsstufen bedeutsame psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz nimmt in diesem Prozess in verschie- dener Hinsicht eine zentrale Position ein.

Ebenso wie die Angst vor dem Fremden und die damit verbundenen Aggressionen oder negativen Gefühle (vgl. Eibl-Eibelsfeld 1984, 148) spie- len auch positive Gefühle zur eigenen Gruppe grundsätzlich in kriegeri- schen Auseinandersetzungen eine Rolle. Jede militärische Kriegsführung versucht die Dichotomie vom bösen Fremden und guten Eigenen zu för- dern und für ihre Ziele zu verwenden. Dies ist ein grundsätzliches Prinzip »kluger« Militärpsychologie (Mentzos 1993,199). Dabei wird sowohl an das vom Feind begangene Unrecht erinnert als auch an die positiven Gefühle untereinander apelliert. 96 Dieses Prinzip spiegelt sich wider in schrift- lichen Direktiven und in propagandistischen Ansprachen des Militärs. Es begleitet die Soldaten von ihrer Ausbildung bis zu ihren Einsätzen. Nor- malerweise besteht

»eine der schwierigsten Aufgaben der psychologischen Kriegsführung darin, die natürlichen Gefühle der Mitmenschlichkeit auszuschalten, damit sie die >Kampfmoral< und die Motivation zum Töten nicht beein- trächtigen. Je ferner, je unbekannter, je fremder der Gegner, desto leich- ter ist seine Ausschaltung zu erreichen« (Mentzos 1993, 112). 97

Die militärische Ausbildung geht deswegen immer mit einer »Verdrängung von Mitgefühl, Mitleid und Mitmenschlichkeit« (ebd. 113) 98 einher und führt zu einer Abstraktion vom konkret menschlichen Charakter des Gegenübers. 98 Unabhängig von den jeweiligen Ursachen für die kriegeri- schen Auseinandersetzungen werden dabei in der Sprache des Krieges ge- nerell Kampfhandlungen zu notwendigen Operationen, die es erfolgreich durchzuführen gilt. Die Abstraktion ermöglicht es, dass die Verfolgung des Feindes zu einer Jagd wird, in der es darum geht, den Gegner gleichsam als Wild zu erlegen, ohne für ihn Mitgefühl aufzubringen. 100

Je mehr der Krieg aber neben ökonomischen (territorialen) Gesichts- punkten auch ethnische Aspekte aufweist, desto mehr vereinfacht sich die

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Aufgabe der psychologischen Kriegsvorbereitung. Die im Prozess der Ma- nifestation der eigenen ethnischen Gruppe und der damit verbundenen Abgrenzung von fremden ethnischen Gruppen entwickelten ethnischen Merkmale werden zu Unterscheidungskriterien zwischen Freund und Feind. Die bereits aufgezeigte Dichotomie von Ethnizität und Ethnisierung, von Eigenem und Fremdem als Gutes und Schlechtes, Reines und Unrei- nes erleichtert das Ausschalten von menschlichen Gefühlen für den Geg- ner. Die schon bei der sozialen Funktion des Ethnischen auftretende Ten- denz, dem Fremden letztendlich umfassende Eigenschaften des Mensch- seins abzusprechen, wird im ethnischen Krieg wieder lebendig. Im eth- nisch begründeten Krieg muss das Verhältnis zum »Feind« nicht erst mit negativen Gefühlen angereichert werden. Es gibt bereits ein breites Funda- ment erlittener Verletzungen und Erniedrigungen, die im jeweiligen kol- lektiven Gedächtnis der ethnischen Gruppen aufbewahrt werden und auf die im Kriegsfall zurückgegriffen werden kann (vgl. Diner 1999, 195ff). 101

Dabei kommt im ethnisch begründeten Krieg ein weiteres Moment ver- schärfend hinzu. Die vor dem Krieg vielleicht nur vermeintlich existieren- de Bedrohung der eigenen ethnischen Identität durch das Fremde wird nach Ausbruch des Krieges höchst real. In diesem Sinne teilt der ethnische Krieg die schon vorher aufgezeigte Eigenschaft des Ethnischen: Er schafft eine Realität, die, einmal existent, nicht mehr vergehen will. Im Verlauf des Krieges dehnt sich die Bedrohung, nicht nur der ethnischen Identität, son- dern auch des eigenen Lebens, von der Gruppe der Führer und Aktivisten auf immer weitere Teile der ethnischen Gruppe aus. Eine umfassende Niederlage der eigenen Gruppe bedeutet die Entwertung des eigenen kul- turellen Kapitals und die Herrschaft der siegreichen fremden Gruppe.

»Herrschaft bedeutet dabei nichts anderes als die - durch Gewalt abgestützte Fähigkeit - die >Verfassung< einer Gesellschaft bestimmen zu können. Und es ist ja diese Verfassung, die festlegt, ob - etwa - ein Adelstitel, eine bestimmte Hautfarbe oder das Sprechen einer bestimm- ten Sprache etwas wert ist oder geächtet wird. Und die Herrschaft ist schon deshalb besonders begehrt, weil die jeweils obsiegende Gruppe ja die Konstellation allgemein durchsetzen kann« (Esser 1996, 80). 102

In Bezug auf die ethnische Kolonie wird der Kampf um die Definitions- macht darüber hinaus auch zu einem Kampf um die Kontrolle des besie- delten Territoriums. Dem Verlierer droht dann nicht nur die Entwertung der eigenen Identität, sondern auch die Vertreibung aus der Heimat. 103 Bei der Vertreibung oder Umsiedlung der unterlegenen ethnischen Gruppe

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ethnischer

Konflikte

spielt die »Phantasmagorie der Reinheit« (Heim 1992, 711) eine entschei- dende Rolle. Volkan (1999, 140) spricht in diesem Zusammenhang von »Säuberungsideologien«, deren Ziel es ist, die Großgruppe symbolisch zu reinigen, unerwünschte Elemente auszuscheiden und so die Gruppeniden- tität zu fördern. Der schon bei der Abgrenzung der ethnischen Gruppen wirksame Wunsch nach Homogenität kann so im Zuge des Krieges befrie- digt werden. Jetzt, im Falle eines eigenen Sieges, ist das Fremde be- herrschbar und kann als »matter in the wrong place« (Lord Chesterfield zi- tiert nach Heim 1992, 722) ausgeschieden, die eigene Gruppe oder auch das als eigenes beanspruchte Gebiet von ihm »gesäubert« werden. Hier verbin- det sich die psychische Motivation der einfachen Mitglieder einer ethni- schen Gruppe mit den eigennützigen, politisch-ökonomischen Interessen der Führungsschichten (vgl. Mentzos 1993, 154). Im Unterschied zu ande- ren Kriegen ermöglicht der ethnische Krieg nicht nur die Bereicherung der herrschenden Schicht oder der am Krieg beteiligten Soldaten und Söldner, sondern auch größerer Teile der siegreichen ethnischen Gruppe. Diese Be- reicherung kann nach der Vertreibung der vorherigen Eigentümer in Form von einfachen Wettbewerbsvorteilen durch die bevorzugte Vergabe von Aufträgen oder Krediten, über die Beschlagnahmung von Vermögen bis hin zur Übernahme von landwirtschaftlichen und industriellen Betrieben und Grundstücken erfolgen. Prinzipiell steht der individuelle Gewinn dabei je- dem, unabhängig von seinem sozialen Status, offen, solange er die Krite- rien der ethnischen Zugehörigkeit erfüllt (vgl. Römhild 1998, 156). Dies verdeckt endgültig die verschiedenen Interessen innerhalb einer Ethnie und verstärkt das Bild von einer homogenen Einheit. Was generell für Kol-

lektive gilt, trifft somit im Falle des Krieges verschärft für ethnische Grup- pen zu. »Man kann nicht an den Vorteilen aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe teilhaben, ohne gleichzeitig auch für die >Kosten< und die

aufzukommen« (Mentzos 1993, 152). So verschwimmt in ethni-

Fehler

schen Konflikten die Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilisten. Die Trennungslinie zwischen Freund und Feind verläuft nicht zwischen Kämpfern und Nicht-Kämpfern, sondern entlang der ethnischen Merkma-

le. »Sprache, Habitus und Alltagswissen

nen gut identifizierbar und erlauben eine leichte und zweifelsfreie Typi-

sierung der Akteure« (Esser 1996, 69).

sind als Merkmale der Perso-

Damit wendet sich der ethnische Krieg auch gegen die Zivilbevölke- rung, insbesondere gegen die Frauen. Frauen haben als Mütter und als Pfle- gerinnen von Sitten und Bräuchen eine wichtige Aufgabe innerhalb der

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

ethnischen Gruppe bei der Bewahrung ethnischer Identität. Sowohl das Töten von Frauen, wie beispielsweise ihre Erschießung als Geiseln, als auch die im Krieg stattfindenden Massenvergewaltigungen sind als ein An- griff auf die ethnische Identität des Gegners zu werten. 104 Mit der Radikali- sierung und Brutalisierung des Krieges steigt die Gefahr, dass sich eine töd- liche Dynamik von gegenseitigen Vergeltungsschlägen entwickelt. Mitglie- der der sich bekämpfenden ethnischen Gruppen können aufgrund ihrer ethnischen Merkmale auch außerhalb der direkten Kampfhandlungen identifiziert und für die ihrer Gruppe zugeschriebenen Gewalttaten verant- wortlich gemacht und dann selbst Opfer von Racheaktionen werden. Da- durch werden endgültig auch diejenigen Mitglieder der ethnischen Grup- pen in den Bannkreis des Krieges gezogen, die bis dahin noch nicht zu den Aktivisten oder Kriegstreibern gehörten. Dies macht die ungeheure Mobili- sierungsfähigkeit ethnisch begründeter Gewalt aus. Spätestens nach ihrem Ausbruch stellt sie eine »existentielle Ethnizität« (Bielefeld 2001, 14) her, der sich die einzelnen Mitglieder nur schwer entziehen können - der sie nun auf »Gedeih und Verderb« (ebd.) ausgesetzt sind.

Die Angst, Opfer von Gewalt zu werden, erleichtert es dann wiederum, selbst Gewalt anzuwenden (vgl. Sundhaussen 2001, 46). Darüber hinaus drängt die durch den Verlust von Angehörigen der eigenen ethnischen Gruppe und durch die Bedrohung der eigenen ethnischen Identität ent- standene »narzißtische Wunde« (Mentzos 1993, 90) in Racheaktionen auf Wiedergutmachung.

»Das Rachebedürfnis kann unvorstellbare Intensitätsgrade erreichen, es gibt zahllose Fälle, bei denen die Betreffenden bereit waren, ihr Leben zu riskieren oder auch zu opfern, um dieses Bedürfnis zu befriedigen. Der reaktive Charakter des gesamten Prozesses ist in diesem Fall zwei- felsfrei« (ebd. 90).

Der schon auf der individuellen Ebene wirkende Mechanismus, eigene un- gewollte Anteile auf andere Menschen zu projizieren, wird so durch die Kriegshandlungen zur »Realexternalisierung«. Also zu »einer Projektion, die in gewisser Hinsicht gleichsam >stimmt< und so in der Realität zemen- tiert und ausgesprochen resistent gegen jede Deutung und Korrektur wird« (ebd. 150).

Der ethnische Krieg schafft damit, wenn er erst einmal begonnen hat, unversöhnliche Gegensätze. Das kollektive Gedächtnis der jeweiligen eth- nischen Gruppen bewahrt genügend traumatische Erfahrungen, um ein la-

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Konflikte

tentes Gefühl der Berechtigung der eigenen Gewalttaten als Wiedergutma- chung für selbst erlittenes Leid zu ermöglichen. Dabei erleichtert auch hier die auf der Ebene der ethnischen Gruppe wirksame psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz die Befriedigung dieser Rachegefühle gegenüber dem Feind. Nicht nur weil dieser, wie bisher gezeigt, als das »Böse« (Fornari 1974 zitiert nach Mentzos 1993, 132), was die eigene Grup- pe bedroht, gesehen wird, sondern auch, weil seine Vernichtung zum Schutz der eigenen ethnischen Identität erfolgt und als eine notwendige und damit für die eigene Gruppe gute Tat verstanden wird. Das Gefühl, im Krieg letztendlich Gutes getan zu haben, spiegelt sich auch in den Erinne- rungen der Kriegsteilnehmer wider. Es ermöglicht, als wichtigste Erinne- rung an den Krieg, die positive Erfahrung der »Kameradschaft« 105 zu be- wahren. Die »unvorstellbaren Eskalationen des Hasses und der Racheor- gien« in ethnischen Kriegen sind nur als Ergebnis eines Zusammenspiels der »narzisstischen Kränkungen« und der daraus resultierenden »Realex- ternalisierung« mit einer machtpolitisch motivierten Kriegspropaganda, die diese Kränkungen ausnutzt, zu verstehen (Mentzos 1993, 130). Dabei verbinden sich die gängigen Maßnahmen allgemeiner Kriegspropaganda in ethnischen Kriegen mit den - mit der ethnischen Identität verbundenen - Gefühlen. Mit Ausbruch des Krieges werden die ohnehin bestehenden Ängste und Abneigungen gegen das Fremde mobilisiert. Die vorhandenen Projektionen werden durch die kriegerischen Handlungen zu Realexterna- lisierungen. Die schon im ethnischen Konflikt wirkende Phantasie, dass das Verschwinden (Assimilierung) des eigenen Volkes mit dem Schicksal eines individuellen Todes vergleichbar sei, wird im ethnischen Krieg zur Wirklichkeit.

