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CONSILIA Lehrerkommentare

Herausgegeben von Hans-Joachim Glücklich

Heft 8

Hans-Joachim Glücklich

Die Hannibalbiografie
des Nepos im Unterricht
Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

2., völlig überarbeitete Auflage

Vandenhoeck & Ruprecht

© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen


ISBN Print: 9783525256602 — ISBN E-Book: 9783647256603
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ISBN 978-3-525-25660-2
ISBN 978-3-647-25660-3 (E-Book)

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© 2011, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen


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Inhalt

I. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1. Die Hannibal-Vita als Schullektüre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
2. Zur Neubearbeitung der Exempla-Ausgabe . . . . . . . . . . . . . . . . 6

II. Interpretationen und Unterrichtsvorschläge . . . . . . . . . . . . . . . . . 9


Hamilcar c. 1: Hamilkar im Krieg mit den Römern . . . . . . . . . . . . 9
1. Interpretation Hamilcar c. 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hamilcar c. 1 . . . . . . . . . 13
Hamilcar c. 4: Hamilkars Römerhass . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1. Interpretation Hamilcar c. 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hamilcar c. 4 . . . . . . . . . 20
Hannibal c. 1: Tapferkeit, Klugheit und Hass Hannibals . . . . . . . . . . 22
1. Interpretation Hannibal c. 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 1 . . . . . . . . . 24
4. Kapitel 1 als Ausgangspunkt für die weitere Lektüre und
die Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
Hannibal c. 2: Hannibals lebenslanger Hass auf die Römer . . . . . . . . 32
1. Interpretation Hannibal c. 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal 2 . . . . . . . . . . 35
Hannibal c. 3: Hannibals Zug nach Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
1. Interpretation Hannibal c. 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 3 . . . . . . . . . 43
Hannibal c. 4: Hannibals Erfolge in Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
1. Interpretation Hannibal c. 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 4 . . . . . . . . . 51
Hannibal c. 5: Hannibal – in Italien unüberwindlich . . . . . . . . . . . . 55
1. Interpretation Hannibal c. 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 5 . . . . . . . . . 57

Inhalt 3

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Hannibal c. 6: Die Niederlage bei Zama bricht Hannibal nicht . . . . . . 62
1. Interpretation Hannibal c. 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 6 . . . . . . . . . 64
Hannibal c. 7: Hannibals politische Leistung und seine Flucht aus Karthago 66
1. Interpretation Hannibal c. 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
3. Hinweise den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 7 . . . . . . . . . . 68
Hannibal c. 8: Hannibal bei Antiochus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
1. Interpretation Hannibal c. 8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 8 . . . . . . . . . 73
Hannibal c. 9: Hannibal überlistet die Kreter . . . . . . . . . . . . . . . . 75
1. Interpretation Hannibal c. 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 9 . . . . . . . . . 77
Hannibal c. 10–11: Eine Seeschlacht mit geplanten Überraschungen . . . 80
1. Interpretation Hannibal c. 10–11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 10–11 . . . . . . 82
Hannibal c. 12: Hannibals Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
1. Interpretation Hannibal c. 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 12 . . . . . . . . 88
Hannibal c. 13: Hannibals literarische Bedeutung . . . . . . . . . . . . . . 92
1. Interpretation Hannibal c. 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
2. Texterschließung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
3. Arbeitsaufträge zu Hannibal c. 13 und zur Gesamtbetrachtung . . 93
Livius über Hannibal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu »Livius über Hannibal« . . . . 95

4 Inhalt

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I. Einleitung

1. Die Hannibal-Vita als Schullektüre

Hannibal und Scipio sind fest im kollektiven Gedächtnis nicht nur der Römer,
sondern Europas und Amerikas, auch Afrikas und des nahen Ostens eingeprägt,
heute Hannibal mehr als Scipio. Die Römer werteten Hannibal zunächst als größ-
ten Gegner und als größte Gefahr für Rom. Sie bewunderten ihn bald wegen sei-
ner strategischen Fähigkeiten. Standbilder und Büsten Hannibals aus der Antike
sind keine erhalten. Aber man weiß, dass es in Rom solche gab, erst möglicher-
weise als Mahnzeichen, später zur Identifikation mit strategischer Größe. Han-
nibal und die Punischen Kriege kennzeichnen zudem die »Epochengrenze«, den
Übergang Roms von einer eher lokalen zu einer Weltmacht, zur Beherrscherin
des Mittelmeerraums. Sie lösten einen Schub im römischen Selbstbewusstsein
und Selbstverständnis aus.
Es gibt viele antike Autoren, die über Hannibal schreiben (siehe Übersicht in der
Textausgabe S.  10 f.). Die drei wichtigsten Darstellungen zu Hannibal aus der
Antike stammen von Polybios, Nepos und Livius, aber auch die Darstellungen
Plutarchs (zu römischen Führungspersönlichkeiten) und des Cassius Dio sind von
großer Bedeutung. Polybios schildert die Auseinandersetzung zwischen Rom und
Karthago, zwischen Scipio d. Ä. und Hannibal, vor dem Hintergrund der wandel-
baren Tyche und der römischen Verfassung als Garantie für langen Bestand eines
Staates. Cassius Dio (in seiner Römischen Geschichte) schildert Hannibal eher ne-
gativ, aber stellt die Punischen Kriege als die entscheidende Wende in Roms Ge-
schichte dar (zur Epochengrenze 218 in Buch 13, zu Hannibal in Buch 13, zu Sci-
pio in Buch 16, jeweils in Auszügen von Zonaras überliefert). Livius schildert die
Größe römischer Feldherrn und bietet sehr viele anschauliche Details des Gesche-
hens. Das Ziel dieser Autoren ist es vor allem, Scipio und Rom als hoch bedeu-
tend darzustellen; da muss der Gegner möglichst gefährlich und schwierig sein.
Die Hannibal-Vita des Nepos bietet sich zunächst schon wegen ihrer Kürze an.
Man kann sie zwar laut in 55 Minuten vorlesen. Im Unterricht muss man mit zwei-
einhalb bis drei Monaten für die Lektüre rechnen. Die Hannibalvita des Nepos
ist aber nicht nur relativ kurz, sie ist auch ein ganz erstaunliches Werk. Der Auf-
bau ist klappsymmetrisch und voller gegenseitiger Bezüge (siehe dazu Textaus-
gabe S. 11). Die Lebensbeschreibungen (Vitae) des Nepos erschienen erstmals in
den Jahren 35/34 v. Chr., ca. sechs Jahre später in zweiter erweiterter und umgear-
beiteter Auflage. Die erweiterte Auflage enthielt die Hannibal- und die Hamilkar-
Vita. Das bedeutet: 10 Jahre nach Caesars Tod stellt Nepos den Römern Identifika-
tionsfiguren vor. 15 Jahre nach Caesars Tod weist er eventuell auch dem größten

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Gegner Roms eine solche Qualität als Identifikationsfigur zu. Seine strategischen
und taktischen Fähigkeiten führten zur Auseinandersetzung mit seiner gesamten
Persönlichkeit. Hannibal wird selbst dann noch als gefährlich dargestellt, als er
nur noch eine Art Söldnerführer im Dienst von Königen im vorderen Orient ist.
Die grausamen oder zerstörerischen Taten Hannibals stehen im Jahr 29 hinter
der Bewunderung für seine Leistungen zurück. In der praefatio zu allen vitae hat
Nepos deswegen auch geschrieben (praef. 2–3): Kritiker seiner Art der Darstel-
lung sollten sich zuerst über eines bewusst sein: Sie sollten nicht nur für richtig
halten, was mit ihren eigenen Sitten übereinstimmt. »Wenn sie erst einmal gelernt
haben, dass nicht für alle dasselbe als ehrenvoll und schimpflich gilt (dass also
verschiedene Menschen verschiedene Lebensziele und Wertvorstellungen haben),
sondern dass alles nach Einrichtungen der Vorfahren beurteilt wird, dann wer-
den sie sich nicht wundern, dass wir bei der Darstellung griechischer Leistungen
auch deren Sitten im Blick haben.«
Caesar betont in seiner von Sallust erfundenen, aber offenbar der Person Caesars
angemessenen und entsprechenden Rede (Catilinae coniuratio 51, 37 f. und 42): Es
ist ein Kennzeichen der Römer, fremde Errungenschaften zu prüfen und gegebe-
nenfalls zu übernehmen.
Das von Caesar, Sallust, Nepos und anderen dargestellte Modell der überlegten
Übernahme anderer zivilisatorischer und kultureller Leistungen macht auch die
Lektüre der Hannibalbiografie des Nepos empfehlenswert.

2. Zur Neubearbeitung der Exempla-Ausgabe

Die neubearbeitete Ausgabe folgt den bewährten Prinzipien der Exempla-Reihe,


weist aber viele Änderungen und Neuerungen auf. Sie sind in der Neuausrichtung
der Nepos-Lektüre auf die Mittelstufe begründet.

Textpräsentation: Der Text wird vor allem am Anfang und dort, wo es sich emp-
fiehlt, in kolometrischer Schreibweise präsentiert. Die Kapitel Hamilcar 2 und
3 werden nur referiert; Hannibal 13 ist zum Teil  mit Übersetzung angeboten,
ebenso ein Auszug aus dem Werk des Livius.

Lernvokabular. Ein ausführliches Lernvokabular bietet alle Vokabeln, die zu-


mindest theoretisch voraussetzbar sind oder aber während der Lektüre gelernt
werden sollten, alphabetisch an. Die alphabetische Anordnung ermöglicht das
Nachschlagen während der Lektüre. Am Beginn der Lernvokabeln ist aber darge-
legt, welche Vokabeln vor oder nach einem Kapitel gelernt werden sollen.

Einleitung, Grundwissen, Begleittexte und Informationen: Einleitung, Grund-


wissen, Begleittexte und Informationen haben mehrere Funktionen. Sie sammeln
Wissen, das den Schülern zur Verfügung stehen soll. Sie ermöglichen oft einen

6 Einleitung

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leichteren Einstieg in den Text und ein rascheres und besseres Verstehen (siehe
dazu die Hinweise bei den einzelnen Kapiteln). Sie helfen zudem, die Arbeitsauf-
träge zur Interpretation in angemessener Zeit zu bearbeiten. Aus diesem Grund
sind auch Bildbeschreibungen aufgenommen, die einige Grundbeobachtungen
festhalten und Hinweise zur weiteren Beobachtung geben.

Art und Abfolge der Arbeitsaufträge: Arbeitsaufträge und Begleittexte stehen in


der Textausgabe getrennt vom Text, damit optisch der Zusammenhang des Tex-
tes erhalten bleibt. Die Art der Arbeitsaufträge und ihre Abfolge sind in der Text-
ausgabe (S. 21) erklärt. Sie richten sich nach den auszubildenden Kompetenzen.

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II. Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

Hamilcar c. 1: Hamilkar im Krieg mit den Römern

(Erster Punischer Krieg, beschriebener Zeitraum: 264–241)


Text: Ausgabe S. 22–23
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 46–49

1. Interpretation Hamilcar c. 1

§ 1: Der Name der beschriebenen Person steht am Anfang: Hamilcar. Danach wird
der Vater angegeben: Hannibalis filius. Schüler dürfen diesen Hannibal nicht mit
Hamilkars Sohn gleichen Namens verwechseln, man verweist am besten auf den
parallelen Beginn der Hannibal-Vita (Hannibal 1,1): Hannibal, Hamilcaris fi-
lius. Dann werden Hamilkars Beiname (cognomine Barca) und seine Nationali-
tät (Karthaginiensis) genannt. Die Herkunft bedeutet für römisches Verständnis
Feindlichkeit und Krieg. Entsprechend wird Hamilkar sogleich in seiner ersten
kriegerischen Tätigkeit beschrieben: Zeitangabe: primo Poenico bello; Präzisie-
rung der Zeitangabe: am Schluss (temporibus extremis); Altersangabe: admodum
adulescentulus; Ortsangabe: in Sicilia; Funktionsangabe: praeesse coepit exercitui.
Hamilkar wird sofort im Kriegsgeschehen gezeigt, er ist früh mit seiner Entwick-
lung fertig, im Krieg lässt sich sein Wesen am besten zeigen.
In § 2 zieht Nepos einen Trennungsstrich zwischen der Zeit vor und der Zeit
nach Hamilkars Ankunft in Sizilien. Vier Aussagen beschreiben zweimal nega-
tiv, zweimal positiv, dass Hamilkar immer gesiegt hat. Die letzten zwei Aussagen
sind durch e contrario von den ersten beiden abgesetzt. Die totale Geltung der
Aussagen wird durch numquam und semper deutlich gemacht, von saepe kaum
eingeschränkt. Der Gegensatz zwischen dem Zustand vorher und dem nach-
her wird durch das adversative cum (als solches erweist es sich bei der Inhalts-
und Satzanalyse) und durch das betont vor ubi adfuit gesetzte ipse unterstrichen,
außerdem durch den Wechsel der Diathese: Passiv gererentur im cum-Satz, Aktiv
im Hauptsatz.
Im nächsten Satz hebt Nepos am Beispiel der Verteidigung des Eryx erneut den
Unterschied zwischen der Zeit vor und der nach Hamilkars Ankunft hervor. Die
Verteidigung des Eryx erscheint als Ergebnis (quo facto) der kriegerischen Über-
legenheit Hamilkars oder diese kulminiert umgekehrt in der Verteidigung des
Berges und der Stadt. Im ut-Satz wird sodann das Ergebnis dieser Verteidigung
genannt: bellum eo loco (Sizilien) gestum non videretur.

Hamilcar c. 1: Hamilkar im Krieg mit den Römern 9

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§ 3: Mit interim wird die Schilderung einer Parallelaktion eingeleitet. Nepos
wechselt von Hamilkar und seinen Leuten auf Sizilien (Poeni) zu anderen (Kar-
thaginienses), vom Land zum Meer (classe, weit von superati getrennt); man liest
eine neue Themen-, Orts- und Kriegsschauplatzangabe: apud insulas Aegatis;
statt Siegervokabular im Zusammenhang mit Hamilkar liest man vom Verlie-
ren (superati). Erstmals werden die Römer – die vorher nur im Wort hosti (§ 2) er-
schienen – und ein römischer Konsul mit Namen genannt, ebenso sein Amt. Sie
erscheinen als Sieger, werden aber nicht grammatisches Subjekt; dies bleibt die
punische Seite. Der eben geschilderte totale Sieger muss nun um einen Frieden
bitten, für den sich die Karthager aufgrund von Verlusten (superati) und gezwun-
genermaßen entschieden haben. Nepos bereitet darauf vor, dass Hamilkar den
Widerspruch zwischen seinem Können und seinem Auftrag empfindet und diese
gewaltige Frustration in ihm dauernde Schäden anrichtet.
Der folgende Satz, eingeleitet mit dem starken ille, hebt diesen Gegensatz von Kön-
nen und Auftrag gleich hervor, indem sofort nach ille ein etsi-Satz folgt und der
Hauptsatz mit tamen eingeleitet wird. Hamilkar empfindet seine Mission (arbit-
rio permiserunt) als Unterwerfung (servire). Er sieht sie als notwendig an (-ndum
putavit), weil Karthago keine Mittel mehr hat, keine Niederlage mehr verkraften
kann. Die totale Erschöpfung wird herausgehoben: Kompositum ex-haustam, Plu-
ral sumptibus, Komparativ diutius, Infinitiv der Gleichzeitigkeit (ferre non posse).
Deutlich wird auch der Konflikt in Hamilkar herausgehoben: Zwei Ausdrücke
des Affekts (flagrabat … cupiditate) stehen zwei Verben der Rationalität gegen-
über (putavit, intellegebat). Dann wird der innere Vorbehalt angefügt, der auch für
den Friedensschluss gilt, zu dem sich Hamilkar gezwungen sieht: sed ita, ut statim
mente agitaret … (§ 4). Die kriegerische Haltung ist nicht aufgehoben, nur aufge-
schoben, der Verstand spielt bei der Aggression mit, wie die Verwendung von mente
agitaret zeigt – das Wort mens hat eine rationale und eine affektive Komponente.
Wie sehr Hamilkar auf einen neuen Krieg brennt, zeigt Nepos in vielen Einzel-
heiten: Karthago muss sich nur »ein bisschen« erholen (paulum modo); der Krieg
wird die Fortsetzung des alten sein (renovare); Hamilkar wird die Römer uner-
bittlich überall hin verfolgen (Kompositum persequi); er kennt dann – so stellt
es Nepos dar – nur zwei Alternativen: Sieg oder Niederlage der Römer, also kei-
nen Vertrag mehr. Die Alternativen schließen sich aus (aut … aut), die erste ist
durch Alliteration hervorgehoben (virtute vicisset), die zweite nimmt die Allite-
ration und den Stamm von vicisset in victi, die Endung von vicissent in dedissent
auf. Ein unehrlicher Friedensschluss! Nepos kann sich mit der scheinbar zurück-
haltenden, nach dem Vorigen aber doch demonstrativen Formulierung begnü-
gen: Hoc consilio pacem conciliavit. Man könnte dahinter ein Ausrufezeichen set-
zen. Nepos zeigt das Sinnlose dieses Friedensschlusses, indem er nun Hamilkars
äußeres Verhalten beim Vertragsschluss schildert und dabei die Ausdrücke wei-
terführt, die Affekt und Ratio verbinden: ferocia, pertinacia. Wie Nepos Hamil-
kars äußeres Verhalten schildert, scheint zunächst im Satzbau ungewöhnlich: In
qua – die meisten Herausgeber schreiben gegen die Handschriften in quo – tantā
fuit ferociā … und nun erwartet man ut …› aber es folgt ein cum-Satz, der die

10 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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römische Forderung schildert, und erst dann der ut-Satz. Hamilkar kommt ge-
zwungen, aber mit dem inneren Vorbehalt zum Vertragsschluss (pacem). Auch
bei diesem (in qua)  ist er von der geschilderten starken Entschlossenheit oder
Verbissenheit (tanta ferocia: Abl. qualitatis, fuit: nämlich Hamilkar!). Diese Ver-
bissenheit ist nicht die Folge der römischen Forderung, die im cum-Satz geschil-
dert wird, sondern geht ihr voran. Und so ist auch die folgende, im ut-Satz ge-
schilderte Erklärung Hamilkars nicht Folge der römischen Forderung, sondern
die Folge aus seiner eigenen Haltung, die er zum Vertragsschluss mitbringt und
die diesen eigentlich verbietet. Die römischen Vertragsbedingungen, im cum Satz
geschildert, holen nur Hamilkars Haltung ans Tageslicht und provozieren ihn zu
seiner im ut-Satz geschilderten Äußerung. Der zeitlichen Abfolge entsprechend
steht also erst … fuit ferocia, dann cum … negaret … decederent, dann ut … dixe-
rit. Nepos macht deutlich, dass Kriegslust, Falschheit und Verbissenheit Wesens-
züge Hamilkars sind. Zum Schluss des Kapitels zeigt er daher deutlich Distanz.
Im ut-Satz, der die Folge von Hamilkars Verbissenheit schildert, stellt er das Va-
terland (patria) Hannibal (ipse) gegenüber: succumbente patria »während das Va-
terland am Boden lag« – ipse … dixerit … »(schloss er nicht zu den römischen Be-
dingungen Frieden, sondern) sagte er selbst, er wolle lieber sterben als mit einer
so großen Schmach nach Hause zurückkehren«. Dabei ist die Bedingung, die der
Konsul Catulus stellt, recht ehrenvoll: freier Abzug aus Sizilien (ille cum suis … Si-
cilia decederent, das Prädikat steht im Plural »ad sensum«, denn cum ist hier fast
wie et verwendet), allerdings ein Abzug ohne Waffen (armis relictis). Hamilkar je-
doch sieht darin eine Schmach, will also keinerlei Einbußen beim Vertragsschluss
hinnehmen. Er begründet es mit seinem eigenen Naturell und seinem eigenen
Ruf als unbezwungener Sieger: non enim suae (betont vom Bezugswort getrennt)
esse virtutis: »mit seiner (Auffassung und Bewährung von) Tapferkeit vertrage es
sich nicht, Angriffswaffen dem Feind auszuliefern«.
Die Verbissenheit ist also ein ganz persönlicher Zug Hamilkars. Und Nepos stellt
dies am Schluss auch noch in dem zusammenfassenden Ausdruck huius pertina-
ciae heraus. Da gibt es nur zwei Verhaltensweisen: rücksichtsloses Vorgehen oder
Hinnehmen. Catulus tut das zweite: cessit Catulus.
Im Verlauf des Kapitels hat sich Hamilkars Bild verdüstert. Vgl. die Darstellung
zu den Arbeitsaufträgen 3a und b sowie 4. Hamilkar erscheint mit seiner Kriegs-
lüsternheit und seiner unmoralischen Einstellung zum Vertragsschluss wie Cae-
sars Gegner (man vergleiche etwa Gall. 1,14; 4,9,3). Ein Römer führt Krieg aus
rationalen Gründen, nicht aus Kriegslust, und er hält sich an die pax – so wenigs-
tens die Theorie oder »Ideologie«. Nepos aber nennt Hamilkar nicht so, wie Cae-
sar solche Leute nennt: Barbar (etwa Gall. 1,31,5).
Nepos vermittelt also von Anfang an dem Leser einen psychologischen und po-
litisch-ideologischen Hintergrund. Hamilkars Krieg ist nicht von einem Gedan-
ken an gerechte Kriegsgründe getragen, sein Friedensschluss ist kein wirkliches
Bündnis mit Rom, sondern Heuchelei eines superbus, die weiteren Krieg der Rö-
mer rechtfertigt. Im Unterschied zu römischer Auffassung und Selbstdarstel-
lung verfolgt Hamilkars Krieg keine Herstellung einer pax und einer Ordnung,

Hamilcar c. 1: Hamilkar im Krieg mit den Römern 11

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sondern dient ausschließlich dem persönlichen Geltungsbedürfnis und ist Er-
gebnis von Emotionen und Frustration. Hamilkars Krieg wird daher im Rück-
blick als ungerecht abgestempelt und die später (Hannibal 2) geschilderte Über-
tragung seines Römerhasses auf seinen Sohn Hannibal macht auch dessen Krieg
ungerecht. Dieser erfüllt Ciceros Definition von ungerechten Kriegen, die sine
causa suscepta sind, was Cicero, de re publica 3,35 (zitiert bei Isidor, Etymologiae
18,12 f.) so erläutert: Sie werden de furore, non de legitima ratione begonnen.

2. Texterschließung

Die Texterschließung kann zunächst das Thema »Hamilkar« finden und die In-
formationen zu Hamilkar sammeln lassen. Satz für Satz kann man Thema und
Rhema feststellen. Dies ist ein textsemantisches Verfahren. Das Thema ist im je-
weiligen Satz das, was vom vorigen Satz oder aus vorigen Sätzen bekannt ist und in
Wiederholungen, Umschreibungen oder zurückverweisenden Pronomina wieder
aufgenommen wird. Das Rhema ist das jeweils Neue, bisher noch nicht Gesagte.
Bei jedem Satz können auch eine Schilderung der Informationsabfolge, des Ab-
laufs von Glied- und Hauptsätzen, verlangt und so der Inhalt und der Charakter
der Sätze herausgearbeitet werden. Eventuell können Beschreibungen der Satz-
verläufe und Satzabbildungen nach dem Einrücksystem erstellt werden. Schließ-
lich kann die Übersetzung verlangt werden.
Die Thema-Rhema-Gliederung ergibt:
§ 1: Am Ende des § 1 wird das Thema Krieg und Heeresführung angeschlagen:
praeesse coepit exercitui. Das wird nun im Folgenden ausgeführt:
§ 2: In den Gegensatz »Vorher (ante eius adventum) – Nachher (ipse, ubi adfuit)«
wird eingeordnet: et mari et terra male re gererentur Karthaginiensium, num-
quam hosti cessit, neque locum nocendi dedit, saepeque e contrario lacessivit, sem-
perque superior discessit, omnia Poeni amisissent, ille Erycem sic defendit, ut bel-
lum gestum non videretur.
§ 3: In den Gegensatz »Karthaginienses – ille« wird eingeordnet: classe superati,
statuerunt belli facere finem eamque rem permiserunt Hamilcari. In den Gegen-
satz »flagrabat  – serviundum putavit« eingeordnet, wird Hamilkars Erfolg im
Krieg wieder aufgenommen und ist jetzt zu einer festen affektiven Einstellung ge-
worden: Kriegsbegierde (flagrabat bellandi cupiditate). Der Vertragsschluss (paci)
nimmt belli facere finem und eam rem aus § 3 auf, jetzt im nächsten Stadium.
§ 4: In die neue Information der heimlichen Überlegung (mente agitaret) wird
eingebunden: res essent refectae, bellum renovare, Romanos armis persequi, virtute
vicissent, victi manus dedissent.
§ 5: Der neuen Information pacem conciliavit werden zugeordnet: ferocia, bel-
lum compositurum, armis relictis, Sicilia decederent; der neuen Information ipse
periturum se potius dixerit werden zugeordnet: succumbente patria, cum tanto
flagitio domum rediret, arma a patria accepta adversus hostis adversariis tradere,
pertinaciae cessit.

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3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hamilcar c. 1

Für alle Antwortvorschläge gilt: Die Darlegungen enthalten meist mehr, als von
den Schülern verlangt werden muss, sie dienen der Information des Lehrers.

1. Arbeite Besonderheiten im Satzbau (Abfolge von Glied- und Hauptsätzen)


und in der Wortstellung (→ Grundwissen 5, Nr. 10) heraus und erläutere die Wir-
kungen.
§ 1: Stellung des Prädikats praeesse coepit zwischen in Sicilia und exercitui. Viel-
leicht wird dadurch das langsame Hineinwachsen des sehr jungen Hamilkar (ad-
modum adulescentulus) in seine Aufgabe charakterisiert.
§ 2: a)  Betonung des male durch Stellung vor statt nach res: »wirklich schlecht
standen«; zusammen mit der ausführlichen polysyndetischen Formulierung et
mari et terra eine Hervorhebung des Misserfolgs der Karthager.
b) Karthaginiensium steht nach male res gererentur statt nach res und vor gereren-
tur; dadurch Fokussierung auf Karthaginiensium und unmittelbare Kontrastie-
rung mit ipse (Hamilkar).
c) Normale parallele Abfolge in: ipse, ubi adfuit, numquam hosti cessit – neque lo-
cum nocendi dedit – saepeque e contrario, occasione data, lacessivit – semperque
superior discessit. Dadurch entsteht eine katalogartige Darstellung vieler Aktio-
nen Hamilkars mit Homoioptoton -it. Die Aktionen werden in einer polysynde-
tischen Aufzählung wiedergegeben, die eine Dihaerese des genannten Begriffs
semper superior discessit ist. Der Oberbegriff wird durch s-Alliteration hervor-
gehoben.
d) Die zweite Hälfte des § 2 hat einen etwas komplizierteren Ablauf, der den Ge-
gensatz Poeni  – ille (Hamilkar) darstellt: relativischer Anschluss mit kausa-
lem Ablativ, konzessiv- / adversativer cum-Satz, Hauptsatz, Konsekutivsatz. Im
cum-Satz betonte Voranstellung des Objekts paene omnia und Stellung des Sub-
jekts Poeni (jetzt der Verlierername und Hassname statt Karthaginienses) an der
schwach betonten Stelle vor dem Prädikat amisissent.

HS Quo facto,
GS1 cum paene omnia in Sicilia Poeni amisissent,
HS ille Erycem sic defendit,
GS1 ut bellum eo loco gestum non videretur.

§ 3: a) belli facere finem steht nach statuerunt statt davor, dadurch Hervorhebung
des Themas;
b)  Hamilcaris steht statt vor oder nach arbitrio wirkungsvoll am Satzende, da-
durch erneut Fokussierung auf Hamilkar, der im nächsten Satz sofort mit ille auf-
genommen wird.
c) bellandi cupiditate steht nach flagrabat, statt davor; dadurch Betonung beider
Wörter.
d) diutius steht betont von ferre getrennt.

Hamilcar c. 1: Hamilkar im Krieg mit den Römern 13

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§§ 3–4: Komplizierter Satzbau, der Hamilkars Kriegslust und Falschheit darstellt
in der Abfolge Kriegslust – Friedensschluss – Kriegslust / Falschheit

HS Ille,
GS1 etsi flagrabat bellandi cupiditate,
HS tamen [paci serviundum] putavit,
GS1 quod [patriam, [exhaustam sumptibus], diutius calamitates
belli ferre non posse] intellegebat, –
HS (4) sed ita,
GS1 ut statim mente agitaret,
GS2 si paulum modo res essent refectae,
GS1 bellum renovare Romanosque armis persequi,
GS2 donicum aut virtute vicissent aut victi manus
dedissent.

§ 5: a) Erneut komplizierter Satzbau, der den Gegensatz von Friedensschluss und


Gesinnung zeigt und ihn verdeutlicht.

HS (5) Hoc consilio pacem conciliavit;


HS in qua tanta fuit ferocia –
GS2 cum Catulus negaret [bellum compositurum],
GS3 nisi ille cum suis,
GS4 qui Erycem tenuerunt,
GS3 [armis relictis] Sicilia decederent –,
GS1 ut, [succumbente patria], ipse [periturum se potius] dixerit,
GS2 quam cum tanto flagitio domum rediret:
HS Non enim suae esse virtutis arma, [a patria accepta adversus hostis],
adversariis tradere.

b) tanta ist betont, weil von ferocia getrennt, Hyperbaton → Grundwissen 5, St 10.
c) Catulus und negaret (Subjekt, Prädikat) sind zusammen vorangestellt, danach
erst folgt das lange, erweiterte Objekt bellum … decederent. Die römischen Bedin-
gungen werden dem Leser ins Bewusstsein gebracht.
d) succumbente patria – ipse: betonte Gegenüberstellung.
e) periturum se: Vertauschung der Abfolge Subjekt – Prädikat im A.c.i.; Betonung
von periturum.
f) Betonte Stellung von non am Satzanfang. Das ablehnende Wort steht voran.
g) Betonte Stellung von suae. Hamilkar hebt seine Art und seine Vorstellung von
virtus hervor, die der Erwartungshaltung der Römer an einen unterlegenen Ver-
tragspartner widerspricht.

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2 a) Schreibe alle Ablativformen aus c. 1 heraus, bestimme sie und gib die jeweilige
semantische Aufgabe an (also die Bedeutungsrichtung → Begleittext 2).

Wort Form Großgruppe Bedeutungsrichtung


(evtl. spezielle Bezeichnung)
1 cognomine Abl. Sg. n. Abl. originis Bezugspunkt (Abl. respectus,
»des Bezugspunkts«)
primo Poenico Abl. Sg. n. Abl. temporis Zeitangabe
bello
temporibus ex- Abl. Pl. n. Abl. temporis Zeitangabe
tremis,
in Sicilia Abl. Sg. f. Abl. loci Ortsangabe
2 et mari et terra Abl. Sg. n. Abl. loci ohne Ortsangabe
bzw. f. Präposition
e contrario Abl. Sg. n. Abl. originis für deutsche Vorstellung eher
modal
occasione data Abl. Sg. f. Abl. abs. (Ablativ + hier Zeitangabe
Prädikativum)
cupiditate Abl. Sg. f. Abl. instrumenti Grund (Abl. causae,
»des Grundes«)
quo facto Abl. Sg. n. Abl. instrumenti Grund (Abl. causae,
»des Grundes«)
in Sicilia Abl. Sg. f. Abl. loci Ortsangabe
eo loco Abl. Sg. m. Abl. loci ohne Prä- Ortsangabe
position
3 classe Abl. Sg. f. Abl. originis Bezugspunkt (Abl. respectus,
»des Bezugspunkts«)
a C. Lutatio, Abl. Sg. m. Abl. originis Abl. auctoris, »des Urhebers«
consule Ro-
manorum,
cupiditate, Abl. Sg. f. Abl. instrumenti Grund (Abl. causae,
»des Grundes«)
sumptibus Abl. Sg. m. Abl. instrumenti in deutscher Auffassung
eher kausal (Abl. causae,
»des Grundes«)
4 mente Abl. Sg. f. Abl. instrumenti für deutsche Auffassung eher
lokal
armis Abl. Pl. n. Abl. instrumenti
virtute Abl. Sg. f. Abl. instrumenti

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Wort Form Großgruppe Bedeutungsrichtung
(evtl. spezielle Bezeichnung)
hoc consilio Abl. Sg. n. Abl. instrumenti / Abl. modi
sociativus (»der Art und Weise«)

in qua Abl. Sg. f. Abl. loci


tantā fuit Abl. Sg. f. Abl. originis Abl. qualitatis
ferociā (»der Eigenschaft«)
cum suis, Abl. Pl. m. Abl. sociativus
qui Erycem
tenuerunt,
armis relictis Abl. Pl. n. Abl. abs. (Ablativ + temporal
Prädikativum)
Sicilia Abl. Sg. f. Abl. separativus
succumbente Abl. Sg. f. Abl. abs. (Ablativ + adversativ (auf dixerit
patria Prädikativum) bezogen), evtl. konditional,
wenn man succumbente auf
periturum bezieht
cum tanto fla- Abl. Pl. n. Abl. sociativus Abl. modi (»der Art und
gitio Weise«)
a patria Abl. Sg. f. Abl. originis Abl. auctoris (»des Urhebers«)

Die Bearbeitung der Aufgabe kann mit der Bearbeitung des Arbeitsauftrags 2 b
verbunden werden.

