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Luhmanns Liebestheorie

Mit dem Testfall prekärer Anfänge

Diplomarbeit vorgelegt im SS 2012


an der Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
von Thomas Lehmann
Gutachter: Dr. Christof Wehrsig
Zweitgutachter: Prof. André Kieserling
Bielefeld, 3. September 2012

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Das Foto "Fireflies" (Ausschnitt) auf der Frontseite mit freundlicher
Genehmigung von Herrn Takashi, Japan (Name bei Flickr: takot):
http://www.flickr.com/photos/takot/4663355926/?reg=1&src=comment
Fireflies heißen im Deutschen: Glühwürmchen. Für die Werbung
benutzen sie ihren Hinterleib, den sie leuchten lassen können.

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INHALTSVERZEICHNIS

1. Präliminarien

1.1. Vorwort ….................................................................................. 5

1.2. Minimalanthropologie und Reduktion von Komplexität …....... 9

2. Liebe als Medium

2.1. Individualität als Problem ….................................................... 14

2.2. Anonymität und Nahweltbedarf …........................................... 27

2.3. Unpersönlichkeit und ihre Evolution …................................... 32

2.4. Verwahrscheinlichung des Unwahrscheinlichen ….................. 46

2.5. Semantik als Dritter im Bunde ….............................................. 51

2.6. Attributionstheorie der Liebe …................................................ 60

2.7. Gesellschaftliche Gegenstruktur …........................................... 69

3. Zur Diagnose prekärer Anfänge

3.1. Luhmanns These prekärer Anfänge …...................................... 90

1969: Liebe – Eine Übung. Seminarvorlage Dortmund …........ 91

1982: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität ….......... 108

1983: Darum Liebe - Interview mit Dirk Baecker …................. 114

3.2. Hürden und Barrieren

Fallstricke der Kommunikation …................................................ 122

Autonomie, Individualismus, "Stolz" …....................................... 128

4. Schlusswort …...................................................................................... 132

5. Literatur …............................................................................................ 135

3
Nach der Folter, nicht mit denen zu leben, die man liebt,
ist das Schlimmste, mit denen zu leben, die man nicht liebt.

(Gustave Flaubert, 1847)

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1. Präliminarien

1.1. Vorwort

Die vorliegende Arbeit hat den doppelten Zweck, Luhmanns Beiträge zu Liebe und Intimbezieh-
ungen (zentral 1969 und 1982) als eine weitgehend geschlossene Liebestheorie darzustellen und am
Fallbeispiel problematisch gewordener Anfänge einem Einzelaspekt genauer nachzugehen, den
Luhmann zwar selbst angerissen, aber keiner weiteren Beantwortung zugeführt hat. Die beiden
Perspektiven gehen nicht konsequent ineinander auf. Manches muss für die Liebestheorie erwähnt
werden, für das es sich später nicht hinreichend lohnt, es auf das Anfangsproblem hinzubiegen.
Aber in anderen Fällen bemüht sich das Fallbeispiel darum, mit Luhmanns Werkzeug ein bisschen
über seine Argumente hinauszugehen und neue Erklärungen für die heutige Lage zu finden, die
auch 1982 im Gegenstandsbereich noch nicht klar zu erkennen war. Allein das Buch "Liebe als
Passion" ist nun 30 Jahre alt. Das Testen und Ausprobieren gilt in mancher Hinsicht bereits für das
Teilkapitel "Gegenstruktur" (2.7.), dessen Thema von Luhmann etwas stiefväterlich und mit vielen
Unsicherheiten behaftet behandelt wurde – und letztlich in seinen Schriften nicht wirklich ausge-
führt wurde. Die Gründe kann man nur vermuten.

Die Zeitgemäßheit seiner Theorie ist bisher eigentlich nicht strittig. Seine Liebestheorie wird meist
für fortschrittlich und auch zur Zeit der jeweiligen Veröffentlichung immer für scharf und hell-
sichtig erachtet. Die Seminarvorschlage "Liebe - Eine Übung" kam erst fast 40 Jahre nach ihrer Ent-
stehung ans Licht, aus Luhmanns Nachlass. Sicherlich kann man in manchen Bereichen (Luhmann
1969) – etwa in der Darstellung des Dreischritts von Liebe => Ehe => Familie – eine für heutige
Verhältnisse auffällige Simplifizierung erkennen, muss dann aber den historischen Kontext der 50er
und 60er Jahre wieder beachten, wo alternative Lebensformen gerade erst in breiterem Maße (also
nicht nur als Phänomen der Künstler oder Schriftsteller oder Bohéme) auftauchten, und natürlich
mit der Zeitmarke der Studentenunruhen von 1968/69 in Gang gesetzt wurden. In deren
Betrachtung konnte noch nicht viel soziologische Sicherheit liegen. Und Luhmann ließ sich offen-
bar auf Spekulationen nicht ein, er stand den marxistisch beseelten Aufständen eh recht ungläubig
gegenüber – dies aber, soweit man aus seinen offiziellen Schriften weiß, eher aus dem Interesse an
einer angemessen Beschreibung der modernen Gesellschaft heraus, nicht aus prinzipieller Abnei-
gung oder wie der Vorwurf hieß: aus Konservatismus. Vielleicht also ist es kein Zufall, dass Luh-
mann gerade 1969 Adorno vertritt und dann Seminare zu Liebe als Passion abhält, in seiner kühlen
Behandlungsweise fast ungestört durch die Proteste draußen und mit wenigen aufgeschlossenen
Studenten drinnen.

5
Also dem Vorwurf der Unzeitgemäßheit oder Veralterung der Theorie (so redet heute Dirk Baecker
über Luhmanns gesamte Theorie: sie sei auf der Höhe gewesen zur Ära Kohl) kann man eigentlich
nur sagen, dass sie erstmal nur das sehen und verstehen konnte, was zu jener Zeit mit einiger
Sicherheit in der Literatur präsent und erkennbar war. Ich glaube nicht, dass Luhmann – wie
Goffman etwa – auf die Straße und in die Cafés ging, um von dort aus soziale Wirklichkeit zu
ordnen. Luhmann hat sich auch nicht auf Anwesendes beschränkt, und Abwesendes ist durch bloße
Teilnahme schlecht zu eruieren. Luhmanns Pläne einer Gesellschaftstheorie sind von Zeitdiagnosen
zu unterscheiden. Und man muss dem Vorwurf entgegenhalten (das gilt auch für "Liebe, Ehe,
Familie"), dass man erstmal Dinge auseinanderhalten muss, bevor man wieder über Mischformen
oder Zwischensystemrelationen nachdenken kann. Das ist dasselbe Argument, das man Richard
Münch entgegenhalten kann, der auf Interpenetration bei Parsons und interchange-Beziehungen
("Dazwischen") beharrt hat. Um die Wechselwirkungen etwa zwischen Wirtschaft und Wissen-
schaft oder Liebe und Familie untersuchen zu können, muss man beide Bereiche erstmal klar erken-
nen und separieren, sonst hat man keinen Begriff davon, zwischen wem oder was nun eigentlich
Zwischensystembeziehungen und "Übersetzungen" liegen sollen: also Offenheit erst auf der Basis
von Geschlossenheit, das ist schon einer zeitlichen Logik geschuldet. Ähnlich verhält es sich für die
simple Form Liebe-Ehe-Familie, die heute immernoch als Hintergrundschema intimen Sinns herhält
und auf deren Basis all die Patchwork-Konstrukte, die zeitweisen Liebesformen und die Heraus-
lösung oder zumindest das Hervorschnellen des Sexuellen zu erkennen sind – und sei es in Abset-
zung davon und von der Form der trivialisierten Romantik. Veraltete Theorie in Einzelpunkten also
ja, vielleicht, aber für die Analyse heutiger Intimverhältnisse immernoch grundlegend, so schätze
ich Luhmanns Vorlagen ein. Das Gebot für weitere Ausarbeitung und zeitdiagnostische Updates
scheint zu bestehen. Wir frischen an manchen Stellen mit neuerer Literatur auf.

Im Grunde macht es guten Sinn, die Einzelstränge der Liebestheorie einmal zu sezieren. Wir stellen
sie hier in Kapitelabfolge dar. Denn die Vermischung mit dem historischen Material (Luhmann
1982) macht es manchmal nicht klar, wo "nur" historische/literarische/dokumentarische Daten vor-
liegen und wo Luhmann andererseits an Konzepten oder Teiltheorien gebastelt hat. Soweit ich sehe,
hat Luhmann nie explizit erklärt, was Theorie bedeutet, obwohl er "Theorie" immer hochachtungs-
voll und nie ironisch aufgefasst hat. Er hat dies Verständnis wohl eher im Vollzug dargestellt, und
auch aus Kommentaren konnte man erschließen, etwa wenn Weber angeblich noch nicht zu einer
Theorie durchgedrungen wäre, was sie für ihn bedeutete. Luhmann ähnelte auf diese und manch
andere Weise Parsons mit der Gewohnheit, an abgelegenen und unauffälligen Stellen seiner Bücher
Hinweise oder Begriffe nebenbei fallenzulassen, die im Grunde wesentlich sind und immer wieder
vorkommen oder jedenfalls doch mit der Zeit dann großes Gewicht erlangen. Er hatte selbst auf des

6
Lesers zweiten Blick hingewiesen, auf die Probleme mit einer "Knute der Verständlichkeit" (Luh-
mann 1979, 170f) und hatte vielleicht auch seine diebische Freude daran, nicht all sein Schreiben
konsumentenfreundlich aufzubereiten. Wir verkaufen seine Liebestheorie hier daher in Scheibchen
und in einer Ordnungsweise, die Luhmann vielleicht zu schulisch und linear erschienen wäre. Wir
versuchen einzelne Linien der Liebestheorie zu entzerren.

Die Attibutionstheorie (2.6.) etwa muss man sich zusammensammeln, das Individualitätsproblem
(2.1.) ist ebenfalls verstreut (auch in seinen anderen Büchern zur Semantik), Unpersönlichkeit (2.3.)
kommt eigentlich gar nicht vor und kann man für einen Phantomschmerz meinerseits halten,
Gegenstruktur (2.7.) ist nur in Ansätzen zu finden usw. Also machte es Sinn, die Bestandteile etwas
zu sammeln und zu systematisieren, wenn sicher man die Kapitelfolge ergänzen kann. Das gilt
insbesondere für den abstrakteren Bestand der Konzepte. Bei mehr Platz müsste man in die Prälimi-
narien mitaufnehmen etwa zwischenmenschliche Interpenetration und doppelte Kontingenz, beides
Parsons-Themen, die für Liebe – aber eben auch für zig andere soziale Tatbestände - wichtig wer-
den. Wir haben hier auf sie verzichtet, weil sie zu sehr von Liebe wegführen und den System-
theorie-Staubsauger in Gang setzen, also vom Hunderste ins Tausendste dieser labyrinthischen
Begriffe ziehen. Ich denke, man kann die vorliegende Darstellung durchaus mit Gewinn lesen, ohne
in diese größeren Abstrakta einzusteigen. Der Verzicht auf sie ist auch der Treue für das Thema
Liebe geschuldet. Von Luhmanns Sprachduktus nicht ganz unberührt, bemühen wir uns für Leser-
lichkeit dennoch um eine alltagsnahe Sprache, die die theoretischen Begriffe noch hervortreten lässt
und den Text flüssig hält. Auch Luhmanns konzentrierte Schreibweise, die gerade in seinem Früh-
werk immer wieder Kritik auf sich zog (äußerlich: Substantivierungen in Reihenform 1), machte es
erst nötig, manche Stränge zu entknoten. Nicht zur Luhmanns humoristische Zwischenspiele (Stich-
weh 1999, 64) neigen zur Verknappung.

Für den Testfall prekärer Anfänge von Liebesbeziehungen ist heute zu sehen, dass dies Problem
sich mittlerweile relativ fest etabliert hat neben dem älteren der Dauer, des Haltens und der Ver-
gänglichkeit der Liebe vor allem aufgrund hoher Konfliktträchtigkeit und immenser Erleichterung
von Abbrüchen. Es hat sich zwar als (bewusst gewordene) Problemstelle etabliert, wie man am
Beraterangebot sieht, aber doch nicht in der Weise, dass Intimbeziehungen massenhaft verhindert
würden und es keine Liebespaare mehr gäbe. Das Verhalten und die Strategien weichen geschickt
aus. Aber wovor genau? Worin besteht das Problem zunächst einmal? Luhmann mobilisiert nicht
die üblichen Erklärungen über Geschlechterrollen oder die Einebnung der Differenz von Mann und
Frau, das Nicht-Passen-Wollen usw. Aus seiner Liebestheorie heraus und teils auch aus Verbin-
1
Und natürlich im Hintergrund die Distanzierung von einfachen gut/schlecht-Zuordnungen, die den Leser zunächst
verwirren kann.

7
dungen zu der sie einbettenden Gesellschaftstheorie ergeben sich Erklärungen der Luhmann´schen
Art, die viel stärker die schematisierten Formen des Liebe-Erwartens und natürlich die Kommuni-
kation der Teilnehmer im Nahbereich fokussieren. Von dort aus lassen sich im Anschluss an die
Darstellung der Liebestheorie: Gründe für Probleme im Kennenlernen, Gründe für Probleme beim
Anfangen und in Erstkontakten finden, die theoretisch tiefer verankert sind als Vermutungen über
Mars und Venus und Spekulationen über deren Wesenszüge. Dass man erste Anzeichen für sexuelle
Anbahnungsweisen in die 50er Jahre, also die direkte Nachkriegszeit verfolgen kann (und das auch
für Europa), mag vielleicht verwundern. Man erkennt so aber auch den Steigerungsprozess oder
auch die Übersteigerung dieser intimen Kontakt- und Werbungsart, die sich – häufig inspiriert von
amerikani-schen Erfindungen – in den hochentwickelten Regionen der Welt bis heute vollzogen
haben. Die thematisiert neuere Verhaltensweisen und die Bilderfluten von eindeutigen Posen, die
im europäischen Kontext auch heute noch Skepsis und Reserviertheit erzeugen.

8
1.2. Minimalanthropologie und Reduktion von Komplexität

Liebe wird in der Regel als individuelles Gefühl aufgefasst und damit einer biologisch-psychischen
Einheit des Betroffenen zugeordnet: Man verspürt Sehnsucht, Lust oder Zuneigung und schließt
darauf, dass man als einzelnes Lebewesen hier Liebe in sich entwickelt hat (interessant dagegen der
englische Ausdruck: to be in love). In dieser Hinsicht stellt Luhmanns Liebestheorie Ansprüche und
Zumutungen an den Leser, wenn diese Sichtweise des nur individuellen Gefühls als Basis für Liebe
unterlaufen wird. Hinzu kommt, dass der Begriff des Mediums im Alltagsreden, aber auch in den
Sozialwissenschaften vielfach belegt und daher womöglich undeutlich ist 2. Anzunehmen ist jeden-
falls, dass Leser stutzen müssen, wenn der Terminus "Medium Liebe" wie selbstverständlich einge-
führt wird. Es hat natürlich Vorzüge, wenn man sich in Luhmanns Gesellschaftstheorie auskennt
oder allgemein in Systemtheorie eingeführt ist, weil man dann etwa andere Medien kennt und
einem dies den Vergleich zur Liebe erleichtert. Wir wollen hier nicht umstandslos dieses Wissen
voraussetzen, führen zwar nicht in Systemtheorie ein, gehen aber nach Möglichkeit etwas naiver an
Luhmanns Theorieangebot heran. Das durchgängige Thema ist Liebe. Und Luhmanns Medien-
konzept ist damit nicht zu umgehen.

Zunächst ist man in unserem Themenkomplex – und das ist für Luhmann recht ungewöhnlich – mit
zart angedeuteten anthropologischen Annahmen konfrontiert, die Luhmann selbst nicht entwickelt,
aber aufgenommen und für seine Zwecke weiterverwendet hat. Selbst wenn Luhmann in einem
Interview bekundet: "Menschenbilder, sowas Grausliches" (Hagen 2009, 98), kommt er hier und
auch in anderen frühen Texten der 60er und 70er Jahre nicht ohne Annahmen über den Menschen
im Kollektivsingular aus.3 Bereits seine frühe Formel von der Reduktion von Komplexität, die er
später mehr und mehr vernachlässigte oder ironisch kommentierte, ist wechselweise anthropo-
logisch und (sozial-)psychologisch gebaut. "Die allgemeine Lebenslage des Menschen ist gekenn-
zeichnet durch eine übermäßig komplexe und kontingente Welt" (Luhmann 1969, 12). Der Mensch
sei in ein unübersehbares Chaos von Welt und Gesellschaft geworfen und müsse dann zusehen, wie
er zu einer gewissen Ordnung und Orientierung für sich gelangen könne.

2
Dass es hier innerhalb der Wissenschaft, dort innerhalb der Soziologie, dort innerhalb ihrer funktionalistischen und
systemtheoretischen Ansätze um symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (Parsons) geht, macht den Fall
vielleicht etwas leichter.
3
Ein Autor, auf den Luhmann sich in mancher Hinsicht bezieht (z.B. was Grenzen der Auffassungskraft des
Menschen oder Plastizität des Menschen aus seinen Mängeln heraus angeht) ist Arnold Gehlen. Siehe etwa Gehlen
1997 – Da die anthropologische Forschung seit ihrem Anbeginn eine Menge grundlegender Texte hervorgebracht
hat und heute weiterhin produziert, fällt natürlich Luhmanns Auswahl auf manche spezielle Autoren wie eben
Gehlen auf. Wo Luhmanns Ablehnung gegen Menschenbilder recht scharf ausgeprägt war, würde sich im
Vergleich anthropologischer Theorien die Frage lohnen, warum ihm etwa die Gehlensche Fassung noch am
ehesten behagte. Plessner etwa wird kaum zitiert, obwohl Luhmann Plesser mit Sicherheit gelesen haben wird, und
Luhmann berichtete, die deutsche philosophische Anthropologie hätte ihm insgesamt nicht gefallen.

9
Gehlen folgend, formuliert Luhmann hier zwischen personalem System und seiner sozialen Umwelt
ein Komplexitätsgefälle durch eine immer in Veränderung begriffene Umwelt und eine beschränkte
Verarbeitungskapazität des menschlichen Bewusstseins. Es droht quasi immer Überforderung und
Überschwemmung mit selbstgebauten Informationen und Weltbildern; daraus müssen Selektionen
z.B. in Form von Entscheidungen für dies und gegen das vorgenommen werden (Selektionszwang).
Diese Situation werde ihm zum Problem in allem, was eigene Sinngebung, Verständlichkeit der
oder Orientierung in der sozialen Welt angeht. Der Mensch müsse schauen, wie er damit trotzdem
zurandekommt, weil man nicht darauf hoffen kann, dass das Gefälle sich im Laufe des einzelnen
Lebens z.B. durch Lernleistungen ausgliche; vielmehr ist anzunehmen, dass durch mehr Gewiss-
heiten unproportional mehr Fragen aufgeworfen werden und sich der Bedarf nach Strukturbildung
verschärft. Uwe Schimank weist darauf hin, "dass Luhmann – soweit Talcott Parsons folgend – das
Hobbes´sche Problem sozialer Ordnung auf ein Problem des Sich-zurechtfindens [sic!] in einer
zunächst sinnleeren Welt, die von anderen ebenso desorientiert umherirrenden Menschen bevölkert
ist, umdefiniert." (Schimank 2005). Dieser Problempunkt sei für den Menschen schlechthin konsti-
tutiv. Die Überkomplexität der Umwelt liefert ihn täglich neuen Unwägbarkeiten aus; Überschau-
barkeit, Erwartungssicherheit, Absehbarkeit und Planungsmöglichkeiten werden damit zu prekären,
wenn auch immer interessanten Angelegenheiten.

Wir lassen zunächst alle Fragen beiseite, wie es zu Liebesbeziehungen kommt und wie sie sich
einleiten. Dazu kommen wir weiter unten. Durch den Aufbau von kleinen Intimsystemen, kann man
aber sagen, wird nicht nur ein quantitativer Schritt zur Zweiheit getan, sondern vollzieht sich ein
qualitativer Unterschied ums Ganze4. Zu zweit bietet sich die Möglichkeit sozialen Handelns und
der Kommunikation. Was am monadenhaften Alleinleben quälend oder belastend wirkt, mag wie
oben gesagt der Umstand sein, das Weltgeschehen psychisch und nur für sich verarbeiten zu müs-
sen. Allein vom Blickpunkt der Systembildung her kann man für Liebe zu zweit erstmals sagen:
Gegenüber der Umwelt gibt es hier überhaupt ein soziales System, das sich mit Umwelten befassen
kann und Psyche an einen nachgewordneten Schauplatz verweist. Der Schritt in eine Zweier-
beziehung meint somit gleichzeitig das Verlassen der nur-psychischen Existenz, er bedeutet das
zeitweise Verlassen oder die Entlastung vom sonst ständig laufenden inneren Monolog (Luhmann
1969, 21/22). Man kann die Grenze zu einem Anderen überschreiten, sei es durch Handeln/Kom-
munikation oder Beobachten und Beobachtetwerden bei Darstellungen. Und es gehört wohl zu
Luhmanns schmaler Anthropologie zu meinen, die Weltverarbeitung funktioniere besser zu zweit,
4
Einen ähnlichen Schnitt oder Schritt hat Simmel bekanntlich für den Dritten vorgeschlagen, offenbar mit dem
Gedanken, dass nun Fronten und Verbündungen wesentlich werden – neben dem später für Goffman wesentlichen
Thema, dass nun zwei sich vor einem Dritten äußerlich darstellen können. Heinrich Popitz redet in Bezug auf
Gruppen von (sinngemäß) abgestimmtem Außenhandeln Dritten gegenüber, also einem Mechanismus, der für
Liebe nur in ihren Außenbeziehungen wichtig ist, nämlich als Außendarstellung der Liebenden.

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weil nun auf Seiten der Akteure eigene Komplexität als Intimsystem bereitgestellt werde. Umwelt-
ereignisse werden (psychisch gesehen) so über den Umweg der Paarkommunikation gefiltert.

All dies kann mit Recht aber nur gesagt werden, wenn man es für höchstpersönliche, intime Gehalte
geltend macht. Und es gibt mit Luhmanns Verweis auf Humboldt die Möglichkeit zu meinen,
Menschen fänden in diesem persönlichen Verhältnis zum anderen erst wirklich zur Welt. Obiges ist
in dieser Weise einzuschränken, dass Liebe nicht der Beginn des Sozialen schlechthin ist: Es hat
Verhältnisse der Bekanntschaft, von Konkurrenz und Konflikt, es hat familienähnliche Zustände,
Nachbarschaft und gänzlich unpersönliche Beziehungen gegeben. Die Idee der Romantik und der
Liebe als Passion scheint (seit dem 17. Jahrhundert) aber konsequent und radikal der Verdacht zu
sein, dass sich eine gänzlich neue Welt für beide Beteiligten aufspannt, wenn ihnen im Gefüge der
Gesellschaft nun die Möglichkeit offensteht, hohe Intensivierung der Kommunikation und höchste
Relevanz der zwei in einem eigens dafür reservierten Kleinstsystem pflegen zu können. Diese Ent-
wicklung bedeutet aber zugleich, dass Menschen ins Soziale bereits vielfältig eingebunden sind und
waren – und sich nun ein freier Raum (Luhmann 1982, 167) für Angelegenheiten aufspannt, in dem
der Einzelne sich schutzlos, allein und verlassen fühlen kann, soweit Liebe fehlt. In der Romantik
und Empfindsamkeit wird dieses Gefühl vielleicht so übersteigert und hochgezogen, dass man
Zweifel bekommt an einer realistischen Gewichtung der Relevanz dieses Bereichs. Die Selbstüber-
schätzung des Liebessektors scheint sich aber bis heute so weit durchtradiert zu haben, dass
Menschen den Eindruck bekommen können, auch die anderen Bereiche ihres Lebens – Arbeit,
Freizeit, Wohnen, Interessen – seien schal und grau und könnten nicht zur Zufriedenheit betrieben
werden, wenn und soweit es ihnen an Partnern fehle. Es gibt bis heute also diese Art von invasiver,
infektiöser Stellung der Liebe im Gefüge der anderen Funktionsbereiche, die durch den Ausbau
einer gemeinsamen Welt (Humboldt) dem Paar und dem je einzelnen Beteiligten neue Sinnhorizon-
te verschafft. Liebe strahlt damit offenbar auch auf umliegende Lebensbereiche aus.

Es ist vielleicht trivial, und natürlich geht es in unserem Kontext auch teils um psychologische
Fragestellungen, um die man die Liebe kaum beschneiden kann, aber das Hinzutreten eines Zweiten
meint dann auch: Man kann nun in allem, was man zuvor registriert, belacht oder bezweifelt hat,
mit jemandem darüber reden – wie auch immer er sich dazu stellt. Es gibt nun dieses Faktum des
Gegenübers, den ich ansehen und anreden, den ich auch etwas fragen kann mit dem Effekt, dass er
wahrscheinlich antwortet, worauf ich wieder etwas entgegnen kann usw. Es gibt Möglichkeiten des
Vergleichs, des Übereinkommens, des Abwägens von Ansichten und natürlich die Möglichkeit des
Konflikts. Dabei werden wir sehen, dass die zwei sich über die Welt, über Dritte, aber auch über
sich selbst und über die Liebe als soziales Gebilde, in das man nun selbst verstrickt ist, unterhalten

11
können. Man wird Schwierigkeiten haben, Gegenstände zu finden, die klar nicht thematisiert wer-
den können, inklusive den oft vielleicht doch hilflosen Versuchen, Gefühle mit Worten abzubilden,
wenn der andere fragt: Was denkst du gerade?5

Überhaupt sieht Luhmann die "Grundlage aller Kommunikation" (1975, 36) in einem Unterschied,
in einer Differenz.6 Für konkrete Sichtweisen ist das weitgehend klar: Man kann nicht an der Stelle
stehen und sehen, wo ein anderer gerade steht und sieht. Der Raum dort ist besetzt. Damit ist die
Sicht natürlich eine andere, wenn auch nur um Nuancen. Diese Grundkonstellation lässt sich aus-
weiten auf Meinungen, Erlebnisse, Gewohnheiten, Motive und vieles mehr, weil man bei ihrer Viel-
falt und Bindung an biografische Kontexte meinen darf, dass sie nie völlig konvergieren. "Kommu-
nikation setzt Nichtidentität der an ihr Beteiligten voraus, daher Differenz der Perspektiven und
daher auch Unmöglichkeit der Kongruenz des Erlebens" (ebd.). Dies ist eher ein logisches
Argument, das in Luhmann einführt. Die Differenz wird aber zum Anlass für Kommunikation, zum
Grund eines Anfanges, sich darüber zu wundern, wie der andere spricht und sich verhält, um dann
allein aus explorativen, neugiermotivierten oder klärungsinteressierten Gründen Kontakt zu wagen. 7
Das hat nicht nur speziell mit Liebe zutun, es gilt für Kommunikation schlechthin. Aber das Faktum
erlangt in der Liebe besondere Wichtigkeit, wenn man bedenkt, wieviel Zeit auf Kommunikation
verwendet wird, allein aus Interesse am anderen – welcher gleichzeitig Rätsel aufgibt, ärgerlicher-
weise oft intransparent und unverständlich ist und so zur eigendynamischen Quelle für Fragezei-
chen wird. Die Kommunikation mit diesem bekannten Unbekannten dient dann vielfach dazu, ihn
zu durchschauen, ihn kennenzulernen, in ihn zu dringen, ihn festzustellen. Und man kann meinen,
dass Liebe an ein Ende kommt, wenn der andere vollkommen festgestellt ist, weil dann auch die
Anlässe rar werden, über sich zu reden – was Außenbeziehungen wichig erscheinen lässt.

Kommen wir nochmal zur Anthropologie zurück, sieht Luhmann gegenüber monadenhaften
Existenzen (soweit sie möglich sind) Vorteile in der Liebe, allein aus dem Komplexitätszuwachs:

5
Zu seiner Trennung von Kommunikation und Bewusstsein räumt Luhmann ein: "Wahrnehmungen bleiben dann
zwar im jeweils aktivierten Bewusstsein verschlossen und können auch nicht kommuniziert werden; aber Berichte
über Wahrnehmungen sind möglich und Wahrnehmungen können auf diese Weise, ohne je Kommunikation
werden zu können, Kommunikation stimulieren und ihr die Wahl des einen oder anderen Themas nahelegen."
Luhmann 1995d, Herv. TL)
6
Zum Hintergrund Clam (2002).
7
Diese Worte erinnern an eine ähnliche Konstellation, wie man sie etwa bei Robinson und Freitag findet: Das
Konzept der Doppelten Kontingenz stammt ebenfalls von Parsons. Auch in diesem Zusammenhang bringt
Luhmann oft anthropologische Argumente an, diesmal für die konkrete Interaktionssituation: Für Menschen sei die
Unsicherheit, Offenheit und Ungeklärtheit der Lage kaum auszuhalten, sodass Kommunikation fast folgen muss.
Dies wird besonders virulent, wenn man seine eigene Anwesenheit durch körperliche Nähe nicht mehr gut leugnen
kann und das Zusammensein von einiger Dauer ist und zur Peinlichkeit gerinnen kann: In Zügen und Bussen, vor
allem in Aufzügen – wenn also die körperliche Nähe der sozialen Vertrautheit vorauseilt. Hirschauer (1999) argu-
mentiert, hier gäbe es Versuche, die eigene Anwesenheit herunterzuspielen/zu minimieren, also Blicken auszu-
weichen oder Dinge anzustarren und der Anwesenheit anderer so auszuweichen.

12
Der Welt steht nun ein Intimsystem entgegen. Eine "Anpassung an sich ändernde Lebenslagen"
gelänge besser zu zweit (Luhmann 1969, 22). Die Komplexität der Umwelt kann nun thematisiert
und verhandelt werden. Das System gewinnt in sich Ansichten und Einstellungen, es kann das
Gesagte des einen nehmen und abwägen, es kann daran anschließen. In Hinsicht auf psycholo-
gische Gegebenheiten des Menschen formuliert Luhmann ungern genau. Es heißt, der Einzelne
müsse "Bestätigung finden" (Luhmann 1982, 17) – offensichtlich für den nicht seltenen Fall des
eigenen Zweifels an seinen nicht austauschbaren Sichtweisen. Und:

"[...] auch für Erwachsene gelingt ein Ausgleich von Schicksalsschlägen, ein Aushalten einer problemreichen und
fluktuierenden Umwelt besser und anstrengungsloser, wenn Intimbeziehungen feste Haltepunkte bieten und
Gelegenheiten, auszudrücken und bestätigt zu finden, daß man gerade in diesen Schwierigkeiten und trotz aller
Veränderungen derselbe bleibt." (Luhmann 1969, 24)

Anthropologisch oder psychologisch gelesen, könnte das heißen: Schwierig wäre es für Menschen,
wenn nicht nur die Umwelt changiert, sondern auch das Einzelbewusstsein keine Identität an sich
ausmachen kann; problematisch wird es, wenn man auch an sich selbst keine "Haltepunkte" findet,
eben darin, dass ein Zweiter sagt, dass es so gut und sogar liebenswert ist, wie man ist. 8 In
Luhmanns Liebestheorie suchen Menschen eine Selbstvergewisserung oder Selbstverankerung in
der sozialen Welt – durch einen anderen. Wenn das nicht gelingt, und wenn Alternativen nicht akti-
viert werden können (wir kommen auf sie zu sprechen), muss dies prägende Folgen haben. Luh-
mann kommt als Soziologe auf Katastrophenszenarien psychischer Art nicht zu sprechen.
Alternativen sind aber grundsätzlich denkbar und praktisch oft im Einsatz, "zum Beispiel durch
Leistung und Erfolg" in Arbeitszusammenhängen (Luhmann 1969, 23). "Auch in Kleingruppen der
Arbeitswelt verdichten sich Sympathiebeziehungen", formuliert Luhmann vorsichtig, auch im
Unterschied zu vollausgeprägter Liebe (1969, 55).9 Der Alternativen gibt es noch einige Kandidaten
mehr, die Liebe nicht im vollen Umfang ersetzen, aber das Fehlen einer Intimbeziehung doch
relativieren und kompensieren können10. Arbeit ist ein Kontext für Erfolgsmöglichkeiten, die einem
zwar nicht Geliebtwerden anzeigen, aber den Umstand betonen, dass man dort eine brauchbare
Sache verrichtet, was so auf das Bedürfnis einwirkt, sich bestätigt zu fühlen; selbst aus Filmen
kennt man die Konstellation recht gut: die Liebe zerbricht, es ist zum Verzweifeln, aber er/sie stürzt
sich in die Arbeit. Geliebtwerden wird durch Gebrauchtwerden ersetzt.
8
So weiß man, dass Liebesbeziehungen nicht nur in passionierten Hochzeiten leben, sondern auch halten können,
wenn die Partner sich noch versichern können, dass alles okay und in Ordnung ist.
9
Das Argument der Selbstvergewisserung und Stabilisierung dynamischer Identitäten verfolgt weiter Karl-Heinrich
Bette (1999, 2004, 2005) im Bereich Sport.
10
Dieses Denken in Ersatzstücken nennt Luhmann in Anschluss an Robert K. Merton (einen Schüler von Parsons):
Äquivalenzfunktionalismus. Mit Blick auf ein Bezugsproblem wie Systemerhaltung können Leistungen in
verschiedenster Form erbracht werden, solange sie diese Funktion bedienen. Eine schöne Studie, die sich diesem
Denkmuster verschreibt, ist zu finden bei Lewis Coser (1974). Grundlegend aber Robert K. Merton (1967).

13
2. Liebe als Medium

2.1. Individualität als Problem

Es gibt sicherlich auch heute noch eine weit verbreitete Euphorie und Bejahung der Möglichkeiten,
anders und verschieden zu sein. Als soziologisch geschulter Leser kann man es bei dieser
Einseitigkeit aber nicht belassen. Nicht nur, dass man mit den Stichworten der Postmoderne oder
dem eventuellen Ende der Geschichte fragen kann, ob es heute überhaupt noch sinnvolle, gangbare
Wege gibt, sich anders oder einzigartig darzustellen. Denn unter spätmodernen Umständen muss
man annehmen, dass viele Stile und Darstellungen schon einmal dagewesen sind. Und man kann
zudem zu meinen, dass es eigentlich schwerfällt, überhaupt noch etwas Anderes oder Neues zu
symbolisieren.11 Stilmischungen, Patchworks, Anspielungen auf Vergangenes usw. deuten heute auf
diese Schwierigkeiten des originellen Selbstseins hin. Dies gilt aber nur für die Möglichkeiten und
Bedingungen der Möglichkeit von Originalität. Es besagt noch nichts darüber, ob Personen ihre
Bestrebungen zum Anderssein (in welcher Ausführung dann auch immer) sozial überhaupt verkraf-
ten können, weil man es gewohnt ist, auf Einzigartigkeit, Testen der Vielfalt und Selbstverwirk-
lichung durch Selbstdarstellung ein Loblied zu singen. Man ist es hier einfach nicht gewohnt, die
Schattenseite sofort mitzuentfalten.

In der Regel wird vielleicht noch nach den positiven Funktionen von Individualität – z.B. als
Chancen für Distinktionsgewinn aber auch als Re-Integrationsweg über Subkulturen, als moderne
Beheimatung in Milieus – gefragt, in der Regel aber wird nicht nach den negativen Folgen von
Individualität. Niemand würde heute auf die Idee kommen, auf Möglichkeiten im Lebensstil und
der Darstellung des Körpers, der Meinungen, der Person zu verzichten 12, weil Soziologen meinen,
dass mit je höhergetriebener Individualität auch die Anschlussmöglichkeiten für Kommunikation
sinken (könnten). We do, ´cause we can – ganz einfach. Probleme wohl nicht im Aufwerfen von
Interesse und im Erzeugen sozialer Aufmerksamkeit (denn das wird ja gesucht), aber an den Gren-
zen von Verstehen, Verständnis und Bestätigung durch andere und am Aufkommen von skeptischen
Motivverdachten. In Berliner U-Bahnen etwa kann man gut einige der sozialen Folgen gesteigerter
Erwartung von Individualität der Mitbürger erleben: Der Irokesen-Punker, der glatte Geschäfts-
mann und die Großmutter mit Strickjacke und frischer Krause, neben den zahlreichen Figuren-
11
Mit Parsons´ institutionalisiertem Individualismus lässt sich ergänzen, dass der Aufruf zu Einzigartigkeit und
Besonderheit heute (als Werthaltung) an jeden gerichtet ist. Das kann einerseits in Konkurrenzverhältnisse und in
Bemühungen um soziale Aufmerksamkeit führen; andererseits kann dies Zweifel am Individualitätsprogramm der
Gesellschaft und die Möglichkeit aufkommen lassen, es rundheraus abzulehnen. Man kann einfach unauffällig,
wie jedermann, konventionell sein wollen und den Wunsch nach einzigartiger Darstellung beiseite lassen; ohne
hierbei aber sichergehen zu können, dass dies nicht wiederum als gezielte Selbstdarstellung ausgelegt wird.
12
Siehe aber zu voluntary simplicity und Verzicht: Elgin (1981) und Etzioni (1981).

14
vorlagen für Jugendliche (den Emos, den Goths, den Nerds) werden mit derselben Gleichmut
hingenommen. Niemand dreht sich dort mehr nach einem Transvestiten um. Um in diesem Kontext
noch wirklich Erstaunen zu erregen, haben Jugendliche kaum mehr Aktionsspielraum für Protest
und ihre Unmutsäußerungen, sie müssen den zuvor noch über das Rauchen nörgelnden Rentner an
der nächsten Haltestelle tottreten, damit etwas geschieht. Dann schenkt man ihnen Gehör, in Zei-
tungsartikeln (Verwahrlosung) und in Gerichtsverfahren. Ich denke, man muss Straftaten und
Gesetzesübertritte heute (natürlich in den korrekten Bereichen und Gewichtungen) ins Repertoire
für die Darstellung von Individualität miteinbeziehen; und dann kann man ahnen, warum Sozio-
logen schon weit vorher von den Folgen, Konsequenzen, Dysfunktionen von Individualität spre-
chen. Immerhin gibt es dafür bereits mediale Vorlagen: dass Hollywoodstars heute wissen, dass sie
sich regelmäßig mit kleinen Drogenmengen oder bei dosierten Körperverletzungen erwischen
lassen müssen, damit die Manager weiterhin zufrieden sind und Artikel darüber und über ihre eher
nebensächlichen Filme und Musikprodukte in den Nachrichten kursieren.

Wir müssen mit wenigen Sätzen zurückgehen in die Geschichte, um sehen zu können, was all das
mit Liebe zutun hat. Die soziologische Argumentation verläuft kontraintuitiv. Vom Alltagsver-
ständnis her würde man vielleicht pauschal denken: Je einzigartiger, je auffälliger – desto interes-
santer für den romantischen Beobachter, desto chancenreicher die Liebe! Aber die Koevolution von
Individualität und Liebesmedium suggeriert eigentlich eher, dass Liebe (zeitlich und funktional) auf
größere Individualitätsspielräume der Personen folgte, und zwar als strategische Lösung eines
Problems.13 Historisch hieß es also nicht: Mehr Individualität, also mehr Liebeschancen. Sondern:
Mehr Individualität und damit weniger Liebeschancen bzw. mehr Individualität und größere Wahr-
scheinlichkeit für Unverständnis wegen fehlender Parallelen bei anderen, Probleme kommuni-
kativen Anschlusses. Soziale Aufmerksamkeit wird vom operativen Standpunkt heute zu schnell
allgemein gutgeheißen, vom Gerede der Werbegestalter her vielleicht noch plausibel. Aber man
musste in der Soziologie auch den Sozialbegriff ("sozial") von gut und schlecht entkleiden. Solange
aber, bis dies für Individualität nicht eindeutig geschieht und sie zunächst einmal im Status einer
Euphorie- oder (wie Luhmann teils sagt) einer Ressentimentbegrifflichkeit verbleibt, müsste man
vielleicht in positive und negative soziale Aufmerksamkeit14 unterscheiden. Man kann heute
immernoch unangenehm auffallen! Und die größten Werbetafeln und unausweichliche Aushänge-
schilder in der Selbstdarstellung sorgen noch nicht dafür, dass die Adressaten den Handelnden auch

13
Man muss danach erst den Zeitpunkt und die Gründe dafür suchen, wann und warum nicht mehr Individualität,
sondern im Gegenteil Konventionalität/Durchschnittlichkeit/Normalsein zum Problem werden. Die sozialen
Umwälzungen in der Nachkriegszeit, 1968 usw. sind dabei sicherlich eine Landmarke, wo "Konservatismus" zum
Anklagepunkt auch in der täglichen Interaktion werden konnte. Man sollte im Mausgrau der Väter nicht mehr
untergehen.
14
Von Robert K. Merton ist dies weitgehend bekannt als Funktionen und Dysfunktionen.

15
mögen. Man kann viel Feuerwerk unternehmen, und gerade deshalb in seiner Person ablehnend
beäugt werden. Das scheint auch für Produktwerbung ein bedenkenswerter Punkt zu sein, also dass
Leute irgendwann ärgerlich werden, wenn sie ständig penetrant als Reiz-Reaktions-Maschinen
angesprochen werden und Probleme haben, dieser Art der Adressierung noch auszuweichen. Als
Liebesstrategie der Erzeugung von Aufmerksamkeit sind heute etwa eine lange Reihe von
Körpersymbolen und -praktiken bekannt, um wie nebenbei auf sich hinzuweisen.

"Das Sichzurechtmachen und Herausputzen, die Selbststilisierung als Kunstwerk macht einen Menschen noch
nicht liebenswert, kann aber zur Darstellung der Interaktionsbereitschaft dienen, zum Anlocken und als
Aufforderung zum Entdecken des liebenswerten Inneren. Dabei macht, wer seine Reize an sich zur Schau stellt,
sich den Umstand zunutze, daß das Angebot den noch nicht spezifizieren kann, dessen Interesse erweckt werden
soll, also ´freibleibend´ ist und noch nicht zur Liebe verbindet." (Luhmann 1969, 20)

Der für Luhmann15 vielfach entscheidende Zeitpunkt ist der Eintritt in die Moderne etwa um 1650
bis 1700, eben die Zeit, ab wann man die Kristallisation spezialisierter Funktionssysteme nach-
weisen kann. Luhmanns Liebesbuch von 1982 ist eine historische Vorverlegung der Identifikation
des Liebescodes gegenüber den meisten anderen Darstellungen, die wesentlich das 18. mit dem 19.
Jahrhundert vergleichen und dann in mehreren Hinsichten Emanzipation, sexuelle Befreiung oder
Gleichstellung ausmachen. Der Startschuss durch individuelle Passion wird dort weitgehend gar
nicht gesehen; das gilt auch für die Umkehrung des einst passiven Prinzips des Erleidens von
Leidenschaften in einen Zustand, von dem aus man als Liebender aktiv wird etwa durch Singen,
Werben, Dichten, Tanzen, Geselligkeit, Galanterie und Koketterie, Liebesbeweise und -beteu-
erungen, Einladungen, Geschenke usw., also über die ganze Breite der Überzeugungsarbeit, die
vonnöten ist, um dem Objekt meine Liebe beizubringen. Schon hier taucht das Problem für den
Mann auf, Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Die Frau, so Luhmann im Interview mit Alexander Kluge
(o.J.), könne ihre Liebe durch Hingabe bezeugen; der Mann dagegen verführe überall und wo er
will. Luhmanns Semantikstudien fokussieren diesen Scheidepunkt zur Moderne eigentlich durch-
weg, um zu zeigen, wie die Moderne dort herangereift ist, und um zu zeigen, welche Strukturen
heute noch nachwirken, weil man auf einen nächsten eindeutigen Schritt des Wechsels des primären
Differenzierungsprinzips nun noch "wartet". Ob dieser Verlegenheit sagt man oft "Spätmoderne",
weil man andeuten will, dass sich seit 1700 dennoch viel getan hat.16

15
Luhmann greift das Thema Individualität an vielen Stellen auf (das Frühwerk hier auslassend): Luhmann (1980,
1989, 1994, 1995b, 1997b). Zudem (Luhmann 1994 aufgreifend: Anspruchsindividualismus) Schimank (2002);
Stichweh (1998); Dumont (1990).
16
Den Begriff der Postmoderne hat Luhmann nie akzeptiert, mit dem Argument, dass funktionale Differenzierung
immernoch der Rahmen sei.

16
Der wesentliche Aspekt für Individualität und Liebe ist dabei, dass die soziale Verfassung in
Schichten immer nachrangiger wurde; dass die Schichten aber sozial inklusiv auf die Person
wirkten, während die horizontale Reihe von Funktionssystemen sozial exklusiv wirkt, die Personen
also nur noch fragmentarisch, nach Gesichts- und Relevanzpunkten, nach Perspektiven und
Rollenausschnitten in sich einbeziehen und – abgesehen vom Liebessektor (und hier offenbar auch
nur über Fiktionen (Hahn 1993)) – keine Stelle mehr für personale Einheit vorsehen. Bei Peter
Fuchs heißt es:

"Im hier diskutierten Fall bezieht sich das Problemschema darauf, dass mit der funktionalen Differenzierung
gleichsam epiphänomenal die Einheit dessen, was als Mensch galt, aufgelöst wird. Er wird zu einer Vielfach-
adressiertheit, zu einer Dividualität oder einer Art ´Listenförmigkeit´, die nicht mehr metaphysisch verankert ist
und sich auch nicht mehr in eine ´große Erzählung´ einordnen lässt. Die ´Person´ ist in einem genauen Sinn von
´verhältnismäßiger Bedeutsamkeit´ (Löwith)." (Fuchs 2010, 264)17

Auch die noch völlig differenten Formen der Liebe im Schichtungsschema (unter heute wohl noch
teils romantischen Gesichtspunkten ganz unvergleichlich) liefen über Familien- und Machtver-
hältnisse, die Erhaltung der Erbfolgen und Ämter, die Vorteilsnahme durch arrangierte Heiraten –
und eben nicht über persönliches Gefallen der Einzelpersonen. Liebe hatte eben nicht primär die
Funktion, Personen zu betreuen, indem man sich genauer auf sie einlässt. Der Titel "Liebe" hatte
schlichtweg eine andere Bedeutung, auch wenn man nicht ausschließen muss, dass es quasi
romantisch liebende Paare, ineinander vernarrte Teilnehmer gab.18 Aber als Medium in der Breite
der Bevölkerung war dies völlig unüblich und es war auch kein Vergleichsschema, nach dem man
hätte klagen können, man würde den Sohn des benachbarten Grundbesitzers gar nicht leidenschaft-
lich lieben, wenn eine Heirat hier nahelag. Luhmann zur üblichen Doppelmoral (mündlich):

"Es gab immer schon solche Regeln (insbesondere kirchlicher Art), man solle niemanden zwingen zu einer Ehe.
Also es gab ein Vetorecht. Aber wie stark das gewirkt haben mag, wenn Mädchen zunächst einmal nicht wollten
und dann [von den Eltern; TL] bekniet wurden, ist eine andere Frage."19

Passionierte Liebe startete historisch erst danach – unter der Fragmentierung der Person 20 durch die
Funktionalität der Lebensbereiche und durch biografische Mobilitäten in und zwischen ihnen. Für
Biografien und Persönlichkeiten startete hier ein Spiel der Kombinatorik. Menschen fühlten sich
als Ganzes nicht mehr aufgehoben/verstanden; Resonanzen auf sie als Persönlichkeit konnten nicht

17
Fuchs bezieht sich hier auf Karl Löwith (1928).
18
Das umfasst etwa Gegenargumente, dass es doch auch in der Antike oder zuvor schon Liebe gegeben hat, wie man
dort an den literarischen Hinterlassenschaften erkennen kann.
19
Hier Luhmann im Interview mit Alexander Kluge (dctp tv). In der Literaturliste unter Kluge.
20
Zu Partialinklusion und der Trennung von Leistungs- und Publikumsrollen siehe einführend: Hohm (2000).

17
mehr befriedigen und hinterließen weiße Flecken in der Bedürfnislandschaft, weil deren erfahrungs-
mäßige Hintergründe nun viel stärker zusammengestückelt wurden. Spätestens in den Epochen der
Empfindsamkeit und der Romantik wird diese Leerstelle auch literarisch zutage gefördert. Eltern,
Freunde, Kollegen, Verwandte, Bekannte usw. fielen für persönliche Bestätigung mehr und mehr
aus, sodass der Platz mit einem persönlichen ("seelenverwandten") Intimpartner besetzt werden
musste.21 Sie konnten die relativ genaue Kenntnis und regelmäßige, aufwendige Begleitung des
Betreffenden auch nicht mehr leisten; nicht unbedingt als ein Problem des Nichtwollens oder
Sichweigerns, sondern als Problem von Zeit und Komplexität der sich abspielenden Biografien.
Selbst engste Freunde haben heute Probleme, sich "auf dem Laufenden zu halten". All dies wurde
zum Bezugsproblem, worauf das Liebesmedium mit (später dann durch die Kombination mit Ehe
auf Dauer angelegter) emotionaler Komplettbetreuung reagieren sollte. Die persönlichen Bezieh-
ungen erfahren hier einen vollen Funktionswechsel und im Ganzen eine immense Aufwertung.

Die Person "[…] ist nur unter erheblichem Aufwand als komplettrelevant beobachtbar. Dieser Aufwand wird in
Systemen der Intimität betrieben, die ihre Kommunikationen ausstatten mit den Merkmalen der reziproken
´Höchstrelevanz´ (Hartmann Tyrell) der beteiligten Leute und mit dem Anspruch wechselseitiger Komplett-
betreuung, Körper inklusive. Solche Systeme […] suggerieren (in der Form romantischer Liebe) die Möglichkeit
dauerhafter Komplettbetreuung sogar unter der Voraussetzung unvermeidbarer ´Idiosynkrasien´." (Fuchs 2010,
264)22

Der Vergleich mit Schichtung ist auch deshalb instruktiv, weil es innerhalb der einzelnen Schichten
(in denen man sich vorwiegend bewegte) ganz andere, sozusagen noch angeleitete Kontakt- und
Verstehenschancen von Parallelexistenzen gab, die sowohl ein Kennenlernen, ein alltägliches
Verstehen, einen Umgang miteinander, ja vielleicht Sympathie erleichterten. 23 Man hatte aus
biografisch ähnlich verlaufenden Bahnen in der Regel keine Schwierigkeiten, sich vorzustellen,
dass man dann auch intimpersönlich eine Allianz bilden könnte – je nach Bedarf der Familien-
politik und der dynastischen Erfordernisse. Man sieht sofort, dass mit der Abwertung des Adels, mit
Aufkommen der Funktionssysteme und Ansätzen zu Werten wie Freiheit und Gleichheit: ganz
andere Probleme der Liebe und der Partnerwahl anfallen. Passion meint ziemlich zeitgleich Freiheit
21
Der historische Hintergrund einer Extensivierung der Liebe als Kontrast zur radikal persönlichen Liebe ist bei
Luhmann (1969, 29) zu finden: eine "Gesellschaft […], die als Interaktionserleichterung positive Empfindungen
ihrer Mitglieder zueinander, nicht aber gegenüber Fremden erwartet – Liebe aufgrund von Bekanntheit, Zuge-
hörigkeit und wechselseitiger Hilfe." Also Liebe in der Tradition von Solidarität und philia, die mit dem Schich-
tenschema offenbar kompatibel war.
22
Fuchs formuliert mit Vorbehalt ("Solche Systeme … suggerieren … die Möglichkeit …" Herv. TL) und teilt damit
wohl Luhmanns grundsätzliche Zweifel, ob die Komplettbetreuung der Personen über tragbare Fiktionen hinaus-
gehen kann. Ansonsten – wenn die Zweifel dem Dauerhaften gelten – bezöge sich der Vorbehalt auf die
Antinomien der romantischen Idee.
23
Dazu Luhmann (1982, 66): "Dieser Hintergrund einer noch schichtspezifisch gebundenen Geselligkeit und einer
dadurch vermittelten Sicherheit ermöglicht und trägt gleichwohl die Ausdifferenzierung von Liebesbeziehungen
und damit das Bezugsgeschehen für die Ausdifferenzierung des Code."

18
der Partnerwahl, weil es kaum Möglichkeiten gab, die eigenen Passionen zu dirigieren auf bestim-
mte Personen (Luhmann 1969, 35). Man verliebt sich ungesteuert, fast wild, und die Zügellosigkeit
des Gefühls wird im Begriff mitverfochten, was für dynastische Pläne ganz unbrauchbar ist. Aber
man muss die Wahl nun auch selbst bewerkstelligen: sich exponieren, schauen, suchen, an Gesellig-
keiten teilnehmen und sich entscheiden. Das ganze Problem der Werbung dürfte hier andere
Formen (wie Gefallen) annehmen, die heute noch spürbar relevant sind – wogegen auf jede Form
intentionaler Vorbeeinflussung der Partnerwahl durchweg allergisch reagiert wird.24

Mit der freien Partnerwahl macht das Verlieben also nicht Halt an den Schichten- oder Standes-
grenzen; der Pool möglicher Partner explodiert relativ schnell. Und spätestens dann steht man vor
dem Problem, dass man auf Teilnehmer stößt, denen man nicht mehr Parallelerfahrungen, ähnliche
Meinungen und Ansichten, einen schnell verständlichen familiären Background usw. unterstellen
kann. Beruflich können sie aus allen Funktionsbereichen der Gesellschaft entstammen. Familiär
können es immer auch höher und niedrigergestellte Personen sein; sie, die sich verlieben, können
in politisch völlig anders vorbelasteten Familienatmosphären aufgewachsen sein – auch wenn man
in Europa noch nicht die heutigen Herausforderungen globaler Liebe hatte. 25 Aber, Verstehen,
Interesse für und Geschick im Umgang mit ganz differenten Persönlichkeiten aufzubringen, unter-
scheidet nun die Lage stark gegenüber der geschichteten Gesellschaft. Es entstehen in komplexerer
Gesellschaft: komplexere Persönlichkeiten.26 Man kann auf weniger Selbstverständlichkeiten im
direkten Kontakt bauen, muss tasten lernen und dann auch mit Wissen und Fertigkeiten umgehen,
die zunächst einmal nur in der jeweiligen Interaktionssituation greifbar sind.

Die freie Mobilität des Verliebens macht nun, dass diese Leute in Kontakt kommen. Das ist eine
Situation, die Chancen bietet, für sich selbst und die eigene Lebenslage passgenauere ("persön-
liche") Anerkennung zu finden. Aber man hat zugleich erhöhte Probleme und Risiken, dass die nun
stärker erwachsenden Idiosynkrasien und Sonderbarkeiten des Partners dunkel bleiben können. Der
Partner wird zu einem Geheimnis, das man mit Neugier und Spannung entdecken kann. Doch die
Chancen für Abscheu und Ekel dürften sich wohl mitentwickeln. Das Intervall möglicher Gefühls-
lagen wird breiter, die Temperaturamplitude größer: Anfangs mehr Leidenschaft, später größere
Abscheu. Beides zusammengezogen, hat man immens gestiegene Ansprüche an die Intimkommuni-

24
Die Heiraten des Adels sind daher immernoch interessant zu studieren. Obwohl bereits Eheschließung mit einer
Bürgerlichen, stand die ganze Heirat von Charlene und Albert (Monaco) unter der Frage, wie sehr gedrängt und
dirigiert wurde: Liebesheirat ja oder nein? Musste Albert zur Zeugung legitimer Nachkommen nur endlich verhei-
ratet werden? Musste sie von Flucht abgehalten werden? Und mit welchen Argumenten?
25
Wir werden noch einige Male auf den Umstand stoßen, dass sich Luhmanns Medienanalyse sowohl bei der
Literaturverwendung als auch für den Anwendungsbereich in erster Linie auf die hochentwickelten Regionen der
Erde bezieht, was immer wieder Europa und Nordamerika fokussiert.
26
Vgl. Luhmann (1969, 34): "Die Passionierung der Liebe entspricht zunehmender gesellschaftlicher Komplexität."

