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Christian Gülich

Die Durkheim-Schule und der


französische Solidarismus
Christian Gülich

Die Durkheim-Schule
und der franzisische
Solidarismus

~ Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH


ClP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Gülich, Christian:
Die Durkheim-Schule und der französische Solidarismus I
Christion GÜlich.
(DUV : Sozialwissenschaft)
Zugl.: Bielefeld, Univ., Diss., 1987
ISBN 978-3-8244-4059-7 ISBN 978-3-663-14643-8 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-14643-8

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1991


Ursprünglich erschienen bei Deutscher Universitäts-Verlag GmbH, Wiesbaden 1991

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ISBN 978-3-8244-4059-7
INHAL TSVERZEICHNIS

Vorwort ..•.•...•.•...•..•......•...........•..•.••..............•...............•.• IX

Einleitung •.......•......•.•.•....•.•..•.•.......•...........•..•..••.••.••.•......

I. Durkheims Analyse der "anormalen" Formen der Ar-


beitsteilung und ihrer krisenhaften gesellschaftlichen
Auswirkungen ...............•........•....••...•..•••...•...•.........••.•.•• 9

11. Die Bewegung des Solidarismus während der Dritten


Republik und die Grundlagen der "sozialen Demokratie". 21

1. Der historische Bedeutungswandel des Begriffs der


Solidarität ...•..•.••.••••.•.••.•.•••.•••.•.•••.•.••.•••••.••••••••••.••.•.• 22

2. Die Moralphilosophie der Solidarität von Leon


Bourgeois .•...•...•..•....•.•..•.•.••.....••.•.•.......•....•••.•••.•....•• 28
2.1. Solidarität als Interdependenz ............................. 28
2.2. Solidarität als Moral.......................................... 32
2.3. Der Quasi-Assoziationsvertrag und die mutuali-
stische Organisation ............................................ 38
2.4. Bourgeois und Durkheim ...................................... 50

3. Der ökonomische Solidarismus: Sozialpolitik und So-


zialökonomie ••••••••..•••••••••••••••••.••••••••.••••••••••.••••••••••.••• 58
3.1. Die Sozialpolitik des Solidarismus •.•••.•.•••••••••.••.••• 58
3.1.1. Die Tradition des "Societes de Secours
Mutuels" .•.•.••.••..•••••••••••••••••••••••••••••••••••.••• 58
3.1.2. Die solidaristische Sozial gesetzgebung ••..•••• 61
3.2. Die Sozialökonomie des Solidarismus .•.•.•.•.•.•••••..• 66
3.2.1. ~ie As~ozi~tionvon Kapital und Arbeit
Im KapltalJsmus ....................................... 68
3.2.2. Die vollständige Assoziation von Kapital
und Arbeit in der Wirtschaftsdemokratie ••. 73
3.3. Die Ablehnung des kollektivistischen Sozialismus.. 81
3.4. Die Annäherung an den reformistischen Sozialis-
mus ..•.•..•••••.•.•.•.••..•••••.••.•••.•..•••..••••..••••..•.••.•..••.• 90

4. Das Ziel der "sozialen Demokratie": Die historische


Rolle des Solidarismus ............................................... 98
VI
4.1. Die historischen Grundlagen des ökonomischen
Solidarismus ••• :.................................................... 99
4.2. Die strukturellen und politischen Bedingungen
für die Durchsetzung des Solidarismus ..•....•...•...•. 102
4.2.1. Die Wirtschafts- und Sozialstruktur in
Frankreich vor 1914................................... 102
4.2.2. Die gesamtpolitische Konstellation in
Frankreich von 1898 bis 1914 .....•.•.••..••.•... 105
4.3. Das Ende des Solidarismus und die Kontinuität
des Zieles der "sozialen Demokratie" .•..•..•..•......• 109

5. Die Durkheim-Schule zwischen Politik und Wissen-


schaft ..•..••.••..•..••.•...•..•..•.•.•.•...•..•.••.....•..•.•.......•....•.•. 115
5.1. Die politischen Implikationen der Soziologie der
Durkheim-Schule vor 1914................................... 115
5.2. Die besondere Position von Celestin Bougie in-
nerhalb der Durkheim-Schule ...•....•.•.•.....•...••...... 123

III. Die sozialwissenschaftliche Fundierung des Solidarismus


durch C@!lestin Bougl@! .... ... ..... ................ ..... .... ....... ... ...... I 34

I. Die Präzisierung der solidaristischen Doktrin ...•.••..•..•. 134


1.1. Die wissenschaftliche Fundierung des Solida-
rismus .•.•.•.•••.•••••••..•••.•..•.•..•.•.••.....•.•...•...•.••..•.... 135
1.2. Die Reformulierung der These von der "sozialen
Schuld" .••..•••••••.•.•.••..•.•..••.••..•••.•..•.•...•.•.......•..... 136
1.3. Die solidaristische Kritik an Rousseaus "Ge-
sellschaftsvertrag" ..•...••...•••..••.•.....•.•..•.••....••..•.•. 140

2. Sozialökonomische Maßnahmen und Ziele ....•.•..•.•...••... 146


2.1. Die ~eschränkung des Eigentumsrechtes .•.....•.....• 146
2.2. Produktion, Einkommen und Konsum in der
"Arbeitsgesellschaft" •.•..••.•.•.•.••...•.•..••....•...••.•..•. 153
2.2.1. Arbeit und Produktion •.•.•.•.•••.....•..•.•.•..••.... 154
2.2.2. Arbeit und Einkommen ..••..•.•.••..••.•.•.••.•..•.. 162
2.2.3. Arbeit und Konsum ................................... 170
2.3. Gewerkschaften zwischen Partikularinteresse und
"Allgemeinwohl" .•.•...•................•.......•.........•...... 177
2.3.1. Die Ablehnung des "revolutionären Syndi-
kalismus" in der CGT vor 1914.................. 178
2.3.2. Die Debatte um das "Wirtschaftsparla-
ment" in der Zwischenkriegszeit ................ 182
2.3.3. Gewerkschaften und Genossenschaften ....... 186
VII

2.4. Begründung und Begrenzung des Staatsinter-


ventionismus ........................................................ 193
2.4.1. Die Begründung des Staatsinterventionis-
mus durch die Frühsozialisten .................... 193
2.4.2. Die Begrenzung des Staatsinterventionis-
mus durch die "intermediären ökonomi-
schen Assoziationen" ................................. 196
2.4.3. Praktische Ziele des solidaristischen
Staatsinterventionismus .............................. 20 I
2.5. Die Kritik an den ökonomischen und sozialen
Konsequenzen der uneingeschränkten Konkurrenz.. 204

3. Individualismus und Egalitarismus ............................... 211


3.1. Die morphologische Analyse der Sozialstruktur..... 212
3.2. Die "Grundwerte" des Individualismus und Egali-
tarismus in der "modernen" Gesellschaft............. 225
3.3. Die soziale Mobilität in der "sozialen" Demo-
kratie ................................................................. 237

4. Der Solidarismus zwischen Theorie und Praxis •..•..•.•.. 244


4.1. Die methodologische Grundposition .•....••....•.•.•.•... 244
4.2. Die Bedeutung der "sozialen Erziehung" .••.......•..• 248
4.3. Der Solidarismus: Eine wissenschaftliche Theorie
oder eine "gesellschaftspolitische Doktrin"? .•..•..• 256
4.3.1. Das Problem der wissenschaftlichen Fun-
dierung des "republikanischen Ideals" •••.••..• 256
4.3.2. Die Bestimmung des Verhältnisses zwi-
schen Politik und Wissenschaft................... 259
4.3.3. Praktischer und wissenschaftlicher Soli-
darismus •.••.•.•.••••••.•••.••••••••••••••••••••••••••.•••.• 264

IV. Das Ideal der "solidarischen" Gesellschaft in histo-


rischer und soziologischer Perspektive .....................•....... 269

Anmerkungen
zur Einleitung 281
zu Kap. I. .......................................................................... 283
zu Kap. I!. •.•..•..•••••••..•.••....•...•.••.•.•.••.•••.•..•..••.•...•.•...•.••.•.•. 284
zu Kap. II!. .••••...••.•..•.•..•.•.••.••..••...•.••.•••.•.•.•.••.•.••••••..••.•...• 308
zu Kap. IV. ...............••.•....•................•.........•.••.....•.•......•... 328

Literaturverzeichnis ............••.....•...................................•... 329

Namenregister...................................................................... 340
VORWORT

Meinen Dank für die Hilfe bei der Erstellung dieses Dissertationsvorha-
bens möchte ich folgenden Einrichtungen und Personen aussprechen:

Ein Forschungsaufenthalt in Paris von April bis September 1984 wurde


mir durch ein Stipendium des "Deutschen Akademischen Austauschdien-
stes" und die anschließende Ausarbeitung des vorliegenden Textes durch
ein Promotionsstipendium der "Studiensti ftung des Deutschen Volkes"
ermöglicht.

In Paris konsultierte ich vor allem Victor Karady und Phi lippe Besnard
am "Maison des Sciences de I'Homme" (in Verbindung mit der "Groupe
d'Etudes Durkheimiennes"), Pierre-Bernard Lecuyer (am "Institut
d'Histoire du Temps Present"), Zdenek Strmiska (am "Centre d' tthno-
logie Sociale et de Psychosociologie" in Montrouge) sowie Christophe
Prochasson ("Agrege d'Histoire").

Die Betreuung der Arbeit in Bielefeld durch alle Phasen lag in den
Händen von Prof. Hansjürgen Daheim. An dieser Stelle möchte ich aber
auch ausdrücklich an Prof. Vatlav Lamser erinnern, der im Rahmen
seines eigenen Forschungsschwerpunktes über die Geschichte der
europäischen Soziologie meine Arbeit anfänglich mitbetreute, aber vor
ihrer endgültigen Fertigstellung nach langer und schwerer Krankheit
starb. Deshalb sei ihm diese Arbeit gewidmet.

Bielefeld, im September 1987 Christi an Gülich


EINLEITUNG

Diese Untersuchung stellt sich in die Reihe der Arbeiten, die seit den
siebziger Jahren von einem verstärkten Interesse an Emile Durkheim
Cl 858-1917) zeugen, der eine der wichtigsten Persönlichkeiten bei der
Gründung der Soziologie in Frankreich um die Jahrhundertwende gewe-
sen ist I). Seine Bedeutung liegt u.a. auch darin, daß es ihm gelungen
ist, einige jüngere Geistes- und Sozialwissenschaftler als ständige Mit-
arbeiter zu gewinnen, die unter seiner Leitung die Fachzeitschrift "An-
nee Sociologique" Cl 898-1913) herausgegeben haben: Celestin Bougie,
Marcel Mauss, FraTlfois Simiand, Maurice Halbwachs, Paul Fauconnet
u.a. Sie bilden die Durkheim-Schule, denn sie versuchen auch in der
Zwischenkriegszeit seinen soziologischen Ansatz durch eigene empirische
Forschungen und Theoriebildungen wei~erzuentwickeln.

Speziell in der deutschen Rezeption der Durkheim-Schule hat man sich


aber fast ausschließlich auf Durkheim selbst konzentriert, so daß das
Werk seiner "Schüler" bis jetzt kaum übersetzt und theoretisch aufge-
arbeitet worden ist 2 ). Unsere Arbeit versteht sich deshalb als ein Bei-
trag zur Schließung dieser Lücke. Unser Interesse gil t vor allem Cele-
stin Bougie (1870-1940), der innerhalb der Durkheim-Schule einen be-
sonderen Platz einnimmt. Wie fast alle Mitarbeiter von "Annee Sociolo-
gique" schloß auch er zunächst ein Studium der Philosophie an der
"Ecole Normale Superieure" ab, aber der Übergang zur Soziologie
führte bei ihm nicht zu einem Bruch mit der ursprünglich erlernten
Wissenschaft. Während sich die anderen immer mehr der empirischen
Sozi al forschung widmeten (z.B. Mauss als Ethnologe in außereuropäi-
schen Stammesgesellschaften, Simiand als Wirtschaftssoziologe, Halb-
wachs als Analytiker sozialer Schichtung), gri ff Bougie die Ergebnisse
historischer und empirischer Analysen auf und versuchte, den Zusam-
menhang zwischen geschichtlich-gesellschaftlichen Bedingungen und der
Entwicklung politischer, ökonomischer, sozialer, religiöser u.a. Weltan-
schauungen oder "uoktrinen" zu erklären. Sein soziologisches Fachgebiet
wurde die Verbindung von Sozial- und Ideengeschichte, und hierin liegt
wohl auch die Ursache für den zweiten wichtigen Unterschied zu den
übrigen Durkheim-Schülern: Im Gegensatz zu ihnen engagiert er sich
- 2 -

politisch nicht bei den Reformsozialisten (in der sozialistischen Partei


SFIO um Jean Jaures), sondern bei den Solidaristen (in der Radikalde-
mokratischen Partei um U:on Bourgeois). Um diesen Unterschied bzw.
überhaupt die Bedeutung des praktischen, auch parteipolitischen Enga-
gements der Durkheim-Schüler vor allem vor 1914 (im Unterschied zu
diesem selbst) vorab etwas verständlich zu machen, soll zuerst der
theoretische Hintergrund dargelegt werden.

Die Politik- und Wirtschaftssoziologie der Durkheim-Schule muß u.E.


auch als ein Versuch interpretiert werden, einen "dritten Weg" zwi-
schen dem Klassischen Liberalismus und dem Marxismus für die Lösung
der "sozialen Frage", d.h. des mit der Industrialisierung verbundenen
Arbeiterelends im 19. Jahrhundert (Pauperismus), zu entwerfen. Die
gemeinsame Grundlage wird dabei durch Durkheims makrosoziologische
Konzeption einer funktional differenzierten, hocharbeitsteiligen Indu-
striegesellschaft gebildet, die er zum ersten Mal in "Oe la division du
travail social" (1893) formuliert. Er zeigt dabei nicht nur auf, wie das
Verhältnis zwischen politischer und wirtschaftlicher Ordnung und eine
"gerechte" soziale Schichtung idealtypischerweise gest al tet werden
müßten, sondern er geht auch auf die Ursachen vorhandener krisenhaf-
ter Phänomene ein, die in den sog. "anormalen" Formen der Arbeitstei-
lung liegen. LJie mehr oder weniger manifeste Krisenhaftigkeit der mo-
dernen Industriegesellschaften, deren Ursachen ökonomischer, deren
Auswirkungen aber moralischer Art sind, ist Durkheims zentrale Frage-
stellung, die von seinen "Schülern" aufgegriffen und weiterentwickelt
wird.

Auch wenn diese sich in der Kritik an der bestehenden kapitalistischen


Wirtschaftsordnung einig sind, bleiben aber Unterschiede in bezug auf
die Reichweite der gewünschten Transformationen bestehen. Hierin
liegt die Ursache für ihre Hinwendung entweder zum Solidarismus oder
zum Reformsozialismus. Ziel unserer historisch-soziologischen Analyse
ist es, genau diese Problematik zu verdeutlichen. Historisch geht es
darum, die Durkheim-Schule als Ganzes wie auch einzelne ihrer Mit-
glieder im Spektrum der politischen Strömungen und Parteien im Frank-
reich der Dritten Republik (1870-1940) einzuordnen; im Bereich der so-
ziologischen Theoriebildung soll aufgezeigt werden, wie Durkheims An-
- 3 -

satz von Bougie so weiterentwickel t wird, daß der Solidarismus nicht


nur als eine "gesellschaftspolitische Doktrin" erscheint, sondern ihm
auch die sozialwissenschaftliche Konzeption einer "solidarischen Gesell-
schaft" zu Grunde liegt, auf die für die Begründung konkreter Reform-
maßnahmen zur Veränderung der Wirtschaftsordnung verwiesen werden
kann.

Die sozialwissenschaftliche Fundierung des Solidarismus durch Bougie


steht demnach im Mittelpunkt unserer Arbeit, weshalb es notwendig
ist. schon hier auf folgende begriffliche Unterscheidung aufmerksam zu
machen: Unter "gesellschaftspolitischer Doktrin" verstehen wir die Zu-
sammenfassung politischer, ökonomischer, sozialer und ethisch-kulturel-
ler Konzeptionen zu einer Gesamtkonzeption gesellschaftlicher Ordnung,
welche sich als "wertende" Weltanschauung für die Aufrechterhaltung
oder die Veränderung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse oder
Teilbereiche ausspricht. Es wird dargestell t werden, daß "gesellschafts-
politische [)oktrinen" im Sinne Durkheims als "praktische" Theorien zu
verstehen sind, in die zwar Elemente der wissenschaftlichen Analyse
von gesellschaftlicher Realität miteinfließen, deren wichtigstes Anliegen
aber nicht "Erkenntnis" über, sondern ausgehend von normativen Aussa-
gen "Handeln" i!:l dieser Realität ist.

Wenn Bougie den Versuch unternimmt, den Solidarismus von einer


"praktischen" zu einer "wissenschaftlichen" Theorie weiterzuentwickeln,
dann bedeutet dies nicht, ihn gewissermaßen "wertfrei" zu machen,
sondern im Gegenteil bleiben seine grundsätzlichsten normativen Vor-
stellungen weiterhin gültig. Damit wird aber impliziert, einerseits ihn
von tages- und parteipolitischen Zielen zu trennen und andererseits sei-
ne zentralen Thesen zur Gestaltung der Wirtschafts- und Sozialordnung
aus wissenschaftlicher Empirie und Theoriebildung abzuleiten. Was die
Theoriebildung anbetrifft, so ist Bougies zentraler Ausgangspunkt Durk-
heims Konzeption des "organisierten Gesellschaftstyps" und seiner im
wesentlichen "organischen Solidari tät".

Hieraus ergibt sich auch der inhaltliche Aufbau unserer Arbeit: In Kap.
I. wird Durkheims Konzeption der arbeitsteiligen Industriegesellschaft
dargestellt, wobei wir besonders auf die "anormalen" Formen der Ar-
beitsteilung und die daraus resultierenden, für Individuen und Gesamtge-
- 4 -
sellschaft gleichermaßen negativen Konsequenzen eingehen. Da es hierzu
aber bereits eine umfangreiche Sekundärliteratur gibt 3 ), und dies aus-
serdem nur der theoretische Ausgangspunkt unserer weiteren Analysen
ist, haben wir uns damit begnügt, lediglich die zentrale Begrifflichkeit
zu explizieren, auf die immer wieder zurückgegriffen wird.

In Kap. Ir. wird der historische Kontext analysiert: Unter Bezu~nahme

auf die führenden Persönlichkei ten des Solidarismus (sowohl bei der
Theoriebildung als auch der politischen Praxis) werden seine grundle-
genden ordnungspolitischen Konzeptionen in den Bereichen der Sozialpo-
litik und Sozialökonomie vorgestellt, mit denen damaliger "liberaler"
und "sozialistischer" Doktrinen verglichen und mögliche Annäherungen
bzw. Gegensätzlichkeiten aufgezeigt. Um die historische Gesamtperspek-
tive abzuschließen, wird sowohl ideengeschichtlich auf die im Laufe des
19. Jahrhunderts in Frankreich zunehmende Bedeutung des Begriffs der
"sozialen Solidarität", als auch auf die Ursachen für den allmählichen
Rückgang des politischen Einflusses des Solidarismus in der Zwischen-
kriegszeit eingegangen. In einer wissenschaftsbiographischen Analyse
werden schließlich die poli tischen Positionen der in unserem Kontext
wichtigsten Mitglieder der Durkheim-Schule verdeutlicht.

In Kap. III. wird Bougies "Synthese" der grundsätzlichen politischen und


ökonomischen Optionen des Solidarismus mit Durkheims makrosoziologi-
schem Ansatz aufgezeigt. Die wichtigsten Punkte dabei sind: Die bisher
unzureichende wissenschaftliche Basis des Solidarismus und die Notwen-
digkeit, ihn sozialwissenschaftlich zu fundieren; hierunter fällt zum ei-
nen die Sozialökonomie mit dem Ziel der Transformation des "Antago-
nismus" in die "Assoziation" von Kapital und Arbeit durch Beschrän-
kungen des Eigentumsrechtes an Produktionsmitteln, eine Redefinition
des Verhältnisses zwischen Produktion, Einkommen und Konsum, die
Rolle von Gewerkschaften und Genossenschaften bei einer "wirtschafts-
demokratischen" Umgestaltung innerbetrieblicher Hierarchien und einen
begrenzten wirtschaftspolitischen Staatsinterventionismusj zum anderen
wird dies durch eine soziologische Theoriebildung geleistet, die nach
den strukturellen und normativen Grundlagen funktional differenzierter,
moderner Gesellschaften fragt, wobei Bougie sich sowohl an Durkheim
als auch an Simmel anlehnt. Schließlich wird darauf eingegangen, wie
- 5 -

in der bereits angedeuteten Art und Weise zwischen dem sozial wissen-
schaftlich fundierten Solidarismus und demjenigen, der in der politi-
schen und sozialen Realität als eine "gesellschaftspolitische Doktrin"
praktische Ziele durchsetzen will, unterschieden werden kann und muß.

Das Kap. IV. handelt zusammenfassend von der idealtypischen Konzep-


tion einer "solidarischen Gesellschaft", so wie sie einerseits von den
Solidaristen (und den Reformsozialisten) während der Dritten Republik
propagiert wird und andererseits in Durkheims These von der Generali-
sierung der "organischen Solidarität" in den modernen Gesellschaften
angelegt ist.

So wie der makrosoziologische Ansatz der Durkheim-Schule schon zur


Zeit seiner Ausformulierung von unterschiedlichen "gesellschaftspoliti-
schen Doktrinen" aufgegriffen worden ist, ist er auch später noch poli-
tisch sehr unterschiedlich interpretiert worden. Um hier Mißverständnis-
sen vorzubeugen, ist es u.E. wichtig, die Autoren aus ihrer Zeit heraus
zu verstehen. Erst wenn deutlich geworden ist, welche Antworten sie
auf die sozioökonomischen Probleme ihrer zeitgenössischen Gesellschaft
gegeben haben, kann gefragt werden, was davon heutzutage noch rele-
vant ist. Diese zweite Fragestellung schließen wir deshalb bewußt aus
unserer Arbeit aus: Diese versteht sich als ein Beitrag im Sinne von
Marcel Mauss, der von Durkheims Vorlesungen über den "Sozialismus"
posthum 1928 gesagt hat, sie seien ein "Modell der Anwendung einer
soziologischen und historischen Methode für die Analyse der Ursachen
einer Idee" (Mauss 1928: 28).

Obwohl dem Solidarismus eine eindeutig historische Bedeutung zu-


kommt, muß gleichzeitig darauf hingewiesen werden, welche der Neu-
erungen, die während der Dritten Republik gerade auch durch seinen
Einfluß erstmals durchgesetzt wurden, bis heute nicht nur in Frankreich
wichtig geblieben sind. Allgemein gilt dies für die Anerkennung des
Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzips in der gesetzlichen Sozialversi-
cherung sowie für die Grundprinzipien der freiwilligen Kooperation zwi-
schen Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften: Tarifautonomie und
Einhaltung der gesetzlichen Regelungen bei Arbeitskämpfen, Mitbestim-
mung, Vermögensbildung und Gewinnbeteiligung in Arbeitnehmerhand,
staatliche Interventionen bei der Bewältigung konjunktureller und/Oder
- 6 -

struktureller Anpassungsprozesse. Was die Wirtschaftspoli tik anbetri fft,


wird hier eine eindeutig "korporatistische" Dimension erkennbar.

Bei dem Bemühen, institutionalisierte Steuerungs- und Konfliktrege-


lungsmechanismen im Bereich der Wirtschaft zu schaffen, ist, was
Frankreich anbelangt, auf eine Institution zu verweisen, die bis heute
eine zentrale Bedeutung besitzt. Die Rede ist von dem "Wirtschafts-
und Sozialrat" , der durch die Fünfte Republik (seit 1958) sogar zu ei-
nem verfassungsmäßigen Organ (Artikel 69-71 der Verfassung) erhoben
worden ist. Er fungiert nicht nur als eine Art wissenschaftlicher Beirat
für Regierung und Parlament bei allen Fragen der Wirtschafts- und So-
zialpolitik, sondern er ist aus den Vertretern sämtlicher wirtschaftli-
cher Interessensverbände (Arbeitgeber, Berufsverbände, Gewerkschaften,
Verbraucher, u.a.) zusammengesetzt, und seine Anhörung von der Ver-
abschiedung von Gesetzesvorhaben ist obligatorisch. Der Vorläufer die-
ses Organs war der "Nationale Wirtschaftsrat" , der 1925 zum ersten
Mal zusammentrat und dessen Einrichtung, wie wir zeigen werden, di-
rekt auf solidaristische Einflüsse zurückzuführen ist.

In diesem Kontext ist der Verweis auf deutsche Entwicklungen auf-


schlußreich, denn ohne sich auf den Solidarismus zu berufen, sind hier
institutionelle und gesetzliche Neuerungen durchgesetzt worden, die den
Zielen der französischen Solidaristen sehr nahekommen. So wurde wäh-
rend der Weimarer Republik ein "Reichswirtschaftsrat" eingesetzt (be-
rei ts 1920), der paritätisch aus Arbei tgeber- und -nehmervertretern,
neben Vertretern von Konsumenten, Beamten und Freiberuflichen sowie
teilweise von der Regierung ernannten Wirtschaftsexperten gebildet
wurde und über eine Begutachterfunktion und ein Gesetzesinitiativrecht
verfügte (vgl. Weddigen 1961: 376). Bei der Einrichtung dieses Organs
spielte die Diskussion um die "überbetriebliche Mitbestimmung" eine
zentrale Rolle, auf die in der Anfangsphase der Bundesrepublik teilwei-
se von den Gewerkschaften zurückgegriffen wurde und die z.B. in der
"Bundesanstalt für Arbeit" (wie bei ihrer Vorgängerin in der Weimarer
Republik) verwirklicht worden ist.

PareielIen lassen sich auch bei den Diskussionen über die Einführung
der "sozialen Marktwirtschaft" in den fünfziger Jahren finden, insbeson-
dere was den Schutz der Märkte vor monopolistischen Zwängen durch
- 7 -
die Schaffung des Bundeskartellamtes ("Gesetz gegen Wettbewerbsbe-
schränkungen" von 1957) anbetrifft. In dieselbe Richtung zielt auch die
später geschaffene staatliche "Existenzgründungsförderung" für neue
Selbständige. Hierbei muß aber einschränkend angemerkt werden, daß
sich die Solidaristen trotz aller Befürwortung einer offenen marktwirt-
schaftlichen Ordnung (im Gegensatz zu einer "lentralverwal tungswirt-
schaft") insofern noch expliziter als "antikapitalistisch" verstanden ha-
ben, als die von ihnen vertretene "Sozialökonomie" nicht nur einen be-
grenzten Staatsinterventionismus, sondern vor allem durch die Einfüh-
rung einer "Wirtschaftsdemokratie" auf der institutionellen Ebene die
Abschaffung der Lohnarbeit anstrebt und gleichzeitig eine neue Wirt-
schaftsethik propagiert, durch die zusammen eine vollständige Trans-
formation der Wirtschaftsordnung erreicht werden soll.

Ähnliche, weitergehende Intentionen hatte auch der Begründer des Soli-


darismus in Deutschland, Heinrich Pesch, der in der Tradition der ka-
tholischen Soziallehre stand. In seinem "Lehrbuch der Nationalökono-
mie" (Band 1-5, Freiburg 1905-23) geht er von der Solidarität als
"Tatsache und Pflicht" aus, denn das Individuum lebt nur in und durch
die "Gemeinschaft", woraus sich eine "Gemeinhaftung" ergibt, die auch
in der Volkswirtschaft zur Anwendung kommen muß. Die Erhöhung des
materiellen Wohlstandes macht nur einen Teil der gesellschaftlichen
"Wohlfahrt" aus, denn letztere wird in erster Linie als ein kulturelles
und nicht nur als ein ökonomisches Phänomen betrachtet. In seinem
"sozialen Arbeitssystem" steht die Entfaltung des Einzelnen im Mittel-
punkt, sei es als ein "Mitmensch und Mitarbeiter" in der Produktion,
sei es durch den Vorrang des Bedarfsdeckungs- vor dem Gewinnprinzip
(ohne daß deshalb der Kapitalbesitz an sich abgelehnt wird)4).

Obwohl sich damit einige punktuelle Annäherungen zwischen Peschs so-


zialkatholischem Ansatz und den französischen Solidaristen ergeben, so
haben letztere ihn völlig ignoriert, während Pesch auf sie kurz verweist
(vgl. Band I seines "Lehrbuchs", 4. Kap., § 5). Dieses gegenseitige Ig-
norieren ist aber noch auffälliger zwischen einer Strömung des sozialen
Katholizismus um 1900 in Frankreich selbst, dem von Marc Sangnier
gegründeten "Sillon" , und den Solidaristen. Wie diese spricht sich der
"Sillon" für die Überwindung des Gegensatzes zwischen Kapital und Ar-
- 8 -
be\t o\.\rc:.n o\e J:\bsc:.na~~\.\ng oer Lonnarbe\t a\.\s, \noem a\\e "'?roo\.\2en-
ten" zu Kapitalanteilseignern \.\nd an der Leitung ihres Betriebes Mit-
bestimmenden werden (vgl. Gide/Rist 1913: 571 f). Obwohl dadurch in
ökonomischen Fragen eine ordnungspolitisch äußerst wichtige Überein-
stimmung vorhanden :3t, können der "Sillon" und die Solidaristen nicht
gemeinsam argumentieren, da zwischen ihnen noch der ,damals unüber-
brückbare Gegensatz zwischen den "Monarchisten" (zu denen der fran-
zösische Klerus noch größtenteils gehört) und den "Republikanern" (zu
denen die Solidaristen gehören) steht, auf den wir bei der Darstellung
des historischen Kontextes ebenfalls eingehen werden. Da der "Sillon"
auch hierin eine vermi ttelnde Position einnahm, wurde er 1910 auf grund
einer päpstlichen Anordnung aufgelöst.

Im folgenden werden wir nicht weiter auf die Vergleiche mit diesen
älteren sozialkatholischen Ansätzen oder gegenwärtigen Institutionen und
gesetzlichen Regelungen eingehen, die aber erwähnt werden mußten, um
einerseits den historischen Überblick zu vervollständigen und anderer-
seits aktuelle Bezugspunkte zu verdeutlichen. Wie schon bei der
Kapitelübersicht angedeutet, wird stattdessen zunächst die intermediäre
Stellung des Solidarismus zwischen den damaligen "liberalen" und "so-
zialistischen" Doktrinen innerhalb des historischen Kontextes gezeigt,
um dann unter Rückgriff auf Durkheims Thesen zur "gesellschaftlichen"
Arbeitsteilung Bougies sozial wissenschaftliche Fundierung des Solidaris-
mus, d.h. die Entwicklung der Konzeption einer "sozialen Demokratie"
bzw., wie wir sagen, einer "solidarischen Gesellschaft" darzustellen.
- 9 -
I. DURKHEIMS ANALYSE DER "ANORMALEN" FORMEN DER AR-
BEITSTEILUNG UND IHRER KRISEN HAFTEN GESELLSCHAFTLI-
CHEN AUSWIRKUNGEN

Bevor wir auf Durkheims Analyse der "anormalen" Formen der Arbeits-
teilung und ihrer weit über das Okonomische hinausgehenden krisenhaf-
ten Auswirkungen eingehen können, müssen zunächst diejenigen Begriff-
lichkeiten dargestellt werden, mit denen er zu begründen versucht,
warum die Arbeitsteilung nicht nur eine zentrale Bedeutung für die
Wirtschaft besitzt, sondern eine erweiterte gesellschaftliche Funktion
erfüllti).

In den ersten bei den Teilen seines Buches "Oe la division du travail so-
cial" geht er auf die Funktion und Ursachen der Arbeitsteilung im
Laufe der geschichtlichen Entwicklung der Gesellschaften ein. Nach
Adam Smith besteht die ökonomische Funktion der Arbeitsteilung in
der Erhöhung des materiellen Wohlstandes, denn durch die Spezialisie-
rung der Individuen auf eine bestimmte ökonomische Tätigkeit wird ei-
ne Steigerung der Quantität und Qualität der hergestellten Produkte
möglich, die dann über den Markt ausgetauscht werden können. Für
Durkheim existiert aber darüber hinaus auch eine gesellschaftliche
Funktion der Arbeitsteilung: Je mehr sich die Individuen auf eine be-
stimmte ökonomische Tätigkeit spezialisieren und damit für ihre
Existenzsicherung auf den Tausch ihrer Produkte gegen diejenigen ande-
rer Individuen angewiesen sind, desto größer wird ihre gegenseitige Ab-
hängigkeit voneinander. Obwohl sich diese Abhän,;)igkeit zunächst einmal
auf ökonomische Produktions- und Tauschprozesse bezieht, bedarf es für
deren Aufrechterhaltung einer gewissen Stabilität nicht nur der ökono-
mischen, sondern auch der politischen, sozialen, rechtlichen u.a. Rah-
menbedingungen, unter denen jene sich vollziehen können, d.h. eine um-
fassende soziale Integration der Individuen muß gewährleistet sein.

Eine wesentliche Grundlage hierfür ist aber ein Mindestmaß an Ver-


trauen oder, wie Durkheim sagt, von "Sympathie gefühlen" der Indivi-
duen untereinander. Er meint damit, daß die Lldividuen ein Gefühl der
Zusammengehörigkeit entwickeln müssen, welches ihnen die Sicherheit
gibt, daß sie in einem Netz fester sozialer "Bindungen" leben, daß es
soziale Institutionen (Staat, Rechtsprechung, Religion, öffentliche Mei-
- 10 -
nung, Familie usw.) gibt, die Regeln für das Zusammenleben in der
Gesellschaft festlegen und Sanktionen bei Verstößen verhängen, mit an-
deren Worten, daß sie in einer "gesellschaftlichen Assoziation" leben,
deren Stabilität als gesichert erscheint und sie sich genau deshalb z.B.
in ihren ökonomischen Aktivitäten immer weiter spezialisieren können.
Die gesellschaftliche Integration muß also so abgesichert sein, daß da-
durch die aus der Arbeitsteilung resultierenden Vorteile für die Indivi-
duen (Spezialisierung auf eine bestimmte Tätigkeit, Erhöhung des Wohl-
standes) die daraus ebenfalls resultierenden Nachteile (die größere Ab-
hängigkei t von der Gesellschaft) mehr als ausgleichen können.

In einer moralphilosophischen Abstraktion reduziert er die Möglichkeiten


der Entstehung von "Sympathiegefühlen" auf zwei entgegengesetzte Me-
chanismen, den der "Ähnlichkeit" bzw. den der sich ergänzenden "Ver-
schiedenartigkei t", wobei er auf mehrere griechische Philosophen der
Antike verweist, die durch diese beiden unterschiedlichen Mechanismen
die Entstehung von Freundschaftsbeziehungen bereits zu erklären ver-
sucht haben (vgl. Durkheim 1977: 94 ff). Individuen können sich zuein-
ander hingezogen fühlen, weil sie sich "ähnlich" sind, d.h. über be-
stimmte gemeinsame Merkmale verfügen wie die Gleichheit des Ge-
schlechts, des Alters, der Sprache, der Nationalität, der Religion, der
Schicht, der verwandtschaftlichen Beziehung usw. Genauso können Indi-
viduen "Sympathiegefühle" entwickeln, weil sie sich gerade auf Grund
ihrer "Verschiedenartigkeit" gegenseitig ergänzen, wie Mann/Frau,
Ältere/Jüngere, manuell/intellektuell Tätige, Ausführende/Leitende usw.
Es ist also grundsätzliCh möglich, Gruppen nach der Art ihres Zusam-
mengehörigkeitsgefühls zu unterscheiden. Nach Durkheim basiert die ge-
sellschaftliche "Kohäsion" vornehmlich entweder auf der "mechanischen
Solidarität" (im Falle der "Ähnlichkeit" der Individuen untereinander)
oder auf der "organischen Solidarität" (im Falle ihrer "Verschiedenar-
tigkeit" , da sie sich dann wie die verschiedenen Organe innerhalb eines
Organismus durch ihre unterschiedlichen Funktionen gegenseitig ergän-
zen).

Diese beiden unterschiedlichen Formen der Solidarität sollen die Grund-


lage dafür sein, daß die Individuen einer gleichen Gesellschaft durch
ein gemeinsames Werte- und Normensystem zusammengehalten werden,
- II -

daß sie sich nicht als isolierte und eigentlich nur zufällig zusammenle-
bende Einzelpersonen, sondern als Mitglieder einer gesellschaftlichen
Gesamtheit fühlen, d.h. daß sie insgesamt neben ihrem individuellen
über ein "Kollektivbewußtsein" verfügen: "Die Gesamtheit der gemein-
samen .•• Überzeugungen und Gefühle im Durchschnitt der Mitglieder
einer gleichen Gesellschaft bildet ein bestimmtes System, das sein ei-
genes Leben hat; man könnte es das gemeinsame oder Kollektivbe-
wußtsein nennen." (ebd., S. 121) Durch die Teilhabe am "Kollektivbe-
wußtsein" wird das Individuum in die Gesellschaft integriert und es
denkt und handelt in seiner Eigenschaft als Vertreter der Kollektivität
und nicht als isolierte Einzelperson. Erst durch die Herausbildung eines
"Kollektivbewußtseins" in jedem Individuum kann eine Gesellschaft aus
ihnen entstehen, wobei jenes durch die "mechanische" bzw. die "orga-
nische" Solidarität geprägt wird.

Wovon hängt es aber ab, welche der bei den Formen der Solidarität im
"Kollektivbewußtsein" überwiegt? Entscheidend für das Verständnis von
Durkheims soziologischem Ansatz ist der Zusammenhang zwischen dem
Stand der Entwicklung der Arbeitsteilung in der Gesellschaft (gewis-
sermaßen auf der strukturellen Ebene) und der jeweils dazugehörigen
Form von sozialer Solidarität auf der Ebene des "Kollektivbewußtseins"
(als der normativen Grundlage der "Kohäsion" der innerhalb einer Ge-
sellschaft assoziierten Individuen). Je geringer die Arbeitsteilung ist
(besonders in den Ur- oder Stammesgesellschaften), desto mehr hat
man es mit einem "segmentären Gesellschaftstyp" zu tun, der die so-
ziale "Kohäsion" der in ihm assoziierten Individuen über die "mechani-
sche" Solidarität sichert; je weiter dagegen die Arbeitsteilung vorange-
schritten ist (bis zur Entwicklung der Industriegesellschaften), desto
mehr handelt es sich um den "organisierten Gesellschaftstyp" und der
ihm entsprechenden "organischen" Solidarität.

In den einfachsten "segmentären" Gesellschaften gibt es vornehmlich


eine alters- und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und nur wenige
leitende Funktionen. Von den meisten Individuen wird erwartet, daß sie
jede Aufgabe erfüllen können, sie müssen, was die Funktionserfüllung
betrifft, fast austauschbar sein, und besitzen in diesem Sinne aus ge-
sellschaftlicher Perspektlve keine "Individualität". Da es für die Gesell-
- 12 -

schaft deshalb weder notwendig noch wünschenswert ist, daß sie über
besondere individuelle Fähigkeiten verfügen, muß ihre "Kohäsion" durch
ihre "Ähnlichkeit" begründet werden (Stammeszugehörigkeit, symboli-
siert durch verwandtschaftliche Beziehungen, gemeinsame Sprache,
Gottheiten, Kulte, Feste u.a.)j folglich ist die "mechanische" Solida-
rität in ihrem Kollektivbewußtsein dominierend.

Dies ändert sich bereits etwas in den antiken, Stände- oder Kastenge-
sellschaften, in denen schichtungsspezi fische Formen von Arbeitsteilung
eingeführt werden. Obwohl zwar auf gesamtgesellschaftlicher Ebene die
Arbeitsteilung vorangeschritten ist (Trennung von agrarischen, hand-
werklichen, kommerziellen, religiösen, militärischen, administrativen u.a.
Tätigkeiten), so bleibt durch die familiäre Weitervererbung der Aktivi-
täten die "Berufswahlfreiheit" der Individuen fast völlig eingeschränkt.
Auch wenn sich innerhalb der Gesellschaft verschiedene Gruppen
unterscheiden lassen, die durch die Unterschiedlichkeit ihrer Aktivitäten
voneinander abhängen, was den Beginn der "organischen" Solidarität
impliziert, so bleibt für die Individuen die "mechanische" Solidarität
dominant. Nicht nur in ihren ökonomischen Tätigkeiten, sondern
praktisch in ihrem gesamten Netz sozialer "Bindungen" bleiben sie
innerhalb der durch die Geburt festgelegten Gruppe (Freie/Sklaven, eine
bestimmte Kaste oder Stand), so daß sie durch die "Ähnlichkeit" mit
den anderen Mitgliedern ihrer Gruppe fast vollständig geprägt werden.

Erst durch die Industrialisierung kann zumindest die religiös oder recht-
lich fixierte Vererbung von beruflichen Tätigkeiten aufgehoben werden
(welche sozioökonomisch begründeten Barrieren auch weiterhin bestehen
bleiben, wird bei den "anormalen" Formen der Arbeitsteilung betrach-
tet). Je weniger die Individuen bei ihrer Berufswahl durch familiäre und
schichtspezifische Barrieren eingeschränkt sind, desto mehr können sie
jene im Hinblick auf die Entfaltung ihrer manuellen, intellektuellen,
künstlerischen u.a. Fähigkeiten vornehmen, d.h. desto "verschiedenarti-
ger" können sie werden. Je mehr die Individuen ihre unterschiedlichen
persönlichen Fähigkeiten unabhängig von jeglicher ursprünglicher Grup-
penzugehörigkeit entwickeln können, desto stärker muß die "organische"
Solidarität zwischen ihnen werden, da jegliche, immer weitergehende
Spezialisierung der Individuen auf der Ebene der "Produktion" (im wei-
- 13 -

testen Sinne) die Notwendigkeit des Tausches ihrer "Produkte" auf der
gesellschaftlichen Ebene immer stärker impliziert. Mit anderen Worten:
Durch das Fortschreiten der Arbeitsteilung gewinnen die Spezialisie-
rung der produktiven Tätigkeiten und der Tausch der Produkte eine ge-
sellschaftlich immer größere Bedeutung, so daß die Individuen immer
"verschiedenartiger" werden müssen, da sie sich sonst nicht an die im-
mer differenzierteren Funktionsanforderungen anpassen können 2 ).

Der "Kult des Individuums" der "organischen Solidarität" soll genau


dies zum Ausdruck bringen: Alle Gesellschaftsmitglieder müssen darin
übereinstimmen, daß es gesellschaftlich notwendig ist, wenn sie ihre
persönlichen Fähigkeiten in der verschiedenartigsten Weise entfalten,
um sich in ihren ökonomischen u.a. Aktivitäten immer weiter speziali-
sieren zu können, und es muß ihnen gleichzeitig verdeutlicht werden,
daß sie genau deshalb immer mehr voneinander abhängen. In diesem
Sinne wird der "Individualismus" zur Basis des "Kollektivbewußtseins" in
der modernen Industriegesellschaft, und die "Kohäsion" dieses Gesell-
schaftstyps muß nicht nur durch eine strukturelle, sondern auch durch
eine normative Integration der Individuen garantiert werden. Das dabei
mögliche "Dilemma" der "organischen" Solidarität (vgl. Tyrell 1985:
207 f) kann mit Logue, wie folgt, ausformuliert werden: "This new
form of solidarity seemed to Durkheim to be by its very nature more
powerful than the older form - for men needed each other more than
ever - but at the same time it was also more fragile - men were so
different that they could lose that essential awareness of their solidar-
ity, even cease to believe in it." (Logue 1983: 160). Wir werden
später sehen, daß Bougie diese Problematik erkannt hat, und er deshalb
neben der "individualistischen" die "egalitäre" Dimension der "organi-
schen" Solidarität besonders betont hat.

