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„100.

000 neue Wohnungen


für Köln“ – studentische
Arbeit für „Civic Design“,
Entwurf von Darya Kalaur­
kina und Giulia Zwiers
am Fachbereich Architek­-

Teaching the City –


tur der Hochschule Düs­-
sel­d orf PBSA. Studioleiter
waren Andre Kempe und
Oliver Thill.

ist die Lehre


der Stadt an den
Hochschulen
noch zeitgemäß?

Kaye Geipel und Kirsten Klingbeil im Gespräch mit


­Martina Baum, Philine Meckbach, Juan Pablo Molestina,
Markus Neppl, Christa Reicher und Rudolf Scheuvens,
Fotos Jasmin Schuller

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An vielen Universitäten gibt „Produktion von Stadt“ müsse endlich her. Das schrittliche und vor allem nachhaltige Lehrinhal­
neoliberale Kooperationsmodell zwischen Politik, te ausbilden, die auch zusammen mit den Stu­
es den Wunsch nach einer Stadtverwaltung und Kapital, nach dem die dierenden gestaltet werden müssen – das halte

möglichst spezifischen und Stadt heute immer noch „produziert wird“, führt
zu identitätslosen Quartieren mit wenig inte­g ra­
ich auch für eine zentrale Aufgabe.
Martina Baum Ich sehe allerdings einen sehr gro­
sich profilierenden Aus- tivem Potenzial. Diese Situation stellt eine Chance ßen Vorteil, den wir in Deutschland an den Uni­

richtung der Lehrbereiche für die Hochschulen dar, um neue Gesamtpers­


pektiven zu entwickeln. Andere Planungsfelder,
versitäten haben: das ist die große Freiheit, un­
sere Lehre und Forschung absolut selbst zu
– entsprechende Institute etwa die Volkswirtschaftslehre, haben aus dem gestalten. Diese Freiheit und die dazugehörige

werden an den Städtebau- Crash des neoliberalen Modells 2007, als über
Nacht die großen Akteure des Wirtschaftsge­
Integrität der einzelnen Professuren sind eine
ganz ausgezeichnete Ausgangsbasis, um auf
Fachbereichen neu ge- schehens Pleite gegangen sind, Konsequenzen Veränderungen im System zu reagieren. Wir ha­
gezogen und neue Lehr- und Steuerungsins­ ben ja alle die inhaltliche Zuschreibung unserer
gründet. Diese Spezialisie- trumente für die Volkwirtschaft entwickelt. Wir Professuren im Kopf und überlegen, wie die ent­
rungen mögen auch damit müssen heute leider feststellen, dass sich im sprechenden Inhalte aussehen können. Und es
Städtebau wenig verändert hat, dass die gleichen zeigt sich ja schon an den einzelnen Fachberei­
zusammenhängen, dass Kräfte die Entwicklung der Städte immer noch chen, dass jeder so eine Hülle ganz unterschied­
der Kern der Lehre von Ur- dominieren. Die Stadtplanungskultur und die lich füllt. Das ist eine große Qualität, die es mög­
Lehre haben noch nicht ausreichend auf die Plei­ lich macht, neue Koalitionen zu schließen, auf
ban Design und Städte­- te des neoliberalen Entwicklungsmodells rea­ künftige Themen einzugehen und andere Lehr­
bau nicht mehr Konsens ist. Kaye Geipel Die Lehre von Urban Design, Städ- giert. Das muss sich ändern. modelle auszuprobieren.
tebau und Stadtplanung an den Hochschulen Christa Reicher Wir haben heute einen grundle­ Neppl Für mich besteht zumindest an den Archi­
Was wirklich wichtig ist ist heute konfrontiert mit dem enormen Trans- genden Paradigmenwechsel im gesellschaftli­ tekturfakultäten das Problem, dass eigentlich
und was weniger, darüber formationsbedarf der Städte. Die Stichpunkte chen System und auch in der Raumproduktion. jeder macht, was er will. Die jüngeren Kollegen be­
sind bekannt: zunehmende Komplexität der Stadtplanung und Städtebau sind viel komplexer nennen gleich zu Beginn, wenn sie anfangen zu
gibt es unterschiedliche Urbanisierung, Digitalisierung, eklatanter Woh- geworden und lassen sich nicht mehr in den lehren, ihr Fachgebiet um und sagen, wir wollen
Auffassungen, die wir An- nungsmangel, Top-Down- versus Bottom-Up- Schubladen verorten, wie wir sie noch vor 50 Jah­ eigentlich gar keine Inhalte lehren im Sinne eines
Produktion der Stadt, Bewohnerproteste ge- ren hatten. Mein Eindruck ist allerdings, dass Curriculums; wir machen unsere Projekte, und
fang Februar im Stadtbau- gen Verdichtung, überforderte Verwaltungen das Ausbildungssystem auf der einen Seite und viel mehr braucht man nicht. Das führt letztend­
welt-Gespräch erörterten. und der Ruf nach einer Beschränkung auf die der Anspruch, den wir auf der anderen Seite in­ lich zu einem großen Schlingern, weil keiner ge­
