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Lutz Danneberg

Hermeneutiken
Historia Hermeneutica
Series Studia

Herausgegeben von
Lutz Danneberg

Wissenschaftlicher Beirat
Christoph Bultmann · Fernando Domínguez Reboiras
Anthony Grafton · Wilhelm Kühlmann · Ian Maclean
Reimund Sdzuj · Jan Schröder
Johann Anselm Steiger · Theo Verbeek

Band 18
Lutz Danneberg

Hermeneutiken

Bedeutung und Methodologie


ISBN 978-3-11-056346-7
e-ISBN (PDF) 978-3-11-056482-2
e-ISBN (EPUB) 978-3-11-056370-2
ISSN 1861-5678

Library of Congress Cataloging-in-Publication Data 2018941275

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio-
grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston


Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

www.degruyter.com
Avant-propos
Die vorliegende Studie wurde im Juni 1991 an der Philosophisch-historischen
Fakultät der Universität Bern als Habilitationsschrift eingereicht. Lutz Danne-
berg hat sie kurz darauf unter der Ägide von Andreas Graeser und Wolfgang
Proß verteidigt und dafür eine doppelte venia legendi für Philosophie und Deut-
sche Literaturwissenschaft erhalten. Nach einer Lehrstuhlvertretung an der
Universität Rostock wurde er 1992 Professor für Methodologie und Geschichte
der Hermeneutik und Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo er
bis zu seiner Emeritierung im März 2017 lehrte und forschte.
Die Habilitationsschrift aber blieb bis heute unveröffentlicht. In kleineren
Zirkeln kursierten zwar Textausschnitte, die der Autor auf Nachfrage großzügig
und mit einem starken Vertrauen in den dialogischen Charakter wissenschaftli-
cher Erkenntnis zur Verfügung stellte. Als Ganzschrift blieb das Manuskript bis
jetzt aber unzugänglich, und dies obgleich es zentrale Fragen hermeneutischer
Methodologie behandelt, die unser Fach bis heute intensiv beschäftigen. Wes-
halb?
Lutz Danneberg wollte das eingereichte Manuskript für die Publikation um
einen Einleitungsteil ergänzen, in dem das in der Habilitationsschrift systema-
tisch behandelte Problem der Beliebigkeit des wissenschaftlichen Interpretie-
rens historisch zurückverfolgt werden sollte. Dieses Vorhaben hat sich, so darf
man inzwischen wohl behaupten, zu einem veritablen Lebensprojekt ausge-
wachsen, das bis heute nicht abgeschlossen ist. Nach seiner Habilitierung hat
er kontinuierlich an einer Geschichte der Hermeneutik weitergearbeitet: Wie
sich dem der vorliegenden Arbeit angehängten Verzeichnis seiner Veröffentli-
chungen entnehmen lässt, hat er in den letzten 25 Jahren zahlreiche zentrale
Studien publiziert, in denen perennierende Problemkomplexe interpretativer
Theorie, Methodologie und Praxis nicht nur analytisch erschlossen werden,
sondern zugleich das Verständnis für die Tiefe und Dignität historischer Lö-
sungsversuche überhaupt erst eröffnet wird. Diese weitreichenden historischen
Studien, die den ursprünglich vorgesehenen Rahmen eines historischen Einlei-
tungsteils sprengen mussten, reichen bis weit in die Patristik und die Scholastik
zurück und führen in der Neuzeit von Salomo Glassius, Johannes Clauberg,
Bartholomäus Keckermann und Christian Thomasius über Friedrich A. Wolf,
Friedrich Schleiermacher und August Boeckh bis hin zu bereits historisch re-
konstruierbaren interpretationstheoretischen Positionen des 20. Jahrhunderts.
Die umfassenden historischen Rekonstruktionen tragen einen Grundzug
von Lutz Dannebergs wissenschaftlicher Arbeitsweise: Sie sind immer auf das
Engste mit philosophischer Analyse und systematischer Reflexion verzahnt.

https://doi.org/10.1515/9783110564822-202
VI | Avant-propos

Wer die wechselseitige Durchdringung von Historiographie und Theoretisie-


rung in seinen Arbeiten schätzt, kann daher das Fehlen des umfassenden sys-
tematischen Teils der Habilitation – einst der Ausgangspunkt der historischen
Explorationen – nur als äußerst schmerzhaft empfinden.
Es ist uns deshalb schon seit langem ein großes Bedürfnis, die systemati-
sche Grundlegung, als die sich Lutz Dannebergs Habilitationsschrift versteht,
dem weiten Kreis der treuen Leserinnen und Leser seiner historischen Schriften
zugänglich zu machen. Seine Emeritierung scheint uns der geeignete Anlass,
diesem Desiderat zu entsprechen. Wir haben den Autor deshalb um die Erlaub-
nis gebeten, die Habilitationsschrift publizieren zu dürfen; das an der Universi-
tät Bern eingereichte Originalmanuskript haben wir in Absprache mit ihm zu
diesem Zweck nur neu gesetzt, aber keine Aktualisierungen oder andere Anpas-
sungen vorgenommen.
Man könnte einwenden, dass diese Publikation ein Vierteljahrhundert nach
ihrer Niederschrift vornehmlich einen fachhistorischen Wert haben wird und
dass ihre Thesen und Argumente, gerade weil sie in den letzten Dekaden nicht
zuletzt durch die historischen Studien von Lutz Danneberg stark gewirkt haben,
uns heute kaum mehr etwas Neues zu lehren vermögen. Dies würde aber über-
sehen, dass die hier aufgeworfenen wissenschaftstheoretischen Grundlagenfra-
gen und die hier offerierten und diskutierten Lösungsangebote im Zeichen der
gegenwärtigen Wiederaufnahme hermeneutischer Diskussionen von hoher Bri-
sanz und ungebrochener Aktualität sind. Es würde auch nicht in Rechnung
stellen, dass man sich gar nicht entscheiden muss, ob die vorliegende Studie als
wissenschaftshistorisches Dokument oder als Beitrag zu aktuellen Diskussio-
nen zu verstehen ist: Es ist, wie die Leserinnen und Leser der Schriften von Lutz
Danneberg wissen, nämlich eine der zentralen Erkenntnisse seiner Arbeiten,
dass die historische Auseinandersetzung mit zuvor erreichten Reflexionsni-
veaus sehr häufig theoretisch fruchtbar ist. Wir hoffen, dass sich in der Ausei-
nandersetzung mit dem nun vorliegenden Werk ebenfalls erweisen wird, wie
stark die Durchdringung auch zurückliegender methodologischer Reflexionen
unsere aktuelle disziplinäre Diskussion über fundamentale hermeneutische
Problemstellungen voranzubringen vermag.

Andrea Albrecht & Carlos Spoerhase, im Oktober 2018


Inhalt
I Das Interpretationsproblem | 1
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen | 1
I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese | 14
I.3 Muster der Argumentation | 27
I.4 Das Beliebigkeitsproblem und die Auszeichnung begründeter Kriterien der
Evaluation | 49

II Entfaltung der Problemstellung | 57


II.1 Texttheoretische Präliminarien | 57
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 121

III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung | 178


III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 178
III.2 Analogisierung und der Aufbau von Bedeutungskonzeptionen | 240

IV Bedeutung und Interpretation | 303


IV.1 Implizite Bedeutung | 303
IV.2 Bedeutungsübergänge | 382

V Interpretation: Text und Methodologie | 419


V.1 Interpretation und Text | 419
V.2 Methodologische und naturalisierte Hermeneutik | 466

VI Die methodologische Lösung des hermeneutischen Zirkels | 506

Literaturverzeichnis | 570
Abkürzungen | 570
Literatur | 572

Aktuelles Schriftenverzeichnis von Lutz Danneberg | 725


Bücher | 725
Monographien | 725
Sammelbände | 725
Herausgeberschaft Zeitschriften und Reihen | 726
Aufsätze | 726
Artikel und Rezensionen | 734
Es gibt kein allgemeingeltendes Lesen, im gewöhnlichen Sinn. Lesen ist eine freye Operation.
Wie ich und was ich lesen soll, kann mir keiner vorschreiben.1

[D]ie ausschweifende Einbildungskraft, und der überspannte Witz so vieler Ausleger, ist an
unzähligen schlechten Erklärungen, insonderheit auch an dem Fehler schuld, daß man alles
mögliche aus allen, selbst den entferntesten Wissenschaften, Schriftstellern und Nationen her-
holt, was einige Aehnlichkeit haben mag, im Grunde aber nichts im geringsten erläutert, son-
dern allenfalls nur den Witz, die Einbildungskraft, das Gedächtniß und die Belesenheit des
Erklärers beweiset.2

Uns hat der Staat angestellt Philologie zu lehren: wie wir das tun, darüber geben wir vor kei-
nem irdischen Tribunal Rechenschaft ab.3

Eine Lehre, vornehmlich geeignet, jungen Menschen Gewöhnung an Toleranz und Sinn für die
Achtung fremder Meinung anzuerziehen, ist die Lehre von der Auslegung.4

I Das Interpretationsproblem
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen
Die Fragestellung, die den Ausgangspunkt für die folgenden metahermeneuti-
schen Überlegungen darstellt und in dem das Interpretationsproblem gesehen
werden soll, ist nicht nur – wenn auch unter unterschiedlichen Bezeichnungen –
geläufig, sondern es bildet das – wenn auch nicht selten mit anderen Fragestel-
lungen verknüpfte, mitunter durch andere Fragestellungen überlagerte – Movens
für die anhaltenden grundlagentheoretischen Erörterungen in den textinterpre-
tierenden Disziplinen. Der Kürze halber soll diese Fragestellung als die der Belie-
bigkeit von Interpretationen und die Behauptung, daß eine solche Beliebigkeit ge-
geben sei, als Beliebigkeitsthese angesprochen werden.5

||
1 Novalis 1798, S. 609; vgl. auch ebd.: „Der Leser setzt den Accent willkürlich – er macht eigent-
lich aus einem Buche, was er will.“
2 Anonym 1778, S. 459.
3 Wilamowitz-Moellendorf 1892, S. 31. – Zu Ulrich Wilamowitz-Moellendorf vgl. Hölscher,
Landfester 1979.
4 Betti 1954, S. 1. – Vgl. zum Hintergrund auch Betti 1953.
5 Der Ausdruck „Beliebigkeit“ findet sich im vorliegenden Zusammenhang gelegentlich ver-
wendet, so z. B. bei Seiler 1982.

https://doi.org/10.1515/9783110564822-001
2 | I Das Interpretationsproblem

Damit ist weder gesagt, daß es sich bei der Beliebigkeit von Interpretationen
um das einzige bei der Textinterpretation auftretende Problem handelt, noch daß
alle anderen Interpretationsprobleme sich aus ihm ableiten lassen. Die Identifi-
kation als Interpretationsproblem beinhaltet lediglich die Annahme, daß die
Frage nach der Beliebigkeit von Interpretationen sich als die zentrale Frage, als
das zentrale Problem bei der Interpretation auffassen läßt. Ein Problem soll in
diesem Zusammenhang als zentral gelten, wenn seine nachweisbare Unlösbar-
keit einen erheblichen Teil der vorliegenden (institutionalisierten) Interpretation-
spraxis sinnlos bzw. überflüssig und eine weitreichende Umdeutung der Ziele
dieser Praxis erforderlich macht; oder wenn seine Lösung Voraussetzung für die
Lösung einer Vielzahl anderer Probleme der Interpretation ist, ohne daß dies
auch umgekehrt der Fall ist.
Es ist in diesem Zusammenhang zwischen der Unlösbarkeit und dem Fehlen
einer (allgemein anerkannten) Lösung des Interpretationsproblems zu unter-
scheiden. Das Fehlen einer (allgemein anerkannten) Lösung für das Interpretati-
onsproblem braucht keine sonderlichen Auswirkungen auf die Interpretations-
praxis zu besitzen. Es besteht immer die Möglichkeit, beim Interpretieren die
Lösbarkeit des Interpretationsproblems zu unterstellen, bzw. anzunehmen, eine
allgemein akzeptable Lösung sei zumindest mit der entsprechenden Interpretati-
onspraxis vereinbar, oder gar festzulegen, daß keine Lösung des Interpretations-
problems akzeptabel sei, die nicht mit einer bestimmten Interpretationspraxis
übereinstimme oder sie rechtfertige.
Vor der Erörterung der Frage, inwiefern dem Interpretationsproblem über-
haupt ein problematischer Status zukommt, soll erläutert werden, weshalb im
Weiteren von einem Interpretationsproblem und nicht von einem Verstehens-
problem gesprochen wird. Der Grund liegt darin, daß der Ausdruck „verstehen“
oftmals als Erfolgsverb verwendet wird,6 der Ausdruck „interpretieren“ hingegen
nicht.7 Die Behauptung:

||
6 Vgl. die Unterscheidung, die Gilbert Ryle in Id. 1949a, S. 199ff., unternimmt.
7 Ein Beispiel ist Friedrich August Wolfs Charakterisierung des Verstehens (Id. 1831, S. 272):
„Man versteht Jemanden, der uns Zeichen giebt, dann, wenn diese Zeichen in uns eben dieselben
Gedanken und Vorstellungen und Empfindungen, und in eben der Verbindung hervorbringen,
wie sie der Urheber selbst in der Seele gegenwärtig hatte [...].“ Hier wird offensichtlich „richtig
verstehen“ bestimmt. – Zu einem neueren Beispiel vgl. explizit Savigny 1983, S. 25: „Daß ‚richtig
verstehen‘ zu ‚verstehen‘ und ‚falsch verstehen‘ zu ‚nicht verstehen‘ schrumpfen, liegt natürlich
daran, daß ‚verstehen‘ auch in seinem hier in Frage stehenden dispositionalen Sinn ein Erfolgs-
verb ist.“
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen | 3

(1) [Eine Person] P hat den Text T verstanden8

ist nach herkömmlichem Sprachgebrauch unvereinbar mit der Behauptung:

(2) P hat den Text T nicht richtig (falsch o. dgl.) verstanden.9

Dabei kann im Hinblick auf die weiteren Überlegungen offenbleiben, ob das Ver-
stehen überhaupt – wie unter Umständen das Interpretieren – als ein Prozeß, bei-
spielsweise ein innerer Vorgang, oder nur als Ergebnis oder als Zustand eines
Prozesses aufzufassen ist.10 Im Unterschied zu (1) und (2) ist die Behauptung:

(3) P hat den Text T interpretiert

mit der Behauptung:

(4) P hat den Text T nicht richtig interpretiert

uneingeschränkt vereinbar: In bestimmten Verwendungsweisen ist „verstehen“


gleichbedeutend mit „richtig verstehen“, während das bei „interpretieren“ nicht
der Fall ist.
Verstehenstheorien können Theorien sein, die erläutern bzw. begründen,
weshalb oder in welcher Weise das Verstehen erfolgreich sein, das heißt zu rich-
tigem Verstehen führen kann. Verstehenstheorien können aber auch Theorien
sein, welche die Richtigkeit des Verständnisses und damit die Bewertung der Ver-
stehensleistung ausklammern – etwa im Rahmen von empirischen Untersuchun-
gen darüber, wie Leser zu ihrem Verständnis eines Textes gelangen. Im Hinblick
auf die vorliegende Problemstellung setzt die erste Auffassung etwas voraus,
nämlich die Vorstellung der Richtigkeit oder Angemessenheit des Verstehens,
das für die nachfolgenden Überlegungen als Bestandteil des Problems angesehen
wird, während die zweite Auffassung diesen Teil ignoriert oder für unlösbar er-
klärt. Sofern sich Mißverständnisse ergeben können, wird daher im Weiteren von
„Interpretation“ und „interpretieren“ die Rede sein.

||
8 Es wird angenommen, daß es sich bei „verstehen“ um ein transitives Verb handelt.
9 Das heißt nicht, daß es klar sei, was es heißt, jemand habe etwas verstanden (vgl. u. a. die
Erörterung bei Rosenberg 1981).
10 Vgl. z. B. Wittgenstein 1952, § 146 (S. 313/314). Dazu u. a. Kenny 1972, S. 164ff. – Auch Hör-
mann 1983.
4 | I Das Interpretationsproblem

Es gibt allerdings auch Verwendungsweisen des Ausdrucks „verstehen“, bei


denen eine solche Vorsicht nicht geboten ist. Der folgende Fall ist hierfür ein Bei-
spiel:

(5) P hat T als B verstanden.

Die unter (5) wiedergegebene Behauptung ist vereinbar damit, daß T von P nicht
richtig verstanden worden ist. Das heißt, daß (5) nicht (1) impliziert.11
Die auf das Interpretieren (in Textwissenschaften) gerichteten grundlagen-
theoretischen Diskussionen kreisen zum einen um die Frage, welche Gründe für
die Akzeptanz einerseits, welche für die Vermeidung der Beliebigkeit von Inter-
pretationen andererseits sprechen, zum anderen um die Frage, worin die Auswir-
kungen der einen wie der anderen Auffassung für das – etwa in literaturwissen-
schaftlichen Disziplinen – institutionalisierte bzw. professionelle Interpretieren
von Texten bestehen.
Schon bei oberflächlichem Blick auf diese Diskussionen fällt auf, daß die Be-
liebigkeit von Interpretationen wie selbstverständlich als Problem angesehen
wird; bei näherer Betrachtung wird zugleich deutlich, daß für eine solche Beur-
teilung unterschiedliche Aspekte des Interpretierens verantwortlich gemacht
werden und daß die Konsequenzen, die aus der Beliebigkeitsthese gezogen wer-
den, keineswegs konvergieren.
Es scheint daher ratsam, zunächst die Fragestellung sowie die Voraussetzun-
gen des problematischen Charakters der Beliebigkeit von Interpretationen zu
analysieren. Erst dann sind die Gründe darzulegen, die – sofern sie akzeptabel
erscheinen – die Fragestellung zum Problem werden lassen. Das Ziel dieser Dar-
legungen ist es nicht – wie bereits betont wurde –, vom problematischen Charak-
ter der Beliebigkeitsthese zu überzeugen; es geht vielmehr darum, Konsequenzen
in den Blick zu bringen, die bei einer Beurteilung der Beliebigkeit von Interpreta-
tionen als Problem relevant sein können.
Die in diesem Kapitel unternommenen Darlegungen und Analysen führen zu
einer sukzessiven – sowohl präzisierenden als auch spezifizierenden – Explika-
tion der Frage- bzw. Problemstellung und ihrer Voraussetzungen. Durch diese Ex-
plikation, die in den folgenden Kapiteln ihre Fortsetzung findet, entwickelt sich
zugleich der Rahmen für Lösungsmöglichkeiten des Interpretationsproblems. Die

||
11 Es gibt weitere Unterschiede bei der Verwendung der Ausdrücke „verstehen“ und „interpre-
tieren“ – so kann es Situationen geben, in denen wir (nach dem Sprachgebrauch) verstehen, aber
nicht interpretieren (vgl. Abschnitt III.1), und es kann Dinge geben, die wir (nach dem Sprachge-
brauch) interpretieren, aber nicht verstehen können.
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen | 5

Überlegungen zu einer Lösung dieses Problems können als hermeneutisch ange-


sehen werden und eine Lösung des Interpretationsproblems besteht in einer Her-
meneutik, die bestimmten Anforderungen entspricht.12
Als Voraussetzung für die Fragestellung kann der Befund gelten, daß es zu
ein und demselben (zum Beispiel literarischen) Text unterschiedliche Interpreta-
tionen gibt. Das können beispielsweise als Alternativen angesehene Interpretati-
onen sein, die zumindest prima vista als unvereinbar erscheinen. Dieser voraus-
gesetzte Befund ist alleingenommen noch keineswegs problematisch. Proble-
matisch wird er unter Umständen erst dann, wenn mögliche Konsequenzen eines
solchen Befundes ermittelt und mit bestimmten Werthaltungen und Zielsetzun-
gen – also mit dem, was für wünschenswert erachtet wird – konfrontiert werden.
So ließe sich beispielsweise fragen, ob er zur Konsequenz hat, daß die zu einem
Text vorliegenden unterschiedlichen bzw. alternativen Interpretationen gleich-
rangig, also zum Beispiel in gleicher Weise angemessen, richtig oder gültig sind.
Um die gestellte Frage zu erörtern, müssen die Bestandteile der Problemstel-
lung näher bestimmt werden. Den Anfang der Explikation der Fragestellung des
Interpretationsproblems bilden zwei Bestimmungen.
Die erste explizierende Bestimmung betrifft den Gegenstand, auf den sich die
Interpretation bezieht. Der Gegenstand der Interpretation soll für die weiteren
Überlegungen auf Texte eingeschränkt werden – und das heißt: auf in natürli-
chen Sprachen schriftlich fixierte Textvorkommnisse.13

||
12 Zu einer solchen Aufgabenbestimmung vgl. z. B. Dilthey 1900, S. 331: „Wird die philologische
Interpretation in der Hermeneutik sich ihres Verfahrens und ihrer Rechtsgründe bewußt, so [...]
scheint mir eine zweite und die Hauptaufgabe darin zu liegen: sie soll gegenüber dem beständi-
gen Einbruch romantischer Willkür und skeptischer Subjektivität in das Gebiet der Geschichte
die Allgemeingültigkeit der Interpretation theoretisch begründen, [...].“
13 Vgl. z. B. Dilthey 1900, S. 332 („Zusätze aus den Handschriften“; im Original alles hervorge-
hoben): „Das kunstmäßige Verstehen von schriftlich fixierten Lebensäußerungen nennen wir
Auslegung, Interpretation.“ Dagegen spricht der veröffentlichte Text von „dauernd fixierten Le-
bensäußerungen“ (S. 319). Vgl. auch Lutz 1849, S. 37: „Nur auf die Auslegung des durch Rede
und vornehmlich des durch Schrift Significirten, also auf die Auslegung von Schriften be-
schränkt sich die Hermeneutik, – weil nur diese Bezeichnungsweise die erforderliche Vollstän-
digkeit und Sicherheit hat, um eine wissenschaftliche Darstellung der Grundsätze der Auslegung
auf sich anwenden zu lassen.“ Für Gadamer hingegen (Id. 1960, S. 371) ist alles „Schriftliche“
eine „Art entfremdeter Rede und bedarf der Rückverwandlung der Zeichen in Rede und Sinn“. –
Zum Begriff des Textes und des Textvorkommnisses in diesem Zusammenhang vgl. Abschnitt
II.1.
6 | I Das Interpretationsproblem

Mit dieser Festlegung bleiben Bilder und Partituren, Landkarten und Brief-
marken,14 aber auch Embleme15 ebenso unberücksichtigt wie Handlungsverste-
hen, sofern es nicht mit Texten verknüpft wird,16 wie Naturverstehen, sei es in
Formen sympathetischer Naturbetrachtung,17 sei es im Hinblick auf eine Herme-
neutik naturwissenschaftlicher Forschung,18 sei es als ein „Lesen im Buch der Na-
tur“,19 wie überhaupt jede „Hermeneutik nichtsprachlichen Ausdrucks“20 unbe-
rücksichtigt bleibt. Inwieweit von dem auf Texte beschränkten Interpretations-
problem Schlüsse auf andere Gegenstände der Interpretation gezogen oder Über-
tragungen auf andere Interpretationsbereiche vorgenommen werden können,

||
14 Um allein Beispiele zu nennen, die in Meiers Hermeneutik – trotz des weiten Zeichenkonzep-
tes (vgl. Id. 1757, u. a. §§ 7, 27, 28, 35) und der daraus entwickelten intensiven Binnendifferenzie-
rung der „practischen Auslegungskunst“ (§§ 249ff.) – keine Erwähnung finden (konnten). Zur
„Briefmarkensprache“ vgl. bereits die Bemerkung bei Meyer 1901, S. 314.
15 Vgl. neben Sulzer 1970 und 1977 vor allem Scholz 1982, 1984 und 1989; auch Höpel 1987.
16 Damit wird keine Vorentscheidung getroffen, die sich z. B. gegen Konzeptionen wendet, nach
denen Texte – in welcher Weise auch immer – als Handlungen aufgefaßt werden. Es wird aller-
dings angenommen, daß die hier angestellten Überlegungen nicht beanspruchen, Probleme
etwa einer Verstehenden Soziologie zu traktieren; vgl. u. a. die Beiträge und Hinweise in Bühl
(Hg.) 1972 – zur neueren Verstehen-Erklären-Kontroverse in diesen Bereichen vgl. Wright 1971,
Hempel 1972, Stegmüller 1975, S. 103ff., Apel/Manninen/Tuomela (Hg.) 1978, Apel 1979; weitere
Literaturhinweise bei Danneberg/Müller 1984.
17 Vgl. die Forschung zur romantischen Naturforschung und Medizin, dazu die Bibliographie
(bis 1975) bei Engelhardt 1978.
18 Vgl. hierzu z. B. Heelan 1972, 1982, 1983, 1983a und 1983/84, oder Kisiel 1971, 1973, 1979 und
1980; auch Polanyi 1966. – Zumeist geben die Äußerungen von Naturwissenschaftlern zum Ver-
stehen der Natur keinen Grund für entsprechende Überinterpretationen dieses Begriffs. Wenn
z. B. bei Heisenberg 1969, S. 46, der Verstehensbegriff verwendet wird, so scheint damit nicht
mehr als ein vereinheitlichendes Erklären gemeint zu sein. In der Wissenschaftstheorie gibt es
eine Reihe von Versuchen, den Erklärungsbegriff durch einen Begriff des „rationalen Verste-
hens“ zu spezifizieren (so beispielsweise bei Achinstein 1969 oder Tuomela 1980); hinzuweisen
ist in diesem Zusammenhang auch auf die Verbindung von Erklärung und Vereinheitlichung
bzw. Vereinigung bei Friedman 1974, dazu die Kritik an solchen und ähnlichen Vorschlägen bei
Hooker 1980 sowie Kitcher 1976 (in Kitcher 1981 findet sich ein verbesserter Vorschlag). Bereits
Paul Oppenheim hat zwei Verstehensbegriffe unterschieden: ein „intuitiv erfassendes Verste-
hen“, das um so stärker in den Vordergrund trete, desto „individueller das zu verstehende“ sei,
und ein „rationales Verstehen“ (Id. 1926, S. 226/27). – Zum Verstehensbegriff in den „exakten
Wissenschaften“ vgl. auch einige Hinweise bei Freytag-Löringhoff 1950/51, Nickel 1964; zum
„Verstehen“ in der Physik ferner Carnap 1939, S. 92–94; zudem Abschnitt III.2 zur Analogie und
Deutung theoretischer Terme.
19 Ein jüngeres Beispiel findet sich bei Bulhof 1987.
20 Diese Formulierung bei Plessner 1968.
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen | 7

wird daher – wenn überhaupt – nur am Rande gestreift.21 Das heißt aber auch,
daß für die Frage der Angemessenheit der folgenden Überlegungen ihre Auswei-
tung auf einen der nicht beanspruchten Problembereiche ohne Belang ist bzw.
sie unerörtert bleibt.
Keine Einschränkung sollen demgegenüber die Texte – auf die sich die nach
dem Interpretationsproblem fokussierten Interpretationen beziehen – hinsicht-
lich ihrer Art erfahren. Es kann sich beispielsweise um wissenschaftshistorische
ebenso wie um philosophische, um juristische ebenso wie um literarische oder
geoffenbarte Texte handeln.22 Trotz dieser Ausweitung ist für die folgenden her-
meneutischen und metahermeneutischen Überlegungen die Annahme orientie-
rend, daß das Interpretationsproblem – aufgefaßt als Problem der Beliebigkeit
von Interpretationen – bei dem, was gemeinhin als literarischer Text, bzw. bei
dem, was als literarisches Interpretationsverhalten gilt, sich offenkundiger und
ausgeprägter darbietet als bei anderen Textsorten bzw. anderen Interpretations-
weisen.23
Diese orientierende Annahme besitzt allerdings nicht mehr als einen heuris-
tischen Status:24 Weder soll sie dazu dienen, Lösungsmöglichkeiten für das Inter-
pretationsproblem durch die gewählte Orientierung vorab einzuschränken, noch
soll sie konstitutiv für einen Lösungstransfer sein. Ihr heuristisch zu folgen, setzt
zwar voraus, daß es Gründe gibt, weshalb eine Lösung des Interpretationsprob-
lems für literarische Texte oder Interpretationsweisen im Hinblick auf andere
Textsorten oder Interpretationsweisen aufschlußreich sein kann, aber es schließt

||
21 Es folgt daher auch keine explizite Auseinandersetzung mit Auffassungen, die in der Textin-
terpretation den „Prototyp“ (Lachmann 1970, S. 17) oder das „Paradigma“ (Ricœur 1971, S. 267)
für eine Theorie des ‚Verstehens menschlicher Handlungen‘ sehen (zu einer Kritik des Rückgrif-
fes auf „Hermeneutik“ in der neueren Ökonomie vgl. Albert 1989).
22 Allerdings bleiben inbesondere Probleme einer „juristischen Hermeneutik“ im Folgenden
weithin ausgeklammert, auch wenn an der einen oder anderen Stelle auf Parallelen hingewiesen
wird. Vgl. u. a. Rittner 1968, der (S. 45) die Frage nach der Eigenart einer juristischen Hermeneu-
tik gegenüber anderen Hermeneutiken stellt, und sie dahingehend beantwortet (S. 64), daß hier-
für „weder die historische noch die philologische Hermeneutik geeignet“ sei.
23 Der Begriff der Textsorte wird häufig verwendet, um thematisch und kommunikationsbezogen
(relativ enge) Textklassen zusammenzufassen. Beispiele sind Unterscheidungen von Textsorten
wie die des Wetterberichts, des Reisewetterberichts, des Urlausbswetterberichts usw. (vgl. u. a.
Dimter 1981). Hier besagt die Verwendung des Ausdrucks „Textsorten“ lediglich, daß – unter
welchen Gesichtspunkten auch immer – Texte zusammengefaßt werden, und die Behauptung
besagt, daß die zusammengefaßten Texte Eigenschaften besitzen können, die für die Wahl einer
Bedeutungs- und Interpretationskonzeption relevant sind.
24 Vgl. auch Abschnitt V.2.
8 | I Das Interpretationsproblem

nicht aus – wie weiter unten deutlich werden wird25 –, daß es textsortenspezifi-
sche Gründe für die Wahl und die Ausgestaltung von Hermeneutiken gibt, die
nach den explizierten Vorgaben das Interpretationsproblem zu lösen vermö-
gen.26 Schließlich bleibt offen, daß es Zielsetzungen von – beispielsweise ‚juristi-
schen‘ oder ‚theologischen‘ – Hermeneutiken gibt, die zugleich auf der besonde-
ren Auszeichnung bestimmter Texte beruhen und die zu relativ eigenständigen
Problemen führen.27
Gleichwohl wird durch diese heuristische Annahme eine Vorentscheidung
bei der Erörterung des Interpretationsproblems getroffen, die konträr zu einer
Vielzahl von Ansätzen ist, die das Problem des Verstehens von Texten zum Ge-
genstand ihrer Untersuchung machen. Dieser Gegensatz betrifft die Behandlung
des ‚Problems‘. Er besteht in der Entgegensetzung unterschiedlicher Ausgangs-
punkte der Analyse: Besteht der eine darin, an Formen des Verstehens anzuknüp-
fen, die für elementar gehalten werden – sei es durch die Wahl der zu interpretie-
renden Texte, die vergleichsweise geringe Komplexität aufweisen, sei es durch
die Orientierung auf alltägliche Verstehenssituationen, die vergleichsweise spon-
tan vonstattengehen –, ist für die hier unternommenen Überlegungen der ge-
wählte Ausgangspunkt genau entgegengesetzt – sowohl aufgrund der Wahl
(komplexer) Texte, die durch die Orientierung auf ‚literarische‘ Texte gegeben ist,
als auch aufgrund der Ausrichtung auf professionelle Interpretationssituationen,
die nicht durch eine vorgängige zeitliche Limitierung charakterisiert sind.28
Die zweite explizierende Bestimmung betrifft die Frage nach der Art der Be-
liebigkeit, um die es sich beim Interpretationsproblem handelt: Gemeint ist die
Beliebigkeit der Anerkennung oder Ablehnung von Interpretationen.
Das Anerkennen und Ablehnen einer Textinterpretation läßt sich als ein
Wahlverhalten auffassen. Ein solches Wahlverhalten setzt Alternativen – bzw.

||
25 Vgl. Kapitel VI.
26 Solche Spezialhermeneutiken müssen keineswegs an herkömmliche oder überlieferte ‚Text-
grenzen‘ gebunden sein. So heißt es etwa bei Dobschütz 1926, S. 16 (vgl. auch S. 25): „Wohl ist
die Hermeneutik grundsätzlich eine allgemeine, für alle Literatur gleich geltende. Und doch ist
sie wieder eine besondere für das Neue Testament, ja für jede von dessen 27 Schriften.“
27 Die Vergleiche zwischen in dieser Hinsicht verschiedenen Hermeneutiken sind oftmals wenig
erhellend, so etwa der zwischen literarischer und juristischer Hermeneutik bei Müller-Dietz 1984
oder Bleich 1989. In Susanne Bleichs Untersuchung z. B. werden Unterschiede bei dem Typ der
zu interpretierenden Texte, in der Kontrolle der Interpretationsmethoden sowie im Ziel der Inter-
pretation gesehen, Gemeinsamkeiten darin, daß in beiden Fällen von Texten ausgegangen wird,
Methoden verwendet und Ergebnisse erzielt werden. Ohne weitere Analyse ist dies das Papier
nicht wert, auf dem es steht.
28 Vgl. hierzu insbesondere Abschnitt V.2.
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen | 9

die Möglichkeit von Alternativen – voraus und besteht in der Präferierung einer
oder mehrerer Interpretationen unter (explizitem) Ausschluß zumindest einer In-
terpretation bzw. Interpretationsmöglichkeit. Die Präferierung von Interpretatio-
nen beruht auf einem bewertenden Vergleich von Interpretationen.
Im Anschluß an die beiden vorangegangenen Bestimmungen zur Fragestel-
lung lautet ihre erste Reformulierung mithin: Ist die Präferenz von Textinterpre-
tationen beliebig? Mit dieser Reformulierung wird allerdings noch nichts über die
Gesichtspunkte einer solchen Präferenz gesagt und keine Festlegung des Textbe-
griffs vorgenommen.
Hat die Beliebigkeitsthese zur Konsequenz, daß die verschiedenen Interpre-
tationen eines Textes gleichrangig sind, dann führt die Zurückweisung der Belie-
bigkeit von Interpretationen aufgrund der Reformulierung der Fragestellung zu
der Frage nach den Gründen oder Kriterien, mit deren Hilfe über (verschiedene,
alternative) Interpretationen unterschiedliche Bewertungsurteile gefällt werden,
mit denen ihre Anerkennung oder Ablehnung empfohlen wird. Wenn hingegen
angenommen wird, daß die zu einem Text vorliegenden Interpretationen evalua-
tiv gleichrangig sind, dann drängt sich die Frage auf, weshalb nicht alle Interpre-
tationen eines Textes – vergangene wie zukünftige, ad hoc imaginierte wie auf-
wendig argumentativ verteidigte – als gleichrangig gelten. Wird diese Frage
verneint, dann stellt sich sogleich die Anschlußfrage, aus welchen Gründen, an-
hand welcher Kriterien bestimmte Interpretationen hinsichtlich ihrer Güte ande-
ren gegenüber ausgezeichnet werden, so daß sich erneut die Frage nach Bewer-
tungsgründen bzw. -kriterien einstellt.
Für die Ablehnung wie für die Anerkennung der Beliebigkeitsthese wird in
der Regel argumentiert. Der Blick auf die grundlagentheoretischen Diskussionen
läßt erkennen, daß solche Argumentationen unterschiedlichen Mustern folgen.
Daran wird eine grundlegende Schwierigkeit der Prüfung der Beliebigkeitsthese
deutlich: Wie kann über die Frage der Beliebigkeit von Interpretationen entschie-
den werden? Denn anders als die Beteiligten an diesen Diskussionen zumeist wie
selbstverständlich annehmen, ist es vorab keineswegs klar, welche Begrün-
dungsmuster für eine Entscheidung zulässig, angemessen oder schlagend sind.
Unter der schwachen Voraussetzung, daß nicht alle diese Muster zu demsel-
ben Begründungsresultat führen, wird für die Erörterung der Beliebigkeitsthese
ein normatives Problem sichtbar. Dieses Problem besteht – abgesehen von der
Beurteilung der Güte der im Rahmen eines bestimmten Musters vorgelegten Ar-
gumente – in der Auszeichnung eines oder mehrerer Muster gegenüber ihren Al-
ternativen als tragend für die argumentative Anerkennung oder Verwerfung der
Beliebigkeitsthese.
10 | I Das Interpretationsproblem

Wenn die Wahl von Argumentationsmustern für die Erörterung der Beliebig-
keitsthese ein normatives Problem darstellt, dann hat das weitreichende Konse-
quenzen. Es gibt keine Argumente, die per se für oder gegen die Beliebigkeits-
these sprechen – und a fortiori keine Argumente, die in diesem Zusammenhang
per se ‚zwingend‘ sind. Als zwingend erscheinen Argumente bestenfalls im Rah-
men und in der Folge der Voraussetzungen eines bestimmten Argumentations-
musters.
An dieser Stelle läßt sich vermutlich auch einer der Gründe für die gegenwär-
tige, nicht zuletzt durch ein wachsendes Desinteresse an ‚Theoriediskussionen‘
geförderte Stagnation der grundlagentheoretischen Erörterungen finden: Den
Teilnehmern der Diskussionen bleibt nicht selten unklar, ob die vorgelegten Ar-
gumente oder aber die Muster, durch die sie zu Pro- oder Contra-Argumenten wer-
den, von einer kritischen Zurückweisung betroffen sind. Herrscht weder Klarheit
darüber, worin ein Argument für oder gegen die Beliebigkeit von Interpretationen
besteht, noch darüber, welches die notwendigen Voraussetzungen für ein sol-
ches Argument sind, dann wächst der Eindruck von Mißverständnissen. Antizi-
pation und Resignation führen zu einer Isolierung der Diskussionsbeiträge, die
in einem kaum mehr erkennbaren Diskussionszusammenhang stehen, wenn sie
ihn überhaupt noch anstreben.29
Zu der Ambivalenz bei den Argumentationen für oder gegen die Beliebigkeits-
these – argumentbezogene im Gegensatz zu musterbezogenen Auseinanderset-
zungen – tritt eine Ambivalenz der Fragestellung selbst: Es geht nicht allein da-
rum, ob Interpretationen beliebig sind, sondern auch darum, ob sie beliebig sein
sollen und, daran anschließend, ob und wie ihre Beliebigkeit vermieden werden
kann.30 Gegen diese Differenzierung der Frage läßt sich einwenden, daß sie eine
überflüssige Verdoppelung darstelle, die sich mit Hilfe des Prinzips Sollen impli-
ziert Können31 eindämmen ließe. Denn schließlich könne der Befund der Beliebig-

||
29 Ein Beispiel ist der ‚monologische‘ Charakter von Beiträgen zur Diskussion, selbst wenn es
sich um ‚Erwiderungen‘ handelt, so etwa bei Japp 1984.
30 Eine Unterscheidung zwischen ‚Sein‘ und ‚Sollen‘ – das ist für die gesamte Untersuchung
gesagt – muß nicht akzeptiert werden; sie selbst beruht auf einer Entscheidung (vgl. hierzu auch
die deutlich formulierten Überlegungen bei Keuth 1989, passim). So sehr wie der Hinweis auf
den Entscheidungscharakter dieser Unterscheidung berechtigt ist, so wenig ist es gerechtfertigt,
wenn behauptet wird, diese Unterscheidung gebe es nicht ‚wirklich‘ oder sie sei nicht hinlänglich
klar.
31 Ein solches Prinzip findet sich z. B. bereits bei Kant (so in Id. 1781/87, A 807/B 835; Id. 1893,
1. Stück, S. 49 [S. 50]: „[W]ir sollen bessere Menschen werden, [...]; folglich müssen wir es auch
können.“ Zur Literatur, in der dieses Prinzip erörtert wird, vgl. Danneberg 1989, S. 331, Anm. 4.
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen | 11

keit von Interpretationen mit der Erörterung der Frage, ob Interpretationen belie-
big sein sollen, nicht wegdekretiert werden. Bei der reduktiven Kraft dieses Ein-
wandes ist allerdings zu beachten, daß die Anwendbarkeit eines solchen Prinzips
weniger unproblematisch ist, als oftmals angenommen wird.32 Im vorliegenden
Fall, der Erörterung der Beliebigkeitsthese, kann die Grenze seiner Anwendung
in der folgenden Weise aufgezeigt werden:
Bei einem (argumentativen) Nachweis für die These, daß die Bewertung von
Interpretationen beliebig ist, spielen normative Annahmen eine Rolle – und das
ist selbst dann der Fall, wenn die Beliebigkeitsthese als empirische Behauptung
gedeutet und erörtert wird.33 Der Rückgriff auf normative Annahmen allein ist in-
des noch nicht ausschlaggebend. Unterschiedliche normative Annahmen kön-
nen zu unterschiedlichen Ergebnissen bei dem Nachweis für die Beliebigkeits-
these führen, das heißt hier für die These, daß sich die Beliebigkeit von
Interpretationen nicht vermeiden läßt. Sie können mithin den Befund beeinflus-
sen und sie sind dabei keineswegs so unumstritten, daß sich Alternativen nicht
erwägen ließen.34
Das heißt aber, daß es zu einer Entgegensetzung zweier Gruppen normativer
Annahmen kommen kann: zwischen der, die den Nachweis für die Beliebigkeit
erfordert bzw. voraussetzt, und der, die ausschlaggebend für die Unerwünschtheit
der Beliebigkeit von Interpretationen ist. Die genannten Gruppen normativer An-
nahmen können mithin konkurrieren – und das führt zu der Frage, welcher wir
das größere Gewicht einzuräumen bereit sind. Die Anwendung der Maxime Sollen
impliziert Können – bzw. in einer angemesseneren Formulierung: Sollen soll Kön-
nen implizieren – setzt nicht nur eine normative Annahme voraus, nämlich daß
ohne ein „Können“ kein „Sollen“ aufgestellt werden soll, sondern eine Gruppe
weiterer normativer Annahmen, die für den Befund erforderlich sind, daß etwas
nicht realisiert werden kann. Diese Gruppe normativer Annahmen ist es, die die
Anwendung des Realisierbarkeitsprinzips problematisch werden läßt, wenn sie
gegenüber den normativen Annahmen gewichtet wird, die für die Unerwünscht-
heit der Beliebigkeit von Interpretationen einstehen.
Das Realisierbarkeitsprinzip ist hinsichtlich der zur Verfügung stehenden
Optionen bei der Argumentation kein Sonderfall. Es bestehen immer verschie-
dene Möglichkeiten, um Argumentationen zurückzuweisen, sofern nicht ein be-
stimmtes Reglement des Argumentierens vorab festgelegt wird. Für eine be-
trächtliche Zahl von Philosophen ist beispielsweise der Historismus oder

||
32 Vgl. Danneberg 1989, S. 331ff.
33 Vgl. Abschnitt I.3.
34 Vgl. die Abschnitte I.3 und I.4.
12 | I Das Interpretationsproblem

Relativismus unhaltbar,35 wenn er auf einer uneingeschränkten Behauptung be-


ruht: entweder wird die Geltung dieser Behauptung selbst mitbetroffen, dann
liege eine self-destroying fallacy vor, oder aber sie wird dem Geltungsbereich ent-
zogen, dann habe man es mit einer self-excepting fallacy36 zu tun. Wie auch im-
mer – in jedem Fall erscheint die Argumentation als zwingend und die Behaup-
tung als zurückgewiesen. Das ist indes bestenfalls dann der Fall, wenn eine
bestimmte Form der Argumentation überhaupt als schlagend anerkannt wird.
Ebenso gut ließe sich an der so kritisierten Behauptung festhalten und die Zu-
rückweisung auf die Form der Argumentation richten. Und in der Tat läßt sich
beispielsweise Gadamers Kritik am „Formalismus“ von „Reflexionsargumenten“
genau in dieser Weise auffassen:

Daß die These der Skepsis oder des Relativismus selber wahr sein will und sich insofern
selber aufhebt, ist ein unwiderlegliches Argument. Aber wird damit irgend etwas geleistet?
Das Reflexionsargument, das sich derart als siegreich erweist, schlägt vielmehr auf den Ar-
gumentierenden zurück, indem es den Wahrheitswert der Reflexion suspekt macht. Nicht
die Realität der Skepsis oder des alle Wahrheit auflösenden Relativismus wird dadurch ge-
troffen, sondern der Wahrheitsanspruch des formalen Argumentierens überhaupt. Insofern
ist der Formalismus solcher Reflexionsargumente nur scheinbar von philosophischer Legi-
timität. In Wahrheit wird in ihnen nichts erkannt.

Und zuvor heißt es:

Man kann die innere Widersprüchlichkeit eines Relativismus noch so klar aufweisen – es
ist schon so, wie Heidegger es ausgesprochen hat: alle diese siegreichen Argumentationen
haben etwas vom Überrumpelungsversuch an sich.37

Auch wenn für das Prinzip Sollen impliziert Können die Schwierigkeiten seiner An-
wendung deutlich geworden sind, zielen die Überlegungen keineswegs darauf

||
35 Vgl. zur jüngeren Diskussion des Relativismus u. a. Jordan 1971, Burnyeat 1976 und 1976a,
Meiland 1979 und 1980 (dazu Beach 1984), Brandt 1984, Siegel 1987 (diese Arbeit faßt die weit-
gestreuten Arbeiten Harvey Siegels zusammen); ferner die Beiträge in Meiland/Krausz (Hg.)
1982, Hollis/Lukes (Hg.) 1982, Nola (Hg.) 1988.
36 Zu diesem Ausdruck vgl. Mandelbaum 1961. – Damit ist nicht gesagt, daß beide Fehlschlüsse
von gleicher Art und in gleicher Weise destruierend sind.
37 Gadamer 1960, S. 327. In Id. 1979, S. 93, heißt es auf Gadamers Werdegang bezogen: „Auch
die Problematik des historischen Relativismus, die Dilthey und Troeltsch in Atem hielt, hatte
nichts Bedrohliches für jemanden, der an Heidegger die leibhaftige Überwindung des Historis-
mus durch die Kraft des Gedankens erlebt hatte.“ – Zur Entwicklung der Historismus-Diskussion
bis in die zwanziger Jahre u. a. Schnädelbach 1974.
I.1 Die Beliebigkeit von Interpretationen | 13

ab, für einen Verzicht auf die Anwendung eines Realisierbarkeitsprinzips zu plä-
dieren. Entscheidend für eine akzeptable Anwendung eines entsprechenden Prin-
zips ist die Charakterisierung der Gruppe normativer Annahmen, anhand derer
über das „Können“ entschieden wird. Die Charakterisierung der Annahmen, wel-
che die praktische Realisierbarkeit bestimmen, ist erforderlich, wenn es um die
Prüfung und Beurteilung von Lösungen für das Interpretationsproblem geht, und
es spielt eine wichtige Rolle bei der Erörterung und Analyse des hermeneutischen
Zirkels.38
Die Anwendung des Realisierbarkeitsprinzips führt – um die vorangegange-
nen Überlegungen abzuschließen – mithin nicht dazu, daß die Fragen, ob die Be-
liebigkeit von Interpretation erwünscht ist und ob Interpretationen beliebig sind,
zusammenfallen. Die bei der Erörterung dieses Prinzips zum Vorschein gekom-
mene Konkurrenz zwischen zwei Gruppen normativer Annahmen weist über den
Anlaß hinaus: Das Realisierbarkeitsprinzip bestimmt nur eine, wenn auch ext-
reme Möglichkeit des Konflikts zwischen diesen beiden Gruppen normativer An-
nahmen. Eine schwächere ist die der Angemessenheit. Wenn die Beliebigkeit der
Interpretation unerwünscht ist, kann der Fall gegeben sein, daß alle mit der Un-
erwünschtheit der Beliebigkeit von Interpretationen vereinbaren Lösungsvor-
schläge des Interpretationsproblems zwar realisierbar sind, zugleich aber mit An-
nahmen und Adäquatheitsbedingungen konfligieren, die eine angemessene
Lösung des Interpretationsproblems charakterisieren.39
Trotz der bislang erfolgten Erörterung und Differenzierung der Beliebigkeits-
these ist noch kein Hinweis gegeben, daß die Ansicht, ein (literarischer) Text er-
laube jede beliebige Interpretation, problematisch sei. Diese These gilt erst dann
als problematisch, wenn es Gründe gibt, sie vor dem Hintergrund von Werthal-
tungen und Zielsetzungen als unerwünscht anzusehen – das heißt, wenn Konse-
quenzen der Beliebigkeit von Interpretationen aufgrund eingenommener Wert-
haltungen als negativ beurteilt werden oder wenn sie als hinderlich erscheinen,
angestrebte Zielsetzungen zu realisieren. Die Charakterisierung der Beliebigkeit
von Interpretation als ein Problem enthält mithin eine Bewertungskomponente.
Als Problem besagt die Fragestellung demnach, daß der (vermeintliche) Be-
fund der Beliebigkeit von Interpretationen als unerwünscht gilt – aus welchen
Gründen auch immer. Das erfordert zunächst die Prüfung von Gründen, die für

||
38 Vgl. den folgenden Abschnitt I.2 sowie Kapitel VI.
39 Zumeist beruhen die Überlegungen, die explizit, mehr aber noch implizit zu einer Stützung
der Beliebigkeitsthese beitragen, auf Argumenten, die die Angemessenheit von Lösungen des
Interpretationsproblems anzweifeln. – Vgl. Abschnitt I.3.
14 | I Das Interpretationsproblem

die Unerwünschtheit der Beliebigkeit sprechen können. Bevor solche Gründe er-
örtert werden, muß noch eine terminologische Konsequenz der Auszeichnung
der Frage nach der Beliebigkeit der Interpretation als Problem dargelegt werden.
Da die Frage noch nicht das Problem ist, sie vielmehr erst unter bestimmten
Relevanzannahmen zum Problem wird und die Antwort auf die Frage einer Be-
gründung bedarf, läßt sich die Lösung des Interpretationsproblems nicht mit ih-
rer Ja- oder Nein-Beantwortung identifizieren. Wird die Frage verneint und wird
diese Antwort begründet, dann bedeutet das, daß das Interpretationsproblem un-
lösbar ist. Seine Lösung – abgeschwächt seine Lösbarkeit – impliziert, daß die
Frage bejaht und diese Antwort begründet wird. Aufgrund des normativen Cha-
rakters von Problemen ist nicht jede Antwort auf die Beliebigkeitsfrage auch eine
Lösung des Interpretationsproblems. Während bei der Frage nach der Beliebig-
keit beide Beantwortungsmöglichkeiten gleichrangig sind und beide als Antwor-
ten klassifiziert werden, bedingt der normative Charakter des Interpretations-
problems eine Auszeichnung der bejahenden Antwort. Das hat zur Konsequenz,
daß der Nachweis der Beliebigkeit und der Aufweis, daß Interpretationen nicht
beliebig sein müssen, nicht gleichrangig sind: Nicht beides, sondern nur das
zweite gilt als Lösung des Problems. Ist die Beliebigkeitsfrage unentscheidbar,
dann ist auch unentscheidbar, ob das Interpretationsproblem lösbar oder unlös-
bar ist.

I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese


Menschen besitzen in der Regel keine expliziten Werthaltungen, die sich speziell
auf die Beliebigkeitsthese beziehen, und in der Regel verfolgen sie keine Zielset-
zungen, deren Realisierung direkt von der Annahme der Beliebigkeit der Interpre-
tation abhängt. Es besteht aber die Möglichkeit, spezielle Konsequenzen der Be-
liebigkeitsthese aufzuzeigen, die in einem direkten Konflikt mit Werthaltungen
und Zielsetzungen stehen.
Fernerhin scheint die Annahme realistisch zu sein, daß die individuelle Vari-
ation von Werthaltungen und Zielsetzungen nicht ausgeschlossen, nicht einmal
eine Ausnahme ist. Der Beliebigkeitsthese können Folgen zugeschrieben werden,
ohne daß diese generell negativ bewertet werden: Sei es, weil Beispiele positiver
Einschätzung vorliegen, sei es, weil ihnen gegenüber auch Indifferenz herrscht.
Bei der Erörterung der Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese soll es weder da-
rum gehen, – dem Anschein widerstreitend – für einen versteckten Werte- oder
Zielkonsens zu plädieren, noch für die Wahl bestimmter Werte oder Ziele zu wer-
ben.
I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese | 15

Die Überlegungen können sich darauf beschränken, Folgen der Überzeu-


gung einer Gleichrangigkeit von Interpretationen – eine Konsequenz der Belie-
bigkeitsthese – zum Beispiel in sozialen Handlungsfeldern aufzuzeigen, in denen
die Interpretation von Texten öffentliche Gratifikation oder Sanktion erfährt oder
in denen die Wahl von Zielen und der Versuch ihrer Verwirklichung auf der Inter-
pretation von Texten beruht. Zur Illustration sei auf solche sozialen Handlungs-
felder hingewiesen, in denen die Interpretation dessen institutionalisiert ist, was
gemeinhin als literarischer Text gilt.40
So läßt sich beispielsweise fragen, welches Verständnis ein Lehrer für seine
Rolle im Deutschunterricht der Schule entwickeln kann, wenn er ernsthaft, das
heißt mit der Bereitschaft, auch Handlungskonsequenzen zu ziehen, der Ansicht
ist, Interpretationen seien beliebig.41 Welche Rechtfertigung besitzen Lehrende
für ihre Beurteilungen, die sie während, zumindest jedoch zum Ende des Studi-
ums an Studenten für die vorgelegten Interpretationen literarischer Werke vertei-
len, wenn von ihnen Interpretationen für beliebig gehalten werden? Und für die,
die an einer Universität Literaturwissenschaft studieren, stellt sich in diesem Fall
die Frage, was sie über das Interpretieren lernen können, welchem Zweck – über
die im Grunde nicht erforderliche Legitimation der Beschäftigung mit Literatur
hinaus – ein solches Studium dienen kann. Erwägenswert ist schließlich auch,
daß die Annahme der Beliebigkeit von Interpretationen, das heißt der Verzicht
auf Kriterien und Gründe für ihre Evaluation, nicht nur die institutionalisierte Be-
wertungsasymmetrie zwischen Lehrenden und Lernenden in eine Bewertungs-
willkür zu verkehren droht, sondern daß vielleicht allein durch die Zurückwei-
sung der Beliebigkeitsthese die Möglichkeit eröffnet wird, eine solche Asym-
metrie zu kompensieren.

||
40 Für andere textinterpretierende Disziplinen lassen sich vergleichbare Hinweise geben; vgl.
z. B. Käsemann 1967, S. 268: „Die halsbrecherische Art, mit welcher auf und unter der Kanzel
wichtigstes Gut des Alten Testaments interpretiert wird, spricht mehr für die Notwendigkeit der
historischen Kritik als alle wissenschaftlichen Lehrbücher. Jeder fromme Unsinn kann sich in
der Kirche des Wortes breitmachen und wird durch Ignoranz einerseits, Erbaulichkeit anderer-
seits gestützt. Respektlosigkeit und tolle Einfälle können nicht mit dem Motto verteidigt werden:
‚Die Bibel hat doch recht.‘ Sie stellen aber die wilden Auswüchse einer radikalen Theologie weit
in den Schatten. Wer dort toleriert und schweigt, sollte hier nicht verwerfen. Daraus ist die Lehre
zu ziehen, daß man den heiligen Geist nicht zum Lückenbüßer machen darf, wo Sachverstand,
Logik und theologische Grundeinsichten fehlen.“
41 Damit soll nicht angenommen werden, daß die Interpretation von Texten die einzige oder die
entscheidende Aufgabe des Deutschunterrichts ist, oder daß nur unter einem Gesichtspunkt das
Interpretieren im Deutschunterricht eine Rolle zu spielen hat (zu der anhaltenden Diskussion
von Aufgaben und Zielen des Deutschunterrichts vgl. als ein Beispiel Ingendahl 1983).
16 | I Das Interpretationsproblem

Gilt die Beliebigkeit der Interpretation von Texten generell – also nicht nur in
bestimmten Interpretationszusammenhängen oder für bestimmte Textsorten,
etwa literarische Texte –, dann ließe sich sogar behaupten, ein soziales Zusam-
menleben sei nicht möglich, wenn nicht zumindest so getan werden würde, als
könnte zwischen Interpretationen hinsichtlich ihrer Güte unterschieden werden
– und zwar so, daß diese Unterscheidungen handlungsrelevant sind.
Beispiele dieser Art und die daran geknüpften, lediglich angedeuteten Über-
legungen scheinen die Akzeptanz der Beliebigkeitsthese anhand ihrer Konse-
quenz der Gleichrangigkeit von Interpretationen vorab ad absurdum zu führen.
Wird die Frage der Beliebigkeit von Interpretationen zudem als empirische Frage
aufgefaßt, dann ergibt sich – wenn Beliebigkeit zum Beispiel als Willkürlichkeit
gedeutet wird – aus Introspektion wie aus Beobachtung des Argumentationsver-
haltens von Interpreten als Antwort eine kaum zweifelhafte Zurückweisung der
Beliebigkeitsthese.42 Gleiches gilt (in der Regel) vermutlich auch, wenn die Frage
einer statistischen Prüfung unterzogen und Beliebigkeit mit der Zufallsverteilung
der Anerkennung oder Ablehnung von Interpretationen identifiziert wird. Ver-
mutlich werden sich nicht alle Interpreten von Texten mit einer aleatorisch ge-
troffenen Entscheidung für die von ihnen favorisierte Interpretation zufriedenge-
ben.
So einfach steht es mit der Lösung des Interpretationsproblems jedoch nicht.
Allein das Zugeständnis, daß Interpretationen bewertend faktisch unterschieden
werden, sagt noch nichts über die Art und den Status der zur Bewertung herange-
zogenen Kriterien oder Gründe aus. Und das Faktum, daß wir Interpretationen
bewerten und daß diese Bewertungen motiviert, zum Beispiel durch Gründe, und
relativ stabil sind, etwa aufgrund von Kriterien, gibt noch keinen Hinweis darauf,
welche Gründe bzw. Kriterien als geltend angenommen werden sollten, wenn
über das Interpretieren, etwa über die eigene Interpretationspraxis, reflektiert
wird. Die eigene Interpretationspraxis kann zum Gegenstand der Reflexion wer-
den, um sie zu legitimieren oder zu verbessern. Einer solchen Reflexion liegt die
Vorstellung einer guten oder besseren Praxis zugrunde. Das heißt indes nicht,
daß die eigene oder irgendeine Interpretationspraxis reflektiert werden muß: Es
kann gute Gründe geben, Interpretationspraktiken nicht zu reflektieren oder sich
von einer solchen Reflexion wenig zu versprechen, etwa aufgrund der Überzeu-
gung, die Vorstellung einer guten oder besseren Interpretationspraxis sei eine Il-
lusion, oder aufgrund der Ansicht, beim Interpretieren (beim Lesen etwa von Li-
teratur) sei nicht die Frage nach der Güte der Interpretation relevant, sondern
irgend etwas anderes. Ob die normative Frage nach Gründen und Kriterien der

||
42 Vgl. Abschnitt V.2.
I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese | 17

Bewertung von Interpretationen relevant ist, hängt von der Deutung der Interpre-
tationspraxis ebenso ab wie von der Bestimmung der Zielsetzungen dieser Praxis.
Dennoch scheinen wir alle und bei ganz unterschiedlichen Gelegenheiten In-
terpretationen zu bewerten – wir lehnen sie ab, akzeptieren sie oder halten sie für
irrelevant –, aber die mehr oder weniger expliziten Kriterien, die dabei in An-
schlag gebracht werden, könnten willkürlich sein: Die Beliebigkeit der Interpreta-
tion erscheint zwar als eingeschränkt, aber um den Preis der Beliebigkeit der Kri-
terien.
Für die Diskussion der Beliebigkeitsthese ist der Status zentral, der den zur
Bewertung herangezogenen Gründen und Kriterien zukommen soll. Die Gründe
und Kriterien, die den erforderlichen Status besitzen, werden zum Beispiel als ‚ra-
tional‘, ‚wissenschaftlich‘, ‚adäquat‘ gegenüber der Beliebigkeit von Gründen
und Kriterien abgegrenzt.43 Zur Exposition der Erörterung des Status der gesuch-
ten Gründe und Kriterien ließen sich nach einer in der Wissenschaftstheorie ver-
breiteten, wenn auch nicht unumstrittenen Unterscheidung, wissenschaftsin-
terne von wissenschaftsexternen Gründen und Kriterien unterscheiden.44 Als
wissenschaftsintern sollen solche Gründe und Kriterien gelten, die im Hinblick
auf den beanspruchten ‚wissenschaftlichen‘ Charakter von Interpretationen be-
gründet sind, während zu den wissenschaftsexternen alle die Gründe und Krite-
rien zählen, die in dieser Hinsicht als unbegründet, also als beliebig beurteilt wer-
den.
Vor dem Hintergrund der Unterscheidung eines wissenschaftsinternen und
wissenschaftsexternen Status lassen sich vier Positionen zur Beliebigkeit von Kri-
terien und Gründen wie zu der der Interpretation unterscheiden:
Die erste Position behauptet, es gebe wissenschaftsinterne Gründe und Kri-
terien, die hinreichend seien, um unterschiedliche Interpretationen zu verglei-
chen und unterschiedlich zu bewerten – ohne daß damit allerdings angenommen

||
43 Identifikationen als „rational“, „wissenschaftlich“ o. dgl. gelten als nicht unproblematisch,
und der Gebrauch solcher Ausdrücke ist in dem vorliegenden Zusammenhang nicht unumstrit-
ten. Einfache Anführungsstriche sollen in der vorliegenden Arbeit die solche Bedenken berück-
sichtigende distanzierte Verwendung von Ausdrücken anzeigen, wenn es um die Exposition von
Frage- und Problemstellungen geht.
44 Vgl. z. B. Lakatos 1971. Dabei ist zu beachten, daß nach Lakatos die Bestimmung dessen,
was als intern innerhalb der Wissenschaftsentwicklung gilt, auf die zur Rekonstruktion von Wis-
senschaftsgeschichte gewählten wissenschaftstheoretischen Konzeption relativiert ist. Die
Grenzziehung zwischen wissenschaftsintern und -extern wird bei ihm mithin durch die gewählte
Theorie der Wissenschaft(sentwicklung) bestimmt.
18 | I Das Interpretationsproblem

wird, faktisch würden die Bewertungen immer oder ausschließlich anhand sol-
cher Gründe und Kriterien erfolgen. Für diese Position ist die Bewertung wissen-
schaftsintern nicht beliebig.
Die zweite Position nimmt an, es gebe zwar wissenschaftsinterne Kriterien
und Gründe, diese seien – aufgrund welcher Überlegungen auch immer – nicht
hinreichend, um die Bewertung von Interpretationen ausschließlich anzuleiten.
Die vollzogenen Bewertungen bleiben wissenschaftsintern unterdeterminiert;
determiniert würden sie durch die sie ergänzenden wissenschaftsexternen
Gründe. Je nach der Relevanz, die den wissenschaftsinternen Gründen und Krite-
rien nach dieser Position eingeräumt wird, variiert der Grad der wissenschaftsin-
ternen Beliebigkeit von Interpretationen.
Die dritte Position behauptet, daß es wissenschaftsinterne Gründe für die Be-
wertung von Interpretationen weder gebe noch geben kann, da der zu interpre-
tierende – nicht zuletzt der literarische – Text dergleichen nicht zuläßt: Ein Inter-
pretationen diskriminierender Zugang zu Texten werde diesen nicht gerecht. Die
Bewertung von Interpretationen ist hiernach aus der Sache heraus wissenschafts-
intern beliebig.
Die vierte Position schließlich behauptet, die wissenschaftsinternen Kriterien
und Gründe für die Bewertung von Interpretationen seien bei näherer Betrach-
tung nicht mehr als Rationalisierungen wissenschaftsexterner Gründe. Letztlich
rührten sie von dem Versuch, bestimmte wissenschaftsexterne Gründe gegen-
über anderen auszuzeichnen, indem für sie die höheren Weihen der ‚Wissen-
schaftlichkeit‘, ‚Rationalität‘ o. dgl. beansprucht werde. Die Bewertung von Inter-
pretation ist wissenschaftsintern zwar nicht beliebig, aber das ist – so diese
Position – nur Camouflage.
Während die erste und zweite Position keiner weiteren Erörterung bedürfen,
sind die beiden anderen im Zusammenhang mit dem Interpretationsproblem ein-
schlägig. Sowohl die dritte als auch die vierte Position können zu einer, wenn
auch unterschiedlich begründeten Stützung der Beliebigkeitsthese verwendet
werden; insbesondere die dritte liefert zugleich ein Beispiel für Argumentations-
muster, die ihre systematische Darlegung und Diskussion in Abschnitt I.3 finden.
Bevor jedoch auf die verschiedenen Muster der Argumentation für und gegen die
Beliebigkeitsthese eingegangen wird, soll die vierte Position einer Prüfung unter-
zogen werden. Sie liefert den Anknüpfungspunkt für institutionelle Argumente
gegen die Erwünschtheit der Beliebigkeitsthese.
Theoretisch, also aus wissenschaftsinterner Perspektive, sind alle wissen-
schaftsexternen Gründe gleichrangig; praktisch wird ihr Status – sofern sie als
funktional erscheinen – durch ein System gesellschaftlicher Sanktionen be-
stimmt. Kein gesellschaftlicher Verband kann existieren, in dem die bewertende
I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese | 19

Gleichrangigkeit aller Interpretationen praktiziert wird. Die in einem gesellschaft-


lichen Verband vorhandenen Verteilungen von Interpretationsmacht und die in
ihm für die Befolgung von Interpretationsnormen errichteten Gratifikationssys-
teme müssen nicht akzeptiert werden; sie können als unerwünscht, beispiels-
weise als repressiv wahrgenommen werden. Bei einer solchen Ausgangslage bie-
ten sich im Rahmen der oben angeführten vierten Position zwei Strategien an.
Die offensive Strategie strebt eine Veränderung der Interpretationsmacht und
des Gratifikationssystems an; die defensive zielt darauf, die eigene, abweichende
Interpretationspraxis gegenüber gesellschaftlichen Sanktionen, etwa im univer-
sitären Bereich, durch ein – wie auch immer – begründetes und geartetes any-
thing goes zu legitimieren. Weder die eine noch die andere Strategie scheint aller-
dings auszuschließen, selbst Interpretationsmacht zu beanspruchen und am
kritisierten Gratifikationssystem zu partizipieren.
Das Problem der offensiv gerichteten Strategie besteht in der Legitimation al-
ternativer Machtverteilung und neuer Gratifikationsbedingungen. Dieses Prob-
lem besitzt die defensiv orientierte Strategie nicht; bei ihr wird ein anderes Prob-
lem offenkundig. In einem gesellschaftlichen Verband sind nicht alle inter-
pretationsträchtigen Bereiche gleich relevant und der Bereich zum Beispiel der
Interpretation von Literatur, nicht zuletzt im Orchester der universitären Diszip-
linen, hat in dieser Hinsicht gegebenenfalls einen nur relativ geringen Relevanz-
grad. Die Verfechter der defensiven Strategie könnten demnach – mit oder ohne
Endzeitbewußtsein – die De-Institutionalisierung der Disziplin, in deren Namen
sie sprechen, und den Abbau der Gratifikationen, an denen sie partizipieren, be-
treiben.45
Der Konflikt zwischen Institutionalisierung und Beliebigkeitsthese besteht in
folgendem: Wenn die Beliebigkeitsthese angenommen wird, dann gibt es kein
Merkmal der mit Gratifikationen ausgestatteten institutionalisierten Funktion,
das für die Wahl der Funktionsträger relevant ist. Jeder könnte die Funktion in
gleich angemessener Weise erfüllen. Zwar gibt es noch immer zahlreiche Eigen-
schaften potentieller Funktionsträger – Gesundheitszustand, (‚biologisches‘) Ge-
schlecht, formale Ausbildung, Anzahl der Publikationen usw. –, die bei Anerken-
nung oder Nichtanerkennung der Beliebigkeitsthese einen hinsichtlich der

||
45 In eine ähnliche Richtung scheint der Hinweis bei Newton 1982, S. 110, im Falle eines Gel-
tungsrelativismus von Interpretationen zu zielen: „Society might then come to view the study of
literature as pointless and futile. Deprived of social acceptance and institutional support, the
study of literature would run the risk of being relegated to the category of purely trivial pursuits.“
Allerdings scheint Newton eher in der Anerkennung und Stärkung bestimmter Entscheidungs-
autoritäten bei den Auswahlprozeduren und nicht in der Lösung des Interpretationsproblems
einen Weg zu sehen, um solche Konsequenzen zu vermeiden.
20 | I Das Interpretationsproblem

Auswahl bedeutsamen Unterschied konstituieren können, doch kann sich darun-


ter keine Eigenschaft befinden, die mit einem Funktionsmerkmal verknüpft wer-
den kann. Die Beliebigkeit der Interpretation hat die Beliebigkeit der Interpretie-
renden zur Folge.
In sozialen Handlungsfeldern, in denen die normative Frage nach den Grün-
den und Kriterien der Bewertung von Interpretationen institutionalisiert ist, spielt
die Erörterung ihrer Normativität eine legitimierende Rolle. Als ein solches Hand-
lungsfeld läßt sich das universitär institutionalisierte und professionalisierte
(zum Beispiel literaturwissenschaftliche) Interpretieren und die Veröffentlichung
der erzielten Ergebnisse in Büchern und Zeitschriften ansehen: Die Anerkennung
der Beliebigkeit von Interpretationen kann in einem solchen Handlungsfeld lang-
fristig zum Verlust der Legitimation für die Gratifikationen und Privilegien füh-
ren, die ihm gesellschaftlich zugestanden werden.46 Damit ist zugleich ein An-
knüpfungspunkt gegeben, um in diesem Rahmen die Funktion der grundlagen-
theoretischen Diskussionen zur Wissenschaftsproblematik textinterpretierender
Disziplinen zu bestimmen.
Seit den sechziger Jahren finden in den Literaturwissenschaften Theorie- und
Methodendiskussionen statt, die hinsichtlich ihres Umfangs, ihrer Differenziert-
heit und ihrer Vielfalt für diese Wissenschaften ein Novum darstellen.47 Aus
wachsender historischer Distanz zu den Anfängen dieser Diskussionen wird er-
kennbar, daß die anhaltende Erörterung grundlagentheoretischer Probleme
nicht allein durch die Konfrontation der Praxis philologischer Disziplinen mit ge-
sellschaftlich motivierten neuen Problemstellungen hervorgerufen wurde und
wird (in den sechziger und siebziger Jahren zum Beispiel in Form einer ‚marxisti-
schen Literaturwissenschaft‘, in den achtziger und neunziger Jahren zum Beispiel
in Form einer ‚feministischen Literaturwissenschaft‘) oder durch die Betrachtung

||
46 Vgl. auch Kamlah 1972, S. 141.
47 Damit soll – zumindest was die hier behandelten Disziplinen betrifft – nicht das Wort einer
Phasen-Theorie geredet werden, nach der die Entwicklung sich als Abfolge von Kontinuität, De-
stabilisierung und Neuformierung – in die die meisten Fächer der sog. Geisteswissenschaften ge-
genwärtig eingetreten seien – darstelle (vgl. z. B. die Auffassung bei Prinz/Weingart 1990, S. 15f.;
auch Barner 1990).
I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese | 21

und Reflexion der eigenen (disziplinären) Geschichte,48 sondern daß ihr – wis-
senschaftshistorisch und wissenschaftssoziologisch gesehen – eine allgemeine
Funktion im Rahmen der Professionalisierung dieser Disziplin zukommt.49
Die Professionalisierung einer Disziplin besteht – vereinfacht gesagt – in der
Umsetzung ihres theoretischen und historischen Wissens in ein anwendbares
Wissen, für dessen Anwendung mehr oder weniger spezifizierte Berufe (Professi-
onen) vorgesehen sind. Für die Entwicklung der Literaturwissenschaft vom Ge-
lehrtentum über die soziale (universitäre) Institutionalisierung bis zu ihrer Pro-
fessionalisierung – allerdings nur vereinzelt auch für die Phase der Sicherung
und des Ausbaus der professionalisierten Disziplin – liegen eine Reihe von Un-
tersuchungen vor und weitere sind zu erwarten.50 Von den Faktoren, welche die

||
48 Vgl. Lämmert/Killy/Conrady/Polenz 1967 (auch Wiese/Henß [Hg.] 1967) zum Beginn, die
jüngere Geschichte der Disziplin in den Blick zu nehmen. Es gibt in der Folgezeit eine Reihe von
‚Aufarbeitungen‘ der Geschichte literaturwissenschaftlicher Disziplinen während des Dritten
Reiches, die allerdings nicht selten vornehmlich unter ideologiekritischer Sicht und unter dem
mehr oder weniger aktuellen Interesse der ‚Entlarvung‘ von Vorgeschichten stehen, indes nur
selten die orientierenden wissenschaftshistoriographischen Annahmen und Probleme reflektie-
ren. Wie mittlerweile in anderen Disziplinen auch – etwa der Psychologie (u. a. Geuter 1984,
Prinz 1985, Lockot 1985) und Soziologie (Rammstedt 1986, aber auch König 1984) – findet sich
zunehmend eine differenziertere Betrachtung von ‚Kontinutiät‘ und ‚Diskontinuität‘ auch zur
Wissenschaftsgeschichte der Germanistik (vgl. insb. Voßkamp 1985).
49 Zur Professionalisierungsforschung vgl. z. B. Rüschemeyer 1980; und 1983 zur Relevanz der
professionals im Rahmen des sozialen Wandels von Beschäftigungssystemen vgl. insb. Parsons
1968. – Nicht zuletzt durch die Krisen der Professionalisierung bestimmter Disziplinen (etwa So-
ziologie, Psychologie, Pädagogik) ist es auch in der Bundesrepublik zu einer Vielzahl disziplin-
spezifischer Studien gekommen. Bei diesen Untersuchungen besteht allerdings eine breite ter-
minologische und konzeptionelle Variation. – Zu Argumenten des „anti-professionalism“ vgl.
Fish 1985/86, der bei der von ihm präferierten Art der Argumentation zu dem nicht unerwarteten
Resultat findet (S. 107): „In my efforts to rehabilitate professionalism, I have come full circle and
have ended up by rehabilitating anti-professionalism too.“ Zur Diskussion von Fishs Überlegun-
gen zum Professionalismus vgl. Cornell 1984, Fanto 1984, Ohmann 1984 und Shunway 1984.
50 Vgl. die Untersuchungen im Rahmen des Bielefelder und Kölner Forschungs-Projekts zur
Geschichte der Germanistik um Wilhelm Voßkamp und Jürgen Fohrmann (Fohrmann /Voßkamp
[Hg.] 1987 und Id. [Hg.] 1991 sowie Fohrmann 1989, ferner eine Vielzahl von Einzelstudien, etwa
Kolk 1989 sowie Id. 1990, auch Burkhardt 1976 (hierzu jetzt den Forschungsbericht in Voßkamp
1991), zudem die Geschichte der (germanistischen) Literaturwissenschaft von Klaus Weimar (Id.
1989). Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Neukonzipierungen von Disziplinen im Rahmen
der Reformuniversitäten (etwa einer Literaturwissenschaft ohne ihre herkömmliche Verbindung
mit Sprachwissenschaft und Philologie, hierzu Iser 1977, auch Schlaeger 1988). – Zu anderen
philologischen Disziplinen im deutschen Sprachraum – etwa Romanistik und Anglistik – vgl.
Christmann 1985, Haenicke 1979; zu der Entwicklung in den Vereinigten Staaten Graff 1987 sowie
22 | I Das Interpretationsproblem

Professionalisierung einer wissenschaftlichen Disziplin beeinflussen, sind insbe-


sondere zwei im Zusammenhang mit der intradisziplinären Grundlagendiskus-
sion bestimmend. Zunächst:51

– die soziale Institutionalisierung von Lehre und Forschung der wissenschaftli-


chen Disziplin im universitären Bereich.

Als Aufgabe wird der universitär institutionalisierten Disziplin zugeschrieben,


das für die zugeordneten Professionen erforderliche Wissen zu bewahren, zu bil-
den und bereitzustellen – ein Wissen, dessen praktische Umsetzung in derselben
oder gegebenenfalls in einer ihr zugeordneten Disziplin (Pädagogik) vermittelt
wird.52 Weiterhin:

– die Entwicklung eines gegenüber den Wissensbeständen anderer Disziplinen


(relativ) eigenständigen, (disziplinspezifisch) normenkontrollierten und (pro-
fessionenbezogen) anwendbaren Wissens.53

Professionalisierte Disziplinen (wie die Literaturwissenschaften) stehen fortwäh-


rend, wenn auch nicht immer in gleicher Weise explizit und manifest, unter der
gesellschaftlich gestellten Anforderung, den Status des in ihrem Rahmen be-
wahrten, gebildeten und bereitgestellten Wissens zu legitimieren. Diesem Legiti-
mationsdruck kommt eine professionalisierte Disziplin nicht zuletzt durch die
grundlagentheoretische Diskussion des Status ihres theoretischen wie histori-
schen Wissens nach. Die zweiseitige Orientierung der grundlagentheoretischen
Erörterung – einerseits an externalen (in diesem Fall gesellschaftlichen) Legiti-
mationsanforderungen, andererseits an internalen (wissenschaftstheoretischen)
Standards – führt dazu, daß sie in bestimmter Hinsicht unabgeschlossen bleibt,
da mit einer einmal erreichten grundlagentheoretischen Absicherung nicht die
Frage nach dem Status des disziplinären Wissens prinzipiell ad acta gelegt wer-
den kann. Tatsächlich gibt es immer nur bessere oder schlechtere Antworten auf

||
Fekete 1977; zur sprachwissenschaftlichen Germanistik Bahner/Neumann (Hg.) 1985 (dazu
Naumann 1988).
51 Zur Professionalisierung von Disziplinen vgl. ausführlicher Weingart 1976, Larson 1977; auch
Geuter 1984, S. 49ff., zur Psychologie.
52 Daß es hierbei zu vielfältigen Konflikten kommen kann, zeigt z. B. die Studie bei Iser 1984,
in der die Entwicklung der Anglistik in Deutschland an der „Dualität von Lehrerbildung und Wis-
senschaft“ (S. 278) aufgewickelt wird.
53 Zur Charakterisierung von Disziplinen vgl. Posner 2003. – Zur Anwendung vgl. Hartmann
1979.
I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese | 23

die Statusfrage, und zwar im Hinblick auf die gegebenen Legitimationsanforde-


rungen und die geteilten (wissenschaftstheoretischen) Standards.
Der externale Legitimationsdruck selbst hängt wiederum von einer Reihe von
Faktoren ab, etwa von Veränderungen in der gegebenen Professionenstruktur
(Bildung neuer Professionen, ihrer Neubestimmung und Differenzierung, aber
auch des professionalen Statusverlustes) – einer Professionenstruktur, der sich
beispielsweise die literaturwissenschaftlichen Disziplinen aktiv anzupassen ver-
suchen oder an deren Etablierung sie selbst beteiligt sind, sei es durch die Ein-
richtung neuer Studiengänge, sei es durch disziplinäre Differenzierung, etwa der
institutionellen Abgrenzung der Medienwissenschaften, sei es durch die anhal-
tende Diskussion der ‚Funktion‘ und des ‚Ziels‘ der Disziplin.54 Zu den diversen
externalen kommt eine Reihe interdisziplinärer Faktoren hinzu. Ein Beispiel soll
genügen, um den Zusammenhang zum Verlauf der Theorie- und Methodendis-
kussion in den Literaturwissenschaften zu veranschaulichen.
Dieses Beispiel liefert die interdisziplinäre Professionalisierungskonkurrenz
zwischen Literaturwissenschaft und Linguistik. Von der Linguistik, die seit Ende
der fünfziger und insbesondere in den sechziger Jahren aufgrund extensiver the-
oretischer Neuorientierungen sowohl im Autostereotyp als auch im Heterostere-
otyp zur erfolgreichen und zukunftorientierten ‚Geisteswissenschaft‘ par
excellence avancierte, wurden im Zuge ihrer forcierten Professionalisierung Ver-
suche unternommen, den Anwendungsbereich des gebildeten Wissens zu erwei-
tern. Zu diesen Versuchen zählt auch die ‚Linguistisierung‘ literaturwissenschaft-
licher Interpretationsverfahren: Vor dem Hintergrund der interdisziplinären
Konkurrenz beider Disziplinen wird deutlich, daß es sich um Versuche handelt,
das linguistische Wissen auf Anwendungsbereiche auszudehnen – etwa im Rah-

||
54 Diese Bemühungen und Erörterungen erfolgen nicht zuletzt im Rahmen der seit den 1960er
Jahre (unvermindert) fortgesetzten „Ortsbestimmung“ der Geisteswissenschaften. Von besonde-
rer Intensität scheinen dabei die Diskussionen in der Germanistik zu sein. So ist nach den Dis-
kussionen einer „zukünftigen Germanistik“ – hingewiesen sei lediglich auf die beiden Sammel-
bände Kolbe (Hg.) 1969 und Id. (Hg.) 1973 – jüngst die Frage „Wozu noch Germanistik?“ erneut
gestellt worden, vgl. die Beiträge in dem gleichnamigen Sammelband Förster/ Neuland/Rupp
(Hg.) 1990. Allerdings unterschlägt der diesen Sammelband einleitende Beitrag Förster/Neu-
land/Rupp 1990 – anders als in früheren Phasen der Diskussion –, daß es nicht nur darum geht,
Aufgaben für die Germanistik zu formulieren, sondern auch darum, wie diese neuen, zum Teil
aber auch immer wieder beschworenen Ausbildungsziele im Rahmen der Germanistik als insti-
tutionalisierter (Forschungs- und Ausbildungs-)Disziplin erfüllt werden können: Dem Beitrag
fehlt der Hinweis auf eine (selbst-) kritische Reflexion der in vielen Bereichen gescheiterten oder
stagnierenden Entwicklung des theoretischen Wissens, das der Disziplin die Kompetenz für die
zu öffnenden oder zu besetzenden Praxisfelder gibt.
24 | I Das Interpretationsproblem

men einer Textlinguistik –, die traditionell zum Eigenständigkeitsbereich litera-


turwissenschaftlicher Disziplinen gehören, etwa der Interpretation literarischer
Texte.55
Vor diesem Hintergrund läßt sich fernerhin erklären, weshalb bei der Diskus-
sion von Bestrebungen der sog. Linguistisierung ein so großes Gewicht auf die
Frage gelegt wurde, ob es sich um die Ersetzung, Fundierung oder Ergänzung her-
kömmlicher textinterpretatorischer Verfahren handelt, und zwar bevor über-
haupt theoretisch wie exemplarisch die Güte des zur Lösung disziplinspezifischer
Probleme anzuwendenden Wissens geprüft wurde. Das Ergebnis der Diskussion
um die sog. Linguistisierung ist für die Literaturwissenschaft bekannt (es ist –
zumindest in der ursprünglichen Form – kein Thema mehr)56 – ein Ergebnis, das
aber auch dazu beigetragen hat, daß sich auf der disziplinären Ebene gegenwär-
tig die Bemühungen feststellen lassen, die (theoretischen und methodologi-
schen) Grundlagen für eine Textlinguistik als (eigenständige) linguistische
(Sub-)Disziplin zu legen, die sich mit der Interpretation von (literarischen) Texten
beschäftigt.57
Worin bestehen die Konsequenzen solcher Überlegungen für die Annahme
der Beliebigkeit von Interpretationen? Zunächst ergibt sich eine Konsequenz für
die gegenwärtig verbreitete Beurteilung der Methoden- und Theoriediskussionen
in den Literaturwissenschaften – und damit auch für die der Diskussion um die
Beliebigkeitsthese. Wählt man die Perspektive der Professionalisierung und In-
stitutionalisierung von Disziplinen auch für den Blick auf die grundlagentheore-
tischen Debatten, dann scheint es gerechtfertigt zu sein, an dem immer wieder –
sei es mit Zustimmung, sei es mit Bedauern – diagnostizierten Ende der Theorie-
und Methodendiskussionen in den Literaturwissenschaften zu zweifeln.
Die grundlagentheoretischen Diskussionen, die sich mit der Sicherung oder
Neubegründung des Status des disziplinären Wissens beschäftigen, sind nicht
weniger institutionalisierte Bestandteile der Disziplin als die Versuche der Erwei-
terung oder Erschütterung des theoretischen wie historischen Wissens. Wie auch

||
55 Zur Analyse der Argumentationen von Transferansätzen vgl. Danneberg/Müller 1979,
S. 166ff.
56 Eine Konkurrenz ist sicher nicht mehr gegeben. Inwieweit es sich um ein „komplementäres
Verhältnis zwischen linguistischer und literaturwissenschaftlicher Erklärung eines Textes“ (so
Stanzel 1984, S. 10) handelt, braucht hier nicht erörtert zu werden.
57 Vgl. z. B. van Dijk 1980, Beaugrande/Dressler 1981, dort in Kap.2 ein gedrängter Überblick
zur Geschichte der Textlinguistik. Auf den eigentlichen Hintergrund für die Entwicklung von
textlinguistischen bzw. -grammatischen Ansätzen, nämlich die „Grundlagenkrise“ in den philo-
logischen Wissenschaften, ist immer wieder hingewiesen worden (so etwa bei Petöfi/ Rieser 1977
in ihrer Kritik an Dascal/Margalit 1974).
I.2 Die Unerwünschtheit der Beliebigkeitsthese | 25

immer die wissenschaftshistorische und wissenschaftssoziologische Erklärung


des wachsenden oder abnehmenden Interesses an diesen Diskussionen im Detail
aussehen mag, Entwicklungsmodelle von Krise und Kontinuität mögen hinsicht-
lich der Bindung methodologischer Reflexion an krisenhafte Situationen für die
Naturwissenschaften historisch fundiert sein – auch wenn hier nicht geringe
Zweifel herrschen58 –, ihre Übertragung auf Textwissenschaften indes droht
schon daran zu scheitern, daß eine der Voraussetzungen, nämlich die Existenz
eines, wenn nicht allein herrschenden, so doch einzig dominanten Paradigmas,
(zumeist59) nicht gegeben ist – und vielleicht auch nie gegeben sein wird, da für
nichtnaturwissenschaftliche Disziplinen überdies die Unterscheidung zwischen
vorparadigmatischer und paradigmatischer Wissenschaft nicht zu tragen
scheint,60 wie bei einer Reihe von Disziplinen aufzuzeigen versucht worden ist.61
Diese Behauptung hängt allerdings nicht zuletzt von der Bestimmung des Pa-
radigma-Begriffs ab, dessen Verwendung in den Schriften Kuhns bekanntlich we-
nig einheitlich ist. Orientiert man sich an den wissenschaftshistorischen Be-
schreibungen, die Kuhn für naturwissenschaftliche Theoriekonstellationen gibt,
dann scheinen vergleichbare Beschreibungen im Fall literaturwissenschaftliche

||
58 Zur Kritik vgl. beispielsweise Laudan 1984, S. 1ff., und Id. 1985; dazu Danneberg 1989, Kap.
V.4., S. 303ff., und passim; jüngst aber auch Hoyningen-Huene 1989.
59 Ausnahmen können aufgrund bestimmter politischer und gesellschaftlicher Konstellatio-
nen zustande kommen. Aber selbst das ist schwer festzustellen, da es in diesen Bereichen kein
sicheres Kriterium dafür gibt, wann Unterschiede paradigmadifferenzierend oder paradigmain-
tern sind.
60 Zur „Struktur“ vorparadigmatischer Naturwissenschaften vgl. auch Böhme/Daele 1977.
61 Kuhns Überlegungen wurden recht schnell auch bei einer Reihe nichtnaturwissenschaftli-
cher Diszplinen, mitunter in modifizierter Form zur Anwendung gebracht. Diese Versuche sind
durchweg kontrovers erörtert worden, etwa in der Soziologie (vgl. u. a. Bronfenbenner 1971,
Blaug 1975, Baumberger 1977, Percival 1979), der Ökonomie (u. a. Smolicz 1970, Bryant 1975,
Eckeberg/Hill 1980, Harvey 1982), der Geschichtswissenschaft (u. a. Hollinger 1973, Blanke 1991)
und insbesondere der Psychologie (u. a. Palermo 1971, Warren 1971, Briskman 1972, Weimer/Pa-
lermo 1973 und Id. 1974, Weimer 1974). Kaum weniger umstritten ist die Verwendung des Para-
digma-Konzepts und die Übertragung der wissenschaftshistoriographischen Annahmen Kuhns
für die Geschichte der Linguistik, zu Beispielen vgl. Hymes (Hg.) 1974; so wird etwa in Koerner
1976 vom „Schleicherian Paradigma in Linguistics“ gesprochen (vgl. auch Koerner 1981 sowie Id.
1982); dort (Id. 1976, S. 709) heißt es auch, Chomskys Werk erfülle die Anforderung an ein Para-
digma im Sinne Kuhns (dazu auch Id. 1983). Kritische Hinweise zur Übertragung des Paradig-
mabegriffs finden sich u. a. bei Percival 1976, Oesterreicher 1977, Grotsch 1982, Thilo 1989,
S. 82ff.; die Verteidigung einer ‚Revolution‘ durch Chomsky in der Linguistik versucht Newmeyer
1986, der allerdings von dem schwächeren Paradigmabegiff Larry Laudans ausgeht. – Zur poly-
paradigmatischen Konzeptionen in den nichtnaturwissenschaftlichen Disziplinen vgl. neben be-
reits angeführten Arbeiten auch Lammers 1974, Ritzer 1975.
26 | I Das Interpretationsproblem

Konstellationen nicht möglich bzw. unangemessen zu sein. Das schließt keines-


wegs aus, daß es in den Textwissenschaften fortwährend zu Ankündigungen von
Paradigmenwechsel gekommen ist.62 Da nach der wissenschaftshistorischen
Konzeption, durch den dieser Begriff eingeführt wird, Paradigmen wissenschaft-
liche Programme sind, die sich wissenschaftlich durchgesetzt und institutionell
etabliert haben, wird die Selbsterhebung in den Stand des „neuen Paradigmas“
zu einem leicht durchschaubaren rhetorischen Zug im Kampf gegen konkurrie-
rende oder mißliebige Konzeptionen.63 Die Interpretationsgeschichte literari-
scher Werke unter der Perspektive von Kuhns Paradigmabegriff zu sehen, ist ver-
gleichsweise selten.64
Die wissenschaftssoziologischen Überlegungen zeigen aber auch eine di-
rekte Konsequenz für die Annahme der Beliebigkeit von Interpretationen auf. Sie
legen die Vermutung nahe, daß die grundlagentheoretischen Diskussionen erst
noch vor einem Höhepunkt stehen. Als Indikator für diese Vermutung kann ge-
rade die Frage der Beliebigkeit von Interpretationen gelten, die gegenwärtig ins-
besondere durch die im amerikanischen Bereich verbreitete und zunehmend
auch in den unterschiedlichen Philologien adoptierte Praxis der Literaturinter-
pretation erneut ins Zentrum der Diskussionen gerückt ist.65 Eine solche Entwick-
lung ist schließlich zu erwarten, wenn erkannt wird, daß der Verzicht auf Profes-
sionalisierung, etwa durch ein theoretisch sekundiertes, weithin praktiziertes
anything goes, zur sukzessiven De-Institutionalisierung literaturwissenschaftli-
cher Disziplinen führen kann.66 Vor diesem Hintergrund erscheint die Zurückwei-
sung der Beliebigkeitsthese als eine Minimalanforderung für den Bestand einer
institutionalisierten Literaturwissenschaft und des professionellen Interpretie-
rens. Und das, was für die Literaturwissenschaft festgehalten wird, läßt sich für
alle textinterpretierenden Disziplinen verallgemeinern.

||
62 Als Beispiele vgl. Jauß 1969 oder Groeben 1977 („Empirisierung als Paradigmawechsel“).
63 Vgl. neben der Bemerkung bei Michel 1979, S. 832/33, Bayertz 1981, S. 107, und Danneberg
1989, S. 63.
64 Vgl. z. B. Kleinlogel 1981 zur Geschichte der Homerforschung.
65 Zur Entwicklung von New Criticism zum Deconstruction vgl. mit nicht immer überzeugenden
Hypothesen und Ergebnissen Berman 1988. Zur Kritik der Entwicklung, die in die hier angedeu-
tete Richtung weist, vgl. auch die Bemerkungen bei Steinmann 1984.
66 Feyerabends Konzept des anything goes, auf das hier angespielt wird, erscheint allerdings als
weitaus weniger ‚liberal‘, als die mehr oder weniger expliziten Berufungen auf dieses Konzept
insbesondere im Rahmen der Textwissenschaften zu unterstellen scheinen, vgl. u. a. Danneberg
1989, Anm. 313, S. 326.
I.3 Muster der Argumentation | 27

I.3 Muster der Argumentation


Die Muster der Argumentation für oder gegen die Beliebigkeitsthese können un-
ter systematischen Gesichtspunkten nicht vorab konstruiert werden. Sie lassen
sich allein im Blick auf die hermeneutischen Diskussionen gewinnen; eine wie
auch immer gestaltete Auflistung kann schon aus diesem Grund keine Abge-
schlossenheit beanspruchen. Zudem ist die Zusammenfassung zu Argumentati-
onsmustern nicht determiniert: Aus den vorliegenden Argumentationen lassen
sich zuweilen unterschiedliche Muster bilden und zu ihrer Aufgliederung bieten
sich verschiedene Orientierungspunkte an. Fünf Argumentationsmuster, die bei
einem Nachweis der Beliebigkeitsthese Verwendung finden können, sollen im
weiteren unterschieden, kritisch erörtert und hinsichtlich ihrer Schlagkraft im
Hinblick auf die Beliebigkeitsthese beurteilt werden.67
(a) Im Zuge des ersten der hier unterschiedenen Argumentationsmuster wer-
den Voraussetzungen, die in die Problemstellung eingehen, bezweifelt und – aus
welchen Gründen auch immer – als gegenstandslos zurückgewiesen. Das kann
sich gegen die Bewertungskomponente richten, durch die die Fragestellung als
Problem konstituiert wird: Es wird bezweifelt, daß es sich bei der Beliebigkeit von
Interpretationen überhaupt um ein Problem handelt.68 Da es bei den vorliegen-
den Überlegungen nicht darum geht, ob es sich bei der erörterten Fragestellung
um ein Problem handelt, sondern darum, wie die Frage nach der Beliebigkeit von
Interpretationen beantwortet werden kann, wenn es als Interpretationsproblem
angesehen wird, braucht auf eine solche Kritik nicht weiter eingegangen zu wer-
den.
Ergiebiger als allein die Bezweifelung des problematischen Charakters ist es,
wenn sich der Zweifel auf (implizite oder explizite) Voraussetzungen der Frage-
stellung richtet, die zugleich für die Lösung des Problems orientierend sind. Es
lassen sich zwei Arten von Voraussetzungen unterscheiden: zum einen Präsup-
positionen der Fragestellung, zum anderen Explikationen zur Fragestellung. Je
nachdem, ob sich die Kritik gegen Präsuppositionen oder gegen Explikationen
richtet, unterscheiden sich die Konsequenzen einer Zurückweisung. Werden Prä-
suppositionen als nichtig erwiesen, dann auch die Fragestellung – wobei es hier
keine Rolle spielt, ob die Fragestellung als inadäquat zurückgewiesen wird und
ihre Antwort offen bleibt oder ob sie deshalb eine verneinende Antwort erfährt.
Werden Explikationen kritisiert und zurückgewiesen, dann handelt es sich um

||
67 Dabei sind die Argumentationen in der Regel indirekt.
68 Vgl. Abschnitt I.2.
28 | I Das Interpretationsproblem

eine Kritik, der unter Umständen durch verbesserte Explikationen, unter Umstän-
den aber auch durch eine Veränderung theoretischer Annahmen begegnet wer-
den kann, ohne daß deshalb die Fragestellung als hinfällig oder verneint gelten
muß.
Auf den ersten Blick könnte es so erscheinen, als ob die Kritik an Präsuppo-
sitionen der Fragestellung eher eine Strategie für den Kritiker der Beliebigkeits-
these als für ihren Verteidiger ist; denn wird eine Präsupposition der Frage „Sind
Interpretationen ein und desselben Textes beliebig?“ zurückgewiesen und wird
diese Frage daher verneint, so scheint die Beliebigkeitsthese ebenfalls zurückge-
wiesen zu sein. Das ist indes auf den zweiten Blick nicht der Fall. Denn es handelt
sich nur um eine Formulierung der Fragestellung, nicht aber um die Problemstel-
lung, die zurückgewiesen wird. Das heißt: Die Antworten auf unterschiedliche
Formulierungen der Fragestellung können gleichwohl dieselben Konsequenzen
haben und mithin auch genau die, die für die Beurteilung der Beliebigkeit von
Interpretationen als Problem ausschlaggebend sind. Ferner kann es sich bei den
zurückgewiesenen Präsuppositionen um Voraussetzungen handeln, die für eine
Lösung des Interpretationsproblems konstitutiv sind.
Wird die Fragestellung betrachtet, die dem Interpretationsproblem zugordnet
wird, dann kann als eine präsuppositionale Voraussetzung der (unterstellte) Be-
fund gelten, daß es mehrere unterschiedliche Interpretationen zu ein und demsel-
ben Text gibt.69 Es ließe sich daran zweifeln, ob die erforderlichen Identitätskrite-
rien für Texte gegeben sind, wie ein solcher Befund unterstellt. Das wäre etwa der
Fall, wenn die identitätverbürgenden Merkmale in der Weise als interpretations-
abhängig aufzufassen sind, daß durch unterschiedliche Interpretationen auch
unterschiedliche Texte konstituiert werden.70

||
69 Zur obligatorischen und nichtobligatorischen Verwendung des Ausdrucks „ein und der-
selbe“ vgl. Harweg 1969; zu dem durch den Ausdruck „derselbe“ sprachlich zum Ausdruck kom-
menden Form der Identität Harweg 1968, auch Id. 1969a.
70 Vgl. die Hinweise bei Owen Miller in seinem Vorwort zu dem thematisch recht heterogene
Beiträge enthaltenden Sammelband Identity of the Literary Text (Miller 1985); so heißt es bei
Wehrli 1991, S. 6: „Was wir vor uns haben, schwarz auf weiß, ist ja bekanntlich keineswegs schon
das Werk und nicht einmal der Text. Dieser vollendet oder besser: verwirklicht sich erst im Hörer
oder Leser, und immer wieder anders.“ Ferner Martens 1989, z. B. S. 12, wo ebenfalls hinsichtlich
des Textbegriffs Konfusion herrscht, Valdés 1985 – dazu die kritischen und anregenden Überle-
gungen bei Petersen 1986, S. 294: „Möglich, daß die Polyvalenz selbst mit der Identität zusam-
mengedacht werden muß, daß textuelle Identität poetischer Werke nicht schlicht Eindeutigkeit
und Beständigkeit der Rezeption bedeutet.“ Dann heißt es weiter: „Aber vom Text aus gesehen
will dieser als mit sich identisch verstanden werden, während das assoziationsästhetische Ge-
bilde der Moderne gerade dies nicht will. Dieser Unterschied muß inkünftig Beachtung finden,
wenn man falsche Voraussetzungen und falsche Folgerungen vermeiden will.“
I.3 Muster der Argumentation | 29

Bei einem solchen Einwand stellt sich die Frage, wieso durch unterschiedli-
che Interpretationen nichtidentische Texte geschaffen werden. Eine explizite Ar-
gumentation findet sich für die Antwort in der Regel nicht. Zumeist gilt die An-
nahme eines die Bedeutung des Textes konstituierenden oder kreierenden Lesers
oder Interpreten als ausreichend für einen solchen Einwand. Die Argumentation,
die dieser Ansicht vermutlich zugrunde liegt, läßt sich in der folgenden Weise
entwickeln. Den Ausgangspunkt kann Leibnizʼ Prinzip der Identität des Ununter-
scheidbaren (identitas indiscernibilium) bilden, das die notwendige und hinrei-
chende Bedingung für (numerische) Identität festlegt71:

(6) (x) (y) ((E) (Ex ‫ ؠ‬Ey) ‫ ؠ‬x = y)

Besitzt etwas dieselben Eigenschaften wie etwas Anderes, dann sind beide iden-
tisch und vice versa. Obwohl umstritten ist, wie dieses Prinzip genau zu deuten
ist, seine Anwendung in bestimmten Kontexten zu kontraintuitiven Resultaten
führt und die Bestimmung der Identität immer wieder mit Komplikationen oder
sogar Aporien konfrontiert wird,72 soll es for the sake of argument zunächst ak-
zeptiert sein.
Das Argument ist dann recht einfach: Erfährt etwas eine Interpretation I1 und
etwas eine Interpretation I2, wobei I1 und I2 unterschiedlich sein sollen, dann ließe
sich folgern:

(7) Wenn I1x, I2y und nicht (I1x ‫ ؠ‬I2y), dann nicht (x = y)

Eine solche Argumentation ist indes aus einer Reihe naheliegender Gründe un-
haltbar. Ein Beispiel mag das veranschaulichen: Von jemandem heißt es, er sei
zwanzig Jahre alt, und von jemandem heißt es, er sei einundzwanzig Jahre alt.
Beide Behauptungen können wahr sein, und es kann sich ohne Frage dabei – im
herkömmlichen Verständnis – um ein und dieselbe Person handeln. Das gleiche

||
71 Zur Zuschreibung an Leibniz vgl. Rescher 1967, S. 47ff., sowie Feldman 1970.
72 Zur neueren Diskussion vgl. u. a. Waismann 1936, Black 1952, Ayer 1953, Bergmann 1953,
Wilson 1953, Rescher 1955, Behmann 1962, ferner zu den philosophischen Komplikationen, die
im Zusammenhang mit der Identitätsbestimmung durch Leibniz auftreten, Schirn 1975.
30 | I Das Interpretationsproblem

gilt generell für die Zuschreibung von Eigenschaften, sofern ein Zeitbezug rele-
vant ist oder beachtet wird, und das kann auch der Fall bei der Zuschreibung von
Eigenschaften an Texte durch Interpretationen sein.73
Im Fall der Interpretation kommt hinzu, daß es nicht klar ist, wann unter-
schiedliche interpretatorische Bedeutungszuweisungen nicht ein und demselben
Text gemeinsam zukommen können.74 Entscheidend aber ist, daß die Beliebig-
keitsthese mit der Beibehaltung dieser Präsupposition nicht fällt; denn nach ihr
ließe sich jede Interpretation als die eines bestimmten Textes auffassen.75 Ohne
ein festgelegtes Kriterium – so die Gegenbehauptung – läßt sich keine Interpre-
tation ausschließen. Einschränkungen bestehen erst dann – wie weiter unten ge-
zeigt wird –, wenn die interpretatorischen Bedeutungszuweisungen auf eine Be-
deutungskonzeption bezogen werden, durch die sie als Bedeutungszuweisungen
an ein und denselben Text erst unvereinbar sein können.76 Die Argumentation
unter (6) wäre mithin wie folgt zu reformulieren:

(8) Wenn I1x, I2y und nicht (I1x ‫ ר‬I2y), dann nicht (x = y)

