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Wahrheit und Gewalt: Unverborgenheit des versöhnenden Opfers

- eine radikale Idee über Buddha als verborgener Sündenbock -

Ilkwaen Chung

1. Dramatische Hermeneutik und Interkulturelle Mimesis


1.1. Dramatisches Modell für den interkulturellen Diskurs
1.2. Interkulurelle Mimesis
2. Dialektik zwischen Weltordnung und Weltentsagung
2.1. Der yogische Körper als Opferarena
2.2. Weltentsagung als sakrale Anti-Struktur
2.3. Eine neue kulturübergreifende Anthropologie
3. Wahrheit, Gewalt und Postmoderne
3.1. Girard und Heidegger: Wahrheit als Unverborgenheit über Gewalt
3.2. Katharsis und Katharma: Nietzsche, Sloterdijk, Žižek und Buddhismus
Schluss: Fundamentalanthropologie und interkulturelle Diskurs

1. Dramatische Hermeneutik und Interkulturelle Mimesis

1.1. Dramatisches Modell für den interkulturellen Diskurs

Um einen Beitrag zur praxisbezogenen Grundsatz- und Voraussetzungsreflexion der Ethik


in interkultureller Perspektive in einer Reihe „West-östliche Denkwege“ zu leisten, in diesem
Aufsatz werde ich mich mit den Themen von Wahrheit und Gewalt beschäftigen. Auf der Basis
vom dramatischen Konzept und Modell für den interkulturellen Diskurs1 und als
Forschungsmitarbeiter am Institut für Systematische Theologie und bei der interfakultären
Forschungsplattform Weltordnung-Religion-Gewalt an der Universität Innsbruck habe ich schon
an der internationalen Tagung des European Society for Intercultural Theology and
Interreligious Studies(ESITIS) im Jahre 2009 mit meinem Aufsatz “Mimesis, Complexity and
Vanity of our Conflicts. A Dramatic Model for the inter-religious Hermeneutics” für ein
dramatisches Modell für die interkulturelle und interreligiöse Hermeneutik und Begegnung
plädiert.2 Als ein Beitrag zur Hermeneutik interkultureller und interreligiöser Kommunikation
gewinnen nach Markus H. Wörner diese Vorschläge zu einem dramatischen Verständnis
1
Vgl. J. Niewiadomski, R. Schwager u. G. Larcher, “Dramatisches Konzept für die Begegnung von
Religionen,” in: Christus allein? Der Streit um die pluralistische Religionstheologie (Quaestiones
Disputatae 160). Hg. Von R. Schwager. Freiburg i. Br. 1996, S. 83-117.
interrkultureller Kommunikation3 zunehmend an Akzeptanz. Folgt man, so schreibt er, der
Einsicht gegenwärtiger Kommunikationswissenschaft, Rhetorik und Hermeneutik, für die ein
Misslingen von Verstehen und Kommunikation wenigstens nicht unwahrscheinlich ist als dessen
Gelingen, so gilt bezüglich des Modus oder der Umstände, unter denen sich dieses Erfahren,
Verstehen und Handeln stets oder in der Regel ereignet, dass es sich zwar auch harmonisch,
häufiger aber eher dramatisch, sogar tragisch vollzieht, sofern es nicht insgesamt misslingt. 4

