Sie sind auf Seite 1von 9

KOPFLEISTE

288
Die Nekropolen von Pergamon
Ute Kelp

Zum Bild antiker Metropolen wie Athen und Rom gehören selbstver- Kontexten auftreten. Zwar zeigen die vorhandenen Informationen
ständlich auch ihre Gräberstraßen mit zahlreichen Grabmonumen- ein lückenhaftes Bild der Nekropolen von Pergamon, sie lassen aber
ten entlang der wichtigen Zufahrtswege. In Pergamon, der Haupt- doch einige Aussagen zur ihrer Ausdehnung und Entwicklung zu.
stadt des attalidischen Königreiches, gab es eindrucksvolle Grabdenk-
mäler und ausgedehnte Nekropolen, die unmittelbar an das hellenis- Die hellenistischen Nekropolen
tische Stadtgebiet angrenzen. Die Stadtbürger antiker Zeit hatten die Mit dem Aufstieg Pergamons zur Residenzstadt der Attaliden, dem
Begräbnisstätten ihrer verstorbenen Angehörigen in ganz anderer Ausbau der Tempel und Heiligtümer, der Errichtung der Paläste und
Weise vor Augen, als das bei den abgelegenen Friedhöfen der Neuzeit des Großen Altars stand von Beginn an die Frage nach den Grabstät-
der Fall ist. Durch die regelmäßige Gelegenheit zum Besuch der Grä- ten der attalidischen Könige im Raum. In der Kaikosebene vor dem
ber blieben die Verstorbenen ganz anders im Bewusstsein ihrer Nach- Burgberg liegen eine Reihe von Grabtumuli, deren größter, der
fahren präsent. Das zeigt die Bedeutung der Welt der Toten für die Yığmatepe mit einem Durchmesser von 158 m und einer Höhe von
Welt der Lebenden und macht die antiken Nekropolen zu einem ca. 35 m, noch heute aus der Wohnbebauung herausragt (Abb. 1. 2).
wichtigen Zeugnis für die antike Lebenswirklichkeit. Einerseits bie- Die hohe Aufschüttung des Tumulus führte zu einem tiefen Graben
ten uns die Ausstattung der Gräber, ihre Bautypen, ihr Bilderschmuck ringsum und verstärkte damit den monumentalen Eindruck der An-
und die Grabbeigaben einen unmittelbaren Einblick in antike Jen- lage. Eine Einfassungsmauer aus großen Andesitblöcken stützte die
seitsvorstellungen, andererseits finden sich im Grabwesen aber auch Aufschüttung; ein Zugang zum Inneren fand sich in dieser Krepis al-
jene Strukturen wieder, die für die antike Polisgesellschaft von vitaler lerdings nicht. In der Anfangsphase der deutschen Ausgrabungen in
Bedeutung waren. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Familie, wo- Pergamon wurden besonders die großen Tumuli untersucht, die da-
von die zahlreichen Grabbezirke mit verschiedenen qualitätvollen mals noch am Rande des modernen Ortes Bergama lagen. Trotz auf-
Grabdenkmälern im Kerameikos von Athen einen Eindruck vermit- wendiger Grabungen, die jene tiefe Einkerbung im Tumulus hinter-
teln. Den engen Bezug zwischen Vor- und Nachfahren einer Familie ließen, konnte im Yığmatepe jedoch keine Grabkammer lokalisiert
zeigen die Berichte von römischen Ahnenbilderprozessionen. Die werden. Bei neueren Untersuchungen wurde aber die Vermutung an-
Grabpflege blieb dabei nicht individueller Fürsorge und Erinnerung nähernd bestätigt, dass der Yığmatepe in der Flucht der westlichen
überlassen, sondern war gesellschaftlich streng geregelt und spielte ei- Langseite des Athena-Tempels und der Treppenseite des Großen Al-
ne wichtige Rolle im soziopolitischen Leben einer Stadt. tars liege (die Abweichung beträgt 21 m auf einer Entfernung von
3  km). Allerdings fehlt bis heute ein eindeutiger Beleg, der den
In Pergamon befinden sich Grabanlagen an den Flanken des Burg- Yığmatepe als Grablege für einen der Attalidenherrscher ausweist.
berges, in den angrenzenden Flusstälern des Ketios und des Selinos Da nur wenige Gräber und noch weniger Grabkontexte aus Per-
sowie auf den umliegenden Hügeln. Sie erstrecken sich vor allem in gamon erhalten sind, ist die chronologische Einordnung der erhalte-
der zum Meer hin offenen Ebene des Kaikostales auf dem Gebiet der nen Grabdenkmäler ein vordringliches Ziel der laufenden Aufarbei-
modernen Stadt Bergama bzw. am Prozessionsweg zum Asklepieion, tung. Ungestörte Grabbefunde hellenistischer Zeit wurden in den Tu-
dem außerstädtischen Heiligtum des Heilgottes Asklepios. muli II und III freigelegt, die mit 30 m Durchmesser zu den kleinen
Damit ist auch das grundsätzliche Überlieferungsproblem be- Tumuli Pergamons zählen (Abb. 2). Im Zentrum der Tumuli mit ei-
nannt, denn aufgrund der modernen Bebauung sind nur punktuell ner Krepis aus Bruch- bzw. Quadersteinen (Abb. 3) stand jeweils ein
Reste der umfangreichen Nekropole erhalten, und von den zahlrei- einzelner Sarkophag aus Andesit mit einer Bestattung. Die Beigaben
chen Streufunden fehlen zumeist Angaben zu den Fundumständen. waren besonders in Tumulus II sehr reich, darunter befanden sich ein
Hinzu kommt, dass Grabmonumente schon in der Antike, aber be- goldener Eichenkranz mit Heraklesknoten und Nikeanhänger, zwei
sonders in der Spätantike und den nachfolgenden Epochen als Bau- Köpfe von Molosserhunden, ebenfalls aus Gold, zwei Eisenschwerter
material wiederverwendet wurden und daher häufig in sekundären und eine Münze mit dem Bild Alexanders des Großen; außerdem la-
gen zwei Unguentarien neben dem Kopf des Toten. Interessant sind
diese Funde nicht nur wegen ihres Materialwertes, sondern auch da
Abb. 1: Der Yığmatepe zwischen den Häusern von Bergama sie Auskunft über die Grabsitten ihrer Zeit geben. Während der Grab-

