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JAKOB BLEYER GEMEINSCHAFT e.V. Nr.

1/2019

Sonntagsblatt s
Eine deutsche Zeitschrift aus ungarn

Großer Schritt für die Zweisprachigkeit:


MÁV prüft das Anbringen zweisprachiger Schilder am Bahnhof Werischwar

Aus dem Inhalt:


Mikrozensus 2016 : 30 000 weniger bekennen sich zur deutschen Nationalität!
Vor 100 Jahren: Die Gründung der ’Republik Heinzenland’ in Westungarn
Nur mit mehr Ködj noch kein Erfolg - Ein Kommentar von Richard Guth
Ohne Sprachgebrauch keine Identität - Interview mit Dr. Zsuzsanna Lampl-Mészáros
„Die Sprache ist das sicherste Kennzeichen des Volksgeistes, der wie z.B. meine Mitschüler. Eines hat mich während des Studiums
Ausdruck seines innersten Wesens und seiner Erkenntnis; die Er- in Budapest sehr beeindruckt: Ich habe gemerkt, dass die Kinder
haltung der Sprache ist also eine Grundbedingung für den Bestand der ungarischen Intelligenz besser Deutsch konnten als ich, der
des Volkes...“
zu Hause schon als kleines Kind die Sprache gehört hat. Ohne
-August Boeckh
Sprache keine Zukunft!

Leitartikel s Unter welchen Umständen wollen und müssen wir unsere deut-
sche Identität bewahren?

1.Die Ungarndeutschen sind angesehene Mitglieder der unga-


Wider die Bühnenkultur rischen Gesellschaft, aber meistens als madjarisch patriotische
Staatsbürger.
Im vergangenen Jahr feierten unser Verein und unser
Sonntagsblatt 25-jähriges Jubiläum. In der Weihnachtsausgabe 2.Das Deutschtum in Ungarn war schon immer, aber besonders
des Sonntagsblattes haben wir ausführlich über die Feierlichkei- nach dem Zweiten Weltkrieg die assimilationsfreudigste Minder-
ten berichtet. Zum Abschluss des „Jubiläumsjahres” veröffent- heit des Landes. Die ungarndeutsche Kultur ist am Verschwin-
lichen wir die Rede des Vereinsvorsitzenden den. Viele sind der Meinung, dass alles bereits vorbei sei.
Dr. - Ing. Georg Kramm.
Konkreter:

-Die traditionellen deutschen Dörfer haben sich madjarisiert. Die


Mundarten sterben aus. Die zweisprachigen Schilder ersetzen
nicht die deutschen Menschen.

-Es gibt nur noch Fragmente der Alltagskultur: Feste feiern,


Essen usw.

-Die ungarndeutsche Kultur ist mittlerweile eine Bühnenkultur


geworden. Das Singen und das Tanzen ersetzen nicht die feh-
lende Sprache.

-In den meisten der sogenannten Nationalitätenschulen wird


Deutsch als Fremdsprache, in vielen Fällen ungarisch unter-
Vereinsvorsitzender Dr. Georg Kramm hält seine Rede richtet. Selbst die Deutschlehrerinnen in der Schule sprechen
(Foto: Richard Guth) miteinander fast ausschließlich ungarisch.

Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Landsleute! -Deutsche Gottesdienste in den Gemeinden gibt es kaum.

25 Jahre sind, auch wenn man nur das eigene Leben -Die deutschen Selbstverwaltungen sind zwar überall präsent,
betrachtet, nicht wenig. Die Jakob-Bleyer-Gemeinschaft e. V. ist erledigen jedoch fast nur kommunale und Verwaltungsarbeiten,
25 Jahre alt geworden. Es stellt sich die Frage, was dieser Verein in den meisten Fällen einsprachig ungarisch.
in dieser Zeit erreicht bzw. bewirkt hat und was er in der Zukunft
für das Ungarndeutschtum tun kann? -In den Medien in Ungarn erscheinen die Nationalitäten an der
Peripherie. Die Minderheitenmedien nähern sich der totalen
Die JBG ist ein Kulturverein der Deutschen in Ungarn oder eben Bedeutungslosigkeit.
der Ungarndeutschen. Im Statut des Vereins steht: „Hauptziel
des Vereins ist die Bewahrung bzw. Förderung der Mutterspra- -Unsere Mutterländer haben relativ wenig für die Bewahrung
che und der Identität des ungarländischen Deutschtums.” unserer Identität übrig. In denen spielt die Elite „Globalisierung”,
d.h. die wichtigste Sprache ist Englisch. Die eigene deutsche
Gründer, Seele und Schlüsselfigur des Vereins war und ist bis Sprache wird in der Wissenschaft, in der Politik und sogar in der
heute Georg Krix, heute Ehrenvorsitzender des Vereins. Wirtschaft durch die englische Sprache verdrängt. Es ist nicht
überraschend, wenn die Schulkinder nicht mehr Deutsch lernen
Ich selbst bin erst seit Mitte der neunziger Jahre in diesem Verein wollen.
und als Vorsitzender ab 2000 tätig. Über Entstehung und Ge-
-Die Assimilation schreitet unbehindert voran. Die ungarische
schichte werden Sie bald extra hören. Ich möchte hier nur so viel
Politik hat uns mit einer großzügigen Geste ein Minderheiten-
verraten, dass ich 1994-95 Herrn Krix zufällig getroffen habe. In
gesetz geschenkt, und so entstanden die Minderheitenselbst-
ihm fand ich einen Landsmann, der kompromisslos die Fahne
verwaltungen. Zunächst schien das etwas Fortschrittliches in
der deutschen Sprache sowie die unserer Volksgruppe hoch-
der Nationalitätenpolitik zu sein. In der Wirklichkeit stellte sich
hielt. Mit ihm kann man bis heute über alles, was unsere Volks- heraus, dass dieser gesetzliche Rahmen überhaupt keine anti-
gruppe betrifft, reden. Schade, dass er jetzt nicht unter uns ist. assimilatorische Wirkungskraft aufweisen kann. Man verwaltet
in diesem Rahmen den assimilierten Zustand und die Prozesse
Vielleicht ist es hier, an dieser Stelle nicht uninteressant, wie der Assimilierung selbst, was notwendigerweise eine weitere
ich dazukam mich für die eigene Volksgruppe zu interessieren. Beschleunigung der Assimilation bedeutet.
Deutsch habe ich in den Schulen kaum gelernt. In der Grund-
schule in Deutschbohl/Bóly hatten wir nach dem Krieg zwei Stun- Was kann man unter diesen Umständen noch tun?
den pro Woche Deutsch, sogenannte Zusatzsunden zweimal in
der Woche von 7 bis 8 Uhr in der Früh. In der Fachmittelschule 1. Eine möglichst breite Nationalitätenintelligenz müsste aufge-
für Maschinenbau in Fünfkirchen/Pécs wurde nur Russisch un- baut werden, die die Sprache souverän beherrscht und bereit ist
terrichet. An der TU Budapest konnte man auch nicht viel dazu- sich im Interesse der Volksgruppe einzusetzen. Diese Intelligenz
lernen. Ich wuchs in diesem Lande auf, und als ich von Bohl kann nur in wirklich deutschen Nationalitätenschulen ausgebildet
wegkam, habe ich gemerkt, dass ich doch nicht ganz so einer bin und erzogen werden.
2 SoNNTAGSBLATT
2. Die Möglichkeit muss dazu geschaffen werden, dass die Na- Rede Emmerich Ritters in München
tionalität ihre eigene Sprache in der Schule erlernen kann.
anlässlich des Gedenktages der
3. Das Nationalitätengesetz soll verbessert werden, da formelle Verschleppung und Vertreibung der
Lösungen uns nirgendwo hinführen. Ungarndeutschen
4. Den eigenen Werten treu bleiben!
Nicht den breiten Weg der Assimilation gehen!

Möge die Jakob-Bleyer-Gemeinschaft, unser Verein, eine Sam-


melstelle, ein Hinterland von denen sein, die sich vor allem
durch den Spracherhalt für die Identitätsbewahrung des Ungarn-
deutschtums einsetzen wollen!

Zum Schluss ein Zitat von Ingomar Senz: „Schwob, vergiss dei
Red net!”

Aktuelles s
Emmerich Ritter (rechts) in München

Großer Schritt für die Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Bernd Fabritius,
Zweisprachigkeit in Ungarn! sehr geehrte Frau Sylvia Stierstorfer,
sehr geehrter Herr Prof. Andreas Otto Weber,
Von Patrik Schwarcz-Kiefer sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Landsleute,

zu allererst möchte ich mich für die Einladung bedanken, bei


Herrn Generalkonsul Gábor Tordai-Lejkó, und bei Frau Krisztina
Spiller für die Vorbereitungen.

Das Motiv für heute ist: die Gedenkveranstaltung für die vertrie-
benen Ungarndeutschen.

Der Titel meiner Rede klingt trotzdem: das kulturelle Leben und
die Bildungsangelegenheiten der deutschen Nationalität in Un-
garn.

Und diesen Titel soll ich noch verengen: „Mögen auch unsere
Nachkommen die deutsche Muttersprache unserer Vorfahren
Der Bahnhof von Werischwar kennenlernen.”

Sowohl die Deutsche Nationalitätenselbstverwaltung als auch Meiner Meinung nach ist für die kommenden 10-15 Jahre die
die Stadtverordnetenversammlung von Werischwar/Pilisvörös- Erfüllung des Inhalts dieses kurzen Satzes die erstrangige und
vár unterstützen die Initiative der Jakob Bleyer Gemeinschaft dringendste Aufgabe für uns, für die Ungarndeutschen.
um nach slowakischem Muster die Ortsbezeichnungen im Bahn-
verkehr auch in der Minderheitensprache auszuschildern, wenn Es ist eine Tatsache, dass es kein zweites Land in Europa gibt,
die Minderheit über eine gewissen Anteil in der Bevölkerung der dessen nationale Minderheiten in einem solchen Ausmaß ihre
Gemeinde verfügt. Nach der Sitzung der Werischwarer Stadtver- Identität und ihre Muttersprache verloren haben wie in Ungarn.
ordnetenversammlung wurde Bürgermeister Stefan Gromon mit Die Heimsuchungen der nahezu hundert Jahre körperlichen und
der Kontaktaufnahme mit den Ungarischen Staatsbahnen (MÁV) seelischen Zwangs, der Vertreibung und Verschleppung der Un-
beauftragt. Er hat diese Aufgabe an den Initiator JBG übertragen. garndeutschen, hatten ihre negativen Folgen.

Die JBG hat als Vorbereitung die MÁV bereits vor Monaten kon- Während sich 1941 1 Million 60 Tausend Personen zur deut-
taktiert, um deren Standpunkt in dieser Frage kennen zu lernen. schen Minderheit bekannten, waren es 2011 nur 186 Tausend,
Obwohl die MÁV solche Maßnahmen nicht finanzieren möchte, kaum 17,5% davon. Noch schwerwiegender ist der Rückgang
ist sie bereit darüber zu verhandeln. bei denen, deren Muttersprache Deutsch ist, so waren dies im
Jahre 1941 fast 500 Tausend Personen, während es 2011 ledig-
Die JBG hofft auf ein positives Ergebnis und freut sich bereits lich weniger als 40 Tausend waren. Das sind im Vergleich zum
über weitere ungarndeutsche Gemeinden, die sich dieser Initia- Ergebnis von 1941 nur mehr 8%.
tive anschließen.
Und wenn wir die altersmäßige Verteilung dieser Ergebnisse
begutachten würden, würden wir zu einem noch tragischeren

Zukunft durch Ergebnis gelangen, was die Kinder und Jugendlichen betrifft.
Heutzutage gibt es sehr wenige Kinder, welche mit Deutsch als
Muttersprache aufwachsen. Gerade deshalb ist es erstrangig,

Spracherhalt! die heutige Situation zu bewerten und die Möglichkeiten und


Wege zu prüfen, Deutsch als die Muttersprache der ungarndeut-
schen Nationalität zurückzugewinnen bzw. zu stärken.
(Fortsetzung auf Seite 4)
SoNNTAGSBLATT 3
Ich bin in der glücklichen Situation, neben meinen zwei erwach- 2019, welcher schon im Juni 2018 angenommen wurde. Mit all
senen Töchtern drei kleine – heute vielleicht gar nicht mehr so diesem konnten wir folgende konkrete Maßnahmen erzielen:
kleine – Kinder zu haben, Gregor, 14 Jahre alt, meine Tochter
Maria, 12, und Annerose, 10 Jahre, alt. Mit ihnen habe ich per- 1.)
sönliche, lebendige Erfahrungen, was die Weitergabe der Natio- Innerhalb von zwei Jahren konnten wir die Gehaltszulagen der
nalitäten-Muttersprache über die Familie betrifft und welche ich Nationalitäten-Pädagogen (wir sprechen von fast 3000 Perso-
liebend gerne im Detail mit Ihnen teilen würde, jedoch bedürf- nen) von 10% auf 30% erhöhen.
te dies eines längeren Vortrages. Auch meine Frau stammt aus
einer langansässigen Wuderscher Schwabenfamilie, der Hau- 2.)
ser-Familie, und ist Pädagogin in der ungarndeutschen Nationa- Mit dem 1. September 2018 haben wir für die Studierenden der
litätenbildung. Nationalitäten-Kindergartenpädagogik ein Stipendien-System
eingeführt. Sie werden diese Stipendien nicht nur während der
Kurz gesagt: Wir haben alles darum getan, dass unsere Kinder Ausbildung von 3-4 Jahren, sondern auch in den 3-4 Jahren des
mit deutscher Muttersprache aufwachsen. Nach einigen Jahren, Berufseinstiegs erhalten.
als wir schon langsam begannen das Ziel aufzugeben, dass sie
aktiv Deutsch sprechen werden, brach das Eis. Zuallererst bei 3.)
der Kleinsten, Annerose, die, aus Deutschland zurückgekehrt, Im Januar 2019 werden die 8 Universitäten und Hochschulen,
fortlaufend weiter Deutsch sprach. Daraufhin begann auch Maria welche die Ausbildung von Nationalitäten-Kindergartenpädago-
wenige Wochen später durchgehend Deutsch zu sprechen und gen anbieten, eine besondere Förderung erhalten.
viel später schloss sich auch der Faulenzer Gregor an. Heute
sprechen sie schon jahrelang Deutsch untereinander, spielen 4.)
und lesen auf Deutsch. Heute also kann ich eindeutig behaup- Mit September 2019 werden die Kindergärten eine gezielte För-
ten, dass Deutsch für sie alle drei eine Muttersprache ist, zumin- derung erhalten, welche Pädagogen in einem Nationalitäten-Auf-
dest neben dem Ungarischen. bauprogramm fortbilden, die über einen ungarischen Abschluss
der Kindergartenpädagogik verfügen, aber selbst der ungarn-
Ich bin sehr stolz auf sie und denke, wenn meine Frau und ich deutschen Nationalität angehören.
etwas richtig gemacht haben, dann dies, dass wir unsere Kinder
zur deutschen Muttersprache erzogen haben. Nach dem Kindergarten sind auf der nächsten Stufe die Nationa-
litätenschulen und die Qualitätsverbesserung in der Ausbildung
Und glücklicherweise sind wir nicht die Einzigen. Auch andere der Nationalitäten-Lehrer, daher:
ziehen ihre Kinder in Ungarn zu deutschen Muttersprachlern auf.
Gleichzeitig muss man aber sehen, dass sich für den Großteil 1.)
der Kinder mit ungarndeutscher Abstammung nicht die Gelegen- werden wir mit dem 1. September 2018 auch in der universitä-
heit ergibt, die deutsche Muttersprache von zuhause, aus der ren Nationalitäten-Lehrerbildung das Stipendiensystem für die
Familie mitzubringen. Studierenden einführen sowie gezielte Förderungen der entspre-
chenden Hochschulen und die Haushaltsförderungen der an-
Womöglich weil der eine Elternteil nicht ungarndeutscher Ab- stellenden Schulen.
stammung ist, weil die Eltern oder Großeltern nicht mehr genü-
gend gut Deutsch sprechen oder nur weil sie sich nicht mehr 2.)
auf das Deutschsprechen einstellen können, keine Möglichkeit werden wir mit dem 1. Januar 2020 die Gehaltszulagen der Na-
haben ihre Kinder in eine Umgebung zu bringen, wo Deutsch tionalitäten-Lehrer um weitere 10% auf 40% erhöhen, diesen An-
muttersprachlich gesprochen wird und so weiter. spruch auf alle Pädagogen ausweiten und ein Differenzialsystem
einführen.
Was können wir also tun? Die Antwort ist eindeutig: Wir brau-
chen eine genügende Anzahl und ein genügendes Niveau von Gleichzeitig werden wir auch die Nationalitäten-Ausbildung für
deutschsprachigen Nationalitäten-Kinderkrippen, -Kindergärten Krippen-pädagogen in Gang setzen sowie ein ungarndeutsches
und - Schulen - in einem Netzwerk verbunden, in welchem die- Krippensystem ausbauen.
se Nationalitäteneinrichtungen den Kindern Deutsch als Mut-
tersprache dort zurückgeben können, wo die Familie dies nicht Wir müssen der qualitativen Förderung der deutschen Sprach-
mehr, noch nicht oder nur teilweise bereitstellen kann. kompetenzen in Bildung und Erziehung auf jedem Niveau eine
außerorderntliche Bedeutung zukommen lassen.
Die erste Stufe der Nationalitäten-Bildung sind die Kindergärten.
2016 erstellten wir in allen 215 deutschen Nationlitäten-Kinder- In dieser Qualitätsförderung kommt den Bildungs- und kulturel-
gärten eine vollumfängliche Studie über die 5 vorhergehenden len Einrichtungen, welche die Landes- und die lokalen Selbst-
und die 5 folgenden Jahre. Ebenso taten wir dies an den 8 Uni- verwaltungen übernommen haben, eine Schlüsselrolle zu. Ihre
versitäten und Fachhochschulen, welche für die Ausbildung der Anzahl hat sich in den letzten 5 Jahren vervielfacht.
Nationalitäten-Pädagogen verantwortlich sind. Auf der Grund-
lage der Auswertung dieser Daten und der Entwicklungsmög- Seit September 2018 unterhalten die Selbstverwaltungen in-
lichkeiten haben wir zum Ende April 2017 ein komplexes Bil- zwischen 64 ungarndeutsche Kindergärten, Grundschulen und
dungsprogramm für die deutschen Nationalitäten-Kindergärten Gymnasien, und mit dem 30. Juni 2018 haben die Selbstverwal-
ausgearbeitet. tungen dazu alle Rechte der Vermögensverwaltung der Einrich-
tungen erhalten. In diesen 64 Bildungseinrichtungen lernen jähr-
Darauf bauend wollten wir schon ab Januar 2018 stufenweise lich nahezu 15.000 ungarndeutsche Kinder. Das Schicksal ihrer
sowohl in der Quantität und vor allem die Qualität betreffend Ver- Nationalität liegt nunmehr – bildhaft und tatsächlich – in unseren
besserungen in der Ausbildung und der Erhaltung der Pädago- Händen!
gen der deutschen Nationalitäten-Kindergärten erreichen.
Mit dem Betrag von 80 Millionen Forint, ca. 250.000 Euro, konn-
Das komplexe ungarndeutsche Kindergartenpädagogen-Pro- ten wir diesen, von den deutschen Selbstverwaltungen über-
gramm erfuhr auch eine Vorzugsbehandlung im Gesetz über den nommenen Einrichtungen erstmals eine Sonderförderung im
Staatshaushalt 2018, welches die Bedürfnisse der nationalen Jahr 2017 zukommen lassen. 2018 betrug diese bereits 270
Minderheiten beinhaltet, sowie im Staatshaushalt für das Jahr
4 SoNNTAGSBLATT
Millionen Forint, nahezu 850.000 Euro. In wenigen Wochen, am
7. März, werden wir im Jäger-Saal des ungarischen Parlaments
Mut und Ausdauer
den geladenen Vertretern der deutschen Selbstverwaltungsein- können Berge versetzen
heiten und Nationalitätenschulen die Aufteilung dieser Förderung Ungarndeutsche Familien
für das Jahr 2019 unterbreiten, welche nun schon eine ganze
Milliarde 350 Millionen Forint, das sind 4 Millionen 220 Tausend und die deutsche (Mutter-)Sprache
Euro, sein werden.
Von Richard Guth
Somit wuchs die Sonderförderung der Nationalitäten-Selbstver-
Neulich war ich mit meinem Sohn in einer Budapester Kinder-
waltungen und der übernommenen deutschen Bildungs- und
Kultureinrichtungen innerhalb von 3 Jahren von 0 auf 4 Millionen klinik. Er musste stationär aufgenommen werden, so haben wir
220 Tausend Euro. die Nacht im Spital verbracht. Seit seiner Geburt rede ich mit ihm
ausschließlich deutsch, so war das auch während des Kranken-
Und lassen Sie mich noch ein herausragendes Ergebnis nenne, hausaufenthaltes. Die Reaktionen waren unterschiedlich, aber
welches in engem Zusammenhang mit der Pflege der ungarn- generell positiv, aufgeschlossen. Einige versuchten sogar, wie ei-
deutschen Muttersprache steht: Den jährlichen finanziellen Rah- ner der Kinderärzte, ihre Deutschkenntnisse zu reaktivieren und
men für deutschsprachige Kinder-Ferienlager, welcher im Jahre mit meinem Kind einige Worte auf Deutsch zu wechseln. Worte
2014 zugesichert wurde, konnten wir in den letzten 5 Jahren von der Vertrautheit, aber irgendwo der Fremdheit in einer anders-
30 Millionen Forint auf 600 Millionen Forint anheben, das bedeu- sprachigen Umgebung. Mich interessiert schon seit geraumer
tet, ihn verzwanzigfachen. In Euro gerechnet konnten wir also Zeit, wie andere ungarndeutsche Familien ihre „Andersartigkeit”
den Rahmen von kaum 94 Tausend Euro auf 1 Million 875 Tau- erleben. Andersartigkeit, denn in ihren Familien wird Deutsch als
send Euro, nochmals betont, verzwanzigfachen. Dies bedeutet, Mutter- (oder Vater)sprache gesprochen, etwas, was vor siebzig
dass heute eine Klasse von 25 deutschen Nationalitäten-Schü- Jahren noch etwas völlig Selbstverständliches war. Ich habe eine
lern, für einen deutsch-muttersprachlichen Schullager-Aufenthalt Familie aus der Region Nord und eine aus dem Süden hinsicht-
von 5 bis 7 Tagen in Österreich, Deutschland oder sei es Tirol pro lich ihrer Erfahrungen befragt.
Kind ganze 100-120 Tausend Forint, ganze 3-400 Euro, Förde-
rung erhalten kann.
In der Familie aus der Region Nord sind beide Elternteile Ungarn-
deutsche, oder „Donauschwaben”, wie sie es zu sagen pflegen,
Ich denke, dass diese Zahlen für sich sprechen.
die Familie in Südungarn ist eine deutsch-madjarische Familie,
Daher möchte ich auch hier und jetzt ein klares und ehrliches Ehemann Ungarndeutscher, Ehefrau Madjarin siebenbürgischer
Dankeschön an die ungarische Regierung und das ungarische Herkunft. Der Ehemann der ersten Familie hat im deutschspra-
Parlament aussprechen, im Namen der Ungarndeutschen und chigen Ausland studiert, beide Eheleute haben dort gearbeitet
aller 13 langansässigen Nationalitäten Ungarns. und halten es nach eigenen Angaben für wichtig, dass „die Spra-
che der Ahnen nicht verloren geht”. Über eine ähnliche Motiva-
Nicht zufällig habe ich neben der ungarischen Regierung auch tion berichtet der Fünfkirchener Familienvater: „Ich bin in einer
das ungarische Parlament genannt, darunter alle Oppositions- ungarndeutschen Familie aufgewachsen, habe noch die frän-
fraktionen und fraktionslose Abgeordnete, denn in der vergange- kisch-fuldische Mundart meiner Ahnen mit in die Wiege gelegt
nen 4-jährigen Amtszeit sowie auch im neuen Parlament seit den bekommen, also war es meinerseits gar keine Frage, ob ich die
letzten Wahlen im April 2018 wurden alle seitens der deutschen deutsche Sprache meinen Kindern weitergeben soll.“ In der Of-
Nationalitätenvertretung eingereichten Gesetzesinitiativen und ner Familie würde fast ausschließlich deutsch gesprochen, dies
-änderungsinitiativen einstimmig beschlossen! gelte auch für die Kommunikation der Kinder und Eheleute unter-
einander. Die Fünfkirchener Familie hat sich für das Modell „eine
Die Belange der nationalen Minderheiten Ungarns wurden, unter Person-eine Sprache“ entschieden, so spricht der Familienvater
nationalem Konsens, aus dem täglichen politischen Streit her-
mit ihren beiden Kindern deutsch, die Ehefrau ungarisch. Hier
ausgehalten, und hierfür bedanken wir uns zutiefst bei allen 198
sprechen die Eheleute untereinander ungarisch, „eine Gewohn-
Abgeordneten, Gott erhalte ihnen diese gute Sitte!
heitssache“, so der Familienvater. Der Dialekt spielt in keiner der
Mit den Entwicklungen der letzten 5 Jahre, der direkten parla- beiden Familien eine Rolle, lediglich die Kinder der Fünfkirche-
mentarischen Vetretung der nationalen Minderheiten, der hierzu ner Familie hätten noch die Gelegenheit, der Urgroßmutter beim
garantierten einheitlichen Unterstützung seitens Regierung und Mundartsprechen zuzuhören und für Schulwettbewerbe Mund-
Parlament haben wir alle Gelegenheit dazu, tiefgreifende quali- artgeschichten zu lernen.
tative Veränderungen zugunsten der Kinder, was ihr Leben und
ihre Zukunft als Teil dieser deutsche Nationalität betrifft, zu er- Mit dem deutschen Sprachgebrauch scheinen sie nicht alleine
reichen. dazustehen: „Es gibt mehrere Familien in meinem Bekannten-
und Verwandtenkreis, in denen Deutsch wegen der ungarndeut-
Wir müssen die Gelegenheiten, welche wir bekommen oder viel- schen Wurzeln weitergegeben wird. Mehrere meiner ehemaligen
mehr Kommilitonen von der Uni versuchen ihrem Nachwuchs Hoch-
die wir uns erkämpft haben, nur gut nutzen! deutsch als (zweite) Muttersprache mit auf den Weg zu geben“,
so der Familienvater aus Südungarn. Er berichtet ferner von
Ich bin außerordentlich optimistisch und werde meinerseits im Familien aus dem Bekannten- und Freundeskreis, in denen der
Parlament weiterhin alles darum tun und hierzu erbitte ich auch Sprachgebrauch nicht auf entsprechende Wurzeln zurückzufüh-
Ihre Hilfe, Zusammenarbeit und Unterstützung in jeder Form für
ren wäre, sondern vielmehr auf praktische Erwägungen, wo der
die Zukunft der Kinder in unserer deutschen Nationalität!
eine Ehepartner eine bestimmte Sprache (in der Regel Englisch
oder Deutsch) gut beherrscht. Das Ofner Familienoberhaupt
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Emmerich Ritter kennt nach eigenen Angaben auch Familien, in denen man ja
Parlamentarischer Abgeordneter der Ungarndeutschen versuchen würde, in der Familie deutsch zu sprechen, aber als
besondere Schwierigkeit würde sich die Inkonsequenz erweisen,
Quelle: Internetseite des Generalkonsulats von Ungarn in Mün- denn man neige dazu, wenn es kompliziert wird, auf das Unga-
chen
rische zurückzugreifen. Diese Inkonsequenz nütze aber beim
Lesen Sie auch unseren Kommentar „Mit mehr Ködj noch Aufbau ein- und zweisprachiger Sprachstrukturen in der Familie
kein Erfolg” im Ressort „Merkwürdigkeiten”. nicht viel.
(Fortsetzung auf Seite 6)
SoNNTAGSBLATT 5
Ein Prozess, der sich gerade im Kleinkindesalter mehr als inte- Städtebaulicher Kampf um
ressant entwickelt. Die Ofner Familie, in der die Kinder in einer
ungarischen Umgebung neben der ungarischen auch die deut- Deutungshoheit
sche Sprache spielerisch erlernt hätten, fand es verblüffend, Imre-Nagy-Denkmal demontiert
„wie schnell sie gemerkt haben, mit wem sie in welcher Sprache
kommunizieren können.“ Einen Einschnitt bedeutete in der Fünf- Von Katrin Holtz
kirchener Familie die Aufnahme der Kinder in die (ungarischspra- Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Chef-
chige) Kinderkrippe: „Als die Kinder zur Kinderkrippe mussten, redakteurs der Budapester Zeitung, Jan Mainka. Erschienen in
da wir beide die Arbeit aufzunehmen gezwungen waren, habe 1/2019 der Budapester Zeitung.
ich beide Male einen enormen Rückgang in den Deutschkennt-
nissen erlebt, meine ältere Tochter fragte mich sogar: „Te miért Auf halbem Weg über eine Brücke, die zugleich den Weg in die
születtél Deutsch-nak?” Nachdem wir die Frage geklärt haben Freiheit symbolisiert, blickte die Statue Imre Nagys seit 1996
(sie war vielleicht vier Jahre alt!) ging es wieder bergauf, obwohl vom Vértanúk tér aus in Richtung Parlament. Der Premier von
auf deutsche Fragen manchmal ungarische Antworten kamen. 1956 war wegen seiner Rolle im Ungarischen Volksaufstand von
Ich habe aber ausgeharrt und nicht locker gelassen, oft abgewar- den Kommunisten gehängt und anonym verscharrt worden. Am
tet, bis nach der ungarischen Antwort auch die deutsche kam, 28. Dezember wurde das ihm gewidmete Denkmal auseinander-
oder die ungarische einfach außer Acht gelassen, als ob sie gar genommen und abtransportiert.
nichts gesagt hätte oder einfach ,Wie bitte?` gesagt, dann wusste
sie schon, dass sie – ohne es gemerkt zu haben – ungarisch zu In den frühen Morgenstunden des letzten Freitags im alten Jahr
mir gesprochen hat.“ Der Familienvater spricht vom Glück, dass holte ein Sattelschlepper die Statue des Revolutionshelden Imre
es in Fünfkirchen sowohl einen deutschsprachigen Kindergarten Nagy vom Budapester Vértanúk tér ab. Grund dafür ist die ge-
als auch eine solche Schule gibt. Hinsichtlich der Stärkung der plante Rekonstruktion des Platzes in seinem Zustand von vor
Deutschkenntnisse im Kindergarten spricht er von anfänglichen
1945. Dazu gehört auch die Wiedererrichtung des 1934 an die-
Bedenken (was auch die Informationen des Sonntagsblattes aus
ser Stelle eingeweihten Denkmals für die Opfer der kommunis-
dem Kreise von Vertretern von Nationalitätenkindergärten stüt-
tischen Diktatur von 1918-1919, so der Hauptkoordinator des
zen, wonach die Kinder am Ende der Kindergartenzeit die Spra-
Projektes, Tamás Wachsler, gegenüber der Nachrichtenagentur
che eher passiv beherrschen würden): „Im Kindergarten hatte ich
MTI. Dem musste Imre Nagy nun also weichen.
meine Bedenken, da in der Gruppe meiner älteren Tochter eine
Zeit lang nur sie wirklich Deutsch von zu Hause mitgebracht hat,
die anderen Kinder profitierten davon, auch die Erzieherinnen Vom Parteisoldaten zum Revolutionshelden
freuten sich, nur mir war das Ganze zu wenig. Die Situation än-
derte sich zum Glück und in der Schule besuchen beide meiner Die aus einer Brücke und einer überlebensgroßen bronzenen Fi-
Töchter eine einsprachig deutsche Klasse. Seit der Einführung gur bestehende Installation wurde von Tamás Varga entworfen
der einsprachigen Klasse an der Valeria-Koch-Grundschule im und 1996 zum 100. Geburtstag von Nagy am Vértanúk tér aufge-
Jahre 2013 gibt es sichtbare/hörbare Unterschiede gegenüber stellt. Mit ihr sollte der Übergang Ungarns zur Demokratie geehrt
den Parallelklassen, wo „nur“ ein erhöhter Deutschunterricht zu- werden, für den Nagy lange Zeit als Symbolfigur galt. Dabei ist
gegen ist. Ich muss dem aber hinzufügen, dass in die einsprachi- der ehemalige kommunistische Parteisoldat und spätere Revolu-
ge Klasse auch hauptsächlich diejenigen Kinder gehen, die die tionsheld nicht ganz unumstritten.
Sprache von zu Hause mitbringen oder zumindest Vorkenntnisse
haben. Für uns war die Institution aber die beste Wahl!“ Auch Geboren 1896 kam Nagy, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, erst-
die Ofener Familie entschied sich für eine deutschsprachige mals während seiner Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft in
Einrichtung, die Deutsche Schule. In Budapest gibt es gegen- Kontakt mit der sozialistischen Idee, für die er sich bald bren-
wärtig keine einsprachige Einrichtungen in der Trägerschaft des nend engagierte. So schloss er sich etwa den Roten Garden an,
Staates oder von deutschen Nationalitätenselbstverwaltungen, wurde 1920 Mitglied der Kommunistischen Partei Russlands und
dafür aber mehrere, deren Träger jeweils eine Stiftung ist, die landete im Ungarn der Horthy-Zeit mehrmals aufgrund „illegaler
aber Schulgeld erheben (bei vorhandenen Stipendienmöglich- kommunistischer Aktivitäten“ in Polizeigewahrsam, weshalb er
keiten). Landesweit sieht es hinsichtlich einsprachiger Angebote es vorzog, 1930 ins Exil in die Sowjetunion zu gehen.
noch bescheidener aus (bis auf die genannte Koch-Grundschu-
le), selbst zweisprachige Angebote (die hinsichtlich der Intensität 1944 kehrte Nagy mit der Roten Armee nach Ungarn zurück. Un-
des Fachunterrichts in deutscher Sprache große Unterschiede ter der ersten kommunistischen Regierung übernahm der Bau-
aufweisen) sind rar. Die Kinder aus der Ofner Familie besuchen ernsohn aus Kaposvár den Posten des Landwirtschaftsministers
die Deutsche Schule Budapest, denn es liege ihnen viel an der und galt hier als Vater der ungarischen Bodenreform. Innerhalb
Förderung der Deutschkenntnisse der Kinder über den Kontakt der Partei eckte er jedoch mit seinen vergleichsweise liberalen
zu anderen Muttersprachlern. Vorstellungen immer wieder an.