1.2. Interkulurelle Mimesis

Mein Buch Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang


aus der Sicht der mimetischen Theorie Rene Girards (Beiträge zur mimetischen Theorie
28)5 kann als ein Versuch zum dramatischen Verständnis der zivilisatorischen Dynamik und
Dialektik der buddhistischen Kultur verstanden werden. Unter dem Titel
„Buddhismuskonstruktion als dramatischer Rezeptionsprozess“ hat Stefan Huber ein Artikel
über die damals in Entstehung befindliche meine Dissertation veröffentlicht. Sein Aufsatz
basiert auf Gesprächen, die er mit mir geführt habe und auf der von mir bereitgestellten
Literatur.6 Wie Huber richtig schreibt, ergab sich mein Antrieb, zu dieser Thematik zu forschen,
aus dem von mir empfundenen Unbehagen über eine schon sehr früh erfahrene seltsame Kluft
zwischen westlichen bzw. vom Westen beeinflussten Buddhismuskonstruktionen und seiner
Wahrnehmung des real existierenden Buddhismus in ostasiatischen Heimat. Dabei spielt für
mich das Phänomen der rituellen Gewalt im Buddhismus eine wichtige Rolle, was im Hinblick
auf das gängige friedvolle oder existentielle Buddhismusverständnis überrascht. Chung
versucht, so schreibt Huber, in seiner Arbeit im Rahmen einer Religionspolitologie und
Kulturanthropologie einen neuen Blick auf den Buddhismus zu richten, bei gleichzeitiger
Hinterfragung der vorherrschenden Rezeptionen. Mein Forschungsprojekt ist interdisziplinär
2
The European Society for Intercultural Theology and Interreligious Studies Second Conference
Salzburg, April 15-17, 2009 (“ Interreligious Hermeneutics in pluralistic Europe”). Mein Aufsatz wurde
teilweise übersetzt und veröffentlicht in meinem koreanischen Buch Anthropologie des Kreuzes.
Mimetische Theorie und René Girard (Daejeon: Daejanggan, 2015).
3
Hierzu siehe J. Niewiadomski, R. Schwager u. G. Larcher, “Dramatisches Konzept für die Begegnung
von Religionen".
4
Markus H. Wörner, “Interreligiöse Verständigung als Gespräch ? ” In: Michael Bongardt, Rainer
Kampling, Markus Wörner (Hrsg.), Verstehen an der Grenze. Beiträge zur Hermeneutik interkultureller
und interreligiöser Kommunikation (Münster. 2003), S. 24.
5
Ilkwaen Chung, Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang aus der
Sicht der mimetischen Theorie Rene Girards (Beiträge zur mimetischen Theorie 28) (Wien/Munster: Lit
Verlag, 2010).
6
Stefan Huber, “Buddhismuskonstruktion als dramatischer Rezeptionsprozess,” in: Pro Scientia.
Österreichisches Studienförderungswerk. 19660-2006. Reader zur Sommerakademie. Rahmenthema
Ostasien, S. 41-44.
angelegt: Ich stütze mich in meiner Argumentation vor allem auf das mittlerweile reichhaltige
Material einer seit etwa fünfzehn Jahren bestehenden Strömung in der westlichen
Religionswissenschaft und Buddhismusforschung, die sich einer kulturanthropologischen und
religionssoziologischen Perspektive angenommen und damit in der akademischen
Buddhismusforschung eine Wende eingeläutet hat. Mein Forschungsprojekt knüpft auf neue
Weise an ältere Hinduismus- und Buddhismusforschungen an, wie den religionssoziologischen
Studien von Louis Dumont und den kultur- und sozialanthropologischen Studien von Max
Weber.
Aber in jüngster Zeit wird westliche Buddhismusromantik zunehmend kritisch hinterfragt.
Im Aufsatz Einführung: Buddhismus und Gewalt hat Kollmar-Paulenz/Prohl thematisiert
kritisch dieser “Modetrend der intellektuellen Elite Europas”, der sich zum Buddhismus in
seinen verschiedenen Formen als der einzigen Religion, die wahrhaft friedfertig ist, zu
bekennen.7
Wie Huber richtig beschreibt, habe ich, aufbauend auf diesen Studien und im Lichte der
mimetischen Theorie Girards, die westliche Konstruktion des Buddhismus und die
postkoloniale Rückprojektion in Ostasien problematisiert. Die gegenwärtige Konstruktion des
Buddhismus ist abhängig sehr stark von der westlichen Rezeption, die im 18. und 19.
Jahrhundert begann. Ich habe gesprochen von einem westlichen Orientalismus, wenn es darum
geht, die im Westen einsetzende Buddhismusrezeption zu beschreiben und asiatischen
Selbstorientalismus. Wie Huber richtig bemerkt, habe ich festgestellt, dass es dabei zu einer
phänomenologisch-existentialistischen Neudeutung des Buddhismus gekommen ist, die
vorwiegend im christlich-buddhistischen Dialog vollzogen wurde. In einem weiteren Schritt
waren es dann auch ostasiatische Buddhismusforscher und Anhänger des Buddhismus, die sich
im Zuge postkolonialer Selbstbehauptung vom Westen abzugrenzen versuchten und sich dabei
gerade dieser westlichen Neudeutung annahmen, um der eigenen buddhistischen Tradition zu
einem modernen und überlebensfähigen Antlitz zu verhelfen. Huber hat richtig bemerkt, dass
diese Verschiebung in der westlichen Rezeption und die ostasiatischen Rückprojektion sind nur
vor dem Hintergrund der Annahme eines dramatischen Rezeptionsprozesses verständlich.8
Ich selbst beschreibe diesen Prozess im Kontext der mimetischen Theorie Girards als ein
rivalisierendes Begehren, in dem das Aneignen der gegnerischen Position bei gleichzeitiger
Abgrenzung vom Gegner erfolgte. Der Buddhismus wurde dabei zu einer mimetischen
Konstruktion. Diese ergab sich, wie Huber richtig schreibt, zum einen aus einem
innereuropäischen Spannungsverhältnis, bei der die Abgrenzung der Konstruktion gegenüber
einer kritisch beäugten christlichen Tradition eine wichtige Rolle spielte. Zum anderen entstand
7
Karénina Kollmar-Paulenz und Inken Prohl, Inken, “Einführung: Buddhismus und Gewalt,” in:
Zeitschrift für Religionswissenschaft 11. 2003. S. 143.
8
Huber, “Buddhismuskonstruktion als dramatischer Rezeptionsprozess”, S. 41-2.
sie aus der postkolonialen Rivalität zwischen Ost und West, bei der es um die kulturelle Identität
Ostasiens ging. Im Zuge dieses Prozesses hatte das Christentum selbst die Rolle des
gegnerischen Modells gespielt, das gleichzeitig zur Nachahmung verleitete. Ich habe bezeichnet
diesen Prozess als interkulturelle Mimesis. Mit dem Begriff der interkulturellen Mimesis habe
ich den Zusammenhang von interkultureller Mimesis und modernistischem, westlich
beeinflusstem Buddhismus dargestellt. Dabei besteht eine Verbindung zwischen interkultureller
Mimesis und Orientalismus. Für ein angemessenes Verständnis vom Buddhismus ist das
komplexe und interaktive Modell der Begegnung zwischen Ost und West nötig. Die mimetische
Ambiguität des sogenannten protestantischen Buddhismus, die Verwestlichung des Buddhismus
und die Internalisierung der christlichen Einstellungen und Voraussetzungen können als
aneignende Nachahmung interpretiert werden. Im Sinne des dynamischen Begriffs der
interkulturellen Mimesis kann auch das Mimetische seitens des asiatisch-buddhistischen
Subjekts untersucht werden. Die Spiegelbildlichkeit des protestantischen Buddhismus ist
mimetisch erklärbar.9
In seinem Aufsatz “The Zen of Japanese Nationalism” hat Robert Sharf von einer Ironie im
interkulturellen Dialog gesprochen: “… the Zen that so captured the imagination of the West
was in fact a product of the New Buddhism of the Meiji. Moreover, those aspects of Zen most
attractive to the Occident – the emphasis on spiritual experience – were derived in large part
from Occidental sources. Like Narcissus, Western enthusiasts failed to recognize their own
reflection in the mirror being held out to them.” 10 Deshalb ist das dynamische Verständnis des
“Dialectical Image: A Cross-Cultural Play of Mimesis and Misrepresentation”11 im
interkulturellen Diskurs nötig. In seinem Buch Begegnung der Religionen. Theologische
Versuche hat Hans Waldenfels auch über Dialog und (mimetische) Konkurrenz und über
Konkurrenz im Bemühen um wechselseitige Inklusivität geschrieben.12

2. Dialektik zwischen Weltordnung und Weltentsagung

2. 1. Der yogische Körper als Opferarena

9
Chung, Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang aus der Sicht der
mimetischen Theorie Rene Girards, 1.5. Interkulturelle Mimeisis (S. 108-111).
10
Robert H. Sharf, “The Zen of Japanese Nationalism”, in History of Religions 33/1. 1993, S. 39.
11
Hugh B. Urban, Tantra. Sex, Secrecy, Politics, and Power in the Study of Religion (Berkeley:
University of California Press, 2003), S. 14.
12
Hans Waldenfels, Begegnung der Religionen. Theologische Versuche I (Bonn: Norbert M. Borengässer,
1990), S. 26. Siehe 7. Dialog und Konkurrenz (S. 26); 4. Begegnung und Konkurrenz der Religionen (S.
71-74); b. Konkurrenz im Bemühen um wechselseitige Inklusivität (S. 73-4).
Der deutschsprachige Wikipedia-Artikel über Feindesliebe13 hat mein Buch Paradoxie der
weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus zitiert: Die christlichen Theologen Henri de
Lubac und Heinrich Dumoulin kritisierten ihrerseits: Feindesliebe, Vergebung und Mitleid
bedeuteten im Buddhismus eigentlich kein personales Miteinander, da ihm der Begriff der
Person fehle und das Ich und Du als leer gälten. 14 Unter dem Titel “Der yogische Körper als
Opferarena” und im Rahmen der Diskussion über die Weltreligionen und das innere Opfer, hat
Kirstin Breitenfellner, die neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als Yogalehrerin und auch in
der Yogalehrerausbildung arbeitet, in ihrem philosophischen, kulturgeschichtlichen und
medienkritischen Buch Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt 15 mein Buch
detailliert zitiert und diskutiert: Im Gegensatz zum modischen romantischen und ästhetischen
neuen Buddhismusmissverständnis im Westen “betont Ilkwaen Chung in seiner detaillierten
und kenntnisreichen Studie Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus den
Ersatz des vedischen Opfers durch das buddhistische innere Opfer und deutet Ahimsa als
sakrifizielle Gewalt gegen sich selbst bzw. magisch-ritualistisches Tabu für das Leben, das mit
seinen asketischen Aspekten Leibentsagung, rituelle Selbstverstümmelung und Selbsttötung im
Gegensatz zum derzeitigen öffentlichen Bild von der Wellness-Wunschbefriedigung des
Buddhismus steht.”16
Breitenfellner hat richtig bemerkt, dass in der Vergeltungskausalität der Karma-Lehre
wende Ich mit Girard ein, sei weder Platz für unbestrafte Ungerechtigkeit und nicht geahndete
Bosheit noch für gerechte Unglückliche und verfolgte Unschuldige. In dieser Welt gebe es kein
unverdientes Leid, würde die Unvollkommenheit der Gesellschaft inneren und äußeren
Sündenböcken zugeschrieben –also mithilfe von Opfern der Mythos der eigenen
Vollkommenheit genährt. Wie Breitenfellner mit Recht bemerkt, habe ich die Weltentsagung in
Meditation, Waldeinsamkeit und yogischen Übungen als eine sakrifizielle und sakrale
Institution zur Eindämmung der mimetischen Gewalt verstanden. Weltentsagung als eine
sakrale, festliche und auch dionysische Institution übernimmt in spezialisierter Weise die
Funktion des opferkultischen Schutzes, der damit ins Innere des Menschen gelegt wird, wie Ich
detailreich belege. Damit erbringe Ich, so Breitenfellner, den erstaunlichen Beleg, dass die
mimetische Theorie René Girards sogar auf Buddhismus, Meditation und Yoga anwendbar ist,
die Ich auf überzeugende Weise rituell interpretiere: als gewaltsame Vereinigung der Energien

