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Informationen
und
Meinungen
zur deutschen Sprache

Herausgegeben
vom
Institut für Deutsche Sprache,
Mannheim

Sonderheft
März 2007
23. Jahrgang

Sonderheft: Auslandskooperationen
des Instituts für Deutsche Sprache

Internet im Unterricht: die deutsche Standardgrammatik


ProGr@mm – ein Erfahrungsbericht aus Italien
von Maria Teresa Bianco 2

EuroGr@mm – ein neues Forschungsnetzwerk


von Horst Schwinn 7

Internationale Kontakte und Kooperationen der


Mannheimer Konnektorenprojekte
von Hardarik Blühdorn 10

Das deutsch-ungarische Wörterbuch zur Substantivvalenz


von Jacqueline Kubczak 12

Prager Wanderungen durch die Mannheimer Quadrate


von Marie Vachková, Marek Schmidt und Cyril Belica 16

Web as Corpus: Kooperation mit der Universität Bologna


von Cyril Belica, Holger Keibel, Marc Kupietz und Rainer Perkuhn 21

Kooperation des IDS mit dem


Forschungszentrum für die Landessprachen Finnlands
von Arnulf Deppermann 26

Vergleichende Analysen von Situationseröffnungen /


Analyses comparées d’ouvertures
Ein deutsch-französisches Kooperationsprojekt
von Lorenza Mondada und Reinhold Schmitt 27

Mannheim – Moskau
Zur Kooperation zwischen der Philologischen Fakultät
der Staatlichen Lomonossov-Universität Moskau
und dem Institut für Deutsche Sprache (IDS)
von Wilfried Schütte 31

Impressum 2

Auch vollständig im Internet:


<www.ids-mannheim.de/pub/laufend/sprachreport/pdf/sr07-sonderheft.pdf>

Sonderheft März 2007 


Internet im Unterricht: die deutsche
Standardgrammatik ProGr@mm1
– ein Erfahrungsbericht aus Italien
von Maria Teresa Bianco

Überlegungen zum Thema „Reflexion über Ich gehe von der Voraussetzung aus, dass eine Refle-
xion über die Sprache zur Reduzierung der sprach-
Grammatik“ lichen Komplexität unabdingbar ist, zumal ich davon
überzeugt bin, dass unsere Lernstrategie – sei sie nun
Warum soll man eigentlich Grammatik lernen? Hat
auf emotionalen, motivationalen oder sonstigen Fak-
es einen Sinn, sich mit Grammatik-Phänomenen aus-
toren begründet – immer darauf abzielt, die Regeln
einanderzusetzen, wenn es so aussieht, als würden die
einer Sprache, d. h. ihre Grammatik zu beherrschen.
beim Erlernen einer Fremdsprache geforderten Fertig-
Ein erwachsener Fremdsprachenlerner kann sich nicht
keiten die Reflexion über die Sprache in eine nachge-
mit einer ungefähren mündlichen und/oder schrift-
ordnete Position verweisen? Diese Fragen haben schon
immer lebhafte Diskussionen ausgelöst.

Die Rolle der Grammatikkenntnisse beim Erlernen des IMPRESSUM


Deutschen als Fremdsprache (DaF) und ganz generell
im Prozess des Spracherwerbs ist ein äußerst kom- Herausgeber: Institut für Deutsche Sprache, Postfach 101621,
plexes Thema, das weiterhin Gegenstand theoretischer 68016 Mannheim.
Internet: http://www.ids-mannheim.de
Überlegungen ist und Auswirkungen auf die Didaktik Mitglied der
hat.
Redaktion: Annette Trabold (Leitung),
Heidrun Kämper, Horst Schwinn, Eva Teubert
Im Lauf der letzten fünfzig Jahre hat es auf diese Fra-
Redaktionsassistenz: Jens Gerdes, Neda Radkhou
gen zahlreiche und häufig recht unterschiedliche Ant- E-Mail: sprachreport@ids-mannheim.de
worten gegeben: Das Spektrum variierte zwischen
einer enormen Überbewertung der Grammatikkennt- Satz & Layout: Claus Hoffmann (IDS)
Belichtung: Afosatz Frey, 68199 Mannheim
nisse beim Spracherwerb und der totalen Weglassung Druck: Morawek, 68199 Mannheim
jeglicher systematischen Beschreibung oder Reflexion gedruckt auf 100% chlorfrei gebleichtem Papier
über strukturelle Aspekte der L22. Lange Zeit sah man ISSN 0178-644X

die Sprache als einen statischen, homogenen Block an, Auflage Sonderheft: 1000
wobei man hauptsächlich die geschriebene Sprache Bezugsadresse: Institut für Deutsche Sprache,
der literarischen Tradition, der „hohen“ Literatur, im Postfach 10 16 21, D- 68016 Mannheim
Tel. +49(621) 1581-0
Blick hatte. Es galt die landläufige Meinung, dass man
die Grammatik beherrschen müsse, wenn man eine
Fremdsprache beherrschen wollte. Später verstand
man unter „Fremdsprache“ ein Korpus von Aussagen, In eigener Sache – an die Autoren:
die der gesprochenen Sprache entnommen wurden Wir bitten Sie, Ihre Beiträge als WINWORD oder RTF-Datei im
und beispielhaft die verschiedenen Konstruktionen Anhang per E-Mail zu schicken an:
der Sprache darstellen sollten, die dann im Unterricht sprachreport@ids-mannheim.de oder auf Diskette.
als Anregung für eine mechanische Reproduktion Bitte wählen Sie dazu folgendes Disketten-Format:
3.5 Zoll, WINDOWS-formatiert.
dienten. Erst seit den Neunzigerjahren wird die Not- NICHT bearbeiten können wir:
wendigkeit hervorgehoben, die L2 in kommunikativen – 5.25 Zoll-Disketten,
Zusammenhängen zu erlernen; seitdem wird auch die – MAC-formatierte Disketten.
Grammatik funktional, d. h. im Hinblick auf den Ge- Die Texte sollten nicht mit komplizierten Layouts und ohne
Formatvorlage erstellt sein, die Formatvorlagen erstellen wir.
brauch einer Struktur bei einer bestimmten Sprechab-
Der SPRACHREPORT wird mit InDesign CS2 erstellt.
sicht dargestellt.


lichen Kompetenz begnügen, die in komplexeren anschaut, muss man feststellen, dass nicht nur die
Kommunika­tionszusammenhängen zwangsläufig an darin verwendete Terminologie uneinheitlich ist, son-
ihre Grenzen stößt. dern dass mit demselben Begriff auch unterschiedliche
Inhalte bezeichnet werden. Außerdem berücksichtigen
Während der imitatorische Ansatz in der Anfangs- diese für italienische Studierende bestimmten Ausga-
phase des L2-Erwerbs durchaus akzeptabel ist, sind in ben nur unzureichend die grammatischen Beschrei-
den darauf folgenden Phasen sowohl bei der Analyse bungen der deutschen Sprache, die in Deutschland
als auch bei der Sprachproduktion das Studium der für Deutsche oder für Deutschlerner im Allgemeinen
Sprachregularitäten und die Vertiefung der Gramma- erschienen sind. Das kann durchaus den Lernprozess
tikphänomene unerlässlich. eines italienischen Studierenden beeinträchtigen, der
sich über Jahre hinweg an bestimmte Definitionen und
Dabei spielen auch die in der Schulzeit erworbenen Beschreibungen gewöhnt hat.
und vertieften Kenntnisse der normativen Grammatik
der L1 eine Rolle: Je umfassender die Kenntnis der Anhand einiger Beispiele sollen hier nicht nur die
Sprachstrukturen und -normen der L1 ist, desto einfa- unterschiedliche Terminologie im Deutschen und im
cher wird es sein, Unterschiede und Ähnlichkeiten in Italienischen, sondern auch die Abweichungen inner-
der L2 zu entdecken. halb der deutschen Grammatikografie veranschaulicht
werden.
Zur „Rückbesinnung“ auf die metalinguistische Re-
flexion – auch unter kontrastivem Aspekt – haben Seit geraumer Zeit verwenden die deutschen Gram-
unter anderem Forschungen im Bereich der kogniti- matiker Definitionen der Wortart ‚Artikel‘, die sich
ven Linguistik und der Neurolinguistik beigetragen; von den in vielen Handbüchern üblichen Definitionen
die Frage nach dem Sprachbewusstsein hat damit an stark unterscheiden: Die Wortklasse ‚Artikelwort‘
Wichtigkeit und Aktualität gewonnen. Ein kontrasti- sieht nicht nur die Unterscheidung in ‚bestimmten‘
ver Ansatz kann den Spracherwerb der L2 erleichtern, und ‚unbestimmten Artikel‘ vor, sondern umfasst auch
indem er sowohl der Entstehung von Interferenzen als den ‚Possessiv-Artikel‘, den ‚Demonstrativ-Artikel‘,
auch einer falschen, an die Muttersprache angelehnten den ‚W-Artikel‘ (z. B. welches Fest) und den ‚Quanti-
Hypothesenbildung vorbeugt. Nur die solide Kenntnis fikativ-Artikel‘ (z. B. jedes Fest). In den in Italien ver-
der grammatischen Phänomene in der eigenen Sprache öffentlichten Deutsch-Grammatiken gibt es in dieser
ermöglicht es, diese einem Vergleich mit der Fremd- Hinsicht keine einheitliche Terminologie.
sprache zu unterziehen. Ein Beispiel dafür: Nur wenn
wir die Wortart und die Konkordanzregeln für das prä- Häufig werden sogar in ein und demselben Kapitel un-
dikative Adjektiv im Italienischen kennen, werden wir terschiedliche Begriffe zur Bezeichnung der gleichen
in der Lage sein, die Besonderheiten der deutschen morphologischen Kategorie verwendet: So leben z. B.
Entsprechung „aufzudecken“, die ja bekanntlich un- die drei Begriffe ‚Verb‘, ‚Verbsyntagma‘ und ‚Verbal-
veränderlich ist. Das gleiche gilt für die Subjunktor- komplex‘ friedlich nebeneinander. Aber warum muss
sätze und die Infinitivkonstruktionen: Sind uns die es drei verschiedene Ausdrücke für die gleiche Wort-
Mechanismen der Subordination im Italienischen klar, klasse geben? Die neueste deutsche Grammatikografie
wird uns ihr Aufbau im Deutschen keinerlei Schwie- benutzt jetzt die Bezeichnung ‚Verbalkomplex‘ für den
rigkeiten bereiten, da er den gleichen Regeln folgt. prototypischen Ausdruck des Prädikats, der aus einer
Um über die Erscheinungsformen der Fremdsprache finiten Verbform oder mehreren Verbformen besteht,
nachdenken zu können, ist allerdings die Kenntnis der von denen eine finit ist.
italienischen Grammatik notwendig, weil wir sonst
nur zur mechanischen Reproduktion von auswendig Die spontane Antwort auf die Frage, welcher deut-
Gelerntem fähig wären. schen Wortart das italienische ‚aggettivo‘ entspricht,
wäre wahrscheinlich ‚Attribut‘ oder ‚Adjektiv‘. Das
Nachschlagen in einer der neueren in Deutschland er-
schienenen Grammatiken belehrt uns jedoch sofort ei-
Handbücher und Grammatiken: Uneinheit- nes Besseren. Unter ‚Adjektiven‘ versteht man „genus­
lichkeit von Definitionen und Inhalten variable Wörter, die immer zwischen Determinativ
und Nomen stehen können“4. Diese Definition macht
In den letzten Jahren sahen sich viele DaF-Lehrwerk- einen Vergleich mit der „klassischen“ italienischen
autoren veranlasst, ihre Lehrbücher durch Arbeitsbü- Terminologie notwendig, in der neben den qualifika-
cher oder gar regelrechte Grammatiken zu ergänzen.3 tiven auch die possessiven, indefiniten, interrogativen
Wenn man sich diese Darstellungen der Grammatik etc. Adjektive vorkommen.

Sonderheft März 2007 


Die Bedeutung des Begriffs ‚Attribut‘ dagegen ist viel Die Beschreibungen und Definitionen der einzelnen
weiter gespannt: Während er im Italienischen eine syntaktischen Glieder sind ebenfalls überaus unein-
morphologische Kategorie darstellt, bezeichnet er im heitlich; in den in Italien publizierten Grammatiken
Deutschen ein Satzglied, das eine beliebige Erweiterung begegnen uns die traditionellen Bezeichnungen wie
eines Kopfes realisiert, wie zum Beispiel ‚Subjekt‘, ‚Objekt‘, ‚Präpositionalobjekt‘, ‚Zeit-‘ und
‚Ortsbestimmung‘ sowie die seit den Neunzigerjahren
• eine Präpositionalphrase mit Nomen oder Adjektiv gebräuchlichen ‚Ergänzungen‘, ‚Angaben‘, ‚Argu-
als Kopf: mente‘ und ‚Umstandsbestimmungen‘.
Der GRUND für sein Verhalten
Diese Begriffsverwirrung erschwert nicht unerheblich
Er war auf meine Hilfe ANGEWIESEN.
die Arbeit eines Forschers oder Studierenden, der die
Regularitäten und Besonderheiten der italienischen
• einen Genitiv:
und der deutschen Sprache lernen, vergleichen und
Das GEFÜHL des Durstes vertiefen möchte.

• Infinitivkonstruktionen oder Subjunktorsätze mit Wenn man die Notwendigkeit einer Reflexion über
dass und ob, die von Nomina oder Adjektiven se- die Strukturen und das Funktionieren einer Sprache,
legiert werden: auch im Vergleich zur L1, erkannt hat, steht man vor
Ich hatte nicht die GEDULD, mir die ganze Ge- dem Problem, eine Grammatik zu finden, die eine
schichte anzuhören. wissenschaftliche Beschreibung des Deutschen (lin-
guistische Grammatik) mit einer lernergerechten Be-
Es besteht die GEFAHR, dass wir den Zug verpas- schreibung (Lernergrammatik) und speziell mit einer
sen. auf die Bedürfnisse des Lerners mit Italienisch als L1
Ich bin FÄHIG, die Aufgabe in sehr kurzer Zeit zu zugeschnittenen Beschreibung (Lernergrammatik für
bewältigen. Italiener) zu finden.
Max ist sehr NEUGIERIG, ob seine Freundin die
Fahrprüfung bestanden hat. Den italienischen Lernern steht allerdings keine theo-
retisch solide Referenz-Grammatik zur Verfügung, die
• oder einen Relativsatz: die wissenschaftliche und methodologische Debatte in
Der Apfel, der reif ist, ... Deutschland berücksichtigt und gleichzeitig die italie-
nische Grammatik (hier im weiteren Sinn als Gesamt-
Auch die Wortart ‚Adverb‘ ist neu definiert worden heit von Regeln und Beschreibung dieser Regeln ver-
und umfasst nur noch unveränderliche, d. h. unflek- standen) und die jüngste wissenschaftliche Diskussion
tierbare Elemente. Im terminologischen Wörterbuch auch in der italienischen Linguistik nicht außer Acht
von ProGr@mm ist dazu Folgendes zu lesen: „Ad- lässt.
verbien sind unflektierbare Ausdrücke, deren prototy-
pische Funktion darin besteht, Prädikate unterschied-
licher Komplexität zu modifizieren“, d. h. lexikalische Die Propädeutische Grammatik ProGr@­mm
Einheiten wie damals, heute, abseits, außen, anfangs,
derzeit, neulich usw. Dementsprechend wird die Wort- ProGr@mm ist ein System von Informationen über die
form hart in dem Satz Grammatik der deutschen Sprache, das von einer For-
schergruppe des Instituts für Deutsche Sprache (IDS)
Er arbeitet hart. in Mannheim erarbeitet wurde.

nicht mehr als Adverb betrachtet, sondern als Adjektiv Einige Linguisten dieses Instituts haben die dreibän-
in adverbialer Funktion, da diese lexikalische Einheit dige „Grammatik der deutschen Sprache“ (GDS) ver-
in anderen Zusammenhängen variierbar und damit de- fasst, die von Gisela Zifonun et al. (1997) herausgege-
klinierbar sein kann: ben wurde. Diese theoretisch-deskriptive Grammatik
ist als die bislang genaueste wissenschaftliche Be-
schreibung des Deutschen anzusehen; ihre Zielgruppe
Das war eine harte Zeit. sind Linguisten und sehr fortgeschrittene Lerner. Eines
Das war ein hartes Urteil. der vielen Verdienste dieses Werks besteht darin, dass
Teakholz ist härter als Buchenholz. es auf den am IDS vorhandenen Korpora basiert.


