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4/8/2019 Vorurteil – Wikipedia

Vorurteil
Vorurteil heißt ein Urteil, das einer Person, einer Gruppe, einem Sachverhalt oder einer Situation vor einer
gründlichen und umfassenden Untersuchung, Abklärung und Abwägung zuteilwird, ohne dass die zum Zeitpunkt der
Beurteilung zur Verfügung stehenden Fakten verwendet werden.

Es gibt negative und positive Vorurteile. Meist ist 'Vorurteil' negativ gemeint und wird auch so verstanden, wenn nicht
ausdrücklich „positiv“ als Eigenschaft vorangestellt wird. Vorurteile gibt es in allen Gesellschaften und allen
gesellschaftlichen Gruppen, Klassen und Schichten mehr oder weniger ausgeprägt.

Inhaltsverzeichnis
Allgemeines
Definitionen
Kritische Betrachtung des Vorurteils
Rehabilitierung des Vorurteils
Arten der Vorurteile
Positive und negative Vorurteile
Aufwertende Vorurteile
Abwertende Vorurteile
Merkmale
Zu den Ursachen
Soziale Ursachen
Emotionale Ursachen
Kognitive Ursachen
Folgen von Vorurteilen
Wandel von Vorurteilen
Stabilität
Überwindung
Moderne Vorurteile
Siehe auch
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise

Allgemeines

Definitionen
Eine bekannte Definition des „Vorurteils“ stammt von Gordon Allport aus seiner Arbeit Die Natur des Vorurteils
(englisch The nature of prejudice) von 1954. Nach ihm hat es die beiden Komponenten Einstellung und Überzeugung
und äußert sich bei zunehmender Stärke in den Stufen Verleumdung, Kontaktvermeidung, Diskriminierung,
körperliche Gewalt, Vernichtung (siehe Allport-Skala).

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Die Definition von Werner Bergmann lautet: „Im Alltagsverständnis gebrauchen wir den Begriff Vorurteil, um
ausgeprägte positive und negative Urteile oder Einstellungen eines Mitmenschen über ein Vorurteilsobjekt zu
bezeichnen, wenn wir sie für nicht realitätsgerecht halten und der Betreffende trotz Gegenargumenten nicht von
seiner Meinung abrückt. Da wir in unseren Urteilen zumeist nur unsere Sichtweise wiedergeben und Urteile fast
immer gewisse Verallgemeinerungen enthalten, sind in jedem Urteil Momente des Vorurteilshaften zu finden.“[1]

Das Vorurteil hat viele Eigenschaften mit dem Stereotyp gemeinsam. Vorurteile gehören wahrscheinlich zur
psychischen Ökonomie. Das mentale Operieren mit Stereotypen vereinfacht, entlastet in einer reizüberflutenden
Informationsfülle.

Menschen ändern ihre Einstellungen am wahrscheinlichsten, wenn sie sonst Nachteile oder zumindest weniger
Vorteile erleiden. Zum Beispiel kann ein Mensch das Vorurteil „moderne Kunst ist elitär“ sein Leben lang ohne
Nachteile aufrechterhalten, es sei denn, jemand grenzt ihn deswegen aus.

Nach der Idolenlehre von Francis Bacon von 1620 lassen sich Einschränkungen in der Urteilsfähigkeit als Vorurteile
definieren.

Kritische Betrachtung des Vorurteils


Historisch bedeutsam kritisierte die Frühaufklärung durch Vorurteile getrübtes Denken. So forderte der Aufklärer
Christian Thomasius dazu auf, überkommene Urteile und Denkweisen eigenständig zu prüfen und gegebenenfalls
abzulegen. Hierin wurzelt der spätere Wahlspruch der Aufklärung: „Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu
bedienen“ (Sapere aude). Die Gattungen, in die Vorurteile eingeteilt wurden, wiesen auf verschiedene Ursachen
fehlerhaften Urteilens.

Der aktuelle, umgangssprachliche Begriff des Vorurteils schließt daran an. Propaganda, Werbung usw. stiften ihn
nichtsdestoweniger auch aktiv.

