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Grundrisse des Rechts

Kriminologie
von
Prof. Dr. Bernd-Dieter Meier

4., neu bearbeitete Auflage

Kriminologie – Meier
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Thematische Gliederung:
Kriminologie. Rechtsmedizin

Verlag C.H. Beck München 2010

Verlag C.H. Beck im Internet:


www.beck.de
ISBN 978 3 406 60558 1

Inhaltsverzeichnis: Kriminologie – Meier


IV. Auswertung der erhobenen Daten 107

Kontakte, die er zu anderen delinquenten Jugendlichen, und die Erfahrungen,


die er bereits mit den Strafverfolgungsorganen gesammelt hat (s. o. § 3 Rn. 66,
80 f., 92 ff.).
Zur Prüfung der mehrdimensionalen Zusammenhänge stehen zahl- 45
reiche multivariate Verfahren zur Verfügung, z. B. die Regressions-,
die Diskriminanz- oder die Faktorenanalyse. Hier gilt es in besonde-
rer Weise, auf die Anwendungsvoraussetzungen für die einzelnen
Analyseverfahren zu achten. Auf die Einzelheiten mehrdimensionaler
Testverfahren kann hier wiederum nicht näher eingegangen werden;
auch insoweit muss auf die Lehrbücher der Statistik verwiesen wer-
den.23

3. Metaanalysen

Zu bestimmten Fragestellungen wird in der Regel nicht nur eine 45a


einzige Untersuchung erstellt, die sämtliche interessierenden Fragen
abschließend beantwortet, sondern es werden mehrere Untersuchun-
gen durchgeführt, die sich in ihrer Fragestellung und methodischen
Anlage möglicherweise leicht unterscheiden und in ihren Ergebnissen
zuweilen auch kein konsistentes Bild vermitteln. Um sich in diesen
Fällen dennoch vom Forschungsstand einen zuverlässigen Eindruck
zu verschaffen, können Metaanalysen durchgeführt werden. Bei einer
Metaanalyse werden nicht die für die Forschungsfrage unmittelbar
relevanten Daten auf der Objektebene (z. B. die psychosozialen Be-
lastungsfaktoren von Schülern und ihr Zusammenhang mit Delin-
quenz), sondern die zu der betreffenden Frage erstellten Studien als
Untersuchungsgut genommen und nach den für eine quantitative
Untersuchung geltenden Prinzipien ausgewertet. Eine Metaanalyse
ist mithin eine Auswertung bereits vorliegender Primärstudien auf ei-
ner übergeordneten (Meta-) Ebene, die mit dem Ziel erfolgt, ein sta-
tistisch gesichertes, „objektives“ Bild vom jeweiligen Forschungs-
stand zu erhalten. Bei einer Metaanalyse müssen sämtliche zu der
betreffenden Frage vorliegenden Studien erfasst werden. Die jeweili-
gen Untersuchungsergebnisse sowie die zur Beschreibung der metho-
dischen Anlage der jeweiligen Studie notwendigen Merkmale (z. B.
Untersuchungsdesign, Operationalisierung der Variablen, Stichpro-
bengröße) bilden in der Metaanalyse den Datensatz.24 In Metaanaly-

23 Backhaus/Erichson/Plinke/Weiber 2008; Bortz 2005, 439 ff.; Schnell/Hill/Esser 2008,


454 ff.
24 Sedlmeier/Renkewitz 2008, 662 ff.; Schnell/Hill/Esser 2008, 467 f.; Bortz/Döring
2006, 672 ff.
108 § 4. Kriminologische Forschungsmethoden

sen können auch die für die Überprüfung der Wirksamkeit von Maß-
nahmen ermittelten Effektgrößen miteinander verglichen werden.
Die Qualität der Ergebnisse ist freilich in allen Fällen von der Güte
der zugrunde liegenden Primärstudien abhängig.