Wenig später wurde an diesem Institut auf der Grund- „Seminarbausteine“
lage der GDS grammis entwickelt, ein grammatisches
Informationssystem im Hypertextformat, das eine um- Die „Seminarbausteine“ sind hauptsächlich für Leh-
fassendere praktische rende gedacht und
und didaktische Nut- können die Grundlage
zung ermöglicht. für die Gestaltung
eines thematischen Se-
ProGr@mm entstand minars bilden. Sie be-
am IDS in den Jahren ziehen sich auf einige
2001-2004 im Rahmen Themen der Kompo-
des vom BMBF (Bun- nente „Grammatisches
desministerium für Bil- Grundwissen“ (beson-
dung und Forschung) ders auf die Wortstel-
als Teil des bundeswei- lung und die Intona-
ten Programms „Neue tion).
Medien in der Bildung“
geförderten Projektver- „Terminologisches
bundes PortaLingua. Wörterbuch“

ProGr@mm (kurz für Abb. 1: Die Komplementklassen in ProGr@mm Das „Terminologische


Propädeutische Gram- Wörterbuch“ ent-
matik) ist ein bereits online verfügbares interaktives hält in grammis oder
Lernsystem im Hypertextformat für fortgeschrittene
4 ProGr@mm benutzte Begriffe und Definitionen, dazu
Lerner an Universitäten. kompakte Erklärungen, Beispiele und Links zu weiter-
führenden Texten.
Als propädeutische Grundgrammatik für Studierende
konzipiert, bietet ProGr@mm auf hohem technolo- „Grammatisches Wörterbuch“
gischem Niveau ein interaktives Lernsystem, dessen Die Komponente „Grammatisches Wörterbuch“ ent-
einzelne Einheiten als Hypertext verlinkt sind: Über hält Informationen zu den Einheiten über Konnek-
die diversen Links kann man zwischen den Einheiten toren, Präpositionen und Affixe.
surfen, Grafiken und Animationen anschauen und zu
den zahlreichen Übungen samt Lösungen gelangen.
„Grammatische Bibliografie“
Die Entscheidung, das Material ins Netz zu stellen,
zielt darauf ab, zum multimedialen Selbststudium zu Die umfangreiche Bibliografie zur deutschen Gram-
animieren und so die herkömmlichen, von einem Do- matik ermöglicht die Suche nach Titel, Autor, Jahr und
zenten gesteuerten Grammatikkurse zu unterstützen. auch zu bestimmten Kontrastsprachen.

ProGr@mm gliedert sich in mehrere Komponenten: „Forum“


„Grammatisches Grundwissen“, „ProGr@mm Das „Forum“ ist eine Kommunikationsplattform, die
kontrastiv“, „Seminarbausteine“ mit Übungen
den Austausch von Kommentaren, Meinungen und
und Projekten, „Terminologisches Wörterbuch“,
„Grammatisches Wörterbuch“, „Bibliografie“ und Anregungen zwischen den Nutzern und den Autoren
„Forum“. von ProGr@mm ermöglicht.

„Grammatisches Grundwissen“ „Kontrastiv“


Die Komponente „Grammatisches Grundwissen“ ist
Seit einigen Monaten ist auf der ersten Seite von
in sechs thematische Einheiten untergliedert:
ProGr@mm ein neues Icon zu sehen: „Kontrastiv“.
• Primäre Komponenten des Satzes (Verbalkomplex,
Komplement und Supplement) Im Jahr 2004 begann eine neue Forschungsphase, die
• Phrasen den kontrastiven Aspekt mit einbezieht.6 Ziel des Pro-
• Wortarten jekts ist es, die grundlegenden Inhalte der Gramma-
tik auf Deutsch zu beschreiben und gleichzeitig eine
• Wortstellung
kontrastive Analyse im Hinblick auf einige größere
• Intonation europäische Sprachen (Französisch, Italienisch7, Un-
• Tempus garisch, Polnisch und Norwegisch) durchzuführen.

Sonderheft März 2007 


Die Perspektive ist zwar auf die deutsche Sprache aus- 5
unter der Adresse: <http://hypermedia.ids-mannheim.de/
gerichtet, aber es wird stets auf alle Grammatikphäno- programm/>
mene hingewiesen, in denen sich das Deutsche und die 6
Siehe dazu den Bericht von Horst Schwinn zum Projekt
jeweilige Kontrastsprache unterscheiden. EuroGr@mm in diesem Heft.
7
Außer M. Teresa Bianco (Universität Neapel) arbeiten
Das Projekt einer kontrastiven Grammatik ist also in an dem Projekt Livia Tonelli (Universität Genua), Elvira
zweierlei Hinsicht von Interesse: (i) in theoretischer Lima (Universität Palermo) und Silvia Palermo (Univer-
Hinsicht, da hier eine Beschreibung des Deutschen un- sität Salerno) mit.
ter kontrastivem Gesichtspunkt und in einem präzisen,
die neuesten Linguistiktheorien berücksichtigenden
theoretischen Rahmen entsteht; (ii) im Hinblick auf Literatur
die Nutzung, da das online verfügbare Material nicht
nur im Unterricht bzw. beim gesteuerten Lernen einge- Die bibliografischen Angaben erheben keinen An-
setzt werden kann, sondern sich vor allem auch für das spruch auf Vollständigkeit, sondern wollen nur Hin-
Selbststudium empfiehlt. weise zum Projekt und zur Thematik des Online-
Sprachunterrichts geben sowie die in diesem
Artikel zitierten Werke nennen.

Engel U. (2004): Deutsche Grammatik – Neubear-


beitung. München: Iudicium.
Reimann M. (2002): Grammatica di base della lin-
gua tedesca. 2. Aufl. Ismaning: Hueber.
Saibene M. G. (2002): Grammatica descrittiva
della lingua tedesca. Roma: Carocci.
Schmitz U. (Hg.) (2004): Linguistik lernen im In-
ternet. Tübingen: Narr. (= Narr Studienbücher)
Schulmeister R. (2001): Virtuelle Universität –
Virtuelles Lernen, München / Wien: Oldenbourg.
Schwinn H. (2003a): ProGr@mm – Die Propä-
deutische Grammatik des Instituts für Deutsche
Sprache. In: SPRACHREPORT 1/03, S. 18-22.
Schwinn H. (2003b): ProGr@mm in der Praxis.
Abb. 2: Die italienische Startseite von ‚ProGr@mm kontrastiv‘ Ein Bericht über den universitären Einsatz der
Propädeutischen Grammatik. In: SPRACHRE-
Die ProGr@mm-Grammatik stellt also eine solide
PORT 2/03, S. 5-19.
Grundlage bei der Ausbildung von Germanisten, Lin-
Storrer A. (1998): Vom Grammatikbuch zur Hypertext-
guisten und DaF-Lehrern dar; es bleibt nur zu hoffen,
grammatik. Methodisches Vorgehen bei der Hypertextua-
dass sie demnächst auch von den Autoren der DaF- lisierung nicht-standardisierter Textsorten: In: Heyer, G. /
Lehrwerke als deutsche Standard-Grammatik in Be- Wolff, C. (Hgg.): Linguistik und Neue Medien. Wiesba-
tracht gezogen wird. den: DUV, S. 33-49.
Tesarová L. / Bovermann M. / Eichheim H. / Hollerung M.
(2003): Blaue Blume. Manuale per lo studente. Ismaning:
Hueber.
Anmerkungen
Vorderwülbecke K. (2003): Das Informations- und Lernsy-
stem ProGr@mm. In: Materialien Deutsch als Fremdspra-
1
Dieser Artikel ist bereits in italienischer Sprache erschie- che, Bd. 70, Regensburg: Arbeitskreis DAAD, S. 573-591.
nen: Bianco, Maria Teresa: Internet in classe: la gram- Auch als Online-Publikation: „Das Informations- und
matica standard del Tedesco – ProGr@mm-Grammatik. Lernsystem Pro­Gr@­mm“: <http://www.ids-mannheim.
In: Gagliardi, Nicoletta (Hg.): Didattiche multimediali de/grammis/orbis>
per l’insegnamento del tedesco. Atripalda (AV): Mephite
2005. S. 35-45. Er wurde für den SPRACHREPORT ge- Zifonun G. / Hoffmann L. / Strecker B. u. a. (1997): Gram-
ringfügig gekürzt und ins Deutsche übersetzt. matik der deutschen Sprache, 3 Bände. Berlin / New York:
de Gruyter (= Schriften des Instituts für Deutsche Sprache
2
L2: Zweitsprache, im Gegensatz zur Muttersprache (L1) 7, 1-3).
3
Vgl. das Lernerhandbuch zur „Blauen Blume“, die Grund-
grammatik von M. Reimann oder die deskriptive Gram-
matik der deutschen Sprache von M. G. Saibene. Die Autorin ist Professorin an der Università degli Studi di
4
Engel (2004), S. 335 Napoli ‚L’Orientale‘, Italien


EuroGr@mm – ein neues Forschungsnetzwerk
von Horst Schwinn

Die Idee vom Zusammenwachsen Europas auf poli- Lernplattform integriert, die die Aufnahme der nach
tischer und geografischer Ebene lässt sich auch in der den Sprachen unterschiedenen kontrastiven Perspek-
Sprachwissenschaft beobachten: tiven ermöglicht.

Im Januar 2007 konstituierte sich ein neues eu-


ropäisches Projekt zur Grammatikforschung. In
diesem Forschungsnetzwerk kooperieren For-
schergruppen aus fünf Ländern Europas unter der
Leitung des Instituts für Deutsche Sprache. Ge-
genstandsbereiche der Kooperation sind die typo-
logisch und kontrastiv vergleichende Erforschung
der Flexionsmor­phologie des Deutschen, die di-
daktische Aufarbeitung der Forschungsergeb­nisse
und die kontrastive Erarbeitung von Inhalten aus Abb. 1: ProGr@mm kontrastiv
am IDS entwickelten thematischen Einheiten zur
Grammatik des Deutschen sowie deren Einbindung in
eine schon existierende und am IDS konzipierte In-
Die Kontrastsprachen sind (in alphabetischer Reihen-
ternet-Lernplattform ProGr@mm. Neben der inhalt-
folge) das Französische und das Italienische als Ver-
lichen (und nicht nur grafematischen) Anbindung an
treter der romanischen Sprachen, das Norwegische als
ProGr@­mm, die Propädeutische Grammatik, wird das
eine skandinavische germanische Sprache, das Pol-
neue Forschungsnetzwerk EuroGr@mm auch eng mit
nische als Vertreter der slawischen Sprachen und das
dem IDS-Projekt „Grammatik des Deutschen im euro-
Ungarische als finnougrische Sprache.
päischen Vergleich“ zusammenarbeiten.
Mit den fünf europäischen Kontrastsprachen sind be-
deutende Namen der Leiter/innen der Forschergruppen
Die Geschichte einer jungen Kooperation verknüpft: mit dem Französischen Martine Dalmas aus
Paris, mit dem Italienischen Maria Teresa Bianco aus
Im März 2005 fand am Rande der Jahrestagung des Neapel, mit dem Norwegischen Cathrine Fabricius-
IDS nach informellen Vorgesprächen ein erstes offizi- Hansen aus Oslo, mit dem Polnischen Lesław Cirko
elles Treffen an gemeinsamer kontrastiver Grammatik- aus Wrocław und mit dem Ungarischen Péter Bassola
arbeit interessierter europäischer Wissenschaftler statt. aus Szeged.
Die IDS-Projektgruppe ProGr@mm, die schon damals
an der Didaktisierung grammatischer Inhalte aus der Die nationalen Forschergruppen sind unterschiedlich
„Grammatik der deutschen Sprache“1 und aus dem da- groß (sie umfassen zwei bis vier Wissenschaftler) und
rauf aufbauenden Hypertextsystem grammis2 arbeitete haben teilweise auch unterschiedliche Universitäts-
und die sich entwickelnde Internetgrammatik um den standorte (in Italien sind die Standorte z. B. von Nord
kontrastiven Aspekt erweitern wollte, hatte zu diesem nach Süd verteilt: Genua, Neapel, Salerno, Palermo).
konstitutiven Treffen eingeladen. Die grammatischen
ProGr@mm-Inhalte und deren multimediale Präsenta- Die Zusammensetzung der Gruppe europäischer
tion, die schon seit Sommer 2002 sukzessive auf der Sprachwissenschaftler trägt einerseits dem breiten
Internetplattform ProGr@mm3 veröffentlicht wurden, Spektrum europäischer Sprachen Rechnung, ande-
sollten Grundlage und Ausgangspunkt für die gemein- rerseits stehen die Leiter der einzelnen Forschungs-
same Forschung sein. Es bot sich an, die Internetplatt- gruppen in einer langen und bewährten Tradition ge-
form auch als Publikationsort für eine neue kontrastive meinsamer Forschungsprojekte mit dem IDS und sind
Arbeit zu nutzen: Für die kontrastive Darstellung der darüber hinaus teilweise als Mitglieder des Internatio-
Grammatik des Deutschen wurde eine neue Haupt- nalen Wissenschaftlichen Rates und des wissenschaft-
komponente „ProGr@mm kontrastiv“ in die Lehr- und lichen Beirates institutionell mit dem IDS verbunden.

Sonderheft März 2007 


Die Inhalte der Kooperation • das Analysandum die Grammatik der deutschen
Sprache und nicht die Grammatik der Kontrast-
Mit dem konstituierenden Treffen im März 2005 war sprache ist,
die Pilotphase kontrastiver Sprachforschung in einem
breit angelegten europäischen Netzwerk eröffnet. • die theoretischen Grundlagen aus ProGr@mm bei-
Während dieses Treffens wurden auch gleich die er- behalten und
sten inhaltlichen Weichen gestellt:
• in der Terminologie keine Änderungen vorgenom-
Ziel der gemeinschaftlichen Unternehmung sollte men werden.
die kontrastive Bearbeitung und Nutzung von schon
vorhandenem didaktischem Material zur Grammatik Das heißt natürlich nicht, dass Inkonsistenzen der
des Deutschen sein. Mit „Material“ sind hier einer- deutschen Vorlage nicht bereinigt werden dürften.
seits selbstverständlich Inhalte der Grammatikschrei- Hierbei kommt das Medium den Änderungswünschen
bung gemeint, andererseits aber auch die ebenso am sehr entgegen – ein Hypertext reagiert auf Korrekturen
IDS entwickelte oben erwähnte Internetplattform äußerst flexibel. Selbstverständlich muss die beschrei-
ProGr@­mm mit allen ihren Features, Komponenten bende Sprache das Deutsche und auf keinen Fall eine
und multimedialen Hilfsmitteln wie Grafiken, Ton- der Kontrastsprachen sein. Allerdings können zur Ver-
dokumenten, Animationen und vor allem interaktiven deutlichung kontrastiver Betrachtung die Beispiele in
Übungen. Die neue Hauptkomponente „ProGr@mm die Kontrastsprache übersetzt und kulturspezifische
kontrastiv“ ergänzt die weiteren Hauptkomponen- Beispiele durch „neutralere“ Beispiele ersetzt werden.
ten, das „Grammatische Grundwissen“, das
„Terminologische Wörterbuch“, das „Gram-
matische Wörterbuch“, die „Grammatische
Bibliografie“4 und das Forum. Im Laufe der
Zeit entsteht also in dieser neuen Komponente
sukzessive ein kontrastives Abbild des „Gram-
matischen Grundwissens“ mit seinen thema-
tischen Einheiten: „Was Sie schon immer über
Grammatik wissen wollten“; „Primäre Kom-
ponenten des Satzes“: „Komplemente“, „Sup-
plemente“ und „Verbalkomplex“; „Phrasen“;
„Wortarten“; „Intonation“ und „Wortstellung“.
Dieses Abbild sollte kein Konglomerat aller
kontrastiven Betrachtungen sein: Die schon
im Grammatischen Grundwissen vorhandene
Struktur wird unter Beibehaltung der Struk- Abb. 2: ProGr@mm kontrastiv aus polnischer Perspektive
tur der deutschen Vorlage fünffach, nämlich
mittels aller kontrastiven Perspektiven, gespiegelt.
Dabei werden notwendige Kommentare hinzugefügt,
kontrastiv relevante Aspekte hervorgehoben und die Zu Beginn divergierten die Vorstellungen über das
inhaltlichen Einheiten durch kontrastierende Beispiele kontrastive Vorgehen noch immens.
und illustrierende Übungen ergänzt.
Das Spektrum der intendierten Ziele reichte von einer
Unter diesen Prämissen wurde für die Pilotphase (bis behutsamen Variation der deutschen Vorlage, bei Bei-
März 2006) vereinbart, die in ProGr@mm vorhandene behaltung ihrer Struktur, bis zur Explizierung wesent-
thematische Einheit zur Ausdruckskategorie Phrasen licher Aspekte der Kontrastsprache und einer damit
mit allen Subklassen (Nominalphrase, Präpositional- verbundenen Abweichung von der schon vorhandenen
phrase, Pronominalphrase, Adjektivphrase, Partizipi- deutschen Beschreibung der Ausdruckseinheiten Phra-
alphrase, Adverbphrase und Adjunktorphrase) kon- sen.
trastiv von allen kooperierenden Forschergruppen zu
bearbeiten. Die unterschiedlichen Auffassungen über den notwen-
digen Grad einer kontrastiven Betrachtung der Gram-
Trotz unterschiedlicher Vorstellungen über den Grad matik des Deutschen sollten im Laufe des folgenden
der Kontrastivität waren sich alle Beteiligten einig da- Jahres mit der tatsächlichen Bearbeitung inhaltlicher
rüber, dass Einheiten konfrontiert werden.


neuen Inhalte einerseits zur Flexionsmorpho-
logie didaktisch aufgearbeitet und in die beste-
hende Komponente der Lehr- und Lernplattform
„ProGr@­mm kontrastiv“ integriert, andererseits
werden sie Grundlage einer weiteren kontras-
tiven Forschung der Kooperationspartner sein
und auch in das IDS-Projekt „Grammatik des
Deutschen im europäischen Vergleich“ zurück-
fließen.

