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MENSCHEN · EREIGNISSE · EPOCHEN

GESCHICHTE 12/2017

Zwischen
Stechschritt
und Toleranz

Die
Hohenzollern
Triumphe und Skandale der
Preußen-Dynastie
12

605704
4 190727

Sarah Bernhardt Der Christstollen


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des Mittelalters

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EDITORIAL

Preußisch Grau
»Seine Pflicht erkennen und tun, das ist die
Hauptsache«, lautet ein Diktum Friedrichs II., der
sich selbst als den ersten Diener seines Staates
bezeichnete. Friedrich verwirrt, wie vieles an
Preußen. Auf der einen Seite ist er ein musischer
Feingeist, Philosoph und politischer Visionär, der
die Folter abschafft. Auf der anderen Seite führt er
sofort nach seiner Thronbesteigung einen An-
griffskrieg gegen Habsburg. Schließlich mutiert er im Siebenjährigen Krieg zum »Alten Fritz«,
der um jeden Preis siegen will und dabei das Leben Tausender Soldaten opfert.

Neben den militärischen Erfolgen hatte Pragmatismus Preußen zu einer europäischen Groß-
macht wachsen lassen. Pragmatismus hieß immer auch Toleranz für Glaubensflüchtlinge. Der
Große Kurfürst Friedrich Wilhelm öffnete seine Landespforten für verfolgte Hugenotten, und
Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. gab 20 000 vertriebenen Protestanten aus dem Bistum
Salzburg eine neue Heimat. Und als der Papst 1773 den Jesuitenorden aufhob, war es Fried-
rich der Große, der den Ordensmännern Zuflucht bot, da er ihre Gelehrsamkeit bewunderte.

»Zum Repräsentanten taugt er, sonst kann er nichts«, hatte Georg Hinzpeter, der Erzieher
des späteren Kaisers Wilhelm II., geurteilt. Tatsächlich wurden die kaiserlichen Inszenierun-
gen pompös und die Reden vollmundig, doch der Politik seiner Majestät fehlte die Weitsicht.
Vielleicht hätte ein besonnener Herrscher die Katastrophe des Weltkriegs abwenden können.
Als Wilhelm II. 1918 abdanken musste, hatten die Tage der Hohenzollern ihr Ende gefunden.
BPK/STIFTUNG PREUSSISCHE SCHLÖSSER UND GÄRTEN BERLIN-BRANDENBURG/ROLAND HANDRICK, INTEROFOT/TONI SCHNEIDER

Ihr, Euer
BILDNACHWEIS: DANIEL GERST, INTERFOTO/TV YESTERDAY; TITEL: AKG/THE PRINT COLLECTOR/HERITAGE IMAGES,

Dr. Klaus Hillingmeier, Chefredakteur

Otto von Bismarck

Der »Eiserne Kanzler« avancierte zur


nationalen Ikone. Unter seiner Führung ging
Preußen in Deutschland auf Seite 48

REDAKTION G/GESCHICHTE ABO-SERVICE ABO-PREISE


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G GESCHICHTE 12 | 2017 3
INHALT
G/GESCHICHTE · Dezember 12/2017 TITEL

Zwischen
AKTUELLES Toleranz und
6 100 Jahre Finnland
Stechschritt
1917 erhält Finnland seine Un­ Die Hohenzollern prägten
abhängigkeit. Die junge Nation
muss für ihre Freiheit kämpfen
Deutschland wie kein anderes
12 Forum & Chronik
Königshaus. Mit Weitblick und
Fundort Moderne: Archäologen Härte machten sie Preußen
graben in Protestcamps zu einer Großmacht –
TITEL mit zwiespältigem Ruf

14 Die Hohenzollern
16 Mythos und Geschichte
Seit 1947 existiert Preußen nicht
mehr. Doch sein Nimbus bleibt
14
20 Zeittafel

1. KAPITEL ANFÄNGE
22 Von Franken nach Nürnberg
Karriereplanung für Fürsten
24 Glossar
26 Hohenzollern zum Anfassen
Die renovierte Cadolzburg
28 Wie Preußen zu den
Hohenzollern kam
Ein Franke wird per Zufall Hoch-
meister des Deutschen Ordens
2. KAPITEL AUFSTIEG
30 Auferstanden aus Ruinen
Wie der Große Kurfürst das vom
Krieg verwüstete Brandenburg
wieder flott machte
34 Ein Land im Gleichschritt
Friedrich Wilhelm I. führte nie
Krieg, ging aber doch als Solda-
tenkönig in die Geschichte ein
37 Preußische Tugenden
Aus der Not geboren
3. KAPITEL GROSSMACHT
38 Der große Hohenzoller
König Friedrich II.
42 »Ein echtes Multitalent«
Preußenkenner Klaus-Jürgen
Bremm über Friedrich II.

4 G GESCHICHTE 12 | 2017
SERIE

TIERE
SCHREIBEN
44 Eine preußische Legende
Napoleon droht, Preußen zu
vernichten. Die einzige Hoff-
66
GESCHICHTE

nung: Eine Frau, Königin Luise


48 Kaiser wider Willen
»TIERE SCHREIBEN
Bismarck und Wilhelm I.
GESCHICHTE«
50 Stammtafel
Der Schwan 4. KAPITEL MODERNE
52 Der Kaiser mit dem Riesenego
Wilhelm II. wird zum
Er ist der berühmteste
Symbol für alles Deutsche
der Hohenzollern: 55 Rätsel & Preise
Friedrich II., genannt
der Große, in der 56 Sexparty im Jagdschloss
Schlacht bei Zorndorf Ein Skandal mit Folgen
im Siebenjährigen 58 Victoria und ihr Gigolo
Krieg. Gemälde von
Die betrogene Kaiserschwester
Carl Röchling, 1904
60 Wilhelm II. und die Nazis
Der Kaiser im Exil hofft, dass
Hitler ihm den Thron zurückgibt
62 Hüter des preußischen Erbes

70 Der amtierende Hohenzollern-


Chef Prinz Georg Friedrich
GESCHICHTE IM ALLTAG
PANORAMA
BILDNACHWEIS: AKG, BRIDGEMAN/MUSEI CAPITOLINI/GHIGO ROLI, BRIDGEMAN/TALLANDIER, ISTOCKPHOTO.COM/BAROL16, ISTOCKPHOTO.COM/DISQIS

Christstollen
66 Serie: Der Schwan
Von Leda bis Lohengrin
inspirierte er die Fantasie
70 Geschichte im Alltag:
Der Christstollen
Weihnachtsgebäck mit
heidnischen Wurzeln
Sarah
72  Bernhardt
Wie die Schauspielerin zur
französischen Ikone avancierte
76 Serie: Museen & Architektur
Messner Mountain Museum
Corones in Bruneck in Südtirol
78 Ausstellungen
80 Bücher & Medien

72 82 Impressum, Leserbriefe
& Vorschau
PORTRÄT
Sarah Bernhardt: Die www.g-geschichte.de
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G GESCHICHTE 12 | 2017 5
1939 — 1940

Winterkrieg
in Karelien
Als 1939 die Rote Ar-
mee Finnland überfiel,
BILDNACHWEIS: ULLSTEIN/HEINRICH HOFFMANN

stießen die Truppen auf


energischen Wider-
stand. Das Land blieb
unabhängig, musste
aber Gebiete abtreten

6 G GESCHICHTE 12 | 2017
BLICKPUNKT

100 Jahre
Finnland
Bürgerkrieg und Kämpfe
gegen die Rote Armee –
dass Finnland nach 1917
seine Unabhängigkeit
bewahren konnte,
hatte das Land einem
Mann zu verdanken: Feld-
marschall Mannerheim

Der schwere
Weg zur Freiheit
G GESCHICHTE 12 | 2017 7
1918 1919 — 1939

Bürgerkrieg Friedensjahre
Die siegreichen »Weißen«, konservative Gegner Abgeordnete der jungen Republik Finnland.
der kommunistischen Bolschewiki im finnischen Eines der vielen Probleme war die
Bürgerkrieg, marschieren in Helsinki ein Integration der schwedischen Minderheit

K
[ VON THOMAS B ORCHERT ]

urz vor dem 100. such des Führers« bei seinem Verbün- Lagern durch Krankheit und Miss-
Jahrestag der deten gegen Stalin wenig. Mannerheim handlung ums Leben. Die kollektive
St aatsg r ündung glaubte längst nicht mehr an einen Sieg finnische Erinnerung hat den von den
am 6. Dezember der deutschen Wehrmacht. Er woll- Weißen eingeführten Begriff »Frei-
hat Finnland ei- te sein Land diskret den Westalliierten heitskrieg« übernommen. Sieger
nen 150. Geburts- annähern und den eigenen Krieg ge- schrieben auch hier die Geschichte,
tag groß gefeiert. gen den Nachbarn im Osten auch ohne und auf der anderen Seite mischten
Ohne Carl Gustaf deutschen Segen beenden. eben unter anderem Lenin und dessen
Emil Mannerheim als bedeutendstem Es war schon sein dritter. Den ers- Armeechef Trotzki mit. »Mit allem, was
aller Finnen im 20. Jahrhundert, so ler- ten hatte er als Oberbefehlshaber der
Sein Leben lang spricht
nen die Kinder im Geschichtsunter- konservativen »Weißen« im finnischen
richt, hätte ihr »Suomi« es wohl kaum Bürgerkrieg gegen die kommunisti- Mannerheim nur holprig Finnisch
geschafft, sich vom riesigen Nachbarn schen »Roten« nach der Unabhängig- wir heute über die wirkliche Natur des
Russland loszulösen und seine Unab- keitserklärung von Russland gewonnen. Marxismus-Leninismus wissen, ist klar,
hängigkeit bis heute zu bewahren. Also Mannerheim war erst kurz danach, am dass bei einem Sieg der Roten Finn-
huldigten am 4. Juni die Staatsspitze, 18. Dezember 1917, nach 30 Jahren als land sicher erst im Jahr 1991 aus dem
1300 Soldaten und 50 000 Bürger mit Offizier im Zarendienst vor den Bol- Griff der Sowjetmacht befreit worden
einer Militärparade in Helsinki dem schewisten heimwärts geflüchtet. Auf wäre«, schreibt der finnische Historiker
Feldmarschall in vier Kriegen und den dreimonatigen Bürgerkrieg mit und Diplomat Max Jakobson.
zweimaligem Staatsoberhaupt. mehr als 10 000 Toten folgte brutale Gleich dieser erste Krieg unter der
Zu Lebzeiten war Mannerheim an Rache an den Verlierern. 20 000 »Ro- blauweißen Fahne Finnlands machte
seinem 75. Geburtstag eine ganz an- te« wurden ermordet oder kamen in Mannerheim zu einer nationalen Le-
dere Ehrung zuteil geworden. Hit- gende. Jedenfalls für das bürgerliche
ler landete am 4. Juni 1942 fast ohne Finnland. Das war erstaunlich für ei-
Voranmeldung auf dem kleinen ost- nen Spätheimkehrer mit Schwedisch
finnischen Flugplatz Immola und
überreichte dem »Waffenbruder« das
»Die Aufgabe ist als Muttersprache, perfektem Russisch
und gutem Deutsch, aber lebenslang
»Goldene Großkreuz des Deutschen erfüllt. Unser holprigem Finnisch.
Adlerordens«. Dem Gastgeber, von Hit- 1918 strebten die Sieger im Bürger-
ler als »Mordssoldat« gelobt, behagte Land ist frei!« krieg enge Bindungen an Berlin an,
dieser weltweit beachtete »Frontbe- Carl Mannerheim, 1918 weil das kaiserliche Deutschland ihre

8 G GESCHICHTE 12 | 2017
BLICKPUNKT

1941 — 1944 1944 — 1945

Verbündeter der Achsenmächte Lapplandkrieg


Zu Beginn des deutschen Russlandfeldzugs paktierte Nachdem Finnland auf die russische Seite ge-
Mannerheim mit Hitler. Als die deutsche Niederlage absehbar wechselt hatte, kam es zu Kämpfen mit Einheiten
war, schloss Finnland einen Separatfrieden mit Stalin der Wehrmacht, die im Land stationiert waren

Milizen unterstützt hatte. Sie setzten


dem am 9. Oktober mit der Wahl von »Der einfache Schwedens Könige hatten als Herr-
scher seit dem Mittelalter bis zur Ab-
Prinz Friedrich Karl von Hessen-Kassel,
einem Schwager Kaiser Wilhelms II.,
Soldat muss tretung Finnlands an Russland 1809
die eigene Sprache zur offiziellen ge-
zum finnischen König buchstäblich wissen, dass er macht. Klar, dass Schwedisch damit
die Krone auf. Mannerheim fand das zu einem Symbol für Oberklasse und
verrückt. Als die deutsche Weltkriegs- seine Heimat Fremdherrschaft wurde. Nationalisten
niederlage im November besiegelt war
und der Prinz die Krone deshalb ab- verteidigt« nutzten das weidlich bei Streiks oder
Boykottaktionen an Unis. Heute ist der
lehnte, wurde Mannerheim als Retter Carl Mannerheim, 1939 Sprachenstreit in abgemilderter Form
aus der Not aktiviert. Der Landtag wieder da: Nicht zuletzt die Rechtspo-
wählte ihn am 12. Dezember zum pro- pulisten der »Wahren Finnen«, seit
BILDNACHWEIS: ULLSTEIN (2), ULLSTEIN/HEINRICH HOFFMANN, ULLSTEIN/SÜDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO/SCHERL

visorischen Staatschef. Das finnische und 24 Weltrekorden. Nach seinem 2014 Regierungspartei, spielen mit
»Vasabladet« schrieb: »Mannerheim, Tod 1973 bekam Nurmi ein Staatsbe- dem Feuer nationalistischer Animosi-
der weiße General, Reichsverweser, gräbnis. 1932 aber hatte er sich unfrei- täten. Gegen die Minderheit, versteht
Finnlands ungekrönter König«. willig und verbittert von Sport, Ruhm sich, deren Sprache als obligatorisches
Für die Sozialdemokraten war er sowie Einnahmen verabschieden müs- Schulfach vielen lästig ist. Bertolt Brecht
hier noch der »Schlächter« aus dem sen. Das IOC sperrte ihn, weil er den sah das Problem bei seiner Zwischen-
Bürgerkrieg. Mannerheim zog sich station in Finnland auf der Flucht vor
Von schwedischen Bürgern
nach gut einem halben Jahr und den den Nazis gelassen: »Ein Land, in dem
ersten regulären Wahlen als Präsident und »Wahren Finnen« das Volk zweisprachig schweigt.«
schnell wieder zurück, hatten sie doch Amateurstatus verletzt hatte, auf Le- Mit dem Hitler-Stalin-Pakt im Au-
die Sozialdemokraten wieder so souve- benszeit, was der Weltstar auf ein gust 1939 ging es für das Land um Sein
rän gewonnen wie schon die ersten de- »schwedisches Komplott« zurückführ- oder Nichtsein. Freie Hand für Moskau
mokratischen 1907. te. Damit kippte Nurmi Öl ins Feu- in Estland, Lettland, Litauen und Finn-
Nach dem Friedensvertrag 1920 er bei dem – neben den Wunden aus land, stand im geheimen Zusatzpro-
mit der Sowjetunion stand der so blu- dem Bürgerkrieg – erbittertsten Kon- tokoll. Als die Rote Armee am 30. No-
tig gestartete Staat vor vergleichsweise flikt der Zwischenkriegszeit: Wie es die vember die 1200 Kilometer lange
friedlichen Jahren. Schlagzeilen mach- »finnisch-finnische« Mehrheit mit der Landgrenze überschritt, war für die
te jetzt der Wunderläufer Paavo Nurmi »schwedisch-finnischen« Minderheit Weltöffentlichkeit klar, dass die Finnen
mit neun Olympischen Goldmedaillen halten wollte. genauso schnell einverleibt würden

G GESCHICHTE 12 | 2017 9
BLICKPUNKT

marschall 1944 zum zweiten Mal nach


1918 in höchster Not das wenig ge-
schätzte Amt des Staatspräsidenten.
Beim Moskauer Waffenstillstand am
19. September 1944 verpflichtete sich
die finnische Führung zum Krieg ge-
gen die deutsche Wehrmacht auf ih-
rem Rückzug, die in Lappland mit der
Taktik der »verbrannten Erde« fürch-
terliche Zerstörungen anrichtete. Als
Mannerheim 1946 endgültig abtrat,
war Finnland weder von der UdSSR
geschluckt noch von den Westmäch-
ten als Hitlervasall abgeschrieben. Das
grenzte an ein Wunder, für das auch
Stalin eine einfache Erklärung hatte:
1946 — 2017
»Finnland kann der weitsichtigen Poli-
Nachkriegszeit tik des Herrn Marschalls danken, dass
Helsinki mit der lutherischen Kathedrale. Zur Zeit der Finnland nicht besetzt worden ist.«
Sowjetunion blieb das Land politisch und wirtschaftlich Als der Vielgelobte 1951 starb, war in
neutral. Erst 1994 folgte dann der Beitritt zur EU vollem Gange, was die einen höhnisch
und andere bewundernd als »Finn-
landisierung« bestaunten: Ein kleines
Land bleibt eisern neutral, während es
wie vorher die Balten. Aber im
»Winterkrieg« bot die kleine, schlecht
»Sicherheit ge- sich weitgehend an einen übermächti-
gen Nachbarn anpasst. Urho Kekkonen,
ausgerüstete, bis auf Waffenlieferungen winnt man, indem über drei Jahrzehnte Regierungschef
aus Schweden von aller Welt allein- und Präsident, personifizierte diese
gelassene Armee unter Mannerheims man Tore öffnet« Linie. Dass der kahlköpfige Präsident
Oberbefehl verblüffend Paroli. Mili- Urho Kekkonen, finnischer Finnlands Geschicke mit dem ebenfalls
tärische Lehrbücher heben das mona- Staatspräsident (1956 — 1981) haupthaarfreien Moskauer Parteichef
telange Halten der an sich lächerlich Nikita Chruschtschow bei Wodka in
schwachen »Mannerheimlinie« auf der Sauna auskungelte, gehört zu den
der Karelischen Halbinsel als eine Ge- mal Schluss machen wird mit den Bol- Legenden dieser Ära.
burtsstunde des erfolgreichen Guerilla- schewisten«, gefiel dem Flüchtling Kurz nach Kekkonens Tod 1986 war
krieges hervor. Finnische Soldaten ver- vor der Oktoberrevolution. Drei Ta- mit dem Zusammenbruch der Sowjet-
schafften dem Molotowcocktail seinen ge nach dem deutschen Überfall am union plötzlich alles anders. Als Mos-
Namen nach dem damaligen Außen- 22. Juni 1941 erklärte Finnland der kau nur mit sich selbst beschäftigt war,
BILDNACHWEIS: ISTOCKPHOTO.COM/BORTNIKAU

minister in Moskau, als sie Benzinfla- trat Finnland 1994 kurzentschlossen


Ein fataler Fehler: Finnlands
schen samt Stofffetzen als Zünder gegen der EU bei. Anderswo auf der Welt
die T-34-Panzer der Angreifer schleu- Pakt mit dem Dritten Reich dachten die Leute von da ab bei dem
derten. Am Ende blieb die Unabhän- Sowjetunion den Krieg und eroberte seltsamen Wort »Finnlandisierung«
gigkeit erhalten. Aber Finnland musste bis August Karelien zurück. Aber im- weniger an den Kreml als an Nokia-
im März 1940 Karelien und Teile Lapp- mer penibel getrennt vom deutschen Handys und den Pisa-Spitzenplatz ei-
lands abtreten. Elf Prozent der Bevöl- Eroberungszug. Vor allem verweiger- nes kleinen nordeuropäischen Rand-
kerung wurden interne Flüchtlinge. te Mannerheim jede Mitwirkung an staates mit offenbar tollen Schulen.
Mit Hitlers »Unternehmen Barba- der fast dreijährigen Belagerung Lenin-
rossa« sah der finnische Feldmarschall grads, einem besonders grausamen Ka-
16 Monate später die Möglichkeit zur pitel des Zweiten Weltkrieges.
LESETIPPS
Revanche. »Schritt eins bei Manner- Bei Hitlers Geburtstagsbesuch war
heims Kalkül lief darauf hinaus, dass Mannerheim klar, dass er sich mit Henrik Meinander: »Finnische Geschichte.
Deutschland die Sowjetunion besie- »Schritt eins« verkalkuliert hatte. Ir- Linien, Strukturen, Wendepunkte«.
Scoventa 2017, € 24,90
gen würde«, heißt es in einer neuen gendwie möglichst heil rauskommen,
Biografie von Dag Sebastian Ahlan- hieß die Devise. Von Alter und Krank- Ingrid Bohn: »Finnland. Von den Anfängen
bis zur Gegenwart«. Pustet 2005, € 26,95
der. Dass die Wehrmacht »ein für alle- heit geschwächt, übernahm der Feld-

10 G GESCHICHTE 12 | 2017
MENSCHEN · EREIGNISSE · EPOCHEN


GESCHICHTE ★


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Kronkorken statt
Keramik: Archäologische
Fundstücke
aus dem Kiel der
2000er-Jahre

ZEITGESCHICHTE

Fundort Moderne
Archäologen erforschen neuerdings die letzten Jahrzehnte.
Professor Ulrich Müller von der Universität Kiel verrät,
was es damit auf sich hat [ INTERVIEW: SEBASTIAN KIRSCHNER ]
Herr Müller, Sie erforschen gischen Methoden, wie etwa Ausgra-
Eisenbahntunnel, Kollegen graben bungen. Aber sie muss zusätzlich Texte,
in KZ-Lagern und Protestcamps. Fotos, Videos auswerten. Zeitzeugen-
Ist das noch Archäologie? gespräche spielen eine wichtige Rolle.
Ulrich Müller: Auf jeden Fall. In  Also eine Art Archäologie Plus?
Neuzeitarchäologe Deutschland ist eine Archäologie der Genau. Aber nicht, weil sie besser wäre,
Ulrich Müller Moderne nur bisher ungewohnt. sondern weil sie über mehr Quellen
Was unterscheidet diese von verfügt. Das macht sie zugleich poli-
herkömmlicher Archäologie? tisch und ethisch sehr anspruchsvoll.
Die Archäologie der Moderne deckt  Was meinen Sie damit?
speziell das 19., 20. und 21. Jahrhun- Ergebnisse aus der Steinzeitforschung
dert ab. Sie arbeitet auch mit archäolo- etwa kritisiert kaum jemand. Bei

CHRONIK IM DEZEMBER

27. 12. 537 »Oh 13. 12. 1577 umsegelung nach Fer- ihrer Ämter. Der


Nach fast sechs Der Engländer Francis dinand Magellan in den Grund: Sieben Profes-
Jahren Bauzeit wird in Salomon, Drake läuft mit der Jahren 1519 bis 1522. soren hatten dagegen
Anwesenheit des by- ich habe »Pelican« und vier protestiert, dass er die
12. 12. 1837
zantinischen Kaisers
Justinian I. in Konstan-
dich über- weiteren Schiffen aus
Plymouth aus, um die König Ernst August I.
liberale Verfassung
von 1833 außer Kraft
tinopel die Hagia troffen« Erde zu umrunden. von Hannover enthebt setzte. Der Schritt der
Sophia eingeweiht. Kaiser Justinian I. Es ist die zweite Welt- die »Göttinger Sieben« Gelehrten ist ein Vor-

12 G GESCHICHTE 12 | 2017
Alle Jahre wieder
Das schenkten Deutsche an
FORUM & CHRONIK
Weihnachten 2016 am liebsten 29 %
34 % Bekleidung &
Spielwaren Accessoires
38 %
schenken Bücher

Archäologie zum 20. Jahrhundert ist FRAGE DES MONATS


das anders: Da mischen auch Histori-
ker, Politiker, Interessenträger mit.
 Was kann der Archäologe dabei
»Warum macht man sich Geschenke?«
besser als der Historiker? Einige wollen Freu- halten — unabhängig ne Freundschaft
Er kann gut neutralere Geschichte er- de bereiten, andere von Zeit und Ort. Da- stärken oder sogar
schließen. Personen, Texte, Filme: Kontakte pflegen: rin sind sich Ethnolo- Frieden bewahren,
Werkzeuge des Historikers zeigen oft Geschenke wirken wie gen, Soziologen und schreibt die Histori-
eine subjektive Realitätsebene. ein sozialer Kit. Es Historiker einig. Der kerin Natalie Zemon
 Wie ist das zu verstehen? geht darum, Bezie- Beschenkte fühlt sich Davis in ihrem Buch
Nehmen wir das Protestcamp: Ein hungen herzustellen dem Schenkenden »Die schenkende
Zeitzeuge sagt, die Zelte standen im oder aufrecht zu er- verpflichtet. Das kön- Gesellschaft«.
Karree; die Ausgrabung zeigt, sie stan-
den kreuz und quer. Das sind vielleicht ZEITZEICHEN: 18. 12. 1917
Mit Filmen wie
Kleinigkeiten. Sie zeigen aber, wie Er-
»Metropolis«
innerung trüben kann. Der Archäolo- 1927 setzte die
ge kann Geschichte zu einem gewissen
Grad objektivieren. Er kann Fundstü- Deutsches Ufa Meilen-
steine
cke mit ihren Biografien verbinden.
Hollywood
BILDNACHWEIS: AKG/HORST VON HARBOU/STIFTUNG DEUTSCHE KINEMATHEK, ISTOCKPHOTO.COM/BLACKJACK3D,

 Nehmen Sie mit Ausgrabungen in


der Zeitgeschichte nicht künftigen
Heute ist die Ufa ein
INST. UR- UND FRÜHGESCHICHTE UNIVERSITÄT KIEL/KATJA GRÜNEBERG-WEHNER, ULRICH MÜLLER

Archäologen die Arbeit weg?


Nein. Archäologen werden immer was Aushängeschild der Film-
zu forschen haben, denn die Gesell- industrie. Am Anfang
schaft entwickelt sich immer weiter. stand politisches Kalkül
Dinge wie das Wählscheibentelefon

D
zum Beispiel kennen Jugendliche ie Massen im staatlichen oder »Der blaue Engel« entstehen.
heute oft gar nicht mehr. Interesse lenken – so lau- Doch die Propaganda lässt die Ufa
 Wie sind die Aussichten für diese tet das Ziel von General nicht los: Joseph Goebbels bringt
junge Disziplin? Ludendorff, als er 1917 sie ab 1937 auf NS-Linie. Auch das
Sie etabliert sich, aber sie muss neue die Universum Film AG, kurz Ufa, Kriegsende setzt zu: Die Teilung in
Themen erschließen. Innerdeutsche gründet. Das ist seine Reaktion auf Ost und West spaltet die Ufa, das
Grenze, Protestcamps, KZs – das ver- die Kriegsgegner, die sein Land im finanzielle Aus muss erst Konrad
kauft sich gut. Aber Moderne ist nicht Film verhöhnen. Geburtswehen Adenauer, später der Bertelsmann-
nur Tatort. Was ist mit Resten des zum Trotz entwickelt sich die Ufa Konzern verhindern. Heute beein-
Wirtschaftswunders? Kann man gar in den 1920er-Jahren zu einer der flusst die Ufa vor allem im Fernse-
die 50er-Jahre-Familie unterm Tan- größten Traumfabriken der Welt. hen die Massen – jedoch mit un-
nenbaum nachweisen? Filmklassiker wie »Metropolis« politischen Formaten wie »GZSZ«.

bote der Revolution Commonwealth ge- gelingt es erstmals, 7. 12. 1987


von 1848 (mehr dazu trennt und ein unab- die genetische Grund- Die Weltorganisation
in G/GESCHICHTE 9/17). hängiger und demo- substanz DNS (englisch Unesco erklärt die
kratischer Staat. DNA) künstlich he­r­ »Große Mauer« in
29. 12. 1937 zustellen. Dieser Fort- China zum Weltkultur-
Irland erklärt seine 16. 12. 1967 schritt der Genfor- erbe. Nach neuesten
Souveränität. Damit ist US-Wissenschaftlern schung ist bis heute Forschungen maß sie
Irland vom britischen der Stanford University ethisch umstritten. fast 21 200 Kilometer.

Typische DNS-Struktur: Die Doppelhelix


G GESCHICHTE 12 | 2017 13
* 1620, † 1688 * 1688, † 1740 * 1712, † 1786
Kurfürst König König
Friedrich Wilhelm Friedrich Wilhelm I. Friedrich II.
Seite 30 Seite 34 Seite 38

Die Hohenzollern

Triumphe & Philosophen, Künstler, Militaristen: Die Hohenzollern waren eine

14 G GESCHICHTE 12 | 2017
Luise
Königin

Seite 44
* 1776, † 1810
Kaiser

Seite 48
Wilhelm I.
* 1797, † 1888

Skandale
Kaiser

Dynastie der Widersprüche – zwischen Stechschritt und Toleranz


Seite 52
* 1859, † 1941

Wilhelm II.

G GESCHICHTE 12 | 2017
15
BILDNACHWEIS: AKG (2), AKG/HERITAGE-IMAGES/THE PRINT COLLECTOR, BPK/STIFTUNG PREUSSISCHE SCHLÖSSER UND GÄRTEN BERLIN-BRANDENBURG/
JÖRG P. ANDERS, BPK/STIFTUNG PREUSSISCHE SCHLÖSSER UND GÄRTEN BERLIN-BRANDENBURG/ROLAND HANDRICK, INTERFOTO/HERMANN HISTORICA
Eine Dynastie
mit Prinzipien

Mythos und
Geschichte
1947 lösten die Alliierten den Staat Preußen auf. Bis heute
polarisieren das Land und seine Regenten. Aber was
charakterisierte die Welt der Hohenzollern: Vision oder Reaktion?

