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50 Thema Segregation Bauwelt 48 | 2012 StadtBauwelt 196 | 2012 51

Blick auf Stuttgart. Hier foto­


grafierte Alen Stanojevic für
Durch die Privatisierung kommunaler Wohnungsbestände und die zahlenmäßige Redu-
sein Projekt „100 Strangers“ zierung von Sozialwohnungen wurden deutsche Städte wesentlicher Instrumente be-
die Menschen, deren Porträts
diesen Beitrag illustrieren. raubt, um die soziale Mischung ihrer Bewohner aktiv zu steuern. Welche Möglichkeiten
Foto: Frederik Schrader
bleiben Kommunen und Wohnungsunternehmen zur positiven Einflussnahme? Welche
Städte setzen auf welche Mittel? Und auf welcher Ebene lohnt es überhaupt, sich ein-
zumischen: im Quartier, im Block oder sogar im Haus? Ein Überblick.

Einmischung – wie deutsche Städte


die soziale Mischung fördern
Text Tilman Harlander, Gerd Kuhn * Fotos Alen Stanojevic

* Dieser Text ist die gekürzte Kommunen und Wohnungswirtschaft fühlen sich überwie- ger als die Hälfte der zuzugswilligen Ausländer fiel unter die
Fassung eines Forschungs- gend einer integrativen Politik der sozialen Mischung ver- Regelungen – als nicht praktikabel; außerdem wurde sie durch
beitrags der Autoren zu einer
pflichtet. Doch verfügen sie auch über geeignete Instrumente, illegalen Zuzug unterlaufen. Bereits 1977 hob der Bund die
Studie der Wüstenrot Stiftung,
siehe Harlander, T.; Kuhn, G.,; diese durchzusetzen? Und wie gehen verschiedene Städte mit Zuzugsregelungen wegen des unverhältnismäßig großen bü-
Wüstenrot Stiftung (Hg.): So- den verschiedenen Steuerungsmöglichkeiten um? rokratischen Aufwandes – bezeichnenderweise nicht wegen
ziale Mischung in der Stadt,
ihres diskriminierenden Charakters! – wieder auf. In Berlini
2012, S. 386–407. Wir danken
der Wüstenrot Stiftung für Diskriminierung oder Pragmatismus? Zuzugssperren wurde die Zuzugssperre für Kreuzberg, Tiergarten und Wed-
die freundliche Genehmigung und Quotierungen ding allerdings erst 1990 außer Kraft gesetzt – wohl als Zuge-
zum Abdruck.
ständnis an die „Überfremdungsängste“ der Zeit, wie die Sozi-
Ein früher Versuch, eine soziale Mischung auf Quartiersebene alwissenschaftlerin Sibylle Münch vermutet.
zu erreichen, waren sogenannte Zuzugssperren – d.h. das Ver- Obwohl Zuzugssperren nicht mehr angewandt werden,
bot des Zuzugs in ein Quartier für eine bestimmte, schon „aus- sind in den Kommunen bis heute Quotierungen durchaus üb-
reichend“ vertretene Bevölkerungsgruppe. Eine Bund-Länder- lich. Sie legen, mehr oder weniger offen, Grenzen fest, bis zu
Vereinbarung von 1975 legte fest, dass Städte und Landkreise, denen kommunale bzw. ehemals gemeinnützige Wohnungen
deren Ausländeranteil mit 12 Prozent doppelt so hoch lag wie mit Menschen aus besonders benachteiligten Gruppen belegt
der Bundesdurchschnitt, zu „überlasteten Siedlungsgebieten“ werden. „Mehr oder weniger offen“, da derartige Quotierungen
erklärt und mit einer Zuzugssperre belegt werden konnten. rechtlich problematisch nah an einer gesetzlich verbotenen
Die Maßnahme war, wie „Die Zeit“ schrieb, nach dem 1973 Diskriminierung aufgrund von ethnischer Herkunft, Religion,
verhängten Anwerbestopp ein zweiter Schritt, um „mit dem Geschlecht, Alter oder Behinderung vorbeischrammen. Errei-
Zustrom von Ausländern fertig zu werden“. Trotz der Härten chen sollen sie eigentlich das Gegenteil: ihnen liegt das Bemü-