Die Nutzer der Ergebnisse


Die Ergebnisse der Forschungsarbeit kommen
unterschiedlichen Nutzergruppen zugute. Es
Abb. 3: Beispiele und deren ungarische Übersetzungen werden zum einen diejenigen Wissenschaftler
angesprochen, die an typologisch kontrastiver
Es wurde bald deutlich, dass von einer ursprünglich Erforschung europäischer Sprachen interessiert sind,
gewünschten Homogenität der Struktur der unter- zum anderen diejenigen Lehrenden an den Universi-
schiedlichen kontrastiven Beschreibungen abgewichen täten des In- und Auslandes, die Lehrveranstaltungen
werden musste. Der hauptsächliche Grund dafür ist die zur Grammatik des Deutschen – unter kontrastivem
unterschiedliche Nähe bzw. Ferne der jeweiligen Kon- oder nicht-kontrastivem Aspekt – durchführen, und au-
trastsprache zur deutschen Ausgangssprache. ßerdem besonders diejenigen, die sich im großen Be-
reich Deutsch als Fremdsprache in unterschiedlichsten
Zum Ende des Jahres 2005 waren die Erfahrungen aus Organisationen und Zusammenhängen mit der Gram-
der Anfangsphase der Kooperation so positiv, dass sich matik des Deutschen auseinandersetzen. Nicht zuletzt
das IDS dazu entschloss, für das mittlerweile von allen ist die große Gruppe Studierender zu nennen, die welt-
Beteiligten als ein gemeinsames Projekt betrachtete weit auf die Internetplattform ProGr@mm zugreift.6
Unternehmen Fördergelder zu beantragen, um so die
Konsolidierung der gewonnen Ergebnisse und Erfah-
rungen und deren Weiterentwicklung zu gewährleis-
ten. Dazu musste die gemeinsame Forschungsleistung
Die Zukunft der Kooperation
spezifiziert und profiliert werden.
Das Projekt ist zunächst auf drei Jahre angelegt; die
Der Name des Projekts EuroGr@mm war schnell ge- Arbeitsschritte für diese drei Jahre sind intern abge-
funden; in ihm wird sowohl die Beziehung zum Aus- stimmt und festgelegt. Alle Partner organisieren ge-
gangsprojekt ProGr@mm verdeutlicht als auch die eu- mäß dem Arbeitsplan die Forschung auf je nationaler
ropäische Perspektive in den Vordergrund gestellt und Ebene. Zusätzlich zur Forschungsleistung kommt dem
das Darstellungsmedium symbolisch angedeutet. IDS der koordinierende Part zu.

Nach Ende der Pilotphase und mit Beginn des nun Die Ziele des neu konstituierten Projekts erfordern
offiziellen Projekts kommt ein neuer Forschungsas- eine Intensivierung der bisherigen Arbeit auf allen
pekt hinzu. Neben der kontrastiven Bearbeitung schon Projektebenen. Dass der Zeitplan eingehalten werden
vorhandener thematischer Einheiten aus der Propä- kann, wird einerseits durch die Kompetenz der For-
deutischen Grammatik wird ein weiterer wesentlicher schergruppen gewährleistet, andererseits durch die
Bestandteil der gemeinsamen Forschung die Flexions- Bewilligung der beantragten Drittmittel für Personal-
morphologie des Deutschen sein. Dabei wird zunächst und Sachkosten gesichert.
an die schon am IDS in verschiedenen Grammatikpro-
jekten5 gewonnenen Ergebnisse zur Flexionsmorpho- Mit EuroGr@mm wird in absehbarer Zeit ein breites
logie angeknüpft und die vorhandenen Resultate für europäisches Netzwerk zur typologisch und kontras-
das Deutsche weiterentwickelt. Anschließend werden tiv vergleichenden Grammatikforschung mit dem
die neuen Forschungsinhalte mit den von den europä- Deutschen als Bezugssprache zur Verfügung stehen.
ischen Partnern aus ihrer Perspektive auf das Deutsche Das Projekt wird durch die hypertextuelle Darstellung
gleichzeitig gewonnenen Forschungsergebnissen zu- im Internet eine ideale Verbreitung erfahren. Alles in
sammengeführt bzw. kontrastiert. Danach werden die allem stehen die Prognosen gut – das neue Projekt

Sonderheft März 2007 


stellt als europäisches Forschungsnetzwerk eine große 4
Die Komponenten „Terminologisches Wörterbuch“,
Chance und wichtige Herausforderung in der kontras- „Grammatisches Wörterbuch“ und „Grammatische Bi-
tiven Sprachforschung dar. bliografie“ übernimmt ProGr@mm von grammis.
5
z. B. „Grammatik des Deutschen im europäischen Ver-
gleich“ und „grammis – das grammatische Informations-
system“
Anmerkungen 6
Zurzeit sind bei ProGr@mm 4500 eingetragene Nutzer
registriert.
1
Zifonun, Gisela/Hoffmann, Ludger/Strecker, Bruno et al.
(1997): Grammatik der deutschen Sprache. 3 Bände. Ber-
lin/New York: de Gruyter.
2
<http://hypermedia.ids-mannheim.de/grammis/> Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
3
<http://hypermedia.ids-mannheim.de/programm/> Deutsche Sprache in Mannheim.

Internationale Kontakte und Kooperationen


der Mannheimer Konnektorenprojekte*

von Hardarik Blühdorn

Konnektoren sind lexikalische Ausdrucksmittel an der Gradpartikeln (nur, sogar, auch u. a.), Vergleichspar-
Schnittstelle zwischen Satz und Text. Syntaktisch stel- tikeln (je ... desto, um so), Negationspartikeln (nicht)
len sie Verknüpfungen zwischen Sätzen her; seman- und anderen. Auch solche Elemente haben Verknüp-
tisch kodieren sie Relationen zwischen Sachverhalten, fungsfunktion im Text, funktionieren im Detail aber
Propositionen oder Sprechakten. anders als Konnektoren.

Das am IDS erarbeitete „Handbuch der deutschen Kon- Die Linguistik der Konnektoren eröffnet anspruchs-
nektoren“ (Pasch / Brause / Breindl / Waßner 2003) be- volle Forschungsfragen für die einzelsprachliche Gram-
handelt 350 solcher Elemente. Dazu gehören subordi- matik, den Sprachvergleich, die Sprachtypologie und
nierende und koordinierende Konjunktionen wie wenn die Sprachdidaktik. Anwendungsgebiete liegen unter
und oder, satzverknüpfende Adverbien wie vorher und anderem in der Lexikographie, der Mutter- und Fremd­
Partikeln wie nämlich. Zu den konjunktionalen Kon- sprachendidaktik, der ­ Übersetzungswissenschaft und
nektoren werden syntaktisch definierte Subklassen der interkulturellen Kommunikation.
gebildet: Konjunktoren, Postponierer, Verbzweitsatz-
Einbetter und Subjunktoren. Die Adverbkonnektoren Viele Sprachen verwenden zur Satzverknüpfung Kon-
werden nach ihren Stellungsbeschränkungen subklas- nektoren, aber nicht alle Sprachen machen so starken
sifiziert. Gebrauch von ihnen wie das Deutsche. In den meisten
Sprachen kommen für die gleichen Funktionen auch
Als Mittel der Textkohärenz sind Konnektoren syntak- andere lexikalische und grammatische Verknüpfungs-
tisch und semantisch eng verwandt mit Funktionswör- mittel zum Einsatz: z. B. Autosemantika mit geeig-
tern anderer Klassen: Präpositionen (wie wegen oder neter Bedeutung (im Deutschen etwa Verben wie re-
kraft), Komplementierern (dass, ob), Relativprono- sultieren aus, führen zu usw., Substantive wie Grund,
mina (der, welcher), Relativadverbien (wozu, wobei Zweck u. a. sowie Adjektive wie alternativ, anschlie-
u. a.), Determinantien (der, jener, derjenige u. a.), ßend u. ä.), Gerundial- und Partizipialkonstruktionen

10
(häufig in den romanischen Sprachen, auch im Eng- Typische Themenstellungen von Kooperationspro-
lischen und Russischen), Konverben bzw. Serialverb- jekten betreffen die syntaktische und semantische
Konstruktionen (z. B. im Chinesischen), nominale Ka- Klassifikation der Konnektoren, das Verhältnis zwi-
sus (im Deutschen marginal als adverbialer Akkusativ schen Koordination und Subordination, die Rolle der
und Genitiv, im Latein als Ablativus absolutus) oder Konnektoren bei der Produktion und Interpretation
gebundene Morpheme (in agglutinierenden Sprachen, von Texten. Ferner sind Untersuchungen entstan-
etwa im Koreanischen). den, die semantische Teilklassen der Konnektoren,
etwa Temporal-, Konditional-, Kausal-, Final- oder
Die Konnektorenprojekte des IDS, „Handbuch der Konzessivkonnektoren, im Vergleich zwischen dem
deutschen Konnektoren“ und „Sprachvergleich Deutschen und der Muttersprache des Projektpartners
Deutsch-Portugiesisch: Konnektoren“, untersuchen behandeln. Hier ist insbesondere zu dem Sprachen-
Form und Funktion von Konnektoren in Syntax, Se- paar Deutsch-Portugiesisch gearbeitet worden (alle
mantik und Pragmatik. Dabei werden die Konnektoren genannten semantischen Klassen), aber auch zu den
des Deutschen zum einen als Bestandteile des Systems Sprachenpaaren Deutsch-Englisch, Deutsch-Franzö-
der deutschen Gegenwartssprache, zum anderen als sisch, Deutsch-Italienisch, Deutsch-Niederländisch,
einzelsprachliche Klasse von Satzverknüpfern aufge- Deutsch-Norwegisch und Deutsch-Russisch.
fasst, die den Vergleich mit Satzverknüpfern anderer
Sprachen lohnen. Längerfristige institutionelle Kooperationsbezie-
hungen, die auf beiden Seiten mehrere Personen
Die in den IDS-Projekten entwickelten Systemati- involvieren, bestehen zwischen den Mannheimer
sierungen und Beschreibungswerkzeuge, wie sie im Konnektorenprojekten und dem Projekt eines Deutsch-
„Handbuch der deutschen Konnektoren“, in dem Sam- Russischen Großwörterbuchs (Lomonossov-Universi-
melband „Brücken schlagen. Grundlagen der Konnek- tät Moskau, Russische Akademie der Wissenschaften),
torensemantik“ (Blühdorn / Breindl / Waßner 2004) und der „Groupe de lexicographie franco-allemande“ (Uni-
in zahlreichen weiteren Veröffentlichungen dargestellt versität Nancy), dem Projekt „Sprache im Kontrast“
worden sind (vgl. <http://www.ids-mannheim.de/gra/ (Universität Oslo) und der Arbeitsgruppe „Kontrastive
konnektoren/> und <http://www.ids-­mannheim.de/ Grammatik Portugiesisch-Deutsch“ (Universität São
gra/sprachvergleich.html>), haben lebhaftes Interesse Paulo).
im In- und Ausland gefunden und zu weitgefächerten
internationalen Kooperationsbeziehungen geführt. Studierende und Doktoranden der Germanistik aus Ar-
menien, Brasilien, dem Iran, Italien, Polen, Russland,
So sind die Mannheimer Konnektorenforscher immer Südkorea, der Slowakei und Tschechien haben in den
wieder zu Lehraufenthalten und Vorträgen ins Aus- letzten Jahren Forschungsaufenthalte zu Konnektoren
land eingeladen worden: nach Brasilien (Universitäten und verwandten Themen am IDS absolviert. Mehrere
Araraquara, Porto Alegre und São Paulo), Frankreich Magister- und Doktorarbeiten wurden bzw. werden
(Universitäten Tours und Paris IV / Sorbonne), Italien von den Mannheimer Konnektorenforschern in die-
(Universitäten Bergamo, Pisa, Sassari und Rom I / sem Zusammenhang betreut oder mitbetreut. Weitere
La Sapienza), Polen (Universität Breslau), Portugal Gastaufenthalte für die nächsten Jahre sind in Vorbe-
(Universität Braga), Spanien (Universität Santiago de reitung. Sehr häufig haben Studierende und Doktoran-
Compostela) und Ungarn (Universität Pécs). den für ihre Aufenthalte am IDS Stipendien vom Deut-
schen Akademischen Austauschdienst erhalten. Viele
Konnektorenforscher aus zahlreichen Ländern haben sind auch mit Stipendien aus ihren Heimatländern und
Forschungsaufenthalte am IDS absolviert und ihre Pro- neuerdings mit EU-Stipendien gekommen.
jekte und Forschungsergebnisse am IDS vorgestellt:
Bak Yong-Ik (Seoul), Martine Dalmas (Paris), Clau- Auch die vom Projekt „Handbuch der deutschen Kon-
dio Di Meola (Rom), Dmitrij Dobrovol‘skij (Moskau), nektoren“ zur Verfügung gestellten Online-Hilfsmittel
Cathrine Fabricius-Hansen (Oslo), Eliana Fischer (São haben zahlreiche Nutzer im Ausland, wie sich aus Zu-
Paulo), Ad Foolen (Nijmegen), Nadeshda Golubewa griffsstatistiken und E-Mail-Anfragen erkennen lässt:
(Nishnij Nowgorod), Kang Chang-Uh (Seoul), Luise
Liefländer-Koistinen (Savonlinna), Selma Meireles
(São Paulo), Miriam Ravetto (Vercelli/Turin). Aus • das Hypertextmodul „Konnektoren“ im Rah-
diesen Kontakten sind fruchtbare Kooperationsbezie- men des „Grammatischen Informationssystems“
hungen entstanden, die zum Teil über Jahre hinweg ­grammis <http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/
Bestand haben. public/sysgram.ansicht?v_typ=d&v_id=1182>,

Sonderheft März 2007 11


• das Konnektorenwörterbuch innerhalb des „Gram- Anmerkungen
matischen Wörterbuchs“ in ­grammis <http://hy
permedia.ids-mannheim.de/pls/public/gramwb.an *
Ich danke meinen Kollegen Eva Breindl und Ulrich H.
sicht> und Waßner für die Bereitstellung von Informationen und für
hilfreiche Kommentare.
• die abfragbaren Bibliografie-Datenbanken zu
Konnektoren <http://www.ids-mannheim.de/gra/ Literatur
konnektoren/anfrage.html> und Präpositionen Blühdorn, Hardarik / Breindl, Eva / Waßner, Ulrich H.
<http://www.ids-mannheim.de/gra/konnektoren/p- (Hgg.) (2004). Brücken schlagen: Grundlagen der Kon-
anfrage.html>. nektorensemantik. Berlin / New York: de Gruyter.
Blühdorn, Hardarik / Foschi Albert, Marina (2006). Lettura
Die Forschungsarbeit des IDS wendet sich primär e comprensione del testo in lingua tedesca. Strategie infe-
an wissenschaftliche Nutzer und an Multiplikatoren. renziali e grammaticali – Tecniche euristiche – Materiale
Gelegentlich werden aber auch Endnutzer direkt an- illustrativo. Pisa: Edizioni Plus.
gesprochen, etwa in dem sprachdidaktischen Projekt Pasch, Renate / Brauße, Ursula / Breindl, Eva / Waßner,
zum Leseverstehen in Deutsch als Fremdsprache mit Ulrich H. (2003). Handbuch der deutschen Konnektoren:
dem Tourismus-Studiengang „Campus“ in Lucca Linguistische Grundlagen der Beschreibung und syntakti-
(Italien). Für diesen Kurs wurde ein Seminarbuch in sche Merkmale der deutschen Satzverknüpfer (Konjunk-
italienischer Sprache geschrieben (Blühdorn / Foschi tionen, Satzadverbien und Partikeln). Berlin / New York:
Albert 2006), das Lektürestrategien zur Rekonstruk- de Gruyter.
tion der Textkohärenz vorstellt. Zwei Kapitel dieses Der Autor ist Wissenschaftler am Institut für Deutsche Spra-
Buches sind Konnektoren gewidmet. che in Mannheim.