2 b) Welche der adverbialen Bestimmungen im Ablativ und welche Ablative mit


Prädikativum (Ablativi absoluti) machen die Darstellung dramatisch?

Ausdruck Wirkung
1 temporibus extremis Fokus auf der letzten Phase des Ersten Punischen Krieges
2 et mari et terra Totalität des Misserfolgs betont
e contrario Gegensatz betont, der durch Hamilkar eingeleitet wird
eo loco Hervorhebung des Eryx als von Krieg ferner, von Hamilkar
verteidigter Zone
3 cupiditate, flagrabat bellandi cupiditate als Gegensatz zu tamen paci ser-
viundum
sumptibus durch die Stellung nach exhaustam betont, somit
nicht nur exhaustam erläuternd, sondern zusammen mit
exhaustam den Grund für paci serviundum putabat nach-
drücklich machend

16 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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Ausdruck Wirkung
4 mente Betonung seiner geistig-seelischen Einstellung, der reser-
vatio mentalis
in qua als relativischer Anschluss dramatische Neubeleuchtung des
Friedensschlusses und Erläuterung der vorher dargestellten
reservatio mentalis, damit eine Ausweitung des Berichts zur
Szene
tanta fuit ferocia Abl. qualitatis (»der Eigenschaft«); das Wesen Hamilkars be-
herrscht die Szene und das Geschehen.
succumbente patria Gegensatz des Leidens des Heimatlandes und der starren
Haltung Hamilkars. Hamilkars Identifikation mit seinem Va-
terland wird fraglich.
cum tanto flagitio Leiden des Landes sieht er (angeblich?) als persönliche
Schande an.
a patria accepta Hamilkar betont, dass er einen Auftrag des Vaterlands hat.
adversus hostis

3 a) Welche Wesenszüge hebt Nepos an Hamilkar hervor?


§ 2: Hartnäckigkeit, Unnachgiebigkeit, Durchsetzungsfähigkeit im Kampf: num-
quam hosti cessit neque locum nocendi dedit saepeque … lacessivit semperque
superior discessit.
§ 3: Kriegsbegierde, verbunden mit Vaterlandsliebe und zeitweiliger Einsicht:
etsi flagrabat bellandi cupiditate, tamen paci serviundum putavit, quod patriam,
exhaustam sumptibus, diutius calamitates belli ferre non posse intellegebat.
§ 4: Grundhaltung aber: Entschlossenheit, bis zum Letzten zu kämpfen, selbst bis
zur Niederlage: ut statim mente agitaret … bellum renovare Romanosque armis
persequi, donicum aut virtute vicissent aut victi manus dedissent.
§ 5: Daher beim Vertragsschluss Mischung aus grundsätzlicher sturer Kampfes-
lust und Berufung auf sein Vaterland: tantā fuit ferociā – ut, succumbente patria,
ipse periturum se potius dixerit, quam cum tanto flagitio domum rediret: Non
enim suae esse virtutis arma, a patria accepta adversus hostīs, adversariis tradere.

3 b) Welcher Wesenszug prägt den Anfang, welcher die Mitte, welcher den Schluss
des Kapitels?
Anfang, §§ 1–2: Kriegerischer Einsatz
Mitte, § 3: Trotz Kriegslust Friedenbereitschaft zur Rettung des Vaterlands
Schlussteil, §§ 4–5: Bewahrung des kriegerischen Charakters und der Entschlos-
senheit zum Kampf

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4. Beurteile die römischen Forderungen, Hamilkars Reaktion und den Charakter
des Vertragsschlusses (→ Begleittext 1).
– Die römischen Forderungen sind: Niederlegung der Waffen, Räumung des
Berges Eryx, Verlassen Siziliens (§ 5).
– Hamilkars Reaktion ist geschildert a)  als Haltung: ferocia (ungezügelter
Kriegsstolz); b)  als Äußerungen: »Wenn das Vaterland unterliegt, gehe ich
lieber selbst mit unter, als mit einer solchen Schande nach Hause zurückzu-
kehren; wir geben unseren Gegnern keine Waffen ab, sie sind uns vom Vater-
land gegeben.«
– Der Charakter des Vertragsschlusses: Begleittext 1 a zeigt, dass für Römer ein
Friedensvertrag auf den Gedanken der fides und der gratia aufbaut, dass der
unterlegene Gegner bei einem Friedensvertrag Klient wird und bestimmte
Leistungen zu erbringen hat (hier Auslieferung der Waffen, Räumung des
Eryx und Siziliens) und dass man auf seine Zuverlässigkeit (fides) bauen kön-
nen muss. Nepos stellt die Lage so dar, als ob Hamilkar gar nichts räumen und
keine Waffen ausliefern wollte (was er aber letztlich tun musste) und dass er
keine echte Unterwerfung und keine fides beabsichtigt. Damit ist bereits das
weitere Geschehen voraussagbar und die weitere Entwicklung angelegt: Die
Karthager sind nicht zum Friedensschluss nach römischen Vorstellungen be-
reit; der Friedensvertrag wird bald gebrochen werden. Es gilt Vergils parcere
subiectis et debellare superbos (Aeneis 6,853, Begleittext 3c zu Hannibal 7).
Hamilkar ist immer noch superbus. Der von Nepos verwendete Ausdruck
ferocia kennzeichnet Staatsfeinde, so auch durchgehend während seines gan-
zen Lebens bei Catilina, vgl. Sallust, Catilinae coniuratio 5,7 (animus ferox),
61,4 (ferociamque animi). Hamilkars ferocia verbindet superbia und cupidi-
tas bellandi.

5. Was lässt Nepos in seiner Biographie aus, was betont er besonders (zum Beispiel
durch Wiederholungen und breite Darstellung)?
– Auslassungen: Die tatsächliche Erfüllung der römischen Bedingungen: Abzug
vom Eryx und von Sizilien, Auslieferung der Waffen.
– Breite Darstellung: Hamilkars Wirken auf Sizilien (§§ 1–2), Hamilkars stolze
und unehrliche Haltung beim Friedensvertrag (§§ 4–5).

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Hamilcar c. 4: Hamilkars Römerhass

(beschriebener Zeitraum: ca. 237–229)


Text: Ausgabe S. 25
Arbeitsaufträge: Ausgabe S. 49
Inhaltsangabe der Kapitel 2 und 3: Ausgabe S. 23–24

1. Interpretation Hamilcar c. 4

Mit at kehrt Nepos nach dem in 3,3 gegebenen hinterhältigen Ausblick auf
Hasdrubal und Hannibal zu Hamilkar zurück. Das Ergebnis des Wirkens Ha-
milkars wird in einer Dihaerese erst zusammenfassend (magnas res secunda
gessit fortuna), dann in Einzelheiten (maximas … Africam) dargestellt. Wieder
sollen Superlative wie maximas bellicosissimasque und umfassende Adjektive
(totam) eindrucksvoll wirken. Die Aufzählung wechselt hart zwischen Lebewe-
sen und Sachen: equis – armis – viris – pecunia. Afrika und Karthago erscheinen
als überquellende (locupletavit) Schatz- und Rüstkammer – gewappnet für den
Krieg gegen die Römer. Alles ist für den Krieg gegen die Römer vorhanden, Ha-
milkar plant ihn (cum-Satz § 2). Dies schließt Nepos mit der Mitteilung vom Tod
Hamilkars ab. Er zeigt neutral oder lakonisch den Gegensatz von Planung und
Geschehen.
In § 3 schließt er mit einer zusammenfassenden Schilderung von Hamilkars
Römerhass dessen kurze Biographie ab. Am Ende soll das besondere Charakteris-
tikum Hamilkars stehen. Seine in c. 1 geschilderte Haltung wird jetzt als verfes-
tigt (»durchgehend«, perpetuum) und ausdrücklich als Hass bezeichnet (odium).
Das Ende der Hamilkar-Biographie wird Ausgangspunkt der Hannibal-Bio-
graphie: Huius perpetuum odium erga Romanos maxime concitasse videtur secun-
dum bellum Poenicum.
Nicht Hamilkar und Hannibal sind das primäre Thema der beiden Schlusssätze,
sondern perpetuum odium – obtestationibus – Romanos experiri: Hamilkar stirbt,
sein Römerhass ist sein prägendes Kennzeichen, er hat ihn als Jugendlicher im
Ersten Punischen Krieg entwickelt, er vererbt ihn auf seinen Sohn Hannibal, der
von Jugend auf damit »imprägniert« wird. Das löst primär (maxime) den Zweiten
Punischen Krieg aus. Im Hass auf die Römer lebt Hamilkar weiter.
Der Hass hat keine Ursache bei den Römern, sondern in der Psyche Hamilkars
und der jugendlichen Prägung Hannibals. Uns wichtiger erscheinende Kriegs-
gründe werden nicht erwähnt (vgl. Textausgabe 4 B 2). Aber das Ungerechte in
den Kriegen Hamilkars und Hannibals hat der Römer Nepos seinen römischen
Lesern deutlich gemacht.

Hamilcar c. 4: Hamilkars Römerhass 19

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2. Texterschließung

Die Texterschließung kann damit beginnen, in den §§ 1–2 eine fortlaufende Er-
zählung zu erkennen. Dann kann man gemäß Arbeitsauftrag 1 verfahren. § 3a er-
weist sich dann als Präsenseinschub des Erzählers, § 3b als angefügte erläuternde
Feststellung im konstatierenden Perfekt. Wortfeldbeobachtungen können weiter-
hin das Verständnis der Sätze vor der Übersetzung vertiefen.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hamilcar c. 4

1. Schreibe alle Hauptsatzprädikate heraus, bestimme und übersetze sie und gib
an, welche Aufgabe das jeweils verwendete Tempus hat (→ Grundwissen 4.2). Bei-
spiel: gessit: 3. Sg. Perf. Ind.: 1. Etappe der Erzählung.

§ 1 gessit 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv 1. Etappe der Erzählung


subegit 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv 2. Etappe der Erzählung
locupletavit 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv 3. Etappe der Erzählung
§ 2 occisus est 3. Sg. Ind. Perf. Passiv 4. Etappe der Erzählung
§ 3 videtur 3. Sg. Ind. Präs. Passiv Kommentar des Autors für die Gegenwart
est perductus 3. Sg. Ind. Perf. Passiv Resümee des Autors im konstatierenden
oder resultativen Perfekt

2. Hamilkar – Hannibal: a) Welchen Einfluss hat Hamilkar auf Hannibal?


Als Vater hat Hamilkar einen großen Einfluss auf Hannibal: maxime concitasse,
§ 3. Der Vater wirkt beständig auf den Sohn ein: assiduis obtestationibus, § 3. Die
ständige Beeinflussung entspricht dem ununterbrochenen Hass: perpetuum
odium, § 3. 

2 b) Wie kommt er zustande?


Die Beeinflussung durch den Vater wirkt durch Vorbild und Gewöhnung, also
eine Art Gehirnwäsche (mit dem Ergebnis: eo est perductus, ut interire quam
Romanos non experiri mallet, § 3).

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3. Zeige Hervorhebungen: durch Attribute, durch adverbiale Bestimmungen,
durch ausführlichere Darstellung, durch Stilmittel (→ Grundwissen 5, Nr. 3, 5, 7, 10).

Text Stilmittel Wirkung


§ 1 secunda Hyperbaton, → St 10 der Erfolg wird hervorgehoben
gessit fortuna
maximas belli- Superlative, Größe der Leistung wird hervor-
cosissimasque eventuell Hyperbel, → St 11 gehoben, Römer und andere Völ-
gentes ker werden umschrieben
equis, armis, Asyndeton, → St 3 scheinbar beliebig fortsetzbare
viris, pecunia Aufzählung, Verdeutlichung des
locupletavit
totam Hyperbaton, → St 10 die totale Ausfüllung (des damals
locupletavit bekannten) Afrikas wird hervor-
Africam gehoben
§ 1 magnas … Epimone, → St 7 immer neue Formulierungen für
Africam Hamilkars Erfolg
§ 2 cum Voranstellung von in Italiam Italien wird als besonders
in Italiam schwieriger Abschnitt der Kriegs-
bellum inferre führung hervorgehoben
meditaretur

in proelio Alliteration, → St 12a Hervorhebung des »Qualitäts-


pugnans merkmals« Hamilkars: Kampf und
Kriegführung
maxime con- Stellung von secundum der Zweite Punische Krieg als
citasse videtur bellum Poenicum nach dem das schmerzliche und triumphale
secundum Prädikat concitasse videtur, historische Geschehen, das lange
bellum dadurch Hervorhebung und Zeit römische Selbstauffassung
Poenicum nachwirkender, d. h. durch und römische Auffassung von
Längen bedeutungsvoll Gegnern prägte
»schwerer« rhythmischer Aus-
klang υ – – | – – – υ – (auslau-
tende Silbe lang oder kurz)
assiduis ausführliche Darstellung, Ursache des Hasses Hannibals, der
patris obtesta- wie der Vater auf den Sohn wiederum als Ursache des Zweiten
tionibus einwirkt Punischen Kriegs hingestellt wird
§ 3 Huius … Der zweite Satz ist eine huius perpetuum odium erga
mallet Erläuterung und Ausführung Romanos = assiduis patris obtesta-
des ersten Satzes: tionibus. – secundum bellum Poeni-
Epimone (→ St 7) und cum = interire quam Romanos non
Periphrase; sie machen die experiri mallet. – maxime concitasse
Feststellung nachdrücklicher. videtur = eo est perductus.

Hamilcar c. 4: Hamilkars Römerhass 21

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Hannibal c. 1: Tapferkeit, Klugheit und Hass Hannibals

Text: Ausgabe S. 26


Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 49–50

1. Interpretation Hannibal c. 1

Nach der Themanennung folgt ein Satz, nach dessen Logik gefragt werden muss.
Nepos sagt: (A) »(Wenn es wahr ist, woran niemand zweifelt =) Es ist wahr, dass
das römische Volk alle Stämme an oder durch virtus übertroffen hat«. Wie steht
dazu im Verhältnis die Aussage (B) »man darf nicht bestreiten, dass Hannibal alle
anderen Feldherrn an Klugheit übertroffen hat«? Und wieso wird die Aussage über
Hannibal durch tanto – quanto erneut in einen Bezug zur römischen Größe ge-
bracht? Ist Aussage (B) eine Folgerung aus Aussage (A) oder ein Gegensatz zu ihr?
Die Einleitung der Hannibalbiographie hat einen brisanten Gehalt. Die Größe
und Unvergleichbarkeit des römischen Volkes auf militärischem Gebiet wird
zwar herausgestellt und am Anfang und am Ende bestätigt, aber ein feindlicher
Feldherr wird in seiner Strategie und Planung über alle anderen, also auch die rö-
mischen, gestellt. Der Einleitungssatz führt somit sogleich auf das Problem der
Spannung zwischen dem Geschichtsforscher, der von seinem Gegenstand faszi-
niert ist, und der Prägung durch Herkunft, Umwelt und Zeitverhältnisse.
Der § 2 bringt eine Begründung (nam …) zur Eingangsbehauptung, dass Han-
nibal die übrigen Feldherren – und das sind auch und sogar vor allem die römi-
schen Feldherrn – übertroffen hat, dann eine Folgerung daraus (quod nisi, »wenn
daher … nicht«), dann einen Gegensatz dazu (sed …). Der Inhalt wird wieder
durch die Wortfelder »Tapferkeit / militärische Planung« und »Übertreffen« an-
gezeigt. Die Entwicklung des Gedankengangs wird durch die Verlagerung vom
Militärischen aufs Zivile, von Italien und den Römern auf Karthago und die Pu-
nier angezeigt sowie dadurch, dass im ersten Satz Hannibal das Subjekt des Sie-
gens ist, im zweiten Satz immer noch, jedoch in einer irrealen oder eingeschränk-
ten Formulierung, während im dritten Satz ein neues Subjekt zu devicit tritt:

Nam congressus est in Italia discessit superior


quod nisi civium suorum invidia domi Romanos videtur superare
debilitatus esset potuisse
sed virtutem unius multorum obtrectatio devicit

Im dritten Satz wird nicht nur der Gegensatz zwischen obtrectatio und virtus,
sondern auch der zwischen multorum und unius herausgehoben. Erst der Kon-
kurrenzneid einer Menge hat die Tüchtigkeit eines Einzigen besiegt.
Im § 3 werden mit autem (das einen leichten Gegensatz, also einen Themawech-
sel anzeigt) weitere Informationen zu Hannibal angeschlossen, der am Anfang

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der beiden Sätze des Paragraphen in hic und qui genannt ist. Der Zusatz quidem
zeigt, dass der zweite Satz eine Bekräftigung und Steigerung des ersten ist. Neues
Thema im § 3 ist der Hass Hannibals auf die Römer. Er wird mehrfach charakte-
risiert; die Darlegung zum Arbeitsauftrag 6a dokumentiert dies. (Satzabbildung
siehe zu Arbeitsauftrag 2b) 
Der vom Vater übernommene Hass ist von Hannibal nicht langsam abgebaut
worden oder hat sich von selbst verringert, sondern Hannibal hat ihn zu dem ent-
scheidenden Zug gemacht, der sein Leben bestimmt. Ein Zeichen für diese Un-
erschütterlichkeit des Hasses bringt der zweite Satz. Der Hass gegen die Römer
ist so unabhängig von den äußeren Umständen, dass er nicht sein Zielobjekt (die
Römer) verändern kann, sondern nur die jeweils möglichen Methoden: Wo er,
aus der Vaterstadt vertrieben, nicht mehr als Feldherr wirken kann, da verfolgt er
sie wenigstens geistig-seelisch mit seinem Hass. Frustrationen durch die Kartha-
ger werden durch verstärkten Hass auf die Römer kompensiert. Die Psychologie
nennt das Triebumleitung und spricht von Ersatzhandlungen. Noch im einleiten-
den Kapitel wird nach der positiven Rühmung das Starre in Hannibals Charakter,
das Unverständliche und Negative aus römischer Sicht deutlich gemacht.

2. Texterschließung

Der überschriftartige Beginn kann wie der erste Satz von Hamilcar 1 bearbei-
tet werden (s. oben S. 8 zu Hamilcar 1,1). Die Texterschließung danach kann mit
einer kombinierten Bearbeitung der Arbeitsaufträge 1 und 2 beginnen.
Der weit ausladende erste Satz kann durch Feststellen der Konnektoren und der
Verbalinformationen gegliedert werden: si verum est, quod … dubitat, ut … supe-
rarit, non est infitiandum (Hannibalem) tanto … praestitisse … quanto … antece-
dat … Danach ist eine Sammlung von Wortfeldern möglich:
1) »Wahrheit«: dubitare, verum est, infitiari.
2) »Volk«: populus Romanus (2 ×), gens, natio.
3) »Tapferkeit und militärische Planung«: virtus, prudentia, fortitudo.
4) »Übertreffen«: superare, praestare, antecedere.

Ebenso ist danach eine Satzabbildung nach dem Einrücksystem möglich:1

1 »In der Reihenfolge ihres Vorkommens werden Hauptsatz und Gliedsätze oder ihre Teilstücke
untereinander geschrieben. Dabei beginnt der Hauptsatz (HS) am weitesten links. Gliedsätze,
die direkt von einem Satzglied des Hauptsatzes abhängig sind, also Gliedsätze 1. Grades (GS1)
werden eine Einheit weiter rechts begonnen«, usw. So H.-J. Glücklich: Lateinunterricht. Di-
daktik und Methodik, Göttingen 1978, 5. 71 f. nach H. Steinthal: Graphische Zeichen zur Ver-
deutlichung des lateinischen Periodenbaus, in: Anregung 16, 1970, S. 376–383. Eingebettete
Informationen (A.c. i., prädikatives Partizip, Ablativ mit Prädikativum, -nd-Fügungen) kön-
nen durch eckige Klammern separiert werden; im obigen Beispiel könnte die zweite eckige
Klammer auch erst nach nationes stehen, weil der quanto-Satz auf tanto im A.c.i. Hanniba-
lem … praestitisse … bezogen ist.

Hannibal c. 1: Tapferkeit, Klugheit und Hass Hannibals 23

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GS1 si verum est,
GS2 quod nemo dubitat,
GS2 ut populus Romanus omnes gentes virtute superarit,

HS non est infitiandum [Hannibalem tanto praestitisse ceteros imperatores],


GS1 quanto populus Romanus antecedat fortitudine cunctas nationes.

Danach ist eine Satzverlaufsbeschreibung möglich, sie kann aber auch eine eigene
Aufgabe sein: Nepos beginnt mit einem Konditionalsatz si verum est, dem er par-
enthetisch sofort einen Relativsatz (eine Satzapposition) nachschiebt, der das
Thema verum esse im oppositionellen Begriff bzw. als Paraphrase aufnimmt:
quod nemo dubitat. Erst dann folgt das Subjekt des si-Satzes: ut populus Roma-
nus … superarit, also ein Subjektsatz. In ihm werden neue Wortfelder begon-
nen: »Völker«, »Tapferkeit«, »Übertreffen«: Das römische Volk hat alle Stämme
an Tapferkeit übertroffen. Dann folgt der Hauptsatz; er nimmt zunächst wie-
der das Thema verum esse auf, scheint aber zugleich die Folgerung aus dem
si-Satz zu ziehen und spricht ein Verbot aus, das sich aus den Umständen ergibt
(-nd-Form): non est infitiandum. Wieder folgt erst danach das Subjekt, diesmal
als A.c.i.: Hannibalem praestitisse … prudentia. Das Wortfeld »Übertreffen« wird
wieder aufgenommen; das Wortfeld »Tapferkeit« wird in zwei Bereiche differen-
ziert: (a)  im Krieg  – daran schließen sich die Begriffe imperatores und fortitu-
dine an; (b) im Krieg, jedoch ganz als geistige Tugend der Klugheit und Planung
(prudentia). Mit tanto wird auf den nachfolgenden quanto-Satz vorverwiesen.
In ihm werden die Wortfelder »Völker« (populus Romanus, cunctas nationes),
»Übertreffen« (antecedat) und »Tapferkeit« (fortitudine) wieder aufgenommen.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 1

1. Stelle alle Ausdrücke zu den Wortfeldern »Wahrheit«, »Volk« und »Tapferkeit /


Übertreffen« zusammen.
– »Wahrheit«: 1: Si verum est (quod nemo dubitat); non est infitiandum. – 2: nam;
videtur. – 3: quidem. –
– »Volk«: 1: populus Romanus; omnes gentes; populus Romanus; cunctas natio-
nes.  – 2: cum eo; domi; civium suorum; Romanos; evtl. multorum.  – 3: erga
Romanos; patria; cum Romanis.
– »Tapferkeit / Übertreffen«: 1: virtute superarit; Hannibalem tanto praestitisse
ceteros imperatores prudentia, quanto populus Romanus antecedat fortitudine
cunctas nationes. – 2: semper discessit superior; Gegensatz: civium suorum invi-
dia debilitatus esset. – Romanos videtur superare potuisse. – 3: Gegensatz: cum
patria pulsus esset et alienarum opum indigeret. – numquam destiterit animo
bellare cum Romanis.

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2 a) Erstelle zu längeren Sätzen Satzabbildungen nach dem Einrücksystem.
Zu § 1 steht das Beispiel oben in der Darstellung der Erschließung und in verein-
fachter Form der Textausgabe.
Die anderen Sätze in c. 1 sind nicht so lang. Vielleicht bereitet noch § 3 Schwierig-
keiten. Satzabbildung hierzu:

HS Hic autem [velut hereditate relictum] odium paternum erga Romanos


sic conservavit,
GS1 ut prius animam quam id deposuerit.

HS Qui quidem,
GS1 cum patria pulsus esset et alienarum opum indigeret,
HS numquam destiterit animo bellare cum Romanis.

2 b) Schildere Besonderheiten im Satzbau (Abfolge der Glied- und Hauptsätze)


und in der Wortstellung und zeige ihre Wirkung (→ Grundwissen 5, bes. Nr. 10).
Die Besonderheiten des Satzbaus sind bei der Darstellung zur Logik des ersten
Satzes berücksichtigt: Zwei Aussagen (A) und (B) sind in einen überraschenden
Zusammenhang gebracht. In der Verlaufsbeschreibung zu § 1 findet sich Weite-
res. Die Antworten zu Arbeitsauftrag 5b fassen die Besonderheiten im Satzbau
zusammen und interpretieren sie.

3. Sammle die adverbialen Bestimmungen im Ablativ. Welche beeinflussen die


Vorstellung von Hannibal besonders? – Verfahre wie in Arbeitsauftrag 2 zu Hamil-
car c. 1.

Wort Form Großgruppe Bedeutungs- Kommentar


richtung
(evtl. spezielle
Bezeichnung)
1 virtute Abl. Sg. f. Abl. instrumenti instrumental, stellt das Thema
kausal virtus an den An-
fang der Lebens-
beschreibung
tanto Abl. Sg. n. Abl. instrumenti Abl. mensurae,
»des Maßes«
prudentia Abl. Sg. f. Abl. instrumenti Abl. respectus, eröffnet den
»des Bezugs« Gegensatz
prudentia–fortitudo
quanto Abl. Sg. n. Abl. instrumenti Abl. mensurae
(differentiae),
»des Maßes, des
Unterschieds«

Hannibal c. 1: Tapferkeit, Klugheit und Hass Hannibals 25

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Wort Form Großgruppe Bedeutungs- Kommentar
richtung
(evtl. spezielle
Bezeichnung)
fortitudine Abl. Sg. f. Abl. instrumenti Abl. respectus, beschließt den
»des Bezugs« Gegensatz pruden-
tia – fortitudo
2 cum eo Abl. Sg. m. Abl. sociativus
in Italia Abl. Sg. f. Abl. loci
invidia Abl. Sg. f. Abl. instrumenti Grund des Schei-
terns Hannibals
3 hereditate Abl. Sg. f. Abl. instrumenti Voranstellung von
velut hereditate
relictum be-
tont den Einfluss
Hamilkars
patria Abl. Sg. f. Abl. separativus verwundert, weil
pulsus man nicht weiß,
warum ein solch
herausragender
Mann ins Exil ge-
schickt wurde
animo Abl. Sg. m. Abl. instrumenti Abl. respectus, betont die innere
bellare »des Bezugs« Einstellung Han-
nibals, ein Ablativ
wie animo ist
bei bellare un-
gewöhnlich und
überraschend

4. Trage die Charakterisierungen Hannibals und des römischen Volkes in eine Ta-
belle ein:

populus Romanus Hannibal


(1) omnes gentes virtute superarit
Sieger über alle Völker
(1) quanto populus Romanus antecedat (1) Hannibalem tanto praestitisse ceteros
fortitudine cunctas nationes – imperatores prudentia –
Das römische Volk übertrifft alle anderen Hannibal hat alle anderen Feldherrn
Nationen an Tapferkeit. an Klugheit, kluger Planung, Strategie
übertroffen

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populus Romanus Hannibal
häufige Kämpfe mit Hannibal (2) quotienscumque cum eo congressus est
in Italia, semper discessit superior –
Hannibal war in Italien unbesiegbar.
Von Neid und Hass der Bürger in Rom (2) Quod nisi domi civium suorum invidia
(aufeinander oder auf die jeweiligen debilitatus esset, –
politischen Führer) wird nichts gesagt. Besiegt wurde er hingegen durch den
Neid und Hass seiner »Mitbürger«.
Darin, so wird suggeriert, liegt eine Romanos videtur superare potuisse –
Stärke der Römer. Sonst hätte er wahrscheinlich die Römer
besiegt.
Römer haben, so wird suggeriert, die Sed multorum obtrectatio devicit unius
Leistung Einzelner anerkannt. virtutem.
Missgunst der Menge siegt über
Leistungen eines Einzelnen.
(3) Hic autem velut hereditate relictum
odium paternum erga Romanos
Der Vater hat seinen Hass auf die Römer
auf seinen Sohn übertragen und somit
ist der Hass prägend.
sic conservavit, –
Da der Hass prägend ist, hat ihn Han-
nibal in seinem ganzen Leben bewahrt.
ut prius animam quam id deposuerit.–
Bewahrung des Hasses steht über Er-
haltung des Lebens.
Qui quidem, cum patria pulsus esset et
alienarum opum indigeret, numquam
destiterit animo bellare cum Romanis.
Der Hass ist unabhängig geworden von
Hannibals Verhältnis zum eigenen Land,
er ist vom Vater geprägt. Der Hass auf
die Römer ist nicht akut und begründet,
er ist seelisch verfestigt, ein Trauma oder
eine Psychose.

5 a) Was wird an Hannibal gerühmt?


– Klugheit und Vorausplanung (prudentia), die er mehr als alle anderen Feld-
herrn hat: Hannibalem tanto praestitisse ceteros imperatores prudentia (§ 1).
– Er hätte wahrscheinlich die Römer überwinden können (Romanos videtur su-
perare potuisse, § 2).

Hannibal c. 1: Tapferkeit, Klugheit und Hass Hannibals 27

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5 b) Wodurch wird die Rühmung sprachlich kompliziert?
Sie wird kompliziert, weil seine Fähigkeiten stets mit anderen Fähigkeiten der Rö-
mer verglichen werden oder dem Verhalten seiner Mitbürger bzw. Konkurrenten
in Karthago entgegengestellt werden:
– quanto populus Romanus antecedat fortitudine cunctas nationes (§ 1): Hanni-
bals prudentia – römische fortitudo;
– quod nisi domi civium suorum invidia debilitatus esset (§ 2): Hannibals pruden-
tia – invidia der Karthager;
– sed multorum obtrectatio devicit unius virtutem (§ 2): Hannibals virtus – Ruf-
schädigung und Intrigen der Mehrheit der innenpolitischen Gegner.

5 c) Was wird durch diese Kompliziertheit erreicht?


Die Gefährlichkeit Hannibals und die Bedrohung Roms werden vielfältig mit-
einander verknüpft. Was Hannibal am Erfolg hinderte und was Römern den Er-
folg brachte, wird nicht überdeutlich ausgesprochen, aber durch die Form des
Einleitungskapitels nahegelegt:
Sowohl das römische Volk (§ 1) als auch Hannibal (§ 2) haben »virtus«. Aber sie
prägt sich verschieden aus: Hannibals virtus ist von seiner prudentia beeinflusst
und individuell. Die römische virtus ist von fortitudo beeinflusst und generell.
Aus dem Gegensatz Hannibals und seines eigenen Volkes (invidia, obtrectatio)
kann man schließen, wie Nepos das römische Volk in der Zeit des Zweiten Puni-
schen Kriegs hinstellen möchte: als von gemeinsamem Willen und concordia ge-
prägt. Dass dies historisch falsch ist, kann man an den Darstellungen der Ausein-
andersetzungen im Senat und der Konkurrenzkämpfe zwischen verschiedenen
Parteiungen und Senatoren und Konsuln sehen. Man vgl. etwa Livius (ab urbe
condita 22,25–28; 22,35; 27,20 f.) und Geschichtswerke aus heutiger Zeit. Trotz-
dem hat wenigstens vorübergehende Einigung auf ein Ziel und einen Willen und
einen führenden Politiker (Scipio) den Erfolg gebracht.
Möglicherweise liegt darin eine Anspielung auf die Gegenwart des Nepos in
den Jahren der kriegerischen und gewalttätigen Auseinandersetzung, die Octa-
vian und Antonius erst mit den Caesargegnern, dann untereinander hatten. Man
kann hier auf die Vorstellungen des Polybios verweisen, die in der Textausgabe
Einleitung S. 8 aufgeführt sind.
Zu virtus: G. Thomé: Zentrale Wertvorstellungen der Römer I. Texte – Bilder –
Interpretationen, Bamberg 2000, 75–87.

6 a) Stelle alle Informationen zu Hannibals Hass zusammen.


Sie finden sich in § 3:
– velut hereditate relictum: Der Hass wurde ihm wie eine Erbschaft vermacht.
– odium paternum erga Romanos: Schon der Vater hatte den Hass auf die
Römer.
– sic conservavit: Hannibal hat ihn nie aufgegeben.
– ut prius animam quam id deposuerit: Seine Identität als Römerhasser war ihm
wichtiger als sein Leben zu bewahren.