beim Nachzug von Familienangehörigen und der prinzipiel­­ hen zugrunde, auf pragmatische Weise die ebenfalls rechtlich
len rechtlichen Probleme (Kollision mit dem Recht auf freie geforderten „ausgewogenen“, „sozial stabilen Bewohnerstruktu-
Wahl des Wohnsitzes) hatten bis Anfang 1977 55 westdeut- ren“ zu schaffen und monostrukturierte Gebiete zu vermeiden.
sche Städte eine derartige Sperre verhängt. Doch sie erwies sich Das Problem dieser unbestimmten Rechtsbegriffe liegt darin,
vor allem wegen der zahlreichen Ausnahmegenehmigungen dass sich „ausgewogene Bewohnerstrukturen“ streng genom-
für einzelne Branchen, Regionen und Nationalitäten – weni- men „weder zu Programmen und Maßnahmen operationali-
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sieren noch als meßbarer Effekt evaluieren“ lassen, so der So- entgegenzuwirken: 80 Prozent der Mieter eines Wohnblocks
zialforscher Peter Bartelheimer. Die Gratwanderung zwischen sollen EU-Bürger sein, maximal 20 Prozent dürfen aus Dritt-
integrativer Mischungspolitik und diskriminierender Ausgren- ländern stammen. Damit sollen, so der von CDU, FDP, DVU
zung ist also in der Praxis schwierig und konfliktreich. und Freien Wählern 2003 eingebrachte Antrag, „einseitige und
Entsprechend umstritten ist das bekannteste Beispiel für somit integrationshemmende Belegungsstrukturen vermieden
eine solche Quotierung, der sogenannte „Frankfurter Vertrag“, werden“. Dies entspricht den Zielen des mehrfach national wie
der 1999 in Kraft trat (nach Vorläufern seit 1974). Der Vertrag international ausgezeichneten Stuttgarter „Bündnisses für In-
ist eine Kooperation von Kommune und Wohnungsunterneh- tegration“, das Ghettoisierungsprozesse und ethnische Segre-
men in Frankfurt. Er soll auch nicht (mehr) öffentlich geför- gation vermeiden bzw. sozial gemischte Bevölkerungsstruk­
derte Wohnungen für eine „sozial verträgliche Belegungspoli- turen herstellen will. Eine konsequente Umsetzung der ge­­- Albrecht Corinna Irfan Deborah
forderten Belegung ist allerdings bei der Mieterstruktur der
SWSG – etwa die Hälfte der Mieter sind Ausländer, viele davon
Grenzwerte für bestimmte Bevölkerungs­ Türken – schon allein von den Zahlenverhältnissen her in der
Praxis schwierig.
gruppen sind durchaus üblich – obwohl sie Für die meisten Wohnungsunternehmen ist ohnehin
nicht die ethnische Segregation das brennendste Problem. Erst
streng genommen diskriminierend sind wenn sich ethnische und soziale Segregation überlagern, so
eine häufig geäußerte Ansicht, entstehen echte Problemquar-
tiere. Dann allerdings, dies hebt Bernd Hunger vom Bundes-
1 Die Nassauische Heim- tik“ nutzbar machen. Die Wohnungsunternehmen dürfen die verband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen
stätte ist in öffentlicher Hand
Bewerber für diese Wohnungen zwar selbst auswählen, sie ver- GdW hervor, dürfe die Wohnungswirtschaft nicht allein ge-
und verwaltet ca. 63.000
Mietwohnungen in Hessen. pflichten sich aber, „vorrangig sozialwohnungsberechtigte Be- lassen werden – dies wäre eine „völlige Überforderung“. Aus
2 Die Stuttgarter Wohnungs- werber zu berücksichtigen sowie auf die Erhaltung/Schaffung der Sicht des GdW komme – durchaus auch im Sinne ökono-
und Städtebaugesellschaft ist
einer ausgewogenen Mieterstruktur zu achten“. Als „sozial mischer unternehmerischer Interessen – der Pflege „funktio-
kommunal getragen, sie be-
sitzt ca. 18.300 Mietwohnun- verträgliche Belegung“ gilt dabei eine Mischung von 30 Pro- nierender Nachbarschaften“ bzw. der Erhaltung des „sozialen