Kernkompetenzen der Planung. Ist die Lehre zwischen an das System und die Realität haben, nau weiß, wo der Andere tatsächlich hinwill.
Markus Neppl
auf diese Transformationsprozesse von Stadt weit auseinanderklaffen.
Professor für Stadtquartiersplanung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), ist seit
und Land aus Ihrer Sicht vorbereitet? Sind die Wir verwenden beispielsweise noch Vokabeln Zersplitterung der Disziplinen 2012 Studiendekan der Fakultät für Architektur. Er gründete 1990 zusammen mit Peter
Lehrformate und -inhalte noch zeitgemäß? wie die „Landesplanung“. Gibt es das denn über­ Berner, Oliver Hall und Kees Christiaanse das Büro Astoc Architects and Planners in Köln.
Markus Neppl Dass sich vieles um uns herum haupt noch, Landesplanung? Wir verwenden Geipel Wie reagieren denn die Fachbereiche
grundlegend verändert, wissen wir nicht erst heute bestimmte Begriffe, die nicht mehr in der auf diese Unsicherheit?
seit heute. Uns beschäftigen ja mehrere Ebenen Lage sind, gesellschaftliche Relevanz und ent­ Neppl Die Fakultäten spiegeln letztendlich wider,
gleichzeitig. Erstens: Gesellschaftliche Umbrü­ sprechendes Know-how zu generieren. Wir müss­ welche Personen mit welchen Profilen da zusam­
che, die wir derzeit in politischen Diskussionen ten viel stärker auf die Anforderungen reagieren, menkommen und wie sich diese mit ihren Funk­
spüren, führen zu populistischen Strategien, zu die die Gesellschaft und unsere gebaute Umwelt tionen auseinandersetzen. Das ist, glaube ich,
Ängsten im Umgang mit gesellschaftlicher He­ verlangen, und dürften nicht so lange an anti­ die größte Herausforderung an einer Fakultät, zu
terogenität, die auf der politischen Ebene weiter quierten Systemen festhalten. Mich erstaunt je­ sagen: Wir verständigen uns auf eine Idee, wie
geschürt werden. Zweitens: Die Ebene der Digi­ denfalls, dass wir uns in einem so innovativen wir den ganzen Herausforderungen begegnen
talisierung entwickelt sich derzeit in einer forma­ System wie den Hochschulen, wo es um die Aus­ wollen. Wir haben bei uns in Karlsruhe 20 Profes­
tiven Phase und zieht räumliche Konsequenzen bildung von jungen Menschen und der nachfol­ suren, und wir investieren mittlerweile im Kolle­
Auszüge aus einer Studien­
nach sich, deren Strukturen wir noch gar nicht genden Generation geht, so stark an tradierten gium sehr viel Zeit auf die Diskussion darüber, arbeit zum Gerold-Areal in
richtig greifen können. Drittens befinden wir uns Zielen und Disziplinen festhalten und ein so dass wir nicht nur nebeneinanderher arbeiten, Zürich-West; Entwurf von
in einer Phase eines unglaublichen Wachstums – schwerfälliges, statisches System haben. Verän­ Sarah Menzer (Grafiken),
sondern wir uns auch abstimmen wollen. Das ist
Fachgebiet Stadtquartiers­
ein Faktor, der aktuell vieles an weiteren Diskus­ derungsprozesse müssten viel stärker in den ein zäher Prozess, da treffen Generationen auf­ planung am Karlsruher Ins­
sionen zudeckt. Hinter diesen Wachstumspro­ Mittelpunkt rücken. einander, und es fällt zum Teil wahnsinnig schwer, titut für Technologie
zessen laufen aber Veränderungsprozesse, die Philine Meckbach Ich glaube, dass es Heraus­ programmatische Aussagen zur Lehre zu ma­
wir vielleicht erst in zehn Jahren richtig verste­ forderungen gibt, die wir mit den Lehrplänen – chen. Die einen finden das gut, die anderen gar
hen. Wir haben gerade am KIT in Karlsruhe eine ich kann da natürlich nur von der Uni Kassel spre­ nicht gut. Das Schlimmste, was passieren kann,
Forschungsarbeit gemacht, wie sich Leitbilder chen – eigentlich nicht bewältigen können, weil ist aber, dass eine völlig graue konturlose Mi­
im Städtischen ausgewirkt oder nicht ausgewirkt sie viel zu sehr alten Modellen verhaftet sind. Im schung rauskommt – und jeder macht, was er
haben 1. Solche grundlegenden Fragen des ge­ Bereich „Digitalisierung“ bewegt sich bei uns will.
sellschaftlichen Wandels müssen die Universi­ überhaupt nichts, was uns als Studierende natür­ Geipel Auf der einen Seite also eine Aufweitung
täten viel stärker in den Fokus nehmen. lich umtreibt. Wie soll sich das entwickeln, wenn der Disziplinen in der Lehre, die auf neue gesell-
Pablo Molestina Es gibt inzwischen die verbrei­ wir überhaupt nicht die Lehrenden dafür ha­ schaftliche Bedürfnisse reagieren, aber auch
tete Haltung, ein Paradigmenwechsel in der ben? Und dass sich in der Ausbildung neue, fort­ eine Zersplitterung der Lehre bedeuten kann –