Die Logik des ethnischen Krieges ist zwingend: Damit das Eigene über- leben kann, muss das Fremde vernichtet werden. Wenn der Feind die fremde ethnische Gruppe an sich ist und ihr die Schuld am Krieg gegeben wird, dann sind nicht nur die eigenen kriegerischen Handlungen als not- wendige Verteidigung der eigenen Gruppe legitim. Auch eigene Übergriffe gegen die fremde Zivilbevölkerung sind so gerechtfertigt. Nicht nur die psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz verhindert das Mitgefühl für den Feind. Auch das eigene erlittene Unrecht erschwert es, Mitleid mit den anderen zu empfinden. 106 Es führt dazu, dass Empathie für die Verluste und Verletzungen der Antagonisten fast ausgeschlossen ist (vgl. Volkan 1999, 234). Durch das selbst erlebte Unrecht wird das eigene Handeln als Notwehr oder als vom Gegner verschuldete Racheaktion gese-

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

hen. An dieser Stelle dehnt sich die Mythologisierung der Geschichte auf den ethnischen Krieg aus. Der jeweilige ethnische Krieg wird nicht als ein Ergebnis konkreten menschlichen Handelns und eigener beziehungsweise fremder politischer Entscheidungen verstanden. Stattdessen erscheint er als Teil eines natürlichen, seit Ewigkeiten währenden Überlebenskampfes der eigenen Ethnie. In diesem Kampf war das Eigene schon immer gut und das Fremde schon immer böse. Die Mythologisierung der Geschichte der eigenen Ethnie als Überle- benskampf ist dabei eng mit der Mythologisierung des Territoriums ver- bunden. Auch hier wirkt der Mythos auf die schon in Kapitel 1/1.2.4 be- schriebene Art und Weise. Reale Heimatgefühle gegenüber dem konkreten Siedlungsgebiet werden auf der Ebene des ethnischen Konflikts instru- mentalisiert und für den Kampf um eigenes und fremdes Territorium mo- bilisiert. Der Mythos ermöglicht es, dass Ansprüche auf Gebiete erhoben werden, denen für die Geschichte der eigenen ethnischen Gruppe eine be- sondere Bedeutung beigemessen wird, die real aber von einer anderen Eth- nie mehrheitlich bewohnt werden. 107 Zusammen mit gezielten Desinfor- mationen über den eigenen Anteil am Ausbruch des Krieges 108 ist es die Mythologisierung, welche die ideologische Basis schafft, auf der die Real- externalisierung die Einsicht in die eigene Verantwortung und Schuld ver- hindert. Jeder ethnische Krieg schafft so neue Voraussetzungen für eine selekti- ve Erinnerung der ethnischen Gruppen und damit zu seiner Wiederholung. Das kollektive Gedächtnis der Ethnien wird in Bezug auf den ethnischen Krieg zum Träger einer fatalen Mythologisierung ihrer Geschichte.

1.4

Zusammenfassung

Aufbauend auf der Bedeutung der Grenzziehung zwischen Eige- nem und Fremdem in der Entwicklung des Menschen konnte gezeigt wer- den, dass die Herausbildung einer sozialen Identität über die Geschlechts- identität hinaus auch die ethnische Identität beinhaltet (Erdheim 1988 und 1992; Bohleber 1992 und 1996; Volkan 1999 und 2000). Da Identität eine an- thropologische Notwendigkeit (Nassehi/Weber 1990) ist, muss ein Angriff auf diese Identität verheerende Folgen haben und zu manifesten Gegen- maßnahmen führen (Molik 1992; Waldmann 1995; Römhild 1998) - ein Aspekt, der nicht nur für die individuelle ethnische Identität, sondern

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ethnischer

Konflikte

auch für die ethnische Gruppe von besonderer Bedeutung ist und sich im- mer wieder in ethnischen Konflikten zeigt. Die schon auf der individuellen Ebene relevante Frage der Fremdenrepräsentanz gewinnt dabei im Wech- selspiel zwischen Ethnizität und Ethnisierung (Elwert 1989, Heckmann 1992, Römhild 1998) auf der Ebene der Gruppe an Dynamik. Sie beeinflusst auch hier die Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem (Erdheim 1988 und 1992). Das Eigene gibt Sicherheit, während das Fremde Angst aus- löst. Findet nun keine Öffnung gegenüber dem Fremden statt, die hilft, das mit Angst besetzte Bild zu relativieren und die eigenen Anteile am Frem- den zu sehen, verschärft sich die Aufteilung. Das Eigene wird dabei als gut und rein, das Fremde als böse und unrein angesehen (Erdheim 1988 und 1992; Bohleber 1992; Heim 1992; Volkan 1999 und 2000). Diese Aufteilung ist die Basis, auf der sich die Angst vor dem Fremden instrumentalisieren und für aggressive Ziele missbrauchen lässt.

Unter bestimmten Bedingungen kann sich diese latent vorhandene Pro- blematik dynamisieren und es zu einem offenen Konflikt kommen (Esser 1996). Ethnische Gruppen organisieren sich als ethnische Kolonie (Heck- mann 1992), um zwischen dem vertrauten Alten und dem unbekannten Neuen zu vermitteln. Ist Akkulturation möglich, kann es zu einer lang- fristigen Veränderung und Anpassung der verschiedenen Ethnien kom- men. Kann keine Akkulturation stattfinden oder wird sie vom Versuch ei- ner zwangsweisen Assimilation durch eine fremde Ethnie begleitet, kann dies die Bedeutung der ethnischen Kolonie verstärken. Der Prozess der Ethnizität kann somit - abhängig von den äußeren Bedingungen - zu einer Öffnung führen oder auch die Absonderung vom Fremden verstärken (Heckmann 1992). Die Entwicklung einer aktiven Politik einer ethnischen Gruppe hin zu einer Abgrenzung vom Fremden und einer gesteigerten Be- wahrung des Eigenen ist in diesem Zusammenhang eng mit den ökonomi- schen und wirtschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten der jeweiligen ethni- schen Eliten verbunden (Molik 1992; Waldmann 1995; Römhild 1998). Sind diese außerhalb der ethnischen Kolonie begrenzt oder unmöglich, findet vermehrt eine Besinnung auf die Werte der eigenen Ethnie innerhalb der je- weiligen Elite statt. Dies geht einher mit einer verstärkten Betonung der ethnischen Merkmale (Erdheim 1992; Heckmann 1992; Esser 1996) und ei- ner zielgerichteten Bewahrung der ethnischen Kolonie. In diesem Prozess der Ethnizität hat Geschichte als ethnisches Merkmal eine besondere Funk- tion (Heckmann 1992; Elwert 1996; Möckel 1997; Römhild 1998). Ihre My- thologisierung ermöglicht es, die Quelle der Besonderheit des Eigenen in

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

der Vergangenheit zu sehen. Geschichte als Mythos leugnet Geschichte als Prozess ( Barthes 1964; Greverus 1995) der Öffnung des Eigenen gegenüber dem Fremden. Damit ergänzt der Mythos des reinen Volkes die Funktion der Fremdenrepräsentanz auf der Ebene menschlicher Gruppenbildung. Sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart werden nur dann positiv bewertet, wenn sich das Eigene darin finden lässt und es sich gegenüber dem Fremden behauptet (Römhild 1998). Geschichte als Mythos führt darüber hinaus dazu, dass Differenzen innerhalb einer Gruppe gegenüber den äußeren Differenzen an Bedeutung verlieren. Der Mythos nivelliert also die schichtenspezifischen Unterschie- de innerhalb der Ethnie durch die übersteigerte Betonung der ethnischen Gemeinsamkeiten (Erdheim 1988; Römhild 1998; Kaschuba 2001). Dies er- möglicht die Einbindung breiterer Teile der ethnischen Gruppe in die Or- ganisation der Ethnie. In der Auseinandersetzung um die Bewertung des kulturellen Kapitals (Esser 1996) einer ethnischen Gruppe wird den jewei- ligen Führern und Aktivisten nur eine Aufwertung der eigenen Person ge- lingen, wenn sich die eigene ethnische Gruppe gegenüber anderen ethni- schen Gruppen behaupten kann. Das Schicksal der Ethnie wird von der je- weiligen Elite mit dem eigenen Schicksal gleichgesetzt. Eine Auflösung der Ethnie wird als Untergang verstanden, aus dem ein vollständiger Sinnver- lust resultiert, einem kollektiven Tod vergleichbar (Brunn, Horch, Kappler

1992).

Der Konflikt zwischen ethnischen Gruppen unterliegt einer gewissen Gesetzmäßigkeit. Auf der Suche nach einer Unterstützung der eigenen Po- sition findet - wenn möglich - der Zusammenschluss zu größeren Einhei- ten statt (Erdheim 1988; Mentzos 1993). Seit der Entwicklung der National- staaten und der Erfindung des ethnisch reinen Volkes werden ethnische Gruppen von den verschiedenen nationalistischen Bewegungen für deren Interessen instrumentalisiert (Bohleber 1992; Kaschuba 1995; Nassehi 1997; Sigrist 1997). Die Vereinnahmung der Ethnien verläuft dabei entlang der durch den Nationalismus in ihrer Bedeutung zum Mythos erhobenen eth- nischen oder nationalen Merkmale von Sprache und Herkunft sowie Rasse und Geschichte (Balibar 1990). Dabei entspricht die Zugehörigkeit einer ethnischen Gruppe zu einem größeren Volk durchaus dem Wunsch der Ethnie nach Sicherheit - ein Wunsch, der mit dem Grad der Bedrohung der eigenen ethnischen Kolonie an Bedeutung zunimmt und einer nationa- listischen Politik entgegenkommt.

So entwickelt sich die brisante Situation doppelter (Waldmann 1995)

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beziehungsweise konkurrierender Minderheiten. Das heißt, eine ethnische Gruppe, die außerhalb des geschlossenen Siedlungsgebietes der Mehrheit ihres eigenen Volkes lebt und dort als Minderheit in der Auseinanderset- zung mit anderen Ethnien benachteiligt ist, kann sich diesen wiederum auf der Ebene des Volkes überlegen fühlen, wenn sie hier Teil der mächtigeren Einheit ist. Dies kann zu einer Situation führen, in der zum einen mit einer Veränderung des Status quo eine Chance zur Aufwertung der eigenen eth- nischen Gruppe verbunden wird. Zum anderen fördert eine solche Situa- tion die Angst vor einer Abwertung des jeweiligen kulturellen Kapitals der verschiedenen Ethnien (Esser 1996). Spätestens jetzt findet eine Annähe- rung zwischen den Interessen der jeweiligen Elite und weiteren Teilen der ethnischen Gruppe statt. Während die Führer in erster Linie ihre persönli- che Bestätigung im Aufstieg der eigenen Ethnie finden (Mentzos 1993; Vol- kan 1999 und 2000), sucht der größte Teil der Mitglieder der ethnischen Gruppe Sicherheit vor der Bedrohung (Waldmann 1982; Molik 1992; Röm- hild 1998; Volkan 1999 und 2000). Beide Interessen sollen durch die politi- sche Organisation der Ethnie befriedigt werden. Kommt es bei der Ausein- andersetzung um die Neubewertung des kulturellen Kapitals zu einer Ver- schärfung des Konflikts, organisieren die jeweiligen Aktivisten ihre ethni- schen Gruppen auch militärisch. In einer so zugespitzten Situation haben es die radikalen Teile der jeweiligen Ethnien in der Hand, den Konflikt zu eskalieren und ihn in einen ethnischen Krieg übergehen zu lassen (Sund- haussen 2001). Dies kann sowohl im Namen der eigenen Ethnie als auch unter Berufung auf das Gesamtwohl eines gemeinsamen Volkes, einer ge- meinsamen Nation geschehen.

