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Aus Politik und Zeitgeschichte


46–47/2010 · 15. November 2010

Anerkennung, Teilhabe, Integration


E. Güvercin · F. Zaimoğlu · M. Asumang · N. Çelik
„Ein Teil Deutschlands, mit etwas mehr Farbe“

Naika Foroutan
Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten

Dietrich Thränhardt
Integrationsrealität und Integrationsdiskurs

Hartmut M. Griese · Isabel Sievers


Bildungs- und Berufsbiografien von Transmigranten

Karen Schönwälder
Einwanderer in Räten und Parlamenten

Michael Bommes
Kommunen: Moderatoren der sozialen Integration?

Klaus J. Bade · Ferdos Forudastan


Ein Gespräch zur Teilhabe in der Einwanderungs­gesellschaft
Editorial
Mindestens 20  Prozent der in Deutschland lebenden Men-
schen, ihre Eltern oder Großeltern haben Migrationserfahrung.
Welche politischen Konsequenzen diese gesellschaftliche Reali-
tät nach sich zieht, ist strittig. Es wird um die Definitionshoheit
über Begriffe wie Integration, Gesellschaft und „Deutschsein“
gerungen. Zeitweilig in rassistische Reflexe umschlagenden
Ängsten vor „Überfremdung“ und „fremden Kulturkreisen“
stehen emotionale Verletztheit und Wut ob der Nichtanerken-
nung der eigenen Identität und Persönlichkeit gegenüber.

Was sind die Maßstäbe für eine erfolgreiche „Integration“? Ist


es die Sprache? Wohl nur zum Teil, denn auch Menschen, die
bestens Deutsch sprechen, gelten oft als nicht zugehörig. Ist es
die Arbeit? Ebenfalls nur zum Teil, denn auch ein Arbeitsplatz
ist keine Garantie gegen Diskriminierung. Sind es der Lebens-
stil und die Werteeinstellungen? Auch nur zum Teil, denn auch
innerhalb der „alteingesessenen“ Gesellschaft gibt es höchst
unterschiedliche Lebensstile und Werteparadigmen. Deutlich
wird, dass das Fehlen von Bezugsgrößen für die nationale Iden-
tität Raum für Imaginationen öffnet, oft mit der Folge, dass eine
nicht näher definierte „Kultur“ zum Referenzrahmen wird, der
beliebig interpretierbar ist.

Zukunftsweisend ist nicht die Frage, wie homogen eine Ge-


sellschaft sein muss, sondern, wie sich die gesellschaftliche
Hete­ro­geni­tät in Institutionen und politischen Machtverhält-
nissen widerspiegeln kann. Das setzt neben der Bereitschaft,
sich mit Deutschland zu identifizieren, auch die Aufnahme-
bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft voraus. Es geht um eine
„interkulturelle Öffnung der Gesellschaft“ und einen „Umbau
staatlicher Institutionen“ (Mark Terkessidis), um die Anerken-
nung der Pluralität der Lebensstile und um die gleichberechtig-
te Teilhabe aller am Gemeinwesen. Es gilt, unsere Gesellschaft
immer wieder neu zu denken.

Asiye Öztürk
Eren Güvercin · Feridun Zaimoğlu · selbstverständlich um gute Fußballer. Dieses
Mal hatte man auf gute Nachwuchskräfte ge-
Mo Asumang · Neco Çelik setzt, sowohl auf herkunftsfremde Deutsche

„Ein Teil
als auch auf junge deutschstämmige Deutsche.
Ich bin ein glühender Deutschlandfan. Als Sa-
lonhooligan bin ich es mir schuldig, und als

Deutschlands,
solcher habe ich auf dem Fußballfeld bis auf
das Spiel gegen Serbien und das wirklich kra-
chend enttäuschende Spiel gegen Spanien gu-

mit etwas mehr


ten Fußball und gute Fußballer gesehen. Na-
türlich freue ich mich, wenn darunter gute
Leute sind, die hier geboren und aufgewach-

Farbe“
sen sind. Das weist natürlich nur in eine gute
Richtung. Aber ich bitte darum, das mit der
Repräsentationspolitik nicht zu über­treiben.

Sie werden oft als Beispiel einer gelungenen


Integration genannt. Wieso lief es bei Ihnen
„Ich bestehe darauf!“ so gut?
Im Gespräch mit Feridun Zaimoğlu
Ich bin ein Schreiber. Wenn man von Er-
Eren Güvercin: Während der Fußball-Welt- folg und Ankunft im Zusammenhang mit
meisterschaft 2010 hieß es, dass die deutsche mir spricht, dann darf man die Verzweiflung
Nationalmannschaft mit Spielern wie Me- und Erfolglosigkeit meiner Jahre, bevor das
sut Özil, Jérôme Boa- mit den Büchern anfing, natürlich nicht ver-
Eren Güvercin teng und Sami Khedi- schweigen. Ich bin ein doppelter Studien­
M. A., geb. 1980; arbeitet als ra zum ersten Mal die abbrecher, ich habe keine Ausbildung, und
freier Journalist unter ande- gesamte Gesellschaft ich bin ganz sicher kein glänzendes Vorbild
rem für „Deutschlandfunk“, widerspiegele. Ist tat- für andere Menschen. Außerdem ist es eine
„Der Freitag“, „Neue Zürcher sächlich angekommen, Frage des Taktes, dass man sich nicht ins Spiel
Zeitung“ und „Qantara.de“. Zu dass Deutschland eine bringt, um dann zu sagen: Seht her, ich habe
seinen Themenschwerpunk- Einwanderungsgesell- es anders gemacht, und wenn ihr auf mei-
ten gehören neben globalen schaft ist? nen Spuren wandelt, so wird euch auch al-
Ungleichheiten auch Migration les gelingen. Ich bin eher ein Paradebeispiel
und Islam in Deutschland. Feridun Zaimoğlu: dafür, wie alles misslingen kann, dass man
http://erenguevercin. Zu­nächst einmal: Fuß- eben nicht Menschen mit technischen Begrif-
wordpress.com ball ist Fußball. Ich fen beikommen kann. Das Wort „Integra-
erenguevercin@gmx.de bin etwas ratlos, wenn tion“ stammt aus dem Technokraten-Jargon,
ich die Schriften der und ich kann damit herzlich wenig anfangen.
Feridun ZaimoğluEuphoriker lese, die Wofür ich stattdessen eintrete ist, dass man
Geb. 1964; als Schriftsteller
sagen, früher war der bitte schön nicht zu feige sein soll, um von
schreibt er Literaturkritiken
deutsche Fußball höl- Deutschland als seiner Heimat zu sprechen.
und Essays unter anderem für zern, und jetzt ist al-
„Die Zeit“, „Die Welt“, „Spex“les anders und besser. Auf der einen Seite haben wir bedauerns-
und „Der Tagesspiegel“. Seltsam, dass Deutsch- werte Populisten, die (Überfremdungs-)-
land in der Vergangen- Ängs­te schüren. Schwätzer von diesem Schla-
heit dennoch so viele Pokale mit nach Hause ge wird es auch in Zukunft geben. Ich bestehe
gebracht hat. So hölzern kann dieser Fußball aber darauf, dass die Geschichte der Einwan-
ja dann nicht gewesen sein. Wir erinnern uns, derung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte
vor zehn oder zwölf Jahren fing das Lamen- ist. Ich bestehe darauf, dass man die Männer
to an: Der deutsche Fußball sehe nicht die und Frauen der ersten Generation – der golde-
Zeichen der Zeit und setze nicht auf Nach- nen Generation – bitte schön mit Respekt be-
wuchskräfte. Das hat der Deutsche Fußball- handeln mag. Ich bestehe darauf, dass Popu-
bund (DFB) nun getan. Denn es geht nicht da- listen und Menschen, die abfällig daher reden
rum, dass herkunftsfremde Deutsche jetzt auf und auch noch von sich behaupten, dass sie
dem Fußballplatz mitspielen dürfen, sondern mutig seien, mit Verachtung gestraft werden.

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Ich bestehe aber auch darauf, weil es die Re- spricht, dann meint man eigentlich die Tür-
alitäten Deutschlands widerspiegelt, dass her- ken. In den vergangenen Jahren wurde das
kunftsfremde Deutsche, die hier aufgewachsen Fremde mit dem Begriff „Moslem“ kodiert.
sind, doch bedenken mögen, dass Deutschland Also man meint den Türken oder Moslem,
ihr Land und ihre Heimat ist. Im Grunde ge- wenn man Ausländer sagt. Dann sagt man,
nommen sind sie auch Deutsche. Die kurdisch-, diese Leute sind nicht angekommen, diese
türkisch- und anderen fremdstämmigen Deut- Leute können nichts, sie seien dumm und
schen brauchen kein Vorbild. Sie sind zu klug, wollten sich abschotten. In jeder Szene und
um sich an den Realitäten und Fakten des Le- Schicht der deutschen Gesellschaft, in jeder
bens zu orientieren, und nicht an einem Filme- Klasse gibt es Menschen, die sich abschotten.
macher, Schriftsteller oder einer Nachrichten- Wenn man von Abschottungspolitik spricht,
sprecherin. Das haben sie gar nicht nötig. dann sollte man sich nicht an die fremdstäm-
migen Deutschen halten, sondern eher an die
Sind Begriffe wie Multikulturalismus oder Großbürger, also an die Spitzen der Gesell-
Integration längst überholte Begriffe, wie der schaft. Da lernt man, was Abschottungspo-
Migrationsforscher Mark Terkessidis in seinem litik ist. Auf die einfachen Menschen, das
Buch „Interkultur“ ❙1 ausführt? Sie beispiels- einfache Volk einzudreschen, hat eine lange
weise wurden zu Anfang Ihrer Schriftstel- Tradition. Ich bin nicht willens darauf einzu-
lerlaufbahn der „Migrantenliteratur“ zu­ge­ gehen. Tatsächlich sollte man auch nicht mehr
ordnet. versuchen, mit den alten Dickköpfen zu spre-
chen. Das langweilt mich, und das langweilt
Es ist mir eine große Freude zu sehen, dass vor allem die Menschen da draußen. Es ist so
die Technokraten, die das Leben ideologisch oft gesagt worden: Es ist ein soziales Problem
verkrümmen, und die Populisten und Hys- und kein kulturelles. Wenn man, statt auf
teriker der Wirklichkeit hinterher hecheln. die eigentlichen ökonomischen und sozia-
Man kann es natürlich tun. Man kann in sei- len Probleme Deutschlands hinzuweisen, die
ner warmen Stube hocken und auf eine be- Diskussion kulturalisiert, dann ist das lum-
stimmte Klientel schielen, und dann anfan- pig. Deutschland ist viel weiter.
gen zu fluchen. Man kann Menschen, die
sich zunächst einmal nicht wehren können, Sie bezeichnen sich als Deutscher und Kiel
denunzieren. Das ist eine Frage des Niveaus als Ihre Heimat. Vor kurzem wurden Sie von
und sei jedem freigestellt. einem Schriftstellerkollegen als „Ärmelscho-
nerliterat“ bezeichnet: Sie würden sogar Gar-
Heißt das, man muss sich von dieser Termi- tenzwerge sammeln, damit man bloß nicht
nologie lösen, um die Debatte in eine andere, auf die Idee komme, dass Sie kein Deutscher
positivere Richtung zu lenken? sind.

Es ist tatsächlich so, dass die jungen Män- Als ich das las, war ich sehr erschrocken,
ner und Frauen nicht nur aufgehört haben, weil bei mir in der Küche ein Mehlsack um-
Migranten zu sein, sondern dass man bei ih- fiel. Es ist seltsam, dass ich in der Vergangen-
nen die Zuschreibung „herkunftsfremd“ auch heit ausgerechnet von Menschen, von denen
streichen kann. Man darf einen Fehler nicht man eine gewisse Einsicht erhofft, heftige
begehen: Man darf nicht versuchen, mit den Nackenschläge bekam. Es geht hier um mein
Begriffen aus dem Soziologie-Seminar und Selbstverständnis, es geht mir nicht darum,
den Redaktionsstuben ­Phänomene der soge- mich zu verkleiden, um dann in den Augen
nannten Unterschicht begreifen zu wollen. der Menschen besser dazustehen. Im Grunde
Das ist ein großer Fehler, und ich sehe seit genommen lache ich nur noch darüber. Das
20  Jahren, dass dieser Fehler bewusst oder ist ja nicht das erste Mal, dass man es mit ei-
unbewusst begangen wird, um zu bestimm- ner Denunziation versucht und glaubt, mich
ten Schlüssen zu kommen. treffen zu wollen. Ich grinse nur, und das ist
keine Koketterie. Ich sage da nur, jeder kann
Was sind das für Schlüsse? Die Türken machen, was er will. Man kann das lustig fin-
können nichts! Wenn man von Ausländern den, man kann das lächerlich finden, man
kann sogar mich als eine lächerliche Figur an-
❙1  Vgl. Mark Terkessidis, Interkultur, Bonn 2010 sehen, nur Fakt bleibt: Ich bin ein gut gelaun-
(Schriftenreihe der bpb, Bd. 1074). ter Deutscher!

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„Deutschland kreiert sich neu.“ ein Land erst gar nicht entstehen. In meinem
Film Roots Germania habe ich mich hierzu
Im Gespräch mit Mo Asumang auf Spurensuche gemacht und viel erfahren
über die Geschichte Deutschlands. Es ist nicht
Mo Asumang ist mit ihrem Film Roots Ger- zu fassen, wie Nazis die deutsche Geschichte
mania regelmäßig auf Tour. Er wird in Schu- missbrauchen, wie sie sich Symbole und Hel-
len und Jugendeinrichtungen vor­ge­führt. denfiguren klauen und Mythen verdrehen.
Im Rahmen dieser
Mo Asumang ­Vorführungen besteht Kurz nach dieser Drohung haben Sie ein
Schauspielerin, Sängerin, die Möglichkeit, über Fotoshooting in einem Brunhilde-Kostüm ge-
Fernsehmoderatorin, Regisseu- rechtsextreme Gewalt, macht. Sie sagten, dass Sie durch diese über-
rin und Geschäftsführerin einer E i n s c h ü c h t e r u n g , spitzte Form zeigen wollten, dass Sie auch
Produktionsfirma von Filmen Ideologie, Rassismus deutsch sind. Woraus besteht die deutsche
und Fernsehbeiträgen. und Demokratiefeind- Identität?
management@mo-asumang.com schaft, aber auch Zivil-
www.mo-asumang.com courage, Mut, die Fra- Auch eine Identität ist im Wandel. Natür-
ge der Wurzeln (roots) lich gibt es gewisse Dinge, die man über Jahr-
Einzelner und von Gruppen und ihre demo- hunderte und Jahrtausende hinweg in gewis-
kratische Integration ins Gespräch zu kom- sen Gebieten als Identität erarbeitet hat, aber
men. ❙2 Ein aktuelles Projekt, an dem Mo Asu- dennoch liegt der Fokus darauf, dass wir uns
mang mitwirkt, ist das HomeBase-Projekt. Es verändern und dass wir ständig neu dazuler-
ist ein ortsspezifisches Projekt für öffentliche nen. Eine Identität ist nicht etwas, was starr
Kunst, das sich zur Aufgabe gemacht hat, eine ist, sondern etwas, was sich ständig trans­
interdisziplinäre und kontextbezogene Un- formiert.
tersuchung des Archetypus von Heim/Zu-
hause (Home) anzuregen. Das bisher jährlich Sätze, wie „Geh doch dahin, wo du her-
in New York stattfindende Projekt hat be- kommst“, höre ich, Gott sei Dank, nicht
reits internationale Anerkennung gefunden. mehr so oft. Aber es gab schon einige Leute,
HomeBase integriert zeitgenössische Kunst die mir im Laufe meines Lebens solch einen
im städtischen Alltag und macht sie für die Satz an den Kopf geschmissen haben. Aber
Öffentlichkeit erfahrbar. Es hinterfragt die was bedeutet das eigentlich: Geh dahin, wo
Rolle von Kunst als Mittel der Kommunikati- du herkommst? Ich kann natürlich nach Kas-
on im interkulturellen, nachbarschaftsbilden- sel gehen, da bin ich geboren, meine Migra-
den und sozialen Dialog. Dabei untersucht es tion besteht aus meinem Umzug von Kassel
in vielschichtiger Weise Aspekte von Heim/ nach Berlin, das war 1986.
Zuhause durch interaktive, nachbarschafts-
bezogene Kunstprojekte im urbanen Raum. ❙3 Das schlimme ist, dass man aufgrund der
tiefsitzenden Unwissenheit zu Identitätsfragen
Eren Güvercin: Vor einigen Jahren wur- in Deutschland und aufgrund der Hasspredig-
den Sie öffentlich von einer Neonaziband be- ten der Neonazis leider sehr oft auf die Haut-
droht. ❙4 In Ihrem Film Roots Germania ha- farbe oder Religion reduziert wird. Ich finde
ben Sie anschließend den Germanenkult es sehr wichtig, dass man solche Sätze „Woher
deutscher Neonazis hinterfragt. kommst Du?“ ganz normal beantworten kann.
Ich möchte einfach antworten dürfen, dass ich
Mo Asumang: Ich bin ja immer der Mei- aus Kassel komme, ohne dass die Leute in Ge-
nung, dass Deutschland ab und zu mal in den lächter ausbrechen. Leider, muss ich sagen, ist
Spiegel schauen sollte, weil eine Gesellschaft das im Jahr 2010 immer noch so. Die Leute la-
natürlich immer im Wandel ist. Die Gesell- chen, wenn ich sage, ich komme aus Kassel,
schaft bleibt nicht so, wie sie ist, sonst würde weil sie einfach nicht akzeptieren wollen, dass
man vielleicht auch zwei Wurzeln hat. Weil
❙2  Vgl. http://roots-germania.com (10. 10. 2010). mein Vater aus Ghana kam, sagt man dann:
❙3  Vgl. www.homebaseberlin.com (10. 10. 2010). „Aahh, Du kommst aus Ghana.“ Der Rest von
❙4  Die Neonaziband White Aryan Rebels rief in ei-
nem Lied mit „Diese Kugel ist für dich, Mo Asu-
mir, die deutsche Seite, dass ich hier geboren
mang“ zum Mord an der Schauspielerin auf. Eine an- wurde, perfekt deutsch spreche, dass ich hier
dere Textzeile des Songs lautete: „Völkerbrei wirds Abi­tur gemacht habe, und vielleicht sogar, dass
hier nicht geben. Ihr müsst sterben und wir leben.“ ich gerade aus meinem Leben hier erzählt habe,

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all das wird einfach unterschlagen, als gäbe es die deutsche Nationalmannschaft während
das nicht. Das finde ich sehr schade. der Fußball-Weltmeisterschaft – das so ge-
nannte Rainbow-Team –, aber man gleichzei-
Wie würden Sie sich selber bezeichnen: als tig in Fernsehbeiträgen über Muslime noch
schwarze Deutsche oder als Deutsche mit Mi- immer hauptsächlich „Frauen mit Kopftuch
grationshintergrund? und fünf Lidl-Einkaufstüten“ sieht. Das geht
einfach nicht.
Ich bin in der Initiative „Schwarze Deut-
sche“, und dort gibt es ständig die Diskus- Soziale Unterschiede sind das, worum es
sion, wie man sich bezeichnen sollte. Afro- eigentlich geht. Man gehört natürlich ver-
Deutsche oder schwarze Deutsche ist dann schiedenen Kulturkreisen an, aber letztend-
das, worauf man sich in dieser Gruppe geei- lich geht es einfach darum, wer sich ein an-
nigt hat. Ich persönlich gehe damit etwas lo- genehmes Leben leisten kann und wer nicht.
ckerer um. Wenn ich mit meinen Freunden Wer wenig Geld hat, wird es schwerer haben.
rede, dann sag ich auch schon einmal, dass Das Wort „Parallelgesellschaft“ ist schon
ich Brownie bin. Ich habe damit gar kein Pro- fraglich, da jeder irgendwie in einer Paral-
blem und nach meiner Filmarbeit mit Roots lelgesellschaft lebt, weil er sein eigenes Uni-
Germania erst recht nicht. Man könnte auch versum hat und seine persönliche Identität
sagen, man ist Weltbürger, aber ein wenig Zu- schützt. Wenn Leute das in einer größeren
gehörigkeit brauche ich dann doch. Gruppe machen, dann könnte das vielleicht
einen Grund haben?! Niemand würde das aus
Wann gehört man denn dazu? Was bringt einem natürlichen Bedürfnis heraus machen.
die Menschen dazu, an der Gesellschaft teil- Jeder möchte mit seinem Nachbarn normal
zunehmen, und welche Rolle spielen soziale kommunizieren, seine Schulkameraden be-
Unterschiede? suchen, jeder möchte zu einer großen Grup-
pe dazugehören, jeder möchte auch Teil des
Integration fängt für mich in erster Linie Landes, der Gesellschaft sein, in der er lebt.
damit an, dass ich als „Migrantin“ irgendwo
im Abbild der Deutschen auch sichtbar bin. Die Rhetorik hat sich in den vergangenen
Erstmal muss ich überhaupt wissen, dass ich Jahren verschärft, insbesondere wenn es um
existiere, und so was sieht man in erster Linie in Deutschland lebende Muslime geht. Einige
in den Medien. Dieses Abbild ist für mich der Stimmen befürchten, dass rechtsextreme Pa-
Anfang von Integration. Wenn dieses Abbild rolen wieder salonfähig werden. Wieviel kul-
in einem großen Ungleichgewicht ist, wie es turelle Differenz verträgt überhaupt eine Ge-
derzeit bei uns immer noch der Fall ist, dann sellschaft?
kann man nicht von Integration sprechen.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der 19 Pro- Eine Gesellschaft verträgt ganz viel kul-
zent der Menschen einen Migrationshinter- turelle Differenz. Mit der kulturellen Viel-
grund haben. Aber das Abbild in den Medien falt kommen natürlich auch Fragen hoch, wie
liegt bei vielleicht zwei Prozent. man miteinander umgeht. Aber das ist auch
ganz wichtig. Wenn wir keine Fragen haben,
Als Beispiel können wir meine Person neh- sei es in der Familie oder in der Gesellschaft,
men. Ich bin in Kassel aufgewachsen und wie wollen wir uns dann weiterentwickeln?
habe eigentlich nie etwas gesehen, womit ich Wie man zusammenkommt, wie man etwas
mich identifizieren konnte. Das Abbild von verändern kann, wie man wachsen kann, all
mir gab es höchstens mal in US-amerikani- diese Fragen sind essentiell dafür, dass eine
schen Serien oder Filmen. Wenn ich mir an- Gesellschaft lebendig bleibt. Ich glaube auch,
schaue, was heutzutage in den Medien zu se- dass eine Gesellschaft durch kulturelle Viel-
hen ist, sieht es ziemlich mau aus. Für mich falt stärker wird. Es gibt natürlich Menschen,
bedeutet Integration, dass ich Menschen mit denen das zu viel ist. Sie können damit nicht
Migrationshintergrund sehen kann, und dass umgehen, weil sie in ihren Denkstrukturen
sie auch „normal“ abgebildet werden und festgefahren sind. Die kommen aber auch
nicht in irgendwelchen Klischees. Gerade im nicht wirklich weit damit.
Bereich Medien muss man sich da noch mehr
Mühe geben. Ich frage mich, wie passt es zu- Kritiker meinen, nur wer alles bis auf sei-
sammen, dass alle zu Recht stolz waren auf nen Namen aufgebe, habe in Deutschland

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eine Chance. In Deutschland spiele es immer Teil Deutschlands bin, mit etwas mehr Far-
noch eine sehr große Rolle, ob man „Stallge- be. Ich glaube auch, dass man sich nur dann
ruch“ habe. Teilen Sie diese Sichtweise? abkapselt, wenn Kommunikation einschläft
und keine Veränderungen in Sicht sind, aber
Stallgeruch, dazu fällt mir eine Geschichte genau das Gegenteil ist gerade der Fall.
ein: Neulich hat mir ein junger Deutschtürke
erzählt, dass er auf Wohnungssuche mit sei- Sicher gibt es fremdenfeindliche Ressenti-
nem Namen Öztürk kaum Angebote bekam. ments in der Bevölkerung, vor allem als Aus-
Dann hat er sich aus Spaß mit dem Namen wirkung der mangelnden Aufklärungspo-
Müller am Telefon gemeldet, plötzlich kamen litik, nicht, weil die Leute nicht in der Lage
jede Menge Wohnungsbesichtigungsangebo- wären, Integration zu leben. Ich glaube das
te. Mit solchen Ungerechtigkeiten und diesem Miteinander von Menschen ist etwas mensch-
Rassismus geht jede Migrationsgruppe anders liches, weil Menschen in der Gemeinschaft
um. Bei kleinen Migrationsgruppen herrschen lernen. Im Normalfall macht einen „das
ganz andere Gesetzmäßigkeiten als bei gro- Andere“ neugierig, ein Instinkt, der zum
ßen Gruppen. Muslime oder türkeistämmige Wachstum beiträgt. Es darf nicht sein, dass
Einwanderer bauen schon für ihre Kinder in wir uns diese Neugier nehmen lassen, durch
jungen Jahren einen Schutzmantel auf. Wenn Bücher, die spalten wollen, statt zu fördern.
ich als kleines türkisches Mädchen zum Bei- Die Medien sollten aufzeigen, was an Mei-
spiel Rassismus ausgesetzt bin, habe ich natür- nungen zum Thema Integration da ist, und
lich eine große Community um mich herum, dann schauen, was der Ursprung dieser Ge-
die mich schützen und in die ich mich zurück- danken ist. Nur wenn man etwas kennt, kann
ziehen kann, wenn ich will. Ich habe sehr viele man auch etwas ändern. Vielleicht kommen
deutsch-türkische Freunde, von denen einige erst einmal Ängste hoch, aber das ist gut, so-
irgendwann sagten, sie seien Türke und eben lange man darüber spricht. Die Medien soll-
kein Deutscher. Das ist aber eher eine Reak- ten die Ängste der Menschen ernst nehmen
tion auf Rassismus und Ungerechtigkeit, man und mit Diskussionsrunden, Filmen und Bei-
würde von alleine nicht auf so etwas kommen. trägen zeigen, wie man diese Ängste auflösen
Man würde dann eher sagen, ich bin Deutsch- kann. Die Zeiten sind für alle schwer.
Türke, oder einfach, ich bin deutsch. Solch ei-
nen Schutzmantel hat man in den afrikani-
schen Communities nicht, weil sie zu klein „Gewalt in Kunst verwandeln.“
sind. Es ist aber in jedem Fall ein Schutzman- Neco Çelik im Portrait
tel, eine Reaktion auf eine Gesellschaft, die ei-
nen eben nicht als normal annimmt, wie es ei- Neco Çelik ist als Sohn türkischer Gastar-
gentlich sein müsste. beiter in Berlin-Kreuzberg groß geworden.
Seine Biographie liest sich wie ein Film: vom
„Deutschland schafft sich ab“ war und ist Gangmitglied zum
eine kontrovers diskutierte These. Was für Film- und Theaterre- Neco Çelik
Auswirkungen werden die teils rassistischen gisseur. Die US-ame- Geb. 1972; arbeitet seit 1993
Äußerungen der vergangenen Wochen wie rikanische Zeitschrift als Medienpädagoge in Berlin-
beispielsweise, dass bestimmte Menschen- „Vanity Fair“ bezeich- Kreuzberg und als Regisseur
gruppen an sich fauler und dümmer seien, auf nete ihn gar als den im Ballhaus Naunynstrasse;
die Integrationsdebatten insgesamt haben? „Spike Lee Deutsch- 2004 wurde er für seinen Spiel-
lands“. Neco Çelik ist film Urban Guerillas mit dem
Einige Migranten werden sich sicherlich ein Vorbild für viele Publikumspreis des Filmfesti-
zurückziehen und abkapseln. Andere wiede- Jugendliche, die von vals Nürnberg ausgezeichnet.
rum werden auch wütend sein. Die meisten I nt e g r at ion se x pe r - www.ballhausnaunyn­strasse.de
jedoch sind längst dabei, am gesellschaftli- ten gerne als perspek-
chen Leben teilzuhaben, wie in jeder anderen tivlos bezeichnet werden. Trotz seines er-
Generation seit der Gründung der Bundes- staunlichen Werdegangs vergisst Çelik seine
republik Deutschland und auch lange davor. Jungs (und Mädels) nicht und arbeitet immer
Ich kann dazu nur sagen: Deutschland kre- noch ehrenamtlich im Kreuzberger Jugend-
iert sich neu. Ich persönlich werde mich nicht zentrum Naunyn Ritze. Seine Eltern kamen
abkapseln, ich sehe keine Veranlassung dazu, 1967 als Gastarbeiter nach Deutschland. Als
da ich hier geboren, aufgewachsen und ein zweitjüngster von fünf Geschwistern wuchs