Das deutsch-ungarische Wörterbuch zur


Substantivvalenz
von Jacqueline Kubczak

1996 ging ein französisch-deutsches Kooperationspro- dene Forschungsaufenthalte von Péter Bassola am IDS
jekt aus dem Programm PROCOPE (Programme de ergab sich eine Kooperation zwischen dem IDS und
Coopération Scientifique) zwischen dem IDS und dem der Projektgruppe in Szeged. Resultat dieser Koopera-
LADL (Laboratoire d’Automatique Documentaire et tion – neben diversen theoretischen Publikationen – ist
Linguistique) zu Ende. Das Projekt hatte das Ziel, eine ein deutsch-ungarisches Wörterbuch zur Substantiv-
neue Basis für zweisprachige syntagmatische Sub- valenz, dessen erster Band 2003 in Szeged erschienen
stantivwörterbücher zu erarbeiten. Syntagmatische ist. In diesem ersten Band werden 50 deutsche Subs-
Wörterbücher sind Wörterbücher, in denen die be- tantive mit ihren valenzgebundenen Umgebungen und
handelten Ausdrücke mit ihrer Umgebung bzw. ihren ihren ungarischen Äquivalenten dargestellt. Für 2007
Umgebungen dargestellt werden. Alle Valenzwörter- ist das Erscheinen des zweiten Bands mit weiteren
bücher z. B. sind syntagmatische Wörterbücher. Die 50 Substantiven vorgesehen. Insgesamt sollen 200
Konzeption wurde an einigen Substantiven exempla- hochfrequente Substantive aus den vom Deutschen
risch erprobt und u. a. in Kubczak / Costantino (1998) Volkshochschul-Verband und dem Goethe-Institut ge-
ausführlich erläutert. meinsam erarbeiteten Wortschatzlisten zum „Zertifikat
Deutsch“ (1999) mit ihren ungarischen Äquivalenten
In Ungarn hatte parallel dazu unter der Leitung von dargestellt werden.
Péter Bassola, Universität Szeged, eine Projektgruppe
mit den Vorarbeiten zu einem deutsch-ungarischen Der Kern der im PROCOPE-Projekt erarbeiteten
Substantivvalenzwörterbuch begonnen. Über verschie- Konzeption wurde in das deutsch-ungarische Wörter-

12
buch übernommen und konnte dadurch an größeren Zum Aufbau des Wörterbuchs
Datenmengen überprüft und auch verbessert werden.
Wie auch in der „Grammatik der deutschen Sprache“ Das Wörterbuch richtet sich vornehmlich an unga-
(1997) geht man davon aus, dass mit valenten Sub- rische (fortgeschrittene) Deutschlerner, an Dozenten
stantiven auf komprimierte Sachverhalte Bezug ge- und Übersetzer vom Deutschen ins Ungarische. Die
nommen wird. Das Besondere an der Konzeption liegt Valenzverhältnisse im Deutschen bilden den Aus-
darin, die Valenzstruktur der Substantive über einen gangspunkt der Darstellung. Alle aufgeführten deut-
einfachen Satz mit dem Substantiv und einem pas- schen Strukturen werden ins Ungarische übersetzt.
senden abstrakten Verb sichtbar zu machen (gemeint Erklärungen und Anmerkungen werden in ungarischer
ist ein Verb mit wenig eigener spezifischer Bedeutung, Sprache gegeben, aber auch ins Deutsche übersetzt,
ein so genanntes Stützverb). In diesem einfachen Satz wobei die deutschen Übersetzungen der Erklärungen in
werden die Komplemente durch Platzhalter angedeu- Rundklammern stehen. Es handelt sich hier also nicht
tet: jemand, etwas, irgendwo u. Ä. Auf die Mitspieler um ein reversibles deutsch-ungarisches/ungarisch-
im dargestellten Sachverhalt wird mit A1 bis maximal deutsches Valenzwörterbuch. Die Gegenüberstellung
A4 (Argument 1 bis Argument 4) Bezug genommen. der deutschen Strukturen und ihrer ungarischen Äqui-
Auf dieser Ebene geht es noch nicht um die Realisie- valente macht den Lerner dennoch auf die Andersar-
rungsformen von Komplementen, wie z. B. Phrasen, tigkeit der Nominalphrasen in beiden Sprachen auf-
sondern um die Mitspieler im dargestellten Sachver- merksam. Häufig muss nämlich im Ungarischen ein
halt. Die Argumentstruktur von Angst wird z. B. an Mitspieler in der Szenerie durch ein Suffix oder ein
dem Satz jemand [A1] hat Angst vor etwas/jemandem Adjektiv wiedergegeben werden, wo im Deutschen
[A2] verdeutlicht. In diesem Satz gibt es zwei „Mit- das Substantiv im Genitiv oder mit einer Präposition
spieler“: jemand [A1] und etwas bzw. jemandem [A2]. verbunden erscheint.
Die Einbettung des behandelten Substantivs in einen
solchen einfachen Satz mit Stützverb macht also die In den Wörterbuchartikeln werden die ermittelten Ar-
Rolle (die semantische Funktion) sichtbar, die der Mit- gumente (A1 bis maximal A4) einzeln wieder aufge-
spieler in der von einem bestimmten Substantiv und rufen. Es werden die verschiedenen Ausdrucksformen
seinen Komplementen evozierten Szenerie spielt. In aufgeführt, in denen das aufgerufene Argument als
unserem Beispiel ist A1 derjenige, der Angst hat und Komplement des Substantivs erscheinen kann (Nomi-
A2 derjenige/dasjenige vor dem jemand Angst hat nalphrasen im Genitiv, Präpositionalphrasen, satzför-
bzw. derjenige/dasjenige, der/das die Angst verurs- mige Komplemente und Infinitivkonstruktionen. Bei
acht. Diese Mitspieler werden z. B. in der folgenden den satzförmigen Komplementen und den Komple-
Nominalphrase durch Peters und vor Hunden reali- menten in Form von Infinitivkonstruktionen werden
siert: „Peters [A1] Angst vor Hunden [A2]. Man bleibt gegebenenfalls die Korrelate angegeben). Realisie-
bei der Darstellung der semantischen Rolle der Mit- rungen von Argumenten, die nicht als Komplemente
spieler oberflächennah und kann bei den Erklärungen gewertet werden, wie z. B. Argumentrealisierungen als
im Wörterbuch auf die nicht allen Benutzern des Wör- Teile einer Kompositionsform oder als Possessivarti-
terbuchs geläufigen und darüber hinaus in Anzahl und kel werden gelegentlich in einer Anmerkung erwähnt,
Definition theorieabhängigen Tiefenkasus verzichten. wenn diese mit dem behandelten Substantiv besonders
häufig vorkommen.
Ein weiterer Vorteil des Verfahrens liegt darin, dass die
Form der Ausdrücke, mit denen auf die Mitspieler der In den Beispielen wird gezeigt, ob und wie die ver-
Szenerie Bezug genommen wird, die Form der Kom- schiedenen Komplemente in einer Nominalphrase
plemente also, im einfachen Satz mit Stützverb und in miteinander verträglich sind. In Anmerkungen wird
der reinen Nominalphrase häufig die gleiche ist. Die auf Restriktionen bei der Kombinatorik hingewiesen.
Form der Komplemente eines Substantivs und des ihm Zum Schluss werden noch häufig vorkommende Fü-
entsprechenden Verbs differiert weit häufiger. Prak- gungen mit dem behandelten Substantiv sowie ihre
tisch ist darüber hinaus, dass dieses Verfahren sich in Übersetzungen ins Ungarische aufgeführt.
vielen Fällen auch auf Substantive, die keine verbalen
Entsprechungen haben, anwenden lässt wie z. B. auf Der deutsche Wörterbuchteil ist streng korpusbasiert.
das Substantiv Auskunft: jemand [A1] gibt jemandem Die Informationen zu den Valenzstrukturen, zu den
[A2] Auskunft über etwas [A3] – jemandes [A1] Aus- Realisierungsformen der Komplemente fußen aus-
kunft an jemanden [A2] über etwas [A3]. schließlich auf Belegen der mit COSMAS recherchier-

Sonderheft März 2007 13


baren Korpora des IDS. Auch alle im Wörterbuch ver- deutscher Seite von Jacqueline Kubczak sowie von
wendeten Beispiele sind Belege aus diesen Korpora. Gisela Zifonun und Wolfgang Teubert.

Mitgewirkt an diesem Wörterbuch haben auf der un- Zur Illustration wird der Artikel zum Substantiv Ver-
garischen Seite: Péter Bassola, Csilla Bernath, Sarolta antwortung hier in leicht gekürzter Form abgedruckt:
László und Magda Bíró mit der Unterstützung auf

14
Sonderheft März 2007 15
Literatur Nomina. Tübingen: Narr. (= Studien zur deutschen Spra-
che 10), S. 11-121.
Bassola, Péter (Hg.) (2003): Deutsch-ungarisches Wörter- Zertifikat Deutsch, Lernziele und Testformat (1999). Frank-
buch zur Substantivvalenz. Szeged: Grimm Kiadó. furt a. M.: Goethe Institut u. a.
Bassola, Péter/ László, Sarolta (1996): Konzeption eines Zifonun, Gisela / Hoffmann, Ludger / Strecker, Bruno u. a.
Substantivvalenzlexikons Deutsch-Ungarisch. In: Wie- (1997), Grammatik der deutschen Sprache, 3 Bände. Ber-
gand, Herbert Ernst (Hg.): Studien zur zweisprachigen lin / New York: de Gruyter (= Schriften des Instituts für
Lexikographie mit Deutsch III (= Germanistische Lingu- Deutsche Sprache 7, 1-3).
istik 134-135). Hildesheim / New York: Olms, S. 1-34.
Kubczak, Jacqueline/ Costantino, Sylvie (1998): Exem­
plarische Untersuchungen für ein syntagmatisches Wör-
terbuch Deutsch-Französisch/ Französisch-Deutsch. In: Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut
Bresson, Daniel/ Kubczak, Jacqueline (Hgg.): Abstrakte für Deutsche Sprache in Mannheim.

Prager Wanderungen durch die Mannheimer


Quadrate
von Marie Vachková, Marek Schmidt und Cyril Belica

Die im Jahre 2002 vom ehemaligen Direktor des IDS, tende Forschung öffnet häufig Fragen, die einer kor-
Prof. Dr. Gerhard Stickel, initiierte Kooperation zwi- pusbasierten Erklärung bedürfen. Während die Ein-
schen dem Prager Institut für Germanische Studien beziehung der Korpusforschung in die studentischen
und der Abteilung Lexik des IDS hat sich inzwischen Hausarbeiten seit mehr als zwei Jahren fast eine
entfaltet: Die das Prager Wörterbuchprojekt beglei- Selbstverständlichkeit darstellt (die Korpusthema-

16
tik wurde ab WS 2006/07 in den linguistischen Ein- Interpretation von Kookkurrenzprofilen
führungskurs im Rahmen des Germanistikstudiums
eingebaut), erfordern die laufenden Dissertationen, Die zentralen systemhaften Bedeutungsbeziehungen
die in das Wörterbuchprojekt eingebunden werden, im Wortschatzbereich finden ihren Niederschlag auch
eine zusätzliche fachliche Betreuung im Bereich der bei der Erstellung eines Übersetzungswörterbuchs, das
Anwendung von korpuslinguistischen Erschließungs- auf der Grundlage einer strukturierten Datenbank ent-
methoden. Für das Projekt „Methoden der Korpusa- steht (Speicherung der Synonyme, Antonyme usw.);
nalyse und -erschließung“ im Programmbereich Kor- angesichts des immensen Korpusmaterials wird von
puslinguistik am IDS ist bei der Formulierung und dem Benutzerkreis erwartet, dass feinere Bedeutungs-
Erarbeitung neuer methodischer Ansätze wiederum differenzen (vor allem partielle Synonymie) im Hin-
von Nutzen, das Augenmerk auf die Evaluierung der blick auf deren mögliche Kompensationen in der Ziel-
aus den praktischen Untersuchungen resultierenden sprache Tschechisch eingehender dokumentiert und
Erkenntnisse zu richten und diese auf neue wissen- für die Zwecke der Äquivalenz erfasst werden. Um ei-
schaftliche Problemstellungen zu beziehen. Im Rah- nen höheren Informationswert der WBA abzusichern,
men der Kooperation wird das ganze Spektrum dieser wird außer den Ergebnissen der klassischen KA der
Desiderata zielgerichtet angegangen. Einerseits wird erwünschte Einblick in den Parole-Bereich angestrebt,
durch das IDS die lexikografische Anwendung und die wo das jeweilige Lexem in einen charakteristischen
meta­lexikografische Reflexion der im Mannheimer Diskurs eingebunden ist: Gerade das erlauben die syn-
Projekt erarbeiteten Methodik (v. a. zur Interpretation optisch dargestellten Modelle SOM (Self-Organizing
der Kookkurrenzanalyse [KA], der syntagmatischen Map, selbstorganisierende Merkmalskarte, eine Art
Muster, der in den Kookkurrenzclustern manifestierten von künstlichen neuronalen Netzen) und SPM (Seman-
Verwendungsaspekte und der kohäsiven Struktur und tic Proximity Model, hierarchische Klassifikation).
Wechsel­wirkungen von Kookkurrenzprofilen) kon- Auf der Grundlage von Wechselwirkungen zwischen
tinuierlich begleitet. Andererseits können dank der mehreren Kookkurrenzprofilen aufgebaut, spornen sie
Kompatibilität der Interessenlagen auch neue Frage- den linguistisch geschulten Beobachter an, Vergleiche
stellungen, die in den Forschungsarbeiten am Prager mit den bisher gängigen Wortschatzsammlungen an-
Institut für Germanische Studien erörtert werden, im zustellen und deren Einsatz im Hochschulunterricht zu
Arbeitsplan des Mannheimer Projektes berücksichtigt diskutieren.
und in Form von gemeinsamen Forschungszielen auch
zusammen weiter verfolgt werden.
Erwartungsgemäß haben sich bei der Interpretation
der topografischen Modelle zuerst einfache Hypo-
thesen bewährt. Mit der Ermittlung der typischen
KA für Lehre und Wörterbucharbeiten Diskurse angefangen (In welchen sachlichen Zusam-
menhängen erscheint eine Tierbezeichnung in ihrer
Die Anwendung der KA in der Prager lexikografischen übertragenen Bedeutung?), wurden später Synonym-
Praxis ist beim Schreiben der Wörterbuchartikel reihen einer eingehenderen Untersuchung unterzogen,
(WBA) unentbehrlich geworden. Außerdem darunter vorrangig Hyperonyme und Hyponyme (bzw.
Kohyponyme). Es folgten Untersuchungen zu merk-
• beleuchtet die KA manche Willkür bei der Wahl malhaften Gliedern einer Synonymreihe (Gaststätte
von Wörterbuchbeispielen in den bestehenden – Kneipe – Beiz; malochen – rackern usw.), indem die
Nachschlagewerken im Hinblick auf deren Reprä- distinktiven Merkmale in Bezug auf die soziale Stra-
sentativität und statistische Relevanz; tifizierung der kookkurrierenden Lexeme beobachtet
wurden. Anschließend wurde die semantische Abgren-
• ermöglicht die KA eine schnellere und tiefere Ein- zung von Wortbildungssynonymen (begreifbar – be-
sicht in die Strukturbedeutung eines Lexems, als es
greiflich, unvergleichbar – unvergleichlich usw.) auf
früher nur anhand einer KWIC-Übersicht möglich
Grund ­ ihrer SOM-Modellierung getestet. Die Ergeb-
war.
nisse von verwendeten elementaren Auswertungsme-
Im Rahmen der Lehre (Sprachübungen) wird die KA thoden (Dechiffrierung von abgebildeten Lexemgrup-
immer dann herangezogen, wenn die „schweigenden pen, induktives Ablesen von Diskursbereichen und
einsprachigen Wörterbücher“ den Anforderungen der Interpretation ihrer Positionierung im Quadratmodell,
fortgeschrittenen Nichtmuttersprachler nicht gerecht s. unten) führten zu weiteren Schritten. Offene Fragen,
werden, so z. B. im stilistischen Bereich. In den Spe- wie z. B.: Steht die Struktur der SOM-Modelle in ei-
zialisierungsseminaren zur Lexikografie (Magister- ner direkten Beziehung zu Bedeutungsvagheit bzw.
studium) erweist sich die KA bei kontrastorientierten Mehrdeutigkeit (Kontextabhängigkeit)? Wird die Dis-
Synopsen von WBA als besonders nützlich. proportion zwischen Bedeutungs- bzw. Begriffsinhalt

Sonderheft März 2007 17


und Bedeutungs- bzw. Begriffsumfang am Vergleich • ihre Bedeutung weder in einsprachigen noch in
mehrerer SOM-Karten sichtbar? Weitere Fragestellun- zweisprachigen Nachschlagewerken ausreichend
gen ergaben sich meistens aus den vertrauten Schwie- erfasst wird,
rigkeiten mit dem praktischen Sprachgebrauch der • zwischen ihnen im Deutschen und im Tschechischen
fortgeschrittenen DaF-Lerner. Die Disambiguierung keine eindeutige 1:1-Äquivalenzbeziehung besteht.
von sehr nahen Synonymen auf der Grundlage der Dif- Sie werden von tschechischen Deutsch­lernenden
ferenzierung mittels SOM und SPM kann Ergebnisse auf Grund des sog. interlingualen Transfers oft
bringen, die im Zusammenspiel mit den KA-Ergebnis- auch in nicht adäquaten Kontexten synonymisch
sen zur Aufwertung eines WBA beitragen. verwendet.
Probleme stellen z. B. noch Untersu-
chungen der nicht genügend belegten
Lexeme dar. Eine lexikografische Be-
standsaufnahme von konkurrierenden
Derivaten (unauslöschbar/-lich usw.)
sowie eine eingehendere Verwen-
dungsbeschreibung von deverbalen
Abstrakta (z. B. der -ung-Bildungen)
bleiben somit die nächsten For-
schungsdesiderate.

