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»The historians, lacking vision, resist linking their

work to theory in the first place, while the


theorists, lacking humility, claim such sweeping
applicability for their generalizations as to
make virtually unrecognizable the history upon
which they are based.«

»Die Historiker, aus einem Mangel an Visionen,


verweigern es in erster Linie, ihre Arbeit mit
Theorien zu verbinden, während die Theoretiker,
aus einem Mangel an Bescheidenheit,
solch eine umfassende Anwendbarkeit ihrer
Verallgemeinerungen in Anspruch nehmen,
als wollten sie eigentlich die Geschichte, auf der
ihre Erkenntnisse beruhen, unkenntlich machen.«

John Lewis Gaddis, 1991


(Übersetzung Th. Casagrande)
Danksagung

An erster Stelle möchte ich Prof. Dr. Volker Nitzschke nennen.


Ohne seine vielfältigen Anregungen und seine konstruktive Kritik wäre
diese Publikation nicht möglich geworden.
Danken möchte ich auch meinem Kollegen Prof. Hans-Heinrich
Ruta für die Gestaltung und die Satzherstellung.
Danken möchte ich an dieser Stelle ebenfalls Frau Elli Bartel, die mir
einige Bilder zur Verfügung stellte, wie auch Frau Dr. Gertrud Krallert-
Sattler und dem Justus Perthes Verlag für die von ihnen erteilte Abdruck-
genehinigung der Landkarte.
Inhalt

Einleitung 13
Anmerkungen zur Einleitung 24

I Zur Theorie ethnischer Konflikte 27

I Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen,


Konflikte und Krieg 27
1.1 Bedeutung des Eigenen und des Fremden
in der Entwicklung des Menschen 28
1.1.1 Die soziale Funktion ethnischer Gruppen 39
1.1.2 Das reine Eigene und das unreine Fremde 40
1.1.3 Ethnische Koloniebildung 42
1.2 Ethnie, Volk und Nation 48
1.2.1 Zur Konstruktion des Ethnischen 48
1.2.2 Zum Mythos von Volk und Nation 52
1.3 Vom ethnischen Konflikt zum ethnisch-national
begründeten Krieg 60
1.3.1 Ethnische Schichtung und ethnischer Konflikt 62
1.3.2 Der ethnisch-national begründete Krieg 66
1.4 Zusammenfassung 71
Anmerkungen zum Kapitel I 77

II Die Donauschwaben 87

1 Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben


zu einer deutschen Volksgruppe 88
1.1 Die Anfänge der Kolonisation 89
l . l . l Die Neubesiedlung des Balkans als politische und mer-
kantilistische Maßnahme der Habsburger Monarchie . . . 89

II •)
1

Inhalt

1.1.2 Methoden der Ansiedlung und daraus resultierende


Probleme für das Zusammenleben der verschiedenen
Ethnien 92
1.1.3 Erste Ansätze einer gemeinsamen donauschwäbischen
Lebensweise der deutschsprachigen ethnischen
Gruppen 98
1.2 Die Donauschwaben im Kaiserreich Österreich
im 19. Jahrhundert 107
1.2.1 Der Kampf um die Sprache in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts 107
1.2.2 Von der Revolution 1848 bis zum Ausgleich 1867 -
Die Verschärfung der Widersprüche zwischen den
Ethnien 110
1.3 Unter dem Druck der Nationalbewegungen -
Die Donauschwaben als ethnische Minderheit 114
1.3.1 Die Donauschwaben in Ungarn bis 1918 114
1.3.2 Die Donauschwaben im Königreich Jugoslawien
1918 bis 1933 125
1.3.3 Vom Ethnomanagement zur nationalsozialistischen
Volksgruppenpolitik - Die Donauschwaben in
Jugoslawien 1933 bis 1941 135
2 Zusammenfassung unter Berücksichtigung
der theoretischen Vorüberlegungen 144
Anmerkungen zum Kapitel II 146

III Die Banater Schwaben 1941-1945 155

1 Die Zerschlagung und Aufteilung


des jugoslawischen Staates 155
2 Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers
Serbien 167
2.1 Der Partisanenkrieg in Serbien bis zur Aufstellung
der 7. SS-Division »Prinz Eugen« 167
2.2 Die Situation der Volksdeutschen im Banat 174
2.3 Erste Pläne zur Aufstellung
einer neuen SS-Division 183
3 Die 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen« 187

// 10
Inhalt

3.1 Die Werbung 187


3.1.1 Im Banat 188
3.1.2 In Kroatien 197
3.1.3 Volksdeutsche aus Rumänien und anderen Staaten
Südosteuropas in der »Prinz Eugen« 207
3.1.4 Statistischer Überblick über die ethnische Zusammen-
setzung der 7. SS-Division »Prinz Eugen« 211
3.2 Aufstellung und Ausbildung 212
3.2.1 Personelle Zusammensetzung - Führer und
Mannschaften 212
3.2.2 Organisatorische Struktur, Ausrüstung und
Bewaffnung 222
3.3 Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung
des V. SS-Armeekorps 228
3.3.1 1942 - Erste Versuche im Partisanenkampf in Serbien . . 229
3.3.2 1943 - Die Verlegung nach Kroatien 236
3.3.3 Die Operation »Weiß« 241
3.3.4 Die Operation »Schwarz« 251
3.4 Die Einsätze vom September 1943
bis zur Kapitulation im Mai 1945 261
3.4.1 Die Unternehmen »Achse«, »Herbstgewitter«
und »Landsturm« - September bis November 1943 261
3.4.2 Verschiedene Operationen in Bosnien
zwischen November 1943 und Juli 1944 268
3.4.3 Der Einsatz nach dem Abfall Rumäniens und
Bulgariens - August und September 1944 290
4 Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien 298
Anmerkungen zum Kapitel III 301

IV Der Ausbau der Waffen-SS 323

1 Erste Ansätze: Die »germanischen« Freiwilligen 323


2 Von der SS-Elite zum Massenheer 325
2.1 Die west- und nordeuropäische SS 326
2.2 Die ost- und südosteuropäische SS 327
2.2.1 Die 13. SS-Division »Handschar« 331
Anmerkungen zum Kapitel IV 335

//11
Inhalt

V Schluss 339
Anmerkungen zum Kapitel V 351

Quellen 353
Literatur 354
Karten- und Bildnachweis 362
Personenregister 362
Ortsregister 367

//12
Einleitung

Mein Vater war Südtiroler und optierte 1939 für Deutschland. Wie
viele seiner Freunde meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS und trug einen
italienischen Familiennamen, den Namen seines Großvaters mütterlicher-
seits: Casagrande. Der Name seiner Großmutter war Folladori. Mein Vater
war der uneheliche Sohn eines italienischen Offiziers und zweisprachig
groß geworden. Ich konnte als Heranwachsender an ihm und seiner Bio-
grafie wenig »Deutsches« erkennen. Trotzdem war er von seinem »Deutsch-
sein« zutiefst überzeugt und fühlte sich ohne jeden Zweifel der deutschen
»Volksgruppe« zugehörig. Ich konnte diese seine persönliche Entscheidung
damals ebenso wenig verstehen wie die klare Trennungslinie, die er und
seine Freunde generell zwischen Südtirol und Italien zogen.
Mit den Jahren wuchs mein Interesse an seiner Geschichte. Ich begann
nachzuforschen und zu fragen: Warum ging mein Vater zur Waffen-SS? Wo
kämpfte er? Ich stellte auch die mit Angst besetzte Frage, ob er an Men-
schenrechtsverbrechen beteiligt gewesen war. Um diese Fragen beantwor-
ten zu können, musste ich mich über seine persönliche Geschichte hinaus
mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinander setzen. Daraus
entwickelte sich zunehmend ein umfassendes Interesse an der Geschichte
der »Volksdeutschen« 1 zu dieser Zeit und speziell an ihrer Geschichte
innerhalb der Waffen-SS.
In den neunziger Jahren, als sich die Spannungen auf dem Balkan ver-
schärften und in einen offenen Krieg mündeten, rückte die Frage nach den
Ursachen ethnischer Konflikte zunehmend in den Mittelpunkt des öffent-
lichen Interesses. Es erschienen verschiedene wissenschaftliche Publika-
tionen, die sich mit diesem Problem auseinander setzten. Die neuen Fron-
ten auf dem Balkan verliefen zunehmend entlang der alten Trennungsli-
nien, und die scheinbar längst vergessenen Differenzen zwischen den ver-
schiedenen Bevölkerungsgruppen brachen wieder auf, sodass sich mir die
Frage nach der Struktur solcher Konflikte stellte. Wie war es möglich, dass
alte Differenzen zu Auseinandersetzungen von solch tödlicher Intensität
führten, nachdem sie jahrelang anscheinend geruht hatten? Wie überlebten

//13
Einleitung

Grenzziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, um


nach Jahrzehnten und Jahrhunderten noch so scharf zu sein, dass sie zu ei-
nem oft tödlichen Unterscheidungskriterium werden konnten?
An dieser Stelle trafen sich die zwei Themenkomplexe an einem ge-
meinsamen Schnittpunkt: die Geschichte der Volksdeutschen und die Fra-
ge nach Struktur und Kontinuität ethnischer Differenzen und Konflikte.
Wie auch immer man die Geschichte der Volksdeutschen zur Zeit des Na-
tionalsozialismus interpretieren will, es ist eine Tatsache, dass sie europa-
weit in Konflikte mit ihren Nachbarn gerieten und in diesem Zusammen-
hang aktiv in allen Bereichen des »Dritten Reichs« vertreten waren.
Besonders klar und deutlich ist dabei der Weg der Volksdeutschen auf
dem Balkan, insbesondere der Weg der Banater Schwaben, der sie bis hin
zu einer eigenen SS-Division zur Bekämpfung der Partisanen und damit ih-
rer Nachbarn führte. Diesen Weg nachzuzeichnen und an ihm exempla-
risch aufzuzeigen, welche Schritte es ermöglichen, dass Differenzen zwi-
schen verschiedenen Bevölkerungsgruppen auch nach einer Phase relativ
friedlichen Zusammenlebens unter bestimmten Bedingungen wieder in ei-
ne gewaltsame Katastrophe führen können, ist das Ziel dieses Buches.
Lange Zeit sah es so aus, als wäre das Ethnische aus der Politik des
20. Jahrhunderts in Europa verschwunden oder nur noch Teil einer Aus-
einandersetzung zwischen Minoritäten und Majoritäten innerhalb eines
bestehenden Staatengebildes (vgl. Waldmann 1995). Dass das Ethnische als
Prinzip der Unterscheidung zwischen »Eigenem und Fremdem« (Erdheim
1992, 8) noch einmal eine solch vernichtende Wirkung im Europa des aus-
gehenden Jahrhunderts haben würde, hatte niemand vorausgesehen (vgl.
Nassehi 1997, 9). Eine Rückkehr der Bilder von Massenvertreibungen, Um-
siedlungen, Lagern und Massenmord schien nach den Erfahrungen des
Zweiten Weltkrieges undenkbar. Mit der Katastrophe auf dem Balkan ver-
stärkte sich das öffentliche Interesse an einer Erklärung der kollektiven Ge-
waltphänomene (vgl. Höpken/Riekenberg 2001, VII), und es wurde ver-
sucht, die aktuellen Aspekte des ethnischen Nationalismus neu zu deuten
(vgl. Binder/Niedermiiller/Kaschuba 2001, 7). In diesem Zusammenhang
wurde auch das Ethnische an sich - als Ursache von Konflikten zwischen
verschiedenen Bevölkerungsgruppen - Gegenstand der wissenschaftlichen
Diskussion. Anknüpfend an bereits vorliegende Arbeiten 2 versuchte man
deshalb, der Frage nach der Hartnäckigkeit, mit der sich das Ethnische als
Ordnungsprinzip behauptet, aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf den
Grund zu gehen.

//14
Einleitung

So haben sowohl die Psychoanalyse als auch die Soziologie und die An-
thropologie wichtige Erkenntnisse zur Erklärung des Ethnischen im Allge-
meinen und ethnischer Konflikte im Besonderen beigetragen. Unterwirft
man die vorliegenden Arbeiten einem genaueren Blick, so fällt auf, dass die
verschiedenen Ansätze unterschiedliche Aspekte des Problems zum Teil
überzeugend analysieren, aber jeweils alleine keine umfassende Erklärung
der Ursachen ethnischer Konflikte anbieten.
Einige psychoanalytische Untersuchungen (vgl. Erdheim 1988/1992;
Bohleber 1992; Heim 1992) zeigen den Zusammenhang zwischen frühkind-
lichen Strukturen, ethnischer Identität und ethnischen Differenzen auf.
Erdheim (1998) verweist - mit einem speziellen Blick auf die Adoleszenz -
auf den Antagonismus von Familie und Kultur. Mentzos (1993) unter-
nimmt eine differenzierte Analyse des Phänomens Krieg, geht aber nicht
auf die spezifischen Strukturen der Herausbildung ethnischer Differenzen
und Konflikte ein. Den bisher umfassendsten Versuch, ethnische Konflikte
aus psychoanalytischer Sicht zu untersuchen, macht der amerikanische
Psychoanalytiker Vamik D. Volkan (1999).3 Im Mittelpunkt seiner Arbeit
steht die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Kernidentität des In-
dividuums und Großgruppenidentität der Ethnien. Volkan entwickelt ein
theoretisches Konzept zur Erklärung von Konflikten zwischen Großgrup-
pen. Seine Untersuchungen basieren auf Arbeiten, die hauptsächlich im
angelsächsischen Sprachraum veröffentlicht wurden (vgl. Wirth, in: Vol-
kan 1999,1), und beinhalten keine Auseinandersetzung mit der Terminolo-
gie und den Ergebnissen der europäischen Soziologie und Politologie zu
diesem Thema. Aus dem Bereich der Soziologie und der Politologie liegen
zahlreiche Untersuchungen (vgl. Elwert 1989; Balibar/Wallermann 1990;
Heckmann 1992; Kaschuba 1995; Esser 1996; Heitmeyer/Dollase 1996; Nas-
sehi 1997; Höpken/Riekenberg 2001; Binder/Niedermüller/Kaschuba 2001)
sowohl zu den konkreten Erscheinungsformen des Ethnischen als auch zu
den unterschiedlichen Aspekten ethnischer Gruppenbildung und ethni-
scher Konflikte vor, ohne dass man aber hier schon von einer umfassenden
Theorie des Ethnischen sprechen könnte. Gemeinsam ist den genannten
Untersuchungen aus Psychoanalyse, Soziologie und Politologie, dass sie
sich nicht nur mit der Frage des Ethnischen an sich, sondern auch mit des-
sen Verhältnis zum Nationalen auseinander setzen. Aus unterschiedlichen
Blickwinkeln wird dabei das Spannungsverhältnis zwischen dem Ethni-
schen und dem Nationalen beleuchtet und der Frage nach etwaigen Ge-
meinsamkeiten beziehungsweise Differenzen nachgegangen.

//15
Einleitung

Die Fülle der noch offenen Fragen4 zeigt sich auch an der Vielfältigkeit
der Forschungsansätze innerhalb der Sozialwissenschaften. Dabei bestätigt
sich, dass die Sozialwissenschaften nicht nur im Allgemeinen (vgl. Haber-
mas 1996, 30), sondern auch bei der Analyse des Ethnischen im Besonde-
ren, auf Basis einer rein empirisch ausgerichteten Forschung, schnell an ih-
re Grenzen stießen und somit einem hermeneutischen Ansatz den Weg öff-
neten. Dem Verstehen und Erklären der psychischen Grundlagen mensch-
lichen Verhaltens in ethnischen Konflikten kommt deswegen in vielen Ar-
beiten eine große Bedeutung zu (vgl. Krainz 1982; Dollase 1996; Hon-
drich 1996). Der dabei zum Teil unternommene Versuch bei der Erklärung
des Ethnischen, Erkenntnisse aus der Psychoanalyse heranzuziehen und
damit auch deren Begriffe zu verwenden, ist aber nicht unumstritten und
mit einigen methodischen Schwierigkeiten verbunden. Aus der Sicht der
empirischen Sozialforschung gehen die Schwierigkeiten der Verwendung
von bestimmten Begriffen, wie beispielsweise »Unbewusstes«, über das
Problem der Nominaldefinition und der Konzeptspezifikation hinaus, da
diese Begriffe sich nicht mit der Realität konfrontieren lassen und somit
keinen wissenschaftlichen Wert haben. 5 Aber auch innerhalb der Psycho-
analyse ist die Diskussion über das Verhältnis von Empirie und Theorie
noch nicht abgeschlossen. 6 Die methodischen Schwierigkeiten, die durch
die Aufnahme psychoanalytischer Ansätze innerhalb der Soziologie ent-
stehen, spiegeln sich auch in der Auseinandersetzung zwischen den ver-
schiedenen Befürwortern einer Verknüpfung von Psychoanalyse und Ge-
sellschaftswissenschaften wider. Dabei reicht die Diskussion bis in die
dreißiger Jahre zurück, verdeutlicht etwa in der Auseinandersetzung zwi-
schen Wilhelm Reich und Erich Fromm (vgl. Dahner 1980). Unabhängig da-
von wird aber immer wieder von Neuem für eine Zusammenarbeit von
Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft plädiert (vgl. Rüsen/Straub
1998). Insgesamt zeigt die Lebendigkeit der Diskussion, dass ein Prozess in
den Sozialwissenschaften im Gange ist, dessen Ziel die Aufhebung der von
John Gaddis beklagten Trennung zwischen »Theorie« und »Empirie« ist. 7
Der Versuch, diese Trennung aufzuheben, zeigt sich auch in den bereits ge-
nannten Arbeiten: Meist wird empirisches Material aus den unterschied-
lichsten historischen und geographischen Zusammenhängen als Beispiel
für die Richtigkeit der vorgelegten Thesen verwandt. Dies gilt auch für die
psychoanalytischen Arbeiten über das Ethnische." Andere Beiträge zur ak-
tuellen Diskussion kollektiver Identität und ethnisch begründeter Gewalt
wiederum verbinden ihre Analyse zwar mit einzelnen Fallstudien, ohne

//16
Einleitung

sich dabei allerdings mit dem Ethnischen an sich oder mit dem Entste-
hungsprozess der verschiedenen am Konflikt beteiligten ethnischen Grup-
pen ausführlich auseinander zu setzen. Dies gilt unter anderem für die von
Binder/Niedermüller/Kaschuba und Höpken/Riekenberg 2001 herausgege-
benen Bände. In Ersterem findet eine Auseinandersetzung mit der Insze-
nierung des Nationalen und der damit verbundenen ethnischen Identität
anhand von Fallstudien aus Mittel- und Osteuropa statt. In Letzterem wird
das Phänomen kollektiver Gewalt mit Hilfe vergleichender Studien über
Südosteuropa und Jugoslawien untersucht. Beide Bände diskutieren also
ethnische und nationale Probleme in einem überschaubaren geographi-
schen Raum und stellen einen wichtigen Beitrag für die aktuelle Diskus-
sion dar, beinhalten aber - wie bereits ausgeführt - keine Auseinanderset-
zung mit dem Ethnischen an sich oder mit den Entstehungsgeschichten der
verschiedenen ethnischen Gruppen.
Der Versuch, die verschiedenen Aspekte ethnischer Gruppenbildung
und ethnischer Konflikte an der Geschichte einer Ethnie anhand einer Ein-
zelfallstudie zu zeigen und dabei die aufgestellten Thesen zu überprüfen,
ist selten. Ansätze bilden hier die Arbeiten der Kulturanthropologinnen
Marylin McArthur (1990) über die Siebenbürger Sachsen und Regina Röm-
hild (1998) über die Russlanddeutschen. Marylin McArthur (1990) legt eine
spannende Arbeit vor, die allerdings zu wenig die verschiedenen theoreti-
schen Ansätze zur Erklärung ethnischer Identität und ethnischer Differen-
zen aufgreift (vgl. Weber/Nassehi 1990). Regina Römhild (1998) setzt sich
ebenfalls differenziert mit der Geschichte der Russlanddeutschen ausein-
ander und erstellt eine überzeugende Studie. Darüber hinaus bezieht sie
auch aktuelle theoretische Analysen ein. Allerdings streift sie sowohl die
psychoanalytischen Aspekte ethnischer Gruppenbildung als auch das Pro-
blem des ethnischen Krieges nur am Rande.
Wenn aber ein theoretisches Modell zur Erklärung von Wirklichkeit
tauglich sein soll, dann muss man mit ihm einerseits allgemeine Struktu-
ren ethnischer Gruppenbildung auch an einer ethnischen Gruppe aufzei-
gen können. Andererseits muss es aber auch möglich sein, die Entstehung
ethnischer Konflikte und Gewalt an diesem konkreten Beispiel weiterzu-
verfolgen und die aufgezeigten Strukturen in den Maßnahmen und Hand-
lungen der jeweiligen Politik wieder zu finden. Somit muss man die Eska-
lation der Spannungen zwischen ethnischen Gruppen auch im »Detail« am
Beispiel einer konkreten historischen Situation verfolgen können. Dieser
Blick auf das Konkrete durch die »Brille« der Theorie fehlt wiederum oft

//17
Einleitung

bei der historischen Aufarbeitung von Geschichte, womit dann die Ein-
sicht in Zusammenhänge verstellt und Erkenntnis erschwert werden kann.
Die These dieser Arbeit ist, dass die Gefühle und Strukturen, die mit der
Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem im frühen Kindesalter ver-
bunden sind, die Basis bilden, auf der die im weiteren Verlauf der Ausbil-
dung des Individuums sich entwickelnde ethnische Identität aufbaut. Die
sich herausbildenden Organisationsformen ethnischer Gruppen erhalten
und reproduzieren die damit verbundenen ethnischen Differenzen. Dieser
Prozess kann durch verschiedene Einflüsse und Entwicklungen vermindert
oder auch verschärft werden. Bei einer Verschärfung ethnischer Differen-
zen hin zum Konflikt können die psychischen Strukturen frühkindlicher
Ängste wieder bedeutsam werden. Je schärfer der Konflikt sich entwickelt,
desto mehr können aus eingebildeten Ängsten wirkliche Gefahren werden.
Gipfelt der Konflikt in einem ethnischen Krieg, so schafft dieser eine Wirk-
lichkeit, in der das Eigene vom Fremden bedroht wird. Das Fremde wird
zum »wirklichen« Bösen. Ist der fatale Mechanismus gegenseitiger Gewalt-
taten, ethnischer Säuberungen und Vertreibungen erst einmal in Gang ge-
setzt, widersteht der Hass auf das Fremde dem Aufruf zur Verständigung.
Jeder ethnische Krieg schafft die Voraussetzung für seine Fortsetzung und
Wiederholung.
Die Geschichte der Volksdeutschen in der Waffen-SS, die entscheidend
von den damaligen Ereignissen auf dem Balkan beeinflusst wurde, ist bis-
her nicht unter ethnischen Gesichtspunkten analysiert worden. Dabei er-
öffnet eine solche Herangehensweise den Zugriff auf eine geradezu als
exemplarisch zu bezeichnende Geschichte der Instrumentalisierung von
ethnischen Differenzen und kann somit bedeutsam zur Absicherung sozial-
wissenschaftlicher Theorien sein. Darüber hinaus kann sie auch Erkennt-
nisse über Veränderungen beim Einsatz der Volksdeutschen durch die SS
während des Zweiten Weltkrieges liefern und damit zu einer historischen
Betrachtung beitragen.
Die Geschichte der Volksdeutschen während des Zweiten Weltkrieges
ist eng mit der Geschichte der Waffen-SS verbunden (vgl. Wegner 1997). Die
SS entwickelte sich während der Zeit des Nationalsozialismus zu einer
weitgehend eigenständigen Institution, die schließlich mit den anderen
Säulen des »Dritten Reichs« um die Vorherrschaft stritt. Die Stationen des
Aufstiegs der SS (Röhmputsch 1934, Überfall auf Polen 1939, 20. Juli 1944)
sind bekannt und wurden eingehend untersucht (vgl. Stein 1967; Höhne
1967; Buchheim 1967; Wegner 1997). Der steigende Einfluss der SS im Reich

//18
Einleitung

machte sich auch in der Truppenstärke der Waffen-SS bemerkbar. Sie stieg
von 18 000 Mann im Jahr 1939 auf 910 000 im Jahre 1944 (vgl. Steiner 1995;
Höhne 1996). 9 Dieser Ausbau der Mannschaftsstärke konnte nur gegen den
Widerstand der Wehrmachtsführung erfolgen, die darüber wachte, dass ihr
als »Waffenträger der Nation« der hauptsächliche Zugriff auf die Rekruten-
jahrgänge vorbehalten blieb. So richtete sich das Augenmerk der SS-Füh-
rung bei ihrem Versuch, der SS innerhalb des nationalsozialistischen Staa-
tes mehr Einfluss zu verschaffen und die Mannschaftsstärke der Waffen-SS
zu erhöhen, fast zwangsläufig auf die nicht reichsdeutschen Volksgruppen
in Europa. Hier waren, neben den »germanischen Freiwilligen« (Wegner
1980) und anderen ausländischen Einheiten, vor allem die Volksdeutschen
von zentraler Bedeutung.
So stieg denn der Anteil der Volksdeutschen innerhalb der Waffen-SS
kontinuierlich an (vgl. u. a. Herzog 1955; Höhne 1996; Wegner 1997) und lag
Ende des Krieges bei ungefähr 310 000 (vgl. Hausser 1953,13; Neulen 1980,
200). 10 In der Organisation der verschiedenen Volksgruppen war die SS al-
so durchaus erfolgreich. Sie hatte mit der »Volksdeutschen Mittelstelle«
(VOMI) ein Instrument, durch das sie auf die verschiedenen Volksgruppen
Einfluss nehmen konnte (vgl. Lumans 1993). Bei allen deutschen Volks-
gruppen, die im Einflussbereich des »Dritten Reichs« lagen, gingen denn
auch mehr wehrfähige Männer zur SS als zur Wehrmacht (vgl. Herzog 1955).
Der Einsatz der Volksdeutschen in der Waffen-SS wurde aber bisher, zu-
sammen mit der Verwendung der »germanischen Freiwilligen«, in erster Li-
nie unter dem Aspekt der quantitativen Ausdehnung der Waffen-SS be-
trachtet (vgl. Stein 1967; Wegner 1980 und 1997; Neulen 1980 und 1985). Der
qualitativen Veränderung in der Verwendung der Volksdeutschen wurde
nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Stein 1967; Wegner 1997). 11
1941/42 wurden Volksdeutsche zum ersten Mal nicht mehr als Ersatz für be-
reits existierende SS-Divisionen genutzt, sondern gezielt zu einer eigen-
ständigen SS-Division zusammengefasst und zur Partisanenbekämpfung
eingesetzt. 12 Die Aufstellung der 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz
Eugen« aus Angehörigen der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien, insbe-
sondere der Banater Schwaben, wurde dabei zu einer Generalprobe. Weite-
re Volksdeutsche SS-Divisionen folgten, so zum Beispiel 1943 die 11. SS-Di-
vision »Nordland« und 1944 die 18. SS-Division »Horst Wessel«, die eben-
falls zuerst bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt wurden.
Aber nicht nur für die »Volksdeutschen« war die Aufstellung der 7. SS-
Division »Prinz Eugen« von Bedeutung. Die »Prinz Eugen« war die erste

//19
Einleitung

SS-Division, die nach ethnischen Gesichtspunkten zusammengesetzt und


ausschließlich in ihrer Heimatregion eingesetzt wurde. Weitere Aufstel-
lungen von SS-Divisionen nach ethnischen Prinzipien folgten (vgl. Stein
1967), wobei gezielt die Spannungen zwischen den verschiedenen Volks-
gruppen verstärkt und ausgenutzt wurden. So wurden auf dem Balkan
nach der Aufstellung der SS-Division »Prinz Eugen« noch eine bosnische
und eine albanische SS-Division aufgestellt und ebenfalls zur Partisanen-
bekämpfung eingesetzt (vgl. Stein 1967; Neulen 1982; Wegner 1997). Bis
jetzt liegt jedoch keine wissenschaftlich fundierte Divisionsgeschichte der
7. SS-Division »Prinz Eugen« 13 vor, obwohl sie beim Ausbau der »nicht
reichsdeutschen« Waffen-SS eine Schlüsselstellung einnimmt.
Die »Prinz Eugen« und der Krieg in Jugoslawien sind nicht von der Ge-
schichte des Nationalsozialismus zu trennen. Es verbietet sich - wegen der
Singularität der industriellen Massenvernichtung von Menschen durch die
Nationalsozialisten — die einfache Gleichsetzung von Nationalismus und
Nationalsozialismus. Im Nationalsozialismus wurden aber die verschiede-
nen Aspekte - besonders die rassistische Komponente - des »Phantasmas
der Nation« (Bohleber 1992) so zugespitzt, dass er als die extremste Aus-
formung der Verbindung von Nationalismus und Rassismus verstanden
werden muss. Damit kann die Untersuchung der Instrumentalisierung eth-
nischer Konflikte durch den Nationalsozialismus Erkenntnisse gewähren,
die weit über den konkreten historischen Zeitraum hinaus für das Ver-
ständnis von Nationalismus und Rassismus gültig sind.
Vor der Darstellung der Geschichte der Banater Schwaben und der SS-
Division »Prinz Eugen« sollen einige grundsätzliche theoretische Überle-
gungen zu den Strukturen ethnischer Konflikte angestellt werden. Die
schon genannten Ansätze aus der Psychoanalyse, der Soziologie und der
Anthropologie sollen dabei aufgegriffen und miteinander verbunden wer-
den, um sich so der Erklärung der Ursachen ethnischer Differenzen anzu-
nähern. Dieser Versuch der Annäherung muss zwangsläufig an Umfang
gegenüber den einzelnen Ansätzen der verschiedenen Kulturwissenschaf-
ten verlieren. 14 Es sollen so aber die Verbindungspunkte aufzeigt werden, an
denen eine noch zu entwickelnde interdisziplinäre Theorie ethnischer
Konflikte ansetzen kann. Die Schwierigkeiten meines Verfahrens liegen,
wie bei jeder »rationalen Verstehenskonzeption«, in dem ihm immanenten
Widerspruch, der sich aus der Verknüpfung zwischen einem empirischen
Zugang zur Wirklichkeit mit deren Sinndeutung ergibt.

// 20
Einleitung

»Wird der Zugang empirisch-analytisch gewählt, ist das Verständnis der


sozialen Wirklichkeit nomologisch auf Kausalbeziehungen reduziert.
Soll darüber hinaus die soziale Wirklichkeit in ihrer rationalen oder
nichtrationalen Sinnhaftigkeit verstanden werden, verweisen die Aus-
gangsbegründungen dieses Verstehens nicht auf empirische Fakten,
sondern auf die sprachlichen Voraussetzungen der Erzeugung und
Thematisierung vom Sinn dieser empirischen Fakten« (Jung/Müller-
Doohm 1995, 20).

Trotz der aus diesem Widerspruch resultierenden Methodenprobleme


(ebd. 22) ist diese Vorgehensweise durch die vorgenommene Aufgabenstel-
lung gerechtfertigt. Geht es doch gerade bei der Deutung ethnischer Diffe-
renzen und Konflikte darum, das Verhältnis von »objektiver Bedeutung«
und »subjektivem Sinn« herauszuarbeiten. Was allgemein für die soziale
Wirklichkeit gilt, ist im Besonderen auch für die Entstehung und den Er-
halt des Ethnischen von Bedeutung. Den handelnden Individuen ist die
»versteckte soziale Bedeutung« ihres »Tuns«, sind die tiefer liegenden Mo-
tive ihres Verhaltens keineswegs umfassend bewusst.
»Das soziologische Verstehen ist in diesem Fall mit dem Problem kon-
frontiert, die versteckte >soziale< Bedeutung des offensichtlichen, des
buchstäblichen Sinns, seine interne Logik analytisch freizulegen«
(Jung/Müller-Doohm 1995, 21).

Die so gestellte Aufgabe der Soziologie verweist auf die Notwendigkeit ei-
ner Methodenkombination (ebd. 24). Nur eine Verknüpfung der verschie-
denen Ansätze zur Erklärung ethnischer Konflikte ermöglicht es, die Struk-
turen ethnisch motivierter Kriege und Vertreibungen umfassend aufzu-
decken und die Frage, warum sich ethnische Differenzen immer wieder
neu entwickeln, befriedigend zu beantworten. 15
Im Anschluss an diesen theoretischen Teil erfolgt im II. Kapitel eine Dar-
stellung der Vorgeschichte der Banater Schwaben. Die Darstellung wird aus
dem Blickwinkel der im I. Kapitel vorgenommenen Theoriebildung erfol-
gen. Mit den dort eingeführten Begriffen soll sowohl dieser Teil der Ge-
schichte des Banats verständlich gemacht als auch die im theoretischen
Teil aufgestellten Hypothesen überprüft werden. Danach wird dann der
Weg der 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen« von ihrer Auf-
stellung und Ausbildung bis hin zu ihren Kampfeinsätzen, auf Basis der er-
stellten Analyse eines ethnischen Krieges, untersucht. Die theoretische
Analyse ethnischer Konflikte führt scheinbar weit weg von dem histori-

// 21
Einleitung

sehen Untersuchungsgegenstand. Jedoch werden in der Geschichte der Ba-


nater Schwaben und der 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen«
die verschiedenen Aspekte der »Theorie« wieder sichtbar und können so
helfen, diese sonst zum Teil nur schwer verständliche Tragödie besser zu
verstehen. Im III. Kapitel werden schließlich die Jahre 1941 bis 1944 und die
von Volksdeutschen SS-Einheiten durchgeführte Aufstandsbekämpfung
detailliert beschrieben und analysiert. Das III. Kapitel präsentiert darüber
hinaus auch einige Fotografien. Dabei sind es aber nicht die auf den Bildern
dargestellten Situationen alleine, welche die in der Arbeit aufgezeigten
Aspekte unterstreichen. Vielmehr wirken sie vor allem zusammen mit den
Originalkommentaren der Kriegsberichterstatter, die den meisten Fotogra-
fien beigefügt werden konnten. Bei der historischen Aufarbeitung der Ge-
schichte der Volksdeutschen, nach ethnischen Gesichtspunkten aufgestell-
ten SS-Division »Prinz Eugen« beziehe ich mich auf Quellen aus dem
Bundesarchiv in Berlin, dem politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in
Bonn, 16 dem Militärarchiv in Freiburg und dem Militärhistorischen Archiv
in Prag. Der größte Teil der wichtigen Dokumente über die Vorbereitung der
Aufstellung der SS-Division »Prinz Eugen« findet sich in den Beständen
aus Berlin und Bonn. Die Prager Bestände sind weniger umfangreich, bie-
ten aber einen detaillierten Einblick vor allem in die Ausbildung der Divi-
sion. Über die Verwendung und den Einsatz der Division im Partisanen-
kampf geben sowohl die Dokumente aus Berlin und Bonn als auch aus Frei-
burg Auskunft. Wobei in Bezug auf die militärischen Aspekte vor allem das
Militärarchiv in Freiburg von Bedeutung ist. Über diese Quellen hinaus
werde ich bereits erstellte Arbeiten zur Geschichte der Banater Schwaben,
der Waffen-SS - und hier insbesondere zur Geschichte der Volksdeutschen
innerhalb der Waffen-SS - heranziehen, um die Geschichte der 7. SS-Divi-
sion »Prinz Eugen« umfassend darstellen zu können.
Eine weitere wichtige Grundlage dieses Teils meiner Arbeit ist die kriti-
sche Sekundäranalyse von schriftlichen Berichten und Erinnerungen be-
teiligter Zeitgenossen. 17 Der von dem Bundesministerium für Vertriebene
1961 herausgegebene 5. Band der Dokumentation der Vertreibung der Deut-
schen aus Ost-Mitteleuropa bietet nicht nur eine umfassende Darstellung
der Vertreibung und des Endes des deutschen Siedlungsgebietes im Banat,
sondern darüber hinaus auch eine Fülle von Material - in erster Linie Zeit-
zeugenberichte über die Geschichte der Banater Schwaben und der 7. SS-
Division »Prinz Eugen«. Zu der von ehemaligen NS-Historikern wie Theo-
dor Schieder und Werner Conze erstellten Dokumentation liegen inzwi-

// 22
Einleitung

sehen verschiedene kritische Untersuchungen vor. Beide Historiker gehör-


ten im »Dritten Reich« zu denjenigen Wissenschaftlern, die von Götz Aly
und Susanne Heim (1993) als »Vordenker der Vernichtung« 18 bezeichnet
wurden. Trotzdem wurde die Dokumentation, an der unter anderem auch
ehemalige Volksgruppenaktivisten wie Johann Wüscht und Franz Hamm 19
mitgearbeitet hatten (vgl. Dokumentation der Vertreibung Band 5, VI), auch
von kritischen Historikern insgesamt als seriös, wenn nicht gar als bei-
spielhaft für eine moderne Annäherung der Geschichts- an die Sozialwis-
senschaften gewürdigt (Beer 1999; Aly 1999). 20
Der Umgang mit Aussagen von Zeitzeugen, insbesondere von Verant-
wortungsträgern des »Dritten Reichs«, über ihre Beteiligung am damaligen
Geschehen ist generell schwierig und verlangt Sorgfalt. 21 Die erst nach dem
Ende des Zweiten Weltkriegs niedergelegten Berichte sind darüber hinaus
nicht aus dem Kontext von Anklage und Rechtfertigung zu lösen. Aussagen
von Verantwortlichen, wie dem Volksgruppenführer Sepp Janko, dem
Gründer der Arbeitergenossenschaften im damaligen Jugoslawien Johann
Wüscht und dem Kommandanten der 7. SS-Division »Prinz Eugen« vom
30. Januar 1944 bis 20. Januar 1945 Otto Kumm, sind deswegen unter dem
Aspekt der Verteidigung und Beschönigung der eigenen Handlungen
gegenüber der Anklage, an einem verbrecherischen Krieg beteiligt gewesen
zu sein, zu sehen. Die Motivation, sich zu verteidigen, ist dabei nicht nur
für den juristischen Teil der Anklage von Bedeutung, auch gegenüber einer
moralischen Anklage kommt sie zum Tragen (vgl. Moser 1992). Den ge-
nannten Berichten werden, wo es möglich ist, Dokumente aus den Archi-
ven gegenübergestellt. 22
Anlehnend an John Gaddis möchte ich meine Arbeit somit in den Dienst
einer engeren Verknüpfung von Sozial- und Geschichtswissenschaften stel-
len. In diesem Sinne kann die vorliegende Arbeit - abhängig vom jeweili-
gen Blickwinkel - sowohl als ein sozialwissenschaftlicher Beitrag zur hi-
storischen Aufarbeitung der Geschichte der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
als auch als ein historischer Beitrag zur Bildung einer Theorie ethnischer
Konflikte verstanden werden.

// 23
Anmerkungen zur Einleitung

Anmerkungen zur Einleitung

1 Der Begriff »Volksdeutsche« wurde laut einem Schreiben des Reichsministers und Chefs
der Reichskanzlei vom 25.1.1938 für diejenigen Personen verwandt, »...die in Sprache und
Kultur deutschen Stammes waren, nicht aber als Bürger zum Deutschen Reich gehörten«
(Herzog 1955, 2).
2 Ausgangspunkt vieler dieser Arbeiten war dabei die Auseinandersetzung mit verschiede-
nen Aspekten gerade deutscher Geschichte in Verbindung mit der Zeit des Nationalsozia-
lismus. So z. B. bei Levi-Strauss 1972; Norbert Elias 1969 und 1989; Alexander und Marga-
rete Mitscherlich 1967; Ewald Krainz 1982.
3 In einem Artikel für die Zeitschrift Psyche legt Volkan (2000) die zentralen Thesen seines
Buches noch einmal komprimiert dar.
4 Siehe hierzu das Vorwort von O. Backes, R. Dollase und W.Heitmeyer zu den von ihnen pu-
blizierten Tagungsergebnissen (vgl. Heitmeyer/Dollase 1996).
5 »Mitunter besitzen Erklärungen, obwohl sie der angestrebten D-N-Struktur (deduktiv-no-
mologischen Struktur. Anm. durch den Verf.) genügen, keinen wissenschaftlichen Wert,
weil sie sich nicht mit der Realität konfrontieren lassen. Beispiele für solche Erklärungen
operieren häufig mit Begriffen wie >Unbewußtes<, (Hervorhebung durch den Verf.) gesell-
schaftliche Totalitäten<, >Seele<, >System< usw. als Ursache (oder Folge) für bestimmte Ereig-
nisse, wobei die Begriffsinhalte so definiert sind, daß sie sich der direkten Wahrnehmung
entziehen.« (Schnell/Hill/Esser 1999, 70).
6 Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Problemen, welche die zunehmende em-
pirische Orientierung der neueren psychoanalytischen Theorie aufwirft, bietet Ursula Dre-
her. Die Autorin plädiert dafür, den Zusammenhang von empirischer Forschung und theo-
retischer Begriffsbildung nicht aus den Augen zu verlieren. »Psychoanalytische Empirie oh-
ne pschoanalytische Konzepte ist blind, psychoanalytische Konzepte ohne Praxis sind
leer« (Dreher 1998, 8). Otto Kernberg setzt sich wiederum mit Widerständen innerhalb der
Psychoanalyse gegenüber einer Untersuchung pychoanalytischer Situationen mit empiri-
schen Methoden auseinander. Er plädiert für eine psychoanalytische Forschung, die lang-
fristig der Psychoanalyse »die Anerkennung und Wertschätzung ...als grundlegende Wis-
senschaft der menschlichen Psyche« sichern soll (Kernberg 1997, 45).
7 So schreiben Schnell, Hill und Esser in ihrem Vorwort zur ersten Auflage der Methoden der
empirischen Sozialforschung (1988), dass das Hauptproblem bei der Vermittlung der
Grundlagen der Soziologie in den Schwierigkeiten liegt, »die die Verbindung von Soziolo-
gie und deren Überprüfung durch empirische Untersuchungen« macht. »Dieses Vermitt-
lungsproblem von Theorie und empirischer Basis erscheint in einem Fach (und einem
Land), in dem ein >Theoretiker< immer vorzugsweise durch seine Weigerung oder Unfähig-
keit, empirisch zu arbeiten, geradezu >definiert< werden kann, nahezu zwangsläufig als
Folge einer auch institutionellen Trennung.« Ziel des Buches ist es »die Vermittlung von
empirischer Forschung und soziologischer Theoriebildung etwas zu erleichtern« (Schnell/
Hill/Esser 1999, 1).
8 Stellvertretend will ich in diesem Zusammenhang nur auf die wichtigen Arbeiten von Ma-
rio Erdheim bzw. Vamik D. Volkan aus der Psychoanalyse und von Friedrich Heckmann
bzw. Georg Elwert aus der Soziologie verweisen. In ihnen werden zur Verdeutlichung und
Absicherung der vorgelegten theoretischen Analyse Beispiele aus den unterschiedlichen
historischen Epochen (Mittelalter/Neuzeit) und verschiedenen Kulturkreisen (Afrika, Ame-
rika, Europa) angegeben, (vgl. Elwert 1989; Heckmann 1992; Erdheim 1994; Volkan 1999).
9 Die Zahlenangaben in den verschiedenen Untersuchungen schwanken. Der ehemalige Ge-
neralinspekteur der Waffen-SS, Hausser (1953,13), gibt die Gesamtstärke der SS für den De-
zember 1944 mit 950 000 an.

// 24
Anmerkungen zur Einleitung

10 Wegner schätzt, dass Ende des Krieges alleine 20 bis 25 % aller Mitglieder der Waffen-SS
aus Rumänien bzw. Ungarn stammten (vgl. Wegner 1997, 353).
11 George H. Stein (1967) untersucht in seinem Standardwerk Geschichte der Waffen-SS auch
den Einsatz der Volksdeutschen. Allerdings übernimmt Stein das vernichtende Urteil des
Divisionskommandeurs der SS-Division »Totenkopf« über den Volksdeutschen Ersatz, oh-
ne dessen Urteil kritisch zu hinterfragen (vgl. ebd 172 ff; Siehe hierzu auch die Kapitel
III/2.3 und III/3.4.3 dieser Arbeit).
12 Stein (1967) und Wegner (1997) verweisen auf diese Veränderung, ohne jedoch auf die
konkreten Ereignisse auf dem Balkan und die 7. SS-Division »Prinz Eugen« näher einzu-
gehen.
13 Die von dem Kommandanten der Division »Prinz Eugen« Otto Kumm - er führte die Divi-
sion von 1944 bis 45 - geschriebene Divisionsgeschichte hat stark apologetischen Charak-
ter. Sie kann keinen umfassenden Einblick in die Struktur der Division und der Partisa-
nenkämpfe bieten. Kumms Darstellung der Divisionsgeschichte wird im III. Teil dieser Ar-
beit aber durchaus von Bedeutung sein.
14 Stellvertretend soll hier nur auf die Arbeit Volkans (1999) hingewiesen werden, die selbst-
verständlich psychoanalytische Theoriekonzepte ausführlicher darstellt, als dies im Rah-
men meiner Arbeit möglich ist.
15 Markus Scherer geht davon aus, dass eine umfassende Darstellung der Dimensionen der
Fremdheit über die klassische Soziologie hinausgeht und in das Feld der Anthropologie,
Ethnologie, Psychologie, Psychoanalyse, Kulturwissenschaft, Sprach- und Literaturwis-
senschaft hineinreicht (vgl. Scherer 1997, 19).
16 Zu Beginn meiner Untersuchungen befand sich das politische Archiv des Auswärtigen
Amtes noch in Bonn. Der Umzug nach Berlin erfolgte im Sommer 2000 während der Aus-
wertung der in Bonn eingesehenen Dokumente.
17 Über die Geschichte der Banater Schwaben und der 7. SS-Freiwilligen-Division »Prinz Eu-
gen« liegen verschiedene Berichte vor. Sepp Janko (1982) schildert als ehemaliger Volks-
gruppenführer Weg und Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien. Otto Kumm
(1978) beschreibt als ehemaliger Divisionskommandant den Kampf der 7. SS-Freiwilligen-
Division »Prinz Eugen«. Eine Vielzahl von zeitgenössischen Aussagen findet sich in der
vom Bundesministerium für Vertriebene (1961) herausgegebenen Dokumentation der Ver-
treibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa.
18 Eine weitere Untersuchung zur Bedeutung Theodor Schieders und Werner Conzes als His-
toriker während des Nationalsozialismus und in der BRD unternimmt Götz Aly (1999).
19 Wie aus Akten des politischen Archivs des Auswärtigen Amtes hervorgeht, hatten 1941
beide, sowohl Wüscht als auch Hamm, aktiv an der Denunziation ihrer jüdischen Mitbür-
ger teilgenommen. (Siehe hierzu Kapitel III/l.)
20 Den Zusammenhang zwischen der Forschungsarbeit Schieders und Conzes im »Dritten
Reich« und der nach 1945 erstellten Dokumentation des Bundesministeriums für Vertrie-
bene untersucht Mathias Beer (1999, 99-117) in einem Beitrag für die Zeitschrift Ge-
schichte in Wissenschaft und Unterricht. Des Weiteren siehe hierzu auch Mathias Beer:
Der >Neuanfang< der Zeitgeschichte nach 1945. Zum Verhältnis von nationalsozialisti-
scher Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik und der Vertreibung der Deutschen aus Ost-
mitteleuropa; in: Schulze /Oexle (Hg.) 1999.
21 So wurde Daniel Goldhagen für seinen unkritischen Umgang mit den Aussagen von An-
gehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 in seinem Buch Hitlers willige Vollstrecker,
Berlin 1996, vielfach kritisiert, weil er unter anderem die spezifische Bedeutung von Aus-
sagen Angeklagter in juristischen Prozessen nur ungenügend bei seiner Verwendung des
Materials in Betracht gezogen hat (vgl. Pohl 1997; Birn 1997). Interessant hierzu ist auch
Goldhagens Gegenposition bzw. die Rechtfertigung seiner Vorgehensweise (vgl. Goldha-
gen 1996).

// 25
Anmerkungen zur Einleitung

22 Eine vergleichbare Methode gebrauchten Christian Jansen und Arno Weisbecker in ihrer
Studie über den »Volksdeutschen Selbstschutz« in Polen. Die Autoren verwendeten in er-
ster Linie Protokolle von Prozessen gegen Mitglieder des »Selbstschutzes«. Sie konzen-
trierten sich dabei auf die gemachten Zeugenaussagen und überprüften diese an Hand von
zeitgenössischen Dokumenten (vgl. Jansen/ Weisbecker 1992, 10).

// 26
I

Zur Theorie ethnischer Konflikte

l
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen,
Konflikte und Krieg

Innerhalb der Sozialwissenschaften wurde die Diskussion über den


Charakter des Ethnischen entlang zweier unterschiedlicher Konzepte ge-
führt. Dabei hat sich das konstruktivistische Konzept, welches die histo-
risch-politische Dimension von Ethnizität hervorhebt, immer mehr gegen-
über dem essentialistischen Konzept, welches Ethnizität als universellen
Ausdruck einer objektiven, ursprünglichen Abstammungsgemeinschaft
sieht, durchgesetzt (vgl. Heitmeyer 1996, 34; Kneer, 1997, 93; Römhild 1998,
13).1
Es zeigte sich, dass die Organisation von Gruppen auch entlang anderer
Kriterien als denen einer gemeinsamen Sprache und Abstammung verlau-
fen kann (vgl. Kneer 1997, 93). Damit war der universelle Anspruch der es-
sentialistischen Definition aufgebrochen, da sich zu jeder von ihr benann-
ten Gesetzmäßigkeit ethnischer Gruppenbildung eine Ausnahme benen-
nen ließ (vgl. Elwert 1989, 18).
Durch den konstruktivistischen Ansatz wurde die Theorie ethnischer
Gruppen von der Nähe zu biologistischen und nationalistischen Positionen
befreit. Aber trotz der scheinbaren Überlegenheit des konstruktivistischen
Ansatzes erweist sich der essentialistische Ansatz als »zählebig«. Dies ist
sicherlich zum einen darauf zurückzuführen, dass mit dem essentialisti-
schen Konzept die Hartnäckigkeit ethnischer Differenzen und Konflikte
einfach aufgrund der scheinbar objektiven Existenz dieser Differenzen er-
klärt werden kann. Auf der anderen Seite wurde die auf dem Konstrukti-
vismus basierende Ansicht, dass mit einem zunehmenden Maß an Moder-
nisierung die Bedeutung des Ethnischen abnehmen würde, durch die
Wirklichkeit widerlegt (vgl. Esser 1988; Nassehi 1990 und 1997). Das Ethni-
sche wird nun insofern als ein begleitendes Moment der Moderne verstan-

// 27
I Zur Theorie ethnischer Konflikte

den, als es Orientierungsmöglichkeiten in einer von Auflösung alter Struk-


turen geprägten Welt bietet (vgl. Nassehi 1990, 286 ff) beziehungsweise aus
den Widersprüchen des Systems immer wieder von Neuem erwächst (Wal-
lerstein 1990, 106). Insbesondere tauchen Ansätze des Essentialismus im-
mer dann wieder auf, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, warum
Mitglieder ethnischer Gruppen bereit sind, sich für kollektive Ziele aufzu-
opfern. Gerade in diesem Punkt scheint das konstruktivistische Konzept
gegenüber dem essentialistischen im Nachteil zu sein, fällt es doch schein-
bar mit ihm schwer, diesen emotionalen Aspekt zu erklären (vgl. Heitmey-
er 1996, 35).
Es geht im Folgenden darum, »die faktische Macht des Ethnischen« 2 zu
untersuchen. Diese Macht besteht darin, eine Realität zu schaffen, die, ein-
mal existent, nicht mehr vergehen will und eine ungeheure emotionale
Wirkung auf die Menschen hat. Bei der Auseinandersetzung mit der Frage
des Ethnischen wurde deswegen von vielen Autoren der Aspekt der ethni-
schen Identität aufgegriffen (vgl. Nassehi 1990 und 1997; Heckmann 1992;
Roth 1997; Römhild 1998). Damit die Bedeutung des Ethnischen und der
ethnischen Identität für die Organisation menschlicher Kollektive umfas-
send aufgezeigt werden kann, ist es aber notwendig, das konstruktivisti-
sche Konzept weiterzuentwickeln und mit einem psychoanalytischen An-
satz zu verbinden (vgl. Volkan 2000, 950). So soll der Blick zunächst weg
von der Gruppe als Ganzes und hin auf ihre einzelnen Mitglieder gelenkt
werden. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, inwieweit Grenzbildung
und Grenzerhaltung zwischen Eigenem und Fremdem nicht erst im Zu-
sammenhang mit ethnischen Kollektiven bedeutsam sind, sondern schon
eine Bedeutung für das Individuum in seinem Entwicklungsprozess, unab-
hängig von ethnischen Gruppenbildungen, haben.

1.1
Bedeutung des Eigenen und des Fremden
in der Entwicklung des Menschen

Nach dem ersten »Schock der Geburt«, den das neugeborene Kind
zu überwinden hat und der den »paradiesischen Urzustand im Mutterleib«
(Krainz 1982, 333) beendet, folgt eine Phase, in der sich eine Symbiose zwi-
schen dem Kind und der Mutter herausbildet.

// 28
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

»Symbiose bedeutet die illusionäre Vorstellung der Verschmolzenheit


von zwei in Wirklichkeit getrennten Individuen und einer gemeinsamen
Grenze dieser beiden nach außen. Am Ende der Symbiose zerfällt die
Welt in ein Selbst und Objekte, Innen und Außen können allmählich als
unterschiedlich wahrgenommen werden« (ebd. 333).

Das Kleinkind entwickelt die Grundlagen seiner »Kernidentität« (Volkan


2000, 933), 3 aber auch die Objektbeziehungen in Interaktion mit der Mutter,
wobei zur versorgenden Mutterbrust eine ambivalente Beziehung besteht.
Je nachdem, ob die Mutter die Bedürfnisse des Säuglings befriedigt oder
nicht, entstehen in ihm positive und negative Gefühle. »Im Mischverhält-
nis von oraler Triebbefriedigung und unausweichlicher Triebversagung
spaltet sich die mütterliche Brust in einen >guten< und einen >bösen< Teil«
(Heim 1992, 720).
Diese Aufspaltung in »gut« und »böse« wird für das Grundmuster der
Gefühle in die Objektbeziehungen übernommen. Der ganze Zusammen-
hang zwischen Externalisierung und Internalisierung bei der Entwicklung
von Identität kann hier nicht aufgezeigt werden. 4 Für das Verständnis der
psychischen Grundlagen ethnischer Identität aber ist es wichtig festzuhal-
ten, dass die externalisierten Objektbilder außerhalb des kindlichen Selbst-
bildes mit unterschiedlichen Affekten, positiven oder auch negativen, ver-
bunden werden. Diese Externalisierung spielt bei dem Aufbau eines aus-
gewogenen Selbstbildes eine wichtige Rolle (vgl. Volkan 2000, 936). Sie be-
gegnet uns später auch auf der Ebene der ethnischen Gruppe wieder.
Für die Psychoanalyse ist die früheste Wahrnehmung »des Fremden« im
Säuglingsalter mit der Abwesenheit der Mutter verbunden (vgl. Erdheim
1992, 732). Das Bewusstwerden der »Nicht-Mutter« als »das Fremde« (Erd-
heim 1988, 258) ist eine schmerzliche, Angst auslösende Erkenntnis und
wie schon die Geburt gleichsam ein »Paradiesverlust« (Krainz 1992, 335).
Dieses Bewusstwerden äußert sich etwa im achten Lebensmonat in Form ei-
ner mehr oder weniger ausgeprägten Fremdenangst beim Säugling (vgl.
Bohleber 1992, 693). Hier tritt gegenüber dem Eigenen und dem Fremden
die Aufspaltung von »gut« und »böse« wieder auf. Das Bild des Fremden,
die Fremdenrepräsentanz, wird dabei mit »einem Trieb verhalten gegen-
über Objekten, die nicht im Sinne des Lustprinzips besetzt werden kön-
nen«, (ebd. 721) verknüpft. Diese negative Besetzung des Fremden hat eine
wichtige psychohygienische Funktion (vgl. Erdheim 1992, 732). Sie ermög-
licht dem Kind, seine negativen Gefühle gegenüber der Mutter, später auch
gegenüber dem Vater und seinen Geschwistern, zu verlagern und sie im

// 29
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

Bild des Fremden unterzubringen. 5 Diese Externalisierung kann für das


weitere Verhältnis zwischen Eigenem und Fremdem von entscheidender
Bedeutung sein. Das Fremde wird dann zum Hort all dessen, was als be-
drohlich in der eigenen Familie oder sogar am eigenen Selbst wirkt.
»So vermag sich die Fremdenrepräsentanz zu einer Art Monsterkabinett
des verpönten Eigenen zu entwickeln. Der Gewinn ist beachtlich, denn
das Eigene wird zum Guten und das Fremde zum Bösen« (ebd. 733).

Dabei überlagert und verdrängt aber diese Aufspaltung eine andere Bedeu-
tung des Fremden für das Kind. Das Bild des Fremden bietet grundsätzlich
auch die Chance, Beziehungen zu anderen Personen als zur eigenen Mut-
ter aufzunehmen. Dabei kann der Vater zum »ersten Fremden« werden, der
dem Kind vorlebt, dass sowohl die Beziehung zur Mutter als auch eine tem-
poräre Trennung von ihr gefahrlos möglich ist« (Wirth 2001,1221). Damit
erfüllt er eine wichtige »Brückenfunktion« (ebd.) bei der Kontaktaufnahme
mit dem Fremden. Im Ausnahmefall, sollte der eigenen Mutter etwas zu-
stoßen, kann das Bild des Fremden die Überlebensmöglichkeiten des Kin-
des sichern (vgl. Erdheim 1992, 732).
Somit sind verschiedene kindliche Reaktionen auf »das Fremde« sicht-
bar. Fremdes wird in der frühen Kindheit durchaus mit Neugier betrachtet,
solange die Beziehung zur Mutter gesichert ist und das Kind auf die eigene
Mutter zurückgreifen kann (vgl. Erdheim 1988, 260). Dieses Gefühl der
Neugier wird aber durch die psychohygienische Funktion der Fremdenre-
präsentanz verdrängt. Für Mario Erdheim sind diese Verhaltensmuster des
Kindes die Ausgangspunkte, von denen aus sich die zwei extremen Pole
menschlicher Umgangsweise mit dem Fremden entwickeln. »Um diese bei-
den frühkindlichen Reaktionsformen herum kristallisieren sich jene Hal-
tungen, die zum Exotismus und zur Xenophobie führen werden« (ebd.
259). Dabei spielt der Exotismus, in Form einer Idealisierung des Fremden
als etwas Schöneres und Besseres, erst im weiteren Verlauf der Entwick-
lung des Kindes eine Rolle, während in der frühkindlichen Phase die Xe-
nophobie als Angst vor dem Fremden erscheint.
Wir haben gesehen, wie sich in der frühkindlichen Entwicklung das
Bild des Fremden, die Fremdenrepräsentanz, im Säugling entwickelt und
ihm dadurch die Möglichkeit erwächst, lebenswichtige Beziehungen zu
anderen Personen als seiner Mutter aufzubauen. Fremd war zuerst die
»Nicht-Mutter«. In der weiteren Entwicklung des Kindes wird der Begriff
des Eigenen auf die Familie ausgedehnt. Fremd sind damit alle die, die

// 30
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

nicht zur Familie gehören (vgl. ebd. 238). Auch hier findet nach Mario Erd-
heim wieder die Ausbildung einer neuen Fremdenrepräsentanz statt, die
eine Loslösung von der Familie ermöglicht. Erdheim vermutet, dass auch
dieser Fremdenrepräsentanz wiederum eine psychohygienische Funktion,
ähnlich wie schon im Säuglingsalter, zukommt.
»Das Konzept einer Repräsentanz des Fremden scheint mir brauchbar zu
sein, um das Verhalten der Kinder gegenüber Personen außerhalb der
Familie zu verstehen. Zu erwägen wäre auch, ob nicht eine wichtige
Funktion dieser Repräsentanz im Ausgleich des Verhältnisses zur
Mutter- und Vaterrepräsentanz - sei es als Hilfe für die Abspaltung
aggressiver Tendenzen, sei es als Möglichkeit, um sich das zu besorgen,
was man zu Hause nicht erhält - besteht« (Erdheim 1988, 240).

Die Adoleszenz ist dann auch die Lebensphase, in der sich Exotismus und
Xenophobie als Haltung ausprägen und einen wichtigen Stellenwert bei
der Loslösung des Jugendlichen von seiner Familie bekommen (vgl. ebd.
261). Dabei sind beide Haltungen, bei aller Gegensätzlichkeit, durchaus
miteinander verwandt. Auf der einen Seite bekämpft die Xenophobie alles
Fremde, erschwert den Ablösungsprozess und erhält so die eigene Familie.
Auf der anderen Seite idealisiert der Exotismus das Fremde und fördert
den Ablösungsprozess. Beiden gemeinsam aber ist, dass
»sie Vermeidungsstrategien sind. In der Xenophobie meidet man das
Fremde, um das Eigene nicht in Frage stellen zu müssen, im Exotismus
zieht es einen in die Fremde und man muss deshalb zu Hause nichts
ändern (ebd. 261). >Exotisch< ist das, was einen nicht an die eigene
Familie erinnert und trotzdem deren Werte und Gewohnheiten bestä-
tigt« (ebd. 260). 6

Damit haben beide ein ambivalentes Verhältnis gegenüber der Geschichte.


Während die Xenophobie aus Angst vor Veränderung Geschichte nicht als
Wandel und als chronologischen Prozess des Austausches von Fremdem
und Eigenem verstehen kann und Geschichte mystifiziert, idealisiert der
Exotismus das Ursprüngliche in der Geschichte und verstellt sich so den
Blick auf das Gegenwärtige (vgl. Erdheim 1988, 261). 7
Beiden Haltungsmustern ist also gemeinsam, dass sie letztendlich das
Alte, Familiäre erhalten, wenn auch auf unterschiedliche Weise, und sich
nicht davon lösen können. Jeder Ablösungsprozess bedeutet aber auch ei-
ne Auseinandersetzung mit etwas Neuem. Im Kleinkindalter findet mit

// 31
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

dem Ablösungsprozess von der Mutter gleichzeitig der Aufbau einer Vater-
repräsentanz statt. Dies ermöglicht die Entwicklung hin zur ödipalen
Struktur (vgl. ebd. 238). In der Adoleszenz wiederum ist das Problem der
Ablösung von der Familie gleichzeitig auch ein Problem der Hinwendung
zur Gesellschaft, zur Kultur (vgl. ebd. 239).
An dieser Stelle ist es notwendig, einen Blick auf den Begriff der Kultur
zu werfen, da er in seinen unterschiedlichen Aspekten im weiteren Verlauf
dieser Arbeit von Bedeutung sein wird. Die Vielfalt der Verwendung des
Kulturbegriffs ist beeindruckend (vgl. Nassehi 1997, 185). So steht Kultur
für das gesamte soziale Erbe und damit für das komplexe Ganze, welches
Wissen, Glaubensvorstellungen, Kunst, Moral, Recht, Sitten und Bräuche
einschließt. Kultur beinhaltet aber auch alle anderen Fertigkeiten und Ge-
wohnheiten, die der Mensch als Mitglied einer Gesellschaft erworben be-
ziehungsweise übernommen hat (vgl. Vivelo 1981, 50; Reinhold/Lamnek/
Becker 1997, 375) und die hier als kulturelle Tradition bezeichnet werden
sollen. Kultur als »symbolischer Sinnhorizont« besitzt damit eine »hand-
lungsleitende Funktion« (Nassehi 1997, 185) und wird in dieser Funktion
zum Teil mit Gesellschaft gleichgesetzt (vgl. Nassehi 1997; Reinhold/Lam-
nek/Becker 1997). 8 Kultur wird zu einem »gewissermaßen unvermeid-
lichen Element des Sozialen« (Nassehi 1997, 187) und so zu einer anthro-
pologischen Konstanten, die den unterschiedlichsten Erscheinungsformen
menschlicher Gruppenbildung gemeinsam ist.
Diese Gemeinsamkeit menschlicher Kultur wird aber durch verschiede-
ne Differenzierungen des Kulturbegriffs überdeckt. Zum Teil wird die um-
fassende Verwendung des Kulturbegriffs eingegrenzt und Kultur als die Ge-
samtheit der »nicht-materiellen Errungenschaften einer Gesellschaft« von
der Zivilisation als Gesamtheit aller materiellen Errungenschaften unter-
schieden (vgl. Vivelo 1981, 52; Reinhold/Lamnek/Becker 1997, 375). Die
problematische Seite dieser Unterscheidung wurde von Norbert Elias
(1969) in Hinblick auf die französische und deutsche Gesellschaft unter-
sucht. Er weist nach, dass die Begriffe Zivilisation und Kultur bei der spe-
zifischen Entstehung der französischen und deutschen Gesellschaft unter-
schiedliche Bedeutung hatten. Für die Darstellung der Ursachen ethni-
scher Konflikte ist seine Untersuchung insofern wichtig, als sie zeigt, dass
der Zivilisationsbegriff, wie er etwa in der französischen und englischen
Gesellschaft gebraucht wurde, die nationalen Differenzen zwischen den
Völkern bis zu einem gewissen Grad zurücktreten lässt und den Fortschritt
der eigenen Nation in Verbindung mit dem Fortschritt des Abendlandes

// 32
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

und der Menschheit schlechthin sieht und somit die kulturellen Gemein-
samkeiten betont. Dagegen hebt der Kulturbegriff, wie er in der deutschen
Geschichte entwickelt wurde, die nationalen Unterschiede, die Eigenart
der Gruppen besonders hervor. 9 Zivilisation wird hier zu etwas Nützli-
chem, was aber die Wesensart des Menschen nur an der Oberfläche berührt,
während die Eigenart eines Volkes mit dem Begriff der Kultur verbunden
wird (vgl. Elias 1969, 2 ff). Kultur wird so zu einem wesentlichen Unter-
scheidungsmerkmal zwischen verschiedenen Gesellschaften (vgl. Vivelo
1981, 53).
»Kultur ist in diesem Sinne eine besondere Form der gesellschaftlichen
Erzeugung von Identitäten und Differenzen, die die Welt dadurch
bestimmbar machen, dass Möglichkeitsräume eingeschränkt werden«
(Nassehi 1997, 188).

Daraus ergibt sich die Aufteilung zwischen eigener und fremder Kultur.
Diese Aufteilung ermöglicht eine Grenzziehung zwischen Eigenem und
Fremdem und ist, wie später gezeigt werden wird, für die Konstitution des
Ethnischen von entscheidender Bedeutung.
Die Verwendung des Kulturbegriffs als Differenzierungsmerkmal wird
auch dadurch deutlich, dass man die unterschiedlichsten Ebenen mensch-
licher Organisation, unabhängig von der Größe der jeweiligen Lebenskrei-
se, als Kultur bezeichnet: Als spezifisch menschliche Weltkultur im an-
thropologischen Sinn (ebd. 185), als abendländische beziehungsweise eu-
ropäische Kultur, als nationale Kultur oder auch als städtische bezie-
hungsweise ländliche Kultur.
Des Weiteren wird der Begriff der Kultur auch in einem qualitativen
Sinn verwendet. Man unterscheidet hohe Kultur von »Unkultur« und so
von niedrigen Formen der Weltauslegung und -gestaltung (Nassehi 1997,
185; vgl. Balibar 1990, 37, Anm. 8). Diese Wertung von Kultur erhält in Zu-
sammenhang mit dem Aspekt der Grenzziehung und der Unterscheidung
in Eigenes und Fremdes eine besondere Bedeutung, die im weiteren Ver-
lauf der Arbeit thematisiert wird.
Darüber hinaus überdeckt die Betonung der Verschiedenheit von Kultu-
ren einen anderen Aspekt von Kultur, der zunächst dargestellt werden soll.
Betrachtet man Kultur, über die Grenzziehung hinaus, nun nicht aus dem
Blickwinkel des Triebverzichts des Individuums als Anpassung an die Er-
fordernisse der Gesellschaft, wendet man also den Blick weg vom »kultu-
rellen Zwang« (Greverus 1995, 3) und dem »Unbehagen in der Kultur«

// 33
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

(Freud 1930) und setzt Kultur auch nicht gleich »mit dem Bekannten, Ver-
trauten, schon immer Familiären« (Erdheim 1992, 734), dann erschließt sich
»die andere Seite von Kultur, nämlich die schöpferisch-grenzüber-
schreitende Fähigkeit, die zum Entwurf neuer kultureller und sozialer
Muster, auch als Collagen aus Eigenem und Fremdem, notwendig ist«
(Greverus 1995, 4).

Diese Herangehensweise eröffnet, neben der eingangs zitierten Betrach-


tungsweise der Kultur, einen Blick auf den sozialen Aspekt der Interaktion,
wie ihn unter anderem Maria Greverus aufgezeigt hat, einen Aspekt, der
die Vielfältigkeit von Kultur im beschriebenen Sinne erst möglich macht.
Und noch deutlicher heißt es bei Mario Erdheim dazu:
»Kultur ist das, was in der Auseinandersetzung mit dem Fremden
entsteht, sie stellt das Produkt der Veränderung des Eigenen durch
Aufnahme des Fremden dar« (Erdheim 1992, 734). 10

Damit ist der Begriff der Kultur eng mit dem Begriff des Fremden verbun-
den. In der Adoleszenz ist Kultur damit aber auch mit ähnlich ambivalen-
ten Gefühlen besetzt wie das Fremde. Kultur bietet zwar somit die Chance,
sich aus dem engen Rahmen der Familie zu lösen und sich zu verändern,
löst gleichzeitig aber auch, ebenso wie das Fremde, Angst aus. An dieser
Stelle siedelt Mario Erdheim den Begriff des Ethnischen an:
»Das Ethnische deckt sich weder mit der Familie noch mit der kulturel-
len Dynamik, versucht aber beide dadurch, dass es die Gegensätze
abbaut, einander näherzubringen« (Erdheim 1992, 740).

Somit kann man eine wesentliche begriffliche Unterscheidung vornehmen,


die im weiteren Verlauf der Arbeit beibehalten werden soll: Der Begriff Kul-
tur steht für eine gesteigerte Auseinandersetzung mit dem Fremden und ist
nicht mit dem Ethnischen gleichzusetzen. 1 1 Der Übergang zwischen Ethnie
und Kultur ist je nach Grad der Auseinandersetzung mit dem Fremden flie-
ßend und mehr oder weniger beunruhigend. Das Ethnische verlängert dabei
die Geborgenheit und Vertrautheit der Familie, dehnt sie aus auf eine Grup-
pe und macht so die Öffnung hin zur Kultur als dem Ort einer verstärkten
Auseinandersetzung mit dem Fremden möglich. Das Kulturelle und das
Ethnische haben den Aspekt der Grenzziehung gemeinsam. Sie unterschei-
den sich aber durch ihren Anteil an Vertrautem und Familiärem. Ethnie und
Kultur stehen somit letztendlich für unterschiedliche Lebenskreise.

// 34
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Damit unterscheidet sich diese Definition des Ethnischen und der Kul-
tur entscheidend von allen Versuchen, die Kultur und das Ethnische
gleichzusetzen und beiden eine statische, auf rassischen und nationalen
Vorurteilen beruhende Bedeutung zu verleihen. 12 Vielmehr erwächst dem
Ethnischen dadurch ein Stellenwert in der Entwicklung des Individuums,
der zumindest auf der individuellen Ebene die Hartnäckigkeit der Existenz
einer ethnischen Identität erklärt. Wenn die Familie der Ort ist, an dem das
Verhältnis zu den eigenen Eltern und den Geschwistern im Mittelpunkt
steht und, wie Sigmund Freud (1930) schreibt, die Familie dazu neigt, den
Jugendlichen nicht freigeben zu wollen, Kultur aber gleichzeitig über das
Eigene hinaus nur durch den Kontakt mit dem durchaus Angst auslösen-
den Fremden möglich ist, dann bedarf die Loslösung von der Familie und
die Hinwendung zur Kultur für den Jugendlichen 13 einer Vermittlung. Die
in diesem Prozess der Vermittlung herausgebildete ethnische Identität ist
individuell 14 und »bezieht sich auf das Bewußtsein und die Wertschätzung
einer Person in Hinsicht auf ihre eigene Zugehörigkeit zu einer ethnischen
Gruppe« (Schnell/Hill/Esser 1999, 123). Sie wirkt somit als »eine psychi-
sche Struktur . . . , die Orientierungshilfen anbietet, indem sie Kategorien
des Eigenen und des Fremden in ein Verhältnis bringt« (Erdheim 1992,
730).
Die Bedeutung der ethnischen Identität darf somit auf keinen Fall unter-
schätzt werden: Laut Akhtar/Samuel (1996) gehören zu der Herausbildung
einer stabilen Kernidentität eines Individuums unter anderem neben einem
realistischen Körperbild, einem subjektiven Gefühl der Unverwechselbar-
keit und einer Klarheit über das eigene Geschlecht auch das Zugehörig-
keitsgefühl zu einer ethnischen Gruppe (vgl. Volkan 1999,44 und 2000, 933).
Für Erdheim (1992, 730 und 743) hat die ethnische Identität eine ähnliche
Wichtigkeit für das Individuum bei der Orientierung innerhalb sozialer Be-
ziehungen wie die Geschlechtsidentität. 15 Auch nach Heckmann (1992,198)
gehört ethnische Identität ebenfalls zur sozialen Identität einer Person. 16
Eine Verbindung zwischen der individuellen Kernidentität und der
Großgruppen- oder auch ethnischen Identität findet durch eine transgene-
rationelle Vermittlung statt. Die Auswahl der bei der Externalisierung be-
nutzten Objekte durch das Kind ist unbewusst. Sie erfährt aber eine Unter-
stützung durch die Großgruppe (vgl. Volkan 2000, 937). Die sich endgültig
erst in der Adoleszenz herauskristallisierende ethnische Identität hat ihre
ersten Grundlagen bereits im Kindesalter. Die vom Kind mit positiven Af-
fekten besetzten Objekte teilt es mit anderen Kindern der ethnischen Grup-

// 35
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

pe, welche die gleichen Objekte benutzen. So entsteht ein Gefühl von »Wir-
heit« (Volkan 2000, 939), das sich im Laufe der Entwicklung des Kindes fes-
tigt und auch auf der Gruppenebene zu einem Gefühl der Unverwechsel-
barkeit führt.
Ethnische Identität ermöglicht es, in der Adoleszenz eine Standortbe-
stimmung jenseits der Familie vorzunehmen, sich der Zugehörigkeit zu ei-
nem größeren Lebenskreis zu versichern, ohne sich gleich ganz dem Frem-
den öffnen zu müssen. Ethnische Identität ist in der Regel mit der Sprache
und den Eigenheiten der Region, aus der die Gruppe stammt, verbunden
(vgl. Erdheim 1992, 730). 17 So gibt sie Sicherheit und schafft ein Gefühl der
Zugehörigkeit zu einer größeren Einheit. Die Definition der eigenen ethni-
schen Identität ist aber veränderbar und muss sich nicht dauerhaft aus-
schließlich auf diese ursprünglichen Zusammenhänge beziehen (vgl. ebd.
730).
Für Nassehi und Weber (1990, 254) ist die Ausbildung einer Identität zur
Beantwortung der Frage »Wer bin ich?« eine anthropologische Notwendig-
keit. Diese Aussage kann in Bezug auf die ethnische Identität noch diffe-
renziert werden: Wenn die Familie eine erste Antwort auf die Frage »Wer
bin ich?« gibt, indem sie es dem Kind ermöglicht, sich als Sohn/Tochter
von einer bestimmten Mutter und einem bestimmten Vater zu verstehen,
dann kann man sagen, dass das Ethnische die Frage »Wohin gehöre ich?«
beantwortet. 1 8 Der Jugendliche kann sich an einer Gruppe orientieren, de-
ren Mitglieder ihm ähnlich sind (vgl. Bohleber 1996, 270).
Im Entwicklungsprozess eines Menschen ist die Loslösung aus den je-
weiligen Zugehörigkeiten immer mit der Hinwendung zu einem größeren
Lebenskreis verbunden: Der Ablösung von der Mutter folgt die Hinwen-
dung zum Vater und zu den Geschwistern. Die Ablösung von der Familie
erfolgt über das Ethnische hin zur Gesellschaft, zur Kultur. 19
»Während die Familie Hort bewährter Traditionen und eingeschliffener
Rituale ist, die jede Generation auf das Eigene zu fixieren trachtet,
verdankt sich die Kultur dem Kontakt und der Konfrontation mit dem
Fremden. Zwischen beiden Extremen und den je spezifischen Gefahren,
die sie bergen, vermittelt die Ethnie, die weder Biologie noch Kultur ist.
In der Adoleszenz als einer Phase der Verunsicherung und Neuorientie-
rung muß das Individuum mit Hilfe seiner ethnischen Identität lernen,
den beunruhigenden Widerspruch zwischen familialen und kulturellen
Anforderungen, zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu lösen«
(Erdheim 1992, 730; vgl. auch Erdheim 1998, 9 ff).

// 36
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Dieser Prozess ist ein sich wiederholendes Öffnen des Eigenen und eine
Auseinandersetzung mit dem Fremden und wird von ambivalenten Gefüh-
len begleitet. Gelingt der Prozess, so wird ein Bild des Fremden, eine Frem-
denrepräsentanz aufgebaut, welche die Hinwendung zum Fremden und
damit zu einem größeren Lebenskreis ermöglicht, wobei aber die Bindun-
gen zur Mutter, später zur Familie und zur Ethnie nicht gänzlich aufgelöst,
sondern in den größeren Lebenskreis einbezogen werden (vgl. Rüsen 1996,
144). Auf allen Ebenen ist aber dieser wichtige Schritt, der eine Bereiche-
rung der eigenen Lebenswelt darstellt, von der psychohygienischen Funk-
tion der Fremdenrepräsentanz bedroht.
»Die psychohygienische Funktion ist nicht nur auf das Individuum
beschränkt, ihre verheerende Wirkung rührt eigentlich daher, dass sie
auch auf der Ebene der Gruppe bedeutsam wird« (Erdheim 1992, 733).

Im vorherigen Abschnitt konnte gezeigt werden, dass die Auseinanderset-


zung mit dem Eigenen und dem Fremden, mit Familie, Ethnizität und Kul-
tur, Teil des Entwicklungsprozesses des Individuums ist und von der Her-
ausbildung seiner sozialen Identität nicht getrennt werden kann. Die sozi-
ale Identität bildet sich zwangsläufig in den Grenzen der bestehenden so-
zialen Umwelt (Mutter, Vater, Familie, soziale Schicht, ethnische Gruppe,
Gesellschaft) aus. Inwieweit dabei die soziale Umwelt mehr oder weniger
stark nur bestätigt und reproduziert oder auch geöffnet und verändert wird,
hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Dies gilt auch für den Bereich
des Ethnischen. Bevor nun die Struktur ethnischer Gruppen analysiert und
in Zusammenhang mit der eingangs vorgenommenen Untersuchung der
Bedeutung des Ethnischen in der individuellen Entwicklung des Men-
schen dargestellt werden soll, muss noch einmal auf den Begriff des Ethni-
schen an sich zurückgekommen werden.
Bisher wurde vom Ethnischen in erster Linie im Zusammenhang mit
ethnischer Identität gesprochen. Dabei ging es um den Stellenwert, den die
ethnische Identität in der Entwicklung des Individuums, vor allem bei der
Vermittlung zwischen Familie und Kultur, einnimmt. Was kann man aber
nun unter dem Ethnischen als Prinzip für die Organisation von Gruppen
verstehen?
»Ethnizität bezeichnet die für individuelles und kollektives Handeln
bedeutsame Tatsache, dass eine relativ große Gruppe von Menschen
durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft, durch Gemeinsam-
keiten von Kultur, Geschichte und aktuellen Erfahrungen verbunden

// 37
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

sind und ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein besitzen«


(Heckmann 1992, 56; vgl. auch Elwert 1989, 25).

Der Begriff der Ethnizität 2 0 zur Beschreibung dieser Tatsache als ein Ergeb-
nis des historischen Prozesses menschlicher Entwicklung 2 1 hat sich inzwi-
schen in den Sozialwissenschaften durchgesetzt (vgl. Heckmann 1992,
30). 22
Bei der obigen Definition von Ethnizität geht es eindeutig um die Selbst-
zuschreibung einer Gruppe und damit um die endogenen Aspekte ethni-
scher Identitätsbildung. Da es aber neben der Ethnizität auch eine Zu-
schreibung ethnischer Merkmale von außen gibt, ist es notwendig, den Be-
griff der Ethnisierung für die exogenen Aspekte ethnischer Identitätsbil-
dung aufzunehmen (vgl. Römhild 1998, 142). 23 So kann der dialektische
Prozess zwischen der Selbstzuschreibung einer Gruppe als ethnischem
Kollektiv und der Zuschreibung von außen untersucht werden. Dabei ist es
offensichtlich, dass sich Ethnizität und Ethnisierung gegenseitig bedingen.
Die Selbstzuweisung von ethnischen Merkmalen (Ethnizität) und die da-
mit verbundene Abgrenzung von anderen ist notwendigerweise mit einer
Zuschreibung ethnischer Merkmale (Ethnisierung) an das Fremde ver-
knüpft, das heißt, Eingrenzung des Eigenen bedeutet immer die Ausgren-
zung des Anderen (vgl. ebd. 141).
An dieser Stelle kann noch einmal kurz der Unterschied zwischen dem
eingangs dargestellten essentialistischen und dem konstruktivistischen
Konzept verdeutlicht werden. Die Tatsache, dass Gruppen von Menschen
sich und anderen eine unterschiedliche Kultur und Abstammung zu-
schreiben, sich von anderen anhand ethnischer Merkmale unterscheiden,
ist nicht Ergebnis einer objektiven, ursprünglichen Differenz, die erkannt
wird (essentialistischer Ansatz). Sie ist vielmehr historisch-politisch be-
dingt (konstruktivistischer Ansatz).
Bevor aber auf die Frage, wie sich ethnische Identität innerhalb eines
Kollektivs erhält und entwickelt, eingegangen werden kann, muss in die-
sem Zusammenhang noch einmal auf den Begriff der ethnischen Gruppe
eingegangen werden. Unter ethnischer Gruppe, Ethnie oder ethnischem
Kollektiv ist eine unter dem Gesichtspunkt der Ethnizität vorgenommene
Gruppenbildung zu verstehen, die durch ethnische Mobilisierung ein ge-
meinsames Handeln möglich macht (vgl. Heckmann 1992, 57). 24 Dieses ge-
meinsame Handeln hat auf den verschiedenen Ebenen menschlicher Orga-
nisation unterschiedliche Bedeutungen. Je größer die Einheit, desto mehr

// 38
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

verändert sich die Basis eines gemeinsamen Handelns von der »alltäg-
lichen kulturellen Praxis« (Römhild 1998, 160) hin zu einer kulturellen
Vorstellungswelt als Ersatz für die real fehlenden gemeinsamen Erfahrun-
gen. Diese schwerwiegende Veränderung ist für die Untersuchung ethni-
scher Konflikte wesentlich und wird im Kapitel 1/1.3 untersucht.

1.1.1
Die soziale Funktion ethnischer Gruppen

»Die Menschen identifizieren sich als Mitglieder bestimmter sozia-


ler Gruppen, weil ihnen gesagt wird, sie seien Mitglieder, und weil sie be-
reitwillig sind, alles zu glauben, was ein Grundbedürfnis, in diesem Fall
nach Zugehörigkeit, befriedigt« (Rapaport 1982 zitiert nach Mentzos 1993,
55). 25
Dabei erfüllen ethnische Gruppen eine wichtige Funktion. Sie ermög-
lichen es ihren Mitgliedern, sich zu einem größeren Lebenskreis als dem
der Familie zugehörig zu fühlen. Je sicherer die Zugehörigkeit und je grö-
ßer und stärker das Kollektiv (vgl. Mentzos 1993, 157; Erdheim 1988, 279),
desto mehr bietet sie Schutz vor der Auseinandersetzung mit dem Fremden
und der damit verbundenen Angst vor dem Verlust des Eigenen. 2 6
An dieser Stelle wird der Begriff der Fremdenrepräsentanz, das Bild des
Fremden und seine psychohygienische Funktion, wieder wichtig. Auch
auf der Gruppenebene wiederholt sich die Bedeutung des Fremden für die
Entwicklung des Eigenen. Der Austausch mit dem Fremden ermöglicht ei-
ne Bereicherung der eigenen Lebensweise. Neue landwirtschaftliche Me-
thoden, neue Feldfrüchte, 2 7 neue Techniken, veränderte Transportmittel -
kurz: viele praktische Dinge werden zum Wohl der eigenen Gruppe über-
nommen. Dieser Bereitschaft, gewohnte, aber weniger brauchbare mate-
rielle Aspekte und Gewohnheiten für fremde, aber nützlichere aufzugeben,
steht das Festhalten an ideellen, weltanschaulichen und religiösen Sitten
gegenüber (vgl. Heckmann 1992, 183; Römhild 1998, 160). Die lebensnot-
wendige Anpassung an die Umwelt wird durch das Erlernen fremder Kul-
turtechniken erleichtert, bedeutet aber die Aufgabe gewohnter Verhaltens-
weisen. Die dadurch ausgelösten Ängste können durch die Betonung der
eigenen ethnischen Identität abgemildert werden.
»Ethnische Gruppen beruhen stets auf einer besonderen Grenzziehung:
der Heraushebung von Unterschieden zu anderen Gruppen und der

// 39
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

Betonung der Einmaligkeit und Eigenwertigkeit der eigenen Gruppe.


Anders sind stabile Zuschreibungen und soziale Identitäten nicht
möglich« (Esser 1996, 67).

Gerät das Gefühl der Einmaligkeit und Eigenwertigkeit der eigenen Grup-
pe unter Druck, dann nimmt die Angst, dass sich diese ganz im Fremden
auflösen könnte, und die Angst vor der damit verbundenen Bedrohung so-
zialer Identität zu. 28 Zur Abwendung dieser Angst wird das Eigene omni-
potent erhöht und verklärt. Das Bild des Eigenen verträgt dann keinen
Widerspruch und Konflikt mehr. Dieser Prozess ist von der Größe der je-
weiligen Gruppe unabhängig und kann auf allen Ebenen menschlicher Ge-
sellschaft zum Tragen kommen.
»Je weniger eine Kultur zum Wandel bereit ist, desto gefährlicher wird
ihr das Fremde und das heißt: die andere Kultur werden. Die Fremden-
repräsentanz eignet sich ihrer psychohygienischen Funktion wegen
vorzüglich dazu, Konflikte in der eigenen Kultur unbewußt zu machen:
Die Fremden sind an allem Ungemach schuld« (Erdheim 1992, 742).

Wie radikal sich das Grundbedürfnis des Dazugehörens in Form der Aus-
grenzung des Anderen in der menschlichen Geschichte immer wieder ge-
zeigt hat, sieht man an der Tatsache, dass ein Großteil der schriftlosen Ge-
sellschaften sich selbst als »Menschenwesen« oder »Leute« bezeichnete,
was zwangsläufig die anderen zu nicht wirklichen Menschen erklärte (vgl.
Volkan 1999, 60). Auch die europäische Geschichte mit ihrer langen Tradi-
tion, den Fremden zum Wilden oder Heiden zu machen (vgl. Vivelo 1981,
46; Wallerstein 1990, 39ff; Rüsen 1996, 142), verdeutlicht dies. 29 Diese radi-
kale Form des Ethnozentrismus, 3 0 das Eigene als das Gute und das Fremde
als das Schlechte zu sehen, ist eng verknüpft mit dem Bild der eigenen
Reinheit und dem Bild der fremden Unreinheit.

1.1.2
Das reine Eigene und das unreine F r e m d e

Der Begriff der Reinheit ist in doppelter Hinsicht für die Abgren-
zung des Eigenen vom Fremden relevant. 31 Zum einen wird Reinheit in Be-
zug auf eine homogene Zusammensetzung der ethnischen Gruppe ver-
wandt (Heim 1992, 723). Zum anderen wird der Fremde als schmutzig em-

// 40
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

pfunden, unbekannte Gerüche werden zum Gestank (vgl. Erikson 1982,


130). 32 Beide Aspekte von Reinheit sind eng miteinander verbunden und
lassen sich auf das Bild der eigenen Gruppe als einen quasi lebendigen Or-
ganismus zurückführen. 33 Nur wenn es gelingt, die eigene Gruppe mög-
lichst rein von Einflüssen des Fremden zu bewahren, gelingt es, sie als ein-
malig zu erhalten (vgl. Balibar 1990, 24). Dazu gehört, neben der Abgren-
zung vom Fremden, die »Ausscheidung« von allem, was die eigene Rein-
heit bedroht. Dabei ist für die ethnische Gruppe entscheidend, dass Rein-
heit nicht unbedingt unter einem biologistischen Aspekt verstanden wer-
den muss. Reinheit bezieht sich zunächst auf das Einhalten der gruppen-
spezifischen Bräuche und Riten, der Merkmale also, welche die Gruppe als
eigenständig definieren. Ethnische Gruppen, die dem zwangsläufig statt-
findenden Wandel im materiellen Bereich (beispielsweise in auf Tausch
beruhenden Gesellschaften) mit einer großen Festigkeit im ideellen Be-
reich durch Bräuche und Rituale (wie Initiationsriten) antworten, sind zu-
nächst äußerst stabil.

»Weil in diesen Kulturen alles seinen genauen, unwandelbaren Platz


hat, sind Rituale auch die passende Form der Wissensvermittlung, und
ihnen verdankt man auch entsprechend gut abgesicherte Identitäten ...
Das heißt, die Kulturen sind so stabil, dass die Probleme und ihre
Lösungen generationenlang immer mehr oder weniger gleich bleiben.
Die Identität als Mann ist für den Großvater die gleiche wie für den
Enkel, und von daher haben die identitätsstiftenden Rituale einen Sinn«
(Erdheim 1992, 738). 34

Verstöße gegen die Gesetze werden oftmals mit der »Ausscheidung« des In-
dividuums aus der Gemeinschaft geahndet. Der Preis der Stabilität ist aller-
dings hoch: Die durch die rigide Abgrenzung bedingten Auseinanderset-
zungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen finden kein En-
de (vgl. ebd. 738). 35
Damit besteht ein den Körperausscheidungen vergleichbares Bild der
fremden Einflüsse und Anteile, welche die Homogenität der Gruppe stö-
ren. Um die Reinheit der eigenen Gruppe erhalten zu können, ist es not-
wendig, das Fremde als Dreck auszuscheiden. Es gehört nicht dazu. 36 So ist
neben der Dichotomie von Eigenem als gut und Fremdem als schlecht noch
die Zuordnung von rein und unrein hinzugekommen. Dieses Grundmuster
für den Umgang mit Eigenem und Fremdem wird im weiteren Verlauf der
Arbeit immer wieder auftauchen. Es ist die Basis für die mythische Kon-
struktion von Ethnie, Volk, Nation und Kultur. Die Ängste als Ursachen der

// 41
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

aufgezeigten Dichotomie spiegeln sich aber generell in der Organisation


ethnischer Gruppen und ihrer gegenseitigen Abgrenzung wider.

1.1.3
Ethnische Koloniebildung

Heckmann (1992, 97) verweist auf den historischen Koloniebegriff,


der drei Elemente enthält:
»eine ausgewanderte Menschengruppe, die auf zunächst fremdem
Territorium ihre nationale Identität erhält, die Formen ihrer ökonomi-
schen und sozialkulturellen Organisation sowie ein Gebiet, in dem
>gesiedelt< wird, ohne dass dies ein geschlossenes Siedlungsgebiet sein
muß«.

Heckmann entwickelt angelehnt an diesen Koloniebegriff das Konzept der


ethnischen Kolonie, dem hier im Weiteren gefolgt wird. Allerdings soll der
von ihm verwendete Begriff der ethnischen Kolonie von seiner zu engen
Anbindung an ausschließlich ethnische Minderheiten gelöst und auch als
adäquat zur Beschreibung der sozialen und psychischen Strukturen der
Abgrenzung miteinander konkurrierender ethnischer Gruppen eingesetzt
werden. Der Begriff der ethnischen Kolonie 3 7 scheint dabei grundsätzlich
sowohl treffend für die Struktur der Abgrenzung von ethnischen Gruppen
untereinander als auch für die Abgrenzung einer ethnischen Gruppe gegen-
über dem Austausch mit der Kultur, mit dem Fremden zu sein. Er impli-
ziert die für die Gruppenbildung notwendige Ein- und Ausgrenzung be-
stimmter ethnischer Merkmale. 3 8
Im Kontakt mit anderen ethnischen Gruppen und dem damit verbunde-
nen Austausch von materiellen Gütern müssen die ideellen ethnischen
Merkmale gepflegt werden, wenn die ethnische Gruppe ihre Einmaligkeit
und Eigenwertigkeit erhalten will. Dabei kommt dem Bezug zur Familie ei-
ne zentrale Bedeutung zu. Ethnische Koloniebildung verläuft entlang von
familiären Strukturen. Dies geschieht auf zwei Ebenen. Zum einen findet
eine »Kettenwanderung« statt. Das heißt, in der neuen Umgebung wird,
wenn möglich, an schon bestehende verwandtschaftliche und nachbarli-
che Kontakte aus dem »Herkunftskontext« angeknüpft (Heckmann 1992,
102). 39 Zum anderen verlaufen die sozialen Beziehungen in der neuen Hei-
mat anfänglich ausschließlich innerhalb der eigenen Ethnie. Entlang der an

// 42
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Prinzipien der Verwandtschaft orientierten Struktur ethnischer Kolonien


entwickelt sich ein weites System von Vereinen zur gegenseitigen Hilfe
und zur Traditionspflege in der neuen Umgebung. Neben religiösen Verei-
nigungen, die den von der neuen Heimat oft unterschiedlichen religiösen
Hintergrund der ethnischen Gruppe pflegen, und den noch oft an Proble-
men der alten Heimat orientierten politischen Gruppen entfaltet sich ein
vielfältiges Angebot.
»Kultur, Sport, gesellige Freizeitgestaltung, nicht selten generationsmä-
ßig und nach Geschlechtern differenziert, gehören zu den Aktivitäten
dieses Vereinstypus; Chöre, Tanz- und Theatergruppen sind Formen
kultureller Aktivität« (Heckmann 1992, 104). 40

Die ethnische Kolonie erfüllt auf diese Weise unterschiedliche Aufgaben.


Sie erleichtert Neuankömmlingen die Ankunft in der neuen Umgebung,
mildert den mit der Emigration verbundenen Kulturschock und stabilisiert
so die Persönlichkeit ihrer Mitglieder. Darüber hinaus wirkt die ethnische
Kolonie als ein Organ der Interessenartikulation und der Interessenvertre-
tung der ethnischen Gruppe, auch als Ausgangsbasis für die Schulung und
Rekrutierung von potenziellen Führungspersönlichkeiten (vgl. ebd. 114).
Die ethnische Kolonie funktioniert auf diese Weise wie eine Brücke zwi-
schen der alten und der neuen Heimat. Ihre Bedeutung verändert sich ent-
sprechend der Bedürfnislage. Kommen keine neuen Einwanderer nach und
ist eine Öffnung oder ein sozialer Aufstieg außerhalb der Kolonie möglich,
kann die ethnische Kolonie mit der Zeit an Wichtigkeit verlieren. 4 1 Ist die
Möglichkeit der Akkulturation gering und nimmt der Druck der Assimila-
tion auf die ethnische Gruppe zu, kann es wieder zu einer Verstärkung der
Bedeutung der ethnischen Kolonie kommen (vgl. Heckmann 1992,116).
An dieser Stelle ist es wichtig, die Begriffe Akkulturation und Assimi-
lation näher zu bestimmen und voneinander abzugrenzen. Beide werden,
zusammen mit anderen Begriffen, zur Beschreibung des kulturellen Wan-
dels sowohl von Gruppen als auch Personen verwendet (vgl. ebd. 167). Da-
bei beschreibt Akkulturation 4 2 den wechselseitigen Prozess der Anpassung
an das Fremde, den Austausch mit dem Fremden. Dies beinhaltet sowohl
beiderseitige Veränderungen im Verhalten als auch einen damit verbunde-
nen Wertewandel. Akkulturation lässt dabei die ethnischen Unterschiede
in einem gewissen Maß fortbestehen. Verschwinden die Unterschiede zwi-
schen den ethnischen Merkmalen vollständig, löst sich die selbstständige
Existenz einer ethnischen Gruppe völlig auf, spricht man von Assimila-

// 43
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

tion. Assimilation steht für die vollständige Übernahme der ethnischen


Merkmale einer Mehrheit durch eine Minderheit (vgl. Heckmann 1992,
169f). Dieser Unterscheidung zwischen Akkulturation und Assimilation
muss aber noch ein weiterer Aspekt hinzugefügt werden, um deren Ein-
fluss auf die Entwicklung ethnischer Identität deutlich machen zu können.
Wie bereits gezeigt werden konnte, ist ethnische Identität als Teil der so-
zialen oder auch Kernidentität für das Individuum von zentraler Bedeu-
tung. Allerdings können sich die ethnischen Merkmale und darüber hinaus
auch die ethnische Identität verändern (vgl. Erdheim 1992, 730). 43 Während
eine freiwillige und behutsame Akkulturation langfristig sogar bis zu einer
Assimilation führen kann, ohne dass dies vom Individuum als Angriff auf
seine soziale Identität empfunden werden muss, führt eine zwangsweise
durchgeführte Assimilation entweder zu einer Abwehrreaktion oder zu
schweren Identitätsproblemen (vgl. ebd. 743).
Eine ethnische Kolonie birgt in diesem Zusammenhang Risiken, die
durch Angst vor einer Assimilation noch verstärkt werden und unter-
schiedlichen Einfluss auf den Prozess der Akkulturation haben können.
»Besonders bei einer relativen Vollständigkeit der ethnischen Kolonie
besteht die Gefahr einer ethnischen Selbstgenügsamkeit, die ein für das
Aufbrechen der ethnischen Schichtung 44 und für soziale Mobilität
notwendiges Aufnehmen außerethnischer Kontakte und das Eintreten in
einen universalistischen Wettbewerb behindert. Das Vorhandensein
ethnischer Strukturen entbindet von der Notwendigkeit, Kontakte
außerhalb der eigenen Gruppe zu suchen ... [und] . . . behindert >inter-
marriage<« (Heckmann 1992, 115).

Besonders intensiv ist die Abschottung der eigenen ethnischen Kolonie im


Zusammenhang mit der Bildung von ethnisch bestimmten Siedlungsstruk-
turen. Das »verpflanzte Dorf« wird zu einem Mikrokosmos, der sich durch
seine Autarkie auszeichnet (vgl. Römhild 1998, 59). Kontakte mit anderen
ethnischen Gruppen reduzieren sich - besonders in ländlichen Gebieten -
auf wirtschaftlichen Tausch. Die ethnische Kolonie als Gebilde mit einem
eigenen »symbolischen Sinnhorizont« (Nassehi 1997, 185) ist vollständig
und ermöglicht es sogar, jenseits eines geschlossenen Siedlungsgebietes
auf Basis verwandtschaftlicher Beziehungen kulturelle Kontakte zwischen
den einzelnen Höfen, Weilern und Städten zu halten (vgl. Römhild 1998,
137). Bei der Pflege und Bewahrung der ethnischen Merkmale einer Grup-
pe kommt den Frauen eine gewichtige Rolle zu. Bezüglich dieser Tradi-
tionspflege kann man sicherlich die noch über diesen Aspekt hinausge-

// 44

Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

hende Position des Psychohistorikers de Mause (1989) vertreten, der im


Gegensatz zur gängigen Geschichtsauffassung der Meinung ist, dass
ȟber Geschichte zuerst in den Familien, von Frauen und Kindern,
entschieden wird und dann sich [das Ergebnis] erst später in den öffent-
lichen Aktivitäten der Erwachsenen widerspiegelt« (zitiert nach Ment-
zos 1993, 137).

Dies gilt sowohl in Hinblick auf den Aspekt der Bewahrung und Abgren-
zung des Eigenen vom Fremden als auch für den Prozess der Anpassung an
neue Lebensformen. Die Frauen sind durch die Erziehung der Kinder stär-
ker als ihre Männer an das Haus gebunden. Je autarker die ethnische Kolo-
nie ist, desto weniger treten sie mit der Umwelt außerhalb des Dorfes in
Kontakt. Durch die Frauen wird die Familie somit sowohl zu einer zentra-
len Institution bei der Bewahrung der eigenen Sprache und der eigenen Sit-
ten 45 als auch zu einem Ort, an dem die Veränderung ethnischer Merkmale
sichtbar wird. Auch in der Familie wird dabei wieder der Unterschied zwi-
schen materiellen und ideellen ethnischen Merkmalen deutlich. Einer Öff-
nung gegenüber fremden Speisen und Gewürzen, gegenüber Modeeinflüs-
sen in der Kleidung und der Wohnungseinrichtung (vgl. Weber-Kellermann
1962, 5Off) steht ein Festhalten an der eigenen Sprache (vgl. ebd. 54) und ei-
genen Liedern (vgl. ebd. 75) 46 entgegen.
Neben der Familie ist die Schule die zweite wichtige Institution, in der
eine Traditionspflege stattfindet. 47 Gelingt es der ethnischen Kolonie, den
Schulunterricht in der eigenen Sprache zu organisieren, ist nicht nur die
weitere Pflege der Muttersprache gesichert, sondern auch ein zusätzlicher
Ort geschaffen, an dem die ethnische Sprachgemeinschaft erhalten werden
kann (vgl. Balibar 1990, 120). 48
Der Mikrokosmos der ethnischen Kolonie weist alle Züge einer voll-
ständigen Gesellschaft auf. Er bietet ein weites Feld sozialer Beziehungen,
die es ermöglichen, einen sozialen Status, unabhängig vom Kontakt mit an-
deren Gruppen, zu erwerben. Dieser soziale Status basiert auf spezifischen
Fähigkeiten und Leistungen, die sich das Individuum durch und in Bezug
auf die eigene ethnische Gruppe erworben hat. Hartmut Esser (1996) unter-
scheidet diesbezüglich zwischen verschiedenen ethnischen Ressourcen,
die für die Entwicklung der ethnischen Gruppe von essentieller Bedeutung
sind, da sie das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit durch den Besitz ei-
nes gemeinsamen »spezifischen Kapitals« (Esser 1996, 68) 49 scheinbar ob-
jektivieren. Der von Esser verwendete Begriff des »moralischen Kapitals«

// 45
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

ist dabei eng mit dem schon eingeführten Prinzip der Psychohygiene ver-
bunden.
»Die ethnische Grenzziehung beinhaltet eine deutliche ingroup-out-
group-Differenzierung nicht nur in beschreibender und typisierender
Hinsicht, sondern insbesondere in der Verpflichtung, Hochwertung und
Vertrauen nach innen, abwertende Distanz, sogar bewußte >Amoralität<
und Mißtrauen nach außen [zu zeigen] « (ebd. 68).

Diese Verpflichtung ist Teil eines allgemeinen Lernprozesses, in welchem


diese Gefühle immer wieder reproduziert werden. Sie sind damit einge-
bettet in das gleichzeitige Erlernen spezifischer Besonderheiten, die das
»kulturelle Kapital« einer Gruppe bilden. 5 0 Das »kulturelle Kapital« basiert
auf ethnischen Merkmalen wie Sprache, Kleidung oder Religion, welche
die Besonderheit der Gruppe ausmachen. Mit dem »moralischen« und
»kulturellen Kapital« erwachsen soziale Beziehungen. Die Möglichkeit, auf
diese Beziehungen zurückzugreifen, sich auf sie zu verlassen und sie unter
Umständen für sich einzusetzen, ist das »soziale Kapital« einer Gruppe. Er-
gibt sich eine Situation, in der die Durchsetzung oder Verteidigung der ei-
genen ethnischen Interessen gegenüber anderen Gruppen notwendig und
möglich ist, entwickelt sich auch ein »politisches Kapital«. Der Erwerb des
sozialen Status innerhalb der Gruppe ist sowohl vom Besitz der ethnischen
Merkmale als auch von der damit verbundenen Fähigkeit, die spezifischen
Ressourcen zu nutzen, abhängig. Die Grenzen zwischen »moralischem«,
»sozialem«, »kulturellem« und »politischem Kapital« einer ethnischen
Gruppe sind offen. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie, und damit ihr Wert,
als Teil des »spezifischen Kapitals« auf die Gruppe beschränkt sind.
Außerhalb der Gruppe können eine bestimmte Sprache oder ein bestimm-
ter Dialekt, eine besondere Tracht, die Zugehörigkeit zu einer politischen
Organisation oder auch religiöse Essensvorschriften hinderlich sein oder
sogar zum Nachteil für ihre Träger werden. Denn
»diese Ressourcen sind außerhalb der eigenen Gruppe nicht ohne
weiteres nutzbar oder auf andere Räume transferierbar. Dies kennzeich-
net die eigenartige Doppelnatur ethnischer Gruppierungen: Es sind
einerseits Gruppen, die vorwiegend spezifische Ressourcen kontrollie-
ren und gerade daraus ihre Reproduktions- und Mobilisierungsfähigkeit
beziehen. Andererseits ist es aber gerade diese Spezifität der
Ressourcen, die sie gegen Änderungen der Umgebungsbedingungen so
empfindlich machen: Immer droht die Gefahr, dass mit einem Male
sämtliche Ressourcen der Gruppe ihren Wert verlieren« (ebd. 70).

// 46
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Je selbstgenügsamer und abgeschlossener dabei die ethnische Kolonie ist,


desto mehr gewinnt sie an Bedeutung im Bewusstsein ihrer Mitglieder,
nicht nur als eine Lebensform unter anderen, sondern als Welt schlechthin.
Droht sie unterzugehen, wird nicht nur ihre Lebensform bedroht, sondern,
in der Wahrnehmung ihrer Mitglieder, ihr Leben an sich (vgl. Esser 1996,
66; Römhild 1998, 156). Daraus resultiert die Brisanz ethnischer Konflikte
und erklärt sich die Bereitschaft von Mitgliedern ethnischer Gruppen, sich
massiv für die Verteidigung ihrer ethnischen Merkmale und ihrer ethni-
schen Kolonie einzusetzen.
Wie bisher gezeigt werden konnte, hat die Auseinandersetzung mit dem
Eigenen und dem Fremden eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung
des Individuums. Das Ethnische hat besonders während der Adoleszenz
die Funktion des Vermittlers zwischen Familie und Kultur. Die in diesem
Zusammenhang auf der individuellen Ebene existierenden Strukturen set-
zen sich auf der Gruppenebene fort. Die aus den frühkindlichen Gefühlen
von Angst und Neugierde erwachsenden Haltungen der Xenophobie und
des Exotismus spielen auf der Ebene der ethnischen Kolonie eine ent-
scheidende Rolle. Die Kraft der Siedler, die Heimat zu verlassen und in der
Fremde ihr Glück zu versuchen, wird durch den Exotismus ermöglicht. Die
Fremde verspricht etwas, was die Heimat nicht bieten konnte. 51 Da der
Exotismus grundsätzlich die Auseinandersetzung mit der eigenen Ge-
schichte vermeidet, findet auch keine kritische Aufarbeitung der Auswan-
derungsgründe statt. Dies ermöglicht die Idealisierung der Heimat 52 und
den schon beschriebenen Aufbau der ethnischen Kolonie. Gerät die eigene
ethnische Identität und die ethnische Kolonie in Gefahr, aktiviert die reale
Bedrohung alle negativen Gefühle gegenüber dem Fremden. Die Xenopho-
bie wird dann zur vorwiegenden Haltung.
Ethnische Gruppen entstehen aus dem Bedürfnis der Menschen nach
Zugehörigkeit zu einer eigenwertigen Gruppe, welche Sicherheit in der
Auseinandersetzung mit dem Fremden bietet. In diesem Zusammenhang
organisieren sich ethnische Gruppen in ethnischen Kolonien und fördern
so den Erhalt der eigenen Gruppenidentität in Zusammenhang mit einer
Abgrenzung vom Fremden. Es bildet sich ein »kollektives Unbewusstes«
heraus, welches ein über Generationen vermitteltes Grundmuster für Ver-
halten und Deutungen bildet, das Roth (1997, 400) als »ethnische Menta-
lität« bezeichnet. Aus diesem kollektiven Grundmuster bildet sich indivi-
duell die ethnische Identität heraus. Dieser Prozess ist in seiner Bedeutung
nicht zu unterschätzen. Mario Erdheim hält

// 47
I Zur Theorie ethnischer Konflikte

»die kulturelle Identität für ebenso wichtig ... wie die Geschlechtsiden-
tität, wenn man sich in Geschichte und Gesellschaft orientieren will ...
Die Familie in ihren vielfältigsten Formen scheint eine unabdingbare
Institution zu sein. Ähnliches möchte ich vom Ethnischen behaupten:
Man kann es zwar zerstören, aber damit unterbindet man gleichzeitig
die Entwicklung wichtiger sozialer Fähigkeiten, nämlich eine über das
einzelne Subjekt hinausreichende Beziehung zu Raum und Zeit, zu
Umwelt und Geschichte herzustellen« (Erdheim 1992, S.743). 53

Gerade aber wegen dieser universellen Wichtigkeit für die Identitäts- und
Gruppenbildung des Menschen erscheint das Ethnische leicht als eine un-
veränderbare Grundkategorie menschlicher Existenz. Der Mythos der ur-
sprünglichen Ethnie, des reinen Volkes und der ethnischen Nation ent-
steht.

1.2
Ethnie, Volk und Nation

1.2.1
Zur Konstruktion des Ethnischen

Aufbauend auf der Bedeutung der Fremdenrepräsentanz im Kin-


desalter konnte gezeigt werden, dass sich die Auseinandersetzung mit dem
Eigenen und dem Fremden in der weiteren Entwicklung des Menschen
fortsetzt. Das Bewusstwerden der Existenz verschiedener Einheiten
menschlichen Zusammenlebens geht bei einer gelungenen Entwicklung
einher mit der Identifikation mit dem jeweils größeren Lebenskreis: Kind,
Mutter, Vater, Eltern, Familie, Ethnie, Gesellschaft/Kultur, Menschheit.
»Im Laufe der fortschreitenden Integration des einzelnen erst in die
primäre, dann in die aufeinanderfolgenden sekundären Gruppen (und
in die Gesellschaft insgesamt) kommt es zu einem ... Prozess der Selbst-
erweiterung, der darin besteht, dass das, was zunächst als Gegenüber,
als Gegenpol wahrgenommen und erlebt wurde, wenigstens partiell und
zumindest in bezug auf gewisse Dimensionen vereinnahmt und zum
eigenen erweiterten Pol gemacht wird« (Mentzos 1993, 114).

Ist die Unsicherheit zu groß und die Angst vor dem Fremden zu mächtig,
stagniert diese Entwicklung und das Individuum verharrt auf einer Ebene,

// 48
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

idealisiert diese mit Hilfe der psychohygienischen Funktion der Fremden-


repräsentanz und verweigert jede Veränderung (vgl. Erdheim 1992, 739;
Mentzos 1993, 116). Dabei wird die Tatsache bedeutsam, dass mit jedem
Schritt hin zur Gesellschaft/Kultur die Unmittelbarkeit der Beziehungen
abnimmt und die Konstruktion, also die aktive soziale Handlung der Men-
schen, zunimmt. Der Umfang der sozialen Gestaltungsmöglichkeiten zeigt
sich bereits in der Vielfalt der menschlichen Verwandtschaftsformen. So
wird die Organisation der Verwandtschaftsbeziehungen nach der Geburt
durch die Mutter in den unterschiedlichen Gesellschaften verschieden
gehandhabt. 54 Dabei variiert selbst die Rolle des Vaters je nach Gesell-
schaftsform. Je umfangreicher die Familie oder der Clan ist, desto vielfäl-
tiger sind die weiteren Formen der Verwandtschaft (vgl. Vivelo 1988,
212 ff).55
Einen wichtigen Schritt zur Erklärung der Strukturen ethnischer Grup-
penbildung machte Frederik Barth (1969). 56 Er war der Ansicht, dass ethni-
sche Unterscheidungen zu den organisierenden Grundelementen übergrei-
fender Interaktionsprozesse zwischen ethnischen Kollektiven gehören und
in diesen Interaktionsprozessen bedeutsam für die Grenzbildung und
Grenzerhaltung der einen Gruppe gegenüber der anderen sind und sich so-
mit im Kontakt verschiedener Gruppen zwangsläufig immer wieder repro-
duzieren (vgl. Barth 1969, 9). Dieser Ansatz wurde nach Barth noch in ei-
ner Reihe von Arbeiten weiterverfolgt (vgl. Elwert 1989; Heckmann 1992;
Römhild 1998 ).57 Es wurde deutlich, dass ethnische Gruppenbildung auch
jenseits einer gemeinsamen Herkunft und sogar jenseits einer gemeinsa-
men Sprache möglich ist 58 und es zahlreiche Beispiele von ethnischen
Gruppen gibt, die »sich in erster Linie als Heiratsklassen, Altersklassen, so-
zioprofessionelle Gruppen, Verwandtschaftslinien oder Lokalgruppen or-
ganisierten« (vgl. Elwert 1989, 18).
Damit kann man eine wichtige Aussage in Bezug auf Ethnizität machen.
Die Organisationsform von Ethnien ist Ergebnis einer aktiven sozialen
Handlung der Menschen. Sie ist Teil menschlicher Geschichte. Die Kon-
struktion von ethnischen Gruppen kann in vielfältiger Art und Weise er-
folgen. Es lässt sich dafür keine allgemeine Gesetzmäßigkeit festlegen. Dass
aber eine Gruppenbildung erfolgt, scheint für die Existenz des Menschen
als soziales Wesen unabdingbar (vgl. Heckmann 1992, 30). Damit liegt die
konkrete Erscheinungsform einer Ethnie im Bereich der Zufälligkeit, die
Tatsache ihrer wie auch immer gearteten Existenz aber im Bereich der Not-
wendigkeit. 59 Dies erklärt, warum auf der einen Seite eine unendliche Viel-

// 49
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

zahl von verschiedenen ethnischen Gruppen besteht, es auf der anderen


Seite aber kein Beispiel einer menschlichen Lebensform gibt, die nicht auf
einer Gruppenbildung beruht. 6 0
Die Merkmale der Ähnlichkeit und damit auch der Abgrenzung von an-
deren, welche die Bildung einer ethnischen Gruppe möglich machen, be-
ruhen auf sinnlich wahrnehmbaren Unterschieden. Sie beruhen in der Re-
gel auf der Sprache, der Religion, der Hautfarbe, einer gemeinsamen Re-
gion, in der man lebt, aber auch auf der Mode, dem Essen, der Musik oder
dem Alter (vgl. Erdheim 1992, 730; Heckmann 1992, 33; Esser 1996, 67). Der
Charakter der äußeren Merkmale einer ethnischen Gruppenbildung ist aus-
tauschbar. Wichtig ist, dass sie die Abgrenzung von anderen Gruppen er-
möglichen. Diese Abgrenzung ist, wie bereits angedeutet, ein aktiver
Schritt, welcher die Differenz zwischen den eigenen und den fremden
Merkmalen erhöht oder verringert, je nachdem, ob ein gesteigertes oder
vermindertes Bedürfnis nach Abgrenzung besteht. Dies gilt auch für
scheinbar so »objektive« Merkmale wie Sprache, Religion oder Hautfarbe. 61
Der Aspekt der Grenzziehung ist allen Gruppenbildungen eigen. Ethnien
unterscheiden sich aber in einem wichtigen Punkt von beispielsweise po-
litischen Vereinen oder auch religiösen Gemeinschaften. »Ethnische Grup-
pen/Ethnien sind familienübergreifende und familienerfassende Gruppen,
die sich selbst eine (u. U. auch exklusive) kollektive Identität zusprechen«
(Elwert 1989, 22).
Dabei ist es möglich, dass sich bestimmte Gruppen formieren und
fremdsprachige Familien, Clans oder auch Stämme aufnehmen und ande-
re, der eigenen Sprachfamilie zugehörende Gruppen ausschließen. 6 2 Für
die aufnehmende Gruppe ist es hierbei nicht von Bedeutung, ob der Beitritt
zu ihrer Ethnie freiwillig erfolgt oder ein Ergebnis einer von ihr betriebe-
nen Assimilation oder Zwangsassimilation ist. Wichtig ist für sie nur, dass
die Aufnahme zu einer Übernahme und Bestätigung der eigenen ethni-
schen Merkmale führt. Die Möglichkeit der ethnischen Konversion besteht
nicht nur bei Gruppen, sondern auch auf der individuellen Ebene.
»Mit >familienübergreifend und familienerfassend< ist die Ethnie einer-
seits vom Verwandtschaftsverband differenziert und andererseits wird
implizit auf die Erblichkeit der Zuordnung hingewiesen, unabhängig
davon, ob der Vererbende selbst durch Geburt oder durch Beitritt in die
Ethnie aufgenommen wurde. Auch die ethnische Konversion schafft
eine erbliche Identität ... Ein wichtiger Aspekt rückt damit in den
Vordergrund: Ethnien organisieren Verwandtschaft« (Elwert 1989, 24).