Darüber hinaus empfehlen die beiden Familienväter anderen Nach dem Tode Stalins wurde Nagy 1953 überraschend Minister-
Ungarndeutschen, die ihre Kinder ein- oder zweisprachig erzie-
präsident und begann eine durchgreifende Reformpolitik in Gang
hen wollen, nicht aufzugeben: „Es wäre oft einfacher den Kin-
zu setzen. Einige Punkte konnte er verwirklichen, bevor sich das
dern etwas auf Ungarisch zu erklären, aber man muss sehr, sehr
politische Klima erneut änderte. Nagy, der mit seiner Idee eines
konsequent bleiben. Die Sprache ist ein großer Schatz, geben
„nationalen und menschlichen Sozialismus“ zum Hoffnungsträ-
wir sie weiter!“ Sie raten ferner, Kinder bewusst und spielerisch
zu fördern. Auch der Fünfkirchener Familienvater zeigt sich über- ger vieler wurde, wurde 1955 von seinen Ämtern enthoben und
zeugt: „Es gibt unterschiedliche Meinungen, wer sein Kind in der aus der Partei ausgeschlossen. Erst als sich im Oktober 1956
eigenen (auch wenn schwächeren) (Mutter)Sprache erziehen der Volksaufstand zuspitzte, wurde der beim Volk beliebte Nagy
soll, ich bin aber fest davon überzeugt, wenn man den Mut und als Ministerpräsident reaktiviert, um die Situation zu beruhigen.
die Ausdauer hat, sollte man unbedingt versuchen die Sprache
der Ahnen weiterzugeben, das soll auch heißen, dass man sich Doch entgegen der Hoffnung der kommunistischen Hardliner
Mühe gibt und bereit erklärt, seine eigenen sprachlichen Schwä- stellte sich dieser auf die Seite der Aufständischen. Er forderte
chen aus dem Weg zu schaffen. Es gibt ja dafür heutzutage un- den Abzug der Roten Armee, kündigte ein Mehrparteiensystem
zählige Möglichkeiten. Eine (zweite, dritte…) Sprache seinem an und sprach sich für die parlamentarische Demokratie aus.
Kind schenken zu können, kann wohl kaum überboten werden!“ Doch schon drei Tage nachdem Nagy Anfang November die
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Mitgliedschaft Ungarns im Warschauer Pakt aufgekündigt hatte, gestimmt hatte und die Pläne für den Platz auch schon davor
rückten sowjetische Panzerverbände in Ungarn ein und walzten bekannt waren, formte sich handfester Widerstand erst nach-
den Aufstand blutig nieder. Nagy, der sich zunächst in die Jugos- dem am 28. Dezember Tatsachen geschaffen worden waren.
lawische Botschaft flüchten konnte, wurde gefangen genommen Einem Aufruf der Demokratischen Koalition (DK) zu einer Pro-
und wegen Landesverrates zum Tode verurteilt. Am 16. Juni testveranstaltung noch am selben Abend folgten knapp tausend
1958 wurde er 62-jährig im Hof des Budapester Zentralgefäng- Menschen. Dort sprach unter anderem auch die Enkelin des
nisses gehängt und anschließend in einem anonymen Massen- Revolutionshelden, Katalin Jánosi, die ebenso wie die Imre-Na-
grab verscharrt. gy-Gesellschaft den Abbau der Statue scharf verurteilte. Viele
stellten darüber hinaus am vorerst leeren Vértanúk tér Kerzen
Verhältnis des Fidesz zu Nagy gespalten auf.

Erst nach der politischen Wende wurde Nagy offiziell rehabilitiert Was den Verbleib des Denkmals angeht, so befindet es sich laut
und feierlich neubestattet. Mit dabei: der junge Studentenführer Tamás Wachsler, dem verantwortlichen Projektleiter, derzeit in
Viktor Orbán. Der heutige Ministerpräsident feierte hier seine Restauration. Mitte des Jahres soll der Ministerpräsident der Re-
erste große Stunde auf der politischen Bühne. In einer bis heute volution dann seinen neuen Platz auf dem nahe der Margareten-
unvergessenen, flammenden Rede verneigte Orbán sein Haupt brücke gelegenen Jászai Mari tér finden. Bis dahin werde auch
nicht nur vor den Reformkommunisten, sondern bezeichnete das anhand von zeitgenössischen Fotografien und Dokumenten
Nagy sogar als „letzten verantwortungsvollen Ministerpräsiden- authentisch rekonstruierte Denkmal für die Opfer des Roten Ter-
ten Ungarns“. Nagy war damals eine der wenigen positiven his- rors fertiggestellt sein.
torischen Figuren des 20. Jahrhunderts auf die sich beide politi-
schen Seiten einigen konnten. In der Septemberausgabe des Sonntagsblattes (3/2018) ist
unter dem Titel „Zieht Imre Nagy um?” bereits ein Meinungs-
Heute stellen viele von Orbáns Parteigenossen, darunter auch artikel von Patrik Schwarcz-Kiefer zum Thema erschienen.
Parlamentspräsident László Kövér, jedoch die Rolle von Imre
Nagy als demokratischen Volkshelden infrage. Der konservati-
ve Historiker und Fidesz-Bezirksabgeordnete Gábor Sebes be-
zeichnet Nagy gar als einen „opportunistischen Kommunisten,
der erkannt habe, dass ein Seitenwechsel und die Unterstützung
der Revolutionäre in seinem besten Interesse sind“. Auch das
Fidesz-nahe Onlineportal Pesti Srácok schreibt: „Man hätte Nagy Sloweniendeutsche: VLÖ weist die
seine Sünden nie vergeben sollen. Damit bietet man Raum für Äußerungen des slowenischen
die Annahme, dass es auch anständige Kommunisten gegeben
hätte.“ Das Portal begrüßt die Umsetzung des Denkmals.
Außenministers zurück
Opposition vermutet Geschichtsumdeutung Von Ing. Norbert Kapeller

Ganz anders sehen es die unabhängigen und oppositionellen Die offizielle Anerkennung der deutschen altösterreichischen
Medien. Das Nachrichtenportal index.hu wirft der Orbán-Regie- Minderheit in Slowenien ist für den VLÖ unumgänglich
rung vor, die „Geschichte ausradieren zu wollen“. Die Argumen-
tation, dass man nur den ursprünglichen Zustand des Platzes „Natürlich können wir solche Aussagen nicht unkommentiert
wiederherstellen wolle, lässt es nicht gelten und vermutet, dass stehen lassen“, sind sich die Verbandsvertreter des VLÖ, allen
nicht nur der Platz, sondern mit ihm auch unser Geschichtsbild voran VLÖ-Präsident Dipl.-Ing. Rudolf Reimann und VLÖ-Ge-
restauriert werden sollen. So versuche man das Horthy-Regime neralsekretär Ing. Norbert Kapeller, einig und weisen die jüngs-
zunehmend zu rehabilitieren. Eine Zeit, die, wie Index schreibt, ten Äußerungen des slowenischen Außenministers Miro Cerar
vom „wachsenden Judenhass, der Einschränkung der Freiheits- zurück, wonach dieser am Wochenende das „Nein“ Sloweniens
rechte und von einer immer engeren Bindung an das faschisti- zur Anerkennung der „deutschsprachigen Minderheit“ bekräftigte
sche Naziregime geprägt war.“ Dem stimmt auch Péter Krekó, und es dafür auch keine rechtliche Grundlage gebe. „Die Presse“
Politanalyst und Leiter des ungarischen Thinktanks Political Ca- berichtete darüber in Ihrer Online-Ausgabe am Samstag. (01. 12.
pital, zu, der in einem Statement gegenüber der New York Times 2018, Red.)
von dem Versuch spricht, „die rechte, autoritäre Vergangenheit
Ungarns wiederzubeleben“. „Diese Aussagen des slowenischen Außenministers sind natür-
lich ein Schlag ins Gesicht für all jene, die sich ehrlich und inter-
Der ungarische Historiker Krisztián Ungváry sieht in der Umplat- essiert für die Belange der deutschen altösterreichischen Volks-
zierung des Denkmals ebenfalls „ein schlechtes Zeichen für die gruppe in Slowenien einsetzen, deren langjährige Forderung im
Zukunft“. „Es gibt wenige Denkmäler, die künstlerisch so gut um- Sinne der offiziellen Anerkennung als autochthone Minderheit
gesetzt sind und dabei der Realität des 20. Jahrhunderts in ihrer unterstützen und somit auch den nachhaltigen Fortbestand die-
Komplexität derart gerecht werden, wie das von Tamás Varga ser sichern wollen“, führt Generalsekretär Kapeller weiter an.
geschaffene Denkmal Imre Nagys“, so Ungváry. Der Historiker
weist dabei auch auf das Wechselspiel zwischen Installation und „Man fragt sich natürlich schon, was Außenminister Cerar mit
Standort hin: „Nagys Blick richtet sich bewusst auf das Parla- seinen Worten bezwecken will, indem er sagt, dass Slowenien
ment, es ist Teil der Botschaft. Dies würde an einem anderen die deutsche Volksgruppe zwar in der Erhaltung der Identität
Standort verfälscht.“ Der Kritik einiger Politiker und Publizisten, unterstützen will, dieser aber gleichzeitig einen offiziellen Min-
die Nagy seine kommunistische Vergangenheit ankreiden, ent- derheitenstatus verwehren möchte“, ortet Kapeller Widersprüch-
gegnet Ungváry: „Als Christ denke ich, dass das Schicksal eines lichkeit bei Außenminister Cerar und fragt sich darüber hinaus,
Mannes, der seine Sünden bereut hat, dafür sogar sein Leben wie man in Laibach die rechtlichen Grundlagen im Sinne der An-
ließ, viel mehr über Menschlichkeit aussagt.“ Ungvárys Ansicht erkennung der deutschen Volksgruppe derartig negieren könne.
nach sollte man das Erbe des Reformkommunisten abseits von
Parteipolitik würdigen: „Nagy ist nicht nur ein Held für die Linke, Die Aussage Cerars, dass es auch „keine Veranlassung dazu
sondern für alle Ungarn.“ gebe, der ethnischen Gruppe einen Sonderstatus zu verleihen“,
lässt die VLÖ-Verantwortlichen ebenfalls irritiert zurück. „Die
Obwohl der ungarische Ausschuss für Gedenkstätten bereits An- deutsche altösterreichische Volksgruppe in Slowenien will kei-
fang Dezember endgültig dem Abbau des Nagy-Denkmals zu- (Fortsetzung auf Seite 8)
SoNNTAGSBLATT 7
nen ‚Sonderstatus’, sondern bloß die gleiche Form der offiziellen politik so üben, indem wir im Bewusstsein unserer Geschichte
Anerkennung, wie sie auch die Italiener und die Ungarn in Slo- mit einem verständnisvollen, aber auch selbstbewussten Ansatz
wenien genießen – nicht mehr und nicht weniger“, so Kapeller handeln“, so die Außenministerin, die am Beispiel Slowenien
weiter. auch ihre Bemühungen hinsichtlich der dortigen verfassungs-
rechtlichen Anerkennung der deutschsprachigen Minderheit
„Dies dürfte doch eigentlich für ein Land, das seit 2004 in der abermals unterstrich. „Wir freuen uns wirklich sehr, dass Bundes-
EU ist, Ende 2018 kein Problem mehr sein und Slowenien sollte ministerin Dr. Karin Kneissl Zeit gefunden hat, diese VLÖ-Aus-
gerade in diesem Bereich seinen eigenen ehrlichen – und von zeichnung persönlich im Kulturzentrum „Haus der Heimat“ in
Ressentiments befreiten – Teil zu einem Europa der Menschen- Empfang zu nehmen, sind wir uns doch der vielen Terminver-
rechte, der kulturellen Identität und sprachlichen Vielfalt beitra- pflichtungen unserer Außenministerin bewusst. Wir bedanken
gen“, so der VLÖ-Generalsekretär abschließend. uns außerordentlich für die wertschätzenden und anerkennen-
den Worte, die sie unserem Verband gegenüber ausgesprochen
hat“, so VLÖ-Generalsekretär Kapeller abschließend.

Auszeichnung für die


Außenministerin Österreichs
1918: Schicksalsjahr
VLÖ zeichnete Außenministerin Dr. Karin Kneissl mit der für die Siebenbürger Sachsen
„Goldenen Ehrennadel des VLÖ“ aus
Vortrag von Herrn Mag. Volker Petri
Ein besonderer Veranstaltungshöhepunkt erwartete die zahlrei-
chen Gäste am Mittwochnachmittag, den 19. Dezember 2018, Zu einem interessanten Vortrag von HR Mag. Volker Petri luden
im Kulturzentrum „Haus der Heimat“: Außenministerin Dr. Karin die Verantwortlichen des Verbandes der deutschen altösterrei-
Kneissl war der Einladung der VLÖ-Verantwortlichen gefolgt, die chischen Landsmannschaften in Österreich (VLÖ) am Mittwoch,
im entsprechenden Rahmen ihren besonderen Dank für die ste- den 30. Jänner 2019, in das Kulturzentrum „Haus der Heimat“
tige und professionelle Unterstützung des Außenministeriums im ein. Der 2. VLÖ-Vizepräsident Mag. Ludwig Niestelberger, der
Sinne der Interessen der Heimatvertriebenen und Heimatverblie- durch das Programm führte, freute sich, neben zahlreichen Gäs-
benen zum Ausdruck bringen wollten. ten siebenbürgisch-sächsischer Abstammung einige VLÖ-Vor-
standsmitglieder - allen voran VLÖ-Präsident Dipl.-Ing. Rudolf
VLÖ-Präsident Dipl.-Ing. Rudolf Reimann und VLÖ-General- Reimann – und weitere VLÖ-Funktionäre zum Vortrag des ehe-
sekretär Ing. Norbert Kapeller freuten sich, zahlreiche Ehren- maligen Bundesobmanns der Siebenbürger Sachsen in Öster-
gäste im „Haus der Heimat“ begrüßen zu dürfen, darunter den reich begrüßen zu dürfen.
serbischen Botschafter in Österreich, Nebojša Rodić, Dr. Jakub
Novák (Ständiger Vertreter der Botschafterin der Tschechischen Herr Mag. Volker Petri, 1947 im siebenbürgischen Heltau/
Republik in Wien), Gesandte Mag. Dr. Susanne Bachfischer Cisnădie geboren, dem die Dokumentation und die Fortführung
vom BMEIA, Krzysztof Rychter (1. Botschaftssekretär der Bot- der siebenbürgisch-sächsischen Kultur in Österreich stets ein
schaft der Republik Polen in Wien), Landtagspräsident a. D. Jo- Anliegen ist, ging in seinem Vortrag auf die Folgen des Kriegs-
hann Herzog, LAbg. aD Dr. Rüdiger Stix sowie die Vertreter des endes 1918 und der Verträge von Versailles und Trianon ein und
VLÖ-Vorstandes und der einzelnen Teilorganisationen. richtete dabei seinen Fokus auf die Minderheiten im damals neu-
en Großrumänien. Insbesondere beleuchtete Petri die damalige
VLÖ-Generalsekretär Kapeller umriss für die österreichische Situation für die Siebenbürger Sachsen in einem zentralistischen
Außenministerin in seinen einleitenden Worten die wichtigen und minderheitenfeindlichen Land.
Aufgaben des VLÖ und skizzierte ebenfalls die künftigen Her-
ausforderungen des Verbandes, um vor allem das geistige und „Das Kriegsende 1918 veränderte Siebenbürgen und das Leben
kulturelle Erbe der Heimatvertriebenen und Heimatverbliebenen der Siebenbürger Sachsen von Grund auf: Die Friedensverträge
auch für künftige Generationen zu sichern. Kapeller unterstrich von Trianon und Paris-Versailles 1919/20 schlugen Siebenbür-
dabei auch die wichtige Zusammenarbeit mit dem Referat IV.3.a gen, das rumänische Banat, die Bukowina, Dobrutscha und Bes-
im BMEIA, welches für die Angelegenheiten der deutschsprachi- sarabien Großrumänien zu. Die Staatsfläche erhöhte sich von
gen Volksgruppen im Ausland und die Restitutionsangelegenhei- 130.000 km2 auf 295.000 km2 um 227 % und so wurde Groß-
ten zuständig ist und bedankte sich dabei insbesondere bei Ges. rumänien zum zweitgrößten osteuropäischen Land neben Polen
Mag. Dr. Susanne Bachfischer und Ges. Mag. Wolfgang-Lukas und zählte 18.057.028 Einwohner. Am 8. Jänner 1919 haben
Strohmayer für die stets professionelle Unterstützung. Nicht un- 138 siebenbürgisch-sächsische Vertreter einstimmig für den An-
erwähnt ließ Kapeller dabei freilich die von BM Dr. Karin Kneissl schluss an das Königreich Rumänien gestimmt. Dies ist aus der
ermöglichte Förderung der deutschsprachigen Volksgruppe in ‚Mediascher Anschlusserklärung’ ersichtlich. Am 6. September
Slowenien, die nun jährlich mit einem Betrag von € 70.000,- aus 1919 haben sie darauf in Schäßburg ihre Wünsche und Erwar-
dem Budget des BMEIA unterstützt wird. tungen am 4. Sachsentag in einem 100-seitigen Memorandum
formuliert. Rumänien wusste, dass die Stimme der Siebenbürger
Daran anschließend verliehen die Vertreter des VLÖ-Vorstandes Sachsen bei den Großmächten entscheidend sein konnte“, so
die höchste Auszeichnung, die der VLÖ zu vergeben hat - die Volker Petri in seinen Ausführungen, der daraufhin Dr. Paul-Jür-
„Goldene Ehrennadel des VLÖ“ -, an die österreichische Außen- gen Porr anlässlich eines Vortrages im Oktober 2018 zitierte:
ministerin, die sich sichtlich über diese Verleihung freute – „Mei- „Diese Erklärung der Siebenbürger Sachsen war das Zünglein
ne erste Auszeichnung“, wie sie lächelnd anmerkte. an der Waage beim Entscheiden der Großmächte in Versailles
und Trianon. Man kann also ruhig behaupten, dass die Sieben-
„Die Unterstützung der Anliegen der deutschsprachigen Volks- bürger Sachsen zu den Gründern von Großrumänien vor 100
gruppen in den Ländern der ehemaligen Donaumonarchie ist im Jahren gehörten!“
österreichischen Außenministerium eine wesentliche Aufgabe,
die wir entsprechend wahrnehmen. Ich bin mit vielen Vorsätzen „Nun konnten die Siebenbürger Sachsen die gemeinsamen Inte-
angetreten, unter anderem auch, dass wir die Nachbarschafts- ressen aller Deutschen Rumäniens vereinen und vertreten. Über
8 SoNNTAGSBLATT
alle konfessionellen, sprachlichen und historischen Unterschiede Tagen von 1989 beziehungsweise in den ersten Tagen von 1990
hinweg schlossen sie sich am 6. September 1919 in Temesch- gegründet wurde – zuerst gab es einige Ortsgruppen, danach
burg im ‚Verband der Deutschen in Rumänien’ zusammen. Der wurden regionale Gruppen gegründet. Zurzeit hat das Demo-
neue Staat Großrumänien hielt sich dabei an das französische kratische Forum der Deutschen in Rumänien 40.000 Mitglieder
Vorbild und wurde zu einer zentralistischen - von Bukarest aus und versucht als kleine Organisation die Rolle eines Katalysators
regierten - Monarchie“, so Petri weiter, der kurz darauf den am 9. einzunehmen.
Dezember 1919 abgeschlossenen ‚Minderheiten-Schutzvertrag
der Westmächte mit Rumänien thematisierte und später sehr de- Im Stephan-Ludwig-Roth-Lyzeum Mediasch hat man ein Sympo-
tailliert die neuen Gesetze Großrumäniens nach 1919 und die sium zu dem Anlass veranstaltet, dass sich vor hundert Jahren,
entsprechenden Auswirkungen auf die Siebenbürger Sachsen Januar 1919, die Sächsische Nationalversammlung für den An-
darstellte. schluss der von Sachsen bewohnten Gebiete an Rumänien aus-
gesprochen hat. Dem Symposium wohnte auch der Botschafter
„Schlussendlich leiten meiner Meinung nach die Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland, Cord Meier-Klodt, bei.
nach dem 1. Weltkrieg auch das Ende der Siebenbürger Sachsen
und ihrer über 850-jährigen Geschichte in Siebenbürgen indirekt
ein. Nach 1945 haben die Siebenbürger Sachsen im Kommunis-
mus durch Willkür, Enteignung und Entrechtung sowie Familien-
trennungen bzw. - zusammenführung ihre Identifizierung mit der
Heimat immer mehr verloren und sich nach der neuen Wunsch-
heimat ‚Deutschland’ gesehnt. 1990 wanderte der Großteil der Silvesterbegegnung in Budapest
Siebenbürger Sachsen nach Deutschland ’aus’, da die neue Re-
gierung sie rechtlich benachteiligte, auf ihre spezielle Situation Von Petr Veselý aus Brünn/Brno in Tschechien, der im Jahr
und Forderung nicht einging und sie in Rumänien keine Zukunft 2018 im Rahmen eines Europäischen Freiwilligendienstes
mehr sahen. Weniger als 10 % verblieben nach der Revolution (EVS) im Büro der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde in
München arbeitete – die Silvesterbegegnung stellte somit den
1989/90 in Rumänien. Es gehört zu einer besonderen Fügung krönenden Abschluss seines Freiwilligenjahres dar.
in der Geschichte Österreichs, dass etwa 20.000 Siebenbürger
Sachsen aus Nordsiebenbürgen und einigen Grenzsiedlungen
Südsiebenbürgens und deren Nachkommen nach ihrer Flucht
und Ankunft im Spätherbst 1944 in Österreich eine neue Hei-
mat fanden. Das Besondere daran ist wohl die Tatsache, dass
viele gerade in jenen Landesteilen Oberösterreichs siedeln, aus
welchen im 18. Jahrhundert unter den katholischen Kaisern Karl
VI. und Maria Theresia etwa 6.000 ‚evangelische Landler’ nach
Siebenbürgen ‚transmigriert’, d.h. damals zwangsumgesiedelt
wurden“, so Volker Petri am Ende seines Referats.

Die Rumäniendeutschen seien mit Das Jahresende wird in der Mehrheit der europäischen Kulturen
der Minderheitenpolitik des Staates und Länder von riesengroßen Feiern begleitet und nicht anders
war es auch in diesem Jahr. Die Menschen in ganz Europa re-
zufrieden, behauptet der Vorsitzende kapitulieren das vergangene Jahr und lassen die Feuerwerke
des DFDR los, um in das neue Jahr mit einer guten Laune reinzurutschen.
Auch die Junge Aktion folgt dieser Tradition und organisiert für
Erschienen auf transindex.ro, 19. 01. 2019,
deutsche Übersetzung: R. Guth ihre Mitglieder jedes Jahr eine Silvesterbegegnung. Die diesjäh-
rige Silvesterbegegnung hob sich allerdings wesentlich von allen
Die rumäniendeutsche Gemeinschaft sei mit der Minderheiten- vorherigen ab, weil sie weder in Tschechien noch in Deutschland
politik des Staates zufrieden, Autonomie sei kein Thema für sie, stattfand, was die Länder sind, in denen sie normalerweise aus-
betonte der Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deut- gerichtet wird; dieses Jahr wurde die Silvesterbegegnung näm-
schen in Rumänien (DFDR), Dr. Paul-Jürgen Porr, am Samstag lich in der ungarischen Hauptstadt Budapest veranstaltet.
in Mediasch.
Die Idee, eine Silvesterbegegnung in Budapest zu organisieren,
kam schon vor zwei Jahren auf den Tisch, und nach zwei Jah-
„Für die deutsche Gemeinschaft ist die Autonomie kein Thema,
ren – voll von Vorbereitungen und Verabredungen mit den Bu-
wir distanzieren uns jederzeit von derartigen Tendenzen. Wir sind dapester Organisationen – wurde die Idee endlich umgesetzt.
zufrieden mit der Minderheitenpolitik des rumänischen Staates, Neben der finanziellen Förderung war für die Verwirklichung un-
die Bildungs- und Schulpolitik inbegriffen”, sagte Porr. erlässlich, einen Partnerverein in Budapest zu finden, der an der
Ausrichtung mitwirken würde. Des Weiteren galt es auch Räume
Der Vorsitzende des DFDR betonte, dass es in Rumänien bereits zu finden, in denen das Programm realisiert werden könnte; für
vor 1989 Klassen mit deutscher Unterrichtssprache gab, was als die beiden zu erledigenden Dinge wurde eine Lösung gefunden.
Privileg galt im Vergleich zu der Praxis in anderen südosteuro- Da die Junge Aktion eine katholische Gemeinschaft ist, fand sie
päischen Ländern. Neben den Schulen gibt es mehrere Universi- Unterstützung beim Jesuitenkolleg St. Ignatius (Szent Ignác) in
täten, an denen man in deutscher Sprache studieren kann, zum Budapest, in dem beinahe alle Programme stattfinden konnten.
Beispiel in den Fachbereichen und -richtungen Wirtschaftswis- Die Rolle des ungarischen Partners übernahm dann die GJU
senschaften, Journalismus, Physik, Chemie oder Biologie. „Das (Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher).
ist mustergültig in Europa”, ergänzte Porr.
Die Veranstaltung fing am 28.12.2018 an und dauerte bis zum
Jahresende, wobei 40 Leute daran teilnahmen, einschließlich
Dr. Paul-Jürgen Porr wies auf einem Symposium in Mediasch
des Organisationsteams. Das Programm war tatsächlich vielfäl-
darauf hin, dass die von ihm geleitete Organisation in den letzten (Fortsetzung auf Seite 10)
SoNNTAGSBLATT 9
tig, deswegen konnte man erwarten, dass die Teilnehmer von nung die letzte Veranstaltung als EVS darstellte: Folglich von mir.
ihm begeistert sein würden, was wirklich geschah. Am ersten Tag Am ersten Tag des Jahres wurde lediglich die Evaluation durch-
kamen allerdings „lediglich“ Kennenlernspiele zu Stande. Es war geführt und am Nachmittag fingen alle an, den Weg in Richtung
aber kein Wunder, weil die Mehrzahl der Teilnehmer eine stun- Heimat einzuschlagen. Alle Teilnehmenden der Silvesterbe-
denlange Reise hinter sich hatte; während der Kennenlernspiele gegnung rutschten ins Neue Jahr mit einer guten und positiven
erfuhren wir, dass einige Teilnehmer knapp 11 Stunden gereist Laune, und es muss keinen gegeben haben, der mit der Ver-
waren. anstaltung unzufrieden gewesen war. Das Programm war viel-
fältig, aufschlussreich und unterhaltsam, und bot auch genug
Der erste Tag war folglich eher ruhigerer Prägung, dafür war Zeit, die Stadt zu genießen und ihre Atmosphäre vollkommen
am nächsten Tag programmtechnisch volle Pulle angesagt. Die einzusaugen. Ich kann mir schwerlich eine andere Veranstaltung
Mitglieder der GJU bereiteten für die Teilnehmenden eine tolle vorstellen, wo ich mich von meinem EVS sowie von dem ganzen
Stadtbesichtigung vor, in deren Rahmen sowohl die bekanntes- Jahr besser hätte verabschieden können. Das ganze Jahr war
ten Orte als auch die geheimnisvollen Gässchen und Ecken der unglaublich toll – das beste Jahr meines Lebens – und die Be-
Stadt besucht wurden. Die Orte wie die evangelische Kirche, die gegnung hat es perfekt abgerundet.
Markthalle, die Kettenbrücke und die Burg wurden selbstredend
auch nicht ausgelassen und die TeilnehmerInnen hatten auch die
Möglichkeit, die Stadt auf eigene Faust zu entdecken.

