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5 S P AN NU NG E N IM B A UG R UN D

5.1 Prinzip der effektiven Spannungen nach Terzaghi


Aufgrund der Kornstruktur des Bodens ist der in Gleichung (4-1) vollzogene Grenzübergang
nicht durchführbar.
Führt man einen Schnitt durch die Hohlräume und die Kornkontakte entsprechend Bild 5-1,
so streuen die an den Kontakten von Korn zu Korn übertragenen Kräfte nach Größe und
Richtung erheblich. Fasst man die Normalkomponenten dieser von Korn zu Korn übertrage-
nen Käfte zu einer Resultierenden ∆N ′ zusammen und bezieht man sie auf die gesamte Flä-
che ∆A , so ergibt sich die effektive Spannung σ ′ zu

∆N ′
σ ′ = --------- , (5-1)
∆A
Die effektive Spannung σ ′ ist die vom Korngerüst übertragene Normalspannung
(Korn-zu-Korn- Spannung).

∆N´
u
γw
u
u

∆A

Bild 5-1: Schnittkräfte in Korngerüst und Porenwasser aus Gudehus "Bodenmechanik"

In der Schnittfläche ∆A wirkt - außer in dem von den Kontakten eingenommenen Anteil
∆A s - der Porenwasserdruck u, sofern der Erdstoff mit Wasser gesättigt ist. Aus u ergibt
sich für die Schnittfläche die resultierende Normalkraft ∆N u = u ⋅ ( ∆A – ∆A s ) . Die gesam-
te Schnittkraft ∆N ist die Summe der vom Korngerüst übertragenen Kraft ∆N ′ und der Po-
renwasserkraft ∆N u :

∆N = ∆N ′ + ∆N u = ∆N ′ + u ⋅ ( ∆A – ∆As ) (5-2)

Bei Division von Gleichung (5-2) durch ∆A ergibt sich ein Faktor ∆A s ⁄ ∆A , der deutlich
kleiner als eins ist, da die Kontakte nur einen sehr geringen Teil der Schnittfläche einnehmen.
Mit der Vernachlässigung ∆A s ⁄ ∆A ≈ 0 und den mit den Gleichungen (4-1) und (5-1) einge-
führten Größen folgt aus Gleichung (5-2) die Beziehung

σ′ = σ – u. (5-3)
5-2 5 Spannungen im Baugrund

Zur Unterscheidung von der effektiven Spannung σ ′ wird die resultierende Spannung σ
auch als totale Spannung bezeichnet. Die Gleichung (5-3) wurde von TERZAGHI (1925) als
Prinzip der effektiven Spannung eingeführt.

5.2 Spannungen infolge Bodeneigengewicht

5.2.1 Vertikalspannungen oberhalb des Grundwassers


Zunächst wird ein homogener Halbraum mit den Koordinaten
z ≥ 0 ; x, y beliebig
angenommen.
Aus der Symmetrie von System und Belastung (jede senkrechte Ebene ist eine Symmetrie-
ebene) folgt, daß in dem in Bild 5-2 dargestellten differenziellen Bodenelement keine Schub-
verzerrungen auftreten können. Demnach sind sämtliche Schubspannungen gleich Null, der
dargestellte Spannungszustand ist ein Hauptspannungszustand.

x
GOK

sxx
tzx txz tzx = 0
szz txz = 0

Bild 5-2: Hauptspannungszustand an einem Bodenelement unter Eigengewicht

Ziel der Betrachtung ist zunächst die Ermittlung der Vertikalspannungen s z ; für die Hori-
zontalspannungen s x = s y werden später Annahmen getroffen.
Durch Aufstellen der Gleichgewichtsbedingung ΣV = 0 erhält man am in Bild 5-3 darge-
stellten differenziellen Element in der Tiefe z:

s z⎞
⎛ s + ∂--------
⎝ z ∂z ⎠ dA – s z dA – g dzdA = 0 (5-4)

∂s z
--------dz = g dz (5-5)
∂z
z z
∂s z
∫ --------dz
∂z
= ∫ g dz (5-6)
0 0

sz = g z + p (5-7)

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5.2 Spannungen infolge Bodeneigengewicht 5-3

:
p

z
dN = sz dA
dz

dsz = g dA dz

dN + dsz dA

Bild 5-3: Vertikalspannungen am differenziellen Bodenelement bei vorhandener Auflast p

Wird anstelle des homogenen Halbraumes ein geschichteter Bodenaufbau angenommen,


so sind die schichtweise variierenden Wichten bei der Spannungsberechnung zu berücksich-
tigen, so gilt für die Vertikalspannungen s z an den Schichtgrenzen:

s z = Σ gi d i + p (5-8)

wobei di die Schichtdicke und g i die zugehörige Wichte der i-ten Schicht ist. Innerhalb der
Schichten nimmt die Spannung mit der Tiefe z linear zu.

g1 d1

g2 d2

g3 d3

sx
t=0
sz

Bild 5-4: Spannungen unter Eigengewicht im geschichteten Halbraum

Da bei den Betrachtungen in diesem Abschnitt zunächst kein Grundwasser vorhanden sein
soll und demnach kein Wasserdruck herrscht, braucht nach dem Prinzip der effektiven Span-
nungen Gleichung (5-3) nicht zwischen den totalen und den effektiven Spannungen unter-
schieden werden, es gilt σ z′ = σ z .

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5-4 5 Spannungen im Baugrund

Die zur Berechnung erforderlichen Wichten können demnach als totale Wichten bezeichnet
werden, es ist
g total = g d für trockenen Boden und
g total = g für feuchten Boden

anzusetzen.

5.2.2 Vertikalspannungen für Boden im Grundwasser


Sind einzelne Schichten oder der gesamte Boden wassergesättigt, so ist für die Berechnung
der totalen Spannungen s z
g total = g r für wassergesättigten Boden

anzusetzen.
Die effektiven Spannungen σ z′ unterscheiden sich dann von den totalen Spannungen σ z , der
Wasserdruck u ist zu berücksichtigen. Dabei ist zwischen ruhendem und strömendem
Grundwasser zu unterscheiden.
(a) ruhendes Grundwasser:
Die Energiehöhe h im ruhenden Grundwasser eines Grundwasserleiters ist konstant. Nach
BERNOULLI gilt
u
h = ----- – z , (5-9)
gw
so daß der Wasserdruck u in Abhängigkeit von der Tiefe z eines beliebigen Punktes als
u ( z ) = ( h + z ) gw . (5-10)

berechnet werden kann. An einer freien Spiegeloberfläche ist h + z = 0 , d. h. der Wasser-


druck u ist gleich Null.
Nach TERZAGHI gilt:

s ′( z ) = s ( z ) – u ( z )
= ( g tot ⋅ z + p ) – g w ⋅ z
= ( g r ⋅ z + p ) – gw ⋅ z
= ( gr – gw ) z
= g' ⋅ z (5-11)
wobei die zur effektiven Spannung s ′ gehörige Wichte g' als effektive Wichte oder auch
als Wichte des wassergesättigten Bodens unter Auftrieb bezeichnet wird, und p die in der
Tiefe z wirkende Spannungen aus an der Bodenoberfläche sind.
(b) Grundwasser mit Strömung:
Zwei Grundwasserleiter sind gemäß Bild 5-5 durch eine grundwasserhemmende Schicht
voneinander getrennt, wobei die in den Pegelrohren erkennbaren Potenzialhöhen unter-
schiedlich sind.