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– qui quidem, cum patria pulsus esset et alienarum opum indigeret, numquam
destiterit animo bellare cum Romanis (§ 3): Der Hass auf die Römer steht so-
gar über Hannibals eigener Not und Hilfsbedürftigkeit, der Hass nimmt sein
Denken in Beschlag und lässt ihn ganz eigene, nicht unbedingt nachvollzieh-
bare Prioritäten setzen. Der Hass ist eine Obsession, eine Prägung, die sich
verfestigt hat, insofern eine Psychose.
– Hinzuzuziehen sind Informationen aus Hamilcar c. 4, besonders 4,3 (vgl. Ar-
beitsauftrag 2, besonders 2 b, zu Hamilcar 4): Hannibal wird von seinem Va-
ter geprägt: assiduis patris obtestationibus eo est perductus, ut interire quam
Romanos non experiri mallet. Den dort verwendeten Ausdruck interire quam
Romanos non experiri mallet nimmt die Formulierung in 1,3 wieder auf: sic
conservavit, ut prius animam quam id deposuerit.

6 b) Wie charakterisiert dieser Hass Hannibal?


Der Hass auf die Römer steht Hannibals prudentia und virtus entgegen, die ihm
Nepos in c. 1 attestiert. In dieser irrationalen Prägung oder Komponente seines
Wesens liegen seine Stärke und seine Schwäche:
– Stärke, weil sie ihn zum Kampf und zur Betätigung von prudentia und virtus
animiert,
– Schwäche, weil sie zumindest die virtus, aber wohl auch die prudentia auf Ab-
wege führt.

6 c) Welche Haltung nimmt Hannibal selbst gegenüber seinem Hass ein?


Vgl. dazu Hamilcar c. 4. Hannibal hat den Hass auf die Römer als Haltung in sich
aufgenommen, ihn zu seinem eigenen gemacht. Er reflektiert nicht mehr Ent-
stehung und Ursachen des Hasses und stellt auch keine Wertvergleiche und Prio-
ritäsvergleiche an.

6 d) Welche Begründungen für den Hass gibt Nepos, welche würden wir heute er-
warten?
Begründungen des Nepos: siehe Arbeitsaufträge 6a–b.
Begründungen, die man heute erwarten könnte, sind: persönliche Zurücksetzung
(wie bei Hamilkar); falsche vorurteilsbehaftete Erziehung wie bei Hannibal; Hass
auf andere zur Kompensation von Ängsten (wie bei der Angst Hannibals vor der
Trennung vom Vater).

4. Kapitel 1 als Ausgangspunkt für die weitere Lektüre und


die Interpretation

Aus dem 1.  Kapitel der Hannibal-Biographie ergeben sich zwei Hauptgesichts-
punkte der Lektüre.

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Hauptgesichtspunkt 1: Die Darstellung Hannibals
Hannibal wird im 1.  Kapitel gekennzeichnet durch vorausschauende Klugheit
(prudentia) und leistungskräftigen Einsatz (virtus). Durch seine Klugheit über-
trifft er alle anderen Feldherrn der Geschichte. Dem Einsatz werden Neid (invi-
dia) und Missgunst (obtrectatio) der Karthager gegenübergestellt. Nepos macht
deutlich, dass eine entscheidende Schwäche Hannibals in den Verhaltensweisen
seines Landes und der Regierung seines Landes liegt.
Als drittes Kennzeichen neben Klugheit und Einsatz erscheint der Hass (odium)
Hannibals auf die Römer, für den er sein Leben zu opfern bereit ist. Das dritte
Charakteristikum steht betont am Schluss des Kapitels und ist eigentlich das
erste: Auch als er aus dem Vaterland vertrieben ist, führt er – zumindest geistig-
seelisch (animo) – Krieg mit den Römern. Der Krieg mit den Römern hat also bei
Hannibal eine individuelle Ursache, ist kein Krieg für den Staat. Hass veranlasst
Hannibal zum Einsatz seiner Klugheit (prudentia)  und setzt militärische Leis-
tung (virtus) in Gang.
In der Darstellung Hannibals spielen seine Klugheit und sein Hass die wichtigs-
ten Rollen. Diese beiden Aspekte werden in den 13 Kapiteln der Biographie im-
mer wieder neu beleuchtet. Sie stehen in allen Kapiteln im Vordergrund. Vgl. die
Arbeitsaufträge (A): Hamilcar c. 4, A 2; Hann. c. 1, A 4–6; c. 2, A 4, 5 und 7; c. 3,
A 4–5; c. 4, A 3–5; c. 5, A 3 und 6–8; c. 6, A 2–5; c. 7, A 3–4 und 7–8; c. 8, A 1; c. 9,
A 2 und 5, c. 10–11, A 6; c. 12, A 4–5 und 8–9; c. 13 und Gesamtbetrachtung, A 4;
Livius über Hannibal, A 1–2 (die gleichzeitig eine Zusammenfassung sind).

Hauptgesichtspunkt 2: Die Darstellung der Römer


Wie erscheinen die Römer in seiner Darstellung? Das römische Volk übertrifft
alle anderen an Leistung (virtus) und Tapferkeit (fortitudo). So sagt es Nepos im
ersten Satz seiner Hannibalbiographie. Nepos vergleicht ein ganzes Volk und sein
besonderes Charakteristikum mit einem Einzelnen und dessen besonderen Cha-
rakteristiken. In bestimmter Weise nimmt es ein Einzelner mit einem ganzen
Volk auf.
Welche Charakteristika setzen sich letztlich durch? Sind denn bei dem römischen
Volk virtus und fortitudo keine Erscheinungsformen des Aggressionstriebs und
nicht mit ihm verbunden? Auch auf diese Aspekte kann erst im Verlauf der Lek-
türe eine volle Antwort gegeben werden. Vgl. die folgenden Arbeitsaufträge (A):
Hannibal 4 A 3, 4 A 4a, 4 A 5; 5 A 3, A 5, A 7b, A 8; 7 A 5 (auch A 6); 12 A 6–8;
Livius über Hannibal A 2d.

Die Vorstellungen von Rom und den Römern können so zusammengefasst


werden:
(a)  Die Römer erscheinen in der Darstellung des Nepos zumeist als Gruppe.
Nepos spricht von den Romani (1,3; 2,4; 2,6; 10,2; 10,3), vom römischen Namen
(nomen Romanum, 7,3), von römischen Gesandten (legati 2,2; 7,6; 12,2; 12,4), vom
römischen Senat (senatus 7,3; 12, 2; patres conscripti, 12,2), vom römischen Heer
(5,2)

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(b) Einzelne Römer sind fast durchweg mit ihrem Amt gekennzeichnet: consul
4,1; collega 4,2; consulem 4,3; praetorem 4,3; duo consules consulem, consulares,
consul 4,4; dictator Romanus 5,1; magistrum equitum pari ac dictatorem imperio
5,3; iterum consulem 5,3; quinquies consulem 5,4; usque ad P. Sulpicium C. Aure-
lium consules 7,1; M. Claudio L. Furio consulibus 7,6; apud T. Quinctium Flamini-
num consularem 12,1; quibus consulibus 13,1).
Nur einmal wird eine Familienbeziehung dargestellt, als es um den Effekt geht,
dass der Sohn eines Feldherrn, den Hannibal geschlagen hat, nun gegen Hanni-
bal kämpft (6,1). Einmal erscheint ein Römer ohne Amtsbezeichnung: Gnaeus
Manlius Volso, über dessen Kriegsführung Hannibal ein Buch geschrieben hat
(13,2).
(c)  Oft werden nur die geographischen Bezeichnungen der Landschaften und
Städte Italiens verwendet und die Ortsbezeichnungen statt des Gegners einge-
setzt: Italia (3,4); per Ligures Appenninum transiit petens Etruriam (4,2); Apuliam
(4,4); Romam (5,1); Capuam (5,1); agro Falerno (5,1); in Lucanis (5,3); Venusiam
(5,4); Italia (5,4); Cannensem pugnam (5,4); apud Rhodanum, apud Padum, apud
Trebiam (6,1); Fregellis (7,2); Roma (7, 6); in Italiam (8,1); Tiberi (8,3); Romae (12,1).
(d) Hannibal ist vom Hass (odium) geprägt und setzt in dessen Dienst seine Klug-
heit (prudentia) und seine Leistungsfähigkeit (virtus) ein. Die Römer aber siegen
als Gesamtvolk (populus Romanus) durch ihre Leistung für den Staat (virtus) und
durch die Leistungen ihrer Amtsträger. Sie siegen durch Zähigkeit, Diplomatie,
Verhandlungen, politischen Druck.
(e) Dieses Römerbild entspricht dem, das Cicero in seinem Werk Der Staat (De re
publica) im Anschluss an den älteren Cato gegeben hat (de re publica 2,2): »Unser
Staat sei nicht durch die Begabung eines einzelnen, sondern durch die Begabung
vieler und nicht während eines einzigen Menschenlebens, sondern in einer Reihe
von Jahrhunderten und Generationen aufgebaut worden.«
(f)  Hinter der Darstellung des Nepos könnte ein Bild, das die Römer von sich
selbst haben, stehen: Die Römer haben ihre Emotionen im Dienst eines Friedens-
und Ordnungsauftrags unterdrückt oder sublimiert. Kritisch könnte man dies
auch anders sehen: Die Römer haben ihre Aggressionen so ritualisiert, überhöht
und juristisch, religiös und philosophisch abgesichert und ausgebaut, dass sie
ihre eigene Aggressivität gar nicht mehr als solche empfinden.

Nepos zeichnet ein schöngefärbtes Bild der Römer. Man weiß, dass verschie-
dene Senatsgruppen einander widersprachen und wie in Karthago um die Macht
kämpften. Aber vom Dissens in Karthago soll sich bei Nepos die angebliche Ein-
tracht der Römer abheben.
Von den Römern sagt Nepos, dass sie durch ihre virtus alle Völker überwunden
haben und alle Nationen an Tapferkeit übertreffen. Bezeichend ist, dass dabei
erstens die Römer nicht als Individuen, sondern als Staatsvolk  – populus  – ge-
sehen und bezeichnet werden und dass zweitens die römische virtus und fortitudo
anders als bei Hannibal nicht mit einem Affekt, einer Aggression verbunden
werden.

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Hannibal c. 2: Hannibals lebenslanger Hass auf die Römer

(Hannibal schildert im Jahr 190 ein Ereignis aus dem Jahr 237)
Text: Ausgabe S. 22–23
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 50–52

1. Interpretation Hannibal c. 2

Aus Kapitel 1 ergibt sich die Frage: Wodurch wird bei Hannibal die Aggression,
der Hass gegen die Römer, ausgelöst? Auf diese Frage gibt Nepos in Kapitel 2 sei-
ner Biographie eine Antwort.
Paragraph 2,1 leitet mit nam eine Erläuterung zur vorherigen Behauptung ein,
Hannibal habe selbst fern von der Heimat die Römer mit seinem Hass geis-
tig verfolgt. Zwei von den Römern und Karthago entfernte Herrscher und beim
zweiten auch dessen fern gelegenes Gebiet werden genannt: Philipp von Maze-
donien und Antiochus (III. Magnus) von Syrien (… usque  a Rubro mari). Die
römerfeindlichen hasserfüllten Aktionen Hannibals sind bei Philipp: quem …
hostem reddidit Romanis; bei Antiochus: hunc tanta cupiditate incendit bellandi,
ut usque a Rubro mari arma conatus sit inferre Italiae.
Der Autor mischt sich ein (omitta-m) und zeigt eine Steigerung in der Gefährlich-
keit (ut omittam Philippum – omnium his temporibus potentissimus rex Antiochus
fuit), die mit einer Steigerung der Entfernung und des wahnsinnigen Hasses ein-
hergeht: Den König Philipp in Mazedonien konnte Hannibal noch ohne persön-
liche Anwesenheit zum Römerfeind machen, Antiochus in Syrien bewegt er zu
einem Kriegszug sogar »vom Roten Meer aus« (wo die Truppen herkamen, aber
nicht der Kriegszug des Antiochus begann). Die Ursachen dafür, dass entfernte
Reiche mit Rom Krieg führen, werden nicht auf imperiale oder ökonomische
Gründe und eine eventuelle Bedrohung durch die Römer zurückgeführt, sondern
auf die wahnsinnigen Emotionen Hannibals.
Dass der Hass Hannibals ein Auslöser für die Betätigungen seiner kriegerischen
Leistung (virtus) und für den Einsatz seiner Klugheit (prudentia)  ist, bezeugt
Hannibal gegenüber dem syrischen König Antiochus, und zwar im Alter. Nepos
setzt die Szene, in der Hannibal Antiochus von seiner Römerfeindlichkeit über-
zeugt und die, chronologisch gesehen, erst weiter hinten in der Biographie, etwa
nach Kapitel 7, ihren Platz hätte, an den Beginn seiner Biographie. Raffiniert ist
der Vorgriff auf Späteres mit dem Rückgriff auf Früheres verbunden. Nepos lässt
den gealterten Hannibal ein frühes Kindheitserlebnis erzählen und Hannibal in
seiner Rede die Rede des Vaters Hamilkar zitieren. Nepos zeigt so Ursprung und
Kontinuität des Hasses und macht ihn programmatisch.
Aus dem 2. Kapitel kann man erkennen, dass Hannibal eine Kindheit weder in
unserem heutigen Sinne noch wenigstens im römischen Sinne gehabt hat. Im Al-
ter von neun Jahren wird er vom Vater zu lebenslangem Hass auf die Römer kon-
ditioniert. Er hat die Wahl zwischen dem Verlust des Vaters, der sonst ohne ihn

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nach Spanien ginge, und dem Schwur, die Römer zu hassen. Die Erhaltung der
Liebe des Vaters, ja des Vaters überhaupt wird in einer frühen Phase seines Lebens
mit Hass gegen die Römer gleichgesetzt. Hannibal lernt von seinem autoritären
Vorbild keinen anderen Lebenssinn. Er erfährt den Hass noch dazu in religiöser
Überhöhung, denn er muss am Altar des Iuppiter Hammon schwören. Hannibal,
so scheint es an dieser Stelle, lernt weder wie ein junger römischer Adliger Gram-
matik und Literatur noch begleitet er seinen Vater zu zivilen geschäftlichen oder
politischen Tätigkeiten. Er kennt nichts anderes als Hass und Kriegsdienst. Denn
nach seinem Schwur geht er, neun Jahre alt, mit seinem Vater nach Spanien und
lebt offenbar unter den Soldaten und Militärs in einer von männlichen Verhal-
tensweisen des Karthago des 3. Jahrhunderts geprägten Umwelt. Er wird in anti-
römischen und kriegerischen Verhaltensweisen trainiert.
Hass kann also weitergegeben und vergrößert werden und ist Hannibals vom
Vater bewirkter Lebensinhalt. Hamilkars Hass auf die Römer ist auch noch für
den Zweiten Punischen Krieg verantwortlich, Hamilkar hat seinen Hass durch
unablässige Beschwörungen und seelischen Druck auf den Sohn übertragen. Der
Hass und die Aggression (sicher genetisch in jedem Menschen angelegt) werden
durch soziokulturelle Einflüsse und in religiöser Überhöhung zum prägenden
Merkmal Hannibals.
Die letztliche Ursache des Hasses hat Nepos, wie gezeigt, in einer Frustration
Hamilkars gesehen. So hat er es in der Hamilkar-Vita angedeutet: Hamilkar muss
trotz einer Siegesserie wegen karthagischer Verluste an anderer Stelle Frieden mit
den Römern schließen (1,3). Er tut es aus Einsicht in wirtschaftliche Notwendig-
keiten (1,3), aber ohne entsprechende innere Einstellung, vielmehr mit bellandi
cupiditas, Kriegslust (1,3), und mit ferocia, Ungezügeltheit (1,5). Seine Haltung ist
die der pertinacia, der Unbeugsamkeit und fehlenden Einsicht. Es fehlt ihm also
eine innere Bereitschaft, an die Stelle seiner kriegerischen Aggression etwas an-
deres zu setzen, und er sieht in dieser seiner Aggression nur Positives.
Zugleich hebt das 2.  Kapitel Hannibals Klugheit (prudentia)  hervor. Das zei-
gen die Ausdrücke für die Verarbeitung von Wahrgenommenem (er hatte erfah-
ren – comperisset; er hatte gesehen – vidisset). Ebenso wird dies deutlich durch
sein geschicktes und diplomatisches Vorgehen, als römische Gesandte ihn bei
Antiochus verleumdet und behauptet haben, er sei von den Römern bestochen
und Antiochus gegenüber feindlich eingestellt. Hannibal zeigt Antiochus deut-
lich seine Treue (fides) und seinen Hass auf die Römer (odium in Romanos) und
erzählt, wie ihn sein Vater auf den Hass gegen die Römer verpflichtet habe. Dar-
aus zieht er dann zwei Folgerungen für das Verhältnis zwischen sich selbst und
Antiochus: Wenn Antiochus eine freundliche Haltung gegenüber den Römern
einnehmen wolle, solle er es Hannibal nicht zeigen – eine versteckte Drohung,
dass Hannibals Hass dann auch Antiochus treffe, und zugleich eine Andeutung,
dass er dies seinem Gastgeber ersparen möchte. Wenn aber Antiochus Krieg ge-
gen die Römer führen werde, dann würde er sich schaden, wenn er nicht Han-
nibal zum Feldherrn mache. Damit zeigt Hannibal überzeugend, dass an eine
durch Bestechung bewirkte Umkehr und an Freundschaft mit den Römern nicht

Hannibal c. 2: Hannibals lebenslanger Hass auf die Römer 33

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zu denken ist. Wenn sich Hannibal sogar gegen seinen Gastgeber Antiochus stel-
len will, falls dieser römerfreundlich wird, dann muss Antiochus überzeugt sein,
dass die römischen Gesandten ihn falsch informiert und nur erfunden haben,
was sie gegen Hannibal vorbringen. Hannibal droht Antiochus nicht direkt, son-
dern zeigt Achtung gegenüber seinem Gastgeber: Von einer eventuellen Römer-
freundschaft solle er ihm lieber nichts sagen. So weckt er in Antiochus »eine so
große Begierde, Krieg (gegen die Römer) zu führen.« Er hat den größten Römer-
feind und den besten Feldherrn in einer Person bei sich.
Insgesamt vermittelt das Kapitel 2 dem Leser die folgende Sicht: Hass wird bei
Hannibal gleichsam zur Ideologie, fast ein Denkersatz in einem bestimmten Be-
reich. Odium ist die Instanz seines Fühlens, Denkens und Handelns. Das Kind
Hannibal ist von ihm geprägt worden, ein Beispiel für die Vererbung von Vor-
urteilen und affektiven Einstellungen.

2. Texterschließung

Beim und nach dem Durchlesen des Textes, möglichst mit Markierung der Verb-
formen, der Rückverweise und der Erzählteile, empfiehlt sich ein Vorgehen ge-
mäß Arbeitsaufträgen 1 bis 2b, alternativ gemäß Arbeitsauftrag 8.

Zur Erarbeitung und Übersetzung der §§ 2–3:


Die Paragraphen 2–3 sind ein sehr langer Satz mit vielfachen Unterordnungen
und einer Fortsetzung in direkter Rede; diese beginnt mit einem Satz, in den vie-
lerlei prädikative Partizipien eingebettet sind; er schildert Hannibals Verhalten,
als römische Gesandte Antiochus gegen Hannibal aufbringen wollen, indem sie
so tun, als wäre er jetzt durch Bestechung auf die römische Seite übergewechselt.
Wegen der Schwierigkeit der Sätze empfiehlt sich ein lineares Vorgehen. Es
werden alle Verbalinformationen als mögliche Satzkerne unterstrichen, alle
unterordnenden Konnektoren werden eingerahmt, damit Gliedsätze erkannt
werden. Die unterstrichenen Verbalinformationen werden sofort beim Unter-
streichen jeweils daraufhin untersucht, ob sie unabhängig, also selbstständig (S),
oder auf andere Informationen bezogen (B), also untergeordnet, nicht-selbststän-
dig sind. Die Bezogenheit lässt sich daran erkennen, dass sie durch Konnektoren
untergeordnet oder durch Kasusendungen als Partizip, Infinitiv oder als (hier
nicht vorkommende) nd-Form in den Satz eingeordnet sind:
B B
Ad quem cum legati venissent Romani, qui de eius voluntate explorarent
B
darentque operam, consiliis clandestinis Hannibalem in suspicionem regi
B B B
adducerent, [tamquam ab ipsis corruptum alia, atque antea, sentire], neque id

34 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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B B
frustra fecissent idque Hannibal comperisset [seque ab interioribus consiliis
B B B B
segregari] vidisset, [tempore dato] adiit ad regem, eique cum multa de fide sua et
B S
odio in Romanos commemorasset, hoc adiunxit: …

Bei der jeweiligen Nennung und Unterstreichung werden die Verbalinformatio-


nen auch bestimmt und inhaltlich erschlossen, wobei sich bereits wichtige Zuord-
nungen anderer Satzglieder ergeben. Beispiel: venissent: 3. Pl. Konj. Plqpf. Aktiv
von venire; wer kam? – legati Romani, römische Gesandte; wohin kamen sie? – ad
quem, zu ihm (Antiochus).
Danach ist eine Satzabbildung nach dem Einrücksystem wie in der Textausgabe
möglich bzw. diese wird besser verstanden. Auf eine ausführliche Darstellung
wird hier verzichtet, ein anderes Beispiel findet sich in der Darstellung zu Hanni-
bal c. 3, § 4 (unten S. 46). Entsprechend ist der Satz »pater meus …« zu bearbeiten.
Dann wird man wohl die einzelnen Kola in sich grammatisch und inhaltlich klä-
ren und paraphrasieren lassen. Ob eine Übersetzung versucht werden soll, bleibe
dahingestellt.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal 2

1. Zeige die Erzählelemente in c. 2 und gliedere das Kapitel entsprechend (→ Grund-


wissen 4.2).

Übersicht und Gliederung:

1 Praeteritio des Autors, mit drei Fest- omitt-a-m


stellungen im konstatierenden Perfekt. reddid-it, fuit, incendit
Autoreinschaltung
2–3a Bericht. Erzählperfekt cum … venissent … neque …
fecissent … cum perisset …
vidisset … / adiit / cum … memo-
rasset … / adiunxit … / inquit
3b–4a eingeschaltete Rede Hannibals mit immolavit
Bericht über die Schwurszene, Einleitung
4a a) Redebericht: Bericht über die Rede quaesivit
Hamilkars im narrativen Perfekt inquit
4b b) Wiedergabe in direkter Rede faci-a-m

Hannibal c. 2: Hannibals lebenslanger Hass auf die Römer 35

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4c Fortsetzung der Rede Hannibals als Be- adduxit
richt
und Bericht über die Rede Hamilkars iussit
5 Fortsetzung der Rede Hannibals mit conservavi
Feststellungen
und Vor-Aussagen im resultativen Futur II feceris
oder im Futur I frustraberis

2 a) Unterstreiche in den §§ 2–3a (… adiunxit) alle Verbformen und schildere den


Inhalt in der Abfolge der Verbformen.

(2) Ad quem cum legati venissent Romani, Römische Gesandte kamen zu ihm
qui de eius voluntate explorarent sie sollten seine Absicht herausfinden
darentque operam, und sie sollten sich darum bemühen,
consiliis clandestinis ut Hannibalem in Hannibal in geheimen Beratungen beim
suspicionem regi adducerent, König in Verdacht zu bringen,
tamquam ab ipsis corruptum er sei von ihnen bestochen
alia atque antea sentire, und daher anderer Meinung als früher,
neque id frustra fecissent und als sie das nicht erfolglos getan
hatten
idque Hannibal comperisset und als das Hannibal erfahren hatte
seque ab interioribus consiliis segregari und von den engeren Beratungen
ausgeschlossen war –
vidisset, wie er sah –,
(3) tempore dato da ergab sich eine Gelegenheit
adiit ad regem, und er erreichte Zutritt zum König
eique cum multa de fide sua et odio in und als er ihm viel über seine Treue und
Romanos commemorasset, seinen Hass auf die Römer in Erinnerung
gebracht hatte,
hoc adiunxit: fügte er das hinzu:

2 b) Schildere den Aufbau von §§ 2–3a.


Die Textausgabe gibt ein Beispiel für die Darstellung des Anfangs des Satzes. An-
haltspunkte für weitere Ausführungen finden sich in der oben gegebenen Er-
schließungsanleitung und in den Hinweisen zur Beantwortung der Arbeitsauf-
träge 1 und 2a.

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2 c) Der Satz ist die Einleitung zur Darstellung des Schwurs Hannibals, die mit § 3b
beginnt (Pater meus …). Überlege, warum Nepos den Satz so kompliziert gestal-
tet hat.
Vorschlag einer Deutung: C. 2 beginnt mit nam, soll also die allgemeine Begrün-
dung des Hasses in c. 1, § 3 detaillierter ausführen. Das Kapitel endet mit der Be-
harrlichkeit Hannibals im Hass auf die Römer; er weiß seinen Schwur in der
Kindheit (§ 3–4) und seine lebenslange Einhaltung des Schwurs (§ 5) als Beweis
seines Hasses und zur Überzeugung des Antiochus (§ 6) einzusetzen.
Insofern ist c. 2 eine detaillierte Ausführung von c. 1,3, besonders des zweiten
Satzes in diesem Paragraphen (der erste wird in c. 12 verdeutlicht).
1,3a: odium … sic conservavit, ut prius animam quam id deposuerit.
1,3b: Entfaltung des prius animam quam id deposuerit durch: Qui quidem,
cum patria pulsus esset et alienarum opum indigeret, numquam destiterit animo
bellare cum Romanis.
2,1: Entfaltung des cum patria pulsus esset et alienarum opum indigeret, num-
quam destiterit animo bellare cum Romanis durch: a) Philippum, quem absens ho-
stem reddidit Romanis als Vorbereitung zu: b) omnium iis temporibus potentissi-
mus rex Antiochus fuit. Hunc tanta cupiditate incendit bellandi, ut usque a Rubro
mari arma conatus sit inferre Italiae.
2,2–6: Entfaltung des hunc tanta cupiditate incendit.

3 a) Trage die geschilderten Ereignisse untereinander ein und füge das Jahr des Er-
eignisses hinzu (→ Zeittafel).

215 § 1: Philippum, quem absens hostem Athenische Gesandte bitten Hanni-


reddidit Romanis, bal um einen Bündnisvertrag mit
Philipp V. von Makedonien. Die-
ser wird geschlossen, ohne dass
Philipp V. Hannibal persönlich trifft.
191–190 usque a Rubro mari arma Krieg Roms mit Antiochus III.
conatus sit inferre Italiae.
195 omnium iis temporibus Hannibal hält sich bei dem
potentissimus rex Antiochus fuit syrischen König Antiochus III. auf,
ca. 193 § 2: Ad quem cum legati mehrere römische Gesandtschaften
venissent Romani, bei Antiochus
ca. 193 §§ 3–7: adiit ad regem, … inquit angebliches Gespräch Hannibals mit
Antiochus über seinen Römerhass
und seinen Schwur in der Kindheit
237 §§ 3b–4: »pater meus«, … Bericht über die Schwurszene am
Altar des Iuppiter Ammon in Karthago
ca. 193 §§ 5–7: … conservavi … Gespräch mit Antiochus,
nemini dubium esse debeat … Fortsetzung
191–190 § 7b: Cum quidem bellum parabis … Krieg Roms mit Antiochus III.

Hannibal c. 2: Hannibals lebenslanger Hass auf die Römer 37

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3 b) Warum schildert Nepos Ereignisse aus Hannibals Alter schon am Anfang der
Biographie?
Der Hass auf die Römer ist das prägende und durchgehende Charakteristikum
Hannibals.

4. Durch welche inhaltlichen Einzelheiten werden das Jugenderlebnis und die Ra-
cheverpflichtung besonders wirkungsvoll?
– Jugend Hannibals: neun Jahre alt (puerulo me, utpote non amplius novem
annos nato, § 3).
– Hannibal steht vor der drohenden Trennung vom übermächtigen und bedeu-
tenden Vater (in Hispaniam imperator proficiscens Karthagine, § 3).
– Das Geschehen ist eingefügt in eine religiöse Zeremonie: Opfer vor der Abreise
in einen Krieg, der letztlich gegen die Römer geht (Iovi Optimo Maximo hos-
tias immolavit, § 3).
– Es erfolgt eine Verbindung von Zusammensein mit dem Vater und Römerhass:
Verzicht auf Römerhass bedeutet Trennung vom Vater (quaesivit  a me, vel-
lemne secum in castra proficisci. … cum … ab eo petere coepissem, ne dubitaret
ducere, tum ille ›Faciam‹, inquit,›si mihi fidem, quam postulo, dederis.‹ § 4).
– Verbindung des Schwurs mit dem Opfer, Einbeziehung Hannibals in die sa-
krale Kriegsvorbereitung (ad aram, sacrificare, iurare § 4).
– Äußerst private Sphäre: Alles Gefolge ist entfernt, nur Hamilkar und Hannibal
sind in größter menschlicher Verbundenheit zusammen (ceteris remotis, § 4).

5. Wie wird durch Hannibals Verhalten gegenüber Antiochus sein Hass auf die
Römer beleuchtet?
Hannibal ist in einer unterlegenen Position: von den Römern verfolgt, aus Kar-
thago ausgewiesen, bei Antiochus im Asyl. Antiochus schließt ihn bereits aus sei-
nem Beratergremium aus (§ 2) und Hannibal muss in etwas erniedrigender Weise
eine Gelegenheit suchen, als Bittsteller vorgelassen zu werden (§ 3). Dennoch
bleibt Hannibal bei seinem Hass und sagt zu Antiochus (§ 5): Id ego iusiurandum,
patri datum, usque ad hanc aetatem ita conservavi, ut nemini dubium esse debeat,
quin reliquo tempore eadem mente sim futurus. Indem er dies Antiochus aus-
drücklich versichert, tritt er erstens den von den römischen Gesandten gestreu-
ten Gerüchten entgegen, er stehe nicht mehr auf der Seite des Antiochus. Zweitens
kann er dadurch zu einer Drohung kommen, die sowohl sein Selbstbewusstsein
bewahrt als auch Antiochus überzeugt, dass er in Hannibal den richtigen Heer-
führer hat (§ 6): Quare, si quid amice de Romanis cogitabis, non imprudenter fece-
ris, si me celaris. Cum quidem bellum parabis, te ipsum frustraberis, si non me in
eo principem posueris. Die weniger wahrscheinliche Alternative wird geschickt
zuerst genannt: Antiochus verbindet sich durch einen Freundschaftsvertrag mit
den Römern (bewusst unjuristisch mit amice de Romanis cogitabis formuliert).
Für diesen unwahrscheinlichen Fall, sagt Hannibal: »Lass es mich dann lieber gar
nicht wissen!« Angedeutet wird dadurch: »Denn sonst werde ich dein Feind oder
müsste dein Feind werden.« Die wahrscheinlichere, auf jeden Fall die von Han-

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nibal nahegelegte Alternative steht wirkungsvoll am Schluss. Führt Antiochus
Krieg gegen die Römer, wird er ihn nur mit Hannibal gewinnen, ohne Hannibal
wird er verlieren.

6. Beschreibe Abb. 1 und berücksichtige dabei: Blickrichtung der Beteiligten; mög-


liche Diagonalen, die von links nach rechts zu ziehen sind und auch den Blick des
Betrachters lenken (→ Begleittext 1).
Der Eid Hannibals (Öl auf Leinwand, H 65,0 cm, B 101,5 cm), ist ca. 1785–1795
entstanden. Es befindet sich heute im Augustinermuseum Freiburg i. Br. (Inven-
tarnummer M 58/12a). Von dem Gemälde scheint es auch Kupferstiche und Holz-
schnitte zu geben. Das war die übliche Vertriebs- und Verbreitungsform von
Gemälden für einen größeren Interessentenkreis. Zick wirkte als Hofmaler in
Kurtrierischen Diensten. Im Alter wandte er sich der Historienmalerei zu.
Das Gemälde zeigt die von Nepos, Vita Hannibalis 2, geschilderte Szene. Hanni-
bal schwört seinem Vater im Alter von neun Jahren im Tempel des Baal (Iuppi-
ter Ammon) ewigen Hass auf die Römer. Was bei Nepos höchstens aus der pas-
sivischen Formulierung quae divina res dum conficiebatur (2,4) zu vermuten ist,
wird im Gemälde dargestellt: Götterstatue, Priester, Bewaffnete, Opferdiener. Im
Zentrum sieht man den Opfertisch. Hannibal legt seine rechte Hand auf ihn; die
Linke hat er beschwörend am Herzen. Rechts von ihm sieht man Hamilkar, in
fast intimer Nähe an seinem Sohn, auf ihn blickend, aber dennoch distanziert,
weil seine Körperhaltung – die Drehung des Körpers und die linke Hand – auf
Waffen weist, die an einer rechts im Bild befindlichen Säule befestigt sind. Eine
diagonale Linie geht von dem knieenden Opferdiener links vom Altar über Han-
nibals Hand auf dem Altar und Hannibals Hand auf der Brust und seiner Kopf-
haltung mit dem Blick zum Vater und zur Säule über die hinweisende Hand des
Vaters auf die Waffen an der Säule. Alles ist auf die Aggression gegen die Römer
ausgerichtet. Oben in der Mitte sieht man die Statue Baals, der Gott schaut auf
das Geschehen hinab, aber selbst seine beiden Beine weisen in Richtung der Waf-
fen. Eine zusätzliche Linie geht von dem Priester zu den an der Säule hängenden
Waffen, der Priester steht links von der Baalstatue, bewegt sich aber kraftvoll in
Richtung der Waffen und streckt seine rechte Hand in Richtung Hamilkar und
Waffen. Die Blicke des Priesters, des Gottes und Hamilkars sind auf den kleinen
Hannibal gerichtet, dessen goldgelbes Gewand mit blauem Tuch hervorleuchtet
und zum roten Umhang Hamilkars überleitet.
Es ergeben sich so die folgenden die Augen des Betrachters lenkende Sichtrich-
tungen:
– Blick Baals auf Hannibal
– Blick des Priesters auf Hannibal
– Körperhaltung des Opferdieners in Richtung auf Hannibal
– Blick Hamilkars auf Hannibal

Alle diese Blickrichtungen werden in Hannibal fokussiert und durch die folgen-
den Linien weiter auf die Waffen an der Säule geführt:

Hannibal c. 2: Hannibals lebenslanger Hass auf die Römer 39

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– Beinhaltung Baals
– rechter Arm des Priesters
– Kopfhaltung des Opferdieners
– Arme und Kopf Hannibals
– rechter Arm Hamilkars

Man kann sagen: Hannibal wird hier ganz deutlich einer regelrechten Gehirn-
wäsche unterzogen und darauf fixiert, die Römer zu hassen und zu bekämpfen.