CNS am Beispiel genau –


pünktlich

Zu den Schwerpunkten der Koopera-


tion gehörten im Jahr 2006 Detektion
und Visualisierung der Bedeutungs-
differenzen bei sehr nahen Synony-
men wie auch die Erarbeitung einer
Methodik, die eine systematische
Auswertung bereits erreichter Er-
gebnisse auf der kontrastiven Basis
erlaubt. Unter dem Arbeitstitel CNS
(Contrasting Near-Synonyms) wird
derzeit als Lösungsansatz die Analyse
von verwandten Kookkurrenzprofilen Abb. 1: Kontrastierung von Kookkurrenzprofilen: Selbstorganisierende Merk-
mit Hilfe von selbstorganisierenden malskarte für die partiellen Synonyme pünktlich und genau
Merkmalskarten näher untersucht.
Das jeweils aktuelle Ergebnis dieser Forschungen Beim Dechiffrieren des kontrastiven topografischen
wird nach einer prototypischen Operationalisierung Modells sollte die Aufmerksamkeit insbesondere auf
möglichst zeitnah in die korpuslinguistische Denk- folgende zwei Aspekte gerichtet werden:
und Experimentierplattform CCDB <http://corpora.
ids-mannheim.de/ccdb/> integriert und steht somit Farbschattierung
auch dem Fachpublikum zur kritischen Inspektion zur
Verfügung. Jedem der beiden untersuchten Synonyme wird au-
tomatisch eine Farbe zugeordnet. Sie wirkt – je nach
Um zu demonstrieren, inwieweit bereits eine der frü- Farbton und seiner Intensität – als Kontrastmittel zur
hen Versionen (Stand: Oktober 2006) des topogra- Erschließung der Lexembeziehungen: Je näher die
fischen CNS-Modells beim Schreiben der WBA, beim Farbschattierung eines Quadrats dem für das eine
Übersetzen und nicht zuletzt auch im fortgeschrittenen Glied des synonymischen Paares zugeordneten Grund-
DaF-Unterricht verwertet werden kann, wurden für farbton kommt, desto größere Ähnlichkeiten weisen
diesen Beitrag die partiellen Synonyme pünktlich und die Kookkurrenzprofile der beiden konkurrierenden
genau ausgewählt, weil Synonyme auf, wovon die abgebildeten Lexemgrup-

18
pen zeugen. Das Ineinanderfließen der zugeordneten Modell auch dessen kontextuelle Teilsynonyme recht-
Farben und die Kontinuierlichkeit des Farbübergangs zeitig, planmäßig (v. a. „Verkehr und Reisen“), plan-
werden als Anzeichen einer gegenseitigen Annähe- gemäß, termingerecht (v. a. „Betriebswirtschaft“),
rung gedeutet, die sich in bestimmten gemeinsamen fristgerecht (v. a. „Bankwesen“) sowie Antonyme (un-
Verwendungsaspekten manifestiert. pünktlich, verspätet).

Positionierung der Lexeme im CNS-Modell Für die in klassischen Wörterbüchern belegte Lesart
„(veraltet) gewissenhaft, korrekt“3 liefert das Schema
Unter den im CNS-Modell abgebildeten Lexemen jedoch keine Anzeichen. Diese Tatsache ist mit hoher
mit ähnlichem Kookkurrenzprofil sollten solche er- Wahrscheinlichkeit auf eine extrem niedrige Vorkom-
kannt und extrahiert werden, die noch auf Grund ge- menshäufigkeit im Korpus zurückzuführen.
wisser introspektiv empfundener Übereinstimmungen
kleinere Homogenitätskerne bilden. Zunächst hat man Im gelben Feld werden Lexeme bzw. Lexemgruppen
sich auf die Bestimmung und Abgrenzung einzelner abgebildet, deren Kookkurrenzprofile mit dem des
Diskursbereiche zu konzentrieren. Diese werden wei- Lexems genau beachtliche Ähnlichkeiten aufwei-
terhin einer induktiv bedingten Analyse unterzogen, sen. Auch hier wird auf den ersten Blick klar, dass
wobei es gilt, die abgebildeten Lexeme in erster Linie der Farbton innerhalb des ganzen Feldes stabil bleibt
nach semantischen (insbesondere nach Zugehörigkeit und dass er von der dem Lexem genau zugeordneten
zu einem bestimmten Wortfeld1) bzw. nach syntak- Grundfarbe nicht abweicht (was analog wie bei pünkt-
tischen Kriterien (ausgeprägte syntaktische Position, lich zu interpretieren ist).
Satzgliedfunktion usw.) zu klassifizieren.
Während sich die im roten Feld vorkommenden Ho-
In unserem Beispiel (s. Abb. 1 auf Seite 18) kann man mogenitätskerne lediglich auf Grund von seman-
drei deutlich voneinander abgegrenzte farbige Felder tischen Kriterien aufspüren ließen, fesselt hier die
beobachten. Das rote Feld umfasst Lexeme bzw. Le- Aufmerksamkeit des Beobachters schon beim ersten
xemgruppen, deren Kookkurrenzprofile dem des Le- Anblick auch ein anderes Phänomen, nämlich die syn-
xems pünktlich nahe stehen. Aus der Tatsache, dass taktische Beschaffenheit. Die (nicht zufällige) Kon-
der Farbton in allen Quadraten dieses Feldes konstant zentration von W-Fragewörtern dokumentiert eine
bleibt und dass er zugleich mit der dem Lexem pünkt- ausgeprägte syntaktische Position im Satz und weist
lich anfangs zugeordneten Grundfarbe identisch ist, auf unterschiedliche Wortartenzugehörigkeit hin. Dass
geht hervor, dass die Kookkurrenzprofile von allen im genau sowohl als Adjektiv als auch als Adverb ver-
roten Feld abgebildeten Lexemgruppen einen sehr ho- wendet werden kann, mag für einen DaF-Lernenden
hen Ähnlichkeitsgrad mit dem Kookkurrenzprofil des vielleicht kein Geheimnis sein, das CNS-Modell liefert
Lexems pünktlich aufweisen. ihm aber zusätzlich wertvolle, auf Usualität beruhende
Informationen über die Verflechtung der syntaktischen
Bei genauerer Betrachtung der Positionierung von (Satzgliedfunktion) und der semantischen Ebene (Be-
abgebildeten Lexemgruppen erkennt man eine abso- deutungsextension).
lute Dominanz der Lesart „den Zeitpunkt genau ein-
haltend; genau zur verabredeten, festgesetzten Zeit Als Adverb „[…] betont [genau] die Exaktheit, Genau-
[eintreffend]“2. Bei der Suche nach kleineren Homo- igkeit einer Angabe, drückt bestätigend aus, dass etw.
genitätskernen werden typische Diskursbereiche wie gerade richtig, passend, wie geschaffen für etw. ist“4.
„Verkehr und Reisen“, „Jahres- und Tageszeiten“, Bei Betrachtung der W-Fragewörter im gelben Feld
„Arbeit“, „Betriebswirtschaft“ oder „Bankwesen“ des CNS-Modells kann man problemlos schlussfol-
deutlich. Im Gegensatz zu klassischen lexikogra- gern, welche Angaben durch Verwendung von genau
fischen Nachschlagewerken präzisiert das Modell die präzisiert und exakter zum Ausdruck gebracht wer-
Beschreibung der Bedeutungsextension von pünktlich, den können und welche Satzgliedfunktion sie erfüllen
indem a) die für einen DaF-Lernenden nicht unbedingt (wann – Temporaladverbiale; woher – Lokaladverbi-
klare ­ Distinktion zwischen „zu einem Zeitpunkt“ ale; wem – Dativobjekt usw.).
(Mitternacht, mittag, Zapfenstreich) vs. „zu einer be-
stimmten Zeit“ (Skisaison, Herbst, Februar, Sommer- Die Tatsache, dass im roten Feld kein W-Fragewort
schlussverkauf) erleuchtet wird; und b) der Aspekt der vorkommt, kann auch ohne detaillierte Kenntnis von
Wieder- und Unwiederholbarkeit verdeutlicht wird. semantischen und wortartenbedingten Regularitäten
als Indikator dafür verstanden werden, dass pünktlich
In direktem Zusammenhang mit den für das Lexem (synonymisch mit genau) adverbial als ein Exaktheit
pünktlich typischen Diskursbereichen findet man im betonendes Element nicht gebraucht werden kann wie
Sonderheft März 2007 19
z. B. „Wann genau seid ihr losgefahren?“ vs. *„Wann genau pünktlich
pünktlich seid ihr losgefahren?“ GWDS CNS GWDS CNS
exakt, mit einem Muster,
Vorbild übereinstimmend    
Bei der Betrachtung der anderen Quadrate im gelben
gewissenhaft ins Einzelne
Bereich stellt man noch zwei weitere Aspekte fest, für    
gehend, korrekt
die aber schon wieder adjektivische Verwendung ty-
pisch ist. Die Häufung von Lexemen wie exakt, De- den Zeitpunkt genau
einhaltend    
tail, haargenau – in manchen Layouts5 auch präzise
– deutet auf eine Bedeutungsvariante hin, die etwa genau zur verabredeten,
festgesetzten Zeit    
der in gängigen Wörterbüchern erfassten Lesart „mit
einem Muster, Vorbild, einer Vergleichsgröße [bis in sparsam, haushälterisch    
die Einzelheiten] übereinstimmend; einwandfrei stim-
mend, exakt“6 entspricht. Ähnlich auch Lexeme wie die Exaktheit, Genauigkeit
eingehend, genauestens, in anderen Layouts gründ- einer Angabe betonend    
lich, sorgfältig, akribisch, aber auch argwöhnisch oder Tab. 1: Gegenüberstellung von GWDS-Lesarten und den in
eruieren entsprechen etwa der Lesart „gründlich, ge- einer CNS-Analyse nachgewiesenen Verwendungsaspekten
wissenhaft ins Einzelne gehend; sorgfältig“7. für die partiellen Synonyme pünktlich und genau
wie in Tab. 1.

Auch hier finden wir kontextuelle Synonyme (exakt,


näher, genauestens, präzise usw.), sowie Antonyme
(vage, unklar). Forschungsperspektiven im Rahmen der
Kooperation
Die im GWDS belegte Lesart „(landsch.) sparsam,
haushälterisch“ kann man aus dem CNS-Modell Das Prager Wörterbuchprojekt bietet viele Themen, an
– wahrscheinlich wieder auf Grund von niedriger Vor- die kooperativ herangegangen werden kann. Sie sind
kommenshäufigkeit im Korpus – nicht extrahieren. nicht nur für eine kontrastive Wortschatzbeschreibung
von Nutzen: Im Falle der kooperativ betreuten Disser-
tationen können neue Beschreibungsmethoden im Be-
Die Durchdringung des roten und des gelben Feldes reich der lexikalischen Beziehungen getestet werden.
stellt das mittlere, orangefarbene Feld dar, in dem Le-
xeme präsentiert werden, deren Kookkurrenzprofile Anmerkungen
gleichzeitig zwei Bedingungen erfüllen: a) beachtliche 1
Vgl. die Wortfeld-Auffassung bei ­ Lutzeier (1981,
Ähnlichkeit mit Kookkurrenzprofilen von pünktlich S. 138 ff.).
sowie von genau; b) gegenseitige Ähnlichkeit unter- 2
Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache.
einander. Hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion.
Mannheim 2000.
3
Ebd.
Obwohl in diesem Bereich in dem hier präsentierten 4
Ebd.
(sowie in allen anderen bislang analysierten) Layout(s)
nur wenige isolierte (nicht gruppengebundene) Le-
5
Die konkrete topografische Anlage – das Layout – einer
xeme vorkommen, kann man (auch in Anbetracht der CNS-Merkmalskarte ist inhärent veränderlich.
in den unmittelbar angrenzenden Quadraten vorhan-
6
Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache.
denen Lexemgruppen) die Hypothese aussprechen, Hrsg. vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion.
Mannheim 2000.
dass genau und pünktlich im Diskursbereich „Zeit-
messung“ als Teilsynonyme angesehen werden kön-
7
Ebd.
nen (vgl. pünktlich vs. „auf die Minute“ mit genau vs.
„auf die Minute“). Literatur
Kohonen, Teuvo (1990): The Self-Organizing Map. In: New
Concepts in Computer Science: Proc. Symp. in Honour of
Jean-Claude Simon. Paris: AFCET. S.181-190.
Zusammenfassend lassen sich die Ergebnisse der Lutzeier, Peter Rolf (1981): Wort und Feld. Wortsemanti-
CNS-Analyse konfrontativ mit dem GWDS darstellen sche Fragestellungen mit besonderer Berücksichtigung

20
des Wortfeldbegriffes. Tübingen: Niemeyer. zdrojovém slovníku a role korpusu při ekvivalentaci (Zur
Wortbildung im Dienste der Bedeutungsexplikation im
Zgusta, Ladislav (1998): Some Developments in Lexicogra-
einsprachigen Wörterbuch und zur Rolle der Korpora bei
phy, Past and Present. In: Mogensen, J. E./ Pedersen, V.
der Äquivalentsuche. (In der redaktionellen Bearbeitung
H./ Zettersten, A. (Eds.) (2000): Symposium on Lexico-
der Zeitschrift für moderne Philologie [ČMF] Prag, Früh-
graphy IX. Tübingen: Niemeyer (= Lexicographica Series
ling 2007).
Maior 103). S. 11-25.

Publikationen in Vorbereitung Marie Vachková ist Leiterin der sprachwissenschaftlichen


Sektion am Institut für germanische Studien an der Philoso-
Vachková, Marie: Neue Anregungen für die korpusgestützte
phischen Fakultät der Karls-Universität in Prag.
Wortschatzforschung und die universitäre Lehre – erste
Erfahrungen mit einem korpuslinguistischen Tool (Er- Marek Schmidt ist Oberassistent am Lehrstuhl für Germa-
scheint im Sammelband zum 75. Geburtstag von  Prof. nistik an der Philosophischen Fakultät der Jan-Evangelista-
Dr. Alena Šimečková, DeskTop Publishing UK FF, Prag, Purkyně-Universität in Ústí nad Labem und Doktorand der
Frühling 2007). Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag.
Vachková, Marie: Slovotvorba ve službách výkladu ve Cyril Belica ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut
für Deutsche Sprache in Mannheim.

Web as Corpus: Kooperation mit der


Universität Bologna
von Cyril Belica, Holger Keibel, Marc Kupietz und Rainer Perkuhn

Aufgrund der Mannigfaltigkeit und Komplexität zeuge entwickelt und bereits mit dem Aufbau größerer
sprachlicher Phänomene bedürfen sowohl die Beurtei- Web-Corpora begonnen. Auf der EACL2-Tagung im
lung existierender sprachwissenschaftlicher Modelle April 2006, auf der auch die konstituierende Sitzung
als auch das Aufstellen und Systematisieren neuer Hy- der neuen Special Interest Group „Web-as-Corpus“
pothesen über den Sprachgebrauch in der Regel ex- (SIGWAC) der ACL3 stattfand, stellten Marco Baroni
trem großer Datenmengen. Daher sind Sprachwissen- (Universität Bologna) und Adam Kilgarriff (University
schaftler bemüht, insbesondere auch das World Wide of Sussex) das erste deutschsprachige Web-as-Corpus
Web mit seinem schier unerschöpflichen Vorrat an deWaC, mit der beachtlichen Größe von 1,7 Milliar-
sprachlichen Äußerungen als Datenquelle zu erschlie- den Tokens vor (Baroni & Kilgarriff 2006). Noch auf
ßen. Die unreflektierte direkte Befragung des Web für der Tagung wurde eine Kooperation zum Vergleich
sprachwissenschaftliche Zwecke ist jedoch aus wis- von deWaC mit dem Deutschen Referenzkorpus des
senschaftsmethodischen Gründen äußerst fragwürdig. IDS (DeReKo) vereinbart.
Zum Einen verschließt sich das Web gerade wegen der
überwältigenden Menge des empirischen Sprachma-
terials einer verlässlichen intellektuellen Auswertung Methodischer Hintergrund
über das Niveau von hermeneutischen Deutungen hi-
naus, zum anderen entzieht es sich auch dem Einsatz Für Sprachkorpora jeder Art gilt, dass die aus ihnen ge-
von bewährten quantitativen Analysemethoden, weil wonnenen Erkenntnisse nur dann prinzipiell falsifizier-
die distributionellen Eigenschaften der jeweiligen bar sind und auf die jeweilige Grundgesamtheit extra-
Grundgesamtheit1 prinzipiell unzugänglich sind. poliert werden können, wenn die Korpora hinsichtlich
der jeweils primären, d. h. sprachwissenschaftlichen
Die Erschließung des World Wide Web als Datenquelle Fragestellung als ausgewogen bzw. repräsentativ für
für die sprachwissenschaftliche Forschung ist also eine diese Grundgesamtheit angenommen werden können.
keineswegs triviale Aufgabe. Um die grundlegenden Während eine solche Ausgewogenheit beim Aufbau
und sprachübergreifenden Herausforderungen ge- von traditionellen Textkorpora durch die gezielte Aus-
meinsam effektiver überwinden zu können, haben sich wahl einer geeigneten Mischung von Texten zu er-
einige der Vorreiter auf dem Gebiet Anfang 2005 zu reichen ist, muss die Zusammensetzung eines durch
WaCky, der „Web-as-Corpus kool ynitiative“, zusam- automatisches Web-Crawling erstellten Textarchivs
mengeschlossen. Im Rahmen dieser informellen Initi- wie deWaC a posteriori bestimmt werden. Eine solche
ative wurden seitdem zahlreiche Methoden und Werk- Bestimmung der Zusammensetzung kann entlang ver-