16 G GESCHICHTE 12 | 2017
MYTHOS

[ VON FRANK-LOTHAR KROLL,

M
PROFESSOR FÜR EUROPÄISCHE GESCHICHTE ]

ehr als 800 Jahre ha-


ben die Hohenzol-
lern die Geschichte
Deuts chlands, Eu-
ropas und – zuletzt –
der Welt maßgeblich
mitbestimmt. Ihre
Anfänge im Mittelal-
ter waren bescheiden
und lagen auf süddeutschem Boden, in Schwa-
ben und Franken. Ihr Aufstieg begann, als ih-
nen im 15. Jahrhundert die Mark Brandenburg
übertragen wurde und sie die Kurwürde erlang-
ten. Im frühen 18. Jahrhundert wurden sie zu
Königen in Preußen erhoben. Den Gipfel ih-
rer Macht erreichten sie mit der Bismarckschen
Reichseinigung im letzten Drittel des 19. Jahr-
hunderts – bevor ihr Glanz erlosch und ihre
Reputation in den Feuerstürmen des Ersten
Weltkriegs versank.
Wer dem Mythos dieser Dynastie nachspüren
möchte, tut gut daran, an die Prinzipien des
brandenburgisch-preußischen Staatswesens zu
erinnern, das ihre Repräsentanten schufen. Es
basierte auf Autorität, Hierarchie und Elitefor-
mung ebenso wie auf dem typisch preußischen
Stil der »Freiheit in der Gebundenheit des
Dienstes« mit seinem Ethos bewusster Hinord-
nung auf ein überpersönliches Ganzes, auf den
Staat und auf die Gemeinschaft als Ausdruck
des kollektiven Besten. Solche Charakterzüge
stehen derzeit nicht unbedingt hoch im Kurs,
sie wirken beinahe wie ein Kontrastprogramm
zu unserer Gegenwart. Doch das ist nur die
eine Seite.
Dank der Hohenzollern war Preußen
ein beliebtes Einwanderungsland
Zum Mythos Preußens und zu den lang an-
Vergöttlichter dauernden Prägekräften seines Herrscherhau-
Kaiser ses gehörten auch andere Leitgrößen – allen
voran eine äußerst tolerante Asylpraxis, die
Wilhelm I. stößt sein Schwert als Zeichen
Flüchtlingen aus ganz Europa Aufnahme ge-
des Friedens in die Scheide und fährt aus
dem Brandenburger Tor heraus, geführt währte, Minderheiten jeglicher Art und Herkunft
von Gestalten des preußischen Wappens: achtete und Preußen zu einem der beliebtesten
Die Gerechtigkeit mit Schwert und Gesetz­ Einwanderungsländer der frühen Neuzeit
BILDNACHWEIS: BPK/NATIONALGALERIE SMB

buch, die Wahrheit mit einem Spiegel, machte. Anders als in den meisten größe-
ein Ritter des Eisernen Kreuzes mit der ren Reichsterritorien lebten in Preußen seit
Reichsflagge. Rechts reitet Kronprinz dem frühen 17. Jahrhundert zahlreiche religi-
Friedrich, links Feldmarschall Prinz Fried­
öse Kleingruppen auskömmlich miteinander,
rich Karl. Hinter dem Wagen Bismarck,
Graf Moltke und Graf Roon. Über dem Kai­
und seit 1685 fanden nahezu 20 000 zumeist
ser die Siegesgöttin Victoria. Voran fliegt hochqualifizierte reformierte Glaubensflücht-
ein Kind mit einem Bild Königin Luises, linge aus Frankreich den Weg nach Branden-
der Mutter Wilhelms (Gemälde von 1888) burg-Preußen. Dass die Hohenzollern ihre

G GESCHICHTE 12 | 2017 17
MYTHOS

»Der Armeedienst im alten Preußen besaß


auch eine emanzipatorische Komponente«
Frank-Lothar Kroll, Preußenkenner und Autor dieses Artikels

sprichwörtlich gewordene Religionstoleranz fürchtet oder verachtet wurde, so wussten viele


dabei wesentlich aus Gründen des staatlichen ausländische Beobachter ein anderes Charakte-
Nutzens gewährten, verweist auf den spezifisch ristikum Preußens sehr zu schätzen, das woan-
preußischen Charakter dieser Tugend. ders – namentlich in Frankreich und in Russ-
Neben dem Toleranzprinzip bildet der Kom- land – lange Zeit schmerzlich vermisst wurde:
plex Militär und Krieg einen zweiten mythen- die Rechtsstaatlichkeit. Sie band die Obrigkeit
schaffenden Bestandteil hohenzollernscher Poli- bereits im 18. Jahrhundert an Gesetz und Recht
tik. Forscher haben zwar gelegentlich errechnet, – Friedrich der Große begann seine Herrschaft
dass Preußen in der Teilnahme an allen seit 1740 nicht zufällig mit der Abschaffung der Fol-
dem 17. Jahrhundert geführten Kriegen signifi- ter als erster Schritt zu einer Justizreform.
kant weit hinter Frankreich, England, Russland
Früher als in anderen Ländern herrschte
und selbst Spanien zurückstand. Trotzdem gilt
das Land bis heute als Hort des neuzeitlichen in Preußen Rechtsstaatlichkeit
Militarismus. Richtig ist hieran, dass der Ho- Freilich ließ der König das willkürlich
henzollernstaat 1740, im Todesjahr des Solda- gehandhabte Instrument herrscherlicher Macht-
tenkönigs Friedrich Wilhelm I., das viertgrößte sprüche weiterhin bestehen, weil er – fälschli-
stehende Heer Europas unterhielt, obwohl das cherweise – glaubte, dadurch vermeintlichen
Land flächenmäßig damals nur den 10. Platz, richterlichen Machtmissbrauch korrigieren zu
an Einwohnerzahl gar nur die 13. Stelle ein- können. Erst das 1794 in Kraft getretene »All-
nahm. Das war nur möglich, weil alle Kräfte auf gemeine Landrecht für die Preußischen Staa-
die Bedürfnisse der Armee ausgerichtet waren. ten« hat die Rechtsstaatsidee in allen Provinzen
Dass militärische Verhaltensformen die Ge- des Landes weitgehend realisiert.
sellschaft vollständig durchdrungen hätten und, Eine weitere Kontinuität in der Herrschafts-
wie oft behauptet, das gesamte Sozialgefüge mi- ausübung der Hohenzollern ist das oft unter-
litarisiert war – davon kann gleichwohl nur sehr schätzte, tatsächlich jedoch beachtenswerte
bedingt die Rede sein. Vielmehr bot der Militär- kulturpolitische Engagement. Förderung der
dienst, der die einfachen Soldaten sozialisierte, Kunst und Wissenschaft, Ausgestaltung der
gerade für die unteren Bevölkerungsschichten Akademien und Universitäten – all das nah-
mannigfache Möglichkeiten, sich von alten, men die Hohenzollern nach dem militärisch-
ständisch gebundenen Abhängigkeiten zu be- politischen Zusammenbruch des alten Preußen
freien und Selbstbewusstsein zu sammeln. So 1806/1807 vermehrt in Angriff. Geprägt vom
gesehen besaß der Armeedienst im alten Preu- Kulturstaats­ideal des deutschen Idealismus und
ßen eine emanzipatorische Komponente. der Romantik führte vor allem Friedrich Wil-

BILDNACHWEIS: INTERFOTO/HERMANN HISTORICA, FRANK-LOTHAR KROLL; KARTE: INTERFOTO/MICHAEL FLOIGER/AGENTUR 2


Auch wenn die vermeintliche Milita- helm IV. sein Land in der ersten Hälfte des 19.
risierung des Hohenzollern- Jahrhunderts zu einer nie dagewesenen künst-
staates vielerorts ge- lerisch-kulturellen Blüte.
Dieser König trat nicht nur als großzügiger
Mäzen hervor, sondern wirkte auch selbst als
schöpferisch begabter, keineswegs
bloß dilettierender Bau-
künstler. Er hat das Er-
scheinungsbild vieler Or-
te und Regionen Preu-
ßens mitgeformt. Das traf
selbst für den letzten preußischen
König, Kaiser Wilhelm II., zu. Sein Eifer für den
Ausbau des preußisch-deutschen Kulturstaa-
tes galt zahlreichen Feldern wissenschaftlichen,
akademischen und universitären Forschens
Hort des neu­- und wurde in der Spannweite von keinem zeit-
zeitlichen Militarismus? genössischen Monarchen übertroffen.
Preußischer Adler mit Hakenkreuz: Die National­ Toleranz, Rechts- und Kulturstaatlichkeit,
sozialisten brachten die »preußischen Sozialisation durch militärische Disziplin, Bil-
Tugenden« in Verruf (siehe Beitrag Seite 37) dungspflege und Wissenschaftsförderung: All

18 G GESCHICHTE 12 | 2017
Nieder-
Ost- preuflen

Lausitz
i KOMPAKT Lebus HZM.PREUSSEN

Tilsit
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diese Stichworte bezeichnen


W Ü – neben manchen Europas, die auf diese Wei- Aggressive
Westen und NordenNetzedistrikt
RTTE
unleugbar vorhandenen Schattenseiten
M B E R G – he- se zu neuen, überparteilichen Identifikationsfi- Expansion
rausragende Kontinuitäten im politischen Stil guren für ihre Bürger wurden.
Brandenburg 1525 Erwerbungen
Einen der 1689 bis 1740
größten
der Hohenzollern. Und diesem Stil kann, ver- Preußens Herrscher
Erwerbungensind andere Wege ge-Erwerbungen
bis 1618 1740 bis 1786
Gewinne an Territorium
glichen mit anderen deutschen und europäi- gangen. Ihr letzter regierender
Erwerbungen 1640 bis Repräsentant
1688 (unter Friedrich d.Gr.)
brachte den Hohen­
(unter dem Groflen Kurf¸rsten)
schen Fürstenhäusern, keineswegs Rang und Wilhelm II. hat mit seinem Versagen im KriegErwerbungen 1791 bis 1795
zollern die erste Teilung
Bedeutung abgesprochen werden. Dennoch po- und seiner unrühmlichen Flucht in die Nieder- Polens 1772 zwischen
larisieren die Hohenzollern bis heute wie kaum lande am 10. November 1918 den Mythos der Preußen und Russland
eine andere deutsche Dynastie. Die Gründe da- Krone definitiv entzaubert und seine Chance
bis 1525
für sind vielfältig. verspielt, die monarchische Staatsform in
Deutschland zu erhalten. Sie ist mit ihm und bis 1618
Die Hohenzollern zogen sich nicht in den
durch ihn Geschichte geworden. Und auch 1640 — 1688
Windschatten eines Parlaments zurück Preußen selbst wird wohl in nicht allzu ferner 1689 — 1740
Die exponierten Charakterzüge insbesonde- Zeit den Lebenden so fern gerückt sein, wie
1740 — 1786
re Friedrich Wilhelms I., Friedrichs des Gro- vielleicht die Kulturleistungen der Herzöge von
ßen, Friedrich Wilhelms IV. und Wilhelms II. Burgund oder die Königsmythen des alten Me- 1791 — 1795
mögen dafür mitverantwortlich sein – ebenso sopotamien. Umso wichtiger scheint es, gele-
wie die Tatsache, dass das preußische Königtum, gentlich an diesen Staat und an die Leistungen
anders als etwa das britische, auch im 19. Jahr- seines Herrscherhauses zu erinnern – wie es in
hundert weiterhin eine exponierte Machtstel- diesem Heft geschieht.
lung beanspruchte. Der von Otto von Bismarck
ausgefochtene Heeres- und Verfassungskonflikt
endete 1866 zwar mit einem Triumph der Ver-
ÜBER DEN AUTOR
fechter des monarchischen Prinzips über die
Anhänger eines parlamentarischen Regierungs- Frank-Lothar Kroll ist Professor für
Europäische Geschichte des 19. und
systems. Doch gerade dadurch wurde der Trä-
20. Jahrhunderts an der Technischen
ger der Krone in hohem Maße angreifbar. Er Universität Chemnitz.
war weitaus stärker den Gefahren weitreichen- Der Vorsitzende der Preußischen Histo-
der Fehlentscheidungen ausgesetzt, und er ver- rischen Kommission hat zahlreiche
brauchte sich entschieden rascher als etwa die Bücher publiziert, unter anderem »Die
im Windschatten ihrer Ministerien und Parla- Hohenzollern« in der Reihe C. H. Beck
Wissen (2008 erschienen, € 8,95).
mente immer mehr zurücktretenden Könige im

G GESCHICHTE 12 | 2017 19
i KOMPAKT

Immer mehr Macht


Wie die Hohenzollern von Emporkömmlingen zu Kaisern aufstiegen

vor 1500 1500 1600 1700


1061 1511 1618 — 1648 1701
Erste Erwähnung des Albrecht Markgraf von Während des Friedrich I. krönt
schwäbischen Grafen- Brandenburg-Ansbach D­reißigjährigen Kriegs sich in Königsberg zum
geschlechts der Zollern wird zum Hochmeister (siehe G/GESCHICHTE König in Preußen
des Deutschen Ordens 11/2017) werden weite
1192 gewählt Teile Brandenburgs 1713
Friedrich III. (I.) erhält entvölkert Friedrich Wilhelm I.
die Burggrafenwürde in 1525 wird König in Preußen.
Nürnberg Seite 22 Hochmeister Albrecht 1640 Der Soldatenkönig
bekennt sich zur Refor- Friedrich Wilhelm von beendet die prunkvolle
1214 mation und säkulari- Brandenburg, der Große Hof­haltung seines
Teilung in eine siert den Ordensstaat. Kurfürst, wird Markgraf Vaters Seite 34
schwäbische und eine Vom polnischen König von Brandenburg und
fränkische Linie erhält er als weltlicher Herzog in Preußen 1740
Herzog Preußen zum Seite 30 Friedrich II., der Große,
1415 Lehen Seite 28 besteigt den
Burggraf Friedrich wird 1685 preußischen Thron
von König Sigismund 1539 / 1540 Mit dem Edikt von Seite 38
mit der Mark Branden- Brandenburg schließt Potsdam sichert
burg belehnt. Als erster sich dem reformatori- Friedrich Wilhelm den 1740 — 1742
Hohenzoller erhält er schen Lager an aus Frankreich ver­ Erster Schlesischer
die Kurfürstenwürde triebenen Protestanten Krieg, der sich zum
(Hugenotten) um­ ­Österreichischen Erb-
fassende Privilegien zu, folgekrieg (bis 1748)
um sie zur Ansiedlung ausweitet
in Brandenburg
zu bewegen (siehe ­
G/GESCHICHTE 6/2015)

20 G GESCHICHTE 12 | 2017
ZEITTAFEL

1800 1900
1744 — 1745 1806/1807 1866 1914 — 1918
Zweiter Schlesischer Napoleon zieht in Berlin Spannungen um Schles- Erster Weltkrieg
Krieg ein. Mit dem Vertrag wig und Holstein führen
von Tilsit verliert Preu- zum »Deutschen Krieg« 1918
1756 — 1763 ßen mehr als die Hälfte zwischen Preußen und Im Zuge der Revolution
Siebenjähriger Krieg seines Territoriums Österreich wird Wilhelm II. zur Ab-
(= Dritter Schlesischer Seite 44 dankung gezwungen
Krieg) 1871 und flieht ins niederlän-
1840 Nach dem Sieg im dische Exil Seite 52
1786 Friedrich Wilhelm IV. Deutsch-Französischen
Friedrich II. stirbt. Sein wird preußischer König Krieg wird im Spiegel- 1941
Neffe Friedrich Wilhelm saal von Versailles das Wilhelm II. stirbt im nie-
II. folgt ihm auf den 1848/1849 Deutsche Reich ausge- derländischen Doorn
Thron Der revolutionäre Funke rufen und König Wil-
springt auch auf Preu- helm zum Kaiser pro- 1945
1797 ßen über (siehe ­ klamiert Seite 48 Mit der Niederlage
Friedrich Wilhelm III. G/GESCHICHTE 9/2017) Deutschlands im Zwei-
wird König von 1888 ten Weltkrieg wird
Preußen. Er gilt als 1858 Drei-Kaiser-Jahr: Fried- Preußen faktisch aufge-
konservativ und ent- Prinz Wilhelm über- rich III. stirbt bereits löst. 1947 löst ein alli-
scheidungsschwach nimmt die Regentschaft drei Monate nachdem iertes Kontrollgesetz
von seinem erkrankten er die Nachfolge seines den Staat Preußen auch
Bruder Friedrich Wil- Vaters Wilhelm I. ange- formell auf
helm. Nach dessen Tod treten hat. Ihm folgt
wird Wilhelm 1861 König Wilhelm II. auf den Kai-
serthron

Preußen gegen Österreich, Hohenzollern


gegen Habsburger, Friedrich der Große gegen
Maria Theresia: 1762, im Siebenjährigen
Krieg, trafen auf dem Schlachtfeld bei Teplitz
die Armeen beider Mächte aufeinander
BILDNACHWEIS: GETTY IMAGES/IMAGNO/AUSTRIAN ARCHIVES

G GESCHICHTE 12 | 2017 21
22
G GESCHICHTE 12 | 2017
BILDNACHWEIS: INTERFOTO/SAMMLUNG RAUCH
ANFÄNGE
1. KAPITEL

Karriereplanung für Fürsten König nieder und schwor den Lehnseid.


Als sich der Hohenzoller erhob, war er

Von Franken
nicht mehr nur Burggraf von Nürn-
berg und Kurfürst der Mark Bran-
denburg, sondern auch Erzkämmerer
des Reiches. Ein neues Kapitel in der

nach
Geschichte seiner Familie war aufge-
schlagen. Doch bis dahin war es ein
langer Weg.

Brandenburg
Im Geschacher der großen Dynasti-
en um Kronen und Würden hatten die
Hohenzollern bis zu diesem Zeitpunkt
nicht das große Los gezogen. Beschei-
den nahmen sich die Anfänge der Gra-
Auf den ersten Blick war die Mark Brandenburg kein fenfamilie aus. Erstmals ist sie für die
Mitte des 11. Jahrhunderts belegt. Ihre
Hauptgewinn. Streitlustige Adlige machten den Stammburg liegt auf der Schwäbischen
­Hohenzollern das Leben schwer. Und doch verhalf Alb bei Hechingen. Von mons solari-
der karge Landstrich der Familie zum Aufstieg us, dem Sonnenberg, leitete sich auch
der Familienname Zollern, später Ho-
[ VON KARIN SCHNEIDER-FERBER ] henzollern, ab. Die Sippe zeigte sich
extrem ehrgeizig: Emsig mehrten die
Hohenzollern ihren Besitz durch treu-

D
en Königsdienst, Kauf und geschickte
Heiratspolitik.
So kam auch 1192 die Burggraf-
schaft Nürnberg durch eine Eheschlie-
as Gepränge ließ ßung an das Haus, das sich ab dann in
nichts zu w­ünschen eine schwäbische und eine fränkische
übrig: Posaunen- Linie teilte. Bayreuth, Ansbach, Kulm-
und Pfeifenklänge bach mit der mächtigen Plassenburg
erfüllten die Luft, und die Cadolzburg bei Fürth gehörten
als der Nürnberger bald zum Einflussgebiet der Hohenzol-
Burggraf Fried- lern in Franken. Reich wurden sie da-
rich VI. am 18. Ap- mit nicht, denn der gewachsene Besitz
ril 1417 mit seinem Gefolge durch wurde durch Hausverträge unter den
die Straßen von Konstanz zog. Am erbberechtigten Söhnen aufgeteilt: in
Marktplatz kam der Tross vor einer ein Land unter dem Gebirge (Ansbach,
­hölzernen, mit goldenen Tüchern de- Cadolzburg) und ein Land auf dem
korierten Tribüne zum Stehen. Es war
Die Hohenzollern mehrten ihren
die Zeit des Konstanzer Konzils (siehe
G/GESCHICHTE 4/2014), die katho- Besitz durch Heiratspolitik
lische Kirche war gespalten, mehrere Gebirge (Bayreuth, Kulmbach, Plas-
Kirchenmänner erhoben Anspruch auf senburg). Die Einnahmen aus diesen
das Papstamt. Für die Hohenzollern Teilherrschaften blieben schmal. Um-
­ergab sich während dieser turbulenten so stärker banden sich die aufstiegswil-
­Jahre eine einzigartige Aufstiegschance. ligen Hohenzollern an das Königtum.
Ein Burggraf wird
Friedrich VI., der aus dem fränkischen Besonders enge Beziehungen bestan-
zum ­Königswähler
Zweig stammte, wurde an diesem Tag den zu den Luxemburgern. Kaiser Karl
Friedrich kniet vor
sozusagen offiziell befördert. IV. förderte Eheprojekte zwischen den
s­ einem Gönner König
­Sigismund, der ihn auf
König Sigismund, »auf seinem Häusern und erhob die Hohenzollern
dem Konstanzer Konzil Haupte eine guldene Krone«, betrat im in den Reichsfürstenstand.
endgültig in den Kreis Kreise von Kardinälen und Kurfürsten Der Stern der Familie stieg wei-
der Kurfürsten aufnahm die Tribüne. Friedrich kniete vor dem ter. Seit 1397 regierten die Brüder

G GESCHICHTE 12 | 2017 23
»Ursprünglich war Brandenburg […]
überaus schwach«
Leopold von Ranke, Mitbegründer der modernen Geschichtswissenschaft, 1854

­ riedrich VI. und Johann III. Der


F Geschenk, denn die Mark, längst zu ei- landfremden Regenten vor die Nase
jüngere Friedrich galt als umfassend nem schlecht regierten Nebenland der gesetzt zu bekommen.
gebildet. Er sprach Latein, Franzö- Luxemburger abgesunken, zeigte sich Sie spotteten über den »Nürnber-
sisch und Italienisch. Mit seinem spä- finanziell ausgeblutet und von fehde- ger Tand«, verweigerten dem Burg-
teren Gönner Sigismund verband ihn lustigen Adligen dominiert. grafen die Huldigung, schworen, ihre
eine besondere Beziehung. Friedrich Als Friedrich erstmals seine neue Schlösser zu behalten, »auch wenn es
lernte den ungarischen König während Herrschaft in Augenschein nahm, dürf- ein ganzes Jahr Nürnberger regnen soll-
dessen missglücktem Feldzug gegen te er wenig begeistert gewesen sein. Er te«. Friedrich hatte in dieser Zeit alle
die Osmanen kennen, die Ende des 14. verstand die niederdeutsche Sprache Hände voll zu tun, dieser Opposition
Jahrhunderts immer weiter gen Nor- der Einheimischen kaum, fand einen zu begegnen. Er hofierte den Klerus,
den vordrangen und die Grenzen Un- niedrigen Lebensstil vor. Wegen ih- die Städte und Teile der Ritterschaft,
garns bedrohten. rer sandigen, kargen Böden wurde die neutralisierte die angriffslustigen be-
Finanzielle Probleme förderten Mark Brandenburg auch als Streusand- nachbarten Fürsten und griff, gestützt
Friedrichs Entschluss, in die Dienste büchse des Reichs bezeichnet. auf seine fränkische Gefolgschaft, mili-
Sigismunds am ungarischen Hof zu tärisch durch. Der Adlige aus dem Sü-
Sigismund protegierte Friedrich,
treten. Als nach dem Tod Ruprechts den ließ Berliner Kirchenglocken für
von der Pfalz 1410 die Königswahl im machte ihm zum Königswähler seine Artilleriegeschütze einschmelzen
Reich anstand, konnte Sigismund auf Doch auch politisch war das Klima und lieh sich vom Deutschen ­Orden
den drei Jahre jüngeren Hohenzoller rau: Viele der landesherrlichen Rechte die »Faule Grete« aus, ein Riesenge-
zählen. In einem diplomatischen Ver- waren entfremdet, Burgen und Lände- schütz, das zentnerschwere Steinkugeln
wirrspiel verhandelte Friedrich mit den reien verpfändet. Der brandenburgi- verschoss. Damit zwang er selbst stark
kurfürstlichen Königsmachern. An sche Landadel erwies sich alles andere befestigte Festungen wie das Quitzow-
dessen Ende gewann Sigismund die als kooperativ, seitdem sich einzelne Schloss Plaue an der Havel zur Auf-
Krone. Der König bedankte sich bei Vertreter in den unsicheren Zeiten gabe. 1414 konnte Friedrich in seiner

BILDNACHWEIS: AKG (2)


seinem treuen Anhänger, indem er ihn selbst zu Landeshauptleuten aufge- Elb-Residenz Tangermünde eine neue
1411 als Verweser und obersten Haupt- schwungen hatten. Die Edlen von Put- Landfriedensordnung erlassen. Ein
mann in die Mark Brandenburg ent- litz, Bredow, Rochow und Quitzow wa- erster Etappensieg im Kampf um die
sandte. Es war ein durchaus vergiftetes ren keineswegs erfreut, erneut einen Herrschaft.

i KOMPAKT Kaiser | Nur die der Kurfürsten. Seit dem


­ rönung durch den
K 12. Jahrhundert gab es

Wie sich
Papst erhob einen König zusätzlich einen König
im Mittelalter zum Kai- von Böhmen, der aber
ser (Romanorum Impera- dem römisch-deutschen

der Adel tor). Erst seit dem 16.


Jahrhundert führte der
König untergeordnet war

gliederte
Herrscher des Heiligen Kurfürsten | Mit der
Römischen Reiches nach Goldenen Bulle, einer
seiner Wahl durch die Art Grundgesetz des Rei-
Kurfürsten automatisch ches, lag das Privileg der
Kaiser, Kurfürst, diesen Titel – ohne Königswahl (mittelhoch-
­Ritter: So sah päpstliche Inthronisation deutsch kure) seit 1356
in den Händen von sie-
die Rangfolge im König | Anders als in ben Fürsten. Dazu zähl-
deutschen Frankreich und England ten die Erzbischöfe von
­Mittelalter aus war diese Stellung nicht Mainz, Köln und Trier,
erblich. König des römi- die Kurfürsten der Pfalz,
schen Reiches (Rex Ro- von Sachsen und Bran-
manorum) wurde ein denburg sowie der König
Fürst erst durch die Wahl von Böhmen

24 G GESCHICHTE 12 | 2017
ANFÄNGE

1426 zog er sich endgültig nach Fran-


ken zurück, wo er 1440 auf der Cadolz-
burg starb (siehe Beitrag ab Seite 26).
Als Vertreterin während seiner Ab-
wesenheit fungierte seine Gattin Eli-
sabeth, genannt »die schöne Else«. 14
Jahre lang lenkte die Wittelsbacherin
aus dem Hause Niederbayern-Lands-
Mit harter Hand
hut die Geschicke Brandenburgs. Sie
Friedrich I. musste seine Herrschaft gegen den Wider-
gilt als eine der ersten starken Frau-
stand der brandenburgischen Adligen durchsetzen.
1414 belagerte er die Burg Friesack, Farbdruck um 1900 en der Hohenzollern. Doch auch die
Herrschaft ihres Sohnes, Friedrich II.,
war von blutigen Konflikten durch-
zogen. Insbesondere die Städte Berlin
Aus dem Nebel des Geschützdon- schaft samt Kurfürstenwürde an seinen und Cölln versuchten, seine Herrschaft
ners zeichnete sich für Friedrich trotz ­ etreuen – wenngleich noch mit einer
G zu unterlaufen. Vorerst war die Mark
aller Kosten und Mühen ein hehres Rückkaufoption zugunsten seines ei- nur eine Option auf die Zukunft, aber
Ziel ab: Der Aufstieg seines Hauses in genen Hauses. Erst 1417, mit der offi- immerhin eine mit Potenzial.
den illustren Kreis der Kurfürsten. In ziellen Belehnung in Konstanz, erhielt
der Tat protegierte Sigismund den Ein- der Hohenzoller ohne Wenn und Aber
zug seines treuen Parteigängers in das die Mark Brandenburg samt Kurwürde
LESETIPPS
Kollegium der Königswähler, obwohl als erbliches Lehen. Aus Friedrich VI.
Thomas Fischbacher (Hg.): »Die Hohen­
sein verstorbener Vater verfügt hatte, von Nürnberg wurde Friedrich I. von
zollern in Brandenburg. Gesichter
die Mark Brandenburg bei den böhmi- ­Brandenburg. einer Herrschaft«. Pustet 2015, € 29,95
schen Kronlanden und damit unter der Die Mark blieb jedoch schwieriges
Wolfgang Neugebauer:
eigenen Familie zu halten. Terrain. Friedrich widmete sich daher »Die Hohenzollern. Anfänge, Landesstaat
Trotzdem vergab Sigismund mit enttäuscht wieder den Reichsangele- und monarchische Autokratie bis 1740«.
der Urkunde von 1415 die Markgraf- genheiten und den Hussitenkriegen. Urban 1996, € 15,80

Herzöge | Nach den gab sowohl geistlichen fache Grafen gehörten


Kurfürsten galten sie als Adel, wie den Erzbi- dem niederen Adel an.
Ranghöchste unter den schof von Salzburg, als Mark- oder Landgrafen
Reichsfürsten. Ursprüng- auch weltliche Aristo- zählten hingegen zum
lich waren die Herzöge kraten wie den Land- Hochadel
die militärischen Anfüh- grafen von Thüringen.
rer der germanischen Den untersten Rang die- Ritter | Der Stand der
Teilstämme wie Sachsen, ser Gruppe bildeten die Ritter kristallisierte sich
Franken, Schwaben oder Reichsfreiherren aus der Verschmelzung
Bayern. Später kamen von ehemals unfreien
Herzogtümer wie Grafen | Der Titel Graf Dienstleuten (Ministeria-
­Brabant, Braunschweig, (comes) bezeichnete len) und freiem Klein-
­Luxemburg, Mecklen- ­ursprünglich einen adel heraus. Neben den
burg oder Kleve dazu Amtsträger. So war ein ritterlichen Vasallen der
Burggraf damit beauf- Fürsten gab es auch
Reichsfürsten | Der tragt, für seinen höher Reichsritter, die direkt
König von Böhmen
Rang eines Reichsfürsten gestellten Herren eine dem Kaiser oder König
Kurfürst und
bedeutete, dass sein Burg mit dem dazugehö- ­Monarch: Bis 1806
unterstanden. Als nahe-
Träger unmittelbar dem rigen Territorium zu ver- zählte Böhmen zu souveräne Landesher-
Kaiser beziehungsweise walten und gegebenen- zum Heiligen ren regierten sie so über
­König unterstellt war. Es falls zu verteidigen. Ein- ­Römischen Reich ein Miniaturterritorium

G GESCHICHTE 12 | 2017 25
Die Cadolzburg
Hohenzollern
zum Anfassen
Mit rekonstruiertem Mittelalter präsentiert die Cadolzburg bei
BILDNACHWEIS: BAYERISCHE SCHLÖSSERVERWALTUNG (3)

Fürth die frühe Geschichte der Dynastie – und lässt für ihre Besucher
das Leben im Mittelalter zu einer sinnlichen Erfahrung werden
[ VON KL AUS HILLINGMEIER ]