// 50
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Ethnien begründen also Verwandtschaftsbeziehungen (vgl. Sigrist 1997, 45)


auch jenseits von Herkunft und Abstammung, indem die durch einen Bei-
tritt (Konversion) ermöglichte Zugehörigkeit vererblich ist und zumindest
für die Nachkommen Verwandtschaftsbezüge schafft (vgl. Elwert 1989,
24). 63 Dabei ist die Exklusivität ethnischer Identität häufig üblich, aber
nicht zwingend notwendig, sodass vor allem bei befreundeten ethnischen
Gruppen Konversion die Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen offen
hält (vgl. Elwert 1989, 25).
Wie bisher gezeigt wurde, sind alle genannten ethnischen Unterschei-
dungsmerkmale veränderbar. Ethnische Gruppen schaffen und bedienen
sich dieser Merkmale, um sich gegenüber anderen Gruppen als eigenstän-
dig erkennen zu können. Ein wichtiges Merkmal wurde aber bisher in die-
ser Arbeit noch nicht dargestellt. In den verschiedenen schon vorgestellten
Untersuchungen zur Auseinandersetzung mit dem Ethnischen taucht im-
mer wieder der Begriff der Geschichte auf. Dabei wird hervorgehoben, dass
der Glaube an eine gemeinsame Geschichte innerhalb einer ethnischen
Gruppe eine wichtige Rolle spielt (vgl. Heckmann 1992, 57; Elwert 1989, 7;
Römhild 1998, 22ff). An dieser Stelle beginnt der Übergang von der Kon-
struktion der Gruppenbildung zur mythischen Verklärung einer imaginä-
ren ethnischen Volks- beziehungsweise Nationszugehörigkeit. Werfen wir,
um dies zu verdeutlichen, noch einmal den Blick auf ein eingangs ver-
wendetes Zitat.
»Ethnizität bezeichnet die für individuelles und kollektives Handeln
bedeutsame Tatsache, dass eine relativ große Gruppe von Menschen
durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft, durch Gemeinsam-
keiten von Kultur, Geschichte und aktuellen Erfahrungen verbunden ist
und ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein besitzt« (Heck-
mann 1992, 56; vgl. auch Elwert 1989, 26).

Man muss hier unterscheiden zwischen einem realen Gruppenbewusst-


sein, also ethnischen Gemeinsamkeiten, aktuellen Erfahrungen und Er-
innerungen auf der einen Seite und dem Glauben an eine gemeinsame Her-
kunft und Geschichte auf der anderen Seite. Während Ersteres real gelebt
wird, etwa in der Familie, auf dem Feld und der Arbeit, liegt Letzteres im
Bereich der Vorstellung und des Glaubens. 64 Damit teilt sich auch der Ge-
schichtsbegriff in zwei Teile, zum einen in Alltagsgeschichte, die in ge-
meinsame Erinnerungen und Erfahrungen mündet, und Geschichte, die
das selbst erlebte oder auch direkt überlieferte mit anderen Informationen

// 51
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

in einen größeren Zusammenhang stellt. 65 Das ethnische Merkmal einer ge-


meinsamen Geschichte unterliegt aber den gleichen Gesetzmäßigkeiten
wie die anderen ethnischen Merkmale. Geschichte wird - wenn notwendig
- umgeschrieben und verändert, 66 wenn Annäherung oder Abgrenzung
stattfindet. Geschichte unterscheidet sich aber in einem wichtigen Punkt
von den anderen ethnischen Merkmalen. Wo Geschichte nicht Annähe-
rung an vergangene menschliche Handlungen ist, sondern versucht, diese
zu verschleiern, wird sie zum Mythos.

1.2.2
Z u m Mythos von Volk und Nation

In der Vorbemerkung zu seinem Buch Mythen des Alltags schreibt


Roland Barthes über den Anlass zur Entstehung des Werkes, dass er dar-
unter litt, »sehen zu müssen, wie Natur und Geschichte ständig miteinan-
der verwechselt werden« (Barthes 1964, 7), und er deswegen diesem ideo-
logischen Missbrauch auf die Spur kommen wollte. Der von ihm in diesem
Zusammenhang verwendete Begriff des Mythos schien ihm treffend für
diese falschen Augenscheinlichkeiten zu sein (vgl. Barthes 1964, 7). Grund-
sätzlich ist das wesentliche Merkmal jedes Mythos die Tatsache, dass er ein
sekundäres semiologisches System ist, also auf einem anderen, schon vor
ihm existierenden semiologischen System aufbaut. Er benötigt somit zu
seiner Entfaltung eine schon vor ihm existierende Bedeutung (vgl. ebd.
90 f). Der Mythos der ethnischen Nation baut auf der im bisherigen Teil der
Arbeit ausführlich dargestellten Bedeutung des Ethnischen für die Ent-
wicklung des Menschen auf. Es fällt dem Mythos leicht, die ethnischen
Merkmale zu benutzen und ihnen eine neue Bedeutung zu verleihen.
Wenn ethnische Identität so wichtig ist und die Verschiedenheit ethnischer
Merkmale so augenscheinlich, dann müssen sie natürlich sein, suggeriert
der Mythos. Auf diese Weise hat er eine wichtige Funktion bei der Ab-
grenzung einzelner Gruppen voneinander. Dabei ist der Mythos Nachricht
und Feststellung in einem. 6 7 Die historische Tatsache, dass verschiedene
ethnische Gruppen gemeinsam in bestimmten Regionen verschiedene
Sprachen, Sitten oder Religionen entwickelt haben, erscheint zuerst als ei-
ne Nachricht. Sie entwickelt sich dann zu der Feststellung, dass es schon
immer so gewesen ist. Das bedeutet:
»Die Welt liefert dem Mythos ein historisches Reales, das durch die Art

// 52
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

und Weise definiert wird, auf die es die Menschen hervorgebracht oder
benutzt haben. Der Mythos gibt ein natürliches Bild dieses Realen
wieder« (Barthes 1964, 130).

Er entzieht der Wirklichkeit der ethnischen Vielfalt dabei ihre menschliche


Geschichte auf eine besondere Weise. Der Mythos leugnet die soziale
Handlung der Menschen, 6 8 die diese Vielfalt hervorgebracht hat, indem er
die Unterschiede zur Natur erklärt. Damit diese natürliche Existenz bewie-
sen werden kann, wird menschliche Geschichte dort rekonstruiert, wo sie
der Bestätigung der scheinbaren Natürlichkeit dient. So besetzt dieser Um-
gang mit Geschichte die ethnischen Merkmale. Aktuelle Unterschiede der
Sprachen, Religionen oder Sitten werden im Vergangenen gesucht, gefun-
den und als naturgegeben verstanden. Wegen seiner schnellen, fast belie-
bigen Manipulierbarkeit wird das ethnische Merkmal der gemeinsamen
Geschichte für die Ideologie zum entscheidenden Moment.
Denn gerade auf der Ebene des Nationalen ist der Mythos für die Ideo-
logie unersetzlich. Die Existenz verschiedener Völker 69 und Nationen ist
»das historisch Reale«, also die Nachricht, welche durch den Mythos zu ei-
ner »Feststellung« wird. So überbringt der Mythos die Botschaft ihrer Na-
türlichkeit. Dabei macht der Mythos des ethnisch reinen Volkes sich die
ethnische Identität der Menschen zunutze. Er missbraucht die verschiede-
nen Gefühle von Angst, Solidarität, Neugier oder Stolz, die mit ethnischer
Identität verbunden sind, indem er diese für sich beansprucht. 7 0 So werden
die auf der Ebene der ethnischen Gruppe durchaus in realen Beziehungen
entwickelten und gelebten Gefühle (vgl. Bohleber 1992, 695) über den My-
thos des Volkes auf die Ebene der Nation transformiert, wo sie ausschließ-
lich im Bereich der Vorstellung verbleiben. 7 1 Balibar (1990, 118) spricht in
diesem Zusammenhang von »fiktiver Ethnizität«:
»Keine Nation besitzt von Natur aus eine ethnische Basis, sondern in
dem Maße, wie die Gesellschaftsformationen einen nationalen Charakter
bekommen, werden die Bevölkerungen >ethnizisiert<, die sie umfassen,
die sie sich teilen oder die sie dominieren; d. h. diese werden für die
Vergangenheit und Zukunft so dargestellt, als würden sie eine natürli-
che Gemeinschaft bilden, die per se eine herkunftsmäßige, kulturelle
und interessenmäßige Identität hat« (ebd. 118).

Ahnliches beobachtet man bei den oft mit der ethnischen Identität verbun-
denen Gefühlen gegenüber dem von der Ethnie bewohnten Territorium.
Die Besetzung des Territoriums als »Heimat« ist Ergebnis eines »langen kul-

// 53
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

turellen Sozialisierungsprozesses« (Greverus 1972, 333). Die mit der Hei-


mat verbundenen Gefühle von Vertrautheit und Sicherheit (ebd. 382) kön-
nen, ebenso wie die anderen mit der ethnischen Identität verbundenen Ge-
fühle, auf der Ebene der Nation nicht real gelebt werden. Anders als in ei-
ner Ethnie können die Mitglieder einer Nation sich mit dem nationalen
Territorium nicht wirklich vertraut gemacht haben und sich niemals »face-
to-face« (Anderson 1988) kennenlernen. Ihre Mitgliedschaft bleibt auf-
grund der Anzahl der Mitglieder anonym (vgl. Heckmann 1992, 53), ihre
Verbundenheit zum nationalen Territorium aufgrund dessen Größe imagi-
när. Somit lässt sich die durch die Überschaubarkeit der Ethnien und durch
die gemeinsame Alltagskultur entwickelte »ethnische Mentalität« (Roth
1997, 404) ebenfalls nicht auf die Ebene der Nation übertragen. Während
man in Bezug auf Ethnien durchaus von einer ethnischen Mentalität spre-
chen kann, verbietet es sich, auf der Ebene der Nation von »Volksgeist« und
»Nationalcharakter« zu sprechen (ebd. 404).
Durch die Konstruktion des Volkes 72 als ein homogenes Gebilde mit lan-
ger Tradition wird der Nation gleichsam eine Geschichte verliehen. Der
Mythos des reinen Volkes und der ethnischen Nation hat ein
»besonders dynamisches Kraft- und Energiepotential, das durch ...
religiöse, geschichtliche oder politische Mythenbildung gesellschaftlich
freigesetzt wird. Um so stärker und wirksamer, je mehr ethnische Er-
innerungsfäden darin eingewoben sind, je mehr das >völkische< Motiv
im >nationalen< aufgeht« (Kaschuba 1995, 60).

Dadurch, dass die »ethnischen Erinnerungsfäden« auf der Ebene der Na-
tion zwangsläufig nur in eine Vorstellungswelt übertragen werden können,
lösen sie sich hier aber völlig von ihrem realen Bezug und werden Teil des
»Phantasmas der Nation« (Bohleber 1992, 691 ff).
»Nationalismus hat eine zweifache gesellschaftliche Funktion: er ist
Abwehr - und Integrationsideologie zugleich. Als kollektiv einigende
Phantasie gibt die nationalistische Vorstellung von der Nation einem
gestärkten Wir-Gefühl Ausdruck und hat emotionale Qualitäten, welche
die nicht-rationalen Bedürfnisse der Menschen kanalisieren und befrie-
digen können. Sie baut diejenigen, die sich mit ihr identifizieren,
narzißtisch auf« (ebd. 695).

Die schon auf der Ebene der ethnischen Gruppe bedeutsamen Strukturen
tauchen auf der Ebene des Volkes und der Nation wieder auf.

// 54
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

»Jene Phantasmagorien, die dem Kind einst Angst machten beziehungs-


weise in ihm die Hoffnung nährten, woanders sei alles besser, tauchen
wieder auf und erscheinen im ideologischen Bild, das das Verhältnis zu
den Fremden regelt« (Erdheim 1988, 264).

Wie bereits gezeigt wurde, geht die Entwicklung von Kultur einher mit der
Auseinandersetzung des Eigenen mit dem Fremden. Kultur generell ist das
Ergebnis eines dialektischen Prozesses der Öffnung gegenüber dem Frem-
den und der gleichzeitigen Abgrenzung des Eigenen vom Fremden. Das im
Kapitel 1/1.1.2 aufgezeigte Wechselspiel zwischen der Aufnahme materiel-
ler Aspekte fremder Kulturen und dem gleichzeitigen Festhalten an ideel-
len Aspekten der eigenen Kultur verschärft sich auf der Ebene des ethnisch
reinen Volkes und der ethnischen Nation.
Das für die Familie bestehende Inzestverbot, das die Öffnung hin zu ei-
nem größeren Lebenskreis erzwingt (vgl. Erdheim 1992, 740 und 1998, 17),
lässt sich auf die Ebene der Ethnien ausdehnen. Auch hier bedeutet die Öff-
nung kulturellen Gewinn und Entwicklung. Mit dem Inzesttabu eng ver-
bunden ist das Prinzip der Gastfreundschaft, welches dem Fremden einen
geschützten Zugang zum Eigenen ermöglicht (vgl. Erdheim 1992, 725). Der
Mythos des reinen Volkes und der ethnischen Nation verkehrt beides, »In-
zestverbot« und »Gastfreundschaft«, in ihr Gegenteil. Die Vereinigung mit
dem Eigenen und die Bekämpfung des Fremden soll die Klammer sein,
welche das »Phantasma der Nation« zusammenhält.
Einerseits zerstört der Nationalismus das Ethnische real, da das Ethni-
sche sich in seiner Vielfalt nicht mit dem Zentralismus einer ethnisch ho-
mogenen Nation verträgt. Dies zeigt sich nicht nur in der Unterdrückung
»anderer« Ethnien, sondern auch an der Entwicklung einer Nationalspra-
che und der damit verbundenen Entwertung ethnischer Eigenheiten, wie
regionale Dialekte (vgl. Erdheim 1988, 241 und 1992, 731), Trachten oder
Traditionen. Keine Nation, in der nicht die ethnischen Eigenheiten ihrer
verschiedenen Gruppen als rückständig belächelt oder sogar verspottet
würden. 73 Andererseits belebt der Nationalismus das Ethnische fiktiv auf
der Ebene des Volkes und der Nation wieder. Jetzt allerdings um den Preis
der radikalen Abgrenzung auf Basis des Wunsches nach einer imaginären
Reinheit. Ethnische Merkmale, die als Ergebnis menschlicher Handlungen
soziale Wirklichkeit geworden sind, werden einem Volk, einer Nation zu-
geschrieben. Im Zuge der Entstehung der Nationalstaaten 74 werden aus ih-
nen die Bausteine, aus denen sich der Begriff der Nationalkultur heraus-

// 55
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

bildet. Die eigene Kultur, die ohne die Aufnahme des Fremden nicht hätte
entstehen können, wird nun zu einem entscheidenden Abgrenzungsmerk-
mal von der fremden Kultur. Die Betonung der kulturellen Unterschiede
zwischen verschiedenen Nationen überdeckt die Mannigfaltigkeit ihrer
kulturellen Gemeinsamkeiten und damit die den Menschen gemeinsame
Kultur (vgl. Nassehi 1997, 190). So wird auf der Ebene der Nation der dy-
namische Aspekt einer sich ständig verändernden Alltagskultur durch ei-
nen statischen Kulturbegriff ersetzt (vgl. Römhild 1998, 160).
»Solche Kultur läßt sich vor allem aus zeitlich weit entfernten Traditio-
nen und aus einem eigens konstruierten kollektiven Ursprungsmythos
ableiten und damit abseits der aktuellen kulturellen Dynamik konservie-
ren« (ebd. 160).

Die Idee einer eigenen nationalen Kultur entwickelt sich auf der Ebene der
Nation entlang der Bedeutung der Sprache. Mit ihr verbinden sich die ver-
schiedenen »ethnischen und kulturellen Merkmale«, werden so zu Unter-
scheidungskriterien und lassen kulturelle Gemeinsamkeiten hinter den
Trennungslinien der verschiedenen Sprachen verschwinden. Das ethni-
sche Merkmal der Sprache ist für den Mythos des ethnisch reinen Volkes
und der Nation entscheidend. Die gemeinsame Sprache stellt die Kommu-
nikationsfähigkeit der verschiedenen Klassen und Ethnien innerhalb eines
Volkes sicher und ermöglicht so die Existenz des »Wir-Gefühls« (Bohleber
1992, 692) auf der Makroebene der Nation. Die nationale Sprache erscheint
als das Element im Leben des Volkes, als die Realität, die sich jeder aneig-
nen kann, ohne seine individuelle Identität aufgeben zu müssen (Balibar
1990, 120). Gleichzeitig genügt Sprache allein aber nicht für die Grenzzie-
hung zwischen dem Eigenen und dem Fremden auf der Ebene der Nation.
Sprache ist frei zugänglich und überlässt dem Fremden die Entscheidung
über ihren Erwerb. Kommunikative Kompetenz alleine verleiht nicht das
Attribut der Zugehörigkeit zur Nation. Sprache wird dabei ergänzt durch
den Begriff der Rasse. Nur die Komplementarität von Sprache und Rasse er-
laubt es, sich das »Volk« als eine absolut autonome Einheit vorzustellen
(vgl. Balibar 1990, 119).
»Die Idee einer rassischen Gemeinschaft kommt auf, wenn sich die
Grenzen der Zusammengehörigkeit auf der Ebene der Sippe, der Nach-
barschaftsgemeinschaft und, zumindest theoretisch, der sozialen Klasse
auflösen, um imaginär an die Schwelle der Nationalität verlagert zu
werden« (ebd. 123).

// 56
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Auf diese Weise stellt die nationalistische Ideologie die These auf, dass die
Mitglieder eines Volkes miteinander verwandt sind (ebd. 123), und miss-
braucht so den Aspekt der Verwandtschaft als ein wichtiges Charakteristi-
kum ethnischer Gruppen für den Mythos der ethnischen Nation. Durch die
Verknüpfung von Sprache und Rasse wird die Muttersprache, über die
Sprache der realen Mutter hinaus, zum Ausdruck einer gemeinsamen Ab-
stammung.
An dieser Stelle wird Geschichte zum entscheidenden Merkmal der fik-
tiven Ethnizität des Volkes und der Nation. Geschichte als ethnisches
Merkmal wird nun endgültig mit dem Prinzip Herkunft und Abstammung
verbunden. Herkunft und Abstammung erscheinen als Quelle, aus der Ras-
se, Sprache und Kultur entspringen. Sprache, Herkunft und Geschichte
nehmen nun auf der Ebene der Nation als nationale Merkmale die gleiche
Funktion ein wie ethnische Merkmale auf der Ebene der Ethnie, jetzt aller-
dings zur Abgrenzung eines in Konsequenz nur fiktiven Eigenen von einem
fiktiven Fremden. Geschichte wird dabei, ähnlich wie die Begriffe der Ras-
se und der Kultur, mit dem Attribut von Reinheit oder Unreinheit verse-
hen. Je ungetrübter Abstammung und Herkunft in der Geschichte zu sehen
sind, desto besser und gesünder sei diese. Aus dieser Auffassung resultiert
auch
»die für die meisten Ethnogeschichten typische kulturpessimistische
Tendenz, mit der die Qualität der Gegenwart am bedrohten Bestand
bewahrter kultureller Traditionen bemessen wird« (Balibar 1990, 29). 75

Dabei hat der Mythos aber nicht nur eine rückwärtsgewandte Sichtweise.
Vielmehr wird die Hoffnung auf eine an der imaginierten Reinheit orien-
tierte utopische Zukunft durch den Mythos des Vergangenen begründet
(vgl. Bielefeld 2001, 4).
Je größer aber die Einheit ist, auf die sich diese Vorstellungen beziehen,
desto weniger entsprechen die ethnischen Merkmale, entspricht die kultu-
relle Tradition der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Damit muss das Natio-
nale beständig von neuem inszeniert werden, um die Existenz einer natio-
nalen Identität erfolgreich suggerieren zu können (vgl. Binder/Niedermül-
ler/Kaschuba 2001, 7ff). Dieser Widerspruch hat eine fatale Auswirkung auf
den Nationalismus. Die ungeheure Aufwertung, die das Individuum durch
die Identifikation mit dem Phantasma der Nation erfährt, ist permanent be-
droht und muss verteidigt werden, um sich der eigenen Zugehörigkeit zur
Sicherheit spendenden Nation zu versichern. Da real dem Traumbild der

// 57
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

ethnisch reinen Nation nicht entsprochen werden kann, müssen vermeint-


lich fremde Einflüsse ausgemacht und als Störungen »ausgeschieden« wer-
den. Dieser innere Zwang verbindet den Nationalismus unweigerlich mit
dem Rassismus (vgl. Balibar 1990, 49). Die wechselseitige Determination
von Rassismus und Nationalismus zeigt sich auch in der Art und Weise,
wie die verschiedenen Nationalismen der Neuzeit - wobei der deutsche
Nationalsozialismus die konsequenteste und radikalste Variante darstellte
- den Antisemitismus benutzt haben. Dabei wurde versucht, die fiktive
Ethnizität der Nation durch die Verfolgung eines gleichsamen Prototyps ei-
nes nicht nationalen, nicht assimilierbaren Feindes - dem »Juden« - zu si-
chern (ebd. 67 ff). Da also die fiktive rassische und kulturelle Identität der
»wahren Mitglieder der Nation« zwangsweise unsichtbar bleibt, leitet sie
sich von der imaginierten Sichtbarkeit der falschen Staatsangehörigen ab
(vgl. ebd. 77). Dabei sind die Grenzen der verschiedenen rassistischen Ka-
tego-rien durchaus flexibel und können sich den Gegebenheiten der ak-
tuellen Situation anpassen. Man kann an dieser Stelle wiederum auf den
Zusammenhang von Möglichkeit und Notwendigkeit verweisen. Ausgren-
zung und Diskriminierung sind für die Konstituierung des Rassismus not-
wendig, während in Hinblick auf die Auswahl der stigmatisierten Gruppe
und deren Stellung in der rassistischen Rangordnung Veränderungen mög-
lich sind (vgl. Wallerstein 1990, 45).
In diesem Prozess erscheint jeweils das eigene Volk, die eigene Nation
als ein biologischer Organismus (vgl. Bohleber 1992, 703). 76 »Jeweilige
Werte, Ziele und Zwecke erhalten ihre Legitimation nur aus ihrer orga-
nischen Einbindung in die Nation und ihre Zwecksetzungen« (ebd.
703). Für das Individuum bedeutet dies, dass es nicht nur sich selbst ge-
hört, sondern Glied eines großen Ganzen ist (vgl. ebd. 703). Die Aufgabe der
eigenen Handlungskompetenz wird belohnt mit der Befriedigung früh-
kindlicher Verschmelzungssehnsüchte, die Trennung von der Mutter wie-
der aufzuheben und die verlorene Symbiose wiederherzustellen (vgl.
Krainz 1982, 335).
Durch die Verlagerung der schon auf der individuellen, familiären und
ethnischen Ebene existierenden psychohygienischen Funktion der Frem-
denrepräsentanz auf die Ebene der Nation ergibt sich eine Verschärfung der
Widersprüche. Die Idealisierung des Eigenen und die Abspaltung des
Fremden als »Bösen« führt zu einer Bedeutungserhöhung der mythologi-
schen Verklärung der eigenen Geschichte.

// 58
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

»Je extremer der Nationalismus ist, desto mehr werden wichtige Infor-
mationen und Realitätswahrnehmungen durch unrealistische, eher
unwichtige, aber von der nationalistischen Ideologie favorisierte ver-
drängt« (Bohleber 1992, 695).

Dabei wirkt die Übertragung kollektiver Gefühle auf den Nationalstaat,


ebenso wie schon auf der Ebene der Ethnie, in einem doppelten Sinn. Zwi-
schen Ethnizität und Ethnisierung besteht ein dialektisches Verhältnis.
»Ethnische Identität entsteht auf der Grundlage von aufeinander folgenden
Fremd- und Selbstzuschreibungen« (Römhild 1998, 138). Oft ist es die na-
tionalistische Entwicklung der Nachbarvölker, die erst die Entwicklung ei-
nes Zugehörigkeitsgefühls einer ethnischen Gruppe zu einem anderen
»Volk« vorantreibt. Eine ethnische Gruppe kann die Tatsache der eigenen
Situation als Minderheit in einer bestimmten Region dadurch kompensie-
ren, dass sie sich als Teil eines größeren »Volkes« außerhalb dieses Raumes
als Mehrheit versteht. Die Zugehörigkeit zu einem »starken, großen Volk«
befriedigt den Wunsch nach Sicherheit in einer sonst für die Minderheit
bedrohlichen Situation. 7 7 Besonders konfliktträchtig ist diese Situation,
wenn die Mehrheitsverhältnisse nicht eindeutig sind und sich die rivali-
sierenden Ethnien jeweils selbst als Minderheiten verstehen; wenn also je-
de am Konflikt beteiligte Ethnie sich in ihrer Existenz von der anderen Eth-
nie bedroht fühlt. Waldmann verwendet in diesem Zusammenhang für
zwei am Konflikt beteiligte Ethnien den Begriff der »doppelten Minder-
heit« (Waldmann 1995, 106). 78 Sind mehr als zwei Ethnien, die den Min-
derheitenstatus für sich in Anspruch nehmen können, an der Ausein-
andersetzung beteiligt, bietet sich der Begriff »konkurrierende Minderhei-
ten« an. Der Konflikt zwischen ethnischen Gruppen verschärft sich zusätz-
lich, wenn über die ethnische Auseinandersetzung hinaus machtpolitische
oder nationalistische Interessen anderer Staaten hinzukommen. Für den
Nationalstaat bietet die Unterstützung ethnischer Gruppen, die als Min-
derheiten auf dem Gebiet anderer Nationalstaaten leben, die Möglichkeit,
Einfluss auf fremde Territorien zu nehmen. Damit wird deutlich, dass der
Mythos von Volk und Nation sowohl eine eher defensive, schützende als
auch eine offensive, expansionistische Funktion einnehmen kann. 7 9
»Wir müssen differenzieren zwischen einem realen Gruppen- und
Kollektivbewußtsein einerseits und jenem nationalen Bewusstsein
andererseits, das angeblich einer bestimmten Staatsform, dem National-
staat zugrundeliegen soll. Dass beides dasselbe ist, will uns der Natio-
nalist glauben machen« (Bohleber 1992, 695).

// 59
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

In Bezug auf den Mythos von Volk und Nation wurde bisher nicht zwi-
schen unterschiedlichen Interessen innerhalb sozialer Gruppen unter-
schieden. Die ethnische Gruppe wurde als Kollektiv beschrieben und nicht
zwischen den verschiedenen Mitgliedern der Gruppe differenziert. Dabei
weisen ethnische Gruppen, ebenso wie Nationen, selbstverständlich auch
eine immanente soziale Schichtung auf. Der soziale Status ist aber für ein
Individuum nicht nur innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe von Be-
deutung. Die soziale Stellung ist darüber hinaus entscheidend für die Rol-
le, die einzelne Mitglieder beim Kontakt mit anderen ethnischen Gruppen
und bei der Entstehung von Konflikten und Kriegen einnehmen.

1.3
Vom ethnischen Konflikt zum ethnisch-national
begründeten Krieg

Wie gezeigt werden konnte, tauchen bestimmte Grundmuster des


frühkindlichen Bildes vom Eigenen und Fremden sowohl in der Adoles-
zenz als auch im Erwachsenenalter wieder auf. Sie bilden auf der Ebene der
ethnischen Gruppe die Basis, auf der sich ethnische Identität entwickelt.
Die damit verbundene Abgrenzung vom Fremden kann durch die psycho-
hygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz zu einer Idealisierung des
Eigenen und zur Verteufelung des Fremden führen. Diese psychischen
Strukturen spiegeln sich in der Organisation der ethnischen Gruppe und
der ethnischen Kolonie wider. Auch die für die Auswanderung in die
Fremde bedeutsame Grundhaltung des Exotismus schützt nicht dauerhaft
vor der Xenophobie. Jede reale oder auch vermeintliche Bedrohung der
ethnischen Identität stärkt die Grundhaltung der Xenophobie und die da-
mit verbundene Bereitschaft, das Eigene gegenüber dem Fremden zu ver-
teidigen. Durch die psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsen-
tanz ist Ethnisierung mit Abwertung des Fremden und Ethnizität mit Auf-
wertung des Eigenen verknüpft. Diese Wechselbeziehung führt zu einer
langen Geschichte gegenseitiger Entwertungen zwischen ethnischen Grup-
pen. Die eigenen Erniedrigungen und das dabei erlittene Leid werden eben-
so wie positive Erinnerungen an Zeiten eigener Größe im »kollektiven Ge-
dächtnis« (Diner 1999) der Ethnien aufbewahrt. Sie erfahren hier eine spe-
zielle Mythologisierung. So werden beispielsweise aus vergangenen mili-
tärischen Siegen oder auch technischen und künstlerischen Errungen-

// 60
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Schäften »auserwählte Ruhmestaten«, derer man sich rituell erinnert und


so das kollektive Selbstwertgefühl erhöht. Die erlittenen Niederlagen wer-
den auf die gleiche Weise zu »auserwählten Traumata« (vgl. Volkan 1999,
72f und 2000, 942). 80 Sie spielen im kollektiven Gedächtnis eine besondere
und komplizierte Rolle. Dass einzelne erlittene Erniedrigungen im kollek-
tiven Gedächtnis bewahrt und hier zu »auserwählten Traumata« werden,
»ist mit der Unfähigkeit der vergangenen Generation verbunden, nach
der Erfahrung eines geteilten traumatischen Ereignisses über die Verlu-
ste zu trauern, und ist ein Zeichen, dass es der Gruppe nicht gelungen
ist eine narzißtische Verletzung und Demütigung wiedergutzumachen«
(Volkan 1999, 73).

»Auserwählte Traumata« sind als ethnische Merkmale wirkungsvoller als


»auserwählte Ruhmestaten«. Ihre »transgenerationelle Übermittlung« ver-
bleibt nicht auf der Ebene von erzählten Geschichten aus dem Leben der äl-
teren Generation, derer man sich erinnert. Während »auserwählte Ruhme-
staten« bloß die Selbstachtung der Gruppenmitglieder steigern, werden
durch die Übermittlung der »auserwählten Traumata« komplizierte Aufga-
ben wie Trauerarbeit oder sogar Wiedergutmachung von Erniedrigungen an
die jüngere Generation weitergegeben (vgl. Volkan 2000, 946).
Der Übergang aber von ethnischen Differenzen zu Spannungen, dann
Konflikten und letztlich zum Krieg ist ohne die Instrumentalisierung der
mit der ethnischen Identität verbundenen Gefühle und des »kollektiven
Gedächtnisses« sowie der »auserwählten Ruhmestaten« oder »Traumata«
nicht möglich. Bevor diese Instrumentalisierung dargestellt werden kann,
muss die soziale Schichtung innerhalb der Ethnien in ihrer Bedeutung für
die Ausbildung und den Erhalt einer ethnischen Identität untersucht wer-
den. Die unterschiedlichen Interessen und Motivationen, die dem sozialen
Status entspringen, nehmen bei der Eskalation ethnischer Spannungen hin
zu offenen Konflikten und Kriegen eine entscheidende Stellung ein.

// 61
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

1.3.1
Ethnische Schichtung und ethnischer Konflikt

Wie bereits im Abschnitt über ethnische Koloniebildung gezeigt,


findet Auswanderung meistens entlang bereits vorher existierender Struk-
turen, wie beispielsweise Verwandtschaftsbeziehungen, statt. Dabei wer-
den nicht nur aus der alten Heimat stammende Sitten und Gebräuche, son-
dern auch bestimmte Werthaltungen und Verhaltensstandards transferiert
und die soziale Kontrolle des Einzelnen durch die Gruppe beibehalten (vgl.
Waldmann 1982, 241). Das heißt aber auch, dass das alte soziale Gefüge mit
in die neue Welt übernommen wird. Je abgeschlossener die ethnische Ko-
lonie ist, desto mehr findet sozialer Aufstieg und Prestigegewinn erst ein-
mal innerhalb der Ethnie statt. Die Ausbildung einer Führungsschicht der
ethnischen Gruppe geht einerseits auf den alten sozialen Status, anderer-
seits auf die innerhalb der Gruppe erworbene Anerkennung und Achtung
zurück. Der Moment des Übergangs der Ethnizität von einer unbewussten
Konstruktion des Ethnischen zu einem bewussten Ethnomanagement (vgl.
Römhild 1998, 34) 81 ist eng mit der Existenz der ethnischen Führungs-
schicht verknüpft. 82 Erst das aktive Eingreifen von »charismatischen Füh-
rungspersönlichkeiten« schafft aus einer »diffusen kollektiven Gestimmt-
heit« der ethnischen Gruppe eine ethnische Bewegung, die aktiv die Eth-
nizität betreibt (vgl. ebd. 154). 83 Volkan (1999, 98) wird in diesem Zu-
sammenhang noch deutlicher. Er spricht in Bezug auf die Gemütslage der
ethnischen Gruppe von einer »Regression« als notwendiger Basis für die
enge Verbindung zwischen Führer und Großgruppe. Dabei können die Füh-
rer der ethnischen Bewegungen diese nur deswegen ins Leben rufen und
dynamisieren, weil sie Teil der »diffusen kollektiven Gestimmtheit« sind.
Sie sind »nur die in die Gruppenphantasien des Zeitalters am besten inte-
grierten Menschen« (de Mause 1989, zitiert nach Mentzos 1993, 138) 8 4 Vol-
kan führt hierzu aus:

»Transformierende/charismatische Führer geben die Gefühle der Groß-


gruppen in den Meinungen wieder, die sie äußern, in ihrem öffentlichen
Auftreten, in den Reden, die sie halten, in ihren erklärten Vorlieben und
Abneigungen und selbst in der Art und Weise, wie sie sich kleiden«
(Volkan 1999, 99).

Dies verwischt soziale Differenzen und erweckt den Anschein der Über-
einstimmung der verschiedenen Interessen innerhalb der ethnischen Grup-

// 62
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

pe. 85 Die psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz, das Eige-


ne als gut und das Fremde als schlecht anzusehen, wirkt innerhalb der
Gruppe egalisierend. Sie setzt
»die horizontalen sozialen Grenzziehungen eines >Oben< und >Unten<
durch vertikale ethnische Grenzziehungen zwischen >Wir< und >Sie< im
kollektiven Bewusstsein außer Kraft« (Römhild 1998, 156; vgl. auch
Heckmann 1992, 141).

Je stärker nationale Motive und fiktive Ethnizität die Differenzen zwischen


dem Eigenen und dem Fremden betonen und das eigene »Volk« im Be-
wusstsein der Mitglieder der Ethnien zum wesentlichen Orientierungs-
punkt machen, desto mehr überdecken sie die vorhandenen sozialen Dif-
ferenzen und Abhängigkeiten innerhalb der ethnischen Gruppe, des Volkes
und der Nation. Die ideologische Egalisierung der sozialen Differenzen si-
chert der ethnischen Führungsschicht nicht nur die Ressourcen und Po-
tenzen der eigenen ethnischen Gruppe für den Konflikt mit den fremden
Ethnien. Sie wirkt auch als Herrschaftsinstrument innerhalb der eigenen
Gruppe und festigt die soziale Hierarchie. »Soziale Ungleichheit wird um-
thematisiert in kulturelle Differenz« (Kaschuba 2001, 27). Die ethnischen
Führer können dabei die mit der ethnischen Identität verbundenen Gefüh-
le für ihre Ziele instrumentalisieren und vor der ethnischen Gruppe, aber
auch vor sich selbst, den Anschein erwecken, ausschließlich im Sinne des
Kollektivs zu sprechen und zu handeln. Die psychischen Motivationen von
Führern und Gefolgsleuten unterscheiden sich aber innerhalb einer ethni-
schen Bewegung deutlich voneinander. Mentzos spricht in diesem Zu-
sammenhang von einem »psychosozialen Arrangement«. Das »Größen-
selbst des Führers trifft sich mit den idealisierenden Tendenzen der vielen«
(Mentzos 1993, 176).
Während also Erstere eine narzisstische Befriedigung ihrer übersteiger-
ten Größenphantasien erleben (vgl. Volkan 1999, 100 ff), erfüllen sich Letz-
tere ihren Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe (vgl. Mentzos 1993,
198). 86 Die Identifikation mit dem charismatischen Führer führt dabei zu ei-
ner Erhöhung der eigenen Person bei den Mitgliedern der ethnischen
Gruppe (vgl. ebd. 71 ff). 87 Neben diesem »psychosozialen Arrangement« tei-
len aber auch die auf dem sozialen Status basierenden Unterschiede objek-
tiv die ethnische Gruppe. Ethnische Gruppen reproduzieren die Klassen-
verhältnisse des Makrokosmos der menschlichen Kultur im Mikrokosmos
der ethnischen Kolonie. Das heißt,

// 63
I Zur Theorie ethnischer Konflikte

»dass die Ethnizität von den noch so minimal priviligierten Klassen


dazu ausgenützt wird, ihre Klassenposition auszubauen. In diesem Fall
kommt es regelmäßig zu einer Mythologisierung des Ethnischen, das
heißt, das Ethnische wird dazu benutzt, die bestehenden Herrschafts-
und Klassenstrukturen zuerst zu erhalten und später weiter auszubau-
en« (Erdheim 1988, 361).

Dabei tritt der innerhalb der Klassenstruktur der ethnischen Gruppe er-
worbene Status auch in Konkurrenz zur Umwelt. Bietet diese der Füh-
rungsschicht der ethnischen Gruppe die Möglichkeit zum Aufstieg und zur
Befriedigung der eigenen Größenphantasien auch außerhalb der eigenen
Gruppe, führt dies zu einer friedlichen Öffnung (vgl. Waldmann 1995, 89).
Ist diese Entwicklung unmöglich oder mit dem Zwang zur Assimilation
verbunden, richtet sich das Augenmerk der Führungsschicht vermehrt auf
die eigene Ethnie. Deren Organisation wird nun zum eigentlichen Inhalt ih-
rer politischen Tätigkeit, die sich eben dadurch auszeichnet, dass sie sich
nicht auf die Pflege der Kultur der ethnischen Elite beschränkt. Auch hier
nimmt der Kampf um ein eigenes Schulwesen eine zentrale Stellung ein.
Die Schule ist dabei nicht der Ort, an dem eine scheinbar wertneutrale Bil-
dung stattfindet. Sie ist vielmehr eine »volksnahe Institution«, in der die
gesamte Sozialisation der heranwachsenden Mitglieder der Ethnie im
Vordergrund steht. Sie ist der Ort, an dem eine nationalistische Ideologie
verbreitet wird und der Fortbestand der Ethnie als Sprachgemeinschaft ge-
sichert werden soll (vgl. Balibar 1990, 120). So droht die Entfaltung einer
Dynamik, an deren Beginn die ethnische Bewegung steht und aus der sich
der gewaltsame ethnische Konflikt entwickeln kann. 8 8 Die kulturellen Ak-
tivitäten von Vertretern der Mittelschicht, oft Lehrer, Theologen oder
Schriftsteller (vgl. Molik 1992, 24 ff), bilden dabei den Anstoß, der die eth-
nische Bewegung ins Leben ruft und die Auseinandersetzung auch auf an-
dere Schichten der Ethnie überträgt. 89
Dabei entwickeln ethnische Konflikte aufgrund ihrer besonderen Eigen-
schaften eine eigene Dynamik. Die im ethnischen Konflikt erworbenen Ver-
dienste sind nur solange von positiver Bedeutung, wie die eigene Gruppe
stark genug ist, um sich in den Auseinandersetzungen zu behaupten und
dem Aktivisten Anerkennung, Belohnung und Schutz zu geben. Was be-
reits für das »spezifische Kapital« gilt, trifft hier noch radikaler zu. Wenn
sich die Gesamtsituation ändert und eine Neubewertung des kulturellen
Kapitals möglich ist, also eine Abwertung der eigenen Gruppe droht oder

// 64
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

eine Aufwertung erreichbar scheint, steigt die Bereitschaft, den Konflikt zu


intensivieren. Es geht dann »um die Festlegung des Wertes des kulturellen
Kapitals für eine unabsehbare Zukunft« (Esser 1996, 93). Die Chancen und
Risiken für die Aktivisten der ethnischen Bewegungen sind dabei extrem
hoch. Bei einem Sieg winkt nicht nur die Anerkennung der eigenen ethni-
schen Gruppe, sondern auch die Kontrolle oder die Herrschaft über die be-
nachbarten Ethnien. Bei einer Niederlage oder gar Auflösung der eigenen
Ethnie sind die Führer und Aktivisten (vgl. Brunn/Horch/Kappler
1992, 3) 90 real in ihrem Leben bedroht. Dieses Gefühl übertragen sie auf die
ethnische Gruppe an sich.
»Führer der aufsteigenden kleinen Nationen oder jener Völker, die eine
nationale Einheit anstrebten, maßen ihrer Aufgabe einen einzigartigen
Wert bei. Jeder glaubte, dass das Verschwinden (Assimilierung) ihres
Volkes vergleichbar dem Schicksal eines individuellen Todes war«
(Brunn/Horch/Kappler 1992, 3).91

Dabei haben die Führer ein intuitives Gespür für die Reaktivierung auser-
wählter Traumata. Durch die Verbindung einer Krisensituation der Gegen-
wart mit einem Trauma aus der Vergangenheit - Volkan (2000, 947) nennt
dies »Zeitkollaps« - gelingt es ihnen, mit dem auserwählten Trauma zu-
sammenhängende Angstzustände, Erwartungen und Phantasien für das
Bild der aktuellen Feinde zu mobilisieren und den Konflikt zu eskalieren
(vgl. ebd. 948). 92 Diese Eskalation des Konfliktes geht in der Regel nicht auf
spontane Gewaltaktionen ethnischer Gruppen zurück. Sie ist hingegen Teil
einer wohlkalkulierten Strategie der Führer und Aktivisten, bei der durch
den bewussten Einsatz von Gewalt die Solidarisierung weiterer Mitglieder
der ethnischen Gruppe erreicht und deren Gewaltbereitschaft mobilisiert
werden soll (vgl. Sundhaussen 2001, 49). Während in der Regel Teile der
sozial schwachen Mitglieder über die Hoffnung auf eine Verbesserung ih-
rer wirtschaftlichen Situation relativ schnell zu gewinnen sind (vgl. Höp-
ken 2001, 71), 93 nimmt die Mehrheit der ethnischen Gruppe nur aktiv an
den Konflikten teil, wenn sie sich bedroht und angegriffen fühlt. 94 Hier
spielt der Mythos des reinen Volkes und die von ihm instrumentalisierte
ethnische Identität eine entscheidende Rolle. An dieser Stelle können sich
die bisher aufgezeigten Aspekte zu einer fatalen Dynamik verbinden. Eth-
nizität mündet dann von der ethnischen Bewegung über ethnische Span-
nungen und ethnische Konflikte in den ethnisch, völkisch und national be-
gründeten Krieg.

// 65
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

1.3.2
Der ethnisch-national begründete Krieg 9 5

Die bisher aufgezeigten Strukturen des Ethnischen tauchen alle auf


der Ebene des Krieges wieder auf. Jetzt allerdings mit einer solchen Schär-
fe und Radikalität, dass sie sich zu einer neuen Qualität verdichten. Die auf
den verschiedenen Entwicklungsstufen bedeutsame psychohygienische
Funktion der Fremdenrepräsentanz nimmt in diesem Prozess in verschie-
dener Hinsicht eine zentrale Position ein.
Ebenso wie die Angst vor dem Fremden und die damit verbundenen
Aggressionen oder negativen Gefühle (vgl. Eibl-Eibelsfeld 1984, 148) spie-
len auch positive Gefühle zur eigenen Gruppe grundsätzlich in kriegeri-
schen Auseinandersetzungen eine Rolle. Jede militärische Kriegsführung
versucht die Dichotomie vom bösen Fremden und guten Eigenen zu för-
dern und für ihre Ziele zu verwenden. Dies ist ein grundsätzliches Prinzip
»kluger« Militärpsychologie (Mentzos 1993,199). Dabei wird sowohl an das
vom Feind begangene Unrecht erinnert als auch an die positiven Gefühle
untereinander apelliert. 96 Dieses Prinzip spiegelt sich wider in schrift-
lichen Direktiven und in propagandistischen Ansprachen des Militärs. Es
begleitet die Soldaten von ihrer Ausbildung bis zu ihren Einsätzen. Nor-
malerweise besteht
»eine der schwierigsten Aufgaben der psychologischen Kriegsführung
... darin, die natürlichen Gefühle der Mitmenschlichkeit auszuschalten,
damit sie die >Kampfmoral< und die Motivation zum Töten nicht beein-
trächtigen. Je ferner, je unbekannter, je fremder der Gegner, desto leich-
ter ist seine Ausschaltung zu erreichen« (Mentzos 1993, 112). 97

Die militärische Ausbildung geht deswegen immer mit einer »Verdrängung


von Mitgefühl, Mitleid und Mitmenschlichkeit« (ebd. 113) 98 einher und
führt zu einer Abstraktion vom konkret menschlichen Charakter des
Gegenübers. 98 Unabhängig von den jeweiligen Ursachen für die kriegeri-
schen Auseinandersetzungen werden dabei in der Sprache des Krieges ge-
nerell Kampfhandlungen zu notwendigen Operationen, die es erfolgreich
durchzuführen gilt. Die Abstraktion ermöglicht es, dass die Verfolgung des
Feindes zu einer Jagd wird, in der es darum geht, den Gegner gleichsam als
Wild zu erlegen, ohne für ihn Mitgefühl aufzubringen. 100
Je mehr der Krieg aber neben ökonomischen (territorialen) Gesichts-
punkten auch ethnische Aspekte aufweist, desto mehr vereinfacht sich die

// 66
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

Aufgabe der psychologischen Kriegsvorbereitung. Die im Prozess der Ma-


nifestation der eigenen ethnischen Gruppe und der damit verbundenen
Abgrenzung von fremden ethnischen Gruppen entwickelten ethnischen
Merkmale werden zu Unterscheidungskriterien zwischen Freund und
Feind. Die bereits aufgezeigte Dichotomie von Ethnizität und Ethnisierung,
von Eigenem und Fremdem als Gutes und Schlechtes, Reines und Unrei-
nes erleichtert das Ausschalten von menschlichen Gefühlen für den Geg-
ner. Die schon bei der sozialen Funktion des Ethnischen auftretende Ten-
denz, dem Fremden letztendlich umfassende Eigenschaften des Mensch-
seins abzusprechen, wird im ethnischen Krieg wieder lebendig. Im eth-
nisch begründeten Krieg muss das Verhältnis zum »Feind« nicht erst mit
negativen Gefühlen angereichert werden. Es gibt bereits ein breites Funda-
ment erlittener Verletzungen und Erniedrigungen, die im jeweiligen kol-
lektiven Gedächtnis der ethnischen Gruppen aufbewahrt werden und auf
die im Kriegsfall zurückgegriffen werden kann (vgl. Diner 1999, 195ff). 101
Dabei kommt im ethnisch begründeten Krieg ein weiteres Moment ver-
schärfend hinzu. Die vor dem Krieg vielleicht nur vermeintlich existieren-
de Bedrohung der eigenen ethnischen Identität durch das Fremde wird
nach Ausbruch des Krieges höchst real. In diesem Sinne teilt der ethnische
Krieg die schon vorher aufgezeigte Eigenschaft des Ethnischen: Er schafft
eine Realität, die, einmal existent, nicht mehr vergehen will. Im Verlauf des
Krieges dehnt sich die Bedrohung, nicht nur der ethnischen Identität, son-
dern auch des eigenen Lebens, von der Gruppe der Führer und Aktivisten
auf immer weitere Teile der ethnischen Gruppe aus. Eine umfassende
Niederlage der eigenen Gruppe bedeutet die Entwertung des eigenen kul-
turellen Kapitals und die Herrschaft der siegreichen fremden Gruppe.
»Herrschaft bedeutet dabei nichts anderes als die - durch Gewalt...
abgestützte Fähigkeit - die >Verfassung< einer Gesellschaft bestimmen zu
können. Und es ist ja diese Verfassung, die festlegt, ob - etwa - ein
Adelstitel, eine bestimmte Hautfarbe oder das Sprechen einer bestimm-
ten Sprache etwas wert ist oder geächtet wird. Und die Herrschaft ist
schon deshalb besonders begehrt, weil die jeweils obsiegende Gruppe ja
die Konstellation allgemein durchsetzen kann« (Esser 1996, 80). 102

In Bezug auf die ethnische Kolonie wird der Kampf um die Definitions-
macht darüber hinaus auch zu einem Kampf um die Kontrolle des besie-
delten Territoriums. Dem Verlierer droht dann nicht nur die Entwertung
der eigenen Identität, sondern auch die Vertreibung aus der Heimat. 103 Bei
der Vertreibung oder Umsiedlung der unterlegenen ethnischen Gruppe

// 67
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

spielt die »Phantasmagorie der Reinheit« (Heim 1992, 711) eine entschei-
dende Rolle. Volkan (1999, 140) spricht in diesem Zusammenhang von
»Säuberungsideologien«, deren Ziel es ist, die Großgruppe symbolisch zu
reinigen, unerwünschte Elemente auszuscheiden und so die Gruppeniden-
tität zu fördern. Der schon bei der Abgrenzung der ethnischen Gruppen
wirksame Wunsch nach Homogenität kann so im Zuge des Krieges befrie-
digt werden. Jetzt, im Falle eines eigenen Sieges, ist das Fremde be-
herrschbar und kann als »matter in the wrong place« (Lord Chesterfield zi-
tiert nach Heim 1992, 722) ausgeschieden, die eigene Gruppe oder auch das
als eigenes beanspruchte Gebiet von ihm »gesäubert« werden. Hier verbin-
det sich die psychische Motivation der einfachen Mitglieder einer ethni-
schen Gruppe mit den eigennützigen, politisch-ökonomischen Interessen
der Führungsschichten (vgl. Mentzos 1993, 154). Im Unterschied zu ande-
ren Kriegen ermöglicht der ethnische Krieg nicht nur die Bereicherung der
herrschenden Schicht oder der am Krieg beteiligten Soldaten und Söldner,
sondern auch größerer Teile der siegreichen ethnischen Gruppe. Diese Be-
reicherung kann nach der Vertreibung der vorherigen Eigentümer in Form
von einfachen Wettbewerbsvorteilen durch die bevorzugte Vergabe von
Aufträgen oder Krediten, über die Beschlagnahmung von Vermögen bis hin
zur Übernahme von landwirtschaftlichen und industriellen Betrieben und
Grundstücken erfolgen. Prinzipiell steht der individuelle Gewinn dabei je-
dem, unabhängig von seinem sozialen Status, offen, solange er die Krite-
rien der ethnischen Zugehörigkeit erfüllt (vgl. Römhild 1998, 156). Dies
verdeckt endgültig die verschiedenen Interessen innerhalb einer Ethnie
und verstärkt das Bild von einer homogenen Einheit. Was generell für Kol-
lektive gilt, trifft somit im Falle des Krieges verschärft für ethnische Grup-
pen zu. »Man kann nicht an den Vorteilen aufgrund der Zugehörigkeit zu
einer Gruppe teilhaben, ohne gleichzeitig auch für die >Kosten< und die
Fehler ... aufzukommen« (Mentzos 1993, 152). So verschwimmt in ethni-
schen Konflikten die Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilisten.
Die Trennungslinie zwischen Freund und Feind verläuft nicht zwischen
Kämpfern und Nicht-Kämpfern, sondern entlang der ethnischen Merkma-
le. »Sprache, Habitus und Alltagswissen ... sind als Merkmale der Perso-
nen gut identifizierbar und erlauben eine leichte und zweifelsfreie Typi-
sierung der Akteure« (Esser 1996, 69).
Damit wendet sich der ethnische Krieg auch gegen die Zivilbevölke-
rung, insbesondere gegen die Frauen. Frauen haben als Mütter und als Pfle-
gerinnen von Sitten und Bräuchen eine wichtige Aufgabe innerhalb der

// 68
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

ethnischen Gruppe bei der Bewahrung ethnischer Identität. Sowohl das


Töten von Frauen, wie beispielsweise ihre Erschießung als Geiseln, als
auch die im Krieg stattfindenden Massenvergewaltigungen sind als ein An-
griff auf die ethnische Identität des Gegners zu werten. 1 0 4 Mit der Radikali-
sierung und Brutalisierung des Krieges steigt die Gefahr, dass sich eine töd-
liche Dynamik von gegenseitigen Vergeltungsschlägen entwickelt. Mitglie-
der der sich bekämpfenden ethnischen Gruppen können aufgrund ihrer
ethnischen Merkmale auch außerhalb der direkten Kampfhandlungen
identifiziert und für die ihrer Gruppe zugeschriebenen Gewalttaten verant-
wortlich gemacht und dann selbst Opfer von Racheaktionen werden. Da-
durch werden endgültig auch diejenigen Mitglieder der ethnischen Grup-
pen in den Bannkreis des Krieges gezogen, die bis dahin noch nicht zu den
Aktivisten oder Kriegstreibern gehörten. Dies macht die ungeheure Mobili-
sierungsfähigkeit ethnisch begründeter Gewalt aus. Spätestens nach ihrem
Ausbruch stellt sie eine »existentielle Ethnizität« (Bielefeld 2001, 14) her,
der sich die einzelnen Mitglieder nur schwer entziehen können - der sie
nun auf »Gedeih und Verderb« (ebd.) ausgesetzt sind.
Die Angst, Opfer von Gewalt zu werden, erleichtert es dann wiederum,
selbst Gewalt anzuwenden (vgl. Sundhaussen 2001, 46). Darüber hinaus
drängt die durch den Verlust von Angehörigen der eigenen ethnischen
Gruppe und durch die Bedrohung der eigenen ethnischen Identität ent-
standene »narzißtische Wunde« (Mentzos 1993, 90) in Racheaktionen auf
Wiedergutmachung.
»Das Rachebedürfnis kann unvorstellbare Intensitätsgrade erreichen, es
gibt zahllose Fälle, bei denen die Betreffenden bereit waren, ihr Leben
zu riskieren oder auch zu opfern, um dieses Bedürfnis zu befriedigen.
Der reaktive Charakter des gesamten Prozesses ist in diesem Fall zwei-
felsfrei« (ebd. 90).

Der schon auf der individuellen Ebene wirkende Mechanismus, eigene un-
gewollte Anteile auf andere Menschen zu projizieren, wird so durch die
Kriegshandlungen zur »Realexternalisierung«. Also zu »einer Projektion,
die in gewisser Hinsicht gleichsam >stimmt< und so in der Realität zemen-
tiert und ausgesprochen resistent gegen jede Deutung und Korrektur wird«
(ebd. 150).
Der ethnische Krieg schafft damit, wenn er erst einmal begonnen hat,
unversöhnliche Gegensätze. Das kollektive Gedächtnis der jeweiligen eth-
nischen Gruppen bewahrt genügend traumatische Erfahrungen, um ein la-

// 69
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

tentes Gefühl der Berechtigung der eigenen Gewalttaten als Wiedergutma-


chung für selbst erlittenes Leid zu ermöglichen. Dabei erleichtert auch hier
die auf der Ebene der ethnischen Gruppe wirksame psychohygienische
Funktion der Fremdenrepräsentanz die Befriedigung dieser Rachegefühle
gegenüber dem Feind. Nicht nur weil dieser, wie bisher gezeigt, als das
»Böse« (Fornari 1974 zitiert nach Mentzos 1993, 132), was die eigene Grup-
pe bedroht, gesehen wird, sondern auch, weil seine Vernichtung zum
Schutz der eigenen ethnischen Identität erfolgt und als eine notwendige
und damit für die eigene Gruppe gute Tat verstanden wird. Das Gefühl, im
Krieg letztendlich Gutes getan zu haben, spiegelt sich auch in den Erinne-
rungen der Kriegsteilnehmer wider. Es ermöglicht, als wichtigste Erinne-
rung an den Krieg, die positive Erfahrung der »Kameradschaft« 105 zu be-
wahren. Die »unvorstellbaren Eskalationen des Hasses und der Racheor-
gien« in ethnischen Kriegen sind nur als Ergebnis eines Zusammenspiels
der »narzisstischen Kränkungen« und der daraus resultierenden »Realex-
ternalisierung« mit einer machtpolitisch motivierten Kriegspropaganda,
die diese Kränkungen ausnutzt, zu verstehen (Mentzos 1993, 130). Dabei
verbinden sich die gängigen Maßnahmen allgemeiner Kriegspropaganda in
ethnischen Kriegen mit den - mit der ethnischen Identität verbundenen -
Gefühlen. Mit Ausbruch des Krieges werden die ohnehin bestehenden
Ängste und Abneigungen gegen das Fremde mobilisiert. Die vorhandenen
Projektionen werden durch die kriegerischen Handlungen zu Realexterna-
lisierungen. Die schon im ethnischen Konflikt wirkende Phantasie, dass
das Verschwinden (Assimilierung) des eigenen Volkes mit dem Schicksal
eines individuellen Todes vergleichbar sei, wird im ethnischen Krieg zur
Wirklichkeit.
Die Logik des ethnischen Krieges ist zwingend: Damit das Eigene über-
leben kann, muss das Fremde vernichtet werden. Wenn der Feind die
fremde ethnische Gruppe an sich ist und ihr die Schuld am Krieg gegeben
wird, dann sind nicht nur die eigenen kriegerischen Handlungen als not-
wendige Verteidigung der eigenen Gruppe legitim. Auch eigene Übergriffe
gegen die fremde Zivilbevölkerung sind so gerechtfertigt. Nicht nur die
psychohygienische Funktion der Fremdenrepräsentanz verhindert das
Mitgefühl für den Feind. Auch das eigene erlittene Unrecht erschwert es,
Mitleid mit den anderen zu empfinden. 106 Es führt dazu, dass Empathie für
die Verluste und Verletzungen der Antagonisten fast ausgeschlossen ist
(vgl. Volkan 1999, 234). Durch das selbst erlebte Unrecht wird das eigene
Handeln als Notwehr oder als vom Gegner verschuldete Racheaktion gese-

// 70
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

hen. An dieser Stelle dehnt sich die Mythologisierung der Geschichte auf
den ethnischen Krieg aus. Der jeweilige ethnische Krieg wird nicht als ein
Ergebnis konkreten menschlichen Handelns und eigener beziehungsweise
fremder politischer Entscheidungen verstanden. Stattdessen erscheint er
als Teil eines natürlichen, seit Ewigkeiten währenden Überlebenskampfes
der eigenen Ethnie. In diesem Kampf war das Eigene schon immer gut und
das Fremde schon immer böse.
Die Mythologisierung der Geschichte der eigenen Ethnie als Überle-
benskampf ist dabei eng mit der Mythologisierung des Territoriums ver-
bunden. Auch hier wirkt der Mythos auf die schon in Kapitel 1/1.2.4 be-
schriebene Art und Weise. Reale Heimatgefühle gegenüber dem konkreten
Siedlungsgebiet werden auf der Ebene des ethnischen Konflikts instru-
mentalisiert und für den Kampf um eigenes und fremdes Territorium mo-
bilisiert. Der Mythos ermöglicht es, dass Ansprüche auf Gebiete erhoben
werden, denen für die Geschichte der eigenen ethnischen Gruppe eine be-
sondere Bedeutung beigemessen wird, die real aber von einer anderen Eth-
nie mehrheitlich bewohnt werden. 107 Zusammen mit gezielten Desinfor-
mationen über den eigenen Anteil am Ausbruch des Krieges 108 ist es die
Mythologisierung, welche die ideologische Basis schafft, auf der die Real-
externalisierung die Einsicht in die eigene Verantwortung und Schuld ver-
hindert.
Jeder ethnische Krieg schafft so neue Voraussetzungen für eine selekti-
ve Erinnerung der ethnischen Gruppen und damit zu seiner Wiederholung.
Das kollektive Gedächtnis der Ethnien wird in Bezug auf den ethnischen
Krieg zum Träger einer fatalen Mythologisierung ihrer Geschichte.

1.4
Zusammenfassung

Aufbauend auf der Bedeutung der Grenzziehung zwischen Eige-


nem und Fremdem in der Entwicklung des Menschen konnte gezeigt wer-
den, dass die Herausbildung einer sozialen Identität über die Geschlechts-
identität hinaus auch die ethnische Identität beinhaltet (Erdheim 1988 und
1992; Bohleber 1992 und 1996; Volkan 1999 und 2000). Da Identität eine an-
thropologische Notwendigkeit (Nassehi/Weber 1990) ist, muss ein Angriff
auf diese Identität verheerende Folgen haben und zu manifesten Gegen-
maßnahmen führen (Molik 1992; Waldmann 1995; Römhild 1998) - ein
Aspekt, der nicht nur für die individuelle ethnische Identität, sondern

// 71
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

auch für die ethnische Gruppe von besonderer Bedeutung ist und sich im-
mer wieder in ethnischen Konflikten zeigt. Die schon auf der individuellen
Ebene relevante Frage der Fremdenrepräsentanz gewinnt dabei im Wech-
selspiel zwischen Ethnizität und Ethnisierung (Elwert 1989, Heckmann
1992, Römhild 1998) auf der Ebene der Gruppe an Dynamik. Sie beeinflusst
auch hier die Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem (Erdheim
1988 und 1992). Das Eigene gibt Sicherheit, während das Fremde Angst aus-
löst. Findet nun keine Öffnung gegenüber dem Fremden statt, die hilft, das
mit Angst besetzte Bild zu relativieren und die eigenen Anteile am Frem-
den zu sehen, verschärft sich die Aufteilung. Das Eigene wird dabei als gut
und rein, das Fremde als böse und unrein angesehen (Erdheim 1988 und
1992; Bohleber 1992; Heim 1992; Volkan 1999 und 2000). Diese Aufteilung
ist die Basis, auf der sich die Angst vor dem Fremden instrumentalisieren
und für aggressive Ziele missbrauchen lässt.
Unter bestimmten Bedingungen kann sich diese latent vorhandene Pro-
blematik dynamisieren und es zu einem offenen Konflikt kommen (Esser
1996). Ethnische Gruppen organisieren sich als ethnische Kolonie (Heck-
mann 1992), um zwischen dem vertrauten Alten und dem unbekannten
Neuen zu vermitteln. Ist Akkulturation möglich, kann es zu einer lang-
fristigen Veränderung und Anpassung der verschiedenen Ethnien kom-
men. Kann keine Akkulturation stattfinden oder wird sie vom Versuch ei-
ner zwangsweisen Assimilation durch eine fremde Ethnie begleitet, kann
dies die Bedeutung der ethnischen Kolonie verstärken. Der Prozess der
Ethnizität kann somit - abhängig von den äußeren Bedingungen - zu einer
Öffnung führen oder auch die Absonderung vom Fremden verstärken
(Heckmann 1992). Die Entwicklung einer aktiven Politik einer ethnischen
Gruppe hin zu einer Abgrenzung vom Fremden und einer gesteigerten Be-
wahrung des Eigenen ist in diesem Zusammenhang eng mit den ökonomi-
schen und wirtschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten der jeweiligen ethni-
schen Eliten verbunden (Molik 1992; Waldmann 1995; Römhild 1998). Sind
diese außerhalb der ethnischen Kolonie begrenzt oder unmöglich, findet
vermehrt eine Besinnung auf die Werte der eigenen Ethnie innerhalb der je-
weiligen Elite statt. Dies geht einher mit einer verstärkten Betonung der
ethnischen Merkmale (Erdheim 1992; Heckmann 1992; Esser 1996) und ei-
ner zielgerichteten Bewahrung der ethnischen Kolonie. In diesem Prozess
der Ethnizität hat Geschichte als ethnisches Merkmal eine besondere Funk-
tion (Heckmann 1992; Elwert 1996; Möckel 1997; Römhild 1998). Ihre My-
thologisierung ermöglicht es, die Quelle der Besonderheit des Eigenen in

// 72
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

der Vergangenheit zu sehen. Geschichte als Mythos leugnet Geschichte als


Prozess ( Barthes 1964; Greverus 1995) der Öffnung des Eigenen gegenüber
dem Fremden. Damit ergänzt der Mythos des reinen Volkes die Funktion
der Fremdenrepräsentanz auf der Ebene menschlicher Gruppenbildung.
Sowohl die Geschichte als auch die Gegenwart werden nur dann positiv
bewertet, wenn sich das Eigene darin finden lässt und es sich gegenüber
dem Fremden behauptet (Römhild 1998).
Geschichte als Mythos führt darüber hinaus dazu, dass Differenzen
innerhalb einer Gruppe gegenüber den äußeren Differenzen an Bedeutung
verlieren. Der Mythos nivelliert also die schichtenspezifischen Unterschie-
de innerhalb der Ethnie durch die übersteigerte Betonung der ethnischen
Gemeinsamkeiten (Erdheim 1988; Römhild 1998; Kaschuba 2001). Dies er-
möglicht die Einbindung breiterer Teile der ethnischen Gruppe in die Or-
ganisation der Ethnie. In der Auseinandersetzung um die Bewertung des
kulturellen Kapitals (Esser 1996) einer ethnischen Gruppe wird den jewei-
ligen Führern und Aktivisten nur eine Aufwertung der eigenen Person ge-
lingen, wenn sich die eigene ethnische Gruppe gegenüber anderen ethni-
schen Gruppen behaupten kann. Das Schicksal der Ethnie wird von der je-
weiligen Elite mit dem eigenen Schicksal gleichgesetzt. Eine Auflösung der
Ethnie wird als Untergang verstanden, aus dem ein vollständiger Sinnver-
lust resultiert, einem kollektiven Tod vergleichbar (Brunn, Horch, Kappler
1992).
Der Konflikt zwischen ethnischen Gruppen unterliegt einer gewissen
Gesetzmäßigkeit. Auf der Suche nach einer Unterstützung der eigenen Po-
sition findet - wenn möglich - der Zusammenschluss zu größeren Einhei-
ten statt (Erdheim 1988; Mentzos 1993). Seit der Entwicklung der National-
staaten und der Erfindung des ethnisch reinen Volkes werden ethnische
Gruppen von den verschiedenen nationalistischen Bewegungen für deren
Interessen instrumentalisiert (Bohleber 1992; Kaschuba 1995; Nassehi 1997;
Sigrist 1997). Die Vereinnahmung der Ethnien verläuft dabei entlang der
durch den Nationalismus in ihrer Bedeutung zum Mythos erhobenen eth-
nischen oder nationalen Merkmale von Sprache und Herkunft sowie Rasse
und Geschichte (Balibar 1990). Dabei entspricht die Zugehörigkeit einer
ethnischen Gruppe zu einem größeren Volk durchaus dem Wunsch der
Ethnie nach Sicherheit - ein Wunsch, der mit dem Grad der Bedrohung der
eigenen ethnischen Kolonie an Bedeutung zunimmt und einer nationa-
listischen Politik entgegenkommt.
So entwickelt sich die brisante Situation doppelter (Waldmann 1995)

// 73
I Zur T h e o r i e e t h n i s c h e r K o n f l i k t e

beziehungsweise konkurrierender Minderheiten. Das heißt, eine ethnische


Gruppe, die außerhalb des geschlossenen Siedlungsgebietes der Mehrheit
ihres eigenen Volkes lebt und dort als Minderheit in der Auseinanderset-
zung mit anderen Ethnien benachteiligt ist, kann sich diesen wiederum auf
der Ebene des Volkes überlegen fühlen, wenn sie hier Teil der mächtigeren
Einheit ist. Dies kann zu einer Situation führen, in der zum einen mit einer
Veränderung des Status quo eine Chance zur Aufwertung der eigenen eth-
nischen Gruppe verbunden wird. Zum anderen fördert eine solche Situa-
tion die Angst vor einer Abwertung des jeweiligen kulturellen Kapitals der
verschiedenen Ethnien (Esser 1996). Spätestens jetzt findet eine Annähe-
rung zwischen den Interessen der jeweiligen Elite und weiteren Teilen der
ethnischen Gruppe statt. Während die Führer in erster Linie ihre persönli-
che Bestätigung im Aufstieg der eigenen Ethnie finden (Mentzos 1993; Vol-
kan 1999 und 2000), sucht der größte Teil der Mitglieder der ethnischen
Gruppe Sicherheit vor der Bedrohung (Waldmann 1982; Molik 1992; Röm-
hild 1998; Volkan 1999 und 2000). Beide Interessen sollen durch die politi-
sche Organisation der Ethnie befriedigt werden. Kommt es bei der Ausein-
andersetzung um die Neubewertung des kulturellen Kapitals zu einer Ver-
schärfung des Konflikts, organisieren die jeweiligen Aktivisten ihre ethni-
schen Gruppen auch militärisch. In einer so zugespitzten Situation haben
es die radikalen Teile der jeweiligen Ethnien in der Hand, den Konflikt zu
eskalieren und ihn in einen ethnischen Krieg übergehen zu lassen (Sund-
haussen 2001). Dies kann sowohl im Namen der eigenen Ethnie als auch
unter Berufung auf das Gesamtwohl eines gemeinsamen Volkes, einer ge-
meinsamen Nation geschehen.
Im ethnisch begründeten Krieg treten dann die schon auf der Ebene der
Grenzziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden dargestellten
Strukturen wieder zutage. Es findet eine Realexternalisierung (Mentzos
1993) statt: Das Fremde wird wirklich bedrohlich, also böse, während nur
das Eigene wirklich Sicherheit vermittelt, also gut wird. Sicherheit gewährt
im ethnischen Krieg nur die eigene Ethnie. Fällt man in die Hände des
Fremden, ist man ihm ausgeliefert, unter Umständen verloren. Um vor ei-
ner potentiellen Bedrohung sicher sein zu können, muss das Fremde aus-
geschieden werden. Nur durch die Vertreibung des Fremden gelingt es, das
Eigene definitiv vor Übergriffen durch das Fremde zu schützen. Nur der
Aspekt der Reinheit der eigenen Ethnie garantiert den Schutz vor dem
feindlichen Fremden. Unreinheit steht jetzt für einen Anteil an eben die-
sem real bedrohlichen Fremden. Mit jeder kriegsbedingten Gewalttat ver-

// 74
Das Eigene und das Fremde: Ethnische Spannungen, Konflikte und Krieg

schärft sich diese Aufteilung. Sie ermöglicht die in ethnischen Kriegen


stattfindenden unglaublichen Grausamkeiten. Auf diesen Strukturen ba-
sieren auch die Massenvertreibungen in ethnischen Kriegen. Die eigenen
Verletzungen werden zur Quelle scheinbar legitimer eigener Racheakte,
welche die gleiche Reaktion bei der feindlichen Ethnie hervorrufen. Der
ethnische Krieg erleichtert somit die auch in anderen kriegerischen Aus-
einandersetzungen stattfindende Entmenschlichung des Gegners - bei
gleichzeitiger Idealisierung des Eigenen. Entlang dieser Dichotomie von ei-
genem Guten oder Reinen und fremdem Bösen oder Unreinen verläuft die
Organisation des ethnischen Krieges. Die ethnischen Merkmale entschei-
den darüber, ob die Bevölkerung der umkämpften Gebiete versorgt oder
ausgeplündert wird. Sie entscheiden darüber, ob sie als »matter in the
wrong place« vertrieben oder sogar als Geisel erschossen wird.
Das im ethnischen Krieg selbst begangene Unrecht wird dadurch legiti-
miert, dass man es als notwendig zur Verteidigung der eigenen Ethnie er-
klärt. Das am eigenen Leib erfahrene Leid wird im kollektiven Gedächtnis
bewahrt und verhindert eine Auseinandersetzung mit der Geschichte (Mo-
ser 1992; Volkan 1999 und 2000). So bildet das kollektive Gedächtnis, bil-
den die in ihm bewahrten auserwählten Ruhmestaten und Traumata (Vol-
kan 1999 und 2000), zusammen mit der Mythologisierung der Geschichte,
die Basis, auf der ethnische Konflikte auch nach einer scheinbar langen
Phase der Ruhe wieder mit aller Brisanz aufbrechen können. Dabei kann je-
de neuerliche Verschärfung auf die hier aufgezeigten Aspekte des Ethni-
schen zurückgreifen.
Es ist an dieser Stelle notwendig, noch einmal auf die Instrumentalisie-
rung des Ethnischen durch den Nationalismus und den Rassismus einzu-
gehen. Die hier vorgetragenen Überlegungen zu einer Theorie ethnischer
Konflikte gehen über die Ebene der ethnischen Gruppe hinaus und bein-
halten auch eine Auseinandersetzung mit dem Mythos von Volk und Na-
tion. Dieser Mythos ist deswegen so mächtig, weil er die Wirklichkeit be-
ständig aus ihrer Augenscheinlichkeit heraus erklärt. Er verwandelt dabei
die Ergebnisse menschlicher Entwicklung in ihr Gegenteil: Aus Geschich-
te wird Natur (Barthes 1964). Der Mythos spielt für die nationalistische und
rassistische Ideologie eine wichtige Rolle. Ohne rassistische Theorie gibt es
keinen Rassismus (Balibar 1990). Auch in der Theorie funktioniert der My-
thos nach dem schon aufgezeigten Schema: Er bedient sich der anthropo-
logischen Notwendigkeit einer sozialen Identität (Nassehi/Weber 1990), die
als Ergebnis menschlicher Geschichte sowohl eine unterschiedliche Ge-

// 75
I Zur Theorie ethnischer Konflikte

schlechtsidentität als auch verschiedene ethnische Identitäten umfasst


(Erdheim 1988; Volkan 1999 und 2000), und führt sie auf die unterschiedli-
che Natur des Menschen beziehungsweise auf die »animalische Konkur-
renz zwischen den verschiedenen Stufen des Menschseins« (Balibar, 1990,
72) zurück. Auf diese Weise findet der Mythos Zugang zum wissenschaft-
lichen Diskurs und zeigt sich in Ansätzen auch in den Sozialwissenschaf-
ten. Die Definition des Volkes als »das umfassendste ethnische Kollektiv«
und der Nation als »ein ethnisches Kollektiv«, das ein »ethnisches Ge-
meinsamkeitsbewusstsein« teilt (Heckmann 1992), ist Teil dieses Mythos.
Sie ist Ausdruck der ideologischen Vereinnahmung des Ethnischen durch
den Nationalismus und beinhaltet die Übertragung der mit der ethnischen
Identität verbundenen Gefühle auf die Ebene des Volkes und der Nation.
Ethnische Identität ist Ergebnis und Ausdruck real gelebter Verhältnisse.
Ethnische Gruppen organisieren Verwandtschaft entlang familiärer Struk-
turen von sich »face to face« (Anderson 1988) gegenüberstehenden Indivi-
duen. Auf der Ebene des Volkes und der Nation bleiben sich die Menschen
aufgrund ihrer Anzahl fremd. Vom Volk als »ethnischem Kollektiv« zu
sprechen, bedeutet, eine Verwandtschaft zu suggerieren, die zwangsläufig
real nicht existieren kann. Diese fiktive Ethnizität (Balibar 1990) ist die
Grundlage, auf der eine nationalistische und rassistische Ideologie fußt. Sie
ermöglicht es, die mit der ethnischen Identität verbundenen Gefühle von
Zuneigung, Fürsorge und Solidarität, aber auch von Angst, Wut und Ag-
gression für das Phantasma der Nation (Bohleber 1992) zu missbrauchen.
Die Möglichkeiten, die mit diesem Missbrauch verbunden sind, sind of-
fensichtlich. Sie bestehen darin, sowohl die wirtschaftlichen und sozialen
Differenzen innerhalb der Gesellschaft zu überdecken, als auch die auf der
Ebene der ethnischen Gruppe selbstverständlichen Fähigkeiten von Ver-
antwortung, aber auch Selbstaufopferung für nationalistische Ziele zu nut-
zen.
Die grundsätzliche Bedeutung der Grenzziehung zwischen Eigenem
und Fremdem in der Entwicklung des Menschen und die in der Adoles-
zenz entwickelte ethnische Identität sind die psychischen Grundlagen, auf
denen Ethnizität und Ethnisierung aufbauen. Eine entsprechende Erschei-
nungsform können sie auf der Ebene der ethnischen Gruppe (Barth 1969;
Elwert 1969; Römhild 1998) in der ethnischen Kolonie finden. Mit dieser
Organisation der ethnischen Gruppe geht in der Regel die Ausbildung ei-
nes kulturellen Kapitals (Esser 1996) und die Entwicklung einer ethnischen
Mentalität (Roth 1997) einher. Die dargestellten Strukturen erschweren die

// 76
Anmerkungen zum Kapitel I

auf allen Stufen der menschlichen Entwicklung notwendige Öffnung hin


zum Fremden (Mentzos 1993), zur Kultur. Wenn diese Öffnung nicht statt-
findet, kann der Austausch zwischen Eigenem und Fremdem nicht gelin-
gen und der aus dem Missbrauch des Ethnischen für rassistische und na-
tionalistische Ziele resultierende fatale Kreislauf ethnischer Differenzen
und ethnischer Kriege nicht durchbrochen werden.
Im Folgenden soll das exemplarische Scheitern eines solchen Prozesses
der Öffnung hin zur Kultur ebenso wie der Missbrauch des Ethnischen für
die Ziele des Nationalismus an der Geschichte der Banater Schwaben ver-
folgt werden.

Anmerkungen zum Kapitel I

1 Georg Elwert verwendet als Gegenstück zur essentialistischen Definition, unter Berufung
auf Barth (1969), die formalistische Definition, »die den formalen Akt der sozialen Hand-
lung des Grenzziehens als solchen in den Vordergrund stellt« (Elwert 1989,19).
2 Römhild (1998) gibt ihrer Arbeit über die Russlanddeutschen denn auch nicht umsonst die-
se Überschrift.
3 Volkan unterscheidet Kernidentität von sogenannten Unteridentitäten (z.B. dem Beruf).
»Was die Kernidentität eines Individuum ... von diesen Unteridentitäten unterscheidet, ist
der Grad der Angst, den das Individuum empfindet, wenn es eine Gefährdung seiner psy-
chischen Existenz wahrnimmt« (Volkan 2000, 934).
4 Volkan (2000, 936) beschränkt seine Untersuchung auf die externalisierten Objektbilder, da
diese - gegenüber den internalisierten Objektbildern - für die Klärung der Frage nach der
Verbindung zwischen Kernidentität und Großgruppenidentität entscheidend sind.
5 Mentzos (1993,150) spricht in Zusammenhang mit der Projektion von eigenen »bösen« An-
teilen auf eine dritte Person oder Gruppe auch von einer Realextemalisierung, wenn die
Person oder Gruppe sich dann auch real »böse« verhält.
6 Mario Erdheim verweist im selben Aufsatz auf den Ödipusmythos und arbeitet an der Ge-
schichte des Ödipus noch einmal den Zusammenhang zwischen Eigenem und Fremdem
heraus. Ödipus wird von dem Diener, der sich weigert, ihn zu töten, in die - hier - retten-
de Fremde geschickt. Als Ödipus von der Prophezeiung hört, flieht er aus der Heimat, die
die Fremde für ihn geworden war, in seine ursprüngliche Heimat, ohne sich dessen bewusst
zu sein. Hier findet die Tragödie - das verhängnisvolle Eigene - statt. Dabei wird beide Ma-
le, zuerst vom Diener und dann von Ödipus selbst, die Lösung für die Probleme in der Hei-
mat in der Fremde gesucht, ohne jedoch der eigentlichen Heimat und ihrer Probleme da-
durch entkommen zu können (vgl. ebd. 260).
7 Die Bedeutung von Xenophobie und Exotismus im Umgang mit dem Fremden und der Ge-
schichte wird in meiner Arbeit an unterschiedlichen Punkten von Bedeutung sein. An die-
ser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass die Ambivalenz dieser Gefühle eine große Rolle
in der Einstellung von Siedlern und ethnischen Gruppen gegenüber der alten Heimat und
der neuen Umgebung spielt.
8 Mario Erdheim weist daraufhin, dass auch Claude Levi-Strauss in seinem Aufsatz über die
Familie den Begriff Gesellschaft in einem ähnlichen Sinn wie Kultur verwendet (vgl. Erd-
heim 1992, 737).

// 77
Anmerkungen zum Kapitel I

9 Dieser Aspekt der Verwendung des Kulturbegriffs wird im Kapitel 1/1.2.2 bei der Untersu-
chung der Mythologisierung des Volksbegriffs wieder aufgegriffen.
10 Ähnlich formuliert es Cohen (1974): »Kultur besteht ... aus allem, was von anderen Men-
schen oder von deren Werken gelernt ist« (zitiert nach Vivelo 1981, 51).
11 Im Handbuch der Kulturanthropologie spricht F. Vivelo (1981, 50) von dem Begriff der
Kultur, der die Gesamtheit der Lebensweise eines Volkes bezeichnet, während Gesell-
schaft als »... eine Gruppe oder Population von Menschen definiert (wird), die entweder
physisch oder durch ihre Kultur (besonders durch ihre Sprache) von anderen, ähnlichen
Einheiten getrennt ist« (ebd. S. 53). Damit wird der Begriff der Kultur und der Gesellschaft
sehr nahe an den Begriff des Volkes angesiedelt. Diese Nähe erschwert aber die notwendi-
ge Distanz, um die Unterschiede zwischen Volk, Ethnie und Kultur aufzuzeigen und die
Bedeutung dieser Begriffe für die Entwicklung des Menschen von ihrer Instrumentalisie-
rung in ethnischen Konflikten zu trennen.
12 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Ethnie, Volk und Nation
findet im Kapitel 1/1.2 statt.
13 Akhtar (1992) siedelt die Anfänge der Herausbildung ethnischer Identität in der ödipalen
Phase an, während Volkan davon ausgeht, dass die Grundlagen der ethnischen Identität -
er verwendet den Begriff Großgruppenkernidentität - in der präödipalen Phase geschaffen
werden (Volkan 1999, 44). Einigkeit besteht aber darüber, dass sich die Kernidentität - sie
beinhaltet den Aspekt der ethnischen Identität - letztlich erst in der Adoleszenz wirklich
herauskristallisiert (Volkan 1999, 41).
14 Niethammer (2000) wendet sich explizit gegen jede Form der Verwendung des Begriffs der
»kollektiven Identität«, da es seiner Meinung nach grundsätzlich keinen Schutz vor dem
»...unbewußten Hinübergleiten aus der harmlos erscheinenden Forderung nach kulturel-
ler oder politischer Identität in die Legitimation von Gewalt« (Niethammer 2000, 627) gibt.
15 Einen aktuellen Überblick über den Begriff der Identität aus der Sicht der Psychoanalyse
gibt Bohleber (1996).
16 Siehe auch Nassehi (1997). Nassehi verweist in diesem Zusammenhang auf die »aus post-
strukturalistischen Motiven erarbeitete Dekonstruktion des Geschlechts«, die aufzeigt,
dass die gesellschaftliche Bedeutung des Geschlechts, ebenso wie eine Unterscheidung in
ein biologisches Geschlecht auf der einen Seite und einem kulturellen Geschlecht auf der
anderen Seite, selbst wiederum eine kulturelle Konstruktion ist. Nassehi überlässt dabei
die Frage, welche Bedingungen notwendig sind, damit die Möglichkeit besteht, »ohne Ge-
schlecht zu sprechen, zu denken und zu handeln«, einer späteren »genaueren Analyse«
Nassehi (1997, 196 ff).
17 Volkan (2000, 939) verweist hier auf die Frage, was »Schottisch-Sein« bedeuten kann. Er
gibt als Beispiele für die bei der Externalisierung positiver Gefühle benutzten Objekte
schottischer Kinder den Kilt und den Dudelsack an, mit denen zahlreiche Dinge assoziiert
werden können: Clans, Kampf um die Unabhängigkeit, Epen und Gedichte, Sprache und
Dialekt etc.
18 Laut Maria Greverus bezeichnete Helen Lynd (1958) diese beiden Fragen als die Identi-
tätsfragen. (1995, 2).
19 Balibar (1990, 72 und 84 Anmerkung 31) weist auf die Positionen des Neo-Rassismus hin,
der mittels der Soziobiologie versucht, die »altruistischen Gefühle« gegenüber der Fami-
lie, der Verwandtschaft als anthropologische Konstante zu beschreiben und zu hierarchi-
sieren, um so deren natürliche Existenz auch auf der Ebene der ethnischen Gemeinschaft
zu erklären. Diese Position des Neo-Rassismus, die scheinbar verwandt mit dem hier dar-
gestellten Ablösungsprozess ist, ist Teil des Mythos von Volk und Nation. Dieser Versuch
von Nationalismus und Rassismus, das Ethnische für ihre Ideologie zu missbrauchen,
wird im Kapitel 1/1.2.2 ausführlich untersucht.

// 78
Anmerkungen zum Kapitel I

20 Während Erdheim (1988) vom Ethnischen spricht, gebrauchen Heckmann (1992) und Re-
gina Römhild (1998) auch den Begriff der Ethnizität.
21 Der Versuch, Ethnizität mit biologischen und damit rassistischen Kategorien in Verbin-
dung zu bringen und ihr dadurch den Anschein eines »ursprünglichen Seinszustandes«
des Menschen zugeben, wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer untersucht wer-
den (Siehe vor allem Kapitel 1/1.2.3).
22 Dabei hat Ethnizität andere Begriffe wie »Stamm«, »Rasse«, »Volk«, »Nation«, »ethnische
Gruppe« verdrängt. Einige dieser von Heckmann aufgeführten Begriffe tauchen bei ihm als
»Grundkategorien« des Ethnischen wieder auf. Die Begriffe »Volk« und »Nation« sind aber
ebenso wie »Rasse« selbst schon Bestandteile von Ideologie gewesen, so dass sie außerhalb
eines alltagssprachlichen Gebrauchs als wissenschaftliche Kategorien für die Analyse von
Ethnizität nur insofern tauglich sind, als sie selbst Teil der kritischen Untersuchung wer-
den (Siehe Kapitel 1/1.2.2). Aus diesem Grund werde ich an dieser Stelle nur die Begriffe
»ethnisches Kollektiv« bzw. »ethnische Gruppe« einführen und die Begriffe Volk und Na-
tion anders als Heckmann (vgl. Heckmann 1992, 47ff.) nicht benutzen.
23 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird der Begriff des Ethnischen nur allgemein als Oberbe-
griff für die verschiedenen Aspekte benutzt. In Bezug auf das Verhältnis der Eigen- zur
Außenzuschreibung ethnischer Gruppen wird Heckmann(1992) und vor allem Römhild
(1998) gefolgt und hier deren Unterscheidung zwischen Ethnizität - als Eigen- und Ethni-
sierung als Außenzuschreibung - beibehalten.
24 Heckmann nimmt bei den Grundkategorien von Ethnizität eine Differenzierung zwischen
ethnischer Gruppe und ethnischem Kollektiv vor. Ethnische Gruppe ist dabei ein ethni-
sches Kollektiv, welches sich als Teilbevölkerung von der Mehrheitsbevölkerung einer
staatlich organisierten Gesamtgesellschaft unterscheidet und selbst Teil eines größeren
ethnischen Kollektivs (Volkes) ist. In anderen Arbeiten wird aber ethnische Gruppe oder
Ethnie im Sinne von Heckmanns ethnischem Kollektiv verwandt (vgl. Elwert 1989; Erd-
heim 1988; Römhild 1998), sodass die Begriffe Ethnie, ethnisches Kollektiv und ethnische
Gruppe synonym verstanden werden können. Volkan (1999/2000) verwendet wiederum
den Begriff der »Großgruppe« synonym zum Begriff der »ethnischen Gruppe« (vgl. Volkan
2000, 950).
25 Bei Karl Otto Hondrich heißt es hierzu: »Die Tatsache oder der Wunsch, irgendwo hin- und
dazuzugehören, ist eine mächtige Wirkkraft des sozialen Lebens - vielleicht die gesell-
schaftliche Bewegungs- und Bindekraft schlechthin« (Hondrich 1996, 100).
26 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Systemtheorie in Bezug auf die Bedeu-
tung der Grenzziehung für die Herausbildung sozialer Gruppen, wenn auch aus einer an-
deren Perspektive, zu ähnlichen Ergebnissen wie die Psychoanalyse kommt (vgl. Nasse-
hi/Weber 1990; Nassehi 1997).
27 Als Beispiel sei hier nur auf die Übernahme des Tabaks, des Kakaos und der Kartoffel von
der autochthonen Bevölkerung Amerikas durch die Europäer zwischen dem 16. und 18.
Jahrhundert verwiesen.
28 Mentzos (1993, 134) verweist auf VamikD. Volkan, der die Hypothese aufstellt, dass gera-
de bei einer großen Ähnlichkeit zwischen Ethnien die Abgrenzung voneinander oft be-
sonders massiv ist, um die eigene Identität erhalten zu können. Er nennt als Beispiel die
Türken und Griechen auf Zypern.
29 Während sich Europa den Reichtümern der »Neuen Welt« öffnete und von ihnen profi-
tierte, weigerte sich gleichzeitig ein großer Teil der europäischen Denker wie Bacon, Hu-
me, Montesqieu, Voltaire, die Ureinwohner Amerikas als ihre Nächsten anzuerkennen.
Andere wie der Graf Buffon (1707-1788) sprachen ihnen sogar eine Seele ab und erklärten
sie zu Tieren (vgl. Eduardo Galeano 1981, 53). Wallerstein (1990, 41) weist auf den Zu-
sammenhang zwischen Sexismus und Rassismus hin, der sich schon in der Ideologie der

// 79
Anmerkungen zum Kapitel I

Aufklärung im achtzehnten Jahrhundert zeigt, in der Frauen und Nichtweiße keine Er-
wähnung finden.
Nur kurz sei hier noch auf den schon dargestellten Zusammenhang zwischen Xenophobie
und Exotik verwiesen und für das achtzehnte Jahrhundert Jean Jaques Rousseau
(1712-1778) als Vertreter der Exotik genannt.
30 »Ethnozentrismus ist der Terminus, der für Gruppenbezogenheit verwendet wird; er be-
zeichnet die Tendenz, die eigene Kultur als Mittelpunkt von allem zu sehen, als das Maß,
mit dem alle anderen Lebensstile gemessen werden« (Vivelo 1981, 46).
31 Heim verweist auch auf die Sozialanthropologin Mary Douglas, die in Reinheit und Ge-
fährdung (1966) das Modell des Körpers und seine Symbolik für die Ethnographie von
Reinheitsritualen und Schmutzabwehr hinzugezogen hat. Untersuchungen, die diese Aus-
sage sowohl für moderne europäische Gesellschaften als auch für außereuropäische
Stammesgesellschaften geltend machen, basieren auf Douglas' Arbeit (vgl. Heim 1992,
726).
32 Erikson (1982) beschreibt den unterschiedlichen Umgang mit Körperexkrementen bei den
Dakota und den weißen Siedlern in Nordamerika im 19. Jahrhundert, der bei beiden Grup-
pen ein gegenseitiges Gefühl der Unreinheit auslöste. Siehe hierzu auch die verschiede-
nen Erzählungen von Mari Sandoz (1942 und 1953). Sandoz beschreibt überzeugend den
Ekel der Prärieindianer vor den Gerüchen des weißen Mannes.
33 Die Metapher, das Volk bzw. den Staat als einen Körper, einen lebendigen Organismus zu
verstehen, wurde oft in Bezug auf den Nationalismus untersucht und wird im Kapitel
1/1.2.2 ebenfalls aufgegriffen werden. Ich möchte diese Metapher aber auch für die ethni-
sche Gruppe verwenden, da - wie zu zeigen sein wird - sie schon auf dieser Ebene be-
deutsam ist.
34 Der an dieser Stelle von Erdheim verwendete Kulturbegriff ist entsprechend seiner eige-
nen Definition ungenau, da er hier ja gerade über die Stabilität und Kontinuität von Grup-
penstrukturen spricht. Diese Strukturen verändern sich aber, wie er an anderer Stelle ge-
zeigt hat, gerade durch die Aufnahme des Fremden und verlieren je nach Intensität der
Auseinandersetzung an Stabilität. Es hätte sich daher angeboten, die Verwendung des Be-
griffs Kultur zur Beschreibung des »symbolischen Sinnhorizonts« (Nassehi 1997,185) ei-
ner stabilen ethnischen Gruppe zu erklären bzw. zu ergänzen.
35 Erdheim (1992, 738) sieht in den immerwährenden ethnischen Auseinandersetzungen
den wichtigsten Grund für die Herausbildung des Staates.
36 Interessant ist der von R.Heim gegebene Hinweis auf den englischen Lord Chesterfield, der
Schmutz als »matter in the wrong place«, als Materie am falschen Platz bezeichnete. Erde
im Garten ist einfach Erde und Erde im Wohnzimmer hingegen Schmutz (vgl. Heim 1992,
722). Im übertragenen Sinn ist somit das Fremde in der notwendigen Distanz einfach nur
fremd. Nur wenn es dem Eigenen zu nahe kommt, wird es zum Dreck, der ausgeschieden
werden muss.
37 Zur historischen Entwicklung des Kolonie-Begriffs siehe Heckmann (1992, 97). Laut Heck-
mann gibt es für Kettenwanderung in die Bundesrepublik noch keine umfassenden Unter-
suchungen, sodass er seine Analyse diesbezüglich unter anderem mit Studien über Ket-
tenwanderung im 19 Jh. in die USA und Deutschland belegt (vgl. Heckmann 1992, 99 und
164ff). Diese Untersuchungen sind aber von entscheidender Aussagekraft in Bezug auf die
Situation von klassischen Auswanderersiedlungen und damit auch für den innerhalb die-
ser Arbeit relevanten Bereich.
38 Richter (1997, 73) arbeitet aus systemtheoretischer Sicht den zwingenden Aspekt der Aus-
bzw. Eingrenzung für die Existenz der Nation heraus: »Nur ein Außen macht ein Innen
möglich.«
39 Dieses Prinzip der »Kettenwanderung« konnte unter anderem für die deutschen Einwan-

// 80
Anmerkungen zum Kapitel I

derer in die USA im 19. Jahrhundert nachgewiesen werden. Nur eine Minderheit von ih-
nen kam nach Amerika, ohne vorher andere deutsche Siedler dort gekannt zu haben. »Das
>verpflanzte Dorf< war ein weit verbreitetes Siedlungsmuster« (Heckmann 1992, 99).
40 Heckmann verweist an dieser Stelle auf den mit dieser Form von Organisation kultureller
und ethnischer Aktivitäten verbundenen Begriff des »Zentrums«.
41 Waldmann gibt für die Einwandererkolonie in Chile verschiedene Phasen der Akkultura-
tion an. Nach der Einwanderung (1. Phase), und nach demAufbau der Kolonie (2. Phase)
kommt es in den folgenden drei Phasen zu einem endgültigen Bedeutungsverlust der eth-
nischen Kolonie und der Hinwendung zur chilenischen Gesellschaft in der letzten der 5.
Phase (vgl. Waldmann 1982,244). Heckmann verweist zu Recht darauf, dass sich aus den
verschiedenen Generationsmodellen nur schwerlich eine allgemeingültige Theorie der
verschiedenen zeitlichen Schritte von Assimilierung und Akkulturation entwickeln lässt,
da der zeitliche Ablauf von zu vielen anderen Variablen beinflusst wird (vgl. Heckmann
1992,173).
42 Der Ethnologe Richard Thurnwald führte für den Prozess der Anpassung an das Fremde
und den Austausch mit dem Fremden den Begriff der Akkulturation ein (vgl. Weber-Kel-
lermann 1962, 47).
43 Siehe auch Kapitel 1/1.1 und 1/1.2.1 dieser Arbeit.
44 Unter ethnischer Schichtung ist hier eine zwischen den verschiedenen ethnischen Grup-
pen bestehende soziale Ungleichheit gemeint (vgl. Heckmann 1992, 91 ff).
45 So schreibt Peter Waldmann in Bezug auf deutsche Siedler, die in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts in Chile eingewandert waren: »Vor allem läßt sich der Beitrag der Frauen
zur Bewahrung der alten Sitten und Anschauungen kaum hoch genug einschätzen. Noch
bei einer Untersuchung im Jahre 1950 zeigte sich, daß viele Frauen in den deutschstäm-
migen Kolonien nur des Deutschen mächtig waren, folglich in ihrem Erfahrungshorizont
auf jene Lebensinhalte beschränkt blieben, die an sie auf deutsch herangetragen und ver-
mittelt wurden« (Waldmann 1982, 241).
46 Weber-Kellermann (1962, 57) erzählt von einer Begegnung mit einer dreißigjährigen Frau
aus der »schwäbischen Türkei«, die an zwei Abenden 21 verschiedene, zum Teil vielstro-
phige deutsche Lieder aus ihrer Mädchenzeit vorsang. Die Sängerin konnte darüber hin-
aus auch einige ungarische Lieder vortragen, vermochte aber auf die Frage nach gemisch-
ten Liedern kein Einziges zu nennen.
47 Volkan (2000, 942) spricht diesbezüglich von einer Eltern/Lehrer - Kind - Interaktion.
48 Zwischen Nationalstaaten und den verschiedenen ethnischen Minderheiten nimmt des-
wegen die Frage des »muttersprachlichen« Unterrichts eine zentrale Stellung ein. In Situ-
ationen, in denen es zu einer offenen Auseinandersetzung über die Hegemonie innerhalb
eines Nationalstaates kommt, ist das Verbot der Minderheitensprache durch den Natio-
nalstaat eine der ersten Maßnahmen, um die ethnische Einheit der Nation durchzusetzen.
Siehe hierzu auch Kapitel 1/1.2.4.
49 »Spezifisch« steht bei Esser für die Tatsache, dass die verschiedenen Formen ethnischen
Kapitals nur im Rahmen der betreffenden Ethnie von Wert sind und kaum in andere sozi-
ale Räume transferiert werden können (vgl. Esser 1995, 65).
50 Esser verwendet hier den Begriff »kulturell« zur Beschreibung ethnischer Besonderheiten
eindeutig im Sinne des von Nassehi (1997,185) gemeinten »symbolischen Sinnhorizonts«
einer spezifischen Gesellschaft. Er differenziert dabei nicht zwischen ethnisch und kultu-
rell im Sinne eines unterschiedlichen Anteils des Fremden.
51 Zu den verschiedenen Ursachen von Auswanderung siehe G. Albrecht (1972).
52 Eine ausführliche »literaturanthropologische« Auseinandersetzung mit dem »Heimatphä-
nomen« bietet Greverus (1972).
53 Die hier von Erdheim gemachte Aussage über die Bedeutung der »kulturellen Identität«

// 81
Anmerkungen zum Kapitel I

und des »Ethnischen« leidet an der undifferenzierten Verwendung der Begriffe »kulturell«
und »ethnisch«. Die Vermischung der Begriffe »Ethnie« und »Kultur« findet besonders
häufig statt, wenn der »symbolische Sinnhorizont« (Nassehi 1997, 185) einer ethnischen
Gruppe beschrieben werden soll. Römhild (1998,160) wendet sich zu Recht, ganz im Sinn
der eigentlichen Position Erdheims (vgl. 1992, 740 oder auch diese Arbeit), gegen diese
Gleichsetzung von ethnischer und kultureller Identität. Sie muss aber einräumen, dass
sich der ethnisierende Kulturbegriff mehr und mehr durchgesetzt hat und sich an einer in
der Wirklichkeit oft festzustellenden kulturellen Beschränkung auf ethnische Grenzen
orientiert (vgl. ebd. 161).
54 Antrophologen unterscheiden in diesem Zusammenhang zwischen wirklichen, d. h. bio-
logischen Verwandten und klassifikatorischen Verwandten, d.h. Verwandten, die als sol-
che klassifiziert werden, real aber nicht biologisch verwandt sind (vgl. Vivelo 1988, 222).
55 Viele Anthropologen bezweifeln den Nutzen einer Terminologie der Verwandtschaftsbe-
ziehungen, da es keine allgemeingültige, umfassende Terminologie gibt (vgl. ebd. 219).
56 Zum Aspekt der Abgrenzung vom damals weit verbreiteten modernisierungstheoretischen
Argument, dass der Erhalt von Ethnien den mangelnden Kontakten zwischen den einzel-
nen Gruppen bzw. dem niedrigen Grad der Modernisierung zuzuschreiben war, siehe:
Sonderband AS 91(1991, 128), Heitmeyer (1996, 31ff), Nassehi (1990, 276ff)
57 Alle genannten Autoren beziehen sich dabei auf Frederik Barth, der zur Revision des es-
sentialistischen Konzeptes bahnbrechend gewirkt hat. Siehe hierzu Barth (1981).
58 Neben anderen Beispielen nennt Elwert die Tugen und Njemps in Kenia. Veränderungen
in Bezug auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe entstehen dort entlang der Besitzverhält-
nisse. »Tugen, die genug Weidetiere akkumuliert haben, werden zu Njemps; Njemps ohne
Tiere werden zu Tugen« (Elwert 1989, 14).
59 Siehe Kapitel 1/1.1. Zum grundsätzlichen Verhältnis von Zufälligkeit und Notwendigkeit
siehe Robert Havemann (1964, 84).
60 Auf diesem Widerspruch beruht auch die Differenz zwischen der essentialistischen und
konstruktivistischen Definition ethnischer Gruppen.
61 So wurde als ein Ergebnis des Krieges im ehemaligen Jugoslawien serbo-kroatisch als
Sprache aufgegeben und durch jeweils serbisch bzw. kroatisch ersetzt. Im neuen kroati-
schen Wörterbuch wurde versucht, bestimmte Begriffe als typisch kroatisch zu erklären
und andere als typisch serbisch nicht mehr aufzunehmen (vgl. Riedel 1997, 56). Ein an-
deres Beispiel gibt Georg Elwert: »Die Chinesen in Jamaika z. B. wechselten erst die Spra-
che und dann die Religion und behielten doch eine ethnische Identität - sie nutzten näm-
lich die neu erworbene katholische Religion als Abgrenzungskriterium« (Patterson 1978
zitiert nach Elwert 1989, 25). In diesem Zusammenhang sind auch die Differenzen zwi-
schen verschiedenen Strömungen innerhalb der Religionen als aktive Abgrenzung zu ver-
stehen: im europäischen Raum die Entwicklung des Protestantismus im 16. Jahrhundert
und in Kleinasien die frühzeitige Trennung von Sunniten und Schiiten. Ebenfalls interes-
sant sind die Veränderungen innerhalb der afro-amerikanischen Bevölkerung in den 50er
und 60er Jahren, die in Zusammenhang mit der ausgebliebenen sozialen und politischen
Gleichstellung zu sehen sind. Nach einer Phase der Annäherung an den anglo-sächsischen
Lebensstil, z. B. in Form von geglätteten Haaren, heller Schminke und einer Bewunderung
der helleren Mischlinge, dann die Abgrenzung im Zuge der Entwicklung eines afro-ame-
rikanischen Selbstbewusstseins und die damit verbundene Betonung der krausen Haare
und der schwarzen Haut (vgl. Alex Haley 1968).
62 So wurden im berühmten Bund der »fünf Nationen« der Irokesen der irokesische Stamm
der Huronen als Feind bekämpft, während die Delawaren, ein Stamm der Algonkin, in den
Bund, wenn auch als untergeordnetes Mitglied, aufgenommen wurden (vgl. La Farge 1966,
44 ff und 1961, 53).

// 82
Anmerkungen zum Kapitel I

63 Weit verbreitet war bei einigen nordamerikanischen Indianerstämmen, wie z.B. den Iro-
kesen, die Sitte, Angehörige feindlicher Gruppen, wenn diese ihre alte Zugehörigkeit auf-
zugeben bereit waren, in den eigenen Stamm aufzunehmen und dadurch erlittene Verlu-
ste auszugleichen (vgl. La Farge 1961, 53).
64 Siehe hierzu auch Römhild (1998, 12). Regina Römhild stellt den Unterschied zwischen
dem ethnischen Konstrukt einer vorgestellten Kultur und praktizierter Kultur in den
Mittelpunkt ihrer Arbeit.
65 Dan Diner weist darauf hin, dass die Erforschung der Vergangenheit, ähnlich wie bei an-
deren Kulturwissenschaften auch, selbstverständlich vom Wissenschaftler, hier dem Hi-
storiker, nicht zu trennen ist. Historiker versuchen, Geschichte anhand von Texten, unter
Zuhilfenahme kritischer Methoden, zu interpretieren. Diese Interpretation unterliegt not-
wendigerweise auch den spezifischen Einstellungen und Blickwinkeln der jeweiligen
Zeit, in der der Historiker forscht (vgl. Adelbert Reif im Gespräch mit Dan Diner 1999,
804). D.h. Geschichte im Sinne einer Darstellung ist nie »objektiv«, sondern immer auch
eine Interpretation, was selbstverständlich aus der Sicht der Wissenschaft den Historiker
nicht von einem Wahrheitsanspruch entbindet (vgl. ebd. 804, vgl. hierzu auch Möckel
1997, 489).
66 Möckel (1997, 480 ff) spricht im Zusammenhang mit dem Geschichtsbewusstsein ethni-
scher Minderheiten von Geschichte als »moralischer Anstalt« und »Rechenschaftslegung«
und vom historischen Bewusstsein als »Waffe«.
67 Zur Doppeldeutigkeit der Aussage des Mythos als Nachricht und Feststellung siehe Bar-
thes (1964, 105).
68 Siehe hierzu auch Greverus (1995, 21). Greverus spricht in diesem Zusammenhang vom
Betrug um Geschichte, indem die »Schöpfer und Träger der Geschichte, die Menschen, ge-
schichtslos gemacht« werden.
69 »Franzosen, Schweden, Deutsche, Schotten, Polen, Tschechen, Armenier beispielsweise
sind Namen für >Völker<. Wenn wir vor 1990 von >Deutschen< in diesem ethnischen Sinne
sprachen, waren damit Angehörige beider deutscher Staaten, aber etwa auch deutsche Be-
völkerungen auf dem Balkan gemeint« (Heckmann 1992, 49).
70 »Daß Ethnien und Nationen eigentlich vorgestellte Gemeinschaften bzw. >Erfindungen<
sind, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie für diejenigen, die sich ihnen
zuordnen oder ihnen zugeordnet werden, zwangsläufig soziale Wirklichkeit werden«
(Römhild 1998, 147).
71 »Die Nation wird als ethnische Gemeinschaft imaginiert« (Sigrist 1997, 49).
72 Eine historische Darstellung der Herausbildung des Volksbegriffs in Deutschland und sei-
ne wichtigsten Stationen (Reformation, Napoleonische Befreiungskriege, Vormärz, 1848,
Bismarck und das Kaiserreich, Nationalsozialismus) kann im Rahmen dieser Arbeit nicht
erfolgen. Es liegen dazu auch umfassende Arbeiten vor. Grundsätzlich wichtig für die Ent-
wicklung des Volksbegriffs im Abendland, speziell in Deutschland, sind die Arbeiten von
Elias 1976 und 1989.
73 Schottenwitze in Großbritannien, Ostfriesenwitze in Deutschland sind nur zwei Beispiele
dieses weit verbreiteten Umgangs mit ethnischen Besonderheiten innerhalb einer Nation.
74 Die Herausbildung des Nationalitätenprinzips als organisatorische staatliche Struktur fällt
in das 19. Jahrhundert (vgl. Kaschuba 1995).
75 Nach Balibar (1990, 83, Anm. 26) ist jeder Rassismus zumindest hypothetisch pessimi-
stisch, droht doch die eigene, vermeintlich höhere Rasse bzw. Kultur zwangsläufig in der
Masse des minderwertigen Fremden zu versinken, wenn es dem Rassismus nicht gelingt,
durch eine radikale Entscheidung den Selbstlauf der Dinge zu stoppen.
76 Bohleber verweist darauf, dass in der Gedankenwelt der europäischen Kultur der Körper
als Metapher für den Staat fest verankert ist, besonders aber in Deutschland eine lange Tra-

// 83
Anmerkungen zum Kapitel I

dition der Vorstellung der Nation als eines Organismus besteht. Siehe hierzu auch Heim
(1992, 725).
77 Regina Römhild (1998) hat diesen Prozess für die Entwicklung eines Identitätsgefühls
überzeugend am Beispiel der Russlanddeutschen beschrieben.
Wie Bielefeld (2001, 4) aber treffend in Hinblick auf ethnische Gruppen sagt: »Unsicher-
heit soll in Sicherheit verwandelt werden. Aber nicht die Unsicherheit erweist sich als ge-
fährlich, sondern der Herstellungsprozess der Sicherheit oft als tödlich.«
78 Waldmann gibt hierzu verschiedene Beispiele an: Israelis und Palästinenser im Nahen
Osten, Protestanten und Katholiken in Nordirland, Tamilen und Singhalesen auf Sri Lan-
ka (Waldmann 1995, 106f).
79 Ähnlich formuliert es Balibar (1990, 59): »Es ist durch nichts gerechtfertigt, den Nationa-
lismus der Herrschenden mit dem Nationalismus der Beherrschten, den Nationalismus
der Befreiung und den Nationalismus der Eroberung einfach gleichzusetzen.«
80 In der Übersetzung von Volkans Buch Das Versagen der Diplomatie (1999) wird von »ge-
wählten Ruhmestaten bzw. Traumata« gesprochen. In der Übersetzung seines Beitrags in
der Zeitschrift Psyche (2000) heißt es »auserwählte Ruhmestaten bzw. Traumata«. Ich
übernehme die letzteren Begriffe, da sie mir noch präziser erscheinen.
81 Römhild (1998, 154) spricht unter Verweis auf Giordano (1981) auch von »Identitätsma-
nagement«.
82 Kneer (1997, 91) verweist ebenfalls darauf, dass es »in der Regel politische und kulturelle
Eliten [sind], die mit ihren Handlungen die Identität der Minderheitengruppe nach innen
und außen symbolisieren«.
83 Römhild (1998) bezieht sich bei dieser Einschätzung sowohl auf Giordano (1981) als auch
auf Horch (1992). Siehe hierzu auch Flury (1983, 15). Miedlig (1994, 25) argumentiert ver-
gleichbar. Er definiert Identität zuerst nur als einen persönlichen Standpunkt. Zu einem
kollektiven Phänomen wird »Identität«, [laut Miedlig] erst durch die gezielte Konstruktion
eines gewünschten Zustandes durch die jeweiligen ethnischen bzw. nationalen Eliten.
84 De Mause macht diese Aussage grundsätzlich in Bezug auf die Führer jeder historischen
Epoche.
85 Auf diese Art haben ethnische Konflikte immer wieder soziale Bewegungen beeinflusst
und die Solidarität, z.B. innerhalb der Arbeiterbewegung, gegenüber anderen ethnischen
Gruppen erschwert (vgl. Heckmann 1992, 142).
86 Dieses »psychosoziale Arrangement« wurde in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem
»Führer« Adolf Hitler und dem »Deutschen Volk« exemplarisch von Alexander und Mar-
garete Mitscherlich (1967) untersucht.
87 »Während die Störungen der letzteren (der idealisierenden Libido) gleichsam das Rekru-
tierungsfeld für totale religiöse und politische Bewegungen erzeugen, sorgen die Störun-
gen des Größenselbst für die nötigen messianischen Führer und charismatischen Persön-
lichkeiten, die anderen als idealisiertes Selbst-Objekt dienen können« (Breuer zitiert nach
Mentzos 1994, 176).
88 Dirk Richter (1997, 72) hat aus systemtheoretischer Sicht den Zusammenhang zwischen
einer »nationalistischen Freund/Feind-Schematik« und ökonomischen Krisensituationen
aufgezeigt, ohne dabei allerdings zwischen den Interessen der verschiedenen Schichten
innerhalb einer Nation zu differenzieren.
89 Waldmann (1995) hat diese Entwicklung anhand von verschiedenen Separationsbewe-
gungen, z.B. Nordirland, Baskenland, in Westeuropa aufgezeigt. Molik (1992, 24) hat für
die polnische Nationalbewegung im Großherzogtum Posen zwischen 1850 und 1914 nach-
gewiesen, dass die Aktivisten in erster Linie aus den Reihen der Intelligenz und des Wei-
teren aus dem gehobenen Mittelstand kamen.
90 Die Autoren unterscheiden zwischen Führern »leaders« als den Schlüsselpersönlichkei-

// 84
Anmerkungen zum Kapitel I

ten »key personalities«, die Programme, Ideologien und Strategien formulieren, und Akti-
visten »activists«, die Ausdruck einer gößeren Schicht national gesinnter Mitglieder der
ethnischen Bewegung »more numerous Stratum of nationally minded members of the mo-
vement« sind.
91 »Leaders of the emerging small nations, or of those peoples striving for national unity, saw
their quest as having unique value. Each believed the disappearance (assimilation) of their
people was a fate comparable to the death of the individual« (Übersetzung vom Verf.).
92 Volkan setzt sich ausführlich mit dem serbischen Amselfeldmythos auseinander. Er be-
nennt ihn als ein klassisches Beispiel eines »auserwählten Traumas« in Verbindung mit ei-
nem »Zeitkollaps« (Volkan 1999, 84 ff und 2000, 948 f).
93 Nach Höpken (2001, 7Off) waren in den 90er Jahren auf allen Seiten des bosnischen Krie-
ges Angehörige der sozial marginalisierten Schichten überproportional in den paramilitä-
rischen Einheiten vertreten.
94 Waldmann formuliert in diesem Zusammenhang die These, dass »... politische Gewalt der
Unterschichten immer Defensivgewalt ...« ist (Waldmann 1995, 92). Interessant auch
Horchs Hinweis darauf (1992, 262), dass die polnischen Bauern nur widerwillig an der na-
tionalen Bewegung teilnahmen bzw. sogar die Zusammenarbeit verweigerten.
95 Aufgrund der Bedeutung ethnischer Identität für die psychosoziale Entwicklung der Men-
schen ist es für die Ursachen des ethnischen Krieges bedeutsam, wie stark der Mythos der
ethnischen Reinheit in ihm wirkt und wie massiv die Bedrohung der eigenen ethnischen
Identität wahrgenommen wird. Diese »subjektive Einschätzung« der Mitglieder einer eth-
nischen Gruppe ist für den Verlauf des Krieges entscheidender als das Ausmaß der am An-
fang des Krieges real existierenden Bedrohung. Deswegen wird hier vom ethnisch be-
gründeten und nicht vom ethnischen Krieg gesprochen. Ersteres hat den Vorteil, den kon-
struktivistischen Aspekt im Begriff aufzugreifen, während Letzteres eine »objektive« Ur-
sache des Konfliktes zu suggerieren scheint.
96 Mentzos verweist mit Shatan auf das Massaker von My-Lai (Vietnam). Nach Shatan kam
es zu diesem »schrecklichen Blutvergießen«, nachdem Leutnant Calley »... am Grab eines
geliebten Kameraden die Kompanie ...« aufgeputscht hatte (Mentzos 1993,134). An ande-
rer Stelle zitiert Mentzos die Ansprache eines amerikanischen Leutnants während des
Golfkrieges 1991. Der Leutnant spricht von der Liebe zum Kameraden als dem besten
Mittel, die Angst vor dem Kampf zu bekämpfen (vgl. Mentzos 1993, 199).
97 Eibl-Eibesfeld gibt ein Beispiel aus dem ersten Weltkrieg, wo die persönliche Begegnung
von Franzosen und Deutschen außerhalb des direkten Frontgeschehens nicht mit Kampf-
handlungen, sondern mit freundlichen Gesten endete. Er verweist an derselben Stelle
auch auf die im Stellungskrieg übliche Unterbindung jeglicher Kommunikation zwischen
den Frontkämpfern, um eine freundliche Kontaktaufnahme und die damit verbundene
»Demoralisierung der Truppe« zu vermeiden (vgl. Eibl-Eibesfeld 1984, 269).
98 Mentzos weist auf den Film Füll Metall Jacket von Stanley Kubrick hin, der den Prozess
der Ausschaltung menschlichn Mitgefühls bei der Rekrutenausbildung in der US-Armee
darstellt (vgl. Mentzos 1993, 198).
99 Die Ausschaltung menschlicher Gefühle für den Gegner wird von Rainer Dollase unter
Verweis auf Albert Camus als Abstraktion bezeichnet. »Beweisen: Daß die Abstraktion das
Übel ist. Sie verursacht die Kriege, Folterungen, die Gewalttätigkeit usw« (Albert Camus
zitiert nach Dollase 1996,137). Ähnlich argumentiert Wirth (2001,1224), wenn er mit dem
polnischen Soziologen Baumann darauf verweist, dass dem Holocaust eine Phase der »so-
zialen und emotionalen Distanzierung« der Deutschen von den jüdischen Mitbürgern vor-
ausging. Nach Wirth ermöglichte erst diese Distanzierung - Camus hätte den Begriff der
Abstraktion verwandt - ein »Schwinden der moralischen Verantwortung« und war somit
eine zentrale Voraussetzung für die »Teilnahmslosigkeit gegenüber dem Schicksal« der Ju-
den.

