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Springer-Lehrbuch

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Franz J. Neyer
Jens B. Asendorpf

Psychologie der
Persönlichkeit
6., vollständig überarbeitete Auflage

Mit 136 Abbildungen und 114 Tabellen


Franz J. Neyer Jens B. Asendorpf
Institut für Psychologie Institut für Psychologie
Friedrich-Schiller-Universität Jena Humboldt-Universität zu Berlin
Jena Berlin
Deutschland Deutschland

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nicht korrekt, dies ist nun korrigiert. Wir bitten damit verbundene Unannehmlichkeiten zu entschuldigen
und danken den Lesern für Hinweise.

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ISSN 0937-7433
Springer-Lehrbuch
ISBN 978-3-662-54941-4     ISBN 978-3-662-54942-1 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-662-54942-1

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V

Vorwort zur 6. Auflage

Persönlichkeitspsychologie ist die empirische Wis- bemüht, diese Arbeit durch viele konkrete Beispie-
senschaft von der individuellen Besonderheit des le, Abbildungen und Tabellen zu erleichtern. Kern-
Verhaltens, Erlebens und der äußeren Erscheinung aussagen und zentrale Inhalte sind besonders her-
von Menschen. Diese individuelle Besonderheit vorgehoben, und am Ende jedes Kapitels wird der
macht die Persönlichkeit von Menschen aus. Auf- Stoff noch einmal durch Verständnisfragen sowie
bauend auf dieser These gibt dieses Lehrbuch, nun mit Hinweisen zu ihrer Beantwortung strukturiert.
schon in seiner 6. Auflage, eine Einführung und Ein englisch-deutsches Glossar für nicht selbstver-
Übersicht über die Grundlagen der Persönlichkeits- ständliche Übersetzungen von Fachbegriffen soll
psychologie und Differenziellen Psychologie für die Lektüre englischsprachiger Originalarbeiten
Haupt- und Nebenfachstudierende in den Bache- erleichtern.
lor- und Masterstudiengängen der Psychologie, aber
auch benachbarter Fächer wie Pädagogik, Soziolo- Trotz Voraussetzungslosigkeit und Breite haben
gie und Betriebs- bzw. Wirtschaftswissenschaft. Im wir versucht, eine gewisse analytische Tiefe in der
Mittelpunkt steht die Frage: Wie stark und warum Darstellung zu erreichen (z. B. Trennung von All-
unterscheiden sich Menschen in ihrem typischen tagspsychologie und Psychologie, Bewertung all-
Verhalten, Erleben und ihrer äußeren Erschei- tagspsychologischer und psychologischer Ansätze
nung? Mit dieser differenziellen Fragestellung ist nach wissenschaftstheoretischen Kriterien, ein
die Persönlichkeitspsychologie komplementär zur eigenes Kapitel über Methodik). Angesichts der
allgemeinen Psychologie, die zu beschreiben und derzeitigen Zersplitterung der Persönlichkeitspsy-
erklären sucht, was Menschen gemeinsam ist. Im chologie in einzelne Teilgebiete erschien es uns auch
Gegensatz zur klinischen Psychologie, die sich mit wichtig, inhaltliche Querverbindungen zwischen
pathologischen Besonderheiten beschäftigt, interes- traditionell getrennten Gebieten herzustellen (z. B.
sieren in der Persönlichkeitspsychologie vor allem zwischen Motiven, Handlungsüberzeugungen und
die Normalvarianten des Erlebens und Verhaltens. Werthaltungen) und zu versuchen, einzelne in sich
heterogene Gebiete zu integrieren (z. B. selbstbe-
Individuelle Besonderheiten in der sozialen Kogni- zogene Eigenschaften und Geschlechtsunterschie-
tion und der Gestaltung der sozialen Beziehungen de). Nicht gelingen konnte es, den gesamten Stoff
sind ebenso Gegenstand der Persönlichkeitspsycho- in einem übergreifenden systematischen Modell zu
logie wie individuelle Besonderheiten im Kindes- vereinen.
und Jugendalter, die Entwicklung von Persönlich-
keitsunterschieden und der Vergleich der Persön- Um den Umfang des Textes trotz Voraussetzungs-
lichkeit in unterschiedlichen Kulturen. Insofern gibt losigkeit, Breite und Tiefe in Grenzen zu halten,
es Überlappungen der Persönlichkeitspsychologie musste jeder Anspruch auf Vollständigkeit aufge-
mit der Sozialpsychologie, der Entwicklungspsycho- geben werden. Die Darstellung der Literatur kann
logie und der kulturvergleichenden Psychologie. im vorliegenden Lehrbuch daher immer nur exem-
Wir haben diese überlappenden Bereiche bewusst plarisch erfolgen: Zentrale Methoden, Ergebnisse
einbezogen, um einen Blick auf die gesamte Breite und Anwendungen werden an wenigen, dafür aber
persönlichkeitspsychologischer Fragestellungen möglichst konkret und detailliert geschilderten Bei-
und ihre Relevanz für andere Bereiche der Psycho- spielen illustriert.
logie zu ermöglichen.
Vor mehr als 20 Jahren veröffentlichte Jens B. Asen-
Auf diese Weise wird eine vergleichsweise große dorpf die 1. Auflage dieses inzwischen zum Klas-
Breite in der Darstellung der Persönlichkeitspsy- siker der Persönlichkeitspsychologie avancierten
chologie erreicht. Gleichzeitig ist diese Darstellung Lehrbuchs. Seit der 5. Auflage ist Franz J. Neyer als
voraussetzungslos. Das sollte aber nicht mit Plausi- Koautor beteiligt. Mit der vorliegenden 6. Auflage
bilität oder Einfachheit verwechselt werden; dieses findet nun ein Wechsel in der Autorenreihenfolge
Buch durchzulesen erfordert Arbeit. Wir haben uns statt. Da wir seit über 20 Jahren zusammenarbeiten,
VI Vorwort zur 6. Auflage

gestaltete sich dieser Übergang völlig problemlos (www.lehrbuch-psychologie.de): Studierende finden


und sichert nicht nur die Kontinuität des Lehrbuchs, hier Lernkarten, Verständnisfragen und Antworten
sondern auch seine Aktualität und Innovation. zur Persönlichkeitspsychologie, Dozenten Power-
point-Foliensätze sowie die Abbildungen und Ta-
Die Kontinuität des Lehrbuchs haben wir gesichert, bellen des Buches zum Download.
indem wir an seiner bewährten Struktur und seinen
Prämissen festhalten. Aktualität haben wir erreicht, Unser Dank gilt den vielen Kolleginnen und Kol-
indem wir alle Kapitel vollständig überarbeitet und legen aus der Persönlichkeits-, Entwicklungs- und
auf den neuesten Stand gebracht haben. Für In- Sozialpsychologie und den zahlreichen Jahrgängen
novation haben wir gesorgt, indem wir auch ganz von Hörerinnen und Hörern der Vorlesungen zur
neue Themen aufgegriffen und integriert haben, Persönlichkeitspsychologie an der Friedrich-Schil-
z. B. 7 Abschn. 3.2.6 (Eigenschaftsbeurteilung) mit ler-Universität und der Humboldt-Universität, von
der wichtigen Ergänzung um das Linsenmodell deren Anregungen und Kritik wir enorm profitieren
von Brunswik oder um Beurteilungen von Un- konnten. Nicht zuletzt danken wir Harald Schneider
bekannten; 7 Abschn. 3.2.7 (Verhaltenserfassung) für die Erstellung der meisten Abbildungen, dar-
mit neuen Perspektiven der Nutzung von Big Data; unter zahlreiche neue Abbildungen für die 6. Auf-
7 Abschn. 4.4.1 (Bedürfnisse, Motive und Interessen) lage. Dank auch dem Springer-Verlag für die wie
mit Erweiterung um das Macht- und Intimitätsmo- immer professionelle, reibungslose Produktion.
tiv; 7 Abschn. 4.5.1 (Werthaltungen) mit neuer Ver-
tiefung von Autoritarismus und sozialer Dominanz- Franz J. Neyer und Jens B. Asendorpf
orientierung; ein ganz neuer 7  Abschn. 4.6.4 (Die Jena und Berlin Charlottenburg
dunkle Triade) mit detaillierter Darstellung der im März 2017
Persönlichkeitsmerkmale Narzissmus, Machiavel-
lismus und Psychopathie; 7 Abschn. 5.1.3 (Persönli-
che Umwelt) mit neuem Bezug zu Bronfenbrenners
ökologischem Umweltmodell; 7 Abschn. 6.2.5 (Ge-
netische und Umwelteinflüsse auf die Persönlich-
keitsentwicklung) mit Erweiterungen um neueste
Forschungsbefunde; 7 Abschn. 7.3.2 (Soziale Ge-
schlechtsunterschiede) mit zusätzlichem Abschnitt
über Geschlechtsunterschiede in Persönlichkeits-
beurteilungen; 7 Abschn. 8.5 (Kulturelle Einflüsse)
mit substanzieller Erweiterung um vier separate
Abschnitte zur unterschiedlichen Bedeutung kul-
tureller Einflüsse; und schließlich das völlig neue
7 Abschn. 8.6 über Migration.

Trotz der vielen neuen Abschnitte ist es uns gelun-


gen, durch entsprechende Kürzungen den Gesamt-
umfang der vorliegenden 6. Auflage gegenüber
der 5. Auflage nicht wesentlich zu vergrößern. So
kann der gesamte Stoff nach wie vor in einer ein-
semestrigen vierstündigen oder einer zweisemest-
rigen zweistündigen Vorlesung vermittelt werden.
Fortgeführt wurden die bewährten didaktischen
Elemente (Merksätze; die Kästen „Unter der Lupe“,
„Methodik“, „Die klassische Studie“; weiterführen-
de Literatur; Fragen mit Hinweisen zur Beantwor-
tung; deutsch-englisches Glossar der Fachbegriffe;
englisch-deutsches Wortverzeichnis, Hinweise auf
Fachzeitschriften und einschlägige Seiten des World
Wide Web). Begleitet wird das Lehrbuch von Mate-
rialien für Dozenten und Studierende im Internet
VII

Inhaltsverzeichnis

1 Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1


1.1 Alltagsverständnis der Persönlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.2 Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2.1 Wissenschaftsparadigmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2.2 Das psychoanalytische Paradigma. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.2.3 Empirische Persönlichkeitspsychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.3 Anwendungen der Persönlichkeitspsychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

2 Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23


2.1 Eigenschaftsparadigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
2.1.1 Von Sterns Schema zu Cattells Würfel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.1.2 Langfristige Stabilität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2.1.3 Transsituative Konsistenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.1.4 Reaktionskohärenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.1.5 Idiographischer und nomothetischer Ansatz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.2 Informationsverarbeitungsparadigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
2.2.1 Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.2.2 Kapazität des Arbeitsgedächtnisses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.2.3 Impulsive vs. reflektive Informationsverarbeitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
2.2.4 Implizite Einstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
2.3 Dynamisch-interaktionistisches Paradigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.3.1 Vom Behaviorismus zum reziproken Determinismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.3.2 Vom genetischen Determinismus zu Genom-Umwelt-Korrelationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.3.3 Persönlichkeit-Umwelt-Transaktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
2.4 Neurowissenschaftliches Paradigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.4.1 Biologische Systeme. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.4.2 Temperamentsforschung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.4.3 Methodik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2.4.4 Stellenwert in der Persönlichkeitspsychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
2.5 Molekulargenetisches Paradigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.5.1 Genetik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.5.2 Epigenetik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.5.3 Gen-Umwelt-Interaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.6 Evolutionspsychologisches Paradigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.6.1 Prinzipien der Evolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
2.6.2 Frequenzabhängige Selektion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
2.6.3 Konditionale Entwicklungsstrategien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2.7 Gesamtüberblick. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79

3 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
3.1 Klassifikation von Personen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
3.2 Messung von Eigenschaften. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.2.1 Skalen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.2.2 Verteilung von Eigenschaftswerten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
3.2.3 Korrelation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
3.2.4 Reliabilität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
3.2.5 Validität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
3.2.6 Eigenschaftsbeurteilung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
VIII Inhaltsverzeichnis

3.2.7 Verhaltenserfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101


3.2.8 Persönlichkeitserfassung im Alltag und im Labor. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
3.3 Persönlichkeitsfaktoren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
3.4 Persönlichkeitsprofile und Persönlichkeitstypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
3.5 Persönlichkeitsstörungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
3.6 Mehrebenenmodelle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
3.7 Kreuzkorrelationsdesigns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
3.7.1 Einseitige kausale Interpretation einer Korrelation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
3.7.2 Wirkung einer verborgenen Variablen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

4 Persönlichkeitsbereiche. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
4.1 Physische Merkmale. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
4.1.1 Körperbau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
4.1.2 Physische Attraktivität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
4.1.3 Exemplarische Anwendung: Halo-Effekte bei der Personalauswahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
4.2 Temperament und interpersonelle Stile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
4.2.1 Extraversion und interpersonelle Stile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
4.2.2 Neurotizismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
4.2.3 Kontrolliertheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
4.2.4 Exemplarische Anwendung: Krankheitsverhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
4.3 Fähigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
4.3.1 Intelligenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
4.3.2 Kreativität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163
4.3.3 Soziale Kompetenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
4.3.4 Emotionale Kompetenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
4.3.5 Exemplarische Anwendung: Assessment Center. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
4.4 Handlungseigenschaften. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
4.4.1 Bedürfnisse, Motive und Interessen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
4.4.2 Handlungsüberzeugungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
4.4.3 Bewältigungsstile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
4.4.4 Exemplarische Anwendung: Führungspersönlichkeit und Politikvorhersage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
4.5 Bewertungsdispositionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
4.5.1 Werthaltungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
4.5.2 Einstellungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
4.5.3 Exemplarische Anwendung: Rückfallrisiko für Sexualstraftäter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
4.6 Selbstkonzept und Wohlbefinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
4.6.1 Ich, Mich und Selbstkonzept. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
4.6.2 Selbstwertgefühl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
4.6.3 Dispositionale Aspekte der Selbstwertdynamik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218
4.6.4 Die dunkle Triade. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
4.6.5 Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
4.6.6 Exemplarische Anwendung: Selbstdarstellung in neuen Medien (Homepages, Facebook,
Online-Dating). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233

5 Umwelt und Beziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237


5.1 Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
5.1.1 Situationsexposition. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
5.1.2 Messverfahren für die Situationsexposition. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
5.1.3 Die persönliche Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
5.2 Persönliche Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
5.2.1 Egozentrierte Netzwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
5.2.2 Soziometrischer Status . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
5.2.3 Das Modell sozialer Beziehungen nach David Kenny. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
IX
Inhaltsverzeichnis

5.3 Bindungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253


5.3.1 Bindungsstile bei Kindern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
5.3.2 Bindungsstile bei Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
5.3.3 Das Bindungsmodell von Mikulincer und Shaver. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
5.4 Soziale Unterstützung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
5.5 Persönlichkeit und Partnerschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
5.6 Anwendung: Partnersuche mithilfe von Online-Dating und Speed-Dating. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
5.6.1 Online-Dating. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272
5.6.2 Speed-Dating. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274

6 Persönlichkeitsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
6.1 Stabilität, Veränderung und Vorhersagekraft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
6.1.1 Stabilität und differenzielle Entwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
6.1.2 Mittelwertstabilität und Mittelwertveränderungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
6.1.3 Positionsstabilität und Positionsveränderungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
6.1.4 Profilstabilität und typologische Stabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
6.1.5 Homotype und heterotype Stabilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
6.1.6 Langfristige Vorhersagekraft der Persönlichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
6.2 Einflüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
6.2.1 Direkte und indirekte Einflussschätzung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
6.2.2 Relativer Einfluss von Genom und Umwelt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
6.2.3 Geteilte und nichtgeteilte Umwelteinflüsse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
6.2.4 Interaktion und Korrelation von Genom und Umwelt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
6.2.5 Genetische und Umwelteinflüsse auf die Persönlichkeitsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
6.3 Wechselwirkungsprozesse zwischen Persönlichkeit und Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
6.3.1 Intellektuelle Leistungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
6.3.2 Antisoziale Persönlichkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
6.3.3 Schüchternheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338
6.3.4 Exemplarische Anwendung: Umgang mit schüchternen Kindern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
6.3.5 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344
6.4 Zufall und Notwendigkeit in der Persönlichkeitsentwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 344

7 Geschlechtsunterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349
7.1 Geschlecht und Geschlechtsstereotyp. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
7.2 Geschlechtsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351
7.2.1 Genetisches Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351
7.2.2 Hormonelles und neuronales Geschlecht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 351
7.2.3 Entwicklung des Geschlechtsverständnisses. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
7.2.4 Entwicklung geschlechtsbezogener Einstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355
7.2.5 Entwicklung geschlechtstypischen Verhaltens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356
7.2.6 Entwicklung der sexuellen Orientierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357
7.3 Die Größe psychologischer Geschlechtsunterschiede. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359
7.3.1 Geschlechtsunterschiede in kognitiven Fähigkeiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360
7.3.2 Soziale Geschlechtsunterschiede. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
7.4 Geschlechtsunterschiede im Kulturvergleich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369
7.4.1 Geschlechtsstereotype und Geschlechteregalität im Kulturvergleich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369
7.4.2 Kognitive Geschlechtsunterschiede im Kulturvergleich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
7.4.3 Soziale Geschlechtsunterschiede im Kulturvergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
7.5 Erklärungsansätze für psychologische Geschlechtsunterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
7.5.1 Psychoanalytische Erklärungsansätze. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
7.5.2 Lerntheoretische Erklärungsansätze. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
7.5.3 Kognitive Erklärungsansätze. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
7.5.4 Kulturpsychologische Erklärungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378
X Inhaltsverzeichnis

7.5.5 Evolutionspsychologische Erklärungsansätze. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379


7.5.6 Ein integratives Modell für Geschlechtsunterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
7.6 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 384

8 Persönlichkeit im Kulturvergleich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387


8.1 Persönlichkeitsunterschiede und Populationsunterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388
8.2 Ökologie, Genpool, Kultur und Persönlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 391
8.3 Ökologische Einflüsse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394
8.4 Genetische Einflüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397
8.4.1 Entstehung menschlicher Populationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397
8.4.2 Rassenunterschiede. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
8.5 Kulturelle Einflüsse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405
8.5.1 Einflüsse auf die korrelative Struktur innerhalb von Kulturen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 405
8.5.2 Einflüsse auf die Mittelwerte von Kulturen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 408
8.5.3 Dimensionen der Mittelwerte von Kulturen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
8.5.4 Kulturelle Einflüsse auf die Korrelate von Persönlichkeitsmerkmalen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414
8.6 Migration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
8.7 Exemplarische Anwendung: Interkulturelles Training. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
8.8 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 420

9 Nachwort: Unterschiede sind menschlich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423

Serviceteil. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 425
A1  Weitere Informationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426
A1.1 Fachliteratur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426
A1.2 WWW-Adressen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426
Glossar. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 443
Stichwortverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 475
XII Didaktikseite

114 Tabellen:
Anschaulich und
übersichtlich

206 Kapitel 4 · Persönlichkeitsbereiche

Leitsystem:
Dispositionshierarchie ist nicht die einzig mögliche. . Tab. 4.8  Typische Aufgaben für zwei Altersstufen.
Zur schnellen Ryff und Keyes (1995) zeigten, dass sich 6 verwandte, (Nach Binet & Simon, 1905)
Orientierung
aber nicht identische Unterfaktoren von Wohlbefin-
den voneinander unterscheiden lassen: Altersstufe 6 Altersstufe 10
55 Selbstakzeptanz,
4 55 Kontrolle über die Umwelt,
Erkennt das
hübschere Gesicht aus
Konstruiert einen sinnvollen
Satz aus den Worten Paris,
55 sinnerfülltes Leben, jedem von 3 Paaren Glück, Rinnstein
55 persönliches Wachstum, Kennt rechts und links Kennt die Monate des
55 positive soziale Beziehungen und (zeigt auf das richtige Jahres in der richtigen
55 Autonomie. Ohr) Reihenfolge
Wiederholt einen Satz Erinnert sich an
Lernziele aus 16 Silben 9 Geldstücke
44 Halo-Effekte bei der Wahrnehmung physi-
Lernziele: scher Merkmale verstehen und die eigene
Worauf es
ankommt
Wahrnehmung entsprechend korrigieren können, zwischen Selbstwertgefühl und selbstwertrelevanten
44 die Bedeutung der physischen Attraktivität besser Situationen? Hierzu liegen zahlreiche sozialpsycho-
verstehen. logische Studien vor, die für die Persönlichkeitspsy-
chologie höchst bedeutsam sind. Da es sich um eine
Vermutlich weil so hohe Zahlen für unrealistisch ausgesprochen komplexe Wechselwirkung handelt,
Methodik :
gehalten wurden. Weisbuch, Ivevic und Ambady Praktisches
(2009) verglichen Attraktivitätsurteile über Studie- Handwerkszeug
rende nach einer realen sozialen Interaktion mit den Methodik
Urteilen über ihre Facebook-Selbstdarstellung und Das Konzept des Intelligenzalters
fanden eine klare Konsistenz der Urteile. Binet und Simon entwickelten für jede
Altersstufe zwischen 3 und 15 Jahren fünf oder
> Facebook-Selbstdarstellungen sind mehr mittelschwere Aufgaben (sie konnten
mindestens so valide wie Homepage- von 50%–75% der Kinder des entsprechenden
Selbstdarstellungen was Persönlichkeits- Alters gelöst werden; . Tab. 4.8).
unterschiede angeht. Ein Grund ist die
Merksätze:
Besonders
größere Interaktivität von Facebook.
wichtig ist es sinnvoll, zunächst einzelne Prozesse isoliert
vzu betrachten und sie erst anschließend zu einem
4.6.3 Dispositionale Aspekte der Gesamtbild der Selbstwertdynamik zusammenzufü-
Selbstwertdynamik gen. Die Darstellung ist dabei an allgemeinpsycholo-
gisch definierten Prozessen orientiert, aber die Dis-
Um individuelle Besonderheiten im Selbstwertgefühl kussion dieser Prozesse erfolgt aus persönlichkeits-
zu verstehen, ist es sinnvoll, das Selbstwertgefühl aus psychologischer Perspektive: Welche individuellen
dynamisch-interaktionistischer Sicht zu betrachten Besonderheiten gibt es in den Prozessen?
(7 Abschn. 2.3.3): Welche Wechselwirkung besteht

4.6.3.1 Selbstwahrnehmung
Die klassische Studie Eine Quelle selbstwertrelevanter Informationen ist
Deutsch et al. (1988) baten 62 Studentinnen, die Wahrnehmung des eigenen Körpers, physiolo-
Die klassische sieben Eigenschaften zu nennen, die sie gischer Prozesse und eigenen Verhaltens. Eine Viel-
Studie: Spannende
Wissenschaft
besonders gut charakterisierten; anschließend zahl von Sinnesmodalitäten (z. B. kinästhetische,
beurteilten die Studentinnen auf einer visuelle, akustische) liefern ständig Information
Ratingskala. darüber, wie wir aussehen und uns verhalten; durch
Hilfsmittel wie einen Spiegel, Videofeedback oder
XIII

136 Abbildungen: Navigation:


Anschaulich und Mit Seitenzahl und Kapitelnummer
übersichtlich

4.6 · Selbstkonzept und Wohlbefinden 205 4

. Abb. 4.13  Stärke der Leistungsmotivation (und – gestrichelt – der Erfolgs- und Misserfolgstendenz) in Abhängigkeit von
der subjektiven Erfolgswahrscheinlichkeit. (a) Erfolgsmotiv ist stärker als Misserfolgsmotiv. (b) Misserfolgsmotiv ist stärker als
Erfolgsmotiv. (Mod. nach Heckhausen & Heckhausen, 2006)

Biofeedback können wir den Erfahrungsraum für Vorgänge – zu den meisten haben wir überhaupt
die Selbstwahrnehmung noch erweitern. Dennoch keinen direkten sensorischen Zugang. Deshalb ist
ist unsere Selbstwahrnehmung keineswegs sehr das auf Selbstwahrnehmung gegründete Selbstkon-
akkurat; selbst im visuellen. zept abhängig von der Genauigkeit der Selbstwahr-
nehmung und diese kann von Person zu Person
Unter der Lupe: Unter der Lupe variieren.
Expertenwissen
Übungsfragen:
Spearmans Zwei-Faktoren-Theorie der ? Fragen Fit für die
Intelligenz 4.44 In welcher Hinsicht unterscheiden
Prüfung!

Nach Spearman (1904) repräsentieren sich Ich, Mich, Selbstkonzept und


unterschiedliche Intelligenzmessverfahren Selbstwertgefühl?
immer zwei Faktoren: einen gemeinsamen (→ Perspektive, Stabilität,
Faktor (den g-Faktor) und einen speziellen Bewertungsaspekt)
Faktor (den s-Faktor). 4.45 Wie bereichsspezifisch ist das
Selbstwertgefühlorganisiert?(→Faktorenund
ihre Kontinuität)
Mehr lesen :
Bereich gibt es Wahrnehmungstäuschungen und Weiterführende
erst recht ungenau ist unsere Wahrnehmung Literatur

physiologischer. Mehr lesen


Beispiele:
Anschauliches Beispiel Schütz, A. (2003). Psychologie des
Wissen
Handlungskontrollitems Selbstwertgefühls (2. Aufl.). Stuttgart:
Disengagement: Kohlhammer.
44 Wenn ich etwas Wertvolles verloren habe und Lucas, R.E. & Diener, E. (2015). Personality and
jede Suche vergeblich war, dann subjective well-being: Current issues and
–– kann ich mich schlecht auf etwas anderes controversies. In M. Mikulincer (Eds.),
konzentrieren.
–– denke ich nicht mehr lange darüber
nach. (–)

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1 1

Persönlichkeit in Alltag,
Wissenschaft und Praxis

1.1 Alltagsverständnis der Persönlichkeit – 2

1.2 Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte – 5


1.2.1 Wissenschaftsparadigmen – 5
1.2.2 Das psychoanalytische Paradigma – 8
1.2.3 Empirische Persönlichkeitspsychologie – 19

1.3 Anwendungen der Persönlichkeitspsychologie – 20

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018


F.J. Neyer, J.B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Springer-Lehrbuch,
DOI 10.1007/978-3-662-54942-1_1
2 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

Wer sich mit der Psychologie als Wissenschaft beschäftigt, wir, uns auch ein Bild von weniger offensichtlichen Eigen-
1 tut dies immer vor dem Hintergrund der Alltagspsychologie schaften zu machen: von Überzeugungen und Vorurteilen,
– der von den meisten Mitgliedern einer Kultur geteilten wunden Punkten, geheimen Wünschen und Ängsten. Wir
Annahmen über das Erleben und Verhalten von Menschen. schließen dabei von beobachtbaren Verhaltenstendenzen
Wir alle nehmen das Verhalten anderer Menschen und unserer Mitmenschen auf Tendenzen in ihrem Erleben. So
unser eigenes Erleben und Verhalten durch die Brille der versuchen wir, hinter die Maske der Selbstdarstellung auf der
Alltagspsychologie wahr. Dazu gehören auch Vorstellungen Bühne des sozialen Lebens zu blicken. Es entsteht ein Bild der
darüber, was die Persönlichkeit eines Menschen ausmacht Persönlichkeit eines Menschen, das seine Individualität in
und wie sie zu erklären ist. Wissenschaftliche Persönlich- körperlicher Erscheinung, Verhalten und Erleben beschreibt.
keitskonzepte gehen über diese naiven Vorstellungen hin-
aus. Sie lassen sich in Paradigmen gliedern, die bestimmten > Unter der Persönlichkeit eines Menschen wird die
wissenschaftlichen Kriterien genügen sollen. Besonders Gesamtheit seiner Persönlichkeitseigenschaften
streng sind diese Anforderungen bei empirischen Wissen- verstanden: die individuellen Besonderheiten in der
schaften, deren Aussagen sich anhand von Beobachtungs- körperlichen Erscheinung und in Regelmäßigkeiten
daten überprüfen lassen müssen. Das psychoanalytische des Verhaltens und Erlebens.
Persönlichkeitskonzept beispielsweise ist zwar ein wissen-
schaftliches Paradigma, genügt aber nicht den strengen Das ist für die Orientierung im Alltag ebenso wichtig wie
Anforderungen an eine empirische Persönlichkeitspsycho- für den Umgang mit Mitarbeitern in der beruflichen Praxis:
logie, deren Methoden, Ergebnisse und Anwendungen in „Würde die Aufnahme dieses hochattraktiven Mannes in
der Praxis in diesem Lehrbuch dargestellt werden. das ansonsten rein weibliche Team zu Konflikten führen?“
„Kann ich ihr vertrauen?“ „Wird er das verstehen oder muss
ich ihm das ausführlicher erklären?“ „Ich weiß, dass sie da
Lernziele besonders empfindlich reagiert, und werde es ihr deshalb
44 Verwendung von Persönlichkeitseigenschaften im Alltag möglichst schonend beibringen.“ „So wie dieser Kunde da
besser verstehen, ankommt, biete ich ihm lieber unser Öko-Modell an, der
44 Unterschiede zwischen dem Alltagsbegriff der Persön- Preis alleine zieht bei dem sicher nicht.“
lichkeit und wissenschaftlichen Konzepten der Persön-
lichkeit benennen können, > Ein gutes Verständnis der Persönlichkeit anderer
44 psychoanalytische Persönlichkeitskonzepte aus Sicht der ist wichtig für die Orientierung im Alltag und die
empirischen Psychologie beurteilen können sowie berufliche Praxis.
44 einen ersten Überblick über Anwendungsmöglichkeiten
der Persönlichkeitspsychologie in der beruflichen Praxis Hierbei nutzen wir – Nichtpsychologen und Psychologen –
gewinnen. unsere Alltagspsychologie, die auf kulturell tradierten Über-
zeugungen beruht und die wir tagtäglich zur Beschreibung,
Erklärung und Vorhersage des Erlebens und Verhaltens von
Mitmenschen und von uns selbst anwenden.
1.1 Alltagsverständnis der Persönlichkeit Im Vergleich zu unserem Alltagswissen über Physik –
unsere Alltagsphysik – erscheint die Alltagspsychologie
Menschen unterscheiden sich in ihrer körperlichen Erschei- sowohl besonders differenziert als auch emotional besetzt; sie
nung. Schon in den ersten Sekunden der Begegnung mit enthält nicht nur Meinungen, die wir schnell ändern könnten,
Fremden bilden wir uns ganz automatisch einen ersten Ein- sondern viele tiefsitzende Überzeugungen, die aufzugeben
druck von ihnen – groß oder klein, schön oder hässlich. uns äußerst schwerfällt. Das liegt wohl vor allem daran, dass
Ganz entsprechend bilden wir uns auch schon einen ersten wir uns selbst kompetenter für psychologische Fragen fühlen
Eindruck über ihre charakteristischen Regelmäßigkeiten im als für physikalische Probleme. Wir sind gewohnt, die Lösung
Verhalten: regelmäßig mehr oder weniger freundlich, ver- alltagsrelevanter physikalischer Probleme an Experten – Phy-
trauenswürdig, intelligent, gesellig, ängstlich. So machen siker und Ingenieure – zu delegieren, denen wir aufgrund
wir uns sehr schnell ein erstes Bild von ihrer Persönlichkeit: der unbestreitbaren praktischen Erfolge der Physik nahezu
von ihren individuellen Besonderheiten im körperlichen unbegrenztes Vertrauen schenken. Von der Psychologie, die
Erscheinungsbild und im Verhalten. bisher keine so durchschlagenden praktischen Erfolge wie
Im weiteren Verlauf des Kennenlernens verfeinern wir die Physik aufweisen kann, erwarten wir vergleichsweise
diesen ersten Eindruck immer mehr, korrigieren ihn, ergän- weniger. Entsprechend skeptisch stehen wir psychologischen
zen ihn. So merken wir beispielsweise, dass jemand in ganz Erkenntnissen und psychologischen Experten gegenüber.
bestimmten Situationen auffällig unsicher reagiert, obwohl Diese Skepsis dürfte ein Grund dafür sein, dass es den
er insgesamt eher selbstbewusst ist. Gleichzeitig beginnen meisten Menschen schwerfällt, Alltagspsychologie und
1.1 · Alltagsverständnis der Persönlichkeit
3 1
Psychologie auseinanderzuhalten. Ein weiterer Grund
ist sicherlich, dass psychologische Begriffe oft denselben
Namen tragen wie alltagspsychologische Konzepte, obwohl
sie als wissenschaftliche Begriffe eine präzisere und teilweise
auch eine vom alltagspsychologischen Konzept abwei-
chende Bedeutung haben. Bei vielen physikalischen Begrif-
fen kommt eine solche Verwechselung schon deshalb nicht
vor, weil sie keine Entsprechung in der Alltagsphysik haben;
was ein Elektron oder ein Quark ist, überlassen wir ganz den
Physikern. Ängstlichkeit, Aggressivität, Geselligkeit oder
die Persönlichkeit eines Menschen sind dagegen alltagspsy-
chologische Konzepte, die gleichnamigen psychologischen
Begriffen entsprechen. Darum ist es ein Ziel dieser Einfüh-
rung in die Persönlichkeitspsychologie, den Unterschied
zwischen alltagspsychologischen und psychologischen Per-
sönlichkeitskonzepten von Anfang an möglichst klar her-
auszuarbeiten. Dieses Kapitel beschäftigt sich deshalb noch
gar nicht mit Persönlichkeitspsychologie, sondern mit dem
alltagspsychologischen Persönlichkeitskonzept.
Laucken (1974) unternahm einen umfassenden Versuch,
die deutsche Alltagspsychologie zu analysieren. Dazu notierte
und katalogisierte er eineinhalb Jahre lang alle alltagspsycho-
logischen Erklärungen, die ihm in Gesprächen, Büchern und
Filmen begegneten. Gestützt auf dieses Datenmaterial – aber
sicherlich auch auf sein psychologisches Wissen – rekonstru-
ierte Laucken die Struktur der deutschen Alltagspsychologie. . Abb. 1.1  Die Struktur der Alltagspsychologie. (Mod. nach
Danach besteht sie aus einer naiven Prozesstheorie und einer Laucken 1974, Diagramm I, mit freundl. Genehmigung)
naiven Dispositionstheorie (. Abb. 1.1).
Alltagspsychologisch beobachtbar, vorhersage- und erklä-
rungsbedürftig ist das Erleben und Verhalten einer Person in müssen sie erst mühsam aus unserem Wissen über Einzel-
einer bestimmten Situation. Laucken unterschied dabei zwei fälle rekonstruieren.
Komponenten alltagspsychologischer Erklärungen: Zentral für das alltagspsychologische Persönlichkeits-
55 die naive Prozesstheorie, die aus Vorstellungen konzept sind die Dispositionstheorie und ihr Dispositions-
über aktuell ablaufende Prozesse der Informations- begriff (7 Unter der Lupe).
verarbeitung besteht (Wahrnehmungsprozesse,
kognitive, motivationale und emotionale Prozesse bis Unter der Lupe
hin zu Prozessen der Verhaltensaktivierung);
55 die naive Dispositionstheorie, die aus Vorstellungen Der Dispositionsbegriff
über Dispositionen besteht, d. h. überdauernden Eine Disposition ist ein Merkmal einer Person, das
Merkmalen der Person, die für ihr Verhalten verant- eine mittelfristige zeitliche Stabilität aufweist,
wortlich gemacht werden (z. B. Wissensbestände, d. h. zumindest Wochen oder Monate überdauert.
Fähigkeiten, Temperamentsmerkmale, Interessen). Eine Disposition lässt eine Person in bestimmten
Situationen ein bestimmtes Verhalten zeigen. Die
Diese beiden naiven Theorien sind Rekonstruktionen der Dispositionen einer Person müssen streng von
Alltagspsychologie, d. h. alltagspsychologische Argumen- ihrem Verhalten unterschieden werden. Verhalten
tationen laufen so ab, als ob sie auf diesen beiden Theorien fluktuiert von Sekunde zu Sekunde und ist direkt
beruhen würden. Explizit repräsentiert sind diese Theo- beobachtbar. Dispositionen sind zeitlich stabiler
rien alltagspsychologisch nicht. Sie haben also denselben und nicht direkt beobachtbar, sondern nur aus den
Status wie eine grammatikalische Regel der Muttersprache: beobachtbaren Verhaltensregelmäßigkeiten einer
Wir benutzen solche Regeln beim Sprechen intuitiv, also Person erschließbar. In der Alltagspsychologie werden
ohne uns dessen bewusst zu sein. Fragt uns ein Ausländer, Dispositionsbegriffe intuitiv zur Beschreibung von
der etwas Deutsch beherrscht, nach einer solchen Regel, Verhaltensregelmäßigkeiten und zur Erklärung und
geraten wir meist in Verlegenheit, weil wir sie nie explizit Vorhersage von Verhalten verwendet.
erlernt haben wie beim Erwerb einer Fremdsprache; wir
4 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

Beispiele für naiv-prozesstheoretische Erklärungen sind: Die vertikale Koppelung von Dispositionen kommt
1 „Warum verlässt X sein Bürozimmer? – Um Zigaretten zu durch den Glauben zustande, dass bestimmte Dispositio-
holen“, „Warum fiel X durch die Prüfung? – Sie hatte einen nen Spezialfälle umfassenderer Dispositionen sind, also
emotionalen Block“. Beispiele für naiv-dispositionstheore- ihnen untergeordnet sind. Zum Beispiel wird angenom-
tische Erklärungen desselben Verhaltens von X in densel- men, dass Prüfungsängstlichkeit, Ängstlichkeit beim Blut-
ben Situationen sind: „Warum verlässt X gerade sein Büro- abnehmen und Ängstlichkeit beim Sprechen vor großen
zimmer? – Weil er immer um diese Zeit geht“, „Warum fiel Gruppen zusammenhängen, weil sie Spezialfälle der über-
X durch die Prüfung? – Weil sie prüfungsängstlich ist“. geordneten Eigenschaft „Ängstlichkeit” sind. Das ist nur
Diese Beispiele zeigen, dass dasselbe Verhalten alltagspsy- z. T. richtig, weil Ängstlichkeit beim Blutabnehmen nicht
chologisch sowohl auf Prozesse als auch auf Dispositionen mit Prüfungsängstlichkeit und Ängstlichkeit beim Spre-
zurückgeführt werden kann. Diese beiden Erklärungsmus- chen vor großen Gruppen zusammenhängt, während die
ter schließen sich nicht wechselseitig aus, sondern sind beiden letzteren Ängstlichkeitsformen tatsächlich eng ver-
zwei mögliche, durchaus auch kombinierbare Erklärungs- knüpft sind.
ansätze, z. B. in: „Warum fiel X durch die Prüfung? – Weil
sie prüfungsängstlich ist und deshalb einen emotionalen > Dispositionen können durch Über- bzw.
Block hatte“. In der Alltagspsychologie wird ohnehin ange- Unterordnung vertikal verknüpft sein.
nommen, dass Dispositionen immer über eine Einwirkung
auf das Prozessgeschehen das Verhalten beeinflussen (vgl. Nach alltagspsychologischer Meinung kommen die körper-
. Abb. 1.1); oft wird dies nur nicht ausdrücklich gesagt. So lichen Persönlichkeitseigenschaften durch Vererbung und
ist mit „prüfungsängstlich“ die Vorstellung verbunden, dass Dispositionen zustande (z. B. Lachfältchen durch Freund-
jemand in Prüfungen besonders aufgeregt sei, was die Kon- lichkeit), die Verhaltensdispositionen wiederum durch zwei
zentration auf die Aufgaben behindere und dadurch zu einer völlig unabhängige Prozesse: Vererbung und Lernen. Dabei
Leistungsbeeinträchtigung führe. wird angenommen, dass vererbte Dispositionen besonders
In der naiven Prozesstheorie finden sich auf der einen änderungsresistent sind („dumm bleibt dumm, da helfen
Seite Akte (z. B. Wahrnehmen, Fühlen, Planen, Entscheiden) keine Pillen“). Ansonsten werden Dispositionen nach all-
und auf der anderen Seite Inhalte, an denen sich die Akte tagspsychologischer Auffassung durch direkte Auseinander-
vollziehen (z. B. Wahrnehmungsinhalte, Gefühle, Denkin- setzung mit der Umwelt oder durch Instruktion erlernt. In
halte). Dispositionen werden in der Alltagspsychologie ein- späteren Kapiteln werden wir sehen, dass auch diese Annah-
gesetzt, um zu erklären, warum jemand bestimmte Akte men nur teilweise richtig sind.
vollzieht oder woher bestimmte aktuelle Inhalte stammen.
Neben Dispositionen werden im Alltag auch leicht beob- > Alltagspsychologisch gesehen kommen körperliche
achtbare körperliche Merkmale zur Charakterisierung der Persönlichkeitsmerkmale durch Vererbung und
Persönlichkeit herangezogen, z. B. Gesichtsform, Größe, Dispositionen zustande, Verhaltensdispositionen
Schlankheit. dagegen durch Vererbung und Lernen.
Die einzelnen Dispositionen eines Menschen stehen
nach alltagspsychologischer Auffassung nicht zusammen- Wir nutzen also in unserem alltäglichen Umgang mit
hangslos nebeneinander, sondern sind horizontal und anderen eine komplexe, kulturell tradierte Wissensstruk-
vertikal verknüpft. Ihre horizontale Verknüpfung kommt tur, die wir ähnlich wie die Grammatik unserer Mutter-
durch den Glauben zustande, dass bestimmte Disposi- sprache intuitiv anwenden und die detaillierte Vorstel-
tionen gekoppelt auftreten. Zum Beispiel wird angenom- lungen darüber enthält, wie Verhaltensregelmäßigkeiten
men, dass schöne Menschen eher intelligent sind: Zeigt zustande kommen. Diese Wissensstruktur erleichtert uns
man Beurteilern Porträtaufnahmen von Menschen, die den Umgang mit anderen enorm. Könnten wir nämlich
sich deutlich in der Schönheit des Gesichts unterscheiden, deren Persönlichkeit gar nicht einschätzen, wäre unsere
werden die Schönen für intelligenter gehalten. Das ist ein Flexibilität im Verhalten stark eingeschränkt. Das Einzige,
reines Vorurteil, weil die so beurteilte Schönheit nicht mit was uns bliebe, wären Verhaltenskonventionen, nach denen
der Leistung in Intelligenztests übereinstimmt. Andere wir uns jedem gegenüber gleich verhalten müssten, ohne
Annahmen über horizontale Koppelungen sind realisti- dessen Individualität zu berücksichtigen. Das würde unsere
scher, z. B. dass eine rechte politische Einstellung eher mit Einflussmöglichkeiten auf andere schmälern. Die Alltags-
Ausländerfeindlichkeit verknüpft ist als eine linke politi- psychologie der Persönlichkeit erlaubt es, uns auf die indi-
sche Einstellung. viduellen Besonderheiten anderer einzustellen und unseren
Nutzen – oder einen gemeinsamen Nutzen – daraus zu
> Dispositionen können durch gleichzeitiges ziehen. Das vermittelt auch ein Gefühl der Sicherheit: Wir
Auftreten horizontal verknüpft sein. glauben zu wissen, wer der andere ist.
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
5 1
1.2 Wissenschaftliche längere historische Perioden in der Entwicklung
Persönlichkeitskonzepte einer Wissenschaft überdauert.

1.2.1 Wissenschaftsparadigmen Aus dieser Sicht lässt sich die Frage nach der Wissenschafts-
tauglichkeit der Alltagspsychologie weiter präzisieren: Ließe
sich eine schriftlich fixierte Alltagspsychologie der Persön-
Insgesamt ist die Alltagspsychologie der Persönlichkeit lichkeit als Paradigma der Persönlichkeitspsychologie auf-
also ein hochdifferenziertes, praxisnahes System von Aus- fassen? Es gibt in der Alltagspsychologie ja Leitsätze (z. B.
sagen über die menschliche Persönlichkeit. Brauchen wir in „Extraversion fördert den Erfolg im Außendienst“), Fra-
diesem Fall überhaupt noch eine wissenschaftliche Alter- gestellungen (z. B. „Ist diese Bewerberin geeignet für den
native? Könnten wir nicht einfach die Alltagspsychologie Außendienst?“) und Methoden zu ihrer Beantwortung (z. B.
der Persönlichkeit ein wenig expliziter gestalten, indem „Wenn diese Bewerberin im Bewerbungsgespräch positiv,
wir sie schriftlich fixieren? Ist sie dann nicht bereits eine offen und zugewandt wirkt, ist sie extravertiert und deshalb
Wissenschaft? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir geeignet für den Außendienst“). Genügen aber die Leitsätze
zunächst einmal klären, was eigentlich eine wissenschaft- und Methoden der Alltagspsychologie den Anforderungen
liche Theorie ausmacht und von nichtwissenschaftlichen an ein wissenschaftliches Paradigma?
Erklärungssystemen unterscheidet. Die meisten Paradigmen haben zumindest den
Wie der Wissenschaftshistoriker Kuhn (1967) gezeigt Anspruch, den in . Tab. 1.1 folgenden allgemeinen Qua-
hat, lassen sich Wissenschaften meist in mehrere Paradig- litätskriterien zu genügen. Darüber hinaus gibt es empiri-
men gliedern, charakterisiert durch ein Bündel theoreti- sche Wissenschaften (Erfahrungswissenschaften), die auf
scher Leitsätze, Fragestellungen und Methoden zu ihrer Beobachtungsdaten aufbauen und deren Aussagen sich
Beantwortung. Paradigmen überdauern längere historische durch Beobachtung bestätigen oder widerlegen lassen.
Perioden in der Entwicklung einer Wissenschaft, können Diese Wissenschaften müssen zwei Zusatzkriterien erfül-
sich dabei verändern und auch ganz verschwinden, weil sie len (. Tab. 1.1).
durch neue Paradigmen ersetzt werden. Meist koexistieren Bewerten wir also die Alltagspsychologie der Persön-
zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt mehrere, teil- lichkeit zunächst nach den allgemeinen Kriterien für ein
weise auch in Konkurrenz stehende Paradigmen. wissenschaftliches Paradigma. Das schärft bereits unseren
Blick dafür, was ein solches Paradigma überhaupt ist.
> Ein Wissenschaftsparadigma ist ein in 1. Explizitheit. Wissenschaftliche Begriffe sollen explizit
sich einigermaßen kohärentes, von vielen definiert sein, damit sie von unterschiedlichen
Wissenschaftlern geteiltes Bündel aus theoretischen Wissenschaftlern in gleicher Weise verstanden
Leitsätzen, Fragestellungen und Methoden, das werden. Die Grundbegriffe der Alltagspsychologie

. Tab. 1.1  Kriterien für Paradigmen der (empirischen) Wissenschaften

Kriterium Erläuterung

Allgemeine Kriterien
1. Explizitheit Die Begriffe und Aussagen des Paradigmas sollen explizit dargelegt sein.
2. Widerspruchsfreiheit Die Aussagen sollen sich nicht widersprechen.
3. Vollständigkeit Die Aussagen sollen alle bekannten Phänomene des Gegenstandsbereichs des
Paradigmas erklären.
4. Sparsamkeit Das Paradigma soll mit möglichst wenigen Grundbegriffen auskommen.
5. Produktivität Das Paradigma soll neue Fragestellungen erzeugen und dadurch die Forschung
voranbringen.
6. Anwendbarkeit Das Paradigma soll sich praktisch anwenden lassen.
Zusatzkriterien für empirische Wissenschaften
7. Empirische Verankerung Die Begriffe des Paradigmas sollen sich direkt oder indirekt auf Beobachtungs-
daten beziehen.
8. Empirische Prüfbarkeit Die Aussagen des Paradigmas sollen sich anhand von Beobachtungsdaten über-
prüfen lassen.
6 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

sind jedoch eher schwammig und werden von 5. Produktivität. Wäre die Alltagspsychologie der
1 unterschiedlichen Menschen in ähnlicher, aber nicht Persönlichkeit ein wissenschaftliches Paradigma,
identischer Weise verwendet. Wenn Nichtpsycho- würde ihr reiches Reservoir an Eigenschaften nahezu
logen um eine Definition eines alltagspsychologischen unbegrenzte Möglichkeiten für Untersuchungen über
Begriffs gebeten werden, müssen sie sehr nachdenken, die Funktion bestimmter Eigenschaften und ihrer
um die Bedeutung einigermaßen zutreffend zu Koppelungen untereinander bieten. Deshalb wird oft
rekonstruieren. Was bedeutet „extravertiert“ genau? in der Persönlichkeitspsychologie dazu aufgerufen,
Wo ist die Grenze zwischen „stark extravertiert“ und doch die „Weisheit der Sprache“ zu nutzen (gemeint
„mittelmäßig extravertiert“? Was ist eine Persön- ist damit die Weisheit der Alltagspsychologie).
lichkeitseigenschaft, was ist die Persönlichkeit eines Diese Vielfalt möglicher Fragestellungen würde aber
Menschen? gleichzeitig die Gefahr der Verzettelung in immer
2. Widerspruchsfreiheit. In der Alltagspsychologie neue, wenig aufeinander bezogene Fragestellungen
der Persönlichkeit finden sich oft widersprüchliche heraufbeschwören, was einen kontinuierlichen
Behauptungen wie z. B. „gleich und gleich gesellt sich Erkenntnisfortschritt behindern würde. Insgesamt
gern“ (im Sinne von „ähnliche Persönlichkeiten gehen wäre ein solches Paradigma damit wissenschaftlich
eher eine Beziehung ein als unähnliche“) und „Gegen- nicht allzu produktiv.
sätze ziehen sich an“ (im Sinne von „unähnliche 6. Anwendbarkeit. Wie wir schon gesehen haben, liegt
Persönlichkeiten gehen eher eine Beziehung ein als die Stärke der Alltagspsychologie in ihrer einfachen,
ähnliche“). Ein derartig widersprüchliches Aussagen- schnellen und robusten Anwendbarkeit auf alltägliche
system erklärt jeden beliebigen Sachverhalt, damit Probleme der Verhaltenserklärung und -vorhersage.
auch sein Gegenteil und somit nichts: Es handelt sich Deshalb bewährt sich die Alltagspsychologie der
nur um Scheinerklärungen. Das fällt nicht unbedingt Persönlichkeit trotz der oben genannten Schwächen
auf. Im Gegenteil: Das Paradigma scheint zutreffend im Alltag gut.
zu sein, denn es liefert für alles eine Erklärung.
3. Vollständigkeit. Paradigmen sollen alles schon Die Alltagspsychologie der Persönlichkeit ist vollständig
Bekannte erklären. Hier liegt eine der Stärken der und anwendbar, aber nicht ausreichend explizit, wider-
Alltagspsychologie der Persönlichkeit, denn wegen spruchsfrei, sparsam und produktiv. Damit eignet sie sich
der riesigen Menge von Eigenschaften, die zu einer nicht als Paradigma einer Wissenschaft.
Erklärung herangezogen werden können, lassen sich
fast alle beobachtbaren individuellen Besonderheiten > Die Alltagspsychologie der Persönlichkeit eignet
erklären. Das wird allerdings durch eine mangelnde sich nicht als wissenschaftliches Paradigma.
Widerspruchsfreiheit erkauft.
4. Sparsamkeit. Die Alltagspsychologie der Persön- Paradigmen der empirischen Wissenschaften müssen
lichkeit ist extrem reich an Grundbegriffen, weil jede zusätzlich zu den bereits diskutierten allgemeinen Krite-
Persönlichkeitseigenschaft ein Grundbegriff ist (sie rien zwei Zusatzkriterien genügen (vgl. . Tab. 1.1):
ist nicht aus anderen Grundbegriffen abgeleitet). 7. Empirische Verankerung. Die Körpergröße ist
Es gibt also mindestens so viele Grundbegriffe, eine Eigenschaft, die sich direkt beobachten lässt.
wie es Worte im Lexikon einer Sprache gibt, die Dispositionen dagegen sind nicht direkt beobachtbar,
Persönlichkeitseigenschaften bezeichnen. Ostendorf sondern nur aus dem Verhalten erschließbar. Es
(1990) fand unter ca. 12 000 deutschen Adjektiven sind theoretische Konstruktionen, Konstrukte, die
über 5 000 personenbeschreibende Adjektive. „hinter“ dem beobachtbaren Verhalten liegen und es
Eine solche Fülle von Grundbegriffen kann durch erklären sollen. Die Eigenschaft „Aggressivität“ ist ein
die Komplexität des Gegenstandsbereiches nicht Konstrukt, das die Beobachtung erklären soll, dass
unbedingt gerechtfertigt werden, wie ein Blick in jemand besonders viel oder besonders wenig aggres-
die Chemie zeigt, wo die riesige Vielfalt von Stoffen sives Verhalten zeigt. An Konstrukte wird in den
äußerst ökonomisch auf Kombinationen weniger Erfahrungswissenschaften die Forderung gestellt, dass
Elemente zurückgeführt werden kann. Auch wenn sie durch Zuordnungsregeln mit Beobachtungsdaten
eine solche drastische Reduktion in der Psychologie verknüpft sind (den empirischen Indikatoren des
nicht möglich sein mag, erscheint die große Zahl fast Konstrukts). Diese Regeln beschreiben ein Messver-
synonymer Eigenschaftsbegriffe doch viel zu unöko- fahren für das Konstrukt anhand von Beobachtungs-
nomisch. Die Alltagspsychologie verletzt massiv das daten; das Messverfahren wird auch die Operationa-
Sparsamkeitsprinzip. lisierung des Konstrukts genannt. Konstrukte werden
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
7 1
durch empirische Indikatoren operationalisiert und Insbesondere legt die unpräzise Definition der Verhal-
damit empirisch verankert. tensregelmäßigkeit einen Zirkelschluss in der Definition
von Eigenschaften nahe: Aus einem einmaligen Verhal-
Beispiel ten wird direkt auf eine Eigenschaft geschlossen, die dann
Operationalisierung von Prüfungsängstlichkeit zur Begründung des Verhaltens herhalten muss. Beispiel:
Das Konstrukt der Prüfungsängstlichkeit könnten wir z. B. „Warum hat X den Y geschlagen? Weil X aggressiv ist.
dadurch operationalisieren, dass wir fünf verschiedene Warum ist X aggressiv? Weil X den Y geschlagen hat.“ Eine
Verhaltensweisen angeben, die typisch für aktuelle, direkt korrekte Begründung würde lauten, „Weil X generell dazu
beobachtbare Prüfungsangst sind (einen emotionalen Zu- neigt, andere zu schlagen“, und dies müsste durch Beobach-
stand), und dann bei einem Prüfling für jede Verhaltens- tung in vielen Situationen belegbar sein.
weise entscheiden, ob sie während einer Prüfung auftrat 8. Empirische Prüfbarkeit. Von empirischen Wissen-
oder nicht; die Zahl aller aufgetretenen Verhaltensweisen schaften wird erwartet, dass sie empirisch prüfbar sind.
könnten wir als Operationalisierung des Zustands der Prü- Genauer gesagt wird erwartet, dass ihre Aussagen sich
fungsangst (nicht der Eigenschaft Prüfungsängstlichkeit!) empirisch bestätigen oder widerlegen lassen. Dazu
betrachten. Wenn Untersuchungen an vielen Prüflingen müssen sie so klar formuliert sein, dass ein solcher Test
ergeben, dass der Mittelwert von drei Prüfungen sehr gut überhaupt möglich ist. Die mangelnde Explizitheit
den Mittelwert in den nächsten drei Prüfungen vorhersagt, und die unzureichende empirische Verankerung
könnte der Mittelwert der Prüfungsangst in drei Prüfungen des alltagspsychologischen Eigenschaftsbegriffs
als Operationalisierung der Eigenschaft Prüfungsängst- erschweren einen solchen Test, weil jede beliebige
lichkeit betrachtet werden: Wir haben aus einer Verhaltens- Aussage durch passende Modifikation der Erklärung
regelmäßigkeit auf eine Eigenschaft geschlossen. gegen eine Widerlegung immunisiert werden kann.

Diese Operationalisierung von Prüfungsängstlichkeit durch


die mittlere Prüfungsangst in drei Prüfungen enthält einen Beispiel
„Bedeutungsüberschuss“: das auf empirische Untersuchun- Passende Modifikationen in alltagspsychologischen
gen gegründete Wissen, dass dieser Mittelwert so stabil ist, Erklärungen
dass daraus auf die Disposition der Prüfungsängstlichkeit „Sagtest du nicht, Susanne werde die Prüfung wegen ihrer
geschlossen werden darf. Ein Bedeutungsüberschuss kann hohen Intelligenz leicht bestehen? Sie ist aber durchgefal-
sich auch auf andere Annahmen beziehen, z. B. in welchen len!“ – „Ja, ja; Susanne ist eben ganz schön faul, sie hat sich
Situationen Prüfungsangst auftritt (nur in Prüfungen oder wohl nicht genug vorbereitet.“ – „Ihr Freund ist da aber ganz
generell in Situationen, in denen man sich bewähren muss). anderer Meinung; er hat sich schon beklagt, dass sie nur
Sind alltagspsychologisch definierte Eigenschaften noch gelernt hat.“ – „Da hat Susanne wohl einen schlechten
empirisch verankert? Auf den ersten Blick scheint das der Tag gehabt; vielleicht war sie zu aufgeregt.”
Fall zu sein, denn Eigenschaften werden ja aus beobacht- Hier wurde eine dispositionale Erklärung durch eine ande-
barem Verhalten erschlossen. Ein Hauptproblem der All- re ersetzt; als sich das als unplausibel erwies, wurde ohne
tagspsychologie besteht allerdings darin, dass nur geringe weitere Begründung auf eine Erklärung durch einen emo-
Anforderungen an die Bedingungen gestellt werden, unter tionalen Zustand ausgewichen. Weiteres Beispiel, hier bei
denen aus Beobachtungen auf Eigenschaften geschlossen einer Vorhersage:
werden darf. „Fritz wird die nächste Prüfung aber sicher bestehen – er
55 Erstens sind die Anforderungen an das zu beobach- hat ja so viel gebüffelt.“ – Fritz fällt durch die Prüfung. – „Da
tende Verhalten unpräzise: Reicht die Feststellung, sieht man mal wieder, dass selbst viel Büffelei nichts nützt,
dass ein Prüfling mit kalten Händen zur mündlichen wenn man so viel Angst vor einer Prüfung hat wie Fritz.”
Prüfung erschien, mit zittriger Stimme begann und
nach einer bestimmten Frage überhaupt nichts mehr Da die alltagspsychologischen Erklärungen und Vorhersagen
zum Thema sagte, um auf einen emotionalen Block beliebig modifizierbar sind und sich so jeder Widerlegung
und damit auf hohe Prüfungsangst zu schließen? entziehen, gilt das auch für die Alltagspsychologie der Per-
55 Zweitens ist der Begriff der Verhaltensregelmäßigkeit sönlichkeit insgesamt. Dies ist aus erfahrungswissenschaft-
äußerst schwammig: Wie oft muss jemand in wie licher Sicht die größte Schwäche der Alltagspsychologie. Die
vielen Prüfungen Anzeichen eines emotionalen Blocks Alltagspsychologie der Persönlichkeit ist also praktisch für
zeigen, um als stark prüfungsängstlich zu gelten? die Erklärung und Vorhersage von Verhalten im Alltag, aber
Einmal wohl kaum, aber reichen zwei Blocks in drei unbrauchbar als psychologische Theorie, erst recht nach den
Prüfungen innerhalb von zwei Monaten aus? strengen Kriterien für empirische Wissenschaften.
8 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

> Die Alltagspsychologie ist unbrauchbar als 1.6 Warum ist die Alltagspsychologie für
1 psychologische Theorie. die Persönlichkeitspsychologie wichtig?
(→ psychologische Tatsache, Ansatzpunkt für
Auch wenn die naive Persönlichkeitstheorie als psycho- Theorienbildung, Verwechslungsgefahr)
logische Theorie unbrauchbar ist, ist sie dennoch aus drei
Gründen wichtig für die Psychologie. Mehr lesen
55 Erstens ist sie eine psychologische Tatsache: Wir alle
haben diese Theorie im Kopf und nutzen sie ständig. Laucken, U. (1974). Naive Verhaltenstheorie. Stuttgart:
Wer verstehen will, wie Menschen individuelle Klett.
Besonderheiten ihrer Mitmenschen und von sich Walach, H. (2013). Psychologie: Wissenschaftstheorie,
selbst wahrnehmen und damit umgehen, muss sich philosophische Grundlagen und Geschichte (3. Aufl.),
mit der naiven Persönlichkeitstheorie beschäftigen. Kap. 10: Wissenschaftstheorie. Stuttgart: Kohlhammer.
55 Zweitens ist die naive Persönlichkeitstheorie ungeachtet
ihrer Probleme ein möglicher Ansatzpunkt für die
persönlichkeitspsychologische Theorienbildung.
Viele ihrer Probleme lassen sich vermeiden, wenn 1.2.2 Das psychoanalytische Paradigma
Eigenschaften besser operationalisiert werden und
ihre Funktion in aktuellen Prozessen der Situations- Wichtige Konzepte der heutigen erfahrungswissenschaftli-
verarbeitung klarer herausgearbeitet wird. Wie in den chen Persönlichkeitspsychologie gehen auf psychoanalyti-
folgenden Kapiteln deutlich werden wird, knüpfen alle sche Konzepte der Persönlichkeit zurück, die zunächst von
persönlichkeitspsychologischen Theorien an Konzepte Sigmund Freud (1856–1939) entwickelt (z. B. Freud, 1982)
der naiven Persönlichkeitstheorie an. Das gilt besonders und später von neoanalytischen Theoretikern weiterent-
für den Begriff der Verhaltensdisposition, der in der wickelt und dabei auch modifiziert wurden. Deshalb ist es
Persönlichkeitspsychologie eine zentrale Rolle spielt. sinnvoll, einen Blick auf diese historisch bedeutsamen Kon-
55 Drittens laufen Psychologen ständig Gefahr, alltags- zepte zu werfen. Wird dies mit einer Kritik der psychoanaly-
psychologische Konzepte mit wissenschaftlichen tischen Methodik verbunden, vertieft dies das Verständnis
Begriffen zu verwechseln, weil sie ja über beides für die Kriterien erfahrungswissenschaftlicher Paradigmen.
verfügen: ihre Alltagspsychologie und ihre Psycho- Betrachten wir also im Folgenden das klassische psycho-
logie. Diese Gefahr ist im Falle der Persönlichkeits- analytische Konzept der Persönlichkeit und ihrer Entwick-
psychologie besonders groß, weil sie sich noch nicht so lung aus methodenkritischer Sicht: Genügt es den Anfor-
weit wie manche andere Gebiete der Psychologie (z. B. derungen an ein wissenschaftliches Paradigma und darüber
die Wahrnehmungspsychologie) von alltagspsycholo- hinaus auch den Anforderungen an ein Paradigma einer
gischen Vorstellungen gelöst hat. Einer Verwechselung empirischen Wissenschaft?
von Alltagspsychologie und Psychologie kann dadurch Die Psychoanalyse war einerseits der Versuch, eine
vorgebeugt werden, dass beide möglichst klar und relativ umfassende Theorie des „menschlichen Seelenle-
streng getrennt voneinander konzeptualisiert werden. bens“ zu entwickeln, andererseits handelt es sich um eine
bestimmte psychotherapeutische Technik. Die Psychoana-
? Fragen lyse hat in den vergangenen 100 Jahren zahlreiche Wand-
1.1 Welche Struktur weist die Alltagspsychologie lungen erfahren. Freud selbst änderte vielfach seine Betrach-
nach Laucken auf? (→ . Abb. 1.1) tungsweise. Wegen dieser langen und heterogenen Entwick-
1.2 Was versteht man unter einer Disposition, was lungsgeschichte ist es nicht unproblematisch, von „dem psy-
unter einer Dispositionshierarchie? (→ Unter choanalytischen Paradigma“ zu sprechen. Dennoch lassen
der Lupe) sich ein Kern von Grundannahmen über menschliches
1.3 Welche Dispositionen und körperlichen Erleben und Verhalten und ein grundlegender methodi-
Merkmale sind aus Sicht der Alltagspsy- scher Ansatz ausmachen, der unter Psychoanalytikern
chologie keine Persönlichkeitseigenschaften? von Freud an bis heute zumindest mehrheitsfähig war und
(→ universelle Merkmale [Beispiele angeben]) immer noch mehrheitsfähig ist. Vor allem der methodische
1.4 Welchen Kriterien sollen erfahrungswissen- Ansatz ist klar abgrenzbar vom Vorgehen der empirischen
schaftliche Paradigmen genügen? (→ 8 Psychologie. Dieser gemeinsame Kern aller psychoanalyti-
Kriterien) schen Richtungen wird hier als „das psychoanalytische Para-
1.5 Welchen Nutzen hat die Alltagspsychologie digma“ bezeichnet.
der Persönlichkeit im Alltag? (→ schnelle Im Folgenden wird nicht etwa das psychoanalytische
Orientierung, Anwendbarkeit) Paradigma in voller Breite dargestellt, sondern nur in
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
9 1
denjenigen Anteilen, die für die Persönlichkeitspsycholo- Bei der Geburt sei nur das Es vorhanden; es repräsentiere
gie unmittelbar von Bedeutung sind. Freud selbst interes- das Gesamtreservoir der Energie, die durch angeborene
sierte sich viel mehr für pathologische Störungen, wie sie in Instinkte verarbeitet werde, sowie angeborene Disposi-
der klinischen Psychologie untersucht werden, als für Nor- tionen. Das Es sei dem „Lustprinzip“ unterworfen: Es sei
malvarianten der Persönlichkeit; letztere bezeichnete er als bestrebt, Energie sofort zu entladen, indem es Lust suche
Charakter. Das lässt sich auf alle psychoanalytischen Rich- und Schmerz vermeide.
tungen verallgemeinern: Im Vordergrund steht immer die Im Verlauf der Entwicklung bilde sich aus Teilen des Es
Erklärung pathologischer Störungen. Im Folgenden inte- durch den Kontakt zur Außenwelt das Ich heraus. Das Ich sei
ressiert aber nur derjenige Anteil des psychoanalytischen dem „Realitätsprinzip“ unterworfen: Es vermittle zwischen
Paradigmas, der sich mit dem Charakter und seiner Ent- den Ansprüchen des Es und der Außenwelt, indem es einer-
wicklung beschäftigt. seits den Einfluss der Außenwelt zu ändern suche (durch
Flucht, Anpassung oder aktive Veränderung) und anderer-
seits die Triebansprüche des Es einzudämmen suche.
1.2.2.1 Allgemeines Menschenbild Das Über-Ich stelle eine besondere Instanz im Ich dar.
Zentral für Freuds Menschenbild ist die Ansicht, dass alle Die durch die Eltern und Vorbilder vermittelten Normen
menschliche Aktivität, einschließlich des Erlebens und Ver- der Kultur würden verinnerlicht und dadurch eine Eigen-
haltens, auf der Verarbeitung von Energie beruhe. Er sah dynamik im Ich entfalten: Das Über-Ich beobachte das Ich
den Menschen als ein energiemäßig weitgehend abgeschlos- und suche es anstelle der Eltern und Vorbilder zu kontrollie-
senes System an, das eine bestimmte Menge an Energie zur ren. So müsse das Ich nicht nur zwischen Es und Außenwelt,
Verfügung habe, sodass die Energie für eine Aktivität nur sondern zwischen Es, Außenwelt und Über-Ich vermitteln.
auf Kosten der Energie für eine andere Aktivität verbraucht Freuds metaphorische Sprache verleitet zu der Vor-
werden könne. Das „Seelenleben“ (psychische Prozesse wie stellung, die drei Instanzen seien drei kleine Männchen
Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Erinnern, Träumen) beruhe in unseren Köpfen, die miteinander um die Kontrolle der
auf dem Fluss von Energie. psychischen Energie ringen. Das wäre eine ebenso falsche
Gespeist werde diese Energie aus angeborenen Interpretation wie die Vorstellung, es handele sich um ana-
Trieben (körperlichen Spannungszuständen). Sie dräng- tomisch oder physiologisch bestimmbare Hirnstruktu-
ten zur Entladung durch Triebbefriedigung an Triebob- ren. Es handelt sich vielmehr um theoretische Begriffe, die
jekten. Diese Triebimpulse könnten aber oft nicht durch Freud einführte, um bestimmte beobachtbare Phänomene
entsprechendes Verhalten direkt befriedigt werden. Sie zu erklären, z. B. Erinnerungsblockaden, Versprecher im
würden dann in vielfältiger Weise umgeformt oder auf Alltag oder bestimmte pathologische Symptome.
andere Triebobjekte umgelenkt (z. B. Befriedigung in der Das Seelenleben finde auf drei Ebenen statt:
Phantasie oder in Träumen). Freud interessierte sich vor 55 unbewusste,
allem für Energie aus sexuellen Spannungszuständen (die 55 vorbewusste,
„Libido“, lat. Verlangen, Lust), später auch für aggressive 55 bewusste Ebene.
Energie.
Freuds Energie- und Triebbegriff war ein Kind des 19. Auf der bewussten Ebene fänden sich Inhalte des momen-
Jahrhunderts; ihm stand der Begriff der Information noch tanen Bewusstseins, z. B. Wahrnehmungen, Empfindungen,
nicht zur Verfügung (vgl. 7 Abschn. 2.2). Freud hoffte bis Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen. Auf
zu seinem Tod, dass psychische Energie und Triebimpulse der vorbewussten Ebene fänden sich prinzipiell dieselben
sich später einmal physiologisch messen lassen würden. Inhalte, nur dass ihre Stärke nicht ausreiche, das Bewusst-
Inzwischen herrscht auch unter orthodoxen Psychoana- sein zu erreichen. Wenn man z. B. versuche, sich an einen
lytikern die Auffassung vor, dass psychische Energie und Namen zu erinnern und er „auf der Zunge liegt“, man ihn
Triebe lediglich theoretische Begriffe sind, die zur Erklä- aber nicht nennen könne, sei die Erinnerung an den Namen
rung beobachtbaren Erlebens („Wünsche“) und motivierten vorbewusst. Inhalte des Unbewussten seien der bewussten
Verhaltens eingeführt werden, ohne dass sie eine Entspre- Ebene auch bei großer Anstrengung nicht zugänglich. Die
chung auf physiologischer Ebene haben, und Freuds Trieb- gesamten Inhalte und Aktivitäten des Es seien unbewusst,
konzept wird von vielen Psychoanalytikern als zu mecha- ebenso Teile des Über-Ich und des Ich. Andere Teile des
nistisch abgelehnt (vgl. für eine Kritik Holt, 1976). Über-Ich und Ich seien vorbewusst oder bewusst.
Die Energieverarbeitung werde von drei psychischen Unbewusste Prozesse seien nicht einfach nicht-be-
Instanzen geregelt: wusste Prozesse, sondern hätten eine eigene Qualität („pri-
55 Es, märprozesshaftes Denken“; z. B. Verschmelzung von Orten,
55 Ich, Zeitpunkten oder logischen Gegensätzen). Gegen unange-
55 Über-Ich. nehme Wahrnehmungen, Gedanken und Erinnerungen,
10 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

die auf Triebimpulsen des Es beruhen, könne sich das Ich und Handelns werden wenig thematisiert. Wie Menschen
1 wehren, indem es sie ins Unbewusste verdränge. Dort beispielsweise systematisch Probleme lösen können, ist
würden sie jedoch weiterhin motivational und affektiv kein Thema der Psychoanalyse. Das ist aus der klinischen
wirksam sein. . Abb. 1.2 illustriert den Zusammenhang zwi- Orientierung der Psychoanalyse verständlich, stellt aber
schen den drei psychischen Instanzen und den drei Ebenen eine wesentliche Einschränkung des Anwendungsbereichs
des Seelenlebens. der Psychoanalyse dar.
Die drei psychischen Instanzen (das „Strukturmodell“) Zudem wurden von Freud an bis heute sexuelle und
und die drei Bewusstseinsebenen (das „topographische aggressive Motive überbetont und andere wie z. B. Neugier
Modell“) sind bis heute Kernannahmen aller psychoanaly- oder das Kompetenzmotiv (das Streben nach Vervollkomm-
tischen Richtungen. Mit dem Aufkommen der Ich-Psycho- nung der eigenen Fähigkeiten um ihrer selbst willen) ver-
logie und der Objektbeziehungstheorien entstand die Frage, nachlässigt. Das dürfte wohl darauf zurückzuführen sein,
wo das Selbstbild und das Bild wichtiger Bezugspersonen dass sexuelle und aggressive Impulse sozial besonders kon-
anzusiedeln seien: Sollten diese als Komponenten des Ich fliktträchtig sind, deshalb besonders häufig in pathologi-
betrachtet werden, des Über-Ich (das z. T. durch Internalisie- schen Störungen eine Rolle spielen und deswegen in den
rung des Bildes der Eltern entstehe) oder des Es (weil sie Teile primär klinischen Beobachtungen der Psychoanalytiker
von Triebstrukturen seien)? Oder seien vielmehr Selbstbild überrepräsentiert sind. Zusammen mit der Überbetonung
und das Bild wichtiger Bezugspersonen Kompromisse aus irrationaler Prozesse ergibt sich ein verzerrtes Menschen-
Ich-, Es- und Über-Ich-Anteilen? Oder seien es eigenstän- bild, das dem heutigen Wissen über die irrationalen und
dige psychische Instanzen? Diese Kontroversen machen rationalen Seiten menschlichen Erlebens und Verhaltens
deutlich, dass der Begriff der psychischen Instanz keines- nicht entspricht.
wegs so klar ist, wie die Kontinuität seiner Benutzung in allen
psychoanalytischen Richtungen nahezulegen scheint. > Das allgemeine Menschenbild des psychoana-
Zu den psychoanalytischen Kernannahmen wird meist lytischen Paradigmas überbetont aufgrund seiner
auch Freuds Phasenlehre der Entwicklung gezählt. Wegen klinischen Orientierung irrationale auf Kosten
ihrer offenkundigen Schwächen wird sie heute zunehmend rationaler Prozesse und sexuelle und aggressive
auch von Psychoanalytikern in wesentlichen Teilen abge- Motive auf Kosten anderer Motive.
lehnt. Sie wird im nächsten Abschnitt skizziert.
Das allgemeine Menschenbild des psychoanalytischen
Paradigmas betont motivationale, affektive und irratio- 1.2.2.2 Persönlichkeitskonzept
nale Prozesse, die menschlichem Erleben und Verhalten Das alles hat allerdings noch nichts mit Persönlichkeitspsy-
zugrunde liegen. Rationale Prozesse des Denkens, Planens chologie zu tun; es handelt sich um Annahmen über moti-
vationale Prozesse, die für alle Menschen in gleicher Weise
gelten sollen. Diese motivationalen Prozesse stellen nach
Freud aber gleichzeitig auch den Schlüssel zum Verständnis
der Persönlichkeit dar. Die Stärke der Es-Ansprüche könne
konstitutionell bedingt von Person zu Person unterschied-
lich ausfallen und die Stärke und Form der Ich-Funktionen
und die Ansprüche des Über-Ich könnten erfahrungsbe-
dingt variieren. Die resultierende typische Triebdynamik
einer Person, ihr Charakter, sei damit eine gemeinsame
Funktion von angeborener Konstitution und Erfahrung.
Eine wichtige Konsequenz dieses Persönlichkeitskonzepts
ist es, Motive, also individualtypische motivationale Tenden-
zen, nicht nur auf der bewussten Ebene zu suchen (durch
Erfragen), sondern auch auf der unbewussten Ebene.
Was den Einfluss der Erfahrung auf die Persönlich-
keitsentwicklung betrifft, nahm Freud an, dass es beson-
ders die frühkindlichen Erfahrungen seien, die den späteren
Charakter prägen. Nach Freud durchläuft jedes Kind drei
Phasen der Entwicklung, die durch jeweils bevorzugte Kör-
. Abb. 1.2  Beziehungen zwischen den drei psychischen Instanzen perzonen der Triebbefriedigung („erogene Zonen“) gekenn-
und den drei Ebenen psychischer Prozesse nach Freud zeichnet seien:
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
11 1
55 orale, Charakterentwicklung liege vor allem in der Verarbeitung
55 anale, des Ödipuskonflikts. Werde er nur unzureichend gelöst,
55 phallische Phase. resultiere ein Charakter, der durch einen „Ödipuskomplex“
gekennzeichnet sei. Bei einer Überkompensation der Kast-
In der oralen Phase (1. Lebensjahr) finde die Triebbefriedi- rationsangst resultierten Charakterzüge, die heutzutage als
gung vor allem mithilfe der Mundzone statt (Saugen, Beißen, „machohaftes“ Gehabe bezeichnet werden; übertriebenes
Kauen). In der analen Phase (2.–3. Lebensjahr) richteten sich Erfolgsstreben im Beruf sei eine Fortsetzung der frühen
die Triebimpulse vor allem auf den Anus. Lustvoll sei zunächst Rivalität zum Vater mit anderen Mitteln.
das Ausscheiden, später das Zurückhalten von Kot. In der
phallischen Phase (3.–5. Lebensjahr, „Phallus“ lat. Penis) > Freud glaubte, dass die frühkindliche Geschichte
sei der Penis bzw. die Scheide die bevorzugte erogene Zone. der Triebregulation in der oralen, analen und
Während der phallischen Phase richteten sich die Triebim- phallischen Phase den späteren Charakter forme.
pulse auf das gegengeschlechtliche Elternteil, verbunden mit Ihm liege eine Sequenz elterliches Verhalten →
Phantasien, es vollständig in Besitz zu nehmen. Das Kind Fixierung → Charakter zugrunde.
liebe beide Elternteile und möchte von ihnen geliebt werden,
befinde sich aber gleichzeitig in einer Rivalitätssituation zum Diese Sicht der Charakterbildung leidet wie die meisten von
gleichgeschlechtlichen Elternteil, was eine tiefgehende emo- Freuds Konzepten unter der fehlenden Operationalisierung
tionale Ambivalenz diesem Elternteil gegenüber auslöse. zentraler Begriffe. Wie lässt sich die Stärke der Rivalität zum
Bei Jungen löse die Rivalität mit dem Vater Angst vor gleichgeschlechtlichen Elternteil, die der sexuellen Triebim-
Kastration durch den Vater aus. Den Konflikt zwischen pulse gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil, die
Wunsch nach Besitznahme der Mutter und aggressiver der Kastrationsangst oder des Penisneides messen? Wie lässt
Rivalität mit dem Vater bezeichnete Freud als Ödipus- sich nach Abschluss einer Entwicklungsphase entscheiden,
konflikt (nach dem griechischen Mythos vom Königssohn ob eine Fixierung tatsächlich stattgefunden hat?
Ödipus, der unwissentlich und unwillentlich seinen Vater Neben der Charakterbildung durch Fixierung ent-
erschlug und seine Mutter heiratete). Dieser Konflikt werde wickelte Freud eine zweite Auffassung der Charakterent-
bewältigt, indem der Junge sich mit dem Vater identifiziere wicklung, die auf einer Theorie der Angstverarbeitung
und seine Triebimpulse gegenüber der Mutter in Zärtlich- beruht. Danach entstehe Angst immer dann, wenn das Ich
keit verwandle. Insbesondere übernehme er dabei die Wert- durch Reize überflutet werde, die es nicht mehr bewälti-
und Moralvorstellungen des Vaters. gen könne. Bei Reizen aus der Umwelt, die subjektiv oder
Weniger interessierte sich Freud dafür, wie Mädchen objektiv Gefahr anzeigen, resultiere „Realangst“. Könnten
die phallische Phase verarbeiteten. Sie hätten keine Kas- Triebimpulse des Es nicht ausreichend abgewehrt werden,
trationsängste gegenüber der Mutter, sondern empfän- entstehe „neurotische Angst“. Könne das Ich Ansprüchen
den einen Penisneid und würden ihn der Mutter anlas- des Über-Ich nicht genügen, handele es sich um „morali-
ten. Ein Wunsch nach Übernahme des väterlichen Penis sche Angst“. Die Angst signalisiere in jedem Fall eine Über-
werde später durch den Wunsch ersetzt, von ihm ein Kind forderung des Ich. Während Furcht immer ein spezifisches
zu bekommen. Gefördert werde die Zuwendung zum Vater Objekt habe, das gefürchtet werde, sei Angst ein objektun-
durch Identifikation mit der Mutter und Angst vor Liebes- abhängiges Alarmsignal.
entzug und Bestrafung durch die Mutter. Insbesondere Um mit der Angst fertig zu werden, wehre sich das Ich
übernehme das Mädchen dabei die Wert- und Moralvor- gegen die angstauslösenden Triebimpulse durch Abwehr-
stellungen der Mutter. mechanismen. Dem Ich ständen dafür vielfältige Formen
Der Charakter (die Persönlichkeit) eines Menschen der Abwehr zur Verfügung (. Tab. 1.2).
werde entscheidend durch die individuelle Verarbeitung der Die häufigste Form sei die Verdrängung, bei der die
drei frühkindlichen Entwicklungsphasen bestimmt. Ließen angsterregenden Impulse ins Unbewusste gedrängt würden.
die Eltern in einer der drei Phasen eine zu große Triebbefrie- Dort würden sie jedoch weiter existieren und müssten durch
digung zu oder schränkten sie diese zu sehr ein, komme es weitere Abwehrmechanismen im Zaum gehalten werden.
zu einer Fixierung der vorhandenen frühkindlichen Trieb- Bei Ich-Schwäche (z. B. durch Alkoholisierung oder im
impulse, die den Charakter fortan bestimmten. Schlaf) würden sie wieder ins Bewusstsein drängen. Deshalb
Orale Fixierung resultiere beispielsweise in über- seien Träume oder Reaktionen unter Drogen informativ
mäßiger Abhängigkeit von anderen und übermäßigem über die ins Unbewusste verdrängten Triebimpulse. Aber
Trinken, Essen oder Rauchen. Anale Fixierung führe zu auch bei vollständiger Verdrängung könnten sich verdrängte
einem zwanghaft ordentlichen, pedantischen und geizigen Impulse indirekt zeigen in Form von Versprechern, neuro-
Charakter. Die Bedeutung der phallischen Phase für die tischen oder somatischen Symptomen.
12 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