4. Qualitative Datenanalyse

45b Während die statistische Datenauswertung das Kennzeichen des


quantitativen Forschungsprozesses ist, wird das erhobene Material
beim qualitativen Vorgehen sinnverstehend interpretiert. Um bei der
Interpretation regelgeleitet und intersubjektiv überprüfbar vorgehen
zu können, werden die durchgeführten Befragungen und Beobach-
tungen zunächst verschriftlicht (transkribiert). Die Auswertung des
hierdurch entstehenden meist sehr umfangreichen Textmaterials
kann durch spezielle Computerprogramme unterstützt und erleich-
tert werden.
45c Für das Vorgehen bei der qualitativen Datenanalyse gibt es ver-
schiedene Techniken, unter denen die Auswahl entsprechend der Fra-
gestellung und Zielsetzung der jeweiligen Untersuchung erfolgt. Vor
allem zwei Strategien werden in der Forschungspraxis häufig ange-
wandt: die qualitative Inhaltsanalyse, die darauf abzielt, das Textma-
terial auf seine wesentlichen Strukturen zu reduzieren, um hierdurch
zu allgemeinen Aussagen über den untersuchten Forschungsgegen-
stand zu gelangen, und die gegenstandsbegründete Theoriebildung,
die den umgekehrten Weg geht und nicht auf die Reduzierung des
Textmaterials, sondern auf die Zuordnung von Begriffen und Codes,
das Herausarbeiten von Beziehungen zwischen ihnen und die hieraus
folgende Formulierung von Kategorien und Theorien abzielt.25
Wesentliche Schritte bei der qualitativen Inhaltsanalyse sind die Zusammen-
fassung, die Explikation und die Strukturierung. Bei der Zusammenfassung
geht es um die Reduzierung des Materials mit dem Ziel, hierdurch zu Aussa-
gen auf höheren Abstraktionsebenen zu gelangen. Die Explikation verfolgt
das Ziel, unklare und interpretationsbedürftige Textstellen durch die Berück-
sichtigung ihres Kontextes verständlich zu machen. Mit Strukturierung ist ge-
meint, dass das Material unter inhaltlichen Gesichtspunkten geordnet wird,
dass Kategorien gebildet werden und sich hieraus die Struktur des Textes er-
schließt.26 Die gegenstandsbegründete Theoriebildung, die auch als „grounded
theory“-Ansatz bezeichnet wird, geht davon aus, dass die zu entwickelnden
Kategorien und Theorien in dem erhobenen Material verankert („grounded“),

25 Flick 2009, 386 ff.; Bortz/Döring 2006, 328 ff.; Seipel/Rieker 2003, 189 ff.
26 Mayring 2008, 56 ff.
V. Theoretische Schlussfolgerungen 109

aber nicht sichtbar sind, sondern durch Codierung erst herausgearbeitet wer-
den müssen. Die im Textmaterial enthaltenen Aussagen werden in ihre Sinn-
einheiten zergliedert (segmentiert) und mit abstrakteren Begriffen, den Codes,
belegt. Die Codes werden dann untereinander verglichen und ausdifferenziert,
auf das Textmaterial zurückbezogen und auf erkennbare Strukturen hin ausge-
wertet. Aus der zunehmenden Abstrahierung der Begriffe erwachsen neue
Einsichten und Theorien.27
Beispiel: In der erwähnten Studie über junge rechte Gewaltstraftäter (s. o.
Rn. 34a) wurden die durchgeführten Interviews mit einer qualitativen Inhalts-
analyse ausgewertet. Bei der Strukturierung des Materials erfolgte die erste
Orientierung anhand zeitlicher Abläufe und der Zuordnung einzelner Text-
passagen zu den verschiedenen Sozialisationsinstanzen. Hiervon ausgehend
wurden weitere Kategorien und Subkategorien gebildet, die sich auf Personen,
Themen und Einstellungen bezogen und zu denen Paraphrasen und Zusam-
menfassungen gefertigt wurden, die jeweils aus den einzelnen Interviews abge-
leitet wurden. Auf diese Weise konnten die individuellen Biographien mit
Blick auf die untersuchte Fragestellung auf sehr hohem Abstraktionsniveau
zusammengefasst werden. Durch den Vergleich individueller Entwicklungs-
verläufe mit den Biographien anderer Gewalttäter und die Beobachtung von
Gemeinsamkeiten und Unterschieden konnte schließlich festgestellt werden,
dass es für die Entwicklung von Gewaltbereitschaft und rechtsextremen Ein-
stellungen mehrere typische Verlaufsmuster gibt, an die mit präventiven Über-
legungen angeknüpft werden kann.28