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er in Kreuzberg auf. Über seine Kindheit sagt Mittlerweile hat er drei Spielfilme gedreht
er: „Hier wächst man in einer türkischen Um- und Erfahrung als Theaterregisseur gesam-
gebung auf. Es war zu jener Zeit eine kaput- melt. „Ein Theaterstück zu inszenieren, war
te Gegend, direkt an der Berliner Mauer. Für für mich schon immer ein geheimer Wunsch
uns Kinder war das eine aufregende Zeit, für gewesen. Als man mir Feriduns Stück Schwar-
die Erwachsenen ist es ein armes Leben gewe- ze Jungfrauen angeboten hat, habe ich sofort
sen. In so einer Umgebung hat die Schule kei- ‚ja‘ gesagt.“ Zu seiner Theaterpremiere hatte
ne große Rolle für mich gespielt.“ Çelik damit ein Stück zu inszenieren, das es in
sich hat; es schockierte viele Theaterbesucher.
Er beobachtete die „Gastarbeitergenerati- „Der Inhalt des Textes ist extrem, extrem
on“ und entwickelte Unbehagen gegenüber stark“, führt Neco Çelik an. „Die Leute sind
einem Leben, das für ihn in vielerlei Hinsicht wirklich von ihren Stühlen gefallen. Sie konn-
falsch „eingerichtet“ zu sein schien: „Ich konn- ten nicht glauben, dass jemand so etwas sagen
te es nicht glauben. Ich bin extra mit meinen kann. Sie sind von diesen Frauen erschüttert.
Eltern zu den Nachbarn, zu denen ich nie ge- Das beweist, dass das, was sie sagen, in der
hen wollte, und habe geguckt, ob sie dieselben Öffentlichkeit überhaupt nicht vorkommt.“
Möbel hatten. Sie hatten den beschissenen sel-
ben Schrank und den beschissenen selben Tep- Dieses Theaterstück ist ein ausgesprochen
pich. Die, die sich davon lösen konnten, haben böses Echo aus muslimischer Sicht auf die zu-
erstmal begriffen, was Leben bedeutet“, sagt nehmende Islam-Hysterie der hiesigen Gesell-
Neco Çelik. Sie seien nur mit ihrem Leben be- schaft. Es handelt von zehn jungen muslimi-
schäftigt gewesen: „Arbeiten und arbeiten und schen Frauen: „Diese jungen Frauen sind keine
diese Hoffnung hegen, wir werden zurückkeh- Ja-Sager, keine Ängstlichen, keine Ungebil-
ren und dann unser wahres Leben leben. Bull­ deten, keine Gutmensch-Frauen. Sie sind zor-
shit! Man war sozusagen in einem sozialen Ge- nige, starke, coole, witzige und mutige Musli-
fängnis, so eine Herde von Schafen, die bloß minnen, die das Wort ergreifen, ohne Punkt
nicht ausscheren durften, um etwas zu verän- und Komma im Angesicht des Publikums ihre
dern.“ Er brach die Schule ab und wurde Mit- persönlichen Geschichten oder Meinungen
glied in der berüchtigten Straßengang 36 Boys, vortragen. Manchmal ist es vulgär, manchmal
deren Anführer er auch war. „Das hatte etwas radikal kompromisslos. Und das ist gut so.“ ❙5
mit Haltung zu tun, mit Intelligenz – und mit
einem Talent zur Schauspielerei. 90  Prozent Mittlerweile hat Neco Çelik im Ballhaus
hier auf dem Kiez sind Schauspielerei, Effekt- Naunynstraße schon bei einigen Theaterstü-
hascherei und MTV.“ Sie seien damals Jugend- cken Regie geführt. Künstlerische Leiterin des
liche gewesen, die mit sich nichts anfangen Ballhauses ist Shermin Langhoff. Im Novem-
konnten und jede Menge Energie hatten. „Wir ber 2008 wurde das Ballhaus mit dem Theater-
lungerten an den Ecken herum und waren der festival Dogland wiedereröffnet. Initiator und
Meinung, dass wir besser sind als die anderen, Träger des neuen Konzepts an der kommunalen
die ebenfalls an den Ecken rumlungerten. Wir Spielstätte ist der Verein „kultur­SPRÜNGE“,
haben uns als intellektuelle Kriminelle gesehen. ein Netzwerk von Kulturschaffenden der
Es gab unter uns auch Gedichteschreiber!“ zweiten und dritten Migrantengeneration, das
Langhoff 2003 ini­tiierte und zu dessen Unter-
Bald begann Neco Çelik durch Graffi- stützern und Protagonisten Fatih Akin, Neco
ti und Rap seine Wut in Kunst zu verwan- Çelik, Feridun Zaimoğlu, die Schauspielerin
deln. Dies sei einfach gewesen, da laut Çelik Idil Üner, der Rapper Ceza und viele andere
Gewalt und Kreativität sehr nah beieinander Kulturschaffende gehören. „Diese Spielstätte
lägen. Er holte seinen Schulabschluss nach ist aus der Feststellung entstanden, dass es hier
und machte im Jugendzentrum Naunyn Rit-
ze eine Ausbildung zum Medienpädagogen. ❙5  In Çeliks Inszenierung im Jahr 2006 fragen Schwar-
Das Filmhandwerk brachte er sich selber bei. ze Jungfrauen, „warum Allah kein Ausländer und die
Im Jahr 2003 drehte er seinen ersten Spielfilm Gottkriminalität notwendig ist; wodurch der weichge-
Urban Guerillas, der die Wut und die Träu- spülte Islam halal wird und warum man morgens mit
Flöhen aufwacht, wenn man mit Gottlosen geschlafen
me der „Ghetto-Kids“ behandelt. Fast alle hat. Und nicht zuletzt geht es ihnen auch um die Suche
Schauspieler in diesem Film waren Laien, alte nach der perfekten Symbiose: Sex und Islam. Ihre from-
Freunde von der Straße. „Ich nehme sie mit me These lautet: Nackt ist nicht gleich ungläubig und
auf meinen Weg“, sagt Çelik. vollbandagiert ist nicht gleich Gott total unterworfen.“

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ein kulturelles Kapital gibt, das überhaupt nicht Naika Foroutan
gefördert wird“, betont Langhoff. „Mein An-
spruch ist es, vor allem migrantischen Künst-
lern aus der zweiten und dritten Generation
Neue Deutsche,
ein Forum zu geben, um neue Geschichten aus
neuen Perspektiven zu erzählen.“ Postmigranten und
Durch junge Talente wie dem Regisseur
Neco Çelik oder dem Schauspieler Erhan
Bindungs-Identitäten.
Emre hat das Ballhaus Möglichkeiten, die sich
andere Theater erst mühsam aufbauen müs- Wer gehört zum
neuen Deutschland?
sen: Durch Çeliks Tätigkeit in der Jugendein-
richtung Naunyn Ritze (direkt gegenüber des
Ballhauses) eröffnen sich etwa Möglichkeiten
für Projekte zur kulturellen Bildung der Ju-
gendlichen in Kreuzberg. Aber die kulturelle
Bildung ist nur ein Teil der Arbeit: „Wir wol- Jeder fünfte Einwohner Deutschlands, da-
runter jedes dritte Kind unter sechs Jah-
len zwar soziale Fragestellungen einbeziehen, ren, hat einen Migrationshintergrund. In
aber über die soziokulturellen Momente des Ballungsräumen wie
klassischen Migrationstheaters hinausgehen Frankfurt oder Berlin Naika Foroutan
und neue Wege einschlagen“, erklärt Lang- trifft dies bereits auf Dr. rer. pol., geb. 1971; Leiterin
hoff. Sie bezeichnet das Ballhaus als „postmi- über 60  Prozent der des VW-Forschungsprojekts
grantisch“. Postmigrantisch umfasse dabei vor Kinder zu, die dieses „Hy­bride europäisch-musli-
allem die Geschichten und Perspektiven derer, Jahr eingeschult wur- mische Identitätsmodelle/­
die selbst nicht mehr migriert seien, den Mi- den. Wenn Pluralität HEYMAT“ an der HU Berlin,
grationshintergrund aber als Wissen mitbrin- für Kinder und Ju- Unter den Linden 6,
gen. „Man bewegt sich mit diesen Selbst- und gendliche zur Norma- 10099 Berlin.
Fremdzuschreibungen natürlich immer auf lität wird, ❙1  ist es un- foroutan@hu-berlin.de
einer Grenzlinie. Aber wir brauchen diese Ti- zeitgemäß, über einen
telagen – auch um zu provozieren und damit Migrantenschlüssel für Schulklassen nachzu-
wir uns gemeinsam weiterentwickeln können. denken – wie auch Forderungen nach einem
Denn als ‚junge Deutsche‘ werden wir einfach Zuwanderungsstopp für „fremde Kulturkrei-
nicht gesehen. Ich glaube, dass jede gebroche- se“ in Zeiten der Globalisierung anachronis-
ne Biografie, sei es durch Migration oder an- tisch wirken. Vielmehr wäre es angebracht, in
dere Umstände, ein gewisses Potenzial birgt.“ einer Zukunftsdebatte über einen veränder-
ten Blick auf die hier lebenden Menschen mit
Für Neco Çelik ist diese Arbeit nicht nur Migrationshintergrund nachzudenken und
für Kreuzberg wichtig. Es entstehe eine Pa- zu fragen, ob es nicht an der Zeit ist, diese im
ranoia, weil der Minderwertigkeitskomplex Sinne einer fraglosen Zugehörigkeit ❙2 als deut-
groß sei. „Was sieht einer von hier, wenn er sche Bürger anzusehen, gar als „Neue Deut-
in die ‚Bild‘ schaut oder ins Fernsehen? Er sche“? Interessanterweise wird mit dem Ge-
sieht: Alle sind gegen mich.“ Viele fühlten danken der Globalisierung vorrangig die Öff-
sich von der Mehrheitsgesellschaft verachtet. nung der weltweiten Märkte verbunden. Da-
„Da staut sich was Krasses an“, warnt er, „das gegen ist noch nicht verinnerlicht, dass mit
macht manche der Jungs so paranoid, dass sie einer Entgrenzung der Märkte nicht nur Gü-
nur noch denken: Ich will auf keinen Fall Op- ter ­freier beweglich sind, sondern auch Men-
fer sein, die anderen sollen Opfer sein. Und schen. Transnationale Migration, im Rahmen
wenn es die eigenen Leute sind.“ Dem will er derer Menschen in andere Länder ein- und
entgegenwirken, beispielsweise mit dem Pro- auswandern, ist ein selbstverständliches Zei-
jekt Streetunivercity, ❙6 durch das die speziel- chen der globalisierten Gegenwart.
len Stärken und Fähigkeiten der Jugendlichen
entdeckt und entwickelt werden, also Gewalt
❙1  Vgl. Bundesjugendkuratorium, Pluralität ist Nor-
in Kunst verwandelt werden soll.
malität für Kinder und Jugendliche, April 2008.
❙2  Vgl. Kai-Uwe Hunger, Junge Migranten online:
❙ Vgl. www.streetunivercity.de (20. 10. 2010).
6 
Suche nach sozialer Anerkennung und Vergewisse-
rung von Zugehörigkeit, Wiesbaden 2009, S. 251.

APuZ 46–47/2010 9
Wo Migration auch mit settlement verbun- „nicht richtig“ dazu. Mit dem Wort Migration
den wird, wandelt sich die Bevölkerungs- ist eine Neuzuwanderung verbunden, der Mi-
struktur – nicht nur demografisch und sozio- grationshintergrund markiert daher seine Trä-
strukturell, sondern auch identitär und ideell. ger als tendenziell „neuer“ als jene ohne und
Spätestens in der zweiten Generation der Ein- in der öffentlichen Wahrnehmung auch als
wanderung stellt sich ein Moment ein, in dem tendenziell fremd, auch wenn sie die deutsche
identitäre Verortung nicht mehr eindimensi- Staatsangehörigkeit in dritter und vierter Ge-
onal zu einem Herkunftsland vorgenommen neration besitzen. „Wer irgendwo neu ist, soll-
werden kann. Während für die meisten Mi- te sich erst mal mit weniger zufrieden geben“,
granten der ersten Generation ein Herkunfts- sagen 53,7  Prozent der Bevölkerung laut der
bezug durch eine aktive Migrationserfahrung Studien­reihe „Deutsche Zustände“ vom Bie-
bestehen bleibt und in vielen Fällen mit ei- lefelder Institut für Konflikt und Gewaltfor-
ner zumindest emotionalen Rückkehroption schung (IKG). ❙4 Dabei bleibt offen, wie lange
gekoppelt wird, enthält im Falle der Nach­ dieses „Neu-Sein“ eigentlich Bestand hat und
folge­gene­ratio­nen der Herkunftsbezug und welche Effekte es für das Selbstverständnis als
der Gedanke der „Rückkehr“ bereits einen deutscher Staatsbürger mit sich bringt. Tat-
Moment von invented tradition. ❙3 Bei einem sächlich beschreibt das Wort Migrationshin-
Drittel der Menschen mit Migrationshin- tergrund in seinem analytischen Kontext die
tergrund ist Migration sogar keine selbster- Lebensrealität der Angesprochenen korrek-
lebte Erfahrung mehr. Sie bleibt jedoch als ter als nationale Kategorien wie etwa „Türke“,
Element der biografischen Kernnarration be- „Spanier“, „Chinesen“, die nur eine einseitige
stehen – entweder durch die Familienlegende Herkunftsverortung vornehmen. Es ist auch
oder durch außerfamiliäre Zuschreibungen, exakter als das Wort „Migrant“ oder „Aus-
bedingt durch phänotypische Merkmale wie länder“, da ersteres auf jene nicht zutrifft, die
Aussehen, Akzent, Kleidung oder Namen. nicht aktiv zugewandert sind und letzteres jene
falsch bezeichnet, die eine deutsche Staatsan-
gehörigkeit haben. ❙5 Allerdings, so neutral der
Vom Ausländer zur Person Begriff auch im Entstehungsmoment definiert
mit Migrationshintergrund wurde, verbindet sich mit ihm durch den öf-
fentlichen Diskurs eine Bezeichnungspraxis,
Deutschlands „Gesicht“ wandelt sich ste- der eine soziale Praxis folgt, die vorwiegend
tig, was zu Verunsicherungen in der Bezeich- Differenz-Momente hervorhebt und die in der
nungspraxis führt. Die herkunftsdeutsche Be- öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit De-
völkerung weiß häufig nicht, wie sie sich selbst fiziten und Problemen verbunden wird.
oder jene bezeichnen soll, die lange Jahre als
„Ausländer“ oder „Fremde“ galten und nun
offensichtlich zu Deutschland gehören wol- Postmigranten
len und sollen. Immer häufiger hört man zur
Selbstbeschreibung ironisierend den Begriff Es fehlt derzeit an einer etablierten Bezeich-
„Bio-Deutsche“, da „autochthone Deutsche“ nung, welche die nationale und kulturel-
zu wissenschaftlich und „Deutsch-Deutsche“ le Mehrfachzugehörigkeit und -identifika-
zu redundant klingt. Hingegen erzeugt der Be- tion von Individuen wertneutral beschreibt.
griff „echter Deutscher“ einen ausgrenzenden Während Mehrfachzugehörigkeit im iden-
Effekt, da er die Menschen mit Migrationshin- titären Kontext als postmoderne Normali-
tergrund offensichtlich als „nicht echte“ Deut- tät anerkannt wird, gilt für die nationalen,
sche kennzeichnet. Immer mehr Menschen
nehmen mittlerweile für sich in Anspruch,
❙4  Die neuesten Forschungsergebnisse des IKG er-
deutsch zu sein, auch wenn sie „anders“ aus- scheinen im Dezember 2010. Die hier genannte Frage
sehen, „fremd“ klingende Namen oder eine ist nach Aussagen des IKG nicht in der Druckausgabe
andere Religionszugehörigkeit haben. Trotz- enthalten. Konkrete Fragen dazu können an das IKG
dem gehören die Menschen mit Migrations- direkt gerichtet werden: ikg@uni-bielefeld.de. Für
hintergrund im öffentlichen Bewusstsein ei- eine weitergehende Analyse vgl. Wilhelm Heitmeyer,
Deutsche Zustände, Folge 8, Frankfurt/M. 2010.
nes Großteils der Bevölkerung noch immer ❙5  Von den 15,6 Millionen Menschen mit Migrations-
hintergrund sind mehr als die Hälfte deutsche Staats-
❙3  Vgl. Eric Hobsbawm/Terence Ranger, The Inven- bürger (8,3 Millionen), und bei zwei Dritteln ist die
tion of Tradition, New York 1983. Migration aktiv erlebt.

10 APuZ 46–47/2010
ethnischen und kulturellen Zugehörigkeiten sein“ auf phänotypische Merkmale reduziert. ❙9
zumindest in Deutschland noch immer das Es liegt aber auch an den spezifischen Krite-
Kriterium der einseitigen Entscheidung, die rien der deutschen nationalen Identität, die es
mit dem Gedanken der Assimilation als Vi- auch Herkunftsdeutschen nicht leicht macht,
sion einer gelungenen Integration einhergeht. affirmativ die Nationalitätszugehörigkeit zu
Versuche, Ersatzdefinitionen zu finden, hat es artikulieren. Eine Zu­gehö­rig­keit zu Deutsch-
bereits 1994 mit dem Begriff „Andere Deut- land wird als etwas suggeriert, das sich „Mi-
sche“ gegeben, um zu verdeutlichen dass „die granten“ erst er­arbei­ten müssen. Gleichzeitig
Gültigkeit des Anspruchs, deutsch zu sein, ist festzustellen, dass trotz Fortschritten in der
sich nicht an der Erfüllung bestimmter Kri- strukturellen Integration (Bildung und Ar-
terien der Physiognomie, der Abstammung beit) eine kulturelle Integration über den Ver­
oder auch der ‚kulturellen‘ Praxis bemisst“. ❙6 fas­sungs­patrio­tis­mus hinaus erwartet wird,
Michael Wolffsohn spricht von „Paradigma- die an Anpassungen an eine nicht näher defi-
Neudeutschen“ ❙7, und der Kabarettist Alp­ nierbare deutsche Leitkultur gekoppelt wird.
arslan Marx richtete sogar eine Webseite un-
ter dem Namen „D-Länder“ ein, um nach Gerade für jenes Drittel der Postmigranten,
einem gemeinsamen Namen zu suchen. ❙8 die vom Mikrozensus als „Menschen ohne ei-
gene Migrationserfahrung“ erfasst werden,
Die Verbundenheit mit Deutschland als ist Integration ohnehin kein Diskussionskri-
Heimat findet auf mehreren Ebenen statt. terium ihrer Selbstbeschreibung. Migrations-
Die kognitive und pragmatische Bezeichnung hintergrund und Mehrsprachigkeit werden
von Deutschland als Heimat, als „dort, wo vor allem als Bereicherung wahrgenommen.
mein Haus steht, und dort, wo meine Familie Für diese Postmigranten sind Deutsch- oder
wohnt“, kann dabei teilweise die emotionale Integrationskurse etwas, das bestenfalls noch
Bindung an einen Sehnsuchtsort in der Fer- ihre Eltern betreffen könnte, eher ihre Groß-
ne, der ebenfalls mit Heimat assoziiert wird, eltern und eben neu Zugewanderte. Bei ihnen
nicht ersetzen. Dies liegt an dem der Migra- ist stattdessen verstärkt ein mehrkulturelles
tion inhärenten Moment, der immer mit dem Selbstbewusstsein zu beobachten, ohne ihre
Verlassen eines Zuhauses oder einer Hei- „Wurzeln“ vergessen zu wollen, samt einer
mat einhergeht. Diese teilweise nur tradierte für sich selbst angenommenen postintegrati-
Vergangenheit wird im Kontext der familiä- ven Perspektive: Sie sind längst in dieser Ge-
ren Erzählstruktur und der nicht erfahrenen sellschaft angekommen, zumindest aus ihrer
Alltagsentzauberung zu einem Wunschort Sicht und aus der Sicht jenes Teils der Bevöl-
stilisiert, der in jedem Moment der Unzu- kerung, der in Deutschland ein plurales, he-
friedenheit eine virtuelle Rückzugsoption an- terogenes und postmodernes Land sieht.
bietet – auch wenn diese realiter nicht gegeben
ist. Zusätzlich wird von Seiten der ersten Ge-
neration der Einwanderer, der Familie oder Zugehörigkeit, Angehörigkeit,
Community teilweise Druck auf die Folge- Authentizität
generationen aufgebaut, sich den ursprüngli-
chen Herkunftsländern nicht zu entfremden. Die Zugehörigkeit zu Deutschland definiert
sich jedoch nicht nur über die eigene Fähigkeit
Die zum Teil fehlende emotionale Verbun- zur Identifikation mit dem Mehrheitskollektiv,
denheit mit Deutschland liegt allerdings auch sondern auch über den Grad und die Häufigkeit
an Diskriminierungserfahrungen sowie man- der Anerkennung durch eben jenes. Erst diese
gelnder Aufnahmebereitschaft von Seiten der erlaubt eine Identifikation im Sinne der Ange-
autochthonen Gesellschaft, welche noch immer hörigkeit. Und erst der Dreiklang von Anerken-
teils bewusst, teils unbewusst das „Deutsch- nung, fragloser Zugehörigkeit und Angehörig-
keit lässt einen glaubwürdigen, authentischen
❙6  Paul Mecheril/Thomas Teo, Andere Deutsche, Ber- Moment von „Deutschsein“ entstehen. ❙10
lin 1994, S. 10.
❙7  So seine Bezeichnung für Professor Bassam Tibi,
der in Syrien geboren, jedoch seit Jahrzehnten deut- ❙9  Vgl. Iman Attia, Die „westliche Kultur“ und ihr
scher Staatsbürger ist, zit. nach: Karl Friedrich Ul- Anderes, Bielefeld 2009.
richs, Islam-Wissenschaftler Bassam Tibi verlässt ❙10  Vgl. Heiner Keupp, Identitätskonstruktionen:
Uni, in: Göttinger Tageblatt vom 29. 10. 2009. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne,
❙8  Vgl. www.d-laender.de (20. 10. 2010). Reinbek 2008.

APuZ 46–47/2010 11
Dabei stellen gerade in Einwanderungsge- Identitäten) aufgefangen werden, indem
sellschaften statische Ansichten auf identitäre durch eine affirmative Nennung der multiple
Kernnarrationen wie Kultur oder Nation Ex- Herkunftskontext benannt wird: Diese kön-
klusionsmechanismen her, deren Überwin- nen auch als Bindungs-Identitäten bezeichnet
dung für die soziale Kohäsion solcher Patch- werden, da sie eine wie auch immer geartete
work-Gesellschaften notwendig ist. Gerade emotionale oder staatsbürgerliche Bindung
im Falle Deutschlands stellen sich hierbei an bestimmte Herkunftskontexte signalisie-
multiple Überwindungshürden auf. Während ren. Bindungs-Identitäten wie Deutsch-Tür-
die deutsche Identität als etwas Exklusives ken oder Türkei-Deutsche, Deutsch-Rus-
angeboten wird, dessen Erlangung mit Hür- sen oder Russland-Deutsche würden den
den wie Sprachkompetenz, Landeskunde und Deutsch-Deutschen die Möglichkeit geben,
Absage an ehemalige Herkunftsländer ver- Unsicherheiten in der Nennung zu umgehen,
bunden wird, ist nach Erlangung dieses „Rit- aber auch dem Nenner den deskriptiven Zu-
terschlags“ weder die Anerkennung durch die gang zu seinen multiplen Erfahrungskontex-
autochthone Gesellschaft noch eine authen- ten in der Selbstbezeichnung erleichtern und
tische Verbundenheit mit dieser nationalen die stete Erklärung ersparen. Dabei kann die
Identität gewährleistet. Dies ist auch eine Er- Positionierung der Herkunftsländer verdeut-
klärung dafür, warum viele der Menschen mit lichen, welcher Zustand der Herkunftsbe-
Migrationshintergrund bei der Frage nach ih- zogenheit vorliegt. Da die Wortbildungsre-
rer Zugehörigkeit problemlos die Stadt nen- geln der deutschen Sprache besagen, dass bei
nen, aus der sie kommen. Ihre Selbstbezeich- Zusammensetzungen das am Ende stehende
nung als Berliner, Hamburger oder Schwabe Wort die wesentliche Bedeutung trägt, würde
sehen sie als faktisch und authentisch an, wäh- die Bezeichnung Türkei-Deutsche eine Per-
rend sie die Selbstbezeichnung als „Deutsche“ son beschreiben, die sich als deutsch sieht und
eher als Konstruktion oder künstlich empfin- die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, aber
den, da sie diese immer erklären müssen. gleichzeitig einen türkischen Migrationshin-
tergrund hat. Umgekehrt würde der Begriff
Die Selbstbezeichnung muss mit der Fremd- Deutsch-Türke signalisieren, dass die Person
zuschreibung korrespondieren, sonst entstehen sich als türkisch, aber in Deutschland lebend
Unschlüssigkeiten in der personalen Identität. bezeichnet. Schwieriger wird es bei nicht er-
Wenn eine Person, die phänotypisch als asia- probten Bindestrich-Identitäten: Während
tisch, arabisch oder afrikanisch markiert wird, die Bezeichnung Deutsch-Iranerin noch recht
in ihrer eigenen Wahrnehmung deutsch ist, ge- flüssig klingt, hört sich Iran-Deutsche etwas
lingt ihr die Selbstbezeichnung als „Deutsche“ holprig an, desgleichen gilt für Deutsch-Spa-
gegenüber der Mehrheitsgesellschaft immer nier und Spanien-Deutscher.
nur mit einer anhängenden Erklärung: „Ich bin
deutsch, aber mein Großvater kam aus Marok- In Zeiten sich ständig bereichernder Wort-
ko.“ Es ist die fraglose Zugehörigkeit und somit schätze darf man die Fähigkeit der Etablie-
die Authentizität (im Sinne von Echtheit und rung von Bezeichnungen nicht unterschätzen.
Glaubwürdigkeit), die jenen Menschen mit Mi- Auch das Wort Migrationshintergrund war
grationshintergrund verwehrt wird, die durch vor fünf Jahren noch neu, obwohl es wesent-
äußere Zuschreibung zunächst als nicht-deutsch lich sperriger als Türkei-Deutscher oder Liba-
gesehen werden – was immer „Deutschsein“ non-Deutsche klingt. Hier liegt es auch an Si-
heutzutage auch sein mag – und die zu unter- gnalen aus der autochthonen Gesellschaft, die
schiedlichen Reaktionsmechanismen bei die- Öffnung der Begrifflichkeit für ein „Deutsch-
sen Menschen führt: von Rückzug und Apathie sein“ zu ermöglichen, dass multiple Zuschrei-
über Wut und Aggression bis hin zu Trotz und bungsmomente normalisiert. Vor allem muss
selbstbewusster Einforderung von Teilhabe. der Moment der Bindung zur (neuen) Heimat
erleichtert und beidseitig internalisiert werden
Zumindest das Bezeichnungsdilemma kön­ – er muss irgendwann authentisch werden. Es
nte in Anlehnung an die im angloamerikani- ist an der Zeit, eine Bezeichnungspraxis zu
schen Raum etablierte Bezeichnungspraxis etablieren, welche die hybride Alltagsrealität
der hyphenated identities ❙11 (Bindestrich- nicht nur von Menschen mit Migrationshin-
tergrund, sondern auch eines immer größer
❙11  Vgl. Michael Walzer, Über Toleranz: Über die Zi- werdenden Teils der globalisierten deutsch-
vilisierung der Differenz, Hamburg 1998, S. 131 ff. deutschen Bevölkerung erfasst.

12 APuZ 46–47/2010
Wer sind die Neuen Deutschen? cher Herkunft beanspruchten Vorrangstellun-
gen, die gleiche Rechte vorenthalten und somit
Die Bezeichnung „Neue Deutsche“ könnte in die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Grup-
diesem Kontext zunächst einmal als Beschrei- pen verletzen.“ ❙16 Trotzdem erscheint die Tren-
bungsangebot dienen für jene Menschen, die nung in „neue“ versus „alte“ Deutsche entlang
über eine deutsche Staatsbürgerschaft und ei- ethnischer oder kultureller Markierungen oder
nen Migrationshintergrund verfügen. ❙12 So liest dem Kriterium der Zuwanderung kulturali-
man immer wieder in Interviews mit post­mi­ sierend. Man könnte die ethnische Differenz-
gran­tischen Künstlern diese lapidar formulier- markierung des Begriffes auch entschärfen,
te Selbstbeschreibung: „Wir sind nicht mehr die indem die Bezeichnung „Neue Deutsche“ für
Türken, die Araber, die Afrikaner, die unsere El- jene Generation herangezogen wird, die vor-
tern vielleicht waren. Wir sind die neuen Deut- rangig nach dem Mauerfall im wiedervereinten
schen.“ ❙13 Songs von postmigrantischen deut- Deutschland sozialisiert wurde. Die „Neuen
schen Rappern verweisen auf die Dilemmata, Deutschen“ wären demnach eine neue Gene-
aber vor allem die Ressourcen der mehrkultu- ration von Deutschen. ❙17 Dann jedoch würde
rell orientierten Jugendlichen und ihr innova- eine Grenzmarkierung zwischen jung und alt
tives Potenzial für die kulturelle Entwicklung gesetzt, was auch eine Verkürzung wäre.
der Gesellschaft. ❙14 Sie heben damit das eman-
zipatorische Moment der hybriden Lebensfüh- Denkbar wäre es daher, die „Neuen Deut-
rung einer Generation hervor, die mit ihren ei- schen“ einer Ideenwelt zuzuordnen – ei-
genen Selbstentwürfen der Gesellschaft längst ner Betrachtungsweise, die mit einem neuen
vorlebt, was die Öffentlichkeit noch diskutiert. Blickwinkel einhergeht: Deutschland als Ein-
Aber auch für den Fußball scheint die Bezeich- wanderungsland, global player, politisch nor-
nung „Neue Deutsche“ zu greifen. Ebenso ist mativer Friedensakteur. Das postmoderne
er bereits in einigen Blogs zu finden. ❙15 Deutschland als plurales, multiethnisches, viel-
fältiges Bürgerland. In diesem Sinne wären die
Das zentrale Dilemma des Begriffes ist je- „Neuen Deutschen“ die Bürger eines hybriden,
doch, dass er, wenn er nur für Menschen mit neuen Deutschland, das es in seiner heteroge-
Migrationshintergrund etabliert oder mit Zu- nen Komposition schon längst gibt. Die Trenn-
wanderung assoziiert wird, selbst wiederum linie würde entlang einer Haltung und Einstel-
eine Differenzmarkierung vornimmt, weil er lung verlaufen. Hier wäre der Begriff in einer
die diskursive Trennungslinie zwischen mul- gesellschaftspolitischen Arena eingebettet und
tiethnischen und monoethnischen Bürgern könnte als ein postmodernes Konstrukt ver-
Deutschlands reproduziert. Weiterhin macht standen werden, um Identitätsbildungsprozes-
er einen Unterschied zwischen jenen Ein- se als prinzipielle Inklusionsprozesse zu verste-
wohnern mit Migrationshintergrund, die ei- hen. Er könnte verdeutlichen, dass die ehedem
nen deutschen Pass haben, und jenen, die die ethno-kulturellen Zuschreibungskriterien für
deutsche Staatsbürgerschaft nicht besitzen. „deutsch“ nicht die reale Bevölkerungsstruktur
und Zusammensetzung des Landes widerspie-
Unvermeidlich ist bei der Nennung des Be- geln, sondern auf essenzialisierenden Konstruk-
griffs „Neue Deutsche“ auch die Frage danach, tionen von Kultur, Nation und Ethnie beruhen.
wer die „alten“ Deutschen seien. In Anlehnung Damit wären noch immer nicht die strukturel-
an die Untersuchungen des IKG könnte hier len Probleme eines postmodernen Einwande-
der Begriff der „alteingesessenen Deutschen“, rungslandes gelöst. Es wird weiterhin Bildungs-
die für sich Etabliertenvorrechte reklamieren, problematik, Sozialtransfers und Kriminalität
aufgegriffen werden: „Etabliertenvorrechte in Deutschland geben. Nur wenn die Zugehö-
umfassen die von Alteingesessenen gleich wel-
❙16  www.uni-bielefeld.de/ikg/gmf/einstellungen.html
❙12  Vgl. Tanja Wunderlich, Die neuen Deutschen – (21. 10. 2010). Diese Bezeichnung trifft auf etwa
Subjektive Dimensionen des Einbürgerungsprozes- 53  Prozent der „alten“ Deutschen zumindest hin-
ses, Stuttgart 2005. sichtlich der Einstellung zu, dass bei der Verteilung
❙13  So Rapper Harris in einem Interview mit dem von Gütern – finanzieller und ideeller Natur – den
Stern am 8. 10. 2010. Neuhinzugezogenen weniger zustehe, als jenen, die
❙14  Vgl. Sammy de Luxe mit „Dis wo ich herkomm“ schon länger hier sind.
oder Blumio mit „Hey Mr. Nazi“. ❙17  Vgl. Alexander Smoltczyk, Moral: Die neu-
❙15  Vgl. http://dieneuendeutschen.wordpress.com/ en Deutschen, in: Spiegel online, 23. 8. 2010, online:
(21. 10. 2010). www.spiegel.de/spiegel/a-713293.html (20. 10. 2010).