Im Anschluss an die Stadtbesichtigung wurde das sogenannte


Merkwürdigkeiten s
„Modell Europaparlament“ gespielt: Die Beteiligten nahmen also
die Rolle von Abgeordneten des EU-Parlaments ein und handel-
ten, als wären sie richtige Politiker und Parteien. Diese Aktivität
Nur mit mehr Ködj noch kein Erfolg
fand bei allen Anwesenden einen richtigen Anklang und wurde Ein Kommentar von Richard Guth
als einer der besten Programmpunkte bewertet. Wem würde zur Rede von Emmerich Ritter in München
übrigens nicht gefallen, Entscheidungen über kostenloses Bier
oder günstige Reisen auf den Mond treffen zu dürfen. Eine treffende Analyse der Situation der deutschen Minderheit
in Ungarn! Ich kann dem von Emmerich Ritter formulierten Ziel,
Der Sonntag wurde mit einem Gottesdienst in der hiesigen deut- „mögen auch unsere Nachkommen die deutsche Muttersprache
schen Gemeinde begonnen, dem sich ein kurzes – dafür aber unserer Vorfahren kennen lernen”, voll und ganz zustimmen.
sehr angenehmes und aufschlussreiches - Gespräch beim Kaf- Es ist richtig, dass die Ungarndeutschen nicht nur ein Sprach-,
fee und Kuchen anschloss. Die TeilnehmerInnen nutzten dann sondern auch ein Identitätsproblem haben. Vertreibung und Ver-
sofort die Gelegenheit, ein Foto vom Parlament zu machen, schleppung hatten ihren Anteil daran, aber viel entscheidender
denn es befindet sich direkt gegenüber der Kirche. Weil Buda- war eine Minderheitenpolitik, die die Assimilierung der autochto-
pest eine große Stadt ist, hätte nur eine einzige Stadtbesichti- nen Minderheiten in Ungarn zum Ziel hatte – der Anspruch des
gung auf keinen Fall genügt. Die Teilnehmenden wurden daher sozialen Aufstiegs über die Madjarenwerdung in früheren Zeiten,
noch einmal in die Innenstadt geschickt, um ihre Schönheiten die fehlende Intelligenz (jedenfalls in Trianon-Ungarn) als Wah-
und Geheimnisse zu enthüllen. Im Gegenteil zur ersten Besichti- rer und Förderer einer (ungarländisch) deutschen Identität und
gung wurde die Aktivität diesmal in Form einer Stadtrallye ausge- der Sprachverlust aufgrund fehlender Schulen damals und auch
richtet; die TeilnehmerInnen traten während der Rallye in Kontakt weitgehend heute noch.
mit Einheimischen, lernten interessante und in den Reisführern
nicht angeführte Sehenswürdigkeiten und Gepflogenheiten ken- So ist die Feststellung Ritters, dass es nur wenige Kinder gebe,
nen und drehten Videos, die später vor allen präsentiert wurden. die die Gelegenheit hätten, mit der deutschen Muttersprache
Den Tag rundete ein Vortrag des slowakischen Schriftstellers und aufzuwachsen (an dieser Stelle stellt er seine eigene Familie als
Publizisten Michal Hvorecký ab, der über die Haltung der Viseg- positives Beispiel dar), folgerichtig. Die Gründe sind vielschich-
rád-Länder Deutschland gegenüber referierte. tig, da hat der Abgeordnete Recht, wir können es dennoch ganz
einfach auf den Punkt bringen: Die deutsche Sprache ist für die
Am letzten Tag des Jahres wurde den TeilnehmerInnen ermög- große Mehrheit der Deutschen in Ungarn keine Muttersprache
licht, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und das auf folgende mehr. Es scheint, als hätte sich der Kreis geschlossen, gäben es
Art und Weise: Erstens am Vormittag in Kreativen Arbeitskreisen nicht die (leider wenigen) positiven Beispiele, die Ritter nennt -
und anschließend am Nachmittag in Arbeitskreisen. In Kreativen vielfach geht es da um junge Erwachsene, die die Gelegenheit
Arbeitskreisen stellten die Teilnehmenden alle zur Party vorzube- hatten, die Sprache, nunmehr als fremde Großmuttersprache, an
reitenden Sachen und Dekorationen her wie z. B. Fotoecke oder entsprechenden Einrichtungen, die es durchaus, wenn nicht flä-
Schmuckdecken. Thematisch wurde an Stephanskronen gebas- chendeckend, gibt, zu erlernen. Es bedarf - in einem stark unga-
telt. In den Arbeitskreisen kam hingegen die intellektuelle Krea- rischsprachigen Umfeld, mit den Kindern deutsch zu sprechen
tivität der TeilnehmerInnen zur Geltung, weil sie sich über die - besonderer Anstrengungen (damit beschäftigt sich auch mein
großen gesellschaftlichen Fragen unserer heutigen Welt – wie Beitrag „Mut und Ausdauer können Berge versetzen” in dieser
„Jung und Alt“, oder „Arm und Reich“ – Gedanken machen und Ausgabe). Der familiäre Hintergrund ist wichtig, aber – wie die
etwaige Lösungen finden sollten. Es darf dabei nicht unerwähnt Erfahrungen der befragten deutschsprachigen ungarndeutschen
bleiben, dass einige der Lösungen wahrhaft gescheit waren. Eltern zeigen - der Einfluss der Bildungseinrichtungen ist auch
nicht zu unterschätzen. Daher, da stimme ich Emmerich Ritter
Der Tag ging unglaublich schnell zu Ende und das Jahr unver- zu, bedarf es genügend Krippen, Kindergärten und Schulen, vor
züglich zur Neige. Nach dem intellektuellen und produktiven allem aber auch in qualitativer Hinsicht - Einrichtungen, die „den
„Schmaus“ begaben sich deshalb alle ins Hostel, um sich in Kindern Deutsch als Muttersprache zurückgeben können”, so
Schale zu schmeißen. Diesen Vorbereitungen folgte eine gro- der LdU-Abgeordnete.
ße Silvesterfeier. Sie wurde traditionell mit einem Paarspiel und
Standardtanz in Angriff genommen, denen eine richtige Party Ein hehres Ziel, was man versucht mit mehr Geld zu erreichen:
folgte. Die Teilnehmenden unterhielten sich bis tief in die Nacht Über die Erhöhung der so genannten Nationalitätenzulage von
und nicht unterlassen wurde es selbstverständlich, das Feuer- 10 auf nun 30 % und perspektivisch 40 % des Grundgehalts –
werk um Mitternacht anzusehen. Im Laufe des Abends sprach was der Untergrenze einer Schulleiterzulage und der Obergren-
man ebenfalls Dankesworte aus und die Junge Aktion nahm ze für Stellvertreter entspricht, was durchaus für Konfliktpotenzial
Abschied von einer ihrer Freiwilligen, für die die Silvesterbegeg- sorgen kann –, die Ausweitung bestehender Stipendienprogram-
10 SoNNTAGSBLATT
me für Studenten auf die ersten drei-vier Jahre des Berufslebens dere kleineren Schulen, in denen man eine höchst heterogene
(dazu habe ich in der letzten Nummer (04/2018) unter dem Ti- Schülerschaft hat?” würde man zu Recht fragen. Da bedürfte
tel „Zweifel angebracht” einen längeren Kommentar verfasst) es einer differenzierten Förderung, mehr Lehrerstellen und nicht
und besondere Fördermaßen für die Lehrerbildungsanstalten Geldsegen nach dem Gießkannenprinzip. Dass es nie möglich
und schulischen Einrichtungen, deren Inhalt in der Rede von sein wird, die wünschenswerten Maßnahmen 100 %ig umzu-
Emmerich Ritter nicht näher erläutert wird. Darüber hinaus soll setzen, ist mir auch klar. Das Ungarndeutsche Landesschulamt
das fehlende Glied - das System von Kinderkrippen - ausgebaut könnte – wiederum in Anlehnung an die Strategie 2020 – kon-
werden. Eine Schlüsselrolle käme den 64 Einrichtungen in der krete Qualitätsstandards entwickeln und die Einrichtungen könn-
Trägerschaft einer Nationalitätenselbstverwaltung zu, denn nun ten mit einer Staffelung der Höhe der Zuwendungen motiviert
läge die Zukunft der Nationalität – bildhaft und tatsächlich – in werden: Wer mehr (qualitativ hochwertigen) deutschsprachigen
unseren Händen. Diese Einrichtungen würden darüber hinaus Fachunterricht anbietet, kriegt mehr Geld. So könnte man – be-
eine Sonderförderung erhalten, was in der Tat mehr als notwen- zogen auf die Grundschulen - das System der 5-Deutschstunden
dig erscheint, denn seit Sommer sind sie auch für die Gebäude- plus Volkskundeunterricht endlich aufbrechen, was man damals
erhaltung zuständig – ob die Summe von nun über 1,3 Milliarden in der Wendezeit - aus welchen Überlegungen heraus auch im-
Forint (4 Millionen Euro), also im Durchschnitt 20 Millionen Fo- mer - entwickelt hat. Denn fünf Stunden reichen nicht aus, um
rint je Einrichtung, ausreichen wird, wird sich zeigen. Emmerich die verlorene Muttersprache zurückzuholen, zehn auch nicht.
Ritter berichtete auch darüber, dass Schulklassen mit bis zu Eine realistische Chance besteht dann, wenn Zweisprachigkeit
120.000 Forint (380 Euro) je Schüler bezuschusst werden, wenn tatsächlich praktiziert wird und nicht nach Beliebigkeit von Jahr
sie ins deutschsprachige Ausland fahren. Als Muster für diese zu Jahr daran gebastelt wird. Ein- und Zweisprachigkeit muss
Maßnahme dient womöglich das Programm für madjarische Kin- aber auch gelebt werden – durch die Stärkung der Funktionali-
der, um in Form von Klassen- und Studienfahrten Orte in den tät der deutschen Sprache im Kindergarten- und im Schulalltag,
Nachbarländern aufzusuchen und so den Geist des „nationalen konkret: deutschsprachige Kommunikation auf den Schulfesten,
Zusammenhalts” zu erleben. in den Pausen, unter Kollegen und im Büro - ein Modell, das in
den Nachbarländern funktioniert, natürlich mit einer anderen his-
Mehr Geld ist immer erfreulich, gerade wenn es um die zukünf- torischen Entwicklung im Rücken und einer anderen Sprachsitu-
tigen Generationen geht. In dem Beitrag „Zweifel angebracht” ation. Oft wird auf das Vordringen des Englischen hingewiesen,
habe ich hinsichtlich des neuen Stipendienprogramms Zweifel was als Gefahr für den Deutschunterricht (sic!) bewertet wird. Ich
zum Ausdruck gebracht: Ein Stipendienprogramm mag bei der meine hingegen: Es wird nur zur Gefahr, wenn man nicht kons-
Studienfinanzierung und beim Berufseinstieg helfen, aber es truktiv handelt – was spricht dagegen, dass die Schüler bereits
bleibt zu bezweifeln, ob das in den ersten drei-vier Berufsjahren ab der ersten Klasse beide Sprachen lernen (Deutsch hier als
gewährte Stipendium junge Leute im Beruf hält. Dies gilt auch für einzige oder gleichberechtigte Unterrichtssprache)?! Klar, das
die Erhöhung der Nationalitätenzulagen, die im konkreten Fall Schulgesetz, aber das lässt sich ohne weiteres ändern!
(Erhöhung zum 1. Januar 2019) keine großen Summen bedeutet.
Es bedürfte einer Lösung, die alle Lehrer betrifft und zwar eine Entscheidend ist bei all dem, inwiefern es gelingt, die Lehrer-
deutliche Erhöhung der Gehälter, zum Beispiel über die Koppe- ausbildung zu reformieren und zu stärken (unter aktiverer Be-
lung der Lehrergehälter an den Mindestlohn - wie ursprünglich teiligung des Mutterlandes), was auch Ritter in Aussicht stellt.
praktiziert, aber ganz schnell wieder abgeschafft. Dies brächte Denn es braucht angehende Lehrer (Der Mangel an Lehrern,
spürbare Gehaltszuwächse von 90.000 – 120.000 Forint netto die deutschsprachigen Fachunterricht (DFU) erteilen können,
(280-380 Euro) je nach Dienstjahren und Eingruppierung. Ange- ist noch gravierender als im Kreise der Lehrer, die ihr Fach auf
sichts des Lohnzuwachses der letzten Jahre in der Privatwirt- Ungarisch unterrichten.), die die Möglichkeit haben ihr Fach auch
schaft wäre diese Erhöhung mittelfristig immer noch ein Tropfen auf Deutsch zu studieren. Denn es ist auffällig, dass ein hoher
auf den heißen Stein. Der Lehrermangel wird sich in der Zukunft Prozentsatz der DFU-Lehrer Deutsch als Zweitfach hat. Aber
aufgrund der Überalterung der Lehrerkollegien verschärfen. Was auch an Kindergärten herrscht Not: Viele angehende Pädago-
den Lehrerberuf noch zusätzlich attraktiv machen könnte, wären gen werden nach Erfahrungen der Kindergartenleitungen bereits
die Reduzierung der administrativen Lasten, der Pflichtstunden- während des Studiums von Anbietern im deutschsprachigen
zahl, der Klassengrößen und die Einstellung zusätzlichen sozial- Ausland abgeworben. Genauso wichtig ist es, im Kreise der jet-
pädagogischen Fachpersonals. Auch die Stärkung der Autono- zigen und zukünftigen Pädagogen einen Mentalitätswandel her-
mierechte der einzelnen Schulen (dies gilt ja in erster Linie für beizuführen. Dass man nämlich erkennt und sich bewusst macht,
die staatlichen Schulen) wäre ein Schritt in die richtige Richtung. dass Deutsch kein reines Schulfach ist, was man am liebsten als
Dazu bräuchte man aber nicht nur mehr Geld, sondern auch den eine Fremdsprache unterrichtet, sondern Teil des Alltags, Teil un-
politischen Willen. serer Identität. Wenn das nicht gelingt - und hier werden höhere
Zuwendungen auch nicht helfen -, dann wird das von Emmerich
Ritter formulierte Ziel, „mögen auch unsere Nachkommen die
Das sind Rahmenbedingungen, die alle Schulen in Ungarn glei-
chermaßen betreffen. Dennoch ist die Situation der deutschen (Fortsetzung auf Seite 12)
Nationalitäteneinrichtungen speziell, wie auch die aller anderen
Nationalitäten. Ich stimme Emmerich Ritter zu, dass eine Netz-
werkbildung wichtig ist und dass den 64 Institutionen in deutscher
Trägerschaft eine Schlüsselrolle zukommen soll. Dies wirft orga-
nisatorisch die Frage auf, ob es nicht sinnvoll wäre – womöglich
GEFÄLLT IHNEN DAS
als Ausbau des Ungarndeutschen Pädagogischen Instituts – ein
Landesschulamt einzurichten, das nicht nur die 64 Einrichtungen SoNNTAGSBLATT s ?
betreuen würde, sondern auch die restlichen mit Nationalitäten-
programm, aber in staatlicher Trägerschaft. Die Zahl 64 finde ich
auch unter einem anderen Gesichtspunkt interessant. Denn es

IHRE SPENDE IST DIE


ist eine überschaubare Zahl. Sie ließe sich sicherlich noch um
einige Dutzend erweitern, aber entscheidend in diesem Zusam-
menhang ist, wie Emmerich Ritter an mehreren Stellen betont,
die Qualität. Ein wünschenswerter Mindestmaßstab für mich
wäre die Zweisprachigkeit und an Schlüsselstellen (also in Ort-
JA-ANTWORT!
schaften mit bedeutender deutscher Bevölkerung) einsprachige
Einrichtungen. „Wie soll das denn gehen im Falle von insbeson-
SoNNTAGSBLATT 11
deutsche Muttersprache unserer Vorfahren kennen lernen” wirk- davon auszugehen, dass unter den Muttersprachlern diejenigen,
lich nur ein Kennenlernen der Sprache bleiben, ohne diese aktiv die aus dem deutschsprachigen Ausland zugezogen sind, einen
oder gar als (zweite) Muttersprache zu beherrschen. immer größeren Anteil ausmachen. Es stellt sich bei ihnen die
Frage, inwiefern sie sich als Teil der deutschen Minderheit/Na-
tionalität betrachten (selbst unter objektiven Gesichtspunkten ist
ihre Zugehörigkeit als „Nichtautochtone” fraglich). Es gibt natür-
lich solche, die ungarndeutsche Ehepartner haben und sich auch
sonst für die deutsche Nationalität in Ungarn einsetzen.

Leider ist eine gebietsbezogene Ableitung nur für eine größere


Mikrozensus 2016: 30 000 Menschen Zahl verfügbar, aber auch so spiegelt sie sehr gut wider, dass
weniger bekennen sich zur deutschen sich der Rückgang vor allem in den historischen Siedlungsge-
Volkszugehörigkeit! bieten vollzogen hat. Während dessen gab es eine große Stei-
gerung in den Komitaten, wo normalerweise kaum Deutsche le-
Von Patrik Schwarcz-Kiefer ben. Es kann dafür zwei Gründe geben: Zum einen, dass viele
Deutsche aus der Tolnau/Tolna in das Komitat Jazygien-Großku-
In dieser Artikelreihe werden wir die Ergebnisse des 2016 durch- manien-Sollnock umgezogen sind oder, und das scheint realisti-
geführten Mikrozensus vorstellen. Die Erhebung wurde vom Sta- scher zu sein, dass die Zahl der Ungarndeutschen abnimmt und
tistischen Landesamt (KSH) unter 10 % der Gesamtbevölkerung die Zahl solcher, die in einem engeren Kontakt zur deutschen
durchgeführt. Deswegen kann man sicherlich nur von Tendenzen Sprache stehen, steigt. Also, man kann mit 90% Sicherheit sa-
sprechen. Die letzte Volkszählung fand in Ungarn 2011 statt, die
gen, dass man die Tendenzen der letzten Jahrzehnte nicht um-
wegen der veränderten Methodik einen großen Durchbruch bei
der Anzahl der Angehörigen verschiedener Minderheiten brachte. kehren konnte: Die Ungarndeutschen werden immer weniger,
Damals gab es 185 898 Angehörige der deutschen Nationalität kulturelle Autonomie und eigenes Schulsystem (mit ihren Män-
(dies wird als offizielle Zahl überall angegeben, obwohl sie nicht geln), minderheitenfreundliche Landespolitik hin oder her. Die
die wahre Stärke widerspiegelt) und 131 951 davon bekannten große Überraschung bei den Zahlen von 2011 war nur ein Vor-
sich zur deutschen Nationalität (das ist eine realistischere Zahl). hang, hinter den man die wahre Situation verstecken konnte.
Und so denken wir an eine Zahl, was weit weg von der Realität
Wieso ist die größere Zahl unrealistisch? ist. 186 000 Deutsche in Ungarn? Lieber rund 100 000…

Es ist wichtig, dass man auf den Unterschied zwischen der


Kategorie „Angehörige/r der deutschen Nationalität“ (ung.
német nemzetiséghez tartozó) und der Kategorie “sich zur
deutschen Nationalität Bekennende/r” (ung. magát német
nemzetiségűnek valló) achtet. Zur ersten, größeren Gruppe
gehören auch diejenigen, die Deutsch als „Muttersprache“
und „Im Freundes- und Familienkreis benutzte Sprache“ an- Schatten der Vergangenheit
gegeben haben und in diese Gruppe (passiv) von KSH ein-
geteilt wurden, also potenziell Bundesdeutsche, madjarische Debatte um Volkszählung 2021
Arbeitnehmer im Ausland, die in ihrem Freundeskreis auch
Von Richard Guth
deutsch sprechen, oder solche, die in der Schule Deutsch als
Fremdsprache gelernt haben und die Sprache benutzen (das
Landesamt für Statistik weist darauf auch ausdrücklich hin). Trotz Bedenken seitens der Landesselbstverwaltung der Un-
Währenddessen steht hinter der kleineren Zahl, der Zahl der garndeutschen (LdU) verabschiedete das Ungarische Parlament
„sich zur deutschen Nationalität Bekennenden“, eine aktive am 12. Dezember 2018 – nebst anderer umstrittener Gesetze
Erklärung: Die Befragten haben bei den Fragen „Welcher Na- wie die über die Gründung von Verwaltungsgerichten und der
tionalität fühlen Sie sich zugehörig?“ oder „Neben der zuvor Ausweitung der Mehrarbeit auf 400 Stunden im Jahr, was lan-
Angegebenen gehören Sie auch einer anderen Nationalität desweit zu einer seit langem nicht erlebten Protestwelle führte
an?“ Deutsch angegeben, wobei Letzteres die Möglichkeit der – das Gesetz 101/2018 über die Durchführung der kommenden
Mehrfachnennung („doppelte Identität”) eröffnete.
Volkszählung im Jahre 2021, das am 18. Dezember auch in Kraft
getreten ist. Zwei Tage vor der Abstimmung erschien auf zent-
rum.hu eine Pressemitteilung der LdU, in der auf die Beschlüsse
2016 brachte für die Ungarndeutschen einen deutlichen Rück- in der Dezember-Sitzung der LdU-Vollversammlung Bezug ge-
gang bei der Zahl sowohl der Angehörigen als auch der Be- nommen wird: „Die Vollversammlung knüpfte auch an die, von
kenner. Die Zahl der „Angehörigen der deutschen Nationalität“ der Regierung bereits diskutierte und gebilligte Gesetzesvorlage
ist um rund 7000 gesunken, 2016 gab es davon 178 837. Wie an: Laut dieser müsse man bei der Volkszählung 2021 Vor- und
in der Infobox erklärt wird, spiegelt diese Statistik die Wahrheit Familiennamen angeben. Die LdU sei besorgt, weil diese Infor-
nicht wider. Die bedeutungsvollere Zahl, die Zahl der „sich zur mationen anschließend mit weiteren Datenbanken verglichen
deutschen Nationalität Bekennenden“ ist um 23%, auf 101 662 werden können und weil man dadurch theoretisch auch an be-
gesunken. Anders formuliert: In Ungarn leben, laut Mikorzen- stimmte sensible Angaben herankommen kann.“ - „Wir halten
sus 2016, etwa 102 000 Bürgerinnen und Bürger, die sich zum das für überaus problematisch! Wenn wir davon ausgehen, dass
Deutschtum bekennen (unter ihnen sicherlich auch Menschen die Volkszählung immer noch das herkömmliche Ziel des Erstel-
bundesdeutscher Herkunft). Die restlichen 77 000 werden auf- lens von Statistiken verfolgt, darf es keine Interessen geben, die
grund anderer Merkmale (Muttersprache und Sprachgebrauch) wichtiger sind als die Anonymität“, räumte Olivia Schubert, die
zu den Deutschen gezählt. Es ist absurd, dass das KSH solche Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen,
für Angehörige der deutschen Nationalität hält, die die Sprache ein. „Wir dürfen die bei den Ungarndeutschen immer noch vor-
im Freundeskreis benutzen, auch wenn dies naturgemäß durch-
handene Angst, die die ominöse Volkszählung im Jahre 1941
aus als Indiz einer Verbundenheit gewertet werden kann. Bei der
verursachte, nicht vergessen: Das Resultat jener Erhebung war
Muttersprache ist anzumerken, dass dies durchaus ein Merkmal
nämlich im Falle von Hunderttausenden die Enteignung und die
der Zugehörigkeit zum ungarländischen Deutschtum sein kann,
aber angesichts der Sprachsituation im Kreise der Ungarndeut- Vertreibung. Wenn diese Gesetzesvorlage nicht schleunigst mo-
schen (die Generation der Muttersprachler stirbt langsam aus, difiziert wird, müssen wir uns darum Sorgen machen, dass es
die Wiedererlangung der verlorenen (Groß-)Muttersprache be- sehr viele Ungarndeutsche geben wird, die davon nicht über-
trifft nur eine kleine Gruppe von meist Akademikerfamilien) ist zeugt werden können, sich zu unserer Nationalität zu bekennen.
12 SoNNTAGSBLATT
Dies würde natürlich unsere ungarndeutsche Gemeinschaft be- Erfolgsaussichten unterschiedlich. Gerade im persönlichen Be-
deutend schwächen. Darum bat die Vollversammlung unseren reich des Bürgers bedürfte es aber mehr Sensibilität und Dialogs
Abgeordneten Emmerich Ritter darum, im Parlament auch dies- auf beiden Seiten. Damit die Schatten der Vergangenheit nicht
bezüglich unsere Interessen zu vertreten.“ Das Parlament ver- Herr über uns werden.
abschiedete zwei Tage später die vom stellvertretenden Minister-
präsidenten Zsolt Semjén gezeichnete Gesetzesvorlage mit der
umstrittenen Passage der Erfassung von Namen und Vornamen.
Auf Anfrage des Nachrichtenportals index.hu wies das Statisti-
sche Landesamt (KSH) darauf hin, dass diese eine in den übri-
gen EU-Staaten gängige Praxis sei, und sagte, dass man in der
Vergangenheit bis auf die Volkszählungen von 2001 und 2011 Unsere Aufgabe: Unterstützen statt
auch dieser Praxis gefolgt wäre. Das Gesetz schreibt daten-
schutzrechtliche Mechanismen vor, die in der Praxis bedeuten
Korrigieren
sollen, dass die Daten sofort nach der Online-Erfassung automa- Von Patrik Schwarcz-Kiefer
tisch pseudonymisiert würden und eine Verbindung mit anderen
Daten nur bis zum Abschluss des Auswertungsprozesses mög- In dem ersten Teil dieser Artikelreihe habe ich mich um die Ein-
lich sein dürften. Bezüglich der übrigens freiwilligen Angaben zu führung in die Problematik der gemeinschaftlichen Erwartung
Nationalität und Religion schreibt das Gesetz vor, dass es eine des Sprachperfektionismus gekümmert. Jetzt möchte ich die-
Verbindung zum Namen und Vornamen des Erfassten aufgrund ses Thema vertiefen und diejenigen überzeugen, sich anders
der Pseudonymisierung nicht zustande kommen darf. zu verhalten, die über bessere Sprachkenntnisse verfügen.
Wenn jemand in dem ungarndeutschen Bereich sich die Kraft
Das Landesamt für Statistik, die Vorbehalte ahnend, führte nach und den Mut nimmt auf Deutsch zu kommunizieren, kommt im-
eigenen Angaben im Sommer 2018 eine Meinungsumfrage mer jemand, der die Sprache besser beherrscht. Oft wird diese
durch: Laut KSH hätten 83 % der Befragten Zustimmung zur An- Person jeden Satz, jedes falsch konjugierte Wort ausbessern,
gabe des Namens geäußert – unter den restlichen 17 % könnten korrigieren. Sie denkt, dass das eine Hilfe für die Zukunft sei und
sich auch Minderheitenangehörige, womöglich in großer Zahl, es fällt ihr dabei überhaupt nicht ein, dass er das Selbstbewusst-
befinden, aber das Ergebnis scheint dennoch überzeugend zu sein der korrigierten Person zugrunderichtet. Es gibt einige, die
sein, obwohl Datenschutz heutzutage ein heiß diskutiertes The- nach solchen Fällen weiterhin die deutsche Sprache benutzen.
ma ist: So führten neulich Pläne der Regierung, sämtliche Video- Aber es gibt solche, die nach solchen Erfahrungen Angst vor der
überwachungsdaten zentral zu sammeln, für Diskussionen in der Sprache, besser gesagt vor der kommenden Demütigung haben.
Öffentlichkeit – es finden übrigens nicht nur in Ungarn solche Deswegen bleiben sie still oder kommunizieren auf Ungarisch.
und ähnliche Big Brother-Diskurse statt. In Deutschland wurde Wie in einem Artikel des Sonntagsblattes treffend geschrieben
sie unter dem Begriff „gläserner Bürger” bekannt, was auch die wurde: In unserer Gesellschaft habe man Angst vor der Zuhö-
Pläne der Regierenden betrifft, nämlich auf Internet- und andere rerschaft, vor der offenen Kommunikation. Das geschieht in der
Kommunikationsdaten der Bürger stärker zuzugreifen. eigenen Muttersprache auch und wenn es um eine Fremdspra-
che geht, wozu leider Deutsch für die Mehrheit der Ungarndeut-
Die LdU-Argumentation geht erstmal in eine andere Richtung: schen geworden ist, ist die Situation noch schlimmer. Deswegen
Die historischen Erfahrungen mit der Vorvertreibungsvolkszäh- braucht man Unterstützung.
lung von 1941 würden einige, wenn nicht viele davon abhalten,
sich unter Namensnennung zum Deutschtum (und/oder zur Die Menschen sind egoistisch. Deshalb hat man das Gefühl, dass
deutschen (Mutter)Sprache) zu bekennen. Durchaus berech- man durch die Korrektur beweisen kann, dass man doch besser
tigte Befürchtungen, wenn ich daran denke, dass ich Mitte der als die anderen sei. Der kleine Teufel arbeitet in uns allen. Aber
1990er Jahre, also 50 Jahre nach der Vertreibung, auf verstei- wenn uns die Situation der deutschen Sprache und dadurch die
nerte Minen stieß, als ich in Schaumar ältere Damen, die ich in Zukunft der Ungarndeutschen am Herzen liegen, müssen alle
Volkstracht fotografierte, um ihren Namen und ihre Adresse bat, diesen inneren Schweinehund besiegen. Wir müssen alle, die
damit ich ihnen einen Abzug der Aufnahmen zukommen lassen nur ein bisschen Deutsch können, zur Verwendung der Sprache
konnte. Ob diese Angst die Nachkriegsgenerationen, die ja aus motivieren und sie nicht immer korrigieren. Es bringt nämlich nix,
Altersgründen mittlerweile die größte Gruppe unter den Beken- man vergisst es in einigen Minuten. Was aber nicht vergessen
ner-Deutschen stellen, prägt, bleibt dahingestellt. Ich persönlich wird, ist die peinliche Situation, als allen bewiesen wurde, dass
sehe die fehlende Vollanonymität im Kreise anderer Nationali- der Betroffene Deutsch nicht gut genug beherrsche. An dieser
täten wie der Roma oder der Rumänen (am Vorabend des Tria- Stelle bitte ich alle darum, die sich in diesem Text wiedererkannt
non-Jubiläums) viel problematischer, denken wir an die ohnehin haben, als Unterstützer zu wirken. Und nicht als Korrektoren.
großen Vorbehalte in der ungarischen bzw. ungarländischen Be-
völkerung gegenüber den Roma – übrigens auch im Kreise ihrer
„Minderheitenschicksalsgenossen”, der Deutschen in Ungarn.

