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Schattenseiten des technischen Fortschritts

Als die Gemeinde Schiffbek 1909 mit der Provinzial-Chausseeverwaltung in Verhandlungen über die
Übernahme der Hamburger Straße (heute: Billstedter Hauptstraße) stand, befand sich diese in einem
ausgesprochen schlechten Zustand. Der Grund hierfür war vor allem der aufkommende
Automobilverkehr. Bei den 150 bzw. 300 Fuhrwerken, die im November 1904 an einem Tag auf der
Möllnerlandstraße und der Hamburgerstraße gezählt worden waren, hatte es sich vermutlich noch
überwiegend um Pferdegespanne gehandelt. 1906 heißt es dann im "Lokal-Anzeiger", daß aufgrund der
"durch den gesteigerten Automobilverkehr hervorgerufenen Unsicherheit ... auch der Straßendamm
nicht mehr ohne Gefahr passierbar (sei)", und 1907 werden Klagen laut über das "Automobilisten-
Unwesen". Als besonders lästig empfand man es, daß sich viele Fahrzeugführer nicht an die zulässige
Höchstgeschwindigkeit hielten. Ganz in diesem Sinne gab die Gemeindevertretung am 22. Oktober 1912
"dem Bedauern Ausdruck (...), daß die Fahrgeschwindigkeit für Automobile in geschlossenen
Ortschaften von 15 auf 25 Kilometer erhöht worden sei, trotzdem schon bisher allerorten über die
durch schnelles Fahren in den Ortschaften entstehende Belästigung und Lebensgefahr für die
Passanten geklagt werde." Zu diesem Zeitpunkt hatte Schiffbek bereits seinen ersten Verkehrstoten zu
beklagen gehabt, und mit der Einrichtung des Spielplatzes an der Möllnerlandstraße hatte die Gemeinde
versucht, den Gefahren zu begegnen, die durch den Straßenverkehr insbesondere für die Kinder und
Jugendlichen entstanden waren. Doch es war nicht nur die Fahrgeschwindigkeit, die von den
Einwohnern als unangenehm empfunden wurde. Hinzu kamen noch die Rauchbelästigung, die von den
Fahrzeugen ausging, und der Staub, den sie aufwirbelten. Letzterem versuchte die Gemeinde im Jahre
1914 durch die Anschaffung eines Sprengwagens zu begegnen. Mit ihm sollte regelmäßig die Fahrbahn
befeuchtet und so die Staubentwicklung eingedämmt werden.
Weitaus größere Kosten entstanden der Gemeinde allerdings durch die von ihr zu tragende
Instandhaltung der Straßen, die sich ab 1910 auch auf die Hamburgerstraße erstreckte. Insbesondere die
Lastkraftwagen des Kirchsteinbeker Kalksandsteinwerks setzten ihnen schwer zu. Die Möllnerlandstraße
mußte schon 1912, also nur 5 Jahre nach ihrem Ausbau, saniert werden. Neben den Straßen und den
Gemeindefinanzen litten aber auch die Einwohner Schiffbeks unter den schweren LKWs. So wandte sich
der "Bürgerverein" im Jahre 1913 mit einer Eingabe an den Bundesrat, in der er gleichfalls Klage führte
über "die Erschütterungen, welche in den Häusern verursacht würden und dort Beschädigungen
anrichteten, und das nerverschütternde Geräusch, welches die ohne Gummibereifung fahrenden
Anhänger verursachten." Vielfach kam es vor, daß sich in Wohnungen, die häufig von den LKWs
passiert wurden, der Putz von den Wänden löste oder der Stuck von der Decke fiel. In den
Klassenräumen, die an der Möllnerlandstraße lagen, wurde der Unterricht durch die LKWs "recht oft in
erheblichem Maße gestört." Offenbar hatte der "Bürgerverein" mit seinem Vorgehen Erfolg, denn
erfreulicherweise wurden die Anhänger des Kalksandsteinwerks schon im folgenden Jahr mit
Gummireifen versehen.