// 85
Anmerkungen zum Kapitel I

100 Die amerikanischen Piloten sprachen in Zusammenhang mit der Verfolgung der fliehen-
den irakischen Panzerverbände 1991 von Truthahnjagd (vgl. Mentzos 1993, 113).
101 Diner zeigt das Wechselspiel zwischen erlittenen Erniedrigungen und darauffolgenden
Racheakten überzeugend am Beispiel der Geschichte der Griechen und Türken in Euro-
pa und Kleinasien auf. Vgl. hierzu auch Mentzos' (1993,157ff) Ausführungen zu den Bio-
graphien von Nationen und hier ebenfalls zum griechisch-türkischen Verhältnis.
102 Esser beschreibt die Herrschaft als »Definitionsmacht des Wertes spezifischer
Ressourcen« (ebd. 80). Wie sich Herrschaft nicht nur partikular, z.B. auf die Sprache,
sondern allgemein auf die Lebensformen der Slowenen als unterdrückte Ethnie in Kärn-
ten ausgewirkt hat, zeigt Moser (1982).
103 »Die Verteilung von Territorien ist immer ein Nullsummenspiel; was einer gewinnt, muß
zwangsläufig ein anderer verlieren« (Sundhaussen 2001, 41).
104 Siehe die verschiedenen Berichte über die Massenvergewaltigungen im jugoslawischen
Bürgerkrieg.
105 Mentzos (1993, 199) zitiert den Vietnam-Veteranen William Broyles jun.: »Das Gefühl,
was bleibt wenn alle anderen Erinnerungen längst verblasst sind, ist das Gefühl der Ka-
meradschaft.«
106 Auf den Zusammenhang zwischen eigenem erlittenen Leid bzw. Unrecht und der Ab-
wehr von Schuldgefühlen hat Moser (1992) verwiesen. In seiner Auseinandersetzung mit
dem 1967 erschienen Buch von A. und M. Mitscherlich stellt er die These auf, dass die
deutsche Kriegsgeneration die Vertreibung, die Bombardierungen, die Toten und Ver-
stümmelten, die Gefangenschaft und den Hunger als eine »archaische« Strafe auffassten
und dadurch ihre Schuld gleichsam als abgegolten betrachteten. Die mit diesen Verlusten
verbundene Trauer schränkte außerdem ihre Fähigkeit zu Trauer und Scham gegenüber
den Opfern der deutschen Verbrechen ein.
107 Ein klassisches Beispiel für die mythologische Verknüpfung von Geschichte und Territo-
rium ist der serbische Amselfeldmythos. Velikic (1999, 42) analysiert die Bedeutung der
Mythologisierung des ethnischem Krieges als »Überlebenskampf« auf der einen Seite
und der Niederlage der Serben 1389 auf dem Amselfeld und der Mythologisierung die-
ses Gebietes als Wiege der serbischen Nation auf der anderen Seite. Er zeigt dabei, welch
wichtige Rolle der Amselfeldmythos in der Kriegspropaganda Milosevics spielt, und
untersucht den Einfluss dieses Mythos auf die Kriegsbereitschaft der serbischen Bevöl-
kerung (vgl. hierzu auch Richter 1997, 67). Bielefeld (2001, 6ff) analysiert nicht nur die
Bedeutung des Amselfeldmythos für die serbischen Nationalisten, sondern zeigt die fa-
tale Mythologisierung der Geschichte auch auf albanischer Seite in den Gedichten von Is-
mail Kadare auf.
108 Als ein klassischer Fall gezielter Täuschung über die wahren Aggressoren in einem An-
griffskrieg kann noch immer der inszenierte Überfall auf das deutsche Radio Gleiwitz
1939 gelten (vgl. Der Nürnberger Prozess. Bd. II, 496f. Nürnberg 1947-49). Auf den »Pro-
zess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nürn-
berg« wird im weiteren Verlauf nur unter »Nürnberg Bd, S.« verwiesen.

// 86
II
Die Donauschwaben

Die Darstellung der Geschichte der Donauschwaben wird schwer-


punktmäßig im Hinblick auf die Entwicklung im jugoslawischen Teil des
Banats erfolgen. Es geht dabei nicht um eine möglichst vollständige histori-
sche Darstellung der verschiedenen Zeitabschnitte der Besiedlung des Ba-
nats oder einer umfassenden Geschichte der Donauschwaben. 1 Es sollen
vielmehr die Aspekte aufgezeigt werden, welche entscheidend die Ent-
wicklung der ethnischen Gruppe der Banater Schwaben und deren Verhält-
nis zu ihren Nachbarn beeinflusst haben. Für die Anfänge der Besiedlung
heißt dies, dass die allgemeinen Grundzüge der Einwanderung insoweit
aufgezeigt werden, als davon ausgegangen werden kann, dass sie auch für
das jugoslawische Banat von Bedeutung sind. 2 Für diesen Teil der Arbeit
sind sowohl die von Tafferner im Quellenbuch zur donauschwäbischen Ge-
schichte gesammelten Dokumente, als auch Eimanns Der Deutsche Kolonist
von besonderer Bedeutung. Tafferners fünfbändiges Werk enthält eine Fül-
le von Quellen, die nicht nur die Methoden der Anwerbung durch die kai-
serliche Administration dokumentieren, sondern auch einen ersten Ein-
blick in die Gedankenwelt der Einwanderer bieten. Eimanns Der Deutsche
Kolonist, von Lötz 1965 herausgegeben, ist als zeitgenössischer Bericht aus
mehreren Gründen wichtig. Zum einen gewährt er einen Eindruck von der
Lebensweise und den Gewohnheiten der ersten Siedler. Zum anderen las-
sen sich in ihm die bisher aufgezeigten Strukturen der Abgrenzung des Ei-
genen vom Fremden besonders gut nachvollziehen. Im weiteren Verlauf
wird dann der Blick zunehmend von der Entwicklung der anderen Teile der
Donauschwaben abgewandt.3 Neben der von Schödl (1995) herausgegebe-
nen Dokumentation sind hier auch die Arbeiten von Senz (1987) und An-
nabring (1954 und 1955) von Bedeutung. Ähnlich wie bei Senz sind auch bei
Annabring nationalistische Untertöne nicht zu überhören. Aber auch An-
nabrings Arbeiten dienen allen folgenden Autoren als Informationsquelle
(z.B. Paikert 1967; Wehler 1980; Sundhaussen und Schödl 1995). Auch in der
vorliegenden Arbeit sind Senz' und Annabrings Arbeiten wichtige Grund-

// 87
II Die D o n a u s c h w a b e n

lagen der Analyse. Es wird aber immer wieder auf einzelne Stellen dieser
Arbeiten verwiesen, an denen die Mythologisierung der ethnischen Ge-
schichte sowie ihre Instrumentalisierung für den Mythos der ethnischen
Nation durch Senz und Annabring besonders deutlich hervortritt.
Die Aufnahme dieser Arbeiten eröffnet aber noch einen weiteren Aspekt
für die Analyse. Annabring ist selbst ein Zeitzeuge und kannte persönlich
eine Reihe von donauschwäbischen Führern wie z. B. Rudolf Brandsch (vgl.
Annabring 1954, 3). Er absolvierte als Schüler jenes Realgymnasium in
Hatzfeld, im später rumänischen Teil des Banats, aus dem eine Reihe von
jungen Akademikern hervorging, die danach in der deutschen Bewegung
aktiv wurden (vgl. Annabring 1955, 2). Senz wurde 1912 in Apatin in der
Batschka geboren und war ab 1941 dann in Budapest als Landschulrat tätig
(vgl. Senz 1987, 280). Neben der Fülle von Information, welche die Autoren
in ihren Arbeiten bringen, gelingt es so, über ihre Einschätzungen teilweise
einen Einblick in die Motive der damaligen Akteure zu nehmen. Noch ein-
dringlicher gelingt dies beim Volksgruppenführer der Banater Schwaben
Sepp Janko (1982). Wenn man sich vorsichtig seiner Arbeit nähert, gibt sie
hinter der vordergründigen Argumentation, mit der er die Donauschwaben
von jeglicher Verantwortung für die während der Besatzungszeit von der SS
und der Wehrmacht begangenen Verbrechen freizusprechen versucht, den
Blick wenigstens ansatzweise auf die Gefühlswelt der damaligen Aktivisten
frei. Aufbauend auf der Einschätzung, dass die ethnischen Führer nur die
in der Gruppenphantasie am besten integrierten Menschen sind, 4 lässt sich
so auch im Detail die Dynamik zurückverfolgen, welche die Verbindung
von Ethnizität, aktivem Ethnomanagement und Nationalismus bei den Ba-
nater Schwaben entfaltet hat.

1
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben
zu einer deutschen Volksgruppe

Die Siedler allgemein als Schwaben zu bezeichnen geht auf die er-
sten Einwanderer zurück, die tatsächlich aus schwäbischen Gegenden in
Württemberg und Schwaben stammten (Weber-Kellermann 1978, 291). Der
Begriff Donauschwaben verbreitete sich erst in der Zeit zwischen den bei-
den Weltkriegen (vgl. Senz 1987, 19) und bezieht sich neben der Herkunft
der Siedler auch auf ihr Siedlungsgebiet entlang der Donau. Dieses umfas-

// 88
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

ste in Südungarn die Regionen Syrmien-Slawonien, die Batschka, das Ba-


nat, Sathmar und Transtisien. Spricht man also von den Banater Schwaben,
so meint man die seit dem 18. Jahrhundert in die Region zwischen der
Theiß, der Donau, den Südkarpaten und der Mieresch lebende deutsch-
sprachige Siedlergruppe (vgl. Senz 1987, 14 ff; YVeifert 1966, 133). Der Na-
me der Banater Schwaben leitet sich von der seit dem mittelalterlichen Un-
garn für die südlichen Grenzmarken des Landes gebräuchlichen Bezeich-
nung »Banat« (Scherer 1989, 9) ab. Der größte Teil des Banats besteht aus ei-
ner Tiefebene, die sich zwischen Donau und Theiß erstreckt und besonders
fruchtbar ist. An den Rändern wird sie durch Berg- und Hügellandschaften
begrenzt (vgl. Senz 1987, 13).

1.1
Die Anfange der Kolonisation

1.1.1
Die Neubesiedlung des Balkans als politische und
merkantilistische Maßnahme der Habsburger Monarchie

Die ersten Kolonisten kamen im Anschluss an die Friedensschlüs-


se von Karlowitz (1699) und Passarowitz (1718), die zwischen der Habs-
burger Dynastie und dem Osmanischen Reich geschlossen wurden. Im
Laufe der Zeit brachte die Ansiedlungspolitik eine große Anzahl Siedler
aus anderen Gegenden Europas nach Südosteuropa (vgl. Dokumentation
Bd.5, 5E). Die durch die Habsburger Herrscher organisierte Einwanderung
fand hauptsächlich im 18. Jahrhundert statt5 und hatte in dieser Zeit »drei«
Höhepunkte (ebd. 6E). Die erste Phase der Kolonisation wurde von dem -
auf Vorschlag des Prinzen Eugen von Savoyen - mit dem Aufbau der kai-
serlichen Herrschaft im Banat beauftragten Grafen Mercy ab 1718 durchge-
führt (vgl. Schödl 1995, 148). Zwischen 1765 und 1771 kam unter der Kai-
serin Maria Theresia die zweite Welle und zwischen 1784 und 1787 unter
dem Kaiser Joseph II. die dritte Welle der Einwanderer ins Banat. Die unter-
schiedlichen Phasen sind zeitlich voneinander zu trennen, tragen struktu-
rell und inhaltlich aber durchaus gemeinsame Züge.6 So fand, über den ge-
samten Zeitraum hinweg, neben der Ansiedlung auf staatlichen, so-
genannten Kameralgütern auch eine Ansiedlung auf privatem Grundbesitz
statt (vgl. Weifert 1966, 134; Dokumentation Band 5, 6E).

// 89
II Die D o n a u s c h w a b e n

Die Neubesiedlung des Landes war eine bevölkerungspolitische Maß-


nahme, welche die Südgrenze des »Kaiserreichs« 7 gegen das Osmanische
Reich sichern sollte (vgl. Schenk 1987, 145). Dabei gingen militärische und
wirtschaftliche Aspekte ineinander über. Das durch den Krieg fast völlig
entvölkerte Gebiet (vgl. Innenministerium BW 1987, 82), in dem während
der hundertfünfzigjährigen osmanischen Herrschaft hauptsächlich Weide-
wirtschaft betrieben worden war (vgl. ebd. 146), sollte durch die Ansied-
lung verschiedener Bevölkerungsgruppen und die Einrichtung der »Mili-
tärgrenze« 8 sowohl militärisch gesichert als auch langfristig ins Kaiserreich
eingegliedert werden (vgl. Paikert 1967, 20). Neben den Einwanderern aus
»West- und Südwestdeutschland« (Fata 1995,148) wurden die vor den Tür-
ken geflüchteten Serben, Rumänen, und Ungarn wieder angesiedelt. Darü-
ber hinaus wanderten auch kleine Gruppen aus anderen Gegenden Osteu-
ropas und eine geringe Anzahl von Westeuropäern ein (vgl. Dokumentation
Bd.5, 6E). Die Ansiedlung verschiedener Bevölkerungsgruppen war der ge-
zielte Versuch, ihre jeweiligen Fähigkeiten für den Wiederaufbau der ver-
ödeten und entvölkerten Landschaft 9 zu nutzen (vgl. Innenministerium
BW, 1987). Die kaiserlichen Behörden setzten damit bewusst auf die eth-
nische Vielfalt der Siedler, um sich ihre unterschiedlichen kulturellen Tra-
ditionen bei der Erschließung der Landschaft zunutze zu machen.
Den »Nationalisten«, also Serben und Walachen, wurde das Herumzie-
hen mit ihren Viehherden verboten und »Seßhaftigkeit« verordnet (Fata
1995, 148). Sie sollten als Viehzüchter Weidewirtschaft betreiben, während
in erster Linie deutsche, aber beispielsweise auch italienische Einwande-
rer als Landwirte zur Erschließung des Banats angeworben wurden (vgl.
ebd. 154, Dokumentation Bd.5, 6E). Der bewusste Umgang mit den unter-
schiedlichen Fertigkeiten der Bevölkerungsgruppen spiegelt sich auch in
zeitgenössischen Einschätzungen bezüglich ihrer Verwendung bei der Kul-
tivierung des Landes wider. So heißt es beim Präsidenten der Banater Hof-
deputation, Ferdinand Alois Graf Kolowrat, Mitte des 18. Jahrhunderts
über die italienischen und deutschen Siedlerfamilien, dass
»erstere wegen Pflanzung der Maulbeerbäume und Kultivierung der
Seidenwürmer, die letztere aber zur Impopulierung deren öden Grün-
den, oder sogenannten Prädien gewidmet seyend« (Lötz 1966, 165).

Für die Kaiserin Maria Theresia rechtfertigte sich die große Anzahl deut-
scher Einwanderer aus den spezifischen Erfordernissen der Landerschlie-
ßung. Sie beabsichtigte

// 90
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

denen für selbe a proportione erforderlichen Grundstücken eingeräumt


und die daselbst noch befindlichen 28 walachische Familien nach
St. Andrasch transferiret werden können, sondern gereichet auch zu
unserem gnädigsten Wohlgefahlen ... wegen der ... bereits gepflanzten
und weiters pflanzenden Maulbeer-Bäumer« (Tafferner 1995, 125).

In Hinblick auf etwaigen Widerspruch der eingesessenen Walachen


schreibt Graf von Kolowart am 13. November 1748 an die Temeschwarer
Landesadministration, dass die bisher in dem Dorf lebenden Walachen
nach St. Andrasch »translociert« werden sollten:
»Und wann diese sich weigeren, mithin auf erstbemeltes Dorf in der
Güte sich nicht begeben wolten, so habt Ihr ihnen zu bedrohen, daß sie
solchenfahls nacher Siebenbürgen, als woher solche gekommen, wieder
zurückgehen bemüßigt sein werden« (Tafferner 1995,126).

Da sich der Aufbau der Seidenraupenzucht durch italienische Einwande-


rer als schwierig erwiesen hatte, versuchte man vermehrt deutsche Koloni-
sten dafür zu gewinnen und war zu diesem Zweck 1748 auch zur Transfe-
rierung der Walachen bereit. Am 5. Juli 1749 wurde aber wiederum ein Er-
suchen der Temeschburger Landesadministration nach Umsiedlung der im
Dorf Denta lebenden »Nationalisten« zwecks Ansiedlung deutscher Kolo-
nisten abgewiesen:
»Daß aber andurch denen alten Razischen und Wallachischen Dorfschaf-
ten und Familien ihre bishero besessenen Gründe abgenommen und
denen neuen zugetheilet werden sollen, dieses wird nicht für thunlich
befunden einfolglichen dann Euch angesachten Verhaltensbefehl in
Ruckantwort bedeutet, wasgestalten alles in status quo verbleiben und
niemand von seinen Grundstücken oder Haus. >vertreiben< ... werden
sollen« (ebd. 130).

Die Transferierung war insgesamt kostspieliger als die Zusiedlung, da die


alten Besitzer nicht enteignet wurden und ihnen an anderer Stelle von der
kaiserlichen Ansiedlungsbehörde neuer Grund zur Verfügung gestellt wer-
den musste. Man kann deswegen davon ausgehen, dass Transferierungen
nur in Fällen stattfanden, in denen man sich unter ökonomischen oder po-
litischen Gesichtspunkten einen Vorteil versprach (vgl. ebd. 129). Obwohl
die Transferierung nicht unbedingt mit wirtschaftlichen Nachteilen für sie
verbunden waren (vgl. Fata 1995, 172), führten die Umsiedlungsaktionen
verständlicherweise, trotz der Drohungen der kaiserlichen Behörden, zu
heftigen Protesten der »Nationalisten« und belasteten deren Verhältnis zu

// 93

II
II Die D o n a u s c h w a b e n

den deutschen Kolonisten. In der neben dem Banat gelegenen Batschka


musste wegen des Widerstandes der alteingessenen Bevölkerung sogar von
einzelnen Transferierungsplänen Abstand genommen werden (vgl. Schenk
1987, 151).
»Die madjarischen und raizischen Kolonisten nämlich, die ihre alten
Wohnsitze gewöhnt, sind diesbezüglich so sehr abgeneigt, diese in
gutem Einvernehmen zu verlassen und sich aufzumachen, ihre Aufent-
haltsorte zu verlegen, daß nicht der leiseste Hoffnungsschimmer besteht,
sie auf milde und freundliche Weise dazu überreden zu können« (Taffer-
ner 1974, 250).

Während der immer wieder erfolgenden Türkeneinfälle kam es denn auch


zum Teil zu einer Unterstützung der Türken durch die Walachen und zu
Racheakten an den deutschen Einwanderern (vgl. Fata 1995, 160). Die Wa-
lachen versprachen sich bei einem Sieg des Osmanischen Reiches die Zu-
rückdrängung der Landwirtschaft und die Rückkehr zu ihren alten Le-
bensformen (vgl. Möller zitiert nach Tafferner 1995, XXIX).
Die kaiserlichen Behörden waren über die aus der Transferierung resul-
tierenden Spannungen beunruhigt. Kaiser Joseph II. erließ während der
von ihm veranlassten dritten Einwanderungswelle 1786 ein Handschreiben
über die Gleichberechtigung der nichtdeutschen Nationalitäten, in dem er
sich auf die Transferierung in der Batschka und dem Temeschwarer Distrikt
(Banat) bezog.
»Meine Willensmeinung gehet also dahin, daß die Administration
gemessenst anweisen, daß bei allen Ansiedlungen fremder Kolonisten
nie einer Illyrischen oder Walachischen Gemeinde ein Grund benom-
men werde, den sie entweder zur Subsistenz oder zur Erhaltung ihrer
Viehzucht bedarf« (Tafferner 1974, 302).

Unter Joseph II. wurde deswegen die Transferierung ganzer »Nationalisten-


dörfer« zunehmend aufgegeben. Es kam aber weiterhin zur Verkleinerung
des von den Walachen und Serben nicht genutzten Weidelandes und der
damit verbundenen Umsiedlung einzelner Ortsteile zugunsten der Einwan-
derer, wie ein Ersuchungsschreiben der Temeschburger Kameraladminis-
tration an die Königliche Ungarische Hofkammer vom 4. November 1784
zeigt:
»Daß bei der Monosturer Post Station auf dem zur Anlegung eines
neuen deutschen Dorfes gewählten Kalacsaer Überland bereits 50
Häuser ... hergestellt worden sind und erbittet sich also die Hohe

// 94
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Bewilligung, womit dieses angefangene Dorf von der angetragenen


Größe, nämlich von 230 Häusern, gänzlich zu Stande gebracht, die
neuendere Dotierung, wie neue Eintheilung der drei National Dörfer
Barazhaz, Monostur und Kalacsa, vorgenommen werden möge« (Taffer-
ner 1995, 214; vgl. ebd. 206).

Ebenso wurden walachische Bauern, die nicht in der Lage waren, ihre
Schulden zu bezahlen, in andere »Nationalistendörfer« umgesiedelt (vgl.
Fata 1995, 171).
Aber auch die Zusiedlung sowie die Zwischendorfgründung verlief
nicht ohne Schwierigkeiten. Nach den Vorstellungen der kaiserlichen Be-
hörden sollte die eingesessene Bevölkerung den Neuankömmlingen in der
ersten Phase der Ansiedlung behilflich sein. So wurden Einwanderer bei
den »Nationalisten« einquartiert, bis sie ein eigenes Heim gefunden hatten
(vgl. Fata 1995, 167). »Nationalisten« wurden zum Bau der Kolonistendör-
fer herangezogen (vgl. ebd. 166). Außerdem mussten Serben und Walachen
Vorspanndienste leisten, solange es den Kolonisten noch an genügend Zug-
tieren mangelte (vgl. Schenk 1987, 151). Das somit ohnehin angespannte
Verhältnis zwischen »Nationalisten« und Kolonisten wurde durch den ge-
nerellen Widerspruch zwischen einer Weide- und Viehwirtschaft und dem
Ackerbau in allen Ansiedlungsformen noch verstärkt.
Als die Ansiedlungsmethoden der Zusiedlung und der Transferierung
der zunehmenden Zahl von Einwanderern während der Theresianischen
Kolonisation nicht gewachsen waren, dehnte der zur Bevölkerung des Ba-
nats eingesetzte »Impopulationsdirektor« Hildebrand die Anzahl der Neu-
gründungen aus. Er gründete auf Kosten des Weidelands der Viehzüchter
Dörfer »meist wilder Wurzel« auf der Banater Heide (vgl. Fata 1995, 162).
Es kam darüber zu Auseinandersetzungen zwischen den Banater Vieh-
züchtern und dem »kolonisationsfreundlichen Staatsrat«, die zur Ablösung
Hildebrands führten und diese Phase der Kolonisation fast beendet hätte
(vgl. ebd. 157). Aber auch in den durch die Zusiedlung gemischt bewohn-
ten Dörfern waren die unterschiedlichen Interessen der in erster Linie
Viehzucht treibenden serbischen und walachischen Landwirte auf der ei-
nen Seite und der deutschstämmigen Ackerbauern auf der anderen Seite
ein beständiger Grund für weitere Auseinandersetzungen (vgl. Schenk
1987, 150). 12 Man wohnte meist in voneinander getrennten Ortsteilen,
manchmal aber auch nur in unterschiedlichen Straßenzügen oder auch nur
auf den gegenüberliegenden Straßenseiten. 13 Die enge Nachbarschaft hatte
zur Folge, dass man gegenseitig mit den unterschiedlichen Bräuchen direkt

// 95
II Die D o n a u s c h w a b e n

konfrontiert war. So übernahm man voneinander nützliche Arbeitsweisen


und Gewohnheiten. In diesem Prozess der Akkulturation bauten die deut-
schen Siedler bald nach ihrer Ankunft ebenfalls wie die »Nationalisten«
Mais sowohl als Futter- als auch als Nahrungspflanze an und führten auch
das Austreten des Getreides durch das Vieh im Hof ein (vgl. Schenk 150).
Ebenso wurden wesentliche Aspekte der Küche der neuen Nachbarn, »je-
nes ungarische scharf gewürzte Paprikasch«, übernommen (Weber-Keller-
mann 1978, 35). 14 Langfristig beeinflussten wiederum die deutschen Sied-
ler die zuerst auf »Selbstversorgung ausgerichtete Wirtschaftsweise« der
Serben und veranlassten diese, sich auf »neue Betriebsformen einzustel-
len« (ebd. 152). Gleichzeitig grenzte man sich aber bewusst voneinander ab,
wobei wiederum die Widersprüche zwischen Viehzucht und Ackerbau
zum Tragen kamen. Die in der Landwirtschaft oft unerfahrenen deutschen
Kolonisten übernahmen zwar, wie bereits erwähnt, das Austreten des Ge-
treides von ihren Nachbarn als Dreschmethode, versuchten aber gleichzei-
tig, die aus ihrer Heimat mitgebrachten Reinlichkeitsvorstellungen zumin-
dest in der ersten Zeit aufrechtzuerhalten. Eimann beschreibt diese an-
fänglich wohl fast komisch wirkenden Versuche:

»Beim Früchte austretten ging es noch komischer zu; viele wollten


verhüten, daß der natürliche Abgang derer Pferde nicht in die Früchte
fallen sollte, und hatten ihnen kleine Säcke hinten hin gebunden«
(Eimann 1965, 65). 15

Die mit dem Zusammenleben verbundene gegenseitige Übernahme von


materiellen ethnischen Merkmalen fand ihre Ergänzung im Wunsch nach
stärkerer Abgrenzung von der fremden Ethnie. 1787 entsandten die Kolo-
nisten in Neu-Szivacz in der Batschka eine Delegation zum Kaiser Jo-
seph II., um eine »Separation« (Eimann 1965, 88) ihrer Siedlung von ihren
serbischen Nachbarn zu erreichen. Dabei betonten die Kolonisten den
Aspekt der Unordnung und der Unreinlichkeit der Serben - wie Eimann,
der in seiner Autobiographie von sich selbst schreibt, die »Separation« be-
wirkt zu haben, berichtet:
»Kaum waren die Deutschen angesiedelt, so sahen sie ein, daß durch die
Vermischung mit denen Raitzen unmöglich empor kommen können,
sondern sicher zu Grunde gehen, und arme Läute bleiben müssen: dann
die angewöhnten Unordnungen, das Herumlaufen des Viehs in allen
Früchten, und die innerliche schlechte Ortsverwaltung, ließen gar
keinen Zweifel übrig« (ebd. 66).

// 96
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Obwohl diese erste Petition vom Kaiser zurückgewiesen wurde, setzten die
Kolonisten ihre Versuche fort, die »Separation« zu erreichen. In einer zwei-
ten Petition heißt es 1793:
»Wie kann aber zwischen Ratzen und Deutschen eine Einigkeit existie-
ren? Niemalen, dann: 1. Können die Nationen nicht miteinander reden.
2. Verursacht unsere Religion schon eine gänzliche Absonderung« (Lötz
1965, 127).

Die Ablehnung des Gesuchs änderte nichts an dem Wunsch der Kolonisten
nach Separation, die sogar dazu bereit waren, alle Kosten selbst zu tragen
(vgl. ebd. 129). Als Antwort plädierte die kaiserliche Behörde für ein ge-
meinsames Dorf mit den Worten:
»Weil Glaubens- und Nations-Gehässigkeiten von dem schönen Ziele
bürgerlicher Eintracht abführen - weil ohne Rücksicht auf Sitte, Klei-
dung und Sprache der Unterthan in seinem Nachbahr nur den Nach-
bahrn und Mit-Unterthan lieben ... sollten« (ebd. 125).

Hier wird deutlich, dass die kaiserliche Behörde an ihrem bereits doku-
mentierten Vorhaben festzuhalten versuchte, die Vielfalt der unterschied-
lichen kulturellen Traditionen vereint für die Kolonisation zu nutzen, und
nicht gewillt war, dieses Ziel durch eine übergroße Gewichtung der ideel-
len ethnischen Merkmale gefährden zu lassen. Welche Bedeutung aber die
Siedler letztendlich der »Separation« beimaßen, wird in den Worten Ei-
manns deutlich:
»Da aber nichts destoweniger die Deutschen je länger je mehr das
zuversichtliche Zugrundegehen vor Augen sahen, indem die alten,
nehmlich die Illyrischen Einwohner sich keinerdings an eine regelmäßi-
ge Ordung gewöhnen wollten, so wurde durch einen starken Verband
aller Gemeindsglieder im November 1793 neuerdings die Betreibung der
gänzlichen Separation begonnen. Durch unabläßigen kräftig gründlichen
Betrieb des Orts Notärs, der selbst im Oktober 1796 zu Ofen bei der
Hochlöbl. Ungar. Hofkammer die ganze Sache einleitete, und durch
rastlose Mitwirkung des Herrn Hofraths Franz v. Redl, als Siebenbürgi-
scher Hofkanzley Referendaer in Wien, hatten die Neu-Szivacer das
große Glück die vollkommene Separations Bewilligung zu erhalten: und
somidt ward unser anjetzt glorreich regierender Monarch Franz der
Erste, damalen noch Römischer Kaiser Franz der Zweite, ein wahrhafti-
ger Vater und Erretter der Neu-Szivacer Deutschen Gemeinde« (Eimann
1965, 66).

// 97
II Die D o n a u s c h w a b e n

Die »Separation« in Szivac, die letztendlich doch vom Kaiser bewilligt


wurde und der am Ende auch die Serben zustimmten (vgl. Lötz 1965, 129),
führte zu einer Aufteilung des Dorfes in ein serbisches Alt-Szivac und ein
deutsches Neu-Szivac. Beide Teile waren durch einen Graben getrennt -
wobei Neu-Szivac
»accurat in Häuser und Feld den vierten Theil von der Ortschaft Alt-
Szivac ausmachte: folglich der vierte Theil des ganzen Terreins für Neu-
Szivac ausgeschnitten werden mußte« (Eimann 1965, 67).

1.1.3
Erste Ansätze einer gemeinsamen donauschwäbischen
Lebensweise der deutschsprachigen ethnischen Gruppen

Wie aus unterschiedlichen Ansiedlungsanweisungen hervorgeht,


versuchte die kaiserliche Administration selbstverständlich auch - wo es
möglich war - neue deutsche Siedler in bereits bestehenden deutschen
Gemeinden unterzubringen (vgl. Tafferner 1995, 131). Aus den verschiede-
nen Maßnahmen zur Ansiedlung deutscher Kolonisten resultierte die Exi-
stenz sowohl von rein deutschen sowie von reinen »Nationalisten«-Dörfern
als auch von gemischten Ortschaften. In den gemischten Siedlungen be-
wohnte jede Gruppe einen eigenen Ortsteil (vgl. Schenk 1987,151) oder we-
nigstens verschiedene Straßenzüge.
Die Abgrenzung von den walachischen und serbischen Nachbarn ging
mit einer Nivellierung der Unterschiede innerhalb des deutschsprachigen
Teils der Siedler einher. Die Kolonisten kamen aus den unterschiedlichsten
Teilen des Reiches und der mit ihm verbündeten Erblande und Kurfürs-
tentümer. Die Differenzen zwischen den verschiedenen Einwanderergrup-
pen waren in Hinblick auf Konfession, regionale Herkunft und Beruf - und
somit in Bezug auf Kleidung, Dialekt, Sitten und Gebräuche - beträchtlich
(vgl. Senz 1987, 16). Die Frage der Konfession nahm dabei eine Sonderstel-
lung ein. Vor allem in der ersten Phase der Kolonisation achtete die kaiser-
liche Behörde darauf, dass möglichst nur Katholiken unter den Einwande-
rern waren (vgl. Lötz 1966, 154). Man sah in den Protestanten eine poten-
zielle Bedrohung für die Sicherheit des österreichischen Kaiserreichs, so-
dass bis 1782 nur wenige Lutheraner unter den Siedlern waren (vgl. Fata
1995, 150). Erst im Anschluss an das von Joseph II. 1781 erlassene Tole-
ranzedikt kamen dann vermehrt Protestanten in die Batschka und das Ba-

// 98
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

nat (vgl. Senz 1987, 54; Fata 1995, 169). Da es im Unterschied zur katholi-
schen Kirche keine einheitliche Form der evangelischen Kirche gab, ver-
stärkten die verschiedenen protestantischen Gemeinden noch die konfes-
sionellen Differenzen zwischen den deutschsprachigen Siedlern (vgl. Do-
kumentation Bd. 5, 19E).
Insgesamt wird die Anzahl der Kolonisten, die mit den drei großen
Schwabenzügen einwanderten und auf staatlichem Grund siedelten, auf
zwischen 115 000 und 130 000 Personen geschätzt (vgl. Innenministerium
BW 1987, 142; Senz 1987, 58). Über die Siedlerzahlen auf privatem Grund-
besitz liegen keine Zahlenangaben vor. Senz schätzt diese aber auf unge-
fähr 75 000, sodass man davon ausgehen kann, dass bis zum 19. Jahrhundert
insgesamt etwa 200 000 Kolonisten aus den deutschsprachigen Gebieten
Europas in die donauschwäbischen Siedlungsgebiete einwanderten (vgl.
Senz 1994, 59). Eine genaue Aufstellung, wie viele Einwanderer aus den
einzelnen deutschsprachigen Teilen Europas stammten, ist nicht möglich,
da diesbezüglich nie eine verlässliche zahlenmäßige Erfassung aller Sied-
ler erfolgt ist (ebd. 58). 16 Dokumentiert ist aber die Tatsache der Einwande-
rung aus dem Schwäbischen, aus Franken, dem Saarland, der Pfalz, Hes-
sen, dem Elsass, Lothringen, aus Baden, Bayern, aus dem Rheinland und
aus Braunschweig. Es kamen auch Kolonisten aus Westfalen und Schle-
sien, aus Vorderösterreich, dem Sudetenland, Böhmen, Tirol und der
Steiermark (vgl. Weifert 1966, 138; Lötz 1966, 154ff; Paikert 1967, 14; Eberl
1987, 104; Senz 1987, 60; Fata 1995, 148ff; Tafferner 1974-95). So vielfältig
die Herkunft der Siedler war, so unterschiedlich waren auch ihre Berufe
und die soziale Schicht, aus der sie stammten. Am Anfang der ersten Pha-
se der Kolonisation durch den Grafen Mercy waren es Handwerker, die ins
Land gerufen wurden, um Festungsarbeiten auszuführen (Weifert 1966,
135). Des Weiteren wurden bereits gezielt verschiedene Berufsgruppen aus-
gewählt, um die entsprechenden Bereiche im Banat zu entwickeln: Land-
wirte aus Österreich, Bergleute und Hammerschmiede aus Böhmen, Fach-
leute des Hütten- und Schmelzwesens aus Hessen etc. (vgl. ebd. 136). Das
Anwerben von Handwerkern setzte sich während der gesamten Koloni-
sierungszeit fort. So wurden 1785, wie aus einem Schreiben der König-
lichen Ungarischen Hofkanzlei hervorgeht, allein in den Monaten Mai, Ju-
ni und Juli fünfzig verschiedene Berufsgruppen - Bäcker, Fassbinder,
Drechsler, Glaser, Leinweber, Seifensieder, Sattler, Tischler etc. - für die
Kolonien angeworben (vgl. Tafferner 1995, 224). In der Regel wurde darauf
geachtet, dass die Handwerker keinen Grund zur landwirtschaftlichen Be-

// 99
II Die D o n a u s c h w a b e n

arbeitung erhielten, damit sie sich ausschließlich ihrem Handwerk wid-


meten (vgl. ebd. 214). Mit der Ausdehnung der Kolonisation verstärkte sich
aber der Bedarf an Bauern, sodass es zunehmend zu einer Lockerung die-
ser Bestimmung kam. So entsandte die Zomborer Kameraladministration
1784 ein Gesuch an die Königlich Ungarische Hofkammer, in dem sie an-
fragte, ob
»solchen, welche Handwerker und des Ackerbaues unkündig sind,
sothane Häuser mit dem betrefenden Grund angewiesen werden kön-
nen? Dann ob diejenigen nebst Haus, Kuh, item bewilligten Geld-Betrag
und denen 50 Gulden für die Gewerbes Erfordernissen, auch mit denen
gnädigst vorgeschriebenen Beneficien versehen werden sollen?« (ebd.
214).

Bedingt durch die verstärkte Konkurrenz ab den sechziger Jahren des


18. Jahrhunderts durch Preußen, Russland, Dänemark und Spanien, die
ebenfalls an deutschen Einwanderern interessiert waren, sah sich darüber
hinaus die Habsburger Monarchie vermehrt dazu gezwungen, Kolonisten
ohne Rücksicht auf ihre vorherige Profession zu nehmen (vgl. Fata 1995,
159). In diesem Zusammenhang sind auch die Auswanderungsverbote Ma-
ria Theresias und Josephs II. von kaiserlichen Untertanen in Länder, die
nicht ihrer Herrschergewalt unterworfen waren, zu sehen (vgl. Tafferner
1974, 245 und 1978, 236). Insgesamt kamen die Einwanderer aber zahlreich
genug in das Banat, sodass kein Mangel an Handwerkern herrschte. So wur-
den nicht nur viele erfahrene Bauern (vgl. Fata 1995,189), sondern im wei-
teren Verlauf der Kolonisation auch vorher anderen Berufsständen angehö-
rende Siedler in der Landwirtschaft tätig (vgl. Eimann 1965, 65). Neben den
verschiedenen Kolonisten, die freiwillig in das Banat kamen, wurden aber,
vor allem während der Theresianischen Kolonisation, sowohl gewöhnliche
Kriminelle als auch aufrührerische Untertanen, wie die sogenannten Sal-
petererfamilien 17 aus der Grafschaft Hauenstein im Schwarzwald, in das
Banat zwangsdeportiert (vgl. Fata 1995, 155).
Die Verschiedenheit der Siedler wurde darüber hinaus noch durch die
unterschiedlichen Vermögensverhältnisse verstärkt. Die Anziehungskraft
der Versprechungen der kaiserlichen und privaten Werber, die ein idylli-
sches Bild der Bedingungen der Kolonisation vortäuschten (vgl. Fata 1995,
192), war groß. Sie erreichte sowohl vermögende Landwirte und Fabrikan-
ten als auch einfache, fast mittellose Bauern, Hirten und Handwerker, wie
aus den verschiedenen Dokumenten hervorgeht (vgl. Tafferner 1974, 292;
1995, 224 und 230). Die Höhe der materiellen Unterstützung der Einwan-

//100
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

derer seitens der kaiserlichen Behörden variierte in den verschiedenen


Phasen der Kolonisation (vgl. Fata 1995, 146 ff). Grundsätzlich wurden den
Siedlern - je nach Größe der Familie - ein Haus, Land, die zur Bearbeitung
notwendigen landwirtschaftlichen Geräte und eine entsprechende Anzahl
Nutztiere zugewiesen (vgl. Möller, zitiert nach Tafferner 1995, XXV). Sie er-
hielten für die Anreise - diese erfolgte so weit wie möglich über den Schiff-
fahrtsweg auf der Donau - eine finanzielle Unterstützung, und in den er-
sten Jahren nach ihrer Ankunft wurden sie von Abgaben und Steuern be-
freit. Zu diesen ökonomischen Anreizen kamen in den unterschiedlichen
Herkunftsländern verschiedene politische und ökonomische Gründe hin-
zu, welche die Bereitschaft zur Auswanderung verstärkten. Zum einen hat-
ten die europäischen Erbfolgekriege, aber auch Hungersnöte aufgrund von
Missernten und Wetterkatastrophen die Migrationsbereitschaft erhöht.
Zum anderen führten regionale Besonderheiten, wie die verstärkte Par-
forcejagd in Hessen-Darmstadt oder etwa die strengen Heiratsbeschrän-
kungen im Stift Fulda, zu Auswanderungsbewegungen (vgl. Fata 1995,
187 f). Generell erhofften sich die Kolonisten in der neuen Heimat eine Ver-
besserung ihrer Lebensbedingungen. Dabei zeigt sich die Bedeutung des
Exotismus für die Grundhaltung der Siedler gegenüber ihrer neuen Heimat
sowohl in dem von den Werbern gezeichneten idealisierten Bild als auch
in den Wunschphantasien der Einwanderer. Auf die Frage, wohin er denn
auswandere, antwortete der Sohn einer Kolonistenfamilie 1798: »Ins Para-
dies« (ebd. 192). Und in einem donauschwäbischen Auswandererlied heißt
es:
»Das Ungarland ist's reichste Land,
Dort wächst viel Wein und Treid,
So hat's in Günzburg man verkünd't,
Die Schiff stehn schon bereit.
Dort geits viel Vieh und Fisch und G'flüg,
Und tagelang ist die Weid',
Wer jetzo zieht ins Ungarland,
Dem blüht die gold'ne Zeit«
(Fassel/Schmidt zitiert nach Fata 1995, 194).

Die Hoffnungen der Siedler wurden in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft
im Banat bitter enttäuscht. Das ungewohnte Klima - mit heißen Sommern
und kalten Wintern - und das mit den jahreszeitlich bedingten Über-
schwemmungen in den Niederungen auftretende Sumpffieber machten
den Kolonisten zu schaffen (vgl. Schenk 1987, 146). Die Anforderungen in

//101
II Die D o n a u s c h w a b e n

der Landwirtschaft waren hoch, und die Kameraladministration sah sich


immer wieder gezwungen, die Anzahl der abgaben- und steuerfreien Jahre
zu erhöhen, damit die Kolonisten überleben konnten (vgl. Fata 1995, 149).
Für einen Teil der Siedler 1 8 kam verschärfend hinzu, dass die Bedingungen
auf den privaten Gütern in der Regel für sie ungünstiger als auf den Kame-
ralgütern waren (vgl. Schenk, 1987, 147). Für viele Kolonisten verschlech-
terte sich darüber hinaus die Situation, als aufgrund der Verschuldung des
Kaiserreichs ab 1778 Kameralgüter an private Grundherren verkauft wur-
den. Die auf diesen Gütern siedelnden Kolonisten gerieten dadurch in ein
unmittelbares Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Grundherren (vgl. Fata
1995, 169). Die Arbeitsbedingungen auf den privaten Gütern führten, über
den gesamten Zeitraum hinweg, 1 9 zu Auseinandersetzungen zwischen den
privaten Grundherren und den Kolonisten, wobei letztere sich deswegen
immer wieder hilfesuchend an die kaiserlichen Behörden wandten. So
heißt es unter anderem in einem Beschwerdebrief deutscher Kolonisten an
das Komitat Tolnau vom 29. Januar 1749:

»Wegen des grausamen Abgabensystems kann uns nicht genug bleiben


und wenn jemand sein Haus verkaufen könnte, so darf er es nicht und
er muß es ohne einen Kreutzer verlassen. Das so verlassene Haus wird
von der Herrschaft einem anderen verkauft und was sie dafür bekommt,
behält sie für sich ... unter solchen Umständen ist es uns ganz und gar
unmöglich, weiter zu verbleiben, sondern wir müssen insgesamt abzie-
hen und das Dorf öde und leer zurücklassen. Wir bitten deshalb unsere
hochwohlgeborenen, hochgeborenen, wohl- und auch edelgeborenen
Komitatsherren kniefällig, uns zu Hilfe zu kommen oder uns auf eine
andere Pußta zu verpflanzen« (Tafferner 1974, 157).

Zum Teil verließen die unzufriedenen Kolonisten wirklich ihre Dörfer und
reisten zum Kaiser nach Wien, um dort Zuflucht zu suchen und in anderen
Gegenden neu zu siedeln (vgl. Tafferner 1995, 207) 20 oder auch ganz in ihre
Herkunftsländer zurückzukehren (vgl. Fata 1995, 194).
In der ersten Zeit nach ihrer Ankunft in der Batschka und dem Banat
orientierten sich die Kolonisten noch an den verschiedenen ethnischen
Merkmalen, die man aus der alten Heimat mitgebracht hatte. Ein Beispiel:
244 Kolonistenfamilien, die 1786 von Ruma in Syrmien, wo sie keine Blei-
be gefunden hatten, nach Kula in der Batschka übersiedelten, wandten sich
um Hilfe an den Kameraladministrator von Zombor. Nach ihrer Ankunft in
Kula hatten sie entsprechend ihrer Herkunft wieder drei Gruppen - eine el-
sässische, trierische und hessische - gebildet. Als es zum Konflikt mit dem

//102
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Grundherrn kam, reichte jede Gruppe eine gesonderte Bittschrift ein. Die-
sen wurde dann noch eine gemeinsame vierte, unterschrieben von je einem
Vertreter der Herkunftsregionen, beigegeben (vgl. Tafferner 1974, 304).
Aus den deutschen Kolonisten, welche die ersten Jahre überlebten und
in Südungarn blieben, bildeten sich erst langsam verschiedene ethnische
Gruppen wie die Batschkaer oder auch die Banater Schwaben heraus. Die
Unterschiede innerhalb der Gruppen lösten sich zunehmend auf, und sie
entwickelten eigene ethnische Merkmale. Johann Eimann, der Kolonist aus
der Pfalz, beschreibt diesen Prozess in Hinblick auf Sprache und Kleidung
innerhalb der Neu-Szivacer Gemeinde:
»1. in Ansehung der Sprache: Durch den Zusammenschluß dieser
Reichsglieder aus verschiedenen Gegenden entstand ein lächerlicher
Mischmasch in der Sprache. Die Hessen, deren Sprache sich dem
Plattdeutschen nähert, waren am schwersten zu verstehen, minderer
war dies der Fall bei denen Nassau-Saarbrückern und Hundsrückern,
wie auch bei denen Braunfelsern. Die Sprache zwischen Mosel und
Rhein, wie die Pfälzer sie sprechen, behielt dahier den Sieg, und wird
solche in allen Evangelischen Kolonial-Dörfern geredet.
2. In Ansehung der Kleidertracht: Die Verschiedenheit in der selben war
auch lächerlich. Die Mannsbilder hatten durchgängig dreyeckige spitz-
aufgestülpte Hüte, lange tüchene und auch leinene Röcke, meistens
kurze lederne Hosen, Strümpfe von verschiedenen Farben, und dann
Schuhe mit Schnallen. Die Weibsbilder hatten wiederum verschiedenar-
tig geformte Hauben, wunderbare Rockel, Küttel von Tuch und aller-
hand Zeug, welche auf einer dicken Wulst oder Würst um die Hüften
hingen, und darnebst ziemlich kurz waren, dann schmale Schürze,
allerhandfarbige Strümpfe und hochbeabsatzte Schnallen-Schuhe. Viel
Jahre verstrichen, bis sich diese alten Moden ausarteten. Jetzt ist die
Kleidertracht beim männlichen und weiblichen Geschlecht für Bauers-
leute sehr geschmackvoll, und die schöngeformte Pfälzer=Haube ist eine
wahre Zierde der Weiber in denen Evangelischen Ortschaften« (Eimann
1965, 65).

Eimanns Bericht über Neu-Szivacz in der Batschka kann als stellvertretend


für die anderen donauschwäbischen Dörfer angesehen werden (vgl. Schenk
1987, 153). 21
Ähnliches wie Eimann berichtet auch Awender 22 über die Ende des
18. Jahrhunderts gegründete katholische Gemeinde Stephansfeld im Banat.
Stephansfeld war eine Tochtersiedlung älterer Kolonistendörfer. Auch hier
waren verschiedene Sitten, Gebräuche, Konfessionen, Mundarten und
Sprachen - es gab verschiedene ungarische und französische Familien - zu-

//103
II Die D o n a u s c h w a b e n

sammengekommen. Die verschiedenen Sippen glichen sich mit der Zeit an-
einander an: So hatte sich in der zweiten und dritten Generation ein ausge-
glichenes Dorfbild mit derselben Mundart, Tracht und denselben Sitten ent-
wickelt (Awender 1955, 101), und die wenigen Protestanten waren zum ka-
tholischen Glauben übergetreten (ebd. 22). Insgesamt bietet Awenders »Hei-
matbuch« einen detaillierten Einblick in die Sitten und Bräuche der Ge-
meinde Stephansfeld. Awender bemerkt treffend, dass es vielleicht gerade
Brauchtum und Sippe waren, die aus den vielen Einzelpersonen erst eine
Dorfgemeinschaft - eine ethnische Gruppe - machten, in deren Rahmen es
einer Einzelperson unmöglich war, gegen gültige Sitten und Bräuche zu le-
ben, wollte sie nicht verschrien und als Sonderling angesehen werden (vgl.
Awender 1955, 97). 23 Die in ihrer Vielzahl ausführlich beschriebenen Sitten
und Bräuche - das heißt die ethnischen Merkmale - wie beispielsweise das
Hausstampfen, das Fruchttreten, die Spinnreihe oder der Brauttanz vermit-
teln ein lebendiges Bild des Alltags in Stephansfeld. In diesem Zusammen-
hang soll auf eine österliche Tradition hingewiesen werden, die aus dem
Rahmen der genannten Sitten und Bräuche herausfällt. Wie in vielen ka-
tholischen Gemeinden (vgl. Moser 1993, 206) war es auch in Stephansfeld
üblich, in der Karwoche vor Ostern das tägliche Glockenläuten durch das
Rasseln (Ratschen) der Messdiener zu ersetzen, da nach alter Sage zu dieser
Zeit die Glocken nach Rom gepilgert waren, um dort zu beichten (vgl.
Awender 1955, 127). Oft wurde dieser Brauch des »Karfreitagsratschens«
(Moser 1993, 206) mit dem »Judasaustreiben« verbunden (ebd. 208). Auch in
Stephansfeld kam den »Ratscherbuben« (Ministranten) dabei die Aufgabe
zu, symbolisch den Verräter »Judas« zu bestrafen. Nach einem Wettlauf zwi-
schen den Buben des Ortes wurde der langsamste Läufer mit den Worten
»Jud, Jud, belele« ausgeratscht und im Park vor der Kirche in ein etwa einen
Kubikmeter großes, frisch ausgehobenes »Judenloch« gestellt. Wenn ein an-
derer »Ratscherbube« seinen Pflichten nicht nachkam oder absichtlich stör-
te, wurde er vom stärksten Ministranten, dem »Prügler«, mit fünf bis zehn
Stockhieben bestraft und anstelle des alten »Judas« ins »Judenloch« ge-
steckt. Das Judenloch war dabei das ständige »Standquartier« der »Rat-
scherbuben«, an dem man sich morgens traf und abends nach getaner Ar-
beit den »Judas« mit dem Vers »Ach Jud, ach Jud, ach hep, hep, hep, Schwei-
nefleisch is fett, fett, fett, Sauerkraut is gut, gut, gut, Oh du stinkischer Jud,
Jud, Jud!« (ebd. 129) ausratschte. Karsamstags wurde dann, nachdem die
Glocken aus Rom zurückgekehrt waren, zum Abschluss im »Judenloch« der
»Judas« symbolisch in einem Holzfeuer verbrannt. Aus der verbleibenden

//104
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Holzkohle wurde die Osterkohle gewonnen (vgl. ebd. 130). Dieser von
Awender geschilderte Brauch steht in der Tradition eines im Christentum
seit dem Mittelalter weit verbreiteten Antijudaismus und ist in diesem Sinn
nicht mit dem Antisemitismus des Nationalsozialismus gleichzusetzen.
Trotzdem vermittelt er einen beklemmenden Eindruck von der Kontinuität
antijüdischer beziehungsweise antisemitistischer Ressentiments, die nicht
unwesentlich dazu beigetragen haben dürften, dass zur Zeit der deutschen
Besatzungsherrschaft im Jugoslawien der vierziger Jahre des 20. Jahrhun-
derts auch unter den Donauschwaben die Bereitschaft zur Denunziation ih-
rer jüdischen Mitbewohner weit verbreitet war.24
Ende des 18. Jahrhunderts ebbten die großen Einwanderungsbewegun-
gen nach Südungarn ab. Es gab noch weiterhin eine Reihe von Neugrün-
dungen, die nun aber in erster Linie auf den Bevölkerungsüberschuss aus
den bereits bestehenden Gemeinden zurückging (vgl. ebd. 12). Anders als
bei ihren serbischen und walachischen Nachbarn war bei den meisten
deutschen Bauernfamilien die Realteilung nicht verbreitet. So kam es
durch von der Erbfolge ausgeschlossene Bauernsöhne, oft mit Unterstüt-
zung der Grundherren, zur Gründung neuer Kolonistendörfer (vgl. Doku-
mentation Bd.5, 6E). Obwohl sich dabei der schon seit Beginn der Koloni-
sation angefangene Prozess der Angleichung von Sitten und Gebräuchen
innerhalb der deutschen Einwanderergruppen fortsetzte, bestanden nach
wie vor große Unterschiede zwischen den verschiedenen donauschwäbi-
schen Regionen. So unterschieden sich Siedlergruppen in der Batschka
und dem Banat noch lange in Hinblick auf Trachten, Mundarten und Bräu-
che (vgl. Sundhaussen 1995, 316). Trotzdem bildeten sich mit der Zeit bei
den deutschen Kolonistengruppen Ansätze einer gemeinsamen donau-
schwäbischen Lebensweise heraus. Diese Lebensweise orientierte sich in
erster Linie an den ethnischen Merkmalen der Sprache und der Geschich-
te. So grenzte sie die Donauschwaben von den anderen ethnischen Grup-
pen im Donauraum ab, wie sie sie auch von ihren Herkunftsländer unter-
schied (vgl. Schenk 1987, 154). Darüber hinaus aber fand die ethnische Ab-
grenzung von ihren serbischen und rumänischen Nachbarn auch eine Ent-
sprechung im sozio-ökonomischen Bereich.
Nachdem die Schwierigkeiten der ersten Kolonisationszeit überwunden
worden waren, hatte sich die Mehrheit der donauschwäbischen Siedlun-
gen auf dem Land erfolgreich entwickelt. Es machte sich zunehmend die
oben erwähnte fehlende Realteilung für die Donauschwaben positiv be-
merkbar. Das bei ihnen verbreitete Prinzip, nur den erstgeborenen Sohn er-

//105
II Die D o n a u s c h w a b e n

Bild 1 Banater Bauernhaus


in Kiek bei Groß-Betsch-
kerek.

ben zu lassen, verhinderte eine Aufteilung ihrer Bauernhöfe in kleine Par-


zellen, wie sie bei den anderen Ethnien üblich war (vgl. Paikert 1967, 32).
Auch wirkten sich die moderneren Methoden der Donauschwaben, wie
beispielsweise der intensive Ackerbau und die Tierhaltung (vgl. Eimann
1965, 126f), auf Dauer produktiv auf die Entwicklung ihrer Landwirtschaft
aus. Dies galt vor allen Dingen für die Zeit der Auflösung der Grundherr-
schaft im 19. Jahrhundert und der damit verbundenen Kapitalisierung der
Landwirtschaft. Diese wirkte sich besonders für die entwickelteren Bau-
ernhöfe positiv aus. In Folge kam es sowohl zu einer Vergrößerung des
Landbesitzes donauschwäbischer Bauern in den von ihnen mehrheitlich
bewohnten Ortschaften als auch zu Landkäufen in Gemeinden, die haupt-
sächlich von den anderen Ethnien bewohnt wurden (vgl. Dokumentation
Bd.5, 6E). 25 So erreichte die Mehrheit der Donauschwaben auf dem Land ei-
nen Wohlstand, der mit der Zeit deutlich über dem der benachbarten eth-
nischen Gruppen lag (vgl. Annabring 1954, 20; Paikert 1967, 3lf). Dieser

//106
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Wohlstand, der sich in der Anhäufung von Landbesitz und der Entwick-
lung bäuerlicher Kulturgüter wie Trachten, Mobiliar oder festlichen Hoch-
zeiten zeigte, wurde ein weiteres zentrales ethnisches Merkmal der donau-
schwäbischen Bauern (vgl. Weber-Kellermann 1978, 15).

1.2
Die Donauschwaben im Kaiserreich Österreich
im 19. Jahrhundert

1.2.1

Der Kampf um die Sprache in der ersten Hälfte


des 19. Jahrhunderts

Ein wesentlicher Aspekt im Verhältnis der deutschsprachigen Ko-


lonisten zu ihrer neuen Heimat war die Tatsache, dass ihr überwiegender
Teil - nämlich die auf staatlichem Besitz Angesiedelten - hier direkte
Untertanen des Kaisers waren (vgl. Innenministerium BW 1987, 170). Das
Vertrauen der Kolonisten in den Kaiser, die Hoffnung, dass der Kaiser auch
die auf Privatbesitz siedelnden Kolonisten gegenüber ihren Grundherren
schützen könnte und die deutschsprachigen Siedler vor einer Vermischung
mit ihren Nachbarn bewahren würde, wurde bereits durch die verschiede-
nen Petitionen deutlich. Dieses Gefühl, eine besondere Stellung beim Kai-
ser einzunehmen, war in erster Linie durch die gewährten Privilegien ge-
weckt worden. Es wurde aber noch dadurch verstärkt, dass im Zuge einer
ganzen Reihe von Maßnahmen des Kaisers Joseph II. - 1781 Toleranzedikt,
also freie Religionsausübung, 1785 Abschaffung der erblichen Leibeigen-
schaft - 1783 Deutsch 26 statt des bis dahin üblichen Lateins als Amtsspra-
che für die ganze Monarchie einführt wurde (vgl. ebd. 170). Darüber hinaus
ließ sich Joseph II. nicht zum ungarischen König krönen, sodass sich der
Eindruck verstärkte, dass er in erster Linie ein deutscher, ein österreichi-
scher Kaiser sei. 27 Vor allem von den Ungarn (vgl. ebd. 170), aber auch von
den anderen Nationalitäten im Kaiserreich wurde Josephs Politik als Ger-
manisierungsversuch verstanden, was ein wesentlicher Anstoß zur Ent-
wicklung ihres eigenen nationalen Selbstbewusstseins war (Gottas 1995,
220 und 237). Als Deutsch als Amtssprache von Josephs II. Nachfolger Leo-
pold II. wieder zurückgenommen wurde, erschien dies als Erfolg des Wider-
standes gegen das Dekret von 1783 (vgl. Innenministerium BW 1987, 170).

//107
II Die D o n a u s c h w a b e n

Josephs II. Versuch, die Sprache eines Teils der Bevölkerung - Deutsch - zur
Amtssprache zu machen, war der Anfang einer nicht mehr endenden Aus-
einandersetzung um die Bedeutung der verschiedenen Sprachen im Kai-
serreich. Sie setzte sich fort nach der Auflösung Österreich-Ungarns bis hin
in die Geschichte seiner Nachfolgestaaten in Südosteuropa. 28 Für die ver-
schiedenen Bevölkerungsgruppen war der Kampf um die eigene Sprache zu
einem Symbol für den Kampf um ihre Eigenständigkeit geworden. Dabei
ging es, beeinflusst durch die Ideen der Französischen Revolution, im
Selbstverständnis der ethnischen Gruppen im 19. Jahrhundert nicht nur um
den Schutz von Minderheitenrechten. Vielmehr wurde darüber hinaus ver-
stärkt das Selbstbestimmungsrecht als ein eigenes Volk, als eine eigene Na-
tion gefordert, wie willkürlich dabei auch immer die dazu notwendige Ab-
grenzung von den anderen Bevölkerungsgruppen ausfallen musste.
Im südöstlichen, dem ungarischen Teil des Kaiserreichs, in dem auch
die Banater Schwaben siedelten, war die Situation der Ungarn bestimmend
für die weitere Entwicklung im 19. Jahrhundert. Unter verschiedenen Ge-
sichtspunkten unterschied sich ihre Situation von der anderer ethnischer
Gruppen: Rumänen, Slowaken, Serben, Kroaten und auch Deutschen. 29 Be-
trachtete man das ganze Kaiserreich als Gesamtstaat, so war dies eindeutig
von den Deutschen geprägt (vgl. Nipperdey 1993, 337). 30 Auch zahlenmäßig
waren die Ungarn nach der deutschsprachigen Bevölkerung insgesamt nur
die zweitgrößte Gruppe. Im ungarischen Teil des Reichs stellten sie zwar
wiederum die relativ größte Gruppe und waren gegenüber den deutsch-
sprachigen Ethnien wie den Donauschwaben und den Siebenbürger Sach-
sen in der Mehrheit, absolut waren sie aber auch hier in der Minderheit
gegenüber der Summe der anderen ethnischen Gruppen (vgl. Gottas 1995,
220). 31 Hinzu kam ein Aspekt, der erst im weiteren Verlauf des 19. Jahr-
hunderts im Zuge der Entstehung des Nationalismus zunehmend an Be-
deutung gewinnen sollte. Für die ungarische Bevölkerung stellte Ungarn
das einzige Siedlungsgebiet dar, während andere ethnische Gruppen im
Kaiserreich des 19. Jahrhunderts sich im Zuge des Niedergangs des Osma-
nischen Reichs auch auf außerhalb des Kaiserreichs liegende Territorien
und darauf entstehende Staaten beziehen konnten. Diese Situation als Min-
derheit im zweifachen Sinn, gegenüber dem starken bevölkerungsreiche-
ren Österreich beziehungsweise Deutschland zum einen und zum anderen
gegenüber einer Vielzahl zwar kleinerer, aber in ihrer Summe zahlenmäßig
stärkerer ethnischer Gruppen, führte zu einem langfristigen Misstrauen
gegenüber deutschen Tendenzen in der österreichischen Politik und zu ei-

//108
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

nem verstärkten Assimilationsdruck auf die verschiedenen anderen Eth-


nien in Ungarn (vgl. Gottas 1995, 22lff). Die aus dieser Situation resultie-
renden Ängste (vgl. ebd. 224) führten zu einem Axiom in der ungarischen
Politik: Nur wenn es den Ungarn gelang, sich einerseits eine gleichberech-
tigte Stellung gegenüber Österreich zu erkämpfen und andererseits die an-
deren ethnischen Gruppen zu assimilieren, konnte der Untergang des Ma-
gyarentums verhindert werden. 32
Die Selbstbesinnung der Ungarn auf ihr Magyarentum und ihre magya-
rische Sprache Ende des achtzehnten, Anfang des neunzehnten Jahrhun-
derts drückte sich zuerst in einer »geistig-literarischen Reformbewegung«
(Gottas 1995, 220) aus, von der noch keine gewaltsamen Assimilationsbe-
strebungen ausgingen (vgl. ebd. 221). Im Mittelpunkt stand der Versuch, die
Sprache des Volkes, das Magyarische, zu fördern und so die Ideen der Auf-
klärung zu verbreiten. Auch im weiteren Verlauf der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts fand noch keine Verschärfung dieses Prozesses statt. Viel-
mehr sollten die anderssprachigen ethnischen Gruppen Ungarns durch po-
litische und ökonomische Vorteile für das Magyarentum gewonnen werden
und so mit diesem langsam verschmelzen (vgl. ebd. 224). Während es als
Reaktion auf diese Politik vor allem bei den Slowaken, Kroaten und Serben
zu eigenen nationalen Bestrebungen kam, 33 konnte man bei der deutsch-
sprachigen Bevölkerung Ungarns keinen Widerstand gegen die Magyarisie-
rungsversuche feststellen. Dazu war ihre Situation sowohl in Hinsicht auf
ihre sozialen Strukturen als auch auf ihre Siedlungsformen zu heterogen.
Zum einen verstand sich das deutschsprachige Bürgertum der schon seit
Jahrhunderten auch von Deutschen besiedelten oberungarischen Städte 3 4 -
anders als zum Beispiel die Siebenbürger Sachsen - durchaus als ungari-
sche Staatsbürger. Es gab in ihren eigenen Reihen verschiedene Stimmen,
die ein Aufgehen im Magyarentum befürworteten (vgl. ebd. 226). In der Tat
sollten vor allem große Teile dieses Bürgertums im Laufe der Zeit ihr
»Deutschsein« aufgeben und Ungarn werden (vgl. Senz 1994, 45). Auch bei
dem jüdischen Teil der deutschsprachigen Bevölkerung der ungarischen
Städte hatte die Magyarisierungspolitik großen Erfolg (vgl. Gottas 1995,
243). Zum anderen hatten die erst seit kurzer Zeit in Ungarn befindlichen
donauschwäbischen Kolonisten in den ländlichen Gebieten nur selten
Kontakt zum Bürgertum in den Städten (vgl. Senz 1994, 45). Sie waren noch
intensiv mit dem wirtschaftlichen Aufbau beschäftigt und nahmen von der
ungarischen Nationalitätenpolitik kaum Notiz (vgl. Gottas 1995, 221).
Eine erste Veränderung in der Haltung von Teilen der deutschsprachi-

// 109
II Die D o n a u s c h w a b e n

gen Bevölkerung fand dann in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts
statt. Bezeichnenderweise war der Auslöser wiederum mit dem Problem
der Amtssprache verbunden. Im Zuge der 1844 durchgeführten Ablösung
des Lateinischen als Amtssprache durch das Magyarische (Innenministe-
rium BW 171) entzündete sich eine Debatte, an der aktiv Persönlichkeiten
aus der deutschsprachigen Bevölkerung teilnahmen. Es waren Personen
aus der Mittelschicht, Vertreter der Intelligenz wie Eduard Glatz und Lud-
wig Roth, beides ausgebildete Pädagogen und Theologen und beide als
Schriftsteller beziehungsweise Publizisten tätig (vgl. Senz 1987, 96; Gottas
1995, 227ff), die als Kritiker der Magyarisierungspolitik auftraten. 35 Sie
setzten sich dabei nicht nur für den Erhalt der deutschen Sprache ein, son-
dern verlangten auch für die anderen ethnischen Gruppen Ungarns das
Recht auf eine eigene Sprache. Bedeutsam an ihrer Kritik ist dabei, dass sie
ebenfalls nicht nur im Interesse ihrer eigenen Region sprachen - Glatz kam
aus der Zips und Roth aus Siebenbürgen (vgl. Gottas 1995, 227). Vielmehr
verstanden sie sich in ihrer Funktion als Vorkämpfer für die deutsche Spra-
che auch als Sprecher im Sinne aller Deutschen in Ungarn. 36 Der »Sprach-
kampf« 37 machte es somit möglich, dass zum ersten Mal der Anspruch er-
hoben werden konnte, alle deutschsprachigen Bewohner Ungarns als Mit-
glieder einer ethnischen Sprachgemeinschaft - jenseits ihrer auch weiter-
hin bestehenden Unterschiede in Bezug auf Herkunft, Lebensformen und
den Beginn ihrer Siedlungszeit - gemeinsam zu vertreten.

1.2.2
Von der Revolution 1 8 4 8 bis zum Ausgleich 1867 -
Die Verschärfung der Widersprüche zwischen den Ethnien

Die bereits aufgezeigte widersprüchliche Situation Ungarns, sich


einerseits als ungarische Nation gegenüber dem österreichischen Teil des
Kaiserreichs emanzipieren und andererseits, diese Emanzipation durch die
Assimilierung der anderen ethnischen Gruppen erreichen zu wollen, än-
derte sich auch nicht durch die Revolution von 1848. Die Revolution führ-
te zu einer Auflösung des jahrhundertealten Feudalsys-tems, zur damit ver-
bundenen Bauernbefreiung und zur Verkündung bürgerlich-demokrati-
scher Freiheitsrechte, aber auch zu einer Stärkung des ungarischen Natio-
nalismus. Daraus entwickelten sich bei den verschiedenen Ethnien unter-
schiedliche Reaktionen auf die Revolution. Während es für die Donau-

//110
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Schwaben, besonders für die donauschwäbischen Landbevölkerung (vgl.


Paikert 1967, 85 f), in erster Linie um die sozialen Erfolge der Revolution
ging, fürchteten die anderen Ethnien um ihre Unabhängigkeit. Ungarn war
als ein weiteres Ergebnis der Revolution durch seine Union mit Sieben-
bürgen 38 innerhalb des Kaiserreichs gegenüber der staatlichen Zentrale in
Wien völlig selbstständig geworden (vgl. Gottas 1995, 245). Als die nun von
Ungarn erwarteten Sprachvergünstigungen für die anderen Ethnien aus-
blieben (vgl. ebd. 245) und deutlich wurde, dass Ungarn die Politik der Ma-
gyarisierung weiter betreiben würde, verschärften sich die bereits vorhan-
denen Widersprüche.
Dabei zeigte sich, dass die schon in Hinblick auf Ungarn beschriebene
Problematik auch für andere Ethnien an Bedeutung gewann und sich in
Südungarn die brisante Situation konkurrierender Minderheiten entwick-
elte. Dies sollte langfristig das Verhältnis zwischen den ethnischen Grup-
pen in Südosteuropa bestimmen, denn aufgrund der Vielfalt der dortigen
ethnischen Gruppen war jede Ethnie gegenüber den anderen ethnischen
Gruppen in der Situation einer Minderheit. Sie waren potenziell von Bünd-
nissen zwischen anderen ethnischen Gruppen bedroht. Angestoßen durch
die ungarische Politik beschleunigte dies den bereits eingesetzten Prozess
der Entwicklung eines Nationalbewusstseins der Ethnien. Es verbreitete
sich darüber hinaus die Tendenz, durch die Assimilation schwächerer eth-
nischer Gruppen die eigene Ethnie zahlenmäßig aufzuwerten.
So kam es im Zuge der Revolution von 1848 zu bewaffneten Konflikten
zwischen den ethnischen Gruppen, in denen sich die oben gezeigten Struk-
turen widerspiegelten (vgl. Senz 1987, 105 ff). Unterstützt vom Kaiser, der
sich vor allem der Kroaten und Serben versichern wollte (vgl. Senz 1987,
112), hatten die verschiedenen Ethnien weitgehende Autonomieforderun-
gen während der Revolution von 1848 gestellt, die von Ungarn abgelehnt
worden waren. Ermutigt durch die Unterstützung aus Wien, versuchten die
Serben, ihre Forderung nach einer serbischen Selbstverwaltung im Banat
durchzusetzen. Es kam zu bewaffneten Aufständen der Serben gegen die
Ungarn. Im Zuge dieser Aufstände versuchten die Serben, auch die nicht-
serbische Bevölkerung unter ihre Oberherrschaft zu bringen. Die schon er-
wähnte Parteinahme der Donauschwaben für die ungarische Revolution
wurde dadurch noch verstärkt. Es fanden heftige Kämpfe zwischen der do-
nauschwäbischen Bevölkerung, die von ungarischen Einheiten unterstützt
wurde, und den Serben statt, in deren Folge donauschwäbische Regimen-
ter auch zusammen mit ungarischen Verbänden gegen österreichisch-serbi-

// I i i
II Die D o n a u s c h w a b e n

sehe Truppen kämpften (vgl. Senz 1987,119, Gottas 1995, 247). Die Ausein-
andersetzungen während der Revolution von 1848 verstärkten die schon
seit der ersten Kolonistenzeit bestehenden Differenzen mit dem serbischen
Teil der Bevölkerung. Daraus resultierte eine Angst der Do-
nauschwaben nicht so sehr vor den Magyarisierungstendenzen in der un-
garischen Politik, sondern vielmehr vor serbischen Nationalbestrebungen.
An dieser Stelle muss auf die unterschiedliche Bedeutung der Assimila-
tionsversuche der Ungarn und der Serben für die Donauschwaben verwie-
sen werden. Magyarisierung bedeutete zu diesem Zeitpunkt eine, oft die
einzige, soziale Aufstiegsmöglichkeit für die donauschwäbische Bevölke-
rung vor allem der Städte (vgl. Paikert 1967, 88; Gottas 1995, 254; Schödl
1995, 367). Die nationalen Bestrebungen der Serben, deren überwiegende
Mehrheit ebenso wie bei der donauschwäbischen Bevölkerung von der
Landwirtschaft lebte, waren hingegen mit gewalttätigen Auseinanderset-
zungen verbunden (vgl. Senz 1987, 113ff). 39 Sie bedeuteten nicht nur im
ethnischen Sinne eine Bedrohung der Lebensweise der Donauschwaben,
sondern bedrohten darüber hinaus unmittelbar deren Lebensexistenzen als
Bauern (vgl. Gottas 1995, 247f).
Während die bewaffneten Auseinandersetzungen in Ungarn fortdauer-
ten, hatte die Restauration in Wien bereits gesiegt. Noch bevor die Revolu-
tion in Ungarn von Österreich mit Hilfe russischer Truppen im Herbst 1849
niedergeschlagen wurde (vgl. Nipperdey 1993, 646), hatte die neue Regie-
rung in Wien eine zentralistische Verfassung ausgearbeitet. Sie erhielt
Österreich-Ungarn als Gesamtstaat und setzte so, gestützt auf die Armee
und eine deutschsprachige Bürokratie, die deutsche Vorherrschaft im Kai-
serreich fort. Gleichzeitig sicherte sie einzelnen Gebieten in Ungarn - Sie-
benbürgen, Kroatien-Slawonien und der Woiwodina zusammen mit dem
Temeschwarer Banat - gewisse territoriale Autonomierechte zu (vgl. Gottas
1995, 248). Die neue Verfassung trug den Keim weiterer Auseinandersetz-
ungen bereits in sich. Zum einen verstärkte sie die bereits beschriebenen
Ängste Ungarns, sich gegenüber dem stärkeren Österreich und den ver-
schiedenen Ethnien im eigenen Land nicht als Nation behaupten zu kön-
nen. Zum anderen wurde die neue Verfassung aber auch nicht dem
Wunsch der ethnischen Gruppen nach einer unter nationalen Gesichts-
punkten getrennten Selbstverwaltung gerecht (vgl. Senz 1987, 133).
In den Herbst 1849 fällt auch die Schwabenpetition, in der sich zum ers-
ten Mal die Donauschwaben als ethnische Gruppe mit kollektiven Forde-
rungen nach Selbstverwaltung an den Kaiser wandten (vgl. Gottas 1995,

//112
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

261). 40 In der von dem katholischen Pfarrer Josef Nowak vorgetragenen Pe-
tition wird die Sorge um ihre Zukunft als ethnische Gruppe deutlich.
Gleichzeitig beeindruckt und geängstigt von den Erfolgen ihrer Gegner aus
der Zeit der revolutionären Kämpfe 1848/49 forderten sie vom Kaiser ver-
gleichbare Rechte wie diese:
»Der Ruf nach Gleichberechtigung aller Nationalitäten erweckte auch
uns aus dem Schlummer politischer Untätigkeit. Dabei müssen wir
wahrnehmen, wie es für uns als Stammverwandte der großen deutschen
Nation bedrückend sei, wie der deutsche Volksstamm hier nicht mit
den übrigen als gleichberechtigte Nation, sondern bloß als eine schutz-
lose Waise im Haus einer anderen Nationalitäten-Fraktion betrachtet
werde. ... Dann aber gewährte die allen getreuen Untertanen der eini-
gen, großen und unteilbaren Österreichischen Monarchie verliehene
Reichs Verfassung mehr Rechte, als wir nur wünschen konnten. Doch
nach der Niederwerfung des Aufruhrs wurde uns erst recht bekannt, daß
die in Ungarn wohnenden Serben noch immer die Errichtung einer
eigenen Woiwodschaft verlangen. Wenig würde uns solches Begehren
kümmern, wenn nicht eben wir, Torontaler, die Batscher und ein Teil
der im Temescher Banat wohnenden Deutschen einen integrierenden
Teil dieser Woiwodschaft ausmachen sollten« (zitiert nach Senz 1987,
128).

Am Schluss der Petition heißt es:


»Wir wünschen nichts sehnlicher als unter dem Schutz des Kaisers zu
stehen; sollten aber die Serben zum Schutze ihrer Nationalität einen
Woiwoden, die Rumänen einen Kapitän, die Slowaken Oberungarns ein
eigenes Oberhaupt erhalten, so bitten wir im Namen aller deutschen
Gemeinden auch uns unter dem Namen eines >Deutschen Grafen< nach
dem Vorbilde des Sachsengrafen in Siebenbürgen ein unmittelbares
Oberhaupt einzusetzen« (zitiert nach ebd. 129).

Aus der Petition geht hervor, dass sich die Donauschwaben als verwandt
mit Österreich und auch Deutschland betrachten, sich aber auch als eine ei-
gene ethnische Gruppe - als einen »deutschen Volksstamm« 4 1 - begreifen.
Aus dieser Selbstcharakterisierung resultiert der Wunsch sowohl nach
Unterstützung durch den österreichischen Kaiser als auch nach einer
Selbstverwaltung, die es den Donauschwaben ermöglicht, unabhängig und
gleichberechtigt neben den anderen Ethnien, das heißt in der Sprache des
19. Jahrhunderts neben den anderen Nationen, weiterzubestehen. Auffällig
ist darüber hinaus die besondere Betonung, die das angespannte Verhältnis
zwischen den Donauschwaben und den Serben in der Petition erfährt.

//113
II Die D o n a u s c h w a b e n

Die kurze und letzte Phase österreichischer Oberherrschaft über Ungarn


dauerte bis 1867. Die Donauschwaben konnten von dieser Zeit noch einmal
profitieren. Besonders bis 1861, als im neugeschaffenen Kronland Deutsch
die Amtsprache (vgl. Gottas 1995, 253) war, wurden die Grundlagen für die
weitere wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der donauschwäbi-
schen Städte und Siedlungen gelegt (vgl. Annabring 1954, 19).42 Nach dem
verlorenen Krieg gegen Preußen im Jahre 1866 und der damit verbundenen
Schwächung Österreichs konnte die österreichische Dominanz nicht wei-
ter aufrechterhalten werden (vgl. Nipperdey 1993, 792). Die Ablösung des
österreichischen Kaiserreichs durch die Doppelmonarchie Österreich-Un-
garn hatte auch die völlige ungarische Kontrolle über die Donauschwaben
bis 1918 zur Folge. Es waren aber die in den Jahren von 1849 bis 1861 ge-
legten Grundlagen für die Entwicklung eines kulturellen Kapitals, also die
bestätigte Rolle der Kirche, 43 das in dieser Zeit weiter ausgebaute Schul-
wesen, die wiedererstarkte deutschsprachige Presse und die verschiedenen
kulturellen Vereine, die in den folgenden Jahren der ungarischen Magyari-
sierungspolitik eine wichtige Rolle für die Ethnizität der Donauschwaben
spielen sollten (vgl. Senz 1987, 140; Gottas 1995, 257). 44

1.3
Unter dem Druck der Nationalbewegungen -
Die Donauschwaben als ethnische Minderheit

1.3.1
Die Donauschwaben in Ungarn bis 1 9 1 8

Nach dem Ausgleich von 1867 verstärkte sich der durch die Mag-
yarisierungspolitik Ungarns ausgeübte Druck auf die Ethnien im ungari-
schen Teil der Doppelmonarchie. Schon das im Zuge des Ausgleichs 1868
erlassene Nationalitätengesetz zur Gleichberechtigung der verschiedenen
Nationen in Ungarn spiegelte die ungarische Hegemonie wider. Es wurde
eine unteilbare ungarische Staatsnation ausgerufen und Magyarisch blieb
Staatsprache. Als Zugeständnis an die verschiedenen Sprachen übersetzte
man Gesetze und Verordnungen und erlaubte vor Gericht den Gebrauch der
Muttersprache (vgl. Innenministerium BW, 1987 171; Senz 1987, 146).
Allerdings erhielten die Kirchen das Recht, ihre Sprache und die Unter-
richtssprache in den von ihnen geführten Schulen selbst zu bestimmen

//114
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

(vgl. Annabring 1954, 30; Senz 1987, 151). Da die Verbreitung der ungari-
schen Sprache aber eine wesentliche Aufgabe der Magyarisierungspolitik
sein musste, wurde zunehmend das staatliche Schulwesen ausgebaut. So
stieg die Zahl der staatlichen Schulen, in denen Magyarisch Unterrichts-
sprache war, von 17 im Jahr 1873 auf 3296 im Jahr 1913 von insgesamt
16 861 Grundschulen in Ungarn vor 1919 (vgl. Paikert 1967, 46; Senz 1987,
151). 45 Von dieser Magyarisierung der Schulpolitik waren die Donau-
schwaben aus verschiedenen Gründen härter als die anderen Ethnien Un-
garns betroffen (vgl. Paikert 1967,46). Zum einen waren nationale Ideen un-
ter der donauschwäbischen Landbevölkerung im Vergleich zu ihren slawi-
schen Nachbarn noch immer wenig verbreitet (vgl. Annabring 1954, 32;
Senz 1987, 149) und gesellschaftlicher Aufstieg in der Regel mit Assimila-
tion verbunden (vgl. Paikert 1967, 88). Zum anderen kam hinzu, dass die
Zugehörigkeit der Donauschwaben zum katholischen und lutherischen
Glauben keine kirchliche Organisation nach nationalen Gesichtspunkten
zuließ. Im Unterschied zu den griechisch-orthodoxen Serben, bei denen es
eine weitgehende Deckung von Konfession und ethnischer Zugehörigkeit
gab, setzten sich die evangelischen und vor allem die katholischen Gläubi-
gen aus verschiedenen Ethnien zusammen. Hier waren nicht nur die Majo-
rität der magyarisch sprechenden Bevölkerung, 46 sondern auch die slowa-
kisch-, kroatisch- und deutschsprachigen Ethnien vertreten (vgl. Paikert
1967, 44; Gottas 1995, 259). 47 Evangelische und katholische Priester der Do-
nauschwaben wurden deswegen an ungarischen Priesterseminaren ausge-
bildet und dadurch oft aktive Träger der Magyarisierung (vgl. Senz 1987,
153; Gottas 1995, 259), während die christlich-orthodoxen Kirchen der Ru-
mänen und Serben der staatlichen Kontrolle entzogen waren und ihr
Schulwesen ganz im Sinne einer national ausgerichteten Politik organisie-
ren konnten (vgl. Paikert 1967, 46; Senz 1987, 152).
Der Rückgang der deutschen Sprache im öffentlichen Schulwesen ver-
schärfte sich ab dem Jahr 1873 gravierend. Davor war der prozentuale An-
teil der die Schule besuchenden Schüler bei der deutschsprachigen Bevöl-
kerung von allen Bevölkerungsgruppen am höchsten gewesen (vgl. Senz
1987,153). Dabei war an 1810 Schulen ausschließlich in deutscher Sprache
unterrichtet worden. Die Anzahl dieser Schulen verringerte sich auf 417 im
Jahre 1918. 48 Davon waren 254 Schulen der Siebenbürger Sachsen (vgl.
Innenministerium BW 1987, 201). 49 Damit entfielen ganze 163 Schulen, in
denen Deutsch unterrichtet wurde, auf die etwa 1,67 Millionen 50 Menschen
umfassende deutschsprachige Bevölkerung, hauptsächlich Donauschwa-

//115

k
II Die D o n a u s c h w a b e n

ben (vgl. Senz 1987, 153). 51 Während die deutsche Sprache durch die Ma-
gyarisierung zunehmend aus den beiden öffentlichen Bereichen der Schul-
und Kirchenpolitik verdrängt wurde (vgl. Innenministerium 1987, 236),
kam es sowohl im privaten, familiären als auch im gesellschaftlichen, kul-
turellen Bereich zu einer gegenläufigen Bewegung. Die Ethnizität vor allem
der donauschwäbischen Landbevölkerung bezog sich zu dieser Zeit noch
ganz auf die Bewahrung ihrer ethnischen Eigenständigkeit, ihrer überlie-
ferten Bräuche und Trachten. Die Autarkie ihrer Dörfer verhinderte einer-
seits einen organisierten Widerstand gegen die Magyarisierungspolitik.
Andererseits sicherte gerade ihre Abgeschiedenheit das Fortbestehen eines
spezifischen Kapitals und damit der ethnischen Identität der Donauschwa-
ben. Die Ethnizität der Landbevölkerung wirkte in diesem Zeitraum also
kulturell und nicht politisch (vgl. Paikert 1967, 87 f).
Verbunden mit der bürgerlichen Revolution von 1848 hatte es aber auch
im gesellschaftlichen, kulturellen Bereich einschneidende Veränderungen
gegeben, die sich vor allem in den Städten auswirkten. Während es infolge
der Revolution durch die aufkommende Industrialisierung in verschiede-
nen oberungarischen Städten zu einem wirtschaftlichen Niedergang der im
traditionellen Handwerk bis dahin erfolgreichen deutschsprachigen Bür-
gerschichten kam, blieben davon die Städte Südungarns - wie Teme-
schwar, 52 Werschetz und Weißkirchen - verschont (vgl. Gottas 1995, 254).
Hier hatte sich ein reges Vereinsleben der deutschsprachigen Bevölke-
rung entwickelt, welches einen wichtigen Beitrag zu Kultur, Bildung und
Wissenschaft leistete (vgl. ebd. 275). 53 Es waren diese Vereine, die auf die
ethnische Gruppe zurückwirkten und dafür sorgten, dass das kulturelle Ka-
pital nicht nur auf Familienebene gepflegt wurde und sich so soziales und
moralisches Kapital auch außerhalb der Familie bei den Mitgliedern der
Ethnie in Ansätzen entwickeln konnte. Es kam zur Gründung von religiö-
sen und weltlichen Vereinen, von Muttergottes- und Rosenkranzvereinen,
von bürgerlichen Schützenvereinen ebenso wie von verschiedenen Musik-
und Gesangsvereinen. Es gab darüber hinaus Vereine der Freiwilligen Feu-
erwehr, Sportvereine, Vereine zur Pflege der Wissenschaft und Leseverei-
ne. Oft dienten die deutschsprachigen Vereine, wie beispielsweise Ge-
sangsvereine, als Vorbilder für die Gründung vergleichbarer Einrichtungen
der Serben und Rumänen (vgl. Gottas 1995, 275). Für die zweite Hälfte des
19. Jahrhunderts kann noch nicht von einer strikten nationalen Ausrich-
tung der Vereine gesprochen werden. Vielmehr zeigte sich in ihnen die
ganze Widersprüchlichkeit der ethnischen Vielfalt Südungarns. In ihrer

// 116
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Funktion zur Bewahrung der eigenen ethnischen Identität waren die Ver-
eine an den Sprachgrenzen orientiert. So gab es in den größeren Städten
nach Sprachen getrennte Kasinos als gesellschaftlichen Mittelpunkt der je-
weiligen ethnischen Gruppe (vgl. Gottas 1995, 275). Gleichzeitig spiegelte
sich in bestimmten Vereinstypen als kulturellen Einrichtungen, vor allem
in multiethnischen Gebieten, das Zusammenleben der verschiedenen Eth-
nien wider. Es gab Vereinsbüchereien mit sowohl ungarischen als auch
deutschen Büchern sowie Gesangsvereine, die sich verpflichteten, sowohl
ungarisches als auch deutsches Liedgut zu pflegen (vgl. ebd. 275). Noch vor
der Entstehung dieser Vereine hatte sich eine Tradition deutschsprachiger
Theater und deutschsprachiger Druckerzeugnisse entwickelt. Im Banat ent-
stand schon 1776 das erste Theater,54 und es war in Temeschwar, wo von
1830 bis 1841 die erste periodische Publikation in deutscher Sprache, das
Temeschwarer Wochenblatt, erschien (ebd. 279ff).
Neben den genannten, in erster Linie eher kulturell ausgerichteten Ver-
einen gab es aber auch Zusammenschlüsse, die sich an verschiedenen Be-
rufsgruppen und Erwerbszweigen orientierten und in denen sich Ansätze
eines politischen Kapitals entwickelten. Hierzu gehörten die regional orga-
nisierten donauschwäbischen Lehrervereine sowie verschiedene Bauern-
und Arbeitervereine (vgl. Senz 1987,162 ff). Diese Vereine, die sich in erster
Linie mit den Problemen der von ihnen vertretenen Berufsgruppen ausein-
andersetzten, sollten im weiteren Verlauf zu wichtigen Organisationen der
Donauschwaben werden. Von besonderer Bedeutung waren dabei die Leh-
rervereine und Bauernvereine. Obwohl in einigen Städten Südungarns, vor
allem in der Batschka und dem Banat, Fabrikindustrie schon seit dem
18. Jahrhundert eine Rolle spielte, war der größte Teil der donauschwäbi-
schen Bevölkerung noch immer in der Landwirtschaft tätig.55 Während die
Lehrervereine wesentlich dafür verantwortlich waren, dass trotz fort-
schreitender Magyarisierung die Forderung nach einem Unterricht in deut-
scher Sprache auch weiterhin erhoben wurde, trugen die Bauernvereine zu
einer Interessengemeinschaft der donauschwäbischen Landbevölkerung
bei - über die engen Grenzen der Dorfgemeinschaft hinweg. So hatte etwa
der »Südungarische landwirtschaftliche Bauernverein«, der 1891 56 in Te-
meschwar gegründet worden war, 1906 über 10 000 Mitglieder in 126 Orts-
vereinen. Er gab ein deutschsprachiges Fachblatt heraus und organisierte
Vorträge und Ausstellungen. Ziel des Vereins war die generelle Förderung
der Landwirtschaft und eine Verbesserung der Kreditverhältnisse für do-
nauschwäbische Bauern (vgl. Innenministerium 1987, 195; Schödl 1995,

// 117
II Die D o n a u s c h w a b e n

395). Die Entwicklung des Bank- und Genossenschaftswesen in Südungarn


war eng mit der Landwirtschaft verknüpft. Seit der Gründung der »Temes-
varer Sparkassa« 1846 befassten sich alle Banken überwiegend mit Agrar-
krediten. Das Prinzip der organisierten Selbsthilfe - in Form von Genos-
senschaften - konnte sich anfänglich bei den wohlhabenden Bauern im Ba-
nat kaum durchsetzen. So dauerte es bis 1897, bis die erste Raiffeisen-Land-
wirtschafts-Kreditgenossenschaft des Banats (vgl. Innenministerium 1987,
195) entstand.
Während es also im Laufe des 19. Jahrhunderts sowohl auf der kulturel-
len als auch auf der sozialen und ökonomischen Ebene zu den unter-
schiedlichsten Organisationsformen der Donauschwaben kam, wurde eine
politische Vertretung in Form einer Partei erst Anfang des 20. Jahrhunderts
gegründet.
Die Gründung der »Ungarländischen Deutschen Volkspartei (UDVP)«
fand 1906 in Werschetz im Banat statt (vgl. Senz 1987,171). An ihr lässt sich
die ganze Komplexität des Übergangs von der Bewahrung und Pflege eth-
nischer Merkmale hin zu einer Instrumentalisierung des Ethnischen durch
den Nationalismus aufzeigen. Während insgesamt die Mehrheit der do-
nauschwäbischen Landbevölkerung sich noch immer nicht für deutschna-
tionale Forderungen interessierte, entwickelte sich in der donauschwäbi-
schen Führungsschicht ein zunehmend nationales Gedankengut. 57 In den
zum Teil bereits erwähnten Ortschaften Werschetz, Weißkirchen, Teme-
schwar und Neusatz, also entlang der verschiedenen lokalen Schwerpunk-
ten des donauschwäbischen Vereinswesens, formierten sich die Gegner des
Assimilationsprozesses (vgl. Schödl 395). 58 So wurde in Temeschwar zum
ersten Mal von einem deutschen Presseorgan die Forderung nach einer po-
litischen Partei der Donauschwaben erhoben (vgl. Annabring 1954, 42). Es
waren denn auch führende Persönlichkeiten der donau-schwäbischen Eth-
nie, die an der Vorbereitung der Parteigründung beteiligt waren oder spä-
ter in der Partei selbst tätig wurden: Unter anderem kamen aus dem Bereich
des Pressewesens Jakob Schümichen und Dr. Eduard Rittinger, beide wur-
den Aktivisten der UDVP. Der Weißkirchner Rechtsanwalt Dr. Kremling
wurde zum ersten Obmann der Partei gewählt (vgl. Senz 1987, 171). Sein
Stellvertreter wurde Johann Röser. Dieser hatte zusammen mit Johann An-
heuer, dem Direktor der Neupetscher Sparkasse (vgl. Senz 1987, 169), den
»Südungarischen landwirtschaftlichen Bauernverein« und die erste Raiff-
eisenzentrale vorbereitet und geleitet (vgl. Senz 1987, 175; Schödl 1995,
395).

//118
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Entscheidenden Anstoß und Starthilfe zum Aufbau einer »Deutschen


Bewegung« bekamen die donauschwäbischen Führer von Edmund Stein-
acker (1839-1929) aus der Stadt Debreczin im östlichen Teil Ungarns. Stein-
acker hatte in Weimar und Stuttgart die Schule besucht und studiert. Da-
nach hielt er sich in England und Frankreich auf.59 Nach seiner Rückkehr
1867 nach Ungarn war er, als ein Vertreter Siebenbürgens, im ungarischen
Reichstag. Der am Anfang seiner politischen Karriere eher von liberalen
Gedanken getragene Steinacker entwickelte sich - nach seinem gescheiter-
ten Versuch, die Emanzipation der deutschungarischen Bevölkerung zu ei-
nem Vorreiter der Verwestlichung ganz Ungarns zu machen - zu einem Po-
litiker, der ausschließlich die Interessen der deutschsprachigen Minderheit
vertrat (vgl. Schödl 1995, 399). Nachdem er vergeblich versucht hatte, das
deutschsprachige Bürgertum der Städte für den Kampf gegen die Magyari-
sierung zu gewinnen, wandte er sich der donauschwäbischen Bevölkerung
im Banat und der Batschka zu (vgl. Senz 1987,158 f). Um Unterstützung für
die Gründung einer deutschen Minderheitsbewegung zu bekommen,
knüpfte Steinacker Kontakte zu reichsdeutschen Organisationen wie dem
»Alldeutschen Verband« (ADV) (vgl. Schödl 1995, 399). Der ADV war eine
radikalnationalistische Organisation im deutschen Kaiserreich, welche die
Ideologie des Nationalismus grundlegend veränderte und sie hin zu einem
staatsübergreifenden Volksnationalismus dynamisierte. 60 Das Ziel des ADV
war ein deutsches Imperium, welches sich von den Niederlanden bis hin
zu den deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen im Donauraum erstre-
cken sollte (vgl. Nipperdey 1993a, 603). An diesem Punkt verknüpfen sich
endgültig Ethnizität, bewusstes Ethnomanagement und nationalistische In-
strumentalisierung des Ethnischen und gehen nur schwer trennbar inein-
ander über. Die finanzielle Unterstützung durch den ADV ermöglichte das
Überleben der »Deutschen Bewegung«, als sie Anfang des 20. Jahrhunderts
von einem Scheitern noch vor Gründung der »Ungarländischen Deutschen
Volkspartei« (UDVP) bedroht war (vgl. Schödl 1995, 409). Nach wie vor war
die Mehrheit der donauschwäbischen Bevölkerung an deutschnationaler
Politik desinteressiert. Der größte Teil der deutschsprachigen Presseorgane
spiegelte diese Einstellung wider. Sie waren laut Annabring (1954, 29) zwar
»deutschgeschriebene«, aber letztendlich »nationalungarische Erzeug-
nisse«. Das Temeschwarer Tagblatt als wichtigstes Organ der Bewegung
hatte aufgrund der mangelnden Resonanz der donauschwäbischen Bevöl-
kerung eingestellt werden müssen. Sein eher unpolitischer Nachfolger, der
Deutsch-Ungarische Volksfreund, war von einem gravierenden Abonnen-

//119
II Die D o n a u s c h w a b e n

tenmangel betroffen. Nur die finanzielle Unterstützung des »Alldeutschen


Verbandes« (ADV) machte es möglich, dass diese Wochenzeitung als »kom-
munikatives Rückgrat aller deutschnationalen Bestrebungen« (Schödl
1995, 409) weiterbestehen konnte. Das Temeschwarer Tagblatt war aller-
dings nicht der einzige Versuch, nationalistische Propaganda mit Hilfe der
deutschsprachigen Presse zu betreiben. So heißt es in einem Programmge-
dicht Artur Korns, 6 1 Redakteur der Groß-Kikindaer Zeitung aus der Batsch-
ka:
»(1) >Gedenke, daß Du ein Deutscher bist!< (2) Die Deutschen insgesamt
sind durch eine >slawische Flut<, durch die Völker des Ostens über-
haupt, bedroht. (3) Der Deutsche repräsentiert im Osten Kultur und
Entwicklung« (Schödl 1995, 408).

Das Gedicht beinhaltet somit die zentralen Argumente - die Besinnung auf
das Deutsche als notwendige Abgrenzung vom Fremden, die Bedrohung
durch die Völker des Ostens und die deutsche Kulturschöpfung als auser-
wählte Ruhmestat - welche auch weiterhin von nationalistischer Propa-
ganda bei den Donauschwaben vorgebracht wurden. 6 2
Aufgrund der Zurückhaltung der donauschwäbischen Bevölkerung
gegenüber deutschnationalen Forderungen war das Programm der »Ungar-
ländischen Deutschen Volkspartei« (UDVP) aus taktischen Gründen frei
von völkischen Positionen (vgl. ebd. 413). Trotzdem blieb die UDVP auch
nach ihrer Gründung von der zusätzlichen finanziellen Hilfe des ADV und
privater Unternehmer 6 3 aus dem Deutschen Reich abhängig (vgl. ebd. 417).
Die Wahlen 1910 zeigten dann, dass sich die UDVP, trotz gewisser Erfolge
bei der Organisation der donauschwäbischen Minderheit, nicht auf Reichs-
ebene in Ungarn durchsetzen konnte (vgl. ebd. 418 f). Obwohl dafür seitens
der UDVP der Druck der offiziellen magyarischen Politik verantwortlich
gemacht wurde, konnte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass für den
Misserfolg in erster Linie die mangelnde Identifikation der Donauschwa-
ben mit einer deutschen Nationalitätenpartei verantwortlich war (vgl. An-
nabring 1954, 43). 64 So verlegte die UDVP ihre Aktivitäten im weiteren Ver-
lauf auf die kommunalpolitische Ebene und wurde darüber hinaus auch im
Sinne eines Schutzvereins tätig. Durch die Gründung des »Deutsch-Unga-
rischen Kulturrats« 1911 sollten gezielt begabte schwäbische Schüler und
Studenten unterstützt und so die Herausbildung einer donauschwäbischen
Elite gefördert werden (vgl. Schödl 1995, 421). Die Arbeit der UDVP und
des »Deutsch-Ungarischen Kulturrats« war äußerst erfolgreich bei der

//120
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Schulung und Rekrutierung von Führungspersönlichkeiten. Ihr ist es zu-


zuschreiben, dass nach 1918 in den Nachfolgestaaten der Habsburger Mon-
archie »eine beachtliche Zahl von politisch geschulten Donauschwaben«
bereitstand, »die nationale Zukunft ihres Volkes mitzugestalten« (Anna-
bring 1955, 15). 65
Im gleichen Zeitraum, also Ende des neunzehnten, Anfang des zwan-
zigsten Jahrhunderts, kam es wegen der zunehmenden Bodenknappheit
und der damit verbundenen Armut von Teilen der Landbevölkerung zu ei-
ner vermehrten Auswanderung vor allem in die Vereinigten Staaten von
Amerika. Unter den Auswanderern befanden sich auch viele Donauschwa-
ben. Aufgrund ihrer besseren wirtschaftlichen Verhältnisse waren die Do-
nauschwaben insgesamt als Bevölkerungsgruppe weniger als andere ethni-
sche Gruppen von der Emigration betroffen (vgl. Annabring 1954, 22; Pai-
kert 1967, 35 f). Es gab allerdings regionale und soziale Schwerpunkte, so-
dass sich für die Landbevölkerung in der Batschka und dem Banat ein et-
was anderes Bild ergab. Hier war die donauschwäbische Bevölkerung über-
proportional an der Auswanderung beteiligt. Sie stellte über die Hälfte al-
ler Auswanderer (vgl. Innenministerium 1987, 149). Gleichzeitig gab es
aber auch Rückwanderer. Auch bei dieser Gruppe, oftmals von im Ausland
zu Wohlstand gekommenen ehemaligen Auswanderern, waren die Do-
nauschwaben aus der Batschka und dem Banat überproportional vertreten,
was sich in einer weiteren wirtschaftlichen Stärkung von Teilen der do-
nauschwäbischen Bevölkerungsgruppe auswirkte (vgl. Annabring 1954, 22;
Paikert 1967, 36 und Innenministerium 1987,149). Ein weiteres, mit der Bo-
denknappheit verbundenes Moment war das unter den Magyaren, aber
auch den Donauschwaben und Serben verbreitete Einkindsystem. Diese
Form der Geburtenbeschränkung hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts
auch bei der wohlhabenden Landbevölkerung in der Batschka und im Ba-
nat verbreitet. Wegen der extremen Bodenknappheit war es nicht mehr
möglich, Boden hinzuzukaufen oder Tochtersiedlungen zu gründen, um ei-
ne Aufteilung der Höfe und somit einen sozialen Abstieg zu verhindern
(vgl. Annabring 1954, 26). Beide Aspekte, Einkindsystem und Auswande-
rung, änderten insgesamt allerdings nicht entscheidend das zahlenmäßige
und politische Kräfteverhältnis zwischen den Ethnien in Ungarn (vgl. Pai-
kert 1967, 36). 66
Auch innerhalb der ethnischen Gruppen der Donauschwaben veränder-
te sich in den letzten Jahren der Habsburger Monarchie nur wenig. Solan-
ge die Pflege donauschwäbischer ethnischer Identität im Alltagsleben der

//121
II Die D o n a u s c h w a b e n

Bauerndörfer stattfinden konnte, 67 verstand man sich in erster Linie als


Batschkaer oder Banater Schwabe. Zwar war die Abgrenzung der donau-
schwäbischen Landbevölkerung durch ihre ethnischen Merkmale, vor al-
lem ihre Sprache und Geschichte, von den anderssprachigen ethnischen
Gruppen Südungarns für sie wichtig. Sie sahen sich deswegen aber noch
nicht als Teil einer deutschnationalen Bewegung. Große Teile des liberalen
Bürgertums verstanden sich auch nach wie vor als Deutschungarn. Sie ver-
hielten sich staatstreu und sahen im Zusammenleben vor allem mit den
Ungarn die beste Garantie für die Fortdauer deutscher Kultur innerhalb des
ungarischen Staates. 68 Aber auch die nationalistischen Kräfte unter den do-
nauschwäbischen Politikern setzten ihre Versuche fort, vor allem aus der
Landbevölkerung junge Führungskräfte zu schulen und für die Organisa-
tion der Donauschwaben als einen Teil des deutschen Volkes, der deut-
schen Nation, zu gewinnen. Entscheidend unterstützt wurden sie dabei
von einflussreichen Kreisen Reichsdeutschlands, die zwar noch nicht die
offizielle Außenpolitik bestimmten, aber doch schon massiv die Instru-
mentalisierung deutschsprachiger Ethnien für ihre nationalistischen Ziele
betrieben. Trotz dieser zum Teil für sie lebensnotwendigen Unterstützung
gelang es den nationalistischen Kreisen nicht, die Mehrheit der Donau-
schwaben zu organisieren. Der Widerspruch zwischen den pro-ungari-
schen und den deutschnationalen Kräften innerhalb der Donauschwaben
spitzte sich während des Ersten Weltkrieges zu. Er fand seine Verkörperung
in Jakob Bleyer und Rudolf Brandsch 69 (vgl. Annabring 1954, 53).
Jakob Bleyer, ein Sohn schwäbischer Bauern aus der Batschka, hatte in
Budapest studiert, promoviert und sich habilitiert. Er wandte sich gegen je-
de Form von eigenständiger deutscher Minderheitenpolitik und sah den
Erhalt einer donauschwäbischen Ethnie nur in der Rolle als schwächerer
Teil einer deutsch-ungarischen Symbiose (vgl. Schödl 1995, 446). Rudolf
Brandsch stammte aus einem siebenbürgisch-sächsischen Elternhaus. Er
hatte im Deutschen Reich studiert und war dort Mitglied einer Burschen-
schaft gewesen, die den völkischen Zielen des »Alldeutschen Verbandes«
(ADV) nahestand. Brandsch hatte schon als Siebenbürger Abgeordneter die
Position einer konsequenten deutschen Minderheitenpolitik vertreten. Er
war ein enger Mitarbeiter Steinackers bei dem Versuch, die verschiedenen
deutschsprachigen Ethnien Ungarns in Form der »Ungarländischen Deut-
schen Volkspartei« (UDVP) politisch zusammenzufassen (vgl. Schödl 1995,
399 ff). Brandsch vertrat noch konsequenter als Steinacker die radikalen
Positionen des ADV (vgl. ebd. 426). Bei Brandsch zeichnet sich, allerdings

//122
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Bild 2 Banater Familie in der traditionellen Tracht.

// 123
II Die D o n a u s c h w a b e n

noch durch taktisches Kalkül überdeckt, die spätere nationalistische Poli-


tik der donauschwäbischen Führer gegenüber den anderen ethnischen
Gruppen zur Zeit des Nationalsozialismus bereits ab:
»Die Zusammenarbeit mit anderen Nationalitäten bedeutet nicht ein
Bündnis auf Leben und Tod. Wenn wir unsere Rechte erkämpft haben,
stehen wir in einer ganz anderen Lage« (zitiert nach Schödl 1995, 426).

Beendet wurde dieser Schwebezustand zwischen den beiden Strömungen


donauschwäbischer Politik mit der Niederlage der Mittelmächte im Er-
sten Weltkrieg und der damit verbundenen Auflösung des Kaiserreichs
Österreich-Ungarn. Dabei ließ schon der Auslöser dieses ersten Weltkrieges
erahnen, dass die Mythologisierung der Geschichte bei der Herausbildung
der Nachfolgestaaten des Kaiserreichs in Südosteuropa eine zentrale Rolle
spielen würde. Es war am 28. Juni 1914, dem 525. Jahrestag der serbischen
Niederlage gegen die Türken auf dem Amselfeld, als der österreichische
Thronfolger Franz Ferdinand die bosnische Hauptstadt Sarajewo besuchte
(vgl. Sundhaussen 1993, 31). Die Bedeutung, die das längst vergangene Er-
eignis auf dem Balkan hatte, zeigte sich sowohl in der Auswahl des Tages
seitens der Österreicher als auch in der Reaktion der serbischen Nationalis-
ten. Schon vorher war es in dem seit 1878 unter österreichisch-ungarischer
Verwaltung stehenden Bosnien-Herzegowina zu Spannungen zwischen der
serbischen Bevölkerungsgruppe und der Verwaltung gekommen (vgl. ebd.
31). Nach der Zurückdrängung des Osmanischen Reichs in den Balkan-
kriegen 1912/13 wollte Franz Ferdinand mit diesem Besuch sichtbar den
dynastischen Anspruch Österreichs untermauern, nun alleinige Ord-
nungsmacht auf dem Balkan zu sein. Seine Vorstellungen einer Zu-
sammenfassung der südlichen Gebiete Österreich-Ungarns unter kroati-
scher Führung, aber innerhalb des Kaiserreichs, hätte einerseits eine
Schwächung Ungarns bedeutet. Andererseits machte der Thronfolger da-
mit deutlich, dass auch die Ansprüche des durch die territorialen Gewin-
ne im Zuge der Balkankriege erstarkten Serbien zurückgewiesen werden
sollten (vgl. Berghahn 1997, 89 f). Nach den österreichischen Vorstellungen
wäre der Schwerpunkt der südslawischen Emanzipation damit innerhalb
des Kaiserreichs in der kroatischen Hauptstadt Agram und nicht im serbi-
schen Belgrad gewesen (Erdmann 1980, 47). Für die serbischen Nationalis-
ten bedeutete der Besuch des Thronfolgers unter diesen Voraussetzungen
und an diesem Datum eine ungeheure Provokation. Für sie kam es einer
Entweihung ihres auserwählten Traumas gleich, die mit der Ermordung

//124
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

des Thronfolgers beantwortet wurde und den Ersten Weltkrieg auslöste


(vgl. Sundhaussen 1993, 31).
Auch für die deutschsprachigen Ethnien Ungarns war der Krieg aus ver-
schiedenen Gründen von wegweisender Bedeutung. Wohl blieb die
deutschsprachige Bevölkerung, sofern sie nicht eingezogen worden war,
von direkten Kriegshandlungen - und dies gilt besonders für die Donau-
schwaben - weitgehend verschont (vgl. Schödl 1995, 440). Sicherlich wirk-
te aber der ungeheure Mobilisierungseffekt, der vom Ersten Weltkrieg in
Hinblick auf die Nationalitätenfrage ausging, auch auf die donauschwäbi-
sche Bevölkerung (vgl. Dokumentation Bd.5, 38E), insbesondere die do-
nauschwäbischen Soldaten (Senz 1987,182). 7 0 Doch war die Aufteilung der
südungarischen Gebiete auf die verschiedenen Nachfolgestaaten sicherlich
langfristig das einschneidenste Erlebnis. So machte sie einerseits Stein-
ackers und Brandschs Versuch einer gemeinsamen politischen Vertretung
der Donauschwaben durch eine Partei endgültig zunichte. Noch bedeutsa-
mer war allerdings andererseits, dass sich in den Nachfolgestaaten der
Druck durch die verschiedenen Nationalismen auf die deutschsprachigen
Ethnien erhöhte. Dies verstärkte langfristig den Einfluss der deutschen na-
tionalistischen Kräfte, sowohl aus dem Deutschen Reich und Österreich als
auch innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe, auf die Donauschwaben.

