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HERAKLES

Epos von Torsten Schwanke

ERSTER GESANG

Mein Herakles war Sohn des höchsten Zeus


Und der Alkmene, die von Gott empfing,
Die eine Enkelin des Perseus war.
Stiefvater war Amphitryon, auch er
Ein Perseus-Enkel und in Tiryns König,
Er hatte aber seine Stadt verlassen,
Und wollte wohnen in dem Tor von Theben.
Die Göttin Hera war des Zeus Gemahlin,
Sie hasste ihre Nebenbuhlerin
Alkmene, und sie gönnte ihr den Sohn nicht,
Von dessen Zukunft Zeus den Göttern sprach
Und prophezeite Großes für die Zukunft.
Als nun Alkmene Herakles geboren,
Da glaubte sie ihn vor der Göttermutter
In dem Palast nicht sicher, und so setzte
Sie ihren Knaben aus auf einem Feld,
Das heißt noch heute Feld des Herakles.
Hier wär der Knabe zweifellos verschmachtet,
Wenn nicht ein wunderbarer Zufall hätte
Geführt des Weges seine Feindin Hera,
Begleitet von Athene, Tochter Zeus.
Athene schaute an den schönen Leib
Des Kindes mit Verwunderung, erbarmte
Sich seiner und bewog die Göttin Hera,
Dem Kinde ihre Götterbrust zu reichen.
Jedoch der Knabe sog viel kräftiger
Am Busen, als sein Alter ließ erwarten.
Da fühlte Schmerzen Hera in der Brust
Und ließ den Knaben auf die Erde fallen.
Athene hob das Kind voll Mitleid auf
Und trug es in die Stadt und brachte es
Der Königin Alkmene als ein armes
Verwaistes Findelkind, das aufzuziehen
Gebot ihr göttliche Barmherzigkeit.
So war des Leibes Mutter, voller Angst
Vor der Stiefmutter, ach, bereit gewesen,
Die Pflicht der Liebe der Natur verleugnend,
Ihr Kindlein sterben bittern Tod zu lassen,
Und die Stiefmutter, voll von kaltem Hass
Auf dieses Kind, muss, ohne es zu wissen,
Den eignen Feind erretten von dem Tode.
Ja, mehr noch: Herakles an Heras Busen
Sog etwas Milch nur aus der Göttin Brust,
Doch gab die Milch ihm die Unsterblichkeit.
Alkmene aber hatte ihren Knaben
Gleich auf den ersten Blick erkannt und freudig
Den Gottessohn gelegt in seine Wiege.
Doch auch der Göttin blieb es nicht verborgen,
Wer da an ihrer Götterbrust gelegen
Und wie leichtsinnig sie verstreichen lassen
Den rechten Augenblick der Götterrache.
Da schickte sie zwei schlimme Schlangen aus,
Bestimmt, den Gottesknaben zu ermorden,
Die kamen durch die offnen Pforten in
Alkmenes süßes Schlafgemach geschlichen,
Und ehe es die Mägde des Gemaches
Und ehe es die Mutter inne wurde,
Die Schlangen wanden böse sich empor
Die Wiege und begannen, sich zu schlingen
Erwürgend um den Hals des Gottessohnes.
Der Knabe wachte auf mit einem Schrei
Und richtete das Haupt auf. Dieses Halsband
War wirklich unbequem dem Gottessohn.
Er gab die erste Probe seiner Kraft:
Denn er ergriff mit jeder Hand am Nacken
Die Schlangen und erstickte beide Schlangen
Mit einem Druck des Griffes seiner Hand.
Die Wärterinnen hatten jetzt bemerkt
Die Schlangen, aber Bangnis hielt sie ferne.
Alkmene war auf ihres Kindes Schrei
Erwacht, mit bloßen Füßen sprang sie aus
Dem Bett und stürzte Hilfe rufend auf
Die Schlangen, doch sie fand sie schon erwürgt
Von ihres Kindes Hand, des Gottessohnes.
Jetzt kamen auch die Fürsten der Thebaner,
Vom Hilferuf der Mutter aufgeschreckt,
Bewaffnet in der Fürstin Schlafgemach.
Amphitryion, der König Thebens, der
Den Stiefsohn annahm als Geschenk von Zeus,
Er liebte ihn, erschrocken kam herbei,
Das nackte Schwert in seiner rechten Hand.
Da stand er vor der Wiege, sah und hörte,
Was da geschehen war, und große Lust,
Gemischt mit Schauder heiligen Erschreckens,
Durchbebte ihn, als er erkannt die Kraft,
Die unerhörte Kraft des Neugebornen.
Er sah die Tat an als ein Wunderzeichen
Und rief den heiligen Propheten her,
Den heiligen Tiresias herbei.
Der prophezeite nun dem König Thebens,
Der Königin und allen Fürsten Thebens
Den Lebenslauf des kleinen Gottessohnes.
Wie viele Ungeheuer er auf Erden,
Wie viele Ungeheuer in den Meeren
Er werde töten, wie er mit Giganten
Im Kampfe selbst zusammen treffen werde,
Wie er besiegen werde die Giganten,
Wie ihm am Ende mühevollen Lebens
Die Ewigkeit beschieden werde bei
Den guten Göttern droben in dem Himmel,
Und wie im Himmelreiche ihn erwarte
Die Mädchengöttin Hebe als Gemahlin.

ZWEITER GESANG

Als nun Amphitryon der König hörte


Von dem erhabnen Schicksal seines Sohnes,
Wie es der Mund des Sehers ausgesprochen,
Beschloss er, die Erziehung eines Helden
Dem Sohn zu geben, darum er Heroen
Aus allen Gegenden nach Theben rief,
Den jungen Herakles zu unterrichten
In jeder Wissenschaft und jeder Kunst.
Sein Vater unterwies ihn in der Kunst,
Den Wagen mit dem Rossgespann zu lenken.
Eurytos lehrte ihn des Schützen Kunst,
Mit Pfeil und Bogen in das Ziel zu treffen.
Der Kämpfer Harpakylos lehrte ihn
Faustkämpferkunst und starker Ringer Kunst.
Und Kastor, einer der zwei Zwillinge,
Der Menschensohn, der Bruder Helenas,
Sein Zwilling Pollux war der Gottessohn,
Er lehrte ihn die Kunst, wie schwerbewaffnet
Und wohlgeordnet man im Felde fechte.
Der greise Sohn Apollons aber, Linus,
Der Dichter, lehrte ihn das Spiel der Lyra.
Der Knabe Herakles war wissbegierig,
Doch konnte strenge Härte nicht ertragen.
Der greise Linus war ein strenger Lehrer,
Ein grämlicher Erzieher, arrogant.
Als Linus einmal Herakles geschlagen,
Da griff der Knabe nach dem Saitenspiel
Und warf es seinem Lehrer an den Kopf,
Der greise Lehrer tot zu Boden fiel.
Zwar Herakles war voll von Reuetränen,
Er wurde dennoch vor Gericht gefordert.
Doch Rhadamanthys, der gerechte Richter,
Sprach frei das Kind und stellte das Gesetz auf:
Ist Totschlag eine Selbstverteidigung,
Blutrache ist verboten dann den Griechen.
Amphitryon jedoch war voller Furcht,
Sein überstarker Knabe möchte wieder
Sich Ähnliches zuschulden kommen lassen,
Und schickte darum Herakles aufs Land,
Des Königs Ochsenherden dort zu hüten.
Hier wuchs er auf, und tat sich hier hervor
Durch Größe und durch Kraft vor allen andern.
Vier Ellen war er groß, und Feuerglanz
Aus seinen Augen strömte. Niemals fehlte
Im Bogenschießen er und mit dem Wurfspieß.
Als Herakles geworden achtzehn Jahre,
War er der schönste und der stärkste Mann
Von Griechenland. Jetzt sollte sich entscheiden,
Ob er die Kräfte anzuwenden wusste
Zu guten Werken oder bösem Frevel.

DRITTER GESANG

Sing, Muse, singe Herakles am Kreuzweg!