289
VI. PERGAMON ALS POLIS

typ dieser Tumuli in der Tradition kleiner Tumuli mit Steinkistengrä- bauchigen Unguentarien konnten wertvolle Öle und Parfüm aufbe-
bern und einer Krepis aus nebeneinander gesetzten Bruchsteinen wahrt werden. Auch organische Reste wurden bei der Bergung des
steht, die in Pergamon und seinem näheren und weiteren Umland ge- Grabes beobachtet, sie fanden sich etwa an den goldenen Hundeköp-
funden wurden, weisen die Funde einige Bezüge zu Makedonien auf. fen, die aufgrund angelöteter Häkchen als Gewandappliken interpre-
Neben dem allgemein in Griechenland verbreiteten ›Charonspfen- tiert wurden. Aber nicht nur Stoffreste, sondern auch die Reste von
nig‹ – jener Münze, die den Toten als Zahlungsmittel für die Über- Palmwedeln lagen neben dem Toten, ebenso einige zu Reifen gebo-
fahrt ins Totenreich mitgegeben wurde – ist insbesondere die Ausstat- gene, vergoldete Seerosenstengel. Die Funde ließen eine Datierung
tung des Toten mit einem goldenen Eichenkranz auf dem Kopf in des Tumulus in das zweite Viertel des 3. Jhs. v. Chr. zu, also noch in
makedonischen Gräbern häufig zu finden. In den lang gestreckten, die Zeit des Philetairos, des Gründers der Attalidendynastie. Wesent-