Allein die Zuschreibung unterschiedlicher Eigenschaften bedeutet indes noch


nicht, daß diese Zuschreibung nicht an ein und denselben Gegenstand erfolgt.
Auch muß das Vorliegen unterschiedlicher Bedeutungszuweisungen noch nicht
ausschlagebend für die Identität des Interpretationsbezugs sein.77
Der Zweifel an der Existenz von Identitätskriterien, um eine präsuppositio-
nale Voraussetzung für das Interpretationsproblem in Frage zu stellen, erreicht
durch die aufgezeigte Argumentation – zumindest ohne zusätzliche Annahmen
– nicht das ihr gesteckte Ziel. Aber selbst dann, wenn die Vorstellung einer durch
die Interpretation konstituierten Identität des Textes angenommen wird, ist damit
nicht gesagt, daß diese Konstituierungen nicht dieselbe Textvorlage besitzen. Es
könnte festgelegt werden, daß x1, x2, x3 ... identisch sind, wenn kein anderer Ge-
genstand in der Beziehung zu x1, x2, x3... steht, in der x1, x2, x3... untereinander ste-
hen. Es werden mithin für einen bestimmten Bereich von Gegenständen – und

||
73 Vgl. hierzu das (ontologische) Konzept der Genidentität, wie es etwa von Kurt Lewin einge-
führt wurde, vgl. Id. 1922. Anstelle der „strengen“ („logischen“) Identität wird bei dieser „abge-
schwächten“ Identität allein auf die „wesentlichen“ Beschaffenheiten eines Gegenstandes Be-
zug genommen und etwa räumliche und zeitliche Bezüge ignoriert.
74 Zur Interpretation als Bedeutungszuweisung vgl. Abschnitt III.1.
75 Vgl. Abschnitt I.4.
76 Vgl. Abschnitt III.2 sowie Kapitel VI.
77 Das Problem von Identitätskriterien wird auch in Verbindung gebracht mit dem ontologi-
schen Rang von Kunstwerken (so z. B. bei Hoffman 1962) – eine Frage, die hier unerörtert bleibt.
I.3 Muster der Argumentation | 31

nicht durch eine allgemeine Definition der notwendigen und hinreichenden Be-
dingung – Anforderungen an eine Beziehung festgelegt, deren Erfüllung als iden-
titätsstiftend gilt.78
Entscheidend für die Formulierung dieser Anforderungen ist, daß sich eine
solche identische Textvorlage individuell differenzieren und limitieren läßt.79 So-
wohl die Differenzierung als auch die Limitierung mag theorie- oder interpretati-
onsabhängig sein80, aber es muß sich dabei nicht um die Interpretationen han-
deln, die auf den einen Text bezogen werden. Zwar läßt sich dann noch immer
bezweifeln, daß sich alternative Interpretationen wirklich auf die individuierte
und identifizierte Textvorlage beziehen,81 aber dieser Zweifel schließt nicht aus,
daß unterschiedliche Interpretationen auf ein und denselben Text bzw. ein und
dieselbe Textvorlage bezogen werden können82, daß ein und derselbe Text ver-
schiedenen Interpretationen zugrunde liegt.83
Von den Zweifeln an der ‚Identität des Textes‘ als identischer Textbezug un-
terschiedlicher Interpretationen sind drei Probleme berührt: das des Textbezuges
überhaupt, das der verschiedenen Textvorkommnisse und das des Interpretations-
gegenstandes. Das hier erörterte Problem des identischen Textbezugs ist tragend
für die Feststellung des Gegenstandes, auf den sich zwei unterschiedliche Bezug-

||
78 Vgl. die Erörterung der Stellvertretungsrelation in Abschnitt II.1.
79 Bei Castañeda 1975 wird für die Unterscheidung von Individuation und Differenzieren argu-
mentiert.
80 Rudi Keller stellt die Frage, worauf sich das „x“ bezieht, wenn es heißt „A interpretiert x als
y“. Und er ist der Ansicht (Id. 1977, S. 9): „Das logische Problem besteht darin, daß wenn ich
etwas benannt habe, ich es auch schon interpretiert habe, nämlich mindestens als das, als was
ich es benannt habe.“ Das mag in einigen Fällen zutreffen, aber nicht in allen – es sei denn, es
handelt sich um eine Art impliziter Definition für „interpretieren“; denn es lassen sich bei „x“
beispielsweise Raum-Zeit-Koordinaten einsetzen. Wenn bereits darin eine Interpretation gese-
hen wird, dann wird das Problem zugleich trivialisiert, so daß zumindest zwischen zwei Arten
der Interpretation unterschieden werden sollte.
81 Vgl. hierzu Abschnitt III.2.
82 Damit sind auch die Überlegungen bei Danto 1981, S. 192, vereinbar. – Bei Gadamer gehört
auch das Problem der Textidentität zu den Problemen, die im ‚Voraussetzungsbereich‘ des Ver-
stehens angesiedelt werden und die daher auch nicht mehr in den Blick systematischer Überle-
gungen zur Hermeneutik kommen. Vgl. Gadamer 1960, S. 375 (Hervorhebung von mir): „Einen
Text verstehen heißt immer schon: ihn auf uns selbst anwenden und wissen, daß ein Text, auch
wenn er immer anders verstanden werden muß, doch derselbe Text ist, der sich uns jeweils an-
ders darstellt.“
83 Die Identität von Textvorkommnissen ist zwar nicht unabhängig von der gewählten Bedeu-
tungs- und Interpretationskonzeption (vgl. Abschnitt II.1), damit aber noch nicht von der dem
Textvorkommnis zugewiesenen Bedeutung.
32 | I Das Interpretationsproblem

nahmen – in diesem Fall Interpretationen – gemeinsam beziehen. Diese Feststel-


lung setzt aber die Klärung des Textbezugs voraus, das heißt der Frage, wann
eine (vorliegende) Interpretation sich überhaupt auf einen bestimmten Text be-
zieht.84
Das zweite der drei oben unterschiedenen Probleme beruht auf der Frage,
wann bei konkreten Textvorkommnissen – etwa verschiedenen Auflagen, Abdru-
cken, aber auch verschiedenen Textvorkommnissen einer Auflage –, die sich
zwangsläufig in irgendeiner Hinsicht unterscheiden, gesagt werden kann, es
handle sich um Vorkommnisse ein und desselben Textes bzw. um Textvorkomm-
nisse, die sich bei der Interpretation vertreten können. Anders formuliert lautet
dieses Problem: Wenn ein interpretatorischer Bezug zu einem Textvorkommnis
vorliegt – wie weit kann dieser Bezug über das (konkrete) Textvorkommnis hin-
ausreichen und welche Annahmen konstituieren den Überschuß an Reich-
weite?85
Das dritte Problem beruht auf der Frage, was es heißt, Texte seien Gegen-
stand interpretatorischer Untersuchungen. Diese Frage führt zu einem methodo-
logisch bestimmten Textbegriff und zu einer entsprechenden Charakterisierung
des Kontextbegriffs im Rahmen einer Bedeutungs- und Interpretationskonzep-
tion.86 Die vier unterschiedenen Probleme hängen wie folgt zusammen. Gegeben
seien

(9) In I1 wird T1 als bn interpretiert

und

(10) In I2 wird T2 als bm interpretiert

Die Frage nach dem Interpretationsbezug besagt dann: Wann ist I1 eine Interpre-
tation des Textes T1, aber keine Interpretation des Textes T2, wobei (T1 ≠ T2) gelten
soll? Die Frage nach dem identischen Textbezug lautet: Wann gilt (T1 = T2), wenn
(I1 ≠ I2) und (bn ≠ bm)? Die Frage nach der Reichweite besagt: Wann ist I1 nicht nur
eine Interpretation von T1, sondern auch von T2, wenn (T1 ≠ T2) gilt? Die Frage nach
dem Textbegriff, also dem Gegenstand, lautet: Wenn I1 eine Interpretation von T1,
aber nicht von T2 ist, wie kann dann T1 von T2 so abgegrenzt werden, daß I1 nicht
eine Interpretation der Vereinigung beider Texte (T1 ‫ ׫‬T2) ist? Damit sind über die

||
84 Vgl. neben Abschnitt I.4 und vor allem Abschnitt III.2.
85 Vgl. hierzu Abschnitt II.1.
86 Vgl. Kapitel VI.
I.3 Muster der Argumentation | 33

Erörterung einer präsuppositionalen Voraussetzung der Beliebigkeitsthese vier


Fragen gewonnen, die für die Analyse der Interpretation von Texten zentral sind
und die in den nachfolgenden Kapiteln behandelt werden.
Wird die Frage der verschiedenen Textvorkommnisse mit der des identischen
Textbezugs unterschiedlicher Interpretationen verknüpft – etwas, das in der Re-
gel bei den erörterten Auffassungen nicht geschieht –, dann wird das Problem
der Identität von Texten noch diffiziler. Da zunächst (konkrete) Textvorkomm-
nisse interpretiert werden, führt die Leugnung eines identischen Textbezugs bei
unterschiedlichen Interpretationen zu vermutlich weithin als kontraintuitv ange-
sehenen Konsequenzen – beispielsweise dazu, daß ein und dasselbe Textvor-
kommnis, das im Abstand kurzer Zeit von zwei Interpreten unterschiedliche In-
terpretationen zugewiesen erhält, nicht mehr identisch sein kann. Und selbst
dann, wenn beide Interpreten gleichzeitig bei der Interpretation den Blick auf ei-
nen Raum-zeitlich identischen makrophysischen Gegenstand richten, kann es
sich hiernach um zwei verschiedene Gegenstände handeln.87
Grundsätzlich können Indentitätskriterien gewählt werden, die es ausschlie-
ßen, daß bei unterschiedlichen Interpretationen ein identischer Textbezug vor-
liegt. Eine solche Annulierung des Interpretationsproblems erscheint allerdings
solange als ad hoc, wie nicht für die Wahl der Identitätskriterien Gründe ange-
führt werden, die ihre Wahl über die Vermeidung des Interpretationsproblems
hinaus rechtfertigen. Ebenso erscheint ihre Wahl als ad hoc, wenn die radikalen
Konsequenzen des Ausschlusses eines identischen Textbezugs für andere Berei-
che und Situationen der Beschäftigung mit Texten durch die Übernahme weniger
strenger Identitätskriterien unterlaufen werden.
Neben dem Zweifel an dem problematischen Charakter der Fragestellung
und an der Möglichkeit, daß Interpretationen überhaupt hinsichtlich ein und des-
selben Textes konfligieren können, besteht im Rahmen dieses ersten Argumen-
tationsmusters eine weitere Variante zur Stützung der Beliebigkeitsthese darin,
den Zweifel auf das zu lenken, was bei der Fragestellung als Interpretation vo-

||
87 Diese Überlegungen lassen sich mit dem (lauten) Vorlesen parallelisieren. Angenommen,
jemand sei so voller klassischer Bildung, daß er – wie Lichtenberg sagt – immer da, wo „ange-
nommen“ steht, „Agamemnon“ liest, so schließt das nicht aus, dieses Lesen als das Lesen einer
identifizierbaren Vorlage aufzufassen, bei der statt „Agamemnon“ „angenommen“ steht (Für
die Gegenwart sollte man das Beispiel vielleicht aktualisieren, nämlich durch „Deduktion“ und
„Dekonstruktion“ – so wird in Critical Inquiry 15 (1989), „Books of Critical Interest, S. 674, der
Titel des von Adolf Grünbaum und Wesley C. Salmon edierten Bandes The Limitations of Deduc-
tion entsprechend gelesen). – Vgl. auch die Bemerkung bei Kulenkampff 1978, S. 172, im Zusam-
menhang mit der Aufführung eines Werkes.
34 | I Das Interpretationsproblem

rausgesetzt wird. Bei der bisherigen Formulierung des Problems sind Festlegun-
gen zu dem, was als Interpretation anzusehen ist, ausgespart geblieben. Im Vor-
ausgriff auf einen später folgenden Explikationsschritt88 ließe sich als eine wei-
tere präsuppositionale Voraussetzung der Fragestellung anführen, daß Inter-
pretationen als eine Art der Bedeutungszuweisung an Texte aufgefaßt werden.
Ein Beispiel vermag den Einwand zu illustrieren, der hier ansetzt.
In ihrem nicht zuletzt wegen des provokanten Resümees weithin beachteten,
indes kaum analysierten Essays Against Interpretation scheint Susan Sontag eine
Auffassung zu vertreten, die gegen die Interpretation als Bedeutungszuweisung
gerichtet ist.89 Ihre Opposition gegen die als ‚Übersetzung‘, ‚Umformung‘, ‚Zer-
störung‘, ‚Vergewaltigung‘ bezeichnete Interpretation90 beruht auf einer Entge-
gensetzung von Form und Inhalt, ohne daß dieses notorisch unklare Begriffspaar
nähere Erläuterungen erfährt,91 sowie auf Äquivokationen des Bedeutungsbe-
griffs – Äquivokationen, die sich bei ähnlich, aber auch anders motivierten Ab-
lehnungen finden lassen.92 Wie aus ihrer eigenen interpretatorischen Praxis her-
vorgeht,93 wendet sich Susan Sontag nämlich keineswegs generell gegen
Bedeutungszuweisungen an Texte, sondern gegen bestimmte Bedeutungskonzep-
tionen und der durch sie angeleiteten Interpretationspraxis, wenn es ihr um den

||
88 Vgl. Abschnitt III.1 sowie Kapitel VI.
89 Sontag 1964; dort heißt der letzte Satz (S. 18): „Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine
Erotik der Kunst.“ Dieser Slogan hat auch über die Interpretationsproblematik hinaus Wellen
geschlagen. So beschließt etwa Wulf Rehder (Id. 1981) seinen Essay zu Feyerabends Against Me-
thod mit einer entsprechenden Aufforderung: „Statt neuen Methoden brauchen wir eine neue
Erotik der Wissenschaft.“ Vielleicht ist es anmerkenswert, daß bei Susan Sontag nicht die Rede
von einer neuen „Erotik“ ist; unterzieht man allerdings die in Rehders „Leitmotiv“ formulierte
Opposition einer näheren Betrachtung, dann drängt sich die Vermutung auf, daß solche Slogans
eher unter dem Gesichtspunkt mehr oder weniger gelungener Textabschlüsse zu sehen sind.
90 Vgl. Sontag 1964, S. 10, 11, 12, 13. – Zur Interpretation als Übersetzung vgl. auch Abschnitt
V.1.
91 Bei Sontag 1964, S. 16, heißt es, daß es sich um eine „Unterscheidung“ handle, die „letztlich
eine Illusion“ sei.
92 Vgl. z. B. Enzensberger 1976 (hierzu Rusterholz 1979, S. 44ff.).
93 Vgl. die in Sontag 1980 gesammelten Beiträge; dazu auch die Bemerkung bei Bürger 1989,
S. 50f., und bei Rusterholz 1979, S. 47: „Sontags Plädoyer ist eine engagierte Streitschrift nicht
gegen jede Interpretation, sondern nur gegen deren rationalistische Kümmerformen [...].“
I.3 Muster der Argumentation | 35

Versuch einer „Verteidigung und Rechtfertigung der Kunst“ geht94, die aus ihrer
Sicht aufgrund einer bestimmten Interpretationspraxis95 in Gefahr geraten ist.96
Eine ältere und hinsichtlich der Annahmen anders gelagerte Argumentation
findet sich beim frühen T. S. Eliot. Danach ist aufgrund literaturtheoretischer und
bedeutungstheoretischer Annahmen die Interpretation eines (literarischen) Tex-
tes nicht möglich. Wenn die Bedeutung eines Textes durch diesen selbst – das
heißt durch die gewählte sprachliche Sequenz – festgelegt und hinreichend – das
heißt unabhängig von seiner Interpretation – bestimmt ist, dann stellt sich die
Frage, welchem Zweck eine Interpretation als Bedeutungszuweisung dienen
kann. Jede Interpretation ist eine Art sprachlicher Ersatz für den (literarischen)
Text, und als solcher könne er grundsätzlich nicht die Bedeutung des zu interpre-
tierenden Textes treffen; eine Interpretation kann beispielsweise nicht wahr sein.
Vor dem Hintergrund derartiger Annahmen steht T. S. Eliots Zurückweisung der
Interpretation:

Qua work of art, the work of art cannot be interpreted; there is nothing to interpret; we can
only criticize it according to standards, in comparison to other works of art; and for ‚inter-
pretation‛ the chief task is the presentation of relevant historical facts which the reader is
not assumed to know.97

Das, was Eliot andeutet, erscheint als ein Supplement an Fakten, die dem (litera-
rischen) Text beigegeben werden, als eine Art Kommentar, der den Text ergänzt.98
Eine solche Argumentation läßt sich an verschiedenen Stellen zurückweisen: Das
reicht von den zugrunde gelegten literatur- und bedeutungstheoretischen An-
nahmen bis zu dem Ziel, das für die Interpretation angenommen wird. Eliot selbst
hat 1930 seine Zurückweisung der Interpretation zurückgenommen;99 auf seine
Gründe braucht an dieser Stelle nicht eingegangen zu werden.

||
94 Vgl. Ead. 1964, S. 10.
95 Der kulturkitische und kunsttheoretische Hintergrund ihrer Kritik wird deutlich, wenn es
z. B. heißt (Sontag 1964, S. 13 und 15): „Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert
und diesen dann interpretiert, zähmt man es. Die Interpretation macht die Kunst manipulierbar,
bequem.“ Und: „Sie [die Interpretation] macht die Kunst zum Gebrauchsgegenstand [...].“
96 Susan Sontag irrt, wenn sie – im Zuge einer zudem fragwürdigen Schlußfolgerung – an-
nimmt (Ead. 1964, S. 15): „Abstrakte Kunst ist der Versuch, keinen Inhalt im gewöhnlichen Sinn
zu haben; da sie keinen Inhalt hat, kann es auch keine Interpretation geben.“ Vgl. Abschnitt III.1
zur exemplifizierenden Interpretation.
97 Eliot 1919, S. 142.
98 Vgl. auch Eliot 1934, S. 32: „[...] it is fairly certain that ‚interpretation‘ [...] is only legitimate
when it is not interpretation at all, but merely putting the reader in possession of facts which he
would otherwise have missed.“
99 Vgl. Eliot 1930a.
36 | I Das Interpretationsproblem

Zum ersten erörterten Argumentationsmuster der Stützung der Beliebigkeits-


these läßt sich generell festhalten, daß bei jeder Problemstellung Differenzen for-
muliert und Wichtigkeiten verteilt werden. Diese in eine Problemstellung einge-
henden Voraussetzungen lassen sich immer befragen. Die Position des radikalen
Skeptikers, der in sukzessivem Regreß jede Unterscheidung kritisch befragt und
so keinen Anfang finden oder zulassen kann, läßt sich umgehen, indem darauf
hingewiesen wird, daß die Anerkennung einer Frage- oder Problemstellung nicht
unabhängig von der Antwort bzw. Lösung sein muß: Frage- und Problemstellun-
gen können analysiert, Antworten bzw. Lösungen entworfen werden, ohne jene
vorab anzuerkennen.
(b) Das zweite Argumentationsmuster versucht, die Beliebigkeit der Bewer-
tung von Interpretationen – bzw. zumeist die Inadäquatheit von Lösungen des
Interpretationsproblems – als Konsequenz von text- bzw. gegenstandsbezogenen
Annahmen nachzuweisen. Wird bei dem vorangegangenen Argumentationsmus-
ter dieses Ziel durch den Zweifel an der Voraussetzungsadäquatheit der Fragestel-
lung verfolgt, so bei dem im Folgenden zu erörternden Muster über den Nachweis
der Gegenstandsinadäquatheit von Lösungen des Interpretationsproblems. Bei
den gegenstandsbezogenen Annahmen, auf die im Zuge solcher Nachweise zu-
rückgegriffen wird, handelt es sich zumeist um literaturästhetische und -theore-
tische, oftmals auch um bedeutungs- und zeichentheoretische, aber auch poeto-
logische Annahmen, die den Rang von Grundsätzen oder Prinzipien zuge-
sprochen erhalten.100 So sehr sich beispielsweise ein semiotischer von einem lite-
raturästhetischen Nachweis der Beliebigkeitsthese bzw. eine entsprechende Kri-
tik an Lösungsvorschlägen inhaltlich unterscheiden mag, gemeinsam sind den
Argumentationen dieses Musters im Wesentlichen drei Züge: (1) die Auszeich-
nung eines bestimmten Prinzipienbereichs gegenüber anderen als relevant für die
Begründung hermeneutischer Annahmen; (2) die Supponierung der Priorität des
gewählten Prinzipienbereichs gegenüber hermeneutischen Annahmen; (3) die

||
100 Mitunter beruhen solche Argumente auch nur auf Analogisierungen, die gelegentlich – wie
beim folgenden Beispiel – eher peinlich berühren, wenn dem Interpretationsproblem aufgrund
des zur Analogie herangezogenen Bereichs Relevanz wie dem Leben beigemessen wird. So meint
Ernst Fuchs (Id. 1975, Anm.*, S. 343/44), die Theologie müsse sich „darauf besinnen, ob sie z. B.
infolge ihrer analytischen Textexegese das, was ihrer Arbeit anvertraut ist, die Texte, zerstört
[...]. Die Aporie naturwissenschaftlicher Methodik, wie man dem Lebendigen beikommen könne,
ohne es zu zerstören, wiederholt sich also auf dem Felde der Unterscheidung zwischen dem His-
torischen und der gegenwärtigen Wirklichkeit.“ Nicht weniger gedankenlos ist die immer wieder
anzutreffende Formulierung der ‚Vergewaltigung‘ des Textes. So spricht z. B. Dinkler 1969,
Sp. 489, von einer „theologischen Vergewaltigung“ bei der Interpretation (vgl. auch schon Dob-
schütz 1926, S. 50).
I.3 Muster der Argumentation | 37

Unterstellung größerer Plausibilität der gewählten Prinzipien gegenüber konkur-


rierenden desselben Bereichs.
Relevanz, Priorität und Plausibilität weisen zugleich die Richtung für die aus
diesem Argumentationsmuster erwachsenden Möglichkeiten zur Bestreitung des
Nachweises der Beliebigkeitsthese bzw. zur Abwehr von Kritik an vorgeschlage-
nen Lösungen des Interpretationsproblems. Das Bestreiten der Relevanz eines
bestimmten Prinzipienbereichs wie das der Plausibilität der heran-gezogenen
Prinzipien verbleibt zwar im Rahmen des Argumentationsmusters, aber es kann
dazu führen, daß sich die Beliebigkeitsthese zumindest auf dem gewählten Weg
nicht mehr begründen läßt oder die Einwände gegen Lösungsvorschläge des In-
terpetationsproblems zurückgewiesen werden können. Die Zurückweisung der
unterstellten Priorität des gewählten Prinzipienbereichs stellt hingegen das Mus-
ter einer solchen Argumentation selbst zur Disposition.
Im Fall des Prioritätszweifels muß allerdings differenziert werden. Es ließe
sich einwenden, im Zuge des Prioritätszweifels werde übersehen, daß die er-
wähnten Prinzipienbereiche durchaus Voraussetzungen für die Interpretation be-
stimmen: Zeichentheoretische, texttheoretische und etwa literaturtheoretische
Entscheidungen gehen – wie stillschweigend diese auch immer erfolgen mögen
– der Interpretation voraus bzw. in sie ein. Deutlich werde das beispielsweise da-
ran, daß derartige Vorentscheidungen nicht auf der Grundlage einer wie auch im-
mer rudimentär ausgeführten Interpretation des betreffenden Textes gefällt wer-
den können. Zumindest in diesem Sinn also genießen die genannten Prin-
zipienbereiche Priorität. Eine solche Voraussetzungs-Priorität bestimmter Prinzi-
pienbereiche braucht hier allerdings auch nicht bestritten zu werden. Der Streit
gilt allein der Priorität der Wahl von Annahmen bzw. Prinzipien, wenn diese in
Konflikt mit der Wahl von Annahmen geraten, die eine Lösung des Interpretati-
onsproblems ermöglichen.
Das Zugeständnis einer Voraussetzungs-Priorität bestimmter Bereiche von
Annahmen könnte sich als zu großzügig herausstellen. In diesem Zusammen-
hang scheint sich zumindest bei einigen Klassifikationen von Texten eine Beson-
derheit einzustellen. Als Beispiel soll die Klassifikation eines Textes als literarisch
dienen.101 Das Besondere solcher Klassifikationen wird bei der Beantwortung der
Frage deutlich, anhand welcher Merkmale (des Textes) sie vorgenommen wer-
den. Arthur Danto hat die Ansicht vertreten – sein Beispiel ist die Klassifikation

||
101 Damit ist nicht die Klassifikation von Texten als gute (oder schlechte) literarische Texte ge-
meint.
38 | I Das Interpretationsproblem

von Objekten als Kunstwerke –, solchen Klassifikationen ginge immer eine Inter-
pretation voraus.102 Die Konsequenz dieser Ansicht wäre, daß zumindest klassi-
fikatorische Zuschreibungen, die einen Text als literarisch charakterisieren,
keine Voraussetzungen der Interpretation bilden und sie mithin keine entspre-
chende Priorität gegenüber Interpretationen genießen. Dantos Behauptung ist –
entgegen seiner Annahme – nicht zwingend. Es gibt zumindest zwei Deutungen,
welche die gegenüber der Interpretation eines Textes vorgängige Klassifikation
etwa als literarisch plausibel machen und die ausreichen, um Dantos Ansicht zu
widerlegen.
Der erste Fall liegt vor, wenn die Klassifikation erfolgt, ohne daß interpreta-
tionsbezogene Merkmale des Textes hierfür die Grundlage bilden – etwa dann,
wenn anhand externer Merkmale oder von Kontextmerkmalen die unternom-
mene Zuordnung von Eigenschaften geschieht. Solche Zuordnungen können sich
als unrichtig herausstellen, weil die externen Indikatoren unsicher sind, und sie
können lediglich subsidiär sein, weil sich die eigentlich tragenden (internen)
Merkmale nicht ermitteln lassen – dennoch zeigt bereits die Möglichkeit des
Rückgriffs auf externe Merkmale oder Kontextmerkmale, daß solche Klassifikati-
onen interpretationsvorgängig sein können.
Beim zweiten Fall erfolgt die Klassifikation als Konsequenz gescheiterter In-
terpretationen. Gegeben sei ein Text(exemplar) T, eine Anzahl von Interpretatio-
nen dieses Textes I1(T),..., Ik(T), ein Interpretationsrahmen R, in dem die Interpre-
tationen stehen, sowie eine Anzahl von Kriterien K zur Evaluation der
Interpretationen I1(T),..., Ik(T) von T. Wenn die Interpretationen I1(T),..., Ik(T)
scheitern, das heißt, wenn sie keine im Hinblick auf R und K befriedigende Inter-
pretationen von T darstellen, dann besteht eine der möglichen Optionen darin, R
und K zu ändern – und das kann heißen, T als literarischen Text aufzufassen.
Zwar geht in diesem Fall der Klassifikation eines Textes als literarisch seine In-
terpretation voraus, aber da die Interpretationen I1(T),..., Ik(T) verworfen werden,
stützt sich die Klassifikation nicht auf eine Interpretation von T.103
Dieser Fall läßt sich noch radikalisieren, indem auf den Vorlauf gescheiterter
Interpretationen verzichtet wird: Die Klassifikation von T als literarischer Text
kann nicht nur ohne den Rückgriff auf interne oder externe Merkmale, sondern
auch ohne vorgängige gescheiterte Interpretationen erfolgen. Sie kann als die
Wahl einer Interpretationsweise – also etwa der Wahl von R und K – für einen

||
102 Vgl. Danto 1981, S. 192/93 und passim.
103 Vielleicht ist in ähnlicher Weise zu rekonstruieren, wenn Wittgenstein schreibt (Id. 1991,
S. 45/46 [24.11.1914]): „[Ludwig von] Ficker sandte mir heute Gedichte des armen Trakl, die ich
für genial halte, ohne sie zu verstehen.“ Zu Wittgenstein und Trakl vgl. Janik 1990.
I.3 Muster der Argumentation | 39

Text gedeutet werden. Qua literarischer Text kann ein Text sozusagen grundlos
interpretiert werden. Literarisch ist ein Text in diesem Fall nicht, weil er be-
stimmte Merkmale aufweist, sondern weil er auf bestimmte Weise interpretiert
wird. Darin läßt sich jedoch kein Beispiel sehen, das die Begrenztheit der Wahl-
Priorität von Annahmen zeigt, die eine Lösung des Interpretationsproblems er-
möglichen – denn zwischen der Klassifikation eines Textes als literarisch und der
Wahl einer Interpretationsweise, die seine Interpretation anleitet, muß kein Un-
terschied bestehen.
Der Prioritätszweifel erfolgt mithin problembezogen, also mit Blick auf das
Interpretationsproblem, und das heißt: allein im Hinblick auf die Beliebigkeits-
these. Weder wird in Abrede gestellt, daß Abhängigkeiten zwischen Annahmen
etwa der genannten Bereiche und bestimmten hermeneutischen Annahmen be-
stehen, noch daß solche Abhängigkeiten den Aufbau und die Wahl von Herme-
neutiken beeinflussen können104 – allerdings ist das erst dann der Fall, wenn das
Interpretationsproblem eine Lösung erfahren hat. Gegenstandsbezogenen An-
nahmen kann selbstverständlich Priorität gegenüber dem (methodologischen)
Zugriff auf die durch sie charakterisierten Gegenstände eingeräumt werden; sie
besitzen diese Priorität aber nicht zwangsläufig, zumindest nicht für die Lösung
des Interpretationsproblems. Der Zweifel richtet sich mithin allein gegen die me-
tahermeneutische Priorität der Wahl von Annahmen bestimmter Prinzipienberei-
che bei der Lösung des Interpretationsproblems: Voraussetzungs-Priorität und
Wahl-Priorität können demnach invers sein.
Wird der Prioriätsstreit ausgeklammert, dann zeigen Argumentationen die-
ses Musters für die Beliebigkeitsthese – selbst wenn Relevanz und Plausibilität
zugestanden werden – nicht mehr, als daß das Interpretationsproblem bei be-
stimmten vorausgesetzten Annahmen nicht gelöst werden kann. In vieler Hin-
sicht kann ein solches Unternehmen zu aufschlußreichen Erkenntnissen führen
– zum Beispiel im Hinblick auf die Vereinbarkeit und Unvereinbarkeit von An-
nahmen; nur bleibt der angestrebte Nachweis auf die vorausgesetzten Annah-
men relativiert. Die Option, stattdessen der Lösung des Interpretationsproblems
Priorität einzuräumen, kann effektiv allein durch den Nachweis zurückgewiesen
werden, daß es keine Annahmen eines Voraussetzungs-Bereichs gibt, die mit ei-
ner Lösung des Interpretationsproblems vereinbar sind. Doch selbst in einem sol-
chen Fall liegt ein Abwägungsproblem vor, das bereits bei der Erörterung der Re-
alisierungsfrage deutlich wurde.
(c) Das dritte Argumentationsmuster bezieht sich auf die Interpretationen,
die dem Text zugedacht sind. In seinem Rahmen wird zu zeigen versucht, daß

||
104 Vgl. Kapitel VI.
40 | I Das Interpretationsproblem

Interpretationen die für die vergleichende Bewertung erforderlichen Kriterien


nicht erfüllen können, da die Voraussetzungen für deren Anwendbarkeit nicht ge-
geben seien. Dieses Argumentationsmuster macht eine Spezifizierung der Belie-
bigskeitsthese notwendig.
Um zu zeigen, daß die nach einer Lösung des Interpretationsproblems vorge-
sehenen Kriterien auf Interpretationen nicht anwendbar sind, muß festgelegt
werden, was durch ihre Anwendung auf Interpretationen vorausgesetzt wird.
Hierzu bedarf es der Spezifizierung der Aspekte oder Merkmale von Interpretati-
onen, auf die sich der bewertende Vergleich anhand von Kriterien bezieht; denn
offenbar kann eine Evaluation von Interpretationen in bezug auf unterschiedli-
che Aspekte und Merkmale vorgenommen werden.105 Bislang enthält die Formu-
lierung der Beliebigkeitsthese in dieser Hinsicht keine Festlegungen. Folgt man
den grundlagentheoretischen Diskussionen, dann ist die Frage nach den Gel-
tungsansprüchen von Interpretationen zentral und umstritten – Geltungsansprü-
che, die etwa hinsichtlich ihrer Wahrheit, Richtigkeit oder Adäquatheit erhoben
werden und über die anhand von Gründen und Kriterien entschieden werden soll.
Die spezifizierte Beliebigkeitsthese besagt mithin, daß es weder Gründe noch
Kriterien der Bewertung von Interpretationen hinsichtlich der mit ihnen erhobe-
nen Geltungsansprüche gibt. Das Ziel des dritten Argumentationsmusters besteht
also darin, anhand einer Deutung oder Analyse von Interpretationen bzw. des In-
terpretierens zu zeigen, daß die Bedingungen für eine geltungsorientierte Evalu-
ation von Interpretationen nicht gegeben sind. Eine schematisierte Fassung eines
verbreiteten Argumentationstyps soll dieses Muster illustrieren.
Dieser Argumentationstyp beruht auf einer Deutung von Textinterpretatio-
nen, die man emotivistisch nennen kann. Bei interpretatorischen Äußerungen zu
einem Text handelt es sich danach nicht um Behauptungen über den Text; Text-
interpretationen sind vielmehr Ausdruck der Empfindungen, die der Leser eines
Textes bei dessen Lektüre empfängt. Interpretationen wären danach unter den
Aspekten der Kundgabe oder des Appells zu betrachten. Unabhängig davon, ob
Textinterpretationen nach einer solchen Deutung ein fundamentum in re besit-
zen, wird darauf insistiert, daß ihre Formulierung nicht aus wahrheitsfähigen Sät-
zen besteht.
Angenommen, eine Interpretation In besagt: Der Text T hat die Bedeutung bn;
und eine Interpretation Im: Der Text T hat die Bedeutung bn nicht, sondern die
Bedeutung bm. Es ist dabei wichtig, diese Formulierung der Interpretation Im zu

||
105 Vgl. Abschnitt V.2.
I.3 Muster der Argumentation | 41

wählen und nicht etwa die folgende:106 Der Text T hat die Bedeutung bm, also
Bd(T, bm), und bn und bm sind unvereinbar, also ൓ (bm ᴧ bn). Der Grund hierfür ist
darin zu suchen, daß aus Bd(T, bn), Bd(T, bm) und ൓ (bn ᴧ bm) nicht ൓ Bd(T, bn)
oder ൓ Bd(T, bm) folgt.107
Nach der emotivistischen Auffassung kann zwischen In und Im kein Wider-
spruch bestehen. Das heißt: Beide Interpretationen können nicht unvereinbar
sein; denn sie besitzen keinen Wahrheitswert, und es können mit ihnen keine da-
rauf gerichteten Geltungsansprüche verbunden werden. Nach der emotivisti-
schen Deutung sind In und Im wie folgt zu reformulieren: P äußert bn im Hinblick
auf T (bzw. unter kausalem Einfluß von T); und: Q äußert bm im Hinblick auf T
(bzw. unter kausalem Einfluß von T). Es läßt sich zwar (empirisch) prüfen, ob P
und Q sich in der angegebenen Weise geäußert haben, aber für die Geltungsan-
sprüche der Interpretationen im Hinblick auf T spielt das nach dieser Deutung
des Interpretierens keine Rolle.
Der Nachweis der evaluativen Gleichrangigkeit von Textinterpretationen ist
nach der emotivistischen Deutung offenkundig: Werden Textinterpretationen so
gedeutet, daß mit ihnen kein Geltungsanspruch erhoben werden kann, dann
können sie in dieser Hinsicht auch nicht differenziert werden. Sie sind evaluativ
gleichrangig, da die Voraussetzungen zur Anwendbarkeit von Kriterien der gel-
tungsbezogenen Evaluation nicht gegeben sind.
Eine solche Deutung des Interpretierens und die darauf beruhende Argumen-
tation für die Beliebigkeitsthese sind nicht zwingend. Die Kritik kann einräumen,
daß die emotivistische Deutung zwar einen wichtigen Aspekt interpretatorischer
Äußerungen betont, sie diesen aber verabsolutiert.
Im Zuge der Erörterung des dritten Argumentationsmusters wurde nicht nur
eine Präzisierung, sondern auch eine Spezifizierung der Problemstellung vorge-
nommen. Für die Zulässigkeit dieser wie der noch zu unternehmenden Reformu-
lierungen der Problemstellung sollen zwei Anforderungen gelten:
Zum einen, daß das Problem offen bleibt. Das heißt, daß nicht schon allein
aufgrund der (präzisierten oder spezifizierten) Problemformulierung die Ent-

||
106 Wenn Hellmuth Kaiser in seiner psychoanalytischen Interpretation von Kafkas In der Straf-
kolonie die Hinrichtungsmaschine zum einen als Darstellung des „väterlichen Genitalapparats“,
zum anderen als „Abortgrube“ deutet, so steht das in der Tat „natürlich nicht im Widerspruch“
(Kaiser 1931, S. 102).
107 Das hat häufig sowohl bei Gegnern als auch bei Verfechtern der „Vieldeutigkeit“ für Ver-
wirrung gesorgt. Es ist zudem zu unterscheiden zwischen der Unvereinbarkeit von Interpretatio-
nen eines Textes, der Unvereinbarkeit von Bedeutungen eines Textes und der Widersprüchlichkeit
von Texten. Vgl. auch Kapitel VI.
42 | I Das Interpretationsproblem

scheidung für oder gegen die Beliebigkeitsthese getroffen wird, also daß die For-
mulierung des Interpretationsproblems nicht bereits seine Lösbarkeit oder Un-
lösbarkeit zur Folge hat; zum anderen, daß im Hinblick auf die (reformulierte)
Problemstellung die Beliebigkeitsthese tatsächlich umstritten ist. Das heißt, daß
die reformulierte Problemstellung nicht nur theoretische, sondern auch prakti-
sche Relevanz besitzt.
Die Erfüllung der ersten Anforderung soll im Fall der hier vorgenommenen
Spezifizierung der Problemstellung aufgezeigt werden. Zu zeigen ist, daß die An-
erkennung von Geltungsansprüchen, die mit Interpretationen verbundenen wer-
den, nicht unvereinbar mit der Beliebigkeitsthese sein muß. Das läßt sich anhand
einer weiteren Argumentationsvariante des hier erörterten Musters belegen.
Diese Argumentationsvariante beruht auf einer Deutung des Interpretierens, die
man subjektivistisch nennen kann. Im Unterschied zur emotivistischen wird bei
der subjektivistischen Deutung akzeptiert, daß es sich bei Interpretationen (zu-
mindest) auch um Behauptungen handelt. Interpretationen sind – ebenso wie für
den Emotivisten – zwar subjektiv, doch bezieht sich dieses Subjektive auf etwas,
das der Emotivist von vornherein nicht akzeptiert, nämlich auf die Geltungsan-
sprüche von Interpretationen.
Die Interpretationen In und Im lassen sich für die subjektivistische Deutung
so reformulieren: Für P kommt bn dem Text T zu (bzw. für P ist eine Interpretation,
nach der T die Bedeutung bn aufweist, richtig); und: für Q kommt nicht bn, son-
dern bm dem Text T zu (bzw. für Q ist eine Interpretation, nach der T die Bedeu-
tung bm aufweist, richtig, nicht hingegen eine, nach der T die Bedeutung bn auf-
weist). Das Zugeständnis des Geltungsanspruchs von Interpretationen, das die
subjektivistische Deutung erlaubt, scheint zunächst keine Begründung für die
evaluative Gleichrangigkeit von Interpretationen zu bieten. Der fehlende Schritt
besteht allein darin, die Geltung der Zuschreibung von bn bzw. von bm an T auf die
Akzeptanz durch den Interpreten zu reduzieren und dadurch zu relativieren (in
diesem Fall also auf P und Q).
Damit erheben Interpretationen zwar Geltungsansprüche, aber aufgrund des
Personenbezugs sind sie hinsichtlich dieses Anspruchs unvergleichbar, so daß je-
der bewertende Vergleich von Interpretationen unterbunden wird. Sie sind nach
der subjektivistischen Deutung des Interpretierens evaluativ gleichrangig.
Die Möglichkeit dieser Argumentationsvariante des interpretationsbezoge-
nen Musters zeigt, daß die vorgenommene Reformulierung des Problems offen
ist. Die Variante selbst ist allerdings im Blick auf ihr Argumentationsziel nicht
zwingend. Die Kritik kann zugestehen, die Argumentation dieser Variante sei im
Recht, wenn sie betont, die Bewertung von Interpretationen beruhe auf letztlich
nicht objektivierbaren Entscheidungen; sie verkennt aber, daß damit noch nicht
I.3 Muster der Argumentation | 43

die Vergleichbarkeit von Interpretationen mit dem Ziel ihrer Evaluation ausge-
schlossen sein muß.
Die auf einer Deutung des Interpretierens bzw. der Interpretation als subjek-
tivistisch beruhende Argumentationsvariante ist noch aus einem anderen Grund
aufschlußreich. Sie zeigt, daß nicht schon durch die Verknüpfung von Interpre-
tationen mit Geltungsansprüchen die Vergleichbarkeit der Interpretationen eines
Textes vorausgesetzt oder impliziert wird. Daß mit einer solchen Verknüpfung
aber auch nicht vorausgesetzt wird, daß Interpretationen bewertet werden kön-
nen, läßt sich am Beispiel einer weiteren Argumentationsvariante aufzeigen.
Nach einer Deutung von Interpretationen, die man objektivistisch nennen
kann, sind Interpretationen nicht nur wahrheitsfähig, sondern für sie gibt es ein
fundamentum in re. Eine Bedeutungszuweisung an einen Text ist nach dieser Deu-
tung genau dann wahr, wenn der Text diese Bedeutung besitzt; und sie ist dem-
entsprechend falsch, wenn er sie nicht besitzt. Um auf der Grundlage der objekti-
vistischen Deutung die Beliebigkeit von Interpretationen zu begründen, bedarf es
lediglich der zusätzlichen Annahme, daß der Text von unausschöpflicher Bedeu-
tung – Vieldeutigkeit – ist. Jede Bedeutungszuweisung an einen Text kann dann
als Realisat seiner unerschöpflichen Bedeutung begriffen werden.
Während der subjektivistische Deutungsansatz die zu einer Interpretation
gestellte Geltungsfrage dem Entscheid allein des Interpreten anheimstellt, der die
Geltung der Interpretation sozusagen setzen oder ihr alleiniger Grund sein kann,
fehlt bei der erörterten objektivistischen Deutungsvariante die Angabe von Krite-
rien für die Geltung von Interpretationen, die es verhindern, unterschiedliche Be-
deutungszuweisungen an einen Text als verschiedene, ihm zukommende Bedeu-
tungen zu hypostasieren. Nach dieser Deutung lassen sich Interpretationen zwar
grundsätzlich vergleichen, aber es besteht aufgrund gegenstandsbezogener An-
nahmen nicht die Möglichkeit, die Kriterien für einen bewertenden Vergleich zu
formulieren. Die Spezifikation der Beliebigkeitsthese durch den Bezug auf Gel-
tungsansprüche stellt damit kein Präjudiz für ihre Ablehnung oder Anerkennung
dar; sie ist damit ein zulässiger Explikationsschritt.
Während sich das erste Argumentationsmuster auf Voraussetzungen der
Problemstellung (Problemadäquatheit), das zweite auf den Text (Gegenstands-
adäquatheit), das dritte auf die Interpretation bzw. das Interpretieren (Anwend-
barkeit) richtet, zielt das vierte auf die Wahl der für die Bewertung heranzuzie-
henden Gründe und Kriterien.
(d) Trivialerweise läßt sich immer ein bewertender Vergleich zwischen belie-
bigen Interpretationen durchführen. Das wird im Rahmen des vierten Argumen-
tationsmusters auch nicht bestritten. Den Angriffspunkt dieses Musters bildet der
44 | I Das Interpretationsproblem

Status der Kriterien und Gründe. Damit macht auch dieses Argumentationsmus-
ter eine Spezifizierung der Beliebigkeitsthese erforderlich. Nach dieser spezifizie-
renden Reformulierung besagt die Beliebigkeitsthese, daß es keine begründeten
Kriterien und keine akzeptablen Gründe für den bewertenden Vergleich von In-
terpretationen gibt.
Für das Muster des Zweifels an der Begründbarkeit von Lösungen des Inter-
pretationsproblems scheint eine offensichtliche Gewinnerstrategie zu bestehen:
Die Lösungsvorschläge werden mit einem Begründungskonzept konfrontiert, das
nicht realisierbar ist. Bei näherer Betrachtung jedoch handelt es sich um eine Ver-
liererstrategie; denn es gibt keine akzeptablen Gründe für die Wahl eines solchen
Begründungskonzepts. Es ist offenkundig zu stark, und diese Argumentationsva-
riante ‚beweist‘ zuviel.
Erwägenswert ist dieses Argumentationsmuster demnach nur dann, wenn
ein schwächeres, also realisierbares Begründungskonzept zugrunde gelegt wird.
Wird ein solches Begründungskonzept angenommen, dann sind problembezo-
gene Argumente erforderlich, die zeigen, daß im Fall des Interpretationsproblems
keine begründeten Kriterien oder keine akzeptablen Gründe vorliegen können,
mithin eine Lösung des vorliegenden Problems nicht realisierbar ist. Für dieses
Argumentationsmuster ergeben sich seine interessanteren Varianten aus den An-
nahmen, die herangezogen werden, um die Erlangung des für die Kriterien und
Gründe unterstellten Status als nicht realisierbar auszuweisen, und bestimmt
sind diese Annahmen durch die Begründungsbasis, die nach dem gewählten Be-
gründungsbegriff als zulässig erachtet wird.
Im Unterschied zum gegenstandsbezogenen Argumentationsmuster, durch
das die Beliebigkeit von Interpretationen als Konsequenz der gewählten Prinzi-
pien begründet wird, demonstriert das auf die Kriterien und Gründe der Bewer-
tung zielende Argumentationsmuster die Nichtrealisierbarkeit einer Lösung des
Interpretationsproblems durch die Unvereinbarkeit mit bestimmten Annahmen.
Hierzu können (empirische oder quasi-empirische) Annahmen über den Interpre-
tationsprozeß ebenso wie erkenntnistheoretische Überlegungen dienen.
Ein schwächere, zweite Variante im Rahmen dieses Argumentationsmusters
besteht darin, die Erwünschtheit der Realisierung einer Lösung des Interpretati-
onsproblems zurückzuweisen. Bei dieser Zurückweisung wird die Realisierbar-
keit gerade unterstellt, und es werden bei der Realisierung Konsequenzen gese-
hen, die mit bestimmten Annahmen als unvereinbar gelten. Ein großer Teil der
neueren einschlägigen interpretationstheoretischen Debatten sind hier anzusie-
deln. Die aufgezeigten Konsequenzen sind dabei nicht zuletzt von praktischer
bzw. sozialer Art.
I.3 Muster der Argumentation | 45

Diese Variante des vierten Argumentationsmusters ist von vornherein nicht


weniger legitim als die bislang erörterten.108 Die Schwierigkeiten bei solchen ar-
guments-from-sociology rühren nicht von ihrer Illegitimität, sondern von ihrer
Willkür. Nur selten finden sich die Argumente dargelegt, die aufzeigen, daß be-
stimmte Konsequenzen tatsächlich folgen; oft begnügen sich die Zurückweisun-
gen mit dem Hinweis auf Ähnlichkeiten über Exemplifikation, so beispielsweise,
wenn bestimmte autorintentionale Bedeutungs- und Interpretationskonzeptio-
nen als autoritär denunziert werden.109 Solche Einwände, die bei entsprechender
Rahmung politischen Denunziationen gleichkommen, finden sich sowohl bei
Vertretern als auch Gegnern einer Lösung des Interpretationsproblems. Sie schei-
nen allerdings häufig nicht mehr zu sein als die Formulierung der jeweils präfe-
rierten politischen Auffassung und der abgelehnten theoretischen Position in ei-
nem Zuge: Die Ablehnung konstituiert die vermeintlichen Konsequenzen, nicht
aber umgekehrt.
Eine befriedigende Antwort auf die Frage, inwiefern theoretische Auffassun-
gen politische Implikationen besitzen, steht noch immer aus: Das offensicht-
lichste Problem einer solchen Antwort – und das gilt generell110 – besteht darin,
daß (offenbar) unvereinbare politische Implikationen derselben theoretischen
Auffassung zugeschrieben werden (können).111 In jüngerer Zeit sind solche poli-

||
108 Bei Graff 1984 finden sich mitunter Formulierungen, die hieran zu zweifeln scheinen, etwa
(S. 4): „[the] confusion of truth and social value tends to paralyze critical debate.“ Allerdings
scheint Gerald Graffs Bedenken vornehmlich aufgrund von Zügen aktueller Beispiele dieser Va-
riante der Argumentation zustande gekommen zu sein, auf die weiter unten eingegangen wird.
109 Bei Eagleton 1983, S. 69, wird bei dem autorintentionalistischen ‚Absolutismus‘ Hirschs ein
‚politisch reaktionärer‘ Charakter insinuiert, etwa: „Like most authoritarian regimes, that is to
say, Hirschian theory is quite unable rationally to justify its own ruling values.“ Zunächst ist
dieser Befund zu Hirschs Konzeption keineswegs so fraglos, wenn man an seinen Versuch einer
ethischen Begründung denkt, auch wenn dieser nur ein zweifelhafter Erfolg beschieden sein mag
(vgl. hierzu Danneberg/Müller 1984/85). Zudem soll es auch andere „regimes“ geben, für welche
eine ‚rationale Begründung‘ Desiderat ist, und man kann nur raten, welche „authoritarian re-
gimes“ Terry Eagleton für ‚rational begründet‘ hält. – Eine vorzügliche Analyse aus feministi-
scher Sicht an im Tenor mitunter ähnlichen feministischen Kritiken von Autorkonzeptionen bei
der Interpretation liefert Cheryl Walker (vgl. Ead. 1989/90, mit einer vorsichtigen Rehabilitierung
des ‚Autors‘).
110 Vgl. Danneberg 1989, Anm. 152, S. 44.
111 Zu einem Diskussionsbeispiel vgl. Leitch 1979/80 und Miller 1979/80; ferner die Hinweise
bei Holub 1984. – Daß selbst ehrwürdige Legenden entsprechender Ausdeutungen – etwa des
philosophischen Nominalismus – bei näherer Betrachtung zahlreiche Plausibilitätsdefizite be-
sitzen, zeigt Hübener 1983.
46 | I Das Interpretationsproblem

tischen Entlarvungen im Zusammenhang mit der Diskussion des Dekonstrukti-


vismus beliebt, sei es in der Folge des ‚Falls‘ Paul de Mans,112 sei es im Zusam-
menhang mit dem ‚Fall‘ Heideggers.113

||
112 Gerade die ungewöhnlich aggressive Reaktion auf die Juvenilia de Mans scheint nicht zu-
letzt daher zu rühren, daß politische Denunziationen wissenschaftlicher Auffassungen – etwa
in den Literaturwissenschaften – unter Rückgriff auf die Terminologie etwa der Philosophie Der-
ridas – in „Gemeinplätze und modisches Geschwätz umgemünzt“ (die Formulierung nach
Lévinas 1988, S. 9) – zur Tagesordnung gehören. Sonderliche Klarheit über die interpretations-
theoretischen Vorannahmen, aber auch hinsichtlich der Relevanz solcher ‚politischen Ausdeu-
tungen‘ für den aktuellen Streit um theoretische Auffassungen hat sich im Rahmen dieser Kont-
roversen indes nicht eingestellt (zu einem Kongreß, der die Frage nach den politischen
Implikationen des Dekonstruktivismus à la Derrida zum Thema hatte, vgl. u. a. Fraser 1984). De
Mans Frühwerk findet sich in Id. 1988 gesammelt; neben den jüngst in Hamacher/Hertz/Keenan
(Hg.) 1989 zusammengetragenen Beiträgen (hierzu auch Sussman 1989, Esch 1990, Nancy 1990)
vgl. u. a. Derrida 1987/88, Hartman 1988 und vor allem Culler 1989, dessen Beitrag zu den weni-
gen gehört, die jenseits von schlichter Apologie und stellvertretender Verurteilung ist – nicht
ohne für alle eine Botschaft zu enthalten (S. 268): „Whatever account emerges, the fact that he
[scil. P. de Man] could have written an anti-Semitic text will block an inclination to idealize the
man and will prevent him from being cited simply as an authority – will force any authority to
be earned by argument from and about his writings.“ Vgl. auch Culler 1988, S. 107–135. – Das
eigentliche Problem bei den frühen Texten de Mans läßt sich auch darin sehen, wie sie zu inter-
pretieren sind: zum einen finden sich – nicht ohne Konsequenz – ‚dekonstruktivistische Lektü-
ren‘ dieser Texte, die zumindest zeigen, was für ein probates Mittel derartige Lektüren für die
Abwehr von Kritik sein können, zum anderen wird das Fehlen „einer redlichen historischen Ana-
lyse“ dieser Texte und stattdessen ihre gegebene „lärmende ideologische Ausbeutung“ beklagt
(so Werner Hamacher in der FAZ vom 24.2.1988, Nr. 46, S. 35), und man wünschte sich, daß die
hinter dieser Klage stehenden Normen der Interpretation als universalisierbar gelten.
113 Zu den Materialien vgl. u. a. Ott 1988, Farías 1989, Martin 1989 und Id. (Hg.) 1989, S. 92ff.
(dazu auch der Bericht bei Jurt 1990), zur Diskussion u. a. Habermas 1985, S. 184ff., Pöggeler
1985, 1988, 1989 und 1990, Derrida 1987 und 1987a, Faye 1987, Behler 1988, S. 49–57, Franzen
1988, Nolte 1988 und 1992, Haug 1989, S. 18–26, Vietta 1989, Alisch 1989, Ebeling 1991; eine
Sammlung zumeist kleinerer Beiträge bietet Altwegg (Hg.) 1988; keine neuen Beiträge finden
sich in dem durch Davidson 1989 eingeleiteten ‚Symposium‘ zu Heidegger in der Zeitschrift Cri-
tical Inquiry 15 (1989); hingegen eine Diskussion der neueren Beiträge in dem von Rodolphe
Gasché und Anthony Appiah edierten Heft der Zeitschrift Diacritics (19 [1989], Heft 3–4). – Hin-
sichtlich der historischen Einordnung ist Heidegger im Hinblick auf die verbreitete zeitgenössi-
sche Auffassung zu sehen, nach der sich mit der Machtübernahme durch den Nationalsozialis-
mus eine Art philosophisches Vakuum ergeben hat, das aufzufüllen sich eine Reihe (konservativ
eingestellter) Philosophen berufen fühlten – so Hugo Dingler, Arnold Gehlen, Erich Rothacker,
Carl Schmitt und viele andere. Solche Versuche, die eigenen philosophischen Vorstellungen als
Staatsideologie oder zum eigentlichen Selbstverständnis des Nationalsozialismus anzudienen,
war spätestens nach der Wende 1935/36 zumeist nur Enttäuschung beschieden (vgl. auch die
Hinweise in Danneberg 1992a).
I.3 Muster der Argumentation | 47

Zusammengefaßt lassen sich die drei zuletzt unterschiedenen Argumentati-


onsmuster wie folgt charakterisieren. Das Resultat des Argumentationsmusters
der Gegenstandsadäquatheit besagt: Welche Gründe oder Kriterien für eine ver-
gleichende Evaluation von Interpretationen auch akzeptiert werden mögen, die
durch sie vorgenommenen bewertenden Unterscheidungen finden kein funda-
mentum in re. Das Argumentationsmuster der Anwendbarkeit besagt: Welche
Gründe oder Kriterien für die vergleichende Evaluation auch akzeptiert sein mö-
gen, die vorgenommene Evaluation wird nicht den Besonderheiten des Interpre-
tierens gerecht. Das Argumentationsmuster der Begründbarkeit besagt: Selbst
wenn die Priorität gegenstandsbezogener Prinzipien abgelehnt wird und selbst
wenn wir eine Deutung oder Analyse des Interpretierens anerkennen, nach der
geltungsbezogene Kriterien anwendbar sind, gibt es keine Lösung des Interpreta-
tionsproblems, für die die Wahl der erforderlichen Kriterien begründet ist. Die
beiden zuerst genannten Argumentationsmuster der Adäquatheit und der An-
wendbarkeit können mit dem der Begründbarkeit verknüpft werden, und zwar
dann, wenn für die Auszeichnung eines bestimmten Begründungskonzepts ge-
genstandsbezogene oder interpretationsbezogene Annahmen als ausschlagge-
bend gelten.
(e) Während bei den bislang unterschiedenen und erörterten Mustern die
Argumentationen für die Beliebigkeitsthese auf definitorischen oder normativen
Annahmen beruhen, die gegebenenfalls durch empirische oder quasi-empiri-
sche Annahmen flankiert werden, wird beim fünften Argumentationsmuster die
Beliebigkeitsthese als (eine Art) empirischer Annahme über das Interpretieren
aufgefaßt. Auch dieses Argumentationsmuster umfaßt unterschiedliche Varian-
ten, um für die (empirische) Plausibilität dieser These zu argumentieren.
Eine dieser Argumentationsvarianten besteht darin, die Beliebigkeitsthese
als die Annahme auszuzeichnen, die allein das faktisch vorfindbare Interpretati-
onsverhalten zu erklären vermag.114 So ließe sich etwa behaupten, daß die in der
Geschichte des Interpretierens – etwa literarischer Werke – anzutreffende ext-
reme Unterschiedlichkeit von Bedeutungszuweisungen, auch in relativ kurzen
historischen Zeiträumen, allein durch die Beliebigkeitsthese erklärt werden
kann, also durch das Fehlen begründeter Kriterien und akzeptabler Gründe zur

||
114 Unbeschadet der Deutung des Interpretierens, die sich im Selbstverständnis von Interpreten
findet. Zwei Beispiele genügen, um die Zweifel an dem richtigen Selbstverständnis von Interpre-
ten zu illustrieren. Bei Margolis 1980, S. 27, heißt es: „Critics and historians of the arts readily
confuse the logical status of their own comments because of their confusion and prejudice about
the nature of what they are commenting upon.“ Oder bei Radford/Minogue 1981, S. 5: „[T]he way
in which critics approach their own activity often suggests that they misunderstand it.“
48 | I Das Interpretationsproblem

Evaluation von Interpretationen. Selbst wenn das Faktum, auf dem diese Argu-
mentation beruht, nämlich (kontemporär) stark disparate Interpretationen, ge-
teilt wird, ist sie selbst nicht stichhaltig.
Fragwürdig ist nämlich die Annahme, auf der die Schlußfolgerung beruht.
Diese Annahme besagt, daß beim Vorliegen begründeter Kriterien oder akzeptab-
ler Gründe die Variation der Bedeutungszuweisung an Texten geringer wäre als
bei ihrem Fehlen. Eine Voraussetzung, die stillschweigend in diese Argumentati-
onsvariante eingeht und die von fragwürdiger Plausibilität ist, besagt, daß Be-
deutungszuweisungen unabhängig von den Situationen sind, in denen sie unter-
nommen, sowie von den Zielsetzungen, die mit ihnen verfolgt werden.115 So
könnte beispielsweise eine auf Situationen und Zielsetzungen relativierte Unter-
suchung zu dem Ergebnis führen, daß es Bereiche relativ homogener Bedeu-
tungszuweisung gibt. Und tatsächlich ist auch immer wieder behauptet worden,
eine derartige Variabilität gebe es in weiten Bereichen des Interpretierens nicht.116
Aus dem Scheitern eines solchen Musters der Argumentation läßt sich jedoch
nicht schließen, daß die Beliebigkeitsthese empirisch falsch oder aus Gründen
nicht vorhandener Erklärungskraft zurückzuweisen ist. Hierzu bedarf es der er-
folgreichen Argumentation für eine alternative Erklärung, die die Beliebigkeits-
these ausschließt. Versuche, die umgekehrt zum Ziel haben, auf dem bezeichne-
ten Weg die Beliebigkeitsthese zu erschüttern, sind indes ebenso wenig
erfolgversprechend.117

||
115 Spätere Überlegungen werden zeigen, daß diese Voraussetzung problematisch ist, und die
Analyse des Interpretationsproblems wird Gründe liefern, weshalb eine solche Voraussetzung
nicht geteilt werden sollte; vgl. auch Abschnitt V.2.
116 So nimmt z. B. Booth 1976, S. 412, an, daß „most readers most of the time read most parts of
most works in identical ways“; und bei Fairly 1979, S. 349, findet sich die Behauptung: „Reading
and responding to poems is not entirely an idiosyncratic and subjective experience, [...] substan-
tial agreements may be found regarding matters of structure and meaning.“
117 So versucht z. B. Martinez-Bonati 1985, S. 233, zu zeigen, „that the institution of literature
would not have survived or even emerged if its principles of the universality and objectivity of
meaning were illusory. My argument proceeds from the fact of literature and its constitution, a
constitution designed for transcircumstantial significance, for the universal possibility of the re-
production of sense.“
I.4 Das Beliebigkeitsproblem und die Kriterien der Evaluation | 49

I.4 Das Beliebigkeitsproblem und die Auszeichnung


begründeter Kriterien der Evaluation
Läßt man die unterschiedenen Argumentationsmuster Revue passieren, dann
scheinen sie nicht von gleichem Rang zu sein, wenn sie zu dem Versuch genutzt
werden sollen, der Beliebigkeitsthese Plausibilität zu verleihen.
Das Argumentationsmuster, das bei der Voraussetzungsadäquatheit der Pro-
blemstellung ansetzt, bestreitet, daß es das formulierte Interpretationsproblem –
zumindest in der hier gewählten Form – überhaupt gibt. Tatsächlich wird im Rah-
men dieses Musters nur deutlich, daß es das Problem nicht gibt, wenn bestimmte
seiner Voraussetzungen nicht geteilt werden. Und um zu zeigen, daß diese Vo-
raussetzungen nicht geteilt werden sollten, scheinen die vorliegenden Argumen-
tationen entweder nicht hinreichend plausibel zu sein oder aber stärkere Voraus-
setzungen anzunehmen, als für die Problemformulierung erforderlich sind.
Das Argumentationsmuster, das auf die Gegenstandsadäquatheit gerichtet
ist, geht von der metahermeneutischen Priorität gegenstandsbezogener Prinzi-
pien aus. Diese Option ist keineswegs selbstverständlich, und sie läßt sich nicht
zwingend als metahermeneutische Präferenz ausweisen, so daß ein Prioritäten-
wechsel zu der alternativen Option führt, der Lösung des Interpretationsproblems
Vorrang einzuräumen. Davon bleibt allerdings – wie bereits gesagt wurde – die
Relevanz gegenstandsbezogener Annahmen für die Wahl von Hermeneutiken un-
berührt.
Das interpretationsbezogene Argumentationsmuster, das auf der Anwend-
barkeit der Kriterien zur Evaluation von Interpretationen zielt, offeriert Deutun-
gen oder Analysen des Interpretierens, aus denen hervorgehen soll, daß die Vor-
aussetzungen für bestimmte Lösungen des Interpretationsproblems mit dem –
jeweils ‚richtig‘ verstandenen – Sinn oder Ziel des Interpretierens konfligieren.
Auch dieses Argumentationsmuster erreicht das erstrebte Ziel nicht; denn es ver-
mag nur zu zeigen, daß mit Interpretationen – mitunter sehr – unterschiedliche
Zwecke verbunden werden, aber nicht, daß bestimmte Zwecke ausgeschlossen
werden sollten. Die Einsicht allerdings, daß mit dem Interpretieren unterschied-
liche Zwecke verfolgt werden, ist ein Befund, den eine Lösung des Interpretati-
onsproblems zu berücksichtigen hat.118
Das Argumentationsmuster, das die Beliebigkeitsthese empirisch oder als
(eine Art) empirische Annahme zu rechtfertigen versucht, zeigt – selbst wenn der
Argumentation zugestimmt wird – nicht, daß es keine Lösung des Interpretati-
onsproblems gibt oder daß sie nicht möglich ist. Ihm läßt sich nur entnehmen,

||
118 Vgl. Kapitel VI.
50 | I Das Interpretationsproblem

daß eine solche Lösung nicht durchgängig beim Interpretationsverhalten verfolgt


oder daß es alternative Lösungen mit unterschiedlichen Resultaten gibt oder daß
es unterschiedliche Zwecke gibt, die mit dem Interpretieren verfolgt werden. Alle
drei Schlußfolgerungen sollten indes eine Lösung des Interpretations-problems
berücksichtigen.119
Nach den kritisch zurückgewiesenen Mustern verbleiben allein die Argumen-
tationen, die sich auf die Begründbarkeit der Kriterien beziehen. Während die vo-
raufgegangene Erörterung, auch wenn sie die Argumentationsmuster zurückge-
wiesen hat, bestimmte Hinweise, die diese Muster liefern, als Anforderungen an
die Lösung des Interpretationsproblems aufgenommen hat, ist das interpretati-
onsbezogene Muster für die Diskussion der Beliebigkeitsthese zentral: Es ist ent-
scheidend, um triviale Lösungen des Interpretationsproblems auszuschließen.
Die Argumentationsweise dieses Musters läßt sich wie folgt systematisieren und
zusammenfassen:

1. Prämisse: Wenn es keine begründeten Kriterien zur Bewertung von Interpreta-


tionen hinsichtlich ihrer Geltungsansprüche gibt, dann lassen sich Interpretatio-
nen auch nicht hinsichtlich ihrer Geltungsansprüche bewerten.
2. Prämisse: Wenn Interpretationen nicht hinsichtlich ihrer Geltungsansprüche
bewertet werden können, dann sind sie evaluativ gleichrangig.
3. Prämisse: Wenn Interpretationen evaluativ gleichrangig sind, dann ist ihre
Wahl beliebig.
4. Prämisse: Es gibt keine begründeten Kriterien zur Bewertung von Interpretatio-
nen.
Schlußfolgerung S: Die Wahl von Interpretationen ist (hinsichtlich ihrer Geltungs-
ansprüche) beliebig.

Wenn I1, I2, ..., Ik vorliegende Interpretationen eines Textes T sind, dann ist dem-
nach die Wahl einer dieser Interpretationen im Hinblick auf die Erfüllung ihrer
Geltungsansprüche unbegründet. Folgt daraus auch, daß dies für jede Interpre-
tation I1, I2, ..., Ik, Ik+1, ... gilt – das heißt: Erlauben die Prämissen neben der mo-
deraten Schlußfolgerung S eine radikalere Schlußfolgerung? Auf den ersten Blick
ist das nicht der Fall, denn die Schlußfolgerung scheint nur für eine Interpreta-
tion Ii korrekt zu sein, die als Interpretation eines bestimmten Textes Tj gilt, also
Ii ‫( א‬I1(Tj),..., Ik(Tj)).
Diese Einschränkung wird durch die Intuition gestützt, nach der eine Inter-
pretation Ii, die als Interpretation eines bestimmten Textes (einer bestimmten

||
119 Vgl. Kapitel VI.
I.4 Das Beliebigkeitsproblem und die Kriterien der Evaluation | 51

Textvorlage) T1 – etwa Kafkas Das Schloß – gilt, nicht zugleich die Interpretation
eines anderen Textes (bzw. einer anderen Textvorlage) T2 – etwa Kafkas Der Pro-
zeß – ist.120 Das heißt: Ii ist keine Interpretation von T2, also Ii ‫( ב‬I1(T2),..., Ik(T2)),
und Ii tritt mithin auch nicht in Evaluationskonkurrenz zu den Interpretationen,
die als Interpretationen von T2 angesehen werden. Damit werden Interpretatio-
nen von der Gleichrangigkeit ausgeschlossen, wenn auch nur als unzulässige In-
terpretationen.
Eine solche Intuition muß nicht bezweifelt werden, aber aus den Prämissen
folgt dennoch, daß in uneingeschränktem Sinne jede Interpretation evaluativ
gleichrangig ist und keine als unzulässig ausgeschlossen werden kann. Das wird
durch die folgenden Überlegungen deutlich, die sich an die Frage knüpfen, wie
erkannt werden kann, daß eine Interpretation die Interpretation eines bestimm-
ten Textes ist.
Es könnte vorgeschlagen werden, daß sich eine Interpretation Ii als eine In-
terpretation eines Textes Tj anhand von zwei Aspekten erkennen läßt: (1) durch
Referenzialisierung in Ii – etwa durch die Nennung der Namen der zu interpretie-
renden Texte oder durch Kennzeichnungen, (2) durch Reproduzierung in Ii – ent-
weder des gesamten zu interpretierenden Textes oder partiell durch Zitation von
Textteilen.121
Als Kriterium dafür, daß Ii eine Interpretation von Tj ist, also für Ii ‫א‬
(I1(Tj),...,Ik(Tj)), läßt sich dementsprechend vorschlagen: Ii ist eine Interpretation
von Tj genau dann, wenn Ii sich referenzialisierend oder reproduzierend auf Tj
bezieht.
Dieses Kriterium ist offensichtlich inadäquat. Es besagt, daß Ii keine Interpre-
tation von Tj ist, wenn Ii sich nicht in dieser Weise auf Tj bezieht. Man wähle eine
beliebige Interpretation Ii, die nach diesem Kriterium eine Interpretation eines
Textes T1 ist, und zerlege Ii in den Teil A , A ‫ א‬Ii, der die im Hinblick auf T1 referen-
zialisierenden und gegebenfalls reproduzierenden Aussagen von Ii umfaßt. Zu A
formuliere man A*, indem entsprechend zu A die referenzialisierenden und gege-
benenfalls reproduzierenden Bezüge zu T1 durch (beliebige) Bezüge zu einem
Text T2 ersetzt werden. Schließlich wird A in Ii durch A* ersetzt. Die so erhaltene
Interpretation Ii* ist nach dem Kriterium eine Interpretation von T2.

||
120 Ein wesentlich schwächeres Argument bietet Terry Eagleton: „Whatever King Lear may be
about, it’s not about Manchester United“ (zit. Newton 1982, S. 103, die Einwände von K. M.
Newton sind schlagend).
121 Vgl. hierzu Abschnitt III.2.
52 | I Das Interpretationsproblem

Es ist zwar nicht der Fall, daß eine Interpretation per se eine Interpretation
für jeden Text ist, aber es kann keiner Interpretation, die – entsprechend der For-
mulierung des Kriteriums – referenzialisierend und gegebenenfalls reproduzie-
rend substituiert wird, abgesprochen werden, eine Interpretation für den entspre-
chenden Text zu sein. Damit ist dieses Kriterium intuitiv zu wenig ein-
schränkend.
Wenn eine Interpretation, etwa Ii*, als Interpretation eines bestimmten Textes
für unzulässig erklärt wird, dann stellt sich die Frage, warum eine Interpretation,
die sich auf einen Text bezieht und beispielsweise Teile dieses Textes zitiert, als
Interpretation dieses Textes für unzulässig erachtet wird. Daß übrigens nicht bei
allen Interpretationen, die wie Ii* gebildet werden, unsere Intuition protestiert,
läßt sich ohne Schwierigkeit anhand vorliegender Interpretationen experimentell
prüfen. Der Grund für das Scheitern des eingeführten Kriteriums besteht darin,
daß es entgegen der Formulierung nicht notwendig und hinreichend, sondern le-
diglich notwendig für die Zulässigkeit einer Interpretation als Interpretation eines
bestimmten Textes ist: Diese Überlegungen betreffen die Zulässigkeit einer Inter-
pretation für einen bestimmten Text. Davon ist die Frage zu unterscheiden, wann
ein Text T1 sich auf einen anderen Text T2 bezieht und wann es sich bei dieser
Bezugnahme um eine Interpretation und nicht um irgend etwas anderes han-
delt.122 Als hinreichende Bedingung tritt hinzu, daß eine für unzulässig erklärte
Interpretation Ii(T2) mit Annahmen A(T2) über T2 in Konflikt gerät, die für richtig,
wahr oder angemessen gehalten werden. Ein solches hinreichendes Kriterium
wirft allerdings die Frage auf, anhand welcher begründeten Kriterien die identifi-
zierenden Annahmen A(T2) ausgezeichnet werden.
Mit der 4. Prämisse wird angenommen, daß es derartige Kriterien nicht gibt.
Weder kann davon ausgegangen werden, daß alle Interpreten zu jedem Text die
erforderlichen identifizierenden Annahmen teilen, noch davon, daß es eine in-
tersubjektiv übereinstimmende gemeinsame Minimalmenge solcher identifizie-
render Annahmen für jeden Text gibt. Und selbst dann, wenn beides nicht gege-
ben ist, besteht die Möglichkeit, daß mit der nachfolgenden Interpretation die
identifizierenden Annahmen angezweifelt werden. Keine Interpretation läßt sich
mithin als Interpretation eines beliebigen Textes Tj ausschließen. Damit ist eine
radikalere Schlußfolgerung aus den angeführten Prämissen möglich:

Schlußfolgerung S*: Die Wahl jeder Interpretation ist (hinsichtlich ihrer Geltungs-
ansprüche) beliebig.

||
122 Vgl. Abschnitt III.2.
I.4 Das Beliebigkeitsproblem und die Kriterien der Evaluation | 53

Um diese Begründung der moderaten (S) und damit a fortiori der radikalen (S*)
Beliebigkeitsthese zurückzuweisen, besteht unter der Voraussetzung, daß die
Schlüsse logisch akzeptabel sind, die Möglichkeit, Prämissen der Argumentation
zu kritisieren und zurückzuweisen.
Die 1. Prämisse läßt sich kritisieren, indem geleugnet wird, Kriterien für eine
– bestimmte Art der – Bewertung von Interpretationen seien erforderlich. For the
sake of argument soll jedoch diese Prämisse akzeptiert werden. Die 2. und 3. Prä-
misse sollen als unproblematisch gelten, zum Beispiel, weil sie als definitorische
Festlegungen angesehen werden. Es verbleibt dann allein die Argumentation,
daß der Satz: Es gibt begründete Kriterien (im Sinne der zweiten Prämisse) wahr
oder plausibler als die in der Argumentation angenommene 4. Prämisse ist, oder
daß die Wahrheit der vierten Prämisse zweifelhaft ist.
Nun hat aber ein Nachweis, daß es begründete Kriterien gibt, mit Sicherheit
nur zur Konsequenz, daß die radikale Beliebigkeitsthese S* nicht zwingend ist.
Und das heißt lediglich: Es gibt zumindest eine Interpretation Ii (für einen Text
Tj), die unzulässig ist, weil sie nicht als Interpretation für Tj gilt, oder die schlech-
ter als alle anderen zulässigen ist. Dabei könnte es sich um eine Interpretation
handeln, die nie jemand (ernsthaft) vertreten hat oder vertreten würde. Das er-
scheint als ein zu mageres Ergebnis, um die Zurückweisung der Beliebigkeit der
Interpretation praktisch relevant werden zu lassen.
Die Vermeidung der radikalen Beliebigkeitsthese S* reicht mithin nicht aus,
um das Interpretationsproblem zu lösen. Die sich daraufhin einstellende Schwie-
rigkeit besteht darin, vorab Anforderungen zu formulieren, die den Umfang der
Einschränkung der Beliebigkeit der Evaluation von Interpretationen festlegen. Re-
lativ einfach läßt sich diese Schwierigkeit lösen, wenn die in dieser Hinsicht
stärkste Anforderung an eine Lösung des Interpretationsproblems gerichtet wer-
den kann. Die stärkste Anforderung ist genau die, die der Beliebigkeit keinen
Spielraum beläßt. Damit ist diese Anforderung zwar bestimmt, einer solchen Be-
stimmung läßt sich gleichwohl nicht entnehmen, wie diese stärkste Anforderung
in eine operationale Adäquatheitsbedingung überführt werden kann, die zur Eva-
luation von Lösungen des Interpretationsproblems im Hinblick auf den Grad der
Vermeidung der Beliebigkeit dient.
Wenn es das Ziel sein soll, den Spielraum der Beliebigkeit bei der Evaluation
von Interpretationen vollständig zu schließen, dann bietet sich als Schema einer
solchen Adäquatheitsbedingung die Formulierung an, daß alle unterschiedlichen
Interpretationen auch unterschiedliche Bewertungen erfahren müssen. Es han-
delt sich nur um das Schema der gesuchten Adäquatheitsbedingung, da nicht
festgelegt ist, wann Interpretationen und Bewertungen unterschiedlich sind.
54 | I Das Interpretationsproblem

Angenommen, unterschiedliche Bewertungen werden durch die Kriterien be-


stimmt, die eine Lösung des Interpretationsproblems erfordert, dann besteht die
strengste Bestimmung darin, jeden Unterschied zwischen Interpretationen als
evaluationsrelevant anzuerkennen. Nach dieser Deutung der Adäquatheitsbe-
dingung gäbe es keine in irgendeiner Hinsicht differierenden Interpretationen, die
hinsichtlich ihrer Geltungsansprüche evaluativ äquivalent sind, denn es gibt kei-
nen Unterschied zwischen zwei beliebigen Interpretationen, der hinsichlich ihrer
Geltungsansprüche irrelevant ist.123 Obwohl eine solche Maximalforderung an die
Unterscheidungskraft der Kriterien für den bewertenden Vergleich von Interpre-
tationen zu stark ist, so ist auf der anderen Seite intuitiv nicht klar, worin denn
wenigstens eine Minimalforderung bestehen könnte, die über die der Vermeidung
der radikalen Beliebigkeitsthese hinausgeht.
Die bisher gewonnenen Einschränkungen – nicht alle Interpretationen sollen
evaluativ gleichrangig sein und nicht alle Interpretationen sollen evaluative
Rangunterschiede aufweisen – sind noch zu schwach, um einen interessanten
Wegweiser für eine Lösung des Interpretationsproblems abzugeben. Werden
beide Einschränkungen indes weiter analysiert, dann sind sie als Ausgangspunkt
zur Entwicklung von Folgeüberlegungen aufschlußreich.
Soll die Möglichkeit evaluativer Gleichrangigkeit von (unterschiedlichen) In-
terpretationen bestehen, dann müssen die Evaluationskriterien auf eine (plau-
sible) Auswahl von Merkmalen der Interpretation gerichtet werden. Damit wird
der Blick auf das gelenkt, was das tertium comparationis von Interpretationen
sein soll, und an die Stelle der evaluativen Äquivalenz als Folge der Beliebigkeits-
these tritt die Pluralität von Merkmalen der Komparation. Das Problem der Ver-
gleichsdimensionen wird in Kapitel VI wieder aufgenommen.
Zu einem anderen Problem führt die Vorgabe, Möglichkeiten der evaluativen
Ungleichbehandlung zu eröffnen. Ebenso wie der Fall eintreten kann, daß die ra-
dikale Beliebigkeitsthese zwar effektiv zurückgewiesen wird, die Zurückweisung
indes keinen praktischen Nutzen besitzt, kann die Forderung nach evaluativen
Rangdifferenzen erfüllt sein, ohne daß sich ein praktischer Gewinn einstellt. Die
diese Forderung erfüllenden Kriterien könnten beispielsweise Interpretationen in

||
123 Zur Erörterung von Interpretationen als Texte vgl. weiter Abschnitt III.2; zum texttheoreti-
schen Individualismus Abschnitt II.1. – Die Erörterung der Evaluationsrelevanz ist strukturell
parallel zu der der Interpretationsrelevanz von Texteigenschaften, die in den nachfolgenden Ka-
piteln unternommen wird.
I.4 Das Beliebigkeitsproblem und die Kriterien der Evaluation | 55

einer Weise sortieren, daß trotz der prinzipiellen Rangdifferenzierung alle vorlie-
genden Interpretationen gleichrangig sind.124 Dieser Unterschied zwischen dem
Differenzierungspotential der Kriterien und der faktischen Gleichrangigkeit aller
vorliegenden Interpretationen legt eine weitere Einschränkung und damit Ver-
schärfung dieser Forderung an Lösungsvorschläge für das Interpretationsprob-
lem nahe.
Dieser weiteren Einschränkung zufolge sollten nicht alle vorliegenden Inter-
pretationen evaluativ äquivalent sein. Theoretische Differenzierung allein ge-
nügt mithin nicht. Von dieser Forderung ist es zwar nurmehr ein kleiner Schritt
zu der Idee, die vorliegenden Interpretationen zum Maßstab der Beurteilung der
Lösungsvorschläge für das Interpretationsproblem zu machen, doch führt ein
solcher Schritt zu unübersehbaren Komplikationen.
Es bestehen zwei denkbare Wege, um vorliegende Interpretationen in diesem
Zusammenhang zum Maßstab zu wählen: Zum einen könnten die Evaluationen
an den Werturteilen ausgerichtet sein, die die scientific community bzw. die Inter-
pretengemeinschaft – oder irgendeine andere, nach welchen Gesichtspunkten
auch immer ausgezeichnete Trägergruppe für die Werturteile – konsensuell ver-
kündet, zum anderen könnten die Evaluationen an dem faktischen Diskussions-
verhalten einer ausgezeichneten Bezugsgruppe orientiert sein. Der erste Weg ist
offenbar nicht akzeptabel, da er von vornherein mit der Beliebigkeitsthese unver-
einbar ist und mithin ihre Erörterung präjudiziert. Der zweite Weg kann zu einer
Art wissenschaftshistorischem Adäquatheitskriterium für die Beurteilung der Lö-
sungen des Interpretationsproblems führen.
Der Rückgriff auf die (Wissenschafts-)Geschichte des Interpretierens könnte
darin bestehen, die in dieser Geschichte vorfindbaren Interpretationsdifferenzen
als quasi normative Basissätze auszuzeichnen. Diese normierten Basissätze wer-
den als Adäquatheitsbedingung formuliert, indem die Forderung erhoben wird,
sie durch die bereitgestellten Kriterien und ausgezeichneten Gründe als ‚berech-
tigte‘, ‚sinnvolle‘ oder ‚rationale‘ Interpretationskontroversen zu bewahren. Ein
solcher Vorschlag, der sich im anderen Zusammenhang bei Larry Laudan125 und
Imre Lakatos126 findet, wirft indes mehr Probleme auf als er zu lösen imstande ist.
Und das nicht in erster Linie deshalb, weil gegenüber der zu bewahrenden Praxis

||
124 Das kann z. B. der Fall sein, wenn die Kriterien dichotomisch zwischen der wahren Interpre-
tation und den anderen Interpretationen unterscheiden.
125 Vgl. Laudan 1977, S. 155ff. Laudan hat später seine Ansicht korrigiert und versucht, einen
‚meta-methodologischen Naturalismus‘ zu vertreten (vgl. Id. 1984 und 1987).
126 Vgl. u. a. Lakatos 1971 und Id.1971a.
56 | I Das Interpretationsproblem

des Interpretierens eine größere Skepsis als etwa gegenüber der Theoriege-
schichte der Physik bestehen muß, sondern weil die Formulierung und Etablie-
rung eines für die Beurteilung von Lösungen des Interpretationsproblems durch
die Geschichte des Interpretierens erforderlichen Metakriteriums, das die Inter-
pretationspraxis in ihr legitimierendes Recht setzt, auf diffizile, bislang wenig er-
folgversprechend gelöste Probleme trifft.127
Als Resümee der Überlegungen zur Beurteilung von Lösungen des Interpre-
tationsproblems lassen sich zwei Strategien unterscheiden, um über Adäquat-
heitsbedingungen weitere Einschränkungen vorzunehmen. Die erste Strategie
nimmt ihren Ausgang von der durch die Beliebigkeitsthese angenommenen eva-
luativen Äquivalenz von Interpretationen; sie versucht über die Zurückweisung
der radikalen Beliebigkeitsthese S* hinaus zu weiteren, intuitiv plausiblen Ein-
schränkungen der Beliebigkeit von Interpretationen zu kommen. Die zweite Stra-
tegie wählt den entgegengesetzten Weg, indem sie nicht von dem Extrem der Be-
liebigkeitsthese ausgeht, sondern von dem Extrem des Fehlens jeglicher
evaluativen Äquivalenz von Interpretationen; sie versucht, die differenzierende
Unterschiedlichkeit von Interpretationen anhand der Auszeichnung einer Ver-
gleichsdimension unter den möglichen Vergleichsgesichtspunkten einzuschrän-
ken. Obwohl die erste Strategie im Hinblick auf die Erörterung der Beliebigkeits-
these sich als naheliegend anbietet, erscheint nach den vorausgegangenen
Überlegungen die zweite die erfolgversprechendere zu sein

||
127 Vgl. hierzu Danneberg 1989, Kap. 6.
[...] wenn du nur einen Buchstaben ausläßt oder einen Buchstaben zuviel schreibst, zerstörst
du die ganze Welt [...].1

Sed quia ita habetur in Graeco, et singuli sermones, syllabae, apices, puncta in divinis Scrip-
turis plena sunt sensibus, propterea magis volumus in compositione structuraque verborum,
quam intelligentia periclitari.2

II Entfaltung der Problemstellung

II.1 Texttheoretische Präliminarien


Mit der Reformulierung der Beliebigkeitsthese, die den Ausgangspunkt der prä-
zisierenden und spezifizierenden Überlegungen des vorangegangenen Kapitels

||
1 Nach einer Anekdote des Mischna-Lehrers Rabbi Meir, zitiert nach Scholem 1960, S. 58. Der
Hintergrund wird durch die folgende Stelle deutlich (zit. n. Idel 1986, S. 145): „All the letters of
the Torah, by their shapes, combined and separated, swaddled letters, curved ones and crooked
ones, superfluous and elliptic ones, minute and large ones, and inverted, the calligraphy of the
letters, the open and closed pericopes and the ordered ones, all of them are the shape of God
[...].“ – Zu der Formel: „ich habe nichts weggenommen, nichts hinzugefügt und nichts umge-
stellt“, vgl. die Hinweise bei Assmann 1989, S. 242ff. – „‚Alles ist in ihr (der Tora)‘, dieses aramä-
ische Wort ist eines der ältesten der Mischna. Alle Weisheit soll danach in der Tora enthalten
sein. Ihre Worte sind oracula dei. Das bedingt eine Schriftdeutung, die das Unwichtige bedeu-
tungsvoll, das Zufällige und Nebensächliche allgemeingültig sein lassen kann. Auch in schein-
bar überflüssigen Worten, etwa in der Akkusativpartikel oder dem starren Infinitiv bei der finiten
Verbform oder in einer Wiederholung kann das wichtigste Gotteszeugnis stecken; [...] dieses
Buch ist nicht nur unfehlbar, sondern es müssen auch alle Wahrheiten der Welt in ihm ausge-
drückt sein“ (Maass 1955, S. 137)
2 Hieronymus Comm. Epist. ad Eph., lib II, cap. III, col. 481. Vgl. auch Johannes Chrysostomos
In Illud Sal., col. 187: „[...] in sacris Scripturis nihil supervacaneum ess intelligatis et non neces-
sarium, sive unum iota sit, sive apex unus.“ Als späteres Beispiel Francke 1717, S. 70ff. Hierzu
auch Borges 1960, S. 146: „Diese [scil. die jüdischen Kabbalisten] waren der Auffassung, daß ein
vom Heiligen Geist diktiertes Werk ein absoluter Text sei, will sagen, ein Text, bei dem die Mit-
wirkung des Zufalls mit Null zu beziffern ist. Diese ungeheuerliche Prämisse eines gegen die Kon-
tingenz gefeiten Buches, eines Buches, dessen Satzmechanismus ins Unendliche geht, veran-
laßte sie, die Schriftworte gegeneinander auszutauschen, den Zahlenwert der Buchstaben zu
summieren, die Form der Buchstaben zu berücksichtigen, auf die kleinen und großen Buchsta-
ben zu achten, Akrostichen und Anagramme aufzuspüren und andere exegetische Zwangsme-
thoden anzuwenden, über die zu spotten leicht ist.“

https://doi.org/10.1515/9783110564822-002
58 | II Entfaltung der Problemstellung

bildet, wird das Interpretationsproblem auf die Evaluation solcher Interpretatio-


nen eingeschränkt, mit denen Texte interpretiert werden. Texte liegen der Inter-
pretation als Textvorkommnisse vor, und das heißt: als makrophysische Objekte.3
Diese Textvorkommnisse sind demnach konkrete, raumzeitlich lokalisierbare Ge-
bilde.4
Auch wenn der Interpretation von Texten nur konkrete Textvorkommnisse
vorliegen, richtet sie sich (in der Regel) nicht allein auf diese. Textvorkommnisse
werden vielmehr (stillschweigend) als (Text-)Exemplare5 aufgefaßt, die mehrere
konkrete Textvorkommnisse vertreten – zum Beispiel als stellvertretende Exemp-
lare einer Text-Ausgabe, deren verschiedene Textvorkommnisse trotz unter-
schiedlicher makrophysischer Eigenschaften als gleichwertige Vorkommnisse ei-
nes Textes angesehen werden.6 In Abschnitt I.3 wurde die Beziehung zwischen
Textvorkommnis und Textexemplar als die Frage nach der Reichweite der Text-
vertretung bestimmt: Wann ist I1 nicht nur eine Interpretation des Textes T1, son-
dern auch des Textes T2, wenn T1 und T2 ungleich sind?
Die Hervorhebung individueller Differenzen von Textvorkommnissen,7 die
sogar Vorkommnisse einer Text-Ausgabe einschließt, scheint zunächst nicht
mehr als eine Spitzfindigkeit zu sein, die ohne sonderliche Folgen bleibt. Dieser
erste Eindruck ist vielleicht auch dafür verantwortlich, daß die Unterscheidung
von Textexemplar und Textvorkommnis in der hermeneutischen Diskussion des

||
3 Das gilt selbst dann, wenn der zu interpretierende Text nicht mehr existiert – oder vielleicht
überhaupt nicht existiert hat. Auch in diesem Fall werden makrophysische Objekte interpretiert,
nämlich Texte, die die Informationsgrundlage für die Deutung des nicht vorliegenden Textes bil-
den.
4 Im Weiteren ist nicht eine Definition eines Textbegriffs – wie er etwa in der Textlinguistik ver-
sucht wird – Gegenstand der Überlegungen.
5 Der Ausdruck „Exemplar“ wird in Anlehnung an die Bezeichnung „exemplar“ gewählt, mit
dem die universitätskontrollierte Ausgabe eines Werkes im Mittelalter bezeichnet wird, das in
Pecien (Heften) vorlag und die Grundlage für das öffentliche Studium bildete (vgl. u. a. Destrez
1924, Id. 1933, S. 6ff., und Id. 1935, Christ 1938, Fink-Errera 1962, Bataillon/Rouse (Hg.) 1988). –
Zu einer anderen Verwendung des Ausdrucks „Textexemplar“ z. B. Steger/Deutrich/Schank
/Schütz 1974.
6 Sofern die Unterscheidung von Textvorkommnis und Textexemplar ignoriert werden kann,
wird allein der Ausdruck „Text“ verwendet.
7 Dabei können solche Eigenschaften von Textvorkommnissen unberücksichtigt bleiben, die
von seinen Benutzern produziert wurden – wie etwa Eintragungen oder Kommentierungen –,
ebenso wie „tertiäre Aspekte“ – etwa die Makulaturtexte, die bei der Buchbindung verwendet
wurden (einige Texte sind nebenbei bemerkt nur in dieser Weise überliefert); vgl. hierzu u. a.
Mälzer 1991.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 59

Interpretationsproblems häufig übersehen oder für nicht wert befunden wurde,


exponiert zu werden.
Unabhängig jedoch davon, ob das als Interpretationsvorlage dienende Text-
vorkommnis faktisch immer als Textexemplar aufgefaßt wird, ist die Unterschei-
dung zwischen Vorkommnis und Exemplar – wie die weiteren Erörterungen be-
legen werden – schon deshalb erhellend, weil sie sich als heuristisch nützlich
erweist. Sie öffnet den Blick für theoretische Vorentscheidungen der Textinterpre-
tation, die – und das ist entscheidend – in unterschiedlicher Weise getroffen wer-
den können. Die weiteren Überlegungen in diesem Abschnitt werden zudem zei-
gen, daß diese Unterscheidung aber nicht nur heuristisch nützlich ist. Die
theoretischen Vorentscheidungen, die sie beleuchtet und die erfolgen, wenn die
Textvorkommnisse zu Textexemplaren erhoben werden, sind hermeneutisch
nicht indifferent und das heißt – vorausgreifend formuliert –, sie sind hinsichtlich
der Wahl einer Bedeutungs- und Interpretationskonzeption für die Textinterpre-
tation nicht neutral.
Die angesprochenen theoretischen Vorannahmen werden erhellt durch die
Analyse der Komplikationen des Versuchs, die Gleichwertigkeit von Textvor-
kommnissen allgemein zu bestimmen. Wenn die Textinterpretation sich (in der
Regel) auf ein als Textexemplar aufgefaßtes Textvorkommnis richtet, dann stellt
sich die Frage nach der Beziehung zwischen Textvorkommnis und Text-
exemplar.8 Damit ist zunächst die Frage berührt, wie ein Textexemplar im Hin-
blick auf die Textvorkommnisse, die es vertreten soll, gebildet werden kann. Es
bestehen drei sich nicht ausschließende Möglichkeiten, ein Textexemplar als

||
8 Bei der Erörterung des Problems der Existenz eines literarischen Werkes in der Form von kon-
kreten Vorkommnissen wurde die Unterscheidung zwischen type und token übertragen (vgl. un-
ten Abschnitt V.1), wobei – etwa das literarische Kunstwerk – nicht als Textvorkommnis (token),
sondern als eine Art abstrakter Entität aufgefaßt wird (type). Eine solche Übertragung findet sich
vermutlich zuerst in Richard Rudners Analyse und Kritik der Auffassung von Clarence I. Lewis,
die dieser in An Analysis of Knowledge and Valuation vorgelegt hat, vgl. Rudner 1949. Später ist
die token-type-Unterscheidung immer wieder verwendet, kaum seltener aber auch kritisiert wor-
den, so im Zusammenhang mit der Frage nach der Identität von Textvorkommnissen oder der
Frage nach den Unterschieden zwischen den Objekten verschiedener Künste, vgl. neben der
knappen Bermerkung bei Strawson 1959, S. 296, vor allem Margolis 1959 (dazu Scobie 1960 sowie
Dickie 1962), Bachrach 1970/71, ferner Harrison 1967/68. Eher konfus sind die Überlegungen zu
„universal“ und „individual texts“ bei Gracia 1990, S. 503–506. Bei Illich 1990, S. 124ff., findet
sich die Spekulation, daß mit der „Lösung des Textes vom physischen Objekt, dem Schriftstück,
[...] die Welt selbst nicht mehr Gegenstand [war], der gelesen werden sollte, sondern sie wurde
zum Gegenstand, der zu beschreiben war. Exegese und Hermeneutik wurden zu Eingriffen am
Text statt an der Welt.“ Nach Ivan Illich scheint das zwischen Hugo von St. Viktor und Bonaven-
tura – dem doctor seraphicus – eingetreten zu sein.
60 | II Entfaltung der Problemstellung

Stellvertreter für Textvorkommnisse zu konzipieren: über die Angabe gemeinsa-


mer Merkmale, über die Auszeichnung bestimmter Textvorkommnisse als para-
digmatisch und der Formulierung einer Ähnlichkeitsrelation, die eine Art Ähn-
lichkeitsfamilie von Textvorkommnissen bildet,9 und schließlich über die
Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte, etwa durch Formulierung kausaler
Relationen, die ihre Entstehung betreffen.10
Zwei Fragen lassen sich anschließen. Auch wenn die drei erwähnten Möglich-
keiten sich nicht ausschließen, heißt das nicht, alle drei seien erforderlich. Die
erste fragt danach, worin der Nutzen einer genetischen Bestimmung der Gleich-
wertigkeit von Textvorkommnissen liegt, also der dritten Möglichkeit. Die zweite
Frage zielt auf die Bedingungen, unter denen die zweite Möglichkeit gegenüber
der ersten präferiert wird.
Als Anknüpfungspunkt für die folgenden Überlegungen soll der wohl un-
problematischste Fall dienen, nämlich die Gleichwertigkeit von Textvorkomm-
nissen derselben Text-Ausgabe. Die Stellvertretung, die in diesem Fall von einem
als Textexemplar ausgezeichneten Textvorkommnis erwartet wird, erstreckt sich
demnach nur auf solche Textvorkommnisse, die (nach dem intuitiven Vorver-
ständnis) derselben Text-Ausgabe angehören.11 Die Bestimmung der Gleichwer-
tigkeit von Textvorkommnissen scheint (vergleichsweise) einfach zu sein, wenn
für die Gleichwertigkeit von einer großen Ähnlichkeit bzw. von weitreichenden
Übereinstimmungen zwischen ihnen ausgegangen werden kann, wie das bei der
Relativierung auf eine Text-Ausgabe der Fall ist.
Ein Bestimmungsvorschlag für die Gleichwertigkeit könnte lauten: Zwei Text-
vorkommnisse sind gleichwertig, (i) wenn sie hinsichtlich aller (nichtrelationaler)
Eigenschaften und der internen Relationen ihrer Teile übereinstimmen und (ii)
wenn sie – im Großen und Ganzen – zur gleichen Zeit und in gleicher Weise ent-
standen sind.
Obwohl dieser Bestimmungsversuch – wie weiter unten deutlich wird – wei-
tere Präzisierungen erfordert, sei er zunächst akzeptiert. Denn mit einer solchen
Bestimmung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen sind nicht schon die

||
9 In diesem Zusammenhang vgl. zu Definitionsversuchen des Begriffs der Familienähnlichkeit
Koj 1969, Kutschera 1975, S. 190–203, Pawlowski 1980, S. 211–223, Lieb 1980.
10 Auf die Relevanz der Entstehungsgeschichte – gemeint ist in diesem Fall die „Künstlertheo-
rie“ und „Künstlerkonzeption“ – zur Festlegung von Identitätskriterien insistiert z. B. Wollheim
1978, dazu kritisch Goodman 1978, hingegen weitgehend zustimmend Wiggins 1978.
11 Zweifellos werden zumeist weitaus größere Erwartungen an den Umfang der Stellvertretung
durch ein Textexemplar gerichtet; für den Einstieg in die Erörterung bietet der zugrunde gelegte
Fall bereits genügend Schwierigkeiten.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 61

Schwierigkeiten gelöst, die bei der Feststellung entstehen, wann zwei Textvor-
kommnisse gleichwertig (in dem oben bestimmten Sinn) sind. Keine noch so große
Auswahl übereinstimmender Merkmale garantiert den Schluß, daß die Bedin-
gung (i) der Bestimmung erfüllt ist, und keine Gewichtung bestimmter überein-
stimmender Merkmale als Indikatoren der Zugehörigkeit zu derselben Text-Aus-
gabe verbürgt einen solchen Schluß. Das läßt sich wie folgt aufzeigen.
Nach dem oben gegebenen Bestimmungvorschlag für die Gleichwertigkeit
von Textvorkommnissen ist das, was eine Text-Ausgabe an Textvorkommnissen
umfaßt, und das, was die Bestimmung der Gleichwertigkeit erfüllt, koextensiv:
Alle Textvorkommnisse, die gleichwertig sind, gehören derselben Text-Ausgabe
an, und alle Textvorkommnisse einer Text-Ausgabe sind gleichwertig. Diese
Koextension erlaubt allerdings nicht den Schluß, der Begriff der Text-Ausgabe,
bzw. der der Zugehörigkeit zweier Textvorkommnisse zu einer Text-Ausgabe, sei
durch den der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen auch definiert.
Liegt eine solche Definition vor, dann führt kein Weg daran vorbei, daß die
Behauptung der Gleichwertigkeit zweier Textvorkommnisse die Prüfung aller
Merkmale der in (i) angegebenen Art erfordert. Liegt eine solche Definition nicht
vor, dann wird die Zugehörigkeit zweier Textvorkommnisse zu derselben Text-
Ausgabe in anderer Weise bestimmt, nämlich durch die Erfüllung von Merkma-
len, die eine (echte) Teilmenge der bei der Bestimmung unter (i) angegebenen
Merkmale sind oder aber durch Merkmale, die nicht zu der unter (i) umschriebe-
nen Art von Merkmalen gehören. Welche Merkmale es auch sein mögen, ange-
nommen wird, daß diese Merkmale eine Klassifizierung von Textvorkommnissen
liefern, die mit der nach der Gleichwertigkeit koextensiv ist, und das ist im Unter-
schied zum ersten Fall – der Definition – eine empirische Annahme.
Mit dieser Entgegensetzung ist gemeint:12 Im ersten Fall – der Definition der
Zugehörigkeit zu derselben Text-Ausgabe anhand der Gleichwertigkeit von Text-
vorkommnissen – stimmt die Prüfung der Zugehörigkeit zur Text-Ausgabe mit der
Prüfung der Gleichwertigkeit überein, das heißt mit der einen Prüfung ist zugleich
die andere vollzogen; im zweiten Fall ist das nicht gegeben. Die Beschränkung auf
nur eine Prüfung – also auf die der Zugehörigkeit zu derselben Text-Ausgabe –
beruht auf der Annahme, daß die eine Prüfung die andere hinsichtlich des Befun-
des zu vertreten vermag, und eine solche Annahme ist (mehr oder weniger) unsi-
cher.

||
12 Das richtet sich gegen die Auffassung, die Skepsis hinsichtlich einer Unterscheidung von ana-
lytischen und synthetischen (empirischen) Sätzen – etwa aufgrund der Kritik Willard Van Orman
Quines, Morton G. Whites oder Hilary Putnams – sei hier von Belang.
62 | II Entfaltung der Problemstellung

Daß es sich hierbei nicht allein um eine induktionsskeptische reservatio men-


talis des ‚Theoretikers‘ handelt, die der ‚Praktiker‘ in der Forschung aufgrund sei-
ner Erfahrung und der Bestimmung des angestrebten Forschungsziels pragma-
tisch zu kompensieren vermag und dies auch tut, läßt sich an einer Fülle von
Beispielen ablesen. Vertraut ist dieses Problem der Forschung zur Literatur frühe-
rer Jahrhunderte. Hier läßt sich geradezu als Tendenz formulieren: Umso älter die
Textvorkommnisse und Text-Ausgaben sind, die untersucht oder interpretiert
werden, desto unsicherer wird die Annahme, es handle sich aufgrund bestimmter
Merkmalsähnlichkeiten um Textvorkommnisse einer Text-Ausgabe, die gleich-
wertig sind.13 Eine solche Tendenzvermutung erlaubt allerdings nicht den
Schluß, dieses Problem könne bei jüngeren Textvorkommnissen ignoriert wer-
den.
Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang lediglich auf das Phänomen des
Doppeldrucks.14 Das ist zudem ein Bereich mit einer vermutlich hohen Dunkelzif-
fer; denn in den seltensten Fällen lassen sich externe Informationen über die Un-
terschiedlichkeit von Textvorkommnissen (vermeintlich) einer Text-Ausgabe er-
mitteln – etwa anhand von Berichten über den Druckvorgang, über die vom Autor
noch zwischenzeitlich unternommenen Korrekturen,15 über die mehr oder weni-
ger betrügerischen Unternehmungen von Verlagen. Die Funde beispielsweise von

||
13 Ein gut illustrierendes Beispiel, nämlich Hofmann von Hofmannswaldaus Deutsche Überset-
zungen und Gedichte, findet sich bei Beare 1971 dargelegt; die Untersuchung schließt mit der re-
signativen Bemerkung (Id. 1971, S. 647): „[...] there is nothing more regular than the irregularity
of Baroque Books [...].“ Vgl. auch die Bemerkung bei Roloff 1972, S. 50. Gerhard Müller (Id. 1978,
S. 84/85) stellt unter Berufung auf Untersuchungen im Münsteraner Institutum Erasmianum fest,
„daß im 16. Jahrhundert kaum ein Druckexemplar dem anderen gleicht, weil am Satz dauernd
geändert worden ist. [...] Man geht also im Grunde von einer viel zu schmalen Basis aus, wenn
man ein einziges Exemplar eines Druckes zur Norm erhebt.“
14 Zur Geschichte und Bestimmung dieses Ausdrucks vgl. Boghardt 1973. – Zu einem älteren
(nichtliterarischen) Beispiel vgl. Sudhoff 1902, zu literarischen Beispielen die einflußreiche Un-
tersuchung bei Kurrelmeyer 1913. Von einem neuen Fund, nämlich zu Heinrich Heines Vermisch-
ten Schriften, berichtet Hansen 1985. Als „Konsequenz“ seiner Überlegungen formuliert Volkmar
Hansen die „Forderung“ (S. 351), bei Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts „sy-stematisch meh-
rere Exemplare eines Werks auf das Phänomen des Doppeldrucks hin zu untersuchen“.
15 Vgl. hierzu z. B. die Darstellung des vermutlichen Korrekturverfahrens bei der First-Folio-
Ausgabe der Stücke Shakespeares bei Hinman 1969, S. 11. Dort heißt es resümierend (S. 12):
„Whether by accident or design individual copies of the finished book are never just alike; they
all show an apparently random mixture of early and late states, and never quite the same mix-
ture. Hence no two copies [scil. of the Folio] are textual identical throughout. And, though none
is made up wholly of uncorrected states, and though corrected states tend to predominate over
uncorrected ones in the ratio of about eleven to one in all copies, no single copy proves to be
wholly corrected throughout either. What we hear spoken of as the Folio text is therefore only an
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 63