26 G GESCHICHTE 12 | 2017
ANFÄNGE

E
igentlich war die Cadolz-
burg für die Männer der
42. US-Infanteriedivision
kein militärisches Ziel.
Am 17. April 1945 wollten
die GIs möglichst schnell
nach Nürnberg vorstoßen. Doch auf
den Wehrgängen der Burg hatte sich
eine SS-Kampfgruppe verschanzt, die
das Feuer eröffnete. Die Amerikaner
antworteten mit schwerer Artillerie
und Raketen. Dann stand der Dach- Links Das Neue Schloss soll als Mahnung an die Zerstörung der Burg am Ende
stuhl in Flammen. Tagelange fraß sich des Kriegs erinnern Rechts Die Hohenzollern und ihre Glaubenswelten
das Feuer durch die Böden und Balken
der Burg. Als die Flammen keine Nah-
rung mehr fanden, war aus der Resi- Überall im Museum gilt: »Anfassen gat zwischen ihren Territorien in Fran-
denz eine traurige Ruine geworden. erwünscht!« Ist es in der Küche Ge- ken und Brandenburg.
Sieben Jahrzehnte später scheint die- schirr, so sind es in anderen Räumen Auch in der Kriegsführung däm-
se Tragödie fast vergessen. Wenn der Stoffe oder Schwerter, die die Epoche merte bereits die Moderne. Obwohl
Besucher das äußere Burgtor durch- erfassbar machen. Wer sich dem Mit- sich Albrecht Achilles in einer vergol-
schreitet, erblickt er scheinbar intaktes telalter ganz besonders nahe fühlen deten Rüstung präsentierte, war die
Mittelalter: stolze Mauern, farbenfro- will, kann einen Harnisch anlegen oder Epoche der Ritter schon lange in ihren
hes Fachwerk und verträumte Erker. in einem rekonstruierten Bett der Epo- Spätherbst getreten und die Zukunft
Nur wer dieser Illusion misstraut und che die Beine ausstrecken. gehörte den Landsknechten und der
genau hinschaut, erkennt die Arbeit Artillerie. In einer Belagerung musste
Intime Einblicke in das Leben
der Restauratoren und erahnt die Kos- sich die Cadolzburg niemals bewei-
ten von 30 Millionen Euro, die der der Hohenzollernherrscher sen. Sie überstand unbeschadet sowohl
Freistaat Bayern in den Wiederaufbau Im ersten Obergeschoss trifft der den Bauernkrieg als auch die Schre-
investiert hat. Dann folgten weitere Besucher auf die herausragenden Herr- ckenszeit des Dreißigjährigen Kriegs.
acht Millionen aus der Staatskasse für schergestalten der Burg. Er erlebt, wie So konnte noch im 18. Jahrhundert
die Ausstellung »HerrschaftsZeiten!«: 1415 Burggraf Friedrich auf dem Kon- der Ansbacher Markgraf die Anlage als
eine Erlebnisreise in das Spätmittelal- zil zu Konstanz von König Sigismund Jagdschloss nutzen.
ter, als die Cadolzburg das glanzvolle mit Brandenburg belehnt wird, und Nach der Gründung des Königreichs
Machtzentrum der Hohenzollern war. kann an einem digitalen Stammbaum Bayern zog dann ein Landgericht in
Zwei Herrscher und ein Narr beglei- den weiteren Aufstieg der Dynastie die Cadolzburg ein, bis sich 1934 die
ten den Zeitreisenden durch die ferne über den König in Preußen bis zum Nazis einnisteten, die die eindrucks-
Welt: Friedrich I., der vom Nürnberger deutschen Kaiser verfolgen. Geradezu volle Burgkulisse für eine HJ-Gebiets-
Burggrafen zum Kurfürsten von Bran- intim wird die Annäherung an Alb- führerschule missbrauchten. Mit
denburg aufstieg, sein Sohn Albrecht recht Achilles und seine Gemahlin An- diesem Kapitel der Geschichte wird
Achilles sowie dessen Hofnarr, Contz. na von Sachsen: In einer Installation der Besucher am Ende des Rundgan-
Zu Beginn der Ausstellung präsentiert kann man Zeuge ihres privaten Brief- ges konfrontiert. Fast unerwartet steht
diese Leitfigur mit der Schellenkappe wechsels werden. er im ausgehöhlten Gebäude des Neu-
in einem Kurzfilm die Geschichte der Jetzt noch eine Treppe erklimmen, en Schlosses: keine Räume, nur große
Cadolzburg und der Menschen, die dann ist Kurzweyl angesagt. Im Ei- Leere – und das beklemmende Gefühl,
dort einst lebten. chensäulensaal, einem der ehemali- dass der Schreckenstag des 17. April
In den Tagen des Kurfürsten Fried- gen Prunkräume, wird ein höfisches 1945 noch nicht lange vorbei sei.
rich I. bevölkerten bis zu 300 Personen Tanzvergnügen an die Wand projiziert.
die Residenz: Die fürstliche Familie, Aber selbst für Fürsten bestand das Le-
ein dienstbarer Hofstaat aus Knechten, ben nicht nur aus Festen. Im obersten MUSEUMSTIPP
Mägden, Köchen, Förstern, Falknern Stockwerk wird der enorme Aufwand Die Ausstellung »HerrschaftsZeiten!« präsen-
und zudem ein kleines Heer von Be- an Verwaltung am Vorabend der Neu- tiert Geschichte auf 1500 Quadratmetern.
waffneten. Organisiert hat diesen Mi- zeit vor Augen geführt. Für die Hohen- Außer montags sind die Tore der Cadolzburg
krokosmos der Hofmeister und ver- zollern Friedrich und Albrecht Achilles das ganze Jahr für Besucher geöffnet:
www.burg-cadolzburg.de
sorgt hat ihn die Hofküche. war es zudem ein bürokratischer Spa-

G GESCHICHTE 12 | 2017 27
ANFÄNGE

Preußens Geburt

Vom Ordens-
staat zum
Herzogtum
Eigentlich ist es Zufall, dass 1511 ausgerechnet
ein Hohenzoller Hochmeister des Deutschen
Ordens wird – und damit den Grundstein für
das spätere Königreich Preußen legt
[ VON CHRISTOPH KOITKA ]

W
äre der kleine Alb- Die verläuft zunächst rasant: Be- Albrecht traut man im Deutschen
recht 1490 im frän- reits 1511 wird Albrecht zum 37. Hoch- Orden einiges zu: Als Neffe des polni-
kischen Ansbach in meister des Deutschen Ordens gewählt. schen Königs Sigismund I. und Sohn
eine andere Familie Dass der gerade 21-Jährige eine derar- der mächtigen Hohenzollern soll er fa-
geboren worden, tige Karriere hinlegt, ist dabei nicht nur miliär abgesichert und entschlossen
wäre sein Weg zum auf seine Qualifikation zurückzufüh- führen. Voraussetzung für seine Wahl
Landesfürsten wohl ren. Auch der familiäre Hintergrund zum Hochmeister ist, dass er den
weniger spektakulär verlaufen. Als tut seinen Teil: Seit 1363 sind die Ho- Treueeid gegenüber dem Königreich
Spross der Hohenzollern ist Albrecht henzollern Reichsfürsten und spielen Polen ablehnt. Der deutsche Kaiser
von Preußen, wie er später heißt, aber damit in der ersten Liga des Adels. Maximilian I. und sein Nachfolger
einem besonderen Erbrecht unterwor- Karl V. unterstützen aber, ebenso wie
Dem ungeliebten Nachbarn
fen – einem, das den Aufstieg eines der Papst, den Anspruch Sigismunds.
ganzen Königreichs ermöglichte. Polen zur Treue verpflichtet Trotzdem verweigert sich Albrecht
Die »Dispositio Achillea« bestimmt Anders ist die Situation des Deut- dem Eid – und provoziert den polni-
seit 1473 die dynastischen Geschicke schen Ordens: Sein Herrschaftsgebiet schen König: Sigismund versucht, den
der Familie. Laut diesem Dokument reicht zu Beginn des 16. Jahrhunderts Orden militärisch zu besiegen.
vererbt ein Fürst bei seinem Tod die fa- nicht mehr an die Ausdehnung frühe- Doch Albrecht dringt auf Unab-
milieneigenen Gebiete gewissermaßen rer Tage heran. Der Deutschordens- hängigkeit: Ab 1519 unternimmt er
am Stück und teilt sie nicht, wie sonst staat beschränkt sich auf Ostpreußen. den letzten Versuch des Ritterordens,
üblich, unter seinen Söhnen auf. Alb- Gebiete wie Westpreußen und das sich auf dem Schlachtfeld gegen Polen
BILDNACHWEIS: AKG/ALBUM/PRISMA

recht hat 16 Geschwister, darunter zwei Fürstbistum Ermland unterstehen seit durchzusetzen. Der sogenannte Rei-
ältere Brüder. Sie werden Markgrafen 1466 dem polnischen König. Auch der terkrieg endet zwei Jahre später auf
von Brandenburg-Ansbach und Bran- Deutsche Orden ist dem ungeliebten, päpstliche Vermittlung mit einem Waf-
denburg-Kulmbach. Für Albrecht als im Dreizehnjährigen Krieg von 1454 fenstillstand. 1525 schließlich landet
Nachgeborenen sieht die »Dispositio« bis 1466 erbittert bekämpften Regenten Albrecht einen echten Coup: Er tritt
eine geistliche Laufbahn vor. seitdem zur Treue verpflichtet. zum Protestantismus über und säku-

28 G GESCHICHTE 12 | 2017
Wechsel zu Polen
Albrecht geht vor Polens König Sigismund I. auf die Knie.
Der hatte ihn zuvor zum Herzog von Preußen ernannt
(»Preußische Huldigung«, Gemälde von Jan Matejko, 1882)

larisiert seinen christlichen Ritteror- Die »Dispositio Achillea« sichert können souverän den Herzog stellen.
den. Das bedeutet auch eine politische weiter Brandenburgs Unteilbarkeit. Beide Landesteile entwickeln sich lang-
Kehrtwende: Am 8. April unterzeichnet Zwar gibt es mehrere Versuche späte- sam zu einem Staatsgebilde. In Bran-
der Hochmeister mit König Sigismund rer Hohenzollern, die Ländereien un- denburg aber bleiben die Regenten
den Vertrag von Krakau. Dieser wan- ter mehreren Söhnen aufzuteilen – sie Vasallen des deutschen Kaisers, auch
delt den Ordensstaat in ein weltliches wenn das Gebiet der Familie gehört.
Brandenburg bleibt ungeteilt dank
Herzogtum um, verliehen vom polni- 1701 ist der Hohenzoller Friedrich I.
schen König und mit Albrecht als des- weitsichtiger Planung — und Glück der erste preußische König – doch
sen erstem Herrscher. scheiterten aber am Tod der ausersehe- nicht von, sondern »in Preußen«. Erst
Martin Luther ist an Albrechts ra- nen Erben. Der Historiker Christopher sein Enkel Friedrich II. annektiert 1772
dikalem Schritt nicht ganz unschuldig: Clark nimmt an, dass sich die Hohen- die bis dato bei Polen verbliebenen An-
Der Reformator riet dem früheren zollern noch im 16. Jahrhundert weni- teile und darf sich so »König von Preu-
Hochmeister öffentlich zum Religions- ger als Landesherren, sondern weiter ßen« nennen. Knapp 300 Jahre nach
übertritt und zur Säkularisierung als Vorsteher einer mächtigen Familie der Geburt Albrechts beherrschen die
seines Ordens. In Polen treten die sahen. Trotzdem können sie durch ei- Hohenzollern damit ein zusammen-
Herrscher zwar nicht zum neuen Be- ne Mischung aus weitsichtiger Planung hängendes Gebiet, das Brandenburg
kenntnis über, dulden es jedoch. und Glück die territoriale Integrität und die alten Ländereien des Deut-
In den brandenburgischen Gebieten Brandenburgs erhalten. schen Ordens umfasst – auch dank
führen die Hohenzollern die Reforma- Das Aussterben der Hohenzollern Albrechts besonderem Erbrecht.
tion mit Bedacht ein: Sie scheuen die aus fränkisch-preußischer Linie bringt
offene Konfrontation mit dem habs- der Brandenburger Linie einen Sprung
burgischen Kaiser. Auch nach dem nach vorn: Im Jahr 1618 dehnt sich de-
LESETIPP
offiziellen Glaubenswechsel setzen sie ren Herrschaftsbereich auf Preußen
die Neuerungen nur langsam um: Erst aus. Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts Frank-Lothar Kroll (Hg.): »Preußens
am Ende des 16. Jahrhunderts ist die sind die Hohenzollern dort nicht mehr Herrscher: Von den ersten Hohenzollern
bis Wilhelm II.« C. H. Beck 2009, € 12,95
Reformation dort abgeschlossen. dem polnischen König verpflichtet und

G GESCHICHTE 12 | 2017 29
Das neue Brandenburg

Auferstanden
aus Ruinen
Ein vom Krieg geschundenes Land wieder auf die Beine zu bekommen ist
politische Kärrnerarbeit. Kein Wunder, dass im Fall des »Großen Kur­fürsten«
die Historienmaler und Schreiber sich lieber an dramatische Bilder halten
[ VON FRANZ METZGER ]

30 G GESCHICHTE 12 | 2017
AUFSTIEG
2. KAPITEL

D
ie klirrende Kälte ist
noch auf dem Gemäl-
de (Abbildung links)
zu spüren: Der Atem
der galoppierenden
Pferde gefriert zu hel-
len Wolken; Schnee
klebt an den Kufen des
Schlitten, dessen Insas-
sen sich in dicke Pelze
und Decken gehüllt haben, und all das spielt
sich auf fest gefrorenem Meereis ab. Nur die
Person im Fokus des Gemäldes trotzt offen den
Elementen: Friedrich Wilhelm von Branden-
burg. Der Kurfürst führt im Januar 1679 eine
ganze Flottille von Schlitten über das Kurische
Haff, um mit dieser Heeresmacht den schwe-
dischen Feind in seinen Winterquartieren zu
überraschen. Der kühne Coup gelingt: Die
Schweden erleiden eine herbe Niederlage und
müssen sich aus Preußen zurückziehen.
Gut 200 Jahre später malte Wilhelm Simmler
die Szene auf ein Wandsegment der Ruhmes-
halle der brandenburgisch-preußischen Armee
im ehemaligen Zeughaus gegenüber dem Berli-
ner Schloss. Hier feierte das Haus Hohenzollern
nicht zuletzt seine gekrönten Häupter als sieg-
reiche Feldherren, bis die Bomben auch dieses
Preußen-Gloria auslöschten.
Mit 20 bestieg Friedrich Wilhelm den
Thron eines entvölkerten Landes
Friedrich Wilhelm nahm darin mit Recht
seinen Platz ein. Die »Jagd über das gefrorene
Haff« war nicht das einzige Beispiel für kreatives
Feldherrentum. Als Sieger behauptete Friedrich
Wilhelm auch bei Warschau und bei Fehrbellin
das Feld (siehe Seite 33). Letzterer Sieg machte
ihn bei den Zeitgenossen und für die Nachwelt
zum Großen Kurfürsten: »Seine Nachkommen
datieren von diesem ruhmreichen Tage den ho-
hen Aufschwung, den das Haus Brandenburg in
der Folge genommen hat«, schrieb der Urenkel
Friedrich II. in seiner Familiengeschichte.
Es war ein Aufschwung von ganz unten: Das
Kurfürstentum hatte fürchterlich unter dem
Dreißigjährigen Krieg gelitten. Als der 20-jäh-
rige Friedrich Wilhelm 1640 den Thron bestieg,
Kühner Coup: Per galt auch für Brandenburg die düstere Bilanz ei-
Schlitten verfolgt der
nes Zeitgenossen: »Wie elend stehen die kleinen
Große Kurfürst 1679 die
Städte, die offenen Flecken: Da liegen sie ver-
BILDNACHWEIS: AKG

Schweden über das


Kurische Haff. Gemälde brannt, zerfallen und zerstört, dass weder Dach,
von Wilhelm Simmler, Gesparr, Türen oder Fenster zu sehen sind […]
Ende 19. Jahrhundert Wie jämmerlich steht’s auf den Dörfern! Man

G GESCHICHTE 12 | 2017 31
AUFSTIEG

»Sehet dahin, dass sowohl den Armen als den Reichen


ohne Ansehung der Person Recht erschaffet werde«
Friedrich Wilhelm in seinem politischen Testament von 1667

wandert bei zehn Meilen und sieht nicht ei- ren Hoftheologen und der lutherischen Geist-
nen Menschen, nicht ein Vieh, nicht einen lichkeit ihrer meisten Untertanen müde. An-
Sperling.« In all dem Elend hatte Brandenburg stelle von Konflikt sollte Toleranz treten, und
zweimal Glück. Zum einen war Preußen vom dieses neue Markenzeichen wurde zur Trumpf-
Krieg verschont geblieben und konnte mit dem karte Friedrich Wilhelms und seiner Nachfolger.
Notwendigsten aushelfen – und es bekam einen
Herrscher wetteiferten um
Herrscher mit »bewunderungswürdigem Weit-
blick und staunenswerter Tatkraft«, wie Fried- die Ansiedlung neuer Bürger
Biografie rich II. später lobte. Sie stach umgehend im Wettbewerb um die
kompakt Bei den westfälischen Friedensverhandlun- Ansiedlung neuer Bürger, was die Bevölke-
1620 gen sah sich Kurfürst Friedrich Wilhelm noch rungsverluste rascher ausglich. Aus der nieder-
Geburt am als Juniorpartner und Herrscher einer nicht ländischen Heimat seiner ersten Frau Louise
16. Februar in Cölln sonderlich ernst genommenen Mittelmacht be- von Oranien, wo Friedrich Wilhelm selbst prä-
(heute Teil von Berlin) handelt. Vom ersehnten Pommern erhielt er nur gende Jahre verbracht hatte, lockte er reformier-
1634 — 1638 den armen östlichen Teil. Vorderpommern mit te Neusiedler nach Brandenburg, die halfen, die
Aufenthalt in den den wichtigen Hafenstädten Stettin und Stral- ausgedehnten Sümpfe trockenzulegen. 1685
Niederlanden, Besuch sund fiel an Schweden, und die behaupteten es stellte der Sonnenkönig Ludwig XIV. Frank-
der Universität Leiden trotz späterer Niederlagen bis 1815 gegen die reichs Reformierte, die Hugenotten, vor die
1640 Brandenburger. Die anderen Friedensgewinne – Wahl Konversion oder Auswanderung. Rund
Kurfürst von Minden und die Bistümer Magdeburg und Hal- 20 000 von ihnen fanden in Brandenburg eine
Brandenburg berstadt – mochten zwar wichtig für die spätere neue Heimat (siehe G/GESCHICHTE 6/2015).
1646 Westexpansion Preußens werden; zunächst wa- Der wirtschaftliche Aufschwung hatte aber
Heiratet Louise von ren sie nur weitere kriegsgeschädigte Länder. schon vor der Ankunft der Hugenotten einge-
Oranien († 1667) In einem wichtigen Punkt setzte sich Fried- setzt, weil Friedrich Wilhelm Handwerk und
1656 rich Wilhelm aber durch: Der Friedensvertrag Handel förderte – und dank seiner kreativen
Sieg über Polen bei stellte den reformierten Glauben (Calvinismus) Steuerpolitik. Wie andere Fürsten war er von
Warschau mit den anderen Reichsreligionen, dem Ka- der Zustimmung der Landesstände, der Ver-
1660 tholizismus und dem Luthertum, gleich. Die treter von Adel und Bürgertum, abhängig, um
Gewinn der Souveräni- Hohenzollern selbst folgten dem reformierten Steuern zu erheben. Zum Wiederaufbau hat-
tät Preußens Kultus, waren aber der Querelen zwischen ih- ten sich die Stände noch höhere Abgaben ab-
1668
Heiratet die verwitwete
Herzogin Dorothea Trumpfkarte Toleranz: Friedrich Wilhelm empfängt aus Frankreich geflohene Hugenotten.
von Braunschweig und Sie trugen viel zum Wiederaufbau Brandenburgs nach dem Dreißigjährigen Krieg bei
Lüneburg
1675
Sieg über Schweden
bei Fehrbellin,
Beiname »der Große«
1685
Sein Potsdamer Edikt
eröffnet Ansiedlung
von Hugenotten
1688
Stirbt am 9. Mai in
Potsdam

32 G GESCHICHTE 12 | 2017
ringen lassen; nun war der Kurfürst das Scha-
chern aber leid. Als die Stände versuchten, ei-
ne eigene Außenpolitik zu verfolgen, hörte für
Friedrich Wilhelm der Spaß auf: Er ließ den
Wortführer der Opposition, den Grafen von
Kalckstein, aus Warschau entführen, foltern
und nach einem Schauprozess hinrichten,
mochten die Stände und das Ausland auch em-
pört von Justizmord sprechen.
Aber selbst mit eiserner Faust ließen sich die
Steuereinnahmen nur begrenzt erhöhen, und so
griff Friedrich Wilhelm auf die Verbrauchssteu-
er (Akzise) auf Tabak, Branntwein und andere
Die Schlacht bei Fehrbellin am 28.Juni 1675
Konsumgüter zurück. Anstatt wütend zu wer-
den, feierten Brandenburgs Bürger diese frü-
he Form der Mehrwertsteuer, weil sie fix und
gleich verteilt war, als »Eingabe Gottes«! Es sie- i KOMPAKT
delten sogar nicht wenige Untertanen anderer

Ein Sieg, der


Herrscher ins Kurfürstentum um, um der Steu-
erwillkür im eigenen Land zu entkommen.
Friedrich Wilhelm versiebenfachte so die
Staatseinnahmen, mit denen er wiederum
die Wirtschaft förderte. Sein Ehrgeiz zeigte
sich auch in exotischen Projekten wie der Grün-
Aufsehen erregte
dung einer Handelsniederlassung in Afrika Die Schweden wollten Friedrich Wilhelms
(siehe G/GESCHICHTE 2/2016). Abwesenheit ausnutzen. Doch er überraschte sie
Viel folgenreicher war seine Heeresreform.

W
Statt Söldnern sollte eine stehende, modern während des linger bescherte den Bran-
ausgerüstete Armee aus überwiegend Landes- Kriegs des Hei- denburgern einen Sieg, der
kindern für ihn kämpfen. Die Offiziere stellte ligen Römi- europaweit Aufsehen erreg-
der Landadel, den der Herrscher auf diese Wei- schen Reichs te. Die Schweden verloren
se eng an sich band. Als Schattenseite schrieb gegen Frank- rund 4000 Mann an Toten,
er die Abhängigkeit der Bauern von den Groß- reich kämpfte die branden- Verwundeten und Gefange-
grundbesitzern fest: Der Kurfürst legte so die
BILDNACHWEIS: AKG, BPK/STAATSBIBLIOTHEK ZU BERLIN

burgische Armee 1674 am nen; die Brandenburger 500.


Grundlagen für das preußische Junkertum. Oberrhein gegen die Trup- Nach einer Überlieferung
Bei seinem Tod 1688 hinterließ Friedrich pen Ludwigs XIV. Um diese soll Prinz Friedrich von Hes-
Wilhelm seinem Nachfolger gut gefüllte Staats- zu entlasten, fiel eine Ein- sen-Homburg als Führer der
kassen, eine modernisierte Wirtschaft und Ver- heit der Schweden – die mit Vorhut die Schlacht eigen-
waltung und eine respektierte Armee. Und da Frankreich verbündet waren mächtig eröffnet haben, als
es ihm gelungen war, den preußischen Landes- – in Brandenburg ein. Der er eine Schwachstelle des
teil aus der polnischen Lehenshoheit zu lösen, Kurfürst führte daraufhin Feindes erkannte. Dass ihn
war der Weg frei für neue, königliche Höhenflü- seine Truppen so schnell in der Kurfürst deswegen mit
ge des Hohenzollernadlers. sein Land zurück, dass sich dem Kriegsgericht bedroht,
die überraschten Schweden dann aber für seine Ent-
zum Rückzug entschlossen. schlossenheit begnadigt ha-
Nach mehreren kleinen Ge- be, ist eine spätere Aus-
LESETIPP fechten stellte Friedrich Wil- schmückung, die niemand
Barbara Beuys: »Der Große Kurfürst. helm die schwedische Geringeres als Friedrich der
Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Mann, Hauptarmee am 28. Juni Große kolportierte. Heinrich
der Preußen schuf«. Dtv 2012, antiquarisch 1675 bei Fehrbellin nord- von Kleist nahm sie als Vor-
westlich von Berlin. Die lage für sein Drama »Prinz
GESCHICHTE IM INTERNET
überlegene Kampfführung Friedrich von Homburg«
Gekommen, um zu bleiben. Der Große Kurfürst des Kurfürsten und seines über den Konflikt von Ge-
und die Hugenotten: www.g-geschichte.de/Plus
Generalfeldmarschalls Derff- horsam und Eigeninitiative.

G GESCHICHTE 12 | 2017 33
»Soldatenkönig«
Friedrich Wilhelm I.

Ein Land
im Gleich-
schritt
Friedrich Wilhelm I. begann keinen
einzigen Krieg, ging aber als
Soldatenkönig in die Geschichte ein.
Mitten im Absolutismus sparte
er allen höfischen Pomp radikal ein

S
[ VON KARIN FEUERSTEIN-PRASSER ]

o jung und schon so


geizig!« – Dass ihr erst
zehnjähriger Sohn ein
Haushaltsbuch führte,
Biografie die »Rechnung über
kompakt meine Dukaten«, er-
1688 füllte die schöngeis-
Geboren in Berlin tige Sophie Charlotte
mit schierem Entsetzen. Doch das war
1706, 1709
Erste praktische Mili-
noch nicht alles. Als Kleinkind hat-
tärerfahrung im Spani- te sich Friedrich Wilhelm im verruß-
schen Erbfolgekrieg ten Kamin versteckt, um die feine, mit
Spitzen besetzte Kleidung absichtlich
1713
König in Preußen zu ruinieren. Später rieb er sich das
Gesicht mit einer Speckschwarte ein
1717 und bräunte es in der Sonne, um wie
Führt die allgemeine
ein Soldat auszusehen. Was sollte bloß
Schulpflicht ein
aus diesem enfant terrible werden?
1732 Bekanntlich wurde der sonderbare
»Einladungspatent«: junge Mann 1713 Preußens zweiter Kö-
Verfolgte Protestanten
kommen nach Preu-
nig, Nachfolger seines Prunk liebenden
ßen. Gründet das Ge- Vaters Friedrich I., dessen Verschwen-
stüt Trakehnen, um dungssucht das Land fast in den Ruin
weniger Pferde aus getrieben hätte. Ein letztes Mal wurde
dem Ausland impor- auf dessen Beisetzung barocke Pracht
tieren zu müssen entfaltet. Dann aber war Schluss mit
1740 lustig. Eiserne Sparsamkeit zog ins Ber-
Stirbt in Potsdam liner Stadtschloss ein.

34 G GESCHICHTE 12 | 2017
Rätselhafte AUFSTIEG
Marotte
Der sonst extrem
sparsame Friedrich
Wilhelm I. gab
Unsummen dafür
aus, von überall her
besonders große
Der junge Friedrich Wilhelm I. ver-
Männer für sein
blüffte die höfische Gesellschaft mit Potsdamer Regiment
dem berühmten »Strich durch den der »Langen Kerls«
Etat« – eine bislang an Europas Höfen anzuwerben. Der
unvorstellbare Maßnahme. Um den Grenadier im Bild,
Schuldenberg von 20 Millionen Ta- James Kirkland, kam
lern abzutragen, griff er zu drastischen aus Irland und war
2,17 Meter groß
Maßnahmen: Alles, was irgendwie ent-
behrlich war, wurde gestrichen oder
verkauft: Juwelen, Kunstgegenstände,
edle Pferde und prächtige Kutschen. Er
entließ alle überflüssigen Beamten, da-
runter zahlreiche Künstler und Gelehr-
te. Von nun an durften die Einnahmen
die Ausgaben nicht überschreiten. Das
war im Zeitalter des Absolutismus ge-
radezu revolutionär!
Friedrich Wilhelm wollte Preußen
unabhängig vom Ausland machen
Mit seiner Sparsamkeit begründete
Friedrich Wilhelm ein solides preußi-
sches Finanzwesen, das ihm sowohl
innere als auch äußere Unabhängig-
keit verschaffte. Und vor allem: Endlich
konnte er seinen lang gehegten (Kind-
heits-)Traum realisieren und eine
schlagkräftige Armee aufbauen – die
viertstärkste Europas. Hatte ihm sein
Vater ein Heer von 40 000 Mann hinter-
lassen, so waren es beim Tod Friedrich
Wilhelms I. mehr als doppelt so viele.
Die preußische Armee verschlang etwa
zwei Drittel der Staatseinnahmen.
Der immense Bedarf an Soldaten
stellte den König vor ein Problem.
Zuerst versuchte er es mit Zwangs-
rekrutierungen. Die führten jedoch da-
zu, dass in ländlichen Gebieten mas-
senweise junge Männer vor der Armee
wegliefen und sich versteckten. Dabei
BILDNACHWEIS: AKG, BRIDGEMAN/DEUTSCHES HISTORISCHES MUSEUM BERLIN

halfen ihnen Bauern, die akuten Ar-


beitskräftemangel beklagten, vor allem
zur Erntezeit. Sollten die Menschen
etwa verhungern, nur weil der König
meinte, so viele Soldaten zu brauchen?
Friedrich Wilhelm zeigte Verständnis
für die missliche Lage seiner Unterta-
nen. Im September 1733 unterteilte er
sein Herrschaftsgebiet in feste Aushe-
bungsbezirke, die Kantone. Sie dienten
bestimmten Regimentern als Rekru-
tierungsreservoir. Wehrfähige junge
Männer wurden »enrolliert«, also in

G GESCHICHTE 12 | 2017 35
AUFSTIEG

»Für Friedrich Wilhelm war das Heer


so anziehend, weil es so ordentlich war«
Christopher Clark, australischer Historiker

die Listen derjenigen Truppen einge- ne adliger Familien aufgeführt waren. riker und Preußenkenner Christopher
tragen, die für den jeweiligen Kanton Aus ihnen wählte er eine Gruppe He- Clark: »Natürlich war das Heer ein po-
zuständig waren. Daraus entwickelte ranwachsender aus, die an der neuen litisches Instrument, aber zugleich war
sich ein System, das einer selektiven Kadettenschule in Berlin ausgebildet es der Mensch gewordene und insti-
Wehrpflicht sehr nahe kam. wurden, um später das Offizierscorps tutionelle Ausdruck der Weltanschau-
Stadtbewohner wurden nicht ein- zu stellen, die preußische Militäreli- ung des Königs. In diesem geordneten,
gezogen, und auch auf dem Land gab te. Auch diese Methode stieß anfangs hierarchischen, männlich geprägten
es zahlreiche Ausnahmen. So blie- auf Widerstand, doch allmählich fand System stellte der Einzelne seine Inte-
ben Handel- und Gewerbetreibende, der Adel Geschmack an dem Dienst. ressen und seine Identität hinter das
grundbesitzende Bauern, Neusiedler Der garantierte nicht nur ein lukratives Ganze zurück, die Autorität des Königs
und Manufakturarbeiter vom Wehr- Einkommen, sondern war auch mit er- war ohne Einschränkungen anerkannt
dienst verschont. Sie mussten Steuern heblichem Prestigegewinn verbunden. […]. Damit kam es seiner Vision einer
zahlen sowie für die Verpflegung und idealen Gesellschaft sehr nahe.«
Der Dienst für König und Staat
Ausrüstung der Soldaten aufkommen. Obendrein bereiteten dem König
Gleichzeitig nahm das Kantonsystem wurde zur Ehrensache die Soldaten, seine »lieben blauen Kin-
Rücksicht auf den Arbeitskräftebedarf Dieser Prozess der Militarisierung der«, auch ein ästhetisches Vergnügen.
in ländlichen Gegenden: Die jährliche hat Staat und Gesellschaft maßgeb- Es gehörte zu Friedrich Wilhelms Lieb-
Exerzierzeit betrug zunächst drei, spä- lich verändert. Zum einen bildete sich lingsbeschäftigungen, uniformierte
ter zwei Monate. Jeder zur Armee ein- im 18. Jahrhundert jenes enge Bünd- Männer beim Exerzieren zu beobach-
gezogene junge Mann durfte außer- nis zwischen Thron und Adel heraus, ten und seine Armee im Gleichschritt
halb dieser Zeit auf den heimatlichen das Preußen künftig prägte. Zum ande- zu sehen. Letzteren hatte der General-
Hof zurückkehren und seiner bäuerli- ren wurde es für alle Bauernsöhne, die feldmarschall Leopold von Anhalt-
chen Tätigkeit nachgehen. So gelang es keine Hoferben waren, nahezu selbst- Dessau damals eingeführt. Kein Wun-
Friedrich Wilhelm, eine schlagkräftige verständlich, Soldat zu werden. Der der also, dass der König sogar den
Armee aufzubauen, ohne dass die Zi- Dienst für König und Staat war keine Lustgarten des Berliner Stadtschlos-
vilgesellschaft Schaden nahm. lästige Pflicht mehr, sondern Ehrensa- ses in einen Exerzierplatz umwandeln
Auch der Adel wurde in die Pflicht che. Und genau das war auch das Ziel ließ, um seinem Hobby zu frönen. Am
genommen. Zunächst ließ der König gewesen, das Friedrich Wilhelm I. er- liebsten mochte Friedrich Wilhelm
eine Liste erstellen, auf der alle Söh- reichen wollte. So schreibt der Histo- sein Potsdamer Regiment, das aus den
berühmten »Langen Kerls« bestand,
ungewöhnlich hochgewachsenen Sol-
Ästhetisches Grenadiermütze des
daten, für deren Rekrutierung er große
25. Infanterieregiments von Kalckstein,
Vergnügen teilweise rekonstruiert Summen ausgab. Diese Marotte, die
für den König uns noch heute Rätsel aufgibt, war der
einzige Luxus, den sich dieser sparsa-
Friedrich Wilhelm I.
liebte es, Männern in
me Monarch geleistet hat.
Uniform beim Exer­ Dass Friedrich Wilhelm I. als »Sol-
zieren zuzusehen. datenkönig« in die Geschichte ein-
Am liebsten mochte er gegangen ist, mag verständlich sein,
seine »Langen Kerls«, entbehrt jedoch nicht einer gewissen
das 6. Infanterie­ Ironie. Seine Armee diente ausschließ-
regiment, auch Pots­ lich zur Abschreckung, er hat selbst
damer Riesengarde
keinen einzigen Krieg geführt: »Mein
genannt. Wer auch
immer ein Anliegen Wahlspruch ist, niemandem etwas an-
an den König hatte, zuhaben, mir aber auch nichts gefallen
verbesserte seine zu lassen.« Sein Thronerbe Friedrich
Chancen enorm, der Große sah das dann ganz anders.
wenn er in Uniform
vor ihm erschien
LESETIPPS
Heinz Ohff: »Preußens Könige«.
Piper 2016, € 12,–
Christopher Clark: »Preußen«.
Mütze der Langen Kerls,
Pantheon 2008, € 19,99
Theateranfertigung