Noch schwerwiegender waren die Belästigungen, die von der Industrie ausgingen. Daß es nicht
übertrieben war, diese als "Giftplage" zu bezeichnen, zeigen die beiden folgenden Schilderungen: "Man
betrachte sich an den Hängen der Bille die Vegetation, und man kann sehen, welch trauriges Bild der
Verwüstung sich zeigt. Sträucher und Bäume stehen kahl und sind dem sicheren Absterben verfallen.
Abends senkt sich undurchdringlicher, widerlich riechender, die Schleimhäute reizender Nebel aus der
Zinkhütte und dem Metallwalzwerk über Schiffbeks Flora, sodaß ernstliche pekuniäre Beeinträchtigung
der Grundeigentümer, wie auch große, gesundheitliche Schädigungen der Einwohnerschaft Schiffbeks
eintreten. Es ist unmöglich, des Nachts die Fenster offen zu halten." War dies im Juli 1910 im "Lokal-
Anzeiger" abgedruckt worden, so klagte ein Einwohner Schiffbeks im November 1909 bei der
Regierung in Schleswig unter anderem wie folgt: "(...), ja man kann den Verstand verlieren, man wird
arbeitsunfähig, Haar und Barthaar sterben aus, ich als Zahntechniker kann meinen Beruf nicht mehr
ausführen, ich habe schon flüchten müssen, um eine gesunde Luft zu genießen, (...) Ich kam vor 4
Jahren als stark gesunder Mensch nach Schiffbek und wo sind heute meine Gesundheit und Kräfte?
Die giftige Dunsthülle hat sie mir geraubt. Eine Frau sagte früher zu mir, man fühlt sich so elend, daß
man umfallen kann. Wie vielen Menschen ist wohl das Leben schon in Schiffbek geraubt?"
Erstmals war die "zunehmende Rauchbelästigung Schiffbeks durch die Billwärder Fabriken" im April
1908 in der Gemeindevertretersitzung zum Thema gemacht worden. Schon damals hatte man in dem
Metallwalzwerk und der Zinkhütte die Hauptverursacher gesehen. Im Herbst 1909 rief dann die
bevorstehende Einrichtung der Degrás-Fabrik von Gustav Schuseil & Co. die Gemeindevertretung auf
dem Plan. Anstoß nahm sie vor allem daran, daß "die Gase und Ausdünstungen der mit Tran und
anderen übelriechenden Fetten arbeitenden Fabrik in einen 15 Meter hohen Schornstein geleitet
werden (sollen)" und daß "bei Belästigungen der Bewohner die Fabrik gezwungen sein (soll), innerhalb
2 Monaten Aenderungen vorzunehmen." Zum einen hielt man einen solchen Schornsteins für "gerade
hoch genug, um über die Billwärder Häuser hinweg den Rauch nach Schiffbek hineinzuleiten", zum
anderen bezweifelte man, daß sich mit einer derartigen Regelung wirklich Abhilfe schaffen ließe.
Als die Schuhputzmittelfabrik dann im folgenden Sommer tatsächlich einen Gestank verbreitete "wie
man ihn sich durchdringender und widerlicher kaum vorstellen kann", war es mit der Geduld der
Einwohnerschaft Schiffbeks vorbei. Anfang August 1910 schrieb der "Lokal-Anzeiger": "Wenn bei der
weiteren Besiedelung des Billwärder Industrieterrains in derselben Weise Fabriken mit
gesundheitsschädlichen Betrieben in der unmittelbaren Nähe dicht bewohnter Ortschaften errichtet
werden sollen, dann muß wirklich einmal energischer gegen solche Rücksichtslosigkeit vorgegangen
werden und sei es bis zum Ministerium oder - uns graut vor der Zukunft Schiffbeks!" Aber auch die
Belästigungen, die von den in Schiffbek ansässigen Fabriken ausgingen, mochte man nicht mehr
hinnehmen: Zu dem Ärger über das langanhaltende nächtliche Tuten der "Jute", der sich bereits im Mai
1910 einmal Luft gemacht hatte, kam nun die Klage über den roten Staub hinzu, der von der
Farbholzmühle stammte und "der nicht nur die Wäsche beschmutzt, sondern sich auch an den Häusern
festsetzt, sodaß diese verunziert werden."