Das Statistische Landesamt beteuert, diese sensiblen Daten


unter Einhaltung sämtlicher Datenschutzregelungen zu nutzen,
wie es in einem Rechtsstaat üblich ist; angesichts fragwürdiger Verkehrte Welt
Rechtspraktiken in den letzten Jahren zweifeln aber in Ungarn
viele an der Existenz rechtsstaatlicher Strukturen. Diese Dis- Banater Madjare trifft auf ungarländische Schwaben
kussion (übrigens werden Volkszählungen auch in Deutschland
seit Jahrzehnten zivilgesellschaftlich hinterfragt) zeigt – so mein Von Richard Guth
Eindruck - eher unsere - auch wenn unbewusste - gestiegene
Sensibilität in puncto Datenschutz, gerade in einer vernetzten „Ich verstehe nur eine Sache nicht, lieber Bewohner deutscher
Welt, die unüberschaubar geworden ist oder zu sein scheint. Volkszugehörigkeit, nein, nicht so, eher Bewohner von (…), der
Das digitale Zeitalter mit all seinen Datenschutzskandalen in der sich der deutschen Gemeinschaft zugehörig fühlt (im Internet
jüngsten Vergangenheit hat unser Gefühl der Unsicherheit nur schrieb man es so), warum sprechen Sie nicht ihre Mutterspra-
verstärkt. Aber womöglich ist es auch ein Gefühl des Unbeha- che? Ich wohne seit zwei Jahren hier und habe noch kein einziges
gens einem Staat gegenüber, der in Zeiten einer weitgehenden Wort Deutsch gehört. Ich hielt mich in den Pausen sogar unter
Atomisierung der Gesellschaft unter Verwendung der Errungen- den Schülern des hiesigen deutschen Gymnasiums auf und alle
schaften des technischen Zeitalters um Deutungshoheit ringt. Je sprachen ungarisch. Ich habe in Temeswar das ungarische Gym-
nach Stärke und Schwäche der Zivilgesellschaft sind Mittel und (Fortsetzung auf Seite 14)
SoNNTAGSBLATT 13
nasium besucht, aber bei den Schülern hast du in den Pausen vormaligen Bistums Tschanad mit Sitz Temeswar in Temeswar
kein einziges rumänisches Wort gehört und alle sprachen perfekt (Rumänien), Segedin-Tschanad (Ungarn) und Großbetschkerek
Ungarisch. Lernen Sie die deutsche Muttersprache zu Hause (Serbien). Das Bistum wurde von 1930 bis 2018, bis zur Emeri-
und die Deutschen sollen deutsch miteinander sprechen!!!”, so tierung von Bischof Martin Roos, der bis zu seiner Ernennung
der Kommentar eines Herrn banatermadjarischer Herkunft an- im Jahre 1999 in Deutschland diente, von rumäniendeutschen
lässlich einer Diskussion über den Sprachgebrauch im Kreise Geistlichen geleitet. Seit diesem Jahr steht der Diözese ein Sek-
ungarländischer Nationalitäten, insbesondere der Deutschen. ler vor, József-Csaba Pál, der in deutschsprachigen Beiträgen
stets „Josef-Csaba Pál” genannt wird. Deutschsprachige Beiträ-
Bemerkenswert! Im Kommentar habe ich den Ortsnamen be- ge – richtig! Die Facebook-Seite der Diözese ist nämlich mehr-
wusst gestrichen, denn dieser Ort ist überall, das grundlegende sprachig: Generell werden Gottesdienstordnungen, kirchliche
Problem fehlenden Sprachgebrauchs ist im ganzen Land anzu- Nachrichten und ortsbezogene Beiträge, die Ortschaften mit
treffen. Bemerkenswert, dass gerade ein Madjare, der das Prob- deutscher Bevölkerung betreffen, dreisprachig publiziert – auf
lem versteht, versucht, die Augen der Betroffenen zu öffnen. Das Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Es gibt auch andere Beiträ-
Bemerkenswerteste ist jedoch, dass das in Ungarn Vermisste für ge, wo es um das kirchliche Leben der Banater Kroaten geht, un-
diese Person völlig normal ist. Im Messenger-Chat erzählte er ter anderem Aufzeichnungen von Heiligen Messen, die natürlich
mir, der Kommentator, dass ihn am meisten erschütterte, dass einsprachig kroatisch sind, Predigt inbegriffen. Diese Praxis der
man hier nicht seine Muttersprache sprechen würde, was in Ru- Mehrsprachigkeit gilt auch im Falle der unten stehenden Gottes-
mänien nicht einmal in den dunkelsten Jahren der Diktatur der dienstordnung der Hauptkirche „St. Georg” in Temeswar – neben
Fall gewesen sei, wenn man nicht gegen die Parteilinie sein Wort der Multilingualität weist diese Gottesdienstordnung noch andere
erhob. Deswegen versteht er nach eigenem Bekunden die Argu- interessante Dinge auf: Es gibt jeden Sonntag eine deutschspra-
mentation von Ungarndeutschen nicht, wie es möglich gewesen chige Heilige Messe, und drei Frühmessen unter der Woche sind
sei, dass man den Sprachgebrauch in der Familie hat verbieten ebenfalls in deutscher Sprache. Angesichts der zahlenmäßigen
lassen können - es gab doch gar keine Kontrollmöglichkeiten. Er Stärke der Deutschen in Temeswar (im Jahre 2011 lebten 4193
berichtete weiter, dass es damals in Temeswar in der Straßen- Deutsche in der Stadt, 1,2 % der Bevölkerung) nach dem Ex-
bahn völlig normal gewesen sei, dass man in mehreren Spra- odus der letzten Jahrzehnte eine äußerst faire Regelung. Ge-
chen kommunizierte, und dies nicht flüsternd. halten werden diese Messen (jedenfalls in der Referenzkirchen-
woche) von einem madjarischen Priester (Péter Tamáskó) und
Verkehrte Welt, könnte man sagen. von einem - vermutlich - kroatischen Geistlichen (Nikola Lauš).
Tamáskó hält neben deutschen Messen welche in seiner Mut-
tersprache, der kroatische Lauš Gottesdienste in rumänischer
Sprache. Ein Kroate, der die deutsche Messe hält – wie war
das nochmal in Sombor? Unser Gastgeber Herr Beck erzählte
damals, dass jeder der sechs Pfarrer der Opština imstande sei
deutsche Messen zu lesen. Beide Geistliche bieten zur gleichen
Zeit Beichtgelegenheiten an – sicherlich kein Zufall, denn so
Von Normalitäten und wird gewährleistet, dass man in allen drei Sprachen – und sicher
Abnormalitäten noch auf Kroatisch – seine Sünden bereuen kann. Da klingen
mir die Worte von Domkanoniker Johann Palfi (Altötting) in den
An den Rand eines Aushangs Ohren, mit dem wir vor zwei Jahren ein Interview geführt haben
– die Pfarrer der Diözese Temeswar müssten imstande sein, das
Von Richard Guth mehrsprachige Kirchenvolk in der jeweiligen Muttersprache zu
betreuen.

Seitenwechsel – die Seite der Diözese Fünfkirchen erwartet ihre


Besucher in drei Sprachen – auf Ungarisch, Deutsch und Eng-
lisch, viele Inhalte akkurat in die beiden Fremdsprachen über-
setzt. Stutzig macht mich das Fehlen der kroatischen Sprache,
leben doch hier Ungarnkroaten in größerer Zahl und ihr Wall-
fahrtsort Jud/Máriagyűd liegt unweit des Diözesansitzes. Beim
Menüpunkt „Gottesdienstordnung” erfahren wir, dass es neben
ungarischen Messen solche gibt, die in Latein gelesen werden.
So besteht kein Zweifel, dass die Informationen in Deutsch und
Englisch lediglich touristischen Zwecken dienen. Bestärkt wird
dieser Eindruck durch einen Besuch auf der Seite der Fünf-
kirchner Pfarrgemeinden - diese nur noch einsprachig unga-
risch. Ungerecht sollte man dennoch nicht sein, denn das Bis-
tum Fünfkirchen verfügt - im Gegensatz zu anderen Diözesen
wie zum Beispiel zum Bistum Weißenburg, in dem in größerer
Zahl Deutsche und Slowaken leben –über einen deutschen
(wie kroatischen) Referenten und man – besser gesagt das
Valeria-Koch-Schulzentrum in Zusammenarbeit mit Pfr. Stefan
Wigand - bemüht sich um die Wiederbelebung der Tradition
der deutschen Messe in der Bischofstadt, die 1989 von Pfarrer
Franz Galambos-Göller eingeführt wurde und die in regelmäßi-
ger Form vor anderthalb Jahren abgeschafft wurde. Es fehlte,
so die Begründung, an Gemeindemitgliedern (und wohl auch an
Priestern).

ű Der eklatante Unterschied ist dennoch mehr als deutlich: Die


Tradition der Mehrsprachigkeit (und wohl Toleranz) trifft auf die
Tradition der Einsprachigkeit (und so oft Intoleranz). Dabei ist
Zufälle fördern oft interessante Dinge zutage – nicht anders er- auch unsere eigene Verantwortung, die der Deutschen in Un-
ging es mir an einem kalten Novemberabend, als ich auf die garn, nicht zu leugnen, wenn ich daran denke, wie leichtfertig
Seite des Bistums Temeswar gestoßen bin. Diese Diözese ge- man mancherorts mit Möglichkeiten, unsere Rechte einzuklagen,
hört zu den jüngeren und ist somit ein Produkt des Friedens- umgeht.
vertrags von Trianon: Sie entstand aufgrund der Dreiteilung des

14 SoNNTAGSBLATT
Was kommt nach der
„Bühnenkultur”?
Zeitgeschehen-Geschichte s
Eine Ankündigung, die viele Fragen aufwirft

Von Richard Guth Vor 100 Jahren: Die Gründung der


’Republik Heinzenland’ in Westungarn
Vor einiger Zeit tauchte im Internet eine Ankündigung auf. An sich
nichts Besonderes, denn gerade im IT-Zeitalter lassen sich Infor- Von Stefan Pleyer
mationen schnell mitteilen und werden wieder modifiziert oder
revidiert. Eine Musikgruppe teilte mit, dass sie sich musikalisch
verändern werde, was ihr gutes Recht ist. Als Begründung führte
sie die immer geringere Nachfrage seitens ungarndeutscher Ju-
gendlicher nach authentischer schwäbischer Musik an. Dies wür-
de nach Ansicht der Bandmitglieder damit zusammenhängen,
dass immer weniger Menschen die Texte und die Botschaft der
Musikstücke bzw. Lieder verstehen würden. Sie meinen, dass
sie nicht imstande wären, das Unaufhaltsame aufzuhalten. Als
Konsequenz will die Musikgruppe sich einen neuen, volkstüm-
lichen Namen zulegen und die deutschen bzw. schwäbischen
Texte ins Ungarische übertragen und diese auch in der Sprache
vortragen, die auch jeder verstehe. Das würde im Falle, so die
Kommentatoren, eine Zäsur im Leben dieser Gruppe bedeuten,
denn diese habe sich bislang um die Pflege und Verbreitung au-
thentischer ungarndeutscher Musik bemüht, was die verfügba-
ren CD-Aufnahmen aus den vergangenen Jahren nur zum Teil
bestätigen. Die Ankündigung löste unterschiedliche Reaktionen Das Chaos nach den Waffenstillständen an den Fronten des Ers-
aus, darunter auch etliche kritische, die sich – neben persön- ten Weltkriegs löste einen weltgeschichtlichen Kataklysmos aus:
licher Kritik – auch gegen die Aussage richteten, wonach die Der Übergang von der „alten Ordnung” zur neuen, modernen ra-
authentische, schwäbische Volksmusik zum Tode verurteilt sei. dierte die Österreichisch-Ungarische Monarchie auf der Landes-
Eigentlich erfreuliche Reaktionen, die zeigen, dass man sich in karte aus, im Ergebnis erschienen neue Staatsgebilde wie die im
dieser Sache unter den Ungarndeutschen durchaus unterschied- Dezember 1918 proklamierte ungarndeutsche „Eintagsrepublik”
licher Meinung ist. Heinzenland, die wegen der Länge oder besser gesagt Kürze
der Zeit ihres Bestehens - 22 Stunden - als einer der die kürzeste
Dennoch ist gerade die Analyse der sprachlichen Situation be- Zeit bestehenden Staaten in der Geschichte bekannt wurde.
merkenswert ehrlich. Dass die jungen Generationen, bis auf
einen kleinen Kreis, die Sprache der Ahnen nicht mehr beherr- Westungarn-Deutsch-Westungarn-Heinzenland-Burgenland
schen, ist ein Fakt, daran haben die letzten 30 Jahre seit der
Wende wenig geändert, trotz größeren Deutschangebots an Zuerst müssen wir die im Artikel verwendeten Begriffe klären –
Flaggschiffschulen und bei geringerem Angebot an den übrigen wir fangen mit „Westungarn” an: Die treffendste Benennung soll-
Schulen. Deutsch (oder die jeweilige Mundart) ist seit Jahrzehn- te da „Deutsch-Westungarn” sein, wie es die damaligen Zeitge-
ten (hier gibt es durchaus Unterschiede, sogar von Ort zu Ort) nossen bezeichneten. Unter „Deutsch-Westungarn” versteht der
keine Familiensprache mehr, selbst passive Sprachkenntnisse - Historiker die früheren Gebiete des heutigen Burgenlandes, die
wie in den 60er und 70er Jahren noch verbreitet - werden nicht auch bis heute von Ungarndeutschen bewohnten ehemaligen
mehr erworben. Punktuell gibt es immer noch Familien, die Wert westlichen Landesteile Ungarns in den Komitaten Wieselburg,
auf die Weitergabe (bzw. Wiederbelebung) der Sprache legen Ödenburg und Eisenburg. Mit einem Blick auf die ungarische
– oft belächelt oder bestaunt von der Mehrheit, die nicht in der Landkarte von 1910 wird sichtbar, dass die dortige deutsche Be-
Lage ist, den Stellenwert der Sprache für die eigene Identität zu völkerung einen wesentlichen Anteil des historischen Ungarn-
erkennen. Als Argument hört man ganz abenteuerliche Dinge, je- deutschtums ausmachte, der sich trotz der Stürme des 20. Jahr-
denfalls betonen diese ungarischsprachigen Ungarndeutschen, hunderts (hinsichtlich Bevölkerungszahl und Sprache, dank der
dass man sich redlich bemühen würde, die Traditionen zu pfle- Nähe zum deutschen Sprachraum) gut erhalten konnte. In die-
gen. ser Region werden zwei verschiedene deutsche Volksgruppen
unterschieden, nämlich die Heanzen und die Heidebauern: Hin-
Dass diese Traditionspflege, so die Erfahrungen, die man oft sichtlich der Herkunft des Heanzenvolkes entstanden in der Ver-
macht, wenn man Veranstaltungen beiwohnt, in den meisten Fäl- gangenheit mehrere kontroverse Legenden - von den „alten Got-
len auf Ungarisch betrieben wird (Konferieren, Anweisungen und hen über die Franken Karls des Großen bis zu den „Söhnen des
Pausengespräche durchweg auf Ungarisch, Infomaterial und An- Schwabenzugs”. In Wirklichkeit ist das Heanzentum ein Resultat
kündigungen ebenso einsprachig ungarisch), überrascht keinen der ständigen, aus den süddeutschen (bayerischen, steirisch-ös-
mehr. Aber dass man nun anfangen würde, bewusst deutsche terreichischen, schwäbischen) Gebieten seit dem Mittelalter über
Texte ins Ungarische zu übertragen, um diese zu ersetzen, wäre
Jahrhunderte erfolgten Einwanderungswellen, wodurch dieses
ein Novum (es gibt bereits jetzt zuhauf Präzedenzfälle dafür,
deutsche Element sein Siedlungsland Heanzenland oder Hean-
dass man zusätzlich Strophen auf Ungarisch dazudichtet). So
zerei vom Wieselburger Seewinkel bis Güssing erweiterte. Die
würde ein Restdeutsch aus dem bühnenartigen Kulturleben der
Geschichte der Heidebauern gestaltete sich ähnlich mit dem
Ungarndeutschen verschwinden, was dieses noch von dem ma-
Unterschied, dass ihre Ethnogenese von den frühneuzeitlichen
djarischen unterscheidet.
protestantischen Glaubensflüchtlingen und dem Schwabenzug
stärker betroffen war. Ihr traditionelles Wohngebiet deckte den
Selbstaufgabe war noch nie etwas, was einen vorangebracht
heutigen österreichisch-ungarischen Heideboden (ung. Mosoni
hat. So gilt es in diesen schwierigen Zeiten, unsere authenti-
síkság) ab. Unter diese westungarndeutsche Kategorie fällt auch
schen Werte trotz Zeitgeist und dem Gebot der Bequemlichkeit
zu verteidigen. das Preßburger Land, das einer eigenen Vorstellung bedürfte.

(Fortsetzung auf Seite 16)


SoNNTAGSBLATT 15
Deutschtum in Westungarn: ohne Bürgertum keine Identität Parteizeitung der Deutschen Freiheitspartei: „Es gibt keinen ös-
terreichischen Kaiser und ungarischen König mehr. Geblieben
Die mit dem Thema vertrauten Autoren sind sich darin einig, dass ist das Volk. Soll es von fremden Völkern, von fremden Beamten,
das Westungarndeutschtum (also die Heanzen und die Heide- die mit uns nicht fühlen und denken, weiter beherrscht werden?
bauern) im Gegensatz zu anderen deutschen Volksgruppen in Wir Deutsche sind kein Sklavenvolk, sondern ebenso frei wie die
Ungarn ein Bauernvolk blieb. Bereits im Mittelalter verfügten die anderen Völker…”
Siebenbürger Sachsen über ihre „Universitas”, die Zipser hatten
schon vor 700 Jahren eine „Zipser Willkühr”, während die West- In dieser Atmosphäre, aber zuerst nicht anschlussorientiert,
lichen solche gemeinsame historische Entwicklung nicht mitma- kam die westungarndeutsche Autonomiebewegung zustande,
chen konnten. Diese fortgeschrittene gesellschaftliche Entwick- die die allgemeine Unterstützung der Bevölkerung genoss. Da-
lung zeigte sich später in Gestalt der starken Bürgerschaften im rüber hinaus wurde am 10. November der „Deutsche Volksrat”
Kreise der einzelnen deutschen Volksgruppen. Nicht nur die Sie- in Mattersdorf (heute Mattersburg) unter Mitwirkung mehrerer
benbürger oder die Zipser Sachsen, sondern auch die Batschka- deutscher Vereinigungen gegründet. Dieses Ereignis ist auch
er-Banater Donauschwaben verfügten im 19. Jahrhundert über als Geburtsstunde Deutsch-Westungarns / des Burgenlandes
ein eigenes Bürgertum, das eigentlich der größte Motor der im als politische Entität zu betrachten. Die Akteure der Bewegung
Jahre 1904 gegründeten Ungarndeutschen Volkspartei war. Die trachteten zuerst nach einem Kompromiss mit Budapest, um die
Städte und die dort ansässigen bürgerlichen Schichten sind für kulturell-territoriale Autonomie für Deutsch-Westungarn durchzu-
die Ausbildung der Intelligenz „zuständig” und durch diese Aka- setzen, aber die ungarische Partei war misstrauisch gegenüber
demikerschicht wird eine Volksgruppe unter eine möglichst ge- der Autonomiebewegung. Dazu kommt auch die Tatsache, dass
meinsame Identität und ein entsprechendes Selbstbild geordnet. in diesen Tagen die politische Lage in Budapest alles andere als
Unseren Heanzen und Heidebauern war die bereits erwähnte übersichtlich war. Die anfängliche Begeisterung für Ungarn sei-
städtische Struktur keinesfalls fremd, die in Siebenbürgen oder tens der Westungarndeutschen gab nach und die Führung stellte
in Oberungarn vorhanden war. Die Stadt Güns betrachtete man ein Ultimatum an die Regierung: Sie gewährt Autonomie oder die
als die „Hauptstadt des Heanzentums”, Ödenburg ebenfalls, aber Deutschen werden einen eigenen Staat ausrufen. Obzwar Buda-
diese Städte konnten keine absolute geistige Primärrolle inner- pest ein neues Autonomiegesetz verabschiedete, wurden darin
halb der bäuerlichen Bevölkerung einnehmen, da die klassische die Ziele der Autonomiebewegung aber noch nicht berücksich-
Assimilation des deutschen Bürgertums eine Grenze zwischen tigt, deswegen wurde das Gesetz unter der Führung von Wol-
den Dörfern und den Städten zog. linger abgelehnt. Danach eskalierte die Lage in Deutsch-West-
ungarn immer mehr.
Alldeutsche Versuche für die Westungarndeutschen
Ein ungarndeutscher „Staat” wird geboren
In Deutsch-Westungarn waren Anhänger der großdeutschen
Schönerianer Bewegung die ersten Erwecker in den letzten Jah-
Die gescheiterte territoriale Autonomie brachte Enttäuschung für
ren des 19. Jahrhunderts. Der Sankt-Gottharder Landwirt Karl
die deutsche Bevölkerung und die allgemeine Stimmung richtete
Wollinger und der Neusiedler Apotheker Adalbert Wolf versuch-
sich gegen Ungarn und ungarische Beamte. In den in der Nähe
ten die Bevölkerung - mit Hilfe der österreichischen Deutschna-
von St. Gotthard liegenden Dörfern wurden Protestveranstal-
tionalen - für die „deutsche Sache” zu mobilisieren. Diese ersten
Schritte verkörperten sich in Gründungen von deutschen Kul- tungen abgehalten, auf denen die Teilnehmer ihr Selbstbestim-
turvereinen und Bibliotheken, und auch der Eisenburger Volks- mungsrecht und eine zukünftige Trennung von Ungarn forderten.
bildungsverein wurde ins Leben gerufen. Ein wichtiger Sam-
melplatz für die westungarischen deutschgesinnten Studenten Im Dezember trat eine neue Persönlichkeit in den Wirbelwind
und Intellektuellen war der Wiener „Verein zur Erhaltung des der Geschichte ein: Der Mattersdorfer Sozialdemokrat Hans Su-
Deutschtums in Ungarn”, in dem unter anderen der berühm- chard erlebte die revolutionären Tage sowie die Proklamation der
te heanzische Dichter, Josef Reichl, und der alldeutsche Alfred Republik Deutsch-Österreich in Wien. Suchard, der verwundete
Walheim mitwirkten. Der Wollinger-Kreis schloss sich 1907 der Kriegsveteran, der sich ein österreichisches Deutsch-Westun-
frisch gegründeten UDVP (Ungarländische Deutsche Volkspar- garn wünschte, war mit den Wiener Sozialdemokraten gut ver-
tei) an. Karl Wollinger leitete die westungarischen Flügel der Par- netzt, die viele Waffenlager in ihrer Hand hielten. Sein Interesse
tei, allerdings aus ihrer Sicht mit wenig Erfolg: Die UDVP blieb traf auch den Willen der österreichischen Regierung; also einer
von Anfang an treu zum ungarischen Staatsgedanken, aber die militärischen Annexion sollte nichts im Wege stehen. Suchard
österreichfreundlichen Stimmen meldeten sich in der Bewegung konnte in den österreichischen Kasernen Milizionäre rekrutieren,
der Westungarndeutschen immer häufiger. Die Anfangsphase mit denen er in Westungarn einmarschierte, noch dazu wurde
des Ersten Weltkriegs verging mit fieberhaften Presseaktivitäten ein größeres Waffenarsenal an der österreichisch-ungarischen
rund um die „Heinzenland-Burgenlandfrage”. Grenze für sie bereitgestellt. Im Dorf Mattersdorf hielten die Auto-
nomiebefürworter und die Anschluss-Unterstützer am 6. Dezem-
Am Scheideweg: Autonomie in Ungarn oder Deutsch-Öster- ber eine improvisierte Versammlung ab, aber letztendlich wurde
reich? das Drehbuch der Separatisten von Suchard geschrieben.