gen und Gewerbeeinheiten. zent Ausländern, 15 Prozent Sozialhilfeempfängern, 10 Pro- Friedens“ im Quartier eine Schlüsselrolle zu. Allerdings könne
3 Die Städtische Wohnungs-
gesellschaft München, eine
zent Aussiedlern, 25 Prozent Bewerbern aus dem umgebenden es für die „richtige“ soziale Mischung keine allgemein gülti-
Tochtergesellschaft der Lan- Stadtteil und 20 Prozent freien Bewerbern. Allerdings wird an- gen Mischungsverhältniszahlen o.Ä. geben: „Das muss lokal
deshauptstadt, bewirtschaf­- gesichts einer Ausländerquote von 24,6 Prozent für die Ge- ganz unterschiedlich betrachtet werden.“ Miki Madame H.
tet ca. 26.800 Wohnungen.
samtstadt (2011) etwa die 30-Prozent-Quote für Ausländer in Ob in einem Wohnungsunternehmen Fragen der ethni-
zahlreichen Häusern und Siedlungen deutlich überschritten. schen, sozialen oder generativen Mischung im Vordergrund
Sie kann daher für die Unternehmen nur ein grober Anhalts- stehen, wird vor Ort sehr unterschiedlich gewichtet. In Mün-
punkt sein. Ohnehin werde, erklärte etwa Thomas Dilger, Ge- chen z.B. hat sich in den letzten Jahren, wie Hans-Otto Kraus, Hülya Tim
schäftsführer der Unternehmensgruppe Nassauische Heim- Geschäftsführer der GWG München3, berichtete, die Frage ei-
stätte Frankfurt am Main 1 im Interview, das Mischungsziel nes gelungenen Miteinanders von Jung und Alt in den Vorder-
„nicht nach vorgegebenen Richtlinien, sondern auf pragmati- grund geschoben (jenseits der Daueraufgabe, mit einem er-
sche, einzelfallbezogene Weise umgesetzt“. So liege der Mig- schwinglichen Wohnungsangebot für „breite Schichten“ zum
rantenanteil in den Wohnungen des Unternehmens bei über „Erhalt des sozialen Gleichgewichts in der Stadt“ beizutra­gen).
30 Prozent, bei Neuvermietungen sogar bei ca. 50 Prozent. Dies betreffe nicht nur die Verbesserung der Rahmenbedin-
Einen großen Schritt nach vorne macht das 2010 vom gungen für eine kinder- und familienfreundliche Entwick-
Frankfurter Magistrat verabschiedete neue „Integrations- und lung, sondern – mit Hilfe der Stadt München – auch neue, auf
Diversitätskonzept“. Anders als von Kritikern des Mischungs- die Wohnbedürfnisse älterer Menschen zugeschnittene Wohn-
ideals häufig unterstellt, sollen hier ethnische und soziale Un- formen wie etwa Demenz-Wohngemeinschaften.
terschiede nicht eingeebnet werden. Ganz im Gegenteil wird
eine Balance von „Integration und Diversität, von geteilter Ge- Am falschen Ende gespart: die Krise des sozialen
meinsamkeit und individueller Vielfalt“ angestrebt. Das soll Wohnungsbaus
u.a. erreicht werden mit einem effektiven Diversitätsmanage- Mando Thomas
ment und indem die Beteiligungsrechte und -möglichkeiten Mischung im Wohnen ist nur dann möglich, wenn nach
der Betroffenen ausgeweitet werden. Größe, Ausstattung und, vor allem, nach Preis geeignete Woh-
nungen für alle Schichten der Stadtbevölkerung zur Verfügung
Quotierung light: die Belegungssteuerung stehen. Die größte Hypothek für eine effektive Mischungspo-
litik liegt im unaufhaltsamen Rückgang des Sozialwohnungs- Kurt Osario
Auch in Stuttgart wird versucht, durch die Belegungspolitik bestandes. 1987 gab es noch etwa vier Millionen Sozialmiet-
der städtischen Wohnungsgesellschaft SWSG 2 Segregation wohnungen, um 2000 hatten sie sich bereits auf ca. zwei Mil-
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John Yassin Roswitha Manfred Peter