1 . Tab. 1.2  Einige Abwehrmechanismen des Ich nach Sigmund Freud

Mechanismus Wehrt ab Durch

Verdrängung Innere und äußere Reize Verdrängung ins Unbewusste


Projektion Innere Reize Projektion eigener Triebimpulse auf andere
Verschiebung Innere Reize Verschiebung des Triebziels auf ein anderes Objekt
Reaktionsbildung Innere Reize Verkehrung ins Gegenteil
Verleugnung Äußere Reize Nicht wahrhaben wollen
Rationalisierung Eigenes Verhalten Umdeutung in akzeptables Verhalten
Sublimierung Innere Reize Befriedigung der Triebimpulse durch akzeptable Ersatzhandlungen
Regression Trauma Rückzug auf frühkindliche Stufe der Triebregulation

Bei der Projektion würden die angsterregenden Impulse entsprechend unreifem Verhalten. Oft finde der Rückzug
anderen Personen unterstellt (auf sie „projiziert“). Zum auf diejenige Entwicklungsphase statt, auf der eine Fixie-
Beispiel könnten aggressive Impulse dadurch abgewehrt rung stattgefunden habe (s. oben). Ein Beispiel ist ein
werden, dass das Verhalten anderer als feindselig interpre- Erwachsener, der nach der Trennung von seiner Frau
tiert werde (wodurch eigene aggressive Tendenzen wiede- wieder zu rauchen anfängt, obwohl er vorher damit auf-
rum gerechtfertigt würden). gehört hatte.
Bei der Verschiebung würden die angsterregenden Neben diesen acht Abwehrmechanismen werden in
Impulse auf andere Objekte der Triebbefriedigung verscho- der psychoanalytischen Literatur noch weitere diskutiert.
ben. Zum Beispiel könnten aggressive Impulse gegenüber Entscheidend für die Frage nach der Charakterbildung ist
dem Chef dadurch abgewehrt werden, dass sie zu Hause Freuds Annahme, dass sich im Verlauf der Ich-Entwicklung
gegen die Ehefrau gewendet würden. individualtypische Bevorzugungen bestimmter Abwehrme-
Bei der Reaktionsbildung würden die angsterregen- chanismen herausbilden würden. Es gebe also z. B. typische
den Impulse ins Gegenteil verkehrt, damit akzeptabel für Verdränger, Projizierer oder Verleugner. Damit sei der Cha-
das Ich und somit zugänglich für das Bewusstsein. Bei- rakter doppelt bestimmt: durch eine eventuelle Fixierung
spielsweise könne eine Mutter feindselige Impulse gegen- auf eine der drei frühkindlichen Entwicklungsphasen und
über ihrem Kind, die in Widerspruch zu ihrem Über-Ich die typischen Abwehrmechanismen, die das Ich bei Gefahr
stehen, durch Reaktionsbildung in überbehütendes Verhal- von innen bzw. außen bevorzugt einsetze.
ten ummünzen. Diese Auffassung der Charakterentwicklung leidet unter
Projektion, Verschiebung und Reaktionsbildung einer mangelhaften empirischen Verankerung der zentralen
würden sich vor allem auf die Abwehr von neurotischer Begriffe. So plausibel es auch ist, dass es Abwehrmechanis-
Angst beziehen. Die folgenden beiden Abwehrmechanis- men gibt: Unklar bleibt, nach welchem Kriterium entschie-
men würden primär zur Abwehr von Realangst eingesetzt. den werden soll, ob ein beobachtetes Verhalten auf Abwehr
Bei der Verleugnung würden reale Gefahren verleugnet. beruht oder nicht. Wenn jemand in einer Situation, die bei
Ein Beispiel wäre eine Frau, die Knoten in ihrer Brust fühlt, vielen Menschen Angst hervorruft (z. B. eine Stegreifrede
aber nicht wahrhaben will, dass es sich um Krebs handeln vor einem unbekannten Publikum halten) über keine Angst
könnte. berichtet, so könnte es sich um Nichtängstlichkeit aufgrund
Bei der Rationalisierung werde inakzeptables eigenes einer ausgeprägten Selbstsicherheit handeln oder aber um
Verhalten vor anderen oder sich selbst so umgedeutet, dass Angstverdrängung. Wie kann zwischen diesen beiden Alter-
es akzeptabel erscheint. Ein Beispiel wäre ein Chef, der eine nativen entschieden werden?
offensichtlich inkompetente, aber hochattraktive Mitarbei- Psychoanalytiker begegnen diesem Einwand meist
terin einstellt und der Überzeugung ist, dass seine Wahl mit der Erwiderung, dass sie durchaus in der Lage seien,
durch fachliche Gesichtspunkte begründet sei. Abwehrmechanismen im Verhalten zu erkennen. Dies
Schließlich würden manche Menschen bei einem gelänge aber nicht alleine aus der Beobachtung des Ver-
Trauma (ein emotional extrem belastendes Ereignis wie haltens im aktuellen Kontext, sondern erfordere den Ein-
z. B. der Tod eines nahen Angehörigen, Arbeitsplatzver- bezug vielfältiger Informationen über vergangenes Erleben
lust, bleibende körperliche Behinderung) mit Regres- und Verhalten der betreffenden Person bis hin zur Trieb-
sion reagieren. Darunter verstand Freud den Rückzug dynamik in ihrer frühen Kindheit. Genaue Regeln, unter
auf eine frühkindliche Entwicklungsstufe, erkennbar an welchen Bedingungen welche Abwehrform diagnostiziert
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
13 1
werden kann, gibt es aber in der psychoanalytischen Lite- > Neuere psychoanalytische Persönlichkeitskonzepte
ratur nicht. betonen die Rolle früher Objektbeziehungen für
Kritisch für die Anwendbarkeit des Abwehrbegriffs auf die Entwicklung der Persönlichkeit und der sozialen
die Charakterentwicklung ist vor allem das Fehlen von Kri- Beziehungen.
terien dafür, warum verschiedene Menschen in derselben
Situation unterschiedliche Abwehrmechanismen bevorzu-
gen. Der spezielle Abwehrtyp kann bestenfalls diagnosti- 1.2.2.3 Methodik
ziert, nicht aber aus bestimmten Entwicklungsbedingungen Wie kamen Freud und seine Nachfolger zu ihren Persön-
vorhergesagt werden. Hier ist eine Lücke in Freuds Theorie, lichkeitskonzepten? Untersuchten sie Kinder von der frühen
die auch seine Nachfolger bis heute nicht füllen konnten. Kindheit an und beobachteten dann viele Jahre später, was
7 Unter der Lupe fasst Freuds Persönlichkeitskonzept noch aus ihnen als Erwachsene geworden war? Keineswegs. Freud
einmal zusammen. selbst arbeitete so gut wie gar nicht mit Kindern; dafür
Während das Konzept der Abwehrmechanismen zum wäre seine Methodik auch gar nicht geeignet gewesen. Sie
Kernbestand aller psychoanalytischen Richtungen gehört, bestand im Kern aus dem Versuch, erwachsene Patienten
nehmen neuere Strömungen Abstand von Teilen der Pha- durch freies Assoziieren dazu zu bringen, unbewusste Trieb-
senlehre, da diese sich als unhaltbar erwiesen hat – meist impulse verbal zu äußern. Dazu sollte sich der Patient auf
allerdings, ohne dabei das Konzept des Ödipuskonfliktes eine Couch legen und über ein problematisches Thema,
aufzugeben. Betont wird nun die Entwicklung des Selbstbil- einschließlich Träume und Kindheitserinnerungen, mög-
des und Selbstwertgefühls und des Bildes wichtiger Bezugs- lichst spontan reden. Freud saß neben der Couch, unsicht-
personen und enger Beziehungen. Zusätzlich zur Libido bar für den Patienten, und versuchte, aus dem Redefluss
wird das Motiv nach Verbundenheit mit anderen Menschen oder auch aus dem Stocken des Redeflusses an bestimmten
berücksichtigt (und z. T. für zentraler erklärt). Der spätere Stellen Rückschlüsse auf unbewusste Prozesse des Patien-
Charakter und die späteren sozialen Beziehungen werden ten zu ziehen.
auf eine Internalisierung früher Objektbeziehungen zurück- Die empirischen Daten, die Freud benutzte, um die
zuführen versucht (ein ganz anderer Internalisierungsbe- aktuelle Triebdynamik von Patienten und deren Geschichte
griff als bei Freud). Dabei besteht meist in dem Punkt Einig- seit der frühesten Kindheit zu rekonstruieren, bestanden
keit mit Freud, dass es frühkindliche Erfahrungen mit den also primär aus den freien Assoziationen dieser Patienten
Eltern seien, die die weitere Charakterentwicklung prägten. in Therapiesitzungen (Freud deutete darüber hinaus auch
Strittig ist dabei innerhalb der Psychoanalyse vor allem, ob faktische Erlebnisse und schriftlich niedergelegte Gedanken
diese neueren Auffassungen Freuds Annahmen ersetzen seiner Patienten). Er deutete dieses Material im Rahmen
oder ergänzen sollen (während die Gültigkeit der Annahme, seiner theoretischen Annahmen und bot diese Interpre-
dass frühe Objektbeziehungen einen starken Einfluss auf die tationen von Zeit zu Zeit an. Akzeptierte der Patient die
Persönlichkeits- und Beziehungsentwicklung haben, fast nie Deutung nicht, vor allem nicht gefühlsmäßig, interpretierte
problematisiert wird; vgl. dazu 7 Abschn. 5.3). Freud diesen „Widerstand“ als Abwehr des Ich gegenüber
unangenehmen Aspekten der Interpretation, was ihn darin
Unter der Lupe bestätigte, an einen kritischen Punkt gekommen zu sein. Bei
erfolgreichem Durcharbeiten dieser kritischen Punkte im
Freuds Persönlichkeitskonzept Verlauf der Analyse akzeptierte der Patient die Interpreta-
Freud verstand unter dem Charakter die individual- tionen nicht nur rational, sondern auch emotional, und auch
typische Ausformung der weitgehend unbewusst beim Analytiker stellte sich nicht nur rational, sondern auch
ablaufenden Triebdynamik. Sie sei durch die gefühlsmäßig die Überzeugung ein, Einsicht in die tatsäch-
frühkindliche Geschichte der Triebdynamik lichen unbewussten Beweggründe des bewussten Erlebens
bestimmt. Bei zu starker Verwöhnung oder zu starker und Handelns des Patienten gewonnen zu haben. Diesen
Einschränkung durch die Eltern in der oralen, analen Therapieerfolg hielt Freud dann für eine Bestätigung der
oder phallischen Phase würden die frühkindlichen Theorie, auf der seine Interpretationen beruhten.
Triebimpulse fixiert und so die weitere Triebregulation Diese klassische psychoanalytische Methodik ist aus
prägen. Im Verlauf der Ich-Entwicklung würden sich Sicht der empirischen Wissenschaften aus mehreren
individualtypische Abwehrmechanismen gegenüber Gründen inakzeptabel (vgl. v. a. Grünbaum, 1999). Der
inneren bzw. äußeren Gefahrreizen herausbilden. kritischste Punkt ist die Gefahr der Immunisierung der
Fixierungen und Abwehrformen prägten gemeinsam theoretischen Konzepte der Analytiker gegenüber den
den Charakter, der ab dem Ende der phallischen Phase empirischen Daten aus der Analyse. Akzeptiert der Patient
weitgehend konstant sei. die Deutung, betrachten Analytiker dies als Bestätigung
der Deutung und damit auch der Theorie. Akzeptiert der
14 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

Patient die Deutung nicht, neigen Analytiker dazu, dies als 55 insofern sei jeder Therapieerfolg eine Bestätigung,
1 Widerstand aufzufassen und nach unbewussten Prozessen dass die Deutungen der Therapie korrekt gewesen
zu suchen, die den Widerstand hervorrufen. Das gewal- seien.
tige Instrumentarium der Abwehrmechanismen und die
nahezu beliebige Interpretation des symbolischen Gehalts Der Schluss von (1) und (2) auf (3) ist zwar korrekt, aber
von Aussagen erlauben es, nahezu jede beliebige Äußerung seine Voraussetzung ist falsch, weil es Spontanremissionen
des Patienten, aber auch ihr Gegenteil, auf passende unbe- von Neurosen gibt, d. h. Heilung ohne jede Psychotherapie,
wusste Triebimpulse zurückzuführen. geschweige denn Psychoanalyse. Dies wird heute von nie-
Das fördert die Analytiker in dem Glauben, recht zu mandem mehr ernsthaft bestritten und Freud selbst erkannte
haben, und verstärkt wegen ihrer Autorität als Experten in späteren Jahren die Rolle von Spontanremissionen an.
suggestive Wirkungen auf die Patienten, die sich im Laufe Damit kann aber ein Therapieerfolg nicht mehr als Bestä-
der Therapie schon deswegen immer konformer mit den tigung korrekter Deutungen gewertet werden. Dass damit
Erwartungen der Analytiker verhalten. Diesen Erfolg ver- seine ganze Argumentation zur Verteidigung der psychoana-
buchen die Analytiker für sich und ihre Theorie. Der Erfolg lytischen Methode der Theoriebestätigung zusammenbrach,
ist aber möglicherweise nur eine scheinbare Bestätigung der hat Freud aber in seinen Schriften nie thematisiert – er selbst
Theorie, denn er könnte auf einer selbsterfüllenden Prophe- hätte dies wohl als Verleugnung interpretiert.
zeiung beruhen: Was prophezeit wird (die Theorie), wird Ein weiterer speziell für die Frage nach der Charak-
fast immer bestätigt, weil sich fast alles und damit auch sein terbildung kritischer Punkt ist die methodenbedingte
Gegenteil in einer für Analytiker und Patienten letztendlich Beschränkung auf Erwachsene. Die frühe Kindheit wird aus
akzeptablen Weise deuten lässt. den Erinnerungen Erwachsener an diese Kindheit rekons-
Hier gibt es eine klare Parallele zwischen Alltagspsycho- truiert. Diese Erinnerungen können aber durch Erlebnisse
logie und Psychoanalyse: Beide sind sehr erklärungsmäch- nach der phallischen Phase unabsichtlich verfälscht sein.
tig. Das ist aber, wie schon in 7 Abschn. 1.2.1 erläutert wurde, Empirische Untersuchungen zur Verfälschung der Erinne-
nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal einer Theorie; auch rung an frühere Ereignisse durch Erwartungen, was früher
unklare Begriffsbildung und mangelnde empirische Veran- wohl passiert war, nachfolgende Erlebnisse und suggestive
kerung können über widersprüchliche Aussagen die Erklä- Fragen anderer haben überzeugend zeigen können, dass
rungsmächtigkeit einer Theorie fördern. Erinnerungen weit von der Realität entfernt sein können
Kritisch ist deshalb das Kriterium der Vorhersagbarkeit. (vgl. Bjorklund, 2000). Damit sind die aus psychoanalyti-
Schon Freud erkannte, dass seine Methode erheblich besser schen Sitzungen rekonstruierten Daten über die Kindheit
zur Erklärung als zur Vorhersage geeignet ist – eine Tatsa- äußerst zweifelhaft.
che, die von Psychoanalytikern durchweg anerkannt wird.
Begründet wird dies von ihnen durch die Komplexität des > Die klassische psychoanalytische Methodik der
Gegenstandes. Die deutlich bessere Erklärbarkeit könnte Persönlichkeitserklärung beruht auf Erinnerungen
aber auch Ausdruck einer unscharfen oder faktisch falschen von Erwachsenen an Kindheitserlebnisse; dies
Theorie sein, die sich dennoch hält, weil sie aufgrund ihrer ist wegen der bekannten Erinnerungsfehler
Methodik gegen Widerlegung immunisiert ist. inakzeptabel als Methodik einer empirischen
Wissenschaft.
> Die klassische psychoanalytische Methodik
ist aufgrund ihrer suggestiven Wirkungen auf Eher untergeordnet ist ein dritter Kritikpunkt zu sehen: die
Patient und Therapeut in Gefahr, selbsterfüllende weitgehende Beschränkung auf neurotische Patienten. Cha-
Prophezeiungen zu produzieren, und ist deshalb rakterunterschiede bei neurotischen Patienten sind mög-
nicht akzeptabel als Methodik einer empirischen licherweise nur ein Teil der Charakterunterschiede in der
Wissenschaft. gesamten Population. Deshalb dürften die Daten verzerrt
sein (z. B. Überrepräsentation konflikthafter Motive).
Freud war sich dieses Problems der Scheinbestätigung von Auch wenn die klassische Psychoanalyse (definiert
Deutungen durch suggestive Wirkungen auf den Patienten durch die klassische psychoanalytische Methodik der Theo-
schon früh bewusst. Seine Lösung des Problems bestand rienprüfung) empirische Daten nutzt, genügt ihre Metho-
in der folgenden Argumentation (vgl. Grünbaum, 1999): dik nicht den in 7 Abschn. 1.2.1 dargelegten Kriterien einer
55 Neurosen ließen sich nur durch Bewusstmachen der empirischen Wissenschaft.
ihnen zugrunde liegenden unbewussten Konflikte In den letzten Jahren gibt es vielfältige Versuche, die
dauerhaft beseitigen; psychoanalytische Methodik zu erweitern, indem The-
55 nur die psychoanalytische Methode sei in der Lage, rapeut-Patient-Interaktionen, aber auch normale soziale
Patienten unbewusste Konflikte bewusst zu machen; Interaktionen, vor allem zwischen Müttern und ihren
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
15 1
Kindern, systematisch beobachtet werden und diese Daten Da Freuds Auffassung von der Charakterentwick-
psychoanalytisch interpretiert werden. Dabei wird zuneh- lung auf durchweg falschen entwicklungspsychologischen
mend Wert auf die empirische Sicherung der Überein- Annahmen beruhte, ist es nicht erstaunlich, dass auch Über-
stimmung der Interpretationen unabhängig arbeitender prüfungsversuche der nach Freud zu erwartenden Charak-
Beobachter gelegt. Hier nähert sich die Verfahrensweise terkonsequenzen bestimmter Entwicklungsbedingungen
der erfahrungswissenschaftlichen Methodik an. fehlschlugen. Zum Beispiel sollten nach psychoanalytischer
Auffassung Kinder mit ausgeprägten Lippen-, Kiefer- oder
Gaumenspalten, die nicht saugen konnten, weil sie ihre
1.2.2.4 Empirische Bewährung Mundhöhle wegen des Spalts nicht luftdicht verschließen
Auch wenn die klassische psychoanalytische Methodik aus konnten, schwere orale Frustrationen erleiden und später
den genannten Gründen inakzeptabel für die empirische entsprechend gestört sein. Das ließ sich nicht bestätigen
Persönlichkeitspsychologie ist, ist nicht auszuschließen, (vgl. Hartmann, Mößner & Härle, 1972).
dass Freud und seine Nachfolger trotz inadäquater Metho- Weiterhin sollten Erwachsene, die als Kinder einer
dik tatsächlich vorhandene Phänomene und Gesetzmä- besonders strengen Sauberkeitserziehung ausgesetzt waren,
ßigkeiten erkannt haben, die sich mit adäquater Metho- die entsprechenden Züge des analen Charakters zeigen
dik empirisch bestätigen lassen. Mehrere Jahrzehnte lang (Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Eigensinn); auch das
bemühten sich deshalb Forscher, aus Freuds Gedankenge- ließ sich nicht bestätigen (vgl. Fisher & Greenberg, 1977;
bäude Aussagen abzuleiten, die sich mit den Methoden der Kline, 1981). Insgesamt ist die Befundlage der empirischen
empirischen Wissenschaften überprüfen lassen (vgl. z. B. Prüfungen von Freuds Annahmen über die Charakterent-
Eysenck & Wilson, 1973; Fisher & Greenberg, 1977; Kiener, wicklung durchweg negativ. Keine der postulierten Bezie-
1978; Kline, 1981; Masling, 1983). hungen zwischen Bedingungen frühkindlicher Fixierun-
Was persönlichkeitspsychologisch relevante Anteile der gen und späterem Charakter konnten eindeutig empirisch
klassischen Psychoanalyse betraf, so gingen diese Überprü- bestätigt werden.
fungsversuche fast immer negativ aus, und zwar in zweier-
lei Hinsicht. Entweder war eine Überprüfung nicht sinnvoll > Freuds Auffassung der Charakterformung als
möglich, weil die zu überprüfenden Konzepte zu schwam- Konsequenz der frühkindlichen Triebregulation
mig definiert waren, um einer klaren Operationalisierung erwies sich entweder als empirisch nicht prüfbar
zugänglich zu sein (z. B. das Konzept der Libido). Oder eine oder kann in den zentralen Annahmen als
Überprüfung war möglich, bestätigte aber nicht psychoana- widerlegt gelten. Deshalb spielt sie in der heutigen
lytische Vermutungen. Hierzu gehört insbesondere Freuds empirischen Persönlichkeitspsychologie keine Rolle
Phasenlehre der frühkindlichen Entwicklung. Die primäre mehr.
Bedeutung der oralen, analen und phallischen Stimulation
in den entsprechenden Phasen ließ sich nicht nachweisen Als fruchtbarer für die empirische Persönlichkeitspsycho-
und für den Ödipuskonflikt bei Jungen bzw. den entspre- logie hat sich dagegen Freuds Konzept unbewusster Pro-
chenden Konflikt bei Mädchen gibt es keine überzeugende zesse und Abwehrmechanismen erwiesen. Inzwischen kann
empirische Evidenz: Weder lässt sich durch Interviewver- kein Zweifel mehr daran bestehen, dass der weitaus größte
fahren eine besondere Häufung von berichteter Kastrations- Teil der menschlichen Informationsverarbeitung faktisch
angst bzw. Penisneid im entsprechenden Alter nachweisen, unterhalb der Bewusstseinsschwelle verläuft und auch bei
noch gibt es einen klaren Beleg dafür, dass diese Emotionen größter willentlicher Anstrengung nicht ins Bewusstsein
in diesem Alter auf unbewusster Ebene besonders häufig geholt werden kann (vgl. Greenwald, 1992; Hassin, Uleman
wären (vgl. Roos & Greve, 1996). & Bargh, 2005). Nicht die Existenz unbewusster Prozesse
Wenn sich auch manche physiologische Reaktionen, ist heutzutage erklärungsbedürftig, sondern umgekehrt ist
die später im Dienste der Sexualität stehen, schon sehr früh es eines der größten ungeklärten Probleme der Psycholo-
beobachten lassen (z. B. begleiten Peniserektionen regel- gie und der Neurowissenschaft, unter welchen Umständen
mäßig ein bestimmtes Schlafstadium (REM-Schlaf) schon welche Prozesse und Inhalte auf welche Weise überhaupt
bei Säuglingen), spielen Vorformen der sexuellen Motiva- bewusst werden (vgl. 7 Abschn. 2.2). Das gilt insbesondere
tion bei Kindern eine viel geringere Rolle, als Freud annahm für motivationale Prozesse.
(vgl. z. B. Martinson, 1980). Theorien der Identifikation mit Abwehrmechanismen werden nach Freud sowohl
dem gleichgeschlechtlichen Elternteil sind unhaltbar, denn gegenüber äußeren als auch gegenüber inneren bedrohli-
würden sie zutreffen, müssten Söhne ihrem Vater in ihrer chen Reizen angewendet und zumindest im Erwachsenen-
Persönlichkeit (z. B. Werthaltungen) ähnlicher sein als ihrer alter sollten sich Menschen nach ihren typischen Abwehr-
Mutter und Töchter ihrer Mutter ähnlicher sein als ihrem stilen unterscheiden lassen. Tatsächlich unterscheiden sich
Vater; das ist aber nicht der Fall (vgl. 7 Abschn. 7.5.1). Erwachsene deutlich und in recht stabiler Weise in ihrem
16 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

Umgang mit bestimmten äußeren Bedrohungen, wobei sich mogeln Personen mit hohen Werten im SDS eher als Men-
1 die von Freud postulierten Abwehrmechanismen weitgehend schen mit niedrigen SDS-Werten, um eine negative Bewer-
wiederfinden lassen. Die Bewältigung äußerer Belastungen tung anderer zu vermeiden, aber sie mogeln nicht stärker,
ist inzwischen ein bedeutendes Gebiet der empirischen Per- wenn es darum geht, positive Anerkennung zu gewinnen.
sönlichkeitsforschung geworden (vgl. 7 Abschn. 4.4.3). Weinberger et al. (1979) vermuteten deshalb, dass Perso-
Freud selbst interessierte sich jedoch mehr für den nen mit hohen Werten im SDS, die sich außerdem in einer
Umgang mit inneren Bedrohungen – inakzeptablen Gedan- Ängstlichkeitsskala als wenig ängstlich schildern (Represser),
ken, Erinnerungen, Phantasien oder Handlungsimpulsen, zur Verdrängung (engl. „repression“) innerer Bedrohungen
die aus dem Es ins Bewusstsein drängten. Diese Art der neigen, während Personen, die sich als wenig ängstlich schil-
Abwehr ist empirisch viel schwerer zu untersuchen, weil dern und niedrige Werte in der SDS haben (Niedrigängstli-
die Es-Inhalte, die die Abwehr auslösen sollten, im Gegen- che), nicht zu einer solchen Verdrängung neigen. Zur weite-
satz zu äußeren Bedrohungen nicht beobachtbar sind. Es ren Kontrolle verglichen die Autoren zudem beide Gruppen
gibt aber einige empirische Hinweise darauf, dass Abwehr mit Personen, die sich hochängstlich schilderten und nied-
innerer Bedrohungen tatsächlich stattfindet und dass sich rige SDS-Werte hatten (Hochängstliche); vgl. . Abb. 1.3 für
Menschen im bevorzugten Abwehrstil inneren Bedrohun- die Operationalisierung der drei Versuchsgruppen. Selbst-
gen gegenüber unterscheiden. Dies wird im Folgenden beurteilte Ängstlichkeit operationalisierten Weinberger et al.
exemplarisch am Beispiel der Verdrängung erläutert. (1979) durch einen klassischen Ängstlichkeitsfragebogen, die
Nach Freud ist die Verdrängung ein Abwehrmecha- MAS (Manifest Anxiety Scale; Taylor, 1953).
nismus, der insbesondere gegenüber sozial unerwünsch- Zur Überprüfung ihrer Hypothese, dass Represser
ten sexuellen und aggressiven Triebimpulsen angewandt innere Bedrohungen verdrängen, brachten Weinberger
wird, die unvereinbar mit dem Über-Ich sind und daher et al. (1979) alle Versuchspersonen in eine Situation, die
vom Ich als inakzeptabel empfunden werden. Dies sollte eine solche Bedrohung potenziell hervorruft. Die Versuchs-
vor allem für Menschen gelten, die danach streben, ein idea- personen sollten auf Sätze mit teilweise sozial unerwünsch-
lisiertes Selbstbild als „Mensch ohne Fehl und Tadel“ vor tem sexuellem oder aggressivem Inhalt so schnell wie
anderen und vor sich selbst aufrecht zu erhalten, um Ableh- möglich mit dem ersten Satz antworten, der ihnen in den
nung durch andere zu vermeiden. Sozial unerwünschte Sinn kam („Satzassoziationstest“). Gemessen wurde bei
sexuelle und aggressive Impulse sind sehr bedrohlich für jedem Satz u. a. die Reaktionszeit bis zur Antwort und die
solche Menschen und sollten deshalb von ihnen abgewehrt Erhöhung der Herzrate gegenüber einer neutralen Ruhebe-
werden, u. a. durch Verdrängung. Bei erfolgreicher Ver- dingung (aufgefasst als Maße des inneren Konflikts). Wie
drängung sollten diese Menschen in Situationen, in denen erwartet reagierten die Represser in beiden Konfliktma-
sie Gefahr laufen, sich entgegen ihrem perfektionistischen ßen stärker als die Niedrigängstlichen und mindestens so
Selbstbild zu verhalten, auf unbewusster Ebene in Konflikte stark wie die Hochängstlichen, gaben aber nach dem Expe-
geraten, bewusst aber keine Angst verspüren. riment an, weniger Angst gehabt zu haben als Hoch- und
Weinberger, Schwartz und Davidson (1979) überprüften Niedrigängstliche.
diese auf Freuds Annahmen beruhende Vorhersage empirisch.
Zur Identifizierung von Menschen mit einem sozial erwünsch-
ten idealisierten Selbstbild verwendeten sie einen Fragebo-
gen, die Soziale Erwünschtheitsskala (Social Desirability Scale;
SDS) von Crowne und Marlowe (1964). Sie besteht aus einer
Vielzahl von Fragen, die mit ja oder nein zu beantworten sind.
Die Fragen beziehen sich entweder auf sozial erwünschtes,
aber gänzlich unwahrscheinliches Verhalten (z. B. „Ich habe
niemals mit Absicht etwas gesagt, was die Gefühle des anderen
verletzen könnte“) oder auf sozial unerwünschtes, aber sehr
wahrscheinliches Verhalten (z. B. „Ich bin manchmal ärger-
lich, wenn ich meinen Willen nicht bekomme“). Je öfter die
Fragen des ersten Typs bejaht und die Fragen des zweiten Typs
verneint werden, desto stärker sollte die Tendenz zu einem
sozial erwünschten, idealisierten Selbstbild sein.
Wie zahlreiche Experimente zeigten, streben Men-
schen mit hohen SDS-Werten eher danach, soziale Ableh- . Abb. 1.3  Operationalisierung von Repressern, Niedrigängstlichen
nung zu vermeiden, als danach, soziale Anerkennung zu und Hochängstlichen durch Werte in der SDS (Social Desirability
gewinnen (vgl. Millham & Jacobson, 1978). Zum Beispiel Scale) und MAS (Manifest Anxiety Scale)
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
17 1
zugeben wollten. In diesem Fall hätte gar keine Verdrängung
stattgefunden, sondern eine bewusste Leugnung.
Nachfolgende Studien, die Represser, Niedrigängstli-
che und Hochängstliche genauso operationalisierten, unter-
stützen die Hypothese, dass Represser defensiv mit negati-
ven selbstbezogenen Gefühlen umgehen. So unterschätzen
Represser die eigene Angst, nicht aber die Angst anderer
(Derakshan & Eysenck, 1997), und erinnern sich schlechter
an negative Beschreibungen der eigenen Person, wenn diese
Beschreibungen anderen nicht zugänglich sind, nicht aber
in Gegenwart anderer (Myers & Derakshan, 2004). Letzte-
res legt nahe, dass Represser aus Selbstschutz defensiv sind,
nicht aber, um bei anderen einen guten Eindruck machen zu
wollen. Offen bleibt aber auch in diesen Studien, ob es sich
tatsächlich um Verdrängung oder nur um bewusste Leug-
nung handelt. Fest steht jedenfalls, dass Represser mit nega-
tiven Gefühlen und Situationen, die ihr idealisiertes Selbst-
bild bedrohen, defensiv umgehen.
. Abb. 1.4  Veränderung verschiedener Konfliktindikatoren
Der Ansatz von Weinberger et al. (1979) wurde hier so
zwischen Ruhebedingung und Satzassoziationstest im Experiment ausführlich geschildert, um an einem Beispiel deutlich zu
von Asendorpf und Scherer (REP Represser, NÄ Niedrigängstliche, HÄ machen, dass die methodische Kritik am psychoanalyti-
Hochängstlich). (Aus Asendorpf & Scherer, 1983) schen Paradigma nicht dazu verleiten darf, das Kind mit
dem Bade auszuschütten und das ganze psychoanalytische
Asendorpf und Scherer (1983) konnten diese Ergeb- Paradigma ad acta zu legen. Gerade die Theorie der Abwehr
nisse replizieren und weiter präzisieren. Einerseits erfrag- innerer Bedrohungen scheint es wert, viel genauer empi-
ten sie die Angst ihrer Versuchspersonen nicht nur nach, risch untersucht zu werden als es bisher der Fall ist (vgl.
sondern auch vor dem Test, sodass sie den testspezifischen auch 7 Abschn. 4.4.3). Gleichzeitig illustriert das Beispiel
Anstieg der berichteten Angst erfassen konnten. Zweitens aber auch die Schwierigkeiten, die sich bei einer empiri-
filmten sie ohne Wissen der Versuchspersonen deren Mimik schen Verankerung psychoanalytischer Konzepte ergeben.
und ließen diese Aufnahmen von Beurteilern bezüglich der Freuds Annahme unbewusster Motive hat zu einer
gezeigten Angst einschätzen. . Abb. 1.4 zeigt die Verände- umfangreichen empirischen Forschung zu Unterschie-
rung der berichteten Angst, der Herzrate und der beurteil- den zwischen unbewussten motivationalen Themen und
ten mimischen Angst zwischen einer Ruhebedingung vor bewusst repräsentierten motivationalen Tendenzen geführt,
dem Test und dem Satzergänzungstest. Diese drei Konflikt- nachdem unbewusste Themen durch projektive Tests opera-
indikatoren wurden in einem einheitlichen Maßstab aus- tionalisiert wurden (vgl. 7 Abschn. 4.4.1). Freuds Annahmen
gedrückt (z-Werte; vgl. genauer dazu 7 Abschn. 3.2.2) und über unbewusstes, primär prozesshaftes Denken sind in die
können deshalb in ihrer Stärke direkt miteinander vergli- experimentelle Forschung zu impliziten Kognitionen auf der
chen werden. Die Represser berichteten über den geringsten Basis automatischer Prozesse (z. B. implizite Einstellungen)
Angstanstieg, zeigten aber einen leicht überdurchschnitt- eingeflossen (7 Abschn. 2.2.4). Freuds Konzept der Über-
lichen Anstieg in der Herzrate und der mimischen Angst; tragung (emotionale Gleichsetzung des Therapeuten mit
Niedrigängstliche hatten den geringsten Anstieg in Herzrate einer Bezugsperson des Patienten, z. B. dem Vater) wurde
und Mimik; Hochängstliche hatten einen mindestens durch- in der empirischen Sozialpsychologie aufgegriffen und
schnittlichen Anstieg in allen drei Konfliktindikatoren. inzwischen dort systematisch untersucht, wenn auch weit-
Die Experimente von Weinberger et al. (1979) und Asen- gehend entkleidet von seinen triebpsychologischen Kompo-
dorpf und Scherer (1983) belegen zunächst nur, dass Repres- nenten (vgl. Andersen, Glassman, Chen & Cole, 1995). Das
ser eine Diskrepanz zeigen zwischen niedriger berichteter Konzept, dass mentale Repräsentationen früher Objektbe-
Angst und spontanem, unkontrolliertem Verhalten, was auf ziehungen die weitere Entwicklung der Persönlichkeit und
einen innerpsychischen Konflikt hinweisen könnte. Niedrig- Beziehungen beeinflussen, wurde ursprünglich im Rahmen
und Hochängstliche dagegen reagieren einheitlich schwach der Objektbeziehungstheorien entwickelt (vgl. Sandler &
bzw. stark in spontanem und in kontrolliertem Verhalten. Rosenblatt, 1962). Es hat eine fruchtbare empirische For-
Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass Repres- schung zum Bindungsverhalten von der frühen Kindheit bis
ser in diesen Experimenten zwar den Konflikt oder die hier- zum Erwachsenenalter angeregt, nachdem es gelang, Bin-
durch ausgelöste Angst wahrnahmen, dies aber einfach nicht dungsstile zu operationalisieren (vgl. 7 Abschn. 5.3).
18 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

> Einige Konzepte des psychoanalytischen sich begründet bezweifeln (vgl. wieder Grünbaum, 1999).
1 Paradigmas erwiesen sich als fruchtbar für die Auch würden sich viele Psychoanalytiker vehement gegen
Persönlichkeitspsychologie, nachdem es gelang, radikal-konstruktivistische Interpretationen der Psycho-
diese Konzepte ausreichend empirisch zu verankern. analyse wehren, die in psychoanalytischen Interpretationen
lediglich Konstruktionen einer fiktiven Realität von The-
Unerheblich für die empirische Bewährung der Psychoana- rapeut und Patient sehen – Geschichten, auf die man sich
lyse als Paradigma der Persönlichkeitspsychologie ist die geeinigt hat (vgl. Spence, 1982). Diese Kontroversen spielen
Frage, ob die psychotherapeutische Technik der Psychoana- hier aber keine Rolle, weil es um die Eignung der Psycho-
lyse in empirischen Therapieerfolgsstudien Erfolge vorzu- analyse als Paradigma der empirischen Persönlichkeitspsy-
weisen hat oder nicht. Therapieerfolge einer Behandlungs- chologie geht.
technik, die auf einer bestimmten Theorie des menschlichen Überraschenderweise war Freud der Meinung, die Psy-
Erlebens und Verhaltens beruhen, könnten auf Behand- choanalyse sei eine Naturwissenschaft. Zumindest aber in
lungskomponenten beruhen, die mit dieser Theorie gar seiner zweiten Lebenshälfte scheint er so überzeugt von
nichts zu tun haben. Zum Beispiel könnten die psychoana- den Grundzügen seiner Theorie gewesen zu sein, dass er
lytischen Deutungen völlig falsch sein, die Tatsache aber, nicht mehr wirklich nach der empirischen Bewährung
dass dem Patienten irgendeine plausible Deutung seiner seiner Thesen aufgrund unabhängiger Überprüfung durch
Probleme offeriert wird oder dass ein eindrucksvolles Ritual andere fragte. Diese Haltung ist nicht nur bei Psychoanaly-
über lange Zeit hin vollzogen wird, könnte therapeutisch tikern weit verbreitet; so soll ein in Ehren ergrauter, empi-
wirksam sein. Und selbst dann, wenn korrekte Deutun- risch orientierter Psychologe auf die Mitteilung einer Mit-
gen stärker als inkorrekte Deutungen den Therapieerfolg arbeiterin, dass die Daten seiner Theorie völlig widerspre-
fördern würden, würden dadurch bestenfalls klinisch rele- chen, gesagt haben: „Umso schlimmer für die Wirklichkeit!“
vante Annahmen der Psychoanalyse bestätigt, nicht aber Typisch für eine orthodoxe, selbstüberzeugte und
ihre Annahmen über die in der Persönlichkeitspsycholo- deshalb von vornherein gegen jede Kritik immunisierte
gie interessierenden nichtpathologischen individuellen Haltung ist Freuds Antwort auf einen Brief von Rosenzweig,
Besonderheiten. der ihm schrieb, er habe Freuds Thesen zur Verdrängung
experimentell erhärten können. 7 Unter der Lupe kontras-
tiert Freuds Antwort mit dem klassischen Credo des Natur-
1.2.2.5 Bewertung wissenschaftlers, das Bertolt Brecht dem Galileo Galilei in
Das klassische psychoanalytische Paradigma ist von seiner den Mund legte.
Methodik her inakzeptabel für die empirische Persönlich-
keitspsychologie. Viele seiner Grundbegriffe erwiesen sich Unter der Lupe
als zu unscharf, um in empirischen Untersuchungen sinn-
voll verwendet werden zu können, und Teile der Theo- Orthodoxie vs. Aufklärung
rienbildung, z. B. die Phasenlehre der Entwicklung, sind Freud antwortete auf Rosenzweigs Mitteilung, er habe
empirisch unhaltbar. Andere Bestandteile des Paradigmas das Verdrängungskonzept experimentell bestätigen
konnten empirisch verankert und dadurch für die empiri- können:
sche Persönlichkeitspsychologie fruchtbar gemacht werden. „Ich habe Ihre experimentellen Arbeiten zur
Insgesamt ist das psychoanalytische Paradigma deshalb als Prüfung psychoanalytischer Behauptungen mit
Paradigma – also als Einheit von Konzepten, Annahmen Interesse zur Kenntnis genommen. Sehr hoch
und Methoden – unbrauchbar für die empirische Persön- kann ich diese Bestätigungen nicht einschätzen,
lichkeitspsychologie, auch wenn sie Teile psychoanalyti- denn die Fülle sicherer Beobachtungen, auf denen
schen Gedankenguts heuristisch nutzen kann (d. h. hieraus jene Behauptungen ruhen, macht sie von der
Ideen für die Formulierung empirisch prüfbarer Hypothe- experimentellen Prüfung unabhängig. Immerhin, sie
sen beziehen kann). kann nicht schaden.“ (Zitiert nach Kiener, 1978, S. 1 200)
Aus dieser Bewertung darf nicht der Schluss gezogen Brecht legte dem Galileo Galilei das klassische Credo
werden, die Psychoanalyse (als psychologische Theorie) des Naturwissenschaftlers in den Mund:
sei keine Wissenschaft. Es gibt z. B. den weiten Bereich der „Ja, wir werden alles, alles noch einmal in Frage
hermeneutischen (verstehenden) Wissenschaften (z. B. stellen. Und wir werden nicht mit Siebenmei-
Literaturwissenschaften), die anderen Wissenschaftskrite- lenstiefeln vorwärts gehen, sondern im
rien verpflichtet sind als die empirischen Wissenschaften. Schneckentempo. Und was wir heute finden, werden
Ob die Psychoanalyse aber den Kriterien der hermeneu- wir morgen von der Tafel streichen und erst wieder
tischen Wissenschaften genügt oder genügen sollte, lässt
1.2 · Wissenschaftliche Persönlichkeitskonzepte
19 1
1.2.3 Empirische Persönlichkeits­
anschreiben, wenn wir es noch einmal gefunden psychologie
haben. Und was wir zu finden wünschen, das werden
wir, gefunden, mit besonderem Misstrauen ansehen. Nachdem wir anhand der Kritik der Alltagspsychologie und
… (Mit einem Zwinkern:) Sollte uns dann aber jede Psychoanalyse unseren Blick für die Anforderungen einer
andere Annahme als diese unter den Händen empirischen Wissenschaft geschärft haben, können wir eine
zerronnen sein, dann keine Gnade mehr mit denen, erste Definition der Persönlichkeitspsychologie als empiri-
die nicht geforscht haben und doch reden.“ (Brecht, sche Wissenschaft versuchen:
1967, S. 1 311)

Definition
? Fragen Persönlichkeitspsychologie ist die empirische
1.7 Welche Beziehungen bestehen nach Freud Wissenschaft von den individuellen Besonderheiten
zwischen den drei psychischen Instanzen und von Menschen in körperlicher Erscheinung, Verhalten
den drei Bewusstseinsebenen? (→ . Abb. 1.2) und Erleben.
1.8 Sind Es, Ich und Über-Ich Konstrukte
im erfahrungswissenschaftlichen Sinn?
(→ empirische Verankerung ist nicht gegeben)
1.9 Welche Beziehungen bestehen nach Diese Definition ist nahe an der alltagspsychologischen
Freud zwischen den drei frühkindlichen Vorstellung, stellt aber durch den Zusatz „empirische
Entwicklungsstufen und dem Charakter von Wissenschaft“ hohe Anforderungen, weil Eigenschaften
Erwachsenen? (→ Konzept der Fixierung an nunmehr empirisch verankert und Aussagen empirisch
Beispiel erläutern) prüfbar sein müssen. Zudem muss der Begriff der „indi-
1.10 Was wehren Abwehrmechanismen wie ab? viduellen Besonderheit“ noch in dreierlei Hinsicht präzi-
(→ Neurotische – moralische – Realangst, siert werden.
mindestens fünf Abwehrformen erläutern 1. Zeitliche Stabilität. Mit „individuelle Besonderheit“
können) sind zeitlich stabile Eigenschaften gemeint (körper-
1.11 Ist die klassische psychoanalytische Methodik liche Merkmale und Dispositionen), und der Grad der
akzeptabel als Methode der Erfahrungswis- Stabilität muss quantifiziert werden: Wie hoch über
senschaft? (→ Problem der selbsterfüllenden welche Zeiträume – Tage, Monate, Jahre? Wie das
Prophezeiung erläutern können) möglich ist, wird im nächsten Kapitel gezeigt.
1.12 Welche Bedeutung hat die Psychoanalyse für 2. Vergleich mit Referenzgruppe. „Individuelle
die heutige empirische Persönlichkeitspsy- Besonderheit“ soll bedeuten, dass die betrachtete
chologie? (→ unbewusste Motive, implizite Eigenschaft zwischen Menschen überhaupt variiert,
Kognitionen, Abwehrstile (Beispiel), frühe und zwar nicht zwischen beliebigen Menschen,
Objektbeziehungen spielen auch heute noch sondern zwischen solchen ähnlichen Alters und
eine Rolle) gleicher Kultur. Denn es ergibt keinen Sinn, Persön-
lichkeitsunterschiede mit Altersunterschieden
Mehr lesen oder kulturellen Unterschieden zu vermischen. Die
Vergleichsgruppe, mit der eine bestimmte Person
Grünbaum, A. (1999). Die Grundlagen der verglichen wird, um so ihre individuelle Besonderheit
Psychoanalyse: Eine philosophische Kritik. Ditzingen: zu beschreiben, wird die Referenzpopulation der
Reclam. Vgl. auch Grünbaum, A. (1986). Précis of Person genannt.
“The foundations of psychoanalysis: A philosophical 3. Keine pathologischen Merkmale. Pathologische
critique”. Behavioral and Brain Sciences, 9, 217–284 (mit Merkmale sollen ausgeschlossen sein, weil ihre Stabi-
ausgiebigem Diskussionsteil). lität und Erklärung oft andersartig ist als bei nichtpa-
Westen, D., Gabbard, G.O., & Ortigo, K.M. (2008). thologischen Normalvarianten der Persönlichkeit. In
Psychoanalytic approaches to personality. In O. der Alltagspsychologie werden manchmal zwar auch
John, R.W. Robins & L.A. Pervin (Eds.), Handbook of pathologische körperliche Merkmale und Disposi-
personality: Theory and research (3rd ed., pp. 61–113). tionen, z. B. Blindheit, starke geistige Behinderung,
New York: Guilford. Schizophrenie oder eine Spinnenphobie als Persön-
lichkeitseigenschaften betrachtet. Pathologische
20 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

Eigenschaften werden aber in der Psychologie von der ? Frage


1 Klinischen Psychologie untersucht, die eine eigen- 1.13 Mit welchen individuellen Besonderheiten
ständige psychologische Disziplin neben der Persön- beschäftigt sich die Persönlichkeitspsychologie
lichkeitspsychologie darstellt. Dabei ist es eine der nicht? Geben Sie Beispiele. (→ instabile
Aufgaben der Klinischen Psychologie, zu definieren, Merkmale, nicht verhaltensrelevante körperliche
wo die Normalität aufhört und die Pathologie anfängt Merkmale, pathologische Merkmale)
(was oft nicht einfach ist). Es gibt also eine Arbeits-
teilung zwischen Persönlichkeitspsychologie und
Klinischer Psychologie: Persönlichkeitspsychologie 1.3 Anwendungen der
beschäftigt sich mit Normalvarianten der Persön- Persönlichkeitspsychologie
lichkeit, Klinische Psychologie mit pathologischen
Störungen. Psychologisches Wissen verändert sich ständig durch den
kontinuierlichen Wissenszuwachs aufgrund empirisch-
Persönlichkeitspsychologie lässt sich mit der Entwicklungs- psychologischer Forschung. Dabei kommt nicht nur neues
psychologie verbinden, indem nach Persönlichkeitsverän- Wissen hinzu, sondern altes wird auch revidiert oder ver-
derungen im Verlauf des Lebens gefragt wird, und mit der ändert interpretiert. Deshalb ist eine kontinuierliche Weiter-
Kulturvergleichenden Psychologie, indem nach der unter- bildung in Psychologie auch nach Abschluss der Ausbildung
schiedlichen Variation von Eigenschaften in unterschiedli- erforderlich. Persönlichkeitspsychologisches Wissen lässt sich
chen Kulturen oder nach der unterschiedlichen kulturellen hierbei in vielfältiger Weise für die Praxis nutzen. So ist die
Bedeutung dieser Variation gefragt wird; das wird in späte- Persönlichkeitspsychologie die Grundlage vieler diagnosti-
ren Kapiteln geschehen. scher Verfahren, denn in der Psychologischen Diagnostik geht
Die Operationalisierung von Eigenschaften muss aber es oft um die Diagnose von Persönlichkeitseigenschaften (vgl.
auch bei Fragestellungen zur Persönlichkeitsentwick- für einen Überblick z. B. Schmidt-Atzert & Amelang, 2012).
lung oder zum Kulturvergleich immer bezogen auf eine Diese Diagnosen werden dann in Beratung, Intervention,
alters- und kulturgleiche Referenzpopulation erfolgen. Prävention usw. genutzt. . Tab. 1.3 gibt eine Übersicht über
Das stimmt durchaus mit der alltagspsychologischen Sicht wichtige (keinesfalls aber alle) Anwendungsmöglichkeiten.
überein, wo niemand die Intelligenzleistung eines 3-Jäh-
rigen mit der eines 30-Jährigen vergleichen würde, um die
Intelligenz des 3-Jährigen als Persönlichkeitseigenschaft . Tab. 1.3  Einige praktische Anwendungen der
zu charakterisieren; auch würde niemand auf die Idee Persönlichkeitspsychologie
kommen, die Lebhaftigkeit eines Sizilianers mit der eines
Anwendung Berufsfeld Ausbildung
Schweden zu vergleichen, um die Persönlichkeit des Sizi-
lianers zu beschreiben (und wenn, dann nur als Stilmittel Personalauswahl und Personalführung Uni, FH
zur Übertreibung). Personalentwicklung
Damit sind wir so weit, eine relativ präzise Definition Zielgruppenorientier- Marketing Uni, FH
von Persönlichkeit und empirischer Persönlichkeitspsycho- tes Marketing
logie zu geben: Zielgruppenorientierte Gesundheitswesen Uni, FH
Prävention
Individualisierte Beratung Uni, FH
Definition Beratung
Persönlichkeit ist die nichtpathologische Individualisierte Erziehung Uni, FH
Individualität eines Menschen in körperlicher Erziehung
Erscheinung, Verhalten und Erleben im Vergleich zu Individualisierter Unterricht Uni, PH
einer Referenzpopulation von Menschen gleichen Unterricht
Alters und gleicher Kultur. Persönlichkeit wird von der Individualisierte Psychotherapie Uni
empirischen Persönlichkeitspsychologie erforscht, Therapieplanung
die den Anspruch hat, den Kriterien empirischer Begutachtung der Verkehrswesen Uni
Wissenschaften zu genügen. Insbesondere wird Fahrtauglichkeit
gefordert, dass Persönlichkeitseigenschaften Begutachtung vor Rechtswesen Uni
operationalisiert und persönlichkeitspsychologische Gericht
Aussagen empirisch prüfbar sind. Profiling Kriminalistik Polizeidienst
1.3 · Anwendungen der Persönlichkeitspsychologie
21 1
In der Personalführung werden Bewerber bei der Per- > Beratung sollte individualisiert durchgeführt
sonalauswahl aufgrund ihrer Fähigkeiten und z. T. auch werden unter Berücksichtigung der Persönlichkeit.
weiterer Persönlichkeitseigenschaften ausgewählt (z. B.
Extravertiertheit bei Mitarbeitern mit viel direktem Kun- Beispiel
denkontakt), wobei ein Persönlichkeitsprofil der Bewerber Individualisierte Beratung
in mehreren Persönlichkeitseigenschaften mit einem mehr 44 Ist dem Kunden das Design wichtiger oder die
oder weniger präzise bestimmten Anforderungsprofil ver- Funktionsvielfalt?
glichen wird. Je besser die beiden Profile übereinstimmen, 44 Wie kann ich dieser Mutter beibringen, dass es ganz
desto eher ist der Bewerber für die zu besetzende Position in Ordnung ist, wenn ihr Kind nicht so gesellig ist wie
geeignet. Bei der Personalentwicklung basieren Personal- sie selbst? Denn Kinder unterscheiden sich in ihrer
entscheidungen über den Aufstieg innerhalb eines Betrie- Geselligkeit genauso stark wie Erwachsene.
bes oder über die Entsendung zu Fortbildungsmaßnahmen 44 Sprechen religiöse Gründe bei diesem Paar gegen die
zunehmend auf systematischen Leistungsbewertungen, Option einer Scheidung?
z. T. auch unter Abgleichung des Persönlichkeitsprofils mit 44 Gibt es Hinweise darauf, dass dieser Drogenabhängige
einem Anforderungsprofil (vgl. z. B. Hossiep & Mühlhaus, fähig ist, weiterhin alleine zu wohnen, oder sollte eher
2015; Schuler & Kanning, 2014). an betreutes Wohnen gedacht werden?

> Bei der Personalauswahl und Personalentwicklung Entsprechendes gilt für die Erziehung (vgl. z.B. Seidel &
wird die Persönlichkeit von Bewerbern mit einem Krapp, 2014) insbesondere im Kindergartenbereich sowie
Anforderungsprofil verglichen. an der Hochschule im Sinne des Mentoring von fortge-
schrittenen Studierenden: Je mehr auf die Persönlichkeit
Beim zielgruppenorientierten Marketing richtet sich die eingegangen wird, umso erfolgreicher wird die Arbeit mit
Werbung an bestimmte Zielgruppen, die nicht nur über den Kindern oder den Studierenden sein. Wünschenswert
Alter, Bildung oder Beruf, sondern auch über Persönlich- wäre ein individualisierter Unterricht auch für den gesam-
keitseigenschaften wie z. B. ökologische oder politische ten Schulbereich und die unteren Hochschulsemester, was
Einstellungen, Homo- bzw. Heterosexualität oder Präfe- aber derzeit an der Unterfinanzierung des Bildungswesens
renzen der Nutzung bestimmter Medien (Print, TV, Inter- scheitert, denn individualisiertes Erziehen und Unterrich-
net, E-Mail usw.) definiert werden. Hierfür ist persönlich- ten erfordert viel Zeit für den Einzelnen.
keitspsychologisches Wissen über die jeweilige Zielgruppe
nützlich (vgl. z. B. Felser, 2015). > Erziehung, Unterricht und Mentoring sollten
individualisiert durchgeführt werden unter
> Marketing kann sich an Zielgruppen mit definierter Berücksichtigung der Persönlichkeit.
Persönlichkeit richten.
In Psychotherapieerfolgsstudien hat sich die Passung der
Entsprechendes gilt, wenn Präventionsmaßnahmen im Persönlichkeit von Klient und Therapeut als ein wesentli-
Gesundheitsbereich oder auch im Arbeitsschutz zielgrup- cher therapeutischer Faktor herausgestellt, der oft wichti-
pengerecht gestaltet werden sollen. Wie lässt sich z. B. bei ger ist als die jeweils angewandte Therapietechnik. Deshalb
bestimmten Risikogruppen für AIDS die Akzeptanz von sollte Psychotherapie ebenfalls möglichst individualisiert
Präservativen erhöhen (vgl. für Anwendungen auf die erfolgen, was eine individualisierte Therapieplanung erfor-
Gesundheitspsychologie z. B. Brinkmann, 2014)? dert. Da Persönlichkeitseigenschaften und Persönlichkeits-
störungen besonders therapieresistent sind, kann auch
> Prävention kann sich an Zielgruppen mit definierter dieses Wissen Entscheidungen im psychotherapeutischen
Persönlichkeit richten. Kontext verbessern (vgl. z. B. Wittchen & Hoyer, 2011).

Für eine erfolgreiche Beratung ist es unerlässlich, die Per- > Psychotherapie sollte individualisiert durchgeführt
sönlichkeit der Beratungssuchenden einzubeziehen, seien werden unter Berücksichtigung der Persönlichkeit.
es Kunden bei der Produktberatung, Eltern in der Erzie-
hungsberatung, Paare in der Familienberatung oder Dro- Persönlichkeitspsychologisches Wissen fließt auch in Gut-
genabhängige in der Drogenberatung. In allen Fällen ist die achten vor Gericht ein, z. B. über die Schuldfähigkeit oder
Beratung wirksamer, wenn sie individualisiert durchgeführt das Rückfallrisiko eines Sexualstraftäters, oder über die
wird, indem sie auf die Persönlichkeit abgestimmt wird (vgl. Fahrtauglichkeit eines wiederholten Verkehrssünders (vgl.
z. B. Nußbeck, 2014). z. B. Kroeber & Steller, 2005). Beim Profiling wird die Suche
22 Kapitel 1 · Persönlichkeit in Alltag, Wissenschaft und Praxis

nach möglichen Gewalttätern durch ein Persönlichkeitspro- Berufspraxis zuerst einmal Alltagspsychologen sind.
1 fil einzugrenzen versucht, das auf Basis der vorhandenen Unsere Alltagspsychologie können wir genauso wenig
Spuren erfolgt (vgl. Musolff & Hoffmann, 2006). durch Promotion und Professur loswerden wie durch 30
Jahre Berufspraxis. Sie begleitet uns von Kindesbeinen
> In der Begutachtung vor Gericht und beim Profiling an, geht später eine Liaison mit der Psychologie ein, aber
in der Kriminalistik wird persönlichkeitspsycho- dominiert in dieser fragilen Beziehung allemal. Wir können
logisches Wissen genutzt. unsere Expertise als Psychologen von Fall zu Fall zu Hilfe
nehmen, aber immer nur vor dem Hintergrund der intui-
Diese Beispiele vermitteln nur einen kleinen Einblick in die tiv und automatisiert ablaufenden Assoziationen, Bewer-
zahllosen Möglichkeiten, persönlichkeitspsychologisches tungen, Kategorisierungen und Schlussfolgerungen unserer
Wissen in der Berufspraxis zu nutzen – bis hin zu exotischen Alltagspsychologie.
Anwendungen wie z. B. Auswahl von Wissenschaftlern für
mehrmonatige Aufenthalte auf engstem Raum in der Ant- > Die Alltagspsychologie dominiert auch in
arktis oder in Raumstationen. Wissenschaft und Berufspraxis.
In der Praxis psychologisch Ausgebildeter gehen All-
tagspsychologie und Psychologie eine schwer zu trennende ? Frage
Liaison ein. Auf der einen Seite werden psychologische 1.14 Ein Wissenschaftler führt eine Studie an 100
Kenntnisse wie die in diesem Buch erworbenen (hoffent- Personen als Beleg seiner These an, dass
lich) gezielt angewendet. Auch beeinflussen diese Kennt- Schönheit und IQ nicht zusammenhängen, ein
nisse das Handeln indirekt über ihren Einfluss auf die All- Praktiker seine jahrzehntelange Erfahrung in
tagspsychologie, bis hin zu der zu Recht beklagten „profes- der Personalauswahl, dass es einen positiven
sionellen Verbiegung“, bei der z. B. klinisch Ausgebildete in Zusammenhang gibt. Wer hat Recht? (→ Urteil
jedem Mitarbeiter und bei jedem in Scheidung begriffenen des Praktikers beruht auf horizontaler
Bekannten einen Fall für eine Psychotherapie sehen, weil Koppelung von Schönheit und IQ, individuelle
sie individuelle Besonderheiten oder Lebenskrisen generell Erfahrung ist in empirischer Wissenschaft
für therapiebedürftig halten. Im Falle der Persönlichkeits- irrelevant.)
psychologie kann es zu einer arg verkürzten Wahrnehmung
kommen, indem Mitarbeiter, Bewerber, Kunden und Klien- Mehr lesen
ten bevorzugt nach denjenigen Persönlichkeitseigenschaf-
ten eingeschätzt werden, die zum Zeitpunkt der Ausbildung Weber, H. & Rammsayer, T. (Hrsg.) (2005). Handbuch
oder gegenwärtig gerade en vogue sind. der Persönlichkeitspsychologie und Differentiellen
Psychologie. Kap. VIII: Die Relevanz von Persönlich-
> In Wissenschaft und Berufspraxis gibt es die keitsmerkmalen in den zentralen Anwendungs-
Gefahr einer professionellen Verbiegung der gebieten der Psychologie. Göttingen: Hogrefe.
Alltagspsychologie.

Das lässt sich nicht vermeiden, aber minimieren, indem


eine gesunde Skepsis gegenüber Ausbildungsinhalten und
dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand schon
in der Ausbildung vermittelt wird. Die beste Basis für eine
solche gesunde Skepsis ist ein Bewusstsein von der Metho-
denabhängigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse. Auch
deshalb wird in diesem Buch großer Wert auf fundierte
methodische Kenntnisse und eine Reflexion der grundle-
genden Annahmen wissenschaftlicher Forschung gelegt.
Das beste Mittel gegen eine professionelle Verbiegung
der eigenen Alltagspsychologie ist eine gesunde Skepsis
gegenüber dem eigenen psychologischen Wissen, die
auf dem Bewusstsein der Methodenabhängigkeit dieses
Wissens beruht.
Der direkte Einfluss psychologischen Wissens auf das
eigene Handeln ist dadurch begrenzt, dass selbst Voll-
blutwissenschaftler und ausgefuchste Praktiker in ihrer
23 2

Sechs Paradigmen der


Persönlichkeitspsychologie

2.1 Eigenschaftsparadigma – 24
2.1.1 Von Sterns Schema zu Cattells Würfel – 25
2.1.2 Langfristige Stabilität – 26
2.1.3 Transsituative Konsistenz – 27
2.1.4 Reaktionskohärenz – 28
2.1.5 Idiographischer und nomothetischer Ansatz – 29

2.2 Informationsverarbeitungsparadigma – 32
2.2.1 Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung – 33
2.2.2 Kapazität des Arbeitsgedächtnisses – 33
2.2.3 Impulsive vs. reflektive Informationsverarbeitung – 34
2.2.4 Implizite Einstellungen – 35

2.3 Dynamisch-interaktionistisches Paradigma – 39


2.3.1 Vom Behaviorismus zum reziproken Determinismus – 39
2.3.2 Vom genetischen Determinismus zu Genom-Umwelt-Korrelationen – 43
2.3.3 Persönlichkeit-Umwelt-Transaktion – 45

2.4 Neurowissenschaftliches Paradigma – 49


2.4.1 Biologische Systeme – 50
2.4.2 Temperamentsforschung – 53
2.4.3 Methodik – 56
2.4.4 Stellenwert in der Persönlichkeitspsychologie – 60

2.5 Molekulargenetisches Paradigma – 62


2.5.1 Genetik – 62
2.5.2 Epigenetik – 66
2.5.3 Gen-Umwelt-Interaktionen – 67

2.6 Evolutionspsychologisches Paradigma – 69


2.6.1 Prinzipien der Evolution – 69
2.6.2 Frequenzabhängige Selektion – 74
2.6.3 Konditionale Entwicklungsstrategien – 75

2.7 Gesamtüberblick – 79

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018


F.J. Neyer, J.B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Springer-Lehrbuch,
DOI 10.1007/978-3-662-54942-1_2
24 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Wie alle empirischen Wissenschaften lässt sich auch die heu- Alltag machen wir das intuitiv, im Eigenschaftsparadigma
tige Persönlichkeitspsychologie in mehrere Paradigmen quantitativ durch Einordnung der Eigenschaftsausprägung
gliedern: Bündel theoretischer Leitsätze, Fragestellungen einer Person in die beobachtete Eigenschaftsvariation inner-
2 und Methoden zu ihrer Beantwortung. Diese Paradigmen halb einer Referenzpopulation: Wie über- oder unterdurch-
lassen sich historisch bis ins 19. Jahrhundert zurückverfol- schnittlich ist diese Ausprägung?
gen. In diesem Kapitel werden die sechs wichtigsten Para-
digmen der heutigen empirischen Psychologie dargestellt. > Die Individualität einer Person wird nur im Vergleich
Es geht dabei nicht darum, das Lebenswerk ihrer Begründer mit einer Referenzpopulation deutlich.
auszubreiten oder die zahllosen Verästelungen und Sack-
gassen ihrer historischen Entwicklung zu beschreiben. Viel- Die zweite Antwort ist, dass wir der Individualität einer
mehr geht es darum, einige Hauptlinien ihrer Entwicklung Person umso gerechter werden, je mehr Eigenschaften wir
nachzuzeichnen und die Fragestellungen, Methoden und betrachten. Dass jemand intelligenter ist als der Durch-
Hauptergebnisse der sechs Paradigmen an wenigen Bei- schnitt, ist eine eher dürftige Aussage. Wir können sie
spielen zu skizzieren. Erst in den nachfolgenden Kapiteln bereichern, indem wir spezifischere Intelligenzfaktoren
werden diese Methoden genauer geschildert, die Ergeb- betrachten, z. B. sprachliches Verständnis, schlussfolgern-
nisse inhaltsbezogen dargestellt und Anwendungen in der des Denken und räumliches Vorstellungsvermögen. So
Praxis exemplarisch geschildert. kommen wir zu einem Intelligenzprofil, in dem die Stärken
und Schwächen differenzierter hervortreten. . Abb. 2.1
illustriert ein Intelligenzprofil am Beispiel von 8 Unter-
? Lernziele tests eines Intelligenztests. Das Niveau dieses Profils, d. h.
44 Fragestellungen, Methoden und Entstehungsge- die mittlere Leistung der Person in allen Intelligenztests,
schichte der heutigen Paradigmen der empirischen beschreibt die „allgemeine Intelligenz“ der Person. Die Pro-
Persönlichkeitspsychologie nachvollziehen können; filgestalt, d. h. Unterschiede zwischen ihren Leistungen in
44 einige Hauptergebnisse dieser Paradigmen schildern den einzelnen Tests, beschreibt ihre „Intelligenzstruktur“,
können. z. B. ob ihre sprachlichen Fähigkeiten (die 4 oberen Tests in
. Abb. 2.1) schlechter sind als ihre nichtsprachlichen (die
4 unteren Tests).
2.1 Eigenschaftsparadigma Noch reicher wird die Persönlichkeitsbeschreibung,
wenn wir sie nicht nur auf den Intelligenzbereich beschrän-
Das Menschenbild des Eigenschaftsparadigmas knüpft eng ken, sondern auch verwandte Eigenschaften wie Kreativität
an das alltagspsychologische Eigenschaftskonzept an: Per- und emotionale Kompetenzen einbeziehen, bis hin zu gänz-
sonen weisen charakteristische körperliche Merkmale und lich anderen Eigenschaften wie z. B. Geselligkeit, Aggres-
Regelmäßigkeiten ihres Verhaltens und Erlebens auf; diese sivität, Gewissenhaftigkeit und politische Einstellung. So
Regelmäßigkeiten können wir nicht direkt beobachten, aber entsteht ein immer umfassenderes Persönlichkeitsprofil
durch wiederholte Beobachtung erschließen. Im Mittelpunkt aus ganz unterschiedlichen Eigenschaften, das letztend-
steht jedoch nicht eine einzelne Person, sondern eine Refe- lich einzigartig ist. Bei nur zehn Eigenschaften mit je zehn
renzpopulation von Personen ähnlichen Alters und ähnlicher
Kultur, die untereinander in ihrer Persönlichkeit verglichen
werden. Damit stehen Differenzen von Personen (Unter-
schiede zwischen Personen) im Mittelpunkt der Betrachtung
(differenzielle Sichtweise in der Psychologie). Im Gegensatz
dazu ignoriert die Allgemeine Psychologie diese Differenzen
und beschäftigt sich mit durchschnittlichen Personen, um
so allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Erlebens und Verhal-
tens aufzudecken. Insofern ist die Persönlichkeitspsychologie
komplementär zur Allgemeinen Psychologie.
Das wirkt paradox: Wie kann man der Individualität
einer Person gerecht werden, wenn man eigentlich nur
Unterschiede zwischen Personen betrachtet? Die erste
Antwort ist, dass die Individualität nur durch den Vergleich
mit vergleichbaren Personen deutlich werden kann. Im . Abb. 2.1  Intelligenzprofil in acht Untertests des HAWIE
2.1 · Eigenschaftsparadigma
25 2
Ausprägungsmöglichkeiten gibt es bereits 1010, also zehn
Milliarden verschiedene Persönlichkeitsprofile, und es gibt
ja sehr viel mehr als nur zehn verschiedene Eigenschaften.
Im Eigenschaftsparadigma wird also die Individualität einer
Person durch Betrachtung vieler unterschiedlicher Eigen-
schaften erfasst, wobei die individuelle Ausprägung jeder
dieser Eigenschaften durch Vergleich mit den Ausprägun-
gen in einer Referenzpopulation deutlich wird.