Im Oktober 1918 zerbrach die österreichisch-ungarische Hälf- Noch am selben Tag rief Suchard - sich beziehend auf das Wil-
te der italienischen Front, und die Monarchie unterzeichnete son’sche Selbstbestimmungsrecht der Völker - „das freie deut-
Anfang November in Padua den Waffenstillstand mit Italien. In sche Heinzenland” aus. Es war eigentlich eine provisorische
Budapest führten die Ereignisse zur sogenannten Asternrevo- Lösung von ihm: „Bei Ungarn wolln ma net bleiben. Nach Öster-
lution, und die Fraktionsbildung begann natürlich auch im Krei- reich lasst ma uns net. Na, dann ham ma halt a eigene Republik
se der Elite der Deutschen in Ungarn. Jakob Bleyer vertrat den gmacht“, wie er später erklärte. Die Republik Heinzenland sollte
madjaronen Standpunkt samt kultureller Autonomie und Staats- solange existieren, bis Österreich selbst das Land annektiert. Zur
treue, der sächsische Rudolf Brandsch vertrat die Gegenposition Republik gehörten theoretisch alle deutschsprachigen Ortschaf-
(siehe Mediascher Anschlusserklärung 1919). Wie das ganze ten Westungarns.
Ungarndeutschtum, so stellten sich die Westungarndeutschen
ihre politische Zukunft unterschiedlich vor. In den unstabilen Die Mattersdorfer stellten eine sogenannte „Volkswehr” auf, wel-
Oktobertagen setzte sich Wollinger für das freie Selbstbestim- che nur 300 Männer zählte - eine Rekrutierung unter der dortigen
mungsrecht der westungarischen Bevölkerung erneut ein, was deutschen Bevölkerung war auch nicht möglich, weil die Dörfer
bei ihm eindeutig die Anschlusslösung bedeutete. So formulierte über das Vorhaben der Separatisten nicht informiert wurden. Die
die von Wollinger gegründete Zeitung „Deutsche Freiheit”, die fehlende Munition erschwerte die militärische Situation Suchards
16 SoNNTAGSBLATT
noch weiter, da die Waffentransporte von ungarischen Soldaten Dies war für ihn ein ganz besonderes Erlebnis, da das rumpfun-
gestoppt wurden. Unter diesen Umständen mussten die hean- garländische Deutschtum zufolge der verhängnisvollen ungari-
zischen und österreichischen Volkswehr-Soldaten weitere Ort- schen Nationalitätenpolitik an einem totalen Mangel von volksbe-
schaften besetzen. Am Abend traf eine österreichische Truppe wußten deutschen Lehrern litt. Schmidt versprach sich vom Geist
in Mattersdorf ein, mit frischen Männern und Munition. Suchard und von den Erfahrungen dieser Lehrerschaft sozusagen eine
entschloss sich, einen Angriff auf Ödenburg (die auserwählte willkommene „Blutauffrischung“ für die Ungarndeutschen, die
Haupstadt der Republik Heinzenland) vorzunehmen, aber erst sich nach dem Wiener Abkommen vom August 1940 zum Schutz
am nächsten Tag. In der Nacht wurde aber das ungarische Militär der deutschen Volksgruppe in Ungarn gerade anschickten, ein
in Ödenburg mobilisiert und im Morgengrauen des 7. Dezember eigenständiges deutsches Schulwesen aufzubauen.
umzingelten diese Soldaten die Aufständischen in Mattersdorf:
Ein Widerstand gegen die viel besser ausgerüsteten Ungarn Schon in seiner Jugendzeit und bis heute war er immer und über-
(Madjaren) schien aussichtslos zu sein, also wurden die Sepa- all dort zu finden, wo es galt, für die Erhaltung des ungarländi-
ratisten ohne einen einzigen Flintenschuss entwaffnet. Wegen schen Deutschtums tätig zu werden. Er wurde am 7. März 1915
Hochverrat wurde Suchard verhaftet und in Ödenburg eingeker- als sechstes Kind einer Heidebauernfamilie in Sanktpeter/Komi-
kert. Der ungarische Gerichtshof verurteilte ihn zum Tod, aber er tat Wieselburg, im ehemaligen Gouvernement Deutsch-West-
wurde zu Weihnachten gleich begnadigt. Damit endete die west- ungarn, geboren. Schon als junger Student knüpfte er enge
ungarndeutsche „Eintagsrepublik”, die Republik Heinzenland, Beziehungen zur Bewegung Jakob Bleyers, dem Erwecker des
die nach Suchards Erzählungen 22 Stunden existierte. ungarländischen Deutschtums. Josef Schmidt gehört zu den we-
nigen noch lebenden Teilnehmern an Jakob Bleyers Begräbnis
Die Zeitdauer gilt als ein Rekord auch in der Weltgeschichte unter in Budapest 1933.
solchen ein- oder zweitägigen kurzlebigen Staaten. Der Plan für
die Errichtung eines Staates scheiterte, aber die Republik Hein- Nach Absolvierung der Lehrerbildungsanstalt in Sárospatak 1936
zenland war eine wichtige Station auf dem Weg zur Gründung studierte Josef Schmidt bis 1941 Germanistik und Geschichte an
des Burgenlandes: Ein spektakulärer, fast beispielloser Vorfall, der Hochschule in Segedin. Dort war auch der Germanist Prof.
wodurch der internationalen Öffentlichkeit die Bedeutung der Dr. Heinrich Schmidt, der bewährte wissenschaftliche Mitstreiter
deutschwestungarischen Frage klar wurde. von Prof. Jakob Bleyer, sein Lehrer, der sich über die Suevia-
ner, die sich um den Jubilar sammelten, freute und sie mit be-
sonderer Aufmerksamkeit in die Volkskunde und Mundarten der
deutschen Siedlergruppen in Ungarn einführte. Drei Semester
verbrachte Schmidt an den Universitäten in Graz und Tübingen.
Gleich nach Abschluss seiner Studien wurde er am 1. Juli 1941
vom Volksgruppenführer Dr. Franz Basch mit der Leitung des
Für ein ungarndeutsches Landesschulamtes der deutschen Volksgruppe in Ungarn beauf-
Landesschulamt tragt. Erstmals in der Jahrhunderte alten Geschichte der Deut-
schen in Ungarn gab es mit dieser offiziellen Amtsbesetzung eine
Die Übergabe von Schulen an örtliche Nationalitäten- für die gesamte Volksgruppe in allen ihren Siedlungsgebieten für
selbstverwaltungen ist schön, gut und stärkt die lokalen die Selbstverwaltung des eigenständigen Schulwesens zustän-
Selbstverwaltungsrechte. Aber: Wäre es dennoch nicht dige Einrichtung, deren Aufgabe es war, für Aufbau, Erhaltung
und Unterrichtsgestaltung in einer deutschen Schulautonomie zu
angebracht, ein ungarndeutsches Landesschulamt einzu-
sorgen. Schmidt erhielt mit diesem Amt einen Aufgabenbereich
richten?! Denn es gäbe sehr viel zu tun (allein, was die
der deutschen Kultur- und Volkstumsarbeit zugeteilt, der zu den
Unterrichtssprache betrifft, überwiegt in den meisten eige- wichtigsten institutionellen und geistigen Instrumentarien der
nen Schulen die fünfstündige Form, die oft auch noch als Riege des ererbten Volkstums und lebendigen Identitätsbewußt-
Fremdsprachenunterricht verstanden wird), was ein pä- seins für Volksgruppen in andersnationalen Staaten gehörte.
dagogisches Institut nicht leisten kann. Die Baptisten, die
vor einigen Jahren landesweit 30 Schulen übernommen Die rund zwei Millionen Deutschen des damaligen Ungarn hat-
haben, haben es vorgemacht, wie es geht. In der Vergan- ten zum Zeitpunkt des nationalen Erwachens nach dem Ersten
genheit gab es kurzzeitig ein Landesschulamt für die un- Weltkrieg nur mehr 14 deutschsprachige Schulen. Der totale
garländischen deutschen Schulen. Sein Leiter war Josef Mangel an volkseigenen Mittelschulen und höheren Schulen hat
dem Deutschtum in Ungarn naturnotwendig die volksverbunde-
Schmidt, der vor zwanzig Jahren starb.
ne intelligente Oberschicht und Führungsschicht genommen, die
ZUR ERINNERUNG (zur Verfügung gestellt von Georg Krix) unzulängliche volksfremde Volksschule aber hat ganze Gene-
rationen und Schichten seiner Angehörigen in ein namenloses
Vor 20 Jahren, am 21. November 1998 hat uns Landsmann JO- völkisch-kulturelles Elend gestoßen.
SEF (Sepp) SCHMIDT für immer verlassen. Ein Kämpfer für das
Ungarndeutschtum, dessen wir uns ehrwürdig erinnern wollen. Es wurde nur ein stufenweiser Aufbau des deutschen Schulwe-
Josef Schmidt wurde am 7. März 1915 in Sanktpeter (Heidebo- sens in Angriff genommen. Zunächst beantragte der Volksbund
den, Westungarn) geboren und starb am 21. November 1998 in die Errichtung einiger wichtiger höherer deutscher Schulen und
Stuttgart-Bad Cannstatt. Die Urne mit seiner Asche wurde in sei- eigener Volksschulen in Gemeinden, in denen schulisch und
nem Heimatfriedhof Sanktpeter beigesetzt. volklich eine bedrohliche Situation bestand. Der auch mit diesem
übernommenen schulischen Erbe noch längst nicht ausreichen-
Für sein Leben und Wirken stehe hier ein Artikel von Josef Volk- de schulische Bestand wurde getragen von drei eigenständigen
mar Senz aus früheren Jahren: schulerhaltenden Körperschaften: 1. dem Volksbund der Deut-
schen in Ungarn, 2. der Schulstiftung der Deutschen Volksgrup-
Josef Schmidt war im Sommer 1941 der sowohl an Lebens- als pe in Ungarn und 3. dem Deutsch-Evangelischen Generaldeka-
auch an Dienstjahren jüngste Landesschulamtsleiter der dama- nat in Siebenbürgen.
ligen südosteuropäischen deutschen Volksgruppen. Er war von
Budapest in das Schulungsgut der Volksgruppe in Schloß Futok Das innere Urübel der deutschen Schulfrage war der Mangel an
gekommen, um die dort versammelten Lehrer des eben nach volksbewussten Lehrkräften, der nicht von heute auf morgen ge-
deckt werden konnte. Alle Anstrengungen wurden deshalb auf
Ungarn zurückgegliederten Batscherlandes zu begrüßen.
die Heranbildung eines erforderlichen deutschen Lehrernach-
(Fortsetzung auf Seite 18)
SoNNTAGSBLATT 17
wuchses gelegt. Diese Maßnahme erforderte bei nur zwei eige- Geburtstag alle seine Freunde und Bekannten, die donauschwä-
nen Lehrerbildungsanstalten mehrere Jahre, weshalb auch die bischen Lehrer und ungarndeutschen Landsleute, und danken
Gesamtlösung der Schulfrage und der schulischen Selbstverwal- ihm für seine bewahrende und anregende Lebensleistung im
tung bis auf die Zeit nach dem Krieg verschoben werden musste. Dienst unseres Volkes. Sie wünschen ihm weiterhin den Segen
Nach Kriegsende finden wir Josef Schmidt in Wien, wo er sich des Allmächtigen in seinem Leben und Tun.
infolge des Elends und der Not seiner evakuierten Landsleute als
Mann der ersten Stunde um die Betreuung und Vertretung der
Belange der ungarländischen Deutschen in Österreich bemüh-
te. Mit Vertretern anderer Vertriebenengruppen aus den Südost-
staaten gründete er bereits 1945 das Zentralkomitee der Volks-
deutschen in Österreich, in dem er auch mit Dr. Sebastian Werni
aus dem Batscherland zusammenarbeitete. Als Hauptschrift- Geschehen vor 70 Jahren: „Wir
leiter übernahm er ab 1946 die Wochenschrift „Wegwarte“, das mussten unser Zuhause in ein
Organ des Zentralkomitees. Als die Überparteilichkeit der „Weg-
warte“ nicht mehr gewährleistet war, legte er die Hauptschrift-
Bündel packen”
leitung nieder. 1950 übersiedelte Josef Schmidt nach Deutsch- (70 éve történt: „Egy batyuba kellett pakolnunk az otthonunkat”)
land. Auch da trat er für die Gleichberechtigung der Deutschen
Von Rebeka Csóti. Erstmalig erschienen am 19. Januar 2018
aus Ungarn ein. In der Heimatauskunftsstelle für Ungarn, die auf dem Internetportal „index.hu”. Veröffentlichung mit freund-
im Innenministerium Baden-Württembergs in Stuttgart errichtet licher Genehmigung der aus Kirne stammenden Autorin.
wurde, übernahm er als Stellvertreter und später als Nachfolger Deutsche Übersetzung: Richard Guth
des Leiters Max Albert das Referat „Dokumentation“, das sich
um die Erfassung der Daten und Unterlagen der Vertriebenen __________________________________________
aus Ungarn zu bemühen hatte. Er setzte sich mit ganzer Kraft Die Einführung zu den Zeitzeugenerinnerungen enthält
für seine Landsleute in ihren jetzigen Aufnahmegebieten ein und noch einige Ungenauigkeiten, interessant und wertvoll sind
erfüllte diese verantwortungsvolle Aufgabe in engster Zusam- hingegen die Berichte der Zeitzeugen.
menarbeit mit den zuständigen Stellen der Staatsverwaltung, der ___________________________________________
Landsmannschaft, des Rates der Südostdeutschen und anderen
zuständigen Gremien. „Eines Tages kamen dann die Polizisten, mit der Nachricht, dass
wir gehen müssen. Wohin ich nur schaute, überall Menschen
1974 schied er infolge angeschlagener Gesundheit aus dem mit Tränen in den Augen. Wir Kinder genossen es ja sehr. Wer
Dienst aus. Doch auch im Ruhestand ließ ihn die Sorge um die konnte damals auf einem Laster sitzen?! Danach durften wir so-
Wahrung der Belange und Zukunft der Deutschen aus Ungarn gar Zug fahren, wir dachten, Gott wüsste, wie es sein wird. Wir
nicht zur Ruhe kommen. Als engagierter Journalist bezog er waren fast zwei Monate unterwegs. Wir hielten alle vier Tage an,
mit volkspolitischen und zeitgeschichtlichen Kolumnen und Bei- dann konnten wir den Zug verlassen um unsere Notdurft zu ver-
trägen Stellung zu aktuellen Fragen der Deutschen aus und im richten, die verdreckten Eimer wurden ausgeschüttet.” Mit dem
heutigen Ungarn. Die Geschichte des Kampfes um die deutsche ersten „Schwabenzug” begann am 19. Januar 1946 die gewalt-
Schule und die mannigfaltigen politischen Schwierigkeiten der same Vertreibung der Deutschen aus Ungarn. Behördenwillkür,
damaligen ungarischen Nationalitätenpolitik, die er als Landes- zwanzig Kilo schweres Bündel, Raufereien, Tränen und Beispie-
schulamtsleiter von 1941 bis 1944 maßgebend gestaltet hat, le menschlicher Hilfeleistung: Zeitzeugen, die die Tragödie in Kir-
sind bisher nur in gelegentlichen Bruchstücken da und dort dar- ne/Környe als Kind erlebt haben, gedenken den Geschehnissen
gestellt worden, so in der Schrift „Volksdeutsche Schulerziehung vor 70 Jahren.

in Ungarn“ aus „der Arbeit des Volksdeutschen Schulwesens und Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden für die von den Nazis be-
der Deutschen Erzieherschaft des Volksbundes der Deutschen gangenen Verbrechen die deutschen Minderheiten kollektiv ver-
in Ungarn“, herausgegeben vom Landesschulamt des Volksbun- antwortlich gemacht. Auf sowjetische Initiative hin haben die
des der Deutschen in Ungarn, Zusammenstellung von Josef V. Alliierten auf der Potsdamer Konferenz abgesegnet, dass ein
Senz. Neusatz 1943,135 Text- und 15 Bildseiten mit 1 Karte“ (er- Teil der in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn lebenden
schienen in der Amtszeit von Josef Schmidt). Deutschen nach Deutschland umgesiedelt werden muss. Inner-
halb von zwei Jahren wurden in Ungarn über 200.000 Männer
Die in der AG Donauschwäbischer Lehrer vor Jahren bereits in und Frauen, Alte und Kinder dazu gezwungen ihr Zuhause zu
Angriff genommene Aufarbeitung konnte bis heute noch nicht verlassen und mit einem Bündel ins unbekannte Deutschland
zum Abschluss gebracht werden. Eine solche Aufarbeitung hätte aufzubrechen.
eine praktische politische Bedeutung, weil die darin dargestell-
ten Erfahrungen mit großem Nutzen in die derzeit in Ungarn und Anfangs wurden diejenigen Menschen deutscher Volkszugehö-
Deutschland aufgenommenen Bemühungen um den Aufbau rigkeit, die Mitglied in einer Hitlerschen Organisation waren be-
eines neuen deutschen Schulwesens in Ungarn herangezogen ziehungsweise freiwillig solches in der SS wurden, mit der Kon-
werden könnten, wie das Josef Schmidt in seinen Kolumnen im fiszierung ihres Hab und Gutes bestraft. Diejenigen, bei denen
„Donauschwaben“ immer wieder fordert. man eine solche Mitgliedschaft als erwiesen ansah, wurden
interniert. In ihre Häuser wurden Neusiedler („telepesek”) aus
Im Rückblick auf seine kulturelle und politische Arbeit stellt er ärmeren Komitaten eingewiesen. Die Familienangehörigen der
dann auch fest: „Wir sind heute die letzten spärlichen Reste Internierten wurden bei anderen schwäbischen Familien unter-
eines solchen schöpferischen Volkes, ohne dessen historische gebracht oder in ganz andere Ortschaften gebracht. Schlussend-
Leistungen auf allen Gebieten eine abendländische Kultur bei lich legte die am 19. Dezember 1945 veröffentlichte Verordnung
den Völkern der südosteuropäischen Länder überhaupt nicht fest, dass all diejenigen Bürger deutscher Volkszugehörigkeit,
aufgekommen wäre. Es war die größte noch immer nicht über- die sich bei der Volkszählung von 1941 zur deutschen Volkszu-
wundene Enttäuschung meines Lebens, dass unser Opfergang gehörigkeit oder Muttersprache bekannt haben, Mitglieder des
um die Erhaltung des ungarländischen Deutschtums vom ‚Vater- Volksbunds oder der SS waren beziehungsweise ihre madjari-
land‘ durch die Vertreibung geächtet und vom ‚Mutterland‘ nicht sierten Namen wieder germanisieren ließen, nach Deutschland
beachtet, geschweige denn geachtet wurde.“ umsiedeln müssen. Der erste Zug startete am 19. Januar 1946
in Wudersch, der letzte verließ im September 1948 das Land. In
In herzlicher Verbundenheit grüßen den Jubilar zu seinem 75. zwei Jahren mussten 200.000 – 250.000 Menschen ihre Heimat
18 SoNNTAGSBLATT
verlassen, viele Familien wurden dabei getrennt. Von dem Polizisten haben wir bereits am Bahnhof wieder unsere
Schlüssel erhalten, so konnten wir sofort ins Haus.
Kirne gehörte zu den schwäbischen Dörfern, in den die Depor-
tation der Deutschen angeordnet wurde. Die Mehrheit der Be- Besitzlos, aber wir konnten zurückkehren. Meine Eltern hatten
völkerung in der im Komitat Komorn-Gran gelegenen Gemeinde Haus und drei Morgen Besitz, aber diese wurden uns ohne ein
war schwäbisch. Ihre Vorfahren wurden nach dem Ende der Os- Wort weggenommen. Man hat diejenigen weggebracht, die noch
manenherrschaft ins Land gerufen. Die meisten Dorfbewohner etwas besaßen. Die Eisenbahnwaggons standen noch einige
waren deutscher Muttersprache, viele der Alten konnten nicht Tage bei Weinhield/Bánhida, dorthin brachten wir dem Bruder
oder kaum Ungarisch. meines Vaters und dessen Familie Honig und dies und jenes.
Den Kontakt zu ihnen brach nicht ab, wir haben viel per Brief kor-
Die Vertreibung traf die Gemeinde unerwartet. Am 27. August respondiert. Wir haben in den Umschlag rote Paprika gesteckt,
1947 wurde das gesamte Gemeindegebiet abgesperrt, am nach einer gewissen Zeit war es erlaubt Pakete zu schicken.
Dorfrand standen überall Gendarmen. Die Soldaten klopften Nach 1956 wurde dann alles einfacher.”
mit Listen in der Hand einzeln an den Haustüren und riefen die
Bewohner auf, binnen zwei Stunden zu packen. Am Vorabend Bella Fegyveres
ahnte noch keiner, was ihn am nächsten Tag erwartet. Die Er-
wachsenen durften 20 kg pro Kopf mitnehmen, sie packten meist „Ich wurde in Kirne geboren, meine Eltern haben 1942 oder 1944
Lebensmittel in ihr Bündel. Von der Kleidung zogen sie so viel ein Haus im Ortsteil Patar gekauft. Mich konnten sie nicht dazu
wie möglich an, damit dies nicht zum Gewicht des Bündels dazu- bewegen umzuziehen, deswegen blieb ich in Kirne bei meinen
gezählt wurde. Binnen eines Tages wurden 101 Familien nach Großeltern und meiner Urgroßmutter. Ich wohnte gerne dort, weil
Deutschland umgesiedelt. alles in der Nähe war, die Schule und die Kirche. Am Tag der
Vertreibung klopfte man bei uns nicht, denn mein Opa war An-
All dies hat die Familie meines Großvaters durchlebt. Meine zwei hänger der Kleinlandwirtepartei und erhielt von István Dobi eine
Urgroßeltern mit den fünf Kindern standen auf der Liste der Ver- Befreiung.
triebenen, lediglich weil die Züge voll waren, blieben sie hier. Zu-
erst erfuhr ich aus den Erzählungen meines Großvaters über die Allerdings tauchten am Abend zwei Männer auf, die meinen
Vertreibung der Schwaben, danach habe ich angefangen mehre- Großvater baten, den Befreiungsschein zu überreichen. Er woll-
re Dorfbewohner, die davon betroffen waren, aufzusuchen. te es natürlich nicht, deswegen riss man ihm das Blatt aus der
Hand, und sie sagten, dass die Papiere ungültig seien und wir
Anna Haffner packen müssten, weil man uns mitnehmen werde. Wir hatten Be-
such aus Pest, er hat uns die Flucht ermöglicht, während mein
Großvater und die Seinen an der Tür verhandelten. Der Bekann-
„Mein Vater war Mitglied beim Volksbund, so haben wir damit
te brachte uns zu einem Verwandten. Ich erinnere mich gut, dass
gerechnet, dass man uns 1945 unseres Hauses verweisen wird.
ich über das Tor klettern musste, damit ich rein konnte. An die-
Eines Tages kamen dann die Polizisten, mit der Nachricht, dass
sem Abend wurden vier Familien auf den Wagen geladen, unter
wir gehen müssen. Zuvor haben wir einige unserer Möbelstücke
ihnen meine Großeltern, zusammen mit meiner Urgroßmutter
in ein anderes Haus gebracht, von dem wir annahmen, dass es
und der Familie des Bruders/der Schwester meiner Mutter. Sie
von der Vertreibung nicht betroffen wird, aber die dortigen Be-
alle wurden dem Kirner Zug hinterhergefahren. Meine Mutter
wohner wurden 1947 nach Deutschland gebracht, so ging all
brach nach Szob auf, um den Verwandten, die im Zug saßen,
unser Vermögen, das wir zu retten versuchten, für immer ver-
warme Sachen zu bringen. Ich zog nach Patar zu meinen Eltern
loren. Ich habe mich beim Schleppen sogar geschlagen. Es kam
und ging von dort in die Schule. Ich hatte kaum Kleidung, das
ein Mann, der den Sparherd mitnehmen wollte, aber ich zog ihn
meiste blieb im Haus meiner Großeltern.
zurück, damit dieser im Haus bleibt. In unser Haus zog eine Neu-
siedlerin mit drei Kindern. Sie erlaubte uns, eine Weile zu blei-
Nach der Vertreibung hat das Leben meiner Familie ein Partisa-
ben, aber dennoch mussten wir rasch gehen. Zuerst vertrieben
ne, der 1945 aus dem ehemaligen Oberungarn kam, zur Hölle
sie uns, danach wir sie. Unsere Freunde halfen dabei, sie haben
gemacht. Er versprach meiner Mutter, dass er die Familie Hoffart
die Flügel von einigen Hühnern gebrochen, dann die Füße von
nicht nur materiell, sondern auch seelisch (im ungarischen Origi-
Hasen, danach machte sich die Frau derartige Sorgen um ihr
nal: nervlich) kaputtmachen werde. Es kam auch so. Mein Vater
verbliebenes Schwein, dass sie es in das hintere Zimmer ver-
kam nach einem Schauprozess für ein Jahr ins Gefängnis, er
frachtete, damit diesem nichts zustößt.
wurde schlussendlich vom Raaber Volksgericht freigesprochen.
Die Anklage lautete, dass er eine Volksbund-Zeitung lese. Wir
Wir mussten fünfmal umziehen. Zuerst zogen wir zum zweiten, wurden bei der Verstaatlichung aus unserem Haus in Patar raus-
dann zum dritten Nachbarn, in die Mitte des Dorfes zu einer Fa- geschmissen und nach Kirne zur Kellerreihe geschickt, um dort
milie, danach zogen wir in den Kindergarten, dessen Fenster mit eine Wohnstelle zu errichten. Währenddessen versuchten mei-
Papier verdeckt waren. Damals lebten wir in großer Armut. Mein ne Eltern mehrfach nach Deutschland zu fahren, aber erhielten
Vater war interniert, meine Mutter ging auf Märkte, damit wir uns nie eine Genehmigung. Ich konnte 1963 dorthin fahren, aber ein
von etwas ernähren konnten, mein Bruder in Tarian, ich fast allei- Wiedersehen mit den Großeltern war nicht mehr möglich.”
ne im Kindergarten bei den Ráczs.
Paula Steger
Am Ende nahm uns die Familie meiner Patentante auf, dort
wohnten wir, als man 1947 an unserer Tür klopfte, damit wir pa- „Morgens mussten wir auch packen, die Eltern durften pro Per-
cken, weil man uns zum Bahnhof bringen wollte. Mein Vater war son lediglich zwanzig Kilo mitnehmen. Wir hatten etwas Gold und
unten im Bergwerk, er wurde benachrichtigt, dass er sich nach US-Dollar, die hat meine Mutter in den Rock eingenäht, deshalb
Hause begeben soll, da die Vertreibung begann. Wir haben alles musste ich mit soldatischer Disziplin sitzen, damit aus meiner
in einem Bündel verstaut, ich habe dabei sogar fünf Röcke an- Kleidung nichts runterrutscht. Wir wurden mit einem Laster zum
gezogen, damit deren Gewicht nicht zum Bündel dazugerechnet Bahnhof gebracht. Wir Kinder genossen es ja sehr. Wer konnte
wird. Als wir unten ankamen, waren die Wagen bereits voll, wir damals auf einem Laster sitzen?! Danach durften wir sogar Zug
konnten nicht mehr zusteigen. Wir wurden an die Seite gestellt fahren, wir dachten, Gott wüsste, wie schön es sein wird.
und nach einer gewissen Zeit entlassen. Auf dem Nachhause-
weg hat mein Buhler, der später mein Mann wurde, einen Neu- Wir wurden vom Bahnhof weggeschickt, weil wir nicht auf der
siedlerburschen angehalten. Er hat diesen verjagt und das Pferd Liste standen. Mein Großvater hatte eine Befreiung für die ganze
mit unserem Bündel bepackt und zu uns nach Hause gebracht. (Fortsetzung auf Seite 20)
SoNNTAGSBLATT 19
Familie, deswegen durften wir wieder heim. Mein Vater vertraute de, um zu packen. Sie hielten sich im Haus auf, bis wir mit dem
aber nicht darauf, dass wir lange bleiben dürfen, deswegen ha- Packen begonnen haben. Meine Mutter hat in einen Strohsack
ben wir auch nicht wieder unsere Sachen ausgepackt. Am Abend vier Laib Brot, was sie am Vortrag gebacken hat, drei Liter Fett,
hat man uns wieder abgeholt, um Punkt Mitternacht. Zuerst hat Marmelade, Salz, Speck und Obst aus dem Garten gelegt. Klei-
man uns in die Totiser Kolonie gebracht, aber da wir den Zug dungsstücke hätten gar nicht in das Bündel gepasst. Ein ver-
nicht mehr einholen konnten, liefen wir bis Szob. Dort nahm man schließbares Glas haben wir mit Wasser gefüllt, unsere Mutter
uns alles, was wir hatten, ab, Schinken, Salami, alles. Erst im hat noch Schmalzbrot geschmiert, sollten wir unterwegs Hunger
Nachhinein durften wir es zurückkaufen, gegen Geld. Wir waren bekommen.
fast zwei Monate unterwegs. Wir hielten alle vier Tage an, dann
konnten wir den Zug verlassen um unsere Notdurft zu verrichten, Bevor wir unser Haus verlassen haben, brachten wir unsere
die verdreckten Eimer wurden ausgeschüttet. Im Zug hat man Dokumente zu meinem ältesten Bruder. Die Säcke und Truhen
hin und wieder gekocht, aber meist aßen wir was Kaltes. aus unserer Straße wurden auf einen Pferdewagen geladen.
Ein Familienmitglied musste dem Wagen hinterherlaufen, damit
Wir hielten zuerst in Pirna, dann in Zöblitz, dort konnten wir zum man wusste, welches Gepäck wem gehört. Die anderen liefen
ersten Mal den Zug verlassen. Wir wurden in einer Turnhalle auch zu Fuß zum Bahnhof. Als wir an der Schranke ankamen,
untergebracht. Jeder hat eine Blechdose erhalten, aus der wir waren wir bereits eine richtige Menschenmasse. Dort hielt ein
essen konnten. Die Erwachsenen haben einen, die Kinder einen Polizist eine Liste in der Hand und ließ nur diejenigen durch, die
halben Esslöffel Essen bekommen. Aus Zöblitz fuhren wir nach auf der Liste standen. Unser Bündel wurde in die Ecke eines
Olbernhau weiter, wo wir bei einer netten Familie untergebracht leeren Waggons gelegt, der noch mit zwanzig weiteren Bündeln
wurden. Wir haben von ihnen Geschirr, Holz und alles Mögliche, beladen wurde. Während dessen brachte man immer mehr Men-
was wir benötigten, erhalten. Meine Großeltern haben zwei Häu- schen beziehungsweise kamen immer mehr Dorfbewohner um
ser weiter gewohnt, aber sie fanden bei einem Dreckskerl Unter- Abschied zu nehmen. Ich erinnere mich, dass es einen Mann
schlupf. Er pflegte stets zu sagen, dass wir ungarische Zigeuner gab, der drei Hüte anhatte.
seien und dorthin zurückkehren sollen, wo wir herkommen. Als
unser Hausherr davon erfuhr, bot er an, dass unsere Großeltern Gegen Mittag kursierte das Gerücht, dass die Bergleute, wenn
das restliche Zimmer beziehen, so konnten wir zusammen woh- sie ihre Dokumente vorzeigen können, nach Hause gehen könn-
nen. So war es halt. In Ungarn waren wir Deutsche, in Deutsch- ten. Da alle meine drei Brüder im Bergwerk arbeiteten, sind
land ungarische Zigeuner. wir sofort aktiv geworden. Auf der anderen Seite der Schranke
stand mein damaliger Buhler, der aufs Fahrrad sprang und un-
Winter 1947 sind mein Vater und meine Mutter nach West- sere Dokumente holte. Als meine Brüder diese Dokumente der
deutschland, nach Regensburg geflüchtet. Meine Mutter kam Dreierkommission am Teichrand zeigten, wurden wir entlassen.
zurück, um die beiden Kinder zu holen und zeigte meiner Oma Bis unser Bündel hervorgeholt wurde, ging die Sonne unter. Die
den Weg und holte im Sommer meine Urgroßmutter und Groß- Kirner Turmuhr hat Mitternacht geschlagen, als unser Pferdewa-
gen daran vorbeifuhr. Die Gendarmen haben die Tür des Hauses
mutter rüber. Meine Urgroßmutter musste sie auf dem Rücken
versiegelt und den Schlüssel beim Gemeindeamt abgegeben, so
über die Grenze bringen, weil sie ein offenes Bein hatte und nicht
dass meine Mutter ihn erst am Morgen abholen konnte. In dieser
laufen konnte. In Regensburg wohnten wir wieder in einem Auf-
Nacht haben wir draußen an der Türschwelle geschlafen. Wir
nahmelager, in einer alten Schule. Daheim durften wir frei auf der
haben drei Tage gewartet, bis wir mit dem Auspacken begannen,
Straße herumlaufen, im Lager waren wir eingesperrt. Wir waren da im Dorf das Gerücht herumging, dass man diejenigen, die
zu 16 in einem Zimmer, schliefen auf Stockbetten. Das Problem man entlassen hat, wieder abholen würde. Zum Glück geschah
bestand darin, dass wir alles auf Karte kriegten, den Zucker, das es nicht, und wir konnten zu Hause bleiben. Später wurden auch
Fett, das Mehl. Die Pfanne hat man nie ausgewaschen, es blieb in Kirne Madjaren aus dem ehemaligen Oberungarn angesiedelt.
immer ein wenig Fett drin. Bei uns wohnte im hinteren Zimmer eine Weile ein junges Ehe-
paar.”
Nachdem mein Vater eine Anstellung in der Ziegelfabrik erhielt,
ging es mit uns bergauf. Die Fabrik hatte eine Kantine, die später Anna Fábián
von meinem Vater erworben wurde. Zum damaligen Zeitpunkt
konnte auch meine Mutter bereits arbeiten. Dann wurde das La- „Damals habe ich in Obergalla gedient, Häuser geputzt und Kin-
ger geräumt und wir haben eine Dreizimmerwohnung in einem der gehütet. An einem Donnerstag kam die jüngere Schwester
Plattenneubau erhalten. Die Kantine musste man aufgeben, eines Dienstmädchens aus unserem Dorf, mit der Nachricht,
aber zum Glück konnte mein Vater an den Blockhäusern ein Ge- dass wir schleunigst nach Hause kommen sollen, weil die Ver-
schäftslokal mieten. treibung begann. Wir liefen als Abkürzung über die Weingärten,
aber die Kirner Dorfflur wurde bereits am Morgen gesperrt. Viele
Während dessen habe ich - sowohl in Ost- als auch in West- fuhren im Morgengrauen nach Totis/Tata um einzukaufen, aber
deutschland - die Schule besucht. Es war nicht einfach, weil man zurück ließ man sie nicht mehr. Leidiglich an der Kellerreihe
an beiden Orten unterschiedlich spricht, so dass ich die jewei- standen keine Gendarmen, dort konnten wir ins Dorf gelangen.
lige Sprache des Volkes neu erlernen musste. Vier Jahrgänge Als ich zu Hause ankam, waren meine Mutter und die anderen
lernten zusammen, zum einen die von 1 bis 4, zum anderen die bereits mit dem Packen beschäftigt. Es wurden bereits viele Fa-
von 5 bis 8. Ich konnte auch eine weiterführende Schule besu- milien weggebracht.
chen und habe zwei Berufe erlernt, den eines Filialleiters und
den eines Koches. Ich habe meinen Mann kennengelernt, mit Ich habe gesehen, dass die Nachbarsfrau ihre Töchter anzog,
dem ich mehrfach versucht habe, ein Haus zu erwerben. Nach während diese weinten, weil sie die viele Kleidung nicht mehr
seinem Tod habe ich in Kätschka/Kecskéd ein altes Bauernhaus tragen konnten. Ich war schon immer neugierig und lief deshalb
erworben und zog mit meiner Mutter um. Ironie des Schicksals bis zur Dorfmitte um mich umzuschauen. Ich werde einen älteren
ist, dass, bis es soweit war, dass die Renovierungsarbeiten ab- Mann nie vergessen, der mit seinem Bündel am Tor stand und
geschlossen waren, unser altes Haus in Kirne zum Verkauf an- heftig weinte. Überall sah ich Menschen mit Tränen in den Au-
geboten wurde, das ich ursprünglich kaufen wollte.” gen. Wir wurden nicht weggebracht, weil die Familien der Berg-
leute bleiben konnten, so mussten wir, nachdem wir nachweisen
Magdalene Pammer konnten, dass Opa dort arbeitet, nicht zum Bahnhof.