7. Vergleiche die Schwurszene mit der Darstellung bei Valerius Maximus (→ Be-
gleittext 2): Wie begründen die Autoren, dass Hannibal mit dem Vater nach Spa-
nien geht? Welche Darstellung entspricht mehr einem Neunjährigen?
Valerius Maximus lässt Hannibal aus eigenem Willen schwören und in die Fuß-
stapfen seines Vaters treten. Hannibal bittet sogar selbst seinen Vater um die Er-
laubnis, ihm zu folgen und seinen Hass gegen die Römer auszuleben. Der Höhe-
punkt dieser Geschichte ist, dass Hannibal mit einem Fuß auf den Boden stampft
und Sand und Staub aufwirbelt. Dabei sagt er: Es wird kein Ende des Kriegs zwi-
schen Karthago und Rom sein, bevor nicht eine der beiden Städte dem Erdboden
gleichgemacht ist, wörtlich: zu Staub gemacht ist (in habitum pulveris redacta).
Das klingt wie eine Voraussage, die sich gegen ihren Propheten wendet. Natürlich
bedeutet dies auch, dass der Altar außerhalb des Tempels war (es ist ja ein Opfer-
altar) oder dass der Tempel Baals staubig und voller Sand war.

8. Erarbeitet ein Drehbuch zu Kapitel 2: a) für die Schilderung des Eids (§§ 3b ab
pater … – 4 … fore); b) für die anderen Teile (§§ 1–3a bis adiunxit und §§ 5–6; c) für
das gesamte Kapitel.
In der Textausgabe ist zu diesem Arbeitsauftrag ein Beispiel gegeben. Die volle
Präsentation einer Bearbeitung verbietet sich hier schon aus Platzgründen. Wich-
tig ist, die Abschnitte auch bei der Inszenierung und Ausstattung genau zu un-
terscheiden:

Kola in der Reihenfolge des Textes


(mit Angabe der tatsächlichen zeitlichen Abfolge des Dargestellten) –
Überlegungen zu Bild / Szene und Ausstattung mit Details
A: Erster Teil der Rahmenerzählung (§§ 2–3a)
B: Berichtete Schwurszene (§§ 3b–4)
Rückkehr zu A: Zweiter Teil der Rahmenerzählung (§§ 5–6)

Ausführlichere Darstellungen bei: H.–J. Glücklich: Szenische Interpretation  –


Standfoto  – Ikone. Begründungen und Möglichkeiten im Lateinunterricht, in:
Der altsprachliche Unterricht 52,4, 2009, 65–73, bes. 68–72, und H.–J. Glücklich:
Hannibal in Texten, Gemälden und Filmen, in: B. Dunsch / F. Prokoph (Hg.): Ge-
schichte und Gegenwart. Beiträge zu Cornelius Nepos aus Forschung und Unter-

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richtspraxis (Reihe: Philippika. Marburger Altertumswissenschaftliche Abhand-
lungen), Wiesbaden (Harassowitz) 2011 (Seitenangaben standen bei Abschluss
dieses Manuskripts noch nicht fest).

Hannibal c. 3: Hannibals Zug nach Italien

(geschilderter Zeitraum: Vorgeschichte §§ 1–2: 237–219; Zug nach Italien §§ 3–4: 218)
Text: Ausgabe S. 29–31
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 52–53

1. Interpretation Hannibal c. 3

In § 1 kommt Nepos, nach seinem Vorgriff auf das Jahr 195 in c. 2, wieder auf
Hannibals Aufenthalt in Spanien zurück. Er schließt mit hac igitur, qua diximus,
aetate cum patre in Hispaniam profectus est an und greift mit dieser recht unlo-
gischen Formulierung auf Vita Hamilcaris 3,1 zurück. Igitur verdeckt also, dass
c. 3 ein absoluter Neueinsatz in der Hannibal-Vita ist. Das 2. Kapitel sollte nicht
nur schildern, wie Hannibal geprägt wurde, sondern sollte auch den Leser prä-
gen. Die Anordnung der Darstellung dient der Leserbeeinflussung. Ein Vergleich
der Chronologie der Ereignisse (Zeittafel, Textausgabe, Einleitung 3.7) mit der
Anordnung bei Nepos kann hier für Schüler aufschlussreich sein (siehe Arbeits-
auftrag 1b).
Der zweite Satz greift ebenfalls auf die Hamilkar-Vita zurück: cuius post obitum
erinnert an Hamilcar 3,3 (Hamilcare occiso) und 4,2 (… occisus est); Hasdrubale
imperatore suffecto an Hamilcar 3,3 (ille exercitui praefuit). Neu ist jetzt die Er-
wähnung, dass Hannibal Reiterführer wird: equitatui omni praefuit. Nepos ge-
lingt es also, in einem kurzen Satz alle drei Feldherren zu verbinden und das Re-
virement nach Hamilkars Tod darzustellen. Der folgende Satz hebt aus ihnen
Hannibal heraus: Das Heer bestimmt Hannibal zum Führer. Der nächste Satz
schildert die Billigung der karthagischen Regierung.
Auch § 2 beginnt mit einem unklaren Anschluss: Sic, eigentlich gleichordnend
und einen vorausgehenden Satz als Angabe eines Mittels oder der Art und Weise
kennzeichnend, gewinnt hier konsekutiven Charakter.
Der gesamte weitere Text gilt nun Hannibals Kriegsführung: Erst wird noch ein-
mal gesagt, dass er mit weniger als 25 Jahren Imperator wurde. Dann führt eine
lange Aufzählung von Spanien über die Alpen nach Italien. Die Gliederung ist lo-
cker, nur am Anfang gibt Nepos Zeitangaben (proximo triennio). Alle Bereiche
der Kriegsführung werden geschildert und lassen sich an einem sich ausbreiten-
den Wortfeld mit Untergruppen darstellen: § 2: bello subegit, vi expugnavit, exer-
citus comparavit; § 3: misit, reliquit, secum duxit, transiit, iter fecit, conflixit; § 4:
quas nemo umquam cum exercitu transierat, conantes prohibere transitu, conci-

Hannibal c. 3: Hannibals Zug nach Italien 41

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dit, loca patefecit, itinera muniit, effecit, ut … elephantus ornatus ire posset, homo
inermis, copias traduxit, in Italiam pervenit.
Die semantische und syntaktische Gestaltung soll vor allem Hannibals militäri-
sche Leistungsfähigkeit (virtus) und seine planende Klugheit (prudentia) unter-
streichen: Abfolge vieler kurzer Sätze in den §§ 2b–3; Verwendung des Wortes
vis (»Durchschlagskraft, Gewalt«); Superlativ »die größten« (maximos); Aufsplit-
terung der erwähnten drei Heere (tres exercitus) in drei einzelne mit ihren Ak-
tionen (unum, alterum, tertium); weitere Aufgliederungen: in Africam, in His-
paniam, in Italiam 3; loca … itinera … effecit, ut ea … 4; Verallgemeinerungen,
Generalisierungen, Totalitätsbezeichnungen: omnes gentes 2; quacumque iter fecit
3; cum omnibus incolis 3; neminem nisi 3; nemo umquam ante praeter Herculem
Graium 4; semantische Gegensätze in § 4 (siehe Arbeitsauftrag 4b):

ante unus homo inermis vix poterat repere


elephantus ornatus posset ire.

Beim Alpenübergang erscheint Hannibal als zweiter Herkules. Wie noch öfters
verwendet Nepos das Mittel der Evidentia. Evidentia ist – so lehrt es die antike
Rhetorik  – die lebhaft-detaillierte Schilderung eines Gegenstandes oder eines
Geschehens durch Aufzählung sinnfälliger Einzelheiten. Der Autor stellt sich
mit dem Leser in das Geschehen hinein oder nah an es heran und sagt deswegen
zum Beispiel gern »hier« (hic) statt »dort« (illic). Der Leser soll zum Augenzeugen
werden, seine Gefühle sollen erregt werden. Damit verbunden ist das Stilmittel
der Dihaerese (»Zerlegung«): Ein Begriff wird durch eine Reihe von Teilbegriffen
umschrieben, kann dabei auch selbst genannt werden, meist am Anfang oder am
Schluss. So wird hier die Generalisierung »überall kämpfte er mit den Einwoh-
nern« anschließend mit einem Beispiel erläutert.
Der Alpenübergang ist bei Polybios (3,50–55) und Livius (21,32–38) ausführ-
lich dargestellt. Wo genau der Übergang erfolgte und ob und wie viele Elefanten
dabei waren, ist damals wie heute umstritten. Polybios fügt gleich nach der Dar-
stellung Überlegungen zur Aufgabe des Historikers und zur Wahrheitsfindung
an.
Nepos erwähnt nicht Schnee und Eis. Er unterstützt seine Darstellung auch nicht
mit ausführlicheren Berichten über das Training der Elefanten und die Spren-
gung von Felsbrocken. Livius (ab urbe condita 22) gibt Details: das vereiste Ge-
lände (22,35), Schneefall (22,21), Neuschnee fällt auf bereits festen Altschnee
(22,36). Weil der Neuschnee unter den vielen Füßen schmolz und der Altschnee
wässrig und schlüpfrig wurde, brachen viele Soldaten in die alte Eisschicht ein
und konnten sich nicht gleich befreien.
Zur Darstellung des Zugs über die Alpen siehe unten die Antworten zu den Ar-
beitsaufträgen 3–4.

42 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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2. Texterschließung

Die Erschließung kann gemäß Arbeitsauftrag 1 a und b erfolgen. Daraus ergibt
sich auch die Grundlage eines Tafelbildes. Es ließe sich auch ein semantisches
Vorgehen denken. Es ist in der folgenden Tabelle angedeutet. Diese Tabelle kann
deswegen kaum zum Tafelbild werden, weil sie wegen vieler leerbleibender Käs-
ten sehr umfangreich würde. Als Unterlage für die Interpretation ist sie hilfreich.

Jahr Alter und Verwandte Wege und Märsche Stellung und Leistungen
Hannibals
237 (1) Hac ergo, qua diximus, in Hispaniam
aetate, profectus est;
cum patre
229 cuius post obitum, equitatui omni praefuit.
Hasdrubale imperatore
suffecto,
221 Hoc quoque interfecto exercitus summam imperii
ad eum detulit.

Zur Darstellung der §§ 1–3 siehe unten die Antworten zu den Arbeitsaufträgen
1 und 4.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 3

1 a) Unterstreiche alle Verbformen: Partizipien in Ablativen mit Prädikativum (Ab-


lativi absoluti) oder als Participia coniuncta, Prädikate in Gliedsätzen, Prädikate in
Hauptsätzen. – b) Schildere den Ablauf der Ereignisse anhand der unterstrichenen
Verbformen.

(1) Hac igitur, qua diximus, feststellendes Perf., Wir haben schon sein
aetate Rückblick / Wieder- Alter genannt.
aufnahme von 2,3
237 cum patre in Hispaniam 1. Erzähletappe: Er brach mit dem Vater
profectus est. narratives Perfekt nach Spanien auf.
229 Cuius post obitum Vorstufe zur Nach dessen Tod wurde
Hasdrubale imperatore 2. Erzähletappe Hasdrubal als Ober-
suffecto, befehlshaber eingesetzt.
229 equitatui omni praefuit. 2. Erzähletappe: Hannibal war dann An-
narratives Perfekt führer der Reiterei.
221 Hoc quoque interfecto, Voraussetzung für Auch Hasdrubal wurde
die 3. Erzähletappe getötet.

Hannibal c. 3: Hannibals Zug nach Italien 43

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221 exercitus summam imperii 3. Erzähletappe: Das Heer übertrug
ad eum detulit. narratives Perfekt das Kommando auf ihn
(Hannibal).
221 (2) Id, Karthaginem Vorstufe zur Das wurde nach
delatum, 4. Erzähletappe Karthago gemeldet.
221 publice comprobatum est. 4. Erzähletappe: Es wurde staatlich an-
narratives Perfekt erkannt.
221 Sic Hannibal, minor V et Vorstufe zu So wurde Hannibal im
XX annis natus imperator Erzähletappe 5 Alter von 25 Jahren zum
factus, Oberbefehlshaber.
221– proximo triennio omnes 5. Erzähletappe: In den nächsten drei
219 gentes Hispaniae bello narratives Perfekt Jahren unterwarf er alle
subegit; Völker Spaniens im Krieg.
219 Saguntum, foederatam 6. Erzähletappe: Sagunt, das doch durch
civitatem, vi expugnavit; narratives Perfekt Vertrag mit Rom ver-
bündet war, eroberte er
gewalttätig.
219 tres exercitus maximos 7. Erzähletappe: Drei riesengroße Heere
comparavit. narratives Perfekt stellte er zusammen.
218 (3) Ex his unum in Africam 8. Erzähletappe: Von diesen schickte er
misit, narratives Perfekt eines nach Afrika.
218 alterum cum Hasdrubale 9. Erzähletappe: Das zweite ließ er zusam-
fratre in Hispania reliquit, narratives Perfekt men mit seinem Bruder
(= unter der Führung
seines Bruders) in Spa-
nien zurück.
218 tertium in Italiam secum 10. Erzähletappe: Das dritte setzte er unter
duxit. narratives Perfekt seiner Führung nach
Italien in Bewegung.
218 Saltum Pyrenaeum transiit. 11. Erzähletappe: Er überschritt das
narratives Perfekt Pyrenäengebirge.
Quacumque iter fecit, Überall, wo er
hinmarschierte,
218 cum omnibus incolis 12. Erzähletappe: geriet er mit allen
conflixit; narratives Perfekt Bewohnern in einen
Kampf.
218 neminem nisi victum di- Feststellung Aber niemanden hat
misit. (konstatierendes er aus seinen Händen
Perfekt) oder gelassen, ohne ihn be-
13. Erzähletappe: sieht zu haben.
narratives Perfekt

44 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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218 (4) Ad Alpes posteaquam Voraussetzung für Nachdem er zu den
venit, die 14. Erzähletappe Alpen gekommen war –
quae Italiam ab Gallia Beschreibung des sie trennen Italien von
seiungunt, Autors, die für die Gallien
Gegenwart gilt
quas nemo umquam Feststellung und niemand hatte sie
cum exercitu ante eum des Autors für die jemals mit einem Heer
praeter Herculem Graium Vergangenheit zuvor überschritten außer
transierat dem Griechen Herkules
(quo facto is hodie saltus Feststellung (deswegen heißt dieses
Graius appellatur), des Autors für die Gebirge heute Griechen-
Gegenwart gebirge) –,
218 Alpicos conantes Begleitaktion zu versuchten die Alpen-
concidit bewohner,
prohibere transitu Gegenstand des ihn am Übergang zu
Versuchs hindern.
218 concidit, 14. Erzähletappe: Er schlug sie zu Boden,
narratives Perfekt
218 loca patefecit, 15. Erzähletappe: öffnete das Gebiet,
narratives Perfekt
218 itinera muniit, 16. Erzähletappe: legte befestigte Marsch-
narratives Perfekt routen an,
218 effecit, 17. Erzähletappe: bewirkte,
narratives Perfekt
ut ea elephantus ornatus Inhalt der erreich- dass dort ein Elephant
ire posset, ten Wirkung trotz seiner Ausrüstung
laufen konnte,
qua antea unus homo iner- Feststellung wo vorher ein einziger
mis vix poterat repere. des Autors für die Mann selbst ohne Waffen
Vergangenheit als kaum kriechen konnte.
Gegensatz zum
vom Hannibal er-
reichten Status
218 Hac copias traduxit 18. Erzähletappe: Auf diesem Weg führte er
narratives Perfekt seine Truppen hinüber
218 in Italiamque pervenit. 19. Erzähletappe: und kam endlich nach
narratives Perfekt Italien.

2 a) Welchen Zeitraum umfasst das Kapitel? → Zeittafel; Begleittext 1. 


Geschilderter Zeitraum: Vorgeschichte §§ 1–2: 237–219; Zug nach Italien §§ 3–4:
218; vgl. die tabellarische Übersicht in Arbeitsauftrag 1b.

Hannibal c. 3: Hannibals Zug nach Italien 45

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2 b) Welches Ziel hat die Darstellung eines so großen Zeitraums in einem einzigen
Kapitel? (→ Grundwissen 4.3)
Die »Erzählzeit« ist kurz. Die »erzählte Zeit« ist lang und wird wie in einem Zeit-
raffer vorgeführt. Es entsteht der Eindruck vieler und schnell ablaufender Ak-
tionen.

3. Erstelle eine Satzabbildung für § 4 (Ad … repere) nach dem Einrückverfahren.


Die Satzabbildung ist durch die kolometrische Anordnung in der Textausgabe be-
reits angelegt. Man kann die Kennzeichnung von Glied- und Hauptsätzen hin-
zufügen

GS1 Ad Alpes posteaquam venit,


GS2 quae Italiam ab Gallia seiungunt,
GS2 quas nemo umquam cum exercitu ante eum praeter
Herculem Graium transierat
GS3 (quo facto is hodie saltus Graius appellatur),
HS Alpicos
HS conantes prohibere transitu]
HS concidit,
HS loca patefecit,
HS itinera muniit,
HS effecit,
GS1 ut ea elephantus ornatus ire posset,
GS2 qua antea unus homo inermis vix poterat repere.
HS Hac copias traduxit in Italiamque pervenit.

4 a) Was fällt an Bau und Länge der Sätze in diesem Kapitel auf? b) Wie passt die
Gestaltung der Sätze zum Inhalt? Welche Wirkung hat sie?
Die §§ 1–3 bestehen aus vielen verhältnismäßig kurzen Sätzen. Die Erzählzeit
ist kürzer als die erzählte Zeit. Es wird der Eindruck erweckt, dass die Aktionen
Hannibals Schlag auf Schlag erfolgen oder zusammen eine Abfolge darstellen, bei
der sich eines aus dem anderen ergibt.
§ 4 beginnt hingegen mit einem kompliziert gebauten Satz. Dieser schildert die
Schwierigkeiten des Alpenübergangs und Hannibals Triumph über die Schwie-
rigkeiten. Livius verwendet darauf die Kapitel 32–48 in Buch 21 seines Ge-
schichtswerks Ab urbe condita. Nepos verwendet einen einzigen komplizierten
Satz. Da man für ihn mehr Zeit benötigt als für die vorigen, entsteht das Gefühl,
dass die Erzählzeit der erzählten Zeit ähnlich ist. Aber auch in § 4 muss man un-
terscheiden: Der erste Teil (ad Alpes … prohibere transitu) enthält mit Gliedsätzen
bis zum 3. Grad historische Erläuterungen, legt einen Vergleich Hannibals mit
Herkules nahe  – Hannibal übertrifft ihn  – und deutet dadurch die geographi-
schen Schwierigkeiten an, dann kommt er zu den kriegerischen Hindernissen,
die die Alpenbewohner bereiten. Der zweite Teil (concidit … repere) legt nach der
Schilderung der Schwierigkeiten schon wieder den Eindruck von Schnelligkeit

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und Aktionen Schlag auf Schlag nahe und endet mit zwei Gliedsätzen, die Einst
und Jetzt rhetorisch wirkungsvoll einander gegenüberstellen:

Einst Jetzt
Zeitangabe antea (effecit, ut)
Weg qua ea
Größe der Passanten unus homo elephantus
Gepäck der Passanten inermis ornatus
Art der Fortbewegung vix repere ire
Können poterat posset

Der andere Satz des § 4 ist entsprechend kurz und schildert zwei Aktionen in
einem Satz: Hac copias traduxit in Italiamque pervenit. Der von Hannibal her-
gestellte Weg ist Mittel (hac, Ablativus instrumenti) zur Überquerung der Alpen
und Mittel zur Erreichung Italiens. Traduxit und pervenit sind zwei Teile eines
Vorgangs geworden. Der erste Satz des Kapitels begann mit hac (aetate), der letzte
beginnt ebenso mit hac. Zwar ist das eine Äußerlichkeit, aber sie verstärkt die ge-
ballte, zielgerichtete Abfolge der Aktionen, die Hannibals Lebensweg als vom
Hass geleitete Planung zur Beherrschung der Römer aussehen lässt.

5. Der Alpenübergang ist eine der berühmten Leistungen Hannibals. Er wurde im-
mer wieder in Texten, Bildern und Filmen dargestellt. Jeder Feldherr, der die Alpen
überquerte, dachte an Hannibal oder verglich sich mit ihm.
5 a) Wie stellt ihn Nepos dar? Berücksichtige: Ablauf des Kapitels 3, Satzbau des § 4.
Siehe dazu die Darstellung zu Arbeitsauftrag 4.

5 b) Beschreibe die Abbildung 2 (→ Begleittext 2): Welche Details gibt der Zeich-
ner wieder? Was ist sein Ziel?
Abb. 2: Hannibal überquert die Alpen, kolorierter Holzschnitt von Heinrich
Leutemann 1862 (aus: Münchner Bilderbogen »Die Karthager«), Konstanz, Wes-
senberg-Bibliothek der Universität → Begleittext 2a zu Hannibal c. 3. Zu Heinrich
Leutemann (1824–1905) vgl. Textausgabe B 2a zu Hannibal 3 (S. 53 f.).
Ausführliche Darstellung: Hannibal steht, in einen rosenholzfarbenen Mantel
gehüllt und mit einem ebenso gefärbten Helmbusch, auf einem etwas tiefer ge-
legenen Felsen in der Mitte des Bildes. Er weist mit dem erhobenen rechten Arm
seinen Soldaten den Weg hoch in die Alpen. Der Alpenpass verläuft von der un-
teren rechten Ecke des Bildes erst langsam steigend nach links, dann stärker an-
steigend nach oben, und zwar wieder zur Bildmitte hin, die er noch nach rechts
überschreitet. Dann macht der Pass eine abrupte Wendung nach links, diesen
Teil sieht man jedoch nicht mehr, weil er durch einen Felsen verdeckt ist. Ganz
oben links erkennt man aber dann schemenhaft die Spitze des Zugs, angeführt
von einem Fahnenträger.

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Der Aufstieg des Heerzuges ist gerade unterbrochen, weil Alpenbewohner Han-
nibals Soldaten angreifen; sie sind auf einem Felsen vor dem hohen Felsen zu se-
hen, hinter dem der Passweg nach links abbiegt. Von diesem Felsen werfen sie
Felsbrocken herab. Ebenso sind sie auf dem stark ansteigenden Mittelstück des
Passwegs zu sehen; dort greifen sie Hannibals Soldaten mit Lanzen an und hetzen
auch einen Hund auf die Gegner. (Livius schildert einen solchen Angriff zwei-
mal, einmal in 21,32, dann in 21,34 am Ende; durch den zweiten Angriff wer-
den die Soldaten vom Tross getrennt, was Hannibal erst langsam beheben kann.)
Auf Leutemanns Zeichnung wehren sich Hannibals Soldaten mit Schwert und
Schild; einige sind aber schon zu Boden gestürzt und ein Reiter fällt gerade vom
sich aufbäumenden Pferd – er wird in den Abgrund stürzen. (Livius schildert in
21,33 dass Soldaten in den Abgrund stürzen und dass besonders die Pferde unru-
hig waren.) Unten im Vordergrund sind Soldaten und Elefantenführer beim Auf-
stieg zu sehen sowie schwer bepackte Pferde. Manche Soldaten und Pferde sind
schon zusammengebrochen, ein Soldat prügelt sein Pferd wieder hoch, ein ande-
rer stützt einen zusammengebrochenen Kameraden, ein anderer versucht entwe-
der vom Pfad wegzukommen oder einem hinter seinem zusammengebrochenen
Pferd kauernden Kameraden zu Hilfe zu kommen. Hier lässt Leutemann An-
regungen aus Livius 21,36–37 einfließen, wo dieser Gefahren und Aktionen an
einer besonders engen Stelle schildert.
Vier Elefanten sind im Bild zu sehen, zwei im Vordergrund rechts und links, zwei
im Hintergrund oben. Der Elefant vorne rechts läuft noch, der Elefant vorne links
tut sich schwer, den steigenden Pass weiterzulaufen. Der Elefant oben links blo-
ckiert und läuft nicht mehr den Pass nach links weiter. Der vierte Elefant stürzt
gerade samt Lenker oder Reiter vom Pass in die Tiefe, wo weiter unten schon an
einem vorspringenden Baum ein abgestürzter Soldat hängt. Über ihm wie über
dem gerade abstürzenden Elefanten kreisen Raubvögel.
Leutemanns Einfall, einen Elefanten abstürzen zu lassen, ist seitdem immer wie-
der, auch auf seinen anderen Hannibalblättern, zu sehen. Er hat viel Wahrschein-
lichkeit für sich. Denn abgesehen von den generellen Zweifeln daran, ob Han-
nibal tatsächlich Elefanten über die Alpen gebracht hat, nimmt man an, dass es
nicht viele gewesen sind, die den Übergang geschafft haben.
Wer das hübsche Paar zu Pferd ist, das in der Mitte zu sehen ist, steht nicht fest.
Livius erwähnt zwar keine Frau beim Alpenübergang, aber Leutemann kannte
aus Livius sicher die Geschichte des von Scipio freigelassenen Kelten Allucius und
seiner Verlobten »Lucretia«. Man vermisste überhaupt Frauen in der Hannibalge-
schichte. Gustave Flaubert veröffentlichte seinen Roman Salammbô exakt im sel-
ben Jahr 1862 wie Leutemann seine Zeichnung »Die Karthager«. Salammbô ist
allerdings eine Karthagerin, die zur Zerstörung Karthagos beiträgt und sie sym-
bolisiert. Sie ist also bestimmt nicht die nette Frau in der Zeichnung Leutemanns.
Vielleicht handelt es sich um ein erfundenes junges Paar, das Hannibal schon in
Karthago anhing und diesen gegen seine Widersacher unterstützte. Ein solches
Paar hat Christian Dietrich Grabbe in seinem Drama Hannibal (1834, urauf-
geführt aber erst 1918) eingeführt: Alitta und Brasidas. Beide treten schon in der

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ersten Szene des ersten Akts auf. Der erste Akt trägt den Titel: Hannibal ante
portas! Dieser Teil spielt in Karthago. Für die Annahme, dass es sich bei dem Paar
in Leutemanns Zeichnung um Brasidas und Alitta handelt, spricht, dass das Paar
ähnlich gekleidet ist wie Hannibal.

5 c) Beschreibe Abb. 3 (→ Begleittext 2). Wie unterscheidet sich Abb. 3 von Abb. 2?
Welches Ziel hat der Maler der Abb. 3?
Abb. 3: Jacques-Louis David: Napoleon Bonaparte überquert die Alpen, 1800 →
Begleittext 2b zu Hannibal c. 3
Napoleon Bonaparte fühlte sich ganz in der Tradition der großen Feldherrn und
Alpenbezwinger, als er im Jahre 1800, im Jahr nach seiner Machtergreifung, die
Alpen überquerte, sein Heer gegen die Österreicher führte und diese dann am
14.6.1800 bei Marengo in Italien besiegte. Das festigte seine Stellung in Frank-
reich und bereitete den endgültigen Sieg über die österreichischen Truppen am
3.12.1800 bei Hohenlinden (östlich von München) vor.
Jacques-Louis David hat Napoleon in seinem Gemälde vom triumphalen Zug
über den St. Bernard als neuen Hannibal gepriesen. Das Gemälde war von Na-
poleon in Auftrag gegeben worden. Napoleon wusste natürlich, dass er beim
schwierigen und schweißtreibenden Übergang nicht so triumphal wirken würde
wie auf dem Bild. Das Gemälde aber sollte der Öffentlichkeit den Eroberer, Sie-
ger und Triumphator Napoleon zeigen und dieses Bild im kollektiven Gedächt-
nis verankern.
Das nach oben sich aufbäumende Pferd und der Reiter bilden eine Einheit, wie
man auch an den parallelen Linien sieht. Normalerweise würde ein Reiter sich bei
dieser Position des Pferdes festhalten müssen. Napoleon aber weist mit dem rech-
ten Arm nach oben, der Zeigefinger streckt sich in die Höhe. Der Eroberer blickt
den Betrachter des Bildes an. Er ist optisch noch mehr im Vordergrund positio-
niert als das Pferd. Er bildet das Zentrum. Selbst die aufwärts steigenden Solda-
ten sind unterhalb Napoleons angeordnet.

5 d) Welchen Zielen des Nepos entspricht Abb. 2, welchen Abb. 3?


Beide Abbildungen zeigen den beherrschenden Überwinder von Schwierigkeiten.

5 e) Vgl. die Darstellung des Alpenübergangs im Film Hannibal von 1959 (→ S. 75)
mit der Darstellung bei Nepos und evtl. bei Livius (ab urbe condita 22,2–7).
Die Filme haben die Suggestivität der Zeichnung Leutemanns nicht übertrof-
fen. Die Dokumentarfilme lassen Hannibal meist in einer verschneiten Ebene
marschieren oder verwenden eingeblendete Zeichnungen oder Szenen aus dem
Stummfilm Cabiria. Erst die neuesten Dokumentationen verwenden Filmmate-
rial aus dem Hannibalfilm von 1960; der Alpenübergang darin wurde in den
Bayerischen Alpen gedreht. Er ist an sich eindrucksvoll, aber insofern etwas lang-
atmig, weil er die Echtzeit nachzuahmen sucht und in vielen Wiederholungen ab-
stürzende Soldaten, auch ausrutschende Elefanten, daneben abstürzende Pferde
und herumstreunende Wölfe zeigt. Livius hat seine Beschreibung durch die vielen

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Details interessanter gestaltet, Nepos durch die Verwendung eines einzigen lan-
gen Satzes. Beides setzt Zeichen und erregt Aufmerksamkeit, setzt Phantasie im
Leser frei statt sie im Zuschauer zu vernichten.

Hannibal c. 4: Hannibals Erfolge in Italien

(geschilderter Zeitraum: 218–216)


Text: Ausgabe S. 31–32
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 54–56

1. Interpretation Hannibal c. 4

In Kapitel 4 wird weiter die Erfolgsserie Hannibals geschildert. Das geschieht, in-
dem sich der Rang der römischen Gegner steigert und die Mühelosigkeit, mit der
er durch List zum Ziel kommt, dargestellt wird.
Den Konsul Publius Cornelius Scipio schlägt Hannibal in der Poebene, er ver-
wundet und vertreibt ihn. Als Scipio und sein Amtskollege Tiberius Longus ihm
mit ihren Heeren begegnen, schlägt er sie – jetzt also zwei Konsuln auf einmal.
In Etrurien siegt er trotz einer Augenkrankheit über den Konsul Flaminius und
den Praetor C. Centenius. Flaminius wird in einen Hinterhalt gelockt, Centenius
trotz seiner Elitetruppe besiegt. Beide werden getötet. In Apulien besiegt Hanni-
bal die Heere zweier Konsuln in einer Schlacht, ein Konsul und einige Konsulare
sterben, unter ihnen Servilius Geminus, der bereits Konsul gewesen war. – Die
Ausführungen zu Arbeitsauftrag 4 stellen dies dar.
Um das Darstellungsziel der Steigerung zu erreichen, stellt Nepos in c. 4 die In-
formationen so zusammen, dass es zeitliche Überlappungen mit c. 3 gibt und die
Chronologie verändert wird. – Dies ist unten in den Ausführungen zu den Ar-
beitsaufträgen 3–4 zu c. 4 in Übersichten dargestellt.