Sonderheft März 2007 21


schiedener extratextueller Dimensionen (z. B. Genre, über Tokenlisten finden sich u. a. bei Sharoff 2006).
Thema, Zeit, ...) erfolgen – dies allein reicht jedoch Unter ‚Token’ ist in diesem Sinne eine in sich ge-
meist nicht aus. Vielmehr müssen die Ergebnisse die- schlossene Zeichenkette (ein ‚Wort’) zu verstehen.
ser Bestimmung wiederum in die Crawling4-Mecha- Die Listen enthalten jeweils die Angaben, welche ver-
nismen einfließen, um so ggf. in mehreren aufeinander schiedenen Tokens in den beiden Korpora mit welcher
folgenden Sampling5- und Bestimmungszyklen die absoluten Häufigkeit vorkommen. Die Tokenlisten
Zusammensetzung der Stichprobe der Zielvorstellung wurden jeweils dem anderen Kooperationspartner zur
anzugleichen. Weil aber in Unkenntnis der relevanten Verfügung gestellt.
Grundgesamtheit auch diese Zielvorstellungen a pri-
ori nur vage sind, liegt es nahe, die Eigenschaften von
deWaC in Relation zu einem hinsichtlich der oben ge-
nannten Dimensionen sehr gut erschlossenen Korpus Grundsätzliche Vergleichbarkeit
wie DeReKo zu ermitteln.
Damit zwei Korpora grundsätzlich vergleichbar sein
Zunächst fungiert DeReKo bei diesen Vergleichen als können, müssen verschiedene Annahmen gelten. Zu-
fester Referenzpunkt: Weicht deWaC hinsichtlich be- nächst müssen sie im gleichen Zeichensatz kodiert
stimmter linguistischer Merkmale systematisch von sein, und idealerweise ist ihr Umfang annähernd
DeReKo ab, so ist analytisch zu klären, inwiefern gleich groß. Diese beiden Voraussetzungen waren er-
die­se Abweichung eine unerwünschte Eigenschaft von füllt. Für die Vergleichbarkeit der Tokenlisten kommt
deWaC darstellt. In solchen Fällen liegt es nahe, die hinzu, dass die Listen nach den gleichen Prinzipien
Methodik, mit der das deWaC-Korpus aus dem Web bzw. mit denselben Verfahren aus dem jeweiligen Kor-
gewonnen wurde, entsprechend zu verfeinern oder pus abgeleitet werden müssen. Um dies gewährleisten
zu erweitern. Umgekehrt können Abweichungen aber zu können, stellte die Universität Bologna dem IDS
auch auf fehlerhafte Texte, Lücken in der Korpuszu- die Methoden zur Verfügung, mit der die deWaC-To-
sammenstellung und andere Defizite in DeReKo hin- kenliste erzeugt worden war. Diese Verfahren wurden
weisen. Ungeachtet der Schwierigkeit, für eine vorlie- zur Generierung der IDS-Tokenliste auch auf DeReKo
gende Abweichung zu entscheiden, ob ihr ein Defizit angewandt. Eine weitere Annahme steht in einem sehr
in einem der beiden Korpora zugrunde liegt und wie engen Bezug zum eigentlichen Gegenstand der Unter-
es ggf. behoben werden kann, ergibt sich als übergrei- suchung. Sprachliche Phänomene manifestieren sich
fende Forschungsstrategie, dass die Korpora in meh- in Texten mit Eigenschaften auf verschiedenen Dimen-
reren Zyklen verglichen und in angemessener Weise sionen. Damit überhaupt vom Korpus auf die Phäno-
modifiziert werden und sich dadurch in ihrer formalen mene in der jeweiligen Grundgesamtheit geschlossen
Qualität und Zusammensetzung iterativ – d. h. schritt- werden kann, muss die Zusammensetzung des Korpus
weise gegenseitig, auf dem jeweiligen Zwischenstand hinsichtlich der für die jeweilige Fragestellung rele-
aufbauend – verbessern. Dabei sollen sich die ersten vanten Dimensionen (z. B. Textgenre, Textthema) die
Vergleichszyklen v. a. auf elementare linguistische Zusammensetzung der Grundgesamtheit widerspie-
Beschreibungsebenen (z. B. Häufigkeitsverteilung von geln. Während die Zusammensetzung von DeReKo
Buchstaben oder Wörtern) konzentrieren, weil Modifi- entlang einiger Dimensionen bekannt ist, gilt dies für
kationen eines Korpus auf diesen Ebenen seine Eigen- deWaC nicht. Genauso wenig ist bekannt, wie sich
schaften auf übergeordneten Ebenen (z. B. Verteilung die beiden Grundgesamtheiten, der allgemeingeläu-
der Textthemen oder Textgenres) erheblich beeinflus- fige Gebrauch des Deutschen und der Gebrauch des
sen können. Frühe Vergleiche auf solchen höheren Deutschen im World Wide Web, zueinander verhalten.
Ebenen können zwar bereits interessante Unterschiede Bei der Interpretation der Auffälligkeiten, die bei den
zwischen beiden Korpora hervorbringen, sind jedoch Vergleichen hervortreten, sind deshalb verschiedene
als sehr vorläufig zu betrachten. mögliche Ursachen zu beachten. Die Abweichungen
können durch das Vorgehen bei der Korpuserstellung
oder durch die unterschiedlichen Zusammensetzungen
Vergleich deWaC mit DeReKo der Grundgesamtheiten bedingt sein.

Aufgrund der urheberrechtlichen Beschränkungen Im Rahmen dieser Kooperation wurden deWaC und
wurde im Rahmen der Kooperation bislang auf Ver- DeReKo u. a. hinsichtlich ihrer Häufigkeitsvertei-
gleiche auf Textebene verzichtet. Stattdessen wurden lungen auf drei verschiedenen Ebenen verglichen: auf
zu beiden Korpora Tokenlisten erzeugt, auf deren der Zeichenebene, auf der Tokenebene und tentativ auf
Grundlage sämtliche im Folgenden beschriebenen der Themenebene. Diese Vergleiche werden nachfol-
Vergleiche durchgeführt wurden (ähnliche Vergleiche gend in Auszügen vorgestellt.

22
Vergleich auf Zeichenebene chen, wie sie potenziellen Einfluss haben. Trotzdem
erschien es sinnvoll, die Untersuchungen fortzuführen,
Wenn die beiden Korpora, so wie skizziert, über To- zum einen, um weitere Erfahrungen mit der Methodo-
kenlisten vergleichbar sein sollen, so müssten sie auf logie zu sammeln, zum anderen, um – wenn auch unter
Zeichenebene ungefähr dieselbe Häufigkeitsverteilung Vorbehalt – weitere Erkenntnisse aus dem Vergleich
aufweisen. Eine einheitliche Tokenisierung6 war zwar ableiten zu können.
gewährleistet, es könnten sich aber Auffälligkeiten
aufgrund der Unterschiede in den Grundgesamtheiten
Vergleich auf Tokenebene
oder bei den Techniken und Konventionen bei der
Textaufbereitung niedergeschlagen haben. Gerade Auf der Tokenebene war die Häufigkeitsverteilung
unterschiedliche Aufbereitungskonventionen können von Wörtern und wortähnlichen Zeichenketten Ge-
durchaus weitreichende Folgen haben, wenn z. B. genstand der Untersuchung. Ähnliche Korpora sollten
die Kodierung von token-begrenzenden Zeichen (wie auch in dieser Hinsicht ähnliche Verteilungen aufwei-
Leerzeichen, Satzzeichen, Klammerzeichen usw.) un- sen. Dabei war selbstverständlich nicht zu erwarten,
terschiedlich gehandhabt wird. Daran wird deutlich, dass sich Häufigkeitsränge oder relative Frequenzen
dass es keinen Konsens darüber gibt, wie das Konzept exakt entsprechen würden. Andererseits wären starke
eines ‚(Roh-)Textes’ als Input für ein Korpus verstan- Abweichungen genauso überraschend. Von besonde-
den und auch ausgelegt werden kann, weder dahinge- rem Interesse wären systematische Abweichungen
hend, was einen Text als solchen auszeichnet (und ihn bezüglich textsorten-konstituierender Eigenschaften.
von anderen abgrenzt), noch darüber, wie die Struktur Inwieweit eine Abweichung des erwartbaren Wertes
der internen Bestandteile zu fassen ist. Ein erstes – und noch innerhalb einer Spanne zufälliger Einflüsse lie-
fast das wichtigste – Anliegen der Kooperation war gen kann, lässt sich mithilfe statistischer Maße bewer-
deshalb, diese Konzeption und die Aufbereitungsver- ten. In diesem Experiment wurde die ‚log-likelihood
fahren speziell vor dem Hintergrund dieses Vergleichs ratio’7 verwendet (vgl. Dunning 1993) und für jede
zu durchleuchten und in Zukunft soweit wie möglich Tokenhäufigkeit in deWaC bezogen auf dessen Häu-
aufeinander abzustimmen, um sie als vermeintliche figkeit in DeReKo berechnet. Die Tokens, die am stär-
Störquellen auszuschließen. Denn nur dann wäre es ksten über‑ bzw. unterrepräsentiert waren, wurden ex-
möglich, Aussagen über die Grundgesamtheiten zu emplarisch von Hand ausgewertet. Diese deutlichsten
formulieren. Abweichungen sollten einen ersten Eindruck über die
Zusammensetzung der beiden Korpora liefern.
Indizien / Diskussion
Auf der Zeichenebene wurden lediglich die Zeichen Indizien / Diskussion
näher untersucht, deren Vorkommenshäufigkeiten in Eine erste flüchtige Auswertung zeigt, dass in deWaC
den beiden Korpora stark voneinander abwichen. Die Personal‑ und andere Pronomina in der ersten und
größten Unterschiede betrafen Satzendezeichen und zweiten Person (ich, du, Du, mir, mich, wir, Ich, uns, dir,
Zeichen wie ‚<‘, die in den struktur-auszeichnenden euch, dich, meine, Dir, deine) und entsprechende Mo-
Elementen der Korpustexte verwendet werden und dal‑/Auxiliarverben im Präsens (kann, hast, muss, kön-
mutmaßlich durch eine ungenügende Abstimmung nen) stark vertreten sind. Weiterhin spezifisch für das
zwischen Rohdaten, Aufbereitungskonventionen und deWaC sind Bezeichnungen aus dem juristischen und
Tokenisierungsmethoden in die Wortlisten gelangt religiösen Umfeld (Klägerin, Beklagten, Kläger, Gott,
sind. Starke Häufigkeitsabweichungen wurden au- Jesus), Abkürzungen (BGB, vgl., BStBl, EStG), außer-
ßerdem für einige nicht-alphanumerische Zeichen dem ist eine leichte Tendenz zu umgangssprachlichen
festgestellt, die in deWaC uneinheitlich kodiert sind, Ausdrücken zu verzeichnen. Typisch für DeReKo sind
was wahrscheinlich eine Folge fehlender oder falscher hingegen Personalpronomina in der dritten Person
Zeichensatz-Angaben in den zugrunde liegenden Web- (er), aber nicht so durchgängig wie komplementär bei
seitenquelldaten ist. Diese Auffälligkeiten lassen sich deWaC, sowie entsprechende Verbformen, häufig im
also vermutlich eher auf technische als auf inhaltliche Konjunktiv bzw. in Vergangenheitsformen (sei, sagte,
Gründe zurückführen; um dies zu überprüfen, sollten seien, will, werde, worden, erklärte). Desweiteren fal-
die Experimente aber nach einer Überarbeitung der len auf als typisch für DeReKo: Zeitangaben (gestern,
Verfahren wiederholt werden. Sonntag, Samstag, Montag [usw.], Jahren), Währung-
Da signifikante Unterschiede festgestellt wurden, sangaben (Mark, Schilling, Franken, Dollar), Zahlen
galt für alle weiteren Untersuchungen, dass sie unter und Größenordnungen (Millionen, Milliarden, zwei,
Vorbehalt durchgeführt wurden. Solange die Ursache zehn, drei, fünf, vier [usw.]), Politisches und Ämter
nicht geklärt ist, muss das vorrangige Ziel sein, die (SPD, CDU, ÖVP, Bürgermeister) sowie Ortsangaben
Aufbereitungskonventionen so lange zu vereinheitli- (Schweizer, Wiener, Österreich).

Sonderheft März 2007 23


Zusammengefasst sind offenbar Bezeichnungen aus müsste sinnvollerweise anhand von Texten analysiert
den Bereichen Wirtschaft und Politik charakteristisch werden. Aufgrund der genannten urheberrechtlichen
für DeReKo, während sich auf Seiten von deWaC die Einschränkungen wurde stattdessen ein Experiment
Themen Rechtswesen und Religion abzeichnen. Da- ausgehend von den Tokenlisten konstruiert. In gewisser
rüber hinaus lassen sich die Indizien versuchsweise Weise sollte sich die thematische Beschaffenheit eines
dahingehend interpretieren, dass der Stil der deWaC- Korpus auch in seiner Tokenliste niederschlagen (erste
Texte eher erzählend ist, den Leser direkt ansprechend, Beispiele hierfür wurden bereits oben genannt). Ab-
und dass die Texte eine situative Kommunikation wie- weichungen sind zwar zu erwarten, eine systematische
dergeben, während die DeReKo-Texte eher bericht- Abweichung ist jedoch ein Indiz für eine unterschied-
erstattenden Charakter haben. Die Webtexte sind in liche Vorgehensweise bei der Korpuskomposition oder
dieser Hinsicht eher vergleichbar mit mündlicher als für Unterschiede bei den Grundgesamtheiten. Für den
mit schriftlicher Kommunikation. Dies bestätigt ein ersten Fall ist das langfristige Ziel die Einsicht in den
Abgleich der Untersuchung mit einem Korpus ge- Zusammenhang von Abweichung und Komposition,
sprochener Sprache (Pfeffer-Korpus8): Die für dieses um bei Bedarf gegensteuern zu können, für den zwei-
Korpus besonders typischen Wörter sind bis auf eine ten Fall die Dokumentation der Unterschiede.
Ausnahme auch ­ deWaC-typische Wörter. Die Aus-
nahme stellt das Wort daß dar. Dieses Wort wurde bei Für dieses Experiment wurde ein Maß entwickelt,
der Verschriftlichung des Pfeffer-Korpus nach der al- das die Themenzugehörigkeit eines Tokens ausdrü-
ten Rechtschreibregelung noch als daß transkribiert. cken soll. Die meisten DeReKo-Texte sind thematisch
Da DeReKo Texte über einen langen Zeitraum abbil- klassifiziert, wobei ein Zahlenwert zwischen 0 und 1
det (seit 1964), tritt diese Schreibweise auch dort häu- für jeden Text gewichtet, wie sicher sich der Klassi-
fig auf – im Gegensatz zu deWaC, wo die Form dass fikator bei dieser Themenzuweisung war (vgl. Weiß
überrepräsentiert ist. Dies kann daran liegen, dass die 2005). Abhängig von der Anzahl der Texte, in denen
große Mehrheit der Texte jüngeren Datums ist und die ein Token vorkommt, und den jeweiligen Themen-Ge-
Schreiber sich an die neuen Rechtschreibregeln gehal- wichten, wurde ermittelt, welchem Thema ein Token
ten haben oder dass sie die Form in vorauseilendem am wahrscheinlichsten zuzuordnen ist. Dieses erste
Gehorsam und vor allem deshalb gewählt haben, weil Maß wurde gemäß der relativen Häufigkeit standar-
sie für die Eingabe auf dem Computer schon lange der disiert, für die jeweils hundert typischsten Wörter in
anderen Form vorgezogen wurde. DeReKo bzw. deWaC berechnet, über diese hundert
Wörter gemittelt und bezogen auf die Themen kumu-
Vergleich auf Themenebene liert. Die Themen wurden gemäß der Differenz der
In einer allerersten Annäherung sollte auch die the- Maßzahl sortiert. Die Abbildung unten zeigt das obere
matische Verteilung innerhalb der verschiedenen Kor- (‚deWaC-lastige’) und das untere (‚DeReKo-lastige’)
pora untersucht werden. Eine thematische Verteilung Ende der sortierten Themen.