Doppeldrucken beruhen, auch wenn die hierzu erforderlichen Prüfungen seit ei-
niger Zeit unter Einsatz entsprechender EDV-Technologie systematischer erfol-
gen können,16 auf Zufall. Selbst bei Textvorkommnissen neueren Datums kann
nicht von vornherein ausgeschlossen werden, daß sie – die scheinbar derselben
Text-Ausgabe angehören – nicht gleichwertig sind.17
Die Bestimmung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen hinsichtlich
ihrer Zugehörigkeit zu derselben Text-Ausgabe ist – worauf bereits hingewiesen
wurde – nicht nur weiter präzisierungsbedürftig, sondern auch wesentlich zu
eng, um eine allgemeine Bestimmung der Stellvertretung durch ein Text-
exemplar zu bieten. Das führt zu der ersten der beiden Fragen, die oben im An-
schluß an die Darstellung der drei Möglichkeiten gestellt wurden, ein Textvor-
kommnis als Textexemplar zu konzipieren. Verantwortlich dafür, daß diese Be-
stimmung als allgemeine Charakterisierung der Gleichwertigkeit von Textvor-
kommnissen zu eng ist, sind nicht nur beide Bedingungen (i) und (ii) des Bestim-
mungsvorschlags zusammen, sondern offensichtlich ist alleingenommen bereits
die Bedingung (ii) – gleicher Entstehungszusammenhang – zu streng. Mithin
stellt sich die Frage, ob der Rückgriff auf eine genetische Bestimmung der Gleich-
wertigkeit überhaupt erforderlich ist.
Es bietet sich auf den ersten Blick daher die einfache Lösung an, die Stellver-
tretung über die Grenze der Text-Ausgabe auszuweiten, indem die Bedingung (ii)
fallengelassen wird. Die allgemeine Bestimmung der Gleichwertigkeit besteht
dann allein aus der Bedingung (i), während die Hinzufügung von (ii) die Relati-
vierung auf eine Text-Ausgabe wiedergibt. Dieser Vorschlag führt schon deshalb
nicht zum erwünschten Erfolg, weil auch die erste Bedingung – Übereinstimmung

||
abstraction, a theoretical entity not realized in any individual copy of the book that has survived
– and very likely, I think, not realized in any copy that has ever existed.“ Vgl. auch die Ausgabe
der Jeunes Filles en fleur, bei deren fünfzig Exemplaren jeweils einige Seiten des Originalmanu-
skripts verwendet wurden (dazu Genette 1987, S. 40).
16 Zum Einsatz von EDV-Technologie gibt es mittlerweile eine Reihe von Beispielen: bei litera-
rischen Texten z. B. die Ausgabe von James Joyces Ulysses (Joyce 1984; zu den besonderen Editi-
onsprinzipien dieser Ausgabe vgl. Gabler 1981, auch Id. 1987a, auch Ott 1989), bei philosophi-
schen z. B. die Leibniz-Edition (vgl. Schepers 1981 und Id. 1987); vgl. ferner Ott 1978 sowie zu
einer Zusammenstellung der Forschungen zu computergestützten Editionen bis 1977 Ott 1978a,
ferner Shillingsburg 1986, Kap. 11 und 12. – Vgl. jüngst die Ausblicke bei Eibl 1991 auf die Mög-
lichkeiten der Verwendung von EDV-Technologie in diesem Zusammenhang (sowie den von
Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé auf CompactDisc edierten literarischen Nachlaß
Robert Musils).
17 Lediglich erwähnt sei, daß es ebenso Fälle gibt, bei denen übereinstimmende Texte unter-
schiedliche Titel besitzen (vgl. die bibliographischen Hinweise bei Wulff 1979, S. 15/16).
64 | II Entfaltung der Problemstellung

hinsichtlich der (qualitativen) Merkmale und der internen Relationen – zu streng


ist.
Die Bedingung (i) des Bestimmungsvorschlags beinhaltet zwei Forderungen.
Die erste besagt, daß das Textexemplar ein Textvorkommnis vertritt, wenn beide
in ihren (qualitativen, einstelligen) Eigenschaften übereinstimmen. Diese Forde-
rung ist ebenso offensichtlich wie die Bedingung (ii) zu streng. Die zweite Forde-
rung besagt, daß das Textexemplar hinsichtlich seiner internen Relationen mit
dem zu vertretenden Textvorkommnis übereinzustimmen hat. Daß selbst diese
Anforderung (alleingenommen) zu streng ist, ist aufgrund ihrer mangelnden Be-
stimmtheit vielleicht weniger offensichtlich.18
Textvorkommnisse können als relationale Systeme aufgefaßt werden. Die Re-
lationen dieser Systeme bestehen zwischen Teilen von Textvorkommnissen. Zwei
Textvorkommnisse stimmen hinsichtlich ihrer internen Relationen überein, wenn
eine eineindeutige Zuordnung zwischen den ausgezeichneten Teilen beider Text-
vorkommnisse formuliert werden kann und wenn es eine formale strukturelle Be-
schreibung, also eine relationale Struktur gibt, die durch die ausgezeichneten
(zugeordneten) Teile beider Textvorkommnisse erfüllt wird.
Diese Präzisierung der Forderung einer Übereinstimmung der internen Rela-
tionen von Textvorkommnissen macht deutlich, daß die Feststellung interner
Übereinstimmung zwischen Textvorkommnissen hinsichtlich ihrer Stellvertre-
tung in zweifacher Weise relativiert ist: auf eine formale strukturelle Beschrei-
bung und auf die Auszeichnung dessen, was als Teile eines Textvorkommnisses
gilt, bei denen hinsichtlich ihrer relationalen Verknüpfung Übereinstimmung be-
stehen soll. Mit dieser zweifachen Relativierung bietet sich die Möglichkeit, daß
zwei Textvorkommnisse nicht in allen internen Relationen übereinzustimmen
brauchen, sondern nur in (bestimmten) Relationen, die zwischen den ausgezeich-
neten Teilen bestehen, um als gleichwertig zu gelten. Die Möglichlichkeit einer
solchen Einschränkung ist zudem aus einem weiteren Grund erwünscht.
Es findet sich immer wieder die Annahme, die mitunter allerdings auch auf-
grund interpretationstheoretischer Annahmen als Forderung formuliert wird,
daß alle Eigenschaften bzw. internen Relationen eines Textes – etwa eines litera-
rischen Kunstwerks – relevant für die Interpretation seien, oder daß bereits die

||
18 Das Problem der Übereinstimmung von Textvorkommnissen oder – spezieller – von ‚Zeichen-
gestalten‘ wird offenbar nur selten erörtert. Häufig findet sich seine Lösung vorausgesetzt; etwa
– um nur ein Beispiel zu nennen – in der „Semiotik“ von Hans Hermes. Dort wird eine axiomati-
sche Theorie der Zeichengestalt (für formalisierte Sprache) aufgestellt, bei der der Begriff der Zei-
chengestalt als „Klasse untereinander gleichgestalteter Zeichenreihen“ vorausgesetzt wird (Her-
mes 1938, S. 5).
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 65

kleinste Änderung zu einem anderen Text bzw. Kunstwerk führe.19 Und schon in
Aristoteles’ Poetik wird bei der Tragödie gefordert, die Teile der Handlung müß-
ten so zusammengesetzt sein, daß eine Veränderung dieser Teile zwangsläufig
eine Veränderung des Ganzen nach sich zieht; und wenn dies nicht der Fall sei,
so solle es sich bei dem betreffenden Teil auch nicht wirklich um einen Teil des
Ganzen handeln.20 Von einem ganz anderen Problem ausgehend, nämlich der Be-
stimmung der ästhetischen Evaluation von Kunstwerken in Analogie zu der wis-
senschaftlichen von Theorien anhand der Methodologie der Theorieevaluation
Poppers, kommt Tomas Kulka zu einer Bestimmung des idealen Kunstwerks als
Pendant zur idealen wissenschaftlichen Theorie, die genau der genannten An-
nahme entspricht:

[W]e could say that an ideal work of art is maximally „falsifiable“ in the sense that any al-
terations of its features would cause an aesthetic damage [...]. We could say that an ideal
work of art „forbids“ any departures or deviations from its actual forms. Thus all those fea-
tures that such a work actually exemplifies, and only those, could be characterized as ‚per-
mitted‘. A deviation from the actual form of a work of art which would be aesthetically ben-
eficial would, ipso facto, point to some shortcomings.21

Bei zahlreichen Argumentationen findet sich eine solche Annahme unterstellt,


auch wenn ihre explizite Formulierung oftmals fehlt.22 Streng genommen hat eine
solche Forderung Konsequenzen, die weithin als inakzeptabel gelten, und tat-
sächlich wird sie – mehr oder weniger stillschweigend – nahezu immer einge-
schränkt. Das allerdings führt zu dem Problem, nicht nur den Umfang dieser Ein-
schränkung zu bestimmen, sondern ihn auch zu rechtfertigen.
Beide Relativierungen öffnen Wege, um Grade der Übereinstimmung zwi-
schen Textvorkommnissen differenzieren zu können. Die Relativierung auf die
ausgezeichneten Teile bietet die Dimension des unterschiedlich bestimmbaren
Umfangs der Teile eines Textvorkommnisses, zwischen denen die relevanten, zu
bewahrenden Relationen bestehen, und die Relativierung auf die formale struk-
turelle Beschreibung bietet die Dimension des unterschiedlich bestimmbaren
Umfangs der zu bewahrenden Relationen, die zwischen den ausgezeichneten Tei-
len eines Textvorkommnisses bestehen. So hat beispielsweise buchstabentreue

||
19 In diese Richtung zielen z. B. die Ausführungen zur „heresy of paraphrase“ bei Brooks 1947,
Kap. 11; ebenso Gilson 1959, Kap. 3.
20 Id. Poetik, 1451 a 32–34. – Breitinger 1740, II, S. 141, spricht davon, daß „kein müssiges Wort“
gegeben sein darf.
21 Kulka 1989, S. 199, dabei vermag Kulka allerdings nicht, die entscheidenden Aspekte seiner
Bestimmung zu spezifizieren.
22 So z. B. bei Strube 1979, S. 574, im Zusammenhang mit der „Stilinterpretation“.
66 | II Entfaltung der Problemstellung

nicht zwangsläufig trennungstreue,23 trennungstreue nicht zwangsläufig zeilen-


treue, zeilentreue nicht zwangsläufig seitentreue Übereinstimmung zur Folge.24
Die in dieser Weise unterscheidbaren Konservierungsgrade bei der Stellvertretung
von Textvorkommnissen anhand eines Textexemplars erlauben nicht nur, die
Stellvertreterbeziehung, die ein Textexemplar zu erfüllen hat, damit es Textvor-
kommnisse zu repräsentieren vermag, sondern auch die Gleichwertigkeit von
Textvorkommnissen in unterschiedlicher Stärke zu charakterisieren.
Bereits die Möglichkeit, Konservierungsgrade zu unterscheiden, belegt, daß
die Behandlung eines Textvorkommnisses als ausgezeichnetes Exemplar eines
Textes in keinem Fall selbstverständlich ist. Die Festlegung, wann Textvorkomm-
nisse gleichwertig sind, beruht mithin auf theoretischen Vorentscheidungen hin-
sichtlich der Art und des Grades intertextueller Ähnlichkeit und Übereinstim-
mung. Werden diese Vorentscheidungen isoliert gesehen, dann besteht keine
Möglichkeit, die Wahl der Art und die Anforderungen an den Grad vorab näher
festzulegen. Es gibt kein vorbestimmtes Maß der erforderlichen Ähnlichkeit und
Übereinstimmung, das per se richtig ist; nicht einmal ein Spielraum, in dem sich
ein solches Maß bewegt, läßt sich zweifelfrei eingrenzen. Erst dann, wenn solche
theoretischen Vorentscheidungen als zielführend hinsichtlich der Beschäftigung
mit Texten aufgefaßt werden, eröffnet sich die Möglichkeit, sie theoretisch weiter
zu erörtern und sie praktisch zu kritisieren.
Im Zusammenhang mit der leitenden Fragestellung – Interpretationspro-
blem und Beliebigkeitsthese – erfolgt die Beschäftigung mit Texten unter dem Ge-
sichtspunkt ihrer Interpretation. Das erlaubt, die theoretischen Vorentscheidun-
gen bei der Bestimmung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen näher zu
deuten: Sie betreffen vor allem die Unterscheidung zwischen interpretationsrele-
vanten und interpretationsirrelevanten Eigenschaften von Textvorkommnissen.
Für die Stellvertreterbeziehung heißt das, daß sie auf der (empirischen) Annahme
beruht, daß die Textvorkommnisse, die durch das interpretierte Text-exemplar
vertreten werden, die interpretationsrelevanten Eigenschaften (des Textexemp-
lars) gleichfalls besitzen. Da jedes vertretene Textvorkommnis Eigenschaften auf-

||
23 Daß auch Trennungen (in diesem Fall zudem eine fehlerhafte) Anregungen für die Interpre-
tation liefern können, wird bei Derrida 1984a, S. 64, zumindest imaginiert. Daß (‚falsche‘) Tren-
nungen neue ‚Bedeutungen‘ schaffen können, belegt beispielsweise Christian Morgensterns Ge-
dicht Anto-Logie (hierzu auch Kretschmer 1983, S. 172/73).
24 Zu einem Beispiel – einem Doppeldruck von Lessings Minna von Barnhelm, bei dem Seiten-
und Zeilengleichheit nicht mit Buchstabengleichheit verbunden sind, vgl. Boghardt 1975.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 67

weist, die kein anderes der durch ein Textexemplar vertretenen Textvorkomm-
nisse besitzt, ist die Ausgrenzung relevanter Eigenschaften von nichtrelevanten
keineswegs trivial.25
Ausgangspunkt für dieses (vorläufige) Ergebnis war die Frage, ob die Strate-
gie der genetischen Bestimmung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen
überhaupt erforderlich ist. Ausgehend von einem Bestimmungsvorschlag der
Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen einer Text-Ausgabe wurde zunächst
angenommen, eine genetische Charakterisierung sei nur im Fall der Bezugnahme
auf eine Text-Ausgabe erforderlich, während eine allgemeine Bestimmung der
Gleichwertigkeit auf die Bedingung (ii) des Bestimmungsvorschlages verzichten
muß, wenn sie nicht zu streng sein soll. Die weiteren Überlegungen haben aber
auch gezeigt, daß die beiden Forderungen der Bestimmung unter (i) jeweils zu
streng sind. Die Abschwächung dieser Forderung hat zur Differenzierung von Gra-
den der Konservierung bei der Stellvertretung von Textvorkommnissen geführt.
Die theoretischen Vorentscheidungen, durch welche die auf den Umfang von
Übereinstimmungen beruhende Gleichwertigkeit festgelegt wird, zielen auf die
Bewahrung interpretationsrelevanter Eigenschaften.
So plausibel auf den ersten Blick die Identifikation der für die Gleichwertig-
keit von Textvorkommnissen ausschlaggebenden Eigenschaften mit den inter-
pretationsrelevanten sein mag, dieser Lösungsvorschlag bedarf noch weiterer
Differenzierung. Diese Differenzierung ergibt sich, wenn der Ausschluß der Bedin-
gung (ii) für die allgemeine Charakterisierung der Gleichwertigkeit einer erneuten
Prüfung unterzogen wird, und zwar im Hinblick auf die Frage, ob der erreichte
Lösungsvorschlag in bestimmten Aspekten nicht zu wenig streng ist. Die Wieder-
aufnahme der Erörterung der Bedingung (ii) – also die der übereinstimmenden
Entstehung gleichwertiger Textvorkommnisse – besteht in der Darlegung von
Komplikationen, die sich bei dem generellen Ausschluß einer genetischen Bestim-
mung einstellen.
Da sich der zentrale Aspekt dieser Komplikationen in der Erzählung Pierre
Menard, autor del Quijote von Jorge Luis Borges fingiert findet, soll das Problem,
das mit dem Ausschluß der genetischen Bestimmungsmöglichkeit entsteht, im

||
25 Wenn von bestimmten Eigenschaften bei Textvorkommnissen durch die Auszeichnung rele-
vanter Eigenschaften „abstrahiert“ wird, so besagt das nicht, daß der untersuchte Text kein kon-
kretes Textvorkommnis mehr ist, sondern ein Abstraktum o. dgl. Karl Bühler scheint mit seinem
„Prinzip der abstraktiven Relevanz“ (vgl. Id. 1933, S. 33; Id. 1934, S. 44) dergleichen angenom-
men zu haben (vgl. die Bemerkung bei Gutterer 1984, S. 130; zu Bühlers Prinzip auch Danes 1988).
68 | II Entfaltung der Problemstellung

weiteren das Menard-Problem heißen – auch wenn es sich bereits bei Diderot vor-
formuliert findet.26 Von Borges – dessen Werk eine Fundgrube für die hermeneu-
tische Reflexion im Anschluß an scheinbar abstruse Gedankenspiele ist – wird in
der genannten Erzählung ein Fall imaginiert, der sich wie folgt darstellen läßt:27
Es liegen zwei Textvorkommnisse vor, die hinsichtlich ihrer (nichtrelationa-
len) Eigenschaften und der internen Relationen ihrer Teile (vollständig) überein-
stimmen, nicht aber hinsichtlich ihrer externen (relationalen) Eigenschaften. Die
durch die Erzählung von Borges in dem vorliegenden Zusammenhang aufgewor-
fene Frage lautet, ob diese Übereinstimmung ausreicht, um beide Textvorkomm-
nisse als (für die Interpretation) gleichwertig einzustufen.
Nach der Ansicht des Erzählers in Borges’ Erzählung ist das nicht der Fall: Für
ihn sind offenbar nicht (allein) die übereinstimmenden internen Eigenschaften
und Relationen ausschlaggebend für die Beantwortung der Frage, sondern be-
stimmte externe Eigenschaften, die aufgrund der unterschiedlichen Autoren –
Cervantes und Pierre Menard – und der unterschiedlichen Entstehungszusam-
menhänge beide Textvorkommnisse nicht nur zu unterscheiden erlauben, son-
dern sie auch für die Textinterpretation als nicht gleichwertig ausweisen.
Borges’ Exempel – ein übereinstimmendes ist in einem philosophischen Bei-
trag offenbar ohne Kenntnis dieser Erzählung ebenfalls imaginiert worden28 – ist

||
26 Diderot 1767, S. 135: „Il n’y a dans la même pensée rendue par les mêmes expressions, dans
les deux vers faits sur un même sujet, qu’une identité de phénomène apparente; [...] les deux
poètes qui on fait les deux mêmes vers sur le même sujet, n’ont eu aucune sensation commune;
et sie la langue avait été assez féconde pour réprondre à toute la variété de leurs sensations, ils
se seraient exprimés tout diversement.“
27 Damit soll nicht behauptet werden, bei dem hier benannten Menard-Problem handle es sich
um das Problem, das Borges in seiner Erzählung thematisiert hat. Es gibt Hinweise dafür, daß es
sich um ein komplexeres Problem handelt („la obra visible“ von Pierre Menard deutet z. B. darauf
hin, vgl. Borges 1941, S. 46). Die hier erfolgte Inanspruchnahme bezieht sich auf Stellen wie die
folgende (Id. 1941, S. 54): „El texto de Cervantes y el de Menard son verbalmente idénticos, pero
el segundo es casi infinitamente más rico.“ Die gemeinsam von Borges und Adolfo Bioy Casares
verfaßten Crónicas de Bustos Domecq enthalten weitere Imaginationen, die in die Richtung der
verfolgten Fragestellung weisen. So heißt es etwa in der Eingangserzählung Homenaje a César
Paladión (Borges/Bioy Casares 1967, S. 339): „Paladión le [scil. Los parques abandonados de Julio
Herrera y Reissig] ortogó su nombre y lo pasó a la imprenta, sin quitar ni agregar una sola coma,
norma a la que siempre fue fiel. Estamos así ante el acontecimiento literario más importante de
nuestro siglo: Los parques abandonados de Paladión.“ – Trotz der vielversprechenden Fragestel-
lung nach biblischen und kabbalistischen Einflüssen im Werk Borges’ ist die Untersuchung von
Aizenberg 1984 für die Menard-Erzählung nicht ergiebig. Ähnliches gilt für die Untersuchung bei
Schaefer 1973, S. 76–79, wie für die von Solotorevsky 1986.
28 Vgl. Meager 1958/59, S. 57, wo das folgende Beispiel entworfen wird: „Let us consider a situ-
ation which I cannot see to be wholly impossible though no doubt incredible. Imagine Joyce
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 69

nicht selten erörtert worden, allerdings mit unterschiedlichen Ergebnissen29, vor


allem aber mit anderen Resultaten als die, zu denen die folgenden Überlegungen
kommen.
Unabhängig davon, ob der interpretationsrelevante Rückgriff auf die Entste-
hungszusammenhänge der beiden Textvorkommnisse bei dem in Borges’ Erzäh-
lung imaginierten Fall plausibel ist, führt die Ansicht des Erzählers zu einer
(scheinbar) paradoxen Konsequenz: Zwei Textvorkommnisse, die hinsichtlich ih-
rer internen Eigenschaften und Relationen vollkommen korrespondieren, können
aufgrund der Berücksichtigung ihrer Geschichte als nicht gleichwertig angesehen

||
Cary’s Mister Johnson when young, pupil at a native school darkest Africa, whose Eng. Lit. sylla-
bus had consisted entirely of the Bible and Basic English, and who had had no other contact with
the tongue of Shakespeare; whose girl-friendʼs name was Pippa, and who one year for his school
magazine threw off ‚Pippa passes‘, word for word the replica of Browning’s poem.“ – Meager
optiert dafür, uneingeschränkt beide Gedichte – das von Browning und das von Johnson – „as a
single poem despite its two authors“ aufzufassen; denn – und bei dieser Voraussetzung hat Ruby
L. Meager Recht – „[i]f we take words to constitute a poem, then this is clearly so“ (Ead. 1958/59,
S. 58). Das entscheidende Problem ist allerdings, für die generelle Akzeptanz dieser Vorausset-
zung bei der Interpretation beider Gedichte zu argumentieren.
29 So teilt z. B. Danto 1981, S. 62ff., die Sicht des Erzählers. Danto scheint den Zusammenhang
zwischen der Lösung des Problems und der Wahl einer Bedeutungs- und Interpretationskonzep-
tion zu sehen, etwa wenn es bei ihm heißt (Id. 1981, S. 66): „Trotz graphischer Übereinstimmun-
gen sind diese beiden Werke [...] weitgehend verschieden. Es lohnt sich, einmal zu überlegen,
wie die Vorwürfe gegen den sogenannten intentionalen Fehlschluß der literarischen Leistung
Menards standhalten können.“ Allerdings führt er diesen Zusammenhang weder explizit aus,
noch scheint er zu sehen, daß das Problem grundsätzlicher anzusetzen ist. Sein Hinweis auf eine
intentionalistische Bedeutungs- und Interpretationskonzeption verdunkelt, daß alternative Prä-
ferenzen gleiche Berechtigung haben können. – Goodman/Elgin 1988, S. 62/63, diskutieren das
Menard-Problem mit dem Ergebnis, daß „Menard simply wrote another inscription of the Text“;
„the ‚two‘ texts are one“. Catherine Elgin und Nelson Goodman können zu diesem Ergebnis kom-
men, da sie jeden Zusammenhang mit der Wahl alternativer Bedeutungs- und Interpretations-
konzeption ignorieren. Nach der von ihnen stillschweigend unterstellten Konzeption sind beide
Textvorkommnisse gleichwertig. Das Problem ihrer Auffassung wird anhand eines etwas anders
gewählten Beispiels weiter unten erörtert. – Vgl. ferner die Hinweise bei Steiner 1975, S. 79ff.,
Wollheim 1978, S. 37/38, Walton 1979, Glannon 1987, S. 95/96 und S. 103/104, Barwise 1988, S. 24
und S. 33, Gracia 1990, S. 537, sowie die Erörterung bei Tilghman 1981/82. Für Jauß 1987, S. 33,
hat Borges mit diesem Text – mit ist irgendwie nicht überrascht – u. a. den „Horizontwandel von
der klassischen Produktions- zur modernen Rezeptionsästhetik eingeleitet“; und nach Taube-
neck 1984, S. 272, handelt es sich um „ein extremes Beispiel für die neue Kunst des kreativen
Zitierens“. In einem etwas anderen Zusammenhang steht der Rückgriff auf die beziehung zwi-
schen Cervantes’ und Menards Text erfolgt bei Mulkay 1985, S. 142–144.
70 | II Entfaltung der Problemstellung

werden,30 wohingegen Textvorkommnisse, die nur partiell intern übereinstim-


men, als gleichwertig für die Interpretation gelten können, wenn für die Stellver-
treterbeziehung ein schwächerer Konservierungsgrad als hinreichend angenom-
men wird.
Dem läßt sich entgegenhalten: Selbst die vollkommenste (interne) Überein-
stimmung zwischen zwei Textvorkommnissen macht das eine nicht zur Nachah-
mung oder zur Kopie des anderen – und auch nicht zum kreativen Zitat oder ir-
gendeiner anderen Art des Zitats.31 Ebensowenig erlaubt eine solche Überein-
stimmung den Schluß, daß die Entstehung beider Textvorkommnisse nicht unab-
hängig voneinander ist oder bestimmte Ähnlichkeiten aufweist. Wenn der Schluß
von interner auf externer Übereinstimmung ein non sequitur ist, dann besteht die
Möglichkeit – mehr allerdings zunächst auch nicht –, daß sich zwei intern unun-
terscheidbare Textvorkommnisse aufgrund externer (relationaler) Eigenschaften
nicht nur unterscheiden, sondern daß zwei Textvorkommnisse, die hinsichtlich
ihrer (nichtrelationalen) Eigenschaften und Relationen zwischen ihren Teilen
übereinstimmen, für die Interpretation nicht gleichwertig sind.
Eine solche Argumentation wirft drei, das Problem einer Strategie der geneti-
schen Bestimmung gleichwertiger Textvorkommnisse differenzierende Fragen
auf, die miteinander zusammenhängen. Sie zielen zum einen auf die Gefahr, daß
bei einer Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte von Textvorkommnissen
kein Textvorkommnis mit einem anderen für die Interpretation als gleichwertig
gilt, und es dann beispielsweise nicht möglich ist, überhaupt ein Textvorkomm-
nis als stellvertretendes Textexemplar auszuzeichnen; zum anderen auf die Ge-
fahr, daß – wenn nur von einer übereinstimmenden Entstehungsgeschichte ge-
sprochen wird – dies zu nicht mehr als zu einer Bestimmung der Gleichwertigkeit

||
30 Tatsächlich hat Menard – wie der fiktive Erzähler berichtet – nur einen Teil des Don Quijote
geschrieben: das 9. und 38. Kapitel des ersten Teils sowie ein Fragment des 22. Kapitels. Aber das
soll im vorliegenden Zusammenhang für den Beispielcharakter des Falls keine Rolle spielen. Nur
darauf hingewiesen sei, daß die Wahl gerade dieser Kapitel u. U. interpretatorisch aufschluß-
reich ist. So wird in dem einen von Pierre Menard nachgearbeiteten Kapitel des Don Quijote dieser
selbst als Übersetzung aus einer arabischen Quelle ausgegeben: Dem Autor wird ein Manuskript
angeboten, das von einem arabischen Autor Cide Hamete Benengeli stammt und in dem sich die
Fortsetzung der bislang erzählten Geschichte findet (das wird auch bei Raible 1972a bemerkt und
in einen Zusammenhang gebracht). Zu dieser etwas komplizierten Konstruktion bei Cervantes
vgl. Gerhardt 1955, Locke 1969.
31 Damit wird nicht ausgeschlossen, daß bei Textvorkommnissen, deren Abhängigkeit ange-
nommen werden kann, über eine (qualifizierte) Ähnlichkeitsregel (vgl. Dearing 1985, S. 14/15) zu
entscheiden versucht wird, von welchem Text ein Textvorkommnis eine Kopie ist.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 71

führt, die auf eine Bestimmung der Zugehörigkeit zu ein und derselben Text-Aus-
gabe hinausläuft, wie sie oben vorgelegt wurde. Die erste Frage lautet: Sind alle
externen Eigenschaften von Textvorkommnissen bei der Bestimmung ihrer
Gleichwertigkeit für die Interpretation relevant? Die zweite Frage schließt sich an,
wenn die erste verneint wird: Nach welchen Gesichtspunkten werden relevante
und irrelevante externe Eigenschaften voneinander geschieden? Die dritte
schließt wiederum an die zweite an und lautet: Wie können Textvorkommnisse
(externe) Eigenschaften konservieren, die sie nicht besitzen?
Wird die erste Frage bejaht, so führt das zu einer Reihe wenig überzeugender
Konsequenzen. Hierzu kann beispielsweise der Fall eines gelehrten mittelalterli-
chen Kopisten imaginiert werden, der nicht nur sorgfältig die Summa theologiae
des Thomas von Aquin kopiert, sondern sie vor dem Hintergrund seiner zeitge-
nössischen theologischen Auffassungen beim Kopieren zudem auslegt.32 Ist diese
Kopie noch immer die der Summa des Aquinaten oder ein Werk des Kopisten?
Liegt nicht bei jeder Gedichtinterpretation, die das zu interpretierende Gedicht
zur Bequemlichkeit des Lesers getreu abdruckt, die Produktion eines gegenüber
dem Vorlagetext nicht gleichwertigen Textvorkommnisses vor – welches Gedicht
interpretiert der Interpret? Sind die Vorkommnisse von Goethes „Ballade“ Kennst
du das Land? wo die Zitronen blühn (Mignon) zu Beginn des vierten Buches von
Wilhelm Meisters theatralischer Sendung (1783) und am Anfang des dritten Bu-
ches von Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795) noch gleichwertige Vorkommnisse
dieses Liedes?33 Kann nicht jedes Zitat des zu interpretierenden Textes in einer
Interpretation eine Rekreation sein?34
An diesen Beispielen läßt sich ersehen, daß eine umfassende Berücksichti-
gung der Entstehung von Textvorkommnissen bei der Festlegung ihrer Gleichwer-
tigkeit dazu führt, daß die Auszeichnung eines Textexemplars zumindest im Hin-
blick auf die interpretatorische Praxis wesentlich zu eng ist.35 Zunächst kann es
den Anschein haben, als ließen sich diese Beispiele relativ leicht durch einen qua-

||
32 Von Thomas’ Text gibt es keinen Autographen, allerdings zahlreiche Manuskripte (vgl. Weis-
heipl 1974, S. 324/25).
33 Vor Goethes Italienreise entstanden, sind in der Ballade anakreontische und antike Bildan-
knüpfungen festgehalten worden (vgl. etwa Ross 1951/52): Gilt das auch noch für den Abdruck
des Gedichtes nach den Italienreisen? Zu den Interpretationsfragen bei dieser Ballade mit Hin-
weisen zur voraufgegangenen Forschung vgl. Bohm 1985. – Haben die zu unterschiedlicher Zeit
entstandenen Gedichte, die im West-östlichen Divan Goethes Aufnahme gefunden haben, in die-
sem Kontext noch dieselbe Bedeutung?
34 Im Fall literarischer Werke vgl. Staiger 1945, S. 170/71.
35 Vgl. auch oben Abschnitt I.3.
72 | II Entfaltung der Problemstellung

lifizierten Vergleich der jeweiligen Entstehungsgeschichten der Texte als Gegen-


beispiele auflösen. Ohne Zweifel gibt es in den Entstehungsgeschichten Unter-
schiede ebenso wie Übereinstimmungen. So ließe sich beispielsweise vorschla-
gen, bei dem Vergleich des Menard-Textes mit dem Cervantes-Text den
Sachverhalt zu exponieren, daß letzterer in der Entstehungsgeschichte des ersten
eine Rolle spielt – nicht aber umgekehrt.
So überzeugend ein derartiges Kriterium der asymmetrischen Inklusionsbe-
ziehung auch sein mag, um zu einer differenzierten Berücksichtigung des Entste-
hungszusammenhangs zu kommen, so schwierig ist seine Präzisierung. Denn der
Umstand, daß ein Text in die Entstehungsgeschichte eines anderen eingeht, nicht
aber umgekehrt, ist offensichtlich alleingenommen nicht hinreichend für die An-
nahme, beide Texte seien gleichwertig oder besäßen dieselbe Bedeutung. Es be-
darf zusätzlicher Spezifizierungen, um diese Bestimmungsidee anwendungssi-
cher zu machen. Werden solche Spezifizierungen ergänzend berücksichtigt, dann
konvergiert diese Lösungsidee mit dem weiter unten erreichten Resultat der Erör-
terung.
Den unplausiblen Konsequenzen der Berücksichtigung des Entstehungszu-
sammenhangs von Texten können allerdings Beispiele gegenübergestellt wer-
den, bei denen sich eine Auffassung, wie sie der Erzähler in Borges’ Erzählung
vertritt, in der Interpretationspraxis wiederfinden läßt. Zudem scheint es Züge
dieser Praxis zu geben, die allein mit Hilfe der Unterstellung einer solchen Auf-
fassung erklärt werden können. So werden beispielsweise intern vollkommen
übereinstimmende Objekte unterschiedlich klassifiziert, nämlich in dem einen
Fall als Kunstwerke, in dem anderen nicht:36 Es scheint zumindest für einige Le-
ser und Interpreten ein entscheidender Unterschied darin zu liegen, ob die Mann-
schaftsaufstellung eines Fußballvereins in der Tageszeitung berichtet oder von
einem Schriftsteller kopiert veröffentlicht wird;37 und ebenso findet etwa ein Bild
von Han van Meegeren weniger – wenn überhaupt – interpretatorische Aufmerk-
samkeit als ein (vermeintlich echtes) Bild von Vanmeer,38 obwohl vermutlich

||
36 Vgl. hierzu die sich durch das ganze Buch durchziehenden Überlegungen bei Danto 1981.
37 So bei Handke 1969, S. 59; zu einem weiteren Beispiel dort S. 119–121.
38 Zu den Fälschungen van Meegerens und ihre Aufnahme vgl. u. a. Schüller 1953, Werness
1983. – Eine literarische Auseinandersetzung findet sich in der Erzählung Die Fälschung von Her-
mann Kasack.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 73

kaum einer der Interpreten ein Werk von van Meegeren von dem Vermeers unter-
scheiden kann.39 Schließlich haben Schriftsteller immer wieder darauf bestan-
den, daß der literarische Gebrauch von Wörtern einen wesentlichen Unterschied
zu ihrem umgangssprachlichen Gebrauch darstelle.40
Ohne die Annahme, daß externe Relationen interpretationsrelevant sein kön-
nen, bleiben ferner die heftigen Auseinandersetzungen über Fälschungen bzw.
über falsche Zuschreibungen auch in der Literatur unerklärlich.41 Mitunter kön-
nen die Erörterungen bis heute als nicht ganz abgeschlossen gelten, etwa im Hin-
blick auf den Platon zugeschriebenen VII. Brief,42 zu Dantes Brief an Can Grande

||
39 Das schließt selbstverständlich nicht aus, daß der Kunstkenner, nachdem die Bilder als Fäl-
schungen ausgewiesen sind, relevante Unterschiede zu sehen vermag (wobei es anscheinend
lange Zeit – zumindest für einige Bilder – Zweifler an der ‚Fälschungsthese‘ gegeben hat; vgl.
u. a. Werness 1983, Anm. 78, S. 45).
40 Ein Beispiel mag für alle genügen: So schreibt Rilke in einem Brief vom 17. März 1922 an Grä-
fin Margot Sizzo-Noris Crouy (Id. 1950, S. 339/40): „Schreiben zu können ist, weiß Gott, nicht
minder ‚schweres Handwerk‘, um so mehr, als das Material der anderen Künste von vornherein
von dem täglichen Gebrauch abgerückt ist, während des Dichters Aufgabe sich steigert um die
seltsame Verpflichtung, sein Wort von den Worten des bloßen Umgangs und der Verständigung
gründlich, wesentlich zu unterscheiden. Kein Wort im Gedicht (ich meine hier jedes ‚und‘ oder
‚der‘, ‚die‘, ‚das‘) ist identisch mit dem gleichlautenden Gebrauchs- und Konversations-Worte;
[...].“ (Die Hervorhebungen in dieser Ausgabe sind aus drucktechnischen Gründen nur schwer zu
identifizieren, vgl. aber Rilke 1977, S. 29). Aus der Fortsetzung dieser Briefstelle scheint aller-
dings hervorzugehen, daß Rilke den Unterschied anhand interner Relationen feststellen zu kön-
nen glaubt.
41 Zu vornehmlich nichtliterarischen Fälschungen und Pseudepigraphien vgl. neben den Bei-
trägen eines internationalen Kongresses zu Fälschungen im Mittelalter (Fuhrmann [Hg.] 1988) zur
Antike und des frühchristlichen Mittelalters Sint 1960, umfassend Speyer 1971 sowie Brox 1975,
ferner Constable 1983, und als Sammlung von Beiträgen zur Deutung des Phänomens der Pseu-
depigraphie Brox (Hg.) 1977; für das frühe Mittelalter auch die umfangreiche Untersuchung und
Dokumentation der pseudoisidorischen Fälschungen bei Fuhrmann 1972–74, vgl. grundsätzlich
auch Id. 1963 (im Anschluß dazu eine umfangreiche Diskussion S. 555–601). Gegenstand umfang-
reicher Untersuchungen – mit kaum geringerem Interesse als für die echten – sind die pseudo-
aristotelischen Schriften geworden, vgl. mit weiteren Hinweisen Ryan/Schmitt (Hg.) 1982,
Kraye/Ryan/Schmitt (Hg.) 1986 sowie Schmitt/Knox 1985, Kraye 1988. – Eine der gelungensten
Handschriftenfälschungen des 19. Jahrhunderts ist die Urgeschichte der Phönizier von Friedrich
Wagenfeld, die Sanchuniathon zugeschrieben eine griechische Übersetzung Philos sein soll. Ein
erster (deutschsprachiger) Auszug ist immerhin von Georg Friedrich Grotefend, der die Grundla-
gen für die Entzifferung der Keilschrift legte, mit einem Vorwort versehen worden (vgl. Sanch-
uniathon 1836). Später folgte sogar eine Ausgabe des vollständigen Manuskripts in griechischer
Sprache und lateinischer Übersetzung (Sanchuniathon 1837).
42 Vgl. zu Hinweisen auf die Literatur Graeser 1989, Anm. 3, S. 3/4).
74 | II Entfaltung der Problemstellung

della Scala43 oder auf den Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise.44 Erwäh-
nen läßt sich unter den literarischen Beispielen die lang umstrittene Frage, ob The
Poems of Ossian von James Macpherson, die eine unvergleichliche Wirkung auf
die Zeitgenossen besaßen, übersetzt oder gedichtet wurden.45 Für literarische Ge-
stalten wie Werther nicht weniger als für Literaten wie Johann Heinrich Voß ver-
mochte Ossian – „Sanct Ossian“, wie es bei Johann Gottfried Seume heißt –
durchaus Homer den Rang abzulaufen,46 und für Herder ist die Echtheit der Os-
sian zugeschrieben Werke letztlich ein Textbefund;47 ob Thomas Chatterton der
Dichter der Rowley-Gedichte ist48 – zumindest Thomas Chattertons Leben hat ihm
ein anderes Nachleben als Macpherson beschert, obwohl das Leben Macphersons
Stoff genug bieten würde; davon zeugen nicht zuletzt seine Literarisierungen
etwa als ‚tragisches‘, ‚mißverstandenes‘, an der Gesellschaft zugrunde gegange-
nes Genie wie beispielsweise in Alfred de Vignys Stück Chatterton, das auf eine
Episode in seinem Roman Stello zurückgeht, in Ernst Penzoldts erfolgreichem Ro-
man Der arme Chatterton oder in Hans Henny Jahnns „Tragödie“ Thomas Chat-
terton; oder ob Pierre Louys’ Les Chansons de Bilitis tatsächlich Nachdichtungen

||
43 Vgl. den Überblick zur älteren Diskussion bei Schneider 1957, kritisch ist neben Friedrich
Schneider z. B. Pietrobono 1937 sowie Hardie 1960; für die Authentizität des Briefes argumentiert
u. a. Pflaum 1936, Mazzoni 1959, vgl. auch Pollmann 1964, S. 40/41. Mitunter werden auch nur
Teile für authentisch gehalten, etwa die ersten vier Abschnitte; aufgrund der schwierigen Über-
lieferungslage sind spätere Zusätze kaum zu bestimmen.
44 Zu der Forschung bis Anfang der siebziger Jahre vgl. von Moos 1974 sowie Id. 1974a, ferner
Kindermann 1976 und vor allem Benton 1975, 1980 und 1985, Dronke 1976, 1980 und 1984, insb.
S. 140–143, von Moos 1980, Silvestre 1988.
45 Kritisch von Beginn an war Samuel Johnson (vgl. Boswell 1791, S. 314ff. und S. 323ff.). Zur
bibliographischen Erfassung der Forschungen zum Ossian vgl. Black 1926. Zur Rezeption vgl.
Tieghem 1917 und 1920 sowie in Deutschland Gaskill 1989, zu den Quellen Thomson 1952 und
Weisweiler 1963; ferner Schöffler 1941 mit einem weiträumig angelegten Szenario der kulturellen
englisch-deutschen Infektionen (Ossian, Shakespeare, Byron, Darwin). Allerdings finden sich
auch Stimmen, die zu einer ‚Rehabilitierung‘ der Ossian-Dichtung aufrufen, etwa Hecht 1922,
S. 237: „Wir werden gut daran tun, wenn wir Macpersons durchaus fragwürdige Erscheinung
übersehen und den notorischen Fälscher über den Dichter vergessen, dessen Werk nicht schla-
ckenlos, aber um Vieles stärker und eindrucksvoller war, wie die Persönlichkeit seines Schöp-
fers.“ Zu einer Wiederaufnahme der Rehabilitierung vgl. Gaskill 1986.
46 Werther allerdings hat Ossian den Vorzug gegenüber Homer gegeben, als er nicht mehr ‚bei
Sinnen‘ war.
47 Zu Herder und Ossian vgl. Gillies 1933, Maurer 1987, S. 347–352.
48 Vgl. den ausführlichen Kommentar von Donald S. Taylor (Id. 1971) in der Gesamtausgabe der
Werke Chattertons (ferner Taylor 1978).
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 75

griechischer Gedichte eines Hirtenmädchens aus Pamphylien darstellen.49 Und


schließlich spielt es nicht allein für das Interesse an den Texten, sondern auch für
ihre Interpretation eine Rolle, ob erotica wie Les exploits dʼun jeune Don Juan oder
Les onze mille verges ou les amours d'un Hospodar tatsächlich von Guillaume
Apollinaire geschrieben wurden.50
Die immense Zahl von Textfälschungen bzw. von Pseudepigraphia ist zwar
nicht erst in der jüngeren Zeit Gegenstand einer ausgeklügelten kritischen Be-
trachtung geworden,51 doch scheint erst aufgrund der systematischen und syste-
matisierenden Untersuchungen der jüngeren Zeit das Ausmaß gefälschter oder
verfälschter Texte sichtbar zu werden; und erst in jüngster Zeit finden sich expli-
zite theoretische Überlegungen zu Fälschungen.52 Die Folgen solcher Echtheits-
prüfungen können im Hinblick auf das, was als literarische Texte gilt, unter sehr
unterschiedlichen Blickwinkeln als bedrohlich erscheinen; ohne Zweifel sind sie
es dann, wenn solche Texte zugleich als Dokumente oder Quellen angesehen wer-
den.53
Der durch solche Beispiele offenkundige Befund, daß externe Relationen ei-
nes Textes für die Interpretation relevant sein können, bildet jedoch keine hinrei-
chende Basis für die Schlüsse, die gelegentlich daraus gezogen werden: Aus die-
sem Befund folgt nicht, daß die Interpretation auf externe Relationen zurück-

||
49 Vgl. die Einleitung „Vie de Bilitis“ in Louys 1894, S. 7–15. Im Untertitel heißt es: „Traduites
du grec.“ – Zur Geschichte fingierter Übersetzung vgl. u. a. Speyer 1968/69.
50 Vgl. hierzu auch Lustig 1986.
51 Vgl. den kenntnisreichen und unterhaltsamen Essay von Anthony Grafton (Id. 1990, vgl.
auch Id. 1988), der zahlreiche anregende Hinweise und Erörterungen zum Thema enthält. Zu dem
hier angesprochenen Punkt vgl. insbesondere den Abschnitt „Kritiker: Tradition und Innovatio-
nen“. In Graftons Essay wird an vielen Stellen deutlich, auch wenn er es nirgendwo sehr explizit
behandelt, wie die Argumentationen zum Nachweis von Fälschungen auf (entproblematisierten)
Hintergrundannahmen beruhen (S. 96): „Fälschung und Kritik haben auch eine fundamentale
Begrenzung gemeinsam. Der Kritiker kann seiner Zeit und seinem Ort ebenso wenig entrinnen
wie der Fälscher. Der Fälscher stülpt seiner Neuerschaffung der Vergangenheit nicht nur seine
persönlichen Werte, sondern auch die Meinungen und sprachlichen Eigenarten seiner histori-
schen Zeit über, und darum wird sein Werk irgendwann einmal nicht mehr glaubwürdig sein.
Aber der Kritiker verwirft Fälschungen aus persönlichen Gründen und ausgehend von den An-
nahmen seiner eigenen Zeit über die Welt, aus der diese angeblich kommen; [...].“ Gleichwohl
kennt Grafton gute Gründe, Fälscher und Kritiker ungleich zu behandeln.
52 Vgl. u. a. Goodman 1968, Kap.III, Sagoff 1976/77, Bloch 1978, Lessing 1983, Kennick 1985/86.
53 So heißt es z. B. in Friedrich August Wolfs Encyclopädie (Id. 1831, S. 308): „Wenn die Autoren
uns die Quellen sind von allen Arten historischer Kenntnisse, so müssen diese Quellen gesäubert
seyn, sonst ziehen wir daraus falsche Nachrichten.“ Vgl. zu diesem eingebürgerten Begriff der
Quelle bzw. des Dokuments u. a. Tobler 1906, S. 318ff. – Texte als Quellen zu betrachten, setzt
eine Reihe (interpretations-)theoretischer Vorannahmen voraus.
76 | II Entfaltung der Problemstellung

greifen muß; und es folgt insbesondere noch nichts über den Rang, den das Wis-
sen um externe Relationen eines Textes für seine Interpretation einnimmt. Beide
Reihen von Beispielen, die sich leicht fortsetzen ließen und die im Hinblick auf
die Interpretationspraxis sowohl die Unplausibilität wie die Plausibilität des
Rückgriffs auf die Entstehungsgeschichte von Textvorkommnissen bei der Inter-
pretation aufzeigen, legen sowohl nahe, die Frage, ob alle externen Relationen
für die Interpretation relevant sind, zu verneinen, als auch die Annahme zu stüt-
zen, daß der Entstehungszusammenhang von Textvorkommnissen für ihre Inter-
pretation relevant sein kann. Wie läßt sich – und das ist die anschließende zweite
Frage – zwischen relevanten und irrelevanten externen Relationen unterschei-
den?
Die für die Plausibilität der Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte von
Textvorkommnissen angeführten Beispiele haben eine etwas andere Struktur als
Borges’ Menard-Beispiel. Mit ihrer Hilfe läßt sich jedoch deutlicher zeigen, daß
die Lösung, die Nelson Goodman und Catherine Z. Elgin für das Menard-Problem
vorschlagen, nicht hinreichend differenziert. Das Kriterium für die Gleichwertig-
keit der Texte von Cervantes und Menard liegt ihrer Ansicht nach darin, daß jede
richtige Interpretation des Cervantes-Textes auch eine richtige des Menard-Textes
und keine Interpretation des Cervantes-Textes, die nicht richtig ist, eine richtige
des Menard-Textes sein kann.54
Angenommen, es liegt ein Text T2 vor, der als gleichwertig zu einem Text T1
ausgegeben wird. Ferner sei ein Text T3 gegeben, der als gleichwertig zu T2 gilt.
Für die externen Eigenschaften von T1 – K(T1) –, von T2 – K(T2) – und von T3 –
K(T3) – soll angenommen werden, daß

(1) K(T1) ് K(T2) und K(T2) ് K(T3).

gilt. Aus Goodmans und Elgins Kriterium läßt sich für die Interpretation von T1,
T2 und T3 schließen:

(2) Jede richtige Interpretation von T1 ist eine richtige Interpretation von T2
und T3; jede richtige Interpretation von T2 ist eine richtige Interpretation
von T1.

Wie in den erwähnten Fälschungsbeispielen sei angenommen, T1 gebe es nicht.


Mithin ist die Behauptung falsch, T2 sei ein mit einem älteren Text T1 gleichwerti-
ges Textvorkommnis. Wenn Goodmans und Elgins Kriterium zur Konsequenz hat,

||
54 Vgl. Goodman/Elgin 1988, S. 63.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 77

daß jedes Kontextwissen für die Textinterpretation irrelevant ist, dann spielt es
keine Rolle, ob T1 existiert oder ob T1 nur eine Imagination ist. Es bleibt unerklär-
bar, weshalb sich eine Interpretation von T2 ändern kann, wenn T1 nicht existiert.
Zwar läßt sich T2 als T1 interpretieren, das heißt, unter Rückgriff auf bestimmte, T1
zugesprochene externe Eigenschaften K(T1), die T2 nicht zukommen. Aber dann
ist die aus Goodmans und Elgins Kriterium geschlossene Behauptung (2) nicht
mehr korrekt. Wenn eine Interpretation von T2 als T1 richtig ist, dann ist sie keine
richtige Interpretation von T2 und T3; und wenn sie eine richtige Interpretation
von T2 ist, dann ist sie unter Umständen eine richtige Interpretation von T3, aber
nicht von T1.
Der entscheidende Punkt dieses Beispiels besteht darin, daß die externen Ei-
genschaften K(T2) von T2, die zunächst – und das heißt: im Hinblick auf K(T1) –
bei einer Interpretation von T2 vernachlässigt werden konnten, aufgrund der
neuen Konstellation eine Rangveränderung erfahren haben. Daraus läßt sich ent-
nehmen, daß das Wissen über K(T2) bereits in der Ausgangskonstellation für die
Interpretation von T2 relevant war. Aus diesem Wissen über K(T2) wurde aller-
dings geschlossen, daß es für die Interpretation von T2 vernachlässigt werden
kann. Und es ist genau das Kontextwissen von T2, das T2 als gleichwertig mit T1
(fälschlicherweise) auswies. Die neue Konstellation, also ein verändertes Wissen
um die externen Relationen von T2, ändert den Rang des Wissens über K(T2) für
die Interpretation.
Die gezogenen Schlußfolgerungen sind allerdings auf Befunde zur Interpre-
tationspraxis relativiert; sie beruhen lediglich auf einem Rückschluß, der aus fest-
gestellten Verhaltensänderungen erfolgt: Das Verhalten besteht darin, daß be-
stimmte Interpretationen von T2, die im Hinblick auf die Ausgangskonstellation
akzeptiert wurden, im Rahmen der neuen Konstellation durchgängig zurückge-
wiesen werden. Die Interpretationsgeschichte von literarischen, aber auch nicht-
literarischen Fälschungsbeispielen vermag einen solchen Befund zweifellos zu
belegen. Dennoch dürfen diese Schlußfolgerungen in ihrer Tragweite für die (ge-
nerelle) Fixierung des Rangs von Kontextwissen für die Interpretation nicht über-
schätzt werden:
Erstens, der Schluß darf nicht verallgemeinert werden; denn es bleibt die Op-
tion offen, Kontextwissen für die Interpretation grundsätzlich für irrelevant zu
halten – unbeschadet der widerstreitenden Interpretationspraxis, der dies nur
zum Schaden gereiche –, sowie die Option, es zwar als relevant, aber generell als
ranglos einzustufen, da das Kontextwissen grundsätzlich nicht mehr nahelegt, als
daß es vernachlässigt werden kann.
78 | II Entfaltung der Problemstellung

Zweitens, der Schluß darf nicht verallgemeinert werden, denn der Rück-
schluß ist nicht zwingend, da es zumindest eine alternative Deutung der ange-
führten Verhaltensänderung gibt. Die Deutung besteht darin, die Ablehnung von
Interpretationen im Zuge der veränderten Konstellation nicht als Aufnahme von
Kontextwissen aufzufassen, sondern als Zurückweisung von Interpretationen –
eine Zurückweisung, die gerade deshalb zustande kommt, weil sich bei den Inter-
pretationen herausgestellt hat, daß bei ihnen Kontextwissen Interpretationsrang
genießt.
Beide Einschränkungen verweisen auf zwei miteinander zusammenhän-
gende allgemeine Kontroversen: die erste auf die, die sich an der Frage entzündet,
wann eine Interpretationspraxis (Wissenschaftspraxis) als ‚richtig‘ bzw. als durch
die hermeneutischen (wissenschaftlichen) Überlegungen bewahrenswert angese-
hen werden kann;55 die zweite auf eine Kontroverse, die an den Befund anknüpft,
daß die Interpretationspraxis (Wissenschaftspraxis) unterschiedlich interpre-
tiert, das heißt durch die Zuweisung unterschiedlicher Interpretationsziele (Wis-
senschaftsziele) gedeutet werden kann.56
Auch wenn demnach die voraufgegangenen Überlegungen nicht zum Nach-
weis ausreichen, daß dem Rückgriff auf Kontextwissen bei der Interpretation –
auch literarischer – Texte Interpretationsrang zukommen sollte, vermochten sie
doch zu zeigen, daß die Berücksichtigung eines Wissens über den Kontext von
Textvorkommnissen mit Interpretationsrang eine Entscheidung des Interpreten
ist. Goodmans und Elgins Lösungsvorschlag für das Menard-Problem vermag
vielleicht nicht zu erklären, weshalb in bestimmten Fällen die Interpretation an
Kontextwissen gebunden wird und in anderen Fällen nicht. Selbst wenn ihre An-
sicht die sein sollte, daß Kontextwissen (bei der Interpretation literarischer Texte)
weder Rang noch Relevanz besitzt, dann geht ihre Lösung am Problem vorbei.
Ihre Festlegung, daß eine richtige Interpretation des Cervantes-Textes auch eine
richtige Interpretation des Menard-Textes und eine falsche dieses eine falsche In-
terpretation jenes Textes ist, stellt bestenfalls eine Formulierung der von ihnen
favorisierten Definition dar, wann zwei Textvorkommnisse gleiche Bedeutung be-
sitzen, und ist damit nicht mehr als eine Adäquatheitsbedingung für die von
ihnen favorisierte Bedeutungskonzeption.57

||
55 Vgl. Abschnitt I.4.
56 Vgl. Kapitel VI.
57 Ein Beispiel vermag diese Überlegungen zu verdeutlichen. Im Don Quijotte des Cervantes fin-
det sich der Ausdruck „duelos y quebrantos“ (wörtlich: Verdruß und [Herz-]Brechen), der den
Philologen nicht geringes Kopfzerbrechen bereitet hat. Offenbar handelt es sich um eine Speise.
Allerdings ist dieser Ausdruck in der anscheinend vorliegenden Verwendungsweise nicht mehr
gebräuchlich, so daß es unklar ist, um was für eine Art Speise es sich handelt und was durch sie
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 79

Das Menard-Problem rührt indes daher, daß die Intuition, die einer solchen
Definition zugrunde liegt, nicht geteilt wird. Es beruht gerade auf der Annahme
der Relevanz und des Ranges von Kontextwissen für die Interpretation (und die
ästhetische Bewertung) von Texten und führt eine (anscheinend) paradoxe Kon-
sequenz der Annahme vor, nach der Kontextwissen uneingeschränkt Interpreta-
tionsrang genießt.
Wenn der Entstehungszusammenhang von Textvorkommnissen nicht unein-
geschränkt bei der Bestimmung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen
und der Auszeichnung von Textexemplaren relevant ist, dann stellt sich die Frage
nach einer Unterscheidung seiner relevanten und irrelevanten Bestandteile. Die
im Zusammenhang mit dem Menard-Problem unternommenen Überlegungen le-
gen den Schluß nahe, daß es keine allgemein verbindliche Antwort auf die Frage
gibt, welches Kontextwissen Relevanz besitzt und wann externe Eigenschaften ei-
nes Textvorkommnisses Rang zugewiesen erhalten.
Bei der Erörterung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen wurde ge-
sagt, daß die Eigenschaften eines Textvorkommnisses relevant sind, die interpre-
tationsrelevant sind. Damit wird die Auszeichnung von Eigenschaften bei der
Stellvertretung auf die gewählte Bedeutungs- und Interpretationskonzeption re-
lativiert. Über diese Bestimmung hat die Diskussion des Rückgriffs auf externe Ei-
genschaften von Textvorkommnissen bei der Festlegung ihrer Gleichwertigkeit
durch die Unterscheidung von Rang und Relevanz hinausgeführt. Vorausgreifend
sei hinzugefügt, daß nicht alle interpretationsrelevanten Eigenschaften, das
heißt alle die Eigenschaften, die nach einer gewählten Bedeutungs- und Interpre-
tationskonzeption Relevanz und Rang für die Bedeutungszuweisungen besitzen,
auch relevant für die Bestimmung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen
sind.

||
– unter Umständen – ‚konnotiert‘ wird. Es gibt eine Reihe von Deutungshypothesen, die hier
nicht im Einzelnen dargelegt zu werden brauchen. Jüngst wurde zu diesem Ausdruck eine Paral-
lelstelle bei einem zum Christentum konvertierten spanischen Schriftsteller des 15. Jahrhunderts
entdeckt (vgl. Wardropper 1980). Wenn eine solche Parallelstelle akzeptiert wird, dann handelt
es sich – vereinfacht gesagt – um eine Speise, die nach jüdischen Gesetzen verboten ist; und Don
Quijotte wird mit dieser Formulierung von Cervantes als konvertierter Neuchrist eingeführt. Ein
Befund, der – nebenbei bemerkt – zahllose Anknüpfungsmöglichkeiten etwa für psychologische
bzw. psychoanalytischer Neuinterpretationen oder Ausdeutungen à la Johnson 1983 bieten
könnte. Die Frage lautet: Wäre eine solche Deutung des Ausdrucks „duelos y quebrantos“ im
Hinblick auf alternative Deutungshypothesen für den Menard-Text gleichermaßen wie für den
Cervantes-Text plausibel?
80 | II Entfaltung der Problemstellung

Damit läßt sich schließlich auch die Erörterung des Lösungsvorschlags für
das Menard-Problem von Goodman und Elgin konturieren. Er beruht auf der An-
nahme, daß die für die Gleichwertigkeit relevanten Eigenschaften mit denen Ei-
genschaften korrespondieren, die interpretationsrelevant sind. Aus dieser An-
nahme rührt auch der Mangel ihres Vorschlags. Denn das dies nicht der Fall sein
muß, soll ebenfalls an dem Menard-Beispiel illustriert werden.
Selbst dann, wenn nach der gewählten Bedeutungs- und Interpretationskon-
zeption dem Cervantes-Text und dem Menard-Text unterschiedliche Interpretati-
onen zugewiesen werden, kann bei der Voraussetzung der textuellen Korrespon-
denz – also übereinstimmender (nichtrelationaler) Eigenschaften und interner
Relationen – der Menard-Text als Textvorlage für die Interpretation des Cervan-
tes-Textes und umgekehrt benutzt werden. Die Relevanzkonzeption für die
Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen kann darin bestehen, bestimmte Eigen-
schaften von Textvorkommnissen, die nach der Bedeutungs- und Interpretations-
konzeption für ihre Interpretation relevant sind, zu ignorieren:
Stimmen zwei Textvorkommnisse einem erwarteten Grad entsprechend in-
tern überein, dann lassen sie sich – unabhängig von ihren differierenden Kon-
texteigenschaften – als Interpretationsvorlagen substituieren, sofern bei der In-
terpretation das Kontextwissen zum Substitut ignoriert wird und das zum
Substituendum allein als relevant gilt. Aufgrund eines Wissens über den Entste-
hungskontext eines Textes kann er aus diesem herausgelöst und sein Entste-
hungskontext kann für die Interpretation des Textes vernachlässigt werden, auch
wenn er der gewählten Bedeutungs- und Interpretationskonzeption zufolge
grundsätzlich als relevant gilt.
Auf die Zulässigkeit einer solchen Ablösbarkeit des Textes von seinem Ent-
stehungskontext ist immer wieder hingewiesen worden.58 In jüngerer Zeit sind im
vorliegenden Zusammenhang die Ausführungen zur ‚semantischen Autonomie‘
des Textes von Paul Ricœur einflußreich gewesen.59 Ricœur erörtert ausführlich
die Konsequenzen, zu denen die Schriftlichkeit in der Ablösung von der face-to-
face-Kommunikation führt.60 Zentral ist für ihn die Annahme, daß beim „ge-
schriebenen Diskurs“ die „Intentionen des Autors“ und die „Bedeutung des Tex-
tes“ nicht mehr übereinstimmen: Das Resultat ist die Trennung zwischen dem,

||
58 So heißt es bei Dilthey 1910, S. 96/97: „[D]ieses [scil. das, was die Wörter ausdrücken] sind
nicht die inneren Vorgänge in dem Dichter, sondern ein in diesen geschaffener, aber von ihnen
ablösbarer Zusammenhang.“
59 Ricœur 1971, auch Id. 1974, S. 28.
60 Vgl. Ricœur 1978.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 81

was „der Autor gemeint hat, und dem, was der Text meint“.61 Solange allerdings
der Status dieser Behauptung ungeklärt bleibt, erscheint die Verabschiedung der
Autorintention als Bedeutungskonzeption für die Textinterpretation als Konse-
quenz nicht zwingend.62 Zugleich bestreitet Ricœur, daß dies der „Hypostasie-
rung des Textes zu einer autorlosen Entität“, der Sicht des Textes als eines „Na-
turgegenstandes“ gleichkomme.63 Wie indes die nach Ricœur ‚richtig‘ aufgefaßte
Beziehung zwischen Textbedeutung und Autorintention aufzufassen ist, bleibt
trotz der fortwährenden Umschreibung als „dialektisch“ ohne Aufklärung.64
Auch wenn ein Text von jedem bestimmten Kontext abgelöst werden kann, so
heißt das nicht, daß die Interpretation des Textes kontextfrei ist; es besagt ledig-
lich, daß es keinen natürlichen Kontext für einen Text gibt.65
Der Menard-Text läßt sich mithin als Cervantes-Text interpretieren. Der feine
Unterschied in der Formulierung „den Menard-Text interpretieren“ und „den Me-
nard-Text als Cervantes-Text interpretieren“ ist entscheidend. Inwieweit beide
Formulierungen zusammenfallen, hängt von der gewählten Bedeutungs- und In-
terpretationskonzeption ab. Goodman und Elgin setzen stillschweigend eine sol-
che voraus, nach der von vornherein beides zusammenfällt.66

||
61 Ricœur 1978, S. 72. – Vgl. bereits Gadamer 1960, S. 373: „Was schriftlich fixiert ist, hat sich
von der Kontingenz seines Ursprungs und seines Urhebers abgelöst und für neuen Bezug freige-
geben.“
62 Abgesehen davon, daß auch bei der face-to-face-Kommunikation ein autorintentional aus-
gerichtetes Interpretieren auf einer Entscheidung für eine bestimmte bedeutungs- und interpre-
tationskonzeptionelle Einschränkung beruht und nicht selbstverständlich ist. – Zur Erörterung
der Kritik an autorintentionalistischen Bedeutungs- und Interpretationskonzeptionen vgl. in die-
sem Zusammenhang Danneberg/Müller 1983.
63 Ricœur 1978, S. 73.
64 So soll die vom Autor „anvisierte Bedeutung“ das „dialektische Gegenstück zur wörtlich auf-
zufassenden Textbedeutung sein“ (Ricœur 1978, S. 73). Zugleich ist nach Ricœur (1978, S. 74) die
„Textbedeutung“ einer „unbeschränkten Anzahl von Lesern und deshalb auch einer unbe-
schränkten Anzahl von von Deutungen zugänglich“ – die „Möglichkeit vielfacher Ausdeutun-
gen“ wird als „dialektische Kehrseite der semantischen Autonomie des Textes“ bestimmt.
65 Vgl. Kapitel VI. Arnold Goldberg hat zu zeigen versucht, wie die „Zerstörung von Kontext“
eine Rolle bei der Kanonisierung (religiöser) Schriften spielt (vgl. Id. 1983). Aber auch für Litera-
tur scheint eine Art Entkontextualisierung der Aura eines Werkes zuträglich zu sein. Selten findet
sich das so deutlich ausgedrückt wie von Jiri Hájek (Id. 1965, S. 108; Hervorhebung von mir):
„[...]: Kafkas Werk zwingt ständig zu neuen Interpretationen, denn es sagt etwas unermeßlich
Wesentliches und Grundsätzliches über den Menschen von heute und die Welt von heute aus.
Die Zeit, die seit Kafkas Tod vergangen ist, verleiht den dichterischen Symbolen Kafkas eine immer
universalere Gültigkeit.“
66 Goodmans Auffassung hängt mit seiner Unterscheidung zwischen autographischer und allo-
graphischer Kunst zusammen (vgl. Id. 1968, S. 122ff. und S. 127ff.). In der Replik auf Wollheim
82 | II Entfaltung der Problemstellung

In der Kontextsubstitution und -ignorierung liegt auch die Antwort auf die
Frage, wie Textvorkommnisse (externe) Eigenschaften konservieren können, die
sie nicht besitzen, mithin auf die dritte Frage zum Problem der Berücksichtigung
eines Wissens um externe Relationen bei der Festlegung der Gleichwertigkeit von
Textvorkommnissen. Textexemplare können solche Relationen konservieren, in-
dem sie von den Kontexteigenschaften, die sie als Textvorkommnis besitzen, für
die Interpretation entbunden und in den Kontext gestellt werden, der dem zu ver-
tretenden Text zugeordnet wird. Auf einen solchen Zweck der Stellvertretung ist
das Verfahren der De- und Re-Kontextualisierung von Texten allerdings nicht be-
schränkt.
Die angesprochene Kontextersetzung legt implizit Anforderungen an den zu
substituierenden Text sowie an die Grade der Übereinstimmung zwischen Substi-
tut und Substituendum fest. Im Unterschied zu den oben erörterten Fälschungs-
beispielen setzt die Stellvertretung eines Textes durch ein zum Textexemplar er-
hobenes Textvorkommnis, bei dem die angenommenen entstehungsgeschicht-
lichen Ähnlichkeiten fehlen, voraus, daß das Substituendum existiert.67 Die Kon-
textersetzung kann zu Inkompatibilitäten führen – zwischen dem neuen Kontext,
in den das stellvertretende Textvorkommnis eingegliedert wird, und dem Konser-
vierungsgrad, der es zum Substitut macht.

||
1978 hebt er hervor (Id. 1978, S. 52), daß „die Entscheidung darüber, ob eine bestimmte Kunst
autographisch oder allographisch ist, ihren Grund in mehr hat als einer Tradition, die auch an-
ders hätte sein können und die sich ändern könnte.“ Autographisch ist ein Kunstwerk, wenn für
seine Identität seine Entstehungsgeschichte eine Rolle spielt, ansonsten ist es allographisch. Li-
terarische Texte sind für Goodman danach allographische Werke. So zweifelt Goodman auch
nicht daran (Id. 1978, S. 53), daß er den Don Quijote gelesen hat, auch wenn seine Ausgabe, die
„in allen Einzelheiten die Schreibweise aufweist, aber zufällig von einem verrückten Drucker im
Jahre 1500 oder von einem verrückten Computer im Jahre 1976 hergestellt worden ist.“ Die hier
vorgestellte Lösung besagt demgegenüber: Zwei Textvorkommnisse, die sich in bestimmter Hin-
sicht nicht unterscheiden, können als allographisch aufgefaßt werden, wenn sie so behandelt
werden, daß der eine den anderen vertritt. In vielen Fällen wird eine solche Behandlung durch
die Entstehungsgeschichte des Textvorkommnisses, die gerade so beschaffen ist, daß sie für die
Interpretation ignoriert werden kann, gerechtfertigt. Goodman berücksichtigt allein die erste
Möglichkeit, und darin findet seine Präferenz für eine bestimmte Bedeutungs- und Interpretati-
onskonzeption ihren Ausdruck. Vielleicht läßt sich ein Hinweis auf den Grund für Goodmans
Auffassung darin sehen, daß er an der angeführten Stelle von „lesen“, nicht von „interpretieren“
spricht.
67 Das heißt nicht, daß jede Ersetzung des Kontextes eines Textvorkommnisses bzw. eines
Textexemplars durch einen anderen Kontext immer nur im Rahmen der Stellvertretung erfolgen
kann. Prinzipiell gibt es keine (natürlichen) Grenzen, Texte in beliebige Kontexte zu stellen und
dabei – mehr oder weniger stark – ihre Entstehungsgeschichte zu ignorieren; vgl. weiter unten
sowie Kapitel VI.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 83

Die Erörterung einer genetischen Bestimmung der Gleichwertigkeit läßt sich


wie folgt resümieren: Inwieweit ein Textvorkommnis als Textexemplar die Inter-
pretationsvorlage bildet, hängt zum einen von seinen interpretationsrelevanten
internen Eigenschaften, zum anderen (gegebenenfalls) von der Ignorierung sei-
ner externen Eigenschaften ab. Die Frage bleibt gleichwohl weiterhin offen, ob
eine Bedeutungs- und Interpretationskonzeption für die Interpretation von Tex-
ten akzeptabel ist, nach der die interpretationsrelevanten mit den für die Gleich-
wertigkeit relevanten Eigenschaften identisch sind und durch die externen Eigen-
schaften generell kein Interpretationsrang eingeräumt wird.68
Bei der Beziehung zwischen Textexemplar und zu vertretenden Textvor-
kommnissen können zwei Arten unterschieden werden. Die in den voraufgegan-
genen Erörterungen gewählten Beispiele – Textvorkommnisse einer Text-Aus-
gabe, Fälschungen literarischer Texte – belegen beide Arten. Die Stellver-
treterbeziehung kann symmetrisch sein – T2 vertritt T1 und ebenso kann T1 das
Textvorkommnis T2 vertreten. Das heißt: Beide Textvorkommnisse können gegen-
seitig zu Textexemplaren erhoben werden. Die Stellvertreterbeziehung kann
asymmetrisch sein – T2 vertritt T1, aber nicht umgekehrt. Unter den veranschlag-
ten Gesichtspunkten der Gleichwertigkeit gilt nur T2 als Textexemplar. Im Grenz-
fall ist die Interpretation hierbei auf ein Textexemplar gerichtet, das allein sich
selbst als Textvorkommnis vertritt; das kann beispielsweise bei Handschriften der
Fall sein.
Bei der Auszeichnung eines Textexemplars wird häufig von beiden Arten der
Stellvertretungsbeziehung Gebrauch gemacht, nahezu immer findet sich der
Rückgriff auf die symmetrische. Die Analyse der asymmetrischen und symmetri-
schen Stellvertreterbeziehung bringt eine Reihe weiterer theoretischer Vorent-
scheidungen bei der Bildung von Textexemplaren in den Blick, die für die Inter-
pretation folgenreich, das heißt gegenüber einer Bedeutungs- und Interpre-
tationskonzeption nicht neutral sind. Im Zuge dieser Analyse erfolgt auch der
Rückgriff auf die dritte der oben aufgestellten weiterführenden Frage – der Frage
also, wann sich die Bestimmung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen
über die Angabe gemeinsamer Merkmale und wann über die Auszeichnung eines
bestimmten Textvorkommnisses und der Formulierung einer Ähnlichkeitsbezie-
hung empfiehlt.
Liegt eine asymmetrische Stellvertreterbeziehung vor, dann handelt es sich
bei dem zu vertretenden Text – dem Ziel-Text69 Tz – zumeist um einen älteren

||
68 Vgl. hierzu Kapitel VI.
69 Die Wahl des Ausdruckes „Ziel-Text“ – etwa anstelle von „überlieferter Text“ – soll hervor-
heben, daß der zu rekonstruierende ‚Text‘ Tz als solcher weder in seinen internen Eigenschaften
84 | II Entfaltung der Problemstellung

Text, der den eigentlichen Gegenstand der Interpretation bildet, während – aus
welchen Gründen auch immer – auf ein jüngeres Textvorkommnis – dem Substi-
tut-Text Ts – als Interpretationsvorlage zurückgegriffen wird. Der Ziel-Text gilt in
der Regel als reproduzierbar. Da eine Reproduktion oder Ausgabe – welcher Art
auch immer – nur einen Teil der Eigenschaften von Tz zu konservieren vermag
(wobei die produzierten Textvorkommnisse zugleich neue Eigenschaften aufwei-
sen), heißt das: Der Ziel-Text kann nicht vollkommen durch einen Substitut-Text
Ts ersetzt werden.70
Die Relevanz von Eigenschaften einer Interpretationsvorlage hängt zum einen
an theoretischen Vorentscheidungen, die an den allgemeinen Zielen der Interpre-
tation orientiert sind, zum anderen aber auch an solchen Vorentscheidungen, die
hinsichtlich der speziellen Fragestellungen einer Forschungssituation getroffen
werden, auf die eine Interpretation Antworten geben soll. Damit liegt eine Kons-
tellation vor, in der – gemäß der Forschungssituation – die für relevant erachte-
ten Texteigenschaften bei der Wahl eines Text-Substituts eingeschränkt werden
können.
Schließlich gibt es eine Vielzahl von Eigenschaften der jeweiligen Ziel-Texte,
die nicht reproduzierbar sind – etwa Eigenschaften des verwendeten Papiers –,
aber interpretationsrelevant sein können, beispielsweise als Hinweise zur Datie-
rung des Ziel-Textes.71 Solche Eigenschaften können zahlreicher sein, als es auf
den ersten Blick erscheinen mag. Nur ein Beispiel soll das illustrieren. Aus den
Überlegungen bei Miroslav Cervenka folgt, daß ein Text erst im Zuge eines „Ver-
öffentlichungsakts“, durch den er der Öffentlichkeit übergeben wird, seine „In-
tentionalität und Zeichenhaftigkeit“ erhält.72 Textvarianten, die vor seiner Veröf-
fentlichung liegen (und nicht mitveröffentlicht wurden), gehören danach allein
zur „kausalen genetischen Kette der Werkerschaffung“, nicht hingegen zu seiner
„geschlossenen Struktur“,73 da die „innere Vorstellung des Autors vom Werk in
ihnen noch nicht in eine einheitliche semiologische Intention umgewertet“ sei.74
Werden diese Überlegungen geteilt, dann ist der mit einem Text verbundene

||
noch hinsichtlich seines Umfangs fraglos gegeben ist. Er ist sozusagen der intendierte Gegen-
stand editorischer Bemühung.
70 Vgl. z. B. auch Zeller 1971, S. 79.
71 Zu den zahlreichen Eigenschaften eines Textvorkommnisses, die für seine Bestimmung rele-
vant sein können, informiert z. B. Boghardt 1977 zur „analytischen Druckforschung“ – dieser
Ausdruck wird in Anlehnung an die im angloamerikanischen Bereich entstandene „analytical
bibliography“ verwendet.
72 Cervenka 1971, S. 145.
73 Cervenka 1971, S. 147.
74 Cervenka 1971, S. 150.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 85

„Veröffentlichungsakt“ eine für die Interpretation nicht irrelevante Eigenschaft


des Textes; diese Eigenschaft jedoch läßt sich nicht reproduzieren, sondern ledig-
lich beschreiben.
Reproduzierbarkeit beinhaltet mithin Ersetzbarkeit, jedoch nur in bestimmter
Hinsicht; und es hängt – über den durch die Wahl einer Bedeutungs- und Inter-
pretationskonzeption gesetzten Rahmen hinaus – von dem ab, was bei der Inter-
pretation im Rahmen einer Forschungssituation problematisiert wird, inwieweit
der gewählte Substitut-Text hinsichtlich seiner internen Eigenschaften als Inter-
pretationsvorlage genügt. Die Erwartung an den Konservierungsgrad des Substi-
tut-Textes Ts hinsichtlich des Ziel-Textes Tz wird dabei durch zwei Faktoren be-
einflußt:
Ein bestimmtes Textvorkommnis Ts genügt als Interpretationsvorlage, wenn
es die Eigenschaften konserviert, die für die bei der Interpretation von Tz verfolg-
ten Fragestellungen relevant sind, oder aber – falls Ts diese Eigenschaft nicht be-
wahrt – wenn die Informationen über nichtbewahrte Eigenschaften von Tz und
die Schlußfolgerungen aus diesen Informationen für die Interpretation von Ts als
entproblematisiert unterstellt werden.
Solche entproblematisierten Informationen können trügen, und es gehört zu
den Highlights in der Geschichte der Interpretationskritik, wenn festgestellt wer-
den konnte, daß zahlreiche, mitunter Generationen von Interpreten ihre For-
schungen auf entproblematisierte, mitunter durch eine Form des argumentum ab
auctoritate75 verbürgte Informationen über Eigenschaften stützten, die der an-
hand eines Textexemplars als Interpretationsvorlage angezielte Text überhaupt
nicht aufweist, sondern allein der Substitut-Text. Diese Form der Interpretations-
kritik gilt nicht nur – nahezu unisono – als schlagend; an ihr versichert sich die
Disziplin auch gern eines Fundaments, das sie in der Philologie sieht, und eines
disziplinären Fortschritts, sofern dieser in der definitiven Tilgung von Interpreta-
tionsfehlern gesehen wird.
Demgegenüber zeigen die Überlegungen zur Unterscheidung zwischen Text-
vorkommnissen und Textexemplar, insbesondere zur asymmetrischen Stellver-
tretung eines Ziel-Textes durch einen Substitut-Text, daß eine derartige Kritik von
Interpretationen nicht ohne theoretische Vorentscheidungen – mithin nicht
selbstverständlich ist. Diese Vorentscheidungen beruhen auf einer – nicht
zwangsläufig erfüllten – Voraussetzung oder auf einer – nicht von vornherein ge-
nerell verbindlichen – normativen Forderung an die Interpretation.

||
75 Zum argument from authority vgl. Salmon 1973, S. 184–191.
86 | II Entfaltung der Problemstellung

Selbst dann, wenn aufgrund des Studiums der Handschriften – etwa zu den
fragwürdig edierten Texten Kafkas76 – sich herausstellt, daß das nach textkriti-
schen Gesichtspunkten erstellte Textexemplar als Interpretationsvorlage zahl-
lose Kafka-Interpretationen zur Makulatur werden läßt, muß trotzdem die Vo-
raussetzung erfüllt sein, daß in den auf diese Weise kritisierten Interpretationen
überhaupt ein entsprechender Interpretationsanspruch erhoben wird. Im ange-
führten Beispiel heißt das, daß bei den kritisierten Interpretationen ein Interpre-
tationsanspruch vorliegt, der sich auch auf das (handschriftliche) Textvorkomm-
nis erstreckt. Und das ist gleichbedeutend damit, daß das interpretierte
Textvorkommnis in seiner Eigenschaft als Textexemplar auch als Stellvertreter
des in diesem Fall handschriftlichen ‚ursprünglichen‘ Textvorkommnisses aufge-
faßt worden ist.77
Daß es sich dabei um keineswegs selbstverständliche Zuweisungen von Stell-
vertretungsansprüchen handelt, scheint nicht immer beachtet zu werden, wenn
es zum Beispiel um die Rechtfertigung des Aufwandes für „historisch-kritische“
Ausgaben geht. Der Verzicht auf eine „historisch-kritische“ Ausgabe führt nicht
per se zu „Mängeln“ der Interpretation und ist schon gar nicht die unabdingbare
„Voraussetzung für die wissenschaftliche Beschäftigung“ mit Literatur, wie dies
etwa Siegfried Scheibe annimmt.78 Unbesehen gehen hier theoretische Vorent-
scheidungen ein, die in hohem Maße plausibel sein mögen, die aber nicht selbst-
verständlich sind und die nicht nur vom Ziel der Interpretation abhängen, son-
dern bereits die Wahl einer Bedeutungs- und Interpretationskonzeption prä-

||
76 Vgl. zu diesem Beispiel bereits Uyttersprot 1953, Id. 1957 und Id. 1966 sowie Brod 1959 (dazu
hinsichtlich der Analyse der Beziehung von „textologischen“ und „textanalytischen“ Argumen-
ten Zeller 1987, S. 145–151), ferner Dietz 1973 und jüngst Uno 1989 sowie Eschweiler 1989.
77 Vgl. die explizite Formulierung von Michael Riffaterre in seiner Kritik an Jean Ricardous In-
terpretation von Poes The Gold-Bug bezüglich der Ausdrücke „huguenot“ und „protestant“ im
Original und der Übersetzung (Riffaterre 1971, Anm. 27, S. 331): „Der Irrtum Ricardous kommt
daher, daß er die englische Originalfassung interpretieren will, sich jedoch durch die französi-
sche Übersetzung von Baudelaire beeinflussen läßt.“ – Ein anderes Beispiel findet sich im Hiob-
Kommentar Gregor des Großen (Hofmann 1968, S. 35): „Es spielt für Gregor [...] keine Rolle, ob
die Unstimmigkeiten tatsächlich im Text (Urtext) enthalten sind oder ob sie von ihm selber hin-
eingelesen werden, z. B. wegen einer schlechten Übersetzung. Im Buch Job (39, 25) heißt es vom
Pferd: ‚Sobald es die Posaune hört, wiehert es auf‘. In der lateinischen Übersetzung wird die heb-
räische Umschreibung des Wieherns so wiedergeben ‚... et dicit: Vah‘. Diese Interjektion ‚Vah‘ ist
im Lateinischen aber der Ausruf eines Menschen, der Freude empfindet. Damit ist für Gregor eine
Unmöglichkeit des Wortsinns gegeben: Das unvernünftige Pferd kann diesen Ausruf der Freude
eines vernunftbegabten Wesens wie des Menschen nicht ausstoßen. [...] darauf folgt die geistige
Auslegung.“
78 Id. 1971, S. 13.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 87

judizieren. Erst mit dem Aufweis solcher Vorentscheidungen werden die zentra-
len Aspekte der kontroversen Positionen in den grundlagentheoretischen Diskus-
sionen deutlich.
Angenommen, I sei die Interpretation eines Textvorkommnisses T2 – viel-
leicht eine der von Max Brod bearbeiteten und konzipierten Kafka-Ausgaben –
und T1 sei ein Textvorkommnis, das in interpretationsrelevanten Aspekten mit T2
nicht korrespondiert – vielleicht eine textkritische, korrigierte Ausgabe.79 Auch
wenn I keine korrekte Interpretation von T1 ist, so folgt daraus nicht, daß I keine
korrekte Interpretation von T2 ist. Diese Schlußfolgerung läßt sich erst dann zie-
hen, wenn T2 – erhoben zum Textexemplar T2 – auch T1 vertreten soll, also wenn
T2 = (..T1..) gilt: T2 mithin als Substitut-Text des Ziel-Textes T1 angesehen wird.
Ist diese Voraussetzung nicht erfüllt, dann besteht lediglich die Möglichkeit,
vor dem Hintergrund der gewählten Bedeutungs- und Interpretationskonzep-
tion, mit der T2 interpretiert wird, T1 als den angezielten Text auszuzeichnen, mit-
hin T1 = (..T2..) zu fordern, sofern die gewählte Bedeutungs- und Interpretations-
konzeption eine solche Forderung überhaupt unterstützt. Das aber macht die
Auseinandersetzung um Interpretationen zu einer Kontroverse hinsichtlich der
zu wählenden, für die Interpretation als angemessen erachteten Bedeutungs- und
Interpretationskonzeption.
Daß die genannte Voraussetzung oftmals nicht erfüllt ist und die entspre-
chende Interpretationskritik unbesehen ins Leere geht, steht außer Zweifel. Als
ein Beispiel läßt sich Jacques Derridas Analyse und Kritik des Cours de lingu-
istique générale Saussures im Hinblick auf die Neuausgabe dieses Werkes anfüh-
ren80: Die Interpretation von Derrida ist die einer bestimmten Textvorlage, und es
muß keine Rolle spielen, wie korrupt diese Vorlage ist.81 Die Stellvertretung indes

||
79 Vgl. den Beginn der kritischen Ausgabe der Werke Kafkas mit dem Romanfragment Das
Schloß (Kafka 1982), dazu allerdings kritisch Hohoff 1986; sowie Der Proceß (Kafka 1990).
80 Vgl. Derrida 1967, Kap. 2; Saussure 1979 und Id. 1967/74. Zur neueren Saussure-Interpreta-
tion vgl. z. B. Jäger 1975, 1976, 1978 und 1986.
81 Die hier angestellten Überlegungen bieten eine Rechtfertigung für Derridas Hinweise am
Ende seines Saussure-Kapitels (Id. 1967, Anm. 38, S. 128/29): „Es braucht nicht eigens betont zu
werden, daß wir sie [scil. die Frage, inwieweit Saussure selbst für den Cours verantwortlich ist],
zumindest hier, nicht für dringlich erachten. Wenn man das Wesen unseres Vorhabens nicht
gänzlich mißversteht, so wird man bemerkt haben, daß wir uns außerordentlich wenig darum
gekümmert haben, was Ferdinand de Saussure persönlich gedacht hat, vielmehr war unser Inte-
resse auf einen Text gerichtet, dessen Wortlaut seit 1915 jene Rolle gespielt hat, die sich inzwi-
schen auf ein ganzes System von Lesarten, Einflüssen, Mißverständnissen, Anleihen und Zurück-
weisungen usw. ausgewirkt hat. Was man aus dem Cours [...] herauslesen und was man nicht aus
ihm herauslesen konnte, war für uns jenseits jeder verborgenen und ‚wahren‘ Intention F. de
88 | II Entfaltung der Problemstellung

zu fordern, ist dann legitimiert, wenn eine entsprechende Bedeutungs- und Inter-
pretationskonzeption als verpflichtend anerkannt wird.82 Auch das muß nicht der
Fall sein und ist es oft genug auch nicht. In dieser Hinsicht verläßt die Interpreta-
tionskritik mithin die Ebene der Kritik interpretatorischer Ergebnisse und führt zu
einer Konfrontation auf der Ebene der Wahl der ‚richtigen‘ Bedeutungs- und In-
terpretationskonzeption.
Der Aufweis bestimmter theoretischer Voraussetzungen bei der Kritik einer
Interpretation, die stillschweigend von der Identifikation des interpretierten
Textexemplars als Substitut-Text für einen Ziel-Text ausgeht, weist den Weg zu
einer radikalen Position, die nicht allein die Erfüllung solcher Voraussetzungen
fallweise den Umständen anheimstellt, sondern die ihre generelle Erfüllbarkeit
bezweifelt oder sie – aus welchen Gründen auch immer – als unerwünscht zu-
rückweist. Dieser Position zufolge gibt es keine Substitut- und Ziel-Texte; mithin
keine asymmetrische Stellvertretung. In der Konsequenz führt das zu einem text-
theoretischen Egalitarismus. Dieser besagt, daß ein Textexemplar nur die Textvor-
kommnisse vertreten kann, die mit ihm intern übereinstimmen, so daß sie sich

||
Saussures von Bedeutung. Und selbst wenn man entdecken würde, daß dieser Text einen ande-
ren verdeckt hat – man wird es immer nur mit Texten zu tun haben –, ihn in einem ganz bestimm-
ten Sinn verdunkelt hat, so wird die von uns vorgeschlagene Lektüre aus diesem Grund allein noch
lange nicht hinfällig werden.“ (Letzte Hervorhebung von mir; als Beispiel kann auch die Bemer-
kung bei Klein 1986, Anm. 2, S. 90, dienen). – Auch wenn dieses Verteidigungsargument Derridas
durch die Überlegungen zur Stellvertretungsbeziehung gerechtfertigt erscheint, so heißt das
nicht, das dies auch für die Strategie seiner Kritik gilt. Ungeklärt bleibt z. B., wie Derrida die für
seine Interpretation und Kritik zentralen Konzepte der „Intention“ und der „Geste“ einzuführen
vermag (Id. 1967, S. 53; vgl. auch die Formulierungen S. 77, S. 79f.). Zu Derridas Saussure- und
Linguistik-Kritik vgl. u. a. Pavel 1972, Parret 1975, Strozier 1988, S. 160ff., ohne daß dort ausführ-
licher auf das bezeichnete Problem eingegangen wird. – Vgl. schließlich die Frage bei Patterson
1985, S. 89/90, die unbeantwortet bleibt: „To put the issue in almost embarrassingly practical
terms, would a deconstructive hermeneut be prepared to perform his interpretive work upon any
of the fifty-one manuscripts of Piers Plowman? Would it make any difference to him to read Troi-
lus and Criseyde in Root’s edition rather than in MS Gg.4.27? The point of these pedestrian and
ungenerous questions is to suggest both that deconstructive critics are perhaps vulnerable to the
charge of biting the canonical hand that feeds them and, in a larger sense, that deconstructive
theories have practical consequences that need to be taken seriously.”
82 Das läßt sich an zahllosen Beispielen illustrieren. So heißt es etwa bei Bowers 1969, S. 63:
„When a recent critic discusses Crane’s ‚A Little Pilgrimʻ and makes certain assumptions about
Crane’s literary methods on the sole basis of the book text and selects as evidence for his thesis
the original passages that Crane was later to revise in proof for the magazine version, the critical
conclusions are distorted when the reader is not informed that what the critic has to say was
applicable to the early concept of the story but less so to the final.“
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 89

gegenseitig vertreten bzw. substituieren können. Dabei handelt es sich mithin um


Textvorkommnisse, für die

(3) Wenn T2 ് T1 und T2 ‫ א‬T1, dann T1 ‫ א‬T2

gilt. Bei „T2 ‫ א‬T1“ ist T2 ein Textvorkommnis und T1 ein Textexemplar, wobei T2
von T1 vertreten wird. T1 läßt sich auch als die Menge aller von T1 vertretenen Text-
vorkommnisse auffassen. Wenn sich herausstellt, daß mit einem Text-exemplar
T1 irrtümlich eine Stellvertretung von T2 beansprucht wurde, also nicht T2 = (..T1..)
gilt, so lizensiert das nach dem texttheoretischen Egalitarismus nicht eine Kritik
an der Interpretation, deren Vorlage T1 ist, sondern lediglich die Feststellung: T2
‫ ב‬T1. Bereits an dieser Konsequenz läßt sich erkennen, daß die Position des text-
theoretischen Egalitarismus Auswirkungen auf die Evaluation von Interpretatio-
nen besitzt und damit interpretationskonzeptionell nicht folgenlos ist.83
Während der texttheoretische Egalitarismus auf der alleinigen Anerkennung
der symmetrischen Stellvertretung beruht, läßt sich im texttheoretischen Indivi-
dualismus die Position sehen, die sowohl die asymmetrische als auch die symmet-
rische Stellvertretung ablehnt. Für diese Position besteht die ‚Welt der Texte‘ nur
aus einzelnen, voneinander unterschiedenen Textvorkommnissen. Auch diese
Auffassung besitzt Konsequenzen für eine Interpretationskonzeption: Der text-
theoretische Individualismus macht es faktisch unmöglich, mit textbezogenen
Argumenten Interpretationen zu kritisieren oder zu bestätigen.
Bei der Bestimmung des Umfangs der Stellvertretung eines Textexemplars T1
= (T1,..., Tn) mag es zunächst so erscheinen, als hinge es allein vom Umfang der
für die Charakterisierung der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen als inter-
pretationsrelevant eingestuften Eigenschaften ab, welche und wie viele Textvor-
kommnisse T1 vertritt. Eine erste Schwierigkeit besteht indes darin, daß die als
relevant erachteten Eigenschaften bzw. Eigenschaftsdimensionen unterschied-
lich stark differenzierbar sein können, so daß anhand der Ausprägungen die aus-
gezeichneten Eigenschaften in variierendem Ausmaße Differenzierungen erlau-
ben. Zudem ließen sich nur dann die vorliegenden Relevanzkonzeptionen für die
Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen im Hinblick auf den Umfang der als re-

||
83 Welche Konsequenzen der texttheoretische Egalitarismus für die Wahl einer Bedeutungs-
und Interpretationskonzeption besitzt und mit welchen Annahmen er unvereinbar ist, wird wei-
ter unten geprüft.
90 | II Entfaltung der Problemstellung

levant eingestuften Eigenschaften rangordnen, wenn die Eigenschaften von Text-


vorkommnissen selbst paarweise nach ihrem Relevanzgrad verglichen und ge-
ordnet werden können.84
Eine solche Ordnung der Eigenschaften von Textvorkommnissen in bezug auf
ihren Relevanzgrad setzt jedoch eine Festlegung der Art der Relevanzkonzeption
voraus, die für die Gleichwertigkeit und Interpretation von Texten als einschlägig
gilt. Solange eine solche Auszeichnung nicht erfolgt, gibt es immer Relevanzkon-
zeptionen, die unvergleichbar sind hinsichtlich der Auszeichnung relevanter Ei-
genschaften. Die Frage nach der Vergleichbarkeit und Präferenz von Relevanz-
konzeptionen hängt nicht zuletzt davon ab, in welcher Hinsicht für die Inter-
pretation von Texten Eigenschaften von Textvorkommnissen als interpretations-
relevant eingestuft werden. Das wiederum läßt sich erst klären, wenn die Prüfung
der Anforderungen erfolgt ist, die eine Hermeneutik, das heißt eine Bedeutungs-
und Interpretationskonzeption zu erfüllen hat, um das Interpretationsproblem
zu lösen.85
Zum Abschluß der Erörterung der asymmetrischen Stellvertretungsbezie-
hung läßt sich ein Licht auf die unterschiedenen Möglichkeiten der Bestimmung
der Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen werfen – zum einen der Strategie,
anhand gemeinsamer Merkmale den Stellvertretungsbereich zu umreißen, zum
anderen der, anhand der Auszeichnung eines oder mehrerer Textvorkommnisse
die Zugehörigkeit zum Stellvertretungsbereich zu erkunden. Im Anschluß an
diese beiden Möglichkeiten lassen sich zwei Arten der Konzipierung von
Textexemplaren – eine analytische und eine synthetische – darstellen. Die Erör-
terung dieser beiden Formen der Stellvertretung setzt zugleich die Analyse der
Gleichwertigkeit von Textvorkommnissen fort.
Ein Textexemplar T1 = (T1,..., Tn) kann in der Weise konzipiert sein, daß die
zur Stellvertretung eingesetzte Relation so (implizit) definiert wird, daß nur die
Textvorkommnisse vertreten werden, die hinsichtlich bestimmter interner Eigen-
schaften und Relationen mit T1 übereinstimmen. Welchen Stellvertretungsum-
fang T1 besitzt, resultiert aus dem Ergebnis der Prüfung im Einzelfall. Im Grenzfall
– wie er bereits erwähnt wurde – gilt dann T1 = {T1}; das heißt, ein Textvorkomm-
nis vertritt sich selbst als Textexemplar. Die implizite Definition der analytischen
Stellvertretung impliziert keinen texttheoretischen Egalitarismus, da sie nicht

||
84 Danach müßte für jede Eigenschaft F und G eines Textvorkommnisses gelten: Entweder F ist
relevanter als G oder F ist in gleicher Weise relevant wie G. Die erste Relation ist asymmetrisch,
transitiv und irreflexiv, die zweite Relation ist symmetrisch, transitiv und reflexiv.
85 Vgl. Kapitel VI.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 91

ausschließt, daß daneben auch eine asymmetrische Stellvertretung besteht. Dem-


gegenüber impliziert der texttheoretische Egalitarismus, daß allein eine analyti-
sche Vertretung vorliegt.
Neben der analytischen Bestimmung der Stellvertretung gibt es eine synthe-
tische Formulierung der Stellvertretungsrelation. Obwohl diese Form der Vertre-
tung oftmals wie selbstverständlich unterstellt wird, beruht sie auf einer beson-
deren Entscheidung. Bei der synthetischen Stellvertretungsbeziehung wird der
durch Ts zu substituierende Ziel-Text Tz unabhängig von der Erfüllung festgelegter
interner Übereinstimmungen direkt oder indirekt benannt, also: Ts = ({Tz}). Die
Stellvertretungsleistung eines Textexemplars Ts = (T1,..., Tm) ist synthetisch, wenn
die folgende Bedingung erfüllt ist:

(4) Es gibt ein Tj, Tj ‫ א‬Ts, so daß Ts ‫ ב‬Tj gilt.

Diese unabhängige Benennung von Tz macht die Annahme der Stellvertretung


von Tz durch Ts zu einer Art empirischer Behauptung. Die Charakterisierung der
synthetischen Vertretungsrelation führt zu einer Reihe von Ramifikationen, de-
nen hier im Einzelnen nicht detailliert nachgegangen zu werden braucht. Heraus-
gegriffen seien lediglich Ramifikationen, welche die Konsequenzen der Wahl ei-
ner auf ein bestimmtes Textvorkommnis orientierten Bestimmung der
Gleichwertigkeit beleuchten.
Bei dem Ziel-Text muß es sich nicht um ein einziges Textvorkommnis han-
deln. Es kann eine Menge von Ziel-Texten – bestehend etwa aus Fassungen, Va-
rianten, Erstdrucken, „historische Textfassungen“86 – sein, die durch Ts vertreten
werden sollen, also Ts = (Tz*, Tz**, Tz*** ...). Die durch Ts zu vertretende Menge kann
aber auch als gleichwertig gelten; sie kann in der Darstellung durch ein
Textexemplar repräsentiert werden, also Ts = (Tz). Für Tz gilt, daß die Stellvertre-
terbeziehung symmetrisch ist. Ts = (Tz) ist zugleich die einfachste Variante einer
komplexen Stellvertretung, bei der zumindest zwei Stellvertretungsbeziehungen
beteiligt sind.
Die Erfüllung der Bedingung unter (4) schließt mithin nicht aus, daß eine syn-
thetische Stellvertretungsbeziehung auch eine analytische Stellvertretungsleis-
tung umfaßt, und sie läßt offen, ob es sich um eine symmetrische oder asymmet-
rische Vertretung handelt – zum Beispiel Ts = (Tz; T1,..., Tm), wobei im Hinblick auf
Tz eine asymmetrische und synthetische, im Hinblick auf (T1,..., Tm) eine symmet-
rische und analytische vorliegen soll. Es kann für Tz (bzw. für Tz) aber auch ver-
schiedene Textexemplare Ts*, Ts**, Ts***... geben, für die gelten soll:

||
86 Zur Bestimmung der „historischen Textfassung“ vgl. Scheibe 1991, S. 29f.
92 | II Entfaltung der Problemstellung

(5)(i) Tz ‫( א‬Ts* ‫ ת‬Ts** ‫ ת‬Ts*** ‫)… ת‬

(5)(ii) Ts*, Ts**, Ts*** … ‫ ב‬Tz

(5)(iii) Ts* ‫ ב‬Ts**; Ts* ‫ ב‬Ts***...

(5)(iv) Ts** ‫ ב‬Ts*; Ts** ‫ ב‬Ts***...

(5)(v) Ts*** ‫ ב‬Ts*; Ts*** ‫ ב‬Ts**...

usw.