Nun Herakles begab sich um die Zeit
Von Hirten und von Herden weg allein
In eine Gegend großer Einsamkeit
Und überlegte bei sich, welche Bahn
Des Lebens er nun einzuschlagen hätte.
Als er so sinnend saß auf einem Stein,
Sah er auf einmal zwei sehr schöne Frauen
Erhabener Gestaltung zu ihm kommen.
Die eine zeigte in dem ganzen Wesen
Den keuschen Anstand und den Seelen-Adel,
Der Körper war verhüllt in keuscher Reinheit,
Der sanfte Blick der Augen war bescheiden,
Die Haltung war von Anstand und von Sitte,
Sie trug ein langes reines weißes Kleid.
Die andere war füllig, gut genährt,
Rund ihre femininen Rundungen
Und üppig ihre Brüste, die entblößten,
Die Lippen waren scharlachrot geschminkt,
Sie ging auf Stiefeln stolz mit hohem Absatz,
Die Augen waren groß und schauten lockend,
Das transparente Kleidchen, kurze Röckchen
Mehr offenbarte ihres Körpers Nacktheit.
Die Augenblitze schauten auf sich selbst,
Dann schaute sie, ob andre sie verehrten,
Oft sah sie aus nach ihrem eignen Schatten.
Als beide schönen Frauen näher kamen,
Die Reine ging gerade vor sich her,
Die Süße überholte sie und trat
Zum Jüngling Herakles und sprach ihn an:
Mein Herakles, ich sehe, dass du fragst,
Auf welchem Lebensweg du wandern sollst.
Du wähle mich zu deiner treuen Freundin,
So führ ich dich gemütlich breite Straßen,
Da lässt du keine Wollust ungenossen,
Um Krieg und Arbeit musst du dich nicht kümmern,
Du iss nur fettes Fleisch und fette Saucen
Und trinke süßen Saft und klaren Rauschtrank,
Den Augen du gewähre nackte Mädchen
Und deinem Ohr harmonische Musik,
Nachts schläfst du gut im weichen Bett,
Und alle die Genüsse geb ich dir
Und Geld dazu, das musst du nicht verdienen,
Und deine Hausarbeit tun andre dir.
Ich werde niemals körperliche Arbeit
Dir auferlegen, und des Geistes Wissen
Komm ich, dir einzuflößen in den Träumen.
Wenn du mein Freund bist und mein liebster Schatz,
Wird dir die Erde schon zum Paradies!
Als Herakles vernahm die süßen Worte,
Da sprach er voll Verwunderung und Staunen:
O tolles Weib! Wie aber ist dein Name?
Sie sagte: Meine Freunde nennen mich
Die Göttin und die Königin der Lust!
Doch meine Feinde, die mich kränken wollen,
Sie nennen mich die stadtbekannte Hure.
Nun war die andre Frau herzu getreten.
Sie sprach: Ich komme, lieber Herakles,
Ich kenne deinen Vater Zeus, den Gott,
Ich kenne auch Alkmene, deine Mutter,
Ich weiß auch, dass du gut erzogen wurdest
Und dass du früh um Tugend dich bemühtest
Und um die Frömmigkeit der alten Weisen.
Dies alles gibt mir Hoffnung, Freund, für dich.
Du würdest, gehst du meinen schmalen Pfad,
Ein Meister aller sieben Tugenden
Und reiner Spiegel der Gerechtigkeit.
Doch nicht, um dir Genüsse vorzugaukeln,
Komm ich, nein, mit der Götter ernsten Wahrheit.
Was gut ist, lobenswert und eine Tugend,
Das muss man sich mit Mühe selbst verdienen.
Willst du, dass dir die Götter gnädig sind,
Verdiene dir die Gnade durch Verehrung.
Und möchtest du, dass dich die Freunde lieben,
So werde nützlich du dem Freund und Bruder.
Willst du, dass dich des Staates Herrschaft ehre,
So diene du nur fleißig dem Gemeinwohl.
Willst du im schönen Griechenland berühmt sein,
So gib dein Bestes nur mit aller Kraft.
Willst du, dass man verehrte deine Tugend,
Wohltäter sei und Retter in der Not.
Willst siegen du im Streite mit den Feinden,
So lerne du die Weisheit auch der Kriegskunst.
Willst du des Leibes Leidenschaft beherrschen,
So zähm ihn durch Verzicht und durch Entsagung.
Hier fiel die süße Hure ihr ins Wort:
Du führst den schmalen Pfad voll Dornen ihn,
Dass er voll Schmerz besteig des Berges Gipfel,
Doch meine breite Straße ist voll Rosen,
Ich führe ihn ins Rosenbett der Lust!
Du Arme, sprach die tugendhafte Dame,
Wie könntest etwas Gutes du verheißen?
Kennst du denn eine wahre Herzensfreude
Und die Glückseligkeit des Seelengipfels?
Bevor dich hungert, frisst du schon dein Fleisch,
Bevor dich dürstet, säufst du schon den Rauschtrank,
Um deines Gaumens Appetit zu reizen,
Suchst du die raffinierten Köche auf,
Um deine Trunksucht zu befriedigen,
Füllst du den Keller an mit alten Weinen,
Im Sommer gehst spazieren du im Grünen
Und suchst den Schnee zur Kühlung deiner Hitze,
Kein Liebeslager ist dir weich genug,
Nachts saufen deine trunkenen Genossen,
Am Tage schlummern sie auf weichem Sofa,
Die jugendlichen Narren tanzen trunken
Und kauen Epheu des Dionysos,
Im Alter müssen klagen sie voll Reue,
Dass sie vom Epheu den Verstand verloren.
Du selbst, ob auch die Königin der Lust,
Der Wollust Göttin, göttlichen Geschlechts,
Bist von dem Gott der Götter doch verworfen
Und bist verachtet von den ernsten Weisen.
Dagegen ich verkehre mit den Göttern,
Dagegen ich verkehre mit den Weisen.
Ich bin die fromme Muse wahren Dichtern,
Das Ideal der Schönheit frommen Künstlern.
Hausvätern bin ich eine treue Schutzfrau,
Voll Kraft bin ich die Hilfe auch der Mägde.
Ich steh dem Staate bei, der Freund des Friedens,
Bin Helm und Schild und Schirm im Kriege gegen
Die bösen Mächte, ich bin die Genossin
Der Freundschaft, und mein frommes Abendmahl
Und Bacchus Kelch bekommen meinen Freunden.
Die Jüngeren erfreuen sich des Beifalls
Der Alten, und die Alten finden Ehre
Und Anerkennung bei den Jugendlichen.
Die Alten denken in dem Alter freudig
An ihre guten Werke in der Jugend
Und finden Trost an ihrer Altersweisheit,
Geliebt sind sie von Freundinnen und Freunden,
Geachtet als des Vaterlandes Ruhm.
Und kommt der Tod, so sinken sie nicht ruhmlos
In Lethes Nächte der Vergessenheit,
Gefeiert werden sie noch von der Nachwelt,
Sie blühn im Angedenken aller Zeiten.
Zu solchem Leben, junger Herakles,
Entschließe dich mit aller Willenskraft,
Und vor dir liegt der Seele Seligkeit!

VIERTER GESANG

Die schönen Frauen waren nun verschwunden


Und Herakles war wieder ganz allein.
Er war entschlossen zu dem Weg der Tugend.
Auch fand er bald Gelegenheit zum Guten.
Denn Griechenland war voll von Wald und Sümpfen,
War voll von wilden Löwen, wilden Ebern,
Durchstreift von vielen wilden Ungeheuern.
Das Land von diesem Ungetier zu säubern
Und zu befreien von den frechen Räubern,
War Arbeit manches heiligen Heroen.
Auch Herakles war dieses Werk bestimmt.
Er war zurückgekehrt zu seiner Mutter,
Da hörte er, dass auf dem Berg Kithäron,
An dessen Fuß des Königs Herde graste,
Ein wilder Löwe hauste. Nach den Worten
Der junge Heros war zur Tat entschlossen.
Er stieg bewaffnet in das Waldgebirge,
Bezwang den Löwen mit der bloßen Faust,
Und warf das gelbe Löwenfell sich um
Und setzte sich den Rachen auf als Helm.
Als er nun von der Jagd war heimgekehrt,
Da traf er Boten von dem Minyer-König,
Dem König Erginos, der den Tribut
Von Theben in Empfang zu nehmen kam.
Da Herakles sich von der Frau der Tugend
Geweiht zum Anwalt sah der Unterdrückten,
So überwand er bald die dreisten Boten,
Die sich Misshandlungen erlaubt am Land,
Und schickte sie mit Stricken um den Nacken
Verstümmelt zu dem Könige zurück.
Der König Erginos verlangte nun von Theben,
An ihn den Übeltäter auszuliefern.
Und König Kreon, König der Thebaner,
War voller Furcht vor drohender Gewalt,
Und war geneigt, zu tun des Feindes Willen.
Da sammelte sich Herakles ein Häuflein
Von Jünglingen, die bittern Herzens waren,
Mit ihm dem Feind entgegen nun zu gehen.
In keinem Bürgerhaus gabs ein Waffe,
Entwaffnet hatte Erginos die Stadt,
Damit nicht Theben einen Aufstand mache.
Da rief Athene zu sich Herakles
In ihren Tempel, und sie rüstete
Den Heros aus mit ihren eignen Waffen,
Die Knaben aber griffen zu den Waffen
Des Tempels, zu Athenes Weihgeschenken.
So ausgerüstet, zog der Heros nun
Mit seiner kleinen Schar dem Feind entgegen
Und traf die Minyer dann an einem Engpass.
Hier nützte nichts dem Feind der Rüstung Macht,
Und in der Schlacht fiel König Erginos,
Des Königs Heerschar wurde aufgerieben.
Doch im Gefecht war auch Amphitryon,
Stiefvater Herakles‘, im Kampf gefallen.
Gleich nach dem Kampfe eilte Herakles
Nach Orchomenos, nach der Minyer Hauptstadt,
Drang zu den Toren ein, die Burg verbrennend.
Ganz Griechenland bewunderte die Tat,
Und der Thebaner König Kreon gab,
Um das Verdienst des jungen Manns zu ehren,
Megara, seine Tochter, ihm zur Ehe,
Drei Söhne sie gebar dem Herakles.
Alkmene, seine Mutter, aber nahm sich,
Die Witwe, einen zweiten Ehemann,
Nahm den gerechten Richter Rhadamanthys.
Die Götter selbst beschenkten den Heroen:
Gott Hermes gab dem Herakles ein Schwert
Und Gott Apollon gab ihm Pfeil und Bogen,
Der Gott Hephästos einen goldnen Köcher,
Athene gab ihm einen Waffenrock.