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und auf der anderen Seite der Versuch, auch untergeordnet sein muss: Interdisziplinarität und auf Vorgänge, die man als „Containerdenken“ Wie findet man Kooperationspartner, die Lust
über die einzelnen Institutsgrenzen hinweg so Internationalisierung. Für diese Programme gibt der administrativen Praxis bezeichnen könnte: haben, an übergreifenden Themen zu arbeiten?
etwas wie ein gemeinsames Profil hinzukriegen. es dann den entsprechenden Support, und da­ Jeder bleibt in seiner Disziplin. Es gibt den Wir kooperieren in Wien mit Informatikern und
Wie löst man dieses Dilemma? bei es geht natürlich auch immer um Geld. Inter­ schönen Ausdruck „Abschichtungsprinzip der mit Bauingenieuren zu Fragen der Mobilität oder
Baum Ich bin ja an einer Fakultät für Architektur essant finde ich an dieser Idee, dass es an einer Planung“ – das heißt, erst kommt die Innenar- mit Medizinern im Bereich Health Care und der
und Stadtplanung, und ich bin sehr dankbar da­ sehr technologiebetonten Universität jetzt ein chitektur, dann die Architektur der Hochbauer, Entwicklung der Gesundheitsinfrastruktur. Wie
für, dass es hier keine jeweils getrennte Ausbil­ Aufmischen von kleineren und größeren Einhei­ dann kommt die Arbeit der Städtebauer, ge- aber lassen sich aus solchen Kooperationen
dung in einem Bachelor- und Masterstudiengang ten gibt. Man überlegt: Wie kann ich denn bei­ folgt von der Stadtplanung und der Regional- langfristig neue Perspektiven auch für die Lehre
gibt. Es ist wie ein großes Dach, unter dem die spielsweise mit einer anderen Fakultät, etwa Me­ und Landesplanung. Diese Spezialisierung entwickeln? Bräuchten wir für solche Kooperati­
Studierenden die Möglichkeit und auch Freiheit dizin oder mit einem externen Forschungs­ nützt vor allem der Industrie, sie ist ein kapita- onen nicht eine ganz andere Struktur von Uni­
haben, ihren Weg zu definieren und zu finden. schwerpunkt wie zum Beispiel „Metropolitan Ci­ listisches Ordnungsprinzip. Ob sie auch der versität?
Molestina Wir haben gerade einen neuen Studi­ ties“, kooperieren? Ich glaube, dass wir nur wei­ Qualität der Stadtentwicklung nützt, ist die Reicher Bei einer vergleichenden Untersuchung
engang „Civic Design“ ins Leben gerufen, der terkommen, wenn wir nicht nur unsere eigenen große Frage. von innovativen Planungsformaten habe ich
programmatischer Natur ist, es ist ein Architek­ Fakultäten im Blick haben, sondern auch sehen: Neppl Absolut, das sehe ich genauso! In meinen festgestellt, dass die Dinge nur dann gut funkti­
turstudiengang, Master of Science in Architec­ Was finden wir an Andockmöglichkeiten mit an­ ersten Berufsjahren in den Niederlanden konnte onieren können, wenn auch die Verwaltung re­
ture. Er führt zu der Bezeichnung „Architekt“, aber deren Disziplinen der Universität? ich immer sagen: Ich bin Urbanist und Architekt. formiert worden ist. Projektbezogenes Arbeiten
die Studierenden lernen hier beständig an der Es gibt dort diese seltsamen Grenzen nicht. Das ist nur dann erfolgreich, wenn man über die
Grenze zwischen städtebaulichen und architek­ Containerdenken in der Planung fängt schon bei unserem Berufsstand an. Wir Grenzen von Ressourcen hinweg zusammenar­
tonischen Maßstäben zu arbeiten. Das Programm haben sehr merkwürdige Diskussionen mit der beitet und die Personen an einem Tisch zusam­
ist so aufgebaut, dass das Rhein-Ruhr-Agglome­ Geipel Ist denn die Praxis der städtebaulichen Architektenkammer über die Stadtplaner- und menbringt, die die Probleme dann auch lösen
rationsgebiet als Untersuchungsgebiet im Zen­ Planung auf solch ein interdisziplinäres Arbei- Architektenzulassungsordnung. Die Kammern können. Genauso ist es in der Hochschule auch.
trum der Lehre steht. ten vorbereitet? Wenn von außen auf die Situa- sind stark drauf bedacht, die beiden Gruppen zu Da gibt es die, die sagen: Wir sind die Kerndiszip­
Reicher An der RWTH Aachen gibt es jetzt die tion in Deutschland geblickt wird, dann gibt definieren, mit Auflagen zu versehen und auch lin, und ihr seid die Städtebauer, die einen sitzen
Empfehlung, dass die Lehre vor allem zwei Ideen es doch eine große Verwunderung im Hinblick auseinanderzuhalten. Das versteht eigentlich kei­ an dem einen Rand, und die Raumplaner sitzen
ner, der sich damit beschäftigt, aber es ist gän­ an dem anderen Rand. Dabei könnte der Städte­
Philine Meckbach gige Praxis. Und auf der Ebene der Verwaltung bau sehr gut die Brücke zwischen den verschie­
ist Masterstudentin an der Universität Kassel. Im Fachbereich Architektur, Stadt- und geht das weiter. Die sind mehr oder weniger in denen Maßstäben und den unterschiedlichen
Landschaftsplanung ist sie eine von fünf Studierenden in der Seminarreihe „Forschendes
diesen Sparten organisiert, und sie achten schon Herangehensweisen schlagen.
Lernen“, die sich derzeit mit den Themen „20 Jahre Bologna“ sowie „50 Jahre Planungs­
lehre in Deutschland“ befasst. sehr darauf, dass ihre Interessen, ihre Sparten
spezifisch formuliert werden. Das begegnet uns Kirsten Klingbeil Neue Kooperationen werden
überall in der Praxis, und damit müssen wir uns initiiert, aber sie brechen sich am gefügten
auseinandersetzen. Im Studium, zumindest in System der Realität? Martina Baum
Architektin und Stadtplanerin. Seit 2014 ist sie Direktorin des Städtebau-Instituts der
den Masterstudiengängen, gilt das noch nicht Scheuvens Das genau ist mein Argument: Wir Universität Stuttgart, wo sie als Professorin Stadtplanung und Entwerfen lehrt. 2008
so, jeder ist selbst verantwortlich, wie er sich benötigen den Raum für neue disziplinübergrei­ gründete sie das Studio Urbane Strategien, das heute seinen Sitz in Stuttgart hat.
durchnavigiert. Aber in der Praxis ist diese Sepa­ fende Kooperationen. Leider ist dieser Raum in
rierung in der Tat stark verwurzelt. den gefestigten Bachelor- und Masterprogram­
Rudolf Scheuvens Wenn man sagt, in Deutsch­ men nur bedingt vorhanden. Wir haben aber in
land ist alles enorm gefestigt, dann gilt das hoch Wien in Architektur und Raumplanung pro Jahr
zwei für Österreich. Wir kennen den Berufsstand ungefähr 1000, künftig mit Einführung von Zu­
der Stadtplanung überhaupt nicht in Österreich. gangsbeschränkung 825 Neuanfänger. Eine ge­
Die Stadtplanung liegt im Aufgabenfeld der Ar­ waltige Zahl, die uns hinsichtlich der Personal-
chitekten. Und es gibt auch keine Bestrebungen, und Raumressourcen vor große Herausforde­
hieran etwas ändern zu wollen. Es würde das rungen stellt. Man kann sich vorstellen, was das
Aufgabenfeld der Architekten ja vielleicht be­ bedeutet, in solch einer riesigen Maschine zu
schneiden, wenn es einen weiteren Berufsstand lehren und zu lernen. Immerhin, es gibt in einem
geben würde. Das Gleiche spiegelt sich in der solchen System immer auch Nischen, wo sich Auszüge aus der Masterar­
Hochschule wider. Dort sind Architektur und etwas Neues entwickelt. Solche Nischen und beit „Grand Paris“ von Jonas
Stamm (Grafiken), Lehrstuhl
Raumplanung zwar unter einem Dach, aber die Freiräume müssen wir sichern und weiterentwi­ Stadtplanung und Entwer­
Welten sind leider getrennt: zwei Studienkom­ ckeln. Die Hochschule muss ein Ort kritischer fen der Universität Stuttgart
missionen und zwei unterschiedliche Systeme, Diskurse bleiben, muss Räume für Neues und Ex­
deren Module nicht kompatibel sind. perimentelles eröffnen und entsprechende dis­
Die Frage ist da: Wie kann man in solch sepa­ ziplinübergreifende Strukturen schaffen.
rierten Systemen eine gemeinsame Qualifikati­
onsebene aufbauen, gerade auch im Hinblick auf „Stadt für alle“ – noch aktuell?
die zukünftige Arbeit der Studierenden im Ar­
beitsfeld der Stadtplanung? Wie können wir neue Geipel Wurde über die Fragen nach Effektivität
Kooperationen entwickeln? Das ist kein einfa­ und notwendiger Differenzierung der Lehre
ches Geschäft, und ich bin da derselben Ansicht das gemeinsame Ziel aus den Augen verloren?
wie Christa Reicher: Man braucht Ressourcen, Vor vier Jahren haben wir in der Stadtbauwelt
aber nicht unbedingt mehr Geld. Die Frage ist: (Bauwelt 12.2015) die Debatte zur europäischen