Im ethnisch begründeten Krieg treten dann die schon auf der Ebene der Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden dargestellten Strukturen wieder zutage. Es findet eine Realexternalisierung (Mentzos 1993) statt: Das Fremde wird wirklich bedrohlich, also böse, während nur das Eigene wirklich Sicherheit vermittelt, also gut wird. Sicherheit gewährt im ethnischen Krieg nur die eigene Ethnie. Fällt man in die Hände des Fremden, ist man ihm ausgeliefert, unter Umständen verloren. Um vor ei- ner potentiellen Bedrohung sicher sein zu können, muss das Fremde aus- geschieden werden. Nur durch die Vertreibung des Fremden gelingt es, das Eigene definitiv vor Übergriffen durch das Fremde zu schützen. Nur der Aspekt der Reinheit der eigenen Ethnie garantiert den Schutz vor dem feindlichen Fremden. Unreinheit steht jetzt für einen Anteil an eben die- sem real bedrohlichen Fremden. Mit jeder kriegsbedingten Gewalttat ver-

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

schärft sich diese Aufteilung. Sie ermöglicht die in ethnischen Kriegen stattfindenden unglaublichen Grausamkeiten. Auf diesen Strukturen ba- sieren auch die Massenvertreibungen in ethnischen Kriegen. Die eigenen Verletzungen werden zur Quelle scheinbar legitimer eigener Racheakte, welche die gleiche Reaktion bei der feindlichen Ethnie hervorrufen. Der ethnische Krieg erleichtert somit die auch in anderen kriegerischen Aus- einandersetzungen stattfindende Entmenschlichung des Gegners - bei gleichzeitiger Idealisierung des Eigenen. Entlang dieser Dichotomie von ei- genem Guten oder Reinen und fremdem Bösen oder Unreinen verläuft die Organisation des ethnischen Krieges. Die ethnischen Merkmale entschei- den darüber, ob die Bevölkerung der umkämpften Gebiete versorgt oder ausgeplündert wird. Sie entscheiden darüber, ob sie als »matter in the wrong place« vertrieben oder sogar als Geisel erschossen wird.

Das im ethnischen Krieg selbst begangene Unrecht wird dadurch legiti- miert, dass man es als notwendig zur Verteidigung der eigenen Ethnie er- klärt. Das am eigenen Leib erfahrene Leid wird im kollektiven Gedächtnis bewahrt und verhindert eine Auseinandersetzung mit der Geschichte (Mo- ser 1992; Volkan 1999 und 2000). So bildet das kollektive Gedächtnis, bil- den die in ihm bewahrten auserwählten Ruhmestaten und Traumata (Vol- kan 1999 und 2000), zusammen mit der Mythologisierung der Geschichte, die Basis, auf der ethnische Konflikte auch nach einer scheinbar langen Phase der Ruhe wieder mit aller Brisanz aufbrechen können. Dabei kann je- de neuerliche Verschärfung auf die hier aufgezeigten Aspekte des Ethni- schen zurückgreifen. Es ist an dieser Stelle notwendig, noch einmal auf die Instrumentalisie- rung des Ethnischen durch den Nationalismus und den Rassismus einzu- gehen. Die hier vorgetragenen Überlegungen zu einer Theorie ethnischer Konflikte gehen über die Ebene der ethnischen Gruppe hinaus und bein- halten auch eine Auseinandersetzung mit dem Mythos von Volk und Na- tion. Dieser Mythos ist deswegen so mächtig, weil er die Wirklichkeit be- ständig aus ihrer Augenscheinlichkeit heraus erklärt. Er verwandelt dabei die Ergebnisse menschlicher Entwicklung in ihr Gegenteil: Aus Geschich- te wird Natur (Barthes 1964). Der Mythos spielt für die nationalistische und rassistische Ideologie eine wichtige Rolle. Ohne rassistische Theorie gibt es keinen Rassismus (Balibar 1990). Auch in der Theorie funktioniert der My- thos nach dem schon aufgezeigten Schema: Er bedient sich der anthropo- logischen Notwendigkeit einer sozialen Identität (Nassehi/Weber 1990), die als Ergebnis menschlicher Geschichte sowohl eine unterschiedliche Ge-

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ethnischer

Konflikte

schlechtsidentität als auch verschiedene ethnische Identitäten umfasst (Erdheim 1988; Volkan 1999 und 2000), und führt sie auf die unterschiedli- che Natur des Menschen beziehungsweise auf die »animalische Konkur- renz zwischen den verschiedenen Stufen des Menschseins« (Balibar, 1990, 72) zurück. Auf diese Weise findet der Mythos Zugang zum wissenschaft- lichen Diskurs und zeigt sich in Ansätzen auch in den Sozialwissenschaf- ten. Die Definition des Volkes als »das umfassendste ethnische Kollektiv« und der Nation als »ein ethnisches Kollektiv«, das ein »ethnisches Ge- meinsamkeitsbewusstsein« teilt (Heckmann 1992), ist Teil dieses Mythos. Sie ist Ausdruck der ideologischen Vereinnahmung des Ethnischen durch den Nationalismus und beinhaltet die Übertragung der mit der ethnischen Identität verbundenen Gefühle auf die Ebene des Volkes und der Nation. Ethnische Identität ist Ergebnis und Ausdruck real gelebter Verhältnisse. Ethnische Gruppen organisieren Verwandtschaft entlang familiärer Struk- turen von sich »face to face« (Anderson 1988) gegenüberstehenden Indivi- duen. Auf der Ebene des Volkes und der Nation bleiben sich die Menschen aufgrund ihrer Anzahl fremd. Vom Volk als »ethnischem Kollektiv« zu sprechen, bedeutet, eine Verwandtschaft zu suggerieren, die zwangsläufig real nicht existieren kann. Diese fiktive Ethnizität (Balibar 1990) ist die Grundlage, auf der eine nationalistische und rassistische Ideologie fußt. Sie ermöglicht es, die mit der ethnischen Identität verbundenen Gefühle von Zuneigung, Fürsorge und Solidarität, aber auch von Angst, Wut und Ag- gression für das Phantasma der Nation (Bohleber 1992) zu missbrauchen. Die Möglichkeiten, die mit diesem Missbrauch verbunden sind, sind of- fensichtlich. Sie bestehen darin, sowohl die wirtschaftlichen und sozialen Differenzen innerhalb der Gesellschaft zu überdecken, als auch die auf der Ebene der ethnischen Gruppe selbstverständlichen Fähigkeiten von Ver- antwortung, aber auch Selbstaufopferung für nationalistische Ziele zu nut- zen.

Die grundsätzliche Bedeutung der Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem in der Entwicklung des Menschen und die in der Adoles- zenz entwickelte ethnische Identität sind die psychischen Grundlagen, auf denen Ethnizität und Ethnisierung aufbauen. Eine entsprechende Erschei- nungsform können sie auf der Ebene der ethnischen Gruppe (Barth 1969; Elwert 1969; Römhild 1998) in der ethnischen Kolonie finden. Mit dieser Organisation der ethnischen Gruppe geht in der Regel die Ausbildung ei- nes kulturellen Kapitals (Esser 1996) und die Entwicklung einer ethnischen Mentalität (Roth 1997) einher. Die dargestellten Strukturen erschweren die

Anmerkungen zum Kapitel I

auf allen Stufen der menschlichen Entwicklung notwendige Öffnung hin zum Fremden (Mentzos 1993), zur Kultur. Wenn diese Öffnung nicht statt- findet, kann der Austausch zwischen Eigenem und Fremdem nicht gelin- gen und der aus dem Missbrauch des Ethnischen für rassistische und na- tionalistische Ziele resultierende fatale Kreislauf ethnischer Differenzen und ethnischer Kriege nicht durchbrochen werden. Im Folgenden soll das exemplarische Scheitern eines solchen Prozesses der Öffnung hin zur Kultur ebenso wie der Missbrauch des Ethnischen für die Ziele des Nationalismus an der Geschichte der Banater Schwaben ver- folgt werden.

Anmerkungen zum Kapitel I

1 Georg Elwert verwendet als Gegenstück zur essentialistischen Definition, unter Berufung auf Barth (1969), die formalistische Definition, »die den formalen Akt der sozialen Hand- lung des Grenzziehens als solchen in den Vordergrund stellt« (Elwert 1989,19).

2 Römhild (1998) gibt ihrer Arbeit über die Russlanddeutschen denn auch nicht umsonst die- se Überschrift.

3 Volkan unterscheidet Kernidentität von sogenannten Unteridentitäten (z.B. dem Beruf).

von diesen Unteridentitäten unterscheidet, ist

der Grad der Angst, den das Individuum empfindet, wenn es eine Gefährdung seiner psy- chischen Existenz wahrnimmt« (Volkan 2000, 934).

4 Volkan (2000, 936) beschränkt seine Untersuchung auf die externalisierten Objektbilder, da diese - gegenüber den internalisierten Objektbildern - für die Klärung der Frage nach der Verbindung zwischen Kernidentität und Großgruppenidentität entscheidend sind.

5 Mentzos (1993,150) spricht in Zusammenhang mit der Projektion von eigenen »bösen« An- teilen auf eine dritte Person oder Gruppe auch von einer Realextemalisierung, wenn die Person oder Gruppe sich dann auch real »böse« verhält.

6 Mario Erdheim verweist im selben Aufsatz auf den Ödipusmythos und arbeitet an der Ge- schichte des Ödipus noch einmal den Zusammenhang zwischen Eigenem und Fremdem heraus. Ödipus wird von dem Diener, der sich weigert, ihn zu töten, in die - hier - retten- de Fremde geschickt. Als Ödipus von der Prophezeiung hört, flieht er aus der Heimat, die die Fremde für ihn geworden war, in seine ursprüngliche Heimat, ohne sich dessen bewusst zu sein. Hier findet die Tragödie - das verhängnisvolle Eigene - statt. Dabei wird beide Ma- le, zuerst vom Diener und dann von Ödipus selbst, die Lösung für die Probleme in der Hei- mat in der Fremde gesucht, ohne jedoch der eigentlichen Heimat und ihrer Probleme da- durch entkommen zu können (vgl. ebd. 260).

7 Die Bedeutung von Xenophobie und Exotismus im Umgang mit dem Fremden und der Ge- schichte wird in meiner Arbeit an unterschiedlichen Punkten von Bedeutung sein. An die- ser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass die Ambivalenz dieser Gefühle eine große Rolle in der Einstellung von Siedlern und ethnischen Gruppen gegenüber der alten Heimat und der neuen Umgebung spielt.

8 Mario Erdheim weist daraufhin, dass auch Claude Levi-Strauss in seinem Aufsatz über die Familie den Begriff Gesellschaft in einem ähnlichen Sinn wie Kultur verwendet (vgl. Erd- heim 1992, 737).

»Was die Kernidentität eines Individuum

Anmerkungen zum Kapitel I

9 Dieser Aspekt der Verwendung des Kulturbegriffs wird im Kapitel 1/1.2.2 bei der Untersu- chung der Mythologisierung des Volksbegriffs wieder aufgegriffen.

aus allem, was von anderen Men-

10 Ähnlich formuliert es Cohen (1974): »Kultur besteht

schen oder von deren Werken gelernt ist« (zitiert nach Vivelo 1981, 51).

11 Im Handbuch der Kulturanthropologie spricht F. Vivelo (1981, 50) von dem Begriff der Kultur, der die Gesamtheit der Lebensweise eines Volkes bezeichnet, während Gesell-

eine Gruppe oder Population von Menschen definiert (wird), die entweder

physisch oder durch ihre Kultur (besonders durch ihre Sprache) von anderen, ähnlichen Einheiten getrennt ist« (ebd. S. 53). Damit wird der Begriff der Kultur und der Gesellschaft sehr nahe an den Begriff des Volkes angesiedelt. Diese Nähe erschwert aber die notwendi- ge Distanz, um die Unterschiede zwischen Volk, Ethnie und Kultur aufzuzeigen und die Bedeutung dieser Begriffe für die Entwicklung des Menschen von ihrer Instrumentalisie- rung in ethnischen Konflikten zu trennen.

12 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Ethnie, Volk und Nation findet im Kapitel 1/1.2 statt.

13 Akhtar (1992) siedelt die Anfänge der Herausbildung ethnischer Identität in der ödipalen Phase an, während Volkan davon ausgeht, dass die Grundlagen der ethnischen Identität - er verwendet den Begriff Großgruppenkernidentität - in der präödipalen Phase geschaffen

werden (Volkan 1999, 44). Einigkeit besteht aber darüber, dass sich die Kernidentität - sie beinhaltet den Aspekt der ethnischen Identität - letztlich erst in der Adoleszenz wirklich herauskristallisiert (Volkan 1999, 41).

14 Niethammer (2000) wendet sich explizit gegen jede Form der Verwendung des Begriffs der »kollektiven Identität«, da es seiner Meinung nach grundsätzlich keinen Schutz vor dem

Hinübergleiten aus der harmlos erscheinenden Forderung nach kulturel-

ler oder politischer Identität in die Legitimation von Gewalt« (Niethammer 2000, 627) gibt.