Das heißt, Ts*, Ts**, Ts***... sind Substitut-Texte für Tz, die sich untereinander nicht
vertreten können. Sie bilden eine Art Familie von Textexemplaren, die in be-
stimmter Hinsicht – im Blick auf spezielle Fragestellungen der Forschung, auf ein
bestimmtes, bei der Interpretation entproblematisiertes Wissen – den Ziel-Text Tz
substituieren sollen. Wird in (5)(iii) (Ts* ‫ ב‬Ts**) durch (Ts* ‫ א‬Ts**) und in (5)(iv) (Ts** ‫ב‬
Ts*) durch (Ts** ‫ א‬Ts*) ersetzt, dann liegen die entsprechenden Vertretungsbezie-
hungen zwar vor, aber die Vertretung muß nicht transitiv sein, das heißt, daß
nicht zwangsläufig Ts*** auch Ts* vertritt.
Die analytische und synthetische Art, Textexemplare zu konzipieren, haben
unterschiedliche Konsequenzen. Das läßt sich an der folgenden Behauptung ab-
lesen:

(6) I(T) ‫( ר‬Ti ‫ א‬T) ՜ I(Ti)

Das heißt, wenn I eine (wahre) Interpretation des Textexemplars T ist, dann ist I
auch eine (wahre) Interpretation jedes Textvorkommnisses, das von T vertreten
wird. Angenommen, eine analytische Bestimmung der Stellvertreterbeziehung
berücksichtigt alle (qualitativen) Eigenschaften und internen Relationen, die in-
terpretationsrelevant sind, dann gilt die Behauptung (6) uneingeschränkt. Gilt
I(Ti) als falsch – also ൓ I(Ti) –, dann folgt aus (6):

(7) ൓ (I(T) ‫( ר‬Ti‫ א‬T))

Die beiden Möglichkeiten, die (7) eröffnet – nämlich auf ൓ I(T) oder auf (Ti ‫ א‬T) zu
schließen –, werden durch die analytische Bestimmung der Stellvertreterbezie-
hung auf
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 93

(8) I(T) ‫( ר‬Ti ‫ ב‬T)

eingeschränkt. Das heißt, daß nach der analytischen Stellvertretung der Schluß
nicht gegen die aufgestellte Interpretation, sondern gegen den Umfang der Stell-
vertretung gerichtet wird. Neben (6) steht die Behauptung:

(9) ൓ (I(T) ‫( ר‬Ti ‫ א‬T) ՜ ൓ I(Ti))

Mit Hilfe von (9) läßt sich die analytische Bestimmung der Stellvertretung wie
folgt charakterisieren:

(10) (Ti ‫ א‬T) ՜ (I(T) ‫ ؠ‬I(Ti))

Also: Wenn ein Textvorkommnis Ti durch ein Textexemplar T analytisch vertreten


wird, dann ist eine Interpretation von Ti wahr (zulässig) genau dann, wenn sie
von T wahr (zulässig) ist. „Wahr“ ist im Folgenden lediglich ein Kürzel zur Kenn-
zeichnung von Interpretationen, die (im Rahmen einer Bedeutungs- und Interpre-
tationskonzeption) hinsichtlich ihrer Geltung ausgezeichnet werden. Anhand der
Behauptung unter (6) läßt sich der Unterschied zwischen der analytischen und
der synthetischen Stellvertretungsbeziehung in der folgenden Weise aufzeigen.
Das Analogon zu (6) für die synthetische Stellvertretungsbeziehung lautet:

(11) I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts) ՜ I(Tz)

Diese Behauptung muß nicht generell gelten; denn der Ziel-Text Tz kann Eigen-
schaften besitzen, die interpretationsrelevant sind, aber von Ts nicht bewahrt
werden, gleichwohl – und im Unterschied zur analytischen Stellvertretung – ge-
hört Tz dem Stellvertretungsbereich von Ts an. Wenn ൓ I(Tz) gilt, dann würde in
Analogie zu (7) geschlossen werden:

(12) ൓ (I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts))

Das heißt, die Konsequenz aus ൓ I(Tz) führt zur Wahl zumindest einer der beiden
Möglichkeiten: der Zurückweisung der Interpretation oder des gegebenen Stell-
vertretungsanspruchs. Im Unterschied zur analytischen – vergleiche (8) – wird
bei der synthetischen Stellvertretungsrelation die Möglichkeit auf

(13) ൓ I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts)


94 | II Entfaltung der Problemstellung

eingeschränkt. Für die synthetische Stellvertretung gilt mithin nicht die Behaup-
tung unter (11), sondern die abgeschwächte Behauptung:

(14) I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts) ‫ ר‬൓ B(Tz) ՜ I(Tz)

In (14) wird eine Klausel hinzugefügt – ൓ B(Tz) –, durch die ausgeschlossen wird,
daß Tz Eigenschaften aufweist, die für die Fragestellungen der Interpretation des
gewählten Substitut-Textes Ts interpretationsrelevant sind, die Ts aber nicht be-
sitzt. Ist jetzt ൓ I(Tz) gegeben, dann kann aufgrund von (14) und (13) auf

(15) (Tz ‫ א‬Ts) ‫ ר‬൓ (B(Tz) ‫ ר‬I(Ts))

geschlossen werden. Die beiden verbleibenden Möglichkeiten sind nicht gleich-


rangig. In jedem Fall wird auf ൓ I(Ts) geschlossen, eventuell auch auf (൓ B(Tz) ‫ר‬
൓ I(Ts)). Neben (14) gilt auch:

(16) ൓ I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts) ‫ ר‬൓ B(Tz) ՜ ൓ I(Tz)

Für die synthetische Stellvertretungsbeziehung ergibt sich – im Unterschied zu


der unter (10) für die analytische – mithin die folgende Bestimmung:

(17) (Tz ‫ א‬Ts) ‫ ר‬൓ B(Tz) ՜ (I(Ts) ‫ ؠ‬I(Tz))

Nach (14) gilt:

(18) I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts) ՜ I(Tz) ‫ ש‬B(Tz)

Das heißt, (18) bringt zum Ausdruck, daß selbst dann, wenn B(Tz) nicht gegeben
ist – es mithin Eigenschaften gibt, die für Tz als interpretationsrelevant eingestuft
werden, die aber nicht bei Ts vorliegen –, I dennoch eine (wahre) Interpretation
für Tz sein kann. Dieses Ergebnis läßt sich zu einer präziseren Bestimmung der in-
terpretationsrelevanten Eigenschaften von Texten und zu einer Differenzierung
der synthetischen Stellvertretung nutzen. Die Präzisierung besteht darin, daß
nicht jede interpretationsrelevante Eigenschaft auch interpretationsdifferenzie-
rend sein muß.
Nach dieser Präzisierung ist es mithin möglich, daß zwei Texte sich hinsicht-
lich der nach einer gewählten Bedeutungs- und Interpretationskonzeption als in-
terpretationsrelevant ausgezeichneten Eigenschaften unterscheiden, ihnen aber
dennoch dieselbe (wahre) Interpretation zugewiesen werden kann, so daß beide
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 95

Texte als bedeutungsgleich gelten. Das entspricht der Auffassung, daß unter-
schiedliche Texte trotz ihrer Unterschiede synonym sein können, daß ein und die-
selbe Bedeutung auf unterschiedliche Weise durch einen Text wiedergegeben
werden kann. Die Differenzierung zwischen nur interpretationsrelevant und auch
interpretationsdifferenzierend läßt sich bestreiten, und es gibt Auffassungen, die
sie in bestimmter Hinsicht nicht teilen.
Der Unterscheidung zwischen interpretationsrelevant und interpretations-
differenzierend steht die Ansicht entgegen, nach der alle Eigenschaften eines Tex-
tes bedeutungsdifferenzierend sind. Eine solche Position impliziert, falls sie un-
eingeschränkt formuliert wird, einen texttheoretischen Individualismus, und sie
ist aus diesem Grund zumindest intuitiv unplausibel. Neben der Auffassung, daß
es ‚strenggenommen‘ – und das heißt im Hinblick auf eine bestimmte Konzeption
der Synonymie – überhaupt keine bedeutungsgleichen Texte gibt,87 finden sich
Ansichten, die diesen Zweifel auf bestimmte Textsorten einschränken, etwa auf
literarische Texte;88 schließlich kann lediglich bezweifelt werden, ob zwei Texte
unterschiedlicher Textsorten bedeutungsgleich sein können, etwa ein Text und
seine Interpretation.89
Worin auch immer die Einschränkung bestehen mag, entscheidend ist, daß
die Feststellung des interpretationsdifferenzierenden Charakters von Eigenschaf-
ten eines Textes nicht ein Ergebnis der Interpretation ist, sondern eine Annahme

||
87 Der Zweifel an der Synonymie im Hinblick auf Ausdrücke ist keine Entdeckung etwa der
sprachanalytischen Philosophie dieses Jahrhunderts, sondern sie gehört zu den Standardannah-
men (sie findet sich etwa bei Gabriel Girard in seinem Buch La justesse de la langue francaise von
1718, vgl. den Hinweis bei Gauger 1972, S. 435, oder wie selbstverständlich bei Weißhuhn 1795,
S. 46, Anm.*, wo es heißt, daß es synonyme Ausdrücke in „cultivierten Sprachen gar nicht ge-
ben“ könne). Bei Schleiermacher 1809/10, S. 1290, heißt es z. B., „daß es keine strenge[n] Syno-
nyme giebt“, und als Grund wird u.a. angenommen: „daß nicht in einer und derselben Sprache
ein und dasselbe Schema durch zwey Zeichen ausgedrückt wird, ist ein eben so nothwendiger
Grundsatz, als daß nicht einem und demselben Worte zwey Schemata zum Grunde liegen. Es
ließe sich kein Princip für das Gegenteil auffinden.“ – Bei Gauger 1972 wird Synonymität als Er-
scheinung der Sprachäußerung aufgefaßt und „synonymische“ sowie „nicht-synonymische Kon-
texte“ unterschieden. Die Annahme, es gebe keine synonymen Ausdrücke (in einer Sprache),
muß mithin nicht die Annahme implizieren, zwei Texte seien nicht bedeutungsgleich. Vgl. bereits
die Überlegungen von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf zu der Frage „Was ist übersetzen?“
(Id. 1892, S. 7; zu diesem einflußreichen Aufsatz auch Rüdiger 1938; zu Wilamowitz’ eigener Über-
setzungspraxis am Beispiel von Aischylos’ Agamemnon und im Vergleich mit den Übersetzungen
von Daniel Jenisch und Wilhelm von Humboldt vgl. Poltermann 1991, auch Apel 1982, S. 153ff.;
zu den Aufführungen Flashar 1985).
88 Vgl. etwa Schmidt 1968, S. 293, nach dem sich im Unterschied zur „Alltagssprache“ die „Ge-
dichtsprache“ dadurch auszeichnet, „daß hier – im Idealfall – kein Wort ersetzbar ist [...]“.
89 Vgl. Abschnitt V.1.
96 | II Entfaltung der Problemstellung

der gewählten Bedeutungskonzeption. Der mit der hier getroffenen Unterschei-


dung unvereinbare bedeutungskonzeptionelle Holismus identifiziert vorab inter-
pretationsrelevant mit interpretationsdifferenzierend. Konsequenterweise kön-
nen nach einer entsprechenden Version des bedeutungskonzeptionellen Holis-
mus zwei hinsichtlich ihrer interpretationsrelevanten Eigenschaften unterschied-
liche Texte nicht bedeutungsgleich sein; ihnen kann nicht dieselbe (wahre) Inter-
pretation zugewiesen werden.
Wird die Position des bedeutungskonzeptionellen Holismus berücksichtigt,
dann lassen sich zwei Typen der synthetischen Stellvertretungsbeziehung unter-
scheiden. Werden interpretationsrelevante und interpretationsdifferenzierende
Eigenschaften identifiziert, dann gilt nicht nur (16), sondern auch:

(19) I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts) ‫ ר‬B(Tz) ՜ ൓ I(Tz)

Das heißt: Weist der Ziel-Text Tz interpretationsrelevante Eigenschaften auf, die


Ts nicht besitzt, dann ist I keine (wahre) Interpretation von Tz. Statt der unter (18)
wiedergegebenen ergibt sich die folgende Beziehung:

(20) I(Ts) ‫( ר‬Tz ‫ א‬Ts) ՜ (I(Tz) ‫ ר‬൓ B(Tz)) ‫( ש‬൓ I(Tz) ‫ ר‬B(Tz))

Mit (20) wird das Charakteristikum dieses Typs synthetischer Stellvertretung zum
Ausdruck gebracht, nämlich daß es sich bei B um Eigenschaften handelt, die in
jedem Fall Interpretationen differenzieren.
Im Unterschied zu der Charakterisierung des ersten Typs der synthetischen
Stellvertretung – unter (17) – hat die des zweiten die folgende Form:

(21) (Tz ‫ א‬Ts) ՜ (൓ B(Tz) ‫ ר‬I(Ts) ‫ ؠ‬I(Tz))

Mit den vorangegangenen Überlegungen zur Unterscheidung von analytischer


und synthetischer sowie zwischen zwei Typen synthetischer Stellvertretung ist
allerdings nicht gesagt, wann I eine Interpretation von T ist,90 geschweige denn,
wann I als eine wahre Interpretation von T gelten kann.
Die synthetische Bestimmung eines Textexemplars spielt eine zentrale Rolle
bei der Textedition. Ausschlaggebend für die Anerkennung des Status als substi-
tuierendes Textexemplar sind Editionstheorien.91 Ein Substitut-Text Ts eines Ziel-

||
90 Vgl. Abschnitt V.1.
91 Diese Theorien („Editionstechniken“) bestehen aus (operationalen) Defintionen und Hand-
lungsanweisungen, unter Umständen auch aus Begründungen für die gewählten Definitionen
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 97

Textes Tz, gegebenenfalls eines Textvorkommnisses Tz oder auch eines „werkge-


netischen Textkomplexes“92 mit Varianten und Fassungen (Tz*, Tz**, Tz*** ...), er-
hält den Status eines editorischen Textexemplars bzw. eines entsprechenden
Substitut-Textes TE, wenn es sich bei Ts um einen autoritativen Text handelt.93 Der
Ausdruck „autoritativer Text“ ist nicht so zu verstehen, als werde unterstellt, jede
Edition beanspruche, den ‚richtigen‘ Text wiederzugeben. Es gibt Editionskon-
zeptionen, die dergleichen anstreben, und solche, die das nicht tun – nicht zu-
letzt aufgrund der heftig umstrittenen Prinzipien, die für ein Konzept des ‚richti-
gen‘ Textes Voraussetzung sind. „Autoritativ“ bezieht sich nicht auf die
Textvorlage bzw. den Ziel-Text oder die der Textvorlage in der Edition verliehene
Gestalt, sondern auf den editorischen Text selbst, das heißt auf die Menge von
Textvorkommnissen, die das Ergebnis der betreffenden editorischen Unterneh-
mung sind.
Die Relation des autoritativen Textes ist (zumindest) dreistellig: Ts ist ein au-
toritativer Text für Tz im Hinblick auf die (internen) Eigenschaften E. TE erlangt
diesen Status unter drei Bedingungen:
Erstens, daß nach der Editionstheorie, die der Bildung von TE zugrunde ge-
legt wird, die Eigenschaften von Tz als bewahrenswert gelten, die für den inter-
pretatorischen Zugriff auf Tz über die Stellvertretung durch Ts relevant sind; zwei-
tens, daß die – mehr oder weniger impliziten – interpretatorischen Annahmen,
die an dem Übergang von Tz zu Ts beteiligt sind, sich mit der gewählten Bedeu-
tungs- und Interpretationskonzeption vereinbaren lassen; drittens, daß die expli-
ziten Richtlinien der herangezogenen Editionstheorie als Autoritativmacher gel-
ten können, das heißt, daß die Befolgung dieser Richtlinien die Konservierung
der angezielten Eigenschaften E von Tz durch Ts zu gewährleisten vermag.
Von diesen drei Bedingungen ist die erste erläuterungsbedürftig, während
die zweite zu einem heiklen Problem zu führen scheint.94 Bei der ersten Bedin-
gung kann sich die Frage stellen, inwieweit der verwendete Begriff der relevanten
Eigenschaften, die durch eine Edition TE hinsichtlich des Ziel-Textes Tz bewahrt
werden sollen, nicht zu einer Relativierung auf eine Bedeutungs- und Interpreta-
tionstheorie führt. Um diese Frage zu prüfen, sei angenommen, daß es für einen

||
und den vorgeschlagenen Regeln (vgl. als Beispiele etwa Scheibe 1971; ferner Zeller 1971 und
1979).
92 Vgl. zu diesem Ausdruck z. B. Kreutzer 1976, S. 10.
93 Der autoritative Text ist vom autorisierten zu unterscheiden; zur Autorisation vgl. u. a.
Scheibe 1990.
94 Auf die dritte braucht im Weiteren nicht eingegangen zu werden, da sie zu speziellen Prob-
lemen der Editionstechnik bzw. Editionstheorie führt.
98 | II Entfaltung der Problemstellung

Ziel-Text Tz zwei verschiedene Texteditionen TE* und TE** gibt. Die Stellvertreter-
beziehung zwischen diesen Editionen und Tz ist synthetisch. Aufgrund der Frage-
stellung ist hierbei nicht die Bestimmung unter (14) zu wählen, sondern die zu (6)
analoge, nämlich die unter (11). Der Annahme verschiedener Editionen entspre-
chend heißt das, daß die folgenden beiden Beziehungen vorliegen:

(22)(1) (Tz ‫ א‬TE*) ՜ (I(TE*) ‫ ؠ‬I(Tz))

(22)(2) (Tz ‫ א‬TE**) ՜ (I(TE**) ‫ ؠ‬I(Tz))

Die Schwierigkeit bei (22)(1) und (22)(2) besteht nicht darin, daß die (wahren) Inter-
pretationen I(TE*) und I(TE**) unterschiedlich sein können; denn unterschiedliche
Interpretationen eines Textes müssen nicht unvereinbar sein als (wahre) Interpre-
tationen des Ziel-Textes Tz. Problematisch wird dies erst dann, wenn zudem Fest-
legungen über den Umfang der bewahrten Eigenschaften von Tz ausbleiben, die
im Fall einer Edition (Tz ‫ א‬TE*) bzw. (Tz ‫ א‬TE**) rechtfertigen. Fehlen Festlegungen
solcher Art, dann kann bereits eine minimale Übereinstimmung mit Tz – etwa eine
neue literarische Verarbeitung von Tz – dazu führen, daß die (wahre) Interpreta-
tion dieser Verarbeitung auch als (wahre) Interpretation des Ziel-Textes gilt. Um
von einem editorischen Text-Substitut zu sprechen, ist mithin eine Charakterisie-
rung des Bewahrungsumfanges erforderlich. Wie läßt sich aber von vornher-ein
bestimmen, wie der minimale Bewahrungsumfang im Fall eines editorischen
Text-Substituts auszusehen hat?
An dieser Stelle scheint der Rückgriff und damit die Relativierung auf eine
Bedeutungs- und Interpretationskonzeption unausweichlich zu werden, da sie
genau diese Frage zu beantworten erlaubt. Durch eine Bedeutungs- und Interpre-
tationskonzeption werden zum einen die interpretationsrelevanten Eigenschaf-
ten von Texten – mithin auch von Tz – festgelegt; zum anderen impliziert sie –
unabhängig von den zwischen solchen Konzeptionen herrschenden Differenzen
– die Forderung, so viele Eigenschaften wie möglich zu bewahren, die für eine
Interpretation des Textes als relevant angesehen werden. Umgehen ließe sich
diese Relativierung, wenn auf ein generelles Maximierungsprinzip (und Minimie-
rungsprinzip) zurückgegriffen werden kann.
Während die Maximierungsforderung (und Minimierungsforderung) im Rah-
men einer bestimmten Bedeutungs- und Interpretationskonzeption auf die nach
dieser Konzeption für relevant erachteten Eigenschaften bezogen bleibt, ist das
generelle Maximierungs- und Minimierungsprinzip von einer solchen Begrenzung
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 99

frei.95 Wird dieses Prinzip für die editorischen Text-Substitute unterstellt, dann
scheint die Relativierung ignoriert werden zu können, so daß Editionen bedeu-
tungs- und interpretationskonzeptionell unabhängig werden. Wenn E(TE**/ Tz)
die durch TE** bewahrten Eigenschaften von Tz darstellt und A(TE**/ Tz) Verände-
rungen („Texteingriffe“; „Emendationen“), die als solche nicht markiert sind,
dann lassen sich – unter (23) zusammengefaßt – Bedingungen formulieren, die
eine bedeutungs- und interpretationskonzeptionelle Relativierung überflüssig
machen96:

(23) (E(TE*/ Tz) ‫ ك‬E(TE**/ Tz)) ‫( ר‬A(TE**/ Tz) ‫ ك‬A(TE*/ Tz))

Unter den Bedingungen von (23) gilt

(24) (Tz ‫ א‬TE*) ՜ (Tz ‫ א‬TE**)

Entscheidend ist, daß dann auch gilt:

(25) (I(TE*) ‫ ؠ‬I(Tz)) ՜ ((I(TE**) ‫ ؠ‬I(Tz))

Vor dem Hintergrund des unterstellten Maximierungs- und Minimierungsprinzips


spielt eine Relevanzkonzeption mithin keine Rolle, wenn eine der Bedingungen

||
95 Vielleicht läßt sich als Ausdruck eines generellen Maximierungs- und Minimierungsprinzips
auch die in der Entwicklung der Textedition häufig festgestellte Tendenz sehen, die von der Kon-
struktion eines (geschlossenen) ‚kritischen Textes‘ aus einem vorliegenden Textkomplex zuneh-
mend zu der Dokumentation seiner Genese, von Fassungen und Varianten und damit der Aus-
richtung an strengeren Regeln für die Zulässigkeit von „Texteingriffen“ übergeht (vgl. zum
„Texteingriff“ z. B. die Arbeiten Hans Zellers – Id. 1971 und 1985). – Zur Geschichte der Edition
und Editionstheorie vgl. u. a. Timpanaro 1971, Kenney 1974, Lutz-Hensel 1975, Schmidt 1988; zu
einer umfangreichen bibliographie raisonnée Fuhrmann 1978.
96 Damit soll selbstverständlich nicht insinuiert werden, nachfolgende Editionen würden –
selbst von den weiter unten erörterten Einschränkungen abgesehen – wenigstens in der Regel
diese Bedingungen faktisch erfüllen. Ein kritisches Beispiel sind etwa die Editionen Adolf Frisés,
sofern man der eingehenden Kritik bei Zeller 1982 folgt (dort auch die entsprechenden bibliogra-
phischen Angaben). Resümierend (S. 241) wird festgehalten, daß durch diese Editionen frühere
nicht überholt, „oft nicht einmal erreicht“ werden, wobei auf die Ausgaben bei Bausinger 1964
und Corino 1974 sowie auf die von Marie-Louise Roth (vgl. Musil 1965) hinzuweisen ist. Die Män-
gel der Edition insbesondere des Nachlasses von Der Mann ohne Eigenschaften hatte seinerzeit
zu heftigen Auseinandersetzungen geführt (vgl. hierzu z. B. Hohendahl 1966); zu den Problemen
der Musil-Edition vgl. auch Roth/Schröder-Werle/Zeller (Hg.) 1981 sowie Roth 1987. – Vgl. zur
mangelnden Vergleichbarkeit und Kontinuität von Editionen ferner Scheibe 1987.
100 | II Entfaltung der Problemstellung

unter (23) gegeben ist. Allerdings werden dadurch nicht alle Möglichkeiten aus-
geschöpft. Das ist offenkundig, wenn keine der beiden Editionen TE* und TE** alle
Eigenschaften, die jeweils die andere bewahrt, ebenfalls bewahrt, oder wenn
keine von beiden die (markierten) Veränderungen der anderen einschließt. Also
wenn beispielsweise die folgende Konstellation gegeben ist:

(26) (E(TE*/ Tz) ‫( ת‬E(TE**/ Tz)) ് E(TE*/ Tz) ് E(TE***/ Tz)

Diese Konstellation wäre unproblematisch, wenn davon ausgegangen werden


könnte, daß ein editorisches Substitut TE*** für Tz möglich ist, das das Bewah-
rungswürdige von TE* und TE** bewahrt; eine Konstellation mithin, für die

(27) (TE* ‫ ׫‬TE**) ‫ ك‬TE***

gilt. Mit Neueditionen wird ein solcher Anspruch häufig verbunden, wie etwa die
kritische Auseinandersetzung mit vorangegangenen Editionen belegt. Inwieweit
er erfüllt ist oder die Bedingungen unter (23) gegeben sind, hängt von einem Prob-
lem ab, das mit der zweiten Bedingung für das Vorliegen eines autoritativen Tex-
tes in Zusammenhang steht. Die zweite Bedingung fordert, daß die interpretatori-
schen Annahmen, die beim Übergang von Tz zu einem editorischen Substitut-Text
TE gemacht werden, sich mit der für die Interpretation von TE gewählten Bedeu-
tungs- und Interpretationskonzeption vereinbaren lassen. Problematisch er-
scheint diese Bedingung, da mit ihr supponiert wird, daß Interpretationen in die
Edition eingehen können – eine Unterstellung, die Auswirkungen besitzt auf die
voraufgegangene Erörterung der Abhängigkeit der Edition von Relevanzkonzep-
tionen, die durch die Wahl von Bedeutungs- und Interpretationskonzeptionen
bestimmt werden.
Zunächst soll ein Aspekt der Fragestellung ausgeklammert werden.97 Dieser
Aspekt findet sich in Formulierungen angesprochen, bei denen im Zusammen-
hang mit der Edition etwa – um nur ein Beispiel von vielen zu geben – von dem
„Faktischen, das immer schon als interpretiertes in die weiteren Überlegungen
eingeht“,98 die Rede ist. Die Verwendungsweise des Ausdrucks „interpretieren“,
der in diesem Fall vorzuliegen scheint, trivialisiert die Fragestellung; denn was
wäre uns danach nicht immer schon als etwas gegeben, das interpretiert ist? Der

||
97 Ausgeklammert werden ebenso andere externe Korrekturen der aufgrund der Überlieferung
nahegelegten editorischen Entscheidungen etwa anhand metrischer Unvereinbarkeiten (zu ei-
nem Beispiel Woesler 1991, S. 65).
98 Kreutzer 1976, S. 10.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 101

nichttriviale Kern der Fragestellung findet sich in der Regel unter dem Thema
„Edition und Interpretation“ behandelt;99 und es gibt eine Reihe detaillierter Er-
örterungen, in denen das Erfordernis der Interpretation bei der Edition – das
heißt bei der Konstituierung eines Substitut-Textes – an editorischen Beispielen
dargelegt bzw. deutlich wird.100 Hinsichtlich der Rolle, die Interpretationen bei
der Textkonstituierung spielen, sind allerdings zwei Fragen zu unterscheiden:
Die der Konstituierung eines Textes betrifft die Frage nach der Abhängigkeit edi-
torischer Entscheidungen von Interpretationen, und die seines Kommentars be-
trifft die Frage nach der Aufnahme interpretierender Ausführungen in den beige-
fügten Kommentar. Beide Fragen werden nicht immer klar voneinander
geschieden.101 Von Inter-esse ist im vorliegenden Zusammenhang allein die nach
dem Rückgriff auf eine Interpretation bei der Konstituierung eines Textes, also
beim Übergang von Tz zu TE.102 Nicht selten findet sich in diesem Zusammenhang

||
99 Vgl. etwa Hay/Woesler (Hrsg.) 1981 oder Stötzel (Hg.) 1985.
100 Zu interpretatorischen Annahmen bei textkritischen Entscheidungen vgl. u. a. Zeller 1971,
S. 48f., Solms 1974, Neumann 1981 und 1982, Stackmann 1983, Kortländer 1985, McGann 1985,
Patterson 1985 mit einer Kritik an der Unterscheidung zwischen „external“ und „internal evi-
dence“ im Blick auf die Zuschreibung als ‚subjektiv‘ bzw. ‚objektiv‘, Hinck 1987, Woesler 1991;
kritisch aber auch Roloff 1972, S. 27ff. – Es sollte an dieser Stelle zumindest darauf hingewiesen
werden, daß interpretationsbestimmte Emendationen von Texten (Handschriften) mitunter auch
zurückgewiesen werden, und zwar durch Interpretationen, die zumindest nicht a limine von ge-
ringerer Plausibilität sind und die den Text- bzw. Handschriftenbefund bewahren (vgl. zu einem
Beispiel im Hinblick auf Pascals Pensées Norman 1985). Vgl. ferner die ausführliche Behandlung
der interpretatorischen Sicherung der Edition im Fall der umstrittenen Textgestalt von Hölder-
lins Hymne Die Nymphe Mnemosyne bei Roland-Jensen 1989 (dazu jetzt die ausführliche Kritik
bei Schmidt 1991).
101 So betreffen z. B. die Überlegungen in Mähl 1979, S. 110ff., die zweite, aber nicht die erste
Frage.
102 Zum Kommentar vgl. die Beiträge in Frühwald/Kraft/Müller-Seidel (Hg.) 1975, ferner Koop-
mann 1987, jüngst Proß 1992; auch die Hinweise bei Tervooren 1989. Bei Joost 1987, S. 184/85,
wird die Ergänzung der Edition um den Kommentar im Hinblick auf die Transparenz der editori-
schen Entscheidungen gerechtfertigt. Allerdings scheint der Rückgriff auf die alte Unterschei-
dung zwischen „niederer“ und „höherer Kritik“ (S. 186) nicht zielführend zu sein. Der Kommen-
tar – ebenso wie die Edition – wird für die Interpretation erst dann ein sinnvolles Unternehmen,
wenn bestimmte bedeutungs- und interpretationskonzeptionelle Voraussetzungen eingegangen
werden. Diese gehören keineswegs zum durchgängig geteilten Bestand. Die Ergebnisse selbst des
mit äußerster Akribie und methodischer Reflexion durchgeführten Kommentars kann aus dem
Blick bestimmter bedeutungs- und interpretationskonzeptioneller Vorannahmen vollkommen
irrelevant, an den Zielen der Interpretation vorbeiführend sein. Es gibt keine sozusagen vertikale
Trennungslinie zwischen Kommentar und Interpretation. – Auf den Wandel, der im Hinblick auf
den Ausdruck „Kommentar“ insbesondere im Anschluß an Foucault eingetreten ist (vgl. auch
die Übernahme bei Fohrmann 1988), kann an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.
102 | II Entfaltung der Problemstellung

die Behauptung, „Hermeneutik“ und „(Text-)Kritik“ seien nicht nur nicht zu tren-
nen,103 sondern ihre Abhängigkeit führe zwangsläufig zu einem (hermeneuti-
schen) Zirkel:104 Die Textkonstituierung beruhe auf Interpretation, und die Inter-
pretation beruhe auf dem (konstituierten) Text – ein Befund, der die editorischen
melancholici in die Verzweiflung und die interpretatorischen Frohnaturen in die
Ignoranz zu treiben droht. Es ist gleichwohl nicht so, daß zwangsläufig die Gefahr
eines hermeneutischen Zirkels besteht.105
Bei interpretatorisch fundierten Entscheidungen beim Übergang von Tz zu TE
lassen sich zwei Aspekte unterscheiden: erstens, die partielle Interpretation von
Texten; zweitens, ihre Unterdeterminiertheit.
Der erste Aspekt erlaubt, die interpretatorischen Entscheide beim Übergang
von Tz zu TE als partielle Interpretationen von Tz aufzufassen.106 Texte können in
unterschiedlichen Graden interpretiert sein.107 Entscheidend ist in diesem Zusam-

||
103 Vgl. z. B. Schleiermacher in Id. 1974, S. 79* (= Randbemerkung von 1828), für den die „Aus-
übung einer jeden [scil. Hermeneutik und Kritik] die andere voraussetzt“. Während seiner Her-
meneutik entsprechend Schleiermacher den ‚operativen‘ Voraussetzungscharakter anspricht
(vgl. Kapitel VI), heißt es bei Friedrich Schlegel (vgl. Id. 1797, S. 34): „Hermeneutik und Kritik
sind absolut unzertrennlich dem Wesen nach; ob sie gleich in Ausübung, Darstellung getrennt
werden können, [...].“ Auch wenn es die Kommentatoren mitunter anders sehen, wird hier nicht
von einem vitiosen Zirkel gesprochen. Bei Boeckh 1886, S. 178/79, heißt es: „Da man hierbei [scil.
der Lösung der hermeneutischen und der kritischen Aufgabe] zur Vermeidung der petitio princi-
pii beständig von dem einen zum anderen übergehen muss, können in der Ausübung Kritik und
Hermeneutik nicht gesondert werden; keine von beiden kann der anderen in der Zeit vorausge-
hen.“ Zu Boeckhs Auffassung vgl. auch Pflug 1975. – Zu einem jüngsten Beispiel: „Ohne Interpre-
tation ist keine Textkritik durchführbar. Textkritik und Interpretation bedingen einander“ (Pol-
heim 1991, S. 54).
104 Vgl. z. B. die Bemerkung bei Allemann 1954, S. 9, im Hinblick auf Heiddeggers Textände-
rungen bei seiner Hölderlin-Ausdeutung. Nach Strelka 1987, S. 33, bedingen sich „Edition und
Interpretation gleichsam wie im hermeneutischen Zirkel“. Für den Kleist-Mitherausgeber Roland
Reuß ist das eher noch eine „verharmlosende Redeweise“ (Reuß 1989, S. 10).
105 Von einer Art Abhängigkeit spricht Eichstädt 1797, S. 6ff., und bei Stein 1815, 1. Abschnitt,
§ 7, Anm. 1, S. 68, heißt es: „Hier hat man also einen nicht undeutlichen Beweis von der innigen
Verwandschaft der Hermeneutik und Kritik. Sie müssen immer wechselseitig Licht auf einander
werfen, so daß die niedere Kritik der Interpretation vorausgeht und eine höhere [...] ihr nach-
folgt.“ – Ulrich Joost spricht in diesem Zusammenhang zwar auch von einem hermeneutischen
Zirkel (vgl. Id. 1987, S. 185), ohne offenbar eine der ‚bedrohlichen‘ Deutungen dieses Zirkels im
Auge zu haben.
106 Vgl. in diesem Zusammenhang auch das von Polheim vorgeschlagene Editionskonzept,
nach dem der textkritischen Edition die sie tragende Interpretation gleich beizufügen ist (so Id.
1980, S. VIIIf., in der Einleitung zu einer entsprechenden Edition Ferdinand von Saars).
107 Vgl. hierzu Kapitel VI.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 103

menhang, daß eine partielle Interpretation nicht nur mit einer einzigen vollstän-
digen (bzw. vollständigeren) Interpretation des Textes vereinbar sein muß: Parti-
elle Interpretationen können auf unterschiedliche Weise erweitert, also ver-voll-
ständigt werden. Daraus folgt zudem, daß auch unvereinbare (alternative)
Interpretationen eines Textes mit einer vorliegenden partiellen Interpretation
desselben Textes vereinbar sein können. Werden die interpretatorischen Ent-
scheide beim Übergang von Tz zu TE als partielle Interpretationen aufgefaßt, dann
besteht zumindest die Möglichkeit, sie als entproblematisiertes Wissen bei der In-
terpretation von TE anzunehmen. Das heißt: Editionen beruhen zwar auf Ent-
scheidungen, die auf Interpretationen zurückgreifen, aber diese Interpretationen
müssen aufgrund der Problemsituation der Edition nicht entscheidend sein.
Damit ist nicht ausgeschlossen, daß die in die editorischen Entscheide einge-
henden interpretatorischen Annahmen problematisiert werden können oder dür-
fen. Nur ist keine Interpretation des editorischen Text-Substituts gezwungen,
eine solche Problematisierung vorzunehmen, weil grundsätzlich von einer Unver-
einbarkeit zwischen partieller Interpretation und der im Zuge der Edition ange-
strebten Interpretation auszugehen sei.108
Wenn im Zuge der Interpretation des Textes die zunächst entproblematisierte
partielle Interpretation Ip(T) zurückgewiesen wird, weil sie mit einer vollständi-
geren Interpretation Iv(T) unvereinbar ist, so braucht das noch nicht dazu zu füh-
ren, daß die anhand von Ip(T) getroffenen texteditorischen Entscheidungen D(T)
ebenfalls korrigiert werden müssen. Denn wenn (Ip(T) ՜ D(T)) gilt und sich her-
ausstellt, daß Iv(T) und Ip(T) unvereinbar sind, mithin (Iv(T) ՜ Ip(T)) nicht vorliegt,
dann folgt daraus nicht schon, daß auch (Iv(T)) ՜ D(T)) nicht gilt. Das heißt: Eine
vervollständigte Interpretation muß nicht zwangsläufig zur Korrektur der text-
editorischen Entscheide führen, wenn sie unvereinbar ist mit der partiellen Inter-
pretation, die diesen Entscheiden zugrunde gelegt wurde.
Nach einer Regel herkömmlicher Logik wird angenommen, daß eine Verstär-
kung der Prämissen, aus denen etwas folgt, die logischen Folgerungen bewahrt.
Also – wobei (A ՜ B) nicht als logisch falsch gelten soll – :

||
108 Das wäre womöglich erst dann zwingend, wenn die partielle Interpretation – entgegen den
Ausführungen im obigen Text – ihre Vervollständigung eindeutig determiniert, so daß das ent-
problematisierte Wissen so umfangreich wäre, daß sich eine Interpretation des Textes erübrigt.
– Selbstverständlich können Interpretationen die Textüberlieferungen problematisieren, und
der Konflikt zwischen Überlieferung und Interpretation kann zugunsten der Interpretation ent-
schieden werden (vgl. als Beispiel die Interpretation des ersten Merseburger Zauberspruches, auf
die in Abschnitt II.2 hingewiesen wird).
104 | II Entfaltung der Problemstellung

(28) Wenn (A ՜ B), dann (A ‫ ר‬C ՜ B)

Stellt sich heraus, daß (A ‫ ר‬C ՜ ൓ B) vorliegt, also eine Bewahrung der logischen
Folgerungen nicht gegeben ist, dann wird daraus gefolgert, daß A und C unver-
einbar sind, und in dem Fall, wo nicht zugleich auch ((A ‫ ר‬C) ՜ B) gilt, daß A
stillschweigend korrigiert wurde. Es gibt Gründe dafür, den Vorgang des Interpre-
tierens von Texten und dem der Abfolge korrigierter Interpretationen nicht durch
die unter (28) formulierte Monotonie-Eigenschaft herkömmlicher Logiken zu re-
präsentieren.109 Für das Verhältnis von Iv(T), Ip(T) und D(T) führt das zu der fol-
genden Konsequenz: Es besteht die Möglichkeit, daß Iv(T) ՜ Ip(T)) und Ip(T) ֜
D(T), aber nicht (Iv(T) ฺ D(T)) gilt. Die vollständigere Interpretation Iv(T) kann
demnach die partielle Ip(T) umfassen, ohne daß sie die gleichen Entscheidungen
D(T) wie Ip(T) stützt. In diesem Fall folgt aus einer Entproblematisierung von Ip(T)
nicht schon automatisch die Bewahrung von D(T). Aufgrund einer umfassende-
ren Interpretation kann es zur Korrektur von D(T) kommen, obwohl die partielle
Interpretation, durch welche die D(P) gerechtfertigt wurden, beibehalten wird.
Die beiden erörterten Fälle machen deutlich, daß selbst dann, wenn editori-
sche Entscheidungen auf partiellen Interpretationen beruhen, es noch immer ei-
nen größeren Spielraum der Korrektur des einen und der Bewahrung des anderen
geben kann, als zumeist angenommen wird. Entscheidend ist nicht allein die
Frage, ob eine Edition von Interpretationen abhängig ist – und vice versa –, son-
dern in welchem Grad dies der Fall ist. Der Hinweis, mitunter auch das Insistieren
auf eine Abhängigkeit von Edition und Interpretation macht es, sofern keine ent-
sprechenden Differenzierungen vorgenommen werden, unerklärlich, wie das
eine korrigiert werden und das andere bewahrt bleiben kann. Für die Beziehung
zwischen Interpretationen ist die differenziertere Beziehung zwischen Bewah-
rung auf der einen, Korrektur auf der anderen Seite in einem Vorgang von bislang
nicht ausgeschöpfter Rekonstruktionskraft.110
Resümierend läßt sich festhalten: Für die Entproblematisierung des ange-
sprochenen Wissens über T ist allein erforderlich, daß sich die partiellen Interpre-
tationen mit der ihren Vervollständigungen zugrunde gelegten Bedeutungs- und
Interpretationskonzeption vereinbaren lassen.111 Das, was bei der Erstellung ei-

||
109 Zur Erörterung nicht-montoner Logiken vgl. u. a. die Beiträge in Artificial Intelligence
13 (1980).
110 Vgl. auch Kapitel VI.
111 Die hier vorgelegte Auffassung ist mit Zeller 1987 vereinbar, soweit es seine Überlegungen
etwa auf S. 156 oder 158 betrifft.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 105

nes zur Stellvertretung bestimmten Textexemplars geschieht, läßt sich mithin we-
der mit Lachmanns recensio sine interpretatione112 noch mit der Umkehrung re-
censio per interpretatione angemessen beschreiben.
Der zweite Aspekt erlaubt die Abgrenzung der interpretatorischen Entscheide
beim Übergang von Tz zu TE von theoretischen Entscheidungen und Annahmen,
die die Wahl eines Editionskonzeptes betreffen. Das gewählte Editionskonzept ist
durch das vorliegende Textmaterial motiviert, nicht aber determiniert.113
Das läßt sich in der folgenden Weise erläutern. Mengen als gleichwertig gel-
tender Textvorkommnisse können wiederum zusammengefaßt oder aufeinander
bezogen werden, ohne daß die so verbundenen Textvorkommnisse als gleichwer-
tig gelten. Es werden mithin geordnete Mengen von Mengen gleichwertiger Text-
vorkommnisse gebildet. Eine solche Anordnung von Textmengen kann unter un-
terschiedlichen Gesichtspunkten unternommen werden: Es kann sich um
verschiedene zeitlich aufeinander folgende Bearbeitungen eines Werkes, um das
Oeuvre eines Autors, um eine motivgeschichtliche Reihe handeln. Mengen von
Textmengen spielen mithin sowohl bei der Edition als auch bei der Interpretation
eine Rolle.
Die Bildung einer – in welcher Weise auch immer – geordneten Textmenge
hängt nicht weniger als die Zusammenfassung gleichwertiger Textvorkommnisse
von theoretischen Annahmen und den bei der Edition oder Interpretation vorlie-
genden Fragestellungen ab: Auch in diesem Fall werden Eigenschaften von Tex-
ten als relevant ausgezeichnet. Im Unterschied jedoch zur Zusammenfassung
gleichwertiger Textvorkommnisse sind bei der Bildung geordneter Textmengen
nicht nur Eigenschaften relevant, die Textvorkommnisse gemeinsam besitzen,
sondern auch Eigenschaften, die sie nicht gemeinsam aufweisen.
Die Bestimmung von Textfassungen und -ausgaben eines Werkes ist ein Bei-
spiel für die Bildung einer zeitlich geordneten Menge von Textmengen. Im Unter-
schied zur Konzipierung des Textexemplars spielen hierbei neben den sog. Texti-
dentitäten die Textdifferenzen eine gleichrangige Rolle. Die Probleme bestehen in
der Auszeichnung eines Bezugstextes Tz, auf den bezogen Tz*, Tz**, Tz*** ... zum
Beispiel als Textfassungen aufgefaßt werden sollen. Zweifellos sind nicht schon
Kriterien ausreichend, die sich allein auf den Grad der Übereinstimmung der in-
ternen Eigenschaften und Relationen beziehen, um die zu berücksichtigenden

||
112 In der Praefatio zu seiner Ausgabe des Neuen Testaments heißt es (Id. 1842, S. V): „[...] re-
censere [...] sine interpretatione et possumus et debemus [...].“ Vgl. auch Lutz-Hensel 1975,
S. 295ff.
113 Vgl. als Beispiel hierzu die Kritik bei Verweyen 1988 an Editionskonzepte, die das „Werk als
Prozeß“ auffassen, anhand der textuellen Gegebenheiten bei der Barockliteratur.
106 | II Entfaltung der Problemstellung

Textvorkommnisse hinsichtlich ihres Charakters als Textfassungen (irgendeiner


Stufe) oder als unabhängige bzw. eigenständige Texte für die Edition einzustufen.
Hohe Ähnlichkeit schließt ebenso wenig Textunabhängigkeit aus wie geringe
Ähnlichkeit Textabhängigkeit.114
In das Editionskonzept gehen mithin Vorentscheidungen ein, beispielsweise
zur Fixierung des zu konstituierenden Ziel-Textes.115 Solche Vorausgriffe legen
fest, welche Gestalt der konstituierte Text annehmen soll, etwa als aus den Über-
lieferungen rekonstruierter ‚Originaltext‘, ob und in welcher Weise Fassungen
und Varianten berücksichtigt, Emendationen vorgenommen werden u. dgl.116 Die
unterschiedlichen theoretischen Entscheide, die der Formulierung eines Editi-
onskonzeptes zugrunde liegen, sind nicht unabhängig voneinander; sie sind in
einen theoretischen Rahmen von Annahmen eingespannt. Die Einbettung in der-
artige Rahmen kann bei den Editionskonzeptionen zu divergierenden Bestim-
mungen bei übereinstimmender Terminologie führen, etwa bei der Festlegung
von Begriffen wie „Entstehungs-“ und „Überlieferungsvarianten“ eines Textes.117
Entscheidungen der genannten Art sind durch die vorliegenden textuellen
Gegebenheiten nicht erzwungen. Die Kluft zwischen Textgegebenheit und den

||
114 Als Beispiele für die Klassifikation als eigenständige Werke bei weitreichenden Übereinst-
immungen vgl. die Überlegungen Michel Riffaterres (Id. 1985), für den Rimbauds Gedicht O sai-
sons, ô châteaux, das sich einmal in der Sammlung Les Illuminations, zum anderen in Une Saison
en Enfer findet und in beiden Fällen nur relativ geringfügig abweicht, nicht zwei Fassungen des-
selben Gedichts sind, sondern „wholly different poems“ darstellen; vgl. ferner die Ausführungen
Norbert Oellers’ zu Schillers ‚Gedichtvarianten‘ „Das Reich der Schatten“, „Das Reich der For-
men“ und „Das Ideal und das Leben“ (Oellers 1981). – Vgl. auch die Kritik bei Martens 1981, insb.
S. 78/79, an der Hölderlin-Ausgabe Beißners (vgl. zu dem entworfenen Editionskonzept auch
Martens 1982).
115 Vorentscheidungen dieser Art werden durch unterschiedliche textbezogene Annahmen ge-
steuert. Das kann von ästhetischen über gattungstheoretische bis zu kreativitätspsychologi-
schen Vorannahmen reichen. Zu der Vorsteuerung von Editionen anhand gattungstheoretischer
Annahmen im Fall von Goethes Maximen und Reflexionen vgl. Fricke 1990 (auch Id. 1984,
S. 105ff.).
116 Vgl. u. a. Zeller 1979, S. 35/36: „Die Bildung editorischer Begriffe und editorische Entschei-
dungen sind ihrerseits abhängig von expliziten und impliziten literaturtheoretischen Konzepten.“
Vgl. auch Scheibe 1982.
117 Diese beiden Bezeichnungen gehen auf Friedrich Beißner zurück (vgl. Id. 1964). Für Beißner
wird anhand dieses Unterschiedes zugleich die Aufgabe der altphilologischen Edition, die na-
hezu ausschließlich an den Überlieferungsvarianten orientiert sei, von der neuphilologischen,
die vornehmlich die Entstehungsvarianten in den Blick nehmen (solle), geschieden. Zur Verwen-
dung dieser beiden Ausdrücke vgl. auch die Hinweise bei Zeller 1979, S. 31–34; zur Forderung der
Präzisierung und Vereinheitlichung der editorischen bzw. textologischen Terminologie auch
Scheibe 1987.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 107

Grundsätzen editorischer Bearbeitung eines Textmaterials wird indes auch nicht


durch Interpretationen geschlossen. Sie wird verringert durch die Aufgabe, die
der Edition zugewiesen oder deren Erfüllung von ihr erwartet wird. In die Aufga-
benbeschreibung gehen Annahmen – etwa kunsttheoretischer Art – ein;118 zu die-
sen Aufgaben kann die Interpretation des Ziel-Textes gehören und damit die Cha-
rakterisierung der Interpretation im Blick auf eine bestimmte Bedeutungs- und
Interpretationskonzeption.119
Wird vor dem Hintergrund der vorangegangenen Überlegungen die Frage
nach der Relativierung der Editionstheorie auf eine Bedeutungs- und Interpreta-
tionskonzeption aufgenommen, dann erscheint die Unterdeterminiertheit des
Editionskonzepts das Problem darzustellen, bei dem eine solche Relativierung
unausweichlich zu werden droht: Hier scheint die Grenze erreicht zu sein, wo die
unter (23) und (27) formulierten Bedingungen für ein uneingeschränktes Maximie-
rungs- und Minimierungsprinzip gegeben sind. Weder die Kontinuität zunehmen-
der Bewahrung noch die Überbietung inkompatibler Editionen scheint sich über
den Rahmen vorgängiger Festsetzungen hinwegsetzen zu können. Bei näherer
Betrachtung läßt sich dem jedoch entgegenhalten, daß die Überbietung zwar
durch die theoretischen Vorentscheide begrenzt wird, daß diese aber letztlich
durch editionsökonomische Entscheidungen bestimmt sind120:
Die theoretischen Vorentscheidungen führen zu Auswahl und Gewichtung
bei der Edition. Die Textmenge des Ziel-Textes Tz*, Tz**, Tz*** ... wird limitiert, und
es wird für diese Textmenge eine Gewichtung formuliert, indem ein textueller Zu-
stand ausgezeichnet wird, der sozusagen die Folie für die verschiedenen Formen
der Abweichungen bildet.121 Prinzipiell läßt sich die Limitierung der Textmenge

||
118 Als ein Beispiel für alle kann Herbert Krafts Formulierung herangezogen werden. Für ihn
(Kraft 1982, S. 5) dient die Editionsphilologie „als Wissenschaft dem immanenten gesellschaftli-
chen Ziel der Kunst“; sie „bekennt sich zu dem gesellschaftlichen Inhalt, der in den Werken ob-
jektiviert ist, dort seine Ausdrucksform sucht, weil er in der real existierenden Gesellschaft noch
nicht besteht“. Eine Konsequenz dieser Annahme für das Editionskonzept ist die Ablehnung ei-
nes „rekonstruierten“ Textes (vgl. Id. 1982, S. 6).
119 So ist z. B. für eine über die Wirkungsgeschichte argumentierende Interpretation nahelie-
gend, daß für die Edition Erstdrucke wie gegebenenfalls Folgedrucke Priorität gewinnen. Auf die
Zusammenhänge zwischen Aufgabenstellung und editorischen Konzepten braucht hier nicht
weiter eingegangen zu werden.
120 Zur Edition aus der Sicht der Verlage vgl. u. a. Göpfert 1971. Hierzu ferner die in dem Jahr-
buch der deutschen Schillergesellschaft stattgefundenen Debatte (34 [1990], S. 398–428, und 35
[1991], S. 347–358), nicht zuletzt der abschließende Beitrag von Müller-Seidel (Id. 1991).
121 Zur Erörterung des Textbegriffs im Hinblick auf Fragen der Edition vgl. neben bereits er-
wähnten und zu erwähnenden Untersuchungen Hay 1987, auch Espagne 1987.
108 | II Entfaltung der Problemstellung

sukzessive erweitern, die Auszeichnung eines Textzustandes – ‚erster‘ oder ‚letz-


ter Hand‘ oder welcher auch immer122 – vermeiden, indem alle Textzustände als
gleichberechtigt angesehen und in gleicher Weise dokumentiert werden. Ein sol-
ches Vorgehen stößt jedoch offensichtlich an ökonomische Grenzen.123 Während
sich die Aufgabe des Gewichtungsaspektes eventuell durch darstellungsökonomi-
sche Regeln kompensieren ließe,124 ist das im Fall des Auswahlaspektes nicht
möglich. Bei ihm müssen die Entscheidungen im Hinblick auf die ökonomischen
Zwänge letztlich willkürlich getroffen werden – Entscheidungen, die allerdings
im Blick auf das gewählte Editionskonzept und den angestrebten Zweck der Edi-
tion anhand theoretischer Annahmen und praktischer Gründe durchaus gerecht-
fertigt sein können. Mithin ist es letztendlich das Problem der praktischen Reali-
sierbarkeit, das bestimmte Entscheidungsprobleme der Edition auferlegt und auf
diese Weise eine Relativierung auf bedeutungs- und interpretationskonzeptio-
nelle Annahmen erzwingt.
Die Edition – die Konstituierung eines autoritativen Textes – beruht auf einer
synthetischen Stellvertretungsbeziehung. Wird dieser Sachverhalt berücksich-
tigt, dann läßt sich sogar bestimmen, worin das nicht unterschreitbare Minimum
der bedeutungs- und interpretationskonzeptionellen Annahmen besteht, auf die
hin die Konstituierung eines autoritativen Textes relativiert ist. Es wurde bereits
darauf hingewiesen, daß die Möglichkeit synthetischer Stellvertretung bestritten
werden kann und in der Tat auch bestritten wird. Die Edition eines Textes hat,
wenn sie als ein sinnvolles Unternehmen angesehen werden soll, zum einen sol-
che Annahmen vorauszusetzen, nach denen eine synthetische Stellvertretung
möglich, zum anderen solche, nach denen die angestrebte Stellvertretung rele-
vant für die Interpretation des edierten Textes ist. Das läßt sich an einer Vielzahl
editorischer ‚Prinzipien‘ nachweisen. Ein Beispiel mag genügen. So ist für Sieg-
fried Scheibe das „oberste Prinzip“ der Edition, keine Mischtexte herzustellen,
denn es handelt sich dabei um eine „Textform [...], die der Autor in dieser Form
nicht gewollt hat, die niemals existierte“.125 Der kontaminierte Text kann zwar

||
122 So konzipiert Siegrfied Scheibe z. B. die „frühe Hand“ (vgl. Id. 1991, S. 36/37).
123 Vgl. z. B. Müller-Seidel 1987, S. 245.
124 Etwa nach der Regel, den Textzustand zu wählen, bei dem sich die Abweichungen der an-
deren Textzustände am wenigstens aufwendig kennzeichnen lassen. Eine solche Regel trifft al-
lerdings mitunter auf Darstellungsprobleme, die einen Paralleldruck empfehlenswert erschei-
nen lassen wie etwa im Fall der drei entscheidenden Handschriften des Nibelungenliedes, vgl.
Batts (Hg.) 1971.
125 Scheibe 1971, S. 41.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 109

aus „lauter autorisierten Varianten“ bestehen, diese bilden indes „im neuen Zu-
sammenhang eine neue, nicht autorisierte Fassung“.126 An diesen Formulierun-
gen wird deutlich, daß das Edieren von Texten nur bei bestimmten interpretati-
onstheoretischen Voraussetzungen erforderlich ist und die Eigenschaften, die bei
einem edierten Text geschaffen werden, keineswegs für jede Bedeutungs- und In-
terpretationskonzeption relevant sind. Das heißt: Es gibt Bedeutungs- und Inter-
pretationskonzeptionen, nach denen der Rückgriff auf einen in bestimmter Weise
edierten Text oder der Rückgriff auf das ‚Original‘ nur fakultativ ist. Ihnen zufolge
gibt es keine Argumente, die auf die synthetischen Stellvertretungsbeziehungen
gestützt werden und die gegen eine Interpretation sprechen können – ihr Status
ist bestenfalls affirmierend.127
Erst wenn die Texte so genommen werden, wie sie sind – das heißt, wenn
ihnen keine Stellvertretung abverlangt wird –, entfällt eine Unterscheidung zwi-
schen textual judgment und interpretive criticism. Und umso anspruchsloser die
Stellvertertung ist, desto weniger Problem wirft eine solche Trennung auf.128
Editionen sind Texte wie alle anderen, und es läßt sich mit ihnen alles das
machen, was mit anderen Texten auch gemacht werden kann, nämlich sie zum
Gegenstand beliebiger Zwecke werden zu lassen. Gleichwohl setzt das zielgerich-
tete Handeln, das zu einer Edition führen soll – wenn es sich gegenüber der belie-
bigen Produktion von Textvorkommnissen nicht in erster Linie aufgrund seiner
Kostenträchtigkeit unterscheiden soll –, voraus, daß die Interpretation des Ziel-
Textes nicht beliebig ist. Die Beliebigkeit der Interpretation macht jede editori-
sche Bemühung von vornherein irrelevant. Allein deshalb schon ist die Edition
nicht mehr neutral gegenüber Bedeutungs- und Interpretationskonzeptionen,
auch wenn sie nicht zu verhindern vermag, einen Text zu produzieren, der Gegen-
stand beliebiger Interpretationen werden kann.
Das Vorliegen eines im obigen Sinne autoritativen Textvorkommnisses TE hat
nicht zur Folge, daß es auch das Textexemplar für die zu unternehmende Inter-
pretation bilden muß, auch wenn die Interpretation auf Tz zielt und TE – gemessen
an den akzeptierten Kriterien – der autoritative Text für Tz ist. Es ist ohne Zweifel
legitim, einen anderen, mit dem autoritativen Text TE nicht (vollkommen) über-
einstimmenden Text T als Textexemplar und mithin als Interpretationsvorlage zu
wählen. Das ist schon deshalb nicht ausgeschlossen, da – wie oben ausgeführt

||
126 Id. 1971, S. 59.
127 Der Blick läßt sich aber auch in die andere Richtung werfen, nämlich auf die Ignorierung
texttheoretischer Probleme im Rahmen von Interpretationskonzeptionen (verstreute Hinweise
finden sich z. B. bei Parker 1984).
128 Die Bemerkung bei Warren 1985, S. 35, geht vielleicht in diese Richtung.
110 | II Entfaltung der Problemstellung

wurde – die Wahl eines Textexemplars von den spezifischen interpretatorischen


Fragestellungen in einer konkreten Forschungssituation und dem als entproble-
matisiert angenommenen Wissen zu Tz abhängt. Die begrifflichen Komplexitäten,
die sich aus der weiteren Analyse dieser Konstellationen ergeben, brauchen im
Detail hier nicht weiter verfolgt zu werden. Ein Exempel mag zur Illustration ge-
nügen.
Als Exempel kann die Verwendung eines von einer autoritativen Textedition
TE abgleiteten autoritativen Textexemplars TEA dienen. Der Ausdruck des abgelei-
teten autoritativen Textes ist eine fünfstellige Relation: TEA ist ein von TE, der für
Tz im Hinblick auf E autoritativ ist, hinsichtlich der Eigenschaften E° abgeleiteter
autoritativer Text. Sie besteht aus fünfundzwanzig Partialrelationen, während
die dreistellige des autoritativen Textes aus vier besteht.129 Die folgende schema-
tische Darstellung veranschaulicht diese Relation, wobei M und M° jeweils Men-
gen von Eigenschaften sind:

(29) M Mo

TZ

TE TEA

Die dreistellige Relation <TE, Tz, M> liegt als die des autoritativen Textes bereits
vor und die dreistellige Relation <TEA, Tz, M°> entspricht ihr. Mithin verbleiben
vier der zehn zweistelligen Partialrelationen, nämlich <TE, TEA>, <M, M°>, <TE,
M°> und <TEA, M>. Wichtig sind hierbei die Relationen zwischen TE und TEA sowie
zwischen M und M°: Bei <TE, TEA> ist die Angabe der Art und Weise der Abkunft
des Textes TEA von TE entscheidend, um TEA autoritativ werden zu lassen;130 für
die Relation <M, M°> ist zu fordern, daß M° ausschließlich Eigenschaften umfaßt,
die den Eigenschaften M angehören, die TE konserviert, mithin M° ‫ ك‬M gilt. Der
abgeleitete autoritative Text ist ein wichtiges Konzept für die Textinterpretation.

||
129 Die fünfundzwanzig Partialrelationen bestehen aus fünf vierstelligen, zehn dreistelligen
und zehn zweistelligen. Das ergibt sich aus der Formel, die zur Berechnung der Newtonschen
Binominalkoeffizienten aufgestellt wurde. Für eine m-stellige Relation heißt das, daß sie, wobei
n = 2, ..., m-1, (m)n Partialrelationen umfaßt.
130 Diese Relation ist irreflexiv, asymmetrisch und transitiv.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 111

Wie dieses Konzept auch immer näher gefaßt, das heißt: wie die Auswahl der re-
levanten Eigenschaften und die Beziehungen zwischen M° und M sowie zwischen
TEA und TE auch immer festgelegt werden mag, es bringt zum Ausdruck, daß die
Forschungssituation, in der die Interpretation unternommen wird, durch variable
Substitute hinsichtlich der Stellvertretung befriedigt werden kann.131
Durch drei Bemerkungen können die bisherigen Überlegungen zu ihrem für
den vorliegenden Zusammenhang ausreichenden Abschluß gebracht werden.
Erstens, ebenso wie die Vermutung, ein autoritatives Textvorkommnis be-
wahre nicht die für die angestrebte Interpretation relevanten Eigenschaften des
Ziel-Textes Tz, kann sich die Vermutung als Irrtum erweisen, TEA weise die Eigen-
schaften auf, die für die in einer gegebenen Forschungssituation vorliegenden in-
terpretatorischen Fragestellungen interessant sind: Forschungssituationen sind
offen strukturiert – oder sie sollten es zumindestens sein; sie können zu unvorher-
sehbaren Fragestellungen und damit zu neuen Ansprüchen an die Textvorlage
führen, die TEA nicht zu erfüllen vermag. Die Wahl von TEA (ebenso wie die von TE)
kann bei der synthetischen Stellvertretung anhand mangelhaften Wissens erfol-
gen; sie ist eben nicht – wie bei der analytischen Stellvertretung – per definitio-
nem gesichert. Das gilt auch für die Auszeichnung von M° (bzw. von M).
Die zweite Bemerkung betrifft die durch Editionstheorien gesteuerte Bestim-
mung des Ziel-Textes und den Übergang zu einem autoritativen Text. Es ist offen-
kundig, daß die Edition von Texten nicht nur fortwährend mit Übertragungsfeh-
lern zu rechnen hat,132 sondern daß vermutlich jede Edition auch auf Ent-
scheidungen beruht, die im Rahmen der gewählten Editionstheorie willkürlich
sind.133 Zum einen kann die Willkürlichkeit daher rühren, daß die in der anleiten-
den Editionstheorie formulierten Regeln zur Sachfestlegung und zur Konservie-
rung einen Entscheidungsspielraum nicht auszuschließen vermögen, zum ande-
ren aber auch daher, daß das vorliegende Wissen nicht nur mangelhaft ist,
sondern sich aufgrund der Gegebenheiten auch nicht verbessern bzw. ergänzen
läßt.
Diese Willkürlichkeit betrifft auch die definitorische Festlegung des Ziel-Tex-
tes. Sie wirft nicht geringe theoretische Probleme auf und die Identifikation eines

||
131 Bis in die jüngste Zeit hat die Stellvertretungsbeziehung im Zusammenhang mit dem abge-
leiteten autoritativen Text keine Aufmerksamkeit gefunden; eine Ausnahme bilden jüngst die
editionstheoretischen Überlegungen bei Scheibe 1991 zu der Stellvertretung ‚autorisierter‘, aber
verlorener Texte durch ‚unautorisierte‘, die damit zu „historischen Textfassungen“ avancieren.
Hierbei handelt es sich um einen Spezialfall des abgeleitet autoritativen Textes.
132 Zu einem Hinweis auf verschiedene Kontrollverfahren vgl. Joost 1987, S. 189ff.
133 Eine andere Frage ist, inwieweit die gewählte Editionstheorie selbst als willkürlich gilt.
112 | II Entfaltung der Problemstellung

‚Originaltextes‘ stellt sich – selbst wenn von den intrikaten Problemen hand-
schriftlicher Vorlagen, Fassungen und Varianten abgesehen wird – nicht selten
als kontrovers heraus.134 Auch das hat in vielen Fällen nicht zuletzt Gründe in den
empirischen Gegebenheiten. Als Beispiel mag der erste spanische Schelmenro-
man La vida de Lazarillo de Tormes, y de sus fortunas y aduersidades dienen,135
der im selben Jahr an drei verschiedenen Orten und in drei unterschiedlichen Fas-
sungen als Erstdruck erschien, während nicht einmal der Name seines Verfassers,
geschweige denn eine Druckvorlage bekannt ist.136 Daß Erstausgaben selbst kor-
rekturbedürftig sein können, ist ebenso wenig umstritten wie das Faktum, daß
aufgrund der Entwicklungsgeschichte es unmöglich erscheint, einen sozusagen
von Varianten befreiten ‚Originaltext‘ zu konstruieren.137 Ganz abgesehen sei
schließlich von den Problemen, die sich stellen, wenn editionstheoretische mit
ästhetischen Kriterien der Auswahl verbunden werden.138

||
134 Es gibt zahlreiche Beispiele, auf die nicht im einzelnen hingewiesen zu werden braucht; vgl.
zu einigen Hinweisen z. B. Pearsall 1985.
135 Titel nach der Ausgabe „Amberes, 1554“.
136 Vgl. den Faksimile-Abdruck aller drei Ausgaben bei Báez 1959. – Daß es unter bestimmten
Bedingungen möglich ist, gleichdatierte Drucke hinsichtlich ihrer Priorität zu unterscheiden,
zeigt die Untersuchung bei Boghardt 1979 zu Klopstocks Messias.
137 Als Beispiel vgl. die Entwicklungsgeschichte von Chaucers The Canterbury Tales, die sich in
einer kaum überschaubaren Menge an Varianten niederschlägt, vgl. die Edition Manly/ Rickert
(Hg.) 1940 (dazu Dempster 1946 und 1948, Rydland 1972; jüngst Blake 1979, 1981a und 1985, so-
wie Benson 1981).
138 Einen Hinweis liefert die Bemerkung T. S. Eliots zu Cyril Tourneurs Vers in The Revengerʼs
Tragedy „The poor benefit of a bewildering minute...“: „(Bewildering is the reading of the ‚Mer-
maid‘ text; both Churton Collins and Mr. Nicoll give bewitching without mentioning any alterna-
tive reading: it is a pity of they be right, for bewildering is much the richer word here.)“ (Eliot
1930, S. 192). In der Edition von John Churton Collins heißt es (Id. 1878, III,5, S. 83): „For the
poore benefit of a bewitching minute?“ Ebenso in den Ausgaben von W. Carew Hazlitt (vgl. Tor-
neur 1875, S. 60) und Allardyce Nicoll (vgl. Id. [Hg.] 1929). Nebenbei bemerkt, die Verfasserschaft
von Tourneur ist heftig umstritten, vgl. zur Diskussion der Autorschaft Schoenbaum 1955, S. 153–
182, und Id. 1966, S. 200–217, Frost 1968, S. 254–261. – In eine andere Richtung weist dagegen
Karl Konrad Polheims Vorschlag, dem Streit zwischen denjenigen, die den ‚Originaltext‘ als den
„letzter“, und denjenigen, die ihn als den „erster Hand“ bestimmen wollen, die aus seiner Sicht
(ästhetisch) „beste“ Fassung zu wählen (vgl. Polheim 1985, S. 328f.; auch Id. 1980, S. XI). – Zur
kontroversen Erörterung eines die Edition orientierenden Prinzips der „(final) authorial inten-
tion“ vgl. zum Teil im Hinblick auf bestimmte editorische Materialprobleme, aber zunehmend
auch im Hinblick auf allgemeine hermeneutische Überlegungen neben bereits erwähnten Arbei-
ten u. a. Parker 1971, auch Id. 1984, Tanselle 1976 und 1986, McGann 1980/81 und 1983, Mailloux
1982, Gabler 1987. Einflußreich für die Diskussion waren nicht zuletzt die Differenzierungen des
Intentionsbegriffs, die sich bei Hancher 1972 finden. Nicht zu einem geringen Teil finden sich in
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 113

Auch wenn die „Offenheit dichterischer Texte“ zugestanden wird,139 tragen


derartige Befunde nicht die mitunter an sie geknüpfte Folgerung, daß eine syn-
thetische Stellvertretung zurückzuweisen sei oder daß es den authentischen Text
als Richtschnur der Interpretation nicht gebe. Der Zweifel an der Existenz des au-
thentischen Textes ist so lange müßig, wie nicht klargelegt ist, was als „der au-
thentische Text“ verstanden wird. Wird lediglich eine Definition dieses Ausdrucks
erwartet – die bestimmten Adäquatheitsbedingungen genügt, etwa der, an-
schließbar an eine bestimmte Bedeutungs- und Interpretationskonzeption zu sein
–, dann gibt es a limine keine Argumente, welche die Unmöglichkeit einer sol-
chen Definition begründen; sondern es gibt nur Befunde, die die Nichtrealisier-
barkeit der Definition bei vorliegendem Material nahelegen. Das heißt gleichwohl
nicht, daß die Edition sich auf einen bestimmten Begriff des authentischen Textes
festzulegen hätte.
Zumeist wird indes mehr erwartet, nämlich daß eine Definition etwa des au-
thentischen Textes ‚richtig‘ sei, daß sie den ‚wirklichen‘ authentischen Text be-
stimmen soll. Der Zweifel ist bei solchen Erwartungen berechtigt, aber auch wenig
spektakulär, wenn nicht zugleich aufgezeigt wird, worin die ‚Richtigkeit‘ der ge-
suchten Definition besteht: Dieser Zweifel läßt sich immer vorbringen, ohne daß
ihm grundsätzlich begegnet werden kann – es handelt sich um eine Skepsis, de-
ren Erfolg von vornherein garantiert ist.140
Die Feststellungen, daß der Übergang von einem Ziel-Text zu einem autorita-
tiven Text unsicher ist, daß dabei auch im Rahmen der präferierten Editionstheo-
rie willkürliche Entscheidungen eingehen, daß Editionstheorien selbst um-strit-
ten sind und Editionen – zumindest unter dem Gesichtspunkt des Apparats und
Kommentars – zunehmend alterungsanfälliger zu werden scheinen,141 können

||
diesem Zusammenhang ähnliche Argumente, die im Hinblick auf eine intentionalistische Bedeu-
tungs- und Interpretationskonzeption vorgetragen werden – so z. B. explizit der Hinweis bei
Kraft 1973, S. 10 –, vgl. hierzu Danneberg/Müller 1983.
139 Zur „Offenheit dichterischer Texte“ im Hinblick auf Probleme der Edition vgl. Wehrli 1991.
140 Einen Versuch zur Verteidigung der Idee eines ‚idealen Textes‘ „as a reasonable approxi-
mation“ findet sich z. B. bei Dearing 1985. – Für Beißner 1964, S. 76, besteht das Ziel der Edition
in dem „absolut reine[n] und authentische[n] Text“, der „am Ende der Reihe der Entstehungsva-
rianten steht“.
141 Vgl. aber die Bemerkung bei Joost 1987, S. 196, Anm. 22: „Es sei aber die Frage erlaubt, ob es
sich nicht doch erst bei längerer Arbeit mit einem Kommentar wird entscheiden lassen, wie halt-
bar er jeweils wirklich ist. Erläuterungen, wie die Leitzmanns zu seiner Ausgabe von Lichten-
bergs Sudelbüchern, lassen sich zwar hier und da ergänzen – eine Neufassung aber wäre [...] fast
vollkommen unnötig.“
114 | II Entfaltung der Problemstellung

weithin als unbestritten gelten. Doch liefern solche Feststellungen nur dann ei-
nen Grund für die Zurückweisung synthetischer Stellvertretung bei der Textinter-
pretation, wenn die Alternativen strikt dichotomisch gesetzt werden: entweder
absolute Sicherheit oder jede Form der Sicherheit ist Illusion; entweder vollkom-
men willkürfrei oder alles ist willkürlich; entweder die eine ‚richtige‘ Editionsthe-
orie oder keine; entweder grenzenlos alterungsbeständig oder gleichrangig. Wer-
den die so gesetzten Alternativen nicht geteilt, dann bieten die Feststellungen
alleingenommen auch keinen Grund für skeptische Schlußfolgerungen.
Die dritte Bemerkung schließlich betrifft die Zwecke editorischer Unterneh-
mungen. Editionen sind – vielleicht abgesehen von Faksimile-Nachdrucken –
nicht nur an der Konservierung orientiert: Editionstheorien sind nicht allein Be-
wahrungs-, sondern auch Veränderungstheorien.142 Bei dem Übergang von einem
Ziel-Text Tz zu einem autoritativen Text TE lassen sich zwei Aspekte unterschei-
den: zum einen, daß TE Eigenschaften, die Tz besitzt, erhalten soll, zum anderen,
daß TE Eigenschaften aufweisen soll, die Tz nicht aufweist, und daß diese Eigen-
schaften durch die gewählte Editionstheorie sanktioniert oder gefordert sind.143
Das erste läßt sich als der Bewahrungs-, das zweite als der Veränderungsaspekt
bei Editionen auffassen.
Prinzipiell kann jede Eigenschaft des Ziel-Textes interpretationsrelevant
sein, doch kann nicht jede Eigenschaft eines solchen Textes konserviert werden.
Bei Editionen werden mithin Eigenschaften ausgewählt, und es werden Eigen-
schaften erschlossen. Selektion und Rekonstruktion erscheinen als die unaus-
weichlichen Eingriffe, die den Bewahrungsaspekt einschränken, auch wenn sie
entsprechend der gewählten Editionstheorie und den Gegebenheiten graduell
unterschiedlich gehandhabt werden können.
Der sanktionierte Veränderungsaspekt reicht von der Emendation ‚offen-
sichtlicher Druckfehler‘ – und schon das können äußerst problematische Unter-
nehmungen sein144 – über die ‚Normalisierung‘, etwa durch die ‚Vereinheitlichung

||
142 Das Kernstück der Veränderungstheorie ist die Konzeption des Textfehlers. An der Bestim-
mung des Textfehlers wird zugleich auch der Umfang deutlich, der der Veränderung im Rahmen
einer Editionstheorie zugebilligt wird; in dieser Hinsicht ist ein Vergleich der Bestimmung des
Textfehlers etwa bei Polheim 1985 und 1991, Woesler 1991, Zeller 1971 und 1987, Scheibe 1971,
1982 und 1991, Laufer 1988.
143 Vgl. auch die Bemerkung bei Warren 1985, S. 27: „Even the most sparing editor of Shake-
speare is an alterer.“
144 Vgl. kritisch z. B. Zeller 1985, S. 317ff.; zu der umfangreichen Literatur zum ‚Textfehler‘ und
seine Emendation vgl. die in Abschnitt II.1 angeführten Arbeiten.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 115

der Interpunktion‘145 – allein hierzu finden sich zahlreiche Debatten, nicht zuletzt
im Blick auf die ältere Literatur, bei der vornehmlich nach rhetorischen und in-
tonatorischen, nicht aber (allein) nach grammatischen Gesichtspunkten inter-
pungiert wurde, so etwa die seit der Jahrhundertwende geführte Diskussion über
die Interpunktion in der First-Folio-Ausgabe und den Quarto-Ausgaben Shake-
speares146 –, oder die ‚Tilgung orthographischer Unregelmäßigkeiten‘, über die
‚Modernisierung‘, die Korrektur ‚anfechtbar gewordener eigenwilliger Schreib-
weisen‘, also die Anpassung an den jeweils ausgezeichneten gegenwärtigen
Sprachgebrauch,147 etwa der Interpunktion oder der Orthographie,148 des Satz-
baus und durch die Eliminierung nicht mehr gebräuchlicher Fremdwörter, der Er-
gänzung von Wortkontraktionen oder fehlender Satzteile, bis zu ‚stilistischen
Glättungen‘ und ‚Kürzungen‘ oder der durchgehenden Abfassung in einer ‚nor-

||
145 Vgl. kritisch wiederum Zeller 1985, S. 314ff. – Zur mehr oder weniger spekulativen Ausdeu-
tung von Satzzeichen vgl. auch die Hinweise bei Adorno 1962. – Für Gadamer 1961a ist die Inter-
punktion eine „Art Selbstinterpretation“ des Dichters, die nicht „bindend“ ist; stattdessen gilt
es, zu verstehen, was „das Gedicht ‚meint‘“. Zur einschlägigen Forschung hingegen Stenzel 1970
(S. 15f. auch kritisch zu Gadamer).
146 Vgl. z. B. Alden 1924, auch Partridge 1964 (zur Überlieferungsgeschichte und zu Problemen
des Textstandes den zusammenfassenden Überblick bei Jackson 1986). Für die ältere, vom anti-
ken Latein und dem lateinischen Mittelalter ausgehende Literatur vgl. u. a. Müller 1964, Wingo
1972, Lee 1977, Parkes 1978, Besch 1981, Höchli 1981 zu den deutschen Lehrschriften der Inter-
punktion vom 15. Jahrhundert bis zu Johann Christoph Adelung, Killough 1982, 1987 und Id.1988,
auch Treip 1970, Kern 1988. Mitunter besitzen ältere Texte syntaktische Strukturen, auf die mo-
derne Interpunktionsregeln nicht anwendbar sind oder – wenn sie dennoch angewendet werden
– ihre Anwendung neue sprachliche Strukturierungen schaffen (vgl. Gärtner 1988, S. 89). – Im
Blick auf die neuere Literatur vgl. Erörterungen wie die bei Sembdner 1962 (zu Kleist), Solms
1974, S. 58ff. (zu Goethe), oder Pasley 1981 (zu Kafka). Zur Kodifizierung der neueren Interpunk-
tionsnormen vgl. Schmidt-Wilpert/Lappé 1981.
147 Zur Modernisierung nach dem Prinzip „Wahrung des ursprünglichen Lautstandes“ vgl. Zel-
ler 1985, S. 306ff., ferner Parker 1973, Solms 1974, S. 61ff., Oellers 1982. Zu einer abwägenden Ver-
teidigung vgl. im Hinblick auf die Shakespeare-Edition Wells 1984, S. 5–31. Zu speziellen Proble-
men vgl. die Untersuchung bei McLeod 1979; ferner Woesler 1986.
148 Vgl. hierzu das Bekenntnis von Hamann in einem Brief vom 9. April 1786 an Friedrich Hein-
rich Jacobi (Jacobi 1819, S. 201, Brief Nr. 46): „Meine Orthographie ist nicht einförmig, und soll es
auch nicht sein. [...] Ich schreibe Dekan mit dem K. als Anführung aus einem Buche und mit dem
c als meine eigne Anspielung nach etymologischer Form, die uns aus dem lateinischen näher als
aus dem Griechischen. Dieß gehört zu meiner Mikrologie; die mir selbst lächerlich, aber deßhalb
nicht ganz gleichgültig ist.“ – Zu Hinweisen aus der Editionspraxis neben bereits angeführter Li-
teratur auch Tarot 1971.
116 | II Entfaltung der Problemstellung

malisierten‘ Sprache, die sprachgeschichtlich gesehen ein Artefakt ist. Die Konzi-
pierung editorischer Unternehmungen reichen von „Archiv-Ausgaben“, „Histo-
risch-kritischen Ausgaben“ über „Studienausgaben“ bis zu „Leseausgaben“.149
Keine Edition ist eo ipso besser oder schlechter als eine andere.150 Weder der
Grad der Bewahrung noch der der Veränderung spielt bei ihrer Bewertung vor
dem Hintergrund bestimmter Fragestellungen, zu deren Beantwortung sie dienen
soll, allein nach dem Maximierungs- und Minimierungsprinzip eine Rolle. Die
Zwecke, denen eine Edition dienen soll, bestimmen den Maßstab, an dem sich die
Wahl eines stellvertretenden Textexemplars auszurichten braucht.151 Sind diese
Zwecke indes gegeben, dann lassen sich Editionen durchaus bewerten, selbst
wenn auch hier Fragen hinsichtlich der Wahl der Zwecke im allgemeinen unent-
schieden bleiben und nur eine situative Motivation erfahren.152 Häufig indes wer-
den die editorischen Entscheide und die editionstheoretischen Annahmen nicht
im Hinblick auf die Zielsetzung der Edition analysiert, sondern sie erhalten eine
mehr stimmungsmäßige Rechtfertigung. Ein vergleichsweise extremes Beispiel

||
149 Vgl. z. B. Kanzog 1970, S. 15–39. Die Besonderheit der Unterteilung Klaus Kanzogs liegt in
der Konzipierung einer „Archiv-Ausgabe“. Dieser Vorschlag ist weithin auf Kritik gestoßen, vgl.
z. B. Kreutzer 1976, S. 71/72, dazu auch Kanzog 1976, S. 116–118.
150 Vgl. hingegen die Schlußfolgerung bei Lachmann 1818, S. 2: „Da unsere Zeit auf eine Ver-
vielfältigung der griechischen Texte so erpicht scheint, so möchten wir wünschen, dass man,
statt immer und ewig die berühmtesten unbeglaubigten Ausgaben zu wiederholen, lieber solche
Texte lieferte, wie sie sich allein aus den Handschriften nach der strengsten Prüfung des Werthes
jeder einzelnen ergeben, ohne die mindeste Rücksicht auf den Sinn oder die Vorschriften der
Grammatik. Sollten dergleichen Ausgaben minder verkäuflich sein, so wäre es ein Beweis, dass
die Kritik heutzutage eben so schlecht gelehrt als geübt wird.“
151 Vgl. z. B. die Hinweise bei Zeller 1979 oder Kraft 1982, S. 7; aber auch die Konzeption einer
„wissenschaftlichen Teilausgabe“ bei Schneider 1971, zu der Argumentation auch Strelka 1987.
Das wird oftmals nicht hinreichend berücksichtigt, etwa in der Kritik an den sog. „practical edi-
tions“, vgl. z. B. Bowers 1969 oder Katz 1973 (auch Id. 1972 zu Ausgaben von Stephen Cranes The
Red Badge of Courage [Das Blutmal]) – das schließt nicht aus, daß es in einem bestimmten Rah-
men gute Gründe für die Kritik an „practical editions“ gibt. Zu den eher seltenen Versuchen einer
Evaluation verschiedener ‚Studienausgaben‘ bzw. Ausgaben verschiedener Art – in diesem Fall
zu den Texten William Thackerays – gehört Shillingsburg 1974 sowie – in diesem zu den Texten
Hölderlins – Böschenstein 1977. Zu den unterschiedlichen Ansprüchen etwa von Germanisten
und Historikern vgl. auch den Hinweis bei Müller 1978, S. 86. Betont wird der „Leserbezug“ von
Editionen auch bei Müller-Seidel 1987. – Diese Überlegungen haben zudem zur Konsequenz, daß
sich der Unterschied zwischen Edition und z. B. Neubearbeitung nicht (allein) hinsichtlich eines
selbstverständlichen Bewahrungsgrades bestimmen läßt.
152 Es ließe sich dann z. B. darüber klagen, daß die Interpretationen von Chaucers The Canter-
bury Tales durchweg auf die Edition von F. N. Robertson zurückgreifen – entweder in der Aus-
gabe von 1933 oder der revidierten von 1957 (vgl. Robertson [Hg.] 1957) –, nicht aber auf die von
J. M. Manly und E. Rickert.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 117

liefert der Mitherausgeber der neuen Kleist-Ausgabe, Roland Reuß, der seine edi-
torischen Überlegungen in allgemeine Krisenbeschwörungen,153 in diversen kul-
turkritischen Lamenti und in polemischen Attacken nicht identifizierbarer Positi-
onen untergehen läßt. So heißt es beispielsweise:

Ob eine Objektivation [im Rahmen der Edition] zu Recht besteht oder nicht, ist dabei aus
methodischen Gründen nicht mit Mitteln eines noch so reflektierten Positivismus zu ent-
scheiden – denn er setzt (wie versteckt auch immer) allemal den Text schon als ein Objekt
voraus.154

Daß diese nicht untypische Formulierung das vermeintliche Argument zu einem


Gewinner-Argument macht, spricht gegen sie. Die Positivismus-Kritik – es zeugt
von erstaunlicher Kontinuität, daß der Positivismus-Begriff als Kampfbegriff un-
beschadet 1945 überstehen konnte – läßt sich nicht mehr an irgendeine histori-
sche Form einer solchen Richtung (sei es in der Literaturwissenschaft, sei es in der
Philosophie oder wo auch sonst) binden, und die in Parenthese gesteckte Formu-
lierung garantiert, daß nach einer beliebigen Vorverurteilung auch die Vollstre-
ckung erfolgen kann.155 Das, was Reuß als ‚Lösung‘ anzubieten hat, ist nicht mehr
als ein Kalauer für alle die, die sich mit dem Problem von Interpretation und Edi-
tion beschäftigt haben – nicht zuletzt mit dem Ziel, über diese Verbindung ein
wenig mehr zu sagen:

Die Prüfung einer kritischen Edition wird daher nicht gelingen, ohne den kritischen Weg
einer Thematisierung und In-Frage-Stellung des gesamten Textverständnisses zu gehen.
Dieses Textvorverständnis wird sich aber wiederum nur am Text selbst ausweisen können,
den zu prüfen es sich anschickt. Der Text bestimmt so an jeder fraglichen Stelle die Interpre-
tation; umgekehrt bestimmt an jeder fraglichen Stelle die Interpretation den Text.156

Dieser Befund mündet schließlich in einen Aufruf an die Literaturwissenschaft –


eine Formulierung, die als Resultat der Stilisierung einer Außenseiter-Position zu
dem allenthalben bekannten Überbietungs-Topos wird:

||
153 Bei den alexandrinischen Grammatikern bedeutet „Krisis“ Textkritik.
154 Reuß 1989, S. 10.
155 Es gibt unüberschaubare Beispiele, bei denen die Etikettierung als positivistisch fehlende
Argumente ersetzen muß, das wird z. B. offenkundig in dem Kapitel zu Jean Paul bei Käuser 1989,
Kap. VIII: „Jean Paul: Poesie und Anthropologie“, S. 241ff.
156 Reuß 1989, S. 10 (sogleich an das oben wiedergegebene Zitat anschließend). Ins rechte Licht
gesetzt wird dieser Befund kurz danach: „[...] es wäre eine verharmlosende Redeweise, wollte
man im Blick auf das kritische Grundverhältnis vom altbekannten hermeneutischen Zirkel spre-
chen. Die Bewegung, die man sich in diesen Fragen anzuvertrauen hat, ist die eines Wirbels, in
welchem jede Gewißheit vergeht.“
118 | II Entfaltung der Problemstellung

Angesichts dieser Verhältnisse wäre die Literaturwissenschaft gut beraten, die traditionelle
Verachtung der Interpretation in Editionsfragen (ohnedies nur ein Eingeständnis ihres eige-
nen Unvermögens) und die komplementäre Hochschätzung ihrer scheinbar vom Subjekti-
vismus nicht infizierten Textgrundlagen noch einmal zu überdenken.157

Vor dem Hintergrund der Ausführungen zu Editionstheorien im Rahmen der text-


theoretischen Überlegungen erscheint auch eine von Hans Zeller dargelegte Ar-
gumentation als nicht unproblematisch. In dieser Argumentation wird zum einen
angenommen, daß der

Leser alle im Werk enthaltenen Elemente als Bedeutungsträger auffaßt oder wenigstens auf-
zufassen sucht, sogar solche, die erst durch nachträgliche zufällige Einwirkungen auf das
Werk entstanden und also jeder Einflußnahme des Künstlers entzogen sind.158

Und zum anderen heißt es:

Gerade wenn und weil wir als Interpreten alle Elemente als Zeichen aufzufassen suchen,
verlangen wir einen zuverlässigen Text, eine textologisch abgesicherte Ausgabe. [...] Im Ge-
gensatz ihres Verfahrens sind also die Textologie und die Interpretation komplementär ei-
nig: der Textologe sucht einen möglichst authentischen Text zu liefern, der Interpret fordert
einen solchen unbedingt.159

Wenn „zufällige Einwirkungen“ zulässig sind, dann sind alle Textvorkommnisse


gleichwertig, und es ist nicht mehr klar, was es heißt, einen „möglichst authenti-
schen Text“ der Interpretation zugrunde zu legen. Zudem besteht ein Unterschied
zwischen der Behauptung, keine Eigenschaft läßt sich von vornherein als ‚Bedeu-
tungsträger‘ ausschließen, und der Behauptung, alle Eigenschaften eines Textes
seien ‚Bedeutungsträger‘. Die erste Behauptung ist damit vereinbar, daß im Zuge
einer Interpretation bestimmte Eigenschaften nicht als ‚bedeutungstragend‘ an-
gesehen werden; denn ob eine Eigenschaft eines Textes als ‚bedeutungstragend‘

||
157 Reuß 1989, S. 10. Wenn es bei Reuß 1989, Anm. 8, S. 11, heißt, daß für „jede kritische Editi-
onswissenschaft“ der Begriff der Relevanz im Sinne von Alfred Schütz „im Mittelpunkt ihres In-
teresses“ steht, dann besteht eher der Wunsch, hier wäre ein Beitrag zur Umsetzung der „Vorar-
beiten“ von Schütz geleistet worden (aufgenommen findet sich Schützʼ Relevanzkonzeption z. B.
bei Proß 1982). Die in diesem und in den folgenden Kapiteln angestellten Überlegungen zur Re-
levanz besitzen zwar gelegentlich Berührungspunkte zu den Überlegungen von Schütz (ohne
daß darauf jeweils hingewiesen wird), gleichwohl sind die Differenzen offenkundig (vgl. Schütz
1971; zu einer systematischen Rekonstruktion von Aspekten seiner ‚Semiotik‘ vgl. Böttner/Gün-
ther 1982). – Im Tenor unverändert sind die Ausführungen bei Reuß 1990.
158 Zeller 1987, S. 148.
159 Zeller 1987, S. 149.
II.1 Texttheoretische Präliminarien | 119

gilt, hängt von dem unter Anleitung einer Bedeutungs- und Interpretationskon-
zeption erstellten Interpretation ab. Die zweite Behauptung charakte-risiert dem-
gegenüber eine zu wählende Bedeutungskonzeption, nämlich als eine, nach der
jede Eigenschaft eines Textes als ‚bedeutungstragend‘ gilt – unabhängig davon,
ob eine daran orientierte Interpretation dies zu leisten vermag oder nicht.
Die Bindung des Zwecks von Editionen an die Leserinteressen erscheint indes
dann nicht unproblematisch zu werden, wenn – wie beispielsweise bei Walter
Müller-Seidel160 – diese Orientierung mit der Unterschiedlichkeit der Prinzipien
einer Edition dichterischer und wissenschaftlicher Werke verbunden wird. Die
Grundlage für eine solche Verknüpfung bildet weniger ein empirisch erhobenes
Leserinteresse als vielmehr normative Vorgaben hinsichtlich der Textsorten. Ob-
wohl letztlich an pragmatischen Erwägungen ausgerichtet, finden sich bei Mül-
ler-Seidel zwei verbreitete Ansichten, die eine ungleiche Behandlung der Editi-
onsfrage im Falle literarischer und wissenschaftlicher Werke theoretisch recht-
fertigen sollen. Nach der ersten Ansicht bestehen zwischen wissenschaftlichen
und dichterischen Schaffensprozessen wesentliche, für die Edition durchschla-
gende Unterschiede; nach der zweiten zeichnet dichterische Werke „interpreta-
torische Ergiebigkeit“, wissenschaftliche die Überflüssigkeit zusätzlicher Inter-
pretationen aus.161
Die Betonung des Leserbezuges und Leserinteresses an Editionen droht in
eine Vorgabe von Fragestellungen umzuschlagen, unter denen die Betrachtung
bestimmter Texte aufschlußreich oder interessant ist. Selbst ein kurzer Blick auf
die wissenschaftshistorische Problemstellung genügt, um zu belegen, daß selbst
bei naturwissenschaftlichen Texten – Müller-Seidel hat die Edition der Werke von
Max Weber, Gustav Radbruch und Ernst Troeltsch im Auge – die Behandlung von
Interpretationsproblemen wissenschaftshistorisch aufschlußreich und eine Edi-
tion mit Lesarten, Fassungen und Varianten hilfreich ist.162
Die texttheoretischen Überlegungen in diesem Abschnitt – die Edition ist im
vorliegenden Zusammenhang lediglich ein besonderer Aspekt der allgemeinen
Fragestellung – sind um das Textvorkommnis, das Textexemplar und die ver-
schiedenen Stellvertretungsbeziehungen zentriert. Sie sind nicht neutral im Hin-
blick auf ontologische Annahmen. Für solche Annahmen wurde allerdings nicht

||
160 Vgl. Id. 1987, S. 247/48.
161 Es bedarf hier keiner Erörterung der diversen Zuschreibungen an die unterschiedenen Schaf-
fensprozesse. Zumeist sind diese so wenig fundiert, daß sie eher die Vorurteile und normativen
Vorgaben zu erkennen geben, die über den jeweils weniger vertrauten Schaffensprozeß im Um-
lauf sind (vgl. auch Danneberg 1989, S. 60ff., sowie Kap. II.1).
162 Vgl. hierzu ausführlicher Danneberg 1992.
120 | II Entfaltung der Problemstellung

argumentiert, obwohl sie keineswegs unumstritten sind. Deutlich wird das bei-
spielsweise, wenn der Blick auf Nicholas Wolterstorffs Überlegungen zum Thema
geworfen wird.163 Der von Wolterstorff präferierte ontologische Rahmen führt –
verkürzt gesagt – dazu,164 Kunstwerke als einen besonderen Typ ‚natürlicher Ar-
ten‘, nämlich „norm kinds“, im Gegensatz zu der hier gewählten Orientierung auf
Textvorkommnisse und Textexemplare aufzufassen.
Zunächst läßt sich festhalten, daß differierende (ontologische) Orientierun-
gen keineswegs partielle Übereinstimmungen ausschließen. So ist es Wolterstorff
nach seiner Konzeption möglich, zwischen „correct“ und „incorrect copies“ eines
Gedichtes zu unterscheiden, während das im Rahmen von Goodmans Überlegun-
gen nicht möglich ist.165 Der Nachteil des von Wolterstorff gewählten Rahmens
besteht vornehmlich darin, daß er keinen theoretischen Ansatzpunkt für eine Er-
läuterung der nicht gerade sonderlich differenzierten Unterscheidung zwischen
„correct“ und „incorrect copies“ bietet.166
Die voraufgegangenen texttheoretischen Überlegungen können demgegen-
über weitaus stärker differenzieren. Der Grund hierfür liegt darin, daß sie sich am
Problem der Textinterpretation und nicht an dem des ontologischen Status von
(literarischen) Kunstwerken orientieren. Die Orientierung am Interpretations-
problem gilt durchweg auch für die folgenden Überlegungen wie etwa den zei-
chentheoretischen im folgenden Abschnitt. Mit der Wahl dieser Orientierung soll
indes nicht ausgeschlossen werden, daß bei anderen als den hier verfolgten Fra-
gestellungen die von Wolterstorff präferierten ontologischen Voraussetzungen
sich als differenzierender und ergiebiger erweisen.

||
163 Vgl. Id. 1980, insb. S. 45–98.
164 Vgl. hierzu ausführlicher Id. 1970.
165 Vgl. Goodman 1968. Das ist nicht selten als Mangel moniert worden, vgl. auch Wolterstorff
1980, S. 98–105.
166 Vgl. die konzedierenden Bemerkungen in Wolterstorff 1980, S. 98.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 121

II.2 Zeichentheoretische Präliminarien


Nichts ist ein Zeichen, wenn es nicht als ein Zeichen interpretiert wird.167

Quand un 1er anagramme apparaît, il semble que ce soit la lumière. Puis quand on voit qu’on
peut en ajouter un 2e, un 3e, un 4e, c’est alors que, bien loin qu’on se sente soulagé de tous les
doutes, on commence à n’avoir plus même de confiance absolue dans le premier: parce qu’on
arrive à se demander si on ne pourrait pas trouver en définitive tous les mots possibles dans
chaque texte, [...].168

Textvorkommnisse, etwa als Bücher gebunden, bestehen (unter anderem) aus


Zeichen. Diese Zeichen sind zunächst geometrische Konfigurationen, die in der
Regel aus Druckerschwärzepartikeln bestehen. Sie bilden ein wiederum geomet-
risch angeordnetes Zeichenkonglomerat oder – wenn man so will – ein komple-
xes Zeichen.169 Eine allgemeine Definition des Zeichenbegriffs führt zu einer Reihe
von Problemen,170 die auch dann nicht behoben sind,171 wenn die Ansicht vertre-

||
167 Vgl. Peirce CP 2.308. Vgl. auch Morris 1938, S. 21. – Eine solche Auffassung scheint nach
Ebert 1987, S. 86, auch bei der stoischen Zeichenauffassung, wie sie Sextus formuliert, gegeben
zu sein: „To understand the rationale of the stoic definition of sign we should pay heed to a spe-
cific feature in the concept of sign. ‚Sign‘ [...] is an expression indicating a special function; it can
be used to fill the gap in ‚to be used as ...‘. [...] The concept of sign entails that of an interpreter of
signs.“
168 Ferdinand de Saussure in seinen Anagrammstudien, zitiert nach Starobinski 1971, S. 132.
Kaum Probleme bei einer „Poetik des Anagramms“ nach Saussure sieht Ingold 1982.
169 Gelegentlich wird der Text darüber hinaus als eine Art Superzeichen aufgefaßt, das durch
die Superisation (Superzeichenbildung) aus elementaren Zeichen gebildet wird (vgl. u. a. Maser
1977, S. 90ff.). Ähnlich faßt z. B. Lotman 1972, S. 40, den Text auf als ein „ganzheitliches Zeichen,
und alle einzelnen Zeichen der ihn bildenden natürlichen Sprache sind hier auf das Niveau von
Elementen dieses einen Zeichens reduziert.“ Eine solche Sichtweise des Textes ist nicht unum-
stritten.
170 Zur Geschichte des Zeichenbegriffs vgl. u. a. Haller 1959; zu gegenwärtigen Überlegungen
seiner Definition u. a. Hartmann 1968, für den (S. 213), das „primäre sprachliche Zeichen“ der
„Text“ ist, Pelc 1981.
171 Vgl. z. B. pansemiotische Konzeptionen, wie sie Peirce (z. B. CP 5.253) oder Derrida (vgl. Id.
1967, S. 83ff., mit Bezug auf Peirce) vertreten. – In diese Richtung weisen aber auch Auffassungen
einer Art symbolischer Universalismus oder pansemiotischer Metaphysik (vgl. Eco 1987), wie sie
sich z. B. im Mittelalter finden (dazu bereits Dunbar 1929), aber auch in der Zeichentheorie Georg
Friedrich Meiers (vgl. Id. 1757, S. 35); zum Teil können hierzu auch Vorstellungen von der Welt
als Buch gerechnet werden; zur Geschichte des Topos liber naturae vgl. Curtius 1948, S. 323ff.,
Schmidtke 1968, Bd. I, S. 122ff., Rothacker 1979, Schilling 1979, S. 71ff., Blumenberg 1981; auch
Hübner 1975, S. 163ff., Böhler 1981, Ohly 1981, 1982, S. 18ff. und 1987, Redondi 1983, S. 55ff.; zu
122 | II Entfaltung der Problemstellung

ten wird, alles könne den Status eines Zeichens erlangen und ihn auch wieder ver-
lieren, oder gar, wenn alles als zeichenhaft gilt. Konsultiert man die verschiede-
nen Zeichendefinitionen,172 dann scheint so geringer Konsens zu herrschen, daß
die Zeichenrelation ohne spezifische Eigenschaften zu sein scheint.173 Wittgen-
steins Idee der Familienähnlichkeit mag bei dem ausufernden Gebrauch des Zei-
chenbegriffs für Beruhigung sorgen, beseitigt sind die Schwierigkeiten dadurch
jedoch nicht.
Für die vorliegende Erörterung des Problems der Interpretation von Texten
lassen sich allerdings einige Einschränkungen vornehmen. So soll angenommen
werden, daß die Grundlage von Zeichen makrophysische Objekte, Eigenschaften
oder Ereignisse sind, die optisch wahrgenommen werden können, die also im bi-
ologischen Wahrnehmungsbereich des Menschen liegen.174 Die intuitive Grund-

||
verschiedenen Verwendungen des ‚Buch-Gleichnisses‘ vgl. schließlich Engelsing 1978. Die Auf-
fassung eines Lesens im ‚Buche der Natur‘ ist nicht allein von historischem Inter-esse. Für Ro-
mano Guardini sind die Dinge aus dem göttlichen Logos hervorgegangen und „tragen darum
selbst Wortcharakter.“ Die „Gebilde“ der Welt „sind Worte, durch die der schaffende Gott seine
Sinnfülle in die Endlichkeit hinausspricht“ (Id. 1940, S. 110) – eine Lehre, die „zum tiefsten Be-
wußtsein des Alten Testaments“ gehöre (S. 111). Schließlich findet sich eine Argumentationsfi-
gur, die im hermeneutischen Denken immer wieder anzutreffen ist – etwa die gemeinsame
Menschlichkeit als Voraussetzung des Verstehens – (ebd.): „Daß die Welt in der Form der Ge-
sprochenheit besteht, ist der Grund, weshalb überhaupt in ihr gesprochen werden kann.“
172 Vgl. z. B. die Bestimmung bei Trabant 1981, S. 213: „[...] unter Zeichen verstehen wir die der
Verständigung dienenden Handlungen, oder besser: Handlungsschemata, die in einer bestimm-
ten Gesellschaft eine bestimmte (durch explizite Übereinkunft [...] oder durch Tradition [...]) ‚ver-
einbarte‘ Bedeutung haben. Die sprachlichen Texte sind in diesem Sinne keine Zeichen, d.h.
Handlungsschemata, deren Bedeutung insgesamt vereinbart ist, [...].“ – Im Weiteren wird in der
Regel von einem extensiveren Zeichenbegriff ausgegangen. Das schließt keineswegs aus, daß An-
nahmen, die in Jürgen Trabants Bestimmung eingehen, geteilt werden; so etwa die Annahme,
daß es sich bei Texten nicht um ‚vereinbarte Zeichen‘ handelt – mithin ist der Unterschied weit-
gehend terminologischer Art.
173 Sie scheint danach z. B. nichttransitiv, nichtreflexiv und nichtsymmetrisch zu sein.
174 Bei Dilthey 1900, S. 332, in den „Zusätze[n] aus den Handschriften“ heißt es „aus sinnlich
gegebenen Äußerungen“; als weiteres Beispiel Jakobson 1962, S. 9, und als ein frühes der erst
jüngst edierte Teil De Signis von Roger Bacons Opus Maius (Fredborg/Nielsen/Pinborg [Hg.] 1978,
Abschnitt 2): „Signum autem est illud quod oblatum sensui vel intellctui aliquid designat ipsi
intellectui, quoniam non omne signum offertur sensui ut vulgata descriptio signi supponit, sed
aliquod soli intellectui offertur, testante Aristotele, qui dicit passiones animae esse signa rerum
quae passiones sunt habitus ipsi et species rerum existentes apud intellectum, et ideo soli intel-
lectui offeruntur, ita ut representant intellectui ipsas res extra.“ Vgl auch Thomas, Summa Theol.,
III, q. 60, a.4.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 123

idee des Zeichenbegriffs besagt, daß ein Zeichen vorliegt, wenn ein Zeichenträ-
ger175 etwas bezeichnet. Im vorliegenden Fall heißt das, daß ein Objekt, eine Ei-
genschaft oder ein Ereignis dann ein Zeichenträger ist, wenn er in einer Bezeich-
nungsrelation zu irgendetwas anderem steht – aliquid stat pro aliquo;176 das kann
wiederum ein Zeichen bzw. ein Zeichenträger sein. Allerdings heißt das nicht, daß
jede Stellvertretungsbeziehung ihre Grundlage in der Erfüllung einer Bezeich-
nungsrelation besitzt. Beispielsweise vertreten – wie im vorangegangenen Ab-
schnitt ausgeführt wurde – Textexemplare Textvorkommnisse, aber nicht auf-
grund einer bestehenden Bezeichnungsrelation: Ein Text-exemplar bezeichnet
nicht die Textvorkommnisse, die es vertritt. Ein Textexemplar vermag Textvor-
kommnisse zu vertreten, wenn es bestimmte Eigenschaften, die es besitzt, mit die-
sen teilt.177
Läßt sich mehr über das sagen, wofür ein Zeichen steht? In zahlreichen Arbei-
ten, die diese Frage berühren oder sie sogar zum Gegenstand weitergehender An-
schlußüberlegungen machen, finden sich in der Hauptsache zwei weitere Annah-
men: Nach der einen ist das, wofür ein Zeichen steht, immer abwesend – danach
erscheint eine Stellvertretung nur sinnvoll zu sein, wenn das Vertretene nicht zu-
gleich anwesend ist; nach der anderen ist das, wofür das Zeichen steht, in jedem
Fall nicht wahrnehmbar. Beide Annahmen konstituieren einen Unterschied zwi-
schen Bezeichnetem und Zeichen: dieses ist präsent und wahrnehmbar. Man
kann die Zuschreibung an Zeichen – nämlich daß sie Präsenz besitzen und ihre
Wahrnehmbarkeit gegeben ist – akzeptieren, ohne die beiden generalisierenden
Annahmen zu Unterschieden von Zeichen und Bezeichnetem zu übernehmen.

||
175 Der Ausdruck „Zeichenträger“ ist in Anlehnung an die Bezeichnung „sign vehicle“ von Mor-
ris gewählt, obwohl bei Morris die Verwendung dieser Bezeichnung uneinheitlich ist und er sie
nicht genau so gebraucht wie im vorliegenden Zusammenhang.
176 Vgl. z. B. Peirce CP 2.228: „A sign is something which stands to somebody for something in
some respect of capacity“ (vgl. auch Id. CP 1.339). Oder Husserl 1900/01, 1. Kap. § 1, S. 30: „Jedes
Zeichen ist Zeichen für etwas [...].“ – Die aliquid-stat-pro-aliquo-Formel wird mitunter identifi-
ziert mit der – wie es heißt – „einfachsten Version einer Zeichentheorie“ (vgl. Trabant 1976, S. 17).
Das mag für bestimmte ‚Zeichentheorien‘ gelten, die das Prinzip dieser Formel erfüllen. Der vor-
liegende Zusammenhang macht allerdings deutlich, daß hier keine dieser historischen Zeichen-
theorien gemeint ist und daß mit dem Prinzip nicht angenommen wird, ein Zeichen sei z. B. direkt
mit einem bestimmten, festumrissenen „Ding“ verbunden. Vgl. hierzu auch die Erörterung der
Frage, inwieweit aus diesem Prinzip eine bestimmte zeitliche Relationierung von Zeichen und
Bezeichnetem folgt, in Abschnitt III.1.
177 Nach den Überlegungen in Abschnitt III.1 heißt das, daß die Stellvertretungsbeziehung zwi-
schen Textexemplar und Textvorkommnissen auf einer Exemplifikationsrelation beruht.
124 | II Entfaltung der Problemstellung

Strenggenommen – das heißt, wenn sie nicht als definierender Bestandteil


einer bestimmten Bezeichnungsrelation aufgefaßt werden – sind beide Annah-
men falsch. Das schließt zum Beispiel nicht aus, daß Bedeutungen so aufgefaßt
werden, daß sie nicht direkt wahrnehmbar sind oder daß sie mit raum-zeitlich Lo-
kalisiertem verknüpft werden. Die Annahme der Absenz impliziert die der nicht
direkten Wahrnehmbarkeit, aber nicht umgekehrt. Im Vorgriff auf die Überlegun-
gen zur Exemplifikation läßt sich bereits an dieser Stelle auf eine verbreitete Kon-
fundierung hinweisen:178 Ein Zeichen, das etwas bezeichnet, das abwesend ist,
bezeichnet nicht die Abwesenheit. Zahlreiche, ein wenig paradox klingende phi-
losophische Überlegungen und nicht weniger zahlreiche, auf den ersten Blick ver-
blüffende Interpretationen werden zur Makulatur, wenn festgehalten wird, daß
ein solches Zeichen nicht Abwesenheit bezeichnet, sondern gegebenenfalls die
zwischen Zeichen und Bezeichnetem vorliegende Relation der Abwesenheit
exemplifiziert.179
Die Bezeichnungsrelation ist den (potentiellen) Zeichenträgern nicht mitge-
geben; erst dann, wenn etwas einer Bezeichnungsrelation unterstellt wird und
diese erfüllt, handelt es sich um ein Zeichen (für etwas).180 Für die Art der Bezeich-
nungsrelation, die unter dem Gesichtspunkt der Interpretation von Texten ein-
schlägig sein soll, sei angenommen, daß sie asymmetrisch oder – wie es beispiels-
weise bei Bühler heißt181 – „nicht-umkehrbar“ ist.
Jede (wahrnehmbare und reproduzierbare182) Eigenschaft eines konkreten
Textvorkommnisses kann mithin die Basis für ein Zeichen sein – wenn auch nicht
unbedingt aufgrund der Erfüllung immer derselben Bezeichnungsrelation. Die als
Zeichenträger an einem Textvorkommnis identifizierten Eigenschaften können
wohlunterschiedene Segmente oder minimale Konstituenten aufweisen, die sel-
ber nicht als Zeichenträger gelten, die also selber nicht bezeichnen. Wenn ein Teil

||
178 Vgl. Abschnitt III.1.
179 Ein Beispiel für alle (für ein weiteres braucht man nur fünf literaturwissenschaftliche Inter-
pretationen aufzuschlagen): In Daniel Laferrières Sign and Subject: Semiotic and Psychoanalytic
Investigations in Poetry findet sich gleich zu Beginn ein typisches Beispiel einer solchen Konfu-
sion mit den ebenso typischen Auswirkungen auf die Interpretationen (Id. 1978, S. 12; letzte Her-
vorhebung von mir): „[...] a sign is something which stands for something else, [...] what the sign
stands for is absent from the sign. The sign stands for something that is not itself, that is missing
[...]. The verbal sign is in some sense a substitution for the thing signified and can never be the
thing signified. Every sign not only stands for what it stands for, but also stands for the absence of
what it stands for.“
180 Vgl. z. B. das „Interpretations-Axiom“ bei Eschbach 1984, S. 102.
181 Id. 1933, S. 29. Vgl. z. B. auch das „Relations-Axiom“ bei Eschbach 1984, S. 103.
182 Vgl. zum letzten Aspekt Abschnitt V.2.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 125

der Eigenschaften eines makrophysischen Objektes als schriftliche Zeichenträger


identifiziert wird, dann soll es sich um einen Textträger handeln.183 Der Frage,
wann eine begrenzte Folge von Zeichen – in textlinguistischer Sicht – einen Text
darstellt, wann also zwischen ihnen die Kohärenz und Kohäsion besteht, die eine
textliche von einer nichttextlichen Zeichenfolge zu unterscheiden erlaubt,
braucht im weiteren nicht nachgegangen zu werden.184
Ein Textvorkommnis ist nicht identisch mit seinem Textträger; nicht alle rele-
vanten Eigenschaften eines Textvorkommnisses müssen die seines Textträgers
sein; und nicht alle Eigenschaften eines Textträgers müssen relevant sein. Die
Identifikation von Eigenschaften als schriftliche Zeichenträger – und damit die
Auszeichnung eines Textträgers – gilt als sprachbezogen: Schriftliche Zeichenträ-
ger liegen vor, wenn bestimmte Korrespondenzen oder Beziehungen zu einem
Sprachsystem hergestellt werden können.185
Allerdings ist die Identifizierung eines Zeichens als sprachliches Zeichen bzw.
als zu einem bestimmten sprachlichen System gehörig hypothetisch, und das ist
auch dann der Fall, wenn eine solche Identifikation spontan und ohne sonderli-
che Reflexion erfolgt. Daß sich auch hier theoretische Voraussetzungen aufspü-
ren lassen, soll zunächst anhand von Beispielen erläutert werden.