FÜNFTER GESANG

Nun Herakles fand bald Gelegenheit,


Den Göttern seine Dankbarkeit zu zeigen.
Denn die Giganten waren alte Riesen
Mit schrecklichen Gesichtern, langen Haaren
Und langen Bärten und geschuppten Schwänzen
Von bösen Drachen statt der Menschenfüße,
Ja, Monster, die geboren hat die Erde,
Die Mutter Gaia, für den Uranos,
Den Gatten, für den Vater in den Himmeln,
Die wurden aber von der Mutter Erde
Zur Rebellion erzogen gegen Zeus,
Der Götter Gott, den neuen Weltenherrscher,
Weil dieser ihre ältern Söhne, die
Titanen, in den Tartaros verstoßen.
Sie brachen aus der Unterwelt hervor,
Dem Erebos, der lag in dem Gefilde
Von Phlegra in Thessalien. Aus Furcht
Vor ihrem Anblick sind erblasst die Sterne,
Um Phöbus drehte um den Sonnenwagen.
So geht nun hin und rächt die alten Götter,
Sprach Mutter Erde, an Prometheus frisst
Der Adler und an Tityos der Geier,
Der starke Atlas muss den Himmel tragen
Und die Titanen liegen da in Ketten.
Geht, Söhne, rächt die alten Göttersöhne!
Gebrauchet meine eignen Glieder, nämlich
Die Berge, baut sie auf zu Treppenstufen,
Der Mutter Erde Berge nehmt als Waffen!
Ersteigt nun die gestirnten Himmelsburgen!
Typhöus, reiße du dem Herrscher Zeus
Den Zepter und den Blitz aus seiner Hand,
Du, Enkelados, nimm dich an des Meeres,
Vertreib den blaugelockten Posidaon,
Und Rhötus soll dem Sonnengotte Phöbus
Entreißen seiner Sonnenpferde Zügel,
Porphyrion erobre das Orakel
Zu Delphi, wo die Pythia orakelt!
Die Riesen jubelten bei diesen Worten,
Als hätten sie den Sieg schon längst errungen,
Als schleppten sie schon den Poseidon oder
Den Ares im Triumph einher und zerrten
Apollon an dem goldnen Lockenhaar,
Der eine nannte Kypris seine Gattin,
Der andre wollte Artemis sich nehmen,
Der dritte wollte freien die Athene.
So nun von den thessalischen Gebirge
Sie zogen aus, den Himmel zu erstürmen.
Indessen Iris rief, die Götterbotin,
Die Himmlischen zusammen im Olymp,
Und alle Götter, die in Wassern wohnen,
Und auch die Manen aus dem Totenreich,
Persephone verließ ihr Schattenreich,
Der König auch der Schweigenden fuhr auf,
Lichtscheue Pferde trugen ihn empor.
Wird eine Stadt belagert, und die Bürger,
Von allen Seiten laufen sie zusammen,
Die gute Burg der Heimat zu beschirmen,
So kamen auch die vielgestalten Götter
Am Vaterherd im Himmelreich zusammen.
Vereinte Götter, sprach sie Jove an,
Ihr seht, wie Mutter Erde sich verschworen
Mit ihren neuen Söhnen gegen uns.
Auf, sendet ihr den Leichenberg hinunter,
So viel, wie sie uns Söhne schickt hinauf!
Als so der Göttervater hat geendet,
Ertönte die Posaune von dem Himmel,
Und Gaia drunten gab mit Beben Antwort.
Und die Natur geriet in großes Chaos,
In Chaos wie am ersten Schöpfungstag,
Denn die Giganten rissen einen Berg
Und einen zweiten Berg aus ihren Wurzeln
Und schleppten dann den Ossa-Berg herbei,
Den Pelion, den Öta und den Athos,
Sie brachen auch das Rhodope-Gebirge
Mit seiner klaren Hebrosquelle ab,
Auf dieser Treppe von Gebirgen nun
Empor sie stiegen zu dem Göttersitz
Und fingen an, mit Eichen-Feuerbränden
Und Felsenbrocken den Olymp zu stürmen.
Nun ward den Göttern weiland prophezeit,
Dass keiner von den Himmlischen besiegen
Kann die Giganten, Mutter Gaias Söhne,
Die sterben nur, wenn in dem Kriege kämpft
Ein Menschensohn von einer Menschentochter.
Auch Gaia brachte dieses in Erfahrung
Und suchte darum auch nach der Arznei,
Die ihre Söhne machte unverwundbar
Im Götterkrieg mit einem Menschensohn.
Und es war wirklich solch ein Kraut gewachsen,
Doch Zeus kam ihr zuvor, und er verbot
Der Morgenröte, Sonne auch und Mond,
Zu scheinen, während Gaia in dem Dunkel
Gesucht, schnitt Zeus die Kräuter eilig ab
Und ließ dann Herakles, den Gottessohn
Und Menschensohn, durch die Athene rufen,
Am großen Götterkriege teilzunehmen.
Auf dem Olymp war schon der Streit entbrannt.
Und Ares hatte seinen Kriegeswagen
Mit Rossen, welche laut gewiehert haben,
Gelenkt hinein in dichte Schar der Feinde.
Sein goldner Schild als Feuer heller brannte,
Die Mähne seines Helmes schimmernd flattert.
Im Kampfgetümmel er durchbohrte den
Giganten Peloros, des Füße waren
Zwei Schlangen. Dann er überrollte mit
Dem Wagen des gefallnen Feindes Glieder
Zermalmend. Aber erst als Herakles
Erschien, der war auf den Olymp gestiegen,
Der Feind aushauchte seine beiden Seelen.
Und Herakles sah um sich auf dem Schlachtfeld,
Erkor ein Ziel sich seines straffen Bogens,
Sein Pfeilschuss streckte nieder Alkyneus,
Der also gleich in Abgrundstiefen stürzte,
Doch als berührt er seinen Heimatboden,
Mit neuer Lebenskraft erhob sich wieder.
Nun auf den Rat der göttlichen Athene
Stieg Herakles hinab und schleppte ihn hinweg
Bis über des Geburtslands feste Grenzen,
Sowie der Riese stand auf fremder Erde,
Entfuhr der Atem ihm und fuhr zur Hölle.
Jetzt ging Porphyrion in frecher Stellung
Auf Herakles und Hera gleichfalls zu,
Um einzeln mit den Herrlichen zu kämpfen.
Zeus flößte ihm da ein Verlangen ein,
Der Göttin schönes Angesicht zu schauen,
So zerrte er an Heras weißem Schleier,
Da traf ihn ‚Zeus mit seinem Donnerhammer,
Da tötete ihn vollends Herakles
Mit einem Pfeil von dem gespannten Bogen.
Nun rannte aus der Schlachtenreihe der
Gigant mit Namen Ephialtes vor,
Die Augen funkelten und blitzten scharf.
O das sind helle Ziele meinen Pfeilen,
Sprach Herakles und lachte Himmelslachen
Und wandte sich zum kämpfenden Apollon,
Und Gott Apollon schoss das linke Auge
Und Herakles das rechte Auge aus.
Eurytus aber schlug Dionysos
Mit seinem Thyrsosstab von Pinie nieder,
Ein Hagel warf von heißen Eisenschlacken
Den Klytios zu Boden von der Hand
Hephästos‘, auf Enkelados geschleudert
Athene hat Sizilien, die Insel,
Der Riese Polybotes ward verfolgt
Von Posidaon übers blaue Meer,
Er flüchtete nach Kos, jedoch der Meergott
Ein Stück riss von der schönen ‚Insel ab,
Bedeckte mit dem Inselstück den Feind.
Und Hermes, mit dem Helm des Pluton auf
Dem Kopf, erschlug den Riesen Hippolytos,
Zwei andre Feinde trafen mit den Keulen
Die Parzen. Alle andern schmetterte
Gott Zeus mit seinem Donnerhammer nieder
Und Herakles erschoss sie mit den Pfeilen.
Für diese Heldentaten ward dem Halbgott
Von allen Himmelsgöttern Huld zuteil.
Zeus-Vater nannte die der Schar der Götter,
Die ausgefochten haben diesen Krieg,
Olympier, um durch den Ehrennamen
Die Hohen von dem Mob zu unterscheiden.
Olympier, den Namen auch bekamen
Zwei Menschensöhne, von dem Weib geboren,
Olympier, Dionysos und Herakles.

