Sie sind auf Seite 1von 3

Der Schrei hallte noch in meinen Ohren nach, als ich hinter ihm unerwartet Jazzgeklimper hörte.

Ich
war verwirrt. Was zum Teufel... Wir saßen wieder in Bachmanns modernem Salon, um uns die
Kunstwerke, die Musik, die Kannapees, die Silvesterparty. Verwirrt schauten wir uns an.

Es war jetzt beinahe Mitternacht. Gleich ging der ganze Zinnober los, aber vorher fand ich mich noch
kurz mit Fräulein Heni und dem Rotter-Sohn zusammen, die beide ganz entgeistert wirkten. „Warum
haben Sie dem Mann nicht geholfen“, raunte er mich an. Wie es schien, hatten die beiden den
gleichen wirren Traum gehabt – eine kollektive Halluzination? So etwas soll es in Einzelfällen schon
gegeben haben. Hatten wir ein Nervengas eingeatmet, waren unsere Getränke vergiftet? Auf der
Feier schien alles normal, nur der Poet war nirgends zu sehen, und ebensowenig diese beiden Gäste,
die Nachbarn, von denen der eine in der Halluzination so schwer verletzt war.

Schon zeigte die minimalistische Uhr, die nur aus zwei Zeigern auf nackter Wand bestand, kurz vor
Zwölf. Schon stiegen auf der Terrasse erste Raketen auf, Sektkelche klirrten, Musik spielte .Seltsame
Sterne stehen am Himmel, hinter den Leuchtspuren der Feuerwerkskörper. Mir wird ein wenig
schwindelig, wenn ich sie ansehe. Ich gehe lieber wieder hinein.

Drinnen schaffen wir es irgendwann, meinen Kriegskameraden mit dem zu konfrontieren, was uns
vorher geschehen ist. Gustav Bachmann kann gar nicht verstehen was los ist, aber dann lässt er doch
etwas fallen: Der Nachbar, der wohl schon heim gegangen ist, war ebenfalls in Frankreich an der
Front. Am „Fort Douaumont“ waren sie beide eingesetzt – ob es das Fort aus unserem Wachtraum
ist, in dessen Kasematten wir umherstrauchelten?

Und noch etwas verrät uns Bachmann: Der seltsame Dichter, dessen Poem uns so aus der Bahn
geworfen hatte, heißt Rex Goldstein. Er hat einen Roman geschrieben, „Reise zum Aldebaran“, den
Bachmann gelesen hat. Den jungen Autor hatte er irgendwo kennengelernt, auf einer Lesung, aber
wo war das noch...? Jedenfalls ist er nach der Lesung hier gleich weiter, um noch woanders zu
rezitieren. Wohin, das weiß Bachmann leider auch nicht.

Mir ist noch immer schummerig, aber im Saal steigt leider richtig die Party jetzt. Der Rotter-Junge
heizt die Gäste zu einer Polonaise auf, sogar mich reißen sie ein paar Schritte mit, aber ich löse mich
schnell. Nach sowas war mir noch nie zumute, und jetzt schon gar nicht. Ich will in Gustavs
Bibliothek, nach Goldsteins Roman suchen. Und siehe da: Auf dem Kaffeetisch neben einer
Marmorbank liegt das Werk. Es stellt sich als ein ziemlich schnulziger, fantastischer Liebesroman
heraus, in dem die Hauptperson eine recht banale Enttäuschung in seinem Liebesleben erlebt, nur
um sich danach in eine wunderbare Schönheit aus dem Weltall zu verlieben. Nun ja.... Hirngespinste
– wer soll sowas lesen? Interessanter wird es, als das Paar ein geflügeltes Tier von den Sternen
herabbeschwört, um ins ferne Weltall zu entfliehen.