13
http://de.wikipedia.org/wiki/Feindesliebe, Anmerkung 41.
14
Chung, Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang aus der Sicht der
mimetischen Theorie Rene Girards, S. 98.
15
Kirstin Breitenfellne, Wir Opfer: Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt (München:
Diederichs Verlag, 2013).
16
Breitenfellne, Wir Opfer: Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt, Anmerkung. 125. Siehe
auch Chung, Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang aus der Sicht
der mimetischen Theorie Rene Girards, 2.1.2. Die Interiorisierung des Opfers.
im Inneren des Menschen, wobei der yogische Körper zur Opferarena wird, in dem die Atmung
das Opfer für das innere Feuer(agni) bringt und der Yogi seinen unreinen Körper in eine
sakralen Reliquie verwandelt.17
Meine sozialanthropologische Buddhismusforchung aus der Sicht der Kulturtheorie
Girards wurde als ein Teil der Rezeptionsgeschichte der mimetischen Theorie Girards im
deutschsprachigen Raum betrachtet.18

2.2. Weltentsagung als sakrale Anti-Struktur

Huber hat richtig verstanden, dass mit Dumont zeige Ich vor allem die
sozialanthropologische Funktion der indischen Weltentsager(Samnyasin) auf. Das asketische
und subversive Moment, das zunächst in den archaischen Religionen im rituellen Fest
vorzufinden ist und die gesamte soziale Ordnung stützt, wird im Hinduismus durch die Rolle
des Samnyasin institutionalisiert und spezialisiert und erhält dadurch Dauerhaftigkeit. Dumont
bezeichnet die indische Gesellschaft als eine arbeitsteilige, in welcher der Samnyasin als Asket
eine Rolle außerhalb des Kastensystems einnimmt, gleichzeitig jedoch eine bleibende rituelle
Rolle im Rahmen der brahmanischen Ordnung spielt. 19Die hinduistische und buddhistische
Tradition der Weltentsagung ist deshalb keine Protestbewegung im modernen Sinne, sondern hat
in seiner rituellen Funktion einen Ort im Systemganzen der indischen Gesellschaft. Auch der
Weltentsagung(„Ichlosigkeit“) Buddhas und der buddhistischen Mönche(Bhikkus) erklärt sich
auf dem Hintergrund der hinduistischen Samnyasintradition. Wie Huber richtig bemerkt, zeigt
sich es dabei die Wichtigkeit der Systemerhalterfunktion des Mönchtums gerade im Hinblick
auf die große Masse der Welt zugewandten buddhistischen Laien. Ich wende mich so gegen die
vorschnelle Deutung des Buddhismus als eine endgültige Entritualisierung und
Entsakrifizierung der archaischen vedischen Opfervorstellungen. 20

In seinem Aufsatz Die Paradoxie von Zivilisationen mit außerweltlichen Orientierungen.


Überlegungen zu Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus hat Shmuel N.
Eisenstadt die Paradoxie dieser Weltordnung herausgestellt. Ein wichtiges Faktum ist, daß die
“außerweltlichen Heilslehren” keine ausgeprägten alternativen Konzeptionen der sozialen und

17
Breitenfellne, Wir Opfer: Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt, Anmerkung. 126, 129.
18
Andreas Hetzel, Wolfgang Palaver, Dietmar Regensburger, Gabriel Borrud, “The Reception of the
Mimetic Theory in the German-Speaking World.” In: Contagion: Journal of Violence, Mimesis, and
Culture . Volume 20, 2013, S. 25-76.
19
Chung, Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang aus der Sicht der
mimetischen Theorie Rene Girards, 1.2.3. Weltentsagung als Anti-Struktur und Reservoir der Kreativität,
1.6.1. Umkehrung und Entdifferenzierung in Weltentsagung und den Tantras.
20
Huber, “Buddhismuskonstruktion als dramatischer Rezeptionsprozess,” S. 42.
politischen Ordnung hervorbrachten.21 Die Paradoxie der Ordnung durch die
außerweltliche bzw. weltentsagende Orientierung habe ich aus der Sicht der
mimetischen Theorie Girards über die Genese der Ordnung analysiert. I
habe versucht, die Paradoxie der buddhistischen Weltordnung auf Grund
oder auf Kosten der der Weltentsagung des sakralen Weltentsagers(Buddha)
im Licht der differenzierenden und kulturbegründenden Mechanismen
Girards zu erklären. Mein Anliegen ist es, die Paradoxie der buddhistischen
Kultur und die “Widerspruch” in den “sehr spezifischen zivilisatorischen
Entwicklungen” auf außerweltlichen bzw. weltentsagenden Prämissen und
Orientierungen22 kulturtheoretisch zu erklären. Die “nahezu totale geistige
Loslösung der religiösen Eliten von der weltlichen Sphäre” und ihre
Konzentration auf die religiöse Sphäre, die konsequente Entwicklung eines
starken exemplarischen Virtuosentums und die Entstehung von “Sekten mit
ausgeprägten orgiastischen und außerweltlichen kontemplativen
Orientierungen”– diese Züge der indischen Zivilisation scheinen, so
analysiert Eisenstadt, das Fehlen von Rationalisierungstendenzen zu erklären,
wie sie den Okzident kennzeichnen. Die Abkehr der führenden religiösen
Eliten von der weltlichen Sphäre stärkte ihrerseits die traditionalistischen
Lebensformen(z.B. das Kastensystem).23
Ich interessiere mich für die genetische Erklärung für die Mechanismen
der Weltordnung auf der Grundlage oder auf Kosten der Weltentsagung des
Weltentsagers(Yogi und Buddha). Für mich war Girards transkulturelle
Theorie über den Sündenbockmechanismus als Gründungsmechanismus
und Ursprung der Kultur ein hermeneutischer Schlüssel zum Verständnis der
Paradoxie der buddhistischen Weltzivilisation paradoxerweise auf der
Grundlage außerweltlicher Orientierungen. Wie Eisenstadt schreibt, haben wir
es hier ja nicht mit abgeschiedenen Sekten oder mit einzelnen religiösen
Virtuosen zu tun, die sich von der profanen Welt zurückziehen, sondern “mit
einem bewußten Versuch religiöser Eliten, die profane Welt zu gestalten,
Weltzivilisationen zu errichten- dies jedoch paradoxerweise auf der