2. Texterschließung

Wenn die Struktur und die semantischen Schwerpunkte des ersten Satzes heraus-
gefunden sind, können alle weiteren Sätze verstanden werden, indem man sie auf
die Struktur überprüft und sie als gleich oder ähnlich erkennt. Alle Sätze sagen
etwas aus zu: Ort / römischer Befehlshaber / sein Amt / Hannibals Erfolge und an-
dere Ereignisse (siehe Ausgabe S. 54, Arbeitsauftrag 3).
Diese Informationen können in einer Übersicht eingetragen werden. Trägt man
dann noch die Jahreszahlen in einer eigenen kleinen Spalte ein, so fällt auf,
dass die Chronologie dem Effekt geopfert wird. Vgl. unten Tabelle zu Arbeitsauf-
trag 3.

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3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 4

1. Welche Wortfelder sind in c. 4 stark vertreten und was ist leitender thematischer
Gesichtspunkt dieses Kapitels?
Wortfelder: Kampf und Sieg: conflixerat (1); pepulerat (1) decernit (1); sauciumque
ac fugatum dimittit (1); adversus eum venit (2); cum his manum conseruit utros-
que profligavit (2); cum exercitu insidiis circumventum (3); occidit (3); cum de-
lecta manu saltus occupantem (3); obviam ei venerunt (4); utriusque exercitus uno
proelio fugavit (4); Paulum consulem occidit et aliquot praeterea consulares (4). –
Krankheit: adeo gravi morbo afficitur oculorum, ut postea numquam dextro ae-
que bene usus sit (3); qua valetudine cum etiam tum premeretur lecticaque ferretur
(3). – Orte (Ortsnamen) und Marschbewegungen: apud Rhodanum (1); Clastidii
apud Padum (1); inde dimittit (1); apud Trebiam adversus eum venit (2); inde per
Ligures Appenninum transit, petens Etruriam (2); hoc itinere (3); apud Trasume-
num (3); saltus (3); hinc in Apuliam pervenit (4); ibi obviam ei venerunt (4). – Per-
sonennamen: cum P. Cornelio Scipione (1); idem Scipio cum collega Tiberio Longo
(2); (adversus eum, 2); (cum his, 2); (utrosque, 2); C. Flaminium (3); C. Centenium
(3), C. Terentius et L. Aemilius (4); (utriusque, 4); Paulum (4); (in his) Cn. Servilium
Geminum (4). – Amtsbezeichnungen: consule (1); cum collega (2); consulem (3);
praetorem (3); duo consules (4); consulem (4); consulares (4), consul (4).

2 a) Schreibe alle Hauptsatzprädikate heraus, bestimme und übersetze sie und gib
an, welche Textaufgabe das jeweils verwendete Tempus hat (→ Grundwissen 4.2).

Form Bestimmung Übersetzung Funktion


Nach Rückgriff Szene (Nahaufnahme)
conflixerat (1) 3. Sg. Ind. Plqpf. Aktiv er war zusammen- Rückgriff
gestoßen, hatte
gekämpft
pepulerat (1) 3. Sg. Ind. Plqpf. Aktiv er hatte ihn
vertrieben
decernit (1) 3. Sg. Ind. Präs. Aktiv er kämpft um die Szene, Vergegen-
Entscheidung wärtigung
1. Erzähletappe
saucium ac Prädikativa (Adjektiv er verwundet ihn
fugatum (1) und Partizip) als und treibt ihn in die
Vorstufe zu dimittit Flucht
dimittit (1) 3. Sg. Ind. Präs. Aktiv er lässt ihn entlaufen 2. Erzähletappe
Bericht, Halbtotale
venit (2) 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv er rückte vor Bericht,
3. Erzähletappe

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Form Bestimmung Übersetzung Funktion
conseruit (2) 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv er eröffnete einen 4. Erzähletappe
Kampf
profligavit (2) 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv er schlug (sie) 5. Erzähletappe
transiit (2) 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv er überquerte 6. Erzähletappe
petens (2) Part. Präs. Aktiv, Nom. er wollte nach …, Zuordnung zur
Sg. m., gleichzeitig zu »auf dem Weg 6. Erzähletappe
transiit nach«
Szene, Nahaufnahme
afficitur (3) 3. Sg. Ind. Präs. Aktiv er wird befallen Szene, Reportage,
7. Erzähletappe
usus sit (3) 3. Sg. Konj. Perf. er hat genutzt (resultative)
Medium (Deponens), Feststellung für die
Vergangenheit
Fortsetzung des Berichts, Halbtotale
premeretur (3) 3. Sg. Konj. Imperf. Pass., er wurde nieder- Parallelhandlung
bezogenes Tempus, gedrückt zur 8. Erzähletappe
gleichzeitig zu occidit
ferretur (3) 3. Sg. Konj. Imperf. Pass., er wurde getragen Parallelhandlung
bezogenes Tempus, zur 8. Erzähletappe
gleichzeitig zu occidit
circumven- Part. Perf. Pass., »er umzingelte« Voraktion, Voraus-
tum (3) vorzeitig zu occidit setzung für die
8. Erzähletappe
occidit (3) 3. Sg. Ind. Präs. Aktiv er schlug (sie) zu Bericht,
Boden 8. Erzähletappe
occupantem Part. Präs. Aktiv, gleich- er hielt besetzt Parallelaktion zur
(3) zeitig zu occidit 8. Erzähletappe
pervenit (4) 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv er kam 9. Erzähletappe
venerunt (4) 3. Pl. Ind. Perf. Aktiv sie gingen entgegen 10. Erzähletappe
fugavit (4) 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv er schlug (sie) in die 11. Erzähletappe
Flucht
occidit (4) 3. Sg. Ind. Perf. Aktiv er tötete 12. Erzähletappe
fuerat (4) 3. Sg. Ind. Plpf. Aktiv er war gewesen Rückgriff auf die
Zeit vor der 9.–12.
Erzähletappe

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2 b) Gliedere das Kapitel unter Berücksichtigung der verwendeten Tempora.
Die Gliederung ist in der Tabelle zu Arbeitsauftrag 2a in den über die ganze Breite
verlaufenden Zeilen eingetragen.

3. Trage Satz für Satz Ausdrücke und Beobachtungen zu folgenden Themen in


eine Liste ein und füge mit Hilfe der Zeittafel und Begleittext 1 die Jahreszahl hinzu
(insgesamt 13 Eintragungen).

Jahr Ort Römischer Feldherr sein Amt Hannibals Erfolge und


andere Ereignisse
218 apud cum P. Cornelio consule conflixerat
Rhodanum Scipione pepulerat
218 Clastidii apud cum hoc eodem decernit
Padum saucium ac fugatum
dimittit
216 apud Trebiam idem Scipio cum (Konsul) (Scipio adversus eum
collega Tiberio venit)
Longo
cum his manum conseruit
utrosque profligavit
per Ligures transiit
Appenninum
216 Etruriam petens
217 hoc itinere (gravi morbo afficitur
oculorum)
qua valetudine cum
premeretur lecticaque
ferretur
217 apud C. Flaminium consulem insidiis circumventum
Trasumenum cum exercitu occidit
C. Centenium praetorem saltus occupantem …
cum delecta manu occidit
in Apuliam (pervenit)
216 ibi duo consules, (obviam ei venerunt)
C. Terentius et L.
Aemilius
utriusque exercitus uno proelio fugavit
216 (L. Aemilium) Paulum consulem occidit
et aliquot consulares, consulares
in his Cn. Servilium qui superiore
Geminum anno fuerat
consul

Hannibal c. 4: Hannibals Erfolge in Italien 53

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4. Werte die Übersicht aus:
4 a) Zeige, wie in jedem Satz eine Steigerung zum vorigen Satz erfolgt.
1. Satz: ein Konsul, Vertreibung
2. Satz: ein Konsul, Verwundung und Vertreibung
3. Satz: zwei Konsuln
4. Satz: zwei Konsuln, geschlagen und vertrieben
5. Satz: Vorbereitung für 7. Satz: Weg nach Etrurien
6. Satz: Vorbereitung für 7. Satz: Hannibal von Krankheit geschwächt
7. Satz: ein Konsul und ein Prätor trotz Schwäche Hannibals getötet und ihre
Heere geschlagen
8. Satz: Vorbereitung für 10. Satz: Weg nach Apulien
9. Satz: Vorbereitung für 10. Satz: Zwei gewesene Konsuln stellen sich Hannibal
entgegen.
10. Satz: zwei Heere in einer einzigen Schlacht geschlagen und vertrieben, ein
Konsul getötet und einige Konsulare, darunter der Konsul des Vorjahres

4 b) Satz 4,1 schildert ein Ereignis, das zeitlich noch vor dem in 3,4 geschilderten
Alpenübergang liegt. Warum hat Nepos es dennoch an den Anfang von c. 4 gesetzt?
Damit kann er die gezeigte Steigerung von Satz 1 zu Satz 2 erreichen.

4 c) Was hat Nepos zugunsten seines leitenden thematischen Gesichtspunktes


und im Interesse der Steigerung in seiner Darstellung ausgelassen oder an eine
chronologisch falsche Stelle gesetzt? (→ Zeittafel, Begleittexte 1 und 2).
Die Chronologie ist gestört. Ereignisse aus dem Jahr 216 rücken z. T. zwischen die
Ereignisse von 218 und 217 v. Chr.

5. Führe die in Arbeitsauftrag 4 zu c. 1 begonnene Übersicht über die Eigenschaf-


ten Hannibals und der Römer fort.
Hannibal: Das Kapitel ist ein Katalog, eine Entfaltung der beiden Charakterisie-
rungsthemen »Feldherrn-prudentia« (1,1) und »Ewiger Sieger über die Römer«
(1,2). Die Steigerung ist zu Arbeitsauftrag 4 a dargestellt.
Römer: Die Römer erleiden hohe Verluste. Sie geben aber offenbar nicht auf und
machen die höchstrangigen Politiker zu Feldherrn. Insofern ist c. 4 eine Ausfüh-
rung des Themas populus Romanus omnes gentes virtute superarit (1,1), wenn
man virtus als unermüdlichen Einsatz für das eigene Land ansieht.

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Hannibal c. 5: Hannibal – in Italien unüberwindlich

(geschilderter Zeitraum: 216–207)


Text: Ausgabe S. 33
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 56–57

1. Interpretation Hannibal c. 5

Die Überschrift des Kapitels 5 steht am Schluss: Nemo ei in acie restitit, nemo
adversus eum post Cannensem pugnam in campo castra posuit. Dieses Thema
wird dem Leser durch eine Vielzahl von Details an Beispielen klargemacht, es
wird ›augenfällig‹, evident. Entsprechend ist das Kapitel nach den Erfordernissen
der Evidentia gestaltet. Es werden eine Reihe von Schlachten aufgezählt, in denen
Hannibal gesiegt hat. Dann fällt in der abschließenden, an eine Praeteritio erin-
nernden Formulierung der Gesamtbegriff omnia proelia. Der sich steigernde In-
halt der Beispielreihung ist unten zu Arbeitsauftrag 6 b dargestellt.
Das Wesen des Fabius und Hannibals werden im ersten Teil weniger direkt aus-
gedrückt als durch die Art der Formulierung und stilistische Mittel angedeutet
(siehe zu Arbeitsauftrag 6 b).

§ 1: Im ersten Satz des § 1 wird zunächst noch einmal die am Schluss des Kapi-
tels 4 dargestellte Schlacht mit ihrem doppelten Sieg erwähnt. Eine Figura etymo-
logica (hac pugna pugnata) macht mit der Doppelung und der Alliteration diese
Erwähnung nachdrück lich und stellt das Thema Kampf auch an den Anfang die-
ses Kapitels. Dann rücken die Hauptstadt und Hannibals Marsch gegen sie in den
Vordergrund: Romam profectus est.
Im zweiten Satz hält sich Hannibal schon nahe bei Rom auf: in propinquis urbi
montibus. Dass dies rasch ging, erklärt der überleitende Ablativ mit Prädikati-
vum – der als eine überraschende Schlusspointe das Ende von Satz 1 bildet: nullo
resistente, keiner stellt sich Hannibal entgegen. Nepos verschweigt hier viel: Als
die Römer Capua belagerten, marschierte er in der Hoffnung gegen Rom, die
Römer zögen ihre Truppen von Capua ab, um Rom zu verteidigen. Aber Hanni-
bal konnte Rom nicht erstürmen, weil es stark befestigt war und er keine Belage-
rungsmaschinen hatte. So mussten nicht die Römer von Capua, sondern vielmehr
er unverrichteter Dinge von Rom abziehen. Kurz darauf fiel Capua. Nepos ver-
meidet es, Aktionen Hannibals vor Rom zu erwähnen, denn sonst müsste er Han-
nibals blamablen Rückzug zur Sprache bringen, Hannibal erschiene als weniger
gefährlich, die Römer erschienen als weniger gefährdet.
In Satz 3 wird erst noch einmal Hannibals Aufenthalt in den Bergen bei Rom
dargestellt: cum aliquot ibi dies castra habuisset. Dann wird seine Rückkehr nach
Capua angeschlossen: et Capuam reverteretur. Offenbar deutet Nepos hier an,
dass Hannibal auf Widerstand wartete und sich gleichsam gelangweilt wieder auf
den Weg nach Capua machte. Der Satzbau und die breite Formulierung bereiten

Hannibal c. 5: Hannibal – in Italien unüberwindlich 55

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somit auf die Person des Hauptsatzes vor: Quintus Fabius Maximus, der durch
Zögern bekannt geworden ist und Cunctator genannt wurde. Nepos erwähnt die-
sen Beinamen hier nicht. Er bringt statt dessen die Amtsbezeichnung des Fabius
mit einer stolzen Hervorhebung durch ein Adjektiv: dictator Romanus. Der rö-
mische Amtsträger, nicht das Individuum steht gegen Hannibal. Fabius erscheint
jetzt als ein energischer Mann: in agro Falerno ei se obiecit.

§ 2: Hannibal wird seiner eingangs von Nepos gegebenen Charakterisierung (1,1)


gerecht: Trotz größter Widrigkeiten düpiert er Fabius. Fabius wird eigens cal-
lidissimus imperator genannt (§ 2). Welche Steigerung von callidissimus gibt es
für Hannibal? Die, dass er den schlauesten der Feldherrn übertölpelt hat, und
die Art, wie er es getan hat: Rinder mit brennenden Reisigbündeln laufen in der
Nacht überall im Gelände herum, und alle römischen Soldaten sind so erschro-
cken, dass keiner aus dem Lager geht. Die in der Dunkelheit umherwandernden
Lichter müssen also den Soldaten menschliche Wesen mit Fackeln oder sogar
Gespenster vorgetäuscht haben. Dass sie plötzlich überall auftauchen (repen-
tino visu), verstärkt diesen Eindruck. (Der Erfolg war allerdings ein anderer, als
bei Nepos geschildert: Fabius glaubte an eine Flucht der Truppen Hannibals auf
einem anderen als dem erwarteten Weg und zog seine Wachen von der besetz-
ten Passstraße ab.) Die Schilderung dieses Vorgangs hat Nepos durch stilistische
Mittel ausgestaltet und dem Leser evident gemacht. Sie sind zu Arbeitsauftrag 6c
einzeln aufgeführt.

§§ 1–3: Das Kapitel steigert und beschleunigt sich in der Aufzählung (die in einem
Tafelbild festgehalten werden kann). Die Truppen des Diktators Q. Fabius Maxi-
mus zu düpieren, brauchte Zeit (§§ 1b–2). Den ihm gleichgestellten M. Minucius
Rufus zu vertreiben, geht schneller (§ 3a). Den Konsul Tiberius Sempronius
Gracchus besiegt er, ohne selbst dabeizusein (§ 3b). Den fünfmaligen Konsul
M.  Claudius Marcellus treibt er dafür in Venusia in den Tod  – auf die gleiche
Weise wie Gracchus (pari modo). Nepos verwendet bei Gracchus den Ausdruck
tollere (in insidias inductum sustulit), bei Claudius Marcellus den Ausdruck inter-
ficere (pari modo interfecit). Tollere ist im Unterschied zu interficere der weniger
technische, die Plötzlichkeit hervorhebende Ausdruck, während interficere einen
eher konstant verlaufenden Tötungsvorgang beschreibt, ohne das Wort »Tod« zu
erwähnen (wie dies etwa bei necare der Fall wäre).

Als Tafelbild zu c. 5,3 kann die unten zu Arbeitsauftrag gegebene Übersicht ver-
wendet werden.
Eine Zusammenfassung zur Steigerung in den §§ 1–3 findet sich unten zu Ar-
beitsauftrag 6b.

§ 4: Nepos resümiert bzw. bricht die Aufzählung ab (§ 4): longum est enume-
rare proelia. Nach dieser Praeteritio folgert er, es genüge das folgende summa-
rische Urteil: quamdiu in Italia fuit, nemo ei in acie restitit, nemo adversus eum

56 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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post Cannensem pugnam in campo castra posuit. Das Urteil ist eine sich stei-
gernde anaphorische Dihaerese, die Hannibals Größe zeigen soll (quantus ille fu-
erit):

nemo ei in acie restitit


nemo adversum eum post Cannensem pugnam in campo castra posuit.

Die Schlacht von Cannae ist das Ereignis, durch das die Steigerung bewirkt
wird.

Zusammenfassung zu c. 3–5: Die Kapitel 3–5 laufen fast maschinell ab, die Er-
eignisse erscheinen als unabwendbar. Nepos schildert für einen Römer erstaun-
lich teilnahmslos, das meint: ohne Antipathien gegenüber Hannibal. Eher wie
ein Karthager begeistert er sich für die Erfolge und für den Elan Hannibals. Er
hat weder Entschuldigungen für die römischen Niederlagen zu bieten noch Cha-
rakterisierungen der römischen Führer. Nur Quintus Fabius Maximus wird calli-
dissimus imperator genannt (5,2), damit Hannibals Schlauheit umso mehr glänzt
(Hannibal verspottete ihn, dedit verba). Die kühl geschilderte Serie von Erfolgen
macht die unheimliche Konsequenz des Vorgehens deutlich und die unausweich-
liche Gefahr für die Stadt Rom.
Man kann sehen: Nepos denkt und schildert in einem Konzept, dessen Teile auf-
einander bezogen sind. Die Kapitel sind in ein Bezugssystem eingepasst. Die
Sätze eines Kapitels sind zu einem Ablauf zusammengefasst, der als Ganzes und
als Einheit wirken soll. Seinem Ziel ordnet er manchmal die historische Wahrheit
unter; siehe Arbeitsauftrag 7a.

2. Texterschließung

Die Erschließung kann gemäß der Darstellung und den Arbeitsaufträgen 1–3 er-
folgen. Sowie die Struktur des ersten Satzes erkannt ist, kann man alle anderen
nach dem zu den Arbeitsaufträgen 1 und 3a gezeigten Schema betrachten und er-
arbeiten.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 5

1. Gliedere das Kapitel unter Berücksichtigung der Satzeinleitungen und der Tem-
pora in den Hauptsätzen (→ Grundwissen 4). Die folgende Tabelle enthält die Ant-
wort in den Spalten 2 (Satzeinleitungen = Zeit) und 3–5 (Aktionen, die sich ja in den
Verbformen und ihrer Tempusgestaltung ausdrücken). In weiteren Spalten finden
sich einige Zusatzinformationen.

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Zeit, Vor- oder Gegend, Ort, Aktion Aktion der Rang des
Begleitaktionen Voraktionen Hannibals Römer Gegners
216 (1) Hac pugna Romam profectus est nullo
pugnata resistente.
in propinquis moratus est.
urbi montibus
cum aliquot dies ibi
castra habuisset
et reverteretur, Capuam
217 in agro Q. Fabius dictator
Falerno Maximus, ei Romanus,
se obiecit.
(2) Hic clau- noctu
sus locorum sine ullo
angustiis detrimento
exercitus se
expedivit
dedit verba. Fabioque, callidissimo
imperatori,
namque obducta incendit
nocte sarmenta
in cornibus iuven-
corum deligata
eiusque immisit.
generis
multitudinem
magnam
dispalatam
quo repentino tantum ter- ut egredi ex-
obiecto visu rorem iniecit tra vallum
exercitui Ro- nemo sit
manorum, ausus.
217 (3) Hanc post rem non ita multis fugavit. M. Minucium magistrum
gestam diebus dolo Rufum, equitum
productum in pari ac
proelium dictatorem
imperio,
213 absens in Lucanis sustulit. Tiberium iterum
in insidias Sempronium consulem,
inductum Gracchum,
208 pari modo apud Venu- interfecit. M. Claudium quinquies
siam Marcellum, consulem,

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Zeit, Vor- oder Gegend, Ort, Aktion Aktion der Rang des
Begleitaktionen Voraktionen Hannibals Römer Gegners
Resultat (4) Longum est omnia
enumerare proelia.
quare unum hoc quantus ille
satis erit dictum, fuerit:
ex quo intellegi
possit,
quamdiu in nemo ei in
Italia fuit, acie restitit,
post Cannensem nemo
pugnam adversus eum
in campo
castra posuit.

2. Für die Sätze der §§ 1 (a), 2 (a, b, c), 3 (a, b): Schildere den Ablauf der Sätze oder
zeige ihn durch eine Satzabbildung z. B. nach dem Einrücksystem.
In der obigen Darstellung zu den §§ 1–3 ist der Ablauf der Sätze im Einzelnen ge-
schildert. Satzabbildungen sind relativ leicht nach dem auf den Seiten 13 f., 24
und 46 vorgestellten Muster zu erstellen. Denn die Zahl der Gliedsätze hält sich
in Grenzen. Die eingebetteten partizipialen Informationen werden ja nicht eigens
abgetrennt, sondern höchsten in Klammern gesetzt. Die meisten partizipialen
Einbettungen sind im Text durch Kommata oder Gedankenstriche kenntlich ge-
macht (Ausnahme: clausus locorum angustiis, § 2)

3 a) Erstelle eine Übersicht zu den §§ 3 nach folgendem Muster: …


Die Übersicht kann auch zum Tafelbild zu c. 5,3 werden:

Steigerung im Erfolg:
Zeit / Ort Hanc post rem gestam in Lucanis apud Venusiam
Maß der non ita multis diebus absens
Anstrengung
Gegner M. Minucium Rufum Tib. Sempronium M. Claudium
Gracchum Marcellum
Rang des magistratum equitum iterum consulem quinquies
Gegners pari ac dictatorem imperio consulem
Verfahrens- dolo productum in insidias pari modo
weise in proelium inductum
Ergebnis fugavit sustulit interfecit

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3 b) Ergänze die Übersicht durch die Auswertung der §§ 1–2.
Siehe die Tabelle zu Arbeitsauftrag 1.

3 c) Was lässt sich zur Abfolge der Darstellung erkennen?


Siehe dazu oben die Darstellung zur Steigerung in den §§ 1–3.

4 a) Welche Sätze in c. 5 sind durch relativ(isch)en Satzanschluss (→ Grundwissen


6) eng an den vorigen angeschlossen?
§ 2, 3. Satz: quo repentino obiecto visu …; § 4, 2. Satz: quare …

4 b) Welche Sätze beginnen mit einem Demonstrativpronomen?


§ 1, 1. Satz: hac; (2. Satz: ibi); § 2, 1. Satz: hic; § 3, 1. Satz: hanc post rem …;

4 c) Welche Sätze sind gar nicht durch einen Rückverweis an den vorigen Satz an-
gebunden?
§ 1, 2. Satz: in propinquis urbis montibus (urbis nimmt allerdings Romam aus dem
vorigen Satz auf); § 2, 2. Satz: cum …, im cum-Satz steht allerdings ibi; § 2, 2. Satz
(dafür erläuterndes namque); § 3, 2. Satz (Tiberium …); § 3, 3. Satz (dafür steht
pari modo); § 4, 1. Satz (longum est, Abbruch der Aufzählung); § 4, letzter Satz:
Thema des Kapitels.

4 d) Warum wechselt Nepos die Art, Hauptsätze aneinander anzuschließen?


Bei Demonstrativa kann man sich während des Lesens entsprechende Gesten
denken, die Hand zeigt auf imaginäre Bilder der Schlacht (hac, 1), der Berge (ibi,
1), des Q. Fabius Maximus (hic, 2), der im Lager verharrenden Römer (hanc post
rem gestam, 3). – In einer Umsetzung in Zeichnungen könnte man sich den Vor-
tragenden mit einem Zeigestock denken.
Beim relativischen Satzanschluss wird an Voriges ganz eng angeschlossen, man
kann sich den gesamten vorigen Text, auf den verwiesen wird, sozusagen ein-
gerahmt denken: quo repentino visu (§ 2, 3. Satz) = namque immisit; qua re (§ 4,
2. Satz, wenn man quare als relativischen Anschluss statt hac re auffasst) = Folge-
rung aus dem vorigen Satz (longum est omnia enumerare proelia) und damit der
Paragraphen 1–3 des Kapitels.

5. Sammle alle adjektivischen und substantivischen Attribute zu den vorkommen-


den Personen. Welche Aufgabe haben sie?
dictator Romanus (1): Q. Fabius Maximus, in Notzeiten gewählt;
callidissimo imperatori (2): Raffiniertheit des Fabius;
magistrum equitum pari ac dictatorem imperio (3): M. Minucius Rufus, ebenso in
höchster Not der Römer agierend;
iterum consulem (3): Tiberius Sempronius Gracchus, besonders bewährt und an-
erkannt;
quinquies consulem (3): M. Claudius Marcellus, höchst bewährt und anerkannt,
alt, letzte Hilfe in der Not.

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Hannibal bringt die Römer in Not, die Römer bieten die zu Nationalhelden ge-
wordenen Personen auf.

6 a) Welcher Satz des c. 5 könnte die Überschrift bilden? (→ Grundwissen 5, Nr. 5)


– Quamdiu in Italia fuit, nemo ei in acie restitit, nemo adversus eum post Can-
nensem pugnam in campo castra posuit (§ 4). Das gesamte Kapitel ist eine Di-
haerese dieses Gedankens und Satzes.

6 b) Zeige Aufbau und Steigerung des Kapitels unter dem Gesichtspunkt der
evidentia (→ Grundwissen 5, Nr. 8).
Die Beispielreihung in Kapitel 5 ist so aufgebaut, dass sich eine Steigerung und
eine Schlussbeschleunigung ergeben. Für Fabius werden sechs Sätze verwen-
det: Hannibal muss warten, zieht ab, wird von Fabius plötzlich angegriffen, lenkt
seine Soldaten sehr schlau ab (durch den geschilderten Trick mit den Rindern).
Marcus Minucius Rufus, Tiberius Sempronius Gracchus und Marcus Claudius
Marcellus erhalten je einen Satz. Die Zusammenfassung der Dihaerese (vgl. oben)
steht monumental am Schluss: »solange er in Italien war, hat ihm nie einer in of-
fener Feldschlacht Widerstand geboten, niemand hat gegen ihn nach der Schlacht
von Cannae im Feld ein festes Lager errichtet«, 5,4).

6 c) Welche sprachlichen und welche stilistischen Einzelheiten steigern die einzel-


nen Abschnitte? Berücksichtige: Attribute, Appositionen, prädikative Partizipien
(participia coniuncta) sowie Grundwissen 5, Nr. 5, 7, 11, 12, 13. 
– Im ersten Satz: chronologische Reihenfolge der Aktionen: obducta nocte – sar-
menta (werden gesucht) – in cornibus iuvencorum (auch sie werden gebracht)
deligata – incendit – multitudinem … dispalatam (erst werden die Tiere über-
allhin geführt) – immisit (dann lässt man sie laufen, die Reisigbündel, vorher
schon angezündet, brennen jetzt lichterloh);
– Alliterationen (multitudinem magnam) und andere Klangwirkungen (que ob-
ducta nocte – da knacken die Zweige; multitudinem magnam – hier ›muhen‹
die Rinder; viele pathetische a-Laute).
– Im zweiten Satz: Voranstellung von repentino obiecto, t-Alliteration, e-/i-Laute
(iniecit exercitui), Voranstellung von egredi, e-Alliteration, ausus am Satzende.

7 a) Wie geht Nepos mit den historisch gesicherten Fakten um? (→ Zeittafel, Be-
gleittext 1).
Nepos übergeht die Eroberung Capuas durch die Römer. Als die Römer Capua
belagerten, marschierte Hannibal gegen Rom. Er hoffte, die Römer würden ihre
Truppen von Capua abziehen, um Rom zu verteidigen. Das taten die Römer aber
nicht. Trotzdem konnte Hannibal Rom nicht erobern, denn er hatte keine Bela-
gerungsmaschinen gegen die hervorragend befestigte und gut versorgte Stadt. So
mussten nicht die Römer von Capua abziehen, sondern er von Rom. Kurz dar-
auf fiel Capua. Die blamable Fehleinschätzung und der ebenso blamable Rück-
zug Hannibals werden nicht erwähnt – sie würden das Bild von der Klugheit und

Hannibal c. 5: Hannibal – in Italien unüberwindlich 61

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der Leistung trüben, das Nepos seit Beginn seiner Biographie zeichnet. Er stellt
in den Ämtern der römischen Befehlshaber und in den Aktionen und Erfolgen
Hannibals die höchste Not der Römer dar, wobei er an die Kenntnisse der Leser
appelliert.

7 b) Was ist Ziel der Darstellung des Nepos?


Ziel des Nepos ist, die Unüberwindlichkeit Hannibals darzustellen (Thema aus
1,1: prudentia, und aus 1,2: discessit superior) und wiederum die verzweifelte Be-
wahrung römischer virtus (Thema aus 1,1: fortitudo).

8. Führe die in Arbeitsauftrag 6 zu c. 1 begonnene Übersicht über die Eigenschaf-


ten Hannibals und der Römer fort.
Die Einzelheiten ergeben sich aus den Antworten zu den Arbeitsaufträgen 6a und
7 b.

Hannibal c. 6: Die Niederlage bei Zama bricht Hannibal nicht

(geschilderter Zeitraum: 207–201)


Text: Ausgabe S. 34
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 57–59

1. Interpretation Hannibal c. 6

Der in c. 5 geschilderte Zustand wird am Anfang des Kapitels 6 im Wort invictus


zusammengefasst. Die Szene wechselt von Italien (hinc) nach Afrika (patriam de-
fensum revocatus). Gleich ist Hannibal wieder in seinem Element: bellum gessit
adversus P. Scipionem. Ein neuer römischer Name tritt in der Darstellung her-
vor. Scipio wird ausführlich vor einen historischen Hintergrund gestellt: Er ist
Sohn dessen, der dreimal vor Hannibal fliehen musste (nachdrückliche Aufzäh-
lung mit primo, iterum, tertio und dreimal gesetztem apud). Damit greift Nepos
auf 4,1–2 zurück.
Jetzt will sich Hannibal anders verhalten und für den Augenblick Waffen-
stillstand schließen (impraesentiarum bellum componere) – mit der Absicht, spä-
ter umso kräftiger zuzuschlagen (quo valentior congrederetur, 6,2). Das erinnert
(zum Teil  bis in die Formulierung) an Hamilkars Unaufrichtigkeit beim Ver-
tragsschluss mit den Römern (Hamilcar 1,4).
Den Krieg zu beenden (bellum componere, Nepos vermeidet das Wort für Frie-
densvertrag, pax) – dazu wird Hannibal von der Not seines eigenen Landes ge-
zwungen. Es steht vor dem wirtschaftlichen Ruin und kann den Krieg nicht mehr
finanzieren (exhaustis iam facultatibus, 6,2). Hannibal will den Krieg nicht aus
Einsicht beilegen, sondern begehrt dies voller Emotion (cupivit) und in listiger

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und hinterhältiger Haltung. Er will erst wieder neue Truppen bekommen. Ver-
handeln ist nicht seine Sache, Nepos findet dafür die sententiöse Formulierung
mit vielen mit dem knorrigen c beginnenden Wörtern: In colloquium convenit,
condiciones non convenerunt (»Er kam zur Konferenz, die Konditionen kamen
nicht zupass«). Wieder zeigt Hannibal, dass er wie sein Vater ist. Hamilkar hatte
ebenso keinen echten Frieden, sondern einen in kriegerischer und trügerischer
Absicht geschlossen (Hamilcar c. 1, s. o.). Hannibal wirkt sogar noch gefährlicher,
denn er will auch nach einer Niederlage nicht aufgeben.
Nach der erfolglosen Konferenz folgt ein neuer Kampf  – bei Zama. Hanni-
bal wird geschlagen. Nepos sagt das in einem einzigen Wort am Satzanfang:
pulsus. Wie im vorigen Kapitel die Schlacht von Cannae, so erwähnt er hier die
für Römer bedeutende Schlacht von Zama nur kurz. Nepos kommentiert ent-
weder diese Niederlage oder wahrscheinlicher den folgenden Bericht mit incre-
dibile dictu. Der Bericht spricht nicht von Flucht, sondern davon, dass Hanni-
bal nach Hadrumetum kommt, dass Hadrumetum 300000 Doppelschritte, also
300 römische Meilen, das sind 450 km, von Zama entfernt ist und dass Hannibal
für diese Strecke zwei Tage und zwei Nächte braucht. Auch auf der Flucht zeigt
Hannibal seine Leistungsfähigkeit. 48 Stunden für 300 Meilen sind 6,25 Meilen
(9,375  km) Durchschnittsgeschwindigkeit pro Stunde, bei ununterbrochenem
Marsch eine fast unmögliche Leistung. Die meisten Forscher nehmen daher nicht
einen Marsch, sondern einen Ritt an. Die breit geschilderte und mit incredibile
dictu eingeleitete Marschleistung kompensiert die mit nur einem Wort geschil-
derte Niederlage. Livius sagt (21,4,5): Nullo labore aut corpus fatigari aut animus
vinci poterat. Und (21,4,6): Vigiliarum somnique nec die nec nocte discriminata
tempora. Nepos steigert noch: Dass die mit Hannibal verbündeten Numider, die
mit ihm das Schlachtfeld verlassen haben, ihm auf der Flucht einen Hinterhalt le-
gen, lässt nicht nur die Bewunderung für die Marschleistung, sondern auch für
sein Durchhaltevermögen steigen. Nepos nutzt dies, um wieder einen Kampf und
einen Sieg Hannibals zu schildern: »Hannibal entkam ihnen nicht nur, sondern –
mehr noch – brachte sie selbst in Bedrängnis.«
Erst am Schluss dieses Kapitels wird deutlich, dass Hannibal diese Flucht ange-
treten hat, ohne sich um alle Reste seines Heeres zu kümmern, dass die Flucht
also ungeordnet war. Die Vereinigung der versprengten Reste wird zum Zeichen
von Hannibals ungebrochener Kriegslust: Kaum in Hadrumetum, sammelt er sie,
hebt neue Soldaten aus und hat in wenigen Tagen viele zu einer Truppe zusam-
mengezogen.
Das Kapitel klingt mit einer Antithese und rhythmisch nachdrücklich und nach-
wirkend mit drei Kola aus. Das zweite Kolon imitiert das erste klanglich, ist je-
doch diesem gegenüber um eine Silbe verkürzt, so dass eine leichte Beschleuni-
gung entsteht: novis dilectibus – paucis diebus. Das dritte Kolon ist gleich lang wie
das zweite und bringt die Antithese zu paucis: multos contraxit.