Abb. 2: Tumulus-Karte
von Pergamon

290
Die Nekropolen von Pergamon

Abb. 3: Tumulus III in
Pergamon

lich bescheidener waren die Beigaben dagegen im benachbarten Tu- Die Grabdenkmäler
mulus III, in dem weder Goldschmuck noch Waffen gefunden wur- Ein wichtiger Bestandteil der Überlieferung zu den Nekropolen sind
den, nur einige Unguentarien weisen in dieselbe Zeit. die reliefierten Grabstelen, die zur Kennzeichnung über den unterir-
Eine Weiterentwicklung erfolgte dann durch die Übernahme des dischen Bestattungen aufgestellt wurden – häufig innerhalb von Fa-
Typs makedonischer Kammergräber. Bei diesen Tumuli fehlen Hin- miliengrabbezirken. Im Gegensatz zu den oben beschriebenen gro-
weise auf eine Krepis, stattdessen führte ein Dromos zu einer Grab- ßen bzw. reich ausgestatteten Tumuli, die sich in die Zeit der Attali-
kammer (Abb. 4), beide sind aus Quadersteinen gemauert und mit ei- den einordnen lassen und wahrscheinlich der Herrscherfamilie und
nem Tonnengewölbe überdeckt. Im İlyastepe-Tumulus (Abb. 2) ver- ihrem gesellschaftlichen Umfeld vorbehalten waren, geben die Grab-
weist die Sarkophagbestattung unter dem Steinplattenboden der stelen Aufschluss über eine breitere Ober- und Mittelschicht von
Grabkammer wiederum auf die älteren Grabformen. Dieser Tumulus Stadtbürgern. Gesellschaftliche Unterschiede spiegeln sich dabei im
kann nach neuesten Untersuchungen der Pergamongrabung des Material sowie in der unterschiedlichen Größe und Qualität der Ste-
Deutschen Archäologischen Instituts, bei denen ebenfalls ein Un- len und ihrer Reliefs.
guentarium am Kopf des Bestatteten gefunden wurde, in die zweite Die frühesten datierbaren Grabdenkmäler finden sich an der Hei-
Hälfte des 3. Jhs. v. Chr. – in die Regierungszeit Attalos’ I. (241–197 ligen Straße, die das Asklepieion mit der Stadt verbindet. Es handelt
v. Chr.) – datiert werden. Dem İlyastepe typologisch verwandt ist ein sich dabei um Fragmente von großformatigen Grabreliefs, die sich so-
Tumulus, dessen Grabkammer sich unweit des Südtores, auch Eume- wohl im Stil als auch in der Ikonographie eng an spätklassische Vor-
nisches Tor genannt, befindet (Abb. 2). Er ist allerdings kleiner als der bilder aus Athen anschließen lassen. Aufgrund dessen konnten diese
İlyastepe und besitzt im Unterschied zu diesem eine umlaufende Grabreliefs noch in das 4. Jh. v. Chr. datiert werden. Diese Denkmäler
Steinbank für Bestattungen. Dieser Tumulus muss vor der Eumeni- gehören zu den seltenen Zeugnissen in Pergamon, die sich der Zeit
schen Stadterweiterung errichtet worden sein, da er so nahe vor der vor der Attalidenherrschaft zuordnen lassen. Ihre Qualität und der
Eumenischen Mauer lag, dass die Aufschüttung des Tumulus bei de- enge Bezug zu den attischen Vorbildern lassen auf eine selbstbewuss-
ren Bau durchschnitten wurde. Obwohl der Tumulus ohne unabhän- te städtische Oberschicht schließen, die sie als Repräsentationsmittel
gige Datierungskriterien nicht als terminus post quem für die Eumeni- benutzte. Umgekehrt zeigt sich darin auch die Vorbildfunktion
sche Mauer zu verwerten ist, lassenBauweise und Lage doch auf eine Athens für die bürgerlichen Schichten in den Städten Kleinasiens.
ähnliche Zeitstellung wie für den größeren İlyastepe schließen. Des Chronologisch lässt sich hier ein Relief anschließen, das auf dem
Weiteren sind einzelne Felsgräber am West- und Nordhang des Burg- Burgberg gefunden wurde (Kat. 4.15). Es gehört zum Typ der ›Toten-
berges, aber auch Grabstelen aus der Nordnekropole Hinweise auf mahlreliefs‹, die in Kleinasien in hellenistischer und römischer Zeit
Nekropolen unmittelbar vor der Stadtmauer. vielerorts sehr beliebt waren. Auffällig sind die Ähnlichkeiten dieses

291
VI. PERGAMON ALS POLIS

nicht jedoch auf den Bankettszenen der Bildfeldstelen des 4. Jhs.