21
Shmuel N. Eisenstadt, “Die Paradoxie von Zivilisationen mit außerweltlichen Orientierungen.
Überlegungen zu Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus,” in: Wolfgang Schluchter(Hg).
Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus. Interpretation und Kritik. Shurkamp taschenbuch
wissenschaft 473. 1984, S. 351.
22
Eisenstadt, “Die Paradoxie von Zivilisationen mit außerweltlichen Orientierungen. Überlegungen zu
Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus,” S. 336.
23
Eisenstadt, “Die Paradoxie von Zivilisationen mit außerweltlichen Orientierungen. Überlegungen zu
Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus,” S. 334.
Grundlage außerweltlicher Orientierungen,” die die profane Welt abzulehnen
scheinen. Die Paradoxie zeigt sich besonders an der extremen Form von
Weltflucht. Nach Eisenstadt im Hinduismus wie im Buddhismus gingen von
den außerweltlichen oder weltablehnenden Orientierungen “sehr spezifische
zivilisatorische Entwicklungen” und damit auch charakteristische
institutionelle Schöpfungen aus. “Diese offenbaren paradoxe, ja sogar
widersprüchliche Aspekte,” die sich eben daraus ergeben, daß diese
Zivilisationen auf außerweltlichen Prämissen errichtet waren. 24 Dieser
paradoxe, ja sogar widersprüchliche Aspekt der Weltordnung kann aus der
Sicht der paradoxen Mechanismen der Kulturbegründung in der Theorie
Girards analysiert werden. Die Paradoxie der Weltordnung auf der Grundlage
der Weltentsagung kann mit Hilfe von der Girards Kulturtheorie als ein
umfassendes Erklärungsmodell für die Paradoxie der menschlichen
Ordnungen verdeutlicht werden.
Diese religionswissenschaftlichen Erkenntnisse habe ich gedeutet auf dem Hintergrund der
mimetischen Theorie Girards, die das kulturübergreifend wahrgenommene und Kultur stiftende
Phänomen des Sündenbockmechanismus analysiert. Huber hat richtig bemerkt, dass Ich habe im
Phänomen der sozialen Absonderung bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer rituellen
Funktion einen sozial motivierten permanenten Selbstausschluss gesehen. In der Weltentsagung
im Hinduismus und Buddhismus wird dabei die Sündenbockrolle verinnerlicht und gleichzeitig
auch institutionell stabilisiert. Mit der mönchischen Haltung der Ichlosigkeit kommt es so zu
einer Professionalisierung des Sündenbockmechanismus. 25 Ich stütze mich mit dieser
Behauptung zum Beispiel auf Christoph Kleine, der Zweifel über die allgemein angenommene
rein individuelle Motivation für religiöse Suizide im ostasiatischen Buddhismus hegt und sich
fragt, ob die Selbstopfer buddhistischer Mönche und Nonnen nicht doch versteckte
Menschenopfer sind. Der Religionswissenschaftler Christoph Kleine hat in seinem Aufsatz “
Sterben für den Buddha, Sterben wie der Buddha. Zu Praxis und Begründung ritueller Suizide
im ostasiatischen Buddhismus” unter dem Titel 6. Religiöser Suizid als verstecktes
Menschenopfer ? einige historische Indizien als Anlass zur “kritischen Hinterfragung der
erbaulichen Geschichten über religiöse Suizide” im ostasiatischen Buddhismus festgestellt.
Nach Kleine gibt es in der Tat konkrete Hinweise, daß “die Selbstverbrennung als Ersatz für
eine ältere Menschenopferpraxis auch von Vertretern der buddhistischen Elite zumindest
erwogen wurde.”26 Wie Huber hat richtig bemerkt, habe ich gedeutet diese
religionswissenschaftlichen Erkenntnisse auf dem Hintergrund der mimetischen Theorie
24
Eisenstadt, “Die Paradoxie von Zivilisationen mit außerweltlichen Orientierungen. Überlegungen zu
Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus,” S- 334-6.
25
Huber, “Buddhismuskonstruktion als dramatischer Rezeptionsprozess,” S. 42.
Girards, die das kulturübergreifend wahrgenommene und Kultur stiftendes Phänomen des
Sündenbockmechanismus analysiert.
Wie hat Huber über die Bedeutung für den interreligiösen und interkulturellen Dialog
geschrieben, ergibt sich aus meinem Forschungsprojekt die wichtige Einsicht, dass im Rahmen
eines ehrlich und offen geführten interreligiösen Dialogs mit dem Buddhismus um dieses
Faktum des dramatischen Rezeptionsprozesses in der Buddhismuskonstruktion mit den
entsprechenden Neuinterpretationen vertieft werden muss. Ein einseitiger Bezug auf westliche
Rezeptionen und ostasiatische Rückprojektionen verstellt den Verstehenshorizont des
Buddhismus als ursprünglich rituell verfasste Religion. Nur auf dem Hintergrund eines
dramatischen Rezeptionsprozesses kann das Phänomen des ostasiatischen Buddhismus, wie er
heute noch existiert, mit seinen Vollzügen und seinen Lehren einer ganzheitlichen Sichtweise
zugeführt werden.27

2.3. Eine neue kulturübergreifende Anthropologie

Im Buch Buddha und Sündenbock: René Girard und Ursprung der buddhistischen Kultur 28
habe ich Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus teilweise auf
Koreanisch übersetzt. In diesem Buch wurde die zeitgenössische Buddhismusforschung im
Zusammenhang mit den postmodernen-poststrukturalistischen Theorien, mit der Quantenphysik
und der Prozessphilosophie und auch mit der Philosophie und Theorie des solchen Denkers wie
Schopenhauer, Nietzsche, Heidegger, Lévi-strauss, Derrida, P. Solteridijk und Slavoj Žižek
behandelt. Dieses Buch wurde mit dem koreanischen christlichen Publikationspreis im Jahre
2013 ausgezeichnet. Mehrmals habe ich an den interkulturellen und interreligiösen Konferenzen
in Korea über dieses Buch debattiert.
Für Endorsement-Verfahren wurde meine englischsprachige E-Publikation Deconstructing
the Buddhist Philosophy of Nothingness - René Girard and Violent Origins of Buddhist Culture29
von mehreren Gelehrten und Experten im Bereich des interkulturellen Diskurses gelesen.
Michael von Brück, ein deutscher Theologe, Religionswissenschaftlier und Zen- und Yoga-
Lehrer (Universität München) hat in der Korrespondenz per E-mail mein Buch als ein
wesentlicher Beitrag für eine neue kulturübergreifende Anthropologie gewertet: “This

26
Christoph Kleine, “Sterben für den Buddha, Sterben wie der Buddha. Zu Praxis und Begründung
ritueller Suizide im ostasiatischen Buddhismus”, in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 11. 2003. S. 34-
9.
27
Huber, “Buddhismuskonstruktion als dramatischer Rezeptionsprozess,” S. 43.
28
Ilkwaen Chung, Buddha und Sündenbock: René Girard und Ursprung der buddhistischen Kultur
(Seoul: SFC Verlag, 2013)(auf Koreanisch).
29
(http://www.scribd.com/doc/88516537/DeconstructionBuddhism.
methodological approach sets the ideal of renunciation into a wider anthropological context and
clarifies the cultural construction of values in the wider frame of life cycle rites and identity
formation. Identity is being established by acting in social contexts, the construction of the other
as the victim or the victim as the other is a blueprint for this strategy. In this regard, your paper
is a fundamental contribution for a new cross-cultural anthropology.”
Wolfgang Palaver(Universität Innsbruck) hat in seinem Endorsement geschrieben: “Gegen
alle oberflächlichen westlichen Thesen zum Buddhismus, die diese Religion nur als eine
friedliche und harmonische Meditationshaltung zu kennen scheinen, betont der Autor mit einem
enormen Fleiß, wie sehr der Buddhismus von rituellen Zusammenhängen her verstanden
werden muss, die sich immer wieder auch auf mythische Quellen zurückführen lassen.” John
D’Arcy May hat mit seiner Expertise im interreligiösen Dialog in seinem Endorsement meinen
Ansatz als eine provokative Anwendung der Theorien von René Girard auf die gesamte Länge
und Breite des Buddhismus von seinen Wurzeln im alten Indien, seine Aneignung durch
westliche Praktizierende und Intellektuellen betrachtet. Die tiefgreifenden Auswirkungen und
Implikationen meines neuen radikalen Idee für den interreligiösen Dialog wurde von ihm
anerkennt: “ This book is a provocative application of the theories of René Girard to the whole
length and breadth of Buddhism’s development from its roots in ancient India to its
appropriation by Western practitioners and intellectuals. The author advocates a social-
anthropological approach to a field that is treated all too often through classical texts and
philosophical ideas. This results in a deconstruction of central Buddhist ideas such as
‘emptiness’, rooting them in the ways of life of tribal peoples in environments of violent
conflict. We are faced with serious questions about Buddhism’s relationship to ethics and
history. The implications of this for interreligious dialogue and the philosophical appropriation
of Buddhism are profound.”30
James L. Fredericks (Loyola Marymount University), ein Spezialist für den interreligiösen
Dialog, vor allem der Dialog zwischen Buddhismus und Christentum bemerkt, dass Ich habe
mit meiner Buddhismusforschung die Debatte zwischen Girard und die Französisch
Dekonstruktionisten in eine spannende neue Möglichkeit neu eröffnet. 31 Jeremiah
Alberg(International Christian University, Tokyo, Japan) hat in seinem Endorsement mein Buch
als “eine mutige, weitreichende Buch, das die intellektuelle Konversation des 21. Jahrhunderts