APuZ 46–47/2010 13
rigkeit nicht mehr in Frage steht, können diese hann Gottfried Herder sah in der gemeinsa-
Probleme in Abhängigkeit von Sozialstruktu- men Sprache die Möglichkeit, eine Gemein-
ren diskutiert werden und nicht in Verbindung schaft zu konstituieren, die der deutschen
mit der ethnisierenden oder kulturalisierenden Nation eine Existenz jenseits der Schaffung
Frage nach deutsch oder nicht-deutsch? „Wenn eines staatlichen Rahmens ermöglichen soll-
jemand ‚dazugehört‘, kann dieser Jemand übri- te. Die deutsche Gemeinschaftsbildung sollte
gens durchaus Probleme bereiten. Auch die In- über eine gemeinsame Kultur erfolgen. Dieser
sassen der Strafanstalten, jedweder Konfession, Gedanke war zwar kulturell exklusiv, erlaub-
gehören zu Deutschland, die Junkies gehören te aber eine über die Staatengrenze hinausge-
zu Deutschland, die Bettler, die Buddhisten, die hende identitäre Verbundenheit mit späteren
Millionäre und die Stripperinnen. Angela Mer- deutschsprachigen Nationen. Dennoch: Die
kel ist auch die Kanzlerin der Alkoholiker, der Suche nach dem, was letztlich das Deutschsein
Exhibitionisten und der Bettnässer, oder wol- definierte, kulminierte in rassischen und ge-
len wir die alle ausbürgern? Will allen Ernstes netischen Definitionen und erschwerte somit
irgendwer Leute mit deutschem Pass zu Deut- den Zugang zu dieser Frage nachhaltig.
schen zweiter Klasse erklären, nur, weil sie die
falsche Religion haben?“ ❙18 Die nicht zu greifende „deutsche Leitkul-
tur“ wird in Zeiten der gesellschaftlichen Ver-
Die Idee, Deutschland neu zu denken, ist unsicherung durch Finanzkrise, Arbeitsplatz-
weder häretisch, noch führt sie dazu, dass das verlust und demografischen Wandel immer
Land sich abschafft. Vielmehr reiht sich dieser häufiger herbeigesehnt, das wenigstens eine
Gedanke in vielfältige Visionen ein, die mit der identitäre Konstante darstellen könnte –  als
Idee Deutschlands einhergehen: Deutschland letzte vermeintlich stabile Ressource. Leider
war im kühnsten Moment seiner Entstehung lässt sie sich in ihrer fundamentalen „Luftig-
eine politische Vision, eine politisch weltoffene keit“ nur greifen anhand der Markierung jener,
Idee, die nicht an ethnische Herkunft und Ex- die scheinbar nicht dazugehören. Wenn heutzu-
klusivität gebunden war. In der Debatte über tage schon Homo-Ehe und Patchwork-Famili-
Grundrechte in der Frankfurter Paulskirchen- en in die deutsche Leitkultur integriert werden
verfassung erklärte der Berliner Abgeordnete müssen, dann bitte nicht noch den Islam.
Wilhelm Jordan: „Jeder ist ein Deutscher, der
auf dem deutschen Gebiet wohnt (…) die Na- Neues Deutschland
tionalität ist nicht mehr bestimmt durch die
Abstammung und die Sprache, sondern ganz Der längst eingetretene identitäre Wandel ist
einfach bestimmt durch den politischen Orga- eine alltägliche Banalität, in Zahlen messbar
nismus, durch den Staat. Das Wort ‚Deutsch- und für die Zukunft prognostizierbar. Auch
land‘ wird fortan ein politischer Begriff.“ ❙19 wenn sich im Moment ein Großteil der Deut-
Die nationale Identität basierte nicht auf eth- schen die Zeit vor dem Anwerbeabkommen
nischen oder kulturellen Merkmalen. Wie in mit der Türkei im Jahr 1961 herbeizusehnen
Preußen auch, galt ein territorialer Bezugsrah- scheint, so wird das nicht passieren. Abgese-
men: Die legitimen Einwohner Preußens wa- hen davon, dass für den anderen Großteil diese
ren deutsch-, polnisch-, litauisch-, sorbisch- Zeit nicht das „goldene Zeitalter“ (Thilo Sarra-
oder französischsprechend. Es gab weder eine zin) darstellt, sondern ein vermieftes, biederes,
ethnische Konstruktion von Zugehörigkeit geschlossenes, schlechtgelauntes und getrenn-
noch eine sprachliche Einheit, obwohl Au- tes Deutschland. Im heutigen Deutschland
gust Wilhelm von Schlegel und Johann Gott- umarmen sich sogar die Männer zur Begrü-
lieb Fichte den Versuch unternommen hatten, ßung, während sie ihren eigenen Vätern im-
die Sprache als Kategorie natürlicher geistiger mer noch nur steif die Hand reichen, man sitzt
Vergemeinschaftung zu etablieren. ❙20 Auch Jo- abends draußen auf der Straße, trinkt und ist
laut – gerne auch bis in den November hinein.
❙18  Ironisch, aber treffend: Harald Martenstein, Länder Die herkunftsdeutschen Kinder heißen nicht
verändern sich, in: Der Tagesspiegel vom 17. 10. 2010. nur Sophie, Karl und Heinrich, sondern auch
❙19  Franz Wigard, Stenographischer Bericht über
Mandy, Kevin, Ramona und Guido, ab und zu
die Verhandlungen der deutschen constituieren-
den Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, auch Leila, Tarek oder Minou. ❙21
Frankfurt/M. 1848/1849, S. 737.
❙20  Vgl. Stefan Reiss, Fichtes „Reden an die deutsche ❙21  Vgl. Axel Hacke/Giovanni di Lorenzo, Wofür stehst
Nation“ oder „Vom Ich zum Wir“, Berlin 2006, S. 124. Du? Was in unserem Leben wichtig ist, Köln 2001.

14 APuZ 46–47/2010
Dennoch richtet sich das Orientierungswis- derte, die bis tief in die Mitte der Gesellschaft
sen in einigen Teilen der Gesellschaft weni- hinein vertreten werden, sind auch überra-
ger an dieser Realität als an einer homogenen schend klare Selbstverteidigungsreaktionen
Fiktionalität aus, die weder das gegenwärti- bei Menschen mit Migrationshintergrund zu
ge noch das vergangene Deutschland wider- beobachten. Aus den multiplen Wir-Identitä-
spiegelt, welches immer heterogen war – ab- ten, welche die Zugehörigkeitskontexte die-
gesehen von einer kurzen Periode homogener ser Menschen mitbestimmen, artikuliert sich
Struktur, die für die Kernverfasstheit des po- immer häufiger der Gedanke einer neuen
litischen Diskurses maßgebliche Relevanz zu deutschen Identität in-between. Offen wird
haben scheint. Deutschlands Sehnsucht nach eine Stimmung verhandelt, in der trotzig ein
Homogenität muss dabei aus seiner Eigen- „Wir gehören dazu“ und „Das ist auch unser
art als postfaschistischer Gesellschaft heraus Land“ artikuliert wird. Als hätte ein Moment
verstanden werden: „Wir sind aufgewachsen der Angst um den Verlust der Heimat das Be-
in einer Bundesrepublik, die so rein deutsch wusstsein geschaffen, dass man ein postmo-
war wie noch nie irgendein Deutschland in dernes Bekenntnis artikulieren möchte. In
der deutschen Geschichte. (…) Dieses Erbe dieses Bekenntnis reihen sich auch jene Her-
der Nazis hielten wir für normal. Halten viele kunftsdeutschen ein, für die die Debatte die
von uns noch immer für normal. Es war aber Frage aufwirft, mit wem man sich selbst in
nichts anderes als das Resultat einer gewalttä- seinem Land eher assoziiert, und mit wem
tigen ethnischen Säuberung.“ ❙22 Das Verhältnis man eine vergleichbare Ideenwelt oder aber
der autochthonen Deutschen zu ihrer Nati- eine Vorstellung von Zukunft teilt. Eine pa-
onalität rührt nicht nur aus dieser traumati- rodierende Variante dessen lautete in den
schen Vergangenheit – es rührt zum Teil auch 1980er Jahren: „Ausländer, lasst uns mit den
aus der Fremdzuschreibung, die Deutschland Deutschen nicht allein.“ Geändert hat sich
in Folge dessen seit Jahrzehnten entgegen- seitdem, dass diese „Ausländer“ zu einem
schwappt: Deutschland galt als effektiv, ag- wesentlichen Bestandteil Deutschlands ge-
gressiv, kognitiv. Deutschsein war uncool. worden sind. Dabei bedeutet die Idee, sich
Deutschland ohne Multikulturalität nicht
Obwohl Deutschland in seiner Politik in mehr vorstellen zu wollen, keineswegs, dass
den vergangenen Jahrzehnten, im Kontext eu- man religiösem Extremismus nicht aktiv ent-
ropäischer Vergleichsnationen wie Frankreich, gegenträte – nein: man tritt ihm nur gemein-
Polen oder Belgien, weniger populistisch, im sam entgegen – genauso wie dem Rechtspo-
Vergleich zu Großbritannien oder Italien frie- pulismus.
densbewegter, im Vergleich zu allen genannten
ökologischer und selbstkritischer war, schaffte Deutschland ist nach der „Sarrazin-Debat-
es den Imagewechsel vor allem durch das welt- te“ ein gespaltenes Land. Aber die Trennli-
weit ausstrahlende Bild des vielfältigen, un- nie verläuft nur oberflächlich zwischen „den
konventionellen Berlins und durch die beiden Muslimen“ und „dem Rest“ und nur tempo-
Fußball-Weltmeisterschaften 2006 und 2010. rär zwischen Menschen mit Migrationshin-
Es wurde als weltoffener wahrgenommen, als tergrund und jenen ohne. Die Trennlinie ver-
„lebenswerter und liebenswerter“, wie es Bun- läuft zwischen den „alten“ und den „neuen“
despräsident Christian Wulff in seiner An- Deutschen und ihrer jeweiligen Vision von
trittsrede am 3. Oktober 2010 in Bremen for- der Zukunft ihres Landes. Es sind zwei un-
mulierte. Auch Menschen wie Mesut Özil, terschiedliche Vorstellungen von Deutsch-
Philipp Rösler oder Sibel Kekilli verkörpern land, die hier aufeinanderprallen. Das neue
nun das neue Gesicht Deutschlands. Umso Deutschland wird sich in der Zukunft nicht
verwunderlicher ist die Ablehnung, mit der ein mehr durch Herkunft, Genetik und Abstam-
Teil der Republik auf das neue Bild Deutsch- mungsstrukturen definieren können – dies
lands reagiert, als ob man sich von dem Bild erlaubt schon der demografische Wandel
des ugly old German nicht trennen mag. nicht mehr. Es wird sich trotzdem nicht ab-
schaffen – es wird nur ethnisch und kulturell
Seitdem die „Sarrazin-Debatte“ offensicht- vielfältiger sein. Und Deutschsein gilt dann
liche Exklusionsmechanismen zu Tage för- als Chiffre für die Zugehörigkeit zu einem
gemeinsamen Land.
❙22  Arno Widmann in: Frankfurter Rundschau (FR)
vom 5. 2. 2010.

APuZ 46–47/2010 15
Dietrich Thränhardt ist nach den vielen Berichten über „nachho-
lende Integration“ in Deutschland nun stän-
Integrationsrealität und dig die Rede von „Integrationsunwilligkeit“?
Wieso wurden die bunt gemischten Fußball-

Integrationsdiskurs teams in Deutschland, Holland und auch in


Frankreich bei ihren internationalen Erfol-
gen bejubelt und kurz darauf vergessen? Und
was kann Deutschland aus der achtjährigen

D er „Sarrazin-Effekt“ in Deutschland
2010 ähnelte dem „Pim-Fortuyn-Schock“
in den Niederlanden 2002. In beiden Fäl-
Xenophobie-Erfahrung in den Niederlanden
lernen?

len war die Lage im Multikulturalismus war seit den Reformen


Dietrich Thränhardt Land stabil und die von 1979/80 Gegenstand niederländischen
Dr. rer. soc., geb. 1941; Prof. em. Wirtschaftsentwick- Stolzes und deutscher Bewunderung. Noch
an der Universität Münster, lung besser als in 1995 beschrieb die niederländische Regie-
Institut für Politikwissenschaft, den Nachbarländern. rung ihre Integrationspolitik als Vorbild für
Platz der Weißen Rose, Auch im Umgang mit ganz Europa. Nach den Brandanschlägen von
48151 Münster. Einwanderern schien Solingen 1993 startete ein niederländischer
thranha@uni-muenster.de Grund zum Optimis- Diskjockey eine Postkartenaktion, in der
mus zu bestehen. Ein 1,2  Millionen Niederländer dem damaligen
Integrationskonsens hatte sich entwickelt, Bundeskanzler Helmut Kohl eine Postkarte
in den alle Parteien und gesellschaftlichen mit dem Text „Ich bin wütend“ schickten  –
Gruppen eingebunden waren. Plötzlich aber im Vollgefühl moralischer Überlegenheit
schwenkte der Diskurs um. Die Thesen Pim über das Nachbarland.
Fortuyns im Jahr 2002 und Thilo Sarrazins
im Jahr 2010 gerieten zur Sensation, alle Me- Die Niederlande definierten sich als „multi-
dien beschäftigten sich in großem Stil damit. kulturelles“ Land und planten eine Politik der
Wie in den Niederlanden 2002 schien es auch Toleranz und der Legitimität von Unterschie-
in Deutschland ab August 2010 kein anderes den. Volle und gleichberechtigte Partizipation,
Thema mehr zu geben. „Bild“ und „Spiegel“ Verbesserung der sozialen und ökonomischen
starteten in nie dagewesener Gleichzeitig- Situation, Angleichung des Rechtsstatus von
keit mit Sarrazin-Vorabdrucken und hielten Ausländern und Verhinderung von Diskri-
das Thema über Wochen in den Schlagzeilen. minierung wurden offizielle Ziele. Die Ein-
Andere Medien zogen mit, wenn auch eher führung des kommunalen Wahlrechts für
kritisch, und auch eine Talkshow nach der Ausländer 1986 geriet zu einer Demonstrati-
anderen beschäftigte sich mit Sarrazins Pro- on der Öffnung, als der christdemokratische
vokationen. Beide Autoren verletzten gezielt Ministerpräsident Ruud Lubbers Moscheen
die Spielregeln der demokratischen Debatte, und Hinduvereine besuchte. 1985 wurde die
wie sie nach 1945 beachtet worden waren. Sie Einbürgerung vereinfacht, in den Jahren zwi-
bezweifelten grundsätzlich die Gleichheit al- schen 1992 und 1997 prinzipiell die mehrfa-
ler Menschen und insbesondere die Fähigkeit che Staatsangehörigkeit zugelassen. In dieser
von Muslimen, produktive Mitglieder einer Phase übertrafen die Niederlande mit ihren
modernen Gesellschaft zu werden. Die von hohen Einbürgerungsraten alle anderen euro-
allen Seiten hereinbrechende Kritik verstärk- päischen Länder. Die Parteien bemühten sich
te den Sensationscharakter der Aussagen und um Kandidaten mit Migrationshintergrund,
schmückte beide mit der Märtyrer-Aura des und nach einigen Jahren hatten nicht nur die
mutigen Tabubrechers. Sarrazin klagte, er linken Parteien, sondern auch die Konservati-
werde einem Schauprozess ausgesetzt. Nach- ven und Liberalen auf allen Ebenen allochtho-
weise sachlicher Unrichtigkeiten und Wider- ne Mandatsträger in ihren Reihen. Migranten-
sprüche gingen angesichts dieses Sensationa- organisationen wurden finanziell unterstützt
lismus u ­ nter. und islamische und hinduistische Riten und
Institutionen vom Staat anerkannt.
Wie sind die plötzlichen Brüche zu erklä-
ren? Wieso schwelgten die Niederlande zu- Nach der Jahrtausendwende schlug die Eu-
erst im Multikulturalismus? Warum gilt der phorie in ebenso radikalen Pessimismus um.
Begriff dort heute als diskreditiert? Wieso Pim Fortuyn veränderte im Jahr 2002 mit

16 APuZ 46–47/2010
seinem Konglomerat aus islamophoben, po- fähigkeitsrente (WAO) abgeschoben – eine
litisch inkorrekten und unterhaltsamen Ver- komfortable Lösung für Arbeitgeber und
satzstücken das politische Klima radikal. Er Entlassene, welche die Migranten aber als
sprach sich gegen den Gleichberechtigungs- Gruppe mit dem Odium der wirtschaftlichen
artikel in der Verfassung und jegliche weite- Untätigkeit belegte. Mit sinkender Veranke-
re Einwanderung von Muslimen aus. Er ge- rung in der Arbeitswelt sank auch die Veran-
rierte sich als Stimme des Volkes gegen das kerung in der Gesellschaft. Ergebnis waren
Establishment, gegen eine „linke Kirche“ große wirtschaftliche und soziale Diskre-
von Wissenschaftlern, Politikern und Jour- panzen zwischen einheimischen und „nicht-
nalisten und ihre politisch korrekte Haltung, westlichen“ Einwohnern. Während im Jahr
die es der normalen Bevölkerung unmöglich 1983 die Arbeitslosenquoten der Zielgruppen
gemacht habe, frei und offen ihre wirkliche der Minderheitenpolitik zwei- bis dreimal so
Meinung zu äußern. Er war alles, was nieder- hoch wie die der einheimischen Niederländer
ländische Politiker nicht sind: sensationell, gewesen war, lag sie Anfang der 1990er Jahre
unkonventionell, widersprüchlich, schrill, er bis zu fünfmal ­höher.
zelebrierte seinen Reichtum in exzentrischer
Weise – eine ständige postmoderne Medien- Von Anfang an hatte die niederländische
sensation. Variante des Multikulturalismus stark die
Unterschiedlichkeit betont – im Gegensatz
Obwohl die „Liste Pim Fortuyn“ als Par- etwa zum integrativen Multikulturalismus-
tei nach der Ermordung Fortuyns durch ei- Verständnis in Kanada. In den Konzeptionen
nen Tierschutzaktivisten schnell scheiterte, war von „Identitätsgruppen“ und „Identi-
blieben seine Themen erfolgreich. Nach der tätsbelebung“ die Rede, und der Staat unter-
Ermordung Theo van Goghs, der den Islam stützte einheitliche kulturelle Zusammen-
mit seinem Film Submission angegriffen hat- schlüsse der Einwanderungsgruppen auf der
te, erreichte die Islamophobie 2004 einen Hö- Basis der Herkunft. Der niederländische Mi-
hepunkt. Dutzende von Moscheen wurden grationswissenschaftler Jan Rath kritisierte
angegriffen, einige Tage später folgten An- diese Politik schon 1991 als „Minorisierung“,
griffe auf christliche Kirchen. Seitdem ist die also als Festlegung der Einwanderer auf ihre
Debatte um den Islam und seine Vereinbar- kulturelle Unterschiedlichkeit.
keit mit Aufklärung und Moderne ständiges
Thema in den Niederlanden. Ein populisti- In der niederländischen Politik breitete
scher Wahlerfolg folgt auf den anderen. Nach sich Spannungslosigkeit aus. Im Jahr 2002
Fortuyns Ermordung hatte zunächst Rita regierte seit acht Jahren eine Koalition aus
Verdonk von der rechtsliberalen Volkspartij Sozialdemokraten und Liberalkonservati-
voor Vrijheid en Democratie viel Erfolg bei ven, damit schwand die traditionelle Rechts-
den Wählern. Sie führte als Ministerin zwi- Links-Spannung in der Politik. 2002 trat zu-
schen 2003 und 2006 die res­triktivste Gesetz- dem die Regierung zurück, nachdem eine
gebung zu Immigration und Integration in Kommission die Mitverantwortung der Nie-
Europa ein. 2010 errang Geert Wilders mit derlande für das Massaker von Srebrenica
einer antiislamischen Kampagne einen spek- festgestellt hatte.
takulären Wahlsieg mit 24 von 150 Mandaten,
im September 2010 sahen Umfragen ihn als Schon seit 1991 war die Legitimität be-
stärkste politische Kraft. Analysiert man den stimmter Einwandergruppen infrage gestellt
radikalen Umschlag des politischen Klimas, worden. In diesem Jahr erklärte der liberale
so lassen sich vier Momente identifizieren: Fraktionsvorsitzende und spätere EU-Kom-
missar Frits Bolkestein, westliche und isla-
Die multikulturelle Politik hatte keine mische Werte seien unvereinbar. Er forder-
ökonomische Basis. Während des Übergangs te, die Minderheiten sollten sich stärker in die
zum Multikulturalismus gab es gleichzei- niederländische Lebensweise einfügen. ❙1 Da-
tig große Entlassungswellen im Zusammen- mit begann eine Reihe von Elite-Diskursen,
hang mit der Wirtschaftskrise um 1980. Um die den Islam als gefährlich, andersartig und
die schweren Einbrüche im Beschäftigungs- nicht integrationsfähig definierten. In einer
system nach der zweiten Ölkrise 1979/80 ab-
zufedern, wurden viele Niederländer und ❙1  Vgl. Frits Bolkestein, Address to the Liberal Inter-
besonders viele Migranten in die Arbeitsun- national Conference at Luzern, Den Haag 1991.

APuZ 46–47/2010 17
internationalen Umfrage wurde 1995 in den Eine Konstante blieb die deutsche Bewun-
Niederlanden weniger Unterstützung für eine derung für die niederländische Politik. Noch
Politik des Multikulturalismus festgestellt als ein Jahr vor der großen Krise dort bezeich-
in Deutschland. Die Aussage, der Staat müsse nete die Süssmuth-Kommission 2001 die
Minderheiten helfen, ihre eigenen Sitten und niederländische Integrationspolitik als vor-
Gebräuche zu erhalten, befürworten die Nie- bildlich. Ganz anders die Rezeption in den
derländer nur mit 20 Prozent, die Deutschen Niederlanden: Dort wurde zum ersten Mal
dagegen mit 41  Prozent. Auch die Frage, ob der „deutsche Ansatz“❙4 als mögliches Vor-
Minderheiten ihre eigenen Sitten und Gebräu- bild entdeckt: Warum gab es in Deutschland
che erhalten oder ob sie sich anpassen und in mehr Arbeitsbeteiligung der Migranten, we-
der Mehrheitsgesellschaft aufgehen sollten, er- niger Abhängigkeit von Sozialkassen, weni-
gab in den Niederlanden mit 71 Prozent eine ger Segregation in den Städten, weniger Dis-
größere Präferenz für die Assimilation gegen- krepanzen bei den Bildungsabschlüssen? In
über 48 Prozent in Deutschland. ❙2 Deutschland dagegen wurden die vergleichs-
weise positiven Daten kaum rezipiert. Statt-
dessen waren die Krisen in den Niederlanden
Der deutsche Blick auf die Niederlande und später die Unruhen in den französischen
Vorstädten immer wieder Anlass zu der ban-
Die Deutschen reagierten auf die Gewaltereig- gen Frage, ob dergleichen auch in Deutsch-
nisse in den Niederlanden betroffen. „Holland land geschehen könne.
ist überall“, kommentierte der SPD-Innenex-
perte Dieter Wiefelspütz die Ermordung Theo Die Vergleichsuntersuchungen bekamen
van Goghs. ❙3 Die deutsche Politik begann sich in Deutschland wenig Publizität. 1998 wie-
mit dem Islam zu beschäftigen und Gespräche sen die Nürnberger Arbeitsmarktforscherin
mit seinen Vertretern zu institutionalisieren – Melanie Kiehl und der Arbeitsmarktforscher
eine teilweise Abkehr von der traditionellen Heinz Werner erstmals darauf hin, dass die
Haltung, die religiöse Betreuung weitgehend Diskrepanzen zwischen Einheimischen und
der Türkischen Anstalt für Religion (Ditib) Zuwanderern auf dem Arbeitsmarkt in den
und damit faktisch dem türkischen Staat (Di- Niederlanden beträchtlich größer seien als in
yanet) zu überantworten. Nach dem Vorbild Deutschland. ❙5 Nach der Jahrhundertwende
Ayaan Hirsi Alis in den Niederlanden melde- erschienen weitere Studien, in denen institu-
ten sich auch in Deutschland Islamkritikerin- tionelle Kontexte und ihre Effekte auf die In-
nen mit Migrationshintergrund zu Wort. Die tegrationsqualität in unterschiedlichen Län-
Unterdrückung von Frauen in muslimischen dern verglichen wurden. 2004 wurde in einer
Familien wurde ein ständiges öffentliches vergleichenden Untersuchung zur zweiten
Thema, und das Stereotyp der unterdrück- türkeistämmigen Generation in sieben eu-
ten Kopftuch-Frau breitete sich in den Medien ropäischen Ländern festgestellt, dass die
aus. Allerdings war der antiislamische Diskurs Arbeitslosigkeit unter türkeistämmigen Ju-
in Deutschland lange Zeit weniger prominent gendlichen in Deutschland, der Schweiz und
und weniger radikal als in den Niederlanden. Österreich – Länder mit einem dualen Aus-
Seit 2003 wurden die Niederlande europaweit bildungssystem – drei bis vier Mal niedriger
zum Vorbild für eine systematische staatliche war als in Frankreich, Belgien und den Nie-
Integrationspolitik, mit verbindlichen Integra- derlanden. ❙6 Daraus wurde geschlussfolgert,
tionskursen, Einbürgerungstests, Sprachtests dass allgemeine Regelungen und Politiken die
vor der Familienzusammenführung und An- Bildungs- und Arbeitsmarktlage von Jugend-
hebung des Mindestheiratsalters für nachzie- lichen mit Migrationshintergrund sehr viel
hende Migranten. Deutschland vollzog einen stärker beeinflussen als Sonder­programme.
Teil dieser Maßnahmen nach, ging dabei aber
weniger radikal vor. Per saldo wurden beide
Länder von Einwanderungs- zu Auswande- ❙4  A. Böcker/D. Thränhardt (Anm. 2).
rungsländern. ❙5  Vgl. Melanie Kiehl/Heinz Werner, Die Arbeits-
marktsituation von EU-Bürgern und Angehörigen
von Drittstaaten in der EU, in: IAB-Werkstattberich-
❙2  Vgl. Anita Böcker/Dietrich Thränhardt, Erfolge te, Nr. 7 vom 30. 7. 1998.
und Misserfolge der Integration. Deutschland und die ❙6  Vgl. Maurice Crul/Hans Vermeulen, The Second
Niederlande im Vergleich, in: APuZ, (2003) 26, S. 6. Generation in Europe. International Migration Re-
❙3  Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. 11. 2004. view, Special Issue, New York 2004.