v. Chr. zu finden.
Aus hellenistischer Zeit haben sich eine ganze Reihe kleinforma-
tiger Grabreliefs erhalten, die den Verstorbenen in heroisierter Form
zeigen und die verglichen mit den Tumuli zu den kostengünstigeren
Grabdenkmälern von weniger wohlhabenden Pergamener Bürgern
gerechnet werden müssen (Kat. 4.11–4.16). Einige von ihnen kamen
schon vor Beginn der Ausgrabungen an das Museum in Berlin. Zu
diesen gehört ein Relief mit einem sitzenden Mann und seinem
Hund (Kat. 4.13). Durch die kurze Inschrift ist in diesem Fall sogar
der Name des Verstorbenen, Menemachos, bekannt. Mit dem Schlan-
genbaum und dem Pferdekopf sind die beiden Hauptbildformeln für
heroisierte Verstorbene auf den Grabreliefs von Pergamon vorhan-
den. In der Grabikonographie werden die bekannten Bildthemen bis
in die Kaiserzeit weitergeführt, neben den Totenmahlreliefs mit den
oben genannten heroisierenden Attributen sind Reiterdarstellungen
sehr häufig – sie wurden in der Forschung zum Inbegriff des Heroen-
reliefs. Typischerweise bewegt sich dabei ein Reiter mit einer Schale
in der Hand auf einen Schlangenbaum zu, manchmal steht vor dem
Abb. 4: Dromos des İlyastepe-Tumulus in Pergamon Baum ein Altar, auch weitere Figuren, zumeist Diener, können dazu-
kommen. Ungewöhnlich ist hingegen das Motiv antithetischer Rei-
terfiguren auf einem späthellenistischen Grabrelief (Kat. 4.14). Pferde
gehören in Pergamon zu den wichtigen Attributen für heroisierte Ver-
Totenmahlreliefs zu attischen Weihreliefs des 4. Jhs. v. Chr., und auf- storbene: Entweder als Reittiere oder, wenn der Verstorbene in den
grund des weißen bis gelblichen, qualitätvollen Marmors könnte es Totenmahlszenen auf einer Kline liegt, verweist zumindest ein Pfer-
sich sogar um den Import eines attischen Weihreliefs aus penteli- dekopf auf ihre Heroisierung. Ein weiteres, gleichbedeutendes Sym-
schem Marmor handeln – wie bei den älteren Grabreliefs wird der bol sind Schlangen, die sich seit dem 2. Jh. v. Chr. auf den meisten
prägende Einfluss Athens deutlich. Aber während in Athen das To- Grabreliefs aus Pergamon um einen Baum ringeln und sowohl auf
tenmahl nur spät und auch dann nur selten auf Grabstelen erscheint, Reiter- als auch auf Totenmahlreliefs anzutreffen sind.
ist es in Kleinasien schon in klassischer Zeit im Grabkontext etabliert. Bei der Anwendung der gängigen Bildformeln zur Heroisierung
Der wichtigste Unterschied zwischen den kleinasiatischen Grabreliefs der Toten lassen sich deutliche regionale Unterschiede feststellen. So
mit Totenmahl und ihren attischen Vorbildern ist die Heroisierung kommen die andernorts üblichen Waffen als Heroensymbol in Per-
des Toten. Vor allem die heroisierenden Attribute wie die Schlange, gamon nur selten vor; Totenmahlreliefs sind gegenüber Reiterreliefs
die Waffen und der Pferdekopf sind in Athen nur auf Weihreliefs, weniger zahlreich, daneben bleiben die an attischen Vorbildern ori-