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Stadt geführt, mit der These, dass im Kern die- setzen wir solche Vorstellungen um und worauf entwickeln im Sinne des europäischen Modells. viel zu schnell dabei, die Autorenschaft des Kapi­
ser Idee der europäischen Stadt immer noch konzentrieren wir uns? Dann gibt es doch große Aldo Rossi und die Stadt als klassenloses Arte­ tals hinzunehmen. Dabei ist doch eines klar: Von
die gemeinsame Überzeugung steht, den sozi- Unterschiede. fakt: Das ist das entscheidende operative Bild dieser Seite aus wird es nie eine Untersuchung
alen Zusammenhang in eine räumliche Form zu Scheuvens Das Wachstum, das wir in manchen für architektonisches Handeln der Stadt, eine über die Qualität unterschiedlicher Quartiers- oder
übersetzen. Ist das heute noch das handlungs- Städten heute haben, ist aber wirklich auch mas­ eminent europäische Idee, die wir unbedingt Verkehrsmodelle oder nachhaltiger Strukturen
leitende Ziel? Oder müssen wir angesichts des siv! Köln hat eine konservative Prognose von aufrechterhalten müssen. Wir müssen die Frage geben, weil das ein Risiko bedeutet. Man muss
enormen Wachstums vieler Städte mit der plus 100.000 beziehungsweise 120.000 Einwoh­ nach den Instrumenten beantworten, die wir sich aber klarmachen, dass dieser wichtige Risi­
wohnungspolitischen Vorgabe „Masse, Masse, nern, das ist eine Größenordnung, die auch für brauchen, um das zu bewirken. Das ist die zent­ koaspekt in der öffentlichen Hand liegt, und man
Masse“, die sich ja auch in den Projektaufga- eine Millionenstadt zu einer enormen Herausfor­ rale Frage. Was macht es mit dem Stadtbild von muss dem dann auch Raum und Mittel einräu­
ben an den Universitäten niederschlägt, das derung wird. Vor allem was die Bewältigung Köln, wenn wir 100.000 neue Wohnungen in den men.
Leitbild einer „Stadt für alle“ beerdigen? dieses Wachstums und was die Instrumente be­ städtischen Raum bringen? Oder mit Düsseldorf, Baum Dann sind wir wieder bei der Rollenfrage:
Neppl Ich glaube, das wäre fatal. Denn es gibt trifft, das Wachstum zu gestalten. Da driftet da werden 75.000 Wohnungen bis 2023 prognos­ Wer hat die Macht bei der Entwicklung der Stadt?
natürlich Alternativen, die wir uns hier in Europa dann alles wieder auseinander. Der starke Wachs­ tiziert. Verständliche Antworten auf diese Frage Scheuvens Damit rutschen wir in eine ganz
nicht vorstellen wollen. Was in den Megametro­ tumsdruck hat zu entfesselten Wohnungsmärk­ zu entwickeln, das können aus meiner Sicht zu­ schwierige Diskussion. Mich ärgert, wenn immer
polen passiert, was in Lateinamerika passiert – ten geführt, in denen immer mehr Menschen erst mal nur die Architekten, auch wenn das mit über die „bösen Investoren“ geschimpft wird.
da gibt es eine massive Ausgrenzung, es gibt kaum noch einen Zugang zu leistbaren Wohnun­ Sicherheit von einem Stück Naivität begleitet Ein Investor an sich ist weder gut noch böse. Er
Gated-Stadtteile, die verfolgen in keiner Art und gen finden. Stuttgart hat jetzt eine IBA ausgeru­ sein wird. Wir Architekten müssen als Partner der investiert. Wenn niemand investieren würde in
Weise dieses Bild einer Stadt für alle, einer offe­ fen, um Impulse im Wohnungsbau zu setzen. Ein Politik diesem Diskurs über Stadtentwicklung der Stadt, würde auch nichts weitergehen. Die
nen Stadt. Ich finde, wenn man mit Kollegen dar­ wichtiges Thema, da sind wir uns alle einig. Aber dezidiert beitreten. Frage ist daher: Wie lenkt man die Dinge? Und
über diskutiert, gibt es bei diesem Punkt keinen wir müssen uns auch mit Fragen wie etwa der die zweite Frage lautet: Wie kann ich Alternativen
großen Widerspruch. Wir sind, wie das ganze Erneuerung unserer Infrastruktur befassen, die Wer baut die Stadt? aufbauen zu Investitionsmodellen, beispielswei­-
Berufsbild auch, sehr stark abhängig von dem, sich vielerorts in einem erstaunlich schlechten se beim Wohnungsbau? Wir haben in Wien den
was gerade öffentlich diskutiert wird. Das ist Zustand befindet. Und mit Fragen der Entwick­ Geipel Sind die Architekten in der Lage, das zu glücklichen Umstand, dass wir die Entwicklung
auch euer Job in den Medien, solche Fragen im­ lung der Gesundheitsinfrastruktur, von Kranken­ leisten? Wenn man sich die neuen Wohnquar- auf einen sehr gut funktionierenden geförderten
mer wieder neu in den Ring zu werfen, das ist häusern und von Schulen. Da gibt es wirkliche tiere ansieht, die da allenthalben aus dem Bo- Wohnungsbau aufbauen können. Und trotzdem
klar. Wenn man bei dieser Frage aber etwas tie­ Defizite in unseren Städten, die zu echten Hand­ den schießen, dann haben diese mit der Idee tut sich da gerade sehr viel über kleinere Initiati­
fer bohrt, was kommt dann? Auf der Oberfläche lungsunfähigkeiten führen. einer gemischten Stadt kaum noch etwas zu tun. ven, die neue Modelle diskutieren, neue Träger­
ist das ziemlich eindeutig: Jeder will grün, Mobi­ Molestina Für mich besteht die Kernaufgabe des Den neuen Quartieren fehlen die Zentren, der formen, neue Investitionslogiken mit in die Reali­
lität, urban, produktiv. Aber wenn wir fragen: Wie Städtebaus darin, diese „Stadt für alle“ weiterzu­ Kern – überhaupt die Idee, wie das Ganze zu- sierung hereinholen. Und diese Impulse, die da
sammenhält. in der Praxis entstehen, die müssen wir auch an
Baum Man muss unterscheiden, auf welchen die Hochschulen zurückspielen und von dort
Ebenen man hier diskutiert. Denn wie läuft das in aus weitertreiben. Also die kleinen Keime in den Rudolf Scheuvens
Professor für Örtliche Raumplanung und Stadtentwicklungsplanung, ist seit 2013 Dekan
der Praxis? Wir machen integrierte Vorschläge, Blick nehmen, die nicht das System von heute der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien. Er ist Mitbegründer des Wiener
und dann kommt der Entwickler und sagt, der auf morgen ändern, aber die einen Beitrag dazu Büros Raumposition Scheuvens I Allmeier I Ziegler OG.
Markt möchte aber etwas Anderes. Da stößt man leisten, dass wir Korrekturen vornehmen können
schon an enorme Grenzen. Eine andere Grenze an dem System. Auch hier zeigt sich die Bedeu­
sehe ich darin, dass man sich als Bürger an der tung einer disziplin- und institutionenübergreifen­ Auszüge aus der Masterar­
beit „Die urbane (Re)Integra­
Gestaltung und dem Alltag einer Stadt auch be­ den Zusammenarbeit.
tion Wiener Spitäler“ von
teiligen muss und sich nicht nur als Konsument Reicher Diese Diskussion macht deutlich, dass Magdalena Maierhofer (Gra­
verstehen kann. Ich denke, es liegen viele gute unser Anliegen in der Lehre auch eine gesell­ fiken), future.lab der Fa­
schaftliche Entwicklungsarbeit umfasst in dem kultät für Architektur und
Ideen auf dem Tisch, die wir in der Lehre anwen­
Raumplanung der Techni­
dungsorientiert vermitteln und die man dann Sinne, dass wir gute Bilder für die Zukunftsstadt schen Universität Wien
gesellschaftlich diskutieren muss. Dabei wäre nicht nur entwerfen, sondern auch vermitteln
mehr Bereitschaft nötig, auch Alternativen um­ müssen. Als Planer sind wir aufgerufen, die Ver­
zusetzen. Sonst landet man immer wieder beim änderung zu gestalten. Doch dann sehen wir
Blockrand als offensichtliche Allheilmethode un­ heute, dass dort, wo es um Verdichtung und
serer Probleme. Wachstum geht, ganz schnell großer Widerstand
Molestina Wer baut heute eigentlich die Stadt? von vielen Seiten entsteht. Diejenigen, die von
Ich will auf die Wortwahl aufmerksam machen, Veränderung betroffen sind, sehen im Neuen
die wir heute verwenden und die deutlich macht, fast immer das Schlechtere gegenüber dem Ist-
wer die Macht hat bei der Entwicklung der Stadt. Zustand. Daraus resultiert für uns eine Aufgabe,
Wir sagen heute ganz selbstverständlich: „Die die weit hinausgeht über die Diskussion eines
Projektentwickler und die Investoren bauen die Leitbilds – sei es die Produktive Stadt oder die
Stadt.“ Kaum jemand spricht davon, dass die Bürgerstadt. Diese Aufgabe handelt vom „guten
Stadtverwaltungen und die Stadtplanungsämter Raumzustand“ vor Ort, vom Aushandeln einer
die Städte planen. Sie verwalten eher. Es fehlt al­ Balance zwischen den Gebieten, die eh schon
so heute, was in Deutschland nach dem Zweiten bis zum Limit verdichtet sind, und den anderen
Weltkrieg gang und gäbe war: Dass die Städte Gebieten, die sich, auch vor dem Hintergrund
Kaye Geipel von sich auch zugestehen, die Gestaltung der Stadt der ökologischen Rahmenbedingungen, verän­
der Bauwelt-Redaktion beeinflussen zu können. Ich finde, wir sind heute dern können und auch müssen. Diese Balance

