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JAKOB BLEYER

JAKOB BLEYER GEMEINSCHAFT


GEMEINSCHAFT e.V. e.V. Nr. 4/2018
Nr. 4/2018

Sonntagsblatt s
Sonntagsblatt
Eine
Einedeutsche
deutscheZeitschrift aus ungarn
Zeitschrift aus ungarn

Weihnachtsnummer
Weihnachtsnummer
Festliche
Festliche Gedanken von Landesbischof
Gedanken Fabiny
von Landesbischof Fabiny

Aus
Ausdem
demInhalt:
Inhalt:
„Schwob, vergiss dei‘ Red‘ net!” JBG und Sonntagsblatt feierten 25-jähriges Jubiläum
LdU-Vorsitzende, Olivia
Gespräch mit der neuen LdU-Vorsitzenden, OliviaSchubert
Schubert
Zwischen zwei Welten: Ungarndeutsche Auswanderer
Zweifel angebracht - Kommentar zum neuen Stipendienprogramm für Kindergärtnerinnen
über den Flüchtlingen ausgesprochen. Was hat Sie dazu be-
Die Geburt Jesu in Bethlehem ist keine einmalige Ge- wegt, sich in diesem Thema öffentlich zu äußern?
schichte, sondern ein Geschenk, das immer bleibt.
-(Martin Luther, 1483-1546) TF: Ich habe am Budapester Ostbahnhof und in Röszke die
große Masse von Flüchtlingen gesehen. Ich war schockiert. Na-
Leitartikel s türlich wollte ich helfen, weil ich dachte, dass Gastfreundschaft
zu der Mentalität der Ungarn gehört wie auch die Hilfe für die
Schwächeren. Ich kann mich an 1989 erinnern, als die DDR-
Glaubwürdigkeit fängt bei der Nächs- Flüchtlinge bei uns waren, oder an die Situation, als Menschen
tenliebe an vor dem Balkankrieg zu uns flohen. Ich war enttäuscht, dass die
Mehrheit der Bevölkerung dieses Mal zurückhaltend war und
Interview mit Dr. Tamás Fabiny, Landesbischof und Ratsvorsit-
tatenlos geblieben ist. Im Lutherischen Weltbund, wo ich auch
zender der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn als Vizepräsident aktiv mitgearbeitet habe, war für uns selbst-
verständlich, über Hilfe der Flüchtlinge zu sprechen. Ich wollte
einfach das in Ungarn umsetzen, was wir auf globaler Ebene the-
matisiert haben. Die politischen Zusammenhänge dieser Frage
sind aber sehr komplex. Unser Videoaufruf, den wir zusammen
mit Bischof Miklós Beer veröffentlicht haben, wurde sehr ambiva-
lent aufgenommen. Die Mehrheit hat positiv reagiert, aber eine
kleine und agressive Minderheit hat uns beschimpft.

SB: In Ungarn – anders als in Deutschland, wo sich die EKD


in erster Linie über Kirchensteuereinnahmen finanziert –
hängen fast alle Religionsgemeinschaften von staatlichen
Zuwendungen ab, was teilweise ein Ergebnis der histori-
schen Entwicklung ist. Wie sehen Sie diese finanzielle Ab-
hängigkeit - oder nennen wir sie lieber Nähe zum Staat - per-
Tamás Fabiny (Foto:24.hu)
sönlich und gäbe es Alternativen dazu?

SB: Herr Bischof Dr. Fabiny, wir sitzen zusammen bei einem TF: Eins muss geklärt werden: Die Pfarrer werden nicht von dem
Kaffee, und ich unterhalte mich mit Ihnen, einem ungari- Staat, sondern von den Gemeindemitgliedern bezahlt. Alle akti-
schen Geistlichen, auf Deutsch. Für mich, einen ungarn- ven Kirchenmitglieder geben der Kirche jährlich eine freiwillige
deutschen Katholiken, eine eher ungewöhnliche (sprach- Summe. Ich kenne viele bewegende Beispiele, die mich an die
liche) Situation. Wo haben Sie sich die deutsche Sprache biblische Erzählung der Witwe mit zwei Groschen erinnern. Ich
angeeignet? bin davon überzeugt, dass wir noch Reserven hätten, wenn die
Reichen mehr geben würden. In diesem Fall wären wir nicht so
TF: Als Kind habe ich von meinem Opa Deutsch gelernt. Er abhängig vom Staat. Die Regierung gibt den christlichen Schulen
sprach fließend Deutsch wegen der Monarchie-Zeit und wollte und diakonischen Einrichtungen eine normative Summe, ein so-
seinen Enkelkindern Deutsch beibringen. Ich denke, er suchte genanntes Kopfgeld. Dadurch werden diese Institutionen finan-
damit einfach die Gelegenheit, mit den Enkeln zusammen zu ziell gesichert. Eine extra Unterstützung der Regierung wäre z.
sein. Ich war jede Woche bei ihm und habe auch viele Sachen B. beim Kirchenbau oder Renovierungen notwendig. Hier muss
auswendig gelernt. Ich gehöre zur Generation, die als erste man sich immer um das Geld bewerben, und bei der Auswertung
Fremdsprache Russisch lernte, und später habe ich am Gym- spielen vielleicht auch subjektive Faktoren eine Rolle. Deswegen
nasium Englisch gelernt. Als Stipendiat war ich mehrmals in Er- möchte ich erreichen, dass ein System an geregelter und ge-
langen und habe mein Deutsch dort verbessert. Natürlich war es rechter Kirchenfinanzierung entsteht.
nicht so einfach, meine Doktorarbeit auf Deutsch zu schreiben.
SB: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen der
SB: Ist Mehrsprachigkeit in der Evangelisch-Lutherischen Zeit und wie versucht Ihre Kirche den zu begegnen?
Kirche in Ungarn eine Selbstverständlichkeit, insbesonde-
re wenn es um muttersprachliche Seelsorge im Kreise der TF: Leider ist bei uns die Säkularisation ein großes Problem,
ungarländischen Slowaken und Deutschen geht? auch wir verlieren viele Gemeindemitglieder. Dagegen wollen
wir eine intensive missionarische Strategie aufbauen. Wir ver-
TF: Ich sage immer, dass unsere Kirche Evangelisch-Luther- suchen den Leuten in ihrer Mobilität zu folgen. Viele verlassen
ische Kirche IN Ungarn genannt werden soll, statt Ungarische z. B. Nord- und Ostungarn und siedeln sich in der Agglomeration
Evangelische Kirche. Mit dieser sprachlichen Feinheit wollen wir der Hauptstadt an. Hier wollen wir neue Gemeinden gründen und
ausdrücken, dass sich sowohl Deutsche als auch Slowaken bei möglicherweise neue Kirchen bauen.
uns zu Hause fühlen sollen. Im 20. Jahrhundert haben wir leider
viele verloren, die Vertreibung der Deutschen als eine kollektive SB: Sie pflegen enge Kontakte zu west- und nordeuropäi-
Strafe im Jahre 1946/47 war ein großer Verlust für unsere Kirche. schen evangelischen Gemeinden und deren Landeskirchen
Vor einigen Jahren habe ich an sehr bewegenden Gottesdiens- – welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede können Sie
ten teilgenommen, z. B. in Agendorf/Ágfalva: Viele, die nichts erkennen?
mit dem Volksbund zu tun hatten, haben weinend ihre Heimat
verlassen. Dort habe ich auch erfahren, dass der evangelische TF: Wir können voneinander lernen, wir brauchen uns nicht zu
Pfarrer die einwaggonierten Leute getröstet hat, und als der Zug verstecken, was die Intensität des Glauben betrifft. In den 40
abgefahren ist, läuteten die Glocken im Dorf. Eine sehr schmerz- Jahren der „Wüstenwanderung”, als wir das „rote Meer” überque-
hafte Geschichte. Die wenigen, die geblieben sind, bekommen ren mussten, haben wir solche Erfahrungen gesammelt, die wir
die muttersprachliche Predigt und Seelsorge. mit unseren westlichen Schwestern und Brüdern teilen können.
Gleichzeitig sind wir bereit, die vielen guten Methoden kennen
SB: Sie haben sich vor anderthalb-zwei Jahren, ähnlich wie zu lernen und die theologischen Ergebnisse zu übernehmen, die
die katholischen Bischöfe Miklós Beer aus Waitzen und Já- zum Erbe der Kirchen gehören, die auch früher in einem demo-
nos Székely aus Steinamanger, für mehr Toleranz gegen- kratischen Land leben durften. Wir müssen einen Dialog führen

2 SoNNTAGSBLATT
und einander gegenseitig schätzen. Ich wäre froh, wenn das die Kälte sprengend, sanft und mild.
Stichwort „auf Augenhöhe” in diesem Zusammenhang eine täg-
liche Realität wäre. Auf frischem Schnee jetzt Kinder toben
erwartungsvoll zum Christkind hin,
SB: Sie sind vor einem Jahr zum Landesbischof, in Deutsch- wohl wissend, dass den Herrn sie loben,
land würde man Ratsvorsitzender sagen, gewählt worden – denn Weihnacht strömt in ihren Sinn.
wie lautet Ihre Bilanz und welche Ziele möchten Sie in der
Und sinnend auch Erwachs’ne sehnen
nächsten Zeit verwirklichen? sich nach der hehren, stillen Zeit,
so viele sich nach Frieden wähnen
TF: Als leitender Bischof einer relativ kleinen Kirche versuche ich auf kranker Welt, gar erdballweit.
dafür Beispiel zu geben, dass eine Kirche autonom bleiben kann.
Wir versuchen ein menschliches Gesicht zu zeigen: Eine dialog- In Dämmerung die Nacht der Nächte
fähige und fröhliche Kirche wird in der Gesellschaft hoffentlich erwartungsvoll nun näher fließt,
gern genommen. ob sehnsüchtig sie Hoffnung brächte,
aus der endlich Erfüllung sprießt ?
SB: Wir Christen feiern in wenigen Wochen Advent und
Weihnachten – was ist Ihre Botschaft an die Mitchristen? 25.X.2018

TF: An Weihnachten müssen wir an die Armen und (Not-) Lei-


denden denken. In diesen Wochen liegen mir besonders die Ob-
dachlosen auf dem Herzen. Die heilige Familie in Bethlehem war Aktuelles s
praktisch auch obdachlos. Unser Weihnachtsfest ist nur glaub-
würdig, wenn wir denjenigen helfen, die am Rande der Gesell-
schaft stehen.
Kontinuität sichern
Neue Vorsitzende der LdU im SB-Gespräch
SB: Herr Bischof, vielen Dank für das Gespräch!
Von Richard Guth
Das Gespräch führte Richard Guth.

Weihnachtsgedichte von Hans Dama


Leis ruft durch graue Winternacht
ein Glöcklein hell durch Schnee und Sturm
zum Kirchlein hin, zu heilger Wacht
aus fernem felsenfesten Turm,

zum Kripplein her von überall,


in dem das Jesukind geboren, Olivia Schubert (Foto:Facebook.com)
eilen Anbeter hin zum Stall:
Der Retter ward uns auserkoren. Auch wenn Olivia Schubert nicht bei Null anfangen soll, die Um-
stände wollten es dennoch so haben, dass sie in ihr Amt noch
Unschuldig Kindlein, nackt und klein, hineinwachsen soll, so das Fazit der neuen Vorsitzenden der
in diese Welt jetzt aufgenommen, Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, die aus Bohl in
als der Erlöser schuldlos, rein der Branau stammt. Für Olivia Schubert ist das LdU-Umfeld in
als Gottes Sohn zu uns gekommen. der Tat alles andere als fremd: Vor ihrer Tätigkeit bei Audi Hunga-
ria war die Politikwissenschaftlerin Geschäftsstellenleiterin und
Dein Schicksal-Leidensweg beginnt bekleidete auch das Amt der Vizevorsitzenden der Landesselbst-
mit der Geburtsstunde, der hehren, verwaltung.
weil du uns Menschen wohlgesinnt,
so manche wirst du wohl bekehren… Für die neugewählte Vorsitzende sei es das Wichtigste, für Kon-
tinuität zu sorgen, damit die begonnenen Projekte, Aktionen und
Da stehn wir nun in dieser Nacht Aktivitäten weitergeführt werden. Dennoch spürt sie nach eige-
voll Demut, göttlichem Vertrauen, nem Bekunden die Erwartung vieler, eigene Akzente zu setzen,
denn eines Kindleins heilge Macht der sie in der Zukunft auch gerne entsprechen möchte. Als Orien-
lässt hoffnungsvoll uns Zukunft bauen. tierungspunkt gelte für sie die LdU-Strategie 2020, die es kritisch
zu hinterfragen gilt: Wo stehen wir, was ist uns gelungen? Was
26.X.2018 war und ist nicht realisierbar? Dabei wünscht sie sich ein „Up-
date” des Strategiepapiers, in Zusammenarbeit mit den Gremien
__________________________________________ der LdU. Als weitere Aufgabe sieht Schubert die Aufrechterhal-
tung der Betriebsfähigkeit der Institutionen, den gegenüber die
Der Himmel tränt in Flockenweiß. LdU eine besondere Verantwortung trage. Dabei „soll das hohe
Natur in Eisigfrost erlahmt. Niveau an den Bildungseinrichtungen erhalten bleiben”, was
Auf kahlen Ästen ächzen leis nur über die Verbesserung der Infrastruktur und der Rahmen-
Dohlen, von Winterpracht umrahmt. bedingungen geschehen könnte. Als Beispiel und gleichzeitig
besonderes Vorhaben nannte die Vorsitzende im SB-Gespräch
Nur langsam wollen Nebel schwinden, das Stipendienprogramm für Kindergartenpädagogen, das im
entvorhangt nun das Weihnachtsbild, Dezember beschlossen werden soll (das Gespräch fand Anfang
gestreichelt zahm von Südwärtswinden, November statt, R. G.) und das ab dem nächsten Schuljahr als
(Fortsetzung auf Seite 4)
SoNNTAGSBLATT 3
staatliches Programm weiterlaufen soll – jetzt komme es darauf sind eine lange und gleichzeitig doch kurze Zeit. Der Verein hatte
an, „den Rahmen festzulegen”. Auch die juristische, pädagogi- gute und weniger gute Phasen, doch kann er sich auch nach
sche und verwaltungstechnische Unterstützung der Selbstver- 20 Jahren behaupten. Es gibt heutzutage viel jüngere Freiwillige
waltungen steht für Olivia Schubert ganz oben auf der Agenda als zuvor, die mitwirken und den Kindern Freude bereiten, ihr
– hierfür soll der bereits begonnene Dialog weitergeführt werden. Wissen weitergeben wollen. Auch heute noch steht der VUK für
Dabei könnten die DNSVW von der LdU konkrete Empfehlungen traditionelle, ungarndeutsche Werte, Sprachvermittlung, Sprach-
erhalten, der Landesselbstverwaltung komme dabei die Rolle pflege, die Weitergabe der Sitten und Bräuche. Die Kinder sollen
einer Lobbyistin zu. Auch die lokalen und landesweit tätigen zivi- ihre Freizeit mit sinnvollen Aktivitäten füllen, ungarndeutsche Fa-
len Organisationen sollen gestärkt werden, denn sie stellten „ein milien sich kennen lernen, und auch wenn sie geographisch ge-
Fundament unserer Gesellschaft” dar. sehen weit voneinander wohnen, soll eine Verbindung zu Stande
kommen. Die Familientreffen dienen auch dazu sich auszutau-
Dabei steht die Gemeinschaft nach Eindruck von Olivia Schubert schen, einander zu stärken, Unsicherheiten und Unklarheiten
vor großen Herausforderungen: Der demografische Wandel, der aus dem Weg zu schaffen”, so Werner.
auch im Kreise der Ungarndeutschen einen Rückgang bedeute,
die Auswanderung, da die LdU vermehrt feststelle, dass Eltern Regelmäßige und unregelmäßige Programme wie die Kin-
ihre Kinder von der Schule nähmen, weil sie ins Ausland ziehen, der- und Babyecke in Fünfkirchen, das Sommerfest und das
die Nachwuchssorgen im Bildungsbereich, in dem man in den Sommercamp, das dieses Jahr in Fadd in der Tolnau stattfand,
nächsten vier-fünf Jahren große Kämpfe um gute Pädagogen das Familienwochenende oder der Wettbewerb der Verrückten
austragen werde, der Umgang mit den Y- und Z-Generationen Schiffe in Hartau bedürfen des besonderen Engagements von
mit ihren modernen Vorstellungen, die Frage nach Form und In- Freiwilligen wie der Deutschen Katrin Bouss. Sie verbrachte im
tensität bei der Pflege der Traditionen gehörten zu diesen Zu- Juli samt 20 Leiterinnen und Leiter und 70 Teilnehmerinnen und
kunftsfragen. Olivia Schubert zeigt sich aber zuversichtlich, denn Teilnehmer zwischen 8 und 14 Jahren eine Woche in Fadd. Die
die Einführung ein- und zweisprachiger Angebote hätte bereits Kinder waren, je nach Deutschkenntnisse, in „Familien” tätig,
jetzt positiv auf die Sprachkenntnisse ungarndeutscher Jugend- was nach Auskunft der Organisatoren eine individuelle Förde-
licher ausgewirkt. Es gelte diese Arbeit fortzuführen. Schubert rung ermöglichen sollte. Daneben arbeiteten die Kinder in Zünf-
hofft auch, dass der Dialog mit den ungarischen staatlichen ten für unter anderen Filzen, Blaufärben und Kerzengießen und
Bildungsträgern auch an den staatlichen Nationalitätenschulen bereiteten gemeinsame Aktionen vor wie den ungarndeutschen
Früchte tragen würde. Nachmittag mit mehreren Stationen und den Flashmob-Tanz
zum Fliegerlied auf dem Marktplatz von Sexard. Aktionen, die
Auch der Dialog mit Vertretern der Bundesrepublik Deutschland eine gründliche Vorbereitung erfodern: So treffen sich engagierte
sei wichtig, zumal die LdU auf diese Weise Einfluss auf Entschei- Betreuer wie Georg Schuckert und Babett Túrós, die wir bereits
dungen nehmen könnte. „Wir sind dankbar, dass die Bundesre- im Sonntagsblatt vorgestellt haben (Im Dienste der ungarndeut-
publik unsere Gemeinschaft schätzt”, so Schubert. Auch die Zu- schen Jugend, SB 01-2018), zweimal im Jahr zu Jugendtreffen,
sammenarbeit mit dem Abgeordneten der deutschen Minderheit, um die Programme gemeinsam vorzubereiten.
Emmerich Ritter, bezeichnet die Vorsitzende gut: Ritter würde mit
der LdU Themen und Vorhaben besprechen, Rat und Meinung Die in der Zukunft womöglich länderübergreifend stattfinden wer-
bei Experten und Ausschussmitgliedern einholen und an den den. Aus diesem Grund besuchten Vertreter des VUK und der
Vollversammlungen teilnehmen. „Ich hoffe, dass wir in dessen Gemeinschaft Junger Ungarndeutscher (GJU) das westfälische
Folge in den nächsten vier Jahren wichtige Ergebnisse erzielen Münster, wo ein junger Mann ungarndeutscher Herkunft, Attila
werden”, so LdU-Vorsitzende Olivia Schubert. Repkény, ein Jugendcafé betreibt – ein Ort, wo Jugendliche sinn-
voll ihre Freizeit verbringen können. Geplant ist eine enge Ko-
operation zwischen dem Jugendcafé und den ungarndeutschen
Organisationen in Form von Schüleraustausch und der Teilnah-
me an einer Aktion des Cafés namens Spielstadt.

„In den 20 Jahren hat VUK viel für die ungarndeutschen Kinder
Für eine ungarndeutsche Zukunft und Familien getan, doch soll es in der Zukunft noch mehr wer-
Verein für Ungarndeutsche Kinder (VUK) feiert zwanzigsten den, denn die Assimilierung macht sich leider überall bemerkbar.
Geburtstag Solange aber willige Familien, Vereine sich dafür einsetzen, dass
das Ungarndeutschtum erhalten bleiben soll, gibt es Hoffnung“,
Von Richard Guth wagt Vorsitzender Werner eine Prognose.

„Ein Volk ohne Kenntnis seiner Geschichte, seines Ursprungs


und seiner Kultur ist wie ein Baum ohne Wurzeln. Der VUK ver-
sucht als Verein auch sehr viel zu unternehmen, damit diese Wor-
te nicht auf taube Ohren stoßen, so dass der Baum Wurzeln lässt
und diese auch den notwendigen Nährboden vorfinden“, sagte
Kristina Csordás, Büroleiterin des Vereins für Ungarndeutsche
Kinder (VUK), anlässlich der Eröffnung einer Aktionswoche des
Vereins in Hartau/Harta im Frühjahr. Neben einer Ausstellung
4. Jugendkonferenz der LdU in
hielt Büroleiterin Csordás außerplanmäßige Volkskundestunden Fünfkirchen veranstaltet
in der Grundschule, bastelte mit den Kindern Ulmer Schachteln
und übergab am vorletzten Tag dem Vereinsvorsitzenden Gabriel
Werner das Podium, der mit Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen
über Probleme und Möglichkeiten der zweisprachigen Erziehung
diskutierte.

Denn der Vereinsvorsitzende, Lehrer und Vater zweier Kinder


hat in den letzten Jahren viel Gelegenheit gehabt, Erfahrungen
im ungarndeutschen Kosmos zu sammeln und Ansätze für die
Fortentwicklung (oder vielerorts erst Schaffung) zweisprachiger
Bildungs- und Erziehungsangebote zu entwickeln. Sein Verein
feiert dieses Jahr den 20. Jahrestag seines Bestehens, was im
September in Fünfkirchen feierlich begangen wurde. Auch das
Sonntagsblatt hat in den nächsten Jahren mehrfach über die Ar-
beit von VUK berichtet (Mehr als nur Erholung, SB 01-2017 / Im
Dienste der ungarndeutschen Jugend, SB 01-2018). „20 Jahre
4 SoNNTAGSBLATT
Ende Oktober versammelten sich ungarndeutsche Jugendliche Geschichte der Ungarndeutschen ist für mich hauptsächlich eine
aus dem ganzen Land, vor allem aus Budapest und seiner Um- Sammlung aus privaten Geschichten, die in meiner Familie über
gebung, in Fünfkirchen/Pécs um an der von der LdU organisier- Familienangehörige erzählt wurden, welche ich als Teil meiner
ten Jugendkonferenz teilzunehmen. Dieses Jahr war das vierte Geschichte und darüber hinaus als Teil eines größeren histori-
Mal, dass diese Veranstaltung stattfand. Jede Konferenz hatte schen Kontextes zu verstehen gelernt habe.” Mit der Frage der
ein bestimmtes Thema wie zum Beispiel die Vorbereitung auf nationalen Identität hätte sie sich erst in Deutschland auseinan-
die Parlamentswahlen oder die Jugendstrategie der LdU. Heuer dergesetzt und für sich folgende Antwort gefunden: „Mir ist meine
stand die Frage der Motivierung der jüngeren Generation für ungarische und deutsche – weniger ungarndeutsche – Identität
eine Kandidatur bei den kommenden Nationalitätenselbstverwal- wichtig.”
tungswahlen im Mittelpunkt.
Kerstin stammt aus Südtransdanubien und ist ebenfalls väter-
Am anspruchvollen dreitägigen Programm nahmen zirka 20 licherseits deutscher Abstammung. Sie lebt gegenwärtig in Wien
Leute teil, mit den verschiedensten Positionen zum Thema. Es und arbeitet im Gesundheitswesen. Ihre Urgroßeltern stammten
kam schnell heraus, dass sich jedes Dorf, jede Stadt in einer aus Freiburg im Breisgau, kamen damals als deutsche Siedler
ganz anderen Situation befindet, deswegen ist es unmöglich den nach Ungarn und hätten dort „ein neues Leben und eine neue
Stein der Weisen zur Verfügung zu stellen. Ein reales Ziel war Existenz aufgebaut.” Kerstin ist ein Trennungskind und ist mit
aber durch Rollenspiel und Simulationen den Teilnehmern mehr ihrer madjarischen Mutter aufgewachsen, die die Aneignung der
Erfahrung bei der Überzeugung der Wähler zu vermitteln. Und deutschen Sprache nicht gefördert hätte. „Erst, als ich mich et-
dieser Teil des Programms war sehr erfolgreich. was später wieder mit meinem Papa getroffen habe und wieder
Kontakt aufgenommen habe, dann bin ich mit meinem Ungarn-
Was ein herausfordernderes Thema war, war die Darstellung der deutschtum konfrontiert worden. Dann habe ich angefangen
Kandidierungsmöglichkeiten. Es wurde schnell klar, dass es in Deutsch zu lernen, damals war ich schon über 30.”
jedem Komitat ein anderes, oft schwer überschaubares System
gibt. Deshalb war es unmöglich einen klaren Überblick zu geben. Bei Peter ist die Beziehung zur deutschen Herkunft viel enger
(Mit der ganzen Vorbereitungsphase der Listenstellung werden und intensiver, „mein Ungarndeutschtum prägt mich sehr”, wie er
wir uns in weiteren Artikeln beschäftigen, wegen der Komplexität sagt, stammt er doch sowohl mütterlicher- als auch väterlicher-
des Themas). seits aus einer ungarndeutschen Familie. Er ist in der Nähe von
Budapest aufgewachsen, ging später nach München und arbei-
Zurückblickend kann man sagen, dass diese Konferenz erfolg- tet dort im Marketingbereich.
reich war, aber es muss noch viel getan werden, um die Jugend-
lichen zu einer Beteiligung an der politischen Arbeit des Ungarn- Sebastian ist in Ungarn aufgewachsen und erst „das Studium
deutschtums zu bewegen. hat” ihn „nach Deutschland gebracht”. Nach seinem Abschluss
habe er wieder etwas Zeit in seinem Heimatland Ungarn gelebt,
Die JBG war durch Patrik Schwarcz-Kiefer vertreten. ehe er dann nach Österreich ging, um dort „einem meiner Aus-
bildung einschlägigen Beruf” nachzugehen, wie er sagt.