> Im Eigenschaftsparadigma wird die Individualität


einer Person durch ein Persönlichkeitsprofil in
vielen verschiedenen Eigenschaften beschrieben.

2.1.1 Von Sterns Schema zu Cattells Würfel

Diese grundlegende Methodik wurde erstmals vom gebür-


tigen Berliner William Stern (1911) dargestellt (. Abb. 2.2),
wobei große Buchstaben Personen („Individuen“) und
kleine Buchstaben Merkmale der Personen bezeichnen,
z. B. Persönlichkeitseigenschaften. Stern (1911) sprach
allerdings nicht von Persönlichkeitspsychologie sondern
von Differenzieller Psychologie, weil Differenzen zwischen
Personen bzw. Merkmalen im Mittelpunkt der Betrachtung
stehen. Schon vor Stern (1871–1938) hatte der Brite Francis
Galton (1822–1911), ein Vetter von Charles Darwin, sich
erstmals mit der Messung von Eigenschaftsunterschieden
auf der Grundlage von Gedächtnisleistungen oder Wahr- . Abb. 2.2  Vier methodische Ansätze. (Mod. nach Stern 1911, mit
freundl. Genehmigung)
nehmungsschwellen beschäftigt, und der Franzose Alfred
Binet (1857–1911) hatte 1905 den ersten Intelligenztest ent-
wickelt, um die Einweisung in die Sonderschule auf eine
objektivere Grundlage zu stellen. Aber es war Stern (1911), Ganz analog kann man mittels der Komparationsforschung
der mit den „Vier Disziplinen der Differentiellen Psycho- nach Stern die Variation von Eigenschaften intraindividuell
logie“ die variablenorientierte Sichtweise auf die Variation (innerhalb von Personen) betrachten, indem Zusammen-
eines Merkmals innerhalb einer Bezugsgruppe mit der per- hänge zwischen den Rangreihen der Eigenschaften von zwei
sonorientierten Sichtweise auf die Variation vieler Merk- Personen untersucht werden: Haben die beiden Personen
male innerhalb einer Person verband und so die methodi- ähnliche Ausprägungen in den betrachteten Eigenschaften?
sche Grundlage für das Eigenschaftsparadigma legte. Das Wie ähnlich sind sich George Clooney und Lady Gaga in
wird im Folgenden Schritt für Schritt erläutert. ihren Persönlichkeitseigenschaften?
Betrachten wir die Variation von zwei Eigenschaf-
ten interindividuell (zwischen Personen), so können wir > Die Komparationsforschung untersucht die
Zusammenhänge zwischen den Rangreihen der Personen Ähnlichkeit von Personen in vielen Merkmalen.
in den beiden Eigenschaften untersuchen (Korrelationsfor-
schung nach Stern): Geht eine hohe bzw. niedrige Ausprä- Bisher haben wir eine Schwäche von Sterns Schema
gung in der einen Eigenschaft mit einer hohen bzw. nied- unerwähnt gelassen: Stern (1911) sprach ganz allgemein von
rigen Ausprägung in der anderen Eigenschaft einher oder Merkmalen, nicht von Eigenschaften; sein Schema igno-
gibt es keinen Zusammenhang? Korreliert z. B. Schönheit riert die Anforderung, dass Merkmale zeitlich stabil sein
mit Intelligenz? sollen, damit es sich tatsächlich um Eigenschaften handelt.
Wenn die Differentielle Psychologie von Stern (1911) auf die
> Die Korrelationsforschung untersucht die Persönlichkeitspsychologie beschränkt werden soll, muss
Ähnlichkeit von Merkmalen bei vielen Personen. das Sternsche Schema um eine dritte, zeitliche Dimension
26 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Dies gilt, wenn x und y die Testergebnisse von zwei Personen


bei der ersten Messung sind und c die konstante Verände-
rung zwischen erster und zweiter Testung ist.
2
> Die Persönlichkeit bleibt gleich, wenn sich alle
Personen in einer Eigenschaft in gleicher Weise
ändern.

2.1.2 Langfristige Stabilität

Der Kovariationswürfel erlaubt noch viel mehr, indem der


Begriff der Messgelegenheit unterschiedlich interpretiert
wird. Cattell (1946) verstand darunter Wiederholungen
der Merkmalsmessung mit demselben oder einem sehr
ähnlichen Messverfahren, z. B. die Wiederholung eines
Intelligenztests nach einem Monat oder die Messung des-
selben Merkmals durch zwei möglichst ähnliche Testfor-
men A und B. Versteht man dagegen „Messgelegenheit“
. Abb. 2.3  Kovariationswürfel. (Mod. nach Cattell 1946, © World als Messwiederholung mit einem identischen oder sehr
Book) ähnlichen Messverfahren nach einem großen zeitlichen
Abstand bei denselben Personen, z. B. nach fünf, zehn
erweitert werden, um diese Stabilitätsanforderung empi- oder 50 Jahren, so haben wir bereits die Grundlage für
risch untersuchen zu können. Der Brite Raymond Cattell Untersuchungen der Persönlichkeitsentwicklung gelegt.
(1905–1998) tat dies erstmals 1946 mit seinem Kovaria- Wir müssen dazu eine Längsschnittstudie durchführen,
tionswürfel („covariation chart“), indem er eine Dimen- indem wir die Persönlichkeitsprofile vieler Personen der-
sion von Messgelegenheiten („occasions“) hinzunahm selben Kohorte (desselben Geburtsjahrgangs) in großem
(. Abb. 2.3). zeitlichen Abstand erheben. Die Persönlichkeit ist stabil
Auf Grundlage des Kovariationswürfels kann die Per- geblieben, wenn bei fast allen Personen die Profile sehr
sönlichkeit einer Person operationalisiert werden als ein ähnlich ausfallen.
Persönlichkeitsprofil in vielen Merkmalen, das zeitlich
stabil ist: Bei zweimaliger Messung in kürzerem zeitlichen > Die langfristige Stabilität der Persönlichkeit
Abstand (1. Messung: Messgelegenheit 1; 2. Messung: Mess- einer Person kann durch die langfristige zeitliche
gelegenheit 2) bleibt es also sehr ähnlich. Stabilität ihres Persönlichkeitsprofils operatio-
Entsprechend kann eine Persönlichkeitseigenschaft nalisiert werden.
operationalisiert werden als ein Merkmal mit unterschied-
lichen Ausprägungen bei den Personen einer Referenzpopu- Entsprechend können wir die langfristige Stabilität von
lation, wobei die Merkmalsunterschiede dieser Personen bei Eigenschaften untersuchen, indem wir in einer derarti-
zweimaliger Messung in kürzerem Abstand sehr ähnlich gen Längsschnittstudie eine Persönlichkeitseigenschaft
sind (also zeitlich stabil sind). Die Rangfolge der Personen bei vielen Personen derselben Kohorte in großem zeitli-
(hohe Ausprägung – niedrige Ausprägung) bleibt also (fast) chem Abstand erheben. Die Eigenschaft ist stabil, wenn
unverändert. die Eigenschaftsunterschiede zwischen den Personen
Dies kann selbst dann der Fall sein, wenn alle Personen sehr ähnlich sind. Dies kann wiederum auch dann der
sich im Merkmal geändert haben, nämlich dann, wenn alle Fall sein, wenn alle Personen sich in gleicher Weise ver-
sich in gleicher Weise geändert haben (z. B. alle haben bei ändert haben.
einem Intelligenztest 1 Punkt mehr bei der zweiten Testung
oder 2 Punkte weniger). Das Merkmal ist dann zwar nicht > Die langfristige Stabilität einer Eigenschaft kann
zeitlich konstant (der Mittelwert über alle Personen nimmt zu durch die langfristige zeitliche Stabilität der
oder ab), aber es ist trotzdem stabil im Sinne des Eigenschafts- Eigenschaftsunterschiede operationalisiert werden.
paradigmas, weil die Differenzen gleich geblieben sind:
In 7 Kap. 6 werden wir sehen, dass einige Persönlichkeits-
( x +c ) − ( y +c ) = x − y
eigenschaften wie z. B. Intelligenz über sehr lange Zeiträume
2.1 · Eigenschaftsparadigma
27 2
ziemlich stabil bleiben, sodass Vorhersagen der Erwachse- Der US-Amerikaner Gordon W. Allport (1897–1967),
nenpersönlichkeit aus der Persönlichkeit im Kindesalter für der sich nach seiner Promotion in Harvard zwei Jahre in
einige Eigenschaften deutlich besser sind als per Zufall zu Europa aufhielt, darunter auch bei William Stern an der von
erwarten ist, für andere dagegen kaum. Stern mitbegründeten Hamburger Universität, versuchte
1937 die niedrige Konsistenz von Ehrlichkeit in der Studie
von Hartshorne und May (1928) dadurch zu erklären, dass
2.1.3 Transsituative Konsistenz dieselbe Verhaltensregelmäßigkeit in verschiedenen Situ-
ationen durch jeweils mehrere Eigenschaften bedingt sei,
Versteht man „Messgelegenheit“ als Messwiederholung die jeweils eine unterschiedliche individuelle Relevanz
mit einem identischen oder sehr ähnlichen Messverfahren für unterschiedliche Kinder besitze. So kann Unehrlich-
in unterschiedlichen Situationen, z. B. die Erfragung von keit beim Stehlen durch knappes Taschengeld oder auch
Ängstlichkeit durch den Nervenkitzel, nicht erwischt zu werden, moti-
55 beim Blutabnehmen, viert sein, während Unehrlichkeit beim Schönen von Noten
55 vor einer mündlichen Prüfung, durch Leistungsmotivation, Bedürfnis nach Lob durch
55 angesichts einer Schlange bzw. Lehrer bei guten Noten oder auch Angst vor Bestrafung
55 angesichts drohender Arbeitslosigkeit wegen einer durch die Eltern bei schlechten Noten bedingt sein kann.
Wirtschaftskrise, Diese Eigenschaften sind bei unterschiedlichen Schülern
unterschiedlich stark ausgeprägt und unterschiedlich rele-
so handelt es sich um Untersuchungen zur transsituativen vant für unterschiedliche Ehrlichkeitssituationen; daraus
Konsistenz von Eigenschaften: ob die Unterschiede von Per- ergibt sich eine niedrige transsituative Konsistenz von
sonen in der interessierenden Eigenschaft ähnlich sind zwi- Ehrlichkeit.
schen den Situationen. Allports Erklärung war allerdings unpraktikabel, weil
sie offen ließ, wie die individuell relevanten Eigenschaf-
> Eigenschaften sind transsituativ konsistent, wenn ten jeweils bestimmt werden sollten. Deshalb geriet das
die Eigenschaftsunterschiede innerhalb der Problem der mangelnden transsituativen Konsistenz lange
Situationen beim Vergleich zwischen Situationen Zeit in Vergessenheit.
ähnlich ausfallen. Der gebürtige Wiener Walter Mischel (geb. 1930) löste
durch eine Übersicht über empirische Befunde zur niedri-
Schon früh wurde in der empirischen Persönlichkeitsfor- gen transsituativen Konsistenz beobachteten „Verhaltens“
schung deutlich, dass die transsituative Konsistenz von eine langanhaltende Konsistenzdebatte aus, weil er aus der
Eigenschaften viel geringer ist, als alltagspsychologisch niedrigen Konsistenz von Verhaltensunterschieden zwi-
erwartet wird (7 Die klassische Studie). schen Personen den Schluss zog, dass Verhalten sehr viel
stärker durch Situationen als durch Persönlichkeitseigen-
schaften bedingt sei (Mischel 1968). Dies wiederum wurde
bisweilen so interpretiert, dass das Konzept der Persönlich-
Die klassische Studie keitseigenschaft und der Persönlichkeit eine Fiktion der All-
Hartshorne und May (1928) prüften die Ehrlichkeit tagspsychologie sei und in der Wissenschaft keinen Platz
von 850 Schülern in acht verschiedenen Situationen habe.
im Klassenzimmer, beim Sport oder bei den Mischels Kritik beruhte jedoch auf einem Fehlschluss.
Hausaufgaben, indem sie Mogeln, Lügen und Denn Verhalten kann stark situationsabhängig sein,
Stehlen beobachteten, das sie gezielt provoziert aber dennoch kann die hierfür verantwortliche Eigen-
hatten (z. B. indem sie ein Geldstück in einem Heft schaft transsituativ hoch konsistent sein, nämlich dann,
versteckten, Gelegenheit zur Verbesserung der Note wenn die Rangfolge der Personen innerhalb aller Situa-
gaben). Zudem ließen die Autoren die Kinder eine tionen ähnlich ausfällt. Dies macht . Abb. 2.4 deutlich.
„Lügenskala“ ausfüllen, in der die Tendenz zu lügen Gezeigt ist die Angststärke von vier Personen in zehn
dadurch gemessen wurde, dass erwünschtes, aber verschiedenen Situationen, die so angeordnet sind, dass
unwahrscheinliches Verhalten abgefragt wurde (z. B. die mittlere Angststärke aller Personen von links nach
„ich lüge nie“). Aus der Ehrlichkeit in einer Situation rechts zunimmt. Offenbar ist die Angst (das Verhalten)
ließ sich die Ehrlichkeit in einer anderen Situation stark situationsabhängig, aber die transsituative Konsis-
oder der Gesamtwert der Lügenskala kaum besser als tenz der Eigenschaft „Ängstlichkeit“ ist trotzdem hoch,
der Zufall vorhersagen. denn die Rangfolge der vier Personen in Angst inner-
halb jeder Situation ist identisch. Grafisch ausgedrückt:
28 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Die klassische Studie


Shoda, Mischel und Wright (1994) ließen 53 Kinder
2 im Alter von 7–13 Jahren in einem 6-wöchigen
Ferienlager durch zahlreiche trainierte Beobachter
den ganzen Tag hindurch beobachtet (im Mittel 167
Stunden pro Kind). Unter anderem wurden verbale
Aggressionen in fünf verschiedenen Situationstypen
beobachtet. Obwohl die transsituative Konsistenz
verbaler Aggressivität wie üblich niedrig ausfiel,
zeigten die Kinder zeitlich stabile individual-
typische Situationsprofile; z. B. reagierte eine Gruppe
von Kindern besonders stark auf Erwachsene,
andere besonders stark auf Gleichaltrige. Diese
Situationsprofile beschreiben Eigenschaften der
Kinder, denn sie waren ja zeitlich stabil.

. Abb. 2.4  Transsituative Konsistenz von Ängstlichkeit bei starker


2.1.4 Reaktionskohärenz
Situationsabhängigkeit von Angst

Versteht man schließlich „Messgelegenheit“ im Kovaria-


die Situationsprofile der 4 Personen überschneiden sich tionswürfel als Messwiederholung in Bezug auf unterschied-
nicht. Allgemein gilt: Die transsituative Konsistenz ist liche Reaktionen, z. B. die Beobachtung in einer angsterre-
genau dann sehr hoch, wenn die Situationsprofile der genden Situation von berichteter Angst, Schwitzen, zittriger
Personen sich fast nur um eine Konstante unterscheiden. Stimme, Herzrate, so handelt es sich um Untersuchungen
Überschneiden sich die Profile, gerät die Rangreihe der zur Reaktionskohärenz von Eigenschaften: ob die Personen-
Personen durcheinander und die transsituative Konsis- unterschiede in der interessierenden Eigenschaft ähnlich
tenz ist entsprechend niedriger. sind zwischen den verschiedenen Reaktionen. Beginnend
mit Lacey (1950) zeigten Untersuchungen zu physiologi-
> Auch bei starker Situationsabhängigkeit des schen Stressreaktionen, dass die Reaktionskohärenz phy-
Verhaltens kann die transsituative Konsistenz der siologischer Stressreaktionen wie z. B. Herzrate, Blutdruck
Verhaltensunterschiede hoch sein. und Schwitzen ein ähnliches Problem aufwarf wie die trans-
situative Konsistenz: Sie war nahe Null und damit sehr viel
Zur Ehrenrettung von Mischel kann allerdings gesagt niedriger als ursprünglich erwartet.
werden, dass er selbst wesentlich zur Aufklärung des von
ihm nahegelegten Missverständnisses beitrug, indem er > Auch die Reaktionskohärenz ist oft sehr niedrig,
1994 in einer umfangreichen Studie zeigte, dass eine nied- jedenfalls dann, wenn Verhalten beobachtet oder
rige transsituative Konsistenz durchaus mit einer hohen gemessen wird.
Stabilität von Eigenschaften im Sinne stabiler individualty-
pischer Situationsprofile einhergehen kann (7 Die klassi- Zur Erklärung wurde das Konzept der individuellen Reak-
sche Studie). Damit wurde die Konsistenzdebatte Mitte der tionshierarchien (individuelle Reaktionsprofile) eingeführt.
1990er-Jahre beendet und die Persönlichkeitspsychologie Manche Personen reagieren unter Stress besonders mit dem
nahm einen neuen Aufschwung. systolischen Blutdruck, andere besonders mit der Herzfre-
quenz, und wieder andere schwitzen besonders (. Abb. 2.5).
> Die Konsistenzdebatte wurde mit der Studie Es gibt also zeitstabile individualtypische Reaktionsprofile,
von Shoda et al. (1994) beendet, die zeigten, ähnlich wie es individualtypische Situationsprofile gibt.
dass zeitlich stabile Situationsprofile in verbaler Foerster, Schneider und Walschburger (1983) fanden
Aggressivität mit einer niedrigen transsituativen in einer Laborstudie, dass 57% der 125 Versuchsperso-
Konsistenz von Aggressivität vereinbar sind. nen unter Stress ein Reaktionsprofil aufwiesen, das beim
2.1 · Eigenschaftsparadigma
29 2
2.1.5 Idiographischer und nomothetischer
Ansatz

In den „Betrachtungen im Sinne der Wanderer“ fragte


Goethe: „Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist
das Besondere? Millionen Fälle.“ Das gilt für die Alltags-
psychologie und die diagnostische Praxis, nicht aber für die
Psychologie im Allgemeinen und nicht einmal für die empi-
rische Persönlichkeitspsychologie, obwohl sie sich mit indi-
viduellen Besonderheiten beschäftigt. Die überwältigende
Zahl persönlichkeitspsychologischer Untersuchungen ist
stark differenziell ausgerichtet und stellt deshalb nicht den
einzelnen Fall, sondern interindividuelle Unterschiede bei
„Millionen Fällen“, also Stichproben von Personen in den
Mittelpunkt.
. Abb. 2.5  Unterschiedliche individuelle Reaktionsprofile von 3 Aus differenzieller Sicht werden Eigenschaften als
Personen unter Stress Variablen aufgefasst und durch die Verteilung der „Millio-
nen Fälle“ von Variablenwerten in einer Stichprobe charak-
terisiert. Korrelationen in Sterns Schema beschreiben Bezie-
Vergleich über drei Stresssituationen überzufällig konsis- hungen zwischen Variablen nicht für eine Person, sondern
tent war, also die betreffende Person in stabiler Weise cha- für „Millionen Fälle“, denn sie beschreiben die mittlere Ähn-
rakterisierte. Asendorpf (1988) untersuchte auf ähnliche lichkeit von vielen Personen in zwei Merkmalen. Die diffe-
Weise Reaktionsprofile im Gesprächsverhalten bei Ver- renzielle Sichtweise zielt also auf Gesetzmäßigkeiten auf der
suchspersonen, die in leicht angsterregende soziale Situa- Ebene von Stichproben von Personen.
tionen gebracht wurden, und fand ebenfalls bei über 50% Stern (1911) war der Auffassung, dass dieser nomo-
der 66 Personen ein überzufälliges Reaktionsprofil. Einige thetische (d. h. gesetzhafte) Eigenschaftsbegriff die
redeten besonders wenig, andere gestikulierten besonders ­E inzigartigkeit der Persönlichkeit nicht ausreichend
wenig und wieder andere schauten ihren Partner besonders ­erfassen könne; diese sei nur die „Asymptote der Gesetze
wenig an, wenn eine Pause im Gespräch entstand. suchenden Wissenschaft“. Der nomothetische Ansatz in
Besonders deutlich sind Reaktionsprofile, wenn nicht der Persönlichkeitspsychologie bedürfe deshalb der idio-
nur Reaktionen eines Typs (z. B. physiologische Reaktio- graphischen (d. h. den Einzelnen beschreibenden) Ergän-
nen, Gesprächsverhalten), sondern Reaktionen unter- zung. Stern (1911) bezog sich hier auf eine Unterscheidung
schiedlichen Typs einbezogen werden, von denen all- zwischen „nomothetisch“ und „idiographisch“, die von
tagspsychologisch erwartet wird, dass sie dieselbe Eigen- dem Philosophen Windelband (1894) eingeführt wurde.
schaft anzeigen, also hoch kohärent sein müssten. Wird ­Windelband versuchte, die nomothetischen Gesetzeswis-
z. B. Angst in realen Situationen erfasst durch Selbstbe- senschaften von den idiographischen Ereigniswissenschaf-
urteilung der aktuellen Angststärke, Verhaltensbeurtei- ten abzugrenzen, die „das Einzelne in seiner geschichtlich
lung durch Beobachter und physiologische Reaktionen, bestimmten Gestalt“ erforschen.
so ist die Rangfolge von Personen in Angst ganz unter- In Kontrast zu dem später vielfach aufgebauten Gegen-
schiedlich, je nachdem welche Angstreaktion betrachtet satz zwischen nomothetischem und idiographischem
wird (Lang, 1971). Ansatz sah Stern (1911) hier – wie auch schon Windelband
Auch das Ergebnis von Asendorpf und Scherer (1983) (1894) – keinen Gegensatz, sondern eine Komplementarität,
zu unterschiedlichen Konfliktindikatoren bei Repressern, die zu einer Kombination beider Ansätze einlädt. Was Stern
Niedrigängstlichen und Hochängstlichen (vgl. Abb. 1.4 in (1911) vorschwebte, war ein Brückenschlag zwischen Psy-
7 Abschn. 1.2.2) kann als unterschiedliche Reaktionspro- chologie und Geschichtswissenschaft: So wie diese einzelne
file dieser drei Personengruppen interpretiert werden. In historische Ereignisse und Personen untersuche, sollte die
diesem Fall wurde nicht nur eine Inkohärenz zwischen ver- Psychologie einzelne Personen in ihrer historisch gewach-
balen, physiologischen und mimischen Angstreaktionen senen Einmaligkeit erforschen. Damit forderte Stern (1911)
gezeigt, sondern auch durch unterschiedliche Formen der eine Kombination von Persönlichkeitspsychologie und Ent-
Angstabwehr erklärt. wicklungspsychologie, die es zu seiner Zeit noch nicht gab.
30 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Auch heute noch spricht man in der Persönlichkeitspsy-


chologie von einem idiographischen Ansatz, wenn es um die
Erforschung einzelner Personen geht (Lamiell, 2003), wobei
2 oft zu Unrecht ein Gegensatz zur nomothetischen Wissen-
schaft aufgebaut wird, denn die genaue Beschäftigung mit
dem Einzelfall schließt ja nomothetische Erklärungen bis
hin zu ihrer statistischen Absicherung gegenüber Zufalls-
befunden nicht aus. Das sei hier anhand einer historiome-
trischen Studie (empirische Studie aufgrund historischer
Archivdaten) illustriert (7 Die klassische Studie).

Die klassische Studie


Simonton (1998) erstellte aufgrund der vorhandenen
Biografien über den britischen König George III., . Abb. 2.6  Körperliche und mentale Gesundheit von König George
der während seiner Regierungszeit von 1760–1811 III. (Mod. nach Simonton 1998, Abb. 1)
schubweise von bis heute unerklärlichen körperlichen
und mentalen Symptomen gequält wurde, > Idiographische Fragestellungen können auch
ausführliche Dossiers über seine persönlichen nomothetisch behandelt werden.
und politischen Belastungen sowie über seinen
körperlichen und mentalen Gesundheitszustand Das zentrale Problem des idiographischen Ansatzes ist die
für jeden Monat zwischen Geburt (1738) und Tod Unmöglichkeit, aus Aussagen über individuelle Disposi-
(1820). Zwei Gruppen von jeweils 11 Studierenden tionen Aussagen über die individuelle Besonderheit von
beurteilten aufgrund dieser Dossiers entweder nur Menschen zu machen. Der Zusammenhang zwischen Bela-
die Belastungen oder nur den Gesundheitszustand stungs- und Gesundheitsveränderungen bei König Georg
monatsweise auf einer Skala von 0 (kein Stress oder III. könnte speziell für ihn gelten, nur für Politiker gelten
völlig gesund) bis 100 (maximaler Stress, maximal oder überhaupt für alle Menschen gelten, wenn „politische
krank). Die jeweils 11 Urteiler zeigten eine hohe Belastung“ durch „Belastung im Arbeitsleben“ ersetzt wird.
Übereinstimmung, sodass das mittlere Urteil pro Ein weiteres Beispiel sind die in . Abb. 2.7 dargestellten
Gruppe eine besonders zuverlässige Stress- bzw. Daten eines Studenten über die täglich berichtete Konflikt-
Gesundheitsmessung war. . Abb. 2.6 zeigt den stärke mit Eltern, Geschwistern, der Lebensgefährtin und
resultierenden Verlauf der körperlichen und mentalen Peers (Gleichaltrige), aufgeteilt nach geraden und ungera-
Gesundheit; für die politische und persönliche den Monatstagen in einem dreiwöchigen Tagebuch. Da das
Belastung ergaben sich entsprechende Kurven. Situationsprofil (die Bezugspersonen können als Situatio-
Aufgrund dieser ausführlichen, unabhängigen nen aufgefasst werden) zeitlich stabil war, beschreiben diese
Messungen der Belastungen und der Gesundheit Daten eine individuelle Verhaltensdisposition des Studen-
des Königs konnte Simonton (1998) die Hypothese ten. Es ist aber unklar, ob die Daten überhaupt etwas über
prüfen, ob Veränderungen in den Belastungen die Persönlichkeit des Studenten aussagen, denn es könnte
Veränderungen des Gesundheitszustands nach sich ja sein, dass die Daten nur einer allgemeinen Tendenz aller
zogen. Hierfür nutzte er die statistische Methode Studierenden entsprechen. Tatsächlich sind die Daten in
der Zeitreihenanalyse und konnte zeigen, dass .  Abb. 2.7 Mittelwerte von 144 Erstsemestern der Hum-
sich tatsächlich aus Belastungsveränderungen von boldt-Universität zu Berlin (Asendorpf & Wilpers, 1999).
Monat zu Monat die Gesundheitsveränderungen Wenn ein Studierender dieses Profil zeigt, lässt sich daraus
überzufällig vorhersagen ließen, und zwar am lediglich der Schluss ziehen, dass es keine individuelle
besten bei einer Zeitverschiebung von 9 Monaten. Besonderheit erkennen lässt; die Diskrepanzen zwischen
Das bedeutet, Belastungsveränderungen sagten den Bezugspersonen sind völlig normal.
am besten Gesundheitsveränderungen vorher, die
9 Monate später stattfanden. Dieser Zusammenhang > Idiographische Analysen können individuelle
war etwas stärker für persönliche als für politische Dispositionen eines Menschen beschreiben, nicht
Belastungsveränderungen. aber Aussagen über individuelle Besonderheiten
machen.
2.1 · Eigenschaftsparadigma
31 2
Tatsächlich gibt es im Einzelfall immer singuläre Ereignisse,
weder durch allgemeine noch durch individuelle nomothe-
tische Gesetzmäßigkeiten vorhersagbare Geschehnisse,
die wesentlich die Biographie eines einzelnen Menschen
formen. „Wäre ich damals nicht rein zufällig X begegnet … “,
„wäre mir damals nicht zufällig dieses Buch in die Hand
gefallen … “ – so beginnen Erklärungen der Persönlich-
keitsentwicklung, die sich auf singuläre Ereignisse bezie-
hen (vgl. hierzu genauer 7 Abschn. 6.4). Singuläre Ereignisse
lassen sich idiographisch konstatieren, nicht aber nomo-
thetisch vorhersagen. Insofern hatte Stern (1911) Recht,
wenn er von der Asymptote der nomothetischen Wissen-
schaft sprach.
Das ist aber keineswegs etwas, was nur für die Per-
sönlichkeitspsychologie gilt. Wie schon Windelband
. Abb. 2.7  Zu geraden Tagen (durchgezogene Linie) und ungeraden
Tagen (gestrichelte Linie) eines dreiwöchigen Tagebuchs berichtete (1894) erkannte, gilt dieses Prinzip für alle Wissenschaf-
mittlere Konfliktstärke eines Studenten in Interaktionen mit ten – nur in unterschiedlich starkem Maße. Dass z. B.
verschiedenen Interaktionspartnern rechtsgedrehte Moleküle in den biochemischen Prozes-
sen von Lebewesen eine ungleich bedeutendere Rolle
spielen als linksgedrehte, ist aus keinem physikalischen
Anhänger des individuumzentrierten Ansatzes gehen oder chemischen Prinzip ableitbar; es ist vermutlich ein
mit diesem Problem meist so um, dass sie an das alltags- reiner Zufall. Singuläre Ereignisse spielen in der Erdge-
psychologische Wissen appellieren. Der Einzelfall wird schichte und Evolution des Lebens eine große, weithin
genauestens geschildert, z. B. in Form einer Biografie, und unterschätzte Rolle: „unübliche Ereignisse“ sind üblich
es bleibt dem Leser überlassen, mithilfe seines alltagspsy- (Weatherhead, 1986).
chologischen Verständnisses die individuelle Besonderheit Der Physiker und Nobelpreisträger Gell-Mann
in dieser Schilderung zu entdecken. Wie das Beispiel des (1994), der nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten kom-
Profils in . Abb. 2.7 zeigt, ist unser Alltagswissen aber sehr plexer Systeme sucht, pflegte die schon von Windelband
begrenzt; die meisten würden dieses Profil so interpretieren, und Stern erkannte Komplementarität von idiographi-
dass der Student auffällig viele Probleme mit Vater und Part- schen und nomothetischen Einflüssen so zu formulieren:
nerin hat. Weiterführend sind systematischere Methoden Alles auf dieser Welt ist das Resultat einfacher Regeln und
der Interpretation von Einzelfalldaten, die sich an herme- eingefrorener Zufälle („frozen accidents“). Die „einfa-
neutischen Verfahren der Geisteswissenschaften orientie- chen Regeln“ erlauben es, auch den Einzelfall in Grenzen
ren (vgl. z. B. Fahrenberg, 2002). Beides genügt aber nicht wissenschaftlich zu erklären, aber es verbleibt immer
den Ansprüchen einer empirischen Wissenschaft, denn ein Erklärungsrest aufgrund „eingefrorener Zufälle“.
die individuelle Besonderheit muss in der Messung des Diese lassen sich im Nachhinein feststellen, nicht aber
Einzelfalls selbst stecken, d. h. persönlichkeitspsychologi- vorhersagen.
sche Aussagen müssen Vergleiche mit anderen Menschen
einschließen. > Der Einzelfall ist immer auch durch wissenschaftlich
Letztlich muss die empirische Persönlichkeitspsycho- nicht vorhersagbare singuläre Ereignisse geprägt.
logie beides kombinieren: reiche idiographische Daten mit
interindividuellen Vergleichen (Asendorpf, 2015a). Hierzu ? Fragen
sind am besten Mehrebenenanalysen geeignet, in denen 2.1 Welche inhaltlichen Fragestellungen
interindividuelle Unterschiede in individuellen Verhaltens- entsprechen den vier methodischen
dispositionen untersucht werden, z. B. auf der Grundlage Ansätzen im Schema von Stern? (→ z. B.
von Tagebuchdaten vieler Studierender. Diese statistische entspricht transsituative Konsistenz der
Methode wird in 7 Abschn. 3.6 skizziert. Korrelationsforschung)
Die Möglichkeit nomothetischer Einzelfallstudien 2.2 Wer erweiterte auf welche Weise Sterns Schema,
spricht nicht gegen Sterns (1911) Auffassung, dass die ein- um Situationen oder Zeitpunkte einzubeziehen?
zelne Person nur die Asymptote der nomothetischen Erklä- (→ Cattell (1946) mit Kovariationswürfel)
rungsversuche sei, d. h. dass bei noch so genauer nomothe- 2.3 Können Eigenschaftsunterschiede stabil sein,
tischer Analyse immer noch ein Erklärungsrest verbleibe. obwohl sich die Merkmalswerte aller Personen
32 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

ändern? (→ ja, aber dann Änderungen in Persönlichkeitsunterschiede im Verhalten und Erleben


gleicher Weise) manifestieren?
2.4 Wer stieß zuerst auf das Problem der niedrigen Verhalten und Erleben beruht nach Auffassung des
2 transsituativen Konsistenz und wodurch? Informationsverarbeitungsparadigmas auf der Verarbei-
(→ z. B. Hartshorne & May (1928) mit ihrer Studie tung von Information. Unter Information kann man sich
zur transsituativen Konsistenz von Ehrlichkeit) die Bedeutung eines bestimmten Zustandes von Materie
2.5 Welche Kritik übte Mischel (1968) am oder Energie für ein informationsverarbeitendes System
Eigenschaftsparadigma und warum irrte er sich? vorstellen, z. B. für einen Computer, einen Menschen oder
(→ wegen Situationsabhängigkeit des Verhaltens einen Automotor. Um mich in Tokio mit dem Auto ohne
gebe es keine Persönlichkeit; Verwechselung Navi zurechtzufinden, brauche ich einen Stadtplan. Und
Verhalten – Verhaltensunterschiede) zwar einen mit lateinischen Buchstaben, denn japanische
2.6 Durch welche Studie wurde die haben für mich keine Bedeutung. Habe ich mich so infor-
Konsistenzdebatte beigelegt? (→ Ferienla- miert, drücke ich auf das Gaspedal. Jetzt übertrage ich
gerstudie von Shoda et al. (1994) fand stabile Information an den Motor: Das Auto setzt sich in Bewe-
Situationsprofile) gung. Energie wird dabei von mir auf den Motor nur in
2.7 Wer stieß zuerst auf das Problem der geringem Umfang übertragen; seine Energie bezieht der
niedrigen Reaktionskohärenz des Verhaltens Motor aus dem Tank. Zu Freuds Zeiten konnte man sich
und wodurch? (→ Lacey (1950) bei der noch nicht vorstellen, dass auch menschliches Erleben und
Untersuchung von Stress) Verhalten mit minimaler Energieübertragung stattfinden
2.8 Warum ist der idiographische Ansatz für die kann. Auch deshalb wohl benutzte Freud den Begriff der
Persönlichkeitspsychologie nicht ausreichend? psychischen Energie.
(→ individuelle Besonderheiten werden nicht Im Informationsverarbeitungsparadigma wird ange-
erfasst) nommen, dass menschliches Verhalten und Erleben auf
2.9 Sind nomothetischer und idiographischer Informationsübertragung im Nervensystem beruht, das
Ansatz in der Persönlichkeitsforschung über Rezeptoren Reize aus der Umwelt und dem eigenen
Gegensätze? (→ Nomothetische Körper empfängt, in andere Informationen umwandelt,
Einzelfallstudien kombinieren beides) die unter anderem verantwortlich für bewusstes Erleben
sind, und über motorische Aktivität Informationen auf
die Umwelt überträgt (Verhalten). Dabei nutzen diese
Mehr lesen Prozesse Informationen, die die aktuelle Situation über-
dauern: das Wissen. Informationsverarbeitungsprozesse
Mischel, W. (2004). Toward an integrative science of werden in der Allgemeinen Psychologie ausführlich
the person. Annual Review of Psychology, 55, 1–22. behandelt (vgl. z. B. Müsseler, 2008), sodass hier Grund-
Asendorpf, J.B. (2015a). Person-centered approaches konzepte wie Arbeits- und Langzeitgedächtnis vorausge-
to personality. In M. Mikulincer, P.R. Shaver, M.L. setzt werden können.
Cooper & R.J. Larsen (Eds.), APA Handbook of Persönlichkeitseigenschaften beruhen nach diesem
personality and social psychology. Vol. 4: Personality Paradigma auf zwei unterschiedlichen Quellen:
processes and individual differences (pp. 403–424). 55 auf individualtypischen, zeitlich stabilen Parametern
Washington, DC: American Psychological Association. informationsverarbeitender Prozesse (z. B.
Geschwindigkeit, Schwelle der Auslösung oder
Intensität einer Reaktion, Kapazität des Arbeits-
gedächtnisses) und
2.2 Informationsverarbeitungsparadigma 55 auf individualtypischen Gedächtnisinhalten im
(zeitlich stabilen) Langzeitgedächtnis.
Im Eigenschaftsparadigma werden Verhaltensdispositionen
aus beobachtbaren Verhaltensregelmäßigkeiten erschlos- Dies wird im Folgenden am Beispiel von Intelligenz und
sen. Dabei bleibt offen, welche Prozesse für das beobachtete Einstellungen illustriert. Andere Anwendungen des Infor-
Verhalten verantwortlich sind: Woran liegt es, dass jemand mationsverarbeitungsparadigmas finden sich v. a. in der
so gut in Intelligenztests abschneidet oder dass jemand so Temperamentsforschung, Motivationsforschung und
ausgeprägte Vorurteile gegenüber Schwarzen hat? Welche Selbstkonzeptforschung; sie werden in den entsprechen-
Prozesse sind dafür verantwortlich, dass sich derartige den Abschnitten von 7 Kap. 4 dargestellt.
2.2 · Informationsverarbeitungsparadigma
33 2
2.2.1 Geschwindigkeit der die Versuchsperson die Entscheidung gerade noch mit aus-
Informationsverarbeitung reichender Sicherheit treffen kann. Intelligente Personen
können dies bei kürzerer Darbietung tun als weniger intelli-
Bereits Francis Galton (1822–1911) unternahm erste Ver- gente. Man kann entsprechende Aufgaben auch für die akus-
suche, Intelligenz durch Parameter in Informationsver- tische Inspektionszeit konstruieren, die die Unterscheidung
arbeitungsprozessen zu erfassen, indem er das Unterschei- von Tonhöhen erfassen.
dungsvermögen für visuelle, akustische oder Tastreize und In beiden Fällen wird hauptsächlich die Geschwindig-
Gedächtnisleistungen testete („mental tests“). Dazu richtete keit der Informationsverarbeitung bei einfachen Aufgaben
er 1884 auf der „International Health Exhibition“ in London gemessen („mental speed“). Diese Aufgaben sind denen von
ein „anthropometrisches Labor“ ein, in dem sich Ausstel- Galton durchaus ähnlich; ein entscheidender Unterschied
lungsbesucher gegen eine Gebühr von drei Pence testen ist jedoch, dass jede Person sehr viel mehr Testdurchgänge
lassen konnten, wofür sie ein Blatt mit ihren Ergebnissen machen muss, sodass Schwankungen der Leistung „wegge-
bekamen – eine der seltenen Studien, in denen die Versuchs- mittelt“ werden können und so die individuelle Fähigkeit
personen die Psychologen bezahlen und nicht umgekehrt. sehr viel genauer erfasst wird.
Die Zusammenhänge zwischen den Ergebnissen verschie-
dener Tests waren jedoch äußerst gering. > Eine zuverlässige Messung von „mental speed“
erfordert viele Testdurchgänge; das unterscheidet
> Francis Galton begründete 1884 die sie von den Messungsversuchen vor 1900.
Intelligenzforschung.

Das war auch das Ergebnis umfangreicherer Testungen 2.2.2 Kapazität des Arbeitsgedächtnisses
nordamerikanischer Studenten um 1900 an der Columbia
University in New York, wobei die einzelnen Tests keine Ab den 1950er-Jahren wurde auch Galtons Versuch, Intel-
substanziellen Beziehungen zum Studienerfolg aufwiesen. ligenz durch Gedächtnisleistungen zu erfassen, neu belebt,
Die erste Phase der Intelligenzforschung auf der Basis von indem die individuelle Kapazität des Arbeitsgedächtnisses
Sinnes- und Gedächtnisprüfungen war damit in eine Sack- bestimmt wird. Unter dem Arbeitsgedächtnis wird derje-
gasse geraten. nige Teil des Gedächtnisses verstanden, der für die vorüber-
Es dauerte über 70 Jahre, bis praktisch zeitgleich deut- gehende Speicherung und für Veränderungen von Gedächt-
liche Zusammenhänge zwischen Intelligenz (erfasst durch nisinhalten verantwortlich ist. Das Arbeitsgedächtnis wird
Intelligenztests; 7 Abschn. 4.3.1) und Parametern in ein- z. B. benötigt, um einen langen Satz auch noch am Ende zu
fachen kognitiven Aufgaben gefunden wurden. Der US- verstehen (dazu muss man sich an den Anfang noch erin-
Amerikaner Arthur Jensen (1923–2012) entdeckte diesen nern können). Auch beim Erwerb neuen Wissens und der
Zusammenhang für die Reaktionszeit bei einfachen Ent- Lösung komplexer Probleme ist das Arbeitsgedächtnis not-
scheidungsaufgaben, bei der die Versuchspersonen so wendig, indem Wissensbestandteile aus dem Langzeitge-
schnell wie möglich eine Taste drücken sollen, wenn eines dächtnis abgerufen und verändert oder mit neuem Wissen
von mehreren Lämpchen aufleuchtet (Jensen &Munroe, verknüpft werden. Wie viele Gedächtnisinhalte gleichzeitig
1979). Intelligente Personen drücken die Taste im Mittel verarbeitet werden können, wird durch die Kapazität des
über viele Testdurchgänge schneller als weniger intelligente. Arbeitsgedächtnisses begrenzt.
Spätere Studien konnten dies immer wieder bestätigen (vgl. Der US-Amerikaner George A. Miller (1920–2012)
z. B. Deary, Der & Ford, 2001). legte 1956 eine einflussreiche Theorie vor, wonach Erwach-
sene 7 + 2 Elemente („chunks“) gleichzeitig im Gedächtnis
> Arthur Jensen entdeckte 1979 einen behalten können. Das legt nahe, Unterschiede in der Kapa-
Zusammenhang zwischen Intelligenz und zität (Umfang) des Arbeitsgedächtnisses auf Intelligenz-
Reaktionszeit bei einfachen Entscheidungen. unterschiede zu beziehen. Seitdem gibt es eine wachsende
Forschung zur Rolle des Arbeitsgedächtnisses, die durch
Der Australier Ted Nettelbeck entdeckte 1982 einen ähn- neurowissenschaftliche Untersuchungen zur Rolle des prä-
lichen Zusammenhang für die visuelle Inspektionszeit. frontalen Kortex (vorderer Teil der Großhirnrinde) für das
Darunter wird die Schnelligkeit verstanden, mit der Per- Arbeitsgedächtnis zusätzlichen Auftrieb erhielt.
sonen unterscheiden können, ob zwei ähnlich lange Linien Kyllonen und Christal (1990) fanden einen überra-
gleich lang sind oder nicht. Hierzu werden auf einem Bild- schend engen Zusammenhang zwischen der Kapazität des
schirm ähnlich lange Linien immer kürzer dargeboten, bis Arbeitsgedächtnisses und der Fähigkeit zum verbalen und
34 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

mathematischen schlussfolgernden Denken, wobei beide unbewusste Motive und „primärprozesshaftes Denken“
Fähigkeiten nur wenig mit Tests zur Geschwindigkeit der zurückführte, wird im Rahmen des Informationsverarbei-
Informationsverarbeitung und Wissenstests zusammenhin- tungsparadigmas davon ausgegangen, dass es unterschied-
2 gen. Das erregte großes Aufsehen und regte vielfältige For- liche Modi (Arten) der Informationsverarbeitung gibt, die
schungsbemühungen zu einem besseren Verständnis der parallel ablaufen, aber unterschiedliche Hirnstrukturen
Rolle des Arbeitsgedächtnisses bei Intelligenzleistungen an. nutzen und deshalb auch unterschiedlichen Prinzipien der
Kritisch ist allerdings anzumerken, dass die Gedächtniska- Informationsverarbeitung folgen.
pazität durch Tests erfasst wurde, die selbst wiederum ele- Im Folgenden wird beispielhaft die von Strack und
mentares schlussfolgerndes Denken erfordern, sodass die Deutsch (2004) getroffene Unterscheidung zwischen impul-
Operationalisierungen der Gedächtniskapazität und der siver und reflektiver Informationsverarbeitung vereinfacht
Intelligenz nicht unabhängig waren. Der vergleichsweise dargestellt. Danach gibt es zwei Informationsverarbeitungs-
geringe Zusammenhang mit Reaktions- und Inspektions- systeme, das impulsive und das reflektive System, die sich
zeittests legt jedenfalls nahe, dass die Kapazität des Arbeits- sowohl in der Repräsentation von Informationen als auch
gedächtnisses eine wichtige zusätzliche Quelle von Intelli- in deren Verarbeitung unterscheiden. Das impulsive System
genzunterschieden darstellt. ist ständig aktiv, das reflektive System wird ab und zu „zuge-
schaltet“ (vgl. . Abb. 2.8).
> Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses stellt eine Im impulsiven System breiten sich aktivierte Wahrneh-
wichtige Quelle von Intelligenzunterschieden dar mungen oder Vorstellungen in einem assoziativen Netzwerk
zusätzlich zu „mental speed“. aus, das auch Verhaltensschemata enthält, sodass sie diese
direkt anregen können. Das System funktioniert nach kon-
nektionistischen Prinzipien. Zum Beispiel wird die Asso-
2.2.3 Impulsive vs. reflektive ziation zwischen Elementen des Netzwerks gestärkt, wenn
Informationsverarbeitung beide gleichzeitig angeregt sind, und angeregte Elemente
regen mit ihnen assoziierte Elemente proportional zur Asso-
Ansätze im Informationsverarbeitungsparadigma, die ziationsstärke an. Angeregte Elemente des Netzwerks hin-
von „der“ Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung terlassen eine Gedächtnisspur, sodass sie das nächste Mal
oder der Kapazität „des“ Arbeitsgedächtnisses ausgehen, leichter angeregt werden können. So bildet sich ein assozia-
laufen Gefahr, zu viel über einen Kamm zu scheren, weil die tives Gedächtnis über früher aktivierte Wahrnehmungen,
menschliche Informationsverarbeitung in einem Nerven- Vorstellungen und Verhalten. Wahrnehmungen und Vor-
system abläuft, das in viele relativ eigenständig arbeitende stellungen können, vermittelt über dieses assoziative Netz-
Teilsysteme untergliedert ist, die z. T. nach unterschiedli- werk, unmittelbar verhaltensanregend wirken.
chen Prinzipien funktionieren. Das ist evolutionsbiologisch Stärker aktivierte Wahrnehmungen oder Vorstellun-
und neuroanatomisch verständlich. Unser Nervensystem gen werden unabhängig davon vom reflektiven System ver-
ist in einem Jahrmillionen dauernden Entwicklungspro- arbeitet, wobei die Aktivierung durch Aufmerksamkeits-
zess entstanden, in dessen Verlauf „alte“ Strukturen modi- zuwendung (eine Leistung des reflektiven Systems) erhöht
fiziert und durch „jüngere“ Strukturen überlagert wurden werden kann. Das reflektive System führt diese Wahrneh-
(vgl. z. B. Birbaumer & Schmidt, 2010). Ältere und jüngere mungen oder Vorstellungen zunächst in ein propositionales
Strukturen können sich deshalb erheblich in Prinzipien Format über, also in Begriffe mit Merkmalen (das impulsive
der Informationsverarbeitung unterscheiden, auch wenn System verarbeitet Informationen nicht in einem solchen
sie miteinander in vielfältiger Weise Informationen austau-
schen können.
Eine erste, grobe Unterscheidung findet sich seit
Sigmund Freud in vielen Theorien des menschlichen Erle-
bens und Verhaltens: die Unterscheidung zwischen emo-
tionalen vs. rationalen, affektiven vs. kognitiven, sponta-
nen vs. willentlichen, intuitiven vs. analytischen, impulsiven
vs. reflektiven, impliziten vs. expliziten Prozessen (vgl. für
eine Übersicht Evans, 2008). Diese Unterscheidungen sind
nicht identisch, aber miteinander verwandt. Sie beziehen
sich auf unsere alltägliche Erfahrung, dass wir manchmal
gefühlsmäßig oder auch ohne besondere Gefühle intuitiv . Abb. 2.8  Das impulsive und das reflektive System der
und spontan an etwas denken oder etwas tun, ohne dass Informationsverarbeitung. (Mod. nach Strack & Deutsch, 2004, mit
wir das beabsichtigt haben. Während Freud (1901) dies auf freundl. Genehmigung von SAGE Publications)
2.2 · Informationsverarbeitungsparadigma
35 2
propositionalen Format, sondern rein assoziativ). Dieses Viele Verhaltensweisen unterliegen allen drei Kontrolltypen.
deklarative Wissen wird dann in rationalen Denk- und Ent- Man kann z. B. spontan über einen Scherz lächeln (impulsiv
scheidungsprozessen genutzt und beeinflusst in Form von gesteuerter Emotionsausdruck), professionell als Stewar-
Intentionsbildungen das Verhalten. dess (automatisiert) oder willentlich (reflektiv gesteuert),
Verhalten ist also nach dieser Auffassung eine gemein- z. B. aus Höflichkeit. Spontane, automatisierte und willent-
same Endstrecke beider Systeme. Da die Systeme nicht liche Verhaltenskontrolle nutzen unterschiedliche Hirn-
immer dasselbe Verhalten anregen, kann es zu Interfe- strukturen. Es gibt z. B. zwei verschiedene Formen der halb-
renzen und Konflikten kommen. Wer sich das Rauchen seitigen Lähmung der Gesichtsmuskulatur. Bei peripherer
abgewöhnen möchte und seinen Nachbarn rauchen sieht, Lähmung ist der Gesichtsnerv selbst betroffen; solche Men-
wird versuchen, sein reflektives System zu nutzen, um den schen können nur halbseitig lächeln. Bei zentraler Lähmung
Griff zur Zigarette zu verhindern. Aber das ist gar nicht ist die für die willentliche Kontrolle der Gesichtsmuskeln
so einfach, weil das impulsive System automatisch das zuständige Region der Hirnrinde betroffen; solche Men-
motorische Schema „eine rauchen“ und alle damit assozi- schen können auf Aufforderung nur halbseitig lächeln,
ierten Gefühle anregt, auch die positiven, gegen die man sind aber in der Lage, spontan über einen Witz beidseitig
angehen möchte (vgl. Hofmann, Friese, Müller & Strack, zu lächeln (Rinn, 1984).
2011, für eine Anwendung des Modells auf selbstregulato-
risches Verhalten). Wer zum Erröten neigt, einem impul-
siv vermittelten Verhalten, mag es durch Kontrollversu- Unter der Lupe
che des reflektiven Systems sogar noch verstärken, weil
es die Aufmerksamkeit auf das Erröten lenkt und damit Impulsive und reflektive Prozesse
für das impulsive System verstärkt, das Erröten selbst Informationsverarbeitungsprozesse lassen sich in
aber nicht direkt reflektiv kontrollierbar ist. Das Modell impulsive und reflektive Prozesse gliedern, die parallel
in . Abb. 2.8 kann so eine Grundlage für die Erklärung ablaufen und Verhalten als gemeinsame Endstrecke
zahlreicher alltäglicher und psychopathologischer Phä- haben. Impulsive Prozesse nutzen assoziative
nomene bilden. Strukturen und führen ständig und automatisch zu
Die reflektive Informationsverarbeitung bildet eher die Verhaltensimpulsen und Gedächtnisbildung über
Ausnahme als die Regel im alltäglichen Verhalten. Sie wird ausgeführtes Verhalten. Phasenhaft zugeschaltete
„zugeschaltet“, wenn Hindernisse die Ausführung von Rou- reflektive Prozesse verarbeiten propositionale
tineverhalten erschweren, oder um längerfristige Ziele zu Strukturen und sind die Voraussetzung für die
verfolgen. Verhalten, das primär reflektiv gesteuert ist, wird rationale Analyse und Reflektion; sie können zu
in der Psychologie als „Handeln“ vom sonstigen Verhalten willentlichem Verhalten und langanhaltenden Denk-
abgegrenzt. Längerfristiges Handeln bedarf der Planung und Handlungsprozessen führen. Die beiden Systeme
über die aktuelle Situation hinaus; das kann das impulsive können unterschiedliches, teilweise auch sich
System nicht leisten. Die Planung erfolgt durch Problem- widersprechendes Verhalten anregen.
löseprozesse; z. B. wie kann ich meine Stellung im Schach-
spiel durch den nächsten Zug oder, noch besser, durch eine
Strategie aus mehreren Zügen verbessern?
Die Unterscheidung der beiden Systeme ist nur ein erster
Differenzierungsschritt in Richtung komplexerer Modelle 2.2.4 Implizite Einstellungen
der Informationsverarbeitung. Betrachten wir z. B. die Ver-
haltensinitiierung genauer, können wir nicht nur impulsive Die Unterscheidung zwischen impulsiven und reflektiven
und reflektive Verhaltensinitiierung unterscheiden, sondern Prozessen findet sich in der heutigen Persönlichkeitspsy-
drei Arten der Initiierung. Das Verhalten kann chologie v. a. in der Einstellungsforschung. Unter einer Ein-
55 willentlich gesteuert werden (z. B. Bedienung der stellung wird die individualtypische Bewertung von Objek-
Gangschaltung durch einen Fahrschüler in der ersten ten der Wahrnehmung oder Vorstellung auf der Dimension
Stunde), positiv – negativ verstanden, z. B. Einstellungen zu politi-
55 automatisiert worden sein (z. B. Schalten eines schen Parteien oder zu einer Automarke (7 Abschn. 4.5.2).
erfahrenen Autofahrers), Ein Problem, das die Einstellungsforschung von Anfang an
55 spontan erfolgen, ohne dass es sich um automatisiertes bewegte, war die Frage, wie gut man aus Einstellungen Ver-
Verhalten handelt (z. B. Emotionsausdruck, wenn es halten vorhersagen kann, denn das ist manchmal nur sehr
im Getriebe knirscht). schwer möglich.
36 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Die Annahme, dass es implizite Einstellungen gibt, hat


Die klassische Studie eine lange Geschichte, die sich bis Sigmund Freud zurück-
LaPiere (1934) sandte Briefe an 250 Hotels und verfolgen lässt. Freud nahm an, dass unser Verhalten zum
2 Restaurants in den USA und fragte, ob dort größten Teil durch unbewusste Prozesse gesteuert wird, die
chinesische Gäste bedient würden. In der Mehrheit dem Bewusstsein gänzlich verborgen sind, und durch vor-
der Fälle erhielt LaPiere eine Antwort, wobei 92% der bewusste Prozesse, die nur unter bestimmten Bedingun-
Antwortenden angaben, chinesische Gäste nicht zu gen bewusst gemacht werden können, z. B. durch freies
bedienen (zu dieser Zeit gab es in den USA ein starkes Assoziieren, bei dem wir möglichst schnell und spontan
Vorurteil gegenüber Chinesen). LaPiere hatte aber alles nennen sollen, was uns zu einem bestimmten Objekt
in den sechs Monaten vor Verschickung der Briefe der Wahrnehmung oder Vorstellung gerade einfällt. Diese
zusammen mit einem chinesischen Paar alle 250 Prozesse hätten eine eigene Qualität (das „primärprozess-
Etablissements aufgesucht, und dabei wurde das Paar hafte Denken“; z. B. Verschmelzung von Orten, Zeitpunk-
in 249 der 250 Fälle bedient. Offensichtlich überwog ten oder logischen Gegensätzen). Nicht nur diese Prozesse
der Geschäftssinn der Inhaber ihre Einstellung (die heutzutage als Informationsverarbeitungsprozesse auf-
bei Weitem; im Handeln fühlten sie sich ihr nicht gefasst werden), sondern auch die von ihnen verarbeiteten
verpflichtet. Informationen und Gedächtnisinhalte seien teilweise (vor)
bewusst (7 Abschn. 1.2.2). Dies sollte also auch für Einstel-
lungen gelten, z. B. eine unbewusste Ablehnung des Ehepart-
ners oder ein unbewusstes Vorurteil gegenüber Schwarzen.
Wicker (1969) analysierte 42 verschiedene empirische Diese Idee wurde in der Einstellungsforschung neu
Studien zum Zusammenhang zwischen erfragten Einstel- belebt, als man versuchte, affektives Priming (von engl.
lungen und beobachtetem Verhalten in psychologischen „prime“) zur Erfassung impliziter Einstellungen zu nutzen,
Experimenten. Zum Beispiel wurde bei weißen Studie- insbesondere von Vorurteilen gegenüber bestimmten sozia-
renden in den USA die Einstellung gegenüber Schwarzen len Gruppen (7 Methodik).
erfragt; anschließend wurde ihre Bereitschaft erfragt, ein
Foto, das sie zusammen mit einem Schwarzen zeigte, ihren
Studienkollegen zu zeigen (Verhalten). Die Zusammen-
hänge waren äußerst gering. Ähnlich wie Mischel (1968; Methodik
7 Abschn. 2.1.3) schloss Wicker (1969) daraus, dass indivi- Primingtechnik zur Messung impliziter
duelle Besonderheiten im Verhalten hoch situationsspezi- Einstellungen
fisch seien und deshalb durch eine einheitliche Einstellung Bei der Primingtechnik wird untersucht, ob die
nicht vorhergesagt werden können. Reaktion auf einen Reiz die Reaktion auf einen
nachfolgenden Reiz beeinflusst. Dies kann z. B.
> Zwischen erfragten Einstellungen und dem durch eine Übertragung der Bewertung eines
tatsächlichen Verhalten besteht oft nur ein geringer Einstellungsobjekts auf einen nachfolgenden Reiz
Zusammenhang. geschehen, aber auch durch eine Erleichterung
oder Erschwerung der nachfolgenden Reaktion.
Ein Ansatz zur Verbesserung der Verhaltensvorhersage Bei einer Variante dieser Technik zur Erfassung
durch Einstellungen ist die Annahme, dass Einstellungen impliziter Rassenvorurteile (Fazio, Jackson, Dunton &
nicht nur bewusst und damit direkt erfragbar sind, sondern Williams, 1995) sollen die Versuchspersonen
auch dem Bewusstsein gar nicht oder nur unter bestimm- zunächst bewertende Adjektive, z. B. attraktiv oder
ten Bedingungen zugänglich sind. In diesen Fällen würden ekelhaft, möglichst schnell durch Drücken einer
sie die Bewertung von Objekten beeinflussen und dadurch Taste als positiv oder negativ erkennen. Dann wird
auch Verhalten, ohne dass sie durch die erfragte Einstellung wiederholt das Einstellungsobjekt, z. B. das Bild
zutreffend erfasst werden. Solche Einstellungen werden in eines Schwarzen, kurzzeitig gezeigt (z. B. 300 ms
der heutigen Psychologie als implizite Einstellungen von lang) und gleich darauf (z. B. nach 150 ms) eines der
den erfragten expliziten Einstellungen unterschieden. Adjektive. Wieder soll das Adjektiv so schnell wie
möglich als positiv oder negativ erkannt werden.
> Implizite Einstellungen sind dem Bewusstsein Die Veränderung der Reaktionszeit zwischen den
nicht oder nur schwer zugänglich; sie sind von den beiden Bedingungen (ohne bzw. mit vorangehendem
erfragten expliziten Einstellungen zu unterscheiden.
2.2 · Informationsverarbeitungsparadigma
37 2

Bild) wird interpretiert als Einfluss der Bewertung


des Bildes. Verzögerungen bei positiven Adjektiven
werden interpretiert als negative Bewertung des
Bildes, Verzögerungen bei negativen Adjektiven als
positive Bewertung des Bildes. Da Verzögerungen
schon allein durch die Erkennung des Bildes
unabhängig von seiner Bewertung zustande kommen
können, ist es notwendig, diesen Effekt durch das
Bild eines Kontrollobjektes, z. B. des Gesichts eines
Weißen, zu kontrollieren; interpretiert wird also die
relative Verzögerung gegenüber dem Kontrollobjekt.
Da schließlich Gesichter unabhängig von ihrer
Rasse mehr oder weniger positiv bewertet werden
können, müssen die Effekte mehrerer Bilder von
Schwarzen und Weißen gemittelt werden. Weitere
Kontrollbedingungen führen typischerweise zu
langandauernden Experimenten (100 und mehr
Entscheidungen jeder Versuchsperson). Da die Bilder
nur sehr kurz gezeigt werden, die Entscheidungen der . Abb. 2.9  Wirkung des Motivs, keine Vorurteile gegenüber
anderen Rassen zu haben, auf den Zusammenhang zwischen
Versuchspersonen unter großem Zeitdruck erfolgen
impliziter und expliziter Messung der Einstellung zu anderen Rassen
und wegen der vielen Durchgänge eine willentliche
Kontrolle der spontanen Reaktionstendenzen kaum
möglich scheint, wird angenommen, dass implizite
Einstellungen gemessen werden. Diese Technik lässt impliziten Einstellungsmessung waren, während die Ver-
sich auf beliebige Einstellungsobjekte anwenden. suchspersonen mit starken Vorurteilen und geringer Kont-
rolltendenz diese Vorurteile auch im Fragebogen ausdrück-
ten (vgl. . Abb. 2.9).

Fazio et al. (1995) zeigten mithilfe dieser Technik, dass > Ob implizite und explizite Vorurteile
Weiße das Bild eines Schwarzen im Mittel negativer bewer- übereinstimmen, hängt unter anderem vom Motiv
teten als das Bild eines Weißen, während Schwarze das Bild zur Vorurteilskontrolle ab.
eines Weißen im Mittel negativer bewerteten als das Bild
eines Schwarzen. Die implizite Einstellung der weißen Ver- Allerdings sind Primingeffekte meist schwach (Beschleuni-
suchspersonen sagte zudem das von dem schwarzen Ver- gungen bzw. Verlangsamungen im Millisekundenbereich)
suchsleiter eingeschätzte Vorurteil gegenüber ­Schwarzen und beim Vergleich von einzelnen Personen zeigten sich
vorher, während die zusätzlich durch einen ­Fragebogen keine stabilen Unterschiede in der Stärke der impliziten Ein-
erhobene explizite Einstellung dies nicht tat. Implizite stellungen: Die Methode ist zu unzuverlässig, um damit Per-
und explizite Einstellung zeigten keinen Zusammenhang, sönlichkeitsunterschiede zu erfassen. Sie ist lediglich geeig-
d. h. das implizite Vorurteil gegenüber Schwarzen ließ net, um mittlere Tendenzen in größeren Gruppen von Per-
sich nicht aus dem expliziten Vorurteil erschließen oder sonen zu erfassen, indem die impliziten Einstellungen vieler
umgekehrt. Personen gemittelt werden.
In einem weiteren Experiment konnten Fazio et al.
(1995) zeigen, dass die implizite Einstellung dann von der > Durch affektives Priming können implizite
expliziten abwich, wenn die Versuchspersonen Vorurteile Einstellungen einzelner Personen nicht zuverlässig
hatten, gleichzeitig aber motiviert waren, keine Vorurteile erfasst werden.
anzugeben. Diese Kontrolltendenz wurde durch einen Fra-
gebogen erhoben mit Fragen wie „Es ist heutzutage wichtig, Erst 1998 gelang es Anthony G. Greenwald durch ein
nicht als vorurteilsbeladen zu erscheinen“. Diese Personen anderes Testverfahren, die Impliziten Assoziationstests
schilderten sich im Einstellungsfragebogen umso weniger (IAT), implizite Einstellungen zuverlässiger zu erfassen
vorurteilsbehaftet, je stärker ihre Vorurteile nach der (7 Methodik; . Tab. 2.1).
38 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

. Tab. 2.1  Aufbau eines IAT zur Erfassung der impliziten Einstellung zur Jugend

Block Trials Inhalt Linke Taste Rechte Taste


2 1 40 Attributdiskrimination positiv negativ
2 40 Objektdiskrimination jung alt
3 120 1. kombinierter Block jung – positiv alt – negativ
4 40 Umgekehrte Objektdiskrimination alt jung
5 120 2. kombinierter Block alt – positiv jung – negativ

Als Einstellungsobjekte können sowohl Worte als auch


Methodik Bilder verwendet werden. Pro Block sind sehr viele Trials
Implizite Assoziationstests (IATs) (Einzelaufgaben) nötig, damit durch Mittelung über alle
Es handelt sich um ein Verfahren, das es erlaubt, die Trials eines Blocks Zufallsschwankungen in den Reaktions-
implizite Einstellung einer Person zu einer bestimmten zeiten weggemittelt werden können. Da die Reaktionsge-
Klasse von Gegensatzpaaren innerhalb von knapp zehn schwindigkeit pro Trial bei etwa einer Sekunde liegt, dauert
Minuten am Computer zu bestimmen (Greenwald, der Test trotzdem meist weniger als zehn Minuten. Die recht
McGhee & Schwartz, 1998). Das Verfahren basiert komplizierte Differenzbildung zwischen zwei umgekehrten
auf der Annahme, dass es Personen leichter fällt, auf Assoziationen ist deshalb sinnvoll, weil die Schnelligkeit der
miteinander assoziierte Konzepte (z. B. Assoziation Reaktion auf nur eine Kombination (z. B. jung – positiv, alt –
zwischen jung – positiv und alt – negativ) mit derselben negativ) von der individuellen Schnelligkeit in kognitiven
Antwort zu reagieren anstatt auf miteinander nicht Aufgaben abhängt, die aber gar nicht interessiert. Durch die
assoziierte Konzepte (z. B. jung – negativ, alt – positiv). Differenzbildung wird diese mit dem IQ korrelierte Tendenz
1. Positive und negative Wörter werden auf dem kontrolliert (der IAT-Effekt zeigt keinen Zusammenhang
Bildschirm präsentiert und sollen durch Drücken mit der mittleren Reaktionsgeschwindigkeit in allen Trials).
einer Antworttaste links bzw. rechts auf der Da dieses Verfahren im Vergleich zum affektiven
Tastatur so schnell und fehlerfrei wie möglich als Priming eine sehr viel höhere Zuverlässigkeit der Test-
positiv bzw. negativ kategorisiert werden (z. B. ergebnisse zeigte und sich IATs auch leicht über das Inter-
links: negativ, rechts: positiv). net durchführen lassen (vgl. z. B. für einen Selbstversuch
2. Dasselbe wird für die Kategorisierung der https://implicit.harvard.edu/implicit/germany/), löste seine
Einstellungsobjekte geübt, wobei es sich um Publikation 1998 eine Flut nachfolgender Untersuchun-
Gegensatzpaare handeln muss (z. B. links: alt, gen zu impliziten Einstellungen und Vorurteilen aus,
rechts: jung). wobei auch zahlreiche methodische Varianten von IATs
3. Dann werden die Antworttasten mit den entwickelt wurden. Inzwischen ist allerdings eine gewisse
assoziierten Kategorien belegt (z. B. links: Ernüchterung eingetreten, weil die zeitliche Stabilität der
alt – negativ, rechts: jung – positiv) und viele so gemessenen impliziten Einstellungen nicht so hoch ist
Exemplare beider Kategorien kategorisiert. wie die Stabilität der entsprechenden Fragebogenmaße
4. Nun werden die Zuordnungen der expliziter Einstellungen und weil Verhaltensvorhersa-
Einstellungsobjekte vertauscht (z. B. links: jung, gen durch implizite Einstellungen nur unter bestimmten
rechts: alt) und dies wird eingeübt. Bedingungen besser gelingen als durch explizite Einstel-
5. Die Antworttasten werden mit den nicht lungen (7 Abschn. 4.5.2).
assoziierten Kategorien belegt (z. B. links: jung –
negativ; rechts: alt – positiv) und wieder viele > Implizite Einstellungen lassen sich durch IATs
Exemplare beider Kategorien kategorisiert. und verwandte Verfahren erfassen, wobei jedoch
zeitliche Stabilität und Verhaltensvorhersagen
Die Verlangsamung in (5) relativ zu (3) (mittlere dieser Verfahren begrenzt sind.
Reaktionszeit in (5) minus mittlere Reaktionszeit in
(3)) ist der IAT-Effekt, der die implizite Einstellung zum ? Fragen
einen Einstellungsobjekt relativ zu seinem Gegensatz 2.10 Welche Quellen für Persönlichkeitsunterschiede
misst (z. B. misst er im Jung-Alt-IAT die implizite gibt es im Informationsverarbeitungs-
Einstellung zur Jugend; . Tab. 2.1). paradigma? Nennen Sie konkrete Beispiele! (→
Geschwindigkeit, Gedächtniskapazität, Wissen)
2.3 · Dynamisch-interaktionistisches Paradigma
39 2
2.11 Warum gelang Jensen und Nettelbeck, was es sich um eine Interaktion (Wechselwirkung) zwischen
Galton misslang? (→ Mittelung über ausreichend Persönlichkeit und Umwelt handelt. Der Zusatz „dyna-
viele Trials) misch“ soll deutlich machen, dass es sich um eine Wechsel-
2.12 Wie informativ sind Befunde, die einen wirkung über die Zeit handelt: Die Umwelt beeinflusst Per-
Zusammenhang zwischen Testintelligenz und sönlichkeitsveränderungen, die Persönlichkeit beeinflusst
Kapazität des Arbeitsgedächtnisses zeigen? Umweltveränderungen. Hierbei geht es fast immer nur um
(→ Operationalisierungen der Gedächtnis- die Entwicklung einer oder weniger Eigenschaften; Unter-
kapazität und der Intelligenz nicht unabhängig) suchungen zu Veränderungen von Persönlichkeitsprofilen
2.13 Wodurch unterscheiden sich impulsive (etwa im Sinne der Profilstabilität; vgl. Kovariationswürfel
von reflektiven Prozessen? (→ assoziative – in . Abb. 2.3) sind selten.
propositionale Repräsentation, spontanes
Verhalten – willentliches Handeln) > Das dynamisch-interaktionistische Paradigma
2.14 Wie lassen sich explizite und implizite versteht Persönlichkeitsentwicklung als
Einstellungen erfassen? Bitte erklären Sie die Wechselwirkung zwischen Umwelt und einzelnen
Methoden. (→ Fragebogen, Priming, IAT) Eigenschaften im Verlauf des Lebens.
2.15 Wann sind IATs dem affektiven Priming
überlegen? (→ wenn es um Unterschiede
zwischen einzelnen Personen geht, nicht 2.3.1 Vom Behaviorismus zum reziproken
zwischen Gruppen von Personen) Determinismus

Das dynamisch-interaktionistische Paradigma entwickelte


Mehr lesen sich nur langsam aus zunächst einseitigen Betrachtungs-
weisen, nach denen die Persönlichkeit im Wesentlichen
Stern, E. & Neubauer, A. (2013). Intelligenz – Große durch Umweltbedingungen geprägt sei (Einflüsse der Per-
Unterschiede und ihre Folgen. München: Deutsche sönlichkeit auf die Umwelt wurden dabei ignoriert). Zu den
Verlags-Anstalt. einseitigen Umwelttheorien gehören die klassische Psy-
Payne, B.K. & Gawronski, B. (2010). A history of implicit choanalyse, die von einer Prägung des Charakters durch
social cognition: Where is it coming from? Where is it die Sequenz elterliches Verhalten → Fixierung → Charak-
now? Where is it going? In B. Gawronski & B.K. Payne ter ausging (7 Abschn. 1.2.2), und der Behaviorismus, der
(Eds.), Implicit social cognition: Measurement, theory Persönlichkeitsunterschiede auf unterschiedliche Lernbe-
and applications (pp. 1–15). New York: Guilford Press. dingungen zurückzuführen versuchte, wobei Lernende als
passive Opfer dieser Lernbedingungen betrachtet wurden.
Der Behaviorismus entstand kurz vor dem Ersten Welt-
krieg als Reaktion auf den damals vorherrschenden Intro-
2.3 Dynamisch-interaktionistisches spektionismus: Hoch trainierte Experten versuchten, ihre
Paradigma Wahrnehmungen, Gefühle, Denkprozesse usw. in standardi-
sierten Situationen möglichst detailliert verbal zu beschrei-
Eigenschafts- und Informationsverarbeitungsparadigma ben, um hieraus auf die zugrunde liegenden psychischen
haben eine prinzipielle Beschränkung gemeinsam: Sie Prozesse der Wahrnehmung, der Vorstellung, des Gedächt-
liefern ein statisches Bild von Eigenschaften und damit nisses und des Denkens zu schließen. Der US-Amerikaner
von der ganzen Persönlichkeit. Menschen verändern sich John B. Watson (1878–1958) kritisierte diese Methodik als
aber von der Zeugung bis zum Tod, wobei sich oft auch zu spekulativ und forderte, die Psychologie solle sich auf die
bestimmte Eigenschaften und damit ihre ganze Persönlich- Analyse des Verhaltens (engl.: behavior) und der aktuellen
keit ändert. Dieser Prozess der Persönlichkeitsentwicklung Situation von Personen beschränken, so wie sie Beobachter
spielt sich in einer anderen zeitlichen Größenordnung ab als dieser Personen direkt, d. h. ohne Zutun der beobachteten
der Prozess der Informationsverarbeitung in einer aktuel- Personen, wahrnehmen können (Watson, 1913). Weder für
len Situation oder kurzzeitige Schwankungen in der Leis- psychoanalytisch gedeutete noch für introspektiv beschrie-
tungsfähigkeit von Tag zu Tag oder Woche zu Woche. Das bene innere psychische Prozesse war in diesem Ansatz Platz.
dynamisch-interaktionistische Paradigma beschäftigt sich Watson leugnete zwar nicht die Existenz solcher Prozesse,
mit dem langfristigen Prozess der Persönlichkeitsentwick- hielt ihre wissenschaftliche Untersuchung jedoch für zu spe-
lung: Wie stark und warum ändert sich die Persönlichkeit kulativ. Der Mensch wurde ausdrücklich als „black box“ auf-
im Verlauf des Lebens zwischen Zeugung und Tod? Der gefasst, in die man nicht hineinsehen könne; deshalb müsse
Begriff „interaktionistisch“ weist auf eine bestimmte Sicht sich die Psychologie auf direkt Beobachtbares beschränken.
der Persönlichkeit-Umwelt-Beziehung hin, nämlich dass Damit umriss Watson das Programm des Behaviorismus,
40 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

der zwischen 1920 und 1970 die empirisch orientierte Psy- (und viele Tierarten) in gleicher Weise gültig seien und die nur
chologie in Nordamerika beherrschte. auf zeitlichen Beziehungen zwischen Reizen und Reaktionen
Nach behavioristischer Auffassung kommt ein Neuge- beruhten, nicht aber auf den spezifischen Inhalten von Reiz
2 borenes als unbeschriebenes Blatt zur Welt (ein Bild, das und Reaktion. Speicheln ließe sich also nicht nur auf einen
von dem englischen Philosophen John Locke, 1632–1704, Glockenton konditionieren wie in den klassischen Experi-
stammt). Es sei nur ausgestattet mit ungerichteter Spon- menten von Pavlov, sondern auch auf einen Geruch oder das
tanaktivität sowie mit einigen Reflexen, die es ihm erlaub- Bild eines Sportwagens, und auf einen Glockenton ließen sich
ten, erfahrungsunabhängig auf Reize der Umwelt zu reagie- nicht nur Speicheln, sondern auch ängstliche oder freudige
ren (z. B. Brustwarze – saugen). Nach und nach gerate das Reaktionen konditionieren. Sei erst einmal der Belohnungs-
Verhalten dann aber unter den Einfluss der Reize aus der wert eines Reizes etabliert, sollte er beim operanten Kondi-
Umwelt; alle komplexeren Reaktionen auf Situationen seien tionieren beliebiger Reaktionen anwendbar sein. Die Kennt-
deshalb erlernt. nis dieser Lerngesetze ermöglicht es nach behavioristischer
Drei Lernmechanismen wurden dabei im Behavioris- Auffassung, menschliches Verhalten durch Schaffung ent-
mus besonders ausführlich untersucht (vgl. z. B. Müsseler, sprechender Umweltbedingungen beliebig zu manipulieren.
2008): Diese Persönlichkeitsauffassung, nach der Personen
55 klassisches Konditionieren (Signallernen), entdeckt vollständig Opfer ihrer Umwelt sind, ist ebenso schlicht
vom russischen Nobelpreisträger Ivan P. Pavlov wie weitreichend. Würde man nämlich alle Situationen
(1849–1936) durch Experimente an Hunden; kennen, in denen eine Person mit Hunden konfrontiert
55 operantes Konditionieren (Lernen durch Belohnung war, könnte man eindeutig vorhersagen, ob diese Person im
bzw. Bestrafung), erforscht v. a. vom US-Amerikaner Erwachsenenalter Angst vor Hunden hat oder nicht. Mehr
Burrhus F. Skinner (1904–1990) durch Experimente noch: Durch Schaffung entsprechender Umweltbedingun-
mit Tauben und Ratten; gen könnte man in beliebiger Weise bei einem Menschen
55 Beobachtungslernen (Nachahmungslernen), erforscht Hundeangst erzeugen oder auch beseitigen. Man müsste
v. a. vom Kanadier Albert Bandura (geb. 1925) durch nur diese Umweltbedingungen genau kontrollieren und die
Experimente mit Kindern. Lerngesetze beachten. Persönlichkeitsentwicklung sei daher
letztlich vollständig erklärbar, vorhersagbar und veränder-
Individuelle Besonderheiten im Verhalten und im Beloh- bar (7 Unter der Lupe).
nungswert bestimmter Reize sind nach behavioristischer
Auffassung ausschließlich Resultat der individuellen Lern-
geschichte. Wenn man die Reize kenne, denen ein Kind aus- Unter der Lupe
gesetzt war, könne man vorhersagen, welche Persönlichkeit
es haben werde. Angst vor Hunden z. B. ist kein angebore- Watsons Optimismus
ner Reflex. Ob jemand später Hunden gegenüber mit Angst Zu Beginn der behavioristischen Ära herrschte
reagiert oder nicht, ist nach behavioristischer Sicht nur von ein nahezu ungebrochener Optimismus, was die
der individuellen Erfahrung mit Hunden abhängig (vgl. Kontrollierbarkeit (also die Therapierbarkeit und
auch 7 Beispiele). Manipulierbarkeit) der Persönlichkeitsentwicklung
angeht: „Man gebe mir ein Dutzend gesunder
Beispiel Säuglinge und eine von mir gestaltete Umwelt, um
Behavioristische Erklärungen von Persönlichkeitseigen- sie aufzuziehen, und ich würde garantieren, dass
schaften ich jeden trainieren könnte zu jeder beliebigen
44 Erwerb von besonderer Ängstlichkeit vor Fliegeralarm Spezialität – Arzt, Anwalt, Künstler, Händler und,
durch klassisches Konditionieren im Zweiten Weltkrieg ja, sogar Bettler und Dieb, unabhängig von seinen
(Sirenen signalisierten Bombardierung); Talenten, Tendenzen, Fähigkeiten, Berufungen und
44 Erwerb von besonderer Ängstlichkeit vor Hunden durch der Rasse seiner Vorfahren. Ich gebe zu, dass ich
operantes Konditionieren (mehrfach gebissen werden); hiermit mein faktisches Wissen überschreite, aber
44 Erwerb von Macho-Gehabe durch Beobachtungslernen genau das tun auch die Vertreter der gegenteiligen
(z. B. durch häufiges Ansehen von Filmen, in denen Meinung seit vielen tausend Jahren.“ (Watson, 1930,
Machos als Helden dargestellt werden). S. 104; eigene Übersetzung).