36 G GESCHICHTE 12 | 2017
Preußische Tugenden prägen Deutschland zum Teil
bis heute. Klassenwettbewerb in der DDR, 1955

i KOMPAKT

Preußische Tugenden
Pflichtbewusst, diszipliniert, fleißig, genügsam, aber auch tolerant:
Preußens Ethos entstand, weil es aus der Not Tugenden machte
[ VON STEFAN REINB OLD ]

O
hne Zweifel wäre das kleine Kur- zier erklärt: »Dienst ist alles […]. Die wirklich
fürstentum Brandenburg nie zur Vornehmen gehorchen nicht einem Machthaber,
Großmacht aufgestiegen, hätte sondern einem Gefühl der Pflicht. […] Es ist
seine Bevölkerung nicht die Fä- dies außerdem etwas speziell Preußisches. Wir
higkeit besessen, die Zähne sind dadurch vor anderen Nationen ausgezeich-
zusammenzubeißen. Genügsam- net, und selbst bei denen, die es nicht begreifen
keit, Fleiß, Aufrichtigkeit und Pflichtbewusst- und übel wollen, dämmert die Vorstellung von
sein waren gute Voraussetzungen, um aus dem unserer daraus entspringenden Überlegenheit.«
sandigen Stück Land einen blühenden Staat zu
Die Nationalsozialisten interpretierten
machen. Aber auch Toleranz gegenüber Min-
derheiten trug dazu bei: Diese bereicherten Pflichterfüllung als Kadavergehorsam
das bevölkerungsarme Gemeinwesen nicht nur »Die Pflicht gegen den Staat kam zuerst. Mit
durch ihre Anzahl, sondern auch durch ihre Fä- diesem Religionsersatz ließ sich leben, und so-
BILDNACHWEIS: AKG, INTERFOTO/HERMANN HISTORICA (2)

higkeiten. Disziplin, Härte und bedingungsloser gar ordentlich und anständig leben, solange
Gehorsam formten eine Armee, die in Kriegen der Staat, dem man diente, ordentlich und an-
die Grundlage für Preußens Aufstieg schuf. ständig blieb«, urteilt der Historiker Sebastian
Diese Tugenden waren aus der Not gebo- Haffner. »Die Grenzen und Gefahren der preu-
ren. »Die preußischen Könige haben versucht, ßischen Pflichtreligion haben sich erst unter
das Beste daraus zu machen«, sagte der Histori- Hitler gezeigt.« Die Nationalsozialisten perver-
ker Julius Schoeps anlässlich des 300. Geburts- tierten den Pflichtgedanken zum Kadaverge-
tags Friedrichs des Großen. Die Gefahr, die sich horsam. Die Gründerväter der Bundesrepublik
aus ihrem Erfolg ergab, deutet Theodor Fonta- setzten deshalb der bedingungslosen Pflichter-
nes Roman »Der Stechlin« an, in dem ein Offi- füllung den mündigen Staatsbürger entgegen.

G GESCHICHTE 12 | 2017 37
Der Philosoph
und Krieger
Friedrich II., der Alte Fritz
Als populärster Hohenzoller erarbeitet sich Friedrich II. den Titel
»der Große«. Und verankert Preußen als Großmacht
im europäischen Ränkespiel. Für seinen Ruhm tut er alles
BILDNACHWEIS: ISTOCKPHOTO.COM/WONGKAER

38 G GESCHICHTE 12 | 2017
GROSSMACHT
3. KAPITEL

M
[ VON JANINA LINGENBERG]

orgens um drei Uhr soll-


te die Aktion starten.
Jetzt war der Zeitpunkt
für die Flucht nach Eng-
land, für das Entkom-
men in die Freiheit. Der
Kronprinz bereitet sich
vor, indem er den roten,
neuen Rock überzieht. Nun muss er nur noch
auf seinen Komplizen warten. Der Page Keith
soll die Pferde bringen. So der Plan.
Während Friedrich vor einer Scheune in
Steinsfurt am Wagen lehnt, verwickelt ihn ein
Oberstleutnant ins Gespräch. Aus einem Sol-
daten werden zwei, drei… An eine Flucht aus
dem verhassten Leben ist nicht mehr zu denken.
Auch auf dieser Inspektionsreise entkommt
Friedrich seinem Vater nicht. Dafür holt den
Kronprinzen die Wut des Königs umso mehr
ein, denn der Page verpetzt den Fluchtplan.
Unauffällig auffällig habe sich der Kronprinz
an diesem 5. August 1730 verhalten. Fast so, als
wolle er entdeckt werden. Als wolle er erreichen,
dass sein Aufbegehren bekannt würde. Tatsäch-
lich spricht man an anderen Höfen über die-
sen monarchischen Nachwuchs, der lieber das
Weite sucht. Aber die Bestrafung geht ihm nah:
Hat er sich nicht denken können, dass ihm oder
einem Mitwisser die Todesstrafe drohte? Mit
Leutnant Katte ist ein Übeltäter ausgemacht.
Der Vater zwingt ihn, bei der Hinrichtung
des besten Freundes zuzusehen
Obwohl das Gericht den Freund zweimal
nur zur Haft verurteilt, fordert der Soldatenkö-
nig den Henker. Friedrich soll am Morgen des
6. November aus seiner Zelle in Küstrin heraus
beobachten, wie Katte stirbt. Aber als der Hen-
ker diesem den Kopf abschlägt, ist Friedrich be-
reits in Ohnmacht gefallen.
Das Erlebte wirkt tief. In Zukunft wird sich

1
der Thronfolger nicht mehr fehl verhalten. Zu-
mindest nicht so, dass der Vater es erfährt. Der
schlug schon in der Kindheit zu: »Er packt mich
an den Haaren, zieht mich unter den Tisch«, so
Friedrich. Der Soldatenkönig verurteilte das
Strategisch und ehrgeizig Flötenspiel und die Eitelkeit des Sohnes: »Sein
eigensinniger böser Kopf, der nicht seinen Va-
Der Feldherr ter liebet […] seine Haare wie ein Narr sich fri-
sieret«. Als beide nach der misslungenen Flucht
Die preußische Armee hatte
lange den Ruf, unbesiegbar
aufeinandertreffen, wirft sich der Sohn dem Va-
zu sein. Friedrich führte Kriege ter vor die Füße und fleht um Vergebung. Was
hauptsächlich, um in die Ge- für ein Schauspiel. Friedrich hat gelernt, eine
schichte einzugehen. Mit Erfolg Maske aufzusetzen und Fassade aufzubauen.

G GESCHICHTE 12 | 2017 39
GROSSMACHT
»Die Genugtuung, meinen Namen in den
Zeitungen und später in der
Geschichte zu sehen, hat mich verführt«
Friedrich der Große, 1741

Ob es die Haft in Küstrin, die Zeit als Re- als Bausteine an seiner persönlichen Ruhmes-
gierungskommandeur in Neuruppin oder die halle. So nennt ihn Voltaire als Erster »den Gro-
Heirat mit Elisabeth Christine von Braun- ßen«. Ein Kompliment, nach dem Friedrich
schweig-Bevern betrifft: Friedrich spielt seine gefischt hat. Stolz. Strategisch. Ehrgeizig.
Rolle in dem Drama, das sich Leben nennt. Da Verlogen. Verschlagen. Verkommen. Als Kö-
ist es eigentlich auch egal, ob er die Gattin für nig schlägt der junge Monarch ein neues Kapitel
eine »dumme Person« hält: »Wenn ich heirate, auf. Er zeigt die Facette des Feldherren, der un-
dann heirate ich als Mann von Lebensart, das sterblich werden will. Kein Jahr, nachdem er als
heißt, ich lasse Madame ihre Wege gehen und Friedrich II. 1740 den Thron besteigt, bricht er
tue meinerseits, was mir gefällt; vive la liberté.« zum »Rendezvous mit dem Ruhm« auf: »Ich liebe
2 Selbstironisch. Selbstbezogen. Selbstsüchtig.
Aufgeklärt. Gebildet. Intelligent. Im nächsten
den Krieg um des Ruhmes Willen.«
Friedrichs Ziel ist von Anfang an
Kapitel seines Lebens kann Friedrich frei sein.
Musikalisch Das Schloss Rheinsberg liefert die Kulissen. Eu- unsterblicher Ruhm auf dem Schlachtfeld

Der ropa fragt sich: Welch moderner und friedvoller


König muss in diesem kleinen, bisher unschein-
Als Anlass dient ein vermeintlicher An-
spruch auf Schlesien gegenüber Österreich und
Schöngeist baren Land Preußen heranreifen? Der, der Flöte seiner neuen Herrscherin Maria Theresia. Das
Friedrich spielte spielt und seine Tafelrunden mit intellektuel- Heer, das Friedrich vom sparsamen Vater geerbt
Querflöte, schrieb zahl- len Gesprächen erfüllt. Der, der in seinem Werk hat, ist gut aufgestellt. Mit etwa 20 000 Soldaten
reiche Bücher, umgab »Antimachiavell« 1739 die Fürsten auffordert, zieht er in das beanspruchte Land. Und mit et-
sich mit Geistesgrößen gerecht und gütig zu handeln. Der, der sich mit wa 80 000 Soldaten marschiert er im Zweiten
wie Voltaire, traf Jo- den großen Denkern der Zeit austauscht. Wie Schlesischen Krieg 1744 in Böhmen ein. Der
hann Sebastian Bach
Voltaire. Friedrich hat dem Franzosen seine gewonnene Ruhm muss erhalten werden.
und förderte die Künste.
Dadurch setzte er sich
Ehrerbietung zum Ausdruck gebracht, und der Die Zeit im Sattel kostet den König vor allem
auch von seinem Vater, sprang 1736 darauf an. Seitdem pflegen sie eine seine Jugend. Der »alte Fritz« reift heran. Goe-
dem Soldatenkönig, ab Beziehung, von der beide profitieren. Friedrich the nennt ihn so. Aber auch Friedrich skizziert
(Beitrag ab Seite 34) benötigt Multiplikatoren und Dokumentatoren kräftig an der Silhouette des Überkönigs, der

40 G GESCHICHTE 12 | 2017
3 Biografie
kompakt
Aufgeklärt und sorgsam 1712
Geboren am
Der Überkönig 24. Januar in Berlin
Als Vorkämpfer für Freiheit und Recht stellte 1728
Friedrich sich dar, als Herrscher, der sich kümmert. Nimmt heimlich
Zwei Untertanen warten mit einer Bittschrift auf ihn Flötenunterricht
1730
Fluchtversuch und
Verhaftung

sich kümmert. Mit seinem blauen Soldaten- in den letzten 20, 30 Jahren hat man sich von 1733
rock, dem Dreispitz und dem Stock. Wenn er Friedrichs Darstellung über seine Zeit und vor Heiratet Elisabeth
Christine von
in der Nacht entlang der Lager mit den Solda- allem über sich selbst weitgehend gelöst.« Hin- Braunschweig-Bevern
ten spricht und Nähe zeigt, dann überzeugt das. ter dem Mirakel verbergen sich strategische
Friedrich muss nun auf alles oder nichts set- Fehler Österreichs und Russlands, die Friedrich 1740
König von Preußen.
zen, denn Preußen ist kurz davor, den nächsten, als Feldheer und Monarch in Personalunion
Schafft die Folter ab,
den Siebenjährigen Krieg und Schlesien zu ver- vermeiden kann. Zudem stirbt die Zarin. Am beginnt Ersten
lieren. Bei der Schlacht von Kolin am 18. Juni Ende des Krieges ist nichts gewonnen. Schlesischen Krieg
1757 verliert seine Armee den Nimbus der Un- Im Frieden macht sich Friedrich an die Ar-
1745
besiegbaren. Der König muss nach den vielen beit. Gerecht, sorgsam und weise will er sich
Lässt Schloss Sanssouci
Siegen den Sinn in den Niederlagen suchen. Es darstellen. Der Vorkämpfer für Freiheit, Recht in Potsdam bauen
fällt ihm schwer. Die Schlacht von Kunersdorf und Religion. Seine Toleranz gemäß dem Motto
am 12. August 1759 lässt die Katastrophe über »Jeder nach seiner Façon« endet allerdings bei 1756
Beginnt den
das Heer hereinbrechen. »Unser Verlust ist sehr seiner Judenpolitik. Trotzdem: Es gibt weniger Siebenjährigen Krieg
groß. Von 48 000 Mann vor der Schlacht verfü- Folter, weniger Pressezensur. Er kümmert sich
ge ich gegenwärtig noch über 3000«, dokumen- um Oderbruch, Viehzucht, Schulpolitik, Refor- 1786
Stirbt am 17. August in
tiert Friedrich. Müde. Einsam. Eigenwillig. men. Letztere stoppt er jedoch mit zunehmen-
Schloss Sanssouci
dem Alter. Er wird immer eigensinniger. Schläft
Spielt Friedrich nach einer Niederlage
in seiner Uniform. Wäscht sich nicht. Die Perü-
mit dem Gedanken an Suizid? cke ungekämmt, die Zähne ausgefallen. Geplagt
Hartnäckig. Beständig. Diszipliniert. Was von Gicht. Erstarrt. Starrköpfig. Rechthaberisch.
bleibt am Abgrund? »Todessehnsucht hatte er Missgunst, Misstrauen, Missmut stehen
meiner Meinung nach nicht, nicht einmal nach am Ende seines Lebens. Viele Seelen lebten in
den großen verlorenen Schlachten des Sieben- Friedrichs Brust, aber alle arbeiteten an einem
jährigen Krieges«, erklärt Jürgen Luh von der gemeinsamen Ziel: »Friedrichs Persönlich-
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. »Er keit ist bestimmt […] von seinem Wunsch, in
spielte damit nur vor den Augen der Mitwelt; er die Geschichte einzugehen, überhaupt etwas
hätte sich nicht umgebracht.« Ist das Gift, das Besonderes zu sein und darzustellen. Wider-
Friedrich in einer Dose mit sich herumträgt, sprüchlich war er nie!«, erklärt Luh. »Das
BILDNACHWEIS: AKG, BPK/NATIONALGALERIE SMB/ANDRES KILGER

nur Requisit? Ein Spiel mit dem Tod? hat man noch vor 30 Jahren nicht wahrhaben
Dass wir so viel wissen, liegt auch daran, dass wollen und die vermeintlich gegensätzlichen
Friedrich selbst über seine Schlachten berich- Äußerungen oder Handlungen, die immer ad-
tet. Als sich das Glück auf die Seite Preußens ressatenbezogen und taktisch waren, lieber als
schlägt, betitelt es das Marketinggenie Friedrich Widersprüche dargestellt.«
als »Mirakel des Hauses Brandenburg«. Das
geht in die Geschichte ein. »Friedrich hat, um
Ruhm und Größe zu erlangen und sich auch zu
LESETIPP
erhalten, alles richtig gemacht […]. Er hat, das
wiegt vielleicht am schwersten, seine Geschichte Jürgen Luh: »Der Große. Friedrich II. von Preußen«.
Siedler 2014, € 14,99
selbst geschrieben«, argumentiert Luh. »Erst

G GESCHICHTE 12 | 2017 41
1756 marschier te Friedrich
der Große ohne Kriegsgrund in
Sachsen ein. Ein Bruch mit seinen
staatspolitischen Idealen?
Klaus-Jürgen Bremm: Auch Vol-
taire hatte in einem Brief erklärt, er
wisse nicht, ob die Besetzung Sach-
sens ein Kapitel des Machiavelli oder
des Antimachiavelli sei. Aber hilft es
tatsächlich, derart strenge Maßstäbe
auf Friedrich oder andere Monarchen
anzuwenden? Ich bezweifle, dass der
König diesen Widerspruch überhaupt
gefühlt hat. Die moralische Ursünde
beging er ja schon gleich nach seinem
Regierungsantritt, als er im Dezember
1740 ohne überzeugende Rechtsgrün-
de die habsburgische Provinz Schlesi-
en besetzte.
Im August 1756 handelte Friedrich
dagegen aus reiner Notwehr. Er musste
spätestens für das Folgejahr mit einer
gemeinsamen Offensive der verbünde-
ten Österreicher und Russen rechnen;
und der Zweite Schlesische Krieg hatte
INTERVIEW ihm drastisch vor Augen geführt, dass
mit den Sachsen im Rücken ein Feld-

»Friedrich
zug nach Böhmen unmöglich war. Wie
der Verlauf des Siebenjährigen Krieges
dann auch zeigte, hätte er ohne die Be-

der Große war


setzung und schonungslose Ausbeu-
tung des Nachbarlandes den langen
Kampf nicht überstanden. Sein Ein-

ein echtes
marsch war im Übrigen kein schlim-
merer Verstoß gegen das internationale
Recht als der Angriff der Franzosen

Multitalent«
auf das um seine Neutralität verzwei-
felt bemühte Kurfürstentum Hannover.
Diese nicht minder große Ungeheuer-
lichkeit, die dem Kalkül der Franzosen
Der Militärhistoriker und Publizist entsprang, sich für die ihnen drohen-
Klaus-Jürgen Bremm über den den Verluste in Nordamerika und der
Karibik ein Faustpfand zu verschaffen,
Preußenkönig als Heerführer, wird bis heute eigenartigerweise im-
Staatsmann und Mensch mer nur am Rande erwähnt.
 Friedrich war ein glühender Bewun-
[ INTERVIEW: KLAUS HILLINGMEIER] derer der französischen Kultur. War es
ein Problem für ihn, ausgerechnet ge-
gen dieses Land Krieg zu führen?

42 G GESCHICHTE 12 | 2017
GROSSMACHT

Vielseitig interessiert
Eine Querflöte aus dem Besitz
Friedrichs des Großen

Tatsächlich war Friedrich stets be- Truppen sofort über die Weichsel zu-
müht, bedeutende Vertreter der geis- rückziehen würde.
tigen Elite Frankreichs an seinem Hof  Der Mensch ist hinter dem Mythos
zu versammeln. Aber den Staat und vor »Friedrich der Große« schwer zu fas-
allem die Günstlingswirtschaft Lud- sen. Wie würden Sie persönlich den
wigs XV. verachtete er als Mätressen- deren »Gottesfurcht« und »Disziplin« Preußenkönig charakterisieren?
herrschaft. Friedrich war sogar der sich Otto von Bismarck nach König- Bereits Theodor Schieder hat Friedrichs
Überzeugung, dass sein kleines König- grätz so lobend geäußert hat. Herrschaft als Königtum der Wider-
reich bei Weitem besser verwaltet wur- Auch bei Friedrichs Offizieren ergibt sprüche bezeichnet. Und Johannes Ku-
de als das mächtige Frankreich, wo die sich ein differenziertes Bild. Gehorsam nisch wies darauf hin, dass er seine Fä-
Katholische Kirche immer noch unge- war – nicht nur in Preußen – Teil des higkeit zur Verstellung zu einer großen
heure Macht besaß. professionellen Berufsethos, fand aber Kunst entwickelt habe. Vermutlich las-
 Bei Rossbach und Leuthen siegte die seine Grenzen, wenn durch gefühlte sen sich die vielen widersprüchlichen
preußische Armee 1757 über zahlen- Ungerechtigkeit oder schroffes Verhal- Eigenheiten dieser Herrscherpersön-
mäßig überlegene Gegner. Welchen An- ten des Königs die eigene Ehre berührt lichkeit gar nicht an einem tiefen Punkt
teil hatte der König persönlich an den war. Etliche Offiziere nahmen dann vereinigen. Sie standen und wirkten
beiden Siegen? auch mitten im Krieg ihren Abschied. wohl – wie bei fast allen Menschen –
Schon die Zeitgenossen sahen, dass Viele äußerten zudem massive takti- unvermittelt nebeneinander. Bei Fried-
diese beiden Siege ohne Friedrich nicht sche Kritik an den Maßnahmen ihres rich fiel es nur besonders auf, da er bis
möglich gewesen wären. In England Königs. Zeitweise kam es im Lager des heute im Rampenlicht steht.
brannte man zu Ehren des Königs so- Prinzen Heinrich sogar zu einem regel- Mir persönlich imponieren seine
gar Freudenfeuer ab. Beide Schlachten rechten Aufstand gegen Friedrich. Zähigkeit, sein Mut und seine titani-
hatte Friedrich auf geeignetem und ge-  1762 starb die russische Zarin Elisa- sche Arbeitskraft. Als Multitalent hin-
nau erkundetem Gelände geschlagen beth, und ihr Neffe Peter III. beendete terließ Friedrich ein reiches Schrifttum.
und zuvor seine kleine Streitmacht – den Krieg mit Preußen. Tatsächlich ein Er war ein talentierter Flötenspieler
wie etwa im Lager von Parchwitz – zu »Mirakel des Hauses Brandenburg«, und teilte viele Positionen der zeitge-
einer verschworenen Gemeinschaft das es vor dem Untergang rettete? nössischen Aufklärer, lehnte aber deren
geformt. Schließlich hat er mit einer Der keineswegs unerwartete Tod der positives Menschenbild ab. Nur weni-
überlegenen Taktik gekämpft, in der er Zarin war nur eines von etlichen Mira- ge Persönlichkeiten ließ er an sich he-
seine Truppen jahrelang geschult hatte. keln. Aber es war von allen gewiss das ran. Er war Baumeister, Verwaltungs-
Gewiss kam dem König in beiden Fäl- größte. Denn Friedrichs militärische fachmann und zuletzt Initiator des All-
len der Leichtsinn seiner Gegner zu- Lage war Ende 1761 nach dem Fall der gemeinen Preußischen Landrechts –
gute, aber das kann seine überragende beiden Festungen Kolberg und Neisse eine Leistung, die seinem Können als
Leistung als Feldherr unter fast über- im Grunde hoffnungslos. Der nächste Feldherr mindestens ebenbürtig gegen-
menschlichem Druck kaum schmälern. Feldzug, den Russen und Österreicher überstand. Mir erscheint es daher ab-
 Sie schreiben in Ihrem Buch, dass somit von preußischem Boden aus solut gerechtfertigt, ihn »Friedrich den
Preußen während des Siebenjähri- führen konnten, hätte fraglos das Ende Großen« zu nennen.
gen Krieges an die 80 000 Deserteure gebracht. Nur das allerdings unwahr-
zählte. Ist der preußische Gehorsam scheinliche Eingreifen der Türkei hätte
BILDNACHWEIS: BPK/JÜRGEN LIEPE, KLAUS-JÜRGEN BREMM

also nur eine Legende? Preußen noch retten können.


Die Geschichte steckt ja voller Legen- Das eigentliche Mirakel bestand nun
den. Der preußische Gehorsam gehört darin, dass der neue Zar einen radika- LESETIPP
fraglos dazu. Er wurde in der preußi- len Wechsel der russischen Politik voll- Klaus-Jürgen Bremms
schen Armee des 18. Jahrhunderts – zog. Friedrich wusste zwar, dass Peter Buch »Preußen bewegt die
wie damals in anderen Armeen auch III. ein langjähriger Bewunderer alles Welt. Der Siebenjährige
– gewöhnlich durch brutale Strafen er- Preußischen war. Aber er hatte kaum Krieg« schildert den ersten
globalen Konflikt der Menschheitsgeschichte:
zwungen; und er ist kaum vergleichbar damit gerechnet, dass Russland unter Neben Europa waren auch Nordamerika,
mit dem Verhalten preußischer Solda- Verzicht auf alle Eroberungen wie Ost- Afrika und Indien Schauplätze dieses Kriegs
ten etwa in den Einigungskriegen, über preußen oder Hinterpommern seine (Theiss 2017, € 24,95).

G GESCHICHTE 12 | 2017 43
Biografie
kompakt
1776
Geboren am 10. März
in Hannover
1793
Heirat mit Kronprinz
Friedrich Wilhelm
1794
Totgeburt der ersten
Tochter
1797
Geburt des späteren
Kaisers Wilhelm I.;
Friedrich Wilhelm II.
stirbt; Luises Mann
besteigt den Thron,
sie wird Königin
1802
Treffen mit Zar Alex-
ander I. in Memel
1806
Am 9. Oktober erklärt
Preußen Frankreich
den Krieg und verliert
ihn am 14. Oktober in
der Schlacht bei Jena
und Auerstedt
1807
Treffen mit Napoleon
am 6. Juli in Tilsit
1810
Luise stirbt am 19. Juli
zu Besuch bei ihrem
Vater in Schloss
Hohenzieritz
BILDNACHWEIS: AKG/ERICH LESSING

44 G GESCHICHTE 12 | 2017
GROSSMACHT

Königin Luise

Eine preußische
Legende
Als Frau sollte sie sich gefälligst aus der Politik heraushalten.
Doch als die Herren der Regierung die Lage
gründlich vermasselt hatten, riefen sie Luise zu Hilfe.
Ihr Auftrag: Preußen vor Napoleon retten
[ VON SABINE SÄT TLER ]

D
ie Jahre, in denen Lui- lisch zu legitimieren, indem sie vorbildlich leb-
se Kronprinzessin und ten und sich beim Volk beliebt machten. Darin
Königin von Preußen war Luise gut.
war, zählt der Histori- Als 16-Jährige wurde sie mit dem preußi-
ker Christopher Clark schen Thronfolger Friedrich Wilhelm verhei-
»zu den ereignisreichsten ratet. Vorher durften sie sich einmal sehen und
und zugleich unrühm- Friedrich Wilhelm konnte wählen, ob er Luise
lichsten Epochen in der oder ihre Schwester heiraten wollte. Sein jün-
Geschichte der preußi- gerer Bruder sollte dann mit der Schwester ver-
schen Monarchie«. Das ist nicht übertrieben: mählt werden, die übrig blieb. Der Kronprinz
Unter Luises Mann, Friedrich Wilhelm III., hät- schrieb über die erste Begegnung, dass er schon
ten die Hohenzollern beinahe ihren Thron verlo- eine davon heiraten wollte; nur welche, das
ren und Preußen aufgehört zu existieren. Seine wusste er noch nicht.
Frau erschien damals als ein Stern, »der durch
Luises Charme sollte die Untertanen
finstre Wetterwolken bricht«, wie ihr Zeitge-
nosse Heinrich von Kleist dichtete. Heute ist für die Hohenzollern einnehmen
sie »die beliebteste deutsche Königin«. Das Zum Glück entwickelte sich zwischen Luise
behauptet zumindest 2010 ihr Biograf Daniel und dem sechs Jahre älteren Prinzen schnell
Schönpflug. Luises Wirkung und Ausstrahlung tatsächliche Liebe. Für Friedrich Wilhelm,
müssen mit Sisi und Lady Diana vergleichbar preußisch erzogen, war Luise der erste Mensch
gewesen sein: Als »Königin der Herzen« wurde in seinem Leben, dem er sein Herz ausschütten
Die sogenannte auch Luise bezeichnet, doch sie war keine Re- konnte. Darin entsprach ihre Ehe den gerade
»Prinzessinnengruppe« bellin. Sie war einfach die beste Antwort, die aufkommenden Idealen der Romantik und traf
ist das einzige zeit­ die Hohenzollern auf die Französische Revolu- den Geschmack der Untertanen. Das Königs-
genössische Porträt, tion und Napoleon zu bieten hatten. haus inszenierte Luise als Symbol für einen
für das Luise (rechts Geboren wurde Luise im Jahr der amerika- neuen, zeitgemäßen Stil der Monarchie, als fri-
ihre Schwester
nischen Unabhängigkeitserklärung. Als sie 13 schen Wind und Hoffnungsträger. Sie bot dem
Friederike) gesichert
Modell stand.
war, brach die Französische Revolution aus. Volk die neue Möglichkeit, sich emotional mit
Ihr Mann versteckte Um kein ähnliches Schicksal wie Frankreichs den Hohenzollern zu identifizieren. Dem Aus-
das Standbild, es war König zu erleiden, reduzierten viele Höfe ihren land signalisierte Preußen: Bei uns ist alles okay,
ihm zu erotisch Pomp und versuchten, ihre Herrschaft mora- hier liebt das Volk seinen König.