Katharina stammt aus der Nähe von Budapest und ist in einer
ungarndeutschen Familie aufgewachsen. Nach eigenem Bekun-
den ist ihr „der ungarndeutsche Kulturkreis” sehr wichtig, was
ihre aktive Mitgliedschaft in ungarndeutschen Kulturgruppen, die
Zwischen zwei Welten auch heute noch währt, zeigt. Die im Bildungs- und Erziehungs-
Sonntagsblatt-Umfrage über das Lebensgefühl ungarndeutscher bereich tätige Katharina lebt seit einigen Jahren in Bayern und
Auswanderer und EU-Arbeitnehmer auch dort ist sie nach eigenen Angaben im lokalen Kulturleben
aktiv.
Von Richard Guth
Wie die Identitätsmuster, so sind auch die Motivationshintergrün-
Die Zahlen reichen von 300.000 bis auf über eine Millionen – ge- de, ins Ausland aufzubrechen, sehr vielfältig. Susanne ist wegen
meint sind ungarische Staatsbürger, die im Ausland ihr persön- der Arbeit nach Deutschland gegangen. Sie wollte nach eigenem
liches und berufliches Glück suchen. Vorübergehend oder für im- Bekunden eine Änderung in ihrem Leben und hätte sich aus prak-
mer. Statistiken zufolge sind die Auswanderer in der Regel jung tischen Gründen für Deutschland entschieden. Bei Peter mach-
und gut ausgebildet. Hauptziele der EU-Binnenmigranten sind te das „Zurück zu den Wurzeln” den Ausschlag: „Ich habe mich
Deutschland, Großbritanien und Österreich. Unter ihnen finden schon immer mit Deutschland und Österreich beschäftigt. Da war
sich auch zahlreiche Ungarndeutsche. Fünf von ihnen hat das es nur eine Frage der Zeit, wann ich den Schritt wage. Natürlich
Sonntagsblatt bezüglich ihrer Motivation, ihren Erfahrungen, ih- spielten die besseren Verdienstmöglichkeiten auch eine Rolle -
res ungarndeutschen Hintergrunds und der Lage der deutschen aber sie waren nicht ausschlaggebend.” Auch die halbungarn-
Minderheit in Ungarn befragt. Die Namen wurden auf Wunsch deutsche Kerstin beschäftigten ähnliche Gedanken: „Ich wollte
der Interviewpartner von der Redaktion geändert. immer mal nach Deutschland gehen, die Fragen waren innerlich
immer da: Woher kommen meine Verwandten, meine Urgroßel-
Susanne stammt aus dem Süden von Ungarn und lebt seit tern? Wie ist es dort, wie sind die Leute?” Über einen deutschen
10 Jahren in Deutschland. Sie arbeitet seit einigen Jahren im Freund kam sie dann endlich ins Land der Urahnen, konnte aber
DaF-Bereich und kümmert sich um die sprachliche Integration nur ein Jahr bleiben, weil ihre Arbeitserlaubnis abgelaufen sei,
von syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Für sie ist Ungarn- die nicht verlängert worden sei, obwohl sie gerne bleiben woll-
deutschtum „eine bewusst gewählte Zugehörigkeit zu einer na- te. Österreich soll eher ein Zufall gewesen sein: Durch ihre Ehe
tional, politisch und kulturell geprägten Gemeinschaft oder es ist mit einem Österreicher sei die Alpenrepublik nun zu ihrem Le-
etwas, wo man durch die Einflüsse der Umgebung hineinwächst bensmittelpunkt geworden. Auch Katharina gelangte über per-
– vielleicht genetisch bedingt?” Eine Frage, die nach eigenem sönliche Kontakte nach Deutschland: Das Volkstanzensemble
Bekunden ihr nie zuvor gestellt worden sei. Ihr Kontakt zum Un- ihres Heimatortes pflegt enge Kontakte zum Trachtenverein der
garndeutschtum bestehe durch ihre Familie väterlicherseits: „Die Partnergemeinde – im Rahmen dieses kulturellen Austausches
„ungarndeutschen” Elemente in meiner Kindheit habe ich nie als habe Katharina ihren Freund kennen gelernt. Auf Empfehlung
solche aufgefasst, sondern eher als Eigenart meiner Familie. Die ihres Freundes habe sie Kontakt zur Gemeindeverwaltung auf-
deutsche Sprache war für mich eine komisch klingende, geheime genommen, was zur Folge hatte, dass sie nun eine Anstellung
Sprache, die meine Großeltern und andere Verwandte zu Hau- hat. Eine Entscheidung mit Fragezeichen: „Ich bin immer noch
se benutzt haben – besonders, wo sie nicht wollten, dass wir sehr unsicher, aber letztendlich bin ich auf die Entscheidung ge-
Kinder was davon verstehen. Ich habe Deutsch erst mit 13 in kommen, dass eine Berufserfahrung in Deutschland nichts scha-
Bayern gelernt, als ich mit meiner Familie dort ein halbes Jahr den kann, und wenn es mir nicht mehr gefällt, kann ich immer
verbracht habe. Erst Jahre später, während meines Germanistik- noch in meinen Heimatort ziehen.” Für Sebastian waren die Be-
studiums, habe ich mein Interesse für die Sprache entdeckt. Die (Fortsetzung auf Seite 6)
SoNNTAGSBLATT 5
weggründe vielfältig: „Der primäre Faktor ist natürlich das höhere nem individuellen Kontext. Ich möchte damit nicht sagen, dass
Gehalt, aber auch die kulturelle Bindung zum deutschsprachigen man eine „deutsche bzw. ungarische Art” so abgrenzen oder
Ausland, wenn man sich schon selber dieser Kultur zugehörig definieren kann.“ Peter, der aus einer „rein“ ungarndeutschen
fühlt. Es ist auch erwähnenswert, dass man mit dem Zug (Railjet) Ehe stammt, meint, dass das Leben in Bayern seine (ungarn)
aus Budapest genauso schnell nach Wien wie nach Fünfkirchen deutsche Identität gestärkt hätte: „Es ist nicht einfach unsere
fahren kann. Die geographische Nähe ist im Fall von Österreich Situation den „richtigen“ Deutschen zu erklären. Ich glaube, sie
also ein Vorteil. Ich bin der Auffassung, dass man die Chance, kapieren das erstmal gar nicht. Man wird doch eher als Ungar
Arbeit im Ausland nachzugehen, wahrnehmen muss, solange angesehen als Deutscher. Wobei es auch Gegenbeispiele gibt,
man noch mobil ist. Später kann man zu Hause sein. Unter 30 wo Leute relativ schnell verstanden haben, wie es ist.“ Sebas-
Jahren geht das auch relativ einfach.“ tian hat auch ähnliche Erfahrungen gesammelt: „Es hat mich in
meiner deutschen Identität gestärkt, wenn es auch gleichzeitig
Auch hinsichtlich der gesammelten Erfahrungen zieht Sebastian die Unterschiede offengelegt hat, die es zwischen bundes- und
eine positive Bilanz: „Drüben lebt es sich tatsächlich einfacher. auslandsdeutschen Gemeinschaften gibt. Es sind verschiede-
Durch den Lohnniveauunterschied sind die Leute wesentlich ne Gemeinschaften mit unterschiedlicher Sozialdynamik. Mein
entspannter und ihre Alltagsprobleme sind einfacher zu lösen. Deutschtum hat nichts mit der Bundesrepublik oder sonst wel-
Wenn man das Glück hat, eine entsprechende Qualifikation und chen Staaten zu tun, sondern mit meiner Sprache, Alltagskultur
einen deutschen Vor- und Nachnamen zu besitzen, fällt man und dem kulturellen Erbe. Ähnlich hat das auch der rumänische
im Gastland auch nicht besonders auf. Man wird schneller auf- Präsident Klaus Johannis, selber Siebenbürger Sachse, formu-
genommen. Das Gefühl, zu Hause zu sein kann jedoch nichts liert. Die deutsche Kultur bestimmt zu einem entscheidenden Teil
ersetzen. Als gebürtiger Budapester freue ich mich immer, in meine Denkweise und meinen Blick auf die Welt. Ähnlich zu vie-
meiner Heimatstadt zu sein, wenn auch ich nicht mit jeder ge- len ungarndeutschen Bekannten von mir bin ich ein Kulturdeut-
sellschaftlichen Tendenz der letzten Jahre zufrieden bin.“ Katha- scher, geopolitisch gesehen ungarischer Patriot und überzeugter
rinas Integration war auch erfolgreich: Sie berichtet davon, dass Europäer.“
sie binnen eines Monats ein Vorstellungsgespräch gehabt hätte
und bereits zum Beginn des nächsten Erziehungsjahres dort ein- Die Zeit verändert einen, aber auch das Verhältnis zum eigenen
gestiegen sei: „Hier ist es ganz normal, Ausländer/in sein. Es ist Heimatland. Kerstin betrachtet Ungarn weiterhin als ihr Heimat-
nichts Besonderes. Auch die Vorschule, wo ich arbeite, ist sehr land, wo ihre Wurzeln lägen, ihre Freunde, Familie und Vergan-
bunt. Wir haben indische, bulgarische, russische, vietnamesi- genheit. Aber nun finde ihr Leben nicht mehr dort statt, was nach
sche, polnische Kinder und auch Kinder aus gemischten Ehen eigenem Empfinden auch ihre Mentalität verändert hätte. Peter
wie deutsch-französisch, deutsch-amerikanisch, deutsch-öster- empfindet mehr Distanz zu Ungarn, obwohl er immer noch ger-
reichisch. Also meine Erfahrungen als „Ausländerin“ sind sehr ne seine Heimatstadt besucht: „Aber Ungarn an sich lässt mich
gut. Ich fühle mich nicht anders wie in Ungarn. Vielleicht wenn, kalt. Mit Landnahme, Stefan usw. kann ich wenig anfangen. Ich
dann noch besser. Die Kollegen sind gegenüber jüngeren Fach- habe bereits die Erfahrung gemacht, dass ich mich in bestimm-
kräften auch viel offener und unterstützen sie viel mehr.“ Für Pe- ten Regionen in Ungarn fremder gefühlt habe als irgendwo in
ter gab es, da er zuvor öfters in Deutschland war, wenig Über- Deutschland oder Österreich, wo ich noch nie zuvor war.“ Ka-
raschendes: Die größte Umstellung für ihn war, sich selbst zu tharina spürt eine enge emotionale Bindung zu Ungarn, bei ihr
versorgen. Kerstin weist auf die Mentalitätsunterschiede, die sich spielt aber auch die Frage eine Rolle, wie sich ihr Freund bei
auch im Berufsleben niederschlagen würden, hin: „Fachlich sehe einer Übersiedlung integrieren könnte: „Mein Freund, den ich so
ich nicht zu viele Unterschiede, obwohl unsere Ausbildung nicht lieb habe, stammt von hier, er redet nur Deutsch/Bayrisch und
anerkannt wird. Unterschiede gibt es, wie man mit den Dingen Englisch, für ihn wäre es in Ungarn recht schwierig. Auch die
umgeht. Wir ticken einfach anders, weil wir in anderen Verhält- Lebensqualität ist anders. Für mich ist es einfacher mich an ein
nissen aufgewachsen sind. Wir sind viel erfinderischer.“ Bei Su- Leben in Bayern zu gewöhnen als es für ihn in Ungarn wäre.
sanne überwogen am Anfang die Zweifel: „Ich habe am Anfang Als Deutscher sich an einen ungarndeutschen Lebensstil zu ge-
nicht in meinem Beruf arbeiten wollen. Einerseits wegen meiner wöhnen ist auch nicht immer so einfach. Es gibt Beispiele dafür,
Entscheidung für einen Neuanfang, andererseits weil ich dachte, dass es gut klappen kann, aber auf diesen Moment muss ich
dass die muttersprachliche Konkurrenz zu hoch war. Ich habe noch warten.“ Bei Susanne und Sebastian spielen bei der Fra-
die ersten zwei Jahre allerlei Jobs gemacht und bin letztendlich ge nach dem Verhältnis zu Ungarn auch aktuelle Entwicklungen
doch beim Deutschunterricht gelandet und mache das gern.“ eine Rolle. Susanne sagt, dass Ungarn ein anderes Land, sei
Mittlerweile hat sie sich gut integriert: “Ich lebe zwar in Deutsch- es Deutschland, nie ersetzen könnte. „Allerdings lebe ich schon
land, aber Berlin ist noch mal eine andere Welt. Mit Deutschen lange genug in Deutschland, um eine gewisse Distanz und ein
habe ich hauptsächlich beruflich, amtlich u. Ä. zu tun. Ich habe gewisses Fremdgefühl zu Ungarn zu entwickeln. Damit sind Ge-
Freunde und Bekannte aus vielen verschiedenen Ländern und fühle der Erleichterung und auch der Traurigkeit verbunden. Ich
auch einige aus Deutschland.“ denke nicht daran, je wieder in Ungarn leben zu wollen. Das hat
nicht nur politische Gründe, aber diese spielen dabei eine im-
Zweifelsohne ist es eine interessante Frage, inwiefern das Le- mer größere Rolle“, so die Deutschlehrerin. Sebastian beschreibt
ben im deutschsprachigen Ausland die eigene (ungarndeutsche) seine Gefühle zu Ungarn folgendermaßen: „Auch wenn Ungarn
Identität beeinflusst. Katharina hat hierzu eine ganz klare Mei- das langweiligste und intoleranteste Land wäre, bliebe es meine
nung: „Meine Identität ist meine Identität. Die kann man nicht ver- Heimat, und die Sonne würde jeden Morgen genauso aufgehen.
ändern oder beeinflussen.“ Susanne hat diese Frage eingehend Zum Glück ist es ein spannendes und zum Teil weiterhin offenes
reflektiert: „Das Leben in Deutschland hat die Frage meiner na- Land. Dies sollte allerdings nicht heißen, dass sich in Ungarn
tionalen Identität in den Vordergrund gerückt. Ich habe viel da- aus meiner Sicht alles positiv entwickeln würde. Mit dem Mig-
rüber nachgedacht, was es bedeutet, Ausländerin, Europäerin, rationsthema zum Beispiel sollte es irgendwann endlich einfach
Ungarin und teils deutscher Herkunft zu sein. Ich habe vieles gut sein. Manchmal kommt es einem vor, als gäbe es hier keine
in der deutschen Kultur, Haltung und den deutschen Wertvor- anderen, wichtigeren Themen wie die Korruption oder die Dauer-
stellungen entdeckt, mit denen ich mich identifizieren - und viel- krise im Gesundheitswesen.“
leicht mehr identifizieren - kann als mit den ungarischen. Dazu
gehören unter anderen die Rücksichtsnahme und Wahrung der Hinsichtlich der Beurteilung der Lage der deutschen Nationalität
Privatsphäre - die ich jedoch manchmal auch übertrieben finde -, in Ungarn zeigt sich ein gemischtes Bild. Am positivsten sieht
die Ehrlichkeit - nicht um den heißen Brei herumreden, wie das die Lage Kerstin, die die wenigsten Verbindungen zum Ungarn-
in Ungarn oft der Fall ist -, die Diskussionskultur, die in Ungarn deutschtum besitzt: „Die deutsche Minderheit in Ungarn ist ein
typischerweise kompetitiv und weniger konstruktiv abläuft, eine Teil von Ungarn und assimiliert, aber jeder kann und darf seine
bewusste und „erwachsene” bürgerliche Haltung, die auf der Identität behalten, was Zweisprachigkeit und Kultur betrifft. In
Überzeugung basiert, etwas auch selbst bewirken zu können, meinem Komitat Branau kann man vom Kindergarten bis zum
was in Ungarn so noch nicht existiert. Andererseits gibt es auch Abitur alles zweisprachig machen. Ungarndeutsche haben viele
Bereiche, wo ich im Vergleich dazu, was ich oft in Deutschland, Vereine und Möglichkeiten ihre Identität frei zu pflegen.“ Auch
genauer gesagt in Berlin, erlebe, die „ungarische Art” bevorzuge. Katharina gehört zu den Personen, die die Lage positiv beurtei-
Diese ungarisch-deutsche Gegenüberstellung kommt aus mei- len: Sie spricht sogar davon, dass das Ungarndeutschtum „eine
6 SoNNTAGSBLATT
Blütezeit“ erlebe. Sie räumt ein, dass das sicherlich nicht auf alle
ungarndeutschen Ortschaften zutreffe, aber auf ihren Heimatort
Kunterbunt
Kindergärten in der Trägerschaft örtlicher deutscher Selbstver-
ganz sicher. Susanne, die seit zehn Jahren in Deutschland lebt, waltungen – Teil 3: Kindergärten im Porträt: 3. Der Deutschstäd-
verfügt über wenig persönliche Erfahrungen, betont aber, dass tische Kindergarten
die größte Herausforderung generell darin liege, sich als Zuge-
höriger einer Gemeinschaft nicht im Gegensatz zu anderen zu Von Richard Guth
behaupten beziehungsweise sich nicht ab- bzw. auszugrenzen.
„Die Alten werden immer weniger, viele Jugendliche interessie- „Der 29. September letzten Jahres ist mir gut in Erinnerung ge-
ren sich dafür nicht mehr oder haben gar keinen Bezug dazu. blieben: Wir waren zu Besuch am Österreichisch-Ungarischen
Die Globalisierung tut ihr Übriges. Der Dialekt wird wenig bis Kindergarten in Budapest. Ein Kind ungarischer Muttersprache,
gar nicht gesprochen. Es kommen zu viele Einflüsse von außer- dem zuvor gesagt wurde, wir würden nur Deutsch sprechen, kam
halb“, meint Peter, der aber auch von positiven Entwicklungen auf uns zu und sprach uns auf Deutsch an. Dies nach vier Wo-
zu berichten weiß, insbesondere im kulturellen Bereich. Es sei chen im deutschsprachigen Kindergarten. Ein anderes Erlebnis
daher eine Kraftakt aller, die Traditionen, Werte und Sprache auf- war der Besuch der stellvertretenden Beauftragten für die Min-
rechtzuerhalten. Auch Sebastian bemüht sich darum die Lage derheiten, die die Kinder auf Deutsch angesprochen hat. In ihrer
der Deutschen in Ungarn differenziert zu betrachten: „Es bedarf Verlegenheit konnten sie nicht antworten. Da ist es mir klar ge-
mehr kompetenter Sprachträger in der Öffentlichkeit und einer worden, dass wir mit unseren Kindern mehr deutsch sprechen
effizienteren Ausschöpfung der seitens der Regierung bereitge- müssen, wozu auch die Nationalitätenexperten, die den Kinder-
stellten Möglichkeiten. Es kann ja nicht sein, dass jemand, der garten öfters besuchen, ermuntern”, erzählt Maria Solymosi-Szi-
vier oder mehr Jahre in einem Nationalitätengymnasium der lágyi, Leiterin des Deutschstädtischen Kindergartens während
deutschen Minderheit verbracht hat, nicht fähig ist, fünf Sätze für meines Besuchs in Deutsch-Jula.
die deutsche Sendung des ungarischen Fernsehens zusammen-
zukriegen. Das geht nicht. Hier können wir wirklich was von den Erkenntnisse einer Kindergartenpädagogin, die den wohl ältes-
Rumänen lernen, wo der deutsche Sprachunterricht glänzend ten ungarndeutschen Kindergarten leitet: „Die Einrichtung wurde
funktioniert. Auf der anderen Seite bekannten sich seit langem 1883 gegründet, in einer bis 1857 eigenständigen Stadt, deren
nicht so viele Leute in Ungarn zu ihrem Deutschtum wie in den deutsche Bewohner schnell den Weg der Bürgerwerdung be-
letzten Jahren. Das gibt Grund zum Optimismus. Bei kompeten- schritten haben. Der deutsche Kindergarten in der jetzigen Form
ter Vertretung unserer Interessen sehe ich gute Chancen, dass gibt es seit 1956, Stück für Stück wurde die Zahl der Kindergarten-
es in der nächsten Generation noch 50 bis 100.000 Ungarndeut- gruppen auf fünf erhöht. Gegenwärtig besuchen die Einrichtung
sche geben wird. Die Sprache (sei es die Mundart oder Hoch- 110 Kinder, die von elf gut ausgebildeten Nationalitätenkinder-
deutsch) darf aber im Alltag nicht auf der Strecke bleiben. Ich gärtnerinnen betreut werden.” Auch auf die Begabtenförderung
kann damit leben, dass bei den meisten Veranstaltungen (der legt der Kindergarten nach Worten von Maria Solymosi-Szilágyi
deutschen Minderheit) nicht jeder Deutsch kann, aber warum großen Wert, und diese durchaus in Verbindung mit der deut-
sollen sich sprachlich die anpassen, die noch Deutsch können? schen Sprache: „Unser neuestes Projekt sind Beschäftigungen
Wohin führt uns diese Praxis? Auch im Kreise der ungarischen in AG-Form von der Länge von 20-25 Minuten, in den die Kinder
Minderheit in den Nachbarländern gibt es einen Punkt, wo man mit für sie nicht so vertrauten Kindergärtnerinnen zusammen sind
sagt, sprachlich ist man kein (Auslands-) Ungar mehr. Warum und nur deutsch sprechen.” Denn sprachlich werden die Kinder –
sollte das bei den Deutschen anders sein? Diese Fragen sollte wie anderswo – weitgehend ungarisch sozialisiert, eine Ausnah-
man sich stellen können.“ me bilden nur die wenigen Kinder, bei den in der Familie deutsch
gesprochen würde, so wie in der Familie der Vorsitzenden der
Viele meinen, bei den Auswanderern (oder generell Menschen, Deutschen Selbstverwaltung Deutsch-Jula, Monika Mittag, deren
die im Ausland eine Arbeit gefunden haben) handele sich um Mann aus Österreich stammt und der sich selber für die Belange
Menschen, die für das Land verlorengegangen seien. Die Rück- der deutschen Minderheit in der Erkel-Stadt bemühe. Es gäbe
meldungen zeigen auch hier ein komplexeres Bild. Susanne aber mittlerweile Eltern Anfang, Mitte 30, die versuchen würden
möchte sich gerne den Fragen der Gegenwart widmen, aber mit ihren Kindern deutsch zu sprechen. Ziel für die erfahrene
generell möchte sie ihr jetztiges Leben weiterführen. Kerstin Kindergartenleiterin sei ohnehin, die deutsche Sprache in den
möchte nicht mehr zurückkehren, sondern im deutschsprachigen Familien wieder zu etablieren, denn selbst in der Generation der
Raum bleiben und dort ihre Kinder großziehen. „Aber natürlich Eltern der Leiterin wäre das nicht mehr selbstverständlich ge-
werde ich einen Teil von unserer Kultur und Identität und auch wesen. Maria Solymosi ist alteingesessene Deutschjulaerin, ihre
die ungarische Sprache weitergeben“, so die Neuwienerin. Pe- Familie trug früher den Namen Steigerwald. Ein besonderes An-
ter hingegen kann sich durchaus vorstellen irgendwann in seine liegen von ihr ist darüber hinaus, dass die Wegweiser zweispra-
Heimatstadt nahe Budapest zurückzukehren, und bringt es ge- chig ausgeschildert sind und andere Materialien wie die Arbeits-
mäß der Redensart in seiner neuen Heimat so auf den Punkt: pläne auch diesem Prinzip folgen.
„Schaun mer mal, dann sehn mer scho.“ Katharina wünscht sich
wieder dort zu leben, wo ihre Familie und Freunde sind. Das sei Ein weiteres Anliegen des Kindergartens scheint auch die Pflege
aber nicht einfach: „Jetzt habe ich ein Dahaam und ein Dahoam. der Traditionen zu sein, die auch nicht selbstverständlich sei, da
Beide sind sehr wichtig für mich.“ Am rückkehrwilligsten zeigt kaum noch Traditionen vorhanden wären. „Seit 36 Jahren findet
sich der aus Budapest stammende Weltbürger Sebastian: „Ich die Abschlussfeier des Kindergartenjahres in deutscher Sprache
arbeite, solange es mir Spaß macht, in Österreich, Deutschland statt. Leidiglich die Ansprache ist zweisprachig und ein ungari-
oder wo auch immer weiter und kehre nach einigen Jahren nach sches Gedicht am Ende. Die Kinder haben in den vergangenen
Ungarn zurück. Budapest ist eine pulsierende, großartige Stadt!“ Jahren Märchen und Tänze vorgetragen. Im Juni haben die Kin-
der den Bandl-Tanz vorgeführt.” Weitere Höhepunkte stellen der
Martinstag mit mehreren tausend Umzüglern, die Rosmareinzu-
cher und verschiedene Aktionen rund ums Kochen und Backen,
Folgen Sie dem zusammen mit den Eltern, dar.
Sonntagsblatt und der Der Kindergarten hat stark mit der demografischen Entwicklung
JBG auch auf Facebook: und dem Vordringen des Englischen zu kämpfen: „1990 gab es
etwa 2000 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren, heute nur noch
gut 1200. Dafür gibt es 11 Kindergärten in der Stadt, davon gut
drei Viertel in staatlicher Trägerschaft, der Rest in kirchlicher und
facebook.com/sonntagsblatt.hu in der von Nationalitäten.” Mittlerweile müsse man aktiv um die
Kinder (und deren Eltern) werben. Die Abnahme der Zahl der
facebook.com/jbg.hu Kinder ist nicht nur auf die gesunkenen Geburtzahlen seit der
Wendezeit zurückzuführen: Viele verlassen auch nach Erkennt-
nissen der Leiterin die Region und suchen ihr Glück in West-
(Fortsetzung auf Seite 8)
SoNNTAGSBLATT 7
ungarn, rund um Ödenburg, oder gleich im Ausland. Man be- Nach Auflösung der Pflanzenzucht ab Herbst 1991 Tätigkeit im
obachte aber auch eine andere Entwicklung: Die Übersiedlung Bezirk Neusiedl am See im Rahmen verschiedener Projekte der
rumänischer Staatsbürger, von den der Stadtteil Rumänisch-Jula Bgld. Landwirtschaftskammer. Dienstort: Landwirtschaftliches
profitieren würde. Auch die Versorgung mit dem pädagogischen Bezirksreferat Neusiedl am See.
Nachwuchs bereitet Maria Solymosi-Szilágyi Sorgen, eine Erfah-
rung, die sie mit anderen Kindergartenleiterinnen teilt. Deswegen Unter anderem war Frau Gertrude Adam auch Mitarbeiterin bei
arbeite man eng mit der Lehranstalt für Kindergartenpädagogik der Gründung des „Nationalparks Neusiedler See - Seewinkel“:
in Szarvas zusammen und biete angehenden Kindergärtnerin- (Flächeneinbringung/ Flächensicherung), in der Folge Betreuung
nen Praktikumsplätze an. Auch finanziell könne man sich, ent- von Projektflächen z.B. Pufferflächen rund um den Nationalpark
gegen langläufiger Meinungen, keine großen Sprünge leisten, oder Naturschutzgebiete, Gewässerbegleitstreifen, Beweidungs-
was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass der Kinder- projekte, Aufbau eines Vereins der bäuerlichen Direktvermarkter
garten ihre maximalen Kapazitäten für 125 Kinder noch nicht im Bezirk Neusiedl am See.
ausgeschöpft hat, was nach Worten von Solymosi-Szilágyi an-
gesichts der Raumkapazitäten - was dem Besucher während des Auch vor und nach ihrer Pensionierung ab 1.5.2007 war Frau
Rundgangs auch mehr als deutlich wird - ohnehin problematisch Gertrude Adam als Heimatforscherin aktiv tätig, wobei anfangs
wäre. Die staatliche Zuwendung sei aufgabenbezogen, den Rest Forschungen nur über die Heimatgemeinde Orczydorf im Mittel-
müssten die örtlichen Selbstverwaltungen zuschießen. Dies gel- punkt standen – als eifrige und dankbare Schülerin ihres Banater
te auch für die Verpflegung der Kinder, die nur zum Teil staatlich Landmannes Dr. Anton Peter Petri.
bezuschusst wird. Dennoch zeigt die Leiterin stolz frisch reno-
vierte Gruppenräume, die man aus gezielten staatlichen Förder- Weiters Forschungen über die Marktgemeinde Rohrau (Rohrau,
mitteln finanziert hat. Gerhaus, Pachfurth, Hollern), umfangreiche Sammeltätigkeit und
Archivrecherchen folgten anschließend im Laufe vieler Jahre.

Frau Gertrude Adam ist langjähriges aktives Vorstandsmitglied


des Vereins der Banater Schwaben Österreichs, dessen Vor-
stand hiermit der Gewürdigten herzlichst gratuliert.