18 APuZ 46–47/2010
Diskurs und Realität in Deutschland der als Problem. Zwei frühe Filme waren
Archetypen der Negativrezeption: Rainer
In Deutschland waren Anwerbung und Ein- Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“
wanderung von Anfang an von einer Diskre- beschrieb die Deutschen als grundsätzlich
panz bestimmt: einerseits bestimmt von der ausländerfeindlich und die Ausländer als
wirtschaftlichen und sozialen Gleichstel- Opfer, Tevfik Başers „40 qm Deutschland“
lung mit den einheimischen Arbeitnehmern, den randständigen türkischen Mann als Un-
also gleichen Löhnen, gleichen Rechten in terdrücker seiner Frau. Beide Negativkli-
den Sozialversicherungen und seit 1972 auch schees wurden unablässig wiederholt. Dass
dem aktiven und passiven Wahlrecht zu den die reale Situation nicht nur negativ war, die
Betriebsräten. Mit der zunehmenden Rege- Migranten von Jahr zu Jahr besser Deutsch
lungsdichte der Europäischen Union und sprachen, sich in deutschen Vereinen ebenso
dem Assoziationsvertrag zwischen der EU wie in eigenen Gruppen engagierten, in den
und Türkei 1963 war all dies auch durch su- Betrieben ebenso wie in der Freizeit immer
pranationales Recht abgesichert, was die mehr Kontakte zustande kamen und viele
deutsche Rechtsprechung mehr und mehr Einwanderer trotz Wahrung eigener Traditi-
berücksichtigte. Die Migranten gehörten onen sich in der deutschen Lebenswirklich-
rasch zur „Kernarbeiterschaft“ der export- keit immer mehr zu Hause fühlten, wurde
starken deutschen Industrie und organisier- zwar regelmäßig in empirischen Arbeiten
ten sich zu einem erheblichen Teil in den dargestellt, in der Öffentlichkeit aber wenig
Gewerkschaften. Sie gingen hauptsächlich rezipiert.
in die Wachstumsregionen Süd- und West-
deutschlands. Andererseits kam es lange Zeit Seit dem Regierungswechsel 1998 exis-
nicht zu einer politischen Akzeptanz. Lan- tiert in Deutschland ein Konsens über die
ge bleib der Mythos von der Rückkehr erhal- Notwendigkeit der Integration von Zu-
ten, die Einbürgerungsraten blieben nied- wanderern. Formuliert wurde dieser Kon-
rig und die Regierung Helmut Kohls setzte sens durch die Süssmuth-Kommission 2001
ein „Rückkehrförderungsgesetz“ durch, das und die von der CDU eingesetzte Müller-
1984 Zehntausenden von türkischen Famili- Kommission. Das Geburtsrecht für Kin-
en finanzielle Anreize bot, damit sie in ihr der von Ausländern, die seit acht Jahren in
Heimatland zurückkehrten. Zwischen 1982 Deutschland leben, ist inzwischen grund-
und 1998 betonte die Bundesregierung im- sätzlich unbestritten. Die Green Card-Ini­
mer wieder, Deutschland sei „kein Einwan- tia­t ive zur Anwerbung von IT-Spezialisten
derungsland“, während gleichzeitig in den verknüpfte Zuwanderung mit wirtschaft-
Jahren vor und nach der Wiedervereinigung licher Effizienz und setzte sich gegen Kri-
große Einwanderungswellen ankamen: Aus- tik („Kinder statt Inder“) durch. Schließlich
siedler aus Polen, Rumänien und der ehe- kam es nach langen Auseinandersetzungen
maligen Sowjetunion, Flüchtlinge aus der im Jahr 2005 zur Verabschiedung eines Zu-
Türkei und dem zerfallenden Jugoslawien, wanderungsgesetzes, das einen neuen ein-
nachziehende Familienangehörige und EU- heitlichen Rechtsrahmen schuf, gleichzei-
Bürger. Dazu kamen die „Übersiedler“ nach tig aber dazu beitrug, die Zuwanderung
dem Fall der Mauer. Die Zahl der „Auslän- still zu stellen. Mit dem Zuwanderungsge-
der“ verdoppelte sich in diesen Jahren auf setz wurde der Zuzug von Spätaussiedlern
sieben Millionen. und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion
weitgehend gestoppt. Die Familienzusam-
Im Gegensatz zur multikulturellen Eu- menführung wurde mit der Einführung
phorie in den Niederlanden war die Migra- eines Sprachtests stark abgebremst. Die
tion in Deutschland nach 1980 in vielfacher deutsche Visumpolitik, die seit der Skanda-
Weise negativ besetzt: Die Regierung Hel- lisierung der Visumserteilung in der Ukra-
mut Kohls kündigte 1982 die Lösung des ine 2005 noch rigider geworden ist, macht
„Ausländerproblems“ an. Seit 1991 stellte sie es ausländischen Fachkräften und Studen-
das Asylrecht in Frage, der damalige Kanz- ten außerordentlich schwer, nach Deutsch-
lerkandidat der SPD Oskar Lafontaine da- land zu kommen. Es ist symptomatisch für
gegen den Zuzug der Aussiedler. Die deut- diese Situation, dass Harianto Wijaya, der
schen Medien schilderten Migranten und erste angeworbene IT-Spezialist im Jahr
ihre Aufnahme in Deutschland immer wie- 2000, sein Visum 2005 nicht verlängert be-

APuZ 46–47/2010 19
kam und heute ein erfolgreiches Unterneh- Die Integrationsdebatte ist kulturalisiert
men in Indonesien führt. worden. „Sprache, Sprache, Sprache“ sei
wichtig, hieß es bei der diesjährigen Vor-
stellung des bundesweiten Integrationspro-
Neuer Schub des Pessimismus? gramms, das sich auf Bildung, Sprache und
auf zivilgesellschaftliche Aktivierung ein-
Obwohl es also seit 2006 keine relevante Zu- schließlich der Einbeziehung von Migran-
wanderung mehr gibt, obwohl die Beschäfti- tenorganisationen beschränkt. Berufliche
gungssituation sich günstig entwickelt, ist es Aspekte werden nur am Rande berührt. In
auch in Deutschland zu einem neuen Schub den vergangenen Jahren sind nach nieder-
des Integrationspessimismus gekommen. Wie ländischem Vorbild verpflichtende Inte­gra­
in den Niederlanden lassen sich in Deutsch- tions­kurse eingeführt worden, die neben
land vier Momente identifizieren, welche die einem Sprachangebot Informationen zur
öffentliche Wahrnehmung beeinflussten: deutschen Gesellschaft enthalten. Gleichzei-
tig ist eine Stufenleiter von Prüfungen aufge-
Erosion der ökonomischen Basis. Wäh- baut worden, die Einwanderer zu durchlau-
rend die „erste Generation“ der Migranten fen haben: Sie beginnt mit dem Deutschtest,
auf Grund der Anwerbung stabil in den Be- der vor der Erteilung eines Visums im Aus-
trieben verankert war, ist es für die „zwei- land absolviert werden muss, und den übri-
te“ und „dritte“ Generation schwieriger, in gen Bedingungen für die Visums­erteilung.
der Wirtschaft Fuß zu fassen, trotz der Jahr Ein zweiter Test ist nach dem obligatorischen
für Jahr besser werdenden Schulabschlüs- Sprach- und Orientierungskurs in Deutsch-
se und Sprachkenntnisse. Ein Grund dafür land ab­zu­legen, ein dritter Prüfungskomplex
ist der Strukturwandel der Wirtschaft, am umfasst einen Deutsch- und einen Landes-
deutlichsten spürbar in der Deindustrialisie- kundetest als Bedingung für die Einbür-
rung in Berlin nach der Wiedervereinigung. gerung. Teilweise ergeben sich Wiederho-
Ein zweiter Grund sind die Flexibilisierung lungseffekte bei den Tests. Ergebnis ist eine
des Arbeitsmarktes und die lange Zeit hoher empfindliche Verminderung der Einwande-
Arbeitslosigkeit, die sich auf Gruppen mit rungs- und Einbürgerungszahlen, verbun-
weniger Netzwerkverbindungen besonders den mit einer sozialen Selektion und vor
stark auswirkt. Während die Arbeitslosig- ­a llem mit dem Ausschluss von Migranten mit
keit von Ausländern bis 1980 unter der von wenig Bildungs­erfahrung.
Deutschen lag, übertrifft sie sie heute um
mehr als das Doppelte. Arbeitsverbote und Spannungslosigkeit in der Politik. Lan-
Nachrangigkeitsklauseln behinderten nach- ge Zeit war die deutsche Asyl- und Migrati-
ziehende Familienangehörige und Asylbe- onspolitik von einer Links-Rechts-Polemik
werber. Seit 1994 nahm auch die Quote der geprägt. Seit dem Integrationskonsens von
Auszubildenden mit nichtdeutscher Staats- 2005 ist dies einer innenpolitischen Span-
angehörigkeit Jahr für Jahr ab. Außerhalb nungslosigkeit auf diesem Feld gewichen, so-
der EU erworbene Qualifizierungen wer- wohl während der Großen Koalition in den
den immer noch nicht anerkannt. Dies führt Jahren zwischen 2005 und 2009 als auch da-
zu Phänomenen wie der aus Russland stam- nach. Gleichzeitig beschwor die offizielle Po-
menden hochqualifizierten Mathematikleh- litik ständig die Integrationsdefizite der Mi-
rerin, die putzen geht, oder des Mikrobiolo- granten. Dies eröffnete unkonventionellen
gen, der Taxi fährt. Auf Grund restriktiver Polemikern ein freies Feld. Im öffentlichen
Regelungen sanken die Einbürgerungszah- Diskurs veränderte sich das Bild der Zuge-
len wieder ab, Deutschland liegt dabei im wanderten, das an „den Türken“ oder „den
europäischen Vergleich weit hinten. Dies hat Muslimen“ festgemacht wird. War früher das
Auswirkungen auf Arbeit und Wirtschaft, Bild des hart arbeitenden Einwanderers in
da nach wie vor für Nicht-EU-Bürger recht- körperlich anstrengenden Berufen vorherr-
liche oder faktische Hindernisse bestehen, schend, so ist heute das Bild des abgeschot-
bestimmte qualifizierte Berufe zu ergrei- tet lebenden Beziehers von Sozialleistungen
fen, beispielsweise sich als Arzt niederzulas- verbreitet. Trotz der Anpassung der Migran-
sen. Eingebürgerte werden besser akzeptiert ten an die niedrigen deutschen Geburtenra-
und erreichen dementsprechend auch höhere ten  werden sie immer noch mit hohen Kin-
Einkommen. derzahlen in Verbindung gebracht.

20 APuZ 46–47/2010
Obwohl der Pluralismus zu den Grund- schließend, Migranten auszuweisen, die sich
lagen des bundesdeutschen Selbstverständ- nicht anpassten.
nisses gehört und mit der Realität einer aus-
differenzierten Gesellschaft korrespondiert,
verfestigte sich in Bezug auf die Migranten Perzeptionen und Realitäten
die Idee einer homogenen Gesellschaft, an
die sich die Migranten anzupassen hätten. Als Deutschland steht heute in der Gefahr, ähn-
negativer Kampfbegriff entstand 1997 dazu liche Fehler zu begehen wie die Niederlan-
der Begriff „Parallelgesellschaft“, die Vor- de in den 1970er und 1980er Jahren: sich nur
stellung, insbesondere türkische beziehungs- auf das kulturelle Feld zu konzentrieren und
weise muslimische Migranten lebten in abge- nicht wahrzunehmen, dass sich Integration
schotteten kulturellen Welten. Zwar ist diese in erster Linie nicht mit staatlichen Sonder-
These ❙7 in einer empirischen Untersuchung programmen gestalten lässt, sondern in Wirt-
falsifiziert worden, und es wurde nachgewie- schaft und Gesellschaft vollzieht. In einer
sen, dass die türkeistämmige Bevölkerung Marktwirtschaft ist der effektive und gleich-
in Deutschland in vielfältiger Weise gesell- berechtigte Zugang zum Arbeitsmarkt be-
schaftlich vernetzt und integriert ist. ❙8 In den ziehungsweise zu selbstständiger Tätigkeit
Medien aber setzte eine intensive Berichter- entscheidend für die Integration, da davon
stattung über mangelnde Integration ein, die Status, Zugehörigkeit und soziale Kontakte
immer wieder mit sprechenden Beispielen abhängen. Wie früher in den Niederlanden
untermauert wurde. Aufsehenerregende Fäl- schlägt absinkende Verankerung in der Ar-
le wie der Hilferuf der Lehrer an der Rütli- beitswelt schließlich auch auf die öffentliche
schule in Berlin oder ein Raubüberfall zweier Wahrnehmung durch. Eine gute Integrati-
junger Migranten in München wurden in der onspolitik kann fördern, sie kann die sozio-
Öffentlichkeit skandalisiert. Ein Höhepunkt ökonomische Integration aber nicht ersetzen.
dieser Entwicklung wurde 2010 mit dem Vor allem die feste Verankerung in den Betrie-
Buch Thilo Sarrazins („Deutschland schafft ben, Betriebsräten und Gewerkschaften und
sich ab“) erreicht, der vor allem Berliner Bei- Erfolge im dualen Ausbildungssystem haben
spiele anführt und diese verallgemeinert. Er in Deutschland in den ersten Jahrzehnten
präsentiert eine vielfach widersprüchliche zu einer vergleichsweise erfolgreichen wirt-
Mischung aus biologistisch-eugenischen und schaftlichen und sozialen Integration beige-
kulturalistisch-islamfeindlichen Thesen. Er tragen. Mit der Schwächung dieser Veranke-
blendet Aspekte aus, die nicht in den kultur- rung durch Arbeitsverbote, Arbeitslosigkeit
pessimistischen Duktus des Buches passen, und die Aushöhlung des Tarifsystems wurde
beispielsweise die wachsenden Schulerfol- auch der Integrationserfolg gefährdet.
ge ausländischer Kinder, die Abwanderung
junger türkeistämmiger Akademiker oder Schließlich wird klar, dass Perzeptionen
die wirtschaftliche Dynamik der Türkei. und Realitäten in Bezug auf Migration und
Wie Pim Fortuyn, Ayaan Hirsi Ali und Ge- Integration sowohl in Deutschland wie in
ert Wilders definiert er den Islam als solchen den Niederlanden in einem sehr lockeren Zu-
als Integrationsproblem. Unter dem Druck sammenhang stehen – sowohl intern als auch
dieses Diskurses nannte Bundesinnenminis- im Vergleich. Die Niederlande feierten ih-
ter Thomas de Maizière im September 2010 ren Multikulturalismus gerade in den Jah-
die griffige Zahl von 10 bis 15  Prozent „In- ren, in denen die wirtschaftliche Integration
tegrationsunwilligen“. Für diesen Prozent- abstürzte. Als diese dann besser wurde, ver-
satz gibt es allerdings keine Belege, ❙9 und es breitete sich in der Öffentlichkeit die Mei-
bleibt auch ungeklärt, was exakt gemeint ist. nung, die Integration sei desaströs geschei-
Gleichwohl forderten mehrere Politiker an- tert. Deutschland hat seine erfolgreichen
Integrationsansätze in den ersten Jahrzehn-
❙7  Vgl. Wilhelm Heitmeyer/Joachim Müller/Helmut ten weitgehend übersehen. Es steht heute
Schröder, Verlockender Fundamentalismus. Türki- in der Gefahr, bewährte Rezepte des „Mo-
sche Jugendliche in Deutschland, Frankfurt 1997. dells Deutschland“ zu vergessen und sich auf
❙8  Vgl. Martina Sauer/Dirk Halm, Erfolge und De-
fizite der Integration türkeistämmiger Einwanderer.
Maßnahmen zu fokussieren, die wünschens-
Entwicklung der Lebenssituation 1999 bis 2008, Es- wert, aber nicht entscheidend sind.
sen 2009.
❙9  Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 10. 9. 2010.

APuZ 46–47/2010 21
Hartmut M. Griese · Isabel Sievers gann mit der Greencard-Initiative unter Bun-
deskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2000 und

Bildungs- und leitete einen sogenannten Paradigmenwechsel


in der deutschen Migrations- und Integrations-
politik ein, der im neuen Zuwanderungsgesetz

Berufsbiografien von 2005 auch seinen juristischen Ausdruck


fand. Im Mittelpunkt dieses Wandels, der über-
wiegend ökonomisch und demografisch moti-

erfolgreicher viert war, stand und steht der „Kampf um die


besten Köpfe“ im internationalen Wettbewerb,
da in Deutschland bekanntermaßen der „Ge-

Transmigranten nerationen-Vertrag“ brüchig zu werden scheint


und junge und qualifizierte Einwanderer ge-
braucht werden, um im internationalen Stand-
ortwettbewerb nicht zurück zu fallen.

T rotz immer wieder konstatierten Fach-


kräftemangels werden die Kompetenzen
von hochqualifizierten Migrantinnen und
Ein Blick in die aktuellen Printmedien –
exemplarisch sei auf die Süddeutsche Zeitung
Migranten in Deutsch- (SZ) verwiesen – belegt die angesprochene Si-
Hartmut M. Griese land häufig nicht aner- tuation: „Intelligente Zuwanderung“ lautet
Dr. phil. habil., geb. 1944; kannt. Viele dieser Mi- die Überschrift zum Leitartikel, in dem darauf
Professor für Soziologie an der granten denken über hingewiesen wird, dass „ein kräftiges Plus an
Leibniz Universität Hannover; einen Umzug in das ‚gut ausgebildeten Gastarbeitern‘ der deut-
Institut für Soziologie und Land ihrer Vorfahren schen Wirtschaft ‚sehr nützlich sein‘ (werde)“
Sozial­psychologie, Schneider- nach, in dem ihre Fer- und dass „der Satz schon 42 Jahre alt ist“. ❙2 Am
berg 50, 30167 Hannover. tigkeiten ihnen eher selben Tag ist dort ebenfalls zu lesen: „Inge-
h.griese@ish.uni-hannover.de eine Karriere ermög- nieure verzweifelt gesucht. Regierung streitet
lichen. Sie wandern über Zuwanderung.“ Es wird aber auch gefor-
Isabel Sievers teilweise nicht „zu- dert, dass „der Nachwuchs in Deutschland zu
Dr. phil., geb. 1976; Koordi- rück“, sondern „aus“, fördern sei“ und dass die „Fachkräfte längst
natorin des interdisziplinären denn die meisten sind in Großbritannien, Frankreich und anderswo
Arbeits- und Forschungsbe- in Deutschland gebo- (sind)“, denn „Deutschland sei für ausländi-
reichs Interkulturelle Pädago- ren oder haben den sche Experten oft weniger attraktiv als ande-
gik (Interpäd) an der Leibniz Großteil ihres Lebens re Länder“. Gleichzeitig schlagen die Leiterin
Universität Hannover; in Deutschland ver- der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
Im Moore 11a, 30167 Hannover. bracht. Da sie weiter- Christine Lüders und der Integrationsminis-
isabel.sievers@ hin starke Bindungen ter in Nordrhein-Westfalen Guntram Schnei-
interpaed.uni-hannover.de nach Deutschland bei- der vor, anonymisierte Bewerbungen ohne
behalten und ihr Mi- Angabe von Namen, Alter und Herkunft zu
grationsprozess durchaus noch nicht abge- erproben, um der Diskriminierung von Mi-
schlossen ist, sprechen wir bei dieser Gruppe granten auf dem deutschen Arbeitsmarkt ei-
von hochqualifizierten Transmigrantinnen nen Riegel vorschieben zu können. ❙3 Kurz-
und Transmigranten. ❙1 Im Kontext von Glo- um: Die (Problem-)Situation ist erkannt, aber
balisierungsprozessen sind diese bildungser- (noch) nicht (politisch-juristisch) gebannt.
folgreichen Transmigranten mit ihren durch
die doppelte oder mehrfache Mi­gra­tions­er­ Der erwähnte Paradigmenwechsel in der Mi-
fahrung erworbenen Kompetenzen ein Bei- grations- und Integrationspolitik fand und fin-
spiel für mobiles Leben in verschiedenen det sein Pendant in der deutschen Migrations-
Heimaten. Sie verkörpern eine Gruppe, die und Integrationsforschung. Er zeichnet sich
in Zukunft zunehmen und immer intensiver
umworben wird. ❙1  Vgl. ausführlicher Isabel Sievers/Hartmut M. Grie-
se/Rainer Schulte, Bildungserfolgreiche Transmi­
granten. Eine Studie über deutsch-türkische Migra-
In der aktuellen bildungspolitischen Debat-
tionsbiographien, Frankfurt/M. 2010.
te in der Bundesrepublik Deutschland spielt die ❙2  SZ vom 3. 8. 2010.
Anwerbung hochqualifizierter Arbeitskräfte ❙3  Vgl. SZ vom 24. 8. 2010; Kölner Stadt-Anzeiger
aus dem Ausland eine wichtige Rolle. Sie be- vom 23. 7. 2010.

22 APuZ 46–47/2010
dadurch aus, dass immer mehr Studien auf die „Gastarbeiter“ inzwischen den steinigen Weg
Ressourcen, Potenziale und Kompetenzen der einer Bildungskarriere über das Abitur bis
(Kinder und Enkel der) Einwanderer schauen, zum Studium erfolgreich bewältigt haben und
statt wie bisher die Probleme, Konflikte und auf den deutschen Arbeitsmarkt drängen. Ne-
Defizite dieser Menschen in den Mittelpunkt ben den „Bildungsinländern“, die in Deutsch-
zu rücken. ❙4 Trotz der zunehmenden Zahl an land ihre Bildungsabschlüsse gemacht haben,
Studien und Berichterstattungen scheinen aber gibt es weiter eine große Anzahl „Bildungs-
dennoch viele Potenziale bei dieser Personen- ausländer“, vor allem aus Mittel- und Osteu-
gruppe brach zu liegen, wie zuletzt die Un- ropa, die nach ihrer Ausbildung zu uns ka-
tersuchungen von Arnd-Michael Nohl et  al. men und kommen. Bei beiden Gruppen gibt
gezeigt haben. ❙5 Die Organisation für wirt- es wiederum eine große Anzahl „Hochquali-
schaftliche Zusammenarbeit und Entwick- fizierter“, das heißt an Fachhochschulen oder
lung (OECD) machte 2009 wiederum deutlich, Universitäten akademisch ausgebildete Fach-
dass die Arbeitsmarktsituation von Akademi- kräfte. Das Potenzial und die Kompetenzen
kerinnen und Akademikern „mit Migrations- der ersten Gruppe werden nach wie vor zu ge-
hintergrund“ im Vergleich zu solchen „ohne ring (an)gefordert und in der Schule zu wenig
Migrationshintergrund“ in Deutschland mit gefördert; die Qualifikationen der zweiten
einer Arbeitslosenquote von 12,5  Prozent zu Gruppe werden immer noch – aber da ist ein
4,4 Prozent deutlich schlechter ausfällt. ❙6 Wandel im Gange – selten, vor allem bei aka-
demischen Abschlüssen aus Ländern der Ge-
Seit der scheinbaren Überwindung der Fi- meinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), wie
nanz- und Wirtschaftskrise in Deutschland im bei Lehrkräften und Ärzten, anerkannt.
Sommer 2010 wird diese neue bildungs- und
wirtschaftspolitische Debatte wieder öffent- Aus diesen Beobachtungen ergibt sich die
lich-politisch, weniger wissenschaftlich, ge- Frage, ob eine gesellschaftliche Nichtakzep-
führt. Sie wurde durch die PISA-Studien (seit tanz migrationsbedingter Kompetenzen gege-
2000) eingeleitet, da empirisch belegt und of- benenfalls zu einer Abwanderung bestimmter
fensichtlich wurde, dass Deutschland im Ver- Personengruppen und ihrer Fähigkeiten aus
gleich zu ähnlich entwickelten Staaten in Bezug Deutschland führt, wie es Probanden in einer
auf die Kompetenzen seiner jungen Menschen unserer ersten Studien ❙7 vermehrt angedeutet
scheinbar hoffnungslos abgeschlagen ist. So wie haben. In diese Richtung gehen auch die Er-
der „Sputnik-Schock“ seinerzeit (1957) die Mo- gebnisse der Studie der Türkischen Akademi-
bilisierung der Begabungsreserven durch eine ker und Studierenden in Deutschland (TASD),
Reform des Bildungssystems zur Folge hatte, die deutlich macht, dass ein Teil der befrag-
versucht die Regierungspolitik derzeit, die Be- ten türkeistämmigen Akademiker und Studie-
gabungsreserven durch Einwanderung zu re- renden eine „Abwanderungsbereitschaft“ aus
krutieren – statt die enormen quantitativen und Deutschland zeigt (38  Prozent). ❙8 Wir wollen
qualitativen Kapazitäten und Ressourcen der anhand unserer aktuellen Untersuchung auf-
Kinder und Enkel der Einwanderer in Deutsch- zeigen, warum in Deutschland ausgebildete
land zu fördern, zumal die Zuwanderung Hoch- hochqualifizierte Migranten das Land (eventu-
qualifizierter in diesem Jahrhundert wesentlich ell vorübergehend) verlassen, ob beziehungs-
geringer ausfiel als erhofft und erwartet. weise unter welchen Bedingungen an eine
Rückkehr gedacht wird und welche Faktoren
Auf der anderen Seite wurde vergessen, sonst noch Migration und Mobilität von tür-
dass immer mehr Nachkommen der einstigen kisch-deutschen Transmigranten beeinflussen.

Die Studie richtet den Blick auf bildungs-


❙4  Vgl. Hartmut M. Griese/Rainer Schulte/Isabel Sie-
vers, „Wir denken deutsch und fühlen türkisch“. So- erfolgreiche Migranten mit türkeistämmi-
zio-kulturelle Kompetenzen von Studierenden mit gem Migrationshintergrund, welche die ge-
Migrationshintergrund Türkei, Frankfurt/M. 2007. samte Schulzeit oder aber den Großteil ihrer
❙5  Vgl. Arnd-Michael Nohl et al. (Hrsg.), Kulturelles Schullaufbahn in Deutschland verbracht ha-
Kapital in der Migration. Hochqualifizierte Einwan-
derer und Einwanderinnen auf dem Arbeitsmarkt,
Wiesbaden 2010. ❙7  Vgl. H. M. Griese/R. Schulte/I. Sievers (Anm. 4).
❙6  Vgl. OECD (Hrsg.), Nachkommen von Migranten: ❙8  Vgl. Kamuran Sezer/Nilgün Dağlar, Die Identifi-
schlechtere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt auch kation der TASD mit Deutschland, Krefeld–Dort-
bei gleichem Bildungsniveau, Paris–Berlin 2009. mund 2009, S. 17 f.

APuZ 46–47/2010 23
ben, hier das Abitur erreicht und ein Studium chen Bedingungen aus den Aussagen unserer
abgeschlossen haben. Trotz ihres Bildungs- Probanden rekonstruiert werden können.
erfolges hat sich für diese Hochqualifizierten
eine Situation ergeben, die zu einer Auswan- Der Bildungsweg der Befragten ist in der
derung in das Land ihrer Vorfahren führte. Regel nicht geradlinig verlaufen. Es handelt
Den Transmigrationsansatz ❙9 haben wir auf sich häufig um „verschlungene Bildungspfa-
die von uns untersuchte Gruppe angewendet, de“ ❙11 über verschiedenste Schulformen oder
da es sich hier um doppelte (mehrfache) Migra- den zweiten Bildungsweg bis hin zum Studi-
tionsprozesse handelt, und die Personen nach um oder zur Promotion. Bei diesen Probanden
wie vor sehr enge Bindungen und Kontakte gab es häufig ein ausschlaggebendes Ereignis
nach Deutschland haben und wünschen. Mit oder aber eine Schlüsselperson („Signifikante
Hilfe qualitativer Interviews und schriftlicher Andere“), welche die Probanden als Grund für
E-Mail-Befragungen wurde in der explorati- ihren schulischen und akademischen Erfolg
ven Studie zum einen untersucht, welche Fak- benennen. Diese können sein: ein Schulka-
toren den Bildungserfolg dieser Personen be- merad, eine Nachbarin oder ein Familienmit-
einflusst haben. Zum anderen ging es um die glied, das sie besonders unterstützt und moti-
Motive, Deutschland zu verlassen. Warum se- viert hat. Oftmals haben aber auch Lehrkräfte
hen die Personen in Deutschland für sich keine die Bildungskarriere maßgeblich beeinflusst –
(berufliche) Zukunft? Über welche besonderen positiv wie negativ: „Es gab in der Schule die-
Kompetenzen verfügt diese Personengruppe sen einen Lehrer (…), und er hat mich in sei-
aufgrund ihrer mehrfachen Migrationserfah- nem Rahmen doch gefördert. Er schenkte mir
rungen, und wo können sie diese nun einset- Bücher, oder lieh mir Bücher aus, mit diesen
zen? Nahezu alle Probanden stammen aus Büchern habe ich nicht nur deutsch gelernt,
klassischen „Gastarbeiterfamilien“. Der über- sondern auch Bildung erfahren.“ ❙12
wiegende Teil der Eltern lebt nach wie vor in
Deutschland, und die Probanden sind ohne die Es wurde aber auch deutlich, dass Lehr-
Familie in die Türkei „zurück“ gegangen. kräfte ihnen häufig weniger zugetraut haben
und die Jugendlichen gegen deren Empfehlun-
gen höhere Schulen besucht haben: „(…) auch
„Ich werde es Euch zeigen!“ wenn es so Kleinigkeiten gab, wo der Leh-
rer mir dann gesagt hat, möchtest du dir viel-
Der Defizitorientierung bisheriger For- leicht eine andere Schule überlegen, möchtest
schungsansätze entsprechend, finden sich du wirklich doch nicht etwas anderes machen
zahlreiche Ansätze und Untersuchungen zur (…). Und da hab ich gesagt, nein ich versuch
Erklärung von Schulmisserfolg, die sich häu- es einfach!“ „Ich habe viel Zeit verloren, dank
fig auf sozialisatorische Faktoren stützen. Sie der Vorurteile.“ „Wir hatten eine Lehrerin, die
weisen auf Zusammenhänge zwischen schu- meinte: „Ja, Herr A., warum sollen die Kin-
lischen Lern- oder Leistungsschwierigkei- der denn studieren nach dem Gymnasium?
ten und einem sozio-ökonomischen und so- Sie werden die Kinder doch sowieso irgend-
zio-kulturell benachteiligenden Milieu hin. ❙10 wie zurückziehen, das Mädchen wird heira-
Aber diese Erklärungsansätze reichen bei der ten, und der Sohn geht in die Türkei zurück.“
hier untersuchten Gruppe kaum aus, um ih-
ren „Erfolg“ zu erklären, denn sie können Bildungserfolgreiche Migranten haben sich
nicht auf ein bildungsnahes Elternhaus zu- hoch gekämpft. Nicht selten hat sie ihr Ehr-
rückgreifen. Bei unserer explorativen Unter- geiz, aber auch Trotz angetrieben, nach dem
suchung konnte es allerdings auch nicht um Motto: Ich werde es Euch zeigen! Auffällig ist
die Feststellung objektiv gegebener Ressour- insgesamt, dass auch wenn die primäre (famili-
cen für Bildungserfolg gehen, sondern nur äre) Sozialisation bei allen Probanden eher im
darum, welche für einen Aufstieg förderli- türkischen (sprachlich-kulturellen) Kontext

❙9  Vgl. Ludger Pries, Internationale Migration, Biele- ❙11  Vgl. Erika Schulze/Eva-Maria Soja, Verschlunge-
feld 2009. ne Bildungspfade, in: Georg Auernheimer (Hrsg.),
❙10  Vgl. Isabel Sievers, Individuelle Wahrnehmung, Schieflagen im Bildungssystem, Wiesbaden 2006.
nationale Denkmuster. Einstellungen deutscher und ❙12  Zit. nach: I. Sievers/H. M. Griese/R. Schulte
französischer Lehrkräfte zu Heterogenität im Unter- (Anm. 1), S. 92. Auch die folgenden Zitate finden sich
richt, Frankfurt/M. 2009. in dieser Studie.