Rehabilitierung des Vorurteils


Hans-Georg Gadamer sah in der aufklärerischen Philosophie eine Diskreditierung des Vorurteils durch die Ablehnung
von Autorität und Tradition. Indem Gadamer den antiken hermeneutischen Zirkel weiterentwickelt, ist das Vorurteil
hier neutral, da jeglicher Sachverhalt (sei es ein Text) mit der Vormeinung des Subjekts abgeglichen wird, welche sich
empirisch konstituiert aufgrund der Erfahrungen und der Tradition, in der es steht. Nachdem neue Erfahrungen
gesammelt wurden, werden die Vormeinungen bzw. Vorurteile des Subjekts damit abgeglichen und folglich werden sie
zu einem Urteil aus besagtem Sachverhalt und Vorurteil; analog zur Hegelschen Dialektik: Synthese aus These und
Antithese. Somit ist das Vorurteil nach Gadamer losgelöst von positiven oder negativen Wertungen.

Arten der Vorurteile

Positive und negative Vorurteile


„Das negative Vorurteil ist mit dem positiven eins. Sie sind zwei Seiten einer Sache“, so formuliert es Max Horkheimer
in seinem Aufsatz Über das Vorurteil. Vorurteile werden heute meist per se als negativ empfunden: Wenn in Debatten
über Vorurteile gestritten wird, geht es fast ausschließlich um negative Vorurteile. Wie entscheidend Vorurteile für
unser tägliches Überleben sind, gerät darüber in Vergessenheit. Der moderne Alltag ist ohne Vorurteile nicht zu
bewältigen. Horkheimer erklärt: „Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im
Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen
Kunden bedienen.“ Alle Eigenschaften, die dazu führen, dass negative Vorurteile kritisch gesehen werden, bergen
umgekehrt positive Folgen. Der von Albert Einstein überlieferte Satz „Ein Vorurteil ist schwerer zu spalten als ein

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Atom“ birgt bezüglich der sozialen Orientierung eine entscheidende Hilfestellung. Jedes Individuum hat den Wunsch,
die Welt zu beurteilen, sein Ge- oder Missfallen an den Geschehnissen auszudrücken – dies ist ohne Vorurteile ein
unmögliches Unterfangen. Oft sind kollektive Vorurteile das Ergebnis historisch gewachsener Interpretationsmuster,
eine „normale“ Vereinfachung, um die Vielfalt der sozialen Wirklichkeit irgendwie zu bündeln.

Positive Vorurteile spielen eine entscheidende Rolle im Wirtschaftsleben, denn positive Vorurteile über z. B. eine
Marke oder ein Produkt sind entscheidend für jedes Unternehmen, das langfristig und wirtschaftlich erfolgreich am
Markt existiert bzw. existieren will: Ein VW Golf ist besonders zuverlässig, ein Fahrzeug von Alfa Romeo ist sportlich,
bei ALDI kann billig eingekauft werden oder die Deutsche Lufthansa ist eine pünktliche und sichere Fluggesellschaft.
Der Aufbau und die Führung von Marken erfordern den behutsamen und sensiblen Umgang mit existierenden
Vorurteilen, damit das Vertrauen in ein solches Marken-Vorurteil in der Kundschaft nicht erschüttert wird. Oft
wurden solche „positiven Vorurteile“ über viele Jahrzehnte aufgebaut, d. h., das Unternehmen hat kontinuierlich eine
Produktleistung erbracht und auf diese Weise es geschafft, sich einen guten Ruf bzw. ein positives Vorurteil
aufzubauen. Die sozialen Mechanismen, die zu negativen Vorurteilen führen, funktionieren auch auf dem
umgekehrten Wege – mit, wirtschaftlich gesehen, äußerst positiven Folgen. Markensoziologisch betrachtet ist eine
Marke in erster Linie ein von vielen Menschen geteiltes positives Vorurteil über eine Produktleistung. Diese Leistung
ist mit einem Namen verkoppelt.

Aufwertende Vorurteile
Vorurteile sind nicht notwendigerweise abwertend. Zu den aufwertenden Vorurteilen können die Sicht des Verliebten
auf die Geliebte, der Blick auf die eigenen Kinder oder die eigene Nation oder das Vertrauen eines kleinen Kindes in
die unbegrenzten Fähigkeiten und Kräfte der Eltern gezählt werden. Auch Mythen, die sich um bestimmte
Gegenstände, Sachverhalte oder Personen ranken, können als positive (manchmal auch negative) Vorurteile
betrachtet werden, welche die Basis für Verehrung oder für Fanrituale bilden.