Gertrude Adam mehrfach gewürdigt Auszeichnungen konnten bei dieser reichhaltigen Tätigkeiten
nicht ausbleiben: Erwähnt sei stellvertretend für viele z. B. das
Von Hans Dama 2006 erhaltene „Ehrenzeichen des Landes Burgenland“ für be-
sondere Verdienste um das Land Burgenland.
Am 18. September wurde der Banaterin, Dipl. Ing. Gertrude
Adam, Heimatforscherin, vom Land Niederösterreich durch die Zwecks Abrundung ihrer vielseitigen Tätigkeit – hier einige Ver-
Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner als Anerkennung für ihre öffentlichungen:
Forschungen in und um die Gemeinde Rohrau (Geburtsort des
Komponisten Joseph Haydn: 1732–1809) die Goldene Medaille Zusammen mit Dr. A. P. Petri: „Heimatbuch der deutschen Ge-
des Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Niederösterreich meinde Orczydorf im Banat“. Marquartstein 1983, 482 Seiten
verliehen.
Festschrift 110 Jahre Freiwillige Feuerwehr Pachfurth 1875-
Zum Festakt nach St. Pölten wurde Frau Gertrude Adam vom 1985, Ebreichsdorf 1985
Bürgermeister der Marktgemeinde Rohrau, vom Vizebürgermeis-
ter, vom Obersekretär und vom Ortsvorsteher von Pachfurth, wo Festschrift 200 Jahre Pfarre Pachfurth 1785-1985, Ebreichsdorf
sich Frau Adams Wohnsitz befindet, begleitet. 1985

In Ihrer Laudatio hielt Landshauptfrau Mikl-Leitner Folgendes Festschrift 300 Jahre Pfarre Rohrau 1693-1993, Mannersdorf/
fest: Leithageebirge 1993

„Frau Diplomingenieur Adam kam als Kind aus dem deutschsp- Festschrift 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr Gerhaus 1893-1993,
rachig geprägten Banat in Rumänien ins niederösterreichische Mannersdorf/Lgb. 1993
Pachfurth und war als Pflanzenzuchtexpertin beruflich tätig, wid-
met sich bis heute mit großer Leidenschaft der Heimatforschung, Festschrift 140 Jahre Freiwillige Feuerwehr Pachfurth 1875-
wobei 1983 das Heimatbuch ihres Geburtsortes Orcydorf ent- 2015, Petzenkirchen 2015
stand und es folgten mehrere sorgfältig recherchierte und aus
landskundlicher Sicht interessante Festschriften und Fotoauss- Fotoausstellungen: in Pachfurth 1988; in Rohrau zur Eröffnung
tellungen über Gerhaus, Rohrau und Pachfurth.“ des neuen Amtsgebäudes 2017

Frau Gertrude Adam kam im April 1957 als 10-Jährige mit der Quelle: Persönl. Mitt. von Gertrude Adam
Mutter zum Vater nach Österreich, der im Okt. 1947 illegal nach
Österreich eingereist war, um sein Studium zum Agrarier (Dipl.

s
Ing.) zu beenden.
Merkwürdigkeiten
Die ersten drei Klassen „deutsche Elementarschule“ (Volksschu-
le) besuchte sie in Orczydof und anschließend die Volksschule
in Rohrau, NÖ. 1957-1965 Gymnasium in Bruck an der Leitha,
Niederösterreich. Zweifel angebracht
An den Rand eines Stipendienprogramms
1965-1971 Studium an der Hochschule (heute Universität) für
Bodenkultur, Wien, Fachrichtung Landwirtschaft. 1971 Abschluss Von Richard Guth
als Diplomingenieur.
Das Zentrum hat im November über Pläne der Regierung berich-
1971-1978 Angestellte bei der „Internationalen Atomenergie-Or- tet, wonach der immer gravierendere Mangel an Nationalitäten-
ganisation“ (IAEO/IAEA), Wien, mit Dienstort Reaktorzent- kindergärtnerinnen und -kindergärtnern mit Hilfe eines Stipendi-
rum Seibersdorf, N.Ö.. Beschäftigung mit Mutationszüchtung. enprogramms für Hochschulabsolventinnen und -absolventen für
Ab 1978 bis 1991 war Frau Adam Saatzuchtassistentin beim Elementarpädagogik behoben werden soll. Im Gegenzug müs-
„Landwirtschaftsbetrieb Neuhof-Rohrau, Pflanzenzucht“, Sitz im sen sich die angehenden Kindergärtnerinnen und Kindergärtner
Schloss Rohrau, Bez. Bruck a. d. Leitha, N.Ö. verpflichten, einige Jahre in Ungarn zu arbeiten. Das Programm,
das gerade ausgearbeitet wird, soll neben den deutschen auch
8 SoNNTAGSBLATT
anderen Minderheitenangehörigen mit entsprechendem Berufs- herumkommen, die Löhne im Bildungs- und Erziehungsbereich
ziel zugutekommen. Ungarndeutscherseits soll es von der Lan- kräftig zu erhöhen, was zwangsläufig die Bereitstellung von mehr
desselbstverwaltung der Ungarndeutschen koordiniert werden. öffentlichen Finanzmitteln erfordert. Staatliche Stellen scheinen
dabei auf Zeit zu spielen und bestimmte Teilgruppen (aus wel-
Das Modell ist nicht neu, so gilt es auch für Studenten in Ungarn, cher Überlegung heraus auch immer) besserzustellen, durch
die ein staatliches Stipendium erhalten (es sind nicht wenige), spezielle Laufbahnmodelle, die aber unter finanziellen Aspekten
dessen Höhe von den Leistungen des Studierenden abhängt. – wie man es im Falle des Laufbahnmodells für Lehrer sieht – mit
Eine Rückzahlungspflicht besteht, wenn der Student in einem dem Lohnzuwachs in der privaten Wirtschaft bislang nicht mit-
Zeitraum von 20 Jahren nach Beendigung des Studiums nicht halten konnten.
einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Ungarn
nachgeht, und zwar in Höhe der geförderten Studienjahre. Ein Entscheidend wird es auch sein, ob es gelingt die Arbeitsbe-
ähnliches Programm gibt es im Gesundheitswesen (Lajos-Mar- dingungen der Kindergärtnerinnen und Kindergärtner zu ver-
kusovszky-Stipendium) für angehende Fachärzte und Apothe- bessern. Allen voran geht es um die Gruppengrößen, die schon
ker, die ein Stipendium in Höhe von 100.000 Forint (etwa 320 immer als Ventil herhalten mussten, wenn zusätzlicher Bedarf
Euro) netto im Monat erhalten – sie müssen sich im Gegenzug entstand (wie Kindergartenbesuchspflicht) oder angesichts des
verpflichten, eine gewisse Zeit, die der Studienzeit entspricht, in aktuellen Personalmangels Lücken gefüllt werden müssen. Je-
der das Stipendium gezahlt wurde, im ungarischen Gesundheits- der, der Kinder oder Elternkinder hat, weiß, dass die Kinder von
wesen zu arbeiten. heute viel mehr Förderung und Zuwendung benötigen und oft
einfordern, als diejenigen, die in der obrigkeitsgläubig-patriar-
Über Erfolg und Misserfolg der obigen Programme (in erster Linie chalischen Welt der vergangenen Jahrzehnte aufgewachsen
des ersten Programms für ungarische Hochschulabsolventen) sind. Zudem verändert sich die Gesellschaft ständig, und vie-
zu urteilen ist schwierig. Ich würde mich - wohlwissend um die le Probleme, der man früher in der Familie (die heute oft aus
„Schlagfertigkeit” und „Kreativität” meiner Landsleute und die Be- einem Elternteil besteht) begegnete, werden gerne auf die Bil-
schaffenheit des politisch-gesellschaftlichen Umfelds - aber sehr dungseinrichtungen abgewälzt. Meist ohne Dank. Die Zahl von
wundern, müsste nur ein einziger Student dieses Stipendium Kindern mit erhöhtem Förderbedarf steigt seit Jahren, was nach
zurückzahlen, sollte es ihn ins Ausland verschlagen. Sicherlich mehr Personal verlangt, und das in einer Zeit, wo es ohnehin
ist es ein gerechtfertigtes Interesse des Staates und der Bevöl- schwierig ist, das Stammpersonal zu halten und Stellen nachzu-
kerung, dass das in das Studium investierte Geld über einen Bei- besetzen. Darüber hinaus verlangt das Laufbahnmodell immer
trag des Geförderten der Gemeinschaft zugutekommt. Sicherlich mehr Administration, was Zeit kostet, die dann im Kerngeschäft
hat das Markusovszky-Stipendienprogramm einige davon ab- der Kindererziehung fehlt. Im Falle von ungarndeutschen Kin-
gehalten das ungarische (staatliche) Gesundheitswesen nach dergartenpädagogen wird oft darüber berichtet, dass der aktive
Abschluss ihrer Facharztausbildung gen privates Gesundheits- Gebrauch der deutschen Sprache - für die meisten mittlerweile
wesen oder Ausland zu verlassen. Die akuten Personalprobleme eine gelernte Fremdsprache - im Kindergartenalltag trotz mehr
in kassenärztlichen Praxen und Krankenhäusern hat das Pro- Fortbildungsmöglichkeiten als früher eine besondere Herausfor-
gramm nicht lösen können, zumal es sich auf eine medizinische derung darstellen würde.
Teilberufsgruppe, die de so genannten Residenten konzentriert.
Auch wenn Stipendienprogramme durchaus ihre Berechtigung
Das größte Manko dieser Programme ist die Verpflichtung, sich haben, sie als Allheilmittel lobzupreisen, würde nur den Blick auf
zu binden (viele pflegen den Begriff „an die Scholle gebunden die Systemdefizite verdecken.
zu sein” zu verwenden, was an feudale Zeiten erinnert), gerade
in einer Zeit, wo man immer weniger gewillt ist feste Bildungen
einzugehen. Dies gilt gerade für junge Menschen. Das Prinzip
der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union steht
diametral zu obrigkeitsstaatlichen Bestrebungen der Einschrän-
kung dieses Grundrechts. Ich will noch einmal betonen, dass die
Gemeinschaft für eine Leistung durchaus eine Gegenleistung er- Zum Schuljahresbeginn
warten darf. Aber ob Zwang als Motivation herhalten kann, ist Gedanken der stellvertretenden Beauftragten (Ombudsfrau) für
mehr als zweifelhaft, gerade in Zeiten, wo die Aufnahme einer Ar- die Nationalitäten über die Bedeutung des Nationalitätenschul-
beit im Ausland auch in Ungarn den Alltag vieler Familien prägt. wesens
Das geplante Programm (über Ausgestaltung und finanzielle Ein Beitrag der stellvertetenden Beauftragten für die Nationalitäten an-
Rahmenbedingungen wird noch verhandelt) setzt durchaus an lässlich des Beginns des neuen Schuljahres, neben allgemeinen Aussa-
der richtigen Stelle an – denn, so zeigen Untersuchungen aus gen mit bemerkenswert kritischen Erkenntnissen
dem Primar- und Sekundarstufenbereich, verlassen die meisten
den Lehrerberuf in den ersten fünf Jahren nach Beendigung des
Studiums. Nicht viel anders dürfte es in den Kindergärten sein.
Es bedarf aber zusätzlicher, wenn nicht anderer Motivatoren, die
jungen Kindergartenpädagogen im System zu halten. Erschwe-
rend kommt die Tatsache hinzu, dass viele angehende Kinder-
gärtnerinnen und Kindergärtner bereits während des Studiums
von deutschen und österreichischen Trägern angeworben wer-
ben: Veränderte Familienrollenbilder, gestiegene Konsuman-
sprüche und Ausgaben, der Rechtsanspruch auf Kinderbetreu-
ung ab drei Jahren, die Senkung der Kita-Gebühren in vielen
deutschen Bundesländern und der Zuzug unter anderem auch
von ungarischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sor-
gen im deutschsprachigen Ausland ununterbrochen für Bedarf
an neuem Personal. Da ist jede deutschsprachige Fachkraft
willkommen. Ob ein Stipendiumprogramm es vermag, der Ver-
suchung durch wesentlich höhere Löhne im deutschsprachigen Erzsébet Sándor-Szalay mit Olivia Schubert (Foto: Facebook.com)
Ausland entgegenzuwirken, darf bezweifelt werden. Auch hie-
sige Kindergärten leiden unter Personalmangel, was vielfach „Aus der Perspektive der Bewahrung der Identität und deren ste-
dazu führt, dass reichere Kommunen durch Prämienzahlungen ter Fortentwicklung sind für die staatstragenden Nationalitäten
Kindergärtnerinnen abwerben. Auf das verbliebene Personal Ungarns die Bewahrung ihrer Identität sowie die Ermunterung
kommt immer mehr Arbeit zu, es wird regelrecht verbrannt, was der jüngeren Generationen zum Erlernen und Benutzung der
mittel- und langfristig zu mehr Fluktuation und Burn out-Symp- Sprache der Gemeinschaft von zentraler Bedeutung”, betonte
tomen führt und führen wird. Mittelfristig wird man nicht drum- (Fortsetzung auf Seite 10)
SoNNTAGSBLATT 9
die stellvertetende Beauftragte für die Nationalitäten, Erzsébet tionalitätenangehörigen - erfüllen könnten, wenn sich die Eltern,
Sándor-Szalay, auf der Schuljahreseröffnungfachkonferenz für die sich zur jeweiligen Nationalität bekennen, in immer größe-
die Nationalitäten, die am 29. August am Serbischen Nikola-Tes- rer Zahl dafür entscheiden, ihre Kinder an Nationalitätenschulen
la-Schulzentrum mit den Schulzweigen Kindergarten, Grund- anzumelden. Das Niveau des Unterrichts an den Nationalitäten-
schule, Gymnasium und Schülerwohnheim stattfand. schulen soll eine Garantie dafür sein, dass der Unterricht, der
den Fortbestand der Nationalitätensprache und -identität sichert,
Bei der Betrachtung der Rahmen und Herausforderungen des gleichzeitig eine anspruchsvolle Ausbildung darstellt, die die
Schuljahres 2018/19 wies die stellvertretende Beauftragte darauf Chance auf die Fortsetzung der schulischen Karriere birgt.
hin, dass sie es für einen eindeutigen Erfolg hält, dass man die-
ses Jahr dank dem Pädagogischen Nationalitätenbildungszent- Quelle: Sekretariat der stellvertrenden Beauftragten für die Nationalitä-
rum die spezifischen Aufgaben des Bereichs im Rahmen einer ten, deutsche Übersetzung: Richard Guth
eigenen Veranstaltung hätte definieren und eingehend analysie-
ren können, denn dies demonstrierte die besondere Aufmerk-
samkeit der Bildungspolitik für die Fragen der Nationalitätenbil-
dung und -erziehung.

Die stellvertretende Beauftragte hat in ihrem Redebeitrag auf


die Bedeutung der ungarländischen Nationalitätenbildung und
-erziehung, auf deren Ergebnisse und die Herausforderungen, Die stille Masse
die vor uns stehen, hingewiesen. Aus der Perspektive der Be- Beobachtungen einer ungarndeutschen Studentin
wahrung der Identität und deren steter Fortentwicklung seien
für die staatstragenden Nationalitäten Ungarns die Bewahrung Von Viktória Göbl
ihrer Identität sowie die Ermunterung der jüngeren Generationen
zum Erlernen und Benutzung der Sprache der Gemeinschaft von (Der Artikel ist ein rein theoretischer Beitrag, die Autorin hat keinesfalls
zentraler Bedeutung. Neben der Familie seien die wichtigsten eine Verallgemeinerung zum Ziel, die Beobachtungen basieren auf ni-
Schauplätze der muttersprachlichen Erziehung diejenigen Insti- cht-repräsentativen, eigenen Erfahrungen.)
tutionen, in den es möglich ist, dass der Unterricht und die Erzie-
hung der zur Minderheitengemeinschaft gehörenden Kinder zum Montag, spät am Nachmittag, Vorlesung an der deutschsprachi-
Teil oder ganz in der Muttersprache erfolgen. gen Andrássy-Universität in Budapest. Zirka 30-40 Studenten
sind anwesend, alle Anfang 20, alle müde nach dem langen Tag,
„Laut Paragraph 12 Punkt B des Gesetzes Nr. 179/2011 über die meisten haben schon mehrere Seminare hinter sich, einige
die Rechte der Nationalitäten hat jeder Nationalitätenangehöri- haben den ganzen Tag gelernt oder gearbeitet. Deutsche, unga-
ger das Recht auf Schulerziehung und -bildung sowie kulturel- rische, ungarndeutsche Studenten und Studentinnen, mit ähn-
le Partizipation in der Muttersprache. Nach Paragraph 19 des- lichen Interessen.
selben Gesetzes haben die Nationalitätengemeinschaften - als
kollektives Recht - das Recht, Institutionen zu gründen und zu Der Dozent stellt eine Frage bezüglich der Pflichtlektüre. Neh-
betreiben, deren Trägerschaft von anderen Körperschaften zu men wir an, dass sie fast alle gelesen haben, die meisten haben
übernehmen. Die Kinder und Jugendlichen, die einer Nationalität es sogar verstanden. Zwei-drei Leute melden sich, sie antwor-
angehören, haben einen Anspruch auf Bildung und Erziehung ten, nächste Frage, die nächsten zwei-drei Antworten und so
in Kindergärten, Grundschulen, Gymnasien und Berufsschulen, geht es weiter in der ganzen Vorlesung. Was ist komisch daran,
auf die Unterbringung und Betreuung in Nationalitätenschüler- denkt man, so läuft es halt an einer Uni, oder?
wohnheimen und das Recht auf Hochschulbildung. Das Recht
auf den Unterricht in der Muttersprache sowie das der Gemein- Erstens, und das ist leider gar nicht so selbstverständlich: Eine
schaft auf Bildungsmanagement regeln die weiteren Bestimmun- Vorlesung an einer der ungarischen Universitäten sieht meistens
gen des Gesetzes detailliert. Es ist allgemein zu beobachten, komplett anders aus. Oft gibt es keine Pflichtlektüre(n) für die
dass die Kinder, die am Minderheitenunterricht teilnehmen, mit Vorlesungen, der Stoff wird von den Studenten in der Prüfungs-
unterschiedlichen Sprachkenntnissen eingeschult werden, so ist phase auf einmal bearbeitet und wahrscheinlich 3 Tage später
Aufgabe Nr. 1 für die Nationalitätenpädagogen die Vermittlung wieder vergessen. Fragen in einer großen Vorlesung sind noch
stabiler Sprachkenntnisse und die Förderung der Kommunika- seltener, das kann man recht schnell, in den ersten Monaten
tionsfähigkeit. Während Situation, Karrierechancen, Ausbildung nach Studienbeginn feststellen. Der Dozent versucht dabei das
und Nachwuchsversorgung der Nationalitätenpädagogen vor Wissen auf irgendeine Weise zu übermitteln, entweder begreifen
großen Herausforderungen stehen, erfüllen sie ihre Aufgabe mit die Studenten das oder auch nicht. Wichtig ist, dass am Ende
großem Pflichtbewusstsein, wofür ihnen Dank gebührt”, sagte des Semesters alle die Prüfung bestehen. Oder auch nicht.
die stellvertretende Ombudsfrau.
Und was können wir noch in der Vorlesung an der AUB beobach-
Erzsébet Sándor-Szalay wies auch darauf hin, dass wir zwar ten? Wenn sich jemand einigermaßen an dieser Uni auskennt,
positive Tendenzen, eine bedeutende Entwicklung beobachten dann weiß er, dass der Anteil der deutschen und ungarischen
könnten, aber es auf dem Gebiet der Versorgung mit Lehrbü- (bzw. ungarndeutschen) Studenten grob gerechnet 50-50 Pro-
chern und Hilfsmitteln noch viel zu tun gäbe, insbesondere bei zent ist. Aber die Fragen des Dozenten werden fast ausschließ-
den Nationalitäten, die – aufgrund eines fehlenden Mutterlandes lich von deutschen Studenten beantwortet. Sie melden sich, den-
oder des gegenwärtigen Standes der Beziehungen – nicht mit ken mit, versuchen proaktiv zu lernen, verbringen Stunden in der
Hilfe des Mutterlandes rechnen können. Das Gleiche gilt für die Bibliothek mit Recherche. Wir, ihre Kommilitoninnen und Kom-
Lehrerbildung: Die Kontinuität in der schulischen Arbeit wird da- militonen ungarischer/ungarndeutscher Abstammung sind natür-
durch gefährdet, dass sich lediglich 4 - 6 % der Nationalitäten- lich keinesfalls dümmer oder fauler. Wir sind einfach nur anders
grundschüler für eine Nationalitätenmittelschule entscheiden, sozialisiert. Von den Grundschuljahren bis zum Staatsexamen
und die Lage ist noch trauriger, wenn wir die immer geringere büffeln wir fleißig, meistern unsere Prüfungen, wo auch nichts
Zahl der Abiturienten betrachten, die sich für ein Nationalitäten- anderes gefragt wird, und haben das Ganze eigentlich so gern,
lehramtsstudium entscheiden – so wie im Falle des allgemeinen wie es ist. Man erinnert sich sogar an vor 15 Jahren auswendig
Lehramtsstudiums, wo die Lage ähnlich ist. Eine detaillierte Ana- gelernte Gedichte. Hauptsache, aktives Mitdenken und Diskutie-
lyse der Nationalitätenlehramtsausbildung enthält der Bericht ren werden nicht gefordert, denn das haben wir nie gelernt. Und
über die Nationalitätenhochschulbildung 2017, der von der stell- das Ganze merken wir erst, wenn wir zufällig in einer anderen
vertretenden Beauftragen für die Nationalitäten und dem Beauf- Umgebung weiterstudieren müssen.
tragten für die Grundrechte gemeinsam herausgegeben wurde.
Ob das Problem (oder nur ein Unterschied?) von dem Schulsys-
Anlässlich des Schuljahres 2018/19 hielt es die stellvertretende tem verursacht wird, kann man leider nicht eindeutig sagen. In
Beauftrage wichtig, zu betonen, dass die Nationalitätenbildungs- der ersten Klasse wird ja spielend gelernt, sagt man zumindest.
möglichkeiten beziehungsweise die Institutionen des Schulnet- Kinder machen überall gerne mit, ihre Freude am Entdecken ist
zes der Nationalitäten, die heute bereits zu großen Teilen von den grenzenlos, egal ob in Deutschland oder in Ungarn. Wann geht
Nationalitätenselbstverwaltungen getragen würden, nur dann dann unser Wille zum proaktiven Lernen verloren? Man sollte
ihre Aufgabe – die Bewahrung und Pflege der Identität der Na- sich darüber öfter Gedanken machen.

10 SoNNTAGSBLATT
Unsere Aufgabe: die Komfortzone ver- die sich in der Abgeschiedenheit des Pilsner Gebirges ein Fe-
lassen riendomizil zugelegt haben. Ein zweisprachiges Schild, deutsch
Schmalspurbahn, ist zu sehen, wahrscheinlich mit touristischem
Hintergrund. Auf dem Hauptplatz erinnern Weltkriegsdenkmäler
Von Patrik Schwarcz-Kiefer
an die Opfer der großen Weltbrennen, auf ihnen überwiegend
deutsche Namen. Gegenüber erinnert ein anderes Schild drei-
Wenn man regelmäßig an ungarndeutschen Veranstaltungen
sprachig, ungarisch-deutsch-slowakisch, dass hier ein Bauern-
teilnimmt, kennt man das Phänomen „és akkor mostantól ma-
markt abgehalten wird. An der anderen Ecke des Dorfplatzes
gyarul, hogy mindenki értse” (und ab jetzt auf Ungarisch, damit
steht die „Községháza”, das Rathaus. Es geht weiter Richtung
es alle verstehen). In vielen Fällen sagt man dies nur, weil der/
evangelischer Kirche - eine von drei Kirchen im Ort, trotz der zen-
die Betroffene die Verantwortung für das Nicht-Benutzen der
tralen Lage auch nicht die älteste (das ist die romanische Ste-
deutschen Sprache der Zuhörerschaft zuschieben will. Natür-
fanskirche) und nicht die bekannteste (das ist die Bergmanns-
lich gibt‘s solche im Land (leider eine kleine Minderheit), die
kirche) -, vorbei an Gästehäusern, die oft den Zusatz „Ház”,
alles ohne weiteres auf Deutsch kommunizieren könn(t)en und
also Haus tragen. Hinter dem „Schneider-Ház” erhebt sich die
wirklich das bessere Verständnis zum Ziel haben. Aber in den
evangelische Kirche, die gerade renoviert wird. Ich betrete das
meisten Fällen ist es so, dass der Sprecher nicht in der Lage
bescheidene, aber dennoch einladende Gotteshaus und schaue
ist den Inhalt auf Deutsch zu übermitteln. Und nicht unbedingt
mich um. Die Glasfenster aus der Zwischenkriegszeit als Gaben
wegen mangelnder Sprachkenntnisse, vielmehr wegen des ge-
der Gemeindemitglieder sind ungarischsprachig, eine Inschrift
sellschaftlichen Drucks: „Wenn ich was falsch sage, wird meine
unterhalb der Orgel, aus dem Jahre 1901, hingegen deutsch-
zentrale Rolle (in der Veranstaltung z. B.) in Frage gestellt.“
sprachig. Sonst fehlt es an deutschsprachigen Informationstafeln
und -zetteln in der Kirche. Das verleitet mich zu der Frage: Wo
Weiter wird es damit begründet, dass es auf Ungarisch „einfach
sind die (evangelischen) Sachsen geblieben?
einfacher“ ist. Egal ob man deutscher/„schwäbischer“ oder unga-
rischer Muttersprache ist, man muss ehrlich sein: Es ist wirklich
einfacher auf Ungarisch. Deswegen gibt‘s solche Situationen,
wo man diese Begründung akzeptieren muss (Arbeitsgespräche
z.B.). Natürlich muss jemand mit gutem Beispiel vorangehen,
und diese Aufgabe nahm in der Vergangenheit und nimmt in der
Gegenwart unter anderem die JBG an. Was unsere Landsleute
machen sollten, ist, dass sie ihre Komfortzone verlassen.

Eine Begrüßung in zwei Sätzen sollte kein Teufelszeug sein, die


Eröffnung einer Veranstaltung auch nicht. Hier geht‘s um den be-
quemeren Weg. Man mag in seiner Komfortzone bleiben, und
diese Komfortzone ist in diesem Fall die ungarische Sprache.
Die Verfechter der deutschen Sprache sollen dabei die anderen
überzeugen: Es lohnt sich diese Komfortzone zu verlassen. Und
dies ist unser höchstes Ziel. Unsere Vorfahren haben einen gro-
ßen Fehler begangen, als sie die deutsche Sprache nicht weiter-
Presshäuser in Deutschpilsen
gegeben haben. Bei ihnen ging es aber um ihre Existenz, um ihr
Leben! Und später leider um ihre Bequemlichkeit.
Richtig, Sachsen, stellt Deutschpilsen/Nagybörzsöny das ein-
zige (Zipser/Hauländer) sächsische Dorf von (Trianon-) Ungarn
Solche Gefahren bestehen aber heute nicht mehr. Die „große“
dar. Der Ort wurde in einer Zeit besiedelt, als sich die Sieben-
Entscheidung ist, ob man den bequemen Weg der ungarischen
bürger und Zipser Sachsen im Königreich niederließen. Wahrlich
Sprache oder den mühseligeren der deutschen Sprache wählt.
waren sie keine „Sachsen”, stammten die meisten aus Tirol, der
Das einzige Risiko ist, dass man etwas grammatikalisch falsch
Steiermark und einige doch aus der Erzgebirgsregion – auf die-
sagt und jemand kommt, der diesen Fehler korrigiert, oder der
se Herkunft weist der Pilsener südbairisch-südmittelbairisch-ost-
Fehler wird zum Thema der örtlichen „Tratschparty“. In einem
mitteldeutsche Mischdialekt, mit Verbindungen zum Mittelhoch-
unserer nächsten Artikel wird es um diese destruktive Gruppe
deutschen, hin. Man spricht in einer Ortsmonografie, die um die
der großen Deutschkorrektoren, der so genannten „Grammar-
Jahrtausendwende in der Reihe „Száz magyar falu könyveshá-
nazis“*, gehen.
za” erschienen ist, davon, dass Deutschpilsen „ein letzter Rest
_____________________________________________
der südlichen Siedlungsgruppe des heutigen mittelslowakischen
Haulands” sei, denn das Deutschtum der nahegelegen Loren-
*Das Wort „Nazi“ wird auf Englisch zunehmend im Alltag benutzt für jem-
zen/Vámosmikola und Martinau/Szokolya, das über die gleichen
anden, der besessen von Regeln ist und dabei fanatisch und aggressiv
Wurzeln verfügt, hat sich bis zum 19. Jahrhundert völlig madja-
auftritt. Das bekannteste Beispiel ist grammar nazi und spelling nazi für
risiert.” Die Kontakte zu den nördlich gelegenen Zipser Städten
Sprachpedanten.
blieben bis Trianon rege, dienten diese als Hauptabsatzmarkt für
den Deutschpilsener Wein. Aber auch in konfessioneller Hinsicht
gab es eine Verbindungslinie: Luthers Lehren wurden auch von
den Pilsener Deutschen übernommen. Der Ort, der den Rang
eines Marktfleckens hatte und dessen Steueraufkommen lange
sogar das von größeren Städten in Ungarn übertraf, blieb auch
in der Zeit der Dreiteilung des Landes deutsch besiedelt, was
Reisenotizen extra Aufzeichnungen evangelischer Geistlicher und die deutschspra-
Deutschpilsen – wo sind die Sachsen chige Korrespondenz der Dorfrichter mit der ungarischen Kam-
geblieben? mer belegen. Nach der Vertreibung der Osmanen kamen neben
deutschen auch madjarische und slowakische Familien neu in
Von Richard Guth den Ort, was dessen wirtschaftlichen Attraktivität zeigt. Diese Fa-
milien assimilierten sich – so Forschungsergebnisse - sprachlich
Die vor drei Jahren wiedereröffnete Waldbahn nähert sich be- (Fortsetzung auf Seite 12)
häblich-langsam dem Sackgassendorf nahe der slowakischen GEFÄLLT IHNEN DAS
Grenze. Der Weg führt über steile Hänge und tiefe Täler, die Na-
tur zeigt - dank der Herbstsonne - ihr schönstes Gesicht. Die SoNNTAGSBLATT s ?
ersten Häuser werden sichtbar, der Zug erreicht die Endstation.
Die Straße säumen alte Bauerhäuser, die vom Reichtum der IHRE SPENDE IST DIE
Vergangenheit zeugen – manche bewohnt, manche unbewohnt, JA-ANTWORT!
aber gut in Schuss, die gehören wahrscheinlich Hauptstädtern,
SoNNTAGSBLATT 11
und kulturell in wenigen Jahrzehnten weitgehend, so dass Pilsen Tibor Fleischer, der sich 2002 auf die Suche nach seinen Pil-
auch 1941 zu 85% deutsch(sprachig) war. 25 Jahre später, 1969 sener Vorfahren begab, berichtet in seinen Aufzeichnungen, die
sprach man auf einer Ratssitzung davon, dass man „von Natio- sich auch auf Informationen von Zoltán Batizi beruhen, dass
nalität (…) von Nationalitätengefühl nicht mehr sprechen kann”, etwa 40% der Deutschpilsener vertrieben wurden – aber anders
denn „im Falle unserer Gemeinde geht es um einen abgeschlos- als Deutsche woanders kamen sie in slowakisch bewohnte Dör-
senen Assimilierungsprozess”. Trotzdem zeigten ein Exekutiv- fer des Komitats Naurad. Die restlichen Bewohner mussten zu-
komiteesitzungsprotokoll aus dem Jahre 1979 sowie Daten der sammenziehen, um Platz zu machen für die Madjaren aus der
Volkszählungen und Schätzungen aus den Jahren 1976, 1983 Slowakei, die - wie Batizi bemerkt - „ebenfalls wegen ihrer Natio-
und 1986, dass sich immer noch 60-62 % der Einwohner zum nalität vertrieben wurden.” Diese verließen aber in den nächsten
Deutschtum bekannt hätten. Eine andere Quelle, die Dorfchronik Jahren den Ort und verkauften ihre Häuser an die Deutschen,
des Archäologen und ehemaligen deutschen Gemeinderates und die bis Mitte der 1950er Jahre in großer Zahl nach Deutschpilsen
später Bürgermeisters (2008-2010) Zoltán Batizi auf der Internet- zurückkehrten. Was bewusste Assimilierungspolitik, Verschlep-
seite der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Deutschpilsen, pung und Vertreibung nicht schafften, das gelang dem zum Teil
aus der Zeit der Jahrtausendwende spricht aber bereits davon, politisch intiierten Transformationsprozess: Viele wanderten aus
dass die „deutsche Ethnie und das deutsche Selbstbewusstsein der Landwirtschaft in die Industrie ab, die besser bezahlte. Die
bis heute fast gänzlich untergegangen sind, lediglich die Alten Zwangskollektivierung tut ihr Übriges und sorgte für einen Nie-
über 65-70, also die Generation meiner Großeltern, sprechen die dergang der Weinkultur. Die „Pflege anderer Traditionslinien”
alte, in Ungarn einzigartige Pilsener „sächsische” Mundart.” sorgten auch nur zum endgültigen Verschwinden der Deutschen
in Pilsen. In den bereits zitierten Ratsprotokollen steht: „Das Volk
Der Ortshistoriker datiert den Anfang des Prozesses des Unter- von Pilsen kann nicht richtig Deutsch. Diese Sprache ist eine
gangs der Pilsner Deutschen auf die Zwischenkriegszeit: „Nach zum Dialekt verkommene angelsächsische Sprache.” „In seiner
der Verstümmelung des Landes wurde - aufgrund einer Anwei- Familie kann jeder diese Sprache pflegen. (…)” „Im Falle unserer
sung der Regierung, die eine Beschleunigung der Assimilierung Gemeinde geht es um einen abgeschlossenen Assimilierungs-
der Nationalitäten anstrebte - in den beiden konfessionellen prozess, den man künstlich nicht ändern kann, und ein derartiger
Schulen von Börzsöny, also Deutschpilsen, die deutsche Un- Versuch würde für Unruhe in der Bevölkerung sorgen und auf
terrichtssprache durch Ungarisch ersetzt – den Unterricht der heftigen Widerstand stoßen.” Und der Rat fasste folgenden Be-
deutschen Sprache hat man auf wöchentlich drei-vier Stunden schluss: „Der Rat stellt fest, dass es in der Gemeinde kein Na-
beschränkt, was für eine solide Aneignung der Sprache unzu- tionalitätenproblem gibt, die Bevölkerung (Nationalität) möchte
reichend war. Als Folge dessen löste sich die uralte, kulturelle diejenigen Rechte nicht nutzen, die der Nationalität auf Grund-
und emotionale Bindung, die zwischen den Bewohnern, die die lage der Verfassung unserer Volksrepublik zustehen.” Sie unter-
für Außenstehende unverständliche Pilsener „sächsische” Mund- stützten hingegen all die Bestrebungen, (...) die darauf zielten,
art sprachen, und den anderen deutschsprachigen Gebieten be- die nichtschriftlichen Zeugnisse „für die Zukunft” aufzuheben.”
stand. So empfand die Generation, die in der Zwischenkriegszeit Also, Archivieren und Ausstellen, was dann jeder wehmütig oder
aufwuchs, nicht nur die Madjaren als Fremde, sondern verstand auch nur kulturinteressiert bestaunen darf.
auch diejenigen Deutschen nicht, die eine andere Mundart oder
Hochdeutsch sprachen. Darüber hinaus verstand die Mehrheit Am Ende dieses Prozesses das traurige Fazit von Batizi: „Die
derjenigen Kleinkinder, die in den 1920er, 1930er Jahren ein- Bevölkerungsabnahme, die 1945 ihren Anfang nahm, dauert auf-
geschult wurden, von dem ungarischsprachigen Schulstoff und grund der Abwanderung und Alterung seit sechs Jahrzehnten an,
den Erklärungen der Lehrer im ersten oder in den ersten zweiten gegenwärtig wohnen hier gerade einmal 800 Seelen. Die deut-
Grundschuljahr so gut wie nichts. Nach den sechs Grundschul- sche Ethnie und das deutsche Selbstbewusstsein sind bis heute
jahren (sic!) sprachen sie in der Regel lediglich das Deutschpil- fast gänzlich untergegangen, lediglich die Alten über 65-70, also
sener auf Muttersprachenniveau, das sie aber nicht verschrift- die Generation meiner Großeltern, sprechen die alte, in Ungarn
lichen konnten, wohingegen ihnen das ungarische Lesen und einzigartige Pilsener „sächsische” Mundart. Die Zahl der im Dorf
Schreiben – jedenfalls theoretisch – beigebracht wurde, welche ansässigen – und ebenfalls madjarisierten – Roma ist in den letz-
Sprache aber für sie eine gelernte, fremde Sprache blieb, was ten Jahrzehnten – zum Teil dank den neu Zugezogenen, aber
deren Pflege und schriftliche Anwendung sehr erschwerte. 1910 vielmehr wegen der großen Zahl von Familien mit 6-8 Kindern –
hatte Deutschpilsen 1900 Einwohner, unter denen sich 85%, explosionsartig gestiegen und beträgt gegenwärtig 150.”
also ungefähr 1600 Menschen, zum Deutschtum bekannten. Als
Ergebnis des Drucks seitens der von ungarischer/madjarischer