Die Schiffbeker Gemeindevertretung hatte schon im Herbst 1909 angesichts der bevorstehenden
Einrichtung der Degrás-Fabrik erwogen, den Hamburger Staat verantwortlich zu machen "für solche
Wertminderungen hiesiger Grundstücke, die durch schädliche Ausdünstungen der Billwärder Fabriken
entstehen." Und sie hatte ihren Worten Taten folgen lassen, denn im Januar des folgenden Jahres konnte
in der Gesundheitskommission ein Schreiben der Landherrenschaft Marschlande verlesen werden, in
dem diese erklärte, "daß behördlicherseits gegen das Walzwerk in Billwärder nicht eingeschritten
werden könne, da sich der Betrieb noch im Rahmen der s.Zt. erteilten Konzession bewege. Eventuell
müsse gegen den Besitzer des Walzwerks im Wege der Privatklage vorgegangen werden. Es seien
jedoch Verhandlungen mit dem Eigentümer des Walzwerks angeknüpft, um Vorkehrungen zur
Beseitigung der Rauchbelästigung zu treffen. Die Fabrik habe sich auch bereit erklärt, probeweise eine
Generatorfeuerung einzurichten." Weiter wurde mitgeteilt, "daß nach Abschluß eingehender Versuche
die Oefen der Zinkhütte mit Entstaubungskammern versehen würden. Versuche sollen ein günstiges
Resultat ergeben haben, sodaß sich möglicherweise die bisher unerträglichen Belästigungen durch
Rauch und schädliche Ausdünstungen seitens einiger Billwärder Fabriken auf ein erträgliches Maß
zurückbringen lassen." Es gab also durchaus ein Entgegenkommen der Industrie, auch ohne daß
Rechtsmittel bestanden, durch die man sie hätte zwingen können. Der Einwohnerschaft Schiffbeks ging
es wohl vor allem mit den baulichen Maßnahmen nur nicht schnell genug, was angesichts der eingangs
geschilderten Zustände nur zu gut zu verstehen ist.
Mitte 1910 wurde die neue Entstaubungsanlage, die von der Hamburger Gewerbeaufsicht hoch gelobt,
im Dezember 1910 vom Hamburger Chemiker-Verein besichtigt und 1911 auf der "Hygienischen
Ausstellung" in Dresden im Modell vorgeführt wurde, dann in Betrieb genommen. Und im Frühjahr l914
ließ das Unternehmen neue Schornsteine auf seinen Schmelzöfen errichten, die durchweg 10 Meter
höher geführt wurden als die alten. Das Metallwalzwerk hatte bis zu diesem Zeitpunkt die
Rauchbelästigungen "ganz erheblich herabgemindert" durch die Errichtung eines über 100 Meter hohen
Zentralschornsteins, die bereits Ende 1911 von seinem Betreiber angekündigt worden war. Und auch bei
der Degràs-Fabrik hatten die Beschwerden schon bald eine durchgreifende Änderung zur Folge gehabt:
Im April 1911 konnte der "Lokal-Anzeiger" über sie folgendes berichten: "Seit einigen Wochen verspürt
man von dort her "nicht einen Hauch". Wie wir hören, sind bei dieser erst im vorigen Jahre neu
eingerichteten Fabrik die Vorschriften seitens der Gewerbeinspektion derartig verschärft worden, daß
eine fernere Belästigung durch Trangestank voraussichtlich zu den Unmöglichkeiten wird." Als dann im
Mai 1914 doch noch einmal ein widerlicher Gestank von der Degrásfabrik ausging, traf kurz darauf bei
der Redaktion des "Lokal-Anzeigers" ein Schreiben ein, in dem der Besitzer des Unternehmens mitteilte,
daß "er zu der kritischen Zeit vor einigen Wochen Tran von stinkender Beschaffenheit erhalten (habe).
Er habe jetzt jedoch Vorsorge getroffen, daß solche Ware nicht wieder in die Fabrik gelange und daß es
ausgeschlossen sei, daß ähnliche Geruchsbelästigungen wieder stattfinden."