Was den Zusammenhang zwischen dem Fortschreiten der Arbeitsteilung


und dem damit verbundenen Wertewandel anbetrifft, so kommt Durk-
heim insgesamt zu zwei grundlegenden Thesen:
l. Die Arbeitsteilung variiert direkt mit dem Volumen und der Dichte
der Gesellschaft, d.h. mit der Anzahl und dem Grad der räumlichen
Konzentration der in ihr assoziierten Individuen. Da die Gesellschaf-
ten im Laufe der geschichtlichen Entwicklung an Volumen und Dich-
- 14 -

te zunehmen, nimmt auch die Arbeitsteilung als eine "abgemilderte


Form des Existenzkampfes" kontinuierlich zu.

2. Mit dem Fortschreiten der Arbeitsteilung findet ein geschichtlicher


Prozeß des Rückganges des "segmentären" zugunsten des "organisier-
ten" Gesellschaftstyps statt. Dementsprechend erfolgt ein Wandel in
den Formen der Solidarität (von "mechanisch" zu "organisch"), der
Sanktionen (von "repressiv" zu "restitutiv") und des Rechts (von
Straf- zu kooperativem Recht).

Zusammenfassend kann damit festgestellt werden, daß die Ursachen der


Arbeitsteilung in der Zunahme von Volumen und Dichte der Gesell-
schaft liegen, und ihre gesellschaftliche Funktion (neben der eigentli-
chen ökonomischen) in der Schaffung einer neuen Form von sozialer
Solidarität besteht, durch die das "Kollektivbewußtsein" der assoziierten
Individuen geprägt wird. Damit sind die wichtigsten Begriffe vorgestellt,
mit denen Durkheim den Zusammenhang zwischen der strukturellen und
normativen Fundierung der Integration der modernen Industriegesell-
schaften zu analysieren versucht.

Während bis dahin Theologen oder Moralphilosophen das gesellschaftlich


zu dominierende Werte- und Normensystem aus Glaubenssätzen bzw.
Grundprinzipien (die christliche "Nächstenliebe" bzw. die "Würde" des
Menschen) mit dem Anspruch einer universellen Gültigkeit abzuleiten
versucht haben, will er die Entstehung und die Adäquanz eines be-
stimmten Werte- und Normensystems durch den jeweiligen Entwick-
lungsstand der Sozialstruktur erklären, deren wichtigstes Merkmal die
mehr oder weniger fortgeschrittene Arbeitsteilung ist. Dies ist in sei-
nen Augen der wichtigste Beitrag der Soziologie als einer neuen "Wis-
senschaft von der Moral", die dadurch eine gleichzeitig empirische und
historisch-komparative Analyse von Wertesystemen ermöglicht.

Durkheim macht allerdings darauf aufmerksam, und dies ist für unseren
gesamten Kontext von zentraler Bedeutung, daß gerade der "Kohäsion"
der Industriegesellschaften eine besondere Gefahr durch vorhandene
"anormale" Formen der Arbeitsteilung droht, die die notwendige Ent-
stehung und AufreChterhaltung des Zusammengehörigkeitsgefühls der In-
dividuen in diesen Gesellschaften durch die "organische" Solidarität
- 15 -
verhindern. Die beiden, in unserem Kontext wichtigsten "anormalen"
Formen sind dabei die "anomische" und die "aufgezwungene" Arbeits-
teilung.

Mit der "anomischen" Arbeitsteilung will er den bestehenden Zustand


der Regellosigkeit der Beziehungen erfassen, der zwischen den Unter-
nehmen einerseits und innerhalb der Unternehmen zwischen Kapital und
Arbeit andererseits vorherrscht. "Heute gibt es keine Regeln mehr, die
die Zahl der Wirtschaftsunternehmen fixieren, und in keinem Industrie-
zweig ist die Produktion derart geregelt, daß sie genau auf der Höhe
des Verbrauchs stehen bleibt." (Durkheim 1977: 409) Selbst wenn sich
das Gleichgewicht nach einiger Zeit wieder einstellt, so doch aber nur
"nach Gleichgewichtsbrüchen oder mehr oder weniger langen Störungen"
(ebd.). Zum anderen befinden sich innerhalb der Unternehmen "•.. Ar-
beitgeber und Arbeitnehmer untereinander in der gleichen Lage wie
zwei autonome Staaten, die ungleich stark sind. Sie können, so wie es
die Völker durch die Vermittlung ihrer Regierungen machen, unterein-
ander Verträge abschließen. Aber diese Verträge drücken nur den je-
weiligen Stand der ökonomischen Macht aus, genauso wie die Verträge
zweier kriegführender Mächte nur den jeweiligen Stand ihrer militäri-
schen Kräfte ausdrücken. Sie bestätigen einen faktischen Zustand; sie
können aber keinen Rechtsstand mache.,." (ebd., S. 45)

Die Folge dieser Regellosigkeit ist, daß sich "dieser Zustand einer
ständigen Feindschaft" (ebd., S. 398) im Wirtschaftsleben aufrechter-
hält, daß oft das Gesetz des Stärkeren die Konflikte löst, dem sich die
unterlegene Seite nur durch Zwang, nicht aber aus Einsicht unterwirft,
daß sich insgesamt kein "stabiles Gleichgewicht" (ebd., S. 41) in den
Produktions- und Distributionsprozessen konstituieren kann. Die für die
sozialen "Bindungen" negativen Auswirkungen der "anomischen" Arbeits-
teilung werden auch in Halbwc:chs' Interpretation von Durkheim beson-
ders betont, denn weniger die ökonomischen Gleichgewichtsstörungen an
sich, als vielmehr die Art und Weise ihrer Behebung sind zu kritisieren:
"Aber die Produzenten leiden dc:runter, daß die Anpassung sich auf eine
rein mechanische Weise vollzieht, und daß sich ihnen nicht als eine
Regel die Notwendigkeit aufdrgngt, zwischen Menschen miteinander
auszukommen und sich zu verstehen." (Halbwachs 1918: 405 f)
- 16 -

Die "aufgezwungene" Arbeitsteilung sieht Durkheim als die Ursache für


"Klassenkämpfe" in jeder Gesellschaft (vgl. Durkheim 1977: 416 ff).
Die Arbeitsteilung ist immer dann "aufgezwungen", wenn eine oder
mehrere Gruppen dazu gezwungen werden können, im Rahmen der ge-
samtgesellschaftlichen Arbeitsteilung ihre ökonomischen Aktivitäten auf
nur eine Spezialisierung zu konzentrieren. Die Mittel hierfür sind sehr
unterschiedlich. In den Sklavenhaltergesellschaften war es militärische
Gewalt, in den Kasten- und Ständegesellschaften religiös legitimierte
und deshalb scheinbar unumstößliche juristische Festlegungen. In den
Industriegesellschaften gibt es zwar, rein rechtlich gesehen, die Berufs-
wahlfreiheit für jedes Individuum, aber durch die Vererbung des Privat-
eigentums an Produktionsmitteln besteht für eine kleine Klasse von In-
dividuen in der sozialen Realität eine automatische Sicherung zumindest
ihrer materiellen Existenz, während die Mehrheit der Individuen dazu
verurteilt ist, in einen harten Konkurrenzkampf um die angebotenen
Arbeitsplätze gegeneinander anzutreten, die auf Grund des ansonsten
fehlenden Eigentums ihre einzige Möglichkeit zur Existenzsicherung dar-
stellen. Im Vorhandensein von "von Geburt an Reiche(n) und Arme(n)"
(ebd., S. 426) zeigt sich das Fortbestehen der "aufgezwungenen" Ar-
beitsteilung auch in diesen Gesellschaften. In dieser Klassenanalyse
wird der Einfluß Saint-Si mons auf Durkheim deutlich, worauf wir spä-
ter noch ausführlich eingehen werden (vgl. Kap. III. 2.2.).

In der Industriegesellschaft nimmt die "aufgezwungene" Arbeitsteilung


durch die Aufhebung der rechtlich fixierten Ständebarrieren die speziel-
le Form der "vertraglichen" Arbeitsteilung an, bei der sich zwar formal
juristisch Unternehmer und Arbeitskraftanbieter als "freie und gleiche"
Vertragspartner gegenüberstehen. Durch die klassenspezifische ungleiche
Verteilung des Besi tzes an Produktionsmi tteln jedoch sind die Bedingun-
gen, unter denen jede Seite den Vertrag eingeht, nicht gleich (die Ar-
beitskräfte stehen für ihre Existenzsicherung unter einem "Angebots-
zwang"), so daß dies auch nicht ohne negative Auswirkungen auf die
Gleichgewichtigkeit des im Vertrag eingegangenen Tausches (hier Ar-
beit gegen Lohn) bleibt. Durkheims diesbezügliche Analyse wird eben-
falls später dargestell t (vgl. ebd.).

Wie ist es aber zu erklären, daß die negativen sozialen Auswirkungen


- 17 -

der "anormalen" Formen der Arbeitsteilung in einen Zustand münden,


der deshalb "so außerordentlich bedenklich" (Durkheim 1977: 41) ist,
da die "Kohäsion" der Industriegesellschaften durch die "organische"
Solidarität anscheinend nicht garantiert werden kann? Die Ursache
hierfür liegt darin, daß mit der Industrialisierung das Wirtschaftsleben
zur wichtigsten Aktivität innerhalb dieser Gesellschaften geworden ist,
was den entscheidenden Unterschied zu den traditionellen Gesellschaf-
ten bildet, in denen dies die religiösen, administrativen und militäri-
schen Aktivitäten waren. Für die überwiegende Mehrheit der Individuen
heutzutage spielt sich das "Leben fast ganz in der industriellen und
kaufmännischen Welt" (ebd., S. 42) ab, woraus die entscheidende
Schlußfolgerung gezogen werden muß: Da sich aber das Wirtschaftsleben
in einem allgemeinen Zustand von Regellosigkeit und Zwangsverhältnis-
sen befindet, ergibt sich für die Individuen die Situation, "daß ihre
Welt nur schwach von Moralität geprägt ist, weil der größte Teil ihrer
Existenz außerhalb jeder moralischen Aktion verläuft" (ebd.). Dies kann
aber nicht ohne Folgen für die Gesamtgesellschaft bleiben, denn "das
Fehlen einer j eden ökonomischen Disziplin muß also seine Wirkungen
über die ökonomische Welt selbst hinaus ausüben und einen Verfall der
öffentlichen Moral zur Folge haben" (ebd.). Durkheim gibt hier also
den entscheidenden Anstoß, die Auswirkungen des Arbeitslebens auch
auf die außerberufliche Sphäre des sozialen Lebens der Individuen zu
betrachten, eine Problematik, die von BougIe und Halbwachs, wie wir
zeigen werden, in verschiedenen Analysen weiter präzisiert wird (vgl.
Kap. III.2.2.3. und 3.3.).

Über die Analyse der "anormalen" Formen der Arbeitsteilung in den


Industriegesellschaften hinausgehend, entwickelt Durkheim aber auch ein
Konzept, das als ein praktischer Vorschlag zur Überwindung der festge-
stellten Krisenphänomene gedeutet werden muß (vgl. ebd., S. 39 ff):
Notwendig sei die Rekonstitution von "Berufsgruppen" , die für die Auf-
stellung und Einhaltung von Regeln, die alle ökonomischen Produktions-
und Distributionsprozesse regulieren, verantwortlich sind .. Als histori-
sches Vorbild dienen ihm die berufsständischen "Korporationen" des an-
tiken Roms bzw. des MittelaI ters (Zünfte und Gilden), wobei letztere
nur deshalb im Zuge der Revolution von 1789 abgeschafft worden sind,
weil sie sich nicht den veränderten Bedingungen der wirtschaftlichen
- 18 -

Entwicklung (Übergang von einer "Stadt"- zu einer offenen Marktwirt-


schaft auf nationaler und weltweiter Ebene) angepaßt haben und des-
halb zu einem Symbol für die Verhinderung von Entwicklungsmöglich-
keiten geworden sind.

Die neuen "Berufsgruppen" müßten deshalb in der Form von "nationalen


Korporationen" organisiert sein, in denen sich die gewählten Vertreter
von Kapital und Arbeit, nach Branchen getrennt und auf nationaler
Ebene agierend, gegenübersitzen. In ihren Händen müßten alle, die
wirtschaftliche Entwicklung betreffenden Entscheidungen liegen, von der
Erlaubnis für Unternehmensgründungen über Maßnahmen zur Anpassung
der Produktion an Nachfrageschwankungen bis zur Fixierung von Ein-
kommen und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer.

Neben den eher ökonomischen Konsequenzen (Abmilderung, wenn nicht


Vorbeugung gegen lang anhaltende und tiefgreifende Rezessionen) ver-
spricht sich Durkheim vor allem eine "moralische" Wirkung: Durch den
permanenten Charakter dieser neuen Institutionen sollen sich Arbeitge-
ber und -nehmer als ein Teil eines größeren Ganzen betrachten (des
einzelnen Unternehmens oder einer ganzen Branche), innerhalb dessen
sie nur unterschiedliche Funktionen (Leitung, Verwaltung und Produk-
tion) erfüllen. Sie sollen erkennen, daß die ökonomische Funktion der
Arbeitsteilung, die Steigerung des materiellen Wohlstandes, nur dann
optimal erfüllt werden kann, wenn der bedingungslose Konkurrenzkampf
zwischen den Unternehmen und die offene "Feindschaft" zwischen
Kapital und Arbeit überwunden und sich stattdessen die "organische"
Solidarität durchsetzen kann.

Dies ist aber nicht nur für die Entwicklung der Wirtschaft, sondern
auch für die "Kohäsion" der modernen Gesamtgesellschaft wichtig.
Wie dargestellt, leiden die Individuen durch die "anormalen" Formen
der Arbeitsteilung (gerade in Anbetracht der immer größeren Bedeu-
tung der ökonomischen gegenüber den anderen Aktivitäten in den Indu-
striegesellschaften) unter einer allgemeinen Abschwächung ihrer sozia-
len "Bindungen", so daß, etwas zugespitzt formuliert, nur noch der
Staat als eine gesamtgesellschaftliche Institution die beinahe "atomi-
sierten" Individuen zusammenhält. Dies kann aber für Durkheim nur in
einer Katastrophe enden: "Eine Gesellschaft, die aus einer Unmasse von
- 19 -
unorganisierten Individuen zusammengesetzt ist und die sich ein Über-
staat bemüht einzugrenzen, ist ein wahres soziologisches Monstrum."
(ebd., S. 67 f) Als Ausweg aus der drohenden Alternative zwischen ei-
ner sich auflösenden Gesellschaft oder aber einem unkontrollierbaren re-
pressiven Staates bleibt die Rekonstitution der "Berufsgruppen" , die auf
einer intermediären Ebene zwischen den Individuen und dem Staat eine
Stabilisierung der ökonomischen und damit auch der sonstigen sozialen
"Bindungen" zwischen den Individuen leisten könnten.

Fassen wir zusammen: Auf Grund des Fortschreitens der Arbeitsteilung


muß in den Industriegesellschaften die "organische" Solidarität, basie-
rend auf der "Verschiedenartigkeit" der Individuen, zur normativen
Grundlage der "Kohäsion" dieser Gesellschaften werden. Diese neue
Form des "Kollektivbewußtseins" der Individuen kann sich aber nur dann
durchsetzen, wenn die "anormalen" Formen der Arbeitsteilung überwun-
den werden. Zur Überwindung der bereits bestehenden oder sich ab-
zeichnenden ökonomischen und darüber hinausgehenden sozialen Krisen-
phänomene bedarf es der Rekonstitution von "Berufsgruppen" auf einer
intermediären Ebene, denn der Staat ist weder dazu geeignet, die Wirt-
schaft zu regulieren, noch kann er all eine die "Kohäsion" der Individuen
garantieren; würde er das eine oder das andere versuchen, würde dies
unausweichlich in einer völligen Repression aller individuellen Initiativen
und Freiheiten enden. Die grundlegende Intention von Durkheims sozio-
logischem Ansatz muß also dahingehend interpretiert werden, daß er,
wie Logue es ausdrückt, "at a high level of generality" (Logue 1983:
169) eine Lösung dafür anbieten möchte, "•.. how to arrange the nee-
ded social intervention in economic life without giving the state a role
it could not handle or a role that would menace individual freedom."
(ebd., S. 168)

Er leistet damit dreierlei, was Müller eine "Bestands-, Krisen- und


Reformhypothese" (Müller 1983: 149) genannt hat. Für unseren Kontext
ist die Beachtung dieses dreifachen Aspektes von zentraler Bedeutung.
Mit seiner "Bestands- und Krisenhypothese" reiht sich Durkheim in die
Gruppe der solidaristischen und sozialistischen Kritiker der wirtschafts-
liberalen Ordnung Frankreichs um die Jahrhundertwende ein.
- 20 -
Im folgenden Kap. H. gehen wir deshalb u.a. darauf ein, welche Annä-
herungen und Divergenzen es im theoretischen Ansatz zwischen Durk-
heim und Leon Bourgeois als dem führenden solidaristischen Theoretiker
gibt. Was die "Reformhypothese" anbetrifft, so muß Durkheims War-
nung vor der Überbetonung der regulativen ökonomischen Funktionen
des Staates auch als ein Beitrag zur Formulierung der gemeinsamen
Kritik von Solidaristen und Reformsozialisten an den Vorstellungen der
Kollektivisten gesehen werden, was wir ebenfalls im Kap. II. darstellen
werden. Aber die eigentliche Verbindung und Präzisierung von Durk-
heims "Bestands- und Krisenhypothese" einerseits und einer den prakti-
schen politischen Zielvorstellungen des Solidarismus verpflichteten "Re-
formhypothese " andererseits wird erst durch Bougie geschaffen, was
im Kap. HI. anhand von verschiedenen Beispielen (Abmilderung von
Konkurrenzdruck und Klassengegensätzen durch die Durchsetzung einer
"wirtschaftsdemokratischen" Ordnung, einen begrenzten Staatsinterven-
tionismus u.a.) aufgezeigt wird.
- 21 -
11. DIE BEWEGUNG DES SOLIDARISMUS WÄHREND DER DRITTEN
REPUBLIK UND DIE GRUNDLAGEN DER "SOZIALEN DEMOKRA-
TIE"

In diesem Teil unserer Arbeit wird der historische Kontext der soziolo-
gischen Theoriebildung der Durkheim-Schule dargestellt. Im Mittelpunkt
steht dabei die Frage, was die Grundlagen für die später von Bougie
ausformulierte Annäherung zwischen der Durkheimschen "Krisen- und
Reformhypothese" und den theoretischen Positionen und praktischen
Zielsetzungen der Solidaristen sind. Hierfür wird auf die grundsätzlichen
poli tisch-ökonomischen Konzeptionen der wichtigsten solidaristischen
Theoretiker (Leon Bourgeois, Charles Gide, Ferdinand Buisson u.a.) ein-
gegangen, und wie sie sich von den gleichzeitg entwickelten Positionen
der reformistischen und kollektivistischen Sozialisten unterscheiden.

In der historischen Gesamtperspektive sei vorweg bemerkt, daß der So-


lidarismus in Frankreich während der Dritten Republik eine der wich-
tigsten sozialreformerischen Bewegungen gewesen ist, wobei er seine
größte Bedeutung etwa in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Welt-
krieg erlangt, aber auch noch, wie wir zeigen werden, in die Zwischen-
kriegszeit hineingewirkt hat. Er muß in der Entwicklung der französi-
schen Gesellschaft ideengeschichtlich als ein Endpunkt, praktisch sozial-
politisch als der Beginn einer neuen Entwicklung angesehen werden.
Ideengeschichtlich handelt es sich um den letzten Versuch, die klein-
bürgerlich-radikaldemokratische Tradition der Jakobiner (seit der Revo-
lution 1789 und vor allem 1793) mit der frühsozialistischen Tradition
der französischen Arbeiterbewegung (seit den 1830er Jahren) zu ver-
schmelzen. Praktisch sozialpolitisch hat er den Beginn der wohlfahrts-
staatlichen Entwicklung in Frankreich eingeleitet; seine sehr viel wei-
tergehenden sozialökonomischen Vorstellungen zur "wirtschaftsdemokra-
tischen" Regelung des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit konnte
er dagegen nur teilweise verwirklichen.

Auf die diesbezüglichen grundlegenden Theoriebildungen und praktischen


Realisierungsbestrebungen werden wir in den Abschnitten 2. und 3. ein-
gehen, während in Abschnitt 4. eine historische Gesamteinschätzung der
solidaristischen Doktrin und Praxis versucht wird. In Abschnitt 5. gehen
wir dann darauf ein, wie es zur politischen Aufspaitung der Durkheim-
- 22 -

Schüler zwischen Solidaristen und Reformsozialisten gekommen ist. Zu-


nächst wird aber im ersten Abschnitt der ideengeschichtliche Ursprung
des Solidarismus, anknüpfend an die sich im 19. Jahrhundert in Frank-
reich entwickelnde Konzeption der sozialen Solidarität, dargestellt.

I. Der historische Bedeutungswandel des Begriffs der Solidarität

Soziale Solidarität ist der zentrale Begriff der solidaristischen Doktrin


und Praxis. Dieser Begriff hat, bevor er zum Schlüsselbegriff eines kon-
kreten politischen Reformprogrammes wird, schon eine lange Geschich-
te und einen Wandel seiner Bedeutungen hinter sich, auf den wir nun
kurz eingehen werden.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verwenden ihn französische Juristen für


verschiedene Paragraphen des "Code Napoleon" (1804) 1), die sich auf
folgenden kommerziellen Sachverhalt beziehen: "Solidarität ist diejenige
Gemeinschaftlichkeit von Verbindlichkeiten und Rechten, derzufolge,
wenn mehrere etwas zu fordern haben, jeder das Ganze fordern kann,
und wenn mehrere verpflichtet sind, jeder das Ganze zu leisten schuldig
ist." (Hausknecht 1938: 10) Erst ein Vierteljahrhundert später während
der Juli-Monarchie (1830-48), als Frankreich die erste Phase des früh-
kapitalistischen Industrialisierungsprozesses durchläuft 2 ), und zum ersten
Mal die soziale Problematik der Arbeiterfrage deutlich wird (bekannte-
stes Beispiel sind die Aufstände der Lyoner Seidenarbeiter 1831-34; vgl.
Ziebura 1979: 125 f), wird der Begriff der Solidarität neu aufgegriffen
und bekommt eine sozialphilosophische Bedeutung. Pierre Leroux, ein
ehemaliger Schüler von Saint-Si mon, schreibt 1839: "Ich habe als erster
den Begriff der Solidarität benutzt, um ihn in die Philosophie einzufüh-
ren, d.h. nach mir in die Religion der Zukunft. Ich wollte die Näch-
stenliebe des Christentums durch die menschliche Solidarität ersetzen."
(zitiert nach Gide 1932: 32) Aber, wie Gide bemerkt, hat Leroux in
erster Linie antiklerikale Intentionen und schafft keine eigene Doktrin
der Solidarität (vgl. ebd., S. 33; Bougie 1907a: 8 ff).

Der neue Begriff stellt sich mit seiner unpräzis moralischen, fast reli-
giösen Bedeutung nur neben die beiden älteren Begriffe der christlichen
- 23 -

"Nächstenliebe" und der "Brüderlichkeit" aus der revolutionär-republi-


kanischen Tradition seit 1789. Eine viel entscheidendere politische Be-
deutung erlangt gleichzeitig der Begriff des "Sozialismus", der ebenfalls
von Leroux verbrei tet wird und sich gegen den liberalen "Individualis-
mus" richtet (vgl. Bougie 1932: 85), aber auch im Gegensatz zu einer
neuen katholischen Sozialtheologie steht, die gegenüber dem "individuel-
len Egoismus" des Frühkapitalismus die Familie als den Kern jeder So-
zialordnung betrachtet und die soziale Stabilität des "Ancien Regime"
lobt 3 ).

Fast alle französischen Frühsozialisten 4 ) verwenden in irgendeiner Form


diese bei den Begriffe bei der Formulierung ihrer unterschiedlichen al-
ternativen Wirtschafts- und Sozialordnungen und tragen somit wesent-
lich zur Bildung des "Geistes von 1848" bei, "der zur ideologischen
Grundlage des Bündnisses von Kleinbourgeoisie, Arbeiteraristokratie,
Handwerkgesellen und Pariser Intelligenz werden sollte." (Ziebura 1979:
138) Grundlage des "Geistes von 1848" ist der ungebrochene Glaube an
den möglichen Ausgleich auch der unterschiedlichsten politischen und
ökonomischen Interessen: "Dieser im Grunde idealistische Elan und die-
se von der Härte späterer Klassenauseinandersetzungen noch ungetrübte,
wohlmeinende Großherzigkeit des Denkens, das auch Unvereinbares zu
versöhnen sucht, erklärt den diffusen, teils auch konfusen, oft ans My-
stische grenzenden Charakter des utopischen Sozialismus, zugleich aber
auch seinen intellektuellen Reichtum." (ebd., S. 136)

Aus dieser Motivationslage heraus wird zwar das rein den Interessen
der Finanzbourgeoisie dienende Regime von Ludwig-Philipp im Februar
1848 verjagt, aber schon im Juni desselben Jahres zerbricht die revolu-
tionäre Koalition, die vor allem durch die Unterstützung der Manufak-
turei- und Industriebourgeoisie Erfolg gehabt hat und schlägt den Pari-
ser Arbeiteraufstand (nach der Schließung der "Nationalwerkstätten")
nieder (vgl. Kap. IIl., Anm. 27). Damit geht die "mystische" Phase der
Solidarität (vgl. Hayward 1959: 273) in einer Katastrophe zu Ende und
ein knappes halbes Jahrhundert lang wird doktrinal nicht auf sie zu-
rückgegriffen. Die Diktatur von Louis-Bonaparte (ab 1851) und die
bürgerkriegsartige Niederschlagung der Pariser Kommune 1871 haben
ein übriges getan, die französische Arbeiterbewegung zunächst von allen
- 24 -
klassenübergreifenden und vermittelnden Doktrinen zu entfernen (Jules
Guesde gründete mit Unterstützung von Karl Marx 1879 den "Parti
Ouvrier Fran;:ais" als erste sozialistische Partei der Dritten Republik).

Von daher ist es nicht verwunderlich, daß die Idee der sozialen Solida-
rität (seit den 1880er Jahren) von ganz anderer Seite her, den neu sich
entwickelnden Geistes- und Sozialwissenschaften, wieder aufgegriffen
wird. Die Basis hierfür hat schon Auguste Comte geschaffen, worauf
Durkheim verweist: "Es ist also die fortgesetzte Verteilung der ver-
schiedenen menschlichen Arbeiten, welche vornehmlich die soziale Soli-
darität ausmacht und die elementare Ursache der Ausdehnung und der
wachsenden Komplikation des sozialen Körpers wird." (Comte, zi tiert
nach Durkheim 1977: 103; vgl. Bougie 1907a: 6; Tyrell 1985: 186)5)
Ausgehend von biologischen, psychologischen und juristischen Studien 6 )
wird nun von neuem die Bedeutung der Solidarität im sozialpolitischen
und -ökonomischen Bereich immer stärker betont.

Der Philosoph und Soziologe Alfred Fouillee formuliert erste wirt-


schafts- und sozialpolitsiche Maßnahmen des Staates sowie Perspektiven
einer reformistischen Gewerkschafts- und' Genossenschaftsbewegung zur
Transformation des Verhältnisses von Kapital und Arbeit (vor allem in
"Die gegenwärtige Sozialwissenschaft" (1880), "Das gesellschaftliche
Eigentum und die Demokratie" (J 884) und "Der Sozialismus und die re-
formistische Soziologie" (1905)7). Die sozialökonomische Bedeutung der
Solidarität wird 1889 von Charles Gide in einem Vertrag an den Genfer
"Societe d'Etudes Sociales" entwickelt, der sie vom Klassischen libera-
lismus (als wirtschaftswissenschaftliche "Schule der Freiheit"), dem so-
zialkatholischen Ansatz von Frederic Le Play (als "Schule der Autori-
tät") und dem Sozialismus (als "Schule der Gleichheit") abgrenzt:
"Wenn Sie mich fragen, meinerseits diese neue Schule durch ein einzi-
ges Wort zu definieren, wie ich es für die vorangehenden gemacht ha-
be, würde ich sagen, sie ist die Schule der Solidarität. Ja, durch ihre
Methode, die die Gesellschaft in ihrer geschichtlichen Entwicklung ana-
Iysiert..., durch ihre praktische Aktion, die darin besteht, dsn Menschen
zu verändern, indem zuerst das Milieu, in dem er lebt, verändert wird,
durch die Intervention des Staates, die sie als sichtbaren Ausdruck des
unsichtbaren, aber reellen Bandes ansieht, welches die Menschen, die in
- 25 -

einer selben Gesellschaft leben, vereinigt..." (Gide 1932: 37, Anm. I).
In diesem generellen Kontext muß auch die Bedeutung des Buches von
Emile Durkheim "Oe la division du travail social" gesehen werden, der
damit 1893 zum ersten Mal versucht, der sozialen Solidarität als einem
moralischen Phänomen eine soziologische Grundlage zu geben. Sie wird
weder quasi religiös wie bei Leroux, noch biologisch-organizistisch wie
bei Rene Worms begründet, sondern an die historische Entwicklung von
"Gesellschaftstypen" gekoppelt (vgl. Kap. 1.).

Dieser Doppelcharakter der Solidarität, die einerseits als "objektiver"


Tatbestand der Interdependenz oder Arbeitsteilung einzelne Funktionen
innerhalb eines größeren Ganzen reguliert und andererseits als "Moral"
das soziale Verhalten beeinflußt, wird die Grundlage von Leon Bour-
geois' solidaristischer Doktrin. Er veröffentlicht diese Doktrin zuerst
in der Form von vier Aufsätzen "Briefe über die soziale Bewegung"
(in: "La Nouvelle Revue" 1895) und faßt sie dann 1896 in dem Buch
"Die Solidarität" zusammen. Der entscheidende Grund dafür, daß in den
darauffolgenden Jahren dieses Buch ein so außerordentlicher Publikums-
erfolg wird, liegt nicht nur in der gedanklichen Geschlossenheit seiner
Thesen, sondern auch darin begründet, daß Bourgeois zum Zeitpunkt der
Veröffentlichung Regierungschef ist.

Die politische Karriere 8 ) von Bourgeois (I 851-1925) ist ein Musterbei-


spiel eines steilen Aufstiegs: Nach dem Abschluß des Jura-Studiums
tritt er 1876 in den Verwaltungsdienst verschiedener Präfekturen ein.
Dort steigt er schnell bis zum Präfekten empor und wird schon mit 36
Jahren Polizei-Präfekt von Paris. 1888 wird er zum ersten Mal Abgeord-
neter der Nationalversammlung. Da es noch keine Parteien gibt, son-
dern nur lockere Zusammenschlüsse von Abgeordneten, die sich in ihren
Interessen und Meinungen annähern, schließt er sich dem linken Flügel
der kleinbürgerlich-radikaldemokratischen Strömung unter Georges Cle-
menceau an. Als dieser nach einer Korruptionsaffäre (dem Panama-
skandal 1893) zunächst seine politische Laufbahn beenden muß, wird
Bourgeois zum unbestrittenen Führer dieser Parlamentsgruppierung.
Gleichzeitig rückt er zum Minister auf und leitet seitdem verschiedene
Ressorts (Bildung 1890, Justiz 1893, Inneres 1895, Äußeres 1895, 1906
und 1914, Arbeit 1912 und 1917). Ein früher Höhepunkt seiner Karriere
- 26 -

ist die Bildung der ersten rein radikaldemokratischen Regierung der


Dritten Republik (Nov. 1895 - April 1896) mit Unterstützung der
Sozialisten, die sich aber gegen den Widerstand der republikanischen
Großbourgeoisie, der Monarchisten und Bonapartisten nicht lange halten
kann (auf das konkrete Regierungsprogramm gehen wir im Rahmen der
Darstellung des ökonomischen Solidarismus ein). Nach der Dreyfus-A f-
färe (1898/99), aus der die französische Linke gestärkt hervorgeht,
wird er von 1902 - 04 Parlamentspräsident.

Dies ist die Periode, in der die Diskussionen um den Solidarismus ihren
Höhepunkt erreichen. Vorträge und Diskussionen finden auf der Pariser
Weltausstellung (1900), die den neuen sozialpolitischen und -ökonomi-
schen Institutionen (Sozialgesetzgebung, Genossenschaften, Gegenseitig-
keitsversicherungen usw.) einen großen Platz einräumt, statt und an-
schließend auf dem "Kongreß für soziale Erziehung" (1900), an der
"Ecole des Hautes Etudes Sociales" (190 I /02 unter dem Thema "Ver-
such einer Philosophie der Solidarität" sowie 1902/03 "Die sozialen An-
wendungen der Solidarität"), an der "Academie des Sciences Morales et
Politiques" (1904) und an Rene Worms' "Institut International de
Sociologie" (1910). Bourgeois reformuliert und präzisiert seine Thesen
vor allem durch drei Vorträge Ende 190 I an der "Ecole des Hautes
Etudes Sociales", an der auch Dugui t, Durkheim und Bougie lehren (vgl.
Hayward 1961: 34, Anm. I).

Als sich aber die zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa langsam


verschlechtern, verlagert Bourgeois seine Aktivitäten immer mehr auf
die internationale Ebene. In Ausdehnung seiner solidaristischen Prinzi-
pien für die Konfliktregelung zwischen Individuen und Gruppen innerhalb
einer nationalen Gesellschaft strebt er internationale, rechtlich abge-
sicherte Konfliktlösungsmechanismen im Rahmen der Bewegung "Frie-
den durch das Recht" an: "Die juristische Organisation des internatio-
nalen Lebens, die Bildung einer Gesellschaft des Rechtes zwischen den
Nationen" (Ruby 1971: 95) soll dabei einerseits die Rechte und Pflich-
ten jedes Nationalstaates gegenüber den anderen festschreiben und
gleichzeitig begrenzen, und andererseits soll eine internationale Armee
die Einhaltung dieser Regeln notfalls erzwingen können.

Bourgeois bieten sich zwei Gelegenheiten, diese Vorstellungen zu propa-


- 27 -
gieren: 1899 und 1907 ist er Leiter der französischen Delegation auf
den Internationalen Friedenskonferenzen in Den Haag, die aber an der
deutschen Kompromißlosigkeit scheitern. Nach 1918 wird unter seiner
Leitung ein französischer Vorschlag für die Struktur und die Funktionen
des neu zu errichtenden Völkerbundes erarbeitet, der sich aber nur
teilweise durchsetzen kann. Insbesondere sein Vorschlag der Aufstellung
einer internationalen Armee, die bei potentiellen oder tatsächlichen
Vertragsbrüchen zum Einsatz kommen soll, wird sowohl von Clemence-
au, der mögliche Einschränkungen für militärische Interventionen in
Deutschland befürchtet, als auch von der englischen und amerikanischen
Regierung abgelehnt, die ein französisches Übergewicht in dieser Armee
befürchten. So bleiben dem Völkerbund nur nicht-militärische Sanktio-
nen bei Vertragsbrüchen, was ihn entscheidend schwächt. Trotz dieser
Mißerfolge wird er der erste Präsident des Völkerbundrates (1920-24)
und 1920 bekommt er den Friedensnobelpreis verliehen 9 ).

Das Interesse an Bourgeois' Schriften wird aus den wichtigen politischen


Positionen, die er eingenommen hat, verständlich: "Das politische Den-
ken eines solchen Mannes kann nicht nur ein Denken der Studierstube
sein. Es hat das Feuer der Aktion kennengelernt und von den Lektionen
der Erfahrung profitiert. Es hat Verwirklichungen hervorgerufen. Es hat
Anhänger gebildet, die das unternommene Werk nach dem Verschwinden
von Leon Bourgeois 1925 fortführen werden." (Ruby 1971: 19 f) Dieser
Kombination aus Theorie und Praxis ist es zu verdanken, daß der Be-
griff der Solidarität nach der "mystischen" Phase bis 1848 und einer
zweiten Phase der Verdrängung seit etwa 1895 in eine dritte "politi-
sche" Phase (vgl. Hayward 1959: 278) tritt. In dieser neuen Form ent-
spricht sie genau dem Bestreben der bäuerlich-kleinbürgerlich-arbei ter-
aristokratischen Mittelschicht, sozio-ökonomische Veränderungen inner-
halb des bestehenden politischen Systems, der seit 1870 nach so vielen
vergeblichen Anläufen endgültig durchgesetzten parlamentarisch-demo-
kratischen Republik, zu verwirklichen.

In den folgenden zwei Abschnitten werden die bei den Aspekte des Soli-
darismus, seine philosophischen Grundlagen und seine praktischen Re-
formansätze getrennt dargestellt. Der Abschnitt 2. verdeutlicht Bour-
geois' Thesen, die er u.a. aus der Kritik der Staats- und Gesell-
- 28 -

schaftskonzeption des Klassischen Liberalismus I 0) ableitet. Im Abschnitt


3. werden die sozialpolitischen und -ökonomischen Konzeptionen des So-
lidarismus vorgestellt und gegenüber dem reformistischen und kollektivi-
stischen Sozialismus abgegrenzt.

2. Die Moralphilosophie der Solidarität von U~on Bourgeois

LJie Darstellung von Bourgeois' Thesen erfolgt in vier Schritten: Aus-


gangspunkt ist die Konzeption der Solidarität als Interdependenz zwi-
schen den in einer Gesellschaft assoziierten Individuen (basierend auf
der biologisch-soziologischen Analogie zwischen Organismus und mensch-
licher Gesellschaft). Als nächstes wird die Notwendigkeit der Ergän-
zung dieser "natürlichen" Solidarität durch die "moralische" aufgezeigt,
die für das Ziel der Stabilität der Gesellschaft eine gleichwertige
Durchsetzung von sozialer Gerechtigkeit und individueller Freiheit ver-
folgt. Hierauf aufbauend kann ein neuer "Gesellschaftsvertrag" formu-
liert werden, der seine konkreten wirtschafts- und sozialpolitischen
Ziele mittels einer "mutualistischen Organisation" zu verwirklichen
sucht. Abschließend werden Annäherungen und Divergenzen zwischen
Bourgeois' philosophischer und Durkheims soziologischer Begründung der
sozialen Solidarität aufgezeigt.

2.1. Solidarität als Interdependenz

Aus der Biologie stammt eines der wesentlichen Evolutionsgesetze von


Organismen, das der Konkurrenz und der natürlichen Auslese und Aus-
merze, welches Charles Darwin als den "Kampf ums Dasein" bezeichnet
hat. Für Bio-Soziologen wie Herbert Spencer besteht kein Zweifel, daß
dieses "natürliche" Gesetz auf die menschliche Gesellschaft übertragbar
ist, da sie als ein sozialer Organismus denselben Gesetzen unterliegt
wie die biologischen Organismen, und folgerichtig hat er Darwins An-
satz mit seiner These des "Überlebens der Tauglichsten" abgerundet.
Das Arbeiterelend, die soziale Frage des 19. Jahrhunderts, kann deshalb
für ihn kein gesellschaftspolitisches Problem sein.
- 29 -
Während in England Charles Darwin mit seiner auf dem "Kampf ums
Dasein" basierenden Evolutionstheorie dominiert, entwickeln französische
Mediziner und Biologen Evolutionstheorien, in denen als Konsequenz der
funktionalen Spezialisierung von Organen innerhalb von Organismen bzw.
von Einzelwesen innerhalb von Tiergesellschaften die Notwendigkeit ei-
ner "kooperativen und zielgerichteten Interdependenz" zwischen ihnen
betont wird (so etwa Claude Bernard - Einführung in die Analyse der
experimentellen Medizin (1865), AI fred Espinas - Die Tiergesellschaften
(1877), Edmond Perrier - Die Tierkolonien und die Bildung der Orga-
nismen (1881)j vgl. Hayward 1963: 210 0. Die theoretischen Grundla-
gen für diese Bestrebungen schuf allerdings Henri Milne-Edwards, der
bereits 1827 eine Theorie der "physiologischen Arbeitsteilung" aufstell-
te. Ganz in Analogie zu Adam Smiths ökonomischer Arbeitsteilung sah
er eine "spezielle Adaptation von Organen an unterschiedliche Funk-
tionen innerhalb eines Organismus". Ebenso analog zur Steigerung der
Produktivität durch die Zunahme der Arbeitsteilung, was zu einer Stei-
gerung des Reichtums in einer Gesellschaft führen soll, erhob er die
zunehmende Spezialisierung von Organen innerhalb eines Organismus zu
dem entscheidenden Evolutionskriterium für die Klassifizierung zoologi-
scher Arten (vgl. Bougie 1903: 22 ff).

Der Konflikt zwischen den Biologen, ob die zunehmende Spezialisierung


und Koordination von Funktionen oder aber der "Kampf ums Dasein"
das wichtigste Evolutionskriterium für Organismen und Arten sei, wird
dann durch die Bio-Soziologen von der Biologie auf die Soziologie über-
tragen, als sie versuchen, soziologische Theoriebildung auf der Basis von
bio-sozialen Analogien zu begründen. Der französische Organizismus,
dessen wichtigster Vertreter Rene Worms (vor allem mit seinem
Hauptwerk "Organismus und Gesellschaft", 1896) ist, grenzt sich dabei
scharf von Spencers Sozial darwinismus ab und sieht sich als ein Wegbe-
reiter des Solidarismus an (vgl. Hayward 1961: 26, Anm. I) 11).