Ali Laura

Gerhardt Inka Cem Eva

Max Patryk Antonina

lionen halbiert und werden 2012 durch das Pestel-Institut nur


noch auf etwa 1,5 Millionen geschätzt. Das Dilemma ist in
– trotz anders lautender Zusicherungen. In einem Erfahrungs-
austausch des Deutschen Städtetags hierzu klagten die Städte
die Zahl von Haushalten mit Niedrigeinkommen und Trans-
ferleistungsbezug laufend. 2009 mussten allein rund 12 Pro-
1987 gab es ca. 4 Mio. Sozialwohnungen.
jeder deutschen Großstadt drastisch spürbar. Je nach kommu-
nalem Engagement stehen diesem Schwund manchmal ver-
u. a. über „erhebliche Mieterhöhungen, das Fehlen von An-
sprechpartnern für die Städte und Mieter, rückläufige bzw.
zent aller Haushalte unmittelbar finanzielle Hilfen für ihre
Wohnraumversorgung in Anspruch nehmen: Vier Millionen
2012 nur noch rund 1,5 Mio. Das ist eine
schwindend geringe Neubaukontingente gegenüber. Sie kön-
nen den Verlust in keiner Weise kompensieren. In Stuttgartl
ausbleibende Instandhaltungs- und Modernisierungsmaßnah-
men sowie die sinkende bzw. fehlende Bereitschaft, sich an
„Bedarfsgemeinschaften“ bezogen Unterkunftsleistungen nach
dem Sozialgesetzbuch, eine weitere Million Haushalte Wohn-
große Hypothek für die Mischungsförderung
etwa entstanden zwischen 2008 und 2010 gerade einmal 170 Maßnahmen zur Quartiersaufwertung zu beteiligen“. Oft wur- geld. Die Zahl armutsgefährdeter Personen insgesamt (Armuts-
neue Sozialmietwohnungen. den die Bestände auch weiterverkauft, zum Teil mehrfach. quote 2009: 15,6 Prozent) liegt noch viel höher. Ohne Zweifel hat das Thema soziale Wohnraumförderung auf
Auch der in Deutschland ab Ende der neunziger Jahre Doch es regt sich Widerstand. Der Verkauf von knapp Anfang der neunziger Jahre brachte der Deutsche Städte- kommunaler Ebene in den vergangenen Jahren wieder mehr
um sich greifende Handel mit großen „Mietwohnungsport­ 48.000 Wohnungen der Wohnungsbaugesellschaft in Dresdeni tag eine Quote von 20 Prozent belegungsgebundener Woh- an Bedeutung gewonnen. Dies hat nicht zuletzt mit dem ge­
folios“ ließ die Handlungsspielräume zahlreicher Gemeinden an den Investor Fortress löste eine große öffentliche Diskus- nungen am jeweiligen kommunalen Wohnungsbestand in die nerellen und grundlegenden Umbau der Wohnungspolitik
weiter schrumpfen. Insgesamt wurden zwischen 1999 und 2011 sion aus; die Privatisierung der Wohnungsbestände Freiburgsi Diskussion, um die Wohnungsversorgung der wachsenden im letzten Jahrzehnt zu tun. Die Zuständigkeit für die soziale
bei 332 Verkäufen von großen Wohnungsbeständen rund zwei 2006 wurde durch einen Bürgerentscheid verhindert. Das Gruppe einkommensschwächerer Menschen zu sichern. In- Wohnraumförderung wurde im Zuge der Föderalismusreform
Millionen Wohnungen verkauft; etwa jede fünfte stammte aus wachsende kritische Medieninteresse hat größere Wohnungs- zwischen würde man angesichts der immer weiter divergie- von 2006 vom Bund auf die Länder übertragen, die seitdem
Beständen von Kommunen oder Wohnungsunternehmen mit verkäufe politisch sehr viel schwerer durchsetzbar gemacht. renden Wohnungsmärkte wohl nicht mehr eine pauschale, für die Gesetzgebung und Finanzierung dieser Aufgabe zu-
kommunaler Mehrheitsbeteiligung. Allerdings sind sie in jüngster Zeit erneut wieder auf die Tages- sondern eine nach den örtlichen Verhältnissen differenzierte ständig sind. Der Bund leistet bis 2013 Kompensationszahlun-
Das zentrale Motiv lag im Ausgleich überschuldeter Ge- ordnung geraten, z.B. bei der durch die EU-Kommission gefor- Quote empfehlen. 20 Prozent wären heute eine nur noch von gen an die Länder in Höhe von 518,2 Millionen Euro jährlich,
meindehaushalte. Bezeichnenderweise konzentrierten sich die derten Veräußerung der Wohnungsbestände der Landesban- wenigen Kommunen zu erreichende Zielgröße. Aber auch un- über etwaige Finanzhilfen bis 2019 wird noch verhandelt. An-
Transaktionen daher auf das Ruhrgebiet und nord- und ost- ken in Bayern und Baden-Württemberg. ter Pragmatikern wird häufig eine Schwelle von zehn Prozent gesichts wachsender Wohnungsnotstände in den Kommunen
deutsche Städte. Die bisherigen Erfahrungen sind überaus kri- genannt, die nicht unterschritten werden sollte. Nach einem fordern der Deutsche Städtetag und die einschlägigen Ver-
tisch. Zwar konnten, wie in Kiel, einzelne Haushalte konso­ Eine dringende Notwendigkeit: belegungsgebun­ durch die Stadt München 2010 dokumentierten Städtever- bände mit allem Nachdruck, dass der Bund die bisher geleis­
lidiert werden. Es wurde aber auch auf schmerzhafte Weise dene Wohnungen gleich lag München mit 10,5 Prozent belegungsgebundener teten Zahlungen über 2013 hinaus in unveränderter Höhe fort-
klar, dass die Erwerbsstrategien großer Finanzinvestoren eben Wohnungen 2008 gerade (noch) oberhalb dieses Grenzwertes, führt.
doch nicht mit dem kommunalen Interesse am Erhalt eines Die Schere zwischen dem vor allem in Wachstumsregionen während Nürnberg und Stuttgart diese Marge schon weit Die Föderalismusreform schloss an die Reform des Woh-