Abb. 5: Zeichnerische Rekonstruktion des


Tumulus an der Heiligen Straße

292
Die Nekropolen von Pergamon

entierten Bilder wie die Dexiosis-Szenen Bestandteil der Grabikono-


graphie. Die Heroisierung der Verstorbenen hatte im städtischen
Kontext eine gesellschaftliche Funktion: Die Heroenverehrung war
Teil der familiären Repräsentation und damit in das System öffentli-
cher Ehrungen im Rahmen des städtischen Euergetismus integriert.
Heroische Ehrungen für die durch Stiftungen hervorgetretenen, fi-
nanzkräftigen Wohltäter einer Stadt konnten bis hin zu öffentlichen
Feiern, Agonen, Opfern vor Statuen und Tempelbauten zu Ehren ei-
nes Verstorbenen reichen. Die zunehmend auf Grabreliefs breiter
Schichten genutzte Heroensymbolik wird demgegenüber als verall-
gemeinernder Hinweis auf Bürgertugenden verstanden.
Die bisher beschriebenen Grabreliefs sind aus Marmor gefertigt,
daneben existierten aber auch einfachere Grabdenkmäler aus loka-
lem Andesit oder Kalkstein, die von einer entsprechend ärmeren Be-
völkerungsschicht genutzt wurde. Häufig haben sie die Form von
Giebelstelen und statt eines Bildes sind die Namen und Vaternamen
von einem oder zwei Verstorbenen verzeichnet. Immer wieder haben
sich rote Farbspuren zur Hervorhebung der Inschriften erhalten. Ein
Beispiel für solche Grabmarker ist die Giebelstele für Nikanor, Sohn
des Philoxenos, und seine Tochter Taitis (Kat. 4.17). Sie wurde wie ei-
nige andere Grabdenkmäler dieses Typs im Nordosten der Stadt un-
terhalb des Oberen Burgtores gefunden, weitere Exemplare stammen Abb. 6: Dromos des Maltepe-Tumulus in Pergamon
aus der Nordnekropole selbst. Zum Träger einer derartigen Grabin-
schrift konnte auch ein Grabcippus werden, wie jener kleine Cippus
aus Marmor vom Grab der Aphphias, Tochter des Apollonios, deut-
lich macht (Kat. 4.10)1. Mit ihrem kugeligen Abschluss auf einem zy- Nicht nur wegen der Interpretation als Ostothekendeckel ließen
linderförmigen Schaft dienten Cippen – allerdings zumeist ohne In- sich diese Stücke im sepulkralen Bereich ansiedeln, auch die Rundal-
schrift – als Grabmarker. täre mit entsprechendem Aufsatz wurden aufgrund des Schlangen-
Daneben gibt es auch andere Typen von kleineren Grabdenkmä- motivs diesem Bereich zugewiesen. Die erhaltenen Inschriften zeigen
lern, darunter sind Grabaltäre, aber auch Ostotheken. Diese kleinfor- jedoch, dass sowohl Grab- als auch Ehren- und Weihdenkmäler mit
matigen, sarkophagähnlichen Kästen wurden für die Überreste – diesem Motiv geschmückt sein konnten. Von den quadratischen Auf-
Asche und Knochen – nach der Brandbestattung des Toten verwen- sätzen mit dem Schlangenmotiv wurde ein besonders großes im As-
det. Eine lokale Besonderheit in Pergamon sind annähernd quadrati- klepieion neben dem sog. Badebrunnen aus der frühen Kaiserzeit an
sche Steindenkmäler mit zwei Schlangen, die von den Seiten kom- der Nordflanke der Felsbarre gefunden, allerdings variiert die Darstel-
mend aus einer Schale in der Mitte trinken (Kat. 4.18), eine andern- lung bei diesem Stück insofern, als die beiden Schlangen sich in die-
orts unbekannte Kombination dieser Form und Dekoration. Insge- selbe Richtung bewegen, allerdings ohne aus der recht tiefen Schale
samt wurde über ein Dutzend derartiger Stücke in Pergamon gefun- zu trinken; zwei weitere Exemplare stammen aus dem Demeter-Hei-
den, wobei sie mit Ausnahme weniger Marmorexemplare zumeist aus
Andesit gefertigt wurden. Die Funktion dieser Steinmonumente wur-
de von Hepding und Winter als Deckel von Aschenurnen bestimmt, Abb. 7: Kaiserzeitlicher Sarkophag im Hof der ehem. griechischen Schule in
da einige eher flache Exemplare seitliche Bossen oder Klammerlöcher Bergama
besitzen und gelegentlich auf der Unterseite nur grob gespitzt sind.
Aber gerade die größeren Exemplare mit hohem Polster, zu denen
auch das ausgestellte Beispiel zählt, haben eine geglättete Unterseite,
die auf einem massiven Unterbau auflag. Verwandte Stücke mit
Schlangen wurden in Mytilene im Südosten der nahegelegenen Insel
Lesbos gefunden und als Altaraufsätze bezeichnet2.
Einen Datierungshinweis für die beschriebenen Altaraufsätze
bzw. Urnendeckel aus Pergamon bieten einige frühkaiserzeitliche
Rundaltäre, die das Motiv der beiden Schlangen, die aus einer Schale
trinken, zeigen. In Pergamon kommt das Motiv auf dem Schaft vor,
in Mytilene findet es sich wie bei den Aufsätzen aus Pergamon auch
auf der Oberseite und kann damit nicht zuletzt als weiterer Hinweis
für die Funktion als Altaraufsatz auch der rechteckigen Steine mit
trinkenden Schlangen gewertet werden.