V. Theoretische Schlussfolgerungen

An die Auswertung der Ergebnisse schließen sich in den meisten 46


Untersuchungen theoretische Schlussfolgerungen an, deren Inhalt
und Charakter je nach der Art der Untersuchung variiert. Allgemein
kann man sagen, dass in diesem Stadium des Forschungsprozesses
der Geltungsbereich der gewonnenen Aussagen abgesteckt wird,
dass die Ergebnisse eventuell verallgemeinert oder in einen Zusam-
menhang mit einer bereits bestehenden Theorie gestellt werden. Kri-
minologische Arbeiten schließen oft damit ab, dass sie die rechtspo-
litischen Konsequenzen der Untersuchungsergebnisse diskutieren.
Lässt sich etwa in einer empirischen Untersuchung ein Zusammen-
hang zwischen dem Stadtteil und der Kriminalitätsbelastung herstel-
len, so können sich hieraus Konsequenzen für Veränderungen in dem
höher belasteten Stadtteil ergeben (z. B. Maßnahmen der kommuna-
len Kriminalitätsprävention; s. u. § 10 Rn. 18 ff.). Die kriminalpoliti-

27 Flick 2009, 387 ff.


28 Krüger 2008, 70 ff.
110 § 4. Kriminologische Forschungsmethoden

schen Überlegungen müssen sich dabei aus den empirischen Befun-


den ableiten lassen; sie unterliegen in weitergehendem Maß der Kon-
trolle und Kritik als die empirischen Ergebnisse der Untersuchung.
Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre: Bortz/Döring, Forschungsme-
thoden und Evaluation, 4. Aufl., 2006; Diekmann, Empirische Sozialfor-
schung, 20. Aufl. 2009; Flick, Qualitative Sozialforschung, 2. Aufl., 2009;
Schnell/Hill/Esser, Methoden der empirischen Sozialforschung, 8. Aufl., 2008;
Walter/Brand/Wolke, Einführung in kriminologisch-empirisches Denken und
Arbeiten, 2009.
§ 5. Umfang, Struktur und Entwicklung der
registrierten Kriminalität

I. Kriminalität als Gegenstand des öffentlichen


Interesses

Aus dem breiten Spektrum der kriminologischen Themenfelder 1


stößt kaum ein Einzelthema auf so starkes Interesse der Öffentlich-
keit wie die Frage nach Umfang, Struktur und Entwicklung der Kri-
minalität. Wie viele Straftaten begangen werden, um welche Delikte
es sich dabei im einzelnen handelt und welche Veränderungen sich
über die Jahre hinweg feststellen lassen, sind Fragen, die nicht nur in-
nerhalb der Kriminologie diskutiert werden, sondern mit denen sich
auch die Öffentlichkeit immer wieder auseinandersetzt.
Erklärlich wird das Interesse der Öffentlichkeit an den kriminologischen 2
Fragen, wenn man sich den Zusammenhang mit dem Politikfeld der inneren
Sicherheit vergegenwärtigt. Kriminalität ist nicht nur der Sammelbegriff für
ein Verhalten, das um der Gerechtigkeit und Besserung des Täters willen von
der Polizei aufgeklärt und von der Justiz verfolgt und sanktioniert wird. Kri-
minalität ist auch ein sozialer Tatbestand, der für die Gesellschaft einen Zu-
stand von Unsicherheit signalisiert. Kriminalität bedeutet, dass Schäden ange-
richtet und Menschen verletzt, abstrakter: dass (straf-) rechtlich geschützte
Werte und Interessen (Rechtsgüter) gefährdet oder beeinträchtigt werden.
Wenn man davon ausgeht, dass der Staat die Aufgabe hat, die innere Sicherheit
zu gewährleisten,1 dann lassen sich das Auftreten und die Verbreitung von
Kriminalität auch als Anzeichen dafür interpretieren, dass der Staat diese
Schutzaufgabe nur unzureichend erfüllt. Umfang, Struktur und Entwicklung
von Kriminalität erscheinen als Indikatoren für ein Versagen der staatlichen
Organe und werden zu Gegenständen der politischen Auseinandersetzung.
Die Wahrnehmung und Bewertung von Kriminalität ist das Ergeb- 2a
nis individuell und institutionell unterschiedlicher Konstruktionspro-
zesse. Die Perspektive von Tätern ist dabei typischerweise eine an-
dere als die von Opfern, und beide unterscheiden sich nicht selten
von der strafrechtlichen Bewertung durch Polizei und Justiz (s. o.
§ 1 Rn. 23 ff.). Auch die Medien spielen in diesem Prozess eine bedeu-
tende Rolle, da die meisten von uns ihr Wissen über Kriminalität und