19
kationsfertigkeiten der Liebenden.27 Die Schichtenstruktur sorgt im konkreten Zueinanderfinden für
keine stabile Vororganisation mehr. Es fallen einige wichtige Geländerkonstrukte weg, Freiheiten
machen Entscheidungen nötig. Und die nicht-hierarchische Ordnung der Funktionssysteme entlässt
die Individuen aus sich heraus in eine Exklusionsindividualität (Bohn 2001). Niemand geht als
ganze Person mehr in einem und nur einem Funktionssystem auf – und muss daher Einheit
suchen.28

Selbst für einen Anthropologiemuffel wie Luhmann stellt sich nicht die Frage, ob Menschen
generell nur als Dividuen leben könnten. Die ganze Anlage von Luhmanns Liebestheorie stellt auch
auf die Ermöglichung von (und sei es: fiktionaler) Einheit der Person ab, also auf eine Stelle in der
Gesellschaft und auf eine Dimension in der Biografie, die alle sonstigen (Rollen-) Engagements der
Person "integriert", jedenfalls thematisieren, vergleichen, horten und letztlich – gutheißen kann. Das
wäre bei funktionaler Differenzierung eben der Bereich von Intimität oder Liebesbeziehungen;
recht interessant an dieser Stelle, weil die Fragmentierung der Person und der Gesellschaft ja
erhalten bleiben! Liebesbeziehungen sorgen etwa am Arbeitsplatz faktisch nicht für eine liebe
Firma oder liebe Arbeit. Man müsste denken, auch die Kunstwerke werden durch meinen Partner
nicht besonders hübsch. Auch die Politik nicht. Aber die Inklusion von Personen in Liebes-
beziehungen scheint doch das moderne Gesamtarrangement ("Individuum und Gesellschaft") so zu
überstrahlen und harmonisch einzufärben (Humboldts Weltverhältnis), dass – etwa vom
motivationalen Standpunkt, vom Blickpunkt einer allgemeinen Bejahung von Verhältnissen und der
Distanz zu größerer Resignation – das Leben von Menschen in der Gesellschaft erträglich aussehen
lässt und manche von Glück berichten. 29 Dafür muss man bis heute in erster Linie Liebesbezieh-
ungen und im Gefolge ihre Alternativen verantwortlich machen, die dafür sorgen, dass die Relevanz
und der Stellenwert von Einzelpersonen hervorgehoben werden:

"Die Integration von Ichsein und Weltkonstitution durch Liebe beruht auf einem sehr konkreten,
alternativenarmen Niveau der personalen Erlebnisverarbeitung in der Nahwelt. […] Diese Funktionsbasis gibt der
27
Fast unnötig zu betonen, dass das aufkommende psychologische Denken hier Einlass gewährt haben möchte. Ein
bereits spätes, aber starkes Beispiel: Proust.
28
Was das Problem für konkrete Menschen dabei ist, erklärt Luhmann nicht. Die Spannungen liegen vielleicht eher
im Bereich der Identität und des Psychologischen, wenn Menschen nur noch durch vielfache Partialinklusionen
angesprochen sind. Die fehlende Einheit, die fehlende Komplettperson wird offenbar unerträglich, weil ja auch das
Selbstverständnis über die Spiegelung durch andere zustandekommt (Mead). Man bekommt Schwierigkeiten,
derselbe zu sein. Der Umstand bleibt als Psychologie bei Luhmann aber recht undeutlich. Nichtsdestotrotz sind
dies natürlich Wesensannahmen über den Menschen, die Luhmann wie nebenbei einführt.
29
Ohne natürlich auszuschließen, sondern gerade einzuschließen, dass unglückliche Liebesbeziehungen einen
dunklen Schatten auch über andere Lebensbereiche werfen können. Das bringt, wie jedes Alleinleben Alternativen
an den Horizont: Freizeit, Unterhaltung, Freundschaften, Beraterkultur, Therapie usw. Man kann sich fast
Systemtheoretiker vorstellen, die ihren Partnern vorwerfen: Mit deinem Genörgele vermiest du mir die Gesell-
schaft! – Was oben beschrieben ist, haben vor allem feministische Autoren als eine Art Besänftigungsfunktion der
romantischen Liebe gedeutet: Die Romantik soll die Frau zuhause zufriedenstellen und so durch falsche Zufrieden-
heit von jeder Rebellion gegen äußere Verhältnisse (oder ihren Mann) abbringen, so bei Jackson (1993).

20
Liebe eine Art gesellschaftliche Unentbehrlichkeit. So sehr es denkbar ist, ein Einzelleben ohne Liebe zu führen
und gleichwohl – zum Beispiel durch Leistung und Erfolg – zur Selbstbestätigung-in-der-Welt zu finden, so
wenig läßt sich Liebe als gesamtgesellschaftlicher Mechanismus ersetzen." (Luhmann 1969, 23)

***

Wir können hier einen Schnitt machen und uns fragen, was uns die historische Situation um die
aufkommende Moderne und funktionale Differenzierung heute noch sagen kann. Kann man Indivi-
dualität noch als Problem fassen? Und wenn ja, in welcher Weise? Das ist die Frage, wo es durch-
tradierte Muster und Konstanten gibt – und wo man neue Verhältnisse feststellen muss. Hat der
"individuelle" Liebende heute noch Probleme, verstanden zu werden? Und wie sind die Umbrüche
von spätestens 1968 einzustufen, wo manches Normalsein ("Konservatismus") Gewicht in die
Waagschaale legte, auch für Liebe nicht attraktiv zu sein? Werden hier fehlende Intentionen auf
Protest und Empörung ("Progression") zum Hindernis für Intimität, und betontes Anderssein zum
Faktor der Attraktion?

Anzunehmen ist, dass die anfänglichen Gefahren des Nicht-verstanden-Werdens (eben aufgrund
von Fragmentierung) anderen Gefahren gewichen sind, etwa dem Nicht-gesehen-Werden, dem
Nicht-beachtet-Werden und einem Untergehen in der namenlosen Menge – weshalb ja auch
Prominenz und der Starmechanismus nun interessant werden. Vielleicht wurde die Not eher in eine
Tugend verkehrt. Die Fokussierung auf Nöte und Risiken wird verkehrt in das Suchen und
Wahrnehmen von Chancen für Auftritte. Anderssein kann provozieren, und Provokation kann als
Beachtung verwendet werden. Das Auf-sich-Ziehen sozialer Aufmerksamkeit und die vergleichs-
weise penetranten Selbstdarstellungsweisen von Körper und Person heute – offene sexuelle Anreize
inklusive – sind anders kaum zu erklären; und was nebenbei klarmacht, warum Altersgrenzen nun
umso rigider verhandelt werden. Alte Welten und neue Welten können manchmal nur fünf oder
zehn Jahre auseinander liegen. Den Gang vom Verstehen zum Sehen des Anderen kann man teils
wohl wörtlich nehmen: Die Selbstdarstellung richtet sich in vielen Belangen an das wahrnehmende
Auge. Dass man "gesehen" werden möchte, hat im Anlaufen/im Beginn der Liebe seine besondere
Bedeutung des erstmaligen Auffallens, verliert sich aber auch in laufenden Beziehungen nicht: als
der gesehen zu werden, der man ist, und im Verlauf nicht vernachlässigt (ungesehen gemacht) zu
werden.

Sexuelle Signale – ob im alltäglichen Gebrauch des Schick-Seins oder zur tatsächlichen Werbung
von Partnern – scheinen gerade darauf zu zielen, die Bewertung des Objekts nicht mit Kognition

21
aufzuladen. Moral und Tugend haben dabei historisch vergleichend sicherlich schlechte Karten,
weil Gründe des Handelns nicht gut beobachtbar sind. Man hat häufig die Situation, dass Körper
auf Körper reagieren und so direkt ansprechen oder nicht. Anders als historisch, wird "Gefallen"
(plaisir) nicht mehr erörtert oder irgendwie intellektuell abgewogen. Es stellt sich meist schnell und
in schnell vorbeiziehenden Augenblicken fast physiologisch ein. Es geht zunächst nicht mehr ums
Reden und um Gespräche zum Testen von Seelenverwandtschaft, sondern ums gegenseitige Sich-
Anschauen, ja, wie der eigene Körper dann auf diese Eindrücke reagiert und (mir selbst) Gefallen
signalisiert. Wahrnehmung genügt in vielen Fällen und erzeugt dort vielleicht sogar eine stabilere
Motivationsgrundlage als jede Reflexion auf die Liebessemantik, die man zudem erst einmal
beherrschen müsste und deren Romantik eh in der Kritik des Noch-Praktizierbaren steht. 30 Dieses
trivialisierte Schema ist gut verwendbar für Oberflächen, für die Zurschaustellung und Inszenierung
durch welche Mittel auch immer, und gliedert sich gut ein in eine Situation von vielen flüchtigen
Kontakten ohne Gesprächsbasierung.

Vermutlich gibt es nun eine Art Regime, einen allgemeinen Imperativ zur Selbstinszenierung.
Selbst Handeln und Figuren (vor allem Ältere), die nichts dergleichen im Sinn haben, werden in
dieses Schema hineingezogen. Der trockene Mann aus der Beamtenstube mit Cordhose, Hornbrille
und Aktentasche wird dann als Typ der Inszenierung wahrgenommen: Schau dir den Nerd an, er
markiert den Spießer. Und man wird Schwierigkeiten haben, Leute und Sozialtypen zu finden, die
von diesen Ansprüchen noch freigezeichnet und unmittelbar authentisch sind, weil man ihnen noch
die alte Naivität des Eben-so-Seins zubilligte, vielleicht noch Behinderten, Rollstuhlfahrern,
vielleicht dem dreckigen Penner an der Ecke und natürlich Uniformierten wie dem Müllmann, die
man alle nicht unter das Verdikt der eigenen Inszenierung fassen kann, weil ihnen die nötigen
Ausgestaltungsfreiheiten dazu fehlen. Selbst aber der Rekurs auf die eigene oder menschliche Natur
(als gewesener Weg zur Authentizität) wird stark angegriffen durch alle Praktiken des Designs, mit
denen man zu sich selbst kommen kann, wenn man seine "Natur" gerade verändert. 31 Brünette
Frauen können sich fragen, ob deren wahre Natur nicht im Blonden liegt. Man kann die Haare
färben. Man kann abnehmen oder trainieren. Selbstenfaltung und Zu-sich-selbst-Kommen können
also in Techniken der Veränderung bestehen, abseits dessen, wie der Körper wächst und sprießt.
Man bedenke, welche geradezu diffizil ausgearbeiteten Ansichten darüber bestehen, wer wann und
ob überhaupt man die Haare unter den Achseln rasieren muss oder nicht, ob dies nur für Frauen
oder auch für Männer gilt usw. "Natur" wird wiederum als eine Type der Darstellung gesehen, die
30
Die ältere Kritik der Romantik bezog sich in der Regel mehr auf den Bestandteil der passionierten Liebe (Luh-
mann 1969, 57): "Die Vorstellung, Ehe und Familie würden nun an ein fluktuierendes, unbeherrschbar aufquel-
lendes und wieder versiegendes Gefühl gebunden und dazu bestimmt, dessen Schicksal zu teilen, hat denn auch
die ärgsten Befürchtungen geweckt."
31
Ich beziehe mich mit diesen Ideen auf eine Gegenwartsdiagnose von Prisching (2009).

22
auf Glaubwürdigkeit der Person aus ist: der Natürliche, der Öko, der Bio. 32 Es ist sehr wahrschein-
lich, dass das Ansinnen, Effekte erzeugen zu wollen (Goffman: Ausdruckskontrolle), heute allge-
mein unterstellt wird. Man muss Voyeur sein, das Opfer muss sich unbeobachtet oder allein
wähnen, damit man es für arglos oder naiv oder authentisch hält. Sobald man selbst wissen kann,
dass das Objekt wohl weiß, dass Beobachter anwesend sind – und das ist in der Öffentlichkeit fast
immer der Fall – schwingt der Motivverdacht "Selbstdarstellung" automatisch mit. Es geht um eine
Aufbereitung der eigenen Person vor den Augen anderer.33

Wir können das Thema der Individualität hier nicht weiter verfolgen bis zum Stand der Forschung.
Das würde auch Beiträge zur Identität (vgl. Krappmann 1969) berühren. Für den Spannungsbogen
zwischen Einzigartigkeit und Normalität, von dem auch Liebe und ihre Anbahnung berührt ist,
nennen wir hier nur noch Goffman, der Wesentliches beigetragen hat und doch nicht in die
Verwirrung der Zeitdiagnosen abgeglitten ist. Persönlichkeiten und Mentalitäten müssen nicht
bestritten werden. Verstehen spielt in Liebesbeziehungen weiterhin eine tragende Rolle. Aber es
schält sich nun deutlicher der Umstand heraus, dass man Bereitschaft und Verfügbarkeit anzeigen
und auf sich selbst als interessanter Partner (äußerlich, beobachtbar!) aufmerksam machen muss.
Daher Goffman als der Theoretiker der Selbstdarstellung, von dem Luhmann sicherlich genauso
viel verwoben hat wie von Weber und Parsons.

War die Anlaufphase der Liebe historisch vielleicht eine nebensächliche, eher selbstläufige (evt.
latente) Begleiterscheinung, wird sie heute reflexiv fassbar und – wie teils gesagt wird – zur je
eigenen Aufgabe der Selbstvermarktung. Die billige Beraterpresse dazu, wie man Eindruck hinter-
lassen kann, wie man sich (sei es in der Anbahnung von Liebe oder in Vorstellungsgesprächen) ins
passende Licht setzen kann usw. - ist heute unüberschaubar. Das Thema ist in jeder Buchhandlung
greifbar und der Bedarf seiner Behandlung scheint allgemein gegeben. Um das Erscheinen, Auftre-
ten und Wirken auf andere hat man sich zu kümmern, so wie man Bücher so zu schreiben hat, dass
sie gelesen werden. Ich bin das Subjekt meiner Liebe, aber ich muss aus mir heraustreten und mich
zum Objekt anderer Subjekte machen, um mir klarzumachen, wie ich auf sie wirken muss. Und erst
aus dieser Figur lassen sich Schlüsse ziehen, was am eigenen Verhalten abzuändern ist. Abwehr
klebener Blicke, das schnelle Vorbeikommen an der Kollegen (Luhmann) und Rückzug in
unauffällige Normalität wird damit nur zu einer Seite der Medaille von Selbstdarstellung.

32
Den Ansprüchen an Attraktion und Anziehungskraft gegenüber lässt sich vermuten, dass das Hässliche und Ekel-
hafte (z.B. unangenehme Körpergerüche) eine frappierende Realität erlangen, vielleicht sogar etwas Natürlich-
Naives: Wer könnte schon wollen, sich als hässlich herauszustellen? Das muss authentisch sein.
33
Wie daran Hollywood, Massenmedien, Kameras und Stars mitwirken, wäre eine eigene Untersuchung wert.

23
Schutz vor Einblicken ins Private und in die Persönlichkeit (siehe Kap 2.3.) ist eines der Ziele einer
Maske. Historisch scheint dies zuerst relevant zu sein; Abwehr von Neugier, Schutz vor sozialer
Kontrolle und gegen gesellschaftliche Zumutungen und später die Gefahren der Scham und des
Verlierens des Gesichts vor interessanten Höhergestellten. Heinz Abels stellt in seiner Goffman-
Analyse (2001, 153ff) den Schutz des Individuums in den Mittelpunkt von Goffmans Bemühungen,
was meines Erachtens zu einseitig ist, weil sie das aktiv-gestalterische Moment der Teilnahme an
Gesellschaft in Masken vernachlässigt.34 Natürlich haben wir heute weiterhin relevante Probleme
der persönlichen Informationskontrolle, momentan in Debatten über Internetplattformen und social
networks. Das Problem ist nicht verschwunden, wird aber flankiert von dem anderen Bemühen,
gezielt auf sich aufmerksam zu machen und ausgesuchte Dinge von sich preiszugeben, um
wahrgenommen zu werden. Man hat diese seltsam durchmischte Lage: Niemand soll sich steuernd
in meine Belange einmischen, aber ich möchte in einer komplexen Gesellschaft nicht vollkommen
ignoriert werden.

Goffman verweist auf eine Notiz Gordon Ezra Parks (Abels 2001, 172f): The mask is our truer self.
Die Selbstdarstellung beinhaltet eine Richtungsangabe. Wahrheit ist nachrangig und wohl nicht
festzumachen, von "Täuschung" zu reden ist irreführend. Die Darstellung gibt vor allem an, als wer
man gesehen/aufgefasst werden möchte. Sie ist Projektion. Das mag Diskrepanzen und Zweifel an
der Legitimität dieser Wünsche auslösen, aber das Theaterspiel zeigt an, wie ich mich selbst sehe
und wie andere mich (vielleicht zunächst mit Nachsicht35) nehmen sollen. Das ist ein aktives
Prinzip der Gestaltung eigener Rollen und eigener Identität, die man im Verkehr mit anderen
vorbringen und testen muss. Aber es repräsentiert eine Anspruchshaltung und einen Wunsch, so und
nicht anders behandelt zu werden. Und es muss mit anderen durchprobiert werden, ob diese
Konstrukte sich sozial realisieren lassen, ob sie Anerkennung ernten. Bei Misserfolgen und
Zurückweisungen muss man sich auf einem niedrigeren Aspirationslevel einfinden – cooling the
mark out. Für Liebe hat das unmittelbare Relevanz: Es geht nicht mehr nur um routinierte Abwehr
persönlicher Zumutungen von außen und eventuell um Grenzkämpfe, eingelassen zu werden.
Vielleicht lebte man im 18. und 19. Jahrhundert in einer Welt der Spanner und Eindringlinge,
sodass Abwehr der Primat war. Das wäre heute zu passiv gedacht. Es geht um den mehr oder
weniger freiwilligen Aufbau eines Selbstbildes vor den Augen (auf der Bühne) der anderen.

34
Abels (2001, 185) zitiert aber Goffman an späterer Stelle: "Wenn wir das Verhalten des Individuums Schritt für
Schritt verfolgen, stellen wir fest, dass es angesichts der möglichen über ihn ins Spiel gebrachten Bedeutungen
keineswegs passiv bleibt, sondern soweit es irgend kann, aktiv an der Aufrechterhaltung einer Situationsdefinition
teilnimmt, die stabil ist und mit seinem eigenen Bild von sich übereinstimmt". Dieses aktive Moment auch bei
Weick (1985) im Begriff enactment.
35
Luhmann: Takt zur Schonung der Selbstdarstellung. Etwa in Luhmanns frühem Organisationsbuch (1964).

24
Unter der jüngeren Generation gibt es nicht wenige, die den Aufenthalt im Rampenlicht und
Auftritte aller Art – und sei es im Licht der eigenen Handykamera - sehr genießen. 36 Man stellt sich
als so und nicht anders dar und kann schauen, ob es Resonanz oder Gefallen erzeugt. Mit der
eigenen Selbstdarstellung kann man Lockmittel/Köder auslegen, eben nicht um fremdes Interesse
zu neutralisieren, sondern auszulösen. Jeder Liebende – und mehr noch derjenige, der Liebe sucht -
muss heute ein Management betreiben, wo er Blicke ablenken und wo er sie auf sich lenken will.
Man bringt ein Selbstbild auf den Plan als möglichen Aufhänger für Reaktionen und ist selbst
natürlich zugleich Adressat der Darstellungen anderer. Dabei, dass es um Selbstdarstellung geht,
kann man sich recht sicher sein. "Wenn jemand auf der Bühne des Lebens auftritt, kann man
unterstellen, dass er wahrgenommen werden will. Das gilt selbst für den, der sich bescheiden im
Hintergrund hält oder vor Schüchternheit umkommt" (Abels 2001, 177). Ob es sich um
Darstellungen mit Intentionen auf Liebe handelt, ist eine andere Frage und wird vom Liebescode
selbst ambivalent gestellt.

Interessant werden Abels Erörterungen zum Ende hin (Abels 2001, 192ff), wo Identität aufgespannt
wird zwischen der Neigung zur Normalität und der Neigung zur Einzigartigkeit. Abels arbeitet mit
dem Gedanken, jeder Teilnehmer müsse hier eine für sich passende Balance einrichten, weil die
Extreme an sich nicht praktizierbar und vermutlich nicht auszuhalten seien. Er verweist hier auf
Kluckhohn/Murray mit deren Ansicht: "Jedes Individuum ist gleichzeitig ´wie alle anderen
Menschen, wie manche andere und wie kein anderer´" (Herv. TL). Es ist in einigen Hinsichten
unauffällig, es ist in manchen Hinsichten unvergleichlich (und sei es in seiner Mischung von
Attributen) – und es ist in manchen Hinsichten typisch, also Teil einer Menge von Menschen, neben
der es auch andere Mengen (Typen, Gruppen) gibt. Wir können diese Einsicht hier zunächst nur
verbuchen. Aber die Typenhaftigkeit, die Typisierung 37 scheint auch ein theoretischer Kompromiss
zu sein, eine Grundmenge von einzigartigen und normalen Individuen zu ordnen. Was Individua-
lität, aber auch was Liebe angeht, begegnet uns die Frage nach dem eigenen Typ heute an vielen
Stellen des Alltags. Man kann in jeder Zeitschrift Tests und Selbstbefragungen anstellen, welchem
Liebes- oder Sexualtyp man entspricht, welcher Wohnungs- und Urlaubstyp man ist und derglei-
chen mehr. Man hat eine sehr überschaubare Zahl von Typen/Kategorien nebeneinander stehen,
kann sich dort einordnen und mit den anderen vergleichen. Man zeigt begrenzte Normalität und
begrenzte Individualität an. Abels redet für beide Fiktionen von phantom normalcy und phantom
uniqueness. Der Liebende kann mit diesen Orientierungen der Selbstdarstellung etwa anzeigen, dass
er zwar nicht langweilig und farblos ist, seine Idiosynkrasien aber nicht soweit gehen, dass man ihn

36
Das Urteil von Eltern und peers reicht dabei häufig nicht mehr aus, um die eigenen Zweifel auszuräumen. Die
Juroren der Castingshows sollen sagen, dass man gut performt hat.
37
Für Mode: Mentges/Richard (2005)

25
nicht mehr verstehen könnte. Das scheint für Liebe die beiden heutigen Probleme zu umgreifen,
Verstehen (und: Bestätigung) einzufordern und zudem auffallende Performances abzugeben.

26
2.2. Anonymität und Nahweltbedarf

Das aufkommende, entstehende Medium Liebe konnte zu Beginn zwar auf einige vorausentwik-
kelte Bestandteile wie basale Selbst- und Affektkontrolle oder Status für den Fremden bauen, aber
seine Ausdifferenzierung "[...] konnte nicht davon ausgehen, daß Individuen sich an der Differenz
von persönlichen und unpersönlichen Interaktionen orientieren und einen Bereich für höchst-
persönliche, intim-vertrauliche Kommunikation suchen" (Luhmann 1982, 18). Zweiersysteme aus
dem sonstigen sozialen Geschehen auszugrenzen, sie mit besonderen Grenzen etwa der Verschwie-
genheit und interner Intensivierung der Kommunikation auszustatten, war lange nicht gängig und
wohl weithin auch nicht möglich. Dies ist also eine Frage der Autonomisierung der Liebe, die
besonders zu Anbeginn der Moderne (im 17. Jhd.) wichtig wird, weil Liebe sich dort gegen die
bekannten Konventionen einsetzen musste. Dass die öffentliche Außenwelt von Intimsystemen heu-
te als anonym, gefühlsmäßig kalt und vielleicht auch als feindlich empfunden wird, gehört zum
Erfahrungsschatz eines jeden modernen Menschen38, sobald er den Schutzraum der eigenen Familie
verlässt. "Daraus ergibt sich der Bedarf für eine noch verständliche, vertraute, heimische Nahwelt
[...], die man sich noch aneignen kann." (Luhmann 1982, 17)

Dass viele Menschen also die eigene Familie verlassen, sobald und wenn sie einen Intimpartner
gefunden haben, sichert vor Krisenerfahrungen und sorgt für Kontinuität in dieser emotionalen
Bedarfslage. Nicht umsonst haben Peter Blossfeld und seine Mitarbeiter auf die ordnende Relevanz
des Ausbildungssystems (Blossfeld/Timm 1997) hingewiesen. Höhere Schulen, Berufsschulen,
Universitäten usw. sitzen an einer Scharnierstelle, nämlich zwischen Beheimatung bei den Eltern
und Aufbruch in eine anonyme Welt; ähnlich einem Sprungbrett, von dem man abhebt, ohne schon
anderswo angekommen zu sein. Viele Gymnasiallehrer entlassen ihre Schüler mit einem etwas
verstimmten Hinweis: Für euch geht nun der Ernst des Lebens los! Vielleicht sollten sie gleich-
zeitig neben den studentischen und beruflichen Aufgaben auch auf eine Phase der Partnersuche hin-
weisen. Allein der Ortswechsel, weg vom Elternhaus, vielleicht in fernere Städte ist oft verbunden
mit der prekären Situation, dort weder intime Partner, noch Freunde, noch konkrete Bezugsper-
sonen vorzufinden; eine Lebensphase neuer Erfahrungen, auch eine Phase des Pendelns und Tes-
tens, des Sitzens in Zügen und der Zerrissenheit zwischen hier und da. Durch diese warm/kalt- oder
vertraut/unvertraut-Unterscheidung kann Luhmann seine Argumentation auf Kompensation der
äußeren Anonymitätserfahrungen mit einem romantischen Hafen geordneter Zweisamkeit bauen.

38
Eine psychologisch eindringliche Beschreibung findet man bei Rainer Maria Rilke (2000): Die Aufzeichnungen
des Malte Laurids Brigge. Frankfurt am Main, zuerst 1910 – mit dem paradigmatischen Umfeld einer neu
bezogenen Großstadt.

27
"Auf diese Weise kann die Welt dupliziert werden in eine öffentliche, anonym konstituierte Lebenswelt und in
eine idiosynkratisch konstituierte Privatwelt, in der Ereignisse parallelgewertet werden und das jeweilige Ich dank
seiner Relevanz in der Welt des anderen eine besondere Bedeutung gewinnen kann." (Luhmann 1975, 48)

Dieses Ich, in der öffentlichen Welt ein wenig bedeutsames Lichtchen unter vielen, wird im Intim-
system zum prominenten Halte- und Bezugspunkt des anderen aufgewertet. Hier kann man weitere
Anthropologie im Luhmannschen Sinne ableiten. Zahlenmäßig überwiegen unpersönliche Bezieh-
ungen natürlich, und sie sind in der Moderne eine tägliche, nicht wegzudenkende Quelle von Erfah-
rungen. Aus Luhmanns Zuschnitt ist aber auch zu lesen: Ein Leben allein in unpersönlichen, nur
über Rollenattribute und ohne konkrete Personkenntnis vermittelte Beziehungen ist für Menschen
kaum möglich oder erträglich. Quellen für Identitätsbau, eigene Gewissheit und Selbstverankerung
können in der Moderne nicht einfach als lästig weggekürzt werden. Wie hartgesotten man auch sein
mag, dass Menschen die eine oder andere Form höchstpersönlicher Beziehungen unterhalten, kann
man in Luhmanns Anthropologiebaukasten einordnen und als eine Art menschlicher Konstante
verbuchen. An Ausnahmefällen wie dem Mönchtum, den etwa durch Krankheit oder Wahnsinn
Exkludierten, den wenigen Eremiten usw. entdeckt man immer Sonderkonstrukte, die der Selbstbe-
stätigung dienen, so etwa spezielle Rituale der Hinwendung zu Gott, Gebete/Meditation und natür-
lich die Klostergemeinschaft, aber auch die emotionale Aufladung der Natur und Tierwelt beim
Eremiten oder das Unterleben der Anstalten und die dortige "sekundäre Anpassung" (Goffman
1973, 169ff), die Therapie und die Rolle des Kranken. 39 Beim Militär und in Gefängnissen wird
man dazu Parallelen finden.

In mancher Hinsicht kann man für die beiden Pole von äußerer Anonymität und interner Vertraut-
heit des Paares eine funktionale Passung entdecken, die sich etwa für Liebe versus Arbeit konkreti-
sieren lässt. Das eine lässt sich für das andere nutzen und sogar ausbeuten. Beides zusammen ergibt
ein heute gängiges, biografisches Gesamtkonstrukt, z.B. von Leistung/Erholung oder von Liebe/
Versorgung je nachdem, welchen Ausgangspunkt man nimmt. In Luhmanns theoretischem Haupt-
werk (1984, 305) ist im Zusammenhang mit problematischer Routinierung der Liebe auch die Rede
von ihren Gegengestalten: Zuvor Exzess und Raffinement, zeigt sich in ihr "[…] im 19. Jahrhundert
[die] Flucht vor der Arbeitswelt". 40 Die Arbeit in Industrie und Organisationen scheint bis heute –
trotz Luhmanns eingehenden Beschreibung ihrer informellen Seiten – emotional so zehrend zu sein,
dass private Zweisamkeit und Familie weiterhin als dankbarer Gegenpart aufgefasst werden.

39
Die Analyse der Singles oder der Single-Bewegung seit den 80er Jahren bleibt daher interessant, vor allem wegen
ihrer Umschiffung fester Bindungen und dem Ausweichen auf Alternativen, die der Selbstbestätigung dienen.
40
Liebe mit ihrer Passung in die moderne Gesellschaft und selbst die Idee der Kompensation findet man auch in ganz
anders gearteten Liebestheorien, so bei Erich Fromm (2008, 17ff): "Liebe als Antwort auf das Problem der
menschlichen Existenz" (Kapitelüberschrift)

28
Bei alleiniger Liebe droht eine Überintensivierung zu zweit, zudem Langeweile und Überdruss am
Partner, was beides heute als häufigster Scheidungsgrund angegeben wird. Bei alleiniger Arbeit/
Leistung – bei allen emotionalen Befriedigungen, die das Schaffen bereitet – droht das Verloren-
und Untergehen in einer unpersönlichen Welt. Der Arbeitsplatz wird dann zum Dreh- und
Angelpunkt, von dem man sich wenigstens noch minimale Wärme, Sinn und Aufgehobenheit
verspricht und wo man mit diesem Anliegen eines eigenen Kontaktbedürfnisses 41 und informeller
Gespräche seinen Kollegen bald seltsam erscheinen muss. Die Arbeitsformen der kurzen Ära der
New Economy um die Jahrtausendwende ist hierbei interessant: Weil die Arbeit mit Leidenschaft
angesetzt und zeitlich komplett vereinnahmend war, musste sich hier in kleineren Gruppen eine
stärker familiäre Kollegialität aufbauen; für neue Mitarbeiter war man immer herzlich aufgeschlos-
sen, weil man in ihnen viel stärker als sonst zugleich auch neue, mögliche Intimpartner entdecken
konnte. Luhmann argumentiert,

"[...] daß Liebe für Intimbeziehungen reserviert, in ihnen verstärkt erwartet wird – und dann anderswo fehlt. Das
verbreitete Klagen über die Kühle und Distanziertheit der modernen Gesellschaft, über Entfremdung und Mangel
an emotionaler Erfülltheit von Arbeit, Verkehr und Organisation reflektiert diese Lage. Für Gefühlsbedürfnisse
werden Chancen zu konzentrierter Befriedigung bereitgehalten, die andere Systeme von entsprechenden Funk-
tionen entlasten und ihnen die Rekrutierung abgesättigter, ausgeglichener und leistungsfähiger Persönlichkeiten
ermöglichen soll." (Luhmann 1969, 68, Herv. TL)

Aus Luhmanns funktionaler Perspektive ist hier zu sehen, dass Liebe Leistungen für andere
Funktionssysteme in der Umwelt erbringt und einen Stellenwert im Gefüge der Gesamtgesellschaft
hat.42 Der Arbeitskontext, auch wenn künftige Partner sich dort häufig begegnen und sich unter dem
Vorteil fortgesetzten Kontakts erst exponieren und dann kennenlernen, wird in der Regel als von
Liebe entlastet erwartet. Leider geht Luhmann nicht darauf ein, warum Liebe sich zwar autonom
und alleingestellt zeigt (also sich von den Funktionen anderer Großsysteme trennt), dass Liebe und
insbesondere ihre Anbahnung aber fast überall parasitieren kann (Serres). Der spätere Autopoiesis-
Gedanke von 1984 (Zahlungen an Zahlungen, Wahrheiten als Reaktion auf Wahrheiten, Kunst ent-
steht nur in Absetzung von anderen Kunstwerken usw.) scheint hier nicht umstandslos zu gelten:
Liebe aus Liebe (Novalis) - gilt aus diversen Gründen nicht direkt, zunächst natürlich nicht für die
Anbahnung, weil Liebe sich mit jeder Generationenfolge aus der Herkunftsfamilie verabschieden
muss. Für jede Liaison muss ein neuer Anfang, eine neue Episode des Mediums gemacht werden,
der nicht wiederum aus einer Liebesbeziehung heraus entsteht43, sondern aus sonstigen Situationen
41
Vgl. Luhmann (1964): Luhmann verwendet in seiner Perspektive auch auf die informelle Organisation immer
wieder die scheinbar psychologisch fundierte Idee eines Kontaktbedürfnisses der Mitglieder untereinander.
42
Luhmann bezeichnet Beiträge zum umfassenden Gesamtsystem als Funktion, solche zu anderen (z.B. Funktions-)
Systemen als Leistung und die Beziehung zu sich selbst als Reflexion.
43
Obwohl es auch das für laufende Beziehungen gibt: zweigleisig zu fahren in der Zeit des Übergangs zum neuen

29
mit Fremden, deren Umgang zunächst nicht auf Liebe basiert, sondern etwa auf unpersönlichen
Beziehungen. Unter modernen Verhältnissen verklammert die Familie nicht mehr die neue Verbin-
dung, weil sie auf arrangierte Heiraten und die Anleitung der Partnerwahl verzichten muss. Fern der
Familienkontrolle müssen hier neue Bindungen entstehen, etwa durch Fokussierung auf Ähnlichkeit
der Interessen, auf Attraktivität oder Schönheit oder auch Komplemenarität als erfolgversprechende
Passung (Dryer/Horowitz 1997). Luhmann redet hier von den "Idolen" der Liebe, die (wie Schön-
heit) nicht immer in der sonst zentralstehenden Interaktionssituation zusammengeformt wird.

Aus dem oben genannten, intuitiv glaubhaften Modell von Arbeit und Liebe muss man bereits
ausbrechen, wenn Alleinleben nicht zum ernsthaften Theorieproblem werden soll. Singles, soweit
sie in Arbeit sind, können dieses biografische Muster höchstens mit Sehnsucht anvisieren – müssen
aber während des laufenden Alleinlebens Ausgleichsmöglichkeiten für persönliche Bestätigung
finden. Eine seit den 80er und 90er Jahren gut ausgeprägte Singlebewegung mehr oder weniger
gewollt Alleinlebender scheint Luhmann nicht sonderlich zu interessieren. Vielleicht war zur Zeit
der Publikation 1982 auch noch nicht abzusehen, dass das Singlesein sich als eine relevante
Lebensform etablieren würde oder das Phänomen wurde durch seine Vorbehalte gegen die
Studentenunruhen mitweggelöscht. In seinen einschlägigen Schriften zur Liebe findet man dazu
lediglich eine Bemerkung, nämlich die folgende: Alleinleben muss "[...] ohne weittragende gesell-
schaftliche Probleme möglich sein, muß gleichsam zum tragbaren Privatschicksal werden"
(Luhmann 1969, 72) - offenbar aus dem Grund, dass Liebe unter dem Vorzeichen basaler Frei-
willigkeit gesellschaftlich nicht garantiert oder zugesichert werden kann. Liebe kann aus Gründen
von Indiviualismus immer abgelehnt werden, allein indem man sagt: Ich möchte nicht. Für Liebe
muss dann jeder selbst sorgen, sie ist auch in den Belangen des Sozialstaates nicht untergebracht.
Einem anderen zu gefallen und ihm im Fortlauf als ein Lebenspartner wertvoll zu erscheinen, dafür
kann an eigener Statt kein anderer sorgen. Das gilt aber nicht nur für erwiederte oder nichter-
wiederte Liebe, sondern an erster Stelle auch für den Alleinlebenden selbst: Sein Alleinleben ist nur
seine Sache, aus der ihm niemand einen Vorwurf oder eine Erwartungshaltung in Richtung Liebe
anhängen kann.44 Soweit ich weiß, sah Luhmann selbst nach dem relativ frühen Tod seiner Frau
keinen Anlass, sich wieder zu binden. Sein (allerdings forscherisch und durch die "Jugendkultur"
im eigenen Hause bestimmtes) Alleinleben musste "[...] ohne weittragende gesellschaftliche Proble-
me möglich sein, muß[te] gleichsam zum tragbaren Privatschicksal werden" können.45

Partner, um keine Zwischenzeiten des Alleinlebens entstehen zu lassen.


44
Siehe aber Berghaus (1985, 81ff) zu normativen Erwartungen über Liebe und Gebundenheit.
45
In ähnlicher Weise äußerte sich Luhmann zum Verlust enger Freund (Friedrich Hohl?), die nach dem Tode nicht
einfach zu ersetzen gewesen wären.

30
Dies alles im Hinterkopf, hat sich das Medium seit Anbeginn der Moderne bis heute auf den Code
einer Differenz von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen eingependelt. Das Medium
konkretisiert sich hier ein stückweit in dieser Dichotomisierung und wird durch eine historisch stark
wandelbare Liebessemantik (als Ersatz für Programme) weiter in Richtung der sprachlichen Ver-
wendung ausdifferenziert: Medium  Code  Semantik stellt eine Reihe sich fortsetzender
Konkretisierung dar, deren sprachliche und Verhaltensformen dann von Personen aufgegriffen wer-
den können. Das Medium und sein Code bleiben noch relativ holzschnittartig, Luhmann (1982)
spekuliert offen auch über Codeschwäche, die die Liebenden wenig instruiert - oder andererseits mit
Skripten überfrachtet. Die je ausgearbeitete, historisch relative Semantik wird dann über Verbrei-
tungsmedien und direkte Gespräche, Hörensagen und Klischees zugänglich. Sie sorgen für die
Erreichbarkeit der Teilnehmer und gehen gegenüber dem Code stärker ins Detail, sodass detaillierte
Vorlagen und kulturelle Imperative entstehen. Sie betreffen alltägliche Verhaltensmuster und
machen Angebote, sich zu verhalten. Es entstehen relativ konkrete, semantische Vorlagen, auf die
man sich als Vergleichsfolie bezieht: ablehnend, zustimmend, überschreitend, provokativ, nur
kopierend, merklich folgend, dreist.46

46
Auf eine detaillierte Diskussion der nicht wenigen Formvorschriften bzw. kulturellen Imperative müssen wir in
unserem Rahmen verzichten. Dazu gut Fuchs (1999).

31
2.3. Unpersönlichkeit und ihre Evolution

Es ist heute weitgehend unauffällig, dass man mit Fremden und Unbekannten keinen näheren,
persönlichen Kontakt pflegt. Allein die große Zahl der täglich flüchtigen Begegnungen (Bauman),
das Vorbeigehen, das Warten, das Sitzen in Bussen usw. erfolgt über unpersönliche Rollen oder
Indifferenz47. Und es wäre kaum möglich, sich jedem persönlich zuzuwenden, allein aus Zeit-
mangel, fehlendem Interesse und begrenztem Auffassungsvermögen. Denn man weiß aus engeren
Kontakten, dass sie im positiven wie im negativen Sinne vereinnahmend sind, dass unzählige davon
deshalb unmöglich sind. Von daher sind Unpersönlichkeit und (weitergehend) Indifferenz und
Gleichgültigkeit gegenüber den meisten anderen ein ganz normales modernes Phänomen, und vor
allem dort, wo viele Menschen regelmäßig aufeinandertreffen, in großen Städten.

Anmerken kann man hier zur Sicherheit, dass die ältere Gegenüberstellung von Liebe und Hass
heute überholt ist. Innerhalb einer Theorie der Gefühle mögen das entgegengesetzte Gefühle sein.
Aber in der heutigen Differenz von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen stellt Gleich-
gültigkeit eine stärkere, grundsätzlichere Opposition dar, weil man jemanden bereits recht gut
kennen muss, um ihn erfolgreich hassen zu können. Das Hassen ist dort kaum möglich, wo man
Eigentümlichkeiten und individuelle Merkmale wie Einstellungen des Betreffenden nicht kennt.
Selbst beim Hass gegen abstraktere Personengruppen kann auf eine Art der Personalisierung 48 z.B.
des Fremden nicht verzichtet werden, wenn man etwa an die fast malerische, poetische Propaganda
gegen Juden im Dritten Reich denkt (Kinderbücher, Zeichnungen, Plakate, Flugblätter, Aushänge).

Die Indifferenz, das Ignorieren und Zeigen, dass man jemanden nicht kennen will, ist dabei
natürlich an den Kommunikationsbegriff gebunden; dass man wenigstens eine leise Ahnung von der
Existenz des Betreffenden hat, ihn einmal gesehen hat oder Berichte über ihn aus der Zeitung kennt.
Von Gleichgültigkeit macht es keinen Sinn zu sprechen, wenn keiner der beiden vom anderen über-
haupt weiß; dazu muss man heute nicht mehr auf verschiedenen Kontinenten leben, bereits in
Städten werden viele Menschen von sich gar nichts wissen; Simmel konstatierte dies bereits für
Nachbarn. Es geht für die größte gesellschaftliche Rahmung um kommunikative Erreichbarkeit.
Also wenn auf dieser Ebene des kommunikativen, massenmedialen, elektronischen oder direkten
faco-to-face Kontakts nie eine (wenn auch einseitige) soziale Beziehung vorhanden ist, sind
Personen füreinander einfach nicht existent. Man weiß nichts von sich. 49 Man kann auch konkret an
47
So berichtet Goffman von "civil inattention" als einer taktvollen Möglichkeit, jemanden schemenhaft wahrzu-
nehmen, aber gleichzeitig anzuzeigen, dass man ihm keine weitere Aufmerksamkeit schenken und ihn in dieser
Hinsicht verschonen wird, ihm seine Ruhe lässt.
48
Zu Personalisierung (aber mit Blick auf den erfolgreichen Politiker) auch Sennett 2004, 281.
49
Hier rastet die im englischen Wortlaut verwendete Unterscheidung von ignorance und ignoring ein, auf die

32
sie nicht denken, außer zu meinen, dass es wohl pauschal noch andere Menschen geben wird, die
man in keiner Form besser kennt50.

Wie man auch für Unterlassen die Möglichkeit mitsehen muss, eine bestimmte Handlung zu tätigen
– was sollte man sonst unterlassen? – , muss es am Sinnhorizont des Ignoranten die Option geben,
zu einer bestimmbaren Person einen näheren Kontakt herzustellen, und sei es durch eigene
Initiativversuche. Diese Konstellation des Ambivalenten macht Ignoranz für moralische Vorwürfe
angreifbar, weil sie in der Unsicherheit besteht, ob derjenige mich nicht sehen konnte oder nicht
sehen wollte, was für Sozialität ein doch wesentlicher Unterschied ist 51. Im Gegensatz zu Webers
Intentionalität der Handlungen ist dies für Luhmann (auch Missverstehen als Verstehen) zwar nicht
mehr zentral. Wegen dem Postulat der Freiwilligkeit persönlicher Kontakte ist es in der Liebe aber
immer eine Frage wert, ob man sich einer Person nicht vielleicht nur aufdrängt bzw. umgekehrt eine
Kontaktmöglichkeit übergeht, weil man routinemäßig, aber zu schnell auf Indifferenz einschwenkt.
"Aufmerksam zu sein" hat in der Liebe in dieser Richtung eine Tradition, dass man (wie ein Such-
scheinwerfer) Verhalten auf mögliche Signale für Persönliches abtastet – also immer mit dem
Risiko der Überinterpretation belastet ist. Der Zufall der Begegnung (Luhmann 1982, 180f) steht
hier im direkten Umfeld und korrespondiert mit spontaner Freiwilligkeit: Wenn jemand auf
Gesprächskontakt drängt, sind schon Motivverdachte am Platz.

Wir scheren hier aus dem direkten Luhmann-Literaturkontext aus mehreren Gründen aus. Einerseits
findet sich bei Luhmann keine eigene Evolution von Unpersönlichkeit. Der Sachverhalt ist bei
Luhmann nur erreichbar im Schattenbereich funktionaler Differenzierung und als eine eher sekun-
däre Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Verbreitung von Organisation als Systembildungs-
typ, womit man Luhmann letztlich in Webers Perspektive der Bürokratietheorie und der Rationali-
sierung lesen kann, in deren Zusammenhang Unpersönlichkeit und die strenge Trennung von

sinnvollerweise aufmerksam machen: Moore/Tumin (1949). Das deutsche ignorieren scheint moralisch vorbe-
lastet zu sein in dem Sinne, dass man zu jemanden nicht hinsehen oder mit ihm nicht Kontakt aufnehmen will.
Ignoranz wird zudem meist als Vorwurf verwendet und meint nicht einfach nur, dass man etwas nicht weiß,
sondern dass man sich bewusst von ihm abwendet und es ausblendet. Mit Luhmanns Beobachter könnte man
sagen: Echtes Nichtwissen ist der Umstand, nicht zu sehen, dass man nicht sieht, was man nicht sieht. Ignorieren
dagegen ist sehen, aber dann darstellen/vorspiegeln, dass man nicht gesehen hat. Ob man trotz Sehens sich
psychologisch selbst davon überzeugen kann, nichts gesehen zu haben, lassen wir hier offen.
50
Man sieht hier, dass Kennen eine dehnungsfähige Sache ist; aber sie ist für unseren Kontext nicht unwesentlich,
weil man sich heute oft darauf zurückzieht, etwas zu unterlassen, weil man jemanden nicht kennt, z.B. aus der
Schule, von der Arbeit oder über Dritte. Das (undeutlich definierte) Kennen ist oft eine Basisbedingung dafür, mit
jemanden genauer ins Gespräch zu kommen. Bei Unbekannten kann man das Reden etwa ablehnen, indem man
sagt: Was wollen Sie von mir, ich kenne Sie gar nicht. Siehe zu einer interessanten Grenzfigur Paulos/Goodman
(2003): The familiar stranger.
51
Was psychologisch zum Teil mit negativen Gefühlsregungen und einer Auskühlung des Gesprächsklimas
korrespondiert. Im Sinne der Garfinkel´schen Krisenexperimente (Durchbrechen allgemeiner Erwartungs-
haltungen): Geller u.a. (1974). Und aktueller, mit eigener Bezeichnung für das Forschungsgebiet: Williams/Zadro
(2001).

33
Person und Amt ihre unentbehrlichen Aufgaben erfüllt. Man käme über diese subversive Lektüre
von Luhmanns Organisationstheorie – als bestes Beispiel nur "Funktionen und Folgen formaler
Organisation" (1964), wo die bloß formale Sichtweise auf Organisation systematisch unterlaufen
wird – sicherlich zu Ergebnissen, was Unpersönlichkeit angeht. Das wäre aber für unseren Rahmen
zu ausufernd und würde eine Detailsicht der Organisationsschriften nötig machen, die wir an dieser
Stelle (als Gegenüberstellung zur Liebe) nicht leisten können. Wir nehmen daher eine Abkürzung
über andere Autoren52 und ziehen einige andere historische Faktoren zum Aufkommen von unper-
sönlichem Verhalten hinzu, ohne den schwierigen Gang über die Durchorganisierung der Gesell-
schaft53 bei Luhmann zu nehmen.

Den Zusammenhang von Liebe und Organisation bzw. Liebe und (organisierter) Arbeit geben wir
im weiteren Verlauf dieser Arbeit aber nicht völlig auf. Die romantische Zirkularität und
Geschlossenheit von "Liebe nur aus Liebe" gilt weitgehend nur für bestehende Liebe, die ihren
Anfang schon genommen hat – also für den Alltag laufender Beziehungen. 54 Weil die Liebenden
mit der Lösung aus ihrer Herkunftsfamilie einen Anfang mit einem fremden, unbekannten Partner
machen müssen (also auch die Möglichkeit haben, eine neue Familie zu gründen), kann der Partner
nicht aus dem intimen Kontext des Herkunftskreises bezogen werden55. Daher werden für jede
Partnersuche zunächst andere gesellschaftliche Kontexte außerhalb des Liebessektors und außerhalb
der Familie wichtig, um die eigene Liebe ganz von Neuem zu beginnen 56. Und in diesen Kontexten,
aber auch wegen der heutigen Verbreitung von Organisationen ist Arbeit natürlich immer ein
Sachverhalt, an dem Liebe parasitieren kann und es faktisch auch tut. Persönliches Kennenlernen
bei der Arbeit und sich daraus ergebende Paarverbindungen sind heute sicherlich keine Seltenheit,

52
Vor allem: Hirschle (2007, bes. 7-46) und Sennett (2004). Bei beiden Autoren müssen wir deren je eigene kritische
Einstellung der Analyse vernachlässigen und bedienen uns nur ihrer (vor allem historischen) "Datengrundlage".
Sowohl bei Hirschle als auch bei Sennett scheint dies im Wesentlichen auf eine Kapitalismuskritik hinzulaufen.
Als Barrieren für Liebe und als Gründe für Unpersönlichkeit gibt Hirschle vor allem wirtschaftliche
Anhaltspunkte: Geldwirtschaft, Äquivalenzprinzip, organisierte Arbeitsteilung und Massenkonsum (2007, 34).
53
Dazu Luhmann (2000, Kap.13) und Tacke (2001).
54
Obwohl der Punkt durchaus schwer zu bestimmen ist, wann eine soziale Beziehung in das Konstrukt eines Paares
oder eine Liebesbeziehung übergeht. Der Grad der Verbindlichkeit muss aus dem Code heraus selbst für die
Beteiligten lange unklar bleiben, was uns im zweiten (praktischen) Teil der Arbeit noch beschäftigen wird.
55
Zu diesem Bruch Luhmann (1982, 184). Am Verbot der Inzucht waren Soziologen und Ethnologen seither
brennend interessiert, weil es für eine Universalie der allermeisten Gesellschaften getestet wurde. Als bekannten
Beitrag: Parsons (1954). Das Verbot führt bis heute fast automatisch dazu, dass nicht aus der Familie rekrutiert
werden kann. Die Partner müssen aber nicht immer Fremde sein, soweit man vorher schon Sozialbeziehungen zu
ihnen aufbauen konnte.
56
Erst aus dieser Konstellation wird ersichtlich, wie die im Familienumfeld empfangene Liebe genutzt wird, um sie
aus dem Kreis der Familie trotz dieses Bruchs hinauszutragen und auf ein fremdes Objekt zu projizieren. Dieser
emotionale Rückhalt durch die Herkunftsfamilie scheint eine Motivationsquelle zu sein, in fremden und
unpersönlichen Kontexten außerhalb neue Intimität in Gang zu setzen. Die Herkunftsfamilie ist sozusagen die
Grundierung und absorbiert das Risiko in Fällen, wo diese Versuche zunächst scheitern, solange, bis das Beginnen
einer Liebe dann glückt und den Betreffenden weiter von seiner Familie löst, um ein eigenes Intimsystem zu
kultivieren. Bei jungen Erwachsenen bestätigt der Umstand diese Sichtweise, dass sie nicht selten zu ihren Eltern
zurückziehen, wenn die Liebe in die Brüche geht.

34
vor allem weil in vielen Arbeitsverhältnissen die Faktoren der Dauer und der Wiederholung von
Begegnungen für Liebe nicht unwesentlich sind, wenn man ansonsten von eher flüchtigen und
sporadischen Begegnungen ausgehen muss. Hirschle (2004, 13) ist der Meinung, der liebesuchende
Mensch sei ein "Gewohnheitstier, das über die Regelmäßigkeit des Austausches Vertrauen fasst,
sich auf den anderen einzustellen lernt und Gelegenheit erhält, Zuneigung zu entwickeln" 57; und
Luhmann würde sicher hinzufügen: das so Gelegenheit hat, seine eigenen Gefühl zu testen und zu
festigen.

Hier wird der Aspekt der Dauer also bereits für die Anbahnung wesentlich. Arbeit hat dabei den
Vorteil, dass sie sich nicht auf bestimmte Funktionssysteme bezieht (selbst wenn Wirtschaft
quantitativ prädominiert). Arbeit hängt an Organisation/Organisierung und zieht sich damit als
Systembildungstyp58 quer durch alle Funktionsbereiche der Gesellschaft. Das können sein:
Gewerkschaften, Kirchen, Unternehmen, Sportvereine, Parteien, Klöster, Kliniken, Fernsehstudios,
Schulen aller Art und Ausbildungseinrichtungen wie Universitäten59, militärische Einrichtungen u.a.
Die Spaltung des Einbezugs in Leistungs- und Publikums-/ Laienrollen ist dabei durchaus wesent-
lich, weil es oft und dabei meist moralische Erwartungen gibt, sich gegenseitig auf Distanz zu
halten. Eva Illouz (2011) analysiert dies als – vom Feminismus entdecktes – Gebot der Symmetrie
von Intimbeziehungen.60 Der Dozent soll nicht mit der Studentin verkehren, selbst wenn sie in
Lehre und Forschung keine relevanten Beziehungen zueinander haben.

Wir verbuchen hier nur Luhmanns frühe Erkenntnis, dass Handlungen meist multiperspektivisch/
multifunktional wirken; dass es also an jedem Arbeitsplatz die "schöne Verwechslung" geben kann,
sich nicht allein um die Aufgaben zu kümmern; dass ein Handeln (Arbeiten) zugleich (!) auch aus
ganz anderen Blickwinkeln beobachtet werden kann, weil man sich etwa genauer für den Mitar-
beiter als Intimpartner, also als einzigartige Persönlichkeit zu interessieren beginnt, weil sie hinter
der Ausführung sachlicher Aufgaben hindurchscheint. Wir kommen später darauf zurück. Die
Unterscheidung von einmaligen versus sich wiederholenden Kontakten verwendet Hirschle für
seine Frage nach Entstehungsbedindungen intimer Beziehungen, sie leuchtet auch für Organisation

57
Hirschle verweist in diesem Zusammenhang auf eine interessante psychologische Studie, die zeigt, dass Personen
schon allein dann mehr gemocht werden, wenn in Aussicht steht, dass man ihnen noch häufiger begegnen wird,
z.B. im organisierten Kontext: Darley/Berscheid (1967).
58
Luhmann nennt in der Regel: Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Aber diskutiert wurden auch: Gruppen
(Tyrell), Soziale Bewegungen (Hellmann) und Funktionssysteme.
59
Blossfeld/Timm (1997, 2003). Was hier leider (aber beim Interesse der Autoren verständlich) unterbelichtet bleibt,
ist: Dass mit dem Eintritt ins Bildungssystem häufig auch Ortswechsel verbunden sind.
60
Dies konstatiert auch Michael Grothe (2008) aus seinen Erfahrungen als Kellner heraus, also in einem Zusammen-
hang von Cafés, den man bereits eher mit lockerer Freizeit und Geselligkeit verbindet. Die typische Webersche
Bürokratie scheinen Cafés jedenfalls nicht zu verkörpern. Die Differenz der Rollen von Kellner und Gast greifen
trotzdem ganz rigide und stellen sich im Kennenlernen als Blockaden dar. Ob das Initiativrecht zur Annäherung
aber so eindeutig beim Gast liegt, darf man bezweifeln.

35
schnell ein. Es heißt dort (Hirschle 2007, 14), Intimität "hängt zuallererst von den Chancen ab,
einen ersten Kontakt herstellen und ohne größeren Aufwand reproduzieren zu können". Ferner
probiert er einen Begriff von sozialer Beziehung, der für andere Verwendung sicher nicht zu
gebrauchen ist, aber hier plausibel scheint. Es ist der Versuch, "soziale Beziehungen als stabilisierte
Interaktionen" (Hirschle 2007, 25) aufzufassen, also Intimität größere Chancen einzuräumen, soweit
sich Fortsetzung und weitere Episoden anschließen lassen oder durch einen organisierten Rahmen
(etwa durch Zusammenarbeit, ein Team, eine Lerngruppe, eine Abteilung, alle Arten von
Klassenverbänden) bereits strukturell vorgesehen sind, ohne dass dies und das Thema möglicher
Liebe überhaupt explizit gemacht werden muss. Hier kann man geradezu von einer Tarnung oder
einem Deckmantel sprechen, unter dem Liebe als ein zufälliges Nebenprodukt gedeihen kann 61.
Unpersönlichkeit wäre dann eher anzunehmen bei flüchtigen Kontakten, punktuellen Begegnungen,
einmaligem Sichsehen – und eben in asymmetrischen Zweiseitenformen, die zu große Ungleichheit
der Rollen mit sich bringen62. Dem Professor fallen intime Verbindungen zu Studentinnen deutlich
schwerer, als ihren Mitstudenten.

Dass wir hier auch Unpersönlichkeit behandeln, hat nun damit zutun, dass in aller Regel für neu
anlaufende Liebesbeziehungen unpersönliche Situationen hin zu mehr Persönlichkeit "durchbro-
chen" und Interaktionsbarrieren63 "überwunden" werden müssen. Allein aus Luhmanns Liebescode
von persönlich/unpersönlich (1982, 193f) ergibt sich Unpersönlichkeit als Thematik nur sekundär,
weil sie als andere Seite, als Schattenseite der Liebe immer mitreflektiert wird. Bei jeder Anbah-
nung, bei jedem Erstkontakt kann es nur um Offerten und ein Testen von persönlicher Redebereit-
schaft gehen64, womit der Rückzug auf Rollen und eine gefühlsneutrale Konnotation des Verhaltens
immer am Horizont erhalten bleiben. Man kann ins Unpersönliche ausweichen und damit die
Kommunikation von Eigenheiten seiner Person wegführen: Versachlichung.

Wahrscheinlich ist aber, dass heutige Liebe in ihren Konturen besser zutage tritt, wenn man die
Alternativen zu Intimität mit im Auge behält, weil die zahlenmäßig überwiegenden unpersönlichen
Begegnungen heute den Sektor für Liebe abstecken, der unter modernen Verhältnissen ja an eine
spezialisierte Funktion mit Code und Semantik gebunden ist und sich damit aus dem Rest der
Gesellschaft erfolgreich ausgrenzt. Gibt es in der Liebe erhöhte, konzentrierte Chancen zur
Erfüllung von Gefühlsbedürfnissen, bleiben die anderen gesellschaftlichen Bereiche und kommuni-

61
Vgl. neben der Multifunktionalität von Handlungen auch die Figur des Parasiten (Michel Serres).
62
Als aufschlussreiches Beispiel siehe: Mayntz (1970) - mit dem Nebenergebnis, dass etwa Passion in ärztlichen
Rollen nur nicht gezeigt, wohl aber empfunden wird.
63
Diese Bezeichnung auch bei Hirschle 2007, z.B. 15.
64
Man erinnere sich an das heute abgegriffene, weil als Testen von Redebereitschaft durchreflektierte Thema des
Wetters.