s
Ungeduld (sic!) beseelten Gesellschaft und Regierung bekann-
ten sich 1941 nur noch 226 Menschen zu ihrem Deutschtum.” Zeitgeschehen-Geschichte
Bemerkenswert offene Analyse eines Pilsener Lokalpatrioten.
Nicht weniger bemerkenswert sind seine Ausführungen zu den
Schicksalsjahren zwischen 1944-1956: „Infolge des verlorenen
Krieges - im Zeichen der Kollektivschuld - traf eine ganz Reihe
von Vergeltungen die deutsch bewohnte, also eindeutig „kriegs-
VOR 100 JAHREN (1918-2018)
schuldige” Gemeinde. Januar 1945 trieben sowjetische Soldaten ZERFALL DER DONAUMONARCHIE -
mehrere dutzend Männer und junge Frauen ins Sammellager DREITEILUNG DER DONAUSCHWABEN
in Berzel/Ceglédbercel, wo sie per Bahn nach Russland weiter- Thema einer Historiker-Tagung in Wudersch / Budaörs
transportiert wurden. Manche konnten nach einem, die große
Mehrheit erst nach 2, 3 oder gar 4 Jahren zurückkehren – viele Ein Bericht von Harald Diehl
starben aufgrund der unmenschlichen Zustände in den Arbeits-
lagern. Während des Zweiten Weltkrieges beziehungsweise der Am 13. Oktober veranstaltete die Deutsche Kulturgemeinschaft
Malenkij Robot starben 74 Pilsener. Hinzukommen die Verluste Wudersch bzw. die Jakob Bleyer Gemeinschaft e. V. im Haus
der 4-5 jüdischen Familien. (…) Der landesweite Prozess der der Rentner (Nyugdíjas Ház), unter der Leitung von Prof. Dr.
Vertreibung der Deutschen erreichte Deutschpilsen 1948. Alle Nelu Bradean-Ebinger (Wudersch), der auch die Moderation be-
kamen auf die Liste, die sich bei der Volkszählung von 1941 zum sorgte, die Historikertagung „VOR 100 JAHREN (1918-2018):
Deutschtum bekannten beziehungsweise Mitglied des Volks- ZERFALL DER DONAUMONARCHIE − DREITEILUNG DER
bunds waren oder in der SS Dienst taten. Es ist traurig, dass DONAUSCHWABEN.
es der ungarische Staat war, der April 1944 ein Abkommen mit
Hitler-Deutschland abgeschlossen hat, in Folge dessen er seine Mag. Dr. Peter Wassertheurer (Wien) behandelte einführend
deutschsprachigen Staatsbürger dem Reich, also der SS, über- das Thema „Der Zerfall der Donaumonarchie und die deutschen
ließ. Von den etwa 100 Pilsener SS-Soldaten wurden im Laufe Volksgruppen im ehemaligen Zis- und Transleithanien zum Ver-
von 1944 auf Grundlage dieses Abkommens – mit Unterstützung gleich“.
der ungarischen Streitkräfte – 85 zwangseingezogen, und weni-
ge Monate später war es derselbe ungarische Staat, der sie zum Zunächst ging der Vortragende der Frage nach, was die k.u.k.
Kriegsverbrecher und Vaterlandsverräter abstempelte.„ Donaumonarchie der Habseburger 1914 zum Untergang ver-
12 SoNNTAGSBLATT
dammt hatte, die auch in unserer Zeit viel diskutiert wird. Vor Im ersten Teil behandelte die Referentin die zeit- und grenzüber-
allem US-amerikanische Wirtschaftshistoriker bescheinigen der schreitenden Konflikte (1918 – 1945), die in diesen drei Ländern
Monarchie im Zeitraum von 1867 bis zum Ausbruch des Ersten zur Diskriminierung der deutschen Minderheit führten. Hervor-
Weltkriegs durchaus eine erfolgreiche Industrialisierung und gehoben wurde, dass diese bis 1918 Bürger der Donaumonar-
Modernisierung mit einem gesteigerten Bruttoinlandsprodukt, chie, waren, also Bürger eines übernationalen Reiches, die stets
das mit dem Frankreichs oder Großbritanniens durchaus mit- in Nachbarschaft zu anderen Nationalitäten lebten. Nach 1918
halten konnte. Auch im geistigen und kulturellen Leben brachte führten durch ihre Gebiete jedoch die Grenzen dreier Staaten -
die Monarchie durchaus interessante Leistungen zustande. Mit Ungarn, Jugoslawien und Rumänien -, und es gab viele, die sich
dem Ausgleich von 1867 entstand die k.u.k. Doppelmonarchie jetzt als Bürger einer nationalen Minderheit wiederfanden. Der
mit zwei Regierungen, zwei Parlamenten und damit auch in der Sieg in diesem Krieg gab den Siegern aber kein Gefühl der Si-
Minderheitenpolitik mit zwei unterschiedlichen Entwicklungen. cherheit: Probleme, die durch die Friedensverträge entstanden,
verursachten weitere Konflikte und führten zu weiteren Kriegen.
Der Referent beleuchtete die Entwicklung seit der Aufklärung Die Rednerin stellte in den Fokus ihrer Arbeit die Jahre zwischen
und unterstrich den aufgeklärten Absolutismus unter Kaiser Jo- 1944 und 1949. Nach 1945 wurden alle Donauschwaben in die-
seph II. Die aufgeklärten Reformen des Josephinismus waren sen drei Ländern kollektiv bestraft. Die deutschen Minderheiten
vom magyarischen Adel als massiver Eingriff in die traditionel- in Ungarn, Jugoslawien und Rumänien wurden Opfer von Depor-
len Verwaltungs- und Führungsstrukturen empfunden worden tation, Enteignung, Entrechtung, Internierung und Vertreibung,
und provozierten eine geistig-nationale Gegenbewegung, die ihre Kollektivstrafe geschah im Zeichen der kommunistischen
sich anfangs vornehmlich auf dem Gebiet der Literatur behaup- Machtübernahme.
ten konnte. Die magyarische Reformbewegung fand nicht nur
in den literarischen und wissenschaftlichen Kreisen eine breite Es wurde darauf hingewiesen, dass das Schicksal der Donau-
Zustimmung, sondern kritisierte ab 1825 die soziale und wirt- schwaben in Rumänien, Ungarn und Jugoslawien - ihre De-
schaftliche Notlage großer Teile der magyarischen Bevölkerung. portation, Vertreibung und Diskriminierung - 40 Jahre lang ein
An vorderster Front der Modernisierungsbestrebungen stand zu Tabuthema bleiben musste. Außerdem wurde betont, dass die
diesem Zeitpunkt Graf István Sźechenyi (1791-1860), der sich in Erlebnisgeneration angstbedingt die Nachkriegsjahre zu ver-
seinen politischen Schriften für eine tiefgreifende Liberalisierung gessen und zu verdrängen versuchte, was ihr auch über lange
der Wirtschaft, eine Neustrukturierung der ungarischen Land- Jahre, Jahrzehnte gelungen ist, denn sie mussten nach 1944
wirtschaft und die Beseitigung der Adelsprivilegien aussprach. alle großes Leid erleben – sowohl in Rumänien: Enteignung, De-
Einen Schritt weiter und radikaler waren die politischen Ziele der portation und Internierung (Rumänien - ethnische Säuberung),
liberalen magyarischen Opposition, die unter der Führung von etwas schlimmer in Ungarn, wo neben diesen auch die Hälfte
Lajos Kossuth (1802-1894) die nationale Selbstbestimmung und der deutschen Minderheit nach 1946 aus dem Land vertrieben
die volle Gleichberechtigung der Magyaren im Habsburgerreich wurde (Ungarn – Verschleppung und Vertreibung) und am trau-
forderte. rigsten im ehemaligen Jugoslawien, wo das Regime Titos gegen
die Donauschwaben Völkermord begangen hat (Jugoslawien –
Es wurde auf die Magyarisierungsbestrebung als bewusste Re- Stationen eines Völkermordes).
aktion auf die demografischen Verhältnisse im Königreich Ungarn
um 1840 eingegangen. Von den 14 Millionen Einwohnern waren Die Referentin unterstrich, dass kaum eine andere deutsche
nur 6 Millionen Magyaren, die sich gegenüber den nichtmagya- Volksgruppe zwischen 1944 und 1956 so sehr zu leiden hatte
rischen Bevölkerungsgruppen in der Minderheit befanden. Die wie die deutsche Minderheit in diesen drei Ländern. Und das
deutschen Volksgruppen umfassten zu diesem Zeitpunkt eine Schicksal der einst in Jugoslawien, in Rumänien oder in Ungarn
Größenordnung von 1,3 bis 1,5 Millionen, die Rumänen von 2,2 siedelnden Deutschen ist, wie der Leidensweg der Vertriebenen
Millionen, die Slowaken von 1,7 Millionen, die Kroaten von 1, 2 aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern oder dem Sudetenland,
Millionen und die Serben von 800.000 Bewohnern. im europäischen Bewusstsein leider kaum präsent. Ihrer Opfer
zu gedenken und die Erinnerung wach zu halten sei deshalb
Die uneinheitliche Haltung der deutschen Volksgruppen in die- unsere Aufgabe.
ser Causa resultierte aus der geografischen Streulage der deut-
schen Siedlungsgebiete, der unterschiedlichen sozialen Zugehö- Dr. Mag. Hans Dama (Wien) behandelte in seinem Vortrag zum
rigkeit und dem sehr differenzierten Zugang zum Magyarentum. Thema „Die Umbruchgeneration in der deutschen Literatur des
Die ersten Bewegungen gegen die Magyarisierung kamen in den Banats nach Trianon die Entstehung der (eigentlichen) Deut-
Städten auf, wo in Budapest von Eduard Glatz (1812-1889) die schen Literatur des Banats und somit die Anfänge der 5. Deut-
deutschsprachige Pester Zeitung herausgegeben wurde. Der schen Literatur“.
Pressburger Gelehrte Gottfried Schröer (1791-1850) beschäftig-
te sich in seiner Arbeit Über Erziehung und Unterricht in Ungarn
In diesem Vortrag wurde eine Gesamtdarstellung der Umbruch-
ebenfalls mit dem Fortschreiten der Magyarisierung im Bildungs-
wesen des ungarischen Königreichs. Die deutschen Intellektuel- generation aus der Doppelmonarchie zur Banater deutschen
len hatten der Magyarisierung aber wenig entgegenzusetzen. Literatur nach Trianon präsentiert. Der Referent betonte, dass
dieser keineswegs als erschöpfend verstanden werden dürfe: Es
Der Redner ging auf die Umwälzungen in der Revolution 1848 ein sollten lediglich jene Banater Autoren ins Rampenlicht gerückt
und hob die Einführung des Neoabsolutismus und der Staatsre- werden, die dem Stichwort „Umbruchgeneration“ entsprechen.
form unter dem jungen Kaiser Franz Joseph I. hevor, sprach an-
schließend vom langsamen Zerfall des Habsburgerreiches nach Der Redner gab zu bedenken, dass einige Autoren der vortria-
verschiedenen Niederlagen - vor allem in Norditalien - sowie den nonischen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg in Ungarn oder im
Forderungen der Tschechen um Ausgleichsbemühungen bzw. Königreich Jugoslawien verblieben sind, Autoren aber − wie zum
nach „Trialismus“ nach dem Ausgleich mit Ungarn 1867, was Beispiel Adam Müller-Guttenbrunn −, die weder vor noch nach
schließlich zum Beginn des Nationalitätenkampfes führen sollte. „Trianon“ im Banat gewirkt hatten, wurden nicht berücksichtigt.
Auf viele Details in den jeweiligen Werken der behandelten Au-
Der Redner ging auf die Lage der Siebenbürger Sachsen und
die der Donauschwaben im Königreich Ungarn nach 1867 ein. toren wurde nicht näher eingegangen, denn die vorliegende Dar-
Es wurde darauf hingewiesen, dass, nachdem bis 1913/14 die stellung sollte lediglich als eine Art ABRISS verstanden werden.
Ausgleichsverhandlungen mit Prag gescheitert waren, die Frage
aufgeworfen werden musste, inwieweit der damalige Nationali- Aus den nach Trianon Rumänien einverleibten ehemaligen, un-
tätenkonflikt für den Untergang der Monarchie mitverantwortlich ter ungarischer Verwaltung gestandenen Gebieten wirkten viele
gemacht werden kann. Künstler, Literaten usw. in Budapest, doch das war nun Ausland
für sie: Einige blieben in Restungarn, andere wollten in ihre Hei-
Dr. Kathi Frank-Gajdos PhD (Wudersch) sprach zum Thema
„Grenzüberschreitende Minderheitenprobleme – Die Donau- mat zurück. Viele, die bisher in ungarischer Sprache geschrieben
schwaben in Jugoslawien, Rumänien und Ungarn (1918–1949). und veröffentlicht hatten, mussten sich nun einer anderen Spra-
Ein Vergleich.“ (Fortsetzung auf Seite 14)

SoNNTAGSBLATT 13
che zuwenden: Deutsch, Rumänisch, Serbo-Kroatisch usw… ge- lungen in der Weltpolitik, dem Los der zerfallenen Monarchie
wiss keine leichte Entscheidung, doch Literaten leben nun mal eine gewisse Abstinenz vorzuzeigen. Sie hätten sich anstatt des-
von ihren geschriebenen Werken. sen in ihren Bewegungen, in ihren öffentlich-politischen Bestre-
bungen ihrer eigenen Zukunft zugewandt.
Als Anfangsbeispiel wurde der Name des Temeswarers Robert
Reiter alias Franz Liebhard – auch der Rote Reiter genannt – ins Um die Jahreswende 1918/1919, als das wahrscheinliche Zer-
Spiel gebracht, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs in Budapest stückelungsprojekt des Ungarischen Königreiches in vollem
Gange war, äußerte sich der Großteil der sonst heterogenen
gelebt und ungarisch geschrieben hat, anschließend nach Wien Volksgruppe für die Zusammenhaltung Großungarns.
übersiedelt und nach 1925 in seine Heimatstadt Temeswar zu-
rückgekehrt und fortan deutsch geschrieben hat. Tefners Vortrag konzentrierte sich in Form von Stichproben
hauptsächlich darauf, wie die einzelnen lokalen oder regionalen
Anschließend sprach der Referent über Otto Alscher, Hilde Marti- Zentren des Deutschtums auf die zu erwartenden Veränderun-
ni-Striegel (*2. Mai 1884 Budapest - † 20. 11. 1974 Arad, die Bu- gen reagierten und welche Pläne sie bezüglich ihrer Zukunft hat-
dapesterin, die nach Arad geheiratet hatte), Annie Schmidt-En- ten. Auf diese Frage eingehend, wurde mit besonderem Nach-
dres (* 29. Dez. 1903 Csatád, dt. Lenauheim - † 17. Mai 1977 druck auf die Sachsen in Siebenbürgen hingewiesen.
Kelheim, Niederbayern), Josef Gabriel d. Ä. (*1853 Merzydorf
- † 1927), Josef Gabriel d. J. (*1907 Merzydorf - † 1947), Jakob Anschließend an jeden Vortrag wurden rege Gespräche geführt,
Hirsch (*1915 Kleinschemlak - † 1944), die Franzdorfer Hausfrau was der Veranstaltung eine interessante Lebhaftigkeit verlieh.
Stephanie Gabriel (*1892 Franzdorf - † 1953), Peter Barth (*2.
Juni 1898 in Máslak, dt. Blumenthal - † 1. März 1984 in Temes-
war), Peter Jung (*3. April 1887 Hatzfeld/Jimbolia - † 24. Juni
1966), Franz Xaver Kappus (* 1883 Temeswar - † 1966 Berlin),
Schwalm, Georg, besser bekannt unter dem Pseudonym Jörg
von der Schwalm (*1848 Bulkess / Maglić - † 1921 Pantschowa),
Johann Szimits (*1852 Bogarosch - † 1910 Mödling), Aegidius Ungarndeutscher Kaffee?
Haupt. mitunter auch Egidius (*1861 Bogarosch - † 1930 Jahr-
markt), Karl Braun (*1886 Temeswar - † 1949 Sanktandres), Jo- Ja, bitte!
hann Gehl (*1877 Alexanderhausen - † 1935 Tschakowa), Jakob
Von Patrik Schwarcz-Kiefer
Gerhard (*1865 Heufeld - † 1941 Neubeschenowa), Nikolaus
Schmidt (*1874 Sigmundhausen bei Arad - † 1930 Budapest)
u.a.

Abschließend wurde darauf hingewiesen, dass in den nun zu


Rumänien gehörenden Landesteilen Banat, Bukowina, Sieben-
bürgen und natürlich Bukarest eine deutschsprachige Literatur
gepflegt wurde, die nach dem Zweiten Weltkrieg in deutsch-
sprachigen Literaturzeitschriften und Zeitungen der breiten Öf-
fentlichkeit bekannt werden konnte. So hätte sich die Rumänien-
deutsche Literatur entwickelt, die international als 5. DEUTSCHE
LITERATUR − neben denen in der BRD, DDR, Österreich und
der Schweiz − in der Fachwelt bekannt wurde und die sich durch
namhafte Autoren im internationalen Literaturbetrieb (Nobel-
preisträgerin Herta Müller z. B.) behaupten konnte.

PD Dr. habil. Zoltán Tefner (Budapest) beleuchtete in seinem


Vortrag das Thema „Zwischen Konflikt und Zufriedenheit – Die
Es ist in Ungarn allgemein bekannt, dass der Gründer des in der
Donauschwaben und der Zerfall der Donaumonarchie“.
Kaffeeproduktion tätigen Weltkonzerns Illy ein Ungar war. Dies
macht uns stolz, aber was aus unserer Sicht noch wichtiger und
Eingangs unterstrich der Referent, dass ein beträchtlicher Teil
der Deutschen im Karpatenbecken jene günstigen Lebensmög- interessanter ist, dass die Mutter von Franz Illy (später Fran-
lichkeiten angenommen hat, die die ehemalige Habsburg-, spä- cesco Illy) eine Donauschwäbin aus dem Banat namens Aloisia
ter die Donaumonarchie, darin das Ungarische Königreich, ge- Rössler war. Wenn man also einen guten, „ungarndeutschen“
boten hatten. Kaffee trinken möchte, sollte man sich für einen Kaffee aus dem
Sortiment von Illy entscheiden.
Hervorgehoben wurde, dass im Kreise der Ungarndeutschen im
Verlauf mehrerer Jahrhunderte die „Hungarus-Identität”, der An- Der im Jahre 1892 in Temeswar geborene Illy wuchs in seiner
spruch auf eine friedliche Koexistenz mit der ungarischen Be- Geburtsstadt auf. Wie fast alle in seiner Generation kämpfte er
völkerung entwickelt hatte. Gleichzeitig habe sich um die Wende auch den großen Krieg durch. Nach dem ersten Weltenbrand
vom 19. zum 20. Jahrhundert – unter pangermanischem Einfluss
– die Überzeugung durchgesetzt, wonach die ungarische Regie- blieb er in der damals unter italienische Hoheit gefallenen Hafen-
rung eine Magyarisierungspolitik verfolge und diese Regierungs- stadt Triest und fing an sich mit Kaffeeproduktion zu beschäfti-
politik ihr ethnisches Dasein, ihren kollektiven Nationalcharakter gen. Er hatte eine große Erfindung für die Frischhaltung des Kaf-
gefährde. fees - dank einer neuen Verpackungstechnik konnte bzw. kann
der Kaffee seine Aroma für längere Zeit erhalten. Illy produzierte
Diesbezügliche berechtigte Einwendungen wurden in der Re- auch eine Kaffeemaschine.
gel zurückgewiesen, wodurch die Konflikte mit der Zeit um sich
gegriffen und im Verhältnis zwischen der regional heterogenen Das Unternehmen Illy wuchs sehr schnell, aber das hatte seinen
deutschen Volksgruppe und der Regierung „Risse” entstanden Preis. Illy musste Italiener in der multiethnischen, von Italienern,
sind. Slowenen, Deutschen, Kroaten und paar tausend Madjaren be-
wohnten Stadt werden. Unter der faschistischen Führung war es
Der Referent betonte, dass es in den letzten Jahren des Ersten
Weltkrieges zu Versuchen gekommen sei, dieses einstige gute nicht vorteilhaft, zu einer Minderheit zu gehören. Viele der frü-
Verhältnis zu regenerieren (Auftritte von Tisza im ungarischen heren Bewohner standen im Fadenkreuz der ethnischen „Reini-
Reichstag), aber unter jenen extremen Verhältnissen konnten gungspolitik” durch faschistische italienische Truppen.
keine konkreten Maßnahmen getroffen werden.
Der Konzern blieb bis heute in den Händen der Familie Illy. Wie
Die im Krieg erlebten Leiden, die Unzufriedenheit mit den ma- ein Enkel von Francesco Illy in einer Erinnerung erzählte: „Die
teriellen Umständen hätten die Mitglieder der ungarländischen Großeltern sprachen zu Hause deutsch, aßen madjarisch und
Volksgruppe dazu gezwungen, gegenüber den großen Umwand- tranken italienisch“.

14 SoNNTAGSBLATT
wir zuerst die Tatsache festhalten, dass die deutschen Minder-
Mikrokosmos Ost- und Mitteleuropa s heiten, wie erwähnt durch die historischen Ereignisse dezi-
miert, natürlich mit anderen Problemen zu kämpfen haben als
Deutsche Volksgruppen die drei größeren Gruppen in Rumänien, Polen und Ungarn.