„Unser Haus war das erste im Dorf, wo die Gendarmen geklopft Es gab Familien, denen die Polizisten halfen, um hier zu blei-
haben. Die beiden Männer mittleren Alters gaben uns eine Stun- ben. Meinem Schwiegervater beispielsweise – als sie ihren
20 SoNNTAGSBLATT
s
Familiennamen hörten, verstanden diese es gar nicht, warum
sie überhaupt auf der Liste standen. Sie meinten, Fábián wäre Mikrokosmos Ost- und Mitteleuropa
ein madjarischer Name, warum sollten sie umsiedeln?! Mein
Schwiegervater erwiderte, dass der Name womöglich ein madja- Deutsche Volksgruppen
rischer sei, aber wir Schwaben seien. Jedes Mal, als der Wagen
sie abholen wollte, schickte ihn der Gendarm weg, unter dem
Vorwand, sie würden noch Brot backen oder mit dem Packen
beschäftigt sein. Er konnte es bis zum Nachmittag hinauszögern, Ohne Sprachgebrauch
da mussten sie zum Bahnhof. Ehe sie den Bahnhof erreichen keine Identität
konnten, hat man sie unterwegs zurückgeschickt, da die Wagen
bereits voll waren. Der Zug startete erst am Abend. Interview mit Dr. Zsuzsanna Lampl-Mészáros, Leiterin der
Sektion Demografische und Soziologische Studien des
Die Eisenbahnschienen verliefen nah an unserem Grundstück, Fórum-Instituts Sommerein/Šamorín und wissenschaftliche
und es ertönte die Stimme der wartenden Schwaben. Ich kann Mitarbeiterin an der Konstantin-Universität Neutra/Nitra
mich noch recht gut an das Lied, was sie sangen, erinnern:
SB: Frau Dr. Lampl, in den letzten Monaten konnte man auch
Burschen, wir gehen weg, im Ausland viel über innenpolitische Ereignisse in der Slo-
Wir können dieses kleine Dorf nie wieder sehen. wakei lesen. Helfen Sie uns, was passiert bzw. was ist in der
Wir können das Gittertor nie wieder sehen, Slowakei passiert?
Sagt dem, der heimkommt,
Dass ich im fremden Boden ruhe.” ZSL: Februar vergangenen Jahres wurden ein Journalist und
seine Frau ermordet. Sowas ist in der Slowakei noch nie vor-
Franz Rácz gekommen. Die Medien meinten bereits am Tag des Mordes
zu wissen, dass das eine Tat der italienischen Mafia gewesen
„Die Familie meines Onkels / meiner Tante mütterlicherseits ha- wäre, die eng mit der Regierung verwoben wäre. Wenige Stun-
ben die Neusiedler („telepesek”) aus ihrem Haus geschmissen, den nach der Bekanntgabe des Mordes begannen im Facebook
deswegen zogen sie zu uns. Als man uns 1947 vertreiben wollte, die Vorbereitungen auf die Antiregierungsdemos, diejenigen
lebten sie bereits bei uns, sie haben das vordere Zimmer des Kundgebungen, von denen wir später und seitdem überall lesen
Hauses erhalten. Wir standen auch auf der Liste und mussten konnten, dass sie spontan zustande gekommen wären, unter der
an dem besagten Tag auch packen. Wir durften nur ein Bündel Führung von lediglich einigen unabhängigen Studenten im Hin-
zusammenstellen, alles andere mussten wir zurücklassen. Rund tergrund. Aufgrund des großen Drucks dankte nach einiger Zeit
ums Haus lebten viele Tiere, da mein Vater als Fleischer arbeite- der Innenminister, dann der Ministerpräsident ab, die Regierung
te. Seine Nutztiere blieben auch hier, umsonst hat er sie aufge- wurde aber nicht gestürzt. Die Ermittlungen wurden von Anfang
zogen. Aber nicht nur die Tiere, Möbelstücke, Kleidungsstücke, an misstrauisch beobachtet, die Medien und die Opposition woll-
alles. ten sofort Ergebnisse haben, während sie daran zweifelten, dass
die slowakischen Behörden sowas überhaupt vollbringen kön-
Nachmittags gegen zwei-drei ging die Vertreibung zu Ende, die nen. Seitdem wurden die Täter des Doppelmordes gestellt, einer
Eisenbahnwaggons waren voll. Diejenigen, die bislang nicht der möglichen Drahtzieher wurde verhaftet, der ein bekannter
weggebracht wurden, durften bleiben, so wie wir. Es gab sehr slowakischer Unternehmer ist, aber der Fall ist nicht abgeschlos-
viele leere Häuser in Kirne, wo Madjaren aus dem ehemaligen sen. Ich halte jeden Mord für furchtbar und intolerabel und auch
Oberungarn einquartiert wurden. Sie durften all ihre Besitztümer die Liquidierung dieser zwei jungen Menschen ist inakzeptabel
mitnehmen, Schränke, Kleidung, Möbel, alles, was sie tragen wie auch die von anderen Journalisten in der Welt vor und nach
konnten. Inzwischen kamen auch aus den südlichen Komitaten dieser Tat. Aber für mich ging es bei diesen Ereignissen vorder-
Neusiedler. Sie gingen von Haus zu Haus und was ihnen gefiel, gründig um die Macht der Medien und die Manipulation durch
nahmen sie mit und zogen in das Haus ein, was sie angespro- die Medien. Die Stimmungsmache, der zügellose Hass ohne Be-
chen hat. Oft schlugen sich die Menschen, um zu entscheiden, weise und der „Hyänismus”, die ich erlebt habe, waren erschre-
wer in dem jeweiligen Haus wohnen darf. ckend.

Im Jahre 1949, bei der Verstaatlichung, gelangte alles in staat- SB: Eine Besonderheit der diesjährigen Präsidentschafts-
liche Hände, und man wollte auch unser Zuhause wegnehmen. wahlen ist, dass es zwei slowakeimadjarische Kandidaten
Ich war Maurer von Beruf, aber musste im Bergwerk arbeiten, gibt: Einer tritt als Kandidat der Partei der Madjarischen Ko-
damit ich Geld für die Ablösung des Hauses hatte. Auch so konn- (Fortsetzung auf Seite 22)
te ich nur das Gebäude kreditfinanziert bezahlen, den Garten
kaufte später die Familie meiner Tochter zurück. Es gab welche, WIR WENDEN UNS AN UNSERE LANDSLEUTE IN UNGARN,
die ihr Grundstück nicht kaufen konnten, so hat man es ihnen
weggenommen. Die Fleischerei meines Vaters musste geschlos- LASSEN SIE DAS 1 % IHRER STEUER UNSEREM VEREIN
sen werden, da es nicht erlaubt war, privaten Kleinhandel zu be-
treiben. Er arbeitete eine Zeit lang am Bahnhof als Nachtwäch-
ZUKOMMEN.
ter, danach habe ich meine Eltern zusammen mit meiner Frau
unterstützt, da sie keine Rente erhielten.”
Unsere Steuernummer: 18044830-1-13
Gehe nun im Leide
Wie im Festtagskleide,
Hast mit Küssen, Liebster,
WIR DANKEN FÜR IHRE HILFSBEREITSCHAFT!
Mich so reich geschmückt.
Will mit deinen Klagen
Dir nur eines sagen, jakob bleyer
Ewig leiden müssen, GEMEINSCHAFT e.V.
Ist, was mich beglückt.

SoNNTAGSBLATT 21
alition (MKP), der andere als der von Brücke (Most-Híd) an. tion mit 4%, der natürliche Rückgang mit 26% und die Assimilie-
Wie nahm die slowakeimadjarische und slowakische Öffent- rung mit 60% dem Rückgang der Zahl der Madjaren bei. Grund
lichkeit diese doppelte Nominierung auf (das Interview wur- Nummer 1 für den Rückgang ist die Assimilierung.
de vor den slowakischen Präsidentschaftswahlen im März
geführt, R. G.)? SB: In Ungarn ist die Zahl der Mischehen in jeder Minderhei-
tengemeinschaft hoch. Wie charakteristisch ist sie im Krei-
ZSL: In der Tat, es gibt zwei madjarische Kandidaten, noch dazu se der Slowakeimadjaren und welche Konsequenzen hat sie
zwei Parteivorsitzende. Seitens der MKP geht József Meny- hinsichtlich der Identität der Kinder, die in solchen Bezie-
hárt, der mitterweie zurückgetreten ist (R.G.) seitens Most-Híd hungen aufwachsen?
Béla Bugár ins Rennen. Die MKP hatte in der Person von Gyula
Bárdos früher bereits einen Kandidaten, der 2014 5% erreich- ZSL: Das trifft auch auf die Slowakeimadjaren zu. Der Anteil der
te. Bezüglich der Nominierungen gab es seitens der Madjaren Mischehen steigt von Generation zu Generation und wie alle so-
unterschiedliche Reaktionen. Einige sagen, dass man einen ge- ziologischen Untersuchungen der vergangenen 20-25 Jahre zei-
meinsamen Kandidaten hätte nominieren sollen, um zu zeigen, gen, ist die Mehrheit der Kinder, die in einer madjarisch-slowaki-
dass es wenigstens in einer Sache eine Art Zusammenschluss schen Familie geboren wurden, slowakischer Nationalität. Da ich
zwischen beiden Parten gibt. Natürlich haben beide Kandidaten über Slowakeimadjaren forsche, kann ich keine Angaben dazu
Sympathisanten und Gegner, aber keiner glaubt wirklich daran, machen, wie sich die nationale Identität der Menschen slowaki-
dass die Slowakei einen madjarischen Präsidenten bekommt, scher Nationalität entwickelt. Jedoch hat der Zustand der natio-
obwohl es bereits einen Nationalitätenpräsidenten gab, denn nalen Identität vier Schlüsselfaktoren, und wie sich die nationale
Rudolf Schuster entstammt angeblich der karpatendeutschen Identität entwickeln wird, hängt vordergründig davon ab, welche
Gemeinschaft (aber Herkunft und Nationalität sind zwei Paar Entscheidungen auf diesen Gebieten jeweils getroffen werden
Schuhe und Schuster ist offiziell slowakischer Nationalität). Ein und wie sich die daraus ergebenden Lebenssituationen kombi-
interessantes Zwischenspiel stellte eine Wortmeldung von Pál nieren.
Csáky MdEP dar, der sagte, dass ein anständiger Madjare nicht
für Bugár stimmen könne. Im Übrigen würde nach einer Janu- Der erste Faktor ist die Herkunft. Die Entscheidungsfragen hier-
ar-Umfrage Bugár 10,5%, Menyhárt 1,5% bekommen. Unter den bei lauten, welcher Nationalität das Kind wird, ob es die Nationa-
16 Kandidaten stünde demnach Bugár auf Platz 5, Menyhárt lität der Eltern weiterträgt beziehungsweise - wenn es sich um
Kopf an Kopf mit einem anderen Kandidaten auf Platz 11. Eltern unterschiedlicher Nationalität handelt - wessen Nationali-
tät es annimmt.
SB: Als Forscherin beschäftigen Sie sich in erster Linie mit
der Soziologie der Slowakeimadjaren. Die Volkszählungen Der zweite Faktor ist die Unterrichtssprache in der Grundschule.
nach der Wende zeigen, dass die Madjaren kontinuierlich an Wenn das Kind in einer slowakischen Grundschule eingeschrie-
Terrain verlieren: Die Zahl der Madjaren betrug 1991 567.000, ben wird, stärkt das die slowakische Identität. Wohlgemerkt wer-
zwanzig Jahre später gut 100 000 weniger. Welche Gründe den die Kinder slowakischer Nationalität auf slowakische Schu-
und Tendenzen stehen hinter den nackten Zahlen? len geschickt, auch dann, wenn ein Elternteil Madjare ist; es gibt
sogar madjarische Paare, deren madjarische Kinder die slowa-
ZSL: Der Rückgang ist durch das Zusammenwirken von vier kische Schule besuchen. Dadurch wird die madjarische Identität
Faktoren zu erklären. Diese sind die unbekannte Nationalität, der des madjarischen Kindes geschwächt und noch mehr, so Unter-
natürliche Bevölkerungsrückgang, die verdeckte Migration und suchungsergebnisse, auch die madjarische Identität der Eltern
die Assimilierung. Es gab 2011 382 493 Menschen unbekann- und oft der Großeltern wird schwächer, da das Kind, das eine
ter Nationalität, also Bürger, die aus unterschiedlichen Grün- slowakische Schule besucht, oft auch zu Hause nicht mehr bereit
den ihre Nationalität nicht angegeben haben, das entspricht 7% ist, ungarisch zu sprechen und die ganze Familie passt sich ihm
der Bevölkerung. Wahrscheinlich gibt es auch Madjaren unter an, wodurch auf Generationen zurück die madjarische Identität
ihnen, jedoch ist das Verschweigen der Nationalität nicht mad- geschwächt wird.
jarenspezifisch, denn demografische Kalkulationen zeigen, je
mehr Madjaren in einer Gemeinde leben, desto kleiner ist die Denn der dritte Faktor ist die Muttersprache. „In ihrer Sprache
Zahl der Menschen unbekannter Nationalität. Bei der verdeckten lebt die Nation” scheint eine Phrase zu sein, aber entspricht auch
Migration geht es um Menschen, die slowakische Staatsbürger
der Realität. Die Sprache und im Zusammenhang damit die Iden-
unterschiedlicher Nationalität sind und aus welchem Grund auch
tität können nur dann existieren, wenn man die Sprache verwen-
immer kürzere oder längere Zeit im Ausland verbringen; aber
det und zwar zu Hause, in der Schule, in der Öffentlichkeit, im
da ihre Staatsangehörigkeit nicht aufgegeben wird, hat ihr Aus-
Wort und virtuell.
landsaufenthalt statistisch keine Spuren. Laut des Slowakischen
Landesamtes für Statistik arbeiteten im dritten Quartal von 2018
Der vierte Faktor ist die Nationalität des Ehepartners/Lebensge-
139 000 slowakische Staatsbürger im Ausland, aber wir wissen
fährten. Wie schon erwähnt beeinflusst der Umstand, ob jemand
nicht, wer unter ihnen madjarischer Nationalität ist. Von einem
in einer ethnisch homogenen oder in einer Mischbeziehung lebt,
natürlichen Bevölkerungsrückgang sprechen wir dann, wenn
in besonderem Maße die Entwicklung der nationalen und Natio-
es weniger Geburten als Sterbefälle gibt. Dies betrifft die Slo-
nalitätenidentität des erwarteten Kindes und der ganzen Familie.
wakeimadjaren im besonderen Maße, da die Reproduktion um
Und so sind wir zum Anfang des Prozesses zurückgekehrt.
15-20 % unter dem Landesdurchschnitt liegt. Das liegt an der ge-
ringen Geburtenrate. Die Slowakeimadjaren können sich weder
Als interessantes Detail möchte ich einige Daten aus der jüngs-
biologisch noch ethnisch in genügendem Maße reproduzieren.
ten repräsentativen Umfrage des Fórum-Insituts, die Sommer
Bei der biologischen Reproduktion geht es darum, dass eine ma-
2018 im Kreise von 800 slowakeimadjarischen Erwachsenen
djarische Mutter ein Kind bekommt. Bei der ethnischen, dass sie
durchgeführt wurde, nennen: 73% der Befragten halten es für
ein madjarisches Kind bekommt. Keine ist ausreichend. Und so
wichtig, dass man Madjare bleibt, 72%, dass es in einer madja-
sind wir beim letzten Faktor angekommen, bei der Assimilierung,
risch bewohnten Gemeinde eine ungarische Schule gibt, 69%,
deren Prozess sich kaum von der Vergangenheit trennen lässt,
dass auch ihre Kinder Madjaren bleiben, 63%, dass ihre Kinder
nur in deren Kontext zu verstehen ist, in dessen Folge sich ein
die madjarische Grundschule besuchen. Im Gegenzug halten es
Teil der Menschen madjarischer Nationalität veranlasst fühlt, zu-
lediglich 39% für sehr wichtig, dass die madjarischen Jugend-
erst den Slowaken zu ähneln und dann zunehmend slowakisch
lichen madjarische Partner haben.
zu werden. Nach Berechnung des Demografen László Gyurgyík
tragen die unbekannte Nationalität mit 10%, die verdeckte Migra-
22 SoNNTAGSBLATT
SB: Seit einigen Jahren verbringe ich das letzte Juniwo- reichsten Menschen, Kommunalvertretern, dem Führungsper-
chenende auf einem Pressburger Festival zusammen mit sonal in den Firmen, den Kollegen und Geschäftspartnern sinkt
einem Freundeskreis. Dessen Mitglieder stammen aus dem der Anteil der Madjaren auf unter 50%. Das überwiegend slowa-
Landkreis Schelle/Šaľa/Vágsellye, Slowaken und Madjaren kische oder ganz slowakische Umfeld beschränkt sich auf die
gleichermaßen. Was mich überrascht hat, ist der Umstand, Welt der Arbeit, auch hier allen voran auf die Geschäftspartner,
dass jeder von ihnen mehr oder weniger ungarisch spricht. unter denen jeder Vierte überwiegend slowakisch, zu 8,5 slowa-
Inwiefern spiegelt es heutzutage die Realität wider und wel- kisch ist. Ein Drittel der Chefs sind eher Slowaken oder Slowaken
che Tendenzen lassen sich auf dem Gebiet der Mehrspra- und dies gilt für fast ein Viertel der Kollegen. Und wie ist dieses
chigkeit beobachten? Zusammenleben? Seitens der Madjaren: 7% erachten dies als
schlecht, die anderen finden das Verhältnis gut. Das kann man
ZSL: Die Mischehen haben meiner Meinung nach zwei Typen. auch daran ablesen, dass sich die Mehrzahl der slowakischen
Der eine ist die klassische Mischehe, worunter ich eine slowa- Neuzugezogenen in den madjarischen Gebieten sehr schnell
kisch-madjarisch oder madjarisch-slowakische Ehe verstehe, in heimisch fühlt.
der der slowakische Partner keine madjarischen Vorfahren hat,
wir könnten sagen, ein Urslowake. Diese Slowaken sprechen in SB: Beim Erhalt der Identität spielt die Schule eine Schlüs-
der Regel kein Ungarisch. Den anderen Typ von Mischehe nen- selrolle, wie Sie in Ihrem Buch „A szlovákiai magyarok szo-
ne ich mehrfache Mischehe. In diesem Fall hat der slowakische ciológiája” (Soziologie der Madjaren in der Slowakei) auch
Partner madjarische Vorfahren. Er selbst ist auch in einer Misch- betonen. Welche Veränderungen gab es seit der Wende im
ehe geboren – womöglich im klassischen Sinne oder in dem der slowakeimadjarischen Bildungssystem?
mehrfachen Mischehe –, aber nicht selten sind beide Eltern Ma-
djaren. Ein Teil dieser Slowaken kann mehr oder weniger Unga- ZSL: Ein slowakeimadjarisches Bildungssystem im Sinne eines
risch und ist bereit in bestimmten Situationen auch ungarisch zu eigenständigen Systems innerhalb des slowakischen Bildungs-
sprechen. Das habe ich mehrfach erfahren, zuletzt im Sommer, systems gibt es nicht. Die Experten sprechen eher von madja-
auf einer organisierten Reise in Sizilien. Wir waren etwa 20 Per- rischen/ungarischen Bildungs- und Erziehungsanstalten in der
sonen. Nur mein Mann und ich sprachen ungarisch, aber als wir Slowakei. Unter diesen versteht man Institutionen teilweise oder
uns etwas nähergekommen sind, fing die Hälfte der Reisegrup- ganz ungarischer Unterrichtssprache vom Kindergarten bis zur
pe an, ungarisch zu sprechen. Wenn nicht anders, dann in der Universität. Ich bin keine Bildungsfachfrau, deswegen kann ich
Gestalt, dass sie ein-zwei Wörter auf Ungarisch gesagt haben, auf die Frage nicht ausreichend antworten, deswegen versuche
gleich hinzufügend, dass sie mit der Oma noch ungarisch ge- ich es gar nicht. Aber ich will erneut betonen, dass es ohne unga-
sprochen haben, aber dass es lange her sei und sie sich nur an rische Grundschulen keine madjarische Identität gibt. Aus den
diese Wörter erinnern würden. Und das waren nicht nur Men- Umfragen ging hervor, dass es nicht gleichgültig ist, ob in einer
schen aus der Südslowakei! Es gibt also sowas, aber ich würde Mischehe der madjarische Part eine ungarische oder slowaki-
es nicht Mehrsprachigkeit nennen, weil es unwahrscheinlich ist, sche Schule besucht hat, denn wenn er eine ungarische Schule
dass diese Menschen in jeder Situation bereit wären, ungarisch besucht hat, dann ist die Chance größer, dass das Kind vielleicht
zu sprechen, weil es eine Art Gemeinschaft mit den Madjaren be- Madjare wird. Wenn einer der Partner in einer homogen madjari-
deuten könnte; ich habe auch solche getroffen, die sich schäm- schen Familie allerdings eine slowakischen Schule besucht hat,
ten, dass sie nur schlecht oder nur auf Küchensprachniveau steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind in die slowakische
ungarisch sprachen. Im Übrigen sind auch die Madjaren nicht Richtung gelenkt wird. Damit ist sich übrigens die Mehrheit der
jederzeit bereit ungarisch zu sprechen: 20% der Befragten der Eltern im Klaren.
genannten Umfrage sind der Meinung, dass man nur dann zum
Madjarentum stehen sollte, wenn man sich nicht bedroht fühlt, Trotzdem – oder gerade deswegen – gibt es madjarische El-
7% nur dann, wenn es einem gerade passe, 1% lediglich dann, tern, die für ihr Kind eine slowakische Grundschule wählen und
wenn daraus Vorteile erwachsen. Aber ungarisch zu sprechen so sinkt von Generation zu Generation der Anteil der Kinder,
ist ein Zeichen dafür, dass man sich offen zum Madjarentum be- die in ungarischen Schulen eingeschrieben werden. Dies wird
kennt. von den Eltern damit begründet, dass die Kinder in den unga-
rischen Schulen das Slowakische nicht erlernen und deswegen
SB: Der Fall Malina sorgte in Ungarn für viel Wirbel und später nicht zurechtkommen würden - dies, obwohl im Grunde
scheint immer noch nicht zu einem Ruhepunkt gelangt zu genommen Aufgabe der Grundschulen in erster Linie nicht die
sein. Wie würden Sie das slowakisch-madjarische Zusam- Sprachvermittlung ist, sondern die Übergabe eines Geistes, ei-
menleben charakterisieren in der Slowakei des Jahres 2019? ner kulturellen Tradition, einer Kultur. Zu Letzterem gehört natür-
lich auch die Sprache. Also diejenigen Eltern, die ihr Kind auf
ZSL: Endlich wurde dieser Ruhepunkt erreicht, denn Oktober eine ungarische Schule schicken, tun das nicht deshalb, damit
2018 hat die Staatsanwaltschaft in Raab das Verfahren einge- das Kind das Slowakische nicht erlernt und später nicht zurecht-
stellt, denn anhand der Indizien sind sie dazu gekommen, dass kommt, sondern weil sie es als wichtig erachten, dass es in ihrer
Hedvig Malina keine Straftat begangen hat. Das slowakisch-ma- Muttersprache lernt – was, um Comenius zu zitieren, die beste
djarische Zusammenleben hat mehrere Ebenen. Wenn ich auf Alternative ist –, sich der ungarischen Kultur zugehörig fühlt und
meine bisherige Forschungstätigkeit zurückblicke, dann stellte hinsichtlich Nationalität und Kultur nicht wurzellos wird. Gleich-
es sich stets heraus, dass die Mehrheit der Madjaren dieses Zu- zeitig wünschen sie sich auch, dass das Kind auch das Slowa-
sammenleben in ihrem persönlichen Lebensumfeld für unproble- kische erlernt. In der slowakischen Schule hingegen eignet es
matisch hält und je höher man kommt, desto problematischer wird sich neben der slowakischen Sprache auch den slowakischen
dieses Zusammenleben eingeschätzt. Zurzeit werden die madja- Geist sowie Kultur und – leider - zum Teil eine gewisse Mad-
rischen Interessen auf höchster Ebene vertreten, denn die Partei jarenfeindlichkeit an, in deren Folge es in der Regel auch kein
Most-Híd ist Koalitionspartei in der slowakischen Regierung. Ein Madjare bleiben will. Die ungarische Grundschule erzieht nach
Teil der Madjaren findet es gut, ein Teil nicht bzw. ein Teil ist der meinen Erfahrungen nicht zur Slowakenfeindlichkeit und bringt
Meinung, dass Híd kein richtiges Interessensvertretungsorgan Slowakisch auf einem gewissen Niveau bei beziehungsweise
ist, denn sie sei keine madjarische, sondern eine Mischpartei. könnte es noch besser vermitteln, wenn die madjarischen Kinder
Jedoch wird von den Menschen das slowakisch-madjarische Zu- das Slowakische von Grund auf lernen würden - genauso, wie
sammenleben vordergründig in ihrem Lebensumfeld, am Wohn- sie und auch die slowakischen Kinder Englisch und Deutsch ler-
ort, in den ethnisch gemischten Städten und Dörfern der Slowa- nen. Deshalb bitten madjarische Lehrer, Bildungsexperten und
kei erfahren. Laut Umfrage ist etwa die Hälfte der beliebtesten Eltern schon lange darum, dass man in den ungarischen Schu-
Personen, Freunde und Nachbarn Madjare. Unter den einfluss- (Fortsetzung auf Seite 24)