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zwischen unterschiedlichen Aggregatzuständen Zahlen in integrierten Lagen entwickeln. In Ham­ legungen die Studierenden für ihren Übergang werfen sowohl Zukunftsbilder im Raum als auch
sollten wir mit engagierten, positiven Bildern von burg, aber auch München, gehen sie deshalb wie­ ins Berufsleben motivieren. Prozesse entwickeln, und das ist absolut ent­
Zukunft verbinden und zeigen, wohin die Reise der an die Stadtränder, müssen mit hohen Dich­ scheidend. Stadt entwickeln, ohne Stadt zu ent­
geht. Und ich muss sagen: Da sind mir die Bilder, ten Quartiere bauen, was eigentlich niemand Klingbeil Dass wir uns heute wieder intensiv werfen – das geht nicht.
die wir heute anbieten, manchmal zu antiquiert. will. Wenn Sie die Politiker oder die Stadtverwal­ mit Zukunftsideen der Stadtentwicklung aus- Reicher Für mich geht es ganz stark darum,
tung, die Stadtplaner oder die, die die Projekte einandersetzen, hätte vor zehn Jahren noch konzeptionelles Denken zu lehren. Das kann ei­
Geipel Wie könnten denn diese glaubwürdigen machen, fragen – eigentlich möchte das keiner kaum jemand für möglich gehalten. Was gehört ne Raumstrategie sein oder die Definition eines
Bilder aussehen? Ich erinnere mich, das ist ei- machen! Wo kann eine Stadt wirklich integriert für Sie in die Mitte der Lehre von Urban Design? Stadtbausteins, das kann ein Raumbild sein
nige Jahre her, an eine Diskussion über die Zu- und urban wachsen? Das ist eine Frage, die ich Schon die unterschiedlichen Bezeichnungen oder ein klassischer städtebaulicher Entwurf.
kunft von Freiham, einem großen Entwicklungs- im Moment nicht beantworten kann. Die Flächen Ihrer Fachbereiche, in denen mal von Urban Aber es braucht auf jeden Fall diese konzeptio­
gebiet in München. Da wurde noch vor den oder die Projekte, die wir aktuell umsetzen, wer­ Design und von Städtebau, mal von Architektur nelle Komponente. Darüber habe ich auch mit
einzelnen Wettbewerben über das Gesamtkon- den das so nicht sein. und Stadtplanung die Rede ist, deuten auf ein meinen Kollegen von der Raumplanung heftige
zept diskutiert. Um das Ganze der Bevölkerung Ich beobachte gerade, dass sich das Ansehen weites Spektrum. Ist die entscheidende Klam- Diskussionen geführt, die für sich gesagt haben,
schmackhaft zu machen, hatte man eine er- unseres Berufs in der Öffentlichkeit gewaltig än­ mer, die alles zusammenhält, die Tätigkeit im Zentrum einer Masterarbeit liegt die Analyse
folgreiche Agentur aus Wien beauftragt, Bilder dert. In den 70er und 80er Jahren hatten wir ein des Entwerfens? Und was muss die Lehre des und nicht die Konzeption. Die Analyse ist das,
für diese Stadterweiterung zu entwerfen. Das gutes Image. Im öffentlichen Ansehen waren das städtebaulichen Entwerfens beinhalten? was ich brauche, um ein Fundament für die Kon­
Interessante an diesen Visualisierungen war viele gute Menschen, die Stadtplanung machten. Scheuvens Immer wenn der Begriff des „Ent­ zeption zu haben. Und das konzeptionelle Denken
aber – mir blieb damals der Mund offen stehen Mittlerweile sind wir ganz woanders gelandet. wurfs“ ins Spiel kommt, muss ich etwas schmun­ ist die Basis für den städtebaulichen Entwurf.
–, dass dabei ständig von Urbanität geredet Wir sind eher die bösen Buben. Und angesichts zeln, weil jeder in seinem Bereich das Entwerfen Neppl In Karlsruhe ist es für uns eigentlich selbst­
wurde, aber auf den Bildern gab es nirgendwo der Realität klafft da eine große Glaubwürdig­ anders definiert. Wir schreiben gerade in Wien verständlich, dass die Studierenden vom ersten
Stadt zu sehen. Es gab einfach keine Gebäude. keitslücke. Wenn man sich die Wahlversprechen die Städtebau-Professur aus. Ganz wichtig ist Semester an in Projekten, Entwürfen und ver­
Es gab viel Grün, viele Terrassen, es gab viele ansieht, dann steht doch auf allen Wahlplaka­ uns hier die Entwurfskompetenz, die wir als Brü­ schiedenen Maßstäben unterrichtet werden.
Leute, und das Ganze war mit großem Geschick ten: Wir engagieren uns für mehr Wohnraum, cke zwischen der Architektur und der Raum­ Das Problem stellt sich eher anders herum. Die
so gemacht, dass es sehr urban wirkte. Wie bessere Wohnkonzepte, mehr Urbanität! Aber planung, als Brücke zwischen den räumlich ge­ Studenten sind häufig, wenn es um komplexe
sehen denn Zukunftsbilder aus, die zeigen, wo- ich kenne kein einziges der großen Projekte in stalterischen und den instrumentellen und pro­ Aufgabenstellungen geht, viel zu schnell dabei,
hin die Reise geht? Deutschland, wo man sagen könnte, diese wun­ zessualen Aspekten sehen. Die Entwurfskompe­ es konkret aufs Papier zu bringen. Ohne Frage
Neppl Meine Sicht ist da ein Stück pessimisti­ derbaren Urbanitätsbilder werden erreicht. tenz muss über rein stadtgestalterische Anlie­ gehört der städtebauliche Entwurf in den Mittel­