||
183 Der Textbegriff wird nicht selten, insbesondere in der Semiotik, wesentlich weiter als hier
gefaßt, nämlich ohne eine Einschränkung auf schriftliche Zeichen. Ebenso wie die Verwendung
des Zeichenbegriffs wird auch die des Textbegriffs geradezu konturlos. Voraussetzung scheint
lediglich zu sein, daß das, was als „Text“ bezeichnet wird, aus Elementen und irgendwelchen
Relationen zwischen diesen Elementen besteht (ein Beispiel von vielen ist etwa die Auffassung
der Zirkusnummer als Text bei Bouissac 1971, auch Id. 1976; zu einem ‚weiten‘ Textbegriff vgl.
z. B. auch Wienold 1972, S. 146, oder Uspenskij 1970, S. 11, wo „Text“ im Sinn einer „beliebigen
semantisch organisierten Abfolge von Zeichen“ verwendet wird, auch Id. 1972; ferner Kauffmann
1980, dazu aber auch die kritischen Hinweise zu der vorgenommenen Analogisierung in der Dis-
kussion, S. 62–65; bei Lévi-Strauss 1978, S. 166, schließlich heißt es: „Das Bewußtsein steht nicht
Auge in Auge mit einer Welt, die ihm völlig äußerlich ist: Es nimmt sie wahr in der Form eines
Textes [...].“). – Zu Bestimmungsversuchen des Textbegriffs in der Semiotik vgl. u. a. Johansen
1989. Bei Meyer/Ort 1988, S. 138, wird darauf aufmerksam gemacht, daß es sich um eine meta-
phorische Verwendung handelt, wenn Handlungen als Texte (oder auch umgekehrt) aufgrund
der Vorgaben der gewählten Theorie aufgefaßt werden.
184 Vgl. demgegenüber die Ausführungen in Kapitel VI zum methodologischen Textbegriff.
185 Vgl. hierzu allgemein z. B. Chao 1968, S. 101ff. Wenn man Markus 1957, S. 65, folgt, dann war
Augustinus der erste, der Sprache im Zuge einer Zeichentheorie charakterisiert hat (vgl. aber
auch Duchrow 1965, S. 50). – Dabei bleibt offen, inwieweit Sprache unter einen weiten Zeichen-
begriff subsumiert wird (zu den beiden sich gegenüberstehenden Traditionen vgl. z. B. Trabant
1986a).
126 | II Entfaltung der Problemstellung

So wurden antike Vasen mit Inschriften untersucht, die aus Zeichen beste-
hen, die große Ähnlichkeit mit griechischen Buchstaben besitzen, ohne daß es al-
lerdings gelungen ist, die Bedeutung dieser Inschriften befriedigend zu entschlüs-
seln.186 Der fortwährende Mißerfolg von Versuchen einer Bedeutungszuweisung
kann zum radikalen Zweifel an der Hypothese führen, daß es sich um Zeichen
handelt, die einem (bestimmten) sprachlichen System zugeordnet werden kön-
nen. Unter Rückgriff auf eine Reihe von unabhängig abgesicherten Hintergrund-
annahmen – etwa der Annahme, die entsprechenden Handwerker seien des Le-
sens wie Schreibens unkundig gewesen – ließe sich stattdessen die Hypothese
aufstellen, die vorliegenden Zeichen seien nur Imitate von Zeichen eines sprach-
lichen Systems, die vielleicht aus verkaufsorientierten Motiven zum Schmuck der
Vasen gewählt wurden. Es spielt keine Rolle, ob ein solcher Befund so gedeutet
wird, daß die fraglichen Zeichen nichtsprachliche Zeichen darstellen, oder ob es
sich beispielsweise um als Ornament genutzte sprachliche Zeichen handelt.
Für den wenig erfolgreichen Versuch der Sprachidentifikation lassen sich
auch literarische Beispiele finden – so in Shakespeares All’s Well That Ends Well,
in Francoise Rabelais’ Gargantua et Pantagruel187 oder in Ludvig Holbergs Odys-
seus von Ithaca, wo eine Kostprobe lautet: „Copisoisandung Slaestimund Spa-
elamdisimo reenkalavet speckavaet.“188 In diesen Fällen handelt es sich vermut-
lich nur um imaginierte Phantasiesprachen189 – etwas, das in der mittelalterlichen
Dichtung häufiger vorzuliegen scheint.190
An Beispielen dieser Art wird nicht nur der hypothetische Charakter der Iden-
tifikation von Zeichen als sprachliche Zeichen (eines bestimmten Sprachsystems)
deutlich, sondern sie veranschaulichen auch die komplexe Rolle, die zumeist
stillschweigend – mitunter wie selbstverständlich – als Hintergrund für die Iden-
tifikation gewählter Annahmen spielen. Der Übergang zum radikalen Zweifel an
der Vermutung der Sprachlichkeit der vorgefundenen Zeichen ist indes weder

||
186 Die folgenden Ausführungen sind inspiriert von der umstrittenen Deutung der Inschrift ei-
nes Kruges aus der minoischen Zeit, der in der Landschaft Argolis bei Nauplia und Asine im nörd-
lichen Peloponnes gefunden wurde; vgl. Persson 1930, dazu Ventris/Chadwick 1956, S. 42, auch
Chadwick 1959, S. 41. Zur umstrittenen Entzifferung von Linear B durch Michael Ventris vgl. Eks-
chmitt 1969. – Zu einem weiteren Beispiel, nämlich der Entschlüsselung der Zeichen in dem
Fresko von Giovanni Battista Tiepolo in der Würzburger Residenz als (zum Teil) armenischen
Schriftzeichen) vgl. Schall 1974.
187 Vgl. Bastiaensen 1974, S. 544ff., sowie Hausmann 1979, S. 119ff.
188 Vgl. Holberg 1926, I,14 (S. 35/36).
189 Vgl. Pons 1931.
190 Vgl. Davies 1967, S. 298f., sowie Dronke 1986, S. 47f.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 127

zwingend noch definitiv. So könnte mit den Entzifferungsversuchen auch fortge-


fahren werden – und vielleicht werden Forscher zu der Ausgangshypothese zu-
rückfinden, wenn die betreffenden Hintergrundannahmen und ihre Anwendung
auf – in diesem Fall – die Vaseninschrift erschüttert werden.
Zeigen die voraufgegangenen Beispiele, daß die durch die äußere Gestalt na-
hegelegten Vermutungen, es handle sich um ‚sinnvolle‘ sprachliche Zeichen,
trotz feststellbarer Ähnlichkeiten zu bekannten Sprachen, sich als Irrtum heraus-
stellen können, so zeigen die folgenden Beispiele demgegenüber, daß auf den
ersten Blick ‚sinnlose‘ Buchstabenverbindungen einen ‚sinnvollen‘ Satz ergeben
können.
Wer die folgende Zeichenfolge wahrnimmt:

aaaaaaa ccccc d eeeee g h iiiiiiii llll mm nnnnnnnnn oooo pp q rr s ttttt

wird sie wohl kaum als einen Satz irgendeiner Sprache identifizieren. Nun findet
sich dieser ‚Satz‘ am Ende der lateinischen Schrift De Saturni luna observatio nova
von Christiaan Huygens aus dem Jahr 1656, und er scheint einen lateinischen Satz
wiederzugeben, wie sich aufgrund seines sprachlichen Kotextes vermuten läßt –
wenn auch mit einer etwas zerrütteten Buchstabenkombination.191 Die vor-aufge-
gangenen Beispiele warnen allerdings, sowohl aus der Ähnlichkeit der Gestalt als
auch aufgrund der Einbettung in eine Zeichenfolge, die bereits als Folge sprach-
licher Zeichen eines bestimmten Systems identifiziert wurde, ohne weiteres den
Schluß auf die Zugehörigkeit der fraglichen Zeichenfolge zu dem entsprechenden
oder überhaupt einem sprachlichen System zu ziehen, selbst wenn dazu in der
Regel die Bereitschaft groß ist.192
Tatsächlich hat Huygens zunächst in einem Brief an J. Chapelain193 zwei,
dann drei Jahre später in seiner Abhandlung Systema Saturnium, Sive de causis
mirandorum Saturni Phaenomenôn, Et Comite ejus Planeta Novo den Satz (und die
Bedeutung) der oben wiedergegebenen Zeichenfolge in der korrigierten Buchsta-
benabfolge mitgeteilt: „Annulo cingitur, tenui plano, nusquam cohaerente, ad e-
clipticam inclinato.“194 Den Hintergrund bilden die ‚merkwürdigen Erscheinun-
gen‘, die sich bei der Betrachtung des Saturns mit dem Fernrohr ergaben: Es

||
191 Huygens 1656, S. 177.
192 Vgl. Titzmann 1990, S. 370: „Nicht-Zeichen, die in derselben Folge von Elementen mit Zei-
chen koexistieren, mobilisieren die Tendenz, sie, in Funktion dieser Nachbarschaft zu Zeichen,
ebenfalls als Zeichen aufzufassen.“
193 Brief Nr. 477 an J. Chapelain vom 28. März 1658 in Huygens 1889, S. 157.
194 Huygens 1659, S. 299. Beide Aufschlüsselungen unterscheiden sich lediglich in der Zeichen-
setzung.
128 | II Entfaltung der Problemstellung

bestand das Problem, die wechselnden Beobachtungen der ‚Saturnmonde‘ zu er-


klären, die in eigentümlicher Berührung mit dem Planeten selbst zu stehen schie-
nen. Die Erklärungshypothese, die Huygens am 25. März 1656 in der Form der wie-
dergegebenen Buchstabenanordnung veröffentlichte, besagt, daß der Saturn von
einem Ring umgeben wird, der flach und eben, nirgends (an den Planeten) ansto-
ßend und zur Ekliptik geneigt ist.
Solche und ähnliche Beispiele sind im 17. Jahrhundert keine Seltenheit – sie
finden sich bei Robert Hooke, bei Newton, dessen Anagramm in seiner Epistola
posterior lautet:195 „Fundamentum harum operationum satis obvium quidem,
quoniam jam non possum explicationem ejus prosequi sic potius celavi. 6acc-
deae13eff7i3l9n4o4qrr4s8t12vx“,196 ebenso wie bei Galilei,197 der ebenfalls eine
Auflösung bietet: „Le parole dunque che mandai trasposte, et che dicevano Haec
immatura a me iam frustra leguntur o y, ordinate Cynthiae figuras aemulatur mater
amorum, ciò è che Venere imita le figure della luna.“198 Sie erklären sich zum Teil
aus dem zeitgenössischen Wissenschaftsverständnis. Aber selbst im 19. Jahrhun-
dert ist ein Beispiel belegt.199 Zumindest was die gehäuften frühen Beispiele be-
trifft, lassen sich im wesentlichen zwei Gründe anführen: zum einen das Selbst-
verständnis moderner Wissenschaft, durch das die individuelle wissenschaftliche
Leistung des Forschers zunehmend in den Vordergrund gerückt wurde, mit dem

||
195 Turnbull [Hg.] 1960, S. 115. Newtons Epistola posterior an Oldenburg vom 24. Oktober 1676
war Leibniz zugedacht.
196 In Newtons Principia (Id. 1687, S. 253/54) heißt es in der zweiten Auflage von 1713: „When,
in letters exchanged between myself and that most skilled geometer G. W. Leibniz ten years ago,
I indicated that I possessed a method of determining maxima and minima, of drawing tangents
and performing similar operations which served for irrational terms just as well as for rational
ones, and concealed the same method in transposed letters expressed this sentences: ‚Given any
equation involving flowing quantities, so find the fluxions, and vice-versa.‘“ Zuerst aufgelöst
wurde das Anagramm in dem Bericht Commercium epistolicum der Kommission der Royal Society
zum Prioritätenstreit von 1712, und so heißt es auch im Schreiben Newtons vom 16. Oktober 1693
an Leibniz (Turnbull [Hg.] 1961, S. 285): „Data aequatione quotcunque fluentes quantitates invol-
vente, fluxiones invenire; et vice versâ.“ – Zu dem Prioritätsstreit vgl. u. a. Fleckenstein 1956; im
größeren Zusammenhang Hall 1980.
197 Vgl. Galileos Anagramm in seinem Brief vom 11.12. 1610 an Giuliano de’ Medici (Galilei 1900,
Brief Nr. 435, S. 483).
198 Also: Die Venus imitiert die Phasen des Mondes – und das war unvereinbar mit der ptole-
mäischen, aber vereinbar mit der kopernikanischen Theorie (allerdings auch mit der Theorie Ty-
cho Brahes und ihren Nachfolgerinnen). Diese Auflösung findet sich im Schreiben vom 1.1.1611
an denselben Adressaten (Id. 1901, Brief Nr.451, S. 12).
199 Vgl. Thomson 1936, S. 22.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 129

zugleich aber auch das Problem der Prioritätssicherung und damit des Prioritäts-
streits einhergeht;200 zum anderen aus der Bindung wissenschaftlicher Behaup-
tungen (‚Entdeckungen‘) an bestimmte Standards gesicherten Wissens. Was
Huygens an der genannten Stelle unternimmt, ist die Sicherung seines Prioritäts-
anspruchs auf die Entdeckung der Saturnringe, ohne daß er bereits über die aus
seiner und der damaligen Sicht erforderlichen ‚Beweise‘ für den Anspruch auf ge-
sichertes Wissen verfügt201 – ähnlich ist es im Fall Newtons und Galileis. Huygens
lüftete das Geheimnis seines Satzes erst zu einem Zeitpunkt, als er meinte, sein
Wissen sei aufgrund der ihm vorliegenden ‚Beweise‘ nicht mehr nur ‚Vermutungs-
wissen‘.202
Mitunter allerdings besitzen die gegebenen Anagramme verschiedene Auflö-
sungen, bei denen – ähnlich wie bei Interpretationen – die Frage entsteht, welche
Auflösung aus welchen Gründen der Vorzug gebührt. So hat am 25.4 1812 Carl
Friedrich Gauß die Zahlenfolge „1111000100101001“ veröffentllicht und angekün-

||
200 Zu einer Analyse der Gründe von Prioritätsstreitigkeiten vgl. u. a. Merton 1957.
201 Diese bestanden vornehmlich darin, daß die formulierte Ring-Hypothese sowohl die perio-
dische Veränderung der Form des Planeten als auch den Zusammenhang dieser periodischen
Veränderungen mit der Umlaufzeit des Planeten um die Sonne zu erklären vermochte.
202 Für Foucault (Id. 1969, S. 19) begann man im 17. und 18. Jahrhundert „wissenschaftliche
Texte um ihrer selbst willen zu akzeptieren, in der Anonymität einer feststehenden oder immer
neu beweisbaren Wahrheit; ihre Zugehörigkeit zu einem systematischen Ganzen sicherte sie ab,
nicht der Rückverweis auf die Person, die sie geschaffen hatte.“ Dem ließe sich zustimmen; dann
aber wird bei Foucault eine Spekulation über die „Funktion Autor“ angeknüpft, die zumindest
als problematisch erscheint: „Die Funktion Autor verwischt sich, der Name des Erfinders dient
höchstens noch dazu einem Theorem, einem Satz, einem bemerkenswerten Effekt, einer Eigen-
schaft, einem Körper, einer Menge von Elementen, einem Krankheitssyndrom einen Namen zu
geben.“ Man vergleiche hiermit etwa die Interpretation einer solchen ‚Namensgebung‘ von Gas-
ton Bachelard. Bachelard resümiert – wenn auch ein wenig verzerrt – die Auffassung von Joseph
Priestley zur Betonung der Genialität in Wissenschaft so, daß jede Entdeckung dem Zufall zuzu-
schreiben sei. Gegen diese Auffassung wendet Bachelard 1938, S. 69, ein: „Ganz anders ist das
heute, wo die List des Experimentators, die Genialität des Theoretikers Bewunderung hervorru-
fen. Und um ganz deutlich zu machen, daß der Ursprung der hervorgerufenen Erscheinung
menschlich ist, wird der Name des Experimentators – zweifellos für alle Ewigkeit – dem Effekt,
den er konstruiert hat, beigefügt.“ – Aufschlußreich für die Spekulationen zur Rolle der Autor-
schaft ist auch die Beobachtung bei Bischoff 1954, S. 199, daß das Mittelalter eine „gewisse Scheu
empfunden hat, anonyme Werke abzuschreiben, während solche, die unter einem guten Autor-
namen standen, weitverbreitet wurden, mochte die Zuschreibung noch so unbegründet sein.“
Vgl. ferner Minnis 1981, S. 344: „Works of unknown or uncertain authorship were regarded as
‚apocryphal‘, and they were supposed to possess an auctoritas far inferior to that of works which
were the genuine productions of old and established auctores. “
130 | II Entfaltung der Problemstellung

digt, dieses Anagramm aufzulösen, ohne allerdings die Ankündigung zu verwirk-


lichen.203 Zweifellos erlaubt das Anagramm, über das Gauß nichts weiter veröf-
fentlicht hat, unterschiedliche Lösungen. Das heißt: Es können ihm verschiedene
Interpretationen gegeben werden, ohne daß sich zwischen diesen eine Entschei-
dung fällen läßt. Der erste Schritt zur Auflösung besteht darin, einen (biographi-
schen) Kontext zu bilden: In einem Brief an den Astronomen Friedrich Wilhelm
Bessel schreibt Gauß, es handle sich um den äußerst wichtigen Befund, daß die
siebenfache mittlere Bewegung der Pallas gleich der achtzehnfachen des Jupiters
sei.
Damit jedoch ist noch keine Zuordnung zwischen dem Anagramm und dieser
Bedeutung gegeben. Ein erster Auflösungvorschlag beruht auf zwei Annahmen:
Die erste besteht darin, eine Aufgliederung vorzunehmen, nämlich in 111, 1000,
10 010 und 1001;204 die zweite darauf, daß diese Zahlen als Zahlen des dyadischen
Systems aufzufassen sind; sie stellen dann 7, 8, 18 und 9 dar. Diese Zahlen gilt es
nun zu interpretieren. Die ersten beiden entsprechen der mittleren Bewegungen
des Planetoiden und des Planeten, die gleichgesetzt werden. Die letzten beiden
Zahlen müßten sich wiederum hierauf beziehen und zur Identifikation der ge-
meinten Objekte dienen. Tatsächlich war zur Zeit der Veröffentlichung des Ana-
gramms von der Sonne aus gerechnet Pallas der achte, Jupiter der neunte Planet.
Bei der Interpretation der Zahlen hängt allerdings alles von der Gewichtung des
biographischen Kontextes ab: Ohne eine solche Bezugnahme – allgemein gesagt:
ohne eine Einschränkung des Kontextes – lassen sich die ermittelten Zahlen be-
liebig ausdeuten.
So überzeugend diese Interpretation auch erscheinen mag, Konkurrentinnen
lassen sich nicht ausschließen, und zwar solche, die zumindest die gleiche Leis-
tung erbringen. Im vorliegenden Fall läßt sich diese Leistung durch zwei Ad-
äquatheitsbedingungen wiedergeben. Die erste besagt, daß über die Interpreta-
tion sich die gemeinten Objekte identifizieren lassen; die zweite, daß die beson-
dere Beziehung zwischen diesen beiden Objekten zum Ausdruck kommt. Es läßt
sich nicht einmal ausschließen, daß es eine Interpretation der Zahlenfolge gibt,

||
203 Gauß 1812, S. 658: „Auch die erste vorläufige Berechnung der allgemeinen Theorie der Pal-
lasstörungen hat Prof. Gauß seit kurzem vollendet. Die Anzahl aller periodischen Gleichungen
von der Einwirkung Jupiters, die noch merklich sind, steigt an Vier hundert. Unter den sehr merk-
würdigen, schon hieraus fließenden, Resultaten ist besonders eines von höchstem Inter-esse.
Aus Gründen legen wir es hier in folgender Chiffre nieder, wozu wir zu seiner Zeit den Schlüssel
geben werden: 1111000100101001.“
204 Eine solche Aufgliederung wird durch den Abdruck der Zahlen nicht nahegelegt; im Origi-
naltext sind die Abstände zwischen den Zahlen gleich.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 131

die nicht nur diese Adäquatheitsbedingungen erfüllt, sondern noch mehr an Be-
deutung dem Anagramm zuzuweisen vermag. Ein Beispiel hierfür soll genügen.
Wird die gesamte Zahl in das dekadische Zahlensystem umgerechnet, dann
ergibt sich die Zahl 61737; wird nach dem bekannten Verfahren jedem einzelnen
Zahlzeichen ein Buchstabe des entsprechend durchnummerierten Alphabets zu-
geordnet, dann ergibt das die Buchstabenfolge FAGCG. Ein Deutungsweg für
diese Buchstaben beruht darauf, sie als Abkürzungen aufzufassen205 und für sie
eine veränderte Reihenfolge zu bestimmen: Begonnen wird mit dem C und der je-
weils nächste wird übersprungen. Das ergibt die Reihenfolge und Auflösung: C –
Carl, F – Friedrich, G – Gauß, G – Georgia, A – Augusta. Um die beiden formulier-
ten Adäquatheitsbedingungen zu erfüllen, werden die ersten drei Zahlzeichen
des Anagramms, also „111“, im dekadischen Zahlsystem zu 7, die letzten fünf
Zahlzeichen, also „01001“, werden umgekehrt gelesen, also „10010“, und so zu
18 im dekadischen System. Damit ist die erste Adäquatheitsbedingung erfüllt. Die
vier ersten Zahlzeichen des Anagramms, also „1111“, werden im dekadischen Sys-
tem zu 15, die vier letzten, also „1001“, zu 9. Der fünfzehnte Buchstabe ist ein P –
für Pallas – und der neunte ein J – für Jupiter. Damit ist auch die zweite Adä-
quatheitsbedingung erfüllt. Diese Interpretation vermag dem Anagramm mithin
auch die Bedeutung des Finders und des Ortes des Fundes zuzuweisen.
Nicht jede Zeichenfolge indes, die aus einer Aufzählung von Buchstaben be-
steht, findet eine Entschlüsselung oder wird für eine Entschlüsselung als ergiebig
angesehen. Beispiele sind unter anderem die Vokalreihen in Beschwörungsfor-
meln.206 Es gibt hierfür aber auch literarische Beispiele. So etwa das folgende, das
zumindest bis in die Gegenwart keine Aufschlüsselung207 gefunden hat und von
dem hier nur ein Ausschnitt wiedergeben wird:

Ii

Aa
P'gikk
P'p'gikk
[...]

||
205 Vgl. Abschnitt II.2.
206 Vgl. die griechischen Beispiele bei Dornseiff 1922, S. 35ff. – Vgl. gilt das auch für die Buch-
staben- und Satzzeichenfolge auf Marcel Duchamps Ready-made With Hidden Noise (vgl. Faust
1976, Anm. 35, S. 236; in dem Kapitel gleichen Titels in Faust 1977 findet sich diese Anmerkung
nicht).
207 Vgl. zu dieser Interpretation Maennchen 1934.
132 | II Entfaltung der Problemstellung

Bei dieser Zeichenfolge handelt es sich um den Anfang eines Lautgedichts von
Kurt Schwitters.208 Die Identifikation als Lautgedicht beschließt – zunächst ein-
mal – die Suche nach einer ‚entrütteten‘ Buchstabenfolge.209 Anders in einem Bei-
spiel, in dem eine Zeichenfolge vorliegt, die sich nach keinem (bekannten)
sprachlichen System identifizieren läßt. Das Beispiel findet sich in dem Gedicht
Urspünge aus Stefan Georges Der siebente Ring. Es schließt mit den folgenden Zei-
len:

Süss und befeuernd wie Attikas choros


Über die hügel und inseln klang:
CO BESOSO PASOJE PTOROS
CO ES ON HAMA PASOJE BOAÑ210

Bei dieser Passage scheinen die letzten beiden Zeilen in einer auf den ersten Blick
‚sinnlosen‘ Phantasiesprache abgefaßt zu sein. Es handelt sich dabei allerdings
um eine Phantasiesprache, die sich – wenn man dem Vorschlag Benjamin Ben-
netts folgt – vergleichsweise leicht auflösen läßt.211

||
208 Dieses Lautgedicht findet sich in einem Brief von Kurt Schwitters an Raoul Hausmann vom
25. Juli 1946, abgedruckt in Schwitters 1974, S. 215. Es trägt den Titel Obervogelgesang bzw. Super-
Bird-Song und wird vermutlich in der „Sprache der Vögel“ abgefaßt sein; zu diesem Thema vgl.
auch Riha 1980 und 1981, zur onomatopoetischen Gedichten des Dadaismus u. a. Kemper 1974,
Kap. II. – Zur Deutung der ‚Sprache der Vögel‘ auch Ruberg 1981.
209 Frühe Beispiele derartiger Zeichenfolgen bieten die Werke Paul Scheerbarts. In Scheerbarts
Ich liebe Dich! (Id. 1897, S. 248f.) findet sich die „Geschichte“: „Kokakokú!/Ekoraláps!/ Wîso kol-
lipánda opolôsa/ [...]“, eingebettet in einen ‚philosophischen Rahmen‘: „Ich machte meinen
Freund mit meiner ekoralápsischen Richtung bekannt, die das Verstandenwerdenwollen be-
kanntlich längst überwunden hat --- Ich las gleich eine interessante Geschichte, die der erwähn-
ten Richtung ‚voll und ganz‘ angehört: [...]. Hernach wurdʼs ganz gemüthlich. Ich wetterte gegen
den Rationalismus, der Alles verstehen will – und Müller schimpfte mit.“
210 George 1907, S. 75.
211 Vgl. Bennett 1980. An einer Stelle, die Bennett entgangen ist, schreibt Robert Boehringer (Id.
1951, S. 17) zu den letzten beiden zitierten Zeilen: „Diese beiden Zeilen sind nicht verständlich;
[...] Vielleicht ist hier der Ort, etwas zu sagen, was mich seit bald fünfunddreißig Jahren bedrückt:
Unter den wenigen Dingen, und noch weniger Papieren, die Stefan George mit sich führte und
die sich bei seinem Tode vorfanden im Molino, war ein dünnes, blaues Oktavheft, [...]. Darin
stand der erste Gesang der Odyssee übersetzt in seine Geheimsprache. Wir waren zu dritt, und
der Jüngste von uns wollte, daß dieses Heft verbrannt werde, weil man sonst daraus die beiden
letzten Zeilen erschließen könne. Der Mittlere stimmte zu, und ich ließ es geschehen.“ Ein Kom-
mentar erübrigt sich. – Zu Georges „erdachter Sprache“ ferner Maier 1953 sowie Imholtz 1978.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 133

Die Erörterung der Identifikation von Zeichen als Zeichen einer bestimmten
Sprache besitzt Konsequenzen für das Interpretationsproblem.212 Um diese Kon-
sequenzen aufzuzeigen, soll zwei Fragen nachgegangen werden. Die Vermutung,
eine Zeichenkonfiguration (ein Wort, ein Satz, ein Text) s gehöre zu einer be-
stimmten Sprache L, hängt offenbar auch damit zusammen, daß s eine unter An-
wendung von semantischen und syntaktischen Regeln der Sprache L sinnvolle
Interpretation IL zugewiesen werden kann.213 Damit ist allerdings noch nicht klar,
ob die Angabe einer sinnvollen Interpretation eine hinreichende, eine notwen-
dige Bedingung oder beides für die Klassifikation von s als einer schriftlichen Zei-
chenkonfiguration der Sprache L ist – und damit der Identifikation des Textträ-
gers eines Textes. Die erste Frage lautet mithin: Wie sieht die Beziehung zwischen
dem Vorliegen einer sinnvollen Interpretation von s und der Zugehörigkeit von s
zu L aus? Die zweite Frage zielt auf die Beziehung zwischen einer sinnvollen In-
terpretation von s – anhand der unter Umständen über die Zugehörigkeit von s
zu L entschieden wird – und einer wahren Interpretation IW(s) von s.
Um die erste Frage zu klären empfiehlt es sich, zwei Fälle zu unterscheiden:
in dem einen bleibt s unverändert, in dem anderen wird s zu s* transformiert, und
die Zuweisung einer Bedeutung einer hinsichtlich L sinnvollen Interpretation er-
folgt an s*.214 Im ersten Fall, also der Bedeutungszuweisung an s in L, kann das
Vorliegen von IL(s) unter bestimmten Bedingungen – auf die noch zurückzukom-
men sein wird – hinreichend dafür sein, um zu sagen, s sei in der Sprache L abge-
faßt. Notwendig dagegen ist IL(s) für eine solche Identifikation nicht. Das läßt sich
an drei Sorten von Beispielen veranschaulichen. Kernpunkt dieser Beispiele ist,
daß bei ihnen s mit Regeln von L unvereinbar ist, mithin keine Interpretation IL(s)
vorliegen kann, dennoch s als zur Sprache L zugehörig angesehen wird.215 Mitun-

||
212 Und es läßt sich auch nicht sagen, daß die Beispiele nur randständig seien. Wohl nicht ganz
zu Unrecht heißt es bei Reichert 1986, S. 135: „Finnegans Wake ist in einer Sprache geschrieben,
die es nicht gibt, oder genauer, in einer Sprache, die in der spezifischen Absicht geschaffen
wurde, Finnegans Wake zu schreiben.“
213 Bei Gatzemeier 1985, S. 29, wird als „Text“ das aufgefaßt, was eine (im großen und ganzen)
„verständliche Zeichenfolge“ ist, d. h. eine Folge von Zeichen ist nach Gatzemeier verständlich,
wenn ihm bereits eine Sprache zugeordnet worden ist.
214 Eine Vielzahl von sprachlichen Abweichungen sind detailliert z. B. am Werk E. E. Cummings
(vgl. u. a. Fairley 1975 sowie Ead. 1981) oder Helmut Heißenbüttels (vgl. u. a. Albrecht 1975) un-
tersucht worden.
215 Beispiele, denen sich zwar eine nach einer Sprache korrekte syntaktische Struktur zuordnen
läßt, etwa wie u. U. der Zeile „Fenster grinst Verrat“ aus August Stramms Gedicht Patrouille (Id.
1990, S. 102) oder „Eisen klirrt verschlafen“ aus seinem Gedicht Wache (Id. 1990, S. 115), die aber
semantische Anomalien aufweisen, sollen im weiteren unberücksichtigt bleiben (vgl. dazu u.a.
134 | II Entfaltung der Problemstellung

ter bilden Abweichungen dieser Art die Grundlage für eine besondere Art der Be-
deutungszuweisung, etwa einer metaphorischen Bedeutung.216
Die erste Sorte von Beispielen – und vermutlich die am wenigsten umstrittene
– liegt vor, wenn es sich bei s um einen Satz handelt, der gegenüber den gramma-
tischen Regeln von L nur geringfügig deviant ist. Solche Sätze gelten in der Regel
trotz ihrer Regelverletzung als zu L gehörig, da sie durch geringfügige Korrektu-
ren emendiert werden können. Das heißt aber: Indem sie in eine Zeichenfolge s*
transformiert werden, die als grammatisch einwandfrei angesehen wird.217 Mithin
ist bei dieser Sorte von Beispielen das Vorliegen von IL(s) nicht notwendig, um s
als zu L gehörig aufzufassen.218 Damit wird weder ausgeschlossen, daß die (na-
türlichen) Sprachen hinsichtlich des aktuellen Gebrauchs oder der historischen

||
auch Todorov 1966; Henel 1968, S. 122/23, spricht bei dem Beispiel Stramms von ‚Verbmeta-
phern‘). Sätze, die mehr oder weniger offensichtlich semantische Anomalien aufweisen, sind aus
verschiedenen Gründen auf großes sowohl sprachwissenschaftliches wie philosophisches Inte-
resse gestoßen und durchziehen als Beispiele die entsprechenden Untersuchungen. Gilbert Ryles
Idee der ‚Kategorienfehler‘ (vgl. Id. 1937/38 und insb. Id. 1949, Kap. I) schien ein effektives In-
strument zur Analyse und Kritik philosophischer Konzeptionen zu bieten, die auf derartigen se-
mantischen Anomalien zu beruhen scheinen. Zwei Komplikationen wurden dabei schnell er-
kannt: zum einen eine sprachphilosophische bzw. sprachwissenschaftliche Schwierigkeit,
nämlich die genaue Bestimmung des Begriffs der sprachlichen Kategorie und der Identifizierung
solcher Kategorien (vgl. u. a. Smart 1953/54, Baker 1956, Cross 1958/59, Hillmann 1963, Harrison
1965, Carstairs 1971; Jerrold Katz hat in seiner Konzeption der ‚Selektionsbeschränkung‘ eine Art
Explikation der Ideen Ryles gesehen, vgl. Id. 1972, S. 92), zum anderen eine metaphilosophische
Schwierigkeit, nämlich die Prüfung der Frage, inwieweit der Hinweis auf ‚Kategorienfehler‘ ein
Argument gegen philosophische Ansichten sein kann (vgl. als Beispiel die frühe Diskussion im
Hinblick auf das mind-body-Problem u. a. bei Putnam 1961, Cornman 1962, Nagel 1965, Rorty
1965). Die sprachphilosophischen und -wissenschaftlichen Fragen ‚semantischer Anomalien‘ ha-
ben – unabhängig von dem Interesse an philosophischer Kritik – eine Vielzahl von Untersuchun-
gen inspiriert, nicht zuletzt hinsichtlich der Frage, ob Sätze dieser Art falsch oder wahrheitswert-
frei sind oder aber einen dritten Wahrheitswert, also eine dreiwertige Logik erfordern (zu einer
Erörterung von Ausschnitten der Diskussion vgl. Lappin 1981).
216 So wird z. B. bei Oksaar 1969 bei syntaktischen Abweichungen (etwa dann, wenn Wörtern
eine ihnen unübliche syntaktische Funktion in einem Satz zugewiesen erhalten) von ‚grammati-
schen Metaphern‘ und bei semantischen Verstößen (etwa gegen die Kongruenzregeln) von ‚lexi-
kalischen Metaphern‘ gesprochen. Sätze, die ‚syntaktische‘ oder ‚semantische Anomalien‘ auf-
weisen, gehören zu den gängigen Beispielen bei der Analyse metaphorischer Ausdrücke bzw.
metaphorischer Sprachverwendungen (vgl. hierzu Abschnitt III.2).
217 Als eine sehr geringfügige Verletzung ist u. U. die schwache Flexion des attributiven Adjek-
tivs nach Präposition mit Dativ ohne Artikel anzusehen. – Weitere Beispiele ließen sich über Va-
riationen der Wortstellung anführen, vgl. hierzu u. a. Landon 1968.
218 An dieser Stelle soll zunächst das Problem ausgeklammert werden, daß die Transformation
von s zu s* nicht eindeutig zu sein braucht, d. h., daß es mehrere Sätze s*, s**, s*** ... geben kann,
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 135

Entwicklung mit alternativen Rekonstruktionen vereinbar sind, noch daß der Un-
terschied zu der zweiten Sorte von Beispielen nur graduell ist und in unterschied-
licher Weise markiert werden kann. Aufgrund des Argumentationszieles, das mit
der abfolgenden Sortierung und Erörterung von Beispielen verfolgt wird, können
diese Aspekte ignoriert werden.
Die zweite Sorte von Beispielen liegt vor, wenn es sich bei s um einen stärker
devianten Satz handelt, der jedoch (noch immer) eine im Hinblick auf L gramma-
tische, das heißt mit den Regeln von L rekonstruierbare Teilstruktur besitzt. Bei
Sätzen dieser Art kann die Zugehörigkeit zu L – abgesehen von ihrer Transforma-
tion in einen ‚wohlgeformten‘ Satz s*, wie bei der ersten Sorte von Beispielen an-
gesprochen wurde – auf zwei Wegen entschieden werden: durch Analogie zu Sät-
zen, für die das Vorliegen einer sinnvollen Interpretation in L unproblematisch
ist, oder durch die Veränderung der Regeln von L. Abweichungen dieser Art sind
nicht selten an literarischen Beispielen erörtert worden, und es gibt eine Vielzahl
von Versuchen, ‚Literarizität‘ bzw. ‚Poetizität‘ oder aber auch nur bestimmte Ar-
ten von Literatur über derartige Abweichungen zu bestimmen.219 Es ist indes eine
alte, bereits in der antiken Rhetorik anzutreffende Idee,220 daß bestimmte (ge-
wollte) Abweichungen mehr als nur Abweichungen sind, ihnen eine weiterge-
hende ‚Funktion‘ zugeschrieben werden kann und sie etwas exemplifizieren, wo-
für der Befund der Abweichung nur Vehikel sei.221
Wie diese beiden Strategien auch immer im einzelnen aussehen,222 wo die
Grenzen der Analogisierung und die des Übergangs von L zu einer anderen Spra-

||
die in gleicher Weise Transformationen von s sind und zu L gehören. Vgl. bereits die Bemerkung
von Yehoshua Bar-Hillel (Id. 1950, Anm. 13, S. 15) in seiner Kritik an der Unterscheidung „we-
sentlicher“ und „unwesentlicher“ grammatischer Regeln bei Schächter 1935, S. 38, wo der Bei-
spielsatz (S. 45): „Die Mädchen gehte auf dem Straße“ in den korrekten Satz: „Das Mädchen ging
auf der Straße“ transformiert wird. Offenkundig gibt es im vorliegenden Fall nicht nur diese Mög-
lichkeit der Transformation, und es ist keineswegs von vornherein einleuchtend, weshalb eine
bestimmte ausgezeichnet wird.
219 Zur Diskussion vgl. u. a. Schmidt 1968, Kloepfer 1975, S. 48ff. Verschiedene Formen der Ab-
weichung – determinierte und statistische, interne und externe – werden bei Levin 1963 und 1965
unterschieden. Zur Kritik an Abweichungskonzeptionen in diesem Zusammenhang u. a. Fowler
1966, Baumgärtner 1969.
220 Lausberg.1960, §§ 8, 498, 471, 473.
221 Vgl. hierzu auch Abschnitt IV.2.
222 Vgl. zur Diskussion um ‚Grade der Grammatikalität‘ und ‚syntaktischen Abeichungen‘ ne-
ben Chomsky 1961 und Ziff 1964 vor allem Katz 1964, Levin 1965, S. 354ff., Fowler 1969; ferner
Bolinger 1968 sowie die empirische Untersuchung bei Quirk/Svartvik 1966. Insbesondere im Hin-
136 | II Entfaltung der Problemstellung

che liegen mögen, auch diese Sorte von Beispielen belegt, daß für die Zugehörig-
keit von s zu L nicht IL(s) notwendig ist.223 Zu erwähnen bleibt, daß dabei oftmals
die Frage nach der Grammatikalität bei Sätzen gestellt wird, von denen bereits
vorab angenommen wird, sie seien Sätze einer bestimmten Sprache.224
Bei der dritten Sorte von Beispielen – die am umstrittensten sein dürfte – han-
delt es sich um Zeichenfolgen, die keine mit L vereinbare grammatische Struktu-
rierung aufweisen. Die Zeichenfolge

[...]
: Denkfäden Denkpfützen die absolute Kombinatorik phantastischt Phantastik Unermög-
lichbarkeit aufkommt: [...].

stammt aus Helmut Heißenbüttels Textbuch 1 und gehört einem Text an, der den
im vorliegenden Zusammenhang durchaus aufschlußreichen Titel „Einsätze“
trägt.225 Ein vielleicht noch eindrucksvolleres Beispiel findet sich bei Konrad
Bayer. Sein Text argumentation vor der bewusstseinsschwelle beginnt

an der der für den und an der dass trotz des von keinem eine einzig der ist ist das eines ein
würde die an die und den der und das zur im der dazu die einen für jeweils oder und der
sollte diesen dem zu das wäre auf die über die das jeweils in von einem oder zu hätte im
dazu ein einen haben bereits gehabt und an das mit dabei allerdings dass in dieses für den
waren die dann nie zu dem [...]226

Solche Zeichenfolgen können als Zeichenfolgen einer bestimmten Sprache ange-


sehen werden, auch wenn sie weder per analogiam mit grammatisch wohlstruk-
turierten Sätzen von L verbunden werden können, noch sich L so verändern läßt,
daß Zeichenfolgen dieser Sorte Anerkennung finden. Ihre Zuge-hörigkeit zu L

||
blick auf ‚poetische Sprache‘ vgl. hierzu auch Levin 1962; ferner – wenn auch zu formalen Spra-
chen – die Überlegungen bei Oberschelp 1981. – Zu Grammatikalität, Rekursivität und Definition
von Sprache vgl. schließlich Chomsky 1980, S. 123ff.
223 Zu der Idee einer „poetischen Kompetenz“ bzw. einer „Grammatik der Poesie“ (vgl. z. B. Ja-
kobson 1961), nach der syntaktisch und semantisch deviante (literarische) Texte regelhaft zu
konstruieren seien, vgl. neben anderen kritisch Baumgärtner 1974.
224 Vgl. dazu den Hinweis bei Ziff 1964a, S. 204: „How I know that that [scil. „He had a green
thought“] is an English sentence is a hard question.“ – Bei Thorne 1965 wird die Ansicht vertre-
ten, es handele sich um eine ‚eigene‘ Sprache bzw. um den ‚Dialekt‘ einer bestimmten Sprache.
225 Heißenbüttel 1960, S. 35. Unter „Einsätze“ heißt es „(Satz - Einsatz - Einsätze)“ (S. 34).
226 Dieser Text wurde 1962 verfaßt, aber erst postum veröffentlicht (Bayer 1977, S. 270; auch Id.
1985, S. 96).
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 137

kann aus verschiedenen Gründen erklärt werden.227 Gemeinsam ist den Erklärun-
gen, daß sie auf den Kontext der Zeichenfolge angewiesen sind. Schlüsse dieser
Art bleiben – Beispiele oben belegen das – unsicher. Die hier angesprochene
Sorte von Beispielen kann aber nicht nur als zu einer Sprache gehörig angesehen
werden, ihnen kann zudem Bedeutung zugewiesen werden, wenn auch nicht un-
ter Rückgriff auf die Regeln von L.228
Wenn demnach das Vorliegen einer Interpretation IL(s) nicht den Charakter
einer notwendigen Bedingung besitzt, um s als zu L gehörig aufzufassen, dann
läßt sich dieses Ergebnis akzeptieren, aber es kann auch Zweifel an der Anforde-
rung begründen, die für eine Zugehörigkeit zu L vorausgesetzt wurde. Dieser
Zweifel kann in den Vorschlag münden, die vorgesehenen Anforderungen abzu-
schwächen. Die vielleicht naheliegende Möglichkeit besteht darin, auf eine gram-
matische Rekonstruierbarkeit im Rahmen von L zu verzichten und stattdessen le-
diglich zu fordern, daß s aus einer oder mehreren Zeichenfolgen besteht, die mit
Wortformen von L korrespondieren. Die Prüfung eines solchen Vorschlags führt
indes zu einer ganz ähnlichen Reihung von Gegenbeispielen wie bei der Erörte-
rung der strengeren Anforderung.229
Hinweisen ließe sich zunächst auf das Gedicht auf dem land von Ernst Jandl,
das hier ebenfalls nur im Ausschnitt zitiert zu werden braucht:

||
227 Ein aufschlußreiches Beispiel ist die Transformation von Goethes „Über allen Gipfeln ist
Ruh“ in eine Art Lautgedicht bei Jandl (vgl. Id. 1970, S. 125). Diese Transformation findet ihre
Aufschlüsselung durch den vorangesetzten Text des Goethe-Gedichtes (vgl. hierzu auch Sege-
brecht 1979, S. 116–119). Horst-Jürgen Gerigk meint zu Jandls Gedicht (Id. 1973, S. 116; Hervorhe-
bung von mir): „Es handelt sich, wie man sieht, um einen Text ‚über‘ einen Text [...].“ Hier – wie
im übrigen bei den anderen Interpretationsbeispielen von Gerigk auch – wird unterschätzt, wel-
che ‚Operationen‘ erforderlich sind, um einen Text als etwas bestimmtes zu ‚sehen‘ oder zu ‚in-
terpretieren‘.
228 Vgl. Abschnitt III.1 zur exemplifizierenden Bedeutungszuweisung. Dabei entsteht kein Un-
terschied aufgrund des ‚Status‘ des zu interpretierenden Textes. So beruht die Parodie – etwa
eines Stramm-Gedichtes (vgl. zu solchen Parodien Möser 1985) – ebenso auf einer exemplifizie-
renden Interpretation wie u. U. die parodierten Vorlagen. – Auch wenn Texten der benannten
Art über Exemplifikation Bedeutung zugewiesen werden kann, so schließt diese Möglichkeit
nicht aus, ihnen die Anerkennung als literarisches Werk zu verweigern, wie dies etwa bei Roman
Ingarden geschieht (Id. 1965, S. 190/191; vgl. auch Id. 1934): „[...] wenn es Werke gibt, die nur
scheinbare lautliche Sprachgebilde enthalten, welche aber ohne jeden Sinn sind, dann sind
diese Werke jedenfalls keine literarischen Werke mehr.“ Den Hintergrund für diese Zurückwei-
sung bildet offenkundig Ingardens Bedeutungskonzeption, die bei solchen Texten keinen An-
satzpunkt zu besitzen scheint.
229 Beispiele finden sich auch in der Untersuchung von N. F. Blake zu dem, was er „non-stan-
dard“ Verwendung von Sprache in Literatur bezeichnet (vgl. Id. 1981).
138 | II Entfaltung der Problemstellung

rininininininininDER
brülüllüllüllüllüllüllüllEN
schweineineineineineineineinE
grununununununununZEN
[...]230

Ein komplizierteres Beispiel läßt sich dem Œuvre Konrad Bayers entnehmen. Dort
besteht der mit „signal“ betitelte Text aus Blöcken von Wortketten, die durch
Trennungsstriche zeilenweise und durch Asteriske blockweise abgetrennt sind.
Eine Zeile hieraus demonstriert das Beispiel:

[...]
nachtsampelysiumklammerschöpferkaltetwacholderdesgleichenstarrrsin –
[...]“231

Eine solche Zeichenfolge läßt sich allerdings noch immer in Zeichenfolgen zerle-
gen, die mit Wortformen von L korrespondieren.232 Allerdings führt das entweder
zu einer Transformation von s zu s*, oder aber es werden die Anforderungen noch
weiter abgeschwächt, indem zum Beispiel auf die Wiedergabe des Spatiums ver-
zichtet wird. Das folgende Beispiel von Ernst Jandl weist indes die Richtung für
ein imaginierbares Gegenbeispiel, das auch durch solche weiteren Abschwächun-
gen ausgeschlossen bleibt:

lichtung
manche meinen
lechts und rinks

||
230 Vgl. Jandl 1966, S. 143.
231 Bayer 1985, Bd. 2, S. 91. Dieser Text ist von 1961. Vgl. auch die Texte stadt, flucht, „sonntag-
samstag“, „nahebeieinander“.
232 In der konkreten Dichtung gibt es eine Reihe zusammengezogener Wörter, die sich in unter-
schiedlicher Weise zerlegen lassen, vgl. zu einem solchen Gedicht Eugen Gomringers z. B.
Schneider 1965, S. 1208f. – Im Griechischen, bzw. in der scriptura continua, wurden beim Schrei-
ben auf die interstitia zwischen den Wörtern oftmals verzichtet, so daß sich eine besondere Dun-
kelheit und verschiedene Möglichkeiten der Silbenzusammenstellung ergeben haben (vgl. auch
den Hinweis bei Fuhrmann 1966, S. 49). Galen hat in seiner Abhandlung De Captionibus bei der
Klassifikation von Ambiguitäten im Hinblick auf dieses Problem zwei unterschieden (eine Über-
setzung dieses Textes mit Kommentar findet sich bei Edlow [Hg.] 1977). So hat sich – um nur ein
Beispiel zu geben – lange Zeit aus Ciceros Academ. quaest, proeemium, lib 1, das philosophiam
aqua absumtam diu gehalten, das dann in philosophiam, a qua absum tam diu transformiert
wurde.– Vgl. auch die Tora-Auffassung, nach der sie kontinuierlich niedergeschrieben wurde, so
daß die Festlegung von Worttrennungen eine herkömmliche Lesart wie die als Folge esoterischer
Namen (vgl. Scholem 1960, S. 57) zulässt.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 139

kann man nicht


velwechsern.
welch ein illtum.233

Das, was hier ansatzweise unternommen wird – beschränkt auf die Vertauschung
der Buchstaben l und r –, weist den leicht imaginierbaren Weg, um zu einem
strengen Gegenbeispiel zu gelangen.234
Zum Abschluß soll auf eine Sorte von Beispielen hingewiesen werden, die be-
legen, daß Texte Gegenstand der Interpretation sein können, bei denen die Frage,
ob sie einer bestimmten Sprache angehören, unbeantwortet bleibt. Als Beispiel
kann eine Zeichenfolge wie die folgende dienen:

gadji beri bimba


glandridi lauli lonni cadori
gadjama bim beri glassala
glandridi glassala tuffm i zimbrabim
blassa galassasa tuffm i zimbrabim.

Diesem ‚Vers ohne Worte‘ – wie ihn Hugo Ball nennt235 – kann ohne den aller
Voraussicht nach vergeblichen Versuch, ihn nach dem abgeschwächten Krite-
rium einer Sprache zuzuordnen, Bedeutung zugewiesen werden236 – und zwar im
Rahmen einer Konzeption der exemplifizierenden Bedeutungszuweisung.237 Balls

||
233 Jandl 1983, S. 67. – Im Werk Jandls finden sich auch Belege für die anderen hier erörterten
Beispiele, vgl. zu Jandl u. a. Abraham 1982, ferner Wulff 1978.
234 Vgl. auch die Untersuchung bei Cureton 1979 zu den Wortformen bei E. E. Cummings.
235 Wiedergegeben ist dieses Lautgedicht in der Tagebucheintragung zum 23. Juni 1916 in Ball
1946, S. 105. Vgl. den Roman Tenderenda der Phantast, an dem Hugo Ball 1914–1920 arbeitete
(Id. 1967, S. 99f. und S. 117f.; zu diesem Roman auch Knüfermann 1975).
236 Zu Balls Lautgdichtung u. a. Klingler 1982, Kammler 1987, auch Scholz 1981 (wenig ergiebig
Kammler 1981 sowie Kempf/Kratz 1985/86). Zu einem der vielen weiteren Beispiele vgl. etwa Teil
VI von Richard Huelsenbecks Die Kuckjohnaden (Id. 1959, S. 78). – Für die voraufgegangenen
Erörterungen sind einige Beispiele – mehr oder weniger willkürlich und vor allem aus dem
deutschsprachigen Raum – ausgewählt worden. Daß es sich dabei nicht um ‚gesuchte‘ Beispiele
– vgl. etwa die „grammatische Dekomposition“ bei August Stramm (dazu u. a. Möser 1983,
S. 79ff.; dort auch weitere Beispiele) – und um kein ‚regionales‘ Phänomen handelt, sei nur an-
gemerkt und durch Hinweise auf das poetische Werk und die Theorie von Aleksej Krucenych und
Velimir Chlebnikovs (vgl. Id. 1972), von dem Juri Tynjanow als „einem Lobatschewski des Wor-
tes“ spricht (Tynjanow 1928, S. 443; zur „Zaum“-Theorie der Sprache vgl. Scholz 1968, Urban
1972, S. 590ff., Hansen-Löve 1978, S. 99ff., Lauhus 1982, ferner Vroon 1982) oder auf Beispiele des
Lettrismus (vgl. u. a. Curtay 1974) abgerundet. – Vgl. hierzu auch die noch folgenden Hinweise
zur Konkreten Poesie.
237 Vgl. Abschnitt III.1.
140 | II Entfaltung der Problemstellung

zitierter ‚Vers ohne Worte‘ exemplifiziert das, wofür er hier als Exempel gewählt
worden ist, nämlich daß ihm eine Bedeutung zugewiesen werden kann, ohne ihn
zu einer Sprache gehörig aufzufassen.238
Der zweite Fall, der oben unterschieden wurde, stellt die Frage der Zugehö-
rigkeit nicht an s, sondern an die transformierte Version von s, nämlich s*. Die
Antwort auf diese Frage läßt sich schnell geben, wenn der Grund einer solchen
Transformation in Betracht gezogen wird. Eine Zeichenfolge s wird in eine Zei-
chenfolge s* transformiert, weil IL(s) nicht möglich ist; mithin wird IL(s*) ange-
strebt. Das heißt: Wenn für s die Zugehörigkeit zu L fraglich ist und es eine Trans-
formation von s gibt, anhand der die Frage der Zugehörigkeit von s zu L
beantwortet werden soll, dann gilt für jede Transformation s* von s, daß IL(s*) hin-
reichend und notwendig für die Zugehörigkeit ist.
Zu der Antwort auf die Frage des hinreichenden und notwendigen Charakters
von IL(s*) sind drei Ergänzungen hinzuzufügen: Erstens, – und das gilt auch bei
der direkten Zugehörigkeit von s zu L – für die Interpretationen IL(s*) bzw. IL(s)
gilt nicht, daß sie aus den Regeln von L folgen; zweitens, die Entscheidungen für
s* bzw. IL(s*) müssen nicht alternativlos sein; drittens, die Transformation von s zu
s* braucht nicht allein in der Veränderung der Zeichenkonfiguration zu bestehen.
Gefordert wird lediglich, daß – erstens – die Interpretationen IL(s) bzw. IL(s*) mit
den Regeln von L vereinbar sind;239 daß – zweitens – wenigstens eine Interpreta-
tion IL(s) bzw. IL(s*) vorliegt, wobei die explizite oder implizite Zurückweisung al-
ternativer Interpretationen nicht allein durch die ‚Fakten‘ erzwungen sein muß,
sondern auch durch mehr oder weniger vage, nicht unbedingt von allen geteilte
(methodologische) Evaluationen bestimmt sein kann; daß – drittens – die Trans-
formation von s zu einer Zeichenfolge s* und zu einer Interpretation IL(s*) nicht
Eingriffe in den Zeichenbestand auszuschließen braucht.
Alle drei Ergänzungen lassen sich an einem Beispiel kurz illustrieren, näm-
lich an der Forschung zum ersten der Merseburger Zaubersprüche. Dieser lautet:

||
238 Diese Behauptung stimmt – in der gewählten Formulierung – nicht; sie ist für die Freunde
paradoxer Formulierungen der sog. Selbstthematisierung von Literatur gewählt. Daß es sich aber
tatsächlich um ein Gegenbeispiel handeln kann, läßt sich den Überlegungen in Abschnitt III.1
entnehmen.
239 Bei den grammatischen Regeln einer Sprache ist nicht auszuschließen, daß es Fälle gibt, die
im „Vagheitsspielraum der für sie an sich zuständigen grammatischen Regeln liegen“ (Reis 1979,
S. 8). Die Forderung nach Vereinbarkeit umfaßt sowohl die Fälle, in denen bestimmten Regeln
entsprochen wird, als auch die Fälle, in denen weder Regelanwendbarkeit noch Regelverletzung
vorliegen.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 141

eiris sazun idisi, sazun hera duoder.


suma hapt heptidun, suma heri lezidun,
suma clubodun umbi cuoniouuidi.
inspinc haptbandun, inuar uigandun.240

Das Wort „duoder“ in der ersten Zeile des Zitats ist nur in diesem Beleg althoch-
deutsch überliefert. Wird die erste der oben angeführten Ergänzungen ignoriert,
dann könnte die historisch zufällige Überlieferung von „duoder“ bereits verhin-
dern, dem Text eine sinnvolle Bedeutung im Hinblick auf L – in diesem Fall das
Althochdeutsche – zuzuweisen. Und zweifellos können ‚neue‘ Ausdrücke in eine
Sprache eingeführt bzw. bislang unbekannte verstanden werden – sei es in einer
Zeichenfolge, die eine (explizite) partielle oder vollständige Bedeutungszuwei-
sung an diesen Ausdruck vornimmt, sei es durch seine Verwendung in einem
sprachlichen Kotext, von dem auf seine Bedeutung geschlossen wird.
Nun ist allerdings die Ausdrucksverknüpfung „hera duoder“ hinsichtlich ih-
rer Bedeutung höchst unklar. Aufgrund der Schwierigkeiten bei der Deutung die-
ser Verknüpfung wurden als Alternative auch Eingriffe in den Zeichenbestand er-
wogen.241 So wurde vorgeschlagen, in „duoder“ einen Schreibfehler zu sehen und
diesen Ausdruck als „muoder“ zu emendieren. Dieser Vorschlag beleuchtet die
grundsätzliche Alternative: Der Bewahrung der Überlieferung bei wenig befriedi-
gender Bedeutungszuweisung steht die befriedigendere Bedeutungszuweisung
bei Korrektur der Überlieferung gegenüber.
Die dritte der oben vorgenommenen Ergänzungen ist allerdings nicht ohne
Komplikationen. Mit ihr werden nur sehr geringe Anforderungen an die Transfor-
mation von s zu s* gestellt; faktisch wird nur gefordert, daß IL(s*) gebildet werden
kann. Eine solche, allein am Erfolg der Transformation von s in s* orientierte Be-
stimmung ist offenkundig zu schwach. Denn die Transformation von s zu s* kann
danach nicht nur in der Reorganisation der Zeichenkonfiguration bestehen,242 sie

||
240 Zu einer Wiedergabe der Anordnung der Buchstaben in der Handschrift vgl. Krogmann
1951, S. 122.
241 Vgl. hierzu Krogmann 1951, Kroes 1953, Eis 1958; ferner Wolff 1963.
242 Also z. B., wenn es sich bei s um ein Anagramm handelt, das durch s* aufgelöst wird. Ein
Exempel, das im Zusammenhang mit der vor allem im vorigen Jahrhundert sowie um die Jahr-
hundertwende heftig geführten Diskussion der These steht, daß Francis Bacon der Verfasser von
Werken Shakespeares sei, vermag das zu illustrieren. So wurde der in Love’s Labourʼs Lost
sprachlich nicht identifizierte Ausdruck „honorificabilitudinitatibus“ zu „Hi ludi, tuiti sibi, Fr.
Bacono nati“ aufgelöst (vgl. Friedman/Friedman 1957, S. 102ff.; dort werden eine Vielzahl kryp-
tographischer Argumente für die diversen Vermutungen zur Verfasserschaft der Werke Shake-
spares erörtert; zur Geschichte der Friedmans vgl. Kahn 1967, passim). Bacon selbst hat eine nicht
142 | II Entfaltung der Problemstellung

kann auch zu einem Eingriff in den Zeichenbestand führen. Im Fall der Interpre-
tation des ersten Merseburger Zauberspruchs mag ein solcher Eingriff aufgrund
einer Reihe von Hintergrundannahmen und einschränkender Bedingungen plau-
sibel sein; im Fall der Feststellung der Zugehörigkeit von s zu L beginnt das Prob-
lem bei der Bestimmung der Grenzen der Eingriffsmöglichkeiten in den Zeichen-
bestand von s. Zudem brauchen solche Eingriffe nicht auf den Austausch von
Zeichen beschränkt zu bleiben. Ebenso können Zeichen ergänzt oder für überflüs-
sig angesehen werden.
Diese Möglichkeiten sind keineswegs so ‚phantastisch‘, daß sie keine Interes-
senten (zum Beispiel in der Hermeneutik) gefunden hätten. Für Etienne Gichard
ist die „Ableitung der Wörter“ in seiner Abhandlung L’harmonie étymologique des
langues von 1606 „durch Addition, Subtraktion, Transposition und Inversion der
Buchstaben“ charakterisiert.243 Nach Gershom Scholem spielen für den spani-
schen Kabbalisten Abraham Abulafia „die Methoden [...] der Vertauschung von
Buchstaben nach gewissen Gesetzen eine große Rolle. Dabei können die so zu-
stande kommenden Vertauschungen wiederum nach anderen Gesichtspunkten
ausgetauscht und versetzt werden. Mit Hilfe dieser Methoden läßt sich alle Spra-
che aus der Entfaltung des einen Namen Gottes in die Kombination des Alphabets
hin verstehen.“244 Ein weiteres Beispiel läßt sich der Untersuchung von Ausle-
gungsweisen der Rabbinen in Wilhelm Surenhusens Buch Βιβλος Καταλλαγης von
1713 entnehmen. Dort werden als Regeln der allegorisierenden Textinterpretation
die folgenden zehn aufgestellt:

[...] primus est, quo non secundum puncta vocalia literis apposita legenda sund verba,
verum secundum alia ipsorum loca substituta, [...] secundus modus est, quo ipsae literae
contextus sacri cum aliis commutantur [...]. Tertius est, quo literae et simul puncta vocalia
commutantur [...]. Quartus est, quo vocabulis literae aliquod adduntur, et simul detrahun-
tur. Quintus, quo ex literarum et verborum metathesi sensus allegoricus elicitur. Sextus,
quo ex uno sacri contextus vocabulo duo conficiuntur. Septimus, quo Veteres Theologi ad
sensum magis perspicuum redendum, et verba ad materiam accommodanda, vocabula vo-
cabulis substituerunt, [...]. Octavus, quo in Scripturis Sacris eluciandis verborum ordo in-
vertitur, [...]. Nonus, quo praeter inversionem ordinis, quaedam verborum additio accedit,

||
unbeachtliche ‚binäre Geheimschrift‘ in De dignitate et augmentis scientiraum dargelegt (vgl. Id.
1623, lib. VI, cap.1, S. 650ff.; vgl. auch die Darstellung bei Gardner 1986, S. 59‒72).
243 Zitiert nach Arens 1969, S. 76.
244 Scholem 1970, Anm. 74, S. 63.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 143

[...] Decimus est, quo praeter transpositionem, et additionem, etiam diminutionem obser-
vare solent, [...].245

Der Aspekt des Übergangs von s zu s* kann abgeschwächt werden, indem ledig-
lich eine Verknüpfung zwischen s und s* angestrebt wird. Die angestellten Überle-
gungen lassen sich im großen und ganzen auch hierauf anwenden. Solche Ver-
knüpfungen scheinen mittlerweile zum Alltagsgeschäft der Interpretation zu
gehören, so daß ein Beispiel genügen mag. In dem Aufsatz zu Kleists Über das
Marionettentheater beschließt Paul de Man seine Interpretation mit der zentralen
Aussage, die in folgender Weise gewonnen wird: „Aber Fälle liegt im Deutschen
sehr nah bei der Falle – und die Falle dürfte das letzte und äußerste Textmodell
dieses und jedes Textes sein, die Falle der ästhetischen Erziehung [...].“246
Last but not least können einige der Zeichen von s als Stellvertreter von Zei-
chenkomplexen ihre Transformationen finden, etwa als Abkürzungen. Beispiele
hierfür finden sich in der (lateinischen) Etymologie des Mittelalters,247 auch wenn
diese heute als kurios erscheinen mag248 – doch ‚kuriose‘ Beispiele des auf Ety-
mologie fußenden Philosophierens lassen sich in diesem Jahrhundert ebenso fin-
den249 wie Anklänge – wenn auch vermutlich unwissend – an dieses mittelalter-
liche Etymologisieren bei modernen Literaturwissenschaftlern im Umgang mit
Sprache.250 Im Zuge dieser Etymologie werden Zeichenfolgen (Wörter) etwa als
Kurzformeln gedeutet. Beispiele sind: Roma quasi radix omnium malorum auari-
cia; taurus quasi tuens agmina vaccarum robore virium suarum; Jesus = innich-
eit, (ge)hoersamheit, ênvoldicheit, sympelheit, vredsamkeit, sorchvoldichheit;

||
245 Zitiert nach Stemmer 1983, Anm. , S. 29; dort auch mehr zum Zusammenhang der Untersu-
chung Surenhusens. – Surenhusens Untersuchung war lange Zeit nicht ohne Autorität – zumin-
dest was seine historische Untersuchung zur Auslegung der Juden betrifft (so wird er z. B. nicht
nur bei Linden 1735, S. 415f., empfohlen, sondern noch bei Olshausen 1824, S. 32, Anm.*, als ein-
schlägig angeführt).
246 Man 1984, S. 32.
247 Vgl. zu einem knappen Überblick der verschiedenen Formen des mittelalterlichen Etymo-
logisierens Michel 1988; zur Geschichte der Etymologie vgl. Sanders 1967, auch Id. 1969 und 1975,
Haubrichs 1975, Ruberg 1975, Amsler 1986 und Id. 1989, auch Schleusener-Eichholz 1975.
248 Zur ‚Volksetymologie‘ vgl. vor allem Sanders 1971, 1972 und 1975, auch Bergenholtz 1975.
249 Vgl. u. a. Wandruszka 1958 sowie Kainz 1969, insb. S. 34ff. Zum ‚ursprünglichen‘ Etymolo-
gisieren bei Heidegger vgl. auch Marten 1982, S. 247‒52.
250 Die Vorliebe für Transformationen ist unter anderem durch Saussures Anagramm-Studien
inspiriert worden. Das betrifft nicht allein das Etymologisieren (vgl. z. B. den Hinweis bei Forget
1984, S. 16, auf Derridas „Vorliebe für das Anagramm und für die anagrammatische Begriffsbil-
dung“).
144 | II Entfaltung der Problemstellung

deus: dans eternam uitam suis; homo: quasi habens omnia manu omnipoten-
tis.251 Keinem Wort läßt sich ansehen, daß es sich bei ihm nicht um eine Art Akro-
stichon handelt – wie zum Beispiel Ichthys. Für die Urchristen bedeutete das: Je-
sus Christus Theou Hyios Soter. Und der Ausdruck saligia wird vermutlich nicht
leicht zu deuten sein, wenn man in ihm nicht die ersten Buchstaben der sieben
Todsünden – superbia, avaritia, luxuria, invidia, gula, ira, acedia – erkennt.252 Of-
fensichtlich ist hingegen die Transformation von Dada zu D.A.D.A. und von dort
zu den Buchstaben als Abkürzungen von Dionysos Areopagita und von der Ver-
dopplung zum zweifachen Anruf des Areopagiten.253 Schließlich bedarf es auch
gelegentlich der Hinzufügung eines Buchstabens. Für Johann Reuchlin (1455–
1522) ist der unaussprechliche Gottesname IHVH (Jahwe) um einen fünften Buch-
staben zu ergänzen: IHSVH (Jesus). Dieses Pentagramm wird wiederum als Ab-
kürzung gesehen für: In hoc signaculo vince.
Aufschlußreichere Beispiele für die hier angesprochene Transformation bil-
den überlieferte Texte, die der Transkription bedürfen, etwa weil sie nach einem
Kurzschriftsystem verfaßt sind. Samuel Pepys’ Diary ist ein bekanntes,254 William
Byrds Secret Diary ein weniger bekanntes Beispiel.255 Daneben gibt es zahlreiche

||
251 Zu den angeführten Beispielen mit Stellenangaben und weiteren Hinweisen vgl. Klinck
1970, S. 68/69, Grubmüller 1975, S. 228. Diese Form der Etymologie besitzt Ähnlichkeiten mit
dem Notarikon als Methode der Kabbala, vgl. u. a. Bischoff 1917, S. 28ff. und 139f., Dornseiff 1922,
S. 137‒39.
252 Vgl. auch die Akrostichis, die Richard Kay (Id. 1970, 1987 und 1990) in Dantes Inferno findet.
253 Das Beispiel ist selbstverständlich nicht erfunden (vgl. Ball 1946, S. 296, Tagebucheintra-
gung unter dem 16.6.1921 – nebenbei bemerkt: die Zahlen des Datums sind schon bei anspruchs-
losen mathematischen Operationen zahlensymbolisch aufschlußreich; im Zuge der poststruktu-
ralistischen Logorrhö läßt sich damit ein ganzer Aufsatz bestreiten; hier muß der Hinweis in einer
Anmerkung genügen): „Als mir das Wort ‚Dada‘ begegnete, wurde ich zweimal angerufen von
Dionysius. D.A. – D.A. (über diese mystische Geburt schrieb H...k [scil. Huelsenbeck, vgl. S. 345];
auch ich selbst in früheren Notizen. Damals trieb ich Buchstaben- und Wort-Alchemie).“
254 Vgl. die erste vollständige Transkription dieses Tagebuches (Pepys 1970‒76). Interessant an
der Entzifferungsgeschichte ist, daß die Transkription für die erste Ausgabe (1825) allein auf-
grund weniger Hinweise bereits weitgehend gelungen ist (auch wenn die Ausgabe selbst verfäl-
schende Korrekturen aufweist, vgl. Matthews 1935). Erst für die von Mynors Bright besorgte Aus-
gabe (1875‒1879) war das Kurzschriftsystem bekannt, das von Pepys benutzt wurde und das für
weite Teile seines Tagebuchs die Transkription bestätigte, nämlich Thomas Sheltons Short Wri-
ting (bzw. Tachygraphy) von 1626 (vgl. hierzu Latham/Matthews 1970, S. xlviii, lxxvii und
lxxxvii).
255 Neben einer Reihe von Parallelen zu Pepys’ Diary besteht eine auch in der Entzifferungsge-
schichte; auch bei William Byrds (1674-1744) Secret Diary wurde offenbar erst nach der Entziffe-
rung entdeckt, daß das zeitgenössisch nicht unbekannte Kurzschriftsystem von William Mason
verwendet wurde (vgl. Wright 1938/39, zu knappen allgemeinen Informationen zu Byrd Preston
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 145

Beispiele für Tagebücher, bei denen verschiedene Formen von Geheimschriften,


Kryptogramme und Kryptonyme Verwendung finden. Dabei geht es oftmals um
die Verdeckung von – was die zeitgenössische Sicht betrifft – Pudenda und Im-
moralia.256
Ausführlicher soll auf ein Beispiel hingewiesen werden, das eine Vielzahl von
Aspekten, die in der voraufgegangenen Erörterung angesprochen wurden, zu il-
lustrieren vermag. Es handelt sich um das sog. Voynich-Manuskript, das als eines
der mysteriösen Manuskripte zu Beginn dieses Jahrhunderts der Öffentlichkeit
vorgestellt wurde. Nicht zuletzt die (höchst problematische) Annahme, daß als
Verfasser des Manuskripts der im 19. Jahrhundert wiederentdeckte und als ge-
heimnisvoll angesehene, vermeintlich seiner Zeit weit vorausblickende Roger Ba-
con gelten kann,257 sicherte dem auf den ersten Blick – trotz der vorhandenen
Zeichnungen – für unentzifferbar angesehenen Manuskript große Aufmerksam-
keit. Gleichwohl entzogen sich die als sprachlich vermuteten Zeichen der Zuord-
nung zu einer Sprache. Der posthum herausgegebene Entzifferungsversuch von
William Romaine Newbold galt als der einzige ernsthafte Versuch, der den Erwar-
tungen an eine Lösung des Rätsels gerecht zu werden schien. Newbold hatte nicht
nur Teile des Manuskriptes entziffert; die dabei zu Tage gekommenen Ergebnisse
konnten zudem als wissenschaftshistorische Sensation gelten258 und wurden
auch von renommierten Kennern übernommen.259

||
1984; seit 1941 erschien Byrds Secret Diary). – Eine literarische Verwendung der Kryptographie
findet sich in Edgar Allan Poes The Gold-Bug. Poe galt zumindest unter den Zeitgenossen als be-
deutender Kryptograph; tatsächlich jedoch waren seine Kenntnisse vergleichsweise gering, vgl.
Friedman 1936/37, Wimsatt 1943. Wie nicht anders zu erwarten, ist diese Erzählung Poes als The-
matisierung des Interpretierens gedeutet worden (vgl. Ricardou 1971, S. 39‒44).
256 Als weiteres Beispiel vgl. die Tagebücher von Lichtenberg (dazu Joost 1987), von Jung-Stil-
ling (dazu Geiger 1973, Kap.5, auch Hüttenhain 1971; zu einem weiteren Tagebuch Jung-Stillings
vgl. Benrath 1975), von Johann Anton Leisewitz (vgl. Mack/Lochner 1916) oder die für die Inter-
pretation des Tractatus als wichtig angesehenen verschlüsselten ‚geheimen Tagebücher‘ Witt-
gensteins aus den Jahren 1914 bis 1916 (vgl. Wittgenstein 1991). Allerdings ist mitunter nicht klar
– wie etwa bei Jung-Stilling, aber auch bei Leisewitz –, aus welchem Grund eine geheimschriftli-
che Verschlüsselung gewählt worden ist, da in diesem Fall von Pudenda oder Immoralia oder
dergleichen wirklich nicht die Rede sein kann. So heißt es etwa bei Geiger 1973, S. 97, zu den
Tagebüchern Jung-Stillings: „Es sei vorweggenommen, daß eigentliche Überraschungen, wirk-
lich neuartige Aspekte weder in theologischer noch in biographischer Hinsicht zu tage treten
[...].“ – Zum carmen steganographicum vgl. Ernst 1990a, S. 215.
257 Vgl. die Bibliographie bei Alessios 1959 sowie die Ergänzung bei Huber 1983. Ferner zu sei-
nem Ruf als ‚Magier‘ Molland 1974.
258 Vgl. Newbold 1928.
259 So z. B. Etienne Gilson (vgl. die Besprechung des Buchs von Newbold in Id. 1928).
146 | II Entfaltung der Problemstellung

Auch wenn die Rätsel des Voynich-Manuskriptes bis heute nicht gelöst zu
sein scheinen, läßt sich doch ein Urteil über Newbolds Versuch der Entzifferung
wagen. Zusammengefaßt lautet dieses Urteil: Die Zuschreibung bestimmter wis-
senschaftlicher Ansichten an Roger Bacon, die Newbold im Zusammenhang mit
dem Manuskript vornimmt, hängt nicht zuletzt ab von der Mangelhaftigkeit des
verwendeten Entzifferungssystems und der Ignorierung von Unvereinbarkeiten
mit bestimmten Hintergrundannahmen, einem sozusagen historischen Weltwis-
sen. Aufschlußreich im vorliegenden Zusammenhang sind die Gründe für ein sol-
ches Urteil.
Die Entzifferung des Voynich-Manuskiptes ist ein Beispiel dafür, wie Über-
gänge von s zu s* kritisiert und zurückgewiesen werden können, indem nämlich
gezeigt wird, daß nach dem gewählten Verfahren des Übergangs ein beliebig ge-
wählter Satz s#, der sich in seiner Bedeutung von dem zugeordneten Satz s* we-
sentlich unterscheidet, dem Text s bzw. einem Teil dieses Textes ebenfalls nach
dem gewählten Entzifferungsverfahren zugeordnet werden kann. Genau das ließ
sich für den Entzifferungsversuch Newbolds nachweisen.260 Die sensationellen
Funde wurden damit zu nichts anderem als beliebigen Projektionen eines Lesers
des Textes als „the product of the subconscious activity of the decipherer“.261
Das Voynich-Manuskript stellt noch in einer anderen Hinsicht ein Exempel
dar, nämlich für den hypothetischen Charakter der Vermutung des Vorliegens
sprachlicher Zeichen. Neben den als Buchstaben identifizierbaren Zeichen weist
dieses Manuskript eine Reihe vermeintlicher, weitgehend unbekannter Zeichen
auf, die von Newbold als sprachliche Kürzel aufgefaßt wurden. Diese ‚mikrosko-
pisch‘ kleinen Zeichen im Manuskript stellten sich bei näherer Betrachtung aller-
dings als natürliche Eigenschaften des Materials heraus und sind vermutlich keine
Restbestände sprachlicher Zeichen.262
Schließlich stellen sich die entzifferten Nachrichten als unvereinbar mit dem
aus anderen Quellen gewonnenen Wissen und den daraus gezogenen Schlußfol-
gerungen heraus.263 Die dem Voynich-Manuskript entnommenen Informationen
gelten aber nicht nur als gegenüber dem akzeptierten (historischen) Weltwissen
zweifelhaft und als „the products of his [scil. Newbold’s] intense enthusiasm and

||
260 So zumindest lassen sich die Ergebnisse bei Manly 1931 charakterisieren.
261 Manly 1931, S. 352.
262 So jedenfalls der Befund bei Manly 1931, S. 353. Dort heißt es: „To me, the scattered patches
of ‚shorthand signs‘ with which Professor Newbold operated seem merely the result of the action
of time on the ink of the written characters.“ Und nach weiteren Argumentationen (S. 354): „The
correct conclusion undoubtedly is that the ‚microscopic shorthand signs‘ have, as such, no ob-
jective existence, but are the creations of Professor Newbold's imagination.“
263 Vgl. Manly 1931, insb. S. 373ff.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 147

his learned and ingenious subconsciousness“.264 Diese Unvereinbarkeit mit be-


legten historischen Annahmen führt zugleich zum Zweifel an der Zuordnung der
Zeichenfolgen des Manuskripts zu einer bestimmten Sprache, also in diesem Fall
zu einer mehr oder weniger zeitgenössischen Variante des Lateins.265
Mit etwas Geduld und Scharfsinn wird sich vermutlich immer eine Transfor-
mation s* finden lassen, durch die eine Zeichenfolge s als Bestandteil einer belie-
bigen Sprache ausgewiesen werden kann, sofern gewisse Ähnlichkeiten in der Art
der verwendeten Zeichen (zum Beispiel Buchstaben) vorhanden sind und s nicht
von zu geringem Umfang ist.266 Eine solche Trivialisierung läßt sich nur vermei-
den, wenn anhand von Regeln die Transformierbarkeit von s zu s* beschränkt
wird.267 Zu den Konsequenzen aus dem Befund, daß das Vorliegen von IL(s) für

||
264 Manly 1931, S. 390. Bei John M. Manly finden sich verschiedentlich auch Hinweise darauf,
daß die durch Newbold erhaltenen Entzifferungen nicht dem Stil und der Diktion Bacons ent-
sprechen, ohne daß diesen Hinweisen allerdings systematisch nachgegangen wird.
265 Das Manuskript scheint bis heute nicht erfolgreich entziffert worden zu sein. Nicht ohne Pi-
kanterie ist in diesem Zusammenhang, daß William F. Friedman nicht nur angekündigt hat, daß
er eine Lösung für das Voynich-Manuskript gefunden habe, sondern die Lösung in der Form eines
Anagramms wiedergegeben hat: „I put no trust in anagrammatic acrostic cyphers, for they are of
little real value – a waste – and may prove nothing. – Finis.“ Die Auflösung dieses Anagramms
findet sich allerdings erst bei Zimansky 1970, S. 438: „The Voynich MSS was an early attempt to
construct an artificial or universal language of the a priori type. – Friedman.“ W. F. Friedman hat
allerdings bis zu seinem Tode keine Ausarbeitung der Lösungsidee veröffentlicht. Zugleich ist
das ein Beispiel der Ankündigung eines wissenschaftlichen Ergebnisses in der Form eines Ana-
gramms.
266 Um das ein wenig zu veranschaulichen, sei angenommen, s bestehe aus der Buchstaben-
folge aaaaaa c d eee g iii l mmm nn o p rr s tt uuu (wobei u=v). Zu dieser aus 31 Buchstaben beste-
henden Zeichenfolge sind historisch nachweisbar nahezu fünfzehntausend Transformationen in
eine Sprache vorgenommen worden, eine von ihnen lautet: Ave, Maria, gratia plena; Dominus
tecum. Vgl. vor allem Begley 1904; in Anonym 1703, I, S. 176‒180, finden sich hierzu 100 Ana-
gramme eines Autors. – Georges Perecs Kollektion Ulcérations umfaßt 399 Anagramme des Titels
(vgl. auch Motte 1984, Kap. I).
267 Obwohl das Problem für de Saussure nicht in der Feststellung der Sprachzugehörigkeit von
Zeichenfolgen in seinen Anagrammstudien bestand, sind diese Untersuchungen gleichwohl eine
Illustration der Aspekte der hier angesprochenen Transformation. Zu der sprach- und interpre-
tationstheoretischen Bedeutung, aber auch den Fragwürdigkeiten von de Saussures Anagramm-
studien vgl. neben Starobinski 1967 und 1971 (dazu Wunderli 1973) vor allem Wunderli 1972 –
dort S. 113ff. zur Rezeption der Anagrammtheorie in der Tel-Quel-Gruppe (kritisch auch
Braun/Ruch 1988) –, ferner Wunderli 1972b; ferner Mounin 1974, Culler 1986, S. 123ff. (nicht in
der Erstausgabe von 1976), weniger kritisch z. B. Ivanov 1985, S. 130ff. – Zu einer ‚dekonstrukti-
vistischen‘ Aufnahme der Anagrammstudien Saussures vgl. u. a. Godzich 1975.
148 | II Entfaltung der Problemstellung

die Zugehörigkeit von s zu L nicht notwendig ist, gehört damit für das Interpreta-
tionsproblem die Forderung, Grenzen für die Transformation von s zu s* bei der
Interpretation festzulegen.
Ein Sonderfall der Transformation von s zu s* ist die Herstellung einer etymo-
logischen Verbindung zwischen s und s*. In diesem Fall handelt es sich bei s und
s* um Zeichenfolgen, die als Wörter aufgefaßt werden und von denen in der Regel
beide – in bestimmter Weise zulässige Ausnahmen sind ‚erschlossene Formen‘ –
als zu einer bestimmten Sprache gehörend anerkannt sind. Die entscheidende
Pointe der Etymologie liegt darin, restringierende und akzeptable Regeln für die
angestrebten Transformationen zu finden. Eine in der modernen – nicht aber un-
bedingt in der älteren – Etymologie geltende Regel lautet beispielsweise (verein-
facht formuliert): Wenn s mit s* und s mit s** etymologisch verknüpft wird, dann
sind auch s* und s** etymologisch verknüpft.268
Das Beispiel der Entzifferung des Voynich-Manuskriptes legt nahe, die Gren-
zen der Transformation durch die Forderung zu bestimmen, daß bei einem Über-
gang, der von s zu einem s* führt, s* nicht nur eine sinnvolle Interpretation nach
den Regeln einer bestimmten Sprache erlauben soll, um als zugehörig zu dieser
Sprache zu gelten: s* soll eine richtige Bedeutungszuweisung an s darstellen. Da-
mit ist die zweite der gestellten Fragen angesprochen, die dazu dienen, die Kon-
sequenzen der vorliegenden Überlegungen für das Interpretationsproblem auf-
zuzeigen. Diese Frage lautet, wie sich die Beziehung bestimmen läßt zwischen
den Interpretationen IL(s), die im Hinblick auf L sinnvoll sind und die unter Um-
ständen s als zu L zugehörig ausweisen, und den Interpretationen IW(s), die
‚wahre‘ oder ‚richtige‘ Interpretationen von s sind. Der Ausdruck „wahre“ bzw.
„richtige Interpretationen“ ist wiederum lediglich ein Kürzel für Interpretatio-
nen, die aufgrund einer gewählten Bedeutungs- und Interpretationskonzeption
hinsichtlich der ihnen zugeschriebenen Geltungsansprüche so bezeichnet wer-
den können. Bei den nachfolgenden Erörterungen geht es mithin darum, ob die
Interpretation von s ausschließlich nach den Regeln einer gegebenen Sprache
eine ausreichende Grundlage für die Bestimmung einer Bedeutungs- und Inter-
pretationskonzeption bietet bzw. für die Lösung des Beliebigkeitsproblems. Die
folgenden beiden Beziehungen lassen sich prüfen:

(30) (I(s) ‫ א‬IW(s)) ՜ (I(s) ‫ א‬IL(s))

(31) (I(s) ‫ א‬IL(s)) ՜ (I(s) ‫ א‬IW(s))

||
268 Zur modernen Etymologie vgl. u. a. Trier 1981, Seebold 1981, auch Birkhan 1985.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 149

Also zum einen unter (30), daß eine wahre Interpretation immer auch eine sinn-
volle nach den Regeln der Sprache ist, der s zugeordnet wird, und zum anderen
unter (31), daß eine nach L sinnvolle Interpretation auch immer eine wahre Inter-
pretation von s (in L) ist.
Die Überlegungen zu dem nicht notwendigen Charakter des Vorliegens einer
Interpretation IL(s) für die Zugehörigkeit von s zu L führen dazu, daß die An-
nahme unter (30) hinsichtlich ihres generellen Geltungsanspruchs zurückzuwei-
sen ist. Diese Überlegungen haben allerdings lediglich gezeigt, daß es Beispiele
gibt, bei denen s zwar der Sprache L zugerechnet wird, aber keine sinnvolle Inter-
pretation IL(s) im Rahmen von L gegeben werden kann, also IL(s) keinen Vertreter
findet. Um einem solchen Einwand zu entgehen, bietet sich an, (30) dadurch ab-
zuschwächen, daß die Beziehung nur noch dann gelten soll, wenn zumindest
eine Interpretation IL für s vorliegt. Also:

(32) (I(s) ‫ א‬IW(s)) ‫ ׌( ר‬I*) (I*(s) ‫ א‬IL(s)) ՜ (I(s) ‫ א‬IL(s))

Allerdings gelten weder (31) noch die unter (32) gegebene Abschwächung von
(30) generell. Es lassen sich die folgenden Fälle unterscheiden:

(a) es kann eine wahre Interpretation IW(s) geben, aber keine sinnvolle In-
terpretation IL(s), die s als zugehörig zu irgendeiner (bekannten) Sprache
ausweist;

(b) wenn es eine Interpretation IL(s) für s gibt, so muß diese nicht zu den
wahren Interpretationen IW(s) von s gehören – daraus folgt:

(b1) es muß weder (IW(s) ‫ א‬IL(s))

(b2) noch (IL(s) ‫ א‬IW(s)) gelten;

(c) es kann eine sinnvolle Interpretation IL(s) von s geben, aber keine wahre
IW(s).

Wenn eine Interpretation IL(s), anhand der die Zugehörigkeit von s zu L angenom-
men wird, nicht IW(s) angehören muß, dann scheint das zu heißen, daß die Inter-
pretation im Rahmen von L beliebig sein kann. Die Pointe bestünde allein darin,
daß irgendeine Interpretation IL(s) vorliegt. Daß eine solche Beliebigkeit nicht ge-
geben ist, hängt von Restriktionen ab, die für die Zulässigkeit von IL(s) in An-
schlag gebracht werden. Diese Restriktionen können nach der Voraussetzung der
150 | II Entfaltung der Problemstellung

Bildung von IL(s) nicht mehr sprachlicher Art sein. Sie entstehen vielmehr durch
die Konfrontation von IL(s) mit einem bei der Interpretation geltenden Weltwis-
sen. Durch diese Form der Restriktion von IL(s) erfährt auch der Hinweis seine Er-
klärung, der die Antwort auf die Frage einschränkt, ob das Vorliegen von IL(s)
hinreichend für die Zugehörigkeit von s zu L ist.
Angenommen, s erfährt eine im Hinblick auf L sinnvolle Bedeutungszuwei-
sung, nach der mit s (in L) eine Aussage vorliegt, die unvereinbar mit einem vor-
liegenden Weltwissen ist. Die Grundlage für die Zurückweisung dieser Bedeu-
tungszuweisung an s – und damit für die restringierende Funktion des geltenden
Weltwissens – bildet nicht ein konservatives methodologisches Postulat, nach
dem Bestandteile des vorliegenden Weltwissens vor einer Zurückweisung zu
schützen sind. Verantwortlich für die Zurückweisung ist vielmehr der Anspruch,
der mit der Angabe einer sinnvollen Interpretation von s in L verbunden wird.
Der Anspruch, der mit IL(s) verbunden wird, besteht wie aus den bisherigen
Überlegungen folgt, nicht in der Richtigkeit der Interpretation – IL(s) muß mithin
nicht IW(s) angehören. Er besteht in der Aussage, daß es eine Interpretation von s
gibt, die als sinnvoll (im Hinblick auf L) gilt. Die für s vorgelegte Interpretation
IL(s) dient allein dem Zweck, die Behauptung zu verifizieren, daß es eine solche
Interpretation gibt. Ebenso wenig spielt die Wahrheit oder Falschheit von s unter
der Interpretation IL eine Rolle. Gleichwohl kann es zwischen dem Es-gibt-Satz
und dem akzeptierten Weltwissen zu einem Konflikt kommen. Es kommt zu einer
Sortierung von zulässigen und unzulässigen sinnvollen Interpretationen von s in
L, die hinsichtlich der Einschätzung der Wahrheit oder Falschheit von s unter IL
indifferent ist und die unabhängig von den wahren Interpretationen von s be-
stimmt ist. Eine solche Einschätzung von s unter IL sowie die Bestimmung der
wahren Interpretation von s erfolgt zwar ebenfalls anhand eines (akzeptierten)
Weltwissens, aber die Sortierung nach zulässigen und unzulässigen Interpretati-
onen zielt auf ein anderes Merkmal, nämlich auf das der Zurechenbarkeit zu einer
Sprache bzw. einem Sprachzustand und damit zugleich einem kulturellen Wissen
einer bestimmten Zeit bzw. eines bestimmten Autors.
Der Konflikt zwischen der sinnvollen Interpretation von s in L und dem (ak-
zeptierten) Wissen über einen Sprachzustand kann zwar grundsätzlich sowohl
durch die Zurückweisung der Interpretation IL(s) als auch durch die Zurückwei-
sung von Teilen dieses Wissens geschlichtet werden. Die vorliegende Konstella-
tion schränkt diese beiden Optionen jedoch ein, da durch sie der mittels IL(s) ge-
führte Nachweis der Zugehörigkeit von s zu L von der Vereinbarkeit mit dem
akzeptierten Weltwissen abhängig und mit IL(s) nicht die Formulierung einer rich-
tigen Interpretation von s zu beanspruchen ist, sondern lediglich eine Interpreta-
tion, welche die erforderliche Zurechenbarkeit erfüllt: Erst dann, wenn mit IL(s)
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 151

zugleich der Anspruch auf Richtigkeit erhoben wird, also der von (IL(s) ‫ א‬IW(s)),
können sich die beiden oben angeführten Optionen stellen.
Die Einschränkung, die auch dann gegeben ist, wenn mit IL(s) der Anspruch
auf Richtigkeit erhoben wird, belegt das oben diskutierte Beispiel der Entziffe-
rung des Voynich-Manuskripts. Der Anspruch, nicht nur eine nach den Regeln ei-
ner Sprache sinnvolle und zurechenbare Zuordnung s* zu s zu finden, sondern
eine, die zugleich eine richtige Interpretation von s bietet, hängt nicht zuletzt mit
der Transformation von s zu s* ab: Umso weniger problematisch diese Transfor-
mation erscheint, desto weniger zwingend ist die Forderung nach richtiger Inter-
pretation.
Die Transformation von s zu s* kann aus zwei Gründen als problematisch er-
achtet werden: wenn der Übergang von s zu s* mehrdeutig ist, also wenn die Aus-
zeichnung von s* im Hinblick auf die nach den Transformationsregeln s gleicher-
maßen zuweisbaren s*, s**, s***... als willkürlich gilt, bzw. wenn er der Beliebigkeit
anheimgestellt ist oder wenn die Transformationsregeln selbst als willkürlich er-
scheinen, etwa weil keine von der Transformation unabhängigen Argumente für
die gewählten Transformationsregeln angeführt werden können.269 Beide Gründe
lassen sich gewichten. Von der Güte der angesprochenen unabhängigen Argu-
mente für die Transformationsregeln hängt es ab, inwieweit eine Verletzung der
Forderung nach Eindeutigkeit der Transformation geduldet wird. Erlauben die
Transformationsregeln, für deren Anwendung es unabhängige Argumente gibt,
beliebige Transformationen, dann besteht ein Grund, den Konflikt durch die Prü-
fung und Problematisierung von Hintergrundannahmen zu schlichten.
Der Rückgriff auf ein Weltwissen als Begrenzung der Beliebigkeit von IL(s) im
Rahmen von L ist (zunächst) durch das Vorliegen dieser speziellen Konstellation
bestimmt, also durch einen Verzicht auf die Richtigkeit von IL als Interpretation
von s. Damit stellt ein solcher Rückgriff ein generelles Präjudiz weder für das er-
örterte Interpretationsproblem der Beliebigkeit von Interpretationen dar noch im
Hinblick auf die Rolle, die ein akzeptiertes Weltwissen bei der Bedeutungszuwei-
sung und der Evaluation von Interpretationen spielt: Denn zum einen wird kei-
neswegs bestritten, daß Konstellationen vorliegen können, in denen die Beliebig-
keit der Evaluation von Interpretationen Einschränkungen erfährt, und zum

||
269 Die oben erwähnten Transkriptionen der Tagebücher von Pepys und Byrd sind Beispiele für
das Vorliegen unabhängiger Argumente für das gewählte Transkriptionsverfahren. – Das Auf-
spüren von Anagrammen in Texten – vgl. hierzu u. a. die Hinweise bei Liede 1963, II, S. 70ff.,
Kuhs 1982, S. 66ff., 83ff., 125ff., 165ff. – wird demgegenüber nicht selten weitaus willkürlicher
betrieben, vgl. als Beispiel die Untersuchungen bei Seaton 1957, dazu Friedman/Friedmann 1958,
auch Id. 1959; sowie die Bemerkungen von Elisabeth Kuhs (Ead. 1982, S. 68/69), die allerdings
die kritische Analyse von William und Elizabeth Friedman nicht zu kennen scheint.
152 | II Entfaltung der Problemstellung

anderen ist es zunächst allein die besondere Konstellation, in der mit IL(s) kein
Wahrheitsanspruch bzw. Geltungsanspruch verknüpft zu werden braucht, die
eine Verallgemeinerung nicht ohne weiteres erlaubt.
Gleichwohl besitzen die Überlegungen zu der Frage, ob IL(s) bzw. IL(s*) als
hinreichend und notwendig gelten, um s als zu L gehörig anzusehen, mit dem Er-
gebnis, (i) daß IL(s) – unter Einschränkungen – lediglich als hinreichend gilt, (ii)
daß die Transformierbarkeit von s zu s* zu begrenzen ist und (iii) daß in der vor-
liegenden Konstellation ein akzeptiertes Weltwissen die Beliebigkeit von IL(s)
(aber auch für IL(s*)) im Rahmen von L einschränkt, zwei spezielle Konsequenzen
für die Interpretation von Texten, mithin für eine Bedeutungs- und Interpretati-
onskonzeption. Ist IL(s) nicht notwendig, dann stellen die Beispiele, die das bele-
gen, Anomalien für jede Bedeutungs- und Interpretationskonzeption dar, nach
der interpretationsentscheidende Argumente allein über den sprachlichen Cha-
rakter, also über die Zuordnung zu einer bestimmten Sprache, zustande kom-
men.270 Den Überlegungen ist indes nicht zu entnehmen, daß der sprachliche
Charakter keine Rolle bei der Interpretation spielt, spielen kann oder sollte. Für
den Ausgangspunkt der Überlegungen, nämlich das Menard-Problem, bringt die-
ses Ergebnis eine weitere Präzisierung. Für beide Texte kann die Menge der Inter-
pretationen, die sinnvoll sind und die sie unter Umständen einer bestimmten
Sprache zuzuordnen erlauben, vollständig übereinstimmen, gleichwohl muß das
nicht für die richtigen Interpretationen des jeweiligen Textes gelten.
Die zweite Konsequenz wird deutlich, wenn die Frage gestellt wird, unter
welchen Bedingungen die sinnvollen und die wahren Interpretationen von s
nicht in der aufgezeigten Weise unabhängig sind. Es lassen sich hierbei drei Kons-
tellationen unterscheiden:

(a) das Vorliegen einer wahren Interpretation IW(s) bzw. IW(s*) ist hinrei-
chend und notwendig, um s bzw. s* als zu L gehörig auszuweisen. In die-
sem Fall werden IW(s) und IL(s) miteinander identifiziert. Abhängig da-
von, ob das eine oder das andere vorab bestimmt ist, hat diese Iden-
tifizierung unterschiedliche Folgen. Ist IL(s) vorab bestimmt, dann wird

||
270 So heißt es z. B. bei Schächter 1935, S. 70: „Das Verstehen eines Begriffes bzw. Satzes ist
seine Einordnung in das Sprachsystem.“ Eine im Vergleich hierzu wesentlich subtilere Darlegung
dieser Auffassung findet sich in den Arbeiten von Monroe C. Beardsleys (vgl. u. a. Id. 1970). Damit
ist nicht gesagt, daß dieser Auffassung zufolge nicht auf die ausgewiesene Sprache bezogene Ar-
gumente oder Hinweise belanglos sein müssen. Entscheidend allerdings ist, daß sie einer sol-
chen Bedeutungs- und Interpretationskonzeption zufolge nicht die Evaluation von Interpreta-
tion tragen können; sie können sekundäre Argumente für sprachbezogene Argumente sein oder
heuristische Hinweise für die Zuordnung einer Sprache. Vgl. auch Abschnitt III.2.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 153

angenommen, das Interpretieren nach den Regeln einer Sprache stelle


bereits die Grundlage für die Charakterisierung einer Bedeutungs- und
Interpretationskonzeption und für die Lösung des Beliebigkeitspro-
blems dar. Ist IW(s) vorab bestimmt, dann wird der Begriff der Zugehörig-
keit zu einer Sprache strenger gefaßt.

(b) abgesehen von der Identifizierung von IW(s) und IL(s) lassen sich weitere
Konstellationen unterscheiden:

(b1) jede wahre Interpretation von s ist auch eine sinnvolle von s, also (IW(s)
‫ א‬IL(s));

(b2) wenn es eine sinnvolle Interpretation von s gibt, dann gibt es auch eine
wahre von s.

Das, was als Zeichenträger fungieren kann, läßt sich – wie bereits gesagt – nicht
unabhängig von der Wahl einer Bezeichnungsrelation vorab feststellen, und die
Erörterung der Frage, wann eine Zeichenfolge einem bestimmten sprachlichen
System zuzurechnen ist, hat eine Reihe theoretischer Konsequenzen für das In-
terpretationsproblem, insbesondere für die Wahl einer Bedeutungs- und Inter-
pretationskonzeption aufgedeckt. Aber ebensowenig läßt sich vorab das be-
schränken, was sich bezeichnen läßt: Das können makro- wie mikrophysische,
mentale wie ideale, abstrakte wie fiktive Entitäten sein, aber auch Gegenstände,
die nicht existieren.271 Dieser Unbeschränktheitsannahme widerspricht, daß sich
seit alters immer wieder die Behauptung, mitunter die Klage findet, nicht alles
ließe sich bezeichnen. Damit scheint eine Asymmetrie formuliert zu werden zwi-
schen der Behauptung, alles könne Zeichen sein, und der, alles könne bezeichnet
werden.
Solche Zweifel an der Sprache sind nicht zuletzt bei Schriftstellern zum Topos
geworden.272 Die Gründe dafür, daß Sprache ein „allzu irdisches und grobes“,273

||
271 Vgl. im Anschluß an Meinongs Gegenstandstheorie die Arbeiten etwa von Routley 1980 oder
Parsons 1980 zu sogenannten „Nonentitäten“; zur sprachphilosophisch einflußreichen Ausein-
andersetzung Russells mit Meinong vgl. jetzt Smith 1985 und Simons 1988. Zu der Anwendung
auf literarische Texte vgl. im Zusammenhang mit der Fiktionalitätsproblematik Abschnitt IV.1.
272 Vgl. Danneberg 1991.
273 Wackenroder 1797, S. 68. – Zu Wackenroders Sprachzweifel, der ihn zu einem „Lyriker ohne
Lyrik“ gemacht hat, vgl. Dill 1981.
154 | II Entfaltung der Problemstellung

ein „elendes Werkzeug“274 sei, sind so unterschiedlich wie die sprach- wie litera-
turtheoretischen Annahmen, die den Hintergrund für solche Lamenti bildeten:
Die Absicht, etwa ein individuelles, einmaliges Erlebnis oder Gefühl auszu-
drücken, kann bedroht erscheinen, da Sprache das Individuelle, Besondere nicht
wiederzugeben vermöge – Aussagen „können es nur umgrenzen, möglichst nahe
und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Span-
nung zwischen diesen Aussagen“275 oder wie es in T. S. Eliots The Family Reunion
heißt: „I talk in general terms/Because the particular has no language“;276 der
Schriftsteller kann die Dürftigkeit der Sprache gegenüber dem erlebten Reichtum
der Wirklichkeit beklagen, die endliche Anzahl der Wörter mit der unbegrenzten
Zahl der Objekte der Natur konfrontieren;277 er kann bemerken oder in diesem
Jahrhundert sich etwa durch Überlegungen Henri Bergsons belehrt sehen,278 daß
die Sprache seine kontinuierlich und zusammenhängend, ihm gleich einem ‚Er-
lebnisstrom‘ gegenwärtigen und erinnerten Erlebnisse nur als diskrete Einheiten
wiederzugeben erlaube, zum Beispiel weil sie „die Veränderungen nur dürftig
zählen und nennen, nicht die aneinanderhängenden Verwandlungen [...] uns
sichtbar vorbilden“ kann,279 oder weil sie nur „zerissene Bruchstücke“ wieder-
gebe;280 er kann die Kluft zwischen der verfügbaren, mit überkommenen Vorstel-
lungen verknüpften Sprache, die eine „fertige Ausdrucksform“281 vorgebe, und
den neuartigen Erfahrungen, die in der alten Sprache zu vermitteln seien – also
den Versuch, „nos pensées d’aujourd’hui par le moyen d’un langage d’hier“282
auszudrücken –, für unüberbrückbar oder nur mit Hilfe von Neubenennungen für
überwindbar halten; die Feststellung, Sprache schematisiere auf andere Weise,
als die Grenzen in seiner Wahrnehmungs-, Gefühls- oder Erfahrungswelt verlie-
fen, vermag ihn ebenso zur radikalen Unzufriedenheit mit der Sprache führen wie

||
274 Hesse 1917, S. 191. – Zur kulturkritischen Klage über den Sprachverfall im Frühwerk Hesses
vgl. Köhler 1977; zur späteren Sprachreflexion bei Hesse u. a. Hsia 1970.
275 Frisch 1947, S. 379. – Zur Sprachkritik in Max Frischs Romanen vgl. Tabah 1980.
276 Eliot 1939, S. 29.
277 Vgl. z. B. Ponge 1964, S. 14. – Diese Formulierung weist zurück auf Aristoteles Soph. El. 165a,
11ff.: „Die Worte als ebenso viele Begriffe sind der Zahl nach begrenzt, die Zahl der Dinge aber ist
unbegrenzt.“ Zur Deutung dieser schwierigen Stelle vgl. Coseriu 1979.
278 Vgl. hierzu u. a. Heimann 1977, S. 221ff.
279 Wackenroder 1799, S. 223.
280 Kleist 1801, S. 626 (Brief vom 5.2.1801). – Zur Verknüpfung von „Identitätskrise und Sprach-
zweifel“ sowie zu den Zweifeln an den Möglichkeiten der Kommunikation und des Verstehens
bei Kleist vgl. u. a. Turk 1965, Seeba 1970, Spälti 1975, Peck 1979.
281 Hofmannsthal 1891, S. 324. – Zu Hofmannsthals Sprachauffassung vgl. Abschnitt III.1.
282 Sartre 1947, S. 143. – Zur Sprachreflexion bei Sartre auch Schmitt 1979.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 155

die Ansicht, sie vermöge nicht den qualitativen Gehalt der psychischen und phy-
sischen Realität wiederzugeben, sondern komme über die Darlegung strukturel-
ler Beziehungen nicht hinaus; zur Enttäuschung kann ihn schließlich die Ansicht
führen, die vielfältigen Abstraktionen der Sprache seien gegenüber einer konkre-
ten Wirklichkeit lediglich Hypostasen – Sprache führe zu „willkürlichen Tren-
nungen“,283 sie sei unentrinnbar metaphorisch, „nur symbolisch, nur bildlich“
und drücke „die Gegenstände niemals unmittelbar, sondern nur im Wider-
scheine“ aus.284
Nicht minder reichhaltig sind die Mängel der Sprache, wenn sie als Medium
der Kommunikation gesehen wird. Die immer wieder erfahrene, dem Schriftstel-
ler fortwährend präsente Gefahr des Mißverstehens kann zu einem grundlegen-
den Zweifel erhoben werden, der sich zu einem Zweifel an den Möglichkeiten des
Verstehens und zu einer Verzweiflung hinsichtlich der Grenzen gelungener Ver-
ständigung ausweitet: Gilt einer einflußreichen Tradition – zu deren Höhepunk-
ten bei unterschiedlichen Sprachursprungskonzeptionen und Sprachauffassun-
gen sowohl Condillac wie Herder zählen285 – die (menschliche) Sprache als
positiv bewertete „great Distinction between men and Brutes“,286 heißt es gegen
Ende desselben Jahrhunderts in Wilhelm Tiecks Geschichte des Herrn William Lo-
vell,287 daß gerade aufgrund der Sprache, dieser „kläglichsten und unsinnigsten
Spielerei“, der Mensch unter dem Affen stehe – eine Sprachablehnung, die hun-
dert Jahre später auch von Fritz Mauthner nicht überboten wird, für den „alles
Elend der Einsamkeit“288 seine Quelle in der Sprache hat, und die bei Samuel Be-

||
283 Hofmannsthal 1891, S. 324.
284 Goethe 1808, S. 203. – Zu Goethes Sprachauffassung sowie zu seinen Klagen über die „Un-
zulänglichkeiten der Sprache“, über die naturwissenschaftliche Metaphorik vgl. u. a. Schweizer
1959, S. 13–66, Schadewaldt 1970, S. 117–126, Pörksen 1981, Strolz 1981, Simon 1990; Wiesmann
1982, Endermann 1983, auch Corkhill 1991, Bänsch 1986, Mori 1980. Aufschlußreich sind in die-
sem Zusammenhang Goethes Schriften zur Farbenlehre, dazu mit neuem Deutungsansatz
Schöne 1987 sowie Olzien 1988.
285 Auch wenn sich die Auffassungen beider unterscheiden, impliziert das nicht die Leugnung
der Abhängigkeit bzw. Beeinflussung Herders durch Condillac, vgl. hierzu Proß (Hg.) 1978 (Kom-
mentar S. 111ff.), sowie Id. (Hg.) 1987 (Kommentar S. 895ff.); auch Stückrath 1978, Wells 1985 und
1986; zum Hintergrund vgl. ferner Megill 1975, Stam 1976, Jooken 1991.
286 Swift 1710, S. 94. – Zu den verschiedenen Aspekten der Auseinandersetzung mit Sprache
im Werk Swifts vgl. u. a. Probyne 1974, Koon 1976, Kelly 1978.
287 Tieck 1795/96, S. 385. Vgl. hierzu Corkhill 1985, auch Scharnowski 1990.
288 Mauthner 1901, S. 38. – Zu Mauthners Sprachansichten und seinen Wirkungen auf die Lite-
ratur vgl. Weiler 1970, Kühn 1975, Arens 1984, Kampits 1990, Bredeck 1990, zudem Liede 1963, I,
156 | II Entfaltung der Problemstellung

ckett in seinem Proust-Essay zur Deutung der Kunst als „Apotheose der Einsam-
keit“ wird: „Es gibt keine Kommunikation, weil es kein Vehikel der Kommunika-
tion gibt.“289 Dieser radikale Sprachzweifel läßt sich in die eingängige und im Hin-
blick auf die Dichter an einen alten Vorwurf erinnernde Wendung bringen: Wer
spricht, der lügt – wenn auch nicht unbedingt intentional – und – bei Betonung
des kommunikativen Aspekts – er belügt die anderen; oder wie es lakonisch in
Schnitzlers Einakterzyklus Komödie der Worte heißt: „Worte lügen.“290
Eine solche Skepsis jedoch setzt die Orientierung auf eine Bezeichnungsrela-
tion bereits voraus. Und zwar auf eine Relation, durch die festgelegt wird, was als
adäquate Bezeichnung anzusehen ist. Erst vor dem Hintergrund solcher mehr o-
der weniger stillschweigend angenommenen Adäquatheitsvorstellungen können
die wiedergegebenen Zweifel ihre Berechtigung erlangen.
Von der zugrunde gelegten Bezeichnungsrelation hängt es demnach nicht
nur ab, wie das begrenzt wird, was als Zeichenträger fungieren kann, sondern
auch, wo die Grenze dessen verläuft, was ein Zeichenträger zu bezeichnen ver-
mag. Ohne die Beschränkungen im Rahmen einer Bezeichnungsrelation ist nichts
ausgeschlossen, das sich durch einen Zeichenträger bezeichnen ließe, und die Ge-
schichte menschlicher Zeichendeutung belegt, wie erstaunlich weit diese Mög-
lichkeit ausgeschöpft worden ist. Aus dieser Relativierung ergibt sich, daß die
Aussage:

(35) a ist ein Zeichen (Zeichenträger) [für b]

elliptisch ist. Zu ersetzen wäre sie demnach durch:

(35*) a ist ein Zeichen (Zeichenträger) [für b]

gemäß der Bezeichnungsrelation Bz

Und die Aussage:

||
S. 328–341, Eibl 1970, S. 67–76, Eschenbacher 1977, Massuh 1979, S. 177–181, Ben-Zvi 1982, Fuchs
1990; ferner Leinfellner 1969, Haller 1974.
289 Beckett 1931, S. 57. Zu Mauthner und Beckett vgl. Skerl 1974, Ben-Zvi 1980 sowie Ead. 1984;
auch die Bemerkung bei Ellmann 1959, S. 975. Die Thematisierung von Sprache ist immer wieder
Gegenstand von Untersuchungen zu Becketts Romanen und Stücken (vgl. u. a. Mayoux 1966).
290 Schnitzler 1914, S. 32. – Zu Schnitzlers Sprachreflexion und -kritik in seinen Komödien, aber
auch Aphorismen vgl. u. a. Kilian 1972, Doppler 1975, S. 31–52, Köpf 1976, Kap. V.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 157

(36) a ist ein Zeichen (Zeichenträger) [für b] zum Zeitpunkt t

ist dementsprechend ebenfalls elliptisch und wäre zu ersetzen durch:

(36*) a wird benutzt/behandelt als Zeichen zum Zeitpunkt t [für b]


gemäß der Bezeichnungsrelation Bz.