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5.2 Spannungen infolge Bodeneigengewicht 5-5

.
Pegel A Pegel B
z

Dh
GW-Leiter 1

GW-hemmende Schicht

GW-Leiter 2

Bild 5-5: Grundwasserstände an einer durchströmten Schicht

In der durchströmten Schicht ist die Potenzialhöhe über die Tiefe veränderlich, aus Glei-
chung (5-9) folgt durch Ableitung nach der Tiefe z
du dh
------ = ------ g w + g w (5-12)
dz dz
und damit
dh
du = ------ g w dz + g w dz . (5-13)
dz
Unter Einführung des hydraulischen Gradienten i = dh ⁄ dz nach Kapitel 3 und durch an-
schließende Integration ergibt sich für den Zuwachs des Wasserdruckes in der durchströmten
Schicht

∫ du = ∫ i gw dz + ∫ gw dz
u = ( gw + i g w ) z (5-14)

Unabhängig von der Richtung der Strömung ist es üblich, mit dem Betrag des hydraulischen
Gradienten i zu rechnen, so daß die Richtung der Strömung über das Vorzeichen in Glei-
chung (5-15) zu beachten ist.
u = ( gw ± i g w ) z
= ( gw ± f s ) z (5-15)

Bei nach oben gerichteter Strömung gilt das positive Vorzeichen, bei nach unten gerichteter
Strömung gilt das negative Vorzeichen.
Das Produkt i g w wird als die spezifische Strömungskraft f s bezeichnet. Sie wird durch
die Reibung des strömenden Wassers am Korngerüst hervorgerufen, siehe dazu auch Kapitel
3, Grundwasserströmung.

∆h
f s = ------- g w = i gw (5-16)
∆l

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5-6 5 Spannungen im Baugrund

Da die spezifische Strömungskraft f s keinen Einfluss auf die totalen Spannungen σ z hat, gilt
für die effektiven Spannungen σ z ′

σ z′ = s z – u = g total z – ( g w ± f s ) z (5-17)
Unter Berücksichtigung von g total = g r für gesättigte Schichten gilt weiter

σ z′ = ( g r – g w −
+ fs ) z
= (g ′ −
+ fs ) z
= gz (5-18)
Die Wichte g = g ′ −+ f s wird als effektive Wichte unter Berücksichtigung der Strömungs-
kraft bezeichnet, analog dazu ist g w = g w′ ± f s die effektive Wichte des Wassers unter Be-
rücksichtigung der Strömungskraft.
Beispiel:
Zu berechnen ist die Verteilung der effektiven und totalen Vertikalspannungen σ z ′ und σ z
sowie der Porenwasserdruck u an der im Bild 5-6 dargestellten Stützkonstruktion.

gr = 21 kN/m³
gw = 10 kN/m³
h1 = 14m

g ´ = gr - gw
gr = 11 kN/m³
h2 = 6m

Randstromlinie der
linearisierten Theorie
Bezugshorizont

Bild 5-6: Beispiel: umströmte Stützkonstruktion (Systemskizze)

Die Wand wird vom Grundwasser umströmt. Legt man den Bezugshorizont in Höhe des
Wandfußes, so entsprechen die freien Grundwasserspiegel den Potenzialhöhen h 1 und h 2 .
Durch die Grundwasserströmung wird eine Potenzialdifferenz von ∆h = h 1 – h 2 = 8 m ab-
gebaut. Die linearisierte Theorie der Grundwasserströmung vorausgesetzt, wird diese Poten-
zialdifferenz entlang der umströmten Wand gleichmäßig abgebaut. Das hydraulische Gefälle
ist an jedem Punkt der Randstromlinie (entlang der Wand) gleich, es errechnet sich zu

∆h h 1 – h2 8m
i = ------- = ----------------- = ------------ = 0, 4
∆l h1 + h2 20 m
Damit beträgt die spezifische Strömungskraft
3
f s = i ⋅ gw = 4 kN/ m

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5.2 Spannungen infolge Bodeneigengewicht 5-7

Sie ist entsprechend der Richtung der Strömung links von der Wand nach oben und rechts
von der Wand nach unten gerichtet. Für die effektiven Wichten ergibt sich links von der
Wand:

g = g ′ – f s = 11 – 4 = 7 kN/m3
g w = g w + f s = 10 + 4 = 14 kN/m3
und rechts von der Wand

g = g ′ + f s = 11 + 4 = 15 kN/m3
g w = g w – f s = 10 – 4 = 6 kN/m3.
Durch Multiplizieren der Wichten mit den Schichtdicken (Höhe des anstehenden Erdreiches)
ergeben sich die in Bild 5-7 dargestellten Spannungsverläufe der Vertikalspannungen über
die Tiefe z.

eff. sz Wasserdruck u tot. sz


h1 = 14m
h2 = 6m

h2 glinks h1 grechts h2 gw, links h1 gw, rechts h2 gr h1 gr


2 2
2
= 42 kN/m2 = 210 kN/m = 84 kN/m = 84 kN/m = 126 kN/m2 = 296 kN/m2

Bild 5-7: Beispiel: umströmte Stützkonstruktion (Spannungsverläufe über die Tiefe z)

Für den Bereich links der Wand, wo die Strömungskraft aufwärts gerichtet ist, wird zusätz-
lich der Nachweis der Sicherheit gegen den hydraulischen Grundbruch nach Abschnitt 3.6
geführt.
Die Formulierung des Nachweises im Grenzzustand 1A

g H F s < g G, dst G'


führt unter Berücksichtigung der Volumenkräfte zu

G′ g ′ h 2 ∆A g′ gH
----- = -------------------- = ---- > --------------- , d.h.
Fs f s h 2 ∆A f s g G, dst

Unter Ansatz der für eine ständige Bemessungssituation im LF 1 definierten Teilsicherheits-


beiwerte gilt hier g ′ ⁄ f s = 11/4 = 2,75 > 1,42 = 1,35/0,90 = gH ⁄ g G, dst , sodass das Auftreten
eines hydraulischen Grundbruches nicht befürchtet werden muß.

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5-8 5 Spannungen im Baugrund

5.2.3 Berechnung der Horizontalspannungen im Baugrund


Im Gegensatz zu der vorab beschriebenen Ermittlung der Vertikalspannungen unter Boden-
eigengewicht führt die Betrachtung der Gleichgewichtsbedingung ΣH = 0 zu keinem Er-
gebnis, da aufgrund der Symmetrie im Lastfall Eigengewicht d s x ⁄ dx = 0 gelten muß. Es
liegt ein statisch unbestimmtes System vor, zu dessen Lösung zusätzlich Verschiebungsrand-
bedingungen zu berücksichtigen sind. Zur Ermittlung der Horizontalspannungen werden
hier zwei Möglichkeiten beschrieben.
1. Die Elastizitätstheorie:
Unter Verwendung des HOOKE´schen Gesetzes der linearen Elastizität in der Form
1
ex = --- [ σ x′ – ν ( σ y′ + σ z′ ) ]
E
1
ey = --- [ σ y′ – ν ( σ z′ + σ x′ ) ]
E
1
ez = --- [ σ z′ – ν ( σ x′ + σ y′ ) ] , (5-19)
E
der Zwangsbedingung des ebenen Verformungszustandes
dv
ey = ------ = 0 (5-20)
dy
und der Symmetriebedingung des Lastfalls Bodeneigengewicht

σ x′ = σ y′ und e x = e y (5-21)

folgt

σ x′ – ν ( σ y′ + σ z′ ) = 0 (5-22)