Aber auch bei den deutschen Gemeinschaften in der Tschechi-


Die deutsche Sprache schen Republik und der Slowakei gibt es schon Unterschiede,
ganz zu schweigen von der Problematik in Slowenien, wo eine
im Karpatenbecken offizielle Anerkennung der deutschen Minderheit bis heute noch
(Geschichte, aktuelle Situation und Entwicklungen)
nicht erfolgt ist und der Gotscheer Altsiedler Verein mühsam die

Sprache und Kultur hochzuhalten versucht. In der Tschechischen
Von Nelu Bradean-Ebinger
Republik leben nur noch wenige Angehörige der deutschen Min-
derheit. Bei der letzten Volkszählung von 2011 waren es nach
Teil 3
eigenen Angaben noch rund 18.700 Menschen. Trotzdem gibt
es in Tschechien noch einige wenige Nachkommen der deutsch-
3. AKTUELLE LAGE DER DEUTSCHEN MINDERHEITEN
sprachigen Minderheit, die einen Dialekt der deutschen Minder-
IM KARPATENBECKEN
heitensprache verstehen oder sogar sprechen können. Mit ih-
nen hat sich auch das Goethe-Institut in Prag beschäftigt. Das
Deutsche ethnische Minderheiten – wieso ist dieses Thema
Projekt heißt „Schaufenster Enkelgeneration“. Deutsch ist in
im 21. Jahrhundert noch wichtig? Diese Frage wird in der Öf-
der Tschechischen Republik eine anerkannte und geschützte
fentlichkeit auch in Deutschland häufig gestellt, da viele Bür-
Minderheitensprache, auch dank der Europäischen Sprachen-
ger weder im schulischen Unterricht noch in den Medien über
charta, allerdings sind Minderheitenaktivitäten auch schwierig,
diese Problematik ausreichend und ausgewogen informiert
weil neben der Vertreibung der Deutschen aus der damaligen
werden. Wenn man aber bedenkt, dass nach Flucht und Ver-
Tschechoslowakei auch eine Vertreibung innerhalb des Landes
treibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa über 10
stattgefunden hat, infolgedessen die restliche deutsche Minder-
Millionen Menschen und ihre Nachkommen in Deutschland le-
heit über das ganze Land verteilt wurde, was wiederum die Assi-
ben, ist es wichtig, die in ihren Heimatländern gebliebenen An-
milation beschleunigte. Deutsch als Fremdsprache ist allerdings
gehörigen von deutschen Minderheiten zu unterstützen und
„in“. Mit rund 450.000 Deutschlernenden liegt die Tschechische
zu fördern und über ihr aktuelles Schicksal mehr zu wissen.
Republik neben der Slowakei und Slowenien im europäischen
Vergleich weit vorne. In der Slowakei ist die Situation ähnlich: Bei
Unter den deutschen Minderheiten gibt es drei unterschiedliche
der letzten Volkszählung 2011 gaben 4.690 Personen Deutsch
Gruppen: Die deutschen Minderheiten in Westeuropa, begüns-
als ihre Nationalität an. Der Karpatendeutsche Verein (KDV) ver-
tigt von der allgemeinen Entwicklung in einer stabilen Lage, die
sucht, in den fünf Regionen Pressburg und Umgebung, Hauer-
deutschen Minderheiten in Ostmitteleuropa, die seit der politi-
land, Oberzips, Unterzips und Bodwatal und mit der Hilfe von
schen Wende 1989 versuchen, ihr Schicksal zu verbessern, und
sieben, von der Bundesregierung geförderten kulturellen Begeg-
die deutschen Minderheiten in den Nachfolgestaaten der ehe-
nungsstätten die deutsche Sprache und Kultur zu erhalten und
maligen Sowjetunion, die sich in unterschiedlichen Phasen des
zu revitalisieren. Seit 1992 gibt der Verein die Zeitschrift „Das
Demokratieprozesses befinden. Sehr unterschiedlich ist auch
Karpatenblatt“ heraus. Die bairisch-österreichisch geprägten
die zahlenmäßige Stärke und regionale Siedlungsstruktur der
Dialekte in der Slowakei und auch die sudetendeutschen Dia-
jeweiligen deutschen Minderheiten. Während in Polen, Ungarn,
lekte in der Tschechischen Republik werden aber nur sehr selten
Russland und in Kasachstan noch jeweils weit über 100.000
noch aktiv gesprochen. In beiden Ländern konzentriert sich die
Deutsche leben, sind es in einigen Nachfolgestaaten der ehema-
ligen Sowjetunion wie Armenien oder Aserbaidschan nur noch ei- Revitalisierung des Deutschen eher auf die Standardsprache.
nige Hundert. Insgesamt dürften jedoch allein im Osten Europas
noch über eine Million Deutsche leben. Auch in Mittel-Ost-Eu- Ein vielleicht noch schwierigeres Erbe erfuhren die deutschen
ropa gibt es deutsche Minderheiten, die zahlenmäßig und von Minderheiten im ehemaligen Jugoslawien. Neben der erwähn-
der Organisationsstruktur her relativ stark sind. Hier seien die ten Problematik in Slowenien ist auch die Lage in Serbien und
Deutschen in Polen und Ungarn bzw. in einer gewissen Sonder- Kroatien hier zu nennen. Die Deutsche Gemeinschaft – Lands-
stellung die in Rumänien erwähnt. In allen anderen Staaten be- mannschaft der Donauschwaben in Kroatien will ebenfalls alles
läuft sich die Anzahl nach Vertreibung und Verschleppung nach für die Revitalisierung der deutschen Sprache tun. Seit Oktober
dem Zweiten Weltkrieg auf einige Tausend. Diese historischen 2012 führt sie das Programm der „Deutschen Samstagskurse“
Prozesse spiegeln sich auch beim Erhalt der deutschen Spra- für Kinder vom Vorschulalter bis 10 Jahre durch. Deutsch als
che und Kultur wider. Es ist einleitend wichtig zu erwähnen, dass Minderheitssprache wird nämlich nur in Esseg/Osijek (Ost-Kro-
die traditionelle Rolle der deutschen Sprache vor allem auf dem atien) in der dortigen Grundschule „Heilige Anna“ gelehrt und
Gebiet der ehemaligen Habsburg-Monarchie (also zuletzt Öster- dies lediglich in Form zweier zusätzlicher Unterrichtsstun-
reich-Ungarn) bis 1918 einer offiziellen Staatsprache nahestand, den pro Woche. In Kroatien wird Deutsch meistens als zweite
da die Intelligenz und die Eliten in diesen Ländern und Regio- Fremdsprache und als Wahlfach erlernt. Laut den letzten An-
nen (die heutige Tschechische Republik, Slowakei, Slowenien, gaben des Statistikamtes der Republik Kroatien am Ende des
Schlesien, Karpato-Ukraine, Siebenbürgen, Banat bzw. Ungarn) Schuljahrs 2010/2011 und Anfang 2011/2012 lernten 69,9 %
Deutsch, unabhängig von ihrem ethnischen Hintergrund, meis- (330.414) aller Schüler im achtjährigen Grundschulwesen (insg.
tens auf einem hohen Niveau beherrschten, wie dies im frü- 472.598) Englisch und 23,4 % (110.434) Deutsch. Deutsch be-
heren Vielvölkerstaat, der sog. Donaumonarchie, üblich war. findet sich somit in Kroatien auf dem zweiten Platz der meistge-
lernten Fremdsprachen. Der Deutsche Volksverband in Serbien
Derzeit leben - wie schon erwähnt - noch rund 500.000 Deut- bündelt ähnliche Bestrebungen und auch der gesetzliche Rah-
sche in Ostmittel- und Südosteuropa, die größten Gruppen men stimmt dabei. Geschichtsbücher werden überarbeitet, die
in Polen (zwischen 148.000 und 350.000), Ungarn (132.000) Deutschen haben seit 2007 eine Vertretung und Deutsch wird
und Rumänien (36.900). Etwa 40.000 verteilen sich auf Est- wieder vermehrt unterrichtet. Mittlerweile kann auch offen und
land, Lettland, Litauen, Tschechien, die Slowakei, Slowe- kritisch über die Vertreibung der Volksdeutschen 1945 in Ser-
nien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien. bien debattiert werden und auch die historische Aufarbeitung
fand weitgehend statt. Die Assimilierung ist aber aufgrund der
Bei der Darstellung der aktuellen Lage der deutschen Sprache schmerzhaften Geschichte auch in dieser Region bereits fortge-
und Kultur und der betroffenen deutschen Minderheiten sollten (Fortsetzung auf Seite 16)

SoNNTAGSBLATT 15
schritten. Im schulischen Bereich ist Deutsch als Fremdsprache nen Fällen ist der Unterricht zweisprachig. Dieses System reicht
nicht die beliebteste, aber viele Sprachschulen in der Erwach- nach Meinung vieler Experten sowie des Europarates nicht aus,
senenbildung helfen den Menschen, sich Deutsch anzueignen. die Folgen des vollkommenen Verbots des Deutschunterrichts
rückgängig zu machen. Die Tatsache, dass der polnische Staat
In der Ukraine, vor allem in der Ost- und Südukraine, in Kiew so- nur relativ eingeengte Möglichkeiten im Rahmen des Bildungs-
wie in Transkarpatien (Karpatoukraine) leben heute noch 33.000 gesetzes zulässt, erschwert diese Arbeit, aber die neuen Impul-
Deutsche, die als nationale Minderheit anerkannt sind. Wie in se, z. B. neugeründete deutschsprachige Kindergärten, lassen
Russland gründete ab 1990 die Gesellschaft „Wiedergeburt“ auch Hoffnung aufkommen.
rund 60 deutsche Begegnungszentren, deren Arbeit vom Dach-
verband Rat der Deutschen der Ukraine koordiniert wird. Die In Ungarn führte die Verabschiedung des Minderheitengesetzes
Vermittlung der Muttersprache beschränkt sich auf Sprachkurse, 1993 und die darauf folgende neue Struktur der sog. Minderhei-
die die jeweiligen Begegnungszentren der deutschen Minder- tenselbstverwaltungen (Körperschaften, die die kulturelle Auto-
heiten anbieten. An etwa jeder zweiten staatlichen Schule kann nomie durch Wahlen verwirklichen und z. B. Schulträgerinnen
Deutsch als zweite Fremdsprache erlernt werden. werden können) führten zu einer Neubelebung der Minderheite-
naktivitäten in allen Lebensbereichen. Die Vertreibung von etwa
Wie schon erwähnt haben die Angehörigen der deutschen Min- 200.000 Deutschen in den Jahren 1946-48 erfolgte aufgrund
derheit in Rumänien eine Sonderstellung in Mittel-Ost-Europa der Daten der amtlichen (und nicht anonymen) Volkszählung
inne, da hier aufgrund der historischen Entwicklung während der aus dem Jahre 1941. Die Daten der Volkszählungen von 1990,
gesamten Periode, wenn auch mit einigen Einschränkungen in 2001 und 2011 zeigten allerdings im Falle der deutschen Min-
den Zeiten der kommunistischen Diktatur, ein deutschsprachiges derheit eine steigende Tendenz. Im Vergleich zur Volkzählung
Bildungswesen vorhanden war. Des Weiteren fand in Rumänien 1990 wuchs die Anzahl derer, die im Jahre 2001 als Nationalität
zwar eine sog. Russlanddeportation statt – ca. 70.000 Personen Deutsch angegeben hatten, von ca. 36.000 auf 62.000, und fast
wurden in die Sowjetunion deportiert, ca. 15 % kehrten nicht wie- 90.000 Personen gaben eine starke Bindung zur Kultur der deut-
der zurück –, sie wurden aber nach dem Zweiten Weltkrieg nicht schen Minderheit an. Der positive Trend wurde nahtlos fortge-
vertrieben. Direkt nach der Wende etablierte sich das Demokra- setzt und nach dem, schon im Jahre 2001 registrierten, kraftvol-
tische Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) als Interes- len Plus wuchs die Anzahl derjenigen ungarischen Staatsbürger,
senvertretung und organisierter Verband der deutschen Minder- die als Nationalität Deutsch angegeben hatten von 62.000 im
heit. Bei der letzten Volkszählung im Frühjahr 2002 gaben über Jahre 2011 auf beachtliche 132.000 Personen an. Die Bildungs-
60.000 Einwohner Rumäniens an, der deutschen Minderheit an- strategie der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen
zugehören. 1930 waren es noch 600.000. Die meisten siedel- (LdU) zielt darauf, als Verwirklichung der kulturellen Autonomie
ten Anfang der 1990er Jahre in die Bundesrepublik Deutschland in wichtigen regionalen Zentren eigene Bildungsinstitutionen auf-
aus, so dass nun der zuvor erwähnte durchgehende Unterricht rechtzuerhalten. Dieser institutionelle Hintergrund ist für die Neu-
vom Kindergarten bis zum Lyzeum (Gymnasium) in deutscher belebung der deutschen Sprache und Kultur unentbehrlich. Es
Sprache häufig von Kindern rumänischer oder ungarischer El- ist interessant, dass die Eltern häufig fordern, dass die Kinder
tern wahrgenommen wird. Nichtsdestotrotz ist in Siebenbürgen oder Enkelkinder in der Schule die Standardsprache erlernen
und im Banat die früher natürliche Mehrsprachigkeit der Men- sollen. Vor allem in manchen Intelligenzkreisen der deutschen
schen z. T. noch vorhanden. Minderheit kann man einen demonstrativen Gebrauch diesbe-
züglich beobachten, meistens verbunden mit minderheitenspe-
Die zwei größten deutschen Minderheiten in Ost-Mittel-Europa zifischen öffentlichen Situationen. Ob dieses neue Vordringen
gibt es in Polen und Ungarn, die Ausgangslage ist aber unter- der deutschen Standardsprache zur Folge hat, dass dieselbe als
schiedlich. In Ungarn begann schon ab den 1980er Jahren und eine Art neue Erst- oder Zweitsprache funktionieren kann, bleibt
nach den sog. „schweren Jahrzehnten“ der Vertreibung und Ent- abzuwarten.
rechtung ein positiver Trend von zweisprachigen Klassenzügen
in Grundschulen und Gymnasien, in Polen war bis zur politischen SCHLUSSFOLGERUNGEN
Wende der Deutschunterricht in den von den Deutschen be-
wohnten Regionen jedoch unmöglich. Es ist schwer, eine kon- Minderheiten definieren sich auch über ihre Sprache. Bei den
krete Mitgliederanzahl der deutschen Minderheit in ganz Polen hier dargestellten deutschen Minderheiten wirft die geschilderte
anzugeben. In verschiedenen Quellen findet man eine Zahl Situation folgende Frage auf: Kann die ehemalige Mutterspra-
von 180.000-400.000 Personen. Die deutsche Minderheit wird che bzw. eine andere Varietät derselben in den Minderheite-
sowohl im polnischen Parlament als auch auf der kommunalen ninstitutionen neu belebt und erlernt werden? Dies funktioniert
Ebene vertreten. Am besten gestaltet sich dies in der Wojewod- laut unterschiedlicher Meinungen bei Einzelpersonen relativ ein-
schaft Oppeln, wo in vielen Ortschaften die deutsche Minderheit fach, wenn man aus Nostalgiegründen bezüglich der Vorfahren
eigentlich die Mehrheit bildet. Der Verband der Deutschen Sozi- und dergleichen dies vorantreibt. Bei ganzen Völkern oder Min-
al-Kulturellen Gesellschaften (VDG) bildet die Dachorganisation derheiten ist die Frage allerdings komplizierter. Die deutschen
der vielen einzelnen deutschen Bezirksorganisationen, die sich Minderheiten in Mittel- und Osteuropa sind ja z. T. eine Sprach-
nach 1990 gebildet haben. Der VDG vertritt die deutsche Minder- minderheit, z. T. aber auch eher eine Gesinnungsminderheit, so
heit in Polen und ihre Belange sowohl vor der deutschen als auch dass breite Schichten lediglich für die Nachkommen oder für ihre
vor der polnischen Regierung. In den letzten Jahren bemühte eigene Person die Kompetenz der deutschen Sprache (wieder-)
sich der VDG, die Neubelebung der deutschen Sprache im Bil- herstellen wollen. Falls der Sprachwechsel in der Mehrheitsspra-
dungsbereich zu unterstützen. Laut den Angaben der Schulauf- che nicht komplett stattfindet - und diese Möglichkeit besteht bei
sichtsbehörden wird Deutsch als Minderheitensprache aktuell den Deutschen in Mittel-Ost-Europa ohne Zweifel, wenn die An-
in der Woiwodschaft Oppeln in 148 Kindergärten, 196 Grund- zahl der Sprachkompetenzträger vergrößert werden kann -, ist
schulen und 57 Gymnasien mit insgesamt 27.484 Schülern, in die Antwort auf unsere Frage ein eindeutiges „Ja“. Allerdings sind
der Woiwodschaft Schlesien insgesamt in 111 Schuleinrichtun- solche Neubelebungen von Sprachen nur erfolgreich, wenn eine
gen mit 8.048 Schülern wie auch in der Woiwodschaft Ermland breite Schicht der Minderheit dahinter steht und sie vorantreibt
und Masuren in einem Kindergarten, sieben Grundschulen und und eine gut ausgebildete, zweisprachige, von den öffentlichen,
drei Gymnasien unterrichtet. Obwohl dies positive Signale sind, staatlichen Institutionen unterstützte gesellschaftliche Grup-
nimmt die absolute Mehrheit dieser Schüler immer noch nur das pe von Intelligenzlern und „Bürokraten“ im positiven Sinne die
schmalste Angebot des Minderheitenschulwesens in Polen (zu- Sache ebenfalls unterstützt. In den meisten sog. Minderheiten-
sätzlicher Fremdsprachenunterricht) in Anspruch. Nur in einzel- schulen und -kindergärten in den betroffenen Ländern werden
16 SoNNTAGSBLATT
diese Voraussetzungen leider nur selten erfüllt. Ein wichtiger richtete beispielsweise über den Deutschen Verein in Apatin, die
Punkt ist auch, dass die Akzeptanz und das Interesse der Mehr- in diesen Tagen in Sombor stattgefundene Veranstaltung der
heitsbevölkerung an der deutschen Sprache – vor allem wegen Konrad-Adenauer Stiftung - auch über die Belgrader diplomati-
wirtschaftlicher Faktoren und den erwähnten historischen und sche Feier zum Tag der deutschen Einheit konnten die Zuschau-
sprachlich-gesellschaftlichen Traditionen – eindeutig vorhanden er eine Zusammenstellung anschauen.
ist. Zu guter Letzt muss auch im europäischen Rahmen auf die-
se gemeinsamen Ziele hingewiesen werden. Die Bestrebungen Mehr unter diesem Link
zur Belebung der deutschen Sprache in Mittel- und Osteuropa (die Sendung und weitere Informationen dazu):
muss auch auf dieser Ebene positiv bewertet werden und auch http://media.rtv.rs/sr_ci/deutsche-minu-
die Stabilisierung der deutschen Gemeinschaften in den unter- ten/41122?fbclid=IwAR1_1WdmRKIHEvVcMP-
schiedlichen Heimatländern. Die Frage ist, ob es möglich sein SacVg7TkPtdSzI9O7AmO84898eZ7YZFm6iTPmk9a8
wird und ob es gelingt. Hierbei haben Deutschland und Öster-
reich bzw. die Schweiz eine wichtige Verantwortung vor allem
bezüglich ihrer (europaweiten und EU-internen) Sprachen- bzw.
Minderheitenpolitik. Die Rolle der deutschen Sprache in der EU
und vor allem in den Institutionen der EU könnte gerade mit Un-
terstützung der Länder dieser Regionen gestärkt werden.
Der Verlust der Muttersprache ist ein
zu hoher Preis für Slowakischkennt-
nisse
Új Szó (Pressburg), 1. Dezember 2017, von Zsuzsanna Lampl
‚Deutsche Minuten‘, die erste Fernseh-
Ich gehe oft unter die Leute, und es gibt zwei sich immer wie-
sendung der Vojvodinadeutschen derkehrende Gesprächsthemen. Das Kind verabscheue Slowa-
kisch, pflegen Eltern zu sagen, deren Kinder eine ungarische
Von Stefan Pleyer
(slowakeimadjarische) Schule besuchen. Das Enkelkind wolle
nicht ungarisch reden, sagen viele Großeltern. Keines der bei-
den ist gut. Aber beide hängen miteinander zusammen. Lasst
uns deshalb beide untersuchen.

Es ist nicht gut, morgens mit dem Gefühl von Abscheu aus dem
Bett zu steigen, genauso wenig, wenn man mit Abscheu ins Le-
ben startet. Es ist nicht gut, eine Sprache zu verabscheuen, we-
der die der Mutter noch die des Landes, in dem man lebt. Das
könnte zahlreiche Konsequenzen haben. Ein schlauer Schüler
von mir zum Beispiel hat nach der Abschaffung des Studienfachs
gesagt, dass er sein Studium nicht an einer slowakischen Uni-
versität fortsetzen werde, weil er kein Slowakisch könne, und als
ich ihn ermuntert habe, mit dem Hinweis, er werde sich schon
daran gewöhnen, erwiderte er, dass er das nicht tun werde, weil
er die Sprache verabscheuen würde. Das sagte er mit Augen vol-
Foto: www.rtv.rs ler Tränen und verließ daraufhin das Land gen Ungarn. Unsere
Gemeinschaft hat dadurch einen weiteren talentierten Jugend-
Einen großen Schritt zur Erweiterung ihres Medienangebots lichen verloren.
konnten die Vojvodinadeutschen in Serbien neulich vollziehen:
Ab jetzt meldet sich die neu gestartete eigene Fernsehsendung Aber warum verabscheut das Kind Slowakisch? Weil man es
„Deutsche Minuten” auf Deutsch für die donauschwäbische falsch unterrichten würde, meinen viele. Andere sind der Auf-
Volksgruppe der Batschka. Die JBG sowie die Redaktionsgrup- fassung, dass der Schwerpunkt nicht auf dem Wie, sondern auf
pe des SB gratulieren unseren südlichen Landsleuten zu diesem dem Was liegen würde. Zum Beispiel bringe man den Kleinen
wichtigen Erfolg und wünschen frohes Schaffen! Wörter wie sústružník (dt. Dreher) bei. Englisch würden sie nicht
verabscheuen, weil man dort mit den einfachsten Sachen begin-
Selbst die Benennung „Deutsche Minuten” klingt für diejenigen, nen würde.
die der Tätigkeit der deutschen Gemeinden im Karpatenbecken
aktiv folgen, sicherlich nicht unbekannt: Das Radio von Neusatz/ Es ist eigentlich egal, was der Grund des Abscheus ist, weil man
Novi Sad strahlte auch bisher eine deutschsprachige Sendung das, was man verabscheut, nur schwer erlernt. Und dann kann
für die einheimischen Minderheitenangehörigen aus, aber nur man verkünden, dass das Kind in der ungarischen Schule die
die Rundfunkhörer durften sie jeden Sonntag genießen - der In- slowakische Sprache nicht erlernt. Wie oft habe ich das (auch)
halt wurde mit visuellen Elementen nicht bereichert. von den so genannten toleranten slowakischen Kollegen gehört.
Und wieviele madjarische Eltern gibt es, in deren Kopf sich ähn-
Diese Woche bekam das vojvodinadeutsche Medienportfolio liche Gedanken wiederhallen und die die Ruckschlüsse ziehen,
auch eine Fernsehsendung, unter der Betreuung des serbischen dass der einzig richtige Weg über die slowakische Schule führen
öffentlich-rechtlichen Fernsehens RTV. Das Redaktionsteam würde. Dort wird es die Sprache schon erlernen. Das Kind, das
entstammt eigentlich vollständig dem früheren Deutsche Minu- bis dahin nur ungarisch sprach.
ten-Personal, welches jeden dritten Freitag mit einer neuen Aus-
gabe seine Zuhörer erwartet. Und hier kommen die Beschwerden der Großeltern. Denn die
Kinder, die nicht ungarisch sprechen wollen, obwohl sie früher
Die Themenwahl der Magazinsendung deckt das bisherige Feld nur diese Sprache beherrschten, besuchen die slowakische
ab, also alles, was die Deutschen in der Vojvodina oder Deutsch- Schule. Und jetzt finden es blöd, dass sie nicht schön ungarisch
land in vojvodinischen Relationen betrifft: Der erste Beitrag be- (Fortsetzung auf Seite 18)
SoNNTAGSBLATT 17
sprechen können, jedenfalls behaupten sie es als Erwachsene. SB: Herr Bürgermeister, laut Wikipedia sind Sie - mütterli-
Was in dem Kopf des Kindes vorgeht, was seine Muttersprache cherseits - selbst Ungarndeutscher bzw. ungarndeutscher
blockiert, weiß ich nicht. Genauso wenig verstehe ich es, was Herkunft. Erzählen Sie bitte ein wenig über Ihre Familienge-
passiert ist, dass die Generation meiner Kinder die slowakische schichte!
Sprache in der ungarischen Schule erlernen konnte, die jetzige
angeblich aber nicht mehr (man soll natürlich nicht verallgemei- RM: Meine Urgroßeltern mütterlicherseits kamen um 1850 zu-
nern). Dieses Problem sollte man dennoch in den ungarischen sammen mit den anderen angesiedelten Schwaben nach Kü-
Schulen lösen. Denn der Verlust/die Leugnung der Mutterspra- beckhausen. Peter Feldhaus und Barbara Grossberger, an die
che ist ein zu hoher Preis für Slowakischkenntnisse. Wer wird sich meine 98 Jahre alte Großmutter väterlicherseits noch er-
sie sprechen, wenn nicht wir?! Ist es um unsere Sprache nicht zu innern kann, sprachen kein Wort Ungarisch. 1946, infolge der
schade?! Bereichert sie nicht die Multikultipalette?! Vergeltung nach dem Zweiten Weltkrieg, wurden auch sie nach
Deutschland vertrieben, unsere Familie wusste bzw. weiß es bis
Die Großeltern sind traurig, aber weil sie liebende Menschen heute nicht, was aus ihnen geworden ist, wo sie ruhen. Übrigens
sind, bemühen sie sich um Erklärungen, Ablöse für ihre Kinder, haben unsere Großeltern ihr Leid in sich geschlossen. Meine
Enkelkinder, und langsam fangen sie an zu glauben, dass es gut Mutter und ihre Geschwister haben wenig von der Familientragö-
so ist. Und wer bin ich, ihnen deswegen Vorwürfe zu machen?! die gehört und erfahren. Sohn der genannten Urgroßeltern war
Das ist auch nicht meine Aufgabe. mein Großvater, der nach 1946 unter mysteriösen Umständen zu
seiner Familie, zu seinen zehn Kindern zurückkehren konnte. So
Aber ich bitte sie, mir nichts vorzuwerfen, wenn ich über all das stehe ich jetzt hier, als Vertreter der vierten Generation meiner
spreche, denn ich muss es tun, wenn wir verstehen wollen, war- Familie.
um wir immer weniger werden. Denn darin sind wir uns vielleicht
einig, dass das eine Tatsache ist.

In unserer nächsten Ausgabe (SB 01-2019) werden Sie ein


längeres Interview mit der Autorin des Kommentars lesen
können.

Reisenotizen spezial (2)


Kübeckhausen
Von Richard Guth

Foto: Richard Guth

SB: Wie sehen Sie die gegenwärtige Situation der deutschen


Minderheit in Ungarn?

RM: Die ungarländische deutsche Minderheit ist eine von Schick-


sal getroffene Volksgruppe. Das kommunistische/sozialistische
Regime war erfolgreich bestrebt, den Kern der Identität der
hier gebliebenen Restdeutschen auszulöschen. Mein Groß-
vater musste seinen Namen madjarisieren lassen. So wurde er
aus Feldhaus Földházi. Zusammen mit den Kulaken wurden sie
„volksfremd”, „nazistisch” und „Volksbündler” bezeichnet, obwohl
Foto: Richard Guth sie nichts damit zu tun hatten. Vor etlichen Jahren habe ich in
Deutschland dort lebende Kübeckhausener aufgesucht. Viele
Der Weg von Segedin ins kleine Dorf am nordwestlichsten Zipfel von ihnen sind bereits tot. Ich habe mich mit einer älteren Dame
des Banats, das kurz vor den Aprilwahlen im ganzen Land Be-
über die alten Zeiten unterhalten. Es hat mich erschüttert, was
kanntheit erlangte, führt über Vororte der Theißmetropole, den
sie erzählt hat: „Herr Bürgermeister, wir mussten deshalb Kü-
rasch Wiesen und Felder folgen. „Willkommen in unserem Dorf”
beckhausen verlassen, weil wir Schwaben sind, keine Madjaren.
steht am Dorfeingang, überall werden die Straßen von zwei- be-
Als wir mit unserer Bündel des Gewichts von 30 kg in Deutsch-
ziehungsweise stellenweise dreisprachigen Schildern gesäumt.
In der Mitte des Dorfes angekommen hat der Reisende das Ge- land ankamen, sagte man zu uns: „Nun, hier sind die ungari-
fühl, in einem deutschen Dorf angekommen zu sein: Die zwei- schen Zigeuner!” Heute ist die Lage der deutschen Minderheit
sprachigen Schilder sind nun weiterhin sichtbar, der Dorfplatz anders. Sie ist im Parlament vertreten, was ja eher symbolischer
um den künstlich angelegten Teich mit Musikpavillon wird von Natur ist, aber es gibt sie. Was aber wichtiger ist, dass wir, so
renovierten Gebäuden umgeben, der Rasen ist frisch gemäht, meine Beobachtungen, 30 Jahre nach der Wende anfangen, un-
man denkt auch an die Busreisenden, die man über eine elekt- sere Identität anzuerkennen. Das trifft auch auf mich zu, ich fühle
ronische Anzeigetafel über Abfahrtszeiten informiert. Das auffäl- mich immer mehr als (Ungarn-) Deutscher. Es gibt immer mehr
ligste Gebäude auf dem Hauptplatz ist aber eine Gastwirtschaft, deutsche Kulturgruppen, Orchester, Programme. Was ich erfreu-
die den Namen Kübecker Manufaktur trägt. Ich kehre ein, denn lich finde, gerade in Zeiten, in den die offizielle Regierungspolitik
ich werde bereits erwartet: vom Bürgermeister des Ortes, dem oft behauptet(e), dass Ungarn kein multikulturelles Land sei. Es
ungarndeutschen Dr. jur. Robert Molnár. Beim guten Bier, wie ist eines, und daran, neben den anderen Nationalitäten, haben
es sich gehört, und der Spezialität des Hauses, der Gebäckaus- die Ungarndeutschen den größten Anteil.
wahl, kann das Gespräch mit dem Ortsvorsteher beginnen.
18 SoNNTAGSBLATT
SB: Kübeckhausen empfängt seine Besucher mit zwei- sich das einzigartige kulturelle Milieu des Dorfes entscheidend
(oder gar drei-) sprachigen Orts- und Straßenschildern so- entwickelt. Viele Besucher sagen, dass sie das Gefühl hätten,
wie Informationstafeln, das Dorfzentrum sieht aus wie ein nach Deutschland gekommen zu sein. Ein junger Dorfbewohner,
Musterdorf irgendwo in Westeuropa oder selbst in Deutsch- der vor kurzem zugezogen ist, sagt, Kübeckhausen sei wie ein
land – inwiefern spiegelt es die Realität im Dorf, das ja über Stück Deutschland. Viele sagen, dass der Ort eine Austrahlung,
deutsche Wurzeln verfügt, wider? eine Seele hätte. Es freut mich, wenn sie das so sehen.