15 Einen aktuellen Überblick über den Begriff der Identität aus der Sicht der Psychoanalyse gibt Bohleber (1996).

16 Siehe auch Nassehi (1997). Nassehi verweist in diesem Zusammenhang auf die »aus post- strukturalistischen Motiven erarbeitete Dekonstruktion des Geschlechts«, die aufzeigt, dass die gesellschaftliche Bedeutung des Geschlechts, ebenso wie eine Unterscheidung in ein biologisches Geschlecht auf der einen Seite und einem kulturellen Geschlecht auf der anderen Seite, selbst wiederum eine kulturelle Konstruktion ist. Nassehi überlässt dabei die Frage, welche Bedingungen notwendig sind, damit die Möglichkeit besteht, »ohne Ge- schlecht zu sprechen, zu denken und zu handeln«, einer späteren »genaueren Analyse« Nassehi (1997, 196 ff).

17 Volkan (2000, 939) verweist hier auf die Frage, was »Schottisch-Sein« bedeuten kann. Er gibt als Beispiele für die bei der Externalisierung positiver Gefühle benutzten Objekte schottischer Kinder den Kilt und den Dudelsack an, mit denen zahlreiche Dinge assoziiert werden können: Clans, Kampf um die Unabhängigkeit, Epen und Gedichte, Sprache und Dialekt etc.

18 Laut Maria Greverus bezeichnete Helen Lynd (1958) diese beiden Fragen als die Identi- tätsfragen. (1995, 2).

19 Balibar (1990, 72 und 84 Anmerkung 31) weist auf die Positionen des Neo-Rassismus hin, der mittels der Soziobiologie versucht, die »altruistischen Gefühle« gegenüber der Fami- lie, der Verwandtschaft als anthropologische Konstante zu beschreiben und zu hierarchi- sieren, um so deren natürliche Existenz auch auf der Ebene der ethnischen Gemeinschaft zu erklären. Diese Position des Neo-Rassismus, die scheinbar verwandt mit dem hier dar- gestellten Ablösungsprozess ist, ist Teil des Mythos von Volk und Nation. Dieser Versuch von Nationalismus und Rassismus, das Ethnische für ihre Ideologie zu missbrauchen, wird im Kapitel 1/1.2.2 ausführlich untersucht.

schaft als »

unbewußten »

Anmerkungen zum Kapitel I

20 Während Erdheim (1988) vom Ethnischen spricht, gebrauchen Heckmann (1992) und Re- gina Römhild (1998) auch den Begriff der Ethnizität.

21 Der Versuch, Ethnizität mit biologischen und damit rassistischen Kategorien in Verbin- dung zu bringen und ihr dadurch den Anschein eines »ursprünglichen Seinszustandes« des Menschen zugeben, wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer untersucht wer- den (Siehe vor allem Kapitel 1/1.2.3).

22 Dabei hat Ethnizität andere Begriffe wie »Stamm«, »Rasse«, »Volk«, »Nation«, »ethnische Gruppe« verdrängt. Einige dieser von Heckmann aufgeführten Begriffe tauchen bei ihm als »Grundkategorien« des Ethnischen wieder auf. Die Begriffe »Volk« und »Nation« sind aber ebenso wie »Rasse« selbst schon Bestandteile von Ideologie gewesen, so dass sie außerhalb eines alltagssprachlichen Gebrauchs als wissenschaftliche Kategorien für die Analyse von Ethnizität nur insofern tauglich sind, als sie selbst Teil der kritischen Untersuchung wer- den (Siehe Kapitel 1/1.2.2). Aus diesem Grund werde ich an dieser Stelle nur die Begriffe »ethnisches Kollektiv« bzw. »ethnische Gruppe« einführen und die Begriffe Volk und Na- tion anders als Heckmann (vgl. Heckmann 1992, 47ff.) nicht benutzen.

23 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird der Begriff des Ethnischen nur allgemein als Oberbe- griff für die verschiedenen Aspekte benutzt. In Bezug auf das Verhältnis der Eigen- zur Außenzuschreibung ethnischer Gruppen wird Heckmann(1992) und vor allem Römhild (1998) gefolgt und hier deren Unterscheidung zwischen Ethnizität - als Eigen- und Ethni- sierung als Außenzuschreibung - beibehalten.

24 Heckmann nimmt bei den Grundkategorien von Ethnizität eine Differenzierung zwischen ethnischer Gruppe und ethnischem Kollektiv vor. Ethnische Gruppe ist dabei ein ethni- sches Kollektiv, welches sich als Teilbevölkerung von der Mehrheitsbevölkerung einer staatlich organisierten Gesamtgesellschaft unterscheidet und selbst Teil eines größeren ethnischen Kollektivs (Volkes) ist. In anderen Arbeiten wird aber ethnische Gruppe oder Ethnie im Sinne von Heckmanns ethnischem Kollektiv verwandt (vgl. Elwert 1989; Erd- heim 1988; Römhild 1998), sodass die Begriffe Ethnie, ethnisches Kollektiv und ethnische Gruppe synonym verstanden werden können. Volkan (1999/2000) verwendet wiederum den Begriff der »Großgruppe« synonym zum Begriff der »ethnischen Gruppe« (vgl. Volkan 2000, 950).

25 Bei Karl Otto Hondrich heißt es hierzu: »Die Tatsache oder der Wunsch, irgendwo hin- und dazuzugehören, ist eine mächtige Wirkkraft des sozialen Lebens - vielleicht die gesell- schaftliche Bewegungs- und Bindekraft schlechthin« (Hondrich 1996, 100).

26 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Systemtheorie in Bezug auf die Bedeu- tung der Grenzziehung für die Herausbildung sozialer Gruppen, wenn auch aus einer an- deren Perspektive, zu ähnlichen Ergebnissen wie die Psychoanalyse kommt (vgl. Nasse- hi/Weber 1990; Nassehi 1997).

27 Als Beispiel sei hier nur auf die Übernahme des Tabaks, des Kakaos und der Kartoffel von der autochthonen Bevölkerung Amerikas durch die Europäer zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert verwiesen.

28 Mentzos (1993, 134) verweist auf VamikD. Volkan, der die Hypothese aufstellt, dass gera- de bei einer großen Ähnlichkeit zwischen Ethnien die Abgrenzung voneinander oft be- sonders massiv ist, um die eigene Identität erhalten zu können. Er nennt als Beispiel die Türken und Griechen auf Zypern.

29 Während sich Europa den Reichtümern der »Neuen Welt« öffnete und von ihnen profi- tierte, weigerte sich gleichzeitig ein großer Teil der europäischen Denker wie Bacon, Hu- me, Montesqieu, Voltaire, die Ureinwohner Amerikas als ihre Nächsten anzuerkennen. Andere wie der Graf Buffon (1707-1788) sprachen ihnen sogar eine Seele ab und erklärten sie zu Tieren (vgl. Eduardo Galeano 1981, 53). Wallerstein (1990, 41) weist auf den Zu- sammenhang zwischen Sexismus und Rassismus hin, der sich schon in der Ideologie der

Anmerkungen zum Kapitel I

Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert zeigt, in der Frauen und Nichtweiße keine Er- wähnung finden. Nur kurz sei hier noch auf den schon dargestellten Zusammenhang zwischen Xenophobie und Exotik verwiesen und für das achtzehnte Jahrhundert Jean Jaques Rousseau (1712-1778) als Vertreter der Exotik genannt.

30 »Ethnozentrismus ist der Terminus, der für Gruppenbezogenheit verwendet wird; er be- zeichnet die Tendenz, die eigene Kultur als Mittelpunkt von allem zu sehen, als das Maß, mit dem alle anderen Lebensstile gemessen werden« (Vivelo 1981, 46).

31 Heim verweist auch auf die Sozialanthropologin Mary Douglas, die in Reinheit und Ge- fährdung (1966) das Modell des Körpers und seine Symbolik für die Ethnographie von Reinheitsritualen und Schmutzabwehr hinzugezogen hat. Untersuchungen, die diese Aus- sage sowohl für moderne europäische Gesellschaften als auch für außereuropäische Stammesgesellschaften geltend machen, basieren auf Douglas' Arbeit (vgl. Heim 1992,

726).

32 Erikson (1982) beschreibt den unterschiedlichen Umgang mit Körperexkrementen bei den Dakota und den weißen Siedlern in Nordamerika im 19. Jahrhundert, der bei beiden Grup- pen ein gegenseitiges Gefühl der Unreinheit auslöste. Siehe hierzu auch die verschiede- nen Erzählungen von Mari Sandoz (1942 und 1953). Sandoz beschreibt überzeugend den Ekel der Prärieindianer vor den Gerüchen des weißen Mannes.

33 Die Metapher, das Volk bzw. den Staat als einen Körper, einen lebendigen Organismus zu verstehen, wurde oft in Bezug auf den Nationalismus untersucht und wird im Kapitel 1/1.2.2 ebenfalls aufgegriffen werden. Ich möchte diese Metapher aber auch für die ethni- sche Gruppe verwenden, da - wie zu zeigen sein wird - sie schon auf dieser Ebene be- deutsam ist.

34 Der an dieser Stelle von Erdheim verwendete Kulturbegriff ist entsprechend seiner eige- nen Definition ungenau, da er hier ja gerade über die Stabilität und Kontinuität von Grup- penstrukturen spricht. Diese Strukturen verändern sich aber, wie er an anderer Stelle ge- zeigt hat, gerade durch die Aufnahme des Fremden und verlieren je nach Intensität der Auseinandersetzung an Stabilität. Es hätte sich daher angeboten, die Verwendung des Be- griffs Kultur zur Beschreibung des »symbolischen Sinnhorizonts« (Nassehi 1997,185) ei- ner stabilen ethnischen Gruppe zu erklären bzw. zu ergänzen.

35 Erdheim (1992, 738) sieht in den immerwährenden ethnischen Auseinandersetzungen den wichtigsten Grund für die Herausbildung des Staates.

36 Interessant ist der von R.Heim gegebene Hinweis auf den englischen Lord Chesterfield, der Schmutz als »matter in the wrong place«, als Materie am falschen Platz bezeichnete. Erde im Garten ist einfach Erde und Erde im Wohnzimmer hingegen Schmutz (vgl. Heim 1992, 722). Im übertragenen Sinn ist somit das Fremde in der notwendigen Distanz einfach nur fremd. Nur wenn es dem Eigenen zu nahe kommt, wird es zum Dreck, der ausgeschieden werden muss.

37 Zur historischen Entwicklung des Kolonie-Begriffs siehe Heckmann (1992, 97). Laut Heck- mann gibt es für Kettenwanderung in die Bundesrepublik noch keine umfassenden Unter- suchungen, sodass er seine Analyse diesbezüglich unter anderem mit Studien über Ket- tenwanderung im 19 Jh. in die USA und Deutschland belegt (vgl. Heckmann 1992, 99 und 164ff). Diese Untersuchungen sind aber von entscheidender Aussagekraft in Bezug auf die Situation von klassischen Auswanderersiedlungen und damit auch für den innerhalb die- ser Arbeit relevanten Bereich.

38 Richter (1997, 73) arbeitet aus systemtheoretischer Sicht den zwingenden Aspekt der Aus- bzw. Eingrenzung für die Existenz der Nation heraus: »Nur ein Außen macht ein Innen möglich.«

39 Dieses Prinzip der »Kettenwanderung« konnte unter anderem für die deutschen Einwan-

Anmerkungen zum Kapitel I

derer in die USA im 19. Jahrhundert nachgewiesen werden. Nur eine Minderheit von ih- nen kam nach Amerika, ohne vorher andere deutsche Siedler dort gekannt zu haben. »Das >verpflanzte Dorf< war ein weit verbreitetes Siedlungsmuster« (Heckmann 1992, 99).

40 Heckmann verweist an dieser Stelle auf den mit dieser Form von Organisation kultureller und ethnischer Aktivitäten verbundenen Begriff des »Zentrums«.

41 Waldmann gibt für die Einwandererkolonie in Chile verschiedene Phasen der Akkultura- tion an. Nach der Einwanderung (1. Phase), und nach demAufbau der Kolonie (2. Phase) kommt es in den folgenden drei Phasen zu einem endgültigen Bedeutungsverlust der eth- nischen Kolonie und der Hinwendung zur chilenischen Gesellschaft in der letzten der 5. Phase (vgl. Waldmann 1982,244). Heckmann verweist zu Recht darauf, dass sich aus den verschiedenen Generationsmodellen nur schwerlich eine allgemeingültige Theorie der verschiedenen zeitlichen Schritte von Assimilierung und Akkulturation entwickeln lässt, da der zeitliche Ablauf von zu vielen anderen Variablen beinflusst wird (vgl. Heckmann

1992,173).