293
VI. PERGAMON ALS POLIS

ligtum der Stadt. Aufgrund des Motivs lässt sich also eine Deutung freistehender Sarkophag auf einem Unterbau vorgeschlagen. Die ge-
solcher im Heiligtumskontext gefundenen Steine mit Schlangenre- naue Lage dieses Grabdenkmals ist nicht bekannt, aber die Architrav-
lief als Weihdenkmäler nicht ausschließen. Wie bei dem oben vor- blöcke wurden in einem Bereich gefunden, durch den wahrscheinlich
gestellten Totenmahlrelief – dasselbe gilt im Übrigen auch für an- die Heilige Straße zur Stadt führte.
dere Heroenreliefs – ist die Ikonographie allein ohne den entspre- Neben den Gebieten um die Tumuli bleibt die von der Stadt zum
chenden Kontext oder Inschriften nicht zweifelsfrei funktional zu Asklepieion führende Heilige Straße bis in die frühe Kaiserzeit eine
deuten bzw. lassen sich fließende Übergänge zwischen Kult- und wichtige Gräberstraße. Ursprünglich war sie unbefestigt, aber helle-
Grab(kult)funktion feststellen. nistische Fundamentreste in dem ausgegrabenen Abschnitt nahe dem
Asklepieion geben Hinweise auf ihren Verlauf. Ob es sich dabei um
Die Nekropolen der römischen Kaiserzeit und der Reste von Weih- oder von Grabmonumenten handelt, lässt sich nicht
byzantinischen Zeit mehr entscheiden. Für die Existenz von Grabbauten entlang der Stra-
Seit 133 v. Chr. bestimmen die Römer über Pergamon, und in einem ße sprechen vor allem die Funde der oben genannten spätklassischen
hier gefundenen Grabdenkmal ist das früheste Zeugnis für die neuen Grabreliefs.
Machtverhältnisse bzw. das erste für einen Römer errichtete Monu- Von den Tumuli hellenistischer Zeit deutlich zu unterscheiden ist
ment in Kleinasien zu fassen. Es handelt sich um das Grabdenkmal ein Tumulus an der Heiligen Straße unweit des Asklepieions (Abb. 2.
des römischen Legaten P. Cornelius Scipio Nasica, der in der Anfangs- 5). Dieser Tumulus ist eines der seltenen Beispiele, an denen schon in
zeit der römischen Vorherrschaft im Jahr 132 v. Chr. in Pergamon der frühen Kaiserzeit eine Vorbildfunktion stadtrömischer Denkmäler
starb. Gegenüber der wesentlich später errichteten Roten Halle wur- sichtbar wird, ein sonst in Kleinasien seltenes Phänomen.
den zwei Blöcke eines Dreifaszienarchitravs mit seinem Namen in ei- Die Aufschüttung des Tumulus erhob sich über einem massiven
ner zweisprachigen Inschrift gefunden, wobei insbesondere die Exis- Steinfundament, in das eine Grabkammer eingebaut war. Außen wur-
tenz einer lateinischen Fassung neben der griechischen ein deutliches de der Tumulus von drei Marmorstufen mit profiliertem Abschluss
Zeichen für die Anwesenheit der Römer in der Stadt ist. In Anleh- eingefasst und von einer hohen gemauerten Krepis umgeben. Eine in
nung an Grabdenkmäler mit vergleichbaren Gebälken, wie sie etwa der Nähe gefundene runde Statuenbasis könnte eine auf dem Tumu-
aus Delos bekannt sind, wurde zur Rekonstruktion des Grabtyps ein lus platzierte Statue getragen haben. In Rom sind im 1. Jh. v. Chr. nicht

Abb. 8: Perspektivische Rekonstruktionszeichnung des Grabtempels auf dem Niyazittepe in Pergamon