RM: Das Dorf könnte – selbst dann, wenn er wöllte – nicht leug-
nen, dass es ein deutsches Kolonistendorf ist. Und ich – der sich
ebenso zum Deutschtum bekennt als zum Ungarn- bzw. Madja-
rentum – will es auch nicht tun, ganz im Gegenteil, ich halte es
für wichtig, sich auf die Schätze der Vergangenheit zu stützen. In
den letzten 16 Jahren – seitdem ich Bürgermeister bin – haben
wir zusammen mit unseren Gemeinderäten daran gearbeitet,
das einzigartige, deutsche Gesicht des Dorfes zurückzuholen.
Wir haben alles umgebaut beziehungsweise umgestaltet. Auf
unserem Hauptplatz gibt es ein wunderbares, aber herunterge-
kommenes schwäbisches Haus, das unsere Gemeindeverwal-
tung erst jetzt, nach schwierigen Verhandlungen, erworben hat.
Es ist eine Ruine, aber auch in diesem Zustand wunderschön.
Wir planen die Errichtung eines SchwabenHauses, d. h. eines
Kultur- und Dorftourismuszentrums für Veranstaltungen. Für die Foto: Richard Guth
Instandsetzungen haben wir keinen müden Heller, aber ich ver-
traue mich auf die göttliche Fürsorge, so dass von irgendwoher SB: Wenn man das schmucke Dorfzentrum verlässt und sich
diese Summe zur Verfügung gestellt wird. Vor einem Jahr ha- in die Seitenstraßen begibt, so ähnelt Kübeckhausen doch
ben wir eine deutsch-ungarische gemeinnützige GmbH mit der eher einem ungarischen Dorf auf dem Lande. Kämpft Kü-
Bezeichnung „Kübecker Manufaktur” ins Leben gerufen, in der beckhausen mit ähnlichen Problemen bzw. wird es mit ähnli-
wir die lokale schwäbische Küche pflegen: Wir bieten Speisen, chen Herausforderungen konfrontiert wie die Ortschaften in
Süßigkeiten, Musik- und sonstige Veranstaltungen an. Wir ha- der Umgebung oder im ländlichen Ungarn wie zum Beispiel
ben jedes Wochenende „Straßenfeste”, die nicht nur von unse- der Abwanderung, der ungünstigen demografischen Situa-
ren Bürgerinnen und Bürgern, sondern auch von Menschen aus tion oder auch mit eingeschränkten Arbeitsmöglichkeiten?
dem In- und Ausland aufgesucht werden. Es ist sehr wichtig,
dass dort, wo wir sind, Werte retten. Es ist für uns im Dorf sehr RM: Wenn ich in Deutschland oder Österreich bin und mich in
wichtig, dass wir auch im Weiteren auf diese Werte bauen, da wir die Seitengasse eines kleinen Dorfes verirre, dann sieht es dort
noch längst nicht fertig sind. auch nicht so aus wie auf dem Hauptplatz. Auch hier bei uns
gibt es wohlhabendere Menschen, deren Haus und Hof sich im
tadellosen Zustand befindet, und es gibt auch welche, die in
bescheideneren Verhältnissen leben. Beide Gruppen von Men-
schen sind für uns gleichermaßen wichtig. Was die Gemeinde-
verwaltung von den Menschen erwartet, ist die Akzeptanz der
Ordnung. Den Platz vor dem Haus muss jeder in Ordnung hal-
ten, ansonstens gibt es Ärger mit dem Ordnungsamt. Wir haben
diesbezüglich keine wirklich schlechten Erfahrungen gesammelt,
im vergangenen Jahrzehnt sind wenige Bußgeldbescheide er-
gangen. Ziel ist nicht die Bestrafung, sondern das Anlernen des
Bestrebens danach anspruchsvoll zu sein. Das Durchschnitts-
alter der Bewohner beträgt 38 Jahre, was wesentlich niedriger
ist als in anderen, ähnlich großen Orten. Wir hielten es wichtig,
neben der Bautätigkeit auch Dorfmarketing zu betreiben. Viele
Foto: Richard Guth sind zugezogen, sogar welche aus Budapest. Wir sind ein Dorf
der Vielfalt geworden, über besondere Programme, was dazu
SB: Wie ist es um die verbliebene deutsche Minderheit in geführt hat, dass viele Jugendliche auf uns aufmerksam wur-
Kübeckhausen sprachlich (Sprachkenntnisse, Möglich- den, das Dorf liebgewonnen haben und zu uns gezogen sind.
keiten des Sprachgebrauchs in der Öffentlichkeit, Schule,
Auf persönliche Kontakte legen wir besonderen Wert, denn dank
Stadtverwaltung und Kirche) und kulturell bestellt?
der Verbreitung der sozialen Medien leidet dieser Bereich nicht
nur woanders in der Welt, sondern auch bei uns in Ungarn. Es
RM: Praktisch wurden die Schwaben, die den Großteil der Dorf-
mangelt an qualitativ hochwertiger Freitzeitbeschäftigung, der
bevölkerung bildeten, vertrieben, und wer nicht bereit war, den
gegenseitigen Beachtung. Wir haben eine ganze Reihe ziviler
hat man zwangsdeportiert. Wie ich bereits erwähnt habe, hat das
Organisationen im Ort, deren Aufgabe es ist, die Leute wachzu-
kommunistische Regime dafür gesorgt, dass es nicht „in” war,
rütteln. Arbeitslosigkeit existiert praktisch kaum, oder lediglich in
sich zum Deutschtum zu bekennen, so wurden die Schwaben
latenter Form, denn Ungarn hat sich entleert. 600.000 – 700.000
vor Ort langsam, aber sicher assimiliert. 2002 haben wir dann
Landsleute sind in den Westen geflohen vor den hiesigen ge-
deutschsprachige Schilder an allen kommunalen Einrichtungen
angebracht, aber in den 16 Jahren meines Amtes ist es mir noch sellschaftlichen Problemen, oder wie ich glaube, vielmehr vor
nicht gelungen beispielsweise, dass Deutschunterricht oder Tanz- der Aussichtslosigkeit. Segedin, die nächstgelegene Großstadt,
und Musikausbildung in der Schule eingeführt wird. Nun besteht saugt die verfügbaren Arbeitskräfte auf. Unser Problem besteht
Hoffnung für den Tanzunterricht. Hinsichtlich der Stärkung unse- eher darin, dass es, wenn es so weitergeht, keinen geben wird,
rer kulturellen Identität war die Gründung der Kübecker Manu- der als ABMler (ung. közfoglalkoztatott, R. G.) den Rasen mäht,
faktur (siehe Facebook oder die Internetseite www.kubecker.hu) weil die Menschen wegen den besseren Verdienstmöglichkeiten
von entscheidender Bedeutung. Auch durch den Gastronomie- in die freie Wirtschaft wechseln.
betrieb und die Musikveranstaltungen, die dort stattfinden, hat (Fortsetzung auf Seite 20)

SoNNTAGSBLATT 19
SB: Was kann ein Bürgermeister - nicht zuletzt dank der es wohl, dass ich selbst so nicht imstande bin, vor meinem Herrn
zentralistischen Ausrichtung der ungarischen Politik ohne zu stehen, deswegen brauche auch ich die göttliche Gnade, Er-
eigene Mittel – für seine Gemeinde tun? Einen Teil Ihrer Be- barmung, für die ich tagtäglich niederknie. Mit dem Gemeinderat
mühungen sieht man, aber alles sicherlich nicht. arbeiten wir in diesem Sinne. Wir betrachten unseren Auftrag als
ein Dienst, nicht als irgendwelches unveräußerliches feudales
RM: An den Bestrebungen der Regierung ist es abzulesen, dass Privileg. Diese politische „Philosophie” trägt sicherlich fassbare
sie alles zentralisieren will, in welchem System der Mensch dann und sichtbare Früchte im Ort, weswegen auf Kübeckhausen in
immer weniger zählt, in dessen Folge die Möglichkeiten, eigen- der Tat viele als Musterdorf blicken. Für uns ist diese Sichtweise
ständig zu handeln, immer geringer werden. Ich war 15, als ich völlig selbstverständlich, und ich bete dafür, dass auch in Ungarn
in die Politik eingestiegen bin. In der Wendezeit hatte ich große die Zeiten hereinbrechen, in den die zentrale Anliegen der Regie-
Erwartungen. Ich habe mir ein solches Land gewünscht wie Ös- rung nicht die Aneignung der politischen Macht und die Klientel-
terreich. Heute entfernen wir uns immer mehr von diesem Ideal. politik sein werden, sondern der Dienst an der Allgemeinheit und
Ich bin ein felsenfester Anhänger des Selbstverwaltungssys- der Gesamtgesellschaft. In einer Gesellschaft, die jegliche Hoff-
tems. Es gab sowohl in der ungarischen als auch der deutschen nung verloren hat, wird man nur so eine neue Zukunft planen und
Geschichte Phasen, in den andere gesagt haben, wen oder was bauen können. Meine persönliche Erfahrung ist, dass das, was
das Volk zu lieben oder mögen hat und wen nicht, oder wen es im Kleinen funktioniert, auch im Großen funktionieren würde.
zu hassen hat. Es wurde deutlich, dass es die falsche Richtung
war, der Menschen, Schicksale zum Opfer fielen. Das Gute an SB: Herr Bürgemeister, vielen Dank für das Gespräch!
der Subsidiarität ist – dazu bekenne ich mich -, dass die kleinste
Dorfgemeinschaft oder die autochtonen Basisgemeinschaften RM: Ich danke Ihnen für die Möglichkeit, ich habe mich ge-
die Freiheit haben, zu planen, zu bauen, ihr Schicksal in ihre ehrt gefühlt.
eigene Hand zu nehmen. Die Stimmungslage eines Volkes kann
nicht gut sein, wenn man es im permanenten Angstzustand ver- Das Gespräch geht langsam zu Ende, und der Reisende nimmt
harren lässt und wenn es die Atmosphäre des Unfrieden und des Abschied vom südlichsten deutschen Dorf in Ungarn, mit der Er-
Hasses umhüllt. Ungarn der vielen Hoffnungen und das Land, kenntnis, dass auch dieser Besuchstag an Erkenntnissen und
das den Eisernen Vorhang abgerissen hat, ist ein solcher Ort Einblicken reich war.
geworden.

s
SB: Sie pflegen rege Kontakte zu Nachbarortschaften auf
der serbischen und rumänischen Seite – welche Bedeutung Ansichten - Einsichten
hat diese Kooperation aus Ihrer Sicht?

RM: Aufgrund unserer geopolitischen Lage (am Dreiländereck


gelegen) haben wir zwei Partnergemeinden einige Kilometer von
Interview mit dem ungarndeutschen
uns entfernt, Altbeba/Beba Veche in Rumänien und Rabe in Ser- Parlamentsabgeordneten
bien, in der Vojvodina. In Richtung Rabe wird in Kürze ein Grenz-
übergang errichtet, aus EU-Geldern in Höhe von 5 Millionen Emmerich Ritter
Euro, in Richtung Rumänien lässt eine Eröffnung – bereits seit
einiger Zeit geplant – auf sich warten. Seit 1997 veranstalten wir Leider ist ein Interviewtermin mit dem deutschen Abgeordneten
im Geiste der europäischen Zusammenarbeit jedes Jahr am letz- Emmerich Ritter in den vergangenen Monaten nicht zustandege-
ten Maiwochenende ein Dorf- und Grenzeröffnungsfest, dessen kommen. Da das SB aber gerne auch Herrn Ritters Standpunkt
Besonderheit heutzutage ist, dass sich unsere Regierung immer bezüglich der Lage der deutschen Minderheit in Ungarn vorstel-
len möchte, übernehmen wir das Interview, das auf zentrum.hu
mehr gegen die Kooperation und die europäische Partnerschaft erschienen ist.
sperrt. In gewisser Hinsicht als Anhänger des Atlantischen Bünd-
nisses sehe ich in der deutschen Orientierung die Möglichkeit
der Fortentwicklung, deshalb erlebe ich die Neuorientierung Un-
garns in Richtung autoritärer Regime schmerzhaft.

SB: Kann man sagen, dass Kübeckhausen ein Musterdorf


ist?

RM: Als evangelikaler Christ und geistiger Führer lautet mein


biblischer Leitspruch, „alle eure Dinge lasset in der Liebe ge-
schehen”, d. h. all meine Tätigkeit soll erfüllt sein vom liebevollen
Bauen, dem Vor-Auge-Halten der Interessen der Gemeinschaft
und der Liebe ohne Vorurteile, so dass die Motivation, das Herz
und die Hand sauber bleiben, d. h. dass es beispielsweise keine
Korruption gibt. Der Spießrutenlauf einer Gesellschaft, einer Ge-
meinschaft, einer Gruppe beginnt immer dann, wenn das gute
Ansinnen Schaden nimmt, d. h. wenn egoistische Einzelinteres-
sen die erklärten guten Ziele überschreiben. Ich selbst beschäf-
tige mich nicht damit, was mit mir passiert oder was für mich gut Nach vier Jahren Dienst als Parlamentssprecher setzt sich Em-
ist, sondern damit, dass ich mich, solange ich hier als Bürger- merich Ritter seit den Parlamentswahlen 2018 als Abgeordneter
meister diene, als Verwalter betätige. Der Verwalter muss wis- für die Interessen der Ungarndeutschen ein. Sein Mandat erhielt
sen, dass ihm nichts gehört, sondern dass er lediglich Verwalter er als Spitzenkandidat der Landesliste der Landesselbstverwal-
der ihm anvertrauten Güter ist, nicht für immer, sondern auf Zeit. tung der Ungarndeutschen. Wir unterhielten uns mit ihm über
Ein solcher Auftrag ist die Kanzlerschaft von Angela Merkel oder Herkunft, Familie, Hobby und Arbeit.
ebenso die Ministerpräsidentschaft von Viktor Orbán. Auch dann,
wenn es ihnen gar nicht bewusst ist. Und ein solcher Auftrag ist Über die Kindheit
auch mein Dorfbürgermeisteramt, das ich so bekleiden will, so-
lange es möglich ist, dass ich weiß: Eines Tages werde ich vor “Geboren wurde ich in Wudersch, in einer fast rein ungarn-
dem Herrn auch Rechenschaft ablegen müssen über die mir an- deutschen Gemeinde, wo viele – so auch zum Beispiel meine
vertrauten Talente, Menschen und alle anderen Dinge. Ich weiß Großeltern – nicht einmal ungarisch konnten, aber dies hatten

20 SoNNTAGSBLATT
sie auch kaum nötig. Den friedlichen Alltag ruinierten 1946 die zu retten: Wir haben etwa 1300 Grabsteine renoviert und da-
Schicksalsschläge, die das ganze Ungarndeutschtum trafen: durch verhindert, dass an jenem Ort ein Wohnhaus oder eine
80% der Bevölkerung meines Heimatortes wurde nach Deutsch- Tiefgarage erbaut wird.”
land vertrieben. Auch unsere Familie blieb von all dem nicht ver-
schont: 29 von den 34 Cousinen bzw. Cousins meiner Mutter Über die Familie
und noch viele Verwandte mussten ihre Heimat verlassen. Auch
meine Eltern saßen schon im Wagon, meine Mutter war aber “Ich muss über zwei Familien erzählen. Ich bin ein konservativ
gefährdet schwanger. Eine junge Ärztin sagte jedoch – großes gesinnter Mensch und hätte deshalb nie gedacht, dass ich mich
Risiko eingehend –, dass unter solchen Umständen nicht ein- einmal scheiden lasse und eine zweite Ehe haben werde. Das
mal Tiere transportiert werden dürften. Letztendlich blieben sie. Leben ist aber nun mal so. Meine erste Ehefrau hatte keine Bin-
Bis sie aber zu Hause angekommen waren, zogen Fremde in ihr dung zum Ungarndeutschtum, und sie war auch nicht religiös.
Haus. Es war Januar, und sie mussten im Stall wohnen. Mit uns, Man sagt zwar, dass die Liebe alles besiegt, aber die diesbezüg-
Kindern haben unsere Eltern lange nicht über die Vertreibung lichen Uneinigkeiten brachten Probleme bei der Erziehung unse-
diskutiert, wir wussten aber natürlich, dass es sich um etwas rer Kinder mit sich. Ich muss auch gestehen, dass ich damals
ganz Schlimmes handelt. All dies erklärt meine Motivation, mich auch ganz viel Fußball spielte und 3-4 Monate im Jahr unterwegs
in diesem Bereich einzusetzen.” war. Aus meiner ersten Ehe habe ich zwei erwachsene Töchter
und ein Enkelkind. Der Wandel in meinem Privatleben erfolgte,
Über Studien und Hobby als ich Bürgermeister von Wudersch werden wollte – nicht, weil
ich irgendwelche politischen Ambitionen hatte, sondern einfach,
“Meine beiden älteren Geschwister studierten Wirtschaftswissen- weil ich im Interesse unserer Nationalität die Änderung unbedingt
schaften. Da auch ich Mathematik gernhatte, entschied auch ich für nötig hielt –, es aber nicht geworden bin. Es kam eine schwe-
mich für eine ökonomische Mittelschulbildung, und anschließend re Phase in meinem Leben. Und wenn es einem ganz schlecht
für ein Ökonomiestudium. Neben dem Lernen habe ich Fußball geht, kommt ganz unerwartet etwas Gutes: Zu dieser Zeit lernte
gespielt, und zwar in der Zentralen Sportschule, deren Gründer ich Vera kennen. Sie stammt aus Wudersch und vertritt diesel-
teilweise herausragende Sportlehrer aus Wudersch waren. Nach ben Werte. Wir haben eine neue Familie gegründet, innerhalb
der Uni gerne hatte ich der 3. und 2. Nationalliga, sowie im Sport- von fünf Jahren haben wir drei Kinder bekommen, mit denen wir
klub des Budapester Verkehrsbetriebs BKV gespielt. Während- nur deutsch sprechen. Mein Büro ist nur hundert Meter von mei-
dessen habe ich an der Eötvös das Fach Mathe absolviert. Der-
ner Wohnung entfernt, jahrelang haben wir jeden Tag zusammen
zeit kam ich mit dem Kleinfeldfußball in Kontakt. Durch unseren
gefrühstückt und zu Mittag gehalten, und ich war jeden Abend
Verein namens Aramis wurde in Ungarn der Hallenfußball, sowie
bei ihren Betten, als sie einschliefen. Diese Jahre waren einfach
auch die Budapester Meisterschaft in dieser Disziplin etabliert.
traumhaft. Ich war unheimlich stolz auf meine drei Kinder, als
An mehr als 60 von den 100 Spielen der ungarischen Futsal-Aus-
sie dieses Jahr im Wuderscher Passionsspiel mitgewirkt haben.”
wahlmannschaft war ich der Verbandskapitän. Wir bereisten die
Welt, von Rio de Janeiro bis nach Novi Uregonj, von Brasilien
Über die Zeitspanne zwischen 2014 und 2018 als Parla-
bis nach Sibirien. Aramis ist bis heute die einzige Mannschaft,
mentssprecher
die seit der Etablierung von Futsal durchgehend in der höchsten
Klasse spielte und sogar eine eigene Sporthalle baute.”
„Bei den Parlamentswahlen 2014 war es gar keine Frage, dass
Über freiwilliges Engagement für die deutsche Nationalität wir unseren damaligen LdU-Vorsitzenden, Otto Heinek in das
Hohe Haus als Abgeordneten entsenden möchten. Als es sich
“Es ist dem Zufall zu verdanken, dass ich in diese Szene hin- aber allmählich herauskristallisierte, dass wir statt einen Abge-
eingeraten bin. 1994 fragte mich meine Schwester, die durch ordneten nur einen Sprecher haben werden, tauchte ein Problem
ihren Mann, der aus einer Edecker deutschen Familie stammt, auf: Wer Vorsitzender war, durfte nicht den Posten des Parla-
in diese Sache bereits involviert war, ob ich sie zu einer Bespre- mentssprechers bekleiden. Und da hat man mich gefragt. Nie-
chung in Wudersch bezüglich der Nationalitätenwahlen beglei- mand von uns wusste, welche Aufgaben mit dieser Rolle ver-
ten würde. Vorhin war ich eigentlich nur mit meiner Arbeit und bunden sind, dennoch fasste ich den Entschluss, den Schritt zu
wagen und den Posten zu übernehmen. Ich fühlte mich kom-
mit Fußball beschäftigt. Dies bedeutete aber gleichzeitig auch,
petent: Einerseits, weil ich mich lange Jahre sehr engagiert für
dass ich keinen Ärger mit den Dorfbewohnern hatte – darum,
die Angelegenheiten meiner Nationalität einsetzte, andererseits,
und wegen dem Namen ”Ritter” wurde ich dann schließlich zum weil ich aus den Plänkeleien in der Vergangenheit sehr viel ler-
Vorsitzenden der Wuderscher Deutschen Selbstverwaltung ge- nen konnte. Ich musste zwar meine Existenz aufgeben, aber es
wählt. Sehr engagiert machten wir uns mit dieser Körperschaft war mir klar: Wenn wir jetzt nichts unternehmen, können wir ‚den
an die Arbeit, und nach einer gewissen Zeit stand ich dann vor
(Fortsetzung auf Seite 22)
der Wahl: entweder die deutsche Selbstverwaltung oder der
Fußball. Schließlich fasste ich den Entschluss, Aramis zu behal- Jahreshauptversammlung der
ten und den Verein finanziell auch weiterhin zu unterstützen, an
den Trainings jedoch nicht mehr teilzunehmen. Mit der Zeit ha- Jakob Bleyer Gemeinschaft
ben wir ÉMNÖSZ, den Verband der Deutschen Selbstverwaltun-
gen der Region Nord gegründet, ich wurde der Vorsitzende, und Wir erwarten die Mitglieder der JBG Auf der
ab der zweiten Wahlperiode war ich auch Mitglied der Vollver- Jahreshauptversammlung
sammlung der Landesselbstverwaltung. Von den sieben Tagen unseres vereins.
der Woche habe ich sechs durchgearbeitet, indem ich mich an
drei bis vier Tagen ganz gewiss mit den Angelegenheiten meiner ort:
Nationalität befasst habe. Mit ÉMNÖSZ gingen wir anhand einer Heimatmuseum Wudersch
gut überlegten Strategie vor, und es ist uns gelungen, sowohl 2040 Budaörs, Budapesti út 47.
vor Ort als auch in der Region schöne Ergebnisse zu erzielen:
Die Jahrzehnte hindurch zerstörte Kultur der Ungarndeutschen Termin:
erwachte allmählich, die Menschen begannen, sich für die Sa- 2. Februar 2019, 10 uhr
che zu interessieren, wir starteten verschiedene Wettbewerbe
für Kinder, gründeten Chöre, Tanzgruppen und Kapellen und Wir freuen uns bereits
vernetzten Ortschaften und Menschen miteinander. Eine meiner
Herzensangelegenheiten war, den alten Friedhof von Wudersch auf ihre Teilnahme!
SoNNTAGSBLATT 21
Laden dichtmachen‘. Ich möchte zwei wichtige Errungenschaf- wegen die Gesellschaft teilenden Angelegenheiten Entschei-
ten aus der Zeitspanne 2014-2018 hervorheben. Die eine ist die dungen zu treffen, die unsere ungarndeutsche Gemeinschaft
Schaffung von Konsens zwischen den Nationalitäten Ungarns. spalten, muss ich bei den Abstimmungen von dem täglichen poli-
Derzeit konnten wir nämlich nur als Ausschuss (Parlamentsaus- tischen Geplänkel frei vorgehen. Wenn es bezüglich der ominö-
schuss der Nationalitäten Ungarns) auftreten, darum war es im sen Stop Soros-Sache und der Verfassungsänderung – die die
Sinne des Erfolgs unheimlich wichtig, frühere Konflikte beiseite Nationalitäten übrigens gar nicht betreffen – begründete Gegen-
zu legen und den bestmöglichen Kontakt zwischen den 13 Na- argumente gegeben hätte, mich anders zu verhalten, hätte ich
tionalitäten – vor allem aber zwischen den Parlamentssprechern
eine Ausnahme gemacht. Niemand hatte sich aber gemeldet.“
und den Vorsitzenden der Landesselbstverwaltungen – herzu-
stellen. Dies haben auch alle begriffen, und obwohl es natürlich
auch weiterhin Diskussionen gegeben hat, konnten und können
wir immer einen Kompromiss finden. Das zweite wichtige Ergeb-
nis ist meines Erachtens, dass es uns durch regelmäßige Ab-
stimmungen mit den Oppositions- und anschließend auch mit
den Regierungsparteien gelungen ist, zu erreichen, dass die
Angelegenheiten der Nationalitäten kein Thema des politischen
Geplänkels sind. Als Resultat dessen gibt es bezüglich der Ange-
legenheiten der Nationalitäten immer einstimmige Parlaments-
entscheidungen. Dies ist – finde ich – besonders wichtig, denn
in einer Demokratie kommt es natürlicherweise immer wieder
zu politischen Änderungen, und daher kann es gut vorkommen,
dass der eine oder andere Politiker, der das Gefühl hat, dass
in der vergangenen Wahlperiode bestimmte Angelegenheiten im
Sinne einer anderen politischen Einstellung geregelt wurden, für
uns wichtige Entscheidungen annulliert. Unsere Aufgabe ist, vor
allem die Rahmen, Gesetze und Möglichkeiten zu behandeln, Über die Fidesz-Mitgliedschaft
die die Interessen der Nationalitäten landesweit betreffen. Die
Vorschläge, die wir unterbreiten, beruhen in der Regel auf einer „Noch vor den Parlamentswahlen habe ich meine Parteimitglied-
engen Zusammenarbeit mit Experten der jeweiligen Bereiche, schaft suspendiert, und unlängst trat ich aus Fidesz aus, obwohl
den endgültigen Beschluss fasst aber immer die Politik. Meine die Mitgliedschaft für mich auch bislang nicht von Bedeutung
Aufgabe hierbei ist, eine Art Vermittler zu sein, der selbstver- war. Ich bin natürlich immer noch konservativ gesinnt, gläubig,
ständlich in gewissem Maße in den Themen bewandert sein und daran wird sich auch nichts ändern, nichtdestotrotz konn-
muss. Über die Lösung von wirtschaftlichen Fragen hinaus nahm te und kann ich mit Menschen mit anderen politischen Einstel-
ich jahrelang von der Herausgabe von Büchern über den Bau lungen zusammenarbeiten. Ich wollte übrigens nie irgendeiner
von Kapellen bis hin zur Herausgabe von Noten für Blaskapellen Partei beitreten. Ich trat damals nur darum Fidesz bei, weil die
an ganz vielen Projekten teil, und all daraus erwarb ich sehr vie- Partei ausschließlich Mitglieder als Bürgermeisterkandidaten an-
le Erfahrung. Das ist ein interessantes Spiel, das strategisches treten ließ. Dies bedeutete aber auch schon damals nicht, dass
Denken erfordert.“ ich immer mit allem einverstanden war. Mir waren immer die In-
teressen meiner Nationalität am wichtigsten. Es kam auch schon
Als Parlamentsabgeordneter
früher mehrere Male vor, dass ich jene Ansichten von Fidesz,
„Zwischen den Möglichkeiten eines Sprechers und eines Abge- die die Interessen der Nationalitäten verletzten, auch öffentlich
ordneten gibt es gewaltige Unterschiede. Ich selber hätte es nie kritisierte. Man wollte mich sogar von der Partei ausschließen.
gedacht, dass diese so groß sind! Als Abgeordneter, als Vorsit- Ich bin zwar der Meinung, dass es zwischen der Suspension
zender des Nationalitätenausschusses, als Mitglied des Haus- der Parteimitgliedschaft und dem Austreten keinen wesentlichen
halts- und des Hauptausschusses werde ich ernst genommen, Unterschied gibt, bin ich nun auch formell ausgetreten, um auch
ein jeder spricht mit mir auf Augenhöhe. Meine Rolle ist übrigens dadurch zu demonstrieren: Für mich ist meine ungarndeutsche
eine ganz spezielle – der Fall ‚Erster unter den Gleichen‘: Ich bin Identität das einzig wichtige Maß.“
nämlich von Parteien unabhängig, vertrete eine Nationalität, und
gelte deshalb in manchen Fällen als begünstigt. Ich glaube, das
ist für uns eine riesige Chance. Natürlich sind mit dem Stimm-
recht auch gewisse Schwierigkeiten verbunden, die wir allmäh-
lich gemeinsam klären müssen. Jedenfalls konnte die deutsche
Gemeinschaft darum ein Abgeordnetenmandat erzielen, weil wir
trotz unserer unterschiedlichen politischen Ansichten und Mei- Kleines Sandkörnchen in der Wüste-
nungen dazu fähig waren, uns auf die Angelegenheiten und Inte-
ressen unserer Nationalität zu konzentrieren.“ Angela Korb über ihren LdU-Rücktritt
Über die Gewichtigkeit des Stimmrechts Auf der Sitzung der Landesselbstverwaltung der Ungarndeut-
schen am 15. September wurde der Rücktritt von Angela Korb
als Vollversammlungsmitglied angenommen. Wir veröffentlichen
„Bereits vor etwa anderthalb Jahren befasste ich mich sehr inten-
die Erklärung der bisherigen Abgeordneten aus der Branau mit
siv mit der strategischen Frage, wie ich von meinem Stimmrecht
freundlicher Genehmigung der Neuen Zeitung.
Gebrauch machen werde. Mit ganz vielen Leuten diskutierte ich
auch darüber. Im Sommer des vergangenen Jahres formulierten Mit großer Spannung und Anspannung wartete ich am 20. Juni in
wir schließlich das diesbezügliche Grundprinzip: Wenn wir die Stuttgart auf die Berichte der Online-Nachrichtenportale über die
Nationalitätenpolitik der jeweiligen Regierung für korrekt halten, Abstimmung im Parlament bezüglich des Stop Soros-Gesetzes
werde ich in allen weiteren Angelegenheiten im Sinne der Re- und der anstehenden Grundgesetzmodifizierung. Als ich 2014
gierung stimmen. Wenn jedoch die Nationalitätenpolitik der Re- Vollversammlungsmitglied der LdU wurde, habe ich in meinem
gierung nicht unseren finanziellen und sonstigen Erwartungen Statement geschrieben, dass ich nach meinem besten Wissen
entspricht, zwingt uns die Regierung selber, in die Opposition zu und Gewissen, die Anliegen der Ungarndeutschen im Auge be-
treten. Dies haben wir übrigens auch vor der LdU-Vollversamm- haltend, mich für die Gemeinschaft einsetzen werde. In Anbe-
lung artikuliert. Damit die Landesselbstverwaltung der Ungarn- tracht der Abstimmung unseres ungarndeutschen Abgeordne-
deutschen und ihre Organisationen nicht gezwungen werden, ten im ungarischen Parlament am 20. 06. 2018 lässt sich sein
22 SoNNTAGSBLATT
Demokratieverständnis mit meinem Gewissen nicht vereinbaren wird somit mehr geschützt.
und zwingt mich dazu, als die einzige Form meines Protestes
meinen Rücktritt aus der LdU-Vollversammlung zu erklären. Die- Die niederländische Zentralregierung und die Regierungen der
se Abstimmung war für mich der letzte Tropfen, der das Fass Provinzen sprachen sich an diesem Mittwoch (10. Oktober,
zum Überlaufen bringt. Dass ein Gesetz – rechtswidrig – erlaubt, Red.) dafür aus, dass sie alles tun werden, um das Niedersäch-
NGO-Mitarbeiter, die ihre alltägliche Arbeit tun, mit bis zu einem sische am Leben zu erhalten und ihre Verwendung in der Be-
Jahr Haftstrafe zu bedrohen, lässt in mir die Frage aufkommen, völkerung zu stimulieren. Die Sprache wird derzeit in Groningen/
ob nun nicht eine Lawine in Bewegung gesetzt würde, bei der Gröningen, Drenthe, Overijssel, Nord-Ost Veluwe, dem Achter-
hoek und in Oost- und Weststellingwerf gesprochen.
nun im nächsten Schritt die Vereine, ehrenamtliche Mitarbei-
ter, auch engagierte Angehörige der deutschen Minderheit in
In den Niederlanden hatte das Niedersächsische bis jetzt bloß
Ungarn, betroffen sein könnten? Meine Befürchtung lässt sich den inoffizellen Status eines Dialekts, aber durch diese Entschei-
mit meinem Gewissen als Mitglied der Vollversammlung nicht dung wird es im Weiteren als Regionalsprache betrachtet. Das
vereinbaren und ich bitte darum, meinen Rücktritt anzunehmen. bedeutet, dass es nun anerkannt wird und die Regierung seine
Ich kann nur darauf hoffen, dass dies bei der nächsten Sitzung Verwendung fördert, aber es ist beispielsweise nicht möglich, es
ausreichend behandelt wird, gerne kann auch mein Brief (vor) zu unterrichten, und die in Niedersächsisch verfassten juristi-
gelesen werden, um eine Diskussionsbasis zu schaffen. schen Dokumente sind derzeit nicht rechtsgültig. Genau dies ist
der Fall beim Friesischen.
Ich verstehe meine Rücktrittserklärung als kleines Sandkörnchen
in der Wüste, und es ist mir bewusst, dass mein persönlicher Die Anzahl der Sprecher, die das Niedersächsische regelmäßig
Protest nichts bewirken und verändern wird, trotzdem möchte ich verwenden, ist nicht bekannt. Die Zahl in den Niederlanden wird
darauf hinweisen, dass mir bei der genannten Abstimmung eine auf rund 4,8 Millionen geschätzt. Außer in den Niederlanden
Enthaltung genügt hätte, um durch den (unabhängigen?) Ver- kommt es auch in Deutschland, Dänemark, Russland und Po-
treter der ungarndeutschen Gemeinschaft ein Zeichen gesetzt len vor. In den Niederlanden ist die Anzahl der Sprecher in den
zu bekommen. letzten Jahrzehnten wesentlich zurückgegangen, weil Eltern die
Sprache nicht mehr standardmäßig an ihre Kinder weitergeben.
Ich distanziere mich von der Ja-Stimme unseres ungarndeut-
schen Abgeordneten in dieser wichtigen, zukunftsbeeinträch-
tigenden Entscheidung. Pluralismus heißt nämlich auch die
Stimmen derer zu vertreten, die nicht meiner Meinung sind, sich
Literatur s
jedoch als konstruktive und wichtige Akteure unserer Gemein-
schaft auszeichnen. Diesen Aspekt sehe ich nicht gesichert!