Abwertende Vorurteile
Vorurteile sind jedoch oft negative oder ablehnende Einstellungen gegenüber einem Menschen, einer
Menschengruppe, einer Stadt oder Gemeinde, einer Nation oder generell einem Sachverhalt. Vorurteilsbildung wird
als „Übergeneralisierung“ interpretiert, bei der unzulässigerweise von einzelnen Eigenschaften eines Individuums auf
Eigenschaften aller Individuen einer Gruppe geschlossen wird.[2] Vorurteile besitzen einen emotionalen Gehalt und
treten als deutliche, stereotype Überzeugungen auf. Sie implizieren oft negative Gefühle und Handlungstendenzen und
können zu Intoleranz und Diskriminierung führen.[3]

Abwertende Vorurteile aufgrund von ethnischen Merkmalen werden Ethnophaulismen genannt. Sie treffen vor allem
Menschen, die benachteiligt werden und dienen oftmals dazu, Ungerechtigkeiten zu legitimieren.[4]

Beispiele

Soldaten sind lediglich für Kriege (und damit zum Töten feindlicher Menschen) zuständig. Siehe Soldaten sind
Mörder.
Bankkaufleute haben es nur auf das Geld der Kunden abgesehen.
Arbeitslose Personen sind Schmarotzer und faul.
Der Staat verschwendet sinnlos Steuergelder der Bürger.
Übergewichtige Personen haben zu viel Gewicht, weil sie zu viel essen und bewegungsfaul sind.

Merkmale
Das Vorurteil wird durch folgende Merkmale charakterisiert:

1. Es ist ein voreiliges Urteil, also ein Urteil, das überhaupt nicht oder nur sehr ungenügend durch Realitätsgehalt,
Reflexionen oder Erfahrungen gestützt wird, oder es wird sogar vor jeglicher Erfahrung oder Reflexion aufgestellt.
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2. Es ist meist ein generalisierendes Urteil, d. h., es bezieht sich nicht nur auf einen Einzelfall, sondern auf viele
Urteilsgegenstände.
3. Es hat häufig den stereotypen Charakter eines Klischees und wird vorgetragen, als sei es selbstverständlich oder
zumindest unwiderlegbar.
4. Es enthält neben beschreibenden oder theoretisch erklärenden Aussagen direkt oder indirekt auch richtende
Bewertungen von Menschen, Gruppen oder Sachverhalten.
5. Es unterscheidet sich von einem Urteil durch die fehlerhafte und vor allem starre Verallgemeinerung. Bei der
Fehlerhaftigkeit geht es weniger darum, ob denn der Inhalt des Vorurteils empirisch mit der Realität übereinstimmt
oder nicht. Vielmehr ist die Übergeneralisierung von Bedeutung: Ich lehne eine Person (oder mehrere) nur
aufgrund deren Gruppenzugehörigkeit ab. Die Gruppe kann zwar „im Mittel“ bestimmte Eigenschaften aufweisen,
jedoch betrifft dies kaum alle Mitglieder dieser Gruppe („ökologischer Fehlschluss“).
Für eine deutlichere Aufgliederung des Wesens eines Vorurteils in Merkmale und Hilfsmittel ist auch folgende
Übersicht hilfreich:

1. Überzeugung (auch Meinung)


2. mangelhafte Begründung (auch Meinung)
3. Bestimmte Eigenschaften sind bekannt, werden aber nicht berücksichtigt.

1. wegen der Unzulänglichkeit des Denkens


2. taktisch oder demagogisch bedingt
3. für uns zu gewichtig, in uns verwachsen.

Zu den Ursachen

Soziale Ursachen
Soziale Ungleichheit: Aus dem ökonomischen Verhältnis zweier Gruppen lassen sich deren Stereotype
gegeneinander vorhersagen. Oftmals dienen Vorurteile dazu, bestehende Ungleichheiten zu rationalisieren, d. h., sie
werden aus scheinbar naturgegebenen Unterschieden hergeleitet.