24 APuZ 46–47/2010
statt fand, die sekundäre und tertiäre Soziali- besonderen interkulturellen Kompetenzen
sation (Schule und Universität) demgegenüber einsetzen können (wie in internationalen Un-
dominant war, was Kognition, Abstraktion ternehmen oder Institutionen, aber auch im
und Reflexion, also soziale beziehungswei- universitären Bereich). Einzelne Probanden
se professionelle Kompetenzen, betrifft. In können sich aber durchaus vorstellen, wie-
sprachlich-kognitiver Hinsicht und in Bezug der (für ein paar Jahre) nach Deutschland zu
auf die Wissenschaftssprache und akademi- kommen, vorausgesetzt, dass sie (beruflich)
sches Denken überwiegen auch noch heute voll anerkannt werden.
nach der Auswanderung in die Türkei deut-
sche Sprachkompetenzen gegenüber türki- Die bildungserfolgreichen Migranten wur-
schen. Häufig können sie diese in ihren Ar- den damit konfrontiert, dass sie anders sind.
beitsfeldern in der Türkei positiv nutzen. Trotz Abitur und akademischen Status füh-
len sie sich „exkludiert“, „nicht zugehörig“,
also subjektiv nicht „integriert“. Das Haupt-
Auswanderungsmotive und -gründe problem im Themenkontext „Anerken-
nung“ ❙13 scheint das „öffentliche Bewusst-
Befragt nach dem Motiv, Deutschland zu ver- sein“ zu sein. Nicht zuletzt entscheiden sich
lassen, vermischen sich bei den Befragten ra- Fragen der „Exklusion“ oder „Inklusion“ be-
tionale Überlegungen mit eher emotionalen ziehungsweise des „Dazugehörens“ (so haben
Gründen. Unter die rationalen Aspekte fal- wir 2007 „Integration“ kurz definiert) von
len ökonomische Gründe beziehungsweise Einwanderern durch den Bewusstseinsstand
die Aussicht auf eine bessere Stelle oder bes- der Mehrheitsgesellschaft beziehungsweise
sere oder schnellere Aufstiegschancen in dem über das (Nicht-)Vorhandensein einer „Will-
Zielland. So war die berufliche Perspektive in kommenskultur“ im Einwanderungsland.
Deutschland – teilweise trotz Promotion – bei
einzelnen Personen ungewiss. Hinzu kamen
attraktive Stellenangebote in der Türkei. Stär- Besonderheiten
ker emotional geprägt sind Erläuterungen, bildungserfolgreicher Transmigranten
die sich auf eine geringe Anerkennung ihrer
Person und ihrer Kompetenzen in der deut- Bei den bildungserfolgreichen Transmigran-
schen Gesellschaft beziehen: „Ja es gab na- ten ließen sich sogenannte transnationale So-
türlich mehrere Gründe, zum einen (…), dass zialräume ❙14 feststellen, die über die jeweiligen
ich in Deutschland (…) auf längere Zeit hin Länder- oder Kulturgrenzen hinweg entste-
doch immer der Fremde bleiben werde. Also hen und aus vielfältigen Beziehungen und
die Anerkennung war nicht da, sie war unter Vernetzungen (familiärer, sozialer, organi-
Gleichen natürlich da, aber nicht in der Ge- sationaler oder ökonomischer Art) zwischen
sellschaft, also ich wollte einfach 100-prozen- den Ländern bestehen, so wie es Ludgar Pries
tige Anerkennung.“ Andere Probanden schil- auch für Transmigranten im nordamerikani-
dern das Gefühl folgendermaßen: „Der ewige schen Raum feststellen konnte. Ihre Veranke-
Ausländerstatus türkischer Migranten belas- rung in mehreren Gesellschaften beeinflusst
tete mich sehr. Auch in Istanbul blieb ich Aus- ihre Gruppenzugehörigkeit, ihre Selbstveror-
länderin, jedoch mit einem höheren Status als tung und die Form der Kommunikation. Ent-
in Deutschland.“ „Ich habe immer gesagt, ich scheidend für die Mobilität und Lebensweise
möchte als ein Staatsbürger erster Klasse le- dieser bildungserfolgreichen Transmigranten
ben, (…) das heißt ich möchte theoretisch auch ist insbesondere ihre Stellung im Beruf. Sie
Staatspräsident des Landes werden können. In definieren sich selbst eher über soziale als über
der Türkei kann ich das, in Deutschland nicht. kulturelle Dimensionen ihrer Persönlichkeit
(…) Ich wollte jemand sein, der zur Elite ge- (Profession und Beruf beziehungsweise Mit-
hört. In Deutschland ist das schwer zur Elite glied der scientific community). Mit anderen
zu gehören, in der Türkei ist das nicht so.“ Worten: Die soziale Rolle dominiert eindeu-
tig über die (bi- oder trans-)kulturelle Rolle.
Die Beispiele zeigen, wie wichtig es den
Befragten ist, dass ihre „Rückkehr“ nicht als ❙13  Siehe hierzu auch den Exkurs: Das Konzept
Versagen ihres Migrationsprojektes gedeutet „Anerkennung“ – der Kampf um Anerkennung, in
wird. Sie haben heute in der Türkei gute be- I. Sievers/H. M. Griese/R. Schulte (Anm. 1).
rufliche Positionen, in denen sie häufig ihre ❙14  Vgl. L. Pries (Anm. 9).

APuZ 46–47/2010 25
Diese bildungserfolgreichen Transmigranten tive wirft einen Blick nach außen auf globa-
stellen bisher gebräuchliche Grundlagen der le, internationale oder transkulturelle Prozes-
Migrationssoziologie infrage. Ihre Biografien, se und Organisationen, nach innen allein auf
Lebensprojekte und Einstellungen entsprechen das (einzigartige) Individuum. „Wenn es rich-
weder einer Vorbereitung auf eine endgültige tig ist, dass sich in der Zweiten Moderne die
Rückkehr noch der Forderung einer vollstän- Grenzen verwischen und vermischen, dann ist
digen Assimilation in die Gesellschaft. Wir ha- der Typus des ‚hochqualifizierten Transmig-
ben es also innerhalb dieser neuen Perspektive ranten‘ die Verkörperung der sich vermischen-
mit „sozialen Lagen jenseits und diesseits nati- den Grenzen zwischen Nationen und Staaten“
onalstaatlicher Rahmungen, in ‚Zwischenräu- und kann zu einer „Avantgarde einer transna-
men‘ und/oder in einer ‚gleichzeitigen‘ Zuge- tionalen Mobilität“ werden, die eine „kosmo-
hörigkeit zweier (oder mehrerer) Räume“ zu politische Existenzform“ erprobt. ❙17
tun. Also mit Menschen, die „bi-national oder
regional, in grenzüberschreitenden sozialen
Räumen, Arbeitsmärkten und Organisatio- Gesellschafts- und
nen, oder in der Weltgesellschaft“ agieren. ❙15 migrationspolitische Konsequenzen
Migration wird weiterhin einen starken Ein-
Konzeptionelle Konsequenzen fluss auf die deutsche Wirtschaft und Ge-
sellschaft haben, und Transmigranten wer-
Mit der „transnationalen Perspektive“ gelan- den zukünftig, vor allem unter akademischen
gen innovative Aspekte und neue Fragen in die und qualifizierten Ausgebildeten, zuneh-
Migrationsforschung: Gibt es eine transnatio- men. Auch unsere Ergebnisse zeigen, dass
nale Elite, die quasi raum- und regionübergrei- es einerseits weltwirtschaftliche Verände-
fend (inter)agiert, hochqualifizierte Trans­mi­ rungen, Globalisierung und die sich anpas-
gran­ten, die nationalstaatlich nicht zu verorten sende Organisation international agierender
sind und deren Identität entsprechend trans- Unternehmen sind, die sich auf Migrations-
national und transkulturell hybrid ist? Bildet verhalten von Bildungserfolgreichen auswir-
diese neue Elite eine Art globale entgrenzte ken, andererseits ist es aber auch die Art und
„Parallelgesellschaft“ und eine neue „Kultur Weise, wie eine Gesellschaft mit ihren Mit-
der geographischen Mobilität“, oder fördert gliedern und in diesem Fall ihren hochqua-
das Internet Transnationalisierungs- und Glo- lifizierten Mitgliedern „mit Migrationshin-
balisierungsprozesse auch in Richtung der Be- tergrund“ umgeht. Wenn diese sich nicht
völkerung insgesamt, vor allem der aktiven ausreichend anerkannt sehen, kann dies eben-
jungen Menschen? Wie können derlei transna- falls zu einer (vorübergehenden) Auswande-
tionale und kulturübergreifende Migrations- rung führen. Experten rechnen sogar mit
und Mobilitätsprozesse theoretisch-analytisch einer anhaltenden Fluktuation unter den Zu-
erfasst und innerhalb der Interaktionen zwi- gewanderten. Mitverantwortlich hierfür ist,
schen nationalen Räumen und innerhalb von dass die Attraktivität Deutschlands für bes-
transnationalen Räumen analysiert werden? ser qualifizierte Neuzuwanderer geringer ist
Ulrich Beck postuliert in diesem Zusammen- als in vergleichbaren Staaten. Angesichts des-
hang eine „kosmopolitische Soziologie“, einen sen sollten Politik und Wirtschaft ihre Prak-
„kosmopolitischen Blick“, der „die Prämissen tiken in Bezug auf Anwerbung und Einwan-
und Dualismen einer nationalstaatlichen So- derung überdenken.
ziologie – wie national und international, Wir
und die Anderen – (…) reflektiert und auf diese Mit der Transmigration treten die bisher vor-
Weise einen neuen soziologischen Blick (…) herrschenden Fragestellungen um das Thema
[beispielsweise auf Prozesse der Migration, Integration in den Hintergrund. Denn wenn
Anm. d. V.] gewinnt“. ❙16 Diese neue Perspek- Migration zum „Normalfall“ der Geschich-
te – nicht nur in Deutschland – geworden ist,
❙15  Ludger Pries, Transnationalisierung und sozia- wenn Transmigration in bestimmten Sekto-
le Ungleichheit, in: Peter Berger/Anja Weiß (Hrsg.), ren eine unausbleibliche Folge wirtschaftli-
Transnationalisierung sozialer Ungleichheit, Wies-
cher und wissenschaftlicher Globalisierung
baden 2008, S. 8.
❙16  Ulrich Beck, Risikogesellschaft und die Transna- ist, wenn „ungenutzte Potenziale“ in Deutsch-
tionalisierung sozialer Ungleichheiten, in: P. Berger/
A. Weiß (Anm. 15), S. 19. ❙17  Ebd., S. 32, modifiziert.

26 APuZ 46–47/2010
land bei vielen Migranten konstatiert werden, Unterstellung verbunden, dass es sich in der Re-
dann müssen auch die rechtlichen Rahmenbe- gel um einen unidirektionalen Prozess handelt:
dingungen geschaffen werden, um der gesell- „Auswanderung – Einwanderung – Integration
schaftlichen und ökonomischen Realität Rech- am neuen Lebensort nach ein oder zwei ‚Gene-
nung zu tragen. Das sind nicht nur erleichterte rationen‘“. ❙20 Diese Form der Migration bleibt
Einreisebedingungen für Hochqualifizierte hinter der Komplexität des tatsächlichen Mig-
und die Anerkennung ihrer Diplome und Zer- rationsgeschehens zurück. Voraussetzung für
tifikate, sondern vor allem die rechtlichen Be- eine Auseinandersetzung mit neuen Migrati-
dingungen für bereits im Land lebende Mi- onsphänomenen ist insbesondere eine kritische
granten, die sich qualifizieren. Die erleichterte Reflexion der sozial- und erziehungswissen-
Einbürgerung von lange Jahre in Deutschland schaftlichen Theoriediskussion um „Migration
lebenden Migranten via doppelter Staatsbür- und Bildung“ mit dem Ziel, kulturalistische
gerschaft wäre ein Weg, (Hoch-)Qualifizierte und ethnozentrische Defizit- und Problem-
im Lande zu halten. Zwar führt „nicht allein perspektiven zu überschreiten. Ein statischer,
die Hinnahme der doppelten Staatsbürger- national orientierter Migrations- und Kultur-
schaft zu gesellschaftlicher Inklusion“, den- begriff muss aufgegeben werden und die Ori-
noch dürfte sie „der Entwicklung einer allge- entierung am Individuum als handelndes Sub-
meinen Einwanderungsmentalität (dienen), die jekt an Bedeutung gewinnen.
sich durch die Akzeptanz gemischt-kultureller
Identitäten und einen grundsätzlichen Inklusi- Ein weiterer zu diskutierender Aspekt sind
onswillen auszeichnet“. ❙18 Viele Probleme und die mehrsprachigen Kompetenzen bildungs-
Barrieren hinsichtlich der ökonomisch erfor- erfolgreicher Transmigranten. Welche Aus-
derlichen und politisch geforderten Zuwachs- wirkungen hat Transmigration zukünftig auf
rate an „Humankapital“ ❙19 könnten durch ge- die Diskussion um die Förderung von Mehr-
zielte „(Früh-)Förderung“ im Bildungssystem sprachigkeit beziehungsweise die sogenannte
und administrative „Anerkennung“ (auch Zweisprachigkeitsdebatte, wie sie aktuell unter
„symbolische“) der Abschlüsse auf dem Ar- anderem in Deutschland geführt wird? Ingrid
beitsmarkt und im Berufsleben gelöst werden. Gogolin und Ludgar Pries konnten zeigen,
Im eigenen Interesse müsste in Deutschland dass der Bereich der sprachlichen Lebensge-
politisch-juristisch gegen eine „Dequalifizie- staltung zu den ersten Feldern gehörte, in de-
rung“ durch unterqualifizierte Arbeit von qua- nen aus erziehungswissenschaftlicher Perspek-
lifizierten Migranten vorgegangen werden. tive das Konzept der Transmigration beachtet
wurde. ❙21 Ausschlaggebend hierfür seien die
Beobachtungen und Erkenntnisse, dass die Vi-
Konsequenzen für die erziehungs- talität von Herkunftssprachen von Migranten
und sozialwissenschaftliche Diskussion auch in den nachfolgenden Generationen nicht
nachlässt. Verschiedene Studien ergaben, dass
Die Frage nach bildungspolitischen und pä- Herkunftssprache und Mehrheitssprache kei-
dagogischen Konsequenzen stellt sich umso neswegs in einer konkurrierenden Beziehung
nachdrücklicher, weil die oben präsentierte gesehen wurden. ❙22 Die bisherigen dichotomen
Studie auf die Generierung von Kriterien und Kategorien von Sprachpraxis „Deutsch oder
Inhaltsaspekten zur Überwindung von Bil- Sprache der Familie“, „Deutschland oder Her-
dungsbenachteiligungen und gesellschaftlichen kunftsland“ entsprechen nicht mehr der Kom-
Partizipationsdefiziten für die große Zahl von plexität der aktuellen Praktiken. Forschungs-
Migranten gerichtet und nicht einer Elitefor- ergebnisse wie die oben genannten stützen die
schung zuzuordnen ist. Bei der Auseinander- Bedeutung einer differenzierten Betrachtung
setzung mit der Bildungssituation von Schülern von Migrationstypen für die Erziehungs- und
„mit Migrationshintergrund“ herrscht bei- Sprachwissenschaft.
spielsweise immer noch ein relativ traditionel-
les Modell von Migration vor. Dieses ist mit der ❙20  Ingrid Gogolin/Ludger Pries, Stichwort: Trans-
migration und Bildung, Zeitschrift für Erziehungs-
wissenschaft, (2004) 1.
❙18  Daniel Naujoks, Die doppelte Staatsbürgerschaft, ❙21  Vgl. ebd., S. 13.
in: focus Migration, (2009) 14, S. 8. ❙22  Vgl. z. B. Sara Fürstenau/Ingrid Gogolin/Kutlay
❙19  Der Terminus avancierte gar zum „Unwort des Yağmur (Hrsg.), Mehrsprachigkeit in Hamburg. Er-
Jahres“, da er Menschen auf ihre Verwertbarkeit und gebnisse einer Sprachenerhebung an den Grundschu-
Arbeitskraft reduziert. len in Hamburg, Münster et al. 2003.

APuZ 46–47/2010 27
Exkurs: Das Konstrukt verschiedenen Motivlagen, Interessen und bio-
graphisch-familiären Erfahrungen sowie (öko-
„Menschen mit Migrationshintergrund“ nomischer, kultureller und sozialer) Kapital-
ausstattungen zu tun, wovon über die Hälfte
In der politisch-medial-öffentlichen sowie in dieser „Menschen mit Migrationshintergrund“
der wissenschaftlichen und pädagogischen die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen
Diskussion hat sich seit einigen Jahren der hat. „Das größte Risiko“, so Franz Hamburger,
Terminus „Menschen mit Migrationshinter- „für Kinder und Jugendliche ‚mit Migrations-
grund“ etabliert und wird in der Regel diskus- hintergrund‘ ist, als solche identifiziert zu wer-
sions- und kritiklos als (optimale) Bezeich- den. Sie werden dabei als verschieden, ‚anders‘
nung für eine bestimmte Menschengruppe in wahrgenommen, einer Kategorie zugeordnet
unserer Gesellschaft verwendet, konkret für und zukünftig nur noch – oder: vor allem –
all diejenigen, die nach 1950 eingewandert oder als Angehörige dieser Kategorie behandelt“. ❙24
Kinder von Eltern sind, von denen mindestens Dieses Typisieren entspricht genau dem, was in
eine oder einer im Ausland geboren ist. Dieser der Soziologie Stigmatisierung genannt wird,
statistisch durchaus sinnvolle, aber nur schein- eine „Vorenthaltung des Subjektstatus“. Es
bar wertfreie Begriff hat jedoch seine Tücken, spricht vieles dafür, zukünftig auf das Attribut
auf die im Sinne einer steten Verbesserung „m. MH“ – zumindest in der wissenschaftli-
der Terminologie für eine immer adäquate- chen Analyse und Diskussion – zu verzichten
re Beschreibung, Erklärung und Verstehen und statt dessen, im Sinne des intersectionali-
der sozialen Wirklichkeit hingewiesen wer- ty approach, ❙25 stets die Vielzahl der relevanten
den muss. Der Begriff schreibt den problema- Merkmale (class/Milieu – race/Ethnie – Gender
tischen Dualismus im Alltags- und wohl auch – Religion – Region – Generation etc.) sowie in
Wissenschaftsverständnis („Wir und die An- der Bildungsdebatte vor allem die Kapitalaus-
deren“, „Einheimische und Ausländer“) fest, stattung der Individuen und ihrer (Herkunfts-)
indem er die Bevölkerung wiederum in zwei Familien zu bedenken und zu reflektieren.
unterschiedliche und voneinander abweichen-
de Gruppen teilt, wobei jede auch noch so gut Es ist deutlich geworden, dass zukünftig
gemeinte Abgrenzung immer auch eine Form junge Menschen mit hochqualifizierten aka-
von Ausgrenzung impliziert. Wenn man be- demischen Kompetenzen und Ressourcen in
denkt, dass „neue Begriffe (immer) der Ord- Gesellschaften und Wirtschaftssystemen wie
nung des Sozialen“ dienen und gesellschaftli- Deutschland vermehrt benötigt werden, und
che Wirklichkeit mit konstruieren, dann liegt dass ein großes Potenzial dafür in den Kindern
im Konstrukt „Menschen mit Migrations- und Enkelkindern der Einwanderer zu finden
hintergrund“ durchaus ein Terminus vor, der ist – allerdings nur, wenn unsere Gesellschaft
auch angesichts des realen Wandels der Gesell- sich ihnen gegenüber öffnet und ihnen gleiche
schaft immer auch den Wandel des Bewusst- Bildungschancen offeriert. Dass dies möglich
seins der Bevölkerung beeinflusst. ❙23 ist, wenn auch oft gegen Widerstände (pädago-
gische Vorurteile, personale und institutionelle
Angesichts der Heterogenität und Diffe- Diskriminierungen), aber vor allem auf der Ba-
renziertheit der Migrationsprozesse und der sis von (individuellen) Förderungen durch sig-
Migranten verbietet es sich, diese Gruppen nifikante Andere wie Eltern, Lehrkräfte, Be-
mit einem Terminus beschreiben be­zie­hungs­ zugspersonen und Vorbilder („Lasso-Effekt“),
weise benennen zu wollen. „Migrationshinter- zeigt unsere Studie zu bildungserfolgreichen
grund“ ist mit Blick auf die Vielfalt und Kom- Transmigrantinnen und Transmigranten.
plexität der Merkmale eines Menschen nur ein Transmigration ist das Ergebnis einer verän-
Attribut von vielen; es reduziert individuel- derten Lebenswirklichkeit für eine wachsende
le Komplexität und Einmaligkeit in wissen- Zahl von jungen Menschen, insbesondere von
schaftlich inadäquater und politisch-moralisch hochqualifizierten bildungserfolgreichen Mi-
unverantwortlicher Weise. Wir haben es mit grantinnen und Migranten.
äußerst differenzierten Einwanderungsgrup-
pen zu unterschiedlichen Zeiten, mit gänzlich ❙24  Ebd., S. 99.
❙25  Vgl. Nina Degele/Gabriele Winkler, Intersektio-
❙23  Vgl. Franz Hamburger, Differenzierung der Mi- nalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten, Biele-
gration, in: Migration und Soziale Arbeit, (2008) 2, feld 2009.
S. 92–100, hier: S. 92.

28 APuZ 46–47/2010
Karen Schönwälder ren Führungsgremien und Fraktionen – und
nicht zuletzt in ihrer Mitgliedschaft – als

Einwanderer Problem erkennen. So konstatierte die SPD


2010 einen „Erneuerungsbedarf“ der Par-
tei in Sachen Integration: „Sie ist nicht bunt,

in Räten nicht vielfältig genug. Die gesellschaftliche


Lebensrealität spiegelt sich nicht in unserer
Partei, erst Recht nicht auf Führungsebene,

und Parlamenten wider.“ ❙3 Ähnlich stellte auch die CDU fest,


dass sie einen „Nachholbedarf bei der par-
lamentarischen Vertretung der Zuwanderer
und Aussiedler“ hat. ❙4

W enn in der Bundesrepublik Deutsch-


land über Integration debattiert wird,
geht es noch selten um Teilhabe am politi- Wählerinnen und Wähler
schen Leben. Einwan- mit Migrationshintergrund:
Karen Schönwälder derer erscheinen als
Dr. phil. habil., geb. 1959; Menschen, die heran- ein wachsendes Potenzial
Forschungsgruppenleiterin geführt werden müs-
am Max-Planck-Institut zur sen an die Formen und Hintergrund dieser Neuorientierungen ist
Erforschung multireligiöser und Institutionen des Le- die seit den 1990er Jahren stark angewachsene
multiethnischer G­ esellschaften, bens in Deutschland, Zahl deutscher Staatsangehöriger mit Migra-
Hermann-Föge-Weg 11, gelegentlich auch als tionshintergrund. Zum einen stieg die Zahl
37073 Göttingen. Menschen, die nach- der Einbürgerungen an, erleichtert durch ers-
schoenwaelder@mmg.mpg.de drücklich zur Anpas- te Reformen in den frühen 1990er Jahren und
sung gedrängt wer- dann vor allem durch das seit dem Jahr 2000
den sollten. Viel seltener noch sind Bilder von geltende neue Staatsangehörigkeitsrecht. Auf
Bürgerinnen und Bürgern, die diese Gesell- 2,4  Millionen wird die Zahl der ehemaligen
schaft aktiv mitgestalten und dabei die be- Ausländerinnen und Ausländer unter den
sonderen Erfahrungen, die sie selbst oder Wahlberechtigten geschätzt. Zweitens haben
ihre Eltern durch ihre Migrationsgeschichte die großen Aussiedlerzuwanderungen der
gemacht haben, einbringen. Erst langsam er- 1990er Jahre das Wählerpotenzial mit Mi-
kennen die politischen Parteien und Eliten, grationshintergrund stark erweitert. Etwa
dass Integration und Integrationspolitik auch die Hälfte der 2009 wahlberechtigten Ein-
bei ihnen selbst stattfinden sollte, dass auch wanderer sind wohl als Aussiedler gekom-
ihnen „Vielfalt gut tut“. ❙1 men; Russland und Kasachstan zusammen-
genommen sind als Herkunftsregion dreimal
Nun haben Migrantinnen und Migranten so häufig vertreten wie die Türkei. Insgesamt
schon in den Anfangsjahren der Gastarbeiter- hatten bei der Bundestagswahl im September
rekrutierung in den 1950er und 1960er Jahren 2009 nach einer Schätzung des Bundeswahl-
ihre Lebensbedingungen aktiv mitgestaltet.
Bei den Unternehmen Bahlsen oder Buderus ❙1  „Vielfalt tut gut“ heißt ein Bundesprogramm des
protestierten sie, gelegentlich durch Arbeits- Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frau-
niederlegungen, um zum Beispiel eine besse- en und Jugend gegen Rechtsextremismus, Fremden-
re Gesundheitsversorgung und Verpflegung feindlichkeit und Antisemitismus in Deutschland, on-
durchzusetzen. ❙2 In den Gewerkschaften sind line: www.vielfalt-tut-gut.de (30. 9. 2010).
❙2  Vgl. Manuela Bojadžijev, Die windige Internatio-
Arbeitsmigranten schon seit Jahrzehnten akti-
nale: Rassismus und Kämpfe der Migration, Münster
ve Mitgestalter der Politik. In der Bürgerrechts- 2008; Mark J. Miller, Foreign Workers in Western Eu-
und Friedensbewegung gehörten sie schon in rope. An Emerging Political Force, New York 1981.
den 1970er und 1980er Jahren fest dazu. ❙3  Arbeitsprogramm 2010 des SPD-Parteivorstandes
vom 18. 1. 2010, online: www.spd.de/­linkableblob/3750/
Neu aber ist der Auftritt der Nachkriegs- data/20100118_arbeitsprogramm_ 2010_des_spd-
­parteivorstandes.pdf (30. 9. 2010).
einwanderer auf der großen politischen Büh-
❙4  So Hermann Gröhe, Generalsekretär der CDU, auf
ne der Parlamente und Regierungen. Neu ist eine Bürgeranfrage am 26. 11. 2009, online: www.abge-
auch, dass die Volksparteien eine geringe Prä- ordnetenwatch.de/hermann_groehe-575-37607.html
senz von Migrantinnen und Migranten in ih- (30. 9. 2010).

APuZ 46–47/2010 29
leiters knapp neun Prozent der Wahlberech- Erstens kann eine geringe Vertretung einer
tigten einen Migrationshintergrund. ❙5 Bei bestimmten Gruppe in den politischen Eli-
Kommunalwahlen, wo auch EU-Staatsan- ten Indiz für deren Benachteiligung im Zu-
gehörige wahlberechtigt sind, kann in Groß- gang zu solchen Positionen sein. Dabei sind
städten der Anteil der Wahlberechtigten, die die möglichen Barrieren sowohl direkter als
selbst oder deren Eltern eingewandert sind, auch indirekter Art. Sie umfassen etwa die
schon einmal bei etwa 20 Prozent liegen. ❙6 Verteidigung der Machtpositionen durch die
bislang Etablierten, Stereotype über eine an-
Auch wenn momentan wenige Einwanderer geblich geringere Eignung von Frauen oder
nach Deutschland kommen, wird der Anteil Menschen aus bestimmten Herkunftsländern
der Menschen mit Migrationshintergrund in für politische Führungsaufgaben, schwäche-
der Wählerschaft weiter wachsen: Denn die re soziale Netzwerke und ein geringeres Maß
Kinder von Ausländern werden ja seit 2000 in der für das politische Engagement hilfreichen
vielen Fällen per Geburt Deutsche, und Ein- ökonomischen Unabhängigkeit.
bürgerungen halten – wenn auch auf niedri-
gem Niveau – an. Im politischen Leben wird Zweitens könnte sich eine Bevölkerungs-
und sollte diese langsam größer werdende gruppe, die „keinen der ihren“ in den Parla-
Gruppe in Zukunft an Gewicht gewinnen. menten und Räten sieht, durch diese Orga-
ne nicht oder weniger vertreten fühlen, deren
Entscheidungen in geringerem Maß akzep-
Warum Einwanderer (auch) tieren. Nun gibt es bislang wenig Anlass,
durch Einwanderer repräsentiert sich über das Vertrauen der Migranten in die
deutsche Demokratie und deren Institutionen
werden sollten Sorgen zu machen. Umfragen zeigen ein ho-
hes Vertrauen in Behörden und beispielswei-
Nun ist es keine Selbstverständlichkeit, dass se die Polizei. ❙8 In einer für das Max-Planck-
unterschiedliche Bevölkerungsgruppen spie- Institut zur Erforschung multireligiöser
gelbildlich in den Parlamenten vertreten sein und multiethnischer Gesellschaften im Jahr
sollten (in der Fachliteratur wird dies als „de- 2009 in Nordrhein-Westfalen durchgeführ-
skriptive“ oder „statistische“ Repräsentation ten Umfrage zeigten sich diesbezüglich kaum
bezeichnet). Kaum jemand verlangt beispiels- Unterschiede zwischen Personen mit bezie-
weise, dass 30  Prozent der Parlamentarier hungsweise ohne Migrationshintergrund. ❙9
Katholiken sein sollten, weil dies dem Bevöl- Nur 16  Prozent der Befragten mit Migrati-
kerungsanteil dieser Konfession entspricht. onshintergrund fanden, dass die Politiker der
Allerdings wird die weit unter ihrem Be- Stadt eher die Interessen der Deutschen und
völkerungsanteil liegende Repräsentanz von nicht die aller Menschen in ihrer Stadt ver-
Frauen durchaus sehr verbreitet als proble- treten. Allerdings war das Vertrauen in die
matisch angesehen. Die Argumente ähneln politischen Parteien in der Stadt und in den
denen für eine höhere Repräsentation der Stadtrat eher gering. Unter den Wahlberech-
eingewanderten Deutschen: ❙7 tigten mit Migrationshintergrund benann-
ten nur 39  Prozent eine Partei oder Gruppe
in der Stadt, die ihren politischen Vorstel-
❙5  Vgl. die Pressemitteilung des Bundeswahlleiters, lungen nahe kam. Hier klafft eine erhebliche
5,6 Millionen Wahlberechtigte mit Migrationshinter- Repräsentationslücke. Indem die deutsche
grund, vom 11. 9. 2009, online: www.­presseportal.de/
pm/74247/der_bundeswahlleiter (30. 9. 2010). Ver-
mutlich wird gerade die Zahl der Aussiedler hier ❙8  Vgl. Bertelsmann Stiftung, Zuwanderer in
unter­schätzt. Deutsch­land. Ergebnisse einer repräsentativen Be-
❙6  Dies war beispielsweise in Bielefeld, Leverkusen, fragung von Menschen mit Migrationshintergrund
Wuppertal und Solingen der Fall, vgl. Karen Schön- (im Frühjahr 2009), o. O., 2009, S. 35, online: www.
wälder/Christiane Kofri, Diversity in Germany’s bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_
Political Life? Immigrants in City Councils, Max dms_28825_28831_2.pdf (30. 9. 2010).
Planck Institute for the Study of Religious and Eth- ❙9  Bei dieser telefonisch durchgeführten Umfrage
nic Diversity, Working Paper, Göttingen 2010. (im Folgenden als MMGKom-Umfrage) wurden im
❙7  Vgl. Anne Philipps, The Politics of Presence, Ox- August 2009 1026 Wahlberechtigte bei der Kommu-
ford 1995; Jane Mansbridge, Should Blacks Represent nalwahl, also deutsche und EU-Staatsangehörige ab
Blacks and Women Represent Women: A Contingent 16  Jahren, befragt. Die Befragten hatten etwa zur
„Yes“, in: Journal of Politics, 61 (1999), S. 628–657. Hälfte einen Migrationshintergrund.