SECHSTER GESANG

Vor der Geburt des Heros Herakles


Zeus sprach im Rat der Götter, dass der erste
Der Enkel des Heroen Perseus, welcher
Geboren werden würde, sollte sein
Beherrscher aller andern Perseus-Erben.
Und diese Ehre hatte Vater Zeus
Dem Sohne der Alkmene zugedacht,
Dem Herakles, dem Sohn des Vaters Zeus.
Doch Göttin Hera war voll Hinterlist,
Sie gönnte diese große Ehre nicht
Dem Sohne ihrer Nebenbuhlerin,
So kam sie ihm zuvor, und ließ Eurystheus,
Der auch ein Enkel war des Helden Perseus,
Das Licht der Welt erblicken früher als
Zeus‘ Sohn im Schoß der seligen Alkmene.
So ward Eurystheus König zu Mykene
In dem Argiverland, und Herakles,
Geboren später, ward ihm unterworfen.
Eurystheus aber sah mit großer Sorge
Den Heldenruhm des jüngeren Verwandten,
Und so berief er ihn als seinen Knecht,
Verschiedne Heldentaten zu vollbringen
Und Arbeiten im Dienste seines Königs.
Doch Herakles, er wollte nicht gehorchen.
Doch Zeus befahl dem eignen Gottessohn,
Dem König der Argiver treu zu dienen.
Der Halbgott ungern sich entschloss, der Diener
Von einem Sterblichen zu sein, er ging
Nach Delphi zum Orakel des Apollon
Und dort befragte er die Pythia,
Die gab zur Antwort ihm, die von Eurystheus
Erschlichne Herrschaft sei jetzt von den Göttern
Gemildert, so dass Herakles nur noch
Zehn Werke tun zu hätte für den König,
Die dieser ihm befehlen würde, und
Wenn er die Werke allesamt vollbracht:
Dann wirst du teilhaft der Unsterblichkeit.
Darüber fiel der Held in tiefe Schwermut,
Denn einem Niedrigern zu dienen, das,
Das widerstrebte seinem Selbstgefühl,
Das däuchte unter seiner Würde ihm,
Doch Zeus, dem Götterherrn, nicht zu gehorchen,
Erschien ihm unheilbringend und unmöglich.
Den Augenblick ersah sich Göttin Hera,
Aus deren Geist des Herakles Verdienste
Um all die Götter nicht getilgt den Hass,
Und sie verwandelte des Helden Schwermut
In psychische Erkrankung, in den Wahnsinn,
So dass er den Verstand verlor und seinen
Geliebten Neffen Iolaos wollte
Ermorden, aber als entfloh der Neffe,
Erschoss der Held im Wahn die eignen Knaben,
Die ihm Megara schön geboren hatte,
Im Wahn, sein Bogen ziele auf Giganten.
Es währte Jahre, bis er von dem Wahnsinn
Ward wieder frei, und als er zur Erkenntnis
Des Irrtums kam, da ward er voller Kummer,
Bekümmert über dies sein schweres Unglück,
Verschloss sich in sein Haus, ging nicht hinaus,
Vermeidend den Verkehr mit andern Menschen.
Die Zeit jedoch, sie linderte den Kummer,
Und da entschloss er sich, den Arbeitsauftrag
Des Königs doch zu übernehmen, kam
Zum Könige nach Tiryns, wo er herrschte.

SIEBENTER GESANG

Nun sollte Herakles das Fell des Löwen,


Des Löwen von Nemea holen. Der
Bewohnte das Peleponnes-Gebirge,
War in den Wäldern zwischen Kleonai
Und dem nemäischen Gefilde in
Der Landschaft Argolis. Der Löwe konnte
Mit keiner Menschenwaffe überwunden
Und totgeschlagen werden. Dieser Löwe
War Sohn des Riesen Typhon und der Schlange
Echidna, oder fiel vom Mond herab.
So Herakles zog gegen diesen Löwen,
Den Köcher mit den Pfeilen auf dem Rücken,
Den straffen Bogen in der linken Hand,
Die Ölbaumkeule in der rechten Hand.
Den Ölbaum für die Keule hatte er
Selbst auf dem Helikon-Gebirg getroffen
Und mit den Wurzeln allen ausgerissen.
Als er nun in den Wald kam von Nemea,
Ließ Herakles umher die Augen schweifen,
Um zu entdecken dieses wilde Tier,
Bevor er selber wird erblickt vom Tier.
Schon war es Mittag. Aber nirgends konnte
Bemerken er die Spuren dieses Löwen
Und keinen Pfad zu seinem Lager sehen,
Auch keinen Menschen traf er auf dem Feld
Bei seinen Stieren oder in dem Wald
Bei seinen Bäumen an, denn alle Menschen
Hielt große Angst verschlossen in den Höfen.
Nach Mittag Herakles durchstreifte einsam
Den dicht belaubten Hain, entschlossen, nun
Die ganze Stärke zu erproben, wenn
Er sehen würde dieses Ungeheuer.
Doch gegen Abend kam der Löwe an
Auf einem Waldweg, um von seinem Fang
Zurück zu kehren in die Erdenspalte,
Er war von heißem Fleisch und Blut gesättigt
Und Kopf und Brust und Mähne troffen rot
Von Mord, die Zunge legte sich am Kinn.
Der Held, der ihn von ferne kommen sah,
Verbarg sich schnell in dichtem Waldgebüsch
Und wartete, bis näher kam der Löwe,
Und schoss ihm einen Pfeil in seine Flanken,
Doch das Geschoss drang nicht ins feste Fleisch,
Es prallte wie von einem Steine ab
Und flog zurück und fiel ins Moos des Bodens.
Das Tier hob seinen Kopf, den blutigen,
Und ließ die Augen rollen und im Rachen
Die spitzen Zähne sehen. So der Löwe
Dem Halbgott streckte seine Brust entgegen,
Der schickte eilig einen zweiten Pfeil ab,
Ihn in den Sitz des Atems so zu treffen,
Doch das Geschoss drang nicht durch seine Haut,
Es prallte von der Brust des Löwen ab
Und fiel zu dieses Ungeheuers Füßen.
Und Herakles griff nach dem dritten Pfeil,
Als ihn der Löwe sah, er zog den Schwanz
Bis zu den Kehlen seiner Hinterknie,
Sein ganzer Nacken schwoll von heißem Zorn,
Er murrte, und es sträubte sich die Mähne,
Und krumm ihm ward der Rücken wie ein Bogen.
Er sann auf Kampf und ging mit einem Sprung
Dem Feind entgegen. Aber Herakles
Warf seine Pfeile aus der Hand und von
Dem Rücken warf er ab sein Löwenfell,
Und mit der Rechten schwang er seine Keule
Dem Tiere überm Haupt und schlug ihm hart
Den Nacken, dass er mitten in dem Sprung
Zu Boden stürzte und zu stehen kam
Auf seinen Füßen, welche zitterten,
Mit seinem Kopfe wackelnd. Ehe er
Aufatmen konnte, kam ihm Herakles
Zuvor, der Bogen warf und Köcher nieder,
Um ungehindert sich dem Tier zu nahen,
Er schlang die Arme um des Löwen Nacken
Und schnüre ihm mit Macht die Kehle zu,
Bis er erstickte und die böse Seele
Hinunter sandte in den finstern Hades.
Doch Herakles versuchte lang vergebens,
Die Haut des toten Löwen abzuweiden,
Sie wich dem Eisen nicht und nicht dem Stein.
Da kam dem Helden endlich in den Sinn,
Die Haut des Löwen mit des Löwen Klauen
Selbst abzuziehen, was sogleich gelang.
Und später Herakles verfertigte
Aus diesem Fell des Löwen einen Panzer
Und aus dem Rachen einen neuen Helm.
Für jetzt er aber nahm nur Kleid und Waffen,
Wie er gekommen war, zu sich zurück
Und machte auf den Rückweg sich nach Tiryns,
Das Fell des Löwen hängend überm Arm.
Als nun Eurystheus ihn sah kommen so
Mit diesem Fell des grimmen Ungeheuers,
Geriet er über solche Kraft des Helden
In große Angst und kroch in einen Topf.
Auch ließ er Herakles fortan nicht mehr
Ihm kommen unter seine Augen, sondern
Er ihm erteilte fürstliche Befehle
Durch einen Boten draußen vor der Mauer.
Der Bote Kopreus war ein Sohn des Pelops.
Nun sollte Herakles die Hydra töten,
Die Tochter der Echidna und des Typhon.
Sie war in Argolis, im Sumpf von Lerna
Erwachsen, pflegte auf das Land zu kommen,
Die Herden zu zerreißen und das Feld
Gewaltsam zu verwüsten, maßlos groß
War sie, neun Köpfe hatte diese Schlange,
Acht Schlangenköpfe waren aber sterblich,
Der neunte Kopf der Schlange war unsterblich.
Dem Kampf ging Herakles mit Mut entgegen,
Er stieg auf einen Wagen, sein geliebter
Verwöhnter Neffe Iolaos, Sohn
Des Bruders Herakles‘, des Iphikles,
Der lange Zeit sein treuer Freund gewesen,
Der setzte sich als Rosselenker hin,
Und so ging es im Flug auf Lerna hin.
Nun ward die Hydra sichtbar auf dem Hügel
Beim Quell der Amymone, dort befand sich
Der Hydra Höhle. Hier ließ Iolaos
Die Pferde halten, Herakles sprang ab
Und zwang mit Schüssen dann von Feuerpfeilen
Die Schlange, ihren Winkel zu verlassen.
Und zischend kam hervor die böse Schlange,
Neun Hälse schwankten aufgerichtet stolz
Auf ihrem Leib, wie Äste in dem Sturm.
Doch Herakles ging unerschrocken ihr
Entgegen, packte kräftig sie und hielt sie,
Sie schlang sich da um einen seiner Füße,
Ließ sich auf weitre Gegenwehr nicht ein.
Mit seiner Keule er zerschmetterte
Die Köpfe ihr, doch kam er nicht zum Ziel,
Denn war ein Kopf zerschlagen, wuchsen zwei
Hervor an gleicher Stelle. Und der Hydra kam
Zu Hilfe auch ein Riesenkrebs, der fasste
Den Helden gar empfindlich an dem Fuße.
Doch Herakles hat diesen Krebs getötet
Mit seiner Keule und rief Iolaos
Zu Hilfe in dem Kampfe mit der Schlange.
Der hatte eine Fackel schon gerüstet,
Er zündete damit den nahen Wald an,
Und mit dem Brande überfuhr er die
Neu aufgewachsnen Schlangenköpfe und
So hinderte er sie, hervor zu treiben.
Auf diese Weise ward der Heros Meister
Der Schlangenköpfe, und er schlug der Hydra
Den neunten Kopf auch ab, der war unsterblich,
Den Kopf begrub dann Herakles am Wege
Und wälzte einen schweren Stein darüber.
Den Rumpf der Hydra spaltete der Held,
Die Pfeile tauchte er ins Blut der Schlange,
Das giftig war. Seit dem des Helden Pfeile
Mit Gift der Schlange schlugen Todeswunden.
Nun sollte Herakles die Hirschkuh fangen,
Lebendig fangen Kerynitis, dies
War eine Hirschkuh voller Herrlichkeit,
Die trug ein goldenes Geweih am Haupt
Und Eisenfüße, und sie weidete
An einem Hügel in Arkadien,
Die eine war der sieben Hindinnen,
An welchen Artemis zuerst geprobt
Die Jagdkunst. Diese Hirschkuh von den sieben,
Die hatte Artemis zurück gelassen
In ihre Heimat in den grünen Wäldern,
Weil es vom Schicksal so beschlossen war,
Dass Herakles sie einmal jagen sollte.
Ein ganzes Jahr verfolgte er die Hirschkuh,
Er kam auf dieser Jagd zu den Germanen,
Kam an die Quelle auch des Flusses Ister
Und holte endlich ein die goldne Hirschkuh
Am Flusse Ladon nah der Stadt Önoe,
Am Berg der Artemis, der Jungfraungöttin.
Dort konnte er des Tiers nur Meister werden,
In dem mit einem Pfeil er ihre Füße lähmte.
Dann trug er sie auf seinen Heldenschultern
Durchs heilige Arkadien. Da traf
Er Artemis, die ging dort mit Apollon,
Die schalt ihn, dass er diese goldne Hindin,
Die ihr geweiht war, habe töten wollen.
Das war nicht Übermut, sprach Herakles,
O große Jungfraungöttin Artemis,
Doch das gebot mir die Notwendigkeit,
Wie könnte sonst bestehn ich vor dem König?
Und so versöhnte er die Jungfraungöttin
Und trug das Tier lebendig nach Mykene.