1 Zur Herleitung und den Grenzen dieser Staatsaufgabe genauer Gusy 2009, 35 ff.
112 § 5. Umfang, Struktur, Entwicklung der registrierten Kriminologie

Strafe nicht aus eigener Erfahrung, sondern aus der Presse oder dem
Fernsehen beziehen.2
2b Die Art und Weise, in der in den Medien über Kriminalität berichtet wird,
ist in vielfacher Weise verzerrt. Auch wenn die Taten, über die berichtet wird,
tatsächlich stattgefunden haben, liefert die massenmediale Berichterstattung in
der Regel doch keinen getreuen Spiegel der Verbrechenswirklichkeit, sondern
versucht, durch die Art der Themenauswahl und eine besondere Aufmachung
die Aufmerksamkeit der Adressaten auf sich zu ziehen.3 Nachrichtenwert ha-
ben nur solche Ereignisse, die sich aus der Masse der gewöhnlich vorkomm-
enden Alltagsfälle in irgendeiner Weise abheben, sei es, dass sie durch eine er-
hebliche Schwere der Tat („sex sells“), durch Dramatik, Kuriosität, Prominenz
eines Beteiligten oder durch sonstige skandalträchtige Einzelheiten gekenn-
zeichnet sind; Bilder, Reportagen und Exklusivinterviews personalisieren den
Vorgang und erwecken den Eindruck von Authentizität. Konsequenz ist, dass
wir gelegentlich glauben, die Welt sei so, wie sie sich in den Medien darstellt,
und nicht so, wie sie sich aus anderen Perspektiven, z. B. aus den Ergebnissen
von Täter- und Opferbefragungen oder den Statistiken von Polizei und Justiz
erschließt. Kriminologen sprechen insoweit von „subjektiver“ oder „gefühl-
ter“ Kriminalität im Unterschied zur „objektiven“ Kriminalität, die sich aus
anderen Quellen, namentlich der Perspektive der Polizei ergibt.4
Die Diskrepanz, die hier im Einzelfall zwischen dem auftreten kann, was
wir aufgrund der Medienberichterstattung glauben, und dem, was z. B. von
der Polizei festgestellt wird, ist in einer Untersuchung des KFN herausgear-
beitet worden: Während die polizeilich registrierte Kriminalität im Zeitraum
1993 bis 2003 zurückgegangen war (s. u. Rn. 48), äußerte eine repräsentative
Stichprobe von Befragten die Vermutung, die Zahl der Straftaten sei gestiegen.
Besonders deutlich war die Überschätzung der Kriminalitätsbelastung für die
Deliktskategorie des Sexualmords, also eines Ereignisses, über das in den Me-
dien meist ausführlich berichtet wird. Die Befragten nahmen an, die Zahl der
Sexualmorde habe im Durchschnitt um 260 % zugenommen, während sie aus
der Sicht der Polizei tatsächlich um 37,5 % zurückgegangen war.5
2c Lässt man die besondere Form der „Medienkriminalität“ außer Be-
tracht, da sie in ihrer kriminologischen Bedeutung bislang erst wenig
erforscht ist, gibt es für den empirischen Zugang zum Themenfeld
Kriminalität zwei Ansatzpunkte, die wegen ihrer unterschiedlichen
Aussagekraft auseinander zu halten sind. Zum einen lässt sich an die
Erfahrungen anknüpfen, die aufgrund eigener (also nicht medial ver-
mittelter) Wahrnehmung mit Kriminalität gemacht werden, wobei
sich weiter danach differenzieren lässt, ob es sich um Erfahrungen
mit der eigenen Begehung von Straftaten, um Opfererfahrungen