Bourgeois wirft diese sozial darwinistische Einstellung nicht nur Spencer,


sondern auch französischen ökonomen des Klassischen Liberalismus
(z.B. Bastiat und Guyot) 12) vor: Ihnen zufolge sei die wirtschaftliche
Konkurrenz nur "•.. eine der Formen der Konkurrenz im Leben. Die
Leistung ist das Gesetz des gesellschaftlichen Lebens, wie sie das Ge-
- 30 -

setz des physikalischen Lebens ist, und die Gesellschaft, nicht anders
wie die Natur, kann nicht andere Belohnungen und andere Mühen ken-
nen als diejenigen, die direkt für das Individuum aus der Zunahme oder
der Verringerung seiner Handlung bezüglich der Dinge resultieren."
(Bourgeois 1896: 41)

Neben dem Gesetz von Konkurrenz und Auslese haben die Biologen aber
auch noch ein weiteres Evolutionsgesetz festgestellt, welches besonders
bei höher entwickelten Organismen eine immer größere Bedeutung be-
kommt, das "allgemeine Gesetz der gegenseitigen Abhängigkeit, d.h.
der Solidarität, der Elemente des universellen Lebens" (ebd., S. 45). Je
mehr sich innerhalb eines Organismus die einzelnen Organe auf spezi fi-
sche Funktionen spezialisieren, desto dringender ergibt sich die Not-
wendigkeit einer exakten Koordination der Aktivitäten jedes einzelnen
Organs, ohne die sowohl das Überleben des einzelnen Organs als auch
das des Gesamtorganismus bedroht ist bzw. es zumindestens zu schwe-
ren Gleichgewichtsstörungen kommen kann. Auch dieses Gesetz läßt
sich nach Bourgeois auf die menschliche Gesellschaft übertragen. Der
biologische wie der soziale Organismus " ... neigt dazu, vom Homogenen
zum Heterogenen überzugehen. Es gibt eine zunehmende Differenzierung
der Teile, eine Anpassung an verschiedene und zusammenpassende Lei-
stungen. Und das Gleichgewicht eines permanenten Types wird durch
eine wirkliche solidarische Assoziation der verschiedenen Teile erreicht,
bei der jeder seine festgelegte, aber in einer gemeinsamen Leistung
konvergierende Spezialisierung besitzt." (1902: 3)

Die funktionale Differenzierung der Organe im biologischen Organismus


wie die Arbeitsteilung zwischen Individuen innerhalb der menschlichen
Gesellschaft basiert, insgesamt gesehen, auf zwei unterschiedlichen
Grundbedingungen: Zum einen muß der Gesamtorganismus den Trägern
spezifischer Funktionen die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten voll-
ständig und frei zu entwickeln, wobei sich diejenigen durchsetzen wer-
den, die die größten Leistungen und die besten Ergebnisse vorweisen
können. Gleichzeitig müssen aber in einem immer stärkeren Maße alle
spezifischen Funktionen koordiniert werden, um das allgemeine Gleich-
gewicht des Gesamtorganismus zu bewahren. Alle biologischen und so-
zialen Organismen sind demnach für ihre Stabilität und Weiterentwick-
- 31 -

lung auf die gegenseitige Ergänzung der bei den allgemeinen Evolutions-
gesetze, das der Konkurrenz und Auslese sowie das der Interdependenz
und Koordination, angewiesen: "Das Zusammenwirken der individuellen
Handlungen in einer solidarischen Aktion ergibt das zusammengesetzte
Gesetz der universelL.:!n biologischen Evolution." (I896: 58)

Die Behauptung der universalen Gültigkeit des Gesetzes der "natürli-


chen" Solidarität ist nun besonders unter einem wissenschaftstheoreti-
schen Aspekt von Bedeutung: "Die aus den Entdeckungen der allgemei-
nen Biologie entstandene Theorie der natürlichen Solidarität aller We-
sen hat uns die wissenschaftlichen Gesetze der Entwicklung der Gesell-
schaften gezeigt." (ebd., S. 66) Bourgeois steht damit noch ganz in je-
nem klassisch-positivistischen Wissenschaftsverständnis, welches neben
der strikten Trennung von "objektiven" und "moralischen" Phänomenen
alle natur-, geistes- und sozialwissenschaftliche Phänomene auf allge-
meinste und gesetzesmäßige Beziehungen reduzieren will (vgl. ebd., S.
26). Aber schon Durkheims Forderung eines "Soziologismus", nach dem
soziale Tatbestände nur durch andere soziale Tatbestände zu erklären
sind (vgl. Durkheim 1970a: 193 ff), stellt einen Bruch mit den damals
vorherrschenden bio-soziologischen Analogien dar. Deshalb wird im
weiteren der nach Bourgeois universal gültige Tatbestand der "natürli-
chen" Solidarität nur noch in seiner Beziehung auf die menschliche Ge-
sellschaft und damit in seiner Wirkung als "sozialer Tatbestand" be-
trachtet. Da Bourgeois selbst den Begriff der "natürlichen" Solidarität
oft durch den Begriff der "sachlichen" Solidarität ("solidarite de fait")
(vgl. Bourgeois 1902: 9) ersetzt, wird im folgenden der deutlicheren
Abgrenzung wegen nur noch dieser Begriff verwendet.

Welche Auswirkungen hat nun die "sachliche Solidarität" auf Individuen


und Gesellschaft? Die zunächst wichtigste Konsequenz für die Individuen
besteht darin zu erkennen, daß sie nicht voneinander isoliert leben und
leben können: "Ein soziales Wesen ist derjenige, der versteht, daß er
sozial ist, d.h. daß er assoziiert ist, daß er sich in einem notwendigen
Zustand des Austausches von Leistungen mit den anderen Menschen be-
findet" (ebd., S. 43). Für die Individuen kann es sich aber nicht nur
darum drehen, die notwendigen Tauschbeziehungen an sich zu koordinie-
ren. Damit sie darüber hinaus die freie Entfaltung ihrer Fähigkeiten
- 32 -
durchsetzen können, denn nur so können sie optimal ihre Funktion in-
nerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erfüllen, müs sen diese
Tauschbeziehungen gerecht, d.h. vor allem gleichgewichtig, sein. Hierbei
versagt die "sachliche Solidarität" vollständig, da sie zwar die Arbeits-
teilung koordiniert, in ihrem Ergebnis aber zu einem unerbittlichen
Existenzkampf führt, den nur die physisch oder heute ökonomisch
Stärksten überstehen. Deshalb muß die "sachliche Solidarität" durch ei-
ne "moralische Solidarität" ergänzt werden, denn sie soll das "reale
Resultat der Ungleichheit" der "sachlichen Solidarität" durch das "ide-
ale Resultat der Gerechtigkeit" so weit wie möglich abschwächen (vgl.
ebd., S. 9 f).

2.2. Solidarität als Moral

In der menschlichen Gesellschaft ist (im Gegensatz zum biologischen


Organismus) der Übergang von der "sachlichen Solidarität" zur "mora-
lischen Solidarität" (ebd.) möglich. Die Tatsache der Existenz des "Be-
wußtseins" (vgl. ebd., S. 7) gibt den Individuen die Möglichkeit, durch
"Vernunft und Willen" die real gegebenen Interdependenzen derart zu
gestalten, daß sie die gesellschaftlichen Assoziationen nicht nur aus
Notwendigkeit, sondern freiwillig eingehen. Zum Erzielen dieser
Freiwilligkeit muß ihnen die Sozialwissenschaft die aus der "sachlichen
Solidarität" resultierenden Notwendigkeiten aufzeigen, währenddessen
die moralische Solidarität als Gegengewicht zu den Vorteilen, die die
Individuen aus der gesellschaftlichen Assoziation ziehen, die daraus re-
sultierenden Verpflichtungen gegenüber den anderen Individuen betont.
Die mittels der moralischen Solidarität durchzusetzende "Gerechtig-
keit" bedeutet deshalb für Bourgeois die grundsätzliche Gleichheit der
Rechtsansprüche jedes assoziierten Individuums gegenüber den anderen,
die aus der gesellschaftlichen Assoziation resultierenden Vorteile in
Anspruch nehmen zu können. "Ich nehme hier das Wort Gerechtigkeit
in seinem allgemeinsten, unbestrittensten Sinn, indem es die Gleichhei t
des Rechtes bedeutet, nach der jeder für seine Leistung, für seine
Arbeit den legitimen Preis erhält.". (ebd., S. 32) Ganz im Sinne Durk-
heims betont Bourgeois, daß diese Form der Gleichheit nicht die
"Gleichheit der Resultate", d.h. die Nivellierung der sozio-ökonomischen
- 33 -

Verhältnisse, sondern die "Chancengleichheit" meint: "... mit zwei Wor-


ten ... die natürlichen Ungleichheiten werden die einzigen Ursachen für
einen Unterschied sein, der niemals durch eine Ungleichheit an Rechten
vergrößert werden darf." (1896: 114) Dieses Gleichheitspostulat ist
eine der zentralen Aussagen der solidaristischen Doktrin (wie auch von
Durkheim), auf deren weitergehende Implikationen wir noch mehrfach
zurückkommen werden 13).

Die Vorteile, die ein Individuum aus der gesellschaftlichen Assoziation


ziehen kann, beziehen sich nicht nur auf die Tauschbeziehungen mit den
gegenwärtig lebenden Individuen, sondern auch auf die Errungenschaften
früherer Generationen. Sprache, Schrift, Technik, Wissenschaft, mate-
rielle Güter bis hin zu den rationalen und normativen Grundlagen aller
sozialen Institutionen (vgl. ebd., S. 118), stellen das "durch jede Gene-
ration angewachsene Kapital der menschlichen Gesellschaft" (ebd.,
S. 152) dar. Dieses gesamte "Kapital" steht zumindestens prinzipiell je-
dem Individuum zur Verfügung, ohne daß es selbst zu seiner Entwick-
lung hätte beitragen müssen. Es ist gewissermaßen eine automatische
Vorleistung der gesellschaftlichen Assoziation an das Individuum und
genau deshalb steht das Individuum von Geburt an in der "Schuld" der
Gesellschaft: "Der Mensch wird nicht nur im Laufe seines Lebens der
Schuldner seiner Zeitgenossen; ab dem Tag selbst seiner Geburt ist er
ein Verpflichteter. Der Mensch wird als Schuldner der menschlichen
Assoziation geboren." (ebd., S. 116) Das von der Gesellschaft zur Ver-
fügung gestellte "Kapital" wird also durch die moralische Solidarität
als "Schuld" der Individuen gegenüber der Gesellschaft bewertet, und
diese "Schuld" wiederum bildet die Grundlage dafür, daß die Individuen
in der gesellschaftlichen Assoziation nicht nur Rechte, sondern auch
Pflichten haben. "Der Gehorsam gegenüber der gesellschaftlichen
Pflicht ist nur das Annehmen einer Bürde im Tausch mit einem Ge-
winn. Darin besteht die Anerkennung einer Schuld." (ebd., S. 102)

Diese Schuld zieht eine doppelte moralische Verpflichtung nach sich,


nämlich das "Kapital" der früheren Generationen zu bewahren und wei-
terzuentwickeln sowie allen Individuen die gerechte Teilhabe an diesen
Ressourcen der Gesellschaft zu ermöglichen: "... das Gesetz dieses ste-
ten Anwachsens des gemeinsamen Gutes der Assoziation bildet das Ge-
- 34 -

setz des Vertrages zwischen den aufeinanderfolgenden Generationen,


wie das Gesetz des Tausches der Leistungen und der Verteilung der
Lasten und Gewinne dasj enige des Vertrages zwischen den Menschen
derselben Generation ist." (ebd., S. 125) Wir sehen also hier, daß
Bourgeois mittels dieser zwei Gesetze die von Comte formulierte These
der verschiedenartigen Formen der Solidarität zwischen und innerhalb
von Generationen zu präzisieren versucht. Auf die Problematik der Be-
gründung der individuellen "Schuld" gehen wir im Abschnitt 2.4. noch
einmal ein, während jetzt nur fest gehalten werden muß, daß sie die
Grundlage aller weiteren moralphilosophischen Thesen von Bourgeois
bildet.

In welcher Weise muß aber die These von der "Schuld" der Individuen
gegenüber der Gesellschaft weiterentwickelt werden, wenn bei den
Individuen starke UngIeichhei ten in bezug auf die Partizipation am öko-
nomisch-materiellen und wissenschaftlich-kultu rellen "Kapital" der
Gesellschaft festgestellt werden können? Bourgeois interpretiert diesen
Tatbestand dahingehend, daß einige Individuen fast alle Vorteile aus der
gesellschaftlichen Assoziation an sich ziehen können, ohne daß sie ihre
"Schuld" dementsprechend zurückzahlen, während andere weder entspre-
chend ihren individuellen Fähigkeiten am akkumulierten "Kapital" parti-
zipieren können, noch für ihre eigenen Leistungen ausreichend von der
Gesellschaft entschädigt werden. "Es gibt ewig zahlungsunfähige
Schuldner und ewig unbezahlte Gläubiger." (1902: 3) Bourgeois bleibt
damit auf einer rein individuellen Ebene bei der Bemessung von Vortei-
len und "Schuld" stehen, und wir werden später sehen, wie Bougie ver-
sucht, die solidaristische Doktrin hier zu präzisieren (vgl. Kap. 111.1.2.).

Die Ungleichheit in der Verteilung von Vorteilen und "Schuld" in der


gesellschaftlichen Assoziation deutet aber nicht nur auf die Existenz
von ungerechten Tauschbeziehungen, sondern auch darüber hinaus da-
raufhin, daß viele Individuen nicht über die genügende Freiheit verfü-
gen, diese Tauschbeziehungen nicht eingehen zu müssen. Es dreht sich
aiso nicht mehr nur um die Gleichwertigkeit der eingegangenen
Tauschbeziehungen selbst, sondern um die Bedingungen, unter denen die
Individuen sie realisieren. Für die Durchsetzung gleichwertiger und da-
mit gerechter Tauschbeziehungen ist die Freiheit des Vertragsabschlus-
- 35 -

ses für die Individuen eine unabdingbare Voraussetzung (vgl. Kap.


III. 1.3.). Im Gegensatz zum Klassischen Liberalismus sieht Bourgeois in
der Garantie dieser individuellen Freiheit nicht nur ein juristisches,
sondern auch ein ökonomisches Problem, weshalb die individuelle Frei-
heit in ihrem Verhältnis zum Gerechtigkeitspostulat durch die morali-
sche Solidarität neu definiert werden muß.

Diese Neubestimmung der individuellen Freiheit ist eine weitere zentra-


le Problematik in der Argumentation von Bourgeois, in der er am deut-
lichsten seine Kritik am Klassischen Liberalismus formuliert. Der Klas-
sische Liberalismus geht in völliger Verkennung der "sachlichen Solida-
rität" von einem isolierten und daher fast absolut freien Individuum
aus. Da es angeblich auch innerhalb der gesellschaftlichen Assoziation
in erster Linie nur von seinen eigenen Leistungen lebt 14), besteht seine
einzige soziale Pflicht in der Respektierung der Freiheit der anderen,
die sich letztlich auf das Verbot physischer Gewaltanwendung reduziert.
In der liberalen Gesellschaftstheorie wird daher die Rolle des Staates
auf eine reine Sicherheitsfunktion für Leben und Eigentum der Indivi-
duen beschränkt, während der ökonomische Konkurrenzkampf (bei Ein-
hai tung dieser rechtsstaatlichen Grenze) völlig frei ist (vgl. 1896:
41 f). Aber diese Freiheit reduziert sich für Bourgeois eben auf das
Recht des ökonomisch Stärkeren: "Freiheit, so wie sie die Theoretiker
der reinen Politischen Ökonomie definieren, ist ganz einfach das, was
unsere Vorfahren die Gewalt nannten; es ist diejenige, die es einem
Milliardär erlaubt, in einem ganzen Land die Produktions- und Ver-
kaufsbedingungen für einen bestimmten Gegenstand in seinen Händen zu
halten, so daß jeder der Verbraucher gezwungen ist, seine drakonischen
Forderungen zu akzeptieren." (1902: 58)

Oie liberale Konzeption der Freiheit muß diese Konsequenzen haben, da


sie in der Arbeitsteilung vor allem die ökonomischen Konsequenzen (Er-
höhung von Quantität und Qualität der Produkte), nicht aber ihre ge-
sellschaftlichen Auswirkungen auf die Individuen sieht. Einerseits wer-
den die Individuen immer abhängiger voneinander, andererseits fehlt
aber jegliche Kontrolle, ob die Voraussetzung für einen gerechten
Tausch noch gegeben ist, die darin besteht, daß jedes Individuum die
Freiheit besitzen muß, auf einen Tausch nicht einzugehen, wenn er
- 36 -
nicht gleichwertig ist. Zwar kritisieren auch die Liberalen ungleichwer-
tige Tauschbeziehungen als ungerecht und die individuelle Freiheit ge-
fährdend, aber sie ziehen daraus genau die umgekehrte Konsequenz wie
die Solidaristen, denn sie fordern eine Ausdehnung der Freiheit. Erst
wenn die uneingeschränkte Freiheit jedes Individuums hergestellt ist,
kann es nicht zur Annahme ungerechter Tauschbeziehungen gezwungen
werden. Boutroux faßt diese Position, wie folgt, zusammen: "Aber diese
Beweise beruhen letztendlich auf einem schwer aufzustellenden Postulat,
nach dem die Freiheit von selbst die Übel heilen würde, die sie hervor-
bringt, so daß es genügen würde, sie von jeder Einschränkung zu be-
freien, um sie unfehlbar, ungefährlich oder wohltuend zu machen."
(Boutroux 1902: 274)

Genau hierin liegt die eigentliche Sozial utopie des Klassischen Libera-
lismus, denn diese angebliche absolute individuelle Freiheit hat aber auf
Grund der "sachlichen Solidarität" keine reale sozialstrukturelle Basis.
Die Individuen können keinen Anspruch auf die absolute Freiheit haben,
da sie notwendigerweise auf das Zusammenleben mit anderen innerhalb
der gesellschaftlichen Assoziation angewiesen sind, um sich ihre mate-
rielle Existenzgrundlage und darüber hinaus die bestmögliche Erfüllung
ihrer Funktionen innerhalb der Arbeitsteilung zu garantieren. Die
"sachliche Solidarität" hat gerade im Bereich der Wirtschaft die Kon-
sequenz, daß jede individuelle Handlung nur in einem Gesamtkontext zu
sehen ist: "Keine Handlung ökonomischer Produktion ist möglich, ohne
daß sie nicht eine Unmenge an Instrumenten, komplexen und feinen
Räderwerken in Bewegung setzt, derer ich mich bediene und deren Au-
tor ich nicht bin. Und jede dieser Handlungen wirkt bis an die Grenze
der wirtschaftlichen Welt nach." (Bourgeois 1902: 31 f) Hier wie
kaum in einem anderen Bereich wird die Interdependenz zwischen den
Individuen deutlich, so daß alle Konzeptionen, die eine möglichst weit-
gehende Freiheit in den Tauschbeziehungen fordern, ohne gleichzeitig
die Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen sie eingegangen wer-
den, abgelehnt werden müssen, worauf wir ausführlich im Kap. III.2.2.
zurückkommen werden. Aus der "sachlichen Solidarität" ergibt sich, daß
jeder Vorteil, ob materiell oder immateriell, den sich ein Individuum
erarbeitet, gleichzeitig auf gesellschaftlichen Vorleistungen basiert,
weshalb es trotz der eigenen Leistungen auch weiterhin in der "Schuld"
- 37 -
den anderen Individuen gegenüber steht. Die individuelle Freiheit kann
deshalb im Rahmen der gesellschaftlichen Assoziation in dem Sinne
eingeschränkt werden, daß ein Individuum nicht nur auf die Verwirkli-
chung seiner persönlichen Vorteile hinarbeiten darf, sondern auch
gleichzeitig seine "sozialen Schulden" zurückzahlen muß. Die Beglei-
chung seiner "Schuld" wird damit zur Voraussetzung seiner Freiheit:
"Diese Schlußfolgerungen resümieren sich in einigen Worten: Die Soli-
darität ist ein Tatbestand; die Gerechtigkeit wird in einer Gesellschaft
nicht verwirklicht sein, solange nicht jeder Mensch die Schuld aner-
kennt, die auf Grund dieser Tatsache auf allen lastet, aber ungleich
auf jedem lastet. Die Bezahlung dieser Schuld ist die erste Bedingung
der Freiheit." (ebd., S. 31)

Diese notwendige Einschränkung der individuellen Freiheit, zu der jedes


Individuum durch die moralische Solidarität verpflichtet wird, soll aber
nicht ihre völlige Unterdrückung zugunsten der gesellschaftlichen Asso-
ziation bedeuten. Die Freiheit ist für das Individuum unabdingbar, denn
" die Freiheit ist nichts anderes als die Möglichkeit für das Wesen,
die umfassende Ausübung seiner Fähigkeiten, die umfassende Entwick-
lung seiner Aktivitäten anzustreben" (1896: 98). Für die kontinuierliche
Evolution der gesellschaftlichen Assoziation ist es aber notwendig, allen
Individuen diese Freiheit zu garantieren, was impliziert, daß "... die
Möglichkeit der Entwicklung jedes Individuums eine Grenze nur in der
Möglichkeit der gleichermaßen notwendigen Entwicklung von jedem sei-
ner Gleichartigen finden darf." (ebd., S. 99)

Die notwendige Garantie der Freiheit für alle Individuen führt zu einem
doppelten Ergebnis. Die individuelle Freiheit muß gleichzeitig begrenzt
und vor einer willkürlichen Unterdrückung geschützt werden: "Es dreht
sich für die Menschen als solidarische Assoziierte darum, die Ausdeh-
nung der Schuld anzuerkennen, die jeder gegenüber allen durch den
Tausch von Leistungen, durch die Erhöhung der persönlichen Gewinne,
der Aktivität, des Lebens eingeht, die für jeden aus dem Zustand der
Gesellschaft resultiert; die Belastung einmal gemessen, als natürlich
und legitim anerkannt, bleibt jeder Mensch wirklich frei ... , da er mit
all seinem Recht versehen bleibt." (ebd., S. 104 f) Wir werden später
dann sehen, wie Bourgeois aus dieser Bestimmung der Freiheit versucht,
die Funktionen des Staates gegenüber den Individuen abzuleiten.
- 38 -

Fassen wir zusammen: Die "sachliche Solidarität" drückt den Tatbe-


stand der Arbeitsteilung, der Spezialisierung und Interdependenz der In-
dividuen untereinander aus und ist "a-juste" (J 902: 10), d.h. zwischen
ihr und dem Ziel der Gerechtigkeit in den Tauschbeziehungen besteht
kein Zusammenhang. Demgegenüber soll die moralische Solidarität, die
aus der "sachlichen Solidarität" die "Schuld" der Individuen untereinan-
der ableitet, durch die gegenseitige Regulierung von sozialer Gerechtig-
keit und individueller Freiheit das Zusammenleben der Individuen in der
gesellschaftlichen Assoziation nicht nur aus "Notwendigkeit", sondern
auf der Basis der Freiwilligkeit herbeiführen. Auf diese Weise soll sie
die Einwilligung der Individuen zum Abschluß eines "Gesellschaftsvertra-
ges" erreichen, in dem ihre wechselseitigen Beziehungen umfassend ge-
regelt werden. Im Gegensatz zu Rousseau handelt es sich aber nach
Bourgeois nur um einen gesellschaftlichen "Quasi-Vertrag", dem "Qua-
si-Assoziationsvertrag" (J 896: 138), der im folgenden dargestell t werden
soll.

2.3. Der Quasi-Assoziationsvertrag und die mutualistische Organisation

Nach Rousseau treten die im "Naturzustand" nahezu unabhängig vonein-


ander lebenden Individuen durch den Abschluß eines "Gesellschaftsver-
trages" in den "gesellschaftlichen Zustand" über und assoziieren sich
als freie und gleiche Individuen in einem "kollektiven und moralischen
Körper", in dem sie gleichzeitig als Volk der "Souverän" und als Indivi-
duen "Untertanen" sind. Bourgeois und andere Solidaristen interpretie-
ren Rousseau in einer spezifisch historischen Weise, wobei es uns hier
nicht darauf ankommt, ob sie ihn eventuell mißinterpretieren, sondern
wie sie diese Kritik dazu benutzen, ihre eigene theoretische Position zu'
fundieren. So schreibt etwa Deuve: "Das Ideal von Rousseau war ein
gerechter Gesellschaftsvertrag, und er glaubte, daß dieser Vertrag ur-
sprünglich bestanden hatte." (Deuve 1906: 38)

Deuve, wie auch Bourgeois, interpretieren Rousseau also dahingehend,


daß die Individuen ursprünglich isoliert voneinander gelebt und über-
- 39 -

haupt erst durch einen freiwilligen Zusammenschluß die Urgesellschaft


gebildet haben. Die Gesellschaft hätte demnach eine rein "voluntaristi-
sche" Basis. Daß dies aber genau nicht so gewesen ist, betont Bour-
geois, denn durch prähistorische und ethnologische Forschungen über die
Urgesellschaften ist eindeutig bewiesen worden, daß der Mensch auch
in dieser Phase seiner historischen Evolution niemals ein isoliertes We-
sen gewesen ist, sondern schon immer in irgendeiner Form von Assozia-
tion mit anderen zusammengelebt hat. Rousseau hat deshalb den ent-
scheidenden Fehler begangen, nicht die "sachliche Solidarität", sondern
den "Gesellschaftsvertrag" an den Ursprung der Evolution der menschli-
chen Gesellschaft zu stellen. "Tatsächlich gibt es keine vorausgehende
Einwilligung der Vertragsschließenden, was die gesellschaftlichen Ver-
pflichtungen be tri fft. Es konnte keine geben, und das ist der unüber-
windbare Einwand, der die Theorie des Gesellschaftsvertrages von Rous-
seau ruiniert hat." (Bourgeois 1902: 79) Während Bourgeois Rousseaus
Vertragstheorie gänzlich verwirft, werden wir später aufzeigen, wie
Bougie versucht, zu einer differenzierteren Position zu gelangen (vgl.
Kap. III.l.3.). In Bourgeois' Argumentationslinie ist entscheidend, daß
er Gesellschaft nicht als das Ergebnis eines "Gesellschaftsvertrages",
sondern genau umgekehrt die Assoziation von Individuen als einen histo-
rischen Tatbestand ansieht (vgl. auch hierzu Kap. III.l.3.), und ein "Ge-
sellschaftsvertrag" deshalb nur aposteriori versuchen kann (und muß),
gerechte Herrschafts- und Tauschbeziehungen zwischen den Individuen
durchzusetzen: "Dort, wo die Notwendigkei t der Dinge, die Menschen
zueinander in Beziehung setzt, ohne daß ihr vorhergehender Wille die
Bedingungen der eingrei fenden Abmachung diskutieren konnte, wird das
Gesetz, welches zwischen ihnen diese Bedingungen festlegen wird, nur
eine Interpretation und eine Repräsentation der Übereinkunft sein dür-
fen, die vorhergehend zwischen ihnen hätte gebildet werden müssen,
wenn sie gleich und frei untereinander beratschlagen hätten können ...
Der Quasi-Vertrag ist nichts anderes als der rückwirkend eingewilligte
Vertrag." (1896: 132 f)

Der Quasi-Assoziationsvertrag ist damit im Gegensatz zu Rousseaus


"Gesellschaftsvertrag" als ein moralisches Postulat nur im nachhinein
wirksam und muß sich, worauf noch genau eingangen wird, mittelbar in
einer ausgedehnten staatlichen Gesetzgebung verwirklichen. "To give
- 40 -
this "restoration" of the equality of advantages and disadvantages
(which would have existed had society been founded on the principles
of contractual justice) an imperative legal basis and to ensure through
a reparative justice which redistributed fairly the "common capital" of
sJciety amongst all its members, an approximation to the abstract na-
tural-rational ideals of the Revolution, Bourgeois invoked the nation of
a "quasi-contrat d' association" on the basis of which the presumed
will of all citizens to accept their social obligations could be tacitly
inferred and legally enforced." (Hayward 1961: 29)

In dem Begriff des "Quasi-Assoziationsvertrages" kommen zwei unter-


schiedliche Aspekte zum Ausdruck, die an Bourgeois' grundsätzliches
Verständnis von Gesellschaft gebunden sind, welches er ausgehend von
der Kritik an Rousseau von Fouillee übernimmt. Für diesen besitzt Ge-
sellschaft sowohl eine "deterministische" als auch eine "voluntaristi-
sche" Basis. Jene ist auf Grund der arbeitsteiligen Spezialisierung in
der zwangsläufigen Interdependenz der Individuen untereinander begrün-
det, die andere darin, daß jede Gesellschaft einer freiwilligen Zustim-
mung ihrer Mitglieder zu einem ihr Zusammenleben grundsätzlich re-
gelnden Vertrag bedarf (z.B. durch ein Plebiszit über eine Staatsverfas-
sung). Fouillee faßt die "deterministischen" und "voluntaristischen"
bzw. organischen und vertraglichen Aspekte von Gesellschaft in dem
Begriff des "vertraglichen Organismus" zusammen (vgl. Hayward 1963:
211 f, 215; Logue 1983: 142). Für Bourgeois kommen in dem Begriff
des "Quasi-Vertrages" beide Aspekte zum Ausdruck, den er aus dem
Römischen Recht ableitet. Dort galten Verpflichtungen, die sich nicht
aus abgeschlossenen Verträgen, sondern aus einer gegebenen Sachlage
heraus ergeben, als Verpflichtungen "quasi ex contractu" (vgl. Andler
1897: 522 f). Entscheidend ist für Bourgeois, daß damit schon im Rö-
mischen Recht Verpflichtungen juristisch anerkannt worden sind, die
sich nicht aus den expliziten Willenserklärungen der Vertragspartner
ableiten lassen, d.h. keine rein "voluntaristische" Basis besitzen, und
deren Einhai tung der Staat trotzdem garantieren muß. "The attraction
for Bourgeois of the nation of "quasi-contrat" was that it described a
situation which was neither wholly valantarist nor determinist; which
retained a link with liberal contractualism whilst recognising its distor-
sion in pratice, owing to the presupposition of the equality of bargai-
- 41 -

ning power between the parties, which required to be remedied by sta-


te intervention." (Hayward 1961: 30)

Durch den Quasi-Assoziationsvertrag sollen die von Geburt an privili-


gierten Individuen dazu verpflichtet werden, ihre "sozialen Schulden" an
die gesellschaftliche Assoziation zurückzuzahlen. Bourgeois geht im "Es-
sai" fast unmerklich dazu über, den bisher verwendeten Begriffen
"Schuld" und Vorteile eine gewissermaßen "materielle" Dimension hin-
zuzufügen: "Schulden" und "Guthaben" sollen als konkret in Geldwert
meßbare Größen "Schuld" und Vorteile jedes Individuums ausdrücken.
Dies wird dadurch begünstigt, daß das französische Wort "dette" eine
sowohl materielle Dimension (Schulden) als auch eine moralische
(Schuld) besitzt. Das zentrale Problem des Quasi-Assoziationsvertrages
besteht darin, praktisch die Zurückzahlung dieser "sozialen Schulden" zu
organisieren, damit umgekehrt die Unterpriviligierten ihr "Guthaben"
gegenüber der gesellschaftlichen Assoziation einlösen können.

Die Begleichung von Schulden und Guthaben soll durch eine Art "mutu-
al-benefit-organization", einer "Vereinigung gegenseitigen Nutzens"
(Lexikon zur Soziologie 1975, Bd. 2, S. 460 0, konkret durchgeführt
werden: "Eine Organisation, die gewissermaßen die Vorteile und die
Risiken der natürlichen Solidarität zwischen den Menschen mutualisieren
würde, erschien uns auf den ersten Blick als das einzige Verfahren,
welches fähig ist, das Ergebnis zu erbringen, das wir erwarten." (Bour-
geois 1902: 37) Diese "mutualistische Organisation" soll auf einem
Vertrag beruhen, der "privat, kollektiv und gegenseitig" (ebd., S. 48)
ist. Der Unterschied dieses Vertrages zu den traditionellen Formen in-
dividueller oder kollektiver privatrechtlicher Verträge liegt darin, daß
er die Gleichwertigkeit der Tauschbeziehungen zwischen Individuen bzw.
Gruppen nicht an den direkt in Leistung und Gegenleistung meßbaren
Ergebnissen für die Vertragspartner mißt, sondern die Gegenleistung
sich zeitlich verschieben kann und nur dem zugutekommt, der ihrer
auch wirklich bedarf. Dies hängt mit der Besonderheit der Rechtssache
zusammen, um die es in dem Vertrag der "mutualistischen Organisa-
tion" geht: Der Schutz vor sozialen Risiken. Dieses "mutualistische"
Prinzip wird später von Gide noch präziser ausformuliert (vgl. Abschnitt
3.2.2.).
- 42 -
Bourgeois geht in dem "Essai" immer mehr dazu über, die Unterprivili-
gierungen als "Risiken" zu bezeichnen, da kein Individuum sicher sein
kann, im Laufe seines Lebens durch Zufälle oder sich wandelnde soziale
Bedingungen nicht nur benachteiligt zu werden, sondern seine ganze
Existenzgrundlage zu verlieren. In diesem Risiko-Begriff werden dem-
nach zwei völlig unterschiedliche Dimensionen sozialer Probleme verei-
nigt: Zum einen diejenigen, die aus strukturellen sozio-ökonomischen
Ungleichheiten (z.B. Bildungsdefizite, Arbeitslosigkeit, Einkommen unter
dem Existenzminimum) sowie diej enigen, die aus unvorherzusehenden
Unglücksfällen (Krankheit, Unfall, Invalidität, Tod u.a.) resultieren. Da
es demnach unmöglich ist, von vorneherein für jedes Individuum festzu-
legen, wie hoch seine Schulden bzw. sein Guthaben gegenüber der ge-
sellschaftlichen Assoziation sind, müssen alle Individuen dazu verpflich-
tet werden, gemäß ihren augenblicklich akkumulierten Vorteilen einen
Beitrag zur "mutualistischen Organisation" zu leisten. Risiken und Vor-
teile in der "mutualistischen Organisation" auszugleichen, heißt dem-
nach " ... darauf zu verzichten, im voraus diesen Vorteil und dieses Ri-
siko zu kalkulieren und sich zu sagen: wir alle sind ihnen ausgesetzt;
niemand kann wissen, auf wen das Risiko fällt, wem der Vorteil zu-
fällt; wir wissen nur, daß, wenn jeder von uns alleine ist, um sich ge-
gen das Risiko zu schützen, wird er erdrückt werden; vereinigen wir
uns also und mutualisieren wir das Risiko; wir zahlen alle, um uns al-
len dafür eine Garantie zu geben." (ebd., S. 49) Die im Quasi-Assozia-
tionsvertrag eingegangenen Verpflichtungen sollen damit in der Praxis
zur Verwirklichung der "mutualistischen Organisation" führen: "Die
praktische Lösung des Problems ist also diese: Dehnt auf alle Risiken
der Solidarität das Prinzip der Vergegenseitigung ("mutualisation") aus,
und ihr werdet den wirklichen Gesellschaftsvertrag haben: Solidaritäts-
vertrag gegen die Ungerechtigkeit, dem jedes soziale Wesen zustimmen
muß." (ebd., S. 50)

Bourgeois nennt im weiteren verschiedene zentrale Aufgabenbereiche


der "mutualistischen Organisation". Zum einen beinhai tet sie die Aner-
kennung und Durchsetzung der Idee der sozialen Sicherheit, basierend
auf dem Versicherungsprinzip, welches privatrechtlich (freiwillige Versi-
cherung in den "Societes de secours mutuels", die den in Deutschland
bestehenden "Versicherungsvereinen auf Gegenseitikeit" entsprechen)
- 43 -

oder öffentlich-rechtlich (Pflichtversicherung durch den Staat) organi-


siert werden kann. Die soziale Sicherheit muß zur Garantie des
Existenzminimums in all den Fällen (Arbeitsunfall, Krankheit, Arbeits-
losigkeit, Behinderung und Alter nennt Bourgeois) führen, in denen das
Individuum zeitweilig oder auf Dauer seine Existenz nicht mehr durch
eigene Leistungen sichern kann (vgl. ebd., S. B6 f).

Darüber hinaus muß die "mutualistische Organisation" Maßnahmen zum


Abbau der schärfsten sozio-ökonomischen und -kulturellen Ungleichhei-
ten ergreifen. So fordert Bourgeois die Einführung der progressiven
Einkommenssteuer und Steuerbefreiung für die Einkommensschwächsten:
"Je mehr ein Individuum vom "intellektuellen und materiellen Kapital"
(ebd., S. 93) der gesellschaftlichen Assoziation profitiert, d.h. es
existiert "eine Progression im Gewinn" (ebd., S. 94), den jedes Indivi-
duum aus dem "Kapital" ziehen kann, desto mehr kann es seine Schul-
den nur durch ein "Beitragssystem, welches diese Progression berück-
sichtigt, indem es die Belastung von jedem proportioniert" (ebd.), ab-
tragen. Im Gegenzug müssen alle, die bisher kaum oder gar nicht vom
gesellschaftlichen "Kapital" profitieren konnten, von Abgaben und
Steuern befrei t werden.

Im Bereich der Wirtschaftspolitik erhebt er zwei wesentliche Forderun-


gen: Das Verbot von privatwirtschaftlichen Monopolen und von staatli-
chen Subventionen. Während er das Verbot von Monopolen vor allem
mit dem Verbraucherschutz rechtfertigt, argumentiert er gegen die
staatlichen Subventionen wie folgt: "... Auch muß jedes System zurück-
gewiesen werden, welches zugunsten einer besonderen Kategorie von
Produzenten eine priviligierte Situation schafft, und die anderen dazu
verpflichtet, ihnen eine Art Beitrag zu zahlen. Auch wenn einige In-
dustrien der Gesellschaft als unabdingbar erscheinen und nur mi ttels
eines speziellen Schutzes weiterbestehen können, wird man ihnen diesen
Schutz nur als Ausnahme und unter der Bedingung gewähren können,
daß genau bewiesen ist, er ist dazu bestimmt, dem Allgemeinwohl und
nicht demjenigen von dieser oder jener Gruppe im besonderen zu die-
nen." (ebd., S. BB f) Aus Bourgeois' Sicht verstoßen Subventionen vor
allem gegen das Gleichheitspostulat, welches, wie später noch zu zeigen
ist, vor allem die Verhinderung von Regelungen verfolgt, die auf eine
- 44 -

Priviligierung einer spezifischen sozialen Gruppe zuungunsten der ande-


ren zielen.

Zur Erhöhung des Bildungsniveaus der Arbeiter muß darüber hinaus die
Abschaffung jeglichen Schulgeldes (vor allem auch für Gymnasien und
Universitäten) sowie die Verkürzung ihrer Arbeitszeit durchgesetzt wer-
den. Dies entspricht dem Gerechtigkeitspostulat, nach dem jedes Indivi-
duum den gleichen Anspruch auf die volle Entwicklung seiner Persön-
lichkeit hat. Nicht der Mangel an finanziellen Ressourcen, sondern nur
die "natürliche Unfähigkeit" (ebd., S. 84) darf über den Zugang zum
höheren Bildungswesen entscheiden.

Darüber hinaus erhebt Bourgeois vier Forderungen (vgl. ebd., S. 94 f),


die zur Ausgabenreduzierung des Staates führen sollen, um die Kosten
der Sozialversicherung tragen zu können:
I. Reduzierung der Zahl der Beamten durch Verwaltungsdezentralisation
2. Abschaffung von finanziellen Beamtenprivilegien wegen der Arbeits-
platzsicherheit
3. Reduzierung der Zinslasten des Staates durch den Abbau seiner
Schulden
4. Reduzierung des Militärhaushaltes

Aus diesen Vorschlägen ist eindeutig die Notwendigkeit der Wohlfahrts-


funktion des Staates ablesbar und auch dieses wird später noch fun-
diert, wenn das eigentliche Ziel des Quasi-Assoziationsvertrages, die
"Stabilität" der Gesellschaft, herausgearbeitet worden ist. Bevor die
Einordnung der wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen Bour-
geois' in den ökonomischen Solidarismus aufgezeigt wird, müssen die
Funktion des Staates innerhalb der "mutualistischen Organisation" und
die soziologischen Implikationen des Quasi-Assoziationsvertrages spezi-
fiert werden.

Ausgangspunkt für die Bestimmung der Funktion des Staates innerhalb


der "mutualistischen Organisation" muß sein, die Individuen zur Einhal-
tung ihrer gegenseitigen Verpflichtungen "außerhalb von jeglicher will-
kürlichen Bestimmung und jeglicher Intervention einer äußeren Autori-
tät" (J 896: 136) zu bewegen. Der Quasi-Assoziationsvertrag, der die
Solidarität der Individuen untereinander durch ihre unausweichliche
- 45 -

Interdependenz und eine zu ihrem gegenseitigen Nutzen ausgleichende


Moral begründet, betont deshalb nicht die Beziehungen zwischen dem
Staat und den Individuen" (1902: 52) prioritär. ".•. Es dreht sich nicht
darum zu wissen, welche Grenze die Staatsautorität ihrer Freiheit
setzen wird, sondern wie sich ihre Freiheit selbst durch ihr gegenseiti-
ges Einverständnis betreffs gleichwertiger Risiken begrenzen wird"
(ebd.). Funktion des Staates kann es deshalb nur sein, genau zu
kontrollieren, ob die Individuen ihre Rechte und Pflichten im Rahmen
der "mutualistischen Organisation" einhalten (vgl. ebd., S. 90).

Aus den inter-individuellen Beziehungen selbst soll sich also die


Einschränkung der individuellen Freiheit ergeben, weshalb für Bourgeois
die Fragestellung des Klassischen Liberalismus, wie die Freiheitsrechte
der Individuen vor dem Staat geschützt werden können, falsch gestellt
ist. "Indem die Kenntnis der Gesetze der natürlichen Solidarität den
abstrakten und apriorischen Begriff des isolierten Menschen zerstört,
zerstört sie gleichzeitig den gleichermaßen abstrakten und apriorischen
Begriff des Staates, der vom Menschen isoliert und ihm entgegengesetzt
ist wie ein Subjekt mit verschiedenartigen Rechten oder wie eine
höhere Macht, der er untergeordnet wäre." (1896: 87) Die Staatskon-
zeption des Klassischen Liberalismus "personifiziert" gewissermaßen den
Staat, was Bourgeois aber ablehnt. Jener sei nur eine "Kreation der
Menschen" (ebd.), und es seien deshalb immer nur Individuen, die in
seinem Namen handeln und die, soll die Gerechtigkeit gewahrt bleiben,
nicht über ausgedehntere Freiheitsrechte verfügen dürfen wie die
anderen auch. Die Fragestellung des Klassischen Liberalismus sei
demnach deshalb falsch, da es den Staat als ein eigenständig handeln-
des Subjekt gar nicht gebe und die Freiheitsrechte der ihn repräsentie-
renden Individuen mit denen der anderen identisch seien (vgl. hierzu
auch BougIe 1907a: 149 ff).

Mit dieser Staatskonzeption steht Bourgeois noch ganz in der Tradition


des "soziologischen Atomismus" , demzufolge "nur das Individuum ein
konkret Wirkliches ist; jedes soziale Gebilde ist nur als Zusammenbal-
lung von Individuen zu verstehen." (Lexikon zur Soziologie 1975: 61)
Auch die Gesellschaft besteht folglich nur aus einer Assoziation
- 46 -

von Individuen und ist kein eigenständiges Subjekt mit spezifischen


Rechten über die Individuen: "Nicht mehr als der Staat, politische
Form der menschlichen Gruppe, ist die Gesellschaft, d.h. die Gruppe
selbst, ein isoliertes Wesen, welches außerhalb der Individuen, die es
zusammensetzen, eine wirkliche Existenz hat und ein Subjekt mit be-
sonderen und höheren, dem Recht der Menschen entgegensetzbaren
Rechten sein kann." (Bourgeois 1896: 89) Auf die Kritik dieser atomi-
stischen Staats- und Gesellschaftskonzeption kommen wir später zurück.
Im Moment gilt es, zweierlei festzuhalten. Zwar versucht Bourgeois ei-
nen vom Klassischen Liberalismus unterschiedlichen Ansatz zur Klärung
des Verhältnisses zwischen Staat und Individuen zu entwickeln, in seinen
Konsequenzen ist er sich jedoch mit diesem einig, daß es notwendig
ist, die Rechte des Staates möglichst weitgehend einzuschränken. Die-
ses wird später etwa bei der Frage der Bewertung von Sozialisierungs-
maßnahmen im Bereich der Wirtschaft sehr deutlich.