ACHTER GESANG

Nun ging es an die vierte Unternehmung,


Den Eber von dem Berge Erymanthos,
Der ebenfalls der Artemis geheiligt,
Lebendig auszuliefern nach Mykene,
Der er des Berges Gegenden verwüstet.
Auf seiner Wanderung zum Abenteuer
Einkehrte Herakles beim jungen Pholos,
Der war ein Sohn des trunkenen Silenus.
Und Pholos, einer der Zentauren, der
Halb Mensch, halb Pferd war, er empfing ihn freundlich
Und setzte Herakles den Braten vor,
Dieweil er selber rohes Fleisch verzehrte.
Doch Herakles begehrte zu der Mahlzeit
Ein stärkendes Getränk von rotem Wein.
Mein lieber Gast, sprach Pholos zu dem Helden,
Es liegt ein Fass voll Wein in meinem Keller,
Doch dieser Wein gehört nur den Zentauren,
Ich will das Weinfass lieber nicht eröffnen,
Zentauren fragen wenig nur nach Gästen. -
Du öffne gutes Mutes nur das Weinfass,
Sprach Herakles, und ich verspreche dir,
Dich gegen jeden Angriff der Zentauren
Mit Fäusten zu verteidigen. Mich dürstet! -
Es hatte aber dieses Weinfass Bacchus,
Der Gott des Weines, übergeben einem
Zentauren mit dem göttlichen Befehl,
Das Fass nicht eher zu eröffnen, als
Bis Herakles in dieser Gegend einkehrt.
So ging denn Pholos in des Weines Keller.
Kaum hatte er geöffnet dieses Weinfass,
Da rochen die Zentauren schon den Duft
Des starken, hundert Jahre alten Weines,
Und sie umringten, haufenweise kommend,
Mit Felsen und mit Fichten Pholos‘ Höhle.
Die ersten, die es wagten, einzudringen,
Die jagte Herakles zurück mit Feuer,
Die andern er verfolgte mit den Pfeilen
Bis nach Malea, wo der alte Chiron,
Zentaur und Freund des Herakles, zuhause.
Zu diesem flüchteten die Stammesbrüder.
Als sie mit Chiron grad zusammen trafen,
Schoss Herakles den Pfeil ab, in den Arm
Von einem fliehenden Zentauren treffend
Und treffend leider auch des Chiron Knie,
Da blieb der Pfeil im Pferdeschenkel stecken.
Jetzt erst erkannte Herakles den Freund
Aus seinen Jugendtagen, lief hinzu,
Bekümmert, zog den Pfeil aus seinem Schenkel
Und legte eine Medizin ihm auf,
Die Chiron selbst gemischt als kluger Arzt.
Jedoch die Wunde war vom Gift der Hydra
Durchdrungen, und die Wunder war unheilbar.
Und Chiron ließ sich bringen in die Höhle
Und wünschte, in des Freundes Arm zu sterben.
Vergeblich war der Wunsch! Der Arme hatte
Da nicht bedacht, dass er unsterblich war,
Dass er unsterblich war zu seiner Qual.
Nun Herakles nahm vom Gequälten Abschied,
Versprechend, dass er schickt den Heiland Tod!
Als Herakles von der Verfolgung der
Zentauren in des Freundes Höhle kehrte,
Da fand er Pholos, seinen liebevollen Wirt,
Er fand ihn tot. Der hatte noch aus einem
Zentauren-Leichnam einen Pfeil gezogen
Und sich gewundert, dass solch kleiner Pfeil
Zentauren nieder werfen konnte, da
Entglitt ihm das Geschoss mit seinem Gift
Aus seiner Hand und fuhr ihm in den Fuß
Und raubte auf der Stelle ihm das Leben.
Da war nun Herakles zutiefst betrübt
Und er begrub ihn ehrenvoll und legte
Ihn unter einen Berg, der Pholoe
Genannt wird, seit dort Pholos liegt begraben.
Dann ging er weiter auf die Jagd des Ebers
Und trieb denselben mit Geschrei heraus
Aus Waldes Dickicht und verfolgte ihn
Ins tiefe Schneefeld, fing hier den Erschöpften
Mit einem Strick und bracht ihn nach Mykene.
Drauf schickte ihn Eurystheus fort zur Arbeit,
Unwürdig eines gottgezeugten Helden.
Den Viehhof sollte er des Augias
An Einem Tag befreien von dem Mist.
In Elis war der Augias ein König
Und hatte viele Herden, Klein- und Großvieh.
Sein Vieh stand nach der Art der Alten da
In einem Zaune nahe dem Palast.
Dreitausend Rinder hatten da gestanden
Und hatten große Mengen Mist gemacht,
Der sich in langen Jahren aufgehäuft.
Den sollte Herakles zu seiner Schmach
An Einem Tage räumen von dem Hof.
Als nun der Heros trat zu Augias
Und nichts erwähnte von Eurystheus‘ Auftrag
Und sich zu dem genannten Dienst erbot,
Maß Augias die herrliche Gestalt
In seiner Löwenhaut und musste lachen,
Er dachte, dass ein solcher edler Krieger
Nicht so gemeinen Knechtsdienst wollen kann.
Indessen dachte Augias bei sich:
Der Eigennutz hat manchen schon verführt,
Vielleicht will er sich nur an mir bereichern.
Das aber wird dem Manne wenig helfen.
Ich kann ihm aber einen Lohn versprechen,
Wenn er den Stall ausmistet, denn er hat
An Einem Tag nicht viel hinaus zu bringen.
Und darum Augias sprach nun getrost:
Hör, Fremdling, wenn du kannst den Stall ausmisten,
So geb ich dir den zehnten Teil der Herde. -
Da ging der Held auf die Bedingung ein.
Der König aber dachte nun nicht anders,
Als dass der Heros gleich zu schaufeln anfing.
Doch Herakles rief erst den Jüngling Phyleus,
Den Sohn des Augias, der sollte Zeuge
Des abgeschlossenen Vertrages sein.
Nun riss der Held den Grund des Hofes um
Und leitete Alpheios und Peneios
Durch einen breiteren Kanal herbei
Und ließ die Flüsse spülen fort den Mist.
Und so vollzog er seinen Auftrag, ohne
Zu einer Handlung zu erniedern sich,
Unwürdig eines gottgezeugten Heros.
Als aber Augias davon erfuhr,
Dass Herakles gehandelt hat im Auftrag
Des Königs von Mykene, weigerte
Er sich, den Lohn zu zahlen, leugnete,
Dass er den Zehnten ihm versprochen habe.
Doch er erklärte sich bereit, den Streit
Dem richterlichen Spruch anheim zu stellen.
Und als die Richter saßen nun beisammen,
Zu fällen ein gerechtes Urteil, da
Trat Phyleus auf, vom Helden aufgefordert,
Und zeugte gegen seinen eignen Vater.
Doch Augias erwartete den Spruch nicht,
Befahl dem Fremdling und dem eignen Sohn,
Das Königreich von Elis zu verlassen.
Nun kehrte Herakles zu Abenteuern
Zurück zum König von Mykene. Der
Nun schickte ihn ins sechste Abenteuer,
Die grausen Stymphaliden zu verjagen.
Dies waren ungeheuer Vögelräuber,
Wie Kraniche, jedoch mit Eisenflügeln,
Mit Eisenschnäbeln und mit Eisenklauen.
Sie hausten um den See von Stymphalos
Im herrlichen Arkadien und konnten
Abschießen ihre Federn scharf wie Pfeile
Und mit den Schnäbeln Panzer ganz durchbohren,
Sie richteten in der Umgebung Schaden
Und Unheil unter Vieh und Menschen an.
Nun Herakles des Wanderns war gewohnt,
Er kam nach kurzer Reise bei dem See an,
Der von Gehölz umschattet ruhte still.
In diesem Wald war eine Schar der Vögel,
Die bangten, von dem Wolf geraubt zu werden.
Nun Herakles stand ratlos da und dachte,
Wie er so viele Feinde kann besiegen.
Auf einmal fühlt er einen leichten Schlag
Auf seiner Schulter, hinter sich erblickte
Er strahlend schön die göttliche Athene,
Die gab zwei große Eisenklappern ihm,
Die ihr Hephästos einst verfertigt hatte.
Athene lehrte nun den Herakles,
Wie er die Klappern zu gebrauchen habe,
Und dann verschwand die Jungfrau Tochter Zeus.
Und Herakles bestieg den sanften Hügel
Nah an dem See und schreckte auf die Vögel,
Indem er laut zusammen schlug die Klappern.
Die Vögel hielten diesen Lärm nicht aus
Und flogen furchtsam aus dem Wald hervor.
Darauf griff Herakles zu seinem Bogen
Und sandte Pfeil um Pfeil aus in die Lüfte,
Schoss viele Vögel aus dem Flug herunter.
Die andern Vögel flohen diese Gegend,
Nie wieder kamen heim die Stymphaliden.