1.3.2
Die Donauschwaben im Königreich Jugoslawien 1918 bis 1933

Der Erste Weltkrieg endete mit dem Zerfall des Kaiserreichs Öster-
reich-Ungarn. Dies bedeutete für Ungarn den Verlust des größten Teils der
südlichen Gebiete an die Nachfolgestaaten Rumänien und an das »König-
reich der Serben, Kroaten und Slowenen« (Königreich SHS), wie Jugosla-
wien bis zu seiner Umbenennung in »Königreich Jugoslawien« 1929 ge-
nannt wurde (vgl. Wehler 1980, 9). Vertreter der Donauschwaben versuch-
ten mit dem »Schwäbischen Manifest« 1918 in Temeschwar, die mit den
Gebietsabtrennungen verbundene Aufteilung der donauschwäbischen Be-
völkerung auf verschiedene Staaten zu verhindern (vgl. Senz 1987, 187).
Wiederholt verlangten sie seitdem den Verbleib des Banats bei Ungarn, wo-
bei diese Position vorübergehend von der Forderung nach einem Autono-
miestatut abgelöst wurde. Aber auch auf der Pariser Friedenskonferenz
1920, in der die Teilung des Banats endgültig beschlossen wurde, konnte

//125
II Die D o n a u s c h w a b e n

sich die donauschwäbische Delegation mit ihren Ansprüchen nicht durch-


setzen (vgl. Wehler 1982, 26). Letztendlich wurden die Donauschwaben
doch auf drei souveräne Staaten aufgeteilt, die sich zudem trotz ihrer mul-
tiethnischen Zusammensetzung als Nationalstaaten präsentierten (vgl.
Sundhaussen 1995, 315). Die nord-westlichen Siedlungsgebiete im Berg-
land und am Donauknie sowie der größte Teil der schwäbischen Türkei
blieben ungarisch. Der Nordosten, also das Sathmar-Theißgebiet und der
nord-östliche Teil des Banats, kam zu Rumänien.
Der Südosten mit Syrmien-Slawonien-Kroatien, der Batschka, dem süd-
westlichen Banat und dem Süden der schwäbischen Türkei, der Baranja,
wurde ein Teil des »Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen« (SHS)
(vgl. Wehler 1980, 10; Senz 1987, 223). Von Österreich kamen die Unter-
Steiermark, Südkärnten, die Krain, Dalmatien, Bosnien und Herzegowina
hinzu (vgl. Dokumentation Bd.5, 4E). Zusammen mit Serbien, Montenegro,
dem Kosovo und Mazedonien bildeten die genannten Gebiete das neue
SHS Königreich. Die Existenz dieses de facto multiethnischen Staates wur-
de durch den »ideologischen Mythos« der »dreinamigen« jugoslawischen
Nation begründet (Sundhaussen 1993, 36). Wie wenig dieser Mythos mit
der Wirklichkeit in Einklang gebracht werden konnte, zeigte sich an der
Namesgebung »Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen«. Sund-
haussen bemerkt dazu, dass man wenn es eine jugoslawische Nation gege-
ben hätte, diese nicht mit drei Namen hätte benennen müssen (ebd. 36).
Ebenso wie schon in Ungarn, stellte auch in dem neuen Vielvölkerstaat kei-
ne Bevölkerungsgruppe die Mehrheit. Diese klassische Situation konkur-
rierender Minderheiten wurde noch durch den ethnischen Nationalismus
verschärft, der infolge des Ersten Weltkrieges zur vorherrschenden Ideolo-
gie in Südosteuropa geworden und vor allem bei den staatstragenden Be-
völkerungsgruppen bestimmend war. Die günstigste Ausgangsposition, sei-
ne nationalistischen Vorstellungen zu verwirklichen, hatte dabei nach der
Staatsgründung Serbien. Es besaß die relative Mehrheit im Staat, verfügte
über eine Armee und zählte zu den Siegermächten des Ersten Weltkrieges
(ebd. 37).
Sundhaussen schätzt, dass Anfang der dreißiger Jahre etwa 43 % der Be-
völkerung Serben, 23 % Kroaten, 8 % Slowenen und jeweils 5 % bosnische
Muslime und Mazedonier waren (ebd. 36). Die restliche Bevölkerung ver-
teilte sich auf verschiedene ethnische Gruppen, von denen die zahlenmä-
ßig stärkste die deutschsprachige war. Folgt man der letzten österreichisch-
ungarischen Volkszählung von 1910 und der jugoslawischen Erhebung von

// 126
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

1921, lebten über eine halbe Million Personen, das sind etwa 4,2 % der Ge-
samtbevölkerung, auf dem neuen Staatsgebiet, die als Muttersprache
Deutsch angaben (vgl. Wehler 1980, 96 und 147). Diese Zahl änderte sich bis
zur Besetzung Jugoslawiens durch die Deutsche Wehrmacht 1941 nur un-
wesentlich. Die letzte jugoslawische Volkszählung von 1931, deren end-
gültiges Ergebnis erst 1943 von der Deutschen Publikationsstelle Wien ver-
öffentlicht wurde, nennt 499 969 Personen - 3,6% der Bevölkerung - mit
Deutsch als Muttersprache (vgl. Dokumentation Bd.5, 11E). Diese Zahl
wurde immer wieder von deutscher Seite als zu gering bezeichnet und als
Versuch gewertet, die wirkliche zahlenmäßige Bedeutung des »Deutsch-
tums« zu verschleiern (vgl. Sundhaussen 1995, 325). 71
Für die Analyse der damaligen Situation kann es aber nicht um genaue
Zahlen über die Stärke der verschiedenen Bevölkerungsgruppen gehen.
Vielmehr kann schon an dem Versuch, eine Volkszählung nach nationalen
Merkmalen wie Sprache und Herkunft in einer multiethnischen Region
durchzuführen, die ganze Problematik der Verbindung von Nationalismus
und Ethnizität beziehungsweise Ethnisierung aufgezeigt werden. Bedingt
durch den Prozess der Akkulturation gab es neben mehr oder weniger ein-
sprachigen, beispielsweise rein serbo-kroatisch oder deutsch sprechenden
Familien auch eine weit verbreitete Mehrsprachigkeit (vgl. Weber-Keller-
mann 1978, 36).72 Dies war häufig dort der Fall, wo es keine geschlossene
bäuerliche Siedlungsstruktur, also keine ethnische Kolonie im Sinne des
verpflanzten Dorfes gab. In größeren Siedlungen und in den Städten, vor al-
lem bei den mobileren Schichten der Bevölkerung (vgl. Sundhaussen 1995,
322f), kam es oft zu einer Übernahme der Mehrheitssprache bis in den
häuslichen Bereich von ursprünglich anderssprachigen Familien. Grund-
sätzlich waren Mischehen der Sitte nach noch immer unerwünscht (vgl.
Weber-Kellermann 1978, 23). Trotzdem hatte doch zu einem gewissen Grad
intermarriage stattgefunden, sodass es eine nennenswerte Anzahl von Fa-
milien gab, in denen die Eltern unterschiedliche Muttersprachen hatten.73
Für die Nationalisten innerhalb der verschiedenen ethnischen Gruppen
waren Mitglieder dieser Familien Teil eines »schwebenden Volkstums«
(Senz 1987, 192), das letztendlich zum eigenen Volk gehörte und davor ge-
schützt werden musste, von anderen Gruppen assimiliert zu werden. Noch
mehr als die Sprache sollte dabei das ethnische Merkmal der Geschichte
und der Herkunft zum Erkennungsmerkmal des Eigenen stilisiert werden.
Sowohl von deutscher als auch von jugoslawischer Seite wurden zur
Unterstützung der eigenen Ansprüche Namensanalysen vorgenommen

// 127
II Die D o n a u s c h w a b e n

(vgl. Sundhaussen 1995, 325). So wollte man nachweisen, dass die betref-
fenden Personen entgegen ihrer subjektiven Selbsteinschätzung biologisch
dem eigenen Volk entstammten und damit zur eigenen Nation gehörten.
Die Willkürlichkeit des ganzen Prozesses zeigt sich zum einen in dem be-
reits zitierten Schulgesetz von 1925 und an der Selbstverständlichkeit, mit
der man selbst ein Verfahren anwandte, welches man, wenn es von ande-
ren benutzt wurde, heftig kritisierte (vgl. Sundhaussen 1995). Zum anderen
sollte der Versuch, vermeintlich Eigenes mit Hilfe von Abstammungskrite-
rien zurückzugewinnen, später auf deutscher Seite seine Entsprechung in
der Strategie finden, das vermeintlich Fremde mit der gleichen Methode
auszuscheiden. Hier wird die zerstörerische Dynamik der fiktiven Ethni-
zität der Nation deutlich. Da eine gemeinsame rassisch-kulturelle Identität
aller Deutschen fiktiv war und sie so zwangsweise unsichtbar blieb, leitete
man sie von der imaginierten Sichtbarkeit der falschen, der jüdischen
Volksmitglieder ab.
In der ersten Phase des neuen Staates war aber der Gedanke einer ge-
meinsamen Identität aller deutschsprachigen Gruppen erst bei Teilen der
Intelligenz und noch nicht bei der Masse der donauschwäbischen Bevöl-
kerung verbreitet. Die verschiedenen ethnischen Gruppen der Donau-
schwaben in Jugoslawien hatten bis dahin in keinem näheren Zusammen-
hang zueinander gestanden (vgl. Wehler 1980, 10). Insgesamt hatte sich
zwar bei den Donauschwaben, durchsetzt mit Einflüssen auch der anders-
sprachigen ethnischen Gruppen, eine ähnliche Art der Kleidung entwi-
ckelt. Trotzdem gab es aber auf dem Land in jedem Dorf - und 84 % der do-
nauschwäbischen Bevölkerung lebte in Landgemeinden (vgl. Dokumenta-
tion Bd.5,15E) - eine eigene Tracht und Haartracht (vgl. Innenministerium
1987, 226 ff). 74 Hinzu kamen die Unterschiede der Konfession: Auch in Ju-
goslawien war die überwiegende Mehrheit der donauschwäbischen Bevöl-
kerung katholisch. Ihre Priester wurden an den kroatischen katholischen
Priesterseminaren ausgebildet und setzte sich die schon in Ungarn beob-
achtete Tendenz fort, dass die katholischen Geistlichen sich nicht als Or-
ganisatoren für eine deutschnationale Politik gewinnen ließen. 75 Die Pro-
testanten, die etwa ein Viertel der deutschsprachigen Bevölkerung aus-
machten, hatten dagegen ab 1930 ihre eigene deutsche Kirche. Diese sollte
dann auch im weiteren Verlauf zu einer wichtigen Institution bei der Ver-
breitung nationalistischer Positionen unter den Donauschwaben in Jugo-
slawien werden (vgl. Sundhaussen 1995, 316).
Die ersten Ansätze zum Aufbau einer deutschen Bewegung wurden so-

//128
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

fort nach der Gründung des »Königreichs der Serben, Kroaten und Slowe-
nen« (SHS) von einer kleinen Gruppe meist jüngerer Akademiker, (vgl.
Wehler 1980, 28) unter Mithilfe von ehemaligen Aktivisten der »Ungarlän-
dischen Deutschen Volkspartei« (UDVP) gemacht. Erste wichtige Maßnah-
men bestanden darin, das in Ungarn fast völlig aufgelöste deutschsprachi-
ge Schulwesen wiederzuerwecken. Mit Genehmigung der provisorischen
Provinzregierung in Neusatz, die grundsätzlich den muttersprachlichen
Unterricht wieder einführte, wurden erste Schulgründungen vorgenom-
men (vgl. Paikert 1967, 266 f). So entstanden ab 1919 in den Banater Städten
Hatzfeld, Werschetz, Pantschowa und in Neuwerbaß in der Batschka auch
deutschsprachige Mittelschulen (vgl. Annabring 1955, 44 und Wehler 1980,
23). Beim Aufbau der deutschen Bewegung entwickelte sich die Stadt Neu-
satz in der Batschka wegen ihrer zentralen Lage zu einem organisatori-
schen Zentrum. Schon 1919 konnte hier die »Deutsche Druckerei- und Ver-
lags-A. G.« gegründet - später sollte noch eine Zweigstelle in Groß-Betsch-
kerek entstehen - und das Deutsche Volksblatt herausgegeben werden. Ihm
folgte eine Fülle von Publikationen aus allen Bereichen des donauschwä-
bischen kulturellen und wirtschaftlichen Vereinslebens (vgl. Annabring
1955, 27f). In der gleichen Stadt folgte 1920 die Gründung des »Schwäbisch-
Deutschen-Kulturbundes«. Ihm fielen die verschiedenen kulturellen Berei-
che der »Volkstumsarbeit« zu, die den Zusammenhalt der Donauschwaben
sichern sollten: Organisation von Vorträgen, Verbreitung von Büchern, Mu-
sik und Film, die Einrichtung von Bibliotheken sowie die Ausbildung
»deutscher« Lehrer (vgl. Wehler 1980, 28). Ebenfalls in Neusatz wurde dann
im Oktober 1922 mit der Gründung der »Agraria m.b.H.« der erste Schritt
für den Aufbau eines donauschwäbischen Genossenschaftswesens ge-
macht (vgl. Annabring 1955, 48). In den folgenden Jahren konnte die »Agra-
ria« immer weiter ausgebaut werden. Sie sollte bald zu einer der wichtig-
sten Institutionen der deutschen Bewegung in der Woiwodina werden (vgl.
Wehler 1980, 29f.). Im Dezember des gleichen Jahres wurde im Banater
Hatzfeld76 die »Partei der Deutschen in Jugoslawien« gegründet. Sie knüpf-
te sowohl politisch als auch personell an die Tradition der UDVP von vor
1918 an. Ihr Landesobmann wurde Dr. Kremling, der schon an der Spitze
der UDVP gestanden hatte (vgl. Annabring 1955, 30), sein Stellvertreter
wurde Dr. Kraft, der maßgeblich am Manifest des schwäbischen National-
rats von 1918 beteiligt gewesen war, den Kulturbund mitgegründet hatte
und auch die weitere Geschichte der Donauschwaben in Jugoslawien ent-
scheidend mitbestimmte (vgl. ebd. 33). Das gemeinsame Ziel dieser ver-

//129
II Die D o n a u s c h w a b e n

schied enen Organisationen war das Zusammenfassen der donauschwäbi-


schen Ethnien zu einer gemeinsamen deutschen Volksgruppe. Der mit der
Organisation verbundene Ausbau des kulturellen und des politischen Ka-
pitals konnte allerdings nur im Banat und in der Batschka stattfinden.
Wegen der noch nicht endgültig geklärten Grenze zu Rumänien und Un-
garn war die Ausgangslage für die dortigen donauschwäbischen Aktivisten
wesentlich günstiger als in anderen Teilen des Königreichs. Die donau-
schwäbische bildete dort zusammen mit der ungarischen Bevölkerung 1921
die absolute Mehrheit (vgl. Annabring 1955,12). Nach der damaligen Volks-
zählung lebten ungefähr 316 000 Donauschwaben, das sind knapp ein Vier-
tel der dortigen Bevölkerung, in der Woiwodina, dem neuen Verwaltungs-
gebiet, bestehend aus der Batschka, dem Banat und der Baranja (vgl. An-
nabring 1955,12 und Sundhaussen 1995, 315). In etwa einem Viertel der Ge-
meinden der Batschka und des Banats und der Stadt Weißkirchen stellte
die deutschsprachige Bevölkerung die Mehrheit (vgl. Dokumentation Bd.5,
10E). Die Regierung in Belgrad wollte sich einerseits, im Falle einer Volks-
befragung durch den Völkerbund, die Unterstützung der Donauschwaben
in der Woiwodina sichern. Sie war bereit, weitgehende Zugeständnisse zu
machen, und versprach den dortigen Donauschwaben, im Einklang mit
dem von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges geforderten Minder-
heitenschutz (vgl. Sundhaussen 1995, 329), in der Woiwodina umfassende
Minderheitenrechte (vgl. Annabring 1955, 22f).77 Wenn diese auch nie in
vollem Umfang erfüllt und vorübergehend ganz zurückgenommen werden
sollten, so kann doch konstatiert werden, dass sich die Lage der Donau-
schwaben in der Woiwodina, im Vergleich zur Situation anderer deutsch-
sprachige Gruppen Südosteuropas, positiv unterschied und hier von einer
»dezidiert antideutschen Stoßrichtung« (Sundhaussen 1995, 330) nicht ge-
sprochen werden kann. 78 Andererseits versuchte aber die Regierung in Bel-
grad immer wieder, die serbische gegenüber der ungarischen und donau-
schwäbischen Bevölkerung zu stärken. So traf die Bodenreform von 1919
mehrheitlich Angehörige der ungarischen und donauschwäbischen Bevöl-
kerung, da diese bei den Grundbesitzern überproportional vertreten waren.
Auch die Liegenschaftsverordnung, die bis in die dreißiger Jahre galt, ziel-
te in dieselbe Richtung. Hier wurde vorgeschrieben, dass Angehörige der
nichtslawischen Bevölkerung nur nach Genehmigung durch die Belgrader
Behörden innerhalb eines 50 Kilometer breiten Streifens in der Woiwodina
Grund erwerben durften (vgl. Annabring 1955, 19).79
Die hier sichtbar gewordene Struktur der Beziehungen zwischen der

//130
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

deutschen Bewegung und dem SHS-Staat sollte sich auch im weiteren Ver-
lauf fortsetzen. Insgesamt war die deutsche Bewegung zu schwach, um sich
gegen die Interessen des Staates durchsetzen zu können. Eine aktive
deutsche Minderheitenpolitik in den zwanziger Jahren war nur möglich,
wenn innen- oder außenpolitische Veränderungen hierfür einen Spielraum
eröffneten. Innenpolitisch ergaben sich solche Gelegenheiten immer wie-
der aus den Differenzen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgrup-
pen des SHS-Staates. Die Situation konkurrierender Minderheiten beding-
te es, dass die donauschwäbischen ebenso wie die kroatischen oder auch
serbischen Führer des Öfteren ihre Bündnispartner wechselten - in der
Hoffnung, so ihre Interessen besser durchsetzen zu können. Die Differen-
zen innerhalb des SHS-Königreichs spiegelten sich auch in der Existenz
von rund 40 Parteien wider, die alle mehr oder weniger ethnisch, national
oder regional scharf voneinander abgegrenzt waren und nicht als »Gesamt-
staatsparteien« (Sundhaussen 1993, 37) verstanden werden konnten. Im
Mittelpunkt der sich zunehmend verschärfenden Auseinandersetzungen
stand dabei das Verhältnis der beiden größten Bevölkerungsgruppen, der
Serben und Kroaten.
Basierend auf dem Ergebnis der Wahlen von 1920 wurde 1921 vom Par-
lament ein Verfassungsausschuss eingesetzt, der von den beiden stärksten
Fraktionen, der »Demokratischen Partei« und der Partei der »Radikalen«,
dominiert wurde. Beides waren serbische Parteien, die einen Belgrader
Zentralismus anstrebten, wobei die Demokratische Partei auf Basis eines
»jugoslawischen Integralismus« (Sundhaussen 1993, 39) jegliche Autono-
mieabkommen ablehnte, 80 während die Radikalen mehr oder weniger offen
eine großserbische Lösung vertraten. Der Verfassungsausschuss wurde von
der nach der »Kommunistischen Partei Jugoslawiens« viertstärksten Frak-
tion, der »Kroatischen Bauernpartei«, boykottiert. Dies führte mit dazu,
dass im Verfassungsausschuss die Demokraten und Radikalen eine knappe
Mehrheit hatten (vgl. ebd. 41). Die unter ihrer Federführung entworfene
Verfassung ließ keinen Spielraum für Automomierechte, was bald den
Austritt der »Jugoslawischen Muslimischen Organisation« (JMO) aus der
Regierung und damit Neuwahlen zur Folge hatte. Die Wahlen von 1923 hat-
ten eine weitere Polarisierung der Kräfte als Ergebnis. Solange die zentra-
listischen serbischen Parteien, nun geführt von den »Radikalen«, sich einer
starken Opposition der Kroaten, Slowenen und nun auch der Muslime in
Bosnien gegenüber sahen (vgl. ebd. 49 f), setzten sie ihre Ausgleichspolitik
mit den Donauschwaben in der Woiwodina fort. So kam es im Anschluss

//131
II Die D o n a u s c h w a b e n

an die Wahlen zu einer Absprache zwischen der Regierung und der »Deut-
schen Partei«. Gegen Zugeständnisse in der Frage der Selbstverwaltung der
deutschsprachigen Gemeinden in der Woiwodina versprach die »Deutsche
Partei«, die serbische Regierung im Parlament zu unterstützen (vgl. Anna-
bring 1955, 32).
Mitte der zwanziger Jahre kam es zu Veränderungen im Verhältnis der
verschiedenen südslawischen Parteien, die massive Auswirkungen auf die
ethnische Kolonie der Donauschwaben in der Woiwodina haben sollten.
Nachdem 1924 die »Kroatische Bauernpartei« einen politischen Kurswech-
sel vollzogen und ihren Parlamentsboykott aufgegeben hatte, unterstützte
sie bis 1925 eine Regierung bestehend aus den serbischen Demokraten, der
»Slowenischen Volkspartei« und der »Jugoslawischen Muslimischen Orga-
nisation«. Zwischen 1925 und 1927 bildete sie dann sogar eine Koalitions-
regierung mit den serbischen »Radikalen« (vgl. Sundhaussen 1993, 51 f).
Durch diese politischen Veränderungen wurde den Absprachen zwischen
der Regierung in Belgrad und der »Deutschen Partei« die Grundlage entzo-
gen. Fast zeitgleich mit der Aufgabe des Parlamentsboykotts durch die
»Kroatische Bauernpartei« im Frühjahr 1924 (vgl. ebd. 50) wurde der
»Schwäbisch-Deutsche-Kulturbund« am 11. April 1924 verboten (vgl. An-
nabring 1955, 41). Parallel zum Verbot des Kulturbundes erhöhte sich auch
der Druck auf das deutschsprachige Schulwesen in der Woiwodina. Hatz-
feld war aufgrund eines neuen Grenzabkommens an Rumänien gefallen.
1924 schloss das dortige Realgymnasium. 1925 wurden die oberen vier Klas-
sen der deutschen Abteilung in Werschetz und Neuwerbaß geschlossen
(vgl. ebd. 45). In diese Zeit fällt auch das im Zusammenhang mit der Na-
mensanalyse bereits erwähnte Schulgesetz und die damit verbundene
Gründung von slawischen Stammklassen in allen von deutschsprachiger
Bevölkerung bewohnten Orten. Durch das Verbot wurde die Organisation
der deutschen Volksgruppe schwer angeschlagen. Das Vermögen, die Ar-
chive und Büchereien sowie sonstiger Besitz des Kulturbundes waren 1924
beschlagnahmt worden und in den folgenden Jahren verloren gegangen.
1927 stellte Dr. Kraft in der Nationalversammlung fest, dass es in »Südsla-
wien« keine einzige deutsche Schule, keine einzige deutsche Klasse mehr
gab und auch der Privatunterricht der deutschen Sprache verboten worden
war (vgl. ebd. 47). Das Verbot des »Schwäbisch-Deutschen-Kulturbunds«
hielt genau so lange wie die Phase der Annäherung zwischen den südsla-
wischen Parteien. Als 1927 die Koalition von »Radikalen« und der »Kroati-
schen Bauernpartei« auseinander brach, wurde das Verbot aufgehoben.

//132
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

Die aus dem Verbot resultierende Verunsicherung der donauschwäbi-


schen Bevölkerung und die Verschlechterung der Schulsituation spiegel-
ten sich wider in der Bereitschaft der donauschwäbischen Bevölkerung,
sich von der »Deutschen Bewegung« organisieren zu lassen. Vor 1924 hatte
der Kulturbund 128 Ortsgruppen gehabt, davon waren 108 in der Woiwo-
dina mit insgesamt ungefähr 55 000 Mitgliedern (vgl. Sundhaussen 1995,
331). Annabring beschreibt diese für die »Deutsche Bewegung« günstige Si-
tuation mit den Worten:
»Überall keimte völkisches Leben, und es hatte den Anschein, als
würde diese Entwicklung zu einer restlosen Erfassung des gesamten
Deutschtums in Südslawien führen« (Annabring 1955, 40).

Um dann über die »Verbotszeit« festzustellen:


»In der langen Zwischenzeit ging nicht nur das beschlagnahmte Vermö-
gen des Kulturbundes zum Großteil verloren, sondern was noch schlim-
mer war, auch die Begeisterung der Volksmassen, die anfangs so schöne
Früchte zeitigte« (ebd. 41).

Im Anschluss an die »Verbotszeit« gelang es bis 1929 den donauschwäbi-


schen Führern dann wieder mit einiger Mühe, 55 neue Ortsgruppen mit
rund 9000 Mitgliedern zu gründen (vgl. ebd. 42). Dass während der Zeit des
Verbots die Aktivitäten der donauschwäbischen Führer nicht völlig einge-
stellt werden mussten, lag unter anderem daran, dass wirtschaftliche Or-
ganisationen nicht von dem Verbot betroffen waren (vgl. Wehler 1980, 29).
So konnte der mit der Gründung der »Agraria« begonnene Aufbau des Ge-
nossenschaftswesens von den donauschwäbischen Führern um Dr. Kraft
unbeeinträchtigt weitergeführt werden. Zum einen führte dies zu eigenen
donauschwäbischen Kreditanstalten, die entscheidend dazu beitrugen,
dass die donauschwäbische Landwirtschaft die Weltwirtschaftskrise von
1929/30 unbeschadet überstehen konnte (vgl. Dokumentation Bd.5, 17E).
Darüber hinaus ermöglichten die Kredite, dass donauschwäbische Bauern
durch Zukauf weiterer Grundstücke sogar ihren Landbesitz vergrößern
konnten, was wiederum die Spannungen zwischen den verschiedenen Be-
völkerungsgruppen verstärkte (vgl. Sundhaussen 1995, 322). Zum anderen
hatte diese Entwicklung zur Folge, dass die in den wirtschaftlichen Insti-
tutionen der Donauschwaben dominierende Schicht der wohlhabenden
Landwirte lange Zeit auch insgesamt die Politik der Donauschwaben be-
stimmte. So orientierten sich bis in die dreißiger Jahre die sozial- und kul-

//133
II Die D o n a u s c h w a b e n

Unpolitischen Aktivitäten der donauschwäbischen Führer fast ausschließ-


lich an den Bedürfnissen der wohlhabenderen Landwirte (vgl. Janko 1982,
23). 81 Dabei blieben vor allem die Interessen der Industriearbeiter und der
sozial schwächeren Teile der donauschwäbischen Bevölkerung unberück-
sichtigt (vgl. Wehler 1980, 29f). Nach Sundhaussen (1995, 321) waren zwar
Anfang der dreißiger Jahre 55 % der deutschsprachigen Erwerbstätigen in
der Woiwodina in der Landwirtschaft und 26 % im verarbeitenden Gewer-
be tätig. Allerdings verfügte von den Bauern nur eine Minderheit über ge-
nügend Grundbesitz, um alleine von dem landwirtschaftlichen Ertrag eine
Familie ernähren zu können (vgl. Dokumentation Bd. 5, 15E). Die Mehrheit
der Landwirte - etwa 62 % - waren sogenannte Zwergbesitzer und mussten
deswegen neben der Landwirtschaft auch noch Lohnarbeiten verrichten
(vgl. Annabring 1955,18). Beim verarbeitenden Gewerbe waren die Donau-
schwaben bei den Handwerksberufen überproportional vertreten, während
nach Schätzungen nur 15 000 zur Industriearbeiterschaft gezählt wurden
(vgl. Sundhaussen 1995, 321). Leitet man aus den vorliegenden Angaben
Rückschlüsse auf die politische Vertretung der donauschwäbischen Bevöl-
kerung ab, so muss man davon ausgehen, dass die aus wohlhabenden bäu-
erlichen Verhältnissen stammende Führungselite nur einen kleinen Teil
der Donauschwaben sozial-politisch repräsentierte 82 Dieser Umstand war
für den Übergang vom Ethnomanagement der alten Führungseliten zu ei-
ner nationalistischen beziehungsweise nationalsozialistischen Bewegung
in den dreißiger Jahren von Bedeutung.
Ende der zwanziger Jahre eskalierten die Spannungen zwischen den
kroatischen und serbischen Nationalisten. 1928 fand ein Anschlag im Par-
lament statt, bei dem ein Mitglied der serbischen »Radikalen Partei« zwei
kroatische Abgeordnete erschoss und der Führer der »Kroatischen Bauern-
partei« Radic kurz darauf an den Spätfolgen der Schüsse starb (vgl. Sund-
haussen 1993, 55). Die Einführung der Königsdiktatur 1929 war dann der
Versuch, die Eskalation zu beenden und die Integration - symbolisiert
durch die neue Staatsbezeichnung »Königreich Jugoslawien« - mit obrig-
keitsstaatlichen Mitteln zu erzwingen. Alle Parteien und Vereine auf eth-
nischer, nationaler oder konfessioneller Grundlage wurden verboten und
das Parlament aufgelöst. Aber auch diese Zwangsmaßnahmen, die anfangs
noch wenigstens teilweise auf Sympathien bei einzelnen kroatischen Par-
teiführern stießen, entwickelten sich zunehmend zu einem Instrument
großserbischer Politik (vgl. ebd. 57f). Die 1931 nach einer Verfassungsre-
form durchgeführten Wahlen, die der Diktatur eine gewisse Legitimation

//134
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

verschaffen sollten, änderten an dem undemokratischen und scheinparla-


mentarischen System im Königreich Jugoslawien insgesamt wenig. Bei den
Wahlen durfte nur auf überregionalen Listen kandidiert werden, die
Stimmabgabe hatte persönlich und öffentlich zu erfolgen, und das Verbot
von ethnischen, nationalen und konfessionellen Parteien blieb in Kraft
(vgl. ebd. 58). Allerdings führte die Verfassungsreform noch einmal zu ei-
ner Annäherung der donauschwäbischen Führer an die Regierungspolitik
und zu einer Wiederzulassung des Kulturbundes (vgl. Annabring 1955, 53).
Während alle ehemals einflussreichen Parteien die Wahlen im November
1931 boykottierten (vgl. Sundhaussen 1993, 58), kandidierten donauschwä-
bische Politiker nach Verhandlungen mit der Regierung auf der Wahlliste
der Regierungspartei. Dr. Kraft und Dr. Moser wurden so als Abgeordnete
in die Skupschtina in Belgrad gewählt, (vgl. Annabring 1955, 62 und Pai-
kert 1967, 270). Es gelang ihnen auf diese Weise, Zugeständnisse der Bel-
grader Regierung in wichtigen Fragen donauschwäbischer Politik zu errei-
chen. So konnte das Genossenschaftswesen weiter ausgebaut und die
Schulsituation verbessert werden. 1932 wurden wieder 7 8 % der donau-
schwäbischen Schüler in 203 »Minderheitenschulen« in deutscher Spra-
che unterrichtet (vgl. Sundhaussen 1995, 332).
Die antagonistischen Widersprüche zwischen den anderen Bevölke-
rungsgruppen, in erster Linie der kroatischen und der serbischen, blieben
allerdings bestehen. Verstärkt durch die katastrophale Lage während der
Weltwirtschaftskrise radikalisierte sich die Opposition. Am 9. Oktober 1934
wurde König Alexander von mazedonischen und kroatischen Terroristen,
die in Verbindung zur kroatischen Ustascha-Bewegung des Ante Pavelic
standen, im französischen Marseille ermordet (vgl. Hory/Broszat 1964, 24).

1.3.3
Vom Ethnomanagement zur nationalsozialistischen
Volksgruppenpolitik - Die Donauschwaben in Jugoslawien
1933 bis 1941

Die konservativen donauschwäbischen Führer um Dr. Kraft setzten


in den folgenden Jahren auch weiterhin auf eine Zusammenarbeit mit der
Regierung in Belgrad, um ihre Vorstellungen einer deutschen donau-
schwäbischen Politik innerhalb Jugoslawiens verwirklichen zu können.
Noch bei den Wahlen 1935, an denen sich bereits eine gesamtjugoslawische

//135
II Die D o n a u s c h w a b e n

Opposition beteiligte, kandidierten die donauschwäbischen Führer auf


Listen der Regierungspartei (vgl. Annabring 1955, 63). Mit dem Aufstieg des
Nationalsozialismus im Deutschen Reich sollte aber diese Form donau-
schwäbischer Minderheitenpolitik eine machtvolle Konkurrenz bekom-
men. Die traditionelle donauschwäbische Politik hatte darin bestanden,
die aus der Situation konkurrierender Minderheiten resultierenden Wider-
sprüche für sich zu nutzen. Durch die Machtübernahme des Nationalso-
zialismus ergab sich eine veränderte Außenpolitik des Deutschen Reichs.
Die Organisation der »deutschen Volksgruppen« ermöglichte es dem Deut-
schen Reich, zunehmend Einfluss auf die Politik der verschiedenen Staa-
ten Ost- und Südosteuropas zu nehmen (vgl. Lumans 1993, 73 f). Diese Ein-
flussnahme bedeutete für die donauschwäbischen Nationalisten die Mög-
lichkeit, den engen Spielraum traditioneller Minderheitenpolitik zu ver-
lassen. So entstand eine radikale Opposition innerhalb der »Deutschen Be-
wegung«, die sich zunehmend am Nationalsozialismus orientierte und auf
Dauer die alten Führer um Dr. Kraft ablösen sollte.
Die ersten Ansätze dieser Opposition gingen auf einen Kreis meist jün-
gerer Akademiker in der »Privaten Deutschen Lehrerfortbildungsanstalt«
in Groß-Betschkerek zurück. 1932 gehörten diesem Kreis unter anderem
Dr. Sepp Janko, Dr. Adam Krämer und Dr. Josef Trischler an (vgl. Annabring
1955, 66), die alle in den folgenden Jahren wichtige politische Funktionen
übernehmen sollten (vgl. Senz 1987, 215 f und 234 f). Zunehmende Verbrei-
tung fanden die Ideen der »Erneuerungsbewegung«83 durch die Zeitung Der
Volksruf. Sie wurde von dem aus Stephansfeld stammenden Arzt Dr. Jakob
Awender in Pantschowa herausgegeben (vgl. Annabring 1955, 66). In ihr
veröffentlichten radikale »Erneuerer« wie Gustav Halwax ihre Kritik an der
alten Kulturbundführung (vgl. ebd. 69). Viele von ihnen, wie Janko und
Awender, hatten an Hochschulen im Deutschen Reich und in Österreich
studiert und waren dort mit den Ideen des Nationalsozialismus in Kontakt
gekommen (vgl. Wehler 1980, 34). Für sie bedeuteten die konservativen
Führer um Dr. Kraft eine Beschränkung in doppeltem Sinn. Zum einen
nahmen die alteingessenen Führer alle wichtigen Funktionen der donau-
schwäbischen Organisationen in Jugoslawien ein, sodass den aufstreben-
den jungen Führern sowohl der politische als auch der soziale Aufstieg in
die Spitze der ethnischen Gruppe erschwert war (vgl. Annabring 1955, 65 f).
Zum anderen verhinderten sie die Umsetzung einer am Nationalsozia-
lismus orientierten Volksgruppenpolitik, die nach Meinung der Erneuerer
den Donauschwaben in Jugoslawien, als Vorposten des Reiches, wachsen-

//136
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

den Einfluss verschaffen sollte (vgl. Wehler 1980, 35), und verstellten damit
wiederum den Aufstieg der potenziellen Volksgruppenführer innerhalb
des jugoslawischen Königreichs.
Der Widerspruch zwischen den alten donauschwäbischen Führern und
den Erneuerern verschärfte sich im weiteren Verlauf der dreißiger Jahre.
Der Versuch der Erneuerer, im Kulturbund mehr Einfluss zu erlangen und
in Unterorganisationen offen nationalsozialistische Positionen zu veran-
kern, wurde beantwortet mit dem Verbot solcher Organisationen und dem
Ausschluss einiger Erneuerer wegen vereinsschädigendem Verhalten. Die
»Erneuerer« um Branimir Altgayer und Jakob Lichtenberger gründeten da-
raufhin in Esseg, in Kroatien-Slawonien an der Grenze zur Batschka, eine
eigene »Kultur- und WohlfahrtsVereinigung« und eine eigene Zeitung, den
Slawonischen Volksboten (vgl. Sundhaussen 1995, 334). In dieser von der
Kulturbundführung lange vernachlässigten Region (vgl. ebd. 334) schufen
die Erneuerer eine Volksgruppenorganisation nach ihren Vorstellungen,
die bereits viele Züge der späteren nationalsozialistischen Volksgruppen-
politik im Verwaltungsgebiet des deutschen Militärbefehlshabers in Ser-
bien ab 1941 vorwegnehmen sollte. Ein zentrales Ziel der Erneuerer war es,
die auf den Statusunterschieden in den bäuerlichen Dorfgemeinden beru-
hende Trennung zwischen den wohlhabenden Bauern und der armen
Landbevölkerung zu überwinden (vgl. Janko 1982, 22).84 So versuchten sie
zum einen, die Bauern davon zu überzeugen, wenn möglich nur noch
deutsche Landarbeiter zu beschäftigen (vgl. ebd. 24). Zum anderen luden
sie auf ihre Veranstaltungen unabhängig vom sozialen Status alle deut-
schen Dorfbewohner ein (vgl. ebd. 22). Um die gleiche Gesinnung auch
nach außen zu dokumentieren, wurde basierend auf Elementen der alten
Tracht jeweils eine neue, die sogenannte »Einheitstracht« (Janko 1982, 33)
für Männer und Frauen entwickelt. Darüber hinaus wurden erste bewaff-
nete Stoßtrupps - Vorläufer der späteren »Deutschen Mannschaft« (DM) -
aufgestellt und der faschistische Gruß eingeführt (vgl. Sundhaussen 1995,
334). Der Zweck der genannten Maßnahmen ist offensichtlich, sie erinnern
in wesentlichen Punkten an die nationalsozialistische Politik im »Dritten
Reich«. 85 Sie zielten darauf ab, ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken, wel-
ches die horizontalen Differenzierungen innerhalb der ethnischen Gruppe
überlagerte und sie durch eine vertikale Abgrenzung nach außen ersetzte.
Dieses wichtige Motiv des Missbrauchs des Ethnischen durch den Natio-
nalsozialismus wird in den Worten Jankos überdeutlich:

//137
-I
II Die D o n a u s c h w a b e n

»So wie der Bauer zum Schutze der ärmeren Bevölkerung da zu sein
hatte, so war umgekehrt der Arme seinerseits auch da, um den Bauern
und dessen Besitz und damit des Armen Brot zu schützen ... Gesin-
nungsmäßig durfte nicht mehr zwischen Arm und Reich, zwischen
Unternehmer und Arbeiter, Studierten und dem Landvolk unterschie-
den werden. Unsere Volksgruppe mußte dazu gebracht werden, zu
begreifen, daß sie eine Einheit bildet, die sich nur in geschlossener
Abwehr auf Dauer deutsch erhalten könne« (Janko 1982, 24 und 32).

Sowohl die alte Führungsriege des Kulturbundes als auch die Erneuerer
versuchten im folgenden, Unterstützung für ihre Minderheitenpolitik
innerhalb Jugoslawiens zu erhalten. Dr. Kraft arbeitete noch enger mit der
Regierungspartei - der »Jugoslawischen Radikalen Union« - in Belgrad zu-
sammen und wurde von dieser 1936 sogar in ihr höchstes Parteigremium,
den Hauptausschuss, gewählt (vgl. Paikert 1967, 270). Die Erneuerungsbe-
wegung wiederum knüpfte 1937 vorübergehend Kontakte zur rechtsradika-
len serbischen Opposition (vgl. Wehler 1980, 35), was dazu führte, dass die
jugoslawische Regierung bei Dr. Kraft intervenierte. Es hatte nämlich zu
diesem Zeitpunkt eine Annäherung der kroatischen Parteiführung an die
serbische Opposition stattgefunden. In einer im Oktober 1937 veröffent-
lichten Deklaration sprachen verschiedene kroatische und serbische Op-
positionsparteien der Regierung in Belgrad jede Legitimation ab, da die
Verfassung von 1931 sowohl ohne als auch gegen die kroatische und serbi-
sche Bevölkerung erlassen worden wäre. Durch die Bildung eines Blocks
der nationalen Verständigung versuchten die Unterzeichner, ihren Forde-
rungen Nachdruck zu verleihen. So war Bewegung in die nationale Frage
gekommen und die Regierung in Belgrad immer mehr von allen Seiten un-
ter Druck geraten, (vgl. Sundhaussen 1993, 61 f). Die Regierung in Belgrad
konnte deswegen weitergehende Aktivitäten der Erneuerer um Dr. Awen-
der und eigener rechtsradikaler serbischer Kräfte nicht dulden, da sie sonst
fürchten musste, auch die Unterstützung der Vertreter der deutschsprachi-
gen Bevölkerung zu verlieren (vgl. Annabring 1955, 64).
Der maßgebliche Anstoß zur Entscheidung in der Auseinandersetzung
zwischen der alten und der neuen Führungsriege der Deutschen Bewegung
kam allerdings nicht aus Jugoslawien, sondern aus dem Deutschen Reich.
Seit den ersten Ansätzen zur »Gleichschaltung« aller die Volksdeutschen
betreffenden Angelegenheiten Mitte der dreißiger Jahre (vgl. Lumans 1993,
31 f) 86 waren die Erneuerer zunehmend gefördert worden. Die Koordination
dieser Aktivitäten fiel ab 1. Februar 1937 in den Zuständigkeitsbereich der

//138
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

»Volksdeutschen Mittelstelle« (VOMI). Kurz vorher, am 1. Januar 1937, über-


nahm der SS-Obergruppenführer Werner Lorenz auf Wunsch des Reichs-
führers-SS Heinrich Himmler die Leitung der VOMI (vgl. Lumans 1993, 42).
Obwohl die VOMI offiziell noch dem Reichsaußenminister Ribbentrop
unterstellt blieb, war die starke Einfiussnahme Heinrich Himmlers bei der
Besetzung der Leitung der VOMI bereits ein Hinweis darauf, dass Angele-
genheiten der Volksdeutschen in der Zukunft eng mit der SS verknüpft sein
würden (vgl. ebd. 15). In der sich verschärfenden außenpolitischen Lage ab
1938 sollte die VOMI dann letztendlich darüber entscheiden, wer die wei-
tere Leitung des »Schwäbisch-Deutschen-Kulturbundes« in Jugoslawien
innehaben würde (vgl. Janko 1982, 37). 87 Einerseits war dem Deutschen
Reich vor Beginn des Zweiten Weltkrieges daran gelegen, die politischen
Verhältnisse in Südosteuropa stabil zu halten und darüber hinaus die ten-
denziell deutschfreundliche Regierung in Belgrad weiter aus dem Ein-
flussbereich der Westmächte herauszulösen (vgl. Vogel 1989, 534f). Das
Auswärtige Amt sprach sich deswegen zu diesem Zeitpunkt grundsätzlich
dagegen aus, die Belgrader Regierung durch radikale deutsche Parolen zu
provozieren. Gleichzeitig verhinderte aber andererseits Dr. Kraft die Ver-
breitung der nationalsozialistischen Weltanschauung im Kulturbund und
so auch unter der donauschwäbischen Bevölkerung (vgl. Annabring 1955,
68). Er widersetzte sich aber damit genau einer der zentralen Aufgaben der
VOMI-Politik seit 1937 (vgl. Lumans 1993, 42). Die Auflösung dieses Wider-
spruchs lag für die VOMI zum einen im Rücktritt Dr. Krafts von allen Äm-
tern 88 und zum anderen in der Besetzung seiner Posten durch dem Natio-
nalsozialismus ergebene, bisher aber nicht als radikale Politiker in Er-
scheinung getretene donauschwäbische Führer. So blieben die bereits als
radikale Vertreter nationalsozialistischer Politik bekannt gewordenen
Dr. Jakob Awender und Branimir Altgayer bis Ende 1940 beziehungsweise
Anfang 1941 von offiziellen Ämtern ausgeschlossen (vgl. Annabring 1955,
71; Sundhaussen 1995, 335). Die politischen Aufgaben in Belgrad wurden
von den Abgeordneten Hamm und Trischler übernommen, die den Erneu-
erern nahe standen (vgl. Annabring 1955, 70). Die wichtige Stelle des »Ob-
manns« des »Schwäbisch-Deutschen-Kulturbundes« trat am 9. August
1939, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, der Er-
neuerer und spätere Volksgruppenführer Dr. Sepp Janko an (vgl. Annabring
1955, 70). Jankos Ernennung fiel in eine Zeit, in der sich die Bedingungen
einer deutschen Minderheitenpolitik sowohl innenpolitisch als auch
außenpolitisch entscheidend ändern sollten. So versuchte die Regierung in

// 139
II Die D o n a u s c h w a b e n

Belgrad, ebenfalls im August 1939, den Ausgleich zwischen den verschie-


denen Bevölkerungsgruppen herzustellen. Es kam im Zuge dieser Politik
zu einem Autonomiestatut für Kroatien, gewissermaßen als ein letzter Ver-
such, die drohende innenpolitische Eskalation zu verhindern. Dies konnte
allerdings niemanden mehr, vor allem nicht die radikalen kroatischen und
serbischen Kräfte, zufrieden stellen (vgl. Sundhaussen 1993, 62).
Gleichzeitig änderten sich mit Beginn des Zweiten Weltkrieges, dem fol-
genden deutschen Sieg über Frankreich 1940 und dem Überfall Italiens auf
Griechenland im gleichen Jahr schrittweise auch die außenpolitischen Be-
dingungen für den Aufbau einer Deutschen Volksgruppe in Jugoslawien.
Die Belgrader Regierung war schon während der dreißiger Jahre, ebenso
wie die anderen südosteuropäischen Staaten, zunehmend in eine wirt-
schaftliche Abhängigkeit vom Deutschen Reich geraten (vgl. Vogel 1989,
533). Nach der Niederlage Englands auf dem Kontinent und der Kapitula-
tion Frankreichs im Frühsommer 1940 erhöhte sich zunehmend der Druck
auf Jugoslawien. Die vom Deutschen Reich im Zuge der Vorbereitungen auf
den für das Frühjahr 1941 geplanten Angriff auf die Sowjetunion betriebe-
ne Bündnispolitik hatte schon Ende 1940 zum Beitritt Ungarns, Rumäniens
und Bulgariens zur »Achse« geführt (vgl. Sundhaussen 1993, 65). Da Alba-
nien bereits 1939 von Italien besetzt worden war, waren damit, nach dem
italienischen Überfall auf Griechenland im Oktober 1940, alle Nachbarlän-
der Jugoslawiens dem direkten Einfluss des »Dritten Reichs« und Italiens
unterworfen. Als der Überfall Italiens auf Griechenland sich für den An-
greifer zunehmend zu einem Debakel entwickelte, musste die deutsche
Wehrmacht ihrem Verbündeten zu Hilfe kommen, wollte sie nicht ihren ge-
planten Angriff auf die Sowjetunion durch eine offene Südostflanke ge-
fährden (vgl. Vogel 1989, 536). Im Vorfeld der Vorbereitungen für den deut-
schen Angriff auf Griechenland im Frühjahr 1941 erhöhte sich der diplo-
matische Druck auf Jugoslawien, ebenfalls den Achsenmächten beizutre-
ten. Nach zähen Verhandlungen gab die Belgrader Regierung dem Drängen
Hitlers nach und unterschrieb am 25. März 1941 den Beitrittspakt (vgl.
Sundhaussen 1993, 65).
Die wachsende außenpolitische Abhängigkeit Jugoslawiens vom Deut-
schen Reich führte innenpolitisch zu weitgehenden Zugeständnissen an
die politische Führung der deutschsprachigen Minderheit. So wurde im
Mai 1940 eine Verordnung der Belgrader Regierung erlassen, in der alle vor-
herigen Beschränkungen des deutschsprachigen Schulwesens aufgehoben
wurden. Mit der Eröffnung von so genannten »Volksgruppenabteilungen«

//140
Von den ethnischen Gruppen der Donauschwaben zu einer deutschen Volksgruppe

genügte es nun, wenn die Eltern der schulpflichtigen Kinder bekannt gaben,
dass diese Volksgruppenangehörige seien, um sie in deutschsprachige Klas-
sen einzuschulen (vgl. Annabring 1955, 71). Der Versuch Jugoslawiens, eine
Konfrontation mit dem »Dritten Reich« zu vermeiden, zeigte sich auch im
veränderten politischen Umgang mit den nationalsozialistischen Akti-
visten der deutschen Volksgruppe. So bekam als Ausdruck der gewachse-
nen politischen Bedeutung der deutsch-evangelischen Kirche - rein zah-
lenmäßig vertrat sie nur etwa 14 % der deutschsprachigen Bevölkerung -
ihr Landesbischof Dr. Philipp Popp einen Sitz im jugoslawischen Senat
(vgl. Senz 1987, 214). 89 Philipp Popp hatte seit seiner Ernennung zum Bi-
schof 1930 dafür gesorgt, dass die deutsch-evangelische Kirche entschei-
dend zum Aufbau der deutschen Volksgruppe beitrug. 90 Die politische Auf-
wertung der neuen Führungselite der deutschen Volksgruppe drückte sich
auch in einer Reihe von Ehrungen durch die jugoslawische Regierung aus.
So bekamen verschiedene Führer der neuen deutschen Bewegung, unter
anderem Dr. Janko, Dr. Awender und Jakob Lichtenberger, die vormals noch
von der Regierung in Belgrad abgelehnt worden waren, nun hohe jugosla-
wische Orden verliehen (vgl. Janko 1982, 58).
In den Augen der Aktivisten der deutschen Volksgruppe wurde mit die-
sen Erfolgen die Richtigkeit der Politik der Erneuerungsbewegung bestätigt.
Sie hatten eine Unabhängigkeit der deutschsprachigen Organisationen in
einem Maß erreicht, wie es den vorhergehenden Generationen donau-
schwäbischer Politiker versagt geblieben war. Durch ihren Aufbau einer
deutschen Volksgruppenorganisation konnte so die donauschwäbische Be-
völkerung vom Erfolg des »Dritten Reichs« profitieren. Dabei war es nun
den nationalsozialistischen Kräften unter ihnen möglich, im Schutz der
deutschen Außenpolitik von jedem Assimilationsdruck befreit, endgültig
in die Offensive bei der völligen Erfassung der donauschwäbischen Bevöl-
kerung in Jugoslawien zu gehen. Rückblickend fasst Janko dies mit den
Worten zusammen:
»Es war selbstverständlich, daß wir bestrebt waren, verschüttetes
Volkstum zurückzugewinnen, daß wir um jeden einzelnen Deutschen
rangen, manchmal sogar einen gewissen moralischen Druck nicht
scheuten, um ihn für uns zu erhalten, wenn wir davon überzeugt waren,
daß er zu uns gehörte ... [wir] haben versucht, die Volkszugehörigkeit
auch nach objektiven Merkmalen zu bestimmen; denn für uns lag eine
große Gefahr darin, jeden einzelnen, den Umständen entsprechend,
selbst entscheiden zu lassen, wohin er gehören wollte« (Janko 1982, 10).

//141
II Die D o n a u s c h w a b e n

Welchen Stellenwert der Begriff »Volk« für die Erneuerer hatte und wie da-
bei versucht wurde, das Ethnische einzubinden, wird an anderer Stelle
deutlich:
»Für uns war, wie für alle Völker, die tragende Grundlage die Familie.
Die höchste Stufe aber war über die Sippe hinaus das Volk und nicht
der Staat. Der Staat war die äußere Schale, die Hülle. Das Volk aber der
Kern, die Substanz, die unser Leben bedingte. Den Staat konnte man
notfalls wechseln. Die angestammte Volkszugehörigkeit nicht« (ebd. 53).

Was diese Einstellung zur »Volkszugehörigkeit« für die donauschwäbische


Bevölkerung de facto bedeuten sollte, wird kurz und bündig aus einer Re-
de Jankos in Lazarevo 1939 deutlich, in der er sagt, dass es selbstverständ-
lich sei, »als Deutscher auch gleichzeitig Nationalsozialist zu sein« (zitiert
nach Dokumentation Bd. 5, 39E Anm. 35).
Diese Verknüpfung von Donauschwabentum, Deutschsein und Natio-
nalsozialismus ermöglichte dem Dritten Reich einen immer größeren Zu-
griff auf die donauschwäbische Bevölkerung.
Bereits kurz nach Beginn des Zweiten Weltkrieges begann eine Freiwil-
ligenwerbung der Waffen-SS unter den im Deutschen Reich arbeitenden
Volksdeutschen aus Jugoslawien. Die dabei von der Waffen-SS geworbenen
Rekruten sollten nach einer Anfrage Dr. Jankos, auf Weisung der VOMI,
den Einberufungsbefehlen der jugoslawischen Armee nicht Folge leisten
(vgl. Janko 1982, 207). Diese Rekrutierung von sich bereits im Deutschen
Reich befindlichen Volksdeutschen konnte relativ einfach vorgenommen
werden. Auch in Jugoslawien sollten schon im September 1940, also noch
vor Italiens Überfall auf Albanien, vom Ergänzungsamt der Waffen-SS erste
Maßnahmen zur Erfassung der Volksdeutschen eingeleitet werden. Wie aus
einem Schreiben Bergers an Himmler vom 10. September 1940 hervorgeht,
hatte die SS eine »enge Verbindung« mit Janko hergestellt und die »Ge-
samtbetreuung der jungen Mannschaft in der Volksgruppe« übernommen
(vgl. BA: NS 19/1711). 91 Allerdings mussten die ersten Schritte vorsichtig
und geheim durchgeführt werden, da vom Reichsmarschall Göring aus
Rück-sicht auf den möglichen Beitritt des jugoslawischen Staates zur Ach-
se ein Sonderbefehl vorlag, der jegliche offizielle Werbung für die Waffen-
SS bei den Volksdeutschen in Jugoslawien untersagte (vgl. BA: NS19/2358,
Dok. 2). Die SS hatte mit vergleichbaren Problemen in der Slowakei und
Rumänien bereits Erfahrungen gesammelt, auf die sie nun zurückgreifen
konnte (vgl. Schuster 1987, 147 ff und BA: NS19/2358). Unter dem Deck-

//142
Zusammenfassung unter Berücksichtigung der theoretischen Vorüberlegungen

wort »Feststellung der Volksgesundheit« begannen Truppenärzte mit der


Überprüfung von Mitgliedern der Volksgruppe auf rassische und körperli-
che Eignung (vgl. BA: NS 19/1711). Auf Vorschlag des Volksgruppenführers
Dr. Janko wurden Jakob Lichtenberger und Michael Reiser, 92 beides Aktivi-
sten der Erneuerungsbewegung und Reserveoffiziere der jugoslawischen
Armee, als Führer für die SS gewonnen und zur Ausbildung ins Reich ge-
schickt (vgl. BA: NS19/2358). Diese Maßnahmen mussten vor den jugosla-
wischen Behörden geheim gehalten werden und waren auch innerhalb der
SS nicht unumstritten. So kam es, nachdem es dem Chef des SS-Hauptam-
tes Gottlob Berger gelungen war, auf Anweisung durch den Reichsführer SS
Heinrich Himmler zweihundert »Volksdeutsche« aus Jugoslawien zu re-
krutieren, zu einer Auseinandersetzung zwischen VOMI-Chef Lorenz und
Außenminister Ribbentrop auf der einen sowie Berger und Himmler auf
der anderen Seite. Die VOMI-Führung und das Auswärtige Amt konnten
sich mit ihrer Position, die Rekrutierung aus Rücksicht auf das Verhältnis
zum jugoslawischen Staat zurückzunehmen, nicht durchsetzen (vgl. Lu-
mans 1993, 234). Die meisten der bei dieser ersten Werbungsaktion in Jugo-
slawien für die Waffen-SS gewonnenen Rekruten wurden nach einem Be-
fehl des SS-Führungshauptamtes vom 4. April 1941 in die SS-Division »Das
Reich« eingegliedert und ab 1941 beim Überfall auf die Sowjetunion einge-
setzt (vgl. BA: NS19/2725 und Prag: SS-Rekruten-Depot Debica Ia, 1. Karton
e7/kr.l).
Bis zum Angriff auf Jugoslawien im April 1941 wurden die Maßnahmen
der Waffen-SS auch weiterhin vom Auswärtigen Amt und der Wehrmacht
misstrauisch beobachtet und zeitweilig sogar behindert. Außenminister
Ribbentrop achtete noch Anfang 1941, wie aus seinem Schreiben an Berger
vom 27. Januar des gleichen Jahres hervorgeht, auf das Unterbleiben offi-
zieller Werbungen, während er gegen Aktionen über die »grüne Grenze«
nichts einzuwenden hatte (vgl. BA: NS19/3517). Die SS stand bei ihrer Wer-
bung in Konkurrenz zur Wehrmachtsführung, die Teile der Volksdeutschen
für sich selbst rekrutieren wollte. Aus den genannten Gründen ergaben sich
bei der Erfassung und Rekrutierung der Volksdeutschen aus Sicht der SS
immer wieder erhebliche Schwierigkeiten (vgl. BA: NS19/2358 und 3517).
So beklagte sich der Chef des SS-Hauptamtes Gottlob Berger in einem
Schreiben an den Chef der SS Heinrich Himmler im März 1941 darüber,
dass die Werbung von Volksdeutschen in Jugoslawien nur schleppend vor-
angegangen war (BA: NS19/3517). Die zu diesem Zeitpunkt noch mit der
Rekrutierung der »Volksdeutschen« verbundenen Einschränkungen sollten

//143
II Die D o n a u s c h w a b e n

sich allerdings für die Waffen-SS mit der Zerschlagung und Aufteilung des
jugoslawischen Staates bald auflösen.

2
Z u s a m m e n f a s s u n g unter B e r ü c k s i c h t i g u n g
der t h e o r e t i s c h e n V o r ü b e r l e g u n g e n

Der größte Teil der deutschsprachigen Siedler kam durch die kai-
serliche Ansiedlungspolitik im 18. Jahrhundert nach Südosteuropa. Be-
dingt durch eine gemeinsame neue Lebensweise entstanden mit der Zeit
aus den ursprünglich aus den unterschiedlichen Gegenden des Reichs
stammenden Kolonisten die verschiedenen ethnischen Gruppen der Do-
nauschwaben. Die Donauschwaben in der Batschka, dem Banat, Syrmien
und Slawonien entwickelten neue ethnische Merkmale, die sie nicht nur
von den anderssprachigen Ethnien, sondern auch untereinander abgrenz-
ten. Die Aus- beziehungsweise Eingrenzung unterschiedlicher kultureller
Traditionen schaffte dabei sowohl ein neues Eigenes, als auch ein definitiv
Fremdes. Diese Grenzziehung vermittelte zwischen den alten Gewohnhei-
ten und den neuen Notwendigkeiten und ermöglichte es den Kolonisten,
sich in der Fremde zu orientieren.
Die Entstehung der verschiedenen Nationalstaaten im Europa des
19. Jahrhunderts beeinflusste die in Südosteuropa lebenden Bevölkerungs-
gruppen und führte auch dort zunehmend zur Grenzziehung entlang der
nationalen Merkmale von Sprache und Herkunft. Besonders im ungari-
schen Teil der k. u. k.-Monarchie führte dies zu konkurrierenden Minder-
heiten, da keine Bevölkerungsgruppe stark genug war, die anderen ethni-
schen Gruppen zu dominieren. Die staatstragende ungarischsprachige Be-
völkerungsgruppe - selbst in der Situation einer potentiellen Minderheit -
versuchte durch Zwangsassimilation ihre Position zu stärken und förderte
damit die nationalistische Entwicklung vor allem der südslawischen Eth-
nien.
Auch innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung gab es nach
1848/49 erste Ansätze einer nationalen Orientierung. Allerdings galt dies
nur für einen Teil der donauschwäbischen Führungselite, während die Eth-
nizität der Mehrheit der donauschwäbischen ländlichen Bevölkerung noch
immer auf die Wahrung der Sitten und Bräuche, also der ethnischen Merk-
male jenseits des Nationalen beschränkt war. Die gleichzeitig stattfindende

//144
Zusammenfassung unter Berücksichtigung der theoretischen Vorüberlegungen

Assimilation weiter Teile des städtischen deutschsprachigen Bürgertums


durch die ungarische Gesellschaft war für das Bürgertum mit einem sozia-
len und gesellschaftlichen Aufstieg verbunden. Dies erleichterte diesem
Teil der donauschwäbischen Elite die Aufgabe eigener ethnischer Merk-
male und das Aufgehen innerhalb einer Nation, von der man sich zwar ab-
gegrenzt hatte, mit der man aber zur Zeit der Revolution 1848 durchaus
verbunden gewesen war.
Nach dem Ersten Weltkrieg und der Aufteilung der Donauschwaben auf
verschiedene Nationalstaaten erhöhte sich der Druck auf die verschiede-
nen deutschsprachigen Ethnien. Besonders für die donauschwäbischen
ethnischen Gruppen, die nun zu dem neugegründeten Staat Jugoslawien
gehörten, ergab sich eine schwierige Situation. Die vom jugoslawischen
Staat betriebene Zwangsassimilation bedrohte nicht nur die ethnische
Identität der donauschwäbischen Eliten, sondern darüber hinaus auch ih-
ren sozialen Status. Assimilation durch die serbische Nation war nicht mit
gesellschaftlichem Aufstieg verbunden. Das Aufgeben eigener ethnischer
Merkmale bedeutete jetzt das Aufgehen in einer Bevölkerungsgruppe, der
man sich seit den ersten Tagen der Kolonisation kulturell und ökonomisch
überlegen fühlte. Die Bedrohung der sozialen und gesellschaftlichen Posi-
tion der donauschwäbischen Elite wurde von ihren Führern mit einem be-
wussten Ethnomanagement beantwortet. Wie die Führer der anderen Be-
völkerungsgruppen Jugoslawiens versuchten auch die donauschwäbischen
Vertreter, die komplexe Situation konkurrierender Minderheiten für sich
zu nutzen. Dabei setzten die alten donauschwäbischen Führer auf eine Zu-
sammenarbeit mit der jugoslawischen Staatspolitik, während die jüngeren
Führer, die sogenannten »Erneuerer«, sich am deutschen Nationalsozia-
lismus orientierten.
Die Ablösung der alten donauschwäbischen Führer und die Ausrich-
tung der verschiedenen ethnischen Gruppen der Donauschwaben am
»Deutschen Volk« führte Ende der dreißiger Jahre endgültig zu einer neuen
Form der Ethnizität. Im Mittelpunkt des nationalsozialistischen Ethnoma-
nagements stand nicht mehr die Bewahrung alter gewachsener ethnischer
Merkmale. Der Aufbau einer einheitlichen deutschen Volksgruppe bein-
haltete eine einseitige Ausrichtung an den nationalen Merkmalen von
Sprache und Herkunft beziehungsweise Rasse. Dies machte zum einen die
Nivellierung der verschiedenen ethnischen Merkmale innerhalb der
deutschsprachigen Ethnien notwendig. Vor allem aber verlangte es zum
anderen eine radikale Zurückdrängung aller Ergebnisse der Akkulturation

//145
II Die D o n a u s c h w a b e n

und des intermarriage. Nur die Ausscheidung alles Fremden, alles Unrei-
nen versprach den Erneuerern Erfolg bei ihrem Versuch, die ethnischen
Gruppen der Donauschwaben als eine Volksgruppe, als einen Teil des
»Deutschen Volkes« zusammenzufassen und zu organisieren.

Anmerkungen zum Kapitel II

1 Es gibt verschiedene Arbeiten, die eine Fülle von Material bieten und detailliert die Ge-
schichte der Donauschwaben ( Senz 1959, 1987; Paikert 1967; Schödl 1995) bzw. einzelne
historische Abschnitte (Annabring 1954 und 1955; Weifert 1966; Lötz 1966) beschreiben.
Allerdings sind Senz' verschiedene Bücher über die Geschichte der Donauschwaben durch-
setzt mit nationalistischen Untertönen. Wie Senz (1987, 12) im Vorwort zu seiner Ge-
schichte der Donauschwaben selbst schreibt, stellt die 1987 veröffentlichte Fassung eine
verbesserte dritte Auflage seiner zum ersten Mal 1940 vorgelegten Arbeit dar. Weber-Kel-
lermann bemerkt denn auch zu den Arbeiten von Senz kritisch, dass sie als Beispiele dafür
gelten können, wie eine Geschichte der Donauschwaben nicht geschrieben werden sollte
(vgl. Weber-Kellermann 1978, 105).
Trotzdem dient Senz wegen der Fülle des von ihm verarbeiteten Materials anderen Histori-
kern als Grundlage. So etwa auch Schödl (1995) in dem von ihm herausgegebenen Band
über das »Land an der Donau«. An ihm haben viele namhafte Historiker mitgearbeitet und
es ist ein sehr materialreiches, umfassendes Werk entstanden, welches die Geschichte der
Donauschwaben detailliert beschreibt, ohne in eine ethnozentristische Sicht zu verfallen.
Bei seiner Erarbeitung hat man sich vielmehr bewusst von ethnozentristischen bzw. natio-
nalistischen Ansätzen distanziert (vgl. Schödl 1995, 15).
2 So kann Material über die Nachbarregion Batschka, die bis zur Zerschlagung und Auftei-
lung des jugoslawischen Staates 1941 Teil Jugoslawiens war, Aufschluss über die Entwick-
lung im Banat geben. Die Batschka war ebenfalls wie das westliche Banat der deutschen
Volksgruppenführung in Jugoslawien unterstellt. Sie wurde 1941 von Ungarn annektiert,
sodass die dortigen Volksdeutschen - bis auf einzelne Ausnahmen - anderen SS-Divisio-
nen als der »Prinz Eugen« zugeführt wurden (vgl. Böhm 1990, 71 ff).
3 Wie zu zeigen sein wird, lässt sich die Aufstellung der SS-Division auf verschiedene Grün-
de zurückführen, wobei die spezifische Situation im jugoslawischen Banat eine entschei-
dende Rolle gespielt hat. Nur dort konnte im Frühjahr 1942 die Aufstellung einer Volks-
deutschen SS-Division in dieser Form erfolgen. Die Verstärkung der Division ab 1943 mit
Volksdeutschen, in erster Linie aus Kroatien und Rumänien, ergab sich aus den kriegsbe-
dingten Notwendigkeiten, den Verlust zu ersetzen und die Kampfkraft der Division zu er-
halten. Hinweise auf die Entwicklung der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen in Kro-
atien und Rumänien bzw. anderer Teile Südosteuropas werden deswegen nur erfolgen, falls
sie für die Geschichte des jugoslawischen Banats oder der Divisionsgeschichte der »Prinz
Eugen« von Bedeutung sind.
4 Siehe Kapitel 1/1.3.1 dieser Arbeit.
5 Auch nach Abschluss der dritten Phase fand eine weitere, teils, staatlich organisierte, teils
private Einwanderung statt (vgl. Fata 1995, 172), die aber in ihrer Bedeutung für das Banat
nicht an die vorhergehenden Einwanderungsbewegungen heranreichte. Die Siedlungs-
strukturen des Banats waren mit dem Ende der Josephinischen Kolonisation weitgehend
festgelegt (vgl. Tafferner 1974, XXII).
6 Obwohl sich die Josephinische Kolonisation in mancher Hinsicht von der Theresianischen

// 146
Anmerkungen zum Kapitel II

unterschied (vgl. Fata 1995, 170) und Joseph II. als Mitregent noch massive Kritik an der
Durchführung der Besiedlung durch die Kaiserin geübt hatte, griff er als Kaiser »mit sei-
nem eigenen Ansiedlungssystem ... die Methoden der Theresianischen Kolonisation mit
all ihren Vor- und Nachteilen auf« (Fata 1995, 171).
7 Seit dem 15. Jahrhundert trugen, bis auf die Zeit des Wittelsbachers Karl VII. (1742-45),
ausschließlich Habsburger die Kaiserkrone. Obwohl in Hinblick auf das 18. Jahrhundert
nicht mehr von einem Kaiserreich im eigentlichen Sinne gesprochen werden kann, trugen
sie noch immer die Kaiserkrone. 1806 erklärte Kaiser Franz I. das Deutsche Reich für er-
loschen und erhob Österreich zum Kaisertum. Er nannte sich daraufhin nur noch Kaiser
von Österreich.
8 In der Militärgrenze, die Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts zur Abwehr von
Türkeneinfällen eingerichtet worden war, siedelten in erster Linie Serben und Kroaten.
Sie waren von Abgaben befreit, lebten im Verband der Großfamilie, der Zadruga, und lei-
steten Wach- und Kriegsdienste (vgl. Wehler 1980,106 Anm. 9 und Senz 1987, 90f). Erst ab
Mitte des 19. Jahrhunderts und nach der Auflösung der Militärgrenze 1871 kam es auch
hier zur Ansiedlung deutschsprachiger Siedler (vgl. Wehler 1980, 12).
9 Tafferner beschreibt auf Grundlage türkischer Steuerlisten den dramatischen Rückgang
der Bevölkerung in der Stadt Ofen und verweist auf ungarische Untersuchungen über ein-
zelne vom Osmanischen Reich besetzte Gebiete, die nahezu vollständig entvölkert wurden
(vgl. Tafferner 1977, XVIIIff).
10 Scherer geht davon aus, dass die Lebenserwartung durch Auswanderung um durch-
schnittlich zehn Jahre sank (Scherer 1985, 166).
11 Das donauschwäbische Sprichwort »Die Ersten den Tod. Die Zweiten die Not. Den Dritten
das Brot« (Senz 1990, 87) bewahrheitete sich für die ersten Generationen (vgl. Scherer
1985, 166).
12 Siehe hierzu auch den Bericht des Kameraladministrators Baron Ladislaus von Orczy über
Schwierigkeiten der Ansiedlung deutscher Kolonistenfamilien im Banat vom 9. August
1784 in Temeschburg. In: (Tafferner 1995, 196).
13 Fata berichtet, dass in Sanktandres 1784 nach der Transferierung verschuldeter walachi-
scher Bauern andere zum Bleiben entschlossene Walachen ihre Häuser auf der einen Stra-
ßenseite aufbauen mussten und die andere Seite den deutschen Einwanderern zu über-
lassen hatten (vgl. Fata 1995, 171).
14 Weber-Kellermann (1978, 34f) beschreibt, wie schwer es den nach dem II. Weltkrieg ver-
triebenen Donauschwaben wiederum fiel, sich an die neue Ernährung - Schwarzbrot und
Kartoffeln - in Deutschland zu gewöhnen, und wie sehr sie ihr Essen aus der alten Heimat
- Weißbrot, Paprika, Wein und scharfe Gewürze - vermissten.
15 Awender (1955, 104 ff) beschreibt diese von den Serben übernommene Tradition des
»Fruchttretens« ausführlich.
16 Aus den bei Tafferner veröffentlichten Anwerbepatenten lassen sich einzelne Auswande-
rungsbewegungen nachvollziehen, ohne dass sich daraus aber ein vollständiges Bild er-
stellen ließe (vgl. Taffemer 1974-95).
17 Der Aufstand der Salpeterer gegen die Grundherrschaft und die Regierung wird ausführ-
lich von Lötz (1966, 163 f) beschrieben. Einen weiteren Einblick in die Auseinanderset-
zungen mit den Salpeterern bzw. Hauensteinern findet man in den Briefen eines Mis-
sionspaters aus dem Jahre 1740 über die Lage der Inhaftierten in Ungarn (vgl. Tafferner
1974, 141 ff).
18 Senz schätzt, dass in der Batschka und dem Banat ungefähr ein Sechstel bis ein Siebtel der
Einwanderer auf privatem Grundbesitz angesiedelt wurde (vgl. Senz 1987, 58).
19 Im Quellenbuch zur donauschwäbischen Geschichte ist eine Fülle von Beschwerdebriefen
über die privaten Grundherren zu finden. Der älteste datiert vom August 1729, der jüngste
vom August 1786 (vgl. Taffemer 1974).

// 147
II Die D o n a u s c h w a b e n

und des intermarriage. Nur die Ausscheidung alles Fremden, alles Unrei-
nen versprach den Erneuerern Erfolg bei ihrem Versuch, die ethnischen
Gruppen der Donauschwaben als eine Volksgruppe, als einen Teil des
»Deutschen Volkes« zusammenzufassen und zu organisieren.

Anmerkungen zum Kapitel II

1 Es gibt verschiedene Arbeiten, die eine Fülle von Material bieten und detailliert die Ge-
schichte der Donauschwaben ( Senz 1959, 1987; Paikert 1967; Schödl 1995) bzw. einzelne
historische Abschnitte (Annabring 1954 und 1955; Weifert 1966; Lötz 1966) beschreiben.
Allerdings sind Senz' verschiedene Bücher über die Geschichte der Donauschwaben durch-
setzt mit nationalistischen Untertönen. Wie Senz (1987, 12) im Vorwort zu seiner Ge-
schichte der Donauschwaben selbst schreibt, stellt die 1987 veröffentlichte Fassung eine
verbesserte dritte Auflage seiner zum ersten Mal 1940 vorgelegten Arbeit dar. Weber-Kel-
lermann bemerkt denn auch zu den Arbeiten von Senz kritisch, dass sie als Beispiele dafür
gelten können, wie eine Geschichte der Donauschwaben nicht geschrieben werden sollte
(vgl. Weber-Kellermann 1978, 105).
Trotzdem dient Senz wegen der Fülle des von ihm verarbeiteten Materials anderen Histori-
kern als Grundlage. So etwa auch Schödl (1995) in dem von ihm herausgegebenen Band
über das »Land an der Donau«. An ihm haben viele namhafte Historiker mitgearbeitet und
es ist ein sehr materialreiches, umfassendes Werk entstanden, welches die Geschichte der
Donauschwaben detailliert beschreibt, ohne in eine ethnozentristische Sicht zu verfallen.
Bei seiner Erarbeitung hat man sich vielmehr bewusst von ethnozentristischen bzw. natio-
nalistischen Ansätzen distanziert (vgl. Schödl 1995, 15).
2 So kann Material über die Nachbarregion Batschka, die bis zur Zerschlagung und Auftei-
lung des jugoslawischen Staates 1941 Teil Jugoslawiens war, Aufschluss über die Entwick-
lung im Banat geben. Die Batschka war ebenfalls wie das westliche Banat der deutschen
Volksgruppenführung in Jugoslawien unterstellt. Sie wurde 1941 von Ungarn annektiert,
sodass die dortigen Volksdeutschen - bis auf einzelne Ausnahmen - anderen SS-Divisio-
nen als der »Prinz Eugen« zugeführt wurden (vgl. Böhm 1990, 71 ff).
3 Wie zu zeigen sein wird, lässt sich die Aufstellung der SS-Division auf verschiedene Grün-
de zurückführen, wobei die spezifische Situation im jugoslawischen Banat eine entschei-
dende Rolle gespielt hat. Nur dort konnte im Frühjahr 1942 die Aufstellung einer Volks-
deutschen SS-Division in dieser Form erfolgen. Die Verstärkung der Division ab 1943 mit
Volksdeutschen, in erster Linie aus Kroatien und Rumänien, ergab sich aus den kriegsbe-
dingten Notwendigkeiten, den Verlust zu ersetzen und die Kampfkraft der Division zu er-
halten. Hinweise auf die Entwicklung der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen in Kro-
atien und Rumänien bzw. anderer Teile Südosteuropas werden deswegen nur erfolgen, falls
sie für die Geschichte des jugoslawischen Banats oder der Divisionsgeschichte der »Prinz
Eugen« von Bedeutung sind.
4 Siehe Kapitel 1/1.3.1 dieser Arbeit.
5 Auch nach Abschluss der dritten Phase fand eine weitere, teils, staatlich organisierte, teils
private Einwanderung statt (vgl. Fata 1995, 172), die aber in ihrer Bedeutung für das Banat
nicht an die vorhergehenden Einwanderungsbewegungen heranreichte. Die Siedlungs-
strukturen des Banats waren mit dem Ende der Josephinischen Kolonisation weitgehend
festgelegt (vgl. Tafferner 1974, XXII).
6 Obwohl sich die Josephinische Kolonisation in mancher Hinsicht von der Theresianischen

// 146
Anmerkungen zum Kapitel II

unterschied (vgl. Fata 1995, 170) und Joseph II. als Mitregent noch massive Kritik an der
Durchführung der Besiedlung durch die Kaiserin geübt hatte, griff er als Kaiser »mit sei-
nem eigenen Ansiedlungssystem ... die Methoden der Theresianischen Kolonisation mit
all ihren Vor- und Nachteilen auf« (Fata 1995, 171).
7 Seit dem 15. Jahrhundert trugen, bis auf die Zeit des Wittelsbachers Karl VII. (1742-45),
ausschließlich Habsburger die Kaiserkrone. Obwohl in Hinblick auf das 18. Jahrhundert
nicht mehr von einem Kaiserreich im eigentlichen Sinne gesprochen werden kann, trugen
sie noch immer die Kaiserkrone. 1806 erklärte Kaiser Franz I. das Deutsche Reich für er-
loschen und erhob Österreich zum Kaisertum. Er nannte sich daraufhin nur noch Kaiser
von Österreich.
8 In der Militärgrenze, die Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts zur Abwehr von
Türkeneinfällen eingerichtet worden war, siedelten in erster Linie Serben und Kroaten.
Sie waren von Abgaben befreit, lebten im Verband der Großfamilie, der Zadruga, und lei-
steten Wach- und Kriegsdienste (vgl. Wehler 1980,106 Anm. 9 und Senz 1987, 90f). Erst ab
Mitte des 19. Jahrhunderts und nach der Auflösung der Militärgrenze 1871 kam es auch
hier zur Ansiedlung deutschsprachiger Siedler (vgl. Wehler 1980, 12).
9 Tafferner beschreibt auf Grundlage türkischer Steuerlisten den dramatischen Rückgang
der Bevölkerung in der Stadt Ofen und verweist auf ungarische Untersuchungen über ein-
zelne vom Osmanischen Reich besetzte Gebiete, die nahezu vollständig entvölkert wurden
(vgl. Taffemer 1977, XVIIIff).
10 Scherer geht davon aus, dass die Lebenserwartung durch Auswanderung um durch-
schnittlich zehn Jahre sank (Scherer 1985, 166).
11 Das donauschwäbische Sprichwort »Die Ersten den Tod. Die Zweiten die Not. Den Dritten
das Brot« (Senz 1990, 87) bewahrheitete sich für die ersten Generationen (vgl. Scherer
1985, 166).
12 Siehe hierzu auch den Bericht des Kameraladministrators Baron Ladislaus von Orczy über
Schwierigkeiten der Ansiedlung deutscher Kolonistenfamilien im Banat vom 9. August
1784 in Temeschburg. In: (Tafferner 1995, 196).
13 Fata berichtet, dass in Sanktandres 1784 nach der Transferierung verschuldeter walachi-
scher Bauern andere zum Bleiben entschlossene Walachen ihre Häuser auf der einen Stra-
ßenseite aufbauen mussten und die andere Seite den deutschen Einwanderern zu über-
lassen hatten (vgl. Fata 1995, 171).
14 Weber-Kellermann (1978, 34f) beschreibt, wie schwer es den nach dem II. Weltkrieg ver-
triebenen Donauschwaben wiederum fiel, sich an die neue Ernährung - Schwarzbrot und
Kartoffeln - in Deutschland zu gewöhnen, und wie sehr sie ihr Essen aus der alten Heimat
- Weißbrot, Paprika, Wein und scharfe Gewürze - vermissten.
15 Awender (1955, 104 ff) beschreibt diese von den Serben übernommene Tradition des
»Fruchttretens« ausführlich.
16 Aus den bei Tafferner veröffentlichten Anwerbepatenten lassen sich einzelne Auswande-
rungsbewegungen nachvollziehen, ohne dass sich daraus aber ein vollständiges Bild er-
stellen ließe (vgl. Taffemer 1974-95).
17 Der Aufstand der Salpeterer gegen die Grundherrschaft und die Regierung wird ausführ-
lich von Lötz (1966, 163 f) beschrieben. Einen weiteren Einblick in die Auseinanderset-
zungen mit den Salpeterern bzw. Hauensteinern findet man in den Briefen eines Mis-
sionspaters aus dem Jahre 1740 über die Lage der Inhaftierten in Ungarn (vgl. Tafferner
1974, 141 ff).
18 Senz schätzt, dass in der Batschka und dem Banat ungefähr ein Sechstel bis ein Siebtel der
Einwanderer auf privatem Grundbesitz angesiedelt wurde (vgl. Senz 1987, 58).
19 Im Quellenbuch zur donauschwäbischen Geschichte ist eine Fülle von Beschwerdebriefen
über die privaten Grundherren zu finden. Der älteste datiert vom August 1729, der jüngste
vom August 1786 (vgl. Tafferner 1974).

// 147
Anmerkungen zum Kapitel II

20 Auch Eberl (Innenministerium BW 1987, 148) weist darauf hin, dass die Binnenwande-
rung in den ersten Jahren der Kolonisation relativ groß war. Er führt dies neben den oben
bereits genannten Gründen auf die Versuche der Siedler zurück, am neuen Siedlungsort
nochmals in den Genuss der steuerfreien Jahre zu gelangen.
21 Vielfältiges Material, auch in Form von Dokumenten und Abbildungen, über die Trachten
und Lebensweisen der Donauschwaben bietet der vom Innenministerium in Baden-Würt-
temberg herausgegebene Ausstellungskatalog (vgl. Innenministerium BW 1987, 222 ff).
22 Das von Johann Awender vervollständigte Heimatbuch der Gemeinde Stephansfeld war
ursprünglich eine Idee seines gleichnamigen Vaters Johann Awender, der allerdings 1940
noch vor der Fertigstellung verstarb (vgl. Awender 1955, 7). Die Familie Awender war ei-
ne einflussreiche Bauernfamilie im Banat, aus der im weiteren Verlauf der Geschichte der
Donauschwaben eine Reihe von wichtigen Personen hervorging. Besonders zu erwähnen
ist dabei sicherlich Jakob Awender, der in den dreißiger und vierziger Jahren zum Kreis der
sogenannten »Erneuerer« gehörte und aktiv an der Ausrichtung der Banater Schwaben als
einer deutschen Volksgruppe im Sinne des Nationalsozialismus beteiligt war (vgl. Awen-
der 1955, 244 und Kapitel II/1.3.3 bzw. III/l und III/2 dieser Arbeit).
23 Diese Strenge der Sitten, vor allen Dingen der Abgrenzung von anderssprachigen ethni-
schen Gruppen, beschreibt ebenfalls der evangelische Pfarrer Ferdinand Sommer für die
Gemeinde Schutzberg in Bosnien. »Ehen mit Andersvölkischen und Andersgläubigen gal-
ten als etwas Verächtliches. Solche, die Volkstum und kirchliches Bekenntnis aufgaben,
waren kaum unter uns. Sie wurden auch nie von den Siedlern verstanden oder entschul-
digt« (Zitiert nach Dokumentation Bd.5, 39).
24 Siehe hierzu Kapitel III/l dieser Arbeit.
25 Awender (1955, 60ff) beschreibt diesen Prozess detailliert und anschaulich für die Bana-
ter Gemeinde Stephansfeld. Besonders stark machte sich das Moment des Ankaufs von
Land durch donauschwäbische Bauern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in West-
slawonien und Syrmien, im späteren Kroatien, bemerkbar. Hier lagen die Grundstücks-
preise deutlich niedriger als in der Batschka und dem Banat, sodass die Region Ende des
19. Jahrhunderts donauschwäbische Bauern aus anderen Gebieten Südungarns geradezu
»magnetisch« anzog (vgl. Sundhaussen 1995, 312).
26 Senz versucht noch, diesen Aspekt der besonderen Verbundenheit der Donauschwaben
mit ihrem Kaiser dadurch zu betonen, dass sie nur von einem Gebiet des Kaiserreichs in
ein anderes Gebiet der Herrschaft desselben Kaisers gezogen seien. Er missbraucht dieses
Argument aber, um einen besonderen Anspruch der Donauschwaben auf das Banat gegen-
über den anderen Ethnien zu begründen: »Deshalb sind die Ahnen der Donauschwaben
eigentlich gar nicht ausgewandert, eher schon Serben, Rumänen und Bulgaren« (Senz
1987, 18).
27 Nach Senz (1987, 55) erhielt Joseph II. schon zu seinen Lebzeiten den Beinamen »der
Deutsche«.
28 Die Frage der sprachlichen Abgrenzung zwischen dem Serbischen und dem Kroatischen
spielt bis in die Gegenwart eine wichtige Rolle im Konflikt zwischen diesen beiden Teilen
der ehemaligen Volksrepublik Jugoslawien (vgl. Volkan 1999, 154).
29 Es lebten darüber hinaus noch andere zahlenmäßig kleine Nationalitätengruppen, die hier
nicht im Einzelnen aufgeführt werden können, in diesem Teil Südosteuropas (vgl. Gottas
1995, 225).
30 Nach Nipperdey (1993, 337) hatten 1835 die Deutschen im Habsburger Kaiserreich 60 %
der führenden Staatsämter inne.
31 Für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts liegen über die Bevölkerungszahlen nur Schät-
zungen vor. Danach waren von den ca. vierzehn Millionen Bewohnern des auch von Un-
garn bewohnten Teils des Kaiserreichs etwa sechs Millionen Magyaren, gut zwei Millio-

// 148
Anmerkungen zum Kapitel II

nen Rumänen, ein bis zwei Millionen Deutsche - davon ungefähr 240 000 Juden -, 1,7
Millionen Slowaken und 1,2 Millionen Serben. Hinzu kamen noch ungefähr 800 000 Kro-
aten im Nebenland Kroatien (vgl. Gottas 1995, 224).
32 Kiss (1995, 208ff) zeigt auf, wie in dieser Situation die zunächst liberalen Vorstellungen
von der nationalen Einmaligkeit Ungarns sich langsam hin zu einer Betonung der ungari-
schen Ethnizität bis hin zur Idee der Rasse entwickeln. Spannend ist in seinem Beitrag
auch die Untersuchung der literarischen Figur des »Wolgareiters« von Zsolt Beöthy. Diese
»idealtypische Vision ungarischer Ethnizität« (Kiss, 1995, 213) spielte Ende des 19. Jahr-
hunderts in Ungarn eine wichtige Rolle bei der Mythologisierung der ungarischen Ge-
schichte. Beöthy (1896) »Wir alle haben einen Tropfen aus dem Blute des Wolgareiters«,
und an anderer Stelle schreibt er, dass in Europa trotz der Vermischung der Bevölkerung
nur Ungarn »die ursprüngliche ungarische Seele« (Beöthy zitiert nach Kiss 1995, 216) auf-
bewahrt habe.
33 So führte die sprachliche und kulturelle Entwicklung der Slowaken, Kroaten und Serben
in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zur Schaffung ihrer Schrift-
sprachen und zur ersten Gründung von Zeitungen in slowakischer und serbokroatischer
Schrift (vgl. Gottas 1995, 225).
34 So siedelten Deutsche seit dem 13. Jahrhundert in den Städten Ofen und Pest, heute Bu-
dapest (vgl. Innenministerium BW 1987, 70).
35 Laut Senz (1987, 162ff) spielten die Lehrer generell eine entscheidende Rolle beim Kampf
der Donauschwaben gegen die »Entnationalisierungsversuche« (ebd. 163) des ungarischen
Staates.
36 So war der Titel eines von Glatz geschriebenen und 1843 anonym in Leipzig erschienen
Buches: »Das deutsche Element in Ungarn und seine Aufgabe. Eine Zeitfrage, besprochen
von einem Deutschungar« (vgl. Gottas 1995, 227).
37 »Der Sprachkampf in Siebenbürgen« war der Titel der Streitschrift, mit der Ludwig Roth
für die Gleichberechtigung der verschiedenen Ethnien in Siebenbürgen eintrat (vgl. Gottas
1995, 234).
38 Die Mehrheit der Siebenbürger Sachsen protestierte gegen die Union mit Ungarn und
sandte diesbezüglich eine Deputation an den Kaiser in Wien, da sie um ihre seit Jahrhun-
derten bestehenden Autonomierechte fürchteten (vgl. Gottas 1995, 245ff).
39 Es zeigte sich in den Auseinandersetzungen aber auch, dass bei Teilen der serbischen und
donauschwäbischen Bevölkerung das enge Zusammenleben zu einer nachbarschaftlichen
Annäherung geführt hatte, die half, die Kluft zwischen den Ethnien zu überwinden. So
schützten während der Kämpfe um Weißkirchen am 19. und 20. August 1848 Serben ihre
donauschwäbischen Nachbarn und, als das Kampfgeschehen sich wendete, wiederum Do-
nauschwaben verfolgte Serben (vgl. Senz 1987, 114).
40 Es gab auch schon vorher verschiedene Eingaben donauschwäbischer Städte und Ge-
meinden an den Kaiser. Die Schwaben-Petition aus dem Jahr 1949 war allerdings die er-
ste, in der eine von 30 verschiedenen Gemeinden entsandte Delegation überregionale An-
liegen vortrug (vgl. Senz 1987, 127).
41 Im Zusammenhang mit den Donauschwaben wird in der Literatur oft von einem »deut-
schen Neustamm« gesprochen (vgl. Innenministerium BW 1987, 82; Senz 1987, 17).
42 Laut Senz (1987, 140) bezeichneten die Donauschwaben die Jahre von 1849 bis 1861, der
sogenannten neo-absolutistischen Epoche des Kaiserreichs, als ihr »goldenes Zeitalter«.
43 In der ersten Phase der Kolonisation hatte die Kirche eine wichtige Rolle bei der Bewah-
rung ethnischer Eigenständigkeit der schwäbischen Gemeinden gespielt (vgl. Gottas 1995,
259).
44 Senz (1987, 140) spricht davon, wie die oben genannten Einrichtungen den Donauschwa-
ben geholfen haben, die Jahre »der Suprematie der Magyaren ... national zu überdauern«.

// 149
Anmerkungen zum Kapitel II

Auch Gottas (1995, 257) gebraucht eine vergleichbare Formulierung, wenn er davon
spricht, dass »diese Institutionen und Bereiche auch für das nationale Leben« der Donau-
schwaben relevant gewesen waren. Beide Autoren nehmen hier eine unreflektierte Über-
nahme des Attributs »national« ganz im Stil der Sprache des 19. Jahrhunderts vor und
unterstützen damit die Mythologisierung der Geschichte durch den Nationalismus. Doch
kann von einer nationalen Ausrichtung der Donauschwaben auch zu diesem Zeitpunkt
noch nicht gesprochen werden.
45 Leider liegen dem Verfasser keine Angaben über die Größe der Schulen und die absoluten
Schülerzahlen vor. Diese wären sicher noch aussagekräftiger. Es kann aber in Anbetracht
des extremen Anstiegs der Anzahl von Schulen davon ausgegangen werden, dass sich
auch die Schülerzahlen entsprechend veränderten.
46 Eine Minderheit hing dem Kalvinismus an, der fast ausschließlich unter den Ungarn ver-
breitet war.
47 Eine genaue Statistik über die Religionszugehörigkeit der verschiedenen Bevölkerungs-
gruppen Ungarns findet sich im vom Innenministerium BW herausgegebenen Ausstel-
lungskatalog (vgl. Innenministerium BW 1987, 234).
48 Wie auch schon in Bezug auf die Zunahme ungarischsprachiger Schulen lässt die Quel-
lenlage keine Aussagen über die Größe der verschiedenen Schulen bzw. Schulklassen zu,
sodass es nicht möglich ist, den prozentualen Rückgang der in der deutschen Sprache
unterrichteten Schüler anzugeben, was sicherlich noch aussagekräftiger wäre.
49 In Bezug auf weiteres umfassendes statistisches Zahlenmaterial über die Donauschwaben
bieten sich generell der vom Innenministerium BW 1987 herausgegebene Ausstellungska-
talog, aber auch Senz 1987 und Schödl 1995 an.
50 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es verschiedene Volkszählungen. 1910 ga-
ben 1 666 957 Personen an, Deutsch als ihre Muttersprache zu sprechen, was etwa 10,7 %
der Gesamtbevölkerung entsprach (vgl. Innenministerium BW 1987, 143).
51 Zum Vergleich gibt Annabring (1954, 32) an, dass 1912 auf die ca. drei Millionen Rumä-
nen 2233 rumänische Volksschulen entfielen und die ca. 500 000 Serben über etwa 300
Volksschulen verfügten.
52 Temeschwar unterschied sich dabei von den anderen Städten Ungarns durch seine Funk-
tion als Verwaltungszentrum und die damit verbundene Ansiedlung einer Beamten- und
Militärführungsschicht, aber auch durch die schon Ende des 18. Jahrhunderts gegründete
und im 19. Jahrhundert weiter ausgebaute Fabrikindustrie. Werschetz und Weißkirchen la-
gen an der für die Schwerindustrie wichtigen Montaneisenbahnstrecke. In diesem Zu-
sammenhang ist auch die vermehrte Gründung von Kreditanstalten und Industriegesell-
schaften in Werschetz während der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts zu sehen (vgl.
Gottas 1995, 287 und 289).
53 Laut Gottas (1995, 269 ff) entstanden die ersten deutschsprachigen Vereine des 19. Jahr-
hunderts in Siebenbürgen, bevor sie sich mit einer zeitlichen Verzögerung auch in den an-
deren Teilen Ungarns, wie der Batschka und dem Banat, entwickelten.
54 Annabring (1954, 29) vermerkt, dass vor allem das Theater in den Städten unter der Assi-
milation des deutschsprachigen Bürgertums zu leiden hatte und es deswegen in der zwei-
ten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder weitgehend an Bedeutung verloren hatte.
55 Noch bei der letzten Volkszählung der Donaumonarchie 1910 waren 49,4 % der deutsch-
sprachigen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig (vgl. Innenministerium BW 1987,188).
56 Annabring (1954, 42) nennt als Gründungsjahr 1880, stimmt aber in der Beurteilung der
politischen Bedeutung des »Südungarischen Bauernvereins« mit den anderen Autoren
überein.
57 Bezeichnenderweise verwendet Senz bei der Beschreibung dieser Entwicklung ein klas-
sisch nationalistisches Vokabular. Er spricht diesbezüglich von »Gefahren für unser Volk«

// 150
Anmerkungen zum Kapitel II

(Senz 1987, 166), »ersten völkischen Regungen« (ebd. 167), »Helfern in der nationalen
Not«, von »nationaler Selbstbesinnung« (beide ebd. 168) und »völkischem Erwachen«
(ebd. 178).
58 Annabring (1955, 17) schreibt, dass schon vor 1918 »die deutschstämmigen Bürger von
Werschetz und Weißkirchen ... von der deutschen Bewegung mitgerissen« worden waren.
59 Steinacker wurde der Schwiegersohn von Eduard Glatz, der bereits in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts ein früher Kritiker der Magyarisierungspolitik war.
60 In der Satzung des ADV hieß es u.a.: »1. Der Alldeutsche Verband erstrebt Belebung der
deutschnationalen Gesinnung, insbesondere Entwicklung und Pflege des Bewußtseins der
rassenmäßigen und kulturellen Zusammengehörigkeit aller deutschen Volksteile.« Der
ADV tritt ein »für die Erhaltung des deutschen Volkstums in Europa und Übersee und
Unterstützung desselben in bedrohten Teilen ... (und)... für die Bekämpfung aller Kräfte,
die unsere nationale Entwicklung hemmen« (zitiert nach Schödl 1995, 414).
61 1902 wurde Artur Korn wegen seiner »deutschnationalen« Formeln kurz von den ungari-
schen Behörden inhaftiert (vgl. Schödl 1995, 408).
62 So zum Beispiel in Jankos Münchner Rede 1940 (vgl. Janko 1982, 64ff).
63 Zu diesen privaten Spendern aus Unternehmerkreisen gehörten unter anderem Alfred Hu-
genberg und Hugo Stinnes. Beide gehörten später zu den Unterstützern der NSDAP (vgl.
Schödl 1995,417).
64 Laut Annabring (1954, 43) schafften es die anderen nationalen Minderheiten, Vertreter in
den Reichstag zu entsenden, obwohl sie den gleichen Repressalien ausgesetzt waren.
65 Annabring gehörte selbst zu den von Aktivisten wie Brandsch agitierten Jugendlichen (sie-
he Anm. 227 dieser Arbeit).
66 Es ist wiederum interessant, mit welchen Worten Annabring und auch Senz diese Verän-
derungen kommentieren. Annabring spricht von der Geburtenbeschränkung als »wahrer
Seuche« (Annabring 1954, 22). Senz sieht als Ursache der Auswanderung ausschließlich
die Magyarisierungspolitik, die nicht daran interessiert war, »landsuchenden Schwaben-
söhnen« (Senz 1987, 155) Boden zur Verfügung zu stellen. Paikert (1967, 36) ist dagegen
unter Verweis auf N. Rieth der Meinung, dass prozentual noch mehr Ungarn als Donau-
schwaben unter den Auswanderern waren und somit Magyarisierung als alleinige Ursache
ausscheidet. Nach Angaben des Innenministeriums BW (1987, 149) betrug allerdings der
Anteil deutschsprachiger Bevölkerung an der Auswanderung aus Ungarn zwischen 1899
und 1913 18,4 %. Damit lag sie hinter dem slowakischen Anteil von 25 % an zweiter Stel-
le. Wenn auch diese Angaben im Detail von Paikert abweichen, so unterstützen sie doch
dessen Grundaussage, dass die Auswanderung kein in erster Linie donauschwäbisches
Problem war.
Senz bemerkt noch in diesem Zusammenhang, dass die »völkische Erhaltung« (ebd. 157)
der Donauschwaben in den USA noch schwieriger sein musste als in Südungarn.
67 Awender (1955) schildert diesen Dorfalltag - die Arbeit auf den Feldern und die Pflege von
Bräuchen und Sitten - detailliert in seiner Geschichte der Gemeinde Stephansfeld im Ba-
nat.
68 Der vielleicht konsequenteste Vertreter dieser Position war Gustav Gratz, der nach dem Er-
sten Weltkrieg als Regierungsmitglied an der Spitze der Minderheitenorganisation in Un-
garn stand. Gratz entschied sich sowohl persönlich als auch politisch gegen eine nationa-
le Organisation der deutschsprachigen Bevölkerung Ungarns, selbst um den Preis der voll-
ständigen Assimilation (vgl. Schödl 1995, 400ff).
69 Im Vorwort zur Volksgeschichte der Deutschen in Ungarn schreibt der Bundesvorsitzende
der Ungarndeutschen Landsmannschaft Ludwig Leber über Annabrings Schulzeit: «Dort
lernte er den siebenbürgisch-sächsischen Reichstagsabgeordneten Rudolf Brandsch ken-
nen, unter dessen persönlicher Betreuung er fünf Jahre lang stand und seine ersten politi-
schen Impulse bekam (vgl. Annabring 1954, 3).

// 151
Anmerkungen zum Kapitel II

70 Der spätere Volksgruppenführer Sepp Janko beschreibt diesen Einfluss mit den Worten:
»Durch manche unserer Dörfer waren deutsche Truppen gezogen, so daß auch die Volks-
deutsche Zivilbevölkerung erkannte, daß man nicht verlassen in einem buntgemischten
>Völkermeer< dastand, sondern einem großen Volke angehörte« (Janko 1982, 16).
71 Siehe z.B. Senz (1987, 192), der ebenfalls den Volkszählungen in den Nachfolgestaaten
unterstellt, »schwebendes, gemischtes und assimiliertes Volkstum« den betreffenden
staatstragenden Nationen zugeschlagen zu haben. Senz gibt unter Verweis auf zwischen
1940 und 1944 durchgeführte volksgruppeneigene Zählungen eine Gesamtzahl von
650 000 Deutschen, davon 550 000 Donauschwaben, für Jugoslawien an.
72 Der sächsische Pfarrer und Pädagoge Roth bemerkte Mitte des 19. Jahrhunderts über Sie-
benbürgen: »Sobald zwei verschiedene Nationsgenossen zusammenkommen, die ihre
Sprache nicht können, ist gleich das Walachische als dritter Mann zum Dolmetschen da.
Walachisch kann jedermann« (Roth zitiert nach Gottas 1995, 235).
73 Dies zeigt sich deutlich in der Schulverordnung von 1925, in der es hieß: »Kinder, deren
Väter der Volkszugehörigkeit nach Serben, Kroaten oder Slowenen sind, die Mütter aber
Deutsche, Magyaren, Rumänen oder Andersnationale, des weiteren Kinder, deren Mütter
der Volkszugehörigkeit nach Serben, Kroaten oder Slowenen sind, beziehungsweise einer
anderen slawischen Volksgemeinschaft angehören, die Väter aber Deutsche, Magyaren
oder Andersnationale sind, dürfen bei der Einschreibung nur in Schulen aufgenommen
werden, in denen die Unterrichtssprache ausschließlich die Staatssprache ist« (zitiert
nach Annabring 1955, 46).
74 Laut Sepp Janko, dem späteren Führer der Deutschen Volksgruppe im Banat, war die Ab-
geschlossenheit der kleinen donauschwäbischen Bauernsiedlungen so weit gegangen,
dass Inzucht weit verbreitet war und die heiratsfähigen Personen mehr oder weniger alle
miteinander verwandt waren (vgl. Janko 1982, 169).
75 »Unter den katholischen Kirchenfürsten Jugoslawiens finden wir keinen volksbewußten
Donauschwaben« (Annabring 1955, 14).
76 Hatzfeld lag zu diesem Zeitpunkt noch auf jugoslawischen Boden, sollte aber im weiteren
Verlauf der zwanziger Jahre, nach einer weiteren Grenz Veränderung, zu Rumänien kom-
men (vgl. Annabring 1955, 45).
77 Viel schwieriger war die Situation der Donauschwaben in den anderen Teilen des König-
reichs, wo der von den Siegermächten verlangte Minderheitenschutz nicht gewährt wur-
de. Hier mussten auch keine Zugeständnisse an die deutschsprachige Bevölkerung wegen
etwaiger Grenzprobleme gemacht werden. Besonders in Slowenien gerieten sie unter mas-
siven Druck, sodass der Aufbau einer politischen Bewegung unmöglich war (vgl. Anna-
bring 1955, 21 und Dokumentation Bd.5., 29 E).
78 So schreibt Johann Awender, Bruder des späteren Begründers der nationalsozialistischen
Erneuerungsbewegung in Jugoslawien, Jakob Awender, in seiner Geschichte von Ste-
phansfeld im Banat: »Nach dem offiziellen Friedensschluß am 4. Juni 1920 in Trianon
nahm Serbien den Namen: Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) an und
stellte vor dem Gesetze alle Bürger des Staates gleich. Jahre hindurch bestand keine be-
sondere Ursache zu klagen, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete nicht. Auf allen Ge-
bieten des öffentlichen Lebens wurde eine lebhafte Organisationstätigkeit entfaltet, um die
Interessen der bodenständigen Deutschen im ganzen Siedlungsgebiete des Königreiches
zu erfassen und zu vertreten« (Awender 1955, 55).
79 Janko (1982, 51 und 141) kritisiert in der Rückschau diese Maßnahmen als schweren An-
griff auf die Rechte der deutschen Bevölkerung. Er stellt im Gegensatz dazu die während
der deutschen Besatzungszeit vorgenommenen Maßnahmen als auch für die serbische Be-
völkerung positiv dar. Die deutsche Liegenschafts Verordnung vom Herbst 1941 erwähnt er
nicht (Siehe auch Kapitel III/2 in dieser Arbeit).

//152
Anmerkungen zum Kapitel II

80 Ein führender Politiker der Demokratischen Partei, Pribicevic, erklärte: »Eine kroatische
Frage existiert nicht: wir alle sind Jugoslawen« (zitiert nach Sundhaussen 1993, 43).
81 Das weitverbreitete Vorurteil, die deutschsprachige Bevölkerung Jugoslawiens habe aus-
schließlich aus wohlhabenden Bauern bestanden (vgl. Innenministerium 1987, 190), wur-
de sicherlich auch durch dieses Übergewicht der reichen Landwirte in den Vertretungen
und Vereinen der donauschwäbischen Bevölkerung genährt.
82 Dass schon am Anfang des 20. Jahrhunderts das soziale Gefälle zwischen den reicheren
und ärmeren Schichten zu Spannungen geführt haben muss, wird in dem Vorwurf Franz
Hamms, einem der Aktivisten der Deutschen Bewegung, deutlich, auf den Annabring
(1954, 22) in Hinblick auf die Auswanderung mit den Worten verweist, dass »neben der
Raumnot auch die unsoziale Haltung der Heimat, vor allem der Bauern, den weniger be-
sitzenden oder besitzlosen Deutschen den Wanderstab in die Hand drückte.«
83 Der Begriff »Erneuerungsbewegung« wurde damals im allgemein üblichen Sprachge-
brauch des Nationalsozialismus für den sich mit seinen Zielen identifizierenden Teil der
»deutschen Volkstumspolitiker« in verschiedenen Ländern Europas, z.B. auch in Hinblick
auf die Schweiz, verwendet (vgl. PA/AA: Inl. Hg 17d/1764, Dok. 129491-519 ).
84 Nach Annabring (1955,18) war es in einigen Orten der Batschka und des Banats üblich ge-
wesen, dass »die Reichen, die Kleinhäusler und die Landarbeiter getrennt die Kirchweih,
dieses größte Fest der Donauschwaben, feierten.«
85 Eine umfassende Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Begriffs der Volksgemein-
schaft für den Nationalsozialismus findet sich bei Janka (1997).
86 Luman (1993, 37) gibt 1935 als das Jahr an, ab dem die Vorläuferstelle der VOMI, das »Bü-
ro Kursell« als »Volksdeutsche Parteidienststelle« die Koordination aller die Volksdeut-
schen betreffenden Fragen übernahm. 1936 wurde dann zum erstenmal diese Dienststelle
VOMI genannt, wie sie ab 1937 endgültig heißen sollte (ebd. 38 und 41).
87 Es gehört zu den Eigentümlichkeiten Jankos, dass er sich bei seiner Darstellung »der Ge-
schichte der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien« immer wieder in allzu offensichtli-
che Widersprüche verstrickt. Es ist im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich, die
seiner Argumentation zugrundeliegenden Motive vollständig und im Detail zu analysie-
ren. Trotzdem werden aber doch einige grundsätzliche Gedanken zur Struktur seiner Dar-
stellungen angemerkt. Ein Beispiel: Janko verweist selbst darauf, dass vor seiner Wahl zum
Obmann des Kulturbundes ein Treffen zwischen der VOMI und Vertretern des Kulturbun-
des in Graz stattgefunden hatte. Dort wurde von Vertretern der Erneuerer gegen Jankos No-
minierung gestimmt und, wie offensichtlich vorher von der Bewegung vereinbart, Senior
Baron für diesen Posten vorgeschlagen. Während der VOMI-Vertreter diesen Vorschlag ab-
lehnte, stimmte er der Nominierung Jankos zu. Janko und nicht Senior Baron wurde denn
auch im August 1939 durch den Bundesausschuss zum neuen Obmann des Kulturbundes
einstimmig gewählt (vgl. Janko 1982, 39). In keiner der zu diesem Komplex vorliegenden
Untersuchungen wird das Treffen in Graz geschildert, sondern nur grundsätzlich auf die
de facto Einsetzung Jankos durch die VOMI verwiesen (vgl. Annabring 1955, 67 f; Paikert
1967, 274; Lumans 1993,119; Sundhaussen 1995, 334). Während also Janko selbst den Be-
weis für die Einflussnahme der VOMI vorlegt, wendet er sich entschieden gegen die Posi-
tion, dass er eingesetzt und nicht demokratisch gewählt worden sei. Die hier vorliegende
Struktur liegt seiner ganzen Argumentation zu Grunde: Jankos Identifikation mit dem, wie
er es nennt, »völkischen Sozialismus« (ebd. 27) ermöglicht es ihm offensichtlich nicht,
den Zusammenhang mit dem »Dritten Reich« an Stellen, an denen dies durchaus möglich
wäre, schlichtweg unerwähnt zu lassen. Gleichzeitig wendet sich Janko aber immer wie-
der gegen die aus seinen Handlungen bzw. Darstellungen notwendigerweise sich ergeben-
den Konsequenzen und Rückschlüsse. Einerseits ist Jankos Geschichte der Banater Schwa-
ben deswegen als Analyse der politischen Zusammenhänge der damaligen Zeit völlig un-

// 153
Anmerkungen zum Kapitel II

tauglich. Andererseits gewährt Janko mit einer zum Teil verblüffenden Offenheit Einblick
in die Maßnahmen und Strukturen der damaligen Erneuerungsbewegung. So enthält sein
Buch eine Fülle von wichtigen Details, die den Missbrauch des Ethnischen für die Ziele
des Nationalismus sichtbar machen.
88 Zum genauen Ablauf der von Teilen der alten donauschwäbischen Führer, der Erneuerer
und der VOMI betriebenen Kampagne gegen Dr. Kraft siehe Annabring (1955, 68f).
89 Philipp Popp wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien zum Tode verur-
teilt und hingerichtet (vgl. Sundhaussen 1995, 316).
90 Sundhaussen (1995, 335) vermerkt unter Hinweis auf eine jugoslawische Untersuchung
aus dem Jahre 1966, dass die Initiatoren der Erneuerungsbewegung, die sich von vornhe-
rein bedingungslos in den Dienst des Nationalsozialismus stellten, zumeist evangelische
Intellektuelle mit Hochschulabschluss oder Studenten im Alter zwischen 20 und 35 Jah-
ren waren. Diese Einschätzung wird durch einen Brief des Leiters der VOMI Lorenz vom
20.4.1942 an den Reichsführer SS bestätigt. Lorenz fordert hier, da die katholischen Ein-
richtungen alle gegen die nationalsozialistischen Volksgruppen arbeiteten, diesen die Zu-
schüsse aus dem Reich zu streichen. Gleichzeitig sollten aber seiner Meinung nach die
evangelischen Kirchen weiter unterstützt werden, da sie »im allgemeinen deutschtums-
unterstützende Arbeit« leisteten (vgl. BA: NS 19/2834).
91 BA: Bundesarchiv in Berlin NS19/ Persönlicher Stab Reichsführer SS. Im Weiteren wer-
den Hinweise auf Originaldokumente aus den Archiven nur unter der entsprechenden
Signatur angegeben.
92 Michael Reiser sollte, wie es der spätere Divisionskommandeur der »Prinz Eugen« Otto
Kumm nennt, als SS Obersturmführer zu einem »hervorragenden Mitarbeiter« des ersten
Divisionskommandeur Phleps bei der Aufstellung der SS-Division »Prinz Eugen« werden
(Kumm 1978, 38). Jakob Lichtenberger kommandierte später in Kroatien zusammen mit
Branimir Altgayer die SS-ähnliche »ES« Einsatzstaffel (vgl. Dokumentation Bd.5 , 83) und
diente dann ebenfalls in der »Prinz Eugen«.

// 154
III
Die Banater Schwaben 1941-1945

l
Die Zerschlagung und Aufteilung des jugoslawischen Staates

Nachdem Jugoslawien unter dem Druck des Deutschen Reiches im


März 1941 ebenso wie seine Nachbarländer den Achsenmächten beigetre-
ten war, widerrief nach einem Putsch eine neue Regierung in Belgrad nur
wenige Tage später diese Entscheidung. Jugoslawien wurde daraufhin am
6. April 1941 von der Wehrmacht überfallen und in weniger als zwei Wo-
chen besiegt. Dieser schnelle Erfolg war in erster Linie auf die überlegenen
militärischen Kräfte der deutschen Wehrmacht zurückzuführen (vgl. Vogel
1989, 538). Darüber hinaus wirkte sich aber auch die unterschiedliche Iden-
tifikation der verschiedenen Bevölkerungsgruppen Jugoslawiens mit dem
jugoslawischen Staat auf den Ausgang der Kämpfe aus. Nennenswerter
Widerstand wurde in erster Linie nur von serbischen Verbänden geleistet.
Bereits vor dem Überfall hatte die Diplomatie des »Dritten Reichs« den kro-
atischen Nationalisten einen eigenen Staat versprochen. Kroatische Ver-
bände stellten schon vier Tage nach dem Überfall ihre Kampfhandlungen
ein, nachdem deutsche Verbände die kroatische Hauptstadt Zagreb einge-
nommen hatten (vgl. ebd. 539). Was die donauschwäbische Bevölkerung
betraf, so war am 28. März 1941, also zur Zeit des Machtwechsels in Bel-
grad, im Deutschen Volksblatt die Weisung des Volksgruppenführers
Dr. Janko veröffentlicht worden, alle Tätigkeiten in den Ortsgruppen sofort
einzustellen und Ruhe und Disziplin zu wahren (vgl. PA/AA: Inl. Hg
251/2419, Dok. H297813). Wie Janko später schreibt, geschah dies, um den
Serben keinen Grund zu Ausschreitungen gegen die deutschsprachige Be-
völkerung zu geben (vgl. Janko 1982, 72). Während also offiziell gegenüber
der neuen Belgrader Regierung seitens der Volksgruppenführung Loyalität
(vgl. PA/AA: Inl. Hg 251/2419, Dok. H297818) demonstriert wurde, erging,
wie aus einem Schreiben des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) an
das Auswärtige Amt hervorgeht, das ebenfalls vom 28. März 1941 datiert,

//155
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

eine Aufforderung des »Führers« über die VOMI an die »Volksdeutschen«,


sich durch Desertation den kommenden Kampfhandlungen zu entziehen.
So sollte verhindert werden, dass donauschwäbische, also »Volksdeut-
sche« Soldaten in Kämpfe mit reichsdeutschen Verbänden verwickelt wur-
den (vgl. PA/AA: Inl. Hg 251/2419, Dok. H297814 - H297816 und Doku-
mentation Bd.5, 46E). 1 Gleichzeitig war, wie Berger am 3. April 1941 an
Himmler schrieb, vom Auswärtigen Amt der Auftrag gegeben worden,
»Hilferufe aus Jugoslawien und zwar von Volksdeutschen, Kroaten, Maze-
donierin] und Slowenen zu organisieren« (BA: NS19/2802 Dok l). 2
Damit wurde das »Lieblingsthema« der deutschen Diplomatie, nämlich
die »Pflicht«, die »deutschen Minderheiten im Ausland zu beschützen«
(Nürnberg V, 433), auch in Jugoslawien zur Begründung für den Überfall
herangezogen.
Später bestreitet Dr. Janko, diese »angebliche Weisung Hitlers« jemals
erhalten und weitergegeben zu haben (vgl. Janko 1982, 77). Er führt dazu
weiter aus:
»Unabhängig davon bleiben berechtigte Zweifel bestehen, daß eine solche
Anweisung zur Kriegsdienstverweigerung jemals an uns gerichtet worden
sei. Es gibt keine Beweise, nicht einmal Anhaltspunkte dafür« (ebd.).

In Bezug auf den ersten Teil seiner Aussage kann Dr. Janko nicht das Gegen-
teil bewiesen werden. Allerdings wirkt auch dieser Aspekt seiner Behaup-
tung unglaubwürdig angesichts der offensichtlichen Lüge in Hinblick auf
die Weisung Hitlers, von der Janko aufgrund seiner Stellung zumindest im
Anschluss an die Ereignisse informiert gewesen sein muss.
Das Prinzip der »Volkszugehörigkeit« hatte im multiethnischen Jugosla-
wien bereits vor Ausbruch des Krieges eine entscheidende Rolle gespielt:
Schon in der Volksgruppenpolitik der Erneuerer war »Volkszugehörigkeit«
zu dem Unterscheidungsmerkmal zwischen Eigenem und Fremdem ge-
worden. Auch im Verlauf der Kämpfe zwischen der deutschen Wehrmacht
und der jugoslawischen Armee blieb die Trennung zwischen Eigenem und
Fremdem entlang der ethnischen beziehungsweise nationalen Merkmale
von Bedeutung. So nahmen jugoslawische Behörden nach dem Überfall
durch die deutsche Wehrmacht in vielen Ortschaften donauschwäbische
Bewohner als Geiseln. Die Volksgruppenführung wiederum organisierte
die Bewaffnung der deutschsprachigen Bevölkerung. Bereits seit Ende der
dreißiger Jahre gab es bewaffnete »Selbstschutz-Einheiten« der
Volksgruppenorganisationen (vgl. Sundhaussen 1995, 334). Diese soge-

//156
Die Zerschlagung und Aufteilung des jugoslawischen Staates

nannte »Mannschaft«, die von Jakob Lichtenberger und Michel Reiser or-
ganisiert worden war, bildete dann den Kern der 1941 gegründeten »Bür-
gerwehr« (vgl. Janko 1982, 162). Während der in erster Linie durch die Ka-
pitulation kroatischer Verbände verursachten Auflösung der jugoslawi-
schen Armee konnte der Einsatz der bewaffneten Einheiten der »Volks-
gruppe« einige militärische Erfolge, wie beispielsweise die Besetzung des
Militärflughafens in Semlin bei Belgrad, erzielen (vgl. De Jong 1959, 218).
Diese Teilnahme bewaffneter Volksdeutscher Verbände am Kampfge-
schehen hat der donauschwäbischen Bevölkerung seitens Jugoslawiens
den Vorwurf eingebracht, zum Teil als deutsche »5. Kolonne« maßgebend
an der Zerschlagung Jugoslawiens beteiligt gewesen zu sein. In der vom
Bundesministerium herausgegebenen Dokumentation der Vertreibung (vgl.
Dokumentation Bd.5, 48E), aber auch bei Wüscht (1959, 261), Senz (1987,
227) und Janko (1982, 77ff) werden diese Vorwürfe als »irrig«, als »Propa-
gandamärchen« und als völlig haltlos zurückgewiesen. Wie wenig diese
nachträgliche Einschätzung einiger Vertreter der »Volksdeutschen« mit der
Geschichte übereinstimmt, kann bei Johann Wüscht aufgezeigt werden.
Wüscht leugnet 1959 in seinem Buch Jugoslawien und das Dritte Reich ei-
nen organisatorischen Zusammenhang und eine aktive Teilnahme der
»Bürgerwehren« am Kriegsgeschehen. Insgesamt versucht er die Rolle der
bewaffneten »Volksdeutschen« herunterzuspielen:
»Diese Bürgerwehren, die anfangs nur mit Knüppeln und Äxten ausgerü-
stet an den Ortseingängen Wache hielten, entwaffneten jugoslawische
Deserteure, kleinere Nachschubeinheiten, wobei es nirgends zu ernsten
Zusammenstößen kam. Zumeist genügte eine bloße Aufforderung zur
Niederlegung der Waffen, die es taten, konnten unbehindert weiterzie-
hen« (Wüscht 1959, 263).

Derselbe Johann Wüscht stand in den dreißiger Jahren den Erneuerern um


Sepp Janko nahe (vgl. Janko 1982, 138). In einem seiner Lageberichte, die
Teil einer Mappe waren, die dem Referatsleiter im Auswärtigen Amt Triska
überreicht wurde, 3 schrieb er am 17. April 1941 über die Vorfälle beim Ein-
marsch ungarischer Truppen in die Batschka:
»Am 3. und 4. Tag nach der Eröffnung der Kriegshandlung und nach der
raschen Niederlage der Jugoslawen und dem Zusammenbruch der
Staatsgewalt übernahmen die Volksdeutschen allmählich in Stadt und
Land die Polizeigewalt und organisierten ihre Bürgerwache. Diese ent-
waffnete die aus den Grenzgebieten zurückströmenden Soldaten/ca.
90000 ohne das Banat/und schützten oftmals in tapferen Kämpfen Gut
und Leben unseres Volkes/ ... [in] ... Heufeld, Gross-Betschkerek u.a.

//157
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Auf diese Weise konnte die Ordnung im ganzen Siedlungsgebiet


aufrechterhalten und sichergestellt werden« (PA/AA: Inl. Ilg 251/2419,
Dok. H297364).

Die Leistung der Volksdeutschen in der Batschka wurde auch vom Leiter
der VOMI, Obergruppenführer Lorenz, in einer Stellungnahme vom
16. April 1941 bestätigt:
«Volksgruppenfuehrung vor einzug ungarischer truppen drei Tage herr
der läge, vollkommene ruhe, serbisches militaer zt durch Volksdeutsche
entwaffnet« (PA/AA: Inl. Ilg 251/2419, Dok. H297859).