DIFF dewac dereko topic category


10.32 12.71 2.39 Staat_Gesellschaft:Biographien_Interviews
3.15 4.96 1.81 Kultur:Literatur
2.51 4.66 2.15 Staat_Gesellschaft:Recht
2.47 4.71 2.24 Staat_Gesellschaft:Familie_Geschlecht
1.75 5.63 3.88 Freizeit_Unterhaltung:Reisen
1.69 4.09 2.40 Kultur:Musik
1.46 2.59 1.13 Kultur:Film
0.99 2.49 1.49 Staat_Gesellschaft:Kirche
0.72 1.55 0.82 Technik_Industrie:EDV_Elektronik
0.69 0.75 0.06 Staat_Gesellschaft:Tod
• • • •
• • • •
• • • •
-0.60 0.16 0.76 Wirtschaft_Finanzen:Waehrung
-0.98 3.87 4.85 Freizeit_Unterhaltung:Vereine_Veranstaltungen
-1.04 2.15 3.19 Wirtschaft_Finanzen:Sozialprodukt
-1.17 0.95 2.12 Sport:Vermischtes
-1.84 0.98 2.83 Staat_Gesellschaft:Verbrechen
-2.01 0.82 2.83 Technik_Industrie:Unfaelle
-2.43 7.13 9.56 Politik:Kommunalpolitik
-2.72 1.76 4.48 Wirtschaft_Finanzen:Oeffentliche_Finanzen
-3.42 5.54 8.96 Politik:Ausland
-3.65 3.94 7.59 Sport:Fussball
-4.95 5.75 10.70 Politik:Inland

Abb. 1: Quantitative Annäherung der thematischen Zusammensetzung von deWaC und DeReKo (Ausschnitt)

24
Indizien / Diskussion Untersuchungsobjekte für eine bestimmte Fragestellung.
Aus pragmatischen Erwägungen wird normalerweise
In deWaC ragt das Thema ‚Biographien/Interviews’ nicht die Grundgesamtheit, sondern eine Stichprobe un-
heraus, ansonsten sind die Themen ‚Literatur/Mu- tersucht, die für die Grundgesamtheit repräsentativ ist.“
sik/Film’, ‚Recht/Familie/Kirche/Tod’, ‚Reisen’, und (wikipedia.de, Januar 2007)
auch noch ‚EDV/Elektronik’ gut vertreten. Typisch
2
European Chapter of the Association for Computational
für DeReKo sind hingegen ‚Politik: Inland/Ausland/ Linguistics.
Kommunalpolitik’, ‚Wirtschaft/Finanzen: Öffentliche 3
Association for Computational Linguistics.
Finanzen/Sozialprodukt/Währung‘, ‚Sport: Fußball/ 4
Web-Crawler (oder auch Web-Spider oder Web-Robots)
Vermischtes’, aber auch ‚Verbrechen’, ‚Technik/In- sind Verfahren des automatischen Durchwanderns des
dustrie: Unfälle’. Dies bestätigt in weiten Zügen die World Wide Web. Ausgehend von einer Startmenge von
Erkenntnisse aus dem vorangegangenen Vergleich auf Webseiten wird wiederholt versucht, Verknüpfungen zu
weiteren Seiten zu identifizieren, die wiederum weiter
Tokenebene: Die Erzählperspektive entspricht den
verfolgt werden. Von den dadurch erfassten Seiten wer-
Biographien/Interviews, Juristisches und Religiöses
den z. B. für Suchmaschinen oder für Webkorpora Kopien
taucht ebenfalls wieder auf. Umgekehrt dokumentie- gesammelt, d. h. es wird auf die Seiten nur lesend und
ren die Themen ‚Wirtschaft’, ‚Politik’ und ‚Finanzen’ nicht manipulierend zugegriffen.
die Berichtslastigkeit von DeReKo. Ein Kontrollex- 5
Vorgang bzw. Ergebnis beim Ziehen einer Stichprobe aus
periment mit künstlich generierten Texten, die jeweils einer Grundgesamtheit.
nur aus Wiederholungen der typischen Tokens bestan- 6
Bestimmung der Tokens eines Textes, d. h. der wortähn-
den, bestätigte diese Ergebnisse. Das Thema ‚EDV’ lichen Zeichenketten, die für weitere Betrachtungen des
wurde bei diesem Versuch aber noch ausgeprägter als Textes relevant sind. Dabei ist es allerdings nicht unpro-
typisch für deWaC eingestuft. blematisch zu entscheiden, welche Zeichen zu einem To-
ken dazugehören (ein Punkt am Satzende vs. nach einer
Auswertung Abkürzung), welche Zeichen verschiedene Tokens tren-
nen (Leerzeichen vs. Bindestrich), welche Zeichen evtl.
Die ersten Auswertungen im Rahmen der Kooperation sogar verschiedene Bestandteile eines Tokens verbinden
liefern bereits wertvolle Erkenntnisse, wohlgemerkt (Worttrennung am Zeilenende, elliptische Formulie-
allerdings nur über den aktuellen Zustand der bei- rungen).
den Korpora. Der hier skizzierte kurze Überblick soll 7
Statistisches Maß zur Bewertung von Hypothesen auf der
nicht davon ablenken, dass dies nicht das eigentliche Grundlage empirischer Daten.
Anliegen der Kooperation war. Viel wesentlicher war, 8
<http://dsav-wiss.ids-mannheim.de/DSAv/KORPORA/
Erfahrungen über Metriken und Methoden zu sam- PF/PF_DOKU.HTM>
meln, mit denen grundsätzlich die Zusammensetzung
von Korpora bestimmt werden kann, und wie diese
Erkenntnisse langfristig in Methoden oder Parameter Literatur
zum kontrollierten Korpusaufbau umgesetzt werden
können. Baroni, M./Kilgarriff, A. (2006): Large linguistically-proc-
essed web corpora for multiple languages. EACL 2006
Mit einfachen Mitteln lässt sich kein Korpus unkon- Conference Companion, S. 87-90.
trolliert aus dem World Wide Web extrahieren, mit Dunning, Ted (1993): Accurate Methods for the Statistics of
dessen Hilfe sich Aussagen über den allgemeinen Surprise and Coincidence. In: Computational Linguistics
Sprachgebrauch formulieren ließen. Dies mag daran 19 (1), S. 61-74.
liegen, dass sich im Web ein eigener Sprachgebrauch Sharoff, S. (2006): Creating general-purpose corpora using
manifestiert. Oder es mag daran liegen, dass zurzeit automated search engine queries. In: Baroni, M./ Bernar-
noch die Mittel fehlen, einen ‚repräsentativen’ Aus- dini, S. (Hgg.), WaCky! Working papers on the Web as
schnitt aus dem Web zu erheben. Doch unabhängig Corpus. <http://wackybook.sslmit.unibo.it>. Bologna:
von den tatsächlichen Gründen wäre der nächste un- Gedit, S. 63-98.
abdingbare Schritt, die Eigenschaften der Texte in den Weiß, Christian (2005): Die thematische Erschließung von
Dimensionen genauer zu erforschen, die zur Ausprä- Sprachkorpora. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache.
gung sprachlicher Phänomene beitragen. Diese Vor- (= OPAL – Online publizierte Arbeiten zur Linguistik,
1/2005)
studie war erst ein kleiner Schritt in diese Richtung.

Anmerkungen
1
„In der empirischen Forschung bezeichnet die Grundge- Die Autoren sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut
samtheit (auch Population) die Menge aller potentiellen für Deutsche Sprache in Mannheim.

Sonderheft März 2007 25


Analyse emergenter Gesprächsverläufe:
Die Kooperation des IDS mit dem
Forschungszentrum für die Landessprachen
Finnlands
von Arnulf Deppermann

KOTUS (Kotimaisten kielten tutkimuskeskus) ist das sich dabei Interaktionen, in denen ein Wechsel der In-
Forschungszentrum für die Landessprachen Finn- teraktionsmodalität stattfindet. An ihnen lässt sich kla-
lands. Es ist in Helsinki beheimatet. KOTUS ist eine rer erkennen, welche kommunikativen Leistungen zur
dem IDS vergleichbare Forschungsinstitution. Es wid- Etablierung und Abgrenzung, zur Verdeutlichung und
met sich der empirischen Erforschung der finnischen zum Erkennen einer bestimmten Modalität erforder-
Sprache und konzentriert sich dabei vor allem auf den lich sind. Aus dieser Kooperation wird im Laufe dieses
gegenwärtigen Sprachgebrauch. Zurzeit befassen sich Jahres eine gemeinsame englischsprachige Publikation
die Forschungsvorhaben von KOTUS mit der Ent- entstehen. Die Beiträge werden sich mit unterschied-
wicklung der Dialekte Finnlands, historischen litera- lichen Formen von Emergenz in Gesprächsverläufen
rischen Varietäten des Finnischen, Namensforschung befassen. Dabei geht es um Interaktionsentwicklungen,
(v. a. Toponymen), institutionellen autoritativen Tex- die aufgrund eines früheren Interaktionsstandes nicht
ten, der Untersuchung von Dienstleistungsinterakti- vorhersehbar waren und die sich ggf. sogar deutlich
onen und der städtischen Kommunikation in Helsinki. von dem, was zu einem früheren Zeitpunkt projiziert
Die Finnen planen hier ein ethnografisch-soziolin- wurde, unterscheiden. Dies geschieht z. B., wenn von
guistisches Projekt, das sehr dem früheren IDS-For- einer Agenda abgewichen wird. Charakteristischer-
schungsprojekt „Kommunikation in der Stadt“ ähnelt, weise werden solche Abweichungen nicht einfach un-
in dem die Stadtsprache Mannheims in unterschied- markiert vollzogen, sondern die Art und Weise ihrer
lichen sozialen Milieus untersucht wurde. Realisierung zeigt an, dass den Gesprächsteilnehmern
die Diskrepanz bewusst ist – das Andere gewinnt seine
Das IDS kooperiert seit 1999 mit KOTUS. Mitarbei- spezielle Form und seinen besonderen Status in hohem
ter der Abteilung Pragmatik und finnische Forscher Maße daraus, dass es mit Bezug auf das eigentlich Er-
treffen sich seit einigen Jahren in halbjährlichem wartete geschieht. Solche Emergenzen nehmen oft die
Turnus zu Workshops, in denen sie Daten der jewei- Form von Inkongruenzen an. Sie entstehen z. B. durch
ligen Forschungsprojekte besprechen. Gemeinsamer den Gebrauch von Ironie, durch Humor und Frotzeln.
Hintergrund ist die methodische und theoretische Ori- Hier müssen die Interaktionsbeteiligten sicherstellen,
entierung an der Konversationsanalyse und ihre Er- dass ihre Kommunikationspartner den Wechsel in die
weiterung in Richtung auf soziolinguistische Fragen. unernste Modalität verstehen. Dies ist gerade in öffent-
Mitglieder der Kooperationsgruppe auf Seiten des IDS lichen Kontexten aufgrund der sehr unterschiedlichen
sind gegenwärtig der Leiter der Abteilung Pragmatik, Wissensvoraussetzungen der Rezipienten unsicher.
Arnulf Deppermann, Ralf Knöbl, Reinhold Schmitt, Oft ist der Wechsel auch riskant, da ein unerwünschtes
Wilfried Schütte sowie der frühere Abteilungsleiter Verständnis kaum noch zu korrigieren ist. Andererseits
Werner Kallmeyer. Auf finnischer Seite nehmen die sind gerade diese humoristischen Formen schwer zu
Institutsdirektorin Pirkko Nuolijärvi, Marja-Leena belangen: Der Sprecher kann sie sehr wirkungsvoll
Sorjonen, Markku Haakana, Hanna Lappalainen und strategisch einsetzen, da sie semantisch und pragma-
Liisa Raevaara von KOTUS sowie Liisa Tiittula von tisch diffus sind und ihre Interpretation nicht einklagbar
der Universität Tampere teil. ist, gleichzeitig aber sehr treffsicher ihre Zielscheibe
bloßzustellen vermögen. Humor wird aber auch einge-
Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit der letzten setzt, um die (oftmals langweilige) Routine von hoch-
Jahre war die Untersuchung der Konstitution von In- gradig vorhersehbaren Interaktionen zu durchbrechen.
teraktionsmodalitäten (wie Spaß vs. Ernst, Förmlich- Dies gilt z. B. für Dienstleistungsgespräche in einem
keit vs. Informalität). Als besonders ergiebig erwiesen Kiosk, Veranstaltungsmoderationen oder politische

26
Diskussionen. Auch hier zeigt sich die potenzielle Die unterschiedlichen Beiträge der deutsch-finnischen
Janusköpfigkeit des Humors, die Kreativität und stra- Kooperationsgruppe, denen gemeinsame ausführ-
tegische Rafinesse stets nur um den Preis der Gefahr liche Datenanalysen zu Grunde liegen, behandeln
von Unverständnis und der Bedrohung einer intakten die unterschiedlichen Formen von Emergenz und In-
sozialen Identität gewinnen kann. Eine andere Art von kongruenzen, die Art und Weise ihrer Einführung ins
Inkongruenz entsteht durch den Wechsel in eine ver- Gespräch, ihre interaktiven Funktionen und Folgen.
traulichere Modalität im Rahmen von institutionellen Gezeigt wird auch, welche Aufgaben der Kohärenz-
und öffentlichen Interaktionen. Mit ihnen werden Un- bildung und Legitimierung sich den Interaktionsteil-
terhaltung und Information zu Infotainment-Formaten nehmern stellen, wenn sie einen unerwarteten Rah-
synthetisiert – eine Art von Inkongruenz, die mittler- menwechsel im Gespräch vornehmen. Die Ergebnisse
weile selbst institutionalisiert und erwartbar geworden werden in Form eines Zeitschriften-Themenhefts er-
ist. Solche Institutionalisierungen können ihrerseits scheinen, das von Marja-Leena Sorjonen und Arnulf
ein Indiz für kommunikationskulturellen Wandel sein: Deppermann herausgegeben wird.
Was früher sorgfältig in „Hochkultur“ und „Trivialkul-
tur“, „Ernst“ und „Spaß“ voneinander getrennt wurde,
koexistiert nun changierend, plötzlich wechselnd und
sich manchmal kaum trennbar mischend und bildet so- Der Autor ist Abteilungsleiter der Abteilung Pragmatik am
mit neue kommunikative Gattungen aus. Institut für Deutsche Sprache in Mannheim.

Vergleichende Analysen von Situationseröff-


nungen / Analyses comparées d’ouvertures
Ein deutsch-französisches Kooperationsprojekt
von Lorenza Mondada und Reinhold Schmitt

Die Kooperation zwischen der Abteilung Pragmatik Einschätzung relevanter Entwicklungen im Bereich der
des Instituts für Deutsche Sprache und dem Centre empirischen Analyse von Interaktion bestimmt. Dies
National de Recherche Scientifique und der Université betrifft vor allem die methodischen und theoretischen
Lumière Lyon 2 besteht bereits seit mehreren Jahren Veränderungen, die mit der Tatsache zusammenhän-
als reger wissenschaftlicher Austausch. Von Anfang gen, dass immer häufiger Videoaufzeichnungen die
an ging es um die gemeinsame Entwicklung eines An- bisher für die Untersuchung von Interaktion grundle-
satzes, der auf der empirischen Grundlage von Video- genden Tonaufnahmen als empirische Basis ersetzen.1
aufzeichnungen Interaktion in ihrer komplexen multi- Videoaufnahmen als Dokumente der Analyse verbaler
modalen Qualität Ernst nimmt. Interaktion verdeutlichen die Notwendigkeit, das ver-
bale Geschehen als einen zwar wichtigen, jedoch nicht
Diese Kooperation wird nun durch ein aktuelles Pro- einzigen Gegenstand zu begreifen.
jekt verstärkt, dessen Fokus im Vergleich von Situati-
onseröffnungen in unterschiedlichen sozialen Kontex- Vielmehr muss das gleichzeitige Zusammenspiel ver-
ten besteht. schiedener – theoretisch gleichwertiger – Modalitäts­
ebenen bei der Analyse von Interaktion systematisch
berücksichtigt werden. Es geht darum, dem Gesamtzu-
Theoretischer Rahmen: Interaktion als
sammenhang von Sprache, Intonation, Mimik, Blick,
multimodales Ereignis Gestikulation, Körperpositur, Präsenzmodi (sitzen,
stehen, gehen), der Manipulation von Gegenständen,
Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Forschungs- der Konstellation der Beteiligten zueinander, der Po-
institutionen in Lyon und Mannheim war von Anfang sitionierung im Raum sowie den praxeologischen
an durch eine weit gehende Übereinstimmung in der Gegebenheiten (Interaktion als Bestandteil anderer

Sonderheft März 2007 27


Aktivitätszusammenhänge) in methodischer Weise In methodologischer Hinsicht stellt die Reflexion der
Rechnung zu tragen. Die Diskussion der interaktions- Voraussetzungen, die für den angestrebten Vergleich
theoretischen und methodischen Implikationen der au- der französischen und deutschen Aufnahmen auf un-
diovisuellen empirischen Grundlagen sowie die Ent- terschiedlichen Ebenen gegeben sein müssen, eine we-
wicklung angemessener Analyseverfahren, die zum sentliche Aufgabe dar. Für eine solche Kontrastierung
aktuellen Zeitpunkt großteils noch nicht vorliegen, sind folgende Aspekte zentral: die Vergleichbarkeit der
gehören zentral zum Aufgabenkatalog des Kooperati- Situation, des Aktivitätstyps, der Interaktionsstruktur
onsprojektes. oder einzelner Strukturphänomene. Daneben stehen
auch Fragen der Entwicklung bzw. Vereinheitlichung
Vor allem zu Fragen der grundsätzlich multimodalen gemeinsamer Transkriptionskonventionen sowie die
Qualität von Interaktion gibt es seit Jahren regelmäßig Entwicklung geeigneter Formate für die Videodaten
gemeinsame Arbeitstreffen, in denen Probleme und zur Diskussion, die für einen problemlosen Austausch
Fragen der videogestützten Interaktionsanalyse syste- der empirischen Daten notwendig sind.
matisch diskutiert werden.2 Aus diesem bestehenden,
gemeinsamen Forschungskontext entwickelte sich
auch die Idee zu dem aktuellen Kooperationsprojekt,
Das erste Arbeitstreffen
das in inhaltlicher Hinsicht eine Weiterführung des
multimodalen Diskussionszusammenhangs darstellt.
Das erste Arbeitstreffen im Rahmen dieser Koopera-
tion fand am 14. und 15. Oktober 2006 im IDS statt.
Beide Tage waren angefüllt mit gemeinsamen Materi-
Organisatorisches und Thematisches
alanalysen, ersten Konzeptualisierungen sowie der de-
taillierten Strukturierung der weiteren Projektentwick-
Die Organisationsstruktur des Projektes besteht zum
lung. Zentrale Aufgabe des Treffens war die Sichtung
einen aus jährlich zweimaligen Treffen der beteiligten
der unterschiedlichen Videokorpora mit dem Ziel, eine
Gruppen, die im Wechsel in Lyon und in Mannheim
für die gemeinsame Analyse notwendige Basis von Si-
stattfinden. Zum anderen wird es zwei Kolloquien ge-
tuationseröffnungen zusammenzustellen. Diese Kor-
ben, eines im Oktober 2007 am IDS und eines 2008 als
puskonstitution orientierte sich zum einen an Kriterien
Abschlussveranstaltung in Lyon.
des minimalen und maximalen Vergleichs, um ein
möglichst großes Spektrum unterschiedlicher, jedoch
Die halbjährlichen Treffen dienen der gemeinsamen
prinzipiell vergleichbarer Situationseröffnungen zu
Analyse des zugrunde gelegten Korpus, der Theoreti-
erhalten. Zum anderen richtete sich die gemeinsame
sierung der Ergebnisse sowie der gemeinsamen Kon-
Analyse darauf, die prototypische Qualität einzelner
zeptentwicklung. Sie haben zudem die Funktion, die
Aufnahmen herauszuarbeiten. Dies ist ein wichtiger
geplanten Publikationen inhaltlich vorzubereiten. Auf
Schritt für die Beantwortung der Frage, welches struk-
der Basis eines gemeinsamen Korpus – bestehend aus
turelle Problem von Anbahnungen und Eröffnungen
vergleichbaren französischen und deutschen Video-
auf der Grundlage welches Videoausschnitts beson-
aufzeichnungen authentischer Interaktion aus ausge-
ders gut analysiert und verdeutlicht werden kann.
wählten Kontexten – sollen schwerpunktmäßig die
Anbahnung und Eröffnung von Interaktion analysiert
werden. Das Varianzspektrum der in dieser Weise gesichteten
und nach relevanten Vergleichsaspekten und ihrer pro-
Die Kolloquien haben demgegenüber stärker die totypischen Qualität analysierten Situationen erstreckt
Funktion, im Rahmen einer geladenen wissenschaft- sich von professionellen Situationen wie Arbeitsmee-
lichen Öffentlichkeit Ergebnisse vorzustellen und ting, Gottesdienst, der Zusammenarbeit am Filmset,
Probleme zu diskutieren. Hierbei geht es thematisch Verkaufsgesprächen und Videokonferenzen über pri-
um theoretische und methodische Voraussetzungen vate Kontexte wie Raclette-Essen unter Freunden, ge-
der vergleichenden Analyse „ausgewählter Interak- meinsame Einkäufe im Supermarkt und der gemein-
tionsformen und Probleme auf der Grundlage unter- samen Autofahrt bis hin zu alltäglichen, öffentlichen
schiedlicher Sprachen“. Hinsichtlich des thematischen Situationen wie Wegauskünften.
Fokus stellen die Kolloquien einen angemessenen Zu-
sammenhang dar, erste Ergebnisse sowie Fragen der Auf der Grundlage der analytischen Sichtung und der
Konstitutionsstruktur und der Konzeptualisierung von Auswahl verschiedener Situationen entstand eine erste
„Anbahnungen und Eröffnungen von Interaktion“ zu Vorstellung von der Ordnungsstruktur von Situations-
erörtern. eröffnungen und ihrer Anbahnung sowie den von den