Ein Experiment von Hoffmann und Hurst demonstriert dies: Versuchspersonen wurden gebeten, sich einen fremden
Planeten vorzustellen. Auf diesem existierten zwei Arten von Lebewesen, „Ackmanians“ und „Orinthians“. Es gab zwei
mögliche Berufe, die ausgeübt wurden, Arbeiter oder Kindererzieher. Den Probanden wurden nun
Kurzbeschreibungen von je 15 Ackmanians und Orinthians vorgelegt, in denen jedes Lebewesen mit einer
individuellen positiven und einer gemeinnützigen Eigenschaft beschrieben wurden. Zudem wurde vermerkt, wer
Arbeiter und wer Erzieher war. Für eine Gruppe von Versuchspersonen war die Mehrheit der Ackmanians Arbeiter
und die Mehrheit der Orinthians Erzieher, für die andere Gruppe dagegen umgekehrt. Danach sollten die Probanden
beide Lebewesenarten beschreiben. Die Gruppe, bei der die Mehrheit der Ackmanians Arbeiter und die Minderheit
Erzieher waren, beschrieben Ackmanians als „kompetenter, kräftiger, technisch begabter“ und Orinthians als
„wärmer, häuslicher, emotionaler“. Die andere Gruppe urteilte genau umgekehrt. Fazit: Obwohl die Charakterisierung
der beiden Arten für alle Lebewesen gleich war, wurden die bestehenden Ungleichheiten in den Rollen dafür
verwendet, um fälschlicherweise auf Persönlichkeitseigenschaften zu schließen.[5]

Selbsterfüllende Prophezeiung: Eine selbsterfüllende Prophezeiung ist ein Prozess, bei dem die erkennbar
gewordenen Erwartungen anderer Menschen von einer Person dazu führen, dass sich diese entsprechend den
Erwartungen verhält.

In einem Experiment von Word u. a. wurden Bewerbungsgespräche weißer Bewerbungsleiter von den Versuchsleitern
beobachtet. Waren die Bewerber farbig, saßen sie bei den Gesprächen weiter entfernt vom Bewerbungsführer, zudem
versprach sich dieser öfter und beendete die Gespräche ca. 25 % eher als bei weißen Applikanten. In einer zweiten
Phase des Experiments wurde der echte weiße Bewerbungsleiter durch einen Schauspieler ersetzt. Dieser wurde
angewiesen, sich gegenüber weißen Bewerbern in genau der gleichen Weise zu verhalten, wie sich der echte Leiter

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vorher gegenüber Farbigen verhalten hatte. Das Ergebnis war, dass die weißen Bewerber verstärkt Unsicherheit und
Ängstlichkeit im Verhalten zeigten. Das beweist, dass Vorurteile gegen Menschen auch dazu führen können, dass sich
diese ungewollt entsprechend den Vorurteilen verhalten.

Gruppendruck: Vorurteile werden aufgrund eines wahrgenommenen Gruppendrucks akzeptiert, so werden sie auch
leichter übernommen (Siehe auch: Konformität).

Erhöhung des eigenen Status: Personen mit niedrigem sozialem Status weisen in Umfragen stärkere Vorurteile
auf, was aber auch daran liegen kann, dass sie solche Fragen ehrlicher beantworten.

Emotionale Ursachen
Sündenbocksuche: Die Sündenbocktheorie besagt, dass sich unsere Vorurteile gegen Ersatzobjekte oder -personen
richten, wenn die wahren Ursachen unserer Frustration entweder unbekannt oder nicht erreichbar sind. So
beobachtete man in Kanada, dass Vorurteile gegenüber Immigranten mit der Arbeitslosenquote stiegen und fielen.

Theorie der sozialen Identität: Diese Theorie von Tajfel und Turner beruht auf der Identifikation eines Akteurs
mit einer (seiner) Gruppe. Diese macht dann einen wichtigen Teil unseres Selbstkonzeptes aus. Unser
Selbstwertgefühl speist sich dann nicht nur aus persönlicher Leistung („Genugtuung“), sondern es wird auch durch
Gruppenleistungen bzw. den Ingroup Bias (s. u.) angereichert. Man entwickelt somit ein Vorurteil über sich selbst.

Ingroup Bias: Diese Eigengruppen-Verzerrung bezeichnet die Tendenz, die eigene Gruppe zu bevorzugen und die
Nichtmitglieder zu benachteiligen. In einem experimentellen Paradigma werden Versuchspersonen per
Zufallsentscheid in zwei Gruppen eingeteilt, also willkürlich eine Ingroup = Eigengruppe und Outgroup =
Fremdgruppe erzeugt. Sollen die Versuchspersonen später in einem Scheinexperiment der Eigen- bzw. Fremdgruppe
Geld zuteilen, wird der Eigengruppe deutlich mehr Geld zugewiesen. Jedoch zielt die Verteilungsstrategie nicht auf
maximalen Gewinn der Eigengruppe, sondern auf maximalen Unterschied zur Fremdgruppe.