42 Der Ethnologe Richard Thurnwald führte für den Prozess der Anpassung an das Fremde und den Austausch mit dem Fremden den Begriff der Akkulturation ein (vgl. Weber-Kel- lermann 1962, 47).

43 Siehe auch Kapitel 1/1.1 und 1/1.2.1 dieser Arbeit.

44 Unter ethnischer Schichtung ist hier eine zwischen den verschiedenen ethnischen Grup- pen bestehende soziale Ungleichheit gemeint (vgl. Heckmann 1992, 91 ff).

45 So schreibt Peter Waldmann in Bezug auf deutsche Siedler, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Chile eingewandert waren: »Vor allem läßt sich der Beitrag der Frauen zur Bewahrung der alten Sitten und Anschauungen kaum hoch genug einschätzen. Noch bei einer Untersuchung im Jahre 1950 zeigte sich, daß viele Frauen in den deutschstäm- migen Kolonien nur des Deutschen mächtig waren, folglich in ihrem Erfahrungshorizont auf jene Lebensinhalte beschränkt blieben, die an sie auf deutsch herangetragen und ver- mittelt wurden« (Waldmann 1982, 241).

46 Weber-Kellermann (1962, 57) erzählt von einer Begegnung mit einer dreißigjährigen Frau aus der »schwäbischen Türkei«, die an zwei Abenden 21 verschiedene, zum Teil vielstro- phige deutsche Lieder aus ihrer Mädchenzeit vorsang. Die Sängerin konnte darüber hin- aus auch einige ungarische Lieder vortragen, vermochte aber auf die Frage nach gemisch- ten Liedern kein Einziges zu nennen.

47 Volkan (2000, 942) spricht diesbezüglich von einer Eltern/Lehrer - Kind - Interaktion.

48 Zwischen Nationalstaaten und den verschiedenen ethnischen Minderheiten nimmt des- wegen die Frage des »muttersprachlichen« Unterrichts eine zentrale Stellung ein. In Situ- ationen, in denen es zu einer offenen Auseinandersetzung über die Hegemonie innerhalb eines Nationalstaates kommt, ist das Verbot der Minderheitensprache durch den Natio- nalstaat eine der ersten Maßnahmen, um die ethnische Einheit der Nation durchzusetzen. Siehe hierzu auch Kapitel 1/1.2.4.

49 »Spezifisch« steht bei Esser für die Tatsache, dass die verschiedenen Formen ethnischen Kapitals nur im Rahmen der betreffenden Ethnie von Wert sind und kaum in andere sozi- ale Räume transferiert werden können (vgl. Esser 1995, 65).

50 Esser verwendet hier den Begriff »kulturell« zur Beschreibung ethnischer Besonderheiten eindeutig im Sinne des von Nassehi (1997,185) gemeinten »symbolischen Sinnhorizonts« einer spezifischen Gesellschaft. Er differenziert dabei nicht zwischen ethnisch und kultu- rell im Sinne eines unterschiedlichen Anteils des Fremden.

51 Zu den verschiedenen Ursachen von Auswanderung siehe G. Albrecht (1972).

52 Eine ausführliche »literaturanthropologische« Auseinandersetzung mit dem »Heimatphä- nomen« bietet Greverus (1972).

53 Die hier von Erdheim gemachte Aussage über die Bedeutung der »kulturellen Identität«

Anmerkungen zum Kapitel I

und des »Ethnischen« leidet an der undifferenzierten Verwendung der Begriffe »kulturell« und »ethnisch«. Die Vermischung der Begriffe »Ethnie« und »Kultur« findet besonders häufig statt, wenn der »symbolische Sinnhorizont« (Nassehi 1997, 185) einer ethnischen Gruppe beschrieben werden soll. Römhild (1998,160) wendet sich zu Recht, ganz im Sinn der eigentlichen Position Erdheims (vgl. 1992, 740 oder auch diese Arbeit), gegen diese Gleichsetzung von ethnischer und kultureller Identität. Sie muss aber einräumen, dass sich der ethnisierende Kulturbegriff mehr und mehr durchgesetzt hat und sich an einer in der Wirklichkeit oft festzustellenden kulturellen Beschränkung auf ethnische Grenzen orientiert (vgl. ebd. 161).

54 Antrophologen unterscheiden in diesem Zusammenhang zwischen wirklichen, d. h. bio- logischen Verwandten und klassifikatorischen Verwandten, d.h. Verwandten, die als sol- che klassifiziert werden, real aber nicht biologisch verwandt sind (vgl. Vivelo 1988, 222).

55 Viele Anthropologen bezweifeln den Nutzen einer Terminologie der Verwandtschaftsbe- ziehungen, da es keine allgemeingültige, umfassende Terminologie gibt (vgl. ebd. 219).

56 Zum Aspekt der Abgrenzung vom damals weit verbreiteten modernisierungstheoretischen Argument, dass der Erhalt von Ethnien den mangelnden Kontakten zwischen den einzel- nen Gruppen bzw. dem niedrigen Grad der Modernisierung zuzuschreiben war, siehe:

Sonderband AS 91(1991, 128), Heitmeyer (1996, 31ff), Nassehi (1990, 276ff)

57 Alle genannten Autoren beziehen sich dabei auf Frederik Barth, der zur Revision des es- sentialistischen Konzeptes bahnbrechend gewirkt hat. Siehe hierzu Barth (1981).

58 Neben anderen Beispielen nennt Elwert die Tugen und Njemps in Kenia. Veränderungen in Bezug auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entstehen dort entlang der Besitzverhält- nisse. »Tugen, die genug Weidetiere akkumuliert haben, werden zu Njemps; Njemps ohne Tiere werden zu Tugen« (Elwert 1989, 14).

59 Siehe Kapitel 1/1.1. Zum grundsätzlichen Verhältnis von Zufälligkeit und Notwendigkeit siehe Robert Havemann (1964, 84).

60 Auf diesem Widerspruch beruht auch die Differenz zwischen der essentialistischen und konstruktivistischen Definition ethnischer Gruppen.

61 So wurde als ein Ergebnis des Krieges im ehemaligen Jugoslawien serbo-kroatisch als Sprache aufgegeben und durch jeweils serbisch bzw. kroatisch ersetzt. Im neuen kroati- schen Wörterbuch wurde versucht, bestimmte Begriffe als typisch kroatisch zu erklären und andere als typisch serbisch nicht mehr aufzunehmen (vgl. Riedel 1997, 56). Ein an- deres Beispiel gibt Georg Elwert: »Die Chinesen in Jamaika z. B. wechselten erst die Spra- che und dann die Religion und behielten doch eine ethnische Identität - sie nutzten näm- lich die neu erworbene katholische Religion als Abgrenzungskriterium« (Patterson 1978 zitiert nach Elwert 1989, 25). In diesem Zusammenhang sind auch die Differenzen zwi- schen verschiedenen Strömungen innerhalb der Religionen als aktive Abgrenzung zu ver- stehen: im europäischen Raum die Entwicklung des Protestantismus im 16. Jahrhundert und in Kleinasien die frühzeitige Trennung von Sunniten und Schiiten. Ebenfalls interes- sant sind die Veränderungen innerhalb der afro-amerikanischen Bevölkerung in den 50er und 60er Jahren, die in Zusammenhang mit der ausgebliebenen sozialen und politischen Gleichstellung zu sehen sind. Nach einer Phase der Annäherung an den anglo-sächsischen Lebensstil, z. B. in Form von geglätteten Haaren, heller Schminke und einer Bewunderung der helleren Mischlinge, dann die Abgrenzung im Zuge der Entwicklung eines afro-ame- rikanischen Selbstbewusstseins und die damit verbundene Betonung der krausen Haare und der schwarzen Haut (vgl. Alex Haley 1968).

62 So wurden im berühmten Bund der »fünf Nationen« der Irokesen der irokesische Stamm der Huronen als Feind bekämpft, während die Delawaren, ein Stamm der Algonkin, in den Bund, wenn auch als untergeordnetes Mitglied, aufgenommen wurden (vgl. La Farge 1966, 44 ff und 1961, 53).

Anmerkungen zum Kapitel I

63 Weit verbreitet war bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen, wie z.B. den Iro- kesen, die Sitte, Angehörige feindlicher Gruppen, wenn diese ihre alte Zugehörigkeit auf- zugeben bereit waren, in den eigenen Stamm aufzunehmen und dadurch erlittene Verlu- ste auszugleichen (vgl. La Farge 1961, 53).

64 Siehe hierzu auch Römhild (1998, 12). Regina Römhild stellt den Unterschied zwischen dem ethnischen Konstrukt einer vorgestellten Kultur und praktizierter Kultur in den Mittelpunkt ihrer Arbeit.

65 Dan Diner weist darauf hin, dass die Erforschung der Vergangenheit, ähnlich wie bei an- deren Kulturwissenschaften auch, selbstverständlich vom Wissenschaftler, hier dem Hi- storiker, nicht zu trennen ist. Historiker versuchen, Geschichte anhand von Texten, unter Zuhilfenahme kritischer Methoden, zu interpretieren. Diese Interpretation unterliegt not- wendigerweise auch den spezifischen Einstellungen und Blickwinkeln der jeweiligen Zeit, in der der Historiker forscht (vgl. Adelbert Reif im Gespräch mit Dan Diner 1999, 804). D.h. Geschichte im Sinne einer Darstellung ist nie »objektiv«, sondern immer auch eine Interpretation, was selbstverständlich aus der Sicht der Wissenschaft den Historiker nicht von einem Wahrheitsanspruch entbindet (vgl. ebd. 804, vgl. hierzu auch Möckel 1997, 489).

66 Möckel (1997, 480 ff) spricht im Zusammenhang mit dem Geschichtsbewusstsein ethni- scher Minderheiten von Geschichte als »moralischer Anstalt« und »Rechenschaftslegung« und vom historischen Bewusstsein als »Waffe«.

67 Zur Doppeldeutigkeit der Aussage des Mythos als Nachricht und Feststellung siehe Bar- thes (1964, 105).

68 Siehe hierzu auch Greverus (1995, 21). Greverus spricht in diesem Zusammenhang vom Betrug um Geschichte, indem die »Schöpfer und Träger der Geschichte, die Menschen, ge- schichtslos gemacht« werden.

69 »Franzosen, Schweden, Deutsche, Schotten, Polen, Tschechen, Armenier beispielsweise sind Namen für >Völker<. Wenn wir vor 1990 von >Deutschen< in diesem ethnischen Sinne sprachen, waren damit Angehörige beider deutscher Staaten, aber etwa auch deutsche Be- völkerungen auf dem Balkan gemeint« (Heckmann 1992, 49).

70 »Daß Ethnien und Nationen eigentlich vorgestellte Gemeinschaften bzw. >Erfindungen< sind, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie für diejenigen, die sich ihnen zuordnen oder ihnen zugeordnet werden, zwangsläufig soziale Wirklichkeit werden« (Römhild 1998, 147).

71 »Die Nation wird als ethnische Gemeinschaft imaginiert« (Sigrist 1997, 49).

72 Eine historische Darstellung der Herausbildung des Volksbegriffs in Deutschland und sei- ne wichtigsten Stationen (Reformation, Napoleonische Befreiungskriege, Vormärz, 1848, Bismarck und das Kaiserreich, Nationalsozialismus) kann im Rahmen dieser Arbeit nicht erfolgen. Es liegen dazu auch umfassende Arbeiten vor. Grundsätzlich wichtig für die Ent- wicklung des Volksbegriffs im Abendland, speziell in Deutschland, sind die Arbeiten von Elias 1976 und 1989.

73 Schottenwitze in Großbritannien, Ostfriesenwitze in Deutschland sind nur zwei Beispiele dieses weit verbreiteten Umgangs mit ethnischen Besonderheiten innerhalb einer Nation.

74 Die Herausbildung des Nationalitätenprinzips als organisatorische staatliche Struktur fällt in das 19. Jahrhundert (vgl. Kaschuba 1995).

75 Nach Balibar (1990, 83, Anm. 26) ist jeder Rassismus zumindest hypothetisch pessimi- stisch, droht doch die eigene, vermeintlich höhere Rasse bzw. Kultur zwangsläufig in der Masse des minderwertigen Fremden zu versinken, wenn es dem Rassismus nicht gelingt, durch eine radikale Entscheidung den Selbstlauf der Dinge zu stoppen.

76 Bohleber verweist darauf, dass in der Gedankenwelt der europäischen Kultur der Körper als Metapher für den Staat fest verankert ist, besonders aber in Deutschland eine lange Tra-

Anmerkungen zum Kapitel I

dition der Vorstellung der Nation als eines Organismus besteht. Siehe hierzu auch Heim (1992, 725).