Auch die deutsche Gesandtschaft in Bukarest sprach in einem Schreiben


über die »Teilnahme Volksdeutscher an der Jugoslawienaktion« vom 27.
Mai 1941 (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 253/2423, D22) von einem Erfolg.
Obwohl die Teilnahme der bewaffneten Einheiten der Volksgruppe an
den Kämpfen im April 1941 deren Ausgang sicherlich nicht entscheidend
beeinflusst hat, ist sie doch Ausdruck einer nicht nur ideellen, sondern
auch organisatorischen Parteinahme der deutschen Volksgruppe für das
»Dritte Reich«. Bezieht man die folgenden Jahre deutscher Besatzungspoli-
tik, das Verhalten der donauschwäbischen Bevölkerung in jenen Jahren
und die »Erinnerungsfähigkeit« der damals beteiligten Volksdeutschen Po-
litiker wie Johann Wüscht oder Sepp Janko mit ein, so wird der jugoslawi-
sche Vorwurf mehr als verständlich.
Die Bürgerwehren wurden unter dem Namen »Deutsche Mannschaft«
(DM) straff zusammengefasst (vgl. Janko 1982,162) und - wie aus einem Te-
legramm des Gesandten Benzler vom 22. Juli 1941 hervorgeht - mit Beginn
der deutschen Besetzung des Banats einmal wöchentlich von deutschen
Offizieren in Marschübungen und im Schießen geschult (PA/AA: Inl. Ilg
253/2423, Dok. H298120). Die »Deutsche Mannschaft« entwickelte sich so
zu einer wichtigen Vorläuferformation der späteren 7. SS-Division »Prinz
Eugen« (vgl. Sundhaussen 1971, 179).
Nach der Besetzung Belgrads durch die deutsche Wehrmacht und der
Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der jugoslawischen
Streitkräfte am 17. April 1941 erfolgte die Aufteilung Jugoslawiens zwischen
den Achsenmächten. Der nördliche und östliche Teil Sloweniens wurde
dem Deutschen Reich angegliedert. Der südliche Teil Sloweniens und ein
Teil Dalmatiens fielen an Italien. Montenegro wurde unter italienischen
Schutz gestellt und der Kosovo dem italienischen »Großalbanien« zuge-

//158
Die Zerschlagung und Aufteilung des jugoslawischen Staates

Bild 3 »Den deutschen Truppen überreichten Volksdeutsche in Sarajewo


die Schandtafel, die an die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares
am 28. Juni 1914 und damit an den Beginn des Weltkrieges erinnerte.
Sie kam ins Zeughaus nach Berlin«
(Untertitel zum Foto April 1941, Bayerische Staatsbibliothek).

schlagen. Aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina entstand der »Unabhän-


gige Kroatische Staat« (USK) unter Ante Pavelic. Der größte Teil Mazedo-
niens und ein kleiner Teil Südserbiens wurden von Bulgarien annektiert.
Die Woiwodina wurde ebenfalls aufgeteilt. Ungarn erhielt die Baranja und
die Batschka, die zuvor bereits bis 1918 zu Ungarn gehört hatten. Man be-
absichtigte, das westliche Banat später ebenfalls an Ungarn anzugliedern
(vgl. PA/AA: Inl. Ilg 17a/l756 Dok. E024801), stellte es aber zunächst, zu-
sammen mit »Restserbien«, unter deutsche Militärverwaltung (vgl. Sund-
haussen 1993,68). Gleich im Anschluss an die Aufteilung Jugoslawiens kam
es in den verschiedenen Gebieten zu ersten ethnischen Säuberungen. Wie
aus einer Vortragsnotiz des Auswärtigen Amtes vom 31. Juli 1941 hervor-
geht, betrug die Zahl der bis zu diesem Zeitpunkt vertriebenen Serben aus
Kroatien, Mazedonien und der Batschka schon weit über 100 000, sodass die
deutschen Besatzungsbehörden jeden weiteren Transport von Serben aus

//159
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

den an Ungarn gefallenen ehemaligen Gebieten Jugoslawiens nach Alt-Ser-


bien ablehnten (PA/AA: Inl. Ilg 279/2488 Dok. H297935). 4
Bei der Besetzung der Baranja und der Batschka durch ungarische Trup-
pen kam es zu Spannungen zwischen den dort lebenden Volksdeutschen
und der ungarischen Besatzungsmacht, die an die alten Konflikte aus der
Zeit des Kaiserreichs anknüpften. Während Ungarn jede pro-reichsdeut-
sche Äußerung der zahlenmäßig starken deutschsprachigen Minderheit
fürchtete, war es gerade die Verbindung zum Deutschen Reich, von der sich
die Volksdeutschen Unterstützung erhofften. Dieser Widerspruch wird in
den Berichten des Beauftragten des Oberkommandos der ungarischen
Wehrmacht, Hauptmann Dr. Novak, sichtbar. Er unternahm zwischen dem
17. April 1941 und dem 8. Mai 1941 drei mehrtägige Dienstreisen in die
Batschka, um sich ein Bild von der Stimmungslage zu machen und den Be-
richten über Opfer unter der Volksdeutschen Zivilbevölkerung nachzuge-
hen (PA/AA: Inl. Ilg 253/2423, Dok. D13). 5 Im Bericht seiner letzten Dienst-
reise vom 5. Mai 1941 bis 8. Mai 1941, der am 14. Mai 1941 an das Aus-
wärtige Amt und das Oberkommando der Wehrmacht verschickt wurde,
bestätigt Dr. Novak Opfer unter der Zivilbevölkerung und kommt dann auf
die Ursachen des Konflikts zu sprechen. Er führt dort aus:
»Die Stimmung hat sich seit Ende der letzten Fahrt (23. April) zweifellos
verschlechtert. Zurückgreifend auf das in dem ersten Reisebericht
Gesagte muß wiederholt werden, daß die Deutschen der Batschka auf
einen Einmarsch deutscher Truppen gerechnet hatten und daher durch
den Einzug der Honved schwer enttäuscht wurden« (PA/AA: Inl. Ilg
253/2423 Dok. D17).

Weiter fährt er fort:


»Die Volksdeutsche Bevölkerung hat das serbische Regime als Fremd-
herrschaft empfunden. Sie darf das ungarische Regime nicht als Fremd-
herrschaft empfinden ... [D]ie deutsche Bevölkerung ... will die Mutter-
sprache im Verkehr auch mit den Behörden gebrauchen, unbeanstandet
das Hakenkreuzabzeichen tragen, sich kulturell betätigen ... kurzum: die
Volksdeutschen wollen unbehindert von der Behörde als Deutsche in
Ruhe leben und arbeiten können ... Man erwartet von den Ungarn, daß
sie mindestens das zugestehen, was den Serben in 23jährigen Kämpfen
abgenötigt werden mußte ... Der ungarische Gendarm, auch mancher
ungarische Offizier weiß nicht, daß die Schwaben heute bis ins letzte
Dorf nationalsozialistisch durchorganisiert sind ... Deutscherseits
herrscht bei vielen Leuten der jüngeren Generation eine ausgesprochene
Kampfstimmung VOT, auf ungarischer Seite wiederum eine schroffe Beto-
nung des Herrenstandpunktes« (PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. D17-21).

//160
Die Zerschlagung und Aufteilung des jugoslawischen Staates

Der von Novak vorgelegte Bericht findet seine Entsprechung in zahlreichen


Darstellungen und Beschwerden der Volksdeutschen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
253/2424 Dok. H296806). So auch in dem am 8. Mai 1941 an den Referatslei-
ter im Auswärtigen Amt Triska übergebenen Sonderheft (vgl. PA/AA: Inl.
Hg 251/2419 Dok. H297858). Besonders deutlich wird der Widerspruch zwi-
schen den Ansprüchen der Volksdeutschen einerseits und der ungarischen
Besatzungsbehörden andererseits in einem Bericht vom 19. April 1941, den
Bruno Kremling, Verbindungsoffizier der Volksgruppe mit den ungarischen
Truppen, verfasste. Kremling schreibt, dass sich der Militärstationskom-
mandant der ungarischen Truppen, General Veress, sowohl über das Hissen
von Hakenkreuzflaggen als auch über die Beschlagnahmung von Motor-
fahrzeugen durch die Volksgruppe beschwerte. Veress beklagte insgesamt
das Verhalten der Volksdeutschen und betonte, dass die von den ungari-
schen Truppen besetzten Gebiete nun endgültig wieder zu Ungarn gehörten
(PA/AA: Inl. Ilg 251/2419 Dok. H297857). Kremling fährt fort:
»General Veress zeigte mir zuerst die Osternummer des Neusatzer
>Deutschen Volksblattes<, auf deren Titelseite das Eintreffen der deut-
schen Soldaten in unserem Siedlungsraume gefeiert wurde. Er betonte,
dass die madjarischen Behörden von folgendem Absatz des Aufsatzes
schwer betroffen gewesen wären:
>Deutsche Soldaten! Der Raum, der Euch mit uns zusammengeführt hat,
ist ein geheiligter Raum. Dieser Raum ist Euch wohl vertraut, nicht bloss
weil wir Euch hier als Brüder begrüssen, sondern auch weil die Zeug-
nisse der Geschichte die Verbundenheit dieses Raumes mit dem Schick-
sal des Reiches bekunden. Eure und unsere gemeinsamen Ahnen haben
unter Prinz Eugen diese Erde mit ihrem Blute gefärbt, deutsche Reichs-
heere haben hier ruhmreiche Schlachten geschlagen; Eure Väter, ja
vielleicht manche von Euch selbst oder Eure Brüder haben mit vielen
von uns im Weltkrieg in diesem Räume für des Reiches Macht und
Grösse gestritten. So heilig wie der Boden des Mutterlandes für Euch
und für uns ist durch die Geschichte, ist dieser Raum heilig auch für
Euch, wie er durch das Blut und den Schweiss unserer Ansiedlerahnen
heilig für unsere Volksgruppe geworden ist<« (ebd.).

Die Volksdeutschen in den verschiedenen Gebieten Jugoslawiens waren


zu diesem Zeitpunkt noch nicht über die staatsrechtliche Zukunft ihrer Ge-
biete informiert (vgl. Janko 1982, 86).6 Auch war noch keine endgültige Re-
gelung für Syrmien gefunden, das denn auch erst ab Oktober 1941 zu Kroa-
tien gehören sollte (vgl. ebd. 94). Die Leitung der »Deutschen Volksgruppe«
hatte also Mitte April 1941 noch ihren Sitz in Neusatz in der Batschka und

//161
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

sprach daher für die gesamte deutschsprachige Bevölkerung Jugoslawiens


(vgl. ebd. 87). Insofern darf der Zeitungsartikel im Deutschen Volksblatt,
ebenso wie Novaks Bericht, nicht in Hinblick auf die spezifischen Entwick-
lungsbedingungen nach der Angliederung der Batschka an Ungarn gelesen
werden. Der in dem Artikel unternommene Versuch, die auserwählten Ruh-
mestaten als Teil einer Mythologisierung der Geschichte zu einem Binde-
glied zwischen den ethnischen Gruppen der Donauschwaben und dem
Deutschen Reich, der Nation zu machen, galt vielmehr allen »Volksdeut-
schen« Jugoslawiens. Er enthält in seinen Grundzügen die Ideologie, die
auch im weiteren Verlauf immer wieder die Verknüpfung des Schicksals der
Donauschwaben mit dem Schicksal des Deutschen Reichs rechtfertigen
sollte. Sowohl in Novaks als auch Kremlings Bericht wird dabei deutlich,
wie weit die Identifizierung der Donauschaben mit der deutschen Nation,
konkret mit dem Nationalsozialismus, bereits fortgeschritten war.
Zur gleichen Zeit als sich Gauamtsleiter Triska, wie er an anderer Stelle
betitelt wird, mit den Beschwerden der Volksdeutschen in der Batschka
auseinandersetzte, war er an den Vorbereitungen für die Vertreibung der
Slowenen aus den nun dem Deutschen Reich angegliederten Gebieten
Südsteiermark und Kärnten ebenso beteiligt (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 251/2420
Dok. H297913) wie später, im Oktober und November 1942, an der Um-
siedlung der Volksdeutschen aus Bosnien. Dabei lassen sich deutlich die
Konsequenzen der Aufteilung des Eigenen als Gutes und des Fremden als
Schlechtes oder Böses zeigen. Einerseits ermöglichte diese Aufteilung, sich
über an eigenen »Volksgenossen« begangenes Unrecht zu empören und ver-
gleichbares Unrecht an Fremden zu vollziehen - eigene Gewalttaten konn-
ten so als Reaktion auf vorher Erlittenes rechtfertigt werden. Andererseits
ermöglichte der Wahn der ethnischen und nationalen Reinheit die strikte
Zuordnung von Menschen entweder als Eigene oder als Fremde und lie-
ferte somit eine Begründung sowohl für die Vertreibung der Slowenen aus
dem Reich als auch später für die Umsiedlung der Bosnien-Deutschen aus
der Fremde ins Reich.
Wie bereits erwähnt, war es in den ersten Tagen nach dem Einmarsch
ungarischer Truppen zu Kampfhandlungen gekommen, die zu Opfern auch
unter der Volksdeutschen Zivilbevölkerung geführt hatten. Kurzfristig

Bild 4 »Volksdeutsche Opfer des serbischen Terrors im Banat.


Der letzte Gruss der befreiten Stadt Pantschowa an ihre Volksdeutschen Opfer«
(Untertitel zum Foto Mai 1941, Bayerische Staatsbibliothek).

// 162
Die Zerschlagung und Aufteilung des jugoslawischen Staates

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III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

überschatteten diese Ereignisse das deutsch-ungarische Verhältnis und


führten, neben den genannten Berichten, zu einem Austausch von Verbal-
noten zwischen dem ungarischen Ministerium des Äußeren und dem
Reichsaußenminister (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. ClO-21). Am 10.
Mai 1941 versprach das ungarische Außenministerium dann, betroffenen
Volksdeutschen einen angemessenen Schadensersatz zu gewähren - nach-
dem es allerdings am 7. Mai bereits darauf verwiesen hatte, dass es sich bei
den zu beklagenden Opfern auf ungarischer und Volksdeutscher Seite letzt-
endlich »um unvermeidliche Folgen der durch die Tätigkeit serbischer
Heckenschützen bedingten Schießereien« (PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok.
Cl3) gehandelt hatte. Während damit von ungarischer Seite versucht wur-
de, die Schuld an den Opfern unter der Zivilbevölkerung den Serben zu-
zuweisen, um so das Verhältnis zwischen dem Deutschen Reich und dem
Königreich Ungarn zu entlasten, tritt in den verschiedenen Berichten der
Volksdeutschen ein weiterer Schuldvorwurf zu Tage. Einerseits sind es
hier zwar auch die ungarischen Soldaten, denen der Vorwurf gemacht wur-
de, gegen Volksdeutsche vorgegangen zu sein. Andererseits schreibt aber
eben jener Johann Wüscht in seinem Lagebericht:
»Es ist auffallend, daß die Juden madjarische Soldaten anwiesen, be-
stimmte Volksdeutsche Häuser zu beschiessen und auszuplündern, ohne
daß dies die Madjaren abgelehnt hätten« (PA/AA: Inl. Ilg 251/2419 Dok.
H297363). »Im Nachbarhaus wohnt der Jude Wermesch, der die ungari-
schen Soldaten mit Wein und Essen bewirtete, deshalb wurde sein Haus
als einziges in der ganzen Umgebung verschont. Tatbestand aufgenom-
men am 17.4.1941 von Johann Wuescht« (ebd. Dok. H297364).

Johann Wüschts Denunziation der jüdischen Bevölkerung ist dabei kein


Einzelfall, sondern fand ihre Ergänzung in einer Vielzahl vergleichbarer
Berichte. So schreibt Franz Hamm - ebenfalls ein früher Aktivist der deut-
schen Volksgruppe - über Neu-Werbass in der Batschka:
»Der Oberleutnant der ungarischen Truppe ... erklärte dem Unterzeich-
neten, serbische Heckenschützen schössen aus einem Maschinengewehr
vom Hause des jüdischen Arztes Dr. Alexander Fürts ... Auch vom
Dache des jüdischen Lederhändlers Breuer ... sei geschossen worden«
(ebd. Dok. H 297874).

Und in einem weiteren Bericht fanden dessen Verfasser, Erich Kirch und
Peter Ermler, die Vermutung bestätigt, dass die Beschießung ungarischer
Truppen bei ihrem Einmarsch in Neusatz 7 ebenfalls nicht aus Häusern der
Volksdeutschen erfolgte:

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Die Zerschlagung und Aufteilung des jugoslawischen Staates

»als man am nächsten Tage jenseits der hinter den Häusern liegenden
Gärten am Dachboden des Magazins eines jüdischen Kaufmannes mehre-
re Maschinengewehre und ein grosses in Zuckerkisten verpacktes Lager
von Munition fanden« (ebd. Dok. H297876).

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, als diese Berichte verfasst wurden, und
noch vor der ab Ende Mai »offiziell« beginnenden Judenverfolgung kam es
in einem der Siedlungsschwerpunkte der Banater Schwaben, in Groß-
Betschkerek, zu ersten massiven Übergriffen gegen den jüdischen Teil der
Bevölkerung. Die dort lebenden wohlhabenden Juden wurden zu einer
»Sühnezahlung« gezwungen. Sie mussten den Judenstern tragen und in ein
Ghetto umziehen (vgl. Manoschek 1998, 212). Laut einem Bericht der ju-
goslawischen Regierung vom Juli 1945 folgte ihnen bald die gesamte jüdi-
sche Bevölkerung des Banats. 8 Sie wurden in ein Belgrader Lager ver-
schleppt, aus dem die notwendigen Opfer für die »Sühnemaßnahmen« ent-
nommen wurden (vgl. Markovic 1945, 3 in Friedmann 2000).
Der Antisemitismus als Voraussetzung für die Herausbildung eines Ei-
genen, welches das Nationale einschließt, ergänzte somit die Vorwürfe
gegenüber den anderssprachigen Bevölkerungsgruppen. Die Denunziation
der jüdischen Bevölkerung beinhaltete dabei jenes klassische Motiv des
Antisemitismus, welches die Juden als das Fremde schlechthin mit den
widersprüchlichsten Schuldvorwürfen in Verbindung bringen kann. In
obigen Berichten wurden sie sowohl für die Kollaboration mit den Ungarn
als auch für deren Bekämpfung verantwortlich gemacht. Beide Seiten hat-
ten somit zwar die aus den unterschiedlichen Interessen Ungarns und der
Volksdeutschen resultierenden Probleme benannt, gleichzeitig aber auch
durch den Schuldvorwurf an fremde Dritte eine Lösung für den eigenen
Konflikt gefunden.
Es sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass auch vor dem Einmarsch
der deutschen Truppen in Jugoslawien ein virulenter Antisemitismus exis-
tierte. Ein kroatisches Flugblatt aus dem Jahr 1940, welches vom deutschen
Generalkonsulat in Zagreb nach Berlin geschickt worden war, um dort die
antijüdische Stimmung in Kroatien zu belegen, strotzte geradezu vor anti-
semitischer Hetzpropaganda (PA/AA: Inl. II A/B 5645 R99424 Dok. Dl7).
Der deutsche Gesandte in Belgrad, Feine, hatte schon 1939 festgestellt, dass
auch die jugoslawische Regierung unter Stojadinovic letztendlich alles an-
dere als judenfreundlich sei (PA/AA: Inl. II A/B 5645 R99424 Dok. D6). Die
von der Regierung vorgenommenen Maßnahmen zur »Ausschaltung der Ju-

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III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

den« aus dem Wirtschaftsleben sollten denn auch seine Einschätzung be-
stätigen (PA/AA: Inl. II A/B 5645 R99424 Dok. Jl9). Trotzdem muss festge-
halten werden, dass erst mit dem Zeitpunkt der Machtübernahme durch
die deutschen Besatzungsbehörden im Banat, in Serbien und der Ustascha
in Kroatien der Antisemitismus seine fatale Dynamik entfaltete. Die zum
Teil persönlichen Berichte der Volksdeutschen waren dabei auf der Ebene
der deutschen Besatzungspolitik, zumindest in einem legitimatorischen
Zusammenhang, später noch einmal von Bedeutung. Sie sollten im weite-
ren Verlauf von den zuständigen Stellen der SS zur Legitimation der Er-
mordung der jüdischen Bevölkerung herangezogen werden.

Nach der Zerschlagung und Aufteilung Jugoslawiens hatte sich der Zugriff
der Waffen-SS auf die dort lebenden Volksdeutschen insgesamt erleichtert.
Bei der Rekrutierung der Volksdeutschen in Kroatien musste zuerst noch
auf den mit dem Deutschen Reich verbündeten kroatischen Staat (USK)
Rücksicht genommen werden, da die Volksdeutschen zum Teil in der kro-
atischen Armee dienten (vgl. BA: NS19/1728). Deswegen konzentrierte sich
die Aufmerksamkeit der Waffen-SS zunächst auf das unter deutscher Mili-
tärverwaltung stehende Gebiet und hier besonders auf das westliche Banat
mit seinem hohen Anteil Volksdeutscher Bevölkerung (vgl. Sundhaussen
1971, 178). 9 Die dargestellten Konflikte zwischen den Volksdeutschen und
den ungarischen Besatzungsbehörden in der Batschka blieben in Zu-
sammenhang mit der Aufstellung Volksdeutscher bewaffneter Verbände für
die Zukunft des Banats nicht ohne Auswirkungen. Im Juli 1941 machte der
Staatssekretär Dr. Stuckart aus dem Reichsministerium des Inneren 10 dem
Botschafter des Auswärtigen Amtes Ritter den Vorschlag, den Zeitpunkt
der Übergabe des jugoslawischen Banats an Ungarn hinauszuschieben. Rit-
ter hatte im April 1941 die Ressortbesprechung in Wien über die Grundli-
nien der Aufteilung des jugoslawischen Staates geleitet (vgl. PA/AA: Inl.
Ilg 253/2423 Dok. H298095). Stuckart begründete diese Anregung in seiner
»Denkschrift zur Lage des Deutschtums im ehemaligen Jugoslawien« mit
dem Verweis auf die Bedeutung des deutschen Volkstums im Südostraum
(vgl. PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. H298075) sowie mit der schwierigen Si-
tuation der Volksdeutschen in den von Ungarn besetzten Gebieten (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. H298088). Wie mit dem Reichsführer-SS und
Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums, Heinrich
Himmler, abgesprochen wurde, sollte vor der endgültigen Übergabe erst
ein »Volksgruppenabkommen« zur Sicherung der Volksdeutschen Interes-

// 166
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

sen mit Ungarn abgeschlossen werden (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok.
H298081).
Die Angliederung des Banats an Ungarn sollte während des Zweiten
Weltkriegs nicht mehr realisiert werden. Auf diese Weise wurden von allen
ethnischen Gruppen der Donauschwaben die Banater Schwaben im Be-
reich des Militärbefehlshabers Serbien die einzige deutsche Volksgruppe,
auf welche die Waffen-SS ohne außenpolitische Rücksichten zugreifen
konnte.

2
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

2.1
Der Partisanenkrieg in Serbien bis zur Aufstellung
der 7. SS-Division »Prinz Eugen«

Schon am 15. April 1941 hatten der Reichsaußenminister und das


Oberkommando der Wehrmacht (OKW) auf Drängen des Leiters der VOMI,
Lorenz, die Freilassung aller Volksdeutschen jugoslawischen Kriegsgefan-
genen genehmigt (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 251/2419 Dok. H297823 - H297829).
Nachdem die Volksdeutschen aus den Gefangenenlagern durch die Volks-
deutsche Mittelstelle befreit worden waren, sollten sie der Waffen-SS zu-
geführt werden. In einem Brief vom 26. April 1941 an den Reichsführer-SS
versprach sich SS-Gruppenführer Berger davon mindestens tausend Mann
für seine Truppe (vgl. BA: NS19/2725). Ebenfalls im April stellte darüber
hinaus der SS-Gruppenführer Hausser, der damals die SS-Division »Das
Reich« kommandierte, SS-Untersturmführer Halwax, einem Aktivisten der
Erneuerer und nun Stabsleiter der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien,
vier Annahmekommissionen zur Verfügung, die planmäßig in den deut-
schen Gemeinden des Banats Musterungen durchführen sollten. Die aus
diesen Maßnahmen resultierenden Freiwilligen wurden von der SS-Divi-
sion »Das Reich« ausgebildet (vgl. BA: NS19/2725) und später an der Ost-
front eingesetzt. Ende April 1941 befanden sich dann die ersten Divisionen
der Wehrmacht schon wieder auf dem Weg in Richtung Sowjetunion, um
dort rechtzeitig zum Unternehmen »Babarossa« eintreffen zu können. So
blieben im jugoslawischen Raum nur sieben personell und materiell
schwache Divisionen zurück, die zusammen mit italienischen, bulgari-
schen und kroatischen Truppen die Besatzung sichern sollten (vgl. Vogel

// 167
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

1989, 541). Schon während des Abzugs der deutschen Divisionen kam es zu
ersten heftigen Partisanenüberfällen. Trotz der rücksichtslosen Härte, mit
der die Wehrmacht auf diese Überfälle reagierte - nicht nur bewaffnete Par-
tisanen, sondern alle sich in ihrer Nähe befindlichen Männer sollten er-
schossen und ihre Leichen zur Abschreckung aufgehängt werden - gelang
es nicht, der Aufstände Herr zu werden (vgl. ebd. 544). Der Partisanen-
kampf verschärfte sich nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion
im Juni 1941 weiter, da nun auch die kommunistischen Partisanengruppen
Titos in die Kämpfe eingriffen (vgl. ebd. 543). Aus einem Telegramm des Ge-
sandten Benzler vom 22. Juli 1941, in dem er auf Angaben Dr. Jankos ver-
weist, wird deutlich, dass deswegen bereits im Sommer 1941 deutsche Mi-
litärbehörden an den Volksgruppenführer herangetreten waren, um den
Aufbau eines »Volksdeutschen Freikorps« im Banat anzuregen (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. H298119). Dieses Freikorps sollte nach einer
zwölfwöchigen Ausbildung die zu schwachen deutschen Truppen gegen
kommunistische und sonstige Unruhen in Serbien unterstützen und etwa
1200 Mann umfassen. Parallel zu dem Vorschlag der Wehrmacht war aber,
laut Dr. Janko, auch die Waffen-SS mit dem Wunsch aufgetreten, ein SS-Re-
giment in Stärke von 2000 Mann mit Volksdeutschen aus dem Banat, der
ungarischen Batschka und Kroatien zu bilden. Unter Verweis auf außenpo-
litische Probleme hatte Benzler von den Vorhaben abgeraten, aber trotzdem
den Vorschlag gemacht, dass, falls man in Berlin die Aufstellung doch
wünschte, man diese Einheiten als ein Freikorps für den Kampf gegen Russ-
land ausgeben könnte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. H298119). Am 30.
Juli 1941 stimmte dann der Reichsaußenminister der Aufstellung eines
Wachregiments von Banater Schwaben in der getarnten Form eines Volks-
deutschen Freikorps zum Kampf gegen den Bolschewismus zu (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. H298121). Das Auswärtige Amt lehnte aber
die Aufnahme ungarischer, kroatischer und rumänischer Volksdeutscher
zu diesem Zeitpunkt aus außenpolitischen Erwägungen ab (vgl. PA/AA:
Inl. Ilg 253/2423 Dok. H298122). 11 Beschleunigt wurde die Aufstellung des
Wachregiments durch ein Schreiben des Militärbefehlshabers Serbien vom
7. August 1941. Darin ersuchte er Berlin um die Entsendung von zwei wei-
teren Polizeibataillonen, die er »zur Durchführung der erforderlichen Re-
pressivmaßnahmen« dringend benötigte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 99/1989 Dok.
H300991). Am 18. August 1941 musste der Chef der Ordnungspolizei in Ber-
lin, Daluege, zu seinem Bedauern ablehnen, da alle verfügbaren Polizei-
kräfte im Osten im Einsatz waren, wies aber darauf hin, dass er beim Ober-

//168
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

kommando des Heeres um Genehmigung zur Aufstellung von Schutzfor-


mationen aus Volksdeutschen der dortigen Gebiete gebeten habe (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 99/1989 Dok. H300999). Ab Ende August 1941 wurde auf
Vorschlag der VOMI, dem auch der Reichsaußenminister zustimmte, dem
Banater Wachregiment die Bezeichnung »Selbstschutz« gegeben (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 253/2423 Dok. H298124). Die endgültige Form des »Selbst-
schutzes« wurde dann in einem von Daluege in Vertretung unterzeichneten
Befehl des Reichsführers-SS vom 5. Oktober 1941 festgelegt. Er sollte im
Rahmen der Hilfspolizei in einer Stärke von tausend Mann aufgestellt wer-
den. Zu der Einheit wurden fünfzehn Polizeioffiziere und fünfzig Wacht-
meister aus dem Deutschen Reich für sechs Wochen als Ausbilder abkom-
mandiert (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 99/1989 Dok. H301008 - H301010).
Neben der Aufstellung des Selbstschutzes versprach sich die Wehr-
macht eine Stärkung ihrer Schlagkraft im Partisanenkrieg auch durch die
direkte Einstellung Volksdeutscher Freiwilliger in ihre Verbände. Dabei
konnten diese »orts- und sprachkundigen Soldaten« - den »Besatzungs-
truppen« beigegeben - wertvolle Dienste auf dem Balkan leisten, wie es
Dr. Janko (1982, 210) in einer Rückschau auf das Vorhaben der Wehrmacht
ausdrückt. In einem Schreiben des SS-Obergruppenführers Lorenz, des
Chefs der Volksdeutschen Mittelstelle, an den Reichsführer-SS vom 31.
März 1942 wird deutlich, dass die Wehrmacht bis November 1941 bereits
150 Volksdeutsche eingestellt hatte. Diese Zahl sollte sich bis Januar 1942
aufgrund der verschärften Aufstandslage um weitere 700 Volksdeutsche
Freiwillige erhöhen (vgl. BA: NS19/1728). Nach den bereits während des
Überfalls der Deutschen Wehrmacht auf Jugoslawien stattgefundenen
Kampfhandlungen zwischen Teilen der jugoslawischen Armee und den
Volksdeutschen Bürgerwehren stellt die Einbeziehung der donauschwäbi-
schen Bevölkerung in die Bekämpfung der Aufstandsbewegung, sowohl als
Selbstschutz als auch als Soldaten der deutschen Besatzungstruppen, ei-
nen weiteren Schritt bei der Eskalation des Krieges in Jugoslawien dar.
Die ersten Ansätze zur Aufstellung Volksdeutscher Verbände bei der
Partisanenbekämpfung waren dabei Teil eines umfassenden Entschei-
dungsprozesses über die langfristige strategische Vorgehensweise zur
Niederschlagung der Aufstände. In einem Telegramm Benzlers vom 14. Au-
gust 1941 an das AA wurden dabei die verschiedenen im weiteren Verlauf
tatsächlich realisierten Aspekte der Aufstandsbekämpfung deutlich. Benz-
ler hatte vorgeschlagen, sich zuerst auf die Vernichtung der kommunisti-
schen Verbände zu konzentrieren und die ihm

//169
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

»aufgetragene allgemeine Unschädlichmachung serbischer Verschwörer-


clique [zurückzustellen]. Gleichzeitiges Vorgehen gegen serbische
nationale Kreise und Kommunisten würde aber in jetzigem Zeitpunkt
unweigerlich zur Bildung Einheitsfront gegen uns führen. Empfehle
daher Zurückstellung der allgemeinen Reinigungsaktion bis Ruhe im
Lande wieder hergestellt ist« (PA/AA: Inl. II A/B 5546 R99424 Dok. J21).

Benzlers Einschätzung geht auf seine Erfahrungen beim Einmarsch Bulga-


riens in Südserbien zurück, worüber er dem Reichsaußenminister am
29. Januar 1942 in einem Telegramm berichtet hatte. Dort hatte sich tat-
sächlich eine Einheitsfront der ansonsten verfeindeten serbischen Partisa-
nengruppen Titos und Mihajlovics 1 2 gegen den gemeinsamen Feind Bulga-
rien gebildet (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 402/2817 Dok. 004). Benzlers Vorschlag,
erst nach der Vernichtung der kommunistischen Partisanengruppen ver-
stärkt den Kampf gegen die anderen Aufständischen aufzunehmen, sollte
langfristig die Strategie der deutschen Besatzungsbehörden gegenüber den
Partisanen bestimmen. 1 3 Darüber hinaus enthält Benzlers Telegramm den
ersten Hinweis auf eine Verknüpfung der Partisanenbekämpfung mit Maß-
nahmen gegen die jüdische Bevölkerung:
»Als Sofortmaßnahme habe ich schärfstes Vorgehen gegen ergriffene
Kommunisten sowie allgemein gegen Juden geordert, die einwandfrei
mit Kommunisten zusammenarbeiten. Erbitte hierzu Entscheidung, ob
Abtransport der Juden donauabwärts oder nach dem Generalgouverne-
ment erfolgen kann« (ebd.).

In einem Führerbefehl vom 16. September 1941, in dem der Wehrmachts-


befehlshaber im Südosten, Generalfeldmarschall List, mit der Niederschla-
gung der Aufstandsbewegung beauftragt wurde, forderte Adolf Hitler dann,
dass die Ordnung mit den schärfsten Mitteln wiederherzustellen sei (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 2816 Dok. H298587). Die Wehrmachtsführung versuchte,
der Ausdehnung des Partisanenkrieges nicht nur durch die Einbeziehung
der Volksdeutschen, sondern auch durch die Verlegung von weiteren Divi-
sionen nach Serbien zu begegnen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 2815 Dok. H298585 -
H298586). Darüber hinaus verschärfte sie noch die bereits bestehenden dra-
konischen Vergeltungsmaßnahmen. Am 14. Oktober 1941 erging ergänzend
zu einer Weisung des OKW vom 12. Oktober 1941 über Maßnahmen zur
Niederwerfung der kommunistischen Aufstandsbewegung vom »Bevoll-
mächtigten Kommandierenden General in Serbien«, Franz Böhme, die Ver-
fügung:

//170
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

»Künftig sind für jeden gefallenen deutschen Soldaten 100 und für jeden
Verwundeten 50 Gefangene oder Geiseln zu erschiessen. Zu diesem
Zwecke sind aus jedem Standortbereich sofort so viele Kommunisten
und Juden sowie auch national oder demokratisch getarnte aufrühreri-
sche Elemente - in erster Linie aus den Reihen der Waldgänger14 - fest-
zunehmen, als ohne Gefährdung der Kampfkraft bewacht werden kön-
nen« (Originaldokument abgedruckt in Friedmann 2000).

Die ausdrückliche Erwähnung der Juden in diesem Befehl war das Ergeb-
nis einer Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Dienststellen
der deutschen Behörden. So hatte der Gesandte Benzler aus Belgrad wei-
tere Telegramme nach Berlin geschickt, in denen er den Reichsaußenminis-
ter Ribbentrop um die Erlaubnis zur Abschiebung der Juden aus Serbien er-
suchte. Er begründete dies wieder mit der Aufstandslage, an der die Juden
beteiligt wären, und nahm damit indirekt Bezug auf denunzierende Be-
richte der Volksdeutschen. Am 8. September 1941 hieß es: »Nachweislich
haben sich bei zahlreichen Sabotage- und Aufruhrakten Juden als Mittäter
herausgestellt« (PA/AA: Inl. Ilg 194/2249 Dok. H297132). Benzler forderte
deswegen die »rasche und drakonische Erledigung« der serbischen »Ju-
denfrage« als »dringendstes und zweckmäßigstes Gebot« (ebd. Dok. L10),
und am 12. September, nachdem der Reichsaußenminister die Abschie-
bung abgelehnt hatte (vgl. ebd. Dok. H297131), wiederholte er sein Er-
suchen:
»Unterbringung in Arbeitslagern bei jetzigen inneren Zuständen nicht
möglich, da Sicherung nicht gewährleistet. Judenlager behindern und
gefährden sogar unsere Truppen. So ist sofortige Räumung des Lagers
von 1200 Juden in Sabac notwendig, da Sabac Kampfgebiet und in
Umgegend aufständige Banden in Stärke von mehreren Tausend Mann
festgestellt. Andererseits tragen Juden nachweislich zur Unruhe im
Lande wesentlich bei. Im Banat hat, seit dort Juden entfernt worden
sind, die hier in Serbien besonders schädliche Gerüchtemacherei sofort
aufgehört« (PA/AA: Inl. Ilg 194/2249 Dok. H297125).

Am 13. September 1941 notierte in Berlin Rademacher Luthers Kommentar


zu Benzlers Ersuchen. Luther meinte:
»M.E. müßte es bei der nötigen Härte und Entschlossenheit möglich
sein, die Juden auch in Serbien in Lagern zu halten. Wenn die Juden dort
nach wie vor Unruhen schüren, muß gegen sie mit verschärftem Stand-
recht vorgegangen werden. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Juden
weiter konspirieren, wenn erst eine größere Anzahl Geiseln erschossen
ist« (ebd. Dok. H297124).

// 171
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Am 1, Oktober 1941 weist Benzler darauf hin, dass die »im Gange befindli-
che militärische Aktion zur Aufstandsbekämpfung ... jetzt geeigneten
Zeitpunkt für den Beginn ... der Lösung der Judenfrage [schafft]« (ebd.
Dok. 231277). In der von Luther am 2. Oktober 1941 verfassten Vortragsno-
tiz zeichnet sich dann die im Weiteren praktizierte »Lösung der Judenfra-
ge« endgültig ab:
»Wenn der Militärbefehlshaber mit Benzler dahingehend einig ist,
dass diese 8000 Juden in erster Linie die Befriedungsaktion im serbi-
schen Altreich verhindern, so muss meiner Ansicht nach der Militär-
befehlshaber für die sofortige Beseitigung dieser 8000 Juden Sorge
tragen« (ebd. Dok. K205182).

Am gleichen Tag, dem 2. Oktober 1941, wurde eine Lastwagen-Kolonne der


342. Infanteriedivision von Partisanen überfallen. Daraufhin ließ der Be-
vollmächtigte Kommandierende General in Serbien, Franz Böhme, 2100 Ju-
den zur Vergeltung erschießen (vgl. Friedmann 2000,3). Als im Oktober 1941
Rademacher dann eine Dienstreise nach Belgrad unternahm, um die Unter-
suchung der Maßnahmen gegen die 8000 »jüdischen Hetzer« vor Ort vorzu-
nehmen, konnte er am 25. Oktober 1941 über ein Gespräch mit den Sachbe-
arbeitern der Judenfrage berichten:
»1. Die männlichen Juden sind bis Ende dieser Woche erschossen, damit
ist das in dem Bericht der Gesandtschaft angeschnittene Problem erle-
digt. 2. Der Rest von etwa 20 000 Juden (Frauen, Kinder und alte Leute)
sowie rund 1500 Zigeuner, von denen die Männer ebenfalls noch er-
schossen werden, sollte im sogenannten Zigeunerviertel der Stadt
Belgrad als Ghetto zusammengefaßt werden. Die Ernährung für den
Winter könnte notdürftig sichergestellt werden« (ebd. Dok. H297106).

Im gleichen Schreiben bemerkte Rademacher, dass von den etwa 2000 Ba-
nater Juden nur noch 600 am Leben seien (vgl. ebd. Dok. H297105). Am
10. Mai 1942 war dann auch die Ermordung der Frauen, Kinder und alten
Leute abgeschlossen. Es gab in Serbien »keine Judenfrage mehr« (vgl. Hil-
berg 1990, 737). 15 Wie Hilberg (ebd. 733) schreibt, blieb auch den Militärbe-
hörden der grundlegende Widerspruch nicht verborgen, dass die Partisa-
nen in erster Linie Serben und Kroaten, die Geiseln aber Juden und Zigeu-
ner waren. In einem Privatbrief an den Höheren SS- und Polizeiführer von
Danzig, SS-Gruppenführer Hildebrandt, hatte Staatsrat Turner im Oktober
1941 sogar geschrieben, dass es im Grunde unlogisch sei, für einen von Ser-
ben ermordeten Deutschen nicht hundert Serben, sondern hundert Juden

//172
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

zu erschießen (vgl. ebd.). Trotzdem war die Verbindung von Partisanenbe-


kämpfung und der Ermordung der Juden nicht einfach nur eine taktische
Spielart nationalsozialistischer Rechtfertigungspropaganda, wenn der
Brief Turners auch diesen Eindruck erwecken mag. Vielmehr war sie das
logische Resultat aus der Verbindung des »eliminatorischen Antisemi-
tismus« des Nationalsozialismus (Goldhagen 1996) mit dem Versuch, die
Bedeutung der ethnischen Eigenständigkeit der Donauschwaben zugun-
sten einer nationalen, rassischen Einheit aller Deutschen aufzugeben. Bei-
de, sowohl die Besatzungsbehörden als auch die Volksdeutsche Bevölke-
rung, waren davon überzeugt, dass in einer Situation, in der die Grenzen
zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen entlang ethnischer
und nationaler Merkmale immer schärfer gezogen wurden, die Juden - als
die universellen Gegner jeder rassischen und nationalen Reinheit - auch
die gegen die deutsche Vorherrschaft gerichteten Partisanenaktionen unter-
stützten. Insofern gleichen sich logischerweise auch die Anklagen aus der
Volksdeutschen Zivilbevölkerung zur Zeit des Einmarschs ungarischer
Truppen in die Batschka und die Anklagen der deutschen Besatzungsbe-
hörden gegen die Juden in der Zeit des Partisanenkampfes.
Die wegen der verschärften Aufstandslage vom Wehrmachtsbefehlsha-
ber Südost geforderten Konsequenzen, wie etwa die Unterstellung der Ver-
waltungsbehörden unter die Kontrolle des »Bevollmächtigten Komman-
dierenden Generals«, der die gesamte vollziehende Gewalt in Serbien, also
Militärverwaltung und Truppenkommando, übernehmen sollte (vgl. Vogel
1989, 544), führten zu einer heftigen Auseinandersetzung innerhalb der Be-
satzungsbehörden (vgl. Friedmann 2000, 5 ff). Verwaltungschef SS-Grup-
penführer Dr. Turner, der die Beschneidung seiner Kompetenzen nicht
hinnehmen wollte, war in einem Antwortschreiben vom 6. Februar 1942 an
Oberst Foertsch der Meinung, dass aufgrund der Schwäche der deutschen
Divisionen »den Aufständischen mit militärischen Mitteln nicht beizu-
kommen« (BA: NS19/1728) sei. Für Turner hing die Frage, ob der im Früh-
jahr allgemein erwartete Aufstand in Serbien tatsächlich ausbrechen soll-
te, von der Kriegslage und damit nicht zuletzt von der Art der Führung der
örtlichen deutschen Politik auf dem Balkan ab (vgl. ebd.). Der Chef des Ge-
neralstabes beim Wehrmachtbefehlshaber Südost, Hermann Foertsch, hat-
te ihm vorher am 2. Februar 1942 geschrieben,
»daß in Serbien die Verhältnisse leider völlig anders liegen als in ande-
ren Gebieten wo - abgesehen von kleinen Sabotageakten - Ruhe
herrscht. Serbien ist, so gesehen, kein besetztes Gebiet, sondern Opera-

//173
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

tionsgebiet, in dem Krieg herrscht und leider auch auf absehbare Zeit
weiter herrschen wird« (BA: NS19/1730).

Foertsch beschrieb mit seiner Einschätzung der Situation in Serbien das


zentrale Problem der deutschen Besatzungsbehörden. Das ehemalige Jugo-
slawien hatte schon in der Vorkriegszeit in den wirtschaftlichen Planungen
des Deutschen Reichs als Teil des sogenannten »Großwirtschaftsraumes
auf dem Balkan« (Schlarp 1986, 411) eine wichtige Rolle gespielt. Wie auch
in anderen besetzten Gebieten erwartete die deutsche Führung durch die
Ausbeutung Jugoslawiens eine Stärkung des Kriegspotenzials (vgl. ebd.).
Dieses Ziel drohte durch den Partisanenkrieg zu scheitern.

2.2
Die Situation der Volksdeutschen im B a n a t

Der Druck, unter dem die deutsche Besatzungspolitik in Serbien


stand, hatte massive Auswirkungen auf die deutschsprachige Bevölkerung.
Sie wurde de facto in einem doppelten Sinne zum Bestandteil der kriegs-
führenden Besatzungsmacht. Erstens nahmen Teile der Volksdeutschen
auch schon vor der Aufstellung der SS-Division »Prinz Eugen« real an der
Bekämpfung der jugoslawischen Partisanen teil und waren damit aktiv an
der Unterdrückung ihrer ehemaligen Nachbarn beteiligt. Zweitens profi-
tierte die deutschsprachige Bevölkerung erheblich von den Maßnahmen
der deutschen Militär- und Besatzungsbehörden (vgl. Schlarp 1986, 346),
die neben militärisch-strategischen auch die wirtschaftlichen Interessen
des Deutschen Reichs vertraten. Der Schwerpunkt der deutschen Anforde-
rungen an die serbische Wirtschaft lag dabei sowohl auf der Ausbeutung
von Rohstoffquellen in Serbien als auch auf der Nutzung der Landwirt-
schaft im Banat (vgl. Schlarp 1986, 414). Aber bereits mit der verschlech-
terten Sicherheitslage in der zweiten Jahreshälfte 1941 ging der Abtransport
von Rohstoffen aus Beutebeständen erheblich zurück (vgl. ebd. 189). Wäh-
rend aber die Rohstoff-Förderung der Kriegsjahre auch weiter hinter der
früheren Förderung zurückblieb - sie erreichte nie mehr als 50 % des Vor-
kriegsstandes - (vgl. ebd. 415) konnte die landwirtschaftliche Produktion
im Banat durch die Zusammenarbeit zwischen den Volksdeutschen und
den Besatzungsbehörden (ebd. 355) sogar noch weiter gesteigert werden.
Dabei war schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges der jugoslawische

//174
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

Teil des Banats zusammen mit der Batschka und der Südbaranja sowohl für
die Versorgung Jugoslawiens als auch für den Export von herausragender
Bedeutung (vgl. Schlarp 1986, 338). 16 Bereits Ende der dreißiger Jahre hat-
ten die donauschwäbischen Genossenschaften in Hinblick auf die kriegs-
bedingten Anforderungen durch das Deutsche Reich den Hanf-, Rizinus-
und Sonnenblumenanbau intensiviert (vgl. Annabring 1955, 50).
Um die kriegswichtige Produktion ab 1941 noch zu steigern, war die
Stärkung der Volksdeutschen im besetzten Banat und in Serbien nach der
Niederlage der jugoslawischen Armee wesentlicher Bestandteil der deut-
schen Besatzungspolitik (vgl. Schlarp 1986, 338ff). Daraus ergab sich für
die Volksgruppenführung trotz der übergeordneten Bedürfnisse der deut-
schen Kriegswirtschaft die Möglichkeit, ihr Vorhaben einer Verbesserung
der ländlichen Wirtschafts- und Verwaltungsstruktur zugunsten der
deutschsprachigen Landbevölkerung weiterzuverfolgen (vgl. ebd. 343). Am
5. Juni 1941 fand eine Besprechung zwecks Regelung der Verhältnisse im
Banat zwischen Vertretern der Volksdeutschen, dem serbischen Staat und
den deutschen Militärbehörden in Belgrad statt (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
253/2423 Dok. H298156). Auf dieser Besprechung wurden die entscheiden-
den Festlegungen getroffen, die es der Volksgruppenführung ermöglichten,
die Verwaltung des Banats weitgehend unabhängig von der serbischen Re-
gierung zu gestalten. So wurden in allen Bereichen wie dem Schul- und
Justizwesen, der Gemeinde-, Finanz- und Postverwaltung den Volksdeut-
schen entscheidende Befugnisse eingeräumt (vgl. ebd. Dok. H298157). In ei-
nem Zusatzprotokoll wurde festgelegt, dass in Gemeinden mit einer großen
Anzahl von Volksdeutschen grundsätzlich ein Volksdeutscher Bezirksvor-
steher wurde, während man in Gemeinden und Städten, in denen nur we-
nige Volksdeutsche lebten, auch Vertreter anderer Bevölkerungsgruppen
als Bezirksvorsteher oder Bürgermeister zuließ. 17 Grundsätzlich wurden in
allen Städten ausschließlich Volksdeutsche zu Polizeipräsidenten ernannt
(vgl. ebd. Dok. H298159). 18 Wegen der führenden Rolle der deutschen
Volksgruppe im Banat kam es immer wieder zu Spannungen mit der unga-
rischen Volksgruppe. Hier setzten sich die alten Rivalitäten fort, da für die
ungarischen Behörden das Banat letztendlich zu Ungarn gehörte und sie
die deutschen Privilegien nicht anerkennen wollten. Dies führte in den Jah-
ren 1942 und 1943 zu einem Austausch von Memoranden und Schriftstü-
cken zwischen dem deutschen und dem ungarischen Auswärtigen Amt,
ohne dass die Schwierigkeiten ausgeräumt werden konnten (vgl. PA/AA:
Inl. Ilg 283/2497). 19

// 175
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Ein erster Ausdruck der neuen Machtverhältnisse war die Änderung der
Landreform von 1919. Viele der damals mit Land versehenen serbischen
Neusiedler hatten sich nach der Niederlage Jugoslawiens im April 1941 den
Partisanen angeschlossen und ihren Besitz nördlich der Donau aufgegeben.
Am 19. Juni 1941 wurde von der Kommissarischen Serbischen Regierung
auf Veranlassung der deutschen Besatzungsbehörden eine Gesetzesverord-
nung erlassen, die den Verkauf von nicht selbst bewirtschaftetem Grund-
besitz vorschrieb (vgl. Schlarp 1986, 344). Des Weiteren wurde für die Til-
gung der dem serbischen Staat vom Deutschen Reich für entstandene
Kriegsschäden auferlegten Schulden in Höhe von 500 bis 600 Millionen Di-
nar ein besonders fruchtbarer Landstrich, das »Pancevoer Ried«, an die
Volksdeutschen verkauft. Diese konnten, wie es in einem Brief der VOMI
an das Auswärtige Amt vom 24. Oktober 1941 heißt, auf diese Weise 42 000
Joch guten Ackerbodens erwerben (vgl. PA/AA: Inl. Ild R100614). Ebenfalls
im Herbst 1941 wurde der Kauf und Verkauf von Grundstücken genehmi-
gungspflichtig. So sollte, wie aus einem Schreiben der VOMI an den Volks-
gruppenführer Janko vom 11. November 1941 hervorgeht, ausdrücklich der
Bodenerwerb für Volksdeutsche erleichtert und im Gegenzug für Serben er-
schwert werden (BA: NS19/1728). Damit bediente sich die deutsche Besat-
zungsmacht eben jener Mechanismen, die noch, als der jugoslawische
Staat sie angewandt hatte, von donauschwäbischer Seite massiv kritisiert
worden waren. In einem Schreiben des Auswärtigen Amtes an den Volks-
gruppenführer Dr. Janko vom 11. November 1941 wird über die Unterbin-
dung des Liegenschaftsverkehrs ausgeführt, dass diese Maßnahme in kei-
ner Weise gegen Bodenkäufe der Volksdeutschen gerichtet sei, sondern
vielmehr eine Sicherung gegenüber nichtdeutschem Bodenkauf darstellen
sollte - also, wie es in dem Schreiben heißt, »eine Erneuerung der zur ju-
goslawischen Zeit eingeführten Kampfbestimmungen ... mit umgekehrten
Vorzeichen« sei (PA/AA: Inl. Ild R100614). Auch das im März 1942 einge-
führte Früchtepfandrecht »zur Förderung der kriegswirtschaftlich wichti-
gen Produktion« gelte nur für Volksdeutsche und werde »nur von Volks-
deutschen Verwaltungs- und Kreditorganen durchgeführt« (BA: NS19/
1728), wie die VOMI dem Reichsführer-SS berichtete.
Bei der Arisierung jüdischer Geschäfte und Betriebe, die bereits 1941 be-
gann, sich insgesamt aber bis 1944 hinzog, wurden ebenfalls in erster Linie
Volksdeutsche bedacht (vgl. Schlarp 1986, 294). 20 Allerdings musste dabei
zum Teil auf die Ansprüche der im Banat lebenden Ungarn Rücksicht ge-
nommen werden. Aus einem Schreiben der VOMI an das Auswärtige Amt

//176
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

vom 30. Oktober 1941 wird deutlich, dass nach einer Besprechung zwi-
schen dem SS-Brigadeführer Behrends und dem Volksgruppenführer
Dr. Janko vereinbart wurde, dass der »Judenbesitz« entsprechend dem Zah-
lenverhältnis zwischen Deutschen und Madjaren zu zwei Dritteln von den
Volksdeutschen und zu einem Drittel von den Ungarn beansprucht werden
konnte (vgl. PA/AA: Inl. Ild R 100614). 2 1 Dass die Volksdeutschen an dem
Verkauf des »Judenbesitzes« regen Anteil nahmen, wird aus einem Schrei-
ben an die VOMI vom 31. Oktober 1941 ersichtlich. Hier beschwerte sich
der Landesbauernführer der Deutschen Volksgruppe, Sepp Zwirner, dass
die Genehmigung des Kaufs von »Judenbesitz« zu langsam vor sich ging,
und verlangte eine schnelle Verbesserung dieser Situation (vgl. ebd.). 22 Ins-
gesamt war das Ziel der Arisierungsmaßnahmen offensichtlich. Es ging
auch hier darum, die Stellung des »Deutschtums« zu stärken. Aus einem
Aktenvermerk zu einer Besprechung über die Verwaltung des Judenvermö-
gens vom 17. März 1942 ist zu entnehmen, dass die dabei getroffenen Maß-
nahmen nicht nur bewusst ergriffen, sondern auch öffentlich bekannt ge-
macht worden waren:
»Seit der Erwerb wirtschaftlicher Unternehmen aus undeutscher Hand
möglich ist, wurde auf eine breite Heranführung von Volksdeutschen
Kaufinteressenten wert gelegt. Es erfolgte diesbezüglich eine Bekannt-
machung des Hauptamtes für Volkswirtschaft in geeigneter Weise (intern
bei Amtsverwaltertagungen und öffentlich durch die Zeitung Banater
Beobachter). Die Auswahl zwischen den Anmeldungen wurde im Hin-
blick auf früheren volkspolitischen Einsatz und nach sozialen Gesichts-
punkten getroffen« (PA/AA: Inl. Ild 5/3 R100548).

Dabei scheint es hier in der ersten Phase der Arisierungen zu einer über-
proportionalen Bereicherung von Teilen der Volksgruppenführung gekom-
men zu sein. Deutlich wird dies in einem dem Legationsrat Dr. Reichel am
28. April 1942 vorgelegten Bericht:
»Die Tatsache jedoch, dass diese bisher zum größten Teil vermögenslos-
en hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Angehörigen der Volksgruppen-
führung plötzlich Grundstücke besaßen, hat sich stimmungsmäßig in der
Bevölkerung so schlecht ausgewirkt, daß es schließlich zu einer Prestige-
frage für die Volksgruppenführung wurde und Volksgruppenführer
Dr. Janko sich gezwungen sah, ... sämtliche von Angehörigen der Volks-
gruppenführung geschlossenen Privatverträge zum Erwerb von Juden-
vermögen rückgängig zu machen« (PA/AA: Inl. Ild 19/2 R100587). 23

// 177
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Insgesamt hatte im Banat mit seinem großen Anteil deutschsprachiger Be-


völkerung die Arisierung nach dem Bericht der Treuhandverwaltung vom
31. Dezember 1943 dazu geführt, dass 80% der arisierten Vermögensobjek-
te auf Volks- oder Reichsdeutsche entfallen waren, während es in Restser-
bien mit seinem geringen Anteil deutschsprachiger Bevölkerung immerhin
noch 52% waren (vgl. Schlarp 1986, 301). Dabei hatten die Verkäufe auf
dem Preisniveau vom April 1941 getätigt werden müssen, was schon bei Er-
werb den Käufern einen Gewinn zusicherte, der anderweitig auch bei be-
ster Geschäftsführung nicht zu erzielen gewesen wäre (ebd. 300). Darüber
hinaus waren es wiederum Volksdeutsche, die von der Treuhandverwal-
tung als »kommissarische Leiter« jüdischer Betriebe eingesetzt wurden
und so großen Einfluss auf deren Weiterführung hatten (ebd. 301). So be-
fand sich unter den sechzehn kommissarischen Leitern von arisiertem jü-
dischem Vermögen, die zwischen Juli 1941 und März 1942 in der Belgrader
Donauzeitung aufgeführt wurden, nicht ein einziger mit jugoslawischem
Namen (vgl. Hilberg 1990, 728).
Die wirtschaftliche Stärkung der Volksdeutschen wirkte sich für die Be-
dürfnisse der Besatzungsbehörden nachdrücklich positiv aus. Das Banat
stellte drei Viertel seiner landwirtschaftlichen Überschüsse für die Ausfuhr
und die Versorgung der in Serbien stationierten Besatzungstruppen zur
Verfügung. Die Banater Landwirtschaft war sogar in den Jahren 1943/44,
trotz der erfolgten Aufstellung der SS-Division »Prinz Eugen« und dem
daraus resultierenden Mangel an Volksdeutschen Arbeitskräften, zu einer
Steigerung ihrer Produktion in der Lage (vgl. Schlarp 1984, 354). In einer
am 22. Juli 1943 von Belgrad an das Auswärtige Amt geschickten »Aufstel-
lung über den Kriegseinsatz der Deutschen Volksgruppe im Banat und Ser-
bien« hieß es, dass de facto 17% der Volksgruppe eingezogen worden wa-
ren. Aus dem gleichen Schreiben wird ersichtlich, dass die Leistungen in
der Produktion auf den besonderen Einsatz der Frauen, denen »andersna-
tionale« Arbeitskräfte zugewiesen wurden, und den Ernteeinsatz der
»Deutschen Jugend« zurückzuführen war (PA/AA: Inl. IIc 32/153 R100380).
In einem Vortrag, den der Leiter des wirtschaftlichen Hauptamtes, Leopold
Egger,24 anlässlich der ersten Banater Hochschulwoche vom 3. bis 10. April
1944 in Betschkerek gehalten hatte, wurde die wirtschaftliche Bedeutung
der Banater Schwaben zusammengefasst (vgl. PA/AA: Inl. Ild 5/3 R100548).
Aus Eggers Vortrag wird die ganze Dynamik deutlich, die das Wirtschafts-
leben der Banater Schwaben in den wenigen Jahren der deutschen Beset-
zung entwickelt hatte. In Hinblick auf die Bodennutzung führt Egger aus,

//178
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

dass sich seit 1835 der Bodenbesitz der Volksdeutschen durch Ankauf von
Grundstücken um 1 2 9 % vergrößert hatte. Da 1919 bei der Landreform ein
Großteil Volksdeutschen Bodenbesitzes an serbische Landbevölkerung ver-
teilt worden war und bei den aus der Änderung der Landreform von 1941
resultierenden Landaufkäufen zu 85 % Volksdeutsche beteiligt waren (vgl.
Schlarp 1986, 344), wird der Zusammenhang zwischen deutscher Besat-
zungsmacht und der neuerlichen Ausdehnung der Volksdeutschen Land-
wirtschaft ersichtlich. Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang bei der
industriellen Produktion. Nach Egger waren 1944 etwa 58 % der Gesamtin-
dustrie und sogar 7 7 % der Mühlen, im Banat der wichtigste industrielle
Bereich, in Volksdeutschem Besitz. Bei den technisch besser ausgestatteten
Handels- und Exportmühlen waren es noch 5 0 % . Vor der Arisierung wa-
ren zahlreiche dieser landwirtschaftlichen Schlüsselbetriebe, wie Mühlen
und Maisdörranlagen oder auch die Ölfabrik A. G. und die Zuckerfabrik
A.G. in Betschkerek sowie eine der bedeutendsten Glasfabriken Südost-
europas, in Pantschowa, in jüdischem Besitz (vgl. Schlarp 1986, 295). Vom
gesamten Aktienkapital aller sechzehn Banken im Banat entfielen 60 % auf
die drei deutschen Banken. Die Differenz zwischen den wirtschaftlichen
Möglichkeiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Banat zeigt
sich auch bei den Spareinlagen: 87 % der Einlagen befanden sich auf Kon-
ten der deutschen Banken, von denen wiederum 84 % von deutschen Spa-
rern getätigt worden waren (vgl. PA/AA: Inl. Ild 5/3 R100548). Darüber hin-
aus bemühte sich die Volksgruppenführung Ende 1942 aktiv auch in Hin-
blick auf die Bezahlung von Beamten, die Vergabe von Sonderrationen und
anderer Vergünstigungen um die völlige Gleichstellung der Volksdeut-
schen im Banat und in Serbien gegenüber den Reichsdeutschen, wie der
Gesandte Benzler an das Auswärtige Amt in Berlin berichtete (PA/AA: Inl.
IIc R100382). Im Juli 1943 schrieb Benzler dann:
»Den deutschen Volkszugehörigen im Banat werden im Grunde genom-
men die gleichen Pflichten wie den Reichsangehörigen auferlegt. Dies
gilt insbesondere bezüglich ihrer Kriegsdienstleistung. Es ist daher nur
billig, wenn sie auch bezüglich ihrer Rechte den Reichsdeutschen
gleichgestellt werden« (PA/AA: Inl. Ilg 283/2497 Dok. H299801).

Im August 1943 erfolgte dann die letzte »Verordnung über die Rechtsstel-
lung der deutschen Volksgruppe« im Banat und in Serbien, die, wie sich
später Janko ausdrückte, alle »Erfordernisse«, welche die Volksgruppen-
führung für »unerläßlich« hielt, erfüllte (vgl. Janko 1982, 100). Die Banater

i
//179
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Schwaben erwiesen ihren Dank für den Aufstieg ihrer Volksgruppe durch
überdurchschnittliche Leistungen bei der Ausfuhr von landwirtschaft-
lichen Produkten ins Deutsche Reich 2 5 und einen hohen Anteil an Kriegs-
teilnehmern.
Für die Volksdeutschen, besonders im Banat und in Serbien, ergab sich
aus den Maßnahmen der deutschen Besatzungsbehörden eine zweischnei-
dige Situation. Grundsätzlich wurden sie als Angehörige der Volksgruppe
nicht nur kollektiv, sondern auch individuell zu Profiteuren der Besat-
zungspolitik. Damit musste aber jeder Volksdeutsche fürchten, unabhängig
von seiner persönlichen Beteiligung an Kampfhandlungen, gerade auch
durch die allgemein verbesserte Stellung der deutschen Volksgruppe gene-
rell als Angehöriger des »deutschen Volkes« zu gelten und so zur Ziel-
scheibe für Racheakte und von Partisanenüberfällen zu werden.
Wegen der Stärke der Partisanenverbände war es der deutschen Besat-
zungspolitik nicht möglich, die Volksdeutsche Zivilbevölkerung in allen
Teilen des ehemaligen Jugoslawiens gleichermaßen vor Überfällen zu
schützen. Die Intensität der Bedrohung variierte je nach Zeitpunkt und
Region. Während beispielsweise die durch die Überfälle schwierig gewor-
dene Lage der Volksdeutschen in Bosnien-Herzegowina deren Umsiedlung
verlangte, wurde das Banat 1942 von der deutschen Besatzungsmacht rela-
tiv sicher kontrolliert (vgl. BA: NS19/41). Am 15. Januar 1942 konnte der
Polizeipräfekt für das Banat, Reith, berichten, dass die Partisanenbewe-
gung im Banat zerschlagen worden war (PA/AA: Inl. Ilg 283/2500 Dok.
H299920). 2 6 Die wirtschaftliche und soziale Situation der Volksdeutschen
im Banat während der Zeit der deutschen Besatzung kann denn auch tref-
fend mit den Worten Jankos umschrieben werden:
»Die seit 20 Jahren gehegten Wünsche der Volksgruppe [gingen] infolge
der Besetzung des Landes fast restlos in Erfüllung und das Westbanat
[war] dadurch im Vergleich zu den anderen deutschen Volksgruppen des
Südostens im Vorteil« (Janko 1982, 230). 27

An dieser Stelle soll noch einmal auf den Aspekt der Ein- beziehungsweise
Ausgrenzung durch die Volksgruppe eingegangen werden. Das Phantasma
der Reinheit äußerte sich nicht nur in der Ausgrenzung und Vernichtung
der jüdischen Bevölkerungsteile des Banats und Serbiens. Auch gegenüber
der durch Akkulturation und intermarriage eingetretenen Veränderung im
Verhältnis von Teilen der Banater Schwaben zu ihren serbischen Nachbarn
kommt sie zum Tragen. Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit in einem

//180
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

Schreiben Jankos an den Reichsführer-SS Himmler vom 3. Juli 1943. Janko


schrieb, dass die Volksgruppenführung schon vor dem Krieg versucht hat-
te, alle »Volksgenossen« zu erfassen und weltanschaulich zu schulen, aber
dabei vor allem in Südserbien und in Belgrad auf Schwierigkeiten gestoßen
sei. Er fährt fort: »Es kamen damals nur die wertvolleren. Die sozial schon
sehr gesunkenen Teile, diejenigen, die Mischehen eingegangen waren oder
aus Mischehen stammten, blieben fern« (BA: NS19/2601). Janko kommt
dann darauf zu sprechen, dass - nachdem deutsche Truppen einmarschiert
waren und Deutsche bei der Lebensmittelvergabe bevorzugt wurden - nun
auch diejenigen, die vorher fern geblieben waren, der Volksgruppe beitre-
ten wollten. Auf Weisung Jankos waren sie aber nur als Bewährungsmit-
glieder eingestuft und in den folgenden zwei Jahren ständig »gesiebt« wor-
den. Bei der letzten »Hauptkontrolle«, ob der Einzelne als Deutscher ange-
sehen werden konnte, wurden die restlichen Bewährungsmitglieder in drei
Gruppen - A, B und C - eingeteilt:
»A.) Hiess: Charakterlich, volkspolitisch einwandfrei, sozial sicherge-
stellt. B.) Hiess: Charakterlich einwandfrei, volkspolitisch unzuverlässig.
Da Mischehe eingegangen oder aus Mischehe stammend. Wobei keine
Gewähr für die deutsche Erziehung der Kinder gegeben ist. Ebenso fielen
in diese Gruppe jene, die rein deutscher Abstammung sind, aber schwer
in eine sozial gehobene Stellung untergebracht werden können, bez. den
Arbeitsplatz gerne wechseln. C.) Hiess: Zu viel serbisches Blut, absolut
unzuverlässig, asozial. C. wurde endgültig aus der Volksgruppe ausge-
schlossen und ihr die Zugehörigkeit zum Deutschtum aberkannt« (BA:
NS 19/2601; Hervh. v. Verf.).

Die Gruppe A sollte laut Janko als Vollmitglieder aufgenommen, der über-
wiegende Teil von B - 323 Familien mit 1765 Personen - sollte ins Reich
ausgesiedelt werden, damit sie sich aus der »volksfremden« Umgebung lö-
sen und ihre Kinder für das Deutschtum gewonnen werden könnten. Da
aber die meisten dieser Familien Männer und Söhne bei der Division
»Prinz Eugen« hatten, befürchtete Janko, dass Unruhe entstehen könnte,
wenn die Volksgruppenführung selbst die Umsiedlung verfügen würde.
Janko betonte, dass die Umsiedlung von größter Wichtigkeit sei:
»Es liegt im deutschen Interesse, dass hier in Belgrad Deutsche leben, die
sozial, wirtschaftlich und kulturell, aber auch volkspolitisch ihrer
Umgebung gegenüber überlegen sind. Es geht nicht an, dass die Volks-
gruppe, wie dies in früheren Jahren der Fall war, hier in Belgrad den
Serben einen Hausmeister. Dienstmädchen und Bürodiener abgibt.

// 181
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Diesem aber kann nur durch eine radikale Umsiedlung abgeholfen


werden. Ich bitte deshalb um ihre Entscheidung« (ebd.; Hervh. v. Verf.).

In Jankos Schreiben finden sich alle Aspekte, welche die ungeheure De-
struktivität und Unmenschlichkeit von Nationalismus - hier Nationalsozi-
alismus - und Rassismus ausmachen. Die dabei zum Tragen kommende
Formel war ebenso einfach wie menschenverachtend: Je reiner das Eigene
ist, desto mehr ist es dem Fremden überlegen. Je mehr Fremdes im Eigenen
vorhanden ist, desto mehr ist die eigene Überlegenheit gefährdet. Dies
straft alle Beteuerungen nationalistischer Ideologie Lügen, nachdem Natio-
nalismus ausschließlich die Theorie der Verschiedenheit und nicht die der
Überlegenheit der eigenen Nation, des eigenen Volkes und der eigenen Ras-
se beinhaltet. 28 Aus diesem Herrschaftsaspekt des Phantasmas der Reinheit
leitet sich die Radikalität und Konsequenz der von den deutschen Stellen
durchgeführten Maßnahmen ab. Die Einteilung in A, B, C konnte für die da-
von betroffenen Personen einerseits bedeuten, dass sie als Serben, also »C-
Menschen«, zu den Zivilisten gehören konnten, die als Geiseln bei »Süh-
nemaßnahmen« erschossen wurden. Andererseits konnte man als vollwer-
tiger Deutscher, also »A-Mensch«, materiell von dem Sieg der deutschen
Truppen profitieren. Konsequenter kann die Verbindung der psychischen
Motivation der einfachen Mitglieder einer ethnischen Gruppe mit den ei-
gennützigen, politisch-ökonomischen Interessen der Führungsschichten
nicht hergestellt werden, kann der Eindruck einer homogenen Einheit
nicht erzwungen werden.
In den Jahren ab 1941 konnten dann die Volksdeutschen durch ihre Zu-
gehörigkeit zur Volksgruppe nicht nur ihre Privilegien genießen, 29 sondern
wurden im weiteren Kriegsverlauf auch vermehrt in die Verteidigung ihrer
bevorzugten Stellung eingebunden. Das heißt, bei der Motivation der
Volksdeutschen für ihren Einsatz im Kampf gegen ihre ehemaligen Nach-
barn war die Angst vor dem Fremden, war der Wunsch, das Fremde zu be-
kämpfen, mit konkreten materiellen und sozialen Interessen verknüpft.

//182
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

2.3
Erste Pläne zur Aufstellung einer neuen
SS-Division

Der Überfall auf die Sowjetunion wurde für die Verwendung der
Volksdeutschen in der Waffen-SS zum Wendepunkt. Bis zu diesem Zeit-
punkt war die Rekrutierung von Volksdeutschen für die Waffen-SS unter
rein quantitativen Gesichtspunkten vorgenommen worden. Die Stellung
der Wehrmacht als alleiniger Waffenträger der Nation hatte zwar seit den
Führererlassen vom 17. August 1938 und 18. Mai 1939 in den bewaffneten
Verbänden der SS Konkurrenz bekommen, doch blieb der Zugriff der SS
bei den reichsdeutschen Rekruten auf Freiwillige beschränkt (vgl. Wegner
1997, 112 ff). Die SS versuchte durch vielfältige Maßnahmen ihre Truppen-
stärke trotzdem zu erhöhen. Sie forcierte den Druck bei der Rekrutierung
von reichsdeutschen Freiwilligen und wandte sich vermehrt den im Aus-
land lebenden Volksdeutschen sowie aus so genannten »germanischen
Ländern« stammenden ausländischen Freiwilligen zu (vgl. ebd. 274). Die
Idee, durch die Rekrutierung von Volksdeutschen eine zahlenmäßige Ver-
stärkung der Waffen-SS zu erreichen, ging auf den Leiter des SS-Hauptam-
tes Gottlob Berger zurück (vgl. Stein 1967,153; Wistrich 1983, 2l). 3 0 Bis zum
Winter 1941/42 war es allerdings üblich, die rekrutierten Volksdeutschen
unter rein quantitativen Aspekten zu betrachten 31 und sie unabhängig von
ethnischen Gesichtspunkten den verschiedenen SS-Divisionen als Ersatz
zuzuführen. Dass dieses Prinzip bei der Aufstellung der 7. SS-Division
»Prinz Eugen« zum ersten Mal aufgegeben werden sollte, hatte verschiede-
ne Gründe. Sie lassen sich auf die äußerst komplizierte Lage Ende 1941 und
die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten zurückführen.
Der schnelle Vorstoß der deutschen Verbände in der Sowjetunion war
vor Moskau zum Stehen gekommen. Der harte Winter und die einsetzende
sowjetische Gegenoffensive führten zu hohen Verlusten bei den deutschen
Verbänden, die vor allen Dingen bei der Waffen-SS nicht befriedigend er-
setzt werden konnten (vgl. Stein 1967, 151). Die Frontlage stellte höchste
Anforderungen an die physische und psychische Belastbarkeit der Solda-
ten in Wehrmacht und Waffen-SS und damit auch an den ihnen zugeführ-
ten Ersatz. Der Kommandeur der SS-Division »Totenkopf«, SS-Gruppen-
führer Eicke, berichtete in einem Schreiben vom 15. November 1941 über
seine Erfahrungen im Ostfeldzug und bemängelte, dass er insgesamt nicht
genügend Ersatz erhalten hatte, um die Verluste an Mannschaften und be-

//183
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

sonders an gefallenen Führern auszugleichen. Eicke kam dann auf die Ver-
fassung des »Nachersatzes« zu sprechen und resümierte:
»2. Körperlicher Zustand: Der Nachersatz aus dem Altreich befindet sich
durchweg in guter körperlicher Verfassung. Der Volksdeutsche Nach-
ersatz ist meistens unterernährt und den körperlichen Anstrengungen
weniger gewachsen und daher für Krankheit anfällig.
3. Geistige Verfassung: Altreich gut. Unter den Volksdeutschen befindet
sich eine große Anzahl, die man als geistig minderwertig bezeichnen
kann. Viele davon können nicht deutsch schreiben und lesen. Sprechen
Kommandosprache nicht, haben bei Drückebergerei immer die Ausrede:
Ich nicht verstehen« (Prag: Karton 1, 4/kr.l. SS Kraftfahr, Ausbildungs-
und Ersatzregiment).32

Eicke beschwerte sich im gleichen Schreiben weiter über Volksdeutsche,


die auf dem Posten schliefen. Generell seien sie mit ihrem Hang zur Selbst-
verstümmelung und Feigheit eine Belastung. Er zog daraus die Schlussfol-
gerung, dass der Einsatz der Volksdeutschen in der Waffen-SS umstruktu-
riert werden sollte und schlug vor, dass
»Volksdeutsche Ersatzmänner ... daher den Feldeinheiten nur dann
zugeführt werden [können], wenn sie die deutsche Sprache vollkommen
beherrschen und für ihr Tun und Lassen verantwortlich gemacht werden
können. Volksdeutsche, die diesen Anforderungen nicht genügen,
müssen in der Heimat zu Fremdenbataillonen zusammengestellt und
monatelang besonders geschult und beobachtet werden« (ebd.).

Die nationalistische Arroganz gegenüber den ethnischen Merkmalen des


Volksdeutschen Ersatzes, die aus den Äußerungen des reichsdeutschen SS-
Gruppenführers sprach, war weit verbreitet und sollte grundsätzlich zu ei-
nem Problem zwischen den oft reichsdeutschen Führern und den Volks-
deutschen Mannschaften nach der Aufstellung der SS-Division »Prinz Eu-
gen« werden (vgl. Kumm 1978, 53; Janko 1982, 226ff; Michaelis 1998,117). 3 3
Darüber hinaus wird aber hier von Eicke eine neue Perspektive bei der
Verwendung Volksdeutscher Rekruten der Waffen-SS aufgezeigt. Von ihm
durchaus als eine Art der Vorbereitung des Nachersatzes für seine Einglie-
derung in die reichsdeutschen Verbände der Waffen-SS gedacht, sollte der
Einsatz der Volksdeutschen in ihrer Heimat in Form der 7. SS-Division
»Prinz Eugen« einen anderen Schwerpunkt bekommen.
Gleichzeitig mit den ersten Rückschlägen in der Sowjetunion hatte der
Partisanenkrieg in Jugoslawien an Intensität zugenommen. Die von der

//184
Die »Volksgruppe« im Bereich des Militärbefehlshabers Serbien

Deutschen Wehrmacht eingesetzten reichsdeutschen Divisionen hatten da-


bei einerseits trotz schärfster Vergeltungsmaßnahmen die Partisanentätig-
keit nicht völlig unterbinden können, andererseits fehlten sie dringend im
Stellungskrieg an der Ostfront (vgl. Stein 1967, 153). In dieser Situation
fand wiederum ein Besuch des Volksgruppenführers Dr. Janko bei Heinrich
Himmler in Berlin statt. Am 6. November 1941 machte Dr. Janko dort, wie
er später schreibt, den Vorschlag, einen Volksdeutschen »Heimatschutz«
im Banat aufzustellen (vgl. Janko 1982, 214). 34 Das Regiment in der Stärke
von 3000 Mann sollte seiner Verfügungsgewalt unterstehen und aus-
schließlich im Banat zur Partisanenbekämpfung eingesetzt werden. Neu an
diesem Vorschlag, der an die bereits im Juli 1941 entwickelte Idee des
»Selbstschutzes« anknüpfte und den Umfang der Bewaffnung der Banater
Schwaben weiter ausdehnte, waren die sich aus ihm ergebenden Möglich-
keiten. Im Gegenzug sollte es nämlich diese Maßnahme nach Überzeugung
Jankos der Wehrmachtsführung ermöglichen, alle reichsdeutschen Divisio-
nen aus dem Banat abzuziehen (vgl. ebd.). An der Besprechung des Reichs-
führers-SS Heinrich Himmler mit Dr. Janko nahm auch der Volksgruppen-
führer aus Kroatien, Branimir Altgayer, teil (vgl. Hamburger Institut 1999,
256). Auch in Kroatien existierten bereits SS-ähnliche Formationen wie die
so genannte »Einsatzstaffel« (ES), die Verstärkung erhalten sollten. Die ES
war bereits im Spätsommer 1941 als bewaffneter Teil der »Deutschen
Mannschaft« im Rahmen der Ustascha-Miliz aufgestellt worden. Die Stär-
ke der Einsatzstaffel betrug durchschnittlich ungefähr 2500 Mann und sie
war, ähnlich wie der »Selbstschutz« im Banat, bereits zur Partisanenbe-
kämpfung eingesetzt worden (vgl. Sundhaussen 1971, 179). In der oben ge-
nannten Besprechung wurde unter anderem festgelegt, dass die Volksdeut-
schen Mitglieder des Banater Regiments von im Partisanenkampf erfahre-
nen Offizieren und Unteroffizieren ausgebildet werden sollten (vgl. Janko
1982, 214).
Kurze Zeit später genehmigte Adolf Hitler, wie der Chef des Oberkom-
mandos der Wehrmacht, Keitel, am 30. Dezember 1941 an Heinrich Himm-
ler schrieb, »die Aufstellung Volksdeutscher Verbände in Serbien« in der
von Himmler »beabsichtigten Form« (BA: NS19/3519, Dok. 197). Aus dem
gleichen Schreiben geht hervor, dass die Aufstellung der neuen SS-Ver-
bände in direktem Zusammenhang mit der Verlegung weiterer Divisionen
des Heeres von Jugoslawien an die Ostfront zu sehen ist. Keitel führt wei-
ter aus:

//185
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

»Um die Einsatzbereitschaft dieser Verbände mit dem Abtransport der


z. Zt. auf dem Balkan eingesetzten Divisionen des Heeres nach dem
Osten in Einklang zu bringen, wäre es besonders erwünscht, wenn Teile
dieser Verbände schon ab Februar 42 einsatzbereit wären« (ebd.).

Sowohl der Zusammenhang zwischen dem Abzug von Teilen des Heeres
und der Aufstellung der neuen Verbände als auch deren zukünftige Aufga-
ben sind besonders deutlich aus einem späteren Schreiben Ribbentrops
vom 4. Februar 1942 an die Gesandten in Budapest und Belgrad zu ersehen:

»Um bei der Unterdrückung der kommunistischen Aufstände in Serbien


einen Ersatz für die von dort zurückgezogenen deutschen Armeekontin-
gente zu schaffen, wird beabsichtigt, in nächster Zeit unter den Volks-
deutschen im Banat und in Serbien Werbungen für die Bildung einer be-
waffneten Heimwehr einzuleiten« (PA/AA: Inl. Ilg 17d/1767
Dok. 129707).

Es zeigt sich dabei auch, dass der Vorschlag zum Aufbau eines Heimat-
schutzes ein wichtiger Schritt für die Aufstellung der SS-Division war. In
der gesamten Vorlaufphase der Aufstellung der Division bis zur Musterung
der ersten Rekruten im März 1942 war in der Korrespondenz zwischen dem
Volksgruppenführer Janko, den Abteilungen des Auswärtigen Amtes und
der Waffen-SS in Bezug auf die neuen Verbände nur von der bewaffneten
»Heimatwehr« oder auch »Heimwehr« die Rede (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
323/2606). Somit war man sich der speziellen Aufgabe, die dieser Heimat-
wehr in Form einer neuen SS-Gebirgsdivision zufallen würde, wie der spä-
tere Divisionskommandant Otto Kumm sich erinnert, klar bewusst. Nach
den schweren Kämpfen, die die Wehrmacht in dieser Region nach der Zer-
schlagung des jugoslawischen Staates mit Partisanenverbänden geführt
hatte, ging es nun um die weitere »Sicherung« dieses Gebietes (vgl. Kumm
1978, 43). Dabei ergänzten sich die Vorstellungen der Volksgruppenführung
und der Wehrmachts- sowie SS-Führung in der Frage der kriegsmäßigen
Verwendung der Banater Schwaben. Erstere verknüpften nicht nur endgül-
tig die Sicherung der Privilegien ihrer Volksgruppe mit dem Erfolg der
deutschen Truppen bei der Aufstandsbekämpfung, sondern waren darüber
hinaus bereit, die Sicherung des Banats von bewaffneten Formationen der
Volksgruppe selbst übernehmen zu lassen. Für Letztere bedeutete dies die
Chance, einerseits im Partisanenkrieg umfassend auf orts- und sprachkun-
dige Volksdeutsche Rekruten zurückgreifen zu können, deren Einsatz sich

// 186
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

im Stellungskrieg an der Ostfront nicht wirklich bewährt hatte. Anderer-


seits konnten so für den Einsatz in der Sowjetunion dringend benötigte Di-
visionen aus Jugoslawien abgezogen werden. Die gleichzeitig erfolgte end-
gültige ideologische Gleichsetzung der ethnischen Interessen der Banater
Schwaben mit den nationalen Interessen des Deutschen Reiches wurde in
einer Rundfunkansprache des Volksgruppenführers Dr. Janko vom 6. April
1943 deutlich. Dabei sagte dieser:
»Das deutsche Volk im Reich hat freudigen Herzens von unserem Dasein
Kenntnis genommen und uns wieder in seine Gemeinschaft aufgenom-
men, und unsere Gegner haben uns als Deutsche kennengelernt«
(PA/AA: Inl. IIc 32/153 R100380; Hervh. v. Verf.).

3
Die 7. SS-Freiwilligen Gebirgsdivision »Prinz Eugen«

3.1
Die Werbung

Die Rekrutierung der Männer für diese erste Volksdeutsche SS-Di-


vision lässt sich in verschiedene Phasen unterteilen. Grundsätzlich stand
schon bei der Planung fest, dass ein kleiner Teil der Divisionsangehörigen
aus Reichsdeutschen bestehen würde, da es vor allem an Volksdeutschen
Führern und Spezialisten mangelte. Solange man aber davon ausging, dass
es darüber hinaus möglich sein würde, die Division in der notwendigen
Stärke ausschließlich aus dem Banat und Serbien 35 aufzustellen, wurde die
Einbeziehung von Volksdeutschen aus anderen Staaten Südosteuropas, bis
auf einzelne Freiwillige, aus außenpolitischen Gründen abgelehnt. Damit
fand eine offene Werbung für die Division anfangs auch nur in ihrem ersten
Einsatzgebiet, im Banat und in Serbien, statt. Nachdem schnell deutlich ge-
worden war, dass die Anzahl der wehrpflichtigen Banater Schwaben nicht
ausreichen würde, um die Division auf die beabsichtigte Kampfstärke zu
bringen, wurde sie zunächst mit Volksdeutschen aus Kroatien aufgefüllt,
der Region also, in der die Division in der zweiten Phase, bis zum Ende des
Krieges, auch hauptsächlich eingesetzt werden sollte. Im Zuge eines Ab-
kommens zwischen der SS und Rumänien wurde dann im weiteren Verlauf
des Jahres 1943 auch ein Teil der Volksdeutschen aus Rumänien gezielt
zum Ersatz für die Division herangezogen.

//187
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Zunächst werden die im Verlauf der Werbung durchgeführten Maßnah-


men ausführlich für das Banat und für Kroatien dargestellt. 36 In diesen Ge-
bieten fielen Einsatz und Werbung direkt zusammen, sodass dort die na-
tionalsozialistische Ideologie bei der Instrumentalisierung des Ethnischen
besonders erfolgreich war. Dort traten die mit der Instrumentalisierung ein-
hergehenden Mechanismen in aller Deutlichkeit zutage, sodass sich an ih-
nen exemplarisch die Strukturen dieses Prozesses aufzeigen lassen. Im An-
schluss daran werden die Gründe für den Dienst von rumänischen Volks-
deutschen in der »Prinz Eugen« geschildert. 37 In Hinblick auf die SS-Män-
ner aus dem Deutschen Reich ist anzunehmen, dass sie sich für den Dienst
in der »Prinz Eugen« aus den unterschiedlichsten Gründen meldeten. Ein-
zelne Aussagen, die hierzu vorliegen, werden im Laufe des vorliegenden
Kapitels dargestellt und geben zumindest ansatzweise einen Einblick in ih-
re Motive.

3.1.1
Im Banat

Bei der Verwirklichung der Pläne zur Aufstellung der 7. SS-Division


»Prinz Eugen« versuchte man an alte Traditionen der Kolonisation anzu-
schließen und die ethnischen Widersprüche zwischen der deutschsprachi-
gen Bevölkerung und ihren Nachbarn auszunutzen. So griff man bei der
Namensgebung der Division auf Vorschlag des ersten Divisionskomman-
danten, SS-Gruppenführer Artur Phleps, auf Prinz Eugen zurück (vgl. Jan-
ko 1982, 220). Damit hatte man, wie der spätere Divisionskommandant, SS-
Brigadeführer Otto Kumm, ausführt, »bewußt an die jahrhundertelange
Tradition der Grenzer-Regimenter angeknüpft, hier wie dort die große
Mehrheit der Soldaten aus dem Bauernstand, bereit, ihre Heimatscholle zu
verteidigen« (Kumm 1978,40). Auch die Ernennung des ersten Divisions-
kommandeurs, Artur Phleps, war in diesem Zusammenhang bedeutsam.
Aus einem Schreiben Bergers an Himmler vom 10. April 1941 geht hervor,
dass Phleps generell von der SS-Führung gefördert worden war, da man
sich von ihm eine Anziehungskraft auf die Volksdeutschen versprach und
sich deswegen SS-Freiwillige auch aus Rumänien erhoffte (vgl. BA: NS19/
2724). Dass Phleps die Aufgabe zufiel, die 7. SS-Division aufzubauen, spie-
gelt den Versuch wider, ethnische Merkmale zu einem Orientierungspunkt
bei der Aufstellung und der Verwendung der Division zu machen.

//188
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Phleps stammte aus Siebenbürgen. Er hatte bereits unter der k.u.k-Mon-


archie als Offizier in Bosnien gekämpft und kannte das in Jugoslawien be-
vorstehende Einsatzgebiet. Im Ersten Weltkrieg war er als Major und Gene-
ralstabschef an Kämpfen um seine Heimat Siebenbürgen beteiligt. Als im
Anschluss an den Krieg auch in Siebenbürgen und Rumänien revolutionä-
re Unruhen ausbrachen, wurde Artur Phleps Kommandeur der sächsischen
Nationalgarde in Siebenbürgen. Auf diesem Posten war er, wie viele späte-
re SS-Führer, an der Bekämpfung der revolutionären Aufstände in Ost- und
Südosteuropa beteiligt. 1941 trat Phleps aus der rumänischen Armee aus
und nahm als SS-Standartenführer und später als SS-Oberführer am Über-
fall auf die Sowjetunion teil (vgl. Kumm 1978, 25; Krätschmer 1982, 509 ff).
Phleps vereinte damit entscheidende Prinzipien der 7. SS-Division »Prinz
Eugen«: Er war Volksdeutscher, und der Einsatzraum war in einem gewis-
sen Sinn Teil seiner weiteren Heimat. Er hatte Erfahrung sowohl in der Ver-
teidigung der eigenen Heimat gegen fremde Truppen, als auch in der Be-
kämpfung kommunistischer Aufstände. Er zog freiwillig den Waffendienst
innerhalb der SS dem Dienst in der Armee seines Herkunftslandes vor.
Anfang 1942 setzte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler den SS-Grup-
penführer August Meyszner als »Höherern SS- und Polizeiführer« (HSSPF)
in Serbien ein und unterstellte ihn dem dortigen Militärbefehlshaber. Die
Ernennung Meyszners stand in direktem Zusammenhang mit der Sonderla-
ge Serbiens, wie Oberst Foertsch am 2. Febraur 1942 an SS-Gruppenführer
Staatsrat Turner schrieb (vgl. BA: NS19/1730). Aus einem Schreiben Himm-
lers vom Januar 1942 über den zukünftigen Aufgabenbereich Meyszners
wird deutlich, dass dieser sowohl über die gesamten SS-Kräfte als auch
über die serbischen Polizeiverbände in der Region verfügen sollte. Er erhielt
dabei von Himmler auch den Auftrag, »aus den dort vorhandenen Volks-
deutschen Freiwilligenverbände der Waffen-SS aufzustellen« (BA: NS19/
1728).
Zwischen Anfang und Mitte Februar fanden dann verschiedene Treffen
von Vertretern der beteiligten Stellen statt. In diesen Besprechungen wur-
den die aus der Aufstellung der Freiwilligenverbände resultierenden Pro-
bleme benannt, die langfristig die Geschichte der Division mitbestimmen
sollten. Zum einen konnte selbst die Einziehung aller wehrfähigen Männer
zwischen siebzehn und vierzig Jahren langfristig nicht ausreichen, die von
Meyszner benötigten 24 000 bis 25 000 Mann zu beschaffen, sodass an eine
Verstärkung der Verbände durch Volksdeutsche aus Ungarn gedacht wur-
de. Wie der erste Divisionskommandeur Phleps im nachhinein am 19. Sep-

//189
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

tember 1942 an den Volksgruppenführer in Kroatien Altgayer unter Hin-


weis auf einen Eintrag in seinem Tagebuch schrieb, hatte es am 13. Febru-
ar 1942 eine Besprechung mit Altgayer, Lorenz, Meyszner und Phleps in
Belgrad gegeben, bei der über die Aufstellung der Division gesprochen
worden war. Im Zusammenhang mit den fehlenden Volksdeutschen Rekru-
ten sei ihm, Phleps, auch der Gedanke gekommen, dass man doch eine grö-
ßere »deutsch-völkische Formation« in Kroatien - nach dem Vorbild der
Banater Division - aufstellen und ihm unterstellen könnte (vgl. PA/AA: Inl.
Ilg 305/2563 Dok. J19-20).
Ein weiteres Problem waren die fehlenden Volksdeutschen Arbeitskräf-
te in der Landwirtschaft. Sie sollten durch serbische Arbeiter ersetzt wer-
den, die wiederum von den 40-50 jährigen Männern der Banater Schwaben
beaufsichtigt werden mussten. Bei einem weiteren Treffen, diesmal zwi-
schen Phleps, Janko, Meyszner und dem Generalbevollmächtigten der
Wirtschaft in Serbien, dem NSFK-Gruppenführer Neuhausen, wurde des-
wegen die Einführung einer »Arbeitsleistungsdienstpflicht für die gesamte
serbische Bevölkerung bzw. geeignete Jahrgänge derselben« beschlossen
(PA/AA: Inl. Ild 26/4 R100615). 38 Am 14. Februar 1942 fand, laut eines Te-
legramms des Gesandten Benzler, zwischen ihm, dem VOMI-Chef Ober-
gruppenführer Lorenz, dem Volksgruppenführer Dr. Janko und dem Höhe-
ren SS- und Polizeiführer Meyszner eine Besprechung statt, in der über die
konkreten Schritte zur Aufstellung der bewaffneten Heimwehr beraten
wurde (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 323/2606 Dok. H299603). In der Frage der Re-
krutierung der Volksdeutschen im Banat setzten sich die schon bei den er-
sten Plänen zur Aufstellung der Division aufgezeigten Widersprüche fort.
Der Führung der Waffen-SS ging es um eine möglichst umfassende Kon-
trolle über die wehrfähigen Männer, da sie nach den Erfordernissen der
Kriegslage innerhalb der Waffen-SS eingesetzt werden sollten. Die Volks-
gruppenführung aber stand dem zwiespältig gegenüber. Zum einen ging
die Aufstellung bewaffneter Volksdeutscher Verbände auch auf ihre eige-
nen Vorschläge zurück. Zum anderen barg deren Aufstellung innerhalb ei-
ner SS-Division die beständige Gefahr, auch außerhalb des Banats einge-
setzt zu werden. Aus diesem Grund machte der Volksgruppenführer
Dr. Janko während der Besprechung am 14. Februar 1942 in Belgrad den
Vorschlag, eine generelle Dienstpflicht der deutschen Volksgruppe im Ba-
nat und in Serbien zu erlassen. Dies sollte als Ergänzung zu einem allge-
meinen Aufruf an die Volksdeutschen im Banat geschehen, dessen Inhalt
schon im Vorfeld der Beratung von den verschiedenen Dienststellen -

//190
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Volksgruppenführung, Reichsführer-SS, Reichsaußenminister - entworfen


und diskutiert worden war. (vgl. BA: NS19/1728, Dok. 9; PA/AA: Inl. Ilg
323/2606 Dok. H299608 und Ilg 17d/l767 Dok. 129704 und 129705). Janko
wollte sich so ein größeres Mitspracherecht über die Verwendung der
Volksdeutschen Rekruten sichern. Wie er später schreibt, ging es ihm da-
mals darum,
»zu verhindern, daß unsere Division gegen kriegsführende Mächte in
den Einsatz gebracht werde. Solange sie als Ordnungs- und Schutztrup-
pe in unserem Banat... verwendet wurde, war alles ... in Ordnung« (vgl.
Janko 1982, 219).

Im Anschluss an die Besprechung fragte dann der Gesandte in Belgrad,


Benzler, in einem Telegramm vom 16. Februar 1942 an das Auswärtige Amt,
ob in Hinblick auf Jankos Vorhaben Bedenken bestünden. Benzler schrieb
im selben Telegramm, dass Janko beabsichtigte, mit der Einführung der all-
gemeinen Dienstpflicht dem Aufruf größeren Nachdruck zu verleihen, und
sein Vorstoß durchaus vom höheren SS- und Polizeiführer in Serbien,
Meyszner, begrüßt würde (vgl. PA/AA: Inl. Ilg Bd. 323/2606 Dok. H299615).
Dieser Versuch Jankos wurde dann aber sowohl vom Auswärtigen Amt als
auch vom Reichsführer-SS zurückgewiesen. So heißt es in einer Vortrags-
notiz des Unterstaatssekretärs Luther vom 17. Februar 1942:
»Im Hinblick auf die Deutschen Volksgruppen in den übrigen Staaten
hält es Abteilung Deutschland für außenpolitisch bedenklich, wenn der
Führer der Deutschen Volksgruppe in Serbien das Recht erhält, die all-
gemeine Wehrpflicht für die Angehörigen seiner Volksgruppe zu verkün-
den. Der Reichsführer-SS, dem die Angelegenheit von der Volksdeut-
schen Mittelstelle vorgelegt wurde, hat ebenfalls eine ablehnende Stel-
lung gegenüber dem Plan des Volksgruppenführers eingenommen« (ebd.
Dok. H299608).

Allerdings willigte man in die im Wesentlichen von Dr. Janko vorgeschla-


gene Version des Aufrufs an die Volksdeutschen in Serbien und im Banat
ein (vgl. ebd. Dok. H299599; Janko 1982, 219). Die erste, von Himmler vor-
geschlagene Fassung hatte mit den Worten begonnen: »Die deutsche Wehr-
macht hat im Frühjahr des vergangenen Jahres Eure Heimat befreit und
Euch vom fremden Joch erlöst« (BA: NS19/1728). Auch in den folgenden
Zeilen setzte sich diese Form der Ansprache fort. Es war Deutschland, es
waren deutsche Truppen, welche für die Banater Schwaben etwas geleistet
hatten und jetzt eine Gegenleistung forderten. So hieß es weiter:

//191
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

»Deutschland kämpft mit seinen Soldaten einen schweren Kampf, um


unser Vaterland und ganz Europa vor dem Bolschewismus zu bewahren.
Auch in Eurer Heimat versuchte der bolschewistische Gegner in den ver-
gangenen Monaten und Wochen sein Haupt zu erheben, die Straßen un-
sicher zu machen und Eure Dörfer anzuzünden. Deutsche Truppen ha-
ben wiederum diese Gefahr gebannt. Für Euch aber ist es nunmehr eine
Ehrensache, daß Ihr, den Traditionen Eurer Väter folgend, als Grenzer-
volk den Schutz Eurer Heimat selbst übernehmt« (BA: NS19/1728).

Die Sprache des Aufrufs machte darüber hinaus deutlich, dass der Verfas-
ser nicht aus der gleichen Heimat stammte und auch nicht zu den Banater
Schwaben gehörte:
»Ich rufe Euch daher auf, daß alle Männer vom 17. bis zum 45. Lebens-
jahr sich bei den Bürgermeistern der deutschen Dörfer zum Dienst mit
der Waffe zum Schutz Eurer eigenen Heimat melden. Von diesem Dienst
kann sich keiner, der gesund ist, ausschließen. Deutsche in Serbien und
im Banat, zeigt Euch Eurer Väter würdig und stattet Euren Dank an den
Führer durch mannhaftes Eintreten und durch die Tat ab« (ebd.).

Der Schluss bestätigt noch einmal die Intention des Aufrufs: Der Eintritt in
die Heimwehr wäre so als eine Handlung für Deutschland, als Dank an den
Führer erschienen. Die vorgenommenen Änderungen an Himmlers Ent-
wurf veränderten den Charakter des Aufrufes entscheidend. In der dann
auch veröffentlichten Fassung hieß es:
»Die deutsche Wehrmacht hat im Frühjahr des vergangenen Jahres
unsere Dörfer und Wohnstätten unter ihren Schutz genommen« (PA/AA:
Inl. Ilg 323/2606 Dok. H299599). 39

Und weiter heißt es:


»Deutschland kämpft mit seinen Soldaten einen schweren Kampf, um
ganz Europa vor dem Bolschewismus zu bewahren. Auch in unserem
Land versuchte der bolschewistische Gegner in den vergangenen Mona-
ten und Wochen sein Haupt zu erheben, die Straßen unsicher zu machen
und unsere Dörfer anzuzünden. Deutsche Truppen haben wiederum im
Verein mit uns und allen ordnungsliebenden Elementen des Landes
diese Gefahr gebannt.
Für uns aber ist es nunmehr eine Ehrensache, daß wir, den Traditionen
unserer Väter folgend, den Schutz von Haus und Hof selbst übernehmen.
Ich rufe Euch daher auf, daß alle Männer vom 17. bis zum 50. Lebensjahr,
sobald der betreffende Jahrgang aufgerufen ist, sich bei ihrem Bürgermeis-
ter und in Belgrad bei der Kreisleitung der Volksgruppe zum Dienst mit

// 192
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

der Waffe zum Schutze unserer Wohnstätten melden. Von diesem Dienst
kann sich keiner, der gesund ist, ausschließen. Deutsche Volksgenossen,
zeigt Euch Eurer Väter würdig durch mannhaften Einsatz und die Tat!«
(PA/AA: Inl. Ilg 17d/1767 Dok. 129690-129691).

Die Form der Anrede machte deutlich, dass es ein Banater Schwabe war,
der seine »Volksgenossen« zum Kampf aufforderte. Auch wurde sichtbar,
dass man zwar den Schutz der Deutschen Wehrmacht genoss, gleichzeitig
aber auch schon selbst aktiv am Kampf teilgenommen hatte. Auch war jetzt
klar, dass der Aufruf konkret dem eigenen Schutz dienen sollte. Es ging
nicht mehr um eine Tat für Deutschland und den Führer. Noch nicht ein-
mal der Begriff der Heimat wurde benutzt. Vielmehr ging es nun um die Si-
cherheit des eigenen Hauses, des Hofes, der Wohnstätten und der Dörfer.
Die in den zwei Fassungen des Aufrufs beinhaltete Verknüpfung des Eth-
nischen mit der deutschen Nation spiegelt die ganze Problematik der 7. SS-
Division wider. Darüber hinaus sind sie, über die historischen Grenzen des
Nationalsozialismus hinaus, für die Instrumentalisierung des Ethnischen
durch den Nationalismus beispielhaft. In der ersten Fassung tritt der Ver-
such des Nationalismus, sich des Ethnischen zu bedienen und es für seine
Ziele zu nutzen, grob zu Tage. Die Aussage ist eindeutig: Das Ethnische soll
dem Nationalen dankbar sein und hat sich ihm unterzuordnen. Der Aufruf
Dr. Jankos hingegen benennt die Angst der Banater Schwaben um ihre Fa-
milien und ihre Wohnhäuser. Er suggeriert eine größere Sicherheit durch
den Anschluss an das deutsche Volk - hier in Form der Deutschen Wehr-
macht - und appelliert gleichzeitig an die schon gezeigte Fähigkeit, das Ei-
gene selbst zu verteidigen. Die zweite Fassung dient dem gleichen Zweck
wie die erste. Sie setzt aber nicht die Bedürfnisse der Nation, sondern viel-
mehr die unmittelbaren Ängste der ethnischen Gruppe in den Mittelpunkt
und stellt damit par excellence ein subtiles Musterbeispiel für den Miss-
brauch des Ethnischen für die Ziele des Nationalismus dar.
Gleichzeitig wird in ihm der Eindruck erweckt, dass durch die Deutsche
Wehrmacht eine wirkliche Befreiung der Heimat stattgefunden habe, die es
nun zusammen mit deutschen Truppen zu bewahren gelte. Es wird also
suggeriert, dass das Ethnische nur durch den Schutz durch das Nationale
erhalten werden kann. Es ist tragisch und doch wiederum kausal nach-
vollziehbar, dass dieser Missbrauch des Ethnischen durch den National-
sozialismus gerade dort, wo er überaus deutlich sichtbar wurde, auch die
schonungslosesten Konsequenzen - Enteignung, Vertreibung, Zwangsar-
beit - für die ethnischen Gruppen der Donauschwaben haben sollte.

//193
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Obwohl in der ersten Phase der Aufstellung die Bezeichnung »7. SS-
Freiwilligen Division« eingeführt und auch weiter beibehalten wurde, deu-
tet sich bereits in dem Aufruf an, dass die Werbung von Freiwilligen als al-
leinige Maßnahme zur Rekrutierung der Volksdeutschen auch in Serbien
aufgegeben und bald durch die flächendeckende Einziehung von Volks-
deutschen Rekruten ergänzt werden sollte. Dies lag hauptsächlich daran,
dass anfängliche Pläne des Divisionskommandanten Phleps, die Division
mit Freiwilligen aus den verschiedenen Staaten Südosteuropas aufzustel-
len, zurückgewiesen wurden. Ebenso wie schon der Reichsaußenminister
im Sommer 1941 die Bildung des damals gegründeten »Selbstschutzes« aus
Volksdeutschen aus den verschiedenen Staaten Südosteuropas abgelehnt
hatte, sollte auch im Frühjahr 1942 die 7. SS-Division »Prinz Eugen« aus-
schließlich aus Banater Volksdeutschen gebildet werden. 4 0
Die Volksgruppenführung verfügte insgesamt über einen großen Ein-
fluss auf die deutschsprachige Bevölkerung des Banats und tat ihr Mög-
lichstes, um für den Eintritt in die »Prinz Eugen« zu werben - so meldete
sie sich auch selbst freiwillig zur Waffen-SS. Allerdings belastete die Ab-
wesenheit der Volksgruppenführung die weitere Verwaltungsarbeit im Ba-
nat so sehr, dass sie nach wenigen Monaten Dienst in der Waffen-SS wie-
der ausscheiden sollte. Es zeigte sich auch hier der Widerspruch zwischen
den Interessen der SS-Führung und der anderer deutscher Besatzungsbe-
hörden und den Interessen der Volksdeutschen. Erst nach einer Interven-
tion des Auswärtigen Amtes gelang es, das Mitspracherecht des Volks-
gruppenführers bei der Einberufung endgültig durchzusetzen und so die
UK-Stellung, also die Unabkömmlichkeit, von für die Volksgruppenarbeit
wichtigen Personen wie etwa Lehrern zu sichern (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
323/2606, Dok. H299569 - Dok. H299563). Es war offensichtlich, dass nur
mit einer nahezu hundertprozentigen Freiwilligenquote die notwendige
Zahl an Rekruten hätte erreicht werden können. Aber schon während der
ersten Phase der Aufstellung, so schrieb Sepp Janko später, war erkennbar
geworden, dass sich nicht alle Männer freiwillig melden würden, sodass er,
um alle verpflichten zu können, eine gesetzliche Grundlage benötigte (vgl.
Janko 1982, 216). In den dann an die »Freiwilligen« des Banats ergangenen
Einberufungsbescheiden hieß es denn auch:
»Der Genannte untersteht vom Tage der Einberufung an dem Kommando
seines Truppenkörpers (Einheit, Formation). Die Nichtbefolgung der
Einberufung zieht die strengste Strafe nach sich« (Dokumentation Bd.5.
Anlage 8, 177E).

//194
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Schon im August 1942 stellte daraufhin das SS- und Polizeigericht in


Belgrad fest, dass der Charakter der SS-Division »Prinz Eugen« nicht mehr
der einer Freiwilligentruppe sei, sondern vielmehr die Volksdeutschen in
Serbien zu einem großen Teil durch die Volksgruppenführung und später
durch die SS-Ergänzungsstelle unter Strafandrohung einberufen wurden
(vgl. Herzog 1955, 13). 51 In diesem Zusammenhang soll auf einen späteren
Schriftwechsel zwischen dem OKW und dem AA zwischen März und Juli
1944 hingewiesen werden. Grundlage des Briefwechsels war ein Bericht
des Volksgruppenführers Janko über die Weigerung einzelner Mitglieder
der Volksgruppe, der Einberufung in die SS-Division »Prinz Eugen« Folge
zu leisten. Offensichtlich fühlten sich die zuständigen Stellen durch das
anfangs eingeführte Freiwilligenprinzip noch insoweit eingeengt, als sie ei-
ne offizielle Einführung der Wehrpflicht für Volksdeutsche bis zu 40 Jahren
erwogen, wie sie zu diesem Zeitpunkt bereits in Ungarn bestand. Ziel der
Maßnahme sollte es sein, die Festnahme von Verweigerern zu ermöglichen
und die Aufrechterhaltung der »völkischen Disziplin« zu gewährleisten
(vgl. PA/AA: Inl. IIc Rl00384). Über das zahlenmäßige Verhältnis zwischen
»echten« Freiwilligen, regulär Einberufenen und mit Gewalt zum Dienst in
der »Prinz Eugen« gepressten Volksdeutschen lassen sich keine zuverlässi-
gen Angaben machen. Fest steht, dass es für jede der drei genannten Ka-
tegorien genügend Beispiele gibt (vgl. Dokumentation Bd.5, 65ff). 52 So er-
innert sich ein damaliger Schüler der Banater Gemeinde Franzfeld sowohl
an die Begeisterung für die SS als auch an den auf die Dorfbewohner aus-
geübten Zwang, sich »freiwillig« zu melden, und die gegen »Kriegsdienst-
verweigerer« ausgeübte Gewalt:
»In Franzfeld sind die Deutschen am Karfreitag 1941 einmarschiert.
Uns Jungen hat die Aufmachung mit Hakenkreuzbinden, schwarzer
Mannschaftsuniform und Koppel riesig gefallen ... Wir Jungen waren nur
von der SS eingenommen. Von Wehrmachtseinheiten, soweit sie fall-
weise ins Dorf einzogen, waren wir riesig enttäuscht. Auch Lehrer Reiser
ist in diesen Tagen in einer dekorativen schwarzen SS-Uniform im Dorf
aufgetaucht... Schon kurz darauf zogen die ersten sechs donauschwäbi-
schen Dorfbewohner als Freiwillige zur Waffen-SS« (Dokumentation
Bd.5, 65f).

Und weiter heißt es:


»Bevor noch die Prinz-Eugen-Division aufgestellt wurde, wurden fall-
weise einzelne Franzfelder noch zur HIPO (Hilfspolizei) eingezogen. Bei
einer solchen Gelegenheit sollten wieder 25 Franzfelder zur HIPO

//195
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

einberufen werden. Im Dorf munkelte man davon, daß auch der Sohn
des Bürgermeisters einberufen worden war. Dieser Gestellungsbefehl ...
war dann plötzlich nicht mehr da. Von diesen 25 Einberufenen sind
dann fünf tatsächlich eingezogen worden, die anderen sträubten sich mit
dem Hinweis, daß sie nur zum Militär gingen, wenn auch der Sohn des
Bürgermeisters einrückte ... Die ganze Gemeinde stand hinter ihnen ...
Insgesamt dürfen es ca. 70 Personen mit den Kriegsdienstverweigerern
gewesen sein [die verhaftet worden waren - Anm. v. Verf.]. Sämtliche ...
wurden auf die Fußsohlen geprügelt. Daraufhin wurden sie mit Schnü-
ren aneinandergebunden und durch die Hauptstraße zum Bahnhof
getrieben« (ebd. 66 f).

Bereits bis zum April 1942 war es im Banat - nach einer noch während der
laufenden Werbung vorgenommenen Schätzung Luthers - zur Meldung von
10 000 bis 15 000 Männern gekommen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 323/2606 Dok.
H299584). Insgesamt sind sicherlich sowohl die Einschätzung Jankos (1982,
210), dass es eine anfängliche Begeisterung, in der Waffen-SS zu dienen, ge-
geben habe, als auch die in der Dokumentation (Bd.5, 64E) vertretene Posi-
tion, dass diese Begeisterung mit zunehmender Dauer des Krieges zurück-
ging, berechtigt. Bis zum Januar 1944 wurden insgesamt aus dem Banat und
Serbien an die 22 000 Männer eingezogen, von denen nur etwa 600 bei der
Wehrmacht, mehr als 15 000 aber in der Waffen-SS dienten, während eine
nicht genau bestimmbare Zahl der Banater Polizei angehörte (vgl. ebd. 67E).
Neben der ab April erfolgten Einberufung zur SS-Division »Prinz Eugen«
wurden ab September 1942 auch alle 17- bis 60-Jährige, die nicht im aktiven
Wehrdienst standen, zum Dienst in der neu aufgestellten »Deutschen
Mannschaft« (DM) verpflichtet (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 323/2606 Dok. H299550).
Dies geschah zeitgleich mit einem vom Reichsführer-SS erlassenen Befehl
über die Verwendung von Volksdeutschen bei Sicherungsmaßnahmen in
den besetzten Gebieten (vgl. ebd. Dok. H299547). Die Aufgabe der DM war
neben der Betreuung der Volksgruppe, von der zu diesem Zeitpunkt de fac-
to fast alle wehrfähigen männlichen Mitglieder zur »Prinz Eugen« eingezo-
gen worden waren (vgl. ebd. Dok. H299550 und Dok. H299526), zusammen
mit der Polizei die Sicherung der deutschen Siedlungen vor kleineren Par-
tisanengruppen (vgl. Janko 1982, 165). 43
Die extreme Ausschöpfung des »Menschenpotentials« im Banat für den
Aufbau der SS-Division »Prinz Eugen« bedeutete besonders in der ersten
Zeit eine über das Ethnische hinausgehende, bis in die direkte Verwandt-
schaft und Familie hineinreichende Zusammensetzung der Division. Wie
der in der Division dienende SS-Oberführer Brack 4 4 an SS-Gruppenführer

//196
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Berger am 5. September 1942 schrieb: »Bei uns dienen Vater und 2 Söhne
in dergleichen Kompanie« (BA: NS19/292).

3.1.2
In Kroatien

Die schon im Banat aufgetauchten Probleme wiederholten sich bei


der Entscheidung, einen Teil der Volksdeutschen Kroatiens zur »Prinz Eu-
gen« zu überstellen. Auch in Kroatien, wo die Waffen-SS bereits im Som-
mer 1941 um Freiwillige geworben hatte, zeigte sich der Widerspruch zwi-
schen den Interessen der Volksgruppenführung, die zunächst vom Ge-
sandten Kasche unterstützt wurde (vgl. Sundhaussen 1971, 181), und den
Anforderungen durch die Waffen-SS. Während Erstere die Kontrolle über
die Verwendung der Volksdeutschen Wehrpflichtigen zu behalten versuch-
ten und sie hauptsächlich in Kroatien einsetzen wollten, ging es Letzteren
um einen möglichst zahlreichen Ersatz für die bereits bestehenden SS-Di-
visionen. Anders aber als im Banat, wo die Entscheidungen ohne staats-
rechtliche Bedenken relativ unkompliziert von der SS-Führung in Abspra-
che mit den betroffenen Dienststellen und der Volksgruppenführung ge-
troffen werden konnten, war die Situation in Kroatien unendlich schwieri-
ger. Dort musste auf die Interessen des kroatischen Staates Rücksicht ge-
nommen werden, wodurch dem AA ein größeres Gewicht bei den Ent-
scheidungen zukam und neben der Waffen-SS auch das OKW und die VO-
MI stärker einbezogen wurden. Durch die Vielzahl der in Kroatien beteilig-
ten Stellen entwickelte sich eine Auseinandersetzung, die sich über zwei
Jahre hinzog, letztendlich aber für die Aufstellung und den späteren Ein-
satz der 7. SS-Division »Prinz Eugen« von großer Bedeutung sein sollte. 45
Zwischen dem deutschen Gesandten und dem kroatischen Kriegsminis-
ter war bereits am 16. September 1941 ein Abkommen geschlossen worden,
das zehn Prozent der wehrpflichtigen Volksdeutschen den Dienst in der
deutschen Wehrmacht ermöglichte (vgl. ebd. 180 und PA/AA: Inl. Ilg
309/2569 Dok. H297510ff). Tatsächlich wurden die ersten Freiwilligen aus
Kroatien aber von der Waffen-SS rekrutiert (vgl. Sundhaussen 1971, 181).
Allerdings ergab sich aus der relativ geringen Zahl der Volksdeutschen - so
umfasste der Jahrgang 1921 nur 863 taugliche Männer -, dass jede weitere
Werbung für reichsdeutsche SS-Einheiten den Bestand der bewaffneten
Formationen der deutschen Volksgruppe, der sogenannten »volksdeut-

// 197
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

sehen Einsatzstaffel« (ES), gefährden musste, wie Kasche bereits am 4. Sep-


tember und noch einmal am 23. Oktober 1941 an den Reichsaußenminister
schrieb (PA/AA: Inl. Ilg 305/2562 Dok. H298198). Das SS-Hauptamt ver-
zichtete deswegen ab Oktober 1941 vorläufig auf weitere Werbungen, da die
zehn Prozent bereits überschritten worden waren, behielt sich aber vor, zu
einem späteren Zeitpunkt nach Absprache mit dem AA die Werbungen
wieder aufzunehmen (vgl. ebd. Dok. H298184 und H298200). Als dann 1942
in Zusammenhang mit der Aufstellung der 7. SS-Division »Prinz Eugen«
die Werbungen wieder aufgenommen werden sollten, hätte die SS bei der
Rekrutierung der Volksdeutschen Kroatiens nun auf ein im Februar 1942
abgeschlossenes Zusatzabkommen zwischen dem kroatischen Staat und
dem Deutschen Reich Rücksicht nehmen müssen (vgl. BA: NS 19/1728
Dok. 36). Dies sah vor, dass neben den zehn Prozent der Volksdeutschen
aus jedem Jahrgang, die von Kroatien für die Wehrmacht freigegeben wur-
den, der Rest langfristig in besonderen »deutschen« Einheiten der kroati-
schen Wehrmacht den Wehrdienst ableisten sollte. 46 In dem Zusatzabkom-
men war auch festgelegt worden, dass die notwendige Ausbildung dieser
Volksdeutschen Rekruten bei der deutschen Wehrmacht erfolgte. Zu die-
sem Zweck wurde beabsichtigt, die Rekruten reichsdeutschen Wehr-
machtsdivisionen, die in Kroatien und Serbien stationiert waren, für ein
Jahr zuzuweisen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 309/2569 Dok. H297495). Auf Druck
des Auswärtigen Amtes wurde in dem Abkommen die SS nicht direkt er-
wähnt, sondern nur von der Deutschen Wehrmacht gesprochen. Damit wä-
re aber die SS bei der Rekrutierung in Kroatien von der Wehrmacht abhän-
gig geworden. Der Chef des SS-Hauptamtes, Gruppenführer Berger, be-
fürchtete sogar, wie er an den Reichsführer-SS am 25. März 1942 schrieb,
dass daraus ein Präzedenzfall geschaffen würde und dies grundsätzlich die
Rekrutierung für die SS erschweren würde (vgl. BA: NS19/1728 Dok. 36f).
Berger drang daher auf eine Klärung beim Oberkommando der Wehrmacht
(OKW), die der SS im folgenden den direkten Zugriff auf die Volksdeut-
schen sichern sollte. In der darauf folgenden Auseinandersetzung protes-
tierte Himmler schärfstens beim Auswärtigen Amt (vgl. BA: NS 19/1728
Dok.). Himmler erreichte einerseits, dass das Zusatzabkommen laut Befehl
des OKW vom 1. April 1942 eingezogen und vernichtet wurde (vgl. PA/AA:
Inl. Ilg 309/2569 Dok. H297483). Andererseits willigte das AA nur unter der
Bedingung ein, dass die Überstellung der Volksdeutschen Rekruten von der
Wehrmacht zur Waffen-SS erst erfolgte, wenn diese die SS-Division in der
Region aufgestellt haben würde (vgl. ebd. Dok. H297478). Im Mai 1942 er-

//198
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

folgte dann auch der offizielle OKW-Befehl, mit dem die Erfassung und
Ausbildung der Volksdeutschen im Südostraum ausschließlich und end-
gültig zu einer Angelegenheit der Waffen-SS erklärt wurde (vgl. Dokumen-
tation Bd.5, 73E und PA/AA: Inl. Ilg 309/2569 Dok. H297470).
Bereits im Verlauf des Jahres 1941 hatte sich der Partisanenkampf auch
in Kroatien verschärft. Anders als in Serbien aber, wo die Aktionen der Par-
tisanen sich gegen die Besetzung des Landes durch deutsche Truppen rich-
teten, war die Ursache der Kämpfe in Kroatien im Terror der Ustascha
gegenüber der serbischen Zivilbevölkerung zu sehen, wie selbst der Leiter
der VOMI Lorenz in einem Schreiben vom 23. Februar 1942 zugeben mus-
ste (PA/AA: Inl. Ilg 402/2817 Dok. H296600). Diese von kroatischen Usta-
scha-Einheiten verübten Pogrome an der serbischen Zivilbevölkerung wa-
ren Teil der ethnischen Säuberungen, die mit der Zerschlagung Jugosla-
wiens begonnen hatten. Der von der Ustascha ausgeübte Terror behinderte
dabei eher die von den deutschen Behörden geplante »Befriedung« des
ehemaligen Jugoslawiens, als dass er sie unterstützte (vgl. Dokumentation
Bd.5, 61E). In einem Bericht des Reichsicherheitshauptamtes an den
Reichsführer-SS vom 9. September 1942 heißt es hierzu wörtlich:
»Ohne den Zuzug der von der Ustascha terrorisierten serbischen Bevöl-
kerung wäre jedoch dieser Heckenschützenkrieg (der Cetniks) im Keime
erstickt worden. Daß es zu ausgesprochenen Aufständen kam, ist zu
einem erheblichen Teil auf den Terror der Ustascha zurückzuführen«
(BA: NS19/319, Dok. 55).