294
Die Nekropolen von Pergamon

nur Tumuli mit hoher Krepis beliebt, sondern durch das Grabmal des
Augustus ist auch eine Statuenbekrönung belegt, die als Vorbild ge-
dient haben kann. Dieser Tumulus wurde in die Hallenstraße des
2. Jhs. n. Chr. integriert. Gegenüber der älteren Interpretation als Ke-
notaph und Heroon überzeugt Berns’ Annahme eines Grabes für ei-
nen verdienten Bürger der Stadt, wobei die Bestattung spätestens beim
weiteren spätantiken Umbau des Tumulus entfernt worden wäre3.
Eine Bekrönung besaß auch der Maltepe, der zweitgrößte Tumu-
lus von Pergamon nahe der Straße nach Elaia (Abb. 2. 6). Marmorblö-
cke auf dem Tumulus lassen auf einen architektonischen Aufbau
schließen, auch wenn sonst Hinweise für dessen Rekonstruktion feh-
len. Wie der Yığmatepe war auch der Maltepe von einer gemauerten
Krepis eingefasst, ein langer Dromos führt zur Grabkammer. Diese ist
querrechteckig angelegt, in drei offene Parzellen eingeteilt und liegt
dezentral im Nordosten des Tumulus. Zudem befindet sich die west-
liche Dromoswand in der Flucht der östlichen Langseite des Traja-
neums. Als Datierungskriterium dient in diesem Fall die Verwendung
von Mörtelmauerwerk (opus caementitium), mit dem die Quadermau-
ern hinterfüttert sind. Der Einsatz dieser römischen Technik ist frü-
hestens in späthellenistischer Zeit in Pergamon vorstellbar, der Achs-
bezug zum Trajaneum spricht sogar für eine Errichtung nach dem
Tempelbau. Aus der fortgeschrittenen Kaiserzeit stammen die Bruch-
stücke von Sarkophagen und Tierfiguren aus Ton, die im Inneren ge-
funden wurden, wobei diese, da die Grabkammer zugänglich war,
auch von einer Nachnutzung herrühren können.
Die römische Stadterweiterung wirkte sich in der Kaiserzeit er-
heblich auf die Nekropolen aus. Es erfolgte der Ausbau der Heiligen
Straße zur Via Tecta, zur Arkadenstraße, deren Kreuzgratgewölbe aus
Gussmauerwerk auf Andesitpfeilern ruhte. Für die Pflasterung und
Überwölbung der Straße wurden auch umliegende ältere Grabdenk-
mäler verwendet und auf diese Weise erhalten. Die Datierung dieser
Baumaßnahme in trajanische Zeit ist nicht gesichert, die Bauinschrift
eines Straßentores in der Via Tecta ergibt einen terminus ante quem vor
105 n. Chr. In die übergreifende Stadtplanung wurde wahrscheinlich
auch das ehemals außerstädtische Asklepieion einbezogen. Infolge-
dessen verläuft der größte Teil der Heiligen Straße danach in der
Stadt, in dem Abschnitt außerhalb des Tores am kaiserzeitlichen
Theater wird sie als Stadtgrenze angenommen4. Unmittelbar vor dem
Propylon des Asklepieion erfuhr die Heilige Straße im Zuge der um-
fangreichen Baumaßnahmen, die in hadrianischer Zeit im Heiligtum Abb. 9: Übersichtsplan zur byzantinischen Zeit in Pergamon mit Angabe der
stattfanden, durch flankierende Hallenbauten eine weitere Aufwer- Gräber
tung. Auch hier wurden für die marmornen Hallenbauten und das
Straßenpflaster umliegende ältere Grabdenkmäler verwendet. Insge-
samt ist aber festzustellen, dass die Heilige Straße im Verlauf der gama als Brunnen wiederverwendet (Abb. 7). Ein Halbfabrikat aus
Stadtentwicklung am Beginn des 2. Jhs. n. Chr. ihre Funktion als Grä- Marmor stand zusammen mit einem zweiten Halbfabrikat aus Ande-
berstraße weitgehend verloren hatte. sit in einem ummauerten Grabbezirk im Ketiostal und enthielt als
Allerdings schlossen die Nekropolen nach wie vor unmittelbar an einziger zahlreiche Beigaben: viel Schmuck, darunter ein Medaillon
die städtische Bebauung an. Dies zeigen ein frühkaiserzeitliches Fels- mit einer Frauenbüste aus Chalcedon und ein Armband in Cabo-
grab am Westhang des Stadtberges sowie einige Gräber auf dem Mu- chon-Technik, Bernsteinschmuck, weitere Gemmen, Gefäße und an-
salla Mezarlığı, aber auch zwei Sarkophage, die unmittelbar neben äl- dere Objekte aus Halbedelstein bzw. Knochen. Neben dem Schmuck
teren Sarkophagbestattungen unweit der Tumuli aufgestellt wurden. verweist nicht zuletzt eine zum Spinnen verwendete Fingerkunkel
Außerdem wurden Sarkophage im Ketios- und im Selinostal gefun- auf eine Frauenbestattung5.
den, darunter sind neben einfach geglätteten Sarkophagkästen so- Dass im 2. Jh. n. Chr. auch noch weit aufwendigere Grabdenkmä-
wohl ausgearbeitete Girlandensarkophage als auch Halbfabrikate. Ei- ler errichtet wurden, zeigt der Grabtempel auf dem Niyazittepe, des-
nige von ihnen wurden in jüngerer Zeit in der türkischen Stadt Ber- sen Reste jenseits des Töpferviertels im Norden der Stadt heute auf ei-