Die Grundannahme ist hierbei, dass die Reizbedingun-


gen der Umwelt entscheiden, ob ein bestimmtes Verhalten Dieser Optimismus erschreckt uns heute, weil er die Miss-
erlernt wird oder nicht. Das Lernen folge dabei universellen, brauchsmöglichkeiten nicht thematisiert. Er dürfte aber
bereichsunspezifischen Lerngesetzen, die für alle Menschen entscheidend zur Verbreitung des Behaviorismus in den
2.3 · Dynamisch-interaktionistisches Paradigma
41 2
fortschritts- und technologiegläubigen westlichen Kulturen
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beigetragen haben.
Zudem sind behavioristische Konzepte sehr leicht zu ope-
rationalisieren, weil sie sich auf direkt Beobachtbares bezie-
hen – Reize und Reaktionen. Empirisch prüfbar ist auch
die persönlichkeitspsychologisch wichtige Annahme, dass
Lerneffekte das Lernexperiment überdauern und damit als
Persönlichkeitsänderungen interpretiert werden können.
Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die das interessie-
rende Verhalten nicht systematisch erlernt hat, sollte das von
der Experimentalgruppe erlernte Verhalten auch noch lange
nach Abschluss des Experiments leichter abrufbar sein. Ist
das der Fall, ist eine Persönlichkeitsänderung im Verhal-
ten erzeugt worden. Diese Prüfung ist deshalb unabdingbar,
. Abb. 2.10  Konditionierung des Experimentators durch die Ratte:
weil sehr viele im Labor erzeugte Lerneffekte nicht einmal
„Boy, have I got this guy conditioned! Everytime I press the bar down
über einige Wochen hinweg stabil bleiben. he drops in a piece of food.” (Mod. nach Skinner 1956, Fig. 17, mit
Der Nachweis, dass sich tatsächlich einige mittelfristig freundl. Genehmigung der APA)
stabile Persönlichkeitsunterschiede in Lernexperimenten
erzeugen lassen, belegt jedoch noch nicht die weitergehende
behavioristische Behauptung, dass faktisch vorhandene Per- Lage, die einfache Tatsache zu erfassen, dass der Experimen-
sönlichkeitsunterschiede nach behavioristischen Lernprin- tator schon vor Beginn des Experiments beabsichtigte, die
zipien entstanden sind. Um das zu dokumentieren, ist es Ratte für ihr Tastendrücken zu belohnen; die Ratte dagegen
letztlich notwendig, die Lerngeschichte einer Person lücken- hatte eine solche Absicht sicherlich nicht, zumindest dann
los zumindest ab der Geburt zu beobachten und alle Reiz- nicht, wenn sie zum ersten Mal an einem psychologischen
Reaktions-Beziehungen zumindest für eine umschriebene Experiment teilnahm. Planvolles Handeln, das über die
Klasse von Reaktionen zu analysieren. Das ist offensichtlich aktuelle Situation und deren Reizbedingungen hinausgeht,
im Humanversuch praktisch undurchführbar und könnte ist behavioristisch wenn überhaupt, dann nur sehr schwer
höchstens im Tierversuch realisiert werden. abzubilden.
Ein strenger Nachweis, dass z. B. Unterschiede in Die behavioristische Tradition, Lernsituationen asym-
menschlichen Angstreaktionen auf einer unterschiedli- metrisch zu analysieren, legt im Falle alltäglicher sozialer
chen Lerngeschichte beruhen, konnte deshalb nicht geführt Interaktionssituationen nahe, die dort ablaufenden wech-
werden und wird wohl auch nie geführt werden können. selseitigen Belohnungen und Bestrafungen auf eine fatale
Versuche, die Lerngeschichte durch Befragung der Betref- Weise einseitig zu interpretieren, indem bestimmte Betei-
fenden retrospektiv zu rekonstruieren, sind wegen Gedächt- ligte als Lernende und das Verhalten der anderen als Reize
nisverzerrungen bei den Befragten äußerst problematisch interpretiert werden (7 Unter der Lupe).
(Bjorklund, 2000); hier besteht eine Parallele zur Rolle
der Kindheitserinnerungen in der Psychoanalyse (vgl.
7 Abschn. 1.2.2). Unter der Lupe
Eine weitere Schwäche der behavioristischen Methodik
ist eher subtiler Natur. Behavioristische Experimente sind Behavioristische Erklärung der Aggressivität von
asymmetrisch angelegt: Der Experimentator kontrolliert Kindern
die Umwelt des Lernenden. Dass das so ist, lässt sich aber Diese Erklärung setzte (ähnlich wie in der
letztlich behavioristisch gar nicht oder nur mit größten Ver- Alltagspsychologie) einseitig am Kind an, indem
renkungen begründen. Lernexperimente können nämlich nach mütterlichen Verhaltensweisen gesucht
behavioristisch auch so gedeutet werden, dass der Lernende wurde, die aggressive Verhaltensweisen des
den Experimentator kontrolliert: Wenn ich diese Taste Kindes belohnen oder bestrafen. Die Tatsache,
drücke, gibt mir der Experimentator Futter. Wenn ich ihn dass kindliche Aggressivität oft gepaart mit einem
regelmäßig durch mein Tastendrücken für das Futtergeben rigide-einschränkenden Erziehungsstil der Mutter
belohne, bringe ich ihn dazu zu lernen, wie er mir Futter einhergeht, wurde so interpretiert, dass ein solcher
gibt. Aus dieser Sicht hat hier die Ratte den Experimenta- Erziehungsstil Kinder aggressiv mache, d. h. dass
tor operant konditioniert, nicht umgekehrt (. Abb. 2.10). rigide-einschränkendes Verhalten der Mutter spontan
Diese Interpretation macht eine gravierende Schwäche auftretendes aggressives Verhalten von Kindern
der behavioristischen Methodik deutlich: Sie ist nicht in der
42 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

operantes Konditionieren nachgewiesen, sondern auch für


verstärke. Dies musste aber eine Hypothese bleiben, Beobachtungslernen (7 Die klassische Studie).
weil der Lernprozess ja immer schon stattgefunden Genetische Prädispositionen zum Lernen erklären,
2 hatte. warum viel mehr Menschen in Mitteleuropa Angst vor
Alternativ lässt sich die Paarung von kindlicher Schlangen haben als Angst vor Autos, obwohl für sie Autos
Aggressivität und rigide-einschränkendem viel gefährlicher sind als Schlangen: Das Erschrecken eines
Erziehungsstil der Mutter aber mindestens ebenso Artgenossen vor einer Schlange hat tiefergehende Wirkun-
plausibel auf eine ganz andere Weise behavioristisch gen als das gleiche Erschrecken vor einem Auto, weil nur
interpretieren: Aggressive Kinder belohnen durch das Schema der Schlange genetisch verankert ist und sozu-
ihr Verhalten rigide-einschränkendes Verhalten der sagen nur darauf wartet, mit Angst in Verbindung gebracht
Mutter – das Kind zwingt die Mutter zu einem solchen zu werden. Unter den Phobien (pathologische Angstreaktio-
Erziehungsstil. Während der behavioristischen Ära nen gegenüber spezifischen Objekten) machen in Deutsch-
wurde diese zweite Interpretation nie ernsthaft land Tierphobien die knappe Hälfte aus (Becker et al.,
untersucht. 2007) und die Schlangenphobie ist in Mitteleuropa die mit
Abstand häufigste Tierphobie (Polák, Sedláčková, Nácar,
Landová & Frynta, 2016). Selbst die weite Verbreitung von
Mythen über Seeschlangen findet so eine evolutionsbiolo-
Dass hier Behavioristen auf einem Auge blind blieben, gische Erklärung als Übergeneralisierung eines genetisch
dürfte an ihrer generellen Tendenz liegen, das menschliche tief verankerten Schemas (vgl. Öhman & Mineka, 2001).
Leben sozusagen als ein ständiges Lernexperiment anzuse- Inzwischen gibt es auch im Humanexperiment Hin-
hen, in dem die jeweils betrachtete Person Opfer ihrer Lern- weise auf genetische Prädispositionen zum reizspezifischen
umwelt ist. Dass auch Lernende unter Umständen Einfluss Erwerb von Ängsten, wenn auch noch nicht so eindeutige
auf ihre Lernumwelt haben, indem sie bestimmte Reizkon- wie in der Studie von Cook und Mineka (vgl. Öhman &
stellationen aktiv auswählen, verändern oder gar herstel- Mineka, 2001). Genetischer Einfluss und Lernen können
len, wurde dabei ignoriert. Eine entsprechende Einseitig- also nicht als unabhängig betrachtet werden: Was wie leicht
keit charakterisiert noch immer die heutige Alltagspsycho- gelernt wird, kann genetisch vorbestimmt sein.
logie – wohl auch wegen des nachhaltigen Einflusses des
Behaviorismus. > Genetische Prädispositionen zum Erlernen
bestimmter Lerninhalte widersprechen der
> Im Behaviorismus wurde die Lernsituation behavioristischen Annahme, dass Lerngesetze
asymmetrisch angelegt: Lernende wurden als Opfer universell seien.
ihrer Lernumwelt gesehen.

Erst Bell und Harper (1977) bezogen Effekte des Kindes auf Die klassische Studie
seine Mutter in Erklärungen der Persönlichkeitsentwick- Genetische Prädisposition zum Beobachtungslernen
lung ein und inzwischen konnte empirisch belegt werden, Cook und Mineka (1989) zeigten verschiedenen
dass aggressive Kinder tatsächlich Einfluss auf den Erzie- Gruppen von Rhesusaffen, die im Zoo aufgewachsen
hungsstil ihrer Mütter haben (vgl. 7 Abschn. 6.3). Die dyna- waren und nie zuvor eine Spielzeugschlange, ein
misch-interaktionistische Wende ist aber wohl v. a. Alfred Spielzeugkrokodil, einen Spielzeughasen oder
Bandura zu verdanken, der 1978 einen programmatischen eine Plastikblume gesehen hatten, mehrfach einen
Artikel über den „reziproken Determinismus“ zwischen Videofilm, in dem ein Artgenosse unängstlich oder
Lernenden und ihrer Lernumwelt verfasste: Die Lernum- mit großer Angst auf einen dieser vier Reize reagierte.
welt kann die Lernenden ebenso beeinflussen wie die Ler- Durch Bildmanipulation wurde erreicht, dass die
nenden ihre Lernumwelt (Bandura, 1978). (nicht-)ängstliche Reaktion des Artgenossen bei
Die Betonung der aktiven Rolle der Lernenden im allen Reizen identisch war. Vor und nach diesem
Lernprozess löst auch das behavioristisch letztlich unlös- Lernexperiment wurden die Versuchstiere mit den im
bare Problem, dass manches viel leichter konditionierbar Film gezeigten Reizen direkt konfrontiert. Filme, in
ist als anderes. Viele Lerneffekte erwiesen sich als wenig denen der Artgenosse nichtängstlich auf Schlange,
stabil trotz langer Lernphasen (z. B. Verhaltenstherapie Krokodil, Hase oder Blume reagiert hatte, hinterließen
bei Rauchen, Übergewicht oder Alkoholismus), andere als keine Wirkung: Die Versuchstiere reagierten wie
hochstabil nach einmaligem Lerndurchgang (Seligman, vor dem Experiment nichtängstlich. Reagierte der
1970). In Tierversuchen, in denen die Lernumwelt gut Artgenosse hochängstlich auf den Hasen oder die
manipulierbar ist, wurde dies nicht nur für klassisches und
2.3 · Dynamisch-interaktionistisches Paradigma
43 2
ihrer Lehrer – wesentlichen Einfluss auf das Lernangebot,
Blume, ließ sie das ebenfalls unbeeindruckt. Hatten indem sie es in individueller Weise wahrnehmen oder nicht
sie aber ihren Artgenossen zuvor ängstlich gegenüber beachten, verstehen oder falsch interpretieren und später
der Schlange oder dem Krokodil reagieren sehen, das erworbene Wissen anwenden oder nicht anwenden. Das
reagierten sie nun auch selbst mit Angst. Die Angst gilt für Lernprozesse ganz allgemein: Es gibt dynamisch-
also wurde nur bestimmten Reizen gegenüber interaktionistische Wechselwirkungen zwischen Lernenden
erworben. Dieses Ergebnis ist behavioristisch nicht und ihrer Lernumwelt.
erklärbar. Evolutionsbiologisch betrachtet ergibt
es aber viel Sinn, weil Schlangen und Krokodile > Menschliches Lernen ist wesentlich von Persönlich-
hochgefährlich für Säugetiere sind, Hasen und keitseigenschaften des Lernenden abhängig.
Blumen jedoch nicht (deshalb hatten die Forscher Deshalb nimmt die Persönlichkeit Einfluss auf den
diese Reize so gewählt). Es scheint sich im Verlauf Lernprozess.
der Evolution eine genetische Prädisposition zum
Erlernen von Angst gegenüber solchen Reizen Auch wenn Psychologen heute nicht mehr Watsons Glauben
herausgebildet zu haben, die in der evolutionären an die Manipulierbarkeit der menschlichen Persönlichkeit
Vergangenheit Gefahr signalisierten. teilen: Die heutige Alltagspsychologie ist noch immer durch
den Glauben beeinflusst, Persönlichkeit sei durch Anwen-
dung geeigneter Erziehungsregeln, guten Unterrichts, the-
Bei diesen genetischen Prädispositionen zum bereichsspezifi- rapeutischer Interventionen oder effizienter Werbung in
schen Lernen dürfte es sich teilweise um universelle Disposi- großem Maße formbar. Man müsse nur das Wissen über
tionen handeln, die für fast alle Mitglieder einer Art, z. B. fast die entscheidenden allgemeinen Regeln kennen und diese
alle Menschen, gültig sind, weil sie so hilfreich für das Über- dann konsequent anwenden. An diesem Irrtum ist der Beha-
leben unserer Vorfahren gewesen sind, dass die entsprechen- viorismus nicht ganz unschuldig.
den Genvarianten sich gegenüber Alternativen klar durchge-
setzt haben. Sie sind damit noch kein Thema der Persönlich- Unter der Lupe
keitspsychologie. Dennoch wurden sie hier relativ ausführ-
lich diskutiert, weil die Existenz genetischer Prädispositionen Psychologie, Behaviorismus und Psychoanalyse
zum Erlernen von Ängstlichkeit die Annahme nahelegt, dass Ihr Verhältnis charakterisiert das folgende Bonmot:
es zumindest bei weniger potenten Gefahrreizen auch indi- 55Was ist Psychologie? – Nach einer schwarzen Katze
viduelle Besonderheiten in derartigen genetischen Prädispo- in einem stockdunklen Zimmer suchen.
sitionen gibt: Die eine erwirbt z. B. aus genetischen Gründen 55Was ist Behaviorismus? – Zu glauben, in einem
leichter Ängste gegenüber Mäusen als der andere. stockdunklen Zimmer könne man keine schwarze
Tatsächlich fanden Zwillingsstudien, dass sowohl spe- Katze finden.
zifische Ängste als auch Phobien (starke Ängste gegenüber 55Was ist Psychoanalyse? – Nach einer schwarzen
spezifischen Auslösern wie z. B. Schlangen oder Spinnen) Katze in einem stockdunklen Zimmer suchen, in
einen genetischen Einfluss auf den Ängstlichkeitsgrad dem keine schwarze Katze ist – aber trotzdem eine
zeigten (eineiige Zwillinge waren sich wesentlich ähnlicher finden.
als zweieiige; vgl. zur Methodik 7 Abschn. 6.2). Am stärks-
ten ist dieser Einfluss bei Ängsten gegenüber bestimmten
Tieren (Van Houtem et al., 2013). Dies lässt sich als gene-
tisch bedingte Persönlichkeitsunterschiede in der Lernbe- 2.3.2 Vom genetischen Determinismus zu
reitschaft interpretieren. Genom-Umwelt-Korrelationen
Genetisch bedingte Unterschiede in der Lernbereitschaft
sind nur ein Aspekt eines größeren Problems für behavio- Auch die Forschung zum genetischen Einfluss auf Persön-
ristische Ansätze der Persönlichkeitserklärung: Lernen ist lichkeitsunterschiede zeigt eine historische Entwicklung hin
generell persönlichkeitsabhängig. Verschiedene Menschen zu einer dynamisch-interaktionistischen Sichtweise. Diese
lernen nicht gleich schnell – eine Binsenweisheit für jeden Forschung beginnt (wieder einmal) mit Francis Galton
Lehrer. Intelligenzunterschiede, Unterschiede im Vorwis- (1822–1911). Angeregt durch die 1859 publizierte Evolu-
sen, in Lernstrategien und Unterschiede in der Lernmoti- tionstheorie seines Cousins Charles Darwin unternahm er
vation beeinflussen die Lernleistung (vgl. 7Abschn. 6.3). Aus die ersten Versuche, Erbeinflüsse auf Intelligenz, insbeson-
dynamisch-interaktionistischer Sicht ist klar, dass Schüler dere Hochbegabung, durch Vergleich der Intelligenz mehr
keine Nürnberger Trichter sind, in die Lehrer Wissen hin- oder weniger stark verwandter Familienmitglieder nachzu-
einschütten, sondern Schüler nehmen – oft zum Leidwesen weisen (Galton 1869).
44 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

> Die Forschung zum genetischen Einfluss auf auf individuellen Besonderheiten in seinem Genom (früher
Persönlichkeitsunterschiede begann 1869 mit auch Genotyp genannt) als auch auf individuellen Beson-
Versuchen von Francis Galton, die Vererbung von derheiten seiner Umwelt im Verlauf seiner Entwicklung
2 Hochbegabung nachzuweisen. (7 Abschn. 6.2 für eine genauere Darstellung).

Damit begründete Galton die Verhaltensgenetik, die geneti- > Die Persönlichkeit ist von Genom und Umwelt
sche Einflüsse auf Persönlichkeitsunterschiede anhand der ähnlich stark abhängig.
Ähnlichkeit mehr oder weniger genetisch verwandter Fami-
lienmitglieder empirisch zu ermitteln sucht (z. B. Vergleich Parallel dazu wurden 1977 in einer bahnbrechenden Arbeit
von eineiigen mit zweieiigen Zwillingen, von Adoptivge- des US-Amerikaners Robert R. Plomin wechselseitige
schwistern mit normalen Geschwistern, von Kindern mit Abhängigkeiten zwischen genetischen und Umweltein-
Enkeln). Wenn genetisch enger verwandte Personen sich flüssen deutlich, die eine einfache Zweiteilung in genetische
in einer bestimmten Persönlichkeitseigenschaft in einem und Umwelteinflüsse infrage stellten (Plomin, DeFries &
bestimmten Alter ähnlicher sind als weniger eng genetisch Loehlin, 1977). Denn genetische und Umweltunterschiede
verwandte, wird dies als Indiz für einen genetischen Ein- können korrelieren, indem bestimmte Genome in bestimm-
fluss interpretiert. Der britische Statistiker Ronald A. Fisher ten Umwelten besonders häufig oder selten vorkommen.
(1890–1962) entwickelte hierfür Methoden zur quantitati- Hierbei unterschieden Plomin et al. drei verschiedene Arten
ven Bestimmung der Stärke des genetischen Einflusses, die von Genom-Umwelt-Korrelationen (7 Unter der Lupe).
in 7 Abschn. 6.2 genauer dargestellt werden.
Diese Forschung war lange Zeit durch zwei historische Unter der Lupe
Verirrungen belastet. Zum einen führten in England, Frank-
reich und Deutschland Fehlinterpretationen von Darwins Drei Arten von Genom-Umwelt-Korrelationen
Begriff der natürlichen Auslese im Sinne eines „Überleben 55Eine aktive Genom-Umwelt-Korrelation entsteht,
des Stärkeren“ (7 Abschn. 2.6) zur Eugenik (Versuch, das indem Menschen aus genetischen Gründen
genetische Potenzial einer ganzen Gesellschaft gezielt zu bestimmte Umwelten suchen oder schaffen.
verbessern) bis hin zur nationalsozialistischen „Rassen- Beruht nämlich ihr Einfluss auf die Umwelt auf
hygiene“ durch gezielte Tötung von Juden und psychiatri- Eigenschaften, die teilweise genetisch beeinflusst
schen Patienten, die als „genetisch minderwertig“ angese- sind, so kommt es zu einem genetischen Einfluss
hen wurden. Hierbei koexistierte eine seriöse empirische auf die Umwelt, der durch die Persönlichkeit
Forschung wie z. B. die Zwillingsforschung von Kurt Gott- vermittelt ist. Zum Beispiel werden musikalische
schaldt (1902–1991) an der Abteilung für Erbpsychologie Menschen eher in Konzerte gehen als weniger
des Berliner „Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, musikalische, eher ein Musikinstrument spielen
menschliche Erblehre und Eugenik“ mit den eugenischen usw. (Musikalität ist teilweise genetisch bedingt).
und rassenhygienischen Arbeiten von Otmar von Verschuer 55Eine reaktive Genom-Umwelt-Korrela-
bis hin zu den Verbrechen des KZ-Arztes Josef Mengele, der tionentsteht, indem andere Menschen auf
bei von Verschuer promoviert hatte. Zudem förderte ein genetisch beeinflusste Persönlichkeitsmerkmale
Skandal um Publikationen des Briten Cyril L. Burt (1883– reagieren und dadurch bestimmte Umwelten
1971), die möglicherweise auf der Verfälschung oder gar schaffen. Zum Beispiel wird ein musikalisches
Erfindung von Zwillingsdaten beruhten, den schlechten Ruf Kind dem Musiklehrer auffallen, der es dann ins
der Verhaltensgenetik. Schulorchester aufnimmt und so seine Musikalität
Dieses Handicap wirkte sich aber langfristig heilsam fördert.
aus, weil verhaltensgenetische Forscher unter besonderem 55Eine passive Genom-Umwelt-Korrelationentsteht
Druck standen, solide Daten und vorsichtige Interpreta- bei Kindern, die mit genetisch Verwandten
tionen der Ergebnisse vorzulegen. Dadurch nahm die Ver- aufwachsen, schon dadurch, dass sich aktive oder
haltensgenetik ab Mitte der 1970er-Jahre einen deutlichen reaktive Genom-Umwelt-Korrelationen dieser
Aufschwung und zählt heute zu den Gebieten der Persön- Verwandten auf das Kind genetisch übertragen.
lichkeitsforschung mit den anspruchsvollsten statistischen Zum Beispiel werden musikalische Eltern eine
Methoden. musikalisch anregende Familienumwelt haben, die
Zunächst wurde auf der Basis sehr großer Stichproben ihre Kinder aufgrund genetischer Verwandtschaft
von ein- und zweieiigen Zwillingen und Adoptivgeschwis- auch haben werden. Bei Adoptivkindern, die
tern deutlich, dass die meisten Persönlichkeitsunterschiede mit genetisch nichtverwandten Eltern und
in westlichen Kulturen in ähnlich starker Weise durch gene- Geschwistern aufwachsen, gibt es diese Form der
tische Unterschiede und durch Umweltunterschiede bedingt Korrelation nicht.
sind. Die Persönlichkeit eines Menschen beruht also sowohl
2.3 · Dynamisch-interaktionistisches Paradigma
45 2
Genom-Umwelt-Korrelationen können aufgrund passi- scheinen, z. T. auch genetisch bedingt sein können. Beson-
ver Genom-Umwelt-Korrelation schon vor der Geburt ders leicht übersehen werden dabei genetische Einflüsse, die
bestehen, weil sich die pränatale Umwelt aufgrund der gene- auf passiver Genom-Umwelt-Korrelation beruhen (7 Die
tischen Verwandtschaft mit der Mutter unterscheiden kann. klassische Studie).
So haben Kinder intelligenter Eltern eher förderliche prä- Aber auch umgekehrt können Umweltbedingungen
natale Umweltbedingungen, weil intelligente Mütter intelli- über umweltbeeinflusste Persönlichkeitseigenschaften
genzmindernde Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkohol oder die Reaktion von Mitmenschen genetische Einflüsse
während der Schwangerschaft eher meiden als weniger auf die Persönlichkeit verändern. Hierbei muss nicht unbe-
intelligente Mütter. dingt das Genom durch Gentechnologie verändert werden
(was derzeit nur in ersten Ansätzen möglich ist). Wie in
7 Abschn. 2.5 genauer beschrieben wird, kann die Genaktivi-
tät durch Umwelteinflüsse dauerhaft verändert werden, und
Die klassische Studie das kann im Prinzip durch Diäten, Medikamente, Psycho-
Zusammenhang zwischen Bildungsorientierung therapie oder eine Veränderung des Lebensstils geschehen.
der Eltern und dem IQ ihrer adoptierten und
biologischen Kinder > Umweltbedingungen können genetische Einflüsse
Burks (1928) verglich Adoptivfamilien mit auch ohne Gentechnologie verändern.
normalen Familien, in denen die Kinder mit ihren
biologischen Eltern aufwuchsen, hinsichtlich Eine zentrale Erkenntnis der Verhaltensgenetik ist also,
des Zusammenhangs zwischen dem getesteten dass es im Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung zu einer
IQ der Kinder und der Bildungsorientierung der dynamischen Interaktion von genetischen und Umweltbe-
Eltern (ein bei Hausbesuchen erfasster Index, in dingungen der Persönlichkeit kommt, und da diese Wech-
den ihr Bildungsgrad, ihr sprachliches Niveau, ihre selwirkung durch die jeweils entwickelte Persönlichkeit
intellektuellen Interessen und die Zahl der Bücher vermittelt wird, kommt es zu dynamischen Interaktionen
im Haushalt eingingen). Der Zusammenhang war zwischen Umwelt und Persönlichkeit einerseits und Per-
in beiden Familientypen gegeben, aber sehr viel sönlichkeit und genetischen Einflüssen andererseits. Platz
enger in normalen Familien. In Adoptivfamilien für genetischen Determinismus, wonach Persönlichkeits-
konnte er nicht auf passiver Genom-Umwelt-Kor- merkmale umweltunabhängig an die nächste Generation
relation beruhen, weil die Kinder ja ihren Eltern nicht vererbt werden, ist in der modernen Verhaltensgenetik
genetisch ähnlich waren, er ließ sich also eindeutig nicht – genauso wenig wie Platz für Umweltdeterminismus
als Umwelteffekt interpretieren. In den normalen in modernen Lerntheorien.
Familien hingegen konnte er zusätzlich auf passiver
Genom-Umwelt-Korrelation beruhen. Die Differenz > Im Verlauf der Persönlichkeitsentwicklung kommt es
der Korrelationen zwischen den beiden Familientypen zu einer dynamischen Interaktion von genetischen
weist deshalb darauf hin, dass der Zusammenhang und Umweltbedingungen der Persönlichkeit, die
zwischen Bildungsorientierung der Eltern und IQ durch die Persönlichkeit vermittelt wird.
ihrer Kinder in normalen Familien auch genetisch
vermittelt ist.
2.3.3 Persönlichkeit-Umwelt-Transaktion

In diesem Abschnitt wird das dynamisch-interaktionistische


> Schon zu Beginn der Persönlichkeitsentwicklung Modell der Persönlichkeitsentwicklung noch etwas genauer
kann es Korrelationen zwischen genetischen und und formaler dargestellt und mit alternativen Modellen ver-
Umweltbedingungen geben. glichen. Das heutige dynamisch-interaktionistische Para-
digma beruht auf drei Grundannahmen:
Im Verlauf der Entwicklung können dann genetische Bedin- 55 Die Persönlichkeit einer Person und ihre Umwelt sind
gungen direkt Einfluss auf die Umwelt nehmen (aktive Kor- mittelfristig konstant.
relation) oder indirekt über die Reaktionen von Mitmen- 55 Person und Umwelt können sich langfristig ändern.
schen (reaktive Korrelation) oder genetische Verwandt- 55 Diese Änderungen beruhen auf Veränderungspro-
schaft mit Menschen, die aktiv-genetisch diese Umwelt zessen innerhalb der Person und der Umwelt und auf
beeinflussen (passive Genom-Umwelt-Korrelation). Eine Einflüssen der Umwelt auf die Person und umgekehrt.
von Psychologen oft nicht beachtete Folge ist, dass dadurch
Zusammenhänge zwischen Umwelt und Persönlichkeit, die Die erste Annahme setzt mittelfristig zeitstabile Persönlich-
Umwelteinflüsse auf die Persönlichkeit widerzuspiegeln keitseigenschaften voraus; dies ist die Voraussetzung der
46 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Persönlichkeitspsychologie. Nicht immer wird in Model- markieren, die so weit auseinanderliegen, dass sich dazwi-
len der Persönlichkeitsentwicklung die komplementäre schen jeweils die Persönlichkeit geändert haben kann. P0
Annahme für die Umwelt formuliert: Auch die Umwelt ist der Anfangszustand der Persönlichkeit zum Zeitpunkt
2 weist eine mittelfristig zeitstabile Organisation auf. Die der Zeugung; hier besteht also die Person aus nicht mehr
soziale Umwelt z. B. erhält ihre Stabilität durch die Men- als einer befruchteten Eizelle. Verhalten im psychologi-
schen, mit denen man regelmäßig Kontakt hat und die wie- schen Sinn gibt es noch nicht, wohl aber ein körperliches
derum untereinander durch Beziehungen verknüpft sind; Merkmal, das hoch stabil und relevant für späteres Verhal-
dieser Ausschnitt der Umwelt ist repräsentiert durch ein ten ist: das Genom im Zellkern, d. h. die Gesamtheit der
Netzwerk sozialer Beziehungen, in das man eingebettet ist. genetischen Information.
Die zweite Annahme ist, dass sich Person und Umwelt Parallel zu den Zuständen der Persönlichkeit P0–P3
langfristig ändern können. Im Falle von Personen ist das durchläuft die Umwelt dieser Person Zustände U0–U3. Je
offensichtlich; dies ist die Voraussetzung der Entwicklungs- nach Modell werden kausale Wirkungen zwischen diesen
psychologie. Genauso offensichtlich ist, dass sich auch die Zuständen der Person bzw. Umwelt angenommen, die durch
Umwelt ändern kann – schon deshalb, weil die Mitglieder Pfeile markiert sind. Jeder Pfeil repräsentiert kumulierte
des sozialen Netzwerks einer Person sich ändern. Wirkungen zwischen zwei Zeitpunkten t und t + 1, d. h. die
Die dritte Annahme schließlich ist die entscheidende, Resultante mehrerer Wirkungen, die zu unterschiedlichen
die dynamisch-interaktionistische Modelle von anderen Zeitpunkten zwischen t und t + 1 eingetreten sind. Um die
Modellen der Persönlichkeitsentwicklung unterscheidet. Darstellung zu vereinfachen, sind direkte Wirkungen nicht
Sie nimmt an, dass die Entwicklung einer Person das Resul- gesondert eingezeichnet, wenn es transitive gibt. Zum Bei-
tat von vier Prozessen ist: spiel wirkt im Falle P0 → P1 → P2 auch P0 auf P2 vermittelt
55 Veränderungsprozesse in der Person, über P1 (transitive Wirkung). Besteht unabhängig davon
55 Veränderungsprozesse in der Umwelt, eine direkte Wirkung P0 → P2, so ist sie nicht eingezeichnet.
55 Einflüsse der Umwelt auf die Person, Das Modell der Umweltdetermination (im Englischen
55 Einflüsse der Person auf die Umwelt. wird hier von „environmentalism“ gesprochen) entspricht
der behavioristischen Auffassung, dass Menschen Opfer
Alle anderen Modelle der Persönlichkeitsentwicklung ihrer Umwelt sind. Wie jemand auf seine aktuelle Umwelt
lassen sich als Spezialfälle des dynamisch-interaktionis- reagiert, sei mit Ausnahme weniger Reflexe ausschließlich
tischen Paradigmas auffassen. Sie berücksichtigen einige erklärbar durch seine Lerngeschichte, die wiederum durch
dieser vier Prozesse nicht oder machen besondere Annah- die Umwelt festgelegt sei. Was bei Betrachtung der Person
men über diese Prozesse. . Abb. 2.11 kontrastiert das dyna- als Entwicklung erscheine, sei vollständig rückführbar auf
misch-interaktionistische Modell exemplarisch mit drei diese Umwelteinflüsse. Es gebe keine davon unabhängigen
anderen Modellen, die typische alternative Entwicklungs- Entwicklungsprozesse in der Person.
vorstellungen beinhalten. Dem Modell der Entfaltung liegen Vorstellungen
Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der zugrunde, dass es im Genom eine Art Programm gibt, das
Modelle möglichst deutlich zu machen, werden sie hier die weitere Entwicklung steuert. Die Umwelt habe nur zeit-
stark vereinfacht geschildert. Gegeben sei eine Person, die lich begrenzte Wirkungen; langfristig setze sich das Pro-
im Verlauf der Zeit verschiedene Zustände ihrer Persönlich- gramm durch. Dadurch wirke die Entwicklung so, als
keit P0, P1, P2, P3 durchläuft. Die Zahlen sollen Zeitpunkte würde sie auf ein Ziel hinsteuern. Es handelt sich also um
ein Modell der genetischen Determination, bei dem die
Umwelt nur vorübergehenden Einfluss hat. Dieses Modell
beschreibt recht gut die Entwicklung mancher körperlicher
Merkmale. Zum Beispiel lässt sich die Körpergröße eines
Kindes in einem bestimmten Alter ziemlich genau schätzen
aus der Körpergröße der beiden Eltern, einer Alterskons-
tante und einer Konstante, die den Zuwachs der mittleren
Körpergröße von Generation zu Generation repräsentiert.
Mangelernährung oder zu wenig Licht verlangsamen die
Entwicklung; bei Wegfall der hemmenden Umweltbedin-
gungen kommt es zu einer beschleunigten Entwicklung, bis
das Defizit kompensiert ist (Tanner, 1978).
Wenn auch das Entfaltungsmodell manche Entwick-
lungsphänomene besonders im Bereich der körperlichen
. Abb. 2.11  Vier Modelle der Persönlichkeitsentwicklung Entwicklung ausreichend beschreiben mag, so ist es doch
2.3 · Dynamisch-interaktionistisches Paradigma
47 2
in fast allen Fällen der psychischen Entwicklung unzu- Konzept der statistischen Interaktion klar zu unterscheiden.
reichend, weil dort Umweltwirkungen langfristige Ände- Mit einer statistischen Interaktion ist nur gemeint, dass die
rungen hervorrufen können. Im Modell der Kodetermi- Wirkung einer Variable X auf eine andere Variable Y von
nation wird angenommen, dass Umweltwirkungen gene- einer dritten Variablen Z abhängt:
tisch gesteuerte Reifungsprozesse verändern können. Die
weitere Entwicklung hänge aber nicht nur von den Umwelt- Y = f ( X ,Z )
wirkungen ab, sondern auch von den Reifungsprozessen.
Direkte genetische Wirkungen auf spätere Zeitpunkte sind Zum Beispiel könnte der Einfluss von einer Umweltbe-
dabei berücksichtigt (vgl. dazu 7 Abschn. 6.3). Das Modell dingung X auf eine Persönlichkeitseigenschaft Y von einer
enthält deshalb Umweltdetermination und Entfaltung als anderen Persönlichkeitseigenschaft Z abhängen: Der Ein-
Grenzfälle. fluss von X auf Y wird durch Z moderiert. Die Zeit kommt
in diesem Interaktionskonzept nicht vor. Dagegen handelt es
> Umweltdetermination, Entfaltung und sich bei Transaktionen um Wechselwirkungen über die Zeit,
Kodetermination sind Spezialfälle des dynamisch- analog zu sozialen Interaktionen, bei denen sich zwei Inter-
interaktionistischen Modells. aktionspartner wechselseitig in ihrem Verhalten beeinflus-
sen. Transaktionen beziehen sich aber nicht auf Verhalten
Das Modell der dynamischen Interaktion unterscheidet oder Situationen, sondern auf Persönlichkeit und Umwel-
sich von dem Modell der Kodetermination nur dadurch, ten, also mittelfristig zeitstabile Merkmale.
dass Wirkungen von der Person auf die Umwelt zugelassen
werden. Es enthält alle drei anderen Modelle als Spezial- > Bei Transaktionen zwischen Persönlichkeit
fälle. Personen können nach dieser Auffassung ihre Umwelt und Umwelt handelt es sich um einen anderen
in mehrfacher Hinsicht beeinflussen (vgl. z. B. Buss, 1987): Interaktionsbegriff als bei statistischen
55 Auswahl: Sie können Umwelten auswählen, indem Interaktionen oder sozialen Interaktionen.
sie regelmäßig bestimmte Situationen aufsuchen oder
vermeiden, z. B. Partys, den eigenen Garten. Im Modell der Umweltdetermination und im Modell der
55 Herstellung: Sie können Umwelten herstellen, indem Entfaltung gibt es weder eine statistische noch eine dyna-
sie dauerhaft bestimmte Situationen schaffen, z. B. mische Interaktion zwischen Umwelt und Persönlichkeit,
eine Beziehung zu jemandem knüpfen, einen Baum weil von der Persönlichkeit keine Wirkungen ausgehen, auf
pflanzen. die die Umweltwirkung Einfluss haben könnte. Im Modell
55 Veränderung: Sie können Umwelten verändern, der Kodetermination liegt keine Transaktion zwischen Per-
indem sie längerfristig Situationen ändern, z. B. eine sönlichkeit und Umwelt vor, aber es kann zu einer statisti-
Freundschaft beginnen oder aufkündigen, einen schen Interaktion kommen, nämlich dann, wenn derselbe
Baum im Garten verpflanzen. Umwelteinfluss je nach Persönlichkeit unterschiedliche
Wirkungen hat. Eine solche Filterwirkung der Persönlich-
Da diese Wirkungen der Person auf die Umwelt künftige keit lässt sich oft finden, z. B. wenn Umweltrisiken durch
Umweltwirkungen auf die Person verändern, entsteht eine protektive Persönlichkeitsfaktoren abgepuffert werden.
echte Wechselwirkung zwischen Persönlichkeit und Umwelt
über die Zeit. Solche Wechselwirkungen finden sich z. B. > Im Modell der Kodetermination kann es zu
bei der Entwicklung beruflicher Interessen. Ein Mädchen statistischen Interaktionen zwischen Umwelt und
kommt während des Urlaubs zum ersten Mal mit Pferden Persönlichkeit kommen, im Modell der dynamischen
in Kontakt. Es ist Feuer und Flamme und leiht sich ab jetzt Interaktion zusätzlich zu Transaktionen zwischen
nur noch Pferdebücher aus der Bibliothek aus. Das steigert Persönlichkeit und Umwelt.
ihr Interesse weiter und nach langem Betteln bekommt sie
Reitstunden. Dabei lernt sie eine neue Freundin kennen, die Wie lassen sich Einflüsse der Umwelt auf die Persönlich-
ihr Interesse teilt und weiter verstärkt; sie studiert schließ- keit oder umgekehrt empirisch untersuchen? Idealerweise
lich Veterinärmedizin und wird Tierärztin. Die Entwick- müssten dazu Experimente durchgeführt werden, in denen
lung dieser Tierärztin ist durch vielfältige Wechselwirkun- Personen per Zufall einer Experimental- oder einer Kon-
gen zwischen Umweltauswahl, -herstellung und -verän- trollgruppe zugewiesen werden und dann entweder eine
derung und Rückwirkungen der so veränderten Umwelt Umwelt- oder eine Persönlichkeitseigenschaft in der Expe-
gekennzeichnet. rimentalgruppe gezielt verändert wird, um durch Vergleich
Diese Wechselwirkungen über die Zeit werden manch- mit der Kontrollgruppe Effekte der Umweltveränderung auf
mal auch als Transaktionen bezeichnet (Pervin, 1968; die Persönlichkeit bzw. Effekte der Persönlichkeitsverände-
Sameroff, 1983; Lazarus & Launier, 1978), um sie von dem rung auf die Umwelt nachzuweisen.
48 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Derartige Interventionsstudien gibt es v. a. im klinischen


Bereich, z. B. wenn von ihren Eltern misshandelte Kinder ersten Partnerschaft ist also sozusagen ein Spiel,
vom Jugendamt aus der Familie genommen werden oder bei dem die meisten nur gewinnen. Zwar scheinen
2 wenn durch groß angelegte Interventionsprogramme in die Getrennten gegenüber den Dauerhaften doch
Schulen das Ausmaß an Aggressivität zwischen Schülern etwas zu „verlieren“, weil ihr Neurotizismus nicht
vermindert werden soll (vgl. für eine Übersicht über Inter- abnahm, während er bei den Dauerhaften etwas
ventionsprogramme in den USA http://nrepp.samhsa.gov/). sank, aber diese Effekte waren im Unterschied zu
Für Persönlichkeitsunterschiede im Normalbereich gibt es der Neurotizismussenkung der Beginner statistisch
jedoch keine vergleichbaren Interventionsprogramme, weil nicht signifikant, könnten also auf Zufall beruhen.
dort das Interesse an Veränderungen bei den Beteiligten zu Dieses Ergebnis wurde inzwischen mehrfach repliziert
gering ist. Wer würde es schon Psychologen erlauben, die (Neyer, Mund, Zimmermann & Wrzus, 2014). Die
eigene Persönlichkeit oder Umwelt oder die seiner Kinder Replikation solcher natürlichen Experimente ist
nachhaltig zu verändern, nur um deren wissenschaftli- extrem wichtig, da Einzelbefunde immer stichpro-
che Neugier zu befriedigen? Die Persönlichkeitspsycho- benabhängig sind und deswegen nicht einfach
logie kann allerdings „natürliche Experimente“ nutzen, auf andere Bedingungen (Kulturen, historische
d. h. Umwelt- oder Persönlichkeitsveränderungen, deren Zeitpunkte, Messinstrumente usw.) verallgemeinert
Ursache relativ klar ist (vgl. 7 Unter der Lupe). werden können.

Unter der Lupe


Zwar kann im Falle des Eingehens einer Partnerschaft nicht
Beispiel einer Nutzung natürlicher Experimente in ausgeschlossen werden, dass die Kausalität in der Studie von
der Persönlichkeitspsychologie Neyer und Asendorpf (2001) gerade andersherum verlief
Neyer und Asendorpf (2001) untersuchten (z. B. dass diejenigen, deren Neurotizismus aus Gründen
Transaktionen zwischen der Persönlichkeit und den abnahm, die in der Studie nicht erfasst wurden, deshalb
sozialen Beziehungen an 489 deutschen Erwachsenen fähig wurden, eine Partnerschaft einzugehen oder attrakti-
im Alter von anfänglich 18–30 Jahren, die in den ver auf potenzielle Partner zu wirken), aber die identischen
Jahren 1995 und 1999, also im Abstand von 4 Jahren, Neurotizismuswerte der Gruppen 1 und 2 zum ersten Mess-
befragt wurden. Dabei wurden unter anderem zwei zeitpunkt sprechen eher dagegen. Solche natürlichen Expe-
natürliche Experimente genutzt: das Eingehen einer rimente sind keine Experimente im strengen Sinne (hierzu
ersten stabilen Partnerschaft oder das Beenden einer müsste man Partner künstlich miteinander verkuppeln oder
stabilen Partnerschaft. Folgende Gruppen wurden voneinander trennen) und erlauben deshalb weniger starke
miteinander verglichen: Kausalaussagen.
55Dauersingles (bis 1999 noch keine Partnerschaft),
55Beginner (Wechsel vom Singlestatus zur
Partnerschaft),
55Dauerhafte (Partnerschaft zu beiden Zeitpunkten),
55Getrennte (Wechsel von Partnerschaft zum
Singlestatus).

Der Vergleich der Gruppen 1 und 2 (blaue Linien)


prüft Effekte des Eingehens der ersten Partnerschaft,
der Vergleich der Gruppen 3 und 4 (schwarze Linien)
Effekte einer Trennung. . Abb. 2.12 zeigt beispielhaft
Ergebnisse dieser Studie zu Neurotizismus (die
Tendenz, über viele Sorgen und Probleme zu
berichten; vgl. 7 Abschn. 4.2.2). . Abb. 2.12 legt
nahe, dass das Eingehen einer ersten Partnerschaft
Neurotizismus senkt, eine spätere Trennung dagegen
Neurotizismus nicht wieder erhöht; das Eingehen der . Abb. 2.12  Effekte sozialer Umweltveränderungen auf die
Persönlichkeit. (Mod. nach Neyer & Asendorpf, 2001)
2.4 · Neurowissenschaftliches Paradigma
49 2
Natürliche Experimente lassen sich auch umgekehrt für Mehr lesen
die Frage nach Umweltwirkungen von Persönlichkeitsver-
änderungen nutzen, wenn die Ursache der Persönlichkeits- Bandura, A. (1978). The self system in reciprocal
veränderungen einigermaßen sicher ist. Man kann z. B. Aus- determinism. American Psychologist, 33, 344–358.
tauschschüler nach Rückkehr in die Heimat mit einer Kont- Caspi, A. & Shiner, R.L. (2006). Personality
rollgruppe von Schülern vergleichen, die zu Hause geblieben development. In W. Damon, R. Lerner & N. Eisenberg
waren (Zimmermann & Neyer, 2013). Wenn sich die beiden (Eds.), Handbook of child psychology (6th ed., Vol. 3, pp.
Gruppen vor dem Austauschjahr weder in der Persönlich- 300–365). New York: Wiley.
keit noch in der Umwelt unterschieden, nachher aber in der Neyer, F.J., Mund, M., Zimmermann, J. & Wrzus, C.
Persönlichkeit, kann man Umweltunterschiede zwischen (2014). Personality-relationship transactions revisited.
den zurückgekehrten Austauschschülern und der Kontroll- Journal of Personality, 82, 539-550.
gruppe mit einiger Sicherheit als Effekte der im Ausland Scarr, S. & McCartney, K. (1983). How people
erworbenen Persönlichkeitsveränderungen interpretieren. make their own environments: A theory of
genotype → environment effects. Child Development,
> Durch Nutzung natürlicher Experimente lassen 54, 424–435.
sich Effekte der Umwelt auf die Persönlichkeit
und umgekehrt prüfen, auch wenn die
Kausalaussagen nicht so stark sind wie bei
echten Experimenten.
2.4 Neurowissenschaftliches Paradigma
In 7 Abschn. 3.7 wird eine weitere Methode geschildert, wie
sich Persönlichkeit-Umwelt-Transaktionen mithilfe soge- Die menschliche Informationsverarbeitung basiert v. a.
nannter Kreuzkorrelationsdesigns untersuchen lassen. auf der Aktivität des Nervensystems, also des Gehirns mit
seinen Nerven, die den gesamten Körper durchdringen.
? Fragen Jeder Teil des Körpers sendet jederzeit Informationen über
2.16 Sind die klassischen Lerngesetze universell gültig? seinen aktuellen Zustand, die über afferente Nerven durch
(→ nein, es gibt genetische Prädispositionen zum das Rückenmark bis ins Gehirn gelangen. Umgekehrt kont-
Lernen, individuelle Lernbereitschaft) rolliert das Gehirn den Körper durch efferente Nerven. Zwi-
2.17 Welche Schwierigkeiten ergeben sich bei schen afferenten und efferenten Nerven vermitteln Inter-
der Erklärung von Eigenschaften durch die neuronen, oft nicht erst im Gehirn, sondern auch unterhalb,
Lerngeschichte? (→ Rekonstruktion der z. B. als Teil motorischer Regelungskreise. Die kleinsten Ein-
Lerngeschichte schwer möglich) heiten des Nervensystems sind die Nervenzellen (Neurone),
2.18 Sind Korrelationen zwischen Persönlichkeit und die als Informationsträger dienen. Deshalb wird derjenige
Umwelt immer rein umweltbedingt? (→ aktive, Teil der Biologie, der sich mit der Informationsübertragung
passive und reaktive Genom-Umwelt-Korre- im Nervensystem befasst, als Neurowissenschaft bezeichnet.
lationen sind alternative Möglichkeiten) Innerhalb der Neurowissenschaft befasst sich die Neuroana-
2.19 Worin unterscheiden sich die Modelle der tomie mit den festen Strukturen, die Neurophysiologie mit
Umweltdetermination, der Entfaltung, der den Funktionen dieser Strukturen. Das neurowissenschaft-
Kodetermination und der dynamischen liche Paradigma der Psychologie versucht, menschliches
Interaktion? (→ in . Abb. 2.11 Modelle Erleben und Verhalten neurowissenschaftlich zu beschrei-
miteinander vergleichen) ben und zu erklären.
2.20 In welcher Weise können Menschen Einfluss auf Dabei wäre es verkürzt, den Blick nur auf das Nerven-
ihre Umwelt nehmen? (→ Beispiele für Auswahl, system zu richten, weil es in enger Wechselwirkung mit
Herstellung und Veränderung angeben) anderen biologischen Systemen steht, z. B. motorisches
2.21 Worin unterscheiden sich statistische, dynamische System, hormonelles System, Herz-Kreislauf-System und
und soziale Interaktion? (→ am Beispiel der Immunsystem (vgl. Birbaumer & Schmidt, 2010, für eine
Umweltmodelle in . Abb. 2.11 erläutern) umfassende Übersicht, und DeYoung, 2010, für eine kurze
2.22 Wie lassen sich Umwelteinflüsse auf die Übersicht über persönlichkeitsrelevante Systeme). Erleben
Persönlichkeit und umgekehrt empirisch und Verhalten betreffen prinzipiell den ganzen Körper, nicht
untersuchen? (→ Interventionsstudien und nur das Nervensystem; deshalb können Persönlichkeits-
natürliche Experimente (Unterschied deutlich unterschiede sich auch auf biologische Systeme außerhalb
machen)) des Nervensystems beziehen. Hierzu zählen:
50 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

55 Herz-Kreislauf-System (untersucht von der kardio- Verbindung zu den Körperorganen und der Muskulatur
vaskulären Psychophysiologie), herstellt. Letzteres besteht aus dem somatischen Nerven-
55 hormonelles System (untersucht von der system, das sensorische und motorische Neuronen enthält
2 Psychoneuroendokrinologie), und willentliche Kontrolle vermittelt, und dem autonomen
55 Immunsystem (untersucht von der (oder vegetativen) Nervensystem, das kaum willentlich
Psychoneuroimmunologie). beeinflussbar ist. Im autonomen Nervensystem lassen sich
Sympathikus und Parasympathikus unterscheiden, die Ver-
> Im neurowissenschaftlichen Paradigma werden haltensaktivierung bzw. Nahrungsaufnahme und -ausschei-
auch Wechselwirkungen des Nervensystems mit dung unterstützen (vgl. . Abb. 2.13a). Alle parasympathisch
dem Herz-Kreislauf-, dem hormonellen und dem innervierten Organe sind auch sympathisch innerviert; in
Immunsystem einbezogen. diesen Fällen üben Sympathikus und Parasympathikus eine
antagonistische Wirkung aus (z. B. führt sympathische Akti-
vierung zu Herzfrequenzzunahme und Abnahme der Ver-
2.4.1 Biologische Systeme dauungstätigkeit, während parasympathische Aktivierung
den gegenteiligen Effekt hat).
Funktionell gliedert sich das Nervensystem in das zent- Funktionell gliedert sich das hormonelle System in
rale Nervensystem (ZNS), das aus Gehirn und Rücken- das „Kontrollorgan“ Hypothalamus im Gehirn, das über
mark besteht, und das periphere Nervensystem, das die sog. Releasing- und Inhibiting-Hormone die Hormonaus-

. Abb. 2.13  Funktionelle Gliederung des Nervensystems (a) und des hormonellen Systems (b)
2.4 · Neurowissenschaftliches Paradigma
51 2
schüttung in der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) steuert;
deren „glandotrope“ Hormone wiederum steuern die Hor-
monausschüttung diverser Zielorgane wie z. B. Nebenniere
und Eierstöcke bzw. Hoden, während andere Hypophysen-
hormone direkte Funktionen ausüben, z. B. Oxytocin (vgl.
. Abb. 2.13b). Es lassen sich also Steuerungssequenzen
(„Achsen“) unterscheiden, die bis zu 3 Ebenen umfassen.
Die beiden meistuntersuchten Achsen in der Psychoneuro-
endokrinologie sind die HPA-Achse (engl.: „hypothalamo-
pituitary-adrenal axis“) vom Hypothalamus zur Nebennie-
rennrinde und die HPG-Achse (engl.: „hypothalamo-pitua-
ry-gonadal axis“) vom Hypothalamus zu den Eierstöcken
bzw. Hoden („Gonaden“; vgl. . Abb. 2.13b).
Die meiste Informationsverarbeitung findet im Gehirn
statt, das als „Kommandozentrum“ des Nervensystems
und des hormonellen Systems betrachtet werden kann. Die
2–4 mm dicke Oberfläche des Gehirns, die Großhirnrinde
(Kortex; von lat. bzw. engl. „cortex“), enthält ca. 14 Mrd.
Neurone. Auf ihr lassen sich funktionell bestimmte Bereiche
lokalisieren, die Rindenfelder. Die primären Felder im sen-
sorischen Kortex verarbeiten Informationen einer bestimm-
ten sensorischen Qualität (z. B. Sehen, Hören) oder Infor-
mationen über einfache Bewegungen (z. B. Fingerbewegun-
gen, mimische Bewegungen). Die Assoziationsfelder (v. a.
im präfrontalen Kortex) stimmen diese einzelnen Funktio-
nen miteinander ab und werden für „höhere“ übergreifende
Funktionen wie z. B. Planung von Handlungen verantwort-
lich gemacht. Der Kortex besteht aus einer linken und einer
rechten Hälfte („Hemisphäre“), die durch einen breiten Ner-
venstrang, den Balken, verbunden sind.
Die Großhirnrinde ist der evolutionär am spätesten ent- . Abb. 2.14  Persönlichkeitspsychologisch wichtige Teile des
wickelte Teil des menschlichen Gehirns. Darunter liegen Gehirns (a) und das limbische System (b). (Mod. nach Birbaumer &
evolutionär ältere Teile: das Kleinhirn, das v. a. für Gleich- Schmidt, 2010)
gewicht und Bewegung zuständig ist, nach neueren Ergeb-
nissen aber auch Funktionen beim unbewussten Lernen hat;
der Thalamus, der als Vermittlungsstation zwischen sen- mehr als 100 Mrd.) und ihrer dichten Vernetzung (jedes
sorischen und motorischen Informationen zum und vom Neuron im Gehirn ist im Durchschnitt mit ca. 1 000 anderen
Großhirn dient; der Hypothalamus mit der Hypophyse als Neuronen verbunden) ist es aber sehr schwer, die Gehirn-
zentralem Kontrollorgan des hormonellen Systems; das aktivität in Raum und Zeit zu erfassen. Nichtinvasiv, also
limbische System, das unter anderem aus Amygdala (Man- ohne direkten Eingriff, war es lange Zeit nur möglich, elek-
delkern), Hippocampus und Gyrus cingulus besteht und trische Erregung an der Hirnoberfläche durch das Elektro-
v. a. für emotionale Bewertung und emotionale Reaktio- enzephalogramm (EEG) zu messen. In den letzten Jahren
nen, aber auch für große Teile der Gedächtnisbildung ver- sind zusätzliche Verfahren entwickelt worden, die Aktivität
antwortlich gemacht wird. Den untersten Gehirnabschnitt auch in tieferliegenden Gehirngebieten zu registrieren, z. B.
bildet der evolutionär älteste Teil, der Hirnstamm, dem ele- durch funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT).
mentare und reflexartige Steuermechanismen zugeschrie- Verbunden mit gezielt eingesetzten Reizen (ereigniskorre-
ben werden, z. B. Schlaf-Wach-Funktionen oder Lidschluss- lierte Ableitungen) können so Reaktionen auf spezifische
reflex (vgl. . Abb. 2.14). Reize relativ präzise raumzeitlich lokalisiert werden.
Wie die Informationsübertragung innerhalb und zwi- Es gibt eine lange Tradition in der Hirnforschung und
schen Neuronen funktioniert, nämlich durch elektrische ihrer Popularisierung in den Medien, bestimmte psychische
Impulse innerhalb und biochemische Botenstoffe zwischen Funktionen auf bestimmte räumlich definierte Gehirnareale
Neuronen, ist im Prinzip schon lange verstanden. Wegen zu beziehen, z. B. das limbische System als „Sitz der Emo-
der immens großen Zahl von Neuronen (allein im Gehirn tionen“ zu betrachten oder die rechte Großhirnrinde mit
52 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Intuition und die linke Großhirnrinde mit Rationalität zu weiträumige Erregungs- und Hemmungsprozesse
verbinden. Zwar lassen sich recht gut primäre Rindenfel- beteiligt, die oft auch andere biologische Systeme
der mit bestimmten sensorischen Qualitäten verbinden und jenseits des Nervensystems beeinflussen und von
2 die hübschen Farbfotos der bildgebenden Verfahren sug- ihnen beeinflusst werden.
gerieren eine Lokalisierbarkeit psychischer Prozesse, aber
an komplexeren Leistungen des Gehirns sind immer räum- Alternativ zur räumlichen Zuordnung komplexerer Infor-
lich weit getrennte Hirnanteile beteiligt und die Schnapp- mationsverarbeitungsprozesse zu bestimmten Gehirnan-
schüsse der bildgebenden Verfahren ignorieren die zeitliche teilen kann versucht werden, die Prozesse auf biochemi-
Struktur der Informationsverarbeitungsprozesse. Instrukti- sche Systeme zu beziehen. Derzeit sind ca. 60 verschiedene
ver wären Filme der Gehirnaktivität, auf denen die weiträu- Substanzen bekannt, die an der menschlichen Informa-
migen Prozesse der Erregungsausbreitung und -hemmung tionsverarbeitung beteiligt sind (Gazzaniga & Heather-
sichtbar und so besser untersuchbar wären. ton, 2003). Grob lassen sie sich in Neurotransmitter und
Adäquater als starke Lokalisationsannahmen ist die Hormone unterteilen. Neurotransmitter dienen der Infor-
Vorstellung, dass an komplexeren Leistungen wie z. B. mationsübertragung zwischen zwei Neuronen. Sie werden
einer Angstreaktion viele biologische Systeme beteiligt von einem Neuron in die Synapse zwischen zwei Neuro-
sind, nicht nur das Nervensystem. Emotionen finden im nen ausgeschüttet und von Rezeptoren des anderen Neurons
gesamten Körper statt, nicht nur im limbischen System. gebunden. Hormone dagegen werden über die Blutbahn
Im intakten Gehirn ist im Prinzip jedes Neuron mit jedem übertragen. Einige Substanzen können sowohl als Neuro-
anderen Neuron verbunden, und zwar im Durchschnitt transmitter als auch als Hormon fungieren, z. B. Norad-
über nur vier dazwischengeschaltete Neurone. Dass so dra- renalin. . Tab. 2.2 listet Neurotransmitter und Hormone
matische Eingriffe wie die Durchtrennung des Balkens zwi- auf, die in der persönlichkeitspsychologischen Forschung
schen den beiden Hirnhälften nur eher subtile Wirkungen derzeit einen größeren Stellenwert besitzen, und ordnet sie
haben, dass die psychischen Folgen von Schlaganfällen, bei persönlichkeitsrelevanten Funktionen zu.
denen oft große Teile einer Gehirnhälfte zerstört werden, Die Zuordnung von biochemischen Systemen zu Infor-
im Einzelfall wenig vorhersagbar sind, weil gleiche Aus- mationsverarbeitungsprozessen muss mit derselben Vor-
fälle bei verschiedenen Patienten unterschiedliche Wirkun- sicht vorgenommen werden wie die räumliche Zuord-
gen haben können, und dass auch dramatische Ausfälle in nung dieser Prozesse. Die Beziehungen sind erst ansatz-
manchen Fällen erstaunlich gut kompensierbar sind, sind weise erforscht. Erschwert wird eine Zuordnung bereits
starke Argumente für die Komplexität und Plastizität des auf biochemischer Ebene, weil die Konzentration einer
Gehirns. Substanz zeitlich und räumlich stark variiert. Zum Bei-
spiel korreliert die Konzentration von Testosteron im
> Komplexere psychische Funktionen lassen sich Blut (entscheidend für seine Wirkung) nicht besonders
neuroanatomisch nicht auf eng begrenzte Gebiete hoch mit der Konzentration von Testosteron im Speichel
des Gehirns beziehen. Vielmehr sind daran (wo es viel leichter gemessen werden kann und deshalb

. Tab. 2.2  Einige persönlichkeitsrelevante biochemische Substanzen

Substanz Typ Funktion unter anderem

Dopamin Neurotransmitter Anreizmotivation


Serotonin Neurotransmitter Stimmungsregulation
Adrenalin Neurotransmitter Angriff bzw. Flucht
Noradrenalin Neurotransmitter, Hormon Aktivierung, Aufmerksamkeitsfokussierung
Kortisol Hormon, Nebennierenrinde Stressabhängige Aktivierung
Testosteron Männl. Geschlechtshormon Männliche Attribute
Östradiol, Progesteron Weibl. Geschlechtshormone Weibliche Attribute
Prolaktin Hormon, Hypophyse Milchproduktion und Ovulationshemmung,
Immunsystemstimulation bei Stress
Oxytocin Hormon, Hypophyse Stillen, Beruhigung, Bindung, Sexualität
β-Endorphin Hormon, Hypophyse Schmerzhemmung
2.4 · Neurowissenschaftliches Paradigma
53 2
meistens auch gemessen wird). Zudem sind die Wirkun- 2.4.2 Temperamentsforschung
gen derselben Substanz abhängig vom Ort der Produktion,
vom Ort der Aufnahme und vom Rezeptortyp und ihre Die Annahme, dass physiologisch bedingte Unterschiede
Wirkung verläuft typischerweise nichtlinear, weil Neuro- im Temperament bestehen, nämlich Persönlichkeitseigen-
transmitter und Hormone an komplexen Regelkreisen schaften im Bereich der „drei A der Persönlichkeit“ Affekt
beteiligt sind. Schließlich sind vielfältige Wechselwir- (Emotionen), Aktivierung und Aufmerksamkeit (Rothbart
kungen zwischen Substanzen bekannt, v. a. zwischen den & Bates, 1998), lässt sich bis zum Begründer der westlichen
Neurotransmittern. Medizin Hippokrates (460–377 v. Chr.) zurückverfolgen.
Andererseits hat der biochemische Zugang zur Infor- Hippokrates bezog Temperamentsunterschiede auf das Vor-
mationsverarbeitung den Vorteil, dass Ausschüttung und herrschen eines der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe
Aufnahme der untersuchten Substanzen pharmakologisch und schwarze Galle), denen er Sanguiniker, Phlegmatiker,
experimentell variiert werden können. So kann man z. B. Choleriker und Melancholiker zuordnete – eine auf purer
die Aufnahme des Transmitters Dopamin durch Verabrei- sprachlicher Assoziation (schwarze Galle – trübe Stim-
chung entsprechender Rezeptorenblocker behindern und mung) beruhende frühe psychoneuroendokrinologische
auf diese Weise durch Vergleich mit einer Placebo-Bedin- „Theorie“ von Temperamentstypen, von denen die Begriffe
gung, in der ein unwirksames Medikament gleichen Aus- Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker bis heute in
sehens verabreicht wird, Dopaminwirkungen untersuchen. der Alltagspsychologie erhalten sind.
Hier arbeiten also Psychopharmakologie und Neurowissen- Wilhelm Wundt (1832–1920) gründete 1879 in Leipzig
schaft aufs Engste zusammen. das weltweit erste Institut für experimentelle Psychologie
und hatte kurz vorher 1874 in einem einflussreichen Lehr-
> Hormone stehen in Wechselwirkung mit der buch über die „Grundzüge der Physiologischen Psycholo-
Aktivität des Nervensystems. Eine einfache gie“ das Wissen seiner Zeit über Zusammenhänge zwischen
Zuordnung von Neurotransmittern und Hormonen physiologischen und psychologischen Prozessen zusam-
zu bestimmten Funktionen ist nicht möglich, mengefasst. Er erweiterte die hippokratische Typenlehre zu
weil diese Substanzen jeweils an komplexen einem zweidimensionalen Modell mit den Dimensionen
Regelkreisen beteiligt sind. Der Vorteil des „Stärke der Gemütsbewegungen“ und „Schnelligkeit des
biochemischen Zugangs besteht v. a. in der Wechsels der Gemütsbewegungen“ (Wundt, 1903). Cho-
pharmakologischen Beeinflussbarkeit dieser leriker und Sanguiniker neigten zu starken Gefühlswal-
Regelkreise. lungen, Melancholiker und Phlegmatiker dagegen nicht,
während Melancholiker und Choleriker sich durch schnelle
Das Nervensystem und das hormonelle System stehen in Änderungen der Gefühlslage auszeichneten, Phlegmatiker
engem Zusammenhang mit dem Immunsystem, das für und Sanguiniker dagegen wenige Gefühlsschwankungen
die Abwehr von Krankheitserregern und die Vernichtung zeigten.
entarteter Krebszellen sorgt. Es besteht aus einem angebo-
renen und einem erworbenen Teil. Zum angeborenen Teil > Temperament bezeichnet Eigenschaften im Bereich
gehören z. B. die natürlichen Killerzellen, die infizierte oder von Affekt, Aktivierung und Aufmerksamkeit und
krebsbefallene Körperzellen zum Absterben bringen. Zum wurde erstmals von Wilhelm Wundt durch zwei
erworbenen Teil gehören die T-Killerzellen (CD-8-Lym- Dimensionen beschrieben.
phozyten) mit ähnlicher Funktion und die T-Helferzellen
(CD-4-Lymphozyten), die eine wichtige unterstützende Der gebürtige Berliner Hans Eysenck (1916–1997), der
Rolle bei der Abwehr spielen (vgl. Birbaumer & Schmidt, als Jude 1934 vor den Nationalsozialisten über Frankreich
2010). Die Anzahl dieser und vieler anderer Zellen im Blut nach London emigrierte, beim Zwillingsforscher Cyril Burt
gibt Auskunft über die Aktivität des Immunsystems. Diese promovierte und 1955–1983 Direktor der psychiatrischen
Aktivität wird direkt über das ZNS und auch indirekt über Klinik der Londoner Universität war, fand 1953 auf der
hormonelle Systeme gesteuert. Sie lässt sich unter anderem Basis von Temperaments-Selbstbeschreibungen in Frage-
durch die Anzahl spezifischer Zellen im Blut messen, z. B. bögen, dass diese auf zwei relativ unabhängigen Dimensio-
Killer- und Helferzellen. Umgekehrt beeinflussen immu- nen variierten, die den Wundtschen Dimensionen recht gut
nologische Vorgänge das ZNS und darüber auch Erleben entsprachen.
und Verhalten. Die Dimension Extraversion (E; nicht Extroversion!)
mit den Polen „extravertiert – introvertiert“ entsprach
> Das Immunsystem steht in Wechselwirkung mit dem Wundts „Stärke der Gemütsbewegungen“. Eysenck (1953)
Zentralnervensystem und dadurch auch mit Erleben bezog sich dabei auf die Typenlehre des Schweizer Psycho-
und Verhalten. analytikers Carl Gustav Jung (1875–1961), der introvertierte
54 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

. Abb. 2.16  Nichtlineare Interaktion zwischen


Aktivierungspotenzial und Extraversion. (Mod. nach Eysenck &
Eysenck, 1985, © Michael W. Eysenck)