stabil preiswerten und sorgfältig instand gehaltenen Miet- drastisch sinkenden Angebot und der Nachfrage nach preis- unterschritten hatten. Ohne Gegensteuerung wird sich hier nungsbaurechts von 2001 durch das Wohnraumförderungsge-
wohnungsbestandes für untere Einkommen kompatibel sind günstigem Wohnraum öffnet sich immer weiter. Dabei steigt die gefährliche soziale Sprengkraft noch erhöhen. setz an. Dieses fasst die Versorgung von unterstützungsbedürf­
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tigen Haushalten durch Neubau, Modernisierung und den hofs ein Anteil von 30 Prozent gefördertem Wohnungsbau
Ankauf von Belegungsrechten zusammen. Neben den Län- verwirklicht werden soll.
dern werden auch die Gemeinden sehr viel stärker als zuvor München als Stadt mit den höchsten Immobilienprei-
in die Wohnraumversorgung einbezogen. Während sich mit sen und dem größten Nachfragedruck auf den Wohnungs-
diesen Reformen die Gestaltungsspielräume auf kommunaler märkten ist zugleich die Stadt, die bereits seit langem und mit
Ebene auf der einen Seite grundsätzlich vergrößerten, haben besonderer Konsequenz immer dann, wenn neues Baurecht ge-
sich auf der anderen Seite die finanziellen Spielräume ver- schaffen wird, die Umsetzung einer „Förderquote“ von 30 Pro-
schlechtert. zent (bei städtischen Grundstücken sogar von 50 Prozent) für
den preisgünstigen, geförderten Miet- und Eigentumswoh-
Aktive Mischungspolitik durch „Förderquoten“? nungsbau fordert. Mit Hilfe des Instruments der „Sozialge- The Hungarian Dimitrios Le-Chi Wolfgang
rechten Bodennutzung“ SoBoN (siehe Stadtbauwelt 195) wur-
Quer durch die Republik ist nach Jahren wohnungspoliti- den zwischen 1994 und 2009 Baurechte für ca. 31.000 Woh-
schen Stillstands gegenwärtig ein deutliches Bemühen zu ver- nungen, darunter 8500 geförderte Wohnungen geschaffen. Der
zeichnen, den sich verschärfenden Problemen durch verstärk- Erhalt der „Münchner Mischung“ und eine „aktive Gegensteu-
ten Neubau öffentlich geförderter Wohnungen, Ankauf von erung“ zu den über den Markt vermittelten drastischen Ent­
Belegungsrechten und Erhalt eines möglichst großen Bestands mischungsprozessen haben hohe Priorität. Ende 2011 kündigte
an preiswerten Wohnungen entgegenzuwirken. OB Christian Ude die „Wohnungsbauoffensive 2012–2016“ an,
Hamburg etwa hat sich in der Ende 2011 geschlossenen die das bisherige Maßnahmenspektrum noch erweitern soll.
Vereinbarung „Bündnis für das Wohnen in Hamburg“ zwi- Danach sollen die Förderquoten auf städtischen Flächen und
schen dem Senat und den Wohnungsunternehmen zum Ziel im Rahmen der SoBoN, insbesondere in Umstrukturierungs-
gesetzt, „durch die Anhebung der Programmzahlen im geför- gebieten, durch das Angebot eines Ankaufs von Grundstü- Elif
derten Mietwohnungsbau die Zahl der Neubaumietwohnun- cken durch die Stadt oder ihre Wohnungsgesellschaften auf
gen mit Mietpreis- und Belegungsbindungen deutlich zu stei- bis zu 50 Prozent erhöht werden können. Außerdem sind künf-
gern“. Die Zahl geförderter Neubaumietwohnungen soll von tig für Genossenschaften und Baugruppen auf städtischen Flä-
1200 auf 2000 jährlich erhöht werden. Neu ist, dass sich mit chen feste Anteile zwischen 20 und 40 Prozent der neuen Woh-
solchen Zielen, wie Baustaatsrat Michael Sachs unterstreicht, nungsbauprojekte vorgesehen.
zunehmend sozialräumliche Mischungsziele verknüpfen: „Wir Seit dem Frühjahr 2011 hat auch Stuttgart durch Ge-
wollen Sozialwohnungen nicht nur dort, wo die Armen eh meinderatsbeschluss mit dem „Stuttgarter Innenentwicklungs-
schon wohnen. Jedes größere Bauprojekt soll in Zukunft aus modell“ (SIM) eine Förderquote eingeführt. Sie soll der „Siche-
30 Prozent öffentlich gefördertem Wohnraum bestehen.“ rung einer sozial ausgewogenen und städtebaulich qualifizier­-
Zu der neuen Sensibilität für soziale Fragen im Wohnen ten Bodennutzung in der Innenentwicklung“ dienen und sieht
gehört auch die erhöhte Aufmerksamkeit für die Entwicklung bei neuen Wohnbauprojekten ab fünf bzw. 15 Wohneinheiten
von Segregation in den verschiedenen Stadtteilen. Der Frank- eine Quote von 20 Prozent gefördertem Wohnraum vor. Das Stefan Armin Bianca Sammy Davis
furter Wohnungsmarktbericht 2010 vermerkt zwar befriedigt, Instrument war politisch und in Teilen der Wohnungswirt-
dass Frankfurt in einem Vergleich der Segregationsindizes schaft stark umstritten und soll nach einer zweijährigen „Pi-
von 45 Städten durch das BBSR 2008 nach Heidelberg die zweit- lot- und Dialogphase“ unter Beteiligung der Stuttgarter Bau-
und Immobilienwirtschaft evaluiert werden.
Inzwischen haben zahlreiche Städte – u.a. Heidelberg, Re-
Der Verkauf großer „Mietwohnungsport­ gensburg, Nürnberg, Freiburg, Aachen – ähnliche „Förderquo-
ten“ eingeführt. Sie variieren in der Höhe (in den genannten
folios“ endete schmerzhaft: Investoren fühlen Städten zwischen 15 und 30 Prozent) und nach den Anteilen
für Miet- oder Eigentumsförderung bzw. nach der Förderung
sich an keine soziale Agenda gebunden von Wohnungen für einkommensschwache Zielgruppen oder
Mittelschichten und „Schwellenhaushalte“.