36
kativen Beziehungen von dieser Zumutung (primär) ausgespart. Die offizielle Version lautet, dass
man sich in der Schule trifft, um bestimmte Dinge zu lernen – aber man weiß, dass die Schüler-
schaft auch andere Interessen mitbringt, nicht erst seit dem Heimlichen Lehrplan (Dreeben,
Zinnecker). Die Liebe trägt für andere Bereiche die Leistung, sie z.B. von der Selbstdarstellung und
Behandlung von Individualität oder der Fixierung auf eine Bestätigung der personalen Eigenheiten
zu entlasten. Aber alle gesellschaftlichen Bereiche fungieren im Grunde (zumindest sekundär) als
Felder, in denen man Liebe suchen kann. Das Flirten kann sogut wie überall andocken.

Zum Mythos kommunikativer "Wärme" und weitreichenden Verständnisses meint Sennett (2004,
281): "Formen von unpersönlichen Erfahrungen gelten heutzutage als bedeutungslos, und
gesellschaftliche Komplexität als immense, lähmende Bedrohung65. Dagegen haben Erfahrungen,
die etwas über das Selbst mitzuteilen scheinen, die der Selbstfindung und Entfaltung förderlich
sind, eine ungeheure Bedeutung erlangt". Trotz vieler positiver Funktionen der Indifferenz und
vielleicht wegen ihrer notwendigen Grausamkeit kursiert im soziologischen Reden und wohl noch
eher im Alltagsbewusstsein dazu diese Vergleichsfolie der Geselligkeit 66, die sich im täglichen
Verkehr mehr Wärme und Zuneigung und weniger Komplikationen im Kontakt ausmalt; vielfach
eine Vorstellung von vergangenen Zeiten, dass es also einmal freundlicher zuging, mit der Neben-
these, dass der Ton mit fortlaufender Zeit (funktionale Differenzierung als abstrakter Hintergrund)
kühler und distanzierter wird; seltener als eine Vorstellung, die diesen Zustand für zukünftige For-
mationen einklagt und ihre Vorläufer in einer Mischung aus Kritischer Theorie, Marxismus und
Psychoanalyse hat, von der man sich heute wegen ihren utopischen Zügen eher abwendet.

Als persönliche, wenn nicht gar intime Gegenbegrifflichkeit sind diese Vorstellungen trotzdem
interessant und aufschlussreich, weil personorientiertes und an Individualitäten interessiertes
Kommunizieren heute aus der Gesellschaft ersichtlich nicht verschwunden ist, sich aber auf einen
spezialisierten Intimbereich gebündelt hat, der durch eigenen Code und zugeschnittene Semantik
integriert und belebt wird, sich aber von anderen Spezialsprachen unterscheidet. Die genannte
Utopie beklagt daher wohl nicht das Verschwinden persönlichen Redens, sondern gerade ihren
Rückzug in einen eigenen, engen "Sektor" und den Rückzug aus den anderen gesellschaftlichen
Bereichen – letztlich scheint sie funktionale Differenzierung zu beklagen67. Dieser teils lachhafte
Mythos enthält aber auch für unseren Themenzuschnitt manch scharfe Zähne. Denn: Wenn der

65
Dies geht einher mit Luhmanns Auffassung von Vertrauen (1968) als Beitrag zur Reduktion von Komplexität.
66
Die Vergleichsfolie Geselligkeit, wenn nicht gar freundschaftliches Verhalten ist in vielen Theoriestücken zu
verfallener Öffentlichkeit enthalten, Sennett (2004), Hirschle (2007). Basaler Schmölders (1979), Riesman (1966).
67
Diesen Befund greifen wir auf unter Liebe als Gegenstruktur. Siehe zu diesem Mythos sozialer Wärme auch
Sennett 2004, 329 und 335, wo Sennett zurückgeht auf Unterscheidungen von Parsons aus den pattern variables:
instrumentell versus expressiv/konsumatorisch/affektiv.

37
Liebesbereich geschlossen operiert und man mit Leuten nicht persönlich redet, die man nicht
"kennt", wo hat die Anbahnung von Liebesbeziehungen dann eigentlich ihren Platz? Wie wird Liebe
möglich?

Mit dem Inzesttabu haben wir bereits einen starken Grund für eine Kopplung des Liebessektors an
seine (auch anonyme) Umwelt genannt. Personen können für Partnersuche auf diesen Außenkontakt
zur Beschaffung von Partnern nicht verzichten. Einschränkend muss man sagen, dass die öffent-
lichen Kontakte mit Unbekannten vermutlich die härtesten Fälle sind, hier ohne konkreteren
Rahmen (Goffman) persönlich zu reden, etwa im leichten Gespräch. Die Situationen sind kaum
vorstrukturiert und die ganze Last doppelter Kontingenz muss in der kurzen Interaktion eingefangen
werden; so muss es zu unverfänglichen Themen kommen, auf die sich beide einlassen können und
die persönlich nicht zu fordernd sind. Vieles spricht hier gegen Intimität 68, sowie man umgekehrt
aber auch von besonderen Prekaritäten hört für Beziehungen, die bereits auf eine Grundlage des
mehr oder weniger persönlichen Sprechens aufbauen: also wenn man beabsichtigt, Nachbarn,
Freunde oder Kollegen zu Intimpartnern zu machen. Die Abgrenzung zur vorherigen Beziehungs-
form kann problematisch werden und auch Irritationen mit der Arbeitsrolle sind schnell einzusehen.
Wir kommen nun zu den eher historischen Anhaltspunkten für Unpersönlichkeit.

(1) In einer konzentrischen Bewegung hin auf das heutige Endprodukt einer weitgehenden
Unpersönlichkeit, affektiver Neutralität und sogar (funktionaler) Gleichgültigkeit im Verkehr mit
anderen Personen ist zunächst die Formierung von größeren Städten im 19. und Anfang des 20.
Jahrhunderts ein anschaulicher Ausgangspunkt. Sennett (2004) definiert diese Städte dezidiert als
Orte, an denen es wahrscheinlich ist, ständig auf Unbekannte zu treffen. Die Stadtsoziologie in
ihren Anfängen hatte noch die gute Möglichkeit, sie von ländlichen/ dörflichen Verhältnissen zu
unterscheiden. Die füreinander Fremden in den Städten kamen aus verschiedenen ländlichen
Regionen und trafen nun auf vergleichsweise engem Raum massenweise aufeinander. Dieses
soziale Großexperiment musste unter neuen Bedingungen auch veränderte Umgangsformen mit sich
bringen. Es gibt in diesem Setting einige Gründe, warum sich distanzierter Umgang einspielte;
zunächst, dass es rein zahlenmäßig nicht möglich ist, jede Person näher kennenzulernen. Die
Aufnahmekapazitäten des Menschen reichen nicht hin, um viele Personen in ihren Details
abzuspeichern. Der Städter erleidet eine "Reizüberflutung durch hohe Bevölkerungsdichte"
(Hirschle 2007, 35). Nahe daran liegt das Argument, dass es zeitliche Grenzen gibt, sich genauer

68
Eine Steigerung kann man höchstens noch in Diskotheken vermuten. Hier kommt zur Last doppelter Kontingenz
die Last sozialer Reflexivität hinzu: Denn jeder dort weiß, dass jeder weiß, dass man kommt, um jemanden
persönlich kennenzulernen. Dass es dabei zu Lösungen kommt, die sich auf Sprache nicht mehr verlassen wollen,
hätte man schon theoretisch erwarten können.

38
auf Leute einzulassen. In Europa und Nordamerika liebte man längst romantisch, also in intensiver,
höchstpersönlicher Hinsicht mit der Höchstrelevanz69 des Partners – also intensiv in der Gefühls-
dimension und extensiv in der Beanspruchung. Vor allem aber das tägliche wirtschaftliche Treiben,
Beschäftigung und Existenzsicherung sind dabei sicherlich ein wesentliches Moment, nicht den
ganzen Tag lang gesellige oder persönliche Interessen verfolgen zu können. Man hat zutun und das
tägliche Leben in den Großstädten besteht nicht vorrangig aus Liebe.

In dieser Hinsicht kann man wohl auch Interessen oder Präferenzen dafür verantwortlich machen,
dass sich nicht jeder Unbekannte als des Kennenlernens wert aus dem Treiben der Stadt isoliert.
Das sind, wie hier mit wirtschaftlichen Beschäftigungen gesagt, Interessen aus anderen sozialen
Bereichen; aber das waren sicherlich auch Interessen aus dem Liebessektor selbst; dass es also nicht
seit kurzem erst Präferenzen für Intimpartner gibt, die den einen interessant und den anderen
unauffällig machen. Räumliche Nähe ist kein ausreichender Anlass mehr, soziale Nähe herzustellen
(vgl. Hirschauer 1999). Interaktion wird zur Option (Hirschle 2007, 30/31) und unterliegt einer
Selektivität mit eigenen Kriterien. Das Überangebot macht es möglich zu wählen. Fremdheit und
Unbekanntheit allein reichen als Kuriosum oder Attraktor nicht hin, sich für die Fremden zu
interessieren. In Dörfern mag das anders aussehen, wenn man neugierigen Kontakt zu ihm sucht,
weil man ihn noch nie gesehen hat. An diesem speziellen Punkt (der im übrigen auch über soziale
Kontrolle entscheidet) wird der Unterschied von Stadt und Land sehr deutlich. Wir haben also allein
im Kontext der Städte und aufkeimenden Ballungszentren bereits drei starke Gründe für unpersön-
liche Kontakte: konstitutive Grenzen der Auffassung, beschränkte Zeit und eine sich ausdifferen-
zierende Interessenlage der Leute, die sich dort tummeln – sowohl in Konkurrenz mit Sachinte-
ressen, als auch in der Differenz von ins Visier genommenen Objekten untereinander70.

(2) Ein ganz anderer Zug gesellschaftlicher Entwicklung, der zeitlich viel früher einsetzt, tendiert
zum selben Ergebnis, also Unpersönlichkeit. Noch für das 17. Jahrhundert konstatiert Sennett
(2004, 117): "Selbst am hellichten Tag war man auch in den vornehmsten Vierteln der Stadt vor
Gewaltverbrechen nicht sicher; die städtische Polizei steckte noch in den allerersten Anfängen". Die
politische Bündelung von Macht und ihre Durchsetzungschancen durch Exekutive hatte zur Folge,
dass immer größere Gebiete einer Befriedung und Eindämmung von Gefahren direkter Gewalt
unterzogen wurden. Hirschle (2007, 29) zitiert Nobert Elias und Roland Axtmann: "In erster Linie
verschwindet [...] ´die körperliche Gewalt von der offenen Bühne des gesellschaftlichen Alltags´";
69
Dieser Ausdruck bei Tyrell (1987)
70
Man sieht in dieser relativ frühen Situation bereits, dass das Testen vor allem über Visuelles und das Auge
verlaufen muss, eine Entwicklung, die sich bis heute neben anderen Kriterien durchgezogen hat. Das Objekt muss
den Betrachter optisch in seinen Bann schlagen, was damit auch den Status der Herkunft und anderes ausblenden
kann. Eine Prüfung auf erste Eignung hat vielfach diesen visuellen Aufhänger.

39
"For Elias the ´civilizing process´, which involved the transformation of violent bodies into
restrained bodies, was closely bound up with the pacification of social space through the monopo-
lization of physical violence by the state". Die "Dämpfung der eigenen Triebe und spontanen Wall-
ungen" (ebd.) gerinnt zu Selbstkontrolle und Selbstdisziplin als psychischem Umstand und dann
auch in den Erwartungsstrukturen, dass man Mäßigung voraussetzen kann. Selbstjustiz etwa wird
ausgegrenzt; man hat nun jemanden anzuzeigen oder zu verklagen, aber nicht selbst zur Tat zu
schreiten. "Die Ungewissheit über die Absichten und Motive der anderen verliert in gewisser Weise
an Relevanz, weil sie – auch wenn sie den gleichen Raum bewohnen – für die eigene Person
(zumindest im Hinblick auf die körperliche Unversehrtheit) bedeutungslos bleiben können" (Hir-
schle 2007, 31). So werden Unbekannte weitgehend neutralisiert. Gerade weil sie keine Gefahren-
quelle mehr darstellen, kann man dazu übergehen, sie zu vernachlässigen.

Für den täglichen Umgang haben diese Neuerungen eine Straffung möglicher Gefühlsregungen zur
Folge: Zurückhaltung71, Schweigen, Neutralität in Gesicht und Bewegungen, passives Beobachten,
ohne andere mit Blicken zu sehr zu belästigen. "Schweigen war die einzige Form, in der man das
öffentliche Leben, vor allem das Leben auf der Straße, erleben konnte, ohne sich überwältigt zu
fühlen." Um 1850 entsteht "die Vorstellung, daß Fremde kein Recht hätten, miteinander zu
sprechen, daß jedermann das öffentliche Recht auf einen Schutzschirm besitze, das Recht, in Ruhe
gelassen zu werden. Das öffentliche Leben wurde zu einer Sache des Beobachtens, der passiven
Teilnahme, zu einer Art Voyeurismus" (beides Sennett 2004, 45). Die Erlaubnis etwa zur Blütezeit
öffentlichen Treibens, sich in Kaffeehäusern in alle laufenden Gespräche einzuklinken und ohne
Einladung mitzureden (Funktion Informationsfluss72), gilt in den Großstädten dort bereits 73 und
heute erst recht nicht mehr. Trotz einer folgenden Phase der Relativierung dieser Regeln (Wouters
2007), kann man noch heute in Kinos und Theatern weitgehend Ruhe erwarten, sieht man ab vom
Ringen um Aufmerksamkeit bei Jugendlichen mit ihren gezielten Normbrüchen. Um 1900 ging es –
nicht zuletzt im Kleidungsstil – um Neutralität, Konventionalität und Unauffälligkeit. Vielleicht
stammt von hierher noch das Mausgrau heutiger Großväter, das der erlebnisorientierten Welt
Jüngerer auffällig gegenübersteht.

Die dahinterliegenden Motive und Befindlichkeiten für Unpersönlichkeit werden von Autor zu
Autor durchaus verschieden eingeschätzt. Simmel sinniert noch recht skeptisch: "Ja, wenn ich mich
nicht täusche, ist die Innenseite dieser äußerlichen Reserve nicht nur Gleichgültigkeit, sondern,

71
Sennett (2004, 131) hebt den zu dieser Zeit häufig verwendeten Ausdruck hervor: modesty, Mäßigung.
72
Dazu genauer Sennett 2004, 113 u. 116
73
Hirschle zum Theater um 1890: "Die disziplinierte Stille war ein ausgesprochen großstädtisches Phänomen"
(2004, 266).

40
häufiger als wir es uns zu Bewußtsein bringen, eine leichte Aversion, eine gegenseitige Fremdheit
und Abstoßung [...]" (Simmel 1903). Vielleicht hat Simmel hier noch die angestaute Aggressivität
im Sinn, die durch die "übergeordnete staatliche Sanktionsgewalt" (Hirschle 2007, 31) nun in die
Psyche der Akteure verbannt wird und dort noch wütet – Zurückhaltung als Willensleistung. Von
daher ist Simmel um die Jahrhundertwende noch näher an den Umbruchzeiten, die gezügeltes
Verhalten und Abstand von Gewalt verordnen. Goffman (civil inattention) und Luhmann (Takt)
scheinen da schon etwas freundlicher zu urteilen. Ihnen ist am Schutz der Interaktion und an der
Schonung der Darstellung der Gesprächspartner mehr gelegen zu sein, als an Zügelung des Wun-
sches, über den anderen herzufallen. So sind selbst die Theorieleistungen zivilisierter geworden.

(3) Die breitere Erfolgswelle der Psychologie und die Bereitschaft des Publikums etwa zu Freuds
Schaffenszeit, sich mit diesen Theorien auseinanderzusetzen, harmoniert mit den obigen
Schilderungen und wird sie sicherlich auch vorangetrieben haben. Sennetts Blütezeit des
öffentlichen Lebens – rauschende Diskussionen in den Kaffeehäusern, aktives Publikum in den
Theatern, Freude an Schauspiel und Ausdruck gegenüber Unbekannten usw. – war begleitet von
einem Codex, der gleichzeitig lebendigen Austausch mit Fremden und Schutz der eigenen Person
möglich machte. Sennett sieht hierin eine intakte Trennung von öffentlicher und privater Sphäre,
die dann durch publik gewordene Einsichten der Psychologie untergraben wurde. "So setzte sich
nach und nach die Vorstellung durch, dass sich das Innerste des Menschen – seine Persönlichkeit,
sein Charakter, seine Seele – unwillkürlich in all seinen Handlungen und Körperbewegungen
manifestieren würde" (Hirschle 2007, 38). Hirschle zitiert Dennis Smith, es sei nun üblich
geworden "to treat ourselves and others as a ´danger zone´. We feel constant anxiety about being
vulnerable to others´ behaviour" (ebd.). Den Mechanismus der Beobachtung, also Schlüsse vom
äußerlich Sichtbaren auf innere Attribute, bezeichnet Sennett (2004, 304) als "Entschlüsselung":

Das "bezeichnet den Vorgang, bei dem ein Verhaltensdetail zum Symbol für einen ganzen Charakter erhoben
wird. So wie die Farbe des Halstuchs oder die Zahl der offenen Knöpfe an der Bluse die Freizügigkeit einer Frau
in sexuellen Belangen symbolisieren können, so können bestimmte Details in der äußeren Erscheinung oder im
Verhalten auch eine politische Position symbolisieren. Diese Details scheinen anzudeuten, wie die Menschen
beschaffen sind, die sich einer bestimmten Ideologie anschließen. Ist zum Beispiel ein Sprecher der Arbeiter-
klasse elegant gekleidet, so konzentriert man sich auf diese Unstimmigkeit in seiner Erscheinung und meint
deshalb am Ende wohl gar, alles, was er sagt, sei Täuschung. So entschlüsselt man, was er sagen will, aus seinem
Aussehen. [...] Die politische Sprache wird Gegenstand eines Miniaturisierungsprozesses; unscheinbare Momente
oder Ereignisse erlangen ungeheures Gewicht, weil man anhand solcher Details erkennt, wer da kämpft, und
damit auch, auf welche Seite man selbst gehört."74
74
Man erinnere sich dazu etwa an den damaligen Kanzler Gerhard Schröder und welch ein gefundenes Fressen für
die Medien in seinen Kaschmiranzügen und den teuren Zigarren lag.

41
Sennett (2004, 249) fasst die Persönlichkeitsvorstellungen an der Wende zum 20. Jahrhundert in
diesen drei Punkten knapp zusammen. Sie bestünden in: "Einheit von innerer Regung und äußerer
Erscheinung; Selbstkontrolle des Gefühlslebens; Spontaneität als Abnormität". Wir verlassen hier
die historischen Gegebenheiten nach der folgenden Anmerkung.

Denn man kann Hirschle widersprechen, dass der Grund für diese Abneignung, sich in die Karten
schauen lassen zu wollen, nicht etwa darin bestand, "ein persönliches Defizit zum Ausdruck zu
bringen" (Hirschle 2007, 39)75. Das deutet zu sehr auf die Vermeidung von Scham und Peinlichkeit
hin, auf das Aufdecken von Unpässlichkeiten, die einen niederen Standes oder der Vulgarität
überführen konnten. Es ist doch wahrscheinlicher, dass es um Voraussage und Kontrolle des
Individuums geht, um Einschätzung, Feststellung und Herstellenwollen von Erwartungssicherheit,
was sich zu jener Zeit mehr und mehr in eine Kritik der "Massengesellschaft" umformt: Wenn man
(psychologisch) nun zu erkennen vermag, wie die Person tickt, weiß man, wie sie sich verhalten
wird; sie wird zur Marionette, zum Spielball. Das Verhinderungsinteresse daran dürfte viel stärker
nachvollziehbar sein als die Umgehung von Peinlichkeiten. Und eher aus diesen Gründen flüchten
sich Personen nun ins Schweigen, in möglichst neutralen und nichtssagenden Ausdruck, in Passi-
vität und pflegen den Rückzug ins Innere.76

Es ist eine Abwehrreaktion und ein Selbstschutz gegen die neuen psychologischen Zumutungen und
die Unsicherheit, nicht zu wissen, ob sie stimmen. Denn vielleicht kann man von der Kleidung u.ä.
wirklich auf Seelenregungen schließen. Die Konsequenz läuft aber auf die Linie der obigen
Beispiele hinaus: Verunsicherung, Reserviertheit, problembehaftete Vertrauensbildung, Distan-
zierung vom Gegenüber – Unpersönlichkeit. Ersichtlich wird, dass auch für persönliches Reden
diese neue Distanz behandelt und überwunden werden muss. Dieses Schutzschild ums Innere der
Person erlaubt nicht spontanen Einlass; man muss meist in indirekter Weise um Einlass bitten oder
Vertrauensbildung über vordergründig andere Themen/Handlungen in Gang setzen; immer halb
unauffällige Umwege, die durch höhere Komplexität Durchgriffswahrscheinlichkeiten abschneiden
77
. Auf die Riskiertheit von Spontaneität und Initiative weist auch Sennett hin (2004, 199):
"Spontaneität und unwillkürlicher Gefühlsausdruck haben etwas Gemeinsames, aber es besteht
zugleich ein wichtiger Unterschied zwischen ihnen: Spontaneität ist eine Form des ungefährdeten

75
In diese Richtung auch Hirschle 2004, 270: "Wer keinerlei Reaktion zeigt, wer seine Gefühle verbirgt, der wird
unverletzlich, kann sich gar nicht ungeschickt benehmen" (Herv. TL). Diese Formulierung zeigt, dass es ihm um
Abwehr von Peinlichkeiten und Kompromittierung geht.
76
Das Stichwort der Inneren Emigration wurde aber wohl erst durch den Zweiten Weltkrieg relevant.
77
Für einige weitere Beispiele aus jüngster Vergangenheit siehe: Hahn (1991)

42
unwillkürlichen Gefühlsausdrucks, aus dem weder dem Subjekt noch anderen jeweils ein Schaden
erwächst".78
***

Wir stehen heute an einer Stelle, wo sich diese Entwicklung – von Intimkommunikation aus
gesehen – zu Interaktionsbarrieren ausgeweitet hat; dass man entweder Gründe bzw. ersichtliche
Anlässe braucht, jemanden Fremdes anzusprechen. In diesem Schema erlaubter und unerlaubter
Penetration anderer werden Goffmans Beispiele für legitime Ausnahmesituationen besser verständ-
lich, in denen es möglich ist, jemanden direkt anzusprechen: wenn man um Feuer bittet, nach dem
Weg fragen möchte, die Uhrzeit wissen will oder (noch vor einiger Zeit) nach einer Zigarette fragt.
Das sind isolierte, standardisierte Gesten zivilisierter Hilfsbereitschaft, die aber kaum Aufhänger für
Gespräche bieten, nur in kurzen Episoden auftreten und dann sofort enden. Das kann man etwa
daran testen, dass man z.B. in der Nähe einer Bahnhofsuhr jemanden nach der Zeit fragt: Man wird
fast schroff darauf verwiesen, dass dort doch eine Uhr hängt; die Frage wird nicht als willkommene
Gelegenheit zur Unterhaltung aufgefasst, sondern als dümmliche Belästigung. In allen anderen
Fällen außerhalb dieser Ausnahmen ist vermutlich Zeit, Wiederholung und Fortsetzung ein Faktor,
der für Vertrauensbildung nötig wäre, aber im flüchtigen Verkehr nicht gegeben ist.79

Erst aus dieser Konstellation heraus wird sichtbar, dass das leichte Gespräch, der Schwatz, die
zwanglose Unterhaltung von Unbekannten an der Bushaltestelle besondere situative und sozial
sensitive Aufhänger benötigt, um anerkannt und angenommen zu werden. Eine Zeitlang, bis noch
vor etwa ein bis zwei Jahrzehnten, war es üblich, Gesprächsbereitschaft zu testen, indem man (fast
wie in Selbstgesprächen vor sich hinsprechend) auf das Wetter kam, um dann zu sehen, ob das
Gegenüber reagierte und eine Antwort beitrug und damit eine erste, fragile Gesprächsbereitschaft
signalisierte. Die fiel natürlich nie emphatisch oder euphorisch, sondern leise und distanziert aus,
weil die damalige Relevanz des Sprechers als störende Gefahrenquelle noch mitschwingt. Man lässt
sich auf ein paar wenige Worte ein, auf ein Nicken, ein Brummen – unter Vorbehalt. Man gibt eine
Antwort – aber mit dem Gefasstsein darauf, ob nicht noch etwas Schlimmeres nachkommt. Das
muss in diesem Sinne nicht direkte körperliche Gewalt sein; das können auch Wortmeldungen,
Meinungen, Redebeiträge, Offerten sein, die dem Gegenüber nicht "passen", die in irgendeiner
subjektiven Weise unhöflich oder langweilig oder aufdringlich oder (wenn man Dritte im Auge
behält) kompromittierend sein können, wenn diese anderen sehen, dass und über was man sich mit

78
An verstreuten Stellen weist auch Luhmann auf die Riskanz von offenen Engagements und des freudigen Auf-
gehens in Interaktionssituationen hin: Sie machen den Akteur beobachtbar, sie offenbaren ihn, so in 1982, 111/113
79
Gerade deshalb werden wir später auf neuere Körpertechniken zu sprechen kommen, die sowohl den Einsatz von
Sprache als auch direkte Kommunikation zunächst aussetzen.

43
dem Gegenüber unterhält. Von daher steht das zwanglose Gespräch immer unter Vorbehalt und in
der provisorischen Lage, sich jederzeit abwenden oder verstummen zu können; dies also ohne
Angabe von Gründen80 abzubrechen. Man kann im Grunde nicht anders sagen, als dass diese
Ambivalenz und Uneindeutigkeit der Situation als Ressource verwendet wird, als ein Terrain zum
Testen von möglichen Interaktionen. Sie ist ein Feld von Interaktionsanbahnung und Kennenlernen.

Anzunehmen ist aber heute, dass direkte körperliche Gewalt – soweit sie normativ und
erwartungsmäßig so gut wie ausgeschlossen ist – durch die Gefahr von persönlichem Eindringen in
die Person abgelöst wurde (wozu ja bereits das Reden genügt). Eine Mischung aus beidem, also
sexuell motivierte Gewalt, klingt dann wie Barbarei, aber bereits auch persönliches Interesse, ohne
jede Gewaltandeutungen, bewegt sich auf dem Korridor intimer Annäherung. Anzunehmen ist (man
erwartet immer das Schlimmste), dass die Annäherung von Unbekannten vorschnell auf uner-
wünschte persönliche Kontaktwünsche festgelegt wird – obwohl es eine Unzahl anderer Motive
geben kann. Man käme kaum auf die Idee, dass der Sprecher an einer Sachdiskussion interessiert ist
und dazu eine Meinung eruieren möchte. "Der wollte was von mir!" Nachdem man Gewalt nicht
mehr fürchtet, fürchtet man diese Penetration, durch verbale und nonverbale Kommunikation herge-
stelltes Eindringen ins eigene Territorium (Foucault). Man bedenke etwa, wie sehr man sich von
Blicken belästigt fühlen kann. Luhmann selbst sprach in diesem Zusammenhang gern vom "Kleben
der Blicke" und berichtete davon wie von einer Belästigung, wie von Leuten, die ihn mit zweifel-
haften Motiven von der Arbeit abhalten wollten. An "Unterhaltung" schien er nicht zu denken.

Diese Art der Konstruktion von Belästigung wurde schon früh beobachtet. Lord Chesterfield
empfiehlt 1774 (zitiert in Sennett 2004, 91) seinem Schützling: "Vor allem verbanne das Ich aus
deinen Gesprächen! Denke niemals daran, andere von deinen eigenen Angelegenheiten zu unter-
halten! Sind sie auch für dich wichtig, so sind sie doch für jeden anderen langweilig und albern".
Dies zielt mit Langeweile noch darauf ab, in der Konversation nicht zu nerven und die Zeit der
anderen nicht zu beschlagnahmen mit eigenen Belangen. Es konvergiert also noch mit den älteren
Empfehlungen für Geselligkeit, bei der möglichst jeder zum Zuge kommen und man sich selbst
nicht zu sehr ins Rampenlicht stellen sollte. 81 Dann aber bemerkt Sennett (2004, 30) im Rahmen der
Kompensationsidee: "Wenn etwa eine Person glaubt, sich in der Öffentlichkeit vor der Beobachtung
durch andere mit Schweigen und Isolation schützen zu müssen, dann wird sie das kompensieren,
indem sie sich gegenüber denen, mit denen sie in Beziehung kommen will, entblößt". Das Kontakt-

80
Der Verweis auf ein abstraktes Ich genügt: Ich möchte es nicht!
81
Nochmal: Schmölders (1979)

44
bedürfnis (auch bei Luhmann zu finden82) lässt sich also nicht einfach wegkürzen: In der Öffent-
lichkeit Schweigen, anderswo Aufsässigkeit. Wir nehmen ein letztes Zitat dazu :

"Das Gegenteil von Zivilisiertheit ist Unzivilisiertheit. Unzivilisiert ist es, andere mit dem eigenen Selbst zu
belasten. Unzivilisiertheit bedeutet Einschränkung der Geselligkeit, verursacht durch diese Last. Jeder kennt
Menschen, die in diesem Sinne unzivilisiert sind: jene ´Freunde´, die stets darauf aus sind, anderen Einlaß in die
traumatische Sphäre ihrer alltäglichen Innenwelt zu gewähren, die am anderen nur ein einziges Interesse haben,
daß er ihren Geständnissen sein Ohr leiht." (Sennett 2004, 336)

Also hat sich die Erkenntnis schon seit mehr als 200 Jahren angekündigt, dass es weder für
gesellige Konversation, noch für das Herstellen intimer Kontakte nützlich und angebracht ist, bei
seinen Gesprächspartnern emotionalen Schutt abzuladen und in jammervollen Tiraden nach Ver-
ständnis zu heischen. Unbekannte ansprechen und ihnen persönliche Details aufdrängen, oder Un-
bekannte ansprechen und nach deren Befindlichkeiten forschen: In der Entwicklung zur
Unpersönlichkeit nach 1900 bedeuten solche Versuche fast eine Straftat, und es musste klarsein,
dass der Protagonist als bemitleidenswertes Subjekt angesehen wurde und sich selbst isolierte. -
Eine ähnliche Differenz von Autonomie/Anerkennung bring Eva Illouz (2011) ein: Dass vor allem
durch die Verbreitung moderner psychologischer Ratschläge die Eigenständigkeit und Eigen-
mächtigkeit des Einzelnen propagiert wird. Wer nach Anerkennung sucht, symbolisiert Unselb-
ständigkeit und charakterliche Schwäche. Andererseits produziert dies die Situation, dass Leute
angesehen und verehrt werden, wenn sie andere abweisen (können), weil das zeigt, dass sie den
Kontakt "nicht nötig haben" und "selbst zurechtkommen". Wir kommen mit der Autorin hier darin
überein, dass dies ebenso Barrieren für jeden persönlichen Kontakt sind und dass sich dann Formen
des Umgangs finden müssen, wie man Autonomie wahren, sich aber dennoch für Mitmenschen
interessieren kann.

82
Siehe Luhmann (1968, 59). Dort ist die Rede von "einfachen Kontaktsystemen des täglichen Lebens". Siehe auch
Luhmann (1964, 227) zu den "Eigengesetzlichkeiten des elementaren Kontaktes".

45
2.4. Verwahrscheinlichung des Unwahrscheinlichen

Man stößt auf evolutionstheoretische Überlegungen bei Luhmann, wenn es um die Arbeitsweise
symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien geht. Man kann das Folgende unter dem Titel
des Verwahrscheinlichkeitstheorems rubrizieren, bei dem es allgemein darum geht, Unwahrschein-
liches zu verwahrscheinlichen (Luhmann 1981, 28); bei dem es speziell für Liebe darum geht, die
Zumutung oder das Risiko intimer Gehalte der Kommunikation trotzdem annehmbar, wenn nicht
sogar interessant zu machen, ohne die Adressaten sofort anzuwidern. Dieses Szenario steht
natürlich immer am Horizont und reflektiert die Differenz zu unpersönlichen Beziehungen: Möchte
man sich mit dieser Person überhaupt persönlich austauschen? Oder soll es, wie in der großen
Mehrzahl der Fälle, unterbleiben? Neben dem üblichen Dreischritt der Kommunikation (Infor-
mation, Mitteilung, Verstehen) taucht hier eine vierte Variable auf, die bereits zur nächsten Sequenz
gehört und über Annahme und Ablehnung des Gebotenen entscheiden muss, ob man es sozusagen
befürwortet oder von sich weist. Sie transportiert in unserem Falle häufig nebengleisig die
Information, ob persönlicher Kontakt im Fortgang der Interaktion gewünscht ist. Im Grunde
entscheidet sie schon darüber, ob überhaupt ein Kontakt (etwa ein Gespräch) gewünscht ist.

Man kann das Angebot persönlichen Redens oder sexuelle Wünsche verstehen, kann sie aber
danach ablehnen. Verstehen heißt nicht Zustimmen. "Durch Kommunikation erreicht man daher zu-
nächst nur eine Übertragung von Selektionsofferten. Die Sicherstellung des kommunikativen
Erfolgs [...] hängt von weiteren Voraussetzungen ab" (Luhmann 1975, 37). Das Verstehen des
Gegenübers umgreift nicht den Punkt, mich gleich zu mobilisieren. Hier ist sicherlich eine der
Quellen der Selbstüberschätzung der Liebe zu sehen; das Erfolgsmedium kommt nicht ohne eine
"unrealistische" Aufwertung der Offerten und Objekte aus; Liebe ist dann etwas Wunderbares, sie
ist der Sinn des Lebens, sie sei Erfüllung oder Erlösung usw. – nicht zuletzt im weiteren Kontext
vom Glück in der Familie mit Kindern. Diese Art der Werbung in eigener Sache hat erst den Effekt,
Menschen zur Teilnahme zu bewegen, auch weil man auf Restbestände eigenen Engagements dabei
angewiesen ist (die Biologie redet zum Beispiel, interessant, von: aufsuchendem Sexualverhalten).
Einen Bartleby (Melville), der nur immer antwortet: I would prefer not to, könnte man kaum ge-
brauchen.

Man kann in Massenmedien, soweit man etwas Distanz zu ihnen aufbaut, heute sehen, welche
Allgegenwart und Aufdringlichkeit das Thema der Liebe und Sexualität bekommen hat, um von der
Zielgruppe registriert zu werden. Und das Interesse vor allem an Sexualität und ihren Derivaten gilt
etwa im Freizeitverhalten dann als so selbstverständlich, dass man sich die Möglichkeit gesondert

46
klarmachen muss, dass man die Teilnahme an diesem Sektor ablehnen kann.. So stellt Luhmann
fest, "Medien-Codes sind Präferenz-Codes" bzw. "Wert/Unwert-Dichotomisierungen" (1975, 42);
Liebe sei gegenüber Anonymität/Indifferenz ein vorzuziehendes Gut und müsse den Teilnehmern
als erstrebenswert erscheinen, was auch für den gegenteiligen Fall fehlender Partner erlebbar wird -
dann fehlt etwas. Kehrt man diesen Gedankengang um, könnte man meinen: Wenn soviel Wirbel
um eine Sache gemacht wird, muss Liebe dann eigentlich etwas Widerliches, jedenfalls doch
Fragwürdiges sein? Soll sie einem aufgeschwatzt werden? Kann man auf sie leichtfertig herein-
fallen? Luhmann betont gerade die Unwahrscheinlichkeit, die Nichtselbstverständlichkeit und,
wenn man so will, Nichtnatürlichkeit des Sicheinlassens auf Intimität. Peter Fuchs (1999) flankiert
dies mit Beispielen von sonderbaren Idiosynkrasien und eigentlich entstellenden Einzelheiten der
Personen, die unterm Strich trotzdem geliebt werden wollen. Die natürliche Reaktion wäre doch
Ablehnung, wenn das Medium nichts daran setzen würde, Liebe und ihre Teilnehmer aufzuwerten.

Aus Luhmanns frühem, rudimentärem Medienkonzept (1975) wird noch nicht recht ersichtlich,
welches Interesse die Gesellschaft an der Abnahme von Kommunikation haben kann. Aus dem
späteren Blick der Autopoiesis (Luhmann 1984) wird vielleicht stärker klar, dass Gesellschaft dort
existiert, wo Kommunikation vorkommt und aus sich heraus weitergetrieben werden kann. Auch
Liebe würde dort nicht existieren können, wo Offerten ständig nur abgelehnt werden. In bereits
laufenden Beziehungen geht es zwar auch um eine Miterfassung des Partners, aber es geht vor
allem um eine ständige und fortlaufende Mitbeachtung Egos (Luhmann 1982, 25). Es geht um
"Sicherstellung der erfolgreichen Abnahme von Kommunikationen. [...] Man kann ohne Zweifel
davon ausgehen, daß keine Gesellschaft existieren könnte, die den Kommunikationserfolg dem Zu-
fall überließe" (Luhmann 1975, 35 und 44). Und vielleicht ist auch aus diesen Gründen das Thema
der Dauer für Liebe immer relevant gewesen, um sich überhaupt auf Höhe ihrer Funktion schwin-
gen zu können. Punktuelle, eventuelle Liebe je nachdem, heute ja, morgen vielleicht nicht, all das
widerspricht in wichtigen Teilen dem modernen Code, sowohl der Passion als auch der Romantik.
Aber auch für Alleinlebende thematisiert das Medium Sehnsüchte, das Suchen und Finden der
Liebe. Mit Singles sind im allgemeinen Verständnis wohl zeitweise Singles gemeint, die sich
vorübergehend ausklinken, sich dann aber zum Wiedereinstieg in die Partnermärkte eingeladen
fühlen.83 Eine grundsätzliche Ablehnung der Teilnahme am Intimsektor wäre heute weiterhin eine
Sonderbarkeit, wenn nicht eine Pathologie, von der sogar Rollen (etwa religiöser Art) teils belastet
sind. Die Funktion der Liebe besteht in der Thematisierung, Pflege und Behandlung moderner
Individualität (Luhmann 1982, 15), inklusive ihrer Idiosynkrasien und Absonderlichkeiten, auch

83
Dies behandeln auch Soziologen als Selbstverständlichkeit: Stephan Baas bei tagesschau.de vom 11.7.2012. Dort
heißt es im Interview mit dem Soziologen: "Ich würde allerdings eher von einer Lebensphase ´Single´ sprechen,
schließlich ist ein Single häufig nicht ein Leben lang Single, sondern nur für einen gewissen Zeitraum."

47
inklusive der Körper, mit der Aussicht, dafür wechselseitig Bestätigung, Resonanz und Bestärkung
zu finden. Man liebt den Partner nicht trotz seiner Eigenheiten, sondern genau wegen dieser.

Natürlich lässt sich auch auf Konflikt Kommunikation bauen und stabil einrichten 84, wie man im
Rechtssystem und in Konflikten schlechthin sieht; Widersprüche können Widersprüche erzeugen
und zu Konflikten gerinnen. Trotzdem scheint für eine Zukunftsperspektive und (wie in der Liebe)
unter Bedingungen der Freiwilligkeit der Teilnahme an Kommunikation zu gelten, dass Annahme
und Übernahme ins eigene Handeln Kommunikation stabiler fortsetzen kann. Ablehnungen von
Offerten konfrontieren immer mit Abbruch und Beendigung, Konfliktparteien ziehen sich nicht
sonderlich an, sie fordern schließlich Beendigung des Kontaktes, nicht Dauer. Vielleicht ist es
deshalb auch so schwierig, intime Angebote überhaupt anzunehmen; es wird schnell Fortgang
erwartet! Und man müsste dann etwas "zurücknehmen", worauf man sich einmal eingelassen hat.
Kurz: Kommunikation zirkuliert85 besser über Zustimmung. Sie zu organisieren, ist eine der Haupt-
aufgaben symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien. Das stetige Widersprechen und Kon-
fligieren könnte die Funktion von Liebe nicht erfüllen.

Wenn man bedenkt, wie sehr in der Vergangenheit vor Liebe und Sehnsucht, vor Sexualität und
dunklen Triebregungen gewarnt wurde, kann man im Medium Liebe später eine Ermutigung
entdecken. "Erfolg verschaffen heißt dabei: die Annahmebereitschaft für Kommunikationen so zu
erhöhen, daß die Kommunikation gewagt werden kann und nicht von vornherein als hoffnungslos
unterlassen wird" (Luhmann 1982, 21). Die Zumutung persönlicher Gehalte wirkt zugleich als
Hemmnis, als Entmutigungsschwelle, (psychisch) vielleicht als Schamgrenze. Die Zumutung per-
sönlicher Dinge besteht darin, sie ungewollt aufgedrängt zu bekommen, wo man keine Einblicke
wünscht. Es widerspräche schon dem Code, jemandem etwas anzutragen, von dem er nichts hören
möchte. "Man wird Kommunikation unterlassen, wenn Erreichen von Personen, Verständnis und
Erfolg nicht ausreichend als gesichert erscheinen" (Luhmann 1981, 27). Luhmann führt die positive
Sexologie des 18. Jahrhunderts dafür an, dass es zu dieser Zeit nicht mehr nur um Warnung und
Vorsichtsmaßnahmen ging. So nimmt dort der Gang der Semantik auch eine Wendung zur Auf-
wertung, zur interessierten Auseinandersetzung mit Körper und Trieben, und später bei Freud den
Gang zur Sexualität als Teil allgemeiner Gesundheit, der nicht fehlen darf.

84
Siehe Tyrell (1976).
85
Luhmann scheint die Idee einer Art Kreislaufmodells der Gesellschaft recht früh gehabt zu haben. So ist oft die
Rede etwa von "Anschlußfähigkeit" oder "Anschlußselektivität" (1975, 39): "Die allgemeine Funktion generali-
sierter Kommunikationsmedien, reduzierte Komplexität übertragbar zu machen und für Anschluß-selektivität auch
in hochkontingenten Situationen zu sorgen [...]" Von dort aus erscheinen Weiterentwicklungen zu operativer
Geschlossenheit, Selbstreferenz und Autopoiesis fast lediglich als Bekräftigung dieser Vorläufer.

48
Hier sieht man eine Lage, in der gemeinsame Sprachen (Verstehen) und Kontaktmöglichkeiten über
Verbreitungsmedien oder konkretes Aufeinandertreffen (Erreichen) nicht mehr ausreichen. Liebe
wird durch Symbolisierung (Zeichen, Floskeln, Verhaltensweisen, Themen usw.) repräsentiert!
Dabei kann es für jede individuelle Gefühlsregung, für jede Mischgefühlslage von Sehnsucht und
Zweifeln keine genau entsprechende sozial verfügbare Form geben; das wäre zu sehr von Einzel-
personen aus gedacht und daher nicht vermittlungsfähig. Es kommt zu einer (eben symbolischen)
Generalisierung; dass man sich auf einer "Sprachebene" symbolischer Formen trifft, die vom einen
bedient, vom anderen gedeutet werden können. Ich muss zu verfügbaren Formen greifen, die
meiner Gefühlslage und dem gewünschten Ausdruck am ehesten entsprechen, muss sie situativ
wechseln, ihr mal nachkommen, sie ironisieren usw., um dem anderen etwas zu signalisieren. Nur
kennen und beherrschen muss man die Regeln.

Soziologisch richtiger muss man die von Bewussteinen kaum einzufangende soziale Komplexität
voranstellen: Ich würde dann eben diejenigen Gefühle in mir ausbilden, die die präsenten sozialen
Formen nahelegen oder offenlassen. Schon im Klappentext (Luhmann 1982) heißt es: "Der Code
ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden. Ohne ihn würden die meisten, meint La Rouchefou-
cauld, gar nicht zu solchen Gefühlen finden." Das ist gemeint, wenn Luhmann von der Plastizität
menschlicher Gefühle redet: Sie sind formbar und dehnbar genug, um auf semantische Formen ein-
zugehen – und sie finden eben nicht (etwa durch Selbstbesinnung) aus sich heraus zu sich selbst.
Dies heißt System/Umwelt-Theorie, dass die Gefühle der Psyche mit dem semantischen Kontext
"interagieren". Wir können hier auf den Hintergrund von Offenheit durch Geschlossenheit, auf die
Probleme von Interpenetration usw. nicht ausreichend eingehen86, sie würden uns vom Thema
wegführen. Aber hier erscheint der Gefühlshaushalt und das individuelle Bewusstsein als zu
undiszipliniert, zu wechselfreudig und zu temporeich. Es muss sich dann an die sozial verfügbaren
Formen "halten". Es durchläuft diesen Trichter auf eine Symbolik, die zunächst einmal steht, weil
sie – trotz immenser eigener Differenzierung - in Massenmedien und im Gerede verfügbar ist. Es
gilt die individuelle Auseinandersetzung mit dieser relativ festen Symbolik. Mit dem Gewinn,
meine Gefühle damit überhaupt ausdrücken zu können, muss ich auf Formate zurückgreifen, die
nicht wiederum meiner eigenen Erfindung entstammen. Man könnte sagen: Der Verlust besteht im
reinen Gefühl (psychisch), der Gewinn in seiner Kommunikation (sozial). Erst damit erlangt das
Gefühl soziale Realität. Die semantischen Formen setzen die soziale Verwirklichung von Gefühls-
lagen ins Werk, durch Kommunikation dessen, was durch Gefühle angestoßen wird. 87 Die Alterna-
86
Dieselbe Figur findet man an zahllosen Stellen bei Luhmann. So sei auch Erkenntnis (als Konstruktion) nur
möglich, nicht obwohl, sondern gerade weil sie keine Außenkontakte unterhält.
87
An solchen Stellen und auf der Grundlage der harten Differenz von Kommunikation und Bewusstsein bekommt
man ein Gefühl dafür, wie problemreich Luhmanns Dazwischen-Metaphern von Irritation, Reizung, Perturbation
usw. sind. Dann stellen sich immer genauere Fragen ein: Sicher, keine bewusste Kommunikation, keine Gedanken

49
tive wäre, die Gefühle bei sich zu behalten und auch das geliebte Objekt nicht zu erreichen, also
eine Liebe in Gedanken.

in Gesprächen, also Irritation der Kommunikation durch Bewusstsein in der Umwelt. Aber: wie genau? Wodurch?
Ist Irritation eine Operation? Hat sie eine Einheit, hat sie Elemente, Ereignisse, wenn ja, welche? Usw.

50
2.5. Semantik als Dritter im Bunde

Wenn wir nun über Luhmanns Ideen zur Semantik reden, ist einerseits sein Basiskonzept oder diese
seine Denkfigur von den konkreten Analysen zu historischen Windungen des intimen Gedanken-
guts zu unterscheiden. Wie man bisher an unserem Text sehen konnte, vermeiden wir einen Einstieg
in die historisch-semantische Analyse. Vielmehr verbleiben wir bei einem vagen Begriff der
Liebestheorie, wozu Luhmanns Semantikkonzept aber ohne Zweifel gehört. Andererseits ist allein
die Theorie von Semantiken, Diskursen, Sprachspielen usw. natürlich heute ein eigenständiges
Forschungsfeld (oft auch der Literatur- und Sprachwissenschaft), sodass wir uns für unseren
doppelten Zweck – Darstellung von Luhmanns Liebestheorie und den Blick auf kommendes
Problem prekärer Anfänge – bescheiden müssen auf einige wenige Hinweise, die das Basiskonzept
von Semantik deutlich machen und den Bogen zu Luhmanns Theorie der Liebe schlagen können.

Wir haben oben bereits auf den Klappentext des Buches (1982) hingewiesen, den ersten Hinweis
auf Luhmanns Semantikkonzept. Dort heißt es: "Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu
bilden. […]" Allerdings dürfte es sich hier nicht allein um den Code persönlich/unpersönlich han-
deln. Dieser verbleibt in dieser ersten Differenz zu holzschnittartig und kann noch keine konkreten
Anleitungen und Handlungsdirektiven abwerfen. Die o.g. Reihenfolge (46) von Medium  Code
 Semantik muss bis zu den semantischen Formvorlagen verfolgt werden, wo diese in Kontakt
kommen mit handelnden und kommunizierenden Individuen. Daher ermutigt vor allem die vorge-
fundene gesellschaftliche Semantik der Liebe, sich aktiv mit dem Code auseinanderzusetzen und
ihre Vorlagen ins eigene Verhalten einzubauen. Erst die Semantik gibt genug Konkretion her. 88
"Das Wagnis Liebe und die entsprechend komplizierte, anforderungsreiche Alltagsorientierung ist
nur möglich, wenn man sich dabei auf kulturelle Überlieferungen, literarische Vorlagen, über-
zeugungskräftige Sprachmuster und Situationsbilder, kurz: auf eine tradierte Semantik, stützen
kann" (Luhmann 1982, 47). Die folgende Übersicht kann man als fortlaufende Differenzierung, als
sich aufsplittende Operationalisierung des Mediums Liebe auffassen; es wird dadurch erst
alltagstauglich.

88
Wenn Luhmann in späteren Kapiteln (1982) über Codeschwäche der Liebe spricht, dürfte er aber bereits die
semantischen Formen meinen. Und das ist kein kleiner "Vorwurf": Dass trotz semantisch konkreten Formen die
Teilnehmer weitgehend orientierungslos verbleiben können; nicht zuletzt aus dem Grund, weil die entworfenen
Visionen nicht allen Realitätstests standzuhalten brauchen. Mit Semantik handelt es sich nicht selten auch um in
die Zukunft geschriebene Wünsche und Ausmalungen der Schriftsteller, die wieder in Vergessenheit geraten oder
neue Gesellschaftsstruktur auf der operativen Ebene der Gesellschaft (Autopoiesis) vorbereiten können. Zu
Möglichkeiten dieser Umkehrung des üblichen Nacheinanders Stäheli (1998).

51
Zur Übersicht:
a) Medium: Liebe, Intimität
b) Code: persönlich / unpersönlich89
c) Semantik: Formen und Ideen in Sprache, Gesten, Verhalten
d) Kontaktpunkte für Individuen: Verbreitung unter körperlicher Anwesenheit
durch Gespräche, Gerüchte, peers; Texte wie Romane, Ratgeber, Zeitungen,
Magazine; nicht zu unterschätzen: Musik und ihre modischen Milieus;
bewegte Bilder (Fernsehen,Videos, Filme, Kino) und eine Mischung all
dieser Formate im Internet mit leichter Zugänglichkeit von Pornografie.

Man sieht hier zuletzt, wie vielfältig und facettenreich die Möglichkeiten sind, mit Liebesdingen
informativ oder miterlebend in Kontakt zu kommen. Das Medium Liebe splittet sich elegant auf in
verschiedenste Formen der Vermittlung und des Erreichens von Personen, und das in allen
Gattungen der Massenmedien. "Allgemein handelt es sich bei symbolisch generalisierten Kommu-
nikationsmedien um semantische Einrichtungen" (Luhmann 1982, 21). Geschriebene wie gespro-
chene Sprache stehen zentral.90 Formvorschläge zu Gesten, Verhalten, Betragen, sonstiger Körper-
sprache ranken sich um sprachliche Beiträge der Teilnehmer, selbst wenn etwa Augensprache und
nonverbale Signale ein wichtiges Feld sind.

"Es sind vor allem sprachliche Formen, an denen sich dominante Semantiken einer Gesellschaft erhalten, und am
Sprachwandel läßt sich vieles über den Sinnhaushalt einer Gesellschaft ablesen. Gesellschaftliche Semantiken
werden in Begriffen, kulturellen Bedeutungen und Symbolen, in Allgemein-, Fach- und Szenesprachen, im
gesamten Fundus kultureller Deutungsmöglichkeiten usw. aufbewahrt." (Kneer/Nassehi 1997, 120)

Mit der Beschränkung auf die Interaktionsebene (von rudimentären Parasiten in Richtung Organi-
sation abgesehen), geht es also um das sprachliche Miteinanderumgehen der Liebenden und den
Autoren, die Mitteilungen in die Welt lassen. Wir haben mögliche Kontaktpunkte aufgezählt, viele
Genres haben sich bereits auf die Verfertigung von Liebesgeschichten spezialisiert. Die Produktion
der Liebessemantik über Texte und Gespräche (vormals etwa in den Salons) und andererseits die
Liebesrealität vor Ort oder auf der Straße und in den Wohnstuben liegen jedenfalls historisch eng
beieinander: Die an der Liebe Leidenden greifen zur Feder und schreiben sich Ansichten oder
Kompositionen von der Seele. Und diese Autoren dürften zugleich auch Kandidaten sein, die

89
Hierzu finden sich in der Debatte Alternativen, die von Luhmann abweichen: z.B. WIR ZWEI/Rest der Welt
(Fuchs 1999), Verstehen/Nicht-Verstehen (Reinhardt-Becker 2004). Letztere wechselt leider sorglos zwischen
bloßem Verstehen und einem aunspruchsvolleren Verständnis in der Liebe hin und her. Sie bewegt sich auf
Luhmanns Pfad der offenbar heute verfehlten Prognose für Liebe als "Programm des Verstehens" (1982, 212).
90
Auf die Revolution durch Bildersprache (bewegt und unbewegt) können wir hier nur hinweisen.

52
wiederum an Absonderungen anderer zum Thema Liebe interessiert sind. Man könnte sagen: Die
Liebenden selbst verfassen hier ihre Semantik. Vielleicht gilt es für Liebesforscher selbst heute
noch, dass sie aus eigenen Lagen heraus an ihren Analysen besonders interessiert sind. 91 Die deut-
liche Trennung von Experten und Laien bzw. Anwendern war über weite Strecken dieser Evolution
nicht gegeben. Ratgeberliteratur, besonders psychologisch und therapeutisch beseelte Ansätze
dürften aber heute eine gute Distanz zur Bedarfslage der Leser haben – auch wenn man von ihnen
noch eine gewisse Wärme erwartet und Analysen allein wegen leidenschaftsloser Behandlungs-
weise des Themas komisch finden kann. So gibt es ja Distanzen zwischen Forschern, die Agrarwirt-
schaft untersuchen, und den Bauern, die davon profitieren und die Felder bestellen; selten treffen
sich diese Rollen heute in derselben Person. Die Differenzierung der Rollen ist auf diesen Gebieten
viel weiter gediehen, als zwischen Liebenden und über Liebe Schreibenden – und auch das Internet
ebnet diese Differenz für Liebe mehr und mehr ein. Historisch ist jedenfalls zu verbuchen, dass die
Semantik (selbst bei gepflegter Semantik und abstrakteren Begrifflichkeiten) auf die Liebenden
selbst zurückgeht.92 Zu Beginn des sich durchsetzenden Mediums im 17. Jahrhundert gab es wohl
keine gesonderten Spezialisten in Liebesangelegenheiten93; sie litten selbst unter den Erfahrungen
mit ihr und waren damit zugleich Sender und Empfänger. Sie waren selbst verfangen im Umgang
mit einem (vielleicht nur anvisierten) Partner – und griffen in diesem Zustand zur Feder.

Mit Blick auf Parsons erklärt Luhmann: "Symbolisch generalisierte Tauschmedien sind für ihn
deshalb Sonderformen der Sprache. [...] Solche Tauschmedien werden im Laufe der Evolution als
Spezialsprachen für bestimmte Arten von Zwischensystembeziehungen ausgebildet. Sie entwickeln
sich also in bezug auf Folgeprobleme funktionaler Differenzierung" (Luhmann 1975, 35/34, Herv.
TL). Während für Parsons die interchange-Beziehungen wichtig waren, regeln Code und Semantik
bei Luhmann vor allem das Binnengeschehen der Liebeskommunikation, also alles was als Liebe
gilt. Die Semantik gibt kaum Tipps, wie man sich durch intimes Gerede Recht oder Geld verschaf-
fen kann. Es geht um Anschlüsse zwischen Liebenden oder jedenfalls Personen, die füreinander als
Liebende infrage kommen. "Folgeprobleme funktionaler Differenzierung" sind oben mit Unpersön-
lichkeit und Nahweltbedarf in fremden Umgebungen schon angeklungen. Das Aufkommen der
Differenz von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen steht parallel zur Autonomisierung
der Liebe und dass es viele gesellschaftliche Bereiche gibt, für die persönlicher Kontakt nur noch
91
Das Gerede seiner Kollegen dürfte den Forscher dabei allerdings deutlich tangieren, wenn man allein den
Reputationsverlust besieht, den Wissenschaftler erleiden, wenn sie sich einmal zu einem Roman hinreißen lassen.
Was, wenn das auch noch ein Liebesroman sein sollte?!
92
Diese Verquickung ist auch bei älteren Liebestheorien/Systematisierungen wie bei Stendhals "Über die Liebe"
(1822) zu vermuten.
93
Ein späterer Grenzfall vielleicht: Giacomo Casanova (1725-1798), der vielen wegen seiner Freizügigkeiten ein
Dorn im Auge war. Er hatte sich auf reihenweises Verführen spezialisiert, und das Anrüchige bestand wohl nicht
nur im Anreiz zum Ehebruch, sondern auch in der Auswechselbarkeit der Geliebten. Zu dieser Art der Obszönität
Luhmann 1982, 151.