. Abb. 2.15  Zweidimensionales Temperamentssystem von


Eysenck. (Adaptiert nach Eysenck 1953, © Methuen)
starke Aktivierung ebenfalls (Übererregung), ergibt sich aus
diesen Annahmen ein nichtlinearer Zusammenhang zwi-
schen Aktivierungspotenzial und emotionaler Qualität, der
(„nach innen gekehrte“) Menschen als verschlossen, schwer bei Intro- und Extravertierten aufgrund der unterschiedli-
durchschaubar und mit intensivem Phantasie- und Gefühls- chen Schwellen verschieden ausfällt (vgl. . Abb. 2.16).
leben bei wenig Gefühlsausdruck beschrieb, extravertierte
(„nach außen gekehrte“) dagegen als zugänglich, freundlich, > Eysenck bezog Extraversion auf Unterschiede in der
ablenkbar und mit starkem Gefühlsausdruck aber geringem Aktivierbarkeit des ARAS.
Phantasie- und Gefühlsleben (Jung, 1921; vgl. . Abb. 2.15).
Die Dimension des Neurotizismus (N) mit den Polen Einen entsprechenden Zusammenhang vermutete Eysenck
„instabil – stabil“ entsprach Wundts „Schnelligkeit des (1967) zwischen Neurotizismus und Aktivierung des limbi-
Wechsels der Gemütsbewegungen“. Eysenck bezog sich schen Systems. Emotional labile Menschen sollten danach
dabei auf die Beobachtung, dass neurotische Patienten oft auf angst- oder stressauslösende Situationen stärker mit lim-
eine labile Stimmungslage haben. Dieses dimensionale Klas- bischer Aktivierung reagieren als emotional stabile.
sifikationssystem erwies sich als äußerst erfolgreich, weil Diese Hypothesen erwiesen sich als nur schwer über-
es in Fragebogenuntersuchungen immer wieder bestätigt prüfbar, weil sie im Falle von E eine aufwendige Variation
wurde. des Aktivierungspotenzials von Situationen von schwach
Zudem trug zum Erfolg des E-N-Systems bei, dass bis stark erforderten und es im Falle von N zu Eysencks
Eysenck (1967) eine erste neurowissenschaftliche Theorie Zeiten noch nicht möglich war, die Aktivität des limbischen
zur Erklärung von E und N formulierte. Hierbei bezog er Systems zu messen, das tief im Gehirn liegt und deshalb
sich auf neurophysiologische Forschungsergebnisse zur z. B. durch das EEG an der Schädeloberfläche kaum erfasst
Schlaf-Wach-Regulation und Aufmerksamkeitssteuerung werden kann.
durch Aktivität des aufsteigenden retikulären aktivierenden Dennoch regten Eysencks Annahmen die neurowis-
Systems (ARAS) im Hirnstamm. Introvertierte hätten eine senschaftliche Forschung zu E und N enorm an. Zwei For-
niedrigere physiologische Aktivierungsschwelle als Extra- schungslinien lassen sich dabei verfolgen. Erstens wurde
vertierte, sodass sie bereits in Situationen mit niedrigem versucht, Temperamentsunterschiede durch gleichzeitige
Aktivierungspotenzial (wenig mittlere Aktivierung in der Messung vieler physiologischer Parameter, z. B. Herzrate,
Altersgruppe) überdurchschnittlich aktiviert seien; bei typi- systolischer und diastolischer Blutdruck, Muskelspan-
scherweise stark erregenden Situationen greife jedoch bei nung zu erfassen. Der gebürtige Berliner Jochen Fahren-
Introvertierten der Schutzmechanismus der „transmargi- berg (geb. 1937) führte am Freiburger Institut für Psycho-
nalen Hemmung “, der zu einer niedrigeren Aktivierung logie ein solches Forschungsprogramm durch (Fahrenberg,
im Vergleich zu Extravertierten führe. Da zu geringe Akti- 1967), zunächst im Labor, später dann auch in Alltagssitua-
vierung emotional negativ getönt sei (Langeweile) und zu tionen mithilfe portabler Messgeräte (Fahrenberg & Myrtek,
2.4 · Neurowissenschaftliches Paradigma
55 2
1986). Wie in 7 Abschn. 2.4.3 näher erläutert wird, erwies
sich dieses Programm der „Freiburger Schule“ letztendlich
als eine Sackgasse, hauptsächlich bedingt durch eine feh-
lende Reaktionskohärenz (vgl. 7 Abschn. 2.4.1) der physio-
logischen Reaktionen.
Zweitens wurde versucht, Temperamentsunterschiede
auf bestimmte neurophysiologische Systeme zu beziehen.
Besonders einflussreich war dabei die Reinforcement Sen-
sitivity Theorie (RST) des Briten Jeffrey Gray (1934–2004),
dem Nachfolger von Eysenck an der Londoner Klinik.
Gray (1987) nahm an, dass Temperamentsunterschiede
auf Unterschieden in zwei neurowissenschaftlich beschreib-
baren Verhaltenssystemen beruhen, dem Verhaltensakti-
vierungssystem („behavioral activation system“, BAS) und
dem Verhaltenshemmungssystem („behavioral inhibition
system“, BIS). Das Verhaltensaktivierungssystem BAS orga-
nisiere die Reaktion auf konditionierte Reize, die Belohnung
oder Nichtbestrafung signalisieren, das Verhaltenshem-
mungssystem BIS organisiere die Reaktion auf Reize, die
unbekannt sind, oder auf konditionierte Reize, die Bestra-
fung oder Nichtbelohnung signalisieren (Gray, 1982). Die . Abb. 2.17  Zweidimensionales Temperamentssystem nach Gray.
Stärke des BAS (wie stark jemand empfänglich gegenüber (Mod. nach Gray, 1987, © 1987, with permission from Elsevier)
Belohnung und Nichtbestrafung ist) und die Stärke des
BIS (wie stark jemand empfänglich gegenüber Unbekannt-
heit, Strafe und Nichtbelohnung ist) würden zwei Tempe- als in Gesprächen mit Freunden, aber auch dann, wenn sie
ramentsdimensionen bilden, die man als Aktiviertheit und darüber informiert wurden, dass ihr Gesprächspartner sie
als Gehemmtheit bezeichnen könne. Diese Dimensionen nach dem Gespräch hinsichtlich Sympathie bewerten werde
würden denselben zweidimensionalen Temperamentsraum (das funktionierte sogar bei Freunden). Studierende, die
wie Eysencks E und N beschreiben, aber um 45° gedreht; sich als sozial ängstlich einschätzten, reagierten mit beson-
starke Gehemmtheit sei also durch hohe Werte in N und ders starker Hemmung auf beide Formen der Angstinduk-
niedrige in E gekennzeichnet, starke Aktiviertheit durch tion. Kleinkinder, die von ihren Eltern für sozial ängstlich
hohe Werte in E und niedrige in N (vgl. . Abb. 2.17). gehalten wurden, benötigten im Vergleich zu unängstlichen
Kindern mehr Zeit, um mit einem fremden Erwachsenen
> Gray bezog Temperamentsunterschiede auf die oder einem fremden Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen,
Stärke des Verhaltensaktivierungssystems BAS und nahmen aber mit einem Kind aus ihrer Kindergartengruppe
des Verhaltenshemmungssystems BIS und stellte genauso schnell Kontakt auf wie unängstliche Kinder; auch
einen Zusammenhang mit Eysencks E-N her. zeigten Beobachtungen in ihrer Kindergartengruppe, dass
sie länger brauchten, um sich in eine Gruppe bereits spie-
Diese Theorie kann z. B. erklären, warum sozial Ängstliche lender Kinder zu integrieren.
gegenüber unvertrauten Menschen, in großen Gruppen und Später wurde die Theorie von Gray selbst revidiert
dann, wenn sie erwarten abgelehnt oder ignoriert zu werden, (Gray & McNaughton, 2000) und von Corr (2008) weiter-
mit gehemmtem Verhalten reagieren – Situationen, deren geführt. Dabei wurde v. a. die Unterscheidung zwischen
Gemeinsamkeit auf den ersten Blick nicht deutlich wird. konditionierten und unkonditionierten Reizen aufgege-
Nach Gray ist aber genau das zu erwarten, denn sozial Ängst- ben. Alle Hinweisreize für Bestrafung aktivierten ein Fight-
liche sind durch ein starkes BIS charakterisiert, sollten also in Flight-Freezing-System (FFFS) und alle Hinweisreize auf
Situationen gehemmt reagieren, die unbekannt sind (unver- Belohnung ein Behavioral Approach System (BAS). Unbe-
traute Personen oder große Gruppen, in denen ja meist viele kannte Reize würden beide Systeme gleichzeitig aktivieren.
unvertraute Personen sind) oder die Bestrafung (Ableh- In diesem oder anderen Fällen einer simultanen Aktivierung
nung) oder Nichtbelohnung (Ignoriertwerden) signalisieren. komme es zu einem Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt,
Asendorpf (1989a, 1989b, 1990) konnte diese Vorher- der das Behavioral Inhibition System (BIS) aktiviere. Para-
sagen in mehreren Studien mit Studierenden und Klein- meter im EEG (z. B. die N2-Amplitude und die Error Related
kindern bestätigen. So verhielten sich Studierende in Negativity (ERN) Amplitude des ereigniskorrelierten Poten-
Gesprächen mit unbekannten Gleichaltrigen gehemmter zials) wurden als Indikatoren für Konflikt-Detektion und
56 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Reaktions-Monitoring mit ängstlicher Besorgtheit in (1999) Cloningers Dimension der Belohnungsabhängigkeit


Zusammenhang gebracht („anxious apprehension“, einem durch eine Dimension der Kontrolliertheit mit den Polen
spezifischen Aspekt von Gehemmtheit), in extremer Aus- Überkontrolle – Unterkontrolle, die sie auf das Serotonin-
2 prägung in Form der vermeidend-selbstunsicheren Per- System bezogen. Dennoch hatte Cloningers Theorie einen
sönlichkeitsstörung (7 Abschn. 3.5). Eine Metaanalyse von großen Einfluss auf psychopathologische und molekular-
Moser, Moran, Schroder, Donnellan und Yeung (2013) fand genetische Studien, weil sie von Anfang an beanspruchte,
einen Zusammenhang von -.35 zwischen ERN-Amplitude nicht nur Normalvarianten der Persönlichkeit, sondern
und selbstbeurteilter ängstlicher Besorgtheit. Diese Revision auch Persönlichkeitsstörungen und die genetische Basis
ist mit den Befunden zu sozialer Ängstlichkeit ebenfalls gut von Persönlichkeitsunterschieden auf einfache Weise ein-
vereinbar, weil soziale Ängstlichkeit im Gegensatz zu reiner heitlich zu beschreiben.
Vermeidung einen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt
beinhaltet (Asendorpf, 1989a, 1989b, 1990). > Cloningers Temperamentstheorie wurde bisher
noch am ehesten für den Zusammenhang zwischen
> Grays Reinforcement Sensitivity Theorie wird in Neuheitssuche und Dopamin-Aktivierung bestätigt.
revidierter Form weitergeführt und ergab erste Depue und Collins ersetzten Belohnungsab-
replizierbare Befunde zum Zusammenhang hängigkeit durch Kontrolliertheit.
zwischen ängstlicher Besorgtheit und Merkmalen
des ereigniskorrelierten Potenzials.
2.4.3 Methodik
Während Gray (1987) Temperamentsunterschiede auf die
Verhaltenssysteme BIS und BAS bezog, versuchte Clo- Wie die Geschichte der Neurowissenschaften insgesamt,
ninger (1987), zusätzlich einen Bezug zu den drei wichtigs- lässt sich auch die Geschichte des neurowissenschaftli-
ten Neurotransmittersystemen im Gehirn herzustellen (vgl. chen Paradigmas in der Persönlichkeitspsychologie als
. Tab. 2.3). Interindividuelle Unterschiede in der Suche nach Geschichte der Entwicklung immer feinerer Messmethoden
Neuheit bezog er auf die Stärke des BAS und ein Überwiegen verstehen. Jede methodische Neuerung regte neue neuro-
von Dopamin, Unterschiede in der Schadensvermeidung wissenschaftliche Forschung zur Erfassung von Persönlich-
auf die Stärke des BIS und ein Überwiegen von Serotonin keitsunterschieden an, z. B.
und Unterschiede in der Belohnungsabhängigkeit auf ein 55 Messung der Schweißdrüsenaktivität ab 1889 und des
drittes, von Gray nicht thematisiertes Verhaltensfortfüh- systolischen und diastolischen Blutdrucks ab 1905 als
rungssystem und ein Überwiegen von Noradrenalin. Maße der physiologischen Aktivierung,
Nach der Übersicht von Hennig und Netter (2005, 55 Einführung des Elektroenzephalogramms (EEG)
7 Kap. 3) wurde Cloningers Bezug zu Neurotransmittern zur Darstellung der an der Schädeldecke ableitbaren
noch am ehesten für Neuheitssuche bestätigt, nicht aber elektrischen Hirnaktivität ab 1924,
für die beiden anderen Temperamentsdimensionen. Es 55 Einführung des ambulanten Monitorings zur
ist auch unwahrscheinlich, dass eine einfache Zuordnung Aufzeichnung der physiologischen Aktivität, v. a. des
von Temperamentsdimensionen und Neurotransmittern Herz-Kreislauf-Systems, im Alltag durch tragbare
gelingen kann, weil die drei Verhaltenssysteme und die drei Messgeräte ab 1983,
Transmittersysteme untereinander interagieren können. 55 Einführung der funktionellen Magnetresonanz-
Neuere neurowissenschaftliche Ansätze wie der von Depue tomographie (fMRT) zur Darstellung von schnellen
und Collins (1999) beziehen sich deshalb auf komplexere Stoffwechselveränderungen im Gehirn ab 1990 (vgl.
Modelle der Verhaltensregulation, die solche Wechselwir- Henning & Netter, 2005, für eine Übersicht über diese
kungen einbeziehen. Hierbei ersetzten Depue und Collins Messmethoden).

. Tab. 2.3  Temperamentstheorie von Cloninger (1987)

Persönlichkeitsdimension Verhaltenssystem Neurotransmitter

Neuheitssuche („novelty seeking“) Verhaltensaktivierungssystem („behavioral activation system“) Dopamin


Schadensvermeidung („harm avoidance“) Verhaltenshemmungssystem („behavioral inhibition system“) Serotonin
Belohnungsabhängigkeit („reward Verhaltensfortführungssystem („behavioral maintenance Noradrenalin
dependence“) system“)
2.4 · Neurowissenschaftliches Paradigma
57 2
Hierbei lassen sich drei unterschiedliche methodische Ansatz nur gestellt, nicht aber beantwortet werden. Ihre
Zugänge zu persönlichkeitspsychologischen Fragestellun- Beantwortung erfordert Längsschnittstudien zur Wech-
gen unterscheiden: korrelativer, multivariater und system- selwirkung von Verhaltensdispositionen mit biologischen
orientierter Ansatz. Merkmalen über lange Zeiträume (Kreuzkorrelationsde-
signs; vgl. 7 Abschn. 3.7).

2.4.3.1 Korrelativer Ansatz > Im korrelativen Ansatz wird ein biologisches


Der korrelative Ansatz erfasst bei einer größeren Stichprobe Merkmal mit einer beurteilten oder beobachteten
von Menschen Persönlichkeitseigenschaften durch Frage- Persönlichkeitseigenschaft korreliert. Aussagen
bögen, Tests oder Verhaltensbeobachtung und korreliert über die Wirkungsrichtung können derartige
sie mit einem physiologischen Merkmal in eigenschafts- Studien nicht machen.
relevanten Situationen (vgl. . Abb. 2.18). Frühe Untersu-
chungen zu Eysencks Temperamentstheorie folgten diesem Ein weiteres Beispiel für den korrelativen Ansatz sind Unter-
Ansatz. Ein weiteres Beispiel sind Studien zu Persönlich- suchungen zum Zusammenhang zwischen Persönlichkeit
keitsunterschieden in der Verarbeitung von Ärger, in denen und Parametern des Immunsystems. z. B. Zahl von Killer-
Zusammenhänge zwischen empfundenem Ärger und dem und Helferzellen (vgl. Hennig, 2005). Ein Problem ist, dass
Ausdruck von Ärger (Ausagieren vs. Unterdrücken) einer- die Immunaktivität deutlich auf akute Erkrankungen und
seits und Herz-Kreislauf-Reaktionen (z. B. Herzrate, Blut- Stress reagiert, und zwar oft zunächst mit einer Abnahme
druck) andererseits untersucht werden (vgl. z. B. Stemmler, und dann mit einem kompensatorischen Überschießen
1997). Motiviert werden derartige Untersuchungen durch (vgl. Birbaumer & Schmidt, 2010). Diese intraindividuel-
die Annahme, dass sowohl das Unterdrücken als auch das len Veränderungen interferieren mit den interindividuel-
ungehemmte Ausagieren von Ärger Gesundheitsrisiken len Unterschieden, sodass Gesundheit und Stress sorgfältig
birgt. Typischerweise wird ein Parameter des Herz-Kreis- kontrolliert werden müssen, wenn es um Zusammenhänge
lauf-Systems zunächst in einer Ruhesituation gemessen zwischen Immunaktivität und Persönlichkeit geht. Mehrere
(„Baseline“) und dann im Verlauf einer Ärgerprovokation, Studien legen nahe, dass Neurotizismus mit einer reduzier-
z. B. durch den Versuchsleiter oder eine andere Versuchs- ten Immunaktivität korreliert (Reduktion der Zahl natür-
person, die dazu gebracht wird, sich unfair zu verhalten. Die licher Killerzellen und T-Helferzellen; vgl. Hennig, 2005).
Stärke und die Dauer einer erhöhten physiologischen Reak- Viele Untersuchungen im Rahmen des korrelativen
tion nach der Ärgerprovokation, korrigiert für das jeweilige Ansatzes fanden nur niedrige, nicht replizierbare Ergeb-
Baseline-Niveau, werden dann mit anderweitig gemessenen nisse, v. a. wenn die physiologische Messung im Labor nur
Persönlichkeitseigenschaften in Beziehung gesetzt, z. B. mit einmal erfolgte und Persönlichkeitseigenschaften durch
selbstberichteter Aggressivität, Feindseligkeit oder Neigung Selbstbeurteilungen in Fragebögen erfasst wurden. Die
zur Unterdrückung vs. zum Ausagieren von Ärger. Gesamtbilanz für die Persönlichkeitspsychologie ist ernüch-
Hierbei zeigte sich in vielen Studien v. a. ein Zusammen- ternd: Die Zusammenhänge sind so schwach, dass eine Ope-
hang zwischen Defensivität und chronischer Ärgerunter- rationalisierung von Persönlichkeitseigenschaften durch
drückung mit dem Blutdruck (Jorgensen, Johnson, Kolod- physiologische Merkmale nicht sinnvoll ist, nicht einmal
ziej & Schreer, 1996). Da außerdem Feindseligkeit der wohl bei Temperamentsmerkmalen (vgl. z. B. die Übersicht von
stärkste psychologische Risikofaktor für koronare Herzer- Myrtek, 1998a). Dies liegt an mehreren Faktoren:
krankungen ist (Miller, Smith, Turner, Guijarro & Hallet, 55 zeitliche Instabilität der interindividuellen Unter-
1996), liegt die Interpretation nahe, dass es einen Zusam- schiede in den physiologischen Messungen, weil sie
menhang zwischen inadäquater Ärgerverarbeitung und meist in nur einer einzigen Laborsituation erfolgen,
koronarer Herzerkrankung gibt, der über chronisch erhöh- 55 störender Einfluss nicht interessierender individueller
ten Blutdruck vermittelt ist. Es könnte aber auch sein, dass Merkmale (z. B. niedrigere Herzrate bei Sportlern
eine genetisch bedingte Tendenz, auf ärgerliche Situationen in Herz-Kreislauf-Untersuchungen zu Ängstlichkeit
stark physiologisch zu reagieren, psychologisch zu Feindse- oder Reaktivität unter Stress),
ligkeit und biologisch zu koronarer Herzerkrankung führt. 55 individuelle Reaktionshierarchien (Personen reagieren
Kausalfragen wie diese können durch den korrelativen auf Belastung mit individualtypischen physiologischen
Reaktionen (vgl. . Abb. 2.5 in 7 Abschn. 2.1.4),
55 Systemunspezifität der physiologischen Reaktionen:
Die gemessenen Reaktionen werden meist durch
mehrere unterschiedliche physiologische Systeme
. Abb. 2.18  Der korrelative Ansatz im neurowissenschaftlichen beeinflusst. Dies schwächt die Korrelationen zwischen
Paradigma einer Situation und einer gemessenen Reaktion.
58 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

> Der korrelative Ansatz ergab meist nur niedrige Ein weiteres Problem korrelativer und multivariater Labor-
oder gar keine Korrelationen zwischen einer studien ist, dass sie physiologische Reaktionen in Situatio-
bestimmten beurteilten oder beobachteten nen untersuchen, in denen das Verhalten der Versuchsper-
2 Persönlichkeitseigenschaft und einer bestimmten sonen deutlich eingeschränkt ist (z. B. ist meist ihre Bewe-
physiologischen Variable. Die Gründe: mangelnde gungsfähigkeit extrem eingeschränkt, weil sie mit Mess-
Zeitstabilität der interindividuellen Unterschiede apparaturen verkabelt sind). Deshalb ist es nicht klar, ob
in den physiologischen Messungen, individuelle Befunde in diesen ungewöhnlichen Situationen auf den
Reaktionshierarchien, Systemunspezifität der Alltag übertragbar sind (vgl. 7 Unter der Lupe).
physiologischen Reaktionen.

Unter der Lupe


2.4.3.2 Multivariater Ansatz
Der korrelative Ansatz kann erweitert werden, indem bei Soziale Ängstlichkeit im Alltag von Kindern
jeder Person mehrere physiologische Reaktionen in einer In Laborstudien, in denen Kinder mit neuartigen
oder auch mehreren eigenschaftsrelevanten Situationen Reizen konfrontiert werden (z. B. eine fremde
simultan erfasst werden. So kann die Reaktionskohärenz Erwachsene), wird meist ein Zusammenhang
und bei Messungen in mehreren Situationen auch die trans- zwischen der elternbeurteilten Ängstlichkeit der
situative Konsistenz der physiologischen Reaktionen unter- Kinder in sozialen Situationen und einer erhöhten
sucht werden (vgl. 7 Abschn. 2.1). Am konsequentesten Herzrate gegenüber Baseline gefunden, die als
wurde dieser Ansatz in der „Freiburger Schule“ von Fahr- erhöhte ängstliche Erregung interpretiert wird (vgl.
enberg und Mitarbeitern verfolgt (Fahrenberg & Myrtek, Kagan & Snidman, 2004). Asendorpf und Meier (1993)
2005); vgl. 7 Die klassische Studie. konnten dies bei Zweitklässlern für normale Alltagssi-
tuationen nicht bestätigen. Die Kinder trugen an
mehreren Schultagen ein portables Messgerät, das
Die klassische Studie kontinuierlich ihre Herzrate und ihre Sprechaktivität
Multivariate Laborstudie zur Stress-Reaktivität zwischen 8 und 18 Uhr aufzeichnete; abends wurden
Stemmler (1992) untersuchte bei 48 Versuchs- alle Interaktionssituationen der Kinder erfragt, wobei
personen 9 verschiedene Variablen des Herz-Kreis- 98% der objektiv erfassten Gesprächssituationen dem
lauf-Systems in 22 verschiedenen Situationen, die abendlichen Protokoll zugeordnet werden konnten.
mehr oder weniger stressvoll waren. Nach Mittelung Obwohl die laut Elternurteil besonders ängstlichen
der Daten jeder physiologischen Variable über Kinder in angsterregenden Situationen (Schulpausen
Personen ergaben sich deutliche Zusammenhänge und unvertraute Situationen am Nachmittag) wie
beim Vergleich der 22 Situationen. Je höher z. B. nach der Theorie von Gray (1987) erwartet eine
die mittlere Herzrate in einer Situation war, umso geringere Gesprächsbeteiligung aufwiesen, war
höher waren auch systolischer und diastolischer ihre Herzrate in diesen Situationen nicht höher
Blutdruck, Zahl der Hautleitfähigkeitsreaktionen und als die unängstlicher Kinder. Diese Diskrepanz zu
die Muskelspannung im Mittel über alle Personen. Es den Laborbefunden dürfte auf den deutlichen
handelte sich also um physiologische Maße, die auf Zusammenhang zwischen motorischer Aktivität und
Stress ansprachen. Herzrate zurückgehen. Bewegung und Sprechen
Ganz anders fielen aber die Ergebnisse aus, wenn erhöht die Herzrate; so betrug der Unterschied
die Daten jeder physiologischen Variable bei jeder zwischen Sprechen und Schweigen in der Studie von
Person über alle Situationen gemittelt wurden Asendorpf und Meier (1993) im Mittel 8,6 Herzschläge
und dann die Personen in ihrer mittleren Stressre- pro Minute. Dies erklärt den fehlenden
aktivität in den Variablen verglichen wurden. Hier Zusammenhang zwischen Ängstlichkeit und Herzrate
gab es fast gar keine Zusammenhänge; z. B. hing die im Alltag: Die gehemmten Kinder sprachen weniger
mittlere Herzrate der Personen in den 22 Situationen und bewegten sich vermutlich auch weniger in den
überhaupt nicht mit ihrem systolischen oder hemmenden Situationen, was einen Anstieg ihrer
diastolischen Blutdruck zusammen: Wer eine hohe Herzrate aufgrund ängstlicher Erregung kompensiert
Herzrate aufwies, konnte genauso gut einen hohen haben dürfte.
wie einen niedrigen Blutdruck aufweisen. Die Suche
nach physiologischen Maßen, in denen sich Personen
in ihrer Herz-Kreislauf-Aktivität in kohärenter Weise Ganz allgemein können Persönlichkeitsunterschiede in den
unterscheiden, war damit gescheitert. typischen neurowissenschaftlichen Laborsituationen, in
denen Versuchspersonen verkabelt sind, andere neuronale
2.4 · Neurowissenschaftliches Paradigma
59 2
und hormonelle Korrelate zeigen als im Alltag. Deshalb und dann gefragt werden, in welcher Weise sich seine Aktivi-
v. a. wegen der größeren praktischen Relevanz der Befunde tät zwischen Menschen ähnlichen Alters unterscheidet.
im Alltag hat sich aus zunächst medizinisch motivierten Oder es kann umgekehrt von einer bestimmten Persön-
Untersuchungen der Herz-Kreislauf-Reaktivität in den lichkeitseigenschaft wie z. B. Gehemmtheit oder ängst-
letzten Jahren ein eigener Zweig der neurophysiologischen liche Besorgtheit ausgegangen werden und dann gefragt
Forschung entwickelt, der physiologische Reaktionen im werden, ob die Aktivität des biologischen Systems, z. B.
Alltag untersucht („ambulantes Monitoring“; vgl. Fahren- des Behavioral Inhibition Systems (BIS) mit der Ausprä-
berg, Leonhart & Foerster, 2002). Gemessen werden v. a. gung dieser Persönlichkeitseigenschaft zusammenhängt.
Herz-Kreislauf-Reaktionen, Bewegung und Sprechaktivität. Da solche Systeme sich meist durch viele unterschiedliche
Das Ergebnis der zunächst auf das Herz-Kreislauf-Sys- Aktivitätsparameter beschreiben lassen, läuft auch dieser
tem gerichteten Studien kann in drei Punkten zusammen- Ansatz letztendlich auf multivariate Analysen hinaus,
gefasst werden (vgl. Fahrenberg et al., 2002; Fahrenberg & aber es wird mehr in das Verständnis des interessieren-
Myrtek, 2005): den Systems investiert, während im multivariaten Ansatz
55 Im Alltag ist die intraindividuelle Variabilität von die Wahl der Reaktionen oft eher danach getroffen wird,
Blutdruck und Herzfrequenz größer als im Labor, was welche Messverfahren gerade zur Hand sind. Pointiert
v. a. auf die Bewegungsaktivität zurückgeführt werden ausgedrückt: Beim traditionellen multivariaten Ansatz
kann. Nach deren Kontrolle ist die intraindividuelle bestimmt die Technik, was gemessen wird, beim system-
Variation durch emotionale oder kognitive Belastung orientierten Ansatz bestimmen es die Systemfunktionen
ähnlich groß wie im Labor. (soweit sie bekannt und messbar sind).
55 Ein Vergleich zwischen individuellen Veränderungen Ein Beispiel sind die Studien von Depue und Mitarbei-
in Herz-Kreislauf-Parametern und subjektiven tern, in denen Zusammenhänge zwischen positiver Emo-
Berichten über Stress- und Emotionserleben im tionalität und der Reaktivität eines umschriebenen dopami-
Alltag zeigt durchweg Nullkorrelationen zwischen der nergen Systems im limbischen System untersucht wurden
physiologischen und der subjektiv-verbalen Ebene. (Depue & Collins, 1999). Die Funktion des dopaminergen
Mit anderen Worten: Das Erleben der Personen folgt Systems im limbischen System besteht in der Verstärkung
ganz anderen Gesetzen als ihre Herz-Kreislauf-Reak- motivationaler Annäherungstendenzen. Die Reaktivität
tionen. Die Hauptursache dieser Dissoziation wird in wurde durch einen sog. Challenge-Test (pharmakologischer
der mangelhaften Wahrnehmbarkeit der Herz-Kreis- Provokationstest) gemessen. In solchen Tests wird durch ein
lauf-Aktivität gesehen. Abgesehen von Phänomenen Psychopharmakon ein Transmittersystem stimuliert, von
wie dem Herzklopfen können wir viele medizinisch dem bekannt ist, dass es zu bestimmten zentralnervösen
wichtige Veränderungen wie z. B. starke Blutdruck- oder hormonellen Antworten führt, die dann im EEG bzw.
steigerungen kaum wahrnehmen. im Blut gemessen werden. Veränderungen der Gehirnak-
55 Neurotizismus korreliert nicht mit Herz-Kreislauf- tivität werden also peripher messbar gemacht. Depue und
Variablen im Alltag, selbst dann, wenn verschiedene Mitarbeiter stimulierten das dopaminerge System im lim-
Patientengruppen miteinander verglichen werden, bischen Mesokortex und maßen dann Veränderungen im
zwischen denen deutliche Unterschiede im Herz- Hormon Prolaktin. Wie theoretisch vorhergesagt, fanden sie
Kreislauf-Verhalten im Alltag nachweisbar sind. in zwei Studien deutliche Zusammenhänge zwischen selbst-
beurteilter positiver Emotionalität (Fragebogen) und der
> Die Befunde des ambulanten Monitorings der Abnahme von Prolaktin.
Herz-Kreislauf-Aktivität bestätigen die Befunde der Dieser Ansatz kann noch erweitert werden, indem
Laborforschung, wonach es für die untersuchten ein Challenge-Test mit einer gezielten situativen Aktivie-
physiologischen Reaktionen keine deutlichen rung des interessierenden neuronalen Systems verbunden
Zusammenhänge zwischen subjektiv-verbaler und wird und nicht nur eine physiologische Variable (Prolak-
physiologischer Ebene gibt. tin), sondern mehrere physiologische und Verhaltensmaße
untersucht werden (. Abb. 2.19). Zum Beispiel aktivierten
Wacker, Chavanon und Stemmler (2006) das o. g. dopami-
2.4.3.3 Systemorientierter Ansatz nerge System durch Belohnung bei der Bearbeitung kogni-
Eine Alternative zum multivariaten Ansatz stellt der sys- tiver Aufgaben, maßen die Reaktivität des Systems mittels
temorientierte Ansatz dar. Ausgangspunkt ist ein anato- EEG und Reaktionszeitmessungen und verglichen die
misch und physiologisch möglichst genau umschriebenes Resultate zwischen einem Challenge-Test und einer Place-
biologisches System. Dann wird entweder nach Quellen bo-Bedingung, in der ein unwirksames Mittel verabreicht
individueller Besonderheiten in der Systemfunktion wurde. Sie konnten auf diese Weise die erwarteten Zusam-
gesucht. So können z. B. bestimmte Teile des dopaminer- menhänge zwischen positiver Emotionalität, Challenge vs.
gen Systems als Einheit betrachtet werden und es kann Placebo und EEG- und Reaktionszeitmaßen dopaminerger
60 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

2.4.4 Stellenwert in der


Persönlichkeitspsychologie

2 Viele Neurowissenschaftler sind mehr oder weniger expli-


zit der Überzeugung, dass die von ihnen untersuchten Pro-
zesse und Phänomene „grundlegender“ seien als das direkt
beobachtbare Verhalten und berichtete Erleben und diese
Meinung beherrscht derzeit auch die öffentliche Meinung
über den Stellenwert neurowissenschaftlicher vs. psycholo-
gischer Erkenntnisse. „Grundlegender“ wird dabei durch-
. Abb. 2.19  Der systemorientierte Ansatz im
neurowissenschaftlichen Paradigma
aus kausal verstanden: Neurowissenschaftlich Beschrie-
benes sei eine „Ursache“ für psychologisch Beschriebe-
nes. Das ist besonders dann problematisch, wenn es sich
Aktivierung bestätigen. Dieses Beispiel macht deutlich, wie um neuroanatomische Korrelate psychologischer Phäno-
komplexe Versuchspläne mit pharmakologischer und psy- mene handelt, weil in diesem Fall die Richtung der Kau-
chologischer gezielter Stimulierung spezifischer physiolo- salität besonders klar scheint. Wenn z. B. gefunden würde,
gischer Systeme genutzt werden können, um theoriegelei- dass sich Homosexuelle von Heterosexuellen in der Ana-
tet Zusammenhänge zwischen Situationen, Personen und tomie bestimmter Hirnareale unterschieden, wird daraus
Reaktionen zu testen. typischerweise der Schluss gezogen, damit sei „die biolo-
Beim systemorientierten Ansatz werden die untersuch- gische Basis“ der Homosexualität gefunden und diese bio-
ten Reaktionstypen auf ein umschriebenes biologisches logische Basis „erkläre“ Homosexualität. Übersehen wird
System beschränkt und Situationen ebenfalls auf dieses dabei, dass genauso gut homosexuelles Verhalten anato-
System möglichst genau zugeschnitten. Deshalb besteht mische Veränderungen nach sich gezogen haben mag; in
die Hoffnung, auf diese Weise aus der Sackgasse der tradi- diesem Fall wäre also eine psychologische Basis für anato-
tionellen korrelativen und multivariaten Forschung heraus- mische Unterschiede gefunden.
zukommen. Das sollte umso besser gelingen, je besser die Jeder Sportler weiß, dass intensiver Sport längerfristig
Funktionsweise des jeweils betrachteten Systems und die zu körperlichen Veränderungen führt, eingeschlossen ana-
möglichen Quellen der interindividuellen Variation seiner tomische Veränderungen der Muskeln und eine Senkung
Aktivität verstanden sind. der Herzrate in Ruhe. Verhalten kann auch neuroanatomi-
Der Übersicht von Hennig und Netter (2005) über sys- sche Veränderungen verursachen. So variierte z. B. Breed-
temorientierte Ansätze kann entnommen werden, dass love (1997) experimentell die Möglichkeit von Ratten,
es zahlreiche Studien für viele neuronale und hormo- Geschlechtsverkehr zu haben, und fand, dass häufigerer
nelle Systeme gibt. Diese Einzelstudien weisen aber nur in Geschlechtsverkehr die Größe bestimmter, am Sex betei-
wenigen Fällen einen kumulativen Wissensfortschritt der ligter Neurone erhöhte: Sex wirkte auf das Gehirn.
Art auf, dass es einen durch Replikationen aus unterschied- Die biologistische Annahme, dass die Kausalität grund-
lichen Laboren gesicherten Wissensbestand über interin- sätzlich von der neuronalen Ebene zur Verhaltensebene
dividuelle Unterschiede in der Aktivität solcher Systeme fließt, ist genauso inadäquat wie die psychologistische
gibt, der durch nachfolgende Untersuchungen nur noch Annahme in älteren psychosomatischen Theorien, dass
zu verfeinern wäre. Das gilt auch für Persönlichkeitsunter- bestimmte Krankheiten grundsätzlich eine psychische
schiede in der immunologischen Aktivität. Am weitesten Ursache haben. Dem heutigen Wissensstand angemessen
fortgeschritten scheint derzeit die persönlichkeitspsycho- ist vielmehr die interaktionistische Auffassung, dass je nach
logisch orientierte Forschung zur Reinforcement Sensitivity Phänomen mal die eine und mal die andere Kausalrichtung
Theorie, zum Dopamin-System und zu Geschlechtshormo- überwiegt und in anderen Fällen beide Kausalrichtungen
nen zu sein (7 Abschn. 7.1). gleich stark sind (. Abb. 2.20).

> Im systemorientierten Ansatz werden beurteilte > Biologistische Auffassungen, wonach Ursachen für
oder beobachtete Persönlichkeitseigenschaften auf psychologische Phänomene primär in neurowis-
die Aktivität eines möglichst genau umschriebenen senschaftlichen Phänomenen zu suchen seien,
biologischen Systems bezogen. Hierbei wird die und psychologistische Auffassungen, wonach
Aktivität des Systems durch maßgeschneiderte das Umgekehrte gilt, sind zu einseitig. Je nach
Situationen bzw. Psychopharmaka experimentell Phänomen dominiert eher die eine oder die andere
variiert. Kausalrichtung.
2.4 · Neurowissenschaftliches Paradigma
61 2
Aufbau dieser Wissenschaften derart gibt, dass z. B. Psy-
chologie auf Biologie gründet, dass es aber in jeder Wissen-
schaft emergente Phänomene gibt, die sich nicht durch die
hierarchisch darunter angesiedelten Wissenschaften auf-
klären lassen. Aus dieser Sicht ist die Neurowissenschaft
grundlegender als die Psychologie, aber die Psychologie
lässt sich nicht auf die Neurowissenschaft reduzieren, weil
. Abb. 2.20  Die interaktionistische Sichtweise im
neurowissenschaftlichen Paradigma
sie Phänomene enthält, die sich psychologisch, nicht aber
neurowissenschaftlich beschreiben lassen. Demnach wäre
ein gewisser Graben zwischen manchen psychologischen
Insgesamt ist das neurowissenschaftliche Paradigma derzeit und manchen neurowissenschaftlichen Konstrukten ganz
noch weit davon entfernt, das inhaltliche Verständnis von selbstverständlich.
Persönlichkeitseigenschaften wesentlich zu verbessern. Das
gilt selbst für die scheinbar „besonders physiologienahen“ > Trotz des rasanten Fortschritts der Neurowissen-
Temperamentsmerkmale, scheinbar insofern, als ohnehin schaften ist ihr Ertrag für das Verständnis von
alles menschliche Erleben und Verhalten eine neuronale Persönlichkeitsunterschieden derzeit gering. Ein
Basis hat. Das Hauptproblem ist einerseits, dass das Ver- grundsätzliches Problem besteht darin, dass Erleben
ständnis der einzelnen biologischen Systeme und erst recht und Verhalten emergente Eigenschaften haben,
ihrer Variation von Person zu Person noch äußerst bruch- die sich neurowissenschaftlich nicht beschreiben
stückhaft ist. Das zweite Problem ist der Graben zwischen lassen.
dem neurophysiologisch Messbaren und dem subjektiv-ver-
bal Berichtbaren, der mit zunehmendem Wissen über die ? Fragen
neurophysiologische Ebene eher noch tiefer und unüber- 2.23 Nennen Sie einige persönlichkeitspsychologisch
brückbarer erscheint. wichtige biochemische Substanzen und deren
Möglicherweise wird dieser Graben erst dann besser Funktion (→ siehe . Tab. 2.2)
überbrückt werden können, wenn das subjektive Erleben 2.24 Wie lässt sich unter anderem die Aktivität des
und die gespeicherten Gedächtnisinhalte selbst neuro- Immunsystems messen? (→ Anzahl von Killer-
physiologisch beschreibbar werden. Das erfordert eine und Helferzellen)
Lösung des Bewusstseinsproblems (was entspricht bewuss- 2.25 Wie wird Temperament definiert? (→ Drei A der
tem Erleben auf neurophysiologischer Ebene?) und des Persönlichkeit)
Gedächtnisproblems (was entspricht Gedächtnisinhalten 2.26 Wer lernt nach Eysencks Theorie besser bei
auf neurophysiologischer Ebene?). Solange diese beiden leichter Hintergrundmusik: Introvertierte oder
Grundprobleme der Neurowissenschaft ungelöst sind, Extravertierte? (→ Extravertierte, da sie diese
dürfte der Graben unüberwindlich bleiben. Stimulation eher brauchen als Introvertierte)
Möglicherweise ist es aber auch gar nicht sinnvoll, den 2.27 Auf welchen Verhaltenssystemen beruhen
Graben ganz überwinden zu wollen. Denn letztendlich liefe Temperamentsunterschiede nach Gray? Bezug
das ja auf eine Reduktion der Psychologie auf die Neuro- zu Eysenck? Bestätigung? (→ BAS und BIS,
wissenschaft hinaus. Dagegen spricht auf den ersten Blick Drehung um 45°, Studien von Asendorpf zu
erst einmal nicht viel. Wenn alles menschliche Erleben und sozialer Ängstlichkeit)
Verhalten auf Informationsverarbeitungsprozessen beruht 2.28 Welcher Zusammenhang zwischen
und diese wiederum auf neuronaler Aktivität, müsste sich Temperament und Neurotransmittern
die gesamte Psychologie neurowissenschaftlich rekonstru- in der Theorie von Cloninger wurde am
ieren lassen. Mit gleichem Recht könnte allerdings dann ehesten bestätigt? (→ Neuheitssuche und
auch argumentiert werden, dass sich die Neurowissenschaft Dopamin-System)
„letztlich“ auf Chemie und diese sich auf Physik reduzieren 2.29 Kann man aus hohen Korrelationen
lasse. An dieser Stelle greifen üblicherweise dann Philoso- physiologischer Reaktionen über Situationen
phen ein mit dem Argument, die Physik sei „letztlich“ eine auf hohe Korrelationen über Personen
Erfindung des menschlichen Gehirns und daher sei diese schließen? Warum nicht? (→ Studie von
reduktionistische Argumentation ein Zirkelschluss (vgl. Stemmler; individuelle Reaktionshierarchien
hierzu das alternative Konzept des „Kreisgangs durch den verhindern Schlussfolgerung)
Garten der Natur“ von Weizsäcker, 1985). 2.30 Warum kann unter Alltagsbedingungen ein
Vermutlich mehrheitsfähig in den Erfahrungswissen- Zusammenhang Persönlichkeit – Physiologie
schaften ist die Sicht, dass es zwar einen hierarchischen anders ausfallen als im Labor? Beispiel?
62 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

(→ dasselbe System kann unterschiedliche enthält der Zellkern jeder Zelle (mit Ausnahme der Ei-
Funktionen haben; Herzrate bei ängstlichen und Spermazellen) die vollständige genetische Informa-
Kindern) tion (das Genom); zusätzlich gibt es in den Mitochondrien
2 2.31 Kann Verhalten auf neuronale Strukturen oder der Zelle kleinere Mengen DNA, die von der mütterlichen
neuronale Funktionen wirken? Beispiele? (→ Eizelle abstammen (rein weiblicher Erbgang). Die DNA im
Studie von Breedlove, Herzrate bei Sportlern) Zellkern zerfällt in 2 × 23 Chromosomen. Die Gene sind
Abschnitte auf den Chromosomen, die durch ihre Funktion
Mehr lesen im Stoffwechsel definiert werden; sie können von Mensch zu
Mensch in ihrer Struktur variieren (unterschiedliche Allele
DeYoung, C.G. (2010). Personality neuroscience and desselben Gens). Im Rahmen des Humangenomprojekts
the biology of traits. Social and Personality Psychology (1990–2003) wurde fast das gesamte Genom des heutigen
Compass, 4, 1165–1180. Menschen kartiert; hierbei ergaben sich ca. 25 000 verschie-
Hennig, J. & Netter, P. (Hrsg.) (2005). Biopsychologische dene Gene, die jeweils wiederum in verschiedenen Allelen
Grundlagen der Persönlichkeit. München: Elsevier. auftreten können (http://genomics.energy.gov/).
Die Gene variieren zwischen biologischen Arten; z. B.
teilen der heutige Mensch und der Schimpanse ca. 94%
ihrer Gene (Demuth, De Bie, Stajich, Cristianini, & Hahn,
2006) und der heutige Mensch und der Neandertaler ca.
2.5 Molekulargenetisches Paradigma 99% (Green et al., 2010). Heutige Menschen unterscheiden
sich nicht in ihren Genen (darin sind sie zu 99,9% iden-
Der Augustinermönch Gregor Mendel (1822–1884) ent- tisch), sondern in ihrem Allelmuster (in welcher Variante
deckte in langjährigen Kreuzungsversuchen an Erbsen im ihre Gene jeweils vorkommen). Das Humangenompro-
Garten seines Klosters in Brünn (heute das tschechische jekt beruhte nur auf Genen weniger Menschen, sodass
Brno) Vererbungsregeln für Merkmale, in denen sich die die Variationsbreite der Allele systematisch unterschätzt
Erbsen unterschieden. Zwar publizierte Mendel die Ergeb- wurde. Deshalb wurde 2008 das 1 000-Genome-Projekt ins
nisse (Mendel, 1866), aber sie wurden von den Biologen Leben gerufen, in dem die Genome von inzwischen über
seiner Zeit nicht wahrgenommen. Erst um 1900 wurde die 2 500 Menschen aus 26 unterschiedlichen Kulturkreisen
grundlegende Bedeutung dieser Vererbungsregeln deut- sequenziert wurden (The 1 000 Genomes Project Consor-
lich. Es dauerte dann immer noch bis in die 1940er-Jahre tium, 2010, 2015). Dadurch lassen sich detaillierte Daten
hinein, bis die auf Kreuzungsexperimenten an Pflanzen und über die Variation der Allelmuster innerhalb und zwischen
Tieren gegründete Vererbungslehre mit der Verhaltensgene- Kulturen gewinnen.
tik und der Evolutionstheorie zur modernen Synthese der Nach dem weithin akzeptierten zentralen Dogma der
Evolutionsbiologie verknüpft wurde (Huxley, 1942). Sie sah Molekularbiologie (Crick, 1970) verändert sich das Allel-
in der Variation einzelner Gene in Form qualitativ unter- muster zwischen Zeugung und Tod nicht (abgesehen von
schiedlicher Allele (Gen-Varianten) die Grundlage für die seltenen, zufälligen Mutationen einzelner Gene). Damit
von Darwin (1859) beschriebene Variation innerhalb biolo- liegt es nahe, individuelle Besonderheiten in der Persönlich-
gischer Arten. Zum Beispiel tritt das menschliche Blutgrup- keit auf das individualtypische Allelmuster in diesen Genen
pen-Gen in den drei Allelen A, B, 0 auf und die Vererbung zu beziehen. Dies ist das molekulargenetische Paradigma
der Blutgruppe folgt den Mendelschen Regeln. der Persönlichkeitspsychologie (Ebstein, 2006).

> Gregor Mendel entdeckte 1866 die ersten > Das molekulargenetische Paradigma versucht,
Vererbungsregeln für die Allele von Genen; erst die Persönlichkeit auf das individualtypische
1942 wurden Vererbungslehre, Verhaltensgenetik Allelmuster zu beziehen.
und Evolutionstheorie zur modernen Synthese der
Evolutionsbiologie vereinigt.
2.5.1 Genetik
Im Jahr 1953 entdeckten der US-Amerikaner James D.
Watson und der Brite Francis Crick gemeinsam die bio- Das molekulargenetische Paradigma versucht also, eine
chemische Struktur der DNA („desoxyribonucleid acid“, Brücke vom Genom hin zur Persönlichkeit zu schlagen.
dt. Desoxyribonukleinsäure) in Form einer „Doppelhelix“ Das scheint auf den ersten Blick einfach, denn aus der Kon-
und legten damit die Grundlage für die molekulargenetische stanz des Genoms und der Annahme, dass Gene direkt auf
Erforschung des Genoms von Lebewesen. Beim Menschen die Persönlichkeit wirken, wird oft der Schluss gezogen, dass
2.5 · Molekulargenetisches Paradigma
63 2
der genetische Einfluss auf die Persönlichkeit im Verlauf
des Lebens ebenfalls konstant und – außer durch gentech- Die klassische Studie
nologische Maßnahmen – nicht veränderbar sei. Da nach Das IQ-QTL Projekt
den Befunden der Verhaltensgenetik Persönlichkeitsunter- Plomin et al. (1994a) untersuchten zwei unabhängige
schiede zu ca. 50% auf genetischen Unterschieden beruhen Stichproben weißer US-amerikanischer Kinder,
(vgl. 7 Abschn. 6.2), sollten sich diese genetischen Unter- die nach hohem und niedrigem IQ vorausgelesen
schiede konkretisieren lassen, indem Persönlichkeitsunter- wurden. Sechzig Allelmarker für Genomregionen,
schiede direkt mit genetischen Unterschieden korreliert die an neuronaler Aktivität beteiligt sind, wurden
werden. Zusammenhänge zwischen der Ausprägung einer zunächst in der ersten Stichprobe auf überzufällige
Eigenschaft und dem Vorkommen bestimmter Allele ließen Häufigkeitsunterschiede zwischen Kindern mit
sich dann kausal interpretieren als direkte Verursachung niedrigem IQ (Mittelwert IQ = 82) und hohem IQ
dieser Eigenschaft durch die Allele. (Mittelwert IQ = 130) geprüft. Acht Marker zeigten
Die bisherige, kurze Geschichte des molekulargeneti- überzufällige Unterschiede. Mit ihnen wurde die
schen Paradigmas legt allerdings nahe, dass ein einfaches zweite Stichprobe aus Kindern mit sehr niedrigem IQ
Korrelieren von Allelen mit Persönlichkeitseigenschaf- (Mittelwert IQ = 59) und sehr hohem IQ (Mittelwert
ten wenig Erfolg versprechend scheint. Drei verschie- IQ = 142) getestet. Kein einziger Marker zeigte einen
dene Ansätze lassen sich hierbei unterscheiden. Zunächst überzufälligen Unterschied.
könnte man daran denken, dem Ansatz der medizini-
schen Humangenetik zu folgen, die Erbkrankheiten nach
den Mendelschen Vererbungsregeln mithilfe von Stamm- Zahlreiche weitere Versuche, Intelligenzunterschiede durch
baumanalysen untersucht und das Auftreten dieser Krank- QTLs zu erklären, ergaben lediglich Hinweise auf einen
heiten in Familien mit dem Vorkommen bestimmter Allele einzigen QTL (das möglicherweise auch an Alzheimer
bei den Familienangehörigen in Beziehung setzt. Auf diese beteiligte APOE-Gen), der aber nur 3% der IQ-Variabili-
Weise konnten bisher über 3 000 Erbkrankheiten durch tät erklärt (Deary, Penke & Johnson, 2010). Ähnliches gilt
jeweils ein oder wenige Allele erklärt werden (vgl. für eine für die Befundlage zu einem Gen für den Dopamin-Rezep-
Übersicht die Datenbank „Online Mendelian Inheritance tor D4, dem DRD4-Gen auf dem 11. Chromosom. Wie bei
in Man“, www.ncbi.nlm.nih.gov/sites/entrez?db=omim ). vielen anderen Genen auch bestehen in diesem Fall die ver-
Diese Allele erklären zwar pathologische Merkmale, sind schiedenen Allele aus unterschiedlich häufigen Wiederho-
aber so selten, dass durch sie Persönlichkeitsunterschiede lungen eines bestimmten Genabschnittes (2–8 Wiederho-
im Normalbereich nur unwesentlich aufgeklärt werden lungen in diesem Fall). Die Zahl der Wiederholungen beein-
können (Plomin, 1990). Zum Beispiel sind inzwischen flusst die Effizienz, mit der der Neurotransmitter Dopamin
Hunderte von Allelen bekannt, die den IQ massiv beein- aufgenommen wird, d. h. die Allele beeinflussen direkt den
trächtigen, aber alle zusammen können letztlich nur einen Dopaminstoffwechsel. Im Rahmen der Temperamentstheo-
winzigen Bruchteil der genetisch bedingten IQ-Variabili- rien von Cloninger (1987) und Depue und Collins (1999);
tät erklären. 7 Abschn. 2.4.2) wurde deshalb angenommen, dass Perso-
nen mit vielen Wiederholungen dopamindefizient sind
> Persönlichkeitsunterschiede im Normalbereich und deshalb nach Neuigkeit, Abwechslung und Aufregung
lassen sich durch humangenetisch identifizierte streben, um ihren Dopaminspiegel zu erhöhen. Nach über
Allele nicht aufklären, weil sie zu selten sind. 10 Jahren Forschung waren die Befunde zahlreicher Studien
zum Zusammenhang zwischen der Zahl der Wiederho-
Alternativ wurde vermutet, dass Normalvarianten der Per- lungen im DRD4-Gen und dem selbstberichteten Streben
sönlichkeit mit mehreren häufigen Allelen assoziiert sind nach Neuigkeit aber noch immer widersprüchlich (Munafo,
(sogenannte „quantitative trait loci“; QTL). Wenn jeder ein- Yalcin, Willis-Owen & Flint, 2008).
zelne QTL z. B. 2% der Eigenschaftsunterschiede erklären Deshalb setzen Genetiker inzwischen auf die dritte
würde, wären mindestens 25 unabhängig voneinander ope- Methode, mittels genomweiter Assoziationsstudien (GWAS)
rierende QTL notwendig, um die Eigenschaft molekular- genetische Varianten in den einzelnen Bausteinen der Gene,
genetisch aufzuklären, sofern sie zu 50% genetisch beein- den Basenpaaren, bestimmten Persönlichkeitsunterschie-
flusst ist. Diese Logik liegt dem ersten molekulargenetischen den zuzuordnen. Da es mehrere Millionen solcher Single
Versuch zugrunde, Normalvarianten einer menschlichen Nucleotide Polymorphisms (SNPs) beim Menschen gibt,
Eigenschaft aufzuklären, dem IQ-QTL Projekt von Robert besteht hier vor allem ein statistisches Problem: Wie kann
R. Plomin (der auch das Konzept der Genom-Umwelt-­ verhindert werden, dass Zusammenhänge zwischen SNPs
Korrelation prägte; 7 Abschn. 2.3.2; 7 Die klassische Studie). und Persönlichkeitsunterschieden rein zufällig bedingt
64 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

sind? Entweder werden alle SNP-Effekte einzeln für die Zahl deklariert wurde (Maher, 2008). Was fehlt, ist aber nicht
der statistischen Tests korrigiert, sodass nur relativ starke der genetische Einfluss auf Persönlichkeitsunterschiede (der
Effekte für überzufällig gehalten werden; dann könnte selbst zeigt sich unbestritten in verhaltensgenetischen Studien;
2 ein so stark genetisch bedingtes Merkmal wie die Körper- vgl. 7 Abschn. 6.2), sondern die Aufklärung dieses Einflus-
größe (80–90% genetischer Einfluss) nur zu 5% durch der- ses durch wenige Allele. Vielmehr scheinen nach den neu-
artige SNPs aufgeklärt werden und für den IQ und Neu- esten GWAS-Studien sehr viele Gene und Allelvarianten
rotizismus ergaben sich ebenfalls nur äußerst bescheidene dieser Gene am Zustandekommen von Persönlichkeits-
molekulargenetische Erklärungen des Merkmal von nur 3%; unterschieden beteiligt zu sein, wobei deren Wechselwir-
bei Cloningers 4 Temperamentsdimensionen konnten bei kungen untereinander noch gar nicht berücksichtigt sind.
einer Analyse von mehr als 1 Million SNPs und über 5 000 Noch komplexer wird das Bild, wenn nicht nur Wech-
Personen keinerlei überzufällige Zusammenhänge gefun- selwirkungen zwischen Genen, sondern auch zwischen
den werden (Verweij et al., 2010). Genen und Umweltbedingungen berücksichtigt werden.
Vielversprechender scheint es zu sein, die Ergebnisse Um dies zu verstehen, müssen wir einen genaueren Blick
aller untersuchten SNP-Effekte simultan zu berücksichti- darauf werfen, wie eigentlich Gene auf die Persönlichkeit
gen (genom-wide complex trait analysis, GCTA); dadurch wirken können.
konnten Yang et al. (2010) durch Analyse von 300 000 SNPs Gene wirken nämlich nur äußerst indirekt auf die Per-
bei 4 000 Erwachsenen immerhin über 50% des genetischen sönlichkeit. Gene sind Moleküle, deren Aktivität auf die
Einflusses auf Unterschiede in ihrer Körpergröße durch Proteinsynthese der Zellen wirkt. Bestimmte Gene, die ca.
SNPs erklären. Mit dieser Methode gelang es inzwischen 5 000 Strukturgene, enthalten Information für Proteine, die
auch, IQ-Unterschiede bei älteren Briten zu 51% auf Unter- z. B. für den Aufbau des Nervensystems benötigt werden
schiede in ihren SNPs zurückzuführen (Davies et al., 2011), oder Botenstoffe für die Informationsübertragung zwischen
wobei dieser genetische Gesamteffekt auf tausende Gene Zellen darstellen (Hormone, Neurotransmitter). Wird ein
zurückging – sehr viel mehr, als im QTL-Ansatz vermu- Strukturgen aktiviert, wird seine Information abgelesen und
tet wurde. Weitere Studien mit heterogeneren Stichproben zur Produktion des jeweils zugehörigen Proteins verwendet.
fanden mit dieser Methode mindestens 28% molekularge- Die Aktivierung der Strukturgene besorgen andere Gene,
netisch erklärte IQ-Unterschiede. In Kontrast dazu fallen deren Aktivität wiederum untereinander auf höchst kom-
die Schätzungen für selbstbeurteilte Persönlichkeitsmerk- plexe Weise vernetzt ist. Die Wechselwirkungen der Aktivi-
male deutlich niedriger aus, wobei wieder tausende SNPs an tät jeweils vieler Gene bilden die Basis der Stoffwechsel- und
einem einzigen Merkmal beteiligt sind (0%–21% molekular- Entwicklungsprozesse eines Menschen. Die Genaktivität ist
genetisch erklärte Merkmalsunterschiede; Penke & Jokela, also zeitlich variabel.
2016). Hierbei muss berücksichtigt werden, dass dies Schät-
zungen auf der Basis eines einfachen additiven Modells sind, > Das Genom ist zeitlebens konstant, aber der Prozess
das Wechselwirkungen zwischen SNPs nicht berücksichtigt. der Genaktivität ist zeitlich variabel.

> Derzeit wird mithilfe genomweiter Nicht nur einzelne Gene stehen in Wechselwirkung mitein-
Assoziationsstudien nach genetischen Bedingungen ander, sondern auch Gene und ihre Produkte, z. B. Enzyme.
von Persönlichkeitsunterschieden gefahndet. Die genetische Aktivität beeinflusst die neuronale Aktivität,
Bei simultaner Betrachtung aller SNPs konnten die Grundlage des Erlebens und Verhaltens ist; durch Ver-
Unterschiede in der Körpergröße und im IQ älterer halten kann die Umwelt verändert werden. Aber auch umge-
Erwachsener bereits zu über 50% genetisch erklärt kehrt können Umweltbedingungen das Verhalten beein-
werden, wobei der genetische Gesamteffekt jeweils flussen und dadurch die neuronale Aktivität und geneti-
auf sehr viele Gene zurückging. Dagegen lassen sche Wirkungen bis hin zur genetischen Aktivität selbst.
sich Unterschiede in selbstbeurteilten Persönlich- Die Molekulargenetik geht also von einem dynamisch-
keitsmerkmalen bisher deutlich weniger molekular- interaktionistischen Konzept genetischer Wirkungen aus.
genetisch aufklären. Es gibt keine Einbahnstraße vom Genom zur Persönlich-
keit, sondern ein viele Aktivitätsebenen umspannendes
Die anfängliche Euphorie über die „Entschlüsselung des Wirkungsnetz (Gottlieb, 1991; . Abb. 2.21).
menschlichen Genoms“ zu Beginn dieses Jahrtausends, die Wegen dieser Wechselwirkung zwischen der Genakti-
versprach, genetische Einflüsse auch auf Persönlichkeits- vität und anderen Prozessebenen ist die Vorstellung falsch,
unterschiede im Normalbereich durch eine überschaubare Gene „bewirkten“ Entwicklung oder Verhalten. Folgendes
Zahl von Allelen zu erklären, ist inzwischen einer großen Beispiel führt das drastisch vor Augen: Ob jemand ein Mann
Ernüchterung gewichen. Bisweilen wurde auch über das Ziel oder eine Frau ist, ist abgesehen von extrem seltenen Aus-
hinausgeschossen, indem ein „missing heritability problem“ nahmen rein genetisch bedingt (7 Abschn. 7.2.1). Stricken
2.5 · Molekulargenetisches Paradigma
65 2
im Kindesalter eine phenylalaninarme Diät eingehalten
(einschließlich Einnahme von Medikamenten, die den Phe-
nylalanin-Haushalt regeln sollen), wird dieser intelligenz-
mindernde genetische Effekt fast vollständig unterdrückt.
Umgekehrt können Umweltwirkungen durch Eingriff in
die Genaktivität, einschließlich gentechnologischer Verän-
derung des Genoms, verändert werden. Im Prinzip könnten
Menschen gentechnologisch z. B. so verändert werden, dass
sie unempfindlicher gegenüber bestimmten Umweltbedin-
gungen werden – z. B. gegenüber Giften an Arbeitsplätzen
. Abb. 2.21  Ein Modell der Genom-Umwelt-Wechselwirkung. der chemischen Industrie. Das ist im Moment noch reine
(Mod. nach Asendorpf, 1993, mit freundl. Genehmigung der APA) Phantasie, aber diese Phantasie beruht auf realistischen
Annahmen und wirft deshalb schon jetzt ethische Fragen
auf: Dürfen Menschen die genetische Natur von Menschen
ist eine Tätigkeit, die in unserer Kultur fast nur von Frauen verändern?
ausgeübt wird. Also ist Stricken stark genetisch beeinflusst. Wegen der Wechselwirkungen zwischen Genom und
Das heißt aber natürlich nicht, dass Frauen ein „Strickgen“ Umwelt besteht keine strenge Korrelation zwischen Ein-
besitzen, das sie zum Stricken befähigt oder motiviert. Vom flussquelle und Ziel der Veränderung (. Tab. 2.4). Wir
genetischen Geschlecht zu den Geschlechtsunterschieden gehen intuitiv davon aus, dass genetische Wirkungen nur
im Verhalten führt ein langer Weg (7 Kap. 7); das gilt für durch Änderung des Genoms, Umweltwirkungen nur
alle Gene. durch Änderung der Umwelt verändert werden können (die
Irreführend ist auch die Vorstellung, das Genom „sei“ +-Zellen in . Tab. 2.4). Wir übersehen dabei die ! -Zellen in
oder „enthalte“ ein Programm, das die Entwicklung eines . Tab. 2.4.
Organismus steuere (vgl. Johnston & Edwards, 2002; Bei Phenylketonurie ist die Einhaltung einer phenyl-
Oyama, 2000). Adäquater ist der Vergleich des Genoms mit alaninarmen Diät nicht das ganze Leben lang erforder-
einem Text, aus dem im Verlauf des Lebens immer wieder lich, sondern nur während der Gehirnentwicklung in der
kleine Teile abgelesen werden. Der Text begrenzt das, was Kindheit und Jugend. Ist dieser Prozess weitgehend abge-
abgelesen werden kann, legt aber keineswegs fest, was über- schlossen, spielt das kritische Allel keine wesentliche Rolle
haupt oder gar zu einem bestimmten Zeitpunkt abgelesen mehr. Genetische Wirkungen sind also im Prinzip altersab-
wird. Was zu einem bestimmten Zeitpunkt abgelesen wird, hängig. Sie können die frühe Persönlichkeitsentwicklung
hängt davon ab, was vorher gelesen wurde und welche Wir- beeinflussen, können aber auch erst spät wirksam werden.
kungen dies hatte, eingeschlossen Rückkopplungseffekte auf Ein Beispiel für genetische Effekte, die erst im mittleren
das Leseverhalten. Erwachsenenalter wirksam werden, ist die Chorea Hun-
tington (Veitstanz), eine degenerative Hirnerkrankung, die
> Die Persönlichkeit ist nicht im Genom auf einem Allel auf dem vierten Chromosom beruht und
programmiert, sondern Resultat einer im Durchschnitt erst mit Mitte 40 beginnt; vorher führen
kontinuierlichen Wechselwirkung zwischen der die Allelträger ein völlig normales Leben. Diese Altersab-
Genaktivität und anderen Prozessebenen. hängigkeit wiederum beruht letztlich darauf, dass Gene zu

Damit können Menschen genetische Wirkungen im Prinzip


auf verschiedensten Ebenen beeinflussen: durch medika- . Tab. 2.4  Veränderungen des Einflusses von Genom
mentöse Eingriffe in die genetische Aktivität oder die neuro- oder Umwelt auf die Persönlichkeit durch Veränderung des
nale Aktivität, durch ihr Verhalten oder durch die Gestal- Genoms oder der Umwelt
tung ihrer Umwelt. Genetische Wirkungen sind also auch
ohne gentechnologische Veränderung des Genoms verän- Einfluss durch Veränderung des Einflusses durch
Änderung von
derbar. Ein klassisches Beispiel für die Veränderung gene-
tischer Wirkungen durch eine Umweltveränderung ist die Genom Umwelt
Stoffwechselstörung Phenylketonurie. Eine Variante davon
beruht auf einem Allel des zwölften Chromosoms. Wird Genom + !
dieses Allel von Vater und Mutter vererbt, führt diese homo- Umwelt ! +
zygote Form zu einem Phenylalanin-Überschuss, der die
Entwicklung des Zentralnervensystems beeinträchtigt und ! = Oft übersehene Möglichkeit
eine massive Intelligenzminderung verursacht. Wird jedoch
66 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

bestimmten Zeitpunkten „angeschaltet“ oder „abgeschal- Alle drei Codes sind verantwortlich für so dramatische
tet“ werden können. Veränderungen wie den Umbau einer Raupe im Verlauf
eines Winters in einen Schmetterling oder für das Entste-
2 > Genetische Wirkungen sind altersabhängig. hen einer Bienenkönigin aus einer normalen Bienenlarve –
beide Entwicklungsformen desselben Lebewesens enthalten
dasselbe Genom, sind aber epigenetisch grundverschieden.
2.5.2 Epigenetik Alle drei Codes sind auch prinzipiell offen für Wirkungen
von Umweltbedingungen der Zelle. Krokodile entwickeln
Wie geschieht diese „Programmierung“ durch An- oder sich je nach Wassertemperatur beim Ausbrüten zu Männ-
Abschalten bestimmter Gene? Inzwischen hat sich der chen oder zu Weibchen, sodass ihr Geschlecht nicht gene-
Begriff der Epigenetik eingebürgert als derjenige Teil der tisch, sondern epigenetisch bestimmt ist. Wüstenheuschre-
Biologie, der sich mit Zuständen der Genaktivität von Zellen cken hingegen mutieren von unschädlichen grünen Einzel-
beschäftigt, die an Tochterzellen weitergegeben werden, gängern ab Erreichen einer bestimmten Populationsdichte
aber nicht auf Änderungen des Genoms beruhen. In Ana- zu braunschwarzen Wanderheuschrecken, die in riesigen
logie zu einem Computer handelt es sich um die „epige- Schwärmen ganze Felder kahl fressen; diese biblische Plage
netische Software“, die bestimmt, wie die „Hardware“ des beruht nicht auf Genetik, sondern auf Epigenetik, denn vom
Genoms funktioniert. Änderungen im epigenetischen Pro- Genom her unterscheiden sich die beiden Formen der Wüs-
gramm führen zu Änderungen in der Funktion des Genoms, tenheuschrecke nicht.
ohne dass das Genom selbst sich ändert, und das Programm
ist so stabil, dass es bei Zellteilung an Tochterzellen dessel- > Umweltabhängige epigenetische „Programmierung“
ben Organismus weitergegeben wird – manchmal sogar an kann massive Einflüsse auf die Entwicklung haben,
Nachkommen vererbt wird. ohne dass sich die Allele ändern.
Die Gesamtheit der epigenetischen Information einer
Zelle wird oft als Epigenom der Zelle bezeichnet. Ein grund- Gemeinsam ist diesen so verschiedenen Beispielen, dass
legender Unterschied zum Genom besteht darin, dass das die Veränderungen dauerhaft sind: Bienenköniginnen
Epigenom von Zelle zu Zelle unterschiedlich sein kann, v. a. entwickeln sich nicht mehr zu Arbeiterinnen zurück, das
bei unterschiedlichen Zelltypen (z. B. Gehirnzelle vs. Leber- Geschlecht von Krokodilen ist zeitlebens konstant und aus
zelle), weil die Spezialisierung von Zellen im Verlauf der Wanderheuschrecken werden keine Einzelgänger mehr.
Embryonalentwicklung durch Veränderung des Epigenoms Dies eröffnet die Möglichkeit, stabile Persönlichkeitsunter-
(aber nicht des Genoms) zustande kommt. schiede auf umweltabhängige epigenetische „Programmie-
Derzeit wird intensiv am epigenetischen Code gearbei- rung“ zu beziehen. Besonders gut sind hierfür Tierversu-
tet. Drei verschiedene „epigenetische Sprachen“ sind bisher che geeignet, in denen Umweltbedingungen experimen-
gut untersucht worden. Der Methyl-Code beruht auf tell manipuliert werden können. Seit den 1990er-Jahren
Methylgruppen, die an die DNA andocken und so Gene wurde ein enger Zusammenhang zwischen der Häufig-
ausschalten. Ob ein Gen aktiv ist oder nicht, hängt also unter keit, mit der Rattenmütter ihre Kinder in der ersten Woche
anderem davon ab, ob es epigenetisch „markiert“ wurde. nach der Geburt lecken und ihnen das Fell putzen, und der
Der Histon-Code besteht aus vier verschiedenen Substan- Stressanfälligkeit und Vorsicht dieser Kinder im späteren
zen (Methyl-, Acetyl-, Ubiquitin- und Phosphatgruppen), Leben etabliert: Mütterliche Fürsorge senkte die Häufig-
die nicht an der DNS andocken, sondern an den Histonen, keit und Intensität von Stressreaktionen ihrer Kinder und
Teilen der Nukleosomen, um die sich die DNA-Doppelhe- förderte ihre Neigung zum Explorieren neuer Umwelten.
lix mehrfach herumwickelt. Diese Substanzen regulieren die Das galt auch dann, wenn den Müttern fremde, genetisch
Aktivierbarkeit der benachbarten Gene. Der RNA-Interfe- nichtverwandte Junge untergeschoben wurden, und wenn
renz-Code besteht aus Mikro-RNA, die verhindert, dass ein die Kinder wenig fürsorglicher Ratten von fürsorglichen
Gen mittels Boten-RNA die Zelle dazu bringt, ein bestimm- fremden Müttern bemuttert wurden (cross-fostering design;
tes Protein zu produzieren. Die Mikro-RNA wird in schein- Francis, Diorio, Liu & Meaney, 1999). Es handelte sich also
bar nicht aktiven Teilen der DNA gebildet, der früher für um Umwelteffekte nach der Geburt, nicht um genetische
„genetischen Müll“ gehalten wurde, jetzt aber als verant- Effekte aufgrund der genetischen Verwandtschaft und nicht
wortlich für die Mikro-RNA rehabilitiert wurde. um pränatale Effekte.
Weaver et al. (2004) konnten erstmals nachweisen, dass
> Das Epigenom eines Menschen ist die epigenetische dieser Effekt mütterlicher Fürsorge auf einer epigenetischen
Markierung seiner Gene. Sie beeinflusst die Programmierung von Genen beruht, die für die Produk-
Genaktivität. tion des „Stresshormons“ Cortisol verantwortlich sind, das
2.5 · Molekulargenetisches Paradigma
67 2
wesentlich für die Intensität und Dauer von Stressreaktio- genetische und Umweltbedingungen statistische Wechsel-
nen verantwortlich ist. In einem Cross-fostering-Experi- wirkungen in der Art zeigen können, dass die Wirkung
ment zeigten die Kinder wenig fürsorglicher Rattenmüt- eines bestimmten Allels von den Umweltbedingungen
ter gegenüber Kindern fürsorglicher Mütter – egal, ob mit abhängt, unter denen es seine Wirkung entfaltet, oder die
ihnen genetisch verwandt oder nicht – epigenetische Ver- Wirkung einer Umweltbedingung von dem Vorhanden-
änderungen im Methyl- und Histon-Code von Genen, die sein bestimmter Allele. Derartige Interaktionen verschlei-
zu einer vermehrten Produktion von Cortisol unter Stress ern genetische Wirkungen, weil sie je nach Umwelt anders
führen. Diese Veränderungen entwickelten sich bereits ausfallen, und sie verschleiern Umweltwirkungen, weil
in der ersten Woche nach der Geburt und blieben bis ins sie je nach Allel anders ausfallen. Der erste überzeugende
Erwachsenenalter hinein bestehen, konnten jedoch phar- ­Nachweis einer derartigen Gen-Umwelt-Interaktion für
makologisch unterdrückt werden, indem die ursprüngli- Persönlichkeitsunterschiede wurde von Avshalom Caspi
chen epigenetischen Veränderungen wieder rückgängig und ­Mitarbeitern publiziert, die damals an demselben Lon-
gemacht wurden. doner Institut arbeiteten wie Eysenck, Gray und Plomin
(7 Die klassische Studie).
> Bei Ratten vermindert mütterliche Fürsorge die
Stressanfälligkeit ihrer Kinder, auch wenn es
nicht ihre eigenen sind. Dieser Umwelteffekt ist
epigenetisch vermittelt. Die klassische Studie
Gen-Umwelt-Interaktion bei Kindesmisshandlung
Aus ethischen Gründen können Cross-fostering-Experi- Caspi et al. (2002) untersuchten bei 442 männlichen
mente bei Menschen nicht durchgeführt werden, sodass Teilnehmern der neuseeländischen Dunedin
sich die Forschung auf indirekte Evidenz beschränken muss. Longitudinal Study den Zusammenhang zwischen
Einen ersten Hinweis auf epigenetische Veränderungen erfahrener Kindesmisshandlung im Alter zwischen
nach Kindesmissbrauch fanden McGowan et al. (2009), als 3 und 11 Jahren (keine, wahrscheinlich, schwere),
sie die Gehirne von Selbstmördern untersuchten, die in ihrer zwei häufigen Allelen des MAOA-Gens auf dem
Kindheit misshandelt worden waren, und mit den Gehir- X-Chromosom (Allele, die geringe vs. starke Aktivität
nen von Selbstmördern mit normaler Kindheit sowie den des Enzyms MAOA bedingen) und 4 verschiedenen
Gehirnen von Unfallopfern verglichen. Wie bei den Ratten Indikatoren für antisoziales Verhalten im Alter
mit wenig mütterlicher Fürsorge war der Methyl-Code der von 26 Jahren (durch standardisiertes Interview
missbrauchten Selbstmörder gegenüber beiden Kontroll- erfasste antisoziale Persönlichkeitsstörung, Zahl der
gruppen verändert, was auf eine stärkere Stressanfälligkeit Verurteilungen wegen Gewalttätigkeit, Selbstbe-
der missbrauchten Selbstmörder hinwies. Inzwischen gibt es urteilung antisozialer Tendenzen, Beurteilung
auch beim lebenden Menschen Hinweise auf epigenetische antisozialer Symptome durch Bekannte). Für alle
Effekte von Kindesmisshandlung und Stress in der frühen 4 Indikatoren ergab sich dieselbe statistische
Kindheit, die z. T. noch im Erwachsenenalter nachweisbar Gen-Umwelt-Interaktion, die in . Abb. 2.22 für den
sind, auch wenn die Stichproben derzeit oft noch bedenk- Mittelwert der 4 Indikatoren illustriert ist.
lich klein sind (Turecki & Meaney, 2016). Künftige Studien Wie . Abb. 2.22 zeigt, erhöhte erfahrene Kindesmiss-
werden zeigen, ob die epigenetische Begründung von Per- handlung das Risiko für antisoziales Verhalten im
sönlichkeitsunterschieden besser gelingt als die genetische Erwachsenenalter unabhängig vom MAOA-Gen,
im GWAS-Ansatz. Da es sich hierbei um Umwelteffekte auf wobei jedoch die Erhöhung deutlich stärker bei
molekulargenetischer Ebene handelt, wäre in diesem Fall denjenigen Männern ausfiel, die das Allel für niedrige
paradoxerweise die Molekulargenetik bei der Nutzung von MAOA-Aktivität hatten. So wurden z. B. die 55 Männer,
Umwelteffekten erfolgreicher als bei der Nutzung von gene- die beide Risikofaktoren aufwiesen (Misshandlung
tischen Effekten. und Allel für niedrige MAOA-Aktivität) bis zum Alter
von 26 Jahren dreimal so häufig verurteilt wie die
99 Männer, die auch misshandelt worden waren,
2.5.3 Gen-Umwelt-Interaktionen aber das Allel für hohe MAOA-Aktivität aufwiesen;
für schwerere Delikte (Vergewaltigung, Raub und
In beiden Fällen handelt es sich um Effekte von Allelen Überfälle) war die Rate sogar viermal so hoch.
oder von Umweltbedingungen auf die Persönlichkeit. Aus Genetisch bedingte unzureichende MAOA-Aktivität
Sicht des Kodeterminationsmodells der Persönlichkeits- scheint demnach die Entwicklung antisozialer
entwicklung (vgl. 7 Abschn. 2.3.3) ist aber zu erwarten, dass
68 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

die Hoffnung, dass ein besseres Verständnis dieser Pro-


Tendenzen zwar nicht allgemein, wohl aber nach zesse helfen wird, genetische Benachteiligungen v. a. durch
erfahrener Kindesmisshandlung zu fördern. Da Umweltmaßnahmen gezielt zu beseitigen. Wie alle wissen-
2 sich kein Zusammenhang zwischen den beiden schaftlichen Fortschritte wird auch dieser seine Schattensei-
Allelen und Kindesmisshandlung ergab, nur eine ten haben: der Versuch des Missbrauchs der Genomanalyse
Minderheit der misshandelten Kinder später zur Diskriminierung oder Kontrolle von Teilen der Bevöl-
antisoziale Tendenzen zeigte und die misshandelten kerung. Wie auch bei anderen politischen Fragen wird es
Kinder mit hoher MAOA-Aktivität keine häufigeren hier entscheidend darauf ankommen, Ungleichheit nicht
Internalisierungsprobleme aufwiesen als die nicht mit Ungleichwertigkeit gleichzusetzen, sondern genetische
misshandelten, scheint sogar die weitergehende Ungleichheit durch soziale Gerechtigkeit zu kompensieren.
Interpretation zuzutreffen, dass das „normale“ Allel
für hohe MAOA-Aktivität vor langfristig negativen > Ziel des molekulargenetischen Paradigmas ist
Konsequenzen erfahrener Kindesmisshandlung es, die Prozesse besser zu verstehen, die vom
schützt. Genom zur Persönlichkeit führen; hierdurch
könnte es künftig dazu beitragen, genetische
Ungleichheit durch gezielte Umweltmaßnahmen zu
Obwohl statistische Interaktionen erfahrungsgemäß kompensieren.
schlechter replizierbar sind als einfache Effekte, wurde die
Gen-Umwelt-Interaktion in diesem Fall für vier sehr unter- ? Fragen
schiedliche Indikatoren antisozialer Tendenzen gefunden. 2.32 Mit welchen drei Methoden wurde versucht,
Zudem ist das Ergebnis biochemisch plausibel. Das MAOA- Persönlichkeitsunterschiede direkt auf
Gen produziert das Enzym Monoaminoxidase A, das eine Gene zu beziehen? Bitte erklären Sie diese.
exzessive Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin, (→ Familienstudien, QTL, GWAS)
Noradrenalin und Dopamin reduziert, zu der es bei starken 2.33 Wieso teilen Mensch und Schimpanse 94% ihrer
Belastungen kommen kann. Tierexperimentelle Studien an Gene, Geschwister aber nur 50%? (→ Gene vs.
Mäusen, deren MAOA-Gen stillgelegt wurde („Knock-Out- Allele)
Mäuse“) haben gezeigt, dass die fehlende MAOA-Genakti- 2.34 Können genetische Einflüsse durch Umweltver-
vität zu erhöhter Aggressivität führt. änderungen modifiziert werden? (→ Beispiel
Diese ersten Ansätze der molekulargenetischen Per- Phenylketonurie)
sönlichkeitsforschung illustrieren die künftig zu erwarten- 2.35 Sind genetische Wirkungen altersabhängig?
den Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer Aufklärung Beispiel? (→ Ja, Beispiel Chorea Huntington
normaler Persönlichkeitsvarianten durch einzelne Gene, oder Phenylketonurie)
ihre umweltabhängige epigenetische Programmierung 2.36 Wie können sich Umwelteinflüsse dauerhaft
und spezifische Gen-Umwelt-Interaktionen. Ziel dieser genetisch manifestieren? (→ Epigenetische
Forschung ist es, die Prozesse besser verstehen zu lernen, Kodes; Beispiel Fürsorge von Müttern)
die vom Genom zur Persönlichkeit führen. Dabei besteht 2.37 Wie konnte erstmals eine Gen-Umwelt-
Interaktion nachgewiesen werden?
Hauptbefund? (→ Studie von Caspi et al.
(2002), MAOA-Allel schützt vor Folgen von
Kindesmisshandlung)

Mehr lesen

Johnson, W., Penke, L. & Spinath, F.M. (2011).