Mit diesen Reformulierungen wird nicht gesagt, daß das Vorliegen eines Zeichens
davon abhängt, daß es von jemandem faktisch als Zeichen wahrgenommen oder
es als Zeichen richtig verstanden wurde. Mißverstandene und unbeachtete ‚Zei-
chen‘ können trotzdem Zeichen (etwa zu einem bestimmten Zeitpunkt) sein.291
Eine Bezeichnungsrelation charakterisiert – wie vage und indirekt auch im-
mer – das, was als Zeichenträger fungieren, und das, was ein Zeichenträger be-
zeichnen kann. Sie gibt an, wodurch die Beziehung zwischen Zeichenträger und
dem, was ein aktueller Zeichenträger bezeichnet, gestiftet wird. Charakterisiert
wird eine solche Beziehung durch die Einschränkung potentieller Zeichenträger
und dem, was sie bezeichnen können. Es gibt zwei Wege, auf denen es zu solchen
Einschränkungen kommt.
Der direkte Weg besteht darin, daß durch die Angabe der Bezeichnungsrela-
tion einerseits Sorten von Objekten, Eigenschaften oder Ereignissen ausgeschlos-
sen werden, die als Zeichenträger fungieren können, und andererseits solche, die
ein bestimmter Zeichenträger bezeichnen kann. Der indirekte besteht demgegen-
über darin, daß es faktisch für einen potentiellen Zeichenträger nichts gibt, das
die angenommene oder unterstellte Bezeichnungsrelation erfüllt, oder daß es für
etwas, das bezeichnet werden kann, keinen potentiellen Zeichenträger gibt, der
die Bezeichnungsrelation erfüllt.
Die Bestimmung einer Bezeichnungsrelation ist demnach exkludierend; die
durch sie gestiftete Beziehung ist kontingent. Bei der Interpretation ist die Bezeich-
nungsrelation – als Bestandteil oder Grundlage der bei der Interpretation ange-
nommenen Bedeutungskonzeption – deshalb von Interesse, da von ihr Hinweise
zur Ermittlung dessen zu erwarten sind, was ein (komplexer) Zeichenträger –
etwa ein Textträger im Rahmen eines Textvorkommnisses – bezeichnet. Diese
Hinweise können beim Interpretieren in unterschiedlicher Weise zur Geltung
kommen:292

||
291 Vgl. auch Bolzano 1837, S. 77.
292 Zu der aufschließenden und restriktiven Form von Heuristiken sowie zum Zusammenhang
von Heuristik und Evaluation vgl. Danneberg 1989, Kap. III.2 und III.3.
158 | II Entfaltung der Problemstellung

Zum einen können solche Hinweise heuristisch wirksam werden, indem sie
den Interpretationsprozeß als Suchprozeß anleiten. Das kann einerseits durch
das Mittel der Restriktion erfolgen: Die unübersehbare Fülle von Informationen
wird durch die Festlegungen der gewählten Bezeichnungsrelation eingeschränkt;
andererseits durch die Öffnung neuer Suchbereiche: Anstelle der eingefahrenen
und traditionellen Orte, an denen die relevanten Informationen zu suchen sind,
werden neue Bereiche in den Blick gebracht. Zum anderen könne solche Hinweise
evaluativ wirksam werden, indem sie die argumentative Grundlage für die Bewer-
tung von Interpretationen schaffen. Allerdings ist diese Aufgabenzuschreibung
so lange nicht mehr als ein Programm, wie nicht der Zusammenhang zwischen
Bedeutungs- und Interpretationskonzeption analysiert ist.293
Als Resümee der voraufgegangenen Ausführungen läßt sich festhalten: Aus-
gegangen wird davon, daß sich unterschiedliche Bezeichnungsrelationen formu-
lieren lassen – nicht nur dyadische oder triadische. Damit ist nicht schon eine
Vorentscheidung für eine ‚moderne‘ Zeichenkonzeption gefallen. Es ist behaup-
tet worden, alle Zeichenrelationen vor Augustins De doctrina christiana seien
dyadisch294 – eine Sicht, die allerdings auch auf Widerspruch gestoßen ist.295 Ein
kaum bestreitbares frühes Beispiel einer nichtdyadischen Zeichenrelation findet
sich bei Roger Bacon.296 Im Blick auf die gegenwärtige Diskussion bleibt es um-
stritten, ob Peirces Zeichenkonzeption, die immer wieder als Paradebeispiel einer
triadischen Zeichenbestimmung der vermeintlich dyadischen Saussures entge-
gengehalten wird,297 in dieser Hinsicht tatsächlich so ist – zumal die Deutung von
Peirces Zeichenkonzeption heftige Kontroversen ausgelöst hat, die noch keines-
wegs als abgeschlossen gelten können.298

||
293 Ausführlicher hierzu die Ausführungen in Abschnitt V.2 und Kapitel VI. zur Verbindung von
Text und Kontext.
294 Vgl. Markus 1957, wo zwischen der Zeichenkonzeption von Augustinus und der Peirces
Ähnlichkeiten gesehen werden.
295 Vgl. etwa Ayers 1979, S. 70.
296 Vgl. Pinborg 1981.
297 Vgl. hierzu u. a. Deledalle 1976 und 1976a, Köller 1977, S. 19ff.; dagegen u. a. Stetter 1979,
auch Id. 1986; ferner Vigener 1979; zu Saussures ‚dyadischen‘ Vorlieben auch Caws 1974.
298 Zu Peirces Zeichenkonzeption und ihren Deutungsproblemen vgl. die mit dem Versuch zu
einer einheitlichen Konzeption aus den veröffentlichten Schriften von Bonfantini/Grassi/ Grazia
(Hg.) 1980 herausgegebenen Kompilation, ferner die in Peirce 1982 und Id. 1986 gesammelten,
zum Teil bislang unveröffentlichten Schriften; hierzu die Untersuchungen u. a. bei Greenlee 1973,
Eco 1976a, Fisch 1978, Almeder 1979, Deledalle 1979, Buczynska-Garewicz 1981, Stetter 1983,
Ransdell 1986, Pape 1989 – Savan 1977 hat zudem zwei unterschiedliche Zeichentheorien beim
frühen und späten Peirce zu unterscheiden versucht. Umstritten ist in diesem Zusammenhang
auch Peirces Behauptung (und Beweis), „that a triadic relation is inexpressible by means of
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 159

Zum Resümee gehört, daß zwar kein Konsens darüber vorliegt, worin eine ex-
plizite Definition dessen besteht, was eine Bezeichnungsrelation oder ein Zeichen
ist, sich aber Minimalanforderungen formulieren lassen, die von der Festlegung
einer Bezeichnungsrelation erfüllt sein sollten – zumindest dann, wenn für diese
Festlegung ein Orientierungsproblem, nämlich das der Interpretation, angenom-
men wird. Wird die Möglichkeit der Formulierung solcher Minimalanforderungen
zugestanden, dann werden diese vermutlich nicht nur durch eine Bezeichnungs-
relation erfüllt, sondern es lassen sich mehrere, hinsichtlich der Anforderungen
gleichermaßen akzeptable, aber unterschiedliche Bezeichnungsrelationen for-
mulieren. Diese Bezeichnungsrelationen können unter verschiedenen Gesichts-
punkten miteinander konkurrieren; sie können sich aber auch ergänzen. Beides –
sowohl die Möglichkeit der Konkurrenz als auch die der Ergänzung – ist für die
Interpretation von Texten aufschlußreich.
Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß ein Zeichen- bzw. ein Textträger
etwas bezeichnen kann, das selbst wiederum als Zeichen- oder Textträger gilt.
Zwei Varianten lassen sich hierbei unterscheiden. Erstens, es kann sich um die
wiederholte Anwendung derselben Bezeichnungsrelation auf das jeweils Bezeich-
nete handeln. Das führt zu einer Sequenz durch eine Bezeichnungsrelation Bz ge-
stifteter Zeichenverknüpfungen (wobei das hier ikonographisch verwendete Zei-
chen ‫ ן‬eine auf Transformationen beruhende Verkettung meint, bei der die
nachfolgende Relation in Bezug zur voraufgegangenen einen Metastatus hat):

(37) Bz(x1, x2) ‫ ן‬Bz(x2, x3) ‫ ן‬Bz(x3, x4)...

Von der Bestimmung der Bezeichnungsrelation Bz hängt es ab, ob beispielsweise


x1 in der Relationenkette unter (37) auch x4 bezeichnet – ob mithin ein Unter-
schied zwischen direktem und indirektem Bezeichnen auf der Grundlage von Bz
formuliert werden kann und sich eventuell noch komplexere Bezeichnungsver-
hältnisse bestimmen lassen.
Zeichenverknüpfungen können aber auch durch die Anwendung unter-
schiedlicher Bezeichnungsrelationen zusammengesetzt werden. Für die Anwen-
dung unterschiedlicher Bezeichnungsrelationen Bz1, Bz2, Bz3 ... bestehen zwei Va-
rianten. Zunächst:

||
dyadic relations alone“ (CP 1.235; dazu u. a. Christopherson/Johnstone 1981, auch Andrews
1990). – Zu bedenken ist ferner, daß Peirces Semiotik „weder eine ausgearbeitete Theorie der
Interpretation, eine Hermeneutik, noch ausgearbeitete Methoden der Analyse oder Verfahrens-
weisen der Interpretation“ liefert (Rusterholz 1977, S. 114).
160 | II Entfaltung der Problemstellung

(38) Bz1(x1, x2) ‫ ן‬Bz2 (x1, x3) ‫ ן‬Bz3(x1, x4)...

In der unter (38) wiedergegebenen Variante erfüllt ein Zeichenträger x1 mehrere


unterschiedliche Bezeichnungsrelationen. Er kann in jedem Fall etwas anderes
bezeichnen: x2, x3, x4. Ob diese Konstellation als Konkurrenz zwischen den Be-
zeichnungsrelationen Bz1, Bz2, Bz3 ... aufgefaßt wird, hängt von der Bedeutungs-
konzeption ab, die angestrebt wird und in der eine oder mehrere dieser Bezeich-
nungsrelationen Berücksichtigung finden. So können alle drei Bedeutungsrelati-
onen in die angestrebte Bedeutungskonzeption Aufnahme finden, indem Bz1, Bz2
und Bz3 beispielsweise unterschiedliche Bedeutungsebenen von x1 bestimmen –
sie sich mithin ergänzen. Als zweite Variante ergibt sich in Parallele zu (37):

(39) Bz1(x1, x2) ‫ ן‬Bz2(x2, x3) ‫ ן‬Bz3(x3, x4)...

Auch bei dieser Sequenz von Zeichenbeziehungen können – wie bei der in (36)
wiedergegebenen Variante, wenn auch auf kompliziertere Weise – unter Umstän-
den Formen des direkten und indirekten Bezeichnens unterschieden und kom-
plexe Bezeichnungsrelationen aus den Relationen Bz1, Bz2 und Bz3 gebildet wer-
den. Es lassen sich mithin Bezeichnungsarten, die voneinander unabhängig
bestehen, von Bezeichnungsebenen unterscheiden, die aufeinander bezogen sind
und sich in bestimmter Weise voraussetzen. Bezeichnungsarten werden durch
(38), Bezeichnungsebenen durch (37) und (39) repräsentiert sein.299
Bezeichnungsebenen können schließlich auch bei der folgenden Sequenz un-
terschiedlicher Zeichenbeziehungen vorliegen:

(40) Bz1(x1, x2) ‫ ן‬Bz2(x3, x4) ‫ ן‬Bz3(x5, x6)...

Zur Bildung von Bezeichnungsebenen kommt es in diesem Fall, wenn x3 = <x1, x2>
und x5 = <x3, x4> gilt. Das heißt: Die jeweils folgende Bezeichnungsrelation verbin-
det Paare bezeichnungsrelational verknüpfter ‚Signifikanten‘ und ‚Signifikate‘
mit ‚Signifikaten‘. Zeichenträger und Bezeichnetes werden gemeinsam zum Zei-
chenträger für die anschließende Bezeichnungsrelation.300
Die Bildung von Sequenzen aus Bezeichnungsrelationen führt zu Fragen des
Aufbaus von Bedeutungskonzeptionen, denen im folgenden Kapitel nachgegan-
gen wird. Weiter aufschlußreich für die Erörterung des Interpretationsproblems
ist im vorliegenden Zusammenhang die Frage, inwieweit und auf welche Weise

||
299 Vgl. Kapitel III sowie Abschnitt IV.1.
300 Zu Beispielen vgl. Abschnitt III.1.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 161

die Art der Beziehung, die zeichenstiftend ist, Auswirkungen auf die Anerken-
nung oder Zurückweisung der Beliebigkeitsthese besitzt.
Die Bestimmung der Art der durch eine Bezeichnungsrelation gestifteten Be-
ziehung hat einen zentralen Platz in der Geschichte der Erörterung von Bezeich-
nungsrelationen eingenommen. Gängig sind hierbei Charakterisierungen der Be-
ziehung als „notwendig“, „natürlich“, „motiviert“, „konventionell“, „arbiträr“,
„willkürlich“, „künstlich“ oder „zufällig“ – ad placitum, ex instituto, ex instituti-
one, secundum placitum, secundum institutionem, ex arbitrio. Die Verwendung
dieser Ausdrücke ist jedoch weder einheitlich noch werden sie immer klar vonei-
nander abgegrenzt301 – das zeigt die lange, wiewohl erst in Teilen bekannte Ge-
schichte der Diskussion des Status von Sprachzeichen.302 Eine sehr radikale
These findet sich bei Roger Bacon, der zufolge jeder Mensch jedes Wort nach Gut-
dünken bezeichnen lassen kann.303 Einen Höhepunkt bildet die heftig umstrit-
tene Deutung und kontroverse Diskussion der These vom arbitraire du signe (ar-
bitraire du signifiant) Ferdinand de Saussures, die von ihm zum ersten Prinzip der
Bestimmung von Sprachzeichen erhoben wird.304 Zugleich bieten diese Diskussi-
onen ein ergiebiges Beispiel für die Vermischung unterschiedlicher Aspekte der

||
301 Vgl. beispielsweise die Verwendung der Ausdrücke „natural“ und „artificial“ in der Unter-
suchung zu künstlichen und natürlichen Aspekten von Sprachen bei Jespersen 1929.
302 Neben weiter unten erwähnten Beiträgen vgl. u. a. Rijlaarsdam 1978 (zu Platon), Engels
1963, Coseriu 1967, Stéfanini 1975, Schmitter 1975 sowie Id. 1985, Chervel 1979, Ungeheuer 1979
(zu Lambert), Swiggers 1981, S. 274ff. (zu Zeichentheorie von Port-Royal), Andresen 1984 (zum
18. Jahrhundert), Christmann 1984 und 1985, Trabant 1986a, S. 71ff. (zu Wilhlem von Humboldt);
zur Arbitrarität im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Beurteilung der Etymologie Grub-
müller 1975, S. 209ff. – Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang auch die Tradition der ars
memorativa, in der es zur Erörterung von in bestimmter Hinsicht willkürlichen, im Hinblick auf
die Memorierung indes zweckmäßigen und hilfreichen Etikettierungen von Zeichen, Ideen und
Gegenständen gekommen ist, vgl. neben den ausführlichen und kenntnisreichen Hinweisen bei
Aretin 1810 vor allem Hajdu 1936, Rossi 1960, Yates 1966, Blum 1969, Plett 1979a, S. 315ff.; zum
Hintergrund, vor allem aber zur mnemonisch- und inventionsorientierten Topica Universalis
Schmidt-Biggemann 1983, vgl. schließlich einige der in Assmann/Harth (Hg.) 1991 vorgelegten
Beiträge.
303 Vgl. u. a. Ebbesen 1983, S. 77; zu Bacons Zeichenkonzeption vgl. die Untersuchung bei Ma-
loney 1983a zum zweiten Teil von Bacons Compendium studii theologiae von 1292.
304 Vgl. Id. 1916, S. 100; in der deutschen Ausgabe Saussure 1931 wird mit „Beliebigkeit“ über-
setzt. Im Zusammenhang mit der Deutung der Arbitrarität als grundlegendes semiologisches
Prinzip bei Saussure hat auch die Diskussion der Mängel der Edition seines Werkes eine Rolle
gespielt (vgl. Engler 1962, S. 62; Amacker 1975, S. 87, Thilo 1989, S. 64–69). – Zum „allgemeinen
und grundlegenden Prinzip der ganzen Zeichentheorie“ findet sich ein solches Prinzip nach
Coseriu 1967, S. 97, auch bei Théodore Jouffroy.
162 | II Entfaltung der Problemstellung

Fragestellung:305 etwa ob es um die grundsätzliche zeichentheoretische Arbitrari-


tät der Beziehung zwischen einem potentiellen Zeichenträger und dem geht, was
er bezeichnet; oder um die historisch-sachliche Motivation der Wahl eines be-
stimmten Zeichenträgers und seine Zuordnung zu dem, was er bezeichnen soll;
oder um die gesellschaftlich mehr oder weniger stark sanktionierte konventio-
nelle Geltung der Verknüpfungen von Zeichenträger und Bezeichnetem.306
Mit der Frage nach der Art der Zeichenbeziehung wird in der Regel auch eine
Typologie von Zeichen verbunden, etwa die Unterscheidung zwischen natürli-
chen und koventionellen (artifiziellen), zwischen Index und Symbol.307 Die Un-
terteilungen müssen allerdings keineswegs nur dichotomisch sein, wie eine Viel-
zahl von Zeichenklassifikationen und -typologien belegen308 – so etwa die
dreigliedrige Zeichenklassifikation von Condillac in „les signes accidentels“, „les

||
305 Vgl. – zum Teil auch mit der Erörterung älterer Diskussionsbeiträge sowie mit Hinweisen
auf die Geschichte der Diskussion – neben Martinet 1957, Buyssens 1960, vor allem Engler 1962
und Id. 1964 (zur Bibliographie vgl. Koerner 1972, auch Id. 1973, S. 325ff.), differenzierend zum
Begriff der Zeichenmotivation Stempel 1971; zudem Hildenbrandt 1972, S. 39ff. Bei Hiersche 1974
wird versucht, die Entwicklung dieses Prinzips in den Schriften de Saussures nachzuzeichnen;
vgl ferner Amacker 1975, S. 79ff., Raggiunti 1982, S. 175–198, Conrad 1985, Scheidegger 1981 (zu
Charles Bally); sowie – nicht zuletzt auch im Hinblick auf Literatur – Ege 1949, Todorov 1977,
S. 161ff., Gamkrelidze 1974, Genette 1976 (auch Id. 1969), Jakobson/Waugh 1979, S. 177ff.,
Toussaint 1983, Hutton 1989, sowie die systematische Gliederung bei Holowka 1981.
306 Es gibt eine Vielzahl von Differenzierungsversuchen in der Forschungsliteratur; so unter-
scheidet Engler 1962, S. 49, etwa zwischen „arbitraire sémiologique“, „arbitraire de la langue“
und „arbitraire d'une langue“.
307 Vgl. u. a. Mulder/Hervey 1971; zur Kritik an der Unterscheidung von konventioneller und
natürlicher Bedeutung z. B. Rollin 1976; vgl. ferner Ullmann 1975. Zu einem neueren Vorschlag
Savigny 1983, S. 17ff.
308 Zu älteren Zeichenklassifikationen vgl. etwa die Erörterung von signa naturalia und signa
data bei Augustin, insbesondere in De doctr. christ. (dazu mit historischem Rückblick Engels
1959), die sehr differenzierte Unterscheidung in Roger Bacons De Signis (Fredborg/Nielson/ Pin-
borg [Hg.] 1978), dazu Pinborg 1981 und Howell 1987, S. 76ff., auch Maloney 1983, die Unterschei-
dung Christian Wolffs zwischen „signa naturalia“ und „signa artificialia“ (in dem Abschnit De
signo von Id. 1730, § 957ff.; vgl. auch Id. 1720, § 293ff.), deren Status als „necessarium“ und „ar-
bitrarium“ bestimmt wird; oder die Klassifikation von Marie-Joseph Degérando in seiner Unter-
suchung Des Signes et de lʼart de penser, considérés dans leurs rapports mutuels von 1800 (vgl.
Dascal 1983, S. 180f.; zum allgemeinen Hintergrund Rastier 1972, Haßler 1977, auch Ead. 1984,
S. 105ff., Zollna 1990).
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 163

signes naturels“ und „les signes dʼinstitution“309 oder die dreigliedrige in „natür-
liche“, „zufällige“ und „willkürliche Zeichen“ bei Bolzano.310 Ein außeror-
dentlich differenziertes Klassifikationssystem von Zeichen bietet schließlich
Peirce.311 Aufgenommen findet sich dieser Klassifikationsansatz unter anderem in
den Arbeiten Ecos312 und in der Semiotischen Schule um Max Bense und Elisabeth
Walther.313 Ebenfalls umstritten ist die Frage, ob eine allgemeine Zeichentheorie
(Semiotik) als Ausgangspunkt zu wählen ist oder eine Semiologie, für die zeichen-
theoretisch das Sprachzeichen der „Urtypus aller anderen, nichtsprachlichen Zei-
chentypen“ ist.314
Daß die angenommene Art der Zeichenbeziehung Konsequenzen für die In-
terpretation und den Charakter der mit ihr verbundenen Wissensansprüchen be-
sitzt, ist eine Auffassung, die immer wieder in der Geschichte der Hermeneutik
ausgesprochen wird. Ein Beispiel findet sich bei in der Vernunftlehre Peter Ahl-
wardts, der von dem Arbitraritätsprinzip ausgehend, daß die „Worte willkürliche
Zeichen der Gedancken sind“, über eine Reihe von Argumentationsschritten zu
dem Ergebnis gelangt: „Folglich ist die ganze Auslegungs-Kunst nur wahrschein-
lich [...].“ Ein weiteres Beispiel liefert Christian August Crusius, für den besten-
falls „hermenevtische Wahrscheinlichkeit“ bei der Ermittlung des „Sinns der
Worte“ erreichbare ist, und jeder Versuch dies „demonstriren zu wollen“, des-
halb „lächerlich“ sei, weil zwischen „Worten“ und „Sachen“ keine „nothwendige
Verbindung“ bestehe: „Worte sind willkürliche Zeichen der Gedanken.“315

||
309 Condillac 1746, Teil I, Kap. 2 § 35, S. 95 und passim; sowie differenzierter in Id. 1775; hierzu
sowie zum sprachphilosophischen Hintergrund Condillacs u. a. Andresen 1983, Ricken 1984,
S. 77ff., ferner Henschel 1977, Trabant 1986 und 1986a, S. 143–155.
310 Bolzano 1837, § 285, S. 67ff.
311 Vgl. hierzu u. a. Burks/Weiss 1945, Burks 1948/49, Sanders 1970.
312 Eco 1973, Kap. 2, S. 37ff., Id. 1976, S. 230ff.
313 Vgl. z. B. Bense 1969, S. 10ff.
314 Vgl. Jäger 1986, S. 11.
315 Crusius 1760, S. 29/30. Vgl. auch Id. 1747, 2. Teil, Kap. IX, § 634, S. 1087: „[...] die Worte sind
willkürliche Zeichen der Gedancken, deren Verbindung also nach keinem Grundsatz der Ver-
nunft nothwendig ist; und den innerlichen Zustand der Menschen und ihre Zwecke können wir
auch nicht anders, wenigstens nicht mit zureichender Vollständigkeit, erkennen, als durch den
Weg der Wahrscheinlichkeit.“ – Für Hermann Samuel Reimarus folgt daraus etwas anderes
(Reimarus 1757, II. Teil, 1. Kap., § 174, S. 312): „Weil nun die die Bedeutung der Wörter willkürlich
ist, und in ihrem Schall an und vor sich keinen Grund hat, auch, dem Gebrauche nach, mancher-
ley ist: so bekommt die wirkliche Bedeutung der Wörter ihre Bestimmung durch den Zusammen-
hang mit andern.“
164 | II Entfaltung der Problemstellung

Für die Erörterung des Interpretationsproblems ist in diesem Zusammenhang


allein die Frage entscheidend, ob die Charakterisierung der Art der Zeichenbezie-
hung Auswirkungen auf die Ablehnung oder Anerkennung der Beliebigkeitsthese
hinsichtlich der Zeichen besitzt, mit denen sich die Interpretation von Texten be-
schäftigt. Wenn die Verbindung von Zeichenträger und Bezeichnetem bei den Zei-
chen, um die es bei der Textinterpretation geht, als arbiträr, willkürlich oder zu-
fällig gelten: Folgt daraus, daß auch die Interpretationen dieser Zeichen arbiträr,
willkürlich oder zufällig sind? Und wenn das der Fall ist, führt das zu einer Stüt-
zung der Beliebigkeitsthese? Diese Fragen lassen schon allein aufgrund der un-
terschiedlichen Bestimmungen und Begründungen, die für die Art der Zeichenbe-
ziehung in Anschlag gebracht werden, keine definitive Antwort zu.316 Das schließt
indes nicht aus, daß sich Gründe dafür finden, weshalb aus einer Antwort auf die
Frage nach der Art der Bezeichnungsbeziehung alleingenommen sich noch keine
Schlußfolgerungen für die Beliebigkeitsthese ergeben. Das soll im Weiteren in
mehreren Argumentationsschritten gezeigt werden.
Angenommen, nach einer Bestimmung dieser Beziehung werden Texte (bzw.
die Textträger) als artifiziell in dem Sinne aufgefaßt, daß sie als Ergebnisse (inten-
tionalen) menschlichen Handelns (bzw. Bearbeitens) betrachtet werden, und
zwar im Unterschied zu Zeichen, die ‚natürlichen‘ (nichtintentionalen) Ursprungs
sind.317 Der entscheidende Punkt ist, daß selbst dann, wenn Texte als intentionale
Artefakte aufgefaßt werden – wie dies im Zuge der weiteren Überlegungen ge-
schehen soll –, damit keineswegs eine Vorentscheidung für die Einschränkung
der Beliebigkeit von Textinterpretationen gefällt wird – und schon gar nicht folgt

||
316 Bei Christmann 1984, S. 21, heißt es: „Nicht-Arbitrarität im Sinn einer inneren Beziehung
zwischen signifiant und signifié [...], zwischen Form und Inhalt ist eine wesentliche, wenn nicht
konstitutive Eigenschaft literarischer Texte und als solche von den Literaturwissenschaftlern im-
plizit oder explizit anerkannt und untersucht worden.“ Ausführlicher dazu Id. 1980. Vgl. auch
den Hinweis in Lessings Brief an Friedrich Nicolai vom 16.5. 1769 (Id. 1987, S. 291): In der drama-
tischen Dichtung „hören die Worte auf willkürliche Zeichen zu sein, und werden natürliche Zei-
chen willkürlicher Dinge.“ – In beiden Fällen ist allerdings nicht ganz klar, von welcher Art der
Nicht-Arbitrarität ausgegangen wird.
317 Vgl. etwa Ducasse 1939, S. 44, Eaton 1969. – Vielleicht gilt eine solche Bestimmung für alle
Kunstwerke; hier soll allerdings nicht der ontologische Rang von Kunstwerken erörtert werden.
– Auf Fragen, wie Objekte in dieser Hinsicht unterschieden werden können und welche (ästhe-
tisch oder interpretatorisch relevanten) Eigenschaften (Kunst-)Werke aufgrund dieses Unter-
schiedes besitzen, wird nicht weiter eingegangen; vgl. hierzu die Spekulationen in Paul Valérys
Dialog Eupalinos ou L’Architecte (Id. 1921, S. 115ff.), zu einschlägigen Aspekten dieses Dialogs
Blumenberg 1964, insb. S. 300ff; aufgenommen werden einige der Überlegungen in Valéry 1937
(dazu Reckermann 1971, S. 113ff.).
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 165

daraus, daß mit einer solchen Bestimmung eine Entscheidung für eine intentiona-
listische Bedeutungs- und Interpretationskonzeption getroffen ist,318 auch wenn
eine solche Schlußfolgerung immer wieder Verteidiger findet.319 Die Problematik
einer solchen Ausgliederung der Gegenstände, die als interpretationswürdig gel-
ten sollen, soll zunächst beleuchtet werden, bevor die verallgemeinerte Frage er-
örtert wird, ob es Klassifikationen der legitimen Gegenstände des Interpretierens
gibt, die zugleich interpretationsrelevant sind.
Texte erhalten einen intentionalen Charakter zugesprochen, indem sie in ei-
nen Kontext gestellt werden, der bei ihrer Entstehungsgeschichte eine Verknüp-
fung etwa mit Intentionen erlaubt. Eine Beschreibung von Texten als Ergebnisse
intentionalen menschlichen Handelns dient zur Abgrenzung der Gegenstände,
die legitimer Gegenstand der Interpretation sind.320 Für eine Abgrenzung von
Texten als Artefakte intentionalen Handelns gibt es – zumindest auf den ersten
Blick – zwei Arten von Anomalien.
Zu diesen zählen zum einen Texte, die geoffenbart sind, die mithin einen
(letztlich) nichtmenschlichen Ursprung besitzen. Auch wenn in der langen Ge-
schichte der hermeneutica sacra zunehmend die ‚profanen‘ Aspekte geoffenbar-
ter Texte stärker in den Blick genommen wurden, verläßt gleichwohl jede Herme-
neutik für alle die, die am besonderen Charakter dieser Texte festhalten, den
Prüfstand, wenn sie den Offenbarungscharakter leugnet oder ignoriert, und sie
erscheint als unzureichender Ersatz, wenn sie als allgemeine Hermeneutik immer
wieder um historisch kontingente Bereichsannahmen angereichert werden muß,
um als Spezialhermeneutik dieser Texte zu gelten. Bekanntlich hat diese Frage zu
den heftigsten Auseinandersetzungen in der Geschichte der Hermeneutik ge-
führt, deren theoretische Problematik keineswegs erlaubt, sie als Sonderproblem
allein der theologischen Hermeneutik zu ignorieren.
Es brauchen an dieser Stelle nicht die Argumente nachgezeichnet zu werden,
die gegenwärtig zur Lösung dieses Problems herangezogen werden321 – ein Prob-
lem, das die Erörterung der theologischen Hermeneutik mit dem Aufkommen der

||
318 Vgl. Lyas 1971/72, S. 197; explizit Danneberg/Müller 1983. – Allerdings gibt es Zuschreibun-
gen, die – zumindest nach herkömmlichem Sprachgebrauch – allein menschlichen Artefakten
zugesprochen werden, z. B. einen bestimmten Stil zu besitzen, vgl. hierzu Walton 1979.
319 Nach Knapp/Michaels 1982 besteht darin sogar das stärkste Argument für die Wahl einer
intentionalistischen Bedeutungskonzeption zur Interpretation von Texten.
320 Emilio Betti scheint demgegenüber ein wenig zu optimistisch zu sein (Id. 1954, S. 12), wenn
er meint, „nur die Menschenspur leuchtet uns wieder auf, spricht zu uns, wird uns verständlich.“
321 Die verschiedenen (evangelischen und katholischen) Inspirationslehren können als (oft
nicht sehr klare) Versuche gesehen werden, dieses Problem zu lösen.
166 | II Entfaltung der Problemstellung

historisch-grammatischen Auslegung beständig begleitet und etwa in der Ausei-


nandersetzung zwischen K. A. G. Keil und Ch. F. Stäudlin einen Höhepunkt um
die Jahrhundertwende gefunden hatte.322 Illustrierend für die Positionen zum ge-
nannten Zeitraum ist beispielsweise auch der Sichtwechsel in dieser Frage bei
Friedrich Schlegel. Für Schlegel ist die „philologica sacra“ ein „Unding“: „Die Of-
fenbarung würde der eigentlichen Philologie ein Ende machen. Gott ist über die
Grammatik und Kritik.“323 Kaum zehn Jahre später 1806 heißt es:

Die religiöse (heilige) Schrift muß auch religiöse gelesen werden. Das innere, erleuchtete,
mystische Verständniß der Bibel hängt daher notwendig mit dem katholischen Glauben zu-
sammen. – Die kritisch-philologische Exegesis ist ganz zu verwerfen.324

Mit aller Klarheit hat August Boeckh das Problem des unter bestimmten Aspekten
anomalienhaften Charakters der Heiligen Schrift gesehen und formuliert. Von
ihm wird der Unterschied zwischen einer hermeneutica sacra und profana mittels
der Alternative zurückgewiesen, daß ein „heiliges Buch“ entweder ein „mensch-
liches Buch“ ist, dann gilt die hermeneutica, oder ein „göttliches Buch“, dann ist
es kein Gegenstand der hermeneutica, denn dieses Buch ist „über alle Hermeneu-
tik erhaben“.325
Eine Lösung des Problems wurde immer wieder in einer Autohermeneutik ge-
sehen, das heißt in einer Hermeneutik, die zumindest in ihren wesentlichen Zü-
gen dem zu deutenden Text – in diesem Fall der heiligen Schrift – selbst zu ent-
nehmen sei.326 Die Berufung auf hermeneutische Prinzipien, die in den zu
interpretierenden Texten niedergelegt sind, besitzt eine lange und anhaltende
Tradition. Flacius rechtfertigt seine hermeneutischen Regeln durchweg mit Stel-
len aus der Heiligen Schrift.327 Für Siegmund Jacob Baumgarten werden „die Aus-
legungsregeln [...] durch die Schrift bestimmt und darin begründet“, und er ver-
bindet das mit der Maxime der sich selbsterklärenden Schrift: „so mag die heilige

||
322 Vgl. Abschnitt IV.2 zur Frage des Besserverstehens bei geoffenbarten Texten.
323 Schlegel 1797, S. 24. – Vgl. Semlers Auffassung vom Wort Gottes als „außer und über alle
Kritik“. Für Semler allerdings und für die von ihm verfochtene historisch-kritische Hermeneutik
ist die Unterscheidung zwischen Heiliger Schrift und Gottes Wort zentral.
324 Windischmann (Hg.) 1837, S. 449.
325 Vgl. Boeckh 1886, S. 80.
326 Mit dieser Art der „Autohermeneutik“ geht nur gelegentlich der – von Jean Pépin (Id. 1988a)
ebenso benannte – hermeneutische Grundsatz konform, nach dem ein Text aus sich selbst aus-
zulegen sei, z. B. eine dunkle Stelle mittels klar verständlicher Stellen desselben Textes.
327 Vgl. auch Wilson 1615, S. 1–18.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 167

Schrift sich selbst erklären.“328 Ein wichtige Rolle haben in diesem Zusammen-
hang die deutenden Partien des Neuen Testaments gespielt, in denen das Alte Tes-
tament auf das Neue hin ausgelegt wird und die spätestens seit dem 18. Jahrhun-
dert in den Ergebnissen wie dem exegetischen Vorgehen heftig umstritten sind.
Das hat etwa bei Crusius in seinem Beytrag zum richtigen Verstande der heiligen
Schrift dazu geführt, das exegetische Vorgehen der biblischen Schriftsteller samt
ihrer Deutungen zu billigen, es zugleich für uns aber zu verwerfen.329
Hoffnungen auf eine Autohermeneutik finden sich bis in die Gegenwart als
Ansatz zu einer Lösung des Problems,330 auch wenn James Barr mit seiner An-
sicht, daß der „heutige Exeget kaum hoffen darf, definitive Anleitung in Metho-
denfragen im Neuen Testament zu finden“,331 nicht allein steht. Die bei einer Au-
tohermeneutik auftretenden Schwierigkeiten sind zudem denen nicht un-
ähnlich, die bei der Anwendung des Prinzips der analogia fidei entstehen. Den-
noch ist die Ansicht, die hermeneutischen Interpretationsannahmen seien den
Texten selbst zu entnehmen, in jüngerer Zeit sogar auf die Interpretation literari-
scher Texte übertragen worden.332
Vorgeschlagen wurde schließlich, die ‚Heiligen Schriften‘ – nicht allein die
der christlichen Kanonisierung – als Gattung zusammen- und aufzufassen. Es er-
öffne sich so die Möglichkeit einer „Hermeneutik der Religionsurkunden“, wie sie
Joachim Wach angesprochen hat.333 Wie dem auch sei – entweder erhalten die
geoffenbarten Schriften aufgrund ihrer menschlichen Verfasser den Status inten-
tionaler Artefakte oder aber per analogiam wird Gott als Autor begriffen und die

||
328 Baumgarten 1742, S. 8, § 10.
329 Vgl. Crusius 1772. – Eine vergleichbare Auffassung findet sich in jüngerer Zeit etwa bei Lon-
genecker 1975, u. a. S. 219. – Die Schwierigkeit bei der Auslegung alttestamentlicher Stellen im
Neuen Testament – nicht zuletzt die Veränderungen beim zitierten Wortlaut – wurden nicht
übersehen (sei es bei Flacius 1567, Tract. I, Abschnitt „De prophetia“, Sp. 92–97, sei es bei Dann-
hauer 1654, art. II, § 15, S. 43/44).
330 Karl Barth (Id. 1938, S. 515) hat sich die von ihm „skizzierte hermeneutische Prinzipien-
lehre“ von der „Heiligen Schrift diktieren“ lassen. Die dabei aufgestellten „Erklärungsgrund-
sätze“ sind zudem von genereller Geltung: Barth ist nicht der „Meinung, daß sie nur für die Bi-
belerklärung, sondern durchaus in der Meinung, daß sie, weil für die Bibelerklärung, für die
Erklärung des menschlichen Wortes überhaupt Gültigkeit [...] habe.“ – Vgl. zur weiteren Litera-
tur Schelkle 1962, Schröger 1968 und 1970, Ernst 1970, Sand 1972, Gerhardsson 1976, Betz 1982,
zur Hermeneutik bei Paulus ferner Weder 1983, C. A. Evans 1984, Koch 1986, S. 199ff., und jüngst
Hays 1989, insb. S. 178ff.
331 Barr 1966, S. 141.
332 Vgl. hierzu Danneberg 1991, Teil 3.
333 Vgl. u. a. Id. 1929, S. 69. Dort heißt es allerdings auch, daß sich eine solche Hermeneutik
noch nicht entwickelt habe.
168 | II Entfaltung der Problemstellung

geoffenbarten Schriften werden zu gleichsam göttlichen intentionalen Artefak-


ten.334
Zum anderen scheinen Texte Anomalien darzustellen, die in bestimmter
Weise zufällig (intentionslos),335 zum Beispiel mittels Computerprogrammen –
wie etwa ‚Computerlyrik‘ oder ‚synthetische Texte‘336 – erstellt werden.337 Der
problematische Charakter von Beispielen dieser Art findet sich im Rahmen text-
hermeneutischer Fragestellungen nur selten erörtert; ihre Erörterung im Hinblick
auf eine intentionalistische Bedeutungskonzeption gehört zu den Ausnahmen.338
Dabei reicht gerade diese Art von Texten in den Bereich um-fassender Probleme.
Die Frage ließe sich stellen, ob wir bereit sind, Texte etwa einer Turing-Maschine
– das heißt einer Maschine, die den von Alan Turing aufgestellten ‚Intelligenztest‘
besteht339 – wie oder sogar als beispielsweise literarische Texte zu interpretieren?
Das ist nicht die Frage, ob zwischen einer Turing-Maschine und einem Menschen
ein Unterschied besteht – der besteht ohne Zweifel. Die Frage ist, welchen Unter-
schied wir im Hinblick auf die Interpretation von Texten für relevant erachten
wollen. Folgt man den Überlegungen John Searles,340 dann würde mit solchen

||
334 Wie Grillmeier 1966, Anm. 4, S. 167, fordert kein kirchliches Dokument, „Gott als auctor ‚lit-
terarius‘ im engeren Sinn zu bezeichnen“. – Der zweite Vorschlag ist aufgrund seiner Konsequen-
zen durchaus problematisch. Als Beispiel mag Maimonides 1972, Buch I, 56. Kap., S. 190) dienen:
„Es ist aber für jeden, der den Begriff der Ähnlichkeit versteht, vollkommen klar, daß nur rein
homonym von Gott und von anderen Dingen zugleich gesagt werden kann, er existiere. Ebenso
können nur rein homonym Gott und andere Dinge, die Weisheit, Macht, Willen und Leben besit-
zen, zugleich weise, mächtig, wollend und lebend genannt werden, so daß zwischen ihnen
schlechterdings keine Vergleichbarkeit besteht.“ (Vgl. hierzu u. a. auch Penido 1924). Damit vgl.
zahllose Formulierungen, etwa die bei Holl 1920, S. 557: „Denn Gottes ‚Herz‘, Gottes Absichten
und Urteile kennenzulernen, ist das höchste Ziel der Versenkung in die Schrift.“ Man beachte die
distanzierenden Anführungsstriche bei dem Ausdruck „Herz“, die bei „Absicht“ fehlen. – Schlei-
ermacher meint in seiner Glaubenslehre, allerdings in einem anderen Zusammenhang, wenn
eine Übertragung vorgenommen wird, erscheint es adäquater zu sein (Id. 1830/31, Bd. I, § 55,
S. 297), „die Sicherheit des vollendeten Künstlers, der im Zustand der begeisterten Erfindung
nichts anderes denkt, dem sich nichts anderes darbietet, als das, was er auch wirklich hervor-
bringt, entschränkt und vollkommen auf Gott zu übertragen.“
335 Vgl. auch einige der Beobachtungen bei Bass 1989.
336 Vgl. zu dieser Bezeichnung Bense 1969, S. 109ff. – Vgl. etwa die Textbeispiele bei Krause/
Schaudt 1967.
337 Vgl zu Zufallstexten und dem ecriture automatique der Surrealisten auch Coetzee 1979.
338 Z. B. bei Beardsley 1970, S. 18f., Dickie 1971, S. 112f., sowie Juhl 1978/79 und Id. 1980, S. 82ff.
– Vgl. zu weiteren Aspekten computerunterstützter Poesie Nemerov 1967, Borroff 1971, Bailey
1974.
339 Vgl. Turing 1950.
340 Vgl. Id. 1984, Kap. II.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 169

Texten vermutlich wenig interpretatorischer Aufwand betrieben werden, schließt


man sich hingegen den Ansichten Hilary Putnams an,341 dann ließe sich vielleicht
schon mit den Vorstudien beginnen, wie eine historisch-kritische Ausgabe der So-
nette einer uns namentlich noch unbekannten Turing-Maschine konzipiert sein
soll.342
Entscheidend an der Beschreibung der Gegenstände der Interpretation sollen
im vorliegenden Zusammenhang aber nicht die verschiedenartigen Anomalien
sein, sondern die Frage, inwieweit die Eigenschaften, die eine solche Beschrei-
bung herausgreift und mit Texten in Verbindung bringt, und inwieweit der Zweck
einer solchen Beschreibung, nämlich zur Charakterisierung der Gegenstände le-
gitimer Interpretation zu dienen, präjudiziert, welche Eigenschaften von Texten
interpretationsrelevant sind.
Selbst dann, wenn nur die Eigenschaft ihrer intentionalen Entstehung Texte
zum legitimen Gegenstand der Interpretation macht, folgt daraus nicht, daß diese
Eigenschaft interpretationsrelevant sein muß. Eine Klassifikation legitimer Ge-
genstände des Interpretierens kann unter Gesichtspunkten erfolgen, die unab-
hängig ist von der für die Interpretation gewählten Bedeutungs- und Interpreta-
tionskonzeption. Daß diese zunächst gegebene Unabhängigkeit oftmals ignoriert
wird, hängt im vorliegenden Fall vermutlich auch mit der verbreiteten Auffassung
zusammen, nach der Ursprung und Bedeutung zwangsläufig miteinander ver-
knüpft seien. Eine solche Annahme spielt selbst dort noch eine Rolle, wo bei-
spielsweise intentionalistische Bedeutungs- und Interpretationskonzeptionen
mit Argumentationen zurückgewiesen werden, die nachzuweisen versuchen, daß
dieser Ursprung eine Fiktion welcher Art auch immer sei: Kritisiert wird nicht ge-
nerell die Annahme der Verknüpfung von Ursprung und Bedeutung, sondern le-
diglich, daß der Ursprung nicht die Art von Eigenschaften aufweist, die bei der
unterstellten Verbindung erforderlich erscheint, bzw. daß sie ihm nur unter Rück-
griff auf problematische Voraussetzungen zugeschrieben werden können.
Die Frage läßt sich allgemein formulieren: Gibt es Klassifikationen der legiti-
men Gegenstände des Interpretierens, die zugleich interpretationsrelevant sind?
Die Antwort auf diese Frage lautet, daß es solche Klassifikationen nicht nur ge-

||
341 Vgl. Id. 1964.
342 Vgl. zu der allgemeinen Problematik bereits die Diskussion zwischen Paul Ziff (Id. 1959) und
J. J. C. Smart (Id. 1959); jüngst Kemmerling 1988 und Bieri 1988. – Allerdings wird zumindest nicht
an Computerlyrik die Disziplin zugrundegehen – anders als Johannes Bobrowski in seinem Ge-
dicht Weitere Aussichten vermutet (Id. 1987, S. 251): „Einige Jahre später – das steht zu erwarten
– gibts keine / Germanistik, anstatt Wiese nur Bense. Gewiß / gibts dann kein Lehrfach mehr und
ganz gewiß diese deutsche / Literatur nicht, wer mag, krümelt im Wortmaterial.“
170 | II Entfaltung der Problemstellung

ben, sondern daß jede interpretationsrelevant sein kann, aber keine es von vorn-
herein sein muß. Es stellt sich mithin die Anschlußfrage, wann Klassifikationen
interpretationsrelevant sind.
Eine zunächst naheliegende Antwort auf diese Anschlußfrage lautet im Fall
der Charakterisierung des legitimen Gegenstandes als intentionales Artefakt, daß
die Auszeichnung der legitimen Gegenstände des Interpretierens aufgrund ihrer
intentionalen Entstehung interpretationsrelevant ist, wenn diese Klassifikation
(zugleich) als Unterscheidung zwischen bedeutungsträchtigen Gegenständen und
solchen, die es nicht sind, aufgefaßt wird. Doch selbst dann, wenn die klassifizie-
renden Eigenschaften Bedeutungsträchtigkeit indizieren, setzt ihre Interpretati-
onsrelevanz für die Interpretation (als Bedeutungszuweisung) dieser Gegen-
stände noch immer voraus, daß bei der Klassifikation als bedeutungsträchtig
Merkmale herangezogen werden, die nach der gewählten Bedeutungskonzeption
relevant für die Bedeutungszuweisung sind. Das heißt, bestimmte Gegenstände
können aufgrund von Eigenschaften als bedeutungs-trächtig angesehen werden
– etwa weil sie intentionale Artefakte sind –, ohne daß die gewählte Bedeutungs-
konzeption in diesem Fall autorintentional sein muß. So kann man davon abse-
hen, Computerlyrik zu interpretieren, weil man der Ansicht ist, es handle sich
nicht um intentionale Artefakte, zugleich aber für die Bedeutungszuweisung an
intentionale Artefakte die Autorintention für irrelevant erklären.
Wird die Klassifikation der legitimen Gegenstände der Interpretation so auf-
gefaßt, daß sie hinsichtlich der Bedeutungsträchtigkeit sortiert, dann läßt sich die
Frage anschließen, ob es dann nicht vielleicht Klassifikationen dieser bedeu-
tungsträchtigen Gegenstände gibt, die zwangsläufig auf interpretationsrelevan-
ten Eigenschaften beruhen. Um in dem vorliegenden Beispiel zu bleiben, könnte
es sich bei einer solchen nachfolgenden Klassifikation um die Auszeichnung der-
artiger bereits als bedeutungsträchtig geltender Gegenstände handeln, die als li-
terarische Kunstwerke den Gegenstand des Interpretierens bilden sollen.
Die Interpretation von Texten, die als literarische Kunstwerke aufgefaßt wer-
den, kann die Eigenschaften, die einen bedeutungsträchtigen Text zum literari-
schen Kunstwerk machen, als interpretationsrelevant (bei entsprechender Be-
deutungskonzeption) berücksichtigen. Aber auch hier gilt, daß solche Eigen-
schaften bei der Entscheidung über Bedeutungszuweisungen nicht zwangsläufig
eine Rolle spielen. Dabei ist der Unterschied zwischen interpretationsrelevant
und interpretationsdifferenzierend – wie er oben eingeführt wird – wichtig: Das
Wissen darum, daß etwas ein literarisches Kunstwerk ist und die Anerkennung
dieses Wissens als relevant für die Interpretation, erzwingt nicht, daß irgendein
Merkmal des Textes, das den Text zu einem literarischen Kunstwerk macht, bei
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 171

der Entscheidung zwischen zwei Interpretationen dieses Textes eine Rolle spielt,
mithin interpretationsdifferenzierend ist.
Das Wissen darum, daß ein literarisches Kunstwerk vorliegt – und vorausge-
setzt dieses Wissen ist nicht selbst das Resultat der Bedeutungszuweisung –,
weist den Gegenstand zunächst wiederum nur als legitim und unter Umständen
auch als wertvoll aus, für den die Mühen aufwendiger Interpretation als lohnend
gelten. Darüber hinaus kann dies für die Bedeutungszuweisung relevant sein, und
zwar in der folgenden Weise.
Bestehen die entsprechenden Verknüpfungen, dann kann die Relevanz des
Wissens um den literarischen Charakter eines Textes konzeptionell sein: Das Wis-
sen um den literarischen Charakter ist für die Wahl einer Bedeutungs- und Inter-
pretationskonzeption relevant. In diesem Fall ist es möglich, daß die Eigenschaf-
ten, welche die Wahl bestimmen, zudem interpretationsrelevant sind; aber
ebenso läßt sich dies damit vereinbaren, daß nach der Wahl einer Bedeutungs-
und Interpretationskonzeption keine Eigenschaft eines Textes, die ihn zu einem
literarischen Text macht, interpretationsrelevant ist, so daß sie für die Wahl der
ihm zugewiesenen Interpretationen unberücksichtigt bleibt. Beide Möglichkeiten
führen an den Anfang zurück. Sie bestanden bereits bei der Klassifikation nach
der intentionalen Entstehung: So kann beispielsweise für die Wahl einer psycho-
analytischen Konzeption der Bedeutung und der Interpretation als Vor-ausset-
zung gelten, daß die legitimen Gegenstände der Interpretation intentional ent-
standen sind, während die den Texten zugewiesene psychoanalytische Inter-
pretation ihre Pointe unter Umständen gerade dadurch gewinnt, daß konsequent
contra intentionem interpretiert wird.343
Die voraufgegangene Erörterung zeigt allerdings noch nicht, daß die Bestim-
mung der Art der Zeichenbeziehung generell keine Schlußfolgerungen auf die Be-
liebigkeit von Interpretationen erlaubt. Der Grund liegt darin, daß bislang nur ein
bestimmter Typ der Argumentation berücksichtigt wurde. Gemeinsam ist den be-
rücksichtigten Argumentationen, daß sie von der Interpretationsrelevanz klassi-
fizierender Eigenschaften der legitimen Gegenstände der Interpretation ausgehen
– eine Ausgangsannahme, die nicht exklusiv ist. So gibt es zum Nachweis einer
Abhängigkeit der Beliebigkeitsthese von der Charakterisierung der Bezeich-
nungsbeziehung neben der Identifikation von Eigenschaften dieser Beziehung als
interpretationsrelevant noch einen zweiten Typ der Argumentation, die im Wei-
teren analysiert wird.

||
343 Vgl. auch die Beispiele, die Danto in Id. 1981a, S. 698ff., für „deep interpretations“ gibt.
172 | II Entfaltung der Problemstellung

Diese Argumentation zielt auf die Entstehung oder Konstitution von Zeichen
bzw. von Texten.344 Eine Möglichkeit, um hieraus Konsequenzen für das Interpre-
tieren abzuleiten, besteht darin, daß das Interpretieren selbst im Hinblick auf die
Konstitution von Zeichen oder den Prozeß ihres Entstehens gedeutet wird. Zei-
chenproduktion und Zeichenverstehen – in diesem Fall Textproduktion und Text-
verstehen – sind in der Geschichte der Hermeneutik und in der der Sprachtheorie
oftmals zueinander in Beziehung gesetzt worden. Die historischen Beispiele der
Verknüpfung von Textproduktion und Textverstehen bzw. Textinterpretation
fangen weder mit Schleiermacher an345 noch hören die gegenwärtigen bei Bühler
auf.346 Eine der traditionsreichsten Charakterisierungen dieser Beziehung sieht
den einen Prozeß als eine Umkehrung des anderen. So heißt es beispielsweise bei
Schleiermacher:

Die Zusammengehörigkeit der Hermeneutik und Rhetorik besteht darin, daß jeder Akt des
Verstehens die Umkehrung eines Aktes des Redens ist, [...].347

Nach Klaus Weimar ist die Figur der Umkehrung Bestandteil der ‚alten Herme-
neutik‘ des 18. Jahrhunderts, und dementsprechend sieht er bei Schleiermacher
ein „Nebeneinander“ von alter und neuer Hermeneutik.348 Weimars Identifika-
tion der Umkehrungsformel mit einer älteren Hermeneutikform läßt sich in be-
stimmten Aspekten unabhängig bestätigen, nämlich über den Einfluß der Metho-
dentradition von Analyse und Synthese auf die hermeneutische Konzeption.
Inwieweit allerdings die neue Hermeneutik vollkommen frei von dieser Tradition

||
344 Zu der Mehrdeutigkeit des Begriffs der Zeichenkonstitution vgl Lange-Seidl 1981.
345 Bei Schleiermacher 1974, S. 38 [1805/1809/10] heißt es auch: „Der Hermeneutik ist das Um-
gekehrte der Grammatik und noch mehr.“ – Ein früheres Beispiel stellt die Hermeneutikkonzep-
tion in Claubergs Logica Vetus et Nova (Id. 1654) dar, nach deren systematischer Gliederung in
„genetischem“ und „analytischem“ Teil – zu letzterem gehört die Hermeneutik –, beide Teile
entsprechend der analytischen und synthetischen Methodenauffassung invers konzipiert sind.
346 Vgl. Bühler 1933, S. 75: „Die Relation der Handlung zu den [Sprach-]Gebilden ist durch die
Worte ‚Realisieren‘ und ‚Aufnehmen‘ angedeutet; denn selbstverständlich verlangt die Konse-
quenz des Denkens, daß man auch das sozusagen spiegelbildliche Verstehen im Hörer als eine
Sprechhandlung im weitesten Sinne des Wortes betrachtet.“ (Hervorhebung von mir).
347 Schleiermacher 1838, S. 76; vgl. auch Id. 1974, S. 76 [1819]. In Id. 1931, S. 11, heißt es: „Wir
müssen den Prozeß der Bildung rückwärts konstruieren können, sonst ist alles wieder leeres Hy-
pothesenwesen.“ Klaus Weimar (Id. 1975a, S. 172f.) sieht eine ähnliche Auffassung in Johann Au-
gust Eberhards Theorie der schönen Wissenschaften vorliegen.
348 Vgl. Weimar 1987, S. 159*/160*; auch den knappen Hinweis in Id. 1989, S. 365. Expliziter hat
Weimar das „Modell“ der Umkehrung der (alten) Hermeneutik in Id. 1991 dargelegt
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 173

ist, stellt sich als eine andere Frage.349 Im Hinblick auf jüngere Beispiele kann so-
wohl auf Formulierungen Roman Jakobsons350 als auch auf die Ausführungen E-
milio Bettis zurückgegriffen werden. Bei dem letzterem heißt es beispielsweise:

Man hat es demnach mit einer Umkehrung (Inversion) des schöpferischen Prozesses im Aus-
legungsprozeß zu tun, einer Umkehrung, derzufolge der Interpret auf seinem hermeneuti-
schen Wege den schöpferischen Weg in umgekehrter Richtung durchlaufen muß [...].351

Wie man auch immer zu einer inversen Konzipierung von Produktion und Verste-
hen bzw. Interpretieren stehen mag:352 sei es, daß man in Bettis Analyse eine ak-
zeptable Bestimmung der inversen Beziehung zwischen Auslegungs- und Schaf-
fensprozeß sieht,353 sei es, daß man in ihr das Relikt einer alten Hermeneutik-
version wiedererkennt, sei es, daß man in ihr einen theoretisch längst ad acta ge-
legten ‚Psychologismus‘ diagnostiziert, wie dies bei Gadamer geschieht, wenn es
bei ihm zu Betti heißt, dessen „erkenntnistheoretische Naivität verwickelte ihn in
einen krassen Psychologismus, wenn er den Akt des Verstehens als den gegen-
läufigen Prozeß zum Akt des Schaffens auffaßte“.354 Die Beispiele zeigen in jedem
Fall, daß Einigkeit weder darüber herrscht, welche Ähnlichkeiten zwischen bei-
den Prozessen bestehen, noch darüber, welche Schlüsse sich aus den vermuteten
Ähnlichkeiten ziehen lassen.
Daß aus der Bestimmung der Art der Zeichenbeziehung sich weder Gründe
gegen noch für die Beliebigkeitsthese zwingend ergeben, gilt selbst dann, wenn

||
349 So spricht z. B. Hofmann 1880, Einleitung, S. 4, davon, daß der „innere Vorgang“ des Ver-
fassers, den es bei der Textinterpretation zu verstehen gilt, sich beim Interpreten „abspiegelt,
gegenbildlich sich in mir wiederholt“.
350 Vgl. Id. 1962, S. 12.
351 Id. 1954, S. 16/17, vgl. auch Betti 1962, S. 13, sowie Id. 1955, § 11, S. 179–187 und passim.
352 Zu einer weiteren Bestimmung vgl. Lenneberg 1967, S. 269: „Es ist leichter, eine Theorie zu
konstruieren, die erklärt, warum und wie Erwachsene Sätze verstehen, als eine Theorie, die er-
klärt, warum oder wie eine bestimmte Wortfolge von einer bestimmten Person zu einer bestimm-
ten Zeit hervorgebracht wird. Das heißt nicht, daß dem Verstehen von Sprache ein anderer Me-
chanismus zugrunde liegt als dem erzeugen von Sprache. Beide beruhen auf demselben System
von Prinzipien“ (Hervorhebung von mir). Sowie Biser 1970, S. 180, wo vom „Auslegen“ und
„Sprechen“ in „spiegelbildlicher Ent-Sprechung“ gesehen werden; S. 194 ist von der „Spiegel-
bildlichkeit“ beider die Rede. Bei Emrich 1966, S. 46, wird Ernst Robert Curtiusʼ Topikkonzeption
als „Umkehrung eines Systems, das der literarischen Produktion diente [scil. der Rhetorik], zu
einem Instrument des Textverständnisses“ – eine Umkehrung, die als Fortsetzung einer Tradition
aufgefaßt wird, die mit Erasmus und Melanchthons Kommentar zum Römerbrief gesehen wird.
353 So Funke 1960, S. 171.
354 Gadamer 1978, S. 94.
174 | II Entfaltung der Problemstellung

das Interpretieren als eine Art des Kreierens von Zeichen (und Bedeutungen) auf-
gefaßt und diese Auffassung in Analogie zur Arbitrarität gesehen wird – eine
Sichtweise des Interpretierens, die zudem keineswegs als offensichtlich gelten
kann. Obwohl die Darlegungen zur Entstehung oder Konstitution von Zeichen im
Rahmen der verschiedenen Konzeptionen nicht unerheblich divergieren, scheint
der Prozeß der bedeutungszuweisenden Interpretation bestenfalls eine partielle
Analogie zu den Entstehungs- oder Konstitutionsprozessen von Zeichen aufzu-
weisen.355
Um über die Ähnlichkeit von Zeichenbildungs- und Interpretationsprozeß für
die Beliebigkeitsthese zu argumentieren, bedarf es zusätzlicher Annahmen, die
einsichtig machen, weshalb die Differenzen bei der Analogisierung vernachläs-
sigt werden können. Solche Annahmen aber scheinen entweder mit der Beliebig-
keitsthese identisch oder aber zu stark in dem Sinn zu sein, daß aus ihnen allein
bereits die Beliebigkeitsthese gefolgert werden kann. Die Argumentation ist mit-
hin entweder redundant oder question-begging. Das schließt nicht aus, daß die
Beliebigkeitsthese mittels und unter Anwendung des Arbitraritätsprinzips ge-
wonnen wird, und zwar indem das Interpretieren schlichtweg so definiert wird,
daß sich die partielle Analogie in eine vollständige verwandelt. Ein auf dieser
Grundlage gewonnenes Argument für die Beliebigkeitsthese setzt allerdings be-
reits das voraus, was Ziel der Argumentation sein sollte, nämlich wie das Inter-
pretieren von Texten erfolgt.
Das Ergebnis der Erörterung der Frage, inwieweit die Art der Beziehung, die
durch eine Bezeichnungsrelation gestiftet wird, Auswirkungen auf die Anerken-
nung oder Zurückweisung der Beliebigkeitsthese besitzt, macht deutlich, daß der
im Blick auf die Interpretation von Texten entscheidende Aspekt einer Bezeich-
nungsrelation weniger in ihrer Arbitrarität, Exklusion und Kontingenz potentiel-
ler Zeichenträger besteht, als vielmehr in ihrer heuristischen und evaluativen
Rolle, die sie als Bedeutungskonzeption bei der Interpretation spielt. Diese Rolle
läßt sich näher bestimmen, wenn der Übergang von einem Zeichenträger zu dem,
was er bezeichnet, als ein Schluß aufgefaßt wird.
Die Idee des schließenden Charakters des Interpretierens von Zeichen wel-
cher Art auch immer356 ist – mehr oder weniger explizit formuliert – ein alter und

||
355 Die nicht zahlreichen empirischen Untersuchungen, die sich mit der Frage der „Asymmet-
rie“ von Textproduktion und Textverstehen beschäftigen (vgl. Deutsch/Jarvala 1984), sind wenig
einschlägig für die Interpretation von Texten (vgl. hierzu allgemein die Überlegungen in Ab-
schnitt V.2).
356 Ein Charakteristikum der Hermeneutik Georg Friedrich Meiers (vgl. Id. 1757) ist ihr An-
spruch, sowohl natürliche wie artifizielle Zeichen bei der Konzipierung von Interpretationsre-
geln zu übergreifen.
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 175

immer wiederkehrender Bestandteil sprachphilosophischer Erörterung: Das


reicht von der demonstratio a signo in der antiken – etwa bei Aristoteles357 oder
Philodemus358 – wie mittelalterlichen Philosophie sowie Augustinus’ Zeichen-
konzeption in De doctrina christiana: „signum est res praeter speciem, quam in-
gerit sensibus, aliud aliquid es se faciens in cogitantionem venire“,359 über Leib-
niz in seiner Table de Définitions: „Das Zeichen ist ein Wahrgenommenes, aus
welchem man die Existenz eines Nicht-Wahrgenommenen schließen kann“,360
Christan Wolff:361 „Signum dicitur ens, ex quo alterius praesentia, vel adventus,
vel praeteritio colligitur“,362 Johann Christoph Gottsched im Anschluß an Wolff :
„Wann man aus dem einen Ding auf das andere den Schluß machen kann: so wird
das erste ein Zeichen, das andere aber das Bezeichnete genennet“,363 bis zu Jo-
hann Heinrich Lambert:

Ein Zeichen ist überhaupt ein Principium cognoscendi, und bezieht sich auf ein denkendes
Wesen, welches sich die Verbindung zwischen dem Zeichen und der dadurch bedeuteten
Sache wenigstens überhaupt vorstellet, um aus jenem auf diese zu schließen.364

||
357 Vgl. z. B. Markus 1957, S. 62: „Notwithstanding important variations, the Aristotelian theory
of signs as a means of inference sets the general framework for the Stoic and Epicurean treatment.
In both schools, signs are the means of inference from what is empirically given [...] to what is
non-apparent [...].“ Zur aristotelischen Sprachtheorie, vor allem in seiner Schrift Peri her-
meneias, vgl. das Aristoteles-Kapitel in Coseriu 1968, Kretzmann 1974 (dazu Zirin 1974), Weide-
mann 1982 sowie die kommentierte und übersetzte Sammlung von Kommentaren in H. Arens
1984, ferner McKeon 1952, Kneale/Kneale 1962, S. 23–66, Todorov 1977, S. 11ff.; zum Zeichen-
schluß Maier 1896, S. 474–501, Oehler 1982, vor allem Burnyeat 1982, Weidemann 1988, insbe-
sondere zum enthymematischen Schluß Sprute 1982; auch Kullmann 1974, S. 204ff.
358 Zum Text de Signis von Philodemus vgl. die zweisprachige Edition bei Lacy/Lacy 1941, S. 22–
119; dazu die Kommentare von Phillip Howard de Lacy und Estelle Allen de Lacy S. 10–21 und
S. 120ff., sowie vor allem Sedley 1982.
359 Id. 1962, II, 1. Zu Augustinus’ Zeichentheorie vgl. u. a. Markus 1957, Engels 1962, Jackson
1969, Wienbruch 1971, Simone 1972, auch Vance 1982.
360 Id. 1966, S. 122 [1702–04]. Zu Leibniz’ Zeichenkonzeption vgl. u. a. Burkhardt 1980, S. 175ff.
361 In der Schrift Vernünftige Gedanken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen (Wolff
1720, § 292) heißt es: „Ein Zeichen ist ein Ding, daraus ich entweder die Gegenwart, oder die An-
kunft eines anderen Dinges erkennen kann.“ Zu Wolffs Zeichenkonzeption und zu ihrem Hinter-
grund vgl. u. a. Coseriu 1972, S. 129–139, Ungeheuer 1981, S. 61/62, Ricken 1989, S. 20ff.
362 Wolff 1730, § 952.
363 Gottsched 1762, § 321, S. 60.
364 Lambert 1764, § 678. Zu Lamberts Zeichenkonzeption vgl. u. a. Brinkmann 1975b. Zu einem
weiteren Beispiel vgl. Ahlwardt 1741, Kap.XVII, § 542, S. 446.
176 | II Entfaltung der Problemstellung

In jüngerer Zeit finden sich zahlreiche weitere Beispiele.365 Als besonders einfluß-
reich haben sich die Überlegungen von Peirce herausgestellt, die den Hintergrund
für die von Autoren wie Umberto Eco hervorgehobene Abduktion als Zeichen-
schluß bilden.366 Wie im Einzelnen auch immer die Weiterentwicklung der Ideen
Peirces zur Abduktion aussehen, diese selbst bieten indes noch keine ausrei-
chende Grundlage, um den Schlußcharakter des Interpretierens zu erhellen.367
Der Schlußcharakter des Interpretierens besagt zunächst und vereinfacht,
daß sich das, was ein (gegebenes komplexes) Zeichen bezeichnet – also seine Be-
deutung – erschließen läßt. Der schließende Charakter des Interpretierens läßt
sich in dem folgenden einfachen Schema wiedergeben, dabei soll ฺ für diesen
Schluß stehen:368

(41) Z ฺ I.

Eine erste Idealisierung, die sich an dem Schema unter (41) korrigieren läßt, be-
steht in der Ignorierung ‚zusätzlicher Prämissen‘, mit deren Hilfe auf I geschlos-
sen wird. Also:

(42) Z & X ฺ I.

Gegenstand der weiteren Überlegungen wird es sein, von welcher Art die zusätz-
lichen Annahmen X sind und von welcher Art die Schlußbeziehung in (42) ist.
Nach den zeichentheoretischen Vorüberlegungen dieses Abschnitts ist die Be-
zeichnungsrelation Bz als Bedeutungskonzeption Bd Bestandteil von X. Für die
in (42) angenommene Schlußbeziehung sind noch keine Spezifizierungen vorge-

||
365 So heißt es z. B. bei Meinong 1901, S. 21: „Kann ich aus dem Gegebensein des A auf das B
schließen, dann ist A ein Zeichen von B, [...].“ – Und bei Bröcker/Lohmann 1943, S 25: „Ein Zei-
chen verstehen, ob es nun ein ‚natürliches‘ oder ein verabredetes ist, heißt, die Wahrnehmung
von etwas mit einer ausdrücklichen oder stillschweigend vorausgesetzten Schlußfolgerung as-
soziieren.“ Ferner Mulder/Hervey 1971, S. 327.
366 Angedeutet findet sich das bereits bei Eco 1973, S. 42 und S. 131ff. Später hat Eco seine Idee
der Abduktion als Zeichenschluß ausgebaut; einen Höhepunkt bildet Eco 1981; eine ähnliche
Aufgabenzuschreibung erfährt Peirces Abduktion auch bei Köller 1981 – vgl. ferner Castanares
1990, S. 198.
367 Vgl. Danneberg 1988.
368 Damit wird nicht behauptet, der Vorgang des Verstehens bzw. des Interpretierens ließe sich
in ein „Wahrnehmen“ und ein auf den Wahrnehmungen beruhendes „interpretierendes Schlüs-
seziehen“ separieren (vgl. auch Hörmann 1983, S. 17).
II.2 Zeichentheoretische Präliminarien | 177

nommen worden: Es ist mithin offen, ob es sich in irgendeiner Weise um eine spe-
zifische Schlußform handelt – wie etwa Umberto Eco im Anschluß an Peirce mit
der Erörterung der Abduktion als Zeichenschluß annimmt – und ob es sich über-
haupt um einen ‚einheitlichen‘ Schluß oder um ein Bündel verschiedener Schluß-
weisen handelt.
Aufgrund der zeichentheoretischen Überlegungen zum Interpretationsprob-
lem läßt sich für Z das als Interpretationsvorlage angenommene Textexemplar T
einsetzen:

(43) T & (..Bd..) ฺ I.

Die Einsetzung von T führt zu einer weiteren Spezifizierung der zusätzlichen An-
nahmen unter (42). Diese Spezifizierung betrifft den Stellvertretungscharakter,
der für T angenommen wird. Die weitere Erörterung wird sich zunächst darauf
konzentrieren, ob es weitere Bestandteile von X gibt, die sich als bedeutungskon-
zeptionelle Bestandteile charakterisieren lassen.
Wenn der Leser irgendeinen Buchstaben dieser Zeilen mit ungewohnten Augen anschaut, das
heißt nicht als ein gewohntes Zeichen eines Teils eines Wortes, sondern erst als Ding, so sieht
er in diesem Buchstaben außer der praktisch-zweckmäßig vom Menschen geschaffenen ab-
strakten Form, die eine ständige Bezeichnung eines bestimmten Lautes ist, noch eine körper-
liche Form, die ganz selbständig einen bestimmten äußeren und inneren Eindruck macht, das
heißt unabhängig von der eben erwähnten abstrakten Form.1

Der Titel Tristan und Isolde aber, gotisch gedruckt, gleicht der wehenden schwarzen Flagge
vom Bug eines Segelschiffs.2

III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und


Analogisierung

III.1 Bezeichnung und Exemplifikation


Eine zunächst stillschweigend bei der Explikation des Interpretationsproblems
und der Erörterung der Beliebigkeitsthese unterstellte Annahme ist die, daß die
Interpretation eines Textes in der Bedeutungszuweisung an ein Textvorkommnis
bzw. an ein Textexemplar besteht3 – und das heißt zunächst, an ein Zeichenkon-
glomerat, das als (sprachlicher) Textträger identifiziert worden ist.4 Auch wenn
auf die Annahme, die Interpretation bestehe wesentlich in einer Bedeutungszu-
weisung, erst an späterer Stelle ausführlicher eingegangen wird,5 so soll sie zur
Vorbereitung des folgenden Abschnitts nicht nur in Erinnerung gerufen, sondern
es soll erläutert werden, was diese Annahme nicht beinhaltet.
In der vorliegenden Untersuchung wird der Ausdruck „Sinn“ weitgehend
vermieden oder mit dem der Bedeutung synonym verwendet – es sei denn, es
werden Bestimmungen des Sinns angesprochen, etwa in Abgrenzung zur Bedeu-
tung, wie sie sich in unterschiedlicher Weise zum Beispiel bei Schleiermacher o-

||
1 Kandinsky 1963, S. 31.
2 Adorno 1965, S. 327.
3 Das ist eine weithin verbreitete Auffassung, bei der allerdings häufig sehr unterschiedliche
Bestimmungen dessen mitgemeint sind, was als Bedeutung aufzufassen ist. Ein Beispiel für alle
mag genügen. Bei Bernard Lonergan (Id. 1957, S. 569) heißt es: „An interpretation is the expres-
sion of meaning of another expression.“
4 Vgl. Abschnitt II.2
5 Vgl. Kapitel VI.

https://doi.org/10.1515/9783110564822-003
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 179

der Frege finden. Das heißt aber auch, daß es bei der hier vorliegenden Verwen-
dung des Ausdrucks „Bedeutung“ offen bleibt, ob es sich um den Bedeutungs-
Begriff Freges,6 Schleiermachers7 oder anderer handelt8 – oder ob „Sinn“ und
„Bedeutung“ als synonym aufgefaßt werden, wie etwa bei Husserl explizit gegen
Frege.9
Mit der Identifikation von Interpretation und Bedeutungszuweisung wird
nicht ausgeschlossen, daß es eine Rezeption von Texten geben kann, die ohne
Bedeutungszuweisung erfolgt. Als Belege für diese Form der Textwahrnehmung
lassen sich verschiedenartige Beispiele anführen. Es genügt der Hinweis auf die
immer wieder anzutreffende Betonung des ästhetischen (akustischen) Genusses,
der beim Hören etwa von Gedichten empfunden wird, obwohl deren Sprache un-
verstanden bleibt; ebenso können (bestimmte) Texte primär als ‚Seh-Texte‘ rezi-
piert werden, wobei die an ihnen wahrgenommenen Eigenschaften zu keiner Be-
deutungszuweisung an den Text dienen.10
Das Interpretationsproblem beruht zwar nicht auf der Annahme, jeder Um-
gang mit Texten stelle eine Bedeutungszuweisung dar – es entsteht allerdings

||
6 Vgl. u. a. Frege 1892; zur Bedeutung des Ausdrucks „Bedeutung“ bei Frege vgl. u. a. Tugend-
hat 1969/76, Angelelli 1978, Metzler 1979, Bell 1980 (dazu Long/White 1980), Holenstein 1983.
7 Vgl. Schleiermachers 1838, S. 101f.
8 Wie etwa bei Wittgenstein 1921 – eine hiervon abweichende Verwendung findet sich in den
Aufzeichnungen über Logik in Id. 1913, S. 191; zur Entstehung der Notes McGuinness 1972. – Zu
neueren Unterscheidungsvorschlägen von „Bedeutung“ und „Sinn“ – zumeist in der Weise, daß
mit „Bedeutung“ das sprachlich fixierte, während mit „Sinn“ das kotextuell oder kontextuell
Variierende gemeint ist – vgl. Köller 1977, S. 49–55; bei Rusterholz 1977, S. 81, wird von „Bedeu-
tung“ bei einer ‚dyadischen‘ und von „Sinn“ bei einer ‚triadischen‘ Bedeutungsrelation gespro-
chen. Zur Erörterung des Sinnbegriffs als Grundbegriff im Zusammenhang mit dem Handlungs-
begriff (in Kritik an den Bestimmungen bei Luhmann und Habermas) vgl. Trabant 1975. Bei
Coseriu 1971 wird nicht nur die „totale“ Sprache konzipiert, die das „System“ der Sprache aus-
schöpft: Texte (insbesondere poetische) besitzen nur „Sinn“, aber keine „Bedeutung“. – Zu älte-
ren Unterscheidungen vgl. etwa Lücke 1817, S. 4, wo dem „Wort“ die „Bedeutung“, dem „Satz“
der „Verstand“ und der „Rede“ der „Sinn“ zugeordnet. Diese Zuordnung findet sich bereits bei
Griesbach 1815 (nach Manuskripten einer Vorlesung von 1809).
9 Vgl. Husserl 1900/01, 1. Kap., § 15, S. 58, für den beide Ausdrücke „im gemeinen Sprachge-
brauch mit denselben Äquivokationen behaftet sind [...]“.
10 Vgl. ferner Beetz 1980. Ein Extrem stellt in dieser Hinsicht der Fall dar, wo Texte allein unter
optischen Gesichtspunkten – etwa hinsichtlich ihrer Farbe – gesehen werden. Nach Willi Bau-
meister (Id. 1947, S. 126) ergibt das „Summensehen der schwarzen Buchstaben auf weißem Pa-
pier ein aktives Grau, das sich von einer normalen grauen Fläche sehr unterscheidet.“ Zur Ver-
bindung und zu den Übergängen von „Wort“ und „Bild“ in der modernen Kunst vgl. die
Hinweise bei Faust 1977.
180 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

nur, wenn eine Bedeutungszuschreibung (an Texte) erfolgt. Zu ergänzen ist fer-
ner, daß keineswegs angenommen wird, Interpretationen bestünden ausschließ-
lich aus Bedeutungszuweisungen an einen Textträger – weiter unten wird deut-
lich werden, daß sehr unterschiedliche Arten von Behauptungen in einer
Interpretation, das heißt einem interpretierenden Text, vertreten sein können.
Schließlich bleibt daran zu erinnern, daß bei der Interpretation eines Textes nicht
nur Eigenschaften eine Rolle spielen müssen, die der Textträger aufweist oder die
reproduzierbar sind.
Wenn eingeräumt wird, daß Interpretationen nicht ausschließlich aus Bedeu-
tungszuweisungen zu bestehen brauchen, so stellt sich die Frage, ob alle Bedeu-
tungszuweisungen als Interpretationen aufzufassen sind. Es gibt zahlreiche
Überlegungen, die zur Zurückweisung einer solchen Identifikation führen. Nach
diesen Überlegungen gibt es Bedeutungszuweisungen, die einen anderen Cha-
rakter als Interpretationen besitzen. Die Grenzen werden dabei nicht nur unter-
schiedlich gezogen, auch die Gründe für den nichtinterpretatorischen Charakter
bestimmter Bedeutungszuweisungen variieren.11 So werden beispielsweise ver-
schiedene, aufeinander mehr oder weniger eng bezogene Formen der Bedeu-
tungszuweisung unterschieden, aber nur eine oder einige von ihnen als Interpre-
tation aufgefaßt.12 Nicht selten wird eine Grenzziehung zwischen dem „Ver-
stehen“ und dem „Verstehen als“ bzw. dem „Interpretieren als“ oder dem „Deu-
ten als“ erörtert.13 Und grundlegend für Heideggers hermeneutische Überlegun-
gen ist die Unterscheidung zwischen einem Verstehen als ein „Sichauskennen“
und einer „Weise des Erkennens“.14 Das „Sichauskennen“ ist für Heidegger eine
Seinsweise (ein „Existential“) des Bezuges zu unserer Lebenswelt. Nach ihm ist

||
11 Hinsichtlich des „historischen Verstehens“ heißt es z. B. bei Eduard Spranger (Id. 1918,
S. 360/61): „Die richtige Deutung der Worte versteht sich (wie das Moralische) immer von
selbst.“ Für Paul Ricœur (Id. 1969, S. 22) ist die Interpretation „jene rationale Arbeit“, die nicht
den „offenbaren Sinn“ ermittelt, sondern in diesem „den verborgenen entschlüsselt“. Zu Ricœur
vgl. auch unten Abschnitt III.2.
12 Als stellvertretendes Beispiel mag Willi Flemmings Unterscheidung zwischen „Interpreta-
tion“ („im engeren Sinn“), „Analyse“ und „Synthese“ (vgl. Id. 1954) dienen. – Zu einer detail-
lierten Untersuchung verschiedener Verwendungsweisen des Ausdrucks „Verstehen“ vgl. Hör-
mann 1983, Strube 1985.
13 Im Hinblick auf Wittgensteins Überlegungen vgl. Biere 1986 und vor allem Baker/Hacker
1984, S. 29–45 und S. 336–346.
14 Vgl. u. a. Heidegger 1979, S. 286 und passim.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 181

das „als“ beim „Verstehen als“ in zweifacher Weise aufzufassen: „hermeneu-


tisch“ und „apophantisch“.15 Das ‚hermeneutische Verstehen‘ ist dem ‚apophan-
tischen‘ vorgängig – es ist für Heidegger das „primäre Verstehen“, und im Unter-
schied zu diesem nicht an die sprachliche Darlegung gebunden.16
Darüber hinaus findet die Auffassung Verteidiger, nach der die Wahrneh-
mung des ‚Offensichtlichen‘ bzw. das von vornherein ‚Einleuchtende‘ nicht als
Interpretation aufgefaßt werden könne.17 Die Hermeneutik wird zur „Theorie des
Verstehens unter Schwierigkeiten“, während die Theorie des Verstehens im all-
gemeinen, die auch das „schwierigkeitslose, alltäglich-selbstverständliche Ver-
stehen“ betrifft, in eine „Transzendentalphilosophie der Sprache“ übergeht: „Es
muß gefragt werden nach den Bedingungen der Möglichkeit sprachlichen Verste-
hens.“18
Dem stehen extensivere Verwendungen des Ausdrucks „Interpretation“ ge-
genüber, die nicht erst im Zuge der jüngeren wissenschaftstheoretischen Diskus-
sionen Verbreitung gefunden haben.19 Schließlich fällt in diese Fragestellung
Schleiermachers Unterscheidung zwischen einer „laxeren“ und einer „strengeren
Praxis“ des Interpretierens. Da die erste davon ausgeht, daß sich „das Verstehen
von selbst ergibt“, ist durch sie das Ziel der Interpretation „negativ“ bestimmt:
„Mißverstand soll vermieden werden“. Demgegenüber geht die zweite davon
aus, „daß sich das Mißverstehen von selbst ergibt“; durch sie erfährt das Ziel der
Interpretation eine positive Bestimmung: „das Verstehen auf jedem Punkt muß

||
15 Vgl. u. a. Heidegger 1976, S. 143ff.
16 Vgl. Heidegger 1976, S. 144: „Diese Als-Struktur [scil. des hermeneutischen ‚als‘] ist dabei
nicht notwendig bezogen auf Prädikation. Im Zu-tun-haben mit etwas vollziehe ich darüber
keine thematisch prädikativen Aussagen.“
17 Zu einer nicht immer zufriedenstellenden Erörterung derartiger Auffassungen vgl. Barnes
1988, S. 7–41. – Vgl. zu einer Unterscheidung zwischen Verstehen und Interpretieren auch He-
ringer 1984.
18 Gründer 1967/68, S. 154. Spezifiziert werden die Schwierigkeiten des Verstehens als die des
geschichtlichen Abstandes (S. 155).
19 Vgl. etwa eine Formulierung wie die bei Bernheim 1859, S. 567: „Genau genommen ist schon
die einfache Erkenntnis, daß irgendein Objekt Quelle historischen Wissens sei, eine interpreta-
torische Tätigkeit.“
182 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

gewollt und gesucht werden.“20 Ihre Orientierung findet Schleiermachers Herme-


neutikkonzeption in der „strengeren Praxis“ des Interpretierens.21
Für die Explikation des Interpretationsproblems ist die (öffentliche) Zugäng-
lichkeit der Interpretation zentral. In der Regel heißt das, daß Interpretationen
selbst Texte sind. Insofern Bedeutungszuweisungen (öffentlich) zugänglich sind,
sollen sie als Interpretationen aufgefaßt werden.22 Weder wird damit geleugnet,
daß es auch ‚nichtöffentliche‘ Verstehensprozesse, Prozesse der Bedeutungszu-
weisung gibt, noch wird damit bestritten, daß solche Prozesse eine Rolle bei der
Bildung wie Beurteilung von Interpretationen spielen.23
Schließlich – und das ist der entscheidende Punkt – unterstellt die Orientie-
rung der Überlegungen zur Bedeutungszuweisung an der „strengeren Praxis“ des
Interpretierens nicht, daß Interpretationen ohne entproblematisierte Bedeu-
tungszuweisungen auskommen.24 Mit Augustinus ist immer wieder darauf insis-
tiert worden, daß – wie es bei ihm heißt – die Schrift nicht als Ganze verhüllt sei;
als aktuell interpretationsproblematisch gelten immer nur Teile des Textes.25 Bei

||
20 Schleiermacher 1838, S. 92. Hierzu unterscheidet Schleiermacher allerdings auch Grade des
Interesses, das die „Auslegekunst“ einem Gegenstand entgegenbringt (Id. 1838, S. 82): „Nicht
alles Reden ist gleich sehr Gegenstand der Auslegekunst. Einige Reden haben für dieselbe einen
Nullwert, andere einen absoluten; das meiste liegt zwischen diesen beiden Punkten.“ Zum „Null-
wert“ heißt es zugleich (ebd. S. 83): „Allein das Null ist nicht das absolute Nichts, sondern nur
ein Minimum.“ Vgl. auch Id. 1974, S. 81/82 [1819].
21 In die gleiche Richtung zielt auch, wenn es bei ihm heißt (Id. 1838, S. 84): „Die hermeneuti-
schen Regeln müssen mehr Methode sein, wie Schwierigkeiten zuvorzukommen, als Observati-
onen, um solche aufzulösen.“ Vgl. auch Schleiermacher 1809/10, S. 1275.
22 Als ein Beispiel der Bestimmung von „Interpretation“ von vielen, die in Kontrast zu der hier
vorgenommenen Festlegung steht, kann die bei Ducasse 1939, S. 42, herangzogen werden (kur-
siv im Original): „Interpretation is the kind of mental event consisting in this, that consciousness
of something causes us to become conscious of something else.“
23 Auch wenn hinsichtlich der ‚strengeren Praxis‘ im weiteren Schleiermacher gefolgt wird, so
nicht in seiner Behauptung, daß das „Auslegen“ und das „Verstehen“ sich lediglich wie die „in-
nere“ von der „äußeren Rede“ unterscheide. Auf den Unterschied von „Auffassung“ und „Dar-
stellung“ ist früh und immer wieder nach Schleiermacher insistiert worden, vgl. z. B. Bernheim
1859, Kap. 7. Vgl. Abschnitt V.2.
24 Das ist – nebenbei bemerkt – auch nicht im Rahmen von Schleiermachers Hermeneutik der
Fall.
25 Vgl. Augustin De doctr. christ., passim, so etwa wenn es bei ihm heißt, daß es kein dunkles
Wort in der Schrift gibt, das nicht durch andere Stellen erläutert würde (II, 6, 8): „Magnifice igitur
et slubriter spiritus sanctus ita scripturas sanctas modificavit, ut locis apertioribus fami occurre-
ret, obscurioribus autem fastidia detergeret. Nihil enim fere de illis obscuritatibus eruitur, quod
non planissime dictum alibi reperiatur.“ Zu einem der vielen jüngeren Beispiele Gatzemeier
1985, S. 29.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 183

den Textinterpretationen sind Entproblematisierungen – unterschiedlicher Art –


erforderlich.26 Das heißt aber nicht, daß solche Entproblematisierungen nicht
problematisiert werden können, und das unter Umständen sogar im Rahmen der
gewählten Bedeutungs- und Interpretationskonzeption. Die Entproblematisie-
rungen allerdings werden durch die Interpretationskonzeption bestimmt und
sind auf Problemsituationen relativiert, so daß sie keine Grundlage bieten für
eine generelle Unterscheidung zwischen Bedeutungszuweisungen, die Interpre-
tationen, und solchen, die keine Interpretationen sind.
Eine weitere, an verschiedenen Stellen der bisherigen Überlegungen akzep-
tierte Annahme besteht darin, daß die Bedeutungszuweisung an einen Text auf
eine Bedeutungskonzeption bezogen und relativiert ist. Diese Annahme stellt
keine explizierende Festlegung des Interpretationsbegriffs dar, sondern sie ist
eine heuristische Annahme, für deren Plausibilität eigens zu argumentieren ist.
Ihre Plausibilität hängt davon ab, was als Bedeutungskonzeption angesehen wer-
den soll. Vor einer detaillierteren Bestimmung kann für die folgenden Erörterun-
gen als orientierender Hinweis genügen: Eine Bedeutungskonzeption liefert im
Zusammenhang mit dem dargelegten Interpretationsproblem eine Charakterisie-
rung – unter Umständen eine (explizite) Definition – des Bedeutungsbegriffs, der
die Interpretation (die Bedeutungszuweisung) an Texte ausrichtet. Sie hält mithin
fest, was als Bedeutung eines zu interpretierenden Textes gelten kann.
Dieser Hinweis läßt offen, wie im Rahmen einer Bedeutungskonzeption der
Bedeutungsbegriff bestimmt wird. Gleichwohl schränkt er die Erwartungen an
eine Bedeutungskonzeption für die Interpretation in bestimmter Hinsicht ent-
scheidend ein: Von ihr wird nicht erwartet, daß es sich um eine Bedeutungstheo-
rie handelt – eine Bedeutungstheorie in dem Sinn etwa, daß sie den von Michael
Dummett formulierten Anforderungen genügt.27 Eine Bedeutungs-konzeption – in
dem hier verstandenen Sinn – kann mithin die Frage der Entstehung von Bedeu-
tungen ignorieren oder für unbeantwortbar halten und sich allein auf die Zuwei-
sung von ‚Bedeutungen‘ beziehen. Und sie kann problembezogene Anerkennung
erlangen, ohne durch eine philosophische Theorie der Bedeutung legitimiert oder
durch eine empirische Theorie der Bedeutung gestützt zu sein.
Diese (relative) Autonomie der Wahl einer Bedeutungskonzeption hängt mit
dem Interpretationsproblem, also mit der Frage nach der Beliebigkeit von Inter-
pretationen zusammen. Sie besagt indes nicht, daß für die Wahl einer Bedeu-
tungskonzeption philosophische Überlegungen oder empirische Theorien und

||
26 Vgl. bereits Abschnitt II.1.
27 Vgl. Dummett 1975 sowie Id. 1976; dazu u. a. Chomsky 1980, S. 113ff.
184 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Befunde belanglos seien. Die Frage, wie für die Wahl einer solchen Bedeutungs-
konzeption argumentiert werden kann, steht im Zusammenhang zum einen mit
der Erörterung des methodologischen Charakters einer Hermeneutik, zum ande-
ren mit der Erörterung des Aufbaus einer aus Bedeutungskonzeption und Inter-
pretationskonzeption bestehenden Hermeneutik. Beide Fragen werden an späte-
rer Stelle aufgenommen.28 Damit sind die Ausführungen zur Identifikation von
Interpretation und Bedeutungszuweisung zunächst einmal abgeschlossen.
Die Überlegungen zum Ende von Abschnitt II.2 führten zu der Forderung, daß
eine Bedeutungskonzeption einen Beitrag für den Schluß auf die Bedeutung eines
zu untersuchenden Textes leistet. Für die Erörterung der Frage, wie eine Bedeu-
tungskonzeption einer solchen Forderung gerecht werden kann, ist zu klären,
welche Beziehung zwischen Bezeichnungsrelation und Bedeutungskonzeption
besteht. Zu welchem Ergebnis diese Klärung auch immer führen mag, zunächst
setzt sie voraus, daß es sich bei dem, was im Rahmen einer Be-deutungskonzep-
tion charakterisiert wird, überhaupt um eine Relation handelt. Der Ausdruck „a
bedeutet b“ könnte indes nicht nur als eine relationale, sondern auch als ein
nichtrelationale Eigenschaft aufgefaßt werden.29 Für die weiteren Erörterungen
soll allerdings angenommen werden, daß eine – der Interpretation zugrunde ge-
legte – Bedeutungskonzeption „a bedeutet b“ als einen relationalen Ausdruck
auffaßt.30
Die durch eine Bedeutungskonzeption festgelegte Bedeutungsrelation kann
eine Bezeichnungsrelation sein, wie sie in Abschnitt II.2 erörtert wird. Eine Be-
deutungskonzeption kann eine komplexe Bedeutungsrelation charakterisieren,
nach der sich verschiedene Arten oder Ebenen von Bedeutung unterscheiden las-

||
28 Vgl. die folgenden Abschnitte sowie Kapitel VI.
29 Eine nichtrelationale Sicht scheint Gilbert Ryle zu vertreten. In seiner Kritik an Rudolf Car-
naps, zwischen Intension und Extension unterscheidender Bedeutungskonzeption heißt es (Ryle
1949, S. 76): „The muddled terminology of extension and intension [...] is disinterred in order to
help construct a two-dimensional relational theory of meaning, at a time when it ought to be
notorious that relational theories of meaning will not do.“ Vgl. auch ebd., S. 70: „[...] and the
habit is formed of treating the verb ‚to signify‘ and the phrase ‚to have a meaning‘ as analogous
relation-stating expressions.“ In Id. 1957 wird allerdings deutlicher, daß Ryle – in Anlehnung an
Wittgenstein – eine Variante der Gebrauchstheorie der Bedeutung favorisiert (vgl. auch Id. 1961,
aber Id. 1953).
30 Vgl. z.B. Ducasse 1939, S. 45: „Thus, nothing is intrinsically a meaning or intrinsically a sym-
bol or sign, any more than a man is intrinsically an uncle or a nephew. These words are not the
names of kinds of things, but of kinds of relational statuses which things can acquire or relin-
quish.“ – Vgl. aber die Auffassung bei Geach 1969a. Dieser Auffassung nach ließe sich der zwei-
stellige relationale Ausdruck des Bedeutens mit einem der Namen zu „bedeutet b“ verbinden.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 185

sen. Diese Arten und Ebenen von Bedeutungen können anhand von Bezeich-
nungsrelationen bestimmt und – entsprechend der schematischen Erörterung in
Abschnitt II.2 – miteinander verknüpft sein oder aufeinander aufbauen: Wäh-
rend die Bedeutungsarten nebeneinander bestehen, beziehen sich die Bedeu-
tungsebenen aufeinander und setzen sich in bestimmter Weise voraus.
Zur Illustration der Verbindung von Bezeichnungsebenen im Rahmen einer
Bedeutungskonzeption ließen sich Roland Barthes’ Überlegungen zur ‚Konnota-
tion‘ anführen.31 Nach einer Deutung seines Konnotationsbegriffs wird bei seiner
Bedeutungskonzeption auf zwei unterschiedliche Bedeutungsrelationen zurück-
gegriffen32: auf eine denotierende Bd1 und eine konnotierende Bd2. Die konnotie-
rende Bedeutungsrelation bezieht sich auf durch Bd1 verknüpfte Paare <x1, x2> von
– in der Terminologie Barthes’ – Signifikanten („Ausdrucksebene“) und Signifi-
katen („Inhaltsebene“). Bei Barthes heißt es:

Wir wollen nun annehmen, daß ein solches System (A R I) [scil. Bd1(x1, x2)] seinerseits zu
einem einfachen Element eines zweiten Systems wird, das dieses Element somit übersteigt;
dann haben wir es mit zwei Bedeutungssystemen zu tun, die miteinander verzahnt, aber
auch gegeneinander ‚versetzt‘ sind; diese ‚Versetzung‘ der beiden Systeme kann jedoch auf
zwei völlig verschiedene Arten erfolgen, je nachdem, an welchem Punkt das erste System
sich mit dem zweiten verhakt, so daß zwei entgegengesetzte Gesamtheiten entstehen. Im
ersten Fall wird das System (A R I) zur Ausdrucksebene oder zum Signifikanten des zweiten
Systems [...].33

Der erste von Barthes angesprochene Fall läßt sich wie folgt im vorliegenden Rah-
men auffassen:

(1) Bd1(x1, x2) ‫ ן‬Bd2 (<x1, x2>, x3)

||
31 Vgl. Barthes 1964, S. 75–78. Roland Barthes greift hierbei auf Louis Hjelmslevs Überlegungen
zu einer „konnotativen Semiotik“ zurück, vgl. Hjelmslev 1943, S. 111–120. Zu der vereinfachen-
den Rezeption der Theorie Hjelmslevs bei Barthes – so bleibt die Unterscheidung zwischen
„Form“ und „Substanz“ in der Semiotik Hjelmslevs unberücksichtigt – vgl. Trabant 1970, S. 24ff.
(zu der Auffassung Hjelmslevs auch Trabant 1981a, S. 160–168). Zu einem anderen Konnotati-
onsbegriff als Barthes gelangt schließlich Martinet 1967. Zu terminologischen Unklarheiten bei
Hjelmslev vgl. Molino 1971.
32 Weiter unten wird eine zweite Deutung erörtert. Es ist nicht klar, welche von beiden Deutun-
gen auf Barthes’ Überlegungen zutrifft. Von Miroslav Cervenka z. B. werden die Überlegungen
Barthes’ eher in der hier vorgestellten Weise, also als Bestimmung von zwei unterschiedlichen
Bezeichnungsrelationen, aufgefaßt (vgl. Id. 1978, S. 95ff. und S. 112ff.); ebenso offenbar bei Kloe-
pfer 1975, S. 88f. Vgl. auch Eco 1973, S. 99ff., der sich allerdings direkt auf Hjelmslev bezieht.
33 Barthes 1964, S. 75.
186 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Der zweite Fall läßt sich in der hier gewählten Terminologie so wiedergegeben:
Bz1(x1, x2) und Bz2(x3, <x1, x2>). Diese Konstellation soll nach Barthes „Metaspra-
chen“ charakterisieren.34
Unterscheidungen zwischen Bedeutungsarten und -ebenen sind geläufig. Sie
sollen durch wenige Hinweise nur belegt und nicht im einzelnen erörtert werden:
So findet sich beispielsweise – wie bereits erwähnt – die Unterscheidung zwi-
schen „Denotation“ bzw. „Bedeutung“ und „Konnotation“,35 zwischen Oberflä-
chen- und Tiefenbedeutung, zwischen primärer und sekundärer, zwischen litera-
ler und spiritualer Bedeutungen, zwischen sensus litteralis, immediatus, verbalis,
grammaticus, historicus auf der einen36 und sensus mediatus, realis, symbolicus,
interior, spiritualis, allegoricus, typicus, mysticus parabolicus37 und sensus ple-
nior38 sowie den ‚Komplementärsinn‘ (complementum) auf der anderen Seite; es

||
34 Vgl. Barthes 1964, S. 75/76. Barthes’ Ausführungen sind im vorliegenden Zusammenhang
recht vage – wie im übrigen auch die bei Hjelmslev (das gilt auch für die Ausführungen im An-
schluß an Barthes und Hjelmslev bei Lipski 1976a). An dieser Stelle kann nicht auf weitere Über-
einstimmungen zwischen Barthes und Hjelmslev – etwa hinsichtlich der besonderen Rolle, die
die Sprache (im engeren Sinn) für die Bildung von Zeichensystemen nach Hjelmslev im Unter-
schied zu Saussure spielt (vgl. u. a. Barthes 1967, S. 9) – eingegangen werden. Im Rahmen des
lediglich zu illustrierenden Zwecken herangezogenen Überlegungen Barthes’ wird nicht bean-
sprucht, diese richtig zu deuten.
35 Zum Konnotationsbegriff und seiner Geschichte vgl. u. a. Molino 1971, Gary-Prieur 1971, Del-
bouille/Munot 1972 – weitreichende Wirkungen sind dabei von den Überlegungen Roland
Barthes' ausgegangen (siehe oben); vgl. ferner Stierle 1975, Rössler 1979, Schippan 1979 sowie
Spinner 1980.
36 Die Bezeichnungen variieren stark; allein im Werk des Erasmus finden sich die Ausdrücke
sensus litteralis, sensus germanus, sensus grammaticus, sensus rectus, sensus verborum, sensus
simplex, historia und sensus historicus, die mehr oder weniger dasselbe bezeichnen sollen (zu
Nachweisen vgl. Payne 1974, Anm. 67, S. 26).
37 Vgl. hierzu Brinkmann 1975, S. 38ff., Id. 1961, S. 100: „Die Hermeneutik hat eine Auslegungs-
weise entwickelt, die es erlaubt, hinter dem Wortsinn eine darin verhüllte Wahrheit zu erkennen.
Dabei ist aber zwischen allegorischer und parabolischer Deutung zu unterscheiden. Eigentlich
allegorisch ist nur eine Erklärung, die das im Wort Angesprochene auf eine religiöse Wahrheit
bezieht, Natürliches als Aussage eines Übernatürlichen begreift. Das ist anders, wenn Natürli-
ches für ein anderes Natürliches eintritt. Dann handelt es sich um eine besondere Art des Wort-
sinns [...]. Bei parabolischem Sinn wird die dichterische Erfindung als Hülle einer Wahrheit (ei-
ner natürlichen Wahrheit) aufgefaßt. Der Terminus dafür ist: integumentum [...].“ Zum
integumentum vgl. auch Id. 1980, S. 169‒214, ferner Id. 1971, Jeauneau 1957, Dronke 1974, S. 13‒
78.
38 Der Ausdruck „sensus plenior“ als Bezeichnung eines Sinns der Heiligen Schrift stammt erst
aus den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts und wurde offenbar zuerst von Andrés Fernández
so verwendet (vgl. ausführlich Brown 1955, S. 88‒154). Das Konzept des sensus plenior hat zu
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 187

wird zwischen Bedeutungen bzw. Zeichen „erster und zweiter Ordnung“,39 zwi-
schen verschiedenen Arten der allegorischen oder typologischen Bedeutung un-
terschieden.40 Beispiele sind ebenso die zahlreichen, voneinander nicht unerheb-
lich differierenden Formulierungen eines mehrfachen Schriftsinns. Der immer
wieder angeführte Merkspruch des Aage von Dänemark (Augustinus de Dacia bis
1282), der allerdings insbesondere durch die Aufnahme bei Nikolaus von Lyra ge-
wirkt hat, macht dies ebenso deutlich:

Dictos autem quattuor sensus his versibus comprehendo:


„Littera gesta docet, quid credas allegoria,
Moralis quid agas, quid speres anagogia.“41

Das Standardbeispiel, das sich ebenfalls bereits bei Aage von Dänemark findet42
und das wiederum durch Lyra bekannt geworden ist, ist der Ausdruck „Jerusa-
lem“: nach dem Literalsinn handelt es sich um den historischen Ort Jerusalem,
nach dem moralischen oder tropologischen um die Seele der Gläubigen, an die
sich die Ermahnungen richten, indem gesagt wird, was zu tun sei (agenda), nach
dem allegorischen die streitende Kirche, indem gesagt wird, was zu glauben sei
(credenda), und nach dem anagogischen um die triumphierende Kirche, indem
gesagt wird, was zu hoffen sei (speranda).43 Der Hinweis auf die von Edgar de
Bruyne kompilierten Bedeutungsebenen und -arten mag im vorliegenden Zusam-
menhang für die Differenzierung von Schriftsinnen genügen, auch wenn vermut-
lich Athanasius Kircher einen Höhepunkt in der Ausdifferenzierung von Bedeu-
tungsebenen bzw. -stufen darstellt: physisch, tropologisch, mystisch, historisch,

||
heftigen Diskussionen geführt, vgl. hierzu u. a. Buzy 1944, Cerfaux/Coppens/ Gribomont 1950
sowie Coppens 1949 und 1967, Braun 1951, Schnackenburg 1958, S. 166ff., Simon 1967.
39 Vgl. Brinkmann 1979 sowie Id. 1980, S. 260ff.
40 Vgl. u. a. Meier 1974 und Ead. 1976 sowie 1979, auch Hellgardt 1979; zur ‚Typologie‘ u. a.
Lubac 1947 und Id. 1959‒64, I, S. 305ff., Daniélou 1950, sowie Abschnitt III.2 und die Hinweise
dort.
41 Aage von Dänemark 1955, S. 139.
42 Aage von Dänemark 1955, S. 138.
43 Das Beispiel nach Cassian (ca. 360‒430/5); nach Id. Collat. XIV, 8, S. 405, läßt sich Jerusalem
quadrifarie auffassen: „secundam historiam civitas Judaeorum“, „secundam allegoriam ecclesia
Christi“, „secundum anagogen civitas dei illa caelestis, qaue est mater omnium nistrum“,
„secundum tropologiam anima hominis“. Vgl. auch Lubac 1959‒64, I.1, S. 190‒198, Chadwick
1968, S. 101/02.
188 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

mathematisch, kabbalistisch usw.44 Nach de Bruynes Kompilation läßt sich un-


terscheiden zwischen:45

I. Sensus litteralis
a. proprius – mit: 1. historicus, 2. secundum aetiologiam, 3. secundum analogiam;
b. figuratus – mit: 1. typicus, 2. parabolicus seu allegoricus, 3. moralis;
II Sensus spiritualis seu allegoricus (lato sensu) – mit: 1. allegoricus (stricto sensu),
2. tropicus seu tropologicus seu moralis, 3. anagogicus.46

Nebenbei sei bemerkt, daß es eine kaum zu überschauende Zahl metaphorischer


Beschreibungen für zwei oder mehrere unterschiedliche Bedeutungsarten und -
ebenen eines Textes gibt.47
Zu den zentralen Traditionen zählt die auf Augustins Zeichenkonzeption zu-
rückgehende,48 im Mittelalter weit verbreitete49 und über dieses hinausgehende
Unterscheidung zwischen einer Bedeutungskonzeption für die profane Literatur,
nach der lediglich der Lautsprache (voces bzw. signa) Bedeutung zukommt, und
einer Bedeutungskonzeption für religiöse Texte, nach der nicht nur die Worte be-
deuten (significatio que est per voces), sondern auch diese bezeichneten Sachver-
halte (significatio per ipsas res) – sozusagen die Bedeutungen erster Ordnung –
Bedeutungen tragen, indem durch sie Bedeutungen quasi zweiter Ordnung ver-
mittelt werden.50 In der Intention des auctor principalis vermögen die bezeichne-
ten res wieder andere Sachverhalte zu ‚bedeuten‘. Solche – im weiteren Sinn –

||
44 Vgl. Dieckmann 1970, S. 98.
45 Zu einer jüngeren, recht aufwendigen Unterscheidung verschiedener Arten des sensus heili-
ger Schriften vgl. z. B. Braun 1951, S. 303.
46 Bruyne 1946, S. 303ff. – Vgl. ferner Lubac 1948 und Id. 1959‒64, Krewitt 1971, S. 443ff.
47 Vgl. z. B. die Hinweise bei Lubac 1959‒64, I.1, S. 377ff., S. 425ff., S. 489ff. sowie S. 621ff., und
insb. bei Spitz 1969 und 1972.
48 Vgl. Augustinus De doctr. christ., II, 10‒16, S. 41‒52. Zu Augustins zeichentheoretischen Auf-
fassungen vgl. auch Kablitz 1987 zur Diskussion der wenig klaren Unterscheidung zwischen ‚rhe-
torischer‘ und ‚hermeneutischer‘ Allegorie und dem Allegorie-Konzept bei Augustinus.
49 Vgl. u. a. Lubac 1959‒64, I.2, S. 495ff., II.2, S. 266 und passim, Ohly 1958, Chydenius 1960,
u. a. S. 12ff., S. 32ff., Meier 1976, Brinkmann 1970 und Id. 1980, vor allem S. 21ff. und S. 74ff.
50 Die Bezeichnung „res“ und „signa“ läßt sich mit der augustinischen, die von „res“ und
„voces“ mit der aristotelischen nach Peri Hermeneias verbinden (bei Thomas von Aquin wird
z. B. der Ausdruck „voces“ gewählt, vgl. Id. Summa theol. I, q. 13, a.1 co.; q. 85, a.2, arg.3; ebenso
bei Hugo von St. Viktor Excer. Alleg., lib II, cap. III, Sp. 205B: „[...] non solum voces sed et res
significativae sunt.“ Sowie Id., De Sacr., prol., cap.V mit der Überschrift „Quod in sacro eloquio
non solae voces sed et res significare habent“ (Sp. 185). Vgl. ferner Rhabanus Maurus De
cleric.inst., Lib. III, Cap.VIII-X, Sp. 384‒387, der signa verwendet
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 189

allegorischen Bedeutungszuweisungen, die keineswegs auf religiöse Texte be-


schränkt blieben,51 beruhen allerdings auf komplizierteren Verknüpfungen. An-
hand der zugrunde gelegten bzw. unterstellten Relationen und ihrer Reihenfolge
lassen sich unterschiedliche Formen allegorischer Bedeutungszuweisung bestim-
men. Weiter unten werden am Beispiel der res-Allegorese und der qualitas-Alle-
gorese sowie der (antithetischen) Typologie bzw. Typologese solche komplizier-
teren Formen der Bedeutungszuweisung im Hinblick auf den Aufbau von
Bedeutungskonzeptionen analysiert.52
Bedeutungskonzeptionen können nicht nur Bezeichnungsrelationen zusam-
menfügen. Sie können an komplexen Bezeichnungsrelationen teilhaben, etwa als
Bestandteile einer Bezeichnungsrelation, die – aus welchen Gründen auch immer
– nicht als Ganze durch eine Bedeutungskonzeption zur Bedeutungsrelation er-
hoben wird. Zudem kann es Bezeichnungsrelationen geben, die von der gewähl-
ten Bedeutungskonzeption als Bedeutungsrelationen ignoriert werden. Das heißt:
Ein Text kann mehr bezeichnen als bedeuten. Die Unterscheidung von Bedeu-
tungsebenen in einer Bedeutungskonzeption, anhand der ein Text interpretiert
wird, besagt allerdings nicht, daß jeder Teil dieses Textes den vorgesehenen Be-
deutungsrelationen zu unterstellen ist:53 Wann Bedeutungsübergänge vorgenom-
men werden können, ist eine Frage, deren Antwort Teil einer Bedeutungs- und
Interpretationskonzeption ist.54
Eine Bedeutungskonzeption charakterisiert demnach nicht nur Bedeutungs-
relationen – etwa im Rückgriff auf Bezeichnungsrelationen; durch sie wird eine
Auswahl getroffen. Sie befördert Relationen – etwa Bezeichnungsrelationen – zu
Bedeutungsrelationen. Mithin können sich Bedeutungskonzeptionen hinsicht-
lich der getroffenen Wahl unterscheiden. Zunächst kann gefragt werden, ob jede
Bezeichnungsrelation tauglich ist, um den Status einer Bedeutungsrelation zu er-
langen, oder ob einigen Bezeichnungsrelationen von vornherein die Anwärter-
schaft auf die Mitgliedschaft in einer Bedeutungskonzeption abgesprochen wer-
den kann. Oder läßt sich sogar begründen, daß nur Bezeichnungsrelationen einer

||
51 Auch wenn dies immer wieder als Besonderheit der Schrift angesehen wurde, so etwa bei
Hugo von St. Viktor, der die historia, allegoria und tropologia der Schrift behandelt, heißt es (Id.,
De Sacr., prol., cap. V, Sp. 185): „Unde apparet, quantum divina scriptura ceteris omnibus scrip-
turis non solum in materia sua, sed etiam in modo tractandi, subtilitate et profunditate praecel-
lat; cum in ceteris quidem scripturis solae voces significare inveniantur; in hac autem non solum
voces, sed etiam res significativae sind.“
52 Vgl. Abschnitt III.2.
53 Zu Beispielen vgl. Abschnitt IV.2.
54 Vgl. Abschnitt IV.2.
190 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

bestimmten Art als Kandidaten für die Auszeichnung als Bedeutungs-relationen


infrage kommen?
Die Frage eines vorgängigen Ausschlusses von Bezeichnungsrelationen für
die Aufnahme in eine Bedeutungskonzeption ist von der Frage zu trennen, inwie-
weit alle Eigenschaften eines Textes bedeutungsrelevant sind bzw. bei der Inter-
pretation zu berücksichtigen sind.55 Während die Beantwortung dieser Frage zum
Ausschluß von Texteigenschaften führen kann, die zudem keine (vorliegende)
Bezeichnungsrelation erfüllen, zielt das Problem des Ausschlusses von Bezeich-
nungsrelationen auf Texteigenschaften, von denen zweifelsfrei gilt, daß auf sie
eine Bezeichnungsrelation angewendet werden kann. Die Frage des Ausschlus-
ses von Bezeichnungsrelationen bei der Berücksichtigung als Bedeutungsrelatio-
nen wird bei der Erörterung der Unterscheidung zwischen Bedeutung und Signi-
fikanz wieder aufgenommen werden.56
Es stellt sich aber nicht nur die Frage, ob sich eine Bedeutungskonzeption
möglicherweise nur auf einen Ausschnitt der vorliegenden Bezeichnungsrelatio-
nen beschränkt, sondern auch die Frage, ob Bezeichnungsrelationen möglicher-
weise nur einen Ausschnitt der in einer Bedeutungskonzeption charakterisierten
Bedeutungsrelationen bilden. Ob eine Bedeutungskonzeption allein auf Bezeich-
nungsrelationen zurückgreift oder ob eine solche Identifizierung von Bedeu-
tungs- und Bezeichnungsrelation zu stark einschränkt, ist gleichbedeutend da-
mit, ob es bedeutungsstiftende Relationen gibt, die keine Bezeichnungsrelationen
sind. Das heißt: Können Texte mehr bedeuten als bezeichnen? Die Beantwortung
dieser Frage ist das Ziel des zentralen Teils des vorliegenden Abschnitts.57
Eine Antwort auf die gestellte Frage läßt sich schon deshalb nicht leicht ge-
ben, weil es im Rahmen der vorangegangenen Überlegungen zur Bezeichnungs-
relation kaum zu einschränkenden Anforderungen an eine solche Relation ge-
kommen ist. Lediglich zwei der in Abschnitt II.2 erörterten Aspekte von
Bezeichnungsrelationen können als Anknüpfungspunkt für die Vermutung die-
nen, daß die Annahme, jede Bedeutungsrelation sei eine Bezeichnungsrelation,
zu restriktiv ist. Zum einen ist das die Festlegung einer Stellvertreterrolle für den
Zeichenträger (also das stare pro aliquo);58 zum anderen ist das die Festlegung des

||
55 Vgl. Abschnitt II.1 zum texttheoretischen Individualismus.
56 Vgl. Kapitel VI.
57 Implizit wurde diese Frage bereits bei der Erörterung der Beziehung von sinnvoller Interpre-
tation, d. h. einer Interpretation, die einen Satz oder Text als zu einer bestimmten Sprache gehö-
rig ausweist, und einer ‚wahren‘ bzw. ‚richtigen‘ Interpretation in Abschnitt II.2. angesprochen.
58 Vgl. Abschnitt II.2.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 191

asymmetrischen Charakters der Bezeichnungsrelation.59 Geprüft werden soll zu-


nächst, inwieweit das Stellvertreterprinzip zu einer so einschränkenden Charak-
terisierung von Bezeichnungsrelationen führt, daß es Bedeutungsrelationen gibt,
die diesem Prinzip nicht unterstehen.
Das Stellvertreterprinzip bietet Anlaß für die Vermutung unangemessener
Restriktion, sofern angenommen wird, aus ihm folge eine zeitliche Relationierung
von Zeichen(träger) und Bezeichnetem. Nach dieser Relationierung ist das Be-
zeichnete früher als der Zeichenträger – zumindest aber gleichzeitig mit ihm.
Wenn a als ein Zeichen angesehen wird, dann folgt als Konsequenz aus der Rela-
tivierung auf eine Bezeichnungsrelation, daß es eine Bezeichnungsrelation gibt,
die durch a erfüllt wird, also Bz(a, b). Dem Stellvertreterprinzip zufolge kann un-
ter der oben getroffenen Annahme geschlossen werden, daß a früher als b oder
bestenfalls gleichzeitig mit b ist. E sei der Prädikatbuchstabe, der das Vorliegen
eines Gegenstandes im Hinblick auf seine gegebene Bestimmung wiedergibt und
der mit einem temporalen Index ti versehen ist, durch den sein frühestes Auftre-
ten angezeigt wird. Die dem Stellvertreterprinzip unterstellte zeitliche Relationie-
rung läßt sich dann wie folgt darstellen:

(2) Wenn Bz(a, b) und Eti(a), dann Etj(b), wobei für ti, tj gilt: ti ≤ tj.