295
VI. PERGAMON ALS POLIS

ner kleinen Insel im Staudamm liegen. Der korinthische Antentem- zu den antiken Gräbern und Nekropolen von Pergamon in Angriff
pel aus Marmor stand auf einem Podium und wurde von einer Teme- genommen, das sowohl die Auswertung älterer Befunde als auch
nosmauer eingefasst (Abb. 8). An der Straße nach Nordwesten steht neue geophysikalische Untersuchungen und gezielte Ausgrabun-
außerdem die Ruine eines Columbariums – damit ist in Pergamon gen zum Ziel hat.
ein Grabtyp zu fassen, der sonst fast ausschließlich in Rom vor- Ein neues, ganz eigenes Kapitel in der Geschichte der Nekropolen
kommt. Der Mauerkern aus opus caementitium ist mit Ziegelsteinen von Pergamon, auf das hier nur als Ausblick verwiesen werden kann,
verkleidet, namensgebend sind jedoch die Reihen kleiner Nischen für ist die byzantinische Phase.
mehrere Bestattungen im Inneren, die an einen Taubenschlag erin- In dieser Periode wurde die Siedlung deutlich verkleinert und
nern. Im Mauerwerk hat sich zudem eine Ziegelinschrift erhalten, die blieb weitgehend auf den Burgberg beschränkt. Byzantinische Gräber
unter anderem den lateinischen Namen ›Gaius‹ in seiner gräzisierten wurden im gesamten antiken Stadtgebiet – vorzugsweise in der Nähe
Form ›Gaios‹ nennt. von Kirchen – gefunden (Abb. 9). Es handelt sich dabei hauptsächlich
Neuere Forschungen in den Nekropolen förderten in den letz- um Steinkisten- und Ziegelgräber oder eine Kombination beider Ma-
ten Jahren weitere kaiserzeitliche Grabbauten im Zuge der Notgra- terialien, die einzeln, in kleineren Gruppen oder ganzen Gräberfel-
bungen beim Bau einer Seilbahn in der Südostnekropole zutage, dern vorkommen und in der Regel kaum Grabbeigaben enthielten.
die vor wenigen Jahren in Kooperation der Pergamongrabung mit Die spätbyzantinischen Gräber (12.–14. Jh.) markieren die letzte Pha-
dem Museum Bergama stattfanden. Die Notwendigkeit und den se der Nekropolen von Pergamon.
Nutzen baubegleitender archäologischer Maßnahmen in Anbe- Durch alle Zeiten hindurch werden in den Gräbern die Vorstel-
tracht der prosperierenden Stadt Bergama illustrieren zudem die lungen der vor Ort lebenden Menschen deutlich, von der Reise in
Baustellenbefunde, bei denen seitens des Museums besonders im die Unterwelt bis hin zur christlichen Auferstehung. In hellenistisch-
Südosten des kaiserzeitlichen Stadtgebietes zahlreiche römische römischer Zeit werden insbesondere bürgerliche Tugenden wie die
Gräber freigelegt wurden. Vor dem Hintergrund dieser Entwick- familiäre Verbundenheit und der Einsatz für die eigene Polis als he-
lungen hat die Pergamongrabung ein neues Forschungsprogramm roische Eigenschaften gefeiert.

Literatur Pfuhl – Möbius 1979; Tuchelt 1979 (b); Ziegenaus – De Luca 1981; Dentzer 1982;
Fränkel 1890; Fränkel 1895; Dörpfeld 1907; Jacobsthal 1908; Winter 1908; Dörpfeld De Luca 1984; Berges 1986; Karagöz u. a. 1986; Pfrommer 1990; Schmidt 1991; Wulf
1910; Hepding 1910; Conze 1913; Deubner 1951; Boehringer 1959; Zgusta 1964; 1994; Berges 1996; Scholl 1996; Fabricius 1999; Radt 1999; Scholl – Platz-Horster
Ziegenaus 1966; Ziegenaus – De Luca 1968; Habicht 1969; Ziegenaus – De Luca 2007; Christof 2008; Mania 2008; Pirson 2008 (a); Pirson 2008 (b); Pirson 2009; Zim-
1970; Kunisch 1972; Ziegenaus – De Luca 1975; Fraser 1977; Pfuhl – Möbius 1977; mermann 2009 (c); Otten 2010; Hoffmann 2011; Pirson u. a., im Druck.

1 Zum Namen Aphphias s. Zgusta 1964, 84 Nr. 66–53. 4 Wulf 1994, 160. 166–168. Bei neueren Grabungen des Museums Bergama in der
2 Pfuhl – Möbius 1979, 536 Nr. 2234. Unterstadt wurde allerdings ein Abschnitt einer antiken Straße freigelegt, der
3 Berns 2003, 245 Nr. 33C1. In der älteren Literatur ist das Grab noch als Tu- nicht in das von Wulf postulierte Raster passt, vgl. dazu Pirson 2008 (a), 120.
mulus der Auge (Pausanias, Helládos periegesis 8,4,9) bzw. als Heroon des Te- 5 Conze 1913, 290–294; Radt 1999, 270–272. Wobei der zweite Sarkophag von
lephos angesprochen, wurde also mit der Verehrung mythischer Gründungs- Conze wohl fälschlich als Marmorsarkophag bezeichnet wird, wie eine alte
heroen verbunden, s. Conze 1913, 240. 245; Ziegenaus 1966, 450−455; Ziegen- Aufnahme vom At Pazarı mit dem heute im Museum Bergama befindlichen
aus – De Luca 1975, 45−50; Deubner 1984, 345−351. Sarkophag nahelegt.

296