SoNNTAGSBLATT 23
len Slowakisch als Fremdsprache lernt, was deren Position als schen Nation – im Sinne einer Staatsnation. Deswegen beklagen
Amtssprache nicht gefährden würde. Denn gegenwärtig beginnt sich viele darüber, dass die slowakische Verfassung nicht klar
man auf einem Niveau, als würden die Kinder Slowakisch bereits und deutlich ausspricht, dass die Nationalitäten Teil der slowa-
können. Es ist so, als würde man einem Kleinkind ohne Deutsch- kischen Nation sind. Die Slowakeimadjaren, da sie Slowakisch
kenntnisse Deutsch beibringen wollen, als wäre es Deutscher. sprechen, werden nicht daran gehindert, den slowakischen Me-
dien und der Kultur zu folgen und diese zu kennen. Sie interes-
SB: In den letzten Monaten war ich mehrfach im ostslowa- sieren sich in erster Linie für ihre eigene Situation, was völlig nor-
kischen Kaschau. Einer meiner Gesprächspartner, eine Leh- mal ist. Zuletzt interessierten sich 60% der Befragten für Fragen
rerin slowakischer Nationalität, hat darüber berichtet, dass rund um die Slowakeimadjaren, 48% für Fragen rund um die Slo-
man in der Kaschauer Innenstadt die Kunden noch in den wakei und 40% für die, die Ungarn betreffen. Gleichzeitig ist es
1980er Jahren eher auf Ungarisch angesprochen habe. Ist interessant zu beobachten, dass ein Teil der Slowakeimadjaren
der ungarische Sprachgebrauch in den vergangenen drei- Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Madjaren/Ungarn in
ßig-vierzig Jahren weniger geworden und wenn, wie stark Ungarn haben, was sich dadurch offenbart, dass es zwar sehr
war dieser Rückgang (oder gibt es neue Schauplätze des viele erfolgreiche Slowakeimadjaren - sogar international erfolg-
Sprachgebrauchs) bzw. kann man regionale Unterschiede reiche - gibt, aber diese betrachten sie nicht als mit den erfolgrei-
feststellen? chen Madjaren/Ungarn in Ungarn gleichwertig. Als ob wir selbst
auch nur „zweitrangige” Madjaren wären! Das zeigt sich auch in
ZSL: Die statistischen Daten zeigen, dass in den von Madjaren den Umfragen. Die Slowakeimadjaren bewerten die Madjaren/
bewohnten Landkreisen und Gemeinden in der Südslowakei Ungarn in Ungarn viel positiver als sich selbst und das ist nicht
der Anteil der Slowaken kontinuerlich steigt. Dessen Folge ist nur ein Zeichen von Bescheidenheit. Deswegen hebe ich auf al-
das Zurückgehen des ungarischen Sprachgebrauchs. Nicht nur len Foren die erfolgreichen Madjaren hervor. Neuerdings halte
deshalb, weil die zugezogenen Slowaken slowakisch sprechen, ich Grundschülern Vorträge darüber, wie sie auch als Madjaren
sondern weil sich ein Teil der alteingesessenen Madjaren ihnen erfolgreich und wertvoll sein können.
anpasst und selbst auch eher slowakisch spricht, auch dort und
dann, wo und wann er auch ungarisch sprechen könnte, zum SB: In Ihrem Vorstellungsvideo aus den Jahren 2014/15, das
Beispiel im Geschäft, auf dem Amt oder sogar in der Familie. Ja,
man auf der Internetseite des Fórum-Instituts ansehen kann,
auch in den Familien, denn in diesem aufgeweichten Nationali-
sprechen Sie von dem schlechten Gesundheitszustand der
tätenmilieu ist die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von (eth-
Slowakeimadjaren, als gewissermaßen ein nationalitätenbe-
nisch) gemischten Beziehungen größer und es kommt oft vor,
zogenes Spezifikum. Haben Sie in den vergangenen Jahren
dass in dem Moment, wenn ein Slowake auftaucht, die Madjaren
in diesem Themenbereich weitere Forschungen durchge-
sofort ins Slowakische wechseln, auch in dem Falle, wenn die-
führt?
ser Slowake Ungarisch versteht. Die Madjaren sind sehr tolerant:
81% von ihnen stört es gar nicht, wenn in der Familie jemand
eine andere Sprache spricht, 62% tolerieren es voll und ganz, ZSL: In der Tat zeigen die überregionalen Gesundheitsstatis-
wenn die Slowakeimadjaren slowakische Wörter beimischen. tiken, dass der Anteil der an Zivilisationskrankheiten verstor-
Dass es in der Südslowakei auf den öffentlichen Plätzen zwei- benen Frauen und Männer im erwerbsfähigen Alter in vielen
sprachige - slowakisch-ungarische - Aufschriften gibt, die wich- Landkreisen mit madjarischer Mehrheitsbevölkerung höher ist
tige Elemente des virtuellen Sprachgebrauchs sind, halten Drei- als der Landesdurchschnitt. Das haben slowakische Demo-
viertel von ihnen wichtig. grafen festgestellt. Natürlich kann man aus diesen Daten nicht
eindeutig den Schluss ziehen, dass dieser negative Trend den
SB: Für die ungarländischen Deutschen spielt Deutschland dort ansässigen Madjaren zu „verdanken” ist, aber ausschlie-
als Mutterland eine sehr geringe Rolle. Wie ist es im Falle ßen kann man das auch nicht. Eine Forschung, die sich auf die
der Slowakeimadjaren: Welche Rolle spielt Ungarn in (natio- Untersuchung dieses (möglichen) Zusammenhanges richtete,
nal)politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht im konnte ich nicht durchführen, aber mit Lebensqualität und da-
Leben der Slowakeimadjaren? bei den gesundheitsschädigenden und -schützenden Faktoren
habe ich mich mehrfach beschäftigt. Die jüngsten Zahlen zeigen,
ZSL: In jeder Hinsicht eine große! Der Großteil der Slowakeima- dass 84% der Madjaren im Großen mit ihrem Leben zufrieden
djaren betrachtet sich als Teil der ungarischen Nation, ihre Na- sind. Subjektiv betrachten sich Dreiviertel als gesund, darunter
tionalität entspringt nach eigenem Empfinden der Muttersprache waren 31% schon seit längerem nicht mehr krank, 44% erkran-
und der eigenen Kultur, also in nationalpolitischer Hinsicht spielt ken ein-zweimal im Jahr; 8% sind öfters krank, aber haben keine
es eine sehr wichtige Rolle. Jedoch spüren es die Slowakeimad- schwerwiegenden Erkrankungen, 11% stehen unter ständiger
jaren auch, dass sie anders sind als die Madjaren im Mutterland Behandlung und 5% sind frühverrentet. Was schlecht ist: 30%
und die anderen Madjaren außerhalb der Landesgrenzen, was rauchen (EU-Durchschitt: 28%), unter ihnen 15% ständig oder
sich darin zeigt, dass sich 37% als Slowakeimadjaren, 27% als oft; im Übrigen rauchen die Madjaren häufiger und mehr als die
Oberlandmadjaren („felvidéki”, ehem. Oberungarn) und 31% als Slowaken. Nur 20% treiben regelmäßig Sport, d. h. täglich oder
Madjaren ohne jegliches Attribut betrachten. mehrmals in der Woche, so wie es die Weltgesundheitsorgani-
sation WHO empfiehlt; 80% bewegen sich nicht oder zu wenig.
Die ungarländische madjarische/ungarische Kultur ist Teil des
Lebens der Mehrheit der Slowakeimadjaren, denn sie verfolgen Im Übrigen könnten unsere schlechten statistischen Ergebnisse
das ungarische Fernsehen und andere Medien, lesen ungarisch- auch eine andere nationalitätenbezogene Facette haben. Unter
sprachige Zeitungen und Bücher, fahren auch aus kleineren Ort- den genannten Landkreisen gibt auch solche, in denen viele
schaften regelmäßig nach Ungarn ins Theater oder machen dort Roma leben und auch ihr Gesundheitszustand könnte zu den
einen Ausflug. Was den Bereich Wirtschaft anbelangt, habe ich negativen Trends beitragen. Und damit die Sache noch kompli-
neulich gelesen, dass in den vergangenen zwei Jahren 1521 Un- zierter wird, bekennt sich ein Teil der Roma zum Madjarentum.
ternehmer und 128 Kindergärten Finanzmittel aus ungarischen
Programmen erhielten, und daneben existieren ja noch andere SB: Wie erwähnt war ich vor kurzem in Kaschau, wo eini-
Fördermaßnahmen von unterschiedlichen kulturellen und Bil- ge vom kontinuerlichen Verschwinden des Mantakischen
dungsorganisationen, aber darüber kann ich wenig berichten, berichtet haben. Ich weiß nicht, inwiefern sie die Lage der
denn ich verfolge dieses Gebiet nicht. Karpatendeutschen, die ja zahlenmäßig eine viel kleinere
Minderheitengemeinschaft ist, beobachten.
Gleichzeitig fühlt sich ein Großteil der Slowakeimadjaren mit der
Slowakei eng verbunden und betrachtet sich als Teil der slowaki- ZSL: 2001 bekannten sich 5407 Menschen, 2011 4690 Men-
24 SoNNTAGSBLATT
schen zum Deutschtum. Die wichtigste Kulturorganisation der
Karpatendeutschen ist der „Karpatendeutsche Verein in der Slowakische Schule
Slowakei“, der sieben regionale Zentren hat. Seine einzige Zeit-
schrift ist das Monatsblatt „Karpatenblatt“. Sein Museum, das im madjarischen Dorf
„Karpatendeutsche Museum“, liegt unweit des Museums der Schulstreit in Rohovce/Nagyszarva offenbart Schicksals-
Kultur der Slowakeimadjaren (Szlovákiai Magyar Kultúra Múzeu- fragen der madjarischen Minderheit in der Slowakei
ma) in der Pressburger Altstadt. Er verfügt über zwei deutsch-
sprachige Kindergärten, der eine ist in Pressburg, der andere in Von Richard Guth
Käsmark. Es gibt sechs Ortschaften mit erweitertem Deutsch-
unterricht bzw. wo man Fächer in deutscher Sprache unterrich- Die Schnellstraße von Pressburg nach Niedermarkt (Dunajská
tet, falls Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Unterricht in deutscher Streda/Dunaszerdahely) ist erst im Bau, aber die Konsequen-
Sprache erfolgt an der Deutschen Schule Pressburg (DSB) und zen spüren die Alteingesessenen der Großen Schüttinsel (Žitný
es gibt zwei bilinguale Gymnasien, das eine in Pressburg, das ostrov/Csallóköz) bereits jetzt. Denn die slowakischen Zuzügler
andere in Deutschendorf/Poprad. sind bereits da und stellen mittlerweile ein Fünftel der Bevölke-
rung der 1200 Seelen-Gemeinde. Im Mai sorgte eine Petition
Das Fórum-Institut beschäftigt sich primär zwar nicht mit der Er- von slowakischen Eltern für Diskussionen, die sich - es ging um
forschung der deutschen Minderheit, denn darauf konzentrieren zwei Familien, die von anderen slowakischen Familien der Um-
sich eher die bereits genannten Organisationen. Aber es ver- gebung unterstützt wurden - eine slowakische Schule wünsch-
sperrt sich dem auch nicht. Zum Beispiel hat das Fórum-Institut ten. Eine öffentliche Gemeinderatssitzung wurde einberufen, an
die Monografie „Nemci na Slovensku” (Deutsche in der Slowakei) deren Ende sich die Mitglieder des Gemeinderates einstimmig
von Magdaléna Horváthová herausgegeben. Der Historiker Attila gegen die Einrichtung slowakischer Klassen entschieden. Die
Simon hat sich mit den deutschen Parteien der Zwischenkriegs- slowakische Elterninitiative wies in einem Bericht auf dem Portal
zeit beschäftigt bzw. es finden Aufsätze, die sich der deutschen bumm.sk darauf hin, dass die nächstgelegene slowakische
Minderheit widmen - auch in unserer Zeitschrift „Fórum Kisebb- Grundschule in Sommerein/Šamorín aus Platzgründen keine
ségkutató Szemle”, die viermal im Jahr erscheint, ihren Platz. Schüler mehr aufnehmen könnte und die Schüler deswegen
nach Gabčikovo/Bős fahren müssten, was 45 Minuten entfernt
SB: Wie denkt man in der Slowakei über die Lage der ungar- liegt. Nach der Argumentation dieser Elterninitiative würden die
ländischen Slowaken? slowakischen Klassen die madjarischen Schulen stärken, die mit
Schülermangel kämpfen würden.
ZSL: Soviel ich weiß, beschäftigen sich die Menschen genau-
so wenig mit dieser Frage wie die Menschen in Ungarn mit der Wie das Portal korkep.sk in einem Bericht anmerkte, war sich
madjarischen Minderheit in der Slowakei. Es gibt sogar welche, wohl jeder sicher, dass die Geschichte damit nicht zu Ende
die gar nichts von unserer Existenz wissen. Diejenigen, die sich war. Denn die Stimme der Rohovcer Slowaken wurde auch in
irgendwie für die Lage der slowakischen Minderheit in Ungarn Pressburg erhört, Ministerpräsident Peter Pellegrini nahm sich
interessieren, setzen da an, dass es ja in der Slowakei so viele höchstpersönlich der Sache an. Im Dezember wurde von einem
Madjaren gäbe, während man die Slowaken in Ungarn madjari- Smer-Abgeordneten eine Gesetzesänderung eingebracht (Dass
siert hätte. Anträge von einem Wahlkreisabgeordneten eingebracht werden,
wird auch in Ungarn munter praktiziert, damit lassen sich Abstim-
SB: Lassen Sie uns zum Schluss in die Zukunft blicken: Wel- mungsrunden mit den Betroffenen vermeiden. In Deutschland ist
che Zukunft erwartet die Slowakeimadjaren? das weitgehend unüblich, im Bundesland Sachsen dürfen nur
Fraktionen oder mindestens sieben Abgeordnete einen Antrag
ZSL: Die Zukunft der Slowakeimadjaren ist in vielerlei Hinsicht einbringen.), die die slowakeimadjarische Presse kritisch bewer-
mit der der Slowakei verbunden, denn hier leben wir, es ist unser tet, obwohl einer der madjarischen Koalitionsabgeordneten von
Vaterland. Und was uns die Zukunft bringt? Kann ich nicht vo- der Partei Most-Híd, Péter Vörös, der übrigens für die Vorlage
raussagen. Eins ist klar: Trotz Klagen lebte es sich in der Slo- stimmte, diese als eine Chance für die madjarischen Zwerg-
wakei noch nie so gut wie gegenwärtig; dies gilt auch für die schulen sieht. In der Tat wurde die Mindestschülerzahl bei der
Madjaren, obwohl es ja, wie auch anderswo, regionale Unter- Einrichtung von Klassenzügen oder gar Gründung von Schulen
abgeschafft, dennoch ist man madjarischerseits der Meinung,
schiede gibt. Eine andere Frage ist, ob die Slowakeimadjaren
dass das nicht den ungarischen Schulen nützen werde. Das
eine Zukunft haben. In der besagten Studie sagten 95%, dass
modifizierte Bildungsgesetz schreibt die Gründung von Schulbe-
wir unser Madjarentum bewahren sollen. 87% meinten, dass der
zirken (die Trägerschaft von Schulen ist in der Slowakei Sache
Staat die nationalen Minderheiten darin unterstützen sollte, dass
der Kommunen) vor und sollten sich die betroffenen Kommunen
diese ihre nationale Identität bewahren.
nicht einigen können, dann würden Schulbezirke von den Be-
zirksregierungen festgelegt. Das größte slowakeimadjarische
Und auf wen kommt es beim Fortbestand der Madjaren in der
Presseorgan „Új Szó” spricht in diesem Zusammenhang von
Slowakei an? Nach den Befragten: auf den jeweiligen slowaki-
„slowakischer Schule auf Befehl”. Als problematisch sieht der
schen Staat (4,5%), die MKP (1,7%) und die Most-Híd (0,3%).
von „Új Szó” befragte Jurist János Fiala-Butora die Regelung an,
92% meinten, dass es auf die Madjaren selbst ankomme, d. h.
dass der Staat für die Unterhaltung neu einzurichtender Klassen
Schlüssel des Fortbestands ist das Individuum.
keine zusätzlichen Mittel bereitstellt. So könnte es laut diesem
Experten vorkommen, dass die Bezirksregierung die betroffene
Auf die Frage jedoch, was man zum Fortbestand der Slowakei-
Kommune zwingt, eine Klasse sogar mit vier Schülern zu eröff-
madjaren beitragen könnte, gab es viel verhaltenere Reaktionen:
nen, aber eben ohne zusätzliche Mittel. Ein befragter Schulleiter
43% sagten, dass sie in der Lage wären, einen Beitrag zu leis-
bestätigte, dass die Schulen in der Slowakei mit Klassenstärken
ten und zwar mit konkreten Dingen. Die Mehrheit jedoch äußerte
von mindestens zwanzig Schülern rentabel zu betreiben seien.
sich ziemlich unverbindlich - und das, obwohl ohne einen aktiven
Auch eine Vertreterin der oppositionellen Partei der Madjarischen
Beitrag der Betroffenen nichts funktionieren kann.
Koalition (MKP), Beáta Kiss, äußerte sich gegenüber dem Portal
parameter.sk kritisch und spricht von „staatlicher Arroganz”. Da-
SB: Frau Dr. Lampl, vielen Dank für das Interview!
rüber hinaus sagte Fiala-Butora, dass die Neuregelung gerade
solchen Gemeinschaften zugutekomme, die sich neu gebildet
Das Interview führte Richard Guth.
haben und über keine politische Vertretung in den kommunalen
(Fortsetzung auf Seite 26)
SoNNTAGSBLATT 25
Selbstverwaltungsorganen verfügten, aber schulpflichtige Kinder Unternehmen Frimo, das auch heute noch in Moor ansässig ist
hätten so wie die Eltern in Rohovce. Die Neuregelung, so der und 300 Mitarbeiter beschäftigt, und den Familienbetrieb im Be-
Jurist, bringe kaum Vorteile (eine Zusammenarbeit der Kommu- reich Gastgewerbe, der in den letzten Jahren eine enorme Ent-
nen im Bildungsmanagement sei auch vorher möglich gewesen), wicklung hinter sich gebracht hat. Seit dem Tod des Ehemannes
aber würde andere Probleme, wie das der Schulbusse weiterhin ist die Familie hauptsächlich in der Gastronomie tätig.
nicht lösen.

Gemeint war hier ein Programm der Regierung, Schüler aus Dör-
fern ohne eigene Schule in ferner gelegene Schulstandorte zu
transportieren. Das Pilotprojekt, das vor anderthalb Jahren ge-
startet wurde, wird von der Presse und der madjarischen Ge-
meinschaft ebenfalls kritisch begleitet. Der erste Bus, den unter
anderem Verkehrsminister Árpád Érsek (Most-Híd) übergab,
brachte Kinder aus den madjarischen Dörfern Dobrohošť/Do-
borgaz und Vojka nad Dunajom/Vajka in die slowakische Schu-
le von Karlburg/Rusovce, heute ein Ortsteil der slowakischen
Hauptstadt, während madjarische Schüler mit öffentlichen Ver-
kehrsmitteln die ungarische Schule in Gabčíkovo/Bős ansteuern
müssten. Das Portal „Körkép“ veröffentlichte den Meinungsartikel
einer slowakeimadjarischen Mutter, die auf die mögliche Trag-
weite der Eröffnung von slowakischen Schulen in überwiegend
von Madjaren bewohnten Ortschaften, in den es vorher nur eine
ungarischsprachige Schule gab, hin: „Es ist leider Gottes eine Elisabeth Möllmann
Erfahrung, dass wenn man zwischen der ungarischen und slo-
wakischen Schule wählen kann, nicht wenige madjarische Eltern Angefangen hat alles, als die Eheleute Möllmann ein herunter-
dem Spruch Glauben schenken, dass „das Kind mit der slowa- gekommenes Schwabenhaus in der ersten Straße, die in der An-
kischen besser fährt“.“ Auch andere Kommentatoren befürchten siedlungszeit besiedelt wurde, erwarben und originalgetreu reno-
gravierende Auswirkungen auf die madjarische Schullandschaft vieren ließen. Eigentlich wollten sie, so Elisabeth Möllmann, eine
und bringen konkrete Beispiele, bei denen die Eröffnung slowa- Wohnstätte für die Familie und Unterkunftsmöglichkeiten für die
kischer Klassenzüge auf Kosten der ungarischen geschehen sei. Geschäftspartner schaffen – aus den anfänglichen acht Zimmern
Die Vertreter der Elterninitiative in Rohovce begrüßten natürlich des Gasthofs zur Alten Weinpresse wurden im Laufe der Zeit 32,
die Neuregelung und betonen, dass es wichtig sei, dass jedes indem die Möllmanns nebenstehende Höfe aufkauften. Hinzuge-
Kind in seiner Muttersprache lernen kann. „Dass die Kinder slo- kommen ist ein Restaurant mit schwäbischen Spezialitäten: „Das
wakischer und madjarischer Natonalität in demselben Gebäude hat hier damals kein Mensch gemacht”, erinnert sich die Unter-
lernen werden, wird zur Entstehung guter Beziehungen beitra- nehmerin. 2000 wurde der Reiterhof mit Reithalle gegründet, mit
gen“, meinte Slávka Brontvajová, Mitglied der Elterninitiative. 30 Boxen, die man heute vermiete. Versorgt würden die Tiere mit
Futter, was auf den Feldern, die die Familie infolge der Wieder-
gutmachung zurückerstattet bekam bzw. erwerben konnte, an-

Sonntagsblatt und Wirtschaft s gebaut werde. Das Wellness Hotel „Hétkúti” eröffnete 2004 seine
Toren – ein besonderes Augenmerk möge der Besucher auf die
Wandmalerei der Außenfassade richten, so Möllmann, die als Er-
innerung an die ersten sieben Schwabenfamilien, die 1690 nach
Moor kamen, von der Familie in Auftrag gegeben wurde. Ein
Ungarndeutsche Unternehmen/r im Nachfahre dieser sieben Familien ist der im vergangenen Jahr
verstorbene Wendelin Schindele, der nach Worten von Elisabeth
Portrait: Elisabeth Möllmann Möllmann besondere Verdienste bei der Ansiedlung deutscher
Firmen nach der Wende erworben habe. Ein besonderes Unikat
Von Richard Guth des Familienunternehmens stellt die Galloway-Farm dar; die von
der Familie Möllmann nostrifizierten Galloway-Rinder leben auf
Elisabeth Möllmann, wohnhaft in Moor. Der Name, der mir im einem 60 Hektar großen Gelände in freier Wildbahn. Das ver-
Facebook zufällig begegnete, machte mich stutzig. Eine Bundes- arbeitete Fleisch der Tiere wird für das Restaurant bereitgestellt.
deutsche, die sich in Moor/Mór niedergelassen hat (zumal mir
der Familienname als Moorer Name nicht geläufig war)?! Oder Das Familienunternehmen beschäftigt mittlerweile 50-55 Mitar-
doch eine Schwäbin, die sich der „alten Gewohnheit” widersetzt beiter („wir sind groß geworden”) und erzielt einen Jahresumsatz
und in der Öffentlichkeit ihren deutschen Vornamen trägt (was von 400 Millionen Forint (1,25 Millionen Euro). Es gäbe für jedes
uns seit der Wende auch offiziell erlaubt ist)?! Ressort verantwortliche Mitarbeiter. Sorgen würden der Unter-
nehmerin der Arbeitskräftemangel und der Druck aufgrund des
Wie ich im Gespräch mit Elisabeth Möllmann erfahren habe, liegt deutlich höheren Lohnniveaus im westeuropäischen Ausland be-
die Wahrheit in der Mitte: Elisabeth Möllmann ist als Elisabeth reiten – die Arbeitnehmer würden sich an westeuropäischen Ge-
Stahl im nahe gelegenen Pußtawam/Pusztavám geboren und hältern orientieren, was sich nach Elisabeth Möllmann in Ungarn
wuchs bis zu ihrem 23. Lebensjahr in Ungarn auf. „Man nannte aufgrund der geringeren Kaufkraft immer noch kaum erwirtschaf-
mich schon in der Kindheit Elisabeth, wir sind ja Deutsche und ten ließe. Die Kundschaft sei zudem preissensibel, man feilsche
sprachen zu Hause in Pußtawam auch deutsch. In Deutschland oft um 500 Forint (1,50 Euro), so Möllmann. Als weitere Schwie-
nannte man mich ebenfalls Elisabeth”, so die Unternehmerin. Als rigkeit erweise sich die immer geringere Bereitschaft junger Leu-
Personalabteilungsmitarbeiterin bei der Firma Ikarus Pußtawam te, die im Gastgewerbe üblichen Einsatzzeiten zu akzeptieren.
hat sie ihren späteren Mann Günter aus Lotte bei Osnabrück Früher hätte es in Moor viele gegeben, die Deutsch sprachen,
kennen gelernt, der zusammen mit dem legendären Industrie- mittlerweile dominiere das Englische, Deutsch würden die Arbeit-
unternehmen Ikarus ein Gemeinschaftsunternehmen gründete. nehmer nur noch als Zweit- oder Drittsprache sprechen. Darüber
Es folgten 18 Jahre Deutschlandaufenthalt, ehe kurz nach der hinaus „sind sie schockiert, wenn man die Sprache verwenden
Wende die Familie teilweise nach Ungarn zog. Dabei hatte sie muss”. Nach Möllmann sollte man an den Schulen den Schwer-
nach Erzählungen der Unternehmerin mehrere Standbeine: Das punkt anstelle des Grammatikunterrichts auf die Kommunikation

26 SoNNTAGSBLATT
legen. Auch in der Kundschaft des Hotelbetriebs hätten sich in „Passt es wirklich in Ihr Blatt?”
den letzten Jahren, Jahrzehnten Veränderungen vollzogen: Heu-
te spricht man von einer gemischten Kundschaft, nicht zuletzt An Richard Guth war die Frage gerichtet, nachdem er mich ge-
aufgrund der veränderten Eignerstruktur der Moorer deutschen beten hat über das Thema „Ungarndeutschtum” zu schreiben.
Firmen, die globaler aufgestellt sind als noch vor 15-20 Jahren. (Grund dafür waren - während einer Studienreise - einige kri-
Auf die Kundenwünsche versuche man flexibel und schnell zu tische Bemerkungen zum Thema Muttersprache, Gründe des
reagieren, auch als Konsequenz veränderten Buchungsverhal- Sprachverlustes, Deutschunterricht etc. Auf seine Ja-Antwort
tens: „Früher erreichten uns in der Woche hundert Briefe, heute kommt jetzt eine etwas längere Erörterung. Eine durchschnitt-
tausende E-Mails und Anfragen. Wir sind natürlich auf allen Bu- liche Geschichte einer “Monarchiefamilie“ aus der Region des
chungsportalen präsent.” Im Falle der Konkurrenz, die Elisabeth Banats und der Werdegang einer „ungarndeutschen“ Familie aus
Möllmann „Mitstreiter” nennt, bemühe sie sich um gute Kontakte, dem heutigen Komitat Bekesch im 20. Jahrhundert - als Vorge-
so auch mit dem aus der Schweiz heimgekehrten Paul Molnár, schichte meiner eigenen.
der gerade einen 130 Hektar großen Weinbesitz aufbaut. „Das
ist die Rettung für den Moorer Weinbau”, so die Einschätzung Die mehrsprachigen Urgroßeltern
von Möllmann. Mit ihrer zweisprachig aufgewachsenen Tochter
Esther und ihrem Schwiegersohn Csaba, die gerade ein Kind Als vor Jahren die Esszimmergarnitur meiner Großmutter in
bekommen haben, scheint die Zukunft des Familienbetriebs ge- unserem Haus Platz fand, dachte ich nur an die Vorteile des
sichert zu sein. großen, praktischen Tisches. Für heute wurden mir diese Gar-
nitur und ein altdeutsches Sofa ein „symbolischer Rahmen” für
unsere Familiengeschichte. Das Esszimmer stammt nämlich aus
Elisabeth Möllmann engagiert sich aber nicht nur im unterneh- Nagybecskerek/Großbetschkerek/Zrenjanin im Banat/Vojvodina
merischen Sinne: Ihr liegt nach eigenem Bekunden sehr viel an (heute Serbien), wo die Wurzeln meiner Mutter - mütterlicher-
der Förderung der deutschen Sprache und Kultur im Landkreis seits - zu finden sind, das Sofa aus Elek (früher am Rande des
Moor: Sie hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Program- Banats, heute Ungarn, Komitat Bekesch), woher mein Vater
me organisiert und alte Traditionen wiederbelebt: So auch den stammt. Auch zwei große Porträts ergänzen den Raum: von
Weiberfasching am 11. 11. (um 11:11), den viele von uns nur Wenzel Hruschka (geb. 1851, Horní Bucice/Oberbutschitz - Böh-
noch aus den rheinischen Karnevalshochburgen Düsseldorf, men) und Laura Wichtner (geb. 1853, Pétervárad/Peterwardein
Köln und Mainz kennen. Er war auch in der Moorer Gegend bei Neusatz, Vojvodina). In Großbetschkerek sprach die Familie
Tradition, wahrscheinlich brachten die Ahnen diese Fasnet-Tra- deutsch, aber der Vater Wenzel Hruschka – als Unternehmer und
dition aus der alten schwäbischen Heimat mit – denn an die- Mühlenbesitzer - beherrschte fünf Sprachen. Die Mutter, Lau-
sem Tag durften Frauen den Weinkeller betreten, was an den ra Wichtner, konnte nur Deutsch, Beweis dafür sind die an sie
restlichen Tagen nur Männern vorbehalten war. Darüber hinaus geschriebenen Briefe. Als Folge des Ersten Weltkrieges verlor
hat Elisabeth Möllmann die Veröffentlichung der Ortschronik von Wenzel Hruschka sein Vermögen, nach der Grenzziehung von
Alois Schwartz unterstützt und ist unter anderem als Vorsitzen- Trianon fiel seine Mühle auf die rumänische Seite. In den letzten
de des Deutschen Nationalitätenchores von Pußtawam tätig. Lebensjahren, Ende der 1930er Jahre, fand das Ehepaar bei der
Dabei beobachtet sie, wie schwierig es geworden sei, Leute zu jüngsten Tochter in Kétegyháza/Ungarn Obdach. Sie haben hier
mobilisieren und sie dazu zu motivieren Verantwortung zu über- auch ihre letzte Ruhestätte gefunden.
nehmen. Die Älteren wollten nicht mehr, unter den Jüngeren
gäbe es welche, die sich, zum Beispiel in der Pußtawamer Tanz- Die Geschichte der Vorfahren in Elek ist einbahnig: 1724 kamen
gruppe, engagierten und sagen würden: „Es wäre gut, wenn es die ersten Ansiedler - nach der 150-jährigen Türkenherrschaft
einen Ort gäbe, wo man nur deutsch sprechen würde.” Diese – hier, in einer verödeten Gegend an; viele aus Gerolzhofen/
Jugendlichen nennt Elisabeth Möllmann „Fackelträger”. Auf der Unterfranken, darunter die Ahnen der Großmutter meines Vaters
anderen Seite gebe es viele, die sich völlig abschotten würden (Theresia Zielbauer 1864-1948, Elek). Alle seine Vorfahren sind
und nichts mit dem Deutschtum zu tun haben wollten, obwohl aus der „Eleker Sippe“; hier geboren und gestorben.
ihre deutsche Herkunft mehr als deutlich ist. Erfreulich findet die
Unternehmerin, dass in ihrem Heimatort sowohl Kindergarten als Der größte Teil der Bewohner von Elek hat „ihre deutsche Mutter-
auch Grundschule von der örtlichen deutschen Selbstverwaltung sprache“ - besser gesagt ihren bayrisch-fränkischen Dialekt - bis
getragen werden: „Dort fängt es an”, resümiert sie. 1946 behalten. Da wurden 90% der Einwohner vertrieben. Mehr-
sprachigkeit war schon im 19. Jahrhundert in Elek vorhanden;
unter den Dienstpersonen waren nämlich viele Rumänen und

Ansichten - Einsichten s in der Gemeindeverwaltung auch Ungarn (Madjaren). Auch ein


Foto bzw. Tableau mit der Gemeindeverwaltung aus dem Jah-
re 1892 fand Platz bei uns. Das Bild ist ungarisch beschriftet:
„Elek község elöljárósága 1892-ben”. Der Richter hieß Vilmos
Magyar, die meisten Personen hatten einen deutschen Namen.
mein (ungarn-) deutschtum (30) Alois Mahler, der vereidigte Verwalter der Gemeindeziegelei, Mit-
glied des Schulvorstandes („téglagyári esküdt”, az „iskolaszék
Klara Mester (Mahler) aus Elek über tagja”) musste wohl auch schon Ungarisch können. - Er war der
die Beziehung von Herkunft und Identität Großvater meines Vaters.