Ich bitte darum, dieses mein Anliegen zu diskutieren und meine Buchrezension von Anna Gáspár
Rücktrittserklärung anzunehmen. Für die Zukunft wünsche ich
Uns erreichte vor einigen Monaten eine Buchbesprechung von
der Vollversammlung gute Arbeit, konstruktive Diskussionen,
Anna Gáspár, einer pensionierten Bauingenieurin und Buchau-
weiterführende Gespräche und alles Gute! torin aus dem Budapester Stadtteil Burgerberg/Sasad, die das
Werk aus der Perspektive einer madjarischen Akademikerin ana-
Mit besten Grüßen: lysiert. Das Buch hat vergangenes Jahr auch Johann Till (Oh-
Angela Korb falla/Wemding) rezensiert (SB 03/2017). Deutsche Übersetzung:
Richard Guth
__________________________________________

Anna Kerekes: Ohne Beschönigung - Das bewegte Leben einer schwä-


bischen Familie /Megszépítés nélkül – Egy sváb család hányattatásai/,
Das Niedersächsische wurde offiziell Verlag Ad Librum, Budapest, 2017, 306 Seiten, in ungarischer Sprache,
2990 Ft
anerkannte Sprache in den Niederlan-
Dieses Buch ist keine Belletristik, sondern ein Sachbuch. Prä-
den zise, gewissenhaft, unbefangen, ehrenhaft, ehrlich. Es ist nicht
tendenziös. Und lässt sich auch nicht in diese oder jene Rich-
Von Stefan Pleyer tung biegen. Deshalb beschreibt der Titel des Buches – Ohne
Beschönigung – am besten Sinn und Wert des Werkes.

Anna Kerekes macht auf 300 kleingedruckten und vollgeschrie-


benen Seiten mit erstaunlicher Detailtreue Lebensform, Vergan-
genheit und Traditionen einer bedeutenden Bevölkerungsgruppe
in Ungarn publik.

Warum hat mich das Buch angesprochen und gefesselt?

Zum einen, weil ich nie in einem schwäbischen (deutschsprachi-


gen) Milieu gelebt habe, weder auf dem Dorf noch in der Stadt.
Es ist meine eigene Beobachtung während Urlaubsaufenthalte
in meiner Kindheit, dass das unterschiedliche äußere Erschei-
nungsbild der Dörfer von der dort ansässigen Bevölkerung ab-
hängt. Ich sehe in meinen Erinnerungen die gepflegten, saube-
Die niederländische Regierung und die Provinzen Gröningen, ren schwäbischen Dörfer des Donauknies, die stets arbeitsamen,
Drenthe, Friesland, Overijssel und Gelderland unterzeichneten schlechtgelaunten, mürrischen, ordnungsliebenden, gesetzes-
diese Woche (des 8. Oktober, Red.) einen Vertrag, der das Nie- treuen Menschen, Frauen, Kinder. Viele von ihnen waren bei den
dersächsische (Nedersaksisch) zur offiziell anerkannten vollwer- Staatsbahnen und bei der Post angestellt und sind es auch heute
tigen Sprache (Regionalsprache) macht. Die sterbende Sprache (Fortsetzung auf Seite 24)

SoNNTAGSBLATT 23
noch: Sie sind im Allgemeinen gewissenhafte, sehr zuverlässige, Milieu tiefer Armut abseits jeglicher Bildung und Kultur stammten
arbeitsame und fleißige (meist) Angestellte. Sie gingen seit der und nicht in der Lage waren, das beschlagnahmte schwäbische
Zeit ihrer Ansiedlung, Anfang des 18. Jahrhunderts, in der Regel Vermögen zu verwerten. Wir könnten etwas erahnen vom Zu-
landwirtschaftlichen Tätigkeiten nach, die viel Wissen, Erfahrun- grunderichten der ungarischen Provinz, der wenig bekannten
gen und Ausdauer erfordern: Weinbau, Tabakanbau, Tierzucht Motivation der Entstehung der gegenwärtigen Situation auf dem
und Gartenkultur. Lande.

Die Vorurteile, die in meiner Familie vorhanden waren, konnten Im Weiteren möchte ich die wichtigsten wesensgleichen Züge
mich in meinen Beobachtungen auch nicht beeinflussen, ich war des Buches von Anna Kerekes und von „Naspolya” hervorheben:
lediglich erstaunt, aber verstanden habe ich sie nicht. Wegen
einer Lebensform, die gekennzeichnet ist von Arbeitsamkeit und - „Die Erinnerung bleibt bei den damaligen Kinderaugen.” (Zitat
Sparsamkeit, waren/sind (?) die Schwaben, genauso wie die Ju- von Sándor Révész)
den, eine Nationalität, die stets Gegenstand von Neiddebatten
sind/waren (?). - Sie handeln vom Leben alltäglicher Menschen, das stets von
historischen Ereignissen begleitet wird.
Auf der anderen Seite wollte ich das Buch von Anna Kerekes
deshalb lesen, weil dessen Veröffentlichung zeitlich sehr nahe
- die Bedeutung des Gesetzes über die Volksschulbildung
stand zum Aufzeichnen der (persönlichen) Geschichte der Ah-
(1868) – das Hochschätzen des Lernens, des Wissen und der
nen unserer Familie, was für mich einem Aha-Erlebnis gleich-
kam. Sofort, nachdem ich die Buchempfehlung in der Zeitschrift Qualifikation
HVG gelesen haben, wollte ich das Buch von Anna Kerekes le-
sen. Und nicht nur wegen den Neuigkeiten und Zusammenhän- - die Erwähnung der unterschiedlichen politischen Einstellun-
gen, die ich während der Recherche für mein Buch „Naspolya” gen innerhalb der Familie
entdeckt bzw. erkannt habe, sondern auch deshalb, weil auch
unser Buch von derselben historischen Epoche handelt wie das - die Tätigkeiten der Frauen (von der Handarbeit gesondert),
von Anna Kerekes. Ich habe auch viele Parallelen entdeckt, auf der Haushalt, die Selbstversorgung
die ich später noch eingehen werde. Und womit ich nicht gerech-
net habe bzw. woran ich am Anfang nicht gedacht habe, schufen - „Mischehe”, das unterschiedliche Schicksal der Familienmit-
die Begegnungen mit Mitgliedern der größeren (nicht engeren!) glieder, deren Auswirkungen, Vorurteile
Verwandtschaft, die Gespräche, das In-Erinnerung-Rufen der
gemeinsamen oder nicht gemeinsamen Vergangenheit nicht - „Das Leben der Mutter war zwischen 1930 und 1938 am
nur ein neues, emotionales Gefühl der Wärme, Bindungen und glücklichsten.” (S. 76) – das meiner Mutter ebenso.
eine Gemeinschaft, sondern weckten bei zahlreichen Familien-
mitgliedern eine gewisse Schaffenskraft (an dieser Stelle wäre - Beide (Buchautoren) haben aus verzerrten historischen Ste-
es besser, den englischen Begriff „contribution”, also Beitrag, zu reotypen heraus (das hat man uns vermacht) die objektivere,
verwenden), die das Erlebnis der Entdeckung der Familie dank multiperspektivische historische „Wahrheit” rekonstruiert.
ihren eigenartigen Mitteln bis zum heutigen Tage mit neuen und
neuen Fakten, neuen Verwandten, Ereignissen und Zusammen-
- „man konnte darüber nicht sprechen” - und man wollte, wir
hängen bereichert. Unser Buch „Naspolya” ist lebendig gewor-
wollten es auch nicht: über Vertreibung, Malenkij Robot, Ver-
den, lebt und gedeiht. Wahrscheinlich wurde auch das Buch von
schleppung, den Tod am Don – endlich kann man es vielleicht
Anna Kerekes in Elek zum Leben erweckt.
wieder (ABER: Muss man wieder Angst haben? Es gibt welche,
die auch heute noch Angst haben!, S. 301)
Über die Struktur des Buches
- Neben all den negativen Sachen finden auch positive ihren
Es ist keine Belletristik, die Geschichte endet eigentlich auf Seite
Platz, das macht das Buch authentisch.
259 mit dem Tod der Großmutter. Eine klare, chronologisch ge-
ordnete Lebensgeschichte, mit gut gewählten Kapitelüberschrif-
Schließlich möchte ich darauf eingehen, dass meine Kenntnis-
ten, darunter mit den Jahren, auf die sich das jeweilige Kapitel
se über die Ähnlichkeiten hinaus, die von einer Mentalitätsver-
bezieht, und mit schönen, sorgfältig ausgewählten Mottos. Die
wandtschaft beider Autoren zeugen, durch das Studium des Bu-
Sprache der Erzählung ist klar, deutlich, objektiv. Die ausführ-
ches von Anna Kerekes bedeutend erweitert wurden. Ich denke,
lichen Beschreibungen sind detailreich, präzise, das Faktenwis-
dass ich dadurch auch demonstriert habe, in welcher Hinsicht
sen der Autorin ist beeindruckend. Sie meidet selbst heikle The- der Durchschnittsleser ungarischer Staatsbürgerschaft mit Hilfe
men nicht, aber auch darin bleibt sie stets objektiv und korrekt. des Buches von Anna Kerekes neue Informationen bekommen
kann.
Die vielen Fotos im Buch weisen auf die Bedeutung der Verewi-
gung der Familienmitglieder hin (das Familiengruppenfoto ist in - Einer der größten Verdienste des Buches ist die Darstellung
Europa heute noch in Mode). Man sieht, dass dies in der Fa- der Details der Vertreibung nach Deutschland. Sie ist objektiv,
milie von Anna Kerekes von allen Generationen getragen und zeigt sowohl Negatives als auch Positives: Die Versorgung der
erwünscht war. Die Texterläuterungen bieten eine gute Orientie- Vertriebenen ist mustergültig, die Details sind interessant, das
rungshilfe zum Verständnis der Fotos und zur Vertiefung sowie Verhalten der deutschen Bevölkerung ist erstaunlich korrekt, die
Differenzierung der Fantasie des Lesers. Amerikaner trieben in ihrer Zone sofort Handel. Die überra-
schenden Auswüchse des deutschen Faschismus durch die Au-
Der Schlussteil mit seinen vierzig Seiten (S. 260 – 300) stellt eine gen eines Minderjährigen, die Auswirkungen des Marshall-Plans
sehr wichtige Ergänzung dar, die gleichhzeitig der historischen auf die Bevölkerung und die Vertriebenen, da sich die staatliche
Authetizität Rechnung trägt: Diese 40 Seiten sind eine gewis- Fürsorge auf alle erstreckte.
senhafte Darstellung und Verewigung der Malenkij Robot, der
Dorfgesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, des Lebens der - Die Zustände in Deutschland und Ungarn der 50er Jahre,
vertriebenen Schwaben in Deutschland in der Zeit vor und nach riesige und wachsende Unterschiede hinsichtlich Entwicklungs-
dem Marshall-Plan. Die womöglich interessantesten Kapitel stand. Die deutsche Anständigkeit den Vertriebenen gegenüber,
handeln von den 1950er Jahren in Elek. Elek war ein Dorf (eine die bürgerliche Mentalität in Deutschland, im Gegensatz zur
Stadt?), wo die verbliebenen Schwaben, die sich als Alteinge- Armut und Torheit in Ungarn, Zusammenarbeit mit dem aktuel-
sessene betrachteten, mit den geringgeschätzten, faulen Neu- len Regime ohne moralisches Hinterfragen
siedlern („telepesek”) zusammenleben mussten, die aus einem
24 SoNNTAGSBLATT
hielt. Der Veranstaltung sind die Vertreterinnen der österreichi-
- die charakteristischen Züge der ungarländischen schwäbi- schen und der schweizerischen Botschaft, Dorothea Geszler und
schen (deutschsprachigen) Bevölkerung, Erkenntnisse über Dora Hambuch-Huszti, die Repräsentanten der Landesselbst-
Lebensphilosophie und Verhältnis zur Arbeit verwaltung der Ungarndeutschen (LdU), Ibolya Englender-Hock
und Zoltán Schmidt, MdL Dr. Koloman Brenner, Manfred Mayrho-
- Sinn des Lebens: lieben und arbeiten (S. 142), Freud, Csíks- fer in Vertretung des Landesrates und des Weltdachverbandes
zentmihályi der Donauschwaben, Vertreter der ungarndeutschen Medien
(Neue Zeitung, Unser Bildschirm) sowie Repräsentaten des VDH
- die Detailliebe bei der Beschreibung des Alltags (Haushalts- Budapest, JBG-Vereinsmitglieder, Vorstand und Interessenten
tätigkeiten im Dorf, Kinderarbeit, Tierhalten, Kochen, Körper- beigewohnt.
reinigung, Krankheiten, gesundes-ungesundes Wasser und
dessen negative Folgen, Waschen, Seife, Schweineschlachten, Dr. Kramm wagte in seiner Ansprache einen persönlichen Rück-
Feldarbeiten, Aussaat, Einmachen, Fest- und Alltagsspeisen, blick, eine Bestandsaufnahme und einen Blick in die Zukunft.
Berufe, Geschäfte und ihr Warenangebot usw.) Der Vorsitzende räumte ein, dass die Ungarndeutschen zwar an-
gesehene Mitglieder der ungarischen Gesellschaft seien, aber
- das Beschreiben nicht allgemein bekannter (aber doch be- meistens als madjarisch-patroitische Staatsbürger, was unter
kannter), sehr wichtiger historischer Fakten, Wahrheiten (z. B. anderem darauf zurückzuführen sei, dass sie schon immer, aber
auf Seite 74, 76) besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, die assimilationsfreu-
digste Minderheit des Landes gewesen seien. „Die ungarndeut-
sche Kultur ist am Verschwinden, viele sind der Meinung, dass
- der Erste Weltkrieg aus Sicht einer Familie
alles bereits vorbei wäre”, unterstrich Kramm. Im Einzelnen wies
der Vereinsvorsitzende auf die Assimilierung in den traditionellen
- Trianon und dessen Folgen für das zum Grenzgebiet ge-
deutschen Dörfern und das Verschwinden der Mundarten, was
wordene Elek
zur Fragmentierung der Alltagskultur führe, hin. „Die zweisprachi-
gen Schilder ersetzen nicht die deutschen Menschen”, bemerkte
- Die Fürsorge der Auswanderer gegenüber den Daheimge- er kritisch. Genauso wenig ersetzten Singen und Tanzen die feh-
bliebenen lende Sprache, in einer Zeit, in der sich die ungarndeutsche Kul-
tur immer mehr zu einer „Bühnenkultur” entwickelt hätte. Auch im
- Informationen über die Malenkij Robot Schulwesen herrsche nach Worten von Dr. Kramm große Not: „In
- Charakterzüge der Familienmitglieder, Bräuche, Vorurteile den meisten so genannten Nationalitätenschulen wird Deutsch
und deren Konsequenzen als Fremdsprache, in vielen Fällen ungarisch unterrichtet. Selbst
die Deutschlehrerinnen in den Schulen sprechen miteinander
Noch zwei Anmerkungen: fast nur ungarisch.” Ein weiteres Problem wäre, dass die überall
präsenten deutschen Selbstverwaltungen fast nur Verwaltungs-
- Ich vermisse zwei Familienstammbäume, zwecks beseren aufgaben erfüllen würden, und dies fast nur einsprachig unga-
Überblicks, über die Familienmitglieder, die vor der Oma gelebt risch: „Die ungarische Politik schenkte uns mit einer großzügigen
haben, und über die Familie Kerekes Geste ein Minderheitengesetz, und es entstanden die Minderhei-
tenselbstverwaltungen. Zunächst schien das etwas Fortschrittli-
- Auf Seite 102 datiert man die Besetzung Ungarns auf den ches in der Nationalitätenpolitik zu sein. In der Wirklichkeit stellte
18. März 1944. Das war einen Tag später, am Sonntag, dem 19. sich heraus, dass dieser gesetzliche Rahmen überhaupt keine
März 1944. antiassimilatorische Wirkungskraft aufweisen kann. Man verwal-
tet in diesem Rahmen den assimilierten Zustand und die Prozes-
se der Assimilierung selbst, was notwendigerweise eine weitere

s
Beschleunigung der Assimilation bedeutet.” Dabei stellte sich Dr.
JBG-Nachrichten Georg Kramm die Frage, was man unter diesen Umständen noch
tun könnte, und betonte die Notwendigkeit der Entstehung einer
deutschen Intelligenz, in eigenen deutschen Schulen ausgebil-
det, die sich für die Belange der Nationalitäten einsetzen sollte.
„Schwob, vergiss dei‘ Red‘ net!” Auch Verbesserungen im Nationalitätengesetz mahnte der Vor-
JBG und Sonntagsblatt feiern 25-jähriges Jubiläum sitzende an, wobei es letztendlich darauf ankomme, dass man
den eigenen Werten treu bleibe und nicht den breiten Weg der
Von Richard Guth Assimilierung beschreite. „Möge die Jakob Bleyer Gemeinschaft,
unser Verein, eine Sammelstelle, ein Hinterland von denen sein,
die sich vor allem durch den Spracherhalt für die Identitätsbe-
wahrung der Ungarndeutschen einsetzen wollen”, resümmierte
der Vorsitzende.
(Fortsetzung auf Seite 26)

„Das Weihnachtsfest und mit


ihm das Fest der Heiligen
Familie stehen uns besonders
nahe, weil in ihnen uns das
Geheimnis der Menschwerdung
Foto: Richard Guth begegnet.”
Mit diesem Zitat von Ingomar Senz beendete Dr.-Ing. Georg
Kramm, der Vorsitzende der Jakob Bleyer Gemeinschaft, seine -Johannes Paul II.
Festansprache, die er am 22. September 2018 anlässlich der
Jubiläumsfeier vom Verein und Blatt im Budapester Stadtarchiv
SoNNTAGSBLATT 25
Patrik Schwarcz-Kiefer: Die Zukunft
der Jakob Bleyer Gemeinschaft

Vereinsvorsitzender Dr. Georg Kramm hält seine Rede


(Foto: Richard Guth)

Im Anschluss an die Festrede blickte Prof. Dr. Nelu Brade-


Vorstandsmitglied Patrik Schwarcz-Kiefer über die Zukunft der
an-Ebinger auf die Vergangenheit des Vereins zurück, zumal
JBG (Foto: Richard Guth)
der aus dem Banat stammende Germanist zu einen der Grün-
dungsmitglieder gehört. Neben der Schilderung der schwierigen
Wir haben letztes Jahr ein neues Motto für den Verein gewählt.
Entstehungsumstände des neuen Vereins ging er auch auf des-
Es lautet so: „Für das Ungarndeutschtum des 21. Jahrhunderts“.
sen Zielsetzungen und seine persönlichen Eindrücke ein. Als
Dieser Satz ist eindeutig: Unser Verein will und wird im Rahmen
Vertreter der jungen Generation sprach Vorstandsmitglied und
seiner Tätigkeit Antworten auf die Herausforderungen unseres
Sonntagsblatt-Redakteur Patrik Schwarcz-Kiefer über die Zu-
Jahrhunderts finden. Aber, ohne Inhalt folgen dieser Aussage nur
kunftsaufgaben des Vereins als Mammutaufgaben, die wir mit
gemeinsamem Engagement bewältigen könnten, für ein „Un- leere Worte. Dies wissen wir ganz genau, deshalb haben wir letz-
garndeutschtum des 21. Jahrhunderts”. (Die Rede können Sie tes Jahr als aktivste deutsche Organisation des Landes für das
nachfolgend lesen.) Das junge Vorstandsmitglied begrüßte den Minority SafePack Unterschriften gesammelt – insgesamt mehr
Erfolg der Minority SafePack-Initiative, die einer weiteren Intensi- als 400. Das ist nur ein kleiner Teil aller gesammelten Unter-
vierung der Kontakte zu den Deutschen im Karpatenbecken bei- schriften, aber wir haben geholfen um unser Ziel zu erreichen:
tragen könnte. Schwarcz-Kiefer betonte, dass man im Rahmen das Schaffen der Möglichkeit für die Verankerung der Minder-
konstruktiven Dialogs immer mehr Menschen dafür gewinnen heitenrechte auf der Ebene der Europäischen Union. Wir sind
sollte, die deutsche Sprache im Alltag zu verwenden und an die gespannt, wie die Geschichte der Minority SafePack-Initiative
nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Eine Schlüsselrol- weitergeht.
le käme auch bei Schwarcz-Kiefer der Intelligenz zu, bei ihm bür-
gerlich geprägt. Im Weiteren hob der Sonntagsblatt-Redakteur Es gibt deutsche Minderheiten auch in vielen-vielen weiteren
die Rolle der Medien hervor, hier hätte sich das Sonntagsblatt Ländern, nicht nur in Ungarn. Mit den Elsässern in Frankreich,
unter anderem dank den Aktivitäten in den sozialen Medien in mit den Belgiendeutschen und mit den Südtirolern – mit den
den letzten Jahren stets weiterentwickelt. Manfred Mayrhofer, in deutschsprachigen Minderheiten – haben wir viele Gemeinsam-
Vertretung des Landesrates Ungarndeutscher Chöre, Kapellen keiten, aber auch viele Unterschiede. Aber, es gibt auch solche
und Tanzgruppen und des Weltdachverbandes der Donauschwa- deutschen Volksgruppen, mit denen wir – vor allem wegen unse-
ben, begrüßte die Anwesenden und wünschte weitere erfolgrei- rer gemeinsamen Geschichte im Karpatenbecken – viel mehr an
che Jahre für JBG und SB. Er weiß, wovon er sprach: Mayrhofer Gemeinsamkeiten haben. Das erschreckende 20. Jahrhundert
war vor einigen Jahren selbst Mitarbeiter von JBG und Sonntags- hat unsere früheren Landsleute – so wie auch uns – nicht ge-
blatt, bevor er Chefredakteur des Landesratforums wurde. schont: Im letzten Jahrhundert ist die Anzahl der Deutschen im
Karpatenbecken deutlich gesunken: um 80 %. Vielleicht gerade
Im Rahmen des Festaktes wurden zwei Preise überreicht: Den wir Ungarndeutsche hatten das „beste“ Schicksal, wenn man das
Jakob-Bleyer-Preis erhielt der Gründer und Ehrenvorsitzende des so sagen kann, denn die Zahl der Deutschen in Ungarn ist die
Vereins, Georg Krix, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag höchste in unserer Region. Das macht unsere Verantwortung
feiert. Der Géza-Hambuch-Preis ging an die Valeria-Koch-Preis- auch größer: Wir dürfen nicht nur binnen ungarischer Grenzen
trägerin und Vorsitzende des GJU-Freundeskreises Budapest, denken, sondern, wir müssen uns auch um die in Siebenbürgen,
Loretta Wagner, die unter anderem durch die Svung-Initative von im Banat, in der Batschka oder in der Zips verbliebenen Deut-
ungarndeutschen Jugendlichen bekannt wurde. Für gute Laune schen kümmern. Deswegen möchten wir in der Zukunft unser
sorgten die UBZ-Absolventin und Studentin Sara Schauer aus Netzwerk im Karpatenbecken weiterentwickeln. Es ist nicht zu
Nadwar, die eine Mundartgeschichte vorgetragen hat, und die vergessen: Der Namensgeber unseres Vereins, Jakob Bleyer,
Kapelle Klani Hupf, mit der das Sonntagsblatt vor einigen Mona- hat als Südbatschkaer für das Wohl des Deutschtums von Klein-
ten ein Interview geführt hat (In kleinen Schritten zum Erfolg, SB ungarn gearbeitet.
02-2018). Die Veranstaltung wurde von der Andrássy-Masterstu-
dentin Viktoria Göbl moderiert. Ich würde gerne auch einige Worte zur Lage des Ungarn-
deutschtums sagen. Obwohl man überall von „fließenden“ Mil-
lionen an Minderheitenförderung, von neuen Schulen usw. hört,
ist die Situation leider nicht so vielversprechend. Es reicht, wenn
„DER ZIELLOSE ERLEIDET SEIN man an einem Schwabenball teilnimmt und aufmerksam zuhört:
SCHICKSAL - DER ZIELBEWUSSTE Man hört kaum deutsches Wort. Stellen wir uns einfach mal vor,
GESTALTET ES.” dass wir in Südtirol oder in Siebenbürgen an einer Veranstaltung
teilnehmen. Da wäre es unvorstellbar, dass die Südtiroler oder
Szekler – anstatt auf Deutsch beziehungsweise Ungarisch – auf
- IMMANUEL KANT Italienisch oder Rumänisch sprechen. Natürlich ist das Verglei-
chen einer Streuminderheit mit den im Block lebenden Minder-
heiten nicht der beste Vergleich, aber das Beispiel zeigt dennoch
26 SoNNTAGSBLATT
gut, wie traurig die Situation der deutschen Sprache unter den nicht die Studienleistungen, sondern vielmehr das zivile Enga-
Ungarndeutschen ist. Und wie der große ungarische Dichter, Fe- gement im Mittelpunkt. Andererseits möchten wir den Namen
renc Kazinczy, es gesagt hat: „In ihrer Sprache lebt die Nation“ der ungarndeutschen Persönlichkeit, Géza Hambuch, am Le-
– meiner Meinung nach gilt diese Aussage auch für eine Volks- ben erhalten und sein Lebenswerk den heutigen Generationen
gruppe. bekannt machen. Als ich im Land unterwegs war, hatte ich von
den Älteren immer gehört, wie bekannt und beliebt er war. Und,
Die deutsche Sprache sollte im Mittelpunkt der ungarndeutschen als ich mich mit Jugendlichen unterhielt, musste ich traurig er-
Identität stehen. Wir müssen die Ungarndeutschen davon über- fahren, dass fast niemand aus meiner Generation diesen Na-
men kennt. Dies müsste geändert werden und – meiner Mei-
zeugen, dass es sich lohnt, sich mit den – bereits geborenen
nung nach – ist dieser Preis eine sehr gute Gelegenheit dafür.
und noch nicht geborenen – Kindern auch daheim deutsch zu
reden. Natürlich können wir, als eine Zivilorganisation, die Situa- Nun, ich habe viele und vielseitige Ziele genannt. Alle haben
tion über Nacht nicht ändern, aber – so wie bisher – werden wir aber eine Gemeinsamkeit: Wir wollen sie alle mit den Mitteln des
uns für die Erhaltung und Verbreitung der deutschen Sprache mit 21. Jahrhunderts erreichen. Kurz gesagt: Die JBG geht auf dem
vollem Herzen einsetzen. Bleyer‘schen Weg – nach den Werten unseren Namensgebers –
weiter, aber in einer modernen Form. Dies wird zugleich der rote
Es ist wichtig, dass man nicht nur Kritik übt, sondern auch Vor- Faden in den kommenden Jahren der JBG – getreu dem Motto:
schläge auf den Tisch legt. Deswegen wollen wir in der Zukunft „Für das Ungarndeutschtum des 21. Jahrhunderts!“
daran arbeiten, dass die Jakob Bleyer Gemeinschaft die Zahl
ihrer Mitglieder erhöht, um dadurch – nach dem Motto „mehr
Menschen haben mehr Gedanken“ – viele und gute Vorschläge
ausarbeiten zu können. Der konstruktive Dialog soll in unserer
Mitte praktiziert werden, und Motor dieser Entwicklung soll die
ungarndeutsche Intelligenz werden, die auf eine lange Geschich-
te zurückblickt. Sonntagsblatt-Lesertreffen in
Jakob Bleyer und Edmund Steinacker, um nur zwei große Per- Fünfkirchen und Budapest
sönlichkeiten unserer Intelligenz hervorzuheben, die aus einer
ganz anderen Perspektive das Ungarndeutschtum betrachtet
haben. Bleyer sah eine auf dem Bauerntum basierende ungarn-
deutsche Zukunft, währenddessen Steinacker das ungarndeut-
sche Bürgertum stärken wollte. Sie beide hatten Recht! Ohne
die ländliche Bevölkerung werden die akademischen Gespräche
in den Kaffeehäusern nur Zeitverschwendung und ohne das
Bürgertum werden die richtigen Lösungen auf die Herausforde-
rungen der Zeit nicht gefunden. Die JBG will also den Begriff
„ungarndeutsches Bürgertum“ wieder mit Leben füllen, was die
Basis einer gemeinsam denkenden ungarndeutschen Intelligenz
sein könnte.