G GESCHICHTE 12 | 2017 45
GROSSMACHT

»Nehmen Sie es auf sich und


retten Sie den Staat«
Der preußische Außenminister Graf August von der Goltz zu Luise

Die junge Prinzessin warf sich voller Elan Ihr Mann bemühte sich ebenfalls, Zeichen
in die ihr zugedachte Rolle und verstieß öfter für den Anbruch einer neuen Zeit zu setzen. Er
mal gegen die Hofetikette, ging zum Beispiel nur war seiner Frau treu. Eine seiner ersten Amts-
in Begleitung ihrer Schwester durch die Straßen handlungen als König war es, die Mätresse sei-
und tanzte den verbotenen Walzer. Dass sie bei nes verstorbenen Vaters Friedrich Wilhelm II.
ihrem Einzug als Braut in Berlin zum Entsetzen verhaften zu lassen. Dessen Hof hatte der Bild-
ihrer Hofdamen ein Kind herzte, das ihr mit ei- hauer Johann Gottfried Schadow, der die Prin-
nem Gedicht huldigte, ist allerdings eine nach- zessinnengruppe (Abbildung Seite 44) schuf, so
trägliche Erfindung. Ein ernsthafter Bruch mit beschrieben: »Ganz Potsdam war ein Bordell.«
der Tradition war, dass sie ihren Mann, als er Sohn Friedrich Wilhelm dagegen fand schon
1797 König wurde, auf seiner Antrittsreise im Schadows in Stein gemeißelte Prinzessin zu ero-
Land begleitete. Der 27-jährige Friedrich Wil- tisch und versteckte sie an einer Stelle im Palast,
helm mochte es nicht, wenn Untertanen ihn fei- an der nicht so viele vorbeikamen.
erten; das überließ er seiner Frau.
Luises Mann wollte Frieden —
Als Königin hielt Luise sich zunächst aus der
Politik heraus. Sie füllte ihre Bildungslücken, et- gegen Napoleon die falsche Strategie
wa mit Hilfe von Vorlesungsmitschriften ihres Auch politisch setzte er sich von seinem Vater
Bruders oder durch Gespräche mit Geistesgrö- ab. Friedrich Wilhelm II. hatte laut Clark durch
ßen: Ihre Hofdame war mit Goethe und Schiller die Teilung Polens »mehr Territorium für sein
befreundet. Ihr Mann machte es ihr nicht gera- Königreich hinzugewonnen als irgendein Herr-
de leicht: »Seine Gemahlin, die Königin, behan- scher unter seiner Dynastie zuvor«. Unter sei-
delte er eigentlich ziemlich schlecht […]. Wenn nem Sohn hingegen verlor Preußen ungefähr
Beliebteste
sie ein vernünftiges Buch lesen wollte, so sagte die Hälfte seiner Fläche und seiner Bewohner.
deutsche Königin
er, es sei dummes Zeug. Kurz, sie durfte nichts Im Gegensatz zu seinem Vater war Friedrich
und Kultfigur
tun, als jeden Augenblick zu seiner Unterhal- Wilhelm III. nicht auf Ruhm aus. Hat es ihn
Luises Sarkophag im tung bereit zu sein«, meinte ein Bekannter. Lu- genervt, dass alle, die ihn in Berlin besuchten
Mausoleum in Berlin-
ises Hauptaufgabe war, Kinder zu gebären: Sie – vom russischen Zaren bis zu Napoleon – im-
Charlottenburg. Nach
ihrem Tod leugnete ihr
war fast ihr gesamtes Leben, ab ihrem 17. Le- mer nur das Grab seines Großonkels Friedrichs
Mann ihren politischen bensjahr bis zu ihrem Tod mit 34, schwanger. In des Großen sehen wollten? Friedrich Wilhelm
Einfluss, förderte aber 16 Jahren brachte sie zehn Kinder zur Welt, sie- III. verabscheute Krieg, den er als junger Mann
den Kult um ihre Person ben überlebten das Kleinkindalter. erlebt hatte. Er kenne, schrieb er, »nichts Grö-
ßeres auf Erden […] als die Bewahrung des
Friedens und der Ruhe als einziges System, das
sich für das Glück der Menschheit eignet«. Das
Problem war nur, dass Napoleon sich gerade an-
schickte, den ganzen Planeten zu erobern.
Russland, seit Polens Auflösung Preußens
Nachbar, drängte Friedrich Wilhelm zu einem
Bündnis gegen Napoleon. Doch der wollte neu-
tral bleiben. Als Napoleon Luises Heimat Han-
nover besetzte und zwei Jahre später, im Oktober
1805, auf dem Weg zur Schlacht bei Austerlitz
gegen Russland und Österreich durch Hohen-
zollernterritorium marschierte, sah sich Fried-
rich Wilhelm dann doch gezwungen, zu den
Waffen zu greifen; nun jedoch überstürzt und
ohne Bündnispartner. Das Ergebnis war das
Desaster von Jena und Auerstedt 1806. Luise
und ihr Mann mussten ohne jede königliche
Annehmlichkeit ihr nacktes Leben vor Napole-
BILDNACHWEIS: AKG (2)

ons Armee retten. Sie wäre beinahe an Typhus


gestorben und er wirkte stark traumatisiert,
während Napoleon in Berlin einzog, die Quad-
riga vom Brandenburger Tor abmontierte und

46 G GESCHICHTE 12 | 2017
die Königin als Amazone verspottete: Sie habe kung spielte und sich in seiner Antikriegshal- Luise und Napoleon
ihr Land in einen Krieg gestürzt, weil sie in den tung bestätigt sah, traute das niemand mehr zu. 1807 in Tilsit. Sie wurde
russischen Zaren Alexander I. vernarrt sei. Aufgrund der Grenzen, die die Konventionen zu einer Märtyrerin
stilisiert, die sich vor
Das stimmte so natürlich nicht, aber Luises ihr setzten, konnte Luise nicht mehr tun als sich
Napoleon erniedrigte,
Rolle hatte sich vor dem Hintergrund der dra- als Mutter zu inszenieren und Napoleon zu bit- um Preußen zu retten.
matischen Ereignisse durchaus gewandelt. Sie ten, Preußen ihrer Kinder zuliebe als Staat zu er- Nach Napoleons Nie­
hatte den Krieg gegen Napoleon befürwortet. halten. Er reagierte mit einem Kommentar zu derlage bei Waterloo
»Die Nachrichten aus Westfalen sind schlimm«, ihrem Aussehen – ein klares Signal, auf welche soll Marschall Blücher
schrieb sie ihrem Mann im April 1806. »Ich rate Sphäre sie sich seiner Meinung nach beschrän- ausgerufen haben:
Dir, von Bonaparte darüber Rechenschaft zu ken sollte – und würgte so jedes ernsthafte Ge- »Jetzt endlich ist Luise
fordern […]. Je mehr Nachgiebigkeit man ihm spräch ab. Später soll Napoleon zu Zar Alexan- gerächt!« Später wurde
sie zur Galionsfigur für
zeigt, umso mehr spottet er derer, die so dumm der gesagt haben: »Der König von Preußen kam
die deutsch-französi­
sind. Gewalt gegen Gewalt, das ist meiner Mei- zur rechten Zeit! Wäre er eine Viertelstunde spä- sche »Erbfeindschaft«:
nung nach das Einzige«. ter hereingekommen, so hätte ich der Königin Ihr Sohn Wilhelm I. (Bei-
alles versprochen.« Immerhin ließ er Preußen trag ab Seite 48) soll an
Die Minister trauten Luise in den
bestehen und die Hohenzollern auf dem Thron. ihrem Sarkophag (l.)
Verhandlungen mehr zu als ihrem König Nach ihrem Tod förderte Friedrich Wilhelm gebetet haben, bevor er
Den Höhepunkt erreichte Luises politischer einen ganz auf Luises weiblichen Eigenschaften 1870 in den Krieg zog
Einfluss bei den Friedensverhandlungen im abzielenden Personenkult. Ihre politische Be-
Sommer 1807. Da ihrem Mann jedes majestä- deutung redete er klein: »Viele Menschen ha-
tische Auftreten fremd war, rieten seine Minis- ben in dem Wahn gestanden, als ob meine Frau
ter ihm, Luise nach Tilsit kommen zu lassen, einen bestimmten Einfluss auf die Regierungs-
um Preußen würdevoller zu vertreten. Friedrich geschäfte gehabt hätte. Eigentlich war sie ganz
Wilhelm war nicht begeistert von der Idee, ließ ohne allen direkten politischen Einfluss«.
sich aber umstimmen. Bevor Luise auf Napole-
on traf, schärfte der preußische Außenminister
ihr ein: »Die Dinge gehen nicht gut, alle unsere
LESETIPP
Hoffnung ruht auf Ihnen, auf Ihrem Vermögen.
Nehmen Sie es auf sich und retten Sie den Staat.« Daniel Schönpflug: »Luise von Preußen.
Königin der Herzen«. C. H. Beck 2010, € 19,95
Ihrem Mann, der mit dem Gedanken an Abdan-

G GESCHICHTE 12 | 2017 47
Wilhelm I.

Kaiser
wider Willen
Als Preußen und die restlichen deutschen Staaten zu einem Reich werden
sollten, fehlte ein Oberhaupt, mit dem sich alle identifizieren konnten.
Diese Rolle übernahm Wilhelm I. – unfreiwillig, aber mit großem Erfolg
[ VON ANDREAS ESCHEN ]

48 G GESCHICHTE 12 | 2017
GROSSMACHT

A
ls Wilhelm 1861
König von Preu-
ßen wurde, war er
schon 64 Jahre alt.
Nur ein Jahr spä-
ter wurde Otto
von Bismarck sein
Ministerpräsident.
In dieser Funktion nahm er rasch das
Projekt seines Lebens in Angriff: die
Einigung aller deutschen Fürstentümer
und Staaten in einem Reich unter preu-
ßischer Führung.
Der erste Akt in der von Bismarck
Biografie in Szene gesetzten Reichsgründung
kompakt war ein Krieg: Preußen und Öster-
1797 reich auf der einen Seite gegen Dä-
Geboren im Kronprin- nemark auf der anderen. Dänemark
zenpalais in Berlin unterlag und trat Schleswig, Holstein
1814 und Lauenburg 1864 an die beiden
Nimmt an den Kriegsgegner ab – die sich daraufhin
Befreiungskriegen untereinander um diese Herzogtümer
gegen Napoleon teil und um die Vorherrschaft im Deut-
1829 schen Bund stritten.
Heiratet Augusta von
Sachsen-Weimar- Hohenzollern gegen Habsburger:
Eisenach Kleindeutsch oder großdeutsch?
1848 Bei dieser sogenannten deutschen
Sein Einsatz gegen die Frage ging es darum, ob sich die deut-
Märzrevolution bringt schen Länder unter Einschluss des
ihm den Beinamen Kaisertums Österreichs vereinen
»Kartätschenprinz«
(großdeutsche Lösung) oder nur unter
1857 / 1858 der Führung der Hohenzollern (klein-
Bismarcks großer Tag: Übernimmt die deutsche Lösung). Um eine rasche
Eigentlich zeigt Anton Regentschaft für seinen Lösung herbeizuführen, steuerte Bis-
von Werners Gemälde die todkranken Bruder
marck Preußen 1866 in einen Krieg
Proklamation Wilhelms I. 1861 mit Österreich. Preußen ging als Sieger
zum Kaiser. Die weiße König von Preußen
Uniform rückt jedoch
dieses Deutschen Krieges hervor und
Ministerpräsident 1871 konnte sein Territorium um 26 Pro-
Bismarck in den Fokus Deutscher Kaiser zent vergrößern. Alles deutete auf eine
1888 kleindeutsche Reichseinigung hin.
Stirbt am 9. März Zu einem vereinten deutschen Reich
in Berlin fehlte jetzt nur noch die Einwilligung
der noch unabhängigen süddeutschen
Staaten. Eine Gelegenheit, sie mit ins
Boot zu holen, bot ein Konflikt mit
dem gemeinsamen Feind Frankreich.
Im Deutsch-Französischen Krieg von
1870/1871 zogen die Staaten des zu-
künftigen Deutschen Reichs gemein-
sam mit dem preußischen Heer aufs
BILDNACHWEIS: AKG

Schlachtfeld – und siegten.


Bismarcks Ziel, die Reichseinigung,
war zum Greifen nah. Damit die

G GESCHICHTE 12 | 2017 49
»Es ist nicht leicht, unter einem
solchen Kanzler Kaiser zu sein«
Angeblicher Ausspruch Wilhelms I. aus dem Jahr 1871

Fürsten der einzelnen Staaten mit- gen wir das preußische Königtum zu Die Politik im neuen Reich gestalte-
spielten, war es allerdings nötig, dass Grabe«, soll er gesagt haben. te Bismarck. Er zog sowohl innen- als
an der Spitze des Reiches ein Kaiser Bismarck hatte Sorge, dass es noch auch außenpolitisch alle Fäden. Zwi-
stand. Einem preußischen König hät- während der Kaiserproklamation zu schen ihm und Wilhelm I. herrschte
ten sich die Landesherren womöglich einem Eklat kommen könnte. Ein ge- ein außergewöhnliches Vertrauensver-
nicht untergeordnet. Damit sie diesem schickter Schachzug des Großherzogs hältnis, welches trotz mancher Strei-
sogenannten Kaiserplan zustimmten, Friedrich I. von Baden löste das Pro- tigkeiten bis zum Tod des Monarchen

GETTY IMAGES/HULTON ARCHIVE/HERITAGE IMAGES/THE PRINT COLLECTOR, INTERFOTO/HERMANN HISTORICA, PICTURE ALLIANCE/DPA
war viel Geld geflossen. blem. Er rief nach der Proklamation: bestehen blieb. Der Kaiser war sicher
Doch ausgerechnet der Kaiser in spe »Ein Hoch auf Kaiser Wilhelm«. Dabei keine Marionette des Kanzlers. Schließ-
zeigte sich nicht begeistert – und war blieb es einfach, der genaue Wortlaut lich ließ er sich über alle Entwicklun-

BILDNACHWEIS: AKG, BPK/STIFTUNG PREUSSISCHE SCHLÖSSER UND GÄRTEN BERLIN-BRANDENBURG/JÖRG P. ANDERS,


wenig kooperativ. Es gab zum Beispiel des Titels stand danach nie mehr zur gen und Entscheidungen unterrichten.
Streit um den Titel des Monarchen. Bis- Diskussion. Aber seine Aufgaben waren lediglich
marcks Vorschläge »Kaiser in Deutsch- repräsentativer Natur. Er selbst scheint
Der Kaiser brauchte einen Titel,

BPK/STIFTUNG PREUSSISCHE SCHLÖSSER UND GÄRTEN BERLIN-BRANDENBURG/ROLAND HANDRICK,


land« oder »Deutscher Kaiser« lehnte sich schnell damit abgefunden zu
der Hohenzoller ab. Während er nichts mit dem alle leben konnten haben, dass sein »Vasall«, wie sich
gegen die Reichsgründung an sich Anton von Werners berühmtes Ge- Bismarck selbst mehr als einmal be-
einzuwenden hatte, befürchtete der mälde (siehe Abbildung Seite 48), das zeichnete, die politischen Geschicke
mittlerweile 73-Jährige, dass die Kaiser- Wilhelms Proklamation zum Deut- des Reiches steuerte.
krone die Bedeutung des preußi- schen Kaiser im Spiegelsaal des Schlos- Ein Beispiel aus dem Jahr 1879 ver-
schen Königtums schmälern könnte. ses von Versailles darstellt, zeigt ganz deutlicht das: Verärgert über den Ver-
Wilhelms Wunsch, »Kaiser von deutlich, wessen großer Tag dieser lauf des Berliner Kongresses über die
Deutschland« zu werden, wäre jedoch 18. Januar 1871 eigentlich war: Im Mit- Machtverhältnisse auf dem Balkan (sie-
wiederum auf wenig Gegenliebe bei telpunkt des Geschehens steht kei- he G/GESCHICHTE-SPEZIAL 2017
den deutschen Fürsten gestoßen, die neswegs der Monarch, sondern Otto »Der Balkan«) beschwerte sich Zar Ale-
ohnehin um ihre Souveränität im neu- von Bismarck, der schon alleine durch xander II. von Russland in einem Brief
en Reich fürchteten. seine weiße Kürassieruniform heraus- an Wilhelm I., seinen Onkel, über Bis-
Noch am Tag vor der Krönung in sticht. Überdies fehlt ein Insignium der marck. Wilhelm reagierte außerordent-
Versailles haderte Wilhelm mit seinem Kaiserwürde: die Krone. Es gab schlicht lich verstimmt. Zu Recht wertete er das
Schicksal: »Morgen ist der unglück- keine. Bis zu Wilhelms Tod wurde nie Schreiben, das als »Ohrfeigenbrief«
lichste Tag in meinem Leben. Da tra- eine angefertigt. in die Geschichte einging, als Affront.

i KOMPAKT

Stammtafel Friedrich Wilhelm IV.


Ein Auszug aus der fränkisch-brandenburgischen Linie (* 1795, † 1861)
(G/GESCHICHTE 9/2017)

Wilhelm I.
Friedrich Wilhelm Friedrich Wilhelm I. Friedrich II. Friedrich »Kartätschenprinz«
»Der Große Kurfürst« »Soldatenkönig« »Der Große«, Wilhelm III. (* 1797, † 1888)
* 1620, † 1688 (* 1688, † 1740) »Der Alte Fritz« (* 1770, † 1840) (Seite 48)
(Seite 30) (Seite 34) (* 1712, † 1786)
(Seite 38)
Luise von Mecklen- Augusta von
burg-Strelitz Sachsen-Weimar-
(* 1776, † 1810) Eisenach
(Seite 44) (* 1811, † 1890)

Charlotte
(* 1798, † 1860)

Zar Nikolaus I.
(* 1796, † 1855)

50 G GESCHICHTE 12 | 2017
GROSSMACHT

nem Palais beobachtete, was er täglich


zu tun pflegte.
Wilhelm I., der fünf Attentate über-
lebte, starb am 9. März 1888. »Ich habe
Wilhelms Ehefrau Augusta keine Zeit, müde zu sein«, sollen seine
setzte sich für eine liberale letzten Worte gewesen sein. Wie po-
Politik ein und wollte Preußen
pulär Wilhelm I. in seiner Zeit als Kai-
eine Verfassung geben.
Bismarck betrachtete sie
ser geworden war, zeigt sein Begräbnis.
lange als ihren »Todfeind« An einem eiskalten Märztag war halb
Berlin auf den Beinen, um ihm im
Schlosspark von Charlottenburg die
letzte Ehre zu erweisen. 200 000 hatten
Bismarck drängte den Kaiser daraufhin, Jahre zuvor hatte er noch seinem Vor- sich zuvor an seinem Sarg verabschie-
die Verbindung zu Österreich zu stär- gänger auf dem Thron, seinem älteren det. Angeführt wurde der Trauerzug
ken, das seiner Ansicht nach verlässli- Bruder Friedrich Wilhelm IV., gehol- nicht von seinem kranken Sohn und
cher war als Russland. Als Wilhelm I. fen, die revolutionären Unruhen von kurzzeitigen Nachfolger, dem »99-Ta-
1848 blutig niederzuschlagen. Dafür ge-Kaiser« Friedrich III., sondern von
Der Kaiser wusste: »Bismarck
hatte er den Beinamen »Kartätschen- seinem Enkel Wilhelm II., der drei Mo-
ist notwendiger als ich« prinz« erhalten und vor der wütenden nate später die Krone übernahm.
zögerte, drohte Bismarck gar mit sei- Bevölkerung aus Berlin fliehen müssen
nem Rücktritt. Das wirkte. »Bismarck (siehe G/GESCHICHTE 9/2017).
ist notwendiger als ich«, gab der Kai- Nach der Reichsgründung dagegen
LESETIPP
ser zu. Am 7. Oktober 1879 wurde der wurde Wilhelm beim Volk ausgespro-
»Zweibund«, ein geheimer Defensiv- chen beliebt und zu einer Identifika- G/GESCHICHTE 10/2010:
vertrag zwischen Österreich und Preu- tionsfigur für das geeinte Land. Der »Bismarck und das Kaiserreich«. € 4,90
ßen, geschlossen. Monarch entwickelte sich zu einer re- GESCHICHTE IM INTERNET
Während Wilhelm mit den aktuel- gelrechten Sehenswürdigkeit für Ber-
In der Revolution von 1848/1849 ruhten viele
len Regierungsgeschäften wenig zu tun linbesucher: Sie konnten einen Blick Hoffnungen auf Wilhelms Frau Augusta.
hatte, wandelte sich das Bild des Kai- auf den Kaiser erhaschen, wenn er vom Doch gegen Bismarck hatte sie keine Chance:
sers in der Öffentlichkeit. Nur gut 20 Fenster aus den Wachwechsel vor sei- www.g-geschichte.de/Plus

Wilhelm Friedrich Wilhelm


(* 1882, † 1951) (* 1939)
Kronprinz

Wilhelm II. Cecilie von


(* 1859, † 1941) Mecklenburg-
Kaiser 1888 — 1918 Schwerin Louis Ferdinand
Friedrich III. (Seite 52) (* 1886, † 1954) (* 1944, † 1977)
»99-Tage-Kaiser« Georg
(* 1831, † 1888) Eitel Friedrich Donata zu Friedrich
Auguste Viktoria von
König, Kaiser 1888 (* 1883, † 1942) Castell- (* 1976)
Schleswig-Holstein
Rüdenhausen (Seite 62)
(* 1858, † 1921)
Victoria von (* 1950)
August-Wilhelm
Großbritannien Victoria von Preußen (* 1887, † 1949)
und Irland (* 1866, † 1929)
(* 1840, † 1901) (Seite 58)

Sophie
(* 1870, † 1932) Verheiratet Generationen übersprungen

G GESCHICHTE 12 | 2017 51
Biografie
kompakt
1859
Geboren im Kron­
prinzenpalais in Berlin
1874 — 1877
Besuch des Gymnasi­
ums in Kassel
1888
Deutscher Kaiser und
König von Preußen
1896
Skandal um
»Krügerdepesche«
1914
Wilhelm II. ver-
sichert Österreich-
Ungarn nach der
Ermordung des
Habsburger-Thron-
folgers seine Bündnis­
treue. Beginn des
Ersten Weltkriegs
1918
Kriegsende: Abdan­
kung und Flucht
in die Niederlande
1941
Stirbt in Doorn

Eine antipreußische
­Karikatur stellt Kaiser
Wilhelm II. 1914
als Schlächter dar

52 G GESCHICHTE 12 | 2017
MODERNE
4. KAPITEL

Wilhelm II.

Der Kaiser mit


dem Riesenego
30 Jahre steht Wilhelm II. an der Spitze des Reiches. Er wird zur
Marke, zum Symbol für alles Deutsche. Viele Landsleute verehren ihn.
Trotz oder gerade ­wegen seiner provozierenden Kurznachrichten
[ VON CHRISTOPH DRIESSEN ]

A
m 3. Januar 1896 veröffentlicht –und löst als »Krüger- Feier teilzunehmen, während Vettern
glüht Kaiser Wil- Depesche« einen Skandal aus. & Kusinen & entfernte Verwandte das
helm mal wieder Victoria, die britische Königin und Privileg haben werden, Dich zu umge-
vor Tatendurst Großmutter Wilhelms, ist »not amused«. ben & Dir während der kommenden
und innerer Erre- Prompt verbietet sie ihrem Enkel, zur fröhlichen Tage zuzujubeln, während
gung. Freischär- Segelregatta von Cowes zu kommen. ich, sogar der erste von allen, nicht bei
ler haben einen Wilhelm schmollt wie ein Kind: Er ihnen sein darf, ist zutiefst kränkend.«
Überfall auf den darf nicht, aber der König von Sachsen Erst massiv provozieren und dann
Burenstaat Transvaal unternommen, schon, das ist ungerecht! »Ich soll nicht beleidigt sein, wenn die Gegenseite
sind aber zurückgeschlagen worden. nach Cowes, aber der König geht!«, be- sauer reagiert – das war Wilhelm II. in
Inwieweit die Angreifer von britischer schwert er sich. »Der ist ja anscheinend Reinform. Von seinen vielen charakter-
Seite unterstützt worden sind, ist überhaupt im Reiche jetzt der Erste.« lichen Defiziten – Egozentrik, Eitelkeit,
unklar, doch alle wissen, dass das Ver- Selbstüberschätzung und Aufschneide-
Erst massiv provozieren,
hältnis zwischen Buren und Briten an- rei – war Unbeständigkeit wohl das ge-
gespannt ist. Im Gespräch mit seinem dann b ­ eleidigt sein fährlichste. Der Kaiser hatte nie ein kla-
Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlo- Ein paar Monate später der nächste res politisches Konzept, konnte heute
he-Schillingsfürst und anderen Spit- Schock: Zaghaft fragt Wilhelm an, ob er den Kriegstreiber spielen, morgen den
zen der Regierung macht Wilhelm die zu Victorias 60. Thronjubiläum einige Friedensengel. Er war so schwankend
tollsten Vorschläge: Deutschland soll seiner Kinder mit nach London brin- in seinen Ansichten, so unbeherrscht
die Burenrepublik zu ihrem Protekto- gen darf. Als Antwort kommt: Nein und nervös, dass ihn viele für psy-
rat machen. Deutschland soll Truppen – und auch er selbst soll mal besser zu chisch krank hielten. Hinter vorgehal-
schicken. Der Reichskanzler: »Das wä- Hause bleiben! Wilhelm ist maßlos ent- tener Hand wurde dies häufig auf seine
re der Krieg mit England!« Mit Mühe täuscht: Die Oma mag ihn wohl nicht unglückliche Kindheit zurückgeführt.
können die Politiker ihn überreden, le- mehr… Voller Selbstmitleid schreibt Bei seiner Geburt hatten die Ärzte
BILDNACHWEIS: AKG

diglich ein Glückwunschtelegramm an er ihr: »Der erste & älteste Deiner En- eine Zange eingesetzt und ihn dabei an
den Transvaal-Präsidenten Paul Kruger kel zu sein, & trotzdem davon abgehal- der Schulter verletzt, sodass sein lin-
abzusenden. Die Kurznachricht wird ten zu werden, an dieser einzigartigen ker Arm gelähmt war. Infolgedessen

G GESCHICHTE 12 | 2017 53
Sein unverwechselbares Aussehen wur-
de geradezu zur Marke und zum Sym-
bol für alles Deutsche schlechthin: Der
gezwirbelte Bart – millionenfach ko-
piert –, die Pickelhaube, die Uniformen,
die er mehrfach täglich wechselte, ähn-
lich wie heute ein Popstar sein Outfit
während eines Konzerts. Regelmäßig
erschien der Monarch auch in Unifor-
men anderer Länder oder in histori-
scher Gewandung.
Durch die Brille des 21. Jahrhunderts
betrachtet, könnte man sagen, dass
der Kaiser ein mediales Ich erfand und
konsequent verkörperte. Auch seine
provozierenden Reden, Interviews und
Telegramme wurden nur von einem
musste der Prinz in seiner Kindheit Millionen Tote Teil der Bildungselite als peinlich emp-
die abstrusesten Behandlungen über Grausamer Stellungskrieg: Deutsche funden: Die große Masse fand seine
sich ergehen lassen. So wurde der lah- Aussagen eher »kernig« und »deutsch«,

BILDNACHWEIS: INTERFOTO/MARY EVANS/ROBERT HUNT COLLECTION, ISTOCKPHOTO.COM/GIANLUCABARTOLI, ISTOCKPHOTO.COM/YOELA; RÄTSEL: ADAM KEHRER
Soldaten attackieren ihre Gegner an
me Arm zweimal wöchentlich in den der Westfront. Wilhelm II. hatte den die »Krüger-Depesche« zum Beispiel
Kadaver eines frisch geschossenen Ha- Ersten Weltkrieg mit ausgelöst wurde begeistert gefeiert.
sen eingelegt: Dies in der Hoffnung, die Insofern bediente Wilhelm hier eine
tierische Wärme würde ihn wiederbe- Erwartungshaltung – ähnlich wie heute
leben. Der Prinz erhielt schmerzhafte Obsession des Hobbynautikers aus Donald Trump mit seinen Twitter-Mel-
Stromstöße, musste eine Kopfstreck- dem Hause Hohenzollern, sondern dungen. Mit dem US-Präsidenten hatte
maschine tragen und viele weitere entsprach den Ambitionen einer Auf- der deutsche Kaiser auch gemein, dass
Torturen erdulden. All das dürfte sich steigernation, die ihren Platz an der er grundsätzlich frei redete, für Kritik
nicht gerade positiv auf die Entwick- Sonne einforderte. völlig unempfänglich war und nie die
lung seiner Persönlichkeit ausgewirkt Selbstdisziplin aufbringen konnte, sich
Wie Donald Trump bediente
haben. Weitergehende Fern­diagnosen, zunächst einmal eingehend über die
wie sie etwa Sigmund Freud 1932 an- Wilhelm eine Erwartungshaltung Sachlage zu informieren.
stellte – demnach war Liebesentzug In einem Punkt war Wilhelm II. un- Wilhelm II. gehört ohne Zweifel
durch die Mutter schuld – sind aller- geheuer modern: Er gilt als erster Me- zur Gruppe der handelnden Personen,
dings reine Spekulation. dienstar des 20. Jahrhunderts – als die den Ersten Weltkrieg im Sommer
War Wilhelm irre? Nach dem Ers- meistfotografierter und dann auch 1914 mit ausgelöst haben. Wie groß
ten Weltkrieg hatten die Deutschen meistgefilmter Mensch seiner Zeit. Auf seine Verantwortung genau war, wird
großes Interesse an dieser These – weil den alten Filmen kann man sehen, wie aber immer eine strittige Frage blei-
man ihm so die ganze Schuld für die er es genoss, im Rampenlicht zu stehen: ben, denn auch hier sind seine Akti-
Katastrophe zuschieben konnte. Der winken, lächeln, Schulter klopfen – er onen und Aussagen widersprüchlich.
liberale Politiker Friedrich Naumann beherrschte das Kerngeschäft der Mon- Das anschließende lange Exil in Hol-
hielt dagegen: »Dieser Kaiser, über den archen, und er war nicht kontaktscheu. land verkraftete er vergleichsweise gut:
ihr euch aufregt, ist euer Spiegelbild!« Während seiner gesamten Regierungs- Seine Neigung, sich die Wirklichkeit
Das Laute, Unreife, Militaristische und zeit reiste »Wilhelm der Plötzliche« un- zurechtzubiegen, half ihm dabei. Der
Sprunghafte war ja eben nicht nur ty- ermüdlich durch sein Reich, um so viele entmachtete Herrscher flüchtete sich in
pisch für den Kaiser, sondern für das öffentliche Auftritte wie möglich zu ab- ein Ersatzreich, das nur in seiner Fan-
gesamte Kaiserreich. In vielem, was er solvieren. Jeder hatte die Möglichkeit, tasie existierte.
tat, war Wilhelm im Einklang mit den ihn live zu erleben.
Grundströmungen seiner Zeit. So be- Im Gegensatz zu anderen Herr-
trachteten viele Deutsche die Entlas- schern seiner Zeit förderte er ein aus-
LESETIPP
sung des ewigen Kanzlers Otto von geprägtes Merchandising, wie man es
Bismarck 1890 als überfällig. Und der heute nennen würde: Des Kaisers Kon- Christopher Clark: »Wilhelm II.,
Aufbau der deutschen Hochseeflotte terfei prangte auf allen möglichen All- Die Herrschaft des letzten deutschen
­Kaisers«. Pantheon 2009, € 14,99
war nicht einfach eine persönliche tagsgegenständen, es war omnipräsent.