scher. Viele Städte stehen unter enormem Wachs­ gen hinausgehen. Entwerfen übernimmt dabei punkt. Mittlerweile merke ich aber, wenn wir die
tumsdruck, können aber nicht die geforderten Urbanitätsversprechen der Lehre die Rolle einer Positionsbestimmung. Studierenden in Situationen bringen, wo sie sich
Wie kann ein solcher Vorgang mit der zeitli­ nicht auskennen, dann sind sie gar nicht in der
Klingbeil Angesichts dieser Größenordnungen chen Komponente in Verbindung gebracht wer­ Lage, sofort einen Entwurf zu machen.
Christa Reicher
und unseres Themas „Stadt lehren“ frage ich: den, mit der Gestaltung von dynamischen Ver­ Sie müssen zuerst das ganze Drumherum ver­
Architektin und Stadtplanerin, ist seit 2018 Professorin für Städtebau und Entwerfen und
Was gibt man dann den Studierenden mit? Wel- änderungsprozessen? Wir trimmen die Leute stehen, sie müssen sich in die verschiedenen Direktorin des Städtebau-Instituts an der RWTH Aachen. In Aachen gründete sie 2007
che Leitsätze, welche Aufgabe, welche Ideen darauf, in Containern zu bleiben, und dann wird Aufgaben hineindenken und mit verschiedenen zusammen mit Joachim Haase das Büro RHA Reicher Haase Assoziierte GmbH.
kriegen sie für diese vielfältige Problematik der am Schluss eine Prüfung gemacht und abge­ Akteuren zusammentreffen. Dafür sind Projekt­
Stadt an die Hand? hakt. Nötig wären aber andere Formate, wo das aufgaben in kleinen Städten super, weil es da
Reicher Neulich wurde an uns herangetragen, Entwerfen der Kern sein kann, in den viele andere passieren kann, dass auch der Bürgermeister mal
Kirsten Klingbeil von der wir sollten uns an der Uni doch mal wieder mit ei­ Disziplinen hereinspielen. Systemtheorie und mit am Tisch sitzt. Uns fällt also in der Architek­
Bauwelt-Redaktion ner neuen Stadtgründung beschäftigen, auf ei­ Städtebau müssen zusammengedacht werden. turfakultät auch die Rolle zu, zu zeigen, dass es
nem Areal südlich von Düsseldorf, und ich habe Stadt ist kein Produkt, das man so eben auf die eben nicht immer sofort und schnell um den gro­
mir dann überlegt: Ist das wirklich die passende Wiese stellt und sagt, jetzt ist es fertig. Deshalb ßen räumlichen Entwurf gehen muss, sondern
Aufgabe für unsere Situation im 21. Jahrhundert, habe ich auch immer meine Schwierigkeiten mit dass es noch eine ganze Menge Dinge drumher­
eine neu zu gründende Stadt zu entwerfen? Urbanitätsversprechen, die allein aus städtebau­ um gibt. Aber in der Tat: Am Schluss steht bei
lichen Entwürfen heraus formuliert werden. Ar­ Urban Design der Entwurf.
Auszüge aus einem städte­
Klingbeil Für Studierende hört sich das doch chitekten verkennen dabei gern, dass es enorm
baulichen Konzept für die
prima an. Endlich mal wieder! viele Partner und Angebote braucht, damit Geipel Wie sehen Sie das in Ihrem Studium an Erneuerung des Stadtteils
Reicher Als ich die Idee in den Raum geworfen schließlich Urbanität herauskommt. der Uni Kassel, Frau Meckbach? Was sind Plekhanov in Tiflis; Entwurf
Ihre Erwartungen? Geht es mehr in Richtung von Marie Enders (Grafiken),
habe, gab es tatsächlich ganz viele Studierende,
Reallabor Tiflis der RWTH
die sagten: Das wollen wir machen. Ich denke, Viel Entwurf, zu wenig Konzept? „Entwerfen“ oder geht es mehr in Richtung Aachen in Kooperation mit
das Positive ist, dass wir uns heute wieder in die „konzeptuelles Denken“? der TU Berlin
Zukunft orientieren und uns Gedanken machen: Baum Ich verwende den Begriff „Städtebau“ Meckbach Ich wollte bereits widersprechen. Ich
Wie könnten denn zum Beispiel Szenarien für ein selbst sehr gern, weil er für mich genau diese finde es, wie von Herrn Neppl erwähnt, als nach­
lebenswertes Dortmund 2040 aussehen? Also Schnittstelle einer Mittlerin zwischen Architektur teilig, dass der Städtebau sehr entwurfslastig
beispielsweise Konzepte entwickeln, die den Au­ und Stadtplanung beschreibt. Er macht auch ist. Für mich werden in diesen Entwurfsprozes­
toverkehr ganz aus der Stadt herausnehmen deutlich, dass wir über alle Maßstäbe hinweg den­ sen zu wenige Fragen an den Raum gestellt. Es
und zur Vorgabe haben, dass sich die Stadt auto­ ken. Für mich ist das Entwerfen eines unserer dominiert das Gestalterische, und das Konzep­
nom aus ihrem unmittelbaren Umfeld heraus er­ Alleinstellungsmerkmale, es ist eine Methode, die tuelle kommt zu kurz. Ich kann es kaum noch er­
nährt. Das sind Aufgaben, die kann man im Sinne uns klar von den anderen Disziplinen unterschei­ tragen, wenn am Ende des Semesters ein Ren­
von visionärer Zukunftsidee schon stellen, und det, die alle auch an der Entwicklung von Stadt dering nach dem anderen an die Wand gehängt
man merkt dann auch schnell, dass solche Über­ beteiligt sind. Aber wir können durch das Ent­ wird – Bilder, die man alle nicht mehr nachvollzie­