NEUNTER GESANG

Der König Minos in dem schönen Kreta


Versprach Poseidon, ihm ein Tier zu opfern,
Was da zuerst auftauche aus dem Meer,
Denn Minos sprach, dass er kein Tier besitze,
Das würdig sei zu einem solchen Opfer.
Da ließ der Gott auftauchen einen Stier,
Den schönsten, aus dem purpurroten Meere.
Den König aber da verleitete
Die herrliche Gestalt des Tieres, das
Er da mit seinen eignen Augen sah,
Es zu verstecken unter seiner Herde
Und einen andern Stier dem Gott zu opfern.
Darüber war erzürnt der Meeresgott,
Und er ließ diesen Stier wahnsinnig werden,
Der richtete Verwüstung an auf Kreta.
Den Stier zu bändigen und ihn zu bringen
Zum Herrn Eurystheus, ward dem Herakles
Als siebte seiner Taten aufgetragen.
Als er mit diesem Plan nach Kreta kam
Und trat vor König Minos, war der König
Erfreut, den Stier, den Unhold, loszuwerden,
Ja, König Minos half dem Herakles,
Den Stier in seinem Wahnsinn einzufangen,
Da hat die Heldenkraft des Herakles
Den Stier in seinem Wahnsinn so gebändigt,
Dass er von einem Schiff sich tragen ließ
Den ganzen Weg nach dem Peleponnes.
Mit diesem Werk zufrieden war Eurystheus,
Er ließ jedoch den Stier, nachdem er ihn
Für eine Zeit mit Lust betrachtet hatte,
In seiner Herrengroßmut wieder frei.
Als nun der Stier nicht mehr im Banne war
Des Herakles, da kehrte ihm zurück
Die alte Raserei des wilden Wahnsinns,
Er irrte einsam durch Lakonien
Und durch Arkadien und streifte über
Den Isthmos ins berühmte Marathon
In Attika und dort verheerte er
Das Land, wie er in Kreta einst getan.
Erst König Theseus später es gelang,
Herr über diesen irren Stier zu werden.
Als achte Arbeit trug der Vetter nun
Dem Helden auf, des Diomedes Stuten
Zu bringen nach Mykene. Diomedes
War Sohn des Ares, König der Bistonen,
Das war ein ziemlich kriegerisches Volk.
Er hatte Stuten, die so wild und stark,
Dass man an Eisenkrippen sie gebunden
Mit Eisenketten. Ihre Nahrung war
Nicht Hafer, sondern Fleisch der Fremdlinge,
Die in die Stadt des Königes gekommen
Zu ihrem großen Unglück, diese wurden
Den Stuten vorgeworfen, und ihr Fleisch
Den wilden Rossen diente als ihr Futter.
Als Herakles nun angekommen, wars
Sein erstes, diesen König selbst zu greifen
Und ihn den eignen Stuten vorzuwerfen,
Nachdem er überwunden hat die Wächter,
Die standen bei den Krippen aufgestellt.
Durch diese Speise wurden zahm die Stuten,
Er trieb sie an des Ozeans Gestade.
Doch die Bistonen kamen schwerbewaffnet,
Da musste Herakles mit ihnen kämpfen.
Er gab die zahmen Stuten seinem Liebling
Abderos, Hermes‘ Sohn, sie zu bewachen.
Als Herakles war fortgegangen, kam
Die Stuten wieder ein Gelüst nach Fleisch
Von Männern an. Und so fand Herakles,
Der die Bistonen in die Flucht geschlagen
Und war zurückgekehrt, den jungen Liebling
Abderos von den Stuten ganz zerrissen.
Und er betrauerte den jungen Liebling
Und baute ihm zu Ehren eine Stadt,
Abdera, die des Lieblings Namen trug.
Er zähmte wieder dann die wilden Stuten
Und kam mit ihnen glücklich zu Eurystheus,
Der weihte sie der Königin des Himmels,
Der Göttin Hera mit den Lilienarmen.
Der Stuten Kinderlein und Kindeskinder
Noch lebten lange fort, und Alexander
Der Große ritt auf eben solchem Pferd.
Nachdem nun Herakles vollbracht das Werk,
Er schiffte ein sich mit dem Heer des Jason
Nach Kolchis, um das Goldne Vließ zu holen.
Von langer Irrfahrt dann zurückgekehrt,
Der Heros unternahm die Reise gegen
Die Amazonen, um das neunte Werk
Zu tun, das Wehrgehenk der Amazone
Zu bringen zu Eurystheus, Hippolytes.
Die Amazonen wohnten in der Gegend
Des Flusses Thermodon im Pontus-Lande
Und waren ein ergrimmtes Volk von Frauen,
Die Krieg und Arbeit starker Männer taten.
Von ihren Kindern sie erzogen nur
Die Töchter. Und vereint in wilden Scharen
Sie zogen aus zum Kriege mit den Männern.
Und Hippolythe, ihre Königin,
Sie trug als Zeichen ihrer Herrscherwürde
Den Gürtel, den sie selbst vom Gott des Krieges
Erhalten zum Geschenk. Und Herakles
Versammelte die Kampfgenossen alle
Auf einem Schiff und fuhr ins Schwarze Meer,
Lief in die Mündung ein des Thermodon
Und in die Hafenstadt der Amazonen,
Das schöne Themiskyra. Hier kam ihm
Die Amazonenkönigin entgegen.
Die Schönheit Herakles‘ sah sie mit Achtung,
Als sie erkundet, warum er gekommen,
Versprach sie ihm den Gürtel. Aber Hera,
Die unversöhnte Feindin Herakles‘,
Nahm die Gestalt an einer Amazone
Und mischte in die Menge sich der andern
Und streute das Gerücht aus, dass ein Fremder
Entführen wollte ihre Königin.
Da schwangen sich die Frauen auf die Pferde
Und griffen an den Halbgott in dem Lager,
Das vor der Stadt er aufgeschlagen hatte.
Die Amazonen fochten mit den Kriegern
Und machten eine schwere Schlacht des Kampfes.
Die erste, die den Kampf mit ihm begann,
Das war Aella oder schnelle Windsbraut,
Sie fand an Herakles den schnellsten Gegner,
Sie musste weichen, ward auf schneller Flucht
Von ihm gefangen und dann hingemetzelt.
Die zweite fiel schon bei dem ersten Angriff.
Und dann kam Prothoe, die dritte, die
Im Zweikampf siebenmal gewonnen hatte.
Nach ihr erlagen weitere, darunter
Die Jagdgenossinnen der Artemis,
Sonst immer mit dem Wurfspieß treffend,
Nur dieses Mal verfehlten sie ihr Ziel,
Vergebens unter ihrem Schild sich deckend,
Erlagen sie dem Wurfgeschoss des Helden.
Alkippe fiel, die sie geschworen hatte,
Ihr Leben lang zu bleiben unvermählt,
Sie hielt den Schwur, am Leben blieb sie nicht.
Auch Melanippe ward, die Führerin
Der Amazonen-Schar, gefangen, da
Sie alle flohen. Und die Königin,
Die schöne Hippolythe, gab den Gürtel
Heraus, wie sie versprochen vor dem Krieg.
Und Herakles nahm an das Lösegeld
Und gab dafür die Melanippe frei.
Auf seiner Rückfahrt auch bestand der Held
Ein Abenteuer an der Küste Trojas.
Hesione, des Laomedon Tochter,
Sie saß an einen Fels gebunden und
Zum Fraße ausgesetzt des Ungeheuers.
Dem Vater Laomedon hatte einst
Poseidon Trojas Mauern aufgerichtet
Und doch dafür den Lohn noch nicht erhalten,
Darum verwüstete das Ungeheuer
Das Land von Troja, bis dass Laomedon
Dem Ungeheuer preisgab seine Tochter.
Als Herakles vorüber fuhr an Troja,
Da rief zu Hilfe ihn der arme Vater,
Versprach, ihm für die Rettung seiner Tochter
Die schönsten Pferde ihm zu schenken, die
Einst König Zeus geschenkt hat seinem Vater.
Der Heros legte an und wartete
Aufs Ungeheuer. Als es kam, den Rachen
Aufsperrend, um die Jungfrau zu verschlingen,
Das sprang der Heros in des Untiers Rachen,
Zerschnitt dem Untier alle Eingeweide
Und stieg aus dem Getöteten hervor
Als wie aus einer finstern Mördergrube.
Doch Laomedon hielt sein Wort nicht. Da
Fuhr Herakles mit bösem Fluch davon.