Zu ergänzen ist, daß a fraglos zeitlich früher als b sein kann, ohne daß das mit
der unter (2) behaupteten Konsequenz des Stellvertreterprinzips unvereinbar ist.
Unvereinbar ist – und mithin ausgeschlosen wird – lediglich, daß a als Zeichen
von b zeitlich früher als b ist.
Gegen die unterstellte Konsequenz des Stellvertreterprinzips ließe sich ein-
wenden, daß für die Bedeutung eines Zeichenträgers (bzw. eines Textes) – und
damit für eine Bedeutungsrelation – nicht von vornherein eine Relationierung
zwischen a und der Bedeutung b ausgeschlossen werden kann, die die folgende
Bedingung erfüllt:

(3) Wenn Bz(a, b) und Eti(a) für Etj(b) steht, dann ti > tj.

Zunächst ist die Frage zu klären, wie die Bedingung unter (3) zu deuten ist. Eine
Deutung besagt, mit (3) komme die Konstellation zum Ausdruck, in der a für die
Bedeutung b steht, die ein Interpret zum Zeitpunkt tj a zuweist. Im Rahmen dieser
Deutung sind zwei Varianten möglich.

||
59 Vgl. Abschnitt II.2.
192 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Zum einen die, daß durch (3) eine metahermeneutische oder erkenntnistheo-
retische Behauptung zum Ausdruck gebracht wird. Grundlage für diese Behaup-
tung kann die Annahme sein, daß dem Interpretationsproblem zufolge es allein
der Interpret ist, der einem Text Bedeutung zuweist, und zwar unabhängig, wenn
auch nicht unbedingt im Widerspruch zu dem, was der Produzent des Textes in-
tendiert, oder von der Bedeutungskonzeption, die für die Interpretation gewählt
wurde. Für die vom Interpreten unternommene Interpretation gilt immer, daß sie
auf den Zeichenträger zeitlich folgt, und das gilt somit auch für die zugewiesene
Bedeutung.60
Die Behauptung unter (3) nach der ersten Variante besagt mithin: Wofür a
auch immer stehen mag, bei der Interpretation sind es die Interpreten, die a Be-
deutung zuweisen, und für diese Bedeutung steht a zwangsläufig. In dieser Vari-
ante wird mit (3) zugleich eine zeitliche Relationierung, wie sie sich unter (2) als
Konsequenz des Stellvertreterprinzips formuliert findet, grundsätzlich ausge-
schlossen.
Zum anderen kann (3) auf einer Behauptung beruhen, die nicht als Umschrei-
bung eines Sachverhalts aufgefaßt wird, der unabhängig von der Wahl einer be-
stimmten Bedeutungskonzeption – wie bei der ersten Variante – gegeben ist. Die
Behauptung unter (3) kann vielmehr Konsequenz einer gewählten Bedeutungs-
konzeption sein. Als eine solche Konsequenz läßt sich (3) in Versionen unter-
schiedlicher Stärke auffassen. Die schwächere Version besagt, daß (3) neben (2)
vorkommt. Das heißt, es gibt zwei Formen der Bedeutung eines Textes, die ne-
beneinander bestehen. Eine solche Version findet sich in einer Reihe ansonsten
nicht wenig differierender Konzeptionen explizit oder implizit vertreten.61 Durch
die stärkere Version wird – ähnlich wie bei der ersten Variante – der Behauptung
unter (3) ausschließliche Geltung eingeräumt: Nach der gewählten Bedeutungs-
konzeption steht a nur für das, was Interpreten ihm zuweisen – unabhängig da-
von, wofür a irgendwann einmal gestanden haben mag.

||
60 Das ist streng genommen nicht zwingend, aber die Ausnahmen können an dieser Stelle ver-
nachlässigt werden, vgl. Abschnitt III.2.
61 Zu drei Beispielen vgl. z. B. Roman Ingardens Konzeption der Konkretisation; ferner die
Überlegungen, die jüngst bei Hirsch 1984 zur intentionalistischen Bedeutungskonzeption ange-
stellt werden; schließlich die Erörterung des Problems von Applikation und gültiger Auslegung
etwa im Rahmen der Überlegungen bei Gese 1986, S. 49: „Der hermeneutische Grundsatz, den
Text so zu verstehen, wie er verstanden sein will, muß auf der Basis der traditionsgeschichtlichen
Struktur des biblischen Textes die Dimension eines geschichtlich sich entfaltenden Sinnes mit
einschließen.“
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 193

Ein besonderer Fall liegt bei Konzeptionen einer hermeneutica sacra vor, wel-
che die Bedeutung des Alten Testaments mit der des Neuen Testaments verbin-
den. Danach ist ein wahres Verständnis des Alten Testaments nicht eine Frage
historisch-kritischer Interpretation, sondern abhängig von einem Ereignis, das
erst nach seiner Niederschrift stattgefunden hat, nämlich das Christusgeschehen.
Zwar ist damit – wenn der nichtmenschliche Verfasser dieser Schriften in den
Blick genommen wird62 – keineswegs gesagt, daß das Alte Testament einen Be-
deutungswandel durchmacht, aber für seine menschlichen Verfasser und Inter-
preten gilt, daß die ersteren die Schrift nicht vollständig verstehen konnten und
bei den letzteren die Interpretenposition sich grundlegend durch das bedeu-
tungsindizierende Ereignis wandelt.63
Ohne bereits an dieser Stelle die an Bedeutungskonzeptionen zu richtenden
Anforderungen zu erörtern und vorwegzunehmen,64 läßt sich die Frage prüfen,
worin das Problem der Berücksichtigung oder aber der Beschränkung auf (3) be-
steht. Im vorliegenden Zusammenhang der Erörterung des Interpretationsprob-
lems und der Beliebigkeitsthese zielt diese Frage darauf, ob durch die Anerken-
nung der Behauptung unter (3) in der ersten oder zweiten Variante die
Anerkennung der Beliebigkeitsthese in irgendeiner Weise präjudiziert wird.
Auf der metahermeneutischen Ebene, also im Blick auf die erste Variante,
stellt die Berücksichtigung von (3) weder ein Präjudiz für noch gegen die Belie-
bigkeitsthese dar. Es ist unbestritten, daß es sich bei der Interpretation um die
Zuweisung von Bedeutung an einen Text durch einen Interpreten handelt. Diese
Variante von (3) muß auch für jeden Gegner der Beliebigkeitsthese akzeptabel
sein. Gleichwohl läßt die Anerkennung des Sachverhalts, daß es bei der Interpre-
tation die Interpreten sind, die Bedeutungen zuweisen, noch immer offen, inwie-
weit der Anspruch erhoben werden kann, es handle sich bei der Interpretation
um eine Zuweisung von Bedeutungen, die der Text bereits besitzt, für die mithin
die Behauptung unter (2) gilt.65

||
62 Vgl. z. B. die Sicht bei Drey 1819, § 159, S. 108: „Es läßt sich nicht läugnen, daß Christus und
die Apostel vielen Stellen des A.T. eine Bedeutung gegeben haben, die erweislich nicht im Sinne
der alten Schriftsteller – dem historischen lag. Aber im Sinne der Offenbarung lag sie wohl, und
trat hervor als sie nöthig war.“
63 Zur historischen Erörterung vgl. auch Stemmer 1983, S. 55ff.
64 Vgl. Kapitel VI.
65 Vgl. hierzu Kapitel VI.
194 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Auf der Ebene der Bedeutungskonzeptionen – also im Blick auf die zweite Va-
riante – erzwingt die schwächere Version ebenso wenig die Ablehnung der Belie-
bigkeitsthese,66 wie die stärkere Version mit dem Ausschluß von (2) ihre Aner-
kennung unterbindet. Die stärkere Version unterbindet die Ablehnung der
Beliebigkeitsthese zwar nicht, aber sie scheint zu ihrer Anerkennung zu führen.
Das ist mit Abstand die interessanteste Konstellation der erörterten Varianten
und Versionen. Sie läuft auf die Frage hinaus, inwieweit die Vermeidung der Be-
liebigkeitsthese etwas mit der Ermittlung historischer Bedeutungen zu tun und
inwieweit die Skepsis gegenüber der Möglichkeit der Ermittlung historischer Be-
deutungen bereits die Beliebigkeitsthese zur Folge hat.
Zunächst läßt sich prüfen, ob die uneingeschränkte oder die eingeschränkte
Anerkennung der Konsequenz des Stellvertreterprinzips unter (2), wie dies bei
der schwächeren Version der zweiten Variante vorliegt, für die Verwerfung der
Beliebigkeitsthese ausreicht. Auf den ersten Blick scheint das gegeben zu sein:
Die uneingeschränkte und vielleicht auch die eingeschränkte Anerkennung von
(2) im Zuge einer gewählten Bedeutungskonzeption scheint Interpretationen aus-
zuschließen. Und damit würde die Beliebigkeit – wie geringfügig auch immer –
eingeschränkt werden.
Diese Vermutung jedoch hält der näheren Betrachtung nicht stand. Das, was
durch die uneingeschränkte oder eingeschränkte Anerkennung von (2) be-
schränkt wird, ist die Wahl von Bedeutungskonzeptionen. Die an späterer Stelle
aufgenommene Analyse von Bedeutungskonzeptionen und insbesondere ihrer
Verbindung mit Interpretationskonzeptionen begründet, daß mit einer solchen
Beschränkung der Wahl von Bedeutungskonzeptionen allein noch keine einzige
Interpretation eines beliebigen Textes ausgeschlossen sein muß. Ausgeschlossen
werden lediglich bestimmte Deutungen der Bedeutungszuweisung.67 Das heißt:
Nicht durch den Ausschluß von Bedeutungskonzeptionen wird die Beliebigkeit
der Interpretation vermieden, sondern durch die Formulierung von Anforderun-
gen an die zu wählenden Bedeutungs- und Interpretationskonzeptionen.
Aber unter Umständen führt die uneingeschränkte oder vielleicht auch schon
die eingeschränkte Ablehnung der Konsequenz unter (2) zu einer Anerkennung
der Beliebigkeitsthese? Aus der genaueren Analyse der Verbindung von Bedeu-
tungs- und Interpretationskonzeption wird ebenso deutlich werden, daß eine Be-
deutungskonzeption, durch welche die Konsequenz unter (2) zurückgewiesen
wird, allein aus diesem Grund noch nicht die Beliebigkeit von Interpretationen

||
66 Vgl. die Erörterung der objektivistischen Deutung des Interpretierens in Abschnitt I.2.
67 Vgl. Abschnitt V.1.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 195

zur Folge hat. Das ist erst dann der Fall, wenn zudem angenommen wird, alle Be-
deutungszuweisungen an einen Text seien aufgrund fehlender begründeter Kri-
terien für die Evaluation von Interpretationen gleichermaßen akzeptabel. Doch
diese Annahme entspricht der Beliebigkeitsthese selbst.68 Noch weniger hat dem-
zufolge eine Bedeutungskonzeption, welche die Konsequenz unter (2) lediglich
eingeschränkt verwirft, die Anerkennung der Beliebigkeitsthese zur Folge.
Das Ziel der vorangegangenen Erörterung bestand in der Prüfung der Frage,
ob die Erfüllung des Stellvertreterprinzips durch eine Bezeichnungsrelation als
Grund dafür anzusehen ist, daß eine Bedeutungskonzeption allein auf Bezeich-
nungsrelationen beruht. Als Resümee lassen sich zwei Ergebnisse festhalten. Das
erste betrifft die Frage nach der Beziehung zwischen zeitlicher Relationierung
und der Beliebigkeitsthese:
Wenn aus dem Stellvertreterprinzip eine zeitliche Relationierung folgt, wie
sie unter (2) behauptet wird, dann kann es zwar Bedeutungskonzeptionen geben,
die eine solche zeitliche Relationierung uneingeschränkt oder eingeschränkt zu-
rückweisen, aber mit der ablehnenden oder anerkennenden Stellung zu (2) geht
kein Präjudiz hinsichtlich der Akzeptanz zur Beliebigkeitsthese einher.
Das zweite Ergebnis betrifft die Frage nach der Identifikation von Bedeu-
tungs- und Bezeichnungsrelation: Auch wenn die Anerkennung von (2) die Ent-
scheidung über die Beliebigkeitsthese nicht präjudiziert, so kann dennoch die
unter (2) formulierte Konsequenz des Stellvertreterprinzips mit bestimmten Be-
deutungskonzeptionen unvereinbar sein. Daraus folgt, daß es neben Bezeich-
nungsrelationen von diesen unterschiedene Relationen geben kann, die im Rah-
men einer Bedeutungskonzeption als Bedeutungsrelationen ausgezeichnet sein
können. Dennoch ist damit keine überzeugende Argumentation gegen die Iden-
tifikation von Bedeutungskonzeption und Bezeichnungsrelation gewonnen.
Denn es ist keineswegs zwingend – und das ist in diesem Zusammenhang ent-
scheidend –, aus dem Stellvertreterprinzip die Behauptung unter (2) zu folgern.
Es empfiehlt sich daher, das mit einer Bezeichnungsrelation angenommene Stell-
vertreterprinzip in einer schwächeren Form aufzufassen, nämlich in der, daß die
Behauptung unter (2) nicht aus diesem Prinzip folgt. Zeichenträger können – ver-
kürzt gesagt – bei der Interpretation von Texten mithin etwas bezeichnen, das in
der Zukunft liegt.69

||
68 Vgl. Abschnitt I.4.
69 Vgl. demgegenüber Eco 1973, S. 26: „Ein Kommunikationsprozeß, bei dem es keinen Kode
und mithin keine Designation gibt, wird zu einem bloßen Reiz-Reaktions-Prozeß. Bei bloßen Rei-
zen fehlt eines der elementarsten Merkmale des Zeichens: es steht für etwas anderes. Der Reiz
steht nicht für etwas anderes, sondern ruft dieses andere unmittelbar hervor.“ Die Zurückweisung
196 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Der Ausgangspunkt für die voraufgegangenen Ausführungen bestand in der


Frage, inwieweit jede durch eine Bedeutungskonzeption charakterisierte Bedeu-
tungsrelation eine Bezeichnungsrelation ist. Diese Frage konnte zum einen im
Hinblick darauf geprüft werden, ob das für Bezeichnungsrelationen geltende
Stellvertreterprinzip als zu restriktiv erscheint. Die Überlegungen haben ergeben,
daß das Stellvertreterprinzip, wenn nicht die unter (2) angeführte Konsequenz als
sein Bestandteil gilt – und das ist nicht zwingend –, keinen Hinderungsgrund bil-
det, um Bedeutungsrelationen mit Bezeichnungsrelationen zu identifizieren.
Neben dem Stellvertreterprinzip wurde als weiterer Aspekt von Bezeich-
nungsrelationen zum anderen die Forderung der Erfüllung eines Asymmetrie-
Prinzips formuliert. Die Erörterung der Frage, ob durch ein solches Prinzip die
Identifikation von Bedeutungsrelationen mit Bezeichnungsrelationen verhindert
wird, stellt sich als komplizierter, aber auch als erfolgversprechender als die des
Stellvertreterprinzips heraus. Das Asymmetrie-Prinzip für eine Bezeichnungsrela-
tion Bz besagt:

(4) Für alle x und y gilt: wenn Bz(x, y), dann nicht Bz(y, x).

Die Frage zu diesem Aspekt von Bezeichnungsrelationen lautet: Gibt es Bedeu-


tungskonzeptionen, bei denen zumindest teilweise im Zuge der Bedeutungszu-
weisung auf Relationen zurückzugreifen sein wird, die das Asymmetrie-Prinzip
nicht erfüllen? Das folgende Beispiel soll eine erste Illustration dessen liefern,
worauf die Frage hinausläuft:

(5) [Das Wort] „Dreisilbig“ ist dreisilbig.

Von der Eigenschaft des Wortes „dreisilbig“, nämlich dreisilbig zu sein, läßt sich
zu dem Ausdruck übergehen, der diese Eigenschaft bezeichnet, und behaupten,
„dreisilbig“ bedeute dreisilbig. Einer solchen Argumentation kann das folgende
Verlaufsschema zugeordnet werden:

||
der Konsequenz unter (2) führt dazu, daß die Unterscheidung zwischen ‚designierendem‘ Zei-
chen und lediglich als ‚Reiz‘ wirkendem Zeichen unabhängig von der Erfüllung des Stellvertre-
terprinzips ist (etwas, das Eco nicht anzunehmen scheint). Das hat ferner zur Konsequenz, daß
der Interpretationsprozeß zum Gegenstand einer kausalen Beschreibung oder Analyse gemacht
werden kann, ohne daß darin bereits eine Anerkennung der Beliebigkeitsthese steckt. Vgl.
hierzu Abschnitt V.2 (dort auch zu der Beziehung zwischen einer naturalisierten und einer nor-
mativen Hermeneutik, wie sie hier angedeutet wird).
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 197

(6) A1 ‫ ן‬E(A1) ‫ ן‬A2 & Bz(A2, E) ‫ ן‬Bd(A1, A2)

Das heißt: Ausgehend von einem (mehr oder weniger komplexen Ausdruck) A1
führt der Weg über eine Eigenschaft E von A1 zu der Bezeichnung A2 von E und von
dort zu der Bedeutung A2 von A1. Bei dem Illustrationsbeispiel unter (5) führt eine
solche Argumentation zu einem zweifelsfrei korrekten Resultat. Die offensichtli-
che Korrektheit des Ergebnisses der Argumentation beruht allerdings darauf, daß
im vorliegenden Beispiel A1=A2 gilt.
Aber nicht Koinzidenzen dieser Art – es ist beispielsweise das einzige Kom-
positum dieser Sorte, bei dem die entsprechende Übereinstimmung besteht –
sind für die Frage nach der über eine Bezeichnungsrelation hinausgehenden Be-
deutungszuweisung von Interesse.70 Für die Identifikation von Bedeutungsrela-
tionen mit Bezeichnungsrelationen sind vielmehr Fälle einschlägig, in denen von
– bedeutungsunabhängigen oder bedeutungsabhängigen – Eigenschaften eines
Textes zu den Bezeichnungen dieser Eigenschaften und von diesen zu Bedeu-
tungszuweisungen an den Text übergegangen wird, ohne daß – im Blick auf die
Sequenz unter (6) – A1=A2 gilt.
Während nach der Bezeichnungsrelation ein Text(vorkommnis) etwas be-
zeichnet, ist es nach der durch (6) wiedergegebenen Sequenz eine Eigenschaft
des Textes, die bezeichnet wird. Und unabhängig davon, ob der Text diese Eigen-
schaft in irgendeiner Form ebenfalls bezeichnet, ist zu prüfen, inwiefern sie als
Grundlage einer Bedeutungszuweisung an den Text dient. Eine solche, bislang
nur schematisch erläuterte Form der Bedeutungszuweisung ließe sich offenbar
nicht allein auf der Grundlage einer Bezeichnungsrelation – wie sie in Abschnitt
II.2 erörtert wird – rekonstruieren, wenn das Asymmetrie-Prinzip gilt.
In Anlehnung an Überlegungen Nelson Goodmans soll die angesprochene Re-
lation, die durch eine Bedeutungskonzeption als Bedeutungsrelation ausgezeich-
net werden kann, als Exemplifikation bezeichnet werden71:

||
70 Ausdrücke, die Eigenschaften bezeichnen, die sie selber besitzen, wurden in der Konstruk-
tion der Antinomie Kurt Grellings als „autologische“ im Unterschied zu den „heterologischen“
Ausdrücken bezeichnet (vgl. Grelling/Nelson 1908, S. 307/08; dazu, daß diese Antinomie auf
Grelling zurückgeht, Id. 1937, S. 10). Zu einer systematischen Darlegung und Erörterung dieser
Antinomie Kutschera 1964, S. 30ff. und S. 61ff.; ferner Enders 1975, S. 142ff. (wo der unveröffent-
lichte Lösungsvorschlag von Uuno Saarnio dargelegt wird), Goldstein 1981.
71 Vgl. Goodman 1968, S. 62ff. und passim; auch Id. 1970; ferner Elgin 1983, S. 71ff.
198 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Exemplification, [...], far from being a variety of denotation runs in the opposite direction,
not from label to what the label applies to but from something a label applies to back to the
label (or the feature associated with that label).72

Goodmans Konzept der Exemplifikation hat mitunter Kritik erfahren, häufig je-
doch hat sie keine Beachtung gefunden. Die Kritik, auf die in den Anmerkungen
hingewiesen wird, scheint jedoch zumindest nicht für die Art und Weise, wie die
Bedeutungszuweisung über Exemplifikation hier weiter entwickelt wird, ein-
schlägig zu sein.73 Die Unterscheidung zwischen der Bedeutungszuweisung über
Bezeichnung und der über Exemplifikation ist für die Erörterung des Interpretie-
rens von kaum zu überschätzendem Reichtum an Folgen, gleichwohl kommt sie
in hermeneutischen Untersuchungen nur selten deutlich in den Blick.74
Zu diesem theoretischen Desinteresse kontrastiert der Befund, daß der Rück-
griff auf die Exemplifikation bei der Bedeutungszuweisung an Texte zum Alltags-
geschäft der Interpretationspraxis gehört. Diese Praxis ist dabei nicht weniger
vielfältig als die, die sich bei der Anwendung von Bezeichnungsrelationen findet.
Es empfiehlt sich daher, zunächst anhand von Interpretationsbeispielen den
Rückgriff auf eine solche Relation aufzuzeigen und die Spannbreite der Bedeu-
tungszuweisung anhand exemplifizierter Eigenschaften zu illustrieren. Die fol-
genden Hinweise auf Beispiele der Interpretation, bei denen die Exemplifikation
von Texteigenschaften für die Bedeutungszuweisung eine Rolle spielt, dienen zu-
gleich dazu, die anschließende Erörterung zentraler Aspekte der Exemplifikati-
onsrelation als Bedeutungsrelation zu illustrieren.

||
72 Goodman 1981/82. Goodman merkt hierzu an (ebd., Anm.2): „In some contexts we more nat-
urally speak of the label, in others of the feature.“ Das soll für die folgenden Überlegungen auch
gelten.
73 Vgl. u. a. Presley 1970, S. 381‒84, Peltz 1972, S. 81‒86, Jensen 1973/74.
74 Große Ähnlichkeit mit dem hier eingeführten Begriff der Exemplifikation besitzt auch der der
Konkretisation bei Zolkovskij 1979. – Es gibt eine Reihe theoretischer Formulierungen von Be-
deutungsbeziehungen im Rahmen interpretationskonzeptioneller Überlegungen, die u. U. auf
eine Art exemplifizierender Bedeutungszuweisung zielen. So etwa die „strukturale Bedeutung“
bei Riffaterre 1971, S. 205, wo zwischen drei Bedeutungsbeziehungen unterschieden wird: (1) die
„Bedeutung in der Sprache“, (2) die Bedeutung aufgrund von Kontextbeschränkungen und
schließlich (3) „die strukturale Bedeutung, [...] die das Wort durch die Verwirklichung einer
Struktur [scil. im Text] erhält.“ Vielleicht wird auch etwas ähnliches bei der Unterscheidung von
„natürlicher“ und „artifizieller Lastigkeit“ literarischer Gebilde in der Unter-suchung bei Gerigk
1973 angesprochen, die sich vornehmlich auf Heidegger beruft. Aber selbst die illustrierenden
Beispiele erlauben keine Entscheidung der Frage. – Zum Sonderfall der Ikonizität und des iko-
nischen Zeichens vgl. Abschnitt III.2.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 199

Diesen zentralen Aspekten zufolge geht es (i) um die Verbindung zwischen


dem, was ein Text exemplifiziert, und dem, was er – anhand einer Bezeichnungs-
relation – direkt thematisiert; (ii) darum, welche Eigenschaften Texte exemplifi-
zieren; (iii) um die Art und Weise, wie ein Text Eigenschaften exemplifiziert;
schließlich (iv) um die Möglichkeiten, mit Hilfe exemplifizierter Eigenschaften zu
einer Bedeutungsentlehnung und zu einem Bedeutungstransfer zu gelangen. Im
Anschluß an die Erörterung dieser Aspekte werden die Überlegungen anhand li-
teraturwissenschaftlicher Forschungen illustriert und im Hinblick auf die metho-
dischen Probleme fortgeführt, die sich bei der Interpretation (nicht nur literari-
scher) Texte anhand von Exemplifikation einstellen.
(i) Ein Themenbereich, der wie kaum ein anderer geeignet ist, in die Verbin-
dung von Bedeutungszuweisung über Bezeichnung und Exemplifikation einzu-
führen, ist die Thematisierung von Sprache in oder durch Literatur.75 Der Grund
dafür, daß dieser Bereich gegenüber anderen Themenbereichen zur Illustration
besonders prädisponiert ist, wird schnell augenfällig. Literarische Texte gelten
als sprachliche Artefakte. Sie besitzen nicht nur die Eigenschaft, sprachlich zu
sein, sondern ihnen kommt eine Vielzahl sprachlicher Eigenschaften zu. Ein Text
– und das gilt selbstverständlich nicht nur für literarische Texte – kann diese Ei-
genschaften exemplifizieren.
Was die Verbindung zwischen Bezeichnung (direkter Thematisierung) und
Exemplifikation (indirekter Thematisierung) betrifft, so lassen sich im Zusam-
menhang mit dem genannten Thema verschiedene Formen der Verknüpfung un-
terscheiden. Das, was ein literarischer Text exemplifiziert, und das, was er – un-
ter Anwendung einer Bezeichnungsrelation – direkt thematisiert, kann unab-
hängig voneinander sein. Da – wie bereits gesagt – literarische Texte auf vielfäl-
tige Weise sprachliche Eigenschaften besitzen, bestehen bei literarischen Texten,
die Sprache (direkt) thematisieren, allerdings durchweg Berührungspunkte zwi-
schen Bezeichnung und Exemplifikation: Das indirekte und direkte Thematisie-
ren kann übereinstimmen, etwa dann, wenn das, was ein Text bezeichnet, durch
ihn auch exemplifiziert wird; im Grenzfall können Exemplifikation und (direkte)
Thematisierung nicht nur übereinstimmen, sondern sich bestätigen, dann näm-
lich, wenn die (direkte) Thematisierung in einem Text einen Selbstbezug auf-
weist, den der Text zugleich erfüllt.76 Die Übereinstimmung kann aber auch le-
diglich partiell sein, so daß sich direktes und indirektes Thematisieren nach der

||
75 Zu diesem Themenbereich vgl. Danneberg 1991.
76 Bei Wienrich 1968, S. 225, zu dem Gedicht Paul Celans, das mit der gestuften Zeile endet:
„Tiefimschnee,/Iefimnee,/I-i-e“, heißt es z. B.: „Das Gedicht zeigt an sich selber die Unzuläng-
lichkeit seiner eigenen Sprache.“
200 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Interpretation des Textes ergänzen. Exemplifikation und (direkte) Thematisie-


rung können schließlich als unvereinbar erscheinen: Sie können sich nach der
Interpretation des Textes widersprechen.
Um mit einem Beispiel den zuletzt genannten Fall zu illustrieren, läßt sich auf
die Interpretationen zu Hugo von Hofmannsthals Werk Ein Brief hinweisen.77 Die
Forschung hat in diesem Text durchweg die Thematisierung von Sprachskepsis
vermutet und ihn in einen übergreifenden literaturhistorischen Zusammenhang
gestellt. Nach zahlreichen Entwürfen wird mit diesem Text die als epochenty-
pisch angesehene Sprachskepsis in radikaler Weise thematisiert, mitunter wird
ihm zugleich persönlicher Bekenntnischarakter zugesprochen, wenn er als mani-
fester Ausdruck der folgenreichen, wiederum als generationstypisch gedeuteten
Sprachkrise seines Autors aufgefaßt wird.78 So gilt Ein Brief als herausragendes
‚Dokument‘ einer allgemeinen Sprachskepsis zu Beginn des zwanzigsten Jahr-
hunderts, als „Ausgangspunkt jeder Analyse der neuen Revolution“,79 in dem –
wie es Rudolf Borchardt bereits 1917 in Hugo von Hofmannsthals prosaische Ar-
beiten schreibt – die „Krisis der Zeit“ eine Umschreibung „unter durchsichtiger
Hülle“ finde80 und in dem – wie es später heißen soll – sich „die permanente Re-
flexion der Sprachproblematik“ für die Literatur des 20. Jahrhunderts ankün-
dige.81 Allerdings sind Inhalt und Art der Sprachthematisierung in dem Text
ebenso heftig umstritten wie die supponierte Verbindung gestalteter Sprachskep-
sis mit erlebter Sprachkrise seines Autors.82
Entscheidend im vorliegenden Zusammenhang ist, daß die Forschung zu-
gleich auch immer wieder auf seine besondere sprachliche Virtuosität hingewie-
sen hat. Sie deutet den Text als ein „paradoxes Dokument“ und lastet dem Autor
Inkonsequenz an.83 Einer solchen Interpretationsaussage liegt eine Entgegenset-

||
77 Vgl. Hofmannsthal 1902. Zu einem für die Interpretation aufschlußreichen, von den Interpre-
ten jedoch kaum genutzten Facsimiledruck der erst 1968 aufgefundenen Handschrift vgl. Hirsch
(Hg.) 1975 (dazu auch Sporn 1977).
78 Hierzu etwa Nagel 1974.
79 Jens 1962, S. 109.
80 Borchardt 1917, S. 86.
81 Schuhmann 1979, S. 169.
82 Vgl. zur kontroversen Forschung insebsondere Böschenstein/Pestalozzi 1964, Schaber 1970,
Kuna 1970, Nägele 1970, Daviau 1971 und 1987, Kenkel 1973, Steffen 1974, Pétillon 1975, Magris
1975, Mauser 1977, S. 117‒126, Honegger 1978, insb. S. 95‒104, Lindemann 1979, S. 150‒183, Clark
1979, insb. S. 262ff., Luoni 1985, Pauget 1986, Morton 1988.
83 Vgl. mit unterschiedlichen Formulierungen u. a. Prang 1957, S. 139, Pestalozzi 1958, S. 116,
Brinkmann 1961, S. 80, Kobel 1970, S. 143ff., Bennett 1975, S. 318ff., Muschg 1981, S. 58.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 201

zung von Sprachvirtuosität und Sprachlosigkeit zugrunde – eine Entgegenset-


zung, die bei der Interpretation des Textes über Bezeichnung und Exemplifikation
geführt wird. Allerdings muß das, was ein Text bezeichnet, und das, was er
exemplifiziert, in seiner Interpretation nicht in einen Zusammenhang gebracht
werden, wie das im Fall von Hofmannsthals Ein Brief durchweg als zulässig gilt.84
Erst die gewählte oder unterstellte Bedeutungskonzeption legitimiert, inwieweit
Bezeichnung und Exemplifikation bei der Interpretation zusammenwirken.85
(ii) Bei den bislang angesprochenen Beispielen erfolgt die exemplifizierende
Bedeutungszuweisung nicht nur an Texte, die nach einer Bezeichnungsrelation
bereits Bedeutung zugewiesen erhalten haben, sondern die Exemplifikation
stützt sich auf Eigenschaften, die in dieser Weise schon bedeutungsbelegt sind;
sie setzt – vereinfacht gesagt – an bereits zugewiesenen Bedeutungen des Textes
an. Das heißt allerdings nicht, daß Texte, denen Bedeutung zugewiesen wurde,
nur bedeutungsbelegte Eigenschaften zu exemplifizieren vermögen; es kann sich
ebenso um ihnen zugeschriebene bedeutungsunbelegte Eigenschaften handeln.
Von besonderem Interesse aber ist, daß sich eine exemplifizierende Bedeutungs-
zuweisung bei Texten vornehmen läßt, die nur exemplifizieren, bzw. bei denen
nur eine exemplifizierende Deutung für angemessen gehalten wird. Solche Texte
– wie es häufig heißt – „zeigen“, „präsentieren“ oder „demonstrieren“ etwas; bei
ihnen komme es beispielsweise nur auf ihre sprachliche „Materialität“ an, nicht
aber auf das, was mit Sprache bezeichnet werde. Die Palette der Texte, die Zu-
schreibungen dieser Art erhalten, reicht von den sprachexperimentellen Texten
der Dadaisten bis zu den verschiedenen Richtungen der Konkreten Dichtung.86
Der bei den literarturtheoretischen Analysen und bei den interpretatorischen

||
84 Weitere Beispiele selbstthematisierender Literatur finden sich etwa in der sogenannten poe-
tologischen Lyrik vgl. u. a. Weber 1971, Durzak 1974, Oelmann 1980. Bei Frank 1977 wird zwischen
zwei Arten poetologischer Lyrik unterschieden, nämlich die der Lehrgedichttradition („Theorie
im Gedicht“) und die „mimetischen“ („Theorie als Gedicht“), die ihre Aussage zu vollziehen su-
chen. Allerdings ist es nicht immer sehr klar, worin die Selbstthematisierung gesehen wird –
etwa wenn es zu dem Gedicht Le Pré von Francis Ponge es handle als „création metalogique“
von der eigenen Sprache (vgl. Greene 1970, S. 582ff; zu Francis Ponges Auffassung vgl. Id. 1964
und Id. 1984, dazu u. a. Bense 1971, I. Higgins 1979).
85 Zu einem (literarischen) Beispiel dafür, wie widersprechende Bezeichnung und Exemplifika-
tion selbst wiederum thematisiert werden, führt der Hinweis auf Sternes Tristram Shandy (vgl.
1760/67, Buch VI, Kap. 31): „I told the reader, this time two years, that my uncle Toby was not
eloquent; and in the very same page gave an instance to the contrary: [...].“
86 Vgl. bereits einige der im Rahmen der Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Sprache in Ab-
schnitt II.2 erörterten Beispiele; dort wurde bereits die Exemplifikation im Zusammenhang mit
der Bedeutungszuweisung (implizit) angesprochen.
202 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Deutungen betonte Präsentations- oder Demonstrationscharakter von Texten ist


in der Regel die Umschreibung einer Exemplifikationsrelation.87
Eine Besonderheit der Exemplifikation läßt sich anhand eines imaginierten
Beispiels aufzeigen, bei dem auf längere Erläuterungen verzichtet werden kann.
Angenommen, in einem – beispielsweise dadaistischen – Gedicht tauche die Zei-
chenfolge „pilt“ auf. Diese Zeichenfolge kann ein Unsinnswort exemplifizieren,
sofern es im Lexikon der deutschen Sprache nicht auftaucht. Obwohl diese Zei-
chenfolge keine Bezeichnungsrelation erfüllt, kann die Ansicht bestehen, daß sie
etwas exemplifiziert, und zwar nicht allein trivialerweise die aus der Buchsta-
bensequenz p, i, l und t bestehende Zeichenfolge. Sie kann beispielsweise exemp-
lifizieren, daß die paradigmatisch geordneten Phoneme einer bestimmten Spra-
che – etwa des Deutschen – redundant sind.88 Angenommen, die wiederge-
gebene Zeichenfolge ist eine sinnvolle Zeichenfolge in einer anderen Sprache. Ist
diese Zeichenfolge dann unsinnig oder sinnvoll? Das heißt: Vermag sie sowohl
ein Unsinnswort als auch eine sinnvolle Buchstabenkombination zu exemplifi-
zieren? Das, was ein Text zu exemplifizieren vermag und worin die Grundlage für
eine exemplifizierende Bedeutungszuweisung gesehen wird, ist demnach mitbe-
stimmt durch das Beschreibungssystem, das auf ihn unter der Annahme ange-
wendet wird, daß er etwas exemplifiziert.
Dieser Aspekt bietet zugleich die Überleitung zu einem weiteren zentralen
Zug einer Bestimmung der Exemplifikation. Bei den bisherigen Illustrationen der
Exemplifikation wurden vornehmlich Beispiele gewählt, bei denen dem Text die
Eigenschaften, die er exemplifiziert und die als Ausgangspunkt für eine Bedeu-
tungszuweisung dienen können, mehr oder weniger direkt zugesprochen wer-
den: Es handelt sich entweder um (mehr oder weniger direkt) wahrnehmbare Ei-
genschaften des Zeichenträgers (bzw. des Textträgers) oder um Eigenschaften,
die dem Text relativ zu der bereits erfolgten Bedeutungszuweisung in vergleichs-
weise leicht entscheidbarer Weise zugesprochen werden können. Zugleich lassen

||
87 Als Beispiele, die sich auf Konkrete Dichtung oder den Lettrismus beziehen, vgl. die theoreti-
schen Überlegungen und Interpretationsvorschläge u. a. bei Garnier 1968, Rumold 1971, Schmidt
1971, 1974 und 1982, Curtay 1974 (zum Lettrismus Isidore Isous und seiner Nachfolger), Wiecker
1974, Hartung 1975, Arnheim 1976, Kessler 1976, Feldes 1976, Pätzold 1976, Kosler 1978, Weiss
1979, Steiner 1980/81, Kopfermann 1981, Weiß 1982, dort (S. 139) findet sich in diesem Zusam-
menhang immerhin ein expliziter, wenn auch isolierter Hinweis auf die Exemplifikation, ferner
Drux 1983 und 1983b; hierzu auch den weitergefaßtenen Begriff des „structural calligram“, mit
dem bei George 1968 Gedichte Trakls analysiert werden; vgl. ferner bei Garbe (Hg.) 1987 abge-
druckte Beiträge sowie Ernst 1991.
88 Zum linguistischen Hintergrund für diese exmplifizierende Bedeutungszuweisung vgl. z. B.
Lyons 1968, Abschnitt 3.3.6ff.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 203

sich Beispiele vorstellen, bei denen das nicht der Fall ist, wenn von einer exemp-
lifizierenden Bedeutungszuweisung an einen Text gesprochen wird.89 Neben
Ausdrücken, die in ihrer ‚wörtlichen‘ oder ‚eigentlichen‘ Bedeutung einem Text
zugesprochen werden und so Eigenschaften des Textes bezeichnen, die dieser
exemplifiziert, können die Zuschreibungen auch durch Übertragung erfolgen.90
Einer übertragenden Anwendung von Ausdrücken und mithin Wiedergabe
von Eigenschaften, die ein Text exemplifiziert, stehen verschiedene Wege offen.
Es ließen sich beispielsweise Übertragungen per causam vornehmen, bei denen
Eigenschaften des Urhebers auf den Text ausgeweitet werden;91 die Übertragun-
gen können per similitudinem erfolgen, indem eine analogische oder metaphori-
sche Zuweisung vorliegt; sie können per consequentiam unternommen werden,
indem die Wirkung, die ein Text erzielt, ihm als Eigenschaft zugesprochen wird.
Schließlich kann ein Text auch das Nichthaben bestimmter Eigenschaften exemp-
lifizieren; es handelt sich sozusagen um ein Exemplifizieren per negationem.92
Mit zunehmender Vagheit der zur Beschreibung gewählten Ausdrücke
wächst die Aussicht, einem Text die von einem solchen Ausdruck wiedergege-
bene Eigenschaft zuzuschreiben und unter Umständen auch, in ihm eine Exemp-
lifikation dieser Eigenschaft zu sehen. Das eröffnet ein kaum zu überschauendes
Feld von Zuschreibungs- und Exemplifikationsmöglichkeiten. Dieses Feld um-
faßt schließlich auch Ausdrücke, die insbesondere der Bewertung von Texten die-
nen – wie etwa „unaufrichtig“, „ersonnen“, „unüberzeugend“93 – und die nicht

||
89 Es ist an dieser Stelle nicht entscheidend, in welcher Weise die Abgrenzungen zwischen di-
rekter und indirekter Wahrnehmbarkeit, Graden der Entscheidbarkeit beim Zusprechen von Ei-
genschaften oder zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung der den Texten zugespro-
chenen Ausdrücke genau vorgenommen werden.
90 Die metaphorische Zuweisung wird bei Goodman 1967 erörtert. Goodman faßt diese Zuwei-
sung als expression (Ausdruck als eine Art der Referenz) auf (vgl. hierzu auch Kulenkampff 1978,
S. 166ff.). Demgegenüber gehen die folgenden Überlegungen davon aus, daß es sich dabei nur
um eine von mehreren Deutungen der metaphorischen Zuweisung von Eigenschaften an einen
Text handelt: Jede Ausdrucksqualität, die einem Text zugesprochen wird, mag auf metaphori-
scher Zuweisung und Exemplifikation bestehen – aber nicht vice versa.
91 Vgl. hierzu z. B. die Erörterung von „personal qualities“ bei Lyas 1971/72 und Id. 1971/72a.
92 Die aufgeführten vier Möglichkeiten decken sich im großen und ganzen mit den von Alanus
de Insulis in seiner Summa mit den Eingangsworten Quoniam homines erörterten Möglichkeiten
der Rede über Gott in einer Sprache, die nur für das Reden über die natürliche Welt ausgelegt ist
(vgl. Alanus 1954, S. 149; zum Hintergrund u. a. Evans 1983, S. 23ff. und passim).
93 Diese Ausdrücke sind Sontag 1964, S. 14, entnommen. – Zu Beispielen von „concepts of cri-
ticism“ oder von „concepts of value“, die Texten zugewiesen werden, vgl. Aschenbrenner 1971
und 1974.
204 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

selten vollkommen unbestimmt bleiben, so daß auf sie am ehesten Lennart Aqu-
ists Überlegungen zutreffen,94 nach denen bewertende Ausdrücke als vollständig
vage anzusehen seien.95
(iii) Der Rückgriff auf exemplifizierende Bedeutungszuweisungen ist gängi-
ger Bestandteil ‚übergreifender‘, ‚ausdeutender‘ Textinterpretationen. Vermut-
lich wird es kaum eine ‚anspruchsvolle‘ Interpretation etwa literarischer Texte
geben, bei der sich diese Form der Bedeutungszuweisung nicht findet. Nur selten
jedoch wird die Art und Weise dieser Bedeutungszuweisung einer näheren Ana-
lyse unterzogen; nahezu nie wird bemerkt, daß bei diesen Bedeutungszuweisun-
gen Exemplifikationsrelationen entscheidend sind. In einer der wenigen Arbei-
ten, die sich mit der Rolle der Exemplifikation bei der Textinterpretation
beschäftigt, wird zwar die ‚Gesamtdeutung‘ oder die ‚These‘ eines literarischen
Textes mit der Exemplifikation verknüpft, ohne daß diese Verknüpfung jedoch
weiter expliziert wird.96 Im folgenden soll die Analyse am Beispiel von Schemata
erfolgen, die bei der Interpretation Verwendung finden.97 In der Rekonstruktion
mitunter weitaus komplizierter sind Beispiele im Rahmen strukturalistischer In-
terpretationen.98

||
94 Vgl. Aquist 1964. – Zur Vagheit von Ausdrücken in diesem Zusammenhang vgl. auch Margo-
lin 1981 sowie die von Frank Sibley und Isabel C. Hungerland hinsichtlich ästhetischer Urteile
und Ausdrücke vorgetragene ‚Zwei-Sprache-Theorie‘, die allerdings überzeugende Kritik gefun-
den hat (hierzu die in Bittner/Pfaff [Hg.] 1977 abgedruckten einschlägigen Beiträge sowie die
Ausführungen bei Bittner 1977).
95 Eine Parodie zur Nichtbeachtung des Unterschiedes zwischen Exemplifikation in einem
wörtlichen und in einem übertragenen Sinn findet sich bei Sterne (vgl. Id. 1750/67, Buch IV, Kap.
28): „[...] can you tell me, Gastripheres, what is best to take out the fire? [...] That greatly depends,
said Eugenius, pretending ignorance of the adventure, upon the nature of the part – If it is a
tender part, and a part which can conventiently be wrapt up [...] I would advise you, Phutarius,
not to tamper with it by any means; but if you will send to the next printer, trust your cure to
such a simple thing as a soft sheet of paper just come off the press – you need do nothing more
than twist it round [...] It falls out very luckily, replied Phutatorius, that the second edition of my
treatise de Concubinis retinendis, is at this instant in the press – You may take any leaf of it, said
Eugenius – No matter which – privided, quoth Yorick, there is no bawdry in it – [...].“
96 Vgl. Sirridge 1980.
97 Zu Interpretationsschemata und dem angesprochenen Beispiel vgl. Strube 1988 und 1992;
zur Idee der Interpretationsschemata auch Frey 1979.
98 So bei dem bekannten Beispiel strukturalistischer Analyse, der Untersuchung des Gedichts
Les Chats von Baudelaire bei Jakobson/Lévi-Strauss 1962, dazu u. a. Riffaterre 1966, erhellend
Posner 1972; ferner Goldmann/Peters 1970.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 205

Ein solches Interpretationsschema ist beispielsweise ein Seinsstufen-


Schema, das den Ausdrücken „Gipfel“, „Wipfel“, „Vögelein“ und „Du“ aus Goe-
thes Über allen Gipfeln ist Ruhʼ unterlegt wird.99 Die Zuordnung eines solchen
Schemas bei der Textinterpretation beruht darauf, daß die erwähnten Zeichenträ-
ger und die ihnen zugewiesenen Bedeutungen Eigenschaften besitzen, nämlich
Bedeutungszüge, die in der wiedergegebenen Reihenfolge ein Seinsstufen-
Schema erfüllen. Aufgrund des Vorliegens einer solchen Erfüllungsbeziehung
läßt sich sagen, daß die wiedergegebene Folge von Ausdrücken und mithin das
Gedicht, dem sie entnommen sind, eine Exemplifikation eines Seinsstufen-Sche-
mas sind.100
Wie genau auch immer die entsprechenden Bedeutungszüge der genannten
Ausdrücke ein (vorgegebenes) Seinsstufen-Schema erfüllen mögen, die Ausdrü-
cke „Gipfel“, „Wipfel“, „Vögelein“ und „Du“ werden – zumindest in der Regel –
nicht so gedeutet, als bezeichneten sie die ihnen mittels eines solchen Interpreta-
tionsschemas zugeordneten Seinsstufen; wie genau auch immer die Reihenfolge
der genannten Ausdrücke dem gewählten Seinsstufen-Schema entsprechen mag,
die dem Gedicht entnommene Kombination von Ausdrücken bezeichnet nicht das
Seinsstufen-Schema – sie erfüllt vielmehr eine Verknüpfung nach dem Seinsstu-
fen-Schema. Damit ist allerdings nicht mehr als ein erster Anfang einer Analyse
der Verwendung und Anwendung von Interpretationsschemata auf der Grund-
lage der Exemplifikation gegeben. So läßt sich im Blick auf die spätere Erörterung
hervorheben, daß die Zusammenstellung der genannten Ausdrücke nicht bereits
unter Anwendung des Seinsstufen-Schemas erfolgt sein muß. Auswahl und Zu-
sammenstellung von Ausdrücken eines Textes können nach anderen Kriterien o-
der Gesichtspunkten erfolgen als die, die durch das erfüllte Interpretations-
schema gegeben sind, so daß auch keine Variante einer Auto-determination
durch das Interpretationsschema vorzuliegen braucht.101
Einem Text lassen sich – auf welche Weise auch immer bestimmt – unter-
schiedliche Zusammenstellungen von Ausdrücken entnehmen. Jeder Zusammen-
stellung kann ein anderes Interpretationsschema zugewiesen sein. Verschiedene
Zusammenstellungen können aber auch ein und dasselbe Schema exemplifizie-
ren. Schließlich kann ein und dieselbe Ausdrucksfolge – etwa die oben wieder-

||
99 Strube spricht davon (Id. 1992, S. 191), daß die Ausdrucksfolge mit dem Seinsstufen-Schema
„analogisiert“ werde; das zielt am Charakteristikum der Exemplifikation und der Anwendung
von Interpretationsschemata vorbei; vgl. auch Abschnitt III.3 zur Analogisierung.
100 Zur Interpretation und zur Interpretationsgeschichte dieses Gedichts vgl. Segebrecht 1978.
101 Vgl. zum hermeneutischen Zirkel Kapitel VI.
206 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

gegebene – eines Textes verschiedene Interpretationsschemata erfüllen und ge-


gebenenfalls exemplifizieren.102 Einem Text können mithin mehrere – dabei auch
untereinander unvereinbare – Interpretationsschemata (über Exemplifikation)
zugewiesen werden. Die Interpretationsschemata, von denen angenommen wird,
daß ein Text sie erfüllt, können zudem in Beziehung zueinander gesetzt werden.
Sie lassen sich unter Umständen durch ein Interpretationsschema (sozusagen)
zweiter Stufe zusammenfassen – nämlich dann, wenn sie das Interpretations-
schema zweiter Stufe erfüllen bzw. exemplifizieren; sie lassen sich aber auch
durch ein übergreifendes Interpretationsschema miteinander verknüpfen – näm-
lich dann, wenn sie als Teile im Interpretationsschema zweiter Stufe vorkom-
men.103
An der Hierarchisierung von Interpretationsschemata läßt sich zugleich ein
zentraler Aspekt der Exemplifikation aufzeigen: Die exemplifizierende Bedeu-
tungszuweisung an einen Text kann auf einer Stufenfolge von Exemplifikationen
beruhen. Daß eine solche Stufenfolge aus Interpretationsschemata besteht, ist
dabei nur eine Möglichkeit. Ein Text kann beispielsweise ein Bündel von Eigen-
schaften besitzen, die dazu führen, ihn als Sonett zu klassifizieren. Unter Umstän-
den besitzt er dann auch die Eigenschaft, ein Gedicht zu sein, Literatur zu sein –
usw.; unter Umständen ist der Text aber auch ein Exempel für gebundene Spra-
che, eines bestimmten schriftstellerischen Selbstverständnisses, einer literari-
schen Epoche – usw. Ebenso wie bei der Bildung komplexer Interpretationssche-
mata auf der Grundlage der Exemplifikation soll auf die Art und Weise der
Anwendung von Interpretationsschemata auf Texte nur knapp hingewiesen wer-
den. So kann ein Text das ihm zugeordnete Schema nur approximativ erfüllen –
das ist genau dann der Fall, wenn Teile des Textes, die im Hinblick auf das
Schema relevant sind, ignoriert werden müssen, um das unterlegte Interpretati-
onsschema zu erfüllen.104 Ein Text kann ein Interpretationsschema nur partiell
erfüllen, und es kann ihm dennoch zugeordnet werden.105 Er kann Schemata va-
riieren und abwandeln: Auf Texte können Interpretationsschemata angewendet

||
102 So können die Stufen eines Seinsstufen-Schemas unterschiedlich – und keineswegs immer
in äquivalenter Art – bestimmt sein, etwa als Stein-Pflanze-Tier-Mensch-Schema, als Schema
von unbelebt-anorganischen, unbelebt-organischen, belebt-tierischen, belebt-menschlichen Ge-
genständen.
103 Ein Interpretationsschema zweiter Stufe kann auch beides leisten: sowohl die Zusammen-
fassung einiger als auch die Verknüpfung anderer Schemata, die einem Text zugeordnet werden.
104 Das ist z. B. bei dem erörterten Beispiel des Gedichtes von Goethe der Fall. Bei der angege-
benen Reihenfolge der Ausdrücke wird in der vierten Zeile („Spürest Du“) ein ‚vorgezogenes‘
„Du“ ignoriert.
105 Vgl. hierzu Abschnitt IV.1.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 207

werden, um erst zur Bestimmung des Schemas zu gelangen, das er exemplifiziert


und das sich als eine Variante oder Abwandlung des angewandten Schemas her-
ausstellt.106
Schließlich kann die Anwendung von Interpretationsschemata dazu führen,
die Abweichung des Textes von einem Schema herauszustellen. Die abweichen-
den bzw. die für die Abweichung verantwortlichen Teile des Textes können auf
diesem Wege unter Umständen als die für die Interpretation zentralen Textteile
ausgezeichnet werden. Die Exemplifikation dient mithin nicht allein der Bedeu-
tungszuweisung, sie kann ebenso eine Rolle bei der Gewichtung von Textstellen
hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit für die Interpretation des Textes spielen. Die
Exemplifikation ist nicht mehr Bestandteil der Bedeutungskonzeption, sondern
bekommt einen Platz im Rahmen der einer Bedeutungskonzeption zugewiesenen
Interpretationskonzeption. Der Rückgriff auf die Exemplifikation im Rahmen ei-
ner Interpretationskonzeption ist unabhängig davon, ob eine exemplifizierende
Relation als Bedeutungsrelation in der orientierenden Bedeutungskonzeption
ausgezeichnet ist.107
(iv) Die Eigenschaft, die eine Zeichenfolge besitzt, kann zu einer Bedeutungs-
zuweisung an diese Zeichenfolge führen. Aber damit sind – wie auch die bereits
angesprochenen Beispiele belegen – die Möglichkeiten der exemplifizierenden
Bedeutungszuweisung keineswegs ausgeschöpft. Eine Eigenschaft, die ein Text
exemplifiziert, bzw. ein Ausdruck, der diese Eigenschaft bezeichnet, kann selbst
über ein Geflecht verknüpfender Annahmen mit anderen Eigenschaften bzw.
Ausdrücken verbunden sein: Eigenschaften, auf die er über verknüpfende An-
nahmen verweist und die die Grundlage für eine exemplifizierende Bedeutungs-
entlehnung bilden, und Annahmen, in die er durch seine Eigenschaften eingebet-
tet wird und die die Grundlage für einen exemplifizierenden Bedeutungstransfer
abgeben. Über die Exemplifikation von Eigenschaften kann der Text mithin in
zweifacher Weise mit einem komplexen Deutungssystem verbunden werden, das
bei der Bedeutungszuweisung zur Anwendung kommt. Zu den zahllosen Beispie-
len gehört etwa die Argumentation zur Deutung von Joyces Finnegans Wake, die
stark vereinfacht gesagt auf der Annahme beruht, daß der Text sprachliche Ei-

||
106 Es gibt hierfür zahllose Beispiele. Ein beliebig herausgegriffenes ist die Interpretation von
Kleists Der zerbrochene Krug bei Brüggemann 1989. Diethelm Brüggemann meint, bei Kleist sei
die Anwendung ‚alchemistischer‘ und ‚kabbalistischer‘ Interpretationsschemata gerechtfertigt –
Schemata allerdings, die bei Kleist eine „Umkehrung der Zielrichtung“ (ebd., S. 271, vgl. auch
S. 264, S. 278) erfahren würden.
107 Zur heuristischen Aufgabe von Bedeutungszuweisungen vgl. Abschnitt III.2.
208 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

genschaften exemplifiziert, die auch in der hebräischen Sprache als Besonderhei-


ten gegeben sind und durch die zwischen beiden eine partielle Strukturähnlich-
keit gestiftet werde. Über die Verknüpfung mit dem Hebräischen erfolgt dann die
Deutung des Textes in Richtung auf die sprachphilosophischen und hermeneuti-
schen Auffassungen der kabbalistischen Thora-Deutungen.108
Dabei kann – um in der eingangs angesprochenen Serie von Beispielen zu
bleiben – einem Text mit der Exemplifikation sprachlicher Eigenschaften auch
die Demonstration bestimmter sprachtheoretischer, sprachphilosophischer oder
sprachspekulativer Annahmen zugeschrieben werden, die im Hinblick auf diese
Eigenschaften entwickelt wurden. Die Anschlußmöglichkeiten an sprachliche Ei-
genschaften von Texten sind geradezu grenzenlos – sei es die Wahl des Präteri-
tums,109 seien es zweigliedrige verblose Sätze in der Lyrik:110 Während in Johan-
nes Bobrowskis Gedicht Sprache die Verblosigkeit ein „Zeichen für die Ohnmacht
der Sprache selbst“ ist,111 „meint“ Verblosigkeit in dem Goethe-Gedicht Rastlose
Liebe „drängende Bewegung, sinnliche Fülle ohne personale Festigkeit“112 und
im Zuge von grammatischen und semantischen Beobachtungen zu dem Gedicht
Ostia antica von Marie Luise Kaschnitz heißt es:

Verblosigkeit ist hier gesetzt im Willen nach Unverbundenheit der Dinge, der Nomina, die
einbrechen in einen mythischen Ort, gesteuert durch den Wunsch nach Befreiung von einer
tätigen Welterfassung, weil das einbrechende Numen sich vom Menschen nicht durch Tä-
tigkeit fassen läßt. Verblosigkeit soll hier freisetzen zu Funktionen, die nicht zeitlich und
nicht personal zu begreifen sind. Verblosigkeit meint Statik durch das Hinsetzen von welt-
immanenten und numinosen Einzeldingen in ihrer gegensätzlichen Gespanntheit, Dinge,
die von Zeitlichkeit und Personalität befreit sind.113

Nur erwähnt sei, daß Exemplifikationen nicht nur für solche Texte reklamiert
werden, die als literarisch gelten. Nur als Hinweis mag zudem dienen, daß nach
einer Reihe von Interpreten Wittgenstein in seinem Tractatus eine Auffassung

||
108 Vgl. Reichert 1986.
109 Vgl. die bei Bloch (Hg.) 1971 zusammengetragenen Ansichten befragter Schriftsteller. Das
reicht z. B. von Martin Walsers Ansicht, das Präteritum drücke eine „norddeutsche Geste“ aus
(S. 188), bis zu der Peter Handkes, für den es „so eine Art von offizieller Staatsform“ ist, „einer
Staatsgrammatik“ angehöre (S. 170). – Heftig umstritten ist Käte Hamburgers Deutung des Prä-
teritums als „episches Präteritum“ in literarischen Texten erzählender Art (vgl. Ead. 1953, die
Replik auf die Kritik in Ead. 1965 sowie Ead. 1977, S. 63ff.; dazu Stanzel 1959 und 1984, S. 27ff.,
Rasch 1961, Weimar 1974; auch Maurer 1972).
110 Als Beispiel mag die Untersuchung bei Adler 1967 dienen.
111 Adler 1967, S. 320.
112 Adler 1967, S. 315.
113 Adler 1967, S. 313.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 209

vertreten hat, nach der ein Satz bestimmte Eigenschaften der Welt nicht bezeich-
net, nicht beschreibt, sondern zeigt – und im Zuge der Deutung wird Wittgenstein
hierbei eine Sicht der Verbindung von Satz und Wirklichkeit zugeschrieben, die
auf einer Exemplifikationsrelation beruht.114 Ein weniger bekanntes, dafür aber
in seiner Deutung vielleicht auch weniger umstrittenes Beispiel ist Louis-Claude
de Saint Martins Behauptung, die Satzstruktur, die durch Subjekt, Prädikat und
Objekt gebildet werde, sei Ausdruck – Exemplifikation – der Dreifaltigkeit.115
Die Anschließbarkeit der durch Texte exemplifizierten Eigenschaften an An-
nahmen, die im Rahmen irgendwelcher theoretischer Erörterungen mit diesen Ei-
genschaften verbunden sind, oder an Eigenschaften, die der Text nicht selbst be-
sitzt, läßt sich im Rahmen der Praxis der Bedeutungszuweisung in der text-
interpretierenden Forschung allenthalben aufzeigen. Mitunter erfolgt ein solcher
Anschluß über recht komplexe Argumentationen, die an dieser Stelle nicht im
einzelnen dokumentiert und analysiert zu werden brauchen. Dennoch sollen ei-
nige Aspekte dieser Form der Bedeutungsentlehnung und des Bedeutungstrans-
fers anhand von Untersuchungen zur Analyse und Ausdeutung von an Texten
festgestellten Zahlen(verhältnissen) dargelegt werden. Neben den illustrierenden
Absichten werden anhand dieser Forschungen sowohl das methodische Problem
exemplifizierender Interpretationen zur Sprache als auch die Komplexität in den

||
114 Vgl. Id. 1921, 4.12 (S. 33): „Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber er kann
nicht das darstellen, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muß, um sie darstellen zu können
– die logische Form.“ Und 4.121: „Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt
sich in ihm. [...] Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der
Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf.“ Und eine Reihe weiterer Stellen.
Vgl. zu Wittgensteins „Bildtheorie“ u. a. Wohlstetter 1936, Daitz 1953, Stenius 1960, S. 118ff.,
auch Id. 1954, Shwayder 1963, Stegmüller 1965 und 1969, S. 539ff., Dietrich 1973, S. 45‒96, sowie
die in Copi/Beard (Hg.) 1966 gesammelten Beiträge zum Thema. – Zur ‚Ikonizität‘ von Gramma-
tik vgl. u. a. Haiman 1980, Posner 1980; auch Köller 1988, passim.
115 Saint-Martin 1800, S. 231ff. Im Anschluß an das mystische Christentum Saint-Martins hat
Joseph de Maistre in den Soirées de Saint-Pétersbourg allenthalben Exemplifikationen für die
Drei-Zahl gefunden und die Funde für die Existenz des Schöpfers ausgelegt. – Zum Y-Zeichen als
„Trinitätszeichen“ vgl. die Bemerkung bei Harms 1970, Anm. 26, S. 39, aber auch Anm. 2, S. 98;
und zum Aleph die entsprechende Deutung in Clemens Brentanos Romanzen vom Rosenkranz
(vgl. Id. 1852, XI, Z.319ff, S. 804). Joachim von Fiore hat in seinem Psalterium decem Chrodarum
von 1527 sowohl im Alpha als auch im Omega ein Trinitätszeichen erkannt (vgl. Reeves 1977,
S. 783ff.; für Lubac 1959‒64, II.1, S. 437ff., stellen die Exegesen Joachims den Beginn des Nieder-
gangs der Lere des viefachen Schriftsinns dar). – Auch in AVE wurde die Dreifaltigkeit gesehen:
A stehe für Gottvater, V für Christus (Anspielung auf Joh 1,1-2: „In principio erat verbum, et ver-
bum erat apud deum, et deus erat verbum.“), E für den Heiligen Geist (denn: „Extremitatem ae-
ternae Emanationis“), vgl. Anonym 1703, II, S. 18/19.
210 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Blick kommen, die Argumentationen bei der Verbindung von Exemplifikation


und Bezeichnung begleiten.
Den Anfang soll die bereits angesprochene Unterscheidung von Eigen-
schaftsarten machen, die zur Exemplifikation herangezogen werden. Die im Rah-
men von Untersuchungen numerischer Eigenschaften von Texten erfolgende Be-
deutungszuweisung kann sich sowohl auf die Zahlenkomposition des Textträgers
als auch auf die numerische Strukturierung der durch den Text konstituierten
‚Textwelt‘ beziehen,116 und sie kann in Verbindung stehen mit im Text erwähnten
Zahlen bzw. Zahlzeichen, die nach einer Bezeichnungsrelation gedeutet wer-
den.117 Kaum überschaubar sind die Anknüpfungspunkte für die Zahlenausdeu-
tung, die Buchstaben als Zahlzeichen bieten, ohne daß diese zugleich als Chro-
nogrammen zu deuten sind:118 Gegenwärtig besitzt die Verwendung von
Zahlenalphabeten noch keine sonderliche Konjunktur bei der Interpretation,
aber in Anbetracht der zunehmenden Beliebtheit von Namenstransformationen
und -auslegungen bei der Interpretation119 scheint es nur eine Frage der Zeit zu
sein, in jedem Text tiefen Buchstaben-Zahlen-Verknüpfungen nachzugehen.120
Der Druck der Tradition auf die Postmoderne dürfte auch hier so groß sein, daß
auch dieses Fahrwasser – etwa orientiert an der Gematria121 – nicht ausgelassen

||
116 Vgl. zu der ‚Textwelt‘ eines Textes Abschnitt IV.1.
117 Die verwendeten Zahlzeichen können selbst als exemplifizierend aufgefaßt werden, wie dies
in einer Reihe von Untersuchungen zu den Zahlzeichen bei Rabelais der Fall ist (vgl. u. a. Francis
1959, Butor/Hollier 1972, S. 74‒85, Zimmer 1978, Glauser 1982).
118 Vgl. Ifrah 1987, S. 276‒315.
119 Auch das ist zweifellos keine neue Erfindung (vgl. Abschnitt II.1). Ein etwas älteres Beispiel,
das aber den Vergleich mit neueren Versuchen nicht zu scheuen braucht, findet sich zu Dante
bei Dragonetti 1968; ferner Gerber 1965 und 1972 (aber auch id. 1963) – allerdings sollte man
energisch widersprechen, wenn „Barnholm“ zu „Bornholm“ wird – zweifelsfrei weist „Barn-
helm“ auf „Bern“. Die poststrukturalistischen Namensausdeutungen sind ohne zu überraschen
epigonal; als neuere Beispiele etwa Forget 1988, Hörisch 1988a (zu Walter Benjamin; hierzu auch
Derrida 1990, S. 114 sowie Anm. 31). – Zur Namensanalyse in literarischen Werken vgl. aber auch
Schlaffer 1972, Birus 1978, Lamping 1983.
120 Zu einem solchen Rätsel in Gottfrieds Tristan vgl. Fourquet 1963.
121 Zur (kabbalistischen) Gematria vgl. u. a. Bischoff 1917, S. 28ff. und 139f., vor allem Dornseiff
1922, S. 91‒118, und Ifrah 1987, S. 319‒51. Dabei ist zu bedenken, daß es beim ursprünglichen
Gebrauch des Hebräischen (später wurden die arabischen Zahlzeichen übernommen) keine ge-
sonderten Zahlzeichen gab; deshalb war es zunächst einmal ebenso legitim, einen hebräischen
Text als eine Reihung von Wörtern wie von Zahlen zu lesen. In diesem Sinne waren solche Texte
grundsätzlich zweideutig. – Zu den verschiedenen, auch auf mathematischen Operationen be-
ruhenden Transformationen mit Hilfe einer der verschiedenen Varianten der Gematria Ernst
1983, S. 298ff.; zum carmen cabbalisticum Ernst 1990a, S. 216. Zu den im 18. Jahrhundert verwen-
deten Zahlenalphabeten und den literarischen Paragrammen – z. B. auch von Georg Philipp
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 211

werden wird, trotz der Warnungen so gewichtiger Stimmen wie die Harold
Blooms, der in ihr „die toll gewordene interpretative Freiheit, in der jedem Text
jede beliebige Bedeutung beigebracht werden kann“,122 sieht und als Ersatz die
Kabbala andient, in der sich „eine kühnere Theorie der Schrift als alle neueren
Entwicklungen der französischen Kritik“ finde.123
Die Unterscheidung zwischen Zahlen und Zahlzeichen ist wichtig:124 So ist
Sechs die Zahl der Cherubim; als Zahlzeichen hätte man auch „6“, „VI“, „ein hal-
bes Dutzend“, „12/2“ usw. wählen können. Mit Zahlzeichen erfolgen die mathe-
matischen Operationen, und offenbar lassen sich diese Operationen nicht mit al-
len Zahlzeichen in gleicher Weise ausführen, wie etwa im Rahmen des römischen
Zahlzeichensystems.125
Methodische Probleme entstehen indes nicht erst dann, wenn die drei ge-
nannten Möglichkeiten, Zahlenverhältnisse in einem Text vorzufinden, bei der
Bedeutungszuweisung verknüpft werden. Verknüpfungen dieser drei Sorten nu-
merischer Aspekte von Texten sind nicht nur sehr komplex; sie erfolgen zudem
in Interpretationen nicht selten auf undurchsichtigen Wegen und oftmals schei-
nen die Interpreten die keineswegs unerheblichen Unterschiede zwischen Zah-
lenverhältnissen des Textes, numerischer Strukturierung der ‚Textwelt‘ und der
Verwendung von Zahlzeichen im Text nicht wahrzunehmen.126
Welche von diesen drei Zahlenaspekten auf welche Weise auch immer mitei-
nander verbunden sein mögen, sie liefern zahllose Anknüpfungsmöglichkeiten
für die auf Exemplifikation beruhende Textinterpretation und nicht geringere für

||
Harsdörffer – vgl. erste Informationen bei Tatlow 1989, ausführlicher jetzt Ead. 1991, S. 58‒102.
– Es gibt auch Beispiele, wo Buchstaben, die vermeintlich als Zahlzeichen fungieren, als Abkür-
zungen für Wortfolgen gedeutet werden (wie etwa in den Beispielen in Abschnitt II.2), vgl. Ano-
nym 1703, I, S. 24.
122 Bloom 1975a, S. 43.
123 Bloom 1975a, S. 48.
124 Genau genommen ist noch zwischen Zahlwort und Zahlzeichen zu unterscheiden. – Im
nachfolgenden handelt es sich nur um einige ausgewählte Möglichkeiten; so wurden z. B. bei
Bazak 1985 einzelne Psalme zu ihrer Interpretation im Hinblick auf bestimmte Ausdrücke und
Aussagen nach geometrischen Mustern angeordnet.
125 Vgl. hierzu allerdings auch Taisbak 1965.
126 Auf die interpretatorischen Schwierigkeiten, die gelegentlich bei der Bestimmung der nu-
merischen Strukturierung der ‚Textwelt‘ auftreten und die selbst wiederum Anlaß zur Ausdeu-
tung geben, soll hier ohne Erörterung nur hingewiesen werden: die Anzahl der Pilger in Chaucers
Canterbury Tales (dazu u. a. Brown 1934, Nathan 1952, Owens 1961; zur Ausdeutung dieser Zah-
lenangaben vgl. u. a. Steadman 1961, Reiss 1970, Keenan 1978). Daß die Zahlenangaben im Hin-
blick auf das, was gezählt wird, mitunter verwirrend sind, belegen die bei Harder 1922 zusam-
mengetragenen Beispiele.
212 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

die Einbettung in kaum überschaubare Deutungssysteme bei supponierter Zah-


lensymbolik. Untersuchungen und Interpretationen der Zahlenaspekte von Tex-
ten bieten sich als Beispiel für Formen der exemplifizierenden Bedeutungszuwei-
sung auch deshalb an, weil die Interpretengemeinschaft bei ihnen die Proble-
matik der exemplifiziernden Bedeutungszuweisung in der Regel stärker wahr-
nimmt als im Zusammenhang mit vielen anderen Eigenschaften, die zur Exemp-
lifikation bei der Interpretation herangezogenen werden. Das heißt indes nicht,
daß die interpretationstheoretischen Probleme – bei fehlender Spezifizierung ei-
ner akzeptablen Exemplifikationsrelation – unterschiedlich sind.
Interpretationstheoretische Probleme werden bereits bei Untersuchungen
wahrgenommen, die Zahlenverhältnisse allein bei der Textkomposition – etwa
mittelalterlicher Texte – feststellen und die solche zahlenkompositorischen Be-
funde vornehmlich zur Deskription – etwa kompositioneller Regelmäßigkeiten
bei bestimmten Textmengen – oder zum Vergleich mit Interpretationen – etwa
zur Prüfung von Fragen inhaltlicher Gliederung – verwenden.127 Ein Bedeutungs-
transfer und eine Bedeutungsentlehnung anhand der ermittelten Zahlenverhält-
nisse über ihre Exemplifikation findet bei diesen Untersuchungen – wenn über-
haupt – dagegen nur in einem geringen Umfang statt.128
Mit der Deskription kompositioneller Zahlenverhältnisse in Texten, mit der
Ermittlung ihrer ‚Baupläne‘ – wie es heißt – können aber auch Versuche verbun-
den werden, die ermittelten Zahlen in bedeutungsaufladende Kontexte zu verset-
zen, die über die Exemplifikation numerischer Eigenschaften die Grundlage für
einen Bedeutungstransfer an die Texte liefern. So werden bei der Zahlenallego-
rese und beim Rückgriff auf Zahlensymbolik die ermittelten Zahlen in ein mehr
oder weniger komplexes, beispielsweise religiöses Deutungssystem eingebettet,
das aus Annahmen besteht, welche die in einem Text vorgefundenen Zahlenas-

||
127 Vgl. als Beispiel Eggers 1953, 1956 und 1960, oder für die Edda Lange 1955. Zu der Kritik an
den Versuchen, Übereinstimmungen zwischen „zahlenmäßiger und inhaltlicher Gliederung“
(Langosch 1970, S. 108) festzustellen, die ihre (methodische) Umstrittenheit dokumentieren, vgl.
– neben den folgenden Anmerkungen – zu Hans Eggers, der seine prinzipielle Einschätzung im-
mer wieder bekräftigt hat (vgl. z. B. Id. 1981), u. a. Bumke 1957. Einen kritischen Überblick zur
älteren Forschung findet sich in den Darstellungen bei Rupp 1959 sowie bei Köster 1964, S. 14‒
37. Heinz Rupp hat in späteren Arbeiten eine weniger ablehnende Haltung eingenommen. – Es
gibt zudem Untersuchungen, die im wesentlichen nur Zahlenvorkommnisse bei einem bestimm-
ten Textcorpus auflisten, vgl. z. B. zur Zwölf-Zahl Lorenz 1984.
128 Hinzuweisen ist auch darauf, daß kompositionelle Zahlenverhältnisse mitunter auch als Ar-
gumente für die Entscheidung textkritischer Fragen herangezogen werden, vgl. dazu u. a. Hufe-
land 1967.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 213

pekte mit Bedeutung aufladen. Solche Deutungssysteme verknüpfen Eigenschaf-


ten – in diesem Fall numerische – mit weiteren Eigenschaften und sie weisen Aus-
drücken – in diesem Fall Zahlenausdrücken – etwa über eine Bezeichnungsrela-
tion Bedeutungen zu.129
Ein über die Exemplifikation erzielter Brückenschlag zu einem vorliegenden
Deutungssystem verbindet nicht nur einen Text mit einem Deutungskontext, son-
dern er dient mitunter zugleich als Legitimation dafür, das angeschlossene Deu-
tungssystem auf den Text auch anzuwenden. Die Anwendung eines Deutungssys-
tems, das in dieser Weise zugeordnet wird, braucht nicht auf die Ausdeutung von
Zahlenverhältnissen des Textes, Zahlenerwähnungen und die numerische Struk-
turierung der ‚Textwelt‘ beschränkt zu bleiben. Mit dem Deutungssystem kann
sozusagen der Interpretationsschlüssel für eine übergreifende Interpretation des
Textes gegeben sein.
Die Einbettung in ein Deutungssystem ist nur eine Variante, um zu einem Be-
deutungstransfer auf der Grundlage exemplifizierter Eigenschaften und damit zu
einer Bedeutungszuweisung zu gelangen. Eine zweite Variante besteht darin, die
ermittelten Zahlen oder die konstruierten Zahlenverhältnisse mit (extratextuel-
len) Phänomenen in Verbindung zu setzen, zu deren Beschreibung numerische
Übereinstimmung besteht. Eine Deutung erfolgt bei dieser Variante über die Ver-
knüpfung mit den jeweiligen Phänomenen. Die Unterscheidung dieser beiden Va-
rianten schließt ihre Verbindung nicht aus; etwa daß die Verknüpfung über be-
stimmte Zahlenverhältnisse mit extratextuellen Phänomenen durch eine
zusätzliche Einbettung in ein Deutungssystem für diese Phänomene ergänzt und
damit die exemplifizierende Bedeutungszuweisung durch ein Deutungssystem
angeleitet wird.130
Nach einer dritten Variante schließlich wird den exemplifizierten Eigenschaf-
ten Bedeutung mittels einer Bezeichnungsrelation direkt zugewiesen. Diese Vari-
ante scheint auf den ersten Blick keine Besonderheit aufzuweisen, die es recht-
fertigt, sie in die Reihe mit den zuvor aufgeführten Varianten zu stellen. Die
Besonderheit ergibt sich bei ihr durch die Auswahl und Zusammenstellung der
Eigenschaften, die bei der Exemplifikation herangezogen werden. Am leichtesten
läßt sich diese Variante durch die Auswahl und Zusammenstellung von Zeichen
eines Textes illustrieren, bei denen die Regeln der Anordnung schriftlicher Zei-

||
129 Eine solche Bedeutungszuweisung kann auch über Analogisierung erfolgen, vgl. Abschnitt
III.2.
130 Vgl. Butler 1970, S. 140, wo die Anzahl der in Shakespeares Venus and Adonis ausgetausch-
ten Küsse – zwölf – auf die Konjunktionen von Venus und Sonne bezogen wird.
214 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

chen und die des Lesens aufgehoben bzw. ergänzt werden. Textbeispiele sind Ak-
rosticha – ebenso Telesticha, Mesosticha.131 Akrosticha beruhen auf Eigenschaf-
ten, die ein Text besitzt und exemplifiziert. Sie sind nach einem bestimmten Prin-
zip ausgewählte und zusammengestellte Zeichenfolgen.132 Diesen konstruierten
Zeichenfolgen wird nach einer Bezeichnungsrelation direkt Bedeutung zugewie-
sen – also ohne die Verknüpfung mit extratextuellen Phänomenen oder durch die
Einbettung in Deutungssysteme. Entsprechend lassen sich doppelte Akrosticha
und die diversen Verzweigungen analysieren.
Werden Akrostichis in der dargelegten Weise aufgefaßt, dann ergeben sich
Konsequenzen für den Umfang des terminologischen Ausdrucks „Akrostichon“.
In der Regel werden Abecedarien als Sonderform des Akrostichons, nämlich als
„alphabetische Akrostichis“ bestimmt.133 Werden Akrostichis und Abecedarien
vor dem Hintergrund der exemplifizierenden Bedeutungszuweisung gesehen,
dann sind Zweifel begründet, in Abecedarien eine Sonderform des Akrostichons
zu sehen134: Abecedarien können – anders als Akrosticha – keine bezeichnungs-
relationale Bedeutungszuweisung erfahren. Darin läßt sich der entscheidende
Unterschied sehen, der aus Abecedarien und Akrostichis zwei ‚Gattungen‘ macht.
Die exemplifizierende Bedeutungszuweisung an Abecedarien erfolgt – wird von
der Anzahl der Buchstaben, beispielsweise zweiundzwanzig, einmal abgesehen135

||
131 Zu Hinweisen auf Beispiele, auch aus der gegenwärtigen Literatur, sowie auf weitere For-
schungsliteratur vgl. Krumbacher 1903, Dornseiff 1922, S. 146ff., Marcus 1947, Jacques 1960,
Liede 1963, II, S. 75ff., Vogt 1967, Levitan 1979, Cook 1979, Kuhs 1982, S. 20ff., 100ff., 157ff.; auch
Walsh 1892, S. 10‒13. – Nach Cicero hat Ennius Quintus in seine Verse Akrosticha versteckt, vgl.
Cicero, De Div. II, LIV, 111.
132 Vgl. hierzu Friedman/Friedman 1959.
133 Vgl. Vogt 1967, S. 93ff. – Zur Erörterung und zu Beispielen von Abecedarien vgl. Dietrich
1901, Beissel 1909, S. 241ff., Liede 1963, II, S. 82ff., Leloux 1975, Kuhs 1982, 30ff., 109ff., 180ff.;
ferner Olof 1973.
134 Gegen eine solche Unterordnung wendet sich auch Kuhs 1982, S. 77, allerdings allein auf-
grund ‚gattungshistorischer‘ Überlegungen.
135 Umgekehrt exemplifizieren die Gliederungen (etwa in Bücher) gelegentlich die Zahl zwei-
undzwanzig, die in Verbindung mit der Anzahl der hebräischen Buchstaben gebracht wird (vgl.
u. a. Curtius 1948, S. 495), die wiederum den zweiundzwanzig Werken Gottes während der
Schöpfung entsprechen sollen; oder der Zahl dreiunddreißig, die dem Alter Jesus Christus ent-
sprechen soll (vgl. z. B. die Anzahl der Bücher in Augustins Contra Faustum). – Die Exemplifika-
tion durch die Anzahl von Buchstaben ist ein weites Feld. Ein einziges mag genügen, nämlich
die französische Zeile „que toutes ses dents étaient des idées“ in Edgar Allen Poes Berenice. Die
zweiunddreißig Buchstaben werden mit den Zähnen gleicher Zahl verknüpft, die eine Rolle in
der Erzählung spielen (vgl. z. B. Milicic 1982, S. 349; dort wird allerdings der Satz falsch zitiert,
so daß es unter der Hand dreiundreißig Zähne werden).
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 215

– durch Einbettung in sprachphilosophische oder sprachmagische Deutungssys-


teme,136 durch die Verknüpfung mit Zielsetzungen oder zum Ausdruck bestimm-
ter Ansprüche, die mit dem Text verbunden werden:

The real purpose of adopting this form [scil. Abecedarien] in poetry is not clear, and differ-
ent explanation have been given. It has been suggested that the connection to the alphabet
could be helpful as a mnemonic aid, or that it reflects the writing practice in scribe schools.
The most likely explanation, however, is given by those who suggest that by means of the
alphabetical form the author wanted to express the completeness, the total and exhaustive
treatment of his subject.137

Schließlich sind – wie bemerkt wurde – mit der Aufzählung des Alphabets zu-
gleich alle Lobpreisungen Gottes formuliert. Daß damit noch mehr formuliert ist,
hat unter anderem Jean Paul gesehen. In seinem Siebenkäs heißt es:

Die Kabbalisten rühmen zwar die Heilkraft des Schemhamphorasch, eines entgegengesetz-
ten Namens, sehr; aber ich sehe, daß das Fleck- und Scharlachfieber des Zorns, das man
leicht aus dem Phantasieren des Pazienten vermerkt, vielleicht eben so gut, als ob man
Amulette umhinge, nachlässet und weicht, wenn man den Teufel anruft; in dessen Ermang-
lung die Alten, denen der Satan ganz fehlte, bloßes Hersagen des Abcʼs anriethen, worin
freilich der Name des Teufels mit schwimmt, aber in zu viele Buchstaben verdünnt.138

Es gibt eine umfangreiche Forschung zur Zahlenexemplifikation bei Texten, die


zahlreiche Exempel für die ersten beiden, vereinzelt auch für die dritte139 der drei

||
136 Zu einem älteren Hymnus abecedarius, bei dem auf Z noch einmal Ω folgt, vgl. Bulst 1960,
allerdings ohne diesen Aspekt zu kommentieren; zu den Deutungssystemen von AΩ vgl. u. a.
auch Dornseiff 1922, S. 122ff. Die Grundlage ist Ap I, 8: „Ergo sum alpha et omega, principium et
finis, dicit Dominus Deus, qui est erat et qui venturus est omnipotens.“ Zu Abecedarien in bibli-
schen Schriften vgl. u. a. Bergler 1977, Ceresko 1985 sowie Johnson 1985; nach Calvin Serm. Ps.,
S. 502, hat der Heilige Geist beim Psalm 119 die Form eines Abecedariums gewählt, damit er wie
das Vaterunser verbreitet werde. – Abecedarien, die mit derartigen Deutungssystemen vermut-
lich weniger zu tun haben, scheinen Louis Aragons Suicide, Bertolt Brechts Alfabet oder Kurt
Schwitters Alphabet-Gedichte zu sein, in denen das Alphabet – eine Deutung geradezu erzwin-
gend – in umgekehrter Reihenfolge angeordnet wird (vgl. Z A [elementar] und Alphabet von hin-
ten in Schwitters 1973, S. 205 und S. 206).
137 Johnson 1985, S 60/61.
138 Jean Paul 1796/97, Kap. 7, S. 231.
139 Beispiele sind Ausdeutungen als Chronogramme, vgl. u. a. Liede 1963, II, S. 81/82, Kuhs
1982, S. 39ff., 128/29, 182ff. (auch Anonym 1703, I, S. 188ff., II, S. 276ff.), eine Fülle von Beispielen
findet sich in Hilton 1882; zum carmen numerale Ernst 1990a, S. 215. – Chronogramme und Kryp-
tonyme dienen mitunter auch der Datierung und der Identifizierung der Autorschaft, so etwa im
Fall des Werkes von Johannes Praetorius (vgl. Dünnhaupt 1977). Vgl. ferner Walsh 1892, S. 154‒
156.
216 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

unterschiedenen Varianten exemplifizierender Bedeutungszuweisung liefern.140


Untersuchungen dieser Art sind innerhalb der Disziplin heftig umstritten. Hierzu
gehört – um nur ein Beispiel neben den Hinweisen in den Anmerkungen zu geben
– als bekannteres Beispiel die Kritik an der Heliand-Untersuchung Johannes Rat-
hofers.141 Eine kaum mehr überschaubare Forschungsliteratur ist dem Werke
Dantes, insbesondere der Divina Commedia gewidmet,142 hinweisen läßt sich
ebenso auf Sebastian Brants Das Narrenschiff143 – aber auch auf die Analyse zu
Ulrich Füetrers Trojanerkrieg,144 die Untersuchung zum Zahlensymbolismus in
Edmund Spensers Epithalamion145 oder die Darlegung zahlenkompositorischer
Aspekte von The Faerie Queen.146 Der Stand der Forschung läßt deutlich werden,
daß diese Form der Bedeutungszuweisung keineswegs auf mittelalterliche oder
antike Literatur beschränkt ist: über die Renaissance reicht sie bis ins 18. Jahr-
hundert und darüber hinaus bis in die Gegenwart.147 Diese Untersuchungen – so

||
140 Als ältere Beispiele vgl. etwa die Untersuchungen zum Heliand bei Rathofer 1962, Teil 2,
ferner Haubrichs 1969, Teil 2 (dazu u. a. Ochsenbein 1972), zum Beowulf bei Howlett 1974 sowie
Hart 1981 (dort auch weitere Forschungsliteratur), zum Anno-Lied bei Fritschi 1957, 3. Teil (dazu
auch Batts 1960 und Betz 1965), zum altdeutschen Exodus Blinn 1974, S. 89ff., zur Chanson de
Roland (Oxforder Digby 23, ca. 12. Jh.) Bulatkin 1972, zu Gottfrieds Tristan bei Tax 1961 (dazu
kritisch u. a. Wehrli 1963, S. 417/18), Crossgrove 1970, Clark/Wasserman 1977, zu Konrads von
Würzburg herzmaere Rölleke 1969. Für stärker thematisch übergreifende Untersuchungen sind
Tschirch 1966a und 1966b Beispiele (kritisch hierzu u. a. Schröder 1967). Zur älteren Forschung
vgl. auch den knappen und kritischen Überblick bei Schühmann 1968. – Eine umfangreiche Bib-
liographie (bis 1972) zur Problematik liefert Ernst Hellgardt (Id. 1973, S. 305‒351), dessen Unter-
suchung (hierzu auch Hagenlochner 1975) eine Fülle kritischer Hinweise enthält (vgl. auch Id.
1974).
141 Vgl. hierzu u. a. Krogmann 1964, Taeger 1970, S. 195ff. (dort auch Hinweise zur weiteren
Literatur). Eine positive Beurteilung der Zahlenausdeutungen Rathofers findet sich bei Masser
1964; zu weiteren Rezensionen und Stellungsnahmen Rathofers auch Schröder 1965.
142 Vgl. z. B. Hopper 1938, S. 136-201, Singleton 1965, Hardt 1973 und Id. 1985.
143 Vgl. die Beobachtungen bei Tiemann 1978, S. 112ff. Zu einer Reihe weiterer Autoren vgl. die
Untersuchung bei Hart 1979, die einschlägigen Beiträge in Eckhardt (Hg.) 1980 sowie die Erörte-
rung bei MacQueen 1985, ferner die in Fowler (Hg.) 1970 aufgenommenen Beiträge. Für die frühe
griechische Literatur – etwa Homers Ilias – läßt sich auf Germain 1954, Russo 1975 verweisen. In
der Forschung zur römischen Literatur nimmt in diesem Zusammenhang das Werk Vergils einen
prominenten Platz ein, vgl. von den zahlreichen Untersuchungen u. a. Maury 1944, Le Grelle
1949, Duckworth 1960 und 1962 (zu Lucan z. B. Getty 1960).
144 Vgl. Fichtner 1990.
145 Vgl. Hieatt 1960.
146 Vgl. Fowler 1962.
147 Zu Friedrich Spee vgl. Browning 1970, Meyer 1984, ferner Brooks 1973, zu Grimmelshausen
Streller 1957.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 217

unterschiedlich sie in ihrem interpretatorischen Zugriff auch sein mögen – bele-


gen zugleich, daß die exemplifizierende Bedeutungszuweisung nicht nur auf das
angewendet wird, was gegenwärtig als literarischer Text gilt.
Die methodischen Probleme einer solchen exemplifizierenden Bedeutungs-
zuweisung lassen sich schwerlich ignorieren. Zumindest sofern die mittelalterli-
che Forschung betroffen ist, sind diese Probleme explizit sowohl im allgemeinen
als auch bei der Gelegenheit einzelner Untersuchungen angesprochen und erör-
tert worden.148 Ergiebig für die methodischen Probleme zahlenkompositorischer
Untersuchungen sind nicht zuletzt die zahlreichen, mitunter recht ausführlichen
kritischen Stellungnahmen zu vorgelegten Forschungsergebnissen.149 Gerade die
Problematisierung des methodischen Vorgehens hat verstärkt zu Unternehmun-
gen geführt,150 die die Voraussetzungen für die historische Zurechenbarkeit prü-
fen, also beispielsweise zum mittelalterlichen Selbstverständnis von kompositio-
nellen Zahlenverhältnissen und Zahlenbedeutungen und zur Zahlensymbolik im
Alten und Neuen Testament sowie zur Tradition ihrer Ausdeutung,151 insbeson-
dere bei Augustinus,152 der allerdings mitunter auch selbstkritisch ein Zuviel an

||
148 Vgl. z. B. Mohr 1963, Meyer 1972, S. 229ff., Id. 1975, S. 18ff., Id./Suntrup 1987, S. XIIIff; Hart
1976/77, S. 99ff., Id. 1981, aber auch bei Blinn 1974, S. 18ff.; vgl. auch den kritischen Überblick
bei Wehrli 1984, S. 214‒235; ferner Peterson 1976 (dazu auch die Stellungnahmen in PMLA 92,
S. 128/29).
149 Neben bereits erwähnten Beispielen vgl. die Auseinandersetzungen zu Ingeborg Hender-
sons Untersuchung zu Strickers (bis ca. 1250) Daniel vom blühenden Tal (Henderson 1976 und
Ead. 1980 sowie Hart 1980 und 1980a).
150 Neben Meyer 1975 auch Hellgardt 1976. Zahlreiche weitere Hinweise finden sich bei Lubac
1964, S. 7‒40, und im Anschluß an die Untersuchung von Petrus Bungus’ voluminöser Numero-
rum mysteria bei Ernst 1983. Zu Odos von Morimond (1116‒1161) Analectica Numerorum et rerum
Theographyam vgl. Lange 1981‒89. Zu den Quellen von ‚Zahlenspielereien‘ in der mittelalterli-
chen deutschen Literatur vgl. auch Batts 1964. Auf die benachbarten Forschungen zu Zahlen und
zur Zahlensymbolik in der Musik, insbesondere im Werk Johann Sebastian Bachs, sei hier nur
hingwiesen (zu einem Forschungsüberblick Jung 1988; hierzu neben Meyer 1979, 1979a und 1981
jüngst Tatlow 1989 sowie Ead. 1991). – Eine Wiederaufnahme zahlensymbolischer Ausdeutungen
ist bis in die Gegenwart zu beobachten, so etwa bei Bindel 1983 (die Tiefgründigkeit von Zahlen
wird an diesem Text zugleich exemplifiziert: Nach der Information des Verlages ist der Verfasser
1974 verstorben, 1980 erschien der Text zuerst, 1983 die angeführte Ausgabe, im Vorwort schreibt
der Autor (S. 7): „Vor nunmehr 50 Jahren, im Juni 1933 [...].“)
151 Vgl. u. a. Friesenhahn 1935, Stalnaker 1951 und vor allem Collins 1984, Oberweis 1986, ferner
Schedl 1964 und Weinreb 1978.
152 Vgl. u. a. Schmitt 1930, Svoboda 1933, Charles 1947, S. 626f., Most 1951, Rief 1962, Haubrichs
1969, S. 27ff., Hellgardt 1973, S. 157ff., Hardt 1973, S. 17ff., Ernst 1983, S. 280ff.; zur frühen christ-
lichen Verwendung der Zahlensymbolik auch Großmann 1954. – Zur „prophetischen Zeitrech-
nung“ Johann Albrecht Bengels vgl. Sauter 1966.
218 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Ausdeutung als unvereinbar mit „Maß und Gewicht“ andeutet.153 Besonders her-
vorzuheben ist dabei jüngst das Lexikon der mittelalterlichen Zahlenbedeutungen,
das die Grundlagen für die wissenschaftliche Erforschung der mittelalterliche
Zahlenallegorese legt, indem in einem Kompendium Quellen lateinischer exege-
tischer Werke aus der Zeit der frühen christlichen Kirche bis ins 12. Jahrhundert
erfaßt werden – von der Patristik mit Augustinus und Origenes sowie mit Ambro-
sius und Hieronymus unter anderem über Cassiodor, Gregor der Große, Alcuin,
Hraban bis zu Hugo und Richard von St. Victor.154 Zwei zentrale methodische
Probleme lassen sich herausschälen:
Als erstes besteht für zahlenexemplifizierende Untersuchungen ein Beschrei-
bungsproblem. Es gibt eine unüberschaubare Anzahl von Möglichkeiten, den
Textträger mathematisch zu beschreiben. Das kann bei sehr unterschiedlichen
Orientierungen geschehen: Zahlenkompositorische Untersuchungen sind in an-
derer Weise ausgerichtet als etwa statistische Untersuchungen zu einem Textcor-
pus, bei denen es um die Korrelation zwischen bestimmten Merkmalsverteilun-
gen geht.155 Anwendungsbereiche für statistische Erhebungen sind Stilunter-
suchungen,156 die Bestimmung des Autors anonymer oder in ihrer Herkunft um-
strittener Werke:157 z. B. zu Den Nachwachen des Bonaventura,158 aber auch die

||
153 So in Id., De civ. dei, XI, 31, im Zusammenhang mit dem Ruhe Tag des Herrn, also der Zahl
Sieben; zu Zahl sechs z. B. Id., De Gen. ad Litt, lib IV, cap. I bis VII. Vgl. auch Id. Retract., lib I,
cap. 3 bis 6.
154 Meyer/Suntrup 1987, auch Meyer/Suntrup 1977; dazu auch die Bemerkung bei Blank 1990,
S. 134.
155 Beispiel ist die Untersuchung von Hans Arens zur Beziehung zwischen Satz- und Wortlänge
in literarischen Texten (vgl. Arens 1965, dazu Altmann 1983); weitere Beispiele bieten die zahl-
reichen Untersuchungen von Wilhelm Fucks (vgl. u. a. Id. 1968, 1971 sowie Id./Lauter 1965) oder
zur ‚automatischen syntaktischen Analyse‘, der Erstellung eines Lautindex und der Aufdeckung
der Entwicklung von Lautstrukturen poetischer Œuvre (vgl. Klein/Zimmermann 1970, Maas
1971). – Zu den verschiedenen Möglichkeiten mathematischer Strukturbeschreibungen von Tex-
ten vgl. u. a. Fischer 1970, ferner Marcus 1970 mit ausführlicher Bibliographie; zu einer haupt-
sächlich metaphorischen Verwendung mathematischer Konzepte bei der Interpretation vgl.
Schoeck 1967/68. – Nicht selten – z. B. Rieger 1971 – werden „mathematisch-naturwissenschaft-
liche Methoden“ empfohlen, da sie die „intersubjektive Mitteilbarkeit“ und die „Objektivität“
der literaturwissenschaftlichen Resultate erhöhten; die methodologischen Probleme bleiben al-
lerdings durchweg ohne detaillierte Erörterungen.
156 Vgl. z. B. Williams 1970.
157 Vgl. die Sammlung von Beiträgen in Erdman/Fogel (Hg.) 1966 und vor allem dort die teil-
kommentierte Bibliographie (S. 395‒523).
158 Vgl. Wickmann 1969 und 1974.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 219