Trotz des Bestrebens, den Staat in seinen Rechten möglichst zu be-


grenzen, hat er aber, wie schon angedeutet, innerhalb der "mutualisti-
schen Organisation" eine klare Funktion zu erfüllen: Die Kontrolle über
die Einhaltung der gegenseitigen Verpflichtungen und notfalls die Ver-
hängung von Sanktionen (vgl. 1902: 52). Eine direkte Konsequenz dieser
Kontrollfunktion ist die Ausdehnung des öffentlichen Rechts, denn die
moralische Solidarität all eine kann die Einhaltung der Verpflichtungen
nicht garantieren: "Die Gegenstände, die wirklich eine strenge, juristi-
sche und gesetzlich sanktionierte Verpflichtung betreffen, die Gegen-
stände, auf die sich die gesetZliche Sanktion beziehen muß, sind ausge-
dehnter als man dachte ••• Es gibt hier eine intermediäre Zone, die so-
ziale Zone, die dem Bereich des Rechtes hinzugefügt, darin eingeglie-
dert wird." (ebd., S. 60) Hier deutet sich schon eine der wesentlichen
Schwierigkeiten Bourgeois' an, mit der Ausdehnung des öffentlichen
Rechts zur Kontrolle der "mutualistischen Organisation" eine Erweite-
rung der Staatsaktivitäten befürworten zu müssen, ohne aber mit dem
liberalen Ideal möglichst reduzierter Staatsaktivitäten brechen zu wol-
len. Wir werden hierauf zurückkommen.

Das erweiterte öffentliche Recht (Steuer-, Erbschafts-, Eigentums-,


Sozialversicherungsrecht, Organisation öffentlicher Dienstleistungen; vgl.
- 47 -
1896: 155) erfüllt damit in der Praxis die Funktion, die im Quasi-Asso-
ziationsvertrag anerkannten gegenseitigen Verpflichtungen präzise zu
bestimmen und, falls erforderlich, Sanktionen zu verhängen (vgl. ebd.,
S. 95). Bei dem Prozeß der Transformation moralischer Verpflichtungen
in rechtlich fixierte und sanktionierbare Vorschriften nähert sich Bour-
geois stark den Thesen Ourkheims über die repressiven Sanktionen an:
Je nach der Schwere der Verletzung des "Kollektivbewußtseins" findet
entweder nur eine diffuse Bestrafung (über Moral) oder eine organisier-
te (über ein Gericht) statt (vgl. Ourkheim 1977: 144 ff). Ganz im Sin-
ne Ourkheims schreibt Bourgeois: "Das Recht und die Moral sind wie
zwei konzentrische Kreise mit ungleichem Radius" (Bourgeois 1902: 60),
d.h. die Moral kann noch dort Sanktionen aussprechen, wo dies dem
Recht nicht mehr möglich ist; aber umgekehrt hat eine Verurteilung
durch die öffentliche Meinung auch nicht die Verbindlichkeit wie die
Verurteilung durch ein Gericht. Das erweiterte öffentliche Recht ist
damit gleichzeitig Ausdruck und Garant der für die Individuen innerhalb
der "mutualistischen Organisation" bestehenden gegenseitigen Verpflich-
tungen.

Zusammenfassend kann das Verhältnis zwischen dem Quasi-Assoziations-


vertrag und der "mutualistischen Organisation", wie folgt, charakteri-
siert werden: Durch den Quasi-Assoziationsvertrag werden die Rechte
und Pflichten jedes Individuums umfassend festgelegt, denn nur bei der
Durchsetzung der Gerechtigkeit in den vertragsmäßigen Beziehungen ge-
ben die Individuen auch freiwillig ihre Einwilligung zum Zusammenle-
ben in der gesellschaftlichen Assoziation. In demokratischen Gesell-
schaften kann diese Einwilligung nicht mehr durch "den Willen einer
höheren Autorität" (ebd., S. 47), wie dem Staat und der Kirche im
"Ancien Regime", erzwungen werden, sondern nur durch einen gesell-
schaftlichen Vertrag: "Der Vertrag ist die Substitution der Herrschaft
der Gewalt oder der Autorität durch die Herrschaft der freiwillig be-
grenzten Freiheit." (ebd.) Der Quasi-Assoziationsvertrag besteht damit
in der Akzeptanz dieser auf die Gerechtigkeit ausgerichteten Moralphi-
losophie durch die Individuen; die moralische Solidarität verpflichtet
diese zur Anerkennung der gegenseitigen Verantwortung für ihre
Vorteile und Risiken innerhalb der gesellschaftlichen Assoziation, aus
- 48 -
denen ihre "Schulden" und "Guthaben" gegenüber der Assoziation sowie
die Garantie und Begrenzung ihrer Freiheitsrechte resultieren.

Um praktisch die Begleichung von "Schulden" und "Guthaben" durchzu-


führen, bedarf es einer "mutualistischen Organisation", die mittels des
erweiterten öffentlichen Rechts Pflichtabgaben fixiert und für ihre Ein-
haltung Sanktionen aussprechen kann. Der Staat wird zum Hauptträger
dieser "mutualistischen Organisation", die im wesentlichen das Prinzip
der sozialen Sicherheit impliziert, daneben aber auch weitere Schutzge-
setze, Dienstleistungen und Umverteilungsmaßnahmen für ökonomische
und kulturelle Güter beinhaltet, d.h. alle Maßnahmen im Sinne eines
umfassenden Ausgleichs zwischen allen Individuen bei der Partizipation
am kollektiv akkumulierten "Kapital".

Damit impliziert das Gerechtigkeitspostulat des Quasi-Assoziationsver-


trages ein Gleichheitsideal, welches in der sozialen Realität vor allem
auf zwei Dinge abzielt: Zum einen bedeutet es die Durchsetzung einer
grundsätzlichen Gleichheit im Rechtsanspruch auf die Partizipation am
gesellschaftlichen "Kapital", auf dessen Grundlage jedes Individuum
entsprechend seinen Neigungen, Fähigkeiten und Leistungen die für ihn
geeignetste Position innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung
erreichen können muß; zum anderen muß diese "Gleichgewichtigkeit des
sozialen Wertes" (ebd., S. 113) allen Gesellschaftsmitgliedern garantie-
ren, daß, welche soziale Position auch immer sie einnehmen, sie gegen
alle sozialen Risiken gleichermaßen abgesichert sind. Wir werden später
sehen, wie auch BougIe in der "Chancengleichheit" und der "sozialen
Sicherheit" die beiden wesentlichen Realisierungsformen des Gleichheits-
postulates sieht (vgl. Kap. 111.4.2.).

Dieses Gleichheitspostulat trifft sich mit dem von Durkheim. obwohl


dieser in erster Linie die "Chancengleichheit" betont: "Andererseits
kann die Gleichheit, da die Fortschritte der Arbeitsteilung im Gegen-
teil eine ständig wachsende Ungleichheit implizieren, nur jene
Gleichheit sein, von der wir gesprochen haben, nämlich die Gleichheit
in den äußeren Bedingungen des Kampfes." (Durkheim 1977: 421) Eine
Gleichheit im Sinne der Nivellierung von Einkommens- und Statusunter-
schieden wird dagegen von BourgeOIs und Durkheim gleichermaßen aus-
geschlossen. So sagt etwa Bourgeois: "Die Gesellschaft kann nicht j e-
dem ihrer Mitglieder die Gleichheit des Lohnes garantieren. Diese
- 49 -

Gleichheit ist weder wünschenswert, noch möglich." (Bourgeois 1902:


86) Demgegenüber betont Durkheim "meritokratische" Aspekte: "Da die
Bewertung der Dinge nicht apriori bestimmt werden kann, sondern
sich aus dem Tausch selbst entwickelt, dürfen die tauschenden Indivi-
duen bei der Bewertung dessen, was ihre Arbeit wert ist, keine andere
Macht haben als jene, die sie aus ihrem sozialen Verdienst ziehen."
(Durkheim 1977: 425) Die im Quasi-Assoziationsvertrag durchzusetzende
Gleichheit verfolgt damit gleichermaßen die Verhinderung von zu weit-
gehender Nivellierung wie ungerechtfertigten Privilegien und ist unver-
einbar mit jeglichem "besonderen gesetzlichen System, welches nach
anderen Prinzipien das Recht und die Pflicht zugunsten oder zum Nach-
teil einer Gruppe, einer Klasse, einer Kategorie, eines Individuums be-
grenzt oder ausdehnt und welches den natürlichen Ungleichheiten eine
Ursache sozialer Ungleichheit hinzufügt." (Bourgeois 1896: 154)

Bourgeois' Abneigung gegen staatliche Subventionen für Betriebe, die er


allenfalls nach der Überprüfung strenger Vorbedingungen gewährt sehen
möchte, begründet sich vor allem mit seiner Befürchtung, daß durch
rechtliche Manipulationen bestimmte Gruppen sich ungerechtfertigte, in
diesem Falle ökonomische Vorteile verschaffen wollen. Eindeutig sieht
er auf seiten der Profiteure von Subventionen nicht nur die Unterneh-
mer, sondern auch die Arbeiter, d.h. die antagonistischen ökonomischen
Interessen sind hier nicht klassenspezi fisch, sondern es stehen sich par-
tikulare und gesamtgesellschaftliche Interessen (der Staat als Vertreter
der gesellschaftlichen Assoziation) gegenüber.

Es ist eines der charakteristischen Merkmale der solidaristischen Argu-


mentationen, daß klassenspezifische Antagonismen nur als ein Sonderfall
von Konflikten entweder zwischen verschiedenen partikularen oder zwi-
schen partikularen und gesamtgesellschaftlichen Interessen interpretiert
werden. Damit soll verhindert werden, daß eine bestimmte soziale
Gruppe eine Sonderstellung zugesprochen bekommt, aus der sich spezifi-
sche Privilegien ergeben könnten. Ausnahmen sind nur dann möglich,
wenn Benachteiligungen empirisch festgestellt worden sind und ihre
Überwindung im Sinne des Gerechtigkeitspostulates als notwendig er-
scheint. Die Entstehung des Arbei terelends als Folge der Industrialisie-
rung ist eine solche spezifische Problemsituation, in der das sozio-öko-
- 50 -

nomische Gleichgewicht zwischen den sozialen Klassen gebrochen wurde


(vgl. Hausknecht 1938: 49). Wir werden auf die hier nur angedeutete
Problematik des solidaristischen Gleichheitspostulats im Zusammenhang
mit Bougies sozialwissenschaftlicher Fundierung des Solidarismus aus-
führlich zurückkommen (vgl. Kap. IIl.l.2. und 1II.3.).

Damit ist die eigentliche Darstellung der moralphilosophischen Grundla-


gen des Quasi-Assoziationsvertrages und der "mutualistischen Organisa-
tion" nach Bourgeois abgeschlossen und bei der folgenden kritischen
Betrachtung wird, wie schon zuvor bei der Gleichheitsproblematik, eine
komparative Analyse zwischen Durkheim und Bourgeois versucht. Am
Beispiel der Funktionen des Staates sowie der Gerechtigkeits- und
Freiheitsproblematik soll aufgezeigt werden, daß trotz der Unterschied-
lichkeit der theoretischen Ansätze beide Autoren zu stark konvergieren-
den Schlußfolgerungen in bezug auf die notwendigen Bedingungen einer
"stabilen" Gesellschaftsordnung gekommen sind 15).

2.4. Bourgeois und Durkheim

Die zentrale These von Bourgeois' Staatskonzeption ist, daß dieser sich
auf eine rein vermittelnde Funktion zwischen den individuellen Interes-
sen zu beschränken habe und Sanktionen nur bei einem Verstoß gegen
die Pflichten jedes Individuums im Rahmen der mutualistischen Organi-
sation verhängen kann. Die Individuen werden sich Sanktionen aber nur
dann unterwerfen, wenn sie im Staat den Repräsentanten der innerhalb
der gesellschaftlichen Assoziation allgemein akzeptierten und deshalb
verbindlichen Gerechtigkeitsvorstellungen anerkennen, welcher die Macht
und das Recht hat, ihre Freiheitsrechte einzuschränken. Dieses bedeutet
wiederum, daß die "atomistische" Konzeption des Staates (und der hin-
ter ihm stehenden Gesellschaft) aufgegeben werden muß, da er nach
Durkheim der sichtbare Garant der kollektiven Überzeugungen, d.h. des
"Kollektivbewußtseins" ist: "Und wieder kann man feststellen, daß die
Macht zur Reaktion, über die die Regierungsorgane verfügen, wenn sie
einmal eingesetzt sind, nur eine Ausstrahlung der Macht ist, die in der
Gesellschaft ruht, da sie aus ihr kommt." (Durkheim 1977: 145 f)
- 51 -

Bougie bezeichnet Bourgeois' Staatskonzeption als "antirealistisch" (vgl.


Bougie 1907a: 153), da er diesen im Gegensatz zu Durkheim nicht als
einen "realen" sozialen Tatbestand betrachtet, d.h. nach Durkheims De-
finition als eine Tatsache "... die im Bereiche einer gegebenen Gesell-
schaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen ÄuBe-
rungen unabhängiges Eigenleben besitzt." (Durkheim 1970a: 114; Her-
vorhebung durch uns) Dasselbe gilt für das KollektivbewuBtsein, wobei
Bourgeois interessanterweise die Existenz eines KollektivbewuBtseins
zwar zugesteht, sich dabei allerdings nicht auf Durkheim, sondern auf
Fouillee bezieht: "Jede Gesellschaft ist nach dem Wort von Fouillee ei-
ne "Vereinigung von BewuBtseinszuständen, die sich herausbildet"."
(Bourgeois 1896: 70) Der Grund hierfür kann nur darin liegen, daB er
sich von Durkheim abgrenzen will, für den die Anerkennung des "Kol-
lektivbewuBtseins" als einem "realen" sozialen Tatbestand (im Gegen-
satz zum individuellen BewuBtsein) die Grundlage seiner Soziologie
überhaupt bildet. Folgerichtig zieht Bourgeois in seiner Vertragstheorie
den Begriff der "Assoziation" der Individuen dem der Gesellschaft vor.

Bourgeois' Position wird aber noch dadurch verständlich, daB er eine


klare Abgrenzung seiner solidaristischen Konzeption von der Ausdehnung
des öffentlichen Rechts gegenüber den damals in Frankreich vorherr-
schenden sozialistischen Staatskonzeptionen erreichen will. Grundge-
meinsamkeit aller damaligen französischen Sozialisten war es, (auf die
beiden Hauptrichtungen, die Reformisten und die Kollektivisten, gehen
wir später noch ausführlich ein), daB eine relativ weitgehende Soziali-
sierung zumindestens des Eigentums an Produktionsmitteln durch eine
sozialistische Regierung zu verwirklichen sei 16). Diesbezüglich schlieBt
sich Bourgeois ausdrücklich der Kritik des Klassischen Liberalismus an,
indem er schreibt: "Die ökonomen haben recht, wenn sie im Namen
der Freiheit die sozialistische Theorie des Staates zurückweisen." (ebd.,
S. 88) Bourgeois' Festhalten an der atomistischen Staats- (und Gesell-
schafts-) Konzeption muB, obwohl sie soziologisch als falsch erscheint,
aus der Schwierigkeit verstanden werden, einerseits über den auf reine
innere und äuBere Sicherheitsfunktionen beschränkten "Minimalstaat"
des Klassischen Liberalismus hinauszukommen und gleichzeitig nicht den
Sozialisierungstendenzen der Sozialisten nachzugeben. Der solidaristische
Staat soll eine notwendige Wohlfahrtsfunktion erfüllen, ohne zum all
- 52 -

umfassenden Regulator des gesellschaftlichen Lebens zu werden. In die-


ser Staatskonzeption begründet sich, neben der einer neuen Wirtschafts-
ordnung, der Anspruch des Solidarismus, eine intermediäre gesellschafts-
politische Doktrin zwischen dem liberalen Individualismus und dem so-
zialistischen Kollektivismus zu sein, worauf wir im Kap. 111.2.4. näher
eingehen werden.

Neben der Staatskonzeption muß das Gerechtigkei tspostulat innerhalb


des Quasi-Assoziationsvertrages soziologisch hinterfragt werden. Es soll
die Gleichheit der individuellen Rechtsansprüche gegenüber der gesell-
schaftlichen Assoziation garantieren, aber Bourgeois deutet nicht an,
wie dieses Ziel tatsächlich eine breite gesellschaftliche Akzeptanz fin-
den kann, sieht man einmal von der wahrscheinlichen Zustimmung sei-
tens der Unterpriviligierten ab. So kritisiert etwa Belot: "Denn es gibt
solche, die nicht daran interessiert sind, daß die Gesellschaft so orga-
nisiert ist, die Ausbeutung der einen durch die anderen zu verhindern:
Ein Jay Gould würde niemals eine Gesellschaft akzeptieren, in der es
unmöglich wäre, durch Börsenspekulationen und wucherhaften Aufkauf
ein enormes Vermögen zu bilden." (Essai 1902: 116) Und in der Tat
befindet sich hier in Bourgeois I Thesen ein entscheidender Bruch. Das
Streben nach Gerechtigkeit sei eine "positive Gegebenheit" (Bourgeois
1902: 103; vgl. ebd., S. 27, 65) und eine theoretische Begründung für
ihren Ursprung sei letztlich entbehrlich.

Zwar versucht Bourgeois durch die "sachliche Solidarität" seinen moral-


philosophischen Überlegungen einen "positiven", d.h. auf wissenschaft-
licher Empirie und nicht auf metaphysischen oder gar theologischen
Axiomen beruhenden Ausgangspunkt zu geben. Aber die eigentliche mo-
ralische und nicht "positive" Begründung der Gerechtigkeit liegt, wie
wir gesehen haben, in der Annahme jener grundsätzlichen "Schuld" des
Individuums gegenüber der gesellschaftlichen Assoziation. Durch dieses
moralphilosophische Axiom, welches Ferdinand Buisson als eine "vorab
gebildete Regel" (Buisson 1908: 215) bezeichnet, rückt er aber die Ge-
rechtigkeit und darüber hinaus die moralische Solidarität ganz in die
Nähe des christlichen Dogmas der Erbschuld und den theologisch dar-
aus abgeleiteten Verpflichtungen (vgl. Hayward 1959: 283), von dem er
sich ausdrücklich entfernen wollte. Gerade hier zeigt es sich besonders
- 53 -
deutlich, daß er zwar aus der Erkenntnis allgemeiner Evolutionsgesetze
moralische Verpflichtungen und ihre rechtliche Fixierung ableiten will,
er als Moralphilosoph aber auf letztlich unbegründbare normative Postu-
late zurückgreifen muß. Dieser Bruch in seinen Thesen ergibt sich aus
der dem klassischen Positivismus inhärenten Trennung von "objektiven",
empirisch erfaßbaren und "moralischen", auf willkürlichen Wertsetzun-
gen basierenden und deshalb rational nicht erfaßbaren Phänomenen I7 ).

Um diese offensichtliche Lücke bei Bourgeois auszufüllen, versucht


Deuve der sozialen Gerechtigkeit eine sozialpsychologische Basis zu ge-
ben: "Bourgeois macht ohne Zweifel eine tiefergehende Analyse der
Idee der Gerechtigkeit: Der Mensch vergleicht die Situation, in die er
versetzt ist, mit einer Situation und dem Wohlstand, die seinen Quali-
täten, seinen Leistungen, dem, was er seinen Verdienst nennt, entspre-
chen würde. Wenn nicht "die Ignoranz, der Egoismus, die Mißgunst, der
Haß auf den anderen" gekommen wären, die natürliche Frucht seiner
Aktivität zu verringern oder zu zerstören, hätte er eine bessere Situ-
ation als die seinige gehabt. Der Mensch nennt Ungerechtigkeit die
Ungleichheit zwischen dieser imaginären Situation und seiner realen Si-
tuation. Der Mensch macht dieselben Vergleiche mit der respektiven
Situation der anderen Menschen und kommt zu einer allgemeinen Idee
der Gerechtigkeit, die er durch die anderen respektiert haben will."
(Deuve 1906: 50)

Aber auch diese Begründung der Gerechtigkeit bleibt ungenügend, da


sie auf der Ebene eines normativen Postulats einiger sozialer Gruppen
gegenüber den anderen stehen bleibt, ohne daß dieses mit den struktur-
ellen Notwendigkeiten der Gesellschaft gekoppelt wird. Dabei hatten
Bourgeois und Deuve insbesondere mit Durkheims Theorie des "organi-
sierten Gesellschaftstypus" und seiner hauptsächlich "organischen" Soli-
darität ein soziologisches Modell vorliegen, dessen praktische Zielset-
zungen mit ihren eigenen fast völlig übereinstimmt. Eine der möglichen
Störungen der "organischen" Solidarität ergibt sich aus der "aufgezwun-
genen" Arbeitsteilung, wie dargestellt worden ist (vgl. Kap. 1.).

Die Reduzierung dieser äußeren sozio-ökonomischen Ungleichheiten ist


für die Gesellschaft nicht nur deshalb notwendig, "weil diese Aufgabe
schön ist, sondern weil ihre Existenz selber von diesem Problem ab-
- 54 -

hängt." ([)urkheim 1977: 422) Über die Wichtigkeit der Herstellung der
"Chancengleichheit" für die Individuen gibt es für Durkheim keinen
Zweifel, sie ist ein "Werk der Gerechtigkeit" (ebd.) und wird zur
"Aufgabe der am weitesten fortgeschrittenen Gesellschaften" (ebd., S.
429).

Er bringt damit im Rahmen der "anormalen" Formen der Arbeitsteilung


eine soziologische Beweisführung für die Notwendigkeit der zur "Chan-
cengleichheit" führenden sozialen Gerechtigkeit, die weit über Bour-
geois' und Deuves Begründungsversuche hinausgeht, da sie an die Struk-
tur der Gesellschaft und nicht nur an "gesetzte" oder konkurrierende
Wertvorstellungen innerhalb der Gesellschaft gebunden ist. Zwar ver-
steht sich auch Durkheim, wie Bourgeois, in dem Sinne als Vertreter
des Positivismus, nach dem "das Gegebene (die positiven Tatsachen)
Quelle menschlicher Erkenntnis ist, das uns durch Sinneseindrücke und
Empfindungen bekannt wird, wobei wir gewisse Regelmäßigkeiten kon-
statieren können" (Lexikon zur Soziologie 1975, Bd. 2, S. 505), aber er
dehnt den Anspruch wissenschaftlicher Erkenntnis auf die moralischen
Phänomene selbst aus, die auf diese Weise zu gegebenen sozialen Tat-
beständen werden. "Wir wollen die Moral nicht aus der Wissenschaft
ableiten, sondern die Wissenschaft der Moral treiben, was etwas ganz
anderes ist. Die moralischen Faktoren sind Phänomene wie alle anderen
auch. Sie bestehen aus Verhaltensregeln, die man an bestimmten Un-
terscheidungsmerkmalen erkennen kann. Es muß also möglich sein, sie
zu beobachten, sie zu beschreiben, sie zu klassifizieren und die Gesetze
zu suchen, die sie erklären." (Durkheim 1977: 72) Nicht moralphiloso-
phische Axiome, sondern die Struktur spezifischer Gesellschaftstypen
werden so zur Grundlage von Moral und Recht, und in der Verbindung
von sozialstrukturellen und normativen Faktoren, beide aufgefaßt als
empirisch erfaßbare soziale Tatbestände, wird der Gegensatz von "ob-
jektiven" und "moralischen" Phänomenen überwunden. Hierin zeigt sich
deutlich die wissenschaftiche Überlegenheit von Durkheims soziologi-
schem gegenüber Bourgeois I philosophischen Ansatz zur Begründung der
Notwendigkeit der sozialen Gerechtigkeit und Solidarität.

Die fehlende Rezeption von Durkheim ist auch darüber hinaus ein Man-
ko, wenn man sieht, wie stark Durkheim die Notwendigkeit der
- 55 -
Gleichwertigkeit und des Konsenses bei vertraglich geregelten Tausch-
beziehungen sowie die der Begrenzung der individuellen Freiheit betont
und sich damit Bourgeois' Thesen stark annähert. Fassen wir Durkheims
Position kurz zusammen: "Die vertraglichen Beziehungen entwickeln sich
nämlich notwendigerweise mit der Arbeitsteilung, da sie nicht ohne den
Tausch möglich ist, dessen rechtliche Form der Vertrag ist." (ebd., S.
422 f) Einem Vertrag kann aber nur dann voll zugestimmt werden,
"wenn die ausgetauschten Dienste einen gleichwertigen sozialen Wert
haben." (ebd., S. 424) Der Vertrag muß also gerecht sein, denn nur so
kann die Zustimmung auf Konsens und nicht auf Zwang beruhen. Da
aber die auf Konsens und Gleichwertigkeit der Tauschbeziehungen beru-
henden Verträge in der organisierten Gesellschaft eine immer wichtige-
re Rolle spielen, muß die Gesellschaft dafür sorgen, daß die "nötige
und genügende Bedingung" (ebd., S. 425) dieser Vertragsregel, die
"gleichen, äußeren Bedingungen" (ebd.) der Vertragspartner, durchge-
setzt wird. Eine der wesentlichen Voraussetzungen hierfür ist die Be-
grenzung der individuellen Freiheit. Durkheim (wie Bourgeois) wirft den
Vertretern des Klassischen Liberalismus vor, sich "über das Wesen die-
ser Freiheit getäuscht" (ebd., S. 428) zu haben. "Da sie in ihr ein
konstitutives Attribut des Menschen gesehen und sie logisch vom Kon-
zept des Individuums an sich abgeleitet haben, erschien sie ihnen von
Natur aus ungeteilt zu sein, ganz ohne jeden Beitrag der Gesellschaft."
(ebd.) Genau hierin liegt aber der Fehler der Liberalen, denn weder ist
"jede Reglementierung das Ergebnis eines Zwanges" (ebd.), noch erken-
nen sie, "daß die Freiheit selbst das Ergebnis einer Regelung ist"
(ebd.). Das, was die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft ge-
genüber allen sozialen Ungleichheiten garantieren muß, "ist die Unter-
drückung der äußeren Kräfte unter die sozialen Kräfte; denn nur unter
dieser Bedingung können sich diese entwickeln. Nun ist aber diese Un-
terordnung viel eher die Umkehrung der natürlichen Ordnung." (ebd.)

Die "natürliche Ordnung" entspricht der "sachlichen Solidarität" bei


Bourgeois, deren negative Konsequenzen, wie angedeutet, durch die mo-
ralische Solidarität ausgeglichen werden müssen. Durkheim schreibt
hierzu: "Aber es ist weder nötig noch sogar möglich, daß das soziale
Leben ohne Kampf verläuft. Es ist nicht die Rolle der Solidarität, die
Konkurrenz zu unterdrücken, sondern sie zu mäßigen." (ebd., S. 408)
- 56 -

Der Wandel des Charakters der individuellen Freiheit durch die Solida-
rität, von der bedingungslosen Konkurrenz hin zu geregelten Tauschbe-
ziehungen, innerhalb derer die Individuen ihre unterschiedlichen Fähig-
keiten erst voll entwickeln können, läßt sich für Bourgeois und Durk-
heim, wie folgt, zusammenfassen: "Zuerst der Idee der Freiheit entge-
gengesetzt, bindet sie (die Solidarität; C.G.) sich schließlich an jene an
und ordnet sich ihr unter, genauso wie wir gesehen haben, daß sie sich
der Idee und dem Gefühl der Gerechtigkeit unterordnet." (Boutroux
1902: 281)

Boutroux sieht eine "wirkliche Dialektik" (ebd.) zwischen den verschie-


denen moralischen Prinzipien einer Gesellschaftsordnung (Solidarität,
Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Verantwortung, Rechte und Pflich-
ten usw.). Die Solidaristen dürfen nicht demselben Fehler verfallen, den
auch die Liberalen begangen haben, nämlich die Solidarität oder die
Gerechtigkeit (bzw. die Freiheit) als "einziges Prinzip der moralischen
und gesellschaftlichen Ordnung" (ebd.) zu betrachten, denn "die einzige
Art und Weise, mit der wir uns der Wahrheit und der Präzision annä-
hern können, nicht nur in literarischen und künstlerischen Fragen, son-
dern auch in der moralischen, sozialen und politischen Materie, besteht
darin, sinnvoll die verschiedenen Prinzipien, die die Bedingungen des
moralischen Lebens des Menschen ausdrücken, zu sammeln und zu kom-
binieren, um sie zu determinieren und notfalls gegenseitig zu korrigie-
ren." (ebd., S. 282)

Alle verschiedenen moralischen Prinzipien ergänzen sich damit nicht nur


gleichwertig, sondern sie werden selbst zu unterschiedlichen Mitteln ei-
nes allgemeinen gesellschaftlichen Zieles, welches in der Schaffung ei-
ner "stabilen Gesellschaft" (Bourgeois 1902: 102) besteht. Bourgeois
formuliert dies klar aus: "Welches ist das gemeinsame Interesse einer
dieses Namens würdigen Gesellschaft nach dem der äußeren Verteidi-
gung? Es ist die Aufrechterhaltung des Friedens zwischen ihren Mit-
gliedern." (ebd., S. 93) Und auch hier sehen wir eine eindeutige Para-
lelle zu Durkheim, denn das Ziel einer Gesellschaft muß sein, "den
Krieg zwischen den lv1enschen zu unterdrücken oder zum wenigsten zu
mildern, indem man das physische Recht des Stärkeren einem höheren
Recht unterordnet." (Ourkheim 1977: 41) Diesem Ziel müssen sich alle
- 57 -
sozialen Institutionen unterordnen bzw. es fördern, denn geschieht dies
nicht oder nur unzureichend, so ist ihre gesellschaftliche Akzeptanz in
Frage gestellt: "Seien wir also gegenwärtig nicht erstaunt, wenn wir
alle Institutionen, alle Gesetze diskutiert, in Frage gestellt sehen. Das
moralische und gesellschaftliche Unbehagen, an dem wir leiden, ist nur
das Gefühl des Widerspruches, welcher sich zwischen gewissen politi-
schen, ökonomischen und sozialen Institutionen und den moralischen
Ideen, die die Fortschritte des menschlichen Denkens langsam verändert
haben, offenbart hat." (Bourgeois 1896: 77 f)

Aus dieser Perspektive wird es verständlich, daß der Staat nicht auf die
Garantie der äußeren und inneren Sicherheit beschränkt werden darf,
sondern daß er daneben eine im weitesten Sinne zu verstehende Wohl-
fahrtsfunktion zu erfüllen hat. Der ökonomische Solidarismus will dar-
über hinaus aufzeigen, wie durch eine "wirtschaftsdemokratische" Ord-
nung die Überwindung von ökonomischen Antagonismen zwischen Unter-
nehmern und Gewerkschaften sowie zwischen Produzenten und Konsu-
menten erreicht werden kann. Für Durkheims Modell der Berufsgruppen
ist dagegen vor allem die Schaffung institutionalisierter Konfliktrege-
lungsmechanismen prioritär, ohne daß dabei eine genossenschaftlich-ide-
al typische Überwindung aller antagonistischen ökonomischen Interessen
impliziert wird. Die soziale Solidarität wird für die Durchsetzung der
"stabilen" Gesellschaftsordnung zum Schlüsselbegriff mit einer sowohl
strukturellen als auch normativen Bedeutung: Bei Bourgeois bezeichnet
sie sowohl den Tatbestand der Interdependenz als auch eine moralische
Notwendigkeit, bei Durkheim bleibt sie in der normativen Dimension
und ihre beiden Formen sind an zwei unterschiedliche Gesellschaftsty-
pen gebunden.

Trotz all dieser Übereinstimmungen zumindestens in bezug auf die


praktischen Konsequenzen der sozialen Solidarität kann Durkheim allen-
falls als ein "Sympathisant" des Solidarismus bezeichnet werden, und
Lukes faßt Durkheims Bedenken folgendermaßen zusammen: "Durkheim
was less timid and more consistent than the solidarists. At the most
basic level, he shared their social pacifism and desire for social soli-
darity through reconciliation, believing that c1ass warfare was not
worth the cost. He did not, however, share their commitment to priva-
- 58 -

te property, or their faith in legislative re form ism. He believed ..• in


the prior and crucial importance of wh at he called 'moral beliefs': it
was only by ending the current 'dissolution of our moral beliefs' that
the preconditions for resolving the social crisis could be laid." (Lukes
1973: 353)

Wir werden später sehen, wie Bougie als Durkheim-Schüler und Soli da-
rist beide Ansätze zu verbinden versucht, um den praktischen sozial re-
formerischen Projekten eine gesicherte sozialwissenschaftliche Basis zu
geben. Im nächsten Abschnitt soll deshalb zuvor dargestellt werden,
welche konkreten Gesetzesinitiativen die Solidaristen aus den Vorschlä-
gen Bourgeois' ableiten und wie sie sich in den ökonomischen Solida-
rismus einordnen.

3. Der ökonomische Solidarismus: Sozialpolitik und Sozialökonomie

Die praktische Anwendung von Bourgeois' Moralphilosophie der Solidari-


tät durch den ökonomischen Solidarismus findet in zwei unterschiedli-
chen Bereichen statt: Die Sozialpolitik soll das Prinzip der sozialen Si-
cherheit garantieren und die Sozialökonomie soll in die "Assoziation"
von Kapital und Arbeit münden. Nach der Darstellung der Umsetzung
bzw. der weiterführenden theoretischen Thesen des ökonomischen Soli-
darismus wird die von ihm entwickelte Wirtschaftsordnung mit der des
kollektivistischen und des reformistischen Sozialismus in Frankreich vor
1914 verglichen und seine ablehnende Posi ti on gegenüber dem ersten
und seine Annäherung an den zweiten herausgearbeitet.

3.1. Die Sozialpolitik des Solidarismus

3.1.1. Die Tradition der "Soci~t~ de secours mutuels"

Ein zentraler Ansatzpunkt des solidaristischen Politikverständnisses ist


die Suche nach dem Ausgleich und der Verbindung von individueller
oder kollektiver Eigeninitiative und dem staatlichen Handeln. Im Be-
reich der Sozialpolitik führt dies dazu, daß die soziale Sicherheit, die in
- 59 -
den "Societes de secours mutuels" (SSM) durch die freiwillige Mit-
gliedschaft schon geschaffen worden ist (wie in Deutschland in den
"Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit"), durch eine allgemeine
staatliche Pflichtversicherung umfassend ergänzt und ausgebaut wird.
Was hat nun dazu geführt, daß das "soziale Netz" der SSM als unzu-
reichend betrachtet wurde? Dazu muß kurz der geschichtliche Entste-
hungshintergrund der SSM betrachtet werden.

Die SSM des 19. Jahrhunderts waren Hilfskassen im Rahmen der Arbei-
terselbsthilfe: "Ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit ist eine Ge-
sellschaft, deren Mitglieder es sich zur Regel gemacht haben, einen
vereinbarten Anteil ihres Einkommens zu überweisen, um denjenigen ih-
rer Mitglieder, die es benötigen, gleichfalls vereinbarte Leistungen zu-
zusichern. Es handelt sich also um eine Form frei organisierter Solida-
rität." (Hatzfeld 1984: 17) Ihre Besonderheit liegt in der Verbindung
von sozialer Sicherheit und Freiheit. "Man steht Gruppierungen gegen-
über, die sich frei bilden, deren Beitritt frei ist und deren uneigen-
nütziger Charakter jede lukrative Zielsetzung ausschließt." (Laroque
1984: 125) Dabei war insbesondere der Aspekt der Freiheit lange Zeit
sehr problematisch. Nach der Auflösung der Zünfteordnung und dem
Verbot jeglicher Berufsassoziationen (1791) im Laufe der Revolution
wurden im Ersten Kaiserreich die SSM als einzige Form sozioprofessio-
neller Assoziation zugelassen. Sie knüpften an Formen der gegenseitigen
Unterstützung und des Gemeinschaftslebens der ehemaligen handwerkli-
chen Zünfte unter dem "Ancien Regime" an und respektierten die ge-
setzlich eng gezogenen Grenzen, die sie ganz auf die Hilfskassenfunk-
tion ausrichteten. Als aber im Zuge der frühkapitalistischen Industriali-
sierung im Rahmen der SSM auch gewerkschaftliche Ziele formuliert
wurden, war der Konflikt mit der Staatsmacht unausweichlich I8 ).

Zwar war die staaliche Kontrolle über die SSM entsprechend den
politischen Regimen unterschiedlich stark ausgeprägt, aber eine völlige
Loslösung von staatlicher Bevormundung setzte erst unter der Dritten
Republik ein. Vorher konnte ihre Leitung abgesetzt und durch Personen,
die von der staatlichen Verwaltung ausgesucht worden waren, ersetzt
werden, ihre Einnahmen und Ausgaben wurden von der Polizei kontrol-
liert, Sie wurden gezwungen, Mitglieder aufzunehmen, die nicht aus der
- 60 -

Arbeiterschaft kamen (Handwerksmeister, Notabeln u.a.), oder sie wur-


den einfach aufgelöst. Cottereau faßt diesen Zielkonflikt innerhalb der
SSM zwischen Arbeiterschaft und Obrigkeit, wie folgt, zusammen:
"Wenn man auf lokaler Ebene das Leben der Arbeiterassoziationen ver-
folgt, die von den Vormundsobrigkeiten mit dem Label "SSM" versehen
worden sind, dann kommt man zu der Einsicht, daß während des ganzen
19. Jahrhunderts eine Strittigkeit zwischen der institutionellen Logik
der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit und den kollektiven Prak-
tiken der Arbeiter bestanden hat." (Cottereau 1984: 66)

Erst als die Gewerkschaften zugelassen wurden (in einem eingeschränk-


ten Rahmen schon 1864 und dann endgültig 1884), konnten sich die
SSM auf ihre eigentliche Hilfskassenfunktion ohne staatliche Repressa-
lien zurückbesinnen. Dabei war die Trennung der Mutualisten von den
Gewerkschaftlern, die sich in den 1880er Jahren vollzog, innerhalb der
Arbei terbewegung nicht unproblematisch. Die endlich freie Gewerk-
schaftsbewegung radikalisierte sich zunehmend und lehnte Hilfskassen
sozusagen als "systemstabilisierend" ab. Von den in der "Confederation
Generale du Travail" (CGT) zusammengeschlossenen Gewerkschaften
hatte um die Jahrhundertwende nur die Drucker- und Buchbinderge-
werkschaft ein Hilfskassensystem, welches über die Zahlung von Streik-
geldern hinausging (im Falle von Arbeitslosigkeit und Krankheit; vgl.
Hatzfeld 1971: 198). Umgekehrt repräsentierten die Mutualisten den
"reformistischen" Flügel der Arbeiterbewegung, da die Dritte Republik
sie schließlich von obrigkeitsstaatlicher Bevormundung befreit hatte.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die SSM das ganze 19. Jahr-
hundert über (nach der Auflösung der Zünfte 1791 und vor dem Beginn
der staatlichen Sozialversicherung 1910) die wichtigste (und einzig
zugelassene) Möglichkeit zur Schaffung eines gewissen Maßes an sozia-
ler Sicherheit für die Arbeiter darstellten (neben den natürlich weiter-
existierenden Formen der Unterstützung durch Familie, Nachbarschafts-
oder Dorfgemeinschaften), und daß dieser Mutualismus die wesentliche
praktische Erfahrung einer auf kollektivem Sparen basierenden Gegen-
seitigkeitsversicherung darstellte, an der die Solidaristen anknüpfen
konnten. Um die Jahrhundertwende hatte sich die Situation der SSM al-
lerdings sehr verändert: Eine "Federation t\lationale de la Mutualite
- 61 -

Frarc;aise" war gegründet worden, in der sich die SSM mit den sozial
unterschiedlichsten Mitgliedschaften (Beamte, Soldaten, Studenten, Müt-
ter u.a.) und sehr unterschiedlichen Risikoabdeckungen (Krankheit, Un-
fall, Alter, Schwangerschaft u.a.) zusammengeschlossen hatten. "Die
Gegenseitigkeitsversicherung entwickelt sich so zu einer komplexen
Gesamtheit, in der sich Gesellschaften sehr ungleicher Dimensionen
überlagern, die einen lokal mit einer allgemeinen Zuständigkeit, die an-
deren beruflich, an Unternehmen oder Tätigkeitsbereiche gebunden,
noch andere auf Risiken spezialisiert." (Laroque 1984: 127)

Hinzu kam, daß in den eigentlichen Arbeiter-SSM immer mehr "arbei-


teraristokratische" Gruppen überwogen, währenddessen sich die Mehr-
heit der Arbeiter gewerkschaftlich organisierte. Dies hatte nicht nur
ideologische, sondern auch rein ökonomische Gründe, da die Beiträge
zu den SSM schließlich nur noch von denjenigen aufgebracht werden
konnten, die über ein genügend hohes Einkommen verfügten: " ... Diese
Gegenseitigkeitsversicherungen bewahren einen ziemlich engen, streng
auf einen Beruf begrenzten Rahmen und ... die daran interessierten Be-
rufe sind im allgemeinen diejenigen, die kaum die proletarisierte Lohn-
arbeiterschaft kennen: Die Buchberufe z.B .... sind im 19. Jahrhundert
sehr aktiv, was die gewerkschaftliche Solidarität anbetrifft, auf Grund
einer alten Hilfstradition, die sich in einem Milieu von hoch qualifizier-
ten und relativ unabhängigen, oft gebildeten Arbeitern entwickelt hat."
(Ruby 1971: 61) Der entscheidende Mangel der SSrv1 war daher gewor-
den, daß gerade diejenigen, die in der größten materiellen Unsicherheit
lebten, nämlich die Masse der Arbeiter, von dem "sozialen Netz" der
SSM ausgeschlossen blieben (vgl. auch Laroque 1984: 128). Die staatli-
che Pflichtversicherung, die von den Solidaristen um Leon Bourgeois an-
gestrebt wurde, wollte genau hier ansetzen, ohne die Eigeninitiative der
SSM aufzuheben.

3.1.2. Die solidaristische Sozi al gesetzgebung

Als Bourgeois im November 1895 Premierminister wird, und er die er-


ste, rein radikaldemokratische Regierung der Dritten Republik bildet,
begründet er sein Regierungsprogramm (Einführung der Erbschaits- und
- 62 -

progressiven Einkommenssteuer, Arbeiterrentenversicherung, Unterstüt-


zung der Bauern gegen Preisspekulationen u.a.) mit den solidaristischen
Prinzipien: "Drei Ideen müssen in diesem Lebenskampf, den die Men-
schen bestehen müssen, dominieren: ... Weniger Ungleichheit am Aus-
gangspunkt der Kämpfenden und darin besteht die Reform der Erb-
schaften; ... weniger Ungleichheit der Konkurrenten, indem man die
Lasten erleichtert, die die notwendigen öffentlichen Beiträge dem
Schwächsten auferlegen ... Recht auf die Erholung ... " (zitiert nach
Kayser 1962: 236). Obwohl er sich durch einige Sofortmaßnahmen
(Schlichtung des Arbeitskampfes in Carmaux, Wiedereröffnung der Pari-
ser "Arbeitsbörse") das Vertrauen der Sozialisten sichert, kann er keine
der weitergehenden Reformen durchsetzen. Die "gemäßigten Republika-
ner", die politisch wie die Radikalen antiklerikal und antimonarchi-
stisch, ökonomisch aber orthodox liberal sind und die Interessen des
Großbürgertums vertreten, lehnen im Senat alle von der Nationalver-
sammlung beschlossenen Gesetze ab. Die Situation ist schließlich völlig
blockiert, und nach nur knapp sechs Monaten tritt Bourgeois im April
1896 resigniert zurück, obwohl er in der Nationalversammlung keine
Abstimmungsniederlage erli tten hat I 9).