Kognitive Ursachen
Kategorisierung: Der Mensch sortiert die mannigfaltigen Dinge der Wahrnehmung unwillkürlich in Kategorien ein.
Dafür gibt es verschiedene Erklärungen, z. B., dass dieses Verhalten uns hilft, Zusammenhänge zu erkennen, die Welt
zu ordnen, unsere kognitive Belastung zu reduzieren und unsere Handlungsplanung zu vereinfachen
(Komplexitätsreduktion). Eine systematische Analyse solcher Kategorisierungen, die individuell unterschiedlich
ausgeprägt sind, bietet das Konzept der Impliziten Persönlichkeitstheorie.

Fokussierung: Wir tendieren dazu, Menschen nach ihren salientesten, d. h. auffälligsten Merkmalen
wahrzunehmen. Wenn z. B. jemand ein bekannter CDU-Politiker oder Extremsportler ist, so nehmen wir ihn v. a. als
„CDU’ler“, „Fallschirmspringer“ usw. wahr und würden in einer Beschreibung der Person diese Eigenschaften als
wichtigste nennen. Siehe auch Ankerheuristik und Halo-Effekt.

In einer Untersuchung beobachteten Versuchspersonen einen Mann in einer Videoaufnahme. Wurde ihnen vorab die
Information gegeben, es handele sich um einen „Krebspatienten“ oder einen „Homosexuellen“, dann beobachteten die
Personen ihn schärfer auf diese Zuschreibung hin und meinten, bestimmte Verhaltensweisen, die die angebliche
Eigenschaft widerspiegelten, zu erkennen.

Gerechte-Welt-Phänomen: Wird eine Person vor unseren Augen zum Opfer, dann entsteht in den meisten Fällen
in uns ein Gefühl des Unbehagens. Diese aversive Emotion kann auf zwei Arten reduziert werden: Entweder helfen wir
dem Opfer, oder wir setzen es herab („Er hat sich selbst in diese Lage gebracht und hat es somit verdient!“). Bleibt die
Hilfsmöglichkeit ausgeschlossen, so tendieren Personen dazu, das Opfer abzuwerten: Versuchspersonen
beobachteten, wie einer hilflosen Person (in Wahrheit ein Schauspieler) Schocks verabreicht wurden. In einem
Versuchsablauf durften die Probanden das Opfer danach belohnen (mit Lob, Süßigkeiten, Geld). In diesem

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Versuchsablauf fand die Mehrzahl von ihnen das Opfer sympathisch. Im zweiten Versuchsablauf konnten die
Versuchspersonen das Opfer in keiner Weise für die Schocks entschädigen und mussten hilflos ansehen, wie die
Person geschockt wurde. In dieser Gruppe gab die Mehrzahl der Probanden an, das Opfer unsympathisch zu finden.
Es wurde also abgewertet.

Folgen von Vorurteilen


Die Menschen, die das Ziel von Vorurteilen sind, erleiden zahlreiche Nachteile, besonders wenn sie zu einer
Minderheit gehören. Zusätzlich zu den schon genannten Folgen wie Feindseligkeit, Ausgrenzung, Diskriminierung
usw. können sie unter der Angst leiden, dem Vorurteil gegen ihre Gruppe tatsächlich zu entsprechen (s. Bedrohung
durch Stereotype).[6]

Die negativen Folgen für das Selbstwertgefühl der Opfer von Vorurteilen können auch subtiler sein. So spielen
afroamerikanische Kinder lieber mit weißen als mit schwarzen Puppen.[7] Studentinnen bewerten einen
wissenschaftlichen Artikel besser, wenn sie glauben, der Autor sei ein Mann.[8]