28
Beteiligten dabei gemeinsam zu bearbeitenden inter- arbeit sowohl bei Fragen der Forschungsorganisation
aktiven Aufgaben und den hierfür eingesetzten multi- als auch in den gemeinsamen Analysesitzungen. Dies
modalen Ressourcen. eröffnet ihnen einen privilegierten und geschützten
Rahmen für Reflexionen und ermöglicht zudem, an
Das Treffen endete mit der Festlegung der nächsten Ar- den gemeinsamen Publikationen zu partizipieren. Ver-
beitsschritte und der Klärung individueller Zuständig- stärkt werden diese positiven Effekte noch besonders
keiten für die Analyse der ausgewählten Aufnahmen durch den zeitlich begrenzten Wechsel der Forschungs-
und der Definition des Zeitrahmens, des Aufgabenpro- institution. So war Florence Oloff, deren Dissertation
fils und der Zielvorstellung für das nächste Treffen der sowohl in Lyon als auch in Mannheim betreut wird,
Kooperationsgruppe. Das zweite Arbeitstreffen wird bereits zu mehreren Forschungsaufenthalten im IDS.
in der Zeit vom 28.-30. April 2007 in Lyon stattfinden. Daniela Heidtmann wird im Jahr 2007 einige Zeit in
Schwerpunke dieses Treffens werden die Diskussion Lyon mitarbeiten.
der bis dahin vorliegenden schriftlich ausgearbeiteten
Videoanalysen sowie die theoretische Rahmung und Solche Forschungsaufenthalte sind für Nachwuchs-
gemeinsame Konzeptentwicklung sein. wissenschaftler deswegen besonders fruchtbar, weil
sie sich in einem externen, geschützten Rahmen und
entlastet vom normalen Profilierungsdruck bewegen
Projektziele können. Nicht zu unterschätzen ist die Möglichkeit,
eigene Forschungsfragen und eigene Materialien ohne
Zeitdruck aus einer zur gewohnten eigenen Perspek-
Die Produktorientierung des Kooperationsprojektes
tive kontrastiven Position theoretisch und methodisch
zielt in einem ersten Schritt auf die Darstellung der in
diskutieren und analysieren zu können. Dass dabei
der ersten Phase erarbeiteten gemeinsamen Ergebnisse.
automatisch auch unterschiedliche Arbeitsstile und
Angestrebt wird ein strukturbezogener Aufriss des Ge-
Analyseweisen sowie neue Formen der Schwerpunkt-
genstandsbereichs „Anbahnung und Eröffnungen von
setzungen und Theoretisierung erlebt und gelernt wer-
Interaktion aus multimodaler Perspektive“ sowie die
den, ist ein weiterer produktiver Aspekt solcher zeit-
exemplarische Darstellung einzelner konstitutiver As-
lich befristeter Wechsel der Forschungsinstitution.
pekte dieser Struktur in Form aufeinander bezogener
Fallanalysen. Darüber hinaus werden die Ergebnisse
der gemeinsamen Konzeptentwicklung präsentiert,
die vor allem in der Präzisierung eines Modells von
Perspektiven
Anbahnung, „pre-beginnings“, „pre-openings“ und
Eröffnung von Interaktion bestehen werden. Sowohl in wissenschaftlich-inhaltlicher Hinsicht (die
mit Fragen des Vergleichs gemeinsam hergestellter
Diese Ergebnisse sollen in deutscher Sprache in der interaktiver Strukturen in unterschiedlichen Sprachen
sprachwissenschaftlichen Online-Zeitschrift „Ge- zusammenhängen) als auch in Bezug auf Fragen des
sprächsforschung Online“ publiziert werden. Zudem gemeinsamen Aufbaus eines von beiden Seiten ge-
ist ein monografisches Produkt in deutscher und fran- nutzten zweisprachigen Korpus besitzt das Projekt Vor-
zösischer Sprache vorgesehen, in dem die wichtigsten bereitungsqualität für ein avisiertes umfangreicheres
Ergebnisse des Projekts präsentiert und Perspektiven europäisches Projekt. Dieses soll im Anschluss auf
für die weitere Forschung im Kontext der verglei- breiterer Datenbasis und unter Beteiligung weiterer
chenden empirischen Untersuchung auf der Grundlage europäischer Partner (Finnland, England, Holland, Ita-
eines Korpus aus unterschiedlichen Sprachen formu- lien) beantragt werden.
liert werden sollen.

Zusammensetzung
Nachwuchsförderung
Dem Kooperationsprojekt gehören auf französischer
Das Projekt intensiviert in Erweiterung der bishe- Seite Lorenza Mondada (Leitung), Florence Oloff und
rigen Zusammenarbeit ganz bewusst den Bereich der Elwys de Stefani und auf deutscher Seite Reinhold
Nachwuchsförderung. Es bietet den beiden Doktoran- Schmitt (Leitung), Arnulf Deppermann und Daniela
dinnen Florence Oloff (Lyon) und Daniela Heidtmann Heidtmann an. Die Kooperation ist mit einer Laufzeit
(Mannheim) eine vollkommen gleichberechtigte Mit- von zunächst drei Jahren geplant.

Sonderheft März 2007 29


Anmerkungen lauch, Hubert/Raab, Jürgen/ Schnettler, Bernt/Soeffner,
Hans-Georg (eds.): Video Analysis: Methodology and
1
Als eigene Beiträge zum Bereich der multimodalen Inter- Methods. Bern: Lang, S. 51-68.
aktion siehe beispielsweise Schmitt (2004b, 2005, 2006) Schmitt, Reinhold (2004a): Bericht über das 1. Arbeitstref-
sowie Mondada (2004, 2006a, 2006b). fen „Multimodale Kommunikation“. In: Sprachreport
2
Diese gemeinsamen Treffen haben in 2004 begonnen 1/2004, S. 31-34; auch in: Gesprächsforschung – Online­
(siehe Schmitt 2004a) und haben im Oktober 2005 zum zeitschrift zur verbalen Interaktion, Ausgabe 5, S. 1-5
Kolloquium „Koordination. Analysen zur multimodalen <www.gespraechsforschung-ozs.de>.
Interaktion“ geführt, dessen Ergebnisse im Frühjahr ver- Schmitt, Reinhold (2004b): Die Gesprächspause: „Verbale
öffentlicht werden. (Schmitt, Hg., i. Dr.). Auszeiten“ aus multimodaler Perspektive. In: Deutsche
Sprache 32/1, S. 56-84.
Schmitt, Reinhold (2005). Zur multimodalen Struktur von
turn-taking. In: Gesprächsforschung – Onlinezeitschrift
zur verbalen Interaktion, Ausgabe 6, S. 17-61 <www.ge-
Literatur spraechsforschung-ozs.de>.
Schmitt, Reinhold (2006): Videoaufzeichnungen als Grund-
lage für Interaktionsanalysen. In: Deutsche Sprache 34,
Mondada, Lorenza (2004): Temporalité, séquentialité et
Sonderheft für Werner Kallmeyer, S. 18-31.
multimodalité au fondement de l’organisation de l’inte-
raction: Le pointage comme pratique de prise du tour. In: Schmitt, Reinhold (Hg.) (i. Dr.): Koordination. Analysen
Cahiers de Linguistique Française 26, S. 169-192. zur multimodalen Interaktion. Tübingen: Narr.
Mondada, Lorenza (2006a): Participants’ online analysis
and multimodal practices: projecting the end of the turn
and the closing of the sequence. In: Discourse Studies 8, Lorenza Mondada ist Professorin an der Universität Lyon
S. 117-129. und Direktorin des Laboratoire ICAR (CNRS), Reinhold
Mondada, Lorenza (2006b): Video Recording as the Pres- Schmitt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
ervation of Fundamental Features for Analysis. In: Knob- Deutsche Sprache in Mannheim.

Das Kooperationsteam (v.l.n.r.): Reinhold Schmitt, Daniela Heidtmann, Lorenza Mondada, Ar-
nulf Deppermann, Elwys de Stefani, Florence Oloff

30
Mannheim – Moskau
Zur Kooperation zwischen der Philologischen Fakultät
der Staatlichen Lomonossov-Universität Moskau
und dem Institut für Deutsche Sprache (IDS)
von Wilfried Schütte

Seit dem 22.6.2001 besteht eine Kooperation zwi- teil. Über 50 Teilnehmer hielten Vorträge, darunter
schen der Philologischen Fakultät der Staatlichen Vertreter von 7 Fakultäten der Moskauer Staatlichen
­Lomonossov-Universität Moskau und dem Institut für Lomonossov-Universität, vom Institut für Sprachwis-
Deutsche Sprache (IDS) Mannheim. Gegenstände der senschaften der Russischen Akademie der Wissen-
Kooperation sind u. a. schaften sowie weiteren Hochschulen und Instituten
aus Moskau, Sankt Petersburg, Jekaterinburg, Kras-
• ein Forscher- und Wissenschaftleraustausch, nojarsk, Orenburg, Perm, Rostov am Don, Tambov,
Elista, aus der Ukraine (Kiev), Litauen (Vilnius) und
• die Veranstaltung von gemeinsamen wissenschaft- Deutschland (Mannheim, Hamburg, Bielefeld). An der
lichen Seminaren, Symposien oder Konferenzen Konferenz nahmen sowohl bekannte Wissenschaftler
und die jeweilige Beteiligung der beiden Instituti- wie auch junge Forscher teil; über 70 Vorträge wurden
onen, veröffentlicht.

• ein Austausch von Veröffentlichungen, Fachlitera- Eine der stärksten Seiten der Konferenz war ihr in-
tur und Forschungsergebnissen sowie tegrativer Ansatz. Die Konferenz erlaubte es, die ak-
tuellen Aspekte der Mediensprachforschung zu er-
• die Durchführung gemeinsamer linguistischer For- arbeiten. Die Konferenz zeigte eindeutig, dass die
schungen, Programme und Projekte, vor allem in Erforschung der Mediensprache nicht nur auf inter-
den Bereichen der Medienkommunikation und des disziplinärer Ebene, sondern auch auf internationaler
deutsch-russischen Sprachvergleichs. Ebene wirklich produktiv sein kann. Nur so lassen sich
die Mechanismen der Herstellung und Verbreitung
Auf russischer Seite wird die Kooperation inhaltlich von Informationen und die damit einhergehende Prä-
insbesondere von Prof. Dr. Maja N. Volodina getragen, gung der Relevanzvorstellungen, die öffentliche Sicht-
die Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen barkeit von Politik oder auch die medial inszenierte
Rates des IDS ist. Im Rahmen des Wissenschaftler- Spiegelung von Alltagswelt und damit die Präsenz von
austauschs haben der frühere Direktor des IDS, Prof. „Menschen wie du und ich“ in der medialen Öffentlich-
Dr. Gerhard Stickel, der frühere Leiter der IDS-Ab- keit beschreiben. Die Konferenz reflektierte auch den
teilung Pragmatik, Prof. Dr. Werner Kallmeyer, der tief greifenden Medienwandel der letzten Jahrzehnte
jetzige Direktor des IDS, Prof. Dr. Dr. h.c. Ludwig M. in seinem Verhältnis zu einem ebenso tief greifenden
Eichinger, und Dr. Wilfried Schütte Vorträge an der Kulturwandel: Neue Medien verändern die gesell-
Philologischen Fakultät der Staatlichen Lomonossov- schaftliche Wirklichkeit und die kulturellen Praktiken
Universität Moskau gehalten und sich dort an Semi- des Umgangs mit Informationen, sie beeinflussen das
naren beteiligt. gesellschaftliche Wissensmanagement. Das wird deut-
lich z. B. in Deutschland in den achtziger Jahren des
In diesem Rahmen wurde Ende Oktober 2001 an der 20. Jahrhunderts am Aufkommen von privatem Rund-
Philologischen Fakultät der Staatlichen Lomonossov- funk und Fernsehen, die seitdem in Konkurrenz zu den
Universität die internationale Konferenz „Medien- öffentlich-rechtlichen Anstalten traten – und in Russ-
sprache als Objekt interdisziplinärer Forschungen“ land am Übergang von den staatlichen Massenmedien
durchgeführt. Sie vereinte erstmals Spezialisten ver- zu privatwirtschaftlichen nach dem Zusammenbruch
schiedener themenbezogener Wissensgebiete; neben der Sowjetunion. Insbesondere der Umgang mit den
Philologen nahmen Journalisten, Philosophen, Psy- Neuen Medien (wie E-Mail, Chat, Internet) ist für
chologen, Soziologen, Politologen und Informatiker beide Gesellschaften eine Herausforderung. Daraus

Sonderheft März 2007 31


ergibt sich die Forderung, Medienforschung in eine Kommunikation und der mediensprachlichen Stilistik.
Förderung von Medienkompetenz münden zu lassen, Dabei haben auch Fachleute aus den Hochschulen von
denn sie ist eine wichtige Handlungsvoraussetzung für Moskau, Sankt-Petersburg, Jekaterinburg, Elista und
die Mitglieder der Mediengesellschaft. Das gilt sowohl Kiev sowie Professoren vom Institut für Sprachwis-
für den Umgang mit den Medien auf der Seite der Me- senschaften der Russischen Akademie der Wissen-
dienproduzenten und der Rezipienten, aber z. B. auch schaften mitgewirkt.
für die gesellschaftlichen Akteure, die als Anbieter von
Informationen und ggf. medienrelevanten Ereignissen Derzeit ist eine zweite Konferenz in größerem Rah-
auftreten.1 men, wiederum zu interdisziplinären Aspekten von
Mediensprache und Medienkommunikation, in Pla-
Anfang 2005 wurde in Deutschland das Buch „Per- nung.
spektiven auf Mediensprache und Medienkommu-
nikation” (Kallmeyer/Volodina 2005) veröffentlicht,
dessen Beiträge im Rahmen der wissenschaftlichen Anmerkungen
Kooperation von GermanistInnen des Lehrstuhls für
deutsche Sprachwissenschaft der Philologischen Fa-
1
Kallmeyer, Werner / Volodina, Maja N. (2005) (Hg.): Per-
kultät der Moskauer Lomonossov-Universität und des spektiven auf Mediensprache und Medienkommunika-
tion. Mannheim: Institut für Deutsche Sprache (= amades
Instituts für Deutsche Sprache, Mannheim, verfasst
– Arbeitspapiere und Materialien zur deutschen Sprache
wurden. In diesem Buch wird die ganze Bandbreite
Nr. 02/05).
der Mediensprachanalyse berücksichtigt: Aspekte
der Hermeneutik, der Psycholinguistik, der Kogniti- Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
onswissenschaft, der Pragmatik, der interkulturellen Deutsche Sprache in Mannheim.

Informationen und SPRACHREPORT erscheint vierteljährlich. Ein Jahresabonnement


Meinungen zur kostet 10,- EUR einschließlich Porto.
deutschen Sprache
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Herausgegeben (Nur Kalenderjahr-Abonnement möglich. SPRACHREPORT-Aus-
vom Institut für gaben, die im Jahr des Erstbezugs bereits erschienen sind, wer-
Deutsche den nachgeliefert.) Dieses Abonnement kann ich frühestens nach
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März 2007

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An: Institut für Deutsche Sprache, -SPRACHREPORT-, Postfach 10 16 21, 68016 Mannheim
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