77 Regina Römhild (1998) hat diesen Prozess für die Entwicklung eines Identitätsgefühls überzeugend am Beispiel der Russlanddeutschen beschrieben. Wie Bielefeld (2001, 4) aber treffend in Hinblick auf ethnische Gruppen sagt: »Unsicher- heit soll in Sicherheit verwandelt werden. Aber nicht die Unsicherheit erweist sich als ge- fährlich, sondern der Herstellungsprozess der Sicherheit oft als tödlich.«

78 Waldmann gibt hierzu verschiedene Beispiele an: Israelis und Palästinenser im Nahen Osten, Protestanten und Katholiken in Nordirland, Tamilen und Singhalesen auf Sri Lan- ka (Waldmann 1995, 106f).

79 Ähnlich formuliert es Balibar (1990, 59): »Es ist durch nichts gerechtfertigt, den Nationa- lismus der Herrschenden mit dem Nationalismus der Beherrschten, den Nationalismus der Befreiung und den Nationalismus der Eroberung einfach gleichzusetzen.«

80 In der Übersetzung von Volkans Buch Das Versagen der Diplomatie (1999) wird von »ge- wählten Ruhmestaten bzw. Traumata« gesprochen. In der Übersetzung seines Beitrags in der Zeitschrift Psyche (2000) heißt es »auserwählte Ruhmestaten bzw. Traumata«. Ich übernehme die letzteren Begriffe, da sie mir noch präziser erscheinen.

81 Römhild (1998, 154) spricht unter Verweis auf Giordano (1981) auch von »Identitätsma- nagement«.

82 Kneer (1997, 91) verweist ebenfalls darauf, dass es »in der Regel politische und kulturelle Eliten [sind], die mit ihren Handlungen die Identität der Minderheitengruppe nach innen und außen symbolisieren«.

83 Römhild (1998) bezieht sich bei dieser Einschätzung sowohl auf Giordano (1981) als auch auf Horch (1992). Siehe hierzu auch Flury (1983, 15). Miedlig (1994, 25) argumentiert ver- gleichbar. Er definiert Identität zuerst nur als einen persönlichen Standpunkt. Zu einem kollektiven Phänomen wird »Identität«, [laut Miedlig] erst durch die gezielte Konstruktion eines gewünschten Zustandes durch die jeweiligen ethnischen bzw. nationalen Eliten.

84 De Mause macht diese Aussage grundsätzlich in Bezug auf die Führer jeder historischen Epoche.

85 Auf diese Art haben ethnische Konflikte immer wieder soziale Bewegungen beeinflusst und die Solidarität, z.B. innerhalb der Arbeiterbewegung, gegenüber anderen ethnischen Gruppen erschwert (vgl. Heckmann 1992, 142).

86 Dieses »psychosoziale Arrangement« wurde in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem »Führer« Adolf Hitler und dem »Deutschen Volk« exemplarisch von Alexander und Mar- garete Mitscherlich (1967) untersucht.

87 »Während die Störungen der letzteren (der idealisierenden Libido) gleichsam das Rekru- tierungsfeld für totale religiöse und politische Bewegungen erzeugen, sorgen die Störun- gen des Größenselbst für die nötigen messianischen Führer und charismatischen Persön- lichkeiten, die anderen als idealisiertes Selbst-Objekt dienen können« (Breuer zitiert nach Mentzos 1994, 176).

88 Dirk Richter (1997, 72) hat aus systemtheoretischer Sicht den Zusammenhang zwischen

einer »nationalistischen Freund/Feind-Schematik« und ökonomischen Krisensituationen aufgezeigt, ohne dabei allerdings zwischen den Interessen der verschiedenen Schichten innerhalb einer Nation zu differenzieren.

89 Waldmann (1995) hat diese Entwicklung anhand von verschiedenen Separationsbewe- gungen, z.B. Nordirland, Baskenland, in Westeuropa aufgezeigt. Molik (1992, 24) hat für die polnische Nationalbewegung im Großherzogtum Posen zwischen 1850 und 1914 nach- gewiesen, dass die Aktivisten in erster Linie aus den Reihen der Intelligenz und des Wei- teren aus dem gehobenen Mittelstand kamen.

90 Die Autoren unterscheiden zwischen Führern »leaders« als den Schlüsselpersönlichkei-

Anmerkungen zum Kapitel I ten »key personalities«, die Programme, Ideologien und Strategien formulieren, und Akti-

Anmerkungen zum Kapitel I

ten »key personalities«, die Programme, Ideologien und Strategien formulieren, und Akti- visten »activists«, die Ausdruck einer gößeren Schicht national gesinnter Mitglieder der ethnischen Bewegung »more numerous Stratum of nationally minded members of the mo- vement« sind.

91 »Leaders of the emerging small nations, or of those peoples striving for national unity, saw their quest as having unique value. Each believed the disappearance (assimilation) of their people was a fate comparable to the death of the individual« (Übersetzung vom Verf.).

92 Volkan setzt sich ausführlich mit dem serbischen Amselfeldmythos auseinander. Er be- nennt ihn als ein klassisches Beispiel eines »auserwählten Traumas« in Verbindung mit ei- nem »Zeitkollaps« (Volkan 1999, 84 ff und 2000, 948 f).

93 Nach Höpken (2001, 7Off) waren in den 90er Jahren auf allen Seiten des bosnischen Krie- ges Angehörige der sozial marginalisierten Schichten überproportional in den paramilitä- rischen Einheiten vertreten.

politische Gewalt der

« ist (Waldmann 1995, 92). Interessant auch

Horchs Hinweis darauf (1992, 262), dass die polnischen Bauern nur widerwillig an der na- tionalen Bewegung teilnahmen bzw. sogar die Zusammenarbeit verweigerten.

95 Aufgrund der Bedeutung ethnischer Identität für die psychosoziale Entwicklung der Men- schen ist es für die Ursachen des ethnischen Krieges bedeutsam, wie stark der Mythos der ethnischen Reinheit in ihm wirkt und wie massiv die Bedrohung der eigenen ethnischen Identität wahrgenommen wird. Diese »subjektive Einschätzung« der Mitglieder einer eth- nischen Gruppe ist für den Verlauf des Krieges entscheidender als das Ausmaß der am An- fang des Krieges real existierenden Bedrohung. Deswegen wird hier vom ethnisch be- gründeten und nicht vom ethnischen Krieg gesprochen. Ersteres hat den Vorteil, den kon-

94 Waldmann formuliert in diesem Zusammenhang die These, dass »

Unterschichten immer Defensivgewalt

struktivistischen Aspekt im Begriff aufzugreifen, während Letzteres eine »objektive« Ur- sache des Konfliktes zu suggerieren scheint.

96 Mentzos verweist mit Shatan auf das Massaker von My-Lai (Vietnam). Nach Shatan kam

am Grab eines

« aufgeputscht hatte (Mentzos 1993,134). An ande-

rer Stelle zitiert Mentzos die Ansprache eines amerikanischen Leutnants während des Golfkrieges 1991. Der Leutnant spricht von der Liebe zum Kameraden als dem besten Mittel, die Angst vor dem Kampf zu bekämpfen (vgl. Mentzos 1993, 199).

97 Eibl-Eibesfeld gibt ein Beispiel aus dem ersten Weltkrieg, wo die persönliche Begegnung von Franzosen und Deutschen außerhalb des direkten Frontgeschehens nicht mit Kampf- handlungen, sondern mit freundlichen Gesten endete. Er verweist an derselben Stelle auch auf die im Stellungskrieg übliche Unterbindung jeglicher Kommunikation zwischen den Frontkämpfern, um eine freundliche Kontaktaufnahme und die damit verbundene »Demoralisierung der Truppe« zu vermeiden (vgl. Eibl-Eibesfeld 1984, 269).

98 Mentzos weist auf den Film Füll Metall Jacket von Stanley Kubrick hin, der den Prozess der Ausschaltung menschlichn Mitgefühls bei der Rekrutenausbildung in der US-Armee darstellt (vgl. Mentzos 1993, 198).

99 Die Ausschaltung menschlicher Gefühle für den Gegner wird von Rainer Dollase unter Verweis auf Albert Camus als Abstraktion bezeichnet. »Beweisen: Daß die Abstraktion das Übel ist. Sie verursacht die Kriege, Folterungen, die Gewalttätigkeit usw« (Albert Camus

zitiert nach Dollase 1996,137). Ähnlich argumentiert Wirth (2001,1224), wenn er mit dem polnischen Soziologen Baumann darauf verweist, dass dem Holocaust eine Phase der »so- zialen und emotionalen Distanzierung« der Deutschen von den jüdischen Mitbürgern vor- ausging. Nach Wirth ermöglichte erst diese Distanzierung - Camus hätte den Begriff der Abstraktion verwandt - ein »Schwinden der moralischen Verantwortung« und war somit eine zentrale Voraussetzung für die »Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Schicksal« der Ju- den.

es zu diesem »schrecklichen Blutvergießen«, nachdem Leutnant Calley »

geliebten Kameraden die Kompanie

// 85

Anmerkungen zum Kapitel I

100 Die amerikanischen Piloten sprachen in Zusammenhang mit der Verfolgung der fliehen- den irakischen Panzerverbände 1991 von Truthahnjagd (vgl. Mentzos 1993, 113).

101 Diner zeigt das Wechselspiel zwischen erlittenen Erniedrigungen und darauffolgenden Racheakten überzeugend am Beispiel der Geschichte der Griechen und Türken in Euro- pa und Kleinasien auf. Vgl. hierzu auch Mentzos' (1993,157ff) Ausführungen zu den Bio- graphien von Nationen und hier ebenfalls zum griechisch-türkischen Verhältnis.

102 Esser beschreibt die Herrschaft als »Definitionsmacht des Wertes spezifischer Ressourcen« (ebd. 80). Wie sich Herrschaft nicht nur partikular, z.B. auf die Sprache, sondern allgemein auf die Lebensformen der Slowenen als unterdrückte Ethnie in Kärn- ten ausgewirkt hat, zeigt Moser (1982).

103 »Die Verteilung von Territorien ist immer ein Nullsummenspiel; was einer gewinnt, muß zwangsläufig ein anderer verlieren« (Sundhaussen 2001, 41).

104 Siehe die verschiedenen Berichte über die Massenvergewaltigungen im jugoslawischen Bürgerkrieg.

105 Mentzos (1993, 199) zitiert den Vietnam-Veteranen William Broyles jun.: »Das Gefühl, was bleibt wenn alle anderen Erinnerungen längst verblasst sind, ist das Gefühl der Ka- meradschaft.«

106 Auf den Zusammenhang zwischen eigenem erlittenen Leid bzw. Unrecht und der Ab- wehr von Schuldgefühlen hat Moser (1992) verwiesen. In seiner Auseinandersetzung mit dem 1967 erschienen Buch von A. und M. Mitscherlich stellt er die These auf, dass die deutsche Kriegsgeneration die Vertreibung, die Bombardierungen, die Toten und Ver- stümmelten, die Gefangenschaft und den Hunger als eine »archaische« Strafe auffassten und dadurch ihre Schuld gleichsam als abgegolten betrachteten. Die mit diesen Verlusten verbundene Trauer schränkte außerdem ihre Fähigkeit zu Trauer und Scham gegenüber den Opfern der deutschen Verbrechen ein.

107 Ein klassisches Beispiel für die mythologische Verknüpfung von Geschichte und Territo- rium ist der serbische Amselfeldmythos. Velikic (1999, 42) analysiert die Bedeutung der Mythologisierung des ethnischem Krieges als »Überlebenskampf« auf der einen Seite und der Niederlage der Serben 1389 auf dem Amselfeld und der Mythologisierung die- ses Gebietes als Wiege der serbischen Nation auf der anderen Seite. Er zeigt dabei, welch wichtige Rolle der Amselfeldmythos in der Kriegspropaganda Milosevics spielt, und untersucht den Einfluss dieses Mythos auf die Kriegsbereitschaft der serbischen Bevöl- kerung (vgl. hierzu auch Richter 1997, 67). Bielefeld (2001, 6ff) analysiert nicht nur die Bedeutung des Amselfeldmythos für die serbischen Nationalisten, sondern zeigt die fa- tale Mythologisierung der Geschichte auch auf albanischer Seite in den Gedichten von Is- mail Kadare auf.

108 Als ein klassischer Fall gezielter Täuschung über die wahren Aggressoren in einem An- griffskrieg kann noch immer der inszenierte Überfall auf das deutsche Radio Gleiwitz 1939 gelten (vgl. Der Nürnberger Prozess. Bd. II, 496f. Nürnberg 1947-49). Auf den »Pro- zess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürn- berg« wird im weiteren Verlauf nur unter »Nürnberg Bd, S.« verwiesen.