30 APuZ 46–47/2010
Staatsangehörigkeit und damit gleiche politi- Eine erhöhte Repräsentation der eingewan-
sche Rechte immer mehr zur Selbstverständ- derten Bevölkerung in den Räten und Parla-
lichkeit werden, könnte die Unzufriedenheit menten ist also aus verschiedenen Gründen
wachsen. wünschenswert. Sie ist zudem in der Bevöl-
kerung keineswegs unpopulär. So erklärten
Politische Parteien sind Vermittler zwi- in der MMGKom-Umfrage in Nordrhein-
schen Bevölkerung und Entscheidungsträ- Westfalen immerhin 67 Prozent aller Befrag-
gern. Ist eine Bevölkerungsgruppe in ihnen ten, sie wünschten sich mehr Menschen mit
kaum vertreten, dann wissen die Parteien Migrationshintergrund in politischen Füh-
und in der Folge auch die Parlamente zu we- rungspositionen; unter den Befragten mit
nig über die Bedürfnisse und Meinungen in Migrationshintergrund waren es 72 Prozent.
dieser Gruppe. Andersherum kann auch die Offenbar geht es hier auch um öffentliche
Kommunikation der Entscheidungen von Präsenz und Anerkennung – und nicht un-
Parlamenten und Stadträten hin zu den Bür- bedingt um gruppenspezifische Interessen –,
gern eingeschränkt sein, wenn Vermittler denn nur 37  Prozent der Migrantinnen und
fehlen, die in den unterschiedlichen Bevölke- Migranten sahen eine erhöhte Zahl von Rä-
rungsgruppen Ansehen und Vertrauen genie- ten mit Migrationshintergrund als Mittel zu
ßen. Deutliche Illustration dieser Defizite ist einer besseren Vertretung ihrer Interessen.
die Abhängigkeit politischer Entscheidungs-
träger in Deutschland vom Gespräch mit Mi-
grantenorganisationen oder muslimischen Räte und Abgeordnete
Verbänden, wenn sie bestimmte Probleme mit Migrationshintergrund
bearbeiten wollen. Offensichtlich fehlt in
den Parlamenten, Stadträten und Regierun- Noch sind Einwanderer in deutschen Par-
gen selbst die entsprechende Kompetenz und lamenten und Räten selten, aber in den ver-
­Repräsentanz. gangenen Jahren hat sich die Einwanderer-
präsenz in deutschen Parlamenten deutlich
Schließlich sind Politikerinnen und Po- erhöht. Von den 1825 Mitgliedern der 16 Par-
litiker mit Migrationshintergrund häufi- lamente der Bundesländer hatten im Sommer
ger Lobby für die Gleichberechtigung und 2009 39 einen Migrationshintergrund, nach
die spezifischen Anliegen der eingewander- den Wahlen in Nordrhein-Westfalen sind es
ten Deutschen und Ausländer. ❙10 Selbst wenn Mitte 2010 46. ❙12 Noch im Jahr 2000 gab es
natürlich nicht jede Politikerin, deren Vater erst 12 Abgeordnete in Landesparlamenten,
beispielsweise Italiener ist, für die Interessen die einen Migrationshintergrund hatten. Im
von Flüchtlingen eintritt, so ist doch insge- Bundestag gibt es nun 20 Abgeordnete mit
samt anzunehmen, dass eigene oder familiäre einer eigenen oder familiären Migrations-
Migrationserfahrungen das Verständnis für geschichte; erst 1994 zogen hier mit Ley-
die Anliegen von Migrantinnen und Migran- la Onur (SPD) und Cem Özdemir (Bündnis
ten erhöhen und eine gute Grundlage für eine 90/Die Grünen) die ersten Repräsentanten
Kompetenz in der Sache sind. Für weibliche der Nachkriegsmigration ein. ❙13 Auch auf der
Parlamentsmitglieder ist gut belegt, dass sie Ebene der Städte verändert sich das politische
insgesamt durchaus spezifische Anliegen und Leben: In den Großstädten Nordrhein-West-
Prioritäten vertreten. ❙11 Umgekehrt bedeu- falens wurden 2009 fast 80 Politikerinnen
tet dies, dass bei einer starken Unterreprä-
sentation gerade unterprivilegierter Bevöl-
kerungsgruppen deren spezifische Anliegen ❙12  Eigene Berechnungen. Von einem Migrations-
hintergrund ist hier die Rede, wenn die Betreffen-
und Bedürfnisse auf der politischen Agenda
den selbst nach Deutschland eingewandert sind oder
wahrscheinlich nicht adäquat vertreten sind. einer ihrer Eltern einwanderte. Den hier gemachten
Angaben liegen umfangreiche Recherchen zugrunde,
❙10  Die Siebenbürgische Zeitung artikulierte kürz- dabei kann aber nicht ganz ausgeschlossen werden,
lich Sorgen über eine fehlende Vertretung wichtiger dass es weitere Abgeordnete gibt, deren Migrations-
Aussiedlergruppen im 2009 gewählten Bundestag, hintergrund noch nicht bekannt ist.
vgl. „Bundestag ohne Spätaussiedlervertreter“ vom ❙13  Streng genommen haben auch Abgeordnete wie
7. 10. 2009. Hans Raidel (Mitglied des Bundestages von 1990–98
❙11  Vgl. Pippa Norris, The Impact of Electoral Re- und 2002–09) und Detlev von Larcher (1990–2002),
form on Women’s Representation, in: Acta Politica, die in Rumänien geboren wurden, einen Migrations-
41 (2006) 2, S. 197–213. hintergrund.

APuZ 46–47/2010 31
und Politiker mit Migrationshintergrund in zentration der eingewanderten Bevölkerung.
die Räte gewählt. ❙14 Eindeutig entwickelt sich Die Anteile der Deutschen mit Migrationshin-
hier eine neue politische Elite, und eindeu- tergrund sind in den drei Stadtstaaten ähnlich
tig verändern sich die Räte und Parlamente hoch wie in Hessen und Baden-Württemberg.
in Deutschland.
Starke Ungleichgewichte findet man auch,
Ebenso eindeutig aber ist, dass die Zahl der wenn man die Rolle der politischen Parteien
Abgeordneten bei weitem nicht dem Bevöl- betrachtet. Etwa die Hälfte der Landesparla-
kerungsanteil der Einwanderer entspricht. mentarier mit Migrationshintergrund wurden
Nimmt man die westdeutschen Bundeslän- für Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke ge-
der und Berlin, dann haben dort etwa 3 Pro- wählt, beide Parteien stellen aber nur 18 Pro-
zent der Landesparlamentarier einen Migra- zent der Abgeordneten in den 16 Parlamenten.
tionshintergrund; in der Bevölkerung sind es Historisch waren es Die Grünen, beziehungs-
22 Prozent. ❙15 In den Großstädten Nordrhein- weise damals noch die Alternative Liste in
Westfalens liegt der Anteil der Räte mit Mi- Berlin, die als Erste Einwanderern den Weg in
grationshintergrund bei etwa 4 Prozent; in der die Parlamente ebneten. 1987 zog Sevim Çele-
Wahlbevölkerung dieser Städte aber lag zum bi in das Berliner Abgeordnetenhaus ein, 1992
Zeitpunkt der Kommunalwahl im August folgte Ismail Hakkı Kosan, 1995 Rıza Baran.
2009 deren Anteil bei 13 bis 20 Prozent. ❙16 Neben dem Engagement der Migranten selbst
war das Selbstverständnis der Grünen als ein-
Zwischen Bundesländern und Städten gibt wanderungsfreundliche Partei ein entschei-
es große Unterschiede. Es wäre falsch, ei- dender Faktor für diese relative Offenheit.
nen gleichmäßigen Trend zur erhöhten Prä-
senz von Einwanderern in Räten und Parla- Für die SPD zog als erster überregiona-
menten anzunehmen. Bei den Bundesländern ler Abgeordneter Hakkı Keskin 1993 in die
sticht die Diskrepanz zwischen Stadtstaaten Hamburger Bürgerschaft ein, 1997 und 1999
und Flächenstaaten hervor. 30 der im Sommer folgten einzelne Abgeordnete auch in Flä-
2009 39 Landtagsabgeordneten gehörten dem chenstaaten (etwa Mario Capezutto in Ba-
Abgeordnetenhaus Berlins beziehungsweise den-Württemberg und Ikbal Berber im Saar-
der Bürgerschaft der Stadtstaaten Hamburg land). Gerade die SPD hatte durchaus schon
und Bremen an, wo nur 5,8 von Deutschlands in den 1980er Jahren Mitglieder, die etwa als
82  Millionen Menschen leben. Im Landtag Gastarbeiter aus der Türkei in die Bundesre-
Nordrhein-Westfalens gab es lange keinen publik gekommen waren. Die Gewerkschaf-
einzigen Abgeordneten mit Migrationshinter- ten sowie sozialdemokratisch orientierte Or-
grund, erst nach der Wahl 2010 erhöhte sich ganisationen in den Herkunftsländern stellten
deren Zahl von null auf sieben. ❙17 In Baden- eine Brücke zur SPD dar. Lange aber wurden
Württemberg ist Nikolas Sakellariou der ein- dieses Potenzial und dieser politische Inte­
zige Landtagsabgeordnete, der eine familiäre grationsvorsprung nicht genutzt. Erst in den
Migrationsgeschichte hat. Dieses Ungleichge- vergangenen Jahren machen sich ein verstärk-
wicht ist nicht Ausdruck einer extremen Kon- tes Bemühen der Führungen – aber auch die
Ambitionen der Mitglieder mit Migrationshin-
❙14  Vgl. K. Schönwälder/C. Kofri (Anm. 6). Einbezo- tergrund selbst – in einer verstärkten Präsenz
gen sind hier die 29 Städte in Nordrhein-Westfalen in Parlamenten und Räten deutlich: Nachdem
mit mehr als 100 000 Einwohnern. seit 2010 auch im alten industriellen Kernland
❙15  Eigene Berechnungen für Mitte 2009, Bevölke- Nordrhein-Westfalen mit Ibrahim Yetim und
rungszahlen auf Basis des Mikrozensus 2009, vgl. Serdar Yüksel zwei Söhne von Einwanderern
Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Erwerbs-
der SPD-Fraktion im Landtag angehören, ist
tätigkeit. Ergebnisse des Mikrozensus 2009. Fachse-
rie 1, Reihe 2.2, Wiesbaden 2009. Alle Angaben zu die Zahl der SPD-Landesparlamentarier mit
den Landesparlamenten beziehen sich, wo nicht an- Migrationshintergrund auf 14 gestiegen.
ders vermerkt, auf das Stichdatum Juli 2009.
❙16  Vgl. die Tabelle in K. Schönwälder/C. Kofri Sechs Landesparlamentarier der CDU ha-
(Anm.  6). Dies ist der Bevölkerungsanteil der deut- ben einen Migrationshintergrund. ❙18 Die Zahl
schen und EU-Staatsangehörigen ab 16  Jahren, dem
Alter, das zur Teilnahme an Kommunalwahlen
­berechtigt. ❙18  Für sie war David McAllister 1998 der erste Lan-
❙17  In früheren Wahlperioden hatte es bereits einzelne desparlamentarier mit Migrationshintergrund, es
Abgeordnete mit Migrationshintergrund gegeben. folgte 2002 Milad El-Khalil in Sachsen.

32 APuZ 46–47/2010
von neun CDU-Stadträten mit Migrations- ten kein massenhaftes Phänomen. Ihr Auf-
hintergrund unter den 679 CDU-Räten in treten signalisiert aber, dass die großen Par-
Nordrhein-Westfalens 29 Großstädten sig- teien sich offenbar nicht hinreichend offen
nalisiert gleichzeitig, dass die Partei noch am zeigen für diese Wählergruppe und ihr kein
Anfang einer politischen Inkorporation von ausreichend attraktives Programm anbieten.
Einwanderern steht. Immerhin kandidier- Denn die Zahl der Kandidatinnen und Kan-
ten 46 Migrantinnen und Migranten für die didaten, die auf überwiegend von Migranten
CDU in diesen Städten, es gibt also durchaus formierten Listen kandidierten, war in meh-
ein Potenzial, das bereit ist, sich im Rahmen reren Städten durchaus beachtlich und über-
eines konservativen politischen Programms stieg gelegentlich die aller Bundestagspartei-
zu engagieren. en zusammengenommen. ❙21 Hier gibt es ein
Potenzial Partizipation einfordernder Bürge-
Auch in der FDP sind politische Reprä- rinnen und Bürger.
sentanten mit Migrationsgeschichte noch
eine Seltenheit. Ein Landtagsabgeordneter ❙19 Über die Effekte der Kandidatur und
und vier Räte in den 29 Großstädten Nord- Wahl von Politikerinnen und Politikern mit
rhein-Westfalens gehören den Liberalen an. Migrationshintergrund und deren Inter-
Hintergrund dieser Repräsentationslücke aktionen mit der Wählerschaft wissen wir
dürfte die Diskrepanz zwischen den sozia- noch wenig. Es gibt aber Anzeichen dafür,
len Interessen, als deren Vertreter die FDP dass sie zusätzliche Wählerpotenziale mo-
gesehen wird, und dem sozialen Profil der bilisieren können und damit auch zu einer
eingewanderten Bevölkerung sein. Libera- erhöhten Partizipation der eingewanderten
le Akzente in der Migrationspolitik schei- Bevölkerung beitragen. In Duisburg etwa
nen nicht zu einer hohen Attraktivität der erzielte die CDU bei den Kommunalwah-
Partei unter politisch ambitionierten Deut- len mit einem türkeistämmigen Wahlkreis-
schen mit Migrationshintergrund beigetra- Kandidaten ein besonders gutes Wahlergeb-
gen zu haben. nis, in Köln gelang Entsprechendes der SPD
mit Politikerinnen und Politikern mit tür-
Vielleicht am aktivsten um vordere Plätze kischen beziehungsweise portugiesischen
für Politikerinnen und Politiker mit Migra- Wurzeln.
tionshintergrund bemüht hat sich Die Linke.
In den Großstädten Nordrhein-Westfalens Politikerinnen und Politiker mit Migrati-
etwa sind 15 ihrer 97 Stadträte Migrantin- onsgeschichte werden aber sicher nicht über-
nen oder Migranten, der höchste Anteil im wiegend von Wählerinnen und Wählern mit
Vergleich der Parteien. In den Landtagen Migrationshintergrund in die Räte und Parla-
hatten Mitte 2009 sieben Abgeordnete der mente gewählt. Aufgrund der geringen Sied-
Linken einen Migrationshintergrund. Ver- lungskonzentration eingewanderter Gruppen
mutlich kann die Partei soziale Interessen in Deutschland ❙22 wäre eine „ethnische Mo-
der durchschnittlich eher schlechter gestell- bilisierung“, wie sie etwa in den USA durch-
ten Migrantenbevölkerung artikulieren und aus gängig ist und als völlig legitim gilt, nicht
enttäuschte ehemalige Sozialdemokraten für erfolgversprechend. Und darüber hinaus ist
sich g­ ewinnen. kaum anzunehmen, dass diese Wählergruppe

Bei den Kommunalwahlen konnten in ❙21  In Gelsenkirchen zum Beispiel kandidierten 32


Nordrhein-Westfalen 2009 auch zwei Listen Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund
Sitze erringen, die überwiegend Einwande- für die BIG und nur elf weitere für die fünf Bundes-
tagsparteien. In Recklinghausen kandidierten 26 der
rer aufstellten: das „Bündnis für Frieden und
32 Kandidaten mit Migrationshintergrund für die In-
Freiheit“ in Bonn und die „Bürgerinitiative terkulturelle Wählerinitiative (IWI).
(BI) Gelsenkirchen“. ❙20 Noch sind solche Lis- ❙22  Vgl. Karen Schönwälder/Janina Söhn, Siedlungs-
strukturen von Migrantengruppen in Deutschland:
❙19  Nach dem Aufrücken Philipp Röslers in die Bun- Schwerpunkte der Ansiedlung und innerstädtische
desregierung ist Mark Ella der einzige regionale Konzentrationen, WZB Discussion Paper, Nr. SP IV
FDP-Abgeordnete mit Migrationshintergrund. 2007-601. Genaue Zahlen für Wahlkreise existieren
❙20  In weiteren Städten kandidierten solche Listen, nicht. Vermutlich gibt es heute selbst bei Kommu-
so die Alternative Bürgerinitiative (ABI) Köln, die nalwahlen kaum einen Wahlkreis, in dem die Wäh-
Duisburger Alternative Liste oder die Interkulturelle lerschaft mit Migrationshintergrund die Mehrheit
Wählerinitiative in Recklinghausen. stellt.

APuZ 46–47/2010 33
geschlossen wählt. ❙23 Deutsche ohne Migrati- vation, sich zu engagieren. Dabei könnten die
onsgeschichte andererseits sind durchaus be- besonders benachteiligte Position der türkei-
reit, Einwanderer in die Räte und Parlamen- stämmigen Bevölkerung, die Erfahrung kol-
te zu wählen. Dies zeigen die Wahlergebnisse lektiver oder sogar individueller Diskriminie-
ebenso wie Antworten in der MMGKom-Be- rung eine Rolle spielen. In der Literatur wird
fragung in Nordrhein-Westfalen, in der über darüber hinaus gelegentlich angenommen, dass
70 Prozent ihre Bereitschaft dazu bekundeten. Einwanderer darauf reagieren, welche Karrie-
rewege ihnen eher offen stehen oder verschlos-
sen sind: Politische Karrieren könnten für dieje-
Die Türkeistämmigen: nigen attraktiver sein, denen zum Beispiel eine
Vorbild in Sachen politische Integration Karriere in der Wirtschaft versperrt wird. ❙24

Wer sind die gewählten Volksvertreter mit Zweitens ist die türkeistämmige Bevölke-
Migrationshintergrund? Blickt man auf die rung in Deutschland eine hoch politisierte
Herkunftskontexte der migrantischen poli- Gruppe. Die Erfahrungen der bürgerkriegs­
tischen Elite, dann überrascht der sehr hohe ähnlichen Auseinandersetzungen im Kon-
Anteil türkeistämmiger Politikerinnen und text des Militärputsches von 1980 haben vie-
Politiker. Die so oft aufgrund vermeintlicher le geprägt. Etliche Türkeistämmige, darunter
Integrationsdefizite oder gar einer unterstell- viele Kurden, kamen als politische Flüchtlin-
ten Integrationsverweigerung gescholtene ge nach Deutschland. Erfahrungen in politi-
Gruppe erweist sich im Bereich der Politik schen Organisationen im Heimatland oder in
als ein Vorbild der Integration. Migrantenorganisationen in Deutschland sind
ein auch in den deutschen politischen Partei-
20 von 39 Landtagsabgeordneten mit Mi- en einsetzbares kulturelles Kapital. Wer poli-
grationshintergrund stammen aus der Tür- tisch interessiert und engagiert ist, ist dies oft
kei oder haben Eltern, die aus der Türkei nach in Herkunfts- wie Einwanderungsland. ❙25
Deutschland einwanderten. Entsprechen-
des gilt für 43 von 79 Ratsmitgliedern in den Die relativen starken Community-Struk-
Großstädten Nordrhein-Westfalens. In der turen könnten die Basis für die Entwicklung
Bevölkerung mit Migrationshintergrund da- von Eliten darstellen und auch das Selbstbe-
gegen stellt diese Gruppe nur etwa 20 Prozent, wusstsein, das für eine politische Karriere
unter den von den Statistikern identifizierten notwendig ist, stärken. ❙26 Sie bieten gleichzei-
Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund tig Möglichkeiten für eine gezielte Anspra-
bei der Bundestagswahl 2009 machte sie nicht che und Mobilisierung der Gruppe, da es bei-
einmal 10 Prozent aus. Wie lässt sich diese star- spielsweise breit gelesene Zeitungen speziell
ke Präsenz der Türkeistämmigen unter Parla- für die Türkischsprachigen gibt. Letzteres
mentariern und Ratsmitgliedern erklären? gilt ansonsten nur für die russischsprachige
Bevölkerung Deutschlands.
Zunächst einmal haben offenbar sehr viele
Deutschtürken die Bereitschaft und die Moti- Schließlich haben die politischen Partei-
en unter Umständen ein besonderes Interes-
❙23  In welchem Maße Personen mit Migrationshinter-
grund Kandidaten mit ähnlichen Erfahrungen wäh- ❙24  Vgl. Lise Togeby, The political representation of
len, wissen wir nicht. Welche Parteien sie wählen, ist ethnic minorities. Denmark as a deviant case, in: Par-
ebenfalls nicht umfassend bekannt. In den gängigen ty Politics, 14 (2008), S. 325–343, hier: S. 340; Taeku
Befragungen nach Verlassen der Wahllokale, den so Lee, Race, Immigration, and the Identity-to-Poli-
genannten exit polls, wird im Allgemeinen nicht nach tics Link, in: Annual Review of Political Science, 11
Migrationshintergrund differenziert. Über Partei- (2008), S. 457–478.
identifikation und Wahlabsichten liegen wenige In- ❙25  Vgl. Kurt Salentin, Ziehen sich Migranten in
formationen vor, vgl. Andreas M. Wüst, Wahlverhal- „ethnische Kolonien“ zurück?, in: Klaus J. Bade/
ten und politische Repräsentation von Migranten, in: Michael Bommes/Rainer Münz (Hrsg.), Migrati-
Der Bürger im Staat, 56 (2006) 4, S. 228–234; Martin onsreport 2004. Fakten – Analysen – Perspektiven,
Kroh/Ingrid Tucci, Parteibindung von Migranten, Frankfurt/M.–New York 2004.
in: Wochenbericht des DIW, (2009) 47, S.  821–827; ❙26  Zu positiven Effekten ethnischer Organisiertheit
Martina Sauer, Teilhabe und Orientierungen tür­ vgl. Jean Tillie, Social Capital of Organisations and
keistämmiger Migrantinnen und Migranten in Nord- their Members. Explaining the Political Integration
rhein-Westfalen. Ergebnisse der zehnten Mehrthe- of Immigrants in Amsterdam, in: Journal of Ethnic
menbefragung 2009, Essen 2009. and Migration Studies, 30 (2004) 3, S. 529–541.

34 APuZ 46–47/2010
se daran, türkeistämmige Kandidatinnen und zumeist als längerfristiger Prozess gesehen
Kandidaten aufzustellen. Unterstellt man, wird. Hier geht es ja um so vielfältige Aspek-
dass gerade die türkeistämmige Wählerschaft te wie das Verständnis der herrschenden Re-
ein starkes Gruppenbewusstsein hat, und geln und Prozeduren, die Identifikation mit
dass gerade sie auf die Aufstellung von Kan- landesspezifischen politischen Programmen
didaten mit gleichem Herkunftshintergrund und Akteuren, den Aufbau von Netzwer-
positiv reagieren wird, könnte eine solche ge- ken, die eine politische Karriere unterstüt-
zielte Strategie attraktiv sein. zen können, und natürlich die Einbürgerung.
Offenbar gelingt es einer beachtlichen Zahl
Insgesamt sind die Ursachen von Mobi- von Einwanderern, solche keineswegs niedri-
lisierungsunterschieden zwischen Migran- gen Hürden zu überwinden.
tengruppen noch wenig erforscht. Arbeiten
zu asiatischen Gruppen in den USA verwei- Die Inkorporation von Einwanderern in
sen darauf, dass langfristig im Herkunftsland ein politisches System ist ein langfristiger
entstandene Einstellungen zum Staat und zur Prozess. In den USA werden bis in die drit-
Politik in diesem Fall die Distanz zum poli- te Generation Unterschiede in der politischen
tischen Engagement verstärken können ❙27 – Partizipation von Menschen mit familiärer
ähnlich könnten Traditionen des Misstrauens Migrationsgeschichte festgestellt. ❙29 Diese ha-
in Staat und Politik auch unter osteuropäi- ben vielfältige Ursachen. Es ist generell so, dass
schen Migrantinnen und Migranten weiter Menschen mit geringer formaler Bildung und
wirken. einem niedrigen Einkommen – und dies trifft
überdurchschnittlich auf die eingewanderte
Nicht nur der hohe Anteil türkeistämmiger Bevölkerung zu – weniger als Andere in for-
Deutscher in der neuen politischen Elite ist mellen Formen wie Wahlen oder als Mitglie-
überraschend. Entgegen gängigen Erwartun- der politischer Parteien am politischen Pro-
gen ist die neue politische Elite zudem relativ zess teilnehmen. Hinzu kommen spezifische
weiblich. In Nordrhein-Westfalen fanden wir Barrieren, zu denen die Sprache, aber auch ne-
37 Frauen unter 79 Räten mit Migrationshin- gative Einstellungen gegenüber bestimmten
tergrund, dies sind 46  Prozent. Von den 39 Migrantengruppen oder die Verteidigung von
Landtagsabgeordneten mit Migrationshin- Machtpositionen durch etablierte Akteure ge-
tergrund im Sommer 2009 waren 17 – oder hören. Die Entwicklungen der vergangenen
44 Prozent – weiblich, höhere Anteile als un- Jahre und die zum Teil überraschende Zusam-
ter den Parlamentariern insgesamt. ❙28 mensetzung der migrantischen politischen
Elite zeigen, dass eine bemerkenswerte Zahl
Beachtlich schließlich ist, dass zumindest von Menschen mit Migrationshintergrund die
unter den Ratsmitgliedern (in unserer Unter- Fähigkeiten und das Engagement aufbringen,
suchung, also in den Großstädten Nordrhein- um derartige Barrieren zu überwinden.
Westfalens) und Landesparlamentariern über
die Hälfte Einwanderer der ersten Generati- Dennoch wird – wie die Erfahrungen in an-
on sind, also Menschen, die nicht in Deutsch- deren Ländern und die Erfahrung der Frau-
land geboren wurden. Dies ist insofern nicht en zeigen – Chancengleichheit wohl nicht im
selbstverständlich, als die Eingewöhnung Selbstlauf beziehungsweise allein durch die Ini­
von Einwanderern in ein politisches System tiative der Migrantinnen und Migranten selbst
erreicht werden. Es bleibt abzuwarten, ob po-
litische Organisationen einschließlich der po-
❙27  Vgl. Janelle S. Wong/Pei-te Lien/M. Margaret litischen Parteien bereit sein werden, sich auch
Conway, Activity amid Diversity: Asian American
durch gezielte Interventionen weiter für Men-
Political Participation, in: Jane Junn/Kerry L. Hay-
nie (eds.), New Race Politics in America, Cambridge schen mit Migrationshintergrund zu öffnen.
2008, S. 70–94, hier: S. 88.
❙28  Für die Länderparlamente wird ein Frauenanteil
von durchschnittlich 33 Prozent und für Städte über ❙29  Vgl. S. Karthick Ramakrishnan, Democracy in
100 000 Einwohner von 32 bis 36  Prozent genannt, Immigrant America. Changing Demographics and
vgl. Waltraud Cornelißen (Hrsg.), 1. Datenreport zur Political Participation, Stanford 2005; Karen Schön-
Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bun- wälder, Einwanderer als Wähler, Gewählte und trans-
desrepublik Deutschland. Erstellt durch das Deutsche nationale Akteure, in: Politische Vierteljahresschrift,
Jugendinstitut e. V. in Zusammenarbeit mit dem Sta- 50 (2009) 4, S. 832–849.
tistischen Bundesamt, München 2005, S. 373, S. 376.