53
am Rande oder als Parasit wichtig ist. Und dies wieder verweist auf das moderne Differenzierungs-
prinzip nach spezialisierten Funktionen, das Liebe in ihrem Bereich konzentriert und an einen
eigenen Code bindet. Die "Sonderformen der Sprache" (Luhmann 1975, 35) werden auch für Liebe
nun besonders belastet mit dem Problem, von der Liebe zu einem Partner zu überzeugen und trotz
prinzipieller Fremdheit oder trotz Aufenthalten in ungewohnten Situationen: gesprächshafte
Brücken zwischen den Beteiligten zu ermöglichen; ein Anzeichen dafür, dass dieses Anlaufen der
Intimkommunikation nicht mehr "von selbst" oder nebenbei geschieht, vielmehr problematisch
geworden ist und dann Bedarf für eine gesonderte Intim-Terminologie anmeldet. Luhmann formu-
liert mit Blick auf elaborierte Sprache und erklärt den Unterschied zu Gefühlen als psychologische
Tatsache:

"[...] Wahrheit, Liebe, Geld, Macht usw. Diese Terminologien bezeichnen Eigenschaften von Sätzen, Gefühle,
Tauschmittel, Drohmittel und Ähnliches. [...] Den Sachverhalten selbst wird Kausalität unterstellt. Die Beteiligten
meinen dies, haben dies ´im Sinn´. Aber die Medien selbst sind nicht diese Sachverhalte; sondern sie sind
Kommunikationsanweisungen, die relativ unabhängig davon gehandhabt werden können, ob solche Sachverhalte
vorliegen oder nicht. [...] In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommuni-
kationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, andern unterstellen, leugnen [...]
kann." (Luhmann 1982, 22/23)94

Das eröffnet dann auch die Möglichkeit, über Liebe relativ wenig emotional und leidenschaftlich zu
reden. Man kann auf diesem Weg die Liebessemantik ausbauen, ergänzen, ordnen, schematisieren
und die Begrifflichkeiten in Beziehung setzen, um den Sachverhalt auszudeuten und zu analysieren,
sei es für wissenschaftliche Zwecke, sei es für alltägliche Probleme und Sachfragen, die sich aus
dem Geschehen (etwa in Paartherapien) ergeben können. Gerade weil das an Semantik hängende
Reden über Liebe nicht gleich die bei Liebe empfundenen Gefühle sind, kann man an diesem Reden
auch die für Gefühlszwecke verwendeten Formen (wissenssoziologisch) studieren. Wir haben unter
dem Stichwort "Individualität als Problem" und der modernen Explosion von einzigartigen Persön-
lichkeiten und Erfahrungsschätzen darauf hingewiesen, dass seit Aufkommen der Moderne gerade
der Background vielfacher Partialinklusionen die Kommunikation zu sehr hemmen würde, wenn
sich entsprechend belastbare Medien (wie Liebe für persönlichen Umgang) nicht parallel
entwickelten. Den Liebescode kann man in der Regel – und trotz eingebauter Ambivalenz – gut
erkennen und von den Codes anderer Funktionssysteme unterscheiden. Er ist die Ebene, auf der
Intimpartner sich in Sprache und Verhalten treffen können. Alltagspraktisch scheint man das sehr

94
Luhmann ist in seiner Begrifflichkeit (Sonderformen der Sprache, Semantik, semantische Formen, Terminologien
usw.) nicht festgelegt. Im frühen Text (Luhmann 1969, 68) heißt es etwa: "[...] daß in weitem Umfange mit Hilfe
verbreiteter Klischees Oberflächenverständigungen über Liebe zustande kommen zwischen Partnern, die bereit
sind, sich zu heiraten." (Herv. TL)

54
schnell zu riechen. Wenn man nicht weiß, was der andere eigentlich will, wenn Unbekannte um den
Brei herumreden, Freundlichkeiten aus nichtersichtlichen Gründen anbringen oder Gespräche an-
strengen, die in ihrer Zielrichtung nicht auf den Punkt kommen wollen und aus Umwegigkeiten
bestehen, schließt man in der Regel auf intime Interessen.

Das ganze Reden von Semantik und ihrer Vermittlungsfunktion zwischen weitgehend Fremden
macht nur dann Sinn, wenn man Wissen nicht (oder wenigstens nicht nur) in den Köpfen von
Einzelpersonen ansiedelt. Die Überlegung ist, dass es, obwohl Liebesbeziehungen sich nur zwi-
schen zwei Teilnehmern abspielen, eine Bezugsinstanz außerhalb von ihnen gibt, bei der man sich
über "die Liebe" informieren kann, wenn nicht sogar mehr oder weniger automatisch mit diesem
Themenbereich sozialisiert wird95. Das Argument ist schlichtweg ein sozial präsentes Wissen über
Liebe, eine Generalisierung oberhalb der Ansichten von Einzelpersonen angesiedelt 96. In einem
aktuellen Roman zu Schopenhauers Romanzen in Venedig 1818 heißt es über Schopenhauers
Schwester zur Durchmischung eigener Erfahrungen und dem Kennen des Codes:

"An den Liebschaften ihrer Freundinnen nahm Adele Schopenhauer mit Leidenschaft teil. Ihr konnte man sich
anvertrauen, ihre Aufmerksamkeit war gesucht und stets parat. Niemand nahm es ihr übel, dass ihr Rat aus
Romanen angelesen war und zusammengetragen aus dem, was sie als Zaungast erlebte. Nur wenn es um
Enttäuschungen ging, sprach sie mit der Autorität eigener Erfahrung. Sie fühlte die Widerwärtigkeiten, die
nahestehende Menschen ertragen mussten, als würden sie ihr selbst zugefügt. Waren handfeste Nachrichten
spärlich, glich die Vorstellungskraft den Mangel aus und flößte ihr Furcht und Sorge ein. Oft griff sie nach
Dingen, die sie nicht halten konnte und durfte, die Liebe (oder was sie im Schwärmen dafür hielt) das
bedeutendste darunter." (Poschenrieder 2010, 38/39)

Die Semantik mit ihren Operationalisierungen in den Formaten der Massenmedien ist zugänglich
und bewusst, ohne dass man mit seinem Partner reden müsste, selbst ohne dass man einen Partner
haben bräuchte. "Setzt nicht ´Liebe auf den ersten Blick´ voraus, daß man schon vor dem ersten
Blick verliebt war?" (Luhmann 1969, 38). Luhmann macht klar, "[...] daß es um ein Verhaltens-
modell geht, das gespielt werden kann, das einem vor Augen steht, bevor man sich einschifft, um
Liebe zu suchen; das also als Orientierung und als Wissen verfügbar ist, bevor man den Partner
findet, und auch das Fehlen eines Partners spürbar macht, ja zum Schicksal werden läßt" (Luhmann
95
Selbst für Leute, die sich heute von der (meist allerdings als sexuell identifizierten) Masse an Liebesinfor-
mationen belästigt fühlen, müsste es schwer sein, sich von diesen Inhalten ganz abzukapseln.
96
Phänomene dieser Art gibt es nicht wenige. Das kann bei interaktionsnah geformten Gerüchten beginnen und sich
bis zu religiösen Glaubenskonglomeraten fortspinnen, bei denen man insgesamt die Schwierigkeit hätte, sie auf
Einzelpersonen zurückzuführen. Die Phänomene erlangen eine Art kulturelle Präsenz mit verschwimmenden
Grenzen, die zwar auf Menschen im Allgemeinen angewiesen ist, aber diese Träger nicht unaustauschbar setzt.
Das Gerücht oder die Religion bestehen dann "an sich" und man kann distanziert über sie reden, als wären sie
komplett eigenständig vorhanden, man kann sie also objektivieren. Zu sozial angesiedeltem Wissen auch Luhmann
(1990, 122ff).

55
1982, 23/24). Gerade bei der Anbahnung scheint diese Vorausorientierung zu verbinden, weil man
erst dann sehen muss, wie die bekannten Formvorschriften zu zweit individualisiert werden können.

Personen können nur dadurch auf Betriebstemperatur gehalten werden, dass ständig Informationen
über den Code verfügbar sind. Dies ist in den letzten Jahrzehnten wichtiger geworden, weil die
sporadischen, flüchtigen Kontakte, die selten Wiederholung versprechen, schneller als sonst als
Liebe ausgesondert und markiert werden müssen, wenn diese kurzen Momente ihre Chancen haben
sollen. Die Magazine und Romane, die Werbung, das Fernsehen und das Internet (zumal mit einem
großen pornographischen Volumen) haben darauf reagiert, dass der Code an allen Ecken und Enden
präsent bleibt, was vor allem ältere Mitmenschen als anstrengende Überflutung wahrnehmen; die
Feuilletons haben seitdem mit der Bezeichnung "Sexualisierung" ein Thema.

Wenn nun der eine mögliche Partner den Code auf RTLII verfolgt, der andere aber in Schlegels
Lucinde, dürften die Übereinkünfte vielleicht eher abstrakt sein, aber doch wohl immernoch
romantisch. Man muss ein gelingendes Aufeinandertreffen nicht ausschließen. Doch in der Regel
werden sich auch noch andere Gesprächspartner finden, die sich entweder für RTLII oder die
romantische Literatur interessieren. In diesem Sinne findet man eine Differenzierung und sekundäre
Musterung des Intimfeldes der Gesellschaft nach Angeboten in Massenmedien. Ob man dies
einfach mit der Frage nach Niveau gleichsetzen kann, dass es hier anspruchsvolle und dort billige
Formvorlagen gibt, ist eine andere Frage, die vielleicht in die Irre führt. 97 Der Forschungsansatz,
dass Liebe sich als story verpackt und biografisch wirksam wird, ist aus Luhmanns Ansatz gut
nachvollziehbar und anschlussfähig (Sternberg 1998, 2001). Es scheint heute generell kaum
möglich zu sein, nur eigene Liebesideen zu entwickeln, die nicht auf gewisse Stories oder Lieder
oder Filme zurückgehen. Diese Vorlagen sind (oft in Form von Plots, Bildern, Metaphern 98) so
prägend, dass man sich zwar bejahend oder ablehnend zu ihnen stellen, aber sie kaum ignorieren
kann – was natürlich auch angenehm von der Bürde befreien kann, selbst erfinderisch tätig werden
zu müssen.99 Eine liebesmäßige Gleichschaltung der Menschen wird man aber nicht annehmen
können; Luhmanns Verstehenskonzept ist mit Bindungen an die erfahrungsmäßige Vergangenheit
von Personen (Sozialisation) flexibel genug gebaut, und es lässt damit genügend Spielraum, die
semantischen Vorlagen individuell für sich auszudeuten und biografisch zu verwirklichen. Neben

97
Vor allem weil Trivialisierung bei Luhmann nicht kuluturkritisch verwendet, sondern z.B. auf seine Funktion des
breiteren Einbezugs der Unterschichten in die Liebe hin befragt wird. Die Bereinigung von hochkulturellen
Elementen zielt darauf, die Zugangschancen zu verallgemeinern und nicht etwa über Bildung zu organisieren.
98
Luhmann redet aus dem psychologischen Feld heraus auch oft von scipts oder Schemata.
99
Luhmann argumentiert parallel für Werbung in den Massenmedien, dass Leute (erst unwissend) hier mit
Geschmack versorgt werden (Luhmann 1995, 85ff).

56
der präsenten Semantik muss der Liebende mit der Persönlichkeit eines konkreten Gegenüber
übereinkommen.

Im Ganzen kann man die Funktionsweise der Massenmedien und ihre Prägkraft auf Bewusstseine
kaum überschätzen. Um nur diesen Punkt zu nennen, bedarf es natürlich der einwegigen, unidirek-
tionalen Verbreitung von Informationen, damit (sobald man Interesse daran unterstellen kann)
Modelle, Bilder, Verhaltensformen, Sprachmuster für Liebe sich in dieser starren Form zunächst
vervielfältigen können. Schlegel muss zu seiner Zeit ein Prominenter gewesen sein, ohne dass man
dort schon wusste, dass es sich um Romantik handeln könnte. Der Buchdruck war dort noch das
Mittel, denselben Text einer Vielzahl von Lesern anzubieten. In dieser Hinsicht gibt es Formvor-
lagen, die mehr oder weniger durchschlagen, und Bücher, die in den Druck gehen und rasch
versanden, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Regeln dieser Art von Trendbildung geben heute noch
Rätsel auf.100

Zur Prägkraft der Massenmedien kann man heute sehen, dass die produzierten Bilder nicht ohne
Folge bleiben für die Möglichkeiten und Grenzen eigenen Liebens. Man kann an sich feststellen,
dass die eigenen Gefühlswelten mit einigem Abstand z.B. einer glamourösen Berichterstattung
folgen und bewirken, dass man Objekte nun (bis in Physiologische hinein) offenbar nicht mehr
lieben oder jedenfalls nicht mehr begehrlich finden kann, soweit sie von den Vorlagen dieser Bilder
zu sehr abweichen oder nur veraltete Klischees bedienen. Dies Wissen koppelt zurück in eine Sorge
um Erscheinung und Auftreten, in einen neueren Willen, selbst einem Hype um Begehrlichkeit und
Attraktion zu folgen (vgl. Illouz 2011: sexyness), der ältere Feministinnen in ernste Verzweiflung
stürzt. Luhmanns Satz, dass man die Welt in der Regel aus den Massenmedien kennt, trifft auch
hier. Und dass es noch Menschen gibt, die man face-to-face auf der Straße und in Cafés trifft,
scheint dabei kein sonderliches Gegenargument zu sein, solange man (mediale Substrate im Hinter-
kopf) ständig im Modus des Vergleichs mit diesen Vorlagen wahrnimmt.

Dieses Wegkürzen einer echten Wirklichkeit vor Ort oder von Mensch zu Mensch oder auf der
Straße usw., mit der Unhintergehbarkeit massenmedialer Effekte, scheint mir der Ausgangspunkt
jeder heutigen Diskussion um Liebe und Medien zu sein. Man kann sich den Bildern nicht
erfolgreich entziehen, man lebt in dieser Welt von Bildern und ihren hochanvisierten, teils ins rein
Fiktive gebauten Erwartungen – und auf dieser Basis beginnt die Liebe. "Es ist die im Code
verankerte Bedeutungssteigerung, die das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und
die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht; und es ist der Code, der [diese]

100
Als eine systemtheoretische Studie Esposito (2004, besonders 143ff).

57
Differenz erfahrbar werden läßt und die Nichterfüllung mitexaltiert" (Luhmann 1982, 24). Bereits
heute sind Bemühungen um Distanz zu den Medienvorlagen und ein freiwilliges Verzichtverhalten
z.B. auf bestimmte Sendungen zu sehen, die im Ganzen wieder ein mehr "natürliches", an im Alltag
konkret anzutreffenden Männern und Frauen orientiertes Lieben und Sicheinlassen zurückbringen
oder ermöglichen sollen – obwohl die Objekte nicht den Maßstäben der medialen Bilder entspre-
chen. Psychologen (Spiegel 2010, 83) wünschen sich dann ein Genügen am Partner ("gut genug"),
nicht das Ansinnen auf Maiximierung der Wünsche – Differenz ausreichend/maximal; und hier
wird zugleich gesehen, dass dies als Strategie dem Gegenüber verborgen bleibe muss. Man kann
den Partner selbst nicht als "gut genug" oder "ausreichend" adressieren.

Code und Semantik stellen allein also nicht sicher, dass und wie und ob zurecht man Verhalten als
Anzeichen/Signale für Liebe interpretiert. Wir treffen hier auf einen eigenen sozialpsychologischen
Vorgang und auf einen Theoriebaustein bei Luhmann zur Beschreibung dessen, wie (vielleicht:
bloßes) Verhalten auf Liebe abgeklopft, ins Liebesgeschehen sogar hineingezogen und dann den
Beteiligten zugerechnet wird. Die Sensibiliät dieses Wahrnehmungs- und Deutungskonstruktes im
Nahbereich von Interaktionen (Blicke, Wegschauen, Wiederhinschauen, Schwitzen, Zittern, Fragen
nach echten oder nur dargestellten Gesten) dynamisiert zusätzlich das Geschehen.

Es gilt nicht nur: Who does not meet, does not mate. Es gilt etwa im Sinne eines Kredits oder
Vorschusses an Vertrauen auch die Regel, dass zum Beginn der Liebe Signale ins Feld geführt wer-
den müssen, die diese Person für Abweisung verwundbar machen, auf deren Risiko offenbar aber
nicht verzichtet werden kann, weil es sonst keine kommunikativen Offerten oder Anlässe gäbe, auf
die das Gegenüber reagieren könnte. Je kruder, je direkter, lauter oder offener sexuell die Angebote
werden, desto mehr Raum entsteht nach unten hin für kleinste Anzeichen und hochsensible
interpersonelle Wahrnehmung, was das Spektrum auch auf Seiten des elaborierten Codes ausweitet
und größerer Systematisierung preisgibt. Und man kann sich wohl sicher sein, dass einige Partner
sich an diesen Hochleistungsformen des Codes erkennen und sich über ihn verständigen können,
während die rudimentärer verfahrenden Teilnehmer dabei gar nicht bemerken dürften, dass hier
Kommunikation stattfindet, geschweige denn, dass es sich um Liebe handelt. Das ist sozusagen ein
Argument für die Schichtung von sozialer Sensibilität/Reflexivität und dafür, dass der Code heute
elaborierte und stark trivialisierte Elemente zugleich beinhaltet. Wenn das zutrifft, dürften die
"Unterschichten" wenigstens in dem Punkt einen Vorteil haben, dass sie sich von den Sprachspielen
eines ausgebauten Codes kaum beeinflussen lassen (sie bleiben unsichtbar), während ihr eigenes,
nicht selten sexuell orientiertes Getöse in allen Arten von Öffentlichkeit für andere schnell zum

58
Ärgernis werden kann. Fraglich ist, ob ihnen denn der Umstand bewusst wird, dass sie die zarter
gebauten Seelen über Grobmotorik nicht mehr erreichen. Aber das wäre schon Kuluturkritik.101

101
Siehe zur Semantiktheorie auch Becker/Reinhardt-Becker (2001), Reinhardt-Becker (2004) und Werber (2003).

59
2.6. Attributionstheorie der Liebe

Es lohnt sich, die in Luhmanns Werk verschiedentlich auftauchende Kreuztabellierung von


Alter/Ego und Erleben/Handeln genauer zu inspizieren (so zu finden 1975, 41; 1982, 27; 1997,
336); Erleben und Handeln übrigens als theoriebaustrategische Gegenüberstellung, die Luhmanns
eigener Feder entstammt und in der Soziologie keine Vorgänger hat. Die genannte Kreuztabelle ist
aus einigen Gründen natürlich für Liebe, aber auch für Luhmanns Systemtheorie im Ganzen zentral,
weil hier (mit Mehrfachbelegung der Zellen) nicht nur verschiedene Erfolgsmedien, sondern auch
die Basis zur Konstruktion von Luhmanns Funktionssystemen anzusiedeln ist – denen er
bekanntlich eine Reihe von Monographien gewidmet hat. Die Kreuztabellierung ist in seiner
Theorie eine Scharnierstelle par exellence; sie verbindet die System-Umwelt-Perspektive: Erleben
und Handeln als von außen oder innen stimuliert, mit den beiden anthropologisch gewonnenen
Haltungsweisen des Menschen zur Reduktion von Komplexität. Die Fokussierung auf Alter und
Ego stellt die Sozialdimension zentral, deren zunächst ungewöhnliche Umkehrung in der
Reihenfolge Alter  Ego rührt aus der kommunikationstheoretischen Einsicht, nächste Sequenzen
für sinngebend zu halten. Ego steht an zweiter Stelle zentral, weil seine Reaktionen über die
Bedeutung und Gewichtung von Alters Offerten entscheiden.

Luhmann redet für die Erfolgsmedien in der Regel von spezifischen Konstellationen von Selektion
und Motivation (1969, 13; 1975, 43). Im Schema von Annahme und Ablehnung sollen Vorschläge
ausgewählter Informationen ins eigene Erleben und Handeln übernommen werden, um dort – wenn
auch je recht eigenwillig und indiviuell – weiterverwendet zu werden. Da aber die jeweilige
Auswahl nicht von selbst überzeugt, nicht an sich attraktiv sein muss, sondern im Gegenteil
entweder erratisch, zufällig oder auch eine Zumutung sein kann, muss in all diesen Fällen des
Überzeugenwollens und Annehmensollens nachmotiviert werden. Man kann sogar sagen: Je größer
der Raum ist, aus dem mögliche Wahlen geschöpft werden, desto wahrscheinlicher ist Ablehnung
oder jedenfalls Indifferenz. Je komplexer Welt und moderne Gesellschaft sich darstellen, desto
auffälliger ist der Umstand, dass es sich um eine irgendwie artifizielle Selektion handelt, desto
dringlicher stellt sich auch die Frage, warum gerade mich gerade diese Auswahl angehen sollte.
Kurz, bei jeder subjektiv vorgenommenen Auswahl muss es zusätzliche Anreize, Motive, Gründe
geben, sich auf das Angebot einzulassen. Das ist der Hintergrund von Luhmanns Rede einer
Verbindung von Selektion und Motivation, die durch die Erfolgsmedien geleistet wird. Bei
Massenmedien kennt man heute diese Distanz als Skepsis/Motivverdacht etwa gegenüber Auswah-
len in der Berichterstattung oder im Boulevard: Pitt und Jolie haben noch ein Kind adoptiert – so
what?

60
In der Kreuztabelle unterscheiden sich nun Medien, die Konsequenzen entweder im Handeln oder
im Erleben Egos haben. Wir gehen auf Vergleiche der Medien noch ein. Liebe taucht unter
denjenigen Konstellationen auf, die sozusagen Erleben (Alter) in Handeln (Ego) transformiert.
Ähnlich wie in der Kunst (Erleben wird zu Erleben), wo bloß Wahrnehmbares für Kommunikation
geöffnet wird, kann man für Liebe aus gesellschaftstheoretischer Sicht sehen, dass Alters Erleben
durch Egos Handeln ans Tageslicht gebracht wird, wo es sonst – es geht ja um Persönliches,
Intimes, Eigenes, Vertrauliches, Idiosynkratisches – im Bewusstseinssektor Alters verbleiben
würde. Diese einst wahrnehmungsmäßigen oder auch psychischen Gehalte werden dadurch
kommunikativ, aber zunächst nur in den Grenzen des Intimsystems 102 relevant, weil Ego sichtbar
durch Handeln auf diese Erlebnisweise Alters reagiert und sie damit z.B. für Gespräche zugänglich
macht und vergegenständlicht. Diese Gehalte werden Alter quasi aus der Nase gezogen.
Unsichtbares Erleben wird als Handeln dann verhandelbar und anschlussfähig für Weiteres. Allein
geistige, vorgestellte Liebe, mentales Schwärmen und Sehnen wären sozial nicht relevant, es sei
denn, sie hätten klare Konsequenzen im Verhalten. Und selbst die Liebe zu Gott mündet in Gebete,
Gesänge, Bilder, Diskussionen.

Allerdings: Bei Luhmann ist auch unter der Rubrik der Funktion der Liebe nicht gesagt, welche
gesellschaftliche Relevanz es hat, dass dies massenhaft geschieht. Wir verbuchen diese Frage hier
nur und müssen sie zunächst ohne klare Antwort belassen: Welche gesellschaftliche Rolle spielt es,
dass Alters eigenste Ansichten und Erlebnisgehalte durch das Handeln eines Ego an die
kommunikative Oberfläche gezogen werden? Dass sie aus dem Bewusstsein heraus umständlich
(nämlich durch individuelle Betreuung durch Ego) zu sozialen Tatsachen werden? Welche
gesellschaftliche Relevanz hat es, dass es sich bei diesem Erleben um Gehalte handelt, mit denen
Alter sich in der Regel identifiziert und die so als authentisch gelten können? Also: Welches
Interesse kann eine Gesellschaft an der Individualität ihrer Teilnehmer haben? Sind das lediglich
Zugeständnisse an den Menschen als Medium der Gesellschaft? (Göbel/Fuchs 1994)

In Luhmanns Liebestheorie kann man sich wundern, warum Zurechnungsfragen 103 so wesentlich
werden. Wenn in der Regel zwei Personen beteiligt sind, dürfte es nicht allzu schwer fallen
festzustellen, wem man Aussagen zuzuschreiben hat. Heidenescher (1992, 447) erklärt allgemeiner:
"Unter Zurechnung versteht man Operationen, durch die Ereignisse auf vermeintlich ursächliche
102
Vgl. Luhmann 1968, 121: "Besonders ausgeprägt findet man Systemgrenzen als Vertrauensgrenzen in allen
Sozialsystemen, die intern Leistungen erbringen müssen, die nach außen nicht darstellbar oder gar illegal sind und
deshalb geheimgehalten werden müssen."
103
In der Regel verweist Luhmann auf Forschungen des Sozialpsychologen Harold H. Kelley. Vgl. aber auch Laing
et al. (1971). Gute Beispiele zur Attribution, aber eher einführend Junge (2008). Wir verwenden für die weiteren
Analysen hier: Heidenescher (1992), der auch Ursprünge bei Fritz Heider offenlegt. Und im Hintergrund Niklas
Luhmann (1981b).

61
Faktoren zurückgeführt werden, d.h. verstehbar werden. […] Die Zielorientierung […] ist bei
Zurechnungsprozessen, also der Lokalisierung von Ursachen, funktional bezogen auf Anschluß-
fähigkeit". Es gehe für Ego also oft um die Frage, wie Verhalten und Mitteilungen von Alter über-
haupt einzuordnen sind; von welchen Gegenbegriffen er seine Selektionen unterscheidet, was
sozusagen die andere Seite ist und in welcher Umwelt Alter sich sieht und auch welchen
Gründen/Motiven dieses Verhalten entspringt, um feststellen zu können, ob er sich an Ego bzw.
dem Intimsystem orientiert – und nicht nur an seinen eigenen Interessen und Vorlieben. Das ist
wichtig für Einschätzungen über Glück und Tadel, und um wissen zu können, ob man sich geliebt
fühlen darf. All das ist Orientierungsfrage und -leistung innerhalb der Liebeskommunikation. Und
es spielt in die Möglichkeit hinein, den anderen zu "verstehen".

Wem der beiden das Verhalten zuzurechnen ist, ist wohl in den meisten Fällen klar; aber nicht, was
es bedeuten soll, wie es gemeint ist, wie man es auffassen darf und ob man es für Liebe halten soll
oder nicht. Dafür werden Zurechnungsfragen wesentlich, nicht zuletzt, weil man Alters Motive
nicht sehen, nicht beobachten kann, nur erschließen und errechnen kann, muss man zurechnen, um
so "[...] Nuancen des Verhaltens attributionsfähig zu profilieren" . So würden Freiheiten und Ab-
weichungen, so wieder Luhmann, "gegenüber der [semantischen; TL] Form sichtbar und zurechen-
bar" (beides Luhmann 1982, 43). Das Kommunikationsgeschehen greift hier beinahe ins Psychi-
sche aus, durch Zweifel, Vermutungen, Verdachtsmomente, Hoffnungen, die dann aber in die
Kommunikation gezogen, also thematisiert werden sollen: Man bedenkt sich nicht gegenseitig,
Schweigen interpunktiert nur, Alter soll zur Rede gestellt werden, seinen Fehler bekennen oder
doch die gefühlte Liebe aussprechen; als zeige sich die Kommunikation hier unzufrieden mit ihrer
operativen Geschlossenheit (vgl. Fußnote 4). In dieser Weise soll das Gegenüber nicht nur
festgelegt, sondern die Lage auch simplifiziert werden (vor infinitem Regress gerettet werden),
indem Alter auf "Gründe" seines Handelns oder Unterlassen festgeklopft wird; er soll sagen, was er
sich dabei denkt und Ego es damit ermöglichen, für sich (Ego) eine Einordnung oder Bewertung
vorzunehmen. Heidenenscher redet davon, dass dazu Kausalketten gekappt werden müssen
(Heidenescher 1992, 447): "Die von einem Beobachter gezogene Grenze ist daher weder definitiv,
weil sich kein Punkt als ´ontologisch´ einheitsstiftender Endpunkt aufzwingt, sie aber auch nicht
infinit, weil eine Grenze eben gezogen werden muß". Es geht um eine pragmatisch gesetzte
Festlegung, fast wie im positiven Recht. Aus Zeitgründen und zur weiteren Verwendung in der
Kommunikation setzt man hier oder dort einen Punkt.

62
Das Feld der wichtigen Attributionsbegriffe eröffnet die Differenz von Innen- und Außen-
bedingtheit104 bzw. Fremd- und Eigenbedingtheit 105. Für Wahrnehmung schlechthin gilt: "Während
es sich bei ersteren um variable Faktoren handelt, die sich in der Zeit ändern, sind letztere in der
Zeit konstant" (Heidenescher 1992, 448). Luhmann wird das in seine Weltbegegnungsweisen
Erleben und Handeln übersetzen. Erleben wird von außen aufgeprägt, es stößt einem zu, es wird
eher passiv empfangen, Dinge passieren, weil Umwelt ständig in Veränderung begriffen ist. Damit
sucht man, soweit man Personen erlebend einstuft, deren Anlässe in ihrer Umwelt, also in der
Situation. "Ein Individuum kann [...] sein Weltverhältnis nicht als eigene Handlung begreifen, es
kann unmöglich alles, was es als Selektion erfährt, sich selbst als Handlung zurechnen. Es
registriert die Masse der Selektionen [...] als Selektion der Welt selbst" (Luhmann 1982, 26). Es ist
damit an eine gewisse Weise des eigenen Erlebens gebunden, ohne das wiederum zur Disposition
stellen zu können, eine basale Ebene der Beobachtung erster Ordnung, die auch für andere den
Effekt hat, damit in gewissem Umfang umgehen zu müssen; in Liebesverhältnissen natürlich viel
umfänglicher als etwa in losen Rollenkonstellationen oder beim Passieren auf der Straße. "Die
Selektion des Alter muß, da sie bei aller Idiosynkrasie als Erleben geliebt werden soll, nicht ihm
zugerechnet und unter Änderungsdruck gesetzt werden; man liebt ihn, ´wie er ist´. Das
Sicheinstellen auf diese Reduktion erfordert dagegen freies Handeln, schon um überhaupt als Liebe
sich profilieren zu können" (Luhmann 1975, 48). 106 Es geht um die wechselseitige freie "Entschei-
dung", sich auf jemanden einzulassen, der zunächst und wohl immer wieder an seine eigenen
Muster und Modi des Erlebens gebunden ist. Man muss sich (entgegen jeder kulturkritischen
Perspektive, die über Anonymität klagt) daher eher darüber wundern, wie es in diesen Beziehungen
überhaupt möglich ist, eine prinzipielle Fremdheit in relative Vertrautheit und Nähe zu verkehren.

Handeln dagegen wird als systemintern, als personal veranlasst oder innenmotiviert angesehen. Die
Zurechnung erfolgt hier in der Regel auf Merkmale der Persönlichkeit des Handelnden, er wird für
sein Handeln selbst verantwortlich gemacht. Vor Gericht etwa ist es eine Frage, ob jemand
zurechnungsfähig ist, also ob ihm sein Tun wirklich zur Last gelegt werden kann, ob er darüber
verfügen konnte und es in diesem Sinne sein Handeln war, für das er nun stehen muss. Luhmann
übernimmt aus Heiders Zusammenhang (social perception) diese beiden Zurechnungsmöglichkeiten
in der Sachdimension: Situation und Person. Umwelten sind changierend, werden aber zum Anlass

104
Hintergrund Heider (1926). Konstanten Faktoren des Erlebens wird (gegenüber variablen) hier ein Primat der
Wahrnehmung eingeräumt. Sie drängen sich ihr viel deutlicher auf. "Heiders und Luhmanns Ausgangsargument
besteht [...] darin, daß sich Zurechnungsprozesse im Alltag einseitig auf eine Seite festlegen, um ein Ereignis
überhaupt zu verstehen" (Heidenescher 1992, 449) – auf die Situation oder die Person als Veranlasser, als
externale oder internale Zurechnung.
105
Man vgl. hierzu das in der Pädagogik geläufige Begriffspaar von intrinsischer und extrinsischer Motivierung.
106
Siehe dazu auch die kommende Fußnote zu Freiwilligkeit, Sponaneität und daher Glaubwürdigkeit von
Darstellungen.

63
für Wahrnehmung, sich an ihnen zu orientieren (Außenbedingtheit über variable Faktoren). Die
Einstellungen und Dispositionen von Persönlichkeiten von Personen (Innenbedingtheit) sind
insofern ein konstantes Muster, dem man ein Tun zurechnen kann, weil von Personen verlangt und
erwartet wird, sich gemäß ihrer Selbstdarstellung zu verhalten, und dies auch in Zukunft.107 Sie
verpflichten sich damit auf das, was man einmal an ihnen erleben konnte; auf eine (wenn auch:
entwicklungsfähige) Identität, die denjenigen Einen wiedererkennbar macht, obwohl sich vielleicht
viel an ihm geändert hat.

So überhaupt ist auch in der Liebe zuvorkommendes Verhalten möglich, weil ich von dem
Geliebten aus der Vergangenheit wissen kann, was er mag und was er will, und anzunehmen ist,
dass er dies morgen nicht direkt wieder abgelegt/gewechselt hat. Äußerungen über sich und seine
Vorlieben und Einstellungen identifizieren sich mit ihm und gehören dann zu meinem Bild von
ihm, auf das ich zurechne. Luhmann erklärt, "[...] das Erleben des Geliebten soll das Handeln des
Liebenden möglichst unmittelbar auslösen" (1982, 29). Eine hohe Kunst des Zuvorkommens ist
dann etwa die Abstraktion und Extrapolation von Vorlieben, also z.B. Geschenke/ Überraschungen
zu machen, die noch gar nicht gewünscht wurden, vielmehr vom Schenker allein geahnt wurden
und daher Liebe beweisen, weil sie zeigen, dass man die Person genau kennt. Die Höchstform
dürfte darin bestehen, dass man Wünsche erfüllt, die nicht nur noch nicht ausgesprochen worden
sind, sondern von denen der Beschenkte selbst noch gar nicht wusste, dass er sie haben könnte, die
aber dennoch absolut auf seiner Linie liegen. Man schenkt vielleicht die Musik eines Künstlers, den
der Beschenkte noch gar nicht kennt – aber sie gefällt ihm auf Anhieb. Seine Persönlichkeit wird
hier in geahnter, nur gedachter Übereinstimmung mit ihm ausstaffiert. 108 Diesen Grad der
persönlichen Kenntnis (Geschenkemachen nur als Symptom) werden vielleicht überhaupt nur
wenige Liebende erreichen. Und man sieht sofort, wie gefährlich nahe sie der sozialen Kontrolle
kommt, wenn sie nicht eindeutig um Liebe willen da wäre. Das Objekt darf sich ja nicht verfolgt
fühlen.

So geht es zur Ursachenfindung in der Sachdimension um Verhalten, das entweder von außen
(durch die Situation) oder von innen (durch Dispositionen der Person) als veranlasst festgeschrieben

107
Die Verpflichtung auf die eigene Selbstdarstellung arbeitet Luhmann an ganz verschiedenen Stellen, besonders
seines Frühwerkes und mit deutlichen Anleihen bei Erving Goffman aus. Siehe nur Luhmann (1968, 47ff, 79ff,
107ff; 1964). Besonders in seinen rechtstheoretischen Schriften ist das Thema von Belang und hier nicht zuletzt im
Interaktionsverhältnis, weil man etwa in Gerichtsverhandlungen Aussagen nur dann für valide halten kann, wenn
sich der Sprecher mit ihnen identifizieren lässt. Er muss freiwillig sprechen und sich darstellen; unter Zwang
getane Eingeständnisse habe keine Aussagekraft. – Für den Kontext von Freundschaften vergleicht Catrin Kersten
mit alteuropäischen Schriften, die für die Verlässlichkeit des Freundes empfehlen, ihn auf festen Charakter hin zu
prüfen. Auch sie verwendet die Figur des Einsetzens der Person und ihrer Identität: Kersten (2009).
108
Hier klingt noch die historische Semantik von Bildung und Entwicklung an, die auch einbezogen hatte, am
anderen zu lernen.

64
werden. Dies wirkt als Simplifizierung des Geschehens, um zu Umrissformen des Handelns, zu
Anfängen und Endpunkten zu gelangen, damit Episoden von Verhalten einer Person zugeschrieben
werden können, an die man dann praktisch anschließen kann. Die Motivierung, Veranlassung, die
Ursachen sollen nach unten hin, in die Vergangheit hinein nicht versanden und versickern;
Zurechnung vereinfacht durch diese Art von Stoppregel und konstruiert damit Handlungen erst
(Heidenescher 1992, 451); sie werden aus ihrer Genesis, aus endlosen Ursachenketten als dann
fassbare Formen herauspräpariert. Und man muss kaum noch hinzufügen, dass dies von Beobach-
tern abhängt.

Hingegen findet man bei Luhmann einige hübsche Beispiele zu Perspektivendivergenzen und
"Meinungsverschiedenheiten", die sich dezidiert auf die Sozialdimension zugerechneter Sinn-
gehalte beziehen. Das Autofahrer-Beispiel hat es schon zu einiger Berühmtheit gebracht:

"Handelnde orientieren sich stärker an der Situation, Beobachter rechnen stärker auf Personmerkmale zu; und dies
dürfte verstärkt für Beobachter gelten, die Vertrauen oder Liebe testen und wissen möchten, ob sie mit stabilen
Haltungen auf der anderen Seite rechnen können. So glaubt der Fahrer eines Wagens sich mit bestem Können
nach der Situation zu richten. Der Mitfahrer beobachtet ihn, rechnet die Eigentümlichkeit der Fahrweise auf
Personmerkmale zu und fühlt sich, wenn die Person ihm wichtig ist und er Rücksichtnahme erwarten zu können
meint, veranlaßt, zu kommentieren und mitzuteilen, wie er selbst fahren würde bzw. gefahren werden möchte. Der
Fahrer dagegen hat die Gründe seines Verhaltens jeweils schon hinter sich, hat sie, wenn überhaupt, im Kontext
der Situation erlebt und sie gar nicht auf die Ebene seiner persönlichen Beziehungen hochtransformiert. So
werden Ehen im Himmel geschlossen, und im Auto gehen sie auseinander, weil es zu Attributionskonflikten
kommt, die sich einer kommunikativen Behandlung weitgehend entziehen." (Luhmann 1984, 308/9)

Hier geht es durchweg um die wechselseitige soziale Wahrnehmung (Heider: social perception) von
Personen. Die Sachdimension dient als Grundlage und Gegenstand von Einschätzungen über
Konsens und Dissens. Beide werden wohl sehen, dass die Autofahrt sich am Verkehr, an anderen
Autos, an Straßen, Ampeln und Gelände orientiert. Aber es bleibt innerhalb dieses Schemas der
Zurechnung auf die Situation noch Raum für Fragen und Unsicherheiten, die sich entlang der
Differenz von Alter und Ego entfalten: Fährt der Fahrer gerade so wie er es tut, weil er selbst Lust
dazu hat? Bezieht er in seine Fahrweise gar nicht meine Wünsche und meine Befindlichkeiten mit
ein? Orientiert er sich mehr an seinen Interessen oder an mir bzw. uns als Paar? Diese
Sozialdimension spannt sich auf zwischen Liebendem und Geliebtem, zwischen Fahrer und
Mitfahrer, zwischen Alter und Ego und fordert die Frage heraus, ob man im Verhalten des einen
wie des anderen übereinkommt oder nicht: Konsens oder Dissens. Perspektivendivergenzen durch
die verschiedenen Zurechnungsweisen ermöglichen das Testen, Prüfen, Beobachten aller Ereignisse

65
auf Liebe (oder jedenfalls Rücksicht) hin; nach dem Motto: Hat Alter den Ego mit im Blick? Und
ohne sich streiten zu "wollen", kann dies Schema zu Konflikten über verschiedene Sichtweisen
führen. Der Fahrer schneidet die Kurve, der Beifahrer fühlt sich nicht nur in Sicherheitsaspekten
schlecht behandelt: Sondern auch nicht geliebt! Es fehlt an Rücksicht, an Aufmerksamkeit! Dazu
wird es in öffentlichen Verkehrsmitteln kaum kommen. Man beobachtet Busfahrer nicht auf Liebe
hin, man ärgert sich nur. Ein ähnlich gelagertes Beispiel für Auffassungsunterschiede gibt Luhmann
in einem früheren, grundlegenderen Aufsatz zu Erleben und Handeln. Dort heißt es:

"Eine Frau fühlt sich durch Blicke Dritter belästigt und erwartet von ihrem Begleiter eine Reaktion. Dieser findet
jedoch, daß sie hysterisch reagiert oder daß sie selbst handelt, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Er handelt dann
nicht, weil er erlebt, daß sie handelt; sie dagegen hatte erlebt, daß Dritte handeln, während ihr eigenes Handeln
ihrem Erleben und damit ihrem Zurechnen unzugänglich bleibt. So kommt es zu Meinungsverschiedenheiten über
den nächsten Schritt." (Luhmann 1981b, 73)

– und natürlich zu ihrem Zweifel, ob ihr Begleiter sie für den Umstand richtig behandelt, dass er sie
liebt; eine vortreffliche Konstellation, daran weitere Eröterungen im Intimsystem anzuschließen.

Es entspricht Luhmanns Vorgehen in den zentralen Liebestexten (1969, 1982), trennende Elemente
stärker zu machen als verbindende109, wenn wir den ständigen, ganz normal mitlaufenden
Perspektivwechsel von Alter und Ego nun nachziehen. Über weite Strecken der beiden Liebes-
bücher kann man sich wundern, ob Luhmann hier eine Art von apriori Asymmetrie zwischen einem
Liebendem und einem Geliebten aufbaut, die dann in festere Strukturen wie Rollenverhältnisse oder
gar Machtkonstellationen übergehen mag: Hier Liebender, dort Geliebter; oder wenn man zu sehen
meint, dass einer mehr liebt als der andere. So wird man dann aber korrigiert von Sätzen wie dem
folgenden, die Perspektivenwechsel selbstverständlich voraussetzen: "Und eben deshalb werden
Strukturen oder Situationen zum Problem, die einen solchen Wechsel blockieren – sei es durch
starre Rollendifferenzierung (die Frau kocht, der man wartet aufs Essen), sei es durch technische
Erfordernisse (Autofahren)." (Luhmann1982, 45)

In Luhmanns Attributionskonzept ist dieser Wechsel also angelegt und wird oft subkutan
mitgeführt. Alter ist ein Alter ego. Je nach Kommunikation, je nach Wechsel der Sprecher und
Reden und Themen sind beide hier einmal Liebender und Geliebter zugleich. Beide werden auf
Liebe hin getestet. Die Funktion der Betreuung von Individualität erfüllt sich wechselseitig. Liebe
ist attraktiv, weil man die Erbringung dieser Funktion nicht nur anbietet, sondern selbst auch

109
Ein gutes Beispiel ist im Grunde auch das schwach ausgearbeitete und später vernachlässigte Konzept der
Interpenetration, wenn man dagegen im Grad der Ausarbeitung etwa Luhmanns Differenzierungstheorie sieht.

66
erwartet. Erst von dieser Basis der Liebestheorie gesehen, ist zu fragen, wie es zu starren Rollen-
differenzierungen (z.B. Geschlechterrollen) und ihren Konsequenzen überhaupt kommen kann. So
dürfte es von vornherein problematisch sein, vom Partner nur einseitige Vergötterung zu erwarten.
Es gibt Überlegungen zur Funktionalität historischer Rollenprägungen des Mannes und der Frau,
etwa zur Innenorientierung der Frau in der Familie und zur Außenorientierung des Mannes im
Kontext anderer Funktionssysteme und seiner dortigen Arbeit (vgl. Luhmann 1988). Bereits in
Parsons Aufsätzen (1968b) zu Familie und Sozialisation bekommt man eine Ahnung davon, welch
strukturelle Umbauten es bedeutet, wenn historisch gesehen irgendwann "Gleichstellung" propa-
giert wird – eben aus dem Grund, weil dies nicht nur Semantik berühren würde, sondern ganze Neu-
arrangements auch auf der operativen Ebene der Gesellschaft fordert, deren Tests und Erprobungen
wir heute noch beobachten können und dass z.B. nach aufwendigen Versuchen der Gleichverteilung
von Aufgaben im Haushalt junge Eheleute häufig wieder in die Rollenmuster ihrer Eltern
regredieren.

Wenn es um zwei einzigartige Sichtweisen auf die Welt geht und die jeweilige Erlebnisweise, an die
beide Partner je für sich gebunden sind (nicht alles ist handelnde Selektion), stellt Luhmann fest:
"Nicht das Handlungspotential oder die Auswahl, die er daraus situationsweise trifft, sondern das
Sein und die Erlebnisweise einen anderen Menschen sind der Angelpunkt des Mediums" (Luhmann
1969, 16). Geliebt wird gerade die Einzigartigkeit und Nichtdurchschnittlichkeit der Sicht Alters.
Sie ist der Anreiz für Liebe. Daraus ergeben sich für die Kommunikation im Intimsystem und für
die Modellierung der Personen im System Anweisungen und Beschränkungen. "Die Maxime der
Handlungswahl Egos wäre hier: Wie erlebt mich Alter? Oder: Wer kann ich sein, daß mein Handeln
die Erlebnisselektionen Alters bestätigt?" (Luhmann 1975, 47). Die beiden Erlebnisweisen stellen
Limitationen. Wenn ich in Alters Welt bereits vorkomme, wenn ich sehe, dass ich dort in seinem
Wahrnehmen und Erleben einen gewissen Platz habe, wie kann ich mich (als Ego) geben und
verhalten, wie kann ich handeln, um diese Sichtweise zu bestätigen? Aber wie kann dies unter
diesen Beschränkungen im Rückzug (Perspektivenwechsel) auch geschehen, damit ich der sein
kann, für den ich mich halte? Hier erahnt man die mehrstufige Reflexivität des Liebens, die
Ansprüche heutigen Individualismus (Selbstverwirklichung) und vielleicht auch Gründe dafür,
warum Luhmann wirklich verstehende Liebe für in der Regel zu strapaziös hält und auf "Verstän-
digungsroutinen" mit Abschattungen und blinden Flecken hinweist. (Kluge/Luhmann Interview
ohne Jahr)

"Wird dieser Weltbezug mitindividualisiert, ist es nicht mehr möglich, sich als Kommunikationspartner auf die
Anerkennung eines erfreulichen, nützlichen, noch akzeptablen oder sonstwie bewerteten Faktums zurück-

67
zuziehen, das in der anderen Person gegeben ist. Gibt sich der andere als weltkonstituierende Individualität, ist
jeder, der angesprochen wird, in dieser Welt immer schon untergebracht und damit unausweichlich vor die
Alternative gestellt, den egozentrischen Weltentwurf des anderen zu bestätigen oder abzulehnen." (Luhmann
1982, 24/25)110

Wenn dieser Kontakt nicht einfach ignoriert und abgebrochen werden soll, ist Ego zum Handeln
genötigt. Er muss – in seinem Handeln – zu erkennen geben, ob ihm seine Stellung in Alters
Entwurft passt oder nicht, ob er zum Mitspielen des Spiels bereit ist oder nicht, ob er innerhalb der
Kommunikation überhaupt damit einverstanden ist, auf bestimmte Weise im Entwurf des Alter
(persönlich, intimpersönlich) schon vorzukommen. Alter bringt ihn dort in seinen Weltverhältnissen
unter – und Ego muss das goutieren oder ablehnen. Soll es nicht bei Schweigen oder anderem
Abbruch bleiben, muss dazu Stellung bezogen werden.

Diese Teiltheorie für Attribution regelt innerhalb der Liebestheorie minimale, feine Nahverhält-
nisse der Liebenden. Sie fokussiert die Interaktionssituation und den kleinen Ausschnitt des Paares
und seiner Verständigung. Während die Überlegung zur Semantik einen Außenbezug jedes
Einzelnen untersucht, seine Bilder, Modelle und Vorstellungen von Liebe, die über Massenmedien
laufen, tritt man hier noch einen Schritt näher an eizigartige Persönlichkeiten heran. Man kann diese
Perspektiven kombinieren: Denn die semantisch angereizten Vorstellungen über "die Liebe", die
zunächst einmal an Einzelbewusstseinen hängen (nicht automatisch am Paar), können in das
Attributionsgeschehen hineingezogen werden. Die Beteiligten können sich darüber verständigen
oder darin entzweien, welchen Ideen von Liebe und einem Leben zu zweit sie je für sich anhängen.
So trifft dieser Theoriebaustein an der Grenze zur Sozialpsychologie auf den Punkt, dass ein Paar
weiterhin aus Einzelpersonen besteht. Nähe, Vertrautheit, Verständnis und Konflikt können mit der
Dynamik des Zurechnens auf den Einzelnen verdeutlicht werden.

110
Dort ebenfalls zur "Komplementärrolle des Weltbestätigers": "Das heißt auch: es wird einem ein Bestätigungs-
verhalten zugemutet, das nach außen nicht anschlußfähig ist, das man anderswo nicht vertreten kann." Für
Luhmann liegt dabei Flucht nahe.

68
2.7. Gesellschaftliche Gegenstruktur

Wir müssen in diesem Abschnitt sehen, nicht zu sehr in die allgemeinere Gesellschaftstheorie
abzurutschen, auch wenn wir kleinere Ausgriffe nicht vermeiden können. Der hier wesentliche
Punkt für Liebe besteht darin, dass sie im Verbund mit anderen Phänomenen als eine gegenläufige
Tendenz zu sonst vorherrschenden, normalen, konventionellen oder üblichen Kommunikations-
weisen der Gesellschaft aufgefasst werden kann. Zuletzt in seinem opus magnum von 1997 hat
Luhmann nochmal Liebe und Kunst als "gegenstrukturell gebildete Medien" (987) bezeichnet,
Gegenstruktur selbst aber nie auf einen Begriff oder ein Konzept gebracht, vermutlich auch weil er
damit zu sehr in den Sogbereich von Habermas´ Unterscheidung von System und Lebenswelt
geraten wäre oder sich davon wenigstens nicht hätte klar genug absetzen können. Die Profilierung
der eigenen Theorie war für Luhmann von Beginn an ein Erfolgsmoment seiner Schriften. Von
daher ist es ersichtlich, dass er die Differenz zu anderen Theorien aufrechterhalten wollte. Fakt ist
jedenfalls, dass wir uns zum Thema Gegenstruktur lediglich auf kursorische Anmerkungen von
Luhmann stützen können, damit aber die Möglichkeit haben, am Beispiel Liebe genauere
Fassungen auszuprobieren. Es ist zudem nicht ganz richtig, dass die Rede von Gegenstruktur nur
beim späten Luhmann zu finden ist; rhetorisch und beiläufig fällt die Bezeichnung "gegenstruk-
turell" in fast allen seinen frühen Verwaltungs- und Organisationsschriften der 60er und 70er Jahre
und im Zusammenhang politischer Planung. Prominente Rollen in seiner Theorie erhalten sie dort,
zugegeben, allerdings nicht, und Luhmann kommt später (ab der Wende von 1984) meist nur im
Kontext von Exklusion auf Gegenstruktur zu sprechen.

Schon bei oberflächlichen Internetrecherchen111 stößt man auf einen bunten Strauß von damit
bezeichneten Phänomenen wie: Protest, Gewerkschaften, jugendliche Subkulturen, manch subver-
sive Formen von Musik und Literatur, selbst auf Mafia, informelle Netzwerke im Internet, dann
aber auch Familie (Rosenbaum 1973), soziale Hilfe (Baecker 1994, Fuchs 1995), soziale und
ökologische Bewegungen (Luhmann 1996), teils auch alternative Lebensformen, Vegetarismus,
Tierschutz usw. Das ist eine große Reihe von Formen, die wir hier theoretisch nicht umstandslos
zusammenfassen können, aber sie markieren einen ersten Umriss. In der Regel haben sie den Punkt
gemein, ein anderes, sich von einer Normalität absetzendes, vielleicht auch gegenteiliges/ gegen-
läufiges Verhalten zu prämiieren, dessen Frontstellung gegenüber dem status quo als notwendig,
sinnvoll ergänzend oder auch nur trendgemäß gesehen wird. Dann spaltet sich die soziale Realität
auf in Handlungen und Motivlagen, schlechterdings dafür oder dagegen zu sein. Man kann es
machen, wie es angeblich alle machen, oder man kann es ablehnen und andere Wege einschlagen.

111
Man verwende bei Google etwa die Schlagworte "gegenstruktur luhmann" oder "gegenstrukturell luhmann".

69
Dabei scheint die Form der Kritik nur ein erster Startschuss zu sein, der man vorwerfen kann, dass
sie Dinge in Zweifel zieht, ohne selbst gangbare Alternativen vorzulegen. Gegenstruktur beginnt
mit Handlungs- und Kommunikationsweisen, die in praktischer Manier lebbar sind und damit über
die Kritik auf dem Papier hinausgehen: Dabei kann man auf die Straße gehen und sein Dagegensein
demonstrieren; dabei kann man aber auch Produkte kaufen, die man in manchen Hinsichten für
unbedenklicher hält; man kann dazu auch elektronische Netzwerke aufbauen und nutzen, die sich
der Behandlung innovativer und "neuer" Ideen verschreiben und so ihr Dagegen ausdrücken; sich in
seinem Verhalten an der Grenze zur Illegalität bewegen, und eine ganze Palette modischer
Selbstdarstellung steht dafür heute zur Verfügung. Vor einigen Jahrzehnten erkannte man sich
vielleicht noch am moralisch gefärbten Slang und am besserwisserischen Vokabular der Empörung
im Gefolge der 68er. Heute ist die Lage durch die Auffächerung der Subkulturen und Lebensstile
komplizierter geworden, hat sich z.B. auf Selbst- und Außendar-stellung verlegt, die Gespräche
zunächst nicht nötig hat: T-Shirts mit bekennerischen Sprüchen, Marken, bestimmte Frisuren,
Tätowierungen, hier weite, dort enge Hosen, die Beschäftigung mit portablen technischen Geräten
und besonders das Zueinanderfinden über spezielle Musikstile, an denen ganze Lebensweisen
hängen können (wie ab den 90er Jahren bei alternative music).

Mit dieser Unterscheidung spaltet sich die ganze Welt in eine konventionelle Normalvariante
("mainstream") und eine Gegenvariante ("alternative").112 Im Übrigen kann man bei allen Subkul-
turen der Mode oder der Musik Einzelaspekte gesellschaftlicher Realität hervorheben, gegen die
sich ihre Anhänger wenden; symbolisch erscheinen verschiedene Subkulturen so als Mischungen
aus Elementen, die man unterstützt bzw. ablehnt. Im Großen und Ganzen (soweit man von Politik
reden will) mögen die einen vielleicht Kanzlerin Merkel, die anderen verwenden viel Zeit und
Mühen darauf zu zeigen, warum Obama schlecht ist. Kunst – und man muss Teile der Werbung
miteinbeziehen - fügt sich in dieses Bild, zur oberflächlichen Normalität Alternativvorschläge erleb-
bar zu machen. Es gibt durch das Medium der Kunst, also dadurch, dass bloß Wahrnehmbares zu
Kommunikation gemacht wird, die Möglichkeit, die Welt (ohne sich von ihr komplett ins Fiktive zu
lösen) anders darzustellen als sie ist und damit Perspektiven zu eröffnen. Und vielleicht hoffen die
Künstler insgeheim, dass man ihnen folgt. Luhmann meinte einmal (gefragt nach Risiken), er
wüsste nicht genau, was das Risiko sein könnte, wenn es morgen keine Kunst mehr gebe: Es wäre
eben das Risiko, morgen ohne Alternativvorschläge zum Stand der Dinge auskommen zu müssen.

112
Zu Alternativität und Gegenbürgerlichkeit zwei instruktive Artikel in Niklas Luhmann (2001): "Alternative ohne
Alternative", 75ff, und "Dabeisein und Dagegensein", 81ff. Zeitdiagnostisch mag sich hier seit 1986 bzw. 1990
allerdings einiges getan haben. - Normalität definitorisch festlegen zu wollen, erscheint fast aussichtslos. Aber sie
wirkt als folgenreiche Unterstellung innerhalb der Kommunikation – dies als Luhmanns Beschreibung von
Institutionen.

70
Und gegenüber Risiken in der Wirtschaft hat man zunächst vielleicht wirklich Schwierigkeiten, sich
auszumalen, welche handfesten Konsequenzen das haben könnte.