geringste ethnische Segregationsrate aufwies, konstatiert aber Mischung – im Quartier, im Block, im Haus?
demgegenüber ein besorgniserregendes Ansteigen sozialer Se-
gregation, nach der „Empfänger von Leistungen nach SGB II Die Frage, die Städtebauer und Sozialforscher dabei seit lan- Wibke Markus Rachel Mr. R.
verstärkt in Gebieten mit überdurchschnittlichem Bestand an gem und immer wieder beschäftigt, ist: Auf welcher städte-
Sozialwohnungen“ wohnen. Zur sich gegenwärtig entwickeln- baulichen Maßstabsebene, in welcher städtebaulichen „Kör-
den Frankfurter Mischungspolitik gehört, wie Stadtrat und nung“ ist die allseits erstrebte „Mischung“ am sinnvollsten, am
Planungsdezernent Edwin Schwarz bekräftigte, dass im neuen wirkungsvollsten? Und in welchem Verhältnis sollen dabei
Stadtquartier „Europaviertel“ mit geplanten 3500 Wohnungen heterogene und homogene Strukturen zueinander stehen –
auf dem Gelände des ehemaligen Frankfurter Rangierbahn- im Quartier, im Block, im Haus?
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Im Quartier...

Hamburg, hierauf wurde bereits hingewiesen, justiert gegen-


wärtig seine Mischungspolitik nach. In der Hamburger Ha-
ifenCity, derzeit Deutschlands größtes Stadterweiterungsge-
biet, kamen in den ersten Bauabschnitten – zusammen mit ei­
nem Anteil an Baugemeinschaften und Baugenossenschaften
– fast ausschließlich Anbieter von hochpreisigen Eigentums-
und einigen Mietwohnungen zum Zug. Der damalige „Woh-
Joachim Nigatu Jaz nungsbaubeauftragte der Freien und Hansestadt Stadt Ham- Stefan Saša
burg“ Michael Sachs führte diese Entwicklung 2010 auf den
anfänglich noch fehlenden „wohnungspolitischen Willen zum
Bau von Sozialwohnungen“ zurück: „Man wollte da keine So-
zialwohnungen“, und im Endeffekt habe dies zu einer einsei­
tigen Belegung und „Konzentration der besser Verdienenden“
geführt. Inzwischen habe man dies korrigiert und strebe – ne­
ben einer feinkörnigen Nutzungsmischung – einen höheren
Anteil preisgünstiger Wohnungen an. Im Quartier am Lohse-
park werden nun erstmals auch geförderte Sozialwohnungen
entstehen. Diese Korrektur war überfällig: Noch 2010 kriti-
sierte der „Zukunftsrat Hamburg“, ein parteiübergreifender
Nathalie David Verband mit Mitgliedern vom Deutschen Gewerkschaftsbund
bis zur Architektenkammer, in einer von den Medien aufmerk-
sam rezipierten Studie die HafenCity unter dem Gesichts-
punkt sozialer Nachhaltigkeit als hoch defizitär. Insgesamt be-
Nikolaus Susanne wertete er das bis zu diesem Zeitpunkt gebaute Quartier aus­- Meryem Horst
drücklich als „Reichenviertel“ und kritisierte vor allem die
„starke Einseitigkeit der Anwohnerstruktur“, nachdrücklich

Die Ausgrenzung von Bildung, Arbeit, Woh­ allein durch eine Verbesserung der baulichen Umwelt und ein
„Durcheinanderwürfeln“ der Gesellschaftsschichten „ausbü-
wurde eine stärkere soziale Mischung der Bewohnerschaft
empfohlen.
korrigiert: Künftig sollte auf städtischen Flächen eine Marge
von 50 Prozent gefördertem Wohnungsbau (davon 30 Prozent

nen und Freizeit ist oft fataler als die ein­ geln“ zu wollen. 2011 kam eine umfassend angelegte Schwei-
zer Studie zu der Frage „Soziale Mischung und Quartiersent-
Geht es in der HafenCity um eine Ergänzung des Anwoh-
nerspektrums aus Mittel- und Oberschichten durch weniger
einkommensorientierte Förderung) nicht mehr überschritten
werden.

seitige Bevölkerungsstruktur eines Gebiets wicklung“ zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen. Die Sorge
um Teilhabe, um Wahlmöglichkeiten auf dem Wohnungs-
einkommensstarke Gruppen, hat sich die IBA Hamburg, wie
ihr Geschäftsführer Uli Hellweg im Interview unterstrich, bei Im Block...
Peter