Wandel von Vorurteilen

Stabilität
Vorurteile sind schwer zu verändern. Mitglieder von Fremdgruppen als Individuen kennenzulernen, bedeutet immer
einen erheblichen zusätzlichen Aufwand. Die affektive Komponente ist durch Argumente nicht ansprechbar und ist
nur durch Konditionierung änderbar. Die kognitive Komponente widersetzt sich mithilfe von schemageleiteter,
einseitig auf den Erhalt des Vorurteils gerichteter Informationsverarbeitung, also durch selektive Aufmerksamkeit,
Gedächtniseinspeicherung und -abruf. Aufmerksamkeit wecken zum Beispiel nur Nachrichtenquellen, die die eigene
Meinung bestätigen. Neue Informationen, die einer Einstellung widersprechen, erzeugen Kognitive Dissonanz. Man
müsste zugeben, dass man sich die ganze Zeit geirrt hatte. Zur Abwehr dieses Unbehagens wird die neue Information
abgewertet, indem sie zum Beispiel als Ausnahme angesehen wird („Ausnahmen bestätigen die Regel“). Werbung und
politische Propaganda zielen oft auf Erzeugung, Erhalt und Steigerung von Vorurteilen. Dabei bedienen sie sich auch
sprachlicher Hilfsmittel. Beispiel aus dem ehemals nationalsozialistischen Deutschland: „Deutsche“ Unternehmer
vertraten das „schaffende“ Kapital, „jüdische“ hingegen das „raffende“. Einer hartnäckigen Weitergabe von
Vorurteilen, nicht nur offen ausgesprochener, sondern auch verborgener, sublimer Art, sieht sich besonders der
Handel ausgesetzt. Die „Tradition der Vorurteile“ (Schenk) gegenüber den (verkannten) Leistungen und Funktionen
der Handelsbetriebe reicht von antiken griechischen Denkern über die römische Kirchenlehre (Patristik) und den sog.
wissenschaftlichen Sozialismus bis hin zum neuzeitlichen Bereicherungs- und Manipulationsverdacht.

Überwindung
Die wichtigste Voraussetzung für den Abbau von Vorurteilen ist der Kontakt mit der Fremdgruppe, was aber, wie
Şerifs Ferienlager-Experiment zeigte, nur funktioniert, wenn weitere Bedingungen erfüllt sind:

1. wechselseitige Abhängigkeit der Beteiligten[9]


2. gemeinsame Ziele[10]
3. gleicher Status; ungleiche Machtverhältnisse führen leicht zu stereotypem Verhalten[11]
4. eine freundliche Umgebung, die Interaktionen zwischen den Gruppen erleichtert; Kontakt ohne Interaktion kann
Vorurteile verschlimmern[12]
5. Kontakt mit mehreren Mitgliedern der Fremdgruppe; zu wenige Kontakte könnten als „Ausnahmen“
heruntergespielt werden[13]
6. Gleichberechtigung als soziale Norm beschleunigt den Prozess.[14]

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Auch Allport empfiehlt, Vorurteile gegenüber Personen durch gemeinsame Tätigkeiten zu überwinden, ein Ansatz, der
von Elliot Aronsons Gruppenpuzzle-Verfahren aufgegriffen wurde. Nach Allports Ansicht reicht es nicht, nur
Informationen über die betreffende Person einzuholen, da Vorurteile stärker als „Voreingenommenheit“ seien.
Soziologisch ist zwar zu bestätigen, dass, je häufiger die Interaktion ist, desto stärker auch die Emotion sei (George
Caspar Homans), und dies kann bedeuten, dass Zuneigung intensiver wird – aber eben auch Abneigung.

Negativen Stereotypen, die auf falschen Informationen beruhen, kann Aufklärung entgegenwirken.

Inzwischen gibt es für Einzelpersonen und verschiedene Gruppen Anti-Bias-Trainings, die gezielt Vorurteile abbauen
wollen.[15]

Moderne Vorurteile
Als Folge der Bemühungen um Politische Korrektheit werden heute viel weniger Vorurteile öffentlich geäußert.
Untersucht man jedoch das Verhalten oder unwillkürliche Reaktionen (zum Beispiel mit der Bogus-Pipeline-Technik),
so zeigt sich, dass viele für überwunden gehaltene Vorurteile weiter bestehen und den Trägern entweder unbewusst
sind, oder nur in vertrauter Runde geäußert werden.[16][17]

Siehe auch
Hypothese
Ressentiment, Befangenheit, Feindbild
Joking relationship
Personale Kategorisierung
Gisela Bleibtreu-Ehrenberg: Angst und Vorurteil.

Literatur
Handbuch

Anton Pelinka, Karin Bischof, Karin Stögner (Hrsg.): Handbook of Prejudice. Cambria Press, New York 2009,
ISBN 978-1-60497-627-4.
Zur Einführung

Vorurteile – Stereotype – Feindbilder. (= Informationen zur politischen Bildung. Heft 271). Bundeszentrale für
politische Bildung, 4. Quartal 2005.
Jens Förster: Kleine Einführung in das Schubladendenken. Vom Nutzen und Nachteil des Vorurteils. Goldmann,
München 2008, ISBN 978-3-442-15507-1.
Wolfgang Metzger: Vom Vorurteil zur Toleranz. (= Schriftenreihe der Niedersächsischen Landeszentrale für
Politische Bildung. Gruppenpsychologische Reihe. Band 1). 1973, DNB 740675915.
Sir Peter Ustinov: Achtung! Vorurteile. Hoffmann & Campe, Hamburg 2003, ISBN 3-455-09410-4.