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hen kann, weil man keinen Hintergrund dazu Die beispielhafte Studen­ haben es in Karlsruhe zum Stadtjubiläum so ge­ ein Korrektiv aus der Politik, aus der Praxis gibt.
tenarbeit, die von der
geliefert bekommt. Das Konzeptuelle müsste die macht. Wir haben zusammen mit der Stadt fast Zweitens stelle ich fest, dass sich Forschung in Unsere Schlussfrage gilt dem einen Buch, so-
Peter Behrens School of
Basis sein für den Städtebau, und das führt dann Arts ausgewählt wurde, vier Jahre lang ein räumliches Leitbild entwickelt. 1 den letzten Jahren gravierend verändert hat. zusagen der „Mao-Bibel“, die die Diskussions-
sicherlich auch zu guten Entwürfen. befindet sich auf Seite 32 Das war nur deshalb möglich, weil wir als Univer­ Das, was wir jetzt unter anwendungsbezogener teilnehmer den Studierenden empfehlen, um
sität relativ unverdächtig waren, den Auftrag ha­ Forschung, Reallabor und so weiter verstehen, für die Umbrüche im Beruf gewappnet zu sein.
Geipel Sie arbeiten momentan in Kassel an ei- ben zu wollen. Wir konnten in Kooperation mit das war früher etwas verpönt. Es war das, was
nem selbständig von Studierenden organisier- Büros aus der Praxis und mit der Öffentlichkeit die Fachhochschulen gemacht haben, es war Markus Neppl Ich empfehle den Text eines Pla­
ten Seminar „Forschendes Lernen“, und Sie relativ unabhängig agieren. Wir konnten auch keine klassische Wissensgenerierung im Sinne nungstheoretikers, der in Stuttgart an der Ar­
beschäftigen sich mit der Aufarbeitung von viele Akteure der Stadt in der Uni an den Tisch ho­ von Grundlagenforschung. chitekturfakultät unterrichtet hat: Walter Schön­
„50 Jahren Stadtplanungsideologien in Deutsch- len und sagen: Lasst uns über gewisse Probleme Ich bin froh, dass wir jetzt mehr so eine Art wandt: „Komplexe Probleme Lösen: Ein Hand­
land“. Welche Erfahrungen machen Sie da? offen reden. Klar ist, bei einem solchen Projekt Kreislaufdenken haben: Wir nutzen das, was wir buch“.
Meckbach Das Lehrformat „Forschendes Ler­ darf das Pendel nicht zu stark in eine Richtung in der Forschung machen, speisen es in die Leh­
nen“ gibt es seit 2013, und es befähigt Studieren­ ausschlagen, dann kommen die Berufsverbän­ re ein, und von dort kommt es dann auch wieder Christa Reicher Mein Buch kommt von Richard
de mit wissenschaftlichen Methoden zu experi­ de, und es gibt ein Riesentheater. Aber ich glau­ zurück. Und ich halte es für sehr sinnvoll, dass Sennet: „Die offene Stadt“. Sennet wollte es,
mentieren. Wir versuchen in diesem Jahr, den be, bis zu einer gewissen Grenze sind solche viele jetzt ausgeschriebene Forschungsprojekte soweit ich weiß, eigentlich „Der Städtebau“ nen­
Städtebau der letzten 50 Jahre zu reflektieren, und Projekte sinnvoller als die völlig eigenständige genau diese Rückkopplung wollen und die Ver­ nen. Er hat sich dann aber anders entschieden.
es wird im Oktober ein Symposium zur Planungs­ Forschung im angelsächsischen Sinn. ankerung in der Praxis auch einfordern. „Urban Ich hätte es besser gefunden, wenn er bei dem
lehre geben. Bei der Arbeit wurde deutlich, dass Research“ ergibt auf diese Weise viel mehr Sinn, ursprünglichen Titel geblieben wäre.
auch bei uns am Fachbereich zu wenig diskutiert Klingbeil Das gilt dann auch für andere ko­ als das noch vor zehn Jahren der Fall war. Wir
wird: Was war „Best Practice“ in den letzten 50 operative Projektformate, an denen die Unis brauchen keine Schubladenergebnisse, sondern Rudolf Scheuvens Meine Empfehlung geht in
Jahren, was brauchen wir und was brauchen wir beteiligt sind? wir brauchen ein Weiterkommen beim Spiegeln eine andere Richtung: Ariane Leendertz: „Deut­
nicht mehr? Diese Erfahrungen sollten auf die Neppl Vor zehn Jahren noch war Forschung in und Gestalten der gesellschaftlichen Veränderun­ sche Raumplanung im 20. Jahrhundert“. Behan­
Lehre übertragen werden. Allerdings kann das der Architekturfakultät eher etwas im Bereich gen im Raum. delt wird die Geschichte der Raumplanung in
„Forschende Lernen“ nur einen Teil abdecken, es Bauphysik oder ausgefallene Konstruktionen. Deutschland. Es geht um Kontinuitäten und Brü­
ist ein Modul, in dem wir die Möglichkeit haben, Das hat sich stark verändert, natürlich auch In einem Boot che und um die Rolle der Raumplanung im Nati­
solche Fragen zu reflektieren. durch den Druck, der an vielen Universitäten auf onalsozialismus. Das Buch ist eine Anregung,
Baum Jedem Entwurf liegt eine tiefgreifende Aus­ die Fakultäten zugekommen ist hinsichtlich Klingbeil Und wie bringt man die vielen Akteure, das Selbstverständnis der Raum- und der Stadt­
einandersetzung mit dem Ort zugrunde, sonst Drittmittel und internationaler Sichtbarkeit. Im die bei solchen komplexen Lehrprojekten ja planung, aber auch die eigene Position als Planer
kommt man gar nicht zu einem Entwurf. Ich glau­ Bereich städtebauliche Entwicklung und Urban dann um einen Tisch sitzen, unter einen Hut? zu hinterfragen.
be, das wird auch jeder gute Architekt so unter­ Design gibt es inzwischen überzeugende Pro­ Da hätten wir gerne noch eine Anregung.
schreiben. Und es bedarf der ortsbezogenen jekte, die die Unis machen, zum Beispiel in der Molestina Ich würde mir wünschen, dass die Martina Baum Ich empfehle: Herman Hertzber­
Juan Pablo Molestina
Analyse, auch der Synthese dieser Analyse, um Frage der Partizipation und Beteiligung vieler Ak­ Leute, die mit uns als Lehrenden zu tun haben, ger: „Lessons for Students in Architecture“.
Professor für Gebäudelehre und Entwerfen an der Peter Behrens School of Arts (HSD) in
zu Entwurfsgedanken zu kommen. Es werden Düsseldorf, ist seit 2011 dort auch Dekan. 2007 gründete er das Büro Molestina Architek­ teure. Es gibt mittlerweile die Reallabore, die ich das Gefühl haben, dass sie etwas verändern Hertzberger bringt es fertig, zugleich über kleins­
dabei nicht überall „urbane Quartiere“ entstehen. ten mit Sitz in Köln und Madrid. wirklich gut finde, weil die tatsächlich auch über können. Und dass sie berechtigt sind, diese Ver­ te Elemente der Stadt nachzudenken und umge­
Je nach Ort geht es um andere Typologien. Da­ entsprechende Mittel verfügen, um etwas aus­ änderungen auch in die Hand zu nehmen. kehrt aus der Stadt als Ganzes architektonische