54 G GESCHICHTE 12 | 2017
RÄTSEL & PREISE

Institution Sophie … Gründer Stadt in v. Fried-


a. preuß. (Gattin d. des Hzt. Okzitani- rich I. be-
Die Berliner Hof (Ta- Soldaten Preußen en kämpfte
Siegessäule baks…) königs) 1525 Rebellen
erinnert an 2
die Erfolge in
den Einigungs­
kriegen … Dame Initialen 6 Titel von 4 branden-
(Name d. Autors Schiffen burg.
französ. des »Le- d. kaiserl. Kurfürs-
Kirchen) viathan« Marine tin, Erbin
… u. Bert v. Jülich,
Kleve

Grübeln
Freud- u. Berg
sches
Postulat († 1625)
Maria ... 8 1

& gewinnen
(Gegne-
rin Fried-
richs II.)
Stadt bei … Tower Init. des Kfz-Zei-
Die Hohenzollern geben noch so manche der Burg (Turm in F1-Welt- chen von
TEILNAHMEBEDINGUNGEN GEWINNSPIEL: TEILNEHMEN KÖNNEN ALLE, AUS­GENOMMEN G/MITARBEITER UND ANGEHÖRIGE. GEWINNERMITTLUNG DURCH LOS. GEWINNÄNDERUNG VORBEHALTEN. KEIN ANSPRUCH AUF GEWINNE,

Hohen- Toronto) meisters Tunesien


Kopfnuss auf. Wer unser Kreuzwort- zollern von 2016
rätsel knackt, hat die Chance auf einen 9 3 7
DIE AUF DEM VERSANDWEG VERLOREN GEHEN. MIT DER TEILNAHME WERDEN DIE BEDINGUNGEN ANERKANNT; RECHTSWEG AUSGESCHLOSSEN. LÖSUNG UND GEWINNER WERDEN IN G/GESCHICHTE VERÖFFENTLICHT.

unserer weihnachtlichen Preise.


Schreiben Sie die Lösung auf
… Fritz 5 Ausruf d.
eine Postkarte und senden (vulgo für Auffor-
Friedrich derung
Sie diese bis zum 11. 12. 2017 an: d. Gr.)
Bayard Media, G/GESCHICHTE,
Böheimstr. 8, 86153 Augsburg Lösung
(Online-Lösungsfeld auf www.g-geschichte.de) 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Gewinnen Sie mit etwas Glück:

3 mal 3 mal
Dino Heicker, Claudia Christian
Reese: »Die Hohenzollern« Vuissa (Regie):
(Parthas) »Stille Nacht«

3 mal 5 mal
Quadro Nuevo Ein Überraschungs-
»Weihnacht« (CD) paket voller
spannender Bücher

? STECKBRIEF

Der preußische Apoll glänzte in den Salons seiner Zeit. Vor


allem aber verdrehte er Frauen den
Frauen. Auch politisch engagierte er
sich und gründete eine Art Oppositi­
Dieser Hohenzollernprinz war viel­ Kopf. Er heiratete nie, flirtete so heftig onspartei zum König. Vollends zum
seitig begabt und überaus beliebt. Er mit der Königin, dass es Aufsehen er­ Helden wurde er durch seinen frühen
zeichnete sich schon früh militärisch regte, hatte eine Affäre mit ihrer Tod auf dem Schlachtfeld im Alter von
aus, betätigte sich aber auch erfolg­ Schwester und zeugte mindestens fünf nur 33 Jahren.
reich als Pianist und Komponist und illegitime Kinder mit drei weiteren Auflösung auf Seite 82

G GESCHICHTE 12 | 2017 55
MODERNE

Sexparty im
Jagdschloss
Die Kotze-Affäre
Die Schwester von Kaiser
Wilhelm II. lädt ins Jagd-
schloss Grunewald ein. Nach
einer harm­losen Schlitten-
fahrt soll die Hofgesellschaft
eine Orgie veranstaltet haben.
Als anonyme Briefe die
Details der Party enthüllen,
kommt es zu einem
folgenschweren Skandal

Charlotte von
Sachsen-Meiningen
war die jüngere
Schwester von
Wilhelm II.

Wie im Swinger-Club?
Das Jagdschloss
­Grunewald bildete die
Kulisse für einen der
größten Skandale des
Kaiserreichs

56 G GESCHICHTE 12 | 2017
[ VON RAPHAELA REHWALD ]

H
erzogin Charlotte von serin die Gräfin von Hohenau in den
Sachsen-Meiningen Briefen als verdorbenes Luder darstellt,
veranstaltet im Januar ihr obszönes Stöhnen und ihre Sucht
1891 im Jagdschloss nach Anerkennung abschätzig belä-
Grunewald eine Feier chelt, gilt manchen als Beleg dafür, dass
mit anschließendem die eifersüchtige Charlotte eine Intrige
Umtrunk. Ihr Bruder, gesponnen habe. Die Kaiserschwester
Kaiser Wilhelm II., kommt selten hier- war für ihre Skandalsucht verschrien,
her. Auch an diesem Abend nicht, da- ihre eigene Mutter beschrieb sie als
für aber einige seiner engsten Vertrau- böswillig. Beweisen lässt sich der Ver-
ten und Verwandten. Eine Tatsache, dacht aber bis heute nicht.
Zeremonienmeister Leberecht
die ihm später zum Verhängnis wird. von Kotze wurde zu Unrecht als
Auch wenn von Kotze freigespro-
Die 15 adeligen Gäste treffen in Urheber der Intrige verdächtigt chen wird, sein Ruf ist dahin. Um ­seine
privater Garderobe ein, der Abend be- Ehre zu retten, fordert er Baron von
ginnt mit einer ausgelassenen Schlit- Schrader und Oberhofmarschall von
tenfahrt. Zeremonienmeister Hans ihre Briefe von Bediensteten öffnen Reischach zum Duell. Beim Schuss-
Louis Karl Leberecht von Kotze emp- zu lassen, rächt sich. Schnell verbrei- wechsel verletzt Reischach von Kotze.
fängt die Gäste. Dass er ausgefallen tet sich die Nachricht, wie unsittlich Statt ihn zu verurteilen, lässt Wilhelm
gekleidet ist, verwundert niemanden. die Hofgesellschaft feiert, wie ordinär II. dem Zeremonienmeister ein Oster-
Längst gilt er als eitel, die Farbe seiner sie ist. Die Glaubwürdigkeit der feinen ei als Geschenk ins Krankenhaus brin-
Krawatten als unangemessen. Nach der Leute schwindet, der Skandal kratzt gen. In einem weiteren Duell schießt
Fahrt wärmt sich die Hofgesellschaft an den Klassenschranken. Er verstößt von Kotze Baron von Schrader in den
im Schloss auf, der Alkohol fließt. Die gegen anerkannte Normen. Schließ- Unterleib, er stirbt. Das Gericht verur-
Anwesenden beginnen sich zu umgar- lich gelten zu dieser Zeit sexuell aktive teilt von Kotze zu zwei Jahren und drei
nen, die Hüllen fallen und mit ihnen Frauen als »mannstoll«, hysterisch oder Monaten Gefängnis, Wilhelm II. be-
die Hemmungen. gnadigt ihn bereits nach drei Monaten.
Homosexualität wird mit
Schon bald entwickelt sich die Fei- Trotzdem: Der Zeremonienmeister
er zur Orgie: Männer vergnügen sich Gefängnis bestraft verliert seine Ehre, seine Ehe geht in
mit Männern, Frauen mit Frauen, ver- krankhaft, Homosexualität als Krank- die Brüche und er zieht aus Berlin ins
heiratete Paare tauschen die Partner. heit. Oder wie es das Strafgesetzbuch Riesengebirge. Andere Gäste entziehen
Angeblich verkehrt Gräfin Charlotte von 1871 formuliert: »Die widernatür- sich einer Bestrafung durch die Flucht
von Hohenau mit mehreren Männern liche Unzucht, welche zwischen Perso- ins Ausland. Einige nehmen sich das
gleichzeitig, Alide von Schrader liebt nen männlichen Geschlechts oder von Leben. Der Skandal betrifft nicht nur
eine Gräfin, Prinz Aribert von Anhalt Menschen mit Tieren begangen wird, die Teilnehmer. Er stößt gesellschaftli-
mehrere Männer. Wenig später erfährt ist mit Gefängnis zu bestrafen; auch che Veränderungen an, die nicht mehr
die Öffentlichkeit davon. Und die Bür- kann auf Verlust der bürgerlichen Eh- aufzuhalten sind.
ger brennen auf Einzelheiten. Die Pres- renrechte erkannt werden.« Eine pre- Der Ruf des Adels ist beschmutzt,
se – vor allem die sozialdemokratische käre, ja gefährliche Situation. die gehobene Klasse verliert an Res-
– freut sich über die Entgleisungen des Schnell machen sich Hobbyde- pekt. Wenige Tage nach dem tödlichen
Adels, und auch den Reichstag beschäf- tektive daran, den Verfasser oder die Duell veranlasst der Reichstag die Auf-
tigt der hemmungslose Abend. Doch Verfasserin der anonymen Briefe aus- lösung des Duellwesens, die Bürger
wie konnten die schmutzigen Details zumachen. Baron von Schrader und stellen Prinzipien wie Männlichkeit
das Jagdschloss überhaupt verlassen? Oberhofmarschall von Reischach len- und Ehre infrage. Was mit einer harm-
BILDNACHWEIS: AKG, AKG/ARKIV, INTERFOTO/SAMMLUNG RAUCH

Die Party ist längst vorbei, als die ken den Verdacht auf Zeremonien- losen Schlittenpartie beginnt, erschüt-
Gäste anonyme Briefe erreichen. In den meister von Kotze. Wilhelm II. mischt tert schließlich die Gesellschaftsord-
Umschlägen befinden sich pornografi- sich in die Affäre ein, lässt von Kotze nung des Kaiserreichs.
sche Bilder, die Köpfe der Adeligen in verhaften. Doch der Fahndungserfolg
die Fotos montiert. Sie zeigen Personen trügt: Während der Haft des Zeremo-
beim Sex in verschiedenen Stellungen. nienmeisters erhalten die Beschuldig-
Der Verfasser oder die Verfasserin be- ten weitere Briefe. Von Kotze kommt LESETIPP
schreibt das Treiben der Anwesenden frei, die Suche geht weiter. Wolfgang Wippermann: »Skandal
genau, nennt Namen, das Vokabular Hat etwa Gastgeberin Charlotte von im Jagdschloss Grunewald. Männlichkeit
reicht von »vögeln« bis zur »69er«-Stel- Meiningen die Briefe verfasst? Dass der und Ehre im deutschen Kaiserreich«.
Primus 2014, € 15,99 (E-Book)
lung. Die Angewohnheit der Adeligen, Verfasser beziehungsweise die Verfas-

G GESCHICHTE 12 | 2017 57
34 Jahre jünger
und bürgerlich
Europas Adelshäuser
reagierten fassungslos,
als Kaiser Wilhelms
Schwester 1927 in zwei-
ter Ehe den jungen russi-

Skandal im Hochadel schen Hochstapler Alex-


ander Zoubkoff heiratete.

Victoria und
Die Presse zog über den
Altersunterschied her

ihr Gigolo
Bonn amüsierte sich königlich, aber eigentlich hätte man Mitleid
mit der Schwester Kaiser Wilhelms II. haben müssen. Auf der Suche nach
Liebe fiel sie auf einen Hochstapler namens Zoubkoff herein

58 G GESCHICHTE 12 | 2017
MODERNE

A
[ VON BARBARA BECK ]

ls die zweitälteste gesamten Hochadel Fassungslosigkeit schwester das elegante Palais Schaum-
Schwester Kaiser Wil- aus. Victoria war aber fest entschlossen, burg gegen einen kleinen Wohnraum
helms II., Victoria, im dem Schicksal noch einige schöne Ta- im Hotel »Villa Friede« in Bad Godes-
November 1929 in ge abzutrotzen: »Ich denke nicht dar- berg-Mehlem tauschen, da ihr das Haus
der Kronberger Burg- an, mein und meines Bräutigams Glück Schaumburg-Lippe das Wohnrecht ent-
kapelle in Hessen zur der Kritik der Welt zu opfern.« zog. Im Zuge des Konkursverfahrens
letzten Ruhe gebet- Am 19. November 1927 ging Vic- versteigerte das Kölner Kunsthaus Lem-
tet wurde, setzte dies den Schlusspunkt toria in Bonn, wo sie seit ihrer ersten pertz das gesamte Inventar des Palais.
unter ihre skandalträchtige Ehe mit Heirat lebte, ihre zweite Ehe ein. Die Wohl aus Geldmangel veröffentlichte
dem Hochstapler Alexander Zoubkoff. Trauung im Rathaus sorgte für solchen Victoria ihre geschönten Erinnerungen,
Dem einstigen Kaiserhaus blieb damit Rummel, dass die Polizei dem frisch die zunächst in England erschienen, be-
eine Scheidung mit viel öffentlicher vermählten Paar regelrecht einen Weg vor der Bonner »General-Anzeiger« sie
Aufmerksamkeit erspart. zum bereitstehenden Auto bahnen in deutscher Übersetzung publizierte.
Die Prinzessin hatte den russi- musste. Zwei Tage später fand im Pa- Anfang November reichte Victoria
schen Emigranten Zoubkoff im Früh- lais Schaumburg die kirchliche Trau- die Scheidung ein. Zuvor hatte Zoub-
jahr 1927 kennengelernt. Ihr Leben ung durch einen russisch-orthodoxen koff noch versucht, sie mit Briefen zu
erinnerte schon damals an einen Gro- Priester statt. Victorias Familie fehlte. erpressen, für die er 10 000 Mark for-
schenroman. Ihre schwärmerische Für Presse und Fotografen stellte die derte. Bevor die Ehe geschieden wer-
Jugendliebe, den Prinzen Alexander Heirat ein gefundenes Fressen dar. den konnte, starb die Prinzessin am
von Battenberg und zeitweiligen Fürs- 13. November 1929 im Bonner Fran-
Der Altersunterschied störte fast
ten von Bulgarien, hatte sie aus poli- ziskushospital, in das sie wenige Tage
tischen und dynastischen Gründen mehr als der bürgerliche Stand zuvor eingeliefert worden war, an
nicht heiraten dürfen. Die 1866 ge- Laut Zoubkoff sorgte vor allem der Herzlähmung. Prompt gab es Gerüchte,
borene Tochter Kaiser Friedrichs III. Altersunterschied für Interesse: »Dies dass sie Suizid begangen habe.
ging 1890 eine arrangierte Ehe mit schien ihnen beinahe noch sensatio- Ihr obskurer Ehemann, der inzwi-
dem Prinzen Adolf zu Schaum- neller, als dass ein russischer Bürger ei- schen in Luxemburg wohnte und wie-
burg-Lippe ein. Nach dem Ende des ne deutsche Prinzessin heiratete. Wer der sein unstetes Leben führte, starb
Kaiserreichs genoss die kinderlose und je Gelegenheit gehabt hat, I. K. H. [Ihre keine sieben Jahre später. Noch 1928
seit 1916 verwitwete Victoria das be- Königliche Hoheit] kennen zu lernen, hatte Alexander Zoubkoff seine neue
wegte Gesellschaftsleben der 1920er- weiß, dass es ihr wie manchen anderen Bekanntheit zur Herausgabe einer ro-
Jahre. Dass mit dem unabhängigeren hochgestellten Frauen, die die Zeit hat- manhaften Autobiografie genutzt. Zeit-
Leben auch Verpflichtungen einhergin- ten, sich zu pflegen und ihre Gesund- weise arbeitete er in einem Lokal, das
gen, übersah sie, sodass die Tragödie heit zu erhalten, gelungen ist, außeror- damit warb, dass der Gast hier vom
ihres finanziellen Desasters bereits in dentlich jugendlich zu bleiben.« Schwager des einstigen deutschen Kai-
jener Zeit ihren Anfang nahm. Victorias Hoffnungen auf ein neues sers bedient werde.
Victoria war seit dem Tod ihres Man- Glück trogen. Ihr junger Ehemann, der
nes vereinsamt. Für den gutaussehen- sich von ihr seine teuren Hobbys und
den Zoubkoff stellte die 61 Jahre alte, Passionen finanzieren ließ, verbrachte
exzentrische Prinzessin deshalb eine bald immer weniger Zeit mit ihr. Nach- ÜBER DIE AUTORIN
leichte Beute dar. Der 34 Jahre jüngere dem er ihr restliches Vermögen an sich Dr. Barbara Beck war
Gigolo tischte ihr eine fantastische Ge- gebracht oder es sinnlos verschleudert mehrere Jahre im Aus-
schichte über seine angebliche Herkunft hatte, verließ er sie und setzte sich im stellungsbereich tätig,
unter anderem für das
aus altem Adel und seine Flucht vor der März 1928 aus Deutschland ab. Haus der Bayerischen
russischen Revolution auf. Ein wenig Die Prinzessin bezahlte für die Ir- Geschichte und die Bay-
BILDNACHWEIS: SUEDDEUTSCHE ZEITUNG PHOTO, PUSTET

fühlt man sich an den Ende der 1920er- rungen und Wirrungen ihrer Alterslie- erische Schlösserverwaltung. Heute arbeitet
Jahre populären Schlager »Schöner Gi- be einen hohen Preis. Für sie verband sie als freie Historikerin. Sie hat zahlreiche
golo, armer Gigolo« erinnert. sich das Scheitern ihrer zweiten Ehe Bücher und Beiträge zu historischen Themen
veröffentlicht, darunter
Die recht weltfremde Victoria sah mit einem ungeheuren sozialen Ab-
»Glanz, Pomp und Tränen.
über die Ungereimtheiten in Zoubkoffs sturz und dem Verlust ihrer vertrauten Von der dynastischen Ehe zur
Erzählungen und das Fragwürdige sei- Welt, in der es immer noch eine Hofda- Liebesheirat in Europas Herr-
ner Person hinweg. Ihr Entschluss, ihn me, einen Kammerdiener, zwei Dienst- scherhäusern« (Pustet 2012,
heiraten zu wollen, löste nicht nur in mädchen, eine Köchin und eine Jung- € 24,95) und »Wilhelm II. und
den Fürstenhäusern Hohenzollern fer gegeben hatte. Im September 1929 seine Geschwister« (Pustet
2016, € 24,95).
und Schaumburg-Lippe, sondern im musste die hochverschuldete Kaiser-

G GESCHICHTE 12 | 2017 59
MODERNE

Adelig und
stets führertreu
Prinz August-Wilhelm
spricht auf einer Kund­
gebung der NSDAP.
Er steht zeitlebens zum
Nationalsozialismus

Hohenzollern unter Hitler

Comeback für
den Kaiser
Preußisch-Blau und Nazi-Braun: Das klingt nach zwei Farben,
die sich nicht mischen lassen. Doch der Flirt zwischen dem
Hohenzollernhaus und dem NS-Regime war heftig
[ VON THOMAS HEIGL ]

D
ie feierliche Eröffnung Republik erholt sich das vom Krieg ge- NSDAP aus. Prinz
des neuen Reichsta- beutelte Land langsam. Hilferufe nach Au g ust - Wi l hel m
ges muss ein surreales dem Kaiser bleiben weitestgehend aus. tritt sogar in die SA
Bild gewesen sein. Am Keine kaisertreue Partei ist im Weima- ein und wird sich Zeit
21. März 1933 – Adolf rer System stark genug, solche Ansprü- seines Lebens nie vom Nati-
Hitler war seit fast zwei che zu stellen. onalsozialismus abwenden. Als
Monaten Reichskanzler Aufgegeben hat Wilhelm den – aus glühende Verehrerin der Bewegung
– wehen in Potsdam wieder die alten seiner Sicht legitimen – Herrschafts- entpuppt sich auch Wilhelms zwei-
schwarz-weiß-roten Fahnen. Neben anspruch aber nie. Als mit Beginn der te Frau Hermine. Sie liebt es, in Krei-
Pickelhauben marschieren vier Kaiser- 1930er-Jahre der Nationalsozialismus sen zu verkehren, von denen sie glaubt,
söhne, in der Garnisonkirche steht ein erstarkt und ebenso die Beseitigung der dass diese ihre Meinung zur Monar-
symbolisch leerer Sessel. Und es wird Weimarer Republik im Sinn hat, sieht chie teilen.
noch surrealer: Ein lebensgroßes Por- Wilhelm seine Chance gekommen. An- Den Höhepunkt von Wilhelms Hoff-
trät des Mannes, der wohl auf diesem fang des Jahres 1933 bemerkt er von nung, die Nazis würden ihn zurück-
Stuhl sitzen sollte, wird im Berliner Doorn aus: »Man rufe Mir! Ich komme. holen, bilden die Besuche Hermann
Rathaus wieder aufgehängt – das des Amen!« In seinen Augen kann es nur Görings – des ranghöchsten National-
letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. einen Herrscher geben: ihn selbst. sozialisten, der in direkten Kontakt mit
Aber der Reihe nach: In der End- ihm tritt. Was die Männer bei den bei-
Wilhelm will zurück auf den Thron
phase des Ersten Weltkriegs erzwingt den Treffen auf Schloss Doorn genau
die Revolution ein neues Zeitalter im — und wittert seine Chance besprechen, ist unklar. Eine Rückkehr
Deutschen Reich. Nach der Ausru- Hitler und der Adel, das ist zu die- erscheint wohl möglich.
fung der Republik am 9. November sem Zeitpunkt schon eine nicht mehr Mit Hitlers Ernennung zum Reichs-
BILDNACHWEIS: AKG, AKG/TT NEWS AGENCY

1918 gibt es für Wilhelm keine Alter- funktionierende Beziehung. Trotz- kanzler lösen sich Wilhelms Träume
native mehr, als zerknirscht ins Exil ins dem: Weiterhin will Hitler die Sym- in Luft auf. Schon früh äußert Hit-
niederländische Doorn zu flüchten. bolik, die vom Adel ausgeht, für seine ler, dass, solange er lebe, nicht an eine
Kann es zu einem Comeback der Mo- Legitimität nutzen – und er hat will- Monarchie zu denken sei. Das Interes-
narchie kommen? fährige Helfer in der ehemaligen Kai- se der Nazis am ehemaligen Kaiser ist
Zunächst sieht es nicht danach aus. serfamilie. Kronprinz Wilhelm spricht lediglich darauf ausgerichtet, auch die
Nach turbulenten Anfangsjahren der öffentliche Wahlempfehlungen für die konservativ-monarchistischen Kräfte

60 G GESCHICHTE 12 | 2017
und deren Anhänger an sich zu binden.
Hitler schätzt den Propagandawert,
den die Kontakte zum Haus Hohenzol-
lern bringen. Die Monarchie ist für ihn
überflüssig.
Der eingangs beschriebene Tag von
Potsdam (21. März 1933) soll vielmehr
symbolisch vom untergegangenen Kai-
serreich an die NS-Bewegung anknüp-
fen. Ein Führer als Sinnbild für das
geistige Weiterleben der Monarchie:
Das lockt auch den Adel, sich offener
für den Nationalsozialismus zu zeigen.
Blind im Vertrauen auf ein
Fortleben der Monarchie
Wilhelm lässt sich weiter von der
NS-Bewegung blenden. Der Einfluss
seiner Frau, der Anhänger in der Fami-
lie, sein eigenes naives Vertrauen in die
Hilfe der Nazis: Es gibt viele Gründe,
warum der Ex-Kaiser übersieht, dass
Hitler ihn nur als Stimmenfänger nutzt
– ebenso wie Wilhelm diesen für die
Rückkehr auf den Thron benutzen will.
Doch sieht Wilhelm II. in Hitler
wirklich seinen Vollstrecker, wie es der
Historiker John Röhl ausführt? Zwei-
felsfrei begrüßt er das NS-Ziel, das
gemeinsame Feindbild, die Repub-
lik, zu zerschlagen. Ihm eine Über-
einstimmung mit dem Gedankengut
der Nazis anzuhängen, täte ihm aller-
dings unrecht. Der Historiker Christo-
pher Clark zeichnet ein gemäßigteres
Bild: Er differenziert klar zwischen
Wilhelms positiven Aussagen den Na-
zis gegenüber und seinen tatsächlichen
Taten und Ansichten.
Aus Einsicht, Resignation, vielleicht
auch aus Verbitterung heraus prophe-
zeit Wilhelm am 7. September 1933:
»Man wird die einzige Fahne, die sie
noch gelassen haben, die mit dem Ha-
kenkreuz, noch einmal verfluchen, und
die Deutschen selbst werden sie eines
Tages verbrennen«.

Monarchische Fassade LESETIPP


Der Nationalsozialismus in der
Stephan Malinowski: »Vom König zum
Maske Friedrichs des Großen:
Führer. Deutscher Adel und National-
Antifaschistische Karikatur zum Tag
sozialismus«. S. Fischer 2004, € 24,99
von Potsdam am 21. März 1933

G GESCHICHTE 12 | 2017 61
MODERNE

U
Hohenzollern heute nruhig scharren die
Pferde vor der Pots-

Hüter des
damer Friedenskirche,
während drinnen der
Ururenkel des letzten
deutschen Kaisers sei-

preußischen
ner Braut das Ja-Wort
gibt. Zur Hochzeit Georg Friedrichs
mit seiner Sandkastenliebe Sophie

Erbes
Prinzessin von Isenburg haben sich im
Sommer 2011 mehr als 700 Gäste am
Rande des Parks Sanssouci versammelt,
auch ranghohe Politiker gratulierten
Ihre Vorfahren regierten Deutschland. dem Paar. Das öffentlich-rechtliche
Fernsehen übertrug live.
Inzwischen sind die Hohenzollern Zwar wurden alle Adelsvorrechte
­zu ihren frühen Wurzeln zurückgegekehrt – mit der Weimarer Reichsverfassung
auf die Schwäbische Alb 1919 abgeschafft – ehemalige Adels-
prädikate sind seitdem nur noch ein
[ VON STEFAN REINB OLD ] Teil des Namens –, trotzdem zieht der
Glanz des einstigen Kaisergeschlechts
offenbar noch immer ein großes
Publikum an.
Eine gewisse äußerliche Nähe zu
seinen Vorfahren kann man Georg
Friedrich Prinz von Preußen durchaus
unterstellen. Ansonsten hat der heutige
Chef des Hauses Hohenzollern nur
noch wenig Ähnlichkeit mit seinen kö-
niglichen und kaiserlichen Vorfahren.

Wie ein Märchen-


schloss thront
die Burg Hohenzollern
in 855 Metern Höhe.
Die erste Anlage
entstand vermutlich
im 11. Jahrhundert

62 G GESCHICHTE 12 | 2017
des Berliner »Tagesspiegels« in dieser
Angelegenheit versuchte, das Land
Brandenburg zur Verschwiegenheit ge-
genüber Öffentlichkeit und Presse zu
­verpflichten.
Der Stammsitz der Familie
ist heute ein Museum
Um steuerliche Auflagen zu erfüllen
und Apanagen zu bezahlen, musste der
Prinz von Preußen sogar einige Bilder
aus dem Besitz des Hauses veräußern.
Georg Friedrich Prinz von Preußen (l.) hegt keine politischen Ambitionen. Anfang 2017
traf er mit seiner Frau Sophie den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck
Ein Akt, der ihm zutiefst widerstrebt,
fühlt er sich doch dem Andenken an
Preußens Historie und als Bewahrer
In einem Einfamilienhaus in Fi- henzollern verstoßen hatte und damit ihres kulturellen Erbes verpflichtet. In
scherhude bei Bremen ist der Prinz von der Erbfolge ausgeschlossen wor- diesem Zusammenhang spielt die Burg
aufgewachsen und hat einen ziemlich den war. Nach dem Tod Louis Ferdi- Hohenzollern bei Hechingen in Baden-
bürgerlichen Werdegang absolviert. nands senior ging er gerichtlich gegen Württemberg eine wichtige Rolle.
Noch kein Jahr alt, verlor Georg Fried- Georg Friedrich vor, um ihm die Rol- Die Anfänge des Stammsitzes rei-
rich seinen Vater Louis Ferdinand, der le als Chef des Hauses streitig zu ma- chen bis ins 11. Jahrhundert zurück.
als Reserveoffiziersanwärter nach ei- chen. Zwar betrachteten die Gerichte Die heutigen Bauten entspringen al-
nem Unfall bei einer Wehrübung starb. die Hausverfassung der Hohenzollern lerdings dem 19. Jahrhundert: König
Großvater Louis Ferdinand senior als Verstoß gegen das Grundgesetz, da Friedrich Wilhelm IV. erfüllte sich mit
machte den Enkel zum Alleinerben. sie die Freiheit der Eheschließung be- dem neugotischen Ensemble den Ju-
einträchtigt, doch galt immer noch die gendtraum, den Wohnsitz seiner Ah-
Gerichte sehen das Hausgesetz
Testierfreiheit Louis Ferdinands, der nen wiederzubeleben.
als Verstoß gegen die Verfassung Georg Friedrich in seinem Testament Inzwischen lockt die Burg j­ährlich
Georg Friedrich erlebte eine unbe- 1981 als Erben eingesetzt hatte. rund 300 000 Besucher und ist eines
schwerte Kindheit, Großvater und Mut- Noch heute wird Georg Friedrich der wenigen Privatmuseen in diesem
ter sollen sich liebevoll um den Kleinen oftmals als »Kaiserliche Hoheit« ange- Umfang, dem es gelingt, sich o ­ hne
gekümmert haben. Der besuchte spä- sprochen. Großen Wert legt er eigenen staatliche Zuwendungen zu erhalten.
ter Gymnasien in Bremen und Olden- Angaben zufolge nicht auf diesen Titel. Hier trifft sich auch immer wieder die
burg und verbrachte auch einige Zeit in Die Familie hat ihren Frieden mit der Familie zu verschiedenen Anlässen.
Schottland im Glenalmond College bei Republik längst gemacht. Der studierte Dazu zählt auch die schwäbische
Aberdeen, wo er schließlich sein Abitur Betriebswirt und inzwischen vierfache Linie des Hauses, die heute durch Karl
ablegte. 1994 starb der Großvater und Vater Georg Friedrich hegt keine Am- ­Friedrich Fürst von Hohenzollern, dem
Georg Friedrich wurde mit gerade ein- bitionen auf eine Restitution des Kai- anderen Schlossherrn der verzweig-
mal 18 Jahren Chef des Hauses Hohen- serthrons. ten Verwandtschaft, vertreten wird. Er
zollern. Kein einfacher Start. Stattdessen kümmert sich der Prinz residiert auf Schloss Sigmaringen in
BILDNACHWEIS: PICTURE ALLIANCE/BRITTA PEDERSEN, ISTOCKPHOTO.COM/ROLPHUS

»Da musste ich mich in vieles einar- um den Erhalt der Burg Hohenzollern. Baden-Württemberg und l­eitet seit
beiten und oft rechtfertigen. Ich wurde Kein leichtes Unterfangen für den Chef 1984 die »Unternehmensgruppe Fürst
damit konfrontiert, dass die Leute den- des Hauses, dessen Barvermögen im von Hohenzollern« als Generalbevoll-
ken, ich warte nur auf die Rückkehr der Vergleich zu manch anderen Adelsge- mächtigter. Darüber hinaus hat er sich
Monarchie«, erklärte er gegenüber der schlechtern als eher bescheiden gilt. auch als Jazzmusiker einen ­Namen
Zeitschrift »Bunte«. »Dabei hatte ich Die rund 1,2 Millionen Euro Ent- gemacht.
stets den inneren Antrieb, mir und an- schädigung, die Georg Friedrich vom
deren zu beweisen, dass ich etwas Eige- Bundesland Brandenburg für die Ent-
nes aufbauen kann«. eignung mehrerer Schlösser und Im- AUSFLUGSTIPP
Schwierigkeiten bereitete ihm auch mobilien durch die Sowjets nach dem Die Hohenzollern präsentieren auf dem
sein Onkel Friedrich Wilhelm, der äl- Zweiten Weltkrieg zuletzt einkla- ­ amiliensitz ihre Kunstsammlung.
F
teste Bruder seines Vaters, der wegen gen wollte, hätten die Bilanz sicher et- A­ußerdem lockt am 1. und 2. Advents­
seiner Hochzeit mit einer Bürgerli- was verbessert. In die Kritik kam der wochenende der »Königliche Weihnachts-
markt«: www.burg-hohenzollern.com
chen gegen das Hausgesetz der Ho- Blaublüter, weil er nach Recherchen