Der Fall Liebe scheint etwas anders zu liegen. Historisch gesehen, vor allem in der ersten Zeit der
passionierten Durchsetzung der Liebe, kann man diese umstürzlerischen, revolutionären und gar
zerstörerischen Züge durchaus entdecken. Die Liebe musste sich gegen die Familieninteressen und
nicht selten gegen Standesgrenzen durchsetzen. Die leidenschaftliche Liebe (und zwar mit dem
Beginn der freien Partnerwahl) hatte diese gewaltsame Abneigung gegen Bevormundung und
suchte auch den Genuss des zweisamen Tabubruchs. Mord, Tod, gemeinsamer Selbstmord usw.
waren gängige Lösungen in der Romanliteratur. Ähnliches ist heute vielleicht nur noch in der
frühen jugendlichen Liebe zu sehen, wenn Eltern einwenden, es sei zu früh, und weniger
einwenden, der Partner sei nicht der richtige. Diese ersten Anzeichen der Liebe haben bis heute
revoltierende Züge, und die Liebe spielt zu diesem Zeitpunkt nicht zuletzt in die Ablösung von den
Eltern und in ein Neuarrangement der Familie hinein; dass es als erste blasse Vorstellung schon dort
zu denken möglich wird, eine von der Herkunftsfamilie weitgehend autonome, eigene Familie
aufzubauen, jedenfalls aber ein Paarkonstrukt, das gegenüber den Eltern weitgehende Autonomie
beansprucht. Einschränkungen in diesem wichtigen Bereich können Jugendliche leicht aus dem
Rahmen fallen lassen.

Aber es ist sehr fraglich, ob halbwegs erwachsene Liebende heute noch eine Frontstellung gegen
die Gesellschaft sehen, wenn sie sich verlieben. Dies sicher nicht in der obigen Form der
Auflehnung oder des Protests. Das heute gut 300 Jahre alte Medium hat viel stärker seinen Platz
und Stellenwert in der Gesellschaft gefunden. Bereits mit der Rückzugsideologie des 18.
Jahrhunderts und der Flucht vor der Arbeitswelt in die Familie im 19. Jahrhundert (Kontext
Industrie) deutet sich eine Form von Komplementarität und Interdependenz mit anderen Bereichen
an, bei der man nicht mehr umstandslos von einer Frontstellung gegen die Gesellschaft reden kann.
Historisch quasi nacherlebend, finden Paare heute noch Reiz daran, sich zu zweit wohnhaft in
ländliche, abgelegene Regionen zurückzuziehen; gleichfalls die Werbung pflegt noch dieses Bild
vom gemeinsamen Rückzug, wenn das Paar in der Hütte in den Bergen eingeschneit vor dem
Kamin liegt und dann doch alles beisammen hat, obwohl sie vom Rest der Welt (man könnte
denken: bedrohlich) abgeschnitten sind. In einem Zeitungsinterview bemerkt Rudolf Stichweh zur
Einbettung der Liebe:

"Wir alle müssen einen Beruf finden, mit dem wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können. Andererseits
müssen wir soziale Beziehungen aufbauen und einen Partner finden, mit dem wir allenfalls eine Familie gründen

71
können. Das sind die beiden universellsten Probleme, die jeder von uns im Leben zu lösen hat. Und in beiden
Bereichen verlief die Entwicklung des Erwachsenwerdens in diametral entgegengesetzte Richtungen. So werden
Jugendliche heute beruflich immer später, aber sexuell und sozial viel früher erwachsen." (Stichweh 2010)

Dass Arbeit und Liebe hier so deutlich hervorgehoben werden, würde man theoretisch nicht sofort
vermuten, weil Luhmann den Funktionssystemen keine Rangfolge gibt 113. Aber über den Code
persönlich/unpersönlich wird einiges klarer: Wenn es um Thematisierung und evtentuell um
Weiterentwicklung von Individualität geht, ist einerseits Liebe der prominente Platz dafür, die
Arbeit in (zumeist wirtschaftlichen) Organisationen aber der Ort, der schon aus seiner soziologi-
schen Geschichte heraus (Webers Bürokratietheorie) Gefühlsbedürfnisse und persönliche Eigenhei-
ten am stärksten ausklammern muss. Insofern besteht hier eine lebensnahe Opposition. 114 Trotz
jeder Arbeitermitbestimmung und jeder human-relations-Bewegung heißt es bei Luhmann noch:

"Funktional stabilisierte Systeme haben keinen Platz für Gefühle. So gern sie Gefühle als zusätzliche
Motivationsfaktoren in ihren Dienst nähmen, da die Leistungsmotivation immer prekär bleibt, so wenig sind sie
bereit, die Vorbedingungen des Erlebens dafür zu schaffen, und so wenig fügen sich Gefühle den rational
abstrahierten Leistungsnormen. So versagen jene elementaren Mechanismen der sozialen Gefühlskontrolle, die
einen automatischen Ausgleich personaler und sozialer Bedürfnisse bewirken. Andererseits läßt sich die
Gefühlskomponente des menschlichen Erlebens weder ausmerzen noch übersehen. Finden die Gefühle in den
legalen Institutionen keine Heimat, so schaffen sie sich eine eigene Nahwelt oder bleiben im Zustand ungeformter
Spannungen und Gereiztheiten stecken. Es bilden sich aus unbefriedigten Gefühlsbedürfnissen emotionale
Gegenstrukturen, informale Kleingruppen, die in sich selbst gefühlsmäßig stabilisert sind, sich aber an den
Forderungen der formalen Organisation – ihrer Umwelt – ständig reiben und daher ihre negativen Gefühls-
komponenten gegen die formale Organisation oder ihre sichtbaren Vertreter kehren." (Luhmann 1964, 379f, Herv.
TL)

Man kann in diesem Sinne von reflexiver Gegenstruktur sprechen, wenn man diese Polarisierung
auf sich selber anwendet. Man kann im sachlichen Teil der Arbeit und in seiner eigenen
Leistungsfähigkeit Wege der persönlichen Bestätigung und Erfüllung suchen. Aber es gibt auch in
der Sozialdimension organisierter Systeme die Möglichkeit etwa unter Angestellten, seine
Selbstdarstellung und persönlichen Anliegen soweit in den Vordergrund zu rücken, dass die Arbeit
zu einer fast sekundären Sache wird, solange man dabei die Aufkündigung der Mitgliedschaft

113
Er spielt an wenigen Stellen nur mit dem Gedanken, dass Wirtschaft heraussticht, was auf den ersten laienhaften
Blick nicht überraschen würde. Die Begründung: Störungen in der Wirtschaft irritieren und betreffen die Groß-
systeme in ihrer Umwelt besonders folgenreich. Es gibt bei Luhmann eine Vorstellung negativer, gesamtgesell-
schaftlicher Integration allein durch das Zusammenspiel und die Interdependenzen der Funktionssysteme. Eine
zusätzliche, übergeordnete Steuerungsinstanz gibt es damit nicht – woran sich etwa Helmut Willke (1996, 201ff)
stört.
114
Die Architektur spricht etwa bei Parks und Shopping Malls von "Dritten Orten", soweit Leute sich nicht im Büro
(Arbeit) und nicht im Zuhause (Liebe/Familie) aufhalten.

72
umsegeln kann.115 Andererseits kann man Elemente der Gegenseite innerhalb der Liebe ausmachen:
Dass strategische und kalkulatorisch-rationale Motive in die Partnerwahl dringen (Illouz 2007) und
man spätestens seit Aufkommen der Familientherapie das Privatleben nicht mehr als bloß harmoni-
schen Hafen ansehen kann. Man kann beide Formen der Gegenstuktur, einfache und reflexive,
historisch auseinanderhalten und dann eben auch die Anwendung des Musters auf sich selbst sehen.
Die personale, biografische Fassung müssen wir dahingestellt sein lassen, obwohl für die erste
jugendliche Liebe durchaus gelten könnte, dass sie noch naiv und arglos vonstatten geht –
Reflexivität und Kalkulation also erst im Gang des Lebenslaufes dazutreten und die Partnerwahl
prägen.

Wir kommen noch einmal auf Rudolf Stichweh im Zusammenhang seiner Überlegungen zu
Inklusionsformen in den verschiedenen Funktionssystemen zu sprechen. Er fasst die Inklusion
durch Intimbeziehungen als eine zweigleisige Form des gleichzeitigen Innehabens von Leistungs-
und Publikumsrollen auf. Das Wechseln und Changieren von Erleben und Handeln hin zu alter,
dann zu ego usw. (Luhmann 1982) sei so unauffällig, interaktionsnah und grundlegend angesetzt,
dass das Betreuen und Betreutwerden immens schnell wechseln. Auf die oben angesprochene Kom-
plementarität kommt er auch hier zurück:

"Das gern zitierte Freudsche Theorem, psychische Gesundheit sei die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können,
ist, wenn man nicht dessen Forderungscharakter für ein psychisches System betont, eine interessante strukturelle
Beschreibung der Partizipationsbedingungen moderner Gesellschaften. Moderne Gesellschaften muten jeder
Person nicht nur, wie es uns manchmal scheint, die Bewältigung einer Leistungsrolle (im Beruf), sondern, weil
der Universalismus von Intimbeziehungen für niemanden als ein reiner Publikumsstatus gedacht werden kann,
mindestens die Bewältigung zweier Leistungsrollen zu. Dabei ist nicht nur die Dualität von Leistungsrollen
wichtig, sondern wesentlich auch, daß es Leistungsrollen sind, also Inklusion nicht ausschließlich über
Publikumsrollen laufen kann. Intimbeziehungen und Arbeit teilen die Gemeinsamkeit, daß sie Bedingungen des
Zugangs zu vielem anderen sind, und daß Personen, denen das eine oder gar beides fehlt, auch über die an sich
auch für sie vorgesehenen komplementären Rollenstrukturen der Funktionssysteme nicht mehr ohne weiteres in
gesellschaftliches Geschehen zu inkludieren sind." (Stichweh 2005, 27/28) 116
115
Gemäß dem Heimlichen Lehrplan (Dreeben) gibt es unter Schülern und noch Studenten diese Art von Relevanzen,
die das Lehrgeschehen an den Schulen und Universitäten stark degradieren. Ohne diesen Hintergrund wäre es z.B.
Blossfeld/Timm (1997, 2003) gar nicht möglich, das Bildungssystem als hochpotenten Heiratsmarkt zu erkennen.
Unter Studenten – etwas anders als in Betrieben – fällt es zudem gar nicht größer auf, wenn man die Universität in
erster Linie zu Annäherungsversuchen, zum Flirten und für Geselligkeit betritt. Niemand (und schon gar nicht die
Kommilitonen) würde den Studenten darauf hinweisen, dass er zu Ausbildungszwecken dort ist. Die Erwartungs-
lage ist einfach darauf eingestellt.
116
Was sich an Seltsamkeiten hier mit Luhmanns Blickwinkel deckt, ist der Punkt, dass eine breitere Singlebewegung
und die spätmoderne Tatsache möglichen Alleinlebens gar nicht gesehen werden. Dagegen muss man für heutige
Verhältnisse annehmen, dass kaum jemand aus der jüngeren Generation die Teilnahme an Arbeit und auch die
Teilnahme an Intimbeziehungen für selbstverständlich ansehen würde – selbst wenn die Abstinenz von einem oder
beiden Feldern mit gewissen Nachteilen und Peinlichkeiten belegt ist. Wie schwierig muss es dann in Anbah-
nungsdingen (also im Status der Partnerlosigkeit) erst sein zu sagen, man sei arbeitslos!

73
Wir sind nun im Grunde bei der Diskussion um Gegenstruktur an dem bisher bekannten Punkt
angekommen, der im Anschluss an Luhmann (1997, 621f) über Inklusion und Exklusion argumen-
tiert. Dabei geht es mit Fuchs (1995) um Integration und eine gewisse Fatalität des Gesamtzu-
sammenhangs117 der Funktionssysteme. Fuchs spricht vom Hauptmann-von-Köpenick-Syndrom
dabei, dass die Exklusion aus einem Funktionsbereich (vorzugsweise der Wirtschaft) in einer
Negativspirale Exklusionen aus anderen Bereichen viel wahrscheinlicher nach sich zieht. Dort heißt
es mit Blick auf Liebe (Fuchs 1995, 212, Fußnote 28): "Ein Mann, der aus dem Intimsystem aus
welchen Gründen [immer], ausgeschlossen wird, kann deswegen anfangen zu trinken. Weil er
trinkt, wird er gekündigt, und nicht: weil seine Frau ihm den Laufpaß gegeben hat". Es gibt also
diese Art von verflochtenen Folgeproblemen118 funktionaler Differenzierung, die sich mehr und
mehr kumulieren, zu ernsten Problemlagen werden und die Betroffenen zu Fällen für Hilfe jeglicher
Art machen können. Zur Begründung des Aufkommens dieser fast blind erzeugten Folgeprobleme
und der darauf folgenden Notwendigkeit von Korrektureinrichtungen heißt es bei Luhmann:

"Hat sich erst einmal ein autopoietisches Funktionssystem gebildet, so entwickeln Funktionssysteme Dynamiken,
die kaum noch Stoppregeln akzeptieren. Wenn einmal ein Teilsystem der Gesellschaft im Hinblick auf eine
spezifische Funktion ausdifferenziert ist, findet sich in diesem System kein Anhaltspunkt mehr für Argumente
gegen die bestmögliche Erfüllung dieser Funktion. Es gibt alle möglichen Hindernisse, Schwierigkeiten und
Reibungen – provisorische und dauerhafte. Aber es gibt in Funktionssystemen keine sinnvolle Gegenrationalität,
die besagen würde, dass man die Funktion lieber weniger gut erfüllen sollte. Es ist gerade der Sinn funktionaler
Differenzierung, jedem System die Hypostasierung der eigenen Funktion zu erlauben, ja abzuverlangen."
(Luhmann 1983, 29, Herv. TL)

Korrektur oder Kompensation können also nicht umstandslos aus dem Innneren des Systems erwar-
tet werden. Es muss zu Störungen und zu Druckstellen auf die systemische Umwelt kommen, um
dann auch von außen zu intervenieren. Gegenstruktur von außen dürfte dann also nicht in Sub-
systembildung bestehen, sondern im Aufkommen eigener Organisationen und Funktionssysteme.

117
Schon bei Proust (1913, 175) sind die folgenden Worte zu lesen, der Kontext ist Swanns um sich greifende Eifer-
sucht und wie er sich vorstellt, sich von Odette zu trennen: "Wie alle Menschen, die eine Sache besitzen, hatte er,
nur um festzustellen, was wäre, wenn er sie plötzlich nicht mehr besäße, versucht, sie aus seinem Geist zu elimini-
eren, alles andere jedoch so belassen, wie es vorher war. Das Nichtvorhandensein einer Sache ist aber nicht nur
das, sie bedeutet nicht ein partielles Fehlen, sondern bringt auch alles andere zum Einstürzen, es ist ein neuer
Zustand, den man sich in dem vorhergehenden nicht vorstellen kann."
118
Siehe für diesen Kontext auch: Nassehi (1999) und Geser (1982). Gemeint sind immer zeitlich sekundäre Folge-
probleme, die sich aus dem primären Differenzierungsprinzip der Gesellschaft ergeben und dann derart dringlich
werden, dass sie nicht mehr als Einzelfälle vernachlässigt werden können. Es geht um das strukturelle Problem der
automatischen Miterzeugung dieser Fälle, wie man etwa beim Straßenverkehr eine bekannte und berechenbare
Unzahl von Toten jährlich nebenher hinnimmt, ohne je auf die Idee zu kommen, den Straßenverkehr abzuschaf-
fen.. Für den Fall automatisch anfallender, faktischer Exklusion beim Desiderat der Komplettinklusion aller
Personen in die Gesellschaft redet Baecker (1994, 95) sogar von einer "Sekundärgesellschaft", für deren Teil-
nehmer "es nur noch um das Überleben" geht.

74
Für Liebe/Familie, für soziale Hilfe und für Medizin/Therapie dürfte dies heute der Fall sein. Diese
Diskussion (vgl. Baecker 1994) fasst Gegenstruktur als nachträgliche, sekundäre Befassung mit
Folgeproblemen und Problemfällen auf. Dies unterscheidet sich wiederum von Kunst (als
Produzentin von gesellschaftlichen Alternativszenarien): Soziale Hilfe soll auf Umwegen für eine
Reintegration von Personen ins primäre Differenzierungsmuster sorgen und muss sich daher
tendenziell und zeitweise gegen "normale" Werthaltungen und Rationalitäten ihrer gesellschaft-
lichen Umwelt richten, z.B. Leute von Leistungsanforderungen für Zwecke der Hilfe, Therapie und
Heilung freizeichnen oder Alternativen zur Normalbiografie thematisiseren können und dem
üblichen Tempo der Schrittabfolge andere Zeitstrukturen bieten können. Es ist diese Umwegigkeit,
die nichts mit andauernder Revolte gegen die Gesellschaft oder mit kriminellen Plänen des
Umsturzes der ganzen Gesellschaft zutun hat, dass auch das System der Krankenbehandlung zeit-
weise immense Zugeständnisse an personale/psychische/organische Bedürfnisse und die individu-
elle Problemlage machen muss, um die Chance zu erlangen, dass Klienten sich wieder in den
Normalgang der Dinge einfügen (lassen), damit sie auf Hilfe nicht dauerhaft angewiesen bleiben.

Selbst wenn Luhmann mit seiner Funktionsbestimmung der Liebe teilweise in eine Nähe zur
Therapie gerät – Thematisierung und Betreuung von Individualitäten 119 –, ist schon hier zu erahnen,
dass diese Fassung von Gegenstruktur den Fall der Liebe nicht recht trifft. Gerade mit dem
Unterbau von Passion und Romantik würde niemand meinen, am gesellschaftlichen Ganzen besser
partizipieren zu können, wenn er eine Liebesbeziehung unterhält. Das mag sich latent – siehe Peter
Fuchs (1995) – so auswirken, aber es müsste eben dringend latent bleiben, dass die Inklusion in die
Liebesbeziehung für andere Inklusionen herhalten muss. Das wäre eine Argumentation über die
Vermeidung gesellschaftlichen Absturzes durch einen Hafen der Liebe, von deren heilsamer Insel
aus man dann erfolgreich tätig sein kann in anderen Funktionsbereichen (und wohl auch in außer-
ehelichen Beziehungen). Und sicher ist denkbar, dass Ehen und Familien für berufliche Karriere-
wege sozusagen ausgebeutet werden. Die Liebe hätte den Duktus einer emotionalen Heimat, eines
Basiscamps oder einer Ausgangslage, von der aus erst Anderes möglich wird; hätte also eine
Parallele zum frühen Aufwachsen in der elterlichen Familie, nämlich in der Weise eines Kredits auf
die Zukunft. Letztlich wäre dies für beide Beteiligten (den Liebenden wie den Geliebten) aber eine
denkbar schlechte Ausgangsmotivation und Überzeugungsgrundlage, zu lieben und sich zu verlie-
ben. Es wäre der Griff nach einem vermeintlich sicheren Strohhalm - und gerade das müsste die
Liebe überfordern und enttäuschen, weil eine interne Gefährdung der Beziehung durch jedes Auf-
kommen einer Meinungsverschiedenheit immer zugleich Gefahren für die ganze soziale Existenz an
den Horizont malen und die Intimkommunikation ständig mit Verlustängsten infiltrieren würde.
119
Man erinnere den späten semantischen Zuschnitt des Intimcodes für die Behandlung von Alltagsproblemen
(Luhmann 1982, 213: "Problemorientierung").

75
Man muss im Einzelnen nicht ausschließen, dass diese Lage der psychischen Abhängigkeit in einer
Wechselseitigkeit passen und dauerhaft funktionieren kann. Aber die Intimkommunikation wäre
ständig beseelt von der Vermeidung des Hinauswurfes in eine kalte Umwelt, also der Zurücknahme
der zuvor geleisteten Rettung – oder von Trennungsangst. Die Beziehung müsste im Fall der
Aufdeckung dieser Verwendung sofort als wertlos und jedenfalls nicht als durch Liebe ausgelöst
angesehen werden, weil sie diesem Zweck der Vermeidung von um sich greifender Exklusion
dienen sollte. Bei aller gesunden Pragmatik dürfte das für Liebende auch heute nicht erträglich sein.
Der Individualismus von kompakten, eigenständigen Personen, die allein aus freien Stücken sich
einem Partner zuwenden (und nicht: weil sie es dringend nötig haben), liefert hier den Hintergrund.

Weil diese Deutung von Liebe als Sozialversicherung wegen ihrer prekären Stellung und zu hoher
inhärenter Problemlagen Schwachstellen hat, stellen wir in diesem Abschnitt noch eine alternative
Deutungsmöglichkeit vor, die (von Luhmanns Differenzierung der Systemebenen her gesehen 120)
prinzipieller ansetzt; die bisherige Deutung hatte sich irgendwie innerhalb der Schublade sozialer
Systeme und vor allem in der Differenzierung der Funktionssysteme verstrickt. Sie bezog sich auf
Großstrukturen wie soziale Hilfe als Gegenstruktur und konnte so noch nicht das genuin personale
Moment der Liebe befriedigend einfangen, weil es beinahe um eine Konkurrenz unter den
Funktionssystemen ging: Wer hält die Gesellschaft durch Eindämmung struktureller Probleme noch
zusammen? Für moderne Liebe muss man das skizzierte Konstrukt aber im Auge behalten: Dass
nach der heute fast verschwundenen Motivierung durch gesicherte Hauswirtschaft und bloßes
Überleben vorwiegend in größeren Familienverbänden (organische Symbiose) man teils aber noch
auf die Idee kommen kann, dass Liebe zu eher therapeutischer Betreuung der Persönlichkeiten und
zu emotionaler Stabilisierung (psychische Symbiose) unterhalten wird.121 Hierbei kann man das
Personal deutlich beschneiden; es genügt dann, wenn zwei Partner sich wechselseitig, aber
ausschließlich füreinander zur Verfügung stehen. Hartmann Tyrell (1987) fasst diesen Punkt als
wechselseitige Höchstrelevanz. Der eine ist ausschließlich für den anderen (und umgekehrt)
"zuständig", Bestätigung kann zur wechselseitigen Beruhigung werden.

Als eine Lösung von diesen Formen der "Betreuung" liegt eine Ästhetisierung der Personen und
ihrer Körper nun aber gar nicht so fern, wenn man nicht direkt der Moralisierung des Körperkultes
durch die Feuilletons aufsitzen möchte. Die vorherige Angewiesenheit auf den Partner wird
aufgeweicht dadurch, dass man sich an ihm bestimmte, auch sexuelle Erlebnisqualitäten verspricht
120
Vgl. das Schaubild in Luhmann 1984, 16: Maschinen, organische Systeme, psychische Systeme, soziale Systeme.
121
Wir können hier nochmals die Frage verbuchen, ob Bestätigung (Luhmann 1982) die einzige und die wirklich
zentrale Form der Behandlung von Individualität darstellen muss. Die heutige Erlebnisorientierung zur Bekäm-
pfung der Langeweile wird dadurch kaum berücksichtigt. Bestätigung und Validierung der Selbstdarstellung hat
das interne Problem der Monotonie, z.B. durch Routinisierung.

76
– und er nun nicht mehr meinen Gefühlshaushalt vor dem Zusammenbruch bewahren soll. Diese
ältere Art der Flucht in die Liebe und der Errettung durch einen Partner dürfte vielen Liebenden
heute noch nachvollziehbar sein. Die Zeiten, in denen der Partner mentale Sicherheit spenden sollte,
sind eigentlich noch nicht lange vorbei und vielleicht aus gesellschaftlichen Wirren der Vergangen-
heit heraus sogar erklärlich, natürlich vor allem durch die Zeit des Zweiten Weltkriegs und seiner
Folgen. Gerade die fast idyllischen Liebeswelten ab den 50er Jahren und die staatlichen Sicher-
heiten rund um das Wirtschaftswunder müssen hier auf den Code prägend gewirkt haben. So wie
man heute für Arbeit noch mit Vollbeschäftigung vergleicht, wirkt hier die Folie langandauernder
und harmonischer Privatwelten nach.122 Auch wenn Luhmann (1982) von Kompensation redet, ist
eigentlich diese Art des Aufwiegens einer unwirtlichen, ja unerträglichen Außenwelt gemeint. Ohne
die Aufwertung und Idealisierung durch den Partner drohte Untergang, Vergessenwerden, Unbe-
deutsamkeit, Minimalisierung. Gleichgültigkeit im Umgang wird so als bedrohliche soziale Kälte
gesehen.

Erst mit einer radikalen Individualisierung der Teilnehmer (in der Liebe!) muss man nun gegenüber
Sicherheit durch Bestätigung auch die andere Seite miterkennen 123; dass nun also die Möglichkeit
zumindest greifbar ist, dass ein Partner als ganze Person nicht mehr zu überzeugen vermag, wenn er
lediglich (fast könnte man sagen: Identität konservierend) imstande ist zu bestätigen, wer man
vorgibt zu sein. Luhmanns gesellschaftlicher Problemfall für Personen waren noch Dauerkontin-
genz und Überkomplexität für Einzelbewusstseine, mit dem Verlangen nach einer noch überschau-
baren Nahwelt. Historisch parallel und heute handgreiflicher hat sich aber eigentlich immer eine
zweite Problemstelle gezeigt: Scheidungsanwälte bestätigen als regulären Grund für Trennungen:
Überdruss am Partner, also Langeweile. Dem Partner werden nicht mehr nur Bestätigungs-
qualitäten abverlangt. Bloße Bestätigung kann Überintensivierung, Stagnation und Austrocknung
des Kontakts bedeuten; ein Umstand, der vielen genauso grausam vorkommt wie das Verlassensein
in einer anonym konstituierten Außenwelt. In dieser Spagatstellung sieht man gut die Unwahr-
scheinlichkeit und Gewagtheit der Liebe, zu zweit ein zufriedenstellendes Konstrukt zu finden, das
zu keinem der Pole zu sehr tendiert. Man fühlt sich fast an die große Unterscheidung der Staats-
theorie erinnert: Sicherheit und Freiheit.124

***

122
Im Spiegel (2010, 82, Herv. TL) heißt es: "Nur hat die Romantik in Verbindung mit dem Biedersinn der fünfziger
Jahre uns das Ideal der Liebe beschert. Und davon träumen wir nun. Aber auch wenn es schön wäre: Die Liebe
fürs Leben bleibt eine Ausnahme." Siehe auch Steinbacher 2011.
123
Die Romantheorie etwa splittet ihren Untersuchungsgegenstand schon länger in Teile von: Wiedererkennen und
Neuentdecken.
124
Vgl. auch eine Differenz bei Illouz (2011): Anerkennung vs. Autonomie.

77
Nahe an anthropologischen Überlegungen findet man vor allem beim frühen Luhmann (eindrucks-
voll 1964, 372ff und 382ff) das Thema einer durchaus widersprüchlichen, zumutungsreichen,
problematischen Koevolution von sozialen und personalen Systemen (wie es dort noch heißt). In
seinem frühen Organisationsbuch sieht er schon auf den ersten Seiten (26) die Möglichkeit einer
"Anpassungspsychologie des Einzelmenschen" an organisierte Gebilde, kommt darauf aber erst
ganz am Ende des Buchs zurück. Anfangs heißt es lediglich:

"Es scheint vielmehr, daß formale Organisation Möglichkeiten der Integration und Stabilisierung sozialer Systeme
erschließt, die nicht mehr in alter Selbstverständlichkeit zugleich Bedürfnisse der Persönlichkeit befriedigen. […]
Der Mensch muß auf die Rationalisierung des sozialen Systems mit eigenen Formen der Selbstrationalisierung
und Selbstabstraktion, mit Vertagung von Gefühlen und Ausdrucksbedürfnissen parieren […] Hier deuten wir nur
an, um es festzuhalten: daß die Funktionen und Folgeprobleme der formalen Organisation nicht zugleich solche
der Selbstverwirklichung des Menschen sind, und daß unsere Ausführungen daher keine unmittelbaren
Rückschlüsse auf das Menschlich-Richtige zulassen." (Luhmann 1964, 26)

Luhmann hat bekanntlich Menschenbilder als etwas "Grausliches" (Hagen 2009, 98) bezeichnet;
dass er im gleichen Atemzug sagt: "Also der Mensch interessiert mich nicht […]", das ist anhand
seiner frühen wie späten Schriften in der Sache nicht nachzuvollziehen. Im frühen Organisations-
buch gibt es das aufschlussreiche letzte Kapitel "Menschen und Maßstäbe" (1964, 382ff); zudem
widmete Luhmann den ganzen letzten Band seiner Soziologischen Aufklärung (1995) der
Soziologie und dem Menschen. Selbst (also nach der Ausarbeitung des Personkonzeptes) von
Personen kann Luhmann in diesem Zusammenhang nicht mehr sprechen – wie es noch 1964 bei der
Gegenüberstellung sozialer und personaler Systeme (Persönlichkeit) teils wechselhaft geschah 125.
Mit der Form Person, die als Adresskonstrukt weitgehend sozialen Systemen zugeordnet wird, ist
diese Gegenüberstellung hinfällig. Man kann sich natürlich weiterhin auf Einzelsysteme im
Menschen beziehen, wie den Organismus, das Nervensystem oder das Bewusstsein. Aber bei
Luhmanns früher Gegenüberstellung zu sozialen Systemen, macht es heute im Grunde nur Sinn, bei
der Verflechtung dieser verschiedenen Systeme in einzelnen Körpern von Menschen zu sprechen,
wie es der späte Luhmann dann auch tut. Warum im Fach selbst spezialisierte Systemtheoretiker
einen nervösen Eiertanz um diese Schreibweise aufführen, gehört zu den großen Geheimnissen der
Zunft und stützt unnötig das Vorurteil der Wendung der Theorie gegen konkrete Menschen und das
Bild der alleinigen Eignung zur Analyse abstrakter Großsysteme. Ein starker Grund für die Vermei-
dung ist immerhin: Luhmann hat die Verwendung eines solchen Begriffs weder vorgesehen, noch
vorgemacht. Inhaltlich wird dabei mit der unbrauchbaren Diffusität der Bezeichnung der
ineinandergreifenden Systeme argumentiert.
125
Ferner behandelt Luhmann in Abhandlungen zu Macht und Vertrauen immer wieder anthropologische Fragen,
auch wenn Menschen dabei nie zentralgestellt wurden. Siehe dazu auch Schimank (2005).

78
Wir können diese Leerstelle hier natürlich nicht kurzerhand ausbessern 126, zumal die harte
Unterscheidung von Kommunikation und Bewusstsein tief in die gesamte Anlage der Theorie
reicht. Wir müssen uns wiederum mit Annäherungen und Ersatzstücken begnügen, um den
Problemfall "Gegenstruktur" weiter einzukreisen. Das psychische System mit seiner Operationalität
in Bewusstsein (also Gedanken und Vorstellungen) hilft uns hier nur bedingt weiter, weil es sich
komplett aus aller Sozialität heraushält und durch Bewusstsein operativ geschlossen ist. Psyche als
Gegenstruktur der Gesellschaft aufzufassen, wäre in Luhmanns Rahmen komplett verfehlt, weil
gerade die Differenz von Kommunikation/Bewusstsein als basale Konstitutionsbedingung sozialer
Systeme angelegt ist: Psychische Systeme als unverzichtbare Umwelt der Gesellschaft. Strukturelle
Kopplung vor allem durch Sprache ist der Scharnierbegriff; und die vagen Bezeichnungen
Luhmanns von "Störung", "Irritation" und "Perturbation" sollen alles Verbindende und
Grenzüberschreitende für den Leser erledigen. Das Individuum und seine im späten Mittelalter
aufkommende Individualität wird von Luhmann, wenn ich es überblicke, nicht an operativer Stelle
der Theorie thematisiert, sondern nur als Schema der Selbstbeschreibung in seinen Studien zur
Semantik des Individuums. Individualismus und mehr noch institutionalisierter Individualismus
(Parsons) wären allerdings medial erreichbare Schablonen, die gerade mit der Idealisierung des
Einzelnen als mögliche Gegenstruktur zur modernen Normalität aufgefasst werden könnten;
nämlich als ein kontrafaktisches Bemühen, Einzelmenschen für etwas ganz Besonderes und
Einzigartiges zu halten. Das Argument von Parsons ("institutionalized individualism") ist gerade,
dass jeder Einzelne aufgefordert wird, sich als einzigartig, als abweichend und in diesem Sinne als
besonders darzustellen und sich so wertvoll fühlen zu dürfen, ohne gleich mitbemerken zu müssen,
dass diese Aufforderung an alle gerichtet ist. Parsons´ bedenkenswerte Wendung hat ihren Reiz
gerade in dieser Mischung, dass heute jeder als einzigartig zu gelten hat. Der Begriff des Subjekts
hat im Kontext der Beschreibung von Menschen eigentlich keine Relevanz. Luhmann formuliert
auch nicht in dieser Weise, höchstens im logischen Rahmen der Subjekt/Objekt-Unterscheidung
oder in ganz speziellen Fällen der Anwendung der Theorie, etwa auf die Konstruktion von
Rechtssubjekten und der Möglichkeit der Zurechnung auf sie.

"Was geblieben ist, ist eigentlich nur die Gewohnheit, das menschliche Individuum als Subjekt zu bezeichnen und
es, in einer Art Konspiration gegen die Gesellschaft, unter diesem Namen zu verteidigen. Das ist nun freilich an
Banalität kaum mehr zu übertreffen – und vermutlich deshalb meinungsklimatisch wirksam. Die Tücke des
Subjekts – das ist seine Art, sich menschlich zu geben, sich als Mensch anbiedern zu können." (Luhmann 1995,
151, Herv. TL)

126
Erste explorative Versuche gibt es allerdings im Sammelband von Andreas Göbel/Peter Fuchs (1994). Siehe auch:
Farzin (2008), Puschmann (2002).

79
Wenn man also für das Problem Mensch in Luhmanns Theorie ein vorläufiges Ersatzstück sucht
und (wie wir hier) nicht imstande ist, eine Begrifflichkeit des Menschen einzuarbeiten, dann bleibt
im Grunde nur noch die Beschäftigung mit: der Person. Wir vollziehen hier nun Luhmanns Weg
nach über "Menschen und Maßstäbe" (1964) zum späten Aufsatz zur Form "Person" (1995a), die
jedoch für Liebe als Gegenstruktur nicht wesentlich wird als fragmentierte Partialinklusion von
Personen in die gesellschaftlichen Teilbereiche, sondern nur als ganze Person bzw. als Vollperson
unter Berücksichtigung aller sonstigen Rollenengagements und selbst anderer Systemebenen wie
Organismus und Psyche, über die kommunikative Berichte immer möglich, die aber eben nur in
ausgewählten Bereichen wie Intimbeziehungen anschlussfähig sind. Auch hier ist die Nähe zur
Therapie zu erkennen, wo man alles thematisieren kann und soll, was (allerdings: in einseitiger
Richtung) die eigene Person betrifft.127 Der Kassiererin im Supermarkt und auch meinem Chef kann
ich nicht umstandslos von meinen Schmerzen beim Zahnarzt berichten; ich kann es schon, aber ich
kann für solch ein Thema weder Interesse noch Verständnis erwarten. 128 Viel wahrscheinlicher
werden die Adressaten mit einer abwehrenden "Standard-Freundlichkeit" (Luhmann 1964, 390)
reagieren, um das Gerede abzuschütteln.

Im Abschlusskapitel seines frühen Organisationsbuchs (1964, 382ff und schon in den dahin-
führenden Abschnitten) spricht Luhmann mit seltener Klarheit über die durchaus problemreiche
Stellung von Menschen im formal organisierten Kontext. Ausgangspunkt ist die auch theoretisch
fassbare Einsicht, dass Einzelpersonen und soziale Systeme sich durch verschiedene Interessen und
Bedürfnisse auszeichnen und dass ein guter Teil der Organisationsforschung sich bisher mit dem
Ausgleich, mit dem Gleichgewicht und einer "Harmonisierung" von sozialem System und dem
teilnehmenden Personal befassen musste (Luhmann 1964, 386/87). Zur Verflechtung von Hand-
lungen in verschiedene Systemebenen bemerkt Luhmann,

"[…] daß dieselbe Handlung sowohl Handlung des Individuums als auch Handlung des sozialen Systems sein
kann. Sie kann beiden Systemen zugleich angehören. Die Unterscheidung verschiedener Systeme ist trotzdem
gerechtfertigt, weil sie sich als Systeme getrennt identifizieren 129 und je eigene Grenzen invariant halten. Aber sie
überschneiden sich in den umgrenzten Handlungsbereichen und nehmen zum Teil dieselben Handlungen für je
eigene Systemfunktionen in Anspruch. Auf dieser Konfliktlage beruht im wesentlichen ihre Bestandsproblematik,
der Ansatzpunkt funktionaler Analysen." (Luhmann 1964, 383/84)

127
In diesem Sinne wäre es eine spannende Frage der Abgrenzung, wann und für welche Fälle sich Liebende gegen
die Zumutungen des Partners zur Wehr setzen mit dem Hinweis: Ich bin doch nicht dein Therapeut.
128
Ein interessanter Bereich in Organisationen wären deshalb Krankmeldungen und ihre interne Behandlung; sie
stellen nicht nur mit Grund von den Pflichten der Mitgliedsrolle frei, sondern sind auch intern schwer und heikel
zu thematisieren, weil das Sprechen über Körper und Psyche hier in der Regel nicht am Platze ist. Die eigene
Krankheit lässt sich zudem schwer versachlichen und die mitleidige Gefühlslage wird meist leise und schamhaft
umgangen. Die Thematisierung von Krankheit geht damit meist ins informelle Geschehen der Organisation über.
129
Siehe dazu Kapitel 25 "Emotionale und funktionale Stabilisierung" in Luhmann 1964, 372ff.

80
Luhmann bringt dies auf den Begriff der "Systemverflechtung" (1964, 387). Ganz unverschleiert
psychologisch und personennah redet er hier auch (gegenüber Ansprüchen der Einzelperson) von
"Systembedürfnissen" (1964, 377). Allerdings könne man dabei nicht in älterer Manier von Ein-
schränkungen individueller Freiheiten reden, weil es schwierig ist, sich absolute Freiheit
vorzustellen, die als Gegenpol keiner Art von Struktur oder sozialen Vorgegebenheiten begegnete.
Wechselseitige Steigerungsverhältnisse sind ein bekanntes Luhmannsches Denkmuster: Die
Vorgaben und Forderungen in der Mitgliedschaftsrolle sind das Feld und das bekannte Terrain des
Personals, in dem sich individuelle Freiheiten erst zeigen und entfalten können. Sie sind sozusagen
die Stufen einer Leiter, an denen der Handelnde sich entlanghangelt; seine Freiheit wäre ohne diese
Struktur haltlos. Der Verzicht auf jede Mitgliedschaft in Organisationen wäre eben der Verzicht, in
diesen Organisationen die eigenen Spuren hinterlassen zu können – um es positiv und gegen den
Vorwurf der Entfremdung zu wenden. Aber der Verzicht auf jede Mitgliedschaft würde die
persönliche Freiheit in der Umwelt von Organisationen nicht sonderlich erhöhen. 130 Organisationen
fielen als Betätigungsfeld für den Freiheitsliebenden einfach nur weg.

"Normen und Werte dienen nicht mehr, wie selbst die Durkheim-Parsons´sche Soziologie noch anzunehmen
scheint, ohne weiteres der persönlichen und der sozialen Integration, so daß alles Abweichende als pathologisch
erscheint. […] es wird eine Frage der Kompensation, ob und womit jedes System die Nachteile ausgleichen kann,
die es in Kauf zu nehmen hat, weil es gewisse Systemnotwendigkeiten der anderen Seite honorieren muß."
(Luhmann 1964, 389)

Es liegt sehr nahe anzunehmen, dass die wesentliche Differenz hier auch die der Intimbeziehungen
ist: persönlich/unpersönlich – nur dass der organisierte Zusammenhang gerade die Kehrseite der
Medaille, die Möglichkeiten und Spielräume gefühlsmäßig-neutralen und unpersönlichen Verhal-
tens nutzt. Wenn man im Kontext von Liebe und Famile von persönlichen Beziehungen redet, ist
die Formulierung heute schon etwas abgegriffen; "persönlich" haftet etwas Abgeschmacktes, etwas
Aufdringliches, wenn nicht ein Anteil von zuweitgehenden Zumutungen an: Herr Maier nahm es
persönlich. Man sollte darum vielleicht besser von personorientiertem oder personbezogenem
Handeln sprechen, um die Relevanzen der Person(en) und ihrer Eigenheiten für die Kommunikation
herauszustellen und würde damit das heute doch wertende Moment des Persönlichen umgehen. Zu
sagen, jemand würde "persönlich werden" kann sogar soweit geraten, dass man schnell ungebühr-
liche sexuelle Anbiederung oder Annäherung mitdenkt. Wird jemand persönlich, kann es meinen, er
werde beleidigend.

130
Man kann dieses Verständnis von Freiheit durch Struktur gut nachlesen in Niklas Luhmann (2001). Artikel:
"Chirurg auf der Parkbank".

81
Die Differenz von persönlich/unpersönlich als Leitunterscheidung der Liebe hat ihren Präferenzwert
auf Seiten des Persönlichen, hat zugleich aber mit dem diffusen Wertegepäck desselben zu rechnen
und zu kämpfen. In ähnlicher Weise scheint Luhmann um Auflockerung bemüht zu sein, wenn er
familiäre Vorgänge als "enthemmte Kommunikation" (1990a) bezeichnet; das ist insofern kontra-
intuitiv und vom Alltagsgebrauch her ungewöhnlich, als man sich Gespräche im Familienkreis
meist als wohlige, heimelige, vielleicht konsensuelle Angelegenheiten vorstellt. Enthemmte
Kommunikation stellt dagegen den Zumutungsgehalt der persönlichen Einzelheiten heraus, für die
jedes Familienmitglied empfänglich zu sein hat, und stellt Hemmung und Inhibierung als moderne
Normalität dar; diese Grundlage eröffnet erst Pathologieanalysen davon etwa, dass die Familie
mindestens genauso viele Krankheiten und dramatische Konsequenzen nach sich zieht wie der
Krieg. Nur dass die Familie sich (im weitesten Sinne) ein Label von Heimstatt, Rückzug und
Gemütlichkeit gutschreiben kann. Der Krieg kann das ersichtlich nicht, weshalb Gefährdungs-
potentiale des Familienlebens dann überraschen können. Mit Luhmann lässt sich die problematische
Stellung des Menschen in Organisationen abschließend so zusammenfassen. Vieles deute darauf
hin:

"[…] daß emotionale und funktionale Stabilisierung unvereinbare Bauprinzipien sind, so daß man bei
Strukturentscheidungen zwischen ihnen wählen muß. In funktional stabilisierten Systemen haben Gefühle nur
ergänzende Funktionen und schnell pathologische Folgen – und dasselbe gilt für den umgekehrten Fall. […] Die
funktionale Stabilisierung geht nicht von den Bedürfnissen der Persönlichkeiten, sondern von selbständig
konzipierten Bestandsproblemen eines sozialen Systems aus." (Luhmann 1964, 376, Herv. TL)

Natürlich kann man diesen Fall der Inanspruchnahme von Menschen am Fall der Organisation
besonders gut vorführen, weil hier die Kommunikationsweisen (völlig im Gegentrend zur Liebe)
gerade auf unpersönliche Anteile bauen. Aber die abgestimmte, zurechtgerückte Inklusion oder
Teilhabe von konkreten Menschen an Kommunikation gilt für soziale Systeme schlechthin.
Luhmann hat immer wieder darauf hingewiesen, dass man den Menschen in keiner Kommunikation
wegkürzen kann. Auch Interaktionen sind in keiner Weise per se persönlicher, nur weil die Figuren
körperlich anwesend sind. Jedes soziale System stellt den menschlichen Persönlichkeiten seine
eigenen Regeln der Dynamik gegenüber. Für die Systemtheorie liegt eine eigene Interaktionstheorie
(Kieserling 1999) vor, die sich zwar nicht zentral für die Gegenüberstellung zum Menschen intere-
ssiert, aus der man aber viele Strukturregeln dieses Systemtyps ablesen kann: Dass man häufig
zustimmen muss, obwohl man das Gesagte gar nicht unterstützt, deshalb nämlich, weil man nicht an
jedem kleinen Punkt einhaken kann und Gespräche sonst nicht "laufen" könnten; dass man natürlich
nacheinander zu sprechen hat und man dadurch wertvolle Gelegenheiten fahrenlassen muss, obwohl
man dort hätte gute "Gedanken" einbringen können; und natürlich alle Fragen des Umgangs mit

82
Höhergestellten, die teils Vorzüge im Gespräch genießen, die man (als Persönlichkeit) gar nicht
goutieren muss usw.

In dieser Hinsicht gilt die Differenz von personalen und sozialen Systemen allgemein. Allein die
Formel, dass an Kommunikation mindestens zwei Bewusstseine beteiligt sein müssen, enthält schon
diese Grundlage. Zu sagen, ein Reden oder ein Handeln sei "persönlich", kann daher nicht heißen,
dass daran Personen respektive Menschen teilnehmen (das ist mit Luhmann selbstverständlich); es
bedeutet, dass dieses Reden oder Handeln im besonderen Sinne an den Eigen- und Besonderheiten
dieser Teilnehmer interessiert ist und innerhalb der Kommunikation mit Rücksichten, Nachfragen,
Aufmerksamkeiten veranschlagt. Während die Kommunikation in Organisationen vielfach versach-
licht und sich anderer Zwecken zuwenden kann – also konkrete Einzelmenschen und ihre Gedan-
kengänge und Körper nebenherlaufen lässt und lassen muss -, beschäftigt sich die persönliche und
intime Kommunikation gerade mit der Exploration und Extrapolation der Individualität der
Teilnehmer, also gerade mit den Punkten, die imstande sind, sie von anderen Menschen mehr oder
weniger scharf zu unterscheiden (sei es Erscheinungsbild, Meinungen/Ansichten, Biografie,
Rollenengagements und Erlebnisweisen oder nicht allgemein vorzufindende Interessen und
Sensibilitäten). In der Liebe sind die konkreten Teilnehmer nicht auswechselbar, in Organisationen
schon. Man sieht direkt, dass unter diesen Fall nicht allein Liebe fällt; dass es persönliches
Zugewandtsein gibt, das nicht auf romantisch-sexuelle Grundierung angewiesen ist. Psychotherapie
ist vielleicht für Abgrenzungsfragen ein relevanter Fall, natürlich auch viele Formen der
Freundschaft und neuerdings mehr und mehr allein auf Sexualität angelegte Kontakte, aus denen
sich aber Weiteres ergeben kann, sogar das romantische Beziehungsschema.

Und es ist nun eine Frage, ob Liebe – durch Verstehen, durch Verständnis, durch Verständigung –
den Beteiligten fiktiv glaubhaft machen kann, dass dieser Graben (also dass es zwischen den
Liebenden ein Interaktionssystem mit eigenen Regeln gibt) im intimen Kontakt und in seinen
Gesprächen eben nicht besteht; dass man sich kennt, dass man sich versteht, dass man sich in
vollem Umfange annimmt und schätzt, wie man im Original ist; dass (ganz unüblich) keine Themen
ausgespart werden müssen131; dass also alles thematisierbar ist, selbst Systemebenen, die
Kommunikation nur tangential berühren (also Körper, Organismus und Bewusstsein); dass hier
selbst Gespräche über Gedanken, über das Denken versucht werden, aber in der Weise, dass diese
Versuche selbstverständlich und real möglich sind und erst durch dieses Ausblenden in die Tat
umgesetzt werden.132 Auch das sind offenbar Strukturmerkmale der Intimkommunikation, die sich

131
Obwohl die Systemische Therapie heute zeigt, dass gerade Liebe und gerade Familie Strukturen, Thementradi-
tionen und no goes entwickeln, die die angenommene thematische Offenheit stark relativieren.
132
Dieses Argument findet man bei Luhmann im allgemeineren Kontext operativer Schließung. So heißt es etwa:

83
gegenüber der sonst wirksamen Systemhaftigkeit oder "Systematizität" abgrenzen und in dieser
Weise Gegenstruktur sind. Die Kommunikation verfährt an den meisten Stellen so, als seien nur die
konkreten Einzelmenschen an ihr beteiligt, und pocht darauf, dass es so ist. Selbst in Konflikten der
Paare stellen sich kaum Strukturfragen der Hinterbühne. Es liegt auf der Hand, dass der andere
schuld ist: Wenn du das nicht seinlässt, trennen wir uns. Die Systemtheorie mag die Figur der
Person hervorgebracht haben, aber die Liebenden behandeln sich in der Regel nicht als Adressen
einer dahinterliegenden, nicht erreichbaren psychischen Persönlichkeit. Es ist gerade Teil der Liebe,
dass die Partner sich als direkt zugänglich und als realistisch veranschlagen, wohl auch durch die
direkte Faßbarkeit der Körper, die dann eben so sind, wie man sie sieht. Der historisch bekannte
Seelenbund und alle Wahrnehmung des Vollaufgehobenseins in der Welt, auch das intime wechsel-
seitige Verstehen wären sonst eigentlich nicht erklärbar, wenn diese Fiktion nicht erreicht und
wirksam gemacht werden könnte.

Die Therapie durch den Psychologen mag mein Denken diffiziler und genauer erfassen, als mein
Partner. Auch die Ärzte im Krankenhaus mögen meinen Körper besser kennen, als mein Partner.
Vielleicht finde ich im privaten Sport, durch Massenmedien oder Wellness mehr Entspannung, als
mein Partner mir vermitteln kann, sowie ausgebildete Köche wahrscheinlich größere
Gaumenfreuden bereiten können als mein Partner. In allen Belangen persönlicher Bedürfnisse und
ihrer Befriedigung gibt es Spezialisten, die meinen Partner in je diesen Feldern zum Laien
degradieren. Ein besonders relevanter Fall darunter stellen natürlich sexuelle Bedürfnisse, stellen
Angebote von dritter Seite und die heute weitgehend moralisch entlastete Selbstbefriedigung dar.
Das Expertentum in all diesen Bereichen ist also nicht zu bestreiten; und auch die darin je
herabgesetzte (sollte man sagen: technische?) Kompetenz des Partners. Der Partner stellt im Grunde
aus jeder dieser Perspektiven gesehen einen Kompromiss dar. Was ihn trotzdem interessant und für
moderne Verhältnisse unersetzlich macht, ist der Punkt: Dass all diese Funktionen in ihm zwar auf
auf niedrigerem Niveau, aber immerhin doch zusammenlaufen. Das schlagende Argument gegen
alles Spezialistentum ist: Einheit. Es geht um eine (1.) allseitige, vielgestaltige Betreuung persön-
licher Anliegen (2.) nur durch eine hochvertraute Person (3.) unter Ausschluss von allen anderen
Nutznießern, also zugeschnitten nur auf mich. Im wechselseitigen Kontakt besteht hier ein Eins-zu-
Eins-Verhältnis mit Möglichkeiten, die Grenze von Kommunikation und Bewusstsein als unwe-
sentlich zu unterstellen und dies mit Dauer auszustatten. Theoretisch fiktiv, aber lebensweltlich

"Aber die Evolution erfindet neue Formen von strukturellen Kopplungen, und sie scheint Kopplungen zu
prämiieren, die die Irritationskapazität der Systeme erweitern. Das sieht man an der Erfindung selbstbeweglicher
Organismen, an der Erfindung des Auges, an der Differenzierung von Gehirn und Bewußtsein, die es dem
Bewußtsein ermöglicht, die Operationen und autopoietische Schließung des Gehirns zu ignorieren und sich statt
desssen über Wahrnehmung primär fremdreferentiell zu orientieren (obwohl die Außenwelt operativ unerreichbar
bleibt)." (Luhmann 1995c).

84
realistisch wird Einheit erreichbar. Abschließend kann man hier auf Luhmanns Skepsis hinweisen,
Glück und Erfüllung zu erreichen. Im Kontext von Organisationen heißt es (Luhmann 1964, 381):
"Die Frage ist, ob der Einzelmensch mit Hilfe des Buketts sozialer Leistungen jene Erlebnis-
sicherheit zurückgewinnen kann, die ihm einst sozial bestätigte Gefühle gaben, oder ob ´a more
sophisticated state of frustration for the individual´ das Beste ist, was sich erreichen läßt".

Fast am Ende von Luhmanns Theoriekarriere, drei Jahre vor seinem Tod, hat sich der Ton nicht
wesentlich geändert (1995, 8): "Am Ende dieses Jahrhunderts ist kaum noch zu bestreiten, daß die
Menschen mit einer Gesellschaft ohne Glück, ohne Solidarität und ohne Aussicht auf Angleichung
der Lebensverhältnisse zurechtkommen müssen. Für eine auf den Menschen verweisende
Forderungssemantik gibt es daher kaum noch Ansatzpunkte in der Realität." Und man müsste
hinzufügen: Trotz gegenstruktureller Tendenzen wie Personbezug und Einheitsstiftung dürfte
Luhmann Intimbeziehungen davon nicht ausnehmen.

***

Nach dem bis hierhin Gesagten kann man (als Fazit diese Kapitels) Luhmanns Unsicherheit gegen-
über dem Phänomen Gegenstruktur vielleicht umso mehr nachvollziehen, und es fällt schwer, ein
abschließendes Urteil zu fällen. Luhmann jedenfalls hatte die Sache bis zum Ende seiner Laufbahn
im Vagen belassen. Und man bekommt hier ein Gespür dafür, weshalb dies so geschehen ist.
Zunächst muss man den Punkt in Rechnung stellen, dass jedes Funktionssystem eine selbstsub-
stitutive Ordnung ist: Seine Funktion kann an keiner anderen Stelle des Gesellschaftssystems
erbracht werden; die Wirtschaft etwa kann nicht die Aufgabe des Erziehungssystems übernehmen
oder zusätzlich zur eigenen Aufgabe erfüllen. Aus der modernen Polykontexturalität der Gesell-
schaft könnte man irrigerweise (!) also die Perspektive eines jeden Funktionssystems als "Gegen-
struktur" zur restlichen Gesellschaft sehen. Die Religion hat ihre spezifisch unvergleichliche Sicht-
weise auf die Dinge und steht in dieser Einzigartigkeit automatisch oppositionell zu den anderen
Großsystemen.

Zu diesem Argument tritt verstärkend die immense Selbstüberschätzungstendenz eines jeden


Funktionssystems hinzu, die dazu führt, nicht nur die ganze Gesellschaft unter Maßgaben des
verwendeten Codes zu sehen, sondern in aller Regel die eigene Aufgabe, die eigene Funktion, die
eigene Existenz, Finanzierung usw. für wichtiger zu halten als die der anderen Systeme. Vielleicht
am deutlichsten sieht man dies heute an den Massenmedien, weil sie sich täglich aufdringlich und
gut beobachtbar exponieren: Vergleichbar mit Meldungen über Atomkatastrophen, Völkermorde

85
oder Zusammenbrüche durch schwere Erdbeben berichten die Massenmedien in derselben alarmis-
tischen Manier etwa über verdächtige Thematisierungen oder Einschränkungen der Pressefreiheit,
über Entführungen von unbekannten Journalisten und polizeiliche Durchsuchungen von Redak-
tionsräumen, also über Ereignisse, in denen sie sich selbst gefährdet sehen – und niemand sonst. In
einer Weise, wie der Sport (gegenüber anderen Nachrichten) völlig überzogen ausgebreitet wird,
gehen die Journalisten hier von einem allgemeinen Interesse in der Bevölkerung aus, wenn die
Politik über Presserechte berät oder die Pressefreiheit irgendwo nachteilig bearbeitet wird. Die
Massenmedien sehen in dieser Selbstüberschätzung nicht, dass dies Themen sind, die am meisten
sie selbst und ihr Personal interessieren und halten all dies für allgemein berichtenswert.

Also sowohl die Einzigartigkeit/Unersetzlichkeit der Funktionssysteme, als auch deren Tendenz zur
Übersteigerung des eigenen Treibens können im strengen Sinne nicht als Gegenstruktur gesehen
werden. Ersteres ist Folge relativer Perspektivität in der Moderne, Letzteres direkt mit den
Bestandsinteressen der einzelnen Funktionssysteme verbunden. Man gewinnt bei Luhmann wirklich
nicht den Eindruck, dass es sich bereits um Gegenstruktur handelt, wenn ein Funktionssystem einen
Code und Programme verwendet, die die anderen Großsysteme nicht verwenden – weil eben jedes
Funktionssystem anders fungiert als alle anderen. Das ist in dieser Hinsicht nichts Besonderes und
gilt auch für Liebe, wenn sie die Welt in persönliche und unpersönliche Beziehungen einteilt oder
eine trivialisierte Romantik als Programm benutzt.

Demgegenüber macht es allerdings Sinn, von Gegenstruktur zu sprechen, wenn man innerhalb der
Reihe horizontal geordneter Funktionssysteme mindestens zwei Gruppen (Dafür/Dagegen) bzw.
verschiedene Rationalitäten quer zur Differenzierungstheorie ausmachen kann, die nicht an den
Grenzen und Codes der Funktionssysteme haltmachen. Wir hatten dies – und zwar mit den Punkten
Personbezug, Intentionen auf Einheit und Rücksichten auf psychisch-organische Bedürfnisse – für
Liebe und Familie, für soziale Hilfe und für Therapie bzw. Medizin (Krankenbehandlung) geltend
gemacht.133 Einige Aspekte des Sports, vor allem der Breitensport, einige Varianten von Medien-
angeboten und Unterhaltung, die weitgehend zur freizeithaften Entspannung genutzt werden,
können hier zusätzlich diskutiert werden. Von dort aus lassen sich moderne, bisher vorherrschende
Werthaltungen in den anderen Systemen ausmachen, die Zugeständnisse ans oben genannte,
problematische Menschsein eben nicht zentralstellen, sondern vor allem "Systembedürfnisse" und
mögliche Hypostasierungen ihrer Funktionen betonen. Die Erlebnisorientierung junger Generatio-

133
Vgl. die von Fuchs (1993) eingebrachten Akzentverschiebungen (displacements) innerhalb des Luhmannschen
Kommunikationsbegriffs – Information, Mitteilung, Verstehen. Fuchs redet von einem romantischen Displacement
bei der Betonung der Mitteilungskomponente innerhalb der laufenden Kommunikation, also des Wie des Sprechens.