Auch im weiteren Verlauf der Kämpfe setzten sich die Übergriffe der Usta-
scha in einer Schärfe fort, dass sich die deutschen Militärbehörden zum
Teil gezwungen sahen, einzuschreiten. Ein Beispiel soll hier stellvertretend
für die dabei begangenen Grausamkeiten benannt werden: Wie aus einem
Schreiben des Sicherheitsdienstes (SD) in Berlin an das AA hervorgeht,
hatte der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Belgrad am
12. Juni 1942 gemeldet, dass die im ostbosnischen Raum eingesetzte Siche-
rungsdivision zwei Ustascha-Kompanien und das 5. Bataillon des Regi-
ments Francetic festgenommen hatte.
»Die Gründe waren folgende: 1.) Mehrfache Plünderung ... bei Bauern.
2.) Eigenmächtige Erschießung von 3 Cetniks. 3.) Mord und Verstümme-
lung von 2 Männern und 2 Frauen. Die Morde erfolgten durch Halsab-
schneiden. Den Frauen, einer 50-jährigen und einer 37-jährigen Schwan-
geren, waren Holzstücke in die Geschlechtsteile getrieben. 4.) Mord und
Verstümmelung eines Greises. 5.) Zahlreiche weitere Plünderungen und
Diebstähle« (PA/AA: Inl. Ilg. 402/2818 Dok. 274539 - 540).47

//199
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Mit zunehmender Dauer des von der Ustascha ausgeübten Terrors begann
sich der serbische Widerstand zu formieren und sich auch in Form von Ra-
cheaktionen gegen die kroatische und muslimische Zivilbevölkerung so-
wie darüber hinaus auch vermehrt gegen die Volksdeutsche Bevölkerung
zu richten. Der evangelische Pfarrer F. Sommer beschreibt diese Entwick-
lung am Beispiel seiner Gemeinde Schutzberg im Nachhinein auf beklem-
mende Art und Weise. Sommer schildert detailliert den sich immer mehr
steigernden Terror der Ustascha, die dabei begangenen Morde, die Verge-
waltigungen und die Hilflosigkeit der serbischen Bevölkerung. Er be-
schreibt ihren wachsenden Hass »nicht nur gegen die Kroaten, sondern
noch mehr gegen das Deutsche Reich, unter dessen Oberherrschaft solches
geschieht« (Zitiert nach Dokumentation Bd.5. 47f), 4 8 ebenso wie den dann
zunehmenden Druck auf die Volksdeutschen in Schutzberg:
»Da der Anbau sehr eingeschränkt wurde - 103 Hektar Land sind vom
Feinde besetzt, wir können nicht auf die Felder, ohne beschossen zu
werden droht auch noch der Hunger ... Der Krieg geht weiter. Am
1.6.1942 wird Franz Schmidt, ein Zwanzigjähriger, von Aufständischen
erschossen. Bald darauf wird Frau Eisenbeis mit ihrem Söhnchen auf
dem Feld gefangengenommen und werden beide zu Tode geschunden.
Die einzige Straße, die noch passierbar ist, ist nur noch zeitweise frei.
Benutzt man die Straße, muß man damit rechnen, dass man beschossen
wird« (ebd. 51f). 49

Als im Laufe des Jahres 1942 in Bosnien die Stärke der Partisanenbewegung
immer mehr zugenommen hatte, fiel einerseits die Entscheidung des
Reichsführers-SS, alle 17-30-Jährigen waffenfähigen Volksdeutschen Kroa-
tiens unter anderem für die SS-Division »Prinz Eugen« zu mustern, die zu
diesem Zeitpunkt noch in Serbien stand, sowie andererseits die Volks-
deutschen aus dem Aufstandsgebiet auszusiedeln (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
309/2570 Dok. H464674). 5 0 Anfang Juni 1942 ließ sich SS-Gruppenführer
Berger einen Bericht über die bisherige Tätigkeit der »Volksdeutschen Ein-
satzstaffel« (ES) vorlegen. Aus ihm geht hervor, dass die ES während ihres
einjährigen Bestehens nicht nur an Sicherungsmaßnahmen deutscher Ort-
schaften beteiligt gewesen war, sondern darüber hinaus zusammen mit
Ustascha-Einheiten an der Zerschlagung von Partisanenverbänden betei-
ligt gewesen war, also eine ideale Ergänzung der sich im Aufbau befinden-
den SS-Division »Prinz Eugen« darstellen würde (vgl. ebd. 254/2426 Dok.
H296583ff). 51 Am 11. Juni 1942 schrieb Berger an den Reichsführer-SS, dass
er mit einer Zahl von 3500 bis 4500 Volksdeutschen »SS-Tauglichen« aus

// 200
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Kroatien rechne (vgl. BA: NS19/1466). Kurze Zeit darauf wurde diese Zahl
von Luther nach oben korrigiert. Luther sprach am 18. Juni 1942 nun von
10000 möglichen Meldungen für die Waffen-SS, warnte aber nochmals vor
den sich daraus für die Volksdeutschen in Kroatien ergebenden Konse-
quenzen (vgl. PA/AA: Ing. Ilg 309/2569 Dok. H297473f). 52 Am 12. Juni 1942
hatte er bereits an das AA geschrieben und dieses dringend gebeten, gegen
Himmlers Entscheidung zu intervenieren, da er fürchtete, die kroatischen
Behörden könnten die Umsiedlung als Hinweis auf eine etwaige Abtretung
Bosniens an Italien verstehen (vgl. ebd. 305/2562 Dok. F1-F3). Daraufhin
wurden die Musterungen erst einmal verboten. Über diese Intervention des
Reichsaußenministers beschwerte sich Berger äußerst verärgert sowohl am
8. August 1942 bei Triska (vgl. ebd. 309/2570 Dok. H297434f) als auch am 25.
August 1942 bei Luther (vgl. ebd. 305/2562, Dok. F8-F9). Da allerdings der
Reichsführer-SS, wie Luther am 25. August 1942 schrieb, »dringendst« Er-
satz für die Waffen-SS benötigte (vgl. ebd. Dok. E464849), wurde das Verbot
zwar für Syrmien und Bosnien beibehalten, für die Städte Agram und Es-
seg aber mit sofortiger Wirkung aufgehoben (vgl. ebd. Dok. E464850). Hier
hatte, worüber sich Luther am 24. August 1942 bei Berger beschwerte,
allerdings schon vor der offiziellen Genehmigung der Landesmannschafts-
führer Lichtenberger auf Weisung des SS-Obersturmführers Herrmann mit
dem Aufhängen von Werbeplakaten für die Waffen-SS begonnen (BA:
NS19/319 Dok. 43-44). Am 26. August 1942 konnte dann SS-Gruppenfüh-
rer Berger in einem Schreiben an den SS-Obersturmbannführer Nagler vom
Ersatzkommando Südwest endgültig die für die Musterung notwendigen
Schritte anweisen. 5 3 Die zur Musterung bereitgestellten Annahmekommis-
sionen sollten zur SS-Division »Prinz Eugen« überstellt werden, um dort
bei der Untersuchung der Freiwilligen mitzuhelfen. Mit Werbung und Be-
reitstellung wurde der Volksgruppenführer Altgayer »vollverantwortlich«
beauftragt. Nach der erfolgreichen Umsiedlung der Bosnien-Deutschen
wurden dann die »ES-Sturmbanne« und -Bataillone in die 7. SS-Division
»Prinz Eugen« eingegliedert. Ältere Volksdeutsche waren ebenfalls zu mu-
stern, um sie später eventuell in einem Selbstschutz zusammenfassen zu
können. Berger wies ausdrücklich daraufhin, dass niemand aus der für den
neuen Selbstschutz vorgesehenen Gruppe zur »Prinz Eugen« oder gar ins
Reich abkommandiert werden würde.
Noch einmal kam es im September 1942 zu einer Auseinandersetzung
um die Frage der Verwendung der wehrfähigen Volksdeutschen. Neben der
von Berger eingeleiteten Aktion der Waffen-SS meldete nun auch der neue

// 201
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Militärbefehlshaber Südost, Generaloberst Lohr, Ansprüche auf die Volks-


deutschen an. Allerdings wurde nach einer heftigen Intervention Himm-
lers die Frage der Verwendung der Volksdeutschen im Sinne des SS-Haupt-
amtes entschieden (vgl. Sundhaussen 1971,186 ff). Der nun von Luther vor-
getragene Wunsch, ähnlich wie in Serbien die »Prinz Eugen«, auch in Kro-
atien eine eigene Volksdeutsche SS-Brigade aufzustellen 5 4 und auf diese
Weise die Volksdeutschen in Kroatien zu halten (vgl. ebd. 188), wurde von
Berger in einem Schreiben vom 10. September 1942 an den Gauamtsleiter
Triska, unter Verweis auf den Reichsführer-SS, mit den Worten zurückge-
wiesen:
»Nach der Entscheidung des Führers ist dieser Vorschlag aus politischen
und militärischen Gründen nicht durchführbar. Die Division »Prinz
Eugen«, aus Volksdeutschen zusammengesetzt und später aus den
Volksdeutschen Kroatiens ergänzt, müsse genügen. Die Freiwilligen
Kroatiens und die später nach Einsatz der Division und der Aussiedlung
aus Bosnien freiwerdenden Teile der Einsatzstaffel sollen zur Ausbil-
dung ins Reich und später im Osten innerhalb der Volksdeutschen
Brigaden eingesetzt werden« (PA/AA: Inl. Ilg 305/2562 Dok. J l l - J12).

In der Deutschen Zeitung in Kroatien vom 22. September 1942 wurde dann
ein »Stabsbefehl des Volksgruppenführers über den Wehrdienst« veröffent-
licht. Der Stabsbefehl begann mit dem Satz:
»Auf Befehl des Führers hat die Deutsche Volksgruppe in Kroatien am
Entscheidungskampf über Sein oder Nichtsein des Deutschen Volkes in
stärkerem Maße als bisher teilzunehmen« (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 311/2579
Dok. H297646).

Der »Stabsbefehl« selbst bestand in erster Linie aus genaueren Angaben zur
Wehrpflicht, mit denen unter anderem das Prinzip der Freiwilligkeit end-
gültig aufgegeben wurde. So hieß es dort beispielsweise, dass bis auf die
notwendigen »UK-Stellungen« (Unabkömmlichstellungen), kein Volks-
deutscher vom Wehrdienst befreit werden würde. Des weiteren kündigte er
an:
»Der Aufruf des Volksgruppenführers für die Musterung und Einziehung
wird nach Erledigung einiger noch ausstehender Formalitäten, die nicht
von der Volksgruppenführung abhängen, in den nächsten Tagen erge-
hen« (ebd. Dok. H297648).

// 202
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

In Bezug auf den Aufruf folgte im »Stabsbefehl« der Zusatz, dass jeder, der
ihm nicht Folge leisten würde, mit den schwersten Konsequenzen zu rech-
nen hätte (vgl. ebd.). Die in dem Stabsbefehl nicht näher beschriebenen
»Formalitäten« bezogen sich auf einen Entwurf des Aufrufs, den Altgayer
vorher bei Kasche eingereicht hatte und der am 19. September 1942 ans AA
nach Berlin zur Genehmigung weitergeleitet worden war. Der von Altgay-
er angekündigte Aufruf war von Kasche um die Formulierung »auf Befehl
des Führers« mit der Bemerkung gekürzt worden, dass ein ausdrücklicher
Führerbefehl nicht vorläge (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 305/2562 Dok. K21). 55 Im
Folgenden der Wortlaut des Aufrufs:
»Männer der deutschen Volksgruppe. - Im gegenwärtigen gewaltigen
Kampf, der das Schicksal des deutschen Volkes und ganz Europas für die
nächsten Jahrhunderte entscheidet, kann auch die deutsche Volksgruppe
nicht abseits stehen. Die Wehrkraft der Volksgruppe ist bis heute nur
zum Teil ausgenützt... Jetzt sollen die wehrfähigen Männer der Volks-
gruppe im Alter von 17 bis 35 Jahren in den Reihen der Waffen-SS
eingesetzt werden. Kein wehrfähiger Deutscher kann sich dieser Pflicht
entziehen, will er seinem Volke, dessen Zukunft und seiner Heimat
dienen. Den Schutz der Heimat übernehmen die hier schon kämpfenden
und die wehrfähigen Männe im Alter von 35 bis 50 Jahren, die gleichzei-
tig gemustert und in der nächsten Zeit zu den Einheiten der Einsatzstaf-
fel der DM und zu den deutschen Einheiten der kroatischen Landwehr
auf Kriegsdauer eingezogen werden. Ich erwarte, daß diese Männer, vor
allem die Teilnehmer des Weltkrieges 1914-1918, meine Kriegskamera-
den, mit gleicher Hingabe, soldatischer Disziplin und Strammheit ihre
Pflicht erfüllen werden, wie dies jetzt unsere Jungen tun. Die von den
Juden angeführten kommunistischen Räuberbanden werden die Faust
derjenigen spüren, die vor 24 Jahren und mehr in Galizien und Wolhy-
nien, am Karst und in den Schluchten des Balkan mannhaft gestritten
haben. Für die Versorgung der zurückbleibenden Familien ist weitge-
hend Vorsorge getragen. Deutsche Männer, beweist auch diesmal, daß
die deutsche Volkgruppe in Kroatien ein vollwertiger Zweig des großen
deutschen Volkes und bereit ist, bis zum letzten ihre Pflicht zu erfüllen.
- Alles für den Sieg. - Heil Hitler! Der Volksgruppenführer gez. Altgay-
er« (ebd.).

Zweierlei wird aus dem Aufruf deutlich: Zum einen war zu diesem Zeit-
punkt noch nicht endgültig entschieden, dass die 7. SS-Division »Prinz Eu-
gen« zur Partisanenbekämpfung nach Kroatien verlegt werden würde. 56 So-
mit warb man zwar einerseits für den Einsatz in der Waffen-SS mit dem
Hinweis, dass auch der dortige Dienst letztendlich der Verteidigung des ei-
genen Volkes, seiner Zukunft und seiner Heimat dienen würde. Anderer-

// 203
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

seits wurde besonders die Einberufung der älteren Volksdeutschen zur


»Deutschen Mannschaft« (DM) durch den Hinweis auf den notwendigen
direkten Schutz der Heimat legitimiert.
Darüber hinaus ist die Darstellung der kroatischen Juden als Anführer
der »kommunistischen Räuberbanden« ebenfalls ein Bindeglied zwischen
den bereits erwähnten antisemitischen Denunziationen durch Volksdeut-
sche und der Ermordung der jüdischen Bevölkerung Kroatiens und Ser-
biens, die im Wesentlichen zu diesem Zeitpunkt in Serbien schon abge-
schlossen war, (vgl. Hilberg 1990, 725) in Kroatien aber noch immer weiter-
ging (vgl. ebd. 755ff). 57
So wurden in einem Brief des »Generalinspektors für das deutsche Stra-
ßenwesen Organisation Todt« vom 18. Juli 1942 an das AA die Juden als die
größte Gefährdung des Bauxitgebietes in der Nähe von Mostar ausgemacht.
Weiter hieß es dort: »Die aufrührerische Tätigkeit der Juden in Mostar ist
eine allgemein anerkannte Tatsache und hat bereits zu Schritten des Ge-
sandten in Agram geführt« (PA/AA: Inl. Ilg 194/2248 Dok. K212260). 58
Anders als bei der Rekrutierung im Banat wurde in Kroatien die alleini-
ge Entscheidungsgewalt des Volksgruppenführers über die »Unabkömm-
lichstellung« (UK) von für den Erhalt der Volksdeutschen Organisationen
wichtigen Männern schon zu Anfang der Musterungen festgelegt (vgl. ebd.
306/2564). Aber ähnlich wie im Banat waren die Volksdeutschen Kroatiens
in der Waffen-SS eine Mischung aus Freiwilligen, regulär Einberufenen 59
und unter Zwang zum Dienst Gepressten. Insgesamt dienten Anfang 1944
etwa 17 500 Mann von den ungefähr 25 000 Volksdeutschen Kroatiens, die
wehrpflichtig waren, in der Waffen-SS (vgl. Herzog 1955,17). Die schon seit
dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 bestehende »Einsatzstaf-
fel« wurde dabei ebenso wie die kroatiendeutsche Landwehr geschlossen
in die »Prinz Eugen« eingegliedert. Darüber hinaus musterte man die von
der »Prinz Eugen« benötigten Ersatzmannschaften ebenfalls zum Teil aus
Kroatiendeutschen (vgl. Dokumentation Bd.5, 74E). Aus dieser fast voll-
ständigen Erfassung durch die Waffen-SS ergaben sich für die Volksdeut-
schen Kroatiens weitreichende Folgen. So drängte die kroatische Regie-
rung in einer Verbalnote vom 10. Oktober 1942, in Verbindung mit der For-
derung nach einer Umsiedlung der Kroatiendeutschen, auch auf eine Än-
derung der Staatsangehörigkeit (PA/AA: Inl. Ilg 307/2566 Dok. M13-14).
Laut einem Schreiben Luthers vom Dezember 1942 wurden aber die Ände-
rung der Staatsangehörigkeit sowie die Frage der Aussiedlung der Volks-
deutschen bis zum Kriegsende zurückgestellt (vgl. ebd. 306/2564 Dok.

// 204
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

B/C6). 60 Wie viel sich die SS-Führung von der Rekrutierung der Volksdeut-
schen in Kroatien gerade auch für die Partisanenbekämpfung versprach,
kann einem Schreiben Bergers vom 21. November 1942 an den »persön-
lichen Stab« des Reichsführers-SS, Obersturmbannführer Dr. Brandt, ent-
nommen werden. Berger führt hier aus, dass
«die Bandengefahr nur dadurch bekämpft werden kann, daß die Einsatz-
staffel der deutschen Volksgruppe in Kroatien neu organisiert und unter
Loslösung von der Ustascha Miliz vollkommen nach SS-Gesichtspunk-
ten aufgezogen und in irgendeiner Form der Schutzstaffel angeschlossen
oder eingegliedert wird« (BA: NS19/1671).

Auch während des Einsatzes in Kroatien erhielt die 7. SS-Freiwilligen-Ge-


birgs-Division »Prinz Eugen«, wie die offizielle Bezeichnung der Division
ab dem 20. Oktober 1943 lauten sollte (vgl. Hausser 1966, 377), Ersatz aus
neu gemusterten Volksdeutschen Wehrpflichtigen, die zum Teil zunächst
zur Ausbildung anderen Waffen-SS Einheiten zugewiesen worden waren.
Welche Bedeutung dabei die Möglichkeit, in der »Prinz Eugen« zu dienen
und damit in der Heimat eingesetzt zu werden, für Volksdeutsche Rekruten
hatte, die sonst in anderen Einheiten hätten dienen müssen, wird noch ein-
mal aus einem Schreiben vom 6. Oktober 1943 an das »SS-Führungshaupt-
amt« (SS-FHA) ersichtlich. In einer Zusatzmeldung des Bataillons zum
Ausbildungsbericht des SS-Grenadier-Ausbildungs-Bataillons »Ost« war
darauf verwiesen worden, dass es insgesamt trotz einiger Schwierigkeiten,
wie beispielsweise bei der Sprache, gelungen sei, das Ausbildungsziel bei
den Volksdeutschen zu erreichen, dass sich in der letzten Zeit aber zusätz-
liche Probleme ergeben hätten, die sich »stimmungsmäßig« auswirkten.
Aus dem Schreiben geht hervor, dass die Volksdeutschen aus Briefen 61 ih-
rer Angehörigen Nachricht davon erhalten hatten,
»dass es besonders in der letzten Zeit häufig vorkommt, dass Häuser ...
der Angehörigen geplündert und gebrandschatzt werden, dass Frauen
und Töchter in die Wälder verschleppt und dort misshandelt und
vergewaltigt werden« (Prag: 18-SS Division »Horst Wessel«, Karton 4).

Es heißt dort weiter:


»Die Sorge und Unruhe der Männer ... ist so gross, dass sie ständig bei
ihren Einsatzführern vorsprechen und um Sonderurlaub bezw. Verset-
zung in das Heimatgebiet bitten. Sie weisen darauf hin, dass sie als
Volksdeutsche aus Kroatien, deren Familien, Hab und Gut durch die

// 205
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Banden auf das Äusserste gefährdet sind, in der Abwehr dieser Gefahr
mindestens ebenso tapfer und erfolgreich kämpfen würden, wie dies die
dort eingesetzten reichsdeutschen Soldaten tun« (ebd.).

Der Ausbildungsbetrieb muss durch die »stimmungsmäßigen«


Auswirkungen der Briefe empfindlich gestört worden sein, da der Befehls-
haber der Waffen-SS Russland-Süd und Ukraine gegenüber dem SS-Füh-
rungshauptamt (FHA) die Position vertrat,
»daß es dringend erforderlich [sei], die aus den bandengefährdeten
Gebieten Kroatiens beim SS-Gren.Aus.Btl. »Ost« in Hegewald befind-
lichen Volksdeutschen Rekruten, sobald wie nur irgend möglich, entwe-
der zur SS-Freiwilligen-Division »Prinz Eugen« oder zum SS-Einsatz-
kommando III in Esseg versetzt werden« (ebd.).

Abschließend sei noch einmal auf den Aspekt der zwangsweisen Verein-
nahmung einzelner Personen durch die Volksgruppenführung in Kroatien
verwiesen. Wie verschiedentlich schon gezeigt, findet im Nationalismus
die zwangsweise Ausmerzung des eigenen Fremden - der Juden - seine
Entsprechung in der zwangsweisen Eingliederung des fremden Eigenen.
Dem entsprach für die damalige Situation in Kroatien einerseits, dass der
Volksgruppenführer Branimir Altgayer in seinem Stabsbefehl Nr. 11 vom 5.
Oktober 1942 über die »Behandlung von Judenstämmlingen und -versipp-
ten« verfügte, wem das Recht, »deutsch« zu sein, abzusprechen war:
»A/Mischlinge ersten Grades/Halbjuden/und Deutschstämmige, die mit
einem jüdischen Ehepartner verheiratet sind, können keiner einzigen
Organisation ... der Volksgruppe angehören und nicht als Volksgruppen-
angehörige betrachtet werden. Sie dürfen demnach auch keine deutsche
Schule besuchen ... B/Mischlinge zweiten Grades/Vierteljuden/und
Deutschstämmige, die mit einem jüdischen Ehepartner verheiratet wa-
ren, die Ehe jedoch ... getrennt ist und nicht nach dem 15.9.1935 ge-
schlossen wurde, daraus auch keine Kinder entstammen, können nur
Mitglieder der Landesbauernschaft... [es folgt die Aufzählung weiterer
Organisationen] sein. Der NSDG, der DM, der Frauenschaft und der DJ
dürfen sie unter keinen Umständen angehören« (PA/AA: Inl. Ilg
256/2431 Dok. Jl). 6 2

Andererseits war bereits im Stabsbefehl Nr. 7 vom 25. August 1942 über die
»Behandlung von rein deutschblütigen Familien, in denen sich ein Teil der
Kinder oder alle nicht zum Deutschtum bekennen« (PA/AA: Inl. Ilg
256/2431 Dok. F9-10), massiv auf deutschsprachige Familien Druck ausge-
übt worden, sich als »deutsch« zu bekennen:

// 206
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

»a/Bekennen sich ein oder beide Elternteile und einzelne Kinder zum
Deutschtum ... so sind die sich zum Deutschtum Bekennenden als
vollberechtigte Volksgruppenangehörige anzusehen, diejenigen Fami-
lienmitglieder aber, die sich zum Deutschtum nicht bekennen wollen,
sind ... in Evidenz [D. h. Gewahrsam] zu führen. b/Bekennen sich die
Eltern zum Deutschtum, von den Kindern jedoch niemand, so verlieren
die Eltern jedoch Anspruch auf Rechtsschutz und soziale Betreuung
seitens der Volksgruppe« (ebd.).

Dazu passt, dass der Volksgruppenführer später im Juli 1944 in einem Be-
richt zur Lage der Volksgruppe mitteilt:
»28 rein oder überwiegend deutschblütige Wehrpflichtige, die in dem
Bestreben, sich dem Wehrdienst zu entziehen, sich als Kroaten erklärt
und um ihre Entlassung aus der Volksgruppe nachgesucht hatten, (wur-
den) zur Einberufung freigegeben« (PA/AA: Inl. IIc 7/3 R100366).

Wie schon bei der nationalsozialistischen Volksgruppenpolitik im Banat


wird auch an den Maßnahmen Altgayers die ganze Gewalttätigkeit der ras-
sistischen und nationalsozialistischen Ein- und Ausgrenzungspolitik sicht-
bar. Nicht die subjektive Einstellung einer Person entschied über die Zuge-
hörigkeit zu einer Bevölkerungsgruppe. Es war die Entscheidung der na-
tionalsozialistischen Führer - vor allem entlang der nationalen Merkmale
Sprache beziehungsweise Herkunft und dem rassistischen Prinzip der Ab-
stammung -, die gegebenenfalls darüber entschieden, ob man als »Jude«
ausgestoßen und liquidiert oder als Volksdeutscher erkannt, also zum ei-
nen privilegiert behandelt, zum anderen aber auch zur Verteidigung der
Herrschaft der eigenen Volksgruppe gezwungen wurde.

3.1.3
Volksdeutsche aus Rumänien und anderen Staaten
Südosteuropas in der »Prinz Eugen«

Wie bereits gezeigt, war es schon vereinzelt vor und während der
Besetzung Jugoslawiens 1941 zu einem Eintritt Volksdeutscher aus den ver-
schiedenen Gebieten Südosteuropas in die Waffen-SS und die Wehrmacht
gekommen. Darunter hatten sich auch Volksdeutsche aus der 1941 an Un-
garn angeschlossenen Batschka (vgl. Böhm 1990, 77) und dem rumänischen
Teil des Banats (vgl. Dokumentation Bd. 3, 53E), die von durchziehenden

// 207
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Wehrmachts- und SS-Einheiten angeworben worden waren, befunden. Ne-


ben der allgemeinen Begeisterung für die Siege der deutschen Wehrmacht
und der SS, vor allem in der Anfangszeit des Krieges, war das entschei-
dende Motiv für den Eintritt dieser Volksdeutschen in die deutschen Ein-
heiten die Möglichkeit, sich so dem unbeliebten Dienst in der ungarischen
und rumänischen Wehrmacht zu entziehen, wo die Volksdeutschen Rekru-
ten oft Schikanen und Entwürdigungen ausgesetzt waren (vgl. Dokumenta-
tion Bd.2, 32E). Besonders durch den Übertritt in das benachbarte Serbien,
das unter deutscher Verwaltung stand, bot sich für Volksdeutsche Rekruten
aus Rumänien und Ungarn eine günstige Gelegenheit, sich bei deutschen
Einheiten zu melden (vgl. Böhm 1990, 73). 63
Bei der Aufstellung der »Prinz Eugen« konnte aus außenpolitischen
Gründen nicht offen unter den Volksdeutschen Südosteuropas geworben
werden. Die Volksdeutschen Rumäniens mussten zu diesem Zeitpunkt,
Anfang 1942, noch in den nationalen Streitkräften ihres Landes unter ru-
mänischem Oberbefehl dienen. Für die Volksdeutschen in Ungarn wurde
zwar am 1. Februar 1942 ein Abkommen zwischen der Reichsregierung und
dem ungarischen Staat geschlossen, das den Übertritt von Volksdeutschen
Freiwilligen in die Waffen-SS beziehungsweise die Wehrmacht regelte (vgl.
Dokumentation Bd.2, 33E). Aber bis auf einen kleinen Teil waren diese
»Freiwilligen« für den Ersatz schon bestehender Waffen-SS Einheiten vor-
gesehen (vgl. Böhm 1990, 85) und wurden nicht der »Prinz Eugen« zur Ver-
fügung gestellt. 64 Nachdem Anfang 1942 endgültig entschieden worden
war, die SS-Division »Prinz Eugen« im Kern hauptsächlich aus Banater
Schwaben aufzustellen, beschloss man gleichzeitig, diese nicht nur mit
reichsdeutschem Rahmenpersonal, sondern auch gezielt durch einzelne
Freiwillige aus Rumänien und der Batschka zu verstärken (vgl. Janko
1982, 219). Ähnlich wie auch schon bei der illegalen Rekrutierung für an-
dere SS-Divisionen (vgl. Schuster 1987, 149), ergab sich aus diesem Vorha-
ben sowohl für die Volksgruppenführung in Ungarn und Rumänien als
auch für die Wehrmachts- und SS-Führung eine widersprüchliche Lage:
Einerseits strebte man grundsätzlich eine Verstärkung der eigenen Verbän-
de, auch durch die illegal in den deutschen Einheiten dienenden Volks-
deutschen, an. Deswegen wollte man sie nur ungern an Ungarn oder Ru-
mänien, wie von diesen Staaten verlangt, zurückgeben. Diese Haltung
wurde in Bezug auf Rumänien noch dadurch verstärkt, dass, anders als mit
Ungarn (vgl. Dokumentation Bd.2, 32E ff), 1942 mit Rumänien noch kein of-
fizielles Abkommen geschlossen worden war (vgl. Dokumentation Bd. 3,

// 208
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

5lE). Obwohl es bereits 1940 eine erste Amnestie der rumänischen Regie-
rung für die illegal in die Wehrmacht beziehungsweise SS eingetretenen
Volksdeutschen gegeben hatte (vgl. Schuster 1987,149), wurden alle weite-
ren Übertritte Volksdeutscher von Rumänien als Desertation angesehen.
Noch 1942 lehnte die rumänische Staatsführung eine neue, umfassende
Amnestie für zurückkehrende Volksdeutsche Freiwillige ab, sodass diese
nach wie vor von einer Strafverfolgung bedroht waren (vgl. PA/AA: Inl. IIc
32/153 R100380 und Reiser 1987, 308). Andererseits konnte man aus außen-
politischen Gründen, vor allen Dingen in der ersten Phase des Krieges ge-
gen die Sowjetunion, keinen Konflikt mit den südosteuropäischen Verbün-
deten riskieren. Besonders deutlich lassen sich die Veränderungen in der
Einstellung der Wehrmacht und der Waffen-SS zur Frage der Rekrutierung
von Volksdeutschen aus Rumänien im Verhalten des Volksgruppenführers
Andreas Schmidt aufzeigen.
Während Schmidt auf Weisung seines Schwiegervaters, SS-Gruppen-
führer Berger, noch 1940 die ersten illegalen Grenzübergänge von Volks-
deutschen Freiwilligen für die Waffen-SS selbst geleitet hatte (vgl. Doku-
mentation Bd.3, 52E) und auch im März 1941 noch persönlich die »In-
marschsetzung« von Freiwilligen für die SS-Division »Das Reich« angeord-
net hatte (ebd. 54E), änderte sich mit dem Machtwechsel in Rumänien und
dem neuen Verbündeten Antonescu die offizielle Politik. So erging unter
anderem am 17. November 1941 der Befehl des OKW, ab sofort keine Volks-
deutschen aus Rumänien mehr einzustellen (vgl. Reiser 1987, 307). Anfang
1942 betonte Schmidt dann in einem Schreiben an Himmler, dass trotz des
Bekanntwerdens der SS-Freiwilligenaktionen in Ungarn und Serbien auf
Weisung der Volksgruppe die Rumäniendeutschen noch zu hundert Pro-
zent in der rumänischen Armee dienten (vgl. Dokumentation Bd.3, 53E). 65
Kurz darauf beschwerte Schmidt sich dann in Berlin, dass die sich häufen-
de Übernahme Volksdeutscher Deserteure aus rumänischen Verbänden an
der Ostfront durch deutsche SS- und Wehrmachtseinheiten sein Verhältnis
zur rumänischen Staatsführung schwer belasten würde (vgl. ebd.). Aus ei-
nem Schreiben des Gesandten Benzler in Belgrad an das Auswärtige Amt
vom 21. August 1942 wird deutlich, dass es Schmidt dabei auch um Bana-
ter Schwaben aus Rumänien ging, die bei der »Prinz Eugen« dienten. In dem
Schreiben bittet Benzler das AA in Berlin, eine Weisung der VOMI an den
»Führer der Banater Volksdeutschen SS-Division >Prinz Eugen<, Gruppen-
führer Phleps« (PA/AA: Inl. IIc 32/153 R100380), vom 13. August 1942 zu
überprüfen. Darin hatten die Volksgruppenführungen Ungarns und Rumä-

// 209
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

niens - Andreas Schmidt war zu diesem Zeitpunkt Volksgruppenführer in


Rumänien - die Herausgabe der aus ihren Ländern in der »Prinz Eugen« die-
nenden Volksdeutschen gefordert (vgl. ebd.). Am 14. September 1942 ant-
wortete Triska für das AA: Etwa 100 Rumäniendeutsche seien von der
»Prinz Eugen« entlassen und in die »Organisation Todt« überführt worden.
Der Rest der Rumäniendeutschen sollte bei der Division verbleiben und
wegen der drohenden kriegsgerichtlichen Verfolgung nicht aus dem serbi-
schen Banat zurückgeführt werden (vgl. PA/AA: Inl. IIc 32/153 R100380). 66
Erst Anfang 1943 sollte sich die offizielle Politik gegenüber den Volksdeut-
schen in Rumänien noch einmal verändern. Nach der Zerschlagung der ru-
mänischen Armeen um Stalingrad hatten sich bereits bis März 1943 etwa
10 000 versprengte Volksdeutsche Angehörige der rumänischen Truppen bei
deutschen Wehrmachts- und SS-Stellen an der Ostfront gemeldet. Ein Füh-
rerbefehl untersagte ihre Rückführung in die rumänische Armee (vgl. Do-
kumentation Bd.3, 54E). Wie aus verschiedenen Schreiben der deutschen
Dienststellen Ende März 1943 hervorgeht, drängte die SS-Führung schon zu
diesem Zeitpunkt auf eine flächendeckende Werbung unter den rumäni-
schen Volksdeutschen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg. 17e/l768 Dok. 130043-47). Am
12. Mai 1943 wurde dann ein SS-Abkommen mit dem rumänischen Staat
unterzeichnet, das die offizielle Werbung freiwilliger Volksdeutscher für
den Dienst in der SS und der Wehrmacht regelte (vgl. Dokumentation Bd. 3,
Anlage 8). Allerdings blieb Volksdeutschen Soldaten, die bei rumänischen
Einheiten »auf der Krim bzw. ostwärts des Don« im Einsatz waren, wegen
der Frontlage der Wechsel auch weiterhin untersagt, wie aus einem Schrei-
ben der Deutschen Gesandtschaft in Bukarest vom 20. Juli 1943 hervorgeht
(vgl. PA/AA: Inl. Ilg 17a/l755 Dok. E024781). Welche Bedeutung der Wech-
sel von der rumänischen zur deutschen Wehrmacht oder Waffen-SS für die
Volksdeutschen gehabt haben muss, wird daraus ersichtlich, dass sich auch
aus diesen Einheiten die Fahnenflucht Volksdeutscher Soldaten fortsetzte
(vgl. ebd. Dok. 327923). Darüber hinaus zeigte es sich, dass es wiederum die
Waffen-SS war, welche die Volksdeutschen dabei unterstützte und so für
sich zu gewinnen suchte (vgl. ebd. Dok. 327924). Durch das Abkommen und
die damit verbundene SS-Politik wurden dann auch in der zweiten Hälfte
1943 vermehrt Volksdeutsche aus dem rumänischen Teil des Banats und aus
Siebenbürgen zur 7. SS-Division »Prinz Eugen« überstellt. Wie es in einem
Bericht Bergers an den Reichsführer-SS über den Stand der Musterungen in
Rumänien vom 2. Juni 1943 heißt, sollte mit einem Teil der wehrfähigen Ru-
mäniendeutschen die 7. SS-Division »Prinz Eugen« so verjüngt werden, 67

// 210
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

dass sie als »aktive« SS-Division angesehen werden konnte (BA: NS19/
371). 68

3.1.4
Statistischer Überblick über die ethnische Zusammensetzung
der 7. SS-Division »Prinz Eugen«

Nach einem Bericht über die »Landsmannschaftliche Zusammenset-


zung« der »Prinz Eugen« vom 20. Februar 1944 dienten in der Division zu
diesem Zeitpunkt 8,5% Reichs- und insgesamt 91,5% Volksdeutsche.
53,6% der Divisionsmitglieder kamen aus dem Banat und Serbien, 21,3%
aus Rumänien, 11,204% aus Kroatien, 2,92% aus der Slowakei, 2,57% aus
Ungarn und eine geringe Anzahl von 0,006 % aus sonstigen Volksdeutschen
Gruppen (MA: RS3-7/17, Dok. 463). 69 Laut Zustandsbericht des Divisions-
kommandos vom 6. Februar 1944, den es an das Gen. Kommando des V. SS-
Gebirgs-Korps schickte, hatte die Division im Januar 1944 einen Bestand
von 392 Offizieren, 1901 Unteroffizieren, 18 985 Mannschaften und 1381 Hi-
wis, insgesamt also 22 659 Mann (vgl. MA: RS 3-7/17 Dok. 449ff). 70 Rechnet
man die obigen Prozentzahlen auf Basis des Zustandsberichts in absolute
Zahlen um, so ergibt sich, dass etwa 12145 Mitglieder der Division aus dem
Banat und Serbien kamen. Nach einer statistischen Übersicht mit Stand
vom 28. Dezember 1943 dienten zu diesem Zeitpunkt insgesamt 22118
Volksdeutsche aus dem Banat und Serbien in deutschen Einheiten - davon
21516 in der Waffen-SS, der Hilfs- und Banater Polizei, 602 in der Wehr-
macht - (vgl. Herzog 1955,17). Damit waren etwa 97 % der Banater Schwa-
ben in ihrer Heimatregion und den umliegenden Gebieten eingesetzt. Ins-
gesamt dienten somit 55 % aller im Wehrdienst stehenden Banater Schwa-
ben in der »Prinz Eugen«. Die 7. SS-Division »Prinz Eugen« hatte, auch
nachdem sie vermehrt Ersatz durch Volksdeutsche aus anderen Teilen Süd-
osteuropas erhalten hatte, somit nichts an Bedeutung für die Banater
Schwaben verloren. Dies wird umso deutlicher, wenn man die Zahlen der
aus den anderen Herkunftsgebieten Südosteuropas stammenden Mitglie-
der der Division auf Grundlage der statistischen Übersicht mit Stand vom
28. Dezember 1943 (vgl. Herzog 1955, 16-17) der gleichen Rechnung unter-
zieht. Die etwa 2539 Mann, aus Kroatien die in der Division dienten, mach-
ten ungefähr 1 0 % aller in Waffen stehenden Volksdeutschen aus Kroatien
aus. 71 Die 4826 Mann aus Rumänien und die 662 Mann aus der Slowakei

// 211
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

entsprachen jeweils sogar nur 8% der dortigen Volksdeutschen Soldaten.


Die 582 Ungarndeutschen der Division machten gerade ein knappes Pro-
zent der zu diesem Zeitpunkt dienenden Volksdeutschen Ungarns aus.
Noch ein weiterer statistischer Hinweis soll an dieser Stelle erfolgen. Von
allen deutschen Bevölkerungsgruppen Südosteuropas stellten bis Ende
1943 die Banater Schwaben und die Volksdeutschen aus Kroatien den
höchsten Prozentsatz an Wehrdienstleistenden. Im Banat dienten 14,7%
und in Kroatien 14,4% der gesamten Volksgruppe in den unterschied-
lichen bewaffneten Verbände. Im Vergleich dazu waren es zum gleichen
Zeitpunkt in Rumänien 11,7%, in der Slowakei 5,57% und in Ungarn
4,74%.
Volksdeutsche aus dem jugoslawischen Teil des Banats bildeten also
auch im Sommer 1944 den entscheidenden Schwerpunkt der Division
»Prinz Eugen«. Darüber hinaus war die »Prinz Eugen« nicht nur eine Volks-
deutsche SS-Division, sondern mit ihren Verstärkungen aus Slawonien,
Syrmien, der Batschka und dann dem rumänischen Teil des Banats im en-
geren Sinn eine donauschwäbische SS-Division. Somit war Phleps ur-
sprüngliches Vorhaben, die Division aus verschiedenen Gruppen Volks-
deutscher Südosteuropas zusammenzusetzen, wenigstens ansatzweise
doch noch umgesetzt worden.

3.2
Aufstellung und Ausbildung

3.2.1
Personelle Zusammensetzung -
Führer und Mannschaften

Laut Schreiben des Oberkommandos der Wehrmacht über die Auf-


stellung Volksdeutscher Verbände in Serbien durch den Reichsführer-SS
vom 30. Dezember 1941 sollte auf Weisung Hitlers die neue Division aus
zwei Brigaden mit je zehn bis elf selbstständigen Bataillonen bestehen. Die
Aufstellung sollte dabei Zug um Zug, je nach Eintreffen der personellen Er-
gänzungen, erfolgen. Auch in diesem Schreiben wird deutlich, dass die
Aufstellung der Division unter dem Zeitdruck erfolgte, wenigstens teil-
weise bis Februar 1942 abgeschlossen zu sein (vgl. BA: NS19/3519, Dok.
198). Letztendlich dauerte es dann allerdings bis Oktober 1942, bis die neue

// 212
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Division ihren ersten Einsatz, noch im Rahmen der Ausbildung, in Serbien


hatte (vgl. Kumm 1978, 43). Die konkrete Struktur der Division erfuhr bis
dahin immer wieder Ergänzungen und Veränderungen. Am 1. März 1942
hatte das SS-Führungshauptamt (SS-FHA) die Vorgaben der Reichsführung
umgesetzt und die organisatorische Aufsteilung einer »Freiwilligen-Ge-
birgsdivision« befohlen. In Bezug auf die Stellenbesetzung heißt es dort:
»6.) Führerstellenbesetzung erfolgt durch das Divisionskommando, das
auf das Personal des serbischen Raumes und gewesene aktive deutsch-
völkische Offiziere Nordsiebenbürgens zurückgreift.
7.) Stellenbesetzung der Unterführer und Mannschaften durch freiwillige
Stellung der deutschvölkischen Einwohner des serbischen Raumes, bei
teilweiser Ergänzung durch sonstige deutschvölkische Freiwillige.
12.) Mit der Aufstellung und Führung der Freiw. Geb. Div. ist der SS-Bri-
gadeführer Phleps (Kdr. d. Div) beauftragt« (BA: NS19/ 3519 Dok. 138).

Während die reichsdeutschen Mitglieder der Division auf dem rechten


Kragenspiegel die klassischen SS-Runen trugen, wurde am 20. März 1942
vom SS-Führungshauptamt festgelegt, dass das Erkennungsmerkmal der
Volksdeutschen Mitglieder der Division die »Odalsrune« 72 sein sollte (vgl.
MA: N 756/149). Ebenso wie mit dem Divisionsnamen »Prinz Eugen« wur-
de durch die Wahl der »Odalsrune« die Verbindung der donauschwäbi-
schen Bauern mit altem germanischen Landbesitz unterstrichen und die
Division »Prinz Eugen« als Fortsetzung alter Wehrbauerntraditionen be-
schworen. Am 1. April 1942 erhielt die Division dann offiziell den Namen
»Prinz Eugen«. Zum 1. August 1942 befahl das SS-FHA, unter Bezugnahme
auf die bereits erfolgten Aufstellungsbefehle, nun die Aufstellung der SS-
Freiw.Div. »Prinz Eugen« in ihrer endgültigen Form. Dabei wurde aus-
drücklich betont, dass für die Stellenbesetzung keine Zuweisungen durch
das SS-FHA stattfinden sollten (vgl. BA: NS19/3519, Dok. 57). Besondere
Schwierigkeiten machte dabei die Besetzung der Führer- sowie Unterfüh-
rerstellen (vgl. Hausser 1966, 378). Der Mangel an Führungspersonal war
generell ein Problem beim Ausbau der Waffen-SS. Bereits seit Herbst 1939
hatte das SS-Führungshauptamt Schwierigkeiten, genügend »Nachersatz«
zu stellen. Diese Schwierigkeiten verschärften sich noch mit der besonders
hohen Verlustquote von SS-Führern seit Beginn des Krieges gegen die So-
wjetunion (vgl. Wegner 1997, 284). Für die 7. SS-Division »Prinz Eugen« er-
gab sich daraus die Notwendigkeit, den größten Teil ihres Führungsperso-
nals aus bereits bestehenden Waffen-SS- sowie Wehrmachtsteilen selbst
herauszusuchen (vgl. Kumm 1978, 27). Auch wurde versucht, unter den be-

// 213
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

reits in den verschiedenen Organisationen tätigen Volksdeutschen geeig-


nete Unterführer zu finden. Im Januar 1942 konnten so 122 Unterführer aus
dem Reichsarbeitsdienst der Division zur Verfügung gestellt werden (vgl.
BA: NS19/2878). Bereits mit dem Befehl vom 1. März 1942 hatte das SS-
FHA angeboten, die militärischen Kenntnisse von einem Teil der Volks-
deutschen Führer und Unterführer in SS-Ersatzeinheiten oder Schulen im
Reich zu fördern, damit diese später als Ausbilder bei ihren Einheiten tätig
werden konnten (vgl. BA: NS19/3519) 7 3 . Aber auch im Banat fanden Um-
schulungsmaßnahmen statt. So wurden in Pantschowa SS-Führer und
Unterführer des Verwaltungsdienstes umgeschult (ebd. Dok. 59). Am
11. August 1942 erging dann vom SS-FHA der Befehl zur Aufstellung eines
SS-Gebirgs-Jäger Ersatzbataillons »Prinz Eugen« mit Standort in der Bana-
ter Stadt Werschetz. Die Aufgabe des Ersatzbataillons war eine 12-wöchige
allgemeine Ausbildung der von den Ergänzungsstellen für die Division ge-
musterten Volksdeutschen. Nach wie vor sollten aber die von der Division
benötigten Spezialisten bei den zuständigen Ersatzeinheiten der Waffen-SS
hauptsächlich im Reich ausgebildet werden (vgl. Prag: SS Kraftfahr Aus-
bildungs- und Ersatzregiment Karton 2, ie2 (kr.2). Für den überwiegenden
Teil der Banater Schwaben in der Division war aber der Aufstellungs- und
Ausbildungsort in ihrer Heimat, dem Banat. Wie den Kriegstagebüchern zu
entnehmen ist, verbrachten zum Beispiel die II. 74 und III. Abteilung 75 des
SS-Geb. Artillerie Rgt. bis zu ihrem ersten Einsatz ihre Ausbildungszeit in
Groß-Kikinda (vgl. MA: RS/4 1376 und 1377), während das SS-Geb. Pionier
Btl. 7 in Pantschowa stationiert war (ebd. 1428-30). Die Tatsache, in der Hei-
mat ausgebildet zu werden, hat das Gefühl, letztendlich doch »Heimat-
schutz« zu sein, bei vielen Banatern sicherlich entscheidend unterstützt.
Wie ebenfalls aus vielen Eintragungen in den Kriegstagebüchern ersicht-
lich ist, wurde die Ausbildung insgesamt in engem Kontakt mit der Volks-
deutschen Zivilbevölkerung durchgeführt. So wurden zum Beispiel bei
Unterhaltungsveranstaltungen der Division im Mai und Juni 1942 auch Zi-
vilisten eingeladen und die »Künstler« zu Volksdeutschen in die Wohnung
gebracht (vgl. MA: RS/4 1377). Selbst Spätsommer 1944 war es noch üblich,
dass Männer der im Banat stationierten Ersatzeinheiten zum Ernteeinsatz
auf ihren Höfen freigestellt wurden (vgl. MA: RS/4 1136 Dok. 3938).
Mit dem Auftrag zur Aufstellung der Volksdeutschen Division hatte die
Waffen-SS den alleinigen Anspruch auf die Volksdeutschen auf dem Bal-
kan erhoben. In der nun schwierigen Situation forderte die Führung der
Waffen-SS, dass alle Männer, die von anderen Teilen der Besatzungsbehör-

// 214
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen

Bild 5 Banater Bäuerin und ihr Mann aus der Ortschaft Kiek
bei Groß-Betschkerek. Die Mütze weist ihn als SS-Mitglied aus.

den angeworben worden waren, an die SS-Division »Prinz Eugen« über-


stellt werden sollten (vgl. BA: NS19/1728 und Herzog 1955,13). So wurden
alle weiteren Werbungen durch die Wehrmacht gestoppt (vgl. BA: NS19/
2878). Damit befand sich de facto schon ab Januar 1942 die Rekrutierung
der Volksdeutschen Jugoslawiens allein im Zuständigkeitsbereich der Waf-
fen-SS. Am 31. März 1942 hatte der Leiter der VOMI, SS-Obergruppenfüh-
rer Lorenz, in einem Schreiben an Heinrich Himmler darauf verwiesen,
dass die im Aufbau begriffene Division auch die 1941 bereits von der Wehr-
macht infolge der Aufstände rekrutierten Volksdeutschen nun dringend
selbst benötigte (vgl. BA: NS19/1728). Aus Volksdeutschen Offizieren und
Unteroffizieren der ehemaligen jugoslawischen Wehrmacht konnte eben-
falls ein großer Teil der Führerränge besetzt werden. Die noch fehlenden
Führerstellen wurden mit Reichsdeutschen besetzt.

// 215
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

In diesem Zusammenhang soll auf eine Frage hingewiesen werden, die


in der Auseinandersetzung mit der SS immer wieder eine wichtige Rolle
gespielt hat (vgl. u.a. Stein 1967; Höhne 1996). Inwieweit waren die ver-
schiedenen Bereiche der SS-Polizei, Allgemeine SS, Konzentrationslager-
mannschaften und Waffen-SS miteinander verbunden beziehungsweise
voneinander getrennt? 76 Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wollten die
Führer der Waffen-SS - beispielsweise als Zeugen im Nürnberger Prozess
gegen die Hauptkriegsverbrecher - eine besondere Verstrickung der Waf-
fen-SS in die Menschenrechtsverbrechen des »Dritten Reichs« nicht sehen
(vgl. Nürnberg XX, 400ff). Man bezeichnete sich als »Soldaten wie andere
auch« (Hausser 1966) - als würde allein dieser Hinweis genügen, die er-
drückende Anklage etwas abzumildern. Man versuchte, die Waffen-SS als
sogenannten selbstständigen Teil der Wehrmacht von den anderen Berei-
chen der SS zu trennen (vgl. Nürnberg XX, 395). Wie sehr gerade bei der
»Prinz Eugen« die verschiedenen Aufgaben und Bereiche der SS zu-
sammenflössen und nicht zu trennen waren, wird hier später immer wie-
der zur Sprache kommen. Noch in der Aufstellungsphase der »Prinz Eu-
gen« fand diese Vermischung ihren Ausdruck in einer Personalzuweisung,
der noch weitere vergleichbare folgen sollten. Am 6. Juli 1942 schrieb SS-
Oberführer 77 Viktor Brack an Heinrich Himmler und bat um seine Verset-
zung zur »Prinz Eugen«. Brack verwies darauf, dass er von der Wehrmacht
in den Jahren 1936 bis 1938 zum Feldwebel und Offiziersanwärter der Ge-
birgsjäger ausgebildet worden war und sich deswegen zum Dienst in der
7. SS- Geb. Div. besonders eignen würde. Außerdem erachtete er es für sei-
ne spätere politische Arbeit nützlich, wenn er in der »Praxis die Gelegen-
heit« fände, »in fremdem Land mit fremden Menschen zu arbeiten« (BA:
NS19/2526 Dok. 1 ff).78 Am 18. Juli 1942 ließ Himmler in einem Brief aus
dem Führerhauptquartier mitteilen, dass er einverstanden sei und Brack
sich möglichst bald zur Division begeben solle (vgl. ebd. Dok. 5). In der All-
gemeinen SS mit dem Rang eines SS-Oberführers versehen, hatte Viktor
Brack persönlich am Euthanasie-Programm teilgenommen (vgl. Aly 1995,
53). Später bereitete er den Einsatz der ersten Vergasungswagen für Juden
in Riga und Minsk vor. Brack war außerdem maßgeblich am Aufbau der To-
deslager und der Gaskammern in Polen beteiligt (vgl. Wistrich 1983, 30).
Viktor Brack diente dann ab Sommer 1942 im Rang eines SS-Untersturm-
führers bei der 7. Waffen-SS-Division »Prinz Eugen« (vgl. BA: NS19/938). 79
Nach Angaben des späteren Divisionskommandeurs, SS-Brigadeführer
Otto Kumm, kamen bei den Kompanie-, Bataillons- und Zugführern drei

// 216
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Bild 6 Banater Familie in Kiek bei Groß-Betschkerek.


Die Uniform weist den Vater als SS-Sturmmann aus.

Volks- auf einen Reichsdeutschen. Bei den Regimentskommandeuren wa-


ren zwei Drittel Volksdeutsche, und bei den Unterführern war das Verhält-
nis Volksdeutsche zu Reichsdeutschen fünf zu eins (vgl. Kumm 1978, 40).
Insgesamt konnte aber der Mangel an Führungskräften auch im weiteren
Verlauf des Krieges nicht behoben werden. Aus dem Zustandsbericht des

II 211
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Divisionskommandanten über die personelle Lage der Division vom Janu-


ar 1944 lässt sich errechnen, dass auch zu diesem Zeitpunkt der Fehlbe-
stand an Offizieren (49 %) und Unteroffizieren (48 %) den der Mannschaf-
ten (25 %) bei weitem überstieg (MA: RS 3-7/17 Dok. 449ff). Dabei führte
die schwierige Personalsituation dazu, dass das »SS-Hauptamt-Ergän-
zungsamt« am 9. Dezember 1942 auf Anfrage des Ersatzkommandos Südost
der Waffen-SS verfügte, dass die Division »Prinz Eugen« SS-geeignete und
für das Heer als kriegsverwendugsfähig befundene Freiwillige bis zur
Größe von 160 cm annehmen sollte. Damit waren die Tauglichkeitsvoraus-
setzungen für den Dienst in der »Prinz Eugen« niedriger als für alle ande-
ren Einheiten (BA: NS31/367 Dok. 23). 80
Die ethnische Zusammensetzung der Division aus 9 1 , 5 % Volksdeut-
schen Südosteuropas und 8 , 5 % Reichsdeutschen führte von der Ausbil-
dung bis zum Kampfeinsatz immer wieder zu Spannungen. Die nationalis-
tische Überheblichkeit, die sich auch in der bereits zitierten abfälligen Be-
urteilung des Volksdeutschen Ersatzes durch den Kommandeur der SS-
»Totenkopfdivision«, Eicke, während des Russlandfeldzuges Ende 1941 ge-
zeigt hatte (vgl. Prag: Karton 1, 4/kr.l. SS-Kraftfahr-, Ausbildungs- und Er-
satzregiment), war offensichtlich auch unter einem Teil des reichsdeut-
schen Rahmenpersonals und der reichsdeutschen Führer der »Prinz Eu-
gen« verbreitet. Noch am Ende der Ausbildungszeit, kurz bevor die »Prinz
Eugen« nach Kroatien verlegt wurde, kam es deswegen zu ersten größeren
Auseinandersetzungen. Aus Angst vor weiteren Repressalien hatten sich
immer wieder Banater Schwaben in Briefen zum Teil anonym unter ande-
rem auch an den Volksgruppenführer Sepp Janko gewandt und ihm über
Demütigungen und Beleidigungen berichtet (vgl. Janko 1982, 227). In einem
Divisions-Sonderbefehl vom 2. Dezember 1942 wandte sich dann der Divi-
sionskommandant Phleps überscharf gegen das anonyme Briefeschreiben:
»Der anonyme Briefschreiber ist mit einem wilden Tier zu vergleichen,
das bei Nacht und Nebel aus dem Hinterhalt das in Ruhe einherschrei-
tende Opfer anfällt. Er ist das nichtswürdigste Individuum, das sich der
deutsche Mann vorstellen kann, weil es der Ausfluss der Feigheit, der
Heimtücke, der Hinterlistigkeit und der Ausdruck der niedrigsten
Instinkte ist« (BA: NS19/292, Dok. 9). 81

Phleps Wut erklärt sich auch daher, dass in den Briefen zum Teil Geheim-
befehle der Division an den Volksgruppenführer weitergegeben worden
waren. Er verweist dabei auf Vorgänge, bei denen Originalbefehle der Divi-
sion in die Hände des Höheren SS- und Polizeiführers gelangt waren.

// 218
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Phleps bezeichnet die dafür Verantwortlichen als Kapitalverbrecher und


droht ihnen mit Kerkerhaft, »denn diese Menschen versündigen sich gegen
das Hauptgebot des Soldaten, gegen die Disziplin, und zerstören bewusst
das innere Gefüge der Division« (ebd. Dok. 10). Dann kommt er auf die Pro-
bleme in der Personalführung zu sprechen:
»Ich erwarte von allen Kommandeuren, dass sie diesen Befehl in ent-
sprechender Form zum Anlass von fortgesetzten Belehrungen machen
und darauf einwirken, dass durch ständige Kontrolle und wiederholtes
Ausfragen Ubergriffe, Ungerechtigkeiten, Misshandlungen, Beschimp-
fungen,82 mangelhafte Verpflegung usw. ausgeschlossen sind ... Führer
und Unterführer, die sich nicht fügen oder denen der Sinn für menschli-
che, dabei doch soldatisch strenge Art, abgeht, sind nicht würdig, in der
Div. zu führen und müssen rücksichtslos ausgeschaltet werden« (B A:
NS19/292, Dok. 9ff).

Phleps Sonderbefehl und die Schwierigkeiten in der Division veranlassten


Himmler am 13. Januar 1943 zu einem Schreiben an Jüttner. Zum einen
führte Himmler aus, dass Phleps Aussagen über die Originalbefehle miss-
verständlich seien. So als ginge es um die Frage, ob überhaupt und nicht
wie Befehle in die Hände des Höheren SS- und Polizeiführers gelangen
sollten. Dann kommt Himmler auf Beschwerden der Volksdeutschen zu
sprechen, dass die SS-Führer versuchen würden, zusätzliches und besse-
res Essen als sie zu bekommen. Himmler forderte Jüttner auf, diesbezüglich
mit Phleps zu sprechen, da er
»es als Grundlage ansehe, dass jeder derartige Versuch brutal und mit
allen Mitteln unterbunden wird. Gleiches Essen ist im Krieg das Funda-
ment der Zufriedenheit« (BA: NS19/938, Dok. 2).

Trotz des frühen Eingreifens des Divisionskommandanten mit dem Ziel,


sowohl vehement die Disziplin aufrechtzuerhalten als auch die offensicht-
lich erfolgten Demütigungen Volksdeutscher durch reichsdeutsche Führer
zukünftig zu unterbinden, sollten sich die Schwierigkeiten fortsetzen. Da-
bei stellten sich sowohl Himmler als auch später Berger, eindeutiger als
Phleps, auf die Seite der Volksdeutschen.
Für die Offiziere und Mannschaften wurde nicht nur durch den Namen
»Prinz Eugen« oder das Divisionszeichen »Odalsrune« versucht, die Auf-
stellung der SS-Division in eine Traditionslinie mit vergangenen Ereignis-
sen der deutschsprachigen Besiedlung des Balkans zu stellen. Die Mytho-
logisierung der Geschichte wurde immer wieder in den unterschied-

// 219
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

lichsten Formen betrieben und fand Eingang in den Alltag der Division
schon während ihrer Aufstellungszeit. So stand im Vorwort der ersten
Kriegstagebücher verschiedener Bataillone des Geb. Artillerie-Rgts. der SS-
Freiw. Div. »Prinz Eugen« in Groß-Kikinda, dass die Aufgabe des Regi-
ments »die Wahrung der Ordnung und Sicherheit und des dem deutschen
Volke im Südosten zugewiesenen Lebensraumes« ist. Dabei stehe und
kämpfe es »in einem Raum ... der größtenteils von fremden Nationen be-
wohnt ist« und sei somit »eine dringende Notwendigkeit zum Schutze von
Volk und Land, da beide durch bekannte feindliche Einstellung der hier
vorherrschenden serbischen Elemente gefährdet sind« (MA: RS 4/
1376, 1377 und 1379).
In der Ausgabe der Zeitung Volkswacht vom 24. Mai 1942, »Stimme der
SS-Freiw. Division >Prinz Eugen< für die Truppe und das Deutschtum im
Banat«, wurden »Worte des Kommandeurs der SS-Freiw. Division >Prinz
Eugen<« abgedruckt. In den »markigen« Gewissheiten, mit denen Phleps
seine Männer anspricht, verbinden sich schon bekannte Aspekte der My-
thologisierung der Geschichte, wie beispielsweise der oft wiederholte Ver-
weis auf den bäuerlichen Grenzergeist, mit durchaus realen Veränderungen
für die Volksdeutschen Mitglieder der Division, wie der Tatsache, dass sie
nun nicht mehr in fremden Uniformen kämpfen mussten. Phleps wird in
der »Volkswacht« mit den Worten zitiert:
»Noch stehen Armeen der östlichen Unholde, Nachkommen jener
wilden Horden, die vor Jahrhunderten unsere Gefilde verwüstend
durchschritten. Sie werden aber vernichtet werden, denn vor unseren
Streitern steht der Führer - unerreicht auch als Soldat - und verzehn-
facht unsere Kräfte.
Nun ruft uns der Führer. Und freudig folgen seinem Rufe Jung und Alt
und reihen sich ein zur festgefügten Kampfeinheit, die den ehrenvollen
Namen »Prinz Eugen« trägt. Alte Weltkriegsteilnehmer neben ihren
jungen, begeisterten Söhnefn]. Viele unter ihnen trugen vorher Uniform
und Waffen von Fremdvölkern und mussten gegen deutsche Brüder
kämpfen.
Noch gilt es den letzten grossen Einsatz, und dazu seid nun auch ihr
ausersehen. Gleich den Vätern, die diesen Boden in bewunderungswer-
tem zähen Ringen urbar machten und in vielen Kriegen verteidigten,
werdet auch ihr ehrenvoll bestehen. In vielen Kriegen bewährter Gren-
zergeist wird lebendig und bald werden die Schritte der Kolonnen
erschallen, die da ankündigen: >Wo deutsche Faust den Boden pflügt,
bleibt deutsch die Erde.<

// 220
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Ich aber, als der vom Führer ernannte Kommandeur dieser Division,
selbst dem ältesten deutschen Grenzerstamm des Südostens entstam-
mend, der euch in eurem Wesen und Tun kennt, mit euch denkt und
fühlt, gehe mit felsenfestem Vertrauen auf eure Gefolgschaft an die Lö-
sung der gestellten Aufgabe, denn ich weiss, dass die deutschen Männer
dieser Gefilde nur wahr, treu und tapfer sein können« (MA: N 756/149).

Ein anderes Mal heißt es in einem handschriftlichen Entwurf des SS-Ober-


sturmbannführers Scherhaufer 83 vom 5. Juni 1942 für eine Rede anlässlich
einer »Prinz Eugen«-Feier, an der als Gäste Staatsrat Turner, Kreisleiter
Bauer und Bürgermeister Wolff teilnahmen:
»Volksgenossen und Männer der Waffen-SS ... 1717 vor 225 Jahren am
gleichen Tage gab es den Sieg Prinz Eugens gegen die Türken vor Belgrad
... [so] entstand das Bollwerk des Deutschen Reiches und die Banater
Waffen-SS ist nunmehr zur vermächtniserfüllender Verkörperung dies
Prinz Eugenschen Gedankens geworden« (Prag: inr.e.l/kr.l. 7. SS-Geb.
Division Prinz Eugen).

Auch im Soldatenheim in Pantschowa wurde die Geschichte als »Sinnge-


ber« missbraucht. Hier wurden die Wände von einem Münchner Künstler
mit riesigen Wandgemälden versehen (vgl. Kumm 1978, 40), die ausge-
wählte Ruhmestaten donauschwäbischer Geschichte und Militärgeschich-
te zeigten und zum Teil auf eigenwillige Art kommentierten. Dabei trat die
Mythologisierung der Geschichte besonders deutlich hervor, da hier der
Bogen von der SS-Division »Prinz Eugen« über die Jahrhunderte zurück bis
in die sagenumwobene Zeit der Nibelungen gespannt wurde. So lauteten
die Überschriften und Kommentare zu den jeweiligen Wandbildern: »Die
Nibelungen ziehen zu Attila an die Theis« - »Nibelungenlied! Man nennt
es eine Sage. Mit Blut geschriebene Geschichte steht dahinter« - »1604
Wallenstein, 1717 Prinz Eugen, 1718 der große Schwabenzug, 1788 Jakob
Hennemann, der Verteidiger von Werschetz« - »1813 Deutsch-Banater
Grenzer bei der Völkerschlacht von Leipzig«, »1820 Soldaten waren, sind
oder werden sie alle - Der Offizier ist von der Wiege bis zum Grabe dem
Wehrbauern Vorgesetzter, Vater und Freund. Ahne und Enkel kennen nur
einen Gruß - den soldatischen -« »1942 Vorwärts, >Prinz Eugen<!« (Kumm
1978). 84

// 221
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

3.2.2
Organisatorische Struktur, Ausrüstung und Bewaffnung

Das Einsatzziel der Division zeigte sich auch in Ausrüstung, Be-


waffnung und besonders in der organisatorischen Struktur der Division.
Die Aufstellung der Division erfolgte in Form eines selbstständigen Kampf-
verbandes (vgl. Janko 1982, 215). Sie bestand aus allen Waffengattungen
und war dabei entsprechend ihrer Aufgabe zusammengestellt. Sie sollte
anfangs aus zwei Gebirgsjäger-Regimentern mit jeweils vier Bataillonen
und darüber hinaus aus einem Artillerie- Regiment bestehen. Hinzu kamen
eine Reiterschwadron, ein Radfahrbataillon, eine Panzerkompanie, eine
Flakabteilung, eine Nachrichtenabteilung, ein Pionierbatallion und der
Tross aus Wirtschaftsbataillon, Werkstattkompanie, Sanitär- und Veterinär-
abteilung (vgl. BA: NS19/3519, Dok. 57 und Kumm 1978, 42). Zusätzlich er-
hielt die Division einen Propaganda-Zug. Seine Aufgaben waren die Pro-
paganda innerhalb der Deutschen Volksgruppe: beispielsweise »Redner
Einsatz« und die Herausgabe von Zeitungen wie Volkswacht und Banater
Beobachter. Darüber hinaus sollte der Zug Flugblätter und anderes Propa-
gandamaterial herausgeben und eine »Volksdeutsche Stunde« am Radio-
sender Belgrad durchführen (vgl. BA: NS19/3519, Dok. 55).
Ebenso wie bei der Aufstellung des Führerpersonals gab es allerdings
auch bei der Ausrüstung massive Probleme (vgl. Hausser 1966, 378). So ge-
staltete sich die Versorgung mit genügend Waffen und Munition in der er-
sten Phase als kompliziert. Da der Kampf gegen die Partisanen im unweg-
samen Gelände Serbiens nicht sofort eine umfassende schwere Bewaffnung
erforderte, konnte die erste Bewaffnung der Division hauptsächlich aus
Beutewaffen erfolgen (vgl. ebd. 378; Kumm 1978, 43). Trotzdem gab es auch
hier Probleme, wie Keitel am 30. Dezember 1941 an Himmler schrieb: Da
die Waffen aus der jugoslawischen Beute bereits vollständig verteilt wor-
den waren, konnten zunächst nur 10 000 Gewehre mit je 150 Schuss (8 mm),
500 leichte Maschinengewehre mit je 5000 Schuss und 200 bis 240 schwe-
re Maschinengewehre an die Division überwiesen werden (vgl. BA:
NS19/3519, Dok. 197 und 198).
Für den Einsatz der Division in den Bergen kam den Reit- und Lasttie-
ren eine besondere Bedeutung zu. In dem schwierigen Gelände konnten
motorisierte Einheiten nicht überall eingesetzt werden. Eine der ersten
Ausrüstungsmaßnahmen war der Ankauf von genügend Tragetieren wie
Maultieren und Eseln. Wie aus verschiedenen Schreiben zwischen dem

// 222
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

SS-Hauptamt und dem persönlichen Stab des Reichsführers-SS Anfang


1942 hervorgeht, war besonders die Beschaffung der benötigten Menge von
Lasttieren für die 7. SS-Division äußerst schwierig (vgl. BA: NS 19/2878). Im
Januar hatte der kroatische Staat 2000 Gebirgspferde für die Division be-
willigt (vgl. BA: NS19/2878). Fast zeitgleich war aber eine Anfrage der Waf-
fen-SS über ebenfalls zwei- bis dreitausend Mulis und Tragpferde für die 6.
SS-Division Nordland in Kroatien eingegangen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 305/
2562 Dok. D8-D24). Über die Lieferung der Tragtiere aus Kroatien für die in
Nordosteuropa eingesetzte Division kam es zu einer weiteren Ausein-
andersetzung zwischen Berger und dem deutschen Gesandten in Agram,
Kasche (vgl. ebd.). Wiederum stellte Kasche die deutschen Interessen in
Kroatien in den Vordergrund, während Berger bereit war, sie den allgemei-
nen Erfordernissen der Waffen-SS unterzuordnen. Somit setzte sich der be-
reits aufgezeigte Gegensatz zwischen Kasche und Berger fort, wobei auch
hier Kasche letztendlich unterlag. Kasche wurde in einem Schreiben des
Legationsrates Rademacher vom 27. Januar 1942 angewiesen, die Bemü-
hungen der Waffen-SS zu unterstützen (vgl. ebd. Dl3). Der Versuch, den
Bedarf der 7. SS-Division »Prinz Eugen« nach Lasttieren daraufhin aus Spa-
nien zu decken, war ebenfalls nur bedingt erfolgreich. So musste das Vor-
haben, 3000 Maultiere aus Spanien zu beschaffen, wie Himmler am
14. März 1942 schreibt, aus politischen Gründen fallen gelassen werden
(vgl. BA: NS19/2878). Die Division musste sich vorläufig mit der legalen
Lieferung von 500 Maultieren aus Spanien begnügen.
Die vielfältigen Probleme, die beim Aufbau der 7. SS-Division »Prinz
Eugen« auftraten, führten im Sommer 1942 zu dem Versuch einer unge-
wöhnlichen Hilfsmaßnahme des SS-Gruppenführers Staatsrat Turner, dem
Chef der Militärverwaltung in Serbien. Turner wollte die Division mit ge-
nügend finanziellen Mitteln ausstatten. Nachdem ihm die Verwaltung der
»Judengelder« zugefallen war, übergab er einige Millionen »Judengelder«
an den Kommandanten der SS-Division, SS-Gruppenführer Phleps, wie er
am 29. August 1942 an SS-Obergruppenführer Meyszner schrieb (vgl. BA:
NS19/1672). Diese für die allgemeine Vorgehensweise der SS eher unbüro-
kratische Maßnahme - man achtete allgemein auf eine ordentliche Ab-
wicklung des Judenvermögens (vgl. Schlarp 1986, 302) - wurde denn auch
auf Drängen Meyszners, der mit Turner einen langwierigen Kompetenz-
streit ausfocht (vgl. Friedmann 2000, 7), zurückgenommen. In einem
Schreiben an Heinrich Himmler vom 4. September 1942 berichtete Meysz-
ner, dass er Phleps beauftragt hatte, das »Judengeld« wieder zurückzuer-

// 223
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

statten, da noch keine ordnungsgemäße Abrechnung des Judenvermögens


in Serbien stattgefunden habe (vgl. BA: NS19/1672). Es liegt in der Struktur
der S S , dass Meyszner nicht grundsätzlich gegen die Verwendung von »Ju-
dengeld« für den Aufbau der »Prinz Eugen« war, sondern nur bürokrati-
sche Einwände gegen die konkrete Form der Vergabe vorbrachte. Vielmehr
zeigt dieser Zusammenhang zwischen dem Schicksal der Juden und der
7. SS-Division »Prinz Eugen«, wie direkt die Division schon in ihrer Anla-
ge in die Ausbeutungs- und Vernichtungsmaßnahmen der Militärverwal-
tung in Serbien verstrickt war - und wie wenig Haussers (1966) Satz »Sol-
daten wie andere auch« auf sie zutrifft.
Auf den besonderen Charakter der 7. SS-Division »Prinz Eugen« ist
schon mehrfach hingewiesen worden. Zum einen im Hinblick auf ihre spe-
zifische Aufgabenstellung, nämlich die Befriedung des jugoslawischen
Raumes im Sinne der deutschen Besatzungsmacht, und zum anderen in
Bezug auf ihre Zusammensetzung aus fast ausschließlich Volksdeutschen
aus dieser Region. Nirgendwo wird der besondere Charakter der Division
aber deutlicher als in einem mehrseitigen Papier über »[t]aktische Grund-
sätze für die Führung des Kleinkrieges«, das SS-Obergruppenführer Phleps
bereits am 27. April 1942, also noch in der Phase der Aufstellung, heraus-
gegeben hatte. Phleps zeichnet in ihm die Grundzüge des späteren Einsat-
zes der Division in einer solchen Deutlichkeit vor, dass die Wirklichkeit
der Partisanenbekämpfung durch die 7. SS-Division »Prinz Eugen« wie ei-
ne Umsetzung seiner Theorie in die Praxis wirkt. Ein Schwerpunkt des Pa-
piers ist dabei die gefechtsmäßige Aufgliederung der Division. Hier wird
deutlich, dass die oben bereits beschriebene Zusammensetzung der Divi-
sion aus allen Waffengattungen sich aus der ihr zugewiesenen Aufgabe der
Partisanenbekämpfung ergab. Des Weiteren macht Phleps dabei immer
wieder unmissverständlich deutlich, dass im zukünftigen Partisanenkampf
die Division nur bedingt zwischen der Zivilbevölkerung, also auch Frauen
und Kindern, und dem Feind zu unterscheiden hatte:
»SS-Freiwilligen Division >Prinz Eugen< vom 27.4.42
Geheim!
Taktische Grundsätze für die Führung des Kleinkriegs
Die Bevölkerung muss wissen, dass sie keine Schonung findet, wenn
Banden unangemeldet in ihrem Raum auftreten und es zum Kampfe
kommt.
Dem fanatisch kämpfenden Feind muss ein noch fanatischer und besser
kämpfender Streiter entgegentreten.

// 224
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Es muss also das Kämpferische mit dem Tagdmässigen vereint in kühnem


Wagen zum Erfolg gebracht werden. Auch geht die Bande nach getaner
Arbeit wieder in die Bevölkerung auf, zumeist in Räumen, aus denen sie
entstammt, daher ihre Mitglieder nicht als Fremde von Spähern oder
Verrätern leicht feststellbar sind. Frauen und Kinder sind zumeist die
Beobachter und Nachrichtenübermittler unserer Gegner« (MA: RS 3-
7/15, Dok. 199 und 200; diese und alle weiteren Hervh. i. Orig.).

Im weiteren Verlauf kommt Phleps auf die Eigentümlichkeiten des Einsat-


zes im Partisanenkampf zu sprechen, der es notwendig macht, die Division
meistens in kleinere Kampfeinheiten aufzusplittern. Er führt dazu aus,
dass zwar:
»Grössere Bandenaktionen, einheitlich geleitet, dieselben Bilder des
Kampffeldes zeigen [werden], die wir aus dem Kampf mit regulären
Formationen kennen« (ebd. Dok. 201).

Er verweist aber auf die Erfahrungen und Instruktionen des bulgarischen


Oberstleutnants Darv aus dem Ersten Weltkrieg, der damals auf dem Bal-
kan die Bildung von sogenannten Gegenbanden gefordert hatte:
»Jede Gegenbande bekommt die Aufgabe eine bestimmte Bande tage-
wochen- monatelang bis zur Vernichtung zu verfolgen« (ebd. Dok. 202).

Phleps folgert daraus für die Unterteilung der »Prinz Eugen« in kampffähi-
ge Abteilungen:
»Es müssen Gegenbanden formiert werden. Diese Bezeichnung besagt
eigentlich alles. Wir müssen also den Teufel mit dem Beizebuben aus-
treiben, den Feind mit den ihm eigenen Waffen bekämpfen.85
Die Stärke der Gegenbande wird nach der zur jagenden Bande festgelegt
... Als geringste Stärke ist die Gruppe zu betrachten (ebd. Dok. 203).
In schwierigem Gebirgsgelände ist die Gruppe aus dem alpinen Zug zu
entnehmen und nötigenfalls aus besonders gewandten Kletterern zusam-
men zu setzen« (ebd. Dok. 206).

Die nächstgrößere Einheit war der »Zug«, der ähnlich wie die Gruppe for-
miert und nur größer sein sollte (vgl. ebd. Dok. 206).
»Dem Zug können als Verstärkung schwere Waffen wie s. MG, 1. und
s.Gr. W., PAK und sogar Jagd-Geschütze zugewiesen werden« (ebd. Dok.
207).

// 225
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Immer wieder kommt Phleps auf die seiner Meinung nach notwendigen
Repressionen gegenüber der Zivilbevölkerung zu sprechen:
»Um die Bevölkerung vom Ernst der Lage zu überzeugen und ihr den
Boden zur Unterstützung der Banden zu nehmen, ist es oft zweckmäßig,
wenn die Streifabt. beim Verweilen in Ortschaften Geiseln an sicherem
Orte in Haft setzen, um im Falle eines Bandenüberfalls oder sonstigen
feindseligen Handlungen durch Bevölkerungsteile exekutiert zu wer-
den« (ebd. Dok. 207).

An all diesen Aktionen sollte immer eine »Streifkompanie« beteiligt sein,


die letztendlich den Ausgangspunkt der Gruppe oder des Zuges bildete
und deren Aktionen de facto einzuleiten hatte (ebd. Dok. 207). Des weite-
ren meinte Phleps:
»Das Bataillon [ist] die Kampfeinheit, mit der die meisten Kampfhand-
lungen, selbst stärkeren Banden gegenüber, zum entscheidenden Ab-
schluss gebracht werden können« (ebd. Dok. 211).
»Wenn nur irgendwie angängig, wird dem Bataillon eine Gebirgs-Kano-
nen- oder Geb. Haubitz-Batterie zugeteilt, denn alle bisherigen Banden-
kämpfe haben gezeigt, dass die irregulären Kämpfer Artl.-Feuer nicht
vertragen« (ebd. Dok. 213).
»Von überlegenem Gegner in die Abwehr gedrängt, führt das Bataillon
diesen Abwehrkampf nach den Regeln des Feldkrieges« (ebd. Dok. 215).

Danach kommt Phleps wieder auf den Umgang mit der Zivilbevölkerung
zu sprechen. Wobei nicht nur das Herrschaftsverhältnis gegenüber der ser-
bischen Bevölkerung sichtbar wird, sondern auch die Schonungslosigkeit
der mit der Herrschaftssicherung verbundenen Maßnahmen zutage tritt.
»Eine fanatisierte Bevölkerung, besonders serbischer Nationalität, ver-
trägt keine von Humanitätsduselei beeinflußte, vornehme, duldende
Behandlung. Sie respektiert nur die brutale Gewalt. Sie will und muss
den Herren jeder Zeit fühlen! Güte oder Gewährenlassen wird nur als
Schwäche und Unvermögen sofort ausgewertet.
Die Bevölkerung muss derart durch die Aktionen unserer Abteilungen
und durch das Auftreten des Einzelnen beeindruckt sein, dass bereits
das Erscheinen eines einzelnen Mannes, der die Odalsrune86 am Spiegel
und das Hoheitszeichen am Arme trägt, Respekt einflösst und jede
feindselige Handlung erstickt. Wo aber Ordnung und Disziplin herrscht,
da muss wieder die Überzeugung Platz greifen, dass eine sich den
Gesetzen fügende Bevölkerung unter dem Schutz des deutschen Schwer-
tes in Ruhe und gut leben und jederzeit der Unterstützung des deutschen
Soldaten teilhaftig werden kann.

// 226
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Ist die Bande im eigenen Raum gebildet worden (also hat nicht hereinge-
wechselt) und wurde das von der Bevölkerung (Ortsvorstand) nicht
gemeldet, so sind die von diesem Orte gestellten Geiseln sofort niederzu-
machen. Sollten keine Geiseln gestellt worden sein, so sind der Ortsvor-
stand und einige ansehnliche Bürger öffentlich zu erschiessen ... Betei-
ligt sich die Bevölkerung am Bandenkampf, so ist sie ohne Schonung zur
Gänze niederzumachen und der Ort anzuzünden« (ebd. Dok. 218).
»Die Bevölkerung muss schon nach dem ersten Auftreten unserer Abtei-
lungen wissen, dass sie keine Gnade findet, wenn sie sich nicht friedfer-
tig verhält« (ebd. Dok. 219).

Im letzten Teil benennt Phleps die Aufgabenbereiche der Regimenter und


der Division:
»Das Rgt. (als Gefechtstruppe) wird zur Befriedung eines bestimmten
Raumes von der Division eingesetzt« (ebd. Dok. 221).
»Die Stabsjägerkompanie ... hat die Aufgabe, den Rgt. Stab ständig zu
sichern und die Bevölkerung in der nächsten Umgebung zu überwachen
und niederzuhalten« (ebd. Dok. 222).
»Der Division obliegt der einheitliche Einsatz der ihr unterstellten Kräfte
im zugewiesenen zu befriedenden Räume. Es wird wohl selten der Fall
sein, dass sie hierzu über alle ihre kriegsgliederungsgemäss zustehenden
Kräfte verfügt, vielmehr werden oft Teile abgetrennt oder Rgts- (Gefechts-
gruppen-) weise in weit voneinander entlegenen Räumen eingesetzt
sein« (ebd. Dok. 224).
»Die Masse der Artl. behält sich der Div.Kdr. in der Hand um sie dort
einzusetzen, von wo aus er den Kampf der Rgter. am besten beeinflussen
kann« (ebd., Dok. 225).
»Die Kämpfer aber müssen gerade in diesem Kampfe das ihnen am
meisten zusagende kriegerische Ausleben finden und es mit sportge-
mässem Eifer betreiben« (ebd. Dok. 227).

Abschließend verfügt Phleps:


»Diese hier entwickelten Grundsätze [sind] durch Rgt.- und Abt. Kom-
mandeure erläuternd Führern und Unterführern bekanntzugeben und
bei jeder Gelegenheit zu erläutern. Sie sind unter strengsten Verschluss
zu halten, damit sie nicht in Feindeshand fallen« (ebd. Dok. 228).

Damit ist deutlich, dass zumindest bis zu den Unterführerrängen der


»Prinz Eugen« deren Mitglieder schon während der Aufstellung auf das
»Besondere« ihres Einsatzes vorbereitet worden waren. Dass diese Grund-
sätze auch wirklich den Alltag der Kampfeinsätze mitbestimmt haben, geht
aus einem späteren Befehl vom 4. November 1942 hervor. Der Befehl, der

// 227
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

an die Regimenter hinausging und von einem SS-Standartenführer 97 unter-


schrieben wurde, lautete:
»Bezüglich Kampfführung verweise ich auf die von der Division wieder-
holt ergangenen Befehle und Weisungen (Kleinkrieg usw.)« (MA: RS4/
1419, Dok. 61).

3.3
Verschiedene Einsätze bis zur Aufstellung
des V. SS-Armeekorps

Die 7. SS-Division »Prinz Eugen« wurde bis zum Ende des Krieges
ausschließlich auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens, in Serbien,
Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Kroatien eingesetzt. Wie bereits er-
wähnt, sollten dabei die von Phleps herausgegebenen und vom Verfasser
oben ausführlich dargestellten »Grundsätze der Führung des Kleinkrieges«
mit aller Konsequenz umgesetzt werden. Dabei wurde die Division nur sel-
ten, wie von Phleps vorausgesehen, geschlossen in die Kämpfe geführt. Je
nach Stärke des Gegners wurde sie also in verschiedene Kampfgruppen in
Regiments- oder Bataillonsstärke aufgeteilt und eingesetzt. Zwischen den
großen Operationen zur Zerschlagung der Partisanenbewegung wurde die
Division an verschiedenen Orten stationiert. In diesen »Pausen« sollten
sich die Führer und Mannschaften der Division wieder erholen und die
Verluste an Menschen und Material ersetzt werden. Gleichzeitig hatten die
verschiedenen Abteilungen der Division die Aufgabe, dort, wo sie statio-
niert waren, die Ordnung der deutschen Besatzungsbehörden durch be-
ständige Patroullien, Kontrollen und Sicherungsaufgaben in Zug- oder
Kompaniestärke aufrechtzuerhalten. Im Folgenden wird ein möglichst ge-
naues Bild der verschiedenen Aufgabenbereiche der Division entworfen.
Dabei geht es in erster Linie nicht um eine abschließende strategische Ana-
lyse des Kriegsgeschehens auf dem Balkan und dessen Bedeutung für den
Ausgang des Zweiten Weltkriegs. 88 Noch soll es darum gehen, das Kampf-
geschehen bis auf alle Regiments- und Bataillonsebenen zu verfolgen oder
gar möglichst viele Kämpfe um einzelne Städte, Dörfer oder Höhenzüge de-
tailliert zu schildern. 89 Beide Aspekte des Kriegseinsatzes der Division, so-
wohl der strategische als auch der taktische, werden aber insoweit vorge-
stellt, wie sie zum Verständnis der Aufgaben der Division notwendig sind.
Darüber hinaus werden auch in diesem Abschnitt die Spuren des Ethni-

// 228
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

sehen, auch in den militärischen Aktionen, weiterverfolgt und es wird der


Frage nachgegangen, wie das Verhältnis von Eigenem und Fremdem und
der Alltag der Kämpfe der Volksdeutschen Division »Prinz Eugen« gegen
die anderssprachigen ethnischen Gruppen sich gegenseitig beeinflusst ha-
ben.

3.3.1
1942 - Erste Versuche im Partisanenkampf in Serbien

Anfang Oktober 1942 wurde die Division aus ihrem Aufstellungs-


raum im Banat nach Südserbien verlegt, 90 wo seit der Niederschlagung der
Aufstände im Herbst 1941 relative Ruhe herrschte. Sie wurde dort auf
Standorte in Kraljevo, Uzice, Ivanjica, Cacak, Raska, Mitrovica, Novi Pazar
verteilt (vgl. MA: RS4/1419) 91 und sollte - bei Fortsetzung intensiver Aus-
bildung (Kumm 1978, 43) - das Gebiet weiter sichern. Ende September 1942
war ein »Divisions + Sonderbefehl« zum Ausbau der genannten Standorte
ergangen. Aus den verschiedenen Einheiten wurden Architekten und Bau-
meister abgestellt, um den Ausbau zu leiten. Die Kommandeure hatten dar-
auf zu achten, dass das Baugelände Zufahrtsmöglichkeiten bot, auf mög-
lichst ebenem Gelände lag und trockener Baugrund vorhanden war. Darü-
ber hinaus musste die Entwässerung gewährleistet, genügend Trinkwasser
und die Nähe zu elektrischen Hochspannungsleitungen sichergestellt wer-
den (vgl. MA: RS 3-7/19). Am 3. Oktober 1942 erging dann der »Vorbefehl
für die Vorbereitung der bevorstehenden Operation«, die der erste, mehre-
re Tage dauernde Einsatz der Division im Partisanenkampf in Serbien sein
sollte (vgl. MA: RS4/1419 Dok. 24ff). Dieser erste Einsatz gab die Möglich-
keit, die schon im Vorfeld geübte Vorgehensweise in der Praxis zu erpro-
ben. Sowohl die Übungsstunden in der Aufstellungsphase Sommer 1942
als auch die wirklichen Befehle im Oktober 1942 spiegeln den Alltag des
Einsatzes gegen Partisanengruppen. So hatte es im Ausbildungsplan für die
Kompanieausbildungsperiode vom 22. Juli bis 4. August 1942 geheißen,
dass neben der normalen Ausbildung »auch Verhalten im Angriff im Wal-
de und im Häuserkampf« zu üben sei. Beispielsweise:
Ȇbungsszenario: 1. Banater Sand insurgiert. Nichtserbische Schnitt-
arbeiter wurden in mehreren Ortschaften angegriffen, vertrieben. Die
Weizenernte wurde angezündet und andere Dörfer in Brand gesteckt«
(Prag: inr. e. 5/kr.l. 7. SS- Geb. Division »Prinz Eugen«).

// 229
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Die Weisungen für die Durchführung der Bataillonsausbildung vom


7. August 1942 hatten unter anderem gelautet:
»Auch beim Marsch so eine Ordnung wählen, daß höchstens kleine Teile
in der selben Zeit überfallen werden können. (Auseinanderziehen, Staf-
feln). Abschnittsweise vorgehen von Rücken zu Rücken. Große Bedeu-
tung von Höhenknotenpunkten, nie außer Acht lassen. Häufige Überfälle,
bei Tag und Nacht, im Marsch und in Ruhe müssen Männer an ähnliche
Ereignisse gewöhnen und automatisch die richtige Reaktion auslösen.
(Decken, Gegenangriff) Nie Panik! gez. SS Standartenführer Rgt. Kom-
mandeur Broser« (Prag: inr.e.l/kr.l. 7. SS- Geb. Division »Prinz Eugen«).

Und laut einem Befehl über die Vorbereitung der Stationierung in Uzice
vom 27. Juli 1942 war unter anderem der Inhalt der
»Kriegsspielstunde 5 und 6: Alle im Bereitstellungsraum vorhandenen
Landesbewohner sind rücksichtslos in Richtung Uzice zu evakuieren
und der Feldgendarmerie zu übergeben, gez. Scherhaufer« (Prag:
inr.e.4/kr.l. 7. SS- Geb. Division »Prinz Eugen«).

Bei der Verlegung nach Serbien hieß es dann am 1. Oktober 1942 in einem
Befehl an die vorgeschobenen Kompanien:
»2. Überwachen der Bevölkerung, Bekämpfen der Banden, Luftschutz,
Markieren der Wege durch Teerfarbe und Axt. Alle Wege müssen erkun-
det und bezeichnet werden. 3. Bei allen Wegen müssen Marschzeiten
festgestellt werden. Bericht über Ortschaften an den Wegen. Gesinnung
und Benehmen der Bevölkerung [feststellen]. Den Streifen ortskundige
und verlässliche Führer beigeben. Diese Führer müssen ständig und
sorgfältig überwacht werden. 4. In allen Standorten müssen sofort Listen
von Personen, die als Geiseln oder Führer in Betracht kommen, sowie
über nicht im Ort beheimatete Fremde angelegt werden [,] ... 10. ... dem
landesüblichen Signalwesen durch Vermittlung der Ortsbehörden und
Verlautbarung der darauf stehenden Todesstrafe Einhalt geboten werden
... 16. Unterhandlungen mit dem Feinde sind grundsätzlich verboten.
17. Jeder irreguläre Kämpfer ist vogelfrei/Div. Bef. 370/42/ wenn eine
Vernehmung keinen Erfolg verspricht, ist er sofort zu erschiessen,
andernfalls als Gefangener mitzunehmen« (Prag: inr.e.l/kr.l. 7. SS- Geb.
Division »Prinz Eugen«).

Anfang Oktober 1942 sollte nun das Geübte in Serbien umgesetzt werden.
Am 5. Oktober 1942 erging dann der Divisionsbefehl für den Einsatz, an
dem die ganze Division beteiligt war. Während dieser alle militärischen
Einzelheiten enthielt, stellte der Vorbefehl vom 3. Oktober 1942 die »Richt-

// 230
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision » P r i n z Eugen«

Bild 7 »Erster Einsatz der Division. Für die Söhne der Ebene bedeutete der erste
feldmarschmäßige Anstieg viele, ungewohnte Strapazen und viel Schweiß«
(Untertitel zum Foto Oktober 1942, Bayerische Staatsbibliothek). Die Rückseite
des Bildes trägt den Stempel der Bildstelle der Abt. VI der SS-Freiw. Div. »Prinz
Eugen«.

schnür für die zukünfige Arbeit« dar (vgl. Kumm 1978, 51). 92 So wurden in
diesem Vorbefehl unter Punkt 3 alle Details benannt, die in Zukunft für den
Kampfalltag im Gebirge gegen Partisanen grundsätzlich von der Truppe be-
achtet werden sollten. Einige Beispiele:
»Mann: ... bei bequemen Schuh (sind) zwei paar Socken anzuziehen,
Rucksack besonders sorgfältig packen, Tragetiere: Besonders sorgfältige
Auffüllung der Sattelkissen, Nachrichtenmittel: Ich mache besonders auf
die Funkgeräte und Winker aufmerksam, die allein im Gebirgskrieg die
Aufrechterhaltung der Verbindung gewährleisten. Auch Megaphone mit-
nehmen. Stete Sicherung nach allen Seiten ... Abschnittsweises Vorge-
hen von Höhe zu Höhe, von Knotenpunkt zu Knotenpunkt« (MA: RS4/
1419, Dok. 28-29; Hervh. i. Orig.).

Dann folgt zwangsläufig wieder der Hinweis auf den Umgang mit der ser-
bischen Bevölkerung:

// 231
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

»Alle Häuser, Gehöfte und Ortschaften durchsuchen, Bevölkerung aus-


weisen lassen und verdächtige männliche Bevölkerung gefangen neh-
men. Bei Widerstand sofort niedermachen und bei ernstem Widerstand
rasch handeln oder mit schweren Waffen vorbereitend, Stosstrupps
ansetzen. Wo Artl. und Flammenwerfer zur Hand, mit diesen wirken,
damit moralisch und materiell gut vorbereitet wird« (ebd. Dok. 29).

In diesem Einsatz kam erstmals eine weitere Besonderheit des Kampfes ge-
gen Partisanen hinzu: In dem Einsatzraum kämpften auch mit der deut-
schen Besatzungsmacht verbündete Tschetnik-Abteilungen, 93 die nicht mit
feindlichen Einheiten verwechselt werden durften. Hier war es die Abtei-
lung »C-54 (M.Djurovic)«, die »legal in diesem Raum streift und illegale
Cetnik-Verbände und Banden zu jagen hat« (ebd. Dok. 31). Während des
Einsatzes ergingen am 6. Oktober 1942 noch einmal »Besondere Weisun-
gen«, die die »Verfügungen« vom 3. Oktober 1942 ergänzen sollten. So heißt
es beispielsweise:
»2.) Verpflegung: Durch Abstellung von lebend Vieh in Uzice und Raska
... Frischfleischversorgung bis einschliesslich des Aufstiegs auf die
Höhen am 11.10. und Angriffstag am 12.10. gesichert. (Vieh nachtreiben,
Vortag nachm. Schlachten, Nacht aushängen, morgens Feldküche bezw.
Kochkiste abkochen.) ... Mit größter Strenge darauf achten, dass Geträn-
kefässchen und Kochkisten (nach Verpflegungsausgabe) stets mit Wasser
gefüllt sind und jeder Mann beim Abmarsch beide Feldflaschen gefüllt
hat (Tee oder Kaffee). 3.) Munition: Nebelgranaten häufig zum Abschir-
men und Vernebeln anzugreifender Häuser oder Bunker verwenden und
dabei auf Windrichtung besonders achten. Die Materialknappheit fordert
das Sammeln der verschossenen Hülsen und ihre Ablieferung bei den
Verpflegungsabgabestellen. Nicht vergessen, Verwundeten Waffen mit-
zugeben. 4.) San. Weisungen: Keine Verwundeten zurücklassen. Vorsicht
bei Verwendung von Zisternenwasser. Quellen- und Bachwasser überall
geniessbar. Bäuerliche Unterkünfte in jedem Fall meiden. 5.) Vet. Wei-
sungen: Vorspann bei Steigungen gut organisieren; wenn nötig Ochsen-
gespann. Bei schweren Stellen Tragtier einzeln führen, nötigenfalls Pack
abladen« (MA: RS4/1419, Dok. 41-43; Hervh. i. Orig.).

Auch hier fehlt es nicht an dem Verweis auf die Bevölkerung:


»7. Ordnungs-Dienste: Größte Aufmerksamkeit auf Signalgebungen im
Operationsraum und rücksichtsloses Einschreiten bei umliegender
Bevölkerung. Alle Passanten durchsuchen. Vor Tagesanbruch und bei
Nachtanbruch darf niemand die Unterkünfte verlassen. Achtung auf
Baum- und Dachschützen und als Bauern, selbst Weiber, getarnte Bandi-
ten« (ebd. Dok. 43-44; Hervh. i. Orig.).

// 232
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Über dieser ausführlichen Darstellung darf nicht vergessen werden,


dass dieser Einsatz für die Banater Mitglieder der Division in unmittelba-
rer Nähe ihrer Heimat 94 stattfand. Die Gegner waren, wie immer wieder be-
tont wurde, Serben, also Mitglieder einer ethnischen Gruppe, neben der
die Banater Schwaben seit langem lebten. Die serbischen Partisanen, die es
nun zu bekämpfen galt, gefährdeten die deutsche Besatzungsherrschaft
und damit auch die Aufwertung des kulturellen Kapitals der »deutschen
Volksgruppe«. Für die Volksdeutschen Mitglieder der »Prinz Eugen« setzte
sich in diesem Krieg zwangsläufig der ethnische Konflikt - der Konflikt
zwischen dem Eigenen und dem Fremden - fort. Dieser Aspekt wurde von
der SS-Führung auch weiterhin bewusst gefördert. Kurz nach Abschluss
des ersten Kampfeinsatzes besuchte der Reichsführer-SS Heinrich Himm-
ler am 17. Oktober 1942 die SS-Division »Prinz Eugen« in Kraljevo, um den
Aufbau der Division zu beschleunigen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 118/2042 Dok.
H298606). Himmlers Besuch fiel nicht zufällig auf den 17. Oktober. Am
Sonntag, dem 18. Oktober 1942, sollte sich der Geburtstag des »Schöpfers
unserer Heimat«, wie Altgayer schrieb, wieder einmal jähren, sodass von
Kroatien bis Serbien der »Prinz Eugen-Tag« von den Volksdeutschen Stel-
len gefeiert wurde (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 256/2431 Dok. J4). Der Besuch
Himmlers bei einer Waffen-SS Division kam nicht häufig vor. Nach Aussa-
ge des Generalinspektors der Waffen-SS Hausser hatte Himmler überhaupt
»nur einige Male Kommandeure oder Offiziere einzelner Divisionen im
Felde gesprochen« (Nürnberg Bd. XX, 403).
Kurz vor dem Besuch der Division »Prinz Eugen« hatte es noch einmal
eine Auseinandersetzung Himmlers mit Generaloberst Lohr um die Frage
der Verwendung der Volksdeutschen bei der Bandenbekämpfung gegeben.
Lohr versuchte nach wie vor, die schon in der Wehrmacht eingesetzten
Volksdeutschen zu behalten, und versprach aber, in Zukunft keine weite-
ren zu werben (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 17e/l770 Dok. 130286). Dazu heißt es in
Himmlers Stellungnahme an das OKW im Führerhauptquartier vom
13. Oktober 1942:
»Die Tendenzen scheinen mir dort sehr wenig freundlich zu sein. Die
Division »Prinz Eugen« wäre ja nach dem Willen des Militärbefehlsha-
bers ebenfalls in Teile gerissen worden, wenn der Führer dies nicht
verboten hätte ... Die Volksdeutschen brauchen sehr stark eine weltan-
schauliche und politische Erziehung. Diese ist im Rahmen der Division
»Prinz Eugen« absolut gewährleistet. Sie ist jedoch in keiner Weise
gewährleistet, wenn die Volksdeutschen in den Sicherungs-Divisionen
und ähnlichen Wehrmachtsteilen erfasst sind, die bekanntlich kein

// 233
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

nationalsozialistisch-aktives Offizierskorps haben, sondern zumeist


Reserve-Offiziere ältester Jahrgänge, die sehr oft die nationalsozialisti-
sche Weltanschauung selbst nicht richtig erfasst haben. Ich bitte daher
erneut um die Uberstellung dieser Volksdeutschen« (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
17e/1770 Dok 130288).

Sowohl der Besuch als auch Himmlers Schreiben zeigen, welche Bedeu-
tung der Reichsführer-SS dem Einsatz der Volksdeutschen in der neuen Di-
vision beimaß. Dass die Verwendung der Volksdeutschen in der »Prinz Eu-
gen« tatsächlich auch einen besonderen »weltanschaulichen« Charakter
hatte, wird im Juli 1942 aus einem allgemeinen Befehl der Division deut-
lich, nachdem Eheschließungen von Angehörigen der Division nur nach er-
teilter Genehmigung vollzogen werden durften - damit, wie aus einem
Schreiben Jankos hervorgeht, »keine Mischehen, d.h. Ehen mit Serben,
Madjaren, Rumänen, Kroaten« stattfanden (PA/AA: Inl. IIc R100382). Im
Allgemeinen waren bei der SS und der Wehrmacht die Eheschließungen ih-
rer Mitglieder genehmigungspflichtig. Wie Himmler später am 17. Juni 1943
in einer Niederschrift über eine Besprechung mit dem Führer notieren soll-
te, war dabei aber die Heirat mit »artverwandten« germanischen Völkern
grundsätzlich möglich (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 17a/l755 Dok E024756). Jankos
Schreiben zeigt, dass die Abgrenzung der Volksdeutschen in der »Prinz Eu-
gen« sich nicht nur gegenüber den »Serben«, sondern auch gegenüber An-
gehörigen der verbündeten Staaten vollzog. Dabei zeigt sich die rassistische
Komponente im Ethnomanagement der deutschen Volksgruppe, die gerade
für die »Prinz Eugen« von Bedeutung war und im weiteren Verlauf des Krie-
ges zunehmend zum Tragen kommen sollte. Um gleichzeitig die Heirat
innerhalb der Volksdeutschen Mitglieder der »Prinz Eugen« aufzuwerten,
wurden sogenannte »völkische Ehe-Weihen« vollzogen, an denen mög-
lichst viele Divisionsangehörige teilnehmen sollten (vgl. Prag: inr. e. 2/kr.l.
7. SS-Geb. Division »Prinz Eugen«).
Den Rest des Jahres 1942 verbrachte die Division in Serbien, wobei es
immer wieder zu kleinen Aktionen gegen Partisanengruppen kam. Am
28. Oktober 1942 hieß es in Bezug auf ein Unternehmen nahe Brezovica-
Radinovac:
»I. kommunistische Banden wurden gemeldet. Es sollen überwiegend
Landesbewohner sein, die plündern wollen ... III. Personen mit der
Waffe in der Hand werden niedergemacht. IV. Ein verdächtiger Gastwirt
soll notfalls mit Gewalt zu einer Aussage gezwungen werden ... VI. Klei-
dung : Sturmgepäck« (Prag: inr.e.4/kr.l. 7. SS - Geb. Division »Prinz
Eugen«).

// 234
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Am 6. November 1942 konnte SS-Gruppenführer Meyszner dem persön-


lichen Stab des Reichsführer-SS melden, dass die Lage der SS-Division
»Prinz Eugen« im Allgemeinen unverändert war und die Division einige
kleinere Aktionen in Uzice und Cacak durchgeführt hatte (BA: NS19/
1728). Und am 7. Dezember 1942 hieß es in einem Sonderbefehl der SS-Di-
vision »Prinz Eugen« für das Unternehmen »Jasenovo-Rokin Brod«:
»Kampfgruppe soll versteckte Waffenlager aufspüren (Häuser niederzu-
brennen). Wer bewaffneten Widerstand leistet oder flüchten will, wird
niedergemacht« (Prag: inr.e.l/kr.l. 7. SS- Geb. Division »Prinz Eugen«).

Wenige Tage später hingegen lautete ein Befehl vom 13. Dezember 1942 in
Bezug auf eine Aktion nördlich von Trstenik, den Phleps unterzeichnet hat:
»Ich verbiete Grausamkeiten und alle durch den Kampf nicht bedingten
und daher vermeidbaren Härten gegenüber waffenlosen Einwohnern wie
Erschiessungen von Frauen und Kindern, wie Abbrennen von Dörfern
und Häusern und dergleichen« (MA: RS 4/1419 Dok. 70, Hervh. i. Orig.).

Ebenso wie die oft zitierten Befehle rücksichtslosem Umgang mit der Be-
völkerung finden sich auch immer wieder Weisungen, die dem scheinbar
widersprechen und Ausschreitungen verbieten. In einem Befehl vom
4. November 1942, der nur einen Teil der Division betraf, wurde eine Nach-
taktion vorbereitet:
»Um ein vom Feind möglichst unbemerktes Vorgehen zu gewährleisten,
ist während des Nachtmarsches und beim Lagern bis zum Morgen des
6.11. das Anzünden von Feuer und Rauchen strengstens verboten, da
schon das Aufflammen eines Zündhölzchens genügt, um die Truppe zu
verraten. Ebenso ist lautes Sprechen, Kommandieren und Zurufen
untersagt, Befehle werden mit leiser Stimme weitergegeben« (MA: RS
4/1419 Dok.60).

Weiter hieß es dann, dass jeder bewaffnete Mann als Bandit anzusehen sei
und
»Verdächtige festzunehmen und gefesselt abzuführen [sind]. Häuser, aus
denen geschossen wird, in denen Waffen, Munition oder versteckte Ban-
diten vorgefunden werden, sind niederzubrennen. Frauen und Kinder
sind zu schonen und nur solche festzunehmen, in deren Häusern Waf-
fen, Munition oder Banditen angetroffen werden. Auf Morden, Rauben
und Plündern steht die Todesstrafe!« (ebd.; Hervh. i. Orig.).

An dieser Stelle soll noch einmal auf die im April 1942 von Phleps aufge-

// 235
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

stellten »Grundsätze zur Führung des Kleinkriegs« verwiesen werden. Mit


ihnen lässt sich der scheinbare Widerspruch in den Befehlen an die 7. SS-
Division »Prinz Eugen« für den Umgang mit den Partisanen und der serbi-
schen Zivilbevölkerung aufklären. Einerseits fordert Phleps dort, dass die
Bevölkerung wissen muss, dass sie keine Gnade zu erwarten hat, wenn sie
gegen die Gesetze der deutschen Besatzungsmacht verstößt. Aber anderer-
seits muss sie davon überzeugt sein, dass sie in Sicherheit ist, wenn sie sich
den deutschen Befehlen beugt (vgl. MA: RS 3-7/v.l5). Dieser klaren Linie
widerspricht die in ethnischen Kriegen entfesselte, schwer kontrollierbare,
sich in Racheorgien entladende Gewalt gegen das Fremde. Um diese Ge-
walt zielgerichtet nutzen zu können, musste sie diszipliniert werden. In
der Hierarchie der Waffen-SS bedeutete dies, dass die letzte Entscheidung,
wie die Bevölkerung zu behandeln war, in den Händen des jeweils höchs-
ten SS-Führers lag. Erschießungen waren also je nach Einsatzlage manch-
mal legitim und manchmal verboten. 95 Dies erklärt, dass einerseits sich
scheinbar widersprechende Befehle ergingen, andererseits die SS-Führung
im Nachhinein gegebenenfalls über die Korrektheit der Erschießung von
Zivilisten, Frauen und Kindern zu entscheiden hatte.
Ende Dezember 1942 wurde die SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division »Prinz
Eugen«, wie sie mit Beginn des Jahres 1943 offiziell genannt werden sollte
(vgl. Hausser 1966, 377), in Serbien von der bulgarischen 9. Infanterie-Di-
vision abgelöst (vgl. OKW 1943 Tb. I, 36) und nach Kroatien verlegt. Bis zu
diesem Zeitpunkt hatte sich die »Prinz Eugen«, wie es in einem Schreiben
des deutschen Gesandten in Belgrad, Feine, heißt, wegen ihrer »starken
Mannschaftsbestände« und »der schweren Bewaffnung zum deutschen mi-
litärischen Hauptmachtfaktor« in Serbien entwickelt (PA/AA: Inl. Ilg
323/2606 Dok. H299538).

3.3.2
1943 - Die Verlegung nach Kroatien

Die Gründe für die Verlegung der Division von Serbien nach Kroa-
tien waren durchaus komplex und sind zum Teil im Rahmen des Ab-
schnitts über die Werbung in Kroatien bereits dargestellt worden. Offen-
sichtlich hatte Berger schon frühzeitig darauf gehofft, dass allein die Auf-
stellung der »Prinz Eugen« die Aufstandslage in Bosnien beeinflussen wür-
de. So hatte er am 31. März 1942 an Himmler geschrieben:

// 236
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

»Die Bildung djgr Freiwilligen-Gebirgsdivision »Prinz Eugen« wirft ihren


Schatten voraus. Wenn die Division marschbereit ist, glaube ich, dass
durch Verhandlungen das Gebiet ohne grosse Verluste beruhigt werden
kann« (BA: NS 19/3896).

In einem Telegramm vom 14. Juli 1942 teilte Reichsaußenminister Ribben-


trop dem Gesandten in Agram, Kasche, mit, dass wegen der »Erfordernisse
der Kriegsführung« die Entscheidung gefallen war, alle waffenfähigen
Volksdeutschen, also nun auch die Volksdeutschen Kroatiens, im Rahmen
der Waffen-SS zum Einsatz an die Front zu bringen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
309/2570 Dok. H297459-H297462). Da diese Maßnahme auch die »Einsatz-
staffel« (ES) und die Volksdeutschen Jägerbataillone innerhalb der kroati-
schen Wehrmacht einschließen sollte, ergaben sich dadurch weitreichende
Konsequenzen für die Situation in Kroatien. Am 17. Juli 1942 antwortete
Kasche, dass die kroatische Regierung mit der Werbung für die Waffen-SS
grundsätzlich einverstanden sei. Kasche führte dann aber an, dass der
Übergang der sich schon im Kampf befindenden ES und der Jägerbataillo-
ne zur Waffen-SS wegen der Aufstandslage »äußerst bedenklich« sei (vgl.
ebd. Dok. H297457). Er sollte bei seiner Argumentation Unterstützung vom
deutschen General in Agram, Glaise-Horstenau, erfahren. Dieser schreibt
am 31. Juli 1942:
»Die wehrfähigen Volksdeutschen Kroatiens haben in den letzten Mona-
ten in zunehmendem Ausmasse an der militärischen Behauptung des
deutschen Besetzungsraumes wirkungsvollsten Anteil genommen« (vgl.
ebd. Dok. H297440).

Es folgt eine Aufzählung der Leistungen der Jägerbataillone, der »Einsatz-


staffel« (ES) und der Heimwehrformationen. Glaise-Horstenau fasst zu-
sammen.
»[Es] kann sonach gesagt werden, dass die gesamte Wehrkraft der
Volksdeutschen in Kroatien im Kampfe gegen die Aufständischen wohl
noch nicht erfasst ist. Dass sie aber für diesen Kampf unter allen Staats-
bürgern das beste Element darstellt und dass eine Abberufung in grösse-
rem Ausmasse zweifellos eine empfindliche Schwächung der inneren
Abwehrkraft des Landes bedeuten würde. Zumal die Entnahme der
schon formierten Abteilungen (volksdeutsches Bataillon und Einsatz-
staffel) könnte uns zwingen dafür reichsdeutsche Soldaten in gleicher
Zahl einzusetzen« (ebd.).

// 237
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Offensichtlich hatte aber auch die SS-Führung in die gleiche Richtung ge-
dacht. Wollte sie an der Verwirklichung ihrer Pläne zum Ausbau der Volks-
deutschen Waffen-SS festhalten, gab es nur eine Lösung, die der schwieri-
gen Situation gerecht werden konnte. Deswegen hatte die SS-Führung auf
einer Besprechung mit Luther schon am 23. Juli 1942 entschieden, dass
Phleps die durch die Einziehung entstehenden Lücken durch Einheiten
der Division »Prinz Eugen« füllen sollte (vgl. ebd. Dok. H297449). Das AA
schloss sich dem an und verfügte am 31. Juli 1942, dass die Werbung für die
Waffen-SS in Kroatien in zwei Phasen durchgeführt werden sollte. So soll-
ten die ES und die Jägerbataillone sofort nach erfolgter Ablösung durch an-
dere Waffen-SS-Einheiten abgezogen werden, während die freie Werbung
erst nach Abschluss der Umsiedlung einzusetzen hatte (vgl. ebd. Dok.
H297453 f). Am 3. August 1942 resümierte dann Berger, dass, nachdem die
Division »Prinz Eugen« im Südostraum stehe, nun mit einigem guten
Willen die nötige Sicherung der Volksdeutschen und die Herausziehung
der »ES-Sturmbanne« vorgenommen werden könne (vgl. ebd. Dok.
E464660). Im Rahmen einer Zusammenstellung der zurückliegenden Ereig-
nisse versuchte Kasche im Oktober 1942 die seiner Meinung nach gegen die
Absprachen verstoßende Musterung der Waffen-SS von Volksdeutschen,
die sich bereits im Arbeitsdienst oder anderen Organisationen befanden,
zu verhindern (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 305/2563 Dok. F17-22). Er erhielt dabei
wiederum Unterstützung von Luther, der sich diesbezüglich in einem lan-
gen Schreiben an den Gesandten von Rintelen wandte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
305/2563 Dok. F24-H22). Trotzdem waren Ende Oktober bereits 25 000
Volksdeutsche aus Kroatien gemustert und davon zwischen 4000 und 5000
eingezogen worden (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 306/2564 Dok. H297409). 96 Auch
im November setzten Luther und Kasche ihre Beschwerden über das Vor-
gehen der Waffen-SS fort und versuchten durch Einschaltung des AA, des
OKW und der VOMI, den umfassenden Abzug von Volksdeutschen Rekru-
ten aus Wehrmachtseinheiten, Arbeitsdienst und den Einsatzstaffeln zu
verhindern. Dabei argumentierten sie immer mit der Aufstandslage in Kro-
atien (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 306/2564). 97 Zum einen wurde der serbische
Raum zu diesem Zeitpunkt von den deutschen Besatzungsbehörden relativ
sicher kontrolliert. Zum anderen befand sich inzwischen der größte Teil
der kommunistischen Partisanen Titos in Bosnien und lieferte sich dort
heftige Kämpfe mit den deutschen, kroatischen und italienischen Divisio-
nen (vgl. OKW 1942 Tb. II und Kumm 1978, 56), 98 sodass ein Abziehen der
Volksdeutschen ES aus diesem Gebiet und damit ihre Eingliederung in die

// 238
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Waffen-SS nur möglich war, wenn man andere Kräfte zur Sicherung nach
Kroatien und Bosnien schicken konnte. Immerhin wurde der Reichsführer-
SS durch den hartnäckigen Widerstand gezwungen, die Entscheidung von
allerhöchster Stelle fällen zu lassen." Am 6. Dezember 1942 sprach Hein-
rich Himmler dann bei Adolf Hitler vor und bat darum, verfügen zu dür-
fen:
»daß nach der Verlegung der Division »Prinz Eugen« aus dem serbischen
Raum nach Kroatien alle Einsatzkräfte der deutschen Volksgruppe der
Division »Prinz Eugen« unterstellt werden. Außerdem schlage ich vor,
daß die SS ebenfalls mit der Aufstellung einer kroatischen Division be-
auftragt wird. Diese Aufstellung hätte durch die Division »Prinz Eugen«
in Kroatien zu erfolgen« (PA/AA: Inl. Ilg 17e/1769 Dok.130166).