„Ich bin Ungarin mit einer - sowohl geographisch als auch his- Und wenn sich heutzutage die Großfamilie um den oben erwähn-
torisch und sprachlich – verzweigten Geschichte der Vorfahren. ten großen Esstisch versammelt, ist die für meine Urgroßeltern
Durch das Germanistikstudium, durch Verwandte und Freunde typische Mehrsprachigkeit in der vierten und fünften Generation
in beiden Teilen von Deutschland (vor der Wende), durch die wieder vorhanden. Deutsch ist dabei stark vertreten.
Tätigkeit als Reiseleiterin und Dolmetscherin in der Studenten-
zeit, durch eine vielseitige Arbeit als Deutschlehrerin, durch das Deutschkenntnisse der Nachkriegsgeneration, mein Werde-
Pflegen des väterlichen Nachlasses zum Thema „Eleker Deut- gang
sche“, durch das „Liebgewonnen“ der deutschen Sprache und
Kultur habe ich angefangen nach meinen Wurzeln zu suchen. Ich bin in Elek geboren, bis zum Abschließen des örtlichen Gym-
Dazu kommt jetzt auch eine Erinnerungs- und Forschungsarbeit nasiums hier zur Schule gegangen. Meine Tage/Jahre – beson-
in meinem Heimatort. Es ist jedenfalls keine einseitige, nur das ders als Kleinkind – vergingen in der Achse Elek-Kétegyháza,
Deutschtum betonende Identität, die ich „gefunden habe“. (Fortsetzung auf Seite 28)
SoNNTAGSBLATT 27
wo die Eltern meiner Mutter lebten und immer Zeit für uns Kinder Und ob es eine Doppelidentität gibt? Im Falle meiner Enkelkinder
hatten. Die väterlichen, also die Eleker Großeltern sind leider früh sicher schon: Sie leben im größten Teil des Jahres in Österreich,
verstorben. Sprachkenntnisse? Meine Eltern waren Lehrer, wir und wenn sie in Ungarn sind, möchten sie nicht deutsch spre-
haben zu Hause ungarisch gesprochen, die Sprache der Mutter. chen – jedenfalls nicht mit mir. Und ich bemühe mich jetzt ihnen
Deutsch ist aber auch in den Familien verschwunden, wo es bei- das Ungarische auch in Schrift beizubringen.
de Elternteile beherrschten. Zwischen 1944-46, in den 1950er,
60er Jahren mussten die Eleker Deutsche so viel Leid und De- Erinnerungs- und Forschungsarbeit in meinem Heimatort
mütigung erleiden, dass sie die Angst verstummen ließ. An einen
Spruch kann ich mich doch erinnern. Mit ca. drei Jahren wurde er Als ich angefangen habe den Nachlass von meinem Vater Ge-
mir „schwowisch“ beigebracht um dem Großvater Florian Mester/ org Mester/Mahler zu verarbeiten, habe zuerst nur an die Er-
Mahler zum Namenstag zu gratulieren: gänzung/Fortsetzung seiner Arbeit in der Ethnographie gedacht
bzw. Corpus zur Aufarbeitung des Eleker Dialekts gesammelt.
„Wintschi, wintschi, waz nid was, kreift nei säkala, ked mi was“ – Aber in den Unterlagen fand ich Dokumente, die helfen, die lan-
Ich habe wohl nicht gewusst, was es bedeutet. ge verschwiegenen Geschehnisse in den 1940er Jahren in Elek
an Tageslicht bringen zu können - im Zusammenhang der Ver-
Die zwei-drei Wochenstunden Deutsch im Gymnasium haben antwortung der Großmächte, der Landesregierung und der ört-
zum Erlernen der Sprache natürlich nicht gereicht; Brieffreund- lichen Amtsinhaber. Nun habe ich angefangen auch in Archiven
schaften, gegenseitige Besuche halfen viel und bedeuteten die zu recherchieren.
Möglichkeit „die Welt kennen zu lernen“. Im Sommer 1966 hatte
ich zwei „große Reisen“: Mit der Mutter haben wir einen Monat 70 Jahre wurde nicht nur öffentlich, sondern auch in den meis-
in West-Deutschland bei den Cousins und Kusinen meines Va- ten Familien über die tragischen Geschehnisse dieser Zeit nicht
ters verbracht. Wegen seiner Teilnahme an den revolutionären gesprochen, die deutsche Herkunft wurde von vielen abgelehnt.
Geschehnissen in Elek hat er selbst die Genehmigung nicht Kein Wunder, dass im Ort nur wenig Leute noch Deutsch kön-
bekommen in den „Westen“ zu fahren. In die DDR / nach Ost- nen, noch schlimmer, wenn sich viele mit ihrer Familiengeschich-
deutschland durfte er doch eine Gruppe von Gymnasialschülern te überhaupt nicht auseinandersetzen wollen. Zum Anlass der
begleiten. An diesem Schüleraustausch nahm ich auch teil. Die Gedenkjahre der Verschleppung und Vertreibung wurden Inter-
Unterschiede im geteilten Deutschland sind mir bis heute in Erin- views gemacht – nicht nur von mir; SchülerÍnnnen des Deut-
nerung. Deutschkenntnisse brauchte ich um einen Studienplatz schen Nationalitätengymnasiums sind sogar aus Budapest mit
an der Universität in Segedin bekommen zu können. dem Ziel nach Elek gefahren, um Mitleidende der Verschleppung
und Vertreibung kennen zu lernen. Sie haben zum Beispiel einen
Auf die Frage „Was die Welt im Innersten zusammenhält…” (mit alten Herrn getroffen, der mit sieben Jahren mit den Großeltern
16-18 habe ich es mir natürlich anders formuliert) dachte ich in nach Deutschland vertrieben wurde, während seine Eltern in der
der Literatur eine Antwort zu bekommen, so wählte ich die Fä- Ukraine als Zwangsarbeiter schufteten.
cher Ungarisch-Deutsch. Das Germanistikstudium war am An-
fang eine Qual für mich. Mein Deutsch aufzubessern half ein Es ist auch erfreulich, dass immer mehr alte deutsche Bräuche
Stipendium; 1971 konnte ich zwei Monate in Berlin verbringen. in Elek wiederbelebt werden, dass viele an Studienreisen teil-
Natürlich im Osten, der andere Teil kam zu dieser Zeit gar nicht in nehmen können um andere Orte mit deutscher Vorgeschichte
Frage. Die Stadt (besonders seitdem es wieder vereint ist) mag kennen zu lernen. Nur durch positive Erlebnisse können die im-
ich bis heute. Humboldt-Universität – Staatsbibliotek, wo man im mer noch vorhandenen Vorurteile abgebaut werden, und für die
Lesesaal sogar Böll lesen konnte, Theater – Kinos – Faschings- Sprache / den Sprachunterricht ist es auch ein Gewinn. Durch
zeit - „Spar mit der Energie”-Verdunkelung, demzufolge ragte das interessante Programme, Vorträge, Bücher die Vergangenheit
voll beleuchtete Axel-Springer-Haus aus der Dunkelheit noch und die Gegenwart der Ungarndeutschen populär machen,
mehr heraus, grundsätzliche Jugenderlebnisse mit Freundscha- zum Deutschlernen motivieren – das ist meine Welt. Auch wenn
fen, die bis heute lebendig sind. Anschließend konnte ich einen Deutsch nicht meine Muttersprache ist.
Kurs als Reiseleiterin machen und weil ich parallel zum Studium
viel gearbeitet habe, nicht nur als Begleiterin von Reisegruppen,

s
sondern auch als Dolmetscherin, ist mein Deutsch fast akzentfrei
geworden, und ab dann hat auch das Studium Spaß gemacht. JBG-Nachrichten
Wegen der Nachfrage als Deutschlehrerin habe ich kaum Un-
garisch unterrichtet; dafür aber Deutsch auf allen Niveaustufen: Kranzniederlegung
vom Kindergarten- bis zum Rentneralter, in Sprachschulen, pri-
vat, aber hauptberuflich in einem renommierten Gymnasium in am Grabe Jakob Bleyers
Budapest. Und so konnte ich leider auch miterleben, wie Deutsch
als Fremdsprache immer mehr an die zweite Stelle nach dem Von Patrik Schwarz-Kiefer
Englischen gelangte. Parallel dazu kamen immer mehr Stipen-
diaten aus Deutschland mit der Erfahrung zurück, dass sie wäh-
rend ihres Aufenthalts mehr Englisch als Deutsch üben konnten.
Und an den Arbeitsplätzen ging/geht es ähnlich.

„Wie begeistert lehren sie unsere Sprache„ - hat jemand einmal


aus einer deutschen Delegation nach meiner Stunde gesagt.
Ihre Sprache? Das ist ja auch meine! - dachte ich mir und denke
auch heute noch, ich habe es mir ziemlich mühevoll erworben.
Das Germanistikstudium, Deutsch als Schulfach oder die Tätig-
keit als Deutschlehrerin hatten aber in den 1970-80er Jahren
auch ihre Schattenseiten: Die Vorurteile, Stigmas („Sünder und
Faschisten”) wurden oft ohne jeden Grund an alle übertragen.
Zum Beispiel ein „westdeutsches” Sprachbuch im Lehrerzimmer
zu loben machte schon einen „verdächtig”. Trotz allem habe ich
mit meinen Kindern bis zum Kindergartenalter Deutsch gespro-
chen, um ihnen den Spracherwerb zu erleichtern. – Bis heute
sind sie dafür dankbar, es hat ihre Mentalität, ihre Berufswahl Die Jakob-Bleyer-Gemeinschaft gedachte am 5. Dezember 2018
stark beeinflusst. am Grabe Jakob Bleyers dem größten Ungarndeutschen. Die

28 SoNNTAGSBLATT
Zahl der Teilnehmer war leider auch heuer klein, obwohl unter - Die Einnahmen betrugen insgesamt 5.250.590,- Ft (davon
anderen alle deutschen Selbstverwaltungen der Hauptstadt ein- 57 % Bewerbungsgelder) und die Ausgaben 5.224.977,- Ft. Die
geladen wurden. Bilanz des Jahres: ein Überschuss von 25.613,- Ft

Zu Beginn der Veranstaltung erklang die in diesem Jahr 100 Jah- Nach dem Bericht gab es Wortmeldungen. Diese bezogen sich
re alt gewordene Hymne der Ungarndeutschen, im Anschluss auf die Tätigkeit der Sonntagsblatt-Redaktion, die Lage der deut-
daran hat Vorstandsmitglied Patrik Schwarcz-Kiefer über Bleyers
schen Minderheit in Ungarn und die Zusammenarbeit mit der
Erbe und Vermächtnis gesprochen. Im Mittelpunkt seiner Rede
stand die Fragestellung, was Jakob Bleyer zur heutigen Situa- LdU. Nach einer Pause hat der Vorsitzende des Vereins über die
tion der deutschen Volksgruppe in Ungarn sagen würde. Es ist Pläne des Jahres 2019 gesprochen. Wir haben diesmal vier Be-
sicher, dass er damit nicht zufrieden wäre und es versteht sich werbungen beim Staatlichen Fondverwalter „Gábor Bethlen“ ein-
von selbst, dass er Hand in Hand mit jedem, der für das Wohl gereicht: für Betriebskosten, für das Sonntagsblatt, für Program-
des Ungarndeutschtums arbeiten will, alles für eine bessere und me und für ein SB-Magazin. Weiter sind für 2019 Lesertreffen u.
prosperierende Zukunft tun würde. a. in Baaje und Ödenburg, Tagungen und eine Studienfahrt nach
Siebenbürgen (Königsboden) geplant.
Am Ende wurden von der JBG, dem Deutschen Kulturverein Wu-
dersch und dem Kulturverein von Wetschesch Kränze niederge-
legt.

Die JBG bleibt den Bleyerschen Ideen weiterhin treu und tut alles
Nachruf s
für die Verbesserung der gegenwärtigen Situation der deutschen
Minderheit in Ungarn.
Ein Leben im Dienste Gottes,
der Kirche und des Volkes
Zum Gedenken an Pfr. Peter Zillich, Studiendirektor a. D.
Geistlicher Beirat im St. Gerhards-Werk Stuttgart
Vollversammlung der
Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V. Nach langer Krankheit ist am 13. Februar 2019 Pfr. Peter Zil-
lich, Bischöflicher Beauftragter für die Heimatvertriebenen in der
Von Dr. Georg Kramm Diözese Regensburg, Sprecher der Priester und Gläubigen aus
der Volksgruppe der Donauschwaben, Geistlicher Beirat im St.
Die Jahreshautpversammlung der JBG für das Jahr 2018 fand Gerhards-Werk Stuttgart, im Herrn mit 61 Jahren entschlafen.
am 2. Februar 2019 im Heimatmuseum Wudersch/Budaörs statt.
Die Sitzung wurde von Prof. Nelu B. Ebinger geleitet. Nach der Als eine seiner wichtigsten Aufgabe war es den entwurzelten Do-
Begrüßung hörten die Anwesenden den Tätigkeits- und Finanz- nauschwaben eine geistige Heimat zu bieten.
bericht von Dr. - Ing. Georg Kramm, dem Vorsitzenden des Ver-
eins, an. Er berichtete über folgende Aktivitäten: Nach der Ankunft von Peter Zillich aus dem Banat/RO in
Deutschland nahm ihn der langjährige Vorsitzende des St. Ger-
1. Jubiläumsjahr 2018. Der Verein feierte am 22. 09. 2018 sein hards-Werk in Stuttgart, Franz Wesinger, in seine Obhut und be-
25. Jubiläum im Stadtarchiv der Hauptstadt Budapest im Rah- reitete ihm den Weg zusammen mit dem damaligen Kardinal Jo-
men einer Konferenz. sef Ratzinger in München zur Fortsetzung des Priesterstudiums
in Regensburg. Peter Zillich erhielt die Priesterweihe am 30. Juni
2. Sonntagsblatt. Das Vereinsblatt war im Jahr 2018 viermal er-
1984 durch Bischof Manfred Müller in Regensburg.
schienen.
Als Seelsorger der Donauschwaben, also der Deutschen aus
3. Sonntagsblatt-Lesertreffen. Um unsere Leser näher kennen
Ungarn, aus dem ehemaligen Jugoslawien und dem Banat/Ru-
zu lernen, haben wir erneut begonnen solche Lesertreffen zu or-
mänien, hat er bei Vertriebenen Wallfahrten in Altötting, Spai-
ganisieren: im vergangenen Jahr im Lenau-Haus in Fünfkirchen,
in Budapest (Josefstadt) und in Wudersch. chingen, Speyer/am Rhein, Ludwigshafen, am Schönenberg bei
Ellwangen, Maria Lourd, Maria Zell, Maria Radna, Vierzehnhei-
4. Reise nach Tscheb. Tscheb in Serbien ist der Geburtsort von ligen, Bad Niedernau, in Kanada, Amerika, aber auch in Entre
Jakob Bleyer. Im Rahmen einer dreitägigen Reise haben wir au- Rios Brasilien sowie bei vielen Klassentreffen, Heimattreffen und
ßer der Gemeinde Tscheb auch Neusatz, Sombor und Gakowo Kirchweihfesten mit Predigten, mit seinem Akkordeon, seinen
aufgesucht. Liedern, Gottesdiensten Menschen Mut zugesprochen und den
Glauben in ihren Herzen gefestigt. In den Sprachen Deutsch,
5. Kontakte zur LdU. Der Verein hat entschieden mit der Lan- Ungarisch, Rumänisch, Englisch und Latein mehrte er in uns,
desselbstverwaltung der Ungarndeutschen näher zusammen- Menschen den römisch-katholischen Glauben.
(Fortsetzung auf Seite 30)
arbeiten zu wollen. Diesbezüglich hat man die ersten Schritte,
durch Kontaktaufnahme zur neugewählten Vorsitzenden der
LdU, Olivia Schubert, getan.
Folgen Sie dem
6. Historikerkonferenz in Wudersch. Die JBG wirkte bei der
Organisation und Abwicklung mit. Sonntagsblatt und der
9. Aktivitäten im Internet. Schauplätze waren unter anderen die JBG auch auf Facebook:
Heimseite und das Facebook. Dabei erreicht unsere Plattform im
Facebook immer mehr Leser – und dadurch oft auch eine andere
Zielgruppe als das Printprodukt.

10. Finanzen. facebook.com/sonntagsblatt.hu


facebook.com/jbg.hu
- Bewerbungen im Jahre 2018. Wir waren in drei Themen erfolg-
reich: Betriebskosten, Jubiläumskonferenz und Sonntagsblatt

SoNNTAGSBLATT 29
Bei seinem 25-jährigem Priesterjubiläum im Juni 2009 sagte Pfr. Erni, Peter Ofenpest/Budapest 2.000,- Ft
Peter Zillich: „Verehrte Gäste, verehrte Freunde, ein herzliches
Dankeschön und Vergelts` Gott allen, die heute mit mir gedankt, Fuchs, Philipp Balatonfüred 3.000,- Ft
gebetet, gesungen, organisiert, dazu beigetragen haben, dass Frau Fetter/Fetter, Werischwar/
das Lob Gottes und die menschlichen Verbindungen zueinander 2.000,- Ft
Lőrincné Pilisvörösvár
gestärkt wurden!“
Folk, Georg Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft
Papst Benedikt XVI. beschreibt unsere Würde so: „Jeder ist ge- Firle, Ernst Mutsching/Mucsi 3.500,- Ft
wollt, jeder ist geliebt, jeder ist gebraucht.“ Und L. Zenetti ermu-
Frühwirth, Michael Wetschesch/Vecsés 5.000,- Ft
tigt uns: „Menschen, die aus der Hoffnung leben, sehen weiter.
Menschen, die aus der Liebe leben, sehen tiefer. Menschen, die Großturwall/Török-
Gauland, Josef 1.500,- Ft
aus dem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht. bálint
Leben wir grenzenloses Gottvertrauen!“ Hilcz, Adam Kokersch/Kakasd 3.000,- Ft
Im Juni 2019 wäre sein 35-jähriges Priesterjubiläum geworden. Hirling, Andreas Dr. Waitzen/Vác 3.000,- Ft
Hönig, Klara Fünfkirchen/Pécs 3.000,- Ft
Nicht nur durch Worte, sondern durch Taten und zuletzt durch
einen langen Leidensweg hat er uns ein Beispiel unerschütter- Hart, Stefan Ofenpest/Budapest 10.000,- Ft
lichen Glaubens und der Christusnachfolge gegeben. Was er in Simmartin/Sziget-
Hock, Rudolf 10.000,- Ft
seinem Leben geglaubt, gepredigt, ersehnt und erhofft hat, möge szentmárton
ihm in Gottes Herrlichkeit zuteilwerden. „In seinem Licht schauen Horváth, Sándor Dr. Fünfkirchen/Pécs 2.000,- Ft
wir das Licht“, dieses Bibelwort hat ihm den Zugang zum Glau-
ben, zur ewigen Freude und zum Frieden Gottes gewährt. Holdampf-Wagner,
Schitta/Süttő 5.000,- Ft
Mathilde
Im Namen der Banater Schwaben, der Deutschen aus Ungarn, Großnaarad/Nagy-
dem ehemaligen Jugoslawien und des St. Gerhards-Werkes Hein, Ernst 20.000,- Ft
nyárád
Stuttgart für Laien sowie auch im Auftrag des Vorsitzenden Erz-
bischof em. Dr. Robert Zollitsch mit dem gesamten Vorstand Frau Huszák/Huszák Simmartin/Sziget-
10.000,- Ft
und Mitgliedern möchte ich als Stellvertreter Gläubigen aus der Gézáné szentmárton
Volksgruppe der Donauschwaben, seinen Angehörigen, seinen Kalmar, Anna Baaje/Baja 1.500,- Ft
Freunden, Priestern und Landsleuten inniges Beileid ausspre-
chen und Gott dafür danken im Gebet, dass er uns ihn geschenkt Karsch, Manfred Hanselbeck/Érd 2.500,- Ft
hat. Kerner, Lorenz Fünfkirchen/Pécs 50.000,- Ft
Erzbischof em. Dr. Dipl.-Ing. Krach, Ernst Ofenpest/Budapest 2.000,- Ft
Robert Zollitsch Josef Lutz Kremer, Attila Paks 5.000,- Ft
(Vorsitzender (stellv. Vorsitz.
St. Gerhards-Werk Stuttgart) St. Gerhards-Werk Stuttgart) Kanter, Josef Sagetal/Szakadát 2.000,- Ft
Kövi, Michael Ofenpest/Budapest 4.500,- Ft
Spenden für das Sonntagsblatt
Werischwar/Pilisvö-
Krupp, Josef 5.000,- Ft
Spenden aus Ungarn rösvár
Kollar, Albin Dunakeszi 1.000,- Ft
vom 19.11.2018 bis 01.02.2019 Lipp, Josef Rossbrunn/Lókút 2.000,- Ft
Hasenfratz-Macher,
Saar/Szár 4.000,- Ft
Deutsche Unterzemming/Alsó- Maria
5.000,- Ft
Selbstverwaltung szölnök Mayer, Michael
Fünfkirchen/Pécs 8.000,- Ft
Deutsche Bischof em.
Döbrököz 10.000,- Ft
Selbstverwaltung Wiehall-Kleinturwall/
Mayer, Otto 2.000,- Ft
Deutsche Ofenpest/Budapest Biatorbágy
10.000,- Ft
Selbstverwaltung 13. Bezirk Mátéfi, Agnes Fünfkirchen/Pécs 3.000,- Ft
Deutsche Mühlmann, Klaus-Jo-
Baar/Bár 5.000,- Ft Ofenpest/Budapest 10.000,- Ft
Selbstverwaltung achim
Barlangi, Josef Tscholnok/ Csolnok 5.000,- Ft Neuperger, Blasius Deutschbohl/Bóly 5.000,- Ft
Balogh, Andreas Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft Nadwar/
Oberst, Franz 2.000,- Ft
Sanktiwan b. O./ Nemesnádudvar
Brader, Theresia 5.000,- Ft
Pilisszentiván Pencz, Kornel Dr. Baaje/Baja 2.000,- Ft
Borsos, Maria Wudersch/Budaörs 2.000,- Ft Preusser, Tibor Dr. Ofenpest/Budapest 3.000,- Ft
Sanktiwan b. O./ Pillmann, Josef Gestitz/Várgesztes 10.000,- Ft
Brandhuber, Johann 2.000,- Ft
Pilisszentiván
Petz, Otto Kazincbarcika 2.000,- Ft
Frau Balaton/Balaton
Tschawa/Piliscsaba 3.000,- Ft Porsche, Peter Dr. Gran/Esztergom 5.000,- Ft
Gáborné
Bruszt, Matthias Tschep/Szigetcsép 2.000,- Ft Rauth, Josef Jink/Gyönk 5.000,- Ft

Frau Bacsó/Bacsó Weindorf Scheuring, Thomas Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft


2.500,- Ft
Gyuláné /Pilisborosjenő Frau Schmidt/Schmidt
Fünfkirchen/Pécs 2.000,- Ft
Großturwall/Török- Pálné
Weigl-Boldog, Anna 5.000,- Ft
bálint Seereiner, Tibor Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft
Lux-Csorba, Elisabeth Ofenpest/Budapest 10.000,- Ft Frau Stolcz/Stolcz Nadasch/Mecsekná-
5.000,- Ft
Dajbukat, Franz Dr. Ofenpest/Budapest 3.000,- Ft Jánosné dasd

Erdősi, Andreas Ofenpest/Budapest 2.000,- Ft


30 SoNNTAGSBLATT
Strasszer, Jakob Magotsch/Mágocs 6.000,- Ft BEITRITTSERKLÄRUNG
Großturwall/Török-
Schmidt, Johann 5.000,- Ft Unterzeichnete/r erkläre mich mit den Zielsetzungen der
bálint
Jakob Bleyer Gemeinschaft einverstanden und beantrage
Schäffer, Josef Fünfkirchen/Pécs 2.000,- Ft
somit meine Aufnahme in die Mitgliedschaft des Landesve-
Schneider, Johann Perwall/Perbál 2.000,- Ft reins.
Somos, Josef Ofenpest/Budapest 10.000,- Ft
Staub, Ferdinand Waschludt/Városlőd 2.000,- Ft Meinen Mitgliedsbeitrag werde ich gerne in Form einer
Steigerwald, Alois Hanselbeck/Érd 5.000,- Ft Spende entrichten. Ich nehme zur Kenntnis, daß mir das
Sonntagsblatt frei zugeschickt wird, zu dessen inhaltlicher
Frau Szigriszt/ Nadasch/
3.000,- Ft Gestaltung und Verbreitung ich meine Mithilfe zusage.
Szigriszt Jánosné Mecseknádasd
Frau Traub/Traub
Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft Datum:......................................................................................
Jenőné
Unterschrift (leserlich):.............................................................
Utto, Georg Dr. Dunakeszi 5.000,- Ft Name:.......................................................................................
Vajta, Ladislaus Deutschbohl/Bóly 5.000,- Ft Adresse:...................................................................................
Gahling/ .................................................................................................
Varga, Stefan 3.000,- Ft
Máriakálnok Tel.:..........................................................................................
Venczel, Lorenz Wesprim/Veszprém 5.000,- Ft E-Post (E-mail) Adresse:..........................................................
Geburtsort u. Datum:................................................................
Zsombok, György
Ofenpest/Budapest 10.000,- Ft Abstammungsgebiet/Herkunfsort:............................................
Dr.
Beruf (auch früherer):...............................................................
Wager, Georg Ofenpest/Budapest 2.000,- Ft
Allen Mitgliedern wird das Sonntagsblatt ab sofort und lau-
fend zugeschickt.
Weitere Spenden
Mitgliedsbeitrag (Sonntagsblatt inbegriffen) ist Ihre SPENDE.
Ebersbach-Neu-
Drescher, Josef 20,- EUR
gertsdorf/D
Engert, Adam Nersingen Strass 25,- EUR
Hornik, Helene Sautern/A 50,- EUR BESTELLUNG
Schlesak, Anna Winterbach/D 20,- EUR Ich bitte um Zusendung des Sonntagsblattes an:
Rosenberger, Peter Deggendorf/D 30,- EUR
Weifert, Mathias Dr Miltenberg/Main/D 5,- EUR Name:..........................................................................
Anschrift:......................................................................
.....................................................................................

Ich erkläre mich bereit, die Kosten des Sonntagsblattes mit


Herzlichen Dank allen lieben Spendern, einer Spende zu begleichen.
die das Sonntagsblatt am Leben erhalten!
Datum:.........................................................................
Unterschrift:..................................................................

Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V.


H-2040 Budaörs, Budapesti út 45.

Impressum Sonntagsblatt s Bankverbindungen:


Eine deutsche Zeitschrift aus ungarn

Herausgeber des Mitteilungsblattes: Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V. Begünstigter: Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V.
Postanschrift der Redaktion: H–2040 Budaörs, Budapesti út. 45 Bank: UniCredit Bank Hungaria Rt., Budapest
Gründer: Georg Krix • Redaktion: Schriftleiter: Georg Kramm Forint-Kontonummer für Ungarn:
Mitarbeiter: Nelu B. Ebinger, Richard Guth, Stefan Pleyer, 10918001-00000428-02970017
Patrik Schwarcz-Kiefer Devisenkonto in Ungarn:
E-Mail: kramm@enternet.hu, sonntagsblatt.hu@gmail.com • ISSN 1219-7076 IBAN: HU81-1091-8001-0000-0428-0297-0000
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Hergestellt von Schwarcz és Társa Kft. IBAN: DE 78545201940333494078
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Beiträge in diesem Heft, die den Namen des Verfassers tragen, Bank: Bayerische Hypo- u. Vereinsbank AG, Ludwigshafen
müssen nicht unbedingt mit der Meinung der Schriftleitung übereinstimmen. Verwendungszweck: Sonntagsblatt

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SoNNTAGSBLATT 31
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