86
nen und Forderungen nach action (Goffman) kommen dagegen mit Webers bürokratischen
Verhaltensprämissen nicht überein.

Man sieht hier nochmal, wie nahe dabei Habermas´ Unterscheidung von System und Lebenswelt
rückt, der scheinbar genau diese Opposition im Sinn hatte. Leistungsorientierung, Versachlichung,
Trennung von Amt und Person, Zweckhaftigkeit des Handelns, Fortschrittsideen, Wahrnehmung
von Folgeproblemen erst über weite Umwege u.a. – das sind vermutlich auch Ingredienzen bei
Weber und seiner Bezeichung von Rationalisierung. Liebe lässt sich eben dagegen abgrenzen, weil
private, personale Bedürfnisse speziell bedient werden und Liebe sich häufig an der Aufgabe
abarbeitet, das Kleinstsystem der Intimbeziehung (als System) auf diese Bedürfnisse abzustimmen
und so eine ansprechende Nahwelt, Heimstatt und gemeinsamen Rückzugsort im Interaktions-
bereich zu ermöglichen – millionenfach. Die Schwierigkeit der Organisierbarkeit von Liebe fällt
hier ins Auge; Liebe mit ihrer unberechenbaren Fundierung in Passion und Romantik verbleibt
nicht zuletzt wegen des mitgemeinten Körperkontakts auf der Interaktionsebene. Für den Punkt der
fiktiven Einheitsstiftung in der Liebe muss man allerdings skeptisch urteilen, dass diese Einheit des
Personseins auch nur im Liebessektor praktiziert wird, in andere Lebensbereiche wohl ausstrahlt,
aber dort nicht als Schema übernommen wird. Die ganze Welt (Humboldt), die ganze Gesellschaft
kann angenehm und wohlig auf mich wirken, wenn ich mich im romantischen Basiscamp meiner
Beziehung aufgehoben sehe; und das hat Konsequenzen auch auf meine Rollenengagements in der
Umwelt der Liebesbeziehung, zugestanden. Theoretisch verbleibt diese Leistung aber innerhalb des
Schemas der Differenzierungstheorie und hängt an der Aufsplittung der Lebensteilbereiche und der
Partialinklusion der Person: Liebe suggeriert erfolgreich Identität, aber dies geschieht eben allein
im Liebessektor der Gesellschaft.

Letztlich versteht sich für die meisten Liebe als Gegenstruktur fast von selbst. Von wenigen
Ausnahmen abgesehen, beginnt jedes Leben und jede Biografie im Familienkreis. Es ist evolutionär
bisher zweifelhaft, ob die romantische Liebe zum späteren Partner als Seitenarm oder Abzweig von
der früheren Mutterliebe aufgefasst werden kann. Aber die eigene Familie ist zunächst beim
Aufkommen eigener sexueller Interessen der Kontext und Hintergrund, auf dem eigene romantische
Engagements zu geschehen haben, um sich bei Erfolgen dann davon mehr und mehr abzulösen. Der
"Bruch" oder jedenfalls die Diskontinuität zur eigenen Familie (allein aus dem Inzesttabu heraus)
scheint eine der wesentlichen Stellen zu sein, die zuvor erfahrene Liebe in ganz andere
Lebensbereiche hinauszutragen und dort eventuell bestätigt zu finden. Aus der Kontinuität heraus,
dass jeder Mensch im Einzugsbereich von (wie auch immer gearteter) Liebe in seiner eigenen
Herkunftsfamilie aufwächst, kann das Leben innerhalb einer Intimbeziehung als das wirkliche, das

87
eigentliche, ursprüngliche und wahre Leben erscheinen – einfach aus dem Grund, weil es dort
(unreflektiert) begonnen hat und mit basalen Erfahrungen gespeist wurde.134 Das kulminiert mit den
werberischen Vorlagen der Semantik. Dort hat man den Eindruck, echt und wahrhaftig so zu sein,
wie man ist. Das Paar- und das Familienleben kann so noch heute in weiten Teilen als eine Art
Natürlichkeit, als eine selbstverständlich anzustrebende Zielrichtung der Biografie erscheinen – und
Alleinleben als Abweichung, die einem selbst auffällt und schwerfällt. Luhmann redet vom
Alleinleben etwa lediglich von einem heute "tragbaren Schicksal". Sein stark vereinfachender
Dreischritt von Liebe => Ehe => Familie zeigt das heute noch hintergründig verbreitete (wenn auch
nun stark erweiterte bzw. relativierte) Muster privater Lebensführung an; trotz vieler
Alternativwege – Karrieren sporadischer Beziehungen, Mutterschaft ohne Partner, familienähnliche
Wohngemeinschaften, Abkehr von Sexualität u.a. - konnte kein Schema bisher so stark und
erfolgreich werden, wie Luhmanns Dreischritt, der in concreto vielleicht kaum mehr praktikabel ist.
Das semantische Skript ist aber weiterhin gut präsent.135

134
Die Psychoanalyse ist vielfach der Meinung, dass das familiäre Klima der Mutter- oder Elternliebe ein Vergleichs-
zustand für die späteren Partnerschaften darstellt; in dem Sinne, dass man versucht, ein ähnlich ansprechendes
Klima für sich zu finden, wie man es zuvor im Familienkreis erlebt hat (falls das überhaupt der Fall gewesen ist).
Dieses Argument betont also Kontinuität und nicht Diskontinuität.
135
Mit der Korrektur, dass man Ehe nun mehr und mehr ersetzen muss durch Intentionen auf Dauer. Dafür ist die
Eheschließung heute ersichtlich nicht mehr nötig und wird als nur noch symbolischer Akt gefeiert, steht aber nicht
mehr als Versprechen zu Beginn, weil es eh zu leicht aufgekündigt werden kann. Das Spannende sind dann also
nicht mehr die Entscheidung zur Ehe, sondern die Institutionalisierungsprozesse von Intimbeziehungen.

88
3. Zur Diagnose prekärer Anfänge der Liebe

Die Frage nach dem Anfang – der Gesellschaft, der Kommunikation, großer Systeme – hat
Luhmann immer abweisend mit dem Hinweis auf ein Immer-schon-begonnen-Haben beantwortet.
Überall wo denkbar Kommunikation vorkommt, gibt es eine Vorgeschichte, in die sie eingebettet
ist. Die Frage nach Anfängen der Liebe stellen wir hier aber nicht mit Blick auf das Medium der
Liebe, mit Blick auf einen massenwirksamen Code oder sein Funktionssystem. Wir fragen hier nach
den an Personen und ihre Biografien gebundenen Liebesgeschichten, nach den (historisch gesehen)
immens kurzen Liebesbeziehungen, die wohl abermillionenfach vorkommen, immer formiert in
zeitlich begrenzten Kleinsystemen, die sich, wenn nicht über den ganzen Erdball, so doch über das
Einzugsgebiet des elaborierten Codes streuen, den wir hier als modernen Code der Liebe behandeln.
Von daher fragen wir nicht nach den Problemen des Anfangs der Liebe an sich, sondern nach dem
prekären Anlauf dieser zahllosen Episoden, die täglich entstehen und sich wieder auflösen.

In der damaligen und heute mehr und mehr obsoleten Gegenüberstellung von Individuum/
Gesellschaft kann man auf der einen Seite (der der Gesellschaft) die Liebe als Code und Semantik
sehen; auf der anderen Seite Menschen, Personen, individuelle Lebensverläufe, sozusagen Einzel-
schicksale. In der Schnittmenge dazwischen kann man Liebesbeziehungen oder Liebesgeschichten
(Episoden) erkennen, die so lange bestehen, wie das Paar kommuniziert, und die sich auflösen,
wenn die Kommunikation endet. Hier kann man durchaus von Anfang und Ende sprechen, selbst
wenn beides durch die Beteiltigen oder Fremdbeobachter anders konstruiert, zum Beispiel nach-
rationalisiert wird. Liebende können berichten und Wissenschaftler können analysieren, wie und
wann eine Beziehung begonnen hat. Und auch für die Soziologie ist es üblich geworden, Liebesbe-
ziehungen in – zumeist drei - Phasen einzuteilen. Die Vermutung über Probleme des Anfangens
(der Anbahnung) ist daher konkret empirisch grundiert: dass Teilnehmer also verlauten lassen, sie
sähen Hindernisse und Barrieren, einen Partner zu finden und zu binden, persönliche Gespräche
aufzunehmen und Beziehungen zu starten. Was wir bei diesen Perspektiven auf Episoden immer
mitbedenken müssen, ist aber wiederum Luhmanns Diktum über den Anfang: Die Episoden
beginnen in einem Kontext eines (Fuchs: disloziert gebauten) Funktionssystems, der seit mehreren
Jahrhunderten in strukturierter Form vorliegt. Durch Formvorschriften (kulturelle Imperative) und
Semantiken stehen individualisierte Liebesgeschichten mit ihrer systemischen Umwelt im
Austausch. Die Episoden und Geschichten lagern in einem Medium Liebe, das schon längst
begonnen hat.

89
3.1. Luhmanns These von den prekären Anfängen der Liebe

Überblicksartig kann man hier zunächst sagen, dass die These schwierig gewordener Anfänge erst
in Luhmanns Hauptwerk zur Liebe von 1982 auftaucht. Die These wird dort erst und mit Zügen
einer Zeitdiagnose auf die davorliegenden zehn bis zwanzig Jahre ausgesprochen und mit einigen
Erklärungen grundiert, die wir weiter unten untersuchen. Das Buch "Liebe als Passion" war zudem
Gegenstand einiger Befragungen und Interviews mit Luhmann, schriftlich und mündlich, als Text
und als Videodateien heute verfügbar. Dazu zählt vor allem das Interview von Dirk Baecker mit
Luhmann in Luhmanns Interviewband "Archimedes und wir" (1987 [1983]) und ein Fersehinter-
view (dctp TV) von Alexander Kluge mit Luhmann, das für unsere Zwecke unergiebig ist, bis auf
Luhmanns Hinweis, wie historisch auffällig und sonderbar eigentlich der Punkt sei, dass die moder-
ne Familie nun auf eine Liebeserklärung gegründet werden muss – weil unpersönliche und kame-
radschaftliche Beziehungen nicht wie von selbst in Liebe übergehen, sondern der Punkt der eigenen
Verliebtheit thematisiert, kommunikativ manifestiert und greifbar gemacht werden muss. Ersicht-
lich bezieht sich dieses Argument aber auf die Durchsetzungszeit eines breiter verwendeten Code in
Europa ab dem 17. Jahrhundert (etwas später in Nordamerika) und gibt uns für die heutige Lage
nur eine grobe Rahmung. Man kann dazu nur feststellen, dass sich die Notwendigkeit einer
Liebeserklärung oder eines "Geständnisses" bis heute durchtradiert hat, wenn man mitteilen will,
dass man sich verliebt hat, und erfragen möchte, ob das Gegenüber für Liebe zur Verfügung steht.
Eine Liebesbeziehung stellt sich nicht unbemerkt ein – es sei denn, im Windschatten von Sexualität.

Wir gehen in der nun kommenden Behandlung werkhistorisch vor, weil der frühere Text "Liebe –
Eine Übung" (1969) einige interessante Vorläufer zu Luhmanns These von 1982 abgibt und bereits
für die Zeit der Studentenunruhen und der Zeit davor doch ins Auge stechende Veränderungen für
die Anbahnung konstatiert, denen Luhmann selbst offenbar noch etwas ungläubig gegenübersteht.
Der Text von 1969 ist hier sehr aufschlussreich bis in die Fußnoten hinein. Wir gehen auf dem
Zeitstrahl nun entlang der Entstehungsgeschichte von Luhmanns Texten, und wir ziehen das spätere
Interview mit Dirk Baecker in diesen Themenkreis mit ein: 1969 => 1982 => 1987 [Zeitpunkt des
Interviews bereits 1983]. Obwohl wir hintergründig einige werkgeschichtliche Details berücksich-
tigen, nehmen wir hier Luhmann beim empirischen Wort. Wir wollen seine These ausformulieren,
mit seiner eigenen Liebestheorie abgleichen und erläutern, worin Probleme des Anfangens bestehen
könnten. Von heute aus kann man also sagen: Mindestens seit 30 Jahren steht – was Luhmann
angeht - die Vermutung, dass (neben viel älteren Intimproblemen der Dauer) auch der Anfang
schwierig geworden ist: Warum könnte das der Fall sein? Welche Hintergründe lassen sich finden?

90
1969: Liebe – Eine Übung. Seminarvorlage Dortmund

Die These von den problematischen Anfängen der Liebe ist hier noch nicht präsent. Aber es gibt im
Umkreis der 68er Bewegung, der Luhmann wohl zumindest wegen ihrer marxistischen Theorie-
vorstellungen ablehnend gegenüberstand, einige wichtige Hinweise, die Veränderungen im Anbah-
nungsprozess von Liebesbeziehungen feststellen. Seine Beobachtungen verdichten sich aber noch
zu keiner Behauptung, es gäbe Schwierigkeiten in den intimen Anfängen. Sein Abgleich mit
amerikanischen Texten zeichnet allerdings schon Veränderungen vor. Luhmann beschränkt sich
hier noch auf einige Puzzlestücke, die in diverse Themengebiete (1969) eingebettet sind und dort
interpretiert werden.

"Das Sichzurechtmachen und Herausputzen, die Selbststilisierung als Kunstwerk macht einen Menschen noch
nicht liebenswert, kann aber zur Darstellung der Interaktionsbereitschaft dienen, zum Anlocken und als
Aufforderung zum Entdecken des liebenswerten Innneren. Dabei macht, wer seine Reize an sich selbst zur Schau
stellt, sich den Umstand zunutze, daß das Angebot den noch nicht spezifizieren kann, dessen Interesse erweckt
werden soll, also ´freibleibend´ ist und noch nicht zur Liebe verbindet." (Luhmann 1969, 20)

Hier im Kontext von Medienvergleichen verwendet (Kunst, Macht, Wahrheit, Liebe), wird in einer
Leib/Seele-Unterscheidung, die Luhmanns Liebestheorie an manchen Stellen überformt, für Anbah-
nung auf Körperlichkeit verwiesen. Das ist zunächst ein Ausnahmemoment, wo Luhmann in der
Theorie der Codes und Semantiken vor allem Interaktion (und dabei Gespräche), also in gewisser
Hinsicht den Geist der Liebe betont. Hier aber wird das Kennenlernen nicht über persönliche
Gespräche und charakterliche Anziehung vermittelt, sondern allein über nonverbale sexuelle Reize
und Wahrnehmungen. Hinweise auf Sexualität sollen zum Kennenlernen der ganzen Person anstif-
ten. Der allererste Auslöser, der erste Blickfang bestehe darin, "seine Reize zur Schau zu stellen".
So deutlich und so richtungsweisend wird Luhmann 1982 nicht mehr argumentieren, wenn größere
Konvolute der Liebessemantik in Anschlag gebracht werden. Gleichfalls kann man in dieses Zitat
eine Stufenstruktur oder eine zeitliche Abfolge hineinlesen: Dass also Interaktion in Gang kommen
muss über Umstände, die noch nicht voll und ganz wechselseitige Wahrnehmung garantieren,
sondern zunächst auch einseitiges Beobachten, Erblicken, Mustern und Inaugenscheinnehmen
meinen können – und dass erst danach charakterliches Kennenlernen codegeleitet Relevanz erhält.
Dies ist das Argument des Einfangens von sozialer Aufmerksamkeit als prinzipiell knappem Gut.
Und es betrifft in einer allgemeineren Hinsicht die Enstehung von Interaktionen als Systembil-
dungstyp schlechthin (vgl. auch Cary 1975, Duck 1977, Newcomb 1961): Wo Interaktion nicht ist,
kann Interaktion werden. Und dort muss das Geschehen noch auf semantische Anweisungen
verzichten. Dort kann das Geschehen noch nicht "als Liebe" behandelt werden. Es muss vielmals

91
noch auf Sprache verzichten und mit nonverbalen Signalen, Gesten und Körpertechniken auskom-
men, Äußerlichkeiten als Lockmittel.

Luhmann übernimmt hier offenbar den Trend aus der US-Forschung, die bis heute stark über
Schönheit, Anziehung und sexuelle Signale argumentiert. Kann Alter ein Ego in dieser Hinsicht als
anziehend wahrnehmen und aus dem sozialen Umfeld isolieren, kann dies als Aufhänger für
Interaktion genügen. Das Aussehen kann locken, obwohl (Luhmann dann wieder alteuropäisch)
schönes Aussehen "einen Menschen noch nicht liebenswert" mache. Aber als Idol der Liebe kann
Attraktivität erste Blicke auf sich ziehen und Interaktionsinteressen stimulieren. Das ist auch einer
Art naturalistischen Perspektive geschuldet: Aus der Ferne kann man mit dem Fremden zunächst
nicht sprechen, was sollte man ihm auch deuten, wenn man ihn noch nicht einschätzen kann? Man
kann ihn nur sehen, und das setzt wie einen Anker den ersten Eindruck.

"In scharfer Einschränkung dessen, was in der Philia-amicitia-Tradition gemeint war, wird Liebe im Allgemeinen
Verständnis zurückgeführt auf Beziehungen, die im Geschlechtsakt ihre Sinnerfüllung finden. […] Das heißt
natürlich nicht, daß Sexualität erst jetzt wichtig wird oder mehr Bedeutung gewinnt als zuvor, wohl aber, daß sie
erst jetzt [um 1700-1750; TL] in ein spezifisches, ausdifferenziertes Kommunikationsmedium eingebaut wird und
damit eine gesellschaftliche Funktion übernimmt, die weit über die Funktion der Nachwuchserzeugung
hinausgeht." (Luhmann 1969, 42)

Dies ist ein Teil des Hintergrundes für sexuelle Annäherungsweisen. Sie foskussieren nicht
schlichte Triebabfuhr, sondern Liebe. Sexualität (so auch Luhmann 1982, 137ff) wird in den
Kontext von Liebe eingebaut. Sexuelle Signale können nicht als Freundschaft oder Kameradschaft
missdeutet werden. In weiten Teilen des kleinen Buches von 1969 redet Luhmann von "sexuell
fundierten" Liebesbeziehungen und weist darauf hin, dass über die Nachkommenerzeugung hinaus
eine ganze Welt der Erotik, der Lust und sexueller Sehnsüchte ensteht, die nicht nur eine Motiva-
tionsquelle zur Aufnahme von Liebesbeziehungen ist, sondern auch elementarer Bestandteil von
laufenden Liebesbeziehungen schlechthin. Man kann sich zu diesem Zitat die spätere Erkenntnis
leicht hinzudenken, dass Sexualität eigentlich keine besonderen Gründe braucht, sondern aus dem
Erlebnis selbst überzeugt. Parsons hätte dieses Handeln vermutlich "konsumatorisch" genannt, seine
outcomes verbrauchen sich direkt im Vollzug, das Handeln lockt und versteht sich aus sich heraus,
wie vielleicht der Verzehr leckrer Speisen, und das Handeln spart nichts (instrumentell) für spätere
Zeitpunkte auf. Also kann man soziologisch schon 1969 den Gedanken erreichen, dass sexuelle
Beziehungen nur ihrer selbst willen aufgenommen werden, einfach so, weil Sexualität auf keine
weitere institutionelle Rahmung angewiesen ist. Sexualität überzeugt an sich, wenigstens im Mo-

92
ment – auch wenn das (blockiert durch Sexualmoral136) noch nicht offen verhandelt werden kann.
Ob damit auch "Lebenssinn" und biografische Sättigung gemeint sein können, ob serielle kurze
sexuelle Kontakte über lange Zeit als "Privatleben" befriedigen können, ist damit noch nicht
ausgemacht.

Instruktiv ist sicherlich die zeitliche Entwicklung von eher romantisch-charakterlicher Anbahnung
zur Anbahnung über die "Leimspur" der Sexualität (Baecker). Luhmanns Hinweise aus den späten
60er Jahren lassen erkennen, dass er die Umkehrung im Anbahnungsprozess ernstnimmt, obwohl
noch eine Semantik nachwirkt, die das offene Reden über mehr sexuelles Kennenlernen moralisch
nicht erlaubt. Stark abwertend ist dabei noch die Rede von Promiskuität oder Verwahrlosung, um
vor allem die Jugend auf Kurs zu halten. Das sexuelle (man muss hier wohl noch sagen:)
voreheliche Testen der Partner muss verschwiegen oder versteckt werden. Man hat vorzugeben,
sich selbst in den ersten Anfängen für die ganze Person plus Charakter und Eigen-heiten zu
interessieren. Trotz des stärkeren Aufwallens sexueller Anbahnung muss etwas anderes vorgegeben
werden, was eigentlich eine sozial geforderte Heuchelei ist; bis man vielleicht in den 80er Jahren
offen zugeben kann, dass die Gespräche, das gemeinsame Spazierengehen, die Café- und Kinobe-
suche, das Essengehen und das Sichzuhören doch eigentlich sehr lästig sind, wenn beide Teilneh-
mer wissen, dass sie eigentlich auf Geschlechtsverkehr hinauswollen. Zur Entstehungszeit des Tex-
tes 1969 wird teils noch moralisch-romantisch geworben, während die Liebe sich operativ schon
mehr und mehr über Sexualität einleitet, ohne dies thematisieren zu können. Es wird noch einige
Zeit vergehen, bis man mit allein sexuellen Interessen offener umgehen und Partner erfolgreich
verführen kann, ohne dass dies als blanke Unverschämtheit angesehen wird.

"Andererseits darf die Tragweite der Sexualität, vor allem als Kausalfaktor, nicht überschätzt werden. […] Man
muß sich sogar fragen, ob natürliche Sexualität (sofern es das überhaupt gibt) ausreicht, um die Einleitung einer
Liebesbeziehung zu motivieren, wenn dabei kulturelle oder interessenmäßige Hindernisse zu nehmen sind. Es
scheint, daß dazu zusätzliche Erregungsquellen nötig sind, die sich nicht auf das bloße Vermitteln oder Inaus-
sichtstellen sexueller Befriedigung reduzieren lassen. Sicher lagen solche Anlässe zur Steigerung organischer und
psychischer Erlebnisbereitschaften früher auch im Bewußtsein gemeinsamen Abweichens, in der anfänglichen
oder gar durchgehenden Illegitimität der Passion. An dessen Stelle findet man heute in weitem Umfange kommer-
ziell organisierte Erregungen, die, durch Schrift, Bild, Ton oder Aktionsgelegenheiten vermittelt, den Vorteil
haben, besser isolierbar und mit der Lebensführung im übrigen besser synchronisierbar zu sein." (Luhmann 1969,
53, Hervorhebung im Original)

136
Von der man einen Eindruck bekommt bei Helmut Schelsky (1955). Zudem für den historischen Hintergrund
instruktiv: van Ussel (1970). Zu den 50er und 60er Jahren speziell in Deutschland: Steinbacher (2011).

93
Auch diese Auskünfte gehören in den Umkreis stärker sexuell gefärbter Anbahnung, allerdings mit
dem Zweifel, dass das bloße Ausstellen und Inszenesetzen sexueller Körpersignale (etwa modische
Verweise auf primäre/sekundäre Geschlechtsmerkmale, das Inaussichtstellen von Geschlechts-
verkehr usw.) zur Verwahrscheinlichung des Anlaufens von Intimbeziehungen ausreichten.
Jedenfalls docken an diesem Problempunkt, wie Luhmann sagt, zusätzliche "soziale Mechanismen"
und "Erregungsquellen" an, die den allein sexuellen Körper in verschiedenste Kontexte des Alltags
einbetten, eine Forschungsrichtung, der sich Eva Illouz vor allem von Seiten der Wirtschaft und
ihrer Kulturindustrien her angenommen hat (Illouz 2007). "Natürliche Sexualität" wird im Kontext
moderner Gesellschaft zu einer undeutlichen Chimäre, die man der zusätzlichen Rahmung durch
kulturelle Angebote kaum mehr entkleiden kann. Sogut wie alles kann romantisiert und sexualisiert
werden, wie man in der Werbung lernt - das Autofahren, der Urlaub, die Wohnzimmereinrichtung,
der Jogurth. "Aktionsgelegenheiten" wie das Kino, das Theater, das Café, das Essengehen, das
Wandern, der Sport und die Ausflüge können immer wieder an die gemeinsame Weltkonstitution
des Paares angeschlossen und dann romantisch/sexuell ausgedeutet werden.

Interessant sind vielleicht alterspezifische Settings, die für die erste jugendliche Liebe herhalten
müssen; das kann selbst der Schulunterricht an höheren Schulen oder das Unterleben an Universitä-
ten sein, das können die Musik, die Clubs und Diskotheken in Städten sein (Otte 2007), die Parks
und der Campus (Bogle 2008), wo man sich bei schönem Wetter trifft, ohne zu vergessen, dass
gerade diese biografische Phase gern mit Rauschmitteln in Verbindung gebracht wird, um sich nicht
zuletzt für intimpersönliche Erlebnisse und ihre Eigenwelten aus dem Alltag herauszunehmen, um
Peinlichkeiten137 und schwellenartige Unmöglichkeiten durch eine Art gemeinsamer Umnebelung
zu überbrücken. Soweit Clubs und Diskos zum Kennenlernen fungieren (Otte 2007), sind junge
Erwachsene heute darüber informiert, man müsse bereits zuhause oder auf dem Weg dahin "vortrin-
ken", um in hinreichend enthemmter Stimmung am Zielort anzukommen, von dem man weiß, dass
persönliches Kennenlernen sich dort bündeln soll. Hier könnte man eine eigene Untersuchung
füllen, wie die Jugendkultur kreative Brücken in den Intimsektor der Gesellschaft schlägt. Als
etwas neuere Variante sind vielleicht Festivals zu nennen, denen man nicht nur Interessen an
Musik, sondern mehr Interessen an dem aus dem Alltag isolierten, rauschhaft-dynamischen
Massenerlebnis und am Kennenlernen von Fremden attestieren kann.138 Es gibt bereits einzelne
Forschungen, die bestimmte Großereignisse wie den Kölner Karneval oder das Münchner Oktober-
fest erfolgreich mit der Geburtenstatistik korrelieren – und das, obwohl die Quote sexueller

137
Siehe dazu Dreitzel 1983 und Schulz 2006.
138
Das mag für Woodstock in den 60er Jahren u.a. auch schon gegolten haben. Aber die soziale Funktion abseits der
Musik kann nun aus ihrer Latenz herausgeführt, sozial verhandelt und reflektiert werden – ohne dass der Sinn des
Ereignisses kollabiert. Die Bands sind der Anlass, die Musik spielt nebenher.

94
Kontakte wegen des Einsatzes von Antizeptiva oder Kondomen nochmal höher liegen dürfte. Zur
Entwertung "natürlicher Sexualität" und zu den Idolen der Liebe fügt Luhmann hinzu:

"Der Geschlechtsakt selbst ist durch kulturelle Trivialisierung als Beweismittel weitgehend entwertet, da ein
Interesse daran ohnehin unterstellt wird. Man kann am Morgen danach schon wieder zweifeln, ob das Liebe war.
Denn hochentwickelte körperliche Sensibilität, die aus dem Moment die Gewißheit der Dauer zumindest des
eigenen Gefühls gewinnen könnte, kann nicht als verbreitet vorausgesetzt werden. [...] Abgesehen davon erleich-
tert körperliche Schönheit und Attraktivität die Beweisführung – vor allem auch, was nicht unwichtig ist, Dritten
gegenüber. Schönheit gehört als wesentlicher Bestandteil in das Vorstellungssyndrom Liebe und scheint auch ein
fast unentbehrliches künstlerisches und literarisches Requisit zu sein. Vielleicht liegt einer der Gründe dafür hier:
Wer sich schön weiß, dem fällt es leichter, sich geliebt zu glauben, und wer einen schönen Menschen liebt, kann
andere und sogar sich selbst leichter von seiner Liebe überzeugen." (Luhmann 1969, 71/72)

Luhmann geht mit diesen "Idolen der Liebe" einen nicht unwesentlichen Schritt auf die
amerikanische attractiveness-Forschung zu, was für seine Theorie als Konzession zu werten ist. Ich
denke, dass hiermit manche Argumente der Tauschtheorie139 für unseren Zusammenhang wesen-
tlich werden könnten, auch wenn Luhmann seine Theorie eher abseits dessen anlegt. Das klärt sich
im Buch von 1982 besonders für den Anbahnungsprozess weiter auf, weil Luhmann die ersten
Versuche nicht umstandslos unter die Ägide des Liebescodes fassen kann. Die Anfänge, wenn man
noch vernünftig wählen und entscheiden kann (so Luhmann 1982, 92), bleiben dann für Luhmann
"untypisch" – nämlich von der Medientheorie und dem Liebescode her untypisch. Das Geschehen
verortet sich in irgendeinem Dazwischen, in Grauzonen uncodierter Ambivalenz. 140 Die Vermitt-
lung der Kommunikation kann noch nicht klar auf die Semantiken rückbezogen werden.141 Und
Luhmann (1982) tritt dann diese nebulöse Anfangsphase an die Tauschtheorie ab, weil er sie in der
selbstbezüglichen Geschlossenheit des Intimsektors nicht gut unterbringen kann. Wir kehren zum
Thema zurück:

"Damit liegt das Schönheitsideal formal und inhaltlich noch keineswegs fest. Es kann, wie seine Entwicklung in
den beiden letzten Jahrzehnten zeigt, Charme weitgehend aufgeben und bietet sogar Platz für vulgäre Brutali-
sierungen, so als ob es gelte, statt Liebe die Unerschöpflichkeit sexueller Potenz zu beweisen."
(Luhmann 1969, 72, Anmerkung 61)

139
Kurz und bündig Blau (1974); Collins/Coltrane (1991).
140
Das sind ähnliche Ansichten, wie man sie von Parsons-Interpret Richard Münch kennt, der immer wieder auf
Interpenetration hinweist und Luhmanns harte Geschlossenheit funktionaler Teilbereiche der Gesellschaft infrage
stellt. Interpenetration bei Luhmann scheint nach 1984 eher zu den Akten gelegt zu sein, sie endet bei Metaphern
wie Irritation, Störung, Perturbation – aber umgeht die Frage nach dem Wie.
141
Vgl. mit dem Argument der Uneindeutigkeit von Situationen als für Liebe nutzbare Ressource: Sabini/Silver 1982.

95
Hier kann man Luhmanns doch distanzierte Haltung zur sexuellen Anbahnung erahnen. Mit seiner
Einschätzung geht er sogar bis in die ersten Nachkriegsjahre zurück, und man weiß nicht genau, ob
er sich bei "vulgärer Brutalisierung" auf starke Männerrollen, pornografische Vorlagen oder
sonstwas bezieht. Vom Standpunkt der attractiveness-Forschung aber ist interessant, dass sich
ehemalige Mitbewerber für persönliche Anziehung (Charme, Charakter, Witz, Humor, Interaktions-
geschick, Unterhaltungsqualitäten) stark in Rücklauf befinden gegenüber Standards der Schönheit,
die nach Luhmanns Auskunft also schon in den 60er Jahren wichtiger werden beim Aufnehmen
intimpersönlicher Gespräche. Die "Unerschöpflichkeit sexueller Potenz" unter Beweis zu stellen,
deutet sogar schon auf die Abenteuer- und Erlebnisorientierung der Liebe hin, die erst breiter in den
70er und vor allem 80er Jahren ins Bewusstsein tritt (mit einem assistierenden Kult um Sport und
Fitness).

Einzelne Vorboten oder Irrläufer der wissenschaftlichen Diskussion um Attraktion lassen sich ins
Ende des 19. Jahrhunderts verfolgen; nicht als künstlerisches Interesse, als Staunen vor einer Natur,
als Schönheit für etwas Göttliches o.ä. (all das geht historisch viel weiter zurück), sondern als
dezidiertes Vergleichsmerkmal im Werben um Intimpartner, das sich gegen Herkunft, Status und
Tugend durchsetzen kann und im Kampf um Anerkennung immer stärker punktet (Fink 1890) 142.
Meines Wissens einer der ersten Autoren, die Schönheit ganz klar als Statusmerkmal neben Geld
und Macht ausmachen, ist Hans Zetterberg (1966, vgl. auch Collins 1971 und Webster/Driskell
1983); hier taucht in Ansätzen schon der Gedanke einer sexuellen Hierarchie und eines sexuellen
Wettbewerbs auf, dass auch die Armen, Machtlosen und sonst Unbedeutenden nun über allein
körperliche Schönheit die Möglichkeit besitzen, auf der großen Bühne des Lebens mitzuspielen –
dass also Schönheit beginnt aufzuschließen neben den anderen Geltungsmaßstäben wie eben Geld,
Macht oder Bildungsabschlüssen und diese durchaus entbehrlich macht (zum Ärger der Inhaber).
Heute gibt es in Amerika bereits Übereinkommen und politische Richtlinien, gutaussehende
Bewerber nicht wegen ihres guten Aussehens in Jobs und Ämter zu heben, sondern fachliche Leis-
tungsmerkmale zu prämieren.143

Der deutlich frühere und wohl auch bekanntere Aufsatz von Waller zum "Rating and Dating Com-
plex" (1937) nennt körperliche Schönheit als sexuelle Erregungsquelle nur am Rande und innerhalb
einer Reihe anderer Dimensionen der Geltung einer Person, wo vor allem die Zugehörigkeit zu
Studentenverbindungen, der Status des Elternhauses, das Verfügen über Geldmittel zum Einladen
der Studentinnen, der Besitz eines Autos für Unternehmungen und im weitesten Sinne gute Manie-

142
Vielleicht kein Zufall, dass Ende des 19. Jahrhunderts die Badeurlaube in Mode kamen.
143
Das Stichwort für Diskriminierung dieser Art ist: lookism. Für den Bundesstaat Victoria (Australien) siehe auch
den Equal Opportunity Act 2010, der 2011 in Kraft getreten ist und der zu diesem Problem Stellung nimmt.

96
ren (beim Tanz, beim Ausführen) wichtig wären, also noch ein sehr gemischtes Konglomerat
persönlicher Vorzüge. Trotzdem spricht Waller hier (1937, 728) von "thrill-seeking […] relation-
ships". Die anlaufende Fixierung auf sexuelle Körperlichkeit, die bestimmten Schönheitsstandards
unterliegt, ist hier noch nicht klar erkennbar. Der Thrill des Datings besteht insgesamt auch darin,
häufig angerufen, zum Essen ausgeführt zu werden, gemeinsam tanzen zu gehen oder mit dem Auto
durch die Gegend zu fahren – und mit den Alpha-Personen gesehen zu werden, um die Erfolge vor
Dritten darzustellen. Das Erlebnis zentriert sich noch nicht um gemeinsamen Körpergenuss schöner
Personen. So beschreibt Waller die Ansprüche an die jungen Männer, die im Dating auf dem
Campus (natürlich aber nicht im Ansinnen auf feste Bindungen) hoch rangieren, folgendermaßen:

"In order to have Class A rating they must belong to one of the better fraternities, be prominent in activities, have
a copious supply of spending money, be well-dressed, ´smooth´ in manners and appearance, have a ´good line´,
dance well, and have access to an automobile." (Waller 1937, 730)

Man muss sich sicherlich daran erinnern, dass sexuelle Anbahnungswege in den USA früher
spruchreif und gängig wurden, auf dem europäischen Kontinent etwas später. Aber man wird
annehmen dürfen, dass beiderseits Umbauten auch in der Liebessemantik nötig waren, damit
anziehende Körperlichkeit auf Liebe hindeuten konnte. Sowohl in Amerika als auch in Europa
gelangte der Code der Liebe immerhin noch über Herkunft, Status, Tugend, Treue, Anstand 144 an
diese Umbaustelle, das heißt der Code musste darauf eingestellt werden, anvisierte Partner in den
ersten Zügen der Anbahnung und des intimen Interesses in eine Zweiseitenform von Köper/Seele zu
spalten, und die Seite von Persönlichkeit, Einstellungen, Geschmack, Vorlieben zunächst einmal
abzuschatten und die ganze Person dann als anziehenden Körper wahrzunehmen - und dies insge-
samt als einen Anreiz für über Sexualität zu testende Liebe zu erblicken.

Man kann sich vom romantischen Hintergrund (Seelenbund, gemeinsame Weltkonstitution,


Intentionen auf Dauer) hier deutliche Probleme ausmalen, in Augenschein genommene Personen
zunächst einmal auf Körpermerkmale zu reduzieren und so mit weitgehend fremden Personen zügig
Geschlechtsverkehr anzusteuern. Das dürfte in den hier gemeinten Umbauzeiten der 50er und 60er
Jahre, zum Teil auch noch heute ein Problem der Verständigung und auch der Motivierung (des
Sichselbstüberzeugens) sein, wenn die Teilnehmer noch irgendwie romantisch vorinformiert sind.
Nachdem wir nun Jahrzehnte lang mit Werbung und Bildern von eindeutigen Posen versorgt
wurden, ist es schon zu selbstverständlich geworden, bei ausgestellten Reizen und knapper
Bekleidung sofort auf den Gedankengang Liebe/Sex umzuschalten. Historisch dürfte man sich
hieran aber erst aufwendig gewöhnt haben müssen. Wir können hier also Hinweise auf eine
144
Siehe für gute Beschreibungen charakterlicher Anbahnungswege Illouz 2011, 45-89.

97
Zweigleisigkeit des Codes aufnehmen (die auch Illouz 2011, 286 und 325 vermerkt): man kann sich
persönlich kennenlernen über Gespräche - oder raschen Geschlechtsverkehr. Im Buch von 1982
deutet Luhmann dies in Richtung einer Schwäche des Codes und mangelnder sozialer Abstützung,
die bei den Teilnehmern durchaus Verwirrung und Probleme der Koordination stiften können.

Man kann auch hier mit Luhmann der Frage nachgehen, ob die beiden Modelle eher romantischer
oder eher sexueller Anbahnung: nebeneinander oder nacheinander bestehen. Das meint, ob es
generell zwei Zugangsweisen zu Liebesbeziehungen gibt, über deren Bedienung man sich verstän-
digen muss; oder ob etwa in biografischer Hinsicht (besonders natürlich an jungen Erwachsenen
abzulesen) das sexuelle, erlebnisreiche Testen von Partnern einem romantischen Zugang der Partner
lediglich stufenartig vorausgeht, dann aber in vollwertige Beziehungen mit versteherischen Kompo-
nenten für Vollpersonen übergehen kann. Wir können hier zur Lernbarkeit der Liebe unter Jugend-
lichen bei Luhmann einige Hinweise finden.

"Inzwischen hat die Fundierung der Liebe in sexuellen Beziehungen und der damit gegebene Absonderungszwang
der Liebenden eine institutionelle Lösung innerhalb wie außerhalb der Familie nahezu unmöglich gemacht. Die
Lernmöglichkeiten, die die Gesellschaft offeriert, sind heute zwar leicht zugänglich, betreffen aber immer nur
Teilaspekte, die das Wesentliche auslassen. In den ´seminars of the street´ (Aubert), den Latrinenwänden, Zei-
tungsständen, Filmen und im Gerede der Gleichaltrigen lernt man nicht viel mehr, als die Universalität des
Interesses an Sexualität vorauszusetzen. […] Die angestellten Pädagogen lehren, seltsam unpädagogisch, den
Vorgang als objektivierte Physiologie – und nicht als Empfindung. Die unmittelbare Ausbildung eigener Erfah-
rungen im Privatunterricht findet keine gesellschaftliche Billigung und bietet im übrigen wenig Gewähr dafür, daß
sie den zu stellenden Anforderungen genügt. Verführung und Prostitution sind die Rollenkontexte, die dafür
bereitstehen. So bleibt es dem Zufall überlassen, ob erste geschlechtliche Erfahrungen lernfähige Empfindungs-
weisen prägen oder ob sie als hygienischer Schematismus objektiviert und irgendwo zwischen Zähneputzen und
Sichkratzen untergebracht werden." (Luhmann 1969, 73/74)145

Bei diesen etwas desillusionierten Auskünften zur Jugend muss man sich durchaus wundern, wie
romantische Ideale und Vorstellungen bei den nachwachsenden Generationen noch Verbreitung
finden. Luhmanns Einschätzung zum Lernen der Liebe ist hier durchweg skeptisch und fokussiert
am Ende relativ krude, simple Ideen über Sexualität, die noch am meisten Interesse fänden: etwa
"die Universalität des Interesses an Sexualität vorauszusetzen". Das heutige Internet und Relevanz
von Pornographie für Jugendliche konnte Luhmann noch nicht erahnen. Aber seine Einschätzung
tendiert doch in die Richtung des Buchs von 1982, dass nämlich der lernende Jugendliche bei
seinen ersten Erfahrungen (dank Schwächen des Codes) recht einsam dasteht, angewiesen auf
Massenmedien und das Wissen seiner peers. Auffällig bleibt, wie Luhmann 1969 den Teilaspekt der
145
Luhmanns Literaturverweis: Aubert 1965.

98
Sexualität für alle Zukunftsbelange recht stark herauskehrt, die Entwicklung zur Zeit seiner Studie
also im Anstieg sexueller Relevanzen innerhalb des Codes extrapoliert.

Sicher zeigt er darin gutes Gefühl, weil heute auch fachlich klar über den Verfall der Romantik
diskutiert wird (z.B. Lenz 1998). Aber es erklärt nicht, warum das romantische Ideal bis heute noch
nicht komplett gebrochen ist und in allen Bereichen der Massenmedien weiter als Vorlage erfolg-
reich reproduziert wird. Es klärt auch nicht die Gewichtung der Verstehenskomponente gegenüber
sexuellen Interessen, also ob sich sexuelle Relevanzen innerhalb des Romantikkomplexes nur
aufblähen (aber im Dachverband verflochten bleiben), oder ob sexuelles Erleben sich zu einem
eigenständigen Handlungsbereich ausbaut, das auf romantische Sinngebung und seine Einordnung
als Anbahnung für Weiteres nicht mehr angewiesen ist – wie es Theorien zu sexuellen Feldern und
sexueller Stratifikation (Green 2008; Martin/George 2006) nahelegen.146

"Wir haben gewisse Anhaltspunkte dafür, daß eine Mehrzahl von Liebesaffären die Liebesfähigkeit des normalen
einzelnen nicht bricht oder abstumpft, sondern eher steigert und zur Entwicklung emphatischer Fähigkeiten führt.
Aber auch für solche Liebeskarrieren gibt es keine institutionalisierten Bahnen, sondern im Gegenteil moralische
Mißbilligung, die sich mit der Idee der [romantischen; TL] Liebe befeuert. […] Die moderne ´Vergesellschaftung
sexueller Beziehungen´, von der Klaus Dörner spricht, bietet wenig Ansatzpunkte für die Entwicklung zu einer
tradierfähigen Kultur. Immerhin ermöglicht sie anstelle gezielten Lernens ein gewisses voreheliches Testen sexu-
eller Kompatibilität. Die kulturellen Normen die dazu zwangen, unter dem Druck gefühlsmäßig hochgespannter
Erwartungen Anschein für Eignung zu nehmen, sind im Abflauen begriffen." (Luhmann 1969, 74/75, Herv. TL)

Wichtig ist es, hier die letzte Fußnote des Textes von 1969 mitzulesen:

"Beigel […] traute sich noch zu formulieren: ´Sex as a selective agent is ineffectual in our culture since the
premarital testing of sexual compatibility is interdicted. Instead, the attraction produced by psychosexual emotions
is taken as an indication of mutual suitability. It does not, of course, fulfill this expectation ...´. Die eigentliche
Schranke liegt aber heute nicht mehr im Verbot vorehelicher Geschlechtsbeziehungen, sondern in der kulturellen
Norm: ´Erst die Liebe, dann der Verkehr´, die an dessen Stelle getreten ist und immer noch eine beträchtliche
Einschränkung der Möglichkeiten, insbesondere eine Desavouierung des umgekehrten Verlaufs bedeutet."
(Luhmann 1969, ebd. Anmerkung 69)147
146
Das hätte durchaus konzeptuelle Konsequenzen und Folgen für Annahmen über Sozialstruktur: Bei relativ
autonomen sexuellen Feldern (sei es für Sexualität allein oder für die Anbahnung von Liebesbeziehungen) wäre
etwa nach älteren Teilnehmern von, sagen wir, 40 oder 50 Jahren, zu fragen, die nach Trennungen oder
Scheidungen wieder zu Alleinlebenden werden. Wenn diese Personen wieder Intimbeziehungen anstreben, müssen
sie dann zunächst den Weg über Fitnessstudios und angesagte Boutiquen nehmen, um auf den konkurrenz-
bestimmten Feldern der Sexualität wieder reüssieren zu können? Oder wie erkennen sich andernfalls Partner im
fortgeschrittenden Alter, die für Intimbeziehungen infrage kommen? Gleiches gilt natürlich für junge Teilnehmer,
die den sexuellen Erwartungen (Illouz 2011, 80ff.: Kriterium sexyness) zunächst nicht entsprechen.
147
Luhmanns Literaturverweis: Beigel 1951. - Die Umschiffung des Verbots vorehelichen Verkehrs durch diverse
Formen des "Petting" hatte vor allem in den USA eine Tradition, die wir hier nur kursorisch nennen können. Das
Petting galt nicht als voller Geschlechtsverkehr und konnte den moralischen Anforderungen so gerade noch

99
Wie üblich, muss man Ehe und alles Voreheliche heute relativieren auf Intimbeziehungen mit
Intentionen auf Dauer und Verbindlichkeit, weil die Heirat ihren Status als sanktionsfähiges
Versprechen eingebüßt und Scheidungen rechtlich wie moralisch entlastet sind. Es ist aber heute
durchaus nicht sicher und auch sozialstrukturell nicht sicher, ob nursexuelle Beziehungen und
Biografien, die sich über Affären definieren, moralisch komplett entproblematisiert wurden. Gerade
auf dem europäischen Kontinent darf man daran Zweifel haben. Häufige Partnerwechsel von
Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden eine lange Zeit durchaus funktional gewertet oder
jedenfalls entschuldigt mit Umschreibungen wie, man solle sich zunächst einmal "die Hörner absto-
ßen" – um später eventuell in längere, ernstere, andauernde Liebesbeziehungen überzugehen. Die
damalige "Promiskuität" der Jüngeren wurde teils nachsichtig gedeutet als notwendiges Übel hin
zur Haltbarkeit und Zufriedenheit in späteren Dauerbeziehungen. Wenn man also über den kultur-
ellen Imperativ ´Erst die Liebe, dann der Verkehr´ spricht, kann man natürlich Aufweichungen und
moralische Entlastungen erkennen – aber andererseits doch keine vollständige Entwertung roman-
tischer long-term relationships, die weiterhin (was Wertepräferenzen148 angeht) hoch im Kurs
stehen. Von daher liegt es nahe, alles, was früher als Promiskuität bezeichnet wurde, also einen
Großteil des heutigen Spielens/Testens von möglichen Partnern auf sexuellen Kampffeldern 149,
noch im Rahmen des älteren Schemas der Romantik auszudeuten, das im Hintergrund bereitliegt –
nur dass die sexuelle Komponente sich nun stärker herausstellt und für Anbahnung wesentlicher
wird.150

Es deutet einiges darauf hin, dass die romantischen Vorlagen für Anbahnung allein nicht mehr gut
praktikabel sind, weiter von hochkulturellen Skripten/Schemata gereinigt werden müssen und dass
"Romantik" auch unter Bedingungen verknappter Zeit, kurzer Kontakte und hoher Kontaktmobilität
zu sperrig und aufwendig geworden ist, nicht zuletzt wegen hoher Investitionen in eigene Gefühle
und Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft – und so ein direkter Durchstoß auf Sexualität am
Ende übrigbleibt, um Anfänge relativ schnell und ohne viel Lernaufwand zu organisieren. Die
Autonomie sexueller Felder151 muss damit als soziales Faktum nicht bestritten werden, weil es für
die Eigendynamik solch eines Bereichs immer gleichzeitig genügend interessierte Mitspieler gibt,
wohl aber müssen sie bisher bestritten werden als ausgearbeitetes biografisches Lebensmodell für
genügen.
148
Vgl. Steinle/Wippermann 2003, 52ff und 68ff.
149
Siehe in Romanform Houellebecq 2000 und Ellis 2000: Hier werden sexuell anziehende Körper als "hardbodies"
betitelt. Die Bezeichnung fokussiert durchtrainierte und sportlich geformte (sexuelle) Körper.
150
Der aktuelle Kinofilm Little Thirteen (2012) um die Liebeswelten junger Teenies wirbt etwa mit dem Untertitel:
"Vögeln bis einer sagt, ich bleib bei Dir." Also auch hier Sex als Einstiegsformel für alles weitere, natürlich recht
herzlos, wenn man das junge Alter erster Erfahrungen mit der Radikalität dieser Vorgehensweise vergleicht:
Reihenweises sexuelles Testen mit dem Ausblick oder der Hoffnung auf Dauer. Dasselbe Schema bei Shteyngart
2011 (Roman), wo eine junge Frau sich beim ernsteren Verlieben geradezu wundert, dass unterhalb sexueller
Felder noch eine "Romantik" lauert.
151
Oder die Autonomie von Sexualität als gesellschaftliches Großsystem: Lewandowski 2004.

100
den Einzelnen. Hier darf man bezweifeln, dass die lebenszeitliche Kummulation nursexueller
Beziehungen trotz der Selbstlegitimation von Geschlechtsverkehr als reinem Genuss ausreichend
"Lebenssinn" abwirft. So müssten auch planerische Gedanken um Familie hier eigentlich abge-
schnitten sein. Im Kontext des "Lebens zu zweit" (also einer Abstimmung zweier Biografien) hatte
und hat der Komplex der Romantik viel weiterauslaufende und weiterverknüpfte Sinnhorizonte
anzubieten, die sich in ihren Möglichkeiten wohl aus dem Punkt der Dauer (des hochintensivierten
Kontakts) aufspannen – und dort gleichzeitig die Probleme erzeugen, die zum Ausweichen auf
Alternativen verleiten. Die Romantik hat momentan wahrscheinlich noch bessere Connections ins
systemische Umfeld der Gesellschaft, die breitere Verfügung über Semantiken und den moralischen
Vorteil, sich vor Dritten nicht entschuldigen zu müssen. Von daher ist eine Analyse der Romantik
heute immernoch wichtig und angebracht, vor allem eine Analyse ihrer bindenden, einenden, ver-
schmelzenden und verpflichtenden Punkte, die durch die Neuerfindung nursexueller Kontakte nun
umschifft werden sollen, nämlich gerade als negative Einengung, wenn nicht gar als "stahlhartes
Gehäuse" der Liebe auf dem Wege der Individualisierung der Partner.

Diese hoffnungsfrohe Sichtweise auf eine modifizierte Romantik kann allerdings nur gelten,
solange dem Partner immernoch Mitverantwortlichkeiten und Mitsprachemöglichkeiten eingeräumt
werden und solange auch eine Individualisierung und Identitätsbildung zu zweit künftig Chancen
findet. Das sind Grundlagen des Liebescodes seit seinen Anfängen, zusammen mit einer gemeinsa-
men Weltkonstitution, mit gegenseitigen Abstimmungsmöglichkeiten der beiden Lebensläufe – und
durch Intensivierung des Kontakts: eine Entlastung des Einzelnen zu erreichen. Es zeigen sich an
manchen Stellen heute auch Erscheinungen von verantwortungsvoller Individualisierung innerhalb
der Liebe, die alle Verteilung von Verantwortung, alle Aufteilungs- und Verschmelzungsideen ab-
lehnen, sodass in den Partner sachlich/zeitlich/sozial nichts hineingelegt wird, was man am Ende
eines jeden Treffens nicht wieder mitnehmen könnte. Sexualität taucht für diesen Fall nicht mehr im
Komplex gemeinsamer Romantik auf, sondern im Strauß je eigener und nach Verständigung
verlangender Bedürfnisse von Einzelakteuren – ohne den Fall wiederum ausschließen zu müssen,
dass man sich leidenschaftlich verliebt und dieses Prinzip hin zur Romantik öffnet. Dies wären
Anzeichen für eine flexible, anspruchsvolle Verhandlungsmoral der Liebe, die auf einzelne Inter-
aktionen zugeschnitten ist und sich trotz des punktuellen Kontakts um wechselseitige Komplett-
berücksichtigung wenigstens bemüht (wohl auch um die bekannten Verletzungen zu vermeiden).

Der Ausblick auf diesen Typ von Liebeskarrieren, der Sexualität nicht als Anlass für Verschmel-
zung nimmt und trotzdem verantwortlich verfährt, ist bisher so undeutlich, dass wir es bei diesen
vagen Anmerkungen bewenden lassen müssen. Zumal auch hier die Brauchbarkeit als Lebens-

101
modell (wenn es denn eines braucht) wiederum in Frage steht, eben weil man die meisten bisheri-
gen Funktionen der Liebe hier nicht unterbringen kann: Behandlung von Individualitäten als
einzigartige Persönlichkeiten und Biografien über eine zeitraubende Intensivierung der Kommuni-
kation. Der wesentliche Unterschied dabei ist, dass das Aktionszentrum für Liebe nicht mehr in der
Zwei (Fuchs 1999), also im Paar gesehen wird, sondern weiterhin (anknüpfend an unpersönliche
Beziehungen) im Einzelnen verbleibt. Immer, wenn es um Verteilung und Entlastung geht, findet
sich eine Stoppregel aus Autonomiegründen, die die Verantwortung für sich bei sich selbst behalten
will. Damit fällt in großem Maße weg, was die US-Forschung self-disclosure nennt, ein Öffnen und
Fallenlassen in den Anderen. Und natürlich fällt auch weg eine Teilung von Verantwortung für ein
gemeinsames Leben. Es handelt sich also vor allem um Restriktionen in der Zeitdimension (Dauer),
wenn Liebe nicht über die Interaktionen hinaus generalisiert werden soll.

Ich denke, am heutigen Punkt ist noch nicht entscheidbar, ob das eine Kürzung der Liebe bis in ihre
historischen Grundfesten bedeuten muss – oder eine gangbare, flexible Anpassung der Liebe an
Verhältnisse ihrer Systemumwelten. Bestrebungen hin zu diesem Extrem finden sich heute allemal.
Selbst für serielle Monogamie muss man nach jeder Trennung die "Verantwortung" fürs eigene
Leben wieder an sich reißen152, und sei es, um nach einiger Zeit wieder zu glauben, dass es mit dem
neuen Partner besser wird. Seelenbund und Verschmelzung können, streng genommen, bereits nach
dem Scheitern nur einer großen, auf Dauer angelegten Liebe nicht mehr überzeugen. Schon nach
ihrem Verlust kann der Glaube an Ewigkeit ja nicht mehr bestehen, weil man das Ende selbst schon
einmal erlebt hat. Eine Reihe romantisch angelegter Beziehungen erscheint so gleichfalls in ihrer
Unwahrscheinlichkeit. Und so sieht man die Möglichkeit, dass eine für immer gedachte Liebe
plötzlich ihr Ende nehmen kann.