Erst durch die Überwindung der Dreyfus-A ffäre 1898/99, die zu einem
Bruch innerhalb der "gemäßigten Republikaner" führt und deren linker
Flügel, die "progressiven Republikaner", sich den Radikalen und Sozia-
listen anschließt, ist eine gesamtpolitische Konstellation entstanden, die
die Durchsetzung solidaristischer Reformen möglich macht 20 ). Bis zum
Kriegsausbruch 1914 können auf diese Weise eine ganze Serie von Ar-
beitsschutz- und Sozialgesetzen verabschiedet werden: Arbeitsunfallge-
setz (1898), Pflegekindergesetz (1904), gesetzliche Versorgung von Al-
ten, Behinderten und chronisch Kranken ohne eigene Kessourcen (1905),
Gesetz über die obligatorische Sonntagsruhe (1906), gesetzliche Arbei-
ter- und Bauernrenten (J 91 0), Gesetz zur öffentlichen Gesundheitspfle-
ge (1912).

An zwei Beispielen wollen wir kurz die solidaristische Argumentation


aufzeigen: Arbeitsunfälle wurden bis zur Gesetzesänderung als Konse-
quenz eines persönlichen Fehlers entweder des Arbeiters oder des Un-
ternehmers aufgefaßt. Um von dem Unternehmer überhaupt einen fi-
- 63 -
nanziellen Ausgleich zu erhalten, mußte ein Arbeiter einen Prozeß ge-
gen diesen führen und seine eigene Unschuld beweisen. Das Gesetz geht
dagegen von der Anerkennung eines Berufsrisikos und dem Prinzip der
Entschädigung aus: "Im Prinzip .•• ersetzt es (das Gesetz; C.G.) die
:jee der persönlichen Verantwortung durch die Idee der kollektiven
Verantwortung, die Idee der einheitlichen. Entschädigung durch die Idee
einer globalen Entschädigung, die Idee des Fehlers durch die Idee des
Risikos, die Gerechtigkeit partikularer Interessen durch die Gerechtig-
keit allgemeiner Interessen." (Paulet 1904: 179) Die Entschädigung wird
dadurch möglich, daß die Arbeitgeber und -nehmer sowie der Staat in
einen gemeinsamen Fonds vorbeugend einzahlen, der dem betroffenen
Arbeiter eine Unterstützung garantiert und den Unternehmer zu regel-
mäßigen, aber ihn nicht zu sehr belastenden Zahlungen (wie im Falle
eines Schuldspruches) verpflichtet. Auf diese Weise soll "bei jedem eine
Bewußtseinswerdung seiner Pflichten und eine Annäherung zwischen den
Parteien" (Ruby (J 971: 69) erreicht werden, was eindeutig auf die da-
hinter stehenden solidaristischen Implikationen verweist.

Das Gesetz der Arbeiter- und Bauernrenten stellt den ersten Anlauf
zur Durchsetzung der sozialen Sicherheit durch eine umfassende staatli-
che Sozialversicherung dar. Auf die genaue inhaltliche Begründung aus
solidaristischer Sicht braucht an dieser Stelle nicht mehr eingegangen
zu werden, da sie das Kernstück von Bourgeois' Begründung der "mutu-
alistischen Organisation" ist. Stattdessen ist es aufschlußreicher, die
Kritik an dem Gesetz von seiten der Liberalen und der die Arbeiterbe-
wegung präsentierenden Organisationen aufzuzeigen.

Aus liberaler Sicht geht es in erster Linie darum, den Staatsanteil an


der Finanzierung der Renten so gering wie möglich zu halten. Dahinter
verbirgt sich aber letztlich die Argumentation, daß trotz der Pflichtbei-
träge der Arbeiter und Bauern die Rentengesetze nur zu einem Recht
auf den Lebensunterhalt auf Staatskosten führen: "Man befürchtet, daß
die Hilfsverpflichtung notwendigerweise ein Recht zur Hilfeleistung
nach sich zieht, und man stellt sich alle sich auf dieses Recht stützen-
den Individuen vor, daß sie beständig die ihnen zustehenden Hilfen an-
fordern, den Geschmack an der Arbeit und dem Geist der Initiative
verlieren und sich der Faulheit, der Unvorsichtigkeit und dem Betteln
- 64 -

hingeben. Die Hilfeleistung hätte zum Resultat, die Übel, die sie vor-
gibt, zum Verschwinden zu bringen, zu verewigen und zu vergrößern •.• "
(ebd., S. 64). Die solidaristische Gegenargumentation ist eindeutig: Nur
die private und die kirchliche Wohltätigkeit hat diese negativen Effek-
te, da sie ohne eine differenzierte Betrachtung der Situation der Be-
troffenen verteilt wird. Die staatliche Wohlfahrt vergibt dagegen Lei-
stungen nur nach einer genauen Untersuchung jedes Einzelfalles, um
Mißbräuche auszuschließen. Die Situationen, auf die sie sich bezieht,
sind" .•• unabhängig vom menschlichen Willen, gewissermaßen fatal und
können folglich nicht zu Mißbräuchen führen." (ebd., S. 65) Deutlich
findet sich hier Bourgeois' Konzeption des sozialen Risikos wieder. Das
Bestreben der Liberalen, den Staatsanteil zur Finanzierung der Renten
so gering wie möglich zu halten, ist von den Solidaristen schon früh
kritisiert worden, und Ferdinand Buisson wies schon 1908 im Laufe der
Beratungen über das Gesetz darauf hin, daß ein zu geringer Staatsanteil
die Renten zu niedrig ausfallen lasse (vgl. Buisson 1908: 254).

Die Gefahr, daß die Arbeiter in diesem Falle nicht für das Gesetz zu
gewinnen seien, bestätigt sich kurz danach, denn, als das Gesetz 1910
verabschiedet werden soll, stehen ihm die Organisationen derArbeiterbe-
wegung sehr kritisch gegenüber. Trotz der übereinstimmenden Kritik an
dem finanziellen Umfang der Renten muß bei den darüber hinausgehen-
den politischen Argumentationen sehr genau differenziert werden. Die
SSM kritisieren zusätzlich den Tatbestand der Pflichtversicherung im
Rahmen der staatlichen Verwaltung. Dies muß vor allem als eine Re-
aktion auf die negativen Erfahrungen während fast des gesamten 19.
Jahrhunderts'gesehen werden: In ihrem Selbstverständnis als "freie Asso-
ziationen" betonen sie die Freiwilligkeit der Mitgliedschaft (als Schutz
der Individuen vor der Assoziation) und die Selbstverwal tung durch die
Betroffenen (als Schutz vor dem Staat und damit Ausdruck ihrer Auto-
manie). Die Gewerkschaften und der marxistische Flügel um Jules
Guesde innerhalb der sozialistischen Partei "Section fran;aise de I' In-
ternationale ouvriere" (SFIO) sehen in den Arbeiterbeiträgen schlicht
eine neue Steuer, da die Arbeiter auf Grund ihrer niedrigeren Lebens-
erwartung das Rentenalter kaum erreichen würden (laut der CGT wür-
den nur 5 "10 der Arbeiter älter als 65 Jahre werden und ihre Polemik
gegen das Rentengesetz gipfelt in dem Schlagwort von der "Rente für
- 65 -
die Toten"). Der reformistische Flügel der SFIO um Jean Jaures stimmt
in der Nationalversammlung zwar für das Gesetz, aber ihm geht es
mehr um die grundsätzliche Anerkennung des Prinzips der sozialen Si-
cherheit mittels einer staatlichen Sozialversicherung als um das Gesetz
selbst. Sein Ziel ist es, nach der Verabschiedung des Gesetzes eine
allmähliche Ausdehnung seines finanziellen Umfanges wie auch der be-
troffenen sozialen Gruppen (z.B. Frauen und Ausländer sind noch ausge-
schlossen) zu erreichen. Durch diese Argumentation bestärken sie aber
nur die konservativ-liberale Rechte in ihrer ablehnenden Haltung, die
in dem Gesetz nur die Quelle von viel weitergehenden Forderungen an
den Staat sieht 21 ).

Trotz der von allen Seiten geäußerten Kritik wird das Gesetz der Ar-
beiter- und Bauernrenten verabschiedet, und in der Zwischenkriegszeit
kann sich schließlich die Position der Radikalen und Reformsozialisten
durchsetzen. Eine tiefgreifende Reform der Sozialversicherung, die Ge-
setze zu den "Assurances sociales", wird 1928/30 verabschiedet, die
große Zugeständnisse an die SSM enthält: Zwar müssen diese die
Pflichtmitgliedschaft und ihren organisatorischen Zusammenschluß auf
lokaler Ebene akzeptieren, aber die Verwaltung der Sozialversicherung
liegt nunmehr ganz in ihren Händen. "Die Sozialversicherungen sind die
Entwicklung einer generalisierten Gegenseitigkeitsversicherung für die
Gesamtheit der sozialen Risiken, die eine genau bekannte Technik an-
wenden und sie einfach obligatorisch machen." (Laroque 1984: 129) In
dieser Kombination der staatlich festgelegten Rahmenbedingungen und
der Selbstverwaltung durch die SSM drückt sich deutlich das solidaristi-
sche Bestreben der Verbindung von individueller und kollektiver Eigen-
initiative und dem staatlichen Handeln aus 22 ).

Die Gesetze zu den "Assurances sociales" sind Teil einer zweiten Serie
"solidaristisch inspirierter" Gesetze (vgl. Ruby 1971: 79) während der
Zwischenkriegszeit, selbst wenn auf Bourgeois' theoretische Begründun-
gen nicht mehr verwiesen wird. Hierzu gehören u.a. die Einführung der
progressiven Einkommensteuer und des Kindergeldes sowie. vor allem der
40-Stunden-Woche (vgl. Pirou 1925: 166 0. Das zuletzt genannte Gesetz
wird von der Volksfrontregierung 1936 verabschiedet (an der Radikale,
Sozialisten und Kommunisten beteiligt sind), und es wird vor allem als
- 66 -

ein Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit angesehen. Daneben


wird in der Gesetzesvorlage aber auch ausdrücklich darauf verwiesen,
daß die zur Verlängerung der Freizeit führende Arbeitszeitverkürzung
der Erhöhung des Bildungsniveaus der Arbeiter dienen soll (vgl. Ruby
1971: 87). Diese Zielsetzung deckt sich direkt mi t Bourgeois' Gerech-
tigkeitspostulat der gleichwertigen Partizipation jedes Individuums an
dem "kulturellen Kapital" der Gesellschaft.

Mit diesen zwei Serien von Gesetzen, die direkt oder indirekt vom Soli-
darismus beeinflußt werden, ist in Frankreich während der Dritten Re-
publik die Grundlage für den modernen Wohlfahrtsstaat geschaffen wor-
den. Bourgeois' These von der "mutualistischen Organisation" zur Be-
kämpfung sozialer Risiken hat die theoretische Begründung aufgezeigt,
wobei er sich praktisch auf die Tradition des Mutualismus im 19. Jahr-
hundert stützen konnte. Die von ihm angeregte Sozialpoli tik stell t aber
nur eine Seite des ökonomischen Solidarismus war, denn sie bezieht
sich auf " ... die Anwendungen des negativen Solidarismus, d.h. desjeni-
gen, der die aus der fehlerhaften Organisation der Gesellschaft ent-
standenen sozialen Ungerechtigkeiten reparieren will." (Deuve 1906: 2)
Der ökonomische Solidarismus strebt darüber hinaus durch die "Assozia-
tion" von Kapital und Arbeit eine neue Wirtschaftsordnung an, die im
Gegensatz zur Sozialpolitik die aus der Ungleichheit der sozio-ökonomi-
schen Verhältnisse resul tierenden sozialen Risiken nicht nur "repariert",
sondern sie vorbeugend reduzieren will (vgl. ebd.). Dies ist die Aufga-
be der solidaristischen Sozialökonomie.

3.2. Die Sozialökonomie des Solidarismus

Zunächst muß kurz auf den damaligen Gebrauch des Begriffs der
Sozialökonomie eingangen werden. Er wird im Gegensatz zur "politi-
schen" ökonomie gebildet, die die Lehre von den Gesetzen der Pro-
duktion ökonomischer Güter und Dienstleistungen um faßt (vgl. Gide
1912: 6). Die von vielen französischen Theoretikern vertretene Sozial-
ökonomie, die bis auf Sismondis "Neue Prinzipien der Politischen
ökonomie" (J 819) zurückgeht und auch etwa Frederic Le Play mit sei-
ner sozialkatholischen Konzeption einer paternalistisch-philanthropischen
- 67 -

Unternehmerschaft miteinschließt, bestreitet nicht die Grundsätze der


vom Klassischen Liberalismus aufgestellten marktwirtschaftlichen Ord-
nung, sie sieht ihre Gültigkeit jedoch auf den Bereich der Produktion
und nicht den der Distribution beschränkt.

Dies wird z.B. an der Ablehnung der These von dem sich "natürlich"
einstellenden Gleichgewicht der Lohnhöhe (entsprechend dem Angebot
und der Nachfrage von Arbeitskräften) deutlich, so wie dies Charles
Gide, einer der führenden solidaristischen ökonomen, ausformuliert:
"Der übliche Lohn gehört u.E. in den Bereich der Politischen ökono-
mie, da es durch ein rein hedonistisches Gesetz, das von Angebot und
Nachfrage, ... oder das des Grenznutzens, determiniert wird: Handelt es
sich im Gegenteil darum, den "gerechten Lohn" zu bestimmen, und die
Mittel, durch die man sich bemüht, ihn zu bestimmen, wie den Kollek-
tivvertrag, den gesetzlichen Mindestlohn usw., dann gehört dies zum Be-
reich der Sozialökonomie, weil man hier gegen die Brutalität des
natürlichen Gesetzes reagieren will." (ebd., S. 9, Anm.)

Die Sozialökonomie muß demnach die normativen und institutionellen


Faktoren, die als nicht-ökonomische Variablen in die Distributionspro-
zesse intervenieren, berücksichtigen, und Gide verbindet sie deshalb di-
rekt mit der Konzeption von "sozialer Gerechtigkeit", die sich der von
Bourgeois stark annähert: "Die Sozialökonomie vertraut deshalb kaum
dem freien Spiel der Naturgesetze, um das Glück der Menschen abzusi-
chern, sondern glaubt an die Notwendigkeit einer gewollten, reflektier-
ten, rationalen, einer gewissen Idee der Gerechtigkeit konformen Or-
ganisation ..• Und wenn sie zur Anwendung übergeht, ... kümmert sie
sich nicht einzig um den Reichtum und den Profit, sondern analysiert
bevorzugt diese vertraglichen, quasi-vertraglichen oder gesetzlichen Be-
ziehungen, die die Menschen unter sich bilden, ... um sich einer wohl-
wollenderen und höheren Gerechtigkeit zu versichern als derjenigen, die
sich ganz nach den Bilanzen des Händlers ausrichtet. .. " (ebd., S. 7).
Während Gide folgerichtig die Sozialökonomie als "Analyse aller Bemü-
hungen, um die Lage des Volkes zu verbessern" (ebd., S. -10) definiert,
wird sie von Simiand neutraler als "Analyse der ökonomischen Vertei-
lungsphänomene" (zitiert nach ebd., S. 8, Anm.) definiert. Gide kriti-
siert diese Definition, da ihr die eigentliche solidaristische Stoßrichtung
- 68-

verloren gegangen sei und Distributionsmechanismen miteinschlieBt


(z.B. die Fixierung der Höhe der Zinsen oder die uividenden von Ak-
tiengesellschaften), die nach rein kapitalistischen, nicht aber soli-
daristischen Prinzipien arbeiten (vgl. ebd., S. 9, Anm.).

1m Gegensatz zu Simiand, beschränken sicl' die solidaristischen Sozial-


ökonomen demnach nicht nur auf die Analyse der Distributionsprozesse,
sondern propagieren darüber hinaus eine neue Wirtschaftsethik und ihre
institutionelle Verankerung durch die "Assoziation" von Kapital und Ar-
beit. Hierunter werden alle theoretischen und praktischen Ansätze ver-
standen, die eine gröBere direkte Partizipation der Arbeiter an Kapital
und Gewinn sowie der Leitung der Unternehmen verfolgen. Neben die-
sem innerbetrieblichen Strukturwandel gehören dazu auch globale ar-
beitsrechtliche MaBnahmen des Staates als positiv verstärkende Rah-
menbedingungen. Deutlich lassen sich zwei Stufen dieser "Assoziation"
von Kapital und Arbeit unterscheiden, obwohl die solidaristischen Wirt-
schaftstheoretiker dies nicht ausdrücklich so bezeichnen: Auf der ersten
Stufe müssen die schärfsten ökonomischen und sozialen Antagonismen
zwischen Kapi tal und Arbei t innerhalb des bestehenden kapitalistischen
Wirtschaftssystems durch gezielte EinzelmaBnahmen abgemildert werden,
in einer zweiten soll die umfassende Überwindung dieser Antagonismen
durch eine "wirtschaftsdemokratische" Ordnung erreicht werden.

3.2.1. Die Assoziation von Kapital und Arbeit im Kapitalismus

Die Notwendigkeit einer Abmilderung des Antagonismus zwischen Kapi-


tal und Arbeit wird durch die Härte der Arbeitskämpfe, die durch die
extremsten Maßnahmen charakterisiert sind, zu denen Unternehmer und
Gewerkschaften greifen können, nämlich Aussperrung und Streik, deut-
lich, durch die sich die Gesellschaft im Bereich der Wirtschaft in einer
Art "Kriegszustand,,23) befindet. Kurz- und mittelfristig schlagen des-
halb die Solidaristen Maßnahmen vor, die auf eine stärkere Interessiert-
heit der Arbeiter an dem Umsatz der Unternehmen (vor allem durch
die Gewinnbeteiligung) und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen
(Arbeitsunfallgesetz, Verkürzung der Wochenarbeitszeit, obligatorische
Sonntagsruhe, Verbesserung der hygienischen Bedingungen u.a.) hinaus-
- 69 -

laufen 24 ). Darüber hinaus muß der Staat durch die Einführung des "ob-
ligatorischen Schlichtungsverfahrens" Unternehmer und Gewerkschaften
dazu zwingen, innerhalb einer bestimmten Frist Arbeitskonflikte zuerst
durch Verhandlungen zu lösen versuchen, bevor ausgesperrt oder ge-
streikt werden darf 25 ).

In unserem Kontext interessieren aber nicht so sehr diese Einzelmaß-


nahmen, die den Beginn von Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand,
Mitbestimmung und den gesetzlichen Grundlagen für Tarifverhandlungen
und bei Arbeitskonflikten darstellen, sondern vielmehr der soziologische
Ansatz, der sich hinter diesen Maßnahmen verbirgt. Sein Ausgangspunkt
ist die strukturelle Ungleichheit der Klassenbeziehungen im Kapitalis-
mus, die sich für Buisson, wie folgt, darstellt: Es existieren "... zwei
Klassen ökonomisch ungleicher Menschen: Die eine besitzt die Produk-
tionsmittel und die andere setzt sie durch ihre Arbeit in Bewegung:
Die erste, die gegenüber der anderen den erheblichen Vorteil hat, ein
Kapital zu besitzen, läßt es durch die Arbeit der anderen Erträge ab-
werfen und bezieht ihren Reichtum aus der Tatsache selbst, daß sie ei-
nen Teil dieses Arbeitsproduktes einbehält." (Buisson 1908: 224) Durch
die ungleiche Verteilung der Produktionsmittel ist auch die Gleichwer-
tigkeit der ökonomischen Tauschbeziehungen, "ein Wert an Arbeit gegen
einen Wert an Geld" (ebd., S. 220) nur scheinbar, denn die Freiheit
des Vertragsabschlusses ist für die Nicht-Besitzenden nicht gegeben:
"Besitzt derjenige etwas anderes als eine nominale und höhnische Frei-
heit, der, da er nichts besitzt, nur einen Gedanken, nur eine An-
strengung, nur eine Sorge hat: Arbeit zu erhalten, um das Brot für den
Tag zu erhalten? Kann man behaupten, daß er mit demjenigen, der ihn
beschäftigt, von gleichem zu gleichem verhandelt?" (ebd.) Auf die
theoretischen Grundlagen dieser Argumentation werden wir im Kap.
III.2.2.2. ausführlich zurückkommen.

Die strukturelle Ungleichheit zwischen Kapital und Arbeit spaltet die


Gesellschaft ökonomisch in zwei Klassen und kann durch die politische
Demokratie, in der die Freiheit und Gleichheit aller Individuen zwar
durch das allgemeine und gleiche Wahlrecht ausgedrückt wird, nicht
ausgeglichen werden: "Wenn sich durch die Macht der Dinge die Nation
aus Besitzenden und Nicht-Besitzenden, aus Menschen, die arbeiten, und
- 70 -
Menschen, die arbeiten lassen, aus Unternehmern und Lohnabhängigen,
zusammensetzt, bleiben tatsächlich zwei Klassen in der Gesellschaft be-
stehen. Der Schein politischer Gleichheit kann uns nicht die wirkliche,
die tiefe ökonomische Ungleichheit mit all ihren Auswirkungen auf das
ganze öffentliche und private Leben maskieren." (ebd., S. 220 f) Eine
wirklich demokratische Gesellschaft muß daher die Überwindung der
Lohnarbeit anstreben, damit sich die Individuen nicht nur im Bereich
der Politik, sondern auch dem der Wirtschaft als "freie und gleiche"
Partner gegenüberstehen und dadurch die Gleichwertigkeit der ökonomi-
schen Tauschbeziehungen garantiert wird. "Die Demokratie läßt keine
"Klassen" mehr in irgendeinem Sinne zu, ebensowenig in bezug auf die
Bedingungen des materiellen Lebens wie diejenigen des politischen Le-
bens: Sie toleriert Privilegien ebensowenig im Bereich der Verträge wie
im Bereich der Stimmabgabe. " (ebd., S. 221)

Auf diese extensive Interpretation des Demokratie-Prinzips werden wir


im nächsten Abschnitt wieder zurückkommen und wollen nun nur die so-
lidaristische Analyse der Lohnarbeit betrachten. "Es ist nicht notwendig
zu erklären, daß wir unter Lohnarbeit die Bedingung von Menschen ver-
stehen, die kein anderes Mittel zur Existenz als den Lohn besitzen,
dessen Höhe tatsächlich von anderen als ihnen selbst geregelt wird ...
Man stimmt darin überein, unter Lohnarbeit das Regime zu verstehen,
weiches einer Klasse von Menschen aufgezwungen wird, die ausschließ-
lich vom Lohn, der weder zugesichert, noch garantiert, noch frei
debattiert ist, leben. Lohnarbeit ist hier synonym mit Proletariat."
(ebd., S. 223 f, Anm. I) Die spezifische Situation des Proletariats ist
also erstens dadurch gekennzeichnet, daß es über keinen Besitz an Pro-
duktionsmitteln verfügt und deshalb nur von der Lohnarbeit leben kann,
und daß zweitens dieser Lohn nur unter ungesicherten Bedingungen zu-
standekommt. Daraus leiten sich die bei den entscheidenden Schlußfolge-
rungen ab: Zum einen muß grundsätzlich dem Proletariat der Besitz an
Produktionsmitteln ermöglicht werden, und zum anderen muß der Lohn
auch schon unter den gegebenen kapitalistischen Bedingungen eine ge-
sicherte Existenzgrundlage garantieren. Diesem zweiten Ziel dienen alle
vorher angeführten Maßnahmen so,,:,ohl auf einer rein materiell-ökono-
mischen Ebene als auch auf der Ebene der Regularisierung der Bezie-
hungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften.
- 71 -

Zentral für den solidaristischen Ansatz ist daher auch die Kritik von
Verhaltensweisen sowohl von seiten der Unternehmer wie auch der Ge-
werkschaften, die den "Frieden im industriellen Bereich" (Loubere
1976: 229) gefährden. Die Unternehmer müssen dabei den sogenannten
"Herr im Hausen-Standpunkt (vgl. Gide 1932: 174) überwinden, durch
den sowohl das "Betriebsklima" als auch die meisten Arbeitskämpfe
unnötig verhärtet werden. Der Radikaldemokrat Degouy kritisiert z.B.
scharf das Verhalten des Unternehmers Resseguier in dem Konflikt mit
der Glasarbeitergewerkschaft von Carmaux, als dieser nach der Beendi-
gung eines Streiks einen Streik führer entläßt, und daraufhin ein neuer
Arbeitskampf droht: "Wer also zeigt sich anspruchsvoll, wer also zeigt
sich tyrannisch, wenn nicht der Mann, der sich weigerte, mit dem
Friedensrichter zu sprechen, nachdem er sich geweigert hatte, die De-
legierten der Gewerkschaft anzuhören und mit einigen hochmütigen
Sätzen erklärte, daß er sich das Recht bewahrte, die Tore seiner Fa-
brik nur den Arbeitern und unter den Bedingungen zu öffnen, die ihm
gefielen. Nein, nicht die Glasarbeitergewerkschaft will als Meister bei
Herrn Resseguier einziehen, sondern Herr Resseguier will diese Ge-
werkschaft zerstören, will sie vernichten, indem er sich weigert, ihre
hauptsächlichen Mitglieder, die er als Rädelsführer bezeichnet, wieder-
einzusteIlen - schwieriger ist das alles gar nicht." (Loubere 1976: 231)

Während dieser Unternehmer die "Personifizierung der autoritären Un-


ternehmensführung" (ebd., S. 230) darstellt, werden andere positiv her-
vorgehoben, so etwa als klassische Beispiele einer "philanthropischen"
Unternehmerschaft Robert Owen (vgl. Deuve 1906: II ff) oder der In-
dustrielle Dolfus, von dem ein von Gide oft zitierter Satz stammt:
"Dem Arbeiter wird mehr als sein Lohn geschuldet." (zitiert nach Gide
1932: 166) Von Gide wird er sogar als ein "Vorläufer des Solidarismus"
(ebd.) bezeichnet, da er bereits 1867 eine Unternehmervereinigung für
"präventive Maßnahmen gegen die Unfälle in den Fabriken" gründet
(vgl. 1912: 30)26). Genauso positiv werden auch Unternehmer beurteilt,
die in ihren Betrieben z.B. Arbeitszeitverkürzung und Sonntagsruhe ein-
führen wollen, dies aber oft wegen rücksichtsloser Konkurrenten nicht
durchsetzen können (vgl. 1904: 222).

Analog zum "Thema des guten und schlechten Unternehmers" (Ruby


- 72 -
1971: 85) werden auch die Gewerkschaften eingeschätzt. Besonders in
den Jahren von ca. 1905 bis 1914 neigt der Gewerkschaftsbund CGT zur
Ideologie des "revolutionären Syndikalismus", der die "direkte Aktion"
("Streik, Boykott und Sabotage") und den "Mythos vom Generalstreik"
als Mittel zum Klassenkampf und die gewerkschaftliche Organisation
von Produktion und Distribution zur Durchsetzung einer neuen Wirt-
schafts- und darüber hinaus Gesellschaftsordnung in den Mittelpunkt
seiner Theorie und Praxis stellt 27 ). Diese anarcho-syndikalistische Ten-
denz innerhalb der CGT wird von den Solidaristen scharf kritisiert. So
schreibt etwa Buisson: "Bei aller Bereitwilligkeit .•. die breiteste Ent-
wicklung der Gewerkschaften und des Syndikalismus zu ermutigen, läßt
es die radikale Partei nicht zu, daß der Syndikalismus all eine alle poli-
tischen und ökonomischen, nationalen und sozialen Institutionen der
Demokratie ersetzt und vertritt." (Buisson 1908: 245) Auf die von
Bougie diesbezüglich geäußerten Kri tiken werden wir im Rahmen seines
soziologischen Ansatzes zurückkommen (vgl. Kap. III.2.3.1.). Umgekehrt
ist die schon erwähnte Drucker- und Buchbindergewerkschaft ein gutes
Beispiel dafür, daß nicht alle Brücken zwischen den Solidaristen und
den Gewerkschaften abgebrochen sind. Dies wird z.B. bei den Diskus-
sionen um das Gesetz der Arbeiter- und Bauernrenten deutlich, welches
diese Gewerkschaft durch ihre Beziehungen zu den Reformsozialisten
zwar nicht ohne Kritik, aber im Prinzip durchaus akzeptiert und sich
dadurch in einen Gegensatz fast zur gesamten restlichen CGT stellt
(vgl. Hatzfeld 1971: 232 f).

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß auch für die Solidaristen die
im Kapitalismus strukturell angelegte sozioökonomische Ungleichheit
zwischen Kapital und Arbeit die letzte Ursache für den Interessensan-
taganismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat darstellt. Die von ihnen
angestrebte "Assoziation" von Kapital und Arbeit will auf dieser Stufe
durch innerbetriebliche wie allgemeine arbeitsrechtliche, institutionelle
Innovationen die Position von Arbeitern und Gewerkschaften stärken,
damit sie als gleichberechtigte Verhandlungs- und Vertragspartner von
den Unternehmern anerkannt werden. Alle diese neuen Regelungen, die
extrem autoritäre und auf Machtproben ausgerichtete Positionen auf
beiden Seiten möglichst ausschließen sollen, dienen dem Ziel der Schaf-
fung des "Arbeitsfriedens" , aus dem für die Unternehmer eine stö-
- 73 -

rungsfreie Produktion und für die Arbeiter eine materiell abgesichertere


und sozial anerkanntere Existenz resultieren sollen.

Uahinter steht eine spezi fische Konzeption des Unternehmens, in der


Leitung und Produktion (und der Verkauf) eigentlich nur unterschiedli-
che Funktionen darstellen, die für die Aufrechterhaltung des Unterneh-
mens als Ganzem a:le gleichwertig notwendig sind und deshalb autori-
täre Hierarchien nicht rechtfertigen. Gide hat dies zusammengefaßt als
" .•. diese solidaristische Idee, daß das Unternehmen als Material, als
Maschinen, als Erfindung und vor allem als Kundschaft ein bißchen die
Angelegenheit von jedermann ist, und daß es nicht nur den Unterneh-
mer, sondern auch die Arbeiter und die Verbraucher betrifft; es ist
demnach gerecht, daß alle jene eine gewisse Kontrolle über den Ablauf
der Fabrik haben ... " (Gide 1932: 174). Wir werden später sehen, daß
BougIe für diese Unternehmenskonzeption die theoretische Grundlage
geschaffen hat (vgl. Kap. I1I.3.3.).

Trotzdem bleiben auf dieser Stufe die Arbeiter abhängig Beschäftigte,


was bedeutet, daß zwar die negativen sozialen Folgen, die aus der
Lohnarbeit resultieren, abgemildert werden, aber die Abhängigkeit und
Unselbständigkeit an sich bestehen bleiben. Da dies, wie es schon an-
gedeutet worden ist, dem solidaristischen Ideal einer vollständig demo-
kratisierten Gesellschaft widerspricht, muß die "Assoziation" von Kapi-
tal und Arbeit durch die "Wirtschaftsdemokratie" vervollkommnet wer-
den.

3.2.2. Die vollständige Assoziation von Kapital und Arbeit


in der Wirtschaftsdemokratie

Ausgangspunkt für die vollständige "Assoziation" von Kapital und Arbeit


ist die Analogie zwischen dem freien Staatsbürger und dem selbstbe-
stimmenden Produzenten in einem Unternehmen. Oder umgekehrt ausge-
drückt, setzt die Kritik der solidaristischen Sozialökonomie am Kapita-
lismus daran an, daß den Gesellschaftsmitgliedern, die als Staatsbürger
im Rahmen einer demokratisch-rechtsstaatlichen Verfassung im politi-
schen und rechtlichen Bereich "frei und gleich" sind, diese demokrati-
- 74 -
sche Selbstbestimmung im sozioökonomischen Bereich durch die unglei-
che Verteilung des Eigentums an Produktionsmitteln sowie durch
autoritäre Hierarchien in den Betrieben nicht gewährt wiri B). Grund-
lage der angestrebten "Assoziation" von Kapital und Arbeit muß des-
halb die Einführung "wirtschaftsdemokratischer" Elemente innerhalb und
zwischen den Unternehmen sein, die der Reformsozialist Frederic Rauh,
wie folgt, definiert: "In der zukünftigen Gesellschaft wird die Frage
der Organisation der Arbeit, der wirtschaftlichen Freiheit ... in die Ta-
gesordnung der Gesellschaft eingetragen, in allen Tagungen der Nation
in der Art diskutiert, gelöst, daß sich der Bürger als ein solcher in der
Fabrik oder Werkstatt fühlen wird wie heute im Wahllokal. ( ... ) Es ge-
nügt, erstens, daß in all diesen Unternehmen die Chefs und die Arbei-
ter demokratisch organisiert sind; zweitens, daß zwischen all diesen
Unternehmen allgemeine Gesetze, die das Gleichgewicht aufrechterhal-
ten und regeln, eingreifen." (Rauh 1902: (71) Dies sind die bei den
Grundprinzipien für die "Organisation einer Wirtschaftsdemokratie"
(ebd., S. IBO).

Ihre doppelte Stoßrichtung gegen den Kapitalismus tritt dabei eindeutig


hervor: Zum einen müssen die autoritären Hierarchien innerhalb der
Betriebe (die Bourgeoisie als neue "feudale" Klasse) beseitigt werden,
und zum anderen müssen die durch die freie Konkurrenz verursachten
"anarchischen" Beziehungen zwischen den Betrieben, die für Überpro-
duktion und anschließende Depressionen verantwortlich sind, reguliert
werden. "Dieses gleichzeitig feudale und anarchische System, welches
zwar die Versuche eines konstitutionellen Regimes mildert, das Kapital
und Arbeit annähert, die Philanthropie einzelner, die ausgleichende Ge-
rechtigkeit des Staates und auch die entworfenen Formen demokrati-
scher WirtSChaftsorganisation, will der Sozialismus durch die Assoziation,
das Einverständnis, die demokratische Kooperation ersetzen. Der Sozia-
lismus wird durch diese Kooperation definiert. Er ist gemäß dem Wort
von Bernstein, eine Bewegung zu einer allgemeinen Form der gesell-
schaftlichen Kooperation, eine Bewegung zur Genossenschaftlichkei t."
(ebd., S. 170) Die Entwicklung des Genossenschaftswesens erscheint
damit als das eigentliche Ziel der solidaristischen Sozialökonomie, da
sich durch die Genossenschaften Freiheit und Solidarität der Individuen
- 75 -
im Bereich der Wirtschaft am besten verwirklichen können. Charles Gi-
de ist hierbei als der wesentliche Theoretiker anzusehen 29 ).

Er unterscheidet drei Arten von "freien Assoziationen" im Bereich der


Wirtschaft: Die Berufsassoziation, die mutualistische Assoziation und die
kooperative Assoziation (vgl. Gide 1902: 225 ff). Das Freiheitsprinzip
verwirklichen sie für sich und ihre Mitglieder durch die Freiwilligkeit
der Mitgliedschaft, die Autonomie gegenüber dem Staat und die interne
Selbstverwaltung. Das Solidaritätsprinzip wird in der Berufsassoziation
(Gewerkschaften, Berufsverbände u.a.) durch die Artikulation und Ver-
teidigung kollektiver Interessen ihrer Mitglieder verwirklicht, wobei al-
lerdings die Gefahr besteht, daß diese Form der Solidarität zu einem
"korporativen Egoismus, der nicht weniger schrecklich ist als der indi-
viduelle Egoismus" (ebd., S. 226), führt. Diese Form der Solidarität ist
vor allem unter den gegebenen kapitalistischen Rahmenbedingungen
notwendig, aber sie ist weniger hoch zu bewerten, als die Formen der
Solidarität in den bei den anderen Assoziationen. In der mutualistischen
Assoziation drückt sich die Solidarität, wie schon für die SSM gezeigt
wurde, in dem Prinzip der gegenseitigen Hilfeleistung ohne exakte Re-
ziprozität von Leistung und Gegenleistung aus. In der Genossenschaft
realisiert sich die Solidarität grundsätzlich durch ein "... Opfer eines
individuellen Interesses (mein Geld, meine Arbeit, meine Zeit, meine
Freiheit) für einen sozialen Vorteil, den das Individuum darin findet,
einer Assoziation anzugehören, die ihm wirkungsvollere Mittel, sich
selbst zu entwickeln, überträgt." (1904: 49, Anm. I) Dies bedeutet
konkret, daß die Mitglieder auf einen Teil ihrer Dividenden verzichten,
um entweder andere eigene Bedürfnisse zu befriedigen (z.B. bestimmte
betriebliche soziale Dienstleistungen) oder ihn für die Ausdehnung des
Genossenschaftswesens reinvestieren, von dem sie wiederum profitieren
werden.

Das Problem der kapitalistischen Zyklen von Überproduktion und De-


pression kann nur dann gelöst werden, wenn es den Konsumgenossen-
schaften gelingt, eigene Produktionsgenossenschaften zu gründen, die ih-
re Produktion auf die Nachfrage der in den Konsumgenossenschaften
assoziierten Verbraucher ausrichten. Diese "praktische Solidarität" zwi-
schen einer Konsum- und einer Produktions- oder Agrargenossenschaft
muß dann auf einer höheren Stufe der Solidarität ausgebaut werden,
- 76 -

die zu einer "Kaufföderation" (ebd., S. 68) mehrerer Konsumgenossen-


schaften führen soll. Zum einen soll durch diese Föderation die Schaf-
fung einer regelmäßigen Nachfrage nach den Produkten der Produk-
tions- oder Agrargenossenschaften gesichert werden. Zum anderen soll
die erhöhte Kapitalakkumulation in den Genossenschaften, die durch die
Gründung von Kreditgenossenschaften noch unterstützt werden soll, dazu
dienen, allgemein das Genossenschaftswesen immer weiter auszudehnen.
Oie administrative und ökonomische Kooperation zwischen den verschie-
denen Genossenschaftstypen ist daher die höchste Stufe der Solidarität,
da durch die Selbstorganisation der Produzenten und Konsumenten und
die Schaffung eines eigenen Marktes der kapitalistische Markt mit sei-
nen instabilen Gleichgewichten zwischen Angebot und Nachfrage lang-
sam verdrängt werden könnte. Für Gide stell t diese Art der Ausdeh-
nung des Genossenschaftswesens eine rein ökonomische und nicht politi-
sche Möglichkeit der Überwindung des Kapitalismus dar mit dem Ziel
der "Ankunft der Kooperativen Republik" (ebd., S. 64)30).

Für unseren Kontext ist es nicht so wichtig, nach den Möglichkeiten


bzw. eher Unmöglichkeiten dieses Transformationsmodells zu fragen, die
im übrigen auch Gide recht bald illusionslos gesehen hat (vgl. 1920: 6).
Entscheidender ist es, die sich dahinter verbergende solidaristische
Wirtschaftsethik zu erkennen, die in den drei freien ökonomischen As-
soziationen auch schon unter kapitalistischen Bedingungen gelten soll:
" die Konzerne, die Aktiengesellschaften, die Banken usw. gehören
zum Bereich der Politischen ökonomie, weil sie nur ein lukratives Ziel
verfolgen, während die Gewerkschaften, die Genossenschaften oder die
Gegenseitigkeitsversichedrungen ohne Zweifel als Ziel ein Anwachsen
des Wohlstandes haben, aber sie haben darüber hinaus viele andere Zie-
le; und der Beweis besteht darin, daß das französische Gesetz sie genau
in die Rubrik der Assoziationen "ohne lukratives Ziel" einordnet."
(1912: 9, Anm.)

Diese nicht-lukrativen Ziele sind die Verwirklichung der individuellen


Freiheit und der sozialen Solidarität, wobei letztere in der Ourchset-
zung einer neuen ökonomischen Tauschbeziehung kulminieren soll, die
von Gide in starker Anlehnung an Bourgeois' "mutualistischen Vertrag"
proklamiert wird. Diese neue Tauschbeziehung ist weder rein altru-
- 77 -

istisch noch egoistisch. Ökonomisch rein altruistisch ist z.B. das christ-
liche Almosen. Der Spender gibt, ohne auch nur die geringste Gegenlei-
stung von dem Empfänger zu erwarten. Das Verhalten des Spenders ist
rein religiös motiviert, und so erwartet er eine Gegenleistung auch nur
im religiösen BereiL~ (die Vergebung von Sünden, die Aufnahme ins
Paradies usw.). Umgekehrt sind die kapitalistischen Tauschbeziehungen
(Gläubiger - Schuldner, Unternehmer - Arbeiter, Grundbesitzer - Päch-
ter) rein egoistisch, da sie durch das "do ut des"-Prinzip ("Ich gebe,
damit Du gibst") charakterisiert sind. Der Tausch kommt nur bei der
gesicherten Erwartung einer zumindest gleichwertigen Gegenleistung zu-
stande. Durch die Grenznutzentheorie soll es den Tauschpartnern sogar
ermöglicht werden, mehr aus dem Tausch herauszuholen, als es ihrer
eigenen Leistung entspricht. Der solidaristische Tausch soll dagegen ei-
nen Mittelweg zwischen diesen beiden extremen Formen des Tausches
darstellen. Man könnte ihn mit dem Prinzip der "garantierten, aber
verzögerten Reziprozität" am ehesten erfassen: "Er tauscht ein gegen-
wärtiges Gut gegen ein eventuelles Gut" (1932: 200).

In der Genossenschaft verwirklicht sich die neue Tauschbeziehung in


dem freiwilligen Verzicht auf die völlige Auszahlung der Dividenden,
die, wie oben gezeigt, für andere genossenschaftsinterne oder -externe
Ziele verwendet werden soll, von denen der "Geber" kurz- oder langfri-
stig wiederum profi tieren wird. Aber auch in der Sozialversicherung
wird die neue Tauschbeziehung dadurch verwirklicht, daß das Gesell-
schaftsmitglied schon jetzt einen Teil seines Einkommens in der Erwar-
tung "gibt", daß er dadurch gegen die sozialen Risiken abgesichert ist,
die ihn eines Tages treffen können, obwohl augenblicklich nur andere
davon profitieren. Sollte er eines Tages aber durch ein solches Risiko
getroffen werden, ist die Reziprozität der Gegenleistung garantiert und
sie kann sogar, falls es notwendig ist, über die eigene Vorleistung hin-
ausgehen. In diesem bewußt offen gelassenen Verhältnis von Leistung
und Gegenleistung drückt sich am deutlichsten die Rolle der ökonomi-
schen Solidarität als wesentlicher Bestandteil der solidaristischen Wirt-
schaftsethik aus.

Insgesamt müssen alle normativen und institutionellen Innovationen, die


vom Antagonismus zur "Assoziation" von Kapital und Arbeit führen sol-
- 78 -

len, als eine Einheit gesehen werden. Die bei den Stufen dieser "Asso-
ziation" sind nur in der The orie zeitlich voneinander getrennt, denn
praktisch soll der Kapitalismus rein reformistisch durch die progressive
Ausdehnung des Genossenschaftswesens überwunden werden, was bedeu-
tet, daß trotz des anzustrebenden Zieles der vollständigen Wirtschafts-
demokratie die Gewerkschaften, der innerbetrieb liche Strukturwandel
sowie die sozial- und arbeitsrechtliche Gesetzgebung des Staates kei-
ne untergeordnete Rolle spielen dürfen. Sie erhalten damit einen
grundsätzlichen Eigenwert, da es sich zum einen auf Grund praktischer
Erfahrungen gezeigt hat, daß sich vor allem die Produktionsgenossen-
schaften nur in den "Nischen" der kapitalistischen Produktion 31 ) hai ten
können, und somit der Ausdehnung des Genossenschaftswesens eindeutig
ökonomische Grenzen gesetzt sind.

Zum anderen ist die Aufrechterhaltung von Privateigentum als eine


mögliche juristische Form des Eigentums an den Produktionsmitteln mit
der solidaristischen Doktrin durchaus nicht unvereinbar, so wünschens-
wert grundsätzlich ihre Überführung in die Form des "solidarischen Ei-
gentums" (vgl. Rauh 1902: 169) der Genossenschaften auch ist. Hierfür
lassen sich zwei Gründe angeben: Erstens ist es für die Entwicklung
der Produktion unerläßlich, daß den Produzenten die vollkommene Ent-
faltung ihrer Eigeninitiative ermöglicht wird, und zu diesem Zweck ist
das Privateigentum an den Produktionsmitteln ein wesentlicher stimulie-
render Faktor. Zweitens ist aber die Entfaltung der Produktionsmittel
an die gesellschaftliche Arbeitsteilung gebunden, was bedeutet, daß der
individuell über das Privateigentum angeeignete Reichtum einen kollek-
tiven Ursprung hat, welcher der Gesellschaft ein Mitbestimmungsrecht
über die Verwendung des Privateigentums einräumt. Dieses Recht der
Verfügung über Privateigentum durch die Gesellschaft wird später noch
einmal ausführlich dargestellt (vgl. Kap. 1II.2.1.), während im folgenden
auf das Problem der Eigeninitiative eingegangen wird, welches von den
Solidaristen durch die Bestimmung des Verhältnisses von Freiheit und
Solidarität im wirtschaftlichen Bereich hindurch versucht wird zu lösen.

Im Kapitalismus besitzt die Freiheit im Gegensatz zur Wirtschaftsdemo-


kratie sowohl einen positiven als auch einen negativen Aspekt: In der
Form der freien Konkurrenz ist in ihr nach Gide sowohl die "Freiheit
- 79 -

der Arbeit" als auch der Wettbewerb, der "Kampf um den Profit" ent-
halten (vgl. Gide 1932: 155 ff). Die "Freiheit der Arbeit" ist grund-
sätzlich positiv zu bewerten, da sie (in einer heutzutage üblichen Ter-
minologie ausgedrückt) gegenüber korporatistischen oder monopolisti-
schen Zwängen die individuelle Freiheit der Berufswahl und die unein-
geschränkte private Eigeninitiative (ob individuell durch einen Unter-
nehmer oder kollektiv durch eine Genossenschaft) zur Gründung eines
Unternehmens betont. Der "Kampf um den Profit" führt dagegen zu
den zyklischen Krisen, so daß zumindest unter kapitalistischen Bedin-
gungen die Solidarität gegenüber der Freiheit (bei Aufrechterhaltung
ihrer spezifischen Funktionen) stärker gewichtet werden muß. La Fon-
taine hat dies unter Rückgriff auf die Revolutionsideale von 1789, wie
folgt, ausformuliert: "Sehr viele Irrtümer sind aus der Verwirrung ent-
standen, die die berühmte und schöne republikanische Devise hervorge-
rufen hat. In der Tat meine ich, daß der juristische Bereich der
eigentliche Bereich der Gleichheit ist, wie der ökonomische Bereich der
eigentliche Bereich der Brüderlichkeit ist, die nur die moralische Seite
der Solidarität ist. Die Freiheit ihrerseits besitzt als eigentlichen Be-
reich den intellektuellen Bereich." (La Fontaine 1902: 265) Und er fügt
prä7isierend hinzu: "Um jede Doppeldeutigkeit zu vermeiden, ist es
nützlich, darauf hinzuweisen, daß, wenn ich der eigentliche Bereich sa-
ge, ich nicht der einzige Bereich sage." (ebd., Anm. I) Er erkennt also
ausdrücklich die Berechtigung anderer Prinzipien neben der Solidarität
im Bereich der Wirtschaft an, umgekehrt warnt er aber vor der Über-
betonung der wirtschaftlichen Freiheit, wie dies der Klassische libera-
lismus getan hat. "LJas Mißverständnis, welches gleichzeitig den Glanz
und das Elend des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts ausgemacht
hat, hat genau darin bestanden, das Konzept der Freiheit vom intellek-
tuellen Bereich in den wirtschaftlichen Bereich zu übertragen." (ebd.,
S. 266)

Trotz des Übergewichtes der Solidarität im wirtschaftlichen Bereich hat


damit die Freiheit sowohl unter kapitalistischen als auch unter wirt-
schaftsdemokratischen Bedingungen mehrere notwendige und spezifische
Funktionen vor allem in der Produktion zu erfüllen und nur durch ihr
"dialektisches" Verhältnis zueinander kann das Ziel der "sozialen Ge-
rechtigkeit", die sich durch die Reduzierung struktureller sozioökonomi-
- 80 -
scher Ungleichheiten und gleichwertigere ökonomische Tauschbeziehun-
gen hindurch verwirklicht, erreicht werden. In dieser Perspektive ist die
solidaristische Sozialökonomie die notwendige Ergänzung zu Bourgeois'
sozialpolitischen Maßnahmen und ist zu den im Quasi-Assoziationsver-
trag aufgestellten Zielsetzungen kongruent. Auf die präzise Bestimmung
der Rolle des Staates in der Wirtschaftsdemokratie werden wir im
nächsten Abschnitt, der die solidaristische Kritik an dem kollektivisti-
schen Sozialismus darstellt, zurückkommen. Ebenso werden die weiter-
gehenden zentralen Thesen, auf denen die "Assoziation" von Kapital und
Arbeit im Kapitalismus und in der Wirtschaftsdemokratie basiert, im
Kontext mit Bougies sozialwissenschaftlicher Fundierung des Solidaris-
mus dargestellt (vgl. Kap. III.2.).

Abschließend muß noch auf das Verhältnis von Sozialpolitik und Sozial-
ökonomie innerhalb des ökonomischen Solidarismus eingegangen werden.
Grundsätzlich erscheinen sie als vollkommen komplementär, obwohl sie
schon vom Ansatz her eine unterschiedliche Reichweite besitzen. Deuve
hat sie als "negativ-reparierend" bzw. "positiv-präventiv" bezeichnet
(vgl. auch Rauh 1902: 182 f), da sich die Sozialpolitik auf die sozialen
Risiken und die Sozialökonomie letztlich auf eine neue Wirtschaftsord-
nung bezieht. Obwohl Bourgeois die Genossenschaftsbewegung positiv
bewertet (vgl. Bourgeois 1902: 55), bleibt er ein reiner Sozialpolitiker
und dehnt selbst seine Theorie der mutualistischen Organisation nicht
in einem sozialökonomischen Sinne aus: "Wir müssen uns hier daran
erinnern, daß Leon Bourgeois auf halbem Wege bei der Darlegung und
den Konsequenzen seiner Doktrin angehalten hat: Auch wenn er die
Mutualisierung der Risiken befürwortet hat, so hat er nicht die der
Profite akzeptiert." (Bloch 1968: 25) Sehr deutlich hat dies auch Gide
erkannt, denn Bourgeois' Mutualismus läuft zwar darauf hinaus, " .•. daß
die Reichen die Mißgeschicke der Enterbten stützen, aber er fordert
nicht, daß den Armen erlaubt wird, die Güter der Reichen zu teilen.
Wäre dies aber nicht das logische Ende der solidaristischen These?"
(Gide 1932: 137). Und er nennt auch die logischen Konsequenzen einer
vollständigen Durchführung des mutualistischen Ansatzes: "Beruht dies
einfach darauf, daß die logische Anwendung dieser Regel zum Kommu-
nismus führen würde?" (Gide/Rist 1913: 679, Anm.)
- 81 -

Obwohl diese letzte Bemerkung mit Sicherheit als überspitzt gelten


kann, deutet sie doch auf ein gewisses Spannungsfeld zwischen Bour-
geois und den solidaristischen Sozialökonomen hin. Bourgeois bleibt
letztendlich ein, wenn auch sozial verantwortungsvoller Liberaler, denn,
wie dargestellt, ist die Funktion der "mutualistischen Organisation" die
Schaffung einer sozialen Grundgleichheit und nicht die Nivellierung so-
zioökonomischer Verhältnisse. Umgekehrt haben aber Gides Arbeiten
wie auch etwa Buissons "quasi-marxistische" Zwei-Klassen-Analyse des
Kapitalismus dazu beigetragen, den ökonomischen Solidarismus als
"Quasi-Sozialismus" durch seine liberalen Kritiker zu bezeichnen (vgl.
Pirou 1925: 166). Bourgeois selbst hat die Bezeichnung "liberaler Sozia-
lismus" für seine Doktrin akzeptiert (vgl. Bourgeois 1902: 34)32).

Diese unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten müssen im folgen-


den stets beachtet werden, wenn das Verhältnis zwischen dem ökonomi-
schen Solidarismus und den beiden Hauptströmungen des Sozialismus in
Frankreich vor 1914, dem Kollektivismus und dem Reformismus, analy-
siert wird. Die Skizzierung dieser bei den sozialistischen Bewegungen soll
dabei keine politische Ereignisgeschichte sein, sondern es sollen nur ih-
re zentralen politischen und ökonomischen Ansätze verdeutlicht werden,
um die Position des Solidarismus ihnen gegenüber genau abgrenzen zu
können 33 ).

3.3. Die Ablehnung des kollektivistischen Sozialismus

Der kollektivistische Sozialismus präsentiert die marxistische Tendenz


innerhalb des französischen Sozialismus vor 1914. Gide verweist auf den
Ursprung dieser Bezeichnung: Das privatkapitalistische Wirtschaftssystem
soll durch ein "System der kollektiven Unternehmung und des gesell-
schaftlichen Eigentums" (GideiRist 1913: 525) ersetzt werden, "das
man aus diesem Grunde mit dem Namen Kollektivismus bezeichnet"
(ebd.). Zwar hat Marx selbst diesen Begriff nie benutzt. (statt dessen
den des Kommunismus), aber die frankophonen und spanischen Kommu-
nisten während der 1. Internationale (im Gegensatz zu den Deutschen,
Engländern und Deutsch-Schweizern) tendieren zu jenem, um stärker
ihre "libertären" Absichten zu unterstreichen (vgl. ebd., Anm. I). Diese
- 82 -
"libertäre" Dimension wird vor allem von den Anarchisten vertreten,
die sich in Frankreich allerdings schon Anfang der 188Der Jahre von
den Kollektivisten trennen (vgl. Pirou 1925: 39), da diese immer stärker
die Staats funktionen in der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft
betonen.

L.:~er Paul Lafargue, dem Schwager von Marx, lernt Jules Guesde diesen
während der 187Der Jahre in London kennen, woraus sich ein enger
Kontakt entwickelt, 50 daß Marx die Präambel zum Programm des von
Guesde 1879 gegründeten "Parti ouvrier fran;:ais" (POF), der ersten so-
zialistischen Partei in Frankreich nach der Niederschlagung der Pariser
Kommune 1871, verfaßt. Charakteristisch für den von Guesde geprägten
Kollektivismus ist neben der Sozialisierung, d.h. in diesem Fall der
Verstaatlichung, der Produktionsmittel die Betonung der politischen Ak-
tion des Proletariats durch die Partei. Die Partei soll durch Organisa-
tion und Schulung das Proletariat zur Übernahme der politischen Macht
befähigen, damit der revolutionäre Akt im entscheidenden Moment,
dann, wenn sich der Kapitalismus gemäß der Marxschen Konzentrations-
und Krisentheorie dem Zusammenbruch nähert, auch wirklich durchge-
führt werden kann. "Die politische Enteignung der kapitalistischen
Klasse, sagt Guesde, muß ihrer ökonomischen Enteignung vorausgehen.
( •.. ) Er erklärt ausdrücklich, daß die Arbeiter sich in Gewerkschaften
und in Genossenschaften organisieren müssen, sonst würde die Revolu-
tion steril werden. Aber diese ökonomische Vorbereitung der Arbeiter-
klasse kann sie nicht von der politischen Aktion entbinden: Auch wenn
sie all eine nicht die Revolution bildet, so muß die Eroberung der Macht
zumindest der erste Akt sein." (ebd., S. 8 1)

Bis zur revolutionären Situation soll die Partei auf legale Weise versu-
chen, ihre Position durch die Beteiligung an Wahlen zu stärken, wobei
sie allerdings, um ihren eigenen Prinzipien und dem eigentlichen Ziel
treu zu bleiben, eine "Fundamentalopposition" betreiben muß: Keine
Unterstützung anderer Kandidaten oder Parteien, keine Koalitionen auf
lokaler oder nationaler Ebene (vgl. Prelot 1939: 124). Mit ihrem ideolo-
gischen Dogmatismus und einer strengen Parteidisziplin haben die Gues-
disten zwar durchaus einigen Erfolg (vor allem in der Bergwerkregion
des Nordens), aber der Konflikt mit allen anderen Kräften der Arbei-
- 83 -
terbewegung (Reformisten, Mutualisten, Anarchisten, Gewerkschaftler,
Genossenschaftler u.a.) ist unvermeidlich, und besonders politisch spal-
tet sich die sozialistische Bewegung völlig (bis zur Gründung der SFIO
1905).

Für unseren Kontext ist es. nun entscheidend, daß die Solidaristen und
Reformsozialisten gegen die Übertonung der revolutionären politischen
Aktion und den dogmatischen Antireformismus der Guesdisten reagiert
haben, und dies nicht nur wegen der Durchsetzung ihrer praktischen
Zielsetzungen, sondern auch deshalb, weil sich durch die Haltung der
Guesdisten hindurch die Projektion der zukünftigen, auf dem Kollekti-
vismus beruhenden Gesellschaftsordnung herauskristallisiert. Dies ist ein
entscheidender Punkt, da es sich historisch um eine ganz spezifische
Periode handelt, nämlich die Phase nach Marx I Tod 1883 und vor der
russischen Oktober-Revolution 1917. Die französischen Kollektivisten er-
heben einerseits den Anspruch, in der Marxschen Tradition zu stehen,
ohne daß dieser noch die Möglichkeit hat, sich korrigierend oder ab-
grenzend zu jenen zustellen, andererseits sind ihre Kritiker nur auf
Spekulationen über die konkreten Formen der kollektivistischen Gesell-
schaftsordnung angewiesen, da es weder schon ein praktisches Modell
gibt, noch Guesde sich zu präzisen Aussagen verleiten läßt (vgl. Pirou
1925: 23).

Nur indirekt durch die Eliminierung aller anderen gesellschaftspoliti-


schen Doktrinen der Linken (Genossenschaftswesen, Anarcho-Syndika-
lismus, Munizipal- und Reformsozialismus u.a.) seitens der Guesdisten
kann auf die zukünftige kollektivistische Gesellschaftsordnung geschlos-
sen werden, die Bourguin folgendermaßen versucht hat zusammenzufas-
sen (vgl. auch Bougie 1907a: 208): "Die vollständige Sozialisierung der
Produktionsmittel, die kein Privateigentum an Boden und an den Ar-
beitsmitteln, weder das des Bauern, des Handwerkers oder des Klein-
händlers bestehen läßt; eine Organisation der Produktion auf Grund ei-
nes Gesamtplanes, nach welchem sie sich genau den Bedürfnissen an-
paßt; eine Verteilung des Produkts im Verhältnis nach d€r von jedem
einzelnen geleisteten Arbeit, wie sie wenigstens während einer Über-
gangszeit stattfinden soll; Aufhebung jeder möglichen Abweichung des
Arbeitswertes von dem durch Angebot und Nachfrage gebildeten Preise
- 84 -
- eine Aufhebung, die durch die Art des Produktionssystems selbst ge-
geben ist. Beseitigung des Metallgeldes, auch als Symbol der sozialen
Arbeitszeit. Das ist der Kollektivismus in seiner ganzen Reinheit."
(Bourguin 1906: 119)

Das entscheidende Merkmal dieser Wirtschaftsordnung ist demnach die


überragende Position des Staates bei der Regulierung aller ökonomi-
schen Prozesse. Die staatliche Verwaltung ist verantwortlich für alle
"wirtschaftlichen Verrichtungen der Nation, mit dem gesamten Betriebe
der Produktion, des Verkehrswesens, der Lagerung und der Verteilung,
mit der Vermietung der Wohnung, wie mit dem Vertrieb der Lebens-
mittel und anderer Gegenstände." (ebd., S. 67) Bourguin hat versucht,
die Funktionsweise dieses Wirtschaftssystems möglichst genau vorherzu-
bestimmen und auf seine Widersprüche und Gefahren unmißverständlich
aufmerksam gemacht: "Die Störung der wirtschaftlichen Beziehungen,
Vergeudung und Siechtum der Gütererzeugung, allgemeine Herrschaft
der Willkür und des Zwanges - das sind die Übel, welche der kollekti-
vistischen Ordnung innewohnen. Unter welchem Gesichtspunkt man sie
auch betrachten möge: es wird sich vor allem immer ergeben, daß die
Freiheit geopfert wird. Es scheint nun aber jede einzelne Freiheit
durch eine Wirtschaftsordnung bedroht, welche die ganze Konsumtion
dem Belieben jener allgewaltigen Richter unterwirft, die über die Pro-
duktion und die Distribution zu entscheiden haben. Welcher Spielraum
bleibt noch dem einzelnen, wenn die Befriedigung seiner Bedürfnisse
und seiner Neigungen von der Entscheidung einer öffentlichen Behörde
abhängt? Welchen Schutz hat die Minderheit gegen die furchtbare
Macht der Mehrheit? Jede Art der individuellen und kollektiven Tätig-
keit, sogar der geistigen und sittlichen, wenn sie einen Gebrauch oder
Verbrauch wirtschaftlicher Güter veranlassen sollte, jede Freiheit, die
Freiheit der Presse und die der Wahlen, die Freiheit der Vereinigung,
die der Theater, die Freiheit des Unterrichts und die der Religion -
alles wird der willkürlichen Entscheidung jener Persönlichkeiten unter-
worfen sein, welche mit der Leitung der wirtschaftlichen Angelegenhei-
ten betraut sind." (ebd., S. 69)

Der Kollektivismus erscheint als eine spezi fische Interpretation des


Marx-Engelsschen Werkes, die nicht genügend zwischen den beiden so-
- 85 -

wie zwischen ihrem Früh- und Spätwerk 34 ) unterscheidet, wie Rauh


bemerkt: "Ohne Zweifel haben Marx und Engels einen zu positiven
Geist, um im Detail eine sich noch herausbildende Gesellschaft zu be-
schreiben. Ohne Zweifel auch bedeutet für sie die ökonomische Zen-
tralisierung nicht diese militärische, durch den Staat passiven Funktio-
nären aufgezwungene Organisation, die ihre Gegner ihnen so heftig vor-
geworfen haben. Weit entfernt davon monarchisch die Produktion und
die Verteilung der Reichtümer zu regeln, wird der Staat im neuen Re-
gime nur der von der Kollektivität delegierte Verwalter sein. Aber es
scheint jedoch ganz so zu sein, daß sie in einer nahen Zukunft die
Konzentration der Totalität der Produktionsmittel in einigen monstruö-
sen Industrien vorgesehen haben, die von einem Volksstaat, Erbe der
kapitalistischen Oligarchie als souveräne Herrin der Produktion, geleitet
wird, und deren Herrschaft die seinige vorbereitet hat. Das neue Regi-
me würde von da an buchstäblich aus der Stapelung der gemeinsamen
Reichtümer bestehen. Dies ist ohne jeden Zweifel das Wesen des Sozia-
lismus nach den Marxisten ... , die sich politisch im allgemeinen jedem
Föderalismus widersetzen." (Rauh 1902: 164) Die solidaristische und re-
formsozialistische Gegenreaktion wird vor dem Hintergrund dieser zwar
noch nicht real existierenden, aber theoretisch deduzierbaren, politi-
schen und wirtschaftlichen Ordnung verständlich, wobei sie zwar auch
gegen Marx argumentieren, die eigentliche Stoß richtung ihrer wirt-
schafts- und politiktheoretischen Thesen richtet sich aber gegen den
Kollektivismus Guesdes.

Zunächst zur ökonomischen Kritik am Kollektivismus: Diese Kritik rich-


tet sich sowohl gegen die Art der Durchführung als auch gegen die
Konsequenzen der vollständigen Sozialisierung der Produktionsmittel. Die
Konzeption des Kollektivisten Lacabane, der die individuelle Freiheit
nicht eingeschränkt sieht, wenn ein demokratisch gewähltes Parlament
durch eine einfache Mehrheitsentscheidung die Aufhebung des Privatei-
gentums per Gesetz beschließen würde (vgl. Essai 1902: 71), wird von
Bourgeois unzweifelhaft abgelehnt: "Man sagt, daß wenn sie (die Kol-
lektivierung; C.G.), von den Abgeordneten aufgezwungen wird, sie als
von allen gewollt betrachtet werden, könnte! Nicht der Abgeordnete
spricht zu Ihnen, der es wagen würde zu behaupten, daß die von den
Kammern verabschiedeten Gesetze immer von allen Bürgern als der
- 86 -

Ausdruck ihres einstimmigen Willens betrachtet werden." (Bourgeois


1902: 75) Die Kollektivierung könnte somit nur unter Zwang durchge-
setzt werden und würde in erster Linie den kleinen Selbständigen in
der handwerklichen, agrarischen und industriellen Produktion die
[xistenzgrundlage entziehen, während in den Großunternehmen durch die
Entwicklung von Aktiengesellschaften z.B. schon unter kapitalistischen
Bedingungen das Privateigentum an Bedeutung verloren hat.

Ziel des Solidarismus ist aber gerade umgekehrt die ökonomische


Selbständigkeit möglichst vieler Gesellschaftsmitglieder durch die priva-
te individuelle (und "solidarische") Form des Eigentums an Produk-
tionsmitteln, wie Bourgeois betont: "Ich lehne dagegen unbedingt den
Kollektivismus, den Kommunismus ab, der für alles an die Macht des
Staates appelliert und notwendig dazu neigt, die Freiheit zu zerstören.
Das individuelle Eigentum erscheint mir als die Verlängerung und die
Garantie der Freiheit. ( ... ) Die Entwicklung des individuellen Eigen-
tums, nicht seine Abschaffung ist für mich das Ziel, und mein gesell-
schaftliches Ideal besteht darin, daß jeder im Rahmen der Gerechtig-
keit Zugang zum individuellen Eigentum bekommt." (ebd., S. 34)

Auch hier wird wieder der Unterschied zwischen Bourgeois und den So-
zialökonomen deutlich: Während jener nur von der Ausdehnung des indi-
viduellen Privateigentums spricht, wird von diesen im Rahmen der Wirt-
schaftsdemokratie die Ausdehnung des "solidarischen", vergenossen-
schaftlichten Eigentums betont und die Verstaatlichung zentraler
"Dienstleistungen, die wirkliche nationale Funktionen konstituieren" ge-
fordert (z.B. Eisenbahnen und Energiequellen; vgl. Nicolet 1983: 50;
Kap. II1.2.4.3.). "Neben den Formen zentralisierter, nationaler oder
kommunaler Produktion werden also andere Formen existieren können,
die durch ein neues vertragliches Regime geregelt werden, wobei be-
grenzteren Gruppen, sogar Individuen, die Leitung der Produktion über-
lassen werden." (Rauh 1902: 167) Die im Rahmen der Wirtschaftsde-
mokratie angestrebte Sozialisierung der Produktionsmittel bedeutet
demnach im Gegensatz zum Kollektivismus nicht die Verstaatlichung,
sondern prioritär die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln. Der
Solidarismus steht damit in der Tradition der jakobinischen Konzeption
von der Ausdehnung des Eigentums auf alle Gesellschaftsmitglieder ,
worauf wir später zurückkommen werden.
- 87 -

Durch die umfassende Überführung des Eigentums und der Leitung der
Produktionsmittel in die Hände der staatlichen Bürokratie wird darüber
hinaus der wichtigste Mechanismus der wirtschaftlichen Entwicklung,
die individuelle oder kollektive Eigeninitiative, völlig gelähmt. "Man
darf nicht die Initiative, die Aktivität, die Freiheit entmutigen." (Bour-
geois 1902: 74) Eines der wesentlichsten Ziele jeder Wirtschaftspolitik
muß auch deshalb der Schutz der kleinen und mittleren Unternehmen
vor staatlichen (wie auch privatkapitalistischen) Produktionsmonopolen
sein. "Kann man sich nicht andererseits gesellschaftliche Institutionen
vorstellen, die zwischen kleinen und mittleren Produzenten Koopera-
tionsbindungen schaffen, 50 daß die Gesamtheit davon wirklich eine
ökonomisch organisierte und vereinigte Nation bildet, ohne daß es des-
halb eine globale Sozialisierung der Produktionsmittel geben würde? Ei-
nen solchen Drganisationstyp können uns in der modernen Gesellschaft
die kaum entworfenen Institutionen des gegenseitigen Kredits, die
bäuerlichen Kassen, die Volksbanken usw. voraussehen lassen." (Rauh
1902: 166) Zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Eigeninitiative
erscheint völlig im Gegensatz zum Kollektivismus die Begrenzung der
ökonomischen Funktionen des Staates als wesentlich: "Man kann nur
sagen, daß es darauf ankommt, alle autonomen Organe ökonomischer
Emanzipation - wie übrigens alle politischen Organe - Genossenschaf-
ten, Gewerkschaften, Arbeitsbörsen usw. derart aufrechtzuerhalten und
zu stärken, daß die zukünftige Republik wirklich eine Berufsdemokratie
ist, in der der Staat - d.h. die Gesamtheit der mit der Verwaltung des
gemeinsamen Stammgutes beauftragten Delegierten - nur die Rolle ei-
ner regulierenden Macht erfüllt." (ebd., S. 172)

Diese regulierende Funktion des Staates bezieht sich auf den Inter-
essenausgleich zwischen allen Produktionsmittelbesitzern und den abhän-
gig Beschäftigten, d.h. auf alle Maßnahmen zur "Assoziation" von Kapi-
tal und Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen, so wie sie im vori-
gen Abschnitt dargestellt worden sind (vgl. ebd., S. 166). Selbst wenn
der Kollektivismus zwei der wichtigsten antikapitalistischen Zielsetzun-
gen erfüllt, die Abschaffung der "Einkommen ohne Arbeit" und die
Verfügung der Arbeiter über ihren "vollen Arbeitsertrag" , so schafft er
- 88 -

doch neue Hierarchien im Bereich der Wirtschaft, die ähnlich wie im


Kapitalismus die politische Demokratie verfälschen, wenn nicht bedro-
hen: "Wir sind davon überzeugt, daß die eng einheitliche Konzeption der
Sozialisierung den Sozialismus von den wirklichen Demokraten entfernt
hat, die befürchtet haben, daß ein solches System den Erfindungsgeist,
die ökonomische Ini tiative erstarren läßt." (ebd., S. 171 f) Rauh ver-
weist also auf den direkten Zusammenhang zwischen der wirtschaftli-
chen und politischen Freiheit, wobei allerdings, wie wir gesehen haben,
sich die wirtschaftliche Freiheit nicht auf den kapitalistischen Konkur-
renzkampf ( vgl. ebd., S. 184 f), sondern auf die individuelle oder kol-
lektive Eigeninitiative im Bereich der Produktion bezieht, die nicht im
Gegensatz zu den von der Wirtschaftsdemokratie angestrebten Formen
der ökonomischen Solidarität steht.

Für die Bewahrung der politischen und aller anderen "intellektuellen"


Freiheiten wird die Funktion der "freien Assoziationen" zentral, die im
Zentrum der politischen Kritik am Kollektivismus steht. Die Freiheit
der Assoziationen basiert neben der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft,
wie schon dargestellt, auf ihrer Autonomie gegenüber dem Staat durch
das Selbstverwaltungsprinzip. Unabhängig davon, ob die Selbstverwaltung
demokratisch (wie in den Genossenschaften) oder autoritär (wie in den
kapitalistischen Betrieben) geregelt ist, erfüllt ihre Autonomie die
Funktion der Begrenzung der staatlichen Kontrolle über ihre Entschei-
dungen, die nach Bourgeois (und Rauh) nur bis zum Interessenausgleich
zwischen den betroffenen Individuen und Gruppen gehen darf und nicht
darüber hinaus. Da im Kollektivismus aber der Staat alle wirtschaftli-
chen Entscheidungen an sich gezogen hat, und die Wirtschaftsplanung
zur umfangreichsten und daher wichtigsten Aktivi tät des Staates über-
haupt wird, erscheint jede Kritik an wirtschaftlichen Entscheidungen
auch gleichzeitig als eine Kritik an der Administration und ihrer politi-
schen Spitze. Auf die sich daraus ergebende, dem Kollektivismus sozu-
sagen "system immanente" Gefahr des Staatsdespotismus ist schon von
Bourguin hingewiesen worden (vgl. auch Rama, in: Essai 1902: 185).

Die Stärkung der intermediären Ebene zwischen dem individuellen und


dem staatlichen Handeln wird damit zur strukturellen Notwendigkeit,
um dem ansonsten drohenden Übergewicht an staatlicher Macht sowohl
- 89 -
im Bereich der Wirtschaft, wie auch dem der Politik und Kultur korri-
gierend entgegenzuwirken. "Man muß den zentralen Verwaltungsorga-
nismus durch viel fäl tige autonome Assoziationen begrenzen." (Rauh
1902: 186) Letztendlich wird damit eine politische und wirtschaftliche
Ordnung angestrebt, in der sich das Handeln der Individuen, der Asso-
ziationen und des Staates in einem gegenseitigen Machtgleichgewicht
durch Kontrolle und Autonomie sowie interner Demokratisierung be-
grenzt. Dieses solidaristische Ideal wird von Bourgeois deutlich hervor-
gehoben; so schreibt er über die Notwendigkeit der Demokratisierung:
"Die Demokratie ist nicht nur eine Form der Regierung. Sie ist eine
Form der Organisation der gesamten Gesellschaft." (zitiert nach Buis-
son 1908: 221) Und er erklärt die Stärkung der Assoziationen zu einem
wesentlichen Ziel radikaldemokratischer Politik: "Die radikale Partei
hat schließlich eine Gesellschaftsdoktrin. Und diese Doktrin wird mit
diesem Wort zusammengefaßt: Die Assoziation." (Bourgeois 1908: V)
Gemäß der atomistischen Staatskonzeption erscheint dieser lediglich als
die größte und umfassendste "politische Assoziation" der Gesellschafts-
mitglieder (neben Parteien, Vereinigungen u.a.), wodurch die Reduktion
seines Machtanspruches gegenüber den Individuen und den anderen
Assoziationen nur umso deutlicher hervortreten soll.

Die Solidaristen (und die Reformsozialisten) schließen sich damit Durk-


heims Warnung vor dem "Überstaat" an (vgl. Kap. I.), auch wenn Bour-
geois dafür eine theoretisch andere Begründung gibt. Im Rahmen von
Bougies sozial wissenschaftlicher Fundierung des Solidarismus werden wir
darauf eingehen, wie er das Problem der Begrenzung des Staatsinterven-
tionismus durch "intermediäre ökonomische Assoziationen" unter Rück-
griff auf Durkheims Berufsgruppenmodell zu lösen versucht (vgl. Kap.
III.2.4.2.) und sich dahinter die Konzeption der "Gegenmacht" zwischen
Staat und den Assoziationen verbirgt, die Durkheim in seiner Staatsso-
ziologie ausformuliert hat (vgl. Kap. III.3.3.). Während zwischen dem
Solidarismus und dem kollektivistischen Sozialismus weder im Bereich
der Wirtschaft noch dem der Politik eine Verständigung möglich ist,
kommt es zwischen dem Solidarismus und dem Reformsozialismus zu ei-
ner Annäherung der Positionen, was im folgenden aufgezeigt werden
soll.
- 90 -
3.4. Die Annäherung an den Reformsozialismus

Die reformistische Tendenz innerhalb des französischen Sozialismus vor


1914 versteht sich im wesentlichen als eine Synthese zwischen den ver-
schiedenen Traditionen des Frühsozialismus und der ökonomischen Ana-
lyse des Kapitalismus durch Marx. So fordert Paul Brousse den Staats-
interventionismus, d.h. die Ausdehnung der sozial- und wirtschaftspoliti-
schen Funktionen des Staates, der zum Teil auf die von Louis Blanc
1848 inspirierten "National werkstätten" zurückgeht (vgl. Kap. 111.2.4.1.),
und er betont die Notwendigkeit einer Koalition des Proletariats mit
den Bauern und Handwerkern, die ebenfalls von Überproduktionskrisen,
Kapitalkonzentrationsprozessen u.a. in ihrer wirtschaftlichen Existenz
bedroht sind 35 ). Benort Malon veröffentlicht 1892 seine Schrift über
den "integralen Sozialismus", in der er Marx' ökonomische Kritik am
Kapitalismus und Begründung des Sozialismus ausdrücklich als einen
Fortschritt gegenüber dem Frühsozialismus hervorhebt, aber den für ihn
einseitigen ökonomischen Determinismus des Historischen Materialismus
ablehnt. Die neue sozialistische Gesellschaft bedürfe nicht nur einer
"ökonomischen", sondern auch einer "ideellen" Basis, die sich nicht aus
jener einfach ableiten lasse. Malon schließt sich hier dem "Idealismus"
vieler Frühsozialisten wieder an. Alexandre Millerand fordert schließlich
1896 nicht mehr die umfassende, sondern nur noch die progressive So-
zialisierung der Produktionsmi ttel, entsprechend dem Grad der Kapi tal-
konzentration, die durch einen Mehrheitsbeschluß im Parlament jeweils
gebilligt werden muß.

Damit sind die wichtigsten Merkmale des Reformsozialismus erkennbar:


Aufrechterhaltung der politischen Institutionen der Republik (die plura-
listisch-parlamentarische Demokratie), Verstaatlichung von Produktions-
mitteln nur dort, wo die Kapitalkonzentration schon am weitesten fort-
geschritten ist, Ausdehnung des Staatsinterventionismus (Sozial- und
Arbei tsschutzgesetzgebung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen u.a.), starke
Betonung "ideeller" Zielsetzungen (Individualismus, Humanismus, Soli-
darität u.a.). Zur Verdeutlichung der ökonomischen Thesen des Refor-
mismus gehen wir auf verschiedene Theoretiker ein, die Pirou stellver-
tretend für diese politische Bewegung zusammengefaßt hat.
- 91 -

Ihnen allen gleich ist die Charakterisierung als "sozialistische Systeme,


die den durch Angebot und Nachfrage bestimmten Wert beibehalten"
(Bourguin 1906: 73). Auf den Bereich des Konsums bezogen kommt
Adolphe Landry (vgl. Pirou 1925: 11 ff) zunächst zu einer Kritik am
Kollektivismus: Im Kollektivismus dürfen die Preise der Waren nur von
der Quantität Arbeit, die zu ihrer Produktion benötigt werden, abhän-
gen, was zu einer staatlichen Fixierung individueller Bedürfnisse führen
muß, um Produktion und Nachfrage auch nur annähernd im Gleichge-
wicht zu halten. Der Staat kann aber niemals im voraus die Summe al-
ler individuellen Bedürfnisse berechnen, so daß die Produktion den un-
vorhersehbaren Schwankungen der Nachfrage nicht folgen kann. Not-
wendig ist also die Regelung der Nachfrage wie auch der Preise durch
den Marktmechanismus, der allerdings bisher im Kapitalismus durch die
zu ungleiche Einkommensverteilung verfälscht wird. Die Nachfrage am
Markt gibt nämlich nur ein monetäres Abbild der Bedürfnisse in der
Bevölkerung wieder, welches dann gegenüber den tatsächlichen Bedürf-
nissen verfälscht wird, wenn die Masse ihre Bedürfnisse wegen einer zu
geringen Kaufkraft nicht befriedigen kann, und dadurch die Kaufkraft
der Priviligierten ein überproportionales Gewicht erhält. Eine Folge ist
z.B. die Ausrichtung der Produktion auf Luxusgüter. Die liberalen Wirt-
schaftstheoretiker haben diese soziale Komponente in dem Nachfrage-
mechanismus nicht erkannt, da sie nur generell an dem Gleichgewicht
zwischen Angebot und Nachfrage interessiert sind. Für Landry ist dann
die Verfälschung der Nachfrage am geringsten, je egalitärer die Ein-
kommensverteilung ist.

Ein anderer Theoretiker, Georges Renard, hat die Bedeutung der An-
wendung der Marktmechanismen im Bereich der Produktion auch für ei-
nen sozialistischen Ansatz herausgearbeitet, und er zeigt auf, daß im
Kapitalismus die Konkurrenz zwischen den Produzenten durch die un-
gleichen Eigentumsverhältnisse verfälscht und dadurch ihre individuelle
Freiheit eingeschränkt wird:" im sozialistischen Regime würde die
Konkurrenz weiterbestehen, sie wäre sogar durch die Notwendigkeit
verallgemeinert, in der sich alle Individuen befinden würden, auf Grund
des Verschwindens der Einkommen ohne Arbeit ihren Lebensunterhalt
zu verdienen, wie sie auch durch die Egalisierung aller individuellen
Chancen am Ausgangspunkt korrigiert werden würde." (Pirou 1925:
- 92 -
22 f) Die Sozialisierung der Produktionsmittel sei nur deshalb notwen-
dig, "... um zu verhindern, daß die Akkumulation des privaten Kapitals
in den Händen einiger Individuen nicht die Freiheit der anderen auf
nichts reduziert" (ebd., S. 32). Letztendlich fordert Renard damit im
Namen des Sozialismus nicht anderes als die Herstellung völlig gleicher
Konkurrenzbedingungen zwischen allen Produzenten, d.h. einen durch
keinerlei Konzentrationsprozesse gestörten Markt, der sich in nichts von
dem Ideal des Klassischen Liberalismus unterscheidet. Um diese nur
scheinbar völlig "unsozialistische" Position richtig einordnen zu können,
muß an die ökonomische und politische Kritik am Kollektivismus erin-
nert werden (vgl. vorangehenden Abschnitt), in der sich Reformsoziali-
sten und Solidaristen völlig einig sind. Hieraus erklärt sich der stark
individualistische Charakter des französischen Reformsozialismus, der
von all seinen Theoretikern immer wieder betont wird. d.h. "den tief
individualistischen Charakter des Sozialismus darlegen" (ebd., S. 31) und
"eine vernünftige Abwägung von Freiheit und von Autorität durchset-
zen" (ebd.).

Diese Zielsetzung kommt auch in einem anderen grundlegenden Werk


über den Reformismus dieser Jahre "Der Sozialismus am Werk. Was ge-
tan worden ist. Was getan werden kann." (Paris 1907) zum Ausdruck,
an dem neben Renard, Landry u.a. auch Fran:;ois Simiand mitgearbeitet
hat. Die Autoren halten an der Notwendigkeit der Sozialisierung, d.h.
der Verstaatlichung, der Produktionsmittel fest, in diesem Sinne sind
sie Kollektivisten, aber es handelt sich nicht um einen "reinen", son-
dern um einen "dezentralisierten" Kollektivismus (Bourguin prägt diese
Differenzierung). Der Unterschied liegt sowohl in den Bedingungen als
auch in den Formen der Sozialisierung. Die Bedingungen der Enteignun-
gen müssen gesetzliCh geregelt werden, und das Recht auf Entschädi-
gung, entsprechend dem Marktwert des Eigentums, muß garantiert sein.
Was die Formen der Sozialisierung anbetrifft, so wird der Staat zwar
der Eigentümer der Produktionsmittel, aber nicht der Leiter der Pro-
duktion. Im Gegenteil muß die Leitung der Produktion möglichst auto-
nom sein, " •.. damit die Leitung der Arbeiten weder durch die Inter-
vention der Politik, noch durch die Regeln des Verwaltungsrechtes und
der Finanzgesetzgebung gestört wird." (Pirou 1925: 34) Diese Autono-
mie soll sogar soweit gehen, daß Gemeinden, Genossenschaften oder
- 93 -

Privat unternehmer die Führung dieser Unternehmen übernehmen können,


wenn sie "gewisse Regeln der Leitung" und eine staatliche Gewinnbe-
teiligung akzeptieren. Hierin kommt eindeutig die vom Reformsozialis-
mus auch praktizierte Annäherung an den Munizipalsozialismus und das
Genossenschaftswesen zum Ausdruck.

Die Betonung der Autonomie der Produzenten gegenüber dem Staat ver-
anlaßt einige Reformisten, das Ziel der vollständigen Verstaatlichung
ganz aufzugeben, wie z.B. Millerand, und Rauh formuliert statt dessen
folgende Zielsetzung: "In der zukünftigen sozialen Demokratie wird es
einen Platz für die autonomen Assoziationen und vielleicht sogar für
private Formen der Produktion geben." (Rauh 1902: 181) Statt der
Verstaatlichung wird "das eminente Recht der demokratisch organisier-
ten Gesellschaft über das Eigentum" (ebd.) betont, womit Rauh sich
der solidaristischen Konzeption von der gesellschaftlichen Verfügung
über das Privateigentum völlig angenähert hat.

Diese Tendenz innerhalb des Reformsozialismus wird besonders von den


sog. "unabhängigen" Sozialisten vertreten, die nicht der alle sozialisti-
schen Gruppierungen umfassenden SFIO beigetreten sind. "Sie verkör-
pern die Tradition eines reformistischen Sozialismus, für den der Mar-
xismus wie die Parteidisziplin fremd ist. Sie möchten "der fortschrittli-
che Flügel der republikanischen Partei" sein und befürworten es, "die
politische Demokratie durch die soziale Demokratie zu vervollständi-
gen". (... ) Die Verbindungen mit den reformistischen Gewerkschaften,
die Suche nach einem Mittelweg, der auf der Schlichtung in den sozia-
len Konflikten, der sozialen Partizipation, der paritätischen Leitung be-
gründet ist, eine Formel, die derjenigen nahekommt, die einige Radika-
le oder christliche Demokraten wünschen, all diese Züge definieren ei-
nen Sozialismus, der einer Orthodoxie oder Parteilinie nicht treu war,
der aber eine dauerhafte Komponente der politischen Landschaft ist."
(Mayeur 1984: 204)

Die einzigen wirklich wesentlichen Differenzen zwischen Solidaristen


und Reformsozialisten reduzieren sich damit auf die Frage nach dem
Grade und der Form der Veränderung der Eigentumsverhältnisse. Bour-
geois selbst verdeutlicht dies in einer Antwort auf Georges Renard:
"Unstimmigkeit gibt es nur bei den zu benutzenden Mitteln." (Bourgeois
- 94 -
1902: 71 f) Er bezweifelt insbesondere, daß es nicht auch in einer so-
zialisierten Wirtschaft zur Bildung von Privatbesitz an Kapital kommt,
da jeder Produzent entsprechend seiner Arbeitsleistung Dividenden von
den Kollektivunternehmen ausgezahlt bekommt. Was zu verhindern sei,
ist nicht etwa die Reinvestition des individuell besessenen Kapitals,
sondern nur die für den Kapitalismus typischen Formen der sozialen
Unsicherheit der abhängig Beschäftigten. "Das Kapital ist unvermeid-
lich. So ist alles eine Frage der Grenzen. Verdammt werden muß der
Mißbrauch des Kapitals und nicht das Kapital selbst." (ebd., S. 74)

Bourgeois' Argumentation, daß privates Kapital sowohl in den Konsum


gesteckt, als auch reinvestiert werden kann, was die freie Entscheidung
seines Eigentümers bleiben müsse, richtet sich gegen Renards strikte
Trennung des "Konsumeigentums" (Essai 1902: 69) und "Ausbeutungsei-
gentums" (ebd.). Während über jenes, nach Renard, frei verfügt werden
können muß, muß dieses ausgeschlossen werden: "Der Sozialismus re-
spektiert auf diese Weise das auf der persönlichen Arbeit begründete
Eigentum, aber nicht dasjenige, welches sich nur auf der Arbeit eines
anderen begründen kann." (ebd., S. 70) Buisson betont dagegen, daß es
keinen wirklich absoluten Gegensatz zwischen dem individuellen und
dem kollektiven Eigentum gibt, und daß es schon im Kapitalismus
Mischformen gibt wie z.B. in den Aktiengesellschaften: "Es existieren
auch Eigentumstypen, die gleichzeitig individuell und kollektiv sind. Der
Eigentümer einer Eisenbahn- oder Minenaktie besitzt einen individuellen
Rechtsanspruch auf die Partizipation an einem kollektiven Eigentum."
(Buisson 1908: 228) Die entscheidende Frage sei letztendlich, ob die
Überwindung der Lohnarbeit an die Aufhebung des Privateigentums an
Produktionsmitteln "als eine Bedingung sine qua non" (ebd., S. 226) ge-
bunden ist, oder ob nicht umgekehrt das Dogma von der Kollektivierung
und insbesondere der Verstaatlichung neue Abhängigkeiten schafft. "Die
radikale Partei schließt sich weder dem Banner des individuellen Eigen-
tums an, noch demjenigen des kollektiven Eigentums, weil das eine die
schlimmsten Mißbräuche in der Vergangenheit verdecken kann, das an-
dere die schlimmsten Chimären in der Zukunft." (ebd., S. 235)

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Differenzen zwischen


Soli da risten und Reformsozialisten vor allem gradueller, nicht aber
- 95 -

prinzipieller Art sind. Beide streben die Überwindung der Lohnarbeit


durch die "assoziierte Arbeit" (ebd., S. 223) an, wobei die Solidaristen
die nicht-zwangsweise und progressive Ausdehnung des individuellen und
"solidarischen" Eigentums an Produktionsmitteln, die Reformsozialisten
dagegen die Enteignung zugunsten von Genossenschaften, Gemeinden
oder dem Staat betonen. Diese Differenz in der Bewertung der unter-
schiedlichen juristischen Formen des Eigentums an Produktionsmitteln
sowie der Methoden ihrer Durchsetzung erklärt sich aus ihren Beziehun-
gen zu den unterschiedlichen sozialen Klassen, deren Interessenvertreter
sie sind: Die Handwerker und Geschäftsinhaber des Kleinbürgertums und
die Bauern bzw. die Arbeiterschaft in den Großunternehmen (auf ihre
zahlenmäßige Gewichtung werden wir im Abschnitt 4.2.1. zurückkom-
men).

Die Problematik der Annäherung und Differenzen zwischen den Solida-


risten und Reformsozialisten wollen wir zusätzlich noch einmal an Jean
Jaures verdeutlichen, der als Parteivorsitzender der SFIO zur eigentli-
chen zentralen Figur des Reformismus aufsteigt. Die "unabhängigen"
Sozialisten bleiben zahlenmäßig eine sehr kleine Gruppierung und ver-
schaffen sich ihr politisches Gewicht nur durch einige markante
Persönlichkeiten, die verschiedenen Regierungen angehören (z.B. Aristide
Briand und Rene Viviani; vgl. Mayeur 1984: 203). Der "humanitäre und
demokratische Sozialismus" (Albertini 1973: 255), den Jaures vertritt,
soll an zwei Beispielen aufgezeigt werden, durch die auch die Abgren-
zung zum Kollektivismus hervortritt.

Zunächst zu seiner Staatskonzeption: Grundsätzlich spricht er sich für


den "dezentralen Kollektivismus" aus, worunter allerdings nur die indu-
striellen, nicht aber die agrarischen Produktionsmittel fallen sollen. Die
Sozialisierung der Industrie kann von der Arbeiterschaft deshalb pro-
gressiv und legal durchgesetzt werden, da der Staat nicht, wie die Kol-
lektivisten behaupten, ein "undurchdringlicher Block" (Pirou 1925: 58)
ist und einseitig nur den Interessen der Bourgeoisie gehorcht, sondern
er ist "aus kapitalistischer Oligarchie und aus Arbeiterdemokratie zu-
sammengesetzt" (ebd.). Die Position des Staates hängt damit vor allem
von dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ab, und auf Grund der
demokratischen Verfassung kann sie sich bei Wahlerfolgen der linken
- 96 -

Parteien immer mehr zugunsten der Arbeiter verschieben. In der politi-


schen Demokratie wird der Klassenkampf durch den Kampf der Partei-
en untereinander ersetzt, und das Recht auf freie Meinungsäußerung
macht Gewaltakte illegitim. Wichtigstes Ziel des Proletariats muß da-
her zur Durchsetzung seiner Interessen das Bündnis mit anderen sozialen
Gruppen sein. Hier wird ein zweiter wesentlicher Unterschied zu den
Kollektivisten deutlich: Ihrer dogmatischen Zwei-Klassen-Konzeption
hält Jaures entgegen, daß Bourgeoisie und Proletariat nur die bei den
Pole der Gesellschaft sind und sich zwischen ihnen viele intermediäre
Gruppen (Kleinbürgertum, Handwerker, Beamte, Intellektuelle u.a.) be-
finden, die die antagonistischen Klasseninteressen nach bei den Seiten
hin abschwächen (vgl. Prelot 1939: 195)36).

Aber Jaures geht noch einen Schritt weiter: In der entwickelten


kapitalistischen Gesellschaft werden die Klassenantagonismen zwischen
Bourgeoisie und Proletariat nicht nur abgeschwächt, sondern der Klas-
senkampf an sich muß so weitgehend wie nur möglich im Interesse der
Entwicklung der nationalen Gesellschaft überwunden werden. "Die zwei
antagonistischen Klassen haben ein reziprokes Interesse daran, daß jede
von ihnen die höchste intellektuelle Kraft besitzt. Alle beide sind dar an
interessiert, daß die nationale Gemeinschaft, in der sie sich bewegen,
die größt mögliche Aktivität an Arbeit und an Geist besitzt, damit der
Konflikt, der sie trennt und der sie exaltiert, sich schließlich in einer
höheren Solidarität auflöst, wo die Tugenden zum "Gemeinwohl" gewor-
den sind." (zitiert nach Prelot 1939: 185 f)

Prelot kommt daher insgesamt zu einer Interpretation des Ansatzes von


Jaures, der in unserem Kontext eine zentrale Bedeutung erlangt: "Ent-
weder besitzen diese letzten Worte keinen Sinn, oder sie schließen den
Klassenkampf im marxistischen Sinne des Begriffes aus. Der Appell an
die "Solidarität" und an das "Gemeinwohl" vermittelt einen gänzlich
unterschiedlichen Klang, und die Doktrin von Jaures schließt sich hier
eher der Philosophie von Leon Bourgeois als der des "Kapitals" an.
Vom Solidarismus ist gesagt worden, daß er ein Quasi-Sozialismus ist.
Vielleicht wäre es genauso exakt, den Sozialismus von Jaures als
Quasi-Solidarismus zu bezeichnen." (ebd., S. 186) Es mag sein, daß
Prelot mit dieser Interpretation etwas zu weit gegangen ist, obwohl
- 97 -

auch Birnbaum auf die Annäherungen zwischen den Solidaristen und


Jaures hinweist (vgl. Birnbaum 1971: 15), da die beiden Betroffenen als
Berufspolitiker sie höchstwahrscheinlich abgelehnt hätten. Sie ist aber
symptomatisch und deshalb in unserem Kontext so interessant, da sie
auf die Existenz einer halb-linken Position innerhalb des gesamten poli-
tischen Spektrums in Frankreich vor 1914 hindeutet, innerhalb derer die
Abgrenzungen der eir,zelnen gesellschaftspali tischen Doktrinen etwas
verschwimmen. Oder umgekehrt ausgedrückt, läßt sich von dem Sozial-
politiker Bourgeois über die solidaristischen Sozialökonomen zu den
"unabhängigen" Sozialisten bis zu den Reformisten in der SFIO um Jean
Jaures jenseits unterschiedlicher Positionen in Einzelfragen eine grund-
sätzliche Annäherung in der Wahrnehmung und Interpretation der ge-
samtgesellschaftlichen Evolution erkennen.

Und diese Wirklichkeit stellt sich aus solidaristisch-reformsozialistischer


Perspektive folgendermaßen dar, wobei Prelot nicht Bourgeois, sondern
Jaures als den eigentlichen Soziologen seiner Epoche (vgl. Prelot 1939:
186) sieht: "Mehr und ohne Zweifel besser als jeder andere verfügte
Jaures über die direkte Wahrnehmung der Verhältnisse der sozialen,
politischen und geistigen Kräfte unseres Landes am Anfang des 20.
Jahrhunderts. Ein Kapitalismus, der stark genug ist zu widerstehen, ge-
wandt genug ist, sich weiterzuentwickeln, offen genug ist, sich anzupas-
sen; eine Arbeiterklasse, die sich in einer ständigen intellektuellen und
ökonomischen Aufwärtsbewegung befindet, intermediäre und zahlreiche,
so verschiedenartige Schichten, daß sie beinahe die zwei Antagonismen
überwältigen; ein demokratisches Regime, das der Vermittler einer tie-
fen gesellschaftlichen Transformation sein kann und muß, die sich voll-
zieht, ohne daß den erworbenen Situationen Gewalt angetan wird; eine
sozialistische Partei schließlich, die eher republikanisch als sozialistisch,
weniger die Partei einer Klasse als der Menschheit ist; das Bild ist
ohne Zweifel nicht vollständig, es ist vielleicht nicht immer exakt; es
ist wahrscheinlich das der Realität am nächsten kommende, das ent-
worfen worden ist." (ebd., S. 187) In der Zwischenkriegszeit kommt es
nach dem gescheiterten faschistischen Putschversuch vom Februar 1934
zu einer Wiederbelebung dieser traditionellen solidaristisch-reformsozia-
listischen Gemeinsamkeiten, in der Ruby den wesentlichen Faktor für
die Bildung der Volksfront regierung 1936 sieht, und die l.B. in der Be-
- 98 -

gründung und Durchsetzung der 40-Stunden-Woche zum Ausdruck


kommt: "Erben eines gemeinsamen soziologischen Stammes und alle
beide ein Ideal sozialer Gerechtigkeit und menschlicher Emanzipation
verfolgend, treffen sich Sozialismus und Solidarismus hier bei der Ver-
abschiedung dieses Gesetzes ... " (Ruby 1971: 89)37).

Unsere zentrale Hypothese ist es nun, daß dieser "gemeinsame soziolo-


gische Stamm" wesentlich von der Durkheim-Schule gebildet worden ist,
die sich genau in der halb-linken politischen Position ansiedelt, und
durch ihre soziologischen Arbeiten diese Position wissenschaftlich zu
begründen versucht. Ihre wirtschafts- und sozial wissenschaftliche Kritik
richtet sich gegen die Grenzen der ökonomischen und gesellschaftstheo-
retischen Thesen des Klassischen Liberalismus und von Marx und führt
zu einer eindeutigen Ablehnung von Sozialdarwinismus und Kollektivis-
mus, die als mögliche soziale und poli tische Konsequenzen dieser
Ansätze deutlich werden. Demgegenüber betont sie die über das Politi-
sche hinausgehenden egalitären Tendenzen der Demokratie, d.h. die
Vollendung der "politischen" in der "sozialen" Demokratie durch eine
wirtschaftsdemokratische und staatsinterventionistische Elemente verbin-
dende Transformation der Wirtschaftsordnung. In Abschnitt 5. werden
wir aufzeigen, daß jenseits dieser Grundgemeinsamkeiten die Durkheim-
Schüler sich politisch aufspalten, Bougie sich am Solidarismus, Mauss,
Halbwachs, Simiand u.a. dagegen am Reformsozialismus von Jaures ori-
entieren.

4. Das Ziel der "sozialen Demokratie": Die historische Rolle


des Solidarismus

Nach der Darstellung der grundsätzlichen sozialphilosophischen und öko-


nomischen Thesen des Solidarismus sollen in dieser abschließenden Ge-
samtbetrachtung seine unterschiedlichen historischen Grundlagen, die
Bedingungen des Erfolges, aber auch die Grenzen seiner Realisierungen
sowie die Gründe für das offensichtliche "Vergessen" dieser gesell-
schaftspolitischen Doktrin nach Bourgeois' Tod 1925 analysiert werden.
- 99 -

4.1. Die historischen Grundlagen des ökonomischen Solidarismus

In der Sozialpolitik des Solidarismus lassen sich zwei unterschiedliche


Einflüsse erkennen: Zum einen die jakobinische Tradition aus der Zeit
der Revolution 1789 und vor allem der Phase 1793/94 und zum anderen
die des deutschen "Katheder-" oder "Staatssozialismus" des 1872 ge-
gründeten "Vereins für Socialpolitik".

Die jakobinischen Einflüsse sind von Hatzfeld herausgearbeitet worden:


Der Artikel 21 der "Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte", die
als Präambel zur neuen jakobinischen Verfassung vom Juni 1793 fun-
giert, lautet folgendermaßen: "Die öffentlichen Hilfen sind eine heilige
Pflicht. Die Gesellschaft schuldet den unglücklichen Bürgern den Unter-
halt, sei es, indem sie ihnen Arbeit beschafft, sei es, indem sie denje-
nigen die Existenzmittel zusichert, die außer Stande sind zu arbeiten."
(zitiert nach Hatzfeld 1971: 279) Schon in den Jahren zuvor hatte das
"Komitee für das Armenwesen" unter der Leitung von La Rochefou-
cauld-Liancourt Grundsätze aufgestell t, nach denen der Staat für die
Bekämpfung der Armut vor allem auf zwei Mittel zurückgreifen müsse:
Eine möglichst weitgehende Verteilung von Eigentum unter alle Bürger
(z.B. durch die Aufteilung des kirchlichen und adligen Grundbesitzes)
sowie die Pflicht des Staates, allen Nicht-Eigentümern (bei einer
gleichzeitigen Arbeitsverpflichtung) und den Arbeitsunfähigen (den Älte-
ren, Invaliden, Kindern und Witwen) das Existenzminimum zu garantie-
ren.

Oie Kontinuität zwischen diesen Vorstellungen und den der Solidaristen


sieht Hatzfeld, wie folgt: "An zwei Punkten sieht man, daß La Roche-
foucauld-Liancourt legitimerweise von den Solidaristen in Anspruch ge-
nommen werden kann. Zuerst weil er sich weigert, das Recht nur aus
dem Prinzip des Eigentums abzuleiten. Zweitens weil er voraussieht, daß
das Sich-Selbst-Überlassen der NiCht-Eigentümer ruinöse Konsequenzen
für die öffentliche Ordnung nach sich ziehen würde. Daraus folgt, daß
das Programm des Komitees für das Armenwesen zwei Teile um faßte.
Man mußte zuerst mittels der Nationalgüter die Zahl der Eigentümer
vervielfältigen. Zweitens verständigte es sich darüber, vernünftig das
öffentliche Hilfswesen zu organisieren." (ebd.) Diese Kontinuität zwi-
- 100 -

schen der jakobinischen und solidaristischen Verpflichtung des Staates


auf eine Sozialpolitik (auf die jakobinische Eigentumskonzeption kom-
men wir später zurück) darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen,
daß zwischen Jakobinern und Solidaristen in einem andern Punkt ein
tiefgreifender Unterschied besteht: Die 1791 erfolgte gesetzliche Auflö-
sung aller Zünfte, die im 19. Jahrhundert zur Auflösung aller zwischen
den Individuen und dem Staat "intermediär" agierenden Assoziationen
führt, muß von den Solidaristen auf Grund der historischen Erfahrung
des Pauperismus als ein schwerer Fehler erkannt worden sein (zumin-
dest was ihre Auswirkungen anbetrifft), da sie sich so vehement für
die Bildung auch gerade der ökonomischen Assoziationen aussprechen.

Während der Jakobinismus mit Bezug auf den "Gesellschaftsvertrag" von


Rousseau "freie und gleiche" Vertragsbeziehungen zwischen den Indivi-
duen, aber gleichzeitig mit einer staatlichen Garantie gegen den Paupe-
rismus, befürwortet (vgl. ebd., S. 192 0, und der Solidarismus neben
der staatlichen Sozialpolitik die Existenz von intermediären Assoziatio-
nen betont, lehnt der Klassische Liberalismus sowohl das eine wie auch
das andere ab: "... das liberale Denken, welches in Frankreich jeden-
falls bereitwillig die Kritik an den Assoziationen aufnimmt, die fähig
sind, die Freiheit der vertragschließenden Personen zu belasten, aber
die Idee der Staatsintervention im Bereich der Wohl tätigkei t oder des
Hilfswesens zurückweist." (ebd., S. 193)

Gegen diesen extremen Standpunkt des Klassischen Liberalismus, von


dem Adam Smith ausgenommen wird 38 ), kann sich der Solidarismus
auch auf die Tradition des "Staatssozialismus" berufen. Wenn zwar auch
der "Staatssozialismus" von Adolf Wagner und seinem in Vergessenheit
geratenen französischen Vorläufer Charles Dupont-White 39 ) eine unter-
schiedliche theoretische Grundlage besitzt, die sich besonders in seiner
unterschiedlichen Staatskonzeption 4o ) zeigt, so ist doch die praktische
Zielsetzung, die Abschwächung sozioökonomischer Antagonismen durch
eine aktive staatliche Sozialpolitik, dieselbe. So schreibt etwa Rauh:
"Die von Bourgeois vorgeschlagenen Reformen haben zum Gegenstand,
alle Individuen gegen die von der Gesellschaft geschaffenen Risiken ab-
zusichern, sie sind auf einen Staatssozialismus ausgerichtet." (Rauh
1902: 183) Die gemeinsame staatsinterventionistische Zielsetzung wird
- 101 -
auch von Deuve betont: "ökonomen und Staatsmänner, die gleichzeitig
von der Legitimität der Arbeiterforderungen und von der Gefahr des
Klassenkampfes für den sozialen Frieden betroffen waren, haben seit
etwa 30 Jahren in verschiedenen Ländern interventionistische Schulen
begründet. Drei dieser Schulen können wegen der Bedeutung ihrer Kon-
gresse, des Wertes der wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Mitglieder und
des Einflusses, den sie auf die Sozialgesetzgebungen gehabt haben oder
dazu berufen sind zu haben, angenähert werden: Dies sind der Kathe-
dersozialismus in Deutschland, der Fabianismus in England und der Soli-
darismus in Frankreich." (Deuve 1906: 24) Deuve versucht darüber hin-
aus zu einer klaren Abgrenzung dieser drei "intermediären" Ansätze zu
gelangen: "Der Solidarismus nähert sich mehr dem Fabianismus als dem
deutschen Kathedersozialismus an. Der Fabianismus und der Solidaris-
mus sind dezentralisierender als der Kathedersozialismus. Der Katheder-
sozialismus antwortete genau auf das Bedürfnis nach Vereinigung, wel-
ches das Deutsche Reich um 1872, d.h. direkt nach seiner Gründung
empfand. Deutschland befindet sich in einer offenoen Krise politischer
Zentralisierung, wie es Spanien unter Philipp I!. und Frankreich unter
Ludwig XIV. gewesen sind. Die Zentralisierungsideen des Kathedersozia-
lismus können zur Vollendung der deutschen Einheit beitragen. Die Re-
gierung von Bismarck verstand genau den Vorteil, den sie aus dieser
universitären Bewegung ziehen konnte, ließ sich auf dem Kongreß von
Eisenach vertreten, dessen Bemühungen sie unterstützte und folgte aus
nächster Nähe den Arbeiten des Kongresses. Der Solidarismus und der
Fabianismus lassen im Gegenteil dem Genossenschaftswesen und dem
Munizipalsozialismus einen sehr breiten Spielraum." (ebd., S. 26 f)

Während demnach Bourgeois' Sozialpolitik sowohl in der jakobinischen


als auch der "staatssozialistischen" Tradition steht, basiert die solidari-
stische Sozialökonomie eher auf frühsozialistischen Traditionen. Die
Entwicklung der Arbeiterassoziationen, die Kritik der "Einkommen ohne
Arbeit" und das Recht auf den "vollen Arbeitsertrag", die Kritik der
Konkurrenz und die Möglichkeiten einer neuen Wirtschafts- und allge-
meinen sozialen Ethik der Solidarität sowie der gesellschaftlichen Ver-
fügung über das Privateigentum werden von Autoren wie Saint-Simon,
Fourier, Proudhon, Louis Blanc u.a. erstmals formuliert und erfahren
durch den Solidarismus eine neue Aufwertung. Hierin liegt der besonde-
- 102 -

re Verdienst von Celestin BougIe, so daß wir die Darstellung der früh-
sozialistischen Einflüsse im Rahmen von BougIes sozial wissenschaftlicher
Fundierung des Solidarismus abhandeln werden (vgl. Kap. 111.2.).

4.2. Die strukturellen und politischen Bedingungen für die


Durchsetzung des Solidarismus

4.2.1. Die Wirtschafts- und Sozialstruktur in Frankreich vor 1914

Der ökonomische Solidarismus erscheint in weiten Teilen, besonders


deutlich in seiner Eigentumskonzeption, als eine Doktrin des Kleinbür-
gertums und der "Arbeiteraristokratie": " nicht das Proletariat soll te
befreit werden und zur Macht gelangen, sondern "Ie peuple", verstanden
als die Gesamtheit gleichberechtigter und emanzipierter Bürger." (AI-
bertini 1973: 257) Dies entspricht nicht nur der jakobinischen Tradition
und dem "Geist von 1848,,41), sondern auch einer Wirtschafts- und So-
zialstruktur, in der die eigentliche "Proletarisierung" städtischer Massen
nicht zum zentralen Problem geworden war, wie etwa in England
schon seit dem frühen 19. Jahrhundert oder in Deutschland nach 1871.
Obwohl der Beginn von Frankreichs Industrialisierung in die dreißiger
Jahre des 19. Jahrhunderts zurückgeht, ist sie nur sehr langsam voran-
gekommen und hat nicht zu einem radikalen Bruch weder mit agrari-
schen, noch mit handwerklichen Produktionsformen geführt. Die langfri-
stige Verschiebung vom primären zum sekundären und tertiären Sektor
stellt sich zahlenmäßig, wie folgt, dar: (ebd., S. 252)

185 I 1881 1901 1921 1931 1936

Primärsektor % 53 48 42 43 37 37
Sekundärsektor % 25 27 31 29 33 30
Tertiärsektor % 22 25 27 28 30 33

Auch BougIe hebt noch für die Zwischenkriegszei t die überragende Be-
deutung der Landwirtschaft für das Bruttosozialprodukt Frankreichs
hervor: Ihr Anteil am BSP liegt bei 44 %, und der Gesamtwert der Pro-
duktion z.B. von Weizen ist höher als der der Stahlindustrie bzw. der
des Hafers höher als der der Autoindustrie (vgl. BougIe 1932: 34). In
- 103 -

dieser nahezu gleichwertigen Wichtigkeit von Agrar- und Industriepro-


dukten sieht er eine der spezifischen Besonderheiten Frankreichs:
"Genau dieses Gleichgewicht konstituiert eine der Originalitäten
unseres Landes." (ebd.)42)

Aber nicht nur die Langsamkeit des Industrialisierungsprozesses ist von


Bedeutung, sondern vor allem die Größe der Unternehmen erscheint als
das charakteristische und spezifische Merkmal Frankreichs, denn in
allen drei Sektoren dominieren eindeutig die Klein- und Mittelbetriebe.
Für die Landwirtschaft werden 1908 folgende Betriebsgrößen ermittelt:
(Albertini 1973: 253)

sehr kleine Betriebe (unter I ha) 2,08 Mil!.


kleine Betriebe (1-10 ha) 2,52 Mil!.
mittlere Betriebe (40-100 ha) 0,74 Mil!.
große Betriebe (40-100 ha) 0,11 Mill.
sehr große Betriebe (über 100 ha) 0,02 Mil!.

Die französiche Industrie "wurde charakterisiert durch das Nebeneinan-


der von "altmodischen" und modernen Sektoren, auch im Hinblick auf
Betriebsformen, Rationalisierung und Produktivität. Klein- und Mittelbe-
triebe dominierten (noch 1906 waren 60 % der Arbeiter in Betrieben
mit weniger als zehn Arbeitern beschäftigt), mit relativ geringer
Karteliierung, Horizontal- und Vertikalkonzentration. ( ... ) Ein Gleiches
galt auch für den Handel, wo neben modernen Kaufhäusern ein über-
setzter Kleinhandel bestehen blieb." (ebd., S. 252)

Diese relativ geringe Ausbildung von Großunternehmern gerade im indu-


striellen Sektor bzw. ihre räumliche Konzentration (besonders auf den
Norden, das Zentralmassif und Paris) ist für alle gesellschaftspoliti-
schen Doktrinen der Linken ein nicht zu unterschätzendes Problem,
denn die "revolutionäre und libertäre Tradition und das Erlebnis der
Kommune, aber auch die individualistisch-egalitäre Haltung der Hand-
werker und in Kleinbetrieben beschäftigten Arbeiter haben wesentlich
zu dieser Distanzierung gegenüber Staat und politischen Parteien beige-
tragen." (ebd., S. 254) Nicht nur die Solidaristen, sondern auch Jaures
und der revolutionäre Syndikalismus haben dies erkannt: "Der Jaures-
sche Sozialismus hatte nicht die Schärfe und Radikalität des orthodoxen
Marxismus, wirkte eklektisch und oft auch pathetisch, konnte aber mit
- 104 -
seinem moralischen Appell nicht nur doktrinäre Spannungen überbrük-
ken, sondern auch Kleinbürgertum und Intellektuelle ansprechen und ei-
ne Arbeiterschaft erreichen, die in ihrer individualistischen Tradition
und handwerklichen Basis organisatorisch wie doktrinär nur schwer er-
faßbar war." (ebd., S. 255)

Nach So mb art ist der revolutionäre Syndikalismus sogar teilweise ein


Produkt dieser handwerklichen Tradition in der Arbeiterschaft: "Und
dann scheint mir das ökonomisch-soziale Milieu, in dem die Lehren des
Syndikalismus entstanden sind, von starkem Einfluß auf deren Inhalt
gewesen zu sein. Ich möchte geradezu sagen: die grundlegende Idee der
korporativen gruppenmäßigen Organisation der zukünftigen Gesellschaft,
die Theorie der Arbeit und ihrer Befreiung und vieles andere konnte
nur in einem Lande empfangen werden, wo der Typus der kapitalisti-
schen Unternehmung großenteils noch das mittelgroße Atelier ist mit
dem martre-ouvrier an der Spitze und den verhältnismäßig wenig zahl-
reichen Gehilfen." (Sombart 1919: 124)

Die Dominanz der Klein- und Mittelbetriebe prägte aber nicht nur den
Individualismus der Arbeiterschaft (und natürlich den der Bauern 43 \
sondern auch den des Kleinbürgertums: "Kein Zweifel, daß dies dem
bürgerlichen Individualismus dieser Jahre ("mon verre est petit, mais je
bois dans mon verre") entsprach, die "classes moyennes" mindestens
zahlenmäßig stärkte und von einem politischen Regime gestützt wurde,
das den "petits" besondere Beachtung schenkte und in der kleinbürger-
lichen Lebensform den Ausdruck einer spezifisch französischen, demo-
kratisch-humanitären Haltung zu sehen neigte." (Albertini 1973: 252)
Insgesamt erscheint der ökonomische Solidarismus mit seiner These
von der Ausdehnung des individuellen und "solidarischen" Eigentums als
eine dem starken Individualismus und Unabhängigkei tsstreben dieser
Schichten genau entsprechende Doktrin, die ihnen gegenüber den
Gefahren sowohl des Kollektivismus als auch des "Monopolkapitalismus"
eine klare Alternative vorzeichnet.

Trotz der für den Solidarismus so günstigen strukturellen Voraussetzun-


gen kann er sich in der politischen Praxis erst dann durchsetzen, als
auch die globalen politischen Rahmenbedingungen für eine parlamentari-
sche Mehrheit der Linken geschaffen worden sind: Muß noch 1896
- 105 -

Bourgeois als Premierminister nach nur knapp sechs Monaten auf Grund
des Widerstandes der politischen Rechten zurücktreten, ohne etwas von
seinen weitgesteckten Zielen erreicht zu haben (vgl. Abschnitt 3.1.2.),
so entsteht mit der Überwindung der Dreyfus-A ffäre 1898/99 eine ge-
samtpolitische Konstellation, in der die politische Linke die Realisie-
rung ihrer sozial- und wirtschaftspOlitischen Konzepte betreiben kann.

4.2.2. Die gesamtpolitische Konstellation in Frankreich 1898-1914

Oie Periode von 1898 bis 1914 während der Dritten Republik wird all-
gemein von den Historikern als die der "radikalen Republik" bezeichnet,
da es der "Radikaldemokratischen Partei,,44) gelingt, zur führenden po-
litischen Kraft des Landes aufzusteigen, eine Position, die sie in dieser
Eindeutigkeit allerdings nur bis 1914 halten kann. Entscheidend ist es
nun zu verstehen, was im französischen Kontext "radikal" bedeutet 45 ).
"Der Radikalismus ... hat nicht nur die französische Politik bis 1940
weitgehend bestimmt, sondern auch dem Regime der Dritten Republik
sein Gepräge gegeben und muß über die Partei hinaus als repräsentati-
ver Ausdruck der französischen Gesellschaft und Geisteshaltung verstan-
den werden." (ebd., S. 256 f) Sein "Radikalismus" bezieht sich auf den
Antiklerikalismus und die Durchsetzung und Verteidigung der politischen
Institutionen der Republik. Dahinter verbirgt sich ein "Kredo mit seiner
rationalistischen Selbstsicherheit, seinem Glauben an den "peuple", aber
auch seinem Mißtrauen gegenüber sozialen Autoritäten wie Militär,
Adel, Kirche, Finanzwelt und Bürokratie, die den "petit" beständig be-
drohten und zu korrumpieren versuchten" (ebd., S. 257).

Die Dreyfus-A ffäre mobilisiert alle Kräfte des Radikalismus: Ein neuer
monarchistischer, antisemitischer und nationalistischer Rechtsextremis-
mus, der vom traditionellen Adel und Klerus größtenteils unterstützt
wird, fordert die Armee sogar zum Putsch gegen die Republik auf, da-
mit die "Schuld" von Dreyfus nicht in Frage gestellt wird und die Ar-
mee unangetastet bleibt 46 ). Mit dem Sieg der republikanischen Linken
kann aber die weitergehende antiklerikale Politik durchgesetzt werden,
die auch von den "Gemäßiqten" Republikanern und den Reformsoziali-
sten unterstützt wird 4 7). -
- 106 -

Aber diese traditionelle Ausrichtung der Radikalen auf politische und


nicht sozioökonomische Probleme, symbolisiert durch die Schlagworte
"Demokratie" und "Laizität", kann auf die immer drängender werdende
"soziale Frage" keine Antwort geben. Immer deutlicher wird es, daß
bei den Radikalen im sozioökonomischen Bereich zwei Tendenzen
existieren, die nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. " ... es gab
von nun an zwei Arten von Radikalismus: Einerseits diese alten Erin-
nerungen an den vergangenen Radikalismus des Zweiten Kaiserreichs
und des Beginns der Dritten Republik, der bei Unterschieden in der
Doktrin die Aktionseinheit mit den Sozialisten erzwingen würde. Aus
der Tatsache selbst anderersei ts, daß der Grund der radikalen Doktrin
die Etablierung des republikanischen Regimes war, dachten einige Radi-
kale, die in das Regime eingedrungen waren, daß sie es nichts weiter
als ehrlich zu verwalten hätten. Diese Situation erreichte ihren drama-
tischsten Punkt unter der Regierung Clemenceau in dem Moment, als
dieser sich weigerte, trotz der Härte des Streiks, gegen die er stieß,
die CGT aufzulösen ... " (Nicolet 1983: 38 fj vgl. Kap. 111. Anm. 19).

Genau hierin liegt die gesellschaftspolitische Bedeutung des Solidaris-


mus: Er soll nicht nur die bei den Flügel der Radikaldemokratischen
Partei auf eine stringente Wirtschafts- und Sozialpolitik festlegen (so-
zusagen durch die Erhebung der "Solidarität" zum dritten Schlüsselbe-
griff der Radikalen, obwohl sie als ein solches nie offiziell proklamiert
worden ist; vgl. Bloch 1968: 37; Ber stein 1980: 37), sondern darüber
hinaus versuchen, der republikanischen Linken jenseits ihrer gemeinsa-
men antimonarchistischen und antiklerikalen Haltung auch für die Lö-
sung der "sozialen Frage" eine Art Grundkonsens anzubieten. Die Her-
stellung eines solchen nicht nur politischen, sondern auch ökonomischen
und sozialen Grundkonsenses innerhalb der republikanischen Linken soll
der Garant für die Aufrechterhaltung jener "republikanischen Disziplin"
sein, die nach Vorstellung der Radikalen immer dann wirksam werden
soll, wenn die Republik in Gefahr ist: In der Anfangsphase der Dritten
Republik gegen die monarchistischen Restaurationsversuche, gegen den
Boulangismus und in der Dreyfus-Affäre und in der Zwischenkriegszeit
gegen die mit dem Faschismus sympathisierende extreme Rechte, nach
deren Revolte im Februar 1934 sogar die Kommunisten ins republikani-
- 107 -
sche Lager umschwenken und die Bildung der Volksfrontregierung
1936-38 ermöglichen. Die eigentliche politische Kraft, die den Solida-
rismus als Doktrin aufgreift, ist daher der linke Flügel der Radikalde-
mokratischen Partei, die sogenannten "Radikal-Sozialisten", die sich
ganz auf die Lösung der "sozialen Frage" konzentrieren, um dieses
breite republikanische Bündnis zu unterstützen.

Genauso wie die Solidaristen versuchen, durch ihren sozioökonomischen


Ansatz den bis dahin mehr oder weniger akzeptierten Klassischen Libe-
ralismus innerhalb der Radikalen zu verdrängen, so setzen sich um die
Jahrhundertwende innerhalb der Sozialisten die Reformisten durch, und
es kommt zur Spaltung innerhalb der großbürgerlichen "Gemäßigten",
denn ihr linker Flügel, die "progressiven" Republikaner, die sich in der
"Alliance republicaine democratique" zusammengeschlossen haben (vgl.
Mayeur 1984: 197 0, schließt sich der Koalition von Radikalen und So-
zialisten an und garantiert somit der politischen Linken die parlamen-
tarische Mehrheit. In dieser politischen Kehrtwendung wenigstens eines
Teiles der Bourgeoisie (vgl. Hatzfeld 1971: 276 0 sieht Hatzfeld die
Beweggründe und den Erfolg von Bourgeois' Solidarismus: "Mit einer
Doktrin die Wende zu rechtfertigen, die die republikanische und libera-
le Bourgeoisie vollziehen muß, um sich Handlungsregeln zu geben, ohne
die die Republik selbst niemals gesichert sein wird, dies ist, so scheint
es uns, die Intention von Leon Bourgeois, als er "Solidarität" schreibt.
Indem er den Solidarismus dem liberalen Individualismus entgegensetzt
oder genauer, indem er als ein wissenschaftliches Fortschrittsprinzip die
Assoziation neben die Lebenskonkurrenz stellt, will Bourgeois das Recht
der Republik begründen, in den sozialen Bereich zu intervenieren, von
dem er schätzte, daß davon die Zukunft der Republik selbst abhing. Si-
cherlich dachte er nicht nur an die Sozialversicherungen, aber er dach-
te an sie, wie an die Einkommenssteuer oder die Erbschaftsgesetzge-
bung: Sensible Probleme, bei den die Liberalen schätzten, daß der Ge-
setzgeber sie nicht berühren könnte, ohne auf irgendeine Art das Ei-
gentumsrecht in Frage zu stellen." (ebd., S. 277 f)

Die neue gesamtpolitische Konstellation kann sich mit der Bildung der
Regierung Waldeck-Rousseau (Juni 1899) durchsetzen, der mit dem
"Unabhängigen" Alexandre Millerand zum ersten Mal einen Sozialisten
- 108 -

in eine Regierung der Dritten Republik mitaufnimmt 48 ). Neben dem


Beginn der Sozial gesetzgebung verfolgt speziell Millerand als Handels-
und Industrieminister ein weiteres hochgestecktes Ziel: "Es handelt sich
um den ersten systematischen, auf höchster Ebene durchgeführten Ver-
such, die industriellen Beziehungen zu regeln und dem republikanischen
Staat, der sich vom Nationalismus (d.h. dem Rechtsextremismus; C.G.)
gerade gelöst hat, eine aufschiebende und unvermeidlich integrierende
Macht über diese Klassen, die Unternehmerschaft und das Proletariat,
zuzusichern, deren Beziehungen als "wild" betrachtet werden: Streik und
Aussperrung ... " (Reberioux 1975b: 76). Aber das Projekt des "obligato-
rischen Schiedsverfahren" wird von den Unternehmern pauschal ab-
gelehnt, die sich in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt und die
Rolle des Staates eher in der eines "Gendarmen" als der eines Ver-
mittlers sehen. Das Scheitern Millerands bringt besonders bei den Ge-
werkschaften eine tiefe Enttäuschung und trägt wesentlich zum Auf-
kommen des "revolutionären Syndikalismus" bei 49 ).

Zusammenfassend ergibt sich damit für die Periode der "radikalen


Republik" ein recht widersprüchliches 8ild. Obwohl die Jahre 1898-1914
den Beginn der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung markieren, besitzen
Solidaristen (und Reformsozialisten) nicht den notwendigen politischen
Einfluß, ihre viel weitergehenden sowohl sozial- als auch wirtschaftspo-
litischen Projekte durchzusetzen. "Die radikal-demokratische Republik
blieb in ihrer Sozial gesetzgebung hinter dem kaiserlichen Deutschland
und dem England Lloyd Georges zurück" (Albertini 1973: 254). Diese
Diskrepanz zwischen den vorgegebenen Zielen und den konkreten Reali-
sierungen scheint aber weniger durch die "Falschheit" der Ideen, wie
die spätere Entwicklung beweist, als vielmehr durch die Rigidität der
sozialen Antagonismen erklärbar, die von Bourgeois im übrigen klar er-
kannt worden ist. Er definiert den Solidarismus als eine "Synthese zwi-
schen dem Klassischen Liberalismus und den sozialistischen Systemen"
und kommt zu folgender vorsichtiger Einschätzung: "Nicht zwischen den
Menschen, sondern zwischen den Ideen zeichnet sich eine Übereinkunft
ab." (Bourgeois 1896: 12) Im folgenden soll daher kurz darauf einge-
gangen werden, warum der Solidarismus schon bald nach Bourgeois' Tod
als eigenständige gesellschaftspolitische Doktrin in Vergessenheit gera-
ten ist.
- 109 -

4.3. Das Ende des Solidarismus und die Kontinuität des Zieles
der "sozialen Demokratie"

Oie Verwirklichung der "sozialen Demokratie" ist das vom Solidarismus


r-roklamierte und natürlich unerreichte Ziel. Bei den Interpretationen in
bezug auf die Reichweite des Solidarismus lassen sich daher unschwer
zwei sich widersprechende Tendenzen, eine "optimistische" und eine
"pessimistische", feststellen. Eher positiv bewertend, kommt Gide An-
fang der dreißiger Jahre zu dem Schluß, daß nach dem Wegfall des
Schulgeldes für höhere Schulen und der Verabschiedung der Gesetze zu
den "Assurances sociales" das Reformprogramm von Bourgeois nahezu
realisiert worden sei (vgl. Gide 1932: 122). Roger Bloch kommt deshalb
zu folgender Einschätzung: "Laßt uns nebenbei bemerken, daß es schon
nicht schlecht ist, daß die Verwirklichung dieses Programmes die
Ambi tion einer ganzen Generation bleiben konnte." (Bloch 1968: 25) Zu
einer noch "optimistischeren" Einschätzung kommt allerdings Ruby, der
die abnehmenden Referenzen zum Solidarismus nach 1918 auf die ak-
zeptierte Selbstverständlichkeit seiner Thesen zurückführt: "In der Tat
zu einem Prinzip der Gesetzgebung geworden, erscheint die Solidarität
als ein normales Phänomen, braucht nicht mehr endlos proklamiert, um
realisiert zu werden. Sie ist gewissermaßen zur Gewohnheit geworden.
Und es ist unnötig, auf die zentrale Bedeutung dieser Gesetze für die
Verbesserung des Lebens aller Franzosen hinzuweisen. Diese Feststel-
lung erlaubt es, die Bedeutung der Aktion von U,on Bourgeois, seiner
solidaristischen Freunde und ihrer Schüler zu messen." (Ruby 1971: 89)

Sehr viel kritischer äußert sich dagegen Pirou, der dabei genau zwi-
schen der theoretischen Doktrin und den praktischen Anwendungen des
Solidarismus differenziert: "... Man kam darin überein zuzugeben, daß
die neuesten Teile des Solidarismus wie die Idee des gesellschaftlichen
Quasi-Vertrages und der juristisch einforderbaren Schuld den Kritiken
der Philosophen, der Ökonomen und der Juristen nicht widerstanden hat-
ten. Dagegen erhielt das praktische Programm, das der Solidarismus
entwickelte, im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts sehr zahlreiche
Anwendungen." (Pirou 1925: 166) Zu einer sehr "pessimistischen" Ein-
schätzung kommt schließlich Hayward, der grundsätzlich die Konzep-
tion der sozialen Solidarität durch die geschichtlich-gesellschaftlichen
- 110 -
Antagonismen in Frage gestellt sieht: "However, despite the influence
it had exercised in the two decades preceding the outbreak of the
First World War, particularly in the passage of legislation introducing a
substantial mesure of social security characteristic of the Welfare
State of tOday, the nation of social solidarity operating as the focus
of a generally accepted philosophy did 'lot survive the vicissitudes of
total war, succumbing as much to its own internal weaknesses as to
the onslaught of the forces of class conflict and nationalism. " (Hay-
ward 1963: 311 f)

Trotz der Unterschiedlichkeit in der Gesamteinschätzung scheinen alle


Kommentatoren aber in der positiven Bewertung der praktischen Reali-
sierungen übereinzustimmen. Hatzfeld kommt deshalb in seiner histo-
risch-soziologischen Analyse über die Entstehung der Sozialversicherung
in Frankreich zu dem Schluß, daß der Solidarismus von Bourgeois als
der "Motor" dieser Entwicklung anzusehen ist (vgl. Hatzfeld 1971: 268).
Und in der Tat liegen die Schwächen seines Solidarismus eher in der
doktrinalen Begründung und dies an zwei präzisen Punkten: Zum einen
an der juristischen Formel des Quasi-Assoziationsvertrages und der so-
zialen Schuld, die sich nicht durchsetzen konnte, weshalb wir in unserer
Darstellung nicht die rechtlichen, sondern die sozialphilosophischen Im-
plikationen dieser Theorie (die Freiheits-, Gleichheits-, Gerechtigkeits-
und Solidaritätspostulate) betont haben. Zum andern ist Gides These
von der progressiven Ausdehnung des Genossenschaftswesens durch die
Praxis widerlegt worden, und nur in Zeiten langanhaltender makroöko-
nomischer Krisen scheinen insbesondere die Produktionsgenossenschaften
als Alternativen zu den traditionellen kapitalistischen Betrieben an At-
traktivität zu gewinnen.

Diese doktrinalen Schwächen haben sicher dazu beigetragen, daß der


Solidarismus innerhalb der Radikaldemokratischen Partei nach 1918
langsam aufgegeben worden ist, obwohl er in dem neuen Parteipro-
gramm von 1923 noch einmal eine ausdrückliche Bestätigung erfährt
(vgl. Berstein 1980: 170 ff). Wir sehen darüber hinaus aber noch einen
anderen wesentlichen Grund. der an die Grundproblematik des Radika-
lismus selbst anknüpft. Auf Grund des Primats der politischen Refor-
men steht der eigentliche Radikale "ideologisch und politisch links, so-
- 111 -

zial aber rechts" (Albertini 1973: 257). Diese Grundtendenz im Radika-


lismus, die auch großen Teilen seiner Wählerschaft entspricht, wollte
der Solidarismus überwinden, sie kommt aber in der Zwischenkriegszeit
wieder voll zur Geltung und verstärkt sich sogar. Die Radikaldemokrati-
sche Partei will zur Linken gehören, wird aber effektiv zu einer Partei
der Mitte, was durch die Gründung der Kommunistischen Partei 1920
noch deutlicher wird, da nun die SFIO zur eigentlichen "halb-linken"
Partei wird. Durch diese Verschiebung der Parteienstruktur befinden
sich die solidaristischen Themen, vor allem das der Wirtschaftsdemokra-
tie, viel eher im Spektrum der Sozialisten als dem der Radikalen. Die
Radikaldemokratische Partei wird, obwohl sie den Ausbau der Sozialge-
setzgebung weiterhin unterstützt, in der Zwischenkriegszeit langsam zu
einer ökonomisch "liberalen" Partei, eine Entwicklung, die in der IV.
und V. Republik vollends offensichtlich wird 50 ) .

Dieser allgemeinen Entwicklungstendenz versucht allerdings eine neue


Generation von "Radikal-Sozialisten" entgegenzuwirken, die sog. "Jung-
türken". Es sind dies insbesondere jüngere Intellektuelle (Pierre Mendes
France, Jean Zay, Jacques Kayser. Pierre Cot u.a.), die eine umfassen-
de Erneuerung der Radikaldemokratischen Partei in der Außenpolitik,
der Wirtschaftspolitik und bei der Verfassungsreform anstreben. Im Be-
reich der Wirtschaftspolitik kritisieren sie vor allem den Einfluß der
kapitalistischen "Plutokratie" auf den Staat 51 ) und, durch den Ausbruch
der Weltwirtschaftskrise noch verstärkt, die "Anarchie" in den ökono-
mischen Beziehungen (vgl. Berstein 1982: 106). Ihre eigenen Vorstel-
lungen werden besonders von Bertrand de Jouvenel in seinem Buch "Di-
rigierte ökonomie" (1929) ausformuliert, der sein Grundprinzip staatli-
cher Wirtschaftspolitik, wie folgt, zusammenfaßt: "Der Staat leitet,
aber das Individuum handelt. Die Freiheit wird in einem von der Auto-
ri tät fixierten Rahmen ausgeübt." (zi tiert nach Berstein 1982: 107) Als
konkrete Maßnahmen einer derart ausgerichteten Wirtschaftspolitik
fordert er u.a.: Der Staat soll eine Bestandsaufnahme sämtlicher Indu-
striebranchen machen mit dem Ziel, in bezug auf nicht mehr konkur-
renzfähige Unternehmen besser entscheiden zu können, ob sie durch
staatliche Subventionen umstrukturiert werden können oder ob sie nicht
mehr zu halten sind. Um einerseits den Selektionsmechanismus des
Marktes beizubehalten, andererseits aber die ÜberprOduktion zu vermei-
- 112 -

den, sollen staatlich kontrollierte "Verkaufskartelle" gebildet werden.


Zusätzlich soll der Staat eine Reform des Kreditwesens vornehmen, wo-
bei sowohl die Währungsreserven als auch die Kapitalrücklagen der Un-
ternehmen staatlich kontrollierten Banken zufließen sollen. Als Überle-
bensmöglichkeit für die Klein- und Mittelbetriebe in der Agrarproduk-
tion wird ihr Zusammenschluß in Verkaufsgenossenschaften und in der
handwerklichen und industriellen Produktion ihre Spezialisierung auf die
Zulieferung für Großbetriebe vorgeschlagen. Besonders letzteres wird
von anderen "Jungtürken" abgelehnt, die den Sinn einer "dirigierten
Ökonomie" vor allem in der Unterstützung der Klein- und Mittelbetrie-
be in allen Produktionszweigen sehen und deshalb vor allem ihren Zu-
sammenschluß in branchenspezifischen Ausschüssen fordern (vgl. ebd., S.
107 f).

Eine der wichtigsten Forderungen der "Jungtürken" ist darüber hinaus


die Ausdehnung der Rechte des "Nationalen Wirtschaftsrates" , einer
das Parlament beratenden Kammer, in der sämtliche wirtschaftliche In-
teressensgruppen (Unternehmer, Gewerkschaften, Verbraucherverbände
u.a.) vertreten sind, und die das Parlament im Bereich der Wirtschafts-
und Sozialpolitik auf Grund ihrer fachlichen Kompetenz und als direkt
Betroffene beraten soll. Die "Jungtürken" fordern für diese Kammer
das Recht der Gesetzesinitiative (ohne aber Gesetze beschließen zu
können) und die obligatorische Anhörung durch das Parlament (vgl.
ebd., S. 110). In Kap. 111.2.3.2. werden wir ausführlich auf die histori-
schen und soziologischen Hintergründe, die zur Bildung dieses "Nationa-
len Wirtschaftsrates" führten, eingehen. Gerade hier läßt sich eine di-
rekte Verbindung zwischen dem Solidarismus Bougies und dem neuen
"Radikal-Sozialismus" nachweisen.

Unabhängig davon, ob nun eine verstärkte Rolle des Staates in der


Wirtschaftspolitik oder neue Institutionen zur Unterstützung der Klein-
und Mittelbetriebe gefordert werden, " ... das, was die Einmütigkeit der
Jungtürken ausmacht, und sie von der liberalen und individualistischen
Praxis unterscheidet, der sich die Radikale Partei schließlich ange-
schlossen hat, ist das Bewußtsein, daß sich ein Regime kollektiver Or-
ganisation der Wirtschaft als notwendig erweist." (ebd., S. 108)

Der Höhepunkt der innerparteilichen Debatten um die Thesen der


- 113 -

"Jungtürken" liegt etwa in den Jahren 1929-32 (vgl. ebd., S. 103), und
einige unter ihnen schaffen es sogar, sich in der Partei führung zu etab-
lieren. Trotzdem bleibt ihr effektiver Einfluß auf die praktische Politik
der Partei sehr gering (vgl. ebd., S. 225 ff). Ihre Bemühungen zur Auf-
rechterhaltung "radikal-sozialistischer" Positionen, die denen des frühe-
ren Solidarismus sehr nahe kommen, sind aber dennoch nicht völlig ver-
geblich, denn die Partei bleibt dadurch für eine Zusammenarbeit mit
den Sozialisten weiterhin offen.

Dies ist für die Zeit nach 1934 besonders wichtig, nachdem die faschi-
stische Gefahr auch in Frankreich deutlich geworden ist und sich die
Perspektive einer Volksfrontregierung abzeichnet, die nach den Wahlen
1936 tatsächlich gebildet wird. Die Bedrohung der politischen Institu-
tionen ruft die Erinnerung an die "republikanische Disziplin" vor 1914
wach und macht einen Grundkonsens mit den Sozialisten und sogar den
Kommunisten auch und gerade im ökonomischen und sozialen Bereich
notwendig. Die Position der Radikalen wird von zwei führenden Parlei-
mitgliedern in einer programmatischen Schrift "Für eine rein radikale
Sozialdoktrin" (1937) zu verdeutlichen versucht 52 ) , die die "doktrinale
Unzulänglichkeit des Radikalismus auf dem Gebiet der Wirtschaft"
(ebd., S. 3) anerkennen. In dieser Schrift werden Vorschläge formuliert,
die durchaus in einer solidaristischen Tradition stehen: Gegen die
monopolkapitalistische ,6,neignung der Rohstoffe und den sich daraus er-
gebenden Möglichkeiten der Preissteigerungen durch die Konzerne wird
ein "Zwangskartell " unter staatlicher Kontrolle vorgeschlagen (in Ab-
grenzung zur Konzeption der Verstaatlichung der Sozialisten); eine Sta-
bilisierung und wenn möglich eine Steigerung der Binnennachfrage soll
durch eine erweiterte Sozialpolitik sowie weitere Regulierungen des
Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit erreicht werden; Unterneh-
mer. die ihre Betriebe nur mittels einer staatlichen Kreditaufnahme
gründen können, müssen den Arbeitnehmern Mitbestimmung und Ge-
winnbeteiligung garantieren, wobei diesen Betrieben deshalb die Kar-
tellbildung erlaubt werden muß, um sich vor der Konkurrenz der Be-
triebe, die diese Mehrausgaben nicht auf sich nehmen, schützen zu kön-
53)
nen u.a. .

Das eigentlich Interessante an dieser Schrift ist aber, daß weder Bour-
- 114 -
geois noch der Solidarismus als Ganzes überhaupt erwähnt werden, die
sich als Anknüpfungspunkt für eine eigenständige ökonomische Doktrin
der Radikalen geradezu ideal angeboten hätten. Für die Erklärung die-
ses Phänomens muß darauf hingewiesen werden, daß sich die Erneu-
erungsbestrebungen der "Jungtürken" in einem spezifischen historischen
Kontext vollziehen. Nicht nur bei den Radikalen, sondern auch bei allen
anderen demokratischen Parteien und Organisationen macht sich auf
Grund der Zunahme faschistischer Bewegungen in Europa (bei der
gleichzeitig beginnenden "Stalinisierung" der Kommunistischen Partei)
vor allem am Anfang der dreißiger Jahre ein "Versuch der Erneuerung
des politischen Denkens" (Mayeur 1984: 332) bemerkbar 54 )• Hierbei
wird auch ein Generationskonflikt deutlich, denn bei aller grundsätzli-
chen Zustimmung zur bestehenden politischen Ordnung fordern die Jün-
geren in diesen Parteien doch erhebliche institutionelle Reformen (teil-
weise sogar eine Verfassungsänderung) und den Bruch mit alten ideolo-
gischen Konfrontationen (z.B. dem Antiklerikalismus), damit nicht wei-
ter große Teile der jüngeren Generation von extremistischen Bewegun-
gen angezogen werden (vgl. Berstein 1982: 94 f). Nur auf Grund dieses
allgemeinen politisch-ideologischen Kontextes ist es zu erklären, daß
der "Radikal-Sozialismus" der "Jungtürken" in vielem dem früheren So-
lidarismus sehr nahe kommt, ohne sich aber in dessen Tradition zu stel-
len.

So kommen wir abschließend zu folgender Hypothesenbildung in bezug


auf das Ende des Solidarismus als einer eigenständigen gesellschaftspo-
litischen Doktrin: Der Solidarismus wird als sozioökonomische Doktrin
von der Radikaldemokratischen Partei während der Zwischenkriegszeit
aufgegeben, da sich diese Partei als eine Partei der Mitte mehrheitlich
wieder ökonomisch "liberalen" Positionen annähert. Der neue "radikal-
sozialistische" Flügel versucht dieser Tendenz der Gesamtpartei am En-
de der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre entgegenzuwirken, oh-
ne sich dabei allerdings im Zuge einer umfassenden "doktrinalen Erneu-
erung" auf den Solidarismus zu berufen. Die eigentlichen solidaristi-
schen Thesen, weniger die der Sozialpolitik, die einen immer größeren
Konsens findet, als vor allem die der Sozialökonomie und Wirtschafts-
demokratie, werden deshalb immer mehr von den Reformsozialisten in-
nerhalb oder außerhalb der SFIO "absorbiert", was die Grundlage der
- 115 -

Kontinuität der Gesamtkonzeption der "sozialen Demokratie" nach dem


Ende des Solidarismus und der Dritten Republik bildet 55 ).

Der Solidarismus ist damit als eine eigenständige gesellschaftspolitische


Doktrin nur in einem spezi fischen historischen Kontext zu verstehen.
den der "Radikal-Sozialist" Pierre Cot, wie folgt, umschrieben hat: Der
Solidarismus war "... ein französischer Zweig der großen Ideenbewe-
gung. die im 19. Jahrhundert und am Anfang des 20. Jahrhunderts in
vielen Ländern Westeuropas in Erscheinung getreten ist, um zu versu-
chen, einen Mittelweg zwischen den Konzeptionen eines liberalen Kapi-
talismus. bei denen man merkte, daß sie überholt waren, und den Ideen
von Karl Marx zu finden" (zitiert nach Ruby 1971: 202). Mit dieser
historischen Eingrenzung findet der Satz von Bloch seine volle Bedeu-
tung, der den Solidarismus charakterisierte als "... eine politische
Doktrin im allgemeinsten Sinne, da er eine globale Konzeption der
menschlichen Gesellschaft erreichen möchte und vorgibt, dem Menschen
in dieser Gesellschaft eine auf einer neuen Ethik begründete Rolle zu-
zuschreiben" (Bloch 196B: 23).

5. Die Durkheim-Schule zwischen Politik und Wissenschaft

5.1. Die politischen Implikationen der Soziologie der


Durkheim-Schule vor 1914

Die Geschichte der Institutionalisierung der Soziologie in Frankreich vor


1914 ist eng an die Bildungspoli tik der republikanischen Administration
seit den IBBoer Jahren gebunden. Bevor wir hierauf näher eingehen.
wollen wir in diesem Abschnitt aufzeigen, woher das Interesse der Bil-
dungsadministration für die Soziologie der Durkheim-Schule rührt. Dies
läßt sich sowohl mit ihrem theoretischen Ansatz wie mit ihrem prakti-
schen politischen Engagement begründen.

Zunächst zu den theoretischen Implikationen: Es erscheint heutzutage


als unbestritten, daß die Soziologie der Durkheim-Schule auch als ein
Beitrag zur Stabilisierung der politischen Institutionen der Dritten Re-
publik verstanden werden muß. So konstatiert etwa Karady: "Durkhei-
- 116 -

mian social theory was also from its inception explicitly influenced by
the need to explore the conditions necessary for the restoration of the
consensual unity of French society under the auspices of the republican
ideal." (Karady 1983: 73 f) Nicolet geht sogar noch einen Schritt wei-
ter und sieht in Durkheims Werk einen "Versuch der offiziellen Be-
gründung einer Wissenschaft durch und für die Republik" (Nicolet 1982:
312). Der Grund liegt in einer spezifischen Interpretation des Begriffs
der "Republik", die in einer zweifachen Weise über die rein konstitu-
tionelle Auffassung der "Republik" als den Institutionen der politischen
Demokratie zur Garantie der grundlegenden Bürger- und Menschenrech-
te hinausgeht: "Die Soziologie von Durkheim und von BougIe, der Soli-
darismus von Bourgeois und Gide, der Kritizismus von Renouvier und
seiner Schüler, die Anstrengung der weltlichen Moralisten ... und viel-
leicht noch mehr "der Idealismus" von Fouillee sind alle in einer
unterschiedlichen Weise Antworten auf die Kritiken an der Republik,
die zeigen, daß diese letztere nicht nur eine Spielregel, sondern ein ge-
danklicher Rahmen, ein Ideal ist, das über die einfache Politik hinaus-
geht." (ebd., S. 475) Durkheims soziologische Theorie der fortschreiten-
den Arbeitsteilung und der damit verbundenen Ersetzung der "mechani-
schen" durch die "organische" Solidarität läuft auf eine wissenschaftli-
che Beweisführung für die ~~otwendigkeit eines zunehmenden Individu-
alismus hinaus. Dieser Individualismus hat nicht nur eine sozioökonomi-
sche Dimension, sondern auch eine rechtlich-ethische. Die "Republik"
respektiert nicht nur selbst dieses Prinzip (z.B. durch das geheime
Wahlrecht, die Abschaffung der Staatsreligion durch die Trennung von
Kirche und Staat und in einem extensiven Sinne durch die Garantie der
Freiheit der Wissenschaft), sondern sie garantiert den Individuen dieses
Prinzip auch gegenüber anderen nicht-staalichen Organisationen (z.B.
der Kirche oder den politischen Parteien). Der Antiklerikalismus und
die Laizität sind damit ein wesentlicher Bestandteil des "republikani-
schen Ideals", wie Lucien LE'!vy-Bruhl, ein der Durkheim-Schule nahe-
stehender Philosoph und Anthropologe, es formuliert: Das "republikani-
sche Ideal" ist "... antiklerikal, aber nicht antireligiös: Ebenso entfernt
davon, irgendeine Religion zu verfolgen oder nur zu behindern. wie sich
dagegen auflehnend, sich von einer Kirche führen oder beherrschen zu
lassen" (Levy-Bruhl 1924: 79). Genau aus demselben Grundverständnis
- 117 -

heraus richtet sich das "republikanische Ideal" gegen jeglichen An-


spruch einer Partei eine institutionalisierte "führende Rolle" in Staat
und Gesellschaft zu spielen, so daß es immer ein Spannungsverhältnis
zwischen Republikanern und z.B. Marxisten gegeben hat (vgl. Nicolet
1982: 40, 471).

Im Grunde genommen steht die "Republik" aber damit vor einem gros-
sen Dilemma. denn einerseits ist die Garantie der Gewissensfreiheit ein
konsti tutives Element ihrer poli tischen Insti tutionen, anderersei ts bedarf
es aber eines gesellschaftlichen Konsenses zur Aufrechterhaltung eben
dieser Institutionen. Da dieser Konsens aber weder doktrinär (z.B.
durch theologische oder parteipolitische Dogmen) oder gewaltsam
(durch die Diktatur einer "aristokratischen", "proletarischen" oder son-
stigen Elite) durchgesetzt werden darf, muß der Konsens über die poli-
tischen Insti tutionen "argumentativ" hergestell t werden. indem "Ver-
nunft" und wissenschaftliche Beweise die Überlegenheit der "Republik"
begründen. Hierin liegt die Bedeutung der Durkheimschen Soziologie:
Wenn wissenschaftlich bewiesen werden kann, daß der Individualismus
zur Basis der gesellschaftlichen Kohäsion geworden ist, dann kann nur
die laizistische "Republik" das dieser Gesellschaft adäquate politische
Regime sein. Dieses besondere wechselseitige Verhältnis zwischen der
Republik und der Wissenschaft faßt Nicolet als eine spezifisch französi-
sche Tradition innerhalb der westlichen republikanischen Bewegungen
auf: "Aber bezüglich der anderen Länder desselben Typs, England.
Amerika und Deutschland im wesentlichen, bringt die republikanische
Ideologie '" etwas Neues: das feste Gefühl, eine Form politischer Or-
ganisation zu sein, die die Wissenschaft nicht nur begünstigt, sondern
zum großen Teil von ihr abhängt." (Nicolet 1982: 310) Wir werden auf
die Problematik des Versuchs einer wissenschaftlichen Begründung des
"republikanischen Ideals" im Zusammen hang mit Bougies Bestimmung
des Verhältnisses zwischen Politik und Wissenschaft zurückkommen (vgl.
Kap. 111.4.3.1.). Aber das "republikanische Ideal" beinhaltet nicht nur
das Bekenntnis zur "politischen Demokratie", sondern es schließt die
Notwendigkeit der "sozialen Gerechtigkeit" mit ein: "Diese wird nicht
sozusagen automatisch über den politischen Mechanismus des Regimes
oder durch die Proklamation einer rein formalen Gleichheit der Bürger
realisiert." (Levy-Bruhl 1924: 66 f) Oie Vollendung der politischen in
- 118 -

der "sozialen Demokratie" ist auch deshalb notwendig, um den Gefah-


ren einer "Plutokratie" vorzubeugen, die zu einer Korrumpierung der
politischen Institutionen zugunsten der "Geldmächte" führt und für die
die scheinbare Demokratie vorteilhafter ist als ihre offene Bekämpfung
(vgl. ebd., S. 83 f). Durch das Hinzufügen dieser beiden Dimensionen,
der ethischen und der sozioökonomischen, geht der politische Anspruch
an die "Republik" über einen rein juristisCh-konstitutionellen Rege-
lungsmechanismus hinaus: Das "republikanische Ideal" ist synonym mit
dem Ziel einer "politischen und sozialen Demokratie" und vereinigt da-
mit in sich die von Bouroeois und Durkheim aufaestellten Freiheits-,
Gleichheits-, Gerechtigkei;S- und SOlidaritätspostul~te56). Die nicht nur
politisch-juristischen, sondern auch sozial egalitären Tendenzen der De-
mokratie werden gerade in den etwa 20 Jahren vor 1914 so stark be-
tont, wie noch nie zuvor: "... Die egalitäre, also soziale, aber dieses
Mal auf die ökonomischen Beziehungen ausgedehnte Konnotation des
Wortes Demokratie findet seine Bedeutung wieder. Wenn ... Bourgeois
oder Bougie, wenn die Sozialisten von der "Demokratie" vor der Wis-
senschaft sprechen, verstehen sie sie weniger als ein politisches Regime
der Volkssouveränität - sondern, für sie ist diese selbstverständlich -
als eine Form der egalitärsten und, bleiben wir ihnen gegenüber ge-
recht, freiest möglichen Gesellschaft." (Nicolet 1982: 21 f) Für Nicolet
ist diese Periode der Höhepunkt der "republikanischen Ideologie", in der
die Zielsetzungen der "politischen und sozialen Demokratie" mit dem
Anspruch ihrer wissenschaftlichen Legitimation, d.h. in erster Linie
durch die neu begründeten Sozialwissenschaften, verbunden werden (vgl.
ebd., S. 38 ff).

Das praktische Engagement der Durkheim-Schüler auf seiten der repu-


blikanischen Linken, der Soli da risten und Reformsozialisten, wird aus
diesen grundsätzlichen Positionen heraus verständlich. Der entscheidende
Anstoß hierfür ist die politische Krise in den Jahren 1898/99 durch die
Dreyfus-Affäre. Durkheim selbst und Bougie werden Mitglieder der neu
gegründeten "Menschenrechtsliga" , die massiv in der Öffentlichkeit und
bei der Justiz zugunsten von Dreyfus interveniert (vgl. Reberioux 1975b:
21). Die meisten Mitglieder der Durkheim-Schule nehmen darüber hin-
aus aktiv an der Erwachsenenbildungsbewegung 57 ) um die Jahrhundert-
wende teil (z.B. als Lehrende an den "Universites populaires" oder an
- 119 -

der ersten "t:cole socialiste" 1899-1902), die wie die "Menschenrechts-


liga" das Ziel verfolgen, durch politische Bildungsarbeit vor allem bei
den unteren Schichten der Verbreitung der antirepublikanischen Agita-
tion seitens großer Teile des katholischen Klerus und der Rechtsextre-
misten (vor allem der "Action fran~aise" und anderer nationalistischer
und antisemitischer "Ligen"; vgl. ebd.) entgegenzuwirken 58) . Die Schaf-
fung der "Universites populaires" durch die republikanische Linke führt
zu einem vorher undenkbaren Zusammentreffen der Arbeiterschaft und
des Kleinbürgertums mit den "Intellektuellen" aus zumindest bildungs-
bürgerlichen Familien. So groß und erfolgreich das Engagement anfangs
auf bei den Seiten auch ist, nach nur wenigen Jahren müssen die mei-
sten "Universites populaires" ihre Arbeit einstellen, denn die sozialen
und kulturellen Barrieren zwischen Lehrenden und "Studenten" erweisen
sich als letztlich unüberbrückbar 59 ) .

Im Zuge der Dreyfus-A ffäre neigen darüber hinaus viele der Durkheim-
Schüler (im Gegensatz zu diesem selbst) zu einem parteipolitischen En-
gagement: Während Bougie "Radikal-Sozialist" wird und als ein aller-
dings erfolgloser Kandidat seiner Partei sich mehrmals um einen Abge-
ordnetensitz in der Nationalversammlung bewirbt, schließen sich die
meisten Mitarbeiter von "Annee Sociologique" den Sozialisten an: Halb-
wachs, Simiand, Mauss, Hertz, Hubert u.a. (vgl. Besnard 1981: 278 f).
Halbwachs und Simiand sind aktive IVIitglieder der "Gruppe der sozial-
istischen Einheit", die einen wesentlichen Beitrag zur Vereinigung aller
sozialistischen Gruppierungen in der SFIO 1905 leistet (vgl. Prochasson
1981: 8). Nach dem Erfolg der Vereinigungsbemühungen verändern sich
ihre Aktivitäten innerhalb der SFIO, und sie knüpfen wieder verstärkt
an ihr eigentliches Selbstverständnis als "engagierte Intellektuelle,,60)
an. Als Lehrende partizipieren sie an der neuen "Ecole socialiste", die
1908 von der SFIO zur Schulung von Parteimitgliedern eröffnet wird.
Neben den führenden Köpfen der Partei (Jaures, Guesde, Vaillant,
Thomas u.a.) lehren an dieser Schule folgende Mitglieder der Durk-
heim-Schule neben Halbwachs und Simiand: Durkheim, Bougie, tviauss,
die Brüder Bourgin, Levy-Bruhl, Hertz, Gernet und E. Levy (vgl. ebd.,
S. 385). Daß Ourkheim (als Parteiloser) und Bougie (als Mitglied der
"Radikal demokratischen Partei") in diesen Veranstaltungen lehren, ist
ein weiteres Indiz für die "Durchlässigkeit" der Positionen zwischen So-
- 120 -

lidaristen und Reformsozialisten und darüber hinaus für die "paradigma-


tische" Einheit der Durkheim-Schule.

Dies wird auch durch einen weiteren Tatbestand belegt. Ebenfalls in


den Jahren von 1908 bis 1914 schließen sich einige Mitglieder des
reformistischen Flügels innerhalb der SFIO zur "Gruppe sozialistischer
Studien" zusammen. Jaures, der als Partei vorsitzender stets um den
Zusammenhalt der gesamten Partei besorgt ist, macht an die äußerste
Parteilinke, die revolutionären Syndikalisten, zumindest einige theoreti-
sche Konzessionen 61 ). Während Jaures damit langsam immer mehr die
Position eines "synthetisierenden Zentrums" einnimmt, um die Spannun-
gen zwischen Reformisten, Kollektivisten und Sydikalisten zu überbrük-
ken, versucht der rechte reformistische Partei flügel hierzu ein Gegen-
gewicht zu schaffen. "Schließlich leistet mit Albert Thomas, Absolvent
der Ecole Normale Superieure mit einer "agregation" in Geschichte,
ein eigentlich reformistischer Flügel eine originelle Reflexion über die
Entwicklung der Industriegesellschaften." (Mayeur 1984: 202) Im Zen-
trum dieser eigenständigen Reflexion steht die "Gruppe sozialistischer
Studien", die von Robert Hertz, ebenfalls einem Mitarbeiter von "Annee
Sociologique", gegründet wird und der sich Halbwachs und Simiand
anschließen 62 ) .

Bei den monatlichen Treffen dieser Gruppe hält Simiand z.B. einen
Vortrag über "Die Theorie des ökonomischen Wertes und der Sozialis-
mus" und Halbwachs spricht über "Die Definition der Arbeiterklasse"
(vgl. ebd., S. 383). Die Gruppe gibt sogar in unregelmäßigen Abständen
und auf eigene Kosten eine Schriftenreihe heraus, "Die Hefte des So-
zialisten", für die Halbwachs die wichtigsten Ergebnisse seiner erst ein
Jahr später veröffentlichten Dissertation "Die Enteignung und der
Grundstückspreis in Paris (1860-1900)" in einer Broschüre mit dem Ti-
tel "Die Bodenpolitik der Stadtverwal tungen" (1908) zusammenfaßt. Ins-
gesamt kann festgestellt werden, daß einer der wesentlichen Arbei ts-
schwerpunkte der Gruppe auf den theoretischen und praktischen Proble-
men der Begründung des Munizipalsozialismus liegt (Wohnungsbau und
hygienische Lebensbedingungen, Bekämpfung von Alkoholismus und Kin-
dersterblichkeit, Garantie des Existenzminimums, finanzielle und
administrative Probleme genossenschaftlich oder munizipal verwalteter
- 121 -

Unternehmen usw.), und daß die dabei behandelten Problemstellungen


mit denen der Solidaristen weitgehend identisch sind 63 ). Dieser beson-
dere reformistische Ansatz innerhalb der SFIO, der von Prochasson nach
H. Bourgin als "socialisme normalien" ("Sozialismus der ENS") bezeich-
net wird, da seine führenden Köpfe ehemalige Schüler der Pariser
Hochschule "Er::ole Normale Superieure" (ENS) sind (Thomas, Halb-
wachs, Simiand, Hertz, Gernet, H. Bourgin u.a.; vgl. ebd., S. 379), nä-
hert sich auch in anderen Bereichen der Wirtschafts- und Sozialpolitik
den Posi tionen der Solidaristen stark an: So sprechen sich jene eindeu-
tig für die Annahme des Gesetzes zu den "Arbeiter- und Bauernrenten"
(1910) aus (vgl. ebd., S. 238) und fordern etwa in der Außenhandelspo-
litik einen Mittelweg zwischen einem völliq offenen Freihandel und ei-
nem nationalistischen Protektionismus durch die Schaffung einer inter-
nationalen Zollunion, die anfangs die Länder Mittel- und Westeuropas
umfassen soll (in: "Der Sozialismus am Werk": 1907; vgl. Prochasson
1981: 232 ff). Eine ähnliche Position in bezug auf die Schaffung einer
europäischen Zollunion als Schutz vor der amerikanischen Konkurrenz
war auch schon von Gide entwickelt worden (vgl. Deuve 1906: 142 f).

Zusammenfassend kann gesagt werden (in Erweiterung der Thesen von


Abschnitt 3.4.), daß sich die Durkheim-Schule durch ihre theoretischen
und praktischen Positionen eindeutig im "republikanischen" Spektrum
befindet, und sie darüber hinaus durch die Konzeption der Vollendung
der politischen in der "sozialen" Demokratie zu einer Position in die-
sem Spektrum geführt wird, in der der Ubergang von den "bürgerli-
chen" zu den "sozialistischen" Tendenzen stattfindet. Den Solidarismus
(als die äußerst linke Tendenz innerhalb der Liberalen) und den "Sozia-
lismus der ENS" (als die äußerst rechte Tendenz innerhalb der Soziali-
sten) trennen auf Grund der unterschiedlichen sozialen Schichten, die
sie ansprechen, nicht die praktischen Konsequenzen ihrer grundsdtzli-
chen theoretischen Positionen, sondern ausgehend von diesen Positionen
vielmehr ein ideologischer Diskurs.

Uieser geht besonders von den Sozialisten aus, die nicht nur eine
"weltliche" Moral, sondern eine "sozialistische" Moral durchsetzen wol-
len. Auf die starke Betonung dieser ethischen Dimension durch den
französischen Reformsozialismus haben wir schon hingewiesen, und so
- 122 -

kritisiert etwa Charles Andler (vor allem in seinem Buch "Oie soziali-
stische Zivilisation" (J 911)) jene "überspannten Demokraten", die nur
scheinbar sozialistische Ziele verfolgen. Pirou faßt Andlers Kritik fol-
gendermaßen zusammen: "Viele Systeme, die vorgeben, sozialistisch zu
sein, sind in Wirklichkeit einfach demokratisch. Sie reklamieren für das
Individuum den vollen Arbeitsertragj sie wollen die Gerechtigkeit ver-
wirklichen und jedem sein genau errechnetes Soll geben. Der Sozialis-
mus geht weiter und zielt höher; er impliziert "in jedem von uns die
Geburt eines reichhai tigeren Lebens, welches sich auf die anderen aus-
breitet", und von daher ... ist der Sozialismus Rekonstruktion und
bringt der Welt eine neue Zivilisation. Das herrschende Gefühl dieser
Zivilisation wird die freudige Zustimmung zur Arbei t sein." (Pirou 1925:
19)

Dieser ideologische lJiskurs impliziert aber auch für die quasi wissen-
schaftlich argumentieren wollenden "Sozialisten der ENS" die Notwen-
digkeit nachzuweisen, ob diese oder jene praktische Maßnahme mit
"dem Sozialismus" zu vereinbaren ist oder nicht. Oie "Sozialisten der
ENS" vertreten dabei einen pragmatischen Standpunkt, indem sie all
das als "sozialistisch" definieren, was nicht nur grundsätzlich, sondern
auch kurzfristig noch unter kapitalistischen Bedingungen zu einer Ver-
besserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterschaft füh-
ren kann (vgl. Prochasson 1981: 209 0 64 ). Die Solidaristen haben es
demgegenüber natürlich einfacher, da ihr Ziel nicht die Errichtung ei-
ner neuen Gesellschaftsordnung ist, sondern "nur" die Ausdehnung der
demokratischen Prinzipien auf alle gesellschaftlichen Teilbereiche, ins-
besondere der Wirtschaft, in der bestehenden "Republik".

Jenseits dieser ideologischen Differenzen kann aber als die eigentliche


politische Implikation der Soziologie der Durkheim-Schule vor 1914 die
Verbreitung der Konzeption von der "politischen und sozialen Demokra-
tie" sowohl im "liberalen" als auch im "sozialistischen" Spektrum fest-
gehalten werden. Durkheims Thesen von der fortschreitend arbeitsteili-
geren Gesellschaft und den daraus resultierenden Freiheits-, Gleich-
heits-, Gerechtigkeits- und Solidaritätspostulaten bilden die gemeinsame
theoretische Basis, von der aus sich BougIe bei den Solidaristen sowie
die meisten anderen Durkheim-Schüler bei den Reformsozialisten für
eine zunehmende Akzeptanz dieses Paradigmas einsetzen. Wir werden im
- 123 -
folgenden auf diese besondere Postition von Bougie vor dem allgemeinen
Hintergrund der Gemeinsamkeiten und inneren Spaltungen der Durk-
heim-Schule näher eingehen.

5.2. Die besondere Position von Celestin Bougie innerhalb


der Durkheim-Schule

Bei der Geschichte der Institutionalisierung der Soziologie in Frankreich


vor 1914 müssen zwei Ebenen unterschieden werden: Zum einen erklärt
die theoretische und praktische Unterstützung des "republikanischen
Ideals" durch die Durkheim-Schule das Interesse der Bildungsadministra-
tion an dieser Disziplinj zum anderen erreicht es Durkheim durch eine
gezielte inneruniversitäre "Personalpolitik", daß zumindest einige seiner
Schüler sich in den geisteswissenschaftlichen F akul täten etablieren kön-
nen. Daß er selbst bereits 1887 an der Universität Bordeaux einen
Lehrstuhl für "Sozialwissenschaft und Pädagogik" erhält, steht in einem
direkten Zusammenhang mit der seit Anfang der 188Der Jahre betriebe-
nen "republikanischen" Bildungspolitik. Erklärtes Ziel dieser Bildungspo-
litik ist es, den erzieherischen Einfluß des katholischen Klerus in den
Schulen und Universitäten möglichst weitgehend zu reduzieren (vgl. AI-
bertini 1973: 240 0, was nicht nur durch den Austausch des Lehrperso-
nals, sondern auf der Universitätsebene zusätzlich durch eine Erneu-
erung der Geisteswissenschaften (u.a. durch die Einführung neuer so-
zialwissenschaftlicher Disziplinen) angestrebt wird.

Der Schwerpunkt dieser Erneuerung liegt dabei allerdings weniger auf


der Soziologie, der vor 1914 insgesamt nur vier Lehrstühle bewilligt
werden, sondern mehr auf der Pädagogik, der experimentellen Psycholo-
gie und der "Humangeographie" (einer Art Wirtschaftsgeographie mit
politischen und historischen Perspektiven, vor allem in bezug auf das
Elsaß-Lothringen-Problem und die koloniale Expansionj vgl. Weisz 1979:
85 fj Karady 1983: 75). Oarüber hinaus kann sich in den Wirtschafts-
wissenschaften, die den Jura-Fakultäten zugeurdnet sind, die "Sozial-
ökonomie" neben der bisher dominierenden liberalen Wirtschaftstheorie
langsam durchsetzen (z.B. erhält Charles Gide 1898 einen entsprechen-
den Lehrstuhl an der Sorbonnej vgl. Weisz 1979: 97).
- 124 -

Neben diesen für die Institutionalisierung der Soziologie günstigen


globalen (bildungs- )poli tischen Rahmenbedingungen muß aber auch
berücksichtigt werden, daß die Durkheim-Schule selbst erhebliche
Anstrengungen unternimmt, ihr Fach und sich selbst im Hochschulbe-
reich zu etablieren. Ein wichtiges Mittel hierfür ist das, was Karady
als eine "Karriere-Strategie" (vgl. Karady 1983: 76) bezeichnet hat:
Grundlage ihrer geisteswissenschaftlichen Ausbildung ist ein Studium
der Philosophie an der Hochschule "Ecole Normale Superieure" und die
Erlangung der "agregation" in demselben Fach. Die Hinwendung zur
Soziologie erfolgt vor allem durch die Erkenntnis, daß diese Wissen-
schaft auf Grund ihrer empirischen Basis sehr viel besser geeignet sei,
Erklärungen für gesellschaftliche Krisenphänomene zu liefern als die
"spekulative" Philosophie. Bougie hat später für sich und die anderen
Durkheim-Schüler diese Wendung von der Philosophie zur Soziologie
folgendermaßen begründet: Zwar behält für sie die Philosophie gegen-
über einem engstirnigen Spezialistentum durch "die Sorge um allgemei-
ne Synthesen" (Bougie 1938: 30) ihren Wert, aber gleichzeitig "...
erhöhte sie die Gefahr, in ihnen die Neigung zu abstrakten Spekulatio-
nen zu entwickeln, wenn nicht den Versuchungen des Verbalismus zu
erliegen. Sie unterwerfen sich also ..• der Schule der Tatsachen und
suchen in den Ergebnissen der Einzeldisziplinen - Geschichte, Linguistik,
Recht, Politische ökonomie, Geschichte der Religionen - die positiven
Kenntnisse, die es ihnen erlauben sollen, besser das Leben der mensch-
lichen Gruppen zu verstehen." (ebd.)

Einige von ihnen führen zur Vertiefung ihrer geistes- bzw. neuen so-
zialwissenschaftlichen Erkenntnisinteressen einen Forschungsaufenthai t
im Ausland (vor allem in Großbritannien, den Niederlanden oder
Deutschland) durch und beginnen ein neues Studium an einer "Faculte
de droit" (Rechts- und Wirtschaftswissenschaften) oder an einer "Fa-
culte de lettres" (alle anderen Geisteswissenschaften), welches sie mit
der Promotion abschließen. Ihre Lehrtätigkeit beginnen sie als Gymnasi-
allehrer oder Lehrbeauftragte an einer Hochschule, bis sie nach einer
mehr oder weniger langen Wartezeit eine Professur angeboten bekom-
men. Anhand von Bougies Wissenschaftsbiographie werden wir zeigen,
daß er gen au diesem Muster gefolgt ist, wobei anzumerken bleibt, daß
- 125 -

nicht allen Durkheim-Schülern der endgültige Sprung in eine Hochschul-


laufbahn geglückt ist.

Außerdem muß hervorgehoben werden, daß es der Durkheim-Schule vor


1914 gelingt, alle vier neu geschaffenen Lehrstühle für soziologische
Themenbereiche selbst zu besetzen und andere Konkurrenten, die etwa
in der Tradition von Tarde, Worms oder Le Play stehen, nach und nach
zu verdrängen: Durkheim hat seinen Lehrstuhl für "Sozialwissenschaft
und Pädagogik" in Bordeaux von 1887 bis 1902 inne und wird dann
Nachfolger von F erdinand Buisson auf dem Lehrstuhl für "Erziehungs-
wissenschaft" (ab 1913 "Erziehungswissenschaft und Soziologie") an der
Sorbonne 65 ). Durkheims Nachfolger in Bordeaux ist Gaston Richard, der
bis 1906 bei "Annee Sociologique" mitarbeitet, danach aber mit Durk-
heim bricht. Bougie erhält 190 I einen Lehrstuhl für "Sozialphilosophie"
an der Universität Toulouse und wird dank Durkheims massiver Unter-
stützung 1908 Nachfolger von AI fred Espinas, einem Vertreter der Or-
ganizismus-Theorie, auf dem Lehrstuhl für "Geschichte der Sozialöko-
nomie" an der Sorbonne. Nachfolger Bougies in Toulouse wird Paul
Fauconnet, der ebenfalls von Anfang an bei "Annee Sociologique" mit-
arbeitet 66 ). Der Erfolg der Durkheim-Schule vor 1914 bei der Institu-
tionalisierung der Soziologie als solcher und darüber hinaus der von ihr
vertretenen Richtung läßt sich im wesentlichen auf drei Faktoren zu-
rückführen: Das politische und allgemein öffentliche Interesse der von
ihnen geleisteten wissenschaftlichen Arbeiten, ihre ausgezeichnete all-
gemeine geisteswissenschaftliche (noch nicht soziologische) Qualifikation
und ihr geschicktes Agieren als "pressure group" in der universitären
und ministeriellen Bildungsadministration 67 ).

Nachdem wir bisher nur auf die Position der Durkheim-Schule als Gan-
zes an den französischen Hochschulen eingegangen sind, wollen wir nun
kurz ihre internen personellen und fachlichen Differenzierungen darstel-
len. Für die Periode vor 1914 kann dies an den Spezialisierungen inner-
halb von "Annee SOCiOlogiQue,,68) aufgezeigt werden: Bougie (zusammen
mit Parodi und Lapie) bearbeitet die Bereiche Philosophie und Allge-
meine Soziologie, Halbwachs und Simiand (zusammen mit den Brüdern
Bourgin) bearbeiten den Bereich der