bei geht es nicht in jedem Fall um lebendige Erd­ zuprobieren. Ich halte das für eine positive Ent­ Neppl Mein Wunsch wäre, dass sich in den Fakul­ Antworten zu formulieren. Ein absoluter Klassi­
geschosszonen, genauso wichtig sind gut aus­ wenden: Wir haben gerade das und das Pro­
ren Disziplinen zusammenzuarbeiten, auch nut­ wicklung, die ausbaufähig ist. täten die Vorstellung durchsetzt, dass man in ker – muss man gelesen haben!
gebildete Freiräume und Orte und Möglichkeit der blem – könnt ihr nicht eine entsprechende For-
zen zu können und beim Durcharbeiten der Kon­ Scheuvens Ich habe einerseits ein Problem da­ einem Boot sitzt. Das hört sich jetzt furchtbar ba­
Begegnung auch dort, wo wenig passiert. zepte auch mal scheitern zu können. schung, eine entsprechende Entwurfsaufgabe mit, wenn die Hochschulen in puncto Forschung nal an, aber wer sich die zersplitterten Diskus­ Pablo Molestina Mir hat folgendes Buch die
Molestina Ich stimme zu: Man muss einen kriti­
ausgeben? Wie stehen Sie zu solch einer „an- missbraucht werden, weil es billiger ist, Studen­ sionen vor Augen führt, die wir angesichts der Augen geöffnet: John F. C. Turner: „Housing By
Geipel Also ein starkes Plädoyer für ein projekt- schen Blick und historischen Tiefgang entwi­gewandten Forschung“? ten daran arbeiten zu lassen als die Aufträge an vielen Herausforderungen der Stadtentwicklung People: Towards Autonomy in Building Environ­
gebundenes städtebauliches Entwurfsver- Neppl Ich finde, dass die Universität einen enor­
ckeln. Aber das kann nur parallel zum Entwurf Büros zu geben oder dazu einen Wettbewerb heute führen, hält das für keine Selbstverständ­ ments“. Turner schafft die Brücke hin zur Wahr­
ständnis in der Lehre. Was Sie, Frau Meckbach, erfolgen. Ich behaupte nicht, dass es der einzige
men Vorteil hat, weil ihr bei solchen Aufgaben auszuschreiben. Andererseits kann es für beide lichkeit. Dass man also sagt, wir sind gemeinsam nehmung von Wohnen aus der Sicht von Nicht-
gerade angesprochen haben, weist noch in denkbare Weg ist. Aber die relativ kurze Zeit für
die Rolle zufällt, anders zu denken als die Büros, Seiten unglaublich wertvoll sein, wenn solche verantwortlich für das, was sich in den Städten Architekten, die sich gesellschaftliche Sicherheit
eine andere Richtung. Sie vermissen eine Eva- die Ausarbeitung der Entwürfe entspricht, wie er­
die beauftragt sind, oder als die Stadtverwaltun­ Aufgaben aus einer stark treibenden Neugierde verändert. Und wir stellen uns dem auch gemein­ und materiellen Wohlstand wünschen und daran
luierung der zurückliegenden Erfahrungen der wähnt, eben auch den realen Bedingungen. gen, die immer auch in einem politischen Kontext heraus entwickelt werden. schaftlich. Das bedeutet dann auch, dass nicht in Südamerika nicht beteiligt werden. Auf der
Stadtplanung. Ließe sich ein solch historisch- unterwegs sind. Ich finde, das wird in Deutsch­ Baum Wir praktizieren in Stuttgart transdiszipli­ jeder, im Sinne einer Meisterklasse, den komplet­ anderen Seite spricht er von dem großen Poten­
kritisches Verständnis besser in den städtebau- Realitätsnah Forschen land ganz gut gehandhabt. Kurzer Exkurs: Unse­ näre Forschung. An solchen Projekten sind nicht ten Kosmos unterrichtet. Damit es dazu kommt, zial, das Städte in sich bergen, um diesen Reich­
lichen Entwurf integrieren? re Universität in Karlsruhe ist von Weinbrenner nur unterschiedliche Fachdisziplinen dabei, son­ braucht es sehr viel Beschäftigung miteinander, tum an alle Schichten weiterzugeben.
Meckbach Ich denke, dieses Über-den-Teller­ Geipel Welche Rolle spielt bei diesem Lernpro- und Tulla mit dem klaren Auftrag gegründet wor­ dern auch die Zivilgesellschaft, die Städte mit nicht nur an der Hochschule, sondern auch in
rand-Schauen wünschen sich viele Studierende. zess die universitäre Forschung? Wir haben bei den, Konzepte für die Weiterentwicklung der den Stadtverwaltungen, Unternehmen. Und die­ den verschiedenen Berufsfeldern, in den Verbän­ Philine Meckbach Als Buch empfehle ich „Wider
Wenn wir aber am Anfang verschiedene Kon­ der Vorbereitung dieser Ausgabe festgestellt, Stadt zu entwickeln. Das ist immer noch bemer­ se Forschungsprojekte sind dann auch unmittel­ den und in den Städten selbst. den Methodenzwang“ von Paul Feyerabend.
zepte vergleichen und dabei noch transdiszipli­ dass es längst einen Bewusstseinswandel ge- kenswert, auch wenn das inzwischen in Verges­ bar mit der Lehre verknüpft. 2 Feyerabend sagt: „Anything goes“ und fordert,
när arbeiten wollen, dann bedeutet das, dass geben hat. Wenn an den Architektur- und Städ- senheit geraten ist. Die ursprüngliche Idee war, Reicher Beim Thema „Urban Research“ an den dass es keine Regeln und Methoden geben darf,
wir mehr Zeit brauchen. Man kann keine umfang­ tebaufakultäten realitätsnah geforscht wurde, dass eine Stadt gesagt hat: Wir gönnen uns eine Hochschulen muss man eine Reihe von Fragen wenn es um Erkenntnisgewinn geht. Alles ist
reichen Evaluierungen und Analysen in acht Wo­ dann hat man das vor einigen Jahren noch mit Uni, und die Uni kriegt diesen Auftrag! auseinanderhalten. Erstens kann es nie um ein­ erlaubt. Für mich ebenso wichtig ist: „Die Konsul­
chen abarbeiten. Ich weiß, dass die Bedingungen skeptischen Augen verfolgt, vor allem von der Ich finde diese Idee auch heute noch interes­ fache Auftragsarbeiten gehen. Universitäten 1 „Auf dem Weg zum räumlichen Leitbild Karlsruhe“, KIT tative“ von Claus Leggewie und Patrizia Lanz,
draußen in der freien Marktwirtschaft noch weit­ Praxis her. Stichwort: Konkurrenz und so weiter. sant, zu sagen, wir brauchen den akademischen brauchen einen geschützten Raum, sie brauchen Verlag 2015 weil dort besprochen wird, wie man mit mehr Be­
aus härter sind. Aber für das Studium sehe ich Inzwischen scheint es fast üblich zu sein, dass Raum, um gewisse Dinge auszuprobieren, zu Freiheit, sie müssen unbefangen die Fragen stel­ 2 „Future City Lab – Reallabor für nachhaltige Mobilitäts­ teiligung die Stadt anders gestalten könnte.
es als zentrale Aufgabe, die Synergien, mit ande­ Stadtverwaltungen sich an „ihre“ Universitäten hinterfragen, zu reflektieren, zu diskutieren. Wir len können: „Was wäre wenn...?“, ohne dass es kultur und Reallabor Stadt:quartiere 4.0“

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