Ich bin noch in das Buch versunken, als Fräulein Heni und der Rotter-Sohn dazustoßen... und da
geschieht es schon wieder! Nochmals sind wir halluzinierend gefangen in den Kasematten des alten
Forts! Alles kommt wieder, das Kriegsdonnern, auch das Kriegszittern von Gustavs altem
Kameraden.. es überwältigt ihn. Diesmal spreche ich mit ihm, und ja: Schlotternd räumt er ein,
damals hier gewesen zu sein... das Fort der Franzosen war plötzlich leer, etwas Schreckliches war
geschehen.

Auch wir hören etwas Schreckliches. Den unirdischen Schrei! Dann ein schlurfendes Geräusch, wie
Lederlappen auf bröseligem Untergrund. Wir fliehen in die Gänge! Der tote Soldat – er trägt das
Zeichen von Fort Douaumont, was ist das für ein Irrsinn? Wir lassen Barrieren hinter uns und wollen
einen alten Geschützturm erklimmen, doch während ich unseren Rücken sichere, versagen die
beiden Zivilisten und verletzen sich am rostigen Eisen der Konstruktion. Das Tor nach draußen, das
schwere Eisentor , ist verschlossen, die Mechanismen verbogen. Da, da ist das Schlurfen wieder!!!
Wir klettern, wir kriechen, gewundene Gänge, ein Hochsitz, der über völlig zerbombte Landschaft
blicken lässt, aber wir finden weder Ausgang noch Schutz. Ein Brüllen, ein Brechen, das Wesen hat
die Barriere durchbrochen, es kommt auf uns zu, wir verstecken uns in einem fensterlosen
Lagerraum, doch es hat uns gerochen, sein pestilenter Atem trifft uns schon, ich hebe den
Flammenwerfer des toten Soldaten, ziele auf das Zentrum des geflügelten Schattens, und höre nur
ein trockenes Klicken...

...als wir unvermittelt wieder auf Bachmanns Fête stehen, schweißüberströmt, am Rande des
Nervenzusammenbruchs. Wild gestikulierend wirken wir auf Bachmann ein, ja beschimpfen ihn fast,
meinen alten Kameraden, doch er scheint nichts zu wissen, nicht einmal genau, wer dieser Goldstein
ist. Wir zetern, und wollen die „Party“ verlassen. Doch draußen tobt jetzt ein Schneesturm, obwohl
wir vorhin noch einen klaren Himmel gesehen hatten. Der Rotter-Bengel will erst trotzdem Schlitten
fahren, sieht dann aber doch ein, dass das zu gefährlich ist, zumal er schwer angetrunken wirkt. Auch
Gustav will uns nicht wegchauffieren lassen, mit Blick auf die Gefahren im Schneetreiben.

Also müssen wir uns dem Wahnsinn stellen. Für mich ist das ja nicht das erste Mal. Bei Gott nicht.
Ha! Gott?!? Welcher Gott? Wenn du jemals da warst – mich hast du längst verlassen. Aber nein,
Kapitzke gibt nicht so schnell klein bei... Nur weil ihr mich aus der Ärzteschaft ausgeschlossen habt,
bin ich noch lange keiner, der aufgibt... und auch damals auf dem Friedhof hab ich nicht aufgegeben,
und auch in Fräulein Dörners Sanatorium nicht, wo es den armen Hermann Siemens erwischt hat.
Selbst diese Faschisten-Schergen in Düsseldorf, oder diese verdammten Indios mit dem Goldstab und
dem irren Loch im Boden. Ha! Kapitzke lebt noch immer! Und weiß so langsam Dinge über dieses
Universum, von denen diese ganzen Anfänger keinen Schimmer haben... auf in die Bibliothek!

„Fort Douaumont“... gemeinsam finden wir Artikel dazu: Ein stark bewehrtes Grenzfort an der
Westfront, voller Franzosen, unter dauerndem Beschuss, aber uneinnehmbar. Februar 1916: eine
kleine deutsche Truppe wird versprengt, landet wie durch ein Wunder vor den Toren der Feste.
Niemand nimmt sie unter Beschuss! Wie benommen stürmen die Deutschen die Festung (waren
Gustav und sein Nachbar wohl dabei?). Und siehe da: Die Festung ist menschenleer. 800 Tote soll es
gegeben haben, rätselhafte Explosionen, große Einsätze von Flammenwerfern, wird man später
lesen. Was aber genau dahinter steckte, wurde nie herausgefunden...