G GESCHICHTE 12 | 2017 63
MENSCHEN · EREIGNISSE · EPOCHEN

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SERIE

Geheimnisvoller Fremder
Schwäne wurden zwar gelegentlich gejagt und gegessen, aber nie in großem Stil domestiziert.
Vielleicht spielt das Tier deswegen eine so große Rolle in der Fantasie

66 G GESCHICHTE 12 | 2017
Eine widersprüchliche
Gestalt
Der Schwan in Mythologie,
Kunst und Wirtschaft

Dunkle Flecken
auf weißer
Weste Lichtgestalt, freie Seele, Vergewaltiger, Spaziergängerschreck –
kaum ein anderer Wasservogel beschäftigt die Menschen
wie der Schwan. Seit der Frühgeschichte dient er als Projektions-
fläche für Hoffnungen und Triebe
[ VON SOPHIA SCHÜLKE ]

N
ackt und entrückt lä- beitskräfte, Ressourcenlieferanten. In der Fol-
chelt die Schöne vor sich ge dieser engen Beziehungen prägten die Tiere
hin. Der Grund für ih- auch die menschliche Vorstellungswelt. In My-
re Freude ist ein eben thologie und Märchen wandeln beseelte Tiere
dem Wasser entstiegener oder in Tiere verwandelte Menschen zuhauf
Schwan, der mit seinem umher. Das gilt auch für den Schwan. So geis-
Schnabel zärtlich ih- tert allein die Sage von der Schwanenjungfrau
ren Mund liebkost und – einem Mädchen, das sich in einen Schwan
sie verführt (siehe Abbil- verwandelt – durch das mittelhochdeutsche
dung Seite 69). Das Gemälde von Antonio da Nibelungenlied, mehrere chinesische Sagen,
Correggio, entstanden um 1531, lässt keinen die isländische Edda und das russische Ballett
BILDNACHWEIS: BRIDGEMAN/MUSEI CAPITOLINI/CHIGO ROLI, ISTOCKPHOTO.COM/DISQIS

Zweifel offen. Diese Leda ist dem Schwan zwar »Schwanensee«.


passiv, aber lustvoll zugewandt.
Schon Kelten und Germanen verehrten
Weil sich in dem Wasservogel der verwan-
delte Zeus verbirgt, der Frauen oft und gerne den Schwan als besonderes Tier
in Tiergestalt verführt, ist dieses Stelldichein Mit seiner anmutigen Gestalt auf Se-
der griechischen Mythologie auch mehr als nur en, seiner Zugehörigkeit zu Erde, Wasser und
ein sodomitischer One-Night-Stand. Vielmehr Luft – und doch zu keinem dieser Elemente
gehen Leda und Zeus hier eine der wichtigsten ausschließlich – steht der Schwan für Trans-
Verbindungen der Antike ein: Ihrem erotischen zendenz und Intuition. Mit seinem strahlend
Abenteuer entspringt die schöne Helena, wel- weißen Gefieder verkörpert er in vielen Kul-
che den Anlass für Trojas Untergang und damit turen das Gute. Den Kelten war er ein Sinn-
für die Gründung Roms geben wird. bild für die Seele. Bei den Germanen lebte ein
Tiere hatten bis zur Industriellen Revolution Schwanenpaar an der Quelle der Weltenbaum-
eine lebenswichtige Bedeutung für den Men- wurzel in heiligem Wasser. Heilige Schwäne zo-
schen: als Feinde, Konkurrenten, Beute, Ar- gen den Wagen des griechischen Licht- und

G GESCHICHTE 12 | 2017 67
SERIE

»Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der


Asche wird ein Schwan entstehen«
Jan Hus auf dem Scheiterhaufen. Der Schwan wurde zum Symbol der Reformation

Orakelgottes Apollon, in der indischen Phi- Diese Interpretation griff Rainer Maria Ril-
losophieschule Yoga verkörpert der Schwan ke 1908 auf und beschrieb in seinem Gedicht
eine befreite Seele. Wohl weil er in Bezug auf »Leda« eine Vergewaltigung. In der bildenden
Eier und Fleisch eher von geringem alltägli- Kunst kommt dieser Deutung wohl am ehesten
chen Nutzen war und weniger zur Domestika- das Gemälde von Paul Mathias Padua von 1936
tion taugte, blieb er mehr in der Natur verortet nahe. Dargestellt ist ein mit den Flügeln schla-
als Enten und Gänse. Fern vom Menschen und gender Schwan, der bedrohlich auf Leda thront,
profanen Nutzen bot er eine ausgezeichnete welche reglos die Augen mit dem Arm bedeckt.
Projektionsfläche, allerdings nicht nur für posi- Das Bild, das der »Spiegel« später als »Salonso-
tive Vorstellungen. domie« bezeichnete, wurde 1939 bei der »Gro-
Antonio da Correggio verbindet in seinem ßen Deutschen Kunstausstellung« gezeigt, auf
lustvollen Gemälde um Leda und den Schwan besonderen Wunsch Hitlers.
(rechts) Bildungsauftrag mit erotischer Schau-
Im Mittelalter landete der Schwan
lust, denn mit der Darstellung griechischer Lie-
besabenteuer wird schließlich auch die damals öfter auf dem Tisch von Königen
geschätzte klassische Bildung vermittelt. Kein Nicht nur Maler huldigten dem Entenvo-
Wunder also, dass der in der Antike so bedeut- gel, auch Schriftsteller. In der langen Traditi-
same Schwanenmythos viele Maler inspiriert on der Schwanendichtung, die von Platon bis
hat: Leda und ihren tierischen Liebhaber haben Paul Celan reicht, steht das Tier oft für Liebe,
vor Correggio schon Leonardo da Vinci und Treue, Unschuld oder als Warnsignal – ein Wi-
Michelangelo gemalt, Tintoretto (1555), Paolo derspruch zum untreuen, gewaltsamen Zeus.
Veronese (1582), Peter Paul Rubens (1600), In den »Carmina Burana«, den Lied- und Dra-
François Boucher (1740) und Paul Cézanne mentexten aus dem 11. und 12. Jahrhundert,
(1882) werden folgen. Das Motiv war so beliebt, ziehen die unbekannten Autoren den Wasser-
weil es den Malern erlaubte, einen weiblichen vogel gar durch den Kakao. Sie lassen ihn sin-
Akt erotisch darzustellen. gen: »Einst schwamm ich auf den Seen umher,
Allerdings schönten die Maler den griechi- einst lebte ich und war schön [...] Nun so
schen Mythos auf ihren Leinwänden, denn laut schwarz und so arg verbrannt! Es dreht und
Ovids Metamorphosen wurde die verheiratete wendet mich der Koch.« Das Lied ist zwar eine
Frau von Zeus getäuscht. Als Vorwand gab der Parodie mittelalterlicher Klagelieder, aber es hat
Verwandelte eine Flucht vor einem Adler vor einen realen Bezug: Viele Könige hatten sich zu
und suchte Schutz zwischen Ledas Beinen, wo- dieser Zeit längst das Jagdrecht auf Schwäne ge-
bei Zeus den Sex auch erzwungen haben kann. sichert und verzehrten ihn bei Festessen.

4. Jahrhundert 13. Jahrhundert 2016


Römische Die Sage vom »Swan Upping«
Mythologie Schwanenritter an der Themse
Ein Schwan in den besonders gut Hier dienen Schwäne einem Ritter Jedes Jahr zählt England Schwäne
erhaltenen Mosaiken der Villa als Transportmittel. Wagner griff auf der Themse. Der Brauch
Romana del Casale auf Sizilien den Stoff in Lohengrin auf existiert seit dem Mittelalter

68 G GESCHICHTE 12 | 2017
Affäre mit
Folgen
Das Motiv Leda und der
Schwan, hier gemalt
vom Italiener Antonio
da Correggio (* 1489,
† 1534), war auch des-
halb so beliebt, weil hier
die berühmteste Ge-
schichte der Antike ih-
ren Anfang nimmt. Aus
der Verbindung des
griechischen Götter-
chefs mit der spartani-
schen Königin ging die
schöne Helena hervor,
die den Krieg um Troja
auslöste (siehe G/GE-
SCHICHTE 2/2016). Oft
Zum Ende des Mittelalters wurde der größ- rungsberichte seiner Hörer zusammen, die von
verwandelte Zeus nicht
te aller Entenvögel noch einmal stark religiös Schwanenangriffen erzählten: vom aufgefresse- nur sich in ein Tier, son-
aufgeladen. Sein Abbild findet sich noch heute nen Picknick über den Biss in die große Zehe dern auch seine Opfer:
an vielen protestantischen Kirchen. Der Refor- bis zur Flucht eines Joggers in eine Telefonzel- Er versuchte so, wenn
mator Martin Luther berief sich 1531 auf einen le. »Ich habe am Rhein mal beobachtet, wie ein auch meist nur mit be-
Ausspruch, den Jan Hus 1415 auf dem Scheiter- Schwan einen deutschen Schäferhund vermö- dingtem Erfolg, diese
haufen getan haben soll: »Heute bratet ihr eine belte«, wusste ein Hörer beinahe begeistert zu vor der Wut seiner Frau
Hera zu schützen
Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan ent- berichten. Kommt ein Eindringling in sein Re-
stehen«. Luther teilte Hus’ Ansichten, dessen vier ihm zu nah, zeigt der Schwan kein Pardon.
Name auf Tschechisch »Gans« bedeutet, und Zuletzt schaffte es der anmutige Vogel sogar
sah sich als geistiger Nachfolger des Theologen. in die internationalen Schlagzeilen: Anlässlich
Nach seinem Tod stellten Maler den Reformator der Finanzkrise wurde die Theorie des Schwar-
BILDNACHWEIS: AKG, DDP/INTERTOPICS/PHOTOSHOT, MAURITIUS IMAGES/SUPERSTOCK/FINE ART IMAGES, ULLSTEIN/TOPFOTO/MEL LONGHURST

daher gern mit Schwan dar. zen Schwans diskutiert. Diese basiert auf den
Ideen des Börsenhändlers Nassim Nicholas Ta-
Zum obligatorischen Parkzubehör wurde
leb (* 1960) und beschreibt höchst seltene und
der Schwan durch Bayernkönig Ludwig II. unvorhersehbare Ereignisse, deren Folgen aber
Die literarische und religiöse Präsenz führte umso extremer sind. Das trifft auf die zufällige
das beliebte Tier zwangsläufig auch in die Ge- Entdeckung Amerikas ebenso zu wie auf die ko-
brauchskunst, die das Interesse an dem stolz lossale Unterschätzung der Risiken des Finanz-
dahingleitenden Schwan auf vielseitige Weise systems, die dazu beitrug, die Weltwirtschaft ab
bediente. Die Königliche Porzellanmanufaktur 2007 in die Krise zu stürzen. Der Schwan hat als
Meißner Porzellan fertigte zwischen 1737 und Projektionsfläche für die Menschen wohl noch
1741 im Auftrag von August III. ein Schwanen- lange nicht ausgedient.
service mit sage und schreibe 2200 Teilen an.
Der Kunsttischler Thomas Chippendale versah
beinahe zeitgleich Bücherregale mit Giebeln in
Schwanenform. LESETIPP
Zum obligatorischen Parkzubehör machte
Peter Young: »Schwan. Mythos Tier«.
den Schwan wohl auch der bayerische König Gerstenberg 2011, € 7,95
Ludwig II., der sich in seine Venusgrotte im Al-
penschloss Linderhof auf einer Muschelbarke SERIE »TIERE SCHREIBEN GESCHICHTE«
rudern ließ, umringt von anmutigen Schwänen. Bisher erschienen: »Die Honigbiene« (7/2017),
Der Herr der Parkseen ist heute allerdings – vor »Der Wal« (8/2017), »Das Schwein« (9/2017),
allem in der Brutzeit – auch für seine Aggres- »Der Hund« (10/2017), »Der Bär« (11/2017).
sivität bekannt. Der Deutschschweizer Radio- In der nächsten Ausgabe stellen wir das Kamel vor.
Das Heft ist ab dem 15. Dezember am Kiosk.
sender SRF3 stellte vor zwei Jahren gar Erfah-

G GESCHICHTE 12 | 2017 69
GESCHICHTE IM ALLTAG

GESCHICHTE IM ALLTAG
Der Christstollen

Weihnachtliches
Luxusgebäck
Ursprünglich galt der Stollen als Fastenspeise. Dank eines Papstbriefes ­
verschafften sich die Sachsen einen Wettbewerbsvorteil. Doch erst der Handel
mit Gewürzen katapultierte das Backwerk in neue Dimensionen
[ VON CHRISTINE RICHTER ]

Zutaten für den Dresdner Christstollen: → Rosinen → Butter → süße & bittere Mandeln → Orangeat & Zitronat → Mehl → Wasser

70 G GESCHICHTE 12 | 2017
Tradition Der Stollen gehört wie der Christbaum zur Weihnachtszeit

D
er bekannteste säch- rischen Einflüssen des Morgenlandes
sische Herrscher, Au- zu Ruhm und Ehren gekommen.
gust der Starke, protz- Wer wenig hatte, für den war der
t e au s g e s p r o c h e n Striezel, wie der Stollen etwa in der
gerne. So wundert es Lausitz heißt, oft die einzige Weih-
nicht, dass er bei ei- nachtsgabe, die sich mühsam erspart
nem Schau­m anöver wurde. Selbst dann war an Butter nicht
1730 die Konkurrenz aus Preußen zu denken, oft wurde sie durch Rinder-
ordentlich beeindrucken wollte. talg oder Gänseschmalz ersetzt.
Zu diesem Zweck ließ er – im Som- Noch zu DDR-Zeiten waren Zutaten
mer! – einen Megastollen aus 3600 Ei- Zurück zu den Kalorien. Heute wie Mandeln, Orangeat und Zitronat
ern und 320 Kannen Milch backen. wird oft vergessen, dass der Advent im in den Stollenhochburgen Ostdeutsch-
1,8 Tonnen soll das gute Stück auf die Christentum eine Zeit des Fastens ist. lands Luxus-, weil Mangelware. Und
Waage gebracht haben. Jede Menge Im Mittelalter war die Kirche strenger, so experimentierten DDR-Bäcker mit
Kalorien also. Butter in der Vorweihnachtszeit tabu. grünen Tomaten oder Kürbis anstelle
Der Stollen galt eben als echtes Pres- Und so musste der Stollen früher ohne von Zitronat und statt Rosinen kam ge-
tigegebäck. Klassische Zutaten wie Zu- Butter auskommen. Wasser, Hefe, Mehl würfeltes Backobst in den Teig.
cker, Rosinen, Mandeln und Gewürze und Öl gelten daher als Ur-Zutaten. Die bekannteste Rezeptvariante
waren früher Luxus. Im 15. Jahrhundert, stammt aus Dresden. Nach der Wende
DDR-Bäcker experimentierten
so rechnet Michael Schulze in seinem wurde dort der »Schutzverband Dresd-
kurzweiligen Buch »Stollen. Geschich- mit Tomaten und Kürbis ner Stollen e. V.« gegründet. Das klingt
te und Gegenwart eines Weihnachts- In der heutigen Stollenhochburg vielleicht militant, war aber erfolgreich.
gebäcks« vor, kosteten drei Kilogramm Sachsen gab es im Spätmittelalter nur Inzwischen darf sich nur »Dresdner
Zucker so viel wie ein Rind. Rübenöl. Eine ziemlich fade Angele- Christstollen« nennen, was in der Elb-
Wann und wo der erste Stollen ge- genheit, fanden Kurfürst Ernst und sein metropole oder allenfalls der näheren
backen wurde, ist nicht bekannt. Zube- Bruder Herzog Albrecht. Kurzerhand Umgebung nach bestimmten Regeln
reitet wurde er wohl vor allem im Ad- schrieben sie dem Papst in Rom eine gebacken wurde. Nur wer diesen Stan-
vent. 1329 wird das Backwerk in einem Protestnote. Die Antwort aus Rom kam dards genügt, erhält das goldene Siegel
Schriftstück des Naumburger Bischofs Jahre später. In dem sogenannten »But- der Organisation. Zusätzlich schützt
Heinrich erstmals schriftlich erwähnt. terbrief« erlaubte Papst Innozenz VIII. ein EU-Siegel die geografische Her-
Doch wie für viele christliche Bräu- 1491 den Sachsen die Verwendung von kunft von Waren. In Deutschland gilt
che wird auch für den Stollen ein Butter, wenn auch gegen Cash. Das das noch für das Lübecker Marzipan
heidnischer Ursprung angenommen. Geld der Sachsen kam dem Freiberger und den Schwarzwälder Schinken.
BILDNACHWEIS: ISTOCKPHOTO.COM/ROZMARINA, STADTGESCHICHTLICHES MUSEUM LEIPZIG

Gebildbrote brachten die Wünsche der Dom zugute, der Geschmack war ge- Dresden jedenfalls zelebriert sein
Menschen etwa nach Fruchtbarkeit rettet und die sächsischen Bäcker ha- Traditionsgebäck: Es gibt das Stollen-
oder Gesundheit zum Ausdruck. Viel- ben gegenüber ihrer Konkurrenz einen mädchen, den Striezelmarkt und in-
leicht, so meinen einige, war die Form echten Wettbewerbsvorteil errungen. zwischen auch wieder Superstollen.
des Stollens in der Vorzeit einem Eber Mit dem Entdeckungsfieber des 15. 1994 erinnerten Bäcker und Kondi-
nachempfunden. Sicher ist das nicht. Jahrhunderts begann der Stollen, sich toren damit an den 300. Jahrestag der
Der Name des Gebäcks leitet sich geschmacklich zu verändern. Die Bä- Thronbesteigung von August dem Star-
vermutlich vom althochdeutschen Be- cker experimentierten mit Gewürzen ken und ­backen inzwischen alljährlich
griff »stollo« ab, der einen Pfosten be- und Zutaten. »Der Handel mit neuen ein ähnliches Schwergewicht.
zeichnet. Die schönste Erklärung für und schon bekannten Gewürzen flo-
die Form des Gebäcks ist allerdings rierte und katapultierte das europäi-
­folgende: Der in Zucker gehauchte sche Kochen und Backen in ganz neue LESETIPP
Stollen soll an das Jesuskind in Win- Dimensionen«, erklärt Michael Schulze. Michael Schulze: »Stollen. Geschichte
deln erinnern. Etwas kitschig, aber es Der Stollen als ursprünglich abendlän- und Gegenwart eines Weihnachtsgebäcks«.
weihnachtet ja auch. disches Gebäck sei erst mit den kulina- Lehmstedt 2007, € 9,90

→ Hefe → Vollmilch →Kristallzucker → Butterschmalz → Zitronenschalenpaste → Speisesalz → Puderzucker → Stollengewürz → Spirituosen

G GESCHICHTE 12 | 2017 71
PORTRÄT

Sarah Bernhardt
La Diva
Exzentrikerin, Überlebenskünstlerin, geniale Werbe-Ikone: Die große Sarah
Bernhardt beherrschte ihre Rollen nicht nur auf der Bühne.
Ihr Lebensweg zum Weltstar war so skurril, dass er schier unglaublich scheint
[ VON SISSI PÄRSCH ]

H
ätte Hollywood diese Auch wer Sarahs Vater war, ist nicht sicher.
Geschichte geschrie- Ihre Mutter Youle hatte sich in den höheren
ben, es wäre ein Kritiker- Pariser Kreisen als Kurtisane eine »behagliche
sturm aufgezogen: Ein Nische« eingerichtet, behauptet Gottlieb. Sa-
vollkommen überzoge- rah war ein ungewolltes und ungeliebtes Kind.
nes Drehbuch, hätte das Als Dreijährige gibt Youle sie zur Pflege in ei-
Filmfeuilleton gewettert. ne bretonische Bauernfamilie, mit sieben dann
Solch eine Frau, solch in ein Internat. Schon hier und auch später in
eine Biografie? Gibt es der katholischen Klosterschule, in die sie ihr
nicht! Und tatsächlich ist das Leben der Sarah vermeintlicher Vater Herzog Charles de Mor-
Bernhardt so intensiv, so extrem, skurril und ny (ein Halbbruder von Kaiser Napoleon III.)
dramatisch, dass es im wahrsten Sinne des Wor- schickt, fällt Sarah durch ihre impulsiven Wut-
tes unglaublich scheint. Sie war nicht nur fana- anfälle und dramatischen Auftritte – noch ab-
tisch und frenetisch gefeierte Darstellerin und seits jeder Bühne – auf.
grandiose Diva, sie war zudem Tochter einer
Als junges Mädchen will sie Nonne
Mätresse, Liebhaberin von Kaisern und Künst-
lern, Privatzoohalterin, Sargschläferin, zarte werden. Ihr Vater schickt sie ins Theater
Person und taffe Geschäftsfrau. Nach ihrer Taufe im Jahr 1856 (die Mutter
Und Sarah Bernhardt war allem voran eine war Jüdin) stürzt sie sich mit dem ihr typischen
Meisterin der Inszenierung – und der Selbstin- fanatischen Eifer in den christlichen Glauben
szenierung. Das entpuppt sich als Problem, und beschließt, Nonne zu werden. Allerdings
möchte man hinter ihre Kulisse blicken. Schon sehen das die Mutter und ihr (möglicher) Vater
das Geburtsjahr 1844 ist mit Vorsicht zu genie- anders. Charles de Morny beschließt, dass nicht
BILDNACHWEIS: BRIDGEMAN/TALLANDIER

ßen, wie so viele Überlieferungen ihres Lebens, das Kloster, sondern das Pariser Konservatori-
betont Robert Gottlieb, der 2010 eine Biografie um – und somit die Theaterbühne – der rich-
über sie veröffentlichte: »Dröge Wirklichkeit«, tige Platz für die 15-Jährige sei. Sarah ergattert
so schreibt er, »war nicht gerade Sarah Bern- tatsächlich unter Hunderten von Bewerbern ei-
hardts Stärke. Wenn sie ihren Alltag bewältigte, nen der raren Plätze – allerdings wohl deshalb,
war sie vollkommen realistisch, aber wenn sie weil der Herzog eine deutliche »Empfehlung«
davon erzählte, geriet sie ins Fabulieren.« für seine Tochter ausspricht.

72 G GESCHICHTE 12 | 2017
Für ihre Fans
war sie
»die Göttliche«
Sarah Bernhardt avan-
cierte von der Femme
fatale zum Weltstar.
Ihre Fans nannten sie
»die Göttliche«, in
Frankreich wurde sie
zur nationalen Ikone.
Foto von 1864

G GESCHICHTE 12 | 2017 73
PORTRÄT

Auch wenn sie keine großen Erfolge feiert,


ist Sarah eine eifrige Schülerin und wird noch
nicht volljährig an der Comédie-Française an-
gestellt. Hier schafft sie 1863 den Durchbruch
auf die Bernhardt’sche Art: Nach einem Streit
mit einer der großen Schauspielerinnen zerreißt
sie dramatisch ihren Vertrag und stürmt aus
Karriere für dem Theater. Der Skandal macht sie berühmt:
»Es war der erste Marketing-Coup ihrer Lauf-
den Sohn bahn«, schreibt Gottlieb, »der erste von vielen«.
ca. 1844 Das Talent, aus jedem Skandal, jeder schwieri-
Geboren in Paris. gen Situation einen Triumph zu machen, wird
Das Datum ist unsicher Bernhardt ihr Leben lang nicht verlieren. Sarah Bernhardt ließ sich einen Sarg
Ihr Liebesleben läuft derweil bereits auf schenken, in dem sie schlief und posierte
1860 — 1862
Höchsttouren und »entwickelte sich zu diesem
Schauspielausbildung
am Konservatorium Zeitpunkt weit erfolgreicher als ihr Berufsle-
ben.« Sie lässt sich von einer Reihe vorneh- deskreis beschreibt sie stets als warm- und groß-
1863 mer Herren ihr Leben finanzieren. Sie sind es herzig. Für Maurice möchte sie sich vom Mä-
Durchbruch per auch, die ihr einen sehr speziellen Wunsch er- tressendasein lösen und ergattert selbstbewusst
Skandal an der füllen: Sie kaufen Sarah einen Sarg – den Sarg, ein Engagement im berühmten Odéon Theater.
Comédie Française der später stets mir ihr reisen wird, den sie ge-
Der Krieg macht sie zur nationalen Ikone.
1864 konnt inszeniert, in dem sie sich fotografieren
und schließlich auch begraben lässt. Aufopferungsvoll pflegt sie Verwundete
Geburt ihres Sohnes
Maurice 1864 bringt die 20-Jährige ihren Sohn Mau- Langsam, aber sicher beginnt Sarah Bern-
rice zur Welt. Vater ist – womöglich – der belgi- hardts Aufstieg zur Grande Diva. Sie ist eine
1866 — 1872 sche Fürst de Ligne. Ihr Lebenswandel mag an zarte, magere Person, kaum 160 Zentimeter
Engagement am Odéon den ihrer Mutter erinnern, doch Sarah ist ein groß und dennoch betört sie mit einer er-
Theater in Paris
aufopferungsvoller Familienmensch und ver- staunlichen Bühnenpräsenz das Pariser Pub-
1870 — 1871 götterte ihren Sohn. Sonst mag sie als egozen- likum. Sie hat mit viel Ehrgeiz und Disziplin
Kümmert sich im Krieg trische Diva auftreten, der Familien- und Freun- das Schauspielhandwerk erlernt, weiß sich an-
um Verwundete mutig zu bewegen, sich in Szene zu setzen und
die Menschen einzufangen – ob auf oder abseits
1880 — 1881
der Bühne. Die Liste ihrer Liebhaber reicht bis
Erste USA-Tournee
in die höchsten Kreise, bis zu Napoleon III. und
1886 — 1892 dem Prinzen von Wales.
Auf Welttournee Obwohl Sarahs Theatertriumphe 1870/1871
jäh vom deutsch-französischen Krieg gestoppt
1923
werden, erlebt ihre Karriere in diesen Jahren ei-
Stirbt am 26. März in
Paris. Eine halbe Million
nen bedeutenden Schub. Sie avanciert von der
Menschen sollen an berühmten Schauspielerin zur nationalen Ikone.
ihrem Trauerzug zum Nachdem sie ihre Familie in die Niederlande
Friedhof Père Lachaise in Sicherheit gebracht hat, kehrt sie umgehend
teilgenommen haben nach Paris zurück und wandelt in Eigenregie
das stillgelegte Odéon in ein Lazarett um. Die
Diva nutzt ihre Kontakte, um Lebensmittel und
Kleidung zu sammeln, und versorgt die Ver-
wundeten mit dem ihr so typischen Eifer, bis
sie selbst nurmehr Haut und Knochen ist. Diese
Aufopferungsrolle festigt ihren Sonderstatus,
und in den Jahren nach dem Ende des Kai-
serreichs wird Sarah endgültig zum Superstar.
Sarah Bernhardt als Auch der 70-jährige Victor Hugo, der in die Re-
Kameliendame, Plakat publik heimkehrt, inszeniert die 27-Jährige und
von Alfons Mucha verfällt ihr natürlich ebenso privat.