markt, um das „soziale Profil eines Gemeinwesens“ und um ihrem „Sprung über die Elbe“ gerade umgekehrt die Aufwer-
Einer der wichtigsten Beiträge zu diesem Thema wurde schon soziale Mischung sei in einer demokratischen Gesellschaft ein tung bislang stark vernachlässigter, armer Stadtteile wie Wil- Trotz der bekannten Neubauprojekte auf Konversionsflächen
1961 in den USA von dem Sozialforscher Herbert J. Gans unter „Muss“. Auf der anderen Seite gelte es aber auch „anzuerken- helmsburg und Veddel zum Ziel gesetzt. Sie stimuliert dabei – – die Hauptaufgaben, auch was den Erhalt sozialer Mischung
dem Titel „The balanced Community: Homogeneity or Hete­ nen, dass ein sozial durchmischtes Quartier keine Lösungen im Sinne stärkerer sozialer Mischung – den Zuzug auch ein- betrifft, liegen im Bestand.
rogeneity in Residential Areas?“ publiziert. Gans wägt die Vor- für Armut, Ausgrenzung und Diskriminierung bietet und da- kommensstärkerer Schichten. Die durch die IBA in der Zwi- Die Stadt Tübingen hat 2004 im Quartier „Stuttgarteri
und Nachteile von Homogenität und Heterogenität ab und mit auch nicht die negativen Begleiterscheinungen sozio-öko- schenpräsentation 2010 vorgestellten rund 50 Projekte reichen iStraße“ ein besonders ambitioniertes, sozial integratives Mi-
kommt zu dem Schluss, „ihre extremen Formen“ seien „glei- nomisch segregierter Quartiere zu beseitigen vermag“. Ob ein von der Aufwertung öffentlicher Räume über eine kreative schungsprojekt auf Blockebene gestartet, das den sozialen
chermaßen unerwünscht“. Als Ergebnis definiert er ein „Ideal“, segregiertes Quartier auch zu einem Ort der sozialen Ausgren- Quartiersentwicklung und energetische Maßnahmen bis zu Brennpunkt umfassend aufwerten soll. Hier hatte sich nach
in dem „ausreichende Homogenität“ gegeben sein sollte, um zung und damit der erzwungenen Segregation werde, ent- neuen Modellen integrativen Wohnungsbaus, zu einer Bil- dem Abzug der französischen Truppen in den um drei Höfe
Konflikte zu verhindern und positive Beziehungen mit den scheide sich „weit weniger an seiner Bevölkerungsstruktur als dungsoffensive sowie zu praktischen Beschäftigungs- und Aus- gruppierten Garnisonswohnblöcken vor allem aufgrund einer
Nachbarn aufzubauen, und zugleich „genügend Heterogeni- an den Teilhabemöglichkeiten in den gesellschaftlichen Teil- bildungsprojekten für Jugendliche. falschen Belegungspolitik ein „Problem-Mikrokosmos“ aus kin-
tät, (...) um auch einer gewissen Vielfalt Raum zu geben“. Doch systemen wie Schule, Bildung, Arbeit, Wohnen, Freizeit etc.“ Auf Quartiersebene die richtige Balance zwischen ei­nem derreichen Familien mit geringen Einkommen, Flüchtlings­
wisse „zurzeit (...) niemand, wie man diese Lösung operational In der Praxis sei soziale Mischung „eine Frage der Maßstäblich- „Zuwenig“ und einem „Zuviel“ an öffentlich gefördertem familien, Asylbewerbern und Spätaussiedlern gebildet, der
definieren soll“. keit“. Je größer das Gebiet, desto größer sei auch die soziale Wohnraum zu finden, gehört zu den schwierigsten Herausfor- durch hohen Vandalismus, Vernachlässigung der Freibereiche
Auch wenn sich die gesellschaftlichen und wohnungs- und politische Akzeptanz sozialer Mischung. „Je kleinräumi- derungen gegenwärtiger kommunaler Mischungspolitiken. In und den schlechten Zustand der nicht renovierten Wohnun-
politischen Rahmenbedingungen seit 1961 zum Teil grundle- ger hingegen das Gebiet, desto problematischer wird nicht nur iMünchen-Riem, einem der größten Stadtentwicklungsgebiete gen charakterisiert war. Das Aufwertungskonzept sah die Mi-
gend verändert haben – über diese Frage wird heute noch ge- die Umsetzung, sondern umso fragwürdiger wird auch das Europas, überschritt man zunächst im neuen Stadtteil, im Be- schung unterschiedlicher Einkommens- und Bildungsgrup-
grübelt. Die Grenzen aller städtebaulichen Mischungspolitik Postulat der sozialen Mischung.“ mühen um hohe Sozialwohnungsanteile, mit bis zu 72 Pro­- pen vor, aber – auf der Basis eines partizipatorischen Planungs-
hat Herbert J. Gans jedenfalls schon damals auf gültige Weise Kommunen und Wohnungswirtschaft experimentieren zent gefördertem Wohnungsbau in einzelnen Teilgebieten das und Beteiligungsprozesses – auch den Erhalt kultureller und
benannt, wenn er davor warnte, gesellschaftliche Ungleichheit hierbei auf ganz unterschiedlichen Maßstabsebenen: richtige Maß. Nach massiver öffentlicher Kritik wurde 2006 ethnischer Vielfalt sowie die Sicherung eines ausreichend gro-
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ßen Bestandes an preiswertem Wohnraum. Die Beteiligten ent- Dies war auch die Erfahrung der Wohnbau Lörrach im Rah-
schieden sich dafür, jeweils innerhalb der Höfe durch einen men der Aufwertung eines weiteren Gebietes „mit besonde-
Mix an unterschiedlichen Architekturen, Wohn- und Eigen- rem Erneuerungsbedarf“, der aus den 1960er/70er Jahren stam-
tumsformen stark gemischte Bewohnerstrukturen zu realisie- menden Siedlung auf dem Oberen Salzert in Lörrach mit ei­-
ren. Der Bauprozess ist noch nicht endgültig abgeschlossen, nem hohen Sozialwohnungsanteil. Die Siedlung und insbe-
aber die bisherigen Ergebnisse zeigen, wie der verantwortliche sondere vier Hochhäuser, in denen sich die Wohnungen mit Mario
Planer der Stadt für diesen Bereich, Markus Staedt, resümierte, langfristigen Belegungsbindungen konzentrierten, befanden
dass Baugemeinschaften mit ihrer „hohen Integrations- und sich vor Beginn der Restrukturierungsmaßnahmen 1999 im
Innovationskraft“ mehr und mehr zu „wichtigen Partner“ der Zustand eines fortschreitenden baulich-sozialen Niedergangs.
Städte auch bei der Herstellung gelungener sozialer Mischung Kein Bewohner sollte durch die Sanierung und die damit ein- Rüdiger Steffi
werden können. hergehende Aufwertung verdrängt werden. Deshalb nutzte
man die hohe Fluktuationsrate, um die Sozialstruktur zu ver-