Wie aus einem Schreiben Bergers an das Auswärtige Amt vom 7. Januar
1943 hervorgeht, hatte Hitler am 18. Dezember 1942 Himmlers Vorhaben in
vollem Umfang genehmigt (PA/AA: Inl. Ilg 17e/l769 Dok. 130165). Darüber
hinaus wurde durch die Aushebung einer weiteren SS-Division in der Re-
gion - sie sollte aus muslimischen Bosniaken gebildet werden - das Prin-
zip, neue SS-Divisionen nach ethnischen Gesichtspunkten aufzustellen,
weiter ausgedehnt. In Kroatien sollten der »Prinz Eugen« dann auch wirk-
lich die Volksdeutschen Einheiten der kroatischen Wehrmacht und die
»Einsatzstaffel« (ES) zugewiesen werden, obwohl noch einmal Luther und
Kasche versuchten, gegen diese neuerliche Wendung zugunsten Bergers
und der Waffen-SS vorsichtig Widerstand zu leisten. In einem Schreiben
vom 29. Dezember 1942 musste Luther zwar zugeben, dass aus außenpoli-
tischen Erwägungen nichts gegen die Pläne der Waffen-SS einzuwenden
sei, fügte dann aber hinzu:
»Bisher unterstützte das Auswärtige Amt das Bestreben des Volksgrup-
penführers, die Volksdeutschen kroatischen Wehrmachtseinheiten und
Volksdeutschen Einsatzstaffeln der Ustascha-Miliz in den Volksdeut-
schen Siedlungsgebieten einzusetzen. Sollte das Einsatzgebiet der Divi-
sion Prinz Eugen nicht das Volksdeutsche Siedlungsgebiet sein, so
müsste sich das Auswärtige Amt gegen eine Verlegung der Volksdeut-
schen Einheiten aus dem Volksdeutschen Siedlungsgebiet in den übrigen
kroatischen Raum zur Wehr setzen« (PA/AA: Inl. Ilg 17e/l769 Dok.
130187 ff).

Die Hartnäckigkeit, mit der Luther und Kasche Widerstand leisteten, zeig-
te sich in einem Telegramm Kasches an das Auswärtige Amt vom 30. De-
zember 1942, in dem Kasche sogar die Existenz eines Führerbefehls an-

// 239
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

zweifelte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 17e/l769 Dok. 130178). Am 7. Januar 1943
griff Kasche abschließend nochmals Luthers Argumente gegen die Über-
nahme der kroatischen Volksdeutschen durch die »Prinz Eugen« auf und
fügte ihnen noch weitere Bedenken über etwaige wirtschaftliche, finanz-
und außenpolitische Konsequenzen hinzu (PA/AA: Inl. Ilg 17e/l769 Dok.
130173ff). Trotzdem blieb es bei der Entscheidung, der 7. SS-Division
»Prinz Eugen« den Zugriff auf die jüngeren Jahrgänge 1908 bis 1925 zu er-
möglichen (vgl. ebd. 307/2566 Dok. H297384). So konnte sich die Division
dann, nach endgültigem Abschluss der Umsiedlung der Volksdeutschen
Bosniens und am Ende ihres ersten großen Kampfeinsatzes, ab Mitte Fe-
bruar mit kampferfahrenen Volksdeutschen Rekruten aus den Einsatzstaf-
feln und den Volksdeutschen Bataillonen der Wehrmacht verstärken. 100 Die
Bedingung hierzu war die Verlegung der Division nach Kroatien Anfang
1943. Nur so konnte es der SS-Führung gelingen, sich den alleinigen Zu-
griff auf die Volksdeutschen Rekruten zu sichern und gleichzeitig den deut-
schen Sicherheitsinteressen innerhalb Kroatiens gerecht zu werden. Wie
aus einem Vermerk des Legationsrats Reichel vom 10. März 1943 hervor-
geht, war man sich bewusst, dass, wie auch schon im Banat, die Siche-
rungsaufgaben in den Siedlungsgebieten von Selbstschutzeinheiten, beste-
hend aus älteren Jahrgängen Volksdeutscher, übernommen werden mus-
sten, »da die Aufgabe der Prinz Eugen in der Hauptsache der Schutz des
deutschen Nachschubverkehrs und der wehrwirtschaftlichen Betriebe ist«
(PA/AA: Inl. Ilg 307/2566 Dok. H297393).
Zwei Tage vor Kasches letztem Versuch hatte der Reichsaußenminister
bereits Luther die Anweisung gegeben, den Aufbau und den Ersatz der SS-
Divisionen so weit wie möglich zu erleichtern, selbst wenn dabei auch an-
dere Nachteile in Kauf genommen werden mussten (vgl. PA/AA: Inl. Ilg
17e/l769 Dok. 139182). Während der langwierige Streit über den Ausbau
der Waffen-SS im ehemaligen Jugoslawien damit entschieden worden
war, 101 hatte sich die Situation im kroatischen Aufstandsgebiet weiter zu-
gespitzt. Dabei verliefen die Grenzen der Auseinandersetzung sowohl zwi-
schen den verschiedenen ethnischen Gruppen als auch entlang der natio-
nalen Interessensphären der an den Kampfhandlungen beteiligten kon-
kurrierenden Mächte. Für die deutsche Führung ging es in erster Linie da-
rum, das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens so schnell wie möglich zu be-
frieden. Zum einen, damit die für die deutsche Kriegswirtschaft benötigten
Rohstoffe und Güter ungehindert geliefert, und zum anderen, damit die
dort stationierten Divisionen an anderen Kriegsschauplätzen eingesetzt

// 240
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

werden konnten. Aus dieser strategischen Vorgabe resultierte einerseits,


dass Volksdeutsche Verbände in die Besatzungsstreitkräfte in ihrer Heimat
eingegliedert* wurden, anstatt an anderen Fronten zu kämpfen. Anderer-
seits wurde dabei die frühzeitig vorgegebene Strategie beibehalten, als
Hauptfeind zuerst die kommunistischen Partisanen und danach die
Tschetniks zu bekämpfen. Zwischen den mit Deutschland verbündeten
Staaten Kroatien und Italien gab es, das ehemalige Jugoslawien betreffend,
anhaltende Gebietsstreitigkeiten, sodass sich die im Aufstandsgebiet ein-
gesetzten Ustascha- und italienischen Truppen gegenseitig misstrauisch
beäugten.102 Hinzu kam, dass Italien die mit der Ustascha verfeindeten
Tschetniks mit Waffen belieferte, da es eng mit ihnen bei der Bekämpfung
der kommunistischen Partisanen zusammenarbeitete. Kaum zu trennen
von diesem stark von staatlichen Interessen bestimmten Konflikt verliefen
die Auseinandersetzungen entlang der ethnischen Grenzen des ehemaligen
Jugoslawiens. 103 Die kroatischen Ustascha-Verbände bekämpften nicht nur
die kommunistischen Partisanen und die serbischen Tschetniks und terro-
risierten die serbische Zivilbevölkerung. Sie unterdrückten auch die for-
mal zu Kroatien gehörenden Muslime in Bosnien. 104 Die serbischen Tschet-
niks waren für ihre Racheakte an der kroatischen und bosnischen Zivilbe-
völkerung bekannt. 105 Gleichzeitig bekämpften sie, zum Teil eigenverant-
wortlich, zum Teil zusammen mit italienischen und manchmal deutschen
Verbänden, die kommunistischen Partisanen. Die kommunistischen Parti-
sanen Titos waren die einzige an diesen Kämpfen beteiligte Gruppe, die
sich nicht an ethnischen Prinzipien orientierte und letztendlich allen offen
stand, die bereit waren, die deutsche Besatzungsmacht zu bekämpfen (vgl.
Hory/Broszat 1964, 129).

3.3.3
Die Operation »Weiß«

Ende November 1942 hatte sich die Lage in Kroatien zugunsten der
Partisanen Titos so stabilisiert, dass der erste Kongress der Kommunisti-
schen Partei Jugoslawiens (KPJ) in Bihac an der bosnisch-kroatischen
Grenze stattfinden konnte. Bei diesem Kongress, an dem auch Tito als
»Oberster Kommandant des Volksbefreiungsheers und der Partisanenabtei-
lungen Jugoslawiens« teilnahm, waren laut Sitzungsprotokoll Vertreter al-
ler »Völker«106 des ehemaligen Jugoslawiens vertreten (vgl. PA/AA: Inl. Ilg

// 241
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

86/1957 Dok. H300310). Aus den im Protokoll - oftmals mit Zusatz von Be-
ruf und Heimatstadt - aufgeführten Namen geht hervor, dass in der Tat al-
le ethnischen Gruppen bis auf die deutschsprachigen vertreten waren (vgl.
ebd. Dok. H30031lff).
Fast zum gleichen Zeitpunkt, als der Kongress tagte, war die Umsied-
lung der Volksdeutschen aus Bosnien abgeschlossen worden (vgl. BA:
NS 19/41 Dok. 20). Auch während der siebenwöchigen Umsiedlungsaktion
war es weiter zu Überfällen der Partisanen auf Volksdeutsche Ortschaften
und Transporte gekommen. Im »2. Bericht. Über die Umsiedlung der Deut-
schen aus Bosnien« vom 31. Oktober 1942 schreibt der mit der Aktion be-
auftragte SS-Obersturmführer Lackmann:
»So musste das Dorf Mlinska innerhalb einer Stunde geräumt und die
Umsiedler mit Treck in das 13 km entferntliegende, wenigstens etwas
sicherere Gareschnica gebracht werden, weil Banditen in grosser Stärke
das ungesicherte Dorf erneut bedrohten, wo schon vor einem Monat bei
einem Überfall 19 deutsche Männer gefallen und 2 regelrecht abge-
schlachtet worden waren. Die Sicherung des Trecks, der in mondheller
Nacht glücklich durchgebracht wurde, erfolgte durch einen verstärkten
Zug Wehrmacht, 30 Mann Einsatzstaffel und den um den Hauptstab ver-
stärkten Ortsstab des Umsiedlungskommandos« (BA: NS19/41 Dok. 9).

Während die zunehmende Stärke der Partisanen sich in Gebieten mit nur
einem geringen Teil deutscher Bevölkerung zu einer Gefahr für die dort le-
benden Volksdeutschen entwickelt hatte, 107 waren die Partisanen für die
jüdische Bevölkerung oftmals die einzige Hoffnung, dem sicheren Tod zu
entgehen. So riet Luther im Dezember 1942, Judendeportationen entlang
der Küste mit dem Schiff anstatt mit der Eisenbahn durchzuführen, da da-
mit gerechnet werden müsste, dass Aufständische die Transporte anhielten
und so Juden freigelassen werden könnten (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 194/2249
Dok. K212348). 108
Am 22. Dezember 1942 wurde dann vom OKW die Operation »Weiß« un-
ter der Leitung des Wehrmachtsbefehlshabers Südost, Generaloberst Lohr
(vgl. OKW 1942 Tb. II 1347), zur Zerschlagung der Aufstandsbewegung in
Bosnien geplant. An der Operation sollten von deutscher Seite neben der
»Prinz Eugen« die 714. ID 109 und die 717. ID. teilnehmen. Beide Divisionen
waren eigens für Besatzungsaufgaben aufgestellt worden und 1941, noch
vor Beendigung der militärischen Ausbildung, in Serbien eingesetzt gewe-
sen. Die 717. ID hatte in Kraljevo und Kragujevac »Säuberungsaufgaben« 110
und »Sühnemaßnahmen« durchgeführt, der Tausende von Zivilisten zum

// 242
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Opfer gefallen waren (vgl. Manoschek/Safrian 1995, 359ff). Wie es im Tage-


buch des OKW vom 23. Januar 1943 hieß, hatten sie sich dabei kämpferisch
bewährt, waren aber nach »Gliederung und Ausrüstung« den neuen An-
forderungen nicht gewachsen, sodass ihre Umgliederung beantragt wurde
(vgl. OKW 1943 Tb. I, 65). In beiden Infanteriedivisionen gab es Volksdeut-
sche Bataillone, die nach den Absprachen der SS mit der Wehrmachtsfüh-
rung der Waffen-SS hätten überstellt werden müssen. Mit Einverständnis
des Reichsführers-SS wurde nun die Überstellung bis nach Abschluss von
»Weiß« verschoben. Ebenso verzichtete Himmler wegen des Kampfeinsat-
zes vorläufig auf Werbungen unter den Volksdeutschen, die in der 369. kro-
atischen Division dienten, die ebenfalls an dem Einsatz teilnahm (vgl.
OKW 1943 Tb. I, 67f und 137). Von italienischer Seite wurden drei Divisio-
nen gestellt (vgl. Kumm 1978, 56). Der Beginn des Unternehmens »Weiß«
wurde für den 20. Januar 1943 festgelegt (vgl. OKW 1942 Tb. II, 1343). Die
7. SS-Division »Prinz Eugen« sollte dabei den Stoß gegen Bihac führen (vgl.
Kumm 1978, 56) und wurde deswegen Anfang 1943 von den verschiedenen
serbischen Standorten in das Gebiet um Karlovac in Kroatien verlegt (vgl.
MA: RS 4/1377). Wie die Stimmung innerhalb der Banater Schwaben über
die Verlegung nach Kroatien war, lässt sich aus den Worten Sepp Jankos er-
ahnen, der die nachstehenden Aussagen in seiner Rückschau in direktem
Zusammenhang mit dem ersten kommunistischen Kongress in Bihac und
der Verlegung der Division trifft.
»Die aus der deutschen Volksgruppe in Kroatien zur Division überstell-
ten Deutschen bekräftigten unsere diesbezüglichen [auf die Partisanen
bezogenen] Erkenntnisse aus eigenen bitteren Erfahrungen« (Janko 1982,
232).

Er fährt fort:
»Für uns aber drängte sich die Frage in den Vordergrund, ob die bei der
Aufstellung der Division vereinbarte Verwendung als >Heimatschutz< für
>unsere Dörfer und Wohnstätten< im engsten Wortsinne zu verstehen war,
oder ob in der gegebenen Situation der Begriff >Heimat< nicht notwendig
einer darüber hinausgehenden Auslegung bedurfte. Denn der Heimat-
schutz war überall dort erforderlich, wo die Gefahr für die Deutschen
sich zusammenballte. Und das hieß: Nicht nur in der engeren Heimat,
wenn die tödliche Gefahr aus den benachbarten Räumen schon über-
mächtig in unser Leben hereinbrach. Daß der Einsatz ausschließlich
innerhalb Jugoslawiens erfolgen werde,... wurde uns bei dieser Gelegen-
heit erneut zugesichert« (ebd. 233).111

// 243
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Nachdem bis Mitte Januar die verschiedenen Abteilungen in Karlovac an-


gekommen waren (vgl. MA: RS 4/1377), erging am 15. Januar 1943 ein »Di-
visionsbefehl für die Versammlung der Division für das Unternehmen
>Weiß<«. Man sollte beim Lesen des folgenden Auszuges aus dem Divi-
sionsbefehl an die von Phleps erstellten »Grundsätze« denken, um zu wis-
sen, wer neben Titos Partisanen als Gegner zu betrachten war. Der Punkt 2
des Befehls lautet »Marschvorbereitungen sind derart zu treffen, dass
durch die einheimische Bevölkerung die Partisanen nicht frühzeitig ver-
ständigt werden« (MA: RS4/1419 Dok. 110). Und in einem weiteren Divi-
sionsbefehl des Kommandeurs Phleps vom 18. Januar 1943 für den Einsatz
bei der Operation »Weiß« heißt es:
»unter dem rücksichtslosen Einsatz der Bevölkerung sind die auf der
Straße möglicherweise vorhandenen Sperren auszuschalten ... Beim
Durchkämmen des zu durchschreitenden Geländes ist rücksichtslos die
wehrfähige, männliche Bevölkerung aufzugreifen, Waffenträger sind
kurzerhand zu erschiessen« (MA: RS4/1419 Dok. 125 und 128).112

Bei der Operation »Weiß«, die insgesamt vom 20. Januar 1943 bis Mitte
März 1943 dauerte, traten verschiedene Gesichtspunkte zu Tage, die die fol-
genden zwei Jahre des Krieges in Kroatien bestimmen sollten. Neben dem
Hauptziel der Operation, der Vernichtung der kommunistischen Partisa-
nenverbände in Bosnien - »Weiß I« - waren ursprünglich als weitere Ziele
die endgültige »Säuberung« des Gebietes durch deutsche und italienische
Truppen und die Entwaffnung der dortigen anti-kommunistischen Tschet-
nik-Verbände - »Weiß II und III« - vorgesehen gewesen (vgl. OKW 1943 Tb.
I, 89 und Tb. II, 1612). Diese hochgestellten Ziele sollten weder in der Ope-
ration »Weiß« noch während anderer, ihr in den nächsten Jahren folgender
Operationen endgültig erreicht werden. Zwar gelang es, den »Tito-Staat«
(vgl. OKW 1943, Tb. I, 168) in Bosnien, unter anderem auch mit der Unter-
stützung durch die Luftwaffe (vgl. ebd. 84), zu zerschlagen. Das Entkom-
men des größten Teils der jugoslawischen Befreiungsarmee nach Südwest-
en und Südosten konnte aber nicht verhindert werden (vgl. ebd. 168). Das
Dilemma der deutschen Kriegsführung, dass die Kampfkraft der Armeen
der verbündeten Staaten nicht mit der Kampfkraft der deutschen ver-
gleichbar war, gleichzeitig aber auch aus zahlenmäßigen Gründen nicht auf
sie verzichtet werden konnte, offenbarte sich auch während der Operation
»Weiß«. Sowohl die neben den deutschen Verbänden eingesetzten kroati-
schen als auch die italienischen Divisionen erreichten oftmals nicht recht-

// 244
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

zeitig ihre Einsatzräume, sodass die Partisanen fliehen konnten (vgl. OKW
1943 Tb. I, 94 und 168). Darüber hinaus zeigte es sich, dass sie zu einem
großen Teil den modern ausgerüsteten und diszipliniert kämpfenden Parti-
sanen (vgl. ebd. 65) militärisch nicht gewachsen waren (vgl. ebd. 91). 113
Während also die kroatischen 114 und italienischen Divisionen nur bedingt
erfolgreich waren und auch die beiden deutschen Infanteriedivisionen nur
eine begrenzte Kampfstärke hatten, zeigte sich die 7. SS-Division »Prinz Eu-
gen« als den einzelnen Partisaneneinheiten sichtlich überlegen. So wurde
die Division bereits bei dieser ersten Operation zunehmend zum Rückgrat
der gegen die Partisanen eingesetzten Verbände. 115
In der Nähe von Mostar lagen im Einflussbereich der Tschetniks für die
deutsche Kriegswirtschaft wichtige Bauxitgruben (vgl. ebd. 89 f). 116 Weil
das Gebiet im Verlauf der Kämpfe zunehmend gefährdet erschien
(vgl. ebd. 118) und die dort im Vorgelände eingesetzten kroatischen Ver-
bände von den Partisanen zurückgedrängt wurden, sollte es von italieni-
schen Truppen gesichert werden (vgl. ebd. 144 und 168). Nachdem es
wegen der Sicherungsfrage nicht zu einer befriedigenden Lösung mit dem
italienischen Oberkommando gekommen war (vgl. ebd. 169 und 173), wur-
de vom deutschen Oberkommando der Entschluss gefasst, das Bauxitgebiet
unter deutschen Befehl und deutsche Bewachung zu stellen (vgl. ebd. 191).
Deswegen änderte sich der anfängliche Einsatzplan der 7. SS-Division
»Prinz Eugen«. Sie war nun zur Sicherung der Bauxitgruben bei Mostar be-
stimmt (vgl. ebd. 214 und MA: RS 4/1419 Dok. 186).
Neben dem konkreten Kampfgeschehen wurde die Frage nach dem Um-
gang mit den Tschetnik-Verbänden zum zweiten beherrschenden Problem
der Operation »Weiß«. Einerseits bekämpften die Tschetniks die kommunis-
tischen Partisanen Titos und konnten, solange es um Bandenbekämpfung
oder die Sicherung eines »gesäuberten« Gebietes ging, eine Verstärkung der
Besatzungstruppen sein. Andererseits beobachtete die Wehrmachtsführung
die Tschetnik-Verbände misstrauisch, da sie erwartete, dass, sobald die be-
fürchtete Landung der Alliierten auf dem Balkan stattfände, alle serbischen
Verbände diese unterstützen würden und ihre Feindschaft gegen die
deutsche Besatzungsmacht offen zum Vorschein käme (vgl. OKW 1943
Tb. 1,169). Während das italienische Oberkommando aus ersteren Gründen
zu einer Beibehaltung des widersprüchlichen Bündnisses tendierte (vgl.
OKW 1943 Tb. I, 99 und 172), verlangte aus letzteren Gründen die deutsche
Führung die strikte Entwaffnung aller Tschetnik-Verbände, in denen sie
letztendlich nur unter antikommunistischem Deckmantel getarnte »groß-

// 245
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

serbische« Truppen Mihajlovics sah (vgl. ebd. 168). Nachdem sogar der
»Führer« und der »Duce« in die Auseinandersetzungen zwischen dem ita-
lienischen und dem deutschen Oberkommando eingeschaltet worden wa-
ren (vgl. ebd. 125 und 171), einigte man sich darauf, die Tschetniks nach der
gelungenen Zerschlagung der kommunistischen Verbände zu entwaffnen
(vgl. ebd. 173 und 208). Beides sollte nicht gelingen. Zwar wurden den Par-
tisanenverbänden empfindliche Verluste zugefügt,117 es konnte aber nicht
verhindert werden, dass sich diese absetzten und an der Grenze zu Monte-
negro wieder neu formierten. Aus diesem Grund wurde auch die Entwaff-
nung der Tschetniks nicht vollendet. Vielmehr blieb es dabei, dass nicht nur
die italienischen, sondern auch die deutschen Truppen immer wieder mit
lokalen Tschetnik-Abteilungen zusammenarbeiteten.
Bereits am 14. März 1943 plante das OB Südwest, ab Anfang Mai in ei-
ner Operation »Schwarz« die Verfolgung der Partisanenverbände in Mon-
tenegro fortzusetzen. Dabei sollten die schon erprobten Kräfte der Opera-
tion »Weiß«, noch durch eine weitere deutsche Division verstärkt, wieder
eingesetzt werden (vgl. OKW 1943 Tb. 1, 215 f). Durch die Operation »Weiß«
waren zwar alle großen Partisanenformationen in Bosnien zerschlagen
oder vertrieben worden, trotzdem machte der wenn auch nur vorüber-
gehende Abzug dieser Divisionen dort die Aufstellung neuer Verbände
notwendig. Nachdem bereits seit Anfang Januar für die »bevorstehenden
Operationen« auch die vollziehende Gewalt auf den deutschen Befehls-
haber übergegangen war (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 403/2820 Dok. H300938), plan-
te man die Aufstellung von Polizeiverbänden zur Sicherung des Gebietes.
Mit der Aufstellung dieser Verbände wurde im März der SS-Brigadeführer
Kammerhofer beauftragt. Die »Polizeiorganisation« sollte aus »reichsdeut-
schen, kroatischen und Volksdeutschen Kräften« bestehen und die
»Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung« er-
möglichen (PA/AA: Inl. Ilg 309/2572 Dok. E464820-823). 118 Auch bei dieser
Einberufung von Volksdeutschen aus Kroatien wiederholten sich die schon
aus den vorherigen Auseinandersetzungen bekannten Schwierigkeiten mit
dem Gesandten Kasche.
Wie aus dem Kriegstagebuch des OKW hervorgeht, gab es zwischen
März und Mai 1943 viele kleine Überfälle und Scharmützel in Kroatien und
Bosnien, ohne dass es dabei zu größeren Kampfeinsätzen gekommen wäre
(vgl. OKW 1943 Tb. I, 215ff). 119 Das gleiche Bild ergibt sich auch aus einem
Bericht des Volksgruppenführers Altgayer vom 3. April 1943 (vgl. PA/AA:
Inl. Ilg 254/2427 Dok. D4). Bei seiner Schilderung der Situation der volks-

// 246
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

deutschen Bevölkerung in den verschiedenen Gebieten Kroatiens und Bos-


niens kommt er aber auf einen Aspekt zu sprechen, der - je nach dem wie
er sich entwickeln würde - entscheidend deren Zukunft mitbestimmen
musste: Es war eine deutsche Partisanenabteilung mit deutscher Komman-
dosprache gegündet worden. 120 Deren »Kern« bildeten, so Altgayer,
»einige deutschnamige Uberzeugungskommunisten, die, bis auf Franz
Schrempf aus Esseg - der von der Ustascha-Polizei zu den Kommunisten
getrieben worden ist - niemals etwas mit der Volksgruppe gemein
hatten, 2 elsässische Überläufer und einige Juden. Es wurde auch befoh-
len, gefangene ES-Männer [Männer der Einsatzstaffel] nicht mehr zu
entkleiden und zu erschiessen, sondern sie der deutschen Partisanen-
abteilung zu übergeben« (PA/AA: Inl. Ilg 254/2427 Dok. D4).

Damit war zum ersten Mal seit Beginn des Krieges, wenn auch nur durch
einige wenige Personen, auch die deutschsprachige Bevölkerung in einer
eigenen Partisanenabteilung vertreten. Im weiteren Verlauf der Kämpfe
musste es zu einer entscheidenden Frage für die Zukunft der Volksdeut-
schen werden, ob Teile von ihnen bereit sein würden, sich vermehrt auf die
Seite der Partisanen zu stellen, oder ob sie, wie bisher die Volksdeutschen,
als einzige Bevölkerungsgruppe des ehemaligen Jugoslawiens weiter fast
geschlossen auf Seiten der deutschen Besatzungsmacht kämpfen würden.
Bis zum Einsatz bei der Operation »Schwarz« befand sich die »Prinz Eu-
gen« nach wie vor zur Sicherung des Bauxitgebietes in der Nähe von Mo-
star (vgl. Kumm 1978, 70). Teile der Division nahmen, ganz wie Phleps es
in seinen »Grundsätzen« beschrieben hatte, an einzelnen Aktionen gegen
kleinere Partisanengruppen teil. So entsetzte am 27. April 1943 eine Kom-
panie der Division ein in Glamoc eingeschlossenes kroatisches Bataillon
und »säuberte« die Gegend (vgl. OKW 1943 Tb. I, 293). Am 5. Mai 1943 wur-
de der SS-Versorgungsstützpunkt Mostar von Tschetniks überfallen (vgl.
ebd. 473). In dieser Zeit wurden auch erste konkrete Schritte zu Aufstel-
lung der aus bosnischen Muslimen bestehenden SS-Division unternom-
men, deren Bildung sich bereits Ende 1942 angedeutet hatte. Wie aus einem
Schreiben des Reichsführer-SS vom 31. März 1943 hervorgeht, ergaben sich
daraus für die 7. SS-Division »Prinz Eugen« wesentliche Umstrukturierun-
gen. Der bisherige Kommandant, SS-Gruppenführer Phleps, wurde zum
Oberkommandierenden des aus der »Prinz Eugen« und der »muselmani-
schen Bosniaken-Division« zu bildenden V. SS Armee-Korps ernannt. 121 Er
blieb damit zwar für den Einsatz der »Prinz Eugen« als Führer des V. SS-
Armee-Korps verantwortlich, das direkte Divisionskommando übernahm

// 247
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

aber SS-Brigadeführer von Oberkamp, der damit Phleps unterstellt wurde


(vgl. BA: NS19/2601, Dok. 6). Phleps sollte allerdings die 7. SS-Division
»Prinz Eugen« während der folgenden Operationen noch selbst führen. Von
Oberkamp hatte ihn dabei in dieser Übergangsphase zu unterstützen und
die Zeit zu nutzen, sich einzugewöhnen und »Land und Leute« kennenzu-
lernen (vgl. ebd.). Im Anschluss an die Operationen wollte Himmler dann
den genauen Zeitpunkt der Einsetzung eines Divisionskommandanten für
die Bosniaken-Division, der Bildung des Korps-Kommandos und der end-
gültigen Übergabe der »Prinz Eugen« an von Oberkamp bekannt geben (vgl.
ebd.). 122
Wie schwer der Einsatz der 7. SS-Division »Prinz Eugen« von Kriegs-
und Menschenrechtsverbrechen zu trennen war, wurde bereits gezeigt und
wird auch im Weiteren zur Sprache kommen. Auch der Zusammenhang
zwischen der konsequenten Stärkung der Position der eigenen, der Volks-
deutschen Bevölkerung und der Unterdrückung beziehungsweise Ermor-
dung der anderen, in erster Linie jüdischen und serbischen Bevölkerung
wurde aufgezeigt. Während im März 1943 in Bezug auf die im Gebiet des
ehemaligen Jugoslawiens kämpfenden SS-Verbände wichtige Umstruktu-
rierungsmaßnahmen vorgenommen wurden, fand auch eine unter militäri-
schen Gesichtspunkten für die Entwicklung der Division eher unbedeutsa-
me Personalzuweisung statt, die aber die verschiedenen oben genannten
Aspekte widerspiegelt.
Am 19. März 1943 schrieb der Reichsstatthalter im Reichsgau Warthe-
land, Greiser, an den Reichsführer-SS einen Brief, in dem er ihm von einem
Besuch in Kulmhof bei dem ehemaligen Sonderkommando »Lange«, das zu
dieser Zeit unter dem Befehl des SS-Hauptsturmführers Bothmann stand,
berichtete (vgl. BA: NS19/2635). Bothmann 1 2 3 und sein Sonderkommando
ermordeten zu diesem Zeitpunkt einen Großteil der jüdischen Bevölkerung
des Warthegaus im Vernichtungslager Kulmhof, das nahe an Lodz, damals
Litzmannstadt, lag (vgl. Hilberg 1990, 957). Greiser schrieb:
»Ich habe ... eine Haltung der Männer des Sonderkommandos vorgefun-
den, die ich nicht verfehlen möchte, Ihnen, Reichsführer-SS zur gefl.
Kenntnis zu bringen. Die Männer haben nicht nur treu und brav in jeder
Beziehung konsequent die ihnen übertragene schwere Pflicht erfüllt,
sondern darüber hinaus auch noch haltungsmäßig bestes Soldatentum
repräsentiert. So haben sie mir z. B. auf einem Kameradschaftsabend ...
eine Spende von 15 150,- RM in bar übergeben, die sie am gleichen Tag
spontan veranlasst haben ... Ich habe das Geld dem Fonds zu Gunsten
der Kinder ermordeter Volksdeutscher überwiesen ... Die Männer haben

// 248
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

mir weiterhin ihren Wunsch zum Ausdruck gebracht, unter ihrem


Hauptsturmführer Bothmann möglichst geschlossen weiterhin eingesetzt
zu werden. Ich habe den Männern versprochen, Ihnen, Reichsführer,
diesen Wunsch zu übermitteln. Ich bitte Sie, mir auch noch zu genehmi-
gen,^dass ich die Männer bei dem ihnen zustehenden Urlaub zum Teil
als meine Gäste auf meine Landgüter einladen und ihnen außerdem eine
namhafte Beihilfe gewähre, die ihnen den Urlaub verschönen soll« (BA:
NS19/2635).

Radikaler als durch die Spende für die Kinder ermordeter Volksdeutscher
aus den Händen derjenigen, die jüdische Kinder- und Frauen ermordeten,
kann sich der Zusammenhang zwischen der Unterstützung des Eigenen
und der Vernichtung des Fremden -nicht ausdrücken.
Am 27. März 1943 dankte Himmler dann Greiser dafür, dass sich dieser
»der Männer in so netter Weise angenommen« hatte und versprach, sie bei
einer neuen Verwendung wieder geschlossen unter Bothmann einzusetzen
(vgl. BA: NS 19/2635, Dok. 8). Himmlers persönlicher Stab, Dr. Brandt,
schrieb dann am 29. März 1943 an den Chef des SS-Führungshauptamtes,
Gruppenführer Jüttner, dass Bothmann und seine 85 Männer nach Beendi-
gung ihres Einsatzes und des anschließenden Urlaubs geschlossen zur SS-
Freiwilligen-Division »Prinz Eugen« versetzt werden sollten. Er verwies
noch darauf, dass Jüttner das genaue Datum der Versetzung von SS-Grup-
penführer Dr. Kaltenbrunner erfahren könnte und der Reichsführer in den
nächsten Tagen sicherlich Kontakt mit Phleps aufnehmen würde, da die
»Prinz Eugen« für den Zugang die gleiche Anzahl Männer an die neue Bos-
niaken-Division abgeben sollte (vgl. BA: NS19/2635, Dok. 9). Am gleichen
Tag hatte Dr. Brandt auch den Brief an Kaltenbrunner abgeschickt. Aus die-
sem geht hervor, dass sowohl Jüttner als auch die neuen Kameraden der
»Prinz Eugen« möglichst nichts von dem zurückliegenden Sonderauftrag
erfahren sollten:
»Der Reichsführer-SS bittet Sie, die Männer vor ihrem Einsatz noch ein-
mal zusammenzunehmen und sie eindringlich zu verpflichten, unter die
Zeit ihres Sonderkommandos einen Strich zu setzen und auch nicht an-
deutungsweise davon zu reden. Der Chef des SS-Führungshauptamtes
Jüttner hat von mir lediglich die Mitteilung erhalten, dass im Laufe des
April 85 Männer mit ihrem Kommandeur geschlossen der SS-Freiwilli-
gen-Division >Prinz Eugen< zugeführt werden können« (BA: NS 19/2635
Dok. 12).

Ob Bothmann und seine Männer sich an die Anweisung hielten, ist nicht

// 249
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

mehr zu klären. Falls sie wirklich einen »Strich« gezogen hatten, so sollte
dies nur ein vorläufiger gewesen sein. Am 14. Februar 1944 erging ein wei-
teres Schreiben des Reichsstatthalters Greiser, diesmal an den Chef des SS-
Verwaltungshauptamtes, SS-Obergruppenführer Pohl:
»Das Ghetto Litzmannstadt soll nicht in ein KL umgewandelt werden ...
Ich habe mit dem Reichsführer folgendes vereinbart:
a) Das Ghetto wird personell auf ein Mindestes verringert und behält nur
soviel Juden, wie sie unbedingt im Interesse der Rüstungswirtschaft
erhalten werden müssen ... c) Die Verringerung wird durch das im Gau
schon früher tätig gewesene Sonderkommando des SS-Hauptsturmfüh-
rers Bothmann124 durchgeführt werden. Der Reichsführer wird Befehl
erteilen, den SS-Hauptsturmführer Bothmann mit seinem Sonderkom-
mando aus seinem Einsatz in Kroatien herauszuziehen und dem Gau
Wartheland wieder zur Verfügung zu stellen ... e) Nach Entfernung aller
Juden aus dem Ghetto und nach der Auflösung desselben soll der gesam-
te Grundbesitz des Ghettos der Stadt Litzmannstadt zufallen« (BA: SSO
Bothmann, Hans).

Bothmann und seine Männer kehrten daraufhin nach Kulmhof zurück (vgl.
Hilberg 1990, 957). Insgesamt wurden in Kulmhof 150 000 Juden ermordet
(vgl. ebd. 956).
Litzmannstadt hatte aber für den Krieg in Bosnien noch eine andere Be-
deutung. Von März/April 1942, nachdem Bothmann das Sonderkommando
»Lange« übernommen hatte, bis März 1943 (vgl. Hilberg 1990, 957) hatten er
und sein Männer große Teile der jüdischen Bevölkerung des Warthegaus in
Kulmhof ermordet. Ab Oktober 1942 fand die Umsiedlung der Volksdeut-
schen aus den verschiedenen Streusiedlungen Bosniens wegen der dorti-
gen Aufstandslage statt. Wie aus der »Schlussmeldung über die Umsied-
lung Bosnien«, die der Chef der VOMI, Lorenz, im Dezember 1942 an
Himmler schickte, hervorgeht, waren bis zum 22. November 1942 insgesamt
16 932 Personen aus Bosnien mit Umsiedlungstransporten abtransportiert
und »in die Lager der Volksdeutschen Mittelstelle in und bei Litzmann-
stadt überführt« worden (BA: NS 19/41 Dok. 20). Die Lager bei Litzmann-
stadt gehörten zu den ersten, die die VOMI für Volksdeutsche Umsiedler
gegründet hatte. In der ersten Phase ihres Bestehens war es dabei noch zu
direkten Begegnungen und damit verbundenen »erschütternden« 125 Szenen
zwischen Juden, die aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben wur-
den, und den direkt in diese einziehenden Volksdeutschen gekommen (vgl.
Lumans 1993, 202). Ende 1942 fand aufgrund der gründlichen Arbeit Both-
manns diese direkte Konfrontation zwischen den von den Säuberungs- und

// 250
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

den Umsiedlungsaktionen unterschiedlich betroffenen Menschen nicht


mehr statt. Der Zusammenhang blieb gleichwohl bestehen. 126

3.3.4
Die Operation »Schwarz«

Die Operation wurde entsprechend der schon am 14. März 1943 ent-
wickelten Pläne vorbereitet. Neben der »Prinz Eugen«, der 718. Jg. Div.,127
einer Rgt. Gruppe der 369. kroat. Div. und zwei kroatischen Gebirgsbriga-
den wurde zur Verstärkung die 1. Geb. Division von der »Gotenkopfstel-
lung« an der Ostfront über Rumänien und-Bulgarien mit der Eisenbahn her-
angeführt (vgl. OKW 1943 Tb. I, 215). 128 Das vorrangige Ziel der Operation
war die Verfolgung und Vernichtung nicht nur der kommunistischen Parti-
sanen, sondern auch der Mihajlovic-Verbände. Darüber hinaus war die Ent-
waffnung der dortigen Tschetniks geplant. Da die deutsch-italienischen
Meinungsverschiedenheiten in der Frage des Umgangs mit den Tschetniks
noch nicht endgültig bereinigt waren, wurde beabsichtigt, in der ersten
Phase nur möglichst wenige italienische Verbände teilnehmen zu lassen.
Teile der bulgarischen Besatzungsstreitkräfte in Serbien sollten, verstärkt
durch Teile der 704. Jg. Div., die Flucht der Partisanen über die serbisch-
montenegrinische Grenze verhindern (vgl. ebd. 216). Bis zum 15. Mai 1943
war der Aufmarsch der Verbände abgeschlossen, sodass die Operation
»Schwarz« planmäßig begann (vgl. ebd. 482).
Für die 7. SS-Division »Prinz Eugen« war »Schwarz« nach dem Einsatz
in Serbien und der vorausgegangenen Operation »Weiß« ein weiterer
Schritt hin zum Kampf mit »regulären Formationen«, wie es Phleps in sei-
nen »Grundsätzen« genannt hatte (vgl. MA: RS 3-7/15, Dok. 201). Wie
schon in der theoretischen Vorbereitung, den »Grundsätzen«, trat nun in
der praktischen Umsetzung der Operation »Schwarz« die ganze Dynamik
der Vermischung des Kampfes mit schweren Waffen gegen starke Partisa-
nenverbände auf der einen Seite mit dem damit verbundenen Vorgehen ge-
gen die Zivilbevölkerung auf der anderen Seite zutage.
Dies zeigte sich schon in dem am 10. Mai 1943 ergangenen Divisionsbe-
fehl der »Prinz Eugen« »für den Angriff in die Ostherzegowina« (vgl. MA:
RS 4/1420 Dok. 20). Die Division sollte aus dem Raum Mostar nach Osten
vordringen und am ersten Tag Nevesinje erreichen. In dieser Gegend wur-
de nur mit gegnerischen Tschetnik-Verbänden gerechnet (vgl. ebd.). Die Di-

// 251
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

vision war in zwei Gefechts- und drei Kampfgruppen eingeteilt. Die Ge-
fechtsgruppen Petersen und Schmidhuber bestanden aus jeweils drei Ba-
taillonen der Regimenter 1 beziehungsweise 2. Darüber hinaus waren ih-
nen Artillerieabteilungen, 129 Flakzüge und Panzerabteilungen zugeteilt.
Neben den Tragtier- und Fahrkolonnen kamen zu Petersen noch das Wirt-
schaftsbataillon und zu Schmidhuber die Kavallerieschwadron hinzu. Die
Kampfgruppen Vollmer, Strahtmann und Dietsche bestanden aus je einem
Bataillon und einer Artillerieabteilung. Strahtmann und Dietsche hatten
darüber hinaus noch jeweils Krankenträgerzüge, Krankenkarren und Trag-
tierkolonnen dabei (vgl. ebd. Dok 21 und 22). Die verschiedenen Gruppen
sollten separate Tagesziele erfüllen, jeweils aber die Verbindung zu den an-
liegenden Gruppen aufrechterhalten oder an bestimmten Punkten aufneh-
men. Der detailliert ausgearbeitete Divisionsbefehl enthielt eine Fülle von
wichtigen militärischen Weisungen für den Einsatz. In Bezug auf die Ge-
fechtsgruppe Petersen, die auf der Straße vorrückte, hieß es:
»Alle fahrbaren schw. Waffen sind der Gefechtsgruppe (Hauptkolonne)
nachzuführen und als schwere Waffen-Gruppe zu verwenden« (ebd.
Dok. 20; Hervh. i. Orig.).

Immer wieder wurde auf die Wichtigkeit der Sicherung von den Berghöhen
aus verwiesen:
»Sicherung nach Nord und Süd [ist] auf die das Polje abschließenden
Sättel zu stellen ... Vorrücken ist auf den ostw. begleitenden Höhen ...
zu decken ... Vorerst sind die den Ort Nevesinje westl. beherrschenden
Höhen in die Hand zu nehmen ...« (ebd. Dok. 20 und 21).

Diese und die folgenden Teile des Divisionsbefehls lesen sich, wie man es
von Einsatzbefehlen für »reguläre Formationen« erwartet: 130
»Die Kampfgruppe (Dietsche) muss bereit sein, im Raum TRIJEB ANJ
und während des Vorgehens in den Raum STJEPANKRS nach Norden
oder Süden in den Kampf des Nachbarn einzugreifen (ebd. Dok. 22).
Die Gruppe (Strahtmann) ist bereit, in den bei NEVESINJE stehenden
Kampf am folgenden Tag einzugreifen« (ebd. Dok. 23; Hervh. i. Orig.).

Noch mehr als schon die Operation »Weiß« sollte »Schwarz« mit Unter-
stützung der Luftwaffe durchgeführt werden:
»9.) Einsatz der verfügbaren Fliegerkräfte wird in engster Zusammen-
arbeit mit der Operation der Erdtruppe erfolgen. Der Schwerpunkt wird

// 252
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

anfangs bei der SS-Division »Prinz Eugen« und den von Osten gegen
Montenegro vorgehenden Kräften liegen« (ebd. Dok. 24; Hervh. i. Orig.).

Aber auch bei der Operation »Schwarz« hatte die »Prinz Eugen« neben den
Partisaneneinheiten wie »Titos beste[r], d[er] 1. prol. Div.« (Kumm 1978,
78), auch die Zivilbevölkerung im Blick:
»7.) Die Truppe hat rücksichtslos und mit brutaler Härte gegen die sich
feindlich zeigende Bevölkerung vorzugehen und dem Feinde jede
Lebensmöglichkeit durch Zerstörung verlassener Ortschaften und
Sicherstellung vorhandener Vorräte zu nehmen. Wichtige Wasserstellen,
die mit Rücksicht auf eigenen Bedarf und den Bedarf der friedlichen
Bevölkerung nicht zerstört werden, müssen bewacht werden« (MA: RS
4/1420 Dok. 24; Hervh. i.Orig.) 131 .

Dass es in diesem Einsatz keine im eigentlichen Sinn friedliche Bevölke-


rung geben konnte, wird im Weiteren deutlich. »Friedlich« muss hier viel-
mehr im Sinne von »für die deutschen Interessen« einsetzbar verstanden
werden. Dies zeigt sich auch bei der besonderen Erwähnung der Muslime,
wobei zu bedenken ist, dass zeitgleich in Bosnien die Aufstellung der mus-
limischen SS-Division stattfand:
»Friedliebende Bevölkerungsteile sind zu schonen und weitgehend in
den Dienst der Sache zur Vernichtung der Feindkräfte einzuspannen. Die
Muselmanen sind, soweit sie sich nicht feindlich zeigen, besonders gut
zu behandeln. Vorteilhaft werden sie gegen Belohnung mit Geld oder
Lebensmitteln für Führer und Kundschafterdienste zu verwenden sein«
(ebd.).

Anders als Operation »Weiß« verlief Operation »Schwarz« durchaus er-


folgreich. Die Verstärkung durch den vermehrten Einsatz der Luftwaffe
und der 1. Geb. Div. machte sich deutlich bemerkbar. Nachdem die
»illegalen« Tschetnik-Verbände entwaffnet und die »legalen« von italie-
nischen Verbänden in den Rückraum gebracht worden waren, nahmen
dann auch italienische Einheiten vermehrt an den Kämpfen teil, in erster
Linie in Form von Sicherungsaufgaben (vgl. OKW 1943 Tb. I, 501). Wie
schon in der Vorbereitung erwartet (vgl. MA: RS 3-7/13 Dok. 70ff), leiste-
ten hauptsächlich nur die kommunistischen Einheiten Widerstand (vgl.
OKW 1943 Tb. I, 486, 491 und 556). 1 3 2 Sie wurden dabei immer wieder
auch in Kämpfe mit nationalistischen Tschetniks verwickelt (vgl. ebd.
522). Die Mihajlovic-Verbände hatten hingegen schon am 17. Mai 1943 den
Funkverkehr in Montenegro eingestellt, und man ging davon aus, dass

// 253
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

M i h a j l o v i c n a c h S e r b i e n geflüchtet war (vgl. ebd. 491). S o m i t konzentrier-


ten sich die Anstrengungen der deutschen u n d kroatischen Truppen zu-
n e h m e n d auf die Einkesselung u n d Vernichtung der k o m m u n i s t i s c h e n
Partisanen. Dabei wurden sie von der Luftwaffe unterstützt, die laut
Kriegstagebuch des O K W fast täglich Einsätze flog. Dort steht beispiels-
w e i s e über den 21. Mai:
»Luftwaffe: Außer Aufklärung Angriff mit Bomben und Ortschaften vor
SS=Div. Dabei Mun.=Lager durch Volltreffer vernichtet. Insgesamt 27
Einsätze« (ebd. 514; Hervh. i. Orig.).

Am 27. Mai heißt es:


»Luftwaffe: Volltreffer in fdl. Truppenansammlungen vor 118. Jäg.-Div.
Insgesamt 13 Einsätze« (ebd. 545; Hervh. i. Orig.).

Die Partisanen wehrten s i c h verzweifelt 1 3 3 und u n t e r n a h m e n v e r s c h i e d e n e


A u s b r u c h s v e r s u c h e , so am 24. Mai 1943 bei der 118. Jäg. Div bei F o c a (vgl.
ebd. 526), am 31. Mai 1943 am Unterlauf der Piva bei der 7. SS-Div. (vgl. ebd.
568) und am 2. Juni 1943 n o c h einmal bei F o c a (vgl. ebd. 579). Z u m S c h l u s s
gelang es den Partisanen in k l e i n e n Gruppen - insgesamt etwa 3000 bis
4 0 0 0 M a n n - halbverhungert u n d geschlagen z w i s c h e n den Stellungen
d u r c h z u s c h l ü p f e n und n a c h B o s n i e n zu e n t k o m m e n . B e i den »Nachsäube-
rungen« des rückwärtigen Gebietes entdeckte die 1. Geb. Div. am 14. Juni
1943 »grosse Massengräber und ganze Ortschaften voll Typhustoter« (ebd.
642). Die 7. S S - D i v i s i o n fand am 15. Juni 1943 »200 L e i c h e n an V e r h u n g e r -
tem« (ebd. 647). In der A b s c h l u s s m e l d u n g zur Operation »Schwarz« wird
die Zerschlagung der Tito-Partisanen im »montenegr./herzegow. Raum« ge-
meldet. Es werden m i n d e s t e n s 1 1 0 0 0 bis 12 000 tote Partisanen, davon
10 000 »blutige« Verluste u n d 1000 bis 2000 durch Hunger u n d S e u c h e n ge-
zählt. Damit war das im Divisionsbefehl v o m 10. Mai 1943 vorgegebene
Ziel, »alle bewaffneten Verbände . . . zu v e r n i c h t e n und evt. s i c h b i l d e n d e n
B a n d e n jede Lebensmöglichkeit zu n e h m e n « (MA: R S 4 / 1 4 2 0 , Dok. 20;
Hervh. v. Verf.), erreicht.
Die Verluste aller deutschen Verbände wurden auf 465 Tote, 1554 Ver-
w u n d e t e und 281 Vermisste beziffert. Das Missverhältnis z w i s c h e n den
deutschen Verlusten u n d den getöteten Partisanen bedarf einer Erklärung.
Z u m einen war zu diesem Zeitpunkt die Kampfstärke der Partisanenein-
heiten in einer direkten m i l i t ä r i s c h e n Konfrontation n o c h n i c h t mit der
Kampfstärke der deutschen Truppen vergleichbar, u n d es mangelte an

// 254
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

schweren Waffen, sodass von einer höheren Zahl gefallener Partisanen aus-
zugehen ist. Zum anderen war es bei allen zur Partisanenbekämpfung ein-
gesetzten deutschen Verbänden üblich, die ermordete Zivilbevölkerung
postum als getötete Partisanen zu zählen (vgl. Heer 1995, 57ff). Das heißt,
auch bei den Verlustzahlen von »Schwarz« ist davon auszugehen, dass es
sich zu einem großen Teil um getötete Zivilbevölkerung handelt. 1 3 4
Die »Prinz Eugen« hatte sich in den Kämpfen wiederum als entschei-
dender Rückhalt der eingesetzten Verbände gezeigt. Deswegen wurden ne-
ben der 1. Geb. Div. die Leistungen der 7. SS-Division im Kriegstagebuch
des OKW besonders hervorgehoben (vgl. OKW 1943 Tb. I, 660). Darüber
hinaus erhielt SS-Sturmbannführer Dietsche für die Leistungen seiner
Kampfgruppe während der Operation »Schwarz« ebenso wie Phleps das
Ritterkreuz (vgl. Krätschmer 1993, 522). Die Verleihung des Ritterkreuzes
an Phleps war schon längere Zeit geplant gewesen. So hatte am 23. März
1943 der SS-Untersturmführer Viktor Brack bei seinem Duzfreund S S -
Obergruppenführer Wolff angeregt, dass Phleps das Ritterkreuz nicht nur
für seine Leistungen an der Ostfront, sondern auch wegen des Aufbaus der
»Prinz Eugen« erhalten solle (vgl. BA: NS19/938, Dok. 7f).
»Der Aussenstehende kann sich kaum eine Vorstellung davon machen,
was es heisst, aus völlig serbisierten, zum grossen Teil überalterten
Leuten SS-Männer zu machen ... Heute ist schon klar zu erkennen, dass
bei den Jungen zum allergrössten Teil das Soldatische sich durchgesetzt
hat und die Div. >Prinz Eugen< kann heute mit Recht als SS-Division
bezeichnet werden« (ebd. Dok. 8f).

Wie aus einem Vermerk zu Bracks Brief vom 13. April 1943 hervorgeht, hat-
te auch Himmler schon die Verleihung beabsichtigt (vgl. ebd. Dok. 13). Zu-
sammen mit der Meldung über die Verleihung des Ritterkreuzes erschien
dann ein Artikel über Phleps in der SS-Zeitung »Das Schwarze Korps«
(ebd. 21) unter dem Titel: »>Das ist unser General!< Ein Repräsentant Volks-
deutschen Soldatentums im Donauraum« (ebd. Dok. 16; Hervh. i. Orig.).
Am 17. Juni 1943 sammelte sich die 7. SS-Division (vgl. OKW 1943 Tb. I,
658), um zurück in den Raum um Mostar zu marschieren, wo wieder ihr
Div. Gefechtsstand errichtet werden sollte (vgl. ebd. 691). Dort übernahm
der neue Kommandeur von Oberkamp die Division, während Phleps den
Aufbau der »Bosniaken-Division« in Angriff nahm, aber mit der Leitung
des V. SS-Gebirgskorps auch weiter den Oberbefehl über die 7. SS-Division
behielt. Wie Himmler am 15. Juni 1943 geschrieben hatte, bekam Phleps da-

// 255
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

bei SS-Standartenführer Kumm als »Mitarbeiter« zur Seite gestellt (vgl. BA:
NS19/2953 Dok. C l l ) . 1 3 5 Am 25. Juli 1943 erstellte die SS-Freiw. Geb. Divi-
sion »Prinz Eugen« rückblickend einen »Erfahrungsbericht über das Unter-
nehmen >Schwarz<«, in dem die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst
wurden und aus dem sich auch ein genaueres Bild der Partisanenverbände
ergibt.
Infanterie
Feind: a) Führung: Die Cetnik-Banden sind ... nicht in den Kampf
eingetreten und ergaben sich kampflos. Kommunistische Banden Gegner
kämpft hartnäckig und weicht nur langsam von Widerstandslinie auf
Widerstandslinie aus. Wo es die Lage erfordert, geht er zum Gegenangriff
über, b) Kampfweise: Feind kämpft verschlagen und hinterlistig, zum
Teil mit dem Mut der Verzweiflung. Besonders zustatten kommt ihm die
genaue Kenntnis des Gebietes: c) Waffen und Munition: Die Ausstattung
mit leichten Waffen und Munition, zum Teil italienischer Herkunft, ist
gut... Schwere Waffen ... sind in geringer Zahl vorhanden, d) Beklei-
dung u. Ausrüstung: Landesübliche Bekleidung. Teilweise italienische
und auch deutsche Uniformen. Ausrüstung einfach und primitiv. Kein
Rückengepäck, leichte Fußbekleidung. Daher beweglicher und schneller
im Kampf, e) Verpflegung: Verpflegungslage ... sehr schlecht. Die einge-
brachten Gefangenen waren durchweg unterernährt, f) Transportmittel:
Vorhanden sind in größerer Anzahl Tragtiere ... Unnötiger Ballast wird
nicht mitgeführt. Zugunsten der Beweglichkeit wird auf all das verzich-
tet, was den Kampf im Gebirge und die Schnelligkeit beeinträchtigen
könnte, g) Sanitätswesen: Das Sanitätswesen der Banden liegt in den
Händen jüdischer und serbischer Ärzte. An Hilfskräften stehen eine
Anzahl Frauen zur Verfügung, die auch notfalls mit der Waffe in der
Hand am Kampfe teilnehmen. Gefangene Italiener werden als Verwunde-
tenträger eingeteilt und mitgeführt. Arzneimittel und Medikamente feh-
len. Häufig vorkommende Krankheiten sind Typhus, Flecktyphus und
Unterernährung, h) Nachrichtenverbindung: Sein Nachrichten- und
Agentennetz arbeitet ausgezeichnet... Die Bevölkerung steht fast aus-
nahmslos auf Seiten der Banden als volkszugehörige Freiheitskämpfen.
Uber eigene Bewegungen ist er meistens frühzeitig unterrichtet« (MA:
RS 3-7/13 Dok. 86; Hervh. i. Orig.).

Da die Struktur der »Prinz Eugen« genügend dargestellt wurde, sollen dies-
bezüglich nur die wichtigsten Punkte aus dem mehrseitigen Bericht zitiert
werden.
»Eigene Truppe: a) Allgemeine taktische Grundsätze: Zweckmäßiger
Einsatz der schweren Waffen und Ausnutzung des Feuers lässt zu
wünschen übrig ... Das Zusammenwirken mit Panzern im Kampf gegen
starken in ausgebauten Stellungen sich verteidigenden Gegner war gut.

// 256
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

b) Haltung der Männer: Eigene Truppe kämpferisch gefestigt. Die neu-


hinzugekommenen Männer der Einsatzstaffeln haben sich nicht be-
währt; mangelnder Angriffsschwung, fehlende Standfestigkeit, unzurei-
chende Ausbildung. 3.) Waffen und Munition: Es ist erwünscht, nach
Massgabe vorhandener Tragtiere, jede Jg. Kp. mit ls. Gr. W.-Gruppe
auszustatten. Die Wirkung der schweren Waffen war gut. 4.) Bekleidung
und Ausrüstung: ... b) Ausrüstung: Die derzeitige Ausrüstung der Geb.
Jäger entspricht nicht dem beweglichen Kampf im Gebirge gegen Ban-
den. Der einzelne Jäger hat zu viel zu tragen. 5.) Versorgung: ... d) Kfz.-
Wesen: Die schlechten Strassen- und Wegverhältnisse haben eine Über-
beanspruchung des Kfz.-Materials zur Folge gehabt, (ebd. Dok. 87-88)

Quartiermeisterabteilung
4.) Ausrüstung und Bekleidung: Gelieferte Sommerbekleidung für den
Gebirgskrieg völlig ungeeignet; starke Temperaturschwankungen ... 5.)
Versorgung: ... c) Pferde: Bei annähernd 20 % Fehlstellen und den ...
besonders schwierigen Wegverhältnissen, sowie d[em] Tempo des Vor-
marsches ergab sich eine ganz ausserordentliche Überbeanspruchung
der vorhandenen Pferde und Tragtiere, (ebd. Dok. 89).

Panzer-Waffe.
1.) Allgemeine Kampfweise: Bei allen Kampfhandlungen, an denen die
Panzer-Kp. beteiligt war, verstand es der Feind vorzüglich, sich dem
Gelände anzupassen und sich zu tarnen. Eine besondere Taktik oder
Ausbildung in der Panzernahbekämpfung konnte nicht festgestellt
werden. Der Panzerschreck ist in einem gewissen Maße nach wie vor
vorhanden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Gegner über wenig
panzerbrechende Waffen verfügt... Panzer-Deckungslöcher oder Gräben,
Minen sowie Panzernahkampfmittel wurden nicht verwendet. 2.) Eigene
Truppe: Die enge Zusammenarbeit zwischen Panzern und Gebirgsjägern
war für den Erfolg ausschlaggebend. Die Panzer sind in diesem Einsatz
ca. 2000 km gelaufen und ein Ersatz der Ketten ist dringend nötig« (ebd.
Dok. 91; Hervh. i. Orig.).

Ebenfalls im Juli musste Berger wegen der beim Aufbau der Polizeikräfte in
Kroatien entstandenen Schwierigkeiten, aber auch wegen der Aufstellung
der »Bosniaken-Division«, nach Agram fliegen. Dort beabsichtigte Berger
auch, wegen des katastrophalen Versagens der kroatischen Wehrmacht
die Frage der Aufstellung einer zweiten kroatischen SS-Division anzuspre-
chen (vgl. BA: NS19/2222 Dok. C l l ) . Am 13. Juli 1943 berichtete er Himm-
ler dann in einem Schreiben vom vollen Erfolg der Mission. Darüber hin-
aus schrieb er, dass Altgayer, der inzwischen ganz den Standpunkt der SS
eingenommen hätte, von Kasche »abgeschossen« worden sei (vgl. BA:

// 257
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

NS19/2117 Dok. A l l ) . In der Tat hatte Kasche in einem Schreiben vom


24. April 1943 dafür gesorgt, dass Altgayer statt zur Polizei in Kroatien zur
Waffen-SS ins Reich einberufen worden war (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 254/2427
Dok. Cl2). 1 3 6 Nicht nur bei der Rekrutierung konnte sich die Waffen-SS
durchsetzen, sodass 3500 Volksdeutsche, die ursprünglich für die Polizei-
verbände vorgesehen waren, eingezogen werden konnten (vgl. PA/AA: Inl.
Ilg 403/2820, Dok. H297545). Auch die Aufstellung einer zweiten kroati-
schen SS-Division sollte später in Angriff genommen werden. Am 16. Juli
1943 erließ Himmler dann ausdrücklich den Befehl, dass Branimir Altgay-
er aus dem Wehrdienst bei der Waffen-SS entlassen und wieder als Volks-
gruppenführer eingesetzt werden sollte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 311/2578 Dok.
H19). Damit war in Kroatien, wie auch schon im Banat, die Zusammenar-
beit der SS mit der Volksgruppenführung bei der Ausschöpfung des Wehr-
pflichtigenpotenzials endgültig gesichert.
Bis zum nächsten großen Einsatz im September 1943 waren unter ande-
rem Teile der Division weiter zur Sicherung des Bauxitgebietes bei Mostar
(vgl. OKW 1943 Tb. II, 746), der überwiegende Teil aber zur Partisanenbe-
kämpfung und zu »Säuberungsaktionen« in der Umgebung von Sarajewo
und Tuzla (vgl. OKW 1943 Tb .II, 753) eingesetzt. 1 3 7 Der SS-Division »Prinz
Eugen« ist nach dem Krieg der Vorwurf gemacht worden, im Partisanen-
krieg besonders grausam gegen die Zivilbevölkerung gehandelt zu haben
(vgl. Nürnberg X X , 409ff). 1 3 8 Die Waffen-SS, auch Otto Kumm, leugnen die
Verbrechen:
»Der Verfasser war ein Jahr Chef des Gen.-Stabes des V. SS-Geb.-Korps
und anschließend ein Jahr Kdr. der 7. SS-Geb.->Prinz Eugen< und kann an
Eidesstatt versichern, dass dieser >Geiselbefehl< [Der OKW Befehl vom
14.10.41] in dieser ganzen Zeit von der Div. >Prinz Eugen< in keinem
einzigen Fall ausgeführt wurde« (Kumm 1978, 383)

Der Aufruf zur Vernichtung der feindseligen Zivilbevölkerung war aber


Teil der gängigen Divisionsbefehle. Die Verwirklichung dieses Aspekts der
Befehle lässt sich neben den Zeugenaussagen der Opfer auch mit eigenen
Dokumenten der Waffen-SS beweisen. In einem Schreiben an den Polizei-
gebietsführer in Agram, Kammerhofer, vom 15. Juli 1943 wird über »Vergel-
tungsmaßnahmen der Wehrmacht und Waffen-SS im Polizeigebiet Saraje-
vo« berichtet (vgl. BA: NS19/1434, Dok. 2). Dabei hatte eine Einheit der
118. Div. am 8. Juli 1943 im Bezirk Gorazde »31 Muselmanen, darunter
Frauen und Kinder erschossen«. Die Ermordung dieser Menschen war er-

// 258
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

folgt, nachdem Angehörige der Einheit die verstümmelte Leiche eines


deutschen Soldaten im Ort gefunden hatten. Dieser Vorfall rief ein Ein-
satzkommando der Polizei auf den Plan, da die Einheit der 118. Div. die
»Sühnemaßnahme« durchgeführt hatte, ohne die Zusammenhänge zu prü-
fen oder die Identität der Geiseln festzustellen. So hatte sie auch vier Frei-
willige der Waffen-SS und die Frau eines SS-Mannes erschossen.
Weiter heißt es, dass am 12. Juli 1943 in Kosutica in der Nähe von Soko-
lac sich ein Vorfall ereignet hat<, der die Erregung »der muselmanischen
Bevölkerung noch steigerte«. Dort war die in der »Kirche« versammelte
muslimische Bevölkerung - etwa vierzig Männer, Frauen und Kinder - von
einer Einheit der »Prinz Eugen« erschossen worden. Die Erschießung wur-
de gegenüber einem Einsatzkommando der Polizei damit gerechtfertigt,
dass die »Kampfgruppe SS-Sturmbannführer Vollmer« vorher vom Dorf
aus beschossen worden war. Außerdem sei das Dorf danach von etwa 150
Banditen verteidigt worden. Nach der Einnahme des Dorfes ließ dann ein
SS-Führer die »Sühnemaßnahme« durchführen. Das Einsatzkommando
der Polizei konnte aber im ganzen Ort keine Kampfspuren entdecken und
berichtete deswegen, dass nur schwerlich ein solcher vor der Erschießung
stattgefunden haben konnte. Vielmehr sei die Erschießung auf einen gene-
rellen Befehl von Oberkamps zurückzuführen, wonach die Bevölkerung ei-
nes Ortes, aus dem feindselige Handlungen gegen deutsche Einheiten be-
gangen wurden, zur Vergeltung zu erschießen sei (vgl. ebd. Dok. 4). Im glei-
chen Bericht wird auch auf SS-Sturmbannführer Wetzling der 7. SS-Divi-
sion verwiesen, der einen muslimischen Goldschmied in Sarajevo, von
dem er sich betrogen fühlte, öffentlich ohrfeigte und ihn dann durch die
Feldgendarmerie der Division verhaften ließ (vgl. ebd. Dok. 5).
Wegen dieser Vorfälle, die sich nachteilig auf die Aufstellung der musli-
mischen Division auszuwirken drohten, kam es zu einer heftigen Auseinan-
dersetzung zwischen Kammerhofer und von Oberkamp, an der sich auch
Himmler und Phleps beteiligten. 1 3 9 In einer Aktennotiz über eine Bespre-
chung zwischen dem Reichsführer-SS und Phleps am 28. Juli 1943 wurde zu
den Vorgängen, auch zu der Erschießung von Frauen und Kindern durch
Einheiten der »Prinz Eugen«, Stellung genommen. Der Tenor der damals
übrigens von Kumm verfassten Aktennotiz war, dass wegen der Schwäche
und Unfähigkeit der Polizei die Division die »Sühnemaßnahmen« letzt-
endlich doch selbst durchführen müsste und die Erschießungen somit legi-
tim gewesen seien. Darüber hinaus hieß es über eine Besprechung zwischen
Vertretern der Division, der Polizei und den kroatischen Behörden:

// 259
III Die B a n a t e r S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5 Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

»SS-Brigadeführer von Oberkamp versuchte den Kroaten gegenüber die Sühneaktionen« gegen einen Ort begonnen, da man den Verdacht hatte,
Angelegenheit... als Panne hinzustellen, worauf SS-Oberführer Fromm dass die Partisanen von den Ortsbewohnern unterstützt worden seien (vgl.
[Fromm war wie Kammerhofer bei der Polizei; der Verf.] in Anwesenheit
MA: RS 3-7/13 Dok. 44).
der Kroaten erwiderte: >Seitdem ihr hier seid, passiert leider eine Panne
nach der anderem« (ebd. Dok. 6). Die eben geschilderten Fälle zeigen, dass die von Phleps verfassten
»Grundsätze zur Führung des Kleinkrieges« nicht nur in die Divisionsbe-
fehle eingeflossen waren und dass dann nicht nur die militärischen Vorga-
Zu einem gewissen Teil muss man sicherlich Fromms Bemerkung auf das ben umgesetzt wurden. Vielmehr waren auch die von Phleps geforderte
unter den verschiedenen deutschen Stellen übliche Kompetenzgerangel Härte, die Unerbittlichkeit und Gnadenlosigkeit gegenüber der Zivilbevöl-
und die damit verbundene Konkurrenz zurückführen. Trotzdem passt sie kerung feste Bestandteile der Kampfweise der »Prinz Eugen«. Zwei Aspek-
aber zu verschiedenen Berichten, nach denen sich die »Prinz Eugen« noch te sind dabei in dem von Phleps vorgelegten Bericht bemerkenswert: Er-
schlimmer als andere deutsche Einheiten an der Zivilbevölkerung vergan- stens, dass die Erschießung von Frauen und Kindern als »Sühnemaßnah-
gen haben soll. 1 4 0 Offensichtlich war auch SS-Oberführer Fromm der Mei- me« in den Augen der beteiligten SS-Führer und Männer im Allgemeinen,
nung, dass solche »Pannen« - wie die »unrechtmäßige« Erschießung von und denen der »Prinz Eugen« im Besonderen, völlig legitim und keiner
Zivilisten - bei der »Prinz Eugen« häufiger als bei anderen Einheiten vor- weiteren Erwähnung wert war. Zweitens, dass nur wegen der Zugehörig-
kamen. keit der Erschossenen zu einer potentiell verbündeten ethnischen Gruppe
Wie dann aus einem Schreiben Himmlers vom 6. August 1943 hervor- sich überhaupt die Frage nach der Rechtmäßigkeit der »Sühnemaßnahme«
geht, stellte sich Himmler in dieser Sache ganz auf die Seite Kammerhofers. gestellt hatte. Nur weil es bosnische Muslime gewesen waren, war es zu
In Hinblick auf Kumm meinte Himmler recht wohlwollend, dass dieser sich dieser Untersuchung gekommen. Eine Tatsache, die im Nachhinein die
übereifrig und zu kritiklos zum Anwalt von Oberkamps gemacht habe und Unmenschlichkeit der Maßnahmen gegen Mitglieder von potenziell als
noch lernen müsse, die Gesamtaufgabe der SS und der Polizei zu sehen. feindlich eingeschätzten ethnischen Gruppen wie Serben, Juden und Zi-
Himmler bat Phleps, eine Untersuchung der Ereignisse einzuleiten und ihm geunern noch einmal indirekt sichtbar werden lässt.
Bericht zu erstatten und darüber hinaus den »wegen seiner schwierigen Art
schon längst bekannten von Oberkamp ganz scharf in die Zügel zu nehmen«
(ebd. BA: NS19/1434, Dok. 8) und dafür zu sorgen, dass die alte Disziplin 3.4
der »Prinz Eugen« wiederhergestellt würde. Am 7. September 1943 legte Die Einsätze vom September 1943
dann Phleps seinen Abschlussbericht Himmler vor. In Bezug auf die Er- bis zur Kapitulation im Mai 1945 141
schießung der Männer, Frauen und Kinder in Kosutica konnte Phleps keine
Verfehlung feststellen. Der SS-Obersturmführer Juels von der l . K p . Jg. 3.4.1
Rgt. 1. hatte, nachdem auf ihn geschossen worden war, nur nach den von Die Unternehmen »Achse«, »Herbstgewitter« und
Phleps selbst erlassenen Richtlinien gehandelt. Juels habe dabei im Gefecht »Landsturm« - September bis November 1942
nicht feststellen können, dass die Erschossenen »Muselmanen« gewesen
waren. Darüber hinaus konnte Phleps berichten, dass die größten Schwie- Während die »Prinz Eugen« nach der Operation »Schwarz« in der
rigkeiten zwischen von Oberkamp und Kammerhofer ausgeräumt seien und Nähe von Sarajewo zur Partisanenbekämpfung eingesetzt war, zeichneten
die zwei sich ausgesprochen hätten (vgl. MA: N756/149). Laut eines Divi- sich in Italien Veränderungen ab, die langfristig auch den Einsatz der Divi-
sionsbefehls vom 21. Juli 1943 war es auch am 19. Juli 1943 zu einem Über- sion mitbestimmen sollten. Am 10. Juli 1943 waren alliierte Verbände in Si-
fall auf zwei Züge der »Prinz Eugen« durch Partisanen gekommen. Dabei zilien gelandet (vgl. OKW 1943 Tb. II, 766), am 25. Juli 1943 Mussolini vom
wurden der Kompanieführer, ein Zugführer und 32 SS-Männer getötet. König abgesetzt und Marshall Badoglio zu seinem Nachfolger ernannt wor-
Auch in diesem Fall wurde eine »Untersuchung zwecks Einleitung von den (vgl. ebd. 830). In den deutschen Plänen »Stichwort Achse« 1 4 3 für den

// 260 // 261
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Fall des Ausscheidens Italiens aus dem Krieg war in Bezug auf den Balkan
für die SS-Division »Prinz Eugen« frühzeitig geplant worden, sie in den bis
dahin von italienischen Truppen gehaltenen Raum zu verlegen (vgl. ebd.
844). Schon am 3. August 1943 waren dann in Agram erste Gerüchte im Um-
lauf, die sich später bewahrheiten sollten: Italienische Einheiten wollten
sich nach einem Waffenstillstand auf dem Balkan mit den Partisanen Titos
verbünden (vgl. ebd. 890). Trotzdem wurde die Zusammenarbeit zwischen
den italienischen und deutschen Truppen bei der Partisanenbekämpfung
zunächst einmal fortgesetzt (vgl. ebd. 894). Wie aus verschiedenen Eintra-
gungen im Kriegstagebuch des OKW ersichtlich ist, verstärkte die Situation
in Italien noch die bereits bestehenden Tendenzen im Krieg auf dem Bal-
kan. Obwohl Mihajlovic angesichts der bevorstehenden Landung in Sizi-
lien schon am 7. Juli 1943 und dann noch einmal am 16. Juli 1943 zu einer
verstärkten Tätigkeit seiner Verbände aufgerufen hatte (vgl. ebd. 779 und
812), blieben größere Aktionen der Tschetniks und der D.M.-Verbände aus.
Hingegen konnten die kommunistischen Partisanen Titos einerseits ihre
Überfälle in Kroatien und Bosnien steigern, 1 4 4 andererseits aber auch lang-
sam zur Küste vorrücken, um dort direkt auf ein eventuelles Ausscheiden
Italiens aus der Achse reagieren zu können (vgl. ebd. 959 und 974). Dass
sich Tito langfristig gegen Mihajlovic durchgesetzt hatte, war darauf zu-
rückzuführen, dass seine Einheiten als einzig wirklich multiethnische Ver-
bände in diesem Krieg für Mitglieder aller ethnischen Gruppen des ehe-
maligen Jugoslawien offen standen. 1 4 5 Parallel zu den Partisanenverbänden
bereiteten sich auch die deutschen Streitkräfte auf den Fall »Achse« vor.
Für die »Prinz Eugen« bedeutete dies wieder die Verlegung aus dem Raum
Sarajevo, wo sie von einem Jäg. Res. Regiment abgelöst wurde, in die Nähe
von Mostar (vgl. ebd. 943). Gleichzeitig häuften sich die Desertationen bei
den kroatischen Verbänden (vgl. ebd. 991 und 1018), wie Kasche am 30. Au-
gust 1943 beim »Führer« über »Zersetzungserscheinungen in Kroatien«
referierte ( vgl. ebd. 1035). Am 8. September 1943 wurde dann offiziell der
bereits kurz vorher in Syrakus unterzeichnete Waffenstillstand zwischen
Italien und den Alliierten verkündet (vgl. ebd. 1076 und 1079). Das Unter-
nehmen »Achse«, also die Entwaffnung aller italienischen Verbände (vgl.
ebd. 1026), wurde daraufhin von den deutschen Einheiten begonnen. Wäh-
rend in den ersten Tagen noch Unklarheit darüber herrschte, wie mit den
gefangenen italienischen Soldaten umzugehen war, erfolgte am 11. Sep-
tember 1943 ein Führerbefehl und kurze Zeit darauf ein Befehl des OKW,
die die weitere Vorgehensweise festlegten (vgl. Shelah 1995, 193). Dabei

// 262
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

waren Offiziere und Unteroffiziere der Einheiten, die sich der Entwaffnung
widersetzte, ihre Waffen an Partisanen übergeben oder mit Partisanen pak-
tiert hatten, zu erschießen (vgl. OKW 1943 Tb. II, 1094 und 1107; Shelah
1995,193). Auch beim Unternehmen »Achse« bestätigte sich die Bedeutung,
die der »Prinz Eugen« innerhalb der deutschen Verbände zukam. Zwar
stieß sie manchmal, so zum Beispiel in Mostar, auf keinen Widerstand bei
der Entwaffnung (vgl. Kumm 1978, 95). Bei den großen Garnisonsstädten
Ragusa (Dubrovnik) und besonders bei Split entwickelten sich hingegen
schwere Kämpfe. Auch bei diesem Einsatz behielt die Division die bei der
Operation »Schwarz« vorgenommene Einteilung in zwei Gefechtsgruppen
und verschiedene Kampfgruppen bei. Die »Gefechtsgruppe Schmidhuber«
eroberte nach kurzem, aber heftigem Widerstand der italienischen Einhei-
ten, unterstützt von der deutschen Luftwaffe, am 12. September 1943 Du-
brovnik und nahm alle italienischen Soldaten und Offiziere gefangen (vgl.
Kumm 1978, 95; Shelah 1995, 194). Da zu diesem Zeitpunkt der »Führerbe-
fehl« noch nicht bei der Einheit bekannt geworden war, wurden die italie-
nischen Gefangenen nach Mostar in ein Kriegsgefangenenlager gebracht.
Nur der Kommandant General Giuseppe Amico wurde erschossen (vgl.
Shelah 1995, 194). 146 Anders als um Dubrovnik sollten sich in Split lang-
wierige Kämpfe entwickeln, sodass bis zur Einnahme der Stadt der Befehl
des OKW der Division vorlag. Die »Gefechtsgruppe Petersen« war in Split
auf heftigen Widerstand der nach der Waffenstillstandserklärung mit ita-
lienischen schweren Waffen ausgerüsteten Partisaneneinheiten gestoßen
(vgl. Kumm 107 ff). Die »Eliteeinheiten« Titos wurden bei der Verteidigung
Splits von italienischen Freiwilligen unterstützt (vgl. Shelah 1995, 196).
Nach über vierzehntägigem Kampf gelang es der Division »Prinz Eugen«,
mit Hilfe der Luftwaffe und der Artillerie, Split am 26. September 1943 ein-
zunehmen (vgl. OKW 1943 Tb. II, 1144; Kumm 1978, 113). Kurz zuvor hat-
ten sich die Partisaneneinheiten und Teile der italienischen Truppen ins
Hinterland zurückgezogen. 9000 italienische Soldaten wurden gefangen ge-
nommen (vgl. Shelah 1995, 196). 147 Ein Kriegsgericht unter der Leitung von
Oberkamps verurteilte alle drei Generäle und die meisten der Offiziere zum
Tod und ließ sie standrechtlich erschießen (vgl. ebd. 197). Petersen, der mit
einem Bataillon seiner Gefechtsgruppe lange Zeit den Kampf allein geführt
hatte, bekam für seinen Einsatz in Split am 13. November 1943 das Ritter-
kreuz verliehen (vgl. Krätschmer 1982, 589). Im Anschluss an die Einnah-
me von Split fanden entlang der Küste noch verschiedene kleinere Einsät-
ze gegen verstreute Partisanengruppen statt. Am 21. Oktober 1943 begann

// 263
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

dann die Operation »Herbstgewitter«: die »Säuberung« der vor der Küste
gelegenen großen Inseln Brac, Hrvar, Korcula und der Halbinsel Peljesac,
auf denen starke Partisanenverbände stationiert waren (vgl. Kumm 1978,
114). 148 Auch das Unternehmen »Landsturm« Anfang November 1943, das
von der Kampfgruppe Petersen durchgeführt wurde, stand in direktem Zu-
sammenhang mit dem Ausscheiden Italiens aus dem Krieg und sollte die
Küste zwischen Split und Metkovic unter Kontrolle bringen (vgl. Kumm
1978, 134). Auch beim Einsatz während der Unternehmen »Achse«,
»Herbstgewitter« und »Landsturm« hatte die Division ihre Kampfstärke be-
wiesen. Dieser weitere militärische Erfolg der Volksdeutschen SS-Division
»Prinz Eugen« bestätigte einen sich zu diesem Zeitpunkt immer deutlicher
heraushebenden Aspekt, der für die Zukunft der deutschsprachigen ethni-
schen Gruppen Jugoslawiens fatale Folgen haben würde: Während alle an-
deren ethnischen Gruppen einerseits beim Kampf gegen die jugoslawische
Volksbefreiungsarmee zunehmend versagten oder diesen aufgaben, waren
sie andererseits gleichzeitig auch innerhalb der Partisanenbewegung ver-
treten. Also gerade durch ihre multiethnische Zusammensetzung ermög-
lichte es Titos Bewegung allen ethnischen Gruppen, an der Befreiung
Jugoslawiens teilzuhaben, und verhinderte so ihre spätere ethnische Ver-
folgung. Nur die Volksdeutschen aus der Baranja, aus Slawonien, Syrmien
und Bosnien, aus der Batschka und dem Banat verweigerten fast vollzählig
ihre Teilnahme am Befreiungskampf. Gleichzeitig stellten sie aber einen
großen Teil der bewaffneten Einheiten der deutschen Besatzungsbehörden
und darüber hinaus - mit der 7. SS-Division »Prinz Eugen« - ein entschei-
dendes Instrument zur Aufrechterhaltung der deutschen Herrschaft. Ein
Instrument, das sich sowohl durch seine unmenschliche Härte gegenüber
der Zivilbevölkerung auszeichnete als auch den Partisanen militärisch
überlegen war.
Während die geschilderten großen Veränderungen auf dem Kriegs-
schauplatz stattfanden, hatte sich auch innerhalb der Division einiges ver-
ändert. Wie für alle anderen SS-Divisionen waren auch für die »Prinz Eu-
gen« neue Bezeichnungen eingeführt worden. Die verschiedenen Abtei-
lungen der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division »Prinz Eugen« erhielten al-
le die Nummer 7. Die Regimenter 1 und 2 wurden zu 13 und 14 umbenannt
(vgl. Kumm 1978, 115).
Ebenfalls im Oktober 1943 fand innerhalb der Division eine Umstruktu-
rierung statt, die in einem späteren Zusammenhang noch einmal von Be-
deutung sein würde. In allen Divisionen des »Panzerarmee-Oberkomman-

// 264
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

dos 2« (Pz.A.O.K.2) wurde die Aufstellung von »Strafvollstreckungszü-


gen« angeordnet. Aus einem Divisions-Sonderbefehl der »Prinz Eugen«
vom 12. Oktober 1943 geht hervor, dass alle Disziplinarstrafen ab einer Dau-
er von zehn Tagen nicht mehr bei der eigenen Einheit, sondern in einem
»Strafvollstreckungszug« des SS-Geb. Pionier Btl. 7 abzuleisten waren (vgl.
MA: RS 4/1132 Dok. 3480). 148a In dem Befehl hieß es: »Die Kommandierung
zum Strafvollstreckungszug wird als echte Strafe empfunden werden«
(ebd.), und in der Anlage wurde dazu noch ausgeführt:
»Der Dienst im St.V.Z. soll härter sein und unter schlechteren Lebensbe-
dingungen durchgeführt werden als der Frontdienst. In erster Linie
kommen als Aufgaben in Betracht: Stellungsbau bei Nacht, Schneebesei-
tigung, Strassenbau, Beseitigung von Sperren, Minenräumung, Muni-
tionstransporte usw.« (ebd. Dok. 3483).

Die Einrichtung der St.V.Z. war dabei, wie ausdrücklich erwähnt wurde,
eine Reaktion auf »die allgemeine Lockerung der Disziplin«. In diesem Zu-
sammenhang ist auch die im gleichen »Sonderbefehl« angekündigte öf-
fentliche Hinrichtung eines Divisionsangehörigen als eine Disziplinie-
rungsmaßnahme zu verstehen. 1 4 9 Dabei wurden die Disziplinschwierigkei-
ten auch auf die durch die Schwere und Dauer des Kampfes erhöhte Bela-
stung der Männer zurückgeführt (vgl. ebd.). Vor allem das 13. Rgt. war nach
dem Unternehmen »Landsturm«, laut dem Urteil des Divisions-Komman-
deurs von Oberkamp, am »Rand der körperlichen Leistungsfähigkeit ...
[und] auch zu begrenzten Angriffsaufgaben nur mehr bedingt geeignet«
(vgl. MA: RS 3-7/17).
Auch hatten sich die schon seit ihrer Aufstellung bekannten Spannung-
en zwischen Teilen der reichsdeutschen und der Volksdeutschen Mitglie-
der fortgesetzt. Wobei die Schwierigkeiten bis zu Berger und Himmler
drangen. Berger hatte schon am 16. Juni 1943 einen Brief an den persön-
lichen Stab des Reichsführer-SS Dr. Brandt geschrieben, in dem er grund-
sätzlich zu den Problemen Stellung nahm:
»Wir müssen die Volksdeutschen eben im Anfang anders behandeln als
die Reichsdeutschen. Genau so wie wir um der Gerechtigkeit willen den
Germanen150 manches nachsehen, müssen wir diese Milde auch bei un-
seren Volksdeutschen haben, zum mindesten so lange, bis die Rekruten-
zeit beendet ist« (Originaldokument abgedruckt in Janko 1982, 226). 151

// 265
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Am 27. Oktober 1943 k o m m t dann H i m m l e r in e i n e m B r i e f an P h l e p s auf ei-


n e n konkreten Fall zu sprechen. Es ging dabei um 173 Volksdeutsche aus
Kroatien, die im August 1943 den Gehorsam verweigert hatten u n d darauf-
hin in das Konzentrationslager Dachau gebracht worden waren. H i m m l e r
räumte F e h l e r der Volksdeutschen ein, gab aber den F ü h r e r n u n d Unter-
führern des »Gebirgs-Jäger-Regiments 2« wegen der von i h n e n ausgespro-
c h e n e n Beleidigungen - sie hatten die Volksdeutschen als »serbischen bzw.
kroatischen Dreck« b e z e i c h n e t - die Hauptschuld an dem Vorgang. Himm-
ler ersuchte Phleps,
»in jedem solchen Fall Unterführer oder Männer, die die Mutter des
Kameraden verfluchen, auf der Stelle niederzuschießen oder nieder-
schießen zu lassen ... Ist der Fall besonders schlimm, ist er zu erhängen«
(BA: NS19/319, Dok 148).

H i m m l e r fährt fort:
»Die 173 Volksdeutschen aus Kroatien habe ich einem Lager zugeführt,
in welchem sie erzogen werden und insbesondere Deutsch-Unterricht
haben. Ich bin der Uberzeugung, dass es uns auf diese Weise gelingt, sie
zu guten Freiwilligen der Waffen-SS zu machen.
Gegen die schuldigen Führer und Unterführer habe ich die Durchfüh-
rung eines schärfsten Kriegsgerichtsverfahrens befohlen« (ebd. Dok. 149).

Dass s i c h sowohl Berger als a u c h H i m m l e r - im Gegensatz zu anderen ho-


h e n S S - F ü h r e r n w i e b e i s p i e l s w e i s e Eicke oder auch P h l e p s 1 5 2 - in diesen
Streitfragen eher auf die Seite der Volksdeutschen stellten, leitet s i c h aus
ihren P l ä n e n zum Ausbau der W a f f e n - S S ab. So hatte H i m m l e r bereits am
11. Juni 1943 verfügt, dass in allen Führeranwärter- und Reserveführeran-
wärter-Lehrgängen der S S - J u n k e r s c h u l e n Redner der V O M I über Volks-
deutsche Fragen unterrichten sollten. Er erklärte diesen Einsatz für not-
wendig, da »im R a h m e n der W a f f e n - S S in kürzester Zeit rund 150 000
Volksdeutsche dienen« (BA: NS19/370). Das »Wohlwollen« gegenüber den
in der Waffen-SS d i e n e n d e n Volksdeutschen steht dabei n i c h t in Wider-
spruch zu der Härte, mit der sowohl Berger als a u c h H i m m l e r insgesamt die
Rekrutierung betrieben. So schrieb Berger in dem weiter oben zitierten
Brief an Brandt - in Bezug auf die Einführung einer Wehrpflicht für Volks-
deutsche - die berüchtigten Sätze:

»dass sich ja kein Mensch darum kümmert, was wir unten mit unseren
Volksdeutschen tun ... Es ist vor allen Dingen nicht notwendig, denn
wenn eine Volksgruppe halbwegs passabel geführt wird, dann melden

// 266
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

sich schon alle freiwillig, und diejenigen, die sich nicht freiwillig mel-
den, bekommen eben die Häuser zusammengeschlagen! (Es soll solche
Fälle im rumänischen Banat in den letzten Tagen gegeben haben.)« (Ori-
ginaldokument abgedruckt in Janko 1982, 226).

Beides gehört zusammen: Einerseits der Zynismus und die Rigorosität, mit
der die SS-Führung die Ausschöpfung des »Volksdeutschen Menschenma-
terials« betrieb, und andererseits der Schutz der dann in der Waffen-SS
dienenden Volksdeutschen. Das eine diente der größtmöglichen quantitati-
ven Ausdehnung der Waffen-SS, das andere war notwendig, um die
Kampfbereitschaft der Volksdeutschen zu erhalten. Erst die Vereinnah-
mung der verschiedenen deutschsprachigen ethnischen Gruppen im Zei-
chen des Nationalsozialismus - als Teile eines gemeinsamen deutschen
Volkes - ermöglichte den Ausbau der Waffen-SS. Für die Volksdeutschen
war die Bereitschaft, in der Waffen-SS zu kämpfen, eng mit der Vorstellung
verbunden, ihre ethnische Identität gegenüber den anderssprachigen Eth-
nien verteidigen zu müssen. Diese Bereitschaft konnte aber nur erhalten
bleiben, 1 5 3 wenn innerhalb der Waffen-SS der Schutz der einzelnen Volks-
deutschen vor Demütigung wegen ihrer ethnischen Merkmale gewähr-
leistet war.
Das Bild der »Prinz Eugen« als einer Volksdeutschen SS-Division, die in
erster Linie nur ihre Heimat schützte, wurde auch während des Krieges von
der Volksgruppenführung immer wieder beschworen. Sie sorgte dafür, dass
auch äußerlich die Verbindung zwischen dem überwiegenden Teil der
wehrpflichtigen Banater Schwaben, die ihren Dienst in der »Prinz Eugen«
leisteten und so militärisch entscheidend zur Aufrechterhaltung der »deut-
schen« Ordnung im ehemaligen Jugoslawien beitrugen, und den im Banat
stehenden Einheiten des Selbstschutzes aufrechterhalten wurde. So erhiel-
ten die im Banat eingesetzten Sturmbanne der DM oder auch des Arbeits-
dienstes im Laufe des Krieges die Namen von bekannten Gefallenen der Ba-
nater Schwaben wie Gustav Halwax, Karl Lenhardt, Ludwig Halbweiß und
Christof Mayer-Helmer. 154 Die Namensvergabe erfolgte durch den Volks-
gruppenführer Sepp Janko und wurde dann in den verschiedenen Amts-
blättern, 155 im Fall der oben genannten im Amtsblatt Nr. 23' vom 15. No-
vember 1943, veröffentlicht (vgl. PA/AA: Inl. IIc R100383). In der Namens-
vergabe drückt sich der Versuch aus, auch ideologisch die Verbindung zwi-
schen den verschiedenen Mitgliedern der Volksgruppe in der DM und der
»Prinz Eugen« beziehungsweise der Waffen-SS aufrechtzuerhalten, also ei-
ne Gemeinschaft herzustellen, in der nicht nur die ethnischen, sondern

// 267
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5 Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

auch die familiären sowie persönlichen Fäden zu einem großen nationalen gefangenen Befehl Titos vom 4. November 1943 hervorgeht, hatte dieser
deutschen Ganzen verwoben wurden. schon vor der Tagung beschlossen, mit einem Großteil seiner Verbände den
Versuch zu unternehmen, nach Serbien einzumarschieren, um dort noch
während des Krieges die Machtfrage über die zukünftige Regierung Jugos-
3.4.2 lawiens zu stellen (vgl. OKW 1943 Tb. II, 1260). Die Versuche der Verbände
Verschiedene Operationen in Bosnien zwischen Titos, von Bosnien nach Serbien überzuwechseln, waren die Ursache für
November 1943 und Juli 1944 eine Reihe von militärischen Unternehmen, an denen die Division »Prinz
Eugen« teilnehmen sollte. Das dabei eingesetzte V. SS-Gebirgskorps - be-
Obwohl die Durchführung des Unternehmens »Achse« reibungslo- stehend aus der 7. SS-Div. »Prinz Eugen«, der 369. kroat. Div., der 181 ID.,
ser als erwartet verlief, meldete das OKW am 13. September 1943, dass sich der 118. Jg. Div. und einigen Gebirgs-Regimentern - wurde dabei wiederum
aus der veränderten Situation ein schwerwiegendes Problem für die deut- von der 1. Geb. Div. unterstützt. Die Operation »Kugelblitz« begann am
schen Truppen auf dem Balkan ergeben habe. Durch das Vorschieben der 2. Dezember 1943. Sie zielte darauf ab, zuerst den Einmarsch der Partisa-
deutschen Verbände an die Küste war das Hinterland weitgehend entblößt nenarmee in Serbien - das OKW sprach von sechs Divisionen 1 5 6 - zu ver-
worden (vgl. OKW 1943, Tb. II, 1101), sodass sich dort die Partisanenbe- hindern, sie danach einzukesseln und zu vernichten (vgl. OKW 1943 Tb. II,
wegung - mit italienischem Kriegsmaterial noch besser ausgerüstet als zu- 1260 und 1311). Die Operation, ebenso wie auch die direkt angeschlosse-
vor - von neuem formieren konnte (vgl. Churchill 1996, 879). Nach dem nen Operationen »Schneesturm« und »Waldrausch« Ende Dezember 1943
Waffenstillstand Italiens hatte sich die Überlegenheit der kommunisti- und Anfang Januar 1944, erreichte letztendlich nicht das gesetzte Ziel (vgl.
schen Partisanen gegenüber den Tschetniks und den Mihajlovic-Verbänden OKW 1 9 4 4 - 4 5 Tb. I, 644). Zwar konnte der Durchbruch der Partisanen-
weiter vergrößert (vgl. OKW 1943 Tb. II, 1184 und 1253f). Da es nun end- armee verhindert werden. Wie aber schon bei den Operationen »Weiß« und
gültig Titos Einheiten waren, die das entscheidende militärische Gegenge- »Schwarz« gelang es den Partisanen, sich in kleinen Gruppen abzusetzen.
wicht zu den deutschen Verbänden im ehemaligen Jugoslawien darstellten, Auch im Winter 1943/44 blieb es somit bei dem bekannten Bild: Die Ver-
erhielt vermehrt Tito und nicht mehr Mihajlovic die Unterstützung der luste der Partisanen und unter der Zivilbevölkerung waren hoch, das OKW
westlichen Alliierten (vgl. Churchill 1996, 880ff). Gleichzeitig waren die sprach von etwa 30 000 Toten zwischen Dezember 1943 und Januar 1944
Auflösungserscheinungen des kroatischen Staates und seine Unfähigkeit, (vgl. OKW 1 9 4 4 - 4 5 Tb. I, 645), ohne dass es aber den deutschen Verbänden
Tito wirkungsvoll zu bekämpfen, so offensichtlich geworden, dass der gelungen wäre, einen entscheidenden Sieg zu erringen.
Oberbefehlshaber Südost den Vorschlag machte, in Kroatien den militäri- Während an der »militärischen Front« die Volksdeutschen Männer in
schen Ausnahmezustand auszurufen. Seine genaue Wortwahl dabei ist be- der »Prinz Eugen« zusammen mit anderen Einheiten weiter versuchten, die
merkenswert: »Hier hilft nur noch der Chirurg, nicht mehr der Homöo- militärischen Verbände der Partisanenarmee zu zerschlagen, wurde in den
path« (OKW 1943 Tb. II, 1234). Der Vorschlag wurde zu diesem Zeitpunkt Städten und den Dörfern verstärkt nach Partisanensympathisanten ge-
wegen der zu erwartenden Schwierigkeiten mit der kroatischen Regierung sucht. Am 30. November 1943 erging vom Panzeroberkommando 2 der Be-
noch abgelehnt, er sollte dann aber 1944 Wirklichkeit werden. fehl, im gesamten Operationsgebiet unter strenger Geheimhaltung Razzien
Seit Ende des Jahres 1941 hatte der Schwerpunkt der militärischen Ak- durchzuführen (vgl. MA: RS 3-7/14 Dok. 60ff). Die nächste Razzia sollte am
tivitäten der kommunistischen Partisanenverbände in Kroatien und dort 21. Dezember 1943 von 14 bis 20 Uhr zum Zweck der »Aufbringung ver-
vor allen Dingen in Bosnien gelegen. Ende November 1943 fand im bosni- dächtiger Personen« stattfinden. Für die Leibesvisitation der an Straßen-
schen Jajce - nach Bihac 1942 - die zweite Tagung des »Antifaschistischen sperren und bei Durchsuchungen festgenommenen weiblichen Personen
Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens« (AVNOJ) statt, auf dem eine provi- sollte nur
sorische Regierung unter dem Vorsitz Titos gebildet wurde (vgl. Janko 1982, »auf geeignete und vertrauenswürdige Frauen zurückgegriffen werden.
232 und Churchill 1996, 880). Wie aus einem von den deutschen Stellen ab- In Betracht kommen hierfür vor allem Volksdeutsche Frauen, deutsche

// 268 // 269
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Rote-Kreuz-Schwestern, Dolmetscherinnen [usw.] bei den deutschen


Einheiten« (MA: RS 3-7/14 Dok. 60ff; Hervh. v. Verf.).

Laut Befehl sollten die Razzien regelmäßig unter den Stichworten »Falken-
jagd - Datum - Uhrzeit« (ebd.) wiederholt werden. Auch in diesem Befehl
zeigt sich, dass die deutsche Besatzungsmacht davon ausging, sich auf die
Volksdeutschen - hier Volksdeutschen Frauen - grundsätzlich verlassen zu
können. Während die anderen Frauen erst aufgrund ihrer Tätigkeit bei den
deutschen Einheiten für Maßnahmen gegen Angehörige der anderen ethni-
schen Gruppen geeignet erschienen, genügte bei den Volksdeutschen Frau-
en schon ihre Herkunft als ausreichende Qualifikation für diesen Einsatz.
Im Januar und Februar 1944 erregte dann das Auftauchen des SS-Ober-
gruppenführers und Generals der Polizei, Krüger, in Kroatien Aufsehen.
Der Gesandte Kasche ließ über das AA nach dem Grund für Krügers Reise
nachfragen. In einer Aktennotiz vom 5. Februar 1944, die von dem SS-
Standartenführer Wagner aus dem AA unterzeichnet worden war, wurde
versichert, dass Krügers Auftrag rein »militärisch-technischer Natur« sei
und er sich zur Inspektion der Waffen-SS-Einheiten in Kroatien befände
(vgl. PA/AA: Inl. Ilg 85/1954 Dok. B/C7). Trotz dieser Versicherung war Ka-
sche weiterhin der Meinung, wie er am 16. Februar 1944 an das AA schrieb,
dass Krügers Anwesenheit darauf deutete, dass von Wehrmacht und Poli-
zei »politische Sonderentwicklungen« in Kroatien betrieben würden (vgl.
ebd. 310/2576). Bei einem Blick auf Krügers bisherige Tätigkeit werden Ka-
sches Sorgen verständlich. Krüger war als »Höherer SS- und Polizeiführer«
(HSSPF) des Generalgouvernements als eine Schlüsselfigur sowohl an den
verschiedenen Schritten auf dem Weg zur Ermordung der europäischen Ju-
den als auch an deren Durchführung beteiligt gewesen (vgl. Hilberg 1990,
Aly 1995 und Dokumentenedition 1989). Nachdem er im Sommer 1943
wegen Schwierigkeiten mit dem Generalgouverneur Hans Frank von sei-
nem Posten als HSSPF zurücktreten musste, hatte er sich zum Dienst an
der Front gemeldet. Am 5. März 1944 schrieb Krüger an Heinrich Himmler
(vgl. BA: NS19/2653 Dok. 100). Aus diesem Schreiben geht hervor, dass
Krüger, nachdem er im Herbst 1943 verschiedene Ausbildungslehrgänge an
den Schulen der Waffen-SS besucht hatte, zu einer sechswöchigen Einwei-
sung beim V. SS-Armeekorps und der 7. SS-Division »Prinz Eugen« gewe-
sen war. Krüger, dem Himmler ein eigenständiges Divisionskommando
versprochen hatte, berichtete in dem Schreiben über seine Zeit beim Korps
und bei der Division. Die dabei von Krüger gemachten Ausführungen sind

// 270
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

in Hinblick auf den Charakter der Kämpfe, die die »Prinz Eugen« führte, be-
sonders aufschlussreich. Zunächst zählte Krüger seine gewonnenen Er-
kenntnisse über die »strategischen und taktischen Grundsätze der Trup-
penführung im Klein- und Bandenkrieg«, über die »Führungsmassnah-
men« beim Unternehmen »Waldrausch«, über die »artilleristischen und
pionier-technischen Maßnahmen im Küstenabschnitt« und über den Ein-
satz des Regiments 14 bei einem Unternehmen gegen Banden auf (vgl. ebd.
Dok 100-101). Dann vergleicht er seine dabei gemachten Erfahrungen mit
Polen:
»Die größeren Schwierigkeiten in Kroatien sind durch die politische
Lage, das Landschaftsbild, die schwierigen Nachschubfragen und durch
die Haltung der kroatischen Armee bedingt, sonst aber sind sie die
gleichen, wie ich sie bei meinen früheren Einsätzen zur Genüge kennen
lernte ... Rückschauend bin ich immer wieder stolz auf das letzte »Kol-
pak-Unternehmen« in Galizien und seinen Erfolg, das im Vergleich zu
den im größeren Ausmaß durchgeführten Unternehmen »Waldrausch«
sich jederzeit und in jeder Hinsicht würdig an die Seite stellen kann ...
Ob das Huballa-Unternehmen im Frühjahr 1940, die Bilgorayer-Befrie-
dungsaktion oder das Kolpak-Unternehmen,... in Kampf und Führung
ähneln sie sämtliche den Einsätzen in Kroatien« (ebd. Dok 102).

Die von Krüger genannten Unternehmen waren im Zuge der Vertreibung


der polnischen beziehungsweise jüdischen Zivilbevölkerung und ihres
wachsenden Widerstandes dagegen durchgeführt worden und hatten
nichts mit »regulären« Kämpfen zu tun. Krügers Feststellungen zeigen -
selbst wenn man davon ausgeht, dass er versucht, seine Qualifikationen be-
sonders hervorzuheben - wie weit die zurückliegende Operation »Wald-
rausch« sich ebenfalls von einem Kampf mit »regulären Formationen«
unterschied. 1 5 7
Schon im November 1943 hatte es Anzeichen für ein Ausscheiden von
Oberkamps aus der Division gegeben. So waren sowohl »Kugelblitz« als
auch »Schneesturm« von SS-Standartenführer Schmidhuber wegen einer
Erkrankung von Oberkamps geleitet worden (vgl. Kumm 1978,138). Anfang
Januar 1944, nach der Operation »Waldrausch«, bei der die Division wieder
durch von Oberkamp geführt worden war, übernahm noch einmal
Schmidhuber für wenige Tage den Befehl über die Division. Ab 30. Januar
1944 wurde dann Otto Kumm - mit Beförderung zum SS-Oberführer - neu-
er Divisionskommandeur (vgl. Kumm 1978, 163).

// 271
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen

// 272 // 273
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Die 7. S S - D i v i s i o n »Prinz Eugen« war seit Beginn des U n t e r n e h m e n s


»Achse« de facto u n u n t e r b r o c h e n im Einsatz gewesen und brauchte drin-
gend, wie es im Kriegstagebuch des O K W hieß, »eine längere Auffri-
schung« (vgl. O K W 1 9 4 4 - 4 5 Tb. I, 646). Der s c h e i d e n d e Divisionskomman-
deur von Oberkamp b e s c h r i e b Anfang Januar 1944 die Situation mit den
Worten:

»Infolge der übermenschlichen Marschleistungen im verschneiten


Gebirge mit zerrissenem Schuhwerk ist der Abgang an Lazarettkranken
... rapid gestiegen. Die Waffen, vor allem die Infanteriewaffen sind ... in
einem katastrophalen Zustand. Ebenso katastrophal ist die Pferdelage.
Am 2.1. sind bereits Teile der Geb. Art. infolge Pferdeausfalls nicht mehr
einsatzfähig. Die Stimmung der Truppe ist trotz auffallender Ermüdungs-
erscheinungen zuversichtlich. Entsprechend dem duldsamen Charakter,
der die Deutschen aus dem Südostraum kennzeichnet, tragen die Män-
ner ihr Geschick mit bewundernswertem Gleichmut. Die Div. bedarf
dringend einer mehrwöchigen Ruhepause ausserhalb des bandenver-
seuchten Gebietes« (MA: RS 3-7/17).

Die von von Oberkamp genannte h o h e A n z a h l an Kranken wird durch die


v e r s c h i e d e n e n Zustandsberichte bestätigt. So gab es v o m 21. November
1943 bis 20. Februar 1944 insgesamt etwa 5000 Krankmeldungen. Auffällig
gering hingegen waren die Verluste der »Prinz Eugen« w ä h r e n d der ver-
gangenen drei Operationen. Im gleichen Zeitraum w i e oben w e r d e n 110
Gefallene, 201 Verwundete u n d 133 Vermisste gezählt (vgl. MA: RS 3-7/17).
Geht m a n bei den anderen auf deutscher Seite eingesetzten Divisionen von
vergleichbaren Verlustzahlen aus und bedenkt, dass von ungefähr 30 000
toten Partisanen z w i s c h e n Dezember 1943 u n d Januar 1944 ausgegangen
wurde (vgl. O K W 1 9 4 4 - 4 5 Tb. I, 645), dann lässt auch dies R ü c k s c h l ü s s e
auf den Charakter der Kämpfe zu. 1 5 8 In den Zustandsberichten bestätigte
s i c h auch der »katastrophale Zustand« der Waffen - vor allem bei den ge-
panzerten Fahrzeugen. So waren am 20. Februar 1944 von insgesamt 39
Panzern u n d selbstfahrenden P a n z e r a b w e h r k a n o n e n nur n o c h zwei ein-
satzbereit (vgl. MA: RS 3-7/17).
Wie S c h m i d h u b e r in s e i n e m Zustandsbericht über den Januar 1944
schrieb, w u r d e in der Zeit der »Erholung und Überholung« versucht, den
Ausbildungsstand des Ersatzes - zu diesem Zeitpunkt fast 50 % der Mann-
schaften - zu verbessern und den »Geist der Truppe« durch »intensive
w e l t a n s c h a u l i c h e S c h u l u n g « weiter zu festigen. Durch eine Neugliederung
der Regimenter wollte m a n den c h r o n i s c h e n Führer- und Unterführerman-

// 274
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen

gel abschwächen (vgl. MA: RS 3-7/17). In einem »Divisionsbefehl über die


Überholung und Auffrischung der Truppe« vom 22. Januar 1944 wurden
detailliert die Richtlinien für diese Zeit herausgegeben. Neben den üb-
lichen Anweisungen über Schießausbildung, Gesundheitspflege, Pflege der
Ausrüstung oder Waffen fallen besonders die folgenden Punkte auf: Offen-
sichtlich beeindruckt von der Fähigkeit der Bevölkerung Kroatiens und
Serbiens, auch nach drei Jahren Krieg und schärfster Unterdrückungsmaß-
nahmen des Ustascha-Staates und der deutschen Besatzungsbehörden den
Kampf immer wieder von neuem zu führen, wurde auf die »weltanschau-
liche Stärke« der Partisanen verwiesen. Die Notwendigkeit einer eigenen
weltanschaulichen Schulung wurde noch einmal ausführlich begründet:
»Bei unseren Gegnern, den roten Banditen, ist sie in verkehrtem Sinne
geradezu vorbildlich ... Die jüdische Lüge vom Sowjetparadies ... wird
dort solange verkündet!,] ... bis sie sich in das Hirn auch des letzten
Mannes festgefressen hat« (MA: RS 3-7/20).

Zweck der eigenen Schulung sollte deswegen sein:


»Erziehung zum selbstlosen Kameraden, zum gläubigen Nationalsozia-
listen, zum tapferen und standfesten Soldaten. Zum Mut bis zur Hingabe
des Lebens« (ebd.).

Gleichzeitig zeigte sich an einem anderen Punkt, dass der Krieg im ehema-
ligen Jugoslawien noch immer ein klassischer Partisanenkrieg war und nur
selten einem Kampf gegen »reguläre Formationen« gleichkam. Dort heißt

»Ausmerzung des Herdentriebes. Erziehung und Gewöhnung zum


Einzelgänger und Einzelkämpfer. Wer zum Haufen geht, gefährdet sein
Leben. Nur der Einzelne findet ausreichend Deckung. Ich will während
der Überholungszeit keine geschlossene Abt. marschieren sehen, son-
dern nur in geöffneter Ordnung« (ebd.; Hervh. i. Orig.).

Die »Ruhe- und Auffrischungspause« musste, wie es dann im »Werturteil


des Kommandeurs« Kumm vom 20. Februar 1944 heißt, »von Teilen der Di-
vision erneut durch Kampf- und Säuberungsmaßnahmen in der Ostherze-
gowina unterbrochen werden« (MA: RS 3-7/17).159
Nach der Pause wurde die Division im »Großraum Sarajewo« eingesetzt.
Wie Kumm später in seiner Divisionsgeschichte schreibt, sollten dabei die
verschiedenen Bataillone von ihren Standorten aus zuerst zu kleineren,

II 215
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Bild 8 »Bandenkampf in Bosnien. Durch Schlamm und Dreck stossen


die deutschen Truppen in die bandenverseuchten Gebiete vor«
(Untertitel zum Foto Januar 1944, Bayerische Staatsbibliothek).

später zu größeren Unternehmungen mit Unterstützung der schweren Waf-


fen eingesetzt werden. Hierbei ging es nicht um »Einkesselung«, sondern
um die »freie Jagd« des Feindes. Jedem Bataillon wurde noch einmal deut-
lich gemacht, dass jeder Befehl unbedingt auszuführen war, gleichzeitig
aber auch keine Gruppe in schwieriger Lage zurückgelassen werden würde
(vgl. Kumm 1978,164). Wie aus mehreren Meldungen von Abteilungen des
14. Regiments zwischen dem 12. Januar 1944 und dem 28. März 1944 her-
vorgeht, muss bei diesen Unternehmungen die Zusammenarbeit mit
Tschetnik-Verbänden erheblich gesteigert worden sein. 1 6 0 Dies entsprach
durchaus den Ergebnissen eines Gesprächs zwischen kroatischen Mini-
stem und dem »Führer« vom 1. März 1944, wonach zwar der selbstständi-
ge Einsatz von Tschetnik-Verbänden endgültig eingestellt werden sollte,
die Unterstellung einzelner loyaler Tschetnik-Gruppen unter deutsche Ein-
heiten aber befürwortet wurde (vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 742).
Auch in den nächsten Monaten sollte sich das schon bekannte Muster

// 276
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

des Wechsels von großen Operationen mit kleineren Einsätzen fortsetzen.


Wie gezeigt wurde, waren es gerade die zwischen den großen Operationen
stattfindenden »Säuberungsaktionen« und »Sühnemaßnahmen«, bei denen
von einem Gegner nicht mehr gesprochen werden konnte: Der Einsatz der
Division richtete sich direkt gegen die Zivilbevölkerung. In dieser Phase
der »freien Jagd« hieß es in einem Befehl des 14. Rgts. vom 11. März 1944
unter anderem:
»12. Sämtliche Wehrfähigen sind festzunehmen, die Dörfer T U L J E ,
M R K O N J I C I , D R I J E N J A N I . D R A C E V O ? D U B L J A N I sind niederzu-
brennen, ebenso allejene aus denen Widerstand geleistet wird« (MA: RS
4 / 1 1 3 1 Dok. 4 0 6 2 ; hervh. i. Orig.).

Während die meisten Einsätze, die solchen Befehlen folgten, nicht doku-
mentiert wurden und nur in der Erinnerung der Opfer aufbewahrt sind,
fand über die Zerstörung des Ortes Otok in der Nähe von Sinj bei Split ei-
ne breite Auseinandersetzung statt. Beim Nürnberger Prozess wurde dem
Zeugen Hausser am 6. August 1946 ein Bericht der »Jugoslawischen Staats-
kommission zur Feststellung von Kriegsverbrechen« vorgelesen. Danach
waren die Verbrechen in Otok am 28. März 1944 von einem SS-Bataillon
der »Prinz Eugen« und einem Bataillon der »Teufelsdivision«161 - beide un-
ter Befehl des SS-Obersturmbannführers Dietsche162 - im Rahmen von
»Säuberungsaktionen« verübt worden. Dort hieß es:
»Diese Massenschlächterei wurde in allen Dörfern in derselben schreck-
lichen Art durchgeführt. Die deutschen Soldaten trieben Frauen, Kinder
und Männer auf einen Platz zusammen und eröffneten dann Maschinen-
gewehrfeuer auf die Menge . . . Nicht einmal die Säuglinge an der Mutter-
brust wurden verschont« (Nürnberg X X , 409).

In Nürnberg wurde noch hinzugefügt, dass die betroffenen Dörfer keinen


Anlass zu den Repressalien gegeben hätten (ebd. 410), eine Einschätzung,
die bereits im April 1944 auch vom Gesandten Kasche getroffen worden
war (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 404/2824 Dok. H298877). Der Überfall auf Otok
und die anderen Dörfer der Region hatte bereits 1944 zur Überreichung ei-
ner heftigen Protestnote der kroatischen Regierung an das Auswärtige Amt
geführt (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 404/2824 Dok. H298881). Auch in Otok waren
unter den Opfern wieder Angehörige von an deutscher Seite kämpfenden
Einheiten gewesen, so beispielsweise der Ustascha. Von kroatischer Seite
wurde der Vorwurf erhoben, dass das Massaker auf die Beratung der SS

// 277
III Die B a n a t e r S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

278
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Bild 9 »Betende, heulende und bettelnde Partisanen. ... und als die ganzen
frommen Gebete keinen Eindruck auf die deutschen Soldaten machten, fängt
dieser Partisanenheld jämmerlich zu heulen an. Betende, heulende und
bettelnde Partisanen - Titos Visitenkarte!«
(Untertitel zum Foto März 1944, Bayerische Staatsbibliothek).

durch Tschetniks und auf die serbischen Mitglieder der »Prinz Eugen« zu-
rückzuführen sei. In einem Schreiben Kasches vom 9. April 1944 hieß es
zur Begründung:
»Dies deshalb, weil sie bisher nie bei reindeutschen Truppen Erschie-
ßung von Frauen und Kindern festgestellt hätten, sondern nur zweimal
bei ähnlichen früheren Vorkommnissen der Division >Prinz Eugen<«
(ebd.).

Im weiteren Verlauf spitzte s i c h die Situation z w i s c h e n den kroatischen


und deutschen B e h ö r d e n in Split so zu, dass es dort fast zu einer bewaff-
neten Auseinandersetzung kam (vgl. PA/AA: Inl. Hg 4 0 4 / 2 8 2 4 Dok.
H298872). W ä h r e n d s i c h am 23. April 1944 das AA offiziell aufs Schärfste
verbat, dass die kroatische Regierung überhaupt Forderungen oder Protest-
noten an die deutsche Seite übergab (PA/AA: Inl. Hg 4 0 4 / 2 8 2 4 Dok.
H298886—887), war innerhalb der d e u t s c h e n W e h r m a c h t u n d SS die Prü-
fung der »Vorfälle« in Otok veranlasst worden. In e i n e m S c h r e i b e n v o m 16.
April 1944 an den R e i c h s a u ß e n m i n i s t e r berichtet K a s c h e über das vorläufi-
ge Ergebnis der von SS-Obergruppenführer Phleps durchgeführten Unter-
suchung, in der der Vorfall n i c h t bestritten wurde:
»Die beteiligte Truppe träfe keine Schuld, da die nachträglichen Er-
schliessungen durch folgende Tatsache begründet sei: Fund von Muni-
tion, Propagandamittel, Verweigerung der Aussagen, feindliches Verhal-
ten durch Verweigerung von Unterkunft, Stroh« (PA/AA: Inl. Hg
404/2824 Dok. H298876).