Heritability in the era of molecular genetics: Some
thoughts for understanding genetic influences on
behavioural traits. European Journal of Personality,
25, 254–266 (mit ausführlichem Diskussionsteil im
Anschluss).
. Abb. 2.22  Statistische Interaktion zwischen der Aktivität des
Carey, N. (2012). The epigenetics revolution. London:
MAOA-Gens und erfahrener Kindesmisshandlung im Alter von
3–11 Jahren in Bezug auf antisoziales Verhalten. (Mod. nach Caspi Icon Books.
et al., 2002)
2.6 · Evolutionspsychologisches Paradigma
69 2
2.6 Evolutionspsychologisches auf die Reproduktion von Genen; sie werden „natürlich
Paradigma ausgelesen“. Die natürliche Selektion ist der entscheidende
Mechanismus, der Gene und damit auch Lebewesen so an
Die bisher behandelten Paradigmen der Persönlichkeits- die Umwelt anpasst, dass sie längerfristig reproduktionsfä-
psychologie lassen grundlegende Fragen unbeantwortet. hig sind. Das Konzept der natürlichen Selektion wird viel-
Warum gibt es überhaupt so große Persönlichkeitsunter- fach falsch verstanden (vgl. 7 Unter der Lupe).
schiede? Handelt es sich um Zufallsvariationen, die nicht
weiter erklärbar sind, oder lassen sich die Variation der Unter der Lupe
Persönlichkeit, die Korrelation von Eigenschaften oder die
Zusammenhänge zwischen Entwicklungsbedingungen und Vier Missverständnisse des Konzepts der natürlichen
Persönlichkeitsentwicklung zumindest teilweise auf grund- Auslese
legendere Prinzipien zurückführen? Das historisch jüngste 1. Fitness ist kein Merkmal eines Menschen, sondern
der hier besprochenen Paradigmen ist das evolutionspsy- eine Funktion eines Allels und seiner Umwelt.
chologische Paradigma. Es beansprucht, Persönlichkeits- Ändert sich die Umwelt, kann sich die Fitness
unterschiede und deren Entwicklung zumindest teilweise des Allels ändern. Es gibt deshalb keine „guten“
durch Prinzipien der Evolution zu erklären – des seit vielen oder „schlechten“ Allele, sondern nur Allele, die
Millionen Jahren andauernden Prozesses der Entstehung einer bestimmten Umwelt „gut“ oder „schlecht“
und Veränderung von Arten, einschließlich der Art Homo angepasst sind.
sapiens, der heutigen Menschen. Dieser Prozess forme nicht 2. Die natürliche Auslese beruht nur z. T. auf der
nur die arttypischen körperlichen und Verhaltensmerkmale, Lebenserwartung. Ein Allel, das Kindersterb-
sondern auch die Variationsbreite dieser Merkmale. Insofern lichkeit begünstigt, ist zwar schlecht angepasst,
könne man versuchen, die Erkenntnisse der Evolutionsbio- aber Allele, die die Lebenserwartung erhöhen,
logie zu nutzen, um die heute vorhandenen Persönlichkeits- jedoch die Zahl der Nachkommen senken, sind
unterschiede durch Gesetzmäßigkeiten des evolutionären auch schlecht angepasst. Entscheidend ist der
Prozesses und Eigenarten der Umwelt unserer evolutionä- Fortpflanzungsvorteil eines Allels. Nicht die
ren Vorfahren zu erklären. Devise „Überleben des Stärkeren“ gilt, sondern
„Nachhaltigkeit des Umweltangepassten“.
3. Deshalb ist der verbreitete Glaube falsch, dass
2.6.1 Prinzipien der Evolution die natürliche Auslese in westlichen Kulturen
mit ihrer niedrigen Kindersterblichkeit und
Die Kernannahme der Evolutionspsychologie ist, dass sich guten medizinischen Versorgung keine Rolle
heutiges menschliches Erleben und Verhalten als Resul- mehr spiele. Allele, die Kinderwunsch oder
tat der Evolution verstehen lässt, also des viele Millionen Nachlässigkeit bei der Schwangerschafts-
Jahre andauernden Prozesses der genetischen Anpassung verhütung begünstigen, sind heutzutage
von Lebewesen an die jeweils vorherrschenden Umweltbe- ausgesprochen „fit“.
dingungen. Deshalb seien wir primär an die Umweltbedin- 4. Es ist irreführend, bei Umweltbedingungen nur
gungen unserer evolutionären Vorfahren angepasst, nicht an nichtsoziale Umwelten zu denken wie Klima,
unbedingt an heutige Umweltbedingungen. Nahrungsangebot oder Krankheitserreger.
Diese evolutionäre Sichtweise geht auf Darwin (1859) Besonders wichtig für den Reproduktionserfolg ist
zurück. Darwin erklärte die Vielfalt der heutigen Arten, aber die soziale Umwelt, nämlich Rivalen des eigenen
auch die Variation innerhalb von Arten, durch einen Ent- Geschlechts bei Partnersuche und Partnerschaft
wicklungsprozess, der im Kern auf Variation und natürli- und die Partnerpräferenzen des anderen
cher Selektion beruhe. Zu Darwins Zeit war es noch nicht Geschlechts.
klar, was eigentlich variiert, von einer Generation zur nächs-
ten vererbt und durch natürliche Selektion ausgelesen wird.
Erst die Genetik füllte diese Lücke (vgl. 7 Abschn. 2.5.1). Schon Darwin (1871) diskutierte ausführlich spezielle Selek-
Unterschiedliche Gene und unterschiedliche Allele dessel- tionsmechanismen bei Arten, die sich sexuell fortpflanzen.
ben Gens können als in Konkurrenz zueinander betrachtet Die intrasexuelle Selektion bezieht sich auf die Rivalität
werden. Je nach Umweltbedingungen steigt oder sinkt ihre innerhalb der Geschlechter bei dem Versuch, Sexualpart-
Häufigkeit relativ zu anderen Genen, weil sie unterschied- ner zu gewinnen und gegen Rivalen abzuschirmen. Gene,
liche Fortpflanzungschancen haben: Sie weisen eine unter- die diese Fähigkeiten fördern, haben einen Reproduktions-
schiedliche Fitness auf. Die Umwelt nimmt also Einfluss vorteil. Intersexuelle Selektion bezieht sich auf die sexuelle
70 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Attraktivität beim anderen Geschlecht. Gene, die körper- und die andere Hälfte vom Vater erben. Im Gegensatz zu
liche oder Verhaltensmerkmale fördern, die vom anderen zweieiigen Zwillingen, die unterschiedlichen befruchteten
Geschlecht für attraktiv gehalten werden, haben einen Eizellen entstammen und deshalb nicht genetisch ähnlicher
2 Reproduktionsvorteil. sind als Geschwister unterschiedlichen Alters, entstammen
eineiige Zwillinge derselben befruchteten Eizelle und sind
> Die genetische Variation beruht auf Mutation deshalb genetisch identisch.
und sexueller Rekombination, die natürliche Hieraus lässt sich ableiten, dass Hilfe anderer trotz
Selektion auf dem Reproduktionserfolg von Genen. der damit verbundenen eigenen Kosten dann evolutio-
Dieser Reproduktionserfolg hängt bei Menschen när adaptiv ist (d. h. sich langfristig im Verlauf der Evolu-
wesentlich von der intra- und intersexuellen tion durchsetzen wird), wenn die inklusive Fitness dadurch
Selektion ab. gesteigert wird. Opfert sich z. B. jemand für das Überleben
eines Geschwisters auf, ist das nicht adaptiv, weil Geschwis-
Der Brite William D. Hamilton (1936–2000) wies ter nur die Hälfte der eigenen Gene teilen (0,5f < f, wobei f
1964 darauf hin, dass die genetische Fitness eines Indivi- die Fitness aller eigenen Gene ist). Opfert sich aber jemand
duums auf zwei Komponenten beruht: auf dem Repro- für das Überleben von drei Geschwistern auf, ist das adaptiv,
duktionserfolg der eigenen Gene (deren Vorkommen in weil die inklusive Fitness 3 × 0,5f = 1,5f beträgt und damit
Kindern, Enkelkindern usw.) und dem Reproduktionserfolg die eigene Fitness f übersteigt.
dieser Gene bei genetisch Verwandten (dem Vorkommen
bei Geschwistern, Neffen, Nichten usw.). Hilft man gene- > Der Reproduktionserfolg eines Gens eines
tisch Verwandten, fördert das indirekt die Verbreitung Individuums beruht auf seinem Vorkommen in
der eigenen Gene. Was also letztlich die natürliche Selek- den Nachkommen des Individuums und seiner
tion auf genetischer Ebene treibt, ist nicht die Fitness im Verwandten. Deshalb kann es adaptiv sein, sich für
engeren Sinn (Häufigkeit des Gens bei direkten Nachkom- genetisch Verwandte zu opfern.
men), sondern die inklusive Fitness (Häufigkeit des Gens
bei direkten und indirekten Nachkommen). Die Häufigkeit Der US-Amerikaner Edward O. Wilson (geb. 1929) wandte
des Gens bei indirekten Nachkommen wird dabei gewich- evolutionsbiologische Erklärungsprinzipien auf das Sozial-
tet durch die erwartete Rate dieses Gens bei den jeweiligen verhalten verschiedener Tierarten an und prägte den
Verwandten (. Tab. 2.5). Begriff der Soziobiologie im Sinne einer Evolutionsbiolo-
Diese Rate lässt sich wiederum aus der Tatsache ablei- gie des Sozialverhaltens, einschließlich des Sozialverhal-
ten, dass Kinder jeweils die Hälfte ihrer Gene von der Mutter tens von Menschen (Wilson, 1975). Dieser Ansatz löste
starke Kontroversen mit Sozialwissenschaftlern aus, die
bis dahin geglaubt hatten, biologische Zugänge zu sozialen
Phänomenen ignorieren zu können. Mit gewissem Recht
. Tab. 2.5  Erwartete genetische Verwandtschaft bei
verschiedenem Verwandtschaftsgrad
wurde den Soziobiologen vorgeworfen, dass ihre Überle-
gungen letztlich nur auf Spekulationen über optimal ange-
Verwandtschaftsgrad Genetischer Ver- passtes Verhalten in einer hypothetischen Umwelt der Ver-
wandtschaftsgrad gangenheit beruhten und der notwendigerweise angenom-
mene genetische Einfluss auf das Verhalten nicht nachge-
Eineiige Zwillinge 100%
wiesen sei.
Zweieiige Zwillinge 50%
Allerdings unterschieden zumindest einige Soziobiolo-
Geschwister unterschiedlichen Alters 50% gen schon früh zwischen ultimaten und proximaten Erklä-
Eltern, Kind 50% rungen. Ultimate Erklärungen beruhen auf Überlegungen
Halbgeschwister (nur ein gemeinsames 25% zum Selektionsdruck und beschreiben, wie sich Individuen
Elternteil) unter den angenommenen Umweltbedingungen der evolu-
Großeltern, Enkel 25% tionären Vergangenheit hätten verhalten sollen. Aber damit
sie sich tatsächlich so verhalten haben, bedurfte es proxima-
Tante, Onkel, Neffen, Nichten 25%
ter Mechanismen, die sie dazu gebracht hatten, sich tatsäch-
Cousins, Cousinen 12,5%
lich so zu verhalten. Die evolutionsbiologische Erklärung
Partner 0% ist im Grunde nur vollständig (und überzeugender), wenn
Adoptivgeschwister 0% zu jeder ultimaten Erklärung auch eine proximate Erklä-
Adoptiveltern, Adoptivkinder 0% rung durch Angabe eines proximaten Mechanismus gelie-
fert wird.
2.6 · Evolutionspsychologisches Paradigma
71 2
> Ultimate Erklärungen von Verhalten begründen es
durch Reproduktionsvorteile in der evolutionären wurde und Freunde als etwas näher als sonstige
Vergangenheit; proximate Erklärungen geben an, Nichtverwandte (. Abb. 2.23). Bei älteren Menschen
wie das Verhalten konkret zustande kommt. ist der Partner meist die vertrauteste Person
überhaupt und Freunde dürften etwas vertrauter
Deshalb greifen in ernstzunehmenden evolutionären Erklä- sein als Nicht-Freunde. Auch die Unterschiede in
rungen menschlichen Erlebens und Verhaltens immer bio- emotionaler Nähe zwischen den drei genetischen
logische ultimate und psychologische proximate Erklä- Verwandtschaftsgraden dürften sich gut auf
rungen ineinander. Evolutionsbiologen nehmen z. B. nicht Unterschiede in Vertrautheit zurückführen lassen
an, dass es proximate Mechanismen gibt, die die Fitness in (z. B. sind Geschwister und Eltern meist vertrauter
konkreten Situationen für die Optionen „helfen“ und „nicht als Neffen, Nichten oder Enkel). Der proximate
helfen“ ausrechnen. Von der natürlichen Selektion werden Mechanismus für Hilfeleistung könnte also darin
vielmehr alle Verhaltensweisen begünstigt, die die inklu- bestehen, dass Vertrautheit mit einer Bezugsperson
sive Fitness relativ zur Fitness aufgrund direkter Nachkom- bei deren Anwesenheit das Gefühl emotionaler Nähe
men steigern. Hierbei kann es sich durchaus um wohlbe- aktiviert, das wiederum das Ausmaß der Hilfeleistung
kannte psychologische Mechanismen handeln, z. B. Hilfe beeinflusst.
aufgrund wahrgenommener emotionaler Nähe: Je näher ich
mich jemandem fühle, umso eher bin ich bereit zur Hilfe
(wobei natürlich andere Überlegungen eine zusätzliche
Rolle spielen, insbesondere die wahrgenommene Hilfsbe- Dieses Beispiel macht deutlich, dass aus ultimaten Erklärun-
dürftigkeit des anderen); vgl. 7 Unter der Lupe. gen abgeleitete Prinzipien (z. B.: Hilf jemandem umso mehr,
je höher die genetische Verwandtschaft ist) nicht unbedingt
direkt proximaten Mechanismen entsprechen müssen. Viel-
Unter der Lupe leicht gibt es gar keinen proximaten Mechanismus, der nur
die genetische Verwandtschaft erkennt und in eine Hilfe-
Verwandtschaft, Vertrautheit und emotionale Nähe tendenz umsetzt. Der vermutete Vertrautheit-Nähe-Hilfe-
Neyer und Lang (2003) untersuchten den Mechanismus würde jedenfalls zu einer deutlichen Korre-
Zusammenhang zwischen genetischem lation zwischen genetischer Verwandtschaft und Hilfeleis-
Verwandtschaftsgrad und emotionaler Nähe zu tung führen und auf diese Weise so „fit“ sein, dass er lang-
Bezugspersonen in drei Stichproben mit insgesamt fristig genetisch fixiert wird. Ein Mechanismus der Hilfe-
1 365 Erwachsenen höheren Alters. Der genetische leistung, der dem ultimaten Prinzip direkt widerspricht,
Verwandtschaftsgrad hing deutlich mit der weil er zu einer negativen Korrelation zwischen genetischer
subjektiv eingeschätzten emotionalen Nähe zu den Verwandtschaft und Hilfeleistung führt, hätte dagegen aus
Bezugspersonen zusammen: Je genetisch ähnlicher
die Bezugsperson, desto emotional näher fühlt man
sich ihr. Ein proximater Mechanismus „Hilfe aufgrund
emotionaler Nähe“ würde damit die inklusive
Fitness fördern, ohne dass der genetische Verwandt-
schaftsgrad auf direkte Weise wahrgenommen
werden müsste: Dieser Mechanismus wäre
evolutionär adaptiv. Allerdings ist damit noch
nicht klar, worauf das Gefühl der emotionalen
Nähe beruht.
Die Daten von Neyer und Lang (2003) legen nahe,
dass emotionale Nähe auf Vertrautheit beruht, d. h.
auf der Summe der (positiven aber auch negativen)
Erfahrungen mit der Bezugsperson. Innerhalb der
genetisch Nichtverwandten gab es nämlich große
Unterschiede in der emotionalen Nähe, wobei . Abb. 2.23  Mittlere emotionale Nähe zu Bezugspersonen
der Partner als besonders nah wahrgenommen unterschiedlichen genetischen Verwandtschaftsgrades. (Daten aus
Neyer & Lang, 2003)
72 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

evolutionsbiologischer Sicht kaum eine Chance, der natür- Unter der Lupe
lichen Selektion zu widerstehen.
Warum ist Angst vor Schlangen in Mitteleuropa so
2 > Proximate Mechanismen müssen nicht direkt häufig?
Prinzipien entsprechen, die aus ultimaten Etwa die Hälfte aller Mitteleuropäer hat Angst vor
Erklärungen abgeleitet werden; sie dürfen ihnen Schlangen, und die Schlangenphobie ist die häufigste
aber nicht widersprechen. Tierphobie (Polák et al., 2016; 7 Abschn. 2.3.1).
Als evolutionspsychologische Erklärung kann ein
Proximate Mechanismen können deshalb (in Grenzen) ein EPM angenommen werden, der das Erlernen von
Eigenleben jenseits ultimat abgeleiteter Prinzipien führen. Angst Schlangen gegenüber fördert (z. B. durch
Im Falle menschlichen Erlebens und Verhaltens sind pro- Beobachtungslernen; vgl. das Experiment von
ximate Mechanismen psychologische oder physiologische Cook & Mineka, 1989, in 7 Abschn. 2.3.1). Ein solcher
Mechanismen. Eine auf ultimate Erklärungen beschränkte EPM ist plausibel, da in Umwelten, in denen es von
Soziobiologie des menschlichen Erlebens und Verhaltens Giftschlangen wimmelt und die ältere Generation
greift deshalb zu kurz; sie bedarf der psychologischen und entsprechend schlechte Erfahrungen mit Schlangen
physiologischen Bereicherung. gemacht hat, diese Erfahrungen durch diesen EPM
Tatsächlich scheint sich der Schwerpunkt der evolu- schnell und effizient an die nächste Generation
tionspsychologischen Forschung in den letzten Jahren weitergegeben werden; dagegen besteht in
zunehmend in Richtung proximater Erklärungen ver- Umwelten, in denen Schlangen ungefährlich oder
schoben zu haben. Hierbei wurde von Cosmides, Tooby essbar sind, keine unnötige Angst vor Schlangen.
und Barkow (1992) der Begriff des evolvierten psycholo- Starke Schlangenangst wäre in solchen Umwelten
gischen Mechanismus (EPM) geprägt, der von Buss (1995) (z. B. dem heutigen Mitteleuropa) nicht universell
zur Abgrenzung der Evolutionspsychologie von einer vorhanden, könnte aber in den Fällen auftreten, wenn
nur ultimaten Erklärungen verpflichteten Soziobiologie der EPM ansprach, weil jemand anderes in Gegenwart
benutzt wurde. Unter einem EPM wird ein bereichs- und einer Schlange Angst zeigte. Die Alternativen
kontextspezifischer proximater Mechanismus verstanden, (kein leichtes Erlernen von Schlangenangst; „fest
der als Anpassungsleistung an die Umwelt unserer Vor- verdrahtete“ Schlangenangst) dürften weniger
fahren (also ultimat) verständlich ist und von dem ange- reproduktionsförderlich gewesen sein, sodass sich im
nommen wird, dass er genetisch fixiert ist und deshalb Laufe von Jahrmillionen ein EPM „leichtes Erlernen
vererbt wird. von Angst Schlangen gegenüber“ bei unseren
Vorfahren durchgesetzt hat.
> Ultimate Erklärungen durch natürliche Selektion
müssen in evolutionspsychologischen Erklärungen
ergänzt werden durch Angabe proximater
evolvierter psychologischer Mechanismen (EPMs). Ein zweiter Weg zur Identifikation von EPMs besteht darin,
eine Liste wichtiger adaptiver Probleme in der evolutionä-
Eine Aufgabe der Evolutionspsychologie ist es daher, uni- ren Vergangenheit zu erstellen, Überlegungen zu mögli-
verselle Mechanismen der Informationsverarbeitung, Ver- chen EPMs anzustellen, die ein bestimmtes solches Problem
haltensregulation und Individualentwicklung als EPMs zu vermutlich gut lösen konnten und dann durch empirische
identifizieren. Dies kann auf zwei unterschiedlichen Wegen psychologische Untersuchungen zu prüfen, ob diese EPMs
versucht werden. Zum einen wird versucht, für bekannte tatsächlich nachweisbar sind. Buss (2016) organisiert seine
Mechanismen eine besondere Fitness unter den vermute- Übersicht über die Evolutionspsychologie um 8 solche adap-
ten Umweltbedingungen unserer Vorfahren (im weites- tiven Probleme: Probleme des Überlebens, der Partnerwahl
ten Sinn, also eingeschlossen Vorläufer von Homo sapiens und Sexualität, der Elternschaft, der Unterstützung von Ver-
sapiens im Stammbaum der Evolution) nachzuweisen. Ein wandten, der Kooperation, der Aggression, der sexuellen
Beispiel hierfür wäre die evolutionspsychologische Erklä- Rivalität und der sozialen Dominanz.
rung der Tatsache, dass in Mitteleuropa starke Angst vor Besonders überzeugend ist die evolutionspsychologi-
Schlangen viel häufiger ist, als aufgrund der objektiven sche Analyse dann, wenn sie auf diesem Weg vorher unbe-
Gefahr durch Schlangen zu erwarten ist (vgl. 7 Unter der kannte psychologische Mechanismen identifiziert. Ein Bei-
Lupe). spiel hierfür sind evolutionspsychologische Vorhersagen für
2.6 · Evolutionspsychologisches Paradigma
73 2
Konsequenzen der Vaterschaftsunsicherheit auf die Unter-
. Tab. 2.6  Berichtete Unterstützung durch Verwandte
stützung durch Verwandte (vgl. 7 Unter der Lupe). mütterlicherseits und väterlicherseits (Daten nach Euler &
Weitzel, 1996, und Gaulin, McBurney & Brakeman-Wartell, 1997)

Unterstützung durch Mütterlicherseits Väterlicherseits


Unter der Lupe
Großmutter 5.16 4.09
Konsequenzen der Vaterschaftsunsicherheit auf die
Großvater 4.52 3.70
Unterstützung durch Verwandte
Während Mütter sich sicher sein können, dass ein Kind Tante 4.75 3.96
ihr eigenes leibliches Kind ist, ist dies bei Vätern nicht Onkel 3.65 3.28
der Fall. Auch heutzutage gibt es gar nicht so selten
Diskrepanzen zwischen der subjektiven Überzeugung,
Vater des Kindes zu sein, und der tatsächlichen diese auf der Variation im Verlauf der Evolution; sofern sie
genetischen Verwandtschaft (Baker, 1996). Dies tritt durch Umweltunterschiede mitbedingt sind, werden diese
z. B. bei Organspenden innerhalb von Familien zutage, durch EPMs vermittelt. Im evolutionären Prozess entstehen
bei denen die genetische Ähnlichkeit bestimmt wird, durch Mutation und sexuelle Rekombination ständig neue
um das Risiko von Organabstoßungen nach der genetische Varianten, von denen zumindest einige lebens-
Organverpflanzung zu minimieren. Diese Vaterschafts- fähig sind. Diese Variation innerhalb der Art erfüllt eine
unsicherheit verändert den Zusammenhang zwischen zentrale Aufgabe in der Evolution, indem sie ein Sicher-
inklusiver Fitness und Hilfeleistung: Es ist weniger heitsreservoir für künftige neue Umweltbedingungen auf-
evolutionär adaptiv, Verwandte väterlicherseits rechterhält, an die die vorhandenen genetischen Varianten
zu unterstützen, als Verwandte mütterlicherseits, möglicherweise nicht gut angepasst sind. Hierzu gehören
da es in ersterem Fall nicht so sicher ist, dass sie z. B. genetische Unterschiede im Immunsystem, die dazu
überhaupt genetisch verwandt sind. Nach dieser führen, dass beim Auftreten neuer lebensbedrohlicher Para-
Logik sollten z. B. Großeltern väterlicherseits ihre siten (z. B. Pesterreger) nicht gleich die ganze Art ausstirbt,
Enkel weniger stark unterstützen als Großeltern sondern immer ein bestimmter Prozentsatz überlebt. Einige
mütterlicherseits; entsprechendes lässt sich für Tanten dieser genetischen Unterschiede können möglicherweise
und Onkel ableiten. Wie . Tab. 2.6 zeigt, ist dies Persönlichkeitsunterschiede zur Folge haben. So kamen
tatsächlich der Fall. Weibliche Verwandte leisteten Tooby und Cosmides (1990) zu der überraschenden Fest-
mehr Unterstützung als männliche und unabhängig stellung, dass Persönlichkeitsunterschiede z. T. Nebenef-
davon leisteten Verwandte mütterlicherseits mehr fekte eines evolutionären Wettrennens zwischen Wirten und
Unterstützung als Verwandte väterlicherseits Parasiten seien, bei dem die Wirte ihr Immunsystem und die
desselben Verwandtschaftsgrades. Die Unterstüt- Parasiten ihr Angriffspotenzial durch Mutation und Selek-
zungswerte können nur innerhalb der Großeltern, tion zu optimieren suchen.
Tanten bzw. Onkel verglichen werden, da die Nach Tooby und Cosmides (1990) können genetisch
Unterstützung für diese beiden Verwandtschaftstypen bedingte Persönlichkeitsunterschiede nicht allzu groß aus-
in unterschiedlichen Kulturen (Deutschland bzw. USA) fallen, da sehr große genetische Unterschiede zu Inkompa-
und mit unterschiedlichen Fragen erfasst wurde. tibilitäten bei der sexuellen Rekombination führten; dies
begrenze die genetische Variationsbreite innerhalb von
Arten. Nur die beiden Geschlechter könnten sich relativ
Persönlichkeitsunterschiede sind evolutionspsychologisch stark genetisch unterscheiden, da ihr Zusammenspiel bei
schwerer zu erklären als allgemeine Gesetzmäßigkeiten der sexuellen Rekombination genau regelbar sei. Tooby und
des Erlebens und Verhaltens, weil die ultimate Begrün- Cosmides (1990) stellten deshalb Persönlichkeitsunter-
dung schwerer fällt. Dass Angst vor Schlangen von den schiede, die nicht auf genetischen Unterschieden, sondern
meisten Menschen schnell erlernt werden kann, ist leich- auf Umweltunterschieden beruhen, in den Mittelpunkt ihrer
ter zu begründen, als dass es Schlangenphobiker, aber auch evolutionspsychologischen Analysen.
regelrechte Schlangenliebhaber gibt. Aus evolutionspsychologischer Sicht wirken Umwelt-
Zunächst gibt es zwei Grundaussagen der Evolutions- unterschiede immer über vermittelnde EPMs auf Persönlich-
psychologie zu Persönlichkeitsunterschieden. Sofern sie keitsunterschiede. Deshalb sind evolutionspsychologische
durch genetische Unterschiede mitbedingt sind, beruhen Erklärungen umweltbedingter Persönlichkeitsunterschiede
74 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

anspruchsvoller als die meisten sonstigen psychologischen Männer so lange erhöhen, bis sie genauso häufig sind wie
Erklärungen: Umwelteffekte auf die Persönlichkeit müssen Frauen. Die entsprechende Argumentation gilt für den
nicht nur empirisch nachgewiesen werden, sondern es umgekehrten Fall, dass Männer häufiger wären als Frauen.
2 müssen auch die vermittelnden EPMs spezifiziert werden. Deshalb pegelt sich in Populationen langfristig ein 1:1-Ver-
hältnis zwischen Männern und Frauen ein: Das Geschlech-
> Genetisch bedingte Persönlichkeitsunterschiede terverhältnis ist „evolutionär stabil“.
sind evolutionär erklärbar unter anderem durch
Mutation und sexuelle Rekombination. Diese > Das Geschlechterverhältnis von 1:1 zum Zeitpunkt
Variationsquellen erfüllen eine wichtige Funktion der maximalen Fruchtbarkeit beruht auf frequenz-
in der Evolution, weil sie ein Sicherheitsreservoir für abhängiger Selektion.
neue Umweltbedingungen aufrechterhalten.
Frequenzabhängige Auslese muss nicht in gleichen Propor-
Dieses evolutionspsychologische Minimalprogramm tionen der miteinander konkurrierenden Persönlichkeits-
zur Erklärung von Persönlichkeitsunterschieden wäre zu typen resultieren. Notwendig ist nur, dass zwei alternative
bescheiden, um zu einem Paradigma der Persönlichkeits- Gene oder Genkomplexe langfristig koexistieren, weil die
psychologie avancieren zu können. In den letzten Jahren Fitness jeweils eines Typs mit zunehmendem Anteil dieses
haben jedoch Biologen, Psychologen und Anthropologen Typs in der Population so stark sinkt, dass sie ab einem
eine ganze Reihe weiterer evolutionspsychologischer Prin- bestimmten Punkt geringer ist als die Fitness des anderen
zipien vorgeschlagen, die sich zur Erklärung von Persönlich- Typs. Dieser Punkt kann ein beliebiger Anteil über 0% und
keitsunterschieden eignen und so weit über das skizzierte unter 100% sein und genau diesen Anteil wird der Typ
Minimalprogramm hinausgehen, dass es sich inzwischen langfristig behalten (es sei denn, die Umweltbedingungen
rechtfertigen lässt, von einem evolutionspsychologischen ändern sich).
Paradigma der Persönlichkeitspsychologie zu sprechen. Dieses Erklärungsprinzip wandten Gangestad und
Zwei derartige Prinzipien werden in Anlehnung an Buss Simpson (1990) an, um Unterschiede in der Soziosexuali-
(2016) im Folgenden skizziert und jeweils anhand eines Per- tät von Frauen zu erklären (vgl. 7 Unter der Lupe).
sönlichkeitsunterschieds illustriert:
55 frequenzabhängige Selektion und
55 konditionale Entwicklungsstrategien. Unter der Lupe

Warum auch manche junge Frauen zu vielen


2.6.2 Frequenzabhängige Selektion kurzfristigen sexuellen Beziehungen neigen
Unter Soziosexualität wird die Tendenz verstanden,
Unter frequenzabhängiger Selektion wird verstanden, dass Sex mit vielen unterschiedlichen Partnern haben zu
die Fitness eines Gens von seiner Häufigkeit in der Popu- wollen bzw. auch zu haben (vgl. Penke & Asendorpf,
lation abhängt. Ein Beispiel für frequenzabhängige Auslese 2008a). Bei Frauen ist Soziosexualität weniger
bei Menschen ist das Geschlecht. Es ist nämlich keineswegs ausgeprägt als bei Männern, zumindest bis zur
selbstverständlich, dass es so viele Männer wie Frauen gibt, Menopause, was sich evolutionspsychologisch gut
denn prinzipiell würden wenige Männer reichen, die jeweils erklären lässt (vgl. 7 Abschn. 7.5.5). Allerdings ist
viele Frauen befruchten. Das Geschlechtsverhältnis beträgt damit evolutionspsychologisch nicht erklärt, warum
aber im Alter der maximalen Fruchtbarkeit sehr genau 1:1 es dennoch viele stark soziosexuelle junge Frauen
(vorher gibt es mehr Jungen, später mehr Frauen bedingt gibt. Gangestad und Simpson (1990) schlugen hierfür
durch die höhere männliche Sterblichkeit in jedem Lebens- eine Erklärung durch frequenzabhängige Auslese
alter). Wie Fisher (1958) gezeigt hat, kommt es zu diesem vor. Für die Partnerwahl von Frauen seien zwei
Verhältnis von 1:1, weil die genetische Fitness von Männern Kriterien evolutionär relevant: die zu erwartende
und Frauen frequenzabhängig ist. Wenn Frauen doppelt so väterliche Investition in die gemeinsamen Kinder
häufig wären wie Männer, wäre die Chance eines männ- und die „genetische Qualität“ des Mannes (Gene, die
lichen Gens, an die nächste Generation weitergegeben zu Gesundheit und sexuelle Attraktivität fördern und so
werden, doppelt so hoch wie die Chance eines weiblichen die Fitness der gemeinsamen Kinder fördern, da sie ja
Gens (da Kinder zur Hälfte Gene des Vaters und zur anderen diese Gene zumindest z. T. erben werden). Allerdings
Hälfte Gene der Mutter haben). Männliche Gene hätten also dürfte es schwierig sein, Bereitschaft für väterliche
eine doppelt so große Fitness wie weibliche Gene. Dadurch Investition und „gute Gene“ gleichzeitig zu erreichen,
würden langfristig Eltern begünstigt, die überproportio- weil sexuell attraktive Männer weniger treu sind als
nal Jungen zur Welt bringen. Dies würde aber die Rate der
2.6 · Evolutionspsychologisches Paradigma
75 2
Gene der Mitmenschen. Deshalb ist es durchaus realistisch
weniger sexuell attraktive (vgl. für empirische Evidenz anzunehmen, dass viele reproduktionsrelevante Gene fre-
Simpson & Gangestad, 1991). Es gebe deshalb zwei quenzabhängig selektiert werden. Dies wiederum bedeu-
verschiedene mögliche sexuelle Strategien von tet, dass persönlichkeitsrelevante genetische Unterschiede
Frauen: eine restriktive und eine nichtrestriktive. nicht nur zufallsgeneriertes Spielmaterial für die Evolution
Bei der restriktiven Strategie würden sie auf eine sind, wie es das oben skizzierte evolutionspsychologische
langandauernde Beziehung mit einem Partner setzen, Minimalprogramm annimmt, sondern dass darüber hinaus
der viel in ihre Kinder investiert. Bei der nichtres- genetische Unterschiede innerhalb der Art durch frequenz-
triktiven Strategie würden sie auf viele kurzfristige abhängige Selektion stabilisiert werden und so trotz Muta-
Beziehungen mit Männern „guter genetischer tion und sexueller Rekombination langfristig überdauern
Qualität“ setzen. können.
Diese beiden sexuellen Strategien würden durch
frequenzabhängige Auslese in der weiblichen > Frequenzabhängige Selektion führt dazu, dass die
Population stabilisiert. Je größer der Anteil Fitness genetisch beeinflusster Persönlichkeits-
der nichtrestriktiven Frauen in der weiblichen merkmale von der Häufigkeit dieser Merkmale in
Population werde, desto größer werde auch der der Population abhängt. Sie wirkt sich stabilisierend
Anteil ihrer sexuell attraktiven Söhne (der „sexy auf genetische Unterschiede in der Population aus.
sons“) in der männlichen Population, was aufgrund
zunehmender Rivalität dieser Söhne untereinander
deren Fitness mindern sollte. Je größer umgekehrt 2.6.3 Konditionale Entwicklungsstrategien
der Anteil der restriktiven Frauen in der weiblichen
Population werde, desto stärker werde ihre Rivalität Ein zweites evolutionspsychologisches Prinzip zur Erklä-
untereinander um Männer mit hoher elterlicher rung von Persönlichkeitsunterschieden sind konditionale
Investitionsbereitschaft, was die Fitness dieser Frauen Entwicklungsstrategien. Hierunter werden genetisch deter-
mindern sollte. minierte Mechanismen verstanden, die in Abhängigkeit
von typischen Umweltbedingungen unserer evolutionären
Vorfahren die Individualentwicklung in unterschiedliche
Richtungen lenken. Es handelt sich sozusagen um EPMs
Eine ähnliche Argumentation gilt auch für Männer (Gan- besonderer Reichweite. Die zugrunde liegende Idee dabei
gestad & Simpson, 2000). Die frequenzabhängige Selek- ist, dass es unterschiedliche genetisch bedingte Entwick-
tion ist in diesem Fall allerdings dadurch verkompliziert, lungsverläufe gibt, deren Fitness abhängig von arttypischen
dass sexuelle Strategien bei Frauen und Männern berück- Umweltbedingungen ist. Es könnte z. B. in reichen Umwel-
sichtigt werden müssen, da sie gemeinsam evolvieren, und ten, in denen Kinder leicht überleben, eher adaptiv sein,
dass Frauen insgesamt weniger als Männer von einer nicht- viele Kinder zu haben und sich entsprechend wenig um sie
restriktiven Strategie profitieren können, da sie weniger zu kümmern (hoher Paarungsaufwand und geringe elterli-
Nachkommen haben können als Männer. Zudem verfol- che Investition), während es unter harten Umweltbedingun-
gen Frauen und Männer in der Realität nicht eindeutig nur gen, in denen Kinder nur mit massiver Unterstützung der
die eine oder andere Strategie, sondern weisen nur gra- Eltern überleben können, eher adaptiv ist, wenige Kinder
duell abgestufte individuelle Tendenzen in die eine oder zu haben und sich stark um sie zu kümmern (geringer Paa-
andere Richtung auf. Letztendlich sind hier mathemati- rungsaufwand und starke elterliche Investition). Falls die
sche Modelle oder Computersimulationen von Strategie- Umwelt langfristig, d. h. im Verlauf vieler Generationen,
wahlen und deren Fitness gefragt, um nachzuweisen, dass zwischen solchen Extremen schwankt, sind konditionale
es unter realistischen Annahmen über die Fitness verschie- Entwicklungsstrategien adaptiv, die die Individualentwick-
dener Strategien zu einer frequenzabhängigen Selektion und lung an die Umwelt in der Kindheit anpassen.
damit zu einer stabilen Koexistenz unterschiedlicher sexuel- Besteht ein nachweislicher Zusammenhang zwischen
ler Strategien kommen kann. Persönlichkeitsunterschieden im Jugend- und Erwach-
Das Konzept der frequenzabhängigen Selektion ist inso- senenalter und Umweltunterschieden in der Kindheit,
fern instruktiv für die Persönlichkeitspsychologie, als es könnte dies auf eine konditionale Entwicklungsstrategie
naive Auffassungen von genetischer Fitness infrage stellt, hinweisen. Um diese Annahme zu erhärten, müsste dann
nach denen es so etwas wie die absolute Fitness von Persön- v. a. der vermittelnde proximate Mechanismus gefunden
lichkeitseigenschaften geben könnte. Fitness ist aber grund- werden. Dieses Prinzip wurde von den Anthropologen
sätzlich eine Funktion von Genen und ihrer Umwelt, insbe- Draper und Harpending genutzt, um eine überraschende
sondere ihrer sozialen Umwelt, und dazu gehören auch die Brücke zwischen väterlicher Fürsorge im Kindesalter und
76 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Persönlichkeitsmerkmalen im Jugendalter zu schlagen (vgl. Entwicklungsstrategie zugrunde liegen könnten. Ein mög-
7 Unter der Lupe). licher, bei verschiedenen Säugetierarten nachgewiesener
Mechanismus ist die Beschleunigung der weiblichen bio-
2 logischen Reifung durch Geruchsstoffe nichtverwand-
Unter der Lupe ter männlicher Artgenossen. In Übereinstimmung damit
fanden Ellis und Garber (2000), dass die Regelblutung
Die Hypothese von Draper und Harpending besser durch die Dauer des Zusammenlebens mit nichtver-
Draper und Harpending (1982) formulierten auf wandten Partnern der Mutter (Stiefvätern und Freunden)
der Grundlage kulturvergleichender Studien die vorhergesagt wurde als durch die Dauer der Abwesenheit
Hypothese, dass im Verlauf der jüngeren Evolution des leiblichen Vaters. Ein zweiter, im Tierexperiment nicht
väterliche Fürsorge ein relativ verlässlicher Indikator so gut belegter möglicher Mechanismus ist die Hemmung
für die künftige reproduktionsrelevante Umwelt der der weiblichen biologischen Reifung durch Geruchsstoffe
Kinder sei, da sie von Generation zu Generation relativ des eigenen Vaters. So fanden Ellis et al. (1999), dass bei
stabil gewesen sei. Väterliche Fürsorge eigne sich also Mädchen, die bis zur Pubertät mit ihrem leiblichen Vater
als Bedingung für eine konditionale Entwicklungs- zusammenlebten, diejenigen eher in die Pubertät kamen,
strategie: Kinder entwickelten sich bei starker um die sich ihr Vater bis zum Alter von 5 Jahren weniger
väterlicher Fürsorge in Richtung starker elterlicher gekümmert hatte.
Investition und geringen Paarungsaufwandes. Bei Eine weitere mögliche biologische Erklärung ist, dass die
wahrgenommener Vaterabwesenheit oder geringer beobachteten Unterschiede bei Vätern und ihren T ­ öchtern
väterlicher Fürsorge hingegen entwickelten sie sich in durch dieselben Gene bedingt sind. Genetische Unter-
Richtung starken Paarungsaufwandes und geringer schiede zwischen Vätern wären nach dieser Hypothese
elterlicher Investition. verantwortlich für ihr unterschiedliches Fürsorgeverhal-
Deshalb sollten Töchter von Vätern, die sich gar ten, und dieselben Gene (die die Väter in der Hälfte der Fälle
nicht oder wenig um sie in der Kindheit kümmern, an ihre Töchter weitergeben) wären für die unterschiedli-
früher in die Pubertät kommen, eher den ersten che Entwicklung der Töchter verantwortlich. Gegen diese
Geschlechtsverkehr haben, weniger stabile genetische Hypothese spricht allerdings, dass Mädchen, die
Partnerschaften haben und selber weniger in ihre eine Trennung vom Vater im Alter von ca. 5 Jahren erleb-
Kinder investieren als Töchter fürsorglicher Väter. ten und dann bis zur Pubertät nur mit der Mutter zusam-
menlebten, beim Vergleich mit einer leiblichen Schwester,
die diese Trennung im Alter von ca. 12 Jahren erlebte, in
einem früheren Alter in die Pubertät kamen als die ältere
Diese Vorhersagen lassen sich empirisch weitgehend bestä- Schwester, wobei der Unterschied besonders groß war, wenn
tigen (Ellis, 2004), insbesondere die Vorhersage für das Ein- der Vater besonders wenig in die Familie investiert hatte
setzen der Regelblutung. So fanden Ellis, McFayden-Ket- (ein sogenanntes Kontrollgeschwisterdesign; Tither & Ellis,
chum, Dodge, Pettit und Bates (1999) in einer Längsschnitt- 2008). Dieser Befund lässt sich weder genetisch noch durch
studie einen deutlichen Zusammenhang zwischen der beob- Umweltmerkmale erklären, die Geschwister teilen (z. B.
achteten positiven Qualität der Vater-Tochter-Beziehung soziale Schicht oder Bildung der Eltern).
im Alter von 4–5 Jahren und dem Alter der Tochter bei der
ersten Regelblutung. Dieser Zusammenhang war deutlich > Das weibliche Reproduktionsverhalten wird durch
stärker als der für die negative Qualität der Vater-Tochter- die Fürsorge des Vaters in der Kindheit mitbestimmt.
Beziehung und der für die positive und die negative Qualität Diskutiert werden als proximater Mechanismus
der Mutter-Tochter-Beziehung. Dass die Qualität der Bezie- Geruchsstoffe des Vaters bzw. nichtverwandter
hung zum Vater mehr Vorhersagewert hat als die Qualität Männer in der Familie während der Kindheit der
der Beziehung zur Mutter, ist evolutionspsychologisch zu Töchter.
erwarten, da die mütterliche Fürsorge weniger stark vari-
iert und deshalb nicht gut als Indikator für die künftig zu Methodisch steht und fällt die evolutionspsychologische
erwartende Umwelt genutzt werden kann. Neberich, Penke, Analyse mit der Qualität der Begründung dafür, dass ein
Lehnart und Asendorpf (2010) konnten bei jungen deut- bestimmter psychologischer Mechanismus ein EPM sein
schen Frauen die erwartete Sequenz wenig väterliche Für- könnte. Derartige Begründungen sind nicht unproble-
sorge → frühe Regelblutung → früher erster Geschlechtsver- matisch, da die Annahmen über die Umwelt in unserer
kehr → hohe Soziosexualität bestätigen. evolutionären Vergangenheit oft sehr spekulativ sind
Ellis et al. (1999) diskutierten verschiedene proxi- und deshalb die Gefahr von Scheinerklärungen besteht
mate Mechanismen, die der vermuteten konditionalen (Umweltbedingungen werden so angenommen, dass
2.6 · Evolutionspsychologisches Paradigma
77 2
sie den interessierenden Mechanismus erklären). Hier konnte, z. B. was die Merkmale aktiv, dominant, aggressiv,
besteht eine Analogie zu psychoanalytischen Erklärungen ängstlich, neugierig, gesellig, ausdauernd und intelligent
durch Annahme passender Abwehrmechanismen (vgl. anging. Auch die Vorhersagbarkeit tatsächlichen Verhal-
7  Abschn. 1.2.2). Auch dürfte es in absehbarer Zeit noch tens durch die eingeschätzte Persönlichkeit brauchte den
nicht möglich sein, die genetische Steuerung von EPMs im Vergleich mit Humanstudien nicht zu scheuen. Der oft
Detail nachzuweisen. vorgebrachte Einwand, dass derartige Ergebnisse ledig-
Deshalb muss in evolutionspsychologischen Erklä- lich in den Köpfen der Beobachter existieren und mit der
rungen möglichst gut begründet werden, dass ein EPM zu Realität des Tierverhaltens wenig zu tun haben („Anth-
einem wichtigen adaptiven Problem so genau passt wie ein ropomorphisierung“ des Tierverhaltens) trifft sicherlich
Schlüssel in ein Schloss. Hierbei ist es überzeugender, von ein methodisches Problem von Tierverhaltensstudien,
einem bekannten Schloss auf die Form des Schlüssels zu sollte aber nicht überbewertet werden. So fanden z. B.
schließen (ausgehend von einem adaptiven Problem werden Uher und Asendorpf (2008) bei Menschenaffen im Leip-
mögliche EPMs gesucht), als umgekehrt zu prüfen, ob etwas ziger Zoo gute Übereinstimmungen zwischen direkten
ein Schlüssel für ein noch unbekanntes Schloss sein könnte Verhaltensbeobachtungen und Persönlichkeitsbeurtei-
(ausgehend von einem psychologischen Mechanismus lungen durch die Pfleger und hohe zeitliche Stabilitäten
wird ein adaptives Problem gesucht, das dieser Mechanis- sowohl für die beobachteten als auch für die beurteilten
mus lösen könnte). Immerhin wurden von Evolutionsbio- Persönlichkeitseigenschaften.
logen Kriterien dafür entwickelt, wann etwas ein Schlüssel
sein könnte, d. h. welche Merkmale dafür sprechen, dass ein > Persönlichkeitsunterschiede von Tieren lassen sich
physiologischer oder psychologischer Mechanismus durch mit guter Übereinstimmung zwischen Beobachtern
natürliche Selektion entstanden ist: Ökonomie, Effizienz, beschreiben und sagen beobachtetes Verhalten gut
Komplexität, Präzision, Spezialisierung und Zuverlässig- vorher. Die Beschreibungen reflektieren durchaus
keit (Williams, 1966). Unterschiede im realen Verhalten, auch wenn
Förderlich für den Nachweis eines EPMs ist es auch, sie nicht frei von Tendenzen zur Anthropomor-
wenn homologe Mechanismen bei unseren näheren Art- phisierung sind.
verwandten gefunden werden, insbesondere bei Menschen-
affen (Schimpansen, Bonobos, Gorillas, Orang-Utans) und Solche Analogien zwischen Persönlichkeitsunterschieden
anderen Primaten (z. B. Rhesus-Affen). „Homolog“ bedeu- bei Mensch und Tier legen zwar Homologien nahe, können
tet dabei mehr als nur „ähnlich“ oder „analog“; gemeint ist, sie aber nicht belegen. Es gibt z. B. bei zahlreichen Säugetier-
dass die Ähnlichkeit auf der Tatsache beruht, dass Menschen arten (Mäuse, Kühe, Schweine u. a.) einen Zusammenhang
und die jeweilige Affenart einen gemeinsamen Vorfahren zwischen dem Grad, mit dem die Jungtiere dem Geruch
mit diesem Merkmal hatten. Bei psychologischen Mecha- nichtverwandter, erwachsener männlicher Tiere ausgesetzt
nismen ist dies schwerer zu begründen als bei vielen körper- sind, und frühzeitiger Geschlechtsreifung (Ziegler & Ber-
lichen Merkmalen, weil die Homologie nie direkt anhand covitch, 1990). Trotzdem könnten die Zusammenhänge bei
fossiler Überreste, sondern nur indirekt belegt werden kann, Menschen auf anderen Mechanismen beruhen.
in fernerer Zukunft wohl v. a. durch den Nachweis, dass der
psychologische Mechanismus bei den verglichenen Arten
auf der Funktion derselben Gene beruht. Heutzutage muss Unter der Lupe
man deshalb mit dem Nachweis zufrieden sein, dass ein psy-
chologischer Mechanismus sich in ähnlicher Form bei mög- Anforderungen an einen EPM
lichst vielen verwandten Arten zeigt. Notwendig ist dieser Der evolutionspsychologische Nachweis eines EPM
Nachweis jedoch für EPMs beim Menschen nicht, weil es erfordert: Angabe des gelösten adaptiven Problems
artspezifische EPMs bei Menschen, aber auch bei Affen, in unserer evolutionären Vergangenheit; Angabe des
geben kann. proximaten psychologischen Mechanismus, der dies
Dennoch ist die Suche nach Analogien von Persön- leistete; Plausibilität der genetischen Fixiertheit dieses
lichkeitsunterschieden zwischen Arten insofern ins- Mechanismus; Bereichsspezifität des Mechanismus;
truktiv, als sie zu Hypothesen für Homologien in den Erfüllung der allgemeinen Anforderungen an ein
zugrunde liegenden Mechanismen führen kann. Gosling adaptives Design: Ökonomie, Effizienz, Komplexität,
(2001) sichtete 187 Studien zu Persönlichkeitsunterschie- Präzision, Spezialisierung und Zuverlässigkeit.
den innerhalb von 54 Tierarten, von Schimpansen bis zu Förderlich, wenn auch nicht notwendig, ist der
Tintenfischen. Die Persönlichkeitsunterschiede zeigten Nachweis homologer EPMs bei Artverwandten,
dabei eine Beobachterübereinstimmung, die durch- insbesondere Menschenaffen und anderen Primaten.
aus mit Beobachtungsstudien an Menschen mithalten
78 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Nicht nachgewiesen werden muss die Ökonomie, Effizienz ausschließlich deren Verhalten bestimmt haben, gibt es
usw. eines EPM unter heutigen Umweltbedingungen, denn zumindest beim Menschen zusätzlich bereichsübergrei-
diese sind bestenfalls relevant für EPMs unserer Nachkom- fende Mechanismen. Hierzu gehört z. B. die Fähigkeit zu
2 men. Ganz im Gegenteil führen evolutionspsychologische reflektivem Denken und Handeln nach bereichsunspezi-
Erklärungen gerade dann über die sonst üblichen Opti- fischen Prinzipien (vgl. 7 Abschn. 2.2.3), deren Existenz
malitätsüberlegungen in der Psychologie hinaus, wenn die durchaus evolutionär verständlich ist. Starke Umwelt-
Fitness eines EPM in vergangenen Umwelten höher war als schwankungen, wie sie in der jüngeren evolutionären
in heutigen Umwelten. Es gibt z. B. einen gut belegten EPM Geschichte von Homo sapiens verbreitet waren (Potts,
für die Präferenz fetter und süßer Speisen (Rozin & Kalat, 1998), sollten z. B. die Evolution bereichsunabhängiger
1971). Dieser EPM war äußerst nützlich für das Überleben Mechanismen begünstigt haben. Da es sich um eher junge
unserer evolutionären Vorfahren, führt aber zu einem Ess- evolutionäre Errungenschaften handelt, sollten Unter-
verhalten, das dem heutigen Lebensstil in westlichen Kul- schiede innerhalb der Art hierin besonders ausgeprägt
turen, insbesondere dem Mangel an körperlichen Anfor- sein, z. B. Unterschiede in der allgemeinen Intelligenz
derungen, schlecht angepasst ist. Dass dieses Essverhalten (Parker & McKinney, 1999).
dennoch so verbreitet und nur schwer änderbar ist, erklärt
gut die evolutionspsychologische Analyse. ? Fragen
Das evolutionspsychologische Paradigma der Persön- 2.38 Was wird unter einem EPM verstanden und
lichkeitspsychologie verleiht menschlichen individuellen welchen Kriterien sollte er genügen? Beispiel
Besonderheiten eine Tiefendimension, die Chancen und für einen EPM? (→ bereichsspezifischer,
Risiken in sich birgt. Die Chancen bestehen in der Möglich- genetisch fixierter Informationsverarbei-
keit, das evolutionsbiologische Wissen über die Bedeutung tungsmechanismus; s. Kasten „Methodik“;
innerartlicher Unterschiede für die Persönlichkeitspsycho- Schlangenangst)
logie zu nutzen und psychologiespezifisch auszubauen, um 2.39 Warum sollten wir genetisch Verwandten
so die vorhandenen Unterschiede nicht nur als Produkte der helfen, welcher EPM könnte verantwortlich sein,
individuellen Lebensgeschichte, sondern auch als Produkte warum wird Verwandten väterlicherseits meist
der Geschichte unserer Art besser zu verstehen. Die Fragen weniger geholfen als Verwandten mütterli-
nach dem ultimaten Nutzen unterschiedlicher Persönlich- cherseits? (→ inklusive Fitness, Vertrautheit-Nä-
keitsvarianten und nach den vermittelnden proximaten Pro- he-Hilfe, Vaterschaftsunsicherheit)
zessen stellen neue Anforderungen auch an vorhandene per- 2.40 Welches Geschlechterverhältnis besteht
sönlichkeitspsychologische Konstrukte, da ihre alltagspsy- kurz nach der Pubertät und warum? (→ 1:1;
chologische Ableitung oder die Einräumung eines Stellen- Erklärung durch frequenzabhängige Selektion
werts in Informationsverarbeitungsmodellen nicht mehr ausführen)
als ausreichend empfunden wird. Nicht zuletzt könnte die 2.41 Wie können Unterschiede in der Soziosexualität
Strategie, nach alternativen Lösungen eines adaptiven Pro- innerhalb der Geschlechter evolutionär
blems der Vergangenheit zu suchen und sie in Form beob- erklärt werden? (→ Erklärung durch frequenz-
achtbarer Persönlichkeitsunterschiede zu identifizieren, zu abhängige Selektion bei Frauen ausführen)
überraschenden neuen Persönlichkeitskonstrukten führen, 2.42 Wie kann der Zusammenhang zwischen
die bisher weder alltagspsychologisch noch kognitionspsy- Vaterabwesenheit und Pubertätszeitpunkt
chologisch beachtet wurden. bei Mädchen erklärt werden und wie nicht?
Die Risiken bestehen in der schlechten empirischen (→ konditionale Entwicklungsstrategie
Testbarkeit evolutionspsychologischer Annahmen und beruhend auf Geruch-EPMs; nicht: gemeinsame
Interpretationen. Da neutrale oder nichtadaptive Persön- Gene von Vater und Tochter)
lichkeitsvarianten evolutionspsychologisch wenig herge- 2.43 Lassen sich Persönlichkeitsunterschiede bei
ben, besteht die Gefahr, dass Persönlichkeitsvarianten adap- Tieren gut beobachten? Inwiefern sind sie
tive Erfolgsgeschichten zugeschrieben werden, die sie gar informativ für evolutionspsychologische
nicht haben. Die Suche nach solchen Erfolgsgeschichten ist Erklärungen? (→ Beobachterübereinstimmung
zweifellos intellektuell reizvoll, dürfte aber des Öfteren zu und Verhaltensvorhersage gut; Analogien legen
Scheinerklärungen führen. Homologien nahe, Analogien sind aber nicht
Kritikwürdig ist auch die derzeitige Einengung notwendig für Evolviertheit)
des EPM-Konzepts in der Evolutionspsychologie auf 2.44 Zwei Probleme des evolutionspsychologischen
bereichsspezifische Mechanismen der Informations- Paradigmas? (→ empirisch nur schwer prüfbar;
verarbeitung. Obwohl diese sicherlich gerade bei Annahme, dass EPMs nur bereichsspezifisch
unseren evolutionären Vorfahren ganz wesentlich oder sind, ist problematisch)
2.7 · Gesamtüberblick
79 2

Mehr lesen noch einmal zusammen, indem die Hauptlinien der Para-
digmengeschichte der heutigen empirischen Persönlich-
Buss, D.M. (2016). Evolutionary psychology (5th ed.). keitspsychologie in ihrem Gesamtzusammenhang skiz-
London: Routledge. ziert werden. Oben in der Abbildung ist zu jedem Para-
digma diejenige wissenschaftliche Disziplin innerhalb oder
außerhalb der Psychologie angegeben, die das Paradigma
primär beeinflusst und deshalb meist auch als Namensge-
2.7 Gesamtüberblick ber fungiert.
Das Verhältnis der sechs Paradigmen, die die heutige
Die drei zuletzt geschilderten Paradigmen sind stark biolo- empirische Persönlichkeitspsychologie beherrschen, beleuch-
gisch orientiert, was einem aktuellen Trend in der Psycho- tet schlaglichtartig (in Fortführung von 7 Abschn. 2.3.1) das
logie insgesamt entspricht. . Abb. 2.24 fasst dieses Kapitel folgende Bonmot:

. Abb. 2.24  Paradigmengeschichte der empirischen Persönlichkeitspsychologie


80 Kapitel 2 · Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie

Unter der Lupe

Sechs heutige Paradigmen der Persönlichkeitspsy-


2 chologie
Was ist das Eigenschaftsparadigma? – In einem
stockdunklen Raum eine tote schwarze Katze finden.
Was ist das Informationsverarbeitungsparadigma? –
In einem stockdunklen Raum einen schwarzen
Computer finden, der eine Katze simuliert.
Was ist das dynamisch-interaktionistische
Paradigma? – In einem stockdunklen Raum 20 Jahre
lang einer schwarzen Katze hinterherlaufen.
Was ist das neurowissenschaftliche Paradigma? – In
einem stockdunklen Raum ein schwarzes Katzenhirn
finden.
Was ist das molekulargenetische Paradigma? – In
einem stockdunklen Raum ein schwarzes Buch mit
unverständlichen Lettern finden.
Was ist das evolutionspsychologische Paradigma? – In
einem stockdunklen Raum eine Tür finden, hinter der
sich ein stockdunkler Gang verliert; dort nach den
Vorfahren schwarzer Katzen suchen.
81 3

Methodik

3.1 Klassifikation von Personen – 82

3.2 Messung von Eigenschaften – 83


3.2.1 Skalen – 83
3.2.2 Verteilung von Eigenschaftswerten – 84
3.2.3 Korrelation – 86
3.2.4 Reliabilität – 89
3.2.5 Validität – 94
3.2.6 Eigenschaftsbeurteilung – 97
3.2.7 Verhaltenserfassung – 101
3.2.8 Persönlichkeitserfassung im Alltag und im Labor – 103

3.3 Persönlichkeitsfaktoren – 104

3.4 Persönlichkeitsprofile und Persönlichkeitstypen – 113

3.5 Persönlichkeitsstörungen – 117

3.6 Mehrebenenmodelle – 122

3.7 Kreuzkorrelationsdesigns – 127


3.7.1 Einseitige kausale Interpretation einer Korrelation – 127
3.7.2 Wirkung einer verborgenen Variablen – 128

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2018


F.J. Neyer, J.B. Asendorpf, Psychologie der Persönlichkeit, Springer-Lehrbuch,
DOI 10.1007/978-3-662-54942-1_3
82 Kapitel 3 · Methodik

Anwendungen der empirischen Persönlichkeitspsycholo- – bisexuell – homosexuell, extravertiert-stabil – introver-


gie in beruflicher Praxis und Wissenschaft setzen voraus, tiert-stabil – introvertiert-instabil – extravertiert-instabil
dass die Persönlichkeitsvariation, d. h. Persönlichkeitsunter- (vgl. 7 Abb. 2.15 in 7 Abschn. 2.4.2). Diese Einteilung muss
schiede in einer oder mehreren Persönlichkeitseigenschaf- in Form einer Operationalisierung erfolgen, d. h. es muss
ten, empirisch beschrieben wird. Dazu müssen Personen klare Regeln für die Zuordnung einer beliebigen Person
nach ihrer Persönlichkeit klassifiziert oder ihre Persönlich- zu einem Typ geben. Die Typen bilden eine Nominalskala
3 keitseigenschaften gemessen werden. In diesem Kapitel (von lat. „nomen“: Name, d. h. den Personen werden Namen
wird zunächst eine Übersicht über Methoden gegeben, die zugeordnet).
das leisten. Anschließend werden zwei anspruchsvollere In den empirischen Wissenschaften werden diese
Methoden der empirischen Persönlichkeitsforschung skiz- Regeln streng gehandhabt. Zum Beispiel scheint es offen-
ziert, die zunehmend Verwendung finden: Mehrebenen- sichtlich zu sein, wer männlich und wer weiblich ist; wenn
modelle und Kreuzkorrelationsdesigns. Wie auch bei der bei femininen Männern oder maskulinen Frauen das nicht
Darstellung von Faktoren- und Clusteranalysen werden nur einfach zu entscheiden ist, klassifiziert man nach den pri-
Grundprinzipien anhand konkreter Beispiele geschildert, mären Geschlechtsorganen (Penis oder Scheide). Aber
um Ergebnisse, die mithilfe dieser Methoden gewonnen selbst das kann irreführend sein, z. B. nach Geschlechts-
werden, interpretieren zu können. Wer diese Methoden umwandlung bei Transsexuellen. Deshalb wird das
selbst anwenden möchte, sollte zusätzlich ein Statistikbuch Geschlecht auf genetischer Ebene definiert. Männlich ist,
konsultieren. wer ein männliches Geschlechtschromosom (Y-Chro-
mosom) hat, sonst ist die Person weiblich (vgl. genauer
Lernziele 7 Abschn. 7.1).
44 Beurteilerübereinstimmung zufallskorrigiert feststellen Eine „klare“ oder „streng gehandhabte“ Regel lässt sich
können, noch weiter präzisieren. Gemeint ist damit, dass unter-
44 Eigenschaften auf Skalen verschiedenen Niveaus messen schiedliche Beurteiler die Regel unabhängig voneinander
können, in fast allen Fällen gleich anwenden, also fast alle Personen
44 die Reliabilität und Validität von Eigenschaftsmessungen gleich klassifizieren (intersubjektive Objektivität). Es reicht
bestimmen können, also nicht, wenn ein „Experte“ die Zuordnungen vornimmt,
44 den Nutzen der Spearman-Brown-Formel verstehen, selbst dann nicht, wenn seine Zuordnungen bei einer Wie-
44 Zusammenhänge zwischen Eigenschaftsvariablen mit derholung fast gleich ausfallen. Vielmehr müssen mindes-
Korrelationen beschreiben können, tens zwei verschiedene Beurteiler in der Anwendung der
44 Prinzipien der Eigenschaftserfassung durch Beurteilung Regel trainiert werden und dann ohne Möglichkeit der
und Verhaltenserfassung verstehen, Kommunikation miteinander viele Personen klassifizie-
44 Prinzipien der Eigenschaftserfassung im Alltag und ren. Die beiden Klassifizierungen müssen für fast alle Per-
Labor verstehen, sonen identisch sein. Nur in diesem Fall ist die intersubjek-
44 Ergebnisse von Faktorenanalysen interpretieren tive Objektivität der Klassifizierung erfüllt. Was aber bedeu-
können, tet „fast“?
44 die Ähnlichkeit von Persönlichkeitsprofilen und auf
dieser Basis Persönlichkeitstypen bestimmen können, > Klassifikationen sind intersubjektiv objektiv,
44 eine Übersicht über Persönlichkeitsstörungen und ihre wenn unterschiedliche Beurteiler unabhängig
Erfassung bekommen, voneinander die Klassifikationsregel fast gleich
44 Ergebnisse von Mehrebenenanalysen interpretieren anwenden.
können und
44 Ergebnisse von Kreuzkorrelationsanalysen interpretieren Beispiel
können. Auswahl von Studierenden durch Bewerbungsgespräche
Zwei Beurteiler werden darin trainiert, die Geeignetheit
von Bewerbern für das Studium der Psychologie aufgrund
3.1 Klassifikation von Personen von Interviews mit ihnen zu beurteilen (ja/nein). Um die
intersubjektive Objektivität des Verfahrens zu prüfen, be-
Beim Klassifizieren von Personen werden alle Personen in urteilen sie unabhängig voneinander dieselben 25 video-
zwei oder mehr qualitativ unterschiedliche (untereinander grafierten Interviews und stimmen in 20 Fällen (80% der
nicht weiter vergleichbare) Typen eingeteilt, z. B. männlich – Fälle) überein. Ist dieses Klassifikationsverfahren intersub-
weiblich, geeignet für die Stelle (ja/nein), heterosexuell jektiv objektiv?
3.2 · Messung von Eigenschaften
83 3
Die Antwort darauf hängt von der rein per Zufall erziel- nach denen klassifiziert wird, untereinander nicht weiter
baren Übereinstimmung ab und diese wiederum von der vergleichbar sind (Nominalskala). Bei mehr als zwei
Bewerberquote pro Studienplatz. Typisch für Psychologie Unterscheidungen lässt sich dagegen oft eine Rangfolge
wären etwa fünf Bewerber pro Studienplatz, also eine Quo- der Ausprägungen auf einer Ordinalskala annehmen (von
te von 20%. Wenn beide Beurteiler sich daran hielten und lat. „ordinis“: Rangfolge). Zum Beispiel werden im Sport
rein zufällig jeden fünften Bewerber für geeignet erklärten, Medaillen für den 1. Platz, 2. Platz usw. verliehen. Hier-
betrüge ihre Übereinstimmung 80% × 80% + 20% × 20% = durch wird eine Rangfolge festgelegt. Die Rangfolge kann
68%. Das ist gar nicht so viel niedriger als ihre tatsächliche durch Zahlen beschrieben werden, die die Rangplätze
Übereinstimmung von 80%. Wie gut ist ihre Übereinstim- der Personen angeben. Hierbei werden also Personen
mung nach Korrektur der Zufallsübereinstimmung? Zahlen zugeordnet, wobei sich die Regeln für „kleiner“
oder „größer“ von Zahlen auf die Eigenschaftsausprä-
Zur Zufallskorrektur von Übereinstimmungen bei der Klas- gungen anwenden lassen. Wenn z. B. Person A einen
sifikation wird meistens das vom Statistiker Jacob Cohen höheren Rangplatz hat als Person B und B einen höheren
(1960) eingeführte Cohens kappa berechnet (oft mit dem als C, hat A eine höhere Eigenschaftsausprägung als C.
griechischen Buchstaben κ bezeichnet). Hierbei wird die Das wissen wir auch dann, wenn wir A und C gar nicht
Zufallsübereinstimmung von der tatsächlichen abgezogen direkt miteinander verglichen haben – es ergibt sich aus
und durch den Wert „1 – Zufallsübereinstimmung“ geteilt den Rangplätzen.
(hier wie generell bei statistischen Angaben in der Psycho- Ganz allgemein spricht man in den empirischen Wis-
logie werden Prozente durch Hundertstel ausgedrückt und senschaften von einer Messung, wenn Objekten Zahlen
die angloamerikanische Schreibweise für Bruchzahlen ange- so zugeordnet werden, dass bestimmte Beziehungen zwi-
wendet, also z. B. .80 = 80%). schen den Zahlen sich als entsprechende Beziehungen
zwischen den Objekten interpretieren lassen (7 Metho-
> Cohens kappa ist ein Maß für die zufallskorrigierte dik). Werden Personen nach ihren Eigenschaftsausprä-
Übereinstimmung. gungen in eine Rangfolge gebracht, handelt es sich um
eine Messung, weil sich „größer“/“kleiner“-Beziehun-
Beispiel gen zwischen den Rangplätzen als Aussagen über die
Berechnung von Cohens kappa Eigenschaftsausprägungen interpretieren lassen. Wenn
Im obigen Beispiel betrugen die tatsächliche Übereinstim- zur Klassifizierung von Personen (Nominalskala) Zahlen
mung .80 und die Zufallsübereinstimmung .68. Damit ist verwendet werden, ist das nur insofern eine Messung,
kappa = (.80–.68)/(1–.68) = .12/.32 = .38. als unterschiedliche Zahlen unterschiedlichen Typen
entsprechen.
Für eine ausreichende Übereinstimmung werden kappas
von mindestens .60 gefordert; von einer guten Übereinstim-
mung wird ab κ = .80 gesprochen.
Methodik
> Die intersubjektive Objektivität einer Klassifikation Messen bedeutet, Objekten Zahlen zuzuordnen,
ist ausreichend ab κ = .60 und gut ab κ = .80. sodass Beziehungen zwischen den Zahlen
Beziehungen zwischen den Objekten entsprechen.
Die Übereinstimmung der Beurteiler im Beispiel war also
schlecht. Das sind übrigens realistische Daten, d. h. Studie-
rende für begehrte Studienfächer sollten nicht durch Aus- Meistens sind Eigenschaftsausprägungen nicht nur nach
wahlgespräche ausgelesen werden, weil die Auswahlent- einer Rangfolge geordnet, sondern derart, dass zahlenmä-
scheidungen zu subjektiv sind. ßig gleich große Unterschiede (Intervalle) zwischen zwei
Ausprägungen immer dieselbe psychologische Bedeutung
haben. Dann bilden sie eine Intervallskala.
3.2 Messung von Eigenschaften
Beispiel
3.2.1 Skalen Antwortskala auf Intervallskalenniveau: Likert-Skala
In der Einstellungsmessung wird bei expliziten Einstellun-
Klassifikationen sind die Methode der Wahl zur Beschrei- gen meist eine Zustimmungsskala verwendet, wonach die
bung von Personen, wenn die Eigenschaftsausprägungen, Zustimmung zu einer Aussage von „gar nicht“ bis „voll und
84 Kapitel 3 · Methodik

ganz“ auf einer graduell abgestuften Antwortskala abge- 3.2.2 Verteilung von Eigenschaftswerten
fragt wird:
1=gar nicht – 2=eher nicht – 3=unentschieden – 4=eher Haben wir die Ausprägung einer bestimmten Persönlich-
ja – 5=voll und ganz. keitseigenschaft bei vielen Personen auf einer Intervall- oder
Solche 5-Punkte-Skalen der Zustimmung werden auch als Rationalskala gemessen, so können wir die Ergebnisse durch
Likert-Skalen bezeichnet nach dem Statistiker Rensis Likert. eine Eigenschaftsvariable beschreiben, die jeder Person
3 Angenommen wird dabei, dass es sich um eine Intervall- einen Eigenschaftswert zuweist, der die Ausprägung der
skala handelt, sodass z. B. der Unterschied zwischen „eher Eigenschaft bei dieser Person quantitativ beschreibt. Führen
ja“ und „eher nicht“ genauso groß ist wie der zwischen „un- wir z. B. einen Intelligenztest bei 100 Personen durch, wird
entschieden“ und „gar nicht“, weil er der gleichen Zahlen- das Ergebnis durch eine Intelligenzvariable beschrieben, die
differenz 2 entspricht. jeder getesteten Person einen Intelligenzwert zuweist. Zur
Vereinfachung wird oft statt von Eigenschaftsvariablen auch
Oft wird nicht die Zustimmung zu Aussagen abgefragt, einfach von Eigenschaften gesprochen.
sondern die Häufigkeit des Erlebens oder Verhaltens. In
diesem Fall können auch Zahlenverhältnisse (Proportio- > Unter einer Eigenschaft wird je nach Kontext
nen) psychologisch interpretiert werden. Wenn z. B. Fritz etwas völlig Unterschiedliches verstanden:
8-mal im Monat schlecht schläft und Susi 4-mal, so ist das der Eigenschaftswert einer Person oder eine
Verhältnis von 8:4 interpretierbar als „Fritz schläft doppelt Eigenschaftsvariable.
so schlecht wie Susi“. Man spricht in solchen Fällen von Ver-
hältnisskalen oder auch Rationalskalen (von lat. „ratio“: Intervall- und rationalskalierte Eigenschaftsvariablen lassen
Verhältnis). sich durch ihre Verteilung grafisch darstellen, indem auf
der X-Achse die möglichen Werte der Variable, z. B. die
> Bei Rationalskalen sind Multiplikationen, Likert-skalierten Werte 1–2–3–4–5, und auf der Y-Achse
Divisionen, Differenz- und Summenbildung der die Häufigkeit der gemessenen Eigenschaftswerte in einer
Messwerte sinnvoll psychologisch interpretierbar, bestimmten Stichprobe von Personen angegeben werden.
bei Intervallskalen nur Differenz- und Oft findet man eine Verteilung in Form einer „Glocken-
Summenbildung, bei Ordinalskalen keine dieser vier kurve“ (Normalverteilung), aber Verteilungen können auch
Rechenoperationen. schief sein (vgl. . Abb. 3.1). Beide Verteilungen beruhen auf
echten Daten. Bei der Verteilung von Extraversion handelte
Abgesehen von Häufigkeitsskalen oder anderen Rational- es sich um Selbstbeurteilungen von 1 000 britischen Sol-
skalen mit einem klaren Nullpunkt wie z. B. Reaktionsge- daten in Fragebögen (Eysenck, 1947), bei der Verteilung von
schwindigkeit (Millisekunden ms), Körpergröße (cm) oder Aggressivität um den pro Kind beobachteten Prozentanteil
Körpergewicht (kg) erfolgt die Messung von Persönlich- aggressiver Kontaktaufnahmen unter allen Kontaktaufnah-
keitseigenschaften meist mit Intervallskalen, seltener mit men beim Freispiel in der Kindergartengruppe (Asendorpf,
Ordinalskalen. Denissen & van Aken, 2008).