Daraus ergibt sich die Horziontalkomponente der effektiven Spannungen zu


ν
σ y′ = σ x′ = ------------ σ z′ = k σ z′ . (5-23)
1–ν
Der Proportionalitätsfaktor k wird als Erddruckbeiwert bezeichnet.
Der Wasserdruck bildet aufgrund der Inkompressibilität des Wassers ( ν = 0,5 ) einen hy-
drostratischen Spannungszustand mit u = u x = u z , sodaß sich für die totalen Spannungen

s x = σ x′ + u (5-24)

ergibt.
Die Elastizitätstheorie stellt für den Boden eine Näherung dar, da dieser sich nicht linear-ela-
stisch verhält.
2. Die Erddrucktheorie:
Für die Ermittlung der Horizontalspannungen nach der Erddrucktheorie ist zwischen dem
• Ruhezustand (Erdruhedruck) und
• dem aktiven oder passiven Bruchzustand (aktiver oder passiver Erddruck)

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5.2 Spannungen infolge Bodeneigengewicht 5-9

zu unterscheiden. Der Erddruck, also die effektiven horizontalen Spannungen σ x′ , ist propor-
tional zur effektiven Vertikalspannung σ z′ ; der im Boden vorherrschende Spannungszustand
wird bei der Berechnung des als Erddruckbeiwert bezeichneten Proportionalitätsfaktor k be-
rücksichtigt.
Für den Erdruhedruck, d.h. den Spannugszustand ohne maßgebliche Bodenverzerrungen,
gilt

e 0 = k 0 ⋅ σ z′ ; (5-25)

der Ruhedruckbeiwert wird mit


k 0 = 1 – sin j (5-26)

angesetzt. Diese Beziehung geht auf die empirischen Untersuchungen von JACKY zurück,
der damit eine Beziehung zwischen dem Ruhedruck und dem Reibungswinkel j herstellt.
In Bild 5-8 ist der Ruhedruck durch den Spannungskreis 1 dargestellt.

e j
rad
h ge
B r uc

unzulässiger Spannungszustand

3
1
eah 2 e0 sz eph
s
Ruhedruckzustand

aktiver Spannungszustand

passiver Spannungszustand

aktiv passiv

1 - sin j
Ka =
1 + sin j
1 + sin j
Kp =
1 - sin j

Bild 5-8: Spannungen im Ruhedruckzustand und im aktiven und passiven Bruchzustand

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5-10 5 Spannungen im Baugrund

Kann sich der Boden z.B. hinter einer nachgiebigen Stützkonstruktion entspannen, so wer-
den die Horizontalspannungen abgebaut. Der MOHR´sche Spannungskreis weitet sich auf,
bis er die Bruchgerade erreicht (Kreis 2). Dieser Spannungszustand wird als aktiver Span-
nungszustand bezeichnet, es stellt sich der aktive Erddruck

e a = k a ⋅ σ z′

ein. Aus trigonometrischen Beziehungen am Spannungskreis ergibt sich der Erddruckbei-


wert k a zu

1 – sin j
k a = -------------------- . (5-27)
1 + sin j

Wird hingegen die Stützwand gegen den Boden gedrückt, so nimmt der Erddruck gegenüber
dem Ruhedruck zu. Eine ausreichend große Wandverschiebung vorausgesetzt, überschreitet
σ x′ den Wert σ z′ soweit, daß der MOHR´sche Spannungskreis wiederum die Bruchgerade be-
rührt (Kreis 3). Der Boden befindet sich dann im passiven Bruchzustand, der zugehörige pas-
sive Erddruck ist

e p = k p ⋅ σ z′ (5-28)

mit

1 + sin j
k p = -------------------- . (5-29)
1 – sin j

Für einen Reibungswinkel j = 30° , welcher für mitteldicht gelagerte Sande üblich ist, er-
geben sich Erddruckbeiwerte in folgender Größenordnung

1 – sin j
k a = -------------------- = 0, 33
1 + sin j
k 0 = 1 – sin j = 0, 5
1 + sin j
k p = -------------------- = 3 .
1 – sin j

Erddruckbeiwerte sind immer auf effektive Spannungen anzuwenden. Der Wasserdruck be-
sitzt aufgrund der Inkompressibilität des Wassers ( ν = 0, 5 ) einen hydrostatischen Span-
nungszustand

ux = u z ( = u ) .

Für die totalen Spannungen in horizontaler Richtung gilt damit:

s x = σ x′ + u
= k ⋅ σ z′ + u

Die angegebenen Formeln für die Erddruckbeiwerte k a und k p gelten nur für einen kohäsi-
onslosen Boden und unter bestimmten weiteren Voraussetzungen. Für eine umfassendere
Einführung in die Erddrucktheorie sei auf Kapitel 11 verwiesen.

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5.3 Spannungsverteilung unter einer vertikalen Einzellast 5-11

5.3 Spannungsverteilung unter einer vertikalen Einzellast

5.3.1 Lösung von BOUSSINESQ


Der Boden wird als gewichtsloser, linear-elastischer, isotroper, homogener Halbraum ange-
nommen. Linear-elastisch heißt, daß die Spannungen in jedem Punkt des Halbraumes eine
lineare Funktion der Deformationen sind. Es gilt das Gesetz von HOOKE, Gleichung (5-19).
Isotrop bedeutet, daß die Materialeigenschaften eines Elementes in jede Richtung gleich
sind (d.h., daß immer die gleiche Funktion zwischen Spannungen und Deformationen gilt).
Homogen bezeichnet das gleiche Materialverhalten und die gleichen Eigenschaften für je-
den Punkt des Halbraumes.
Unter diesen Voraussetzungen wird das Verhalten des Halbraumes durch die zwei Elastizi-
tätskonstanten beschrieben:
• Elastizitätsmodul E und
• Querkontraktionszahl ν (mit ν = 0,0…0,5 )
Andere ebenfalls gebräuchliche Elastizitätskonstanten (z. B. der Schubmodul G, der Kom-
pressionsmodul K bzw. die LAMÉschen Konstanten) lassen sich in die angegebenen Kon-
stanten überführen.
Die Berechnung der Spannungsverteilung wird durch Anwendung der mathematischen Ela-
stizitätstheorie vorgenommen (zur Ableitung siehe z. B. in Szabó, Höhere Technische Ma-
thematik). Daher lassen sich mit der Einzellastlösung von BOUSSINESQ nicht nur die Span-
nungen sondern auch die Verschiebungen im Halbraum infolge der Punktlast berechnen.
Zur Lösung des Randwertproblems einer auf der Halbraumoberfläche befindlichen Einzel-
last gelten ohne Beschränkung der Allgemeinheit die Randbedingungen
• der spannungsfreien Oberfläche

s z = t zx = t zy = 0 (für z = 0 , x ,y ≠ 0 ) ,

• der Einzellast

s z = lim P ⁄ ∆A → ∞ (für z = 0 , x ,y = 0 ) .
∆A → 0

Die daraus von BOUSSINESQ berechneten Spannungen und Verschiebungen im Halbraum


lassen sich in verschiedenen Koordinatensystemen darstellen.
a. Spannungen in Zylinderkoordinaten:
Aus der Rotationssymmetrie von System und Belastung ergeben sich die in Bild 5-9 darge-
stellten Schubspannungen t zt = t tz = t rt = t tr zu Null. Für die verbleibenden Span-
nungskomponenten gilt:

3P z 3 3P
s z = ------------2- ⋅ ⎛⎝ ---⎞⎠ = ------------2- ⋅ ( cos J )
3

2πR R 2πR

3P ⎛ zr 2 1 – 2ν R ⎞
s r = ------------2- ⋅ ⎜ ------3- – --------------- ⋅ ------------⎟
2πR ⎝R 3 z + R⎠

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5-12 5 Spannungen im Baugrund

3P 2 2ν – 1 1
= ------------2- ⋅ ⎛⎝ cos J ⋅ ( sin J ) + --------------- ⋅ ----------------------⎞⎠
2πR 3 1 + cos J

3P R z
s t = ------------2- ⋅ ( 1 – 2ν ) ⋅ ⎛⎝ ------------ – ---⎞⎠
2πR z+R R
3P 2ν – 1 1
= ------------2- ⋅ --------------- ⋅ ⎛ cos J – ----------------------⎞
3 ⎝ 1 + cos J⎠
2πR
2
3P rz 3P 2
tzr = ------------2- ⋅ ------3- = ------------2- ⋅ sin J ⋅ ( cos J ) . (5-30)
2πR R 2πR

Sie hängen nur von der Poissonzahl ν ab, der Elastizitätsmodul E geht nicht in die Lösung
ein. Die Verteilung der Vertikalspannungen s z ist sogar unabhängig von sämtlichen Elasti-
zitätskonstanten.
Für s r , s t ergeben sich an bestimmten Stellen negative Spannungen (Zugspannungen). Die-
se verschwinden nur für den Fall, daß ν = 0, 5 . Um eine für die Bodenmechanik sinnvolle
Spannungsverteilung (nur Druckspannungen) zu erhalten, wird ν = 0, 5 gesetzt.

P
dx x
j

dj
n
R
dy

sz
y r tzr
tzt

ttz
trt
dz

ttr sr
st
trz
z
z

Bild 5-9: Definition der Spannungskomponenten in Zylinderkoordinaten

b. Spannungen in kartesischen Koordinaten


In den in Bild 5-10 dargestellten kartesischen Koordinaten sind alle sechs Komponenten des
Spannungstensors von Null verschieden, es gilt

2 2 2
3P zx 1 – 2ν ⎛ z + Rz – R 2 2R + z ⎞
s x = ------------2- ⋅ -------3 – --------------- ⋅ ⎜ ----------------------------- + x ⋅ ----------------------2-⎟
2πR R 3 ⎝ R( R – z) R( R + z) ⎠
2 2 2
3P zy 1 – 2ν ⎛ z + Rz – R 2 2R + z ⎞
s y = ------------2- ⋅ -------3 – --------------- ⋅ ⎜ ----------------------------- + y ⋅ ----------------------2-⎟
2πR R 3 ⎝ R( R – z) R( R + z) ⎠

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5.3 Spannungsverteilung unter einer vertikalen Einzellast 5-13

3P z 3
s z = ------------2- ⋅ ⎛⎝ ---⎞⎠
2πR R
3P xyz 1 – 2ν xy ( 2R + z )
t xy = ------------2- ⋅ -------3- – --------------- ⋅ -------------------------2-
2πR R 3 R(R + z)
2
3P z y
t yz = ------------2- ⋅ -------3
2πR R
2
3P z x
t xz = ------------2- ⋅ -------3 (5-31)
2πR R

dx x
j

J
dz
dy

R sz
y
tzx
tzy txy
tyz txz sx
dz

tyx

sy
z

Bild 5-10: Spannungen im Halbraum in kartesischen Koordinaten

c. Spannungen in Polarkoordinaten
Aus der Rotationssymmetrie des in Bild 5-11 in Polarkoordinaten dargestellten Bodenele-
mentes folgt, dass t Rt = t st = 0 sowie t tR = t ts = 0 . Für die übrigen Komponenten des
Spannungstensors gilt

P 1 – 2ν
s R = --------2- ⋅ ⎛⎝ ( 2 – ν ) ⋅ cos d – ---------------⎞⎠
πR 2

P 1 – 2ν cos2 d
s s = – --------2- ⋅ --------------- ⋅ ---------------------
πR 2 1 + cos d

P 1 – 2ν 1
s t = – --------2- ⋅ --------------- ⋅ ⎛⎝ cos d – ---------------------⎞⎠
πR 2 1 + cos d
P 1 – 2ν sin d ⋅ cos d
t sR = --------2- ⋅ --------------- ⋅ --------------------------- . (5-32)
πR 2 1 + cos d

Für den in der Bodenmechanik zur Spannungsberechnung verwendeten Spezialfall ν = 0, 5


bleibt davon nur

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5-14 5 Spannungen im Baugrund

1, 5 ⋅ P
s R = ----------------
2
- ⋅ cos d (5-33)
πR
von Null verschieden. Dies wird als geradlinige Spannungsausbreitung bezeichnet.

P
x

d ss
R
t sR
y
z
st sR
t sR

Bild 5-11: Spannungen im Halbraum in Polarkoordinaten

d. Verschiebungen in Zylinderkoordinaten
Aus der berechneten Spannungsverteilung können an dem isotropen, linear-elastischen
Halbraum auch geschlossene Lösungen für die Verschiebungen aufgestellt werden.
Durch Integration der durch die Spannungen aus den Gleichungen (5-30) hervorgerufenen
Dehnungen über die Tiefe ergeben sich die horizontalen Verschiebungen u ( r, z ) und die
vertikalen Verschiebungen w ( r, z ) zu
P rz r
u = --------------- -----2- – ( 1 – 2ν ) ⋅ ------------
4πGR R z+R
2
P z E
w = --------------- ⋅ 2 ( 1 – ν ) + -----2- mit G = -------------------- . (5-34)
4πGR R 2(1 + ν)

Die vertikalen Verschiebungen an der Erdoberfläche werden als Setzung bezeichnet. Die Er-
mittlung der Setzungen unter Verwendung der Lösung von BOUSSINESQ wird als direkte
Setzungsberechnung bezeichnet. Sie ist für den realen Baugrund mit seinem nichtlinearen
Verhalten nur als Näherung anzusehen.
Ist der Baugrund geschichtet, bzw. soll das stark nichtlineare Verhalten des Bodens berück-
sichtigt werden, so ist eine indirekte Setzungsberechnung durchzuführen. Dafür ist mit den
vorliegenden Lösungen zunächst die Spannungsverteilung zu berechnen. Die darauf aufbau-
ende realitätsnähere Setzungsberechnung wird im Kapitel 6, Drucksetzungsverhalten behan-
delt.