In der von K a s c h e berichteten Untersuchung wurde von etwa 486 Opfern


ausgegangen, w ä h r e n d die kroatische Seite von 1000 Toten sprach. 1 6 3 Dar-
über hinaus w u r d e der kroatische Vorwurf, dass sich S e r b e n in der »Prinz
Eugen« befänden, mit dem Hinweis auf Volksdeutsche aus Altserbien, die
in der Division dienten, zurückgewiesen (vgl. ebd.). Dass die von Phleps
eingeleitete Untersuchung letztendlich nur dazu gedacht war, den S c h e i n
einer w i e a u c h i m m e r gearteten »Rechtmäßigkeit u n d Ordnung« der »Süh-

// 279
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

// 280
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Bild 10 »Raijna Luka Radig; das Partisanenweib. Die Soldaten wissen den rich-
tigen Ton mit Raijna Luka Radic anzuschlagen. Und nun verrät sie um ihr eigenes
erbärmliches Leben zu retten, alle ihre Genossen. »Dort in dieser Schlucht sind
sie. Ich führe Euch hin«!!!! ... Raijna Luka Radic hat ihre Genossen verraten«
(Untertitel zum Foto März 1944, Bayerische Landesbibliothek).

nemaßnahmen« zu wahren, und die Wirklichkeit ganz anders aussah, wird


aus einem Schreiben des »Pz. Armee. Oberkommandos« vom 24. Mai 1944
deutlich. Phleps hatte angefragt, wie in Zukunft mit »Sühnemaßnahmen«
zu verfahren sei. Offensichtlich beeinflusst durch die rigorose Vorgehens-
weise der deutschen Einheiten auch gegenüber katholischen Kroaten und
muslimischen Bosniern, waren inzwischen den »deutschen Kommandobe-
hörden« in Kroatien ein »Beauftragter der kroatischen Landesregierung«
und den deutschen Divisionen »kroatische Verbindungsoffiziere« zugeteilt
worden. Mit diesen sollten »Sühnemaßnahmen« abgesprochen und danach
zur Genehmigung dem kroatischen Innenminister vorgelegt werden. Laut
Anweisung des Reichsführers-SS vom 10. März 1944 war die SS auf Divi-
sionsebene allerdings von der Zuteilung kroatischer Verbindungsoffiziere
ausgenommen worden: Eine Zusammenarbeit mit dem Beauftragten der
kroatischen Regierung fand also nur auf Korpsebene statt (vgl. PA/AA: Inl.
Hg 310/2576 Dok. J8). Im genannten Schreiben lautete dann auch die Ant-
wort auf die Anfrage Phleps':
»Da bisher die beantragten Sühnemaßnahmen gar nicht oder erst nach
langer Zeit vollstreckt wurden, ... wird es für zweckmäßig gehalten,
wenn die Truppe unter Anlegung eines scharfen Maßstabes und Bewah-
rung schärfster Disziplin unter der Verantwortung der Kommandeure zur
Selbsthilfe schreitet und notwendige Maßnahmen >im Kampf erledigt«
(MA: RS 3-7/14 Dok. 51; Hervh. v. Verf.).

Zusammengenommen bestätigten diese Anordnungen die bereits prakti-


zierte Vorgehensweise der SS. Die ganze Bedeutung des Begriffs »Freie
Jagd«, wie er von der Wehrmachts- und SS-Führung verwandt wurde, wird
hier sichtbar. Frei von allen Beschränkungen konnte die Verbindung des
»Kämpferischen mit dem Jagdmässigen«, konnte das »kriegerische Ausle-
ben« und der »sportgemässe Eifer«, wie es schon von Phleps in seinen
»Grundsätzen zur Führung des Kleinkriegs« gefordert worden war, statt-
finden. (vgl. MA: RS 3-7/15, Dok. 199 und Dok. 227). Abstrakter und un-
menschlicher als »freie Jagd«, als »Falkenjagd«164 lässt sich die Aufstands-
bekämpfung der Volksdeutschen SS-Division »Prinz Eugen«, lassen sich

// 281
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

die Massaker von Kosutica, Otok und Vlahovici nicht benennen. Während
der ehemalige Divisionskommandeur Otto Kumm die gegen die »Prinz
Eugen« vorgebrachten Vorwürfe in den meisten Fällen schlichtweg leug-
net, nimmt er im Nachhinein zu den Vorfällen in Otok Stellung. Seine
Darstellung ist dabei sowohl sprachlich als auch inhaltlich zynisch und
heuchlerisch.
»Nur ein Vorwurf bleibt der Division »Prinz Eugen« nicht erspart, ob-
gleich er ihr rechtlich gar nicht anzulasten ist... Nachdem in diesem
Raum eines Tages eine Nachschubkolonne in einem Dorf bis auf den
letzten Mann niedergemacht wurde, erhielt diese Armeereserve den
Befehl, dieses Dorf (Otok, SO Sinj) bis auf den Grund zu vernichten.
Dabei wurden sämtliche Ortsbewohner getötet. Daran war auch das
Bataillon der Division »Prinz Eugen« beteiligt. Gegen alle beteiligten
Kommandeure wurde ein Kriegsgerichtsverfahren eingeleitet - alle
wurden freigesprochen ... Leider konnten trotz eifrigster Nachforschung
im Militär-Archiv in Freiburg ... keinerlei Hinweise auf den bedauer-
lichen Vorfall gefunden werden« (Kumm 1978, 383; Hervorhebungen
durch den Verfasser).

Der Einsatz der »Prinz Eugen« in Bosnien hatte zunehmend auch Auswir-
kungen auf den muslimischen Teil der Bevölkerung. Wie der Untersturm-
führer Masic, der bei der SS-Division »Handschar« diente, am 16. Juni 1944
an den Divisions-Imam schrieb, hatte sich innerhalb der muslimischen Zi-
vilbevölkerung Bosniens aufgrund der Zusammenarbeit der »Prinz Eugen«
mit lokalen Tschetnik-Verbänden tatsächlich eine tiefe Verunsicherung
verbreitet. Masic nennt eine Reihe von Fällen, wo Angehörige der »Prinz
Eugen« und Tschetniks zusammen Verbrechen an der muslimischen Zivil-
bevölkerung begangen hatten. Er forderte deswegen dringend, dass - wäh-
rend die muslimische Division in Bosnien stationiert bleiben sollte - die
»Prinz Eugen« das Gebiet Bosnien-Herzegowina verlassen müsse (vgl. MA:
RS 3-7/16 Dok. 282). 1 6 5
Mit Otok liegt ein weiterer dokumentierter Fall vor, der belegt, dass von
Seiten der »Prinz Eugen« »Sühnemaßnahmen« an Angehörigen verbünde-
ter Ethnien vollzogen worden sind.166 Die tieferen Ursachen für das Vor-
gehen der Division »Prinz Eugen« in Otok und den anderen Ortschaften
werden dabei nur ersichtlich, wenn man sie im Gesamtkontext eines eth-
nischen Konflikts betrachtet. Interessant ist dabei ein von Kasche aufge-
griffenes Gerücht, wonach die Erschießung in Zusammenhang mit der Um-
siedlung der Dorfbewohner zu sehen sei. Laut Kasche war in der Tat die
Umsiedlung der kroatischen Bevölkerung dieser Küstenregion nach Sla-

// 282
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

wonien - von wo die deutsche Bevölkerung wegen der »Bandenlage« zu-


nehmend ausgesiedelt werden musste - geplant gewesen (vgl. PA/AA: Inl.
Hg 404/2824 Dok. H298877). Wie einem späteren Telegramm Kasches vom
14. November 1944 zu entnehmen ist, wurde die »Einweisung« kroatischer
Familien auf von Volksdeutschen verlassenen Bauernhöfen Slawoniens
und Syrmiens dann auch tatsächlich umgesetzt (vgl. ebd. 405/2828). Somit
haben die von den Volksdeutschen Angehörigen der »Prinz Eugen« began-
genen Sühnemaßnahmen neben der »militärischen« auch eine eindeutig
ethnische Bedeutung. Sie sind nicht nur Teil des nationalen Krieges einer
Besatzungsmacht, sondern auch Teil eines ethnischen Konflikts miteinan-
der konkurrierender ethnischer Gruppen. In diesem Zusammenhang sind
auch die verschiedenen Lageberichte, die das »Referat Kroatien der Volks-
deutschen Mittelstelle« über die Monate Dezember 1943 sowie Januar und
Februar 1944 erstellte hat, aufschlussreich.
Neben allgemeinen Berichten über die Zunahme der »Bandentätigkeit«
und die daraus resultierende Evakuierung der Volksdeutschen Bevölke-
rung aus besonders gefährdeten Teilen Slawoniens wurde über spezifische
Punkte wie beispielsweise den Kriegseinsatz der Volksgruppe, Fragen der
Fürsorge, Gesetze und Verordnungen informiert. Neben dem Genannten
stand vor allem das Verhältnis zwischen der Volksdeutschen Bevölkerung
und der kommunistischen Partisanenbewegung im Mittelpunkt. Dabei ist
auffällig, dass der Schwerpunkt dieses Teils der Berichte nicht auf der Er-
mordung deutschsprachiger Zivilisten lag - für den vierteljährigen Zeit-
raum wurden etwa 75 tote Selbstschutzmänner und Zivilisten gemeldet
(vgl. PA/AA: Inl. Ilg 404/2824 Dok. 393201 ff). Vielmehr ging es um die Zer-
setzung von »Geist und Wehrkraft« der »Volksgruppenangehörigen« durch
die »Bandenführung« (vgl. ebd. Dok. 393215). Wie aus dem Lagebericht De-
zember 1943 hervorgeht, versuchte die »kommunistische Führung«, Teile
der Volksdeutschen Bevölkerung, besonders der Jugend, zum Eintritt in die
»antifaschistischen Organisationen« zu bewegen (vgl. ebd. Dok. 393216).
Offensichtlich versuchte sie auch, Volksdeutsche Gefangene für sich zu ge-
winnen. So sollen sich von 184 Arbeitsmännern, die am 25. Oktober 1943
aus Oberjosefsdorf verschleppt worden waren, 23 zu der bereits erwähnten
deutschen »Bandeneinheit Ernst Thälmann«, die inzwischen zu einer
Kompanie umorganisiert worden war, gemeldet haben. Über diese 23 wur-
de bemerkt: »Auffallend ist, dass diese entweder aus völkisch schwachen
Einsiedlungen oder aus grösseren Orten mit unklaren Volkstumsgrenzen
stammen« (ebd. Dok. 393217). Laut einem Informanten soll die Kompanie

// 283
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

in erster Linie aus zum Dienst gepressten Volksdeutschen und nur aus we-
nigen Verrätern bestanden haben. Nach einem Gefecht zwischen einer
Wehrmachtseinheit und der Volksdeutschen Partisanenkompanie sollten
dann vier ehemalige Volksgruppenangehörige, die sich unter den gefange-
nen Partisanen befunden hatten, von einer Ustascha-Miliz zusammen mit
den anderen Gefangenen exekutiert werden. Dies konnte nur durch das so-
fortige Einschreiten des Bannführers der »Deutschen Jugend« (DJ) und des
deutschen Gendarmeriepostenführers verhindert werden (vgl. ebd. Dok.
393 220). Weiter hieß es in dem Lagebericht, dass kein neuer Fall von Über-
tritten zu den Partisanen gemeldet werden musste. Nur die Schwester des
bereits im Oktober 1943 hingerichteten »VolksVerräters« Oehlschläger war
zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter am 1. Dezember 1943 öffent-
lich gehängt worden. Sie hatte einem nichtdeutschen Schwiegersohn und
»Bandenmitglied« Unterschlupf gewährt. Bei seiner Verhaftung war es zu
einer Schießerei gekommen, in der er und ein deutscher Soldat getötet wor-
den waren (vgl. ebd. Dok. 393217 f). Laut Lagebericht über den Januar 1944
hatte sich das Verhalten der »Banden« gegenüber der Volksdeutschen Be-
völkerung erheblich »verschlechtert«. Maßgebend dafür sei:
»a) die Flucht der für das »Volksbefreiungsheer« gemusterten Volksgrup-
penangehörigen; b) das Bestreben der Frauen und Jugendlichen, sich
dem Beitritt zu den antifaschistischen Frauen- und Jugendorganisatio-
nen zu entziehen; c) die Feststellung, dass trotz der getroffenen Vorkeh-
rungen Nachrichten über Tätigkeit und Bewegung der Banden durch
Volksgruppenangehörige an die deutsche Polizei und Wehrmachtsstellen
gegeben werden« (ebd. Dok. 393211).

Weiter wurde berichtet, dass Familien, die Angehörige bei der Waffen-SS
oder anderen Einheiten hätten, immer häufiger von ihrem Besitz vertrieben
würden, falls sie nicht fahnenflüchtig würden und sich zu den Partisanen
gesellten (vgl. ebd. Dok. 393211-212). Im Lagebericht über den Februar 1944
wurde noch einmal auf die 184 verschleppten Arbeitsmänner Bezug ge-
nommen: 147 waren inzwischen freigelassen worden. Nur über den Ver-
bleib von 19 Männern wusste man nichts Genaues außer: »Sie entstammen
vorwiegend völkischen Mischehen oder sind in sprachlich und kulturell
entdeutschten Siedlungen beheimatet« (ebd. Dok. 393203). Die »zusam-
menfassende Lagebeurteilung« über Februar 1944 endete dann mit den Sät-
zen:

// 284
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

»Trotz den der Volksgruppe durch das Bandenwesen bereiteten Schwie-


rigkeiten ist sie bestrebt, ihre Kriegspflichten voll zu erfüllen. Das eigen-
ständige Leben der Volksgruppe entwickelt sich zufriedenstellend und
die notwendige Grenzziehung gegenüber der fremdvölkischen Umwelt
wird immer klarer« (ebd. Dok. 3 9 3 2 0 9 ) .

Fasst man die beiden Komplexe zusammen, so wird in ihnen die ganze
Dynamik des ethnischen Krieges deutlich, wie er zugespitzt von den
Volksdeutschen Organisationen, den Volksgruppenführungen und ihren
bewaffneten Formationen, den Selbstschutzeinheiten und der »Deutschen
Mannschaft«, sowie der Volksdeutschen SS-Division »Prinz Eugen« geführt
wurde.
Bei den »Operationen« der Volksdeutschen SS-Division »Prinz Eugen«
war jeder vom Tod bedroht, der andere ethnische oder nationale Merkma-
le der Sprache und der Herkunft hatte. Setzte sich die fatale Dynamik der
»Säuberungsaktionen« und »Sühnemaßnahmen« in Gang, schützte die in-
dividuelle Entscheidung, an der deutschen Seite zu kämpfen, ja selbst die
Mitgliedschaft in der Waffen-SS, nicht mehr. Zu schnell wurde die kollek-
tive Einteilung in zu sicherndes Eigenes und zu vernichtendes Fremdes
getroffen. Die einzig wirkliche Sicherheit vor der zum Teil fatalen Zu-
schreibung, zu den Anderen, zu den Fremden, zu den Feinden zu gehören,
war die möglichst eindeutige, durch Sprache und Herkunft erkennbare Zu-
gehörigkeit zum »deutschen Volk«. Die Einteilung war einfach und klar.
Das wirkliche, echte Eigene zeigte sich in seinem bedingungslosen Be-
kenntnis zum Deutschsein. Die Mitgliedschaft von Volksdeutschen bei den
Partisanen konnte noch durch ihre mangelnde Einbindung in die Volks-
gruppe, in die Volksgemeinschaft erklärt werden: Bis auf einige »Volksver-
räter«, die wie die Partisanen öffentlich gehängt wurden, erfuhren selbst
Volksdeutsche bei den Partisanen, durch ihre Herkunft und Abstammung
geschützt, die Protektion vor dem kroatischen Erschießungskommando.
Noch ein anderer für die Zukunft der deutschsprachigen ethnischen
Gruppen im ehemaligen Jugoslawien entscheidender Aspekt zeichnete
sich in den verschiedenen Lageberichten ab. Die überwiegende Mehrheit
der Donauschwaben hatte in relativ abgeschlossenen ethnischen Kolonien
gelebt. Auf der Basis der dort vorgenommenen Abgrenzung von den ande-
ren ethnischen Gruppen hatte sich die nationalsozialistische Ideologie voll
entfalten können. Hier verstand sich die Mehrheit der Donauschwaben als
Teil des deutschen Volkes und machte in der Situation des ethnischen
Krieges ihre Zukunft von einem für die deutsche Seite erfolgreichen Aus-

// 285
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

gang abhängig. Folgt man der im Lagebericht vom Januar 1944 vorgenom-
menen Einschätzung, dann stammten die wenigen deutschsprachigen Par-
tisanen vorwiegend aus Gemeinden, in denen Akkulturation und inter-
marriage stattgefunden hatten. Nur hier war es offensichtlich gelungen, das
»stahlharte Gehäuse der Zugehörigkeit« (Nassehi 1997) aufzubrechen. Nur
wenige sahen so im Widerstand gegen die Besatzungsbehörden des Deut-
schen Reichs die Chance, sich ein Existenzrecht als Donauschwaben an der
Seite der anderen Ethnien zu erkämpfen.
Im weiteren Verlauf des Jahres 1944 setzte sich erst einmal die schon be-
kannte Struktur des Krieges fort (vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 671). Es gelang
den deutschen Truppen wieder, bei der Operation »Maibaum« im
April/Mai 1944 das Überwechseln der Partisanenarmee von Bosnien nach
Serbien zu verhindern (vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 652). Während der Opera-
tion »Rösselsprung«167 in Zentralbosnien im Juni 1944 fand dann die Divi-
sion, die bis auf Teile des Rgt. 14 vollständig an der Operation teilnahm
(vgl. MA: RS 4/1135 Dok. 3937 ff), ihre erste Erwähnung im Wehrmachts-
bericht:168
»In Kroatien haben Truppen des Heeres und der Waffen-SS[,] ... unter-
stützt durch starke Kampf- und Schlachtfliegerverbände, das Zentrum
der Bandengruppen Titos überfallen und nach tagelangen schweren
Kämpfen zerschlagen. In diesen Kämpfen haben sich die 7. SS-Gebirgs-
division »Prinz Eugen« unter Führung des SS-Oberführers Kumm und
das SS-Fallschirmjäger-Bataillon 500 unter der Führung des SS-Haupt-
sturmführers Rybka hervorragend bewährt« (zitiert nach Krätschmer
1982, 975).

Aufgrund der »weiten räumlichen Ausdehnung« der Partisanenbewegung


im Frühjahr 1944 und der Schwäche der deutschen Verbände war es nicht
mehr möglich, eine weite Umfassungsoperation durchzuführen. »Rössel-
sprung« war deswegen als gezielter Schlag gegen das »Operationszentrum«
Titos geplant, dem dann die »freie Jagd« auf die versprengten Partisanen-
einheiten folgen sollte (vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 66lf). 169 Fast wäre es bei
der Besetzung des Hauptquartiers gelungen, Tito gefangen zu nehmen (vgl.
Kumm 1978, 221). Die Operation war ein weitgehender Erfolg und führte zu
einem vorübergehenden Rückgang der Partisanenaktivitäten (vgl. OKW
1944-45 Tb. I, 664f). Trotz dieser konkreten Erfolge gegen größere Partisa-
neneinheiten nahm der Druck der Partisanen auf die deutsche Volksgrup-
pe in Kroatien, vor allem in Slawonien mit seinem nur geringen Anteil
deutschsprachiger Bevölkerung, weiter zu. Die bereits in den Lageberich-

// 286
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

teil Dezember bis Februar berichteten E v a k u i e r u n g s m a ß n a h m e n w u r d e n


deswegen n o c h gesteigert (vgl. P A / A A : Inl. Ilg 2 5 5 / 2 4 2 9 Dok. H299739). Bis
April 1944 waren etwa 20 000 Volksdeutsche aus dem w e s t l i c h e n Slawo-
nien n a c h S y r m i e n evakuiert w o r d e n (vgl. ebd. Dok H299742). 1 7 0 Dort wur-
den sie in der Nähe von Esseg bei d e u t s c h e n F a m i l i e n und auf Bauernhö-
fen untergebracht, die von ihren serbischen Besitzern verlassen w o r d e n
waren (vgl. Dokumentation Bd.5, 85E). 1 7 1
Nachdem am 6. Juni 1944 die Landung der Alliierten in der Normandie
stattgefunden hatte und am 22. Juni 1944 die russische Großoffensive gegen
die Heeresgruppe Mitte (vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 670) erfolgt war, sollte
sich endgültig auch die Lage im ehemaligen Jugoslawien ändern. Schon im
Lagebericht der VOMI über Kroatien vom Juni 1944 gab es erste Meldun-
gen, dass die »Generaloffensive gegen die Festung Europa« (OKW 1944-45
Tb. I, 670) den Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht belebte
und die deutschsprachige Bevölkerung erste Anzeichen von Verunsiche-
rung zeigte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 255/2429 Dok. H299000).
Am 10. Juli 1944 schrieb dann der Kommandierende General des V. SS-
Geb. Korps, SS-Obergruppenführer Phleps, an den Reichsführer-SS über
die Lage in Kroatien und dem ehemaligen Jugoslawien. In seinem Bericht
treten noch einmal die verschiedenen Aspekte der bisherigen Entwicklung
des Krieges zutage. Darüber hinaus gewährt er noch einmal Einblick in die
Gedankenwelt des deutschen Generals in einer von ihm gleichzeitig als
fremd, feindlich und minderwertig erachteten Umgebung. Eine Gedanken-
welt, aus der sich die aufgezeigte Art und Weise der Kriegsführung und der
Umgang mit der Zivilbevölkerung ableiten lässt. Phleps stellt seinem Be-
richt die Erkenntnis vorweg:
»Der unabhängige Staat Kroatien beharrt auf dem eingeschlagenen
verhängnisvollen Wege, der ihn sicher in den Abgrund führen wird!«
(BA: NS19/2154 Dok 1; Hervh.i.Orig.).

Nachdem er auf das »vollständige Versagen« der kroatischen Behörden, de-


nen es an jeglichem »Interesse am Wohlergehen der Bevölkerung mangele«,
zu sprechen gekommen war, berichtet Phleps über die »Überlegenheit« der
Tito-Organisationen, die verständlich mache, warum immer mehr Men-
schen ihm folgten:
»In diesen Gebieten wurde Ordnung geschaffen, ... Post, Telegraph und
Telephon funktionierten, die Bahnen wurden in Betrieb gesetzt, die
Verpflegung wurde geregelt, die Schulen wurden eröffnet, der Aufbau

// 287
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

der zerstörten Ortschaften und die Bebauung der brach gelegenen Felder
mit aller Macht in die Hand genommen. Weltanschaulich wurde viel
getan, Theater, Gesangverein und Kino kamen zu ihrem Recht. Diebstahl,
Plünderei, unrechtmäßige Requisitionen und Trunkenheit wurden mit
dem Tode bestraft« (ebd. Dok 2). 172

Da seiner Meinung nach der kroatische Staat ausschließlich die eigene pra-
voslawische173 Bevölkerung als Hauptfeind ansah, gleichzeitig aber der ver-
hängnisvolle Einfluss der »Freimaurer und Juden«174 auf die Staatsführung
weiterbestünde, erwartete Phleps früher oder später das Überlaufen der
Kroaten auf die angloamerikanische Seite. Er kommentierte dies mit den
Worten:
»Balkansitte, Balkangewohnheit, Balkantreue; keine Änderung der
Gepflogenheiten der Vergangenheit« (ebd. Dok 4).

Er zitiert den ehemaligen Bischof der Siebenbürger Sachsen, Dr. Teutsch,


der in Bezug auf die Türkenkriege geschrieben hatte: »Und wieder ging der
Walache zum Feinde über.« Und fügt hinzu: »Sollte das nicht auch beim
Kroaten der Fall sein« (ebd.). Damit dies verhindert werden könne, forder-
te Phleps die »rücksichtslose« Umgestaltung des kroatischen Staates. Die
kroatische Bevölkerung müsse
»derart bearbeitet werden, dass sie - gleich der deutschen - von der
Notwendigkeit des Durchhaltens ... überzeugt wird ... Die Judenfrage
müsse endlich zumindest im Sinne wie in Ungarn gelöst werden« (ebd.)

Von einem Ende der Verfolgung der Pravoslawen beziehungsweise deren


Gleichstellung mit den katholischen Kroaten erwartete Phleps eine Lösung
des Tschetnik-Problems. Er fordert eine Einstellung der unzähligen »Parti-
sanenamnestien« und diesbezüglich mehr Härte.
»Konzentrationslager, Arbeitskolonnen und die Todesstrafe müssen
Hand in Hand die Übeltäter fassen, weil der Balkanmensch die milde
Hand nicht verträgt. Er muß die Peitsche fühlen!« (ebd. Dok 5).

Die deutschen militärischen Kräfte seien zu gering, die Beherrschung des


Raumes alleine durchzuführen. Die Ustascha, die anfänglich ihr »Haupttä-
tigkeitsgebiet« nur im »Hinschlachten hunderttausender pravoslawischer
Männer, Frauen und Kinder« gesehen hätte, sei auch inzwischen »nicht
viel besser«. Nur wenn die vielzähligen Einheiten der Ustascha, der Do-
mobranen175 und der kroatischen Ortsmilizen aufgelöst und auf wenige, da-

// 288
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

für aber zuverlässige Brigaden reduziert würden, sei eine »ehrliche Zu-
sammenarbeit« mit den deutschen Truppen möglich (vgl. ebd. Dok. 7).
Phleps knüpfte mit diesen Forderungen an Positionen an, die schon vorher
der weltanschauliche Führer im SS-Gen. Kdo. V/SS-Geb. Korps, Standar-
tenführer Bayer, in einem Gespräch mit dem SS-Brigadeführer Fick vertre-
ten hatte und die von diesem am 16. März 1944 schriftlich dem Reichsfüh-
rer-SS vorgelegt worden waren. Wie dann später Phleps hatte auch Bayer
die Auflösung aller kroatischen Verbände verlangt. In diesem Zusammen-
hang führte Bayer aus:
»3. Da Partisanen und loyale Kroaten nicht unterscheidbar sind, hilft nur
... die möglichst vollständige Herausziehung aller Männer vom 12.-70.
Lebensjahr« (BA: NS19/279 Dok 83; Hervh. i. Orig.).

Die zuverlässigen Kräfte sollten der SS zugeführt und der Rest der männ-
lichen Bevölkerung als Arbeitskräfte ins Reich deportiert werden.
»6. Jeder Mann jedoch, der noch nicht erfasst ist und sich nicht sofort
meldet, wird als Partisan an die Wand gestellt.
7. Damit ist den Partisanen jede Tarnung genommen, die Nachschubmög-
lichkeit abgeschnitten und die Truppe hat auf ihren Streifen durch den
Raum volle Schussfreiheit auf jeden männlichen Zivilisten« (ebd.).

Sowohl in Phleps neunzehnseitigem Schreiben als auch in Bayers kürze-


ren Ausführungen spiegelt sich das ganze Dilemma deutscher Besatzungs-
politik in Südosteuropa wider. Der Versuch, dort eine deutsche Ordnung
zu etablieren, musste nicht nur zwangsläufig den Teil der Bevölkerung,
dem in dieser Hierarchie die unterste Stufe zugewiesen wurde, gegen die-
se aufbringen. Die deutsche Ordnung diente in erster Linie deutschen Inte-
ressen, und das Prinzip deutscher Überlegenheit kam gegenüber allen Be-
völkerungsgruppen zum Tragen. So produzierte sie zwangsläufig immer
wieder neue Widersprüche. Da die deutschen Kräfte zu schwach gewesen
waren, um alleine die Herrschaft auf Dauer durchzusetzen, hatten sich
Bündnisse mit einzelnen Staaten wie Ungarn, Rumänien oder Bulgarien
beziehungsweise mit Bevölkerungsgruppen wie den Kroaten, Slowaken
und Albanern entwickelt. Aber auch hier blieb die hierarchische Struktur,
also die deutsche Entscheidungsgewalt, erhalten. Für die Bündnispartner
ging es darum, im Schutz der fremden deutschen Ordnung eigene Interes-
sen zu verfolgen, so wie sich beispielsweise Rumänien im Zuge des Krie-
ges territorial ausdehnen konnte oder auch die Ustascha versuchte, sich

// 289
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

durch die Ermordung des serbischen Teils der Bevölkerung die Herrschaft
im ehemaligen Jugoslawien langfristig zu sichern. W e n n die deutsche Ord-
nung die Erfüllung dieser Interessen n i c h t m e h r gewährleisten konnte,
m a c h t e deren Unterstützung für die genannten Partner k e i n e n S i n n mehr.
F ü r die d e u t s c h e Besatzungsmacht bedeutete dies, dass sie s i c h zuneh-
m e n d nur auf eigene, auf deutsche Kräfte verlassen konnte. Das Bewusst-
sein der Differenz gegenüber den verbündeten Kroaten tritt dabei nirgend-
wo deutlicher hervor als in Bayers Äußerung, dass »Partisanen u n d loyale
Kroaten« n i c h t unterscheidbar seien. Phleps, gefangen in d e m B i l d deut-
scher Überlegenheit und der Unterlegenheit des » B a l k a n m e n s c h e n « , führ-
te den d r o h e n d e n B r u c h der B ü n d n i s s e auf »Verrat« und den Einfluss der
»Juden« zurück. Die von Bayer und Phleps g e m a c h t e n Lösungsvorschläge,
die sie, soweit w i e sie in ihrer M a c h t standen, s c h o n umgesetzt hatten,
m u s s t e n vor d e m oben genannten Hintergrund umso m e h r scheitern, als
die d e u t s c h e n Truppen auf den anderen Kriegsschauplätzen von den Alli-
ierten zurückgedrängt wurden. Deswegen k o n n t e n w e d e r die Erfolge des
V. S S - A r m e e k o r p s , vor allem der »Prinz Eugen«, in dem »rücksichtlosen
K a m p f gegen die B a n d e n Titos« (BA: N S 1 9 / 2 1 5 4 Dok l) n o c h die »Peitsche«
gegen die Zivilbevölkerung den Aufstieg der Partisanen u n d den Nieder-
gang der d e u t s c h e n Ordnung im ehemaligen Jugoslawien aufhalten.

3.4.3
Der E i n s a t z n a c h d e m Abfall R u m ä n i e n s u n d B u l g a r i e n s -
August und September 1 9 4 4

Nach Einschätzung des Lageberichts der VOMI über Kroatien vom


August 1944 war trotz einer w a c h s e n d e n M i s s - S t i m m u n g gegen die Volks-
gruppenführung, die auf soziale u n d wirtschaftliche P r o b l e m e zurückge-
führt wurde (vgl. P A / A A : Inl. Ilg 4 0 5 / 2 8 2 7 Dok 393269), die Identifikation
mit dem D e u t s c h e n R e i c h weiter ungebrochen. Im Wortlaut hieß es: »Die
Hoffnung auf den Sieg u n d das Vertrauen zum Führer b l i e b e n erhalten, da
die breite M a s s e begreift, dass eine Niederlage des R e i c h e s ihrer Vernich-
tung g l e i c h k ä m e « (ebd.). Demgegenüber stagnierten n a c h diesem Bericht
auch w e i t e r h i n die Versuche, den Aufbau der Volksdeutschen Partisanen-
einheit »Ernst T h ä l m a n n « zu verstärken, sodass n u n mit Unterstützung
durch »Marxisten aus b i n n e n d e u t s c h e n Gebieten« versucht würde, eine
Abteilung »Freies Deutschland« zu gründen (vgl. ebd. Dok 393267). 1 7 6

// 290
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Selbst wenn diese Aussagen zu einem gewissen Grad Teil einer Propagan-
da waren, die versuchte, die Situation aus deutscher Sicht zu beschönigen,
dürfte ihre Einschätzung für die Volksdeutschen trotzdem weitgehend zu-
treffen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ihre überwiegende Mehrheit von der
Entwicklung hauptsächlich profitiert und die Volksgruppe eine privile-
gierte Stellung gegenüber den anderen Bevölkerungsgruppen erhalten. Die
Belastung durch den Krieg hatte sich in erster Linie auf die erhöhten wirt-
schaftlichen Abgaben an das Deutsche Reich und den hohen Anteil an
Wehrdienstleistenden unter ihren Männern beschränkt. Bedingt durch die
Kriegsführung war die Anzahl der Gefallenen aber in den verschiedenen
bewaffneten Formationen relativ gering. 1 7 7 Noch waren die Volksdeutschen
Einheiten zusammen mit reichsdeutschen Truppen in der Lage, ihre Hei-
mat zu schützen. Im Banat hatten seit 1941 de facto keine Kampfhandlun-
gen mehr stattgefunden, und auch die Volksdeutschen Kroatiens waren im
Vergleich zu den anderen dortigen Bevölkerungsgruppen von den Schre-
cken des Krieges relativ verschont geblieben. 1 7 8 Nur die deutschsprachige
Bevölkerung aus den Streusiedlungen Bosniens und West-Slawoniens hat-
te im Zentrum von Kampfgebieten gelebt und war deswegen umgesiedelt
worden.
Im August 1944 sollte dann das letzte große Unternehmen der deutschen
Truppen, die Operation »Rübezahl«, im Stil der bisherigen Partisanen-
bekämpfung durchgeführt werden. Auch diese Operation, bei der das »Pz.
AOK 2« 1 7 9 inklusive der »Prinz Eugen« unter Hinzuziehung der 1. Geb.
Div., einer Sturmgeschütz-Brigade und eines Fallschirmjäger-Bataillons die
Aufgabe erhalten hatte, die Partisanen Titos in Montenegro zu zerschlagen
(vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 682), erreichte letztendlich nicht ihr Ziel. Es ge-
lang zwar das Eindringen der Tito-Verbände nach Serbien momentan
zu verhindern, nach der Einschätzung des Wehrmachtsführungsstabs war
Titos Aufmarsch aber nur verzögert und nicht dauerhaft vereitelt worden
(vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 684).
Die Operation »Rübezahl« wurde durch ein Ereignis beendet, das der
Anfang vom Ende des bisherigen Balkankrieges war. Am 22. August 1944
stellte Rumänien die Kampfhandlungen gegen die Sowjetunion ein, und
die Rote Armee konnte ohne Widerstand durch Rumänien in Richtung Bul-
garien vorrücken. Nach dem »Abfall Rumäniens« wurde die 1. Geb. Div.
von dem Einsatz gegen die Partisanen zurückgezogen und in den Raum
Nisch verlegt (vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 684). Wenige Tage später beendete
auch die 7. SS-Division »Prinz Eugen« ihren Kampf gegen die Partisanen

// 291
III Die B a n a t e r S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Bild 1 1 »SS-Gebirgsjäger und albanische Freiwillige im Kampf gegen bolschewi-


stische Banden in den Bergen Bosniens und Albaniens. SS-Männer in einem
Gehöft in den albanischen Bergen. Eine Frau beteuert ihnen gegenüber, dass sie
mit den bolschewistischen Banden nichts zu tun habe. Grösste Vorsicht ist den
Soldaten dabei geboten, denn der Feind kämpft mit aller Hinterlist und Tücke«
(Untertitel zum Foto September 1944, Bayerische Staatsbibliothek). Der vordere
Soldat trägt auf seinem rechten Kragenspiegel die »Odalsrune« und auf dem
rechten Oberarm das »Edelweiss«. Dies weist ihn als einen Volksdeutschen
Gebirgsjäger der SS-Division »Prinz Eugen« aus. Rechts von ihm ein reichsdeut-
sches SS-Mitglied mit den klassischen SS-Runen auf dem rechten Kragenspiegel.

und w u r d e als Armeereserve an der Grenze n a c h Serbien bereitgestellt (vgl.


ebd. 685). S c h o n w ä h r e n d der Operation »Rübezahl« waren die an der ser-
b i s c h e n Grenze eingesetzten bulgarischen Truppen durch ihre Passivität
aufgefallen (vgl. ebd. 684). Als dann am 7. S e p t e m b e r 1944 a u c h n o c h Bul-
garien dem Deutschen R e i c h den Krieg erklärte und bulgarische Einheiten
deutsche Verbände angriffen, wurde für die 7. S S - D i v i s i o n der W e c h s e l

// 292
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

vom Partisanenkrieg zum Krieg gegen reguläre Formationen, zum Krieg an


der Front, endgültig Wirklichkeit. Waren bisher die Partisanendivisionen
wenn möglich ausgewichen, suchten sie in den folgenden Monaten des
Krieges zusammen mit russischen und bulgarischen Divisionen das Ge-
fecht mit den deutschen Truppen (vgl. ebd. 697).
Der Abfall Rumäniens und Bulgariens änderte auch für die deutsch-
sprachige Bevölkerung alles. Innerhalb weniger Tage wurden dabei das bis-
her ruhige Banat und die Batschka zu besonders gefährdeten Gebieten. Die
Evakuierung der Volksdeutschen Kroatiens konnte noch nach Plan durch-
geführt und bis Ende Oktober im Wesentlichen abgeschlossen werden (vgl.
Dokumentation Bd.5, 87E). In einer Sitzung der für die Evakuierung zu-
ständigen Dienststellen, die vom 3. bis 5. Oktober 1944 in Esseg stattgefun-
den hatte, waren die notwendigen Schritte vorbereitet worden. Die Eintei-
lung der Volksdeutschen Bevölkerung erfolgte in zwei Gruppen: Die zuerst
zu evakuierende Gruppe 1 umfasste neben Frauen mit Kleinkindern und
Kranken noch die Angehörigen von Mitgliedern der Wehrmacht, SS und
Polizei. Die Gruppe 2 umfasste alle anderen Volksdeutschen Zivilisten (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 405/2828 Dok. Bl9). Im Gegensatz zu Kroatien scheiterte die
Evakuierung im Banat völlig. Auch dort waren genaue Evakuierungspläne
ausgearbeitet worden. Der Vormarsch der Roten Armee und der mit ihr jetzt
verbündeten rumänischen und bulgarischen Truppen erfolgte aber so
schnell, dass schon am 8. Oktober 1944 der »Höhere S S - und Polizeiführer«
(HSSPF) in Belgrad, Behrends, an Himmler telegrafieren musste, dass kei-
ne weiteren Trecks aus dem Banat mehr möglich seien. Von den letzten
Trecks aus der Gegend um Belgrad konnten noch die Menschen »gerettet«
werden, während Wagen und Gerät zurückbleiben mussten (vgl. BA:
NS19/3809). Nach Schätzungen wurden in Kroatien fast alle, in der Batsch-
ka und der Baranja etwa die Hälfte, im Banat hingegen nur etwa 1 0 % der
Volksdeutschen evakuiert (Dokumentation Bd.5, 88 E).
Wie Janko später schrieb, hatte er sich im Oktober 1944, noch bevor die
Rote Armee das Banat erreichte, zuerst erfolgreich für eine Verlegung der
»Prinz Eugen« ins Banat eingesetzt. Folgt man Janko, so war es nur auf den
überraschenden Vorstoß der Roten Armee auf Bulgarien zurückzuführen,
dass sie dann in der Nähe von Nisch und nicht in ihrer Heimat eingesetzt
wurde (vgl. Janko 1982, 234). 1 8 0 Der »Prinz Eugen« kam dann in dieser letz-
ten Phase des Krieges die Aufgabe zu, zusammen mit allen anderen ver-
fügbaren deutschen Einheiten den Rückzug der Heeresgruppe E von Grie-
chenland nach Kroatien zu decken (vgl. ebd. 812). Ihren ersten Fronteinsatz

// 293
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

in der Nähe von N i s c h »bestand« die Division unter h o h e n Verlusten gegen


bulgarische Truppen (vgl. ebd. 718). Im W e h r m a c h t s b e r i c h t v o m 10. Okto-
ber 1944 heißt es:
»Bei den erbitterten Kämpfen in Ostserbien haben sich die 1. Gebirgsdi-
vision ... und die 7. SS-Gebirgsdivision »Prinz Eugen« unter der Füh-
rung des Eichenlaubträgers Oberführer Kumm in schwierigstem Gelände
durch vorbildliche Standhaftigkeit und schwungvollen Angriffsgeist
besonders ausgezeichnet« (Zitiert nach Krätschmer 1982, 978).

Am 20. November 1944 schickte die V O M I e i n e n v o m »Gebietsausschuss


der Nationalen Befreiung S l a w o n i e n s « veröffentlichten Aufruf zur Kennt-
n i s n a h m e n a c h Berlin zum AA. Der Aufruf wirkt, in Anbetracht der Ent-
schlossenheit, mit der sich die Volksdeutsche S S - D i v i s i o n n o c h i m m e r ein-
setzte, hilflos u n d klarsichtig zugleich. Er lautete in Auszügen:
»Volksdeutsche Soldaten! Der Krieg, in den Hitler das deutsche Volk
gestürzt, hat ist verloren! ... Dem deutschen Volke droht eine Katastro-
phe, wenn es sich nicht rechtzeitig gegen seinen Unterdrücker Hitler
erhebt. DER DEUTSCHEN MINDERHEIT IN KROATIEN ABER
DROHT VÖLLIGE VERNICHTUNG, WENN SIE SICH NICHT
NOCH RASCH B E S I N N T ! Jahrhundertelang habt ihr friedlich unter
Euren slawischen Nachbarn gelebt und besser als die Bauern im Reich.
Als Hitler unser Land unterjochte, erhoben wir uns, um unsere Heimat
gegen den landfremden Eindringling zu verteidigen. Ihr aber wurdet von
Hitler als Stoßtrupp gegen uns eingesetzt. IN ZWÖLFTER STUNDE
B I E T E T SICH EUCH NOCH EINMAL EIN WEG ZUR RETTUNG!
... SCHON KÄMPFEN DIE B E S T E N SÖHNE DER DEUTSCHEN
MINDERHEIT IN UNSERER PARTISANENEINHEIT »FREIES
DEUTSCHLAND« ZUR VERTEIDIGUNG UNSERER GEMEINSA-
MEN HEIMAT! FOLGT DIESEM B E I S P I E L ! ... Solange der Kampf
dauert, könnt ihr zurück. Nachher nicht, denn die Früchte des Sieges
werden diejenigen ernten, die Hitler vertrieben [haben]« (PA/AA: Inl. Ilg
254/2427 Dok. J12; Hervh. v. Verf.).

Der Aufruf enthält gleichzeitig eine Drohung und ein Angebot: Der
deutschsprachigen Bevölkerung droht die sichere Vernichtung, w e n n sie
sich weiter als »Stoßtrupp« des D e u t s c h e n R e i c h s einsetzen lässt, denn ei-
ne Zukunft in Jugoslawien bietet s i c h nur denjenigen an, die auf der Seite
der Partisanen gekämpft haben. Der für die »Rettung« notwendige Wechsel
von der Seite des Deutschen R e i c h s an die Seite der Partisanen wird als ein
»zurück« beschrieben. Dabei unterscheidet der Aufruf z w i s c h e n dem Eth-
n i s c h e n , d e m F a c e - t o - F a c e - Z u s a m m e n l e b e n mit den »slawischen Nach-

// 294
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

barn« und der »gemeinsamen Heimat« als dem »Eigentlichen« und dem
Nationalen, dem »deutschen Volk«, »Hitler« und den »landfremden Ein-
dringlingen« als einer schrecklichen und schuldhaften, aber dennoch revi-
dierbaren Entwicklung. Dass es für die »Besinnung« schon spät - »in zwölf-
ter Stunde« - war und »rasch« gehandelt werden musste, macht ein fast
zeitgleich erschienener Artikel in der Politika deutlich.
Am 24. Dezember 1944 schickte der Vertreter des AA b e i m OB Südost,
Ritter, ein S c h r e i b e n ans AA n a c h Berlin. Es enthielt e i n e n Artikel der Bel-
grader Zeitung Politika v o m 24. November 1944 (vgl. P A / A A : Inl. Ilg.
254/2427 Dok. J l 9 ) . Kurz vorher, am 21. November 1944, war ein B e s c h l u s s
des »Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens« (AVNOJ)
über die Zukunft der Volksdeutschen gefällt worden (vgl. Dokumentation
Bd.5, 103E), so dass davon auszugehen ist, dass sich der Artikel auf Anga-
ben der AVNOJ stützt.

»Durch Einfluss der nationalsozialistischen Lehre betrachteten sich die


Deutschen Jugoslawiens vor Ausbruch des Krieges als deutsche Staatsan-
gehörige und in ihrer feindlichen Haltung gegenüber unserem Volke
waren sie mit den Deutschen aus dem Reiche solidarisch ... Schon am
6.4.1941, am ersten Tage des Krieges, stellte sich die gesamte dt. Minder-
heit der Wehrmacht des Dritten Reichs zur Verfügung, um gegen den
Staat, in dem es lebte, zu kämpfen. Der Kulturbund hatte sich über Nacht
in eine polit. Organisation der Volksdeutschen verwandelt... Wer
könnte die unzähligen Sabotageakte, den Verrat und die Denunziationen,
die die Deutschen aus Jugoslawien während der schweren Tage in
Jugoslawien verübten, aufzählen? Wer würde die Plünderungen, Morde,
Schlägereien und das Erhängen anführen können, die von ihnen an
unserem Volke seit April 1941 begangen wurden ... man könnte ein
dickes Buch schreiben, voll von Missetaten, Leid und Elend. Und was
sollen wir über die Prinz Eugen Div. sagen? Sie wurde aus Volksdeut-
schen des Banats zusammengestellt und zog im Verlaufe von 3 Jahren
brandstiftend, zerstörend und mordend durch Serbien, Herzegowina
und Montenegro« (PA/AA: Inl. Ilg 254/2427; Hervh. v. Verf.).

Der Artikel enthält einerseits eine Beurteilung der Rolle der deutschen
Volksgruppe als »Hitlers Stoßtrupp«, welcher der Verfasser nach Bearbei-
tung aller vorliegenden Dokumente nicht widersprechen kann. Gleichzei-
tig wird aber von der »gesamten deutschen Minderheit« gesprochen, die
sich »der Wehrmacht des Dritten Reichs zur Verfügung« gestellt habe. Die
wenigen deutschen Partisanen bleiben unerwähnt. Es kündigt sich also in
Ansätzen eine kollektive Verurteilung der deutschsprachigen Bevölkerung
Jugoslawiens an. Darüber hinaus lässt sich erahnen, dass diejenigen Mit-

// 295
III Die Banater S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

glieder der »Prinz Eugen«, die in jugoslawische Kriegsgefangenschaft ge-


hen würden, wegen der von der Division begangenen Verbrechen das
Schlimmste zu erwarten hatten. Es versteht sich aus der aufgezeigten Dy-
namik ethnischer Konflikte von selbst, dass kollektive Verurteilungen, be-
sonders wenn sie nach ethnischen Prinzipien vorgenommen werden,
grundsätzlich neues Unrecht beinhalten. Dieses Unrecht kann zum einen
als »archaische Strafe« (Moser 1992) aufgefasst und dadurch die eigene
Schuld gleichsam als abgegolten betrachtet werden. Zum anderen aber
schränkt die damit verbundene Trauer die Fähigkeit, Verantwortung für die
eigenen Verbrechen zu übernehmen, ein. Noch wichtiger ist aber in diesem
Zusammenhang, dass das erlittene Unrecht - aufgehoben im kollektiven
Gedächtnis der Ethnien in Form auserwählter Traumata - wieder als Basis
für neue Konflikte missbraucht werden kann.
Zusammengenommen spiegeln der Aufruf des Gebietsausschusses zur
Befreiung Slawoniens und der Artikel der Politika die Situation der
deutschsprachigen Bevölkerung Jugoslawiens wider. Während nur wenige
ihrer Mitglieder an der Befreiung Jugoslawiens teilnahmen und so eine
kleine Chance auf eine donauschwäbische Zukunft aufrechterhielten,
kämpfte eine große Anzahl, kämpfte die »Prinz Eugen«, weiter verbissen ei-
nen längst verlorenen Krieg und besiegelte so endgültig das Schicksal der
Mehrheit der donauschwäbischen Bevölkerung in Jugoslawien.

Nachdem Mitte Januar 1945 die letzten Einheiten der Heeresgruppe E die
kroatische Grenze überschritten hatten (vgl. OKW 1944-45 Tb. I, 812), wur-
de die »Prinz Eugen« noch ein letztes Mal, am 19. Januar 1945, wegen ihrer
Leistungen bei den Rückzugsgefechten im Wehrmachtsbericht hervorgeho-
ben (vgl. Krätschmer 1982, 980). Ab dem 20. Januar 1945 übernahm Schmid-
huber die Division181 und führte sie in weiteren schweren Kämpfen bis an
die österreichische Grenze, wo sie am 12. Mai 1945 die Waffen niederlegte.
Während es einem Teil der Mitglieder der Division gelang, sich abzusetzen,
kam die Mehrheit in jugoslawische Kriegsgefangenschaft.
Abschließend zeigen die Einschätzungen zweier Generäle der deut-
schen Wehrmacht beziehungsweise der Waffen-SS die Bedeutung der Di-
vision »Prinz Eugen« für den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. So schrieb
der Chef des Generalstabes der Heeresgruppe E, Schmidt-Richberg, im Nach-
hinein über die Volksdeutschen in der Division:
»Oft standen Vater und Sohn in derselben Formation. Was diesen Män-
nern an gediegener Friedensausbildung fehlte, ersetzten sie durch

// 296
Die 7. SS-Gebirgsjägerdivision »Prinz Eugen«

Unerschrockenheit und Manneshärte. In der Kenntnis des Wesens und


der Kampfesweise des Feindes waren sie allen übrigen Deutschen
überlegen. Sie waren deshalb bei ihren Gegnern gefürchtet... Wie hier
bei der Behauptung der Ostflanke von Kraljevo [im Oktober 1944] erwies
sich auch in Zukunft die Division als zuverlässige Stütze der Führung in
den nun sich ständig wiederholenden Krisen« (Schmidt-
Richberg 1955, 52).

Laut Urteil des SS-Oberstgruppenführers Paul Hausser wuchs die »Prinz


Eugen«
»sich immer mehr zur letzten Eingreiftruppe der Heeresgruppe aus, die
immer wieder die Lage bereinigen musste. Wenn überall der Wert der
Truppe sank: hier war es anders! Die Deutschen aus dem serbischen
Banat sahen die Lage klarer. Sie wussten, was ihnen bevorstand. Aber
auch die Führung hatte an den Erfolgen besonderen Anteil... Die
Division »Prinz Eugen« ist Rückhalt und Vorbild im Kampfraum gewe-
sen. Ihr Ausharren und Opfermut haben viel zur glücklichen Rückkehr
zahlreicher Verbände beigetragen« (Hausser 1953, 171 f).

In b e i d e n B e i s p i e l e n werden die Leistungen der »Prinz Eugen« auf die be-


sondere Einstellung ihrer Volksdeutschen Mitglieder zurückgeführt. 1 8 2
Weil sie als D o n a u s c h w a b e n u n d jahrhundertelange Nachbarn die anderen
e t h n i s c h e n Gruppen kannten, waren sie so konsequent in deren Bekämp-
fung. W ä h r e n d alle anderen am Krieg beteiligten Bevölkerungsgruppen
den K a m p f gegen Titos Verbände mit z u n e h m e n d e m Kriegsverlauf ein-
stellten, 1 8 3 kämpfte die 7. S S - D i v i s i o n n o c h , als es keine Heimat der Volks-
deutschen m e h r zu verteidigen gab. Im Januar 1945 vermerkte der Oberbe-
fehlshaber Südost (Heeresgruppe F) im Kriegstagebuch n o c h einmal mit
der ganzen n a t i o n a l i s t i s c h e n Überheblichkeit:
»Letzten Endes ruht die ganze Last des pausenlosen Kampfes auf dem
deutschen Menschen. Nur wo er steht, kommt kein Feind durch, nur wo
er angreift wird das Ziel erreicht; nur wo er mitarbeitet, wächst auch das
Werk fremder Hände (OKW 1944-45 Tb.I, 814).

// 297
III Die B a n a t e r S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

4
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien

Die mit dem Rückzug der d e u t s c h e n Truppen einhergehende Eva-


kuierung u n d F l u c h t der deutschsprachigen Zivilbevölkerung war ein letz-
ter A u s d r u c k ihrer Entfremdung von den anderen e t h n i s c h e n Gruppen Ju-
goslawiens. Die zur Evakuierung ergriffenen M a ß n a h m e n waren innerhalb
der d e u t s c h e n S t e l l e n durchaus umstritten. W ä h r e n d Wagner v o m AA u n d
a u c h Legationsrat R e i c h e l im S e p t e m b e r 1944 für die Evakuierung der ge-
samten deutschsprachigen Bevölkerung waren, w e i l ihrer M e i n u n g n a c h
der d e u t s c h e n Volksgruppe bei e i n e m Rückzug der d e u t s c h e n Truppen in
Jugoslawien die »völlige Vernichtung« (vgl. P A / A A : Inl. Ilg 2 5 5 / 2 4 2 9 Dok.
L5-8) drohe, wollte K a s c h e sich

»nicht vorbehaltlos dem Abtransportgedanken anschließen, [da] verlas-


sener Boden verloren [ist]. Geschichte beweist, dass wohl in ähnlicher
Lage Verluste eintreten, aber Raum behauptet werden kann« (ebd. Dok.
E025284).

Einerseits entsprach die Evakuierung der e t h n i s c h begründeten Angst der


M e h r h e i t der Volksdeutschen, keine Zukunft in Jugoslawien zu haben. An-
dererseits k a n n davon ausgegangen werden, dass gerade diejenigen Do-
n a u s c h w a b e n , die individuell weniger Grund hatten, die R a c h e der Parti-
s a n e n zu fürchten, mit dem Verlassen ihrer Heimat zögerten. Nach Anga-
b e n in der Dokumentation waren bei Kriegsende n o c h ungefähr 200 000
D o n a u s c h w a b e n - davon ein Großteil Banater S c h w a b e n - in Jugoslawien
zurückgeblieben (vgl. Dokumentation Bd.5, 89E). W ä h r e n d es in der ersten
Zeit n a c h d e m Abzug der d e u t s c h e n Truppen zu spontanen Racheakten an
der deutschsprachigen Bevölkerung kam, setzte eine gezielte Verfolgung
erst mit der offiziellen Ü b e r n a h m e der Verwaltung durch die Partisanen ein
(vgl. ebd. 9 l E ) . Was s i c h in dem Flugblatt des »Gebietsausschusses der Na-
t i o n a l e n Befreiung S l a w o n i e n s « u n d in dem Artikel der Politika bereits
angedeutet hatte, wurde für die M e h r h e i t der D o n a u s c h w a b e n n u n zur
Wirklichkeit. Fast alle anderen e t h n i s c h e n Gruppen hatten durch ihre Teil-
n a h m e am Befreiungskrieg ein Existenzrecht im n e u e n Staat erworben. 1 8 4
Dies führte dazu, dass die A b r e c h n u n g der k o m m u n i s t i s c h e n Partisanen
mit ihren Gegnern weniger entlang e t h n i s c h e r Grenzen, sondern m e h r
nach p o l i t i s c h e n Differenzen verlief. K a t h o l i s c h e Ustascha-Mitglieder,
m u s l i m i s c h e S S - A n g e h ö r i g e , serbische Tschetniks, s l o w e n i s c h e »Weißgar-

// 298
Das Ende der deutschen Volksgruppe in Jugoslawien

disten« w u r d e n von kroatischen, serbischen, s l o w e n i s c h e n u n d bosni-


s c h e n Partisanen abgeurteilt (vgl. S u n d h a u s s e n 1993, 93). A u c h bei der Ab-
rechnung mit dem ehemaligen Gegner kam es von Seiten der Partisanen in
großem A u s m a ß zu Grausamkeiten u n d M a s s e n h i n r i c h t u n g e n , die die
Schonungslosigkeit des vergangenen Krieges fortsetzten. 1 8 5 Wegen der
m u l t i e t h n i s c h e n Zusammensetzung der Partisanen Titos k o n n t e sich bei
dieser A b r e c h n u n g aber nie die »Phantasmagorie der Reinheit« in Totalität
mit den mit ihr v e r b u n d e n e n K o n s e q u e n z e n ethnischer Säuberungen u n d
Vertreibungen entfalten. 1 8 6
Wie gezeigt w e r d e n konnte, war die überwiegende Mehrheit der
deutschsprachigen Bevölkerung eine wichtige Stütze der d e u t s c h e n Besat-
zungsherrschaft gewesen. Diese Tatsache w e n d e t e s i c h n u n a u c h gegen die-
jenigen D o n a u s c h w a b e n , die vielleicht nur widerwillig oder sogar ge-
zwungen, an der Unterdrückung ihrer anderssprachigen Nachbarn teil-
g e n o m m e n hatten. Zwar differenzierte der neue j u g o s l a w i s c h e Staat in
Bezug auf die Volksdeutsche Bevölkerung, sodass sich a u c h in diesem Zu-
s a m m e n h a n g der hellsichtige Aufruf der Volksbefreiungsfront S l a w o n i e n s
b e w a h r h e i t e n sollte: Laut B e s c h l u s s des »Antifaschistischen Rates der
Volksbefreiung Jugoslawiens« (AVNOJ) v o m 21. November 1944 sollten
von den M a ß n a h m e n der Internierung, Deportation und Enteignung ex-
plizit nur j e n e Volksdeutschen a u s g e n o m m e n werden, die entweder

»1. aktiv am Partisanenkampf teilgenommen oder in der >Volksbefrei-


ungsbewegimg< mitgewirkt hatten; 2. vor dem Kriege assimiliert und
während der Besatzungszeit ... [nicht] als Angehörige der verschiedenen
deutschen Volksgruppen aufgetreten waren;... 4. eine Ehe mit einem
Angehörigen der südslawischen Völker oder anerkannten Minderheiten
geschlossen hatten...« (Zitiert nach Dokumentation Bd.5, 103E). 1 8 7

Allerdings war die Zahl der Volksdeutschen Partisanen u n d ihrer Unter-


stützer so gering u n d die Mitgliedschaft in der Volksgruppe so u m f a s s e n d
gewesen, dass nur wenige Volksdeutsche von Repressionen a u s g e n o m m e n
wurden. V i e l m e h r entluden sich gegenüber der d o n a u s c h w ä b i s c h e n Be-
völkerung die aufgestauten Vergeltungsbedürfnisse n a c h vier Jahren deut-
scher Besatzungsherrschaft. Wie hatte der Volksgruppenführer S e p p Janko
n o c h 1943 gesagt:
»Das deutsche Volk im Reich hat freudigen Herzens von unserem Dasein
Kenntnis genommen und uns wieder in seine Gemeinschaft aufgenom-
men, und unsere Gegner haben uns als Deutsche kennengelernt«
(PA/AA: Inl. IIc 32/153 R100380; Hervh. v. Verf.).

// 299
III Die B a n a t e r S c h w a b e n von 1 9 4 1 - 1 9 4 5

Was zur Zeit der deutschen Erfolge n o c h w i e eine positive Verheißung ge-
klungen hatte, verwandelte s i c h im N a c h h i n e i n in das Gegenteil. Die
deutschsprachige Bevölkerung w u r d e nun nicht, w i e es 1943 in B i h a c über
die anderen e t h n i s c h e n Gruppen geheißen hatte, als eines der »Völker« Ju-
goslawiens oder als eine anerkannte Minderheit angesehen, sondern als
fremde Deutsche behandelt. Dabei n a h m die Vergeltung des n e u e n jugosla-
w i s c h e n Staates an den D o n a u s c h w a b e n F o r m e n e t h n i s c h e r Säuberungen
an. Zwar w u r d e n in erster L i n i e Mitglieder der »Prinz Eugen«, Verwal-
tungsbeamte und Aktivisten der d e u t s c h e n Volksgruppe z u m Ziel von Ver-
g e l t u n g s m a ß n a h m e n (vgl. Dokumentation 91E). Z u n e h m e n d waren aber
a u c h alle Mitglieder der ehemaligen deutschen Volksgruppe Jugoslawiens
potenziell bedroht, M i s s h a n d l u n g e n , Verhaftungen und w a h l l o s e n Tötun-
gen zum Opfer zu fallen (vgl. ebd. 92E). 1 8 8 S c h o n im November 1944 war die
deutschsprachige Bevölkerung der Banater Städte auf Lager in den Nach-
bardörfern verteilt worden (vgl. ebd. 92E). Aus den Lagern heraus wurden
die arbeitsfähigen Volksdeutschen bereits w ä h r e n d des Rückzugs der deut-
s c h e n Truppen für Zwangsarbeiten in Jugoslawien rekrutiert (vgl. ebd.
93E). Darüber hinaus fand von Dezember 1944 bis Januar 1945 die Deporta-
tion von ungefähr 27 000 bis 30 000 Volksdeutschen in die S o w j e t u n i o n ,
ebenfalls zum Z w e c k der Zwangsarbeit, statt (vgl. ebd. 96E). Bis zum
März/April 1945 wurde die Einlieferung der Volksdeutschen in Lager weit-
gehend ausgebaut, sodass dann das Leben der deutschsprachigen Bevöl-
kerung Jugoslawiens fast nur n o c h in Lagern - unter u n z u r e i c h e n d e r Er-
nährung u n d einer h o h e n Sterblichkeitsrate - stattfand (vgl. ebd. 108E und
93E). Parallel zur Internierung w u r d e n sowohl z u r ü c k k e h r e n d e Volksdeut-
s c h e Flüchtlinge, als auch vormals in die S o w j e t u n i o n Deportierte n o c h an
der Grenze zurückgewiesen u n d n i c h t m e h r n a c h Jugoslawien gelassen
(vgl. ebd. 101E). In dem bereits zitierten Artikel der Politika v o m 24. No-
vember 1944 war auch die Regelung des Volksdeutschen Eigentums be-
nannt worden:

»Wie man sieht, ist die Frage der Beschlagnahme des feindlichen Vermö-
gens des Deutschen Reiches und der Deutschen, die sich in unserem
Lande befinden, endgültig und kompromisslos geregelt. Jedenfalls ist
dies nur ein geringer Teil des Schadensersatzes, welchen unser Staat von
Deutschland und vom deutschen Volke für alle Zerstörungen und Unta-
ten, die in diesem Kriege entstanden, fordert. Dabei wurde kein Unter-
schied zwischen Staats- und Privatvermögen gemacht, gerade wie die
Deutschen bei Vernichtung und Plünderung unseres Landes Privat- vom
Staatseigentum nicht trennten« (PA/AA: Inl. Ilg 254/2427 Dok. 19).

// 300
Anmerkungen zu Kapitel III

A u f b a u e n d auf dem frühen B e s c h l u s s aus dem Jahre 1944 w u r d e dann


im August 1945 fast der gesamte Besitz der Volksdeutschen d e m »Boden-
fonds« der »Agrarreform« Jugoslawiens zugewiesen. Dabei sollte das ehe-
mals Volksdeutsche Eigentum bevorzugt an Partisanen verteilt werden (vgl.
Dokumentation Bd.5, 103E). Nach dem n e u e n Staatsangehörigkeitsgesetz,
ebenfalls v o m August 1945, konnte denjenigen Volksdeutschen, die die Be-
satzungsherrschaft unterstützt hatten, die Staatsangehörigkeit aberkannt
werden, o h n e dass aber eine »Kollektivausbürgerung« w i e in anderen Län-
dern Ost-, Mittel- u n d Südosteuropas durchgeführt w u r d e (vgl. Dokumen-
tation Bd.5, 104f). O b w o h l die j u g o s l a w i s c h e Zivilbevölkerung s i c h gegen-
über den Volksdeutschen insgesamt w o h l w o l l e n d verhielt (vgl. ebd. 110E)
u n d ab 1948 die Lager z u n e h m e n d aufgelöst wurden (vgl. ebd. 114Eff), war
eine Anknüpfung an das alte d o n a u s c h w ä b i s c h e Leben n i c h t m e h r mög-
lich. Im Verlauf der folgenden Jahre n a h m die Zahl der ausreisewilligen
Volksdeutschen weiter zu, u n d ihre überwiegende M e h r h e i t wanderte, mit
Billigung der j u g o s l a w i s c h e n Regierung, in die BRD aus. 1 8 9 250 Jahre n a c h
dem Eintreffen der ersten deutschsprachigen Siedler im Banat u n d den an-
deren Gebieten Jugoslawiens kann von einer d o n a u s c h w ä b i s c h e n Lebens-
weise, von d o n a u s c h w ä b i s c h e n E t h n i e n in Jugoslawien n i c h t m e h r ge-
s p r o c h e n werden.

Anmerkungen zum Kapitel III

1 Die Abkürzungen stehen für: PA, Politisches Archiv; AA, Auswärtiges Amt.
2 Im gleichen Schreiben beschwert sich Berger bei Himmler über die mangelnde Bereitschaft
des AA, diesbezüglich mit der SS und dem SD zusammenzuarbeiten (vgl. BA: NS 19/2802
Dok 1).
3 In der Mappe, die Triska übergeben wurde, fanden sich weitere Lageberichte, u.a. auch von
Jakob Lichtenberger, der, wie bereits in der Arbeit gezeigt, einer der ersten Aktivisten der
Volksgruppe war, der eine SS-Ausbildung erhielt (PA/AA, Inl. Ilg 251/2419, Dok. H297364).
4 Die blutigen Übergriffe gegen die serbische Bevölkerung setzten sich nicht nur in Kroatien
weiter fort. Unter Berufung auf regierungsamtliche ungarische Stellen berichtete der SD an
das Auswärtige Amt am 25. 2.1942, dass es auch in der Batschka noch Anfang 1942 zu Mas-
sakern seitens des ungarischen Militärs und der ungarischen Zivilbevölkerung an serbi-
schen Zivilisten, auch Frauen und Kindern, kam (vgl. PA/AA, Inl. Ilg, 253/2423, H301021).
Siehe hierzu auch verschiedene Berichte von Volksdeutschen (vgl. ebd. H296615ff).
5 Wenn die Quellenangabe sich auf unnummerierte Dokumente auf Mikrofichen bezieht,
wird wenn möglich zur näheren Angabe ihre Stellung im üblichen Koordinatensystem der
Mikrofiche-Leseapparate angegeben, z.B. D17.
6 Der Volksgruppenführer Dr. Janko befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in Berlin und wur-
de dort von Hitler und Himmler über die Teilungspläne Jugoslawiens informiert (vgl. Ham-
burger Institut 1999, 151).

// 301
Anmerkungen zu Kapitel III

7 In dem Bericht eines Volksdeutschen über ungarische Verbrechen an serbischen Zivilisten


vom 3. 2. 1942 heißt es: »Einen einzigen verdächtigen Juden gibt es in unserer Gasse und
dem ist nichts geschehen« (PA/AA: Inl. Ilg. 402/2817 Dok. H296620).
8 Die Zahlenangaben über die Stärke der jüdischen Bevölkerung im Banat schwanken, da
nach der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten in Deutschland und Österreich eine
Fluchtbewegung einsetzte, die die demografischen Verhältnisse veränderte. So schreibt
Lustiger (1994, 375), dass Jugoslawien zwischen 1933 und 1941 »... 60 000 Flüchtlingen
aus von Deutschland beherrschten Gebieten Asyl [gewährte]«. Laut den in der Dokumen-
tation Bd.5 veröffentlichen Zahlen von 1931, »bearb. u. hrsg. von der Publikationsstelle
Wien 1943«, lebten insgesamt ca. 28 000 Menschen jüdischen Glaubens im damaligen Ju-
goslawien und davon ca. 2000 im Banat (vgl. Dokumentation Bd.5, 11E). Markovic nennt
die Zahl von 7-10000 Juden, die 1941 im Banat lebten und dann in die KZs eingeliefert
wurden (vgl. Markovic 1945, 3 in Friedmann 2000). Hilberg beruft sich auf Originaldoku-
mente der Besatzungsbehörden, in denen von alleine ca. 8000 jüdischen Männern, die so-
fort 1941 in Serbien ermordet werden sollten, die Rede war (vgl. Hilberg 1990, 730ff). Ins-
gesamt gibt Hilberg die Zahl von 60 000 Todesfällen in Jugoslawien an (vgl. ebd. 1300).
9 In Hinsicht auf die Waffen-SS in Kroatien bietet Sundhaussen (1971) eine detaillierte
Untersuchung, die allerdings die Entwicklung im Banat weitgehend außer Acht lässt.
Auch der Einsatz der 7. SS-Division Prinz Eugen in Kroatien wird von Sundhaussen nur
kurz umrissen.
10 Aus einem Fernschreiben an den Gesandten von Rintelen vom 14.5.1941 über die Um-
siedlung der Slowenen aus der nun zum Reich gehörenden Südsteiermark und Kärnten er-
klärt sich die Beteiligung des Innenministeriums. Die Arbeitsteilung im Dritten Reich er-
gab, dass Angelegenheiten der den Reichsbehörden unterstellten Gebiete von innerdeut-
schen Behörden bearbeitet wurden, während sich das Auswärtige Amt nur dann ein-
schaltete, wenn auch andere Staaten betroffen waren (vgl. PA/AA: Inl. Ilg, 251/2420, Dok.
H296095).
11 Für die Banater Schwaben in Rumänien galt, wie der dortige Volksgruppenführer Andre-
as Schmidt im Februar 1941 verlauten ließ, dass sie auf Befehl des Führers in der rumäni-
schen Wehrmacht zu dienen hatten (vgl. Dokumentation Bd.3, 53E).
12 Die königstreuen Verbände des Draza Mihajlovic (D.M.) waren die von den Briten und
Amerikanern zuerst unterstützten Teile der Tschetnik-Verbände. Die Draza-Mihajlovic-Ein-
heiten bekämpften dabei sowohl die deutschen Besatzungstruppen als auch die von der
serbischen Regierung Nedic gebildete Serbische Staatswache und das Serbische Freiwilli-
gen-Korps. Die Nedic-Regierung war von den deutschen Besatzungsbehörden eingesetzt
worden, um den serbischen Widerstand weiter zu spalten. Ihre bewaffneten Verbände wa-
ren zahlenmäßig von geringer Bedeutung und wurden von den deutschen Besatzungsbe-
hörden zur Bekämpfung der Draza-Mihajlovic-Verbände geduldet. Alle Tschetnik-Verbän-
de kämpften in der Regel gegen die kommunistischen Partisanen unter Tito. Die Draza-Mi-
hajlovic-Bewegung geriet im weiteren Verlauf des Krieges immer mehr unter den Druck der
Tito-Partisanen, sodass es immer wieder zu einzelnen Waffenstillstandsabkommen zwi-
schen den Mihajlovic-Verbänden und deutschen Einheiten kam (vgl. Kriegstagebuch des
OKW 1944-45, Teilband I, 1982, 636 f. Im weiteren Verlauf der Arbeit nur noch: OKW
1944-45, Tb. u. S.).
Für den Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht verlor die Draza-Mihajlovic-Bewe-
gung zunehmend an Bedeutung, sodass ab der Konferenz von Teheran im November 1943
die angloamerikanische Unterstützung für den jugoslawischen Kampf voll zugunsten der
Einheiten Titos ging (vgl. Churchill 1996, 881). Für die deutsche Besatzungsmacht waren
die Tschetnik-Verbände auf der einen Seite durch ihre Feindschaft mit Tito hilfreich. Auf
der anderen Seite befürchtete das Oberkommando der Wehrmacht (OKW), dass bei einer

// 302
Anmerkungen zu Kapitel III

angloamerikanischen Landung auf dem Balkan alle Tschetnik-Verbände zum Feind über-
laufen würden (vgl. OKW 1944-45, Tb. I., 729).
13 Siehe Kapitel III/3.3 dieser Arbeit.
14 Der Begriff der »Waldgänger« oder des »In-den-Wald-Gehens« stammt noch aus der Zeit
der Kämpfe gegen die osmanischen Herrscher. Er steht für die Tradition der südslawischen
Bevölkerung, sich der Kontrolle der jeweiligen Fremdherrschaft durch den Rückzug in die
nur schwer zugänglichen Waldgebiete des Balkans zu entziehen und von dort aus gegebe-
nenfalls den Guerillakrieg zu führen.
15 Der bei der »Lösung der Judenfrage« in Serbien eingesetzte SS-Hauptsturmführer Abro-
meid (vgl. PA/AA: Inl. Ilg., 86/1955, Dok.. H300390) wurde dann ab August 1942 nach Kro-
atien versetzt, um am Transport der dortigen Juden nach Auschwitz mitzuwirken (vgl. ebd.
Dok. 300363 und 85/1952, Dok. H300481).
16 Insgesamt bietet Schlarp (1986) eine umfassende Analyse der wirtschaftlichen Bedeutung
Jugoslawiens für die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches, in deren Rahmen er auch die
Sonderstellung des Banats untersucht.
17 Laut Bericht des Gesandten Benzler vom 20.7.1942 befand sich unter allen leitenden Be-
amten des Banats, das galt für Kreis- und Bezirksvorsteher und deren Stellvertreter, nur
ein »einziger Serbe« (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 283/2500H6). Der ungarischen Volksgruppe wur-
den von 11 »Bezirksvorsteherstellen« 3 sowie die Stelle des stellvertretenden Kreisvorste-
hers im Banat zugestanden, wie dem Legationsrat Triska im August 1942 vorgelegt wurde
(vgl. ebd. 283/2501 Dok. E313674).
38 Janko (1982,198) erklärt diese Maßnahme mit der Unzuverlässigkeit der anderssprachigen
ethnischen Gruppen bei der Partisanenbekämpfung.
19 Juni 1942 hatte der ungarische Ministerpräsident dem »Führer« eine Note überreicht, in
der er sich über die Behandlung der ungarischen Bevölkerung im Banat beschwerte, die
sich eher wie die Serben schlecht behandelt als mit den verbündeten Deutschen gleich-
gestellt fühlte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 283/2501, Dok. E313678). Siehe auch das daraufhin
vom AA entworfene Memorandum vom August 1942, das versucht, das Gegenteil zu be-
weisen (vgl. ebd. 283/ 2499 Dok. K10), und die Auseinandersetzungen zwischen dem un-
garischen und deutschen Gesandten im Laufe des Jahres 1943 (vgl. PA/AA: Inl. Ilg.
283/249 7).
20 In Rahmen der vorliegenden Arbeit kann keine umfassende Darstellung der Ausbeutung
und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Kroatien und Serbien gegeben werden. Sie-
he hierzu Hilberg (1990), Manoschek (1998) und Friedmann (2000) oder auch, was die
wirtschaftspolitischen Aspekte der Arisierung betrifft, Schlarp (1986).
21 Auf einer späteren Besprechung 1943 wurde dieses Prinzip von der Volksgruppenführung
insofern konkretisiert, als dass darauf geachtet werden sollte, dass bei der Teilung der Ju-
denfelder, wie Janko erklärte, der Streubesitz an die Ungarn, zusammenhängende Grund-
stücke, die zur Errichtung von Bauernhöfen geeignet waren, aber an die Volksdeutschen
übergeben werden sollten (vgl. PA/AA: Inl. Ild., 26/3, R100614).
22 Der Brief Zwirners steht in Zusammenhang mit einer vorübergehenden Unterbrechung der
Arisierungen im November 1941, die auf außenpolitische Bedenken gegenüber Ungarn zu-
rückging (vgl. Schlarp 1986, 299).
23 Erst nach einer Intervention von SS-Brigadeführer Behrends wurde das Verbot wieder auf-
gehoben. Allerdings sollte auch weiterhin darauf geachtet werden, dass dies nur im Rah-
men der allgemein für die Volksdeutschen geltenden Bedingungen zur »Vermögensver-
besserung« geschehen würde (vgl. PA/AA: Inl. Ild 5/3 R100548). Trotzdem wurde Jakob
Awender wegen seiner persönlichen Bereicherung während der Arisierungen von Dr. Jan-
ko zur Rechenschaft gezogen. Alleine drei Mitglieder der Familie Awender hatten, folgt
man einer Erhebung vom 20.2.1942, über 10 % der zum Kauf von »Judenbesitz« von der

// 303
Anmerkungen zu Kapitel III

»Heimbaugenossenschaft« an insgesamt 64 Volksdeutsche vergebenen Kredite in An-


spruch genommen (PA/AA: Inl. Ild 19/2 R100587). Offensichtlich hatte Awender, durch-
aus auch wie manch andere Beteiligte, nicht begriffen, dass die Bereicherung am jü-
dischen Vermögen nur verwaltungstechnisch »ordentlich« und nicht spontan und indivi-
duell erlaubt war. Awender wurde im Oktober 1942 seiner Ämter enthoben und von der
VOMI für ein halbes Jahr nach Berlin geschickt, um dort näher mit den Grundsätzen und
Techniken der Deutschen Genossenschaftsarbeit vertraut gemacht zu werden (PA/AA: Inl.
IIc., 13/1, R100566).
24 Egger war vorher Landschatzwart gewesen (vgl. PA/AA: Inl. Ild 5/3 R100548). In seiner
neuen Funktion war er Nachfolger des abgesetzten Jakob Awender.
25 Eggert fasst die kriegswirtschaftlichen Leistungen zusammen und gibt, offensichtlich stolz
auf das Geleistete, einige zwar merkwürdige, aber doch auch beeindruckende Vergleiche.
So hätte alleine durch die Ausfuhren des Banats seit der Besetzung der Bedarf der gesam-
ten Reichsbevölkerung für 12 Tage mit Weizen und für 332 Tage mit Sonnenblumenöl ge-
deckt werden können.
26 Siehe hierzu auch den ebenfalls im Januar 1942 von Janko mitverfassten Bericht über die
Leistungen der Volksgruppe im Zuge der Partisanenbekämpfung (vgl. PA/AA: Inl. Ilg.
283/2499 Dok. H299911ff).
27 Im Vergleich zum Banat war die Situation in der Batschka nach wie vor sehr schwierig,
wie aus vielen Beschwerden von Volksdeutschen vom Juli 1942 hervorgeht (vgl. PA/AA:
Inl. Ilg. 283/2500 H8ff).
28 So antwortete Göring im Kreuzverhör durch den sowjetischen Ankläger Rudenko auf die
Frage, ob er mit der Theorie der Herrenrasse übereinstimme: »Ich habe nie mein Einver-
ständnis zum Ausdruck gebracht, daß ich eine Rasse über die andere als Herrenrasse be-
zeichne, aber die Verschiedenheit der Rassen betont« (Nürnberg IX, 718).
29 Während im Banat den Volksdeutschen Schulautonomie gewährt wurde, wurde im De-
zember 1942 in Serbien die Wiedereröffnung der nach der Besetzung Belgrads geschlosse-
nen Universität endgültig untersagt (BA: NS19/290 Dok. 2-21). Am 3. 8. 1943 drückte dann
der Gesandte Benzler seine Verstimmung darüber aus, dass es durch Beitritt zur ungari-
schen Volksgruppe im Banat serbischen Studenten möglich gemacht wurde, in Ungarn zu
studieren (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 283/2497 Dok. H299796f).
30 Berger war selbst ein Schwabe und hatte eine weitverbreitete Verwandtschaft in Südost-
europa (vgl. Wistrich 1983, 21). Bergers Schwiegersohn war der Volksgruppenführer der
Volksdeutschen in Rumänien, Andreas Schmidt (vgl. Stein 1967, 152).
31 Dass die Volksdeutschen Rekruten für die Waffen-SS von Berger bis zur Aufstellung der
»Prinz Eugen« rein quantitativ als Ersatz betrachtet wurden, wird auch aus seinen Zah-
lenspielereien deutlich. So philosophiert Berger in einem Schreiben an Heinrich Himm-
ler vom 7. 8. 1940 über Millionen Volksdeutsche in Nord- und Südamerika, die irgend-
wann der SS zur Verfügung stehen würden (vgl. BA: NS19/1711 Dok. 1-4).
32 Dieser erste Teil des hier zitierten Schriftstücks Eickes wurde bereits von Stein (1967, 172)
verwendet. Stein belegt seine Einschätzung, dass die Schlagkraft der Volksdeutschen SS-
Divisionen deutlich unter dem der reichsdeutschen gelegen habe, u.a. mit Hilfe dieser
Äußerungen Eickes. Dass Eickes Bemerkung über die schlechte körperliche Verfassung der
Volksdeutschen nicht verallgemeinert werden darf, wird aus einem Tätigkeitsbericht des
SS-Rekruten-Depots SS-Truppen-Übungsplatz Heidelager vom Mai 1943 deutlich. Dort
heißt es u.a.: »Mit Ausnahme der aus der Oberkrain stammenden und durch den Anschluß
dienstpflichtig gewordenen Volksdeutschen fielen diese Männer vor allem durch ihre
Dienstfreudigkeit auf ... Sprachmängel wurden überwunden ... Körperlich waren die
Volksdeutschen überlegen« (Prag: Karton 3, 10/kr.2. SS-Rekrutendepot Debica; Hervh. v.
Verf.).

// 304
Anmerkungen zu Kapitel III

Weitere Aspekte von Eickes Bericht werden von Stein nicht zitiert, da sie für dessen Ar-
gumentation nicht von Bedeutung waren. So entgeht Stein auch die Bedeutung, die Eickes
Einschätzung für die Rekrutierung der Volksdeutschen in Jugoslawien hatte. Stein geht
denn auch nicht auf die Tatsache ein, dass die 7. SS-Division »Prinz Eugen« in Bezug auf
ihre Kampfkraft den reichsdeutschen SS-Divisionen in keiner Weise nachstand (vgl. Haus-
ser 1953, 171) und unter den nach ethnischen bzw. nationalen Gesichtspunkten aufge-
stellten Volksdeutschen Divisionen eine Sonderstellung einnahm.
33 Sowohl Kumms als auch Michaelis Divisionsgeschichten bleiben hauptsächlich im Rah-
men einer Beschreibung der militärischen Ereignisse. Sie enthalten zwar eine Fülle von
Erinnerungen ehemaliger Divisionsangehöriger, die sich aber leider fast ausschließlich auf
Kampfbeschreibungen beschränken. Beide Divisionsgeschichten verklären das »soldati-
sche Heldentum«, ohne dabei wirklich auf Ursachen und Hintergründe einzugehen. Trotz-
dem verweisen beide auf die später noch genauer dargestellten Probleme zwischen
Reichs- und Volksdeutschen (Siehe Kapitel III/3.2.1 dieser Arbeit).
34 Peter Witte kommentiert die den Besuch betreffende Eintragung in Himmlers Dienstka-
lender so, dass Himmler Janko anwies, das Heimatschutzregiment aufzustellen (vgl. Ham-
burger Institut 1999, 256). Ob der Vorschlag wirklich von Janko selbst stammt oder letzt-
endlich auf einen Befehl Himmlers zurückgeht, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Der
weitere Verlauf der Ereignisse deutet allerdings darauf hin, dass die Entscheidung nicht
monokausal zustande gekommen ist, sondern auf verschiedenen Ansätzen beruht.
35 Da in Restserbien, einschließlich Belgrads, insgesamt nur ungefähr 13 000 Volksdeutsche
lebten (vgl. Dokumentation Bd.5, 59E), zielten die Anstrengungen des Deutschen Reichs
bei der Ausschöpfung der Wehrkraft der Volksdeutschen in den ihnen de facto unterse-
henden Gebieten des ehemaligen Jugoslawischen Königreichs fast ausschließlich auf das
Banat.
36 Die wenigen Volksdeutschen aus der Batschka, die in der »Prinz Eugen« dienten, dürften
von den Werbemaßnahmen im Banat stark beeinflusst gewesen sein. Die Batschka hatte bis
1941 zu Jugoslawien gehört. Wie gezeigt werden konnte, war die Situation der Volksdeut-
schen in der Batschka wesentlich ungünstiger als im Banat. Darüber hinaus kann davon
ausgegangen werden, dass es auch für die Volksdeutschen aus der Batschka verlockend
war, nicht an der Ostfront, sondern in der unmittelbaren Nähe ihrer Heimat eingesetzt zu
werden.
Böhm (1990) setzt sich gezielt mit den Ungarndeutschen in der Waffen-SS auseinander,
geht aber nicht speziell auf die wenigen in der »Prinz Eugen« dienenden Volksdeutschen
aus Ungarn ein.
37 Für die wenigen Volksdeutschen aus der Slowakei in der »Prinz Eugen« kann davon aus-
gegangen werden, dass sie aus vergleichbaren Gründen wie die rumänischen Volksdeut-
schen in der Division dienten. Ihre geringe Zahl rechtfertigt, dass im Rahmen der Arbeit
auf die spezifischen Bedingungen der Slowakei nicht eingegangen wird.
Zur Geschichte und Situation der Volksdeutschen in Rumänien und der Slowakei bieten
die verschiedenen Bände der vom Bundesministerium herausgegebenen Dokumentation
eine Fülle von Material. Ebenfalls muss in diesem Zusammenhang selbstverständlich auf
Schödls Land an der Donau verwiesen werden. Zur allgemeinen Problematik der Rumä-
niendeutschen in der Waffen-SS siehe auch die kontrovers diskutierte Magisterarbeit
Hans-Werner Schusters (1987).
38 In seinem Buch berichtet Janko (1982, 215) auch von dem Treffen mit Phleps Anfang 1942,
ebenfalls ohne ein genaues Datum anzugeben.
39 Ursprünglich hatte der Aufruf mit dem Satz: »Die deutsche Wehrmacht hat im Frühjahr
des vergangenen Jahres unsere Dörfer und Wohnstätten vom jugoslawischen Joch erlöst«
begonnen. Auf Anregung des Gesandten Jagow in Budapest war er aber noch vor der Be-

// 305
Anmerkungen zu Kapitel III

sprechung in Belgrad geändert worden, da sich, wie Jagow meinte, die Deutschen unter
der ungarischen Herrschaft mehr bedrückt fühlten als dies unter Jugoslawien der Fall war
(PA/AA: Inl. Ilg., 17d/1767, Dok. 129704).
40 Wie Phleps später, am 19.9.1942, schrieb, war ihm von »Berlin« in der Aufstellungsphase
untersagt worden, andere Volksdeutsche als aus dem Banat und Serbien in seine Division
einzustellen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 305/2563 Dok J19).
41 Die Aufgabe des Freiwilligkeitsprinzips zugunsten der Wehrpflicht bei der Waffen-SS ist
Gegenstand aller wichtigen Arbeiten über die Waffen-SS (vgl. u.a. Stein 1967, 153ff, Weg-
ner 1997, 273ff). So wichtig die Auseinandersetzung mit dieser Frage ist, sollte sie aber
nicht zu der falschen Annahme verleiten, dass sich Wehrpflichtige grundsätzlich weniger
mit ihren Aufgaben und Zielen identifizieren bzw. ihre Pflichten weniger konsequent er-
füllen als Freiwillige (vgl. Browning 1993; Goldhagen 1996).
42 In der vom Bundesministerium herausgegebenen Dokumentation ist eine Fülle von Er-
innerungen vertriebener Donauschwaben aus Jugoslawien gesammelt. Auf diese Weise
wurde viel dazu beigetragen, ein lebendiges Bild der damaligen Zeit zu bewahren. Aller-
dings muss in diesem Zusammenhang bemerkt werden, dass einerseits die befragten Do-
nauschwaben, nachdem sie mit dem Vorwurf, kollektiv an den Verbrechen des National-
sozialismus beteiligt gewesen zu sein, vertrieben worden waren, verständlicherweise
nicht frei über die Zeit der deutschen Besatzung Jugoslawiens sprechen konnten. Begei-
sterung über die Anfangszeit der deutschen Besatzung in Jugoslawien wird deswegen oft
nur vorsichtig geschildert und steht gegenüber Berichten über den von der SS ausgeübten
Zwang eher im Hintergrund. Andererseits liegt das Gewicht der Dokumentation eindeutig
auf dem Aspekt des durch Jugoslawien an den Donauschwaben begangenen Unrechts. So
steht die Zahl von zwölf Berichten aus der Zeit der deutschen Besatzung einer Zahl von
72 Berichten über Flucht, Vertreibung und Nachkriegsschicksal gegenüber, sodass ein ver-
zerrtes Bild über das Verhältnis des von beiden Seiten begangenen Unrechts entsteht (Der
Verfasser).
43 Trotz oder vielleicht auch wegen der starken Verwendung der Volksgruppe in den unter-
schiedlichsten Bereichen der deutschen Besatzungsmacht achtete die Volksgruppenfüh-
rung auf die Respektierung der ihnen zugesprochenen Befugnisse. Wie aus einem Schrift-
wechsel Ende 1942 zwischen dem AA und der VOMI hervorgeht, unterstützen beide Stel-
len die Volksgruppenführung darin, einen reichsdeutschen Rednereinsatz im Banat zu
verhindern. Der vom Wehrmachtbefehlshaber Südost beim Propagandaministerium bean-
tragte Rednereinsatz wurde daraufhin zurückgezogen. U.a. hieß es in einem Telegramm
vom 12. 11. 1942, dass auch laut Meinung des AA und der VOMI »... nur die Volksgrup-
penführung Trägerin einer solchen Veranstaltung sein könne« (PA/AA: Inl. Ilg 151/2130).
44 Mehr zur Person Viktor Brack und seinen Motiven, in der »Prinz Eugen« zu dienen, findet
sich im Kapitel III/3.3.3.
45 Siehe hierzu auch Kapitel III/3.3.2 dieser Arbeit.
46 In einem Aktenvermerk für den Gauamtsleiter Triska berichtet ein nicht näher genannter
Informant, dass besonders unter der männlichen Jugend Unmut über das Abkommen ent-
standen sei, da man ursprünglich davon ausgegangen war, eigene deutsche Abteilungen
zu bekommen, und nun mit den Kroaten zusammen dienen müsse (vgl. PA/AA: Inl. Ilg,
254/2426, Dok. H296686).
47 Weitere Berichte finden sich u.a. auch als Anlage zu einem Schreiben Rademachers an
Triska vom 13.8.1942 (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 402/2819 Dok. 219ff).
48 In einem Bericht des deutschen Polizeiattaches von Zagreb an das Reichssicherheits-
hauptamt vom 25.9.1942 wird der Verdacht geäußert, dass die Wut der serbischen Bevöl-
kerung durch die Ustascha gezielt auf die Volksdeutschen gelenkt worden sei. Die Usta-
scha hätte das Gerücht verbreitet, die Pogrome seien auf Befehl Deutschlands geschehen.

// 306
Anmerkungen zu Kapitel III

Selbst wenn der Verdacht unbegründet sein sollte, so spiegelte er doch die Wirklichkeit
wider. Nur solange die deutschen Einheiten die Partisanen bekämpften, war die Ustascha
stark genug, die serbische Zivilbevölkerung zu terrorisieren, (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 86/1956
Dok. H300193 ff).
49 Sommers Bericht über die Situation der Volksdeutschen wirkt gerade dadurch glaubhaft,
dass er nicht den leisesten Versuch unternimmt, den Serben die Schuld an der Entwick-
lung zu geben, sondern im Gegenteil voller Empathie von ihrem Leid berichtet.
50 Luther befürchtete darüber hinaus, dass Himmler beabsichtigen könnte, alle Volksdeut-
schen aus Kroatien auszusiedeln. So schrieb er noch im Dezember 1942 in einer Notiz über
ein Gespräch mit dem VOMI-Chef Lorenz, dass die Frage der Umsiedlung aller Volks-
deutschen aus Kroatien noch einmal im Frühjahr 1943 erörtert werden würde (vgl. PA/AA:
Inl. Ilg 306/2564 Dok. E464631). Eine Angst, die vorübergehend in Erklärungen Bergers im
September 1942 Bestätigung gefunden hatte, nach denen Himmler persönlich beim Füh-
rer habe vorstellig werden wollen, um die Umsiedlung aller Volksdeutschen in Kroatien
doch noch durchzusetzen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg, 205/2562, Dok. H8-H9). Wie aus einem Ver-
merk des Gesandten von Rintelen vom 27.9.1942 hervorgeht, hatte Himmler die Frage der
Aussiedlung aller Volksdeutschen Kroatiens mit dem Auswärtigen Amt tatsächlich erör-
tert und ausdrücklich befürwortet (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 255/2428 Dok. B8). In einem
Schreiben Triskas vom 4. 11. 1942 heißt es, dass daraufhin der Reichsaußenminister eine
genaue Prüfung des Problems angeordnet hatte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 255/2428 B20). Es ist
zu vermuten, dass auch die Forderung der kroatischen Regierung vom 10.10.1942, alle in
der Waffen-SS dienenden Volksdeutschen und ihre Familien nach dem Krieg ins Reich
umzusiedeln (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 306/2564 Dok. C6), dazu beigetragen hatte, solche Pläne
auch tatsächlich in den höchsten deutschen Führungskreisen zu erörtern. Auch Kasche
hatte schon am 3.10.1942 erklärt, dass er grundsätzlich für die Umsiedlung sei, sprach
sich aber wegen der Aufstandslage dafür aus, sie erst nach dem Krieg vorzunehmen (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg 255/2428 Dok. C9). Am 22.1.1943 schrieb Himmler dann an Lorenz, dass
er die Volksdeutschen aus Syrmien wegen der dortigen starken Anbindung an das Banat
noch dort lassen wolle. Himmler plädierte aber weiterhin für die Aussiedlung aus den an-
deren Gebieten Kroatiens (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 255/2428 Dok. E6). Himmlers Pläne sollten
dann Anfang 1944, wenn auch modifiziert, noch einmal aufgegriffen werden. Siehe Kapi-
tel III/3.3.5 dieser Arbeit.
51 Oberstleutnant Willibald Keller, ein Volksdeutscher aus Syrmien und ehemaliger Haupt-
mann der jugoslawischen Armee, der die »Einsatzstaffel« (ES) seit ihrer Aufstellung kom-
mandiert hatte (PA/AA: Inl. Ilg, 254/2426, Dok. H296583), war zu diesem Zeitpunkt bereits
zur Waffen-SS eingezogen worden (vgl. ebd. Dok. H296590).
52 Im Zuge der Auseinandersetzungen Luthers mit dem Chef des SS-Hauptamtes, Berger, er-
klärte Luther im Oktober 1942 die von ihm selbst genannte Zahl von 10 000 als zu hoch ge-
griffen (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 306/2564 Dok. D/E21). De facto sollten aber Ende 1943 viel
mehr Volksdeutsche Kroatiens in der Waffen-SS dienen (vgl. Herzog 1955, 17).
53 Obwohl hiermit grundsätzlich die Einberufung der Volksdeutschen zur Waffen-SS auf den
Weg gebracht worden war, setzte sich die Auseinandersetzung darüber noch weiter fort
(vgl. BA: NS 19/319). Im Oktober verfügte Berger sogar, dass 200 Volksdeutsche aus Kroa-
tien, die zur »Prinz Eugen« einberufen worden waren, ins Reich in Marsch zu setzen seien,
»...da unten erhebliche politische Schwierigkeiten entstehen« (BA: NS 19/1629, Dok. 53).
Diesen »Rückzieher« machte Berger nicht freiwillig, vielmehr musste er sich in dieser Fra-
ge, wie einem Schreiben Luthers vom 24.10. 1942 zu entnehmen ist, dem von Kasche und
Luther entfalteten Druck beugen (PA/AA: Inl. Ilg 306/2564 Dok. H297431).
54 Wie aus einem Blitztelegramm Bergers an Himmler vom 3.9.1942 hervorgeht, hatte wohl
Kasche, seine Kompetenzen überschreitend, eigenmächtig mit der Aufstellung von zwei

// 307
Anmerkungen zu Kapitel III

Regimentern im Sinne Luthers und Lohrs begonnen, was aber vom Reichsaußenminister
auf Druck Bergers gestoppt wurde (BA: NS 19/319).
55 Wie aus einem Briefwechsel zwischen der VOMI und dem AA hervorgeht, muss Altgayer
die Veröffentlichung des »Stabsbefehls« veranlasst haben, bevor die Rückmeldung aus
Berlin vorlag. Weil er den Stabsbefehl in dieser Form nicht mit den zuständigen Behörden
abgesprochen hatte, wurde er, ebenso wie schon Janko vor ihm, heftig für seine Eigen-
mächtigkeit kritisiert (vgl. PA/AA: Inl. Ilg., 254/2426 Dok. Nl- N16). Darüber hinaus war
sein Stabsbefehl, wie es in einem Schreiben der VOMI an das AA über die »Festlegung des
Werbeverfahrens in der deutschen Volksgruppe in Kroatien« vom 4.11.1942 hieß, »inzwi-
schen abgestellt worden« (ebd. 306/2564 Dok. F4/5).
56 Siehe hierzu Kapitel III/3.3 dieser Arbeit.
57 Siehe hierzu auch die Auseinandersetzung über den Umgang mit der jüdischen Bevölke-
rung zwischen den deutschen und den italienischen Behörden in Kroatien, an denen deut-
scherseits ebenfalls die bereits bekannten Luther und Kasche beteiligt waren (PA/AA: Inl.
Ilg., 194/2249 Dok. H299676- H299719). Dabei wurde den italienischen Behörden ein zu
nachsichtiger Umgang mit den Juden vorgeworfen, obwohl der »Duce« einen den deut-
schen Vorstellungen entsprechenden Umgang mit den Juden im September 1942 bereits
angewiesen hatte (vgl.ebd. 194/2248 Dok. K212277). So hieß es in einem Brief an das
»Reichssicherheitshauptamt« (RSHA) vom 23.10.1942: »Die judenfreundliche Haltung
der Italiener in dem gesamten von ihnen besetzten Gebiet hält unvermindert an« (PA/AA:
Inl. Ilg 86/1956 Dok. H300242).
Laut Lustiger (1994, 376) war für die Juden Jugoslawiens die italienische Besatzungszone
der »...einzige Lichtblick und Zufluchtsort«.
58 Zur Bedeutung des Bauxitgebietes für die deutsche Kriegswirtschaft und im weiteren
Kriegsgeschehen siehe Kapitel III/3.3.3.
59 Wie Kasche Ende Oktober an das AA schrieb, erklärte der mit der Durchführung der Wer-
bung beauftragte SS-Obersturmbannführer Herrmann, dass er »eine grosse Bereitwilligkeit
zum Einrücken feststellen« konnte und höchstens »2% der Einberufenen zum Abtrans-
port nicht erschienen« waren (PA/AA: Inl. Ilg 306/2564 Dok. E21).
60 Diese Frage betraf auch die Versorgung der Familien der in der Waffen-SS dienenden
Volksdeutschen, die zu diesem Zeitpunkt nur unbefriedigend geregelt war (PA/AA: Inl. Ilg
306/2564 Dok H297407). Im Mai 1943 konnte dann ein Abkommen bezüglich der Versor-
gung getroffen werden, welches den Beibehalt der Sozial- und Krankenversicherung für
die Familien der Freiwilligen in der Ustascha, den Verbänden der »Einsatzstaffel« (ES)
und der Waffen-SS gleichermaßen regelte (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 311/2579 Dok. H8).
61 Im Präger Archiv (18-SS Division »Horst Wessel«, Karton 4) kann in die Briefe der Frauen
an ihre sich in der Waffen-SS befindlichen Männer eingesehen werden.
62 Die Abkürzungen stehen für: DM = Deutsche Mannschaft, DJ = Deutsche Jugend. Über die
Abkürzung NSDG konnte der Verfasser keine genaue Angaben finden. Aus dem Zu-
sammenhang ergibt sich aber, dass es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um die deutsche
Volksgruppe handelte. Die Abkürzung NSDG könnte also für »Nationalsozialistische Deut-
sche Volksgruppe« stehen.
63 Siehe auch den Bericht des Volksdeutschen D. T. aus Mekenyes (Baranya), der über die un-
garischen Freiwilligen der Waffen-SS schreibt, dass sie sich dort »freier« als in der »Hon-
ved« (Bezeichnung für alle ungarischen Truppen.) fühlten (vgl. Dokumentation Bd.2, 3).
64 Der größte Teil, über 50 %, der in diesem Abkommen für die Waffen-SS zur Musterung frei-
gegebenen Volksdeutschen stammte aus der Batschka, die bis April 1941 zu Jugoslawien
gehört hatte (vgl. Dokumentation Bd.2, 33E, Anm. 1 und Böhm 1990, 83).
65 Wie aus dem bisher Gezeigten hervorgeht, ist diese Aussage Schmidts nicht »wörtlich« zu
verstehen. Auch Schmidt wusste ja um die illegalen Eintritte Volksdeutscher in die Wehr-

// 308
Anmerkungen zu Kapitel III

macht bzw. SS. In der Tendenz hat aber Schmidt sicherlich Recht, da erst mit dem Ab-
kommen von 1943 massenhaft rumänische Volksdeutsche rekrutiert wurden. Schuster gibt
an, dass Ende 1942 - ohne die schon 1941 gemusterten 1000 Mann - etwa 3000 Rumänien-
Deutsche in der SS und 2500 im deutschen Heer standen (Schuster 1987, 149). Man kann
also davon ausgehen, dass im Verlauf des Jahres 1942 die Übertritte von Volksdeutschen
zunahmen, wie sie dann ja auch nach der Niederlage in Stalingrad Anfang 1943 massen-
haft stattfinden sollten.
66 In einem Fernschreiben vom 17.11.1942 an den Höheren SS- und Polizeiführer Serbien
und den Kommandeur der SS-Division »Prinz Eugen« untersagte Himmler ausdrücklich
»jedes Überschreiten der serbisch-rumänischen Grenze durch irgendeinen Mann der SS
und der Polizei« (BA: NS 19/2858).
67 In seinem Erlebnisbericht von 1958 erinnert sich der Landarbeiter Franz Unterreiner, wie
sich die Älteren - er war 1943 51 Jahre alt - an Janko wandten und um ihre Ablösung
durch jüngere Rekruten baten, da sie den schwierigen Einsätzen nicht gewachsen waren.
Im Herbst 1943 wurde er dann aus der Division entlassen (vgl. Dokumentation Bd.5, 71).
68 Aus dem gleichen Schreiben geht hervor, dass mit Teilen der gemusterten Volksdeutschen
aus Rumänien auch die Aufstellung der 2. Division des SS-Panzerkorps »Wiking« ermög-
licht werden sollte. Darüber hinaus wurden zwischen 1500 und 1800 Rekruten, die den
Divisionsbedingungen der Musterung Leibstandarte SS »Adolf Hitler« entsprachen, zu
dieser Division geschickt (vgl. BA: NS19/371).
69 Es folgten 1944, nämlich am 3.3., 23.3. und 3.4., noch weitere Erhebungen, die allerdings
nur minimal von der Erhebung vom Februar 1944 abwichen (MA: RS 3-7/17, Dok. 463ff),
sodass, auch unter Berücksichtigung der Kriegslage und der Situation in den anderen Staa-
ten Südosteuropas, davon ausgegangen werden kann, dass sich die Zusammensetzung ab
diesem Zeitpunkt nicht mehr erheblich veränderte.
Leider gibt es im Militärarchiv in Freiburg nur Dokumente, die eine Aufstellung der lands-
mannschaftlichen Zusammensetzung der Prinz Eugen im Jahr 1944 enthalten. Eine ver-
gleichbar detaillierte Aufstellung über die Zusammensetzung vor bzw. nach dem Frühjahr
1944 konnte der Verfasser auch in den anderen Archiven nicht finden.
70 In dem Bericht wird das Soll der Division mit 30091 Mann angegeben. Damit hatte sie zu
diesem Zeitpunkt einen Fehlbestand von 7432 Mann (MA: RS 3-7/17).
71 Allerdings waren gerade in Kroatien die jüngeren Jahrgänge 1908 bis 1925, die auch schon
Kampferfahrung in Volksdeutschen Selbstschutzeinheiten oder in Volksdeutschen Batail-
lonen der Wehrmacht gesammelt hatten, der »Prinz Eugen« überwiesen worden (vgl.
PA/AA: Inl. Ilg. 307/2566 Dok. H297384).
72 Im Mittelalter wurde das Stammgut skandinavischer Edelleute »Odal« genannt. Es konn-
te nur an verwandte Standesgenossen weitergegeben werden (vgl. DBG Lexikon 1962,
925). Der mit der Odalsrune verbundene Wahlspruch lautete: »Ehre, Blut und Boden« (Do-
kumentation Bd.5, 70, Anm. 2).
73 In der in dem Befehl angegebenen Liste von Ausbildungsstandorten für den SS-Ersatz, z. B.
Panzerausbildung in Wildflecken, Fahrlehrer-, Mechaniker- oder Schlosserausbildung in
Wien, Nachrichtenausbildung in Nürnberg, Flakspezialistenausbildung in Arolsen, Pio-
nierausbildung in Dresden, fallen drei Standorte auf: Veterinärausbildung in Radom, Sa-
nitäts-Dienste in Oranienburg und Verwaltungsdienste in Dachau (vgl. BA: NS 19/3519,
Dok. 139). Die dort stationierten Ersatzeinheiten wurden - bis auf einige Freiwillige -
nicht zum Dienst in den Konzentrationslagern herangezogen, »lernten« aber in Sichtwei-
te der Lager und sahen die KZ-Häftlinge, wie sich ein reichsdeutscher Angehöriger der
Schlachterkompanie, der bei Dachau ausgebildet worden war, in einem Gespräch mit dem
Verfasser erinnerte.
Aus einem Schreiben vom 8.9.1942 über die Bereitstellung für den ersten Einsatz der Di-

// 309
Anmerkungen zu Kapitel III

vision geht hervor, dass die Ausbildung der Nachrichten-Abteilung auch in Unna stattge-
funden hatte (vgl. MA: RS 4/1419, Dok. 20 und BA: NS 19/2563).
74 Laut Eintragung im Kriegstagebuch der II. Abt. SS- Geb. Art. Rgt. vom 10.11.1942 wurden
zur Unterhaltung der Männer in Groß-Kikinda ein Bordell eröffnet und außerdem regel-
mäßig Kinovorführungen gegeben (vgl. MA: RS4/1376).
75 Laut Eintragung vom 1.1.1943 in ihrem Kriegstagebuch war die III. Abt. SS- Geb. Art. Rgt.
dann gegen Ende des ersten Einsatzes in Serbien in Cacak stationiert (vgl. MA: RS4/1377)
(Siehe III/3.3).
76 Im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg wurde diese Frage zum Gegen-
stand des Verhörs von Paul Hausser (vgl. Nürnberg XX, 400ff).
77 Die Dienstränge der allgemeinen SS wurden bei einem Eintritt der betreffenden Personen
in die Waffen-SS nicht übernommen, um den Unterschied zwischen dem Dienst in der Or-
ganisation und dem Dienst im Krieg zu betonen. Daraus erklärt sich, warum Viktor Brack,
obwohl er SS-Oberführer der allgemeinen SS war, dann mit einem niedrigeren Rang -
Untersturmführer - in die Waffen-SS eintrat.
78 Bracks Rolle bei der Ermordung der Juden, sein Wunsch, »im fremden Land mit fremden
Menschen« zu arbeiten, und dann sein Einsatz bei der Partisanenbekämpfung sind in sich
nicht widersprüchlich, sondern können als eine besonders aggressive Verbindung von
Exotismus und Xenophobie interpretiert werden.
79 Am 20.8.1947 wurde Viktor Brack von einem amerikanischen Militärgericht zum Tode
verurteilt und am 2.6.1948 in Landsberg gehängt (vgl. Wistrich 1983, 30).
80 Für den Ersatz für andere SS-Divisionen galt die SS-Eignung und 170 cm Mindestgröße,
in Ausnahmefällen 168 cm. Für SS-Brigaden und Polizei 165-168 cm Mindestgröße und
kv Heer. Für Konzentrationslager sollten die Freiwilligen SS-geeignet sowie kriegs ver-
wendungsfähig und mindestens 165 cm groß sein (vgl. BA: NS 31/367, Dok. 23).
81 Am Rande sei hier bemerkt, wie sehr die Wortwahl Phleps in Bezug auf die »anonymen
Briefschreiber« den Bezeichnungen der deutschen Besatzungsbehörden für die Partisanen
gleicht. Auch diese wurden selbst im Nachhinein noch als heimtückisch, hinterlistig und
feige beschrieben (vgl. Steiner 1992, 202).
82 In seinem Erlebnisbericht erinnert sich 1958 der Landarbeiter Franz Unterreiner, wie die
Volksdeutschen von ihren reichsdeutschen Ausbildern als »Banater Speckfresser und
Kukuruz Bauern« beschimpft worden waren (vgl. Dokumentation Bd.5, 71).
83 Nach Otto Kumm war Scherhaufer der Führer des IV. Btl. des 1. Regiments der Division
(vgl. Kumm 1978, 41).
84 Der Schutzumschlag zu Kumms Buch (1978) zeigt die Wandbilder und die dazugehören-
den Überschriften und Kommentare.
85 Wie weitgehend die SS-Führung bei der Partisanenbekämpfung generell bereit war, den
Begriff der »Gegenbande« wörtlich zu nehmen und sich der Kampfweise der Partisanen
anzupassen, zeigt sich im Kriegstagebuch Nr. 3 des Rgts. 39 der 18. SS-Division »Horst
Wessel«. Bei dieser 1944 aufgestellten SS-Division war es offensichtlich üblich, die »Auf-
klärung« ohne Uniform - »in Zivil« - durchzuführen, wie aus verschiedenen Einträgen
vom März 1944 ersichtlich ist (vgl. Prag: 18. SS Fr. PZ. GR. DIV. Horst Wessel, Karton).
86 Das Tragen der Kragenspiegel - im Fall der »Prinz Eugen« war dort die Odalsrune abge-
bildet - war grundsätzlich vorgeschrieben (vgl. Mollo 1993, 59). Offensichtlich befand sich
aber, vor allem mit den zunehmenden Versorgungschwierigkeiten in den letzten Kriegs-
jahren, das Divisionszeichen nicht durchgehend auf allen Uniformteilen (vgl. Steven/
Amodio 1992 und Mollo 1993). Zum Teil wurden auch die Kragenspiegel bei bestimmten
Einsätzen entfernt, um dem Gegner eine Identifizierung der SS-Verbände zu erschweren
(vgl. Mollo 1993, 39 und 59).
87 Unterschrift leider unleserlich.

// 310
Anmerkungen zu Kapitel III

88 Ein klares Bild der strategischen Zusammenhänge ergibt sich aus dem Kriegstagebuch des
Oberkommandos der Wehrmacht und hier besonders aus den Kapiteln »Die deutsche
Wehrmachtsführung im Kulminationsjahr des Krieges« im »Darstellenden Teil« des
Kriegstagebuchs des OKW (1943 Tb. II, 1536 ff, 1563 ff und 1612 ff) und »Der Südostraum
im Rahmen der Gesamtkriegführung« (OKW 1944-45 Tb. I, 601 ff). Die Arbeit von Schmi-
der (2002) bietet eine umfassende Analyse der militärischen und politischen Bedeutung
des jugoslawischen Kriegsschauplatzes während der deutschen Besatzungszeit.
89 In dieser Form finden sich Darstellungen des Kriegsgeschehens in allen möglichen Bü-
chern der verschiedenen »Militaria-Verlage« über den II. Weltkrieg. Ganz in diesem Sinne
liest sich auch der größte Teil von Otto Kumms (1978) Divisionsgeschichte und auch Mi-
chaelis' (1998) Buch über die Gebirgs-Divisionen der Waffen-SS. In beiden Büchern gibt es
eine Fülle von Kampfbeschreibungen, die letztendlich austauschbar sind und so auf allen
Kampfplätzen des II.Weltkriegs stattgefunden haben könnten. Während aber bis auf ein-
zelne Details Michaelis' Buch im Großen und Ganzen uninteressant ist, bietet hingegen
Kumm, als ehemaliger Divisionskommandant, zwar einen verherrlichenden Einblick in
das Kampfgeschehen, der aber doch, was die militärischen Aspekte betrifft, der Überprü-
fung anhand der Originaldokumente standhält.
90 Die Ersatzstellen der verschiedenen Truppenteile blieben auch weiterhin im Banat. So z.B.
in Pantschowa, Groß-Betschkerek (vgl. MA: N756/149) und Werschetz (vgl. MA: RS 3-7/14
Dok 94 ff).
91 Im Kriegstagebuch des OKW (1942, Tb. II.) finden sich für das gesamte zweite Halb-
jahr 1942 in Bezug auf Serbien nur Meldungen über einzelne Überfälle, darauffolgende
»Sühnemassnahmen« (OKW 1942, Tb. II. 1131), Verhaftungen und Erschießungen, in er-
ster Linie von Draza Mihajlovic-Anhängern, manchmal auch Kommunisten und Tschet-
niks. Wenn überhaupt Ortsangaben erfolgen, werden dabei neben der Stadt Belgrad die
Ortschaften Cacak und Uzice genannt (vgl. OKW, 1942, Tb. II. 997,1013,1155 etc). Im Un-
terschied zu Kroatien und Bosnien, wo heftige Kämpfe gemeldet wurden, gibt es keinen
Bericht über größere Kampfhandlungen in Serbien.
92 Kumm druckt den Div. Befehl vom 5.10.1942 mit allen militärischen Einzelheiten und in
vollem Umfang ab, um zu zeigen, mit welcher Sorgfalt SS-Gruppenführer Phleps »Führer
und Truppe« einzuführen sucht (Kumm 1978, 46ff). Phleps Genauigkeit war sprichwört-
lich bekannt, und so sagt Kumm denn auch über den Vorbefehl vom 3.10.1942, ohne wohl
bewusst aus diesem zu zitieren, dass dieser, der wie gesagt die »Richtschnur für die künf-
tige Arbeit« darstellte, mit der gleichen Gründlichkeit wie der Div. Befehl verfasst worden
sei (vgl. Kumm 1978, 51).
93 Außerhalb der wörtlichen Zitate wird diese Schreibweise, wie sie z.B. auch bei Hory/
Broszat (1964) verwendet wird, beibehalten.
94 Cacak, Uzice und Kraljevo sind zwischen 100 und 120 km von Pantschowa im südöst-
lichen Banat entfernt.
95 In Mladenovac (50 km südsüdostw. Belgrad) wurden, nachdem zwei deutsche Offiziere
auf offener Straße angeschossen worden waren, als vorläufige Sühne fünfzig Kommunis-
ten erschossen (vgl. Eintrag vom 25.12.42 OKW 1942 Tb. II. 1187).
96 Über die genaue Anzahl waren sich Kasche und das SS-Hauptamt bis Ende November wei-
ter uneinig. Berger gab 4341 Männer an, von denen, wie er schrieb, 1209 »zu den Bewa-
chungsmannschaften in den KL geschickt worden waren (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 306/2564
Dok. M6). Kasche verwies auf die Angaben der Volksgruppenführung und ging von 5505
Männern aus. Er beschwerte sich über die Abweichungen beim AA (vgl. ebd. Dok. MIO).
97 Eine Zielscheibe der Angriffe Kasches und Luthers war dabei der von Berger mit der
Durchführung der Werbung beauftragte Obersturmbannführer Herrmann. Berger und
Herrmann wurde vorgeworfen, sich nicht an die mit dem AA getroffenen Abmachungen

// 311
Anmerkungen zu Kapitel III

gehalten zu haben (vgl. PA/AA: Inl. Ilg 306/2564 Dok. H297429). Außerdem beschwerte
sich Luther über den unangemessenen Ton, den Herrmann ihm, einem alten National-
sozialisten, gegenüber einschlug (vgl. ebd. Dok. H297413).
98 Vergleicht man die Eintragungen im Kriegstagebuch des OKW im zweiten Halbjahr 1942
in Bezug auf Serbien und Kroatien miteinander, so wird der Unterschied überdeutlich.
Während es in Serbien nur kleine Partisanenaktionen gab, fanden in Kroatien heftige
Kämpfe mit der Partisanenarmee Titos statt. Die Meldungen über Kroatien ähneln dabei
mehr denen von regulären Kämpfen auf anderen Kriegsschauplätzen als den Meldungen
über die »Ordnungsmaßnahmen« in Serbien.
Eine kurze Anmerkung zur Kriegsführung der deutschen Wehrmacht und der damit ver-
bundenen Behandlung der Zivilbevölkerung: Bei der Durchsicht des Kriegstagebuchs des
OKW stieß der Verfasser auf eine Eintragung über die Lage in Kroatien vom 12.12.1942.
Dort heißt es: »Mehrere Überfälle auf Eisenbahnstrecken, z.T. erheblicher Sachschaden.
Hauptstrecke Agram-Novska und Agram-Sisak ist vorübergehend durch Minenlegung
unterbrochen. Die vermehrte Heranziehung der Zivilbevölkerung zur Streckenbegehung
ist eingeleitet« (OKW 1942 Tb. II, 1125).
99 Dass die Entscheidung bis in die höchsten SS-Kreise hinein zumindest unklar war, wird
daraus ersichtlich, dass Meyszner noch im November 1942 beim Reichsführer-SS schrift-
lich nachfragte, ob dieser dem Einsatz der Division außerhalb Serbiens zugestimmt habe
(vgl. BA: NS 19/292, Dok. 13).
100 Am 25. 1. 1943 konnte Kasche in einem Schreiben an das AA abschließend nur noch be-
merken: »Es handelt sich nicht um eine >Freiwilligen-Aktion in Kroatiens sondern um
eine vom Reichsführer-SS befohlene, vom Reichsaußenminister gebilligte und damit mir
gegen die hier geltend gemachten Bedenken vorgeschriebene Maßnahme einer allgemei-
nen Rekrutie