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Mit dem Kohärenz-Training Herz und Vernunft in Einklang bringen

Der Zustand unseres Herzens beeinflusst ständig unser Gehirn. Manche sprechen von einem
untrennbaren Herz-Hirn-System.
Schon 1890 schrieb der Harvard-Professor William James, dass ein Gefühl vor allem ein
körperlicher Zustand und erst dann eine Wahrnehmung im Gehirn sei. Wie sagt doch der
„Volksmund“ so treffend: „Mir steckt die Angst in den Knochen“; „es ist mir leicht ums Herz“; „mir
läuft die Galle über“ „er nimmt sich alles zu Herzen“ und vieles mehr.
Die Beziehung zwischen dem emotionalen Gehirn und dem „kleinen Gehirn“ des Herzens
ist einer der Schlüssel zur emotionalen Intelligenz.
Wenn wir – im buchstäblichen Sinn – lernen, unser Herz unter Kontrolle zu bringen, lernen wir,
unser emotionales Gehirn zu zähmen und umgekehrt.
Das Herz nimmt zwar den Einfluss des vegetativen Nervensystems hin, schickt aber selber
auch Nervenfasern zum emotionalen Gehirn zurück, um dessen Aktivität zu kontrollieren. Wenn
also das Herz aus den Fugen gerät, reisst es das emotionale Gehirn mit.
Verschiedene Untersuchungen ergaben, dass negative Gefühle – Zorn, Angst, Traurigkeit und
sogar alltägliche Sorgen – starke Pulsschwankungen auslösen und unseren Körper ins Chaos
stürzen. Umgekehrt ist auch erwiesen, dass positive Gefühle wie Freude, Dankbarkeit und vor
allem Liebe das Wohlbefinden (= Zustand der Kohärenz) innerhalb weniger Sekunden fördern.
Die chaotischen Phasen - im Extremfall mehrmals täglich im Fall von Mobbing und
Beziehungsproblemen - bedeuten einen erheblichen Energieverlust.
Der Zustand der Kohärenz beeinflusst auch die andern physiologischen Rhythmen. Vor allem
die natürlichen Schwankungen des Blutdrucks und der Atmung gleichen sich rasch der
Kohärenz an und alle drei Systeme stimmen sich aufeinander ab, was gleichbedeutend ist mit
einer Energieeinsparung.
Der Umgang mit Stress
Chronischer Stress führt zu Angstgefühlen und Depression. Er hat, wie man weiss, auch
negative Auswirkungen auf den Körper: Schlaflosigkeit, faltige Haut, Bluthochdruck,
Herzklopfen, Rückenschmerzen, Hautprobleme, Verdauungsschwierigkeiten, Anfälligkeit für
Infektionen, Unfruchtbarkeit und Impotenz.
Schliesslich beeinträchtigt er auch die sozialen Beziehungen und die beruflichen Leistungen:
Reizbarkeit, Verlust der Fähigkeit, andern zuzuhören, Nachlassen der Konzentration, Rückzug
auf sich selber und Fehlen von Teamgeist – all diese Symptome sind charakteristisch für eine
Überforderung, die ebenso aus Arbeit wie aus dem Gefühl resultieren kann, in einer
festgefahrenen Beziehung zu stecken. Beides kostet uns viel Energie. In einer solchen Situation
ist die gängigste Reaktion, sich auf die äussern Gegebenheiten zu konzentrieren.
Man sagt sich: „Wenn ich nur meine Situation ändern könnte, hätte ich einen viel klareren Kopf
und es ginge mir auch körperlich besser.“ Gleichzeitig beissen wir die Zähne zusammen, warten
auf das nächste Wochenende oder die Ferien und träumen von der besseren Zeit „danach“.
Alles wird in Ordnung kommen, „wenn ich erst mal die Schule abgeschlossen habe … wenn ich
eine andere Stelle habe … wenn die Kinder aus dem Haus sind … wenn ich meinen Mann
verlasse … wenn ich erst einmal in Pension bin“ und so weiter.
Aus Studien über die positive Wirkung von Kohärenz lässt sich der Schluss ziehen, dass man
das Problem von der andern Seite her angehen muss:
Statt ständig zu versuchen, ideale äussere Bedingungen herzustellen, sollte man sich darauf
konzentrieren, das Innenleben unter Kontrolle zu bringen: unseren Körper.
Wenn wir das physiologische Chaos bändigen und uns um eine möglichst grosse Kohärenz
bemühen, fühlen wir uns automatisch wohler. Die Beziehung zu andern, Konzentration, Leistung
und deren Ergebnisse werden besser. Mit einem Mal sind die günstigen Umstände, hinter
denen man ständig herläuft, von selber da. Eine sekundäre positive Auswirkung der Kohärenz
ist, dass das, was aus der Aussenwelt kommt, keinen massiven Einfluss mehr auf uns ausübt,
sobald wir unser Innenleben unter Kontrolle haben.
Kohärenz ist kein Zustand der Entspannung im herkömmlichen Sinn des Wortes. Sie erfordert
keine Absonderung von der Welt und auch keineswegs, dass um uns herum alles reglos, ja,
nicht einmal, dass es ruhig ist. Es ist lernbar, die Kohärenz auch im Alltag zu leben.
Die praktische Ausführung des Kohärenztrainings
1. Schritt: Aufmerksamkeit nach innen lenken. Am besten indem wir bewusst ganz langsam und tief
ein- und ausatmen. Es ist verstärkend wenn wir ganz bewusst bis zum Ende des Ausatmens
gehen und einige Sekunden Pause einlegen vor dem nächsten Einatmen.
2. Die Atmung bleibt tief und entspannt, die Aufmerksamkeit richtet sich aber jetzt auf die
Herzgegend. Am besten stellen wir uns vor, dass wir durch das Herz atmen, wobei wir uns
ausmalen, wie das Einatmen den für den ganzen Körper wichtigen Sauerstoff liefert, während das
Ausatmen alle überflüssigen Abbaustoffe „wegbläst“. Wir verfolgen ganz bewusst die langsamen,
fliessenden Bewegungen des Ein- und Ausatmens, mit denen das Herz sich in diesem Bad
frischer, reinigender Luft „wäscht“. Wie es dieses Geschenk, das wir ihm mit dem Atem machen,
nutzt. Wir stellen uns das Herz als kleines Kind in einer Badewanne mit warmem Wasser vor, in
dem es hin und her paddelt und voller Vergnügen herum planscht ohne jegliche Zwänge und
Verpflichtungen.
3. Beim dritten Schritt machen wir uns mit der Empfindung von Wärme und Ausdehnung vertraut,
die unseren Brustraum ausfüllt und begleiten und unterstützen sie in Gedanken und mit dem
Atem. Zusätzlich unterstützend wirkt dabei, wenn wir ein Bild, das uns ein Gefühl von Dankbarkeit
und Liebe vermittelt, in Gedanken in den Raum unserer Brust stellen:

Das Herz ist sehr empfänglich für Dankbarkeit, für jedes Gefühl von Liebe, sei es für ein Wesen,
einen Gegenstand, sogar für die Vorstellung von einem wohlwollenden Universum. Vielen
Menschen genügt es, sich das Gesicht eines geliebten Kindes, das einen wiederliebt, oder auch
den Anblick eines vertrauten Tieres vorzustellen. Für andere ist es eine friedvolle Szene in der
Natur, die mit innerer Dankbarkeit einhergeht. Daneben gibt es auch Menschen, bei denen die
Erinnerung an das Glücksgefühl beim Ausüben einer bestimmten Tätigkeit Dankbarkeit auslöst.

Während dieser Übung bemerkt man oft, wie langsam ein Lächeln aufkommt, als wäre es in der
Brust entstanden und auf dem Gesicht erblüht.
Schon die Erinnerung an ein angenehmes Gefühl oder auch nur eine gedachte Szene genügen,
um sehr schnell einen Übergang zu Kohärenz zu schaffen. Das wirkt sich rasch auf das
emotionale Gehirn aus, dem diese Stabilität signalisiert, dass physiologisch alles in Ordnung ist.
Darauf verstärkt es die Kohärenz des Herzschlags noch zusätzlich.
Dieses Wechselspiel führt zu einer positiven Rückkoppelung, mit der sich nach einigem Üben
der Zustand maximaler Kohärenz dreissig Minuten oder noch länger aufrechterhalten lässt.
Sobald dieser ideale Gleichgewichtszustand (zwischen den beiden autonomen Nervenbahnen)
erreicht ist, sind wir bestens darauf vorbereitet, uns allen Eventualitäten zu stellen. Wir können
dann gleichzeitig sowohl auf die Weisheit des emotionalen Gehirns – seine „Intuition“ –
zugreifen als auch auf die Funktion der Reflexion, der abstrakten Überlegung und der Planung
des kognitiven Gehirns.
Je intensiver wir diese Technik üben, desto leichter finden wir zu Kohärenz. Sind wir erst mal mit
dieser inneren Verfassung vertraut, so sind wir im Stande, gewissermassen unmittelbar mit dem
eigenen Herzen zu kommunizieren. Wir können dem Herzen in diesem Zustand Fragen stellen
und aufmerksam darauf achten, wie das Herz reagiert. „Ja“ zeigt sich mit einer zusätzlichen
Welle innerer Wärme. Dies muss nicht zwangsläufig die richtige Antwort sein, da wir in einem
dynamischen Prozess drin sind. Trotzdem bietet sich das Herz bei diesem inneren Dialog als
Brücke zu unserem „Bauch-Ich“ an, als Dolmetscher für das emotionale Gehirn, das plötzlich für
eine nahezu unmittelbare Kommunikation offen steht.
Das Praktizieren von Kohärenz begegnet dem Stress sowohl auf der körperlichen als auch auf
der emotionalen und sozialen Ebene.

Zusammengefasst von Peter Gugger, natürliche Therapien, 3647 Reutigen


Aus: Die Neue Medizin der Emotionen, David Servan-Schreiber, Goldmann Tb