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Flugbegleitung

Herbert Hrachovec

Es ist schon gesagt worden, dass die Veranstaltung hier nicht einfach dem Vergnügen dient, sondern
auch der ernsthaften gedanklichen Auseinandersetzung. Ich greife auf, was Alfred Komarek
gemacht hat. Er hat vieles gemacht, aber unter anderem hat er die Landschaft von unten bis oben,
von den Tiefen der Kellergewölbe bis zur Aussicht hier, kurz vor Augen geführt. Und wenn ich
darauf philosophisch reagieren soll und möchte, dann muss ich diese Landschaftsbeschreibung ein
wenig rübernehmen, integrieren in Gedanken, in Bücher, in Texte, die geschrieben worden sind mit
der Hinsicht auf Landschaft.

Da gibt es einen ganz festen und im Wortsinn tiefen Anknüpfungspunkt als Erstes. Zu Beginn der
abendländischen Philosophie hat Platon das berühmte Höhlengleichnis formuliert. Es enthält die
Geschichte, dass Leute in einer Höhle gefesselt sind und nur Schatten an der Wand sehen. An der
gegenwärtigen Position und im Anschluss an das, was Herr Komarek gesagt hat, müßte man das ein
wenig variieren und müßte ein Kellergleichnis erfinden, das könnte denselben Effekt haben. Man
könnte vom Keller hinauf in das Licht gehen. Die platonische Überlegung im Zusammenhang mit
dem Höhlengleichnis war folgende: Um zu beschreiben, was Menschen sein können, was Menschen
sein sollen, ist das Landschaftsbild des Herausgehens aus der Höhle in das Sonnenlicht, hinauf zu
mehr Luft, mehr Licht, mehr Einsicht, echter Beleuchtung, ein schönes Beispiel.

Und wenn wir einmal am Tageslicht sind, dann geht die Landschaft natürlich auch oft in die Höhe.
Es kommt zu Bergen, man geht auf Berggipfel, und ist auf diesen Gipfeln ganz besonders nahe am
Himmel, an den Idealen und an der Freiheit. Diese Von-unten-nach-oben-Bewegung gehört zu
unserer Zivilisation dazu, das ist etwas, was wir praktisch den Kindern ab 6 Jahren, ab dem
Vorschulalter, immer wieder erzählen. Es geht darum, sich zu befreien, es geht darum, hohe Ziele zu
haben, sich weiter zu entwickeln. Das Weiterentwickeln nach dem Muster einer Pflanze, einer
aufrechten Lebensweise ist immer mehr oder weniger von unten nach oben gedacht.

Soviel, um zu sagen, dass die Landschaft vom Keller, bis zum Buchberg, der da irgendwo zu sehen
ist mit der Aussichtswarte, ein schönes Abbild davon ist, was man in der Philosophie auch gerne
immer wieder sagt: Menschen entwickeln sich zu einem vollen Leben in aufrechtem Gang von
unten nach oben. Nun liegt hier aber ein Problem, und das ist auch schon relativ früh gesehen
worden, und das ist das Problem, dass man – wie schön man das auch beschreibt – immer wieder
fragen kann: Wazu das Ganze? Wozu tu ich mir das an? Wozu soll ich den Keller verlassen? Es ist
doch ganz nett da drinnen, wenn der Weinbauer sich über das Fass beugt. Warum soll ich mir das
Ganze überhaupt geben?

Wenn Sie ein bißchen mit Philosophie vertraut sind, dann werden Sie erkennen, dass es sich hier um
eine – um es einmal sehr unrespektvoll zu sagen - „selling propositions“ der Philosophie handelt.
Das Ganze heißt an dieser Stelle: Wieso diese schönen Landschaftsbilder, wieso die Höhlen, wieso
die Berge, wieso die Burgen auf den Bergen. Wenn man das nun ernst nimmt, dann kommt man in
eine Schwierigkeit mit der gesamten Bildwelt. Wie ich es Ihnen dargestellt habe, enthält diese
Bildwelt ja das Dunkle, in das das Licht hineinfällt, einen Bergesgipfel, der eine schöne Aussicht
hat. Sie können sich zusätzlich auf dem Bergesgipfel eine Aussichtswarte vorstellen, die noch ein
kleines Extraplus dazufügt, in Wirklichkeit aber in derselben Kontinuität steht.
Das führt mich zu der Installation, die hier zu sehen ist. Ich möchte Ihnen einen beinhart
metaphysischen Text vorlesen, den ich in der Vorbereitung dieser Präsentation entdeckt habe. Ich
kannte ihn nicht und bin von ihm begeistert. Er ist von einem griechisch sprechenden Philosophen
aus der späten Phase des west-römischen Reiches verfaßt, Plotin heißt der, drittes Jahrhundert nach
Christus. Der ganze Text trägt den Titel „Der Abstieg der Seele in die Leibeswelt“ und er beginnt
folgendermaßen:

„Immer wieder, wenn ich aus dem Leib aufwache, in mich selbst aufwache, lasse das andere hinter
mir und trete ein in mein Selbst, sehe ich eine wunderbar gewaltige Schönheit und vertraue in
einem solchen Augenblick ganz eigentlich, zum höheren Bereich zu gehören. Verwirkliche höchstes
Leben, bin in Eins mit dem Göttlichen, und auf seinem Fundament gegründet. Denn ich bin gelangt
zur höchsten Wirksamkeit und habe meinen Stand errichtet hoch über allem, was sonst geistig ist.“

Da haben Sie ein Motiv, das mich elektrisiert hat. Ich wache auf – wohin? Ich wache auf aus
meinem Körper, in eine Bewegung zu Gott. Das klingt ziemlich schräg, ist auch schräg, ist jenseits
dieser Zivilisationsabfolge der Serpentinen hinauf zu den entsprechenden Spitzen. Ich wache auf in
einen Bereich, in dem ich einen festen Stand Gott gegenüber habe. Diese Stand ist das Höchste, was
die Menschen erreichen können, und das Bild mit dem Aufwachen aus meinem Körper heraus ist
der Versuch eines Philosophen wie Plotin, die Frage zu stellen: Was soll denn das, was mein Körper
ist? Was soll denn das vom Keller bis zum Berggipfel? Nun bin ich beim Sprungbrett, beim
Trampolin. Denn ein schönes Bild, das in der Philosophie nicht vorkommt, das aber hier geschaffen
worden ist, ist, dass ich aufwache und ich stehe auf einem Trampolin in Staatz über den Klippen.

Das ist deswegen an dieser Stelle so bemerkenswert, weil es einerseits noch immer eine Position auf
der Welt ist, aber es ist leider keine Position mehr, aus der man weitergehen kann. Man kann
zurückgehen natürlich, das ist aber ein wenig schäbig. Man kann genau den Aufstieg, das Schöne,
die ganze Story der Zivilisation nicht mehr weiter fortsetzen. Man steht dort und der nächste Schritt,
den man macht, ist „näher mein Gott zu Dir“. Das ist eine Antwort, die in der Philosophie gegeben
werden kann auf die Frage „Wozu das Ganze?“

Weniger religiös und eher existenzialistisch ausgedrückt, ist das in dem Wort „ausgesetzt“. Es fasst
in etwa zusammen, worum es da geht. Eine „ausgesetzte Position“, draußen hinausgesetzt und
damit auch ausgesetzt im Sinn von unterbrochen, das Leben unterbrochen, wie man sagt „das Herz
hat ausgesetzt“. Dass man bis dorthin kommt, ist eine interessante Realisierung von Gedanken aus
der Philosophiegeschichte in die Landschaftsarchitektur und Objektkunst, wenn man so sagen will.

Ich will nicht ganz so traurig enden und möchte mit einem zusätzlichen Gedanken zum Schluß
kommen. Vielleicht kennen einige die Schallplattenaufnahme der „New Orleans Funeral Brass
Band“. Eine schwarze Band, die im Begräbnisbetrieb in New Orleans aktiv war. Diese LP, wie ich
sie noch kenne, hat zwei Seiten (CDs haben ja keine zwei Seiten). Die erste Seite gibt die
herzbewegende Trauermusik wieder, die zweite Seite, wenn man umdreht, enthält, was die Band
gespielt hat, wenn sie vom Begräbnis nach Hause gegangen sind. Das war Swing und Walzermusik.

Ich sag es Ihnen jetzt zusammengefasst in einem Wort. Wir kennen sehr gewöhnlich und fast bis zur
Langeweile die Worte „todernst“, „todtraurig“ und so etwas Ähnliches. Was wir hier, heute, sehen
ist todlustig.