30
Chung, Buddha und Sündenbock: René Girard und Ursprung der buddhistischen Kultur, Endorsement.
31
Chung, Buddha und Sündenbock: René Girard und Ursprung der buddhistischen Kultur, Endorsement:
“Ilkwaen Chung has written a work of formidable scope and erudition. Now we have an in-depth
interpretation of Buddhist social anthropology, philosophy and practice from the point of view of mimetic
theory. In effect, Chung has re-opened the debate between Girard and the French deconstructionists in an
exciting new way. In addition to Girard and various deconstructionist thinkers, he incorporates the
thinking of figures like Conze, Nishida and even Whitehead. Buddhism is both the meeting point for this
discussion, but also the starting point for the discussion in the future.”
rückt: die eine zwischen dem Osten und dem Westen” betrachtet. Brian Collins, Inhaber des
Lehrstuhls für Indische Philosophie und Religion(Ohio University) schreibt: “Während einige
neuere Versuche, den Buddhismus im Licht der postmodernen Philosophie zu untersuchen
haben auf problematischen Annahmen und verzerrte Verallgemeinerungen verlassen, beginnt
Chung mit einem tief kontextualisiert Bild der buddhistischen Theorie und Praxis.”32

3. Wahrheit, Gewalt und Postmoderne

3. 1. Girard und Heidegger: Wahrheit als Unverborgenheit über Gewalt

In einer interreligiösen Konferenz des Korean Association of Religious Studies and


Culture an der Chonnam National University in Korea im Jahre 2013 habe ich mein Aufsatz
“Dialektik der jüdisch-christlichen Genealogie der Gleichheit und östliche Religionen im
Lichte der Theorie René Girards über Ursprung der Kultur” 33 präsentiert und mein Buch
Buddha und Sündenbock: René Girard und Ursprung der buddhistischen Kultur vorgestellt.
Damals gabe es rege Diskussion über mein Buch. In einer unter dem Thema Christliche
Spiritualität und interreligiöse Dialog stattgefundenen Konferenz des koreanischen Academia
Christian in Seoul im Jahre 2013 habe ich auch hinsichtlich meiner radikalen Idee über
Buddha als verhüllter Sündenbock referiert. Über meine These wurde sich in der Konferenz
erregte und lebhafte Debatte erheben.
Ich habe versucht, Wahrheit als Unverborgenheit über Gewalt des versöhnenden
Opfers(Buddhas) zu thematisieren. Wie Ödipus als verhüllter Sündenbock ist Buddha
für mich verborgener Sündenbock. Nach Girard ist Ödipus “ein gelungener, weil als solcher
stets verkannter Sündenbock.”34 Martin Heidegger beruft sich in der Einführung in die
Metaphysik auf die tragische Dichtung der Griechen, besonders auf den Ödipus Rex, als
höchste und reinste Schilderung der philosophischen Einsicht der Griechen in Einheit
und Widerstreit von Sein und Schein. Was Heidegger bezüglich des Ödipus Rex

32
Chung, Buddha und Sündenbock: René Girard und Ursprung der buddhistischen Kultur, Endorsement:
“While some recent attempts to examine Buddhism in the light of postmodern philosophy have relied on
problematic assumptions and distorted generalizations, Chung begins with a deeply contextualized picture
of Buddhist theory and practice on which he brings to bear his rigorously applied and perceptive reading
of Western thinkers, especially Rene Girard. This book should go some way toward dispelling the facile
"Buddhism" currently under attack in contemporary European critical theory.”
33
Ilkwaen Chung, “Dialektik der jüdisch-christlichen Genealogie der Gleichheit und östliche Religionen
im Lichte der Theorie René Girards über Ursprung der Kultur,” in: Journal of Religious Studies and
Culture 10. 2013. S. 149-196.
34
René Girard, Hiob. Ein Weg aus der Gewalt, Aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh
(Zürich:Benziger, 1990), S. 52.
unterstreicht, ist Kampf zwischen dem Schein(Verborgenheit und Verstellung) und der
Unverborgenheit(dem Sein). In einer Ent-schlossenheit vollzieht Ödipus, nach Heidegger,
eine Bindung mit dem ursprünglichen Ursprung, d. h. dem Sein selbst. Aber sein Wesen, als
was Ödipus in Wahrheit ist, ist am Beginn noch verborgen; mit anderen Worten, es erscheint
im Schein. Es offenbart sich allmählich im Verlauf der Enthüllung des Mörders des Königs
Laios. Der Weg von jenem Beginn des Glanzes bis zu diesem Ende des Grauens ist also ein
Kampf zwischen dem Schein (Verborgenheit) und dem Sein (Wahrheit, Unverborgenheit).
Heidegger schreibt: Ödipus, zu Anfang der Retter und Herr des Staates, im Glanz des Ruhmes
und der Gnade der Götter, wird aus diesem Schein, der keine bloß subjektive Ansicht des
Ödipus von sich selbst ist, sondern das, worin das Erscheinen seines Daseins geschieht,
herausgeschleudert, bis die “Unverhorgenheit seines Seins als des Mörders des Vaters und des
Schänders der Mutter” geschehen ist.35 Heidegger betont mit dem Terminus a-letheia(ἀλήθεια
„Wahrheit“), dass das Unverborgene der Verborgenheit abgerungen werden muss. Wahrheit
bedeutet für Heidegger das Heraustreten aus der Verborgenheit in die Unverborgenheit,
Entborgenheit und Entbergung.
Mit seiner Enthüllung des Sündenbockmechanismus als Gründungsmechanismus der
Kultur hat Girard von der Wahrheit des verhüllten Opfers und Wahrheit der Gewalt
gesprochen. Girard hat über die paradoxe Rolle des versöhnenden Opfers als “passives
Aufnahmesgefäß der bösen Kräfte” und “allmächtige Manipulator” geschrieben. So stürzt auch
Ödipus, Erlöser Thebens und anerkannter Heiler, Träger von Opferzeichen, auf dem
Höhepunkt seines Ruhmes in unruhiger Zeit –Opfer einer stereotypen Anschuldigung. 36 Nach
Girard ist Ödipus erst bösartig, dann gutartig. Die geheimnisvolle Vereinigung des
Bösartigsten und des Gutartigsten im Versöhnungsopfer wurde von Girard festgestellt. Der
gutartige Ödipus nach der Verbannung läßt den früheren, bösartigen Ödipus hinter sich, hebt
ihn jedoch nicht auf. Aus den beiden Ödipusdramen des Sophokles läßt sich, so Girard, ein
allen Spezialisten wohlbekanntes Schema von Übertretung und Heil(transgression et de salut)
herausschälen. Für Girard findet man es in unzähligen mythologischen und folkloristischen
Erzählungen, in Märchen, Legenden und sogar in literarischen Werken. Der Held ist
Verursacher von Gewalt und entdifferenzierenden Chaos, solange er unter den Menschen weilt.
Sobald er jedoch – immer mit Gewalt – ausgestoßen ist, erscheint er als eine Art Erlöser. 37