APuZ 46–47/2010 35
Michael Bommes Erfolgreiche Integration von Migranten
lässt sich soziologisch als gelungene Reali-
Kommunen: Modera- sierung der Teilnahme an für die Lebensfüh-
rung bedeutsamen gesellschaftlichen Berei-

toren im Prozess der chen (wie Arbeit, Ausbildung, Gesundheit,


Recht, Politik) begreifen. Erfolgreiche und
erfolglose Integrationsprozesse gehen als Re-
sozialen Integration? sultat primär hervor aus dem Zusammenspiel
der Anstrengungen der Migranten, sich an
den sozialen Bedingungen der Teilnahme in

E s ist zum Topos geworden, dass die so-


ziale Integration von Migranten „vor
Ort“ und damit in Städten oder Gemein-
den genannten Bereichen und den dort gülti-
gen Anforderungen auszurichten. Migranten
sind daher erhebliche Anpassungsleistungen
den stattfindet. Inte- abverlangt. Zugleich sind ihre Erfolgsaussich-
gration findet gewiss ten durch kaum funktionalen Erfordernissen
Michael Bommes
„vor Ort“ statt wie in Unternehmen, Schulen oder Verwaltungen
Dr. phil., geb. 1954; Professor
eben alles, was ge- geschuldete Hürden eingeschränkt wie etwa
für Soziologie/Methodologie
schieht, stets irgend- die Kontrolle der Arbeitsplatzinhaber über
interkultureller und interdiszi-
wo „vor Ort“ statt- den Zugang zu Arbeitsplätzen, die organisa-
plinärer Migrationsforschung,
findet. Aber dies be- torischen Alltagsroutinen in Verwaltungen
Direktor des Instituts für Migra-
deutet nicht, dass die oder die Durchsetzungsfähigkeit der Mittel-
tionsforschung und interkultu-
Bedingungen der In- und Oberschichten in der Konkurrenz um
relle Studien (IMIS) der Univer-
tegration auch vor Bildung. Integration heißt auch Konkurrenz
sität Osnabrück; Neuer Graben
Ort kontrolliert wer- um knappe Güter und Irritation organisato-
19/21, 49069 Osnabrück.
den können – sinn- rischer Alltagsroutinen durch ein sich wan-
mbommes@uos.de
fällig daran, dass Ar- delndes Publikum. Sie kann nur durch bei-
beitnehmer von Be- des hindurch gelingen – und sie kann, weil sie
schäftigungsbedingungen in Unternehmen in Unternehmen, Schulen und lokalen Ver-
abhängig sind, die durch globale und eben waltungen sowie in Familien gelingen muss,
nicht lokale Konstellationen bestimmt sind. weder politisch verordnet noch politisch be-
Daher müssen auch Kommunen, wie nur zu wirkt werden. Der Fokus einer Integrations-
bekannt, global denken, um lokal handeln politik liegt daher (nicht nur für Migranten)
zu können. Als Gemeinde oder Kommune meist in diesen Kernbereichen der sozialen
wird im Folgenden ein im politischen Sys- Integration, also der Beförderung von Teil-
tem als Gebietskörperschaft der „Gemein- nahmechancen in den Bereichen Bildung und
de“ differenzierter Organisationsverbund Arbeit sowie der Mobilisierung der Familien.
bezeichnet. Integrationspolitisch bedeutsam Bezugsgrößen jeder Integrationspolitik sind:
ist, welche Rolle Städten und Gemeinden als
Entscheidungsebenen mit den Mitteln kom- • die Verfassung der Migranten, wie ihre
munaler Politik in der Handhabung von lo- Fertigkeiten, Verhaltensmuster, Sprache(n)
kal, national, europäisch oder global be- und Normenkenntnisse. Sie bezeichnen die
stimmten Bedingungen der Migration und individuellen kognitiven Voraussetzungen
Integration zukommt. Die Aufgabenstel- für die Teilnahme an sozialen Zusammen-
lung eines „lokalen Integrationsmanage- hängen;
ments“ wird oft missverständlich als primä-
• die sozialen Bedingungen in den Bereichen
re Aufgabe der Kommunen formuliert. Dies
Arbeit, Bildung und Familie, die unter dem
führt zu einer Überschätzung kommunaler
Gesichtspunkt relevant sind, was sie Indi-
Möglichkeiten, wenn übersehen wird, dass
viduen abverlangen und ob sie Zugang und
die Bedingungen sozialer Integration eben
Teilnahme eher befördern oder behindern;
in vielerlei Hinsicht in überlokale und sich
lokaler Politik entziehende Horizonte ein- • die Möglichkeiten von Politik selbst; denn
gebettet sind, und zu einer Unterschätzung, diese kann Integration nicht selbst gewähr-
wenn das beträchtliche und von zahlreichen leisten, sondern nur mit ihren Mitteln – Ge-
Kommunen auch genutzte kommunale Mo- setzen, staatlich finanzierten Programmen
derationspotenzial von Integrationsprozes- und symbolischer Politik – entsprechende
sen übersehen wird. Rahmenbezüge gestalten.

36 APuZ 46–47/2010
Kommunalpolitische Perspektive Migration und Integration erfolgt. Die Kom-
munen hatten damit schon immer eine bedeu-
Zwischen den föderalen Ebenen besteht eine tende eigenständige Rolle bei der Gestaltung
mehr oder weniger klare Arbeitsteilung: Der von Migration und Integration. Aufgrund
Bund ist auf der Grundlage seiner allgemeinen ihrer Stellung in der föderalen Struktur der
Gesetzgebungskompetenz für Zuwanderung Bundesrepublik verfügen sie über einen Er-
und Aufenthalt auch durch seine wirtschafts- messensspielraum bei der organisatorischen
und sozialpolitische Legislativprärogative ein Ausgestaltung und füllen diesen auf dem
zentraler integrationspolitischer Akteur. Der Hintergrund ihrer je eigenen kommunalen
integrationspolitische Zugriff der Länder Verwaltungs- und Politikgeschichte aus.
liegt hauptsächlich im Bereich der Bildungs-
politik. Die Rolle der Kommunen wird im
Folgenden zu klären sein. Neue Rolle der Kommunen
Kommunen können Integrationsressourcen Begleiterscheinung der arbeitsmarktpoliti-
bei Migranten ebenso wie in den relevanten schen Reformen (Hartz I bis IV) sowie des
Integrationsbereichen (Arbeitsmarkt, Schu- Zuwanderungsgesetzes (ZuwG) war eine Re-
len, Familien etc.) mobilisieren. Städte und duktion der strukturellen Spannungen zwi-
Gemeinden in Deutschland haben eine hete- schen Bund und Kommunen und die Neu-
rogene und bislang weitgehend unerforschte definition der integrationspolitischen Rolle
Geschichte der kommunalpolitischen Gestal- der Kommunen. Ein Rückblick auf kommu-
tung sozialer Integration. Dies liegt auch an nale Integrationspolitiken verdeutlicht dabei,
einer gewandelten und erst seit dem Ende der dass diese im Wesentlichen im Bezugsrahmen
1990er Jahre politisch prominenteren Stellung historisch gewissermaßen von Zuwande-
der Kommunen im Migrations- und Integra- rungsfall zu Zuwanderungsfall kumulierter,
tionsprozess. Wichtig dabei ist ihre Position unübersichtlicher migrations- und integrati-
im politischen Staatsgefüge: Kommunen als onspolitischer Regelungen entstanden sind
territorial definierte Einheiten des politischen und dabei zwei relevante unbeabsichtigte Ef-
Systems sind zuständig für die politische Or- fekte erzeugt haben.
ganisation der Gestaltung der lokalen Lebens-
verhältnisse. Die politisch-rechtlich umschrie- Zur Zeit des „Anwerbestopps“ von 1973
benen Einheiten „Gemeinden“ sind nicht gab es angesichts der einsetzenden Niederlas-
deckungsgleich mit dem, worauf sich sozial sung der Arbeitsmigranten keine klar formu-
im Alltag als Lokales bezogen wird. Kommu- lierten migrations- und integrationspoliti-
nen sind vielmehr Teil des alltäglichen Her- schen Rahmensetzungen des Bundes und der
stellungsprozesses sozialer Lokalität, ❙1 in dem Länder. Daraus resultierte eine große kom-
sie unter anderem in Kooperationen mit lo- munalpolitische Unsicherheit über zukünf-
kalen Akteuren die allgemeinen Randbedin- tige kommunale Problemstellungen. Die ge-
gungen lokalspezifisch zur Geltung bringen. meindespezifisch dann sehr divergierenden
In rechtlicher, finanzieller und/oder symboli- integrationspolitischen Entscheidungen seit
scher Form umgesetzte Bundes- und Länder- den späten 1960er und frühen 1970er Jahren
politiken setzen damit den Kommunen einen blieben lange Zeit traditionsbildend und ha-
lokalspezifisch auszufüllenden Rahmen. ben je unterschiedliche Pfade der Entwick-
lung kommunaler Integrationspolitik gelegt.
Die Relevanz bundes- und länderpolitischer Diese heterogenen und lokalspezifisch zuge-
Entscheidungen für die Kommunen liegt im schnittenen Integrationspolitiken waren aber
Gegensatz zu ihren lokalen Konsequenzen lange und sind vielfach noch immer neben
auf der Hand. Denn Gemeinden als zentrale oder unterhalb einer Sozialpolitik platziert,
Träger der öffentlichen Verwaltungen bilden in die Arbeitsmigranten über die allgemeine
den politischen Organisationszusammen- Sozialversicherungspflicht einbezogen wa-
hang, in dessen Verantwortung die adminis- ren. Ähnliches gilt für „ausländerspezifische“
trative Bearbeitung der Problemstellung von Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendli-
che, die aber nicht als Teil eines allgemeinen
❙1  Vgl. Jörg Bogumil/Lars Holtkamp, Kommunal- und kommunalpolitisch bedeutsamen Bil-
politik und Kommunalverwaltung: eine policyorien- dungsmanagements begriffen wurden. Die
tierte Einführung, Wiebaden 2006. derzeit beobachtbare Reorganisation kom-

APuZ 46–47/2010 37
munaler Integrationspolitik ist Ergebnis einer Wohlfahrtsstaates und die Umstellungen in
durch Hartz-Gesetzgebung und ZuwG ver- der Migrations- und Integrationspolitik. Mit
änderten Stellung der Kommunen im Wohl- diesen Veränderungen fällt den Kommunen
fahrtsstaat mit der Folge neuer Auf­gaben. systematisch eine andere Stellung (nicht nur)
bei der Integration von Migranten zu.
In den frühen 1990er Jahren wurde mit der
seit dem Ende der 1980er Jahre stark anstei- Die Bundesrepublik hat damit ihre Migra-
genden Aussiedlerzuwanderung und der da- tionsverhältnisse seit dem Fall des Eisernen
mit verbundenen Neuregelung von Zuwande- Vorhangs sukzessive politisch-rechtlich nor-
rung und Integration aus Kostengründen diese malisiert: Bereits 1990 wurden im neuen Aus-
Gruppe weitgehend von der Zuständigkeit der ländergesetz den Arbeitsmigranten erstmalig
damaligen Bundesanstalt für Arbeit (BA) in Rechtsansprüche auf Einbürgerung einge-
die der Kommunen verlagert – mit der Fol- räumt. Deren zunächst vorgesehene zeitliche
ge einer abrupt ansteigenden Beanspruchung Befristung wurde im Rahmen des sogenann-
der Sozialhaushalte in lokalen Zuzugsschwer- ten „Asylkompromisses“ von 1993 aufgeho-
punkten. Zeitlich weitgehend parallel kam es ben, und die Reform des Staatsbürgerschafts-
im Kontext der Zuwanderung von Asylbewer- gesetzes von 2000 war in vielerlei Hinsicht
bern und Bürgerkriegsflüchtlingen zu einer die konsequente Übertragung der Neurege-
Auseinandersetzung über die Kostenzustän- lungen von 1993 in das in seinem Kern um ius
digkeit zwischen Ländern und Kommunen. soli-Elemente ergänzte Staatsangehörigkeits-
Aufgrund lange andauernder Uneinigkeit gesetz. Auch die Grundgesetzänderung von
zwischen Bund und Ländern hinsichtlich ei- 1993 war, unabhängig von einer moralischen
ner gesetzlichen Regelung für die Zulassung Bewertung, in Form einer Europäisierung des
von Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem zer- Asylrechts ein weiterer Schritt zur institutio-
fallenden Jugoslawien fielen diese bei Bedürf- nellen Normalisierung. Im gleichen Kontext
tigkeit ebenfalls in kommunale Zuständig- wurde der Sonderfall der Aussiedlerzuwan-
keit. Diese drängten daraufhin zwecks eigener derung im Rahmen des Kriegsfolgenberei-
Entlastung zahlreiche Flüchtlinge trotz recht- nigungsgesetzes abschließend geregelt. Die
licher Aussichtslosigkeit in das Asylverfahren, „deutsche Volkszugehörigkeit“ wurde nach
denn damit fielen die Versorgungskosten für dem Zusammenbruch der sozialistischen Re-
diese Flüchtlinge in Länderzuständigkeit. gime in Osteuropa als privilegierte und viel
genutzte Wanderungsoption schon bald mit
Beide Fälle verdeutlichen das Fehlen ei- Einwanderungsbeschränkungen beantwortet.
ner konzeptionellen Migrationspolitik in den 1990 wurde gesetzlich ein Verfahren zur Zu-
1990er Jahren in Deutschland. Erste Schrit- zugsregulation eingeführt, Ende 1992 die Zu-
te hin zu einer stärker koordinierten Mi­gra­ wanderung kontingentiert und der im Kriegs-
tions- und Integrationspolitik wurden je- folgenbereinigungsgesetz geschaffene neue
doch mit der Reform des Ausländergesetzes Rechtsstatus des „Spätaussiedlers“ auf vor
von 1990 und insbesondere dem besser als dem 1. Januar 1993 geborene Personen aus der
ersten „Migrationskompromiss“ bezeichne- ehemaligen UdSSR beschränkt. Diese Um-
ten sogenannten „Asylkompromiss“ voll- stellung ist zentraler Teil der Neuanpassung
zogen. In diesem Kompromiss wurden alle der deutschen Staatsbürgerschaft. Die 1990,
relevanten Zuwanderungsbewegungen (Aus- 1993 und 1999 installierten Ergänzungen
siedler, Arbeitsmigranten und Asylbewer- zum Ausländer- und Staatsbürgerschaftsge-
ber) einer Neuregelung unterzogen und die setz eröffnen dauerhaft legal im Lande leben-
verschiedenen bislang nur als je spezifische den Ausländern den Zugang zur deutschen
Sonderfälle behandelten Zuwanderungen zu Staatsbürgerschaft. Die Einschränkungen des
einer allgemeinen und zunehmend europä- Rechtsstatus von Aussiedlern waren Teil die-
isierten politischen Problemstellung inter- ser Stärkung von Territorialität als Kriterium
nationaler Migration zusammengefasst. Die für den Zugang zur Staatsbürgerschaft sowie
Frage der sozialen Integration blieb jedoch der Schwächung der Tradition des jus sangui-
im Spannungsfeld des föderalen „Finger- nis. Vor diesem Hintergrund ist es dann nur
hakelns“ um Kosten und Zuständigkeit zu- konsequent, dass die im ZuwG – dem dritten
nächst ausgeklammert. Dies hat sich durch Migrationskompromiss – vorgesehenen Integ-
das Zusammentreten zweier Entwicklun- rationskurse als Adressaten alle sich dauerhaft
gen grundlegend geändert: die Reformen des niederlassenden Migrantengruppen haben.

38 APuZ 46–47/2010
Für die Einschätzung der Rolle der Kom- rechtigung von Arbeitslosengeld in die gleiche
munen muss deren veränderte Integrations- Relation zum Staat: „Fördern und Fordern“
politik in den Zusammenhang mit anderen für meint die Einschränkung ihrer Berechtigung,
die Stellung der Kommunen bedeutsamen Re- die Forderung nach Arbeitsaufnahme unter
formen des Wohlfahrtsstaates gestellt werden. Gesichtspunkten von Status abzulehnen. Der
Soziale Integration als im ZuwG formuliertes Sinn von Integrationskursen besteht vor die-
Programm bringt sich niederlassende Migran- sem Hintergrund primär darin, „integrati-
ten in gleicher Weise in Relation zum Wohl- onsbedürftige“ (Neu)Zuwanderer frühzeitig
fahrtsstaat wie die übrige Klientel: „Fördern in die Lage zu versetzen, sich an den Erfor-
und Fordern“, die Leitformel des „aktivieren- dernissen der Lebensführung im Einwande-
den Wohlfahrtsstaats“, impliziert den Um- rungskontext auszurichten, um so möglichst
bau der Relation zwischen Wohlfahrtsstaat bald zu einer selbständigen Lebensführung in
und ihrem Publikum in dem Sinne, dass allen der Lage zu sein. Das wird auch strukturell an
Leistungsempfängern unabhängig von ihrer der Verschränkung der Integrationsprogram-
Staatsangehörigkeit die Erbringung einer Ge- me mit der BA bzw. den ARGEn ersichtlich.
genleistung abverlangt wird: nämlich ihr Han- In dieser Konstellation verfügen nunmehr die
deln eigenverantwortlich, marktorientiert und Kommunen über eine veränderte integrati-
an einer möglichst von Sozialtransfers unab- onspolitische Rolle: Denn mit der Einführung
hängigen Lebensführung auszurichten. des ALG II ist die kommunale Ebene nicht
nur allgemein entlastet und damit die seit den
Staatsangehörigkeit verliert damit an Be- 1980er Jahren von den Kommunen beklag-
deutung als sozialer Platzanweiser; Deutsche te Kommunalisierung der Arbeitslosenpro­
und Ausländer werden in der Perspektive der blematik und damit auch der Folgekosten der
Wohlfahrtsstaaten, die unter Bedingungen ein- Zuwanderung beendet worden. Zugleich wer-
geschränkter Leistungsfähigkeit ihre Struktur den die Kosten für die im ZuwG vorgesehe-
der Leistungserbringung umbauen, gleicher- nen Integrationskurse vom Bund getragen.
maßen entlang der Differenz leistungsfähig
versus leistungsunfähig beobachtet. Leis- Man darf die mit dem ZuwG verbunde-
tungsberechtigung im Wohlfahrtsstaat muss nen Veränderungen nicht überschätzen. Die
von allen Individuen erworben werden, und Einführung der Integrationskurse und das
in dieser Logik erfolgt umgekehrt die Öff- neu geschaffene Bundesamt für Migration
nung und Erwerbbarkeit der Staatsangehö- und Flüchtlinge (BAMF) stellen keinen voll-
rigkeit auf der Grundlage gelingender sozialer ständigen Bruch gegenüber den zuvor prakti-
Integration: „Integration ist ein gesellschaftli- zierten Formen einer Integrationspolitik dar.
cher Prozess, in den alle in einer Gesellschaft Ähnlich wie das ZuwG insgesamt bestehende
Lebenden jederzeit einbezogen sind. Unver- Regelungen zusammengeführt und nur mo-
zichtbar ist der Integrationswille. Dieser Inte- derate Änderungen vorgesehen hat, so han-
grationswille äußert sich darin, dass sich jeder delt es sich auch jenseits der Neuzuschnei-
Einzelne aus eigener Initiative darum bemüht, dung organisatorischer Zuständigkeiten und
sich sozial zu integrieren. Dies gilt für Einhei- des Einbezugs der Neuzuwanderer in die In-
mische wie Zugewanderte.“ ❙2 tegrationsprogramme um keinen radikalen
Bruch, sondern um den Aus- und Umbau der
Diese wohlfahrtsstaatliche Gleichbehand- bisherigen Integrationspolitik.
lung von Migranten und Einheimischen wird
deutlich, wenn man die Integrationskurse in Trotz einer symbolischen Politik, mit der
Relation setzt zu den systematischen Verän- insbesondere bei der Selbstpräsentation neu-
derungen durch die Hartz-Reformen. Die er Ämter nahe gelegt wird, dass nunmehr alles
Ersetzung der vormaligen Arbeitslosenhilfe anders und besser werde, braucht man keinen
durch das Arbeitslosengeld II (ALG II) und „Paradigmenwechsel“ auszurufen. Ein nicht
der Einbezug aller vorherigen erwerbsfähigen zu unterschätzender Wandel ist allerdings
Sozialhilfeempfänger in diese Leistung der BA doch hinsichtlich der strukturellen Stellung
bringt alle Leistungsbezieher ohne Bezugsbe- der Kommunen zu registrieren: Integrations-
programme für Neu- wie Altzuwanderer wer-
❙2  Vgl. Unabhängige Kommission Zuwanderung den unter organisatorischer Verantwortung
(Hrsg.), Zuwanderung gestalten, Integration fördern, des BAMF und finanziert durch den Bund
Berlin 2001, S. 200. mittlerweile bundesweit von anerkannten Trä-

APuZ 46–47/2010 39
gern angeboten. Zudem sind dauerhaft recht- Jahren meist unkoordiniert aufgebauten kom-
mäßig in Deutschland lebende Zuwanderer in munalpolitischen Integrationsinfrastruktur
die sozialstaatlichen Programme einbezogen. eröffnet ihnen die Möglichkeit, diese mit den
Die Neuregelungen des ZuwG sowie die davon politisch neu hinzugewonnenen, finanziellen
unabhängig durchgeführten Hartz-Reformen und rechtlichen Optionen zu verknüpfen und
haben damit den Kommunen drei neue Mög- entsprechend mit dem Ziel der Steigerung des
lichkeiten der Gestaltung lokaler Integrations- lokalen Integrationspotenzials zu reorgani-
politik verschafft. So können sie im Rückgriff sieren. Es existiert heute nicht zuletzt auf-
auf die Integrationskursangebote des BAMF, grund entsprechender Wettbewerbe wie „Er-
in Abstimmung mit den von ihnen getragenen folgreiche Integration ist kein Zufall“ kaum
Ausländerbehörden und ausgehend von ihrem noch eine von Zuwanderung betroffene Ge-
neu gewonnen Einfluss in den ARGEn Ein- meinde in Deutschland, in der Integration
fluss darauf nehmen, welche Träger anerkannt nicht als regulärer Gegenstand auch kommu-
und welche Migranten in Integrationskurse naler Politik begriffen wird.
einbezogen werden. Außerdem sind ihnen im
Rahmen der zu bildenden ARGEn und auch Kommunen können sich ein sehr detaillier-
in den Optionskommunen Kompetenzen der tes Bild über die Integration von Migranten in
kommunalspezifischen Ausgestaltung einer dem oben erläuterten Sinne verschaffen. Dies
Beschäftigungsvermittlung im Rahmen ih- betrifft die Wanderungsgeschichte und die
rer Wirtschaftsförderpolitik zugefallen, in die Generationenverhältnisse in den Familien,
Zuwanderer einbezogen werden können. Da- ihre Wohn- und Infrastrukturverhältnisse,
mit resultiert eine auf den bundespolitischen die Bildungs- und Arbeitsmarktbeteiligung
Festlegungen basierte veränderte Einbettung oder die Zahl und Struktur von Vereinen. Vo-
kommunaler Integrationspolitik: nämlich die raussetzung und Grundlage jeder Integrati-
Überantwortung von Migrantengruppen mit onspolitik ist der Aufbau einer entsprechen-
geringen Arbeitsmarktchancen in kommuna- den lokalen Integrationsberichterstattung.
le Zuständigkeit, wie dies bei Aussiedlern und Dies erst erlaubt die kontinuierliche Erfas-
Bürgerkriegsflüchtlingen der Fall war. Diese sung eben jener Konstellationen mehrfacher
bundespolitische Einbettung erlaubt den Überlagerungen von differenten Integrati-
Kommunen zudem eine deutliche Steigerung onsherausforderungen, die sich in den Fami-
ihres Einflusses und die Reorganisation ihrer lien ihren Mitgliedern stellen, ihr Zusammen-
kommunalen Integrationspolitik. spiel zu begreifen und je ressortspezifisch zur
Geltung zu bringen. Die veränderte Stellung
der Kommunen erlaubt ihnen nunmehr, die
Moderatoren der Integration Frage der Integration auch dort wirksam zum
Thema zu machen, wo sie keine unmittelbare
Mit ihrer veränderten integrationspolitischen Zuständigkeit, aber dennoch Einfluss haben.
Stellung fällt den Kommunen in Prozessen so-
zialer Integration eine Moderatorenrolle im Der in der gegenwärtigen Bildungsdiskus-
dem Sinne zu, dass sie diese Prozesse durch lo- sion vielbeachtete Bereich der vorschulischen
kalspezifisch zugeschnittene Wirtschaftsför­ Erziehung liegt aus historischen Gründen in
derungspolitik, kommunales (Aus)Bildungs- kommunaler Zuständigkeit. Neben dem Ziel
management, adressatenspezifische Wohn- und des Ausbaus des Kindergartens zu einer regu-
Stadtteilpolitik sowie durch ihre Einwohner lären vorschulischen Erziehungseinrichtung
engagierende Formen der politischen Beteili- bemühen sich Kommunen und Länder um die
gung vermitteln und fördern können. In die- verstärkte Fortbildung der Erzieherinnen in
sen Zusammenhang gehören auch ihre Bemü- den Bereichen Sprachvermittlung und Inter-
hungen um die „interkulturelle Öffnung“ der kulturalität. Dabei kommt den Kommunen
Verwaltungen sowie die in vielen Kommunen aufgrund des ihnen eigenen lokalspezifischen
verankerten Integrationslotsenprojekte, die Wissens und der Trägerschaft der Einrich-
auf den Einbezug von Migranten in kommu- tungen die Rolle zu, in der Neuausrichtung
nale Anstrengungen der Erhöhung des lokalen dieses Bereichs die Frage der Integration, des
Integrationspotenzials zielen. frühzeitigen und bedarfsgerechten Einbezugs
von Migrantenkindern, zur Geltung zu brin-
Die in vielen Städten und Gemeinden be- gen. Die für Integrationserfolge höchst be-
gonnene Neusichtung ihrer seit den 1980er deutsame Inanspruchnahme vorschulischer

40 APuZ 46–47/2010
Erziehung kann jedoch nur bei einer frühzei- Beschäftigung, nicht zuletzt aufgrund der
tigen Adressierung der Eltern gelingen. jüngsten Selbstverpflichtungen der BA zu ei-
ner stärkeren Berücksichtigung von Migran-
Trotz der Zuständigkeit der Länder für die ten in ihren Förderprogrammen. Mit Bezug
Schulen besitzen die Kommunen als Schul­ auf die zweite Generation können Kommunen
träger auch angesichts nachdrücklicher Forde- aufgrund ihres über die ARGEn gewonnenen
rungen einer stärkeren Einbettung der Schulen Einflusses insbesondere das Augenmerk auf
in das kommunale soziale Umfeld Einfluss. In den Bedarf einer beruflichen (Nach-)Qualifi-
diesem Zusammenhang haben Kommunen die zierung junger Erwachsener richten und auf
Möglichkeit, durch ein regelmäßiges Bildungs- entsprechende Anstrengungen drängen, um
monitoring sich verfestigende Problemlagen in dieser Weise eine Stabilisierung ihrer Be-
zu identifizieren und sich abzeichnende Ab- schäftigungssituation zu befördern.
wärtsdynamiken zu unterbrechen. Bildungs-
erfolg und -misserfolg gehen ganz wesentlich Schließlich gibt es inzwischen in einigen
aus den nicht-intendierten Effekten des Zu- Ländern und Kommunen Bestrebungen, die
sammenspiels zwischen Elternhaus, Schule Beziehungen zu islamischen Gemeinden zu
und Kommunen als Schulträgern hervor und verstetigen und diese in das kommunale Ge-
führen vielfach zu sich stabilisierenden Ar- schehen einzubeziehen. ❙4 Dies soll muslimi-
beitsteilungen zwischen Schulen, in denen die schen Migranten den Aufbau einer angemes-
einen für die Bildung der Erfolgreichen und senen religiösen Infrastruktur ermöglichen
die anderen für die Betreuung der „Bildungs- und die Akzeptanz islamischer Gemeinden
versager“ zuständig sind. Kommunen als Mo- im religiösen Spektrum einer Kommune si-
deratoren können solche integrationspolitisch gnalisieren. Zugleich kann eine Grundlage
kontraproduktiven Arrangements thematisie- bei den Migrantenfamilien dafür geschaffen
ren und für die Suche nach Auswegen sowohl werden kann, dass sie sich mehr und mehr als
Schulen als auch Eltern mobilisieren. Bürger ihrer Kommunen begreifen lernen.

Die Bedeutung der beruflichen Ausbildung


für soziale Integrationsprozesse ist kaum zu Integrationspolitische Chancen
überschätzen. Ein eingeschränkter Zugang
von Migrantenjugendlichen zu beruflicher Zu sozialer Integration kann Politik mit ih-
Ausbildung lässt sich nicht ausschließlich auf ren Mitteln beitragen, sie kann sie indes nicht
nicht vorhandene schulische Voraussetzungen selbst gewährleisten. Aber in langfristiger
zurückführen. Neben einer nicht hinreichend Ausrichtung kann sie zur Normalisierung
differenzierten Berufsorientierung aufgrund beisteuern, verstanden in dem Sinne, dass die
fehlenden Wissens der Jugendlichen und ih- soziale Integration von Migranten genauso
rer Eltern sind auch ihr begrenzter Zugang zu einer regelmäßigen und routinierten politi-
den Entscheidernetzwerken, ihre mangelnde schen Gestaltung bedarf wie auch andere po-
Berücksichtigung im Relevanzhorizont von litische Problemstellungen. Kommunen kön-
Entscheidern sowie Vorurteile ausschlagge- nen dazu als Moderatoren der Integration im
bend. ❙3 Kommunen können diesen Sachver- Rahmen ihrer Möglichkeiten eine wichtige
halt nicht nur transparent machen; sie können Rolle spielen. Dies impliziert kein Argument
auch regelmäßig auf lokale Unternehmen ein- für eine Exklusiv- oder Primärzuständigkeit
wirken, Migrantenjugendliche stärker zu be- der Kommunen für Integration, sondern für
rücksichtigen. Dies wird umso überzeugen- eine angemessene Einschätzung ihrer neu ge-
der gelingen, wie eine solche Aufmerksamkeit wonnenen Rolle. Kommunen können nur
zur Grundlage der eigenen kommunalen Ein- dann Moderatoren der Integration vor Ort
stellungspraxis gemacht wird. sein, wenn Bund und Länder einen entspre-
chenden Rahmen und die dafür erforderli-
Vergleichbare kommunale Möglichkeiten chen Ressourcen bereit stellen.
bestehen im Bereich von Weiterbildung und
❙4  Vgl. Hansjörg Schmid/Ayşe Almıla Akca/Klaus
❙ Vgl. Mona Granato, Berufliche Ausbildung und
3  Barwig, Gesellschaft gemeinsam gestalten. Islamische
Lehrstellenmarkt: Chancengerechtigkeit für Jugend- Vereinigungen als Partner in Baden-Württemberg,
liche mit Migrationshintergrund verwirklichen, WI- Baden-Baden 2008.
SO-direkt, September 2007.