Wir sind der Lösung näher! Aber, das weiß ich jetzt, ganz manisch schon, muss das Entscheindende
für unsere Befreiung in dem Aldebaran-Büchlein stehen... Und wirklich, da steht es, in dem kleinen
Machwerk versteckt. Keine großen Formeln auf Latein, wie in dem alten Folianten, aber im Lauftext
versteckt. Der Autor verweist auf ein anderes Buch (ein Zauberbuch?!?): „Die Celaeno-Fragmente“...
da gibt es einen Gesang: „Rufe das Reittier von den Sternen“... und auch, wie man dieses wieder
fortschickt zu den Sternen steht dort beschrieben. Das muss es sein! Den anderen kann ich das aber
nicht offenbaren, noch nicht, nicht ganz.

Da geschieht es schon wieder, wie erwartet, diesmal erwartet, ja: Wir sind wieder in den
Kasematten, Geschützdonner dröhnt und lässt das Gemäuer erzittern. Diesmal aber weiß ich, was wir
brauchen, um uns zu befreien aus diesem Wachalptraum: Wir müssen zum alten Flakturm, rufe ich
den anderen zu. Einen Sack Kalk greifen wir auch, den brauchen wir für einen Schutzzirkel. Haha,
magischer Zirkel, was hätte ich gelacht, noch vor zwei Jahren... jetzt aber weiß ich, dass es die
grausame Realität ist. Und: Meine Mitstreiter, im Angesicht des Wahnsinns, ja sie glauben mir! Also
auf! Bald schon passieren wir die altbekannte Barriere, niedergerissen wie von einem Traktor. Das
Ungetüm war hier!

Mit letzer Kraft erklimmen wir den Flak-Turm. Wie kriegen wir die Verletzten hinauf? Beinahe
scheitert alles, als das Ungetüm herangeschlurft kommt, langsam aber sicher aus der Dunkelheit.
Erwischt es den Rotter-Sohn? Fast! Dann sind alle oben, zerschunden aber vorerst sicher. Schon
beginnt das Biest, mit seinem riesigen Schnabel das rostige Metall unter uns zu zerschlagen. Haben
wir Blick auf den Stern Aldebaran? Ja! Über uns gleißt sein fahles Licht. Wie besessen nehme ich das
Buch und intoniere den Gesang, der uns retten soll. Doch es will nicht gelingen, meine Stimme bricht,
eine kalte Hand fasst mein Herz, kann es denn sein, dass Kapitzke im entscheidenden Moment doch
zu schwach ist? Der Rotter muss es richten, während die Heni den Kreis bewacht, der darf keine
Lücken bekommen... und tanzen muss sie, tanzen! Der Rotterbengel will nicht, er jammert, wir
werden alle verrecken, ich höre Eisen knirschen und Streben brechen. Verdammt nochmal , Kapitzke
gibt nicht auf, nimm das, du Muttersohn, ich gebe ihm eine mit, dann noch eine, und schreie ihn an:
Lies das jetzt laut vor, spiel, Schauspielerchen, spiel um dein Leben, sonst ist es aus, ausssss!!! Mit
uns allen! Er weint, er zittert, doch ich greife ihn fest, den Kleinen, und dann beginnt das Vögelchen
zu singen, und siehe da: Es hat eine liebliche Stimme!

(Hier Text des Gesangs einfügen=)

Tränen stehen uns in den Augen, die Gelenke schmerzen, die Glieder zittern, als wir sehen, dass das
Wunder geschieht: Das geflügelte Ungetüm zwängt sich durch die Streben, lässt uns und den
Schutzkreis links liegen, und breitet seine ledrigen Schwingen aus... flapp, flapp macht es, ein
Pesthauch weht zu uns herüber, und halb betäubt sehen wir schwarze Flügel vor unendlich weiten
Sternen schwingen.... Wir sind gerettet.