ZEHNTER GESANG

Als Herakles den Gürtel Hippolythes


Eurystheus hingelegt vor seine Füße,
Da gönnte dieser doch ihm keine Rast,
Er schickte wieder ihn zu neuer Arbeit,
Des Riesen Geryones Rinder soll
Er schaffen ihm herbei. Der Riese saß
Auf Erythia in dem Meeresbusen
Von Cadix, eine Herde schöner Rinder
Besaß er dort, die ihm ein andrer Riese
Geweidet und ein Hund mit Doppelkopf.
Sehr groß war Geryones, hatte
Drei Körper und drei Köpfe und sechs Arme,
Sechs Füße. Nimmer hat ein Sohn der Erde
Sich je an ihn gewagt. Doch Herakles
Es wagte. Er bereitete sich vor.
Es war bekannt, dass Geryones Vater
Mit Namen Chrysaor und das heißt Goldschwert
Sehr großen Reichtum hatte, König war
Iberiens, dass außer Geryones
Drei tapfre Riesensöhne für ihn stritten
Und jeder Sohn ein großes Heer besaß.
Eurystheus gab dem Herakles die Arbeit,
Er hoffte, dass der Halbgott auf dem Kriegszug
Ins fremde Land sein Leben lassen müsse.
Doch Herakles ging den Gefahren nicht
Erschrockener entgegen als den andern
Geschäften seines großen Heldentums.
Er sammelte die Heere sich auf Kreta,
Das er von wilden Tieren ganz befreit,
Und landete zuerst in Libyen.
Hier rang er mit dem Riresenmann Antäos,
Der immer wieder neue Kraft erhielt,
So oft berührte er die Mutter Erde,
Doch Herakles hielt ihn in freier Luft
Und drückte in den Lüften ihn zu Tode.
Er trieb aus Libyen die wilden Tiere,
Er hasste wilde Tiere wie die Sünder,
Die Ebenbilder gottvergessnen Herrschers,
Der ihn in seiner Erdenzeit geplagt.
Nach einer langen Wanderung durch öden Wüsten
Der Held kam in ein fruchtbares Gebiet.
Er gründete die Stadt mit hundert Toren,
Das ungeheure Hekatonmpylos.
Dann kam er an den Ozean Atlantik,
Da stand er gegenüber von Gandira.
Die beiden Säulen dort des Herakles
Errichtet wurden von dem Halbgott selber.
Die Sonne brannte da entsetzlich heiß,
Und Herakles ertrug nicht mehr die Hitze,
Er richtete die Augen auf zum Himmel
Und drohte ihm mit aufgehobnem Bogen,
Den großen Helios herab zu schießen.
Doch Helios bewunderte den Mut
Des Helden und verlieh ihm, fort zu kommen,
Er reichte ihm dazu die goldne Schale,
In welcher Helios die Strecke fuhr
Vom Sonnenuntergang im Abendlande
Zum Sonnenaufgang in dem Morgenland.
Auf dieser Schale fuhr nun Herakles
Von Afrika hinauf an Spaniens Küste,
Wohin ihn seine Flotte auch begleitet.
Hier fand er die drei Söhne Chrysaors,
Drei große Heere auch, nah bei einander,
Er aber tötete die Führer alle
Im Zweikampf und eroberte das Land.
Dann kam er auf die Insel Erythia,
Wo Geryones mit den Rindern hauste.
Sobald der Hund mit seinem Doppelkopf
Gewahrte seine Ankunft, sprang er auf
Und rannte gegen Herakles, allein
Der Held empfing den Hund mit einem Knüppel,
Erschlug ihn und dazu den Rinderhirten,
Der da dem Hund zu Hilfe war gekommen.
Dann eilte mit den Rindern er davon,
Doch Geryones holte ein den Helden,
Es kam zu einem schweren Kampf im Feld.
Und Hera selbst erschien, die Königin
Des Himmels und der Erde, half dem Riesen,
Der Held schoss einen Pfeil ihr in die Brust,
Da floh die Himmelskönigin verwundet.
Und auch des Riesen Körper, alle drei,
Empfingen hier den Todespfeil und starben.
Und Herakles auf seinem Rückweg noch
Vollbrachte glorreich andre Heldentaten,
Zu Land trieb er die Rinder durch Iberien
Und durch Italien, dieses schöne Land.
Bei Rhegium im unteren Italien
Entlief ein Ochse ihm von jener Herde,
Der setzte übers Meer hin nach Sizilien.
Die andern Ochsen trieb der Held ins Wasser
Und schwamm, indem er einen Stier am Horn hielt,
Auch nach Sizilien hinüber. Dann
Nach manchen andern Taten kam der Held
Glückselig durch Italien und Illyrien
Und Thrakien nach Griechenland zurück
Und kam so siegreich auf dem Isthmos an.
Jetzt hatte Herakles zehn große Werke
Vollbracht, Eurystheus doch ließ zwei nicht gelten,
So musste sich der Herrliche bequemen,
Zwei weitre Heldentaten zu verrichten.
Einst bei dem, Hochzeitsfest von Zeus und Hera,
Als alle Götter ihre Gaben brachten,
Da wollte auch die Mutter Erde Gaia
Dem Hochzeitspaare ihre Gabe bringen,
Sie ließ am Westgestad des großen Weltmeers
Aufwachsen einen ästereichen Baum
Voll Goldner Äpfel, von den Hesperiden
Bewacht, den Jungfraun aus der Mutter Nacht,
Den Wärterinnen dieses Apfelgartens,
Den auch bewachte noch ein großer Drache
Mit hundert Köpfen, Ladon, Sohn des Phorkys,
Des Vaters vieler Ungeheuer, und
Der erdgeborenen, der Jungfrau Keto.
Kein Schlaf kam je in dieses Drachen Augen,
Ein fürchterliches Zischen kündete
Des Drachen Nähe, seine hundert Kehlen
Vernehmen ließen schreckliche Geräusche.
Dem Drachen, so war der Befehl Eurystheus‘,
Nun sollte Herakles die goldnen Äpfel
Der Jungfraun Hesperiden nehmen fort.
Der Halbgott machte sich auf seinen Weg,
Auf einen langen, abenteuervollen,
Auf dem er sich dem Zufall überließ,
Er wusst nicht, wo die Hesperiden wohnten.
Zuerst gelangt er nach Thessalien,
Dort hauste Termeros, der böse Riese,
Der alle Reisenden zu Tode rannte.
Doch an des Halbgott Stirn zersplitterte
Der Kopf des Riesen. Weiter zog der Held
Zum Flusse Echedoros, da kam ihm
Ein andres Ungeheuer in den Weg.
Und das war Kyknos, Sohn von Ares und
Pyrene. Diesen fragte nun der Halbgott
Nach jener Hesperiden Apfelgarten,
Statt eine Antwort ihm zu geben aber,
Der Kyknos forderte den Helden auf
Zum Zweikampf, und so wurde er erschlagen.
Da ist erschienen Ares selbst, der Gott,
Den Sohn zu rächen. Herakles sah sich
Gezwungen, mit dem Gott des Kriegs zu kämpfen.
Kronion wollte nicht, dass seine Söhne
Ihr Bruderblut vergießen, und ein Blitz
Des Höchsten trennte diese beiden Kämpfer.
Der Heros schritt nun durch Illyrien,
Er eilte übers Wasser Eridanos,
Kam zu den Nymphen dann von Zeus und Themis,
Die an den Ufern dieses Stromes wohnten.
An sie nun richtete der Held die Frage,
Wo sei der Hesperiden Apfelgarten.
Du gehe zu dem alten Stromgott Nereus,
War ihre Antwort, der ist ein Prophet,
Weiß alle Dinge. Überfalle ihn
Im Schlaf und binde ihn, er wird gezwungen
Auf diese Art, den rechten Weg zu zeigen.
Und Herakles befolgte diesen Rat,
Bemeistert sich des Gottes dieses Flusses,
Der aber, wie er immer es gewohnt,
Verklärte sich in mancherlei Gestalten.
Doch Herakles ließ ihn nicht eher los,
Bis er erkundet, wo in dieser Welt
Der Hesperiden goldne Äpfel waren.
Belehrt darin, durchzog er Libyen
Und der Ägypter Land, Busiris herrschte
Im Lande der Ägypter, Sohn Poseidons
Und Lysianassas, Braut des Meeresgottes.
Neun Jahre war im Land die Teuerung,
Da sprach ein zyprischer Prophet das Wort,
Dass enden wird die Dürre, wenn dem Zeus
Alljährlich wird ein fremder Mann geschlachtet.
Busiris machte drum den Anfang mit
Dem zyprischen Propheten selbst zum Dank.
Allmählich fand Busiris ein Gefallen
An diesem Menschenopfer, schlachtete
Viel Fremde, welche nach Ägypten kamen.