APuZ 46–47/2010 41
Klaus J. Bade · Ferdos Forudastan dungskarrieren waren lange eher Ausnahmen,
welche die Regel des Bildungsrückstands be-
Teilhabe in der stätigten. Das galt auch, wenn die Eltern ihre
Kinder in der Schule unterstützen wollten, dies

Einwanderungs- aber selber nicht konnten. Dass Eltern sich zu-


sammenschlossen, um gemeinsam die Bildung
ihrer Kinder zu fördern, gelang nur selten wie
gesellschaft im Fall der erfolgreichen spanischen Elternver-
eine. Das alles zusammengenommen bedeu-
tete: Soziale Startnachteile von Zuwanderern
Ferdos Forudastan: Herr Professor Bade, ich haben sich auf ihre Kinder vererbt. Und unser
gehe durch eine deutsche Behörde, eine Schule, Bildungssystem hat diese Vererbung noch be-
eine Universität, ein Gericht oder ein Minis- fördert und befördert sie bis heute.
terium, ich betrachte
Klaus J. Bade die Spitzen der Par- Sie spielen darauf an, dass schon in der 4. Klas-
Prof. Dr. phil., geb. 1944; teien, Gewerkschaf­ se die Kinder darauf festgelegt werden, welche
Prof. em. für Neueste Ge- ten oder Verbände, schulische Laufbahn sie einzuschlagen haben?
schichte an der Universität ich schlage die Zei-
Osnabrück, lebt in Berlin. Er tung auf, schalte das Das auch, aber meine Kritik setzt viel früher
begründete in Osnabrück das Radio oder Fernse- an. Wir haben zu lange zugelassen, dass vie-
Institut für Migrationsforschung hen ein – und gewin- le der unter Sechsjährigen in einer Umgebung
und Interkulturelle Studien ne den Eindruck: Hier heranwuchsen, in der sie kaum, nicht einmal
(IMIS) und ist Vorsitzender des scheinen fast nur Men- sprachlich, gefördert wurden. Die Väter waren
Sachverständigenrates deut- schen zu leben, die sel- den ganzen Tag weg, die Mütter im Haushalt
scher Stiftungen für Integration ber, deren Eltern und gebunden, und fast niemand sprach mit den
und Migration (SVR). Großeltern schon in Kindern Deutsch. In der Schule lagen sie dann
k.j.bade@t-online.de Deutschland geboren weit hinter deutschen Jungen und Mädchen
sind. Anders ausge- zurück, nicht weil sie unbegabter waren, son-
Ferdos Forudastan drückt: Die Tatsache, dern oft schlicht deswegen, weil sie die Lehr-
Geb. 1960; freie Journalistin, dass rund 20  Pro- kräfte nicht oder nur mühsam verstehen konn-
Autorin und Dozentin unter zent der Menschen in ten. Das hat sich erst in Ansätzen gebessert.
anderem an der Hamburger Deutschland eine per-
Akademie für Publizistik. sönliche oder familiä- Das heißt: Es muss sich etwas ändern, und
ferdos.forudastan@t-online.de re Zuwanderungsge- zwar etwas Grundlegendes …
schichte haben spiegelt
sich in den meisten Institutionen kaum wider. So hart es klingen mag: Wir sollten Eltern
In der Verwaltung einer deutschen Großstadt nötigenfalls verpflichten, ihre kleinen Kin-
beispielsweise haben nur rund drei Prozent der in die Kita zu geben. Das sollte übrigens
der Mitarbeiter ausländische Wurzeln. Woran nicht nur für Kinder von Zuwanderern gelten.
liegt das? Es gibt bekanntlich auch eine wachsende Zahl
von jungen Menschen ohne Migrationshinter-
Klaus J. Bade: Das liegt zunächst daran, dass grund, die kaum in der Lage sind, einen etwas
viele Zuwanderer aus der ehemaligen „Gastar- längeren Text zu lesen und zu verstehen. Wir
beiterbevölkerung“, also aus oft bildungsfer- haben aber bislang viel zu wenige Kitas. Sie
nen Schichten stammen. Deren Kinder waren müssten flächendeckend über das Land verteilt
schon deswegen in der Schule, in der Ausbil- sein und hochqualifizierte Erzieher beschäfti-
dung und damit in der Vorbereitung auf das gen. Und es müsste regelmäßig geprüft werden,
Erwerbsleben benachteiligt und kamen zu- ob die Kinder dort bei spielerischer Beschäfti-
nächst entsprechend seltener in qualifizierte gung nicht nur genug Deutsch lernen, sondern
Jobs, wie es sie in der Verwaltung, der Wissen- auch, ob sie überhaupt lernen, zu lernen.
schaft oder in den Medien gibt. Natürlich war
auch ein kleiner Teil der Kinder aus sogenann- Eine allgemeine Kindertagesstättenpflicht?
ten Gastarbeiterfamilien in der Schule sehr Ich sehe sie schon Sturm laufen, die Eltern aus
erfolgreich, aber diese Kinder hatten Glück, der gehobenen Mittelschicht, die dagegen hal-
etwa weil außergewöhnlich engagierte Nach- ten, sie wollten und könnten ihre Kinder zu-
barn oder Lehrer sie unterstützten. Solche Bil- hause fördern und erziehen.

42 APuZ 46–47/2010
Ich sagte „nötigenfalls“ – also dann, wenn teren Chancen auf dem Arbeitsmarkt führt,
die Eltern nachweislich nicht imstande sind, aber noch nicht gelöst, oder?
ihren Kindern das mitzugeben, was sie brau-
chen, um später zumindest sprachlich pro- Nein, dieses Problem wäre so lange nicht ge-
blemlos dem Unterricht in einer deutschen löst, wie sich die Misere in den Schulen fort-
Schule folgen zu können. Niemand würde setzt. Dort hocken nämlich nicht die Schüler,
beispielsweise englischsprachige Kinder von sondern im Grunde auch deren Eltern. Mütter
ausländischen Diplomaten, die später sowie- und Väter, die selbst eine gute Bildung genossen
so eine internationale Schule besuchen, zwin- haben oder gut verdienen, können ihren Kinder
gen wollen, in eine deutsche Kita zu gehen. nachmittags selber helfen oder eben Nachhil-
Das Gleiche gilt für bildungsorientierte deut- festunden bezahlen. Eltern die selbst kaum zur
sche Eltern, die das alleine schaffen. Schule gegangen sind oder wenig Geld haben,
schaffen es nicht, die Unzulänglichkeiten un-
Heißt das, Sie stellen sich eine Art Elternprü- seres Schulsystems privat auszugleichen. Gäbe
fung vor? Und wenn diese tatsächlich durch- es flächendeckend Ganztagsschulen, würden
gesetzt würde: Wie sollten Eltern verpflichtet auch Kinder aus bildungsfernen Familien bes-
werden, ihre Kinder in die Kita zu schicken? ser gefördert, ob nun mit oder ohne Migrati-
onshintergrund. Das hieße in der Konsequenz,
Reden wir nicht um den heißen Brei herum: mehr Kinder aus sozial schwachen Familien
Eine Sprach- und Lernstandsmessung im Vor- würden eine bessere Schulbildung genießen.
schulalter bedeutet immer auch indirekt, zu
prüfen, ob die Erziehungsberechtigten in der Und dann? Es gibt doch schon heute vie-
Lage und willens sind, ihrer Aufgabe nachzu- le gut ausgebildete junge Menschen mit aus-
kommen. Dort, wo das nicht gelingt, sind die ländischen Wurzeln, die trotzdem keine ih-
Eltern meist in einer sozial sehr schwierigen rer Qualifikation entsprechende Stelle in der
Situation und oft von staatlichen Transferleis- Verwaltung, der Wissenschaft oder den Medi-
tungen abhängig. Hier muss gelten: Eltern, en bekommen, wenn sie nicht „Müller“, son-
die Sozialgeld und insbesondere Kindergeld dern „Yıldırım“ heißen, wie etwa in einer
beziehen, sind umso mehr verpflichtet, durch Studie der OECD nachzulesen ist.
die Erziehung ihrer Kinder dafür zu sor-
gen, dass sich ihre eigene Transferabhängig- Richtig, wobei allerdings die Benachteili-
keit nicht vererbt. Unterlassen sie das, soll- gung schon früher, beim Übergang auf wei-
te die Förderung reduziert werden. Schicken terführende Schulen und bei der Vergabe von
sie ihre Kinder trotzdem nicht in die Kita, Ausbildungsplätzen, meist stärker greift als
muss das Jugendschutzgesetz greifen. Mit an- später bei gleicher Qualifikation am Arbeits-
deren Worten: Der Staat entzieht den Eltern markt. Dass dort, wo es um attraktive Jobs wie
das Erziehungsrecht auf Zeit oder auch auf im öffentlichen Dienst oder in Medien geht,
Dauer. Kindeswohl geht vor Elternrecht. Um oft weniger Menschen mit Migrationshinter-
diesem Gedanken gerecht zu werden, haben grund zu finden sind, hat aber noch einen an-
wir schon jetzt die notwendigen gesetzlichen deren Grund: In den meisten Institutionen
und behördlichen Handlungsspielräume, wir weiß man nicht genug über den Wert interkul-
wenden sie nur zu selten an. Wir müssten aber tureller Kompetenz. Worauf nur wenige Chefs
auch die Stellung der Lehrer stärken. Es ist ein achten, sind Qualifikationen wie diese: Ken-
Unding, dass sie Eltern zum Gespräch über nen Bewerber aus eigener Anschauung mehr
Lern- oder Verhaltensprobleme ihrer Kinder als eine, die hiesige Kultur? Können sie sich –
einbestellen – und die kommen dann einfach weil sie darin Erfahrung haben – rasch in eine
nicht. So was könnte man durch Elternverträ- andere Kultur einfinden, vielleicht sogar zwi-
ge regeln, welche die beiderseitigen und wech- schen verschiedenen Kulturen pendeln und
selseitigen Verpflichtungen ebenso klären wie vermitteln? Sprechen sie andere Fremdspra-
die Folgen von Pflichtverletzungen. Außer- che als die gängigen? Hat jemand in einem der
dem müssen wir die Kooperation zwischen Herkunftsländer von Einwanderern gelebt?
Lehrern, Sozialarbeitern und nötigenfalls Ju-
gendgerichten verbessern. Wie könnte man Entscheider in den Perso-
nalabteilungen der verschiedenen Institutionen
Damit wäre das Problem der ungleichen denn davon überzeugen, dass sie mehr Mitar-
Bildungschancen, das wiederum zu schlech- beiter aus Migrantenfamilien einstellen sollten?

APuZ 46–47/2010 43
Indem man zum Beispiel den Verantwortli- leben, dass er es nur wegen seiner ethnischen
chen in einer Arbeitsagentur nahe bringt, wie Herkunft geschafft hat. Er könnte unter Um-
wertvoll es ist, wenn eine Sachbearbeiterin, ständen weniger gestalten, hätte geringeren
die selbst türkische Wurzeln hat, weiß, wie sie Einfluss, wäre mehr als andere gezwungen,
mit einem türkischen Mann sprechen muss, um Anerkennung und Respekt zu kämpfen.
der zunächst eigentlich nicht will, dass seine Das wäre nicht nur für diesen Menschen ein
Frau erwerbstätig wird. Oder indem man der Problem. Es würde auch die jeweilige Institu-
Leiterin einer öffentlichen Bibliothek erklärt, tion belasten. Hinzu kommt, dass Quoten für
dass sie in ihrer Bücherauswahl der Tatsache Zuwanderer sehr wahrscheinlich auch Neid
gerecht werden muss, dass in ihrem Groß- und Ausländerfeindlichkeit schüren würden.
stadtbezirk mehr als ein Drittel der Bevölke- Diese Konsequenz kann niemand wollen.
rung und bei der Jugend vielleicht schon fast
die Hälfte aus anderen Ländern stammt und Ein Teil Ihrer Argumente gegen die Quote
dass sie ihr Angebot viel besser auf Literatur für Migranten ähnelt den Argumenten gegen
auch aus den Herkunftsländern ausweiten die Frauenquote. Trotzdem hat sie dafür ge-
kann, wenn sie bikulturelle Mitarbeiterin- sorgt, dass endlich mehr Frauen an gute Jobs
nen beschäftigt. Oder indem man Bildungs- und in wichtige Positionen gekommen sind.
ministerien davon überzeugt, dass es sinnvoll
ist, Menschen aus den Hauptherkunftslän- Gucken Sie sich die deutschen Universitä-
dern von Migranten beratend hinzuzuziehen, ten an: Fast nirgendwo steht, dass dort für
wenn sie ihre Lehrpläne erstellen. Das würde bestimmte Institute auf Gedeih und Verderb
etwa das Augenmerk in Geschichte oder Po- eine bestimmte Quote eingehalten werden
litik darauf lenken, wie sehr die jüngste deut- muss. Aber es wird in der Regel festgehalten,
sche Geschichte von Zuwanderung geprägt dass das Geschlechterverhältnis ausgewogen
ist, wie sehr die Migration dieses Land ver- zu sein hat. Solange dies nicht der Fall ist –
ändert hat, dass Migrantenfamilien die Zeit- und es ist überwiegend noch nicht der Fall –
geschichte dieses Landes aber oft auch ganz muss die Gleichstellungsbeauftragte darauf
anders erlebt haben als die Mehrheitsbevölke- achten, dass bei gleich qualifizierten Bewer-
rung. Das wiederum könnte enorm motivie- bern die Frauen vorgezogen werden. Das
rend für die vielen Schüler aus Zuwandererfa- gleiche gilt zum Beispiel für Behinderte. Für
milien sein, denen der Unterrichtsstoff bisher Berufungsverfahren ist das eine ganz wich-
oft den Eindruck vermittelt, es habe sie und tige Regelung, an der man nicht so einfach
ihre Familien in Deutschland gar nicht gege- vorbeikommt. Natürlich wird sie immer wie-
ben, von ein bisschen „Gastarbeitergeschich- der trickreich unterlaufen. Aber seit es diesen
te“ einmal ­abgesehen. Orientierungspunkt gibt, hat sich die Situa-
tion zugunsten der Frauen verbessert. Wenn
Man sollte Entscheidungsträgern in Insti- wir so einen Orientierungspunkt auch für die
tutionen etwas „nahe bringen“, ihnen „et- Einstellung von Menschen mit ausländischen
was erklären“, sie „überzeugen“: Das klingt, Wurzeln hätten, wären wir schon viel weiter.
mit Verlaub, sehr soft. Muss man nicht stärke-
ren Druck entfalten, zum Beispiel über Quo- Und wenn wir die Quote in den Parteien
ten für Einwanderer und ihre Nachfahren? nicht hätten, wäre die deutsche Politik viel
Der öffentliche Dienst etwa könnte sich ver- männlicher als jetzt.
pflichten, einen bestimmten Prozentsatz sei-
ner Stellen an Menschen mit Migrationshin- Sicher, die Frauenquote hat hier zu einem
tergrund zu vergeben. Wandel im Bewusstsein vieler politischer Ent-
scheidungsträger geführt: Sie tun sich heute
Ich bin kein Freund von Quoten oder von nicht mehr so leicht wie früher, mehr Positio-
Maßnahmen, die eine „positive Diskriminie- nen mit Männern als mit Frauen zu besetzen.
rung“ bestimmter Bevölkerungsgruppen be- Niemand würde es auch heute mehr wagen,
deuten. Zu sagen, x oder y bekommt den Job, wie oft noch in den 1970er Jahren, im glei-
weil er ein Migrant ist, ist weder gut für den chen Atemzug von „Minderheiten wie Aus-
Job, noch für den Kandidaten und schon gar ländern, Behinderten und Frauen“ zu reden.
nicht für den sozialen Frieden. Ein Migrant,
der mit Hilfe einer starren Quote in eine Po- Sie haben in den USA gelebt und gearbeitet.
sition gekommen ist, müsste mit dem Stigma Dort tut man sich mit festen Quoten für Migran-

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ten nicht so schwer. Positive Diskriminierung ist in allem aber führt kein Weg daran vorbei, Ent-
dort, anders als hier, kein Schreckgespenst. scheidungsträger davon zu überzeugen, dass
mehr Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln
So einfach ist das nicht: Die Affirmative Ac- einen großen Gewinn für die eigene Behörde,
tion (AA), also die positive Diskriminierung, den eigenen Verband oder Sender darstellen.
hat sich in den USA nur bedingt bewährt: Schon
bald klagte man über die Verletzung der Prin- Wir sprechen über den großen Gewinn für
zipien von Chancengleichheit und Leitungsge- die Institutionen. Muss man nicht genauso fra-
rechtigkeit, über Opferrollen, Opferkonkur- gen, welchen Wert hat die Zusammenarbeit für
renzen und Gruppenrivalitäten, aber auch über Frauen und Männer aus Zuwandererfamilien?
die Entwertung von Karrieren durch ihre Zu-
rückführung auf AA, und schließlich über den Natürlich, man muss sogar noch ein ganzes
Missbrauch von AA als Karrieretreiber durch Stück weitergehen und sagen: In einer Demo-
Leute, die zwar einer benachteiligten Gruppe kratie kann man nicht einer Bevölkerungsgrup-
zugehörten, selber aber gar nicht benachteiligt pe Teilhabe verweigern, indem man es ihr au-
waren. Um solche Fehlentwicklungen zu be- ßerordentlich erschwert, in der Verwaltung, der
grenzen, entstanden eine wuchernde Kontroll- Politik, in Verbänden oder Medien zureichend
bürokratie und ein Beschäftigungsprogramm mitzuwirken. Hier lebende Menschen auslän-
für Juristen und Gerichte. Mittlerweile gibt es discher Herkunft haben ein Recht darauf, diese
in den USA als Folge entsprechender Gerichts- Gesellschaft durch ihre Mitarbeit in den unter-
urteile sehr komplizierte Rahmenbestimmun- schiedlichen Institutionen mitzugestalten.
gen, wie AA aussehen darf und wie nicht. Die
Erfahrungen aus den USA sind mithin nicht so Mal angenommen, es lassen sich nicht
ermutigend, dass man sie in Deutschland wie- g­ enügend Behördenleiter, Parteivorsitzende
derholen müsste. Außerdem gibt es hier doch oder Chefredakteure davon überzeugen, wie
auch ganz praktische Wege, um den Anteil von wichtig es ist, mehr Menschen mit Zuwande-
Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in al- rungsgeschichte einzustellen: Erledigt sich das
len möglichen Institutionen zu erhöhen. Problem nicht irgendwann dadurch, dass den
Deutschen der Nachwuchs ausgeht, dass die
Welche Wege meinen Sie? Zahl der Frauen und Menschen mit ausländi-
schen Wurzeln wächst und es damit nur eine
Polizei, Schulen oder auch Ämter müssten Frage der Zeit ist, bis Entscheidungsträger
nachdrücklicher um Auszubildende und Mit- ihre Hände nach ihnen ausstrecken?
arbeiter mit Migrationshintergrund werben. Es
müsste für diese Menschen viel mehr Schulun- Der Eintritt der geburtenstarken Jahrgän-
gen, Integrationslotsen und Mentorenprogram- ge ins Rentenalter, anhaltend niedrige Ge-
me geben, um die fehlende Förderung in den burtenraten bei der deutschen, höhere bei der
Schulen ein Stück weit auszugleichen, nach- Zuwandererbevölkerung und sinkende Ar-
holende Integrationsförderung nennt man das beitslosenzahlen bei wirtschaftlichem Auf-
heute. Es geht nicht darum, die Standards zu schwung führen zweifelsohne zu einer ge-
senken, sondern darum, sie erreichbar zu ma- wissen Entspannung am Arbeitsmarkt. Heute
chen. Nehmen Sie die Berliner Polizei: Sie weiß, wird vereinzelt schon mit Azubi-Stellen nach
wie wichtig Polizisten aus den unterschiedli- Bewerbern geworfen. Nur auf die Gnade des
chen Einwanderergruppen für den Kontakt mit demografischen Wandels am Arbeitsmarkt zu
Angehörigen dieser Gruppen sind. Also wer- setzen, reicht aber nicht. Institutionen müs-
den junge Migranten eingestellt, die sich für sen die Interkulturalität in der Gesellschaft
den Polizeiberuf interessieren, auch wenn sie begleiten. Dafür muss sich diese Interkultu-
in einigen Bereichen noch Leistungsschwächen ralität in ihren eigenen Reihen widerspiegeln.
haben. Man gibt ihnen die Chance die Schwä- Nur dann können die Institutionen ihre ei-
chen im Verlauf des ersten Jahres auszugleichen gene Zukunft – und damit die der ganzen
und ihren nachgeholten Erfolg in einer Prü- Einwanderungsgesellschaft – adäquat mit-
fung unter Beweis zu stellen. Dann dürfen sie gestalten. Eine zunehmende interkulturelle
im Vorbereitungsdienst bleiben. Auf diese Wei- Ausdifferenzierung im öffentlichen Dienst, in
se gewinnt man durch eine Art Nachqualifi- der Politik, in Verbänden steigert die Fähig-
kation in der Einstiegsphase hoch motiviertes keit, in der Einwanderungsgesellschaft Ent-
Personal, ohne die Standards zu senken. Alles fremdungserfahrungen zu mindern.

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Wie kriegt man diese beiden Bilder zusam- Trotzdem bekommt, wer mit spitzem Fin-
men? Auf der einen Seite Institutionen, die ger auf die Verkehrsunfälle zeigt, immer noch
sich bewusst für Menschen mit ausländischen lauteren Beifall als der, der auf den ruhig flie-
Wurzeln öffnen; auf der anderen Seite eine ßenden Verkehr aufmerksam macht. Genau-
Öffentlichkeit, die in Teilen heftig dem Buch- er: Trotzdem bekommt Thilo Sarrazin von ei-
autor Thilo Sarrazin applaudiert, der Mi- nem Teil der Öffentlichkeit heftigen Beifall.
granten aus Hauptherkunftsländern als exis- Warum fällt es vielen Menschen so schwer zu
tenzielle Gefahr für Deutschland darstellt. akzeptieren, dass die deutsche Gesellschaft
heute eine Einwanderungsgesellschaft ist?
Wenn Thilo Sarrazin sagt: Wir wollen nicht
„Fremde im eigenen Land“ werden, dann hat Die Einwanderungsgesellschaft, in der wir
er die Einwanderungsgesellschaft als Kultur- leben, schließt Zuwandererbevölkerung und
prozess nicht zureichend verstanden. „Fremd Mehrheitsbevölkerung ohne Migrationshin-
im eigenen Land zu werden“ ist die Vorstel- tergrund ein. Weil deren Geburtenraten nach
lung, dass die Minderheit über die Mehrheit wie vor niedriger liegen als die – allerdings
kommt und die Mehrheit anschließend selbst ebenfalls sinkenden – Geburtenraten der Zu-
zur Minderheit wird. Das geht von der fal- wandererbevölkerung, setzt sich der inter­
schen Vorstellung aus, Fremde bleiben immer ethnische Wandel in der Einwanderungsge-
Fremde und Einheimische bleiben immer Ein- sellschaft auch ohne Zuwanderung fort. Die
heimische – ein Gedanke, der jeder kulturhis- Einwanderungsgesellschaft ist also ein sich
torischen Perspektive entbehrt; denn Kultur ständig veränderndes Gebilde, das zwar im-
ist kein Zustand, den man sich wie einen Spie- mer alltäglicher, aber auch immer unüber-
gel an die Wand nageln kann, sondern ein Pro- sichtlicher wird. Das verängstigt viele Men-
zess. Darin findet jede Zeit ihre eigene Form. schen, ältere mehr als jüngere. Das noch
verbreitete Bild von der ethno-national sta-
Ein schöner Satz, aber was bedeutet er ge- tischen Aufnahmegesellschaft, in die sich die
nau? Und wie könnte er jene Bürger beruhi- Hinzukommenden gefälligst einzupassen,
gen, die meinen, die Lage sei so düster, wie in der sie quasi spurlos aufzugehen haben,
Thilo Sarrazin sie malt? ist – ob uns das passt oder nicht – eine reali-
tätsfremde Fiktion. Integration ist ein langer,
Machen wir ein fiktives Experiment und dre- mitunter Generationen übergreifender Kul-
hen wir die deutsche Geschichte um ein hal- tur- und Sozialprozess mit fließenden Gren-
bes Jahrhundert zurück: Könnte man einem zen zur Assimilation, die übrigens als solche
Berliner aus dem Jahr 1960 einen Film aus der überhaupt nichts Schreckliches ist, die man
Berliner U-Bahn oder S-Bahn des Jahres 2010 im Gegensatz zum Bemühen um Integration
zeigen, dann würde er das vielleicht für eine aber nicht einfordern kann.
Fälschung oder für einen Filmbericht aus New
York oder San Francisco halten und sagen: „In Im Laufe der Zeit verändert Einwanderung
einer solchen Zukunft würde ich nicht leben beide Seiten der Einwanderungsgesellschaft,
wollen, da wäre ich ja ein Fremder im eigenen die sich dabei stets weiter ausdifferenziert.
Land!“ Aber wir leben in diesem Deutschland Damit müssen auch die Institutionen der
des Jahres 2010 und wir kommen, glaube ich, Einwanderungsgesellschaft Schritt zu halten
doch ganz gut klar. Ebenso klar ist, dass es suchen. Behörden, Politik, Verbände, Me-
desintegrative Problemzonen und Spannungs- dien: Sie und ihre Aufgaben verändern sich
felder gibt, vor deren Wachstum ich, pardon, zwangsläufig, wenn immer mehr Menschen
viele Jahre vor Thilo Sarrazin immer wieder in diesem Land ausländische Wurzeln haben.
nachdrücklich, aber folgenlos öffentlich ge- Diesen eigenen Veränderungsprozess als all-
warnt habe. Sie erfordern endlich nachdrück- tägliche Herausforderung anzunehmen, ihn
liches Handeln, aber sie bestätigen doch als nicht nur passiv hinzunehmen, sondern im
Ausnahmen nur die Regel der friedvollen In- Rahmen des Möglichen aktiv zu gestalten,
tegration insgesamt. Erfolgreiche Integration das ist eine Kernaufgabe des Lebens in der
bleibt eben meist unauffällig. Auffällig sind die Einwanderungsgesellschaft. Darauf hat auch
sozialen Betriebsunfälle. Aber niemand käme Bundespräsident Christian Wulff in seiner
auf den absurden Gedanken, aus einer Statistik programmatischen Bremer Rede zum 3. Ok-
der Verkehrsunfälle das Geheimnis des ruhig tober 2010 hingewiesen.
fließenden Verkehrs ableiten zu wollen.

46 APuZ 46–47/2010
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Aus der Krise zum zweiten Wirtschaftswunder? ISSN 0479-611 X
Anerkennung, Teilhabe, Integration APuZ 46–47/2010

E. Güvercin · F. Zaimoğlu · M. Asumang · N. Çelik


3–9 „Ein Teil Deutschlands, mit etwas mehr Farbe“
Die Gesellschaft verändert sich. In diesem Beitrag werden Einblicke in die Erfah-
rungs- und Gedankenwelt von drei Persönlichkeiten gegeben, die ein „Deutschsein“
verkörpern, das jenseits der mehrheitlich wahrgenommenen Kategorien liegt.

Naika Foroutan
9–15 Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten
Das „neue Deutschland“ wird sich in der Zukunft nicht mehr durch Herkunft,
Genetik und Abstammungsstrukturen definieren können. Deutschsein wird eine
Chiffre sein für die Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Land.

Dietrich Thränhardt
16–21 Integrationsrealität und Integrationsdiskurs

Sowohl in Deutschland als auch den Niederlanden hatte sich im Umgang mit Ein-
wanderern ein Integrationskonsens entwickelt. Doch wieso ist nach Berichten
über „nachholende Integration“ nun die Rede von Integrationsunwilligkeit?

Hartmut M. Griese · Isabel Sievers


22–28 Bildungs- und Berufsbiografien von Transmigranten

Trotz des konstatierten Fachkräftemangels werden die Kompetenzen von hoch-
qualifizierten Migranten häufig nicht anerkannt. Viele dieser Bildungserfolgrei-
chen wandern in das Land ihrer Vorfahren aus.

Karen Schönwälder
29–35 Einwanderer in Räten und Parlamenten

Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund in den Parlamenten und Rä-
ten steigt an, liegt aber noch weit unter dem Bevölkerungsanteil dieser Gruppe.
Vor allem Türkeistämmige haben politisch verantwortliche Positionen erreicht.

Michael Bommes
36–41 Kommunen: Moderatoren der sozialen Integration?

Den Städten und Gemeinden wird verstärkt eine Schlüsselrolle für die Integration
von Migranten zugewiesen. Sie können nur dann Moderatoren der Integration vor
Ort sein, wenn Bund und Länder die dafür erforderlichen Ressourcen bereit stellen.

Klaus J. Bade · Ferdos Forudastan


42–46 Ein Gespräch zur Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft

Einwanderung verändert eine Gesellschaft. Auch die Institutionen der Einwande-
rungsgesellschaft wie Behörden, Politik, Verbände und Medien müssen sich die-
sem Prozess anpassen. Diesen gilt es, aktiv zu gestalten.