Hannibal c. 6: Die Niederlage bei Zama bricht Hannibal nicht 63

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2. Texterschließung

Die Erschließung des Kapitels kann unter Berücksichtigung der obigen Darstel-
lung dem Arbeitsauftrag 1 folgen. Mit der zeitlichen Gliederung sind also eine
Beobachtung der Wortfelder zu den Themen »Krieg / Kriegshandlungen« und
»Kräfte, Sieg« und eine Thema-Rhema-Beobachtung verbunden.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 6

1. Gliedere das Kapitel unter Berücksichtigung der Satzeinleitungen und der Tem-
pora in den Hauptsätzen (→ Grundwissen 4.2).
§§ 1–2: Krieg gegen P. Scipio in Afrika und Notwendigkeit eines Friedensschlus-
ses wegen fehlender karthagischer Mittel. Tempus: Erzählperfekt. § 2 ist mit § 1
durch einen Rückverweis verbunden (cum hoc → P. Scipionem). Der abschlie-
ßende Satz in § 2 setzt das Thema bellum componere des vorigen Satzes fort und
formuliert zugespitzt mit unangenehmer c-Alliteration, Homoioteleuton und se-
mantischer Differenzierung des Verbs convenire das Ergebnis »Erfolglosigkeit«:
In colloquium convenit, condiciones non convenerunt.
§§ 3–4: Übergang zur Schlacht bei Zama. Deutliche zeitliche Absetzung vom Vo-
rigen durch post id factum (id ist anaphorisches Pronomen, schriftsprachlich). § 4
schließt an § 3 mit dem Rückverweis in hac fuga (→ pulsus … Hadrumetum per-
venit) an. Durchgehend Erzähltempus: narratives Perfekt.

2. Vgl. 6,2 mit Hamilcar 1,3–5. Welches Bild von Hamilkar und Hannibal und ihrem
Römerhass zeichnet Nepos?
Vater und Sohn sind selbst durch äußere Not kaum zu einem Vertragsschluss mit
den Kriegsgegnern zu bringen. An beiden Textstellen ist von wirtschaftlicher Er-
schöpfung Karthagos die Rede (Hamilcar 1,3: patriam exhaustam sumptibus;
Hannibal 6,2: exhaustis iam patriae facultatibus). Hamilkar wie Hannibal gehen
beide unehrlich in die Verhandlungen, sie denken schon an den nächsten Krieg
(Hamilcar 1,4: ita, ut statim mente agitaret, si paulum modo res essent refectae,
bellum renovare Romanosque armis persequi; Hannibal 6,2: cupivit impraesenta-
rium bellum componere, quo valentior postea congrederetur). Diese Unaufrichtig-
keit bedeutet Fehlen der fides und lässt keine Schonung im Sinne des berühmten
Prinzips parcere subiectis zu, es fordert: debellare superbos. Hamilkar und Han-
nibal sind auch unbeherrscht oder maßlos, Hamilkar mehr, Hannibal weniger
(Hamilcar 1,5: pacem conciliavit; in qua tantā fuit ferociā, ut …; Hannibal 6,2: con-
diciones non convenerunt).
Hamilkar schließt allerdings Frieden und der Römer Catulus gibt nur bezüg-
lich einer Bedingung nach, nämlich der geforderten Zurücklassung der Waffen
(Hamilcar 1,5); Hannibal schließt überhaupt keinen Frieden und lehnt alle Bedin-
gungen ab. Die Reaktion wird nicht genannt, aber aus dem nächsten Satz deut-
lich: Es wird weiter Krieg geführt.

64 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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3. Vgl. c. 6 mit c. 4 und 5: a) Was bringt c. 6 an Ungewöhnlichem im Vergleich mit
den bisherigen Kapiteln?
Hannibal ist zum ersten Mal geschlagen: 6,3: pulsus – incredibile dictu …

3 b) Wie gelingt es Nepos, trotzdem an die Darstellungsziele der Kapitel 4–5 an-
zuknüpfen?
Auf der Flucht leistet Hannibal schon wieder Ungewöhnliches: Der Marsch nach
Hadrumetum erfolgt schnell und er kann Numider, die ein Attentat auf ihn un-
ternehmen, nicht nur entkommen, sondern sie sogar schlagen. Diese Stelle wi-
derspricht im Übrigen der Behauptung des Plutarch, niemals sei ein Attentat auf
Hannibal versucht worden und daran könne man seine Beliebtheit sehen. Viel-
leicht meinte Plutarch aber: kein Attentat von Landsleuten.

4. Vgl. die Darstellung des Nepos in c. 6 mit 5. Charakterisiere Ziele und Verfahrens-
weisen des Nepos in c. 6.
Zu c. 5 siehe oben. In c. 6 verwendet Nepos im ersten Teil ein zugespitztes Dic-
tum (In colloquium convenit, condiciones non convenerunt); er markiert nicht die
mangelnde Diplomatie und die Starrheit Hannibals. Im zweiten Teil erwähnt er
die Flucht mit einem »ja, aber« und lässt das Kapitel mit einer persönlichen Best-
leistung Hannibals und einer Darstellung seines verantwortlichen Handelns als
Feldherr enden.

5. Erstelle eine so genannte Charakterkurve oder Sympathiekurve für Hannibal.


Die Bearbeitung muss freigestellt bleiben. Es ist zu erwarten: Hannibal bekommt
Bestnoten oder gute Noten bei den Eigenschaften »klug, raffiniert, beharrlich«,
aber auch bei der Eigenschaft »affektgetrieben«. In genau dieser Doppelgesichtig-
keit liegt Hannibals Wesen, wie es Nepos seit dem 1. Kapitel schildert.

Hannibal c. 6: Die Niederlage bei Zama bricht Hannibal nicht 65

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Hannibal c. 7: Hannibals politische Leistung und
seine Flucht aus Karthago

(geschilderter Zeitraum: 201–195)


Text: Ausgabe S. 34–36
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 59–61

1. Interpretation Hannibal c. 7

Hatte das 6.  Kapitel gezeigt, dass Hannibal den Krieg notgedrungen beilegen
wollte, wenn auch nur, um für einen neuen Kraft zu schöpfen (6,2), so schildert
das 7. Kapitel, dass die punische Regierung nach der Schlacht von Zama selbst zu
einer Übereinkunft mit den Römern gelangt. Der Gegensatz zwischen Hannibal
und den Karthagern, zwischen seiner Kriegsvorbereitung und ihrem Abschluss
eines Waffenstillstandes prägt den ersten Satz.
Hannibals intensive Rüstungsvorbereitungen (cum in apparando acerrime esset
occupatus) werden dadurch gestört, dass die karthagische Regierung den Krieg
beendet (7,1). Die Fortsetzung des Krieges scheint durch römisches Verhand-
lungsgeschick beendet. Es kommt zu einem Waffenstillstand. Aber: Auch dieser
Vertragsschluss hindert Hannibal nicht; er ist noch Heerführer und denkt schon
wieder an Kampf, Zeichen eines Dissenses mit der karthagischen Regierung, die
gemäß ihrem Vertrag keinen Krieg ohne Erlaubnis der Römer führen durfte. Ne-
pos stellt dies in einem einzigen Satz dar: Am Anfang werden durch die Verset-
zung von postea die Heraushebung von ille und die Alliteration postea praefuit
ermöglicht; dann wird der Satz durch den Zusatz itemque Mago frater eius auf-
gebauscht und umfangreicher gemacht; usque deutet eine lange Dauer der ge-
schilderten Handlung an; das Ende seiner Aktionen durch das Konsulatsjahr des
Sulpicius und des Aurelius wird wirkungsvoll kurz beschrieben.
Nepos schildert dann in § 2, dass karthagische Gesandte in Rom mit großem
diplomatischen Zeremoniell für ihre Geiseln einen bestimmten Ort zum Auf-
enthalt wünschen (Fregellae in Latium, von Ostia gut zu erreichen) und um
Rückgabe der Kriegsgefangenen bitten. Viele Unterordnungen, der Gleichklang
der Konjunktivformen auf -rent und die Zusammenfassung vieler Informatio-
nen in einem Satzablauf erinnern an Caesars Stil. Das Gleiche gilt für § 3: Die
Entscheidungen des Senats werden in indirekter Rede in kurzen Sätzen mit An-
fangsstellung des jeweils wichtigen Stichworts und mit Auslassung des Refle-
xivpronomens se im A.c.i. mitgeteilt  – die Begründung hingegen, warum die
Gefangenen nicht zurückgegeben werden, ist ausführlich, stellt Hannibals Ver-
halten und die jetzigen karthagischen Wünsche als für Römer unzumutbaren
Widerspruch dar und enthält hervorhebende Wörter und Formen, die den Geg-
ner als Ausbund an Unverschämtheit darstellen (inimicissimum, etiam nunc,
cum imperio).

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Die Karthager finden einen Weg, Hannibal ohne Affront zu bewegen, das Feld-
herrnamt aufzugeben. Sie machen ihn zum »König« – Nepos zeigt, dass dieses
Amt dem eines römischen Konsuls entspricht und dass auch die Karthager das
Dualitäts- und das Annuitätsprinzip kannten. In diesem Amt zeigt Hannibal die
positiven Seiten seines starken Aggressionstriebes. Er erweist seine Klugheit nun-
mehr auf innenpolitischem Feld, insbesondere auf wirtschafts- und finanzpoliti-
schem (7,5). Nepos nennt das diligentia, umsichtige Planung. Hannibal sorgt für
Steuereinnahmen, mit denen nicht nur die Reparationszahlungen an die Römer
bestritten werden, sondern auch die karthagische Staatskasse aufgefüllt wird. Der
Grund dafür, dass Hannibal den Krieg gegen die Römer beenden musste (exhaus-
tis iam facultatibus, 6,2; vgl. 7,1), ist beseitigt.
Als römische Gesandte in Karthago eintreffen, flieht Hannibal, da er glaubt, sie
sollten seine Auslieferung verlangen (ratus sui exposcendi gratia missos, 7,6). Die
Römer wollten ihn zunächst nur nicht mehr mit einem imperium versehen wis-
sen (7,3). Die Gesandten sagen nichts über eine Auslieferung. Einzig das Wort ra-
tus (7,6) legt es nahe, Hannibals Ansicht als zutreffend anzusehen.
Die Reaktion der karthagischen Regierung auf diese Flucht bestätigt dann Han-
nibals Einschätzung: Sie versuchen, ihn zu fangen, verstaatlichen sein Vermö-
gen, zerstören sein Haus, erklären ihn zum Verbannten (7,7) – was er selbst schon
vollzogen hat. Nepos zeigt auch hier, dass Hannibal selbst nicht geschlagen wird,
sondern sich entzieht. So kommt es zur ungewöhnlichen Metonymie naves duas,
quae eum comprehenderent …, miserunt (statt qui navibus eum comprehende-
rent, … miserunt) und zu dem wissend-witzigen Zusatz si possent consequi. Die
Karthager scheinen zu ahnen, dass Hannibal ihnen überlegen ist und auf natür-
lichem Weg nicht gefasst und besiegt werden kann. Nepos macht dies seinen Le-
sern drastisch deutlich und nennt die Karthager hier Poeni, mit dem alten, unan-
genehm besetzten Ausdruck, der die historische Feindbezeichnung ist.
Ganz offensichtlich ist hier, dass Hannibal nicht mehr seinem Lande, zumin-
dest nicht mehr seiner Regierung, dienen will, sondern dass sich sein Römer-
hass nun endgültig von einer Bindung an seine Nation entfernt. Die Aufenthalte
in Kleinasien und Syrien sind somit fast auch symbolisch auffassbar. Der Krieg
Hannibals gegen Rom ist ein Privatkrieg, der keine völkerrechtliche, keine staats-
philosophische, keine religiöse Begründung hat, sondern auf den bösen Affekt
und seelischen Defekt einer Einzelperson zurückzuführen ist.
Ein Widerspruch besteht zwischen der neutralen Schilderung der Karthager in
diesem Kapitel und der Begründung für Hannibals Scheitern mit der invidia und
der obtrectatio seiner Landsleute in 1,3. Nepos nimmt den Faden des Zusammen-
hangs verschiedener Affekte nicht auf, den er in 1,2 so schön formuliert hatte (Sed
multorum obtrectatio devicit unius virtutem). Jetzt zeigt er die von der Nation iso-
lierte Aggression, die zu immer erneutem Sichaufbäumen bis hin zu Verbrechen
und Selbstaggression führt.

Hannibal c. 7: Hannibals politische Leistung und seine Flucht aus Karthago 67

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2. Texterschließung

Die Texterschließung kann gemäß Arbeitsauftrag 1 erfolgen.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 7

1. Gliedere c. 7. Berücksichtige dabei: a) Zeitangaben (→ Arbeitsauftrag 2 zu Ha-


milcar 1); b) Rückverweise durch Pronomina und Konnektoren (→ Grundwissen 6).

§ Rück- Zeitangabe Aktion / Gliederung


verweis Erzähletappe
1a cum esset occupatus Karthaginienses … 1. Vertragsschluss
composuerunt Karthago – Rom
1b ille postea praefuit 2. Vorweggenom-
mene Beurteilung der
nun folgenden Tätig-
keit Hannibals
gessit
eius (itemque) (frater)
usque ad P. Sulpicium
C. Aurelium consules
2 his enim magistratibus legati Karthagini- 3. Erläuterung der
enses venerunt Beurteilung: a) kartha-
gische Gesandtschaft
3 his responsum est b) römische Antwort
Inhalt der Senats-
antwort, indirekte
Rede
4 hoc responso cognito Karthaginienses c) Rückberufung
Hannibalem … revo- Hannibals
caverunt
huc ut rediit rex factus est d) Hannibals Tätigkeit
als rex
5 in eo magistratu se Hannibal praebuit
effecit
6 deinde anno post M. legati Karthaginem 4. Römische Gesandte
Claudio L. Furio con- venerunt in Karthago
sulibus
hos ratus … missos navem ascendit 5. Flucht Hannibals
profugit

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§ Rück- Zeitangabe Aktion / Gliederung
verweis Erzähletappe
7 hac re palam facta Poeni naves … 6. Vergeltungs-
miserunt maßnahmen der
Kar thager gegenüber
Hannibal
publicarunt
disiecerunt
iudicarunt

2 a) Welchen Zeitraum umfasst c. 7 (→ Zeittafel, Begleittext 1)?


Zeitraum: 201–195 v. Chr.; ein Kapitel für sieben Jahre:
1. Vertragsschluss Karthago – Rom (Abschnitt 1): 201 v. Chr.: § 1a
2. Karthagische Gesandtschaft und römische Antwort (Abschnitt 1a–3b): ca. 197/6:
§§ 1b–3
3. Hannibals Tätigkeit als Suffet (rex): (Abschnitt 3c–d): 196: §§ 4–5
4. Römische Gesandtschaft in Karthago (Abschnitt 4): 195 v. Chr.: § 6a
5. Flucht Hannibals (Abschnitt 5, Vorwegnahme der Kapitel 8–11): 195 v. Chr.:
§ 6b
6. Vergeltungsmaßnahmen der Karthager gegenüber Hannibal (Abschnitt 6):
195 v. Chr.: § 7

2 b) Zeige, wie sich »Erzählzeit« und »erzählte Zeit« zueinander verhalten


(→ Grundwissen 4.3).
Aus a) ergibt sich: Die Abschnitte 2 und 3 (Karthagische Gesandtschaft und rö-
mische Antwort, etwa 197/6, und Hannibals Tätigkeit als Suffet, 196 v. Chr.)
sind ausführlicher geschildert, die Erzählzeit ist gegenüber dem Zeitraum von je
einem Jahr länger. Die Abschnitte 1, 4, 5, 6 sind gerafft geschildert, die Erzählzeit
ist gegenüber der erzählten Zeit entweder angemessen oder kurz.

3. Kapitel 7 ist das zentrale Kapitel der Hannibal-Biographie (→ Aufbauübersicht,


Einleitung). a) Unter welchen Gesichtspunkt stellt Nepos die in c. 7 dargestellten Er-
eignisse? … (Berücksichtige dazu: Wie ist der Zusammenhang durch prädikative
Partizipien, durch Ablative mit Prädikativum und durch Konnektoren ausgedrückt?)
§ 1–2: Der zweite Satz des § 1 nimmt mit nihilo setius auf den ersten Satz Bezug.
Die Karthager (das heißt die karthagische Regierung) haben mit Rom ein Kriegs-
ende vereinbart (201 v. Chr.). Zu erwarten wäre: Der Feldherr Hannibal ist nicht
mehr gefragt. Trotzdem: Hannibal befehligt weiter ein Heer bis zum Jahr 200. § 2
gibt dazu eine Erläuterung (enim). § 3 schildert die Antwort ohne besondere Ver-
bindung zum Vorigen durch Konnektoren, einzige Verbindung ist der Rückver-
weis his.

Hannibal c. 7: Hannibals politische Leistung und seine Flucht aus Karthago 69

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§ 4: Der erste Satz des § 4 schließt mit dem Abl. + Prädikativum (Abl. abs.) hoc re-
sponso cognito an das Vorige an und schildert die Reaktion der Karthager. Der
zweite Satz, eingeleitet mit dem Rückverweis huc, schildert nun erneut einen
Gegensatz zu dem, was die Römer beabsichtigten. Hannibal wird zwar zurück-
berufen, aber er wird Suffet (rex); dem Ausdruck rex folgt eine Erläuterung, ein-
geleitet mit enim.
§ 5: Das Amt wird mit in eo magistratu wieder aufgenommen. Hannibals wir-
kungsvolle Tätigkeit wird erst mit pari diligentia ac fuerat in bello charakterisiert,
dann wird dies im folgenden Satz, eingeleitet durch den namque-Satz erläutert.
Wieder haben die Römer ihr Ziel, Hannibal auszuschalten, nicht erreicht.
§ 6: Der erste Satz schildert, dass nun Rom erneut Gesandte schickt. Der zweite
Satz nimmt die Gesandten im Wort hos auf und stellt die Überlegung Hannibals
in einem prädikativen Partizip mit davon abhängigem A.c.i. dar: hos ratus sui ex-
poscendi gratia missos. Das wird Ausgangspunkt der weiteren Handlungen Han-
nibals: Er flieht.
§ 7: Dieser Umstand wird im § 7 als Voraussetzung formuliert: hac re palam facta.
Daraus resultieren dann die Aktionen der Karthager. Sie zeigen, dass sich die
Karthager den Römern fügen, statt Hannibal dankbar zu sein.
Gesichtspunkte der Darstellung sind also das stete Beharren der Römer auf Ent-
machtung und Ausschaltung Hannibals und Hannibals Leistung für Karthago
durch Verlagerung seiner Aktivitäten, wodurch Rom lange Zeit erfolglos bleibt.

3 b) Wie werden die Ereignisse gewertet? Berücksichtige die adverbialen Bestim-


mungen im Ablativ, die Modi in den Relativsätzen, die Wiedergabe in indirekter
statt direkter Rede.
Nepos würdigt die Ereignisse so:
§ 1: in apparando: sachlich, neutral.
§ 2: Der Konjunktiv in den Relativsätzen zeigt, dass die karthagischen Gesandten
Befehle des karthagischen Senats ausführen.
§ 3: Die indirekte Rede ist eine neutrale Wiedergabe.
§ 4: Die Erläuterung (ut enim …) ist sachlich-neutral, die adverbialen Bestimmun-
gen sind Zeitangaben.
§ 5: Die Erläuterungen in den adverbialen Bestimmungen sind meist neutrale
Zeitangaben, deuten aber im Abl. modi pari diligentia eine Wertschätzung an.
§ 6: Neutrale Wiedergabe, nur Zeitangaben im Ablativ.
§ 7: Die Konjunktive in den Relativsätzen zeigen: Die karthagische Regierung will
Hannibal in die Hand bekommen, aber Nepos zeigt im Konjunktiv (si possent
consequi): Es kann bezweifelt werden, dass dies erreicht wird.

4 a) Worin zeigen sich Gegensätze zwischen Hannibal und der karthagischen


Staatsführung (→ Begleittexte 1–2)?
Karthagische Staatsführung: Hanno, Gisgo und dessen Sohn Hasdrubal be-
harren auf ihrem Geld und sind unbeliebt beim Volk.
Hannibal: Er ist beim karthagischen Volk äußerst beliebt. Seine spektakulären

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Siege im Krieg gegen Rom haben ihn zum legendären Helden gemacht, und der
wirtschaftliche Aufschwung, der mit dem Geld der unbeliebten Oberschicht an-
gekurbelt wurde, kommt den einfachen Leuten zugute.
Im Text des c. 7 wird dies nur angedeutet. Aber die §§ 6–7 zeigen: Offenbar dür-
fen die römischen Gesandten im karthagischen Senat auftreten (§ 6) und der Se-
nat beschließt, den entflohenen Hannibal zu fangen, und ächtet ihn (§ 7).

4 b) Worin zeigt sich die Schwäche von Hannibals Position?


Es wird nicht gesagt, wer Hannibal zum rex macht. Hannibal wird stets von Rom
verfolgt. Der karthagische Senat lässt sich schließlich von Rom erpressen.

5. Stelle aus der Senatsantwort (§ 3) Gesichtspunkte zusammen für: a)  römische


Ziele, b) römische Selbstauffassung und Selbstdarstellung, c) römische Auffassung
vom Gegner und seinem Verhalten (→ Begleittext 3).
a) Römische Ziele: Ausschaltung Hannibals (quod Hannibalem … cum imperio
apud exercitum haberent).
b) Römische Selbstauffassung: Sie sind Herren der Welt: das Geschenk ist accep-
tum; sie entscheiden über die Geiseln von Fregellae; sie verweigern die Rückgabe
der Kriegsgefangenen, solange Hannibal Feldherr ist.
c) Auffassung vom Gegner: Man kann dessen Wünschen folgen, soweit möglich.
Aber man muss Faustpfänder in der Hand behalten, bis der Gegner den Wünschen
Roms folgt. Es wird niemand akzeptiert, der inimicissimus nomini Romano ist.

6. Wie ist die Senatsantwort stilistisch gestaltet und was sagt dies über die römi-
sche Haltung aus? Berücksichtige: Länge der Sätze; Satzarten; Grundwissen 5, Nr. 6
und 12.
Kurzsätze mit Ellipsen: obsides futuros; captivos non remissuros. Aber dort, wo die
Ablehnung einer Forderung formuliert wird (captivos … Magonem), erfolgt eine
ausführliche Begründung in einer Satzperiode mit der Abfolge HS, GS1, GS2, GS1
mit zwei durch -que verbundenen Teilen. Der römische Senat erteilt Bescheide. Er
begründet manche Ablehnungen formaljuristisch oder vor dem Hintergrund des
Bellum-iustum-Denkens.

7 a) Wo zeigen sich in c. 7 Verhaltensweisen Hannibals, die bereits früher geschil-


dert wurden? Was sagt dies für die Auffassung des Nepos von Hannibal aus?
§ 1 zeigt Unbeirrbarkeit und Beharrlichkeit Hannibals: Vgl. dazu: 1,3: numquam
destiterit animo bellare cum Romanis; 2,6: si quid amice de Romanis cogitabis,
non imprudenter feceris, se me celaris; 5,4: quamdiu in Italia fuit, nemo ei in acie
restitit; 6,2: … quo valentior postea congrederetur; 6,3: pulsus … biduo et duabus
noctibus Hadrumetum pervenit.

7 b) Wie versucht Nepos zu zeigen, dass Hannibal trotz Niederlagen überlegen ist?
§ 1: Trotz Beendigung des Kriegs führt Hannibal weiter ein Heer an.  – §§ 3–4:
Das führt zwar zu Kritik der Römer und Ablehnung des karthagischen Wun-

Hannibal c. 7: Hannibals politische Leistung und seine Flucht aus Karthago 71

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sches, die Kriegsgefangenen zurückzubekommen, und Hannibal wird auch zu-
rückberufen. Aber er wird rex. – § 5: Hannibal bewährt sich auch als rex. Er kann
nicht nur die Reparationsleistungen an die Römer erwirtschaften, sondern auch
eine Geldreserve für den Staat. – § 6: Hannibal entzieht sich dem Auslieferungs-
verlangen der Römer.

8. Führe die in Arbeitsauftrag 4 zu Hannibal c. 1 begonnene Übersicht über Eigen-


schaften Hannibals und der Römer fort.
Vgl. zu Hannibal die Zusammenstellung zu den Arbeitsaufträgen 4 und 7, zu den
Römern die Zusammenstellung zum Arbeitsauftrag 5.

Hannibal c. 8: Hannibal bei Antiochus

(geschilderter Zeitraum: 195–190)


Text: Ausgabe S. 37
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 61–62

1. Interpretation Hannibal c. 8

Auch aus der Ferne – bei dem syrischen König Antiochus – versucht Hannibal,
gegen die Römer zu agieren. Nepos hat dies schon am Ende des ersten Kapitels
angedeutet (1,3). Von allen Seiten will Hannibal die Römer einkreisen, sogar nach
Afrika wagt er sich, um mit seinem Bruder zu konspirieren. Hannibals Privat-
krieg gegen Rom ist nun gleichzeitig eine Verschwörung (coniuratio) gegen seinen
eigenen Staat. Antiochus wird von den Römern besiegt und scheitert (8,3). Han-
nibals Bruder kommt, wohl von den Karthagern verfolgt, um (8,2). Aber Hanni-
bal wird erneut als überlegen geschildert, wenn auch in seinem nunmehr engeren
Verantwortungsbereich als Feldherr des Antiochus (8,4). Deswegen wird Han-
nibal in § 4 auch sofort wieder Subjekt der Sätze. Nepos wagt sogar die Speku-
lation: Hätte Antiochus nicht nur bei der Kriegsplanung, sondern auch bei den
Kriegshandlungen selbst mehr auf Hannibal gehört, dann wäre er den Römern
gefährlicher geworden, wäre näher an Rom herangekommen: Antiochus autem
si tam in agendo bello consiliis eius parere voluisset, quam in suscipiendo institue-
rat, propius Tiberi quam Thermopylis de summa imperii dimicasset (8,3). Die Er-
wähnung der Thermopylen, Ort der berühmten Auseinandersetzung zwischen
Griechen und Persern im September 480 v. Chr., soll der Darstellung einen welt-
geschichtlichen Hintergrund verschaffen. Der Sieg der vereinigten Griechen und
der bedingungslose Einsatz der 300 Spartiaten und 700 Thespier unter Leonidas
wurde Grundlage des Ideals oder der Ideologie des »Todes für das Vaterland«. In-
dem Nepos andeutet, Hannibal hätte Italien erneut gefährden können, wenn An-
tiochus auf ihn gehört hätte, macht er aus dem Sieg Roms über Antiochus einen

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Sieg Roms über Hannibal und setzt dann diesen Sieg noch über den der Griechen
über Xerxes. Er macht den Sieg über Hannibal und Karthago zur Entscheidung
für Kultur, Sitte und Lebensweise Roms, die Europa geprägt hat.

2. Texterschließung

Die Texterschließung kann so erfolgen: Im ersten Satz werden die beteiligten Per-
sonen (ob genannt oder im Hintergrund stehend)  und die Länder festgestellt:
Hannibal, Antiochus, römische Konsuln, Karthager, Römer, Kyrenäer. Nach
einer Gliederung des Satzes und einer Paraphrase der einzelnen Kola kann eine
Übersetzung erfolgen. Dann werden die weiteren Sätze daraufhin durchgegan-
gen, was zu Hannibal, Karthagern, Römern und Antiochus (in den Prädikaten
und Satzabschnitten) gesagt wird. Dabei wird man auch darauf aufmerksam, wie
es gesagt wird, wer Subjekt ist und welche Modi verwendet werden.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 8

1 a) Welche Eigenschaften und Fähigkeiten werden in c. 8 an Hannibal hervor-


gehoben?
Eigenschaften: Weiterhin zeigt Hannibal Hass und Feindschaft gegen die Römer.
Aber jetzt führt Antiochus den Krieg (§ 1) und Hannibal braucht weniger Feld-
herrnkunst als Überredungskunst (persuaserat, 1). Auch die karthagische Regie-
rung will er zur Teilnahme an diesem Krieg überreden (spe fiduciaque inducere,
1). – Hannibal sieht die falsche Strategie des Verbündeten oder Arbeitgebers An-
tiochus (quem … multa stulte conari videbat, 3 Ende). Aber er ist ihr gegenüber
hilflos. Dennoch zeigt er absolute Treue zu dem Verbündeten (nulla deseruit in
re, Ende 3).
Fähigkeiten: Ausdauer (si inducere posset, 1); Überredungskunst (persuaserat,
1); Einfluss auf seinen Bruder Mago (2); strategische Fähigkeiten (3); Durch-
setzungskraft in seinem Schlachtbereich oder Kampfabschnitt (4).

1 b) Inwiefern zeigen sich Unterschiede zu seinem bisher dargestellten Auftreten?


Hannibal erscheint weiterhin als unangefochtener Sieger, jedoch nur in dem von
ihm verantworteten Bereich der Schlacht (§ 4).

2 a) Wann wurde Antiochus bereits erwähnt?


Antiochus wurde bereits in c. 2 erwähnt. Hannibal hatte bei ihm Asyl gefunden.
Die Römer versuchten, Antiochus gegen Hannibal zu beeinflussen. Hannibal
stellte ihm seinen Eid dar, den er in der Kindheit geleistet hatte: ewiger Hass auf
die Römer.

Hannibal c. 8: Hannibal bei Antiochus 73

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2 b) Was war damals Darstellungsziel, was ist es jetzt?
In c. 2 wurde Hannibals lebenslanger Hass auf die Römer gezeigt. Hannibal
sollte als ein Mensch charakterisiert werden, der ewiger Römerfeind ist, dies
auch in Notsituationen bleibt, aus seinem Römerhass sogar ein Argument macht,
warum ihn Antiochus zum Feldherrn in einem Krieg gegen die Römer machen
sollte. Jetzt in c. 8 wird gezeigt: Der Einfluss Hannibals auf Antiochus bewirkt,
dass sich Antiochus für den Hass Hannibals einspannen lässt; allerdings ist An-
tiochus zu sehr von sich selbst eingenommen, um Hannibal den Oberbefehl
im Krieg zu übertragen; diesen hatte Hannibal gefordert (principem 2,6); seine
Voraussage, dass Antiochus sonst scheitert, wird jetzt in 8,3 von Nepos bestätigt.