2 Vgl. Kania, in: Walter/Kania/H.-J. Albrecht 2004, 137 ff.; Walter 2005, 352 ff.
3 Frehsee, in: BMJ 2000, 25 ff.; Friedrichsen, in: Walter/Kania/H.-J. Albrecht 2004,
199 ff.; Walter 2005, 346 ff.
4 Meier, in: Steinberg 2008, 84 ff.
5 Pfeiffer/Windzio/Kleimann MschKrim 87 (2004), 417 ff.
II. Kriminalstatistiken und ihre Aussagekraft 113

oder um sonstige Formen der eigenen Wahrnehmung (z. B. von Tat-


zeugen) handelt. Methodisch lässt sich diese Form des Zugangs vor
allem mit Hilfe von Befragungen gestalten („Täter-“, „Opfer-“, „In-
formantenbefragungen“); denkbar sind aber auch Beobachtungen
oder Dokumentenanalysen wie die Auswertung von Krankmeldun-
gen oder Versicherungsunterlagen. Zum zweiten kann man an den
Umstand anknüpfen, dass der Verdacht der Begehung einer Straftat
den Strafverfolgungsbehörden, namentlich der Polizei bekannt und
zum Gegenstand staatlicher Ermittlungsmaßnahmen gemacht wor-
den ist. Hier stehen für den Zugang vor allem die Auswertung von
Strafakten sowie auf der Ebene von Aggregatdaten (d. h. aufsummier-
ter Daten) die Kriminalstatistiken zur Verfügung. Beide Zugangs-
wege eröffnen ganz unterschiedliche Blickwinkel auf das Themenfeld
Kriminalität.6
Für die gesellschaftliche Wahrnehmung und die (kriminal-) politi- 2d
sche Diskussion kommt von diesen beiden Wegen dem in den Krimi-
nalstatistiken gezeichneten Bild die größere Bedeutung zu, und auch
in der geschichtlichen Entwicklung steht die Beschäftigung mit den
Kriminalstatistiken am Anfang: Während die Anfänge der systemati-
schen Erfassung von Polizei- und Justizdaten bis in das 19. Jhdt. zu-
rückreichen (s. o. § 2 Rn. 9), entwickelte sich die stichprobenbasierte
Umfrageforschung erst gegen Ende der 1930er Jahre.7 Für die Be-
trachtung von Umfang, Struktur und Entwicklung der Kriminalität
wird im Folgenden deshalb zunächst auf die Kriminalstatistiken ab-
gestellt. Auf die Befunde der Selbstberichtsstudien, die das den Straf-
verfolgungsbehörden unbekannt bleibende „Dunkelfeld“ der Krimi-
nalität beleuchten, wird erst im Anschluss (s. u. Rn. 52 ff.) sowie im
Zusammenhang mit den Ergebnissen der Täter- und der Opferfor-
schung eingegangen (s. u. § 6 Rn. 5 ff.; § 8 Rn. 9 ff.).

II. Kriminalstatistiken und ihre Aussagekraft

1. Polizeiliche Kriminalstatistik

Für Aussagen über die von den Behörden registrierte Kriminalität 3


stehen verschiedene statistische Erkenntnismittel zur Verfügung.8
Erstes und in der Öffentlichkeit am stärksten beachtetes Instrument

6 Krit. zur Erkennbarkeit von „Kriminalität“ mit Hilfe von Befragungsforschung und
Kriminalstatistiken Kunz 2008a, 54 ff.
7 Schnell/Hill/Esser 2008, 34 ff.; Diekmann 2009, 109 ff.
8 Übersicht bei Heinz, in: Sieber u. a. 2008, 1547 ff.; ders., in: Dessecker/Egg 2009, 22 ff.
114 § 5. Umfang, Struktur, Entwicklung der registrierten Kriminologie

ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Die PKS wird seit 1953
geführt. Sie wird jährlich vom Bundeskriminalamt (BKA) herausge-
geben und basiert auf den Informationen, die dem BKA von den Lan-
deskriminalämtern und diesen von den einzelnen Polizeidienststellen
zur Verfügung gestellt werden.9
4 Im ersten Teil der PKS werden die von der Polizei bearbeiteten rechtswid-
rigen Taten aus dem Bereich des Kern- und Nebenstrafrechts ausgewiesen.
Einbezogen sind auch die vom Zoll bearbeiteten Rauschgiftdelikte; nicht
enthalten sind die Staatsschutz- und die Verkehrsdelikte. Anhand der Straf-
verfolgungsstatistik (s. u. Rn. 9 ff.) lässt sich schätzen, dass bezogen auf das
Gesamtaufkommen der amtlich bekannt gewordenen Kriminalität auf die
Staatsschutzdelikte ein Anteil von etwa 0,1 % und auf die Straßenverkehrsde-
likte ein Anteil zwischen 25 und 30 % entfällt. Das Gesamtaufkommen aller
bekannt gewordenen Straftaten liegt also deutlich über dem aus der PKS er-
sichtlichen Kriminalitätsvolumen. Ebenfalls nicht in der PKS erfasst sind Ta-
ten, die außerhalb der Bundesrepublik begangen werden (z. B. von deutschen
Touristen im Ausland), sowie Verstöße gegen die Strafgesetze der Länder
(Ausnahme: Verstöße gegen die Landesdatenschutzgesetze). Der polizeilichen
Erfassung liegt ein unter teils strafrechtlichen, teils kriminologischen Aspekten
aufgebauter Straftatenkatalog zugrunde. Bei Taten gegen höchstpersönliche
Rechtsgüter werden auch Informationen zur Person des Opfers ausgewiesen.
Die PKS wird seit 1971 als „Ausgangsstatistik“ geführt, d. h. die bekannt ge-
wordenen Straftaten werden erst nach Abschluss der polizeilichen Ermittlun-
gen vor der Abgabe der Akten an die Staatsanwaltschaft statistisch erfasst.
5 In ihrem zweiten Teil enthält die PKS Angaben zur Aufklärung der regist-
rierten Fälle. Ein Fall gilt dann als aufgeklärt, wenn nach dem polizeilichen
Ermittlungsergebnis ein mindestens namentlich bekannter oder auf frischer
Tat ergriffener Tatverdächtiger festgestellt worden ist.
6 Im dritten Teil finden sich Angaben zur Person des Tatverdächtigen. Als
tatverdächtig gilt eine Person dann, wenn sie nach dem polizeilichen Ermitt-
lungsergebnis aufgrund zureichender tatsächlicher Anhaltspunkte verdächtig
ist, eine rechtswidrige Tat begangen zu haben. Dazu zählen auch Mittäter, An-
stifter und Gehilfen. Ebenfalls erfasst werden Taten, die von strafunmündigen
Kindern oder von schuldunfähigen psychisch Kranken begangen werden, also
von Personen, gegen die wegen fehlender Schuldfähigkeit von der Staatsan-
waltschaft keine Anklage erhoben und von den Gerichten kein Urteil erlassen
werden darf. Tatverdächtige, für die innerhalb des Berichtszeitraums mehrere
Fälle der gleichen Straftat festgestellt werden, werden in der PKS seit 1984 nur
einmal gezählt („echte“ Tatverdächtigenzählung). Vor 1984 wurden diese Per-
sonen mehrfach gezählt, was im Ergebnis zu stark überhöhten und strukturell
verzerrten Tatverdächtigenzahlen führte.
7 Die PKS wird seit 1991 für die alten und die neuen Bundesländer gemein-
sam geführt. Wegen erheblicher Anlaufschwierigkeiten waren die PKS-Daten

9 Bundeskriminalamt, Polizeiliche Kriminalstatistik; im Internet abrufbar unter


www.bka.de.