. Abb. 3.1  Annähernde Normalverteilung (a) und schiefe Verteilung (b)


3.2 · Messung von Eigenschaften
85 3
Schon der Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777–
1855) bewies, dass Abweichungen vom Mittelwert, die Varianz die quadrierte Abweichung durch die Zahl der
zufällig oder durch sehr viele unabhängige Einflussgrö- Messwerte minus 1 geteilt (und nicht durch die Zahl
ßen bedingt sind, annähernd normalverteilt sind (deshalb der Messwerte). Damit wird der Tatsache Rechnung
wird die Normalverteilung auch die Gaußsche Glocken- getragen, dass es sich um eine Stichprobe handelt
kurve genannt). Da Persönlichkeitseigenschaften oft durch („erwartungstreue Schätzung“).
viele unabhängige Faktoren beeinflusst sind, sind sie häufig
annähernd normalverteilt. Aggressivität und andere Eigen-
schaften, bei denen niedrige oder hohe Werte als ausgespro- In persönlichkeitspsychologischen Untersuchungen wird
chen erwünscht gelten, sind eher schief verteilt, weil Perso- meist die SD berichtet, u. a. weil die SD weniger als die
nen mit erwünschten Werten häufiger sind als solche mit Varianz durch Ausreißer beeinflusst wird. Darunter ver-
unerwünschten Werten oder sich in Fragebögen zumindest steht man extrem hohe oder niedrige Werte einer Vertei-
als erwünschter schildern. Deshalb besteht bei Beurteilun- lung, die sehr selten vorkommen.
gen von Personen ein sehr enger Zusammenhang zwischen
der Erwünschtheit niedriger oder hoher Werte und der Beispiel
Schiefe der Verteilung (vgl. Asendorpf & Ostendorf, 1998). Konsequenzen eines Ausreißers
Sie interessieren sich für die Soziosexualität (Tendenz zu
> Normalverteilungen von Eigenschaftsvariablen wenigen vs. vielen Sexualpartnern) von Studentinnen (vgl.
beruhen auf zufälliger Streuung oder vielen 7 Abschn. 2.6.2) und operationalisieren sie durch die Zahl
unabhängigen Einflüssen auf die Variable, der Geschlechtspartner im letzten Jahr. Sie finden bei 19
schiefe Verteilungen meistens auf der starken Studentinnen folgende Werte: 0,0,1,1,1,1,2,2,2,2,2,2,3,3,3,
Erwünschtheit hoher oder niedriger Werte. 3,4,4,5. Damit ist:
Mittelwert 2.16, Varianz 1.81, SD 1.34.
In der Persönlichkeitspsychologie und Diagnostik haben Die 20. Studentin gibt den Wert 100 an (z. B. weil sie ihr Stu-
Intervallskalen gegenüber den Ordinalskalen den großen dium durch „Haus- und Hotelbesuche“ finanziert). Jetzt ist:
Vorteil, dass sich die Größe der Eigenschaftsunterschiede Mittelwert 7.05, Varianz 480.37, SD 21.92!
messen lässt, nämlich in Form der Streuung der Eigen- Der Ausreißerwert der einen Studentin verzerrt die Kenn-
schaftswerte um den Mittelwert der Eigenschaftsvariable werte der Verteilung enorm.
(7 Methodik). Wenn alle Personen denselben Wert haben,
ist die Streuung Null; je stärker sich die Personen unterei- Deshalb werden in der Statistik zunehmend robuste Sta-
nander in ihren Eigenschaftswerten unterscheiden, umso tistiken verwendet, die weitgehend unempfindlich gegen-
größer ist die Streuung der Eigenschaftsvariable. Eigen- über Ausreißern sind. Eine robuste Statistik für den Mittel-
schaftsvariablen sollten eine hohe Streuung aufweisen, denn wert ist z. B. der getrimmte Mittelwert, bei dem die 5% der
dadurch werden die Personen gut voneinander unterschie- Personen mit den höchsten Werten und die 5% der Perso-
den. Bei schiefen Verteilungen streuen die Werte bei nied- nen mit den niedrigsten Werten ausgeschlossen werden und
rigen oder bei hohen Werten geringer als umgekehrt; z. B. dann der Mittelwert berechnet wird. Der getrimmte Mittel-
streuen die Aggressivitätswerte in . Abb. 3.1b im niedri- wert ist im obigen Beispiel bei den 19 Werten 2.12, bei den
gen Aggressivitätsbereich gar nicht (die Hälfte der Personen 20 Werten 2.28 und damit (realistischerweise) nur wenig
haben den identischen Wert 0%). erhöht. Entsprechend kann die getrimmte Standardabwei-
chung berechnet werden. Im obigen Beispiel lässt sich das
Problem aber auch durch Veränderung der Operationali-
Methodik sierung von Soziosexualität lösen. Man könnte z. B. in der
Varianz und Standardabweichung Instruktion zur Fragenbeantwortung vermerken, dass Sex
Bei intervall- oder rationalskalierten Variablen wird die gegen Bezahlung nicht berücksichtigt werden soll.
Streuung berechnet als Messwerte auf Intervallskalen können um eine Kons-
55 Varianz: mittlere quadrierte Abweichung der tante c für alle Personen erhöht oder mit einer Konstante
Messwerte von ihrem Mittelwert bzw. c multipliziert werden, ohne dass sich die psychologische
55 Standardabweichung (SD von engl. „standard Interpretation der Messwertunterschiede wesentlich ändert:
deviation“): Wurzel aus der Varianz. Im ersten Fall bleiben sie gleich, weil

Hierbei wird dann, wenn es sich um Stichproben (also x c y c x y


nicht um komplette Populationen) handelt, bei der
Im zweiten Fall bleiben sie proportional erhalten, weil
86 Kapitel 3 · Methodik

c x c y c x y Dieser Trick erlaubt es unter anderem, die Ausprägung


von Eigenschaften in Variablen zu vergleichen, die auf
Dies wird in . Abb. 3.2 anhand der Daten von . Abb. 3.1a unterschiedlichen Skalen gemessen wurden. Zum Beispiel
illustriert. wurden in der Studie von Asendorpf und Scherer (1983)
selbstbeurteilte Angst, Herzrate und ängstliche Mimik von
> Intervallskalen lassen sich durch Addieren bzw. Repressern, Niedrigängstlichen und Hochängstlichen in
3 Multiplizieren mit Konstanten umformen, ohne dass z-Werten dargestellt, die über alle Personen der untersuchten
sich ihre psychologische Interpretation ändert. Stichprobe gebildet worden waren. Auf diese Weise konnte
die Herzrate (Schläge/min) mit den Antworten in Fragebö-
Deshalb kann man intervallskalierte Eigenschaftswerte von gen vergleichbar gemacht werden (vgl. 7 Abschn. 1.2.2).
Personen immer so umformen, dass ihr Mittelwert 0 und
ihre Standardabweichung 1 beträgt, egal auf welcher Skala
sie ursprünglich gemessen wurden. Dazu zieht man von 3.2.3 Korrelation
allen Messwerten ihren Mittelwert M ab und teilt das Ergeb-
nis durch ihre Standardabweichung SD (z-Transformation; Die z-Transformation eröffnet auch die Möglichkeit, den
7 Methodik). Diese z-Werte haben nämlich, wie man leicht Zusammenhang zwischen zwei Eigenschaften bei vielen
nachrechnen kann, den Mittelwert 0 und die Standardab- Personen zu beschreiben, selbst wenn diese Eigenschaften
weichung 1. ganz verschieden gemessen wurden, z. B. den Zusammen-
hang zwischen Testintelligenz (IQ-Test) und selbstbeurteil-
ter Intelligenz (Fragebogen) oder den Zusammenhang zwi-
Methodik schen der Intelligenz im Vorschulalter und der Intelligenz
Die z-Transformation im Erwachsenenalter 20 Jahre später, wobei die Intelligenz
Intervallskalierte Eigenschaftswerte x lassen sich (notwendigerweise) durch völlig unterschiedliche Tests
immer als z-Werte ausdrücken: gemessen wurde. Am weitesten verbreitet ist der statistische
(x − M )
Koeffizient der Korrelation (7 Methodik). Sie beschreibt
z= den linearen Zusammenhang zwischen zwei intervall- oder
SD rationalskalierten Eigenschaftsvariablen. Die Korrelation ist
Dadurch lassen sie sich in einer „einheitlichen positiv (maximal 1), wenn die z-Werte der ersten Variable
Sprache“ beschreiben und zwischen verschiedenen den z-Werten der zweiten ähnlich sind. Man kann dann also
Messverfahren direkt vergleichen. aus Kenntnis der ersten Variable die zweite sehr gut vorher-
sagen und umgekehrt. Die Korrelation ist Null, wenn keine

. Abb. 3.2  Veränderung einer Verteilung bei Addieren einer Konstanten (a) und Multiplikation mit einer Konstanten (b)
3.2 · Messung von Eigenschaften
87 3
solche Vorhersage möglich ist. Sie ist negativ, wenn über-
durchschnittliche Werte in der einen Variable unterdurch- 2
[ z ( X ) − z ( Y )]
schnittlichen Werten der anderen entsprechen. i ( X,Y ) = 1 −
2

Methodik Die halbe quadrierte Differenz ist ein Maß der
Korrelation Unähnlichkeit, die individuelle Konsistenz also ein
Der lineare Zusammenhang zwischen zwei intervall- Maß der Ähnlichkeit. Diese Sichtweise macht deutlich,
oder rationalskalierten Variablen X,Y wird durch dass die Korrelation als Mittelwert der individuellen
ihre Korrelation r beschrieben, die zwischen –1 und Ähnlichkeiten interpretiert werden kann.
1 variieren kann. r ist umso positiver, je enger der
lineare Zusammenhang zwischen X und Y ist. Es ist
r = 1 genau dann, wenn die z-Werte aller Personen Korrelationen beschreiben nur lineare Zusammenhänge:
identisch sind, ob Wertedifferenzen in der einen Variable Wertedifferenzen
r = 0, wenn kein linearer Zusammenhang zwischen X in der anderen entsprechen. Nichtlineare Zusammenhänge
und Y besteht, werden durch sie nicht erfasst. Wenn z. B. z(Y) = z(X)² gilt
r = –1, wenn die beiden z-Werte sich nur im (quadratischer Zusammenhang zwischen den z-Werten von
Vorzeichen unterscheiden. X und Y), ist die Korrelation zwischen X und Y exakt Null!
r wird berechnet, indem für jede Person der z-Wert Deshalb lässt sich aus Nullkorrelationen nicht schließen,
in X mit dem in Y multipliziert wird; der Mittelwert dass es keinen Zusammenhang zwischen den beiden kor-
dieser z-Wert-Produkte über alle n Personen ist die relierten Variablen gibt.
Korrelation r (in Stichproben wird wie bei der Varianz Daher sollte vor der Berechnung der Korrelation zwi-
durch n-1 geteilt): schen zwei Variablen immer erst einmal das Korrelations-
∑ [ z ( X ) × z (Y)]
diagramm angesehen werden: Wird dort tatsächlich ein
r= linearer Zusammenhang sichtbar oder handelt es sich um
n einen nichtlinearen Zusammenhang oder einen nur schein-
Den Zusammenhang von zwei ordinalskalierten baren Zusammenhang aufgrund eines oder weniger Ausrei-
Variablen kann man messen, indem man die ßerwerte in den verglichenen Variablen? Ein einziger starker
Rangplätze korreliert, auch Spearman-Korrelation ρ Ausreißer kann eine Korrelation selbst bei Stichproben von
(griech. „rho“) genannt. 100 Personen deutlich verzerren, nämlich zu groß oder zu
klein machen.

Grafisch kann man eine Korrelation durch ein Korrelations- > Vor der Berechnung von Korrelationen sollte das
diagramm beschreiben, in dem die beiden Variablen die Korrelationsdiagramm angesehen werden.
Achsen X und Y und die Personen die Punkte darstellen;
die Werte einer Person sind dann die X- bzw. Y-Koordinate Mithilfe von Korrelationen kann empirisch geprüft werden,
(. Abb. 3.3). ob Eigenschaften tatsächlich zeitstabil sind, indem die ent-
sprechende Eigenschaftsvariable zweimal bei denselben Per-
sonen gemessen wird und die beiden Messungen (an jeweils
Methodik vielen Personen) korreliert werden. Ganz analog lässt sich
Individuelle Konsistenz die transsituative Konsistenz durch Korrelation zwischen
Die Produkte der z-Werte in der Formel der Korrelation Situationen und die Reaktionskohärenz durch Korrelation
sind inhaltlich nicht einfach interpretierbar. Anders ist zwischen Reaktionen quantifizieren.
es bei der wenig bekannten, äquivalenten Darstellung Bei der zeitlichen Stabilität werden an Eigenschafts-
einer Korrelation als mittlere individuelle Konsistenz messungen hohe Anforderungen gestellt, denn Eigenschaf-
i(X,Y) (Asendorpf, 1991a), wobei die individuelle ten sollen ja per Definition zeitstabil sein, jedenfalls über
Konsistenz bestimmt wird, indem die quadrierte kürzere Zeiträume (Tage, Wochen; vgl. 7 Abschn. 1.2.3).
Differenz der z-Werte einer Person in X und Y gebildet, Bei Leistungstests (z. B. Intelligenztests) wird meist eine
halbiert und dann von 1 abgezogen wird: Stabilität über wenige Wochen von .90 oder höher gefor-
∑ i ( X,Y )
dert, bei Eigenschaftsbeurteilungen in Fragebögen .80.
r= Bei Fragebogenuntersuchungen wird eine niedrigere Sta-
n bilität als bei Leistungstests gefordert, da die Beurtei-
lungen fehleranfälliger sind als gute Leistungstests. Bei
88 Kapitel 3 · Methodik

. Abb. 3.3  Typische Fälle von Korrelationsdiagrammen. (a) Hohe positive Korrelation, (b) hohe negative Korrelation, (c) mittelstark positive
Korrelation, (d) Nullkorrelation

Verhaltensbeobachtungen oder physiologischen Messungen gefundenen transsituativen Konsistenzen zwischen den 8


wird eine Stabilität von .80 bei Weitem nicht erreicht, wenn Ehrlichkeitsmessungen sowie ihre Stabilität (die meisten
lediglich zwei Zeitpunkte miteinander verglichen werden, wurden einmal wiederholt) in der Diagonale der Tabelle.
da so nur die Stabilität von Verhaltensunterschieden, nicht Die mittlere transsituative Konsistenz betrug nur .19, die
aber die von Eigenschaftsunterschieden erfasst wird. Im mittlere Stabilität jedoch .52. Dies ist typisch für Eigen-
nächsten Abschnitt wird gezeigt, wie sich dennoch zeitsta- schaftsmessungen: Die transsituative Konsistenz ist deut-
bile Eigenschaften auch durch Verhaltensbeobachtung und lich niedriger als die zeitliche Stabilität.
physiologische Messungen bestimmen lassen. In 7 Abschn. 2.4.3 wurde die Studie von Stemmler (1992)
zur Reaktionskohärenz physiologischer Stressreaktionen
> Die zeitliche Stabilität von Leistungstests sollte .90 geschildert, in der eine niedrige Kohärenz der individuel-
betragen, die von Eigenschaftsbeurteilungen .80. len Stressreaktivität bei gleichzeitig hohen Korrelationen
der Reaktionsmittelwerte zwischen Situationen gefun-
In 7 Abschn. 2.1.3 wurde bereits die klassische Studie von den wurde. . Tab. 3.2 zeigt die Ergebnisse dieser Studie im
Hartshorne und May (1928) geschildert, in der zum ersten Detail. So korrelierte die über alle Personen gemittelte Herz-
Mal die niedrige transsituative Konsistenz von Eigenschaf- rate mit dem über alle Personen gemittelten diastolischen
ten deutlich wurde. . Tab. 3.1 zeigt die in dieser Studie Blutdruck zwar .89 über die 8 Situationen, aber die über
3.2 · Messung von Eigenschaften
89 3

. Tab. 3.1  Korrelation unehrlichen Verhaltens innerhalb und zwischen Situationen in der Studie von Hartshorne und May (1928)

Situation 1 2 3 4 5 6 7 8

Klassenzimmer 1 .70 .29 .29 .29 .15 .20 .13 .31


Klassenzimmer 2 .44 .22 .26 .14 .19 .13 .25
Klassenzimmer 3 .46 .20 .19 .06 .16 .16
Klassenzimmer 4 .50 – .18 .22 .21
Hausaufgaben 5 .25 .09 –.01 .40
Sport 6 .46 .16 .00
Geld stehlen 7 – .13
Lügenskalen 8 .84

. Tab. 3.2  Korrelationen physiologischer Variablen (a) über Personen nach Mittelung über Situationen (oberhalb der Diagonale) und
(b) über Situationen nach Mittelung über Personen (unterhalb der Diagonale). (Aus Stemmler, 2005)

Variable HR SBD DBD SV HI RSA SCR EMG PVA

HR .15 .04 –.50 .17 –.52 .01 .07 .08


SBD .70 .38 .01 .17 .02 .19 –.03 .07
DBD .89 .86 –.22 –.33 –.11 –.03 –.02 –.23
SV –.28 .05 –.26 .30 .42 .10 –.14 –.02
HI .03 .37 .09 .84 .02 –.04 .14 .19
RSA –.90 –.55 –.77 .19 –.02 .04 –.17 .08
SCR .80 .79 .88 –.16 .18 –.70 .10 .00
EMG .94 .72 .86 –.18 .10 –.91 .79 –.10
PVA –.40 –.21 –.31 .55 .36 .16 –.47 –.22

N = 48 Personen, 22 Situationen, 9 Reaktionen.


HR = Herzrate, SBD = systolischer Blutdruck, DBD = diastolischer Blutdruck, SV = Schlagvolumen des Herzens, HI = Heather
Index (linksventrikuläre Kontraktilität), RSA = respiratorische Sinusarrhythmie, SCR = Zahl von Hautleitfähigkeitsreaktionen,
EMG = Muskelspannung, PVA = Pulsvolumenamplitude im Finger.

alle Situationen gemittelte Herzrate einer Person korrelierte


nur .04 mit dem über alle Situationen gemittelten diasto- Methodik
lischen Blutdruck: Die individuelle Reaktionskohärenz ist Reliabilität und Validität
deutlich niedriger als die Ähnlichkeit von Situationen hin- Die Reliabilität (Zuverlässigkeit der Messungen;
sichtlich der von ihnen ausgelösten Stressintensität. von engl. „reliable“: zuverlässig) gibt an, ob die
Unterschiede zwischen den Messwerten bei
Wiederholung unter gleichen Bedingungen
3.2.4 Reliabilität gleich ausfallen, also frei von Messfehlern
sind.
Mithilfe der Korrelation wird auch die Qualität von Eigen- Die Validität (Gültigkeit der Messungen, von engl.
schaftsmessungen bestimmt. Diese Qualität äußert sich in „valid“: gültig) gibt an, ob wirklich das gemessen
zwei unterschiedlichen Qualitätsmerkmalen: Reliabilität wurde, was gemessen werden sollte.
und Validität (7 Methodik).
90 Kapitel 3 · Methodik

Eine hohe Reliabilität ist eine notwendige Bedingung für die beiden Messungen eine gleichgroße Varianz haben.
eine hohe Validität, denn unzuverlässige Messungen können Das lässt sich z. B. durch z-Transformation immer errei-
wegen der vielen enthaltenen Fehler nicht gültig sein. Aber chen, ist also eher eine technische Voraussetzung. Unter
eine hohe Reliabilität garantiert nicht eine hohe Validität: dieser Bedingung sind die Fehlervarianzen und die Relia-
Es könnte ja auch etwas anderes gemessen worden sein als bilitäten beider Messungen gleich groß. Kritisch bleibt die
was gemessen werden sollte. Annahme unkorrelierter Fehler. . Abb. 3.4 macht deutlich,
3 Die empirische Bestimmung der Reliabilität von Eigen- dass der Ansatz der praktischen Reliabilitätsbestimmung
schaftsmessungen beruht auf der klassischen Testtheorie darin besteht, die Reliabilität durch die Korrelation „gleich-
(vgl. z. B. Eid, Gollwitzer & Schmitt, 2015). Danach lässt guter Messungen“ zu bestimmen (gleichgut, weil sie die-
sich jede beobachtete Eigenschaftsvariable zerlegen in zwei selbe Fehlervarianz haben). Wie üblich werden in . Abb. 3.4
latente (nicht beobachtbare) Variablen: die wahre Variable die wahre Variable mit einem Kreis und die beobachteten
(die die wahren Eigenschaftswerte angibt) und die Fehlerva- Variablen durch Rechtecke symbolisiert; die Pfeile symbo-
riable (die die Messfehler angibt, nämlich die Abweichungen lisieren, dass die beobachteten Variablen durch die wahre
der gemessenen Werte von den wahren Werten): Variable und die zugehörige Fehlervariable bestimmt sind.
Drei Arten der Reliabilitätsbestimmung lassen sich
> Eigenschaftsvariable = wahre Variable + unterscheiden (. Tab. 3.3).
Fehlervariable Bei der Retestreliabilität wird dasselbe Messverfahren
(dieselbe Persönlichkeitsskala, derselbe Test) in kürzerem
Unter der Annahme, dass die Fehlerwerte nicht mit den Abstand zweimal auf dieselben Personen angewendet und
wahren Werten korrelieren, lässt sich die obige Gleichung dann die Korrelation zwischen den beiden Messzeitpunk-
auch auf die Varianzen der Variablen anwenden: ten bestimmt. Dadurch kann die zentrale Annahme geprüft
werden, dass das Messverfahren überhaupt eine zeitstabile
> Beobachtete Varianz = wahre Varianz + Persönlichkeitseigenschaft der Personen erfasst. Es handelt
Fehlervarianz sich hier also um die Bestimmung der kurzfristigen Stabili-
tät der Eigenschaft.
Damit lässt sich die Reliabilität definieren als: Eigentlich ist die Retestreliabilität die beste Methode
der Reliabilitätsbestimmung für Persönlichkeitsmessun-
> Reliabilität = wahre Varianz / beobachtete Varianz gen, weil die Voraussetzung der zeitlichen Stabilität gleich
mitgeprüft wird. Allerdings ist das sehr aufwendig, weil alle
Die Reliabilität ist 1, wenn die wahre Varianz gleich der Personen zweimal gemessen werden müssen. Zudem gibt
beobachteten ist, d. h. die Fehlervarianz 0 ist. Die Reliabili- es das Problem, dass die erste Messung die zweite beein-
tät ist 0, wenn die wahre Varianz 0 ist, d. h. wenn die beob- flussen kann, z. B. weil ein Fragebogen mit nur wenigen
achtete Varianz nur aus Fehlern besteht. Fragen im Abstand von nur einem Tag ausgefüllt wird: Die
Soweit die Theorie. Das praktische Problem besteht Personen könnten sich an ihre Antworten beim ersten Mal
darin, die Reliabilität empirisch zu bestimmen. Da die erinnern und dazu neigen, wieder dieselben Antworten zu
wahre Varianz nicht bekannt ist, reicht dazu die obige Glei- geben. Deshalb sollte entweder der Abstand zwischen den
chung nicht aus. Betrachten wir die in . Abb. 3.4 gestrichelt beiden Messzeitpunkten ausreichend groß sein oder die Par-
gezeichnete Korrelation zwischen zwei Messungen dersel- alleltestreliabilität bestimmt werden. Bei diesem besonders
ben Eigenschaftsvariable in einer Stichprobe von Perso- aufwendigen Verfahren müssen zwei parallele Messme-
nen: Sie gibt dann die Reliabilität der Messungen an, wenn thoden (miteinander hoch korrelierende Messmethoden,
z. B. ein Intelligenztest Form A mit 20 Aufgaben und ein
zweiter, möglichst gut vergleichbarer Intelligenztest B mit 20

. Tab. 3.3  Drei Arten der Reliabilitätsbestimmung

Messungen Messverfahren

Dasselbe Parallele

Zum gleichen – Interne Konsistenz


Zeitpunkt
Wiederholt Retestreliabilität Paralleltestreliabilität
. Abb. 3.4  Ansatz der Reliabilitätsbestimmung
3.2 · Messung von Eigenschaften
91 3
anderen Aufgaben) eingesetzt werden: A beim ersten Mal,
B beim zweiten Mal. Woche (bestimmt durch Cronbachs α auf der Basis der
Wegen des verdoppelten Aufwandes durch die Wieder- täglichen Messungen) nur .34, stieg dann aber auf .76
holung des Messverfahrens wird meistens jedoch die Relia- nach Aggregation über acht Wochen. Die Reliabilität
bilität nur durch die interne Konsistenz bestimmt, indem der Dominanzbeurteilung einer Erzieherin war
zwei oder mehr parallele Messungen zum gleichen Mess- mit .68 schon fast zufriedenstellend (sie entspricht
zeitpunkt durchgeführt werden. Je höher deren Korrelation der Korrelation zwischen den Urteilen von je zwei
untereinander ist, desto höher ist die interne Konsistenz. Erzieherinnen). Bei Mittelung der Urteile aller vier
Zum Beispiel könnten zwei parallele Testhälften A und B Erzieherinnen war die Reliabilität von α = .91 sehr
eines Intelligenztests als Teile eines einzigen Intelligenztests hoch. Die Kohärenz der beiden Messverfahren (die
betrachtet werden. Der Vorteil gegenüber der Paralleltest- Korrelation zwischen Beobachtung und Beurteilung)
reliabilität besteht darin, dass die Personen nur zweimal zur war beim Vergleich von einer Woche Verhaltensbe-
Testung erscheinen müssen (allerdings werden sie genauso obachtung mit dem Urteil einer Erzieherin mit .33 sehr
viel reine Testzeit brauchen wie für zwei Tests). gering; sie stieg aber auf bis zu .59, wenn die über
Die mittlere Korrelation zwischen mehreren paralle- acht Wochen aggregierten Beobachtungen und die
len Testteilen misst die Reliabilität jedes einzelnen Test- über vier Erzieherinnen aggregierten Beurteilungen
teils, nicht aber die Reliabilität des Gesamttests, denn die miteinander verglichen wurden.
ist deutlich höher. Bei typischen Intelligenztests beträgt z. B.
die Korrelation zwischen den einzelnen Aufgaben nur etwa
.30, aber die Korrelation zwischen zwei parallelen Hälften,
die durch zufällige Zuordnung der einzelnen Aufgaben zu Methodik
der einen oder anderen Hälfte entstehen, ist etwa .80. Die Aggregationsprinzip, Spearman-Brown-Formel
Reliabilität des Gesamttests ist demnach noch höher. Man und Cronbachs alpha
kann also durch Mittelung vieler nicht so reliabler Items Die Reliabilität von Messungen erhöht sich, wenn
oder Testteile insgesamt einen reliablen Test erhalten. Dieses weitere parallele Messungen hinzugenommen und
Prinzip gilt ganz allgemein für die Mittelung von Messun- dann alle Messungen gemittelt werden, weil sich
gen (Fragebogen-Items, Tests, Urteile, physiologische Mes- dadurch die Fehler der einzelnen Messungen z. T.
sungen usw.). gegenseitig aufheben (Aggregationsprinzip). Die
Den Zuwachs an Reliabilität durch Hinzunahme weite- Erhöhung wird durch die Spearman-Brown-Formel
rer paralleler Messungen gibt die Spearman-Brown-Formel beschrieben:
an (7 Methodik). ( k ×R )
R’ =
(1+( k −1)×R )
Hierbei ist R′ die Reliabilität von k parallelen
Die klassische Studie Messungen der Reliabilität R.
Aggregationseffekte von Beurteilerzahl und Statistikprogramme berechnen R′ auch direkt aus
Beobachtungslänge den k Messungen (Cronbachs α, benannt nach dem
Moskowitz und Schwarz (1982) beobachteten 56 Statistiker Lee Cronbach).
vierjährige Kinder acht Wochen lang täglich in
der Kindergartengruppe nach einem Zufallsstich-
probenplan, sodass jedes Kind etwa 30 Minuten
lang pro Woche beobachtet wurde. Jeweils für . Tab. 3.4  Reliabilität und Kohärenz beobachteter und
ein 10-Sekunden-Intervall wurde kodiert, ob das beurteilter Dominanz von Kindern auf verschiedenem
Aggregationsniveau. (Nach Moskowitz & Schwarz, 1982)
beobachtete Kind eine von fünf dominanten
Reaktionen zeigte (z. B. anderen etwas wegnehmen Anzahl Beurteiler
oder zu etwas auffordern); dann wurde für jedes
Kind die Zahl der dominanten Reaktionen pro Woche 1 2 4
bestimmt. Außerdem beurteilten die vier in jeweils
Beobachtung Reliabilität .68 .81 .91
einer Gruppe tätigen Erzieherinnen die Dominanz
aller Kinder ihrer Gruppe. 1 Woche .34 .33 .36 .38
Wie . Tab. 3.4 zeigt, betrug die Reliabilität der 4 Wochen .67 .46 .51 .54
Verhaltensbeobachtung bei Aggregation über eine 8 Wochen .76 .51 .56 .59
92 Kapitel 3 · Methodik

Das Aggregationsprinzip wird z. B. in der Studie von Mosko-


witz und Schwarz (1982) deutlich (7 Die klassische Studie).
Moskowitz und Schwarz (1982) konnten also durch
doppelte Aggregation (über die Zeit und über Urteiler)
zeigen, dass die Urteile der Erzieherinnen dann relativ ver-
lässlich sind, wenn Urteilsverzerrungen durch Aggregation
3 über mehrere Urteilerinnen gemildert wurden und ein relia-
bles Verhaltenskriterium gewählt wurde.
Wie stark die Erhöhung bei Hinzunahme zusätzlicher
Messungen ausfallen wird, lässt sich oft auch ohne Rechnerei
aus . Abb. 3.5 ersehen. Diese Abbildung zeigt, dass die Erhö-
hung nicht linear verläuft, sondern in Form eines „gebrems-
ten Wachstums“. Zum Beispiel lässt sich aus . Abb. 3.5 sofort
die Reliabilität eines Intelligenztests ablesen, der aus meh-
. Abb. 3.5  Effekt der Aggregation paralleler Messungen auf die
reren parallelen Testteilen besteht, die im Mittel .50 korre- Reliabilität des Mittelwerts dieser Messungen gemäß der Spearman-
lieren. Dazu gehen Sie auf der bei .50 beginnenden Kurve Brown-Formel. Angegeben ist die Reliabilität des Mittelwerts der
entlang. Sie zeigt, dass die Reliabilität des Gesamttests bei Einzelmessungen in Abhängigkeit von ihrer Reliabilität
zwei Testteilen etwa .65, bei drei Testteilen etwa .75 und bei
vier Testteilen etwa .80 beträgt: Sie gewinnen Reliabilität
durch Testverlängerung. der Personen muss man zusätzlich befragen, damit der
Der Zuwachs an Reliabilität bei der Mittelung paralleler Mittelwert aller Bekannten jeder Person eine interne
Teilmessungen ist nichtlinear; er wird durch die Spearman- Konsistenz von .80 hat? . Abb. 3.5 zeigt, dass man vier
Brown-Formel beschrieben. Bekannte jeder Person befragen müsste, damit das
Wie das nächste Beispiel zeigt, sind die Spearman- mittlere Urteil ausreichend reliabel ist, also müssen
Brown-Formel bzw. . Abb. 3.5 enorm praktisch, weil sie noch zwei weitere befragt werden. Wer nicht glaubt,
abzuschätzen gestatten, welchen Aufwand man treiben dass man so viele Urteiler haben muss, kann das mit der
muss, um ein Messverfahren reliabel zu machen. Spearman-Brown-Formel überprüfen: 4x.50/(1+(4–1)
x.50)=2/2.5=.80. Dies sind realistische Daten, d. h. wenn
Beispiel man die Persönlichkeit eines Menschen von seinen
Drei Anwendungen der Spearman-Brown-Formel Bekannten einschätzen lassen möchte, muss man
1. Ein Intelligenztest bestehe aus zehn Aufgaben, die bei ca. vier Bekannte befragen, um ein reliables Urteil zu
Testung von 100 Personen untereinander im Mittel zu bekommen.
.30 korrelieren. Wie hoch ist seine interne Konsistenz?
Das lässt sich aus . Abb. 3.5 nicht ablesen. Vielmehr Das Aggregationsprinzip ist der Grund dafür, warum Per-
muss man hier die Spearman-Brown-Formel anwenden. sönlichkeitsfragebögen zur Erfassung weniger Eigenschaf-
In diesem Fall ist k=10 und R=.30. Also ist die Reliabilität ten oft so lang sind: Jede Eigenschaft wird nicht nur durch
des Gesamttests R‘=(10×.30)/(1+(10–1)×.30)=3/ ein Item erfragt, sondern durch mehrere parallele, damit die
(1+2.7)=.81. Das ist ausreichend, könnte aber noch Eigenschaftsmessung ausreichend reliabel ist. Typischer-
besser sein. weise braucht man mindestens vier parallele Fragen, um
2. Ein Test aus zehn Aufgaben habe die interne eine alltagspsychologisch gut bekannte Eigenschaft relia-
Konsistenz .80. Wie viele dazu parallele Aufgaben bel zu erfragen. Für eine reliable Messung der allgemeinen
muss man hinzunehmen, damit der Test die interne Intelligenz braucht man mindestens zehn Aufgaben. Die
Konsistenz .90 erreicht? Nach . Abb. 3.5 müssten Einzelmessungen (eine Frage, eine Aufgabe usw.) werden
etwa zwölf Aufgaben hinzugenommen werden, um auch als Item bezeichnet (von engl. „item“, deshalb „aitem“
.90 zu erreichen (verfolgt man die ansteigende Linie, gesprochen).
die bei .80 beginnt, erreicht sie .90 bei etwa 2.2, d. h.
man braucht insgesamt 2.2×10=22 Aufgaben und > Dieselbe Eigenschaft wird meist durch mehrere
muss also noch zwölf hinzunehmen). Dies lässt sich mit parallele Items gemessen, um so eine ausreichende
der Spearman-Brown-Formel überprüfen: (2.2×.80)/ Reliabilität der Messung zu sichern.
(1+(2.2–1)×.80)=1.76/(1+0.96)=.90 (gerundet).
3. Die Extraversion von 100 Personen werde von je zwei Persönlichkeitsfragebögen bestehen deshalb in der Regel
ihrer Bekannten beurteilt. Die Korrelation zwischen aus Persönlichkeitsskalen aus mehreren Items, deren Ant-
den beiden Bekannten betrage .50. Wie viele Bekannte worten gemittelt werden; jede Skala misst eine Eigenschaft.
3.2 · Messung von Eigenschaften
93 3
Persönlichkeitsinventare enthalten mehrere Persönlich- geringe Interpretierbarkeit der Vorhersagevariable erkauft
keitsskalen, um so mehrere Eigenschaften zu messen. wird. Zum Beispiel sagt im Falle der Studie von Lasky et al.
Bei der Konstruktion von Persönlichkeitsskalen sollte die Aktendicke nichts über die Störungsform aus.
eine hohe Reliabilität der Skala angestrebt werden. Wenn
dies fehlschlägt, weil die Reliabilität zu niedrig ausfällt, kann > Durch Aggregieren von Eigenschaftsmessungen
das im günstigen Fall daran liegen, dass eins oder wenige annähernd gleicher Reliabilität kann die Reliabilität
Items der Skala nicht parallel zu den anderen Items sind. und damit die Vorhersagekraft von Eigenschafts-
Dies kann man überprüfen, indem man die Trennschärfe messungen erhöht werden. Es sollte so viel wie
der Items bestimmt (7 Methodik). nötig, aber so wenig wie möglich aggregiert
werden.

Methodik Die bisherigen Überlegungen bezogen sich auf die Qua-


Trennschärfe, interne Konsistenz und lität von Items und Skalen. Was sagt diese Qualität über
Itemanalyse die Qualität der Messung einer einzigen Person aus? Den
Die Trennschärfe rit eines einzelnen Items einer Messfehler für eine einzelne Person kann man aufwendig
Persönlichkeitsskala ist die Korrelation des Items mit bestimmen, indem man die Eigenschaft sehr oft erhebt,
dem Mittelwert aller anderen Items derselben Skala. den Mittelwert aller Messungen zum wahren Wert erklärt
Je höher die mittlere Trennschärfe der Items, desto und die Abweichungen zum Messfehler. So erhält man pro
höher ist die interne Konsistenz der Skala. Deshalb Person eine Verteilung der Messfehler und kann daraus
wird beim Verfahren der Itemanalyse nach Items z. B. bestimmen, in welchem Intervall um den wahren Wert
mit vergleichsweise niedriger Trennschärfe gesucht. herum die Messwerte mit 95%iger Sicherheit liegen. Dies
Ihr Ausschluss erhöht die mittlere Trennschärfe ist das typische Vorgehen in der Physik zur Messfehlerbe-
der neuen Skala, senkt allerdings wegen der stimmung, ist aber schlecht geeignet, wenn es um Fragebo-
Testverkürzung gleichzeitig die Reliabilität der neuen genverfahren oder Leistungstests geht: Wer möchte schon
Skala gemäß der Spearman-Brown-Formel. Deshalb zwanzigmal denselben Test machen, nur um den Messfeh-
lohnt sich eine Skalenverkürzung nur dann, wenn die ler zu kennen?
Trennschärfe weniger Items deutlich niedriger ist als Die Alternative besteht darin, das Konfidenzintervall
die der anderen Items. (Vertrauensintervall) für einen Messwert zu bestimmen. Es
ist der Bereich um den gemessenen Wert herum, in dem
sich mit 95% Wahrscheinlichkeit diejenigen wahren Werte
Das Aggregationsprinzip hat seine Grenzen nicht nur in dem befinden, die den gemessenen Wert erzeugt haben können.
großen Aufwand bei der Gewinnung der hierfür nötigen Aus den Annahmen der klassischen Testtheorie lässt sich
Daten, sondern auch in der Interpretierbarkeit der erfassten aus der Reliabilität der Eigenschaftsvariable dieses Konfi-
Eigenschaft. Je mehr Messungen aggregiert werden, desto denzintervall direkt berechnen (vgl. Dudek, 1979). Bei einer
breiter wird die Eigenschaft und desto unklarer wird deshalb Messung x mit Mittelwert M, Standardabweichung SD und
auch ihre Interpretation. Aggregiert man z. B. über Beurtei- Reliabilität R beträgt das 95%-Konfidenzintervall für eine
ler, die die beurteilte Person aus unterschiedlichen situativen Messung x
Kontexten kennen (z. B. das Dominanzurteil von Erziehern
und Müttern), ist die Bedeutung der resultierenden Eigen- R × ( x − M ) + M ± 1, 96 × SD R × (1− R )
schaftsmessung weniger klar, als wenn man sich – wie in der
Studie von Moskowitz und Schwarz (1982) – auf einen ein- Bei einer Reliabilität von .80, was allgemein als Untergrenze
zigen situativen Kontext beschränkt. einer vertretbaren Reliabilität gilt, ist das Konfidenzinter-
Das macht eine Studie von Lasky, Hover, Smith, Duffen- vall für den wahren Wert also etwa 1,5 Standardabweichun-
dack und Nord (1959) deutlich. Sie versuchten, das Rückfall- gen breit.
risiko psychiatrischer Patienten nach der Entlassung aus drei In dieser Formel ist die Regression zur Mitte mit einbe-
Variablen vorherzusagen: Diagnose des behandelnden Psy- zogen. Darunter versteht man die Tendenz bei nicht perfekt
chiaters, Urteile des Pflegepersonals und Dicke der Patien- reliablen Messungen, dass ein stark vom Mittelwert abwei-
tenakte in Zentimetern. Am besten schnitt die Aktendicke chender Wert bei einer weiteren Messung näher zum Mit-
ab. Sie ist nämlich ein hochaggregiertes Maß aller möglichen telwert hin verschoben ist. Deshalb ist das Konfidenzinter-
Probleme und je mehr Probleme ein Patient schon hatte, vall nicht um den Messwert x herum zentriert, sondern um
desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass er langfris- den aufgrund der Regression zur Mitte erwarteten Wert.
tig gesund blieb. Das Problem bei exzessivem Aggregieren Zum Beispiel ist bei einem Mittelwert von 100 und einer
besteht darin, dass eine gute Vorhersagbarkeit durch eine Reliabilität von .80 das Konfidenzintervall für den wahren
94 Kapitel 3 · Methodik

Wert eines Messwertes von 120 um den Wert 116 herum Das ist bereits oberhalb der von Mischel (1968) behaupte-
zentriert: 116 ist gegenüber 120 in Richtung Mittelwert ten „magischen Grenze“ von .30.
verschoben. Die doppelte Minderungskorrektur ist vor allem dann
In der Literatur wird das Konfidenzintervall für wahre nützlich, wenn Korrelationen miteinander verglichen
Werte oft verwechselt mit dem Erwartungsbereich für beob- werden sollen, die unterschiedlich stark durch Messfehler
achtete Werte bei Kenntnis des wahren Werts, was allenfalls gemindert sind. Wenn z. B. ein Test mit der Reliabilität .80
3 von theoretischem Interesse ist (vgl. z. B. 7 Abschn. 6.2.2). ein Kriterium zu .50 vorhersagt und ein anderes, scheinbar
Ist y der wahre Wert, so beträgt der 95%-Erwartungsbereich gleich gutes Kriterium nur zu .34, so entsteht ein Problem,
für die beobachteten Werte: da die zweite Vorhersage deutlich schlechter zu sein scheint.
Das könnte aber einfach nur daran liegen, dass das zweite
y ± 1, 96 × SD 1 − R Kriterium unreliabler ist. Beträgt z. B. die Reliabilität des
ersten Kriteriums .90 und die des zweiten Kriteriums .40,
Dieses Intervall berücksichtigt nicht die Regression zur so beträgt die „wahre“, doppelt minderungskorrigierte Kor-
Mitte und wird in vielen Lehrbüchern der Testtheorie und relation des Tests mit dem ersten Kriterium .59 und mit
Statistik ebenfalls als Konfidenzintervall bezeichnet. Das ist dem zweiten Test .60: Die unterschiedlichen Korrelationen
angemessen, wenn nicht das Konfidenzintervall für einen mit den beiden Kriterien beruhten ausschließlich auf deren
einzigen Wert (z. B. Testwert einer Person), sondern das unterschiedlicher Reliabilität. Nicht der Test wäre in diesem
Konfidenzintervall um einen geschätzten wahren Wert Fall das Problem, sondern das zweite Kriterium.
herum aufgrund einer Untersuchung an vielen Personen
interessiert. > Durch die doppelte Minderungskorrektur wird
die Minderung beobachteter Korrelationen
> Das Konfidenzintervall gibt an, wie stark der durch Messfehler beseitigt. Sie ist u. a. nützlich,
wahre Wert von einem gemessenen bzw. um Korrelationen miteinander zu vergleichen,
geschätzten wahren Wert abweichen kann; der die unterschiedlich stark durch Messfehler
Erwartungsbereich gibt an, wie stark Messungen beeinträchtigt sind.
vom wahren Wert abweichen können.

Ist die Reliabilität von zwei Messungen bekannt, so kann 3.2.5 Validität
man diese Information auch nutzen, um die Korrelation
der beiden Messungen für die Unreliabilität der Messungen Das zweite Gütekriterium von Eigenschaftsmessungen ist
zu korrigieren. Die Korrelation r von zwei Messungen kann ihre Validität (Gültigkeit). Messungen sind valide in dem
nämlich nicht größer als die Wurzel aus dem Produkt ihrer Maße, wie sie das messen, was sie zu messen vorgeben. Vier
Reliabilitäten R1, R2 sein: Validitätsaspekte lassen sich unterscheiden:

r≤ R1 × R2 Augenscheinvalidität  Das Messverfahren scheint nach


gesundem Menschenverstand oder nach dem Urteil von
Man kann nun aufgrund der Beziehung zwischen Korrela- Experten valide zu sein. Dies ist die schwächste Validie-
tion und Reliabilitäten angeben, wie groß die „wahre“ Kor- rungsform, die aber manchmal mangels Alternativen
relation zwischen zwei Messungen ist, d. h. wie hoch die gewählt werden muss.
beiden gemessenen Eigenschaften auf Konstruktebene kor-
relieren (vgl. 7 Abschn. 1.2.1). Die Umrechnungsformel für Konstruktvalidität  Konstruktvalidität liegt vor, wenn die
beobachtete Korrelationen in „wahre“ Korrelationen heißt Messungen das Konstrukt erfassen, das erfasst werden soll.
doppelte Minderungskorrektur (doppelt, weil für die Unre- Wird das Konstrukt lediglich aus hochkorrelierenden Mes-
liabilität beider Messungen korrigiert wird): sungen erschlossen, sind Konstruktvalidität und Reliabili-
r tät identisch. Oft gibt es jedoch theoretische ­Vorannahmen
r’ =
R1 × R2 über das Eigenschaftskonstrukt, aus denen sich zahlrei-
che empirisch prüfbare Hypothesen ableiten lassen. Dann
Da die Reliabilitäten kleiner als 1 sind, wird dadurch die bedeutet eine hohe Konstruktvalidität, dass sich diese
Korrelation größer. Sind die beiden Messungen gleich relia- ­Hypothesen gut empirisch bestätigen lassen. Wird z. B.
bel, teilt man also einfach die Korrelation durch die Reliabi- Ängstlichkeit als Variable auf Konstruktebene definiert,
lität. Zum Beispiel betrug die mittlere transsituative Konsis- die ängstliches Verhalten in beliebigen angstauslösenden
tenz ehrlichen Verhaltens in der Studie von Hartshorne und ­Situationen beeinflusst, so muss man erwarten, dass Ängst-
May (1928) .19. Bei doppelter Minderungskorrektur ergibt lichkeitsmessungen in angsterregenden Situationen trans-
sich immerhin eine mittlere „wahre“ Konsistenz von .37. situativ konsistent sind. Dieses Beispiel zeigt, dass eine
3.2 · Messung von Eigenschaften
95 3
geringe Konstruktvalidität einer Messung nicht unbedingt
gegen die Qualität dieser Messung spricht, denn das Konst-
rukt könnte ja falsch sein. Messungen können gerade wegen
niedriger Konstruktvalidität zu einer Revision des Konst-
rukts führen und sich so als äußerst produktiv erweisen.

Inhaltsvalidität  Inhaltsvalidität ist ein spezieller Aspekt der


Konstruktvalidität. Inhaltsvalidität liegt vor, wenn die durch
die Messungen erfassten Inhalte eine repräsentative Stich-
probe derjenigen Inhalte darstellen, die es zu messen gilt.
Ein Wissenstest z. B. ist dann inhaltsvalide, wenn das abge-
fragte Wissen eine repräsentative Stichprobe des gesamten
Wissensbereichs ist, um den es geht. Formal lässt sich die
Inhaltsvalidität nur dann prüfen, wenn die Gesamtheit der
zu messenden Inhalte vollständig bekannt ist (z. B. wenn es
um einen Test zur Beherrschung eines Textverarbeitungs-
programms geht; hier ist klar, was beherrscht werden soll).
Meist sind die zu messenden Inhalte aber nur ungefähr
bekannt (z. B. bei Ängstlichkeit); dann besteht die Schwie- . Abb. 3.6  Nomologisches Netzwerk aus vier Schüchternheits-
Messverfahren. (Aus Asendorpf 1989b)
rigkeit der Inhaltsvalidierung vor allem darin, diese Inhalte
möglichst genau zu definieren (vgl. Klauer, 1984, für eine
ausführliche Diskussion).
Die Schüchternheit von Studenten wurde durch vier
Kriteriumsvalidität  Kriteriumsvalidität ist ein anderer spe- verschiedene Messverfahren operationalisiert, die alle
zieller Aspekt der Konstruktvalidität. Kriteriumsvalidität untereinander substanziell korrelierten: eine Vier-Item-
liegt vor, wenn die Messungen mit einer anderen Messung Schüchternheitsskala, die die Studenten vor der eigentlichen
hoch korrelieren, die bereits als konstruktvalide betrach- Untersuchung ausgefüllt hatten, und drei Messungen ihrer
tet wird (dem Kriterium). Zum Beispiel werden manchmal Schüchternheit, die jeweils über zwei im Labor inszenierte
Kurzformen längerer Persönlichkeitsskalen oder verein- Schüchternheit erregende Situationen aggregiert wurden:
fachte Versionen komplexer Kodierungsverfahren entwi- Selbstbeurteilung der Schüchternheit, Fremdbeurteilung
ckelt und deren Kriteriumsvalidität wird durch eine hohe der Schüchternheit (aggregierte Urteile von drei Beurtei-
Korrelation mit dem aufwendigeren Messverfahren nach- lern der Videoaufnahmen) und schüchternes Verhalten
gewiesen. Manchmal repräsentiert das Kriterium direkt das (Mittelwert von vier z-transformierten Verhaltensindika-
Konstrukt, z. B. bei Hochschulreife oder Lebensdauer – hier toren). Alle vier Verfahren der Messung von Schüchtern-
ist das Kriterium sogar amtlich. Meistens beruht die Kons- heit konnten so wechselseitig validiert werden.
truktvalidität des Kriteriums aber auch wieder nur auf der Ein wichtiges, aber oft nicht beachtetes Prinzip bei
Kriteriumsvalidität hinsichtlich eines anderen Kriteriums der Validierung ist das Symmetrieprinzip (Wittmann,
oder auf Überlegungen zur Inhaltsvalidität. 1987): Das Kriterium sollte das gleiche Aggregations-
Wird die Konstruktvalidität nur über die Kriteriumsvali- niveau haben wie die zu validierende Messung. Das Sym-
dität definiert, besteht die Gefahr eines Zirkelschlusses: Test metrieprinzip ist z. B. verletzt, wenn versucht wird, eine
A ist valide, weil er mit Test B korreliert, der mit Test C kor- Ängstlichkeitsskala aus situationsfreien Items anhand der
reliert, der mit Test A korreliert. Betrachtet man aber alle drei beobachteten Ängstlichkeit in einer einzigen Situation zu
Tests gemeinsam als Validierungsversuch des Konstrukts, so validieren oder einen Test zur Erfassung des mathemati-
sieht die Sache schon anders aus. Die Tatsache, dass alle dieje- schen Verständnisses anhand des Notendurchschnitts im
nigen Tests miteinander hoch korrelieren, deren Korrelation letzten Zeugnis. Im ersten Fall ist das Kriterium zu eng; das
nach dem Konstrukt zu erwarten ist, ist ein stärkerer Nach- Verhalten sollte in verschiedenen angsterregenden Situa-
weis der Validität jeder einzelnen Messung als jede paar- tionen beobachtet und dann über die Situationen aggre-
weise Kriteriumsvalidierung. Diese Logik liegt der Konst- giert werden. Im zweiten Fall ist das Kriterium zu breit; es
ruktoperationalisierung durch ein nomologisches Netzwerk sollte nur die Mathematiknote zur Validierung herange-
zugrunde (von griech. „nomos“: Gesetz): Das Konstrukt zogen werden.
wird nicht nur durch eine Messung, sondern durch ein Netz-
werk vieler, untereinander korrelierender Messungen opera- > Das Aggregationsniveau des Kriteriums sollte dem
tionalisiert. . Abb. 3.6 illustriert dies anhand eines nomolo- Aggregationsniveau der zu validierenden Messung
gischen Netzwerkes für Schüchternheit (Asendorpf, 1989b). entsprechen.
96 Kapitel 3 · Methodik

Vier Formen der Kriteriumsvalidität werden üblicherweise die diskriminanten. Das zeigt, dass das Selbstkonzept schon
unterschieden: bei Kindern der 2. Klasse deutlich bereichsspezifisch ist
55 Konkurrente Validität (lat. „concurrere“: zugleich (vgl. auch 7 Abschn. 4.6.2).
stattfinden) meint, dass Messung und Kriterium
gleichzeitig erhoben werden. > Die konvergente Validität einer Konstrukt-Ope-
55 Prädiktive Validität (lat. „praedicere“: vorhersagen) rationalisierung wird durch den Nachweis ihrer
3 meint, dass das Kriterium später als die Messung diskriminanten Validität noch verstärkt.
erhoben wird; die Messung soll also das Kriterium
vorhersagen. Eine wichtige Anwendung des Ansatzes der simultanen
55 Konvergente Validität (lat. „convergere“: sich konvergenten und diskriminanten Validierung schlugen
hinbewegen) meint, dass bei mehreren alternativen Campbell und Fiske (1959) vor. Es werden mehrere Eigen-
Kriterien, von denen aber nur bestimmte eine hohe schaften (engl.: „multiple traits“) betrachtet, die jeweils mit
Konstruktvalidität haben, die Messung hoch mit den mehreren, gleichen Methoden untersucht werden (engl.:
Kriterien hoher Validität korreliert. „multiple methods“). Korreliert man nun die einzelnen
55 Diskriminante Validität (lat. „discriminare“: unter- Messungen untereinander, entsteht eine Multitrait-Multi-
scheiden) meint, dass bei mehreren alternativen method-Matrix. Darin lassen sich vier Arten von Korrela-
Kriterien, von denen nur bestimmte eine hohe tionen unterscheiden:
Konstruktvalidität haben, die Messung niedrig mit 55 Monotrait-Monomethod-Korrelationen: Dies sind
den Kriterien niedriger Validität korreliert und hoch Korrelationen zwischen Messungen derselben Eigen-
mit den Kriterien hoher Validität. schaft mit derselben Methode, also die Reliabilität der
Messung.
Die Kriteriumsvalidierung durch den simultanen Nachweis 55 Monotrait-Heteromethod-Korrelationen: Dies
von konvergenter und diskriminanter Validität ist stärker als sind Korrelationen zwischen Messungen derselben
die Validierung anhand eines einzigen Kriteriums, weil so Eigenschaft mit unterschiedlichen Methoden, also die
die Spezifität von Messungen deutlich wird. Das sei hier am konvergenten Validitäten der Messungen.
Beispiel einer Studie von Asendorpf und van Aken (1993) 55 Heterotrait-Monomethod-Korrelationen: Dies sind
erläutert. Die Autoren untersuchten in einer Längsschnitt- Korrelationen zwischen unterschiedlichen Eigen-
studie das Selbstkonzept von 166 Kindern in der 2., 3. und schaften, gemessen mit derselben Methode (der erste
4. Klasse im kognitiven, sportlichen und sozialen Bereich. Fall der diskriminanten Validität der Messungen).
Um nachzuweisen, dass das Selbstkonzept bereichsspezi- 55 Heterotrait-Heteromethod-Korrelationen: Dies sind
fisch ausdifferenziert ist, also von den Erfahrungen in dem Korrelationen zwischen unterschiedlichen Eigen-
jeweiligen Bereich abhängt, wurde es in der 2. und 4. Klasse schaften, gemessen mit unterschiedlichen Methoden
für jeden Bereich mit 1–2 Kriterien korreliert. Wie . Tab. 3.5 (der zweite Fall der diskriminanten Validität der
zeigt, waren die konvergenten Validitäten deutlich höher als Messungen).

. Tab. 3.5  Korrelationen zwischen dem Selbstkonzept im kognitiven, sportlichen und sozialen Bereich und bereichsspezifischen
Kriterien in der Grundschule. (Nach Asendorpf & van Aken, 1993, Tab. 3 und 6)

Selbstkonzept in Klassenstufe

2 4

Kriterium Kognitiv Sport Sozial Kognitiv Sport Sozial

Note Deutsch + Mathe .43 –.04 .14 .50 –.02 .24


Intelligenztest .31 .01 .06 .29 .00 .12
Sportnote .02 .29 .19 .01 .48 .28
Sportlicher Fähigkeitstest .11 .36 .13 .08 .29 .20
Beliebtheit in der Klasse .14 .10 .25 .13 .08 .28

Konvergente Validitäten sind fett gedruckt.


3.2 · Messung von Eigenschaften
97 3
Bei validen Messungen sollten die Monotrait-Korrelatio- Verhaltens und Erlebens (vgl. Definition der Persönlich-
nen (also die beiden ersten Korrelationsarten) hoch und keit in 7 Abschn. 3.2.4). Jemand kann sich selbst beurtei-
die Heterotrait-Korrelationen (also die beiden letzten Kor- len (Selbstbeurteilung) oder von anderen beurteilt werden
relationsarten) niedrig sein. Natürlich ist zu erwarten, dass (Fremdbeurteilung). Der Prozess der Fremdbeurteilung
unter den Monotrait-Korrelationen die Reliabilitäten höher lässt sich gut durch das Linsenmodell der Wahrnehmung
ausfallen als die konvergenten Validitäten von Egon Brunswik (1903–1955) beschreiben (Brunswik,
Der Vorteil von Multitrait-Multimethod-Analysen ist 1956). Das Linsenmodell beschreibt ganz allgemein die
vor allem, dass Methodeneinflüsse auf die Eigenschafts- Wahrnehmung nicht direkt beobachtbarer distaler Merk-
messungen systematisch untersucht werden können. Kri- male durch Schlussfolgerungen aus proximalen Hinweis-
tisch ist bei Multitrait-Multimethod-Analysen der Fall, dass reizen (engl.: „cues“). Im Falle der Eigenschaftsbeurteilung
die Heterotrait-Monomethod-Korrelationen höher als die ist die beurteilte Eigenschaft ein distales Merkmal, das sich
Monotrait-Heteromethod-Korrelationen sind. Dann sind in mehr oder weniger validen Hinweisreizen äußert, die teil-
die Daten mehr durch die Methode als durch den Inhalt weise für die Fremdbeurteilung genutzt werden.
(welche Eigenschaft gemessen wird) bestimmt. Bei sehr Wird die beurteilte Eigenschaft durch Selbstbeurteilung
unterschiedlicher Reliabilität der Messungen kann der operationalisiert, lässt sich so beschreiben, wie selbst- und
direkte Vergleich von Korrelationen der Multitrait-Mul- fremdbeurteilte Persönlichkeitseigenschaften zusammen-
timethod-Matrix in die Irre führen. Dann sollten doppelt hängen (vgl. . Abb. 3.8). Die Hinweisreize wirken dabei wie
minderungskorrigierte Korrelationen verglichen werden eine Linse, die die „Validitätsstrahlen“ in „Nutzungsstrahlen“
(vgl. 7 Abschn. 3.2.4) oder ein Strukturgleichungsmo- bricht. In dem Beispiel äußert sich selbstbeurteilte Extraver-
dell mit latenten Variablen verwendet werden (vgl. Eid, sion in modischer Kleidung und lauter Stimme, nicht aber
Lischetzke & Nussbeck, 2006). . Abb. 3.7 fasst die Bezie- in expressiven Bewegungen, wobei Beurteiler ihr Extraver-
hungen zwischen den diskutierten Validitätsaspekten sionsurteil auf lauter Stimme und (fälschlicherweise) auf
zusammen. expressiven Bewegungen gründen und den validen Hin-
weisreiz „modische Kleidung“ nicht berücksichtigen. In
> Multitrait-Multimethod-Analysen ermöglichen es, diesem Fall würde die Genauigkeit der Fremdbeurteilung
den Einfluss der Messmethode auf die Messung von niedrig sein.
Eigenschaften systematisch zu untersuchen. Sie Das Linsenmodell wird oft verwendet, um herauszufin-
sind eine besonders aussagekräftige Methode der den, auf welchen Informationen Persönlichkeitsbeurteilun-
Validierung. gen beruhen und worauf die Genauigkeit von Fremdbeurtei-
lungen basiert (vgl. z. B. Scherer, 1978; Back, Schmukle &
Egloff, 2011). Hierbei kann jedes Eigenschaftskriterium als
3.2.6 Eigenschaftsbeurteilung distales Merkmal genutzt werden (z. B. Verhaltensregelmä-
ßigkeiten bei der Nutzung von Facebook oder Smartphones;
Eigenschaftsbeurteilungen beruhen auf Schlussfolgerun- vgl. 7 Abschn. 3.2.7).
gen aus beobachteten oder von anderen mitgeteilten indi-
viduellen Besonderheiten von Menschen, also aus ihrer
körperlicher Erscheinung und Regelmäßigkeiten ihres

. Abb. 3.8  Beispiel eines Linsenmodells für die Fremdbeurteilung


. Abb. 3.7  Verschiedene Arten der Validität von von Extraversion. (Mod. nach Nestler & Back, 2013, Fig. 1, mit freundl.
Eigenschaftsmessungen Genehmigung von SAGE Publications)
98 Kapitel 3 · Methodik

Die Genauigkeit der Fremdbeurteilung ist bereits beim Uns persönlich bekannte Menschen können wir unter-
ersten Eindruck (engl. auch „zero acquaintance“ genannt) schiedlich gut beurteilen und wir wissen ziemlich genau,
überzufällig, sowohl bezogen auf selbstbeurteilte Persön- wen wir besonders gut beurteilen können und wen nicht
lichkeitsmerkmale als auch auf getestete Intelligenz (7 Unter (Biesanz et al., 2011). Gut beurteilbare Personen sind eher
der Lupe). konsistent in ihrem Verhalten über die Zeit und Situatio-
nen und weisen eher sozial erwünschte Eigenschaften auf
3 (Human & Biesanz, 2013).
Unter der Lupe Was die beurteilte Eigenschaft angeht, spielt deren Beob-
achtbarkeit eine wichtige Rolle (Funder & Dobroth, 1987).
Persönlichkeitsbeurteilung bei null Bekanntschaft Ob jemand viel redet oder pünktlich zu Verabredungen
Borkenau, Mauer, Riemann, Spinath und Angleitner kommt, ist für andere leicht einzuschätzen; welche Ängste
(2004) filmten 600 Personen in 15 Situationen oder Alpträume jemand hat, wissen bestenfalls sehr nahe-
und zeigten die entsprechenden Videos stehende Personen wie Eltern, Partner oder gute Freunde.
Beurteilergruppen. Die fünf Hauptfaktoren der Immerhin fanden Simms, Zelazny, Yam und Gros (2010)
Persönlichkeit (Big Five; vgl. 7 Abschn. 3.3) wurden für den schlecht beobachtbaren Neurotizismus einen
von den Personen und einem ihrer Bekannten Anstieg der Selbst-Bekannten-Übereinstimmung von .27
beurteilt (mittlere Übereinstimmung r = .45). bei weniger als 1 Jahr Bekanntschaft auf .46 bei mehr als 1
Urteiler, die die Personen nicht kannten, sollten Jahr Bekanntschaft.
aufgrund der 15 Videos (Länge 1–12 min) die Big Wichtig ist auch, wie alltagsnah und beobachtbar die zu
Five und die Intelligenz der gesehenen Person beurteilende Eigenschaft ist. Urteile über alltagsnahe Eigen-
beurteilen; jeder Urteiler sah nur 1 Situation einer schaften, also solche, die in der Alltagspsychologie häufig
Person. Selbst bei nur 1 Situation pro Person verwendet werden, werden von den Urteilern vermutlich
korrelierten die Persönlichkeitsurteile .13 mit dem immer wieder spontan generiert. Wie gesellig, gewissen-
Selbsturteil und .14 mit dem Bekanntenurteil; nach haft, ängstlich, aggressiv oder intelligent man selbst ist oder
Aggregation über die 15 Situationen erhöhte sich die Bekannte sind – für solche Einschätzungen gibt es immer
Genauigkeit des ersten Eindrucks auf .22 bzw. .24. wieder alltägliche Anlässe. Ein Urteil hierüber besteht
Die entsprechenden Korrelationen der beurteilten schon, bevor danach im Rahmen einer psychologischen
Intelligenz mit einem IQ-Test waren noch deutlich Untersuchung gefragt wird; es muss nur abgerufen werden.
höher (.33 für 1 Situation, .53 nach Aggregation über Anders ist es, wenn Laien aufgefordert werden, Eigen-
15 Situationen). Die Beurteiler konnten also valide schaften zu beurteilen, über die sie sich im Alltag kaum
Hinweisreize aus den Videos für ihr Urteil nutzen. Gedanken machen, z. B. „heilkundig“ oder „hitzeemp-
Die Genauigkeit des Urteils stieg von 1 Situation findlich“. In diesem Fall müssen sich die Urteiler mühsam
hin zu 6 aggregierten Situationen deutlich an an Situationen erinnern, in denen das betreffende Verhal-
und stabilisierte sich dann – ähnlich wie man ten auftrat. Oft werden sie dies jedoch gar nicht erst ver-
es bei parallelen Tests aufgrund der Spearman- suchen, sondern die Eigenschaft aus „ähnlichen“, besser
Brown-Formel erwarten sollte (vgl. . Abb. 3.5 wahrnehmbaren Eigenschaften abzuleiten versuchen, z. B.
in 7 Abschn. 3.2.4). Diese Studie zeigt, wie „hitzeempfindlich“ aus „kritikempfindlich“. Die wahrge-
Urteiler zu einem bereits recht validen Persönlich- nommene Ähnlichkeit der Eigenschaft kann aber auf einer
keitsurteil kommen können, wenn sie die unzuverlässigen Verallgemeinerung beruhen; z. B. könnte
beurteilte Person in mehreren unterschiedlichen „hitzeempfindlich“ nichts mit „kritikempfindlich“ zu tun
Situationen beobachten – auch wenn die haben. Dann ist das Urteil über „hitzeempfindlich“ invalide.
Validität ihres Urteils bei den Big Five noch Die Urteilerübereinstimmung ist deshalb bei alltagsnahen
deutlich unter der Validität von Urteilen von Eigenschaften besser als bei alltagsfernen.
Bekannten lag. Die Beurteilungsqualität hängt natürlich davon ab,
wie lange und aus welchen Situationen die Urteiler die zu
beurteilende Person kennen (Informiertheit der Beurtei-
ler). Die für eine gute Beurteilung notwendige Dauer der
Generell beruht die Genauigkeit der Eigenschaftsbeurtei- Bekanntschaft mit der zu beurteilenden Person lässt sich
lung auf vier Faktoren (Funder, 2012): nicht allgemein angeben, sondern hängt wesentlich von
55 beurteilte Personen, der Art der beurteilten Eigenschaft ab. Extraversion oder
55 beurteilte Eigenschaft, verbale Intelligenz z. B. lassen sich schon nach 90 Sekunden
55 Informiertheit der Urteiler, besser als der Zufall beurteilen, Liebenswürdigkeit dagegen
55 Urteiler. noch nicht (Borkenau & Liebler, 1993). Wie die Studie von
3.2 · Messung von Eigenschaften
99 3
Borkenau et al. (2004) und andere Studien zeigen, nimmt die Sie färben das Urteil über andere Eigenschaften. Wer schön
Korrelation zwischen Selbst- und Bekanntenbeurteilungen ist, wird eher für intelligent gehalten, wer aggressiv ist, eher
mit zunehmender Informiertheit deutlich zu. für wenig ängstlich. Dieser Halo-Effekt kann Scheinkorre-
Zudem hängt das Ergebnis wesentlich davon ab, aus lationen zwischen Eigenschaften hervorrufen, also Korre-
welchen Situationen die Urteiler die zu beurteilende Person lationen, die durch das tatsächliche Verhalten der Beurteil-
kennen. Arbeitskollegen wissen wenig über das Verhalten ten nicht gerechtfertigt sind. Ein Halo-Effekt kann nicht
der Kollegen zu Hause, Eltern wissen wenig über das Ver- nur bei der Beurteilung anderer, sondern auch bei Selbst-
halten ihrer Kinder im Kindergarten. Urteile können zwar beurteilungen auftreten, wenn eine im Selbstkonzept (vgl.
durch Kommunikation wechselseitig beeinflusst werden 7 Abschn. 4.6.1) zentral verankerte Eigenschaft das Urteil
(z. B. zwischen Ehepartnern oder zwischen Eltern und über andere eigene Eigenschaften beeinflusst.
Lehrern), aber der Einfluss der unmittelbaren Beobachtung Ein oft zitiertes Beispiel für einen Halo-Effekt ist eine
des Verhaltens dürfte meist stärker sein. überhöhte Korrelation zwischen Schönheit und Intelli-
Deshalb korrelieren die Urteile von Beurteilern, die die genz. Im Mittel über viele Studien wurde eine Korrelation
zu beurteilende Person aus ähnlichen Situationen kennen, von –.04 zwischen fremdeingeschätzter physischer Attrakti-
im Allgemeinen höher miteinander als mit Urteilen von vität und getestetem IQ gefunden (Feingold, 1992a). Schön-
Beurteilern, die dieselbe Person aus unterschiedlichen Situ- heit und Intelligenz hängen also de facto nicht zusammen.
ationen kennen. Zum Beispiel fanden Achenbach, McCo- Aber wenn physische Attraktivität und IQ aufgrund dessel-
naughy und Howell (1987) in einer Analyse von 119 Studien ben Fotos eingeschätzt wurden, ergab sich eine Korrelation
zu Verhaltensproblemen bei Kindern und Jugendlichen eine von .15 zwischen Attraktivität und IQ – ein leicht positi-
mittlere Korrelation zwischen den Urteilen von Mutter und ver Zusammenhang, der auf einen Halo-Effekt zurückgeht.
Vater von .59, eine ähnlich hohe mittlere Korrelation zwi- Die differenzielle Extremitätstendenz bezieht sich auf
schen den Urteilen verschiedener Lehrer desselben Kindes die von Urteiler zu Urteiler variierende Tendenz, auf mehr-
von .64, aber eine mittlere Korrelation zwischen den Urtei- stufigen Antwortskalen Extremwerte anzugeben. Manche
len von Eltern und Lehrern über dasselbe Kind von nur .27. Urteiler scheuen sich davor, sich klar festzulegen, und
Diese Differenz geht vor allem auf eine transsituative Inkon- halten sich deshalb lieber im Mittelfeld der Antwortskala
sistenz des Verhaltens der Kinder zurück. auf, andere neigen zur Dramatisierung individueller Beson-
Seit langem wird die Frage zu beantworten versucht, derheiten und vergeben deshalb oft Extremwerte. Gibt es für
wer besonders gut in der Beurteilung der Persönlichkeit jeden Beurteilten einen unterschiedlichen Urteiler, kann
anderer ist (Vernon, 1933; Letzring, 2008). Verträglichkeit die differenzielle Extremitätstendenz nicht von tatsächli-
und soziale Kompetenz scheinen die Beurteilungsgenauig- chen Eigenschaftsunterschieden getrennt werden und ver-
keit zu fördern, aber die Effekte sind eher bescheiden. Hasel- fälscht die Beurteilungen dementsprechend. Beurteilen
ton und Funder (2006) führten das darauf zurück, dass die z. B. Eltern ihre Kinder, beeinflussen differenzielle Extre-
Eigenschaftsbeurteilung so wichtig für den sozialen Alltag mitätstendenzen der Eltern die beurteilten Eigenschaften
ist, dass es keine großen Unterschiede in dieser Fähigkeit der Kinder. Bei Aggregation über mehrere Urteiler heben
gibt. sich die verschiedenen Extremitätstendenzen der Urteiler
teilweise gegenseitig auf, sodass diese Fehlerquelle weniger
> Gut beurteilbar sind konsistente Personen mit sozial stark ins Gewicht fällt.
erwünschten Eigenschaften, gut beobachtbare Die differenzielle Tendenz zu sozial erwünschten Urtei-
und alltagsnahe Eigenschaften und länger und aus len bezieht sich auf die von Urteiler zu Urteiler variierende
unterschiedlichen Situationen bekannte Personen. Tendenz, sozial erwünschte Eigenschaften des Beurteil-
Gute Urteiler sind eher verträglich und sozial ten besonders hervorzuheben. Persönlichkeitseigenschaf-
kompetent. ten sind ja meist deutlich wertbehaftet; z. B. gelten hohe
Aggressivität oder starke Ängstlichkeit als unerwünscht,
Die Qualität von Eigenschaftsbeurteilungen wird gemin- dagegen hohe Intelligenz oder große Gewissenhaftigkeit
dert durch eine Reihe von Urteilsverzerrungen. Besonders als erwünscht. . Tab. 3.6 zeigt einige Eigenschaften, die in
wichtig sind: Großbritannien bzw. den USA als besonders erwünscht bzw.
55 Halo-Effekt, unerwünscht gelten (die britischen und US-amerikanischen
55 differenzielle Extremitätstendenz, Erwünschtheitswerte von 444 Eigenschaftsworten korre-
55 differenzielle Tendenz zu sozial erwünschten Urteilen. lierten .96 miteinander; Hampson, Goldberg & John, 1987).
Von daher besteht bei der Eigenschaftsbeurteilung
So wie der Mond in dunstigen Nächten einen Hof – einen immer die Gefahr, dass das Urteil in Richtung sozial
Halo – hat, bildet sich im Prozess der Personenwahrneh- erwünschter Eigenschaftsausprägungen hin verfälscht
mung um auffällige Eigenschaften ein „Bedeutungshof “: wird. So lang diese Tendenz bei allen Urteilern gleich stark
100 Kapitel 3 · Methodik

Ablehnung wahrscheinlicher, aber psychisch bedrohlicher


. Tab. 3.6  Soziale Erwünschtheit von Eigenschaften in
Großbritannien und den USA Eigenschaften gemessen (z. B. „Menschen enttäuschen mich
oft“) und von den Autoren als defensive Abwehrtenden-
Eigenschaft GB USA zen (vgl. 7 Abschn. 1.2.2) gedeutet. Die Tendenz zur Fremd-
täuschung wird durch die Zustimmung zu unwahrschein-
Honest ehrlich 1,90 1,62
lichen, aber sozial erwünschten Eigenschaften erhoben
3 Truthful wahrhaftig 1,82 1,47 (z. B. „Ich sage immer die Wahrheit“) und von den Autoren
Reliable verlässlich 1,76 1,47 als eher bewusster Versuch, vor anderen gut dazustehen,
Kind freundlich 1,66 1,53 interpretiert.
Happy glücklich 1,66 1,44
> Die differenzielle Tendenz zur sozialen
Bitter böse, verbittert –1,46 –1,34
Erwünschtheit besteht aus zwei unterschiedlichen
Ill-tempered schlecht gelaunt –1,50 –1,39 Komponenten: Tendenz zur Selbsttäuschung und
Rude rüde –1,54 –1,51 zur Fremdtäuschung.
Deceitful betrügerisch –1,65 –1,63
Cruel grausam –1,93 –1,72
Paulhus (1984) konnte die Unabhängigkeit dieser beiden
Faktoren bestätigen und experimentell zeigen, dass nur die
Tendenz zur Fremdtäuschung zu Verfälschungen von Fra-
Angegeben sind z-Werte (vgl. 7 Abschn. 3.2.2) von
Beurteilungen der sozialen Erwünschtheit. gebogenantworten in Richtung sozial erwünschter Ant-
worten führt: Die mittleren Fremdtäuschungswerte fielen
relativ zu einer völlig anonymen Testbedingung höher aus,
wenn Versuchspersonen ihren Fragebogen einem Experi-
ist, verfälscht sie interindividuelle Unterschiede in Eigen- mentator unter Angabe von Name und Adresse zur sofor-
schaften nicht, ist also kein wirkliches Problem für die Per- tigen Durchsicht persönlich abgeben mussten; die Selbst-
sönlichkeitspsychologie. Zum Beispiel ist es kein Problem, täuschungswerte dagegen wurden durch diese „Entanony-
wenn alle Eltern ihre eigenen Kinder um den gleichen misierung“ der Testsituation nicht beeinflusst. Wenn es um
Betrag positiver beurteilen als Lehrer. die Kontrolle eher gezielter Verfälschungstendenzen geht,
Zum Problem wird die Tendenz zur sozialen Erwünscht- sollten deshalb Skalen verwendet werden, die eher Fremd-
heit jedoch dann, wenn sie bei unterschiedlichen Urteilern täuschung erfassen: das Balanced Inventory of Desirable
unterschiedlich stark ist (differenzielle Tendenz zur sozia- Responding (BIDR) von Paulhus in der deutschen Fassung
len Erwünschtheit). Lässt man z. B. die Aggressivität von von Musch, Brockhaus und Bröder (2002) oder die Marlo-
Kindern durch ihre Eltern beurteilen, so muss man damit we-Crowne-Skala (deutsche Fassung von Lück & Timaeus,
rechnen, dass einige Eltern dazu neigen, ihre Kinder durch 1969, sowie Stöber, 1999), die überwiegend Fremdtäu-
eine rosa Brille zu sehen und ihre Aggressivität deshalb schung erfasst. . Tab. 3.7 gibt eine Übersicht über die hier
unterschätzen, während andere ihnen besonders kri- diskutierten Kriterien für Eigenschaftsbeurteilungen.
tisch gegenüberstehen und ihre Aggressivität deshalb Items in Persönlichkeitsfragebögen erfragen oft Ver-
überschätzen. halten in hypothetischen Situationen. Kritisch ist bei dieser
Eine allgemeine, also vom speziellen Beurteilungs- Methode vor allem die Vertrautheit mit den Situationen.
gegenstand unabhängige differenzielle Tendenz zur sozia- Versuchspersonen sind meist sehr kooperativ und werden
len Erwünschtheit lässt sich teilweise durch sogenannte deshalb auch Fragen nach ihrer Ängstlichkeit als Pilot beim
Soziale Erwünschtheitsskalen oder Lügenskalen kontrollie- Start einer Raumfähre oder nach ihrem Geselligkeitsbedürf-
ren. Sie fragen nach der Ablehnung wahrscheinlicher, aber nis nach dreiwöchigem Segeltörn mit einer zehnköpfigen
sozial unerwünschter Eigenschaften (z. B. „Ich habe schon Besatzung beantworten – auch dann, wenn sie keinerlei
mal jemanden übervorteilt“) und nach der Zustimmung zu Erfahrung mit diesen Situationen haben. Ihre Antworten
unwahrscheinlichen, aber sozial erwünschten Eigenschaf- werden durchaus systematisch und replizierbar ausfallen,
ten (z. B. „Ich bin immer höflich“). Beides wird klassischer- weil sie ihr Verhalten in solch exotischen Situationen aus
weise als eine einheitliche Persönlichkeitseigenschaft inter- ihrem Verhalten in vertrauten Situationen vorhersagen. Ob
pretiert: die Tendenz zur sozialen Erwünschtheit. sie sich wirklich so verhalten würden, ist damit natürlich
Sackeim und Gur (1978) zeigten, dass diese Eigenschaft nicht gesagt.
bei genauerer Analyse aus zwei relativ unabhängigen Fak- Die Beurteilung unvertrauter Situationen führt damit
toren besteht: Tendenz zur Selbsttäuschung („self-decep- zu einer überhöhten transsituativen Konsistenz der Urteile.
tion“) und Tendenz zur Fremdtäuschung („other-decep- Sofern hypothetische Situationen nicht nur dazu dienen,
tion“). Die Tendenz zur Selbsttäuschung wird durch die durch Aggregation über ähnliche Situationen die Reliabilität
3.2 · Messung von Eigenschaften
101 3
gerechnet werden, z. B. dass das Verhalten zu Beginn und
. Tab. 3.7  Qualitätsbestimmende Faktoren für
Eigenschaftsbeurteilungen Ende der Situation stärker in die Beurteilung eingeht als
das Verhalten dazwischen. Die Erinnerungseffekte werden
Faktor Urteiler umso problematischer, je länger die zu beurteilende Situ-
ation gedauert hat. Sie lassen sich minimieren, indem das
Selbst Bekannte
Verhalten per Video aufgezeichnet und den Versuchsper-
Dauer der Bekanntschaft X sonen direkt in Anschluss an die Situation vorgespielt wird
Kenntnis aus welchen Situationen X
(videounterstütztes Erinnern).
Die Beurteilung bis hin zur detaillierten „objektiven“
Alltagsnähe der Eigenschaft X X
Kodierung sichtbaren Verhaltens erfolgt am besten durch
Öffentlichkeit der Eigenschaft X trainierte Beurteiler, die alle Versuchspersonen einer Unter-
Ausmaß der Aggregation über Items X X suchungsreihe beurteilen. Selbst die scheinbar objektive
Halo-Effekt X X Verhaltensbeurteilung trainierter Beurteiler ist aber nicht
Differenzielle Extremitätstendenz X X frei von Halo-Effekten. So zeigten z. B. Martin und Rovira
(1982), dass Beobachter einer Person deren Blickkontakt
Differenzielle Tendenz zur sozialen X X
Erwünschtheit
zum Interaktionspartner überschätzten, wenn sie gleich-
zeitig lächelte. Bei mehreren Urteilern können differenzielle
Extremitätstendenzen und differenzielle Tendenzen zur
X = Faktor ist relevant.
sozialen Erwünschtheit durch Aggregation über mehrere
Urteiler minimiert werden. Zudem lassen sich so Effekte
der Urteiler, der Beurteilten und der Urteilsfehler trennen
des Eigenschaftsurteils zu erhöhen, sondern dazu, Aussa- (vgl. z. B. Borkenau & Liebler, 1993).
gen über die transsituative Konsistenz von Eigenschaften Beurteilungen durch Interaktionspartner (statt durch
zu machen, muss gesichert werden, dass alle befragten Ver- Beobachter) sind nur dann sinnvoll, wenn es um den sub-
suchspersonen auch Erfahrung mit allen erfragten Situatio- jektiven Eindruck von der Versuchsperson speziell bei
nen haben (was eine überhöhte transsituative Konsistenz Interaktionspartnern geht (z. B. für wie sympathisch sie die
der Verhaltensberichte mildert, aber nicht ausschließt). Versuchsperson halten) oder um Verhalten, das auf Video
schlecht sichtbar ist (z. B. Erröten).
> Bei Fragebögen ist es wichtig, dass die Befragten die Die direkte Verhaltensmessung findet sich vor allem im
erfragten Situationen tatsächlich erlebt haben. Leistungsbereich, wo die Geschwindigkeit und die Quali-
tät bei der Lösung von Aufgaben untersucht werden. Klas-
sischerweise werden kurze Aufgaben schriftlich vorgege-
3.2.7 Verhaltenserfassung ben und schriftlich beantwortet. Werden die Aufgaben auf
einem Computermonitor dargeboten und die Antworten
Die Eigenschaftsmessung durch Erfassung des tatsächli- über die Computertastatur eingegeben, eröffnen sich weiter-
chen Verhaltens in realen Situationen kann die geschilder- gehende Möglichkeiten wie die Erfassung der Lösungszeit
ten Probleme der direkten Eigenschaftsbeurteilung teilweise für einzelne Aufgaben oder adaptives Testen, bei dem die
umgehen, ist aber ungleich aufwendiger, da die Situationen Aufgabenvorgabe davon abhängt, welche Aufgaben bereits
tatsächlich hergestellt oder im Alltag identifiziert werden gelöst wurden.
müssen. Zur Erfassung des Verhaltens gibt es im Wesentli- Man kann auch Versuchspersonen Probleme lösen
chen vier Verfahren: lassen, indem man sie in computersimulierten virtuellen
55 Selbstbeurteilung, Welten agieren lässt (vgl. z. B. die frühen Untersuchungen
55 Beurteilung oder Kodierung des Verhaltens durch zum komplexen Problemlösen von Dörner, Kreuzig, Reither
Beobachter, und Stäudel, 1983); erfasst werden dabei Eingriffe der Ver-
55 Beurteilung durch Interaktionspartner (in sozial- suchspersonen in das simulierte System, wobei meist eine
interaktiven Situationen), Vielzahl von Eingriffsmöglichkeiten angeboten wird. Im
55 direkte Verhaltensmessung. sozial-emotionalen Bereich kann man auf entsprechende
Weise Versuchspersonen in simulierten Umwelten agieren
Bei der Selbstbeurteilung des Verhaltens muss vor allem lassen, um aus Messungen ihres Verhaltens im simulierten
darauf geachtet werden, dass die Beurteilung nicht das Raum ihre Motive und emotionalen Bewertungstendenzen
zu beurteilende Verhalten stört. Deshalb wird meist um zu erfassen (vgl. z. B. Schönbrodt & Asendorpf, 2011).
eine Beurteilung direkt nach der interessierenden Situa- Zunehmend wird das Internet zur Datenerhebung
tion gebeten. Selbst dann muss mit Erinnerungseffekten auch für persönlichkeitspsychologische Fragestellungen
102 Kapitel 3 · Methodik

genutzt. Fragebögen können ins Netz gestellt werden; von internetbasierten sozialen Netzwerken (Online Social
durch ansprechende Gestaltung der Seite, sofortige Rück- Networks wie z. B. Facebook; siehe hierzu Abschn. 5.2) und
meldung der individuellen Ergebnisse am Ende des Tests in die Nutzung von Handys und Smartphones. Inzwischen
Form eines automatischen, allgemeinverständlichen Pro- wurden riesige Datenmengen („Big Data“) z. B. über Face-
tokolls, geschickte Wahl von Worten auf den Internetseiten book-Nutzer gesammelt, die es erlauben, das Verhalten auf
und Legen eines Links auf Seiten anderer Anbieter können Facebook über lange Zeiträume zu analysieren und so für
3 in relativ kurzer Zeit große Stichproben von Internet-Sur- sehr große Nutzergruppen reliable individuelle Persön-
fern quasi mühelos zum Beantworten der Fragen gebracht lichkeitsmerkmale zu bestimmen. Durch zusätzlich erho-
werden. Natürlich stellt sich hierbei die Frage der Antwort- bene Selbst- und Fremdbeschreibungen der Persönlichkeit
qualität (möglich sind z. B. Unaufmerksamkeit wegen par- konnte so gezeigt werden, dass hinreichend aggregierte
allelen Musikhörens, Essens usw., gemeinsame Bearbeitung Facebook-Likes besser als Freunde oder Familienangehö-
der Fragen durch mehrere Personen, Einholen von Zusatz- rige die selbstbeurteilte Persönlichkeit vorhersagen (7 Unter
informationen während des Tests) und der Stichprobense- der Lupe).
lektivität (es surfen mehr Männer als Frauen, andererseits
ist das Interesse von Frauen an den meisten psychologischen
Fragen größer, insbesondere bei Fragen zu sozialen Bezie- Unter der Lupe
hungen und Persönlichkeit).
Vergleichsuntersuchungen zwischen klassischer Frage- Das Projekt MyPersonality
bogenbearbeitung mit „Papier und Bleistift“, Beantwortung Mithilfe einer Facebook-Applikation wurden die
an einem Computer (Vorteil: Fehlerrückmeldung bei fal- Facebook-Daten von über 4 Millionen Nutzern
schen Eingaben, Registrierung der Antwortzeiten und feh- und deren Ergebnisse in zahlreichen Persönlich-
lerfreie Digitalisierung der Daten) und Interneterhebung keitstests erhoben, teilweise über lange Zeiträume.
ergaben sehr ähnliche Ergebnisse für praktisch alle Kenn- Das Projekt wurde vom britischen Bachelor-
werte der Fragebögen (Mittelwerte, Streuungen, interne studenten David Stillwell 2007 begonnen, die
Konsistenzen), jedenfalls bei Vergleichen zwischen Inter- Datenerhebung wurde 2012 abgeschlossen. Die
netstichproben und studentischen Stichproben (Pettit, öffentlich zugängliche Datenbasis wurde 2016
2002). Die oft sehr große Internetstichprobe sichert aber bereits von mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und
nicht repräsentative Ergebnisse für die Gesamtbevölkerung. Wissenschaftlern ausgewertet (www.mypersonality.
Das Internet wurde 2015 zwar von über 90% der 16- bis org). So konnten Youyou, Kosinski und Stillwell (2015)
44-Jährigen täglich für private Zwecke genutzt, aber nur von zeigen, dass etwa 65 Facebook-Likes (Klicks "Like
67% der über 65-Jährigen (Statistisches Bundesamt, 2015). it!" auf Personen, Markenartikel, Webseiten usw.)
Kritischer zu betrachten ist die Durchführung ausreichen, um auf deren Grundlage mithilfe eines
anspruchsvoller Leistungstests (z. B. IQ-Tests), weil die Algorithmus die selbstbeurteilten fünf Hauptfaktoren
mangelnde Kontrolle der Testsituation hier die Validität der Persönlichkeit (vgl. Abschn. 3.3) so genau wie
deutlicher beeinträchtigt (Wilhelm, 2002). Vergleichsweise ein Freund vorherzusagen (r = .45); bei 125 Likes
kurze Tests, bei denen es nicht auf Millisekunden ankommt gelang es so genau wie Familienangehörigen
(z. B. Implizite Assoziationstests, vgl. 7 Abschn. 2.2.4) lassen (r = .50). Insgesamt lag die Vorhersagegüte bei r = .56.
sich dagegen recht gut internetbasiert durchführen (vgl. z. B. Ca. 100 Facebook-Likes enthalten also genügend
https://implicit.harvard.edu/implicit/germany). persönlichkeitsrelevante Information, um viele
Zunehmende Anwendung finden Messungen physio- Persönlichkeitseigenschaften valide zu erfassen
logischer Parameter im psychophysiologischen Labor, wo (auch ohne Einverständnis der Nutzer). Dies lässt
Reaktionen des autonomen und zentralen Nervensystems sich für personalisierte Werbung nutzen aber auch
kontinuierlich oder in kurzen Abständen gemessen werden für persönlichkeitspsychologische Untersuchungen
(7 Abschn. 2.4). Telemetrische Messungen, bei denen die zu Nutzerverhalten, ohne dass die Nutzer Auskunft
Messergebnisse drahtlos von der Versuchsperson an einen über ihre Persönlichkeit geben müssen. Dieses
nahen Empfänger übertragen werden, oder die kontinuier- Nutzerverhalten muss sich nicht auf Facebook-Daten
liche Speicherung der Messungen in einem portablen Com- beziehen, sondern kann z. B. auch die Nutzung des
puter, den die Versuchsperson während des Versuchs mit mobilen Geräts betreffen (z. B. Gesprächsverhalten,
sich trägt (ambulantes Monitoring, 7 Abschn. 2.4.3), erlau- Surfverhalten, Bewegungsverhalten erfasst durch
ben der Versuchsperson eine größere Bewegungsfreiheit Geolokation usw.). Sofern die Beteiligten zustimmen,
und damit naturalistischere Situationen. können so rein verhaltensbasierte persönlichkeitspsy-
Zwei weltweite Trends in der Kommunikation eröffnen chologische Untersuchungen durchgeführt werden.
neue Perspektiven für die Verhaltenserfassung: die Nutzung
3.2 · Messung von Eigenschaften
103 3
Ähnliche Ansätze nutzen Analysen von Texten in E-Mails machen. Die Zeiten sind für die Personen entweder vor-
(Gill, Oberlander & Austin, 2006), Blogs (Yarkoni, 2010) hersagbar (z. B. alle drei Stunden) oder variieren zufällig
oder auf Facebook (Park et al., 2015) oder die Analyse der (Letzteres ist besser, um Verfälschungen durch die erwar-
Handy- oder Smartphone-Nutzung (Chittaranjan, Blom, & tete nächste Beurteilung zu vermeiden). Wird diese oft
Gatica-Perez, 2013; de Montjoye, Quoidbach, Robic & Pent- auch als ESM bezeichnete Methode (engl.: „experience
land, 2013), um hieraus Persönlichkeitseigenschaften zu sampling method“) über eine Periode von 1–3 Wochen
ermitteln oder mit anderweitig erfassten Persönlichkeits- ­durchgeführt, erhält man ausreichend aggregierte Daten
eigenschaften in Verbindung zu bringen. Das Hauptproblem zur Erfassung von Verhaltensdispositionen. Fleeson und
hierbei sind nicht die Daten (eher im Überfluss vorhanden), Gallagher (2009) konnten in zahlreichen ESM-Studien
sondern deren Geheimhaltung aus geschäftlichem Interesse mit Studierenden zeigen, dass selbstbeurteilte Persön-
oder Datenschutzgründen. So gab es unseres Wissens bis lichkeitseigenschaften zu Beginn einer solchen Studie das
Ende 2016 keine aussagekräftige Publikation zum Zusam- selbstberichtete eigenschaftsrelevante Verhalten valide
menhang zwischen Persönlichkeit und gesuchten Begrif- ­vorhersagen können (Korrelationen zwischen .38 und .56
fen im Internet, vermutlich weil Google etc. entsprechende je nach Eigenschaft).
Daten geheim hielten. In einer Variante zur Erfassung sprachlichen Verhaltens
statteten Mehl, Gosling und Pennebaker (2006) Studierende
> Verhalten in realen Situationen wird in der mit einem kleinen Stimmrecorder aus, der in programmier-
Persönlichkeitspsychologie durch Selbstbe- ten Abständen jede Stunde fünf 30 Sekunden lange Ton-
urteilung, Fremdbeurteilung oder direkte aufnahmen machte, die anschließend inhaltlich analysiert
Verhaltensmessung erfasst, zunehmend unter wurden. So konnte z. B. die Annahme bestätigt werden, dass
Nutzung des Internet. Physiologische Messungen selbstbeurteilte Extraversion (vgl. 7 Abschn. 2.4.2) positiv
sind nicht nur im Labor, sondern auch im Alltag mit Gesprächen (Korrelation .30) und der Zahl gesproche-
möglich. Die Nutzung des Internets und mobiler ner Worte (.29) korrelierte und selbstbeurteilte Gewissen-
Kommunikationsgeräte durch weite Teile der haftigkeit die Teilnahme an Lehrveranstaltungen vorher-
Bevölkerung generiert große Datenmengen, die sagte (.42). Mit dieser Technik verglichen Vazire und Mehl
sich hervorragend für die Persönlichkeitsforschung (2008) die Validität von Selbst- und Bekanntenurteilen,
und deren Anwendungen nutzen lassen. indem sie vor der viertägigen Erhebung von 20 verschie-
denen Verhaltensweisen im Alltag die vermutete Häufigkeit
dieser Verhaltensweisen durch die Person selbst und drei
3.2.8 Persönlichkeitserfassung im Alltag ihrer Bekannten einschätzen ließen. Die mittlere Validität
und im Labor betrug .26 für das Selbsturteil und .23 für das Urteil eines
Bekannten; bei Mittelung der Urteile von drei Bekannten
Wenn in einer persönlichkeitspsychologischen Untersu- stieg die Validität auf .26. Bei manchen Verhaltenswei-
chung Verhalten in realen Situationen untersucht wird, kann sen war das Selbsturteil valider (z. B. Fernsehkonsum: .55
dies unter Alltagsbedingungen geschehen (auch Feldstudie vs. .39), bei anderen Verhaltensweisen das g­ emittelte
genannt) oder unter künstlichen, zum Zweck der Untersu- Bekanntenurteil (z. B. Alleinsein: .36 vs. .14). Bei ­optimaler
chung geschaffenen Bedingungen (Laborstudie; Wrzus & Gewichtung der Selbst- und Bekanntenurteile pro Verhal-
Mehl, 2015). Alltagsbedingungen sind bestimmte Tages- tensweise (multiple Regression) stieg die mittlere Validi-
zeiten (z. B. 8.00–18.00 Uhr), bestimmte Orte, die von den tät auf .33.
untersuchten Personen regelmäßig aufgesucht werden Felduntersuchungen lassen sich heute besonders einfach
(z. B. Kindergartengruppe, Schulklasse, Arbeitsplatz) oder mit Smartphones durchführen, die bereits standardmäßig
bestimmte alltägliche Ereignisse (z. B. soziale Interaktionen, zahlreiche Nutzerdaten erfassen können wie z. B. Nutzung
Stresssituationen). Laborbedingungen sind z. B. das psy- von SMS und Telefonaten, Antwortlatenzen bei Anrufen
chophysiologische Labor eines psychologischen Instituts, oder eingehenden SMS, Ort und Bewegungen durch Geo-
der Therapieraum eines klinischen Psychologen oder eine lokation mittels GPS und Funknetzen usw. Diese Daten
Erziehungsberatungsstelle. können durch entsprechende Apps sehr differenziert aus-
Persönlichkeitseigenschaften lassen sich unter All- gewertet und ausgelesen werden. Zusätzlich lassen sich das
tagsbedingungen z. B. dadurch erfassen, dass Perso- aktuelle Verhalten und Erleben und die aktuelle Situation
nen zu mehreren Zeitpunkten am Tag gebeten werden, durch Apps erfragen, die per Funk oder zu programmier-
ihr Verhalten in der letzten Stunde auf vorgegebenen ten Zeitpunkten aktiv werden. Diese Flexibilität (Miller,
Items zu beurteilen. Hierfür sind mobile Geräte wie z. B. 2012) machte inzwischen Smartphones zum am häufigs-
Handys, Smartphones oder iPods gut geeignet, die durch ten verwendeten Erhebungsinstrument für psychologische
ein Signal auf die nächste Beurteilungsrunde aufmerksam Felduntersuchungen.
104 Kapitel 3 · Methodik

des Experimentators verwendet, der die Rolle einer Ver-


. Tab. 3.8  Vier Arten persönlichkeitspsychologischer
Untersuchungen suchsperson spielt und die tatsächliche Versuchsperson
gezielt in bestimmte Situationen bringt, ohne dass sie sich
Untersuchungs- Situationsvariation dieser Manipulation bewusst ist (vgl. z. B. Asendorpf, Banse
bedingung & Mücke, 2002a). Es gibt aber auch Laborstudien mit natür-
Natürlich Künstlich
licher Situationsvariation, z. B. wenn Kinder im Kindergar-
3 Alltag Naturalistische Feldexperiment tenalter im Labor im freien Spiel mit einem unbekannten
Feldstudie Kind beobachtet werden; was geschieht, ist hier ganz den
Labor Naturalistische Klassisches Versuchspersonen überlassen.
Laborstudie Experiment Feldstudien mit natürlicher Situationsvariation haben
den Vorteil, dass die Repräsentativität der Situationen für den
Alltag hoch ist. Bei Laborstudien und künstlicher Situations-
variation ist die Repräsentativität für den Alltag (die „öko-
Eng mit der Unterscheidung Alltag-Labor verwandt, logische Validität“) entweder überhaupt nicht gegeben, weil
nicht aber hiermit identisch, ist die Art der Situationsva- vergleichbare Situationen im Alltag nicht vorkommen, oder
riation. Bei natürlicher Situationsvariation fluktuieren die nur schwer nachprüfbar (wie oft spielen z. B. Kinder im Kin-
situativen Bedingungen unkontrolliert, bei künstlicher Situ- dergartenalter mit unbekannten Gleichaltrigen zusammen?).
ationsvariation werden sie systematisch hergestellt. Eine Andererseits ist eine hohe ökologische Validität keine
Kreuzklassifizierung von Untersuchungsbedingung und notwendige Bedingung für eine aufschlussreiche persön-
Situationsvariation ergibt vier Arten persönlichkeitspsy- lichkeitspsychologische Untersuchung. Situationsvariatio-
chologischer Untersuchungen (. Tab. 3.8). nen im Alltag vermengen oft mehrere, prinzipiell trennbare
Bei den meisten Feldstudien variieren die Situationen Variablen miteinander, die bei künstlicher Situationsvaria-
unkontrolliert, etwa wenn das Verhalten von Kindergar- tion getrennt voneinander untersucht werden können.
tenkindern im „Freispiel“ beobachtet wird (eine meist für
den Morgen angesetzte, ca. einstündige Periode, in der die > Feldexperimente und naturalistische
Kinder im Gruppenraum machen können, was sie wollen, Laborsituationen sind interessante Optionen für die
ohne dass die Erzieher besondere Anleitungen geben). Man Persönlichkeitspsychologie. Eine hohe ökologische
kann aber auch im Alltag eine künstliche Situationsvaria- Validität führt oft zu Interpretationsproblemen,
tion einführen (Feldexperiment), deren sich die Versuchs- da die Einflüsse unterschiedlicher Variablen
personen bewusst sind oder auch nicht. In einer der ersten untrennbar vermengt sind.
Studien dieser Art gaben Buse und Pawlik (1991) Hambur-
ger Gymnasiasten einen Taschencomputer mit, der sie zu
programmierten Zeiten durch Piepsen aufforderte, drei 3.3 Persönlichkeitsfaktoren
kurze Leistungstests durchzuführen, die auf dem Bildschirm
dargeboten wurden (hier war den Versuchspersonen also In praktischen Anwendungen der Persönlichkeitspsycholo-
die systematische Situationsvariation bewusst). gie ergeben sich die zu messenden Eigenschaften entweder
Man kann unter Alltagsbedingungen auch ohne Wissen aus bestimmten Anforderungen, etwa bei der Personalaus-
der Beteiligten gezielt eine Situation herstellen. Zum Bei- wahl, oder man möchte sich ohne allzu großen Aufwand
spiel untersuchten Brigham, Maass, Snyder und Spaul- ein relativ umfassendes Bild der Persönlichkeit machen.
ding (1982) die Genauigkeit von Augenzeugenberichten, Zum Beispiel könnte es sein, dass die Anforderungen eines
indem sie zwei Mitarbeiter in Geschäfte schickten und sich Stellentyps (z. B. „Mitarbeiter im Außendienst“) ziemlich
gegenüber einem bestimmten Verkäufer auffällig verhalten unklar sind. Dann könnte man diese Frage empirisch beant-
ließen. Zwei Stunden später kamen zwei andere Mitarbeiter worten, indem man allen Bewerbern auf solche Stellen ein
im Geschäft vorbei, gaben sich als Mitglieder eines Detektiv- Persönlichkeitsinventar vorlegt, das weite Bereiche der Per-
büros aus und fragten den Verkäufer anhand einer angeb- sönlichkeit durch möglichst wenige Persönlichkeitsskalen
lichen Fahndungsliste nach den beiden „Kunden“ aus. Die abdeckt. Nach einem Jahr befragt man dann Vorgesetzte,
Verkäufer waren also Versuchspersonen in einem Feldex- Mitarbeiter oder auch Kunden der akzeptierten Bewerber,
periment zur Persönlichkeitsbeurteilung, ohne es zu wissen. wie gut diese ihre Arbeit machen, und setzt diese Angaben
In Laborstudien liegt meist eine künstliche Situationsva- mit den erfragten Eigenschaften in Beziehung. Korrelatio-
riation vor. Den Versuchspersonen wird z. B. ein Intelligenz- nen zwischen Eigenschaft und Berufserfolg besagen, dass
test vorgelegt oder sie werden systematisch in bestimmte es lineare Beziehungen zwischen Eigenschaftsausprägung
soziale Situationen gebracht. Dabei wird oft ein Komplize und beruflichem Erfolg gibt. Negative Korrelationen mit
3.3 · Persönlichkeitsfaktoren
105 3
quadrierten z-Werten der Eigenschaftsvariablen besagen,
dass mittlere Eigenschaftsausprägungen Erfolg fördern und Außerdem wird jeder Person ein Faktorwert für jeden
Extremwerte Erfolg behindern. Faktor zugeordnet, der ihre Ausprägung auf dem
Wie aber kann man weite Bereiche der Persönlich- Faktor beschreibt.
keit durch möglichst wenige Eigenschaften abdecken? Wie Die Faktoren lassen sich durch die Variablen mit hoch
bereits Allport und Odbert (1936) durch systematisches positiven und hoch negativen Faktorenladungen
Durchforsten von Webster‘s New International Dictionary inhaltlich interpretieren. Meist wird gefordert, dass
(1925) fanden, gibt es in der englischen Sprache etwa 18 die Faktoren unkorreliert sind („orthogonale Lösung“).
000 Worte, die Persönlichkeitseigenschaften beschreiben. Die Zahl der Faktoren sollte so klein wie möglich
Wie kann man diese riesige Menge möglicher Eigenschaften sein, trotzdem aber den Rest bei allen Eigenschafts-
auf ein sparsames Beschreibungssystem möglichst weniger variablen minimieren. Hierfür gibt es verschiedene
Eigenschaftsvariablen reduzieren? Kriterien, insbesondere die Abnahme des unerklärten
Rests; optimal ist danach diejenige Faktorenzahl, ab
> Um weite Bereiche der Persönlichkeit sparsam der die Reduktion des unerklärten Rests nur noch
zu erfassen, wird ein Beschreibungssystem aus minimal ist (Scree-Test).
möglichst wenigen Eigenschaften benötigt.

Die Methode hierzu wurde in ersten Ansätzen 1904 vom Das Vorgehen bei der Faktorenanalyse sei hier an einem
britischen Psychologen Charles Spearman (1863–1945) Beispiel illustriert. Studierende beurteilten sich in Bezug
vorgelegt, einem Doktoranden von Wilhelm Wundt in auf 15 Eigenschaften auf einer Antwortskala von 1–5. Jede
Leipzig, nach dem auch die Spearman-Korrelation ρ und Person kreuzte also 15 Werte an. . Tab. 3.9 zeigt die Korrela-
die Spearman-Brown-Formel benannt sind. Sein Verfah- tionen zwischen allen Paaren von Eigenschaften (die Inter-
ren wurde später zur heutigen Faktorenanalyse weiterent- korrelationen der Eigenschaften). Die Korrelationen sind
wickelt (7 Methodik). realistisch; sie basieren auf Daten von Ostendorf an über
1 000 Studierenden.
Interkorrelationsmatrizen sind spiegelsymmetrisch,
weil die Korrelation zwischen Eigenschaft 1 und 2 iden-
Methodik tisch mit der Korrelation zwischen Eigenschaft 2 und 1 ist.
Die Faktorenanalyse Deshalb reicht es aus, nur die Korrelationen oberhalb der
Die Faktorenanalyse ist ein statistisches Verfahren, Diagonalen anzugeben. Die Korrelationen auf der Diago-
mehr oder weniger korrelierende Variablen in nalen sind 1, weil die Korrelation einer Eigenschaft mit sich
Gruppen hoch miteinander korrelierender Variablen selbst 1 ist. Auch die Diagonale kann deshalb weggelassen
zusammenzufassen. Jede solche Variablengruppe werden.
wird durch einen Faktor repräsentiert, wobei Die Eigenschaften wurden bereits so sortiert, dass eine
man sich unter einem Faktor eine neue Variable klare Struktur deutlich wird. Betrachten wir nur die fett
vorstellen kann, die so gewählt ist, dass ihre gedruckten höheren (positiven oder negativen) Korrelatio-
Ähnlichkeit zu allen Variablen der Gruppe nen, so lassen sich Dreiergruppen unterscheiden. Jeweils die
maximal ist. Erfassen die Variablen Eigenschaften, ersten beiden Eigenschaften jeder Dreiergruppe korrelie-
entsprechen die Faktoren breiteren Eigenschaften. ren positiv miteinander und die dritte Eigenschaft negativ
Die korrelative Ähnlichkeit zwischen Variablen mit den beiden vorangehenden Eigenschaften. Zum Bei-
und Faktoren wird durch Faktorenladungen der spiel korreliert kontaktfreudig .52 mit lebenslustig, und
Variablen beschrieben, die wie Korrelationen schüchtern korreliert –.56 mit kontaktfreudig und –.53 mit
zwischen +1 und –1 variieren können. Die lebenslustig. Dieses Korrelationsmuster weist darauf hin,
Faktorenanalyse versucht, viele Eigenschaftsvariablen dass es eine Eigenschaftsdimension gibt, die von kontakt-
E darzustellen als freudig und lebenslustig auf der einen Seite zu schüchtern
E=f1F1 + f2F2 + … + fkFk + Rest. auf der anderen Seite reicht. Kontaktfreudig und lebenslus-
Dabei sind Fi die Faktoren und fi die Ladungen von E tig ist der eine Pol und schüchtern der entgegengesetzte Pol
auf den Faktoren Fi. Der Rest (die „nicht aufgeklärte dieser Dimension. Bei der letzten Dreiergruppe bildet nur
Eigenschaft“) soll im Mittel über alle Eigenschaften gebildet vs. gedankenlos eine solche Dimension; phanta-
möglichst gering sein. sievoll korreliert zwar positiv mit gebildet und negativ mit
gedankenlos, aber nur geringfügig.
106 Kapitel 3 · Methodik

. Tab. 3.9  Interkorrelationen von 15 Eigenschaften

Eigenschaft 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15

Kontaktfreudig 1 .52 –.56 –.24 –.18 .41 –.02 .14 .12 .03 .00 .03 .18 .21 –.03

3 Lebenslustig
Schüchtern
2
3
–.53 –.19
.29
–.15
.32 –.56
.31 .08
–.04
.20
–.17
.03
–.13
.08
–.09
.03
.02
.02
–.07
.28
–.21
.17
–.22
.01
.06
Überempfindlich 4 .48 –.44 .10 .12 –.08 –.39 –.25 .16 –.03 –.15 .08
Ängstlich 5 –.51 .05 .10 –.10 .26 –.17 .10 –.05 –.22 .15
Selbstsicher 6 –.11 –.07 .21 .10 .03 .05 .15 .36 –.19
Ordentlich 7 .38 –.43 –.08 –.17 .18 .01 –.15 .11
Besonnen 8 –.35 –.21 –.27 .24 .03 .22 –.18
Faul 9 .12 .14 –.14 .03 .22 –.18
Gutmütig 10 .54 –.51 –.05 .01 –.05
Friedfertig 11 –.81 –.02 .04 –.04
Streitlustig 12 .03 –.01 .03
Phantasievoll 13 .23 –.20
Gebildet 14 –.51
Gedankenlos 15

Korrelationen mit Absolutwerten über .30 sind fett gedruckt.

Mit nur 6 Ausnahmen sind alle anderen Korrelationen den vergleichsweise geringen Korrelationen mit den beiden
gering, d. h. sie variieren zwischen –.30 und +.30. Diese 6 anderen Eigenschaften dieses Faktors deutlich (gebildet und
Ausnahmen gehen auf 3 Eigenschaften zurück. Schüchtern gedankenlos).
korreliert auch mit ängstlich und negativ mit selbstsicher, Auch die 5 fett gedruckten höheren Ladungen auf
selbstsicher korreliert auch mit kontaktfreudig und gebil- anderen als den zugehörigen Faktoren (Querladungen)
det und gutmütig korreliert auch negativ mit überempfind- lassen sich gut durch die Interkorrelationen erklären. Zum
lich. Im Großen und Ganzen scheint es also 5 verschiedene, Beispiel lädt schüchtern auch auf Faktor 3, weil schüchtern
relativ unabhängige Dimensionen zu geben, die den Dreier- auch mit ängstlich und negativ mit selbstsicher korreliert
gruppen entsprechen. (vgl. . Tab. 3.9), und selbstsicher lädt auch auf Faktor 1, weil
Das wird durch die Faktorenanalyse dieser Korrelatio- selbstsicher auch mit kontaktfreudig und lebenslustig und
nen bestätigt (vgl. . Tab. 3.10). Gewählt wurde die am häu- negativ mit schüchtern korreliert.
figsten verwendete Methode, bei der die Faktoren nicht kor- Querladungen sprechen nur dann gegen eine gute
relieren (orthogonale Faktoren) und die Faktoren so gewählt Repräsentation der Eigenschaften durch die Faktoren, wenn
wurden, dass Ladungen eines Items auf anderen Faktoren sie sehr häufig sind. Vermeiden lassen sie sich nicht, wenn
als dem höchstladenden Faktor minimiert werden (Vari- viele Eigenschaften durch wenige Faktoren repräsentiert
maxrotation). Nach dem Scree-Test war eine Fünffaktoren- werden sollen. Denn natürlich sind Eigenschaften nicht in
lösung optimal. Bei dieser Lösung zeigt jede Dreiergruppe den Köpfen der Beurteiler als sauberes orthogonales Fak-
Faktorenladungen über .55 auf einem einzigen Faktor und torensystem organisiert. Dieses Faktorensystem soll nur
alle Ladungen auf allen anderen Faktoren sind höchstens die Ähnlichkeitsstruktur der Eigenschaften so effizient wie
.42, also deutlich niedriger. Die 15 Eigenschaften lassen sich möglich beschreiben.
also auf 5 Faktoren reduzieren. Die geringste Ladung auf Durch die Faktorenanalyse konnten also die 15 Eigen-
dem zugeordneten Faktor ist die Eigenschaft phantasievoll schaften auf 5 zugrunde liegende Eigenschaftsdimensionen
(Ladung nur .56); dies wurde ja auch schon in . Tab. 3.9 an zurückgeführt werden. Die Daten konnten also ohne großen
3.3 · Persönlichkeitsfaktoren
107 3

. Tab. 3.10  Faktorenladungen der 15 Eigenschaften von . Tab. 3.9

Eigenschaft Faktor

1 2 3 4 5

Kontaktfreudig 1 .79 –.03 –.17 –.09 .02


Lebenslustig 2 .81 .07 –.05 .11 .08
Schüchtern 3 –.75 .07 .37 .00 –.07
Überempfindlich 4 –.15 –.25 .75 .03 .01
Ängstlich 5 –.08 –.11 .81 .00 –.12
Selbstsicher 6 .42 –.10 –.67 –.18 –.01
Ordentlich 7 .01 –.08 .00 .81 –.01
Besonnen 8 .32 –.22 .14 .61 –.17
Faul 9 .15 .05 –.03 –.79 .10
Gutmütig 10 .00 .72 –.33 –.03 –.05
Friedfertig 11 .00 .91 –.07 –.13 .02
Streitlustig 12 .02 –.90 –.04 .13 –.01
Phantasievoll 13 .39 –.05 –.21 –.18 .75
Gebildet 14 .15 –.05 –.21 –.18 .75
Gedankenlos 15 .12 .00 .14 .12 –.82

Angegeben sind die Faktorenladungen nach Varimax-Rotation. Faktorenladungen mit Absolutwerten über .30 sind fett gedruckt.

Informationsverlust vereinfacht werden. Der Informations- diesem Ansatz besteht in der immensen Zahl von Eigen-
verlust ist umso kleiner, je mehr Faktoren man zulässt. Lässt schaftsbegriffen. Die englische Sprache z. B. verfügt über ca.
man genauso viele Faktoren zu wie Variablen (im vorliegen- 18 000 verschiedene Dispositionsbegriffe. Man müsste also
den Fall also Eigenschaften), ist der Verlust Null, aber damit jede Person hinsichtlich aller 18 000 Eigenschaftsbegriffe
wäre nichts gewonnen. beurteilen lassen – ein Ding der Unmöglichkeit.
Dieses Problem wurde jahrzehntelang dadurch umgan-
> Die Faktorenanalyse kann genutzt werden, um viele gen, dass kleinere, aber heterogene Itemmengen zur Beurtei-
Items in Persönlichkeitsinventaren auf möglichst lung herangezogen wurden. Größere Itemzahlen ließen sich
wenige unabhängige Faktoren zu reduzieren, aus schon deshalb nicht verkraften, weil die Faktorenanalysen
denen sich die Items annähernd reproduzieren per Hand gerechnet werden mussten, was enorm zeitauf-
lassen. Die Faktoren lassen sich als Eigenschaftsdi- wendig war. Dadurch entstand das Problem, dass je nach
mensionen interpretieren. gewählter Itemmenge etwas unterschiedliche Faktoren
resultierten. Die Faktoren sind ja nur sparsame Beschrei-
Theoretisch könnte man nun die Faktorenanalyse nutzen, bungen der Itemmenge und wenn die Items variieren, vari-
um ein sparsames Beschreibungssystem aller Persönlich- ieren auch die Faktoren. Die bekanntesten älteren Faktoren-
keitseigenschaften zu erhalten, indem man eine große systeme waren die von Cattell (1946), Guilford (1964) und
Stichprobe von Personen sich selbst oder Bekannte hin- Eysenck und Eysenck (1969). Sie variierten erheblich in der
sichtlich aller Eigenschaftsworte, die es in der Alltagspsy- Zahl und Art der Faktoren und die Anhänger verschiede-
chologie gibt, beurteilen lässt. Denn die Faktoren der sich ner Systeme stritten sich darum, welches das „richtige“ sei.
ergebenden Interkorrelationsmatrix würden ein sparsames Dieser Streit konnte letztlich nicht befriedigend entschie-
Beschreibungssystem für interindividuelle Unterschiede den werden, weil die Itemauswahl in allen Fällen nicht aus-
in der Population darstellen. Das praktische Problem bei reichend systematisch war.
108 Kapitel 3 · Methodik

In den letzten Jahren konnte dieses Problem befriedi- 800 gebräuchlichere Eigenschaftsworte unter Ausschluss
gender gelöst werden, indem das gesamte Lexikon einer von gesundheitsbezogenen Bezeichnungen (z. B. „kränk-
Sprache systematisch nach Eigenschaftsworten durchsucht lich“) und stark bewertenden Bezeichnungen (z. B. „her-
wurde und diese dann in einem mehrstufigen, schrittweisen vorragend“, „bösartig“). Solche Eigenschaften sind wenig
Verfahren auf einen überschaubaren Satz von Items redu- sinnvoll, weil sie nicht gut zwischen Personen differenzie-
ziert wurden. Aus dieser Itemmenge wurden dann durch ren. Jeweils 200 von ihnen wurden Gruppen von jeweils
3 entsprechende Beurteilungsuntersuchungen Eigenschafts- 100 Studenten zur Selbstbeurteilung und zur Beurteilung
faktoren gewonnen. der Verständlichkeit des Wortes vorgelegt. Aufgrund dieser
Die Stärke dieses lexikalischen Ansatzes (John, Angleit- Beurteilungen entstand eine Liste von 1 566 allgemeinver-
ner & Ostendorf, 1988) liegt darin, dass die Ausgangsdaten ständlichen Worten, die auch ausreichend zwischen den
nur dadurch begrenzt sind, dass sie im Lexikon der jeweils Studenten differenzierten.
betrachteten Sprache vorhanden sein müssen (deshalb der Goldberg (1990) wiederum erweiterte und reduzierte
Name „lexikalischer Ansatz“) – eine Einschränkung, die diese Liste in mehreren Schritten der Klassifikation und
nach der sogenannten Sedimentationshypothese unwesent- Beurteilung durch Studenten zu 339 Adjektiven, die in 100
lich ist, da allen im Alltag wichtigen tatsächlichen Eigen- Gruppen fast synonymer Worte klassifiziert wurden (z. B.
schaften auch Eigenschaftsworte im Lexikon entsprechen. enthielt die Gruppe „fear“ die Adjektive „anxious, fearful,
Der Ansatz steht und fällt mit dem Reduktionsprozess, der nervous“). Im Verlauf dieses Reduktionsprozesses wurden
vom Lexikon zu den Eigenschaftsworten führt, die für die Worte, die Einstellungen und Werthaltungen bezeichne-
Persönlichkeitsbeurteilungen verwendet werden und damit ten (z. B. „konservativ“, „religiös“) oder die sich auf soziale
in die Faktorenanalyse eingehen. Der Reduktionsprozess Rollen oder Sexualität bezogen, ausgeschlossen – eine
darf die Ähnlichkeitsstruktur der Ausgangsdaten nicht weitere inhaltliche Reduktion der Eingangsvariablen für
wesentlich verzerren. das anschließende Beurteilungsverfahren.
Bei diesem Beurteilungsverfahren beurteilten Studen-
ten sich selbst oder Bekannte in allen diesen Eigenschafts-
Methodik worten. Unabhängig von der Art der Beurteilung ergaben
Die lexikalische Methode Faktorenanalysen fünf Faktoren, die inzwischen als Big Five
Im lexikalischen Ansatz wird das gesamte Lexikon bezeichnet werden (. Tab. 3.11). Diese Faktoren erhielten
einer Sprache schrittweise reduziert zu einem ihre Bezeichnungen aus den untergeordneten Eigenschaften
überschaubaren Satz von Eigenschaftsbe- (zu erkennen an einer hohen Faktorenladung). Die Kürzel
zeichnungen. Hiermit werden Selbst- oder Bekannten- ergeben OCEAN, wodurch sich die Big Five gut merken
beurteilungen an vielen Personen durchgeführt; die lassen. Die Big Five enthalten Eysencks Temperamentsdi-
resultierende korrelative Ähnlichkeitsstruktur wird mensionen E und N (vgl. 7 Abschn. 2.4.2). Das ist kein Zufall,
dann durch Faktorenanalyse zu wenigen, möglichst denn Eysenck kam zu E und N durch Faktorenanalysen von
unabhängigen Faktoren verdichtet. Temperamentsvariablen.
Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen bezieht sich
auf intellektuelle Neugier, Gefühl für Kunst und Kreativität
John et al. (1988) geben eine Übersicht über frühe lexikali- und korreliert positiv mit Intelligenz und vor allem Bildung.
sche Ansätze. Die Sedimentationshypothese wurde zuerst Gewissenhaftigkeit bezieht sich auf Ordentlichkeit, Beharr-
von Galton (1884) ansatzweise formuliert. Die erste syste- lichkeit und Zuverlässigkeit. Extraversion bezieht sich wie
matische Zusammenstellung lexikalischer Ausgangsdaten
stammt von Allport und Odbert (1936), die die annähernd
550 000 Worte von Webster‘s New International Dictionary
. Tab. 3.11  Die fünf Hauptfaktoren der Persönlichkeit (Big
aus dem Jahre 1925 nach Adjektiven, Partizipien und Subs- Five)
tantiven durchsuchten, die Persönlichkeitsdispositionen
bezeichneten. Selbst nach Ausschluss von Substantiven, die Kürzel Englisch Deutsch
identischen Adjektiven entsprachen (z. B. Ängstlichkeit –
ängstlich) und Dialektvarianten ergab sich immer noch eine O openness to new Offenheit gegenüber
experience neuen Erfahrungen
Liste von 17 953 Worten, darunter allerdings vielen sehr
seltenen, die nur von wenigen Englischsprechenden ver- C conscientiousness Gewissenhaftigkeit

standen werden. E extraversion Extraversion


An dieser Liste setzten verschiedene Reduktionsver- A agreeableness Verträglichkeit
fahren zur Gewinnung von Eingangsdaten für Faktoren- N neuroticism Neurotizismus
analysen an. Norman (1967) reduzierte diese Liste auf 2
3.3 · Persönlichkeitsfaktoren
109 3
schon bei Eysenck auf Geselligkeit, Ungehemmtheit und gefassten) Big-Five-Faktoren Extraversion, Verträglichkeit
Aktivität. Verträglichkeit bezieht sich auf Freundlichkeit, und Gewissenhaftigkeit (Saucier & Goldberg, 2001). Diese
Hilfsbereitschaft und Wärme im Umgang mit anderen. Neu- „Big Three“ sind im Kulturvergleich besser replizierbar als
rotizismus bezieht sich wie schon bei Eysenck auf Nervosi- die Big Five (De Raad, Barelds & Levert, 2010), können aber
tät, Ängstlichkeit und Gefühlsschwankungen. wegen der geringeren Faktorenzahl weniger Persönlich-
keitsunterschiede erklären als die Big Five. Das gilt auch für
> Lexikalische Analysen führten im Englischen zu die drei alternativen Dimensionen positive Emotionalität,
den fünf Hauptfaktoren von Persönlichkeitsbe- negative Emotionalität und Zurückhaltung (engl.: „cons-
schreibungen OCEAN. traint“) im Multidimensional Personality Questionnaire
von Tellegen (Patrick, Curtin & Tellegen, 2002), die in etwa
Diese fünf Faktoren wurden auch bei anderen Reduktions- den (etwas breiter gefassten) Big-Five-Faktoren Extraver-
verfahren der Listen von Allport und Odbert (1936) oder sion, Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit entsprechen.
Norman (1967) gefunden. Für den deutschen Sprachraum In letzter Zeit fand auch das Big-Six-Modell von Ashton,
durchsuchten Angleitner, Ostendorf und John (1990) Lee und Perugini (2004) vermehrte Beachtung, das in 7 ver-
Wahrigs deutsches Wörterbuch nach Adjektiven, die Per- schiedenen Sprachen (darunter ungarisch und koreanisch)
sönlichkeitseigenschaften beschreiben. Von den g­ efundenen lexikalisch herleitbar ist. Neben 5 Faktoren, die Varianten
5 092 Adjektiven wurden 411 Adjektive von mindestens der Big Five entsprechen, ergab sich ein neuer Faktor „Ehr-
sechs von zehn Beurteilern als Verhaltensdispositionen lichkeit/Bescheidenheit“ („honesty/humility“).
klassifiziert (wieder unter Ausschluss stark bewertender Almagor, Tellegen und Waller (1995) bezogen in ihre
Bezeichnungen), 116 als Einstellungen und Werthaltungen Analyse stark positiv oder negativ bewertete Eigenschaf-
und 87 als Körpermerkmale. Große Gruppen von Versuchs- ten und einige Einstellungen und Werthaltungen ein und
personen schätzten dann sich selbst und Bekannte auf 430 kamen zu einer Sieben-Faktoren-Struktur („Big Seven“),
Verhaltensdispositionen ein (die 411 wurden um 19 weitere die vier der Big Five enthielt, anstelle des „Kulturfaktors“
ergänzt). Für die Selbst- und die Bekanntenbeurteilungen einen Faktor „Konventionalität“ und zusätzlich die ­Faktoren
ergab sich eine Fünf-Faktoren-Struktur, die den angloame- „positive Valenz“ (höchstladendes Item: „outstanding“ –
rikanischen „Big Five“ weitgehend entsprach (Ostendorf, „hervorragend“) und „negative Valenz“ (höchstladendes
1990). Bewertende Bezeichnungen, Einstellungen, Wert- Item: „wicked“ – „bösartig“). Positive und negative Valenz
haltungen und körperliche Merkmale wurden also auch hier bildeten also Faktoren, die nicht nur unabhängig von vier
ausgeklammert. der Big Five waren, sondern auch untereinander unabhängig
Es gibt inzwischen zahlreiche Fragebögen zur Erfassung waren: Es gab viele Personen, die sich oder andere sowohl
der Big Five, im deutschsprachigen Raum z. B. das Big-Five- positiv als auch negativ oder sowohl sehr wenig positiv als
Inventar (BFI) von Lang, Lüdtke und Asendorpf (2001) mit auch sehr wenig negativ bewerteten. Diese Struktur wurde
41 Items (7–10 pro Faktor) und die Kurzversion (BFI-S) von auch im Hebräischen und Spanischen (Benet & Waller,
Gerlitz und Schupp (2005) mit nur 15 Items (3 pro Faktor). 1995) gefunden. Weitere Erweiterungen sind denkbar, wenn
Beide BFI-Versionen haben den Vorteil, dass sie nicht copy- man die anderen, bisher nicht berücksichtigten Persönlich-
rightgeschützt sind, also auch in Lehre, Internetstudien usw. keitsbereiche einbeziehen würde.
ohne Einschränkung verwendet werden können. Die fünf
Faktoren sind auch in manchen Persönlichkeitsinventaren > Die Big Five beschreiben fünf unabhängige
auffindbar, die nicht lexikalisch konstruiert wurden, z. B. Dimensionen, aus denen sich ein wesentlicher
im NEO-FFI von Costa und McCrae (1989; deutsche copy- Teil der alltagspsychologisch repräsentierten
rightgeschützte Fassung von Borkenau & Ostendorf, 2008). Eigenschaften im Englischen, Deutschen und
Ebenso ergaben sich diese fünf Faktoren in einer ähn- Holländischen reproduzieren lässt. Ein Einbezug
lichen Analyse der Eigenschaftsbegriffe des holländischen weiterer alltagspsychologisch repräsentierter
Lexikons durch Hofstee, Brokken und Land (1981), die Persönlichkeitsbereiche führt zu weiteren Faktoren;
aber zwei zusätzliche Faktoren fanden: Irritierbarkeit und eine Reduktion auf die Big Three führt zu besserer
Konservativismus. Lexikalische Analysen im Italienischen Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Sprachen.
(Caprara & Perugini, 1994) und Ungarischen (Szirmák
& De Raad, 1994) konnten nur einige der fünf Faktoren Die Big Five sind auch geeignet, Persönlichkeitsunter-
wiederfinden. Deshalb wird in letzter Zeit Faktorenstruktu- schiede von Kindern und Jugendlichen zu beschreiben.
ren mit weniger als 5 Faktoren vermehrte Aufmerksamkeit Digman (1989) fand, dass sich Lehrerurteile über Jugendli-
geschenkt. In so unterschiedlichen Sprachen wie E ­ nglisch, che gut durch eine Fünffaktorenstruktur beschreiben lassen,
Deutsch, Türkisch, Italienisch, Ungarisch und Koreanisch und Asendorpf und van Aken (2003a, b) fanden dasselbe
besteht die Dreifaktorenlösung aus den (etwas breiter für Elternbeurteilungen 12- und 17-jähriger Kinder. John,
110 Kapitel 3 · Methodik

Caspi, Robins, Moffitt und Stouthamer-Loeber (1994) dennoch so hohe Korrelationen, dass diese selbst wiede-
zeigten, dass es möglich ist, aus den Items des California rum faktorenanalysiert oder anderweitig auf Ähnlichkeit
Child Q-Set, eines Q-Sort-Verfahrens, Skalen zu bilden, die untereinander untersucht werden können. In einer ersten
die Big Five beschreiben. Asendorpf und van Aken (2003a) Studie dieser Art fand Digman (1997), dass von den Big Five
konnten entsprechende Big-Five-Skalen für die deutsche OCEAN die Skalen zur Erfassung von CAN und die zur
Version dieses Q-Sort-Verfahrens konstruieren. Erfassung von OE „Superfaktoren“ zweiter Ordnung bilde-
3 Kohnstamm, Mervielde, Besevegis und Halverson ten, die er Alpha und Beta nannte. Inhaltlich könnte man
(1995) ließen Eltern die Persönlichkeit ihrer Kinder frei Alpha als Stabilität im emotionalen (N), sozialen (A) und
beschreiben und versuchten dann, die freien Beschreibun- motivationalen Bereich (C) und Beta als Plastizität beim
gen den Big Five zuzuordnen. Dies gelang bei 3-jährigen Explorieren neuer sozialer (E) und intellektueller Bereiche
Kindern in 75% der Fälle und bei neunjährigen Kindern in (O) interpretieren (vgl. DeYoung, 2006). Alternativ kann
79% der Fälle. Die übrigen Fälle wurden 9 Kategorien zuge- man auch den ersten Faktor einer Faktorenanalyse aller
ordnet, z. B. Familienbeziehungen, die jedoch jeweils nicht OCEAN-Skalen (mit umgepoltem N) betrachten, der die
mehr als 5% der Fälle ausmachten. Dies stützt die Annahme, soziale Erwünschtheit der Persönlichkeit erfasst (bzw. eine
dass die Big Five auch weite Bereiche der kindlichen Persön- differenzielle Tendenz zu sozial erwünschten Antworten).
lichkeit abdecken. Anusic, Schimmack, Pinkus und Lockwood (2009) ver-
Während Erwachsene die Persönlichkeit von Kindern einten beide Ansätze in einem Modell, in dem sowohl die
gut mithilfe der Big Five beschreiben können, eignen sie Faktoren Alpha und Beta als auch der erste Faktor Korrela-
sich für die Selbstbeurteilung der Persönlichkeit erst ab tionen zwischen den Big Five vorhersagen, wobei die Vor-
dem Jugendalter, da erst dann das Persönlichkeitsselbst- hersagen durch die drei Faktoren wechselseitig füreinan-
bild genügend ausdifferenziert ist (Soto, John, Gosling & der statistisch kontrolliert sind. Besonders interessant an
Potter, 2008). Das gilt vermutlich auch für andere Formen diesem Modell ist, dass seine Anwendung auf Selbst- und
der Persönlichkeitsselbstbeurteilung. Bekanntenbeurteilungen derselben Personen die Validität
von Alpha und Beta durch positive Korrelationen dieser
> Die fünf Hauptfaktoren der Persönlichkeit beiden Faktoren zwischen den Beurteilern bestätigte (.64
beschreiben auch die Persönlichkeit von Kindern. für Alpha, .74 für Beta), aber gleichzeitig ergab, dass der
Sie eignen sich aber erst ab dem Jugendalter zur erste Faktor keine solche Übereinstimmung zwischen den
Selbstbeurteilung der Persönlichkeit. Beurteilern zeigte (.05), wenn für Alpha und Beta kontrol-
liert wird. Da dieser Faktor auch mit Selbstbeurteilungen so
Die Big Five sind das Resultat der Bemühungen um ein heterogener Eigenschaften wie Attraktivität, Intelligenz und
möglichst sparsames System der Beschreibung alltagspsy- sportliche Fähigkeit positiv korrelierte, nannten die Autoren
chologisch repräsentierter Persönlichkeitsunterschiede. ihn den Halo-Faktor (in Anlehnung an den Halo-Effekt bei
Dieses sparsame System reicht aber für feinere Unterschei- Beurteilungen allgemein; vgl. 7 Abschn. 3.2.6). Damit könnte
dungen nicht aus. Solche feineren Unterscheidungen lassen es ihnen gelungen sein, urteilerspezifische Tendenzen zu
sich in einer mit den Big Five konsistenten Weise dadurch sozial erwünschten Antworten (Halo-Faktor) von der tat-
erreichen, dass jeder Big-Five-Faktor in mehrere Unter- sächlichen sozialen Erwünschtheit der Persönlichkeit zu
faktoren gegliedert wird (Saucier & Ostendorf, 1999). Ein trennen (Alpha- und Beta-Faktoren).
Persönlichkeitsinventar, das dieser Logik folgt, ist die revi-
dierte Form des NEO-Persönlichkeitsinventars (NEO-PI-R) > Big Five Skalen korrelieren untereinander
von Costa und McCrae (1992) bzw. seine deutsche Fassung aufgrund urteilerspezifischer Tendenzen zu sozial
von Ostendorf und Angleitner (2003). In diesem Inven- erwünschten Antworten und aufgrund der beiden
tar werden für jeden der 5 Faktoren 6 Unterfaktoren oder „Superfaktoren“ Alpha (Stabilität) und Beta
„Facetten“ unterschieden, die jeweils durch eine Skala aus (Plastizität), für die Selbst- und Bekanntenurteile
8 Items erhoben werden. gut übereinstimmen.
Die 60 Items des NEO-FFI sind im NEO-PI-R enthal-
ten, also auch Beispiele für NEO-PI-R-Items; der NEO-FFI Metaphorisch betrachtet stellen die Big Five so etwas wie ein
ist deshalb ein Untertest des NEO-PI-R. Der Vorteil des Koordinatensystem für alltagspsychologische Persönlich-
NEO-FFI ist seine Kürze. Die Vorteile des NEO-PI-R keitsbeschreibungen dar. Die Big Five beschreiben Achsen
bestehen in der Möglichkeit einer differenzierteren Per- eines fünfdimensionalen Raumes, innerhalb dessen Persön-
sönlichkeitsbeschreibung und in der reliableren Messung lichkeitsbeschreibungen variieren. Jede Person lässt sich
der Big Five durch die zugeordneten 48 Items. durch 5 Koordinaten auf diesen Achsen beschreiben oder
Die Big Five sind zwar als Faktoren unkorreliert, ihre differenzierter durch zusätzliche Koordinaten auf Achsen,
Operationalisierungen durch Big Five Skalen zeigen aber die Unterfaktoren der Big Five entsprechen. Gleichzeitig
3.3 · Persönlichkeitsfaktoren
111 3
lassen sich viele andere Persönlichkeitsdimensionen als diese Persönlichkeitsunterschiede durch ein Kreismodell
Kombinationen der Big Five (oder ihrer Unterfaktoren) dar- beschreibbar seien. Die vertikale Achse repräsentiere die
stellen. Zum Beispiel lässt sich die alltagspsychologisch gut Dimension Status (Dominanz vs. Unterwürfigkeit), die
repräsentierte Dimension Schüchternheit als Kombination horizontale Achse die Dimension Liebe (Liebe vs. Hass).
der Big-Five-Dimensionen Extraversion und Neurotizis- Jede interpersonelle Persönlichkeitsdimension lasse sich als
mus darstellen, nämlich Schüchternheit = Neurotizismus – Kombination dieser beiden Achsen auffassen.
Extraversion: Schüchternheit korreliert positiv mit Neurot- Dieser Ansatz wurde von Wiggins und Mitarbeitern
izismus und negativ mit Extraversion. Die Achse Schüch- methodisch und empirisch weiterentwickelt zu einem
ternheit liegt also „quer“ zu zwei der 5 Big-Five-Achsen Inventar zur Beschreibung interpersoneller Persönlich-
(Asendorpf, 1989b). Die für die Personalauswahl besonders keitsmerkmale, den Revised Interpersonal Adjective Scales
wichtige Dimension Integrität (Ehrlichkeit am Arbeitsplatz) (IAS-R; Wiggins, Trapnell & Phillips, 1988; deutsche Ver-
korreliert nicht nur mit zwei, sondern mit allen Big-Five- sionen von Ostendorf, 2001, und Jacobs & Scholl, 2005).
Faktoren außer dem Kulturfaktor, liegt also quer zu vier der . Abb. 3.9 illustriert das zugrunde liegende Kreismodell,
Big Five. Das Fünffaktorenmodell sollte nicht dahingehend den interpersonellen Zirkumplex. Das Inventar enthält 8
missverstanden werden, dass nur die 5 Faktoren oder ihre Skalen mit jeweils 8 Items, insgesamt also 64 Items. Jedes
Unterfaktoren bedeutsame Persönlichkeitsdimensionen Item ist ein persönlichkeitsbeschreibendes Adjektiv wie z. B.
sind. Je nach den interessierenden Persönlichkeitsbereichen warmherzig, das auf einer mehrstufigen Zustimmungsskala
können Kombinationen dieser (Unter-)Faktoren ebenso gut (trifft auf die beurteilte Person gar nicht zu – sehr gut zu)
oder auch besser geeignet sein, Persönlichkeitsunterschiede beurteilt wird; es sind Selbstbeurteilungen oder Beurteilun-
zu beschreiben als die (Unter-)Faktoren selbst. gen anderer möglich. Die 8 Skalen wurden so konstruiert,
Auch komplexere Beschreibungssysteme aus mehr als dass sie zeigerförmig den gesamten Kreis in 8 Kreissegmente
nur einer Persönlichkeitsdimension können als Teil des zerlegen. Gegensatzpole wie extravertiert – introvertiert
Fünffaktorenmodells verstanden werden. Dies sei hier sind durch separate Skalen repräsentiert, die deshalb hoch
am Beispiel der interpersonellen Persönlichkeitsdimen- negativ korrelieren sollten. Die Items wurden faktorenana-
sionen illustriert. Darunter werden seit Sullivan (1953) lysiert und die ersten beiden Faktoren als Liebe und Domi-
Persönlichkeitsunterschiede verstanden, die sich aus- nanz interpretiert. . Abb. 3.9 zeigt den theoretisch erwar-
schließlich in der sozialen Interaktion mit anderen zeigen. teten Winkel, den jede Skala zum Faktor Liebe aufweisen
Leary (1957) formulierte als erster die Annahme, dass sollte, sowie den tatsächlichen Winkel, der sich empirisch

. Abb. 3.9  Lage der deutschen IAS-R


Skalen im Interpersonellen Zirkumplex
von Wiggins (s. Text). Die Punkte geben die
empirisch geschätzte Lage der Skalen an
112 Kapitel 3 · Methodik

für eine Stichprobe von 408 Deutschen im Alter von 15–81


. Tab. 3.12  Übereinstimmung von Bekannten und deren
Jahren ergab (der Winkel lässt sich aus den Korrelationen Genauigkeit (Selbst-Fremd-Übereinstimmung) für die Big
der Skala mit den beiden Faktoren Liebe und Dominanz Five nach der Metaanalyse von Connelly und Ones (2010)
bestimmen; vgl. z. B. Wiggins et al., 1988). Wie schon in den
vorangegangenen nordamerikanischen Untersuchungen Big Five Übereinstimmung r Selbst-
Fremd r
zeigte sich auch für die deutsche Version der IAS-R eine sehr
3 gute Modellpassung und eine ausreichende Reliabilität der O Offenheit .32 .34
Skalen. Diese gute Modellpassung wurde allerdings dadurch
C Gewissenhaftigkeit .36 .37
erreicht, dass alle Segmente des interpersonellen Kreises in
E Extraversion .43 .41
möglichst gleicher Weise durch Items erfasst wurden. Das
führte dazu, dass sozial extrem unerwünschte Items wie A Verträglichkeit .32 .29
„kaltherzig“ Verwendung fanden. N Neurotizismus .33 .34
Wie schon McCrae und Costa (1989) fand auch Osten-
dorf (1990), dass die beiden Hauptachsen Dominanz und
Liebe eng mit den Big-Five-Faktoren Extraversion und Ver- indem OCEAN-Mittelwerte von Selbst- und Bekannten-
träglichkeit korrespondieren. Von daher können interper- beurteilungen derselben Personen miteinander vergli-
sonelle Kreismodelle als Differenzierungen eines Teils des chen werden. Wären Selbstbeschreibungen eher in Rich-
Fünffaktorenmodells aufgefasst werden, nämlich des von tung sozialer Erwünschtheit verzerrt als Bekanntenurteile,
den beiden interpersonellen Faktoren Extraversion und müssten die Mittelwerte der Selbstbeurteilungen in OCEA
Verträglichkeit aufgespannten zweidimensionalen Teilrau- höher ausfallen und in N niedriger. Tatsächlich fanden
mes des fünfdimensionalen Gesamtraumes. aber Allik et al. (2010) bei derartigen Vergleichen mit dem
NEO-PI-R in 29 verschiedenen Kulturen, dass Selbstbe-
> Interpersonelle Persönlichkeitsmerkmale lassen urteilungen insgesamt etwas sozial unerwünschter aus-
sich gut durch interpersonelle Zirkumplexmodelle fallen als Bekanntenbeurteilungen; lediglich beim Faktor
beschreiben. Sie können als Differenzierungen Offenheit beurteilen sich Personen deutlich erwünschter
des durch „Extraversion“ und „Verträglichkeit“ (höhere Werte).
definierten Teilmodells des Fünffaktorenmodells Zum zweiten können solche Modelle dazu dienen, die
aufgefasst werden. inzwischen uferlose Zahl von Persönlichkeitsskalen über-
sichtlich zu klassifizieren. Die meisten dort erfragten Eigen-
Der Nutzen von lexikalisch begründeten Faktorenmodel- schaften lassen sich als Unterfaktoren der Faktoren eines
len für die Persönlichkeitspsychologie besteht zum einen lexikalisch abgeleiteten Modells oder als Kombination
darin, Grundlage für die Entwicklung ökonomischer Frage- dieser Faktoren auffassen.
bogenverfahren zu sein, die breite Bereiche der alltagspsy-
chologisch repräsentierten Persönlichkeit erfassen können. > Lexikalisch begründete Faktorenmodelle können
Kommt es nur auf eine schnelle, oberflächliche Persönlich- zur Klassifikation vorhandener Persönlich-
keitsbeschreibung an oder darauf, generelle Aussagen über keitsskalen und zur Konstruktion von Inventaren
Persönlichkeitsunterschiede zu machen (z. B. um die all- verwendet werden, die wichtige Bereiche
gemeine Frage zu untersuchen, wie stark die Urteile unter- alltagspsychologisch repräsentierter Eigenschaften
schiedlicher Bekannter oder Selbst- und Bekanntenbeurtei- erfassen.
lungen zusammenhängen, . Tab. 3.12), reicht eine Erfassung
der Big Five aus (vgl. . Tab. 3.11). Sollen Personen differen- Der Nutzen des lexikalischen Ansatzes für die Persönlich-
zierter beschrieben werden, sollten auch Unterfaktoren der keitspsychologie ist begrenzt (vgl. Block, 1995, für eine aus-
Big Five erfasst werden, z. B. durch den NEO-PI-R. führliche Diskussion). Die vielleicht wichtigste und unüber-
So sind die Big Five z. B. gut geeignet, um allgemeine windliche Grenze liegt darin, dass es sich nur um eine
Aussagen über die Stabilität von Eigenschaften, deren lang- Beschreibung der Ähnlichkeitsstruktur von Eigenschaften
fristige Veränderungen im Verlauf des Lebens, deren prä- handelt, die alltagspsychologisch repräsentiert sind. Was
diktive Validität für die Qualität sozialer Beziehungen, sich nach alltagspsychologischer Wahrnehmung ähnlich
Ausbildungs- und Berufserfolg, Gesundheit und Lebens- sieht, muss sich aber nach wissenschaftlichen Kriterien noch
zufriedenheit und interkulturelle Unterschiede in der Per- lange nicht ähneln. Walfische scheinen Thunfischen ähnli-
sönlichkeit zu machen (vgl. hierzu die folgenden Kapitel). cher als Menschen zu sein, obwohl nach biologischen Kri-
Auch die Frage, ob sich Menschen eher sozial erwünscht terien Walfische Menschen ähnlicher sind, denn beide sind
schildern im Vergleich zu Beschreibungen durch ihre Säugetiere, während Thunfische Fische sind. Eine noch so
Bekannten, lässt sich mithilfe der Big Five untersuchen, genaue Klassifikation von Tieren nach alltagsbiologischen
3.4 · Persönlichkeitsprofile und Persönlichkeitstypen
113 3
Analogien wird letztlich einer wissenschaftlichen Klassifi- Wie 7 Unter der Lupe deutlich macht, ist es abwegig, die
kation nach Homologien – gemeinsamen Funktionen, die Rolle der „Big Five“ oder eines anderen Faktorensystems
auf einen gemeinsamen evolutionären Ursprung zurückzu- alltagspsychologisch repräsentierter Eigenschaften mit der
führen sind – unterlegen sein. Rolle zu vergleichen, die das Periodensystem der Elemente
Entsprechend begre