II

Die Donauschwaben

Die Darstellung der Geschichte der Donauschwaben wird schwer- punktmäßig im Hinblick auf die Entwicklung im jugoslawischen Teil des Banats erfolgen. Es geht dabei nicht um eine möglichst vollständige histori- sche Darstellung der verschiedenen Zeitabschnitte der Besiedlung des Ba- nats oder einer umfassenden Geschichte der Donauschwaben. 1 Es sollen vielmehr die Aspekte aufgezeigt werden, welche entscheidend die Ent- wicklung der ethnischen Gruppe der Banater Schwaben und deren Verhält- nis zu ihren Nachbarn beeinflusst haben. Für die Anfänge der Besiedlung heißt dies, dass die allgemeinen Grundzüge der Einwanderung insoweit aufgezeigt werden, als davon ausgegangen werden kann, dass sie auch für das jugoslawische Banat von Bedeutung sind. 2 Für diesen Teil der Arbeit sind sowohl die von Tafferner im Quellenbuch zur donauschwäbischen Ge- schichte gesammelten Dokumente, als auch Eimanns Der Deutsche Kolonist von besonderer Bedeutung. Tafferners fünfbändiges Werk enthält eine Fül- le von Quellen, die nicht nur die Methoden der Anwerbung durch die kai- serliche Administration dokumentieren, sondern auch einen ersten Ein- blick in die Gedankenwelt der Einwanderer bieten. Eimanns Der Deutsche Kolonist, von Lötz 1965 herausgegeben, ist als zeitgenössischer Bericht aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen gewährt er einen Eindruck von der Lebensweise und den Gewohnheiten der ersten Siedler. Zum anderen las- sen sich in ihm die bisher aufgezeigten Strukturen der Abgrenzung des Ei- genen vom Fremden besonders gut nachvollziehen. Im weiteren Verlauf wird dann der Blick zunehmend von der Entwicklung der anderen Teile der Donauschwaben abgewandt. 3 Neben der von Schödl (1995) herausgegebe- nen Dokumentation sind hier auch die Arbeiten von Senz (1987) und An- nabring (1954 und 1955) von Bedeutung. Ähnlich wie bei Senz sind auch bei Annabring nationalistische Untertöne nicht zu überhören. Aber auch An- nabrings Arbeiten dienen allen folgenden Autoren als Informationsquelle (z.B. Paikert 1967; Wehler 1980; Sundhaussen und Schödl 1995). Auch in der vorliegenden Arbeit sind Senz' und Annabrings Arbeiten wichtige Grund-

II

Die

Donauschwaben

lagen der Analyse. Es wird aber immer wieder auf einzelne Stellen dieser Arbeiten verwiesen, an denen die Mythologisierung der ethnischen Ge- schichte sowie ihre Instrumentalisierung für den Mythos der ethnischen Nation durch Senz und Annabring besonders deutlich hervortritt. Die Aufnahme dieser Arbeiten eröffnet aber noch einen weiteren Aspekt für die Analyse. Annabring ist selbst ein Zeitzeuge und kannte persönlich eine Reihe von donauschwäbischen Führern wie z. B. Rudolf Brandsch (vgl. Annabring 1954, 3). Er absolvierte als Schüler jenes Realgymnasium in Hatzfeld, im später rumänischen Teil des Banats, aus dem eine Reihe von jungen Akademikern hervorging, die danach in der deutschen Bewegung aktiv wurden (vgl. Annabring 1955, 2). Senz wurde 1912 in Apatin in der Batschka geboren und war ab 1941 dann in Budapest als Landschulrat tätig (vgl. Senz 1987, 280). Neben der Fülle von Information, welche die Autoren in ihren Arbeiten bringen, gelingt es so, über ihre Einschätzungen teilweise einen Einblick in die Motive der damaligen Akteure zu nehmen. Noch ein- dringlicher gelingt dies beim Volksgruppenführer der Banater Schwaben Sepp Janko (1982). Wenn man sich vorsichtig seiner Arbeit nähert, gibt sie hinter der vordergründigen Argumentation, mit der er die Donauschwaben von jeglicher Verantwortung für die während der Besatzungszeit von der SS und der Wehrmacht begangenen Verbrechen freizusprechen versucht, den Blick wenigstens ansatzweise auf die Gefühlswelt der damaligen Aktivisten frei. Aufbauend auf der Einschätzung, dass die ethnischen Führer nur die in der Gruppenphantasie am besten integrierten Menschen sind, 4 lässt sich so auch im Detail die Dynamik zurückverfolgen, welche die Verbindung von Ethnizität, aktivem Ethnomanagement und Nationalismus bei den Ba- nater Schwaben entfaltet hat.

1

Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Die Siedler allgemein als Schwaben zu bezeichnen geht auf die er- sten Einwanderer zurück, die tatsächlich aus schwäbischen Gegenden in Württemberg und Schwaben stammten (Weber-Kellermann 1978, 291). Der Begriff Donauschwaben verbreitete sich erst in der Zeit zwischen den bei- den Weltkriegen (vgl. Senz 1987, 19) und bezieht sich neben der Herkunft der Siedler auch auf ihr Siedlungsgebiet entlang der Donau. Dieses umfas-

Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

ste in Südungarn die Regionen Syrmien-Slawonien, die Batschka, das Ba- nat, Sathmar und Transtisien. Spricht man also von den Banater Schwaben, so meint man die seit dem 18. Jahrhundert in die Region zwischen der Theiß, der Donau, den Südkarpaten und der Mieresch lebende deutsch- sprachige Siedlergruppe (vgl. Senz 1987, 14 ff; YVeifert 1966, 133). Der Na- me der Banater Schwaben leitet sich von der seit dem mittelalterlichen Un- garn für die südlichen Grenzmarken des Landes gebräuchlichen Bezeich- nung »Banat« (Scherer 1989, 9) ab. Der größte Teil des Banats besteht aus ei- ner Tiefebene, die sich zwischen Donau und Theiß erstreckt und besonders fruchtbar ist. An den Rändern wird sie durch Berg- und Hügellandschaften begrenzt (vgl. Senz 1987, 13).

1.1

Die Anfange der Kolonisation

1.1.1

Die Neubesiedlung des Balkans als politische und merkantilistische Maßnahme der Habsburger Monarchie

Die ersten Kolonisten kamen im Anschluss an die Friedensschlüs- se von Karlowitz (1699) und Passarowitz (1718), die zwischen der Habs- burger Dynastie und dem Osmanischen Reich geschlossen wurden. Im Laufe der Zeit brachte die Ansiedlungspolitik eine große Anzahl Siedler aus anderen Gegenden Europas nach Südosteuropa (vgl. Dokumentation Bd.5, 5E). Die durch die Habsburger Herrscher organisierte Einwanderung fand hauptsächlich im 18. Jahrhundert statt 5 und hatte in dieser Zeit »drei« Höhepunkte (ebd. 6E). Die erste Phase der Kolonisation wurde von dem - auf Vorschlag des Prinzen Eugen von Savoyen - mit dem Aufbau der kai- serlichen Herrschaft im Banat beauftragten Grafen Mercy ab 1718 durchge- führt (vgl. Schödl 1995, 148). Zwischen 1765 und 1771 kam unter der Kai- serin Maria Theresia die zweite Welle und zwischen 1784 und 1787 unter dem Kaiser Joseph II. die dritte Welle der Einwanderer ins Banat. Die unter- schiedlichen Phasen sind zeitlich voneinander zu trennen, tragen struktu- rell und inhaltlich aber durchaus gemeinsame Züge. 6 So fand, über den ge- samten Zeitraum hinweg, neben der Ansiedlung auf staatlichen, so- genannten Kameralgütern auch eine Ansiedlung auf privatem Grundbesitz statt (vgl. Weifert 1966, 134; Dokumentation Band 5, 6E).

II Die

Donauschwaben

Die Neubesiedlung des Landes war eine bevölkerungspolitische Maß- nahme, welche die Südgrenze des »Kaiserreichs« 7 gegen das Osmanische Reich sichern sollte (vgl. Schenk 1987, 145). Dabei gingen militärische und wirtschaftliche Aspekte ineinander über. Das durch den Krieg fast völlig entvölkerte Gebiet (vgl. Innenministerium BW 1987, 82), in dem während der hundertfünfzigjährigen osmanischen Herrschaft hauptsächlich Weide- wirtschaft betrieben worden war (vgl. ebd. 146), sollte durch die Ansied- lung verschiedener Bevölkerungsgruppen und die Einrichtung der »Mili- tärgrenze« 8 sowohl militärisch gesichert als auch langfristig ins Kaiserreich eingegliedert werden (vgl. Paikert 1967, 20). Neben den Einwanderern aus »West- und Südwestdeutschland« (Fata 1995,148) wurden die vor den Tür- ken geflüchteten Serben, Rumänen, und Ungarn wieder angesiedelt. Darü- ber hinaus wanderten auch kleine Gruppen aus anderen Gegenden Osteu- ropas und eine geringe Anzahl von Westeuropäern ein (vgl. Dokumentation Bd.5, 6E). Die Ansiedlung verschiedener Bevölkerungsgruppen war der ge- zielte Versuch, ihre jeweiligen Fähigkeiten für den Wiederaufbau der ver- ödeten und entvölkerten Landschaft 9 zu nutzen (vgl. Innenministerium BW, 1987). Die kaiserlichen Behörden setzten damit bewusst auf die eth- nische Vielfalt der Siedler, um sich ihre unterschiedlichen kulturellen Tra- ditionen bei der Erschließung der Landschaft zunutze zu machen.

Den »Nationalisten«, also Serben und Walachen, wurde das Herumzie- hen mit ihren Viehherden verboten und »Seßhaftigkeit« verordnet (Fata 1995, 148). Sie sollten als Viehzüchter Weidewirtschaft betreiben, während in erster Linie deutsche, aber beispielsweise auch italienische Einwande- rer als Landwirte zur Erschließung des Banats angeworben wurden (vgl. ebd. 154, Dokumentation Bd.5, 6E). Der bewusste Umgang mit den unter- schiedlichen Fertigkeiten der Bevölkerungsgruppen spiegelt sich auch in zeitgenössischen Einschätzungen bezüglich ihrer Verwendung bei der Kul- tivierung des Landes wider. So heißt es beim Präsidenten der Banater Hof- deputation, Ferdinand Alois Graf Kolowrat, Mitte des 18. Jahrhunderts über die italienischen und deutschen Siedlerfamilien, dass

»erstere wegen Pflanzung der Maulbeerbäume und Kultivierung der Seidenwürmer, die letztere aber zur Impopulierung deren öden Grün- den, oder sogenannten Prädien gewidmet seyend« (Lötz 1966, 165).

Für die Kaiserin Maria Theresia rechtfertigte sich die große Anzahl deut- scher Einwanderer aus den spezifischen Erfordernissen der Landerschlie- ßung. Sie beabsichtigte

Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe denen für selbe a proportione

Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

denen für selbe a proportione erforderlichen Grundstücken eingeräumt und die daselbst noch befindlichen 28 walachische Familien nach St. Andrasch transferiret werden können, sondern gereichet auch zu

unserem gnädigsten Wohlgefahlen

und weiters pflanzenden Maulbeer-Bäumer« (Tafferner 1995, 125).

bereits gepflanzten

wegen der

In Hinblick auf etwaigen Widerspruch der eingesessenen Walachen schreibt Graf von Kolowart am 13. November 1748 an die Temeschwarer Landesadministration, dass die bisher in dem Dorf lebenden Walachen nach St. Andrasch »translociert« werden sollten:

»Und wann diese sich weigeren, mithin auf erstbemeltes Dorf in der Güte sich nicht begeben wolten, so habt Ihr ihnen zu bedrohen, daß sie solchenfahls nacher Siebenbürgen, als woher solche gekommen, wieder zurückgehen bemüßigt sein werden« (Tafferner 1995,126).