35
M. Heidegger, Einführung in die Metaphysik (Frankfurt am Main: Vittorio Klostemann,
1983), S. 114.
36
René Girard, Der Sündenbock. Aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh (Zürich:
Benzinger, 1988), S. 71-2.
37
René Girard, Das Heilige und die Gewalt (Zürich: Benzinger, 1987), S. 131.
Ich habe die dionysische und ödiphale Transgression des Buddhas und des Bodhisattvas
im Sinne des entdifferenzierenden Verbrechens des versöhnenden Opfers gedeutet. 38 Im
Gespräch mit mir in einer Konferenz im Deutschland hat Girard gesprochen, dass Shiva,
indische Dionysos und mythische Modell für yogischen Weltentsager, kann als ein
(verborgener) Sündenbock verstanden wird. 39 Manche postmodern-dekonstruktionistische
Mißveständnis bezüglich des buddhistischen Nichts leidet an der Nichtsvergessenheit. Das
buddhistische Nichts repräsentiert den anthropologisch sehr spezifischen Dharma des
weltentsagenden Buddhas, nicht Dharma oder Logik der allgemeinen Weltmenschen. 40 Das
Nichts im Buddhismus hat auch nichts mit der Quantenphysik oder mit dem Multiversum zu
tun. Im Prozess befindlichen Buch Ursprung des Universums und Ursprung der Kultur.
Urknall-Kosmologie, Quantentheorie und Mimetische Theorie habe ich mit der behaupteten
Parallelität zwischen dem Buddhismus und Quantenphysik kritisch auseinandergesetzt. 41
Im Unterschied zum gängigen neuen romantischen Missverständnis hinsichtlich des
buddhistischen Nichts habe ich Nichts im Buddhismus sakrifiziell gelesen. Mit Recht schreibt
Sandor Goodhart (Purdue University) in seinem Endorsement: “ We romanticize the East when
we view it through Western eyes. For some two hundred years now, we have sought in
Buddhism, for example, a kind of religious ideal, and in the nothingness, or emptiness, we
imagine it promotes, a calm tranquil domain answering the turmoil in which we feel we live.
Ilkwaen Chung’s book should be of interest. Bringing to bear René Girard’s ideas about
mimetic desire, sacrificial violence, and the role of holy scripture in exposing the mechanisms
organizing archaic culture, he argues that classical Buddhism is profoundly sacrificial, another
religion structured around the use of violence and the development of victims to be
slaughtered. Examining Girard’s ideas on the one hand in context of the French post-war
philosophic and anthropologic avant guard, and venturing on the other, as he does, into a world
little explored by Girardians (or most other Westerners for that matter), this book is bound to
be provocative.” Aus der Sicht des Sündenbockmechanismus habe ich das dynamische
Verhältnis von Weltentsagenden Buddha und buddhistischen Laien gedeutet. Bernhard
Dieckmann(Universität Marburg, Emeritus) hat in seinem Endorsment für mein Buch
geschrieben: “Ilkwaen Chung hat die religionswissenschaftliche Literatur zum Buddhismus
umfassend verarbeitet. Daraus habe ich viel gelernt. Imponiert hat mir, wie das Buch mit Hilfe

38
Chung, Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang aus der Sicht der
mimetischen Theorie Rene Girards, 1.4.1. Transgression des Bodhisattva.
39
An International Meeting of the Colloquium onViolence and Religion = (COV&R). July 6-10, 2005.
Koblenz, Germany.
40
Siehe auch Chung, Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus: Ein Zugang aus
der Sicht der mimetischen Theorie Rene Girards, 1.2.4. Dharma des Weltentsagers.
41
Ilkwaen Chung, Ursprung des Universums und Ursprung der Kultur. Urknall-Kosmologie,
Quantentheorie und Mimetische Theorie (Seoul: IVP Press, 2015).
der mimetischen Theorie Girards analysiert, welche weltgestaltende, also gesellschaftliche
Funktion Askese und Mönchtum im Buddhismus haben. Mit wurde erst dadurch klar, daß das
Verhältnis von Mönchen und Laien im Buddhismus ganz anders ist als im Christentum.”

3.2. Katharsis und Katharma: Nietzsche, Sloterdijk, Žižek und Buddhismus

In seinem Nachwort zum Girards Buch “Erwachen im Reich der Eifersucht. Notiz zu René
Girards anthropologischer Sendung” hat Peter Sloterdijk auf Grund der modischen westlichen
Buddhismusromantik und des sogenannten Pariser Buddhismus 42 die buddhistische Ethik im
Sinne der Ethik der Desinteressierung und einer affektiven Hygiene verstanden: “Die reifste
Gestalt einer Ethik der Desinteressierung ist ohne Zweifel in der buddhistischen Lehre von den
Anhaftungen und ihrer Durchtrennung durch das Schwert der Einsicht erreicht worden. Mit
seiner subtilen Analyse der Kausalkette, die an den lederzeugenden Fixierungen hängt, hat der
Buddhismus den Versuch unternommen, wenigsten eine gewisse Zahl von Menschen einzeln
aus der Begehrens-Arena herauszuführen und von dem Gefühl des unvermeidlichen
Verliererseins zu emanzipieren. Es war nicht zufällig Friedrich Nietzsche, der im Buddhismus
die vornehmste Form der affektiven Hygiene für das Individuum wie die Gruppe zu erkennen
vermochte – derselbe Nietzsche, dem die Analyse des Ressentiments als Bindung des Verlierers
an das Objekt, mit dem er sich zu seinem Nachteil verglichen sieht, bis heute so gut wie alles
verdankt.”43
Sloterdijk war Sannyasin(Weltentsager wie Yogi und Buddha) zw. mit seinem
Sektennamen: Swami D. Peter in Poona, also Schüler des Bhagwan. Unter dem 5. Kapitel
Girard und Sloterdijk: Conditio Mimetica und Pariser Buddhismus im Prozess befindlichen
Buch René Girard und Denker der Postmoderne. Mimetische Theorie, Poststrukturalismus
und Dekonstruktivismus44 habe ich Denken Sloterdijks als ein Weltentsager im Zusammenhang
mit meiner Lichtung des Sündenbockmechanismus rund um Weltentsagung und
Weltentsager(Sannyasin, Yogi, Buddha und Bodhisattva usw.) behandelt. Sloterdijk wurde
2006 in einem Interview gefragt “Kann man auch sagen: Einmal Sanjassin, immer Sanjassin? ”