2 c) In Wirklichkeit errang Hannibal mit seiner Flottenabteilung keinen Sieg (→ Be-


gleittext 1). Warum stellt es Nepos anders dar?
Hannibal soll als ungebrochen dargestellt werden. Er erscheint als treuer Gefolgs-
mann, obwohl Antiochus als Feldherr versagt (Nepos drückt es so aus: multa
stulte conari). Hannibal erkennt dies, verlässt ihn aber nirgends. Er ist in der Dar-
stellung des Nepos nur Befehlshaber weniger Schiffe, und diese bleiben als einzige
bei der Niederlage des Antiochus siegreich. Wieder zeigt sich der ungebrochene
und unbesiegbare Hannibal auch in der Niederlage (wie schon 6,4). Um dieses
Darstellungszieles willen weicht Nepos von den historischen Fakten ab. Denn
Hannibals Flottenabteilung war nicht kleiner als die der Gegner und sie errang
keinen Sieg. Auch dass Hannibal gegenüber früher eine untergeordnete Position
hat, zeigt sich nur en passant in der Formulierung iussus erat.

3. Mit welchen Mitteln stellt Nepos in c. 8 Bezüge zwischen Personen oder Ereig-
nissen her? Berücksichtige: Gleichsetzungen, Kontraste, Vergleiche und Grundwis-
sen 5, Nr. 2.
§ 1: Landung in Kyrene (Afrika) in der Hoffnung, Karthago, dazu zu bringen, am
Krieg des Antiochus gegen Rom teilzunehmen: Semantische Bezüge stellen eine
Beziehung her: spe fiduciaque – persuaserat, bellum Antiochi – cum exercitibus in
Italiam proficisceretur. Das Tempusrelief macht die Überredung des Antiochus
(Plusquamperfekt persuaserat) zur Vorstufe und Vorbedingung des Versuchs, die
Karthager zu überreden.
§ 2: Bezüge Mago  – Hannibal: Die Bezugssetzung erfolgt durch semantische
Gleichsetzungen, Rückverweis (huc; eadem poena) und Kontraste (ad Antiochum
pervenit – interfectum). Das Schicksal der beiden ist gegensätzlich: Beide sind da-
von enttäuscht, dass sie keine Unterstützung der Punier finden. Aber Hannibal
entkommt den Puniern und erreicht sicher Syrien. Mago hingegen wird entweder
vom Meer oder seinen eigenen Sklaven umgebracht.
§ 3: Die Niederlage des Antiochus wird mit dem nur leicht gegensätzlichen Kon-
nektor autem an das Vorige angereiht. Dass Antiochus nicht den Ratschlägen
Hannibals bei der Kriegsführung gefolgt ist, wird als Ursache dafür hingestellt,
dass er nicht bis Italien vordringen konnte, sondern schon in Griechenland ge-
schlagen wurde. Was am Tiber passiert wäre, lässt Nepos offen. Nahegelegt wird:

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Es wäre in Italien zu einer Entscheidungsschlacht zwischen den Römern und den
Truppen des Antiochus gekommen, wenn Antiochus auf Hannibal gehört hätte,
ein zweites Cannae oder ein zweites Zama. Dieser Satz ist mit vielen rhetorischen
Mitteln gestaltet: Umschreibungen (propius Tiberi quam Thermopylis), hypothe-
tischer Vergleich mit semantischem Gegensatz (tam in agendo bello … quam in
suscipiendo), Gegensatz von Konzessivsatz (etsi) und Folgesatz, der auch seman-
tisch ausgestaltet wird: multa stulte conari – nulla deseruit in re; Hyperbaton nulla
… in re. Dass Hannibal unterliegt wird mit einem Gegensatzpaar beschrieben:
Seine Leute werden durch die Menge der Gegner besiegt, aber Hannibal hat auf
dem von ihm befehligten Schiff Erfolg: adversativer cum-Satz; Gegensätze: mul-
titudine adversariorum – sui superarentur; sui – ipse; superarentur – superior (mit
etymologischer Anspielung).

Hannibal c. 9: Hannibal überlistet die Kreter

(geschilderter Zeitraum: 189)


Text: Ausgabe S. 38
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 62

1. Interpretation Hannibal c. 9

Die Kapitel 8–12 umfassen den Zeitraum von 12 Jahren (195–184). Es werden we-
nige Ereignisse geschildert, aber diese werden breit ausgestaltet, sodass die Er-
zählzeit angemessen lang zu sein und der erzählten Zeit zu entsprechen scheint.
Dies gilt ganz besonders für die Kapitel 9–11.
Kapitel 8 endete mit der Darstellung der Niederlage des Antiochus. Sie war aber
nur in einer auktorialen Bemerkung im Irrealis angedeutet worden: Antiochus
autem si tam in agendo bello consiliis eius parere voluisset, quam in suscipiendo
instituerat, propius Tiberi quam Thermopylis de summa imperii dimicasset (3).
Kapitel 9 geht von dieser Niederlage des Antiochus aus (Antiocho superato), dann
geht die Schilderung sofort wieder zu Hannibal über: verens, ne dederetur. Zum
ersten Mal kommt in der Lebensbeschreibung Hannibals das Wort vereri vor.
Hannibal hat Angst um sich selbst, eine neue Situation. Seine Angst vor Ausliefe-
rung wird sofort durch eine auktoriale Einschaltung hervorgehoben und bestätigt,
gleichzeitig durch einen Bedingungssatz als wahrscheinlich lösbar herausgestellt:
quod sine dubio accidisset, si sui fecisset potestatem. Das auf accidisset reimende fe-
cisset steht im si-Satz nicht am Ende, sondern früher, so dass zwar noch die Klang-
wirkung erhalten bleibt, aber ein anderes Wort an den Schluss gerät: potestatem.
Auf dieses Wort hat das mit Hyperbaton vorgezogene Genitiv-Attribut sui, das mit
si am Anfang alliteriert und mit ihm durch denselben Ausgang ein Homoioteleu-
ton bildet, warten lassen, so dass es die als Ziel erwartete Aussage wird.

Hannibal c. 9: Hannibal überlistet die Kreter 75

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Der Eindruck der Sorge und Furcht, den der erste Satz vermittelt hat, würde über
den weiteren Mitteilungen des Kapitels stehen, aber mit der direkten Charakteri-
sierung omnium callidissimus setzt Nepos einen neuen Akzent. Die folgenden Mit-
teilungen sollen unter diesem Gegensatz gesehen werden: verens – callidissimus.
Der reine Erzählteil läuft außer am Schluss in einfachen kurzen Sätzen ab und
steht im szenischen Präsens. Der Erzählteil hat keine gliedernden Konnektoren,
wird aber als Ganzes durch itaque eingeleitet und als Folge des Gegensatzes von
verens und callidissimus bzw. als Folge des vidit se in periculo fore, nisi quid provi-
disset propter avaritiam Cretensium gekennzeichnet. Die Erzählung schildert, wie
Hannibal mit psychologischem Wissen und mit Geschick die Kreter von seinem
Vermögen ablenkt, sie beschäftigt und sich so Zeit zur weiteren Planung seiner
Zukunft verschafft. Er rettet sein Vermögen und sein Leben, indem er das Ver-
mögen scheinbar den Kretern anvertraut und so Gedanken daran, ihn zu töten
und zu berauben, zurückdrängt.
Auch in der Sorge um sein Vermögen zeigt er seine Klugheit und seine voraus-
schauende Einschätzung menschlicher Verhaltensweisen. Nepos kann hier wie-
der vielerlei Wörter verwenden, die Hannibals Klugheit und Verschlagenheit zei-
gen: vidit (»er sah«), vir omnium callidissimus (»der allerschlauste«), providisset
(Voraussicht), sciebat (Wissen), cepit consilium (Planung), simulans (Verstellung),
in errorem inductis (Täuschung) und illusis (»an der Nase herumführen«, 10,1).
Die Anekdote, die Nepos erzählt, schafft Einverständnis des Lesers mit Hannibal
und lässt seine verschlagene Schlauheit bewundern. Sie beruht auf einer richtigen
Einschätzung menschlicher Reaktionen.
Im vidit-Satz stehen sich entgegen: auf der einen Seite Wahrnehmen und Nach-
denken Hannibals, auf der anderen Seite die Habgier der Kreter: (avaritia, pericu-
lum). Diese Pole beherrschen die Erzählung (siehe Tafelbild bei Arbeitsauftrag 2).

2. Texterschließung

Satz 1–2 können linear erschlossen werden, mit Klärung des Rückverweises An-
tiocho fugato. Dann kann man die Ausgangspunkte für die weitere Erschließung
finden: (a) Hannibal hat ein persönliches Problem nach der Niederlage des Antio-
chus: verens, ne dederetur; (b) Hannibal hat ein persönliches Problem in Kreta: in
magno se fore periculo, nisi quid providisset propter avaritiam Cretensium. Der Un-
terschied der Probleme: (a) quod sine dubio accidisset, si sui fecisset potestatem: das
ist – so bestätigt es Nepos – unter allen Umständen zu vermeiden; (b) mit der Hab-
gier der Kreter kann man fertigwerden; der Irrealis nisi quid providisset zeigt es.
Hannibal wählt also die Alternative, sich bei den Kretern aufzuhalten. Daher ist
die Ausgangs- oder Spannungsfrage für die Texterschließung: Wie löst Hannibal
das Problem, dass die Habgier der Kreter ihm gefährlich werden könnte? Oder:
Welche Vorsichtsmaßnahmen trifft Hannibal gegen die Habgier der Kreter?
In einer Sammelphase können dann die entsprechenden Informationen gesucht
und dabei der Text nach Vor-, Haupt- und Nachinformationen gegliedert und

76 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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vorläufig verstanden werden (vgl. die Aufstellungen zu Arbeitsauftrag 1a). Alter-
nativ könnte man sofort versuchen, die Informationen zu providere und avaritia
zu sammeln (Arbeitsauftrag 2).
Der Schlusssatz enthält ein neues Subjekt und zeigt in den Formen der Glied-
sätze wieder, dass es sich um eine Erzählung aus der Vergangenheit handelt (tol-
leret, duceret bezeichnen die Gleich- oder Nachzeitigkeit zu einem Tempus der
Vergangenheit).

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 9

1 a) Stelle in einer Tabelle dar, wie die Handlung erzählt wird (→ Grundwissen 4.2).
c. 9: Erzähletappen, Hintergrund, Konnektoren:

Konnektoren Vor- oder Erzähletappe Nachgeschehen,


Begleithandlung Wirkung, Absicht, Folge
verens venit ut consideraret
autem in magno se fore periculo,
nisi quis providisset
enim portabat
de qua sciebat
famam exisse
Übergang zum Erzählpräsens
itaque capit tale consilium
complet
operit
deponit
simulans se credere
his in errorem inductis
quas secum portabat complet
abicit
(Gortynii) custodiunt
inscientibus iis ne tolleret
secumque duceret

1 b) Gliedere das Kapitel unter Berücksichtigung der verwendeten Tempora.


Siehe die in a) eingefügte Gliederung.

Hannibal c. 9: Hannibal überlistet die Kreter 77

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2. Das Kapitel steht unter dem Spannungsverhältnis von der Gier der Kreter und
der Vorsicht und dem vorausschauenden Denken Hannibals. Lies unter diesem
Gesichtspunkt das Kapitel und erstelle eine Sammlung zu den beiden Gesichts-
punkten.

avaritia providere
capit tale consilium
Gewicht amphoras complet plumbo
wertvolles Aussehen summas operit auro et argento
praesentibus principibus deponit in templo Dianae
feierliche Niederlegung
suas fortunas simulans
illorum fidei (Opposition zu avaritia) se credere
offizielle Übergabe zur Bewachung, macht aus tatsächlicher avaritia
Geld vermeintlich bei den Kretern vermeintliche Glaubwürdigkeit und
Zuverlässigkeit
his in errorem inductis
Kreter glauben, Geld zu haben
Aufmerksamkeit abgelenkt bzw. auf fal- Jetzt ist Hannibals Sorge um das
sches Objekt konzentriert Vermögen möglich.
statuas aeneas pecunia complet
Geld noch bei Hannibal
in propatulo domi abicit
scheinbare Achtlosigkeit
templum magna cura custodiunt
non tam a ceteris quam ab Hannibale
Sie bewachen den Tempel vor Hannibal
statt Hannibal selbst.
ne inscientibus iis ille tolleret … duceret
Ziel der Kreter ist es, etwas zu vermeiden, was schon längst geschehen ist!

3. Welche grammatischen und stilistischen Eigenarten unterstreichen den Erzähl-


ton oder den Witz? Berücksichtige: Satzbau; Wortstellung, Grundwissen 5, Nr.  10
und 12; nachträgliche Kommentierung des Dargestellten (so genannte Pointe).
§ 1: Die Reihenfolge der Informationen läuft auf consideraret am Satzende hinaus.
Hannibal braucht Ruhe, um sein weiteres Vorgehen zu planen.
§ 2: Die Aufmerksamkeit und Wahrnehmungskunst Hannibals stehen am An-
fang: vidit. Seine Schlauheit wird durch die Formulierung vir omnium callidis-
simus hervorgehoben. Was er wahrnimmt, ist eine Gefahr, deren Größe durch
das Hyperbaton magno … periculo hervorgehoben wird. Die Ursache und die
Begründungen stehen pointiert am Schluss, als überraschende neue Gefahr:

78 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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propter avaritiam Cretensium. Die Überlegungen dazu treten an die Stelle der
Überlegungen, wohin er weiter fliehen soll.
§ 3: Das in die Amphore fallende Blei kann man fast hören: Lautmalerei com-
plures complet plumbo; dazu die als hässlich empfundene c-Alliteration und ein
Vorrang der o- und u-Laute.
§ 4: Die Gier der Gortynier wird durch ihr Bewachungsziel hervorgehoben. Die-
ses wird in einem Vergleich mit inhaltlichem Gegensatz ausgedrückt: Der schein-
bare Schatz wird bewacht non tam a ceteris quam ab Hannibale.
Nepos nimmt aber dieser Bemerkung den Charakter einer Pointe, weil er noch
eine Erklärung nachschiebt: ne ille inscientibus iis tolleret secumque duceret. Hier
sorgen aber immerhin die i-Klänge und der Reim -eret / -eret für Belebung.

4. Wo schaltet sich Nepos mit eigenen Erläuterungen oder Überlegungen ein und
warum?
Die Autoreinschaltung quod sine dubio accidisset, si sui fecisset potestatem in § 1
zeigt und unterstreicht die Gefahr, in der sich Hannibal befindet. Die Autor-
einschaltung de qua sciebat exisse famam in § 2 zeigt, dass sich Hannibal weite-
rer Gefahren bewusst ist. Die Kommentierung am Schluss in § 4 stellt die Hanni-
balgeschichte vor den Hintergrund der Gefährdung des großen Menschen durch
Niedertracht und Laster der Menschen (wie es auch schon 1,2 tat: Sed multorum
obtrectatio devicit unius virtutem.).

5 a) Wie wird Hannibal in c. 9 charakterisiert und wie passt dies zu früheren Dar-
stellungen in der Biographie? (→ Arbeitsauftrag 6 zu c. 6)
§ 1: verens …: Vorsicht;
§ 1: ut ibi, quo se conferret, consideraret: gründliches Nachdenken;
§ 2: vidit: stete Beobachtung und »Witterung«;
§ 2: vir omnium callidissimus: direkte Charakterisierung;
§ 3 sciebat: Bewusstsein von Gefahren, Beauftragung von Spionen und Boten;
§ 3: simulans: bewusste Täuschung;
§ 3/4: deponit / abicit: Bewusstsein vom Symbolwert von Handlungen und von fal-
schen Schlussfolgerungen aus der Art des Auftretens.

5 b) Wie erweist sich Hannibal als Kenner der menschlichen Seele?


Er erkennt, dass Geld Begehrlichkeit erweckt. Er erkennt, dass die Begehrlichen
von anderen Menschen dasselbe Verhalten gegenüber Wertsachen erwarten:
ängstliche Bewachung, ständige Kontrolle, ob das Geld oder der Schatz noch da
ist (wie es der Geizige Molières tut). Das nutzt er aus.

6. Versucht eine szenische Darstellung des Kapitels.


Freie Bearbeitung. – Vorschlag:
§ 1: Bild des Gefahren witternden und nachdenkenden Hannibal.
§ 2: Vor einem aufmerksamen Hannibal: gierig blickende Gortynier, kleine Sze-
nen mit ausgemalten Gefahren.

Hannibal c. 9: Hannibal überlistet die Kreter 79

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§ 3a: Aufstellung der Amphoren im Tempel der Diana, aufmerksam und gierig
blickende gortynische Beobachter.
§ 3b: Unterbringung der scheinbar nur ehernen Statuen im Vorhof des Hauses.
Abschätzig schauende Gortynier mit wegwerfenden Gesten.
§ 4: Schar gierig den Tempel bewachender und eventuell Hannibal den Zutritt
versperrender Gortynier mit Waffen.

Hannibal c. 10–11: Eine Seeschlacht mit geplanten


Überraschungen

(geschilderter Zeitraum: 189 – ca. 185)


Text: Ausgabe S. 38–41
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 63

1. Interpretation Hannibal c. 10–11

Nepos spannt einen Bogen zu allen vorher geschilderten hasserfüllten Aktionen


gegen die Römer, also bis zu Kapitel 1. Er erläutert nämlich die Bemerkung, Han-
nibal sei genauso gesinnt geblieben wie vorher (eodem animo fuit), so: »Er rüs-
tete den König auf und bereitete ihn auf einen Krieg gegen die Römer vor.« (10,1).
Die unkontrollierten, von moralischen Bedenken nicht gebremsten Gefühle zei-
gen sich in seiner Begierde, Eumenes von Pergamon umzubringen, der ein enger
Römerfreund ist (Romanis amicissimus, 10,2), sich nicht wie die anderen Könige
der Gegend auf die Seite des Prusias und Hannibals bringen lässt und gerade mit
Prusias einen Krieg führt. So bezieht Hannibal Eumenes in seinen Hass ein, zu-
mal dieser wegen seines Bündnisses mit den Römern überlegen bleibt (propter
Romanorum societatem, 10,3). Emotion und Verstand sind beteiligt: Er begehrt
brennend (cupiebat), Eumenes umzubringen, er schätzt realistisch ein (arbitraba-
tur), dass der Tod des Eumenes ihn seinen Zielen näher bringt. Er hat einen Plan
(talem iniit rationem, 10,4) und bereitet ihn mit psychologischem Geschick und
mit Führungskunst gegenüber seinen Soldaten gut vor. Die Reaktionen des Geg-
ners sieht er richtig voraus (wie die der Gortynier in c. 9 und der Römer in 5,2).
Vor einer Seeschlacht gelingt es ihm, das Schiff des Eumenes ausfindig zu ma-
chen – er nutzt die Konvention, Emissäre zum Herrscher zu führen, belügt und
verspottet den redlichen Gegner. Eumenes erhält einen Brief, erwartet Friedens-
angebote, findet aber nur Spottworte darin. Er weiß damit nichts anzufangen,
gibt das Signal zum Kampf, ohne Verdacht zu schöpfen. Die Schiffe des Prusias
greifen konzentrisch das Schiff des Eumenes an, aber Eumenes entkommt. Da
lässt Hannibal die angreifenden anderen pergamenischen Schiffe mit Tongefäßen
bombardieren, in denen sich Schlangen befinden. Es entsteht eine Art Panik bei

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den Gegnern, die zum Rückzug führt. Nepos kommentiert: »So hat Hannibal
durch Planung die Waffenstärke der Pergamener besiegt, und nicht nur damals,
sondern oft – an anderen Orten, mit der Infanterie – hat er durch seine Klugheit
seine Gegner geschlagen« (11,7). Dieser Satz könnte als Überschrift über den Ka-
piteln 10–11 stehen. Ähnlich stand Kapitel 5 unter dem Thema des Schlusssatzes
und diente dazu, diesen unter dem Gesichtspunkt der Evidentia zu erweisen.
Wieder ist Hannibal als hasserfüllter Römerfeind dargestellt, der auch den Mord
am Gegner nicht scheut. Und wieder fesselt Nepos den Leser durch die Schilde-
rung des ungewöhnlich trickreichen Verfahrens und lässt den Leser gleichsam
Zeuge des Geschehens werden (vgl. Arbeitsaufträge 3 und 4). Das stilistische Mit-
tel der evidentia (Grundwissen 5, Nr. 8) wirkt und nimmt den Leser für Hanni-
bal ein.
Das Thema »Hannibal siegt mit seiner Klugheit über die Waffenmacht der Perga-
mener« entspricht der in c. 1 gegebenen Charakterisierung Hannibals und wird
in den Kapiteln 10–11 hauptsächlich durch die folgenden Mittel dargestellt:
(1) Lang auseinandergezogene Anordnung der einzelnen Handlungsetappen:
10,1 fuit, armavit, exercuit; 10,4 talem iniit rationem; imperavit; 10,5 convocat,
praecipit; 10,6 pollicetur; 11,1 deducitur; mittit; 11,2 deductus est, se recepit; 11,3
repperit; non dubitavit; 11,4 adoriuntur; salutem petit; 11,5 coepta sunt; incita(ve)-
runt; 11,6 puppes verterunt seque … rettulerunt.
(2) Wechsel in der Darstellung zwischen erzählendem Perfekt und szenischem
Präsens.
(3) Einschaltung vieler Hintergrundschilderungen und beginnender Begleitak-
tionen, die weiterwirken. Die Hintergrundschilderungen sind: § 2 dissidebat, ge-
rebatur; § 3 cupiebat, valebat, arbitrabatur; § 4 erant decreturi; superabatur; 11,3
mirabatur, reperiebat; 11,5 poterat. Die weiterwirkenden Begleitaktionen sind:
10,2 conciliabat, adiungebat.
(4) Einschaltung von Autorkommentaren und Rückverweisen: 10,4 dolo erat
pugnandum; 11,4 quam consecutus non esset, nisi intra sua praesidia se recepisset,
quae in proximo litore erant collocata.
(5) Spannung: siehe Arbeitsauftrag 4.
(6) Heraushebung von Hannibals Gerissenheit (11,1–3), mit der er auch die Insti-
tution des Unterhändlers bedenkenlos ausnutzt. Das hat Parallelen in der Aus-
nutzung des Vertragsrechts durch Hamilkar (Hamilcar 1,4) und Hannibal (Han-
nibal 6,2), die beide gleich an die Wiederherstellung der eigenen Kräfte und neue
Kriege denken.
(7) Gegenüberstellung von Hannibals Gerissenheit und der naiven Aufrichtig-
keit des Eumenes.
(8) Direkte Charakterisierung seines Römerhasses (10,1) und seiner bösartigen
Tötungsabsichten (10,3) zur Durchsetzung seiner Ziele, wenn auch immer noch
in verhaltenen Ausdrücken: eodem animo fuit erga Italiam; eum … opprimi.

Zusammengehalten werden die Kapitel 10–11 trotz der vielen Brechungen erstens
durch die Perfekt- und Präsensformen, die den Haupterzählstrang markieren,

Hannibal c. 10–11: Eine Seeschlacht mit geplanten Überraschungen 81

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und zweitens durch die vielen Rückverweise, die den Zusammenhang deutlich
vor Augen führen. Insbesondere der relativische Anschluss (auch als relativische
Verschränkung) ist auffällig häufig verwendet. So markieren die meisten Satz-
anfänge einen zeitlichen Fortgang, nur selten werden durch einleitende Kon-
nektoren Gegensätze ausgedrückt (10,3 sed; innerhalb der indirekten Rede 10,6
rex autem …; 11,3 at; wiederum kaum als Gegensatz zu werten. 11,6 postquam
autem …).
Zur stilistischen Gestaltung siehe unten Arbeitsauftrag 5a.

2. Texterschließung

Der Bericht über die Seeschlacht zwischen Hannibal und Eumenes ist durch
die Tempora weiträumig gegliedert. Erzähletappen stehen im Perfekt oder im
szenischen Präsens. Hintergrundschilderungen, sei es die Darstellung von Be-
gleitumständen, sei es der Kommentar des Autors, stehen im Imperfekt, im irre-
alen Konjunktiv oder – einmal – im feststellenden Perfekt (11,5 fecimus). Grenz-
fälle sind Imperfektformen, die man als Imperfekt de conatu auffassen kann.
Anhand der Verbformen ist eine Erschließung der Etappen und der Einzelheiten
darin möglich. Siehe Arbeitsauftrag 1.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 10–11

1. Gliedere c. 10–11. Berücksichtige dabei: a) die verwendeten Tempora (→ Grund-


wissen 4.2); b) die ausdrückliche Verbindung mancher Sätze durch relativische An-
schlüsse und andere Rückverweise (→ Grundwissen 6).
Siehe die obige Interpretation. Übersicht:

Stelle Verbindung Prädikate Kennzeichnung


10,1 sic, Rückverweis auf c. 9, pervenit, fuit, egit, Erzähletappen
bes. 9,3. ausgeführt in ar-
mavit, exercuit
10,2a quem, Rückverweis auf conciliabat, adiun- längere oder versuchte Aktio-
regem 10,1 gebat nen, insofern Erzähletappen
10,2b Neueinsatz durch An- dissidebat, gere- längere Aktionen, langsamer
fangsstellung des Prä- batur Übergang zur Schilderung
dikats des Hintergrunds für den
Text ab § 4
10,3 Rückverweis durch quo cupiebat Hintergrund
magis
utrobique, Rückverweis valebat Hintergrund
auf § 2 et mari et terra

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Stelle Verbindung Prädikate Kennzeichnung
si removisset, … Hintergrund (Überlegung)
arbitrabatur
10,4 hunc, Rückverweis auf iniit Erzähletappe, Hannibal
Eumenes schmiedet einen Plan um
Eumenes zu töten
10,4 Thema am Anfang: erant decreturi Hintergrund des Plans: bevor-
classe stehende Schlacht
Thema am Anfang: superabatur Zustandsbeschreibung
superabatur
Thema am Anfang: dolo dolo erat Hintergrund: Ergebnis der
pugnandum Überlegung
imperavit Folgerung der Überlegung,
Aktion
10,5 convocat, szeni- Szene, Aktion
sches Präsens
praecipit, szeni- Szene, Aktion
sches Präsens
10,6a id, auf in unam Eumenis facile indirekte Rede, erläutert
regis concurrant navem consecuturos verhüllt, wie Hannibals
verweisend Soldaten das Schiff des
Eumenes erkennen
se facturum Fortsetzung der indirekten
Rede
10, 6b quem pollicet, Fortsetzung der Szene,
szenisches Aktion, das Rätsel wird auf-
Präsens gelöst
11,1a tali cohortatione facta = deducitur, Neue Szene, 1. Aktion, Nah-
10,5–6 szenisches aufnahme
Präsens
11,1b quarum = classis ab mittit, szenisches 2. Aktion, Nahaufnahme
utrisque … (11,1a) Präsens
11,2a qui = tabellarium (11,1) professus est 3. Aktion, Erzähletappe
deductus est 4. Aktion, Erzähletappe
11,2b Einsatz ohne Rück- nach Auftrags- Szenenwechsel.
verweis, der tabella- erledigung (ducis 1. Erzähletappe: Rückzug
rius wird am Satzanfang nave declarata sui) und Rückkehr des Boten an
wieder genannt se recepit den Ausgangspunkt
11,3a Neueinsatz at Eumenes repperit Szenenwechsel,
1. Erzähletappe

Hannibal c. 10–11: Eine Seeschlacht mit geplanten Überraschungen 83

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Stelle Verbindung Prädikate Kennzeichnung
11,3b cuius causam, non dubitavit 2. Erzähletappe
Rückverweis auf nihil
repperit …11,3a
11,4a horum, Rückverweis adoriuntur Nahaufnahme im szenischen
auf proelium 11,3, an Präsens, innerhalb dieser
dem beide Parteien Reportage 1. Aktion (Angriff
beteiligt sind; oder auf der Bithynier)
Eumenes 11,3a und
Hannibal 11,1b
11,4b quorum, Rückverweis petit 2. Aktion (Flucht des
auf Bithynii 11,4a Antiochus)
11,4c quam, Rückverweis auf consecutus non 3. Aktion, formuliert als
salutem 11,4b esset Einschaltung des Autors: die
Gründe, warum sich
Antiochus überhaupt retten
konnte
11,5a Neueinsatz mit reliquae coepta sunt Rückkehr zum Bericht
Pergamenae naves der 11,3 begonnen wurde,
darin 3. Erzähletappe
11,5b quae, Rückverweis auf iacta … 4. Erzähletappe
vasa fictilia in 11,5a concitarunt mit Vorstufe iacta
neque poterat 5. Erzähletappe,
intellegi längerer Zustand
11,6 kein neues Subjekt, perterriti … 6. Erzähletappe
aus pugnantibus 11,6 puppes verterunt mit Vorstufe
hinzuzudenken
seque rettulerunt 7. Erzähletappe
11,7a sic, Rückverweis auf 5–5 superavit rückblickende Feststellung
des Autors
11,7b neque tum solum …, sed pepulit verallgemeinernde
saepe alias … adversarios rückblickende Feststellung
des Autors

2. Welcher Satz in c. 10–11 könnte die Überschrift sein?


Der Schlusssatz in 11,7: neque tum solum, sed saepe alias … prudentia pepulit ad-
versarios.

3. Stelle Ablauf und Einzelheiten des Textes unter dem Gesichtspunkt der eviden-
tia dar (→ Grundwissen 5, Nr. 8).
Siehe die obige Interpretation. Details: 10,4: genaue Darstellung des Plans. – 10,5–
6: ausführliche Darstellung der Rede an die Soldaten, in § 5 als Redebericht, in § 6

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in indirekter Rede. – 11,1a: Darstellung der Schlachtaufstellung. – 11,1b–3: Dar-
stellung des Tricks mit dem Herold; Einzelheiten: Fahrt mit einem Boot, Vorzei-
gen des Briefs, Betreten des Königsschiffs, Vermutungen des Gefolges des Königs
Eumenes über den Inhalt, Rückfahrt des Herolds, Öffnen des Briefes, verdutzte
Lektüre, ahnungslose falsche Reaktion des Königs. – 11,4–6: Darstellung der See-
schlacht. Details: Konzentrischer Angriff auf das Schiff des Eumenes, dessen
Flucht in einen von vielen vorbereiteten Schutzhäfen, dadurch Fehlen eines Ober-
befehlshabers; Angriff auf die anderen Schiffe; Schleudern der Schlangenbehäl-
ter; Lachen der Soldaten; dann Panik; dann Flucht in Schutzhäfen. – Siehe die
obige Interpretation.

4. Wie erzeugt Nepos Spannung?


Der Angriff mit den Schlangen wird erst allgemein, dann immer konkreter er-
zählt: 4 b: dolo erat pugnandum; 4c: Sammlung von Schlangen, ohne dass der
Zweck deutlich wird; 5b: Ankündigung, dass dies es leichter machen werde, das
Schiff des Eumenes zu erkennen.  – 11,1–3: Einschaltung der angeblichen Bot-
schaft, die Eumenes überbracht wird, und dessen Verwunderung darüber, dass es
ein Brief voller Spott ist. – 11,4: Von der Seeschlacht wird erst die Flucht des Eu-
menes erzählt. – 11,5–6: Erst jetzt wird der Einsatz der Gefäße mit den Schlan-
gen auf den anderen Schiffen dargestellt, das ist der Höhepunkt und der Einsatz
charakterisiert Hannibals Kampfplanung und seine auch psychologische Kriegs-
führung. Zwei Stufen: 11,5b: Erst Lachen und Unverständnis der Soldaten auf
dem Schiff des Eumenes; 11,6: Dann schlüpfen die Schlangen aus den Gefäßen
und verbreiten Panik. Eumenes flieht und ist geschlagen.

5 a) Zeige stilistische Eigenarten und ihre Wirkungen in c. 10–11. Berücksichtige:


Grundwissen 5, Nr. 2, 7, 9; Wortstellung; Kürze oder umständliche Formulierung.
– 10,1: Hannibal wird mit seiner Volkszugehörigkeit umschrieben. Dadurch er-
gibt sich der Gegensatz zwischen dem schlauen Punier und den habgierigen,
aber auf den Leim gegangenen Kretern. Der Singular Poenus steht außerdem
als Gegensatz zu dem Plural Cretensibus und seinem Attribut omnibus: Einer
hat gegen alle gesiegt. Hannibals Verhalten bei Prusias wiederholt die Situa-
tion bei Antiochus.
– In § 4 formuliert Nepos in einer Epimone Hannibals Wühlarbeit gegen Rom
so: eodem animo fuit erga Italiam (Rückverweis auf Antiochus) neque aliud
quicquam egit (vorverweisende Umschreibung) quam regem armavit et exer-
cuit (Hendiadyoin) erga Romanos. Dieses Thema wird dann im folgenden Satz
weitergeführt, der nach der militärischen (armavit) und emotionalen (exercuit)
die diplomatische Aktion schildert.
– In § 4 formuliert Nepos am Schluss mit lakonischer Kürze und stellt das Ge-
gensatzpaar dolo – armis an den Anfang und den Schluss eines Satzes (dolo
erat pugnandum, cum par non esset armis).
– In § 5 hebt er die Menge der Schlangen durch eine Alliteration hervor: magnam
multitudinem.