Das Ausweichen auf die Alternative nursexueller Beziehungen kann man in einer anderen Weise
noch als Scheitern der Legitimation von Seitensprüngen oder Affären auffassen. Historisch war das
Nebenher von sexuellen Erlebnissen immer eine Möglichkeit, das Schema von Dauer und Romantik
in laufenden Ehen aufrecht zu erhalten, weil man nach einer gewissen Dauer deutliche Abstriche
bei der Impulsivität für den Partner machen musste. Bekanntlich war und ist die Prostitution daher
relativ fest verankert, weil sie helfen kann, bestehende Beziehungen an ihrer eigenen Trockenheit
und sexuellen Leere nicht zerbrechen zu lassen – das jedenfalls als funktionale Deutung. Diese
Ausweichbewegungen kreisen ebenfalls um den Punkt der Dauer und der Treue, wie auch serielle
Monogamie lediglich das Einmal-und-ewig-Lieben aufgegeben hat, aber nicht die Treue zum
jeweiligen Partner. Aber das zeigt an, dass es bis heute keine Legitimation oder Institutionalisierung

152
Was Liebe angeht: immerhin ein einsamer Akt, den auch Freunde nur flankieren können

102
von Untreue gibt. Seitensprünge müssen weiterhin verheimlicht und verdeckt werden, und wenn sie
auffliegen, werden sie meist zur Frage, ob die Beziehung noch weitergeführt werden kann. Von
daher kann man sehen, dass das romantische Schema als Dachverband aus Zuneigung + Sexualität
+ Dauer (mit ein und derselben Person) noch intakt ist - und weiterhin seine Probleme erzeugt. Das
Tendieren zur Teilnahme an sexuellen Feldern bedeutet heute daher nicht, dass man nebenher noch
Ehen pflegt oder feste Partner hat, sondern dass man auf den Punkt der Dauer und Intensivierung im
Voraus verzichtet - und sich auf die Seite der Sexualität in serieller Weise spezialisiert, also auf eine
Partialinklusion von Körper und Gelüsten.153 Das kann gedeutet werden als Aufbrechen des
romantischen Konglomerats und als Zerlegung in seine Teilbestände: Man kann Romantik – vor
allem natürlich den Teil der Geborgenheit - eventuell dadurch ersetzen, indem nichtsexuelle persön-
liche Beziehungen (Freundschaften) hochgezogen werden und sexuelle Bedürfnisse gleichzeitig auf
sexuelle Felder ausgelagert werden. Auch zu diesen ersten Versuchen einer "Ausdifferenzierung"
des romantischen Codes ist heute nichts Sicheres zu sagen; nur soviel eben, dass eine Legitimation
von Seitensprüngen nicht in Sicht ist und sexuelle Felder keine Behandlung der Einheit der Person
(Vollperson) anzubieten haben.154

***

Im Abgleich von Luhmanns Hinweisen zur Romantik mit heutigen Liebesrealitäten kann man den
durchaus schweren Stand des romantischen Liebens erkennen. Über Art und Form der Romantik als
Liebescode gibt Luhmann folgende Auskunft:

"Liebe vermittelt eine doppelte Sinnbestätigung: In ihr findet man, wie oft bemerkt, eine unbedingte Bestätigung
des eigenen Selbst, der personalen Identität. Hier, und vielleicht nur hier, fühlt man sich als der akzeptiert, der
man ist – ohne Vorbehalte und ohne Befristung, ohne Rücksicht auf Status und ohne Rücksicht auf Leistungen.
Man findet sich in der Weltsicht des anderen erwartet als derjenige, der zu sein man sich bemüht. Die Fremd-
erwartungen des anderen konvergieren mit den Eigenerwartungen des Ich, mit der Selbstprojektion. Das befreit
vom ewigen Kreisen des inneren Monologs und befähigt zur Selbstmitteilung nach außen und damit zum Lernen
an der Resonanz und zur Anpassung an sich ändernde Lebenslagen." (Luhmann 1969, 21, Hervorhebung TL)

Diese Beschreibung – selbst wenn, wie Luhmann sagt, man sich bemüht, die Weltsicht des Partners
zu bestätigen – erinnert fast an die bedingungslose Liebe der Mutter. Mit einer wechselseitigen
Komplettöffnung und dem Verzicht auf Masken/Darstellungen kann man in der Liebe der sein, "der
man ist". Das scheint der heutigen Individualisierung von Partnern und ihren Forderungen anein-

153
Als einzige, mir bekannte systemtheoretische Studie zu autonomer Sexualität: Lewandowski 2004.
154
Lewandowski (2004) sieht klar, dass es sich bei nursexuellen Beziehungen also um eine Partialinklusion der
Person in Bezug auf Körper und Gelüste handelt – also gerade entgegen der Leistungen der Liebe.

103
ander nicht mehr zu entsprechen.155 Sobald die Schwelle der Anbahnung einmal genommen ist und
das Paar in eine laufende Intimbeziehung übergeht, sei es unüblich, die Annahme des Partners
nochmals unter Bedingungen zu stellen. Oben heißt es, man könne rechnen mit einer "unbedingten
Bestätigung des eigenen Selbst".

"Zumindest die Gattenliebe – im Unterschied zur Liebe zwischen Eltern und Kindern – entfällt als Vehikel der
Übermittlung sozialer Werte und Kontrollen. Das Argument: wenn Du mich lieben willst, mußt Du viel verdie-
nen, regelmäßig zur Kirche gehen und zur politischen Wahl, ist uns moralisch suspekt wie jede Konditionierung
der Liebe auf Interaktionsbedingungen; und selbst bei strafbaren Handlungen erwarten wir, daß die Liebe nicht
deswegen aufgekündigt wird." (Luhmann 1969, 70)

Dies zu glauben, fällt schon schwer für laufende Beziehungen, die Verbindlichkeiten aufgebaut
haben. Aber es gilt ganz sicher nicht mehr für die Anfangsphase, wo heute mit vielen rationalen und
berechnenden Aspekten nicht wenige Kriterien für einen Partner aufgebracht werden (so auch Illouz
2011, 281ff), um einen Bereich von akzeptablen, wünschenswerten Partnern, also eine Art Tole-
ranzintervall abzustecken – und dies bevor die eigentliche Passion der Verliebtheit investiert wird!
Es gibt eine Reihe von "strukturellen" Benachteiligungen, sei es Arbeitslosigkeit/Armut, Krankheit/
Behinderung, politische/religiöse Extremismen, kriminelle Vergangenheit, bescheidenes Aussehen
wie Fettleibigkeit oder intime Altlasten, die bei der Bewertung von möglichen Partnern negativ zu
Buche schlagen. Das berichten auch Personen, die aus vorherigen Beziehungen Kinder mitbringen
oder sich durch vorherige Enttäuschungserfahrungen nicht mehr zügig in alle Lagen hineingeben
können, seien dies Ortswechsel, das gemeinsame Wohnen o.a.

Daher gibt es einigen Grund zu der Annahme, dass die Anbahnung am Ende ein Schwellenereignis
mit sich bringt (vielleicht vage vergleichbar mit Heirat in früheren Zeiten), das signalisiert, dass
man "zu seinem Partner steht", jedenfalls auf Zeit. Die wacklige Anbahnungsphase als Zeit des
Testens und Kennenlernens hätte wenig Sinn, wenn man für die Zeit danach nicht irgendeine Form
der Beruhigung annehmen könnte, die zum Beispiel auch das Reden von einem Paar oder von
einem Wir erlaubt. Unbenommen bleibt natürlich der Umstand, dass Beziehungen zu jedem
Moment ein Ende finden können. Daran können schlussendlich auch gemeinsame Kinder, gemein-
same Schulden und zuvor gemachte Zukunftspläne nichts ausrichten. Und das Unwahrscheinliche
der Liebe besteht dann auch darin, dass (trotz dieser exit-Option im Hintergrund) Verbindlichkeiten
mit Aspekten der Dauer entstehen können, obwohl man prinzipiell die Zukunft der Beziehung jeden
Morgen am Frühstückstisch durchdiskutieren kann. So fallen Annahmen über Liebesbeziehungen

155
Luhmann weist dazu vor allem auf das amerikanische Ideal der Partnerschaft (companionship) hin, das er vom
Standpunkt europäischer Romantik für ein "Ernüchterungsideal" (1969, 65) hält.

104
schwer, die ihr Fortlaufen bei jedem kleinen Ereignis auf den Prüfstand stellen 156 – also Institutio-
nalisierung und Stabilisierung völlig negieren. Das Testen des Partners in einer ambivalenten
Anfangsphase scheint doch die Hoffnung auf Dauer mit sich zu tragen: Man testet hin auf
psychosoziale und sexuelle Zufriedenheiten, und man stellt Zukunft kontingent; die Anbahnung
weicht der Frage des Sich-verlassen-Könnens auf den anderen ja gerade aus, das Testen muss auf
Garantien verzichten. Entgegen aller Konditionierung der Liebe hat Luhmann die Passionierung der
Liebe auf seiner Seite: Wenn man sich einmal leidenschaftlich verliebt hat, mache dies nicht halt an
sonst negativ einzustufenden Idiosynkrasien der Person. Passion macht es leichter, ungewünschte
Merkmale zu übersehen, und sie schafft einen auch psychisch wirksamen Ausnahmezustand, der
funktional ist für das Anfangen.

"Unmerklich wandelt sich Leidenschaft in Geschichte und wird zugleich durch Geschichte ersetzt. Die impulsive
Attraktion, die zur Übernahme von Selektionsleistungen des anderen motivierte, wird abgelöst durch das Schon-
verständigt-sein, durch das selbstverständliche Mitfungieren des anderen im laufenden Urteilen über die Fragen
der täglichen Lebensführung." (Luhmann 1969, 58, Hervorhebung TL)

Gerade in den verschriftlichten Profilen der Internet-Partnersuche kann man dem entgegen die
Kriterien und "Voreinstellungen" für Passion erkennen: also leidenschaftliche Liebe gerade zurück-
zuhalten oder zu diziplinieren, bis die psychologische und fast wissenschaftliche Ersterkundung
einer Person anhand diverser Eckdaten abgeschlossen ist – die Berücksichtigung eines Fotos zur
Begutachtung des Aussehens und die Vorbehalte beim ersten realen Treffen immer mitbedacht.
Liebe sei kein "Vehikel der Übermittlung sozialer Werte und Kontrollen": hier scheint Luhmann
doch etwas arg romantisch zu denken oder er konnte den Einfall der Pragmatik in den Code
(Schuldt 2004, 203ff) noch nicht erkennen. Zumindest für die untypische Anbahnungsphase wird
man Präferenzen und Wunschmuster sehen müssen, die die Rekrutierung und spätere Interaktion
vorstrukturieren. Das Zusammenspiel von Passion und Berechnung, aber auch die Trennung von
Verliebtheit und gezielten Vorbehalten hat Eva Illouz hinlänglich aufgezeigt. Romantik heißt heute
nicht blindes Sich-Verlieben.

***

Wir runden die Analyse des kleinen Texts von 1969 nur noch mit drei Zitaten zur Partnerwahl ab,
die Rückschlüsse auf intime Anfänge erlauben. Zur historischen Umbruchstelle im 17. Jahrhundert,
deren Passionierung der Liebe sich bis heute im Prinzip durchgehalten hat, meint Luhmann grund-
sätzlich:
156
Luhmann verweist hier auf die Ebene des Paarsystems, mit einer Immunität gegen kleinere Ereignisse.

105
"Die Lage wendet sich jedoch, wenn Passion als Institution Anerkennung findet und als conditio sozialer Systeme
erwartet, ja gefordert wird – wenn erwartet wird, daß man einer Passion verfällt, bevor man heiratet."
(Luhmann 1969, 32)

Man könnte das leidenschaftliche Sichverlieben bis heute als Grund oder Anlass oder Motivation
ansehen, Liebesbeziehungen einzugehen. Das gilt heute nicht mehr nur für Heirat, sondern bereits
für jede Art der Liebeserklärung zu Beginn nicht institutionalisierter Beziehungen. In einem
späteren Fernsehinterview mit Alexander Kluge meint Luhmann, dass die heutige Familie auf einer
Liebeserklärung aufbaut, was historisch sonderbar sei (Kluge o.J.). Man muss sich leidenschaftlich
verlieben, und da das Gegenüber das nicht zweifelsfrei erkennen, ahnen oder miterleben kann, muss
man es zudem mitteilen. Auch heute noch muss der Status des Verliebtseins aus der codemäßigen
Ambivalenz heraus manifest gemacht werden. Man muss in welcher Form auch immer mitteilen,
dass man den anderen liebt, und hoffen, dass, wenn er es nicht genauso sieht, sich vielleicht doch
überzeugen und von der eigenen Euphorie mittragen lässt. Das Risiko, das durch Enttäuschungs-
verarbeitungsmechanismen157 aufgefangen werden kann, bestünde darin, zurückgewiesen zu wer-
den. Antezipierte, vorweggenommene Enttäuschungen wären ein starker Grund, dass das Wer-
bungsgeschehen die Teilnehmer nicht recht überzeugen kann. Bei erhöhter Kontaktmobilität und
der Wahrnehmung eines größeren Pools von Partnern, aus dem (so könnte man denken) gewählt
werden kann, liegt es eh allein zahlenmäßig-statistisch nahe, dass durch vermehrtes und inflatio-
näres Unterbreiten intimer Offerten158 (also bei hoher Selektivität): das Ausschlagen von Angeboten
zunehmen muss und die Abweisung gewöhnlich wird. Damit bleibt eine gewisse Ironie des Wer-
bens, das eigentlich glaubhaft überzeugen soll, kaum aus. Die Mitteilung von Gefühlslagen büßt
damit an Authentizität ein.

"Partnerwahl aufgrund von individueller Passion hat über diese vordergründige Wertfixierung hinaus, und gerade
durch sie, angebbare gesellschaftliche Funktionen. Sie erhöht die Realisierungschancen des Kommunikations-
mediums Liebe. In sehr komplexen, stark differenzierten Gesellschaften mit ausgeprägter Persönlichkeits-
individualisierung und sehr unterschiedlichen Weisen der Lebensführung auch innerhalb der Gesellschafts-
schichten kann nur durch hohe Kontaktmobilität erreicht werden, daß Partner, die Intimbeziehungen bilden
können, zueinander finden. Institutionelle Designation [vor allem wohl die Steuerung durch die Familie; TL]
würde unter solchen Umständen Liebe extrem unwahrscheinlich werden lassen, das Niederlegen der institu-
tionellen Schranken und die Delegation auf das Individuum erhöht zumindest die Chancen. Die publizierten Idole
der Liebe, vor allem äußere Anhaltspunkte wie körperliche Schönheit oder Attraktivität, bilden dafür generali-

157
Siehe zu solchen gesellschaftlich präsenten Möglichkeiten Luhmann (1980c, 53/56/58), hier am Beispiel des
Rechts und wohl nur reformuliert auf den Liebessektor anwendbar.
158
Dies gewöhnlich gewordene Spielen und Testen unter jüngeren Teilnehmern korrespondiert im übrigen mit dem
Befund des Flirtens als aufregendem Erlebnis (Goffman: action). Luhmann (in Kluge o.J. Teil 2) beschränkte das
noch auf den Mann: "der Mann verführt überall und wo er will".

106
sierte Suchmuster. Die Herstellung von Konsens über lebensnahe Weltaspekte und konkrete Identitäten kann so,
jedenfalls zum Teil, durch die Rekrutierungsweise vorbereitet werden und kann erst dann der elementaren
Interaktion und personalen Erwartungsbildung überlassen bleiben." (Luhmann 1969, 37, Herv. TL)

Auch hier findet man die zuvor genannte Stufenstruktur, dass also die Auswahl des Partners über
Wahrnehmung und Gefallen die späteren Möglichkeiten für Gespräche vorseligiert. Man gerät mit
möglichen Partnern ins Gespräch, die einem zuvor ins Auge gestochen sind. Luhmanns Idole der
Liebe – in der Interaktion nicht disponibel und größtenteils aspriktiv, aber aus dem Komplex Liebe
nicht wegzudenken - stellen, ganz gemäß der US-Forschungsschwerpunkte, Leitlinien für die
Anbah-nung dar. Die Schönheit hängt offenbar sehr vom Auge des Betrachters und seinen Vorlie-
ben ab, zumal Luhmann sich auf keine Schönheitsstandards beruft. Erst nach der wahrnehmungs-
mäßigen Isolierung der Person aus dem Umfeld, kann alles Weitere "der elementaren Interaktion
und personalen Erwartungsbildung überassen bleiben", wo in Handlungen und Gesprächen der
Code greift.

Man ist hier doch geneigt, nach Luhmanns Funktionalismus zu fragen: Die über Idole der Liebe
laufende "Rekrutierungsweise" der Partner scheint ihre Vorteile für die einsetzende Interaktion zu
bringen. Wenn sich beide schön und attraktiv wähnen, müssen sich die Partner keine Sorgen
machen, nicht aus Liebe geliebt zu werden, während bei asymmetrischen Verhältnissen immer
ungleich verteilte Vorteile als externer Grund für die Liebe unterstellt werden können. "Du liebst
mich nur wegen meines Geldes/wegen meines schönen Körpers!", kann die Anklage lauten, die bei
Symmetrie entfällt.159 Ob die schönheitsnahe Auswahl auch Folgen für die Dauer oder Zufrie-
denheit laufender Beziehungen hat, lässt Luhmann umbeantwortet. Die Vorteile dieser Art der
Partnersuche erläutert Luhmann nur mit höherer "Kontaktmobilität", also wohl quantitativ: Das
schnellere und zahlenmäßig breitere Testen von Partnern sagt qualitativ wieder nichts über Passung
aus, aber es erhöht die "Realisierungschancen" des Mediums, Intimbeziehungen zu stiften. Anfänge
realisieren zunächst das Medium, Dauer bleibt eine andere Frage. Kontaktmobilität meint eben
auch, dass es heute über die Zeit viel mehr Beziehungen gibt, weil sie immer kürzer andauern.160

"Am Ende dieser Entwicklung finden wir in hochkomplexen modernen Gesellschaften die Liebesheirat. Sie ist
´formal frei´ institutionalisiert wie Arbeit, Vertrag und Organisation. Das heißt nicht, daß alle sozialen Einflüsse
auf die Partnerwahl verschwunden wären – schon ein Blick in die Statistik [etwa das Bildungssystem als
Partnermarkt; TL] zeigt, daß schichtenhomogene Gattenwahl dominiert -, wohl aber, daß die Kontrollen in der

159
Siehe zum Symmetriegebot oder Äquivalenzprinzip auch Illouz 2011, 309ff (gleiches zu Altersunterschieden mit
dem Idol der Jugendlichkeit).
160
So erkennt man hier auch neuere Aufgaben für die Familiensoziologie, wenn es um die Frage des Nachwuchses
geht in Beziehungen, die sich während des Aufwachsens der Kinder immer selbstverständlicher auflösen. Vgl.
zum Zufall der Begegnung und zur "Vergrößerung der Kontaktkreise" Luhmann 1982, 181.

107
Form selbstauferlegter Rücksichten beim Sich-Verlieben, in der Form vorsorglicher elterlicher Kontaktanbahnung
oder Kontaktverhütung oder auf ähnliche, von der institutionellen Vorschrift Liebe abweichende Weise geübt
werden müssen. Daß solchen Steuerungen die Legitimation, ja die öffentliche Darstellbarkeit und das Bekenntnis
zum Zweck entzogen wird, zeigt an, daß die Gesellschaft strukturell von ihnen unabhängig geworden ist und das
Risiko beliebiger Heiraten tragen kann." (Luhmann 1969, 36)

Diesen Stand der Dinge haben wir heute noch. Elterliche Direktiven können selbsterzeugte Leiden-
schaften nicht ersetzen. Und letztlich lässt sich Passion überhaupt nicht von fremder Seite
dirigieren oder für (Familien-) Interessen einsetzen, weil Passion als in der Person vorhanden und
damit frei flottierend/eigendynamisch unterstellt werden muss. Niemand kann anweisen, wen ich
leidenschaftlich lieben soll. Wahrscheinlich würde auch genau diese Anweisung die Freiheit der
Wahl unterlaufen, weil Eltern auch mit noch so perfiden Rückkopplungsschleifen nicht steuern
können, in wen der Sohn/die Tochter sich zu verlieben hätte. Eine Anweisung – selbst die nutzlose,
sich frei zu entscheiden – bliebe eine Anweisung.

1982: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität

Hier spricht Luhmann nun die These von problematischen Anfängen bei Intimbeziehungen aus. Das
Kapitel 15 ("Was nun?") ist für uns und auch in seinen Anklängen von Ratlosigkeit instruktiv, weil
es versucht, die Liebesrealitäten der damaligen Gegenwart um 1980 zu reflektieren – was nun gut
30 Jahre her ist. Luhmann weist auch auf mögliche Anschlüsse an die Tauschtheorie hin, weil der
Code in kurzen Momenten des Aufeinandertreffen (nonverbal), noch nicht voll zum Zuge kommen
kann. Stellen sich zunächst Barrieren für leichte Gespräche, so fehlen auch weithin Gelegenheiten,
Code und Semantik für sich auszubeuten 161. Es geht dann um Oberflächenverständigungen über
Klischees, Gesten und die genannten Idole der Liebe (Schönheit, Attraktivität, Körpertechniken,
sexuelle Signale, allgemeine Attraktoren für Aufmerksamkeit), die zunächst einmal den Blick
fangen müssen, um eine Person des annähernden Gesprächs für würdig herauszustellen. In Kapitel
15 (1982, 197ff) spekuliert Luhmann, was die Entwicklung des Codes angeht, auf ein "Programm
des Verstehens" (212), was offenbar auf die seinerzeit beliebten, fast therapeutischen Partner-
schaften (companionships) der Zeit nach 1968 zielte. Exaltierte Passion sei so gut wie passé,
niemand werde mehr ernsthaft liebeskrank, große mitreißende Romantik sei wegen ihrer Lernnot-
wendigkeiten und um sich greifenden Generalisierungen kaum mehr alltagsfähig. Problemorien-
tierte Partnerschaften des wechselseitigen Aufbringens von Verständnis und durchaus deutlichen

161
Zur Erinnerung: Hirschle (2007) hatte dies auch an Örtlichkeiten und Institutionen wie Schulen und Ausbildungs-
stätten untersucht. Er liegt in der Thematisierung von Gelegenheitsstrukturen damit auf der Linie von Blossfeld/
Timm (1997, 2003), die bildungshomogene Partnerwahl im Bildungssystem herausstellen.

108
Interessen an recreational sex erscheinen als der schon etwas ausgekühlte Kompromiss der
modernen Liebe.

Das ist sozusagen der historische Abriss bis in die 80er Jahre. Verwundern muss allerdings, dass
Luhmann die über sexuelle Signale laufende Strategie des Kennenlernens hier nicht wesentlich
weiterverfolgt, obwohl zur damaligen Relevanz von sexuellen Beziehungen (wie schon in Luhmann
1969) immer wieder verhaltene Anmerkungen zu finden sind. Luhmann arbeitet diesen Strang und
die Untypik der Anfänge über oberflächliche Tauschverhältnisse nicht weiter aus, stattdessen
argumentiert er nun über die Basisdifferenz des Codes von persönlich/unpersönlich.

Die Veränderung "[…] ergibt sich aus sozialstrukturellen Entwicklungen und besteht letztlich darin, daß die
moderne Gesellschaft die Unterscheidung von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen radikalisiert. Ohne
viel Übertreibung kann man sagen, daß in jeder sozialen Beziehung diese Differenz erfahrbar wird: Die
unpersönlichen Beziehungen sind ´nur´ unpersönliche Beziehungen. Die persönlichen Beziehungen werden mit
Erwartungen eines auf die Person Abgestimmtseins überlastet, woran sie oft zerbrechen, was die Suche danach
nur verstärkt und das Ungenü-gen nur unpersönlicher Beziehungen nur umso deutlicher hervortreten läßt. Anders
als je zuvor wird damit die Differenz persönlich/unpersönlich zur konstitutiven Differenz […] Das heißt schon auf
dieser Grundlagenebene ganz praktisch: daß sowohl im Erleben als auch im Handeln Schwierigkeiten des
Anfangens autreten, weil man in Situationen, die primär durch unpersönliche Erwartungen geordnet sind, ein
Interesse am Persönlichen zum Ausdruck bringen muß, ohne dafür über gesellschaftlich geprägte Anlaufformen
(Galanterie) zu verfügen." (Luhmann 1982, 205, Hervorhebungen im Original)

Die Differenz von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen setzt sich so universell durch,
dass die Frage der Überleitung weitgehend im Dunkeln bleibt. Ähnliche Differenzen wie Rang-
unterschiede (vgl. oben das Gebot der Symmetrie/Äquivalenz) oder die Differenz von Gleichen und
Ungleichen162 werden damit überschrieben und formatiert in die Frage, ob man jemanden kennt
oder nicht kennt. Das Kennenlernen wird dem Zufall, der Dynamik des Einflusses Dritter oder der
Unordnung spontaner Situationsgebundenheit überlassen, es gibt sozusagen keine offenen, gezielten
Schablonen der Überleitung. Das Grüßen etwa ist weiterhin gebunden an ein Sie und ein Du, und es
verbleibt dann doch ein Risiko, ob und wann man etwa unter Nachbarn bei wiederholtem Zusam-
mentreffen versuchsweise oder "versehentlich" ein Du anschlägt. Für unsere Zwecke kann man das
Schema erweitern zu einer Reihe von unpersönlich => persönlich => intim. 163 Beraterwissen zur
persönlichen (freundschaftlichen) oder intimen (sexuellen) Annäherung scheint daher einen Status
162
Zu den Problemlagen ungleicher Ausgangslagen siehe etwa: Grothe 2008 (obwohl es hier einige Verwirrungen der
Doppelrolle als Kellner und Soziologe gibt).
163
Das korrespondiert mit Luhmanns Hinweis auf die Strategie der kleinen Schritte (etwa im Kontext des Aufbaus
von Vertrauen); man unterbreitet kleine oder unterschwellige (indirekte) Offerten und kann erst aus Reaktionen
über Annahme/Ablehnung (also nachträglicher Sinngebung) sehen, ob die Kommunikation für Weiteres offen-
steht. Vgl. Luhmann 1982, 91 zum Werben.

109
von abgespaltenem Sonderwissen oder Geheimwissen zu haben, das man als eigenes Interessen-
gebiet nicht umstandslos ausstellen kann. Man kann nicht gut durchs Treppenhaus laufen und dem
Nachbarn bei der Begegnung nebenbei erzählen, man habe sich ein Buch mit Annäherungstipps
gekauft, was man ja mit Zeitschriften oder Romanen oder Fachbüchern doch recht unverfänglich
machen kann. Es wird doch allgemein unterstellt, dass die Aufnahme zumindest persönlicher
Beziehungen kein wesentliches Problem darstellt und nebenher oder von allein verläuft (Latenz).

Ähnliche Schwierigkeiten mit öffentlicher Thematisierung, denke ich, haben auch Wissen oder
Erwägungen über intime Annäherungsstrategien (z.B. Flirtratgeber), die ihr Thema strategisch,
vielleicht psychologisch, teils über Tipps für Gesprächsaufhänger usw. angehen, wo man doch das
Sicheinlassen auf erste Gespräche ganz grundlegend dem Gebot der Freiwilligkeit unterzuordnen
hat. Flirtratgeber haben so trotz großer Beliebtheit einen etwas windigen Stand wie früher die Rhe-
torik, der Sophismus vorgeworfen werden konnte, also die Nichtorientierung am Wahren und das
daher nicht legitime Interesse am Nur-Recht-bekommen-Wollen. So kann man auch heute kaum
eingestehen, sich Anfängen von Beziehungen oder Gesprächen strategisch anzunähern, wenn deren
Zustandekommen als selbstläufig, spontan und freiwillig aufgefasst werden muss. Man zieht also
unangenehme Motivverdachte, Verdachte der Manipulation oder Steuerungsinteressen auf sich,
wenn erreicht werden soll, was eigentlich dem Zufall überlassen bleibt. Zwecksetzungen dieser Art
wären im höchsten Maße unromantisch und bewegen sich an den Grenzbereich des Zwingens zur
Liebe heran.

Das Durchbrechen-Wollen unpersönlicher Situationen und das Hinauswollen auf persönliche


Gespräche, sei es, über andere etwas zu erfahren oder das Thema auf die eigene Person zu bringen,
lässt sich damit auf den Nenner bringen, der auch für jedes Flirten gilt: Etwas zu verlangen oder
vorzuschlagen, für das es keine offizielle "Legitimation" gibt und das man in keiner Hinsicht
verlangen kann. Die Grenzen all dieser Offerten sind die Grenzsetzungen individueller Selbstbe-
stimmung und die Freiheit zum Mögen und Lieben. Es genügt, wenn das Gegenüber signalisiert:
Ich möchte nicht. Wenn es bereits gesagt werden muss, kann man von einer Anmaßung oder
persönlichen Grenzüberschreitung ausgehen. Selbst das schöne Sprichwort des Lyrikers Ernst R.
Hauschka "Höflichkeit verpflichtet zu nichts, aber sie kann den Anspruch erheben, erwidert zu
werden", steht unter heutigen Maßgaben im Verdacht der moralisch gefärbten Aufsässigkeit und
des Anbiederns. Nach Luhmanns Befunden gerade im ersten historischen Kapitel (1982, 57ff:
Freiheit zur Liebe) kann auch für das Flirten/Werben als kommunikative Form des Erreichen-
wollens, was nicht verlangbar ist, im Grunde nur gelten, dass es keinen Anspruch auf Liebe gibt.164
164
Vgl. dazu Illouz 2011, 276 zu Schmerzen der Ablehnung und ihrer Verzweiflung: "Ich möchte – nein, ich verlange
– Liebe." (Interview); aber bereits Nietzsche: "Die Forderung, geliebt zu werden, ist die größte der Anmaßungen."

110
Die Unverbindlichkeit (wenn nicht Ironie) und die Einsicht, bei jeder Annäherung ihren Erfolg und
Aussichten auf Liebe selbst aufs Spiel setzen zu müssen, fügt sich in den Wertekanon Europas –
und zugleich in Risiko, Spiel und Spannung des Flirtens.165

"Dies könnte bedeuten, daß ein vertieftes Verständnis von Liebe sich heute, anders als man früher meinte, kaum
dazu eignet, das Anfangen und die Anlaufphase einer Intimbeziehung anzuleiten. Hierfür mögen sich
Tauschvorstellungen besser eignen, die im Code wirklicher Liebe ausgeblendet sind. Dann bleibt zwar offen, wie
in einem verbreiteteren, verdichteten Tauschverständnis Selbstlosigkeit und Orientierung am anderen als domi-
nantes Motiv sich einnisten können. Aber ist diese Orientierung weniger plausibel als die einer Zufallsentstehung
von Passion? Und außerdem lägen Beziehungen auf die Romantik gar nicht fern […], die ja auch verkündet hatte,
daß äußere Gesten entsprechende Gefühle nach sich ziehen können." (Luhmann 1982, 205/206)

Luhmann bemerkt zum elaborierten Code der Romantik zu Recht, dass zufällig sich ergebende
Passion nicht ausreicht, sondern es (genau genommen) zu einem Doppelzufall (1982, 76) kommen
müsste. Hier im Zitat hegt er am Tauschkonzept die Zweifel, ob der Attributionsprozess der han-
delnden Bestätigung der Weltsicht des anderen zustandekommen kann, wenn der Schwerpunkt der
Aufmerksamkeit auf dem Einklagen eigener Ansprüche (Präferenzen) liege und so wohl in den
nicht seltenen Fall des Kampfes der Geschlechter mit je eigenen Forderungen übergeht. Luhmann
scheint das nicht gerade für Liebe halten zu wollen. Leider nennt Luhmann gegenüber der Tausch-
theorie nicht die wichtigeren, inhärenten Probleme dabei, Liebe als Tausch zu fassen: Zunächst
wirkt trotz aller Standardisierungsversuche (von Schönheit, von Status usw.) ein subjektives
Empfinden und Gewichten der Geltung der Vorzüge – das heißt, dass es keine eindeutige Währung
im Tausch gibt. Es mag ein Schwellenereignis (wie bei Zetterberg: overcomeness) geben, das sich
aber nicht objektiv aus 2 Zählern Status plus 3 Zählern Schönheit plus 1 Zähler Charakter minus 2
Zählern ungewünschte Merkmale (1 für gelbe Zähne, 1 für antiquierte Kleidung) ergibt. Das
Schwellenereignis und die Passioniertheit bleiben einem teils subjektiven Attributions- und Bewer-
tungshorizont verhaftet, schon Standards der Bewertung für Schönheit sind nicht allgemein-
verbindlich für Liebe und lassen sich zu keiner eindeutigen Währung verdichten. Daran scheitert ein
Tausch. So lassen sich die "Skalen" des Modelbusiness, die globalen Durchschnittsgesichter, die
Maße und hohen Wangenknochen kaum in die Geltung/Wertigkeit von intimen Partnern übersetzen.

Aber auch für Fälle, in denen Alter seine eigenen und die fremden "Gebote" (Merkmale) einiger-
maßen sicher ins Verhältnis setzen und bewerten kann, wird sich die Bewertung kaum so präzis und
kleinschrittig modellieren lassen, dass als hinnehmbare Partner nicht nebenbei auch andere mit
(Menschliches, Allzumenschliches I, Aphorismus 523)
165
Das Vortäuschen aufrichtiger Gefühle und eigener Einbezogenheit haben also wohl immernoch ihren Platz in
dieser Form der Kommunikation, zumindest als Möglichkeit des Selbstschutzes bei der Konfrontation mit Enttäu-
schungsmöglichkeiten.

111
gleicher Geltung infrage kämen. Das Tauschkonzept lässt die Vorstellung kaum zu, dass die
Verrechnung von Vor- und Nachteilen sich auf einen und nur einen Partner zuspitzen muss, damit
die Wahl eindeutig würde. Wenn es dann aber einen kleinen Pool, einen Auswahl- oder Toleranz-
bereich akzeptabler Partner gibt, weiß man mit dem Tauschkonzept allein nicht zu erklären, warum
Alter sich gerade in Andreas und nicht in Stefan verliebt. Das Verlieben selbst gehört ja schon nicht
zum Tauschprozess. Das passionierte Schwellenereignis der eigenen Überwältigung durch die
Komplettperson Egos muss zum Start einer Liebesbeziehung hinzukommen, und an diesem Punkte
hat die Tauschtheorie keine Erklärung. Als Liebestheoretiker klemmt man hier zwischen den im
Zitat beschriebenen zwei Fronten: Der Code der Romantik ("ein vertieftes Verständnis von Liebe")
reicht für den Beginn nicht aus, aber das Abtreten des Geschehens an die Tauschtheorie bringt ihre
eigenen Unzulänglichkeiten. Luhmann sieht zum Ende des Zitats den Ausweg, dass die kühlen
Schachzüge des Tauschs sich nachträglich in Liebe verwandeln können166, also wiederum in einer
Stufenstruktur: Zuerst die rationale Wahl und Bewertung, danach leidenschaftliches Sichverlieben.
Passion müsste während der Tauscherwägungen zunächst gezügelt und ihre Vergabe sozusagen
rational verwaltet werden. Es müsste gelten, ein Sichverlieben vorerst zu vermeiden.167

"Von anderen Ausgangspunkten her wird diskutiert, wie es in öffentlichen Situationen und angesichts der Kürze
des Kontaktes, der hier erwartet werden kann, überhaupt möglich ist, mit persönlicher Kommunikation zu
beginnen. Die Fähigkeit, über sich selbst zu reden, scheint Voraussetzung zu sein für den Beginn einer
Intimbeziehung; sie stimuliert den Angesprochenen, auch über sich selbst zu reden. Die Neigung, dies zu tun, mag
in hohem Maße psychologisch bedingt sein; aber ihre Verwirklichung hängt auch von sozialen Situationen ab. Es
kommt hinzu, daß der Code der Liebe ein Exklusivverhältnis bezeichnet, daß man also einen Vorstoß in Richtung
Liebe nur erkennt, wenn Momente der Ausschließung anderer mitkommuniziert werden. Gerade dies ist in
unpersönlichen, öffentlichen Situationen jedoch nahezu unmöglich; denn wer hier mit dem gebotenen Tempo zur
Kommunikation über persönliche oder gar intime Angelegenheiten übergeht, zeigt damit, daß er dies sozusagen
habituell und jedermann gegenüber tun wird. Unter solchen Umständen mag eine sinnlich-sexuelle Akzentuierung
des Interesses die Kontaktanbahnung erleichtern, sie signalisiert jedenfalls auch in öffentlichen Situationen
zwangsläufig eine gewisse Exklusivität der Kontaktbereitschaft." (Luhmann 1982, 206)

Diese Beschreibung gerade öffentlicher Settings fasst gut die Hilflosigkeit des romantisierten
Liebescodes. Gerade in der Öffentlichkeit zeigen sich kürzeste Kontakte unter vielen Fremden, die
keine Wiederholung oder Fortsetzung erwarten lassen, sodass ein Kennenlernen per Zeit wegfällt. 168
166
Ich führe folgenden Begriff ein: Nachromantisierung.
167
Siehe dazu wieder Illouz 2011 mit einer feministischen Theorie der Bindungsverweigerung von jungen Männern
der Mittelschicht. Wegen der tickenden "biologischen Uhr" stünden die Frauen im Nachteil, weil sie weniger Zeit
hätten, sich fest zu binden. Dazu und zur Theorie von Eva Illouz auch: Spiegel 2011.
168
Intime Anbahnung innerhalb von organisational verfasster Arbeit hat diesen Zeitvorteil und Möglichkeiten des
regelmäßigen Aufeinandertreffens auf ihrer Seite. In Ermangelung an Statistiken kann man nur den Zeitungen und
Magazinen entnehmen, dass ein beträchtlicher Teil des Kennenlernens am Arbeitsplatz stattfindet. Einige Zahlen
im Spiegel (2010): Emnid 2003 stellt für die 30-50 Jährigen – also nach Wegfall der Ausbildungsinstitutionen für

112
Vor einiger Zeit, als die Konkurrenz um soziale Aufmerksamkeit noch überschaubarer war, konnten
vielleicht situativ witzige Szenen, spontane, überraschende Gespräche den Umstand einer beson-
deren Isolierung aus dem Umfeld erzeugen und sich auch ins Gedächtnis einschreiben. Wenn man
in Städten aber die Zahl der Kontakte, das Gewimmel und die Generalisierung des fremden
Anderen hochzieht, scheint auch hier der Weg über sexuelle Signale die größten Erfolge zu ver-
sprechen. Die Rede von der Trivialisierung des Codes ist bei Luhmann nur ansatzweise ausgear-
beitet und findet bei diversen Kommentatoren leider immer wieder eine kulturkritische Aufnahme,
die in Formen der älteren Sozialkritik Frankfurter Prägung endet. Dem kann man das Argument
entgegenhalten, sich Erkenntnismöglichkeiten zu nehmen, die die Fragetechnik von Luhmanns
Äquivalenzfunktionalismus sonst bietet: Welche Funktion, welche Aufgabe oder welchen
Stellenwert bekommen sexuelle Signale (im Abgleich mit anderen Herangehensweisen) mit Blick
auf das Bezugsproblem der Einleitung intimer Kommunikation?

Und die Antwort ist nicht schlicht: Verwahrscheinlichung, sondern betont auch andere Voraus-
setzungen für den eigenen Einsatz sexueller Signale. Zunächst muss der frühere Verführer (verfü-
gend über Witz und Charme) nicht gleichzeitig die Möglichkeiten besitzen, durch Körper und
Aussehen Blicke einfangen zu können. Die Verteilung der Ressourcen ist eine andere. Dann aber
wurde für Trivialisierung auch häufig ihre angestrebte Breitenwirkung ("Demokratisierung")
erwähnt: Die von hochkulturellen Elementen gereinigten Formvorlagen machen ein Lernen oder
eine Ausbildung in diesen Dingen kaum mehr notwendig und öffnen den Zugang dem Laien und
dem "Pöbel", so wie die Trivialisierung des Sports im Breitensport. Der Einsatz sexueller Signale
spricht sich leichter und schneller herum, als alle Winkelzüge und Kniffe des romantischen Codes.
Es gibt also diesen zeitgebundenen und rein pragmatischen Lernvorteil, der es auch simplen TV-
Programmen oder schlichter gebauter Popmusik ermöglicht, von einer viel größeren Zahl wenn
nicht genossen, so doch wenigstens genutzt zu werden. In ähnlicher Weise äußert sich Rudolf
Stichweh zu Bologna und der Massenuniversität: Es sei doch eigentlich wünschenswert, dass viele
junge Menschen studierten. (Stichweh 2010b)

Dieses Argument bezieht sich im Grunde auf alle Sujets der "Massenkultur": Bei der Verbreiterung
des Nutzerpools und der Nivellierung von Einzelansprüchen, kann man von schneller Verständ-
lichkeit und Nutzbarkeit ausgehen. Was die Zeitungen als Niveauverlust verhandeln, ist dann
vielleicht nur ein Nebeneffekt; bei mehr Nutzern, muss man "verallgemeinern". Und sexuelle
Signale scheinen durchaus gemein zu sein. Kaum jemand weiß sie nicht wenigstens rudimentär zu

die Partnersuche – diese Reihenfolge auf: 1. Arbeitsplatz, 2. Freundeskreis, 3. Internet, 4. Club/Disco, 5. Urlaub.
Siehe auch Schreyögg 1995; und Kramer (2009), die von der Hälfte aller Ehen spricht, die sich am Arbeitsplatz
finden.

113
bedienen, und so gut wie jeder kann sie zielsicher deuten. Die Auswirkungen für Liebesbezieh-
ungen im Ganzen (man erinnere: Sexualität zunächst nur als Teilbestand der Liebe) sind bei dieser
Entwicklung vielleicht noch nicht abzusehen, vor allem wenn jeder Hinweis auf Sexualität als Liebe
gedeutet werden soll; und auch was es für das Verständnis von Liebe und die Erwartungen an sie
bedeuten kann, wenn mit ihr vordergründig Sexualität assoziiert wird. Ich weiß nicht, ob Luhmann
hier auch eine Stufenstruktur sehen würde: Romantik könne sich, wenn nötig, später einstellen.169

Letztlich lässt sich über diesen Stand der Trivialisierung hinausgehen und zudem der Vorteil
attestieren, dass sexuelle Signale wie eine Umgehungsstraße Kognition umsegeln können. Soweit es
im romantisch bedachten Code Probleme des Sich-Überzeugens und Probleme der eigenen Motivie-
rung gab, ist die "Leimspur" der Sexualität (Baecker) nun ein Weg, Personen stärker biologisch-
physiologisch für Liebe zu vereinnahmen. Die Reflexion auf die Romantik birgt immense Fall-
stricke, sich in ihrer Kommunikation zu verstricken und der Übernahme von Offerten (Erfolgs-
medien!) entgegenzuwirken. Die nähere Zukunft wird zeigen müssen, ob Menschen sich allein über
sexuelle Signale, über das Spiel mit der Nacktheit, mit den primären wie sekundären Geschlechts-
merkmalen, über Posten/Gesten und das Inaussichstellen von Geschlechtsverkehr auch zur Liebe
bewegen lassen, ohne dabei eine Abspaltung des eigenen Körpergeschehens zu entwickeln.170

1983: "Darum Liebe" - Luhmann im Interview mit Dirk Baecker

Es bietet sich wegen sachlicher Passung an, hier die Diskussion von Dirk Baecker mit Luhmann
(Luhmann 1987, 61ff, Interview bereits im Jahre 1983) einzuschieben, die nochmals die Frage nach
den Anfängen aufnimmt. Auch Dirk Baecker ist dieses wackelige Phänomen aufgefallen und es
heißt dort:

"Baecker: Sie schreiben, daß Liebe zu halten immer unmöglich gewesen sei, daß es heute aber auch noch
schwieriger werde, ein Liebesverhältnis zu beginnen. Das Erleben der Welt falle auseinander in persönliche und
unpersönliche Beziehungen. Und es sei schwer, aus einer unpersönlichen in eine persönliche Beziehung zu
wechseln. Geben Sie dem Verführer und der Verführerin noch Chancen?

169
Zumindest kann man den Alarm der Feuilletons nun eingrenzen. Es geht nicht in erster Linie um eine
Sexualisierung der Gesellschaft, sondern um eine Sexualisierung des Liebescodes. Und zu diskutieren wäre, ob es
sich innerhalb des Liebessektors der Gesellschaft um eine Sexualisierung der romantischen Formvorlage handelt.
Alle Ausstrahlungen in die soziale Umwelt müssten im Grunde die Referenz auf Liebesbeziehungen im Auge
behalten. Eine autonome, gesonderte Sexualisierung der Wirtschaft oder Wissenschaft ist, meines Erachtens, nicht
zu erkennen.
170
Immerhin hat der europäische Liebescode hier seinen Ausgang genommen: Sich vom bloßen Triebgeschehen zu
distanzieren, um Platz für Liebe zu machen, sodass die Hörigkeit gegenüber den eigenen Trieben als tierisch und
krude abgelehnt werden konnte. Auch heute gibt es entwickelte Selbstdistanzierung, an sich körperliche Reak-
tionen festzustellen, ihnen (was Liebe angeht) aber dennoch zu misstrauen.

114
Luhmann: Ja sicher! Es gibt eine beträchtliche Literatur und Forschung zu dieser Frage, die zum Beispiel in
Flugplatzwartehallen untersucht, wie sich jemand verhalten kann, der das Gespräch auf persönliche Dinge bringen
möchte. Wir wissen also, daß es schwierig ist, in unpersönlichen Situationen die Aufmerksamkeit auf sich selbst
und auf intime Wünsche, auf Kontaktbereitschaft zu lenken. Andererseits ist die Freigabe von Möglichkeiten,
sexuelle Interessen zu symbolisieren, weit fortgeschritten, und man kann vermuten, daß man auf diesem Wege der
Anbahnung eines persönlichen Kontakts unpersönliche Situationen immer wieder durchbricht. Das heißt, daß man
durch Blicke oder sonstige Annäherungsversuche feststellen kann oder signalisieren kann, ob man eine Intim-
beziehung wünscht oder nicht, selbst wenn das in Flughafenrestaurants oder im Straßenverkehr oder in Hörsälen
der Universitäten oder sonstwo stattfinden muß. Es gibt also sicherlich Möglichkeiten des Signalaustauschs, die
eine Situation aus dem allgemeinen Umfeld, in dem sie als unpersönliche zu erwarten ist, absondern, und ich habe
keinen Zweifel, dass diese Möglichkeiten benutzt werden." (Luhmann 1987, 70)

Luhmann fokussiert mit seinen Beispielen (Flughafen, Straßenverkehr, Hörsäle) vor allem den
Bereich Öffentlichkeit, wo die Differenz persönlich/unpersönlich unvermittelt greift, nämlich in
dem Sinne, dass die allermeisten Kontakte solche mit Fremden sind. Hier wird nochmals deutlich,
dass der Code der Romantik nicht recht zum Zuge kommt. Und der Ausweg bestünde wieder in
sexuellen Signalen. "Die Freigabe von Möglichkeiten, sexuelle Interessen zu symbolisieren" sei
"weit fortgeschritten" – was beinahe auf eine eigene, etwa durch Blicke und Gesten vermittelte,
nonverbale Sprache hindeutet, anderen intime Interessen anzuzeigen. Die klare Referenz auf Liebe
muss dabei im Grunde verwundern, weil es Signale sein müssen, die trotz ihres anfänglichen
Verzichts auf gesprochene Sprache eine gewisse Eindeutigkeit und zielsichere Interpretierbarkeit
bereithalten müssen.171 Was Blicke angeht, weiß Goffman (civil inattention), dass das Suchen von
Blicken, das wiederholte Ansehen, wenn nicht Anstarren sich aus dem Verhaltenscodex des
öffentlichen Raums hervorhebt172, dann zunächst als Sonderbarkeit und Ereignis gelten kann, um
dieses Verhalten in Richtung des Intimcodes auszutesten. Auf dem Wege von der Unpersönlichkeit
zur Intimität müssen solche Situationen offenbar wie Hindernisse oder Barrieren "durchbrochen"
und persönliche Interessen trotzdem angezeigt werden; sodass wir hier auf die Reihenfolge
unpersönlich => persönlich => intim zurückgreifen können173. Romantisierte Annäherung nimmt
denselben Gang, nur mit Referenzen auf die Persönlichkeiten und die Vollperson – also unter
Zeitansprüchen, die häufig nicht bedient werden können.

Ich gehe davon aus, dass Luhmann anfänglich sexuelle Signale nicht einschränken würde auf
nursexuelle Beziehungen oder kurze Affären für Geschlechtsverkehr. An manchen Stellen hat
171
Zu den Verwirrungsmöglichkeiten siehe Shotland/Craig 1988.
172
Luhmann selbst wusste zu berichten vom "Kleben der Blicke" (so Gunther Teubner), dem er nicht selten zu ent-
kommen versuchte: in Stichweh 1999, 21.
173
Es gibt einige "Wellenbrecher" und Wegmarker als Schwellen, die im Alltag ganz selbstverständlich verwendet
werden: Bekanntschaft, Grußbekanntschaft, Nachbarschaft, Kollegialität, Kumpanei, bis hin zu den diversen For-
men loser und enger Freundschaft.

115
Luhmann klargemacht: Liebe zieht in der Regel Sexualität nach nicht – heute wird dies sogar
normativ gefordert. Und umgekehrt kann auch Sexualität Liebe bedeuten oder anstiften, jedenfalls
ist man auch bei sexuellen Affären nicht sicher vor der Möglichkeit, sich in die ganze Person zu
verlieben. Dies ist eine Problematik, die auf sexuellen Feldern häufig diskutiert wird, also wie man
sexuellen Rausch nur einseitig körperbezogen genießen kann und wie man weitere Interessen für
die Person umgeht – z.B. indem man das Reden auf ein Minimum begrenzt, nach dem Geschlechts-
akt nach Hause flüchtet und in jedem Fall nicht morgens noch gemeinsam frühstückt. Die Sogwir-
kung, von Sexualität in Richtung Liebe überzuwechseln, wird hier also deutlich, und in diesem Fall
als lästiges Anhängsel deutlich, weil man den Kontakt gerade auf das Körpererleben konzentrieren
will.

Trotzdem wäre es in unserem Rahmen verfehlt, sexuelle Anbahnungsweisen auf Interessen an allein
sexuellen Beziehungen zu beschränken. Hier gibt es keine klare Kausalität. Die heutigen Erfah-
rungen mit dem Variantenreichtum intimer Beziehungen zeigen eigentlich eher, dass durchaus
beides möglich ist. Und das heißt, dass wir sexuelle Signale am Anfang zunächst auch nur zur
Erklärungen der Einleitung der Intimkommunikation und des Zueinanderfindens in komplexen,
unübersichtlichen Situationen heranziehen können. Ob daraus nur Affären für Geschlechtsverkehr
resultieren oder eventuell längerfristige, romantische Beziehungen, kann man aus diesen ersten
Signalen nicht klar ableiten. Man kann aus den sexuellen Signalen nur einen (wenn man so sagen
darf) Kommunikationsvorteil, einen evolutionären Verwahrscheinlichungsvorteil in Situationen mit
vielen kurzen Kontakten verzeichnen, der die Erfolgswahrscheinlichkeit des Anzeigens von intimen
Interessen gegenüber dem Anlaufmodus über zeitraubende romantisierte/charmante/humorvolle
Gespräche erhöht.174 Die sexuellen Signale – einmal weitgehend vom Beigeschmack des Billigen
und Unziemlichen befreit – fungieren gerade in den hier genannten öffentlichen Szenen wirkmäch-
tiger und eindeutiger. Und die zeitlichen Vorteile sind sicherlich nicht zu unterschätzen.

"Baecker: Aber dieser Signalaustausch lebt von einer unmittelbaren Referenz auf Sexualität. Ich hatte den Ein-
druck aus Ihrem Buch, daß dies im 17., 18. Jahrhundert nicht unbedingt so gewesen sein muß; daß vielmehr der
Aufschub von Sexualität eine Rolle spielte, sogar eine entscheidende Rolle spielte, weil der Zeitgewinn als Liebe
zu nutzen war, aber dass Sexualität eben erst sehr spät in den Kontext der Liebessemantik hereinkommt und nicht
so, wie heute, gleichsam eine Leimspur ist, auf die ein Liebesverhältnis unmittelbar kommen und auf der es
kleben bleiben muß.

Luhmann: Nun, Hintergedanken hat man natürlich immer gehabt, und insofern sollten wir die These von den
Veränderungen nicht übertreiben. Aber die Positionierung der Sexualität hat sich vermutlich doch verändert,

174
Siehe zum knappen Gut sozialer Aufmerksamkeit grundlegend: Franck 1998.

116
allein schon deshalb, weil es nicht ungewöhnlich ist, sexuelle Beziehungen auch ohne Liebe aufzunehmen,
einfach so. Und weil wir mehr oder weniger auch die Erfahrung machen, daß sich Liebe erst auf Grund von
sexuellen Beziehungen entwickelt und nicht umgekehrt die Vorbedingung oder die deklarierte Eingangsformel für
die Aufnahme sexueller Beziehungen sein muß." (Luhmann 1987, 71)

Hier wird die Doppelrolle der Sexualität nochmals deutlich: Sexualität kann für sich selbst über-
zeugen. Man muss keine Intentionen auf eine Liebesbeziehung mit sich führen. Es gibt also diesen
historischen Punkt, wo Sexualität nicht mehr über Liebe stimuliert wird, sondern eigendynamisch
ingang kommen kann: Der sexuelle Körper, der gemeinsame Körpergenuss, das gemeinsame Erleb-
nis können isoliert betrachtet werden (sei es als Rausch, sei es als action oder Erregung). Damit dies
geschehen kann, muss sich keiner der Beteiligten verlieben. Wenn hier Passion wirkt, dann wird sie
nicht auf Vollpersonen bezogen und mit Aussichten auf gemeinsame Weltkonstitution begründet.
Das ist vom historischen Verlauf des Codes entweder als immense Regression hinter jede Romantik
oder nach dem Durchleben der Romantik zumindest als bemerkenswerte Bruchstelle anzusehen,
weil man hier nun den Eindruck überwinden muss, mit weitgehend fremden Personen, über die und
über deren Liebreiz man (außer der erkennbaren Körperlichkeit) nichts weiß, unmittelbar zum
Geschlechtsverkehr zu kommen – was sonst im Grunde der Endpunkt des Verlaufs und Letztbe-
gründung der Liebe war. Vom romantischen Standpunkt mag das nicht nur eine Sonderbarkeit,
sondern auch eine ekelerregende Tatsache sein, ganz zu schweigen natürlich von den moralischen
Schranken, die hier erst genommen werden mussten. Es ist in jedem Falle eine motivationale und
moralische Schwelle, der durch Semantik beigekommen werden muss. Die Körper müssen beson-
ders schmackhaft konstruiert werden (aber wie genau?), damit sie unter Verzicht auf eine durch
Gespräche intensivierte, persönliche Interaktion allein überzeugen können.

Als sicher kann daher angenommen werden, dass in der Bewertung von Personen als sexuelle
Körper (Lewandowski 2004, 145ff) hier eine Wahrnehmungsweise hinzukommen musste, die durch
den Anreiz bestimmter Attraktivitäten erst zur Intimität stimuliert; sowohl zum schnellen Geschle-
chtsverkehr (Luhmann: "einfach so"), als auch als mögliche Eingangsformel für spätere romanti-
sierte Beziehungen, die Dauer nicht ausschließen. Ich denke, dass diese isolierte Betrachtungsweise
von Personen als sexuell überzeugende Körper auch die Bruchstelle ist, wo heute feministische und
kulturkritische Versuche zur Pornografisierung/Sexualisierung der Liebe einrasten. Die moralischen
Vorwürfe (z.B. Verdinglichung und Austauschbarkeit), die hierbei oft zum Tragen kommen, wären
damit noch in der Romantik verankerte Positionen, die besagen: es sei doch eigentlich ein Unding,
allein Sex zu haben und dabei von Liebe reden zu wollen, wenn man doch nur einen engen
Ausschnitt der ganzen Person anvisiert. Die Liebe an sich, nicht nur die Romantik, war immer ein
Funktionsbereich zur Behandlung ganzer Individuen gewesen. Sie hatte sich damit ins Gefüge

117
anderer Bereiche der modernen Gesellschaft eingeschrieben, weil sie in deren Zusammenspiel
Einheit/Identität zumindest thematisieren konnte, wo sonst extern nur Partialinklusionen angeboten
wurden. Wenn auch solche Vorwürfe nicht vollends begründet sind, so muss man doch wenigstens
aus ihrer Herkunft in Romantik Verständnis für sie aufbringen; zumal die Lebbarkeit nursexueller
Beziehungen und die Trennung der Funktionen von Liebe und Sexualität heute noch völlig in der
Luft hängen.175 Gleichzeitig kann man aber annehmen, dass sich das Problem sexueller Degra-
dierung (Parsons), von dem etwa die Familie oder Freundschaften freigestellt sind, nun in der Liebe
bissiger und radikaler darstellt. So liegt es nahe, dass derjenige auch für Liebe eher ausfällt, wenn er
sexuell und in der Bewertung seines Körpers nicht überzeugen kann (jedenfalls soweit Anfänge
über sexuelle Anreize hergestellt werden sollen).

"Baecker: Ist das ein Erbe des Code, oder woher kommt das? Hat es grundsätzliche Bedeutung?