Die Städte müssen die vorhandenen Instru­ bessern. Einen besonderen Mischungsakzent setzte der Bau
von insgesamt vier hochwertigen, im Mietpreis im Vergleich

mente ausschöpfen. Und den Willen zu zu den übrigen Mietwohnungen im Haus etwa doppelt so teu-
ren Penthousewohnungen auf zwei der Hochhäuser – ein Un-

einer aktiven Mischungspolitik beweisen terfangen, dem in der Fachwelt mit großer Skepsis begegnet
wurde. Doch das Verfahren unter intensiver Beteiligung der
Bewohner hat sich bewährt, und die Penthousewohnungen
4 Die Wohnbau Lörrach wird Eine aktive, ja „offensive Mischungspolitik“ (Wohnbau Lör- sind „unter einkommensstarken Angehörigen der sogenann-
von den Städten Lörrach
rach) wurde auch zum zentralen Instrument der Stabilisie- ten ‚kreativen Klasse‘ besonders begehrt“. Auch in diesem Fall
und Schopfach sowie von der
Sparkasse Lörrach-Rhein­fel­ rung eines hochstigmatisierten Neubaugebiets aus den neun- war die entscheidende Voraussetzung für den Erfolg das kon- Gudrun Barbara Senthil Kumar Bobby
den unterhalten, sie betreut ziger Jahren in Lörrach Stetten-Süd. Nach dem Konkurs ei­ sequente Quartiers- und Sozialmanagement, dessen Symbol
ca. 3750 Wohnungen.
nes privaten Investors übernahm 2006 die Wohnbau Lörrach4 im Gebiet Salzert das für zahlreiche Aktivitäten genutzte neue
128 Wohnungen in einem Gebiet, das durch eine extrem ein- Gemeinschaftshaus wurde. Eine „funktionierende“ kleintei-
seitige Belegungspolitik mit Spätaussiedlern, durch verhaltens­ lige soziale Mischung im Haus bedarf also in aller Regel eines
auffällige Jugendliche, Brandstiftungen u.Ä. einen außeror- übergreifenden, sozial stabilisierenden Quartierszusammen-
dentlich schlechten Ruf hatte. Innerhalb weniger Jahre gelang hangs, vor allem aber der gestaltenden und in einen partizipa-
es, das Gebiet zu stabilisieren: durch durchgreifende Moder­ torischen Prozess eingebundenen Betreuung durch das jewei-
nisierungsmaßnahmen, eine behutsame, auf gemischte Nach- lige Wohnungsunternehmen. Lew Cella
barschaften zielende Belegungspolitik, die Aufwertung des Zusammenfassend lässt sich resümieren, dass es in der
Wohnumfeldes, ergänzende Infrastruktureinrichtungen (Bau Frage der sozialen Mischung auf Haus-, Block- oder Quartiers­
von Gemeinschaftsräumen, Kinderkrippe etc.) und die Förde- ebene keine endgültigen Antworten gibt – und wohl auch nicht
rung zahlreicher sozialer Aktivitäten (Sprachförderung, offene geben kann. Gemeinden und Wohnungsbaugesellschaften ex-
Kinder- und Jugendarbeit etc.), aber auch durch den (ergän- perimentieren in wachsendem Maß mit unterschiedlichsten
zenden) Neubau von hochwertigen Mietwohnungen. Projekten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass „Mischung“
Der eigentliche Schlüssel zum Erfolg liege, so Willi Bru- in der Regel umso mehr Fingerspitzengefühl, Einsatz und vor
nen, Leiter des Sozialmanagements der Wohnbau Lörrach, ne­ allem Bereitschaft zur aktiven Beteiligung der Bewohner auf
ben der Bereitschaft, Geld in die Hand zu nehmen, in einer Seiten der Projektentwickler erfordert, je feinkörniger und
„konsequenten Bewirtschaftungspolitik“. In Lörrach steht ein kleinteiliger sie konzipiert wird. Allen Beispielen erfolgrei-
eigener „Aktionsfonds“ für die Unterstützung von Bewohner- cher Mischung lag – und liegt – engagiertes kommunalpoliti- Cameron
aktivitäten zur Verfügung. Neben den Maßnahmen des Sozial- sches Handeln zugrunde sowie ein sozialpolitisch und städte-
managements kommt, so Brunen, insbesondere den Hausmeis- baulich-wohnungspolitisch motivierter Wille zu aktiver Mi-
tern eine Schlüsselrolle zu, die als „Ansprechpartner vor Ort, schungspolitik, die die vorhandenen Instrumente ausschöpft
als ‚Frühwarnsystem‘, Helfer in der Not, Sicherheitsbeauftragte, – manchmal auch schon verbunden mit Ansätzen einer neuen
Konfliktmananger und Animateure“ fungieren. Beteiligungskultur. ▪
100 Fremde | Alen Stanojevic hat 100 ihm
Im Haus... ▶ Lebensläufe siehe Seite 27 fremde Personen um Erlaubnis gebeten, ein
Gesine Maureen Foto von ihnen machen zu dürfen. Zu jedem
Porträt gibt es eine Geschichte auf seiner
In der Praxis vor Ort kann also – und dies steht durchaus in er- Website. Um die Herausforderung lebendig zu
kennbarem Gegensatz zur Skepsis der meisten Sozialwissen- halten, zwang er sich dazu, möglichst unter-
schaftler – auch eine kleinteilige Mischung, sogar auf der Maß- schiedliche Menschen anzusprechen. So ent-
stand – anfangs von alleine, später ganz be-
stabsebene des einzelnen Hauses, zu einem Instrument erfolg- wusst – ein Querschnitt durch die Stuttgarter
reicher Mischungspolitik werden. (Stadt-)Gesellschaft. ▸ 100fremde.de