42
Siehe Peter Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik (Frankfurt am
Main: Suhrkamp, 2010), Kapitel 5. Pariser Buddhismus.Ciorans Exerzitien.
43
Peter Sloterdijk, “Erwachen im Reich der Eifersucht. Notiz zu René Girards anthropologischer
Sendung,” in: René Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie
des Christentums. Aus dem Französischen von Elisabeth Mainberger-Ruh (München-Wien: Hanser
Verlag, 2002), S. 247-8.
44
Ilkwaen Chung, René Girard und Denker der Postmoderne. Mimetische Theorie,
Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus (Seoul: Dong-Yeon Verlag, 2015) (auf Koreanisch).
Seine Antwort lautet: “Im Grunde ja. Die Umstimmungserfahrung von damals bleibt
irreversibel.”45
Der Buddhismus besitzt eine hohe Sensibilität für die Problematik über das Begehren. Die
buddhistische Lehre von der Begierdelosigkeit und “Ethik der Desinteressierung” besitzen das
positive Leistungspotential im modernen Reich der mimetischen Eifersucht. Aber Die
buddhistische Ethik und Lehre von der Begierdelosigkeit und der Desinteressierung muß
sozialanthropologisch verstanden werden. Dumont hat festgestellt, daß es im Indien “zwei
Arten von Menschen” gibt: diejenigen, die in der Welt leben, und jene, die auf die Welt
verzichten. Er hat vorgeschlagen, im Dialog zwischen dem der Welt Entsagenden und dem ‘in
der Welt Lebenden’ das “Geheimnis des Hinduismus” zu sehen. 46 Auf dem spezifischen
Charakter des buddhistische Bhiksusamha als eine Art vom Negativfolie zum Hausbewohnern
hat Tambiah hingewiesen: während das persönliche Streben des buddhistischen Weltentsagerss
nach Befreiung von der Verstrickung in die Welt stets im Auge behalten werden muß, dürfen
wir die andere Hälfte der Wahrheit nicht übersehen, daß nämlich die Lebensweise des
hauslosen Bettelmönchs nur als Gegensatz zu der Lebensweise des Hausbewohner einen Sinn
ergibt.47
Die Vernichtung des Begehrens gehört zu der weltentsagenden “Hauslosigkeit” des
Buddha. Für den Brahmanismus war das Leben des Hausvaters daher die Grundlage der
Gesellschaft, der Angelpunkt, um den sich alles drehte. Im Gegensatz zu der Wichtigkeit des
Begehrens im Hausvaterleben wird die Begierdelosigkeit und Wunschauslöschung für den
Weltentsager in der Heimatlosigkeit rituell gefordert. Die Wunschlosigkeit und
Desinteressierung wird “aufgelegt” für den Weltentsager. In seinem Buch Sannyāsa.
Quellenstudien zur Askese im Hinduismus. I. Untersuchungen über die Sannyāsa-Upanisads
hat Sprockhoff von der auferlegte Weltentsagung und Desinteressierung gesprochen: “Der
auferlegte Verzicht machte den Weg frei zum Selbstmord, der den Lebenszustand vertauschte.
Doch konnten die verschiedenen Möglichkeiten des Freitods auch als radikale Verwirklichung
der Weltentsagung erscheinen.”48

45
“Unter einem helleren Himmel,” Interview mit Peter Sloterdijk, in: die Tageszeitung vom 13.06.2006,
zitiert nach: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2006/06/13/a0226 ; “Sloterdijk, Bhagwan und die
68er.” Vortrag von Dr. phil. Florian Roth an der Münchner Volkshochschule, 15.11.2010
(http://www.florian-roth.com/philosophievortr%C3%A4ge/ ).
46
Louis M. Dumont, Gesellschaft in Indien. Die Soziologie des Kastenswesens. Originaltitel der
franzözischen Ausgabe. Homo hierarchicus. Übersetzt von Margarete Venjakob. Wien. Europa-Verlag,
1976), S. 311-12.
47
Stanley J. Tambiah, “Max Webers Untersuchung des frühen Buddhismus. Eine Kritik,” in: Wolfgang
Schluchter(Hg), Max Webers Studie über Hinduismus und Buddhismus. Interpretation und Kritik
(Frankfurt: Suhrkamp, 1984), S. 220.
48
J. F. Sprockhoff, Saņnyāsa. Quellenstudien zur Askese im Hinduismus. I. Untersuchungen über die
Saņnyāsa-Upanişads, Deutsche Morgenländische Gesellschaft (Wiesbaden: Kommissionsverlag Franz
Steiner GMBH, 1976), S. 289.
Die Desinteressierung und Ekel vor der Welt gehören zusammen im spezifisch
weltentsagenden Kontext. Die buddhistische Ethik der Desinteressierung, genauer gesagt Ethik
der weltentsagenden Desinteressierung des Buddhas kann vor dem Hintergrund der
Ekelmeditation erklärt werden. “Buddhas leidenschaftliche Ekel” vor der Welt 49 wurde
berichtet: Er war unter einer Schar von Sängerinnen und Tänzerinnen, einmal aber mitten in der
Nacht aufwacht und die schönen Frauen in verschiedenen häßlichen Stellungen erblickt, bei
welchem Anblick ihn “Ekel und Überdruß an den Freuden dieser Welt” erfasst. 50 Mit Hilfe von
der sozialanthropologischen Begriffsexplikation wird die Desinteressierung vor dem
Hintergrund des weltentsagend-leibentsagenden Ekels vor der Welt und vor dem Körper
herausgestellt. Es gab die “Ekelmeditationen” der frühen Mönche, die damit die Bindung an das
Materielle und das sinnliche Verlangen überwinden wollten), wohl aber später im Mahāyāna,
und hier besonders im tantrischen Buddhismus. 51
Im Buddhismus gibt es “Zwei
Wahrheitsebenen.” 52
Buddhistische Desinteressierung gehört zu den Wahrheitsebenen des
hauslosen und begierdlosen Weltentsagers. Der hauslose und begierdelose Weltentsager oder
Leibentsager in seiner “postkrematorischen Existenz”53 ist desinteressiert vor der Welt. Die
endgültige Desinteressierung wird verwirklicht im Tod des erleuchteten Weltentsager. Nicht nur
Buddha, sondern auch “Ödipus ekelt vor sich selbst.” Ödipus fleht die Stadt Theben an, ihn
auszuspeien. Bereits Ödipus stimmt, nach Girard, in den einmütigen Choar jener ein, die aus
ihm die schändlichste alle Befleckungen machen. 54
Das hygienische Mißverständnis der buddhistischen Desinteressierung und Reinigung kann
im Zusammenhang mit der “medizinische und hygienische Sicht über die Verstoßung des
Sündenbocks”55 zusammengedacht werden. Nach Girard stehen hinter den heilenden Göttern
immer die Opfer, und sie haben stets “etwas Medizinisches” an sich. Alle Verfolger schreiben
ihren versöhnenden Opfern eine Schändellichkeit zu, die sich ins Positive wenden kann und
umgekehrt.56 Nietzsche vermochte im Buddhismus die vornehmste Form der affektiven Hygiene
zu erkennen. Aber die ethische Frage nach der Wahrtheit der Gewalt gegen
Katharma(Sündenbock) darf nicht vermeidet werden. In der ostasiatischen