Bestimmung des Autors der Theaterstücke Shakespeares und seiner Zeitgenos-


sen159 wie etwa Thomas Middleton160 und die Beantwortung der Frage, ob bei ei-
nem Text die Verfasserschaft eines oder mehrerer Autoren anzunehmen ist.161
Von solchen Fragestellungen einmal abgesehen, lassen sich mit etwas Ge-
duld und geringen mathematischen Kenntnissen zu jedem Textträger auffallende
bzw. für eine exemplifizierende Bedeutungszuweisung verwendungsfähige Zah-
lenverhältnisse finden.162 Das Problem verschärft sich, wenn Ano-malien, also
Befunde, die sich den ermittelten Zahlenverhältnissen entziehen, ad hoc berei-
nigt werden dürfen. Die Lizenz für ein solches Vorgehen stellt – um nur ein Bei-
spiel zu nehmen – Heinz Rupp aus, wenn es bei ihm im gegebenen Zusammen-
hang heißt: „Der Forscher muß dem Dichter und sich selbst einen gewissen
Spielraum zugestehen.“163
In jedem Fall bleiben die Unsicherheiten der Überlieferungsgeschichte der
Textvorlagen und die Frage nach den zu wählenden Gliederungskriterien auch
dann erhalten, wenn die ermittelten Zahlen gut ‚passen‘. Mitunter entsteht der
Eindruck, daß ermittelte zahlenkompositorische Verhältnisse und ihre Ausdeu-
tungen eher etwas über die Einrichtung der Edition zu Tage fördern, zumal wenn
das Problem der Stellvertretungsbeziehung aufgrund fehlender Prüfung der
handschriftlichen Überlieferung, der Interpolationen und der vorhandenen Text-
lücken suspendiert wird. So ist keineswegs von vornherein klar, welche Einheiten
– etwa Buchstaben, Silben, Wörter, Zeilen, Verse, Strophen, Seiten, Szenen, Ka-
pitel, metrisch-rhythmische Verhältnisse – des Textträgers sinnvollerweise auszuzäh-
len sind. Es bleibt oftmals umstritten, welche Merkmale Gliederungen in dieser

Hinsicht auszeichnen.164 Sowohl die Unsicherheiten der Überlieferung als auch

||
159 Vgl. dazu allgemein Schoenbaum 1966 sowie Frost 1968, insb. S. 23ff. und S. 262ff.
160 Vgl. u. a. Brainerd 1979 und 1980, Jackson 1979 sowie vor allem Smith 1989, dort auch wei-
tere Hinweise auf die einschlägige Forschungsliteratur.
161 Vgl. im Hinblick auf die biblischen Schriften etwa Radday 1973, Radday/Wickmann 1975
und Radday/Wickmann/Talmon 1977.
162 Das zeigt bereits die Illustration an dem Ausschnitt eines Gedichtes von Adam Mickiewicz,
die Lukasiewicz 1905, S. 3, wählt, allerdings im Zusammenhang mit der Überlegung, daß Allge-
meinheit kein hinreichendes Kriterium für wissenschaftliche Wahrheit ist.
163 Rupp 1963, S. 369.
164 Vgl. zum Problem auch Rathofer 1964.
220 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

die Spielräume bei der Wahl der Einheiten läßt es nicht als überraschend erschei-
nen, wenn die in der Forschung ermittelten kompositionellen Zahlenverhältnisse
von Textträgern immer wieder voneinander abweichen.165
Ein umstrittenes Teilproblem des Deskriptionsproblems besteht in der Wahl
der mathematischen Operationen, mit deren Hilfe aus bestehenden Zahlenver-
hältnissen weitere numerische Eigenschaften ermittelt werden. Den Ausgangs-
punkt bildet hierbei die Frage, ob bei der Konstruktion von Zahlenverhältnissen
– etwa eines mittelalterlichen Textes – mathematische Operationen unternom-
men werden dürfen, die zur Zeit der Abfassung des Textes als nicht verfügbar gel-
ten;166 und im Fall eines Gegenwartsautors etwa die Frage, ob bei der Beschrei-
bung seines Textes zwar (zwangsläufig) gegenwärtig verfügbare, nicht aber dem
Autor verfügbare mathematische Kenntnisse in Anschlag gebracht werden dür-
fen, um die Grundlagen für eine exemplifizierende Bedeutungszuweisung zu le-
gen.
Oder ist es demgegenüber unter Umständen gerechtfertigt, aus der erfolgrei-
chen Ermittlung von Zahlenverhältnissen und der Anschließbarkeit an vorlie-
gende Deutungssysteme den Schluß zu ziehen, einem verborgenen mathemati-
schen Wissen auf der Spur zu sein, das durch den untersuchten Text exemp-
lifiziert wird – sofern die Anwendung mathematischer Kenntnisse, die bislang für
diese Zeit nicht nachgewiesen sind, zu einer erfolgreichen Zahlendeutung füh-
ren?167 Phänomene erlauben verschiedene, aber mathematische äquivalente Be-

||
165 Als Beispiel von vielen vgl. den Hinweis zum Aufbau des Annoliedes bei Betz 1965, S. 39.
Weitere Hinweise finden sich in der bereits angeführten kritischen Forschungsliteratur, vgl. auch
Knab 1962.
166 Vgl. in diesem Zusammenhang z. B. den Hinweis bei Cordes 1967, S. 72/73, zu den im frühen
Mittelalter verfügbaren mathematischen Operationen im Gegensatz zu denen, die in Rathofers
Heliand-Untersuchung zur Ermittlung von Zahlenverhältnissen verwendet werden. – In einen
anderen Bereich fällt die mathematische Beschreibung einiger der maurischen Ornamente aus
der Alhambra bei Müller 1944 unter Anwendung der Gruppentheorie.
167 Einen Beleg für diese Fragestellungen liefert die Untersuchung Wilhelm Pötters zu dem
Canzoniere Petrarcas. Pötters kommt zu dem in jeder Hinsicht bemerkenswerten Resultat (hierzu
Id. 1984, insb. S. 400ff.; zu diesem Aufsatz auch die kritische Bermerkung bei Hellgardt 1990,
S. 140; vgl. zudem Pötters 1987, dazu Barber 1989), daß der Frage, wer „Laura“ sei, nicht nur die
Antwort, „Laura“ sei (die Zahl) π, zu geben ist, sondern daß Petrarca im Zuge einer, in seinem
Werk verborgenen, einen „geheimen Charakter“ tragenden Mathematik den (verschlüsselten)
Wert für die Zahl π liefere, dessen Genauigkeit erst wieder im 16. Jahrhundert erreicht wird –
sofern man bereit ist, der mathematikhistorischen Überlieferung zu folgen. Zu einem weiteren
Beispiel, das diese Zahl im Hinblick auf Dantes Divina Commedia behandelt, vgl. auch Hart 1988,
insb. S. 130ff., wo allerdings vorsichtiger formuliert wird.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 221

schreibungen, das heißt Beschreibungen, bei denen auf unterschiedliche mathe-


matische Beschreibungstheorien zurückgegriffen wird: Handelt es sich bei jeder
dieser äquivalenten Beschreibungen um eine zulässige Zuschreibung einer Ei-
genschaft an die entsprechenden Textphänomene?
Aus dem Beschreibungsproblem resultiert als zweites das Relevanzproblem:
Wann sind ermittelte Zahlenverhältnisse für die exemplifizierende Bedeutungs-
zuweisung aufschlußreich?168 Diese Frage betrifft die Beschränkung der Exempli-
fikation, auf die weiter unten zurückzukommen sein wird.169 Ein beeindrucken-
des Beispiel dafür, daß selbst bei Zahlzeichen die Anschließbarkeit unbegrenzt
zu sein scheint, läßt sich dem Hiobkommentar Moralia in Job Papst Gregor des
Großen entnehmen. Zu der Erwähnung, daß Hiob sieben Söhne zeugte (Hiob 1,
2), findet sich bei Gregor die Deutung: „die sieben Söhne Jobs werden moralisch
als die 7 Haupttugenden und allegorisch als die 12 Apostel erklärt, denn 7 sei 3 +
4, 12 aber 3 x 4.“170 Nicht selten wird es zudem mit der Genauigkeit der Anwen-
dung mathematischer Operationen auch nicht sonderlich genau genommen.171
Ausdeutungen kompositioneller Zahlenverhältnisse und numerischer Struk-
turen in ‚Textwelten‘ werden – wie bereits gesagt – keineswegs auf die antike o-
der mittelalterliche Literatur beschränkt.172 In den letzten Jahrzehnten nimmt die

||
168 Vgl. z. B. die Erörterung bei Ernst 1983, S. 319: „Fehlformen zahlensymbolischer Interpre-
tationspraxis in der Literaturwissenschaft [...] ohne Kenntnis der komplizierten mathematischen
und exegtisch-numerologischen Traditionen, ohne Rücksicht auf das künstlerische und weltan-
schauliche Profil des jeweiligen Autors und die Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen literari-
schen Gattungen [...] und ohne Verzahnung der Formanalyse mit einer abgesicherten Gehalts-
deutung sollten der Vergangenheit ebenso angehören wie ein modernistisch-rationalistischer
Deutungsskeptizismus, der sich unfähig erweist, die symbolischen Denkformen und Gestal-
tungsprinzipien des Mittelalters und der frühen Neuzeit historisch nachzuvollziehen.“ Ulrich
Ernst hat versucht, Zahlenausdeutungen auf Selbstaussagen des betreffenden Autors zu bezie-
hen, vgl. Id. 1975, S. 411ff.
169 Vgl. hierzu die drei Fragen, mit denen Ulrich Meyer in seiner kritischen Bestandsaufnahme
die zahlenorientierte Forschung zum Werk Johann Sebastian Bachs konfrontiert (Meyer 1979,
S. 64): Was wird gezählt? Wie wird gezählt? Worauf wird das Gezählte bezogen?, sowie die kri-
tischen Überlegungen S. 69‒71.
170 Altaner 1950, S. 419. Zu der Auslegung im Hiobkommentar vgl. die Einleitung zur französi-
schen Übersetzung Gillet 1952; allgemein zu Gregors Auffassung der Interpretation, insbes. zu
seiner Lehre des mehrfachen Schriftsinns Lubac 1959‒64, I.1, S. 171ff., sowie Hoffmann 1968
(dort zur zahlensymbolischen Ausdeutung S. 55‒63, ohne allerdings auf dieses Beispiel einzuge-
hen, ferner Cusack 1984).
171 So heißt es bei Grundmann 1927, S. 53, im Hinblick auf die Zahlenspekulationen Joachims
von Fiore: „Auf der Suche nach der Bedeutung wird die Rechnung als nebensächlich mißachtet.“
172 Nicht unerwartet ist auch Goethes berühmtes „Hexeneinmalseins“ (Faust, 2540‒2552:
„Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber [...]“) als bedeutungsträchtiges Zahlenrätsel interpretiert
222 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Zahl von Untersuchungen zu, die auch bei der jüngeren und gegenwärtigen Lite-
ratur auf Zahlenverhältnisse – fast immer verbunden mit in den Texten vorkom-
menden Zahlzeichen – im Zuge der exemplifizierenden Bedeutungszuweisung
zurückgreifen. Ein frühes Beispiel der Zahlenausdeutung bei einem modernen
Autor – die Drei-Zahl und ihr Vielfaches – findet sich zu Thomas Manns Roman
Lotte in Weimar.173 Auch hier mag der Hinweis auf wenige Beispiele zur Illustra-
tion genügen: auf Untersuchungen zu Baudelaires Le Fou et la Vénus und zu
Saint-John Perses Vents,174 zur Ausdeutung der Drei-Zahl in Apollinaires Werk,175
zu Hofmannsthals Das Märchen der 672. Nacht176 sowie zu Joyces Finnegans
Wake.177 Ein jüngeres Beispiel soll schließlich Konrad Bayers Text der vogel singt.
eine dichtungsmaschine in 571 bestandteilen sein,178 der auf einem „komplizierten
(mathematischen) konstruktionsprinzip“ beruhe.179 Den Höhepunkt bilden in
diesem Zusammenhang zweifellos literarische Texte, die ausschließlich aus Zah-
lenzusammenstellungen bestehen, wie etwa Kurt Schwitters’ Gedicht 25180 oder
die „Zahlentexte“ von Heinz Grappmayr.181 Nicht selten überbieten die der jünge-
ren Literatur gewidmeten Untersuchungen solche zur älteren Literatur hinsicht-
lich einer kaum zu entwirrenden (argumentativen) Verknüpfung kompositionel-
ler, textweltlicher und textuell erwähnter Zahlenverhältnisse bzw. Zahlen mit
Deutungssystemen – wobei nicht selten sich der lusus ingenii verselbständigt:182
Bedenkenlos wird in einem „naiven Deutungsüberschwang“183 aus dem Fundus
der sich angesammelten zahlensymbolischen Deutungssysteme geschöpft.184

||
worden, vgl. u. a. Streller 1957a, Binder 1980 mit weiteren Hinweisen. Zu Zahlen und Zahlenver-
hältnissen bei Goethe auch Binder 1969.
173 Vgl. Oesterreich 1951/52 (zu Manns Werk in diesem Zusammenhang auch Seidlin 1971, ferner
Zehnhoff 1978). – Zur Drei in der Literatur (Märchen) geht die Forschung schon auf Lehmann
1914 zurück.
174 Hardt 1980/81.
175 Heitmann 1968.
176 Vgl. Mathes 1982.
177 Vgl. die Hinweise bei DiBernard 1979.
178 Vgl. Bayer 1985, S. 135‒155.
179 Rühm 1977, S. 431. Vgl. hierzu auch Janetzki 1982, S. 112ff. – Weitere Hinweise finden sich
bei Heinritz 1990. – Es gibt gelegentlich Selbstäußerungen, die einen zahlenbestimmten Aufbau
beanspruchen (so etwa bei Queneau 1965, S. 20, zu Le Chiendent).
180 Vgl. hierzu Middleton 1968/69 (zu Zahlen bei Schwitters ferner Becker 1983).
181 Vgl. Gappmayr 1975.
182 Vgl. Anonym 1703a, S. 349.
183 Vgl. Ernst 1983, S. 319.
184 Als ein Beispiel unter vielen mag die Untersuchung des Gesamtwerks Kafkas bei Fischer
1985 dienen, in der die fortlaufende zahlenmystische Ausdeutung unter anderem auf der an kei-
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 223

Illustrieren lassen sich an der Forschung aber auch die verschiedenen Arten
von Eigenschaften, die bei der Exemplifikation herangezogen werden. So um-
stritten die verschiedenen Ausdeutungen auch sein mögen, die exemplifizie-
rende Bedeutungszuweisung im Anschluß an ermittelte numerische Eigenschaf-
ten von Texten oder vorliegenden Zahlzeichen beruht ebenso wie die An-
knüpfung an Buchstabenzeichen auf Texteigenschaften, bei denen – wenn über-
haupt – nur geringer Dissens hinsichtlich ihres Vorliegens besteht, ungleich grö-
ßerer allein hinsichtlich ihrer Relevanz. Bei Buchstabenzeichen – allerdings auch
bei Zahlzeichen185 – handelt es sich um nicht weniger elementare, aber auch nicht
weniger ausdeutbare Träger für einen exemplifizierenden Bedeutungstransfer,
auch wenn ein solcher Weg der Bedeutungszuweisung – zumindest was die jün-
gere Literatur betrifft – in der Gegenwart weniger Anhänger findet. Auch hier ge-
nügen wenige Hinweise.
Ein in seinem Aufbau vergleichsweise einfaches Beispiel stellt die interpreta-
torische Verknüpfung von Wörtern über ihren gemeinsamen Buchstabenbestand
dar. Es handelt sich dabei um Wörter, die verschiedene Möglichkeiten der Kom-
bination von Buchstaben darstellen. Der Bedeutungstransfer mittels Exemplifi-
kation erfolgt durch die Verknüpfung mit einem Deutungssystem, in das die im
Text nicht realisierte Buchstabenkombination eingebettet ist. Ein Beispiel von
vielen ist die Kombination der Buchstaben a, e und v, die zum einen Eva, zum
anderen Ave ergibt – ein Sachverhalt, der weitreichende Interpretationen veran-
laßt hat.186 Daß auch einzelne Buchstaben Eigenschaften besitzen können, die zu
ungeahnten Bedeutungsaufladung genutzt werden, belegt das der Allegorese des
Buchstabens O gewidmet Werk O Parasceuasticum von Théophile Raynaud.187

||
ner Stelle belegten Annahme beruht, Kafka habe außerordentliche theosophische, kabbalisti-
sche, freimaurerische, gnostische, hermetische und andere Kenntnisse dieser Art besessen.
Wenn Hans Schumacher im Geleitwort zu dieser Arbeit (S. 7) bemerkt, es handle sich um einen
„geschlossenen Versuch“, so konstatiert er – vermutlich contra intentionem – den Mangel der
Untersuchung.
185 Hierzu auch die Beobachtungen bei Rank 1912 sowie Hug-Hellmuth 1916, die zeigen, wie
grenzenlos die Möglichkeiten der Assoziation seinen können.
186 Zu literarischen Deutungsbeispielen aus der Mariendichtung vgl. u. a. die bei Tschirch
1966c, S. 232/33, angeführten Texte. Eine Anspielung findet sich auch in John Miltons Paradise
Lost, Buch V, Z. 385ff (dazu Madsen 1968) – Vgl. hierzu weiterhin unten Abschnitt III.2.
187 Vgl. Meier 1974, S. 433 („Exkurs“), dort genauere bibliographische Angaben. Christel Meier
erwähnt an derselben Stelle auch die Ausdeutungsgeschichte des Buchstabenzeichens Y (dazu
insb. Harms 1970, passim; auch Haberkamm 1991). Zu Buchstabenausdeutungen vgl. zudem die
Hinweise bei Mieses 1919, S. 402ff., oder die bei Kuhs 1982, S. 36ff. Vergleichbare Buchstaben-
ausdeutungen finden sich auch in jüngerer Zeit – etwa in Mallarmés Les mots anglais oder bei
Chlebnikov (vgl. u. a. Id. 1972, Bd. II, S. 323; 329f.; dazu auch Lauhus 1982).
224 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Weitere Beispiele für Buchstabenausdeutungen lassen sich leicht finden,188 und


nur ein einziges von den neueren sei kurz erwähnt: ein Gedicht von Johann Chris-
tian Günther, in dem sich ein Akrostichon der Angesprochenen „Anna Rosina
Langin“ findet. Im Zusammenhang mit einer Interpretationsfrage wurde vorge-
schlagen, die in dem Akrostichon vorkommenden Vokale nach den Merkbuch-
staben für die vier syllogistischen Aussageformen zusammenzustellen. Diese
wurden in der mittelalterlichen Logik zum einen aufgrund des Ausdrucks affirmo
mit dem Buchstaben a für die generelle affirmative, mit i für die partikulare affir-
mative Aussage, zum anderen aufgrund des Ausdrucks nego mit den Buchstaben
e für die generelle negative und o für die partikulare negative Aussage repräsen-
tiert. In dem Achrosticon versteckt sich mithin AAOIAAI – mithin bei einer ent-
sprechenden Deutung: „Ja, ja, mit Einschränkung nein, mit Einschränkung ja, ja,
ja, mit Einschränkung ja.“189
Von relativ leicht feststellbaren Buchstabenzeichen führt auch hier der Weg
der exemplifizierenden Bedeutungszuweisung nicht selten über Eigenschaften,
die Buchstabenzeichen zugesprochen werden, bei denen ein sehr viel geringerer
Konsens hinsichtlich der Zuschreibung vermutet werden kann. Das ist beispiels-
weise der Fall, wenn Buchstaben Farben als Eigenschaften metaphorice zuge-
sprochen werden wie in Arthur Rimbauds Gedicht Voyelles, das mit den Zeilen
beginnt:

A noir, E blanc, I rouge, U vert, O bleu, voyelles,


Je dirai quelque jour vos naissances latentes:
A, noir corset velu des mouches éclatantes
Qui bombinent autour des puanteurs cruelles,
[...].190

Und es gibt eine Reihe von Deutungen – etwa zu Gedichten Baudelaires –, denen
zufolge die Form (häufiger) verwendeter Buchstaben zugleich dem Text zugewie-
sene Bedeutungen exemplifizieren.191

||
188 Z. B. das Gedicht Li Abecés par ekivoche et li significations des lettres (bzw. La Senefiance de
lʼABC) von Huon le Roi de Cambrai (vgl. die Ausgabe bei Langfors [Hg.] 1913, S. 1‒15). Oder die
Deutungen, die noch Friedrich Ast den Buchstaben zukommen läßt (vgl. Id. 1808, §§ 5ff., S. 14ff.).
189 Vgl. Binder 1981, S. 122/23.
190 Rimbaud 1978, S. 106 [1869/71].
191 So etwa das S die welligen Haarlocken einer Frau, V die schlagenden Schwingen eines Vo-
gels, B ... usw. (vgl. Seaman 1970, S. 145ff.). – Komplizierter ist die Verbindung von sound pat-
terns, die etwa bei Gedichten exemplifiziert werden, mit Bedeutungen (vgl. hierzu Hrushovski
1980/81).
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 225

Zwar ist es nicht richtig, wenn Rimbaud meint: „J’inventai la coleur des vo-
yelles! [...]“,192 da sich schon bei August Wilhelm Schlegel eine vergleichbare Idee
findet, wenn er in seinen Betrachtungen über Metrik Vokale mit Farben des Re-
genbogens verknüpft,193 oder in Jacob Grimms Deutsche Grammatik, in der es
heißt: „in farben ausgedrückt ist A weiß, I roth, U schwarz, E gelb, O blau. orange
und violet scheinen prächtige diphtongen (ei, iu); ai wäre rosa, áu himmel-
blau.“194 Trotz gewisser Übereinstimmungen ändert das wenig an der Undurch-
sichtigkeit derartiger Zuschreibungen.195
Fragen der Akzeptanz der einem Text zugeschriebenen Eigenschaften bilden
den einen Problembereich bei der Exemplifikation, ein anderer wird durch Fra-
gen nach der Komplexität der Verknüpfung angesprochen, durch die verschie-
dene Arten von Eigenschaften zur exemplifizierenden Bedeutungszuweisung bei-
tragen. Auch hier soll zur Illustration der Hinweis auf eine Gruppe von Beispielen
genügen. Bei diesen Beispielen handelt es sich um die Interpretation von ‚Seh-
Gedichten‘,196 von Technopägnien und Gittergedichten, von Figuren- und Umriß-
gedichten, die in der Antike und im Mittelalter, in den carmina figurata und car-
mina centaurina197 etwa des 16. und 17. Jahrhunderts, nicht zuletzt auch in der
gegenwärtigen Literatur immer wieder anzutreffen sind.198 In der neueren Litera-
tur findet sich die Wiederbelebung von ‚Seh-Gedichten‘ etwa durch Stéphane

||
192 Rimbaud 1978, S. 298 [1873].
193 Vgl. Schlegel 1962, S. 199.
194 Grimm 1840, Anm.2, S. 33. Eine solche Zuordnung findet sich offenbar nicht in den beiden
früheren Ausgaben der Deutschen Grammatik von 1822 und 1819.
195 Zur parallelen Synästhesie vgl. Schrader 1969, Maur (Hg.) 1985, auch Gombrich 1960,
S. 406ff.
196 Zu dem von Ferdinand Kriwet eingeführten Ausdruck „Sehtext“ (versus „Hörtext“) vgl. Id.
1965.
197 Vgl. zur Bestimmung R. P. F. Paschasius à Sancto Joanne Evangelista, Poesis artificiosa,
Cum sibi Praefixa perfaci manuductione ad Pernassum [...]. Würzburg (1668) 1674, S. 144 (zit.
nach Ernst 1990a, Anm.4, S. 231): „Carmen Centaurinum, est, quando carmen ex multiplici car-
minum genere conficitur, inchoaturque à longioribus metris, ac desinit in breviora, vel vice
versâ.“ Zu diesem Werk auch Cook 1979, Anm.61, S. 15.
198 Vgl. – mit Hinweisen auch auf zeitenössische Literaturbeispiele – u. a. Liede 1963, II,
S. 190ff., Wojaczek 1969, S. 56ff., Massin 1970, S. 155‒244, Warnock/Folter 1970, Dencker 1972,
Seaman 1970, 1972, 1979 und 1981, Ernst 1976, 1982, 1984a, 1986, 1986a und Id. 1990a sowie die
die Darstellung des carmen figurata bis zum Ausgang des Mittelalters bei Ernst 1991a, Cook 1979,
Adler 1982 sowie der reich illustrierte Ausstellungskatalog Adler/Ernst 1987, Peignot 1978, Doria
1979, Reudenbach 1984 und Id. 1986, Higgins 1977, 1987 und 1989 (auch Id. 1979), Riha 1989, mit
Hinweisen zu Möglichkeiten der Einbettung in Deutungssysteme, z. B. über die Dreieckform. Ein
Gedicht von Claude Gillabod d’Arbois von 1592, das den Titel Pons asinorum trägt, exemplifiziert
226 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Mallarmés Un Coup de Dés,199 Arno Holzʼ Phantasus200 sowie Apollinaires Calli-


grammes201 – und zahlreich sind die Beispiele im Rahmen der Konkreten Poe-
sie.202 Die Interpretationen ‚optischer Dichtung‘ sind bei dem Rückgriff auf
Texteigenschaften mitunter von nicht geringerer Komplexität als die Argumenta-
tionen für die exemplifizierende Bedeutungszuweisung. Nicht selten kommt es
bei der Verbindung von Bezeichnung und Exemplifikation zu mißverständlichen
Formulierungen, die ihren gewollten oder ungewollten paradoxalen Charakter
allein dem Umstand verdanken, daß die Verwendung von (zumindest) zwei ver-
schiedenen Bedeutungsrelationen nicht durchschaut wird. So heißt es beispiels-
weise zu dem Kalligramm Aussi bien que les ciagles Apollinaires:

Since the picture of the insect is made up of words about it, it would be true to say that the
cicada is its meaning.203

Ein Grund für solche Formulierungen scheint darin zu liegen, daß sich diese Form
der Bedeutungszuweisung nicht nur auf unterschiedliche Arten von Eigenschaf-
ten stützt, die ein Text exemplifiziert, sondern auch auf verschiedene Muster ihrer
Verknüpfung.204
In dem Gedicht der Musenaltar des Dosiados von Kreta, das textgraphisch
die Umrisse eines Altarbildes besitzt, also die Form eines Altars exemplifiziert,
sprechen die ersten Zeilen zugleich von dem wiedergegebenen Altar, und zwar ex
negativo. Eine explizite Zahlerwähnung – die Zahl Neun –, die mit den neun Mu-
sen verknüpft wird und die implizite Anspielung auf die Zahl Drei, die einer ‚text-
weltliche‘ Strukturierung liefert, bieten den Ansatzpunkt für eine Reihe von Zah-
lenbeobachtungen am Text und am Altarbild. Allerdings erschließt sich ein Teil
dieser Beobachtungen – und die ihnen zugewiesenen Deutungen – erst dann,

||
eine geometrische Darstellung des pythagoreischen Lehrsatzes (vgl. Massin 1970, Abb. 750, zur
Identifizierung des Textes S. 276, auch Peignot 1978, S. 61)
199 Vgl. u. a. Cohn 1951 (zu Mallarmé ferner Id. 1965), Bruns 1969.
200 Dazu auch Brandsteller 1966.
201 Zur Frühgeschichte der visuellen Poesie vgl. auch Bohn 1986.
202 Vgl. hierzu u. a. mit Beispielen, aber auch theoretischen Erörterungen Garnier 1968,
Schmidt 1968, der in diesem Zusammenhang von einer Radkalisisierung der „Verdinglichung
der Sprachmaterialität“ (S. 292) spricht, ferner Beiträge in Schmidt (Hg.) 1972, sowie Curtay 1974,
Kessler 1976.
203 Marrow 1968, S. 296.
204 Solche Konfusionen finden sich nicht allein bei Bildgedichten; ein Beispiel, an dem sich die
Probleme dieser Verknüpfungen durchgehend studieren läßt, bietet Werner Hamachers Inter-
pretation von Kleists Das Erdbeben in Chili (vgl. Id. 1985).
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 227

wenn die Anzahl der Gedichtzeilen Beachtung findet. Diese beträgt zwar sechs-
undzwanzig, aber wenn ein Akrostichon gebildet und als weiterer Vers hinzu-
zählt wird, dann ist eine Zahl gewonnen, die mehr als nur die Multiplikation von
drei und neun befriedigt. Diese Hinweise, die einen kleinen Ausschnitt der Be-
obachtungen und Deutungen zum Musenalter bilden,205 sollen genügen, um das
Ineinandergreifen verschiedener Arten von Texteigenschaften bei der auf exemp-
lifizierender Bedeutungszuweisung beruhenden Interpretationen zu illustrieren.
Die verschiedenartigen Beispiele der Interpretation von Texten, bei denen
auf exemplifizierte Eigenschaften zurückgegriffen wird, vermögen die Relevanz
dieser Form der Bedeutungszuweisung bei der Interpretation zu belegen und an
ihnen ließen sich eine Reihe zentraler Aspekte der exemplifizierenden Bedeu-
tungszuweisung – nicht zuletzt im Zusammenspiel mit der über Bezeichnung –
illustrieren. Im Anschluß hieran soll im Weiteren die Beziehung zwischen exemp-
lifizierender und bezeichnungsrelationaler Bedeutungszuweisung sowie Arten
der Exemplifikation näher bestimmt werden. Dabei werden eine Reihe von Fra-
gen zu klären versucht: Wann ein Text Eigenschaften, die ihm zugeschrieben wer-
den, auch exemplifiziert, wie es um die Priorität der bezeichnungsrelationalen
Bedeutungszuweisung und um die Eigenständigkeit der exemplifizierenden be-
stellt ist, und schließlich wie Formen des Bedeutungstransfers und der Bedeu-
tungsentlehnung charakterisiert sind.
(i) Entsprechend der Unterscheidung, ob die Exemplifikation sich auf bedeu-
tungsbelegte oder bedeutungsunbelegte Eigenschaften eines Textes in den illust-
rierenden Beispielen bezieht, lassen sich zwei Formen der Exemplifikation unter-
scheiden: Zum einen die einfache Exemplifikation, die als Ex(x1, x2) wiedergeben
werden kann; zum anderen die verknüpfende Exemplifikation, die sich als Ex(<x1,
x2>, x3) darstellen läßt. Bei der verknüpfenden Exemplifikation liegt bereits eine
Bedeutungszuweisung x2 an x1 vor, also Bz(x1, x2) als Bd(x1, x2).206 Neben diesen
beiden Formen der Exemplifikation kann die exemplifizierende Bedeutungszu-
weisung aus unterschiedlich aufgebauten Anwendungsketten von Bezeichnungs-
und Exemplifikationsrelationen bestehen.
Die exemplifizierende Bedeutungszuweisung an Zeichenfolgen, die eine Be-
zeichnungsrelation nicht erfüllen, ist im einfachsten Fall wie folgt aufgebaut:

||
205 Vgl. zur Interpretation Wojaczek 1969, S. 112ff., sowie Ernst 1984, S. 310‒315.
206 Die oben angesprochenen Überlegungen Roland Barthes’ zum Konnotationsbegriff ließen
sich auch als Beispiel für eine verknüpfte, also bedeutungsbezogene Exemplifikation deuten.
Vgl. Formulierungen wie (Barthes 1964, S. 76/77): „[D]ie Gesamtheit der französischen Mitteilun-
gen verweist zum Beispiel auf das Signifikat ‚Französisch‘; ein Werk kann auf das Signifikat ‚Li-
teratur‘ verweisen; [...].“
228 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

(7) Eई (x1, x2) ‫ ן‬Bz(x2, x3)

Die Bedeutungszuweisung etwa anhand von Interpretationsschemata erfordert


im einfachsten Fall demgegenüber die folgende Relationskette:

(8) Bz(x1, x2) ‫ ן‬Bई (<x1, x2>, x3) ‫ ן‬Bz(x3, x4)

Unterschiedliche Schemata, die einem Text als Bedeutungen zugewiesen werden,


beruhen auf einer Anwendungskette, die im einfachsten Fall wie folgt strukturiert
ist:

(9) Bz(x1, x2) ‫ ן‬Eई (<x1, x2>, x3) ‫ ן‬Bz(x3, x4) //


Bz(x1, x2) ‫ ן‬Eई (<x1, x2>, x5) ‫ ן‬Bz(x5, x6)

Verknüpfende Schemata besitzen – wiederum im einfachsten Fall – eine Relati-


onskette, die aus zwei aufeinander folgenden Exemplifikationen bestehen:

(10) Bz(x1, x2) ‫ ן‬Eई (<x1, x2>, x3) ‫ ן‬Bz(x3, x4)


‫ ן‬Eई (<x3, x4>, x5) ‫ ן‬Bz(x5, x6)

Als letzte Möglichkeit sei erwähnt,207 daß Exemplifikationen auch direkt, also
ohne eine vorgeschaltete Bezeichnungsrelation, aufeinander folgen können –
wie etwa in dem imaginierten pilt-Beispiel. Der einfachste Fall hierfür ist:

(11) Eई (x1, x2) ‫ ן‬Eई (x2, x3) ‫ ן‬Bz(x3, x4)

(ii) Ob ein (literarischer) Text Eigenschaften, die er besitzt, auch exemplifiziert,


hängt davon ab, ob er sich auf diese Eigenschaften bezieht. Bei Goodman heißt
es in diesem Sinn:

Exemplification is not mere possession of a feature but requires also reference to that fea-
ture; such reference is what distinguishes the exemplified from the merely possessed fea-
tures. Exemplification is thus a certain subrelation of the converse of denotation, distin-
guished through a return reference to denoter by denoted.208

||
207 Vgl. ferner – im Zusammenhang mit der analogischen Bedeutungsrelation – Abschnitt III.2.
208 Goodman 1981/82, S. 125; vgl. auch Id. 1968.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 229

Es ist allerdings alles andere als klar, wann ein Text sich auf eine Eigenschaft, die
er besitzt, auch bezieht209 – eine Frage, die für Goodman von nur geringem Inter-
esse ist, denn wie er betont:

I am concerned [...] with the various relationships that may obtain between a term or other
sign or symbol and what it refers to, not with how such relationships are established. [...]
My subject is the nature and varieties of reference regardless of how or when or why or by
whom that reference is effected.210

Eine mögliche Explikation, die allerdings intuitiv als wesentlich zu einschrän-


kend gelten kann, besteht in der Annahme, daß Texte nur solche Eigenschaften
exemplifizieren können, die sie – wie oben anhand von Beispielen illustriert wird
– (direkt) thematisieren (bzw. ‚denotieren‘).211
Solange die Frage nach den Eigenschaften, die ein Text exemplifiziert, nicht
anhand einer Bezeichnungsrelation beantwortet wird oder werden kann, läßt
sich in der Exemplifikation eine eigenständige Relation sehen, die nicht auf eine
Bezeichnungsrelation reduziert werden kann. Exemplifikationsrelationen gehö-
ren – ebenso wie Bezeichnungsrelationen – zu den Kandidaten, die im Rahmen
einer Bedeutungskonzeption zu Bedeutungsrelationen erklärt werden. Damit ist
die eingangs gestellte Frage nach der Identifikation von Bedeutungsrelationen
als Bezeichnungsrelationen beantwortet: Es gibt neben den Bezeichnungsrelati-
onen zumindest einen weiteren Relationstyp, der in einer Bedeutungskonzeption
berücksichtigt sein kann. Ein Text kann mithin mehr bedeuten als bezeichnen.
Inwieweit ein Text sich auf bestimmte seiner Eigenschaften auch bezieht, so
daß er sie exemplifiziert, ist demnach von der gewählten Exemplifikationsrela-
tion und den kontingenten Gegebenheiten, die nach ihr von Belang sind, abhän-
gig. Von einer solchen Exemplifikationsrelation ist – ebenso wie von einer Be-
zeichnungsrelation212 – zu erwarten, daß sie einschränkend ist. Es finden sich
kaum Erörterungen dieses Problems – und wenn, dann sind sie auf spezielle For-
men der Exemplifikation zugeschnitten wie etwa Michael Riffaterres Konzept der
„Wahrnehmbarkeit von Textkomponenten.“213 Unabhängig von dem Versuch, zu

||
209 Darauf verweist u. a. auch Barrett 1971, S. 191/92.
210 Id. 1981/82, S. 121.
211 Bei Peltz 1972, S. 81, wird der (wenig überzeugende) Versuch unternommen, „refer“ als eine
Art des (metaphorischen) Denotierens zu deuten.
212 Vgl. Abschnitt II.2.
213 Vgl. Riffaterre 1971, S. 206ff. Riffaterre betont die Einschränkung am Beispiel einer Interpre-
tation von Jean Ricardou, bei der mit Hilfe von Buchstabenhervorhebungen und Buchstaben-
kombinationen bestimmte Zeichensequenzen ausgezeichnet werden. Von Riffaterre wird aller-
dings sein Prinzip der Wahrnehmbarkeit nicht zufriedenstellend geklärt.
230 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

einer Differenzierung von Exemplifikationsrelationen zu gelangen – nämlich


über die Art ihrer Einschränkung –, wird diese Forderung allein schon durch die
bisherigen Überlegungen und Illustrationen nahegelegt: Ein Text kann jede ihm
zugesprochene Eigenschaft (und nicht nur solche seines sprachlichen Textträ-
gers) exemplifizieren – darüber hinaus kann er bei Eigenschaften, die er nicht
besitzt, bzw. die ihm abgesprochen werden, ihr Nichtvorhandensein exemplifi-
zieren.
Schließlich kann es zahlreiche weitere Gründe geben, die für eine Einschrän-
kung der Exemplifikationsleistungen von Texten sprechen. Ein Beispiel mag
auch hier genügen. Eugen Gomringers Bildgedicht simultan/sukzessiv besitzt im
Zentrum ein Viereck, dessen Kanten durch eine entsprechende Anzahl von simul-
tan-Ausdrücken gebildet wird. An dieses Viereck schließen sich offene Vierecke
an, denen jeweils eine Kante fehlt. Sie sind in gleicher Weise aus den Ausdrücken
‚sukzessive‘ – zwei Kanten, deren Knoten jeweils mit einem der Knoten des zent-
ralen Vierecks identisch ist – und ‚simultan‘ – eine Kante – gebildet. Monika
Schmitz-Emans sieht in diesem Gedicht einen Verweis „[a]uf die Dialektik zwi-
schen Zeitlichkeit und Simultaneität“ und für sie finden sich die Ausdrücke ‚si-
multan‘ und ‚sukzessiv‘ in der „Anordnung eines Gitters, eines Koordinatennet-
zes“.214
Schon bei oberflächlicher Betrachtung läßt sich dieses ‚Gitter‘ indes auch so
beschreiben, daß es aus vier Hakenkreuzen zusammengesetzt ist, denen jeweils
genau einer der vier Haken fehlt. Das ganze ‚Gitter‘ stellt ein Hakenkreuz dar,
dessen Kreuzlinien verdoppelt sind. Ohne Schwierigkeiten ließe sich von diesem
Befund an das Verbot des öffentlichen Zeigens nationalsozialistischer Zeichen
und die diversen Versuche anknüpfen, diesem Verbot durch Abwandlung dieser
Zeichen zu entgehen. Die Anfangsbuchstaben der beiden Ausdrücke, aus denen
dieses Hakenkreuz aufgebaut ist, lassen sich offensichtlich in Zusammenhang
mit dem Nationalsozialismus bringen (zumal dieses Buchstabenspiel in der Nach-
kriegsliteratur keineswegs neu ist). Gerade weil hier nicht beansprucht wird, den
Ansatz für eine (angemessene) Interpretation zu Gomringers simultan/sukzessiv
zu geben, wird deutlich, daß die Exemplifikation einzuschränken ist.
Während für alle Exemplifikationsrelationen zusammengenommen gilt, daß
ein Text jede ihm zugesprochene Eigenschaft exemplifizieren kann, stößt jede
einzelne von ihnen an eine Grenze, durch die zwar verhindert wird, daß nach der
jeweiligen Exemplifikationsrelation ein Text jede Eigenschaft, die er besitzt, auch
exemplifiziert, bei der aber unbestimmt bleibt, wo diese Grenze verläuft. Ein Text
kann zwar jede Eigenschaft, die ihm zugeschrieben wird, exemplifizieren, aber

||
214 Schmitz-Emans 1991, S. 31; Gomringers Gedicht ist dort S. 32 abgebildet.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 231

nicht alle zugleich bzw. nicht alle im Hinblick auf eine bestimmte Exemplifikati-
onsrelation. Der Grund liegt darin, daß die Exemplifikation über den jeweiligen
Text hinausweist. Wenn jedoch alle Eigenschaften eines Textes zugleich als
exemplifizierend aufgefaßt werden, dann exemplifiziert der Text allein sich
selbst.
(iii) Exemplifikationsrelationen sind nicht generell auf Bezeichnungsrelatio-
nen reduzierbar, auch wenn dies bei einigen Exemplifikationsrelationen der Fall
sein mag. Exemplifikationsrelationen können gegenüber Bezeichnungsrelatio-
nen aber nicht nur eigenständig sein, sie besitzen im Hinblick auf den Aufbau ei-
ner Bedeutungskonzeption zudem gleiche Priorität. Nach dem Kriterium für den
Prioritätsrang heißt das: Die Anwendung einer Exemplifikationsrelation auf eine
Zeichenfolge setzt nicht zwangsläufig die (vorgängige) Erfüllung einer Bezeich-
nungsrelation durch dieselbe Zeichenfolge voraus. Daraus folgt: Wenn eine
Exemplifikationsrelation im Zuge einer Bedeutungskonzeption als Bedeutungs-
relation angesehen wird, dann läßt sich einer Zeichenfolge, der auf der Grundlage
einer Bezeichnungsrelation keine Bedeutung zugewiesen werden kann, unter
Umständen Bedeutung mittels Exemplifikation zuweisen. Nicht jede Eigen-
schaft, die ein Text besitzt, exemplifiziert er; aber auch nicht jede Eigenschaft, die
er exemplifiziert, muß herangezogen werden, um ihm Bedeutung zuzuweisen.
Das heißt: Ein Text kann nicht nur mehr bedeuten, als er exemplifiziert, sondern
er kann auch mehr exemplifizieren, als er bedeutet.
Wie bereits gesagt: Durch die gewählte Bedeutungskonzeption werden Rela-
tionen als Bedeutungsrelationen ausgezeichnet. Das kann zur Konsequenz ha-
ben, daß eine Zeichenfolge im Hinblick auf eine gewählte Bedeutungskonzeption
keine der in ihr vorgesehenen Bezeichnungsrelationen erfüllt und sie stattdessen
Bedeutung über Exemplifikation zugesprochen erhält, während zugleich eine Be-
zeichnungsrelation vorliegt, die durch diese Zeichenfolge erfüllt wird und an-
hand der ihr – wenn auch im Rahmen einer anderen Bedeutungskonzeption –
(dieselbe oder eine andere) Bedeutung zugewiesen werden kann. Zur Illustration
dieser Konsequenz können Goodmans eigene Auffassungen dienen.
Nach Goodmans zur Bedeutungsrelation erhobenen Bezeichnungsrelation
erfüllt der herkömmliche Ausdruck „Pegasus“215 diese nicht; Bedeutung indes
kann ihm (im Rahmen von Goodmans Bedeutungskonzeption) über Exemplifika-
tion zugewiesen werden. Nun lassen sich nicht von vornherein Bezeichnungsrela-

||
215 Das heißt der Ausdruck, der in der im System der griechischen Mythologie Verwendung fin-
det: also das aus dem Blut der Medusa entsprungene, von Bellerophon eingefangene und ge-
zähmte, mit Flügeln versehene Pferd usw. (zu Aspekten der Überlieferung vgl. Hiller 1973).
232 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

tionen als Bedeutungsrelationen ausschließen, die durch „Pegasus“ erfüllt wer-


den – und in der Tat gibt es solche. Entscheidend indes ist die Frage, wann Be-
zeichnungsrelationen dieser Art als akzeptable Bedeutungsrelationen gelten.
Und ebenso zweifellos werden sie das nicht sein, sofern sie den Anforderungen
unterstellt werden, denen eine Bezeichnungsrelation im Rahmen von Goodmans
Bedeutungskonzeption zu genügen hat, um als Bedeutungsrelation Anerkennung
zu finden.216 Damit wird das Augenmerk auf die Frage nach den Bedingungen der
Wahl einer Bedeutungskonzeption gerichtet. Diese Frage wird an späterer Stelle
wieder aufgenommen.217
Ob ein (literarischer) Text bestimmte Annahmen, mit denen er über ver-
knüpfte Phänomene oder einbettende Deutungssysteme verbunden wird, de-
monstriert, hängt davon ab, ob er bestimmte Eigenschaften exemplifiziert und daß
er sich mit dieser Exemplifikation zudem auf die Annahmen, die mit den exempli-
fizierten Eigenschaften verbunden werden, bezieht. Ebenso wie es erforderlich
ist, daß es Grenzen für die bei der Bedeutungszuweisung (relevanten) exemplifi-
zierten Eigenschaften gibt, besteht die Forderung, Grenzen für die durch exempli-
fizierte Eigenschaften demonstrierten Annahmen zu ziehen. Bei der Demonstra-
tion bestehen (in der Regel) noch größere Freiheitsgrade als bei der
Exemplifikation alleingenommen.
Der Grund für die Forderung nach einer Grenzziehung bei der Demonstration
ist allerdings nicht die Selbstexemplifikation bzw. die Selbstdemonstration. Un-
ter bestimmten Voraussetzungen kann ein und derselbe Text nicht widerspre-
chende Eigenschaften exemplifizieren. Diese Voraussetzungen reichen indes
nicht aus, damit der Text nicht widersprechende Annahmen zu demonstrieren
vermag. Das läßt sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Die vielleicht unproble-
matischste besteht darin, die Voraussetzung dafür, daß ein Text nicht widerspre-
chende Eigenschaft exemplifiziert, in dem Rückgriff auf ein Beschreibungssystem
zu sehen, das nicht widersprüchlich ist. Die Voraussetzung eines solchen nicht
widersprüchlichen Beschreibungssystems für die Beschreibung der Eigenschaf-
ten, die ein Text zu exemplifizieren vermag, reicht offenbar als Voraussetzung
nicht aus, damit der Text nicht widersprüchliche Annahmen, die auf der Exemp-
lifikation von Eigenschaften beruhen, demonstrieren kann.

||
216 Zu Goodmans Bedeutungskonzeption vgl. insb. Id. 1949 und 1953. Zur kritischen Erörterung
verschiedener Aspekte dieser Bedeutungskonzeption vgl. u. a. Brinton 1973, Root 1977 (dazu Cre-
ath 1977 und Goodman 1977), Eberle 1978, Hendry 1980.
217 Vgl. Kapitel VI.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 233

Auch wenn anhand der Erörterung der Exemplifikation deutlich wird, daß
keine Eigenschaft eines Textes von vornherein als irrelevant ausgeschlossen wer-
den kann, so heißt das weder, daß alle Eigenschaften eines Textes bedeutungs-
tragend, noch, daß alle Eigenschaften eines Textes als relevant anzusehen sind.
Die erste Annahme als Bestandteil einer Bedeutungskonzeption hat – wie sich mit
Hilfe der Exemplifikation zeigen läßt – zur Konsequenz, daß alle Textvorkomm-
nisse zwangsläufig bedeutungsverschieden sind, und das hat einen texttheoreti-
schen Individualismus zur Konsequenz.218
(iv) Schließlich lassen sich anhand der illustrierenden Beispiele verschie-
dene Formen der Bedeutungsentlehnung und des Bedeutungstransfers bei der
exemplifizierenden Bedeutungszuweisung unterscheiden:
Zur ersten Gruppe gehören Eigenschaften eines Textes, aus denen mit Hilfe
bestimmter Operationen komplexe Eigenschaften gebildet werden, die der Text
exemplifiziert und die nach einer Bezeichnungsrelation etwas bezeichnen, das
der Text nach derselben Bezeichnungsrelation ohne die unternommenen Opera-
tionen nicht bezeichnet. Erörterte Beispiele sind die verschiedenen Arten des Ak-
rostichons, aber auch des Anagramms oder der „Labyrinthe aus Lettern“,219 und
es gehört hierher auch die kombinierende Lektüre von Raymond Queneaus Cent
Mille Milliards Poèmes.220
Die zur zweiten Gruppe gehörenden Ausdrücke bezeichnen Eigenschaften ei-
nes Textes, ohne daß das, was diese Ausdrücke bezeichnen, zu Bedeutungen des
Textes wird. Erst durch die Einbettung in Deutungssysteme oder durch die Ver-
knüpfung mit extratextuellen Phänomenen wird eine Verbindung hergestellt, auf
deren Grundlage es zu einem Bedeutungstransfer oder zu einer Bedeutungsent-
lehnung kommt. Erörterte Beispiele für die erste Variante sind Abecedarien, für
beide Varianten könne es zahlenkompositorische Verhältnisse, vorkommende
Zahlzeichen oder numerische Strukturierungen der ‚Textwelt‘ sein. Damit ist die
Spannbreite der Beispiele jedoch noch nicht erschöpft. So schreibt Ernst Behler
an Maurice Blanchot anknüpfend im Hinblick auf den fragmentarischen Stil bei
Nietzsche:221

||
218 Vgl. Abschnitt II.1.
219 Vgl. Ernst 1990. Dort auch Beispiele für Texte, bei denen die Leserichtung auf verschiedene
Weise geändert werden kann und auf diese Weise sowie durch Permutation neue Zeichenkom-
binationen gebildet werden; vgl. auch Ernst 1985. – Jandls Gedicht stunden (in Id. 1979, S. 14)
läßt sich von oben nach unten und teilweise auch von unten nach oben lesen. Nur hingewiesen
zu werden, braucht auf die ‚unorthodoxen‘ Leseanleitungen, die Schriftsteller mitunter selbst
geben, so etwa Julio Cortázar in dem ‚Wegweiser‘ zu seinem Buch Rayuela.
220 Vgl. zu einer Übersetzung Queneau 1984.
221 Vgl. Blanchot 1969.
234 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Fragmentarisches Schreiben ist zunächst Zurückweisung eines Systems, Leidenschaft für


das Unvollständige, Gedankenreise. Es ignoriert Selbstgenügsamkeit, und wenn dieses
Schreiben in den Bereich des Fragmentarischen eintritt, akzeptiert es das Risiko eines Den-
kens, das keine Einheit mehr garantiert. Fragmentarisches Schreiben ignoriert ebenfalls Wi-
derspruch oder, positiv gesprochen, es bringt die Vielheit zum Ausdruck – aber nicht auf
dialektische Weise, sondern in der grenzenlosen Art der Differenz ist eine eigenartige Form
von Pluralismus, weder Vielheit noch Einheit [...].222

So leicht wie derartige Zuschreibungen aus der Feder zu fließen scheinen, so


schwer ist es nachzuvollziehen, auf welchen komplizierten Exemplifikationen
solche interpretierenden Verknüpfungen gegründet sind.
In der dritten Gruppe werden bedeutungsbelegte Eigenschaften von Texten
durch Interpretationsschemata zusammengefaßt. Texte können historisch vorge-
gebene Schemata – in der oben erläuterten Weise – erfüllen, aber auch abwan-
deln. Die Bedeutungszuweisung über Exemplifikation besteht darin, daß eine
Reihe von Bedeutungszügen eines Textes so identifiziert wird, daß sie Interpreta-
tionsschemata in bestimmter Weise erfüllt. Mitunter dient die Konfrontation des
Textes mit Interpretationsschemata lediglich der Eingrenzung der Teile des Tex-
tes, die als zentral oder besonders bedeutsam angesehen werden und die auf
diese Weise zum Prüfstein für die Interpretationen werden.
Eine vierte Gruppe von Eigenschaften eines Textes umfaßt Ausdrücke, die per
definitionem eine Art Überschußgehalt besitzen. Sie verbinden den Text mit wei-
teren Texten und erlauben auf diese Weise, diesem Text über Eigenschaften, die
an ihm nicht direkt feststellbar sind, Bedeutungen zuzuweisen, oder ihn über den
Kontext, in den er durch die Anwendung derartiger Ausdrücke gestellt wird, re-
lationale Eigenschaften zuzuordnen, die die Grundlage für eine verknüpfende
Bedeutungszuweisung bieten. Beispiele hierfür sind zum einen Epochen-,223 zum
anderen Gattungsbezeichnungen.224 Daß die Zuweisung etwa einer Gattungsbe-
zeichnung einen Überschußgehalt gegenüber den Eigenschaften besitzt, die am

||
222 Behler 1988, S. 26.
223 Zur Charakterisierung von Epochenbezeichnungen vgl. Danneberg 1991a. – Bei Spinner
1977, S. 152, heißt es: „Die Sinndeutung von Epochenstilen stellt gerade ein besonders prägnan-
tes Beispiel für eine in der Rezeption hergestellte Konkretisation dar, bei der die sinntragende
Einheit erst entsteht. Elemente verschiedener Texte werden zu übertextlichen Zeichen Stil kom-
biniert und dieses wird als sinnhaftes verstanden.“ Zur Diskussion von Epochenbegriffen, bei
der die Probleme ihres eigentümlichen Charakters oftmals nicht erkannt werden, vgl. u. a. Her-
mand 1966, Id. 1976; zu Aspekten der Kritik (am Beispiel insbesondere des Epochenbegriffs der
Romantik) Gaier 1987.
224 Als ein in vieler Hinsicht typisches Beispiel vgl. die Charakterisierung von Edgar Allen Poes
The Murders in the Rue Morgue als erste Detektiverzählung. Eine solche Gattungszuschreibung
ist – wie in den meisten Fällen – umstritten; die Erzählung erfüllt u. a. auch Eigenschaften, die
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 235

Text zu ihrer Anwendung herangezogen werden, läßt sich an einem einfachen


Beispiel veranschaulichen. Angenommen, in einem vorliegenden Text treten die
Buchstaben X und Y nicht auf. Dieser Befund kann dazu dienen, in dem Text ein
Lipogramm zu sehen.225 Anhand welcher Annahmen auch immer der lipogram-
matische Charakter des Textes begründet wird – etwa anhand der statistischen
Häufigkeit des Auftretens von Buchstaben (im Hinblick auf einen bestimmten mi-
nimalen Umfang eines Textes) im Rahmen einer Bezugssprache oder anhand von
Informationen über die Absicht des Autors – die Klassifikation eines Textes als
Lipogramm besagt mehr als der Hinweis auf bestimmte fehlende Buchstaben.226
Wie Bezeichnungen, die im genannten Sinn einen Überschußgehalt besitzen,
anhand von Textinterpretationen gebildet werden und welche Rolle sie selbst bei
Textinterpretationen spielen, hat bislang nur geringe Aufmerksamkeit gefun-
den.227 Zu den Ausnahmen gehört neben August Boeckh, der der Gattungszuwei-
sung als „generische Interpretation“ einen Platz in seiner Hermeneutik einge-
räumt hat,228 vor allem E. D. Hirsch229 – und unter den neueren Untersuchungen
die Wolfgang Raibles:

||
es erlauben, sie zu den späten contes philosophiques zu rechnen (vgl. zu dem Problem der Gat-
tungszuordnung im vorliegenden Fall u. a. Boileau/Narcejac 1964; S. 17ff., Reinert 1973, S. 59ff.,
Buchloh/Becher 1973, S. 34ff., Schulz-Buschhaus 1975, S. 6ff., Kesting 1978). – Daß bei der Gat-
tungszuweisung auf unterschiedliche Merkmalsdimensionen zurückgegriffen werden kann, die
nicht alle auf Exemplifikation beruhen, wird durch die Aufzählung bei Raible 1980, S. 342‒346,
deutlich, wo sechs solcher Dimensionen unterschieden werden.
225 Zum Lipogramm vgl. Liede 1963, II, S. 90ff., Helmlé 1977, Riha 1980a.
226 Das Fehlen von Buchstaben kann – als exemplifizierte Eigenschaft eines Textes – darüber
hinaus ausgedeutet werden. Ein Beispiel hierfür ist die Deutung bei Motte 1984, Kap. III, des
fehlenden Buchstabens e in Georges Perecs ingeniösem Roman La Disparation, nämlich als Aus-
druck der fehlenden Eltern Perecs während des Krieges – denn das e sei im Fanzösischen so
lebenswichtig wie die Eltern für ein Kind.
227 Vgl. als repräsentative Arbeiten zur Gattungsproblematik, die diese Behauptung stützen,
u. a. Hempfer 1973, Genette 1977, Fowler 1982, ferner die einschlägigen Beiträge in den zahlrei-
chen Sammelbänden wie etwa Hinck (Hg.) 1977, Strelka (Hg.) 1978, Wagenknecht (Hg.) 1989,
Lamping/Weber (Hg.) 1990.
228 Vgl. Boeckh 1886, S. 140‒168. Zu Boeckhs Genre-Konzeption auch Danz 1982, S. 152ff.
229 Vgl. seine Überlegungen zur „Genre“-Konzeption (Id. 1967, S. 93ff.); dazu auch Hempfer
1973, S. 92ff.; ferner Osborne 1982, wo es u. a. heißt (S. 24): „Genre is more than a means of clas-
sifying literary types; it is an epistemological tool for unlocking meaning in individual texts.“
Der Begriff des Genres selbst ist bei Hirsch allerdings nicht frei von Unklarheiten. – Wie Hesel-
haus 1957, S. 279, hervorhebt, ist die „Vorfrage“ nach der Gattung „von unschätzbarem heuri-
stischen Wert“.
236 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Ein Werk als Exemplar einer Gattung sehen heißt es in eine Reihe von Werken stellen, die
analog zu einem Präzedenzfall sind. [...] Die Zusatzinformation, die ein Werk als Exemplar
einer Gattung gibt, lenkt die – immer noch sehr großen – Interpretationsmöglichkeiten und
schränkt sie ein.230

Zum Abschluß soll der Blick erneut auf die Diskussion der Gleichwertigkeit von
Textvorkommnissen gerichtet werden.231 Im Zuge der Erörterung von Exemplifi-
kationen wurde deutlich, daß sich keine Eigenschaft des Textträgers von vornhe-
rein als irrelevant aussondern läßt; zugleich besitzt die Annahme, alle Eigen-
schaften eines Textträgers seien interpretationsrelevant, insbesondere bedeu-
tungsdifferenzierend, intuitiv unplausible Konsequenzen für das Interpretie-
ren.232 Betroffen ist hiervon die Annahme über die Gleichwertigkeit von Zeichen-
vorkommnissen, die einem ‚Zeichentyp‘ zugeordnet werden, selbst wenn sie nicht
unerheblich voneinander differieren. Die Überlegungen zur Exemplifikation be-
stärken die Vermutung, daß selbst zwischen Schriftarten Unterschiede bestehen,
die für die Bedeutungszuweisung relevant sein können. Das heißt aber auch, daß
sie – bei einer entsprechenden Bedeutungskonzeption – als Eigenschaften einge-
stuft werden, die bei der Stellvertretung eines Textvorkommnisses durch ein
Textexemplar zu bewahren sind.233
Aber nicht allein das Druckbild, auch die Verteilung und Gestaltung der ty-
pographischen Elemente eines Textes lassen sich für eine Bedeutungszuweisung
heranziehen: Die Verhältnisse zwischen unbedruckten und bedruckten Teilen
vermögen ebenso wie die vorhandenen Zeichen zu exemplifizieren.234 Selbst die
Aufteilung von Abschnitten anhand bestimmter Zeichen, etwa Paragraphen-Zei-
chen oder arabischen Zahlzeichen, auch wenn sie abschnittgetreu bleiben,
braucht für die Interpretation nicht irrelevant zu sein. Eine Illustration hierfür

||
230 Raible 1980, S. 334. – In dem Forschungsbericht bei Stolz 1990 werden Gattungsklassifika-
tionen zwar auch als heuristisch aufgefaßt (S. 226), doch bleibt diese Art der Begriffsbildung in
der Literaturwissenschaft weithin ungeklärt. Es fehlt zudem eine Erörterung der Verbindung mit
der Interpretation.
231 Vgl. Abschnitt II.1.
232 Zur Unterscheidung zwischen interpretationsrelevant und bedeutungsdifferenzierend vgl.
Abschnitt II.1.
233 In dem Manifest Der Buchstabe als solcher fordern Velimir Chlebnikov und Aleksej Kruce-
nych das handgeschriebene Gedicht (vgl. Id. 1913). Vgl. ferner Dachy 1985. Ein weiteres Beispiel
ist die Druckgestaltung bei Hamanns Aesthetica in nuce (vgl. hierzu die Bemerkung des Heraus-
gebers und Kommentators Sven-Aage Sörensen in Hamann 1762, S. 150).
234 Zu einer Reihe von Beispielen, durch die die verschiedenen angesprochenen Aspekte sich
illustrieren lassen, vgl. neben bereits erwähnten Untersuchungen White 1979, McKenzie 1981,
Barker 1981 oder McLaverty 1984. – Zur Raumgliederung in Mallarmés Un coup de dés vgl. jüngst
La Charité 1987.
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 237

liefern die Ausgaben von La Bruyères Les charactères de Théophraste traduits du


grec, avec les charactères ou les moeurs de ce siècle: Während in der ersten Aus-
gabe die Abschnitte mittels einer Form des Paragraphenzeichens – den pieds de
mouche – separiert sind, werden in späteren Ausgaben andere Hilfsmittel zur
Trennung von Abschnitten herangezogen. Daß die ursprüngliche Form der Kenn-
zeichnung für die (exemplifizierende) Interpretation des Textes durchaus rele-
vant sein kann, wird in einer neueren Untersuchung deutlich: Diese Kennzeich-
nungen dienen als Grundlage für die Bildung eines Kontextes, durch den
Bruyères Werk mit einer bestimmten Sorte von Texten verbunden wird, für die
diese Zeichen in der Zeit charakteristisch waren.235 Die typographische Einrich-
tung des Textes mag nicht nur den Lese- und damit unter Umständen den Verste-
hensprozeß zu beeinflussen, der Typograph ist zugleich Interpret, der Exemplifi-
kationen und damit Bedeutungszuweisungen anregen kann.236
Ein Text vermag mehr zu exemplifizieren als zu bedeuten, und das – wie die
Überlegungen zeigen – in zweifacher Hinsicht. Erstens, das Vorliegen einer be-
stimmten Schriftart – um im gewählten Beispiel zu bleiben – kann eine Rolle bei
der Bedeutungsermittlung spielen. In diesem Fall ist die Exemplifikation einer Ei-
genschaft lediglich ein Hinweis für die Bedeutungszuweisung. So könnte bei-
spielsweise die Wahl einer gotischen Schriftart – im Hinblick auf eine bestimmte
Bedeutungs- und Interpretationskonzeption sowie mit Hilfe eines Bündels zu-
sätzlicher Annahmen – eine ideologische Ansicht exemplifizieren, auf die bei der
Bedeutungsermittlung zurückgegriffen wird.237 Daß das Beispiel der Schriftart als
Illustration – und mehr sollte es nicht sein – nicht aus der Luft gegriffen ist, läßt
sich an der Zeitschriften- und Buchproduktion während des Nationalsozialismus

||
235 Vgl. Woshinsky 1985.
236 Vgl. Schmid 1988, S. 120: „Er [scil. der Typograph] ist faktisch ein Interpret dessen, was
vom Autor kommt.“ Und (S. 119): „Jeder Typograph weiß, daß eine Seite ruhig oder aufgeregt
wirken kann. Das ist [...] nicht nur eine Frage der Ästhetik oder der leichten Lesbarkeit, sondern
[...] auch eine Sachfrage. Gewisse Texte sollen ruhig wirken, bei anderen ist eine lebendigere
Gestaltung am Platz oder sogar nötig, weil der Text eben solche Lebendigkeit vermitteln will.“
Oder Genette 1987, S. 38, der darauf hinweist, „daß typographische Entscheidungen die Rolle
eines indirekten Kommentars zum jeweiligen Text spielen können.“ – Schließlich haben Schrift-
steller selbst oft genug auf die typographische Gestaltung ihrer Bücher Einfluß genommen, vgl.
Scharffenberg 1953, insb. zu Stefan George (S. 41ff.).
237 Es muß sich bei der gewählten Schriftart nicht um die Wahl des Autors handeln. Auch die
des Verlages liefert mit Hilfe von Kontextannahmen Hinweise auf die etwa ideologisch be-
stimmte Auswahl der verlegten Texte. Im Hinblick auf die Edition vgl. die Bemerkungen zu Frak-
tur und Antiqua bei Tarot 1971, S. 380f.
238 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

zeigen.238 Offenkundig ist auch der Einfluß der Konfession auf die Schriftwahl,
etwa in der Reformation im Hinblick auf Antiqua und Fraktur.239
Für die Erörterung der Stellvertretungsbeziehung zwischen Textvorkomm-
nissen und Textexemplaren bietet die Unterscheidung zwischen interpretations-
relevanten und bedeutungsdifferenzierenden Eigenschaften eine Präzisierung.
Stellvertretungsbeziehungen sollten die Eigenschaften, die nach Maßgabe einer
Bedeutungskonzeption als bedeutungsdifferenzierend gelten, bewahren. Die Be-
wahrung aller (potentiell) interpretationsrelevanten Eigenschaften ist ein Ziel der
Stellvertretung, das sich nicht realisieren läßt.
In einer zweiten Hinsicht gibt es Eigenschaften, die ein Text exemplifiziert,
ohne daß sie bedeutungstragend sind. Es handelt sich um Eigenschaften, die im
Unterschied zu den zuvor erörterten auch nicht als interpretationsrelevant ange-
sehen werden. So könnte – um weiter in dem Beispiel der Schriftarten zu bleiben
– nach Maßgabe einer Interpretation von Kleists Die Hermannsschlacht und vor
dem Hintergrund bestimmter Annahmen der Exemplifikation von Schriftarten
eine Ausgabe dieses Stückes in gotischer Schrift – etwa Thannenhaeuser-Fraktur
– vorliegen. Wie gut auch immer die unterstellte Interpretation mit den über die
Schriftart gegebenen Exemplifikationen zusammenpassen mag240 – unter der An-
nahme der (synthetischen) Stellvertretung handelt es sich um eine Exemplifika-
tion, die weder bedeutungsdifferenzierend noch interpretationsrelevant ist.241 Je-
der stellvertretende Text, jede Edition besitzt und exemplifiziert Eigenschaften,
die interpretationsirrelevant sind. Aber für jedes Text-exemplar, das einen Text
synthetisch vertritt, gilt, daß die Eigenschaften, die es selbst, aber nicht der zu

||
238 Hervorzuheben ist gleichwohl, daß es sich um Hinweise im Kontext einer Vielzahl zusätzli-
cher Annahmen hinsichtlich der gegebenen Umstände handelt. Es sind also Einzelfallhinweise;
denn zweifellos gibt es für den genannten Zeitraum keine sehr sicheren oder gar ausnahmlosen
Verknüpfungen zwischen Schriftart und Textbedeutung.
239 Vgl. hierzu Mieses 1919, S. 214ff. – In diesen Zusammenhang gehört z. B. auch die Einfüh-
rung einer ligaturenreichen Kursivschrift durch den Verleger Aldus Manutius, mit der den (klas-
sischen) Ausgaben die Authentizität eines handschriftlichen Textes verliehen werden sollte.
Hierzu auch die Hinweise auf Schwierigkeiten für das Konzept der Bewahrung des ursprüngli-
chen Buchstabenbestandes, die bei bestimmten Arten des Drucks – etwa der Werke Shakespea-
res – auftreten (dazu McLeod 1979).
240 Zu der in dieser Hinsicht einschlägigen Rezeption Kleists vgl. Busch 1974.
241 Der Hinweis auf Kleists Stück dient allein der Illustration. Seine Interpretation ist umstrit-
ten, vgl. Angress 1977, Sammons 1980, Ryan 1981, Loose 1983, Michelsen 1987, Reeve 1987, S. 23–
111, Gönner 1989, S. 70ff. – dazu auch das vom Schauspielhaus Bochum herausgegebene Pro-
grammbuch zur Aufführung (Kleist 1982).
III.1 Bezeichnung und Exemplifikation | 239

vertretende Text besitzt und die nicht durch die gewählte Editionstheorie gerecht-
fertigt sind, weder bedeutungsdifferenzierend noch interpretationsrelevant sein
können.
Trotz des Hinweises auf die Exemplifikation von Eigenschaften, die weder
bedeutungsdifferenzierend noch interpretationsrelevant sind, bleibt festzuhal-
ten, daß es – um im Beispiel zu bleiben – Eigenschaften der Schriftart gibt, die
bedeutungsdifferenzierend und interpretationsrelevant sind und die nicht alle Er-
setzungen der Schriftart konservieren. Ein illustrierendes Beispiel, das ohne län-
gere Erläuterungen dargeboten werden kann, ist E. E. Cummings’ Gedicht lone-
liness:

l (a
le
af
fa
ll
s)
one
l
iness

Eine Pointe dieses Textes besteht darin, daß aufgrund der Schreibmaschinentype
das Zeichen für die Zahl Eins und das für den l-Buchstaben ununterscheidbar
sind.242 Die Wahl einer Schriftart, bei der die Zeichen sich in beiden Fällen augen-
fällig unterscheiden, macht aus dem Gedicht einen Text, bei dem es zumindest
schwerer fällt, eine Deutung zu finden.243 Wird der eingeklammerte Teil des Tex-
tes eliminiert („a/ le/af /fa/ll/s“), dann ergibt sich:244

L
One
L
iness

||
242 Das ist streng genommen bei der hier verwendeten Schriftart trotz der großen Ähnlichkeit
zwischen 1 und l nicht der Fall.
243 Zu Problemen der Edition gerade von Figurengedichten vgl. auch die knappen Hinweise
bei Higgins 1987, S. 202–205.
244 Zu einer Analyse des Textes vgl. Marks 1964, S. 21–26, sowie Plett 1979, S. 297–301; zu die-
sem Gedicht auch Martland 1984/85, wo allerdings eine andere Fragestellung im Vordergrund
steht. Zu Aspekten von Cummings Dichtung vgl. Friedman 1960. – Zu einem formalen topologi-
schen Modell der Analyse von Konnexion und Separation, das an Gedichten von Cummings ver-
anschaulicht wird, vgl. Lipski 1976.
240 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

III.2 Analogisierung und der Aufbau von


Bedeutungskonzeptionen
[W]e [...] ask, whether it might not be possible so to vary the meaning of the signs, as to make
an entirely different algebra, which should nevertheless present exactly the same theorems in
form as the old one, the forms having different meanings. [...] This may seem something like
asking, whether two different languages might have all their words in common, but with dif-
ferent meanings, in such manner that by writing a treatise on astronomy in the first language,
we write, totidem verbis, a treatise on music in the second.245

Übertrumpft wurde dieser Dichter von zwei anderen Dichtern, die es sich zur Aufgabe mach-
ten, ein großes Epos zu dichten, in dem sowohl die Erzählung des Mahabharata als auch die
des Ramayana in der Weise enthalten ist, daß jeder einzelne Vers doppelsinnig aufzufassen
ist: in dem einen Sinne erzählt er die Geschichte der Pandavas, in dem anderen die des
Rama.246

Alle Geheimnisse Gottes stehen in himmlischen Büchern, der Inhalt dieser im Qorân, der des
Qorân in der 1. Sûre, die dieser Sûre in dem ersten Verse (d. h. im Bismillâh), der dieses Verses
in dessen erstem Buchstaben ( . ), der dieses Buchstabens in dem unten stehenden Punkt.247

Die Überlegungen zur Exemplifikation haben zu dem Ergebnis geführt, daß die
Identifikation von Bedeutungsrelationen mit Bezeichnungsrelationen für die In-
terpretation zu einschränkend ist. An dieses Ergebnis schließt sich die Frage, ob
es neben Bezeichnungs- und Exemplifikationsrelationen weitere Relationen gibt,
die Aufnahme in eine Bedeutungskonzeption finden können. Die Interpretation-
spraxis liefert Anhaltspunkte dafür, daß es zumindest einen weiteren Relations-
typ gibt, der zu berücksichtigen ist. Es handelt sich dabei um einen Relationstyp,
der weder der Bezeichnung noch der Exemplifikation in den Möglichkeiten der
Variation nachsteht und für die Beispiele bei der Illustration der Exemplifikation
bereits (implizit) zur Sprache gekommen sind. Der dritte Typ von Relationen, der

||
245 [Augustus de Morgan] 1835, S. 104/05 (zu de Morgans Überlegungen zur Symbolischen Al-
gebra als Hintergrund für die zitierte Auffassung Pycior 1983 und Richards 1987). – Vgl. auch
Hamann, der in einem Brief vom 27.4.1787 an Friedrich Heinrich Jacobi vorschlägt (Hamann
1868, S. 509 [Brief Nr.99]), „mit Luther die ganze Philosophie zu einer Grammatik“ zu machen,
„zu einem Elementarbuche unserer Erkenntnis, zu einer Algebra und Construction nach Aequa-
tionen und abstracten Zeichen, die per se nichts und per analogiam alles mögliche und wirkliche
bedeuten?“
246 Winternitz 1922, S. 75.
247 Aus dem Kreis der sprachmystischen Vorstellung der Sekte der Bektaschijje; zit. nach Jacob
1909, S. 49 (vgl. auch den Punkt in Kurt Schwitters „Das i-Gedicht“ von 1922 [Schwitters 1973,
S. 206; zu Schwitters „i-Konzeption“ allerdings auch Möser 1983, S. 184ff.]). Ein weiteres Beispiel
findet sich bei Blumenfeld 1927, S. 162, zum „Sinn“ der „geraden Strecke“.
III.2 Analogisierung und der Aufbau von Bedeutungskonzeptionen | 241

in einer Bedeutungskonzeption Aufnahme finden kann, bestimmt die analogisie-


rende Bedeutungszuweisung.
So umfangreich einerseits die philosophische und – in jüngerer Zeit auch –
speziell methodologische Forschungsliteratur zur Analogisierung ist, so ver-
gleichsweise gering ist andererseits die Beachtung, die diese Art der Bedeutungs-
zuweisung in der hermeneutischen Diskussion zur Textinterpretation gefunden
hat.248 Aufgrund der geringen Beachtung analogischer Bedeutungs-relationen in
der hermeneutischen Literatur empfiehlt sich ein kurzer Blick auf die Diskussion
der Analogie, um den Hintergrund für die Charakterisierung und Erörterung der
Analogisierung als Relation einer Bedeutungskonzeption darzulegen. Dabei wer-
den auch die Besonderheiten der Analogisierung als Bedeutungsrelation im Un-
terschied zu anderen Verwendungsweisen von Analogien bei der Textinterpreta-
tion deutlich werden.
Während die Analogie zu den großen Themen der antiken und insbesondere
der scholastischen Philosophie gehört,249 hat sich die moderne Wissenschaftsthe-
orie mit Formen der Analogisierung zumeist nur en passant und erst in jüngerer
Zeit ausführlicher beschäftigt.250 Wirft man den Blick auf die Geschichte der Ana-
logiediskussion, so läßt sich nicht nur feststellen, daß sehr unterschiedliche Ana-
logiekonzepte vertreten, sondern zugleich auch zahlreiche verschiedene Formen
der Analogisierung entwickelt wurden. Entscheidend für die unterschiedlichen
Konzepte und Formen sind – neben allgemeinen philosophischen Hintergrund-
konzeptionen – die Aufgaben, die der Analogie zugedacht werden.

||
248 Hinweise auf die theoretische Diskussion analogischer Bedeutungszuweisungen finden
sich weiter unten. Neben der recht selten anzutreffenden systematischen Behandlung der analo-
gischen Bedeutungsrelation in der hermeneutischen Literatur gibt es eine Vielzahl von Erörte-
rungen, die mehr oder weniger en passant erfolgen. So bestimmt etwa Kant in der Kritik der Ur-
teilskraft (Id. 1790/93, A 251/252/B 255) die ‚symbolische Versinnlichung‘ als die sinnliche
Anschauung, die Vernunftbegriffen unterlegt werden und mit der das „Verfahren der Urteilskraft
[...] bloß analogisch [...] übereinkommt.“ Sie liefert eine „indirekte Darstellung des Begriffs [...]
vermittelst einer Analogie“ (A 253/B 256).
249 Zu den verschiedenen Aspekten der Erörterung und Behandlung der Analogie in der Antike
vgl. u. a. Hänssler 1927, Regenbogen 1930, Platzeck 1954 (dazu Ennen 1955), Bärtlein 1957, Hesse
1963a, Jüngel 1964, Lloyd 1966, Philippe 1969, Fiedler 1978, auch Krings 1964; zu einer Zusam-
menstellung einschlägiger Stellen zudem Muskens 1943.
250 Vgl. die Darstellung bei Danneberg 1989, S. 42ff. Dort auch umfangreiche Literaturhin-
weise.
242 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

So war ihre Erörterung beispielsweise in der scholastischen Philosophie – die


Theorie der Analogie bei Thomas von Aquin steht dabei im Zentrum der For-
schung251 – ausgerichtet auf das Problem der Gotteserkenntnis: Die Gott-Welt-
Analogie soll – stark vereinfacht – von dem, was den Sinnen als unmittelbar ge-
geben zu sein schien, zu dem führen, was diese Sinne übersteigt und nur mittel-
bar nach dem Motto per visibilia ad invisibilia zu erschließen sei.252 Dabei ist die
Analogie bzw. die Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Gott und Welt selbstver-
ständlich nicht symmetrisch.253 Aber da Gott nur durch die Wirkungen erkannt
werden kann, kann er auch über sie benannt werden:254

Sic igitur potest nominari a nobis ex creaturis; non tamen ita quod nomen significans ipsum
exprimat essentiam secundum quod est, sicut hoc nomen homo exprimit sua significatione
essentiam hominis secundum quod est (...).255

||
251 Neben früheren Beiträgen wie die Dissertation von Habbel 1928, die Untersuchung bei Ba-
rion 1936 und den Überblickartikel „Analogie“ bei Vries 1980, S. 25–37 vgl. vor allem Lyttkens
1952, bei dem sich auch zahlreiche Hinweise auf die Entwicklung des Analogiebegriffs vor
Thomas finden (dazu auch Barth 1955), ferner Pannenberg 1955, weiterhin zur ‚analogen Er-
kenntnis Gottes‘ bei oder im Anschluß an Thomas u. a. Manser 1949, S.393–490, Wolfson 1959,
Klubertanz 1960, McInerny 1961, Montagnes 1963, Mondin 1963, insb. S. 7–102 (auch zu Paul Til-
lich [S. 118ff.] und zu Karl Barth [S. 147ff.]– zu letzterem auch Mondin 1959, Balthasar 1962,
S. 93ff., Jüngel 1962, Pöhlmann 1965), ebenfalls im Vergleich zu Barth auch Chavannes 1969, fer-
ner Meagher 1970, Palmer 1973 (dazu Sherry 1976), Chapman 1975, Müller 1983. Das intrikate
Interpretationsproblem der Beziehung von Metapher und Analogie bei Thomas von Aquin – ins-
besondere vor dem Hintergrund der einflußreichen Deutung, die ihr Thomas de Vio, genannt
Cajetan, in De nominum analogia zuwies, erörtert u. a. McInerny 1964 (auch Id. 1961, 3ff.), dazu
auch Müller 1983, S. 230ff. Zur sprachanalytischen Darlegung der Rede über Gott bei Thomas vgl.
Brugger 1974. – Zur neueren Diskussion der analogia entis vgl. Siewerth 1965 (aus dem Nachlaß;
auch Id. 1964).
252 Vgl. als ein besonders illustratives Beispiel die Analogien, die dem Verständnis der Trini-
tätslehre dienen sollen, so etwa bei Augustinus (dazu Schindler 1965) oder Richard von St. Viktor
(vgl. Hofmann 1984), aber auch die mathematischen Analogien, wie die bei Kepler (dazu Hübner
1975) oder bei Menne 1957 (dazu u. a. die kritische Bemerkung bei Richter S. 195/196); zu neueren
analogischen Trinitätsspekulationen ferner Wipfler 1977.
253 Vgl. z. B. Formulierungen wie bei Thomas In sent. lib. I. dist. 35, q.1, a 4, sol.: „Alia analogia
est, secundum quod unum imitatur aliud quantum potest, nec perfecte ipsum assequitur: et haec
analogia est creaturae ad Deum.“
254 Vgl. dagegen die Auffassung bei Maimonides 1972, Buch I, S. 191ff. – danach läßt sich von
der Schöpfung nicht auf den Schöpfer schließen: Was über die Schöpfung erkannt wird, läßt
keine analogische Übertragung auf Gott zu.
255 Thomas Summa theol. I, q. 13, a.1.
III.2 Analogisierung und der Aufbau von Bedeutungskonzeptionen | 243

Nach diesen philosophischen Konzeptionen – auch wenn die Begründungen und


die Charakterisierungen bis in die Gegenwart nicht wenig differieren – kann im
Zuge der zugewiesenen Aufgabenstellung in der Analogie sozusagen die erkennt-
nistheoretische Eigenart der menschlichen Erkenntnis Gottes zum Ausdruck
kommen: In ihr bzw. im Analogieschluß wurde mitunter die einzige (in bestimm-
ter Weise qualifizierte) Möglichkeit gesehen, die angestrebten Erkenntnisse zu er-
langen. Diese herausragende Stellung der Analogie bei der Erkenntnis hat sich
entscheidend auf die Form des konzipierten Analogieschlusses niedergeschla-
gen. Da die Verknüpfung zweier Bereiche – etwa aufgrund ihrer wie auch immer
bestimmten Ähnlichkeit –, die dem Analogisieren zugrunde liegt, selbst nicht zu
den unmittelbar gegebenen Tatbeständen gerechnet werden kann,256 findet sich
der Analogieschluß in der Form eines Prinzipienschlusses konzipiert. Ein Beispiel
ist das Prinzip der Ähnlichkeit von Ursache und Wirkung mit der Bestimmung
des Analogieschlusses als analogia inter causam et effectum.257 Neben der kausa-
len Analogie ließen sich Aussagen über Gott auch aus den Eigenschaften gewin-
nen, die ihm etwa aufgrund von Existenzbeweisen zugeschrieben wurden. Bei
Richard von St. Viktor folgt nach dem ‚kausalen Weg‘ der ‚negative Weg‘, der alle
Unvollkommenheiten im Endlichen eliminiert; daraufin werden auf dem ‚positi-
ven Weg‘ die (relativen) Vollkommenheiten im Endlichen potenziert, so daß sie
keiner Steigerung mehr fähig sind und sich auf Gott übertragen lassen.258 Bei
Thomas von Aquin finden sich diese drei Wege als via causalitatis, via remotionis
und via eminentiae.259 Schließlich spielen auch in der neueren Diskussion – zum
Teil unter Rückgriff auf die jüngeren wissenschaftstheoretischen Beiträge – Ana-
logien, Modelle und Metaphern eine wesentlich Rolle bei den Überlegungen zu
Formen der Gotteserkenntnis bzw. der religiösen Rede.260

||
256 So schreibt Ebner 1917, S. 62, zur Auffassung Richards von St. Viktor: „Die Ähnlichkeit zwi-
schen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren ist nicht zu denken wie diejenige zwischen Dingen,
die ihrer Natur nach einander nahekommen; sie ist vielmehr eine solche wie diejenige zwischen
Bild und Wirklichkeit. Richard nennt das Sichtbare imago (nicht bloß vestigium) oder auch pictura
des Unsichtbaren.“ Zu Richards differenzierter Auffassung vgl. weiter S. 62ff.
257 Eine theologische Grundlage bietet z. B. Rom 1, 20: „Invisibilia enim ipsius [scil. dei] a crea-
tura mundi per ea, quae facta sunt, intellecta conspicuntur.“
258 Vgl. Ebner 1917, S. 76/77.
259 Vgl. bereits Geyser 1899, S. 253ff. – Als nichtkausal, vielmehr auf „Zuordnung“ beruhend,
bei der es weder Finalität noch Kausalität gebe, „sondern nur ein ständiges gegenseitiges Aufei-
nanderbezogensein, eine unmittelbare Korrespondenz“, wird in diesem Zusammenhang das
„Symboldenken“ aufgefaßt (vgl. hierzu Looff, insb. „B. Systematischer Teil“, die Zitate von
S. 178).
260 Vgl. u. a. Ferré 1967 und 1969, Barbour 1974 (dazu kritisch Woodsmall 1976), Geyer 1987 –
und zur Nutzung von „Modell-Ideen“ für die Dogmatik Auer 1962. Bei Ross 1961 findet sich auf
244 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

In der modernen Wissenschaftstheorie hat die Analogie – zu Beginn nahezu


ausschließlich – im Zusammenhang mit dem verwandten Modellbegriff und im
Rahmen der Erörterung induktionslogischer Systeme Aufmerksamkeit gefun-
den.261 Der entscheidende Grund für das zunächst nur geringe, aber auch für das
in jüngerer Zeit wiederbelebte Interesse an der Analogie bzw. dem Analogie-
schluß läßt sich in dem lange anhaltenden wissenschaftsphilosophischen Desin-
teresse am Entstehungszusammenhang von Theorien (aber auch wissenschaftli-
cher Fakten) sehen. Erst die Kritik an der discovery-justification-Dichotomie und
die sog. historische Wende in der Wissenschaftstheorie hat zu einer intensiveren
Diskussion der logischen Strukur der Analogie (bzw. des Analogieschlusses), ih-
rer unterschiedlichen Formen sowie der verschiedenen Aufgaben geführt, die
Analogien im Wissenschaftsprozeß übernehmen. Nicht zuletzt im Zuge der Ent-
wicklung der Kognitionswissenschaften wird dem „reasoning by analogy“ zu-
nehmend eine zentrale Rolle zuteil.262
Von den Aufgaben, die im Zuge der wissenschaftsphilosophischen und -
historischen Beschäftigung mit der Analogie erörtert werden, steht eine im Mit-
telpunkt: Sie bezieht sich auf die heuristische Rolle, die Analogien, Modelle, aber
auch Metaphern bei der Formulierung und Weiterentwicklung (naturwissen-
schaftlicher) Theorien im Wissenschaftsprozeß spielen. Inspiriert durch den
Blick auf wissenschaftshistorische Exempel – etwa die Entwicklung der Darwin-
schen Theorie –, mitunter auch im Rückgriff auf ältere wissenschaftstheoretische
Diskussionen – etwa die des 19. Jahrhunderts zur Analogie- und Modellkonzep-
tion – findet sich in jüngerer Zeit eine Reihe von Versuchen, die Formen und die
Leistungen der heuristischen Analogisierung im Kontext des Wissenschaftspro-
zesses zu bestimmen. Demgegenüber hat die Frage, welche Aufgaben die Analo-
gisierung bei der Bedeutungszuweisung an wissenschaftliche Theorien über-
nimmt, weitaus weniger Beachtung gefunden. Erwähnenswert ist in diesem
Zusammenhang lediglich die Behandlung der Analogie im Hinblick auf das Prob-
lem der Interpretation theoretischer Terme formalisierter Theorien, das sich ins-
besondere im Rahmen bestimmter Konzepte der Formalisierung von Theorien im

||
der Grundlage der thomistischen Analogielehre der Versuch, „analogy as a rule of meaning for
religious language“ zu etablieren.
261 Vgl. Danneberg 1989, S. 52ff.
262 Als ein Sammelband, der den gegenwärtigen Stand der Diskussion zur Analogie in der Wis-
senschaftstheorie und insbesondere in den Kognitionswissenschaften dokumentiert, vgl. Hel-
man (Hg.) 1988.
III.2 Analogisierung und der Aufbau von Bedeutungskonzeptionen | 245

Verbund mit der sog. Standardkonzeption der Semantik wissenschaftlicher The-


orien stellt.263
Der entscheidende erste Schritt bei der Charakterisierung der Analogisierung
als einer Relation, die neben Exemplifikation und Bezeichnung zur Bedeutungs-
zuweisung an Texte beizutragen vermag, ist die Unterscheidung zwischen der
Analogisierung als Bestandteil einer Bedeutungskonzeption und der Analogisie-
rung als Verfahren der Bedeutungsermittlung. Als Verfahren der Bedeutungser-
mittlung ist die Analogie ein Schluß, der – vereinfacht gesagt – etwa von einer
festgestellten Bedeutung auf dieselbe oder eine ähnliche Bedeutung in einem an-
deren Zusammenhang erfolgt.264 Sie ist ein Hilfsmittel bei der Bedeutungsermitt-
lung, aber nicht die Grundlage für die Bedeutung des Textes. Das bekannteste
Beispiel für eine solche Schlußweise ist die Parallelstellenmethode. Deutlich wird
der Charakter dieser Methode beispielsweise in ihrer differenzierten Behandlung
bei Johann Martin Chladenius:

Parallel-Stellen sind solche Stellen, die eine Aehnlichkeit mit einander haben. In einer Stelle
ist gar viel zu bemercken, die Wörter, die Verbindung derselben, die Sache, wovon, und
was davon geredet wird, die Absicht, u.s.w. und daher können auch Stellen verschiedene
Aehnlichkeit haben, und folglich müssen auch viele Arten von Parallel-Stellen seyn. In ei-
ner ausführlichen Auslege-Kunst würden diese Arten, und so viel derselben noch ausfündig
zu machen seyn, nicht ohne grossen Nutzen angezeigt, und mit ihren Folgerungen darge-
stellt werden. [...] Wir wollen jetzo nur einen Haupt-Unterschied bemercken, daß die Paral-
lel-Stellen entweder vollkommen ähnlich seyn, welche keinen anderen Nutzen haben, als
den wir im folgenden anführen, oder nur zum Theil ähnliche, und diese sind es, deren Nut-
zen sich so weitläufftig erstrecket.265

||
263 Zu diesem Problem vgl. Danneberg 1989, S. 114ff. Als Beispiel vgl. Hesse 1963, S. 93ff. Mary
Hesse stellt hinsichtlich der wissenschaftstheoretischen Diskussion der Analogie eine Ausnahme
dar. Ihre Beschäftigung mit Aspekten der Analogisierung setzt bereits mit dem Anfang der 1950er
Jahre ein (vgl. Danneberg 1989, S. 52, auch mit bibliographischen Hinweisen).
264 Vgl. z. B. Magnusson 1954, S. 138ff. – Dies ist nur eine von vielen Möglichkeiten, per analo-
giam Bedeutungen zuzuweisen (bei welcher Bedeutungskonzeption auch immer). Folgt man
Frank 1977a, S. 52, so ist es die Auffassung Schleiermachers, daß „[n]ur analogice, nämlich ge-
stützt auf die ‚Selbstbeobachtung‘, sich „der individuelle Sinn eines fremden Zeichengebrauchs
>erraten<“ läßt. – Für Gercke 1910, S. 63, ist die Emendation ein „Analogieschluß“.
265 Chladenius 1742, Kap. 7, § 300, S. 176. Zu den loca parallela vgl. ausführlich Rambach 1732,
lib. II secundi, mit § IX, S. 276ff., beginnend [1723]; ferner Meier 1757, §§ 151ff., S. 81ff. Nach
Reimarus 1756, II. Theil. 1 cap., § 174 (III), S. 309, sind sie „die beste Quelle der Erklärung“. Auf
die Wichtigkeit der Parallelstellen hat auch Flacius hingewiesen, vgl. Id. 1567, tract. I, col.37,
Abschnitt 32: „In expositione autem Scripturae, ac in eruendo ejus vero sensu, maximam vim
efficaciamque habet, post Spiri tum Dei, collatio locorum Scripturae: qui vel verbis aut phrasi,
vel etiam rebus, similes sunt.“ Vgl. ferner Dannhauer 1654, Sectio II, art, I, § 1, S. 342; ausführlich
246 | III Bedeutung: Bezeichnung, Exemplifikation und Analogisierung

Im Vorgriff auf spätere Ausführungen läßt sich dieser Unterschied auch so aus-
drücken, daß die Analogisierung als Verfahren der Bedeutungsermittlung der In-
terpretationskonzeption, nicht aber der Bedeutungskonzeption einer Hermeneu-
tik angehört266 – allerdings hat die hinter der Parallelstellen-Analogisierung
stehende Annahme auch immer ihre Ablehnung gefunden, so etwa bei Lodewijk
Meyer.267 Betroffen von einer solchen Kritik ist damit allerdings nicht die Analo-
gisierung als Bedeutungsrelation.
Die Charakterisierung der Analogie als Bestandteil einer Bedeutungskonzep-
tion ist komplizierter als die der analogisierenden Interpretationsverfahren. Als
Hintergrund für die Bestimmung der analogischen Bedeutungrelation können die
allgemeinen Züge des Analogisierens dienen. In Anbetracht der verfolgten Frage-
stellung wird die Darlegung dieses Hintergrundes auf einige, mitunter verein-
fachte Züge beschränkt bleiben.
Die Analogisierung erfordert, daß zwei unterschiedliche Bereiche vorliegen,
die anhand bestimmter Eigenschaften IP und IS unterschieden sind. Im Zuge der
Analogisierung wird der eine als primärer, der andere als sekundärer Bereich auf-
gefaßt: Der primäre BP ist der Bereich, von dem aus per analogiam geschlossen
wird, BS ist der, auf den geschlossen wird. Die Unterscheidung zwischen einem
primären und einem sekundären Bereich betrifft ihren Status, nicht aber die Ge-
nese des Prozesses der Analogisierung: Die Analogisierung kann ebenso mit dem
sekundären Bereich beginnen, zu dem ein primärer gesucht wird und von dem
aus dann auf den sekundären geschlossen wird.
Neben den identifizierenden Eigenschaften IP und IS, die BP und BS als unter-
schiedliche Bereiche konstituieren, werden zu beiden Bereichen weitere Aspekte
(Merkmale, Relationen) einer bestimmten Sorte ausgezeichnet. Im Hinblick auf
die jeweils vorliegenden Aspekte E(BP) und E(BS) der beiden Bereiche, die der aus-
gezeichneten Sorte angehören, werden zudem solche Aspekte ausgegrenzt, die

||
zu den Parallelstellen Francke 1717, Positio IV, S. 94–166. – Zu einer späteren ausführlichem Be-
handlung der Parallelstellen vgl. z.B. Schmitter 1844, Zweiter Theil, 2. Kap., §§ 38ff., S. 55ff.
266 Nur erwähnt sei, daß es auch eine auf (Klang-)Ähnlichkeit beruhende analogisierende Ety-
mologie gibt – eine Ähnlichkeit, die die Bezeichnung der „homophonen Sympathie“ gefunden
hat (vgl. Pfister 1929/30, Sp. 1067).
267 Vgl. Id. 1666, XI, 2: „[...] qua, quaeso, ratione certi esse possumus, vnius loci mentem plane
eandem esse, quae alterius? Quamuis enim eadem aut similia in vtroque occurrant vocabula, &
dicendi modi; potest tamen sensus esse diuersus, vocabulaque in vno loco proprie, in alio im-
proprie aut allegorice aut alio quouis modo sumi: [...].“ – Kritisch zur „Parallelmacherei“ sind
später u.a. Herder (vgl. Id. 1769, S. 351, auch S. 326) und Schleiermacher (vgl. u. a. Id. 1974, S. 43
[1805], S. 66f. [1809/10]. Zu einem neueren Beispiel der kritischen Sicht gegenüber der Parallel-
stellenmethode vgl. Szondi 1962, S. 27f. (unter Hinweis auf Schleiermacher).
III.2 Analogisierung und der Aufbau von Bedeutungskonzeptionen | 247

als relevant gelten. Es handelt sich genau um die Aspekte ER(BP) und ER(BS) der
beiden Bereiche, deren Vorliegen (Übereinstimmung) die Grundlage für die an-
gestrebte Analogisierung bildet. Nicht eine beliebige Ähnlichkeit – irgendwelche
Ähnlichkeiten lassen sich zwischen beliebigen Bereichen konstruieren –, son-
dern eine in besonderer Weise ausgezeichnete Ähnlichkeit ist die Voraussetzung
für den Analogieschluß.268 Der Analogieschluß erfolgt mithin im Rahmen (theo-
retischer) Annahmen, welche die Aspekte der betreffenden Bereiche sowohl
strukturieren als auch gewichten und die so (implizit oder explizit) angenom-
mene Ähnlichkeitsrelation bestimmen. Unter der Voraussetzung einer in diesem
Sinn relevanten Übereinstimmung zwischen beiden Bereichen, also

(12) (ER(BP) ‫( ת‬ER(BS)) ് ‫׎‬

wird von vorliegenden Eigenschaften (Aspekten) des primären Bereichs, also (E1,
E2, ... En) ‫ ؿ‬E(BP), zu Eigenschaften (Aspekten) des sekundären Bereichs überge-
gangen. In der Regel handelt es sich hierbei um bislang unbekannte Eigenschaf-
ten von BS, also (E1, E2, ... En) ⊄ E(BS). Als Analogieschluß werden diesem Über-
gang in der Regel Grade von Sicherheit zugewiesen. Diese Zuweisung kann
intuitiv erfolgen, unter Umständen sind diese Sicherheitsgrade im Rahmen eines
induktionslogischen Systems (partiell) expliziert.269 Der Analogieschluß beruht
zusammengefaßt auf einer Analogisierungsrelation: Sie bestimmt den Status der
Bereiche, die Sorte der Aspekte, die Relevanz vorliegender Aspekte und die Seku-
rität des Schlusses.
Die Analogisierung als ein Verfahren der Bedeutungsermittlung, mithin als
Bestandteil einer der Bedeutungskonzeption zugeordneten Interpretationskon-
zeption, läßt sich im Rahmen der skizzierten allgemeinen Züge des Analogie-
schlusses als eine seiner speziellen Varianten bestimmen.270 Das allgemeine Ver-
fahren der analogisierenden Bedeutungsermittlung ist nicht nur kein Bestandteil
der Bedeutungskonzeption, sondern zudem unabhängig von einer analogischen

||
268 In seiner Erörterung der vierten Auslegungsregel des Tyconius macht Augustinus in De
doctr. christ., III, 29, 40/41, deutlich, daß es bei der Interpretation figurativen Sinns – von wel-
cher Art dieser auch immer sei – um die Wahrnehmung relevanter Ähnlichkeiten geht.
269 Eine nichtinduktive bzw. nichtprobabilistische Auffassung des Analogieschlusses wird bei
Weitzenfeld 1984 verfochten.
270 Aus diesem Grund bleiben hier auch die „hermeneutische Analogie“ (vgl. die umfangreiche
Abhandlung zur talmudischen Literatur bei Schwarz 1897 sowie Id. 1909, S. 75‒157, auch Apto-
witzer 1911, S. 185‒189) ebenso wie die „Analogie im Rechtsdenken“ (vgl. u. a. Klug 1958, S. 101‒
128, Priester 1976, dort weitere Literaturhinweise, sowie Reisinger 1979) unberücksichtigt (uner-
giebig ist auch die Verwendung von ‚Analogie‘ als „critical