Bisher habe ich kein Wort über unsere Zeitung, das Sonntags-
blatt, verloren, obwohl es eigentlich die Hauptrolle in der Tätigkeit
des Vereins spielt. Wer die Zeitschrift verfolgt, konnte schon er- Lesertreffen in Fünfkirchen (eigenes Foto)
kennen, dass das Design des Sonntagsblattes deutlich verändert
und an die Erwartungen des 21. Jahrhunderts angepasst wurde. Die Jakob Bleyer Gemeinschaft startete vor kurzem eine landes-
Was ich aber für viel wichtiger halte, ist, dass auch der Inhalt weite Programmreihe, in deren Rahmen sich die Redakteure des
der Zeitung weiterentwickelt wurde: Es wurden neue Themen, Sonntagsblattes in verschiedenen, von Ungarndeutschen be-
neue Perspektiven und neue Rubriken eingeführt. Wir versuchen wohnten Ortschaften mit den Lesern der Zeitung treffen. Das Ziel
immer mehr mit eigenen Materialen zu arbeiten, um den Inhalt dieser Veranstaltungsreihe ist, dass man die Mitarbeiter der Zeit-
exklusiver zu gestalten. Hierbei gibt‘s noch sehr viel zu tun, aber schrift kennen lernt und daneben Gespräche über für die Zukunft
wir werden auch in der Zukunft daran arbeiten. des Ungarndeutschtums wichtige Themen führt.

Eine andere großartige Neuigkeit war, dass wir ein Nachrichten- Das aktuelle Thema ist die Verwendung beziehungsweise
portal errichtet haben, die Seite www.sonntagsblatt.hu. Sie wird Nicht-Verwendung deutscher Vornamen. Wir möchten erfahren,
zweitäglich aktualisiert und bietet den Lesern dadurch aktuelle was unsere Leser über die heutige Praxis der Namensgebung
Nachrichten aus der Welt der deutschen Minderheiten. Ich kann unter den Ungarndeutschen denken, wie sie zum Beispiel dazu
stolz sagen, dass diese Seite – verbunden mit der Facebook-Sei- stehen, dass neugeborene Schwaben urmadjarische Namen
te – bereits jetzt viele Erfolge gebracht hat: Einige unserer Artikel wie Botond oder Csenge bekommen, während dessen deutsche
haben Tausende erreicht. Ich verspreche es Ihnen sehr gerne, Vornamen christlichen Ursprungs wie Johann oder Stefan selten
dass wir auf diesem Weg auch weitergehen werden. gegeben werden.

In der Zukunft möchten wir die zwei von uns gegründeten Preise Das allererste Lesertreffen, in Fünfkirchen, war recht interessant,
weiterführen. Wir haben unsere Ziele mit diesen Auszeichnun- so wie auch das zweite Treffen, das in Budapest stattgefunden
gen bereits mehrmals betont, dennoch möchte ich sie nochmal hat. Die dritte Veranstaltung fand nach unserem Redaktions-
wiederholen. Beim Jakob-Bleyer-Preis ist es eindeutig: Unser schluss Ende November in Wudersch statt. Wir bedanken uns
Verein will damit solche Personen ehren, die in ihrem Leben recht herzlich beim Lenau-Haus, das uns den Saal kostenlos zur
vorbildlich für das Ungarndeutschtum gearbeitet haben bezie- Verfügung gestellt hat, und beim Ministerium für Humane Res-
hungsweise heute noch arbeiten. Beim Géza-Hambuch-Preis sourcen, das die Veranstaltungsreihe fördert. Ein großer Dank
haben wir zwei wichtige Ziele. Einerseits möchten wir junge geht an die zivile Organisation „Társak a Teleki Térért“, die die
Erwachsene weiter motivieren, die im Minderheiten- und Ju- Benutzung des Saals für die Veranstaltung in Budapest ebenfalls
gendbereich schon jetzt beispielhaft aktiv sind. Dabei stehen kostenlos ermöglichte.
SoNNTAGSBLATT 27
s
Portal 888.hu von der Jobbik-Kandidatur von Koloman Brenner
Leserbriefe mit einem Hinweis auf die Germanisierung seines Vornamen
während seiner Gymnasialzeit und die vermeintlich ungeklär-
te Identität von Brenner. Aber auch die fabrizierte Figur des
Leserbrief von Franz Wesner (Unna) „dummen Schwaben” taucht in solchen Medien mal offen, mal
im Verborgenen auf, getragen von Kulturkämpfern, die in der
Madjarisch fühlend als Deutsche vertrieben Dezső-Szabó-Schule sozialisiert wurden. Regierungs(parteien)
Von Richard Guth nähe bedeutet aber gleichzeitig ein breites Spektrum an konkre-
SB 03/2018 ten politischen Vorstellungen und Geisteshaltungen - deswegen
war die Feststellung Róbert Puzsérs ein Volltreffer, wonach das
Dass auch Rumänien seine deutsche Minderheit nach dem Mot-
System der Nationalen Zusammenarbeit von Slomó Köves bis
to „Schonen wir das eigene Blut” den Sowjets zum Fraß hinge-
Zsolt Bayer reiche. Aber dass unterschwellige Deutschfeindlich-
worfen hat, ist unstrittig.
keit keine Parteigrenzen kennt, zeigt das Beispiel des ehema-
Dafür hat aber Rumänien sich entschuldigt (Iliescu). Demgegen- ligen sozialistischen Politikers und regierungskritischen Journa-
über gedenkt Ungarn uns auch weiterhin mit dem primitiven Lü- listen Sándor Csintalan, der auch mal von „verrückten” (lökött)
genmärchen „malenkij robot” (suggeriert russische Schuld) ab- Schwaben spricht. Wir dürfen also, im Sinne des Obengenann-
zuspeisen. ten, mit der Vermutung leben, dass die deutschfeindliche Rheto-
rik wieder salonfähig ist, welches Phänomen wir, volksdeutsche
Bei der Verschleppung hat sich Rumänien also genauso verhal- Jugendliche zuvor nie so eindeutig erlebten.
ten wie Ungarn, ist aber – im Gegensatz zu Ungarn – in Potsdam
nicht vorstellig geworden. Wo bleibt denn der angeblich offizielle Hüter der Auslandsdeut-
schen? Die Hitler-Schnurrbart Johannis‘ und die „Der Deutsche
ist schuld”-Plakaten resonierten in den Kreisen der Bundesre-
gierung ebenfalls. Zum Glück ist der siebenbürger-sächsische
Bernd Fabritius in der Position des Beauftragten für Minderhei-
ten und Aussiedlerfragen, die er nach der Abdankung Hartmut
Der deklarierte Weltbürger-Bundes- Koschyks beerbte. Naturgemäß, auch wegen persönlicher Be-
außenminister für die Auslandsdeut- troffenheit, schaltete sich der gebürtige Agnethelner nach der
deutschfeindlichen Verleumdungskampagne mit voller Kraft ein
schen und formulierte fast sofort eine Erklärung, wobei er den Rumä-
niendeutschen seine volle Unterstützung und Schutz zusicherte.
Von Freiherrn Egmont
Für Dr. Dr. Bernd Fabritius ist eine solche Stellungnahme selbst-
erklärend: Als Deutscher und jetzt als bundesdeutscher Amts-
Die jüngsten Ereignisse in Rumänien stießen nicht nur einen
träger mit geeigneten Befugnissen nimmt er seine Aufgabe
Stein, sondern einen ganzen Berg ins Wasser: Die Lage der ru-
ernst (wie Koschyk vor ihm). Weil er als Auslandsdeutscher in
mänischen Demokratie in der internationalen Öffentlichkeit wird
Rumänien, also im Ausland, aufwuchs, hat er offensichtlich ein
fast so heiß diskutiert wie der Sargentini-Bericht, mit der Beson-
anderes Deutsch- und Selbstbild als andere Berliner Spitzen-
derheit, dass auch die weit und breit gut bekannte Deutschfeind-
politiker. Aber neulich zog die bundesdeutsche oberste Führung
lichkeit seitens der rumänischen Rotkappisten hervorgebracht die Konsequenz, wahrscheinlich dank der Lobbyarbeit Fabritius’:
wurde. Nun trat ein edler Schutzherr von der Bundesregierung Der neue deutsche Außenminister, Heiko Maas, machte einen
hervor, um vor die Sachsen und Schwaben ein Schutzschild des Besuch beim Demokratischen Forum der Deutschen in Rumä-
Mutterlandes zu stellen. Der Moment, wenn der internationalis- nien und äußerte, dass Angriffe gegen die deutsche Minderheit
tische Spitzenpolitiker dazu gezwungen wird, die „geduldeten inakzeptabel seien. „Rumänien braucht Deutschland und die
Auslandsdeutschen” in Schutz zu nehmen. deutsche Minderheit als Partner.”

Dem Fall ’Iohannis’ widmete sich die Redaktion des Sonntags- Leicht können wir uns vorstellen, was für ein großer Druck auf
blattes mehrfach in den vergangenen Wochen. Die Versuchung Maas lastete, als er diese Zeilen zu Papier brachte: Heiko Maas
machte sich an uns, Ungarndeutsche, heran, dass wir nach der stammt aus einem anderen Millieu, er ist der Archetyp des tech-
deutschfeindlichen Hexenjagd gegen den Hermannstädter Se- nokratischen bundesdeutschen Politikers, der zuvor keine Ver-
ligman (nach dem Charakter Woody Allens, der, wie ein transyl- bindung zum Thema „Auslandsdeutschtum” hatte. Die von ihm
vanischer Chamäleon, immer seine Identität in der Hoffnung der vertretene politische Elite bibbert sofort, wenn sie das Wort „Aus-
Anerkanntheit bei den anderen wechselt) eine gewisse Schaden- landsdeutschtum” hört: Dazu kommt sein politisches Lager, die
freude zu verspüren: Der verehrte und populäre Hermannstädter SPD, wo solche Gedanken überhaupt nicht so angesagt zu sein
Lokalpolitiker, ein Minderheitenangehöriger vom Sachsenvolke, scheinen. Er ist ein spätes Kind von ’68, genau wie der flämische
hatte mit seiner Herkunft die historische Chance, die Rolle des Guy Verhofstadt: Sie schimpfen über „den Nationalismus” (sie
Brückenbauers zwischen den Rumänen und anderen Nationali- meinen damit Patriotismus, Vaterlandsliebe) im Sängerchor vor
täten einzunehmen, aber letztendlich wurde er für uns, Madjaren der Weltpresse. Bei Maas ist die Situation noch komplexer, da
und Deutsche aus dem Karpatenraum, eine riesengroße Enttäu- er zwei paralelle Botschaften an zwei verschiedene Zielgruppen
schung. richten muss: Einerseits muss der Außenminister mit den „Eu-
rope United” und den antinationalistisch gesinnten Interessens-
Die antideutschen Angriffe nehmen nicht nur ihn, sondern auch gruppen (besonders nach Chemnitz) konvenieren, und gleich-
die ganze sächsische und schwäbische Gemeinschaft ins Vi- zeitig redet er über deutsche Volksgruppen, Auslandsdeutsche
sier. Noch ferner: Vor einigen Wochen vermeldete die kroati- in Rumänien. Nicht nur Heiko Mass, sondern mit ihm die ganze
sche Presse ähnliche Tendenzen. Der deutschstämmige Goran bundesdeutsche Elite steht vor der Entscheidung: Wollen sie als
Beus Richemberg, Historiker, Mitglied des Sabors, erhielt von „Mutter Germania” (nach Stephan L. Roth) im Interesse der deut-
kroatischen Facebook-Kommentatoren das virtuelle tschechi- schen Minderheiten auch in dieser heiklen Situation auftreten
sche ’N-Armband’, nur wegen seiner deutschen Abstammung. und endlich eine solche beispielhafte Politik zugunsten der Aus-
Das unterschwellig Deutschfeindliche ist auch hier in Ungarn landsdeutschen betreiben (auch wenn es diplomatisch riskant
nicht unbekannt, vor allem, wenn man meint, davon politisches sein kann) wie die österreichische Regierung oder bleiben diese
Kapital schlagen zu können. So berichtete das regierungsnahe Äußerungen nur leere Worte?!
28 SoNNTAGSBLATT
Angekommen Unser Sprachverlust habe sich also so – ganz ohne äußeren
Ungarndeutscher Parlamentarier bei nationalkonservativer Einfluss - herausgebildet! Will sagen, hat sich eben so entwi-
Jobbik-Partei ckelt, ganz natürlich oder auch zufällig, in ihrem sozialen Umfeld
(wo sonst?). Wie es auch in der Natur ein biologisch natürliches
von Johann Till Werden und Vergehen, ein Wachsen und Welken, ohne Gewalt
gibt, so ist es auch uns Ungarndeutschen ergangen. Oder hat
Der ungarndeutsche Universitätsdozent (Germanist) in Buda- der sonst sprachlich so akkurate Germanist Brenner die Frage
pest, Koloman Brenner, scheint im Zuge der jüngsten Parla- nach dem Sprachverlust der Ungarndeutschen nur lästig befun-
mentswahlen im Frühjahr 2018 endlich seine politische Heimat den und entsprechend dem Geist seiner neuen politischen Hei-
gefunden zu haben, wie er mit spürbarer Freude in einem Inter- mat pflichtschuldig geantwortet? Den Niedergang des Deutsch-
view des Internetforums „Mein Mitteleuropa“ kundtut. In der Par- tums in Ungarn will Brenner uns als Naturereignis weismachen.
tei der nationalkonservativen Partei Jobbik fühle er sich politisch Ich empfand die Antwort von einer so namhaften Persönlichkeit
angekommen, bekennt Brenner, der seit langem bzw. lange Zeit unserer ungarndeutschen Gemeinschaft deplatziert. Und mehr
in der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen und in di- noch.
versen europäischen Sprach- und Minderheitenorganisationen
Führungspositionen inne hat bzw. hatte. Die Überraschung bei So verleugnerisch beschreibt ein Jobbik-Abgeordneter die fast
den Ungarndeutschen, insbesondere in seiner engeren Hei- vollkommene Einschmelzung unserer (seiner!) Volksgruppe, in
matregion Westungarns, an der Grenze zum österreichischen der bereits in vierter Generation kein Kind mehr in der Sprache
Burgenland, und in der Stadt Sopron/Ödenburg war groß, als seiner Vorfahren heranwächst, weil die politische Führung der
bekannt wurde, dass Koloman Brenner bei den jüngsten Par- Mehrheitsnation des Landes dies so wollte und durch fortdauern-
lamentswahlen auf der Liste der am rechten Parteienspektrum de ethnische Restriktionen auch erreichte. Das aber kann und
stehenden Jobbik kandidiert. Man hat sie noch als eine Partei wird ein Abgeordneter einer durch und durch magyarisch-na-
in Erinnerung, die in der Vergangenheit besonders durch ihr tional geprägten Partei, wie es Jobbik wohl ist, niemals sagen.
martialisches Gehabe, ihre großmannsüchtig „Ungarische Gar- Auch wenn er weiß, dass dies die schlichte (und bittere) Wahr-
de“ benannte und paramilitärisch uniformierte Aufmarschtruppe heit in dieser Causa ist. Und Koloman Brenner weiß das sehr
und durch ihr chauvinistisches Vokabular auf sich aufmerksam genau. Als Abgeordneter von Jobbik kann und will er es aber
machte. Das ehemals antisemitische, fremdenfeindliche und im- nicht öffentlich sagen.
mer noch nationalistische Vokabular dieser Partei wirkte auch
bei manchen Ungarndeutschen befremdend. Die von der Job- Wie frei ist der Abgeordnete Koloman Brenner dann noch, seit
bik-Partei wie ein historisches Mantra bei ihren Veranstaltungen er im Frühjahr des Jahres Listenkandidat dieser nationalkonser-
vorangetragene Großungarn-Karte mit ihren 64 Komitaten, de- vativen Partei und ihr Abgeordneter wurde? Ist die Verdrängung
ren Rückeroberung in diesen Kreisen implizit stets gemeint war, der klaren Sprache - und damit letztlich der Wahrheit – vom Job-
erinnerte an die Zeit von vorvorgestern. Obwohl der krude natio- bik-Abgeordneten Brenner der Preis, den er in diesem Interview
nalistische Jargon der Jobbik-Mannen inzwischen salonfähiger bereits beginnt, für seine politische Karriere in seiner neuen Par-
wurde, darf bezweifelt werden, ob auch die dahinter stehende teiheimat zu bezahlen? Und glaubt er wirklich, dass er mit dieser
Gesinnung diesen Wandel vollzogen hat. In diese Gemeinschaft Partei Orbáns autoritäre Alleinherrschaft rechts überholen und
wurde der eloquente Germanistikdozent aufgenommen und er brechen kann, wie er betonte? Ich fürchte, er wird daran schei-
wird es dort als geistiger Überflieger wohl weit nach oben schaf- tern und Schaden nehmen. Kaum ist er bei Jobbik angekommen,
fen. So versäumt Brenner auch nicht im Interview darauf hinzu- hat seine Glaubwürdigkeit bereits erste Kratzer.
weisen, dass er es als Intellektueller für seine Pflicht erachtet,
der „Diktatur“ des Einparteiensystems von Orbáns Fidesz-Partei
entgegenzutreten. Klare Worte! Wir werden aufmerksam ver-
folgen, wie weit Koloman Brenner seinen Worten Taten folgen
lassen wird (bzw. kann).
Der Leserbrief von Dr. Johann Till ist kurz nach dem Erschei-
Seine zur Sprachsituation der Ungarndeutschen verlautbarte
nen unserer Septemberausgabe bei uns eingetroffen. In der Zwi-
Antwort im Interview lässt Zweifel aufkommen. Zur Erklärung schenzeit hat Dr. Koloman Brenner auf die Kritik von Herrn Till
des Sprachverlusts der Deutschen in Ungarn behauptet er - wohl reagiert, was wir hiermit auch veröffentlichen:
im Sinne von Jobbik oder jedenfalls der Partei von vor einigen
Jahren - sybillinisch beschönigend: „Die Sprachverwendung
der Ungarndeutschen hat sich im historisch-sozialen Umfeld in Ein Satz und viel Verleumdung
Ungarn fortlaufend beständig herausgebildet“. Alles gesagt. Das
war´s! Angesichts der sprachlichen Brisanz bei uns Ungarndeut- Von Dr. Koloman Brenner, Parlamentsabgeordneter
schen ist die Antwort des prominenten ungarndeutschen Univer-
sitätsdozenten mehr als enttäuschend. Sie ist beschämend. Hier Obwohl meine Entscheidung, als Kandidat der rechtskonserva-
spricht bereits der frisch gewählte Jobbik-Politiker Brenner routi- tiven Jobbik-Partei anzutreten und in der Fraktion derselben als
niert und ungeniert leeres „Politikersprech“. Er spricht, sagt aber gewählter Abgeordneter zu wirken zweifelsohne hinterfragt und
nichts. Genauer, er unterschlägt geschickt die unschöne Wahr- diskutiert werden kann (gern auch mit mir persönlich), finde ich
heit. Er betreibt damit Geschichtsklitterung, ja er betreibt Volks- die Auslassungen von Herrn Till, die im Wesentlichen auf einen
verdummung. Das ist eine typische „nesze semmi, fogd meg jól“- einzigen, aus dem Kontext gerissenen Satz in einem Interview
Antwort. Ein Ausweichen, ein Ablenken, ein Relativieren durch von mir beruhen, mehr als bedenklich. Als Wissenschaftler und
Brenner von den uns Ungarndeutsche vital treffenden dunklen Politiker möchte ich gern in einer anderen Weise meine Sicht-
Machenschaften der ungarischen Nationalitätenpolitik. Warum? weise darstellen: Erstens sollte also die Quelle gedeutet werden.
Ist es Feigheit? Nicht beim Selbstbewusstsein und der Eloquenz In einem sehr langen, in ungarischer Sprache mit dem Webportal
von Koloman Brenner! Opportunismus? Mag sein. An Ehrgeiz „azonnali.hu“ geführten Interview hatte ich den zitierten Satz ge-
fehlt es nicht und es gibt ja noch höhere Ämter als Abgeordne- sagt, der dann ins Deutsche (und nicht von mir) übersetzt wur-
te in der Politik. Mit dieser, über das weltumspannende Medium de - dieses Interview über meine Motivationen und Pläne in der
Internet verbreiteten nichtssagenden (über den Autor jedoch viel Politik ist dann auf www.unser-mitteleuropa.com (und nicht wie
verratenden) Antwort tun sich fundamentale Fragen auf. (Fortsetzung auf Seite 30)
SoNNTAGSBLATT 29
bei Till falsch zitiert „Mein Mitteleuropa“) erschienen. Hier also ben und das nicht vorgestern. Und was meine Wenigkeit betrifft,
der Satz, worauf kräftige und bewertende Aussagen über meine darf ich den Lesern des Sonntagsblattes versichern: Ich bleibe
politische und private Person basieren: ein treuer Diener der Ungarndeutschen, der aber eine neue und
vielleicht wirksamere politische Tätigkeit sowohl in Ungarn als
„Der Sprachgebrauch der Ungarndeutschen (...) hat sich im his- auch als Mitglied der parlamentarischen Versammlung des Euro-
torisch-sozialen Umfeld in Ungarn fortlaufend beständig heraus- parats auf der europäische Ebene für die Sache der nationalen
gebildet“. Im Original: „A magyarországi németek nyelvhasznála- Minderheiten und autochthonen Volksgruppen ausüben kann.
ta komoly tudományos téma, hosszú történelmi-szociális helyzet
révén alakult ki.“

s
Wer in diesem Satz ein „Politikersprech“ erkennt und mich dann
noch verleumdet, dass ich sicher „gezwungen bin“ wegen meiner Einladung
Partei die historischen Tatsachen zu verdrehen oder anders zu
deuten wie in meinen bisherigen zurzeit 76 wissenschaftlichen
Abhandlungen und in 22 Jahren als Politiker der Deutschen in
Ungarn, dem ist nicht mehr zu helfen. Besonders möchte ich auf
mein neuestes Buch Deutsche Minderheiten und Institutionen Hiermit lädt der Vorstand der Jakob Bleyer
hinweisen, worin sehr detailliert meine wissenschaftlich fundierte Gemeinschaft alle Mitglieder und Interessenten
Bewertung der minderheitenpolitischen und sprachlichen Lage zur Jahreshauptversammlung des Vereins ein.
der Ungarndeutschen nachzulesen ist. Aber es kommt noch di- Im Rahmen der Jahreshauptversammlung wird
cker, wenn ich den ganzen Absatz zitiere, dann wird es nämlich ein Bericht über das Jahr 2018 gegeben, sowie
noch eindeutiger, worum es wohl Herrn Till geht: die finanzielle Lage und die Tätigkeit der JBG im
vergangenen Jahr vorgestellt. Im Weiteren wird
„Ich gehöre zu denen, die mit sechs Jahren ungarisch gelernt es über die künftigen Pläne auch berichtet.
haben. Vorwiegend spreche ich deutsch, auch mit meinen un-
garndeutschen Kollegen bei Jobbik. Die Sprachverwendung der Wir freuen uns auf Ihre/Eure Teilnahme!
Ungarndeutschen ist ein bedeutungsvolles wissenschaftliches
Thema, die sich im historisch-sozialen Umfeld fortlaufend-be-
Ort:
ständig herausgebildet hat. Bis 1949 war das Ungarndeutschtum
Heimatmuseum Wudersch
de jure, anschließend auch de facto entrechtet. Die Weitertra-
2040 Budaörs, Budapesti út 47.
dierung der klassischen Sprachvermittlung wurde unterbrochen
Termin:
– die deutsche Sprache und Kultur versuchen wir nun zu revita-
2. Februar 2019, 10 Uhr
lisieren.“

Nach diesem Zitat wird es wohl klar, wie haltlos und vermessen
die Bewertungen und Deutungen meiner politischen Tätigkeit
dargestellt wurden, und zwar nachweislich böswillig und absicht- Fakt der Nummer s
lich falsch zitiert. Und ja, Herr Till, in der Küche der Jobbik-Frak-
tion wird Deutsch gesprochen, mehr als in manchen ungarndeut-
schen Institutionen... Und jeder darf raten, ob meine Wenigkeit
oder der gewählte deutsche Abgeordnete im ungarischen Parla-
ment vor paar Wochen seine Rede ausschließlich in deutscher
Sprache vorgetragen hat. Soviel vielleicht darüber, was die
Volkspartei Jobbik zulässt oder nicht. Dass Sie noch dazu mit
Uraltgespenstern wie mit der „Ungarischen Garde“ daherkom-
men und den seit 2013 vollzogenen Wandel der Jobbik zu einer
konservativen Volkspartei (siehe dazu z.B. den Artikel in der ös-
terreichischen Tageszeitung „Die Presse“ mit dem Titel „Jobbik
- die neue Volkspartei?“) bezweifeln, zeigt lediglich, wie weit Sie
von der Öffentlichkeit in Ungarn leben. Hierzulande könnte Ihnen
nämlich jeder Mensch bestätigen, dass die Orbán-Partei Fidesz
und Jobbik auf der politischen Palette die Plätze getauscht ha-

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für das vom 07.08.2018 bis 18.11.2018

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Hesz, Franz Wudersch/ Budaörs 2.000,- Ft
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Kolorics-Csengő,
Baje/Baja 1.500,- Ft Jakob Bleyer Gemeinschaft einverstanden und beantrage
Rózsa
somit meine Aufnahme in die Mitgliedschaft des Landesve-
Köhler-Koch, Ilona Bonnhard/ Bonyhád 2.000,- Ft reins.
Koch, Heinrich Dr. Bonnhard/Bonyhád 5.000,- Ft
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Sonntagsblatt frei zugeschickt wird, zu dessen inhaltlicher
Pócsik, Viktor Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft
Gestaltung und Verbreitung ich meine Mithilfe zusage.
Reichardt, Franz Ofenpest/Budapest 3.000,- Ft
Seereiner, Tibor Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft Datum:......................................................................................
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SoNNTAGSBLATT 31
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SONNTAGSBLATT-Lesertreffen
Zeit: 27. September 2018 (Donnerstag), 17 Uhr
Ort: Lenau-Haus, Fünfkirchen/Pécs, Szabadság út 24/2

Vor 100 Jahren (1918-2018):


Die JBG
Zerfall wünscht: - Dreiteilung der Donauschwaben
der Donaumonarchie
Gesegnete Weihnachten und ein
Zeit: 13. Oktober 2018 (Samstag), 10 Uhr
Ort: Haus der Rentner (Nyugdíjas Ház), Wudersch/Budaörs, Szabadság út 24/2.

glückliches neues Jahr!


SONNTAGSBLATT-Lesertreffen
Zeit: 9. November 2018 (Freitag), 17 Uhr
Ort: Otthon Étterem, Budapest (VIII. Bezirk), Népszínház utca 46.

SONNTAGSBLATT-Lesertreffen
Zeit: 30. November 2018 (Donnerstag), 17 Uhr
Ort: Heimatmuseum, Wudersch/Budaörs, Budapesti út 47.
WENN Weitere
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JBG-Veranstaltungen finden Sie auf der Webseite www.jbg.hu
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