„Keinem Menschen fällt es ein, Vorurteile in die Welt zu setzen, die sich sofort widerlegen lassen. So
würde niemand behaupten, alle Deutschen seien Zwerge. Und die Nazis kamen nicht auf den
Gedanken, den Juden kalte Augen nachzusagen. Kein vernünftiger Mensch hätte eine solche
Behauptung geglaubt, weil er ja schon an der nächsten Straßenecke Juden mit freundlichen
Gesichtern begegnet wäre. Die Nazipropaganda arbeitete subtiler, indem sie behauptete, die Juden
seien geizig, raffgierig und verschlagen. Auf diese Weise konnten sie das reine Ressentiment
produzieren. Schlichte oder angstvolle Gemüter gingen nun davon aus, dass ein Jude, der einem
freundlich begegnete, besonders verschlagen war und sich gut verstellen konnte. Gegen die perfiden
Vorurteile der Nazis hatten die Angeklagten keine Chance.“
– SIR PETER USTINOV

https://de.wikipedia.org/wiki/Vorurteil 7/9
4/8/2019 Vorurteil – Wikipedia

Wissenschaftliche Literatur

Andreas Dorschel: Nachdenken über Vorurteile. Felix Meiner, Hamburg 2001, ISBN 3-7873-1572-1.
Janet K. Swim, Charles Stangor (Hrsg.): Prejudice. The target’s perspective. Academic Press, San Diego/ London
1998, ISBN 0-12-679130-9.
Susan T. Fiske, Monica H. Lin, Steven L. Neuberg: The Continuum Model. Ten years later. In: Sally Chaiken,
Yaacov Trope (Hrsg.): Dual process theories in social psychology. Guildford, New York 1999, ISBN 1-57230-421-
9, S. 231–254.
Curt Hoffman, Nancy Hurst: Gender stereotypes: Perception or rationalization? In: Journal of Personality and
Social Psychology. 58 (1990), ISSN 0022-3514, S. 197–208.
Julia Angela Iser: Vorurteile. Zur Rolle von Persönlichkeit, Werten, generellen Einstellungen und Bedrohung. Die
Theorie grundlegender menschlicher Werte, Autoritarismus und die Theorie der Sozialen Dominanz als
Erklärungsansätze für Vorurteile. Ein integrativer Theorienvergleich. Dissertation. Universität Gießen, 2007
(Volltext) (http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2007/4837/)
Astrid Kaiser (2015): Vornamen: Nomen est omen? Vorerwartungen und Vorurteile in der Grundschule. In:
Schulverwaltung Hessen/Rheinland-Pfalz. 20. Jg., H. 3, S. 93–94
Anitra Karsten: Vorurteil. Ergebnisse Psychologischer und sozialpsychologischer Forschung. Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt 1978, ISBN 3-534-06224-8.
Ziva Kunda, Kathryn C. Oleson: Maintaining stereotypes in the face of disconfirmation. Constructing grounds for
subtyping. In: Journal of Personality and Social Psychology. 68 (1995), ISSN 0022-3514, S. 565–579.
Lorella Lepore, Rupert Brown: Category and stereotype activation: Is prejudice inevitable? In: Journal of
Personality and Social Psychology. 72 (1997), ISSN 0022-3514, S. 275–287.
Badi Panahi: Vorurteile. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus in der Bundesrepublik heute. Eine empirische
Untersuchung. Fischer, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-10-058602-6.
Anton Pelinka (Hrsg.): Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung. De Gruyter, Berlin u. a. 2012, ISBN 978-3-11-
026839-3.
Lars-Eric Petersen, Bernd Six: Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung: Theorien, Befunde und
Interventionen. Beltz, Weinheim 2008, ISBN 978-3-621-27645-0.
Scott Plous: Understanding Prejudice and Discrimination. McGraw-Hill, Boston u. a. 2002, ISBN 0-07-255443-6.
Charles Stangor (Hrsg.): Stereotypes and Prejudice. Essential Readings. Psychology Press, Philadelphia u. a.
2000, ISBN 0-86377-589-6.
Elisabeth Young-Bruehl: The Anatomy of Prejudices. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1996, ISBN 0-
674-03190-3.
Max Horkheimer: Über das Vorurteil. Westdeutscher Verlag, Köln u. a. 1963.
Gordon W. Allport: Die Natur des Vorurteils. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1971, ISBN 3-462-00826-9.
Arnd Zschiesche: Ein Positives Vorurteil Deutschland gegenüber. Mercedes-Benz als Gestaltsystem – Ein
markensoziologischer Beitrag zur Vorurteilsforschung. Lit, Münster 2007, ISBN 978-3-8258-0904-1.
Hans-Otto Schenk: Der Handel und die Tradition der Vorurteile. In: Gesa Crockford, Falk Ritschel, Ulf-Marten
Schmieder (Hrsg.): Handel in Theorie und Praxis. Festschrift für Dirk Möhlenbruch. Springer Gabler, Wiesbaden
2013, ISBN 978-3-658-01985-3, S. 1–25.