Hannibal c. 10–11: Eine Seeschlacht mit geplanten Überraschungen 85

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– Im zweiten Satz des § 6 sind die Satzglieder so angeordnet, dass sie der Per-
spektive der neugierig fragenden Soldaten entsprechen: rex autem in qua nave
veheretur – ut scirent – se facturum.
– Die umständliche Formulierung in 11,1, hebt noch einmal zusammenfassend
die Anfeuerung der Soldaten hervor: tali cohortatione militum facta.
– Die Abfolge der Informationen in 11,1 gibt gleichsam das genaue »Timing«
wieder: quarum acie constituta: die Front ist formiert; Hannibal: beherrschen-
des Subjekt; priusquam signum pugnae daretur: gerade soll das Zeichen zum
Kampfbeginn auf der Gegenseite gegeben werden, da startet Hannibal seine
Aktion, um dies zunächst zu vermeiden (Konjunktiv daretur); ut palam face-
ret …: Hannibals leitende, seine Handlung begründende Absicht; tabellarium
(Befehlsempfänger) – in scapha (er wird in ein Boot gelassen) – cum caduceo
(ihn hält er als Zeichen, mit der Schlacht noch zu warten, hoch) – mittit (er
fährt ab). Ähnlich ist die Abfolge im § 2. 
– In 11,3 werden dauernde Ahnungslosigkeit des Eumenes (etsi und Imperfekt-
formen) und dadurch unvorsichtige Kampferöffnung gegenübergestellt (tamen
und Perfektform).
– In 11,5 erfolgt die Darstellung, wie die Gefäße mit den Schlangen heranflie-
gen, sozusagen in Zeitlupe: repente – vasa fictilia … – conici coepta sunt. quae –
iacta – initio … concitarunt neque, quare id fieret, – poterat intellegi. postquam
autem …

5 b) Zeige stilistische Eigenarten im Schlusssatz von c. 11 und beurteile dessen Wir-


kung (→ Grundwissen 5, Nr. 2, 4, 12).
Der Schlusssatz des Kapitels 11 ist nachdrücklich formuliert. Das einleitende sic
steht in Parallele zum sic des ersten Satzes von c. 10, Hannibal wird den Pergame-
nern, Klugheit wird den Waffen gegenübergestellt – also eine doppelte Antithese,
die chiastisch angeordnet ist. Dann folgt die Vorgangsschilderung superavit. Ihr
wird eine Verallgemeinerung als Feststellung angeschlossen: neque tum solum,
sed saepe alias … pepulit. Die Feststellung wirkt durch ihre p-Alliteration und da-
durch, dass die Alternative zur Seeschlacht in pedestribus copiis am Anfang, das
allen Schlachten Gemeinsame am Schluss steht: adversarios.

6 a) Wo verwendet Nepos direkte, wo indirekte Charakterisierung (→ Grundwissen


4.4)?
direkte Charakterisierung:
10,1: eodem animo; 10,3: cupiebat eum … opprimi mit wirkungsvoller Unter-
brechung des A.c.i. durch das Subjekt Hannibal; 11,7: Hannibals prudentia. Diese
direkte Charakterisierung steht am Schluss und fasst die vielen vorher gezeigten
Züge zusammen, die in indirekter Charakterisierung gegeben wurden.

indirekte Charakterisierung:
10,1: Hannibal rettet sein Vermögen: Schlauheit.
10,2: Hannibal sammelt Verbündete für Antiochus: Planung.

86 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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10,2–11,3: Eumenes schert aus der Unterstützerriege aus, wird dadurch zum
Feind des Römergegners Hannibal: Hass und Planung, ihn zu töten. (11,4–6: der
Plan).
10,5: Hannibal als Befehlshaber (praecipit).
10,6: Hannibal gibt seinen Soldaten emotionale Sicherheit und finanzielle Kampf-
anreize. Hannibal der Psychologe, Heerführer und sozial Denkende.
11,1–2: Hannibal, der mit Tricks arbeitende Heerführer, der wie bei den Kretern
(c. 9) und bei dem römischen Heer des Fabius Maximus (5,2) Erwartungshaltun-
gen und Beobachtungsgewohnheiten der Menschen ausnutzt und täuscht.
11,3: Hannibal, der Spötter über Römerfreundliche.
11,5–6: Hannibals erfolgreiche Planung (prudentia 1,1).
(dann die direkte Charakterisierung 11,7: Hannibals prudentia).

6 b) Wie wird Hannibal insgesamt charakterisiert?


Hannibal erscheint als der beharrliche, alle Tricks der psychologischen Kriegs-
führung kennende, stets römerfeindliche und nie verlierende Feldherr, der bei
seinen eigenen Leuten Autorität und Vertrauen genießt.

7. Schreibe eine Reportage unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus den Ar-
beitsaufträgen 1, 3, 4 und 6. 
Die Reportage könnte ein langer Bericht mit Einschaltung von Korrespondenten
von verschiedenen Kriegsschauplätzen sein. Das entspricht einem »Wochenrück-
blick« mit Verwendung relativ neuen Filmmaterials. Vgl. dazu in der Interpreta-
tion die Darstellung des Aufbaus und des Zusammenhalts der Kapitel.
10,1–3: Bericht eines Korrespondenten.
10,4–6: Hannibal zunächst allein beim Überlegen und Planen, Monolog mit sich
selbst; dann Ansprache an die Soldaten. Geheimbericht aus Hannibals Lager bzw.
von Hannibals Schiff.
11,1–4: Feldberichterstatter: Bericht von einem Schiff aus oder von mehreren
(Hannibals Schiff und Schiff des Eumenes). Schließlich Bericht von Beobach-
tungsschiff (oder, anachronistisch, aus einem Hubschrauber) über die Flucht des
Antiochus (11,4).
11,5–6: Bericht über den Kampf mit den Schlangen und die Flucht des Eumenes.
Bericht von oben aus der Feldherrn- oder Beobachterperspektive.
11,7: abschließender Kommentar.

Hannibal c. 10–11: Eine Seeschlacht mit geplanten Überraschungen 87

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Hannibal c. 12: Hannibals Tod

(geschilderter Zeitraum: 183)


Text: Ausgabe S. 41–42
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 63–64

1. Interpretation Hannibal c. 12

Das Kapitel 12 wechselt von Kleinasien nach Rom und dann wieder nach Klein-
asien. Der Senat beschließt eine Gesandtschaft, die Hannibals Auslieferung ver-
langen soll. Die Auslieferung erscheint jetzt zum dritten Mal in der Hannibalbio-
graphie, beim ersten Mal als Ansicht Hannibals (7,6), das zweite Mal als Furcht
Hannibals, die Nepos bestätigt (9,1), jetzt als tatsächlicher Senatsbeschluss (12,2).
Hannibals Bau der Fluchtburg und der Selbstmord sind in der Darstellung des
Nepos nicht Zeichen der Feigheit und der Kleinmütigkeit, sondern Ausdruck
richtiger Vorsicht (der Ausdruck verens war ähnlich schon 9,1 verwendet worden:
verens, ne dederetur) und konsequenter Abschluss seines Lebens: So wie sein Le-
ben selbstbestimmt war – er war immer Planer und Akteur, nicht Leidender –, so
soll auch sein Tod selbstbestimmt sein: quam (sc. vitam) ne alieno arbitrio dimit-
teret (§ 5). Mit der Möglichkeit, seinen Hass auf die Römer auszuleben, ist ihm der
Lebenssinn genommen. Die Genugtuung, ihn etwa zu einem Triumphzug nach
Rom zu bringen, gibt er den Römern nicht.
Außer dieser Haltung beeindruckt die Schilderung, wie sich Prusias verhält. Er
kann sich dem römischen Druck nicht entziehen und versucht, sich aus der Aus-
einandersetzung zwischen Hannibal und den Römern herauszuhalten, wenigs-
tens nicht als Verräter dazustehen. Die Römer sollen ihren großen Feind auf
eigene Faust aufspüren, vergleichbar heutigen Agenten verschiedener Nationen,
die ehemalige Kriegsgegner, Kriegsverbrecher, Diktatoren, Widerstandskämpfer
verfolgen und entführen.

2. Texterschließung

Die Erschließung kann gemäß Arbeitsauftrag 1 erfolgen, begleitet von einer kolo-
metrischen Gliederung der Sätze und einer Paraphrase der einzelnen Kola sowie
jeweils des gesamten Satzes.

3. Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu Hannibal c. 12

1. Gliedere c. 12 unter Berücksichtigung der Verweisformen (→ Grundwissen 6)


und der genannten Schauplätze.
Das Kapitel 12 wechselt von Kleinasien nach Rom und dann wieder nach Kleinasien.

88 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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– 1–2: Rom: Eine bithynische Gesandtschaft kommt nach Rom, erwähnt beim
Abendessen mit dem Konsul T. Quintius Flamininus nebenbei, Hannibal sei
im Lande des Königs Prusias, also in Pontus (Bithynien). Der Konsul wird tä-
tig, erstellt eine Senatsvorlage. Der Senat beschließt eine Gesandtschaft und
das Verlangen, Hannibal solle ausgeliefert werden.  – Die Darstellung wird
durch Rückverweise, durch Demonstrativpronomina und relativische An-
schlüsse zusammengehalten: 1 quae dum …, … atque ibi … 2 id …, qui …
– 3–6: Bithynien: 3a: Römische Gesandte bei Prusias. – 3b: Erläuterung der Ant-
wort des Prusias durch den Autor: Beschreibung des Verstecks Hannibals.
Verbindungswörter: 3 his …; illud … (die Autoreinschaltung erfolgt mit Na-
mensnennung: Hannibal enim …). – 4a: Umzingelung des Verstecks Hanni-
bals und Meldung darüber an Hannibal durch einen Sklaven. – 4b: Überprü-
fung durch Hannibal. Verbindungen: 4 huc … qui imperavit … 5a. Hannibal
erkennt die Lage. – 5b: Selbstmord. Verbindungen: 5 puer … quam ne …

2 a) Stelle die Hauptsatztempora in c. 12 fest.


Das Erzähltempus ist durchgehend das Perfekt, Nepos verzichtet hier auf das sze-
nische Präsens, zwei notwendige Hintergrundinformationen stehen im Imper-
fekt und Plusquamperfekt: accidit, detulit, miserunt, ausus non est, recusavit, …
enim … tenebat … idque sic aedificaverat …, dixit, imperavit, sensit, sumpsit. Es
wird ein mit unheimlicher Präzision und Folgerichtigkeit ablaufender Vorgang
dargestellt: Aus einem Zufall (accidit casu § 1) gewinnen die Römer eine Chance,
Hannibal auszuschalten; Hannibal selbst gibt sich den Tod, den er als die Fortset-
zung seines Lebens voller Hass gegen die Römer und voller Siege über sie ansieht.

2 b) Was fällt im Unterschied zu c. 10–11 auf?


Hannibal sieht keinen Ausweg mehr.

2 c) Welches Darstellungsziel haben dementsprechend die Kapitel 10–11, welches


hat Kapitel 12?
Alle Kapitel zeigen verschiedene Ausprägungen der virtus Hannibals. Diese kann
sich in einem Sieg oder im selbstbestimmten Tod ausdrücken.

3. Wo greift Nepos mit eigenen Wertungen ein und mit welchem Ziel?
An zwei Stellen greift Nepos in eigenem Namen ein. Einmal, als er Hannibals
Fluchtburg mit ihren vielen Ausgängen schildert: Hannibal erscheint wie ein ge-
jagtes Wild, das sich absichern will; Nepos zeigt, dass die stets gefürchtete Situa-
tion jetzt da ist (§ 3): scilicet verens, ne usu veniret, quod accidit. Das andere Mal,
als er die Haltung, in der Hannibal Selbstmord begeht, so charakterisiert: memor
pristinarum virtutum (§ 5).

4 a) Wie ist Hannibal charakterisiert (→ Grundwissen 4.4)?


In der Stunde des Todes wird Hannibal durch Klugheit (prudentia)  und Leis-
tung (virtus), nicht aber durch Hass (odium) gekennzeichnet: Er hat seine Flucht-

Hannibal c. 12: Hannibals Tod 89

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burg mit vielen Ausgängen versehen – Nepos fügt wieder hinzu: »Natürlich aus
Furcht, dass das passiere, was tatsächlich eingetreten ist« (12,3). Ein Sklave hält an
der Haupttür Ausschau (12,4). Er meldet Hannibal, dass sich mehr Leute als sonst
in Waffen zeigen. Hannibal lässt die anderen Ausgänge prüfen: dasselbe Bild. Die
vielen Fluchtwege zeigen Hannibals vorausschauenden Versuch, den Römern zu
entkommen. Gleichzeitig zeigt die Belagerung aller Fluchttüren die Ausweglo-
sigkeit Hannibals. Hannibal beschließt zu sterben. Er will die Entscheidung über
seinen Tod nicht fremder Entscheidung überlassen (12,5). Er denkt an seine frü-
heren Leistungen (virtutes) und nimmt ein Gift, das er immer mit sich trägt – er-
neutes Zeichen seiner Voraussicht und Planung.

4 b) Vgl. dies mit früheren Charakterisierungen.


Sie wurden zu folgenden Arbeitsaufträgen dargelegt: Hann. 1, A 4–6; Hann. 6, A
5; Hann. 9 A 5; Hann. 10–11, A 6b.

4 c) Erstelle eine neue Charakterkurve nach eigenen Kriterien oder nach den in Ar-
beitsauftrag 6 zu c. 6 vorgeschlagenen. Vergleiche die neue Wertung mit der frü-
heren.
Freie Bearbeitung. Zu erwarten sind: Respekt vor der Entschiedenheit Hannibals,
Bedauern seiner Vereinsamung, Reflexion über andere Möglichkeiten. Entspre-
chend werden folgende Kriterien aus der Charakterkurve zu c. 6 (Ausgabe S. 58)
eventuell eine Verstärkung erfahren: klug, affektbetrieben, unerbittlich, beharr-
lich.

5. Beurteile Hannibals Selbstmord (→ Begleittext 1).


Freie Bearbeitung. Gesichtspunkte wie in 4b: Respekt vor der Entschiedenheit
Hannibals, Bedauern seiner Vereinsamung, Reflexion über andere Möglichkei-
ten. Aber aus römischer Sicht auch: Erleichterung, evtl. auch Zufriedenheit und
Triumphgefühl.

6. Schildere die Haltung des Prusias und versuche, sie zu erklären.


Prusias wagt nicht, das römische Verlangen glatt abzuschlagen. Die Gründe kann
man ahnen: Sanktionen, römische Übermacht, der Römerfreund Eumenes, be-
drohlich und wohl auch auf Machzuwachs bedacht, in der Nähe. Prusias will sich
aber nicht selbst beteiligen, um das Gastrecht nicht zu verletzen. Er lässt den Rö-
mern freie Hand.

7. Schildere das Verhalten der Römer und vergleiche dazu: a) Begleittext 3 zu c. 7;


b) Begleittext 2; c) die Informationen aus den Kapiteln 1–11; d) moderne Parallelen
zum Verhalten der Römer.
Siehe die zusammenfassende Darstellung S. 29: Hauptgesichtspunkt 1, besonders
a), b) und d).

90 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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8. Führe die in Arbeitsauftrag 4 zu c. 1 begonnene Übersicht über Eigenschaften
Hannibals und der Römer fort.
Siehe die zusammenfassende Darstellung S. 29: Hauptgesichtspunkt 1, besonders
a), b) und d).

9. Vgl. Abb. 7 mit c. 12: Haltung Hannibals, Auftreten der Römer, Haltung anderer
anwesender Personen.
Ort: im Text 12,3a: uno loco se tenebat, in castello, quod ei  a rege datum erat
muneri; im Bild: Kellerraum.
Ausgänge: im Text: 12,3b: idque sic aedificarat, ut in omnibus partibus aedificii
exitus haberet, scilicet verens, ne usu veniret, quod accidit; im Bild: an einem Trep-
penabgang und zwei Eingängen zum Aufenthaltsraum Hannibals erscheinen rö-
mische Soldaten.
Römer: im Text12,4: römische Legaten und ihre Truppen umzingeln Hannibals
Festung. Ein Sklave, der Ausschau halten muss, meldet es Hannibal. Im Bild: rö-
mische Soldaten erscheinen; Konzentration auf die Soldaten.
Hannibals erste Reaktion: Im Text 12,4b–5a: Auf Anordnung Hannibals prüft
der Sklave alle Eingänge und stellt fest, dass sie alle versperrt sind. Ein Entkom-
men ist unmöglich. Keine Entsprechung im Bild; dieses stellt die Situation nach
Prüfung der Lage und nach der Überlegung dar.
Hannibals Überlegung: Im Text 5b: Hannibal verarbeitet die Information und
die Situation und beschließt seinen Tod. Keine direkte Entsprechung im Bild. Da-
für Ausmalung des Orts: Hannibals Aufenthaltsraum ist vom Feuer in einer von
der Decke herabhängenden Schale beleuchtet. Hannibal sitzend, Rüstungshemd
am Oberkörper, Decke über Oberschenkel, an den Füßen Sandalen. Details, die
die Situation Hannibals optisch verdeutlichen.
Selbstmord: Im Text 5c: Denken Hannibals: Quam ne alieno arbitrio dimitteret,
memor pristinarum virtutum; im Bild: der rechte Arm ist erhoben; Schwurges-
tus, Erinnerung an die Schwurszene in der Kindheit (bei Nepos c. 2). Im Text 5d:
Einnahme des Gifts: venenum, quod semper secum habere consuerat, sumpsit. Im
Bild: Hannibal im Zentrum. In der linken Hand hält er eine Trinkschale; im Vor-
dergrund links Haushalts- oder Opfergeräte, die an die Schwurszene der Jugend
erinnern; rechts Waffen am Boden, Erinnerung an das Kriegs- und Eroberungs-
leben Hannibals; drei Begleiter: erster Begleiter links, Afrikaner, erschrocken, ab-
wehrende Arme; zweiter Begleiter rechts, den Kopf klagend an die Wand gelegt;
der dritte Begleiter birgt verzweifelt seinen Kopf zwischen den Händen und hat
den Kopf auf Hannibals linkes Bein gelegt. An den Reaktionen wird der Selbst-
mord verdeutlicht: Ein großer Mann stirbt, viele Menschen hängen an ihm; sie
stellen den Gegenpart zu den hereindrängenden Soldaten dar. Die Wende im Le-
ben Hannibals und seiner Begleiter ist eine Zeitenwende.

Das Bild füllt Leerstellen aus, die Nepos gelassen hat: Hannibal hatte bestimmt
mehrere Sklaven. Ihre Reaktion steht im Bild stellvertretend für das traurige
Ende Hannibals. Ebensowenig haben Nepos Herkunft und Gefühle des Ausschau

Hannibal c. 12: Hannibals Tod 91

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haltenden Sklaven interessiert. Der Zeichner lässt viele Nationen (farbige und
weißhäutige Menschen) ins Bild und das Gedächtnis des Betrachters. Die Trauer
ist vielgestaltig und weiträumig.
In gelungener Verkürzung zeigt der Zeichner nicht ganz die Situation, die Ne-
pos beschreibt (das Gebäude ist umzingelt, alle Ausgänge sind versperrt), son-
dern übernimmt die Sperrung aller Ausgänge, lässt aber die Soldaten schon in die
Burg eingedrungen sein.
Die Waffen am Boden stehen im Gegensatz zu Becken und Schale, die links ste-
hen. Hannibal ist kein Feldherr zu Lande oder zu Wasser unter freiem Himmel,
sondern hockt in einem künstlich beleuchteten Kellergewölbe.
Hannibal ist alt geworden, die jungen Sklaven heben dies durch ihr gegensätz-
liches Aussehen hervor. Und er ist ungepflegt, sein Haar ist zottelig, er hat einen
Bart, er trägt auch nicht die Augenklappe, die er seit seiner Augenerkrankung
tragen musste. Aber er bleibt, sozusagen im letzten Moment, Herr seines Lebens,
er hat das Gift getrunken und hält die Schwurhand hoch, die seinen Hass auf die
Römer seit der Kindheit symbolisiert.

Hannibal c. 13: Hannibals literarische Bedeutung

(Schlusswürdigung)
Text: Ausgabe S. 43–44. –
Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 64

1. Interpretation Hannibal c. 13

Das Schlusskapitel fällt gegen die starke Sterbeszene des Kapitels 12 ab.
§ 1: Es hebt am Anfang Hannibals Tapferkeit (fortissimus) und Leistung (multis
variisque perfunctus laboribus) zusammenfassend hervor und am Ende in einer
betonten Gegenüberstellung Hannibals literarische Tätigkeit. Dazwischen wird
sein Todesjahr diskutiert  – die Angabe »im siebzigsten Lebensjahr« entspricht
ja nur einer weit verbreiteten antiken Auffassung über den Zeitpunkt, wann ein
Mensch sein Leben erfüllt habe.
§ 2 wiederholt dann die würdigende allgemeine Charakterisierung des Kapitel-
beginns, ist aber sogleich demonstrativ und dadurch viel konkreter: hic tantus vir
tantisque bellis districtus … Der Ton wird durch die hinweisenden Formen tantus
und tantis hymnisch. Jetzt erwähnt Nepos, was ihn als Schriftsteller besonders
beeindruckt: Der große Feldherr fand auch Zeit für literarische Tätigkeit, offen-
bar für Kriegsberichte. Wie bei Sallust (Catilinae coniuratio 3,1–2) scheint die
Notwendigkeit zu bestehen, literarische Tätigkeit als eines großen Mannes wür-
dig zu erweisen. Dass nicht nur römische Politiker und Feldherren literarisch tä-
tig sind, sondern sogar ein Punier, mag Römer erst recht überrascht haben.

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Die einzige Schrift Hannibals, die Nepos namentlich nennt, ist allerdings die
Schrift an die Rhodier über die Taten des Gnaeus Manlius Volso in (Klein-)Asien.
Gnaeus Manlius Volso hatte 189 v. Chr. als Konsul die Gallier in Kleinasien be-
siegt – in einem Krieg ohne Auftrag mit der Absicht, große Beute zu machen. 188
v. Chr. hatte er als Legat den Friedensvertrag zwischen Antiochus und Rom ge-
schlossen. Dass die Schrift an die einflussreiche Seemacht Rhodos gerichtet ist,
lässt Hannibals Bemühen ahnen, eine Allianz gegen das Machtstreben der Römer
zu begründen. Er nutzte also die Ergebnisse seiner geistigen Auseinandersetzung
mit Kriegführung und Politik der gehassten Römer zur politischen Argumenta-
tion oder Agitation, ein Zeichen seiner Klugheit. Auch die Schriftstellerei Hanni-
bals stand somit im Dienst seiner Aggression.
Trotzdem wird am Schluss der Feldherr und Römergegner von einem Römer ver-
söhnlich und wie oft vorher mit Anerkennung geschildert. Eine Verur teilung
oder eine Bestätigung von Vorurteilen werden erschwert. Sogar einen persön-
lichen Bezug stellt Nepos her. Er widmet Hannibals Griechischlehrer und li-
terarischem Vorbild Sosylus, der auch für den Autor Nepos eine Quelle bildet,
das letzte Wort der eigentlichen Biographie. Sosylus aus Sparta schrieb eine Ge-
schichte Hannibals; daraus ist auf Papyrus die Darstellung einer Seeschlacht
zwischen Römern und Puniern erhalten. Die Werke des Silenus über Sizilien
(Sikeliká) und Hannibals Alpenübergang sind verloren gegangen.
Damit schafft das Schlusskapitel, wenn auch etwas gesucht, eine Abrundung,
die auf den Anfang der Biographie zurückgreift und wiederum die Klugheit des
Feldherrn schildert, das Negative, nämlich den Hass, weglässt. Formal bekommt
so die Biographie einen symmetrischen Aufbau. Die sich entsprechenden Kapitel
sagen dabei nicht genau dasselbe, sondern variieren das Thema prudentia.

2. Texterschließung

Sie entfällt bei der Behandlung von c. 13.

3. Arbeitsaufträge zu Hannibal c. 13 und zur Gesamtbetrachtung

1. Gliedere das Kapitel 13.


§ 1: Tod Hannibals, Zeitbestimmung, Quellendiskussion. – § 2: Der bedeutende
Feldherr war auch Schriftsteller und schrieb Bücher auf Griechisch. – § 3: Um-
gekehrt schreiben viele andere über seine Feldherrnleistungen. Der Autor Sosylus
war sogar Hannibals Griechischlehrer.

2. Werte Inhalt und Form des ersten Satzes aus.


Der ganze Satz ist ein Hauptsatz ohne Gliedsätze. Hannibals Name fehlt. Han-
nibal wird durch seine Leistung und Stellung (vir fortissimus) und seine rastlose
Tätigkeit (variisque perfunctus laboribus) beschrieben. Dann wird das Todesjahr

Hannibal c. 13: Hannibals literarische Bedeutung 93

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genannt. Der erste Satz mutet daher trotz fehlender Namensnennung wie eine
Grabinschrift an.

3. Was bringt c.13 grundsätzlich Neues gegenüber den Kapiteln 1–12?


Die literarische und sprachliche Bildung Hannibals, seine literarische Ausbil-
dung im Gegensatz zur militärischen, die in c. 2 angedeutet wurde. So wirkt das
Charakteristikum prudentia (1,1) noch mehr.

4 a) Prüfe die Gliederung der Hannibal-Biographie (→ Einleitung 4). b) In welchem


Kapitel wird die entscheidende Wende in Hannibals Lebenslauf geschildert? Zeige
die zentrale Stellung dieses Kapitels.
Siehe die Interpretation zu c. 7, besonders zu Arbeitsauftrag 3, sowie die Gliede-
rung in der Textausgabe, Einleitung 4, S. 11.

4 c) Warum hat Nepos seine Hannibalbiographie nicht mit dem wirkungsvollen


c. 12, sondern mit c. 13 beendet? Berücksichtige die Gliederung (→ Einleitung 4)
und die Informationen über die die Zeit des Nepos (→ Einleitung 5).
c. 13 ist schon formal notwendig, damit sich die Klappsymmetrie einstellt. Aber
die Form hat ein inhaltliches Ziel. Hannibals prudentia ist Thema in c. 1 und
in c. 13. Der Autor hat Hannibal als unüberwindlich dargestellt, dass er unter-
liegt, hat als Ursachen den Gesamtwillen des römischen Volkes, die Uneinigkeit
der Karthager, den Affekt des Hasses bei Hannibal. Die Aufwertung Hannibals
vom Monster und Hassgegner zu einem strategischen Vorbild schließt ein, dass
er auch als zivilisierter und gebildeter Mann anerkannt wird. Hannibal erfüllt
alle Kriterien eines Römers und eines römischen Autors: Lebenspraxis, Kriegs-
praxis, Beherrschung der griechischen Sprache, literarische Tätigkeit, sozusa-
gen als otium cum dignitate. Hannibal war wie Caesar Stratege und Schriftsteller.

4 d) Inwiefern sind schon in c.1 der Hannibalbiographie die wesentlichen Merk-


male von Hannibals Leben formuliert?
– prudentia (1,1): Sie wird in 9; 11,7; 12,3 (…sic aedificarat, ut …, scilicet verens …)
weiter beleuchtet.
– semper discessit superior (1,2): Vgl. 8,4b (… fuit superior); 13,1.
– domi civium suorum invidia debilitatus, multorum obtrectatio devicit unius
virtutem (1,2): Vgl. c. 2–6; c. 7 (§ 5: pari diligentia); 8,4; c. 9 (§ 2: providisset);
11,7; 12,5; evtl. 2,6.
– odium paternum erga Romanos sic conservavit, ut prius animam quam id depo-
suerit (1,3): Vgl. c. 2 ganz; 7,6; 8,2; 10,1–3;12,2–5.
– numquam destiterit animo bellare cum Romanis (1,3): Vgl. 6,2; 6,4 Ende (novis
dilectibus paucis diebus multos contraxit); 7,1 (nihilo setius …); 7,5 (pari diligen-
tia … ac fuerat in bello); 8,1 (si forte … inducere posset, … ut cum exercitibus in
Italiam proficisceretur); 12,5b (quam ne alieno arbitrio dimitteret …).

94 Interpretationen und Unterrichtsvorschläge

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Livius über Hannibal

Text: Ausgabe S. 44–45


Arbeitsaufträge und Begleittexte: Ausgabe S. 64–65

Hinweise zu den Arbeitsaufträgen zu »Livius über Hannibal«

1. Zeige in der Hannibalbiographie des Nepos Beispiele für folgende von Livius ge-
nannten Charakterzüge Hannibals:
(a) plurimum audaciae ad pericula capessenda: vgl. Hannibal c. 4. – (b) plurimum
consilii inter ipsa pericula: vgl. c. 5 und 10. – (c) nullo labore corpus fatigari pote-
rat: vgl. c. 6. – (d) nullo labore animus vinci poterat: vgl. c. 4,3 und c. 5. – (e) per-
fidia plus quam Punica: vgl. c. 6,2. – (f) nihil veri, nihil sancti: vgl. c. 9.

2 a) Vgl. die Charakterisierung Hannibals durch Livius mit der, die Nepos in c.1 gibt.

Livius Nepos
direkte Charakterisierung vor allem indirekte Charakterisierung,
stellt den gesamten Charakter dar hebt vor allem virtus und odium hervor,
berücksichtigt auch die Fehler, nennt außer dem odium keinen Fehler,
hat Vorurteile gibt sich ziemlich vorurteilsfrei

2 b) Wo spricht Livius römische Vorurteile an?


Mit dem Hinweis auf perfidia plus quam Punica und auf nulla religio nennt Livius
Vorurteile, die insbesondere gegen die Karthager gerichtet sind. Auch die ande-
ren Fehler Hannibals lassen sich, z. B. durch Vergleich damit, wie Caesar seine
Kriegsgegner darstellt, als »typisch« kennzeichnen. Nepos ist hingegen weitge-
hend neutral, entweder aus Bewunderung für seinen Helden oder in der Absicht,
das Vorgehen der Römer zu begründen.

2 c) Prüfe die Hannibalbiographie des Nepos darauf, ob auch er solche Vorurteile


zeigt.
Nepos ist, wie seine Hannibalbiographie von c. 1 an zeigt, vom Gegenstand seiner
Biographie beeindruckt. Von den intellektuellen Fähigkeiten und von der Energie
her müsste Hannibal eigentlich ein Römer sein. Dass er gegen die Römer arbeitet,
liegt an einer unrömischen Affektivität, die er nicht beherrschen kann: seinem
unversöhnlichen Hass; dieser wird als Prägung aus der Kindheit dargestellt (c. 2).

2 d) Erstelle zum Abschluss gegebenenfalls neue Charakter- / Sympathiekurven zu


Hannibal und zum Verhalten Roms und seiner politischen Führer. Berücksichtige
auch Einleitung 3 (Livius, Polybios).

Livius über Hannibal 95

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Freie Bearbeitung. Für Hannibal sind bei Berücksichtigung der Ergebnisse der
Lektüre und der Vergleiche zu erwarten:
– »gar nicht« bei: »brutal«, eventuell bei »grausam«;
– »wenig« bei: »gerecht« (denn er schließt ja einen Vertrag in unehrlicher Gesin-
nung 6,2);
– »mittel« bei: »ungerecht«, »gewalttätig«, »freundlich«, »Rückhalt in der Bevöl-
kerung« (zu diesen Gesichtspunkten bietet die Vita gegensätzliche Aspekte);
– »stark« bei: »intelligent«, »gebildet«, »psychisch geschädigt«.

Der Film von 1937/39 verschiebt das Bild ins Negative; ihm zufolge müssten das
Prädikat »stark« die Eigenschaften »ungerecht«, »gewalttätig«, »grausam« er-
halten. – Der Film von 1960 verschiebt das Bild ins Positive; ihm zufolge müss-
ten das Prädikat »stark« die Eigenschaften »gerecht«, »intelligent«, »freundlich«,
»gebildet« erhalten.
Für die Römer sind zu erwarten: hart, auf Vertragstreue beharrend, sich formal
absichernd, konsequent, ihrem Staat und ihrer Machtvorstellung dienend. Der
Film von 1937/39 zeigt sie als gerecht, aufopferungsvoll, von der Idee einer ge-
rechten Herrschaft begeistert. Der Film von 1960 stellt die Römer als von Riva-
lität zerstritten und sehr oft als grausam und hinterhältig dar.

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