Luhmann: Das ist sehr schwer zu sagen. Es gibt viele empirische Forschungen, die bestätigen, daß eine, wie man
sagt, permissive, tolerante Haltung in bezug auf Sexualität sich durchgesetzt hat. Wie das eigentlich passiert ist
und, vor allem, warum es eigentlich passiert ist [das ist die Frage nach der Funktion; TL], ist schwer zu sagen.
Man kann annehmen, daß die großen Formeln zu sehr mit Hochkultur verbunden waren, als daß sie als solche
noch überzeugt hätten, so daß der direkte Zugang zu Sexualität übriggeblieben ist. Aber das ist eine Theorie, zu
der man nichts Sicheres sagen kann. Fest steht nur, daß die Freigabe von sexuellen Beziehungen, in Amerika sehr
früh, auf dem Kontinent in Europa etwas später, zugleich mit dem Abbau einer starren Familienordnung, zugleich
mit dem Abbau einer starren Schichtenordnung sich eingelaufen hat, daß dies der Entstehungs-Kontext ist. Es
hängt sicherlich mit dem Bedeutungs-verlust von Familie für das öffentliche Leben zusammen, aber das allein
erklärt die Breite des Phänomens nicht." (Luhmann 1987, 72)

So steht Luhmann 1982 relativ ratlos vor diesem Wandel zur sexuellen Anbahnung. Wir konnten
oben zumindest auf die zeitlichen Vorteile, auf Vorteile der Verwahrscheinlichung über das
signalhafte Einfangen knapper Aufmerksamkeit hinweisen. Als ein Ergebnis zu Luhmanns Argu-
ment der Stufenfolge, denke ich, kann man für die heute zwei sich bietenden Anbahnungsweisen
durchaus einen qualitativen Unterschied feststellen, nämlich dass (1.) im Komplex romantischen
Kennenlernens über Gespräche immernoch Sexualität als (häufig sogar normativ geforderter)
Bestandteil vorausgesetzt wird. Das erkennt man an über Romantik eingeleiteten Beziehungen, die
nach der Anlaufphase Sexualität einseitig oder beiderseits ausschließen wollen: sie werden patholo-
gisiert und als Sonderphänomen angesehen, es stehen Selbsthilfegruppen zur Verfügung; und dass

175
Man sah mit der Erlebnisbasierung (Selbstverwirklichung) und der erleichterten Scheidung von Ehen bereits
deutliche Auswirkungen für die Familien und die Familiensoziologie, das heißt die Analysen eines bunten
Straußes von Modellen des Privatlebens mit Kindern, die nicht "die eigenen" sind. Und man wird bei einer Ent-
kopplung von autonom gewordener Sexualität und Liebe auch den Untersuchungsbereich für Freundschaft und
Bekanntschaft neu öffnen müssen, weil diese Formen von Beziehungen neben liebloser Sexualität (so müsste man
meinen) eine Aufwertung erfahren sollten.

118
dagegen (2.) die sexuelle Anbahnungsweise Liebe als Folge oder nähere Konsequenz nicht sicher-
stellt: Geschlechtsverkehr am Anfang impliziert oft über Verhandlungsmoral eine Abstimmung, ob
man es locker und lose – oder als Beginn einer Bindung sehen will. In dieser zweiten Hinsicht gilt
Sexualität zunächst nur als Sexualität für den Moment, sie schließt die Romantisierung eines
weiteren Kontakts nicht aus, schließt sie aber (ungleich der Romantik die Sexualität) nicht
automatisch mit ein. Es kann sich sowohl um einen punktuellen Kontakt handeln, es kann eine
Fortsetzung aber auch "nachromantisiert" und der Anfang als sexuelle Anziehung der ganzen Per-
son umgedeutet werden.

Das Einfinden in den Liebescode:

unpersönlich => (persönlich) => intim => 1. eingeleitet über Sexualität


unpersönlich => persönlich => intim => 2. eingeleitet über den Komplex der Romantik

Zu den Anfängen:

1. Zu Anfang romantische Liebe rechnet selbstverständlich auf Einbezug von Sexualität,


historisch durchtradiert haben sich offenbar Ideen der Treue und Ansinnen auf (relative)
Dauer – wie am Beispiel serieller Monogamie.
2. Zu Anfang Sexualität öffnet nur eine Option der Verhandlung über spätere Liebe. Es kann
auch beim sexuellen Kurzkontakt bleiben. Treue und Dauer können damit gerade vermieden
werden, sind nicht "moralisch einklagbar". Intimität erreicht dadurch neue Freiheitsgrade,
weil Sexualität nicht mehr Liebe folgen lassen muss.
3. Intimität ohne jegliche Sexualität (kann man zusätzlich schließen) kann wohl nur noch als
enge Freundschaft176 - oder als Pathologie auftauchen: die Partner können sich (aus Liebe)
darauf einigen, finden aber kaum mehr öffentliche Anerkennung.

***

Wir finden hier also vor allem Belege für eine Schwäche des Codes bzw. für eine Zweigleisigkeit
des Liebescodes in Anbahnungsdingen. Für die ersten Kontakte und intimen Interessen ergeben sich
daraus Probleme der Abstimmung/Verständigung177 und ein Bedarf der Klärung von Erwartungen,
176
Da wir hier Freundschaft nicht behandeln, können wir nur noch am Rande auf den Fall hinweisen: dass sexuell
fundierte Liebe (ob romantisch oder nursexuell) heute wohl auch über Freundschaft erreichbar ist. Siehe für
Freundschaft auch Kersten 2009.
177
Vgl. auch die Verhandlungsprobleme beim Einsatz von Kondomen nach Verbreitung der AIDS-Problematik
(Gerhards/Schmidt 1992, 1994). Auch hier tauchte eine Komponente auf, für deren Verwendung im Code zunächst

119
vor allem was den Punkt der Dauer angeht. Gerade innerhalb der sexuellen Anbahnungsweise
müssen die Liebenden übereinkommen, ob es bei einem einmaligen (erlebnisorientierten) Gesch-
lechtsakt bleiben soll. Für diesen Fall muss verbalisiert werden, dass man Erwartungen auf Fortset-
zung ausschließt. Diesen Verständigungsbedarf scheint die ältere, romantische Annäherungsweise
nicht zu haben, weil hier Sexualität weiterhin implementiert ist, aber nicht als Eingangsformel
Verwendung findet: womit eine gewisse Dauer und Fortlauf des Kontaktes schon allein aus sexu-
ellen Interessen einbezogen ist. Ausnahmen dürfte es auch hier geben, das romantisierte Flirtge-
schehen allein als Erlebnis aufzufassen, also Spaß und Sinn im romantischen Testen eines Partners
zu sehen, ohne dass zügiger Geschlechtsverkehr eine Rolle spielte. Gerade die Ambivalenz und
nebulöse Lage des Anfangs legen die Teilnehmer nicht auf Fortsetzung (Dauer) fest, sie öffnet
daher einen Raum für zwangloses Spiel und Vergnügen am "Spiel mit dem Feuer" (Rost 1994).

Wohl einer der Zwecke der Anbahnung scheint zu sein, dass sie noch niemanden auf Intimität
festlegt, sondern Abbruch an jeder Stelle allein aus einem "Ich möchte nicht mehr" ermöglicht. Der
Geschlechtsakt hätte, denke ich, vor einigen Jahren noch mehr oder weniger automatisch auf
Fortgang gedeutet, weil er im romantischen Komplex als Letztinstanz und wertvolle Fundierung
stand. So war bis dahin nicht vorstellbar, zu Beginn miteinander zu schlafen, sich dann aber einfach
abzuwenden und den Kontakt zu beenden. Das löste Empörung aus. Hier schienen immernoch auch
moralische Attitüden hineingespielt und die Romantik ihre eigene Liebesmoral aufgestellt zu haben.
Die Neuerfindung nursexueller Beziehungen kann man damit vielleicht als weitere Loslösung von
(romantisierter) Moral bewerten. Sexualität zu Beginn wurde soweit trivialisiert und moralisch neu-
tralisiert178, dass sie als isolierter Akt auftreten kann, der keine weiteren Ansprüche auf Intimität
nach sich zieht. Wie die beiden Annäherungsweisen sich sozialstrukturell verteilen, wer welchen
Weg präferiert, können wir in unserem Rahmen nicht klären. Dass die moralischen Schranken für
ältere Teilnehmer durch deren Vorinformierung in Romantik überwiegen, dürfte dadurch einleuch-
ten, dass auch nursexuelle Beziehungen sich (in der Entwicklung, evolutionär) erst aus dem Kom-
plex der Romantik herauslösen mussten. Das ist die zeitliche Abfolge. Eine interessante Frage blei-
ben daher heute die jüngeren Teilnehmer, also Jugendliche und junge Erwachsene: Wie sie mit
Romantik noch in Kontakt kommen, und auf welchem Wege die Romantik sie als Liebesmodell
(trotz ihrer spürbaren und publizierten Nachteile) noch überzeugen kann. Es wäre sicher verfehlt,
Jugendliche allein auf sexuelle Anbahnung und sexuelle Felder festzulegen, selbst wenn deren

keine Stelle vorgesehen war. Dies allein erzeuge immense Probleme, weil das Verlangen nach Kondombenutzung
vom Gegenüber so ausgelegt werden konnte, als sei er beschmutzt oder krank und man müsse ihn auf Distanz
halten. Der Geschlechtsverkehr zeigte sich dadurch gestört, sodass ein Ignorieren dieser Problemstellung nicht
selten die Lösung war.
178
Damit aber auch entwertet!

120
verstärkte Tendenzen zur Selbst- und Außendarstellung von Individualität dazu neigen, die Verwen-
dung sexueller Signale schneller in den Griff zu bekommen und wirksam auszuspielen.

Ferner muss man sehen, dass das Auseinanderziehen der beiden Probleme der Dauer und des
Anfangens doch eine soziologisch-analytische Angelegenheit ist und dass man ansonsten mit einer
Verquickung dieser Fragen zu rechnen hat. Zunächst ist (und wiederum für die letzten Jahrzehnte)
die generelle Lockerung und Verkürzung von Intimbeziehungen nicht von der Hand zu weisen,
wobei die Entwertung der Ehe und die Entlastung der Scheidung vielleicht nur der statistisch
greifbarste Teil ist. Das Konstrukt serieller Monogamie bezieht das Ende sogar schon in die
zurechtgeformte Romantik mit ein. Wir hatten daher die Ironie des anfänglichen Werbens und
Interagierens unter potentiellen Partnern genannt, die auch auf die Leichtigkeit reagiert, Angebote
ablehnen und laufende Beziehungen beenden zu können. Daher können neue Bedingungen für
andauernde Beziehungen im Grunde nur auf die Anfangskonstellation zurückwirken, indem die
Vorwegnahme von Zweifeln und Ablehnung etwa scherzhaft/ironisch/zynisch oder anderweitig
taktisch auftritt und in Interaktion miteingeht. Basalere psychologische Versuche haben diesen
Zusammenhang des eigenen Interesses, des Investieren-Wollens und gar der Wahrnehmung von
Personen als attraktiv: erfolgreich mit der Frage korelliert, ob man die Betreffenden (in welchem
Rahmen auch immer) wiedersehen wird. Hier werden also Situationen des Anfangs vorstrukturiert
durch gesellschaftliche Erwartungen, was man in Zukunft und an Dauer des Kontaktes erwarten
darf; Personen erscheinen schon in den ersten Anfängen sympathischer, attraktiver, freundlicher
usw., wenn der Probant wissen kann, dass mit Fortsetzung zu rechnen ist (Darley/Berscheid 1967).
Auch aus diesem Mechanismus lässt sich unschwer deuten, dass kontingent gesetzte Dauer von
Liebesbeziehungen die Spielregeln für Anfänge neu mischt. Man wird sich kaum großer Liebe als
Passion hingeben wollen oder können, wenn man für andauernde Beziehungen entweder schwer
oder nur negativ einschätzen kann, dass sie noch möglich sind.

121
3.2. Hürden und Barrieren

Fallstricke der Kommunikation

Es fallen im Liebesmedium Fallen der kommunikativen Verstrickung auf, die dafür prädisponiert
sind, dass Liebende in sie tappen. Wir schauen uns hier ein etwas längeres Zitat aus dem Interview
von Dirk Baecker (Luhmann 1987) an, dass sich im Themenfeld von Aufrichtigkeit und Authenti-
zität bewegt. Zunächst das Zitat selbst:

"Baecker: Liebe ist ein Kommunikationsmedium. Sie macht unwahrscheinliche Kommunikation dennoch
erwartbar. In der Liebe wird jedoch auch Inkommunikabilität entdeckt. Was führt zu dieser Entdeckung und
welche Folgen hat sie, gerade im Hinblick auf unsere großen Hoffnungen auf die Möglichkeit des Miteinander-
Redens und des gegenseitigen Sich-Verstehens?

Luhmann: Nun, das 18. Jahrhundert ist voll von solchen Tatbeständen. Es ist überhaupt das Jahrhundert der
Entdeckung der Inkommunikabilität, von der Schwierigkeit etwa, mitzuteilen, daß man etwas aufrichtig meint,
oder auch von der Inkommunikabilität von Qualitätsurteilen oder von der Inkommunikabilität der wirklichen
Selbsterfahrung des einzelnen Menschen. Im Bereich der Liebessemantik wird dieses Problem nur besonders
deutlich, vor allen Dingen an der Frage, wie man eigentlich mitteilen kann oder wie man jemanden davon
überzeugen kann, daß man es aufrichtig meint. Darüber gibt es im 18. Jahrhundert eine sehr interessante, sehr in
die Tiefe gehende Literatur, die Zweifel hat, ob Aufrichtigkeit überhaupt kommunizierbar ist. Oder anders gesagt,
ob wahre Liebe und nur vorgetäuschtes Sich-Verstecken oder Nicht-Liebe-nur-Vortäuschen überhaupt kommuni-
zierbar ist oder ob diese Differenz jeweils einfach fallweise ausgehandelt werden muß. Dagegen sind […] heute
therapeutische Vorschriften in Mode, die demgegenüber außerordentlich flach wirken, die einfach sagen: seid
aufrichtig, und dann wird schon alles gut. Diese Rezepte im Visier, möchte ich eine Art Gegenappell oder einen
historischen Gegenbeweis führen. Mir scheinen sie fragwürdig zu sein, so sehr sie mit unseren heutigen Moralvor-
stellungen übereinstimmen.

Baecker: Warum ist Inkommunikabilität ein so drängendes Problem, warum kann man über die Liebe nicht auf-
richtig kommunizieren? Was ist die entscheidende Klippe, die Liebende hier zu umschiffen hätten?

Luhmann: Nun, Kommunikation ist allgemein dazu da, eine Information mitzuteilen, die auch anders ausfallen
könnte. Es müßte also etwas Neues sein oder etwas, was vorher nicht sicher war und nachher sicher ist. Und
genau in diesem selbstgestrickten Netz verfängt sich die Kommunikation von Aufrichtigkeit. Wie etwa auch die
Kommunikation von Qualität: Wir müssen heute sagen, eine Marmelade sei Extra-Auslese aus natürlichen Früch-
ten und überzeugen immer noch nicht, daß es eine gute Marmelade ist. Und genauso ist es mit aufrichtiger Liebe:
Wenn man sagt, ´ich liebe dich aufrichtig´, so ist schon ein Zweifel angebracht. Und das kann man nicht durch
Ausdrucksmöglichkeiten nochmals verstärken. Das ist einfach eine Frage der Überzeugungsgewinnung, die sich
nicht ohne weiteres in Kommunikation auflösen läßt." (Luhmann 1987, 64/65)

122
In den "Wahlverwandtschaften" heißt es bei Goethe: "Jedes ausgesprochene Wort erregt den
Gegensinn." - eben weil es als zwar ausgeschlossene, aber doch erreichbare Gegenseite der Beteu-
erung mitübermittelt wird. Der Gegensinn gehört zu dem, was nicht gemeint ist, bleibt aber
erkennbar am Horizont (das eingeschlossene Ausgeschlossene). Man muss die Aussage, die vom
Liebenden gemacht wird, nur leicht in Zweifel ziehen, und schon bewegt man sich in den Gegen-
sinn. Und bei Beteuerungen, die große Bilder evozieren und mit Erwartungen überladen sind, wäre
es schon seltsam, wenn man sie nur naiv und arglos aufnähme. Zudem geht es bei der Mitteilung
von etwas Neuem ("was vorher nicht sicher war und nachher sicher ist") um eine passionierte Situa-
tionslage des Sprechers, und seine Passion kann nicht auf die Zukunft hin festgelegt werden. Für
Sexualität berichtet Luhmann: "[...] hochentwickelte körperliche Sensibilität, die aus dem Moment
die Gewißheit der Dauer zumindest des eigenen Gefühls gewinnen könnte, kann nicht als verbreitet
vorausgesetzt werden." (Luhmann 1969, 72) Ohne gegen den heutigen Geist der Liebe zu versto-
ßen, kann man heute lieben und morgen nicht mehr lieben oder morgen jemand anderen lieben, weil
man nur getreu seinem Gefühl sich verhalten muss. Wir hatten oben gesehen, dass gerade der
Aspekt der Dauer immense Probleme aufwirft. Also selbst wenn die Aussage "ich liebe dich auf-
richtig" heute ernst gemeint ist, muss daraus nichts folgen, und gerade in der Vorwegnahme einer
Zukunft würde sie ja überzeugen können, was sie wegen der Bindung an Passion und ihrer
Wankelmütigkeit nicht kann.

Es ist daher (und nicht nur aus Gründen der codemäßigen Ambivalenz/Verdecktheit des Liebe-
zeigens) gut verständlich, dass gerade große Formeln zu inhaltlosen Floskeln verkommen und um-
gangen werden, zugunsten einer mehr normalen, alltäglichen, unaufgeregten Sprache um Banali-
täten und Scherzhaftes im Kennenlernen, die weniger auf Hochgefühle hindeuten. Das "ich liebe
dich" wirkt unwirklich und abgegriffen. Und ein "ich mag dich" muss schon eine Enttäuschung zu
Beginn sein. Diese Beweisschwierigkeiten zu Beginn sind eng verknüpft mit Problemen der Auf-
richtigkeit, des authentischen Verhaltens und des Überhaupt-Überzeugenkönnens. Und gerade der
Anfang einer intimen Kommunikation muss Interessen an Fortsetzung mobilisieren können, um aus
einmaligen Kontakten in eine Sozialbeziehung zu überführen (vgl. Hirschle 2007). Dass "ich liebe
dich" nicht einfach so, wie der Satz hier steht, gesagt werden kann, macht ein Ausweichen auf
andere Themen nötig und legt eine (intimpersönliche) Einfärbung des Redens und Sichverhaltens
im Wie nahe; inhaltlich, als Wortbeitrag, als direkte Kommunikation, die auch nonverbal sein kann
(als unvermittelter Kuss?), ist das Überzeugenwollen von der eigenen Liebe zu Beginn kaum
möglich.

123
Eine ähnliche Konstellation, allerdings aus der Paartherapie, finden wir im Interview von Alexander
Kluge mit Luhmann. In diesem Beispiel geht es nicht um Anfänge, sondern um die Verständigung
über das Wann und das Wollen des Geschlechtsverkehrs. Aber es betrifft in gleicher Weise wie
oben die Unmöglichkeit offenen, eigentlichen Sprechens in einem codierten Sozialbereich. Und es
betrifft ebenfalls die inhärenten Verstrickungen in Kommunikationsregeln (wie Takt, Rücksicht-
nahme, Empathie) und die Schwierigkeiten, nicht sagen zu können, was man eigentlich möchte,
weil man über Attribution und mehrstufige Beobachtung den anderen immer ins Boot holen und
nicht überfallen möchte. Luhmann scheint das für eine klassische Kommunikationsblockade von
Paaren zu halten. Die unendlichen Rückkopplungsschleifen, das nicht klare Erkennenkönnen der
Wünsche des anderen, sogar das Sichhochschaukeln doppelter Kontingenz mit dem Effekt der
Steigerung gegenseitiger Unsicherheit (gerade entgegen der Kanalisierung/Kondensierung von Sinn
in der Systembildung) lässt sich fast bruchlos auf Erstkontakte übertragen mit den teils psychologi-
schen Schlagwörtern wie Schüchternheit, überzogene Rücksichten, Kontaktscheu im lähmenden
Erwarten von Erwartungen. Die Systembildung, der Anlauf durch doppelte Kontingenz scheint in
dieser durch überdimensionierten Erwartungsdruck geprägten, kurzen Interaktionssituation und
durch gedankliches Vorausgreifen gerade zu scheitern – und wiederum: krude Annäherungen über
Sprüche und schroffe "Anmachen" heute in ihren Chancen zu steigern, weil sie wenigstens sagen,
was sie wollen, und die Ablehnung nicht vorab scheuen. Luhmann mündlich zum Buch von 1982:

"Luhmann: Ich würde das jetzt auf die Ebene einer modernen Intimbeziehung beziehen und nicht unbedingt auf
die literarischen Kontexte, die wir in dem Buch hauptsächlich vor Augen hatten. Also die ständige Beobachtung
zweiter Ordnung, dass man alles, was man tut, unter der Annahme oder dem Mitbewusstsein tut, was würde sie
oder was würde er dazu sagen, wenn er das sähe, oder wie muss ich mich verhalten, sodass … [Unterbrechung]

Kluge: Was ist der Liebesbeweis und was ist das Gegenteil eines Liebesbeweises?

Luhmann: Der Liebesbeweis ist dann eben das Sicheinlassen auf das, was man in den Augen des anderen ist, und
das zu wissen! Nicht einfach nur, gleichsam sich zu fügen, sondern das auch zu wollen und der sein, den der
andere oder die andere erwartet, dass man es ist.

Kluge: Sagen Sie das einmal szenisch an einem Beispiel.

Luhmann: [Zögern] Man tritt ins Haus ein, dreht die Hausschlüssel um, die Frau ist in der Küche, man möchte
jetzt natürlich erstmal zum Schreibtisch gehen und sehen, was die Post gebracht hat. Aber wenn man das tut, weiß
man genau, dass sie eine Vernachlässigung darin sieht, also geht man in die Küche. Sie aber weiß, dass man nur
deswegen in die Küche sieht, weil sie andernfalls annehmen würde, sie würde vernachlässigt werden.

124
Kluge: Dies wiederum?

Luhmann: Das wiederum führt in die typische Familientherapiesituation einer nichtausgesprochenen Paradoxie:
Ich tue das, was du willst, mit dem Bewusstsein, dass du siehst, dass ich das deshalb tue.

Kluge: Die Verträglichkeit in der Intimität beruht auf Unschärfe?!

Luhmann: Ja, auf Unschärfe und auf einem Nicht-ständigen-Nachbohren. Man will nicht wirklich wissen, was
der andere über einen denkt. Aber es kommt natürlich darauf an, dass das im Alltag funktioniert. Das ist jetzt in
Bezug auf Alltagsehen, die sich von diesem Problem des Beobachtung des Beobachtens entlastet haben und
Regeln dafür haben müssen, wie man die Kinder erzieht, wann man Gäste einlädt, welches Fernsehprogramm gut
ist, wann man ausgeht und was an Essen wirklich unerträglich wäre, also diese Art von Verständigungsroutinen
spielen sich dann ein und in funktionierenden Ehen verdecken sie die Unmöglichkeit, wirklich zu wissen, was der
andere ist oder was der andere denkt – auch wirklich zu wissen, was man selber will. [Schnitt] Ich erinnere einen
Fall aus einem familientherapeutischen Institut, wo die Partner völlig unglücklich waren, dass sie sich nie darüber
verständigen konnten, wann es zum Geschlechtsverkehr kommen sollte. [Schauspielerisch:] Möchtest du heute?
Ja, wenn du möchtest, mach ich´s natürlich auch … Also dieses Abstimmen in der Beobachtung zweiter Ordnung:
Ich tue es, wenn du es willst, ich will´s ja auch, aber ich möchte dir es jetzt nicht sagen, weil ich dich sonst
zwingen würde, ja zu sagen, obwohl du ja eigentlich gar nicht willst und … die Regel war: immer freitags!"
(Kluge ohne Jahr, Transkription TL)

Es ist dieses kommunikative Ausgreifen in die Psyche, die Gedanken und die Wünsche des anderen,
das hier offenbar mit den der Kommunikation zur Verfügung stehenden Bordmitteln scheitert. Es ist
eine interaktive Abstimmung größter Nähe, zwischen zwei Personen, die sich vermutlich besser
nicht kennen können, die aber trotzdem oder gerade deswegen daran scheitert, zu sagen und zu
erkennen, was sie wollen, und was die Situation erst blockiert und dann: den Geschlechtsverkehr
auf ein Ritual auslagert ("immer freitags"), das die Beobachtung zweiter/dritter Ordnung suspen-
dieren kann. Ich denke, dass man diese Konstellation in manchen Hinsichten auf Erstkontakte und
Anbahnung übertragen kann, gerade weil das Beispiel zeigt, dass das wechselseitige Sich-gut-
Kennen eigentlich kein Garant dafür ist, Abstimmungsprobleme besser zu bewältigen. Die empha-
tische Art und das hochgezogene Bemühen ums Verstehen des anderen (aus dem Zitat) ist natürlich
gerade das Gegenteil manch unverschämter, grober Versuche der Annäherung unter Fremden. Die
Annäherung scheitert hier nicht in der Grobheit/Frechheit/Grenzüberschreitung, sondern gerade in
der durch den Code nahegelegten und tradierten Verfeinerung, im feinen Spinnennetz der Mit-
berücksichtigung des Anderen, das sehr hohe Komplexität annehmen kann.179
179
Wir haben die therapeutisch orientierten Partnerschaften (companionships) seit spätestens der Revolution von
1968 hier kaum mitbetrachtet, weil sie in der Rolle einer Leitsemantik dann der trivialisierten "Kleine-Leute-
Romantik" (Luhmann 1982, 190) unterlegen waren. Luhmanns vage Prognose (1982, 212), der Liebescode könnte
sich hin auf ein "Programm des Verstehens" entwickeln, scheint damit für heute ins Leere zu laufen. Vgl. zum
Modell der Partnerschaft und zu Hinweisen ihres Scheiterns: Leupold (1983), Reinhardt-Becker (2005).

125
Das Beispiel zeigt allgemeiner, dass die Wahrnehmung dessen, was man am anderen erkennen
kann, keine klaren Rückschlüsse darauf zulässt, was er will oder was er nicht will; dass also das
Ausgreifen ins Psychische scheitert. Was im Beispiel von den Partnern verhindert werden soll, ist
ein Vorstoß des einen, den der andere nicht will und sogar ablehnen müsste – oder im schlimmsten
Fall: dem er sich aus Nachsicht fügen würde, obwohl er gar nicht will, was hier als Zwingen zur
Liebe thematisiert wird. Ego beugt sich dem Wollen des Alter wie ein Diktat, und die Liebe würde
darin krass entwertet. Es ist in dieser Hinsicht also wieder eine Frage der Authentizität, des
Sichverlassenkönnens auf das, was der andere möchte. Die Sexualität als Barometer in Krisenlagen
will sich hier nicht einpendeln auf ein Ja oder ein Nein, wie beim Stehen vor einer Entscheidung,
wo man das Entscheiden selbst verweigert und wo keine Antwort dann zu der einer Ablehnung
gerinnt. Die übertölpelnde, den anderen umgreifende (man sagt manchmal: onkelhafte) Offerte, ein
Drauflosgehen des einen, daraufhin das Sehen am anderen, ob er mitmacht oder ablehnt (sich
zurückzieht), würde offenbar eine zentrale Frage des Paarsystems betreffen, nämlich deren
Fundierungen in durch Sexualität ermittelbare Liebe und Zuneigung. Diesem Testen wird hier
offenbar frühzeitig ausgewichen.

Man müsste diesen Fall weiter kommunikationstheoretisch aufschlüsseln, aber Luhmanns Strategie
der kleinen Schritte (im Vertrauenskontext etwa, Luhmann 1968) impliziert immer Offerten, kleine
Offerten, aber immerhin, die nicht auskommen ohne das Risiko, das selbst noch der kleinste Schritt
in sich trägt - nämlich abgelehnt zu werden. Denn erst an dessen Unterbreitung wäre zu erkennen,
ob der Partner sich darauf einlässt. Das Zurückscheuen (wohl des Mannes, im obigen Beispiel)
scheint auch in Zweifeln begründet zu sein, ob die Liebe überhaupt noch hält. Wenn er den Schritt
tut, gäbe es die Möglichkeit, in abzuweisen. So macht er den Schritt nicht, der Geschlechtsverkehr
wird blockiert, zumal ohne sicherstellen zu können, dass das Ritual am Freitag dann "freiwillig"
seinen Gang nimmt – oder nur aus Routine.

Das Zitat wirft aber auch Zweifel auf die Alternative der sexuell betonten Annäherung und auf die
angebliche Selbstläufigkeit natürlicher Anziehung mit deren Umschiffung von Kognition. Es ist
schwer zu sagen, ob Sexualität für an sich Fremde (Fremdheit und Abenteuer als Motivation)
weniger Probleme aufwerfen muss als für Paare in der Therapie. Die Möglichkeit der Ritualisierung
muss man in Erstkontakten vernachlässigen, die Teilnehmer müssen sich in den ersten Gesten und
Worten aufeinander einlassen oder aneinander vorbeigehen. Letztlich hat man es fast immer mit
dieser Asymmetrie zutun, dass der eine den Erstkontakt zu beginnen hat, der andere nicht (vor
einiger Zeit noch in der Differenz von Mann/Frau); dass der eine den Geschlechtsverkehr jetzt gera-
de wünscht, der andere nicht; oder dass Alter den fremden Ego am Bahnsteig anzusprechen wagt,

126
Ego aber – gerade deswegen? - skeptisch wird, was das soll und was dahintersteckt. Doppelte
Kontingenz wird dadurch verschärft, ja dramatisiert und in eine Art Dilemma verwandelt, wenn
spürbar wird, dass der Sprecher nicht nur nach der Uhrzeit fragt – sondern nach Liebe! 180 Wobei
man sicherlich einbeziehen muss, dass das Gewicht von Ablehnungen heute gleichfalls schwerer
wiegt (siehe den kommenden Abschnitt); offenbar wird es immer problematischer, nicht nur Anträ-
ge zu stellen, sondern auch Ablehnungen hinzunehmen, mit dem Effekt: dass das Unterbreiten von
Offerten riskanter und entmutigender wird, weil Ablehnungen mehr bedeuten und man diese zu
projizieren imstande ist. Aber vorweggenommenes Scheitern blockiert anfängliche Versuche.

Hier nisten sich Stolperfallen im Kernbereich der Intimkommunikation ein. Das betrifft einerseits
die Feinfühligkeit und Eigenkomplexität eines über mehr als 300 Jahre gewachsenen Codes in
Europa, der an seinen Sensibilitäten ins Stocken gerät. Ferner scheint aber die Zeitdimension doch
eine entscheidende Rolle zu spielen: seien dies viele, nur momenthafte Kontakte unter Fremden, sei
das die starke zeitliche Eingrenzung von Liebesbeziehungen insgesamt, also interne Zweifel am
Aspekt der Dauer. Zusammengezogen: Ein genussfähiger, elaborierter und hochsensibler Code
gerät heute mehr und mehr unter Zeitdruck und pragmatische Ansprüche wie Flexibilisierung.

180
Wir verzichten hier auf ein weiteres Beispiel (Luhmann 1969, 62f), das ähnliche Abstimmungsprobleme zeigt,
diesmal aber mit den offenen Flanken der Liebe zum Machtmedium hin. Auch hier wieder Probleme einer
Asymmetrie: Derjenige, der mehr liebt und stärker an seine Passionen gebunden ist, wird dirigierbar, wenn der
Partner das erkennt. "Aber kann ich mich als geliebt sehen, wenn ich den mich Liebenden sehen muß als
jemanden, der mich als jemanden sieht, der ihn in einer zwangshaften, unbeherrschbaren Passion bestätigen – oder
leiden lassen kann?" (ebd.) Man erkennt hier die Verfangenheit in Reflexivverhältnissen der Beobachtung.

127
Autonomie, Individualismus, "Stolz"

Jeder Annäherungsversuch, jedes Flirten und jede Partnersuche kommuniziert (wie auch immer
hintergründig) den Umstand, dass dem Suchenden etwas fehlt und damit eine gewisse Unzufrieden-
heit. Dies nebenherlaufende Eingeständnis muss jeden hochgetriebenen Individualismus ins Mark
treffen, da Einzelpersonen hier als kompetent, selbstbewusst und vollständig vertreten werden. Die
Selbstdarstellung muss diesen Imperativen folgen, weshalb nicht verwundern kann, dass der
Mangel an einem Partner nicht als Mangel dargestellt werden kann, selbst wenn er privat so
empfunden wird. Jedenfalls kann die Selbstdarstellung keine Angewiesenheit, keine Not an Liebe,
keine Leerstelle im Leben oder persönliche Verzweiflung ausstellen, denn die Werbung müsste
dann zum Teil über Mitleid verlaufen, was den Liebenden als starkes Individuum entwerten würde.
Das scheint heute, nach der Aufweichung und Vervielfältigung von Geschlechterrollen, nicht nur
den Mann zu treffen, sondern über die Geschlechterdifferenz hinweg zu gelten.

Daher hat jede Annäherung die Paradoxie zu bearbeiten, sich wohl vom Mangel an einem Partner
motivieren zu lassen, dies aber nicht nur nicht durchscheinen zu lassen, sondern die Werbung auch
als einen selbstbewussten, locker-spontanen und vor allem freiwilligen Akt persönlichen Interesses
zu verkaufen. Dies macht klar, warum für eine anfangs mehr rationale Exploration möglicher Part-
ner zu frühes Sich-Verlieben (Passion) zurückgehalten wird, um nicht schon für die ersten Kontakte
in die Verlegenheit zu geraten, ans eigene sehnsüchtige Erleben sklavisch gebunden zu sein und
damit die eigene Autonomie zu gefähren.181 Erstkontakte dürfen zu nichts verpflichten – historisch
zu sehen an Galanterie/Koketterie -, sie müssen heute eine gewisse Abgeklärtheit, Coolness und
Unberührtheit an den Tag legen, zudem sie das Objekt nicht dadurch überzeugen wollen, dass im
Falle der Ablehnung schwere Verletzungen anstünden. Denn das würde zumindest in (liebes-)
moralischen Hinsichten die Freiwilligeit zur Liebe missachten und das Eingehen einer Beziehung
als eine Art von Pflicht aufbauen; so wenn etwa die Schönheit der Frau das Leiden des Mannes
auslöste, und nun nur sie es sein könne, die hier für Abhilfe zu sorgen hätte. 182 Dieser Handel
(passioniertes Leiden des einen gegen die schließlich milde Hingabe des anderen) scheint heute
durch viel mehr Unverbindlichkeit und durch Individualansprüche abgelöst zu sein. Die fremde
Leidenschaft berührt fast peinlich. Und sie ist unter Maßgaben eines größeren Kandidaten-Pools
181
Und dies, obwohl Passion und Verliebtheit lange als der Mechanismus galten, mit ihm trotz Risiken der Zurück-
weisung die Kontaktaufnahme zu wagen. Dieselbe Diskussion bei Illouz (2011) mit der Differenz Autonomie/
Anerkennung, allerdings mit vielen Lasten des Begriffs der Anerkennung und einer seltsam strikten Kopplung
dieser Differenz an den Geschlechterunterschied: Autonomie werde von Männern verfochten, Anerkennung werde
von Frauen gesucht, weil sie durch zeitliche Grenzen ihrer Fruchtbarkeit schneller auf feste Bindungen drängten.
182
Dies aus dem historischen Kontext drängenden Werbens (Luhmann 1982, 73). Die Passion des einen war hier
durchaus noch ein gewichtiger Grund, eine Beziehung einzugehen. Sie wurde als etwas Seltenes und Kostbares
stilisiert, die Passioniertheit des Bewerbers als "Garant" für Stabilität und Dauer gesehen in dem, was er bereit ist
zu geben.

128
(Selektivität) und Interessen an der eigenen Selbstverwirklichung auch kein hinreichender Grund
mehr, sich der Anbahnung zu öffnen. Luhmann würde vielleicht sagen: Da könnte ja einer von der
Post kommen! Durch diese Wahrnehmung größerer Auswahlmöglichkeiten und durch höhere
Kontaktmobilität auf den Partnermärkten muss allein zahlenmäßig die einzelne Verliebtheit zu
einem mehr sekundären Begleitereignis werden, so wie man normale Formen finden muss, Bewer-
ber folgenlos abzuweisen. Ereignisse dieser Art sind nicht mehr in jedem Fall seltene und hochein-
geschätzte Lebensereignisse. Bevor Ablehnungen gewöhnlich werden, muss sich aber erstmal das
Antragsgeschehen potenzieren. Leidenschaftliches Antragen von Offerten muss normalisiert und
damit zwangsläufig entwertet werden, ja, Leidenschaft muss mehr und mehr normalisiert werden,
wie auch keine Produktwerbung heute mehr ohne ein Emotional Design (Bolz 2002, 89ff u. 123ff)
Leidenschaft bzw. Passioniertheit büßen damit mehr und mehr ihren Rang als Startmechanismus für
Intimbeziehungen ein183:

"Der Liebesprozeß hat mithin seine eigene temporale Selbstreferenz. Die Liebenden beginnen – und ihre
Geschichte ist für sie durch den Code schon programmiert. Der Liebesprozeß gewinnt dadurch seine eigene Zeit,
und wie das Ende hat auch der Anfang seine besondere, für Liebe untypische Charakteristik. Hier kann man noch
vernünftig wählen. Man kennt den Code, man liebt sozusagen schon, bevor man sich verliebt, aber zunächst mit
Kontrolle über sich selbst. Oft wird der Entschluß, eine Liebesaffaire zu beginnen, wie ein Willensakt dargestellt,
mit dem man den Erfordernissen eines notwendigen Gesellschaftsspiels nachkommt. Die Wichtigkeit der Wahl in
diesem Zeitpunkt, bevor man die Kontrolle über sich selbst verliert, wird immer wieder betont. […] Man wird in
der Anfangsphase, die mehr durch ´complaisance´ als durch Liebe charakterisiert ist, oft glauben zu lieben, ohne
zu lieben." (Luhmann 1982, 92. Herv. TL)

Diesen Drahtseilaktiv der Selbstdarstellung vor möglichen Partnern kann man bis heute in den
schon antiquierten Partnerannoncen (Berghaus 1985, 1986) studieren, wenn etwa gutsituierte Wit-
wen von ihren Hobbies und kulturellen Interessen berichten, von einem anregenden Freundeskreis,
Urlauben und allerhand Aktivitäten, sodass man am Ende gar nicht mehr weiß, wieso sie überhaupt
nach einem Partner suchen. Die Darstellung ist so sehr auf Erfülltheit und Vollständigkeit der eige-
nen Wünsche hin angelegt, dass man gut erkennen kann, wie die Thematisierung der Sehnsucht
beim Formulieren der Annoncen ausgespart werden musste. Die Sehnsucht selber, Momente per-
sönlicher Leere, Einsamkeit oder Sinnlosigkeit können nicht dazu verwandt werden, Interesse an
der eigenen Person zu erzeugen. Das würde zu sehr auf emotionale Not hindeuten und den gesu-
chten Partner fast schon in eine Rolle des Heilers oder Therapeuten abdrängen (in jedem Falle in
eine sehr verantwortungsvolle Rolle), wo von ihm doch angenommen werden muss, dass auch er
183
Ohne dabei eine sexuelle Stratifikation von Zielgruppen aus den Augen zu verlieren: In den Extremen können sich
sowohl sexuelle Interessen auf bestimmte Personen bündeln, als im anderen Extrem auch das Ausbleiben dieser
Interessenbekundungen. Bisher schließen hier in der Regel diverse Theorien über Attraktivität an, die über
Aussehensmerkmal Personengruppen zusammenfassen.

129
seinen Spaß, sein Erlebnis und indentitäres Fortkommen sucht an jemanden, der ihm nicht schon in
der Suchanzeige einseitig zur Last fallen soll. Eigenständigkeit bleibt Voraussetzung. Melancholie
ist kaum mehr liebesfähig. In dieser Hinsicht müssen schwere Themen, bedrückende Momente der
Partnersuche ausgelassen werden, um die Leichtigkeit und spielerische Freude der ersten Augen-
blicke, die wohl zur trivialisierten Romantik gehören, nicht zu verderben.

Den Rückzug auf die eigene Person kann man gleichfalls an Jugendkulturen beobachten, deren
Selbstdarstellung und Körpertechniken klarmachen, dass zwar nicht auf Kommunikation und
Mitteilungsversuche (Offerten), aber zunächst doch auf zu riskante oder verbindliche Situationen
gesprochener Sprache verzichtet werden soll.184 In dieser Hinsicht kann man, glaube ich, sagen,
dass die Chancen des simplen Redens, des nebenläufigen leichten Gesprächs und spontanen Sich-
Austauschens (wie es noch lange nach den 68ern propagiert wurde) wenn nicht gebrochen, so doch
stark rückläufig ist durch antezipierte mögliche Hindernisse der Kontaktaufnahme mit Fremden in
komplexen sozialen Situationen. Diese hohe Sensibilität für Brüche, das Bewusstsein auch unkon-
trollierbarer Kontingenz im direkten Umgang und die Furcht vor Enttäuschungen wird von man-
chen Beobachtern darauf zurückgestutzt, die Jugend sei nun wieder konservativ geworden.

Die Bandbreite körpertechnischer Phänomene betrifft hier: Milieuspezifische Selbstverortungen in


Stilrichtungen der Mode und Musik, Piercings und Tattoos, sorgsam antrainierte und im sonstigen
Alltag eigentlich unbrauchbare Muskeln, zielgerichtet herbeigeführte Sonnenbräune der Haut, das
Spiel mit Verdeckung und Nacktheit, also: bauchfreie Shirts, sogenannte Hüftjeans, gewollt in Sze-
ne gesetzte Teile der Unterwäsche und dergleichen, Oberbekleidung mit Markenemblemen oder
(teils politisch orientierten) Sprüchen, Sticker und Buttons auf den Rucksäcken, eventuell auch der
demonstrative Einsatz von Handys und MP3-Playern, mit denen man Gespräche und Musik auch
für Außenstehende absichtlich mitwahrnehmbar machen kann, ohne zu vergessen, dass schon die
Modelle und Marken Ansätze bieten, Personen einzuordnen. 185 Diesen und anderen Aufhängern für
Kommunikation ist gemein, dass sie nur ausgestellt werden und niemanden "ansprechen" oder auf
Kommunikation verpflichten; selbst der Stellenwert als Offerte bleibt ambivalent, der Stellenwert
als Mitteilung bleibt offen, weil Teilnehmer sich immer auf den individualistischen Standpunkt
zurückziehen können: Ich lebe mich hier nur aus, ich höre nur meine Musik! - als Begleiter-
184
Die beiden Unterschiede von sprachlich/nichtsprachlich und direkter/indirekter Kommunikation haben Berüh-
rungspunkte, liegen aber nicht parallel zueinander. Die erste Differenz bezieht sich auf die Verwendung von
"formalisierter" Sprache, dementgegen auf Gesten, Blicke, Körperhaltungen usw.; während die zweite Differenz
durch Abstreitbarkeit (oder klare Zurechenbarkeit) auseinandergehalten wird. In diesem Sinne ist hier im Haupt-
text nochmal fraglich, was eigentlich gesucht wird: die Vermeidung sprachlichen Kontakts oder die Möglichkeiten
des Abstreitens einer Offerte.
185
Florian Muhle danke ich für den Hinweis auf die typisch weißen und typisch geformten Ohrstöpsel des Apple Ipod
im Original: eine sowohl kostspielige Anschaffung, ein Trendprodukt mit Vorreiterstil und zeitgleich auch ein
Risikofaktor, dessen beraubt zu werden. Siehe für Kleidung: Bohn 2000.

130
scheinung von Selbstverwirklichung. Das Faktum bewegt sich dann also eher im Bereich indirekter
Kommunikation, weil der Sinn der Handlungen (als gewollte Selbstdarstellung) abstreitbar bleibt.
Das Gegenüber hat sich dann nur etwas eingebildet.

Erkenntlich gehen wir auf die eigenen Probleme der Kontaktaufnahme im Internet hier nicht
gesondert ein, aber der Hinweis ist angebracht, dass man gerade für intime Anbahnungsdinge - auf
Partnerplattformen, aus sozialen Netzwerken oder Chats heraus - eine ähnliche Problemlage hat,
die auf eine vorherige (selbstschützende) Distanzierung von freibleibenden oder anonymen Adres-
saten gebaut ist. In unserem Beispiel oben ist es das Vermeiden von sprachlicher und nichtabstreit-
barer Kommunikation, im Internet ist es dagegen die Aufweichung wechselseitiger Wahrnehmung
durch die Verlagerung der Anbahnung auf Schrift. Das Umgehen von Situationen von Angesicht zu
Angesicht wird zunächst als Ressource genutzt, weniger gehemmt über sich selbst ins Gespräch zu
kommen. Die Folgeprobleme sind im ersten Treffens im real life und in seinen Blockaden zu
sehen: Wird die schriftliche Selbstdarstellung (und selbst für den Fall: dass man sie nicht überzogen
hat) die Erwartungen überstehen, wenn man sich körperlich gegenübersteht? Diesem Problem des
entscheidenden Moments ("Funke") kann man nicht dadurch ausreichend vorbeugen, am Ende des
Schriftverkehrs Fotos auszutauschen. Die Interaktion und ob sie für Liebe überzeugen kann, bleibt
unberechenbar (vgl. Becker 2009).

An unseren Beispielen ist die Leerstelle fehlender Überleitungen zu sehen, die offenbar zur
Improvisation drängt. Jedenfalls die romantisierte Liebessemantik (Illouz: Anerkennung) stößt
ungelenk auf den Individualismus eigentlich unpersönlich vorgeformter Lebensbereiche. Die sexu-
elle Anbahnung scheint hier wiederum einen – vielleicht entscheidenden – Schritt auf den Individu-
alismus zuzugehen: Anfangs werden wechselseitig harte Interessen am zunächst einmal eigenen
Körpererleben unterstellt (also getrennte Individualitäten, selbst bei Verhandlungsmoral, gewahrt),
ohne den Zusatz von Zeit und die Ausbildung vollpersönlich orientierter Liebe nicht doch noch
nachziehen zu können. Das Kontaktverhalten führt zunächst in die Distanz voneinander und in
Ambivalenzen bei der Beurteilung des Geschehens, also in eine (für Beobachter wohl erkennbare)
Erhöhung oder Radikalisierung doppelter Kontingenz. Unsere Beispiele zeigen auch, dass zur
anschließenden Überbrückung und Re-Integration der Distanznahme kaum klare Formen vorhanden
sind. So können selbst Kleinstsysteme des täglichen Nahbereichs überkomplex werden.

131
4. Schlusswort

Letztlich ist bedenkenswert, ob man die Entwicklungen, die ich hier geschildert habe, überhaupt als
Problem auffassen sollte. Für einen hinreichenden Überblick müsste man neben den Problemstellen
der Anbahnung dann sicherlich auch neue Wege des Kennenlernens und Alternativen betrachten,
die sich heute ohne Zweifel wenn nicht eingespielt haben, so doch andeuten. Man muss sich daran
erinnern, dass Liebe immernoch ein hochmoralisch behandelter Sachverhalt ist. Romantische Liebe
wird weiterhin als großer kultureller Wert aufgefasst, sodass Abweichungen vom romantischen
Schema fast automatisch kritisch beäugt werden. Die Kritik der (bereits trivialisierten) Romantik
und das Bemühen um eine realistische Einschätzung ihrer Lebbarkeit heute, aber auch eine Fokus-
sierung ihrer Problemstellen im Wandel anderer Funktionssysteme als Umwelt 186 ist dazu nur ein
erster Schritt.

Sicher ist heute zu sehen, dass Beziehungen sich allgemein verkürzen und sich damit zahlmäßig
anhäufen können, dass Scheidungen zunehmen und moralisch wie rechtlich entlastet werden (wenn
auch immer Soziologen diese Zahlen noch nicht für bedenklich halten), zudem dass Liebe sich
heute in einer nunmehr bewussten Differenz von Liebe/Sex offener über Geschlechtsverkehr
einleitet und dass Forderungen an Erlebnisqualitäten des Partners und Ansprüche an Selbstverwirk-
lichung des Einzelnen den Code immer stärker mitgestalten, weil man z.B. dem Problem der
Langeweile/Monotonie/Routine zu begegnen hat und Liebe aus Pflicht oder Respekt oder Geschich-
te immer weniger überzeugt. Das sind Eckdaten, die man kaum mehr in Zweifel ziehen kann. Aber
man muss mitsehen, dass Vorbehalte gegenüber diesen Entwicklungen stark moralisch unterlegt
sind, dass man Romantik immernoch für edler und besser und erhabener hält, obwohl sie kaum
durchführbar ist. Romantik ist darin etwas Schönes. Von diesem (externen?) Standpunkt aus hat
man es einfach, sexuelle Anbahnung und ihre Signale, nursexuelle Beziehungen, das Handeln auf
sexuellen Feldern, Affären und schnelle Abbrüche bloßzustellen. Dies Klammern an die roman-
tischen Vorteile scheint sich auch kaum mehr aus der Orientierung am konkreten Partner zu
speisen, sondern vielleicht mehr der Verliebtheit in eine angenehme Idee geschuldet zu sein. Mit
aller Vorsicht gefragt: Befindet sich Romantik hier im reflexiven Leerlauf?

Ich denke, man sieht neuere Entwicklungen als problematisch an, weil Deutschland und Europa
noch nicht ihren Frieden machen konnten mit der Romantik. Das semantische Schema wirkt nach,
nachvollziehbar nach, und hat vielleicht in den 50er Jahren mit wirtschaftlichem Aufschwung und

186
Wir hatten den Vergleichspunkt Wirtschaft/Arbeit genannt, über den die Forderung nach mehr Flexibilität im
Privaten eingetreten ist: in der Familienplanung, in den Wohnortwechseln, überhaupt Abstand von der Idee zu
nehmen, das Private sei das Wichtigste. Man kann sich an den neuen Arbeitsorten neue Partner suchen!

132
staatlich stabilen Rahmenbedingungen nochmals einen Höhepunkt erreicht, der vielen heute noch
als Orientierungs- und Vergleichsfolie dient. Luhmanns Dreischritt von Liebe – Ehe – Familie ist
dafür wohl ein gutes Beispiel. Das Schema hatte irgendwie den Anschein einer Passung, einer
Beruhigung in sich bewegenden Umwelten, eines Sattelpunktes und der gelungenen Abstimmung
mit dem systemischen Umfeld: also der Rollenteilung von Mann und Frau, Aussichten auf eine auf
Dauer gestellte Familie zum Heranwachsen gemeinsamer Kinder, die Urlaube, der Garten, das
Eigentum – ohne bei diesem Werbeideal gleich die inhärenten Gefahren für Liebe zu sehen. Das
Schema hatte den Anschein von Stabilität und Dauer, man konnte mit Zeit rechnen und darauf
"bauen", Scheidungen waren Katastrophen konstruiert und markierten persönliche Abstürze. Das
bediente und befeuerte natürlich den Komplex der Romantik: ewiges Lieben, Treue, ein gemein-
sames Leben, aufeinander abgestimmte Biografien – hier konnte man Fiktionen des Vollaufgeho-
benseins, ja des Aufgehens in der Gesellschaft intensiv ausleben.187

Trotz der von heute aus sichtbaren Heuchelei dieses Idylls haben die neuen Lebensformen als
Erfindung der 68er, haben die Patchworkfamilien, Reihen von Affären, das Bruchstückhafte, Versu-
che der Normalisierung von Abbrüchen und die Einbindung von Kindern in neue Familienformen
bis heute kein wirklich gutes Ansehen, weil es eben nicht mehr als Lebensmodell zu zweit
genommen werden kann, sondern immer wieder auf "Selbst-" und "Ego-" zurückinterpretiert wird.
Die Perspektiven und die auf Dauer gestellte Weltkonstitution des Paares wird durch individuelle
Selbstverwirklichung abgelöst. Zu sehr mussten Trennungen, Brüche und Abschiede von den
sogenannten Lebensabschnittspartnern miteingeflochten werden und nun schon beim Anfangen
mitgesehen werden. Die Frau lässt sich scheiden, es entbrennt der Sorgerechts- und Scheidungs-
streit, um als Form des Schlusstrich-Ziehens die zuvor auch glücklichen Zeiten im Nachhinein zu
entwerten – und das "muddling through" durch die privaten Lebensformen kann beginnen. Also
diese Frage fast unmöglicher Stabilisierung und Institutionalisierung (früh zu sehen in der Kritik
der Ehe188) scheint auf den fragmentierten Lebensformen heute noch zu lasten und ihnen den
Beigeschmack des Halbseidenen anzuhängen, was nicht heißen muss, dass dies nicht gerade als
Alternative dargestellt werden kann und als Fingerzeig auf unzähmbares Persönliches Verwendung
findet. Aber die Abwendung von der Romantik wird dann als Verlust empfunden. Und die
Imtimformen danach sind sozusagen broken love.

187
Ich neige mehr und mehr dazu, für eine Analyse heutiger Liebeswelten die Zeit ab 1945 stärker zu fokussieren und
die historischen Vorläufer etwas mehr ruhen zu lassen. Hier scheint es auch vom historischen Standpunkt aus
Möglichkeiten zu geben für eine genauere Liebesgeschichtsschreibung.
188
Also als direkte Folge der Romantik: so Madame Bovary (1856). Hier schon im Ersten Teil zahllose Hinweise
durch Emma auf Langeweile, Austrocknung, Routinisierung und fehlende Spannung. Die Außenbeziehungen und
Potenzen Dritter werden zum unerträglichen Sogpunkt, dem dann nachgegeben wird.

133
Dieses Sichsträuben der Liebe gegen Ordnungsmuster und Systematisierung hat sich wohl in die
Soziologie hineinkopiert. Es ist eine eingespielte Attitüde unter Soziologen geworden, der roman-
tischen Liebe fast hoffnungslos, künsterlich-resigniert und seufzend gegenüberzustehen, ja sie
geradezu als schmerzende Zumutung hinzustellen, was hier von einem gefordert wird. Die Men-
schen litten da an Skripten, Schemata und einem irgendwie falsch progammierten Sozialbereich, der
Anziehung und Sexualität und Dauer vereinen will und dabei den Teilnehmern mehr Frust als alles
andere beschere. Man hat nun nicht nur mehr das Problem des Menschen und seiner Individualität,
sondern auch dasjenige von privaten Lebensformen, die sich soweit diversifizieren und individuali-
sieren, dass große Theorien ins Schlingern geraten.

So wird Liebe theoretisch und lebenspraktisch zum Ärgernis, obwohl man bei nachwachsenden
Generationen gar nicht sehen kann, dass sie diesen Pessimismus teilten. Gerade die konkreten Aus-
weichformen vor der Romantik müssten die Soziologie also interessieren; und auch Versuche, wie
eine Romantik hinterrücks oder nachträglich wieder in Beziehungen reingeholt wird, die im teils
brutalen Tauschhandel körperlich-sexueller Vorteile ihren Ausgang genommen haben. Das dürfte
auch eine Frage des Laufens und des Alltags von Zweierbeziehungen sein, von denen man erwarten
kann, dass sie nicht über lange Zeit nur von action und Erlebnis und der anfänglich anvisierten
Selbstverwirklichung leben können. Man wird es kaum glauben: Selbst die Ehe von David und
Victoria Beckham wird wohl kleinliche Routinen und das Sitzen auf dem Sofa vor dem Fernseher
kennen. Aber das impliziert schon wieder Dauer. Beziehungen müssen entweder mit dem Abfla-
chen des Rausches umgehen lernen – oder eben auf andere Objekte umschwenken und immer
wieder vom Anfang beginnen. Das kann man heute entscheiden, zumal die Option des Alleinlebens
(vor allem in Städten) zumindest als Zwischenlösung gängig geworden ist. Aber es bleibt wohl auch
eine biografische Frage, weil die Liebe so nahe an den Einzelpersonen liegt, also dass sich Zweifel
einstellen können, wenn man mit 50 oder 60 Jahren in den Diskotheken und Clubs und auf der Love
Parade nach schmackhaften Anderen sucht. Möglich ist es heute allemal, aber man hört von schalen
Beigeschmäckern, wenn der Partnerwechsel seinerseits zur Routine wird. Aber das sind vielleicht
schon ins Lächerliche verzerrte Randphänomene, wie wenn Rolf Eden mit 70 und 80 Jahren sein
nächstes Bunny-Häschen heiratet. Man kann romantisch lieben, man kann sich für sexuelle
Konnotation entscheiden, man kann zeitweise ohne Begründungsbedarf allein leben – und man
kann wohl diese Formen biografisch miteinander kombinieren. Das hat eine Übersichtlichkeit und
eine vielleicht ausreichende Komplexität, die heute den Rahmen der modernen Liebe darstellt.189

189
Den kulturellen Verfall der damaligen Partnerschaften (companionships) hatten wir genannt.

134
Im geographischen Kernbereich und Entstehungskontext der Romantik (Frankreich, Deutschland)
erkennt man heute immernoch interessante Spuren, die ebenfalls andeuten, dass Romantik weiter
eine Rolle spielt. Deutschland wird als Sonderfall gesehen (Spiegel 2006), wo die Partnerwahl teils
mit großer Sorgfalt, Ernstigkeit und Zurückhaltung betrieben wird, was in der Interaktion mit ande-
ren Nationalitäten Verwunderung erzeugt. Also obwohl Aussehen, Styling und äußere Schönheiten
bei der Wahl wichtiger werden, kann nicht jedes Werben auf den Nenner sexueller Signale gebracht
werden. Für die europäische Skepsis gegenüber sexuellen Anbahnungsweisen kann man Luhmann
zum historischen Zusammenhang zitieren, mit einer Hintertür in der Semantik:

"Die Romantik wird die Möglichkeit, zwischen echt und unecht auf dem Boden wahrer Tatsachenfeststellungen
zu unterscheiden, aufgeben, und sie wird der unecht begonnenen Praxis zutrauen, echte Gefühle nachzuentwickeln
(nicht nur: unechte zu festigen)." (Luhmann 1982, 179, Fn. 40)

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[Dieser Text als frühe Behandlung sexueller Hierarchien bzw. Stratifikation]

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Versicherung gemäß § 21 Absatz 6 DPO

Ich versichere, die Diplomarbeit selbständig verfasst und keine anderen als die angegebenen
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