Da sich der Aufbau der Seidenraupenzucht durch italienische Einwande- rer als schwierig erwiesen hatte, versuchte man vermehrt deutsche Koloni- sten dafür zu gewinnen und war zu diesem Zweck 1748 auch zur Transfe- rierung der Walachen bereit. Am 5. Juli 1749 wurde aber wiederum ein Er- suchen der Temeschburger Landesadministration nach Umsiedlung der im Dorf Denta lebenden »Nationalisten« zwecks Ansiedlung deutscher Kolo- nisten abgewiesen:

»Daß aber andurch denen alten Razischen und Wallachischen Dorfschaf- ten und Familien ihre bishero besessenen Gründe abgenommen und denen neuen zugetheilet werden sollen, dieses wird nicht für thunlich befunden einfolglichen dann Euch angesachten Verhaltensbefehl in

Ruckantwort bedeutet, wasgestalten alles in status quo verbleiben und

niemand von seinen Grundstücken oder Haus. >vertreiben< sollen« (ebd. 130).

werden

Die Transferierung war insgesamt kostspieliger als die Zusiedlung, da die alten Besitzer nicht enteignet wurden und ihnen an anderer Stelle von der kaiserlichen Ansiedlungsbehörde neuer Grund zur Verfügung gestellt wer- den musste. Man kann deswegen davon ausgehen, dass Transferierungen nur in Fällen stattfanden, in denen man sich unter ökonomischen oder po- litischen Gesichtspunkten einen Vorteil versprach (vgl. ebd. 129). Obwohl die Transferierung nicht unbedingt mit wirtschaftlichen Nachteilen für sie verbunden waren (vgl. Fata 1995, 172), führten die Umsiedlungsaktionen verständlicherweise, trotz der Drohungen der kaiserlichen Behörden, zu heftigen Protesten der »Nationalisten« und belasteten deren Verhältnis zu

// 93

II Die

Donauschwaben

den deutschen Kolonisten. In der neben dem Banat gelegenen Batschka musste wegen des Widerstandes der alteingessenen Bevölkerung sogar von einzelnen Transferierungsplänen Abstand genommen werden (vgl. Schenk 1987, 151).

»Die madjarischen und raizischen Kolonisten nämlich, die ihre alten Wohnsitze gewöhnt, sind diesbezüglich so sehr abgeneigt, diese in gutem Einvernehmen zu verlassen und sich aufzumachen, ihre Aufent- haltsorte zu verlegen, daß nicht der leiseste Hoffnungsschimmer besteht, sie auf milde und freundliche Weise dazu überreden zu können« (Taffer- ner 1974, 250).

Während der immer wieder erfolgenden Türkeneinfälle kam es denn auch zum Teil zu einer Unterstützung der Türken durch die Walachen und zu Racheakten an den deutschen Einwanderern (vgl. Fata 1995, 160). Die Wa- lachen versprachen sich bei einem Sieg des Osmanischen Reiches die Zu- rückdrängung der Landwirtschaft und die Rückkehr zu ihren alten Le- bensformen (vgl. Möller zitiert nach Tafferner 1995, XXIX). Die kaiserlichen Behörden waren über die aus der Transferierung resul- tierenden Spannungen beunruhigt. Kaiser Joseph II. erließ während der von ihm veranlassten dritten Einwanderungswelle 1786 ein Handschreiben über die Gleichberechtigung der nichtdeutschen Nationalitäten, in dem er sich auf die Transferierung in der Batschka und dem Temeschwarer Distrikt (Banat) bezog.

»Meine Willensmeinung gehet also dahin, daß die Administration gemessenst anweisen, daß bei allen Ansiedlungen fremder Kolonisten nie einer Illyrischen oder Walachischen Gemeinde ein Grund benom- men werde, den sie entweder zur Subsistenz oder zur Erhaltung ihrer Viehzucht bedarf« (Tafferner 1974, 302).

Unter Joseph II. wurde deswegen die Transferierung ganzer »Nationalisten- dörfer« zunehmend aufgegeben. Es kam aber weiterhin zur Verkleinerung des von den Walachen und Serben nicht genutzten Weidelandes und der damit verbundenen Umsiedlung einzelner Ortsteile zugunsten der Einwan- derer, wie ein Ersuchungsschreiben der Temeschburger Kameraladminis- tration an die Königliche Ungarische Hofkammer vom 4. November 1784 zeigt:

»Daß bei der Monosturer Post Station auf dem zur Anlegung eines neuen deutschen Dorfes gewählten Kalacsaer Überland bereits 50

hergestellt worden sind und erbittet sich also die Hohe

Häuser

Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Bewilligung, womit dieses angefangene Dorf von der angetragenen Größe, nämlich von 230 Häusern, gänzlich zu Stande gebracht, die neuendere Dotierung, wie neue Eintheilung der drei National Dörfer Barazhaz, Monostur und Kalacsa, vorgenommen werden möge« (Taffer- ner 1995, 214; vgl. ebd. 206).

Ebenso wurden walachische Bauern, die nicht in der Lage waren, ihre Schulden zu bezahlen, in andere »Nationalistendörfer« umgesiedelt (vgl. Fata 1995, 171). Aber auch die Zusiedlung sowie die Zwischendorfgründung verlief nicht ohne Schwierigkeiten. Nach den Vorstellungen der kaiserlichen Be- hörden sollte die eingesessene Bevölkerung den Neuankömmlingen in der ersten Phase der Ansiedlung behilflich sein. So wurden Einwanderer bei den »Nationalisten« einquartiert, bis sie ein eigenes Heim gefunden hatten (vgl. Fata 1995, 167). »Nationalisten« wurden zum Bau der Kolonistendör- fer herangezogen (vgl. ebd. 166). Außerdem mussten Serben und Walachen Vorspanndienste leisten, solange es den Kolonisten noch an genügend Zug- tieren mangelte (vgl. Schenk 1987, 151). Das somit ohnehin angespannte Verhältnis zwischen »Nationalisten« und Kolonisten wurde durch den ge- nerellen Widerspruch zwischen einer Weide- und Viehwirtschaft und dem Ackerbau in allen Ansiedlungsformen noch verstärkt. Als die Ansiedlungsmethoden der Zusiedlung und der Transferierung der zunehmenden Zahl von Einwanderern während der Theresianischen Kolonisation nicht gewachsen waren, dehnte der zur Bevölkerung des Ba- nats eingesetzte »Impopulationsdirektor« Hildebrand die Anzahl der Neu- gründungen aus. Er gründete auf Kosten des Weidelands der Viehzüchter Dörfer »meist wilder Wurzel« auf der Banater Heide (vgl. Fata 1995, 162). Es kam darüber zu Auseinandersetzungen zwischen den Banater Vieh- züchtern und dem »kolonisationsfreundlichen Staatsrat«, die zur Ablösung Hildebrands führten und diese Phase der Kolonisation fast beendet hätte (vgl. ebd. 157). Aber auch in den durch die Zusiedlung gemischt bewohn- ten Dörfern waren die unterschiedlichen Interessen der in erster Linie Viehzucht treibenden serbischen und walachischen Landwirte auf der ei- nen Seite und der deutschstämmigen Ackerbauern auf der anderen Seite ein beständiger Grund für weitere Auseinandersetzungen (vgl. Schenk 1987, 150). 12 Man wohnte meist in voneinander getrennten Ortsteilen, manchmal aber auch nur in unterschiedlichen Straßenzügen oder auch nur auf den gegenüberliegenden Straßenseiten. 13 Die enge Nachbarschaft hatte zur Folge, dass man gegenseitig mit den unterschiedlichen Bräuchen direkt

II Die

Donauschwaben

konfrontiert war. So übernahm man voneinander nützliche Arbeitsweisen und Gewohnheiten. In diesem Prozess der Akkulturation bauten die deut- schen Siedler bald nach ihrer Ankunft ebenfalls wie die »Nationalisten« Mais sowohl als Futter- als auch als Nahrungspflanze an und führten auch das Austreten des Getreides durch das Vieh im Hof ein (vgl. Schenk 150). Ebenso wurden wesentliche Aspekte der Küche der neuen Nachbarn, »je- nes ungarische scharf gewürzte Paprikasch«, übernommen (Weber-Keller- mann 1978, 35). 14 Langfristig beeinflussten wiederum die deutschen Sied- ler die zuerst auf »Selbstversorgung ausgerichtete Wirtschaftsweise« der Serben und veranlassten diese, sich auf »neue Betriebsformen einzustel- len« (ebd. 152). Gleichzeitig grenzte man sich aber bewusst voneinander ab, wobei wiederum die Widersprüche zwischen Viehzucht und Ackerbau zum Tragen kamen. Die in der Landwirtschaft oft unerfahrenen deutschen Kolonisten übernahmen zwar, wie bereits erwähnt, das Austreten des Ge- treides von ihren Nachbarn als Dreschmethode, versuchten aber gleichzei- tig, die aus ihrer Heimat mitgebrachten Reinlichkeitsvorstellungen zumin- dest in der ersten Zeit aufrechtzuerhalten. Eimann beschreibt diese an- fänglich wohl fast komisch wirkenden Versuche:

»Beim Früchte austretten ging es noch komischer zu; viele wollten verhüten, daß der natürliche Abgang derer Pferde nicht in die Früchte fallen sollte, und hatten ihnen kleine Säcke hinten hin gebunden« (Eimann 1965, 65). 15

Die mit dem Zusammenleben verbundene gegenseitige Übernahme von materiellen ethnischen Merkmalen fand ihre Ergänzung im Wunsch nach stärkerer Abgrenzung von der fremden Ethnie. 1787 entsandten die Kolo- nisten in Neu-Szivacz in der Batschka eine Delegation zum Kaiser Jo- seph II., um eine »Separation« (Eimann 1965, 88) ihrer Siedlung von ihren serbischen Nachbarn zu erreichen. Dabei betonten die Kolonisten den Aspekt der Unordnung und der Unreinlichkeit der Serben - wie Eimann, der in seiner Autobiographie von sich selbst schreibt, die »Separation« be- wirkt zu haben, berichtet:

»Kaum waren die Deutschen angesiedelt, so sahen sie ein, daß durch die Vermischung mit denen Raitzen unmöglich empor kommen können, sondern sicher zu Grunde gehen, und arme Läute bleiben müssen: dann die angewöhnten Unordnungen, das Herumlaufen des Viehs in allen Früchten, und die innerliche schlechte Ortsverwaltung, ließen gar keinen Zweifel übrig« (ebd. 66).

Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Obwohl diese erste Petition vom Kaiser zurückgewiesen wurde, setzten die Kolonisten ihre Versuche fort, die »Separation« zu erreichen. In einer zwei- ten Petition heißt es 1793:

»Wie kann aber zwischen Ratzen und Deutschen eine Einigkeit existie- ren? Niemalen, dann: 1. Können die Nationen nicht miteinander reden. 2. Verursacht unsere Religion schon eine gänzliche Absonderung« (Lötz 1965, 127).

Die Ablehnung des Gesuchs änderte nichts an dem Wunsch der Kolonisten nach Separation, die sogar dazu bereit waren, alle Kosten selbst zu tragen (vgl. ebd. 129). Als Antwort plädierte die kaiserliche Behörde für ein ge- meinsames Dorf mit den Worten:

»Weil Glaubens- und Nations-Gehässigkeiten von dem schönen Ziele

bürgerlicher Eintracht abführen - weil ohne Rücksicht auf Sitte, Klei- dung und Sprache der Unterthan in seinem Nachbahr nur den Nach-

bahrn und Mit-Unterthan lieben

sollten« (ebd. 125).

Hier wird deutlich, dass die kaiserliche Behörde an ihrem bereits doku- mentierten Vorhaben festzuhalten versuchte, die Vielfalt der unterschied- lichen kulturellen Traditionen vereint für die Kolonisation zu nutzen, und nicht gewillt war, dieses Ziel durch eine übergroße Gewichtung der ideel- len ethnischen Merkmale gefährden zu lassen. Welche Bedeutung aber die Siedler letztendlich der »Separation« beimaßen, wird in den Worten Ei- manns deutlich:

»Da aber nichts destoweniger die Deutschen je länger je mehr das zuversichtliche Zugrundegehen vor Augen sahen, indem die alten, nehmlich die Illyrischen Einwohner sich keinerdings an eine regelmäßi- ge Ordung gewöhnen wollten, so wurde durch einen starken Verband aller Gemeindsglieder im November 1793 neuerdings die Betreibung der gänzlichen Separation begonnen. Durch unabläßigen kräftig gründlichen Betrieb des Orts Notärs, der selbst im Oktober 1796 zu Ofen bei der Hochlöbl. Ungar. Hofkammer die ganze Sache einleitete, und durch rastlose Mitwirkung des Herrn Hofraths Franz v. Redl, als Siebenbürgi- scher Hofkanzley Referendaer in Wien, hatten die Neu-Szivacer das große Glück die vollkommene Separations Bewilligung zu erhalten: und somidt ward unser anjetzt glorreich regierender Monarch Franz der Erste, damalen noch Römischer Kaiser Franz der Zweite, ein wahrhafti- ger Vater und Erretter der Neu-Szivacer Deutschen Gemeinde« (Eimann 1965, 66).

II

Die

Donauschwaben

Die »Separation« in Szivac, die letztendlich doch vom Kaiser bewilligt wurde und der am Ende auch die Serben zustimmten (vgl. Lötz 1965, 129), führte zu einer Aufteilung des Dorfes in ein serbisches Alt-Szivac und