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5.3 Spannungsverteilung unter einer vertikalen Einzellast 5-15

e. Darstellung der Spannungsverteilung


Die Verteilung der Vertikalspannungen s z im Halbraum läßt sich entlang von horizontalen
und vertikalen Schnitten (siehe Bild 5-12) bzw. anhand von Spannungsisobaren (siehe Bild
5-13) veranschaulichen. In Bild 5-13 ist zu erkennen, dass sich alle Isobaren an der Lastein-
leitungsstelle berühren. Die Spannung ist dort unbestimmt.

x
-1 -0.5 0.5 1
-0.2

-0.4

-0.6

-0.8

-1

-1.2

-1.4

Bild 5-12: Verteilung der s z -Spannungen entlang von horizontalen und vertikalen Schnitten

x
-0.4 -0.2 0.2 0.4

-0.2

sz = const.
-0.4

-0.6

-0.8 Tiefe z

Bild 5-13: Spannungsisobaren für die Vertikalspannungen nach Boussinesq

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5-16 5 Spannungen im Baugrund

5.3.2 Lösung von FRÖHLICH


Die Verteilung der Vertikalspannungen s z unter einer vertikalen Einzellast ist bei der Lö-
sung nach der Elastizitätstheorie (Randwertproblem von BOUSSINESQ) unabhängig von jeg-
lichen Materialkonstanten. Dies spiegelt das Verhalten realer Böden nur unzureichend wie-
der. Aufgrund der geringen Schubfestigkeit rolliger Böden in den obersten Schichten mit ge-
ringen Normalspannungen aus dem Lastfall Bodeneigengewicht erfolgt in diesen Böden eine
wenig ausgeprägte Spannungsausbreitung. Hohe Normalspannungen reichen in größere Tie-
fen. Bindige Böden haben aufgrund der vorhandenen Kohäsion auch an der Oberfläche eine
Schubfestigkeit, so daß sich die Spannungen, wie in der Lösung nach Boussinesq enthalten,
breiter verteilen.
FRÖHLICH hat mit seiner Theorie das unterschiedliche Verhalten verschiedener Böden reali-
tätsnah erfassen können. Unter den Voraussetzungen
• einer geradlinigen Spannungsausbreitung, wonach in Kugelkoordinaten nur die Radial-
spannung s R ≠ 0 ist, und
• einer cosinusförmigen Spannungsverteilung, entlang der Halbschale ( s R ( J ) )
setzt er für die Radialspannungsverteilung
1 νK – 2
s R = C ⋅ -----2- ⋅ ( cos J ) (5-35)
R
an, wobei die Konstante C eine noch zu bestimmende Größe ist.
P P

R J
dJ
df = 2pr R dJ
sR r = R sinJ
r
sR

Bild 5-14: Spannungsansatz nach Fröhlich

Die Größe C wird durch Integration der vertikalen Spannungsanteile entlang der Halbschale
gewonnen. Aus der Bedingung ΣV = 0
π⁄2
C 2
P = ∫ s R ⋅ cos J df = ∫ -----2- ⋅ cos J ⋅ cos J ⋅ 2πR ⋅ sin J dJ
R
(5-36)
Halbkugel 0

folgt
νK
C = ------ (5-37)

und damit
ν P
K νK – 2
s R = ------------
- ⋅ ( cos J )
2
. (5-38)
2πR

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5.3 Spannungsverteilung unter einer vertikalen Einzellast 5-17

Den eingeführten Exponenten ν K bezeichnet FRÖHLICH als Konzentrationsfaktor. Der Ein-


fluss des Konzentrationsfaktors ν K auf die Verteilung der Vertikalspannungen wird bei der
Darstellung der Linien gleicher s z -Spannungen (den s z -Isobaren) deutlich, vergleiche Bild
5-16. Mit wachsendem Konzentrationsfaktor ( ν K = 3, 4, 5,...) konzentrieren sich die Span-
nungen immer mehr um die Lastachse (s. Bild 5-15).

P
nk = 3

x
-1 -0.5 0.5 1
-0.2

-0.4

-0.6

-0.8

-1

-1.2

-1.4
z

P
nk = 6

x
-1 -0.5 0.5 1

-0.25

-0.5

-0.75

-1

-1.25

-1.5
z

Bild 5-15: Vergleich der Spannungsausbreitung in Abhängigkeit vom jeweiligen Boden

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5-18 5 Spannungen im Baugrund

.
nk = 3 P nk = 8 P

x x
-0.4 -0.2 0.2 0.4 -0.4 -0.2 0.2 0.4

-0.2 -0.2

sz = const.
-0.4 -0.4
sz = const.

-0.6 -0.6

-0.8 -0.8

-1 -1

-1.2 Tiefe z -1.2


z

Bild 5-16: Spannungsisobaren für die Vertikalspannungen nach Fröhlich für verschiedene
Konzentrationsfaktoren ν K

Über den Konzentrationsfaktor kann die Spannungsverteilung dem Verhalten unterschiedli-


cher Böden angepaßt werden. Genaue Spannungsberechnungen ergeben eine gute Überein-
stimmung der nach FRÖHLICH berechneten Spannungen mit den tatsächlich auftretenden
Spannungen, wenn für den Konzentrationsfaktor
νK = 3 für bindige Böden,
ν K = 3 – 6 für Mischböden und
ν K = 7 – 8 für rollige Böden
eingesetzt wird.
Verschiebungen lassen sich nach der Theorie von FRÖHLICH nicht berechnen, da seine Lö-
sung im Gegensatz zu BOUSSINESQ nicht auf der Elastizitätstheorie aufbaut.
Für den Fall ν K = 3 macht ein Formelvergleich mit Gleichung (5-33) deutlich, dass die Er-
gebnisse für diesen Spezialfall identisch sind, obwohl beide Theorien unterschiedliche Vor-
aussetzungen haben. Damit gelten für diesen Fall auch die nach BOUSSINESQ ermittelten
Verschiebungen nach den Gleichungen (5-34).

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5.4 Spannungen infolge verteilter Zusatzlasten 5-19

5.4 Spannungen infolge verteilter Zusatzlasten


Nach Freischneiden des Baugrundes in Höhe der Gründungsebene eines Fundamentes - das
ist in der Regel die Fundamentunterkante - lassen sich die Spannungen im Baugrund durch
Superposition der in Bild 5-17 dargestellten Lastfälle
• Bodeneigengewicht und Auflast g 1 d und
• Zusatzlast P ⁄ A – g 1 d bei gewichtslosem Boden
ermitteln. Stellt man die Lastfälle wie üblich in einem x,z-Koordinatensystem dar, so ist der
Lastfall Eigengewicht ein Hauptspannungszustand. Infolge der Zusatzlast treten auch
Schubspannungen t xz ≠ 0 auf.
.
P

P/A = g1d

g1 d g1d

Bild 5-17: Spannungsansatz am Gründungshorizont eines Fundamentes

Die elementarste Zusatzlast ist die Einzellast. Basierend auf den dafür existierenden Lösun-
gen (Fundamentallösungen) können Spannungsverteilungen aus anderen Lastfiguren durch
Integration über die Lastfläche abgeleitet werden. Um diese Integration nicht immer durch-
führen zu müssen, wurden die Lösungen für verschiedene, häufig verwendete Lastfiguren er-
mittelt und in Nomogrammen zusammengestellt.

5.4.1 Konstante Linienlast


Für die Linienlast erhält man durch Integration der Formeln nach FRÖHLICH über ihre Wir-
kungslängen
q νK
s z = f ⋅ ----- ⋅ ( cos J s )
Rs
q νK – 2 2
s x = f ⋅ ----- ⋅ ( cos J s ) ⋅ ( sin J s )
Rs
q νK – 1
t zx = f ⋅ ----- ⋅ ( cos J s ) ⋅ sin J s (5-39)
Rs
wobei der Faktor f in Abhängigkeit vom Konzentrationsfaktor ν K entsprechend Tabelle 5-1
anzusetzen ist.