Weblinks
Wiktionary: Vorurteil – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wikiquote: Vorurteil – Zitate
Vorurteile in Zeiten der Globalisierung (http://www.religionen.at/irlukas.htm)
Reto U. Schneider: Immer diese Danieraner. (http://folio.nzz.ch/2006/juni/immer-diese-danieraner) Artikel über ein
legendäres Experiment (1938) zum Thema Vorurteile aus NZZ Folio

Einzelnachweise
1. Werner Bergmann: Was sind Vorurteile? In: Vorurteile – Stereotype – Feindbilder. (= Informationen zur politischen
Bildung. Heft 271, 2001).
2. Was sind Vorurteile? (http://www.bpb.de/izpb/9680/was-sind-vorurteile). Website der Bundeszentrale für politische
Bildung. Abgerufen am 28. April 2015.
3. Stereotyp und Vorurteil – Definitionen und Begrifflichkeit (http://www.ikud.de/glossar/stereotyp-und-vorurteil.html).
Website der IKUD Seminare. Abgerufen am 28. April 2015.
4. Manfred Markefka: Vorurteile – Minderheiten – Diskriminierung. 1995, S. 37.

https://de.wikipedia.org/wiki/Vorurteil 8/9
4/8/2019 Vorurteil – Wikipedia

5. C. Hoffman, N. Hurst: Gender stereotypes: Perception or rationalization? In: Journal of Personality and Social
Psychology. 58(2), 1990, S. 197–208.
6. Joshua Aronson, Diane M. Quinn, Steven J. Spencer: Stereotype threat and the academic under-performance of
minorities and women. In: Janet K. Swim, Charles Stangor (Hrsg.): Prejudice. The target's perspective. 1998, S.
83–103.
7. K. Clark, M. Clark: Racial identification and preference in Negro children. In: Theodore M Newcombe, Eugene L
Hartley (Hrsg.): Readings in social psychology. Holt, New York 1947.
8. P. Goldberg: Are women prejudiced against women? In: Trans-Action. April 1968, S. 28–30.
9. M. Şerif: In common predicament: Social psychology of intergroup conflict and cooperation. Houghton Mifflin,
Boston 1966.
10. I. Amir: The role of intergroup contact in change of prejudice and ethnic relations. In: P. A. Katz (Hrsg.): Towards
the elimination of racism. Pergamon Press, New York 1976, S. 245–308.
11. T. F. Pettigrew: Racially separate or together? In: Journal of Social Issues. 25 (1969), S. 43–69.
12. S. W. Cook: Cooperative interaction in multiethnic contexts. In: Norman Miller, Marilynn B. Brewer (Hrsg.): Groups
in contact: The psychology of desegregation. Academic Press, New York 1984, ISBN 0-12-497780-4.
13. D. A. Wilder: Intergroup contact: The typical member and the exception to the rule. In: Journal of Experimental
Psychology. 20, (1984), S. 177–194.
14. C. A. Riordan: Equal-status interracial contact: A review and revision of a concept. In: International Journal of
Intercultural Relations. 2, (1978), S. 161–185.
15. Louise Derman-Sparks: Anti-Bias-Arbeit1 mit kleinen Kindern in den USA. (http://www.kinderwelten.net/pdf/1_Anti
_Bias_Arbeit.pdf) (PDF; 108 kB)
16. John F. Dovidio, Samuel L. Gaertner: Affirmative action, unintentional racial biases, and intergroup relations. In:
Journal of Social Issues. 52, (1996), S. 51–75.
17. Phil Fontaine: Modern Racism in Canada. (http://www.queensu.ca/sps/conferences_events/lectures/donald_gow/
98lecture.pdf) 24. April 1998.

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