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Whitley, R.

(2000): The Degree of Mutual Dependence Between Scientists and the


Organization of Scientific Fields. S. 81-118 in: The Intellectual and Social Organization
of the Sciences. Oxford: OUP.

Whitley widmet sich im dritten Kapitel des Buches der Abhängigkeit von Wissenschaftlern in
Wissenschaftsfelder und den daraus resultierenden Implikationen für die
Forschungsorganisation und -planung. Er geht dabei von seiner in den vorherigen Kapiteln
ausgearbeiteten Definition von Wissenschaftsfeldern aus, die diese als strukturgebende
Ordnungssysteme definiert, welche die Produktion von Innovation durch den nationalen und
internationalen Wettbewerb um wissenschaftliche Reputation kontrollieren, um somit dem
kollektiven Interesse dienen zu können. Grundlegend ist dabei seine Unterscheidung von
funktionaler und strategischer Abhängigkeit der Wissenschaftler von bestimmten
Wissenschaftsfeldern. Erstere bezieht sich auf die Notwendigkeit, eigene
Forschungspraktiken mit dem bestehenden Wissensstand abzustimmen, woraus sich ein hoher
Grad an Standardisierung, Spezialisierungen der Wissenschaftler, verbesserte
Anknüpfungsfähigkeit an die bestehende Forschung sowie eine Formalisierung der
Kommunikationsysteme ergeben. Strategische Abhängigkeit hingegen beschreibt die
Notwendigkeit, andere Wissenschaftler desselben Feldes von der Bedeutung der eigenen
Forschung für das kollektive Interesse überzeugen zu müssen. Strategische Abhängigkeit
verstärkt durch die Diskussion über die Relevanz wissenschaftlicher Probleme den
Konkurrenzdruck um die Dominanz im Feld.

Auch wenn Wissenschaftsfelder stets von beiden Abhängigkeiten geprägt sind, bestehen
hinsichtlich der Ausprägungen Variationen: Sind sowohl strategische als auch funktionale
Abhängigkeit nur gering ausgeprägt, besteht das Feld aus Akteuren mit wenigen
Verbindungen untereinander, mannigfaltigen Zielsetzungen und unterschiedlichsten
Verfahren. Durch die kaum vorhandene Arbeitsteilung sind Koordinationsprobleme nicht
vermeidbar. Als Beispiel nennt Whitley die Management Studies im angelsächsischen Raum
nach 1960. Ist nur die funktionale Abhängigkeit stark ausgeprägt, sind spezialisierte Gruppen
mit ausdifferenzierten Zielsetzungen vorzufinden. Kooperationen werden wichtiger während
jedoch kein Kampf um die Anerkennung der Relevanz von Forschungsgebieten stattfindet.
Beispiel ist die Chemieindustrie des 20. Jahrhunderts. Als Beispiel für sowohl hohe
funktionale als auch strategische Abhängigkeiten nennt Whitley das Wissenschaftsfeld der
Physik im 20. Jahrhunderts. Von der zuvor genannten Konstellation unterscheidet sich diese
nur durch den vorhandenen Wettbewerb und die Konkurrenz um Anerkennung im Feld. Bei
ausschließlich hoher strategischer Abhängigkeit sind eng miteinander verbundene
Forschungsschulen auszumachen, die spezifische Zielsetzungen verfolgen. Innerhalb der
Schulen lassen sich ausgeprägte Koordinationsstrukturen ausmachen, zwischen den Schulen
hingen bestehen diese kaum. Der Konkurrenzdruck im Feld ist immens. Als Beispiel wird die
deutsche Philosophie und Psychologie vor 1933 genannt.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass Veränderungen der wechselseitigen


Abhängigkeitsbeziehungen zu einem Wandel des kollektiven Selbstverständnisses der
Wissenschaftsfelder führen. Dies betrifft sowohl die Intensität des Konkurrenzdrucks, die
lokale und individuelle (Un-)abhängigkeit von kollektiven Zielen, sowie die Ausgestaltung
und den Grad der Standardisierung von Kommunikationssystemen. Wissenschaftsfelder sind
dazu in der Lage, Arbeitsstandards zu kontrollieren und Zielsetzungen festzulegen. Durch die
Zentralisierung von Forschungsmitteln wird die gegenseitige Abhängigkeit bestärkt.
Abhängigkeiten können jedoch durch die Heterogenität der Rezipienten von
Forschungsergebnissen aufgelöst werden, da so auch außerhalb von Wissenschaftsfeldern
Reputation zu finden ist.

Ähnlich wie die Studien von Kölbel (2002), Bornmann und Mutz (2015), Wuchty et al.
(2007) und Wuchty et al. (2008) lassen sich aus der Beschreibung der Konstitution von
Abhängigkeiten in Wissenschaftsfeldern relevante forschungspraktische Implikation ableiten.
Angehende Wissenschaftler jeglicher Disziplin erhalten Anhaltspunkte über Abhängigkeiten
im Feld, die nicht nur über den Zustand des jeweiligen Wissenschaftsfeld Auskunft geben,
sondern darüber hinaus die Anknüpfungsfähigkeit der eigenen Forschung erhöhen können.
Die Erkenntnis darüber, wie die Abhängigkeiten im eigenen wissenschaftlichen Feld gestaltet
sind, kann dabei auch entscheidend sein für die individuelle wissenschaftliche Karriere.

1. Wie gestalten sich Abhängigkeiten in verschiedenen Sektionen der Soziologie? Lässt


sich etwa in der Organisationssoziologie ein erhöhtes Maß an funktionaler oder
strategischer Abhängigkeit feststellen?
2. Ist es richtig anzunehmen, dass der Großteil der heutigen Wissenschaftsfelder starken
strategischen wechselseitigen Abhängigkeiten ausgesetzt ist, da der Konkurrenzdruck
so immens ist?
3. Hat die von Kölbel (2002) gezeigte Sättigung des Wissenschaftssystems Folgen für
die Ausgestaltung von Wissenschaftsfeldern und den Abhängigkeiten der
Wissenschaftler in diesen? Oder ist die Sättigung vielmehr als Konsequenz zu starker
Abhängigkeiten zu verstehen?