Tabelle 5-1

νK 3 4 5 6

f 2/π 3/4 8/3π 15/16

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5-20 5 Spannungen im Baugrund

Aus der Gleichung (5-39) folgt für ν K = 3 , das entspricht der Lösung von BOUSSINESQ mit
ν = 0, 5 , der dimensionslose Beiwert i1 für die Spannungsverteilung unter einer Linienlast.
z 2 1
i 1 = s z --- = --- ⋅ --------------------------------2- (5-40)
p π 2
[( x ⁄ z) + 1]
Die von der Lage des Aufpunktes (x,z) abhängigen Beiwerte i1 sind in Bild 5-19 ablesbar.
Aus ihnen lassen sich die Spannungen

p
s z = i 1 --- (5-41)
z
berechnen.
Zum Vergleich ist in Bild 5-19 auch die Lösung der Einzellast (für νK = 3 bzw. ν = 0, 5 )
angegeben. Dafür wurde der Beiwert i2
2
z 3 1
i 2 = s z ----- = ------ ⋅ -------------------------------------
5⁄2
(5-42)
P 2π 2
[(r ⁄ z) + 1]
ermittelt, mit welchem die Spannungen zu

P
s z = i 2 ----2- (5-43)
z
berechnet werden können.

sz tzx
Js
Rs
sx sx

z txz
sRs

sz

Bild 5-18: Systemskizze zur Linienlast

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5.4 Spannungen infolge verteilter Zusatzlasten 5-21

0,7
P p
0,6
z
p
i = sz z und sz z
0,5
r sz
(x)
0,4

Lin
2

ien
las
0,3

Pu

tp
nk
tla
st
0,2

P
0,1

0
0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 1,2 1,4 1,6 1,8 2,0
r x
z und z
Spannung in der Tiefe z infolge einer Linien- oder Punktlast in der
Entfernung x oder r
(Zur Berechnung der durch benachbarte Pfeiler hervorgerufenen
Spannungen)

sz = gesuchte Druckspannung in der Tiefe z


p = Linienlast, die die Spannung hervorruft
P = Punktlast, die die Spannung hervorruft

Bild 5-19: Spannungsausbreitung infolge Linien- und Punktlast nach Fröhlich für ν K = 3

5.4.2 Konstante Streifenlast (unendlicher Laststreifen, ebenesProblem)


Die Integration geht von den Formeln für die Linienlast aus und erfolgt zweckmäßig über die
Variable b in Bild 5-20.
Aus den Gleichungen (5-39) lassen sich mit den Umrechnungsvorschriften
z db
R s = ------------ und dx = z ⋅ -------------
-
cos b cos b
2

die Integrale
b2 νk – 1
s z = f ⋅ s 0 ∫ cos b db
b1
b2 νk – 3 2
s x = f ⋅ s 0 ∫ cos b ⋅ sin b db
b1
b2 νk – 2
t zx = f ⋅ s 0 ∫ cos b ⋅ sin b db (5-44)
b1

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5-22 5 Spannungen im Baugrund

aufstellen, welche für ganzzahlige ν k mit Integraltafeln lösbar sind. Besonders einfache Lö-
sungen ergeben sich für ν k = 3
s
s z = -----0- ⋅ ( 2 e + sin 2 e ⋅ cos 2 y )
π
s
s x = -----0- ⋅ ( 2 e – sin 2 e ⋅ cos 2 y )
π
s
txz = -----0- ⋅ sin 2 e ⋅ sin 2 y (5-45)
π
wobei
b2 – b1 = 2 e
b2 + b 1 = 2 y
e = e im Bogenmaß
sind.
Die Hauptspannungen liegen in diesem Fall in Rictung y zur Lastachse, sodass der Kreis
2 e = const gleichzeitig eine Isobare für die Hauptspannungen s 1 und s 3 ist.

s0 = const. dq = s0 * dx= const.


s0
x
A
+y b
b 1
Rs 1
b
z
b b
2 2
z tzx
sx 2e
B s3
sz s3
s1

Bild 5-20: Systemskizze zur Streifenlast

5.4.3 Konstante Rechtecklast

5.4.3.1 Wahl des Aufpunktes


Die allgemeine Lösung für die Spannungen in einem beliebigen Punkt (Aufpunkt) unterhalb
der belasteten Fläche ist für eine einfache Spannungsberechnung nicht praktikabel. In der Li-
teratur sind daher nur die Lösungen für den Eckpunkt und den kennzeichnenden Punkt einer
rechteckigen Lastfläche angegeben. Spannungen unter anderen Punkten lassen sich durch
Superposition von belasteten Teilflächen auf die Lösung für dem Eckpunkt zurückführen,
hierzu siehe Abschnitt 5.4.3.4.
Die Bedeutung des kennzeichnenden Punktes wird im Abschnitt 5.5.3 erklärt.

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5.4 Spannungen infolge verteilter Zusatzlasten 5-23

5.4.3.2 Lösung für den Eckpunkt nach Steinbrenner

Durch Integration der Lösung von BOUSSINESQ für die Vertikalspannungen s z unter einer
Einzellast über eine rechteckige Lastfläche hat STEINBRENNER eine Gleichung zur Berech-
nung der Spannungen unter einem Eckpunkt einer schlaffen rechteckigförmigen Auflast auf-
gestellt. Diese Gleichung (5-46) gilt streng für den elastischen Halbraum, da entsprechend
der Gleichung (5-31) die Vertikalspannungen s z von der Querkontraktionszahl ν unabhän-
gig sind.

s a⋅b a⋅b⋅z 1 1
s z = -----0- atan ⎛⎝ ----------⎞⎠ + ----------------- ⋅ ⎛⎝ -------------------- -⎞
- + --------------------
2 ⎠
2π z⋅R R 2
(a + z ) (b + z )
2 2

2 2 2
(R = a +b +z ) (5-46)

b b

s0
a
1
A 1
dF A

2 a
j

2 r
C

u C

sz

Bild 5-21: Vertikale Spannung unterhalb des Eckpunktes einer Rechtecklast.

Das nachfolgende Diagramm, Bild 5-22, ist von STEINBRENNER nach Gleichung (5-46) auf-
gestellt worden; es gilt allgemein für den elastisch isotropen Halbraum mit beliebigem ν . Es
kann aber auch bei gedanklicher Zugrundelegung der Hypothese der geradlinigen Span-
nungsausbreitung von FRÖHLICH für den Sonderfall Konzentrationsfaktor ν K = 3 benutzt
werden.

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5-24 5 Spannungen im Baugrund

Bild 5-22: Berechnung der durch schlaffe Lasten hervorgerufenen Spannungen unter einem
Eckpunkt bei Flächenlasten nach STEINBRENNER (Halbraumtheorie)

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5.4 Spannungen infolge verteilter Zusatzlasten 5-25

5.4.3.3 Lösung für den kennzeichnenden Punkt nach Kany

Bild 5-23: Lotrechte Spannung unter dem kennzeichnenden Punkt einer Rechtecklast im
elastisch-isotropen Halbraum, nach KANY mit ν K = 3 .

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5-26 5 Spannungen im Baugrund

5.4.3.4 Lösung für einen beliebigen Punkt durch Superposition


Die vorstehend aufgeführten Tafeln wurden zunächst für die Spannungsermittlung unter be-
stimmten Punkten (Eckpunkt und kennzeichnender Punkt) einer konstanten Rechtecklast
eingeführt.
Mit Hilfe der Tafel von Steinbrenner für den Eckpunkt (Bild 5-22) ist man jedoch auch in
der Lage, die Spannungen unter beliebig zur Belastungsfläche gelegenen Punkten zu berech-
nen. Liegt der interessierende Punkt innerhalb einer rechteckigen Lastfläche, so lassen sich
die dortigen Spannungen durch Superposition der an den Eckpunkten der Teilflächen ermit-
telten Spannungen berechnen, siehe Bild 5-24.

Bild 5-24: Flächenzerlegung zur Spannungsermittlung unter einem beliebigen Punkt innerhalb einer
konstanten Rechtecklast.