49
Ann Grodzins. Gold, “The Once and Future Yogi: Sentiments and Signs in the Tale of a Renouncer-
King,.” In: The Journal of Asian Studies 48, no. 4(November 1989), S. 773.
50
Moriz Winternitz, Geschichte der Indischen Literatur Band 2 (Stuttgart: K. F. Koehler Verlag, 1968),
S. 21.
51
Michael von Brück, Einführung in den Buddhismus (Frankfurt am Main und Leipzig: Verlag der
Weltreligionen, 2007), S. 93.
52
Ebend. S. 141-44.
53
David Gordan. White, The Alchemical Body. Siddha Traditions in Medieval India
(Chicago and London: The University of Chicago Press, 1996), S. 281: “ postcrematory
existence of the sannyāsin(‘the renouncer.’”
54
Girard, Der Sündenbock, S. 97.
55
Girard, Hiob. Ein Weg aus der Gewalt, S. 105.
56
Girard, Der Sündenbock, S. 73.
Selbstaufopferungsgeschichte gab es manche “rituelle Reinigung durch die
Selbstverstümmelung.” 57
In Buch Götzendämmerung und Christus. René Girard und
58
zeitgenössisches Denken habe ich die dionysische Philosophie Nietzsches aus der Sicht der
mimetischen Theorie Girards analysiert. Girards Aufsatz “Dionysus versus the Crucified”59 hat
Nietzsches Gegensatz “Dionysos gegen den Gekreuzigten” kritisch analysiert.
Nach Girard bezeichnet das Wort kátharsis zunächst die Reinigung durch das während der
rituellen Opferungen vergossene Blut. 60
Aristoteles verwendet, so Girard, der kátharsis oder
Reinigung, um die Wirkung der Tragödien auf die Zuschauer zu beschreiben. Sie bezeichnet in
erster Linie die Wirkung auf die bei rituellen, blutigen Opferungen Anwesenden. 61 Für Girard
hat die Tragödie denselben Zweck wie die Opferungen. Es geht immer darum, unter den
Gliedern der Gemeinschaft eine rituelle Reinigung herbeizuführen, die aristotelische kátharsis.
Diese wiederum kann nur “eine intellektualisierte oder, nach Freud, ‘sublimierte’ Version der
ursprünglichen Opferwirkung” sein.62
Im Unterschied zu Sloterdijk hat Slavoj Žižek richtig mit dem westlichen Buddhismus
kritisch auseinandergesetzt: “Der westliche Buddhismus, dieses popkulturelle Phänomen, das
innere Distanz zu und Indifferenz gegenüber dem rasanten Tempo der Marktkonkurrenz predigt,
ist für uns wahrscheinlich die effizientesten Form, an der kapitalistischen Dynamik teilzuhaben
und uns dennoch den Anschein geistiger Gesundheit zu bewahren – kurz, er ist die
paradigmatische Ideologie des Spätkapitalismus.” Während sich der westliche Buddhismus als
“Heilmittel gegen die nervenaufreibende Anspannung der kapitalistischen Dynamik”
präsentieren, das es uns erlaubt, uns auszukliken und inneren Frieden, Ruhe und Gelassenheit
zurückzugewinnen, funktioniert er, nach Žižek, in Wirklichkeit als “perfekte ideologische
Ergänzung.”63

Schluss: Fundamentalanthropologie und interkulturelle Diskurs

Bisher habe ich versucht, einen Neuanstoß zur praxisbezogenen Grundsatz- und
Voraussetzungsreflexion der Ethik in interkultureller Perspektive zu geben. In seinem Ausatz

57
Kleine, “Sterben für den Buddha, Sterben wie der Buddha. Zu Praxis und Begründung ritueller Suizide
im ostasiatischen Buddhismus”, S. 12.
58
Ilkwaen Chung, Götzendämmerung und Christus. René Girard und zeitgenössisches Denken (Seoul:
hwpbooks, 2014).
59
René Girard, “Dionysus versus the Crucified,” in Modern Language Notes. Vol. 99. No. 4. (1984), S.
816-35.
60
Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des
Christentums. S. 56,
61
Ebd. S. 72.
62
Ebd. 103.
63
Slavoj Žižek, “Star Wars III. Über Taoistische Ethik und den Geist des virtuellen Kapitalismus,” in:
Lettre 69 (2005), S. 55, S. 58.
Offenbarung als dramatische Konfrontation hat Raymund Schwager die Bedeutung der
Wahrheitsfrage betont: Aus einer dramatischen Sicht der jüdisch-christlichen Offenbarung folgt
nicht nur eine Kritik an der 'pluralistischen Religionstheologie', es ergeben sich auch deutliche
Hinweise für den interreligiösen Dialog und die Begegnung der Religionen. Für den Dialog
zwischen den Religionen ergibt sich, nach Schwager, daraus, daß dieser sich letztlich nicht von
unmittelbaren soteriologischen Bedürfnissen her leiten lassen darf, sondern daß durch die
Wahrheitsfrage geklärt werden muß, was überhaupt ein echtes soteriologisches Bedürfnis ist. 64
Girards mimetische Theorie ist als eine transkulurelle und interkulturelle
Fundamentalanthropologie zu verstehen. In seinem Opus magnum Des choses cachées depuis
la fondation du monde hat Girard seine Theorie als Fundamentalanthropologie(Anthropologie
Fondamentale) genannt.65 Aus der Sicht der Girards Fundamentalanthropologie habe ich nicht
nur “paradoxale Einheit alles Religiösen,”66 sondern auch radikale Differenz zwischen
Christus als der Sündenbock und Buddha als verborgener Sündenbock herausgestellt. Das
mimetische Verständnis der differenzierenden Mechanismen bedeutet keineswegs die
Vernachlässigung des ethischen Impulses im Buddhismus. Die mimetische Lektüre der
transkulturellen Mechanismen vertritt ein dramatisches Konzept für die Begegnung der
Religionen. Die mimetische Lektüre der Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung ist
keineswegs im Sinne eines moralisierenden Aufdeckens oder moralisierenden Anklagens
anderer misszuverstehen, sondern versteht sich als ein kleiner Schritt für ein besseres
Verständnis vom “Universalen aus anthropologischer Sicht” 67 (Dumont 1991, 192), nämlich für
ein Verständnis von uns selbst.
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Ilkwaen Chung

Dr. theol., geb. 1970, Studium der Theologie in der Republik Korea und in Innsbruck.
Forschungsmitarbeiter am Institut für Systematische Theologie und bei der interfakultären
Forschungsplattform Weltordnung-Religion-Gewalt an der Universität Innsbruck. Mitglied des
Colloquium on Violence and Religion und der European Society for Intercultural Theology and
Interreligious Studies. Seine Forschungsschwerpunkte sind das sozialanthropologische
Buddhismusverständnis, René Girards mimetische Theorie, das dramatische Modell für die interreligiöse
und interkulturelle Hermeneutik und Begegnung und Girards Kulturtheorie im Zusammenhang mit den
postmodernen/poststrukturalistischen Theorien.
Lehrbeauftragter an Handong Global University, University of Kosin, Korea Theological Seminary.
Publikationen:
1. Paradoxie der weltgestaltenden Weltentsagung im Buddhismus : ein Zugang aus der Sicht der
mimetischen Theorie Rene Girards.
2. Buddha und Sündenbock: René Girard und Ursprung der buddhistischen Kultur.
Koreanischen christlichen Publikationspreis im Jahre 2013.
3. Götzendämmerung und Christus. René Girard und zeitgenössisches Denken.
4. Anthropologie des Kreuzes. Mimetische Theorie und René Girard.
5. rsprung des Universums und Ursprung der Kultur. Urknall-Kosmologie, Quantentheorie und
Mimetische Theorie. (in Vorbereitung)
6. René Girard und Denker der Postmoderne. Mimetische Theorie, Poststrukturalismus und
Dekonstruktivismus. (in Vorbereitung).