74 G GESCHICHTE 12 | 2017
Sarah Bernhardt im Stummfilm
»Königin Elisabeth«, 1912

1880 spielt sie erstmals die Kameliendame in Europa fort, wo sie von den gekrönten Häup-
dem Stück von Alexandre Dumas d. J. Es wird tern hofiert und reich beschenkt wird.
die Rolle ihres Lebens. Jedes Jahr gibt sie eine Doch Sarahs Leben ist alles andere als rosig.
kostenlose Vorstellung in Paris und spielt auch Unter die vielen Turbulenzen, Skandale und In-
in dem Stummfilm von 1911 die Hauptrolle. Le- trigen mischt sich ein griechischer Adliger na-
gendär wird auch das Jugendstilplakat der Ka- mens Aristides Damala, »der größte Fehler in »Dröge
meliendame, das Alfons Mucha (Künstler und
Sarahs Liebhaber) 1896 entwirft (Abb. links).
Sarahs Leben«, wie ihn Gottlieb nennt. Sie ver-
fällt dem Egozentriker und heiratet ihn über-
Wirklichkeit
Sarah ist selbst erfolgreiche Bildhauerin, Ma- stürzt. Er betrügt und demütigt sie öffentlich, war nicht
lerin und Autorin und weiß sich in jeglichen
Bereichen geschickt in Szene zu setzen. Sie trägt
verprasst ihr Geld und stirbt schließlich mit ge-
rade einmal 34 Jahren an seiner Morphinsucht. gerade
nicht einfach Kleider, sie erschafft sie – so wie Doch Sarah Bernhardt ist so viel Inszenie- Sarah
den legendären Hut mit ausgestopfter Fleder- rungs- wie Überlebenskünstlerin. Ab Mitte der
maus. Und sie hält sich einen Privatzoo, den 1880er-Jahre tourt sie erneut durch die Welt, Bernhardts
sie auf ihrer gefeierten Englandtournee 1880
werbewirksam um einen Geparden und Wolfs-
von Argentinien bis Australien. Die USA haben
es ihr besonders angetan. Insgesamt neun Mal
Stärke«
Biograf Robert Gottlieb
hunde erweitert. Als ihre Boa Sofakissen ver- geht sie hier auf Tournee, 1916 als 73-Jährige über die Fabulierlust der
schluckt, erschießt Sarah sie höchstpersönlich. zum letzten Mal. Da hat Bernhardt bereits ihr Schauspielerin
rechtes Bein verloren. Nach einem Bühnenun-
Zahllose Fanartikel: In den USA tritt sie
fall litt sie immer wieder so sehr unter Schmer-
als Pionierin des Merchandising auf zen, dass sie sich 1915 zur Amputation ent-
Im Oktober 1880 landet die Diva schließlich schließt. Pragmatisch wie stets, wehrt sie sich
in New York. Ihre erste USA-Tournee begeistert gegen jegliches Mitleid und pocht darauf, sie
die Massen. Sie war »überall, wo sie auftrat, vor werde ihre »Fröhlichkeit nicht verlieren«. Na-
allem ein Ereignis, und die Erwartungen wur- türlich spielt sie weiter. Krücken sind keine Op-
den schon vor ihrer Ankunft von einer gigan- tion, mit der Prothese ist sie unzufrieden und
tischen Werbemaschinerie angeheizt«, schreibt so lässt sich die Diva auf einer Sänfte tragen.
Gottlieb. Die wohl unterhaltsamste Darstel- Als die Grande Dame des Dramas 1923 stirbt,
lung der 52-Städte-Tour zeichnet ein Lucky- machen ihr – aufgebahrt in ihrem Sarg – drei
Luke-Comic aus dem Jahr 1982, der humor- Tage lang Tausende die Aufwartung.
voll mit den historischen Fakten spielt und die
Bernhardt’sche PR-Maschinerie offenlegt.
BILDNACHWEIS: AKG, ULLSTEIN (2)

Die »Geschäftsfrau auf Geschäftsreise« (so


LESETIPPS
ihr Finanzverwalter) vermarktet sich perfekt. In
der Neuen Welt tritt die Französin als Merchan- Robert Gottlieb: »Die göttliche Sarah Bernhardt«.
Steidl 2012, antiquarisch
disingpionierin auf: Es gibt Sarah-Bernhardt-
Hüte, Parfüm, Konfekt, Zigarren oder Kleider. Morris (u. a.): »Lucky Luke. Sarah Bernhardt«.
Egmont Comic Collection 1983, € 12,–
Ihren Triumphzug führt sie im Anschluss durch

G GESCHICHTE 12 | 2017 75
Reinhold Messner
ließ das Museum direkt
in den Berg bauen

R
einhold Messner er-
MUSEEN MMM Corones, Italien klomm als Erster alle 14
&
ARCHITEKTUR Wir stellen Museen vor, die durch ihre Achttausender der Erde.
Serie Sammlungen und ihre Architektur begeistern Mit der gleichen Begeis-
terung, mit der er ge-
klettert ist, betreibt der

Ein Museum
Extrembergsteiger heute seine Mess-
ner-Mountain-Museen in Südtirol und
Venetien.

mitten Highlight seiner mittlerweile insge-


samt sechs Ausstellungshäuser ist das
Corones. Zum Großteil in den Berg

am Kronplatz gebaut, ragt es auf über 2000 Metern


Höhe aus einer Kuppe auf dem Gipfel
des beliebtesten Skibergs Südtirols he
Reinhold Messners sechstes Museum ist zweifellos raus, dem Kronplatz im Pustertal. »Das
BILDNACHWEIS: MMM CORONES/HARALD WISTHALER (4)

Thema aller meiner Museen ist die Be-


sein spektakulärstes. Star-Architektin Zaha gegnung von Mensch und Berg«, er-
Hadid baute es auf Südtirols beliebtesten Skiberg klärt Reinhold Messner. »Sie sind ein
Plädoyer für eine respektvolle Haltung
[ VON UTE STRIMMER ]
gegenüber einem vielgestaltigen Le-
bensraum. Hier bringe ich mein Erbe
ein«, sagt die Bergsteigerlegende. Da-
mit meint er seine Erkenntnisse, seine
Emotionen und seine Geschichten. In

76 G GESCHICHTE 12 | 2017
MUSEEN & ARCHITEKTUR

Im Corones erinnern die Treppen an Bobbahnen

»Das Thema aller


meiner Museen
ist die Begegnung
von Mensch und
Berg«
Messner, Extrembergsteiger

Auch äußerlich greift das Museum das Bergmotiv auf

allen Häusern sind vor allem Gemälde, Der Bau besteht aus knapp 300 Be- »Wie in den anderen Museen beleuch-
Skulpturen und Installationen, litera- tonschalen, die anthrazit eingefärbt te ich den Alpinismus mithilfe von Re-
rische Zeugnisse sowie Ausrüstungs- sind und eine Referenz an tiefer liegen- liquien, Sätzen, Bildern und Plastiken.«
gegenstände aus der Pionierzeit des des Gestein bilden. Sensationell sind Verschiedene Seilbahnen bringen
Alpinismus zu sehen. Containerwei- die Ausblicke durch die Fenster. Sie die Besucher direkt auf den Gipfel des
se hat der leidenschaftliche Museums- sind so ausgerichtet, dass der Blick ge- Museumsberges. Trainierte machen
gründer einen Großteil seiner Objekte rade auf die Berge fällt, die in Messners sich zu Fuß auf den Weg, sollten aber
von Reisen mitgebracht. Leben eine besondere Rolle gespielt ha- gut vier Stunden einplanen. Das Muse-
ben. Dazu gehören der Heiligkreuzko- um darf man auch mit Skischuhen be-
Panoramablick über die Zillertaler
fel, wo er in den 1960er-Jahren eine treten, Skier können in Ständern vor
Alpen und die Dolomiten sehr schwere Route erstbegangen hat, dem Eingang abgestellt werden.
Das Corones bezeichnet Reinhold der Peitlerkofel, in dessen Nähe er auf-
Messner selbst als Höhepunkt seiner gewachsen ist, und der Ortler, Südti-
Museen. Die Bezeichnung leitete er von rols höchster Berg.
MMM CORONES
Plan de Corones – dem ladinischen Die Dauerausstellung themati-
Namen für Kronplatz – ab. Übersetzt siert die Historie des Alpinismus. »Ich Das Museum ist vom ersten Samstag im Juni
bedeutet Corones »die Krone«. Das erzähle von der Entwicklung des mo- bis zum zweiten Sonntag im Oktober und
von Ende November bis Mitte April geöffnet.
avantgardistische Bauwerk plante die dernen Bergsteigens, von der Ausrüs- → www.messner-mountain-museum.it
weltbekannte Architektin Zaha Hadid tung, wie sie sich im Laufe von 250
(* 1950, † 2016). Fließende Raumüber- Jahren verbessert hat, von Triumphen LESETIPP
gänge und eine reduzierte Material- und Tragödien an den berühmtesten Mehr über die Erschließung
sprache schaffen hier ein einzigartiges Bergen der Welt – Matterhorn, Cer- der Gipfel der Welt, Rein-
Raumerlebnis. Denn dort ist nichts ro Torre, K2 und der Darstellung un- hold Messner und die Ge-
gerade, sondern alles rund. Selbst die seres Tuns, so widersprüchlich es auch schichte des Alpinismus in:
G/GESCHICHTE 2/2017
Treppen erinnern an Bobbahnen. erscheinen mag«, führt Messner aus.

G GESCHICHTE 12 | 2017 77
Ritteraquamanile
Gefäß in Form eines Ritters,
13. Jahrhundert

Reliquienkreuz
Heinrichs des Löwen,
des Schwagers von Goldbulle
Richard Löwenherz Heinrichs VI.
Der Kaiser
hielt Richard
gefangen

G
RICHARD LÖWENHERZ erade mal zehn Jahre war Seine lange Abwesenheit während
er an der Macht und da- des Dritten Kreuzzugs und die an-

Der ideale von verbrachte er über-


haupt nur sechs Monate
schließende Gefangenschaft bot
weitere Projektionsfläche.

Ritter
in England – und doch gelang es Das Historische Museum der
Richard Löwenherz, als idealer Rit- Pfalz Speyer zeigt nun Richards Le-
ANTROPOLOGÍA E HISTORIA DEL PERÚ/MINISTERIO DE CULTURA DEL PERÚ, ROSGARTENMUSEUM KONSTANZ, THE NATIONAL MUSEUM OF DENMARK

ter und tatkräftiger König in die bensgeschichte und zahlreiche mit


Annalen ganz Europas einzugehen. ihm verbundene, sehenswerte Aus-
Wie konnte es Richard Löwen- Auch die lange Gefangenschaft in stellungsobjekte wie etwa eine frü-
BILDNACHWEIS: DOMMUSEUM HILDESHEIM/FLORIAN MONHEIM, HISTORISCHES MUSEUM BASEL, MUSEO NACIONAL DE ARQUEOLOGÍA,

herz gelingen, zu einer der den Händen Kaiser Heinrichs VI. he Magna Charta oder das Reliqui-
berühmtesten Persönlichkeiten konnte seinem Ruhm keinen Ab- enkreuz Heinrichs des Löwen.
bruch tun. Schon seit seiner Jugend »Richard Löwenherz.
des Mittelalters aufzusteigen? arbeitete Richard an seinem Image. König — Ritter — Gefangener«,
Er umgab sich mit Troubadouren, Historisches Museum der Pfalz Speyer,
die seine ritterlichen Tugenden und bis 15. April 2018,
seinen Einsatz im Kampf rühmten. → www.museum.speyer.de

WEITERE AUSSTELLUNGEN

Bonn oder Otto Modersohn, Bremen Frankfurt sammelt nun rund 200
»Wetterbericht. Über die ersten wasserdich- »Bildergeschichten »Glanz und Elend in Werke von bekannten
Wetterkultur und ten Gummischuhe von der Reformation« der Weimarer Repub- und weniger beachte-
Klimawissenschaft« Macintosh, ein Thermo- Möbel, die biblische Ge- lik. Von Otto Dix bis ten Künstlern und ent-
Wetter und Klima ha- meter von Fahrenheit schichten erzählen, ge- Jeanne Mammen« wirft mit Fotos, Filmen,
ben viele Facetten. Ei- oder die Magdeburger fertigt für Bremer Bür- Sowohl politisch wie Zeitschriften und Pla-
nige davon zeigt nun Halbkugeln von Otto ger, nun zu sehen im künstlerisch waren die katen ein Panorama
die Bundeskunsthalle von Guericke. Focke-Museum. Jahre zwischen 1918 dieser Zeit.
wie etwa Wetterbilder Bis 4. März 2018, www. Bis 2. April 2018, und 1933 äußerst span- Bis 25. Februar 2018,
von William Turner bundeskunsthalle.de www.focke-museum.de nend. Die Schirn ver- www.schirn.de

78 G GESCHICHTE 12 | 2017
AUSSTELLUNGEN
»Krise, Krüppel und die Großstadt –
Bilder der Weimarer Republik in der Schirn«
Monika Dreykorn, Museumspädagogin

Die Nasca in Peru — Tipp

Bis heute rätselhaft »Weibsbilder«


Farbige Textilien, bunte Gefäße und Goldmasken künden Weibsbilder. Eros, Macht,
von der faszinierenden Kultur der Nasca Moral und Tod um 1500
Kunstmuseum Basel

E
s ist eine äußerst farbenfro- versucht nun anhand von rund 200 bis 7.Januar 2018
he Bildsprache, die wir heu- teilweise noch nie gezeigten Objek- → kunstmuseumbasel.ch
te auf den Hinterlassen- ten, das alltägliche Leben, die Rituale,
schaften der Nascamenschen be- Kunst, Musik und Götterwelt der
wundern können. Farbenprächtige Nasca zu beleuchten. Doch eines
Textilien, besondere Musikinstru- wird auch die Ausstellung nicht ent-
mente und wertvolle Grabbeigaben schlüsseln können: Das Rätsel der Entscheiden!
wie Goldmasken oder verzierte großflächigen Bodenzeichnungen, Die Kunst der Entscheidung
Keramikgefäße künden von einer die die Nasca im Wüstenboden hin- bei Tausenden Alternativen
äußerst lebendigen Kultur. Und das terließen. Wozu genau sie dienten, ist

A
in einer der extremsten Klimaregi- bis heute nicht entschlüsselt. usbildung oder Studium?
onen unseres Planeten im Süden »Nasca. Peru — Kind oder Karriere? Kaffee
des Andenstaates Peru. Von circa Auf Spurensuche in der Wüste«, oder Tee? Täglich sind wir
200 v. Chr. bis 650 n. Chr. erlebte Museum Rietberg Zürich, mit bis zu 20 000 Entscheidungen
hier die Nasca-Kultur ihre Blütezeit. bis 15. April 2018, konfrontiert. Das Technoseum
Das Museum Rietberg in Zürich → www.rietberg.ch zeigt nun eine interaktive Ausstel-
lung zur Entscheidungsfindung in
der Multioptionsgesellschaft.
»Entscheiden: Eine Ausstellung
Orca-Flasche
über das Leben im Supermarkt
Die tönerne Flasche ist
der Möglichkeiten«,
aus der frühen Nascazeit
Technoseum Mannheim,
bis 6. Mai 2018,
→ www.technoseum.de

Köln 60 000 Menschen — München Neukirchen pier aus dem 18. und
»Vernichtungsort darunter überwiegend »Showcase — »Nur mit Lieb gedenk 19. Jahrhundert. Sie er-
Malyj Trostenez. Juden — ermordet. Das Künstlerbücher aus ich Dein! — Papier- zählt die Geschichte
Geschichte und NS-Dokumentations- der Sammlung« Kostbarkeiten des der Glückwunschkarte,
Erinnerung« zentrum will daran er- Die Staatsbibliothek 18. und 19. Jahrhun- von Liebesbriefen und
In dem nahe Minsk gele- innern und den Ort als gewährt Einblick in ihre derts« Freundschaftsbildern
genen Vernichtungsla- Tat- und Erinnerungs- Sammlung von kostba- Die Ausstellung im bis hin zu den Vorläu-
ger Malyj Trostenez ort verankern. ren Künstlerbüchern. Wallfahrtsmuseum fern des Poesiealbums.
wurden zwischen 1942 Bis 18. Februar 2018, Bis 7. Januar 2018, zeigt zahlreiche kleine Bis 18. April 2018, www.
und 1944 40 000 bis www.museenkoeln.de www.bsb-muenchen.de Kostbarkeiten aus Pa- wallfahrtsmuseum.de

G GESCHICHTE 12 | 2017 79
BÜCHER & MEDIEN
Kunst trifft Geschichte
Das Buch zeigt, wie sich die Vorstellung von der Tipp
Urzeit zwischen 1830 und 1990 entwickelte

BILDNACHWEIS: LOOKSFILM/LIBRARY OF CONGRESS, SEBASTIAN KIRSCHNER (6); TEXTE: SEBASTIAN KIRSCHNER


GESCHICHTSKUNST anch Leser mag beim Titel Mit frühen Fossilienstudien im
»Paläo-Art« vielleicht an 18. Jahrhundert fangen Wissenschaftler

Farben simple Höhlenmalereien im


Stil von Lascaux oder der
auch an, sich die graue Vorzeit vorzu-
stellen. Der Geologe Henry Thomas de

grauer
Grotte Chauvet in Frankreich denken. la Beche ist 1830 einer der Ersten, der
Nun, das wäre paläolithische Kunst. diese in einem Aquarell verewigt. Fort-
Zum Glück haben die Macher des an pendelt das Genre zwischen illust-

Vorzeit Bildbands einen Dinosaurier auf dem


Cover abgebildet.
Denn genau das ist, was die Leser in
rierter Naturgeschichte und eigener
Kunstform. Von Impressionismus bis
Jugendstil: Die Ästhetik der jeweiligen
Was Dinosaurier mit »Paläo-Art. Darstellungen der Urge- Zeit prägt auch die Kunst, die Lescaze
Ästhetik zu tun haben? schichte« erwartet: Großformatige, in dem opulenten Bildband präsentiert.
»Paläo-Art« liefert die grafisch dargestellte Urzeitechsen und Die Autorin versäumt dabei nicht,
anderes, längst ausgestorbenes Getier. auch die Geschichten hinter der Paläo-
eindrucksvolle Antwort Die Autorin Zoë Lescaze hat dabei ei- Kunst zu erzählen. Charaktere wie ein
ner erstaunlichen Kunstform nachge- psychopathischer Fossiliensammler
spürt und zeigt, wie diese sich zwi- oder ein fast vollständig erblindeter
schen 1830 und 1990 – dem Beginn Maler machen das Buch zum Genuss.
der Digitalisierung – entwickelt hat. Taschen 2017, 292 S., € 75,–

KURZ VORGESTELLT

Faszinierender Alltag
Das Leben besteht nur aus Habgier, Krieg und Diplomatie. Zumindest vermitteln Geschichtsbücher meist
diesen Eindruck. Das Buch »Hunger, Rauchen, Ungeziefer« ist anders: Wie beeinflusste eine Grippe den
Ersten Weltkrieg? Was hat ein Vulkanausbruch in Indonesien mit einer Hungersnot im Elsass zu tun? Und
woher kommt eigentlich die Unterhose? Historiker Manfred Vasold zeigt in seiner Sozialgeschichte der
Neuzeit, wie interessant und historisch bedeutend scheinbar Normales ist. Steiner 2016, 424 S., € 29,—

80 G GESCHICHTE 12 | 2017
Mythos Panzer
Lässiges Posieren im Vertrauen
auf ihre Waffe: US-Panzer-
grenadiere vor einem M-4-Panzer
in Fort Knox, Kentucky 1942

HISTORISCHES AFRIKA

Wiedergefundene Zeit
Eine faszinierende Reise durch die verschollenen
FILMTIPP
Jahrhunderte eines unterschätzten Kontinents
Bote einer
U
rsprung der Menschheit, Land Nordsudan existierte, bis hin zur ar-
der Pharaonen und Opfer euro- chäologischen Stätte Mapungubwe in neuen Kriegsära
päischer Kolonialmächte: So ist Südafrika. Dort entdeckten Grabräu- Vom Halbgott Achilles über
Afrika im kollektiven Gedächtnis der ber 1932 das titelgebende goldene Rhi- Drachentöter Siegfried bis hin
westlichen Welt zumeist verankert. nozeros aus dem 13. Jahrhundert. zu in Eisen gerüstete Ritter: Der
Aber was passierte dazwischen? Das Buch überzeugt in mehrfacher Panzer scheint da nur ein weite-
Die nubischen Königreiche und Hinsicht. Afrika-Experte Fauvelle rer Schritt im ewigen Traum von
Vasco da Gamas Afrikaumseglung im schafft es, den aktuellen Forschungs- Unverwundbarkeit zu sein. Und
Jahr 1498 trennen acht Jahrhunderte. stand anschaulich zu vermitteln – doch läutet die Schlacht von
Auf deren Spur begibt sich der franzö- nicht zuletzt dank der hochwertigen Cambrai am 20. November 1917
sische Historiker und Archäologe Aufmachung mit zahlreichen Karten eine neue Ära des Kriegs ein:
François-Xavier Fauvelle. Sein Buch und Farbabbildungen. Zum ersten Mal kommt es zu ei-
»Das goldene Rhinozeros. Afrika im C. H. Beck 2017, 320 S., € 29,95 ner Panzerschlacht, und damit
Mittelalter« zeigt, dass diese Zeit zu zu einer neuen Form des Tötens.
Unrecht als die »Dunklen Jahrhunder- ZDF info nimmt den Jahrestag
te« des Kontinents gilt. In 34 Kapiteln zum Anlass, mit »Panzer!« die
führt Fauvelle die Leser quer durch Af- Geschichte des 20. Jahrhun-
rika und seine Geschichte: vom christ- derts aus einer neuen Perspek-
lichen Königreich Makuria, das vom 4. tive zu erzählen. Sind Panzer
bis zum 14. Jahrhundert im heutigen Wunderwaffen oder Werkzeuge
der Unterdrückung? Was hatten
sie mit dem Ende des Kalten
Kriegs zu tun? Steht mit moder-
nen Panzern ein neues Wettrüs-
ten bevor? Die vierteilige Doku-
mentation lässt die Menschen
hinter den Panzern zu Wort
Reiches Erbe: kommen. Experten und Zeitzeu-
Die Dschingereber- gen erzählen, wie es ist, Panzer
Moschee in Timbuktu, zu entwickeln, zu bauen, zu fah-
Mali, existiert seit ren — und unter ihnen zu leiden.
dem 14. Jahrhundert ZDF info, 4 Folgen, ab 20. Nov.

Alle Straßen führen nach Berlin


Darf Deutschland Europa führen? Für den Autor und ehemaligen britischen Handelsminister Lord
Stephen Green steht das außer Frage: Es muss sogar. Green erklärt in seinem Essay »Dear Germany.
Liebeserklärung an ein Land mit Vergangenheit« anhand der Geschichte des Landes, warum er so
denkt. Seine Faszination für Deutschland und seine Leidenschaft für Europa prägen dieses Buch. Vor
dem Hintergrund des nahenden Brexit könnte das Thema kaum aktueller sein. Theiss 2017, 312 S., € 19,95

G GESCHICHTE 12 | 2017 81
LESERBRIEFE & GEWINNER

Leserbriefe dem Motiv nicht um einen konkreten Sieg,


sondern um die Rolle des Königs, und wo
IMPRESSUM
G/GESCHICHTE, ISSN 1617-9412, B 7276

Schreiben Sie uns: könnte man einen König, der Anspruch er- Herausgeber: Dr. Franz Metzger
Chefredakteure (v. i. S. d. P.):
Bayard Media GmbH & Co. KG hebt, in England und Frankreich zu regie- Dr. Klaus Hillingmeier, Dr. Christian Pantle
Redaktion G/GESCHICHTE ren, besser darstellen als auf dem Schiff, das Managing Editor: Christine Richter
Redaktion: Sebastian Kirschner, Dr. Sabine Sättler
Böheimstr. 8, 86153 Augsburg den Kanal leichter überquert als ein Rei- Lektorat: Dr. Mareike Pohl
Tel.: (0821) 45 54 81-40 bis -44 terheer eine mittelalterliche Straße entlang Redaktionsassistenz: Sabine Pomberg

E-Mail: g@bayard-media.de galoppiert? Nicht umsonst wird später auf Art Direction:
Klaus Springer, Christoph Rauch,
Leserbriefe geben nicht die Meinung den englischen Goldmünzen das Schiff für Agentur2 GmbH, München

der Redaktion wieder. den Souvereign durch den Königsthron er- Grafik: Daniel Baum, Christoph Rauch
Projektmanagement: Maximiliane Samhuber
gänzt – vor allem seit der Zeit, als der An- Anschrift der Redaktion:
spruch auf den französischen Thron pro- Bayard Media GmbH & Co. KG
Redaktion G/GESCHICHTE
Zur Ausgabe 10/2017 »Die Nordsee«, pagandistisch in den Hintergrund rutscht. Böheimstr. 8, 86153 Augsburg
zum Foto auf Seite 55 Wer mehr über Schiffe auf Münzen wis- Tel.: (0821) 45 54 81-42, Fax: (0821) 45 54 81-10
E-Mail: g@bayard-media.de, www.g-geschichte.de
Schiffe auf Münzen sen möchte: Wir haben für das Auktions- Mitarbeiter dieses Heftes:
haus Künker einen Film darüber gemacht: Dr. Barbara Beck, Thomas Borchert, Monika Dreykorn,
Dr. Christoph Driessen, Andreas Eschen,
www.youtube.com/watch?v=dt5xrzgFE3A« Karin Feuerstein-Praßer, Thomas Heigl, Adam Kehrer,
Janina Lingenberg, Christoph Koitka,
Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Dr. Sissi Pärsch,
RÄTSELAUFLÖSUNG/GEWINNER Raphaela Rehwald, Stefan Reinbold,
Karin Schneider-Ferber, Sophia Schülke,
Dr. Ute Strimmer
Verlag: Bayard Media GmbH & Co. KG
Hausanschrift: Böheimstr. 8, 86153 Augsburg
Die Lösung unseres Preisrätsels aus G/GESCHICHTE Tel.: +49 (0)821 45 54 81-0, Fax: +49 (0)821 45 54 81-10
www.bayard-media.de, USt-ID-Nr. DE 814054225
Von Richard II. geprägt 10/2017 »Die Nordsee« lautet: Maes Howe HRA 15029, Handelsregister Augsburg
Geschäftsführer: Horst Ohligschläger
Er studierte den Reisebericht des Pytheas sehr genau:
Im Artikel auf der genannten Seite zeigen Verlagsleiter / Gesamtanzeigenleiter:
Plinius der Aeltere Armin Baier (verantwortlich)
Sie das Foto eines englischen Rosenno- Anzeigenverkauf:
Hügel, die zur Urbanisierung Frieslands dienten: Wurten
bels und verorten denselben in die Zeit Kg. Habgieriger Geistlicher und Stockfischhändler aus Island:
Tel.: +49 (0)821 45 54 81-33, media@bayard-media.de
Es gilt die aktuelle Preisliste. Weitere Informationen:
Eduards III. (1327 – 1377) Nun ist in seiner Jon Vilhjalmsson www.bayard-media.de/mediadaten.html

Zeit zwar dieser Münztyp zuerst geprägt Gewässer, welches auch zum Untergang Doggerlands beitrug:
Druckvorstufe: Agentur2 GmbH, München
Druck: Euro-Druckservice GmbH, Passau
worden, aber auf dem Avers der abgebil- Agassizsee Auslieferung an den Handel:
deten Münze ist in dem Kreuz deutlich der Wunschtitel des Herzogs von Burgund: Koenig von Friesland MZV Moderner Zeitschriften Vertrieb GmbH & Co. KG
Ohmstraße 1, 85716 Unterschleißheim
Buchstabe in gotischer Fraktur »R« zu er- Tel.: (+49) (0)89 3 19 06-0, Fax: (+49) (0)89 3 19 06-1 13
kennen. [...] Bei Eduard hätte dies aber ein Wir gratulieren den Gewinnern: mzv@mzv.de, www.mzv.de
3 mal: Gisela Graichen: »Die deutsche Hanse. Hinweise: Für unverlangt eingesandte Manuskripte
»E« sein müssen. und Fotos wird nicht gehaftet; Rück­sendung nur
Wolfgang Buchholz, per E-Mail Eine heimliche Supermacht« (Rowohlt) gegen Rückporto. Nachdruck der Beiträge nur mit
Kriemhilt Köhler (36304 Alsfeld), Nadine Natter schriftlicher Genehmigung der Redaktion.
Zuschrif­ten können (mit Namens- und Ortsangabe,
(87477 Sulzberg), Rudolf Reuter (97633 Herbstadt)
Sehr geehrter Herr Buchholz, auch auszugsweise) ver­öffentlicht werden, falls
3 mal: Alex Prahl: »Die Nordsee. Unser Meer« (Polyband) kein Vorbehalt gemacht wird. Bei Nichtlieferung
Sie haben recht, die Münze wurde un- Susanne Andersen (25923 Uphusum), Bernd Linke
ohne Verschulden der Vertriebsfirma oder infolge

ter Richard II. geprägt. Die Numismatike- (07745 Jena), Rainer Martin (21258 Heidenau)
höherer Gewalt bestehen keine Ansprüche gegen
den Verlag. Bei Adressänderungen kann uns die Post
rin Dr. Ursula Kampmann, Gründerin der 3 mal: Alice Schwarzer: »Eine tödliche Liebe« (KiWi)
Ihre neue Anschrift mitteilen; dieser Weitergabe
können Sie innerhalb von vier Wochen nach Erhalt
internationalen numismatischen Online- Cornelia Juchert (73054 Eislingen), Peter W. Klein des Heftes widersprechen. Sofern Sie nicht frist­
Zeitschrift »MünzenWoche«, erklärt: »Das (27442 Gnarrenburg), Lis Steiger (CH–8222 Beringen) gerecht vom Widerspruchsrecht Gebrauch machen,
setzen wir Ihr Einverständnis voraus.
Konzept einer Gedenkmünze ist etwas, das 3 mal: Wetterstation Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt. Auslandspreise auf
erst in der frühen Neuzeit entsteht und dem Arne Hampp (91056 Erlangen), Dagmar Schlüter (55124 Mainz),
Anfrage. Alle Abonnenten erhalten für 83,20 EUR
neben 16 Printausgaben auch den Online-Newsletter
Mittelalter sehr fern gewesen ist. Es geht bei Albrecht Wörner (88271 Wilhelmsdorf) umsonst. Einzelhefte kosten 5,70 EUR (zzgl. Versand)
und können unter +49 (0)1805 52 60 13 5 (14 Cent/Min.
Festnetz, max. 42 Cent/Min. Mobilfunk) nachbestellt
? AUFLÖSUNG STECKBRIEF werden. Die Abogebühren werden unter der Gläubi-
ger-Identifikationsnummer: DE95ZZZ00000015331
von der Bayard Media GmbH & Co. KG eingezogen.
Prinz Louis Ferdinand von Preußen (* 1772, † 1806), eigentlich Friedrich Ein Verzeichnis aller lieferbaren Ausgaben
ist beim Verlag oder unter
Ludwig Christian, ein Neffe Friedrichs des Großen, rettete bei Kämpfen ge- www.g-geschichte.de erhältlich.
gen französische Revolutionstruppen einen Verwundeten aus feindlichem
Wir unterstützen
Feuer. Er verkehrte viel in Rahel Levins Salon in Berlin. Das Komponieren das Projekt
brachte er sich selbst bei. Er war von Beethoven beeinflusst, dem er auch zur Förderung
von Lese- und
persönlich begegnete. Kurz vor der Schlacht bei Jena und Auerstedt starb er. Medienkompetenz

82 G GESCHICHTE 12 | 2017
VORSCHAU
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Serie »Tiere schreiben


Geschichte«: Kamel
Es war das Pferd für wüstenartige
Regionen. Ohne das Kamel wäre
die Geschichte anders verlaufen
BILDNACHWEIS: AKG, BRIDGEMAN/SZ PHOTO/SCHERL, GETTY IMAGES/UIG, ISTOCKPHOTO.COM/GRAFISSIMO, WIKIMEDIA/CLASSICAL NUMISMATIC GROUP

Amerikanische Industrievertreter 1936 in Berlin, darunter


der Vizepräsident von General Motors (3. v. r.)

AMERIKAS GESCHÄFTE MIT DEN NAZIS

Business first?
Ausgehend von Hitlers Begeisterung für Hollywood geht G/GESCHICHTE
einem bislang weitgehend unerforschten und kontrovers diskutierten Kapitel
der deutsch-amerikanischen Beziehungen auf den Grund: Wie weit drückten
die USA ein Auge zu, um Geschäfte mit den Nationalsozialisten zu machen? Die Ottonin auf dem
Wir beleuchten unter anderem die Sympathien der Kennedys für die europäi-
sche Rechte, die Machenschaften des Amerikadeutschen Bunds, Henry Fords Thron: Theophanu
Antisemitismus und warum IBM die Software für den Holocaust lieferte Sie unterschrieb selbstbewusst
mit »Kaiser«: Nach dem Tod ihres
Weitere Themen Mannes Otto II. lenkte sie lange
Blickpunkt: Kannibalismus – Von der Steinzeit bis heute allein die Geschicke des Reichs
Geschichte im Alltag: Sternsinger – Brauch mit langer Tradition

G GESCHICHTE 12 | 2017 83
MENSCHEN
MEN · EREIGNISSE · EPOCHEN

GESCHICHTE 4 1%
ges part!

Die großen G/GESCHICHTE Themenpakete:

3 Ausgaben für nur € 10,- (statt


€ 17
7 10)
17,10)

Revolution Von Achilles bis Augustus Englands bewegte Geschichte

07/2014 11/2015 05/2011 09/2011 08/2015 03/2016 08/2013 02/2015 11/2014


Die Französische Amerikas Kampf Die DDR Weltmacht Rom Athen Trojas Untergang Englands glorreiches Winston Kampf um
Revolution um die Freiheit Jahrhundert Churchill Englands Thron

Bestell-Nummer: 100 576 Bestell-Nummer: 100 598 Bestell-Nummer: 100 545

Frühe Hochkulturen Europas Dynastien Päpste, Ketzer, Reformatoren

04/2007 05/2009 07/2012 04/2016 Sonderheft 02/2015 10/2015 12/2010 10/2011 06/2015
Babylon Mythen, Schätze, Geheimnisvolles Die Windsors Die Habsburger Die Borgia Heiliges Rom Ketzer im Die Hugenotten
Magier Ägypten Sündiges Rom Mittelalter

Bestell-Nummer: 100 439 Bestell-Nummer: 100 589 Bestell-Nummer: 100 567

Titanen der Antike Einmal um die ganze Welt Ost gegen West

09/2010 04/2013 10/2006 06/2010 07/2010 06/2012 08/2011 09/2015 05/2011


Kaiser Augustus Alexander Julius Caesar Südafrika Chinas Erster Spaniens Weltreich Apokalypse Der Kalte Krieg DDR
der Große Kaiser Vietnam

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