So wurde denn auch Herakles ergriffen
Und ward geschleppt zu dem Altar des Zeus.
Er aber riss entzwei die Eisenketten,
Erschlug Busiris und Busiris‘ Sohn
Und alle Priester dieser Menschenopfer.
Der Held zog weiter, manches Abenteuer
Erlebend. Er befreite den Prometheus,
Denn der rebellische Titan Prometheus
War angekettet an dem Kaukasus.
Und Herakles kam in das Land, wo Atlas
Die Last des Himmels trug auf seinen Schultern,
In dessen Nähe war der Apfelbaum,
Der von den Hesperiden ward gehütet.
Prometheus hatte Herakles geraten,
Nicht selbst die goldnen Äpfel sich zu rauben,
Nein, Atlas solle ihm die Äpfel stehlen.
Dafür bot Herakles dem Atlas an,
Des Himmels Last an seiner statt zu tragen.
Und Atlas stimmte zu. Und Herakles
Hob mit den Schultern auf das Firmament.
Und Atlas ging und schläferte den Drachen
Des Apfelbaumes ein und tötete
Den Drachen, überlistete die Jungfraun,
Die Hesperiden, kam zurück mit Äpfeln,
Drei Äpfeln von dem Baum der Hesperiden,
Und kehrte glücklich heim zu Herakles.
Doch, sprach er, meine Schultern spürten wohl,
Wie schwer die Last des Himmels ist zu tragen.
Ich möchte nicht den Himmel länger tragen.
Er warf vor Herakles die Äpfel hin
Und ließ ihn mit der Last des Himmels stehen.
Nun musste Herakles auf Klugheit sinnen.
So lass mich, sprach er zu dem Himmelsträger,
Ein Kissen mir auf meinen Schädel legen,
Dass nicht der Himmel drücke allzu schwer
Und jene Last nicht mir zersprengt das Hirn. -
Der Heros Atlas fand die Bitte recht
Und stellte sich erneut dem Himmel unter,
Auf kurze Zeit nur, das war seine Meinung.
Doch lange konnt er auf den Halbgott warten
Bis Herakles ihn von der Last erlöse.
Da wurde der Betrüger zum Betrognen.
Der Halbgott hob die Früchte auf vom Rasen
Und ging mit einem frohen Lied davon.
Er brachte nun die Äpfel dem Eurystheus,
Der wollt den Helden aus dem Wege räumen,
Doch das gelang dem schlimmen Vetter nicht,
Er gab die Äpfel Herakles zurück,
Der legte sie auf den Altar Athenes,
Die Göttin aber wusste, dass die Äpfel
Gehörten in den Hesperiden-Garten
Und brachte zu den Jungfraun sie zurück.
Statt seinen Nebenbuhler zu vernichten,
Die Werke, die Eurystheus aufgetragen,
Die hatten Herakles ja nur verherrlicht
In dem Beruf, vom Schicksal angewiesen,
Ein Segen für die Sterblichen zu sein,
Vertilger aller Sünden auf der Erde.
Das letzte Abenteuer aber sollte
In der Region bestehn, wohin den Helden
Die Kraft des Helden nicht begleiten würde,
So hoffte es der König voller Arglist:
Ein Kampf mit finstrer Macht der Unterwelt
Stand ihm bevor: Er sollte Kerberos,
Den Hund der Hölle, aus dem Hades holen.
Drei Köpfe hatte dieser Hund mit Rachen,
Aus denen immer Gift und Geifer troff,
Ein Drachenschwanz hing ihm vom Leib herunter,
Das Haar der Köpfe und des Rückens waren
Geringelte und gifterfüllte Schlangen.
Sich für die Reise zu befähigen,
Ging Herakles zur Stadt Eleusis in
Dem attischen Gebiet, wo eine Lehrer
Von Oberwelt und Unterwelt gehegt
Ward von den weisen Priestern. Herakles
Ward eingeweiht vom Mann Eumolpos in
Die dortigen Geheimnisse. Im Tempel
Ward er entsühnt vom Mord an den Zentauren.
So mit geheimer Kraft, der Furchtbarkeit
Der Hölle zu begegnen, ausgerüstet,
Er wanderte in den Peloponnes
Zur Stadt Tainaros, wo die Mündung war,
Die in die Unterwelt hinunter führte.
Begleitet nun von Hermes Psychopompos
Stieg er hinab und kam zur Unterwelt
Und nahte dort der Stadt des Königs Pluto.
Die Schatten vor dem Tor der Hadesstadt
Ergriffen gleich die Flucht, als Fleisch und Blut
Sie sahen, nur Medusa, die Gorgone,
Und Meleagers Geist sind stehn geblieben.
Nach jeder wollte Herakles nun schlagen,
Doch Psychopompos fiel ihm in den Arm,
Belehrte ihn darüber, dass die Seelen
Der Toten bloße Schattenbilder seien
Und nicht verwundbar seien von dem Schwert.
Mit Meleagers Seele unterhielt sich
Der Halbgott freundlich und empfing von ihm
Den Gruß an seine Schwester Deianira.
Ganz nahm beim Tor des Hades angekommen,
Erblickte Peirithoos er und Theseus.
Der Peirithoos war mit anderen
Als Freier der Persephone gekommen.
Doch Pluto, wegen ihres frechen Freiens,
Er hatte sie an jenen Stein gefesselt,
Wo sie sich müde hatten hingesetzt.
Als beide sahen nun den Freund und Halbgott,
Da streckten flehend sie die Hände aus
Zu ihm und zitterter vor letzter Hoffnung,
Durch seine Kraft die Oberwelt erneut
Erschaun zu können. Herakles griff Theseus
Bei seiner Hand, befreit ihn von den Fesseln
Und richtete den Mann vom Boden auf,
Wo er gessselt hatte lange Zeit gelegen.
Doch der Versuch, auch Peirithoos zu
Befrein, misslang, da da die Erde anfing,
Zu beben unter der Heroen Füßen.
Nun Herakles erkannte Askalaphos,
Der einst verraten, dass Persephone
Im Hades die Granaten aufgegessen,
Die ihr die Rückkehr in das Licht verwehrten,
Er wälzte nun den Stein, den Demeter
In der Verzweiflung über ihrer Tochter
Verlust auf ihn geworfen hatte zornig.
Der Halbgott kam nun zu des Pluto Herden,
Da schlachtete er eines seiner Rinder,
Die Schattenseelen mit dem Blut zu tränken,
Dies wollte nicht der Hirte dieser Rinder,
Menötios, er forderte den Helden
Zum Ringkampf auf. Da fasste Herakles
Ihn mitten um den Leib, zerbrach die Rippen,
Gab ihn auf Bitten Kores wieder frei.
Am Tor der Totenstadt stand König Pluto
Und wehrte ihm den Eintritt. Doch der Pfeil
Des Herrn durchbohrt die Gottheit an der Schulter,
Dass er die Qual der Sterblichen empfand,
Und als der Halbgott mit Bescheidenheit
Nun bat, den Höllenhund ihm mitzugeben,
Da widersetzte er sich länger nicht.
Doch forderte der König als Bedingung,
Dass Herakles des Hundes mächtig werde,
Und ohne seine Waffen zu gebrauchen.
So ging der Held, allein mit seinem Harnisch
Bedeckt und seinem Löwenmantel, hin,
Das Untier einzufangen. Und er fand ihn
Am Mund des Acheron leicht hin gekauert,
Nicht achtend auf das Bellen dreier Köpfe,
Das wie ein tausendfacher Donner tönte,
Nahm er die Köpfe zwischen seine Beine,
Umschlang den Hals mit seinen starken Armen,
Ließ ihn nicht los, obgleich der Schwanz des Tieres,
Der eine Schlange war, sich aufwärts bäumte,
Die Schlange biss den Helden in den Penis.
Er hielt den Nacken fest des Ungetümes
Und würgte ihn so lange, Bis er Herr
Und Meister war geworden über ihn,
Da hob er auf den Hund und bei Trözen
Er tauchte glücklich wieder in dem Licht auf.
Als Kerberos das Tageslicht erblickte,
Entsetzte sich der Rüde und fing an,
Den Geifer von sich auszuspeien, Gift,
Von dem der Eisenhut gewachsen ist.
Der Halbgott brachte nun das Ungeheuer
Zum staunenden Eurystheus, der es sah,
Nicht trauend seinen eignen Augen. Jetzt
Verzweifelte der König an dem Plan,
Den vielgehassten Sprössling von Kronion
Je loszuwerden, gab sich in sein Schicksal,
Entließ den Helden, der den Höllenhund
Herauf gebracht hat aus der Unterwelt.