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Marmoriert war er, der Briefumschlag. So wie damals, in den guten Zeiten.

Deshalb hatte ich erst


kaum gewagt, ihn zu öffnen, obwohl ich ja wusste, von wem er kam: Gustav hatte ihn geschickt, dem
war noch nie etwas zu kostspielig, wenn es ihm drauf ankam. Ich meine... Gustav Bachmann, der
Seifenfabrikant – was für ein Zufall, dass ich so jemand im Krieg helfen konnte. Nun ja, mal wieder
ein Zeichen dafür, dass nicht immer alles schlecht ausgehen muss im Leben, so wie es der Nervenarzt
ja immer wieder betont hat. Ich weiß ja auch: Er hat recht. Dennoch fällt es mir alles schwer.

„Lieber Enno“, begann sein Brief, der eine Einladung war, und keine gewöhnliche dazu:

„uns steht erst ... [Markus: Hier Text einkopieren] .... Um Antwort wird gebeten.“

Meine Antwort konnte nur „ja“ lauten, „vielen Dank, ich komme gern.“ Auch wenn ich mir da nicht
so ganz sicher war. Viele junge Leute, Künstler sogar, und hohe Gesellschaft. Zu viele Menschen, die
mir vielleicht die falschen Fragen stellen würden, die Braue heben oder sich abwenden könnten. Zur
Sicherheit stellte ich mir also ein paar neue Visitenkarten zusammen, schon mit dem richtigen
Namen – selbstverständlich! – aber ich schrieb einfach nur „Freier Forscher“ darunter. Vielleicht
würde es ja sogar möglich sein, ein paar Spenden einzuwerben?

Am Silversterabend holte Gustavs Wagen mich ab. Auch seine junge Nichte stieg zu, die Heni, der ich
am Ende des Krieges auch noch helfen konnte. Ein gutes Kind, nun eine junge Frau muss ich sagen.
Und gescheit. Hat Archäologie studiert. Ob sie ahnt, auf was für Dinge sie dabei stoßen kann, wenn
sie an der falschen Stelle gräbt?

Es fiel viel Schnee in dieser Nacht, und als wir vor Gustavs Villa in Spandau ausstiegen, wurden wir
beinahe von einem heranrasenden Geck überfahren, der seinen Sportwagen nicht zügeln konnte. Ein
rechter Hampelmann, wie der da aus dem Automobil hüpfte: Schöne große Augen, blonde Locken,
Fliegermütze, aber zwei Kopf zu klein für das, was er gern wäre. Naja, blutjung. Und reich. Wohl ein
Spross dieser Rotter-Familie. Wie der gleich versuchte, der Henriette schöne Augen zu machen...
Alles kein gutes Omen für das anstehende Fest. Wie würde ich da reinpassen?

Es wurde dann doch bald... sagen wir: interessant. Schon das Haus selbst! Es war nicht
wiederzuerkennen. All die schönen Verzierungen, der Stuck, die Malereien – hinfort! Stattdessen
überall gerade Linien, eine geometrische Tarnkappe hatte das Haus überzogen. Das sollen wohl die
neuen Zeiten sein. Ich fühlte immer mehr, dass mit „das alte Morsche“ vielleicht auch ich gemeint
war mit meinen 48 Jahren.

Drinnen spielte Musik, dieser moderne Dschess, oder wie man das nennt. Gute Getränke überall,
junge, leichtbekleidete Damen, und vor allem: Ein Schauspieler, den ich selbst schon im
Lichtspieltheater gesehen hatte: Dieser Max Landau, der in „Würger der Welt“ einen Wissenschaftler
gespielt hatte, der gegen eine Epidemie kämpft. Der hatte also quasi mich gespielt, potzblitz! Den
wollte ich kennenlernen... Leider funkte mir dieser Rotter-Schnösel dazwischen. Er führte sich affig
auf mit einer Pulle Schampus. Klar, dass so einer dann den teuren Champagner nicht mal selber
öffnen kann und alles nassspritzt. Landau zischte dann ab, mit seiner Begleiterin, einer gewissen
Hanni.

Das gab uns Zeit, eine wirklich bemerkenswerte metallische Büste zu inspizieren. Der Bildhauer
Rudolf Belling stand gleich daneben und lauschten ein wenig seinem Philosophieren über moderne
Materialien, als die Musik wechselte und in ein schwer ertägliches Geklimper überging, ein gewisser
Rex Goldstein knetete die Tasten, weiß Gott, was das nun wieder Neuartiges sein sollte. Sicher war
der auch betrunken. Jedenfalls kam nun der angekündigte Höhepunkt, ein junger Dichter trug ein
paar Verse vor, etwas „Surreales“. Es begann mit irgendetwas nächtlich Düsterem, er sprach von
Aldebaran und großen Flügeln... als mir schwarz vor Augen wurde. In den Getränken musste
irgendetwas drin gewesen sein, vielleicht eine neuartige Droge, die die Reichen und Schönen
nehmen auf ihren Feiern?

Als ich zu mir komme, weiß ich nicht, ob ich träume... Ich sitze auf demselben Sessel wie zuvor, auch
die anderen sind da, aber alles ist anders: Wie im Krieg!!! Oh mein Gott, der Saal erscheint mir nun
wie eine Kasematte an der Westfront. Und es riecht auch so: Das ist der Kalk, mit dem wir die vielen
Leichen notdürftig konserviert haben. Manche der anderen stöhnen, sind im Fieberwahn. Aber das
zählt jetzt nicht. Ich bin mir sicher, dass sie nur eine Halluzination sind. Auch der Geschützdonner, der
dumpf zu uns hinunterdringt. Das sind meine Erinnerungen, die hochkommen. Ich muss ruhig bleiben
und kontrolliert... so hat der Nervenarzt es mir gezeigt. Und ich bleibe auch ruhig. Die Schemen rufen
mich um Hilfe an, es gibt Verletzte... Ja natürlich gibt es Verletzte!! Mensch, Jüngelchen, das ist hier
der Krieg!

Ich gehe los, dem Gestank entgegen, ich muss mich der Sache stellen. Durch ein dunkles Tor, einen
düsteren Gewölbegang hinunter. Doch da, dort liegt einer: Ein Frontsoldat. Aber der ist furchtbar
zerfleischt. Keine Waffe macht so etwas, das muss ein Tier gewesen sein. Ein Monstrum von einem
Tier, ein Bär vielleicht? Aber... hier unten? In dem Moment zucke ich zusammen. Ein schreckliches,
unbeschreibliches Rufen ertönt von vorn aus der Düsternis. Kein Mensch kann eine solche Stimme
haben, aber es gibt auch kein Tier, das einen solch schauerlichen Ruf ausstieße...