Bei einem außerhalb der Lastfläche liegenden Punkt P ist die Lastfläche zunächst (gedank-
lich) bis zum Punkt P zu erweitern. Die dabei zusätzlich belasteten Flächen sind über die im
Bild 5-25 dargestellte Differenzbildung zu berücksichtigen.

Bild 5-25: Flächenzerlegung zur Berechnung von Spannungen außerhalb der Lastfläche.

Durch Superposition der Lösung für die konstante Rechtecklast mit den nachfolgend aufge-
führten veränderlichen Lastschemata lassen sich so auch beliebige lineare Spannungsvertei-
lungen, z.B. unter Böschungen und Dämmen, erfassen.

5.4.4 Linear veränderliche Rechtecklast


Nach Jelinek lassen sich die Spannungen unter den Eckpunkten einer Rampenlast (linear ver-
änderliche Rechtecklast) über die Gleichungen
s z2 = i sd2 ⋅ p
s z1 = i sd1 ⋅ p (5-47)
mit
s z2 Vertikalspannungen unter dem höher belasteten ("hohen") Eckpunkt
s z1 Vertikalspannungen unter dem weniger belasteten ("niedrigen") Eckpunkt
berechnen. Die Einflußbeiwerte i sd1 und i sd2 sind in den Bildern und vertafelt.

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5.4 Spannungen infolge verteilter Zusatzlasten 5-27

Bild 5-26: Einflußbeiwerte i sd2 der s z -Spannung unter dem hohen Eckpunkt einer Rampenlast
nach Jelinek

Bild 5-27: Einflußbeiwerte i sd1 der s z -Spannung unter dem niedrigen Eckpunkt einer Rampenlast
nach Jelinek

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5-28 5 Spannungen im Baugrund

5.4.5 Kreislast und Verfahren von Newmark


Lotrechte Spannungen in verschiedenen Punkten und Tiefen unter einer schlaffen, gleichmä-
ßig verteilten Kreislast wurden von Graßhoff für den elastisch-isotropen Halbraum (mit
ν k = 3 ) berechnet. Die zugehörigen Einflußbeiwerte sind im Bild 5-28 für verschiedene
Entfernungen zum Mittelpunkt der Kreisfläche angegeben.

Bild 5-28: Einflußbeiwerte der s z -Spannung unter verschiedenen Punkten einer Kreislast nach
Graßhoff

Grundbau I · Auflage WS 2006 · Stand 8.12.06 TU Berlin · FG Grundbau und Bodenmechanik - Degebo
5.4 Spannungen infolge verteilter Zusatzlasten 5-29

Die Formel für die s z -Spannung in der Tiefe z unter dem Mittelpunkt der Kreislast lautet:
ν
-----k
⎛ 2 ⎞2
z
s z = s 0 1 – ⎜ ----------------2-⎟ (5-48)
⎝z + R ⎠
2

Durch Auflösen dieser Gleichung nach R ⁄ z läßt sich die tiefenabhängige Abnahme der Zu-
satzspannungen unter dem Mittelpunkt zu

R s z⎞
⎛ 1 – -----
–2 ⁄ νk
--- = ⎝ - –1 (5-49)
z s 0⎠
berechnen. Für ν k = 3 ergibt sich daraus die in der Tabelle 5-2 zusammengestellte Zuord-
nung.

Tabelle 5-2: Spannungsabnahme unter dem Mittelpunkt einer Kreislast für νk = 3

sz ⁄ s0 0,000 0,100 0,200 0,300 0,400 0,500 0,600 0,700 0,800 0,900

R⁄z 0,000 0,270 0,400 0,518 0,637 0,776 0,918 1,110 1,387 1,908

Man kann also angeben, welchen Radius R eine mit s 0 belastete Kreisfläche haben muß, da-
mit unter dem Mittelpunkt in der vorgegebenen Tiefe z die Spannung s z ein bestimmter
Bruchteil von s 0 ist. Entsprechend kann man angeben, welche Radien R 1 und R 2 ein mit
s 0 belasteter Ring haben muß, damit s z ein bestimmter Bruchteil von s 0 ist.
Man kann also Ringe so auswählen, daß jedem Ring eine Spannung s z = s 0 ⁄ n zugeordnet
ist. Unterteilt man nun weiter jeden Ring in m gleiche Sektoren, siehe Bild 5-29, so ist aus
Symmetriegründen jeder Ringsektor gleichberechtigt und liefert, wenn er allein belastet ist:
1
s z = ----------- s 0 (5-50)
m⋅n
Das im Bild 5-29 dargestellte Netz (Spinne) mit
n = 10 Anzahl der Kreisringe
m = 24 Anzahl der Kreissektoren
m ⋅ n = 240 Anzahl der Netzmaschen
dient also als Einflußfläche für die Vertikalspannung in der Tiefe z unter dem Netzmittel-
punkt.

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5-30 5 Spannungen im Baugrund

8 7 6
9 5

10 4

11 3

12 2

13 1 2 34 5 6 7 8 n=9 m=1

14 24

15 23

16 22

17 21
18 20
19

Bild 5-29: Einflußflächen nach Newmark zur Berechnung der Vertikalspannungen unter beliebig
geformten Lastflächen

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5.5 Sohlspannungsverteilung unter Fundamenten 5-31

5.5 Sohlspannungsverteilung unter Fundamenten


Gründungskörper haben den Zweck, Kräfte in den Baugrund zu übertragen, die in den Stütz-
elementen der aufgehenden Konstruktion (Stützen, Wände u.a.) wirken. Die einfachsten For-
men sind das Einzelfundament und das Streifenfundament. Zur Berechnung des Gründungs-
körpers selbst und zur Ermittlung der auftretenden Setzungen ist die Kenntnis der Sohlspan-
nungsverteilung wichtig.
Für Einzel- und Streifenfundamente wird im allgemeinen eine geradlinige Verteilung der
Bodenpressung angenommen, d.h. je nach Lage des Angriffspunktes der Lastresultierenden
eine rechteckige, trapezförmige oder dreieckige Sohlspannungsfigur. Die tatsächliche Form
der Sohlspannungsverteilung hängt wesentlich von der Einbindetiefe und Steifigkeit des
Fundamentkörpers , sowie von der Tragfähigkeit des Baugrundes ab.
Bei Plattengründungen, d.h. flächigen Fundamenten mit verhältnismäßig geringer Dicke ist
die Biegesteifigkeit des Fundamentes bei der Ermittlung der Sohlspannungsverteilung zu be-
rücksichtigen.

5.5.1 Schlaffes Fundament


Unter einem schlaffen Fundament (oder Lastbündel) versteht man einen Gründungskörper,
dessen einzelne Punkte sich unabhängig voneinander verschieben können (z.B. noch nicht
abgebundener Beton, Schüttgüter u.a.). Das schlaffe Fundament ist vorstellbar als schub-
spannungsfrei nebeneinanderliegende differenziell kleine Einzelfundamente. Wird dieses
schlaffe Fundament mit einer gleichmäßig verteilten Spannung p belastet, so leitet jedes der-
Einzelfundamente die gleiche Last p in den Erdboden, da zwischen den Fundamenten keine
Schubübertragung stattfindet. Für die Sohlspannung gilt demnach an jeder Stelle unter der
Lastfläche s 0 = p = const.
Unter solchen gleichmäßigen Last ergibt sich für eine repräsentative Bodenlamelle mit der
Tiefe z die im Bild 5-30 skizzierte Verteilung der Zusatzspannungen ∆ s z (vergleiche hierzu
mit Bild 5-12 und Bild 5-15). Wegen der direkten Proportionalität zwischen Spannung und
Setzung ist die Form dieser Spannungsverteilung aber auch der Form der Setzungsverteilung
ähnlich (es entsteht eine Setzungsmulde).

s0

Setzungsmulde
z
Verteilung des Zusatzspannungen
Dsz

Bild 5-30: Setzungsmulde und Verteilung der Zusatzspannungen unter einer schlaffen Last

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5-32 5 Spannungen im Baugrund

5.5.2 Starres Fundament


Die Setzungen eines starren (d.h. biegesteifen) Fundamentes ist notwendigerweise in allen
Punkten gleich groß. Nach den Feststellungen über das schlaffe Fundament (Setzungsmulde
infolge gleichmäßig verteilter Sohlspannungen) wird dann klar, daß eine gleichmäßige Set-
zung aller Punkte nur dann stattfinden kann, wenn die Sohlspannungen vom Mittelpunkt des
Fundaments zum Rand zunehmen. Boussinesq bestimmte die Sohlspannungsverteilung für
ein starres (Biegesteifigkeit EI → ∞ ), glattes (Sohlreibung µ = 0 ) Kreis- bzw. Streifenfun-
dament auf dem elastisch-isotropen Halbraum. Die Lösung ergibt sich aus der als Integral-
gleichung zu formulierenden Bedingung "Setzung für z = 0 = const.'' zu:
p
s 0 = --------------------------------- (für die Kreisfläche) und (5-51)
2
2 1 – ( r ⁄ R)
2p
s 0 = ------------------------------------ (für das Streifenfundament). (5-52)
2
π 1 – ( 2r ⁄ b )
Dabei sind
r die variable Entfernung zum Mittelpunkt (Kreis) bzw. zur Mittelachse (Streifen)
b die Streifenbreite und
R der Kreisradius
Die Lösung von Boussinesq liefert demnach an den Fundamenträndern unendlich große
Spannungsspitzen.

Gf = 0
0,5 p (Kreislast)
p 0,637 p (Streifenlast)

b/2 x bzw. u
bzw. R

Bild 5-31: Theoretische Sohlspannungsverteilung von Boussinesq unter einem starren Fundament
( EI → ∞ ) bei symmetrischer Belastung.

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5.5 Sohlspannungsverteilung unter Fundamenten 5-33

P b
e 2

s0

Bild 5-32: Theoretische Sohlspannungsverteilung von Boussinesq unter einem starren Fundament
bei ausmittiger senkrechter Belastung

Die Spannungsspitzen unter den Fundamenträndern werden jedoch durch plastisches Fließen
unter den Rändern abgebaut und zur Mitte umgelagert. Diese Fließbereiche dehnen sich um
so weiter zur Fundamentmitte aus, je mehr sich die vorhandene Last der Bruchlast nähert.
Beim Bruch entspricht die Verteilung der Bodenpressungen einer Parabel mit dem Maxi-
mum unter der Fundamentmitte. Der übliche Ansatz der rechteckigen Sohldruckverteilung
zum Grundbruchnachweis weicht bei der geforderten Sicherheit von h br = 2 von der wirk-
lichen Form nicht allzu weit ab, siehe Bild 5-33.

P P

b
b
hb r = 3 hb r = 2 hbr = 1,5 hbr = 1

a b c d e

Bild 5-33: Sohlspannungsverteilung unter einem starren, unendlich langen Streifenfundament,


a) für den elastischen Halbraum nach Boussinesq,
b-e) für nichtbindigen Boden bei unterschiedlicher Grundbruchsicherheit h br .

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5-34 5 Spannungen im Baugrund

5.5.3 Kennzeichnende Punkte und Linien


Bei einem genaueren Vergleich der Sohlspannungsverteilung starrer und schlaffer Funda-
mente lassen sich Linien finden, auf denen entweder die Sohlspannungs- oder die Setzungs-
ordinate den gleichen Wert annehmen. Solche Linien nennt man kennzeichnende oder cha-
rakteristische Linien der Spannung bzw. der Setzung.
Die charakteristische Linie (bzw. Punkt im Falle eines ebenen Problems) der Spannung läßt
sich also aus der Bedingung s 0, starr = s 0, schlaff ermitteln, für den charackteristischen
Punkt der Setzung gilt als entsprechende Bedingung s starr = s schlaff .

s0 starr
charakteristischer Punkt
der Spannung (Linie)

s0 schlaff

r r

Bild 5-34: Definition der charakteristischen Punkte der Spannung

Setzung des
unendlich starren
Fundamentes
charakteristischer Punkt
der Setzung (Linie) Setzungsmulde
des schlaffen
Lastbündels

Bild 5-35: Definition der charakteristischen Punkte der Setzung

Es hat sich gezeigt, daß die charakteristische Linie der Spannung und die der Setzung gleiche
Formen haben und fast übereinstimmen. Für eine konstante Lastfläche und homogenen, li-
near elastischen Untergrund lassen sich die nachfolgend aufgeführten Werte ermitteln.

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5.5 Sohlspannungsverteilung unter Fundamenten 5-35

1. Kreisfundament
Die charakteristischen Linien sind Kreise. Bezogen auf den Fundamentradius R0 gilt
für die charakteristische Linie der Spannung: r s = 0, 866 ⋅ R0 und
für die charakteristische Linie der Setzung: r w = 0, 845 ⋅ R0 .
2. Streifenfundament:
Die charakteristischen Linien sind zwei parallele Linien. Bezogen auf die Fundament-
breite b läßt sich deren Abstand von der Mittelachse
für die charakteristische Linie der Spannung zu x s = 0, 385 ⋅ b und
für die charakteristische Linie der Setzung zux w = 0, 370 ⋅ b .
angeben.
3. Rechteckplatte:
Van Hamme zeigt, daß die charakteristische Linie der Spannungen einer Ellipse mit den
angegebenen Diagonalkoordinaten ist, siehe Bild 5-36. In Ermangelung von Formeln
wird diesselbe Linie auch für die Setzungen angenommen.

Ellipse
b
2

a
2
a
0,74
2

b
0,74
2

Bild 5-36: Charakteristische Linie der Spannung für ein Rechteckfundament. Der auf der Diagonale
liegende charakteristische Punkt ist mit "P" bezeichnet.

Grundbau I · Auflage WS 2006 · Stand: 8.12.06 TU Berlin · FG Grundbau und Bodenmechanik - Degebo
5-36 5 Spannungen im Baugrund

5.5.4 Elastische Fundamente


Für die Berechnung der Sohlspannungsverteilung elastischer Fundamente ist wegen derer
endlicher Biegesteifigkeit neben der Lage der resultierenden Belastung auch die Lastvertei-
lung über das Fundament zu berücksichtigen.
Elastische Fundamente mit einer konstant verteilten Belastung können durch die Grenzwerte
der schlaffen Last und der starren Platte näherungsweise betrachtet werden; je nach Steifig-
keitsverhältnis zwischen Untergrund und Platte wird die Sohlspannungsverteilung näher an
der einer schlaffen oder starren Lastfläche liegen. Lediglich in den charakteristischen Punk-
ten und Linien stimmt die Sohlspannung bzw. Setzung mit den Werten der schlaffen und
starren Last überein.
Für eine genauere Behandlung elstischer Flächengründungen wird auf das Kapitel 22 im
Skript „Grundbau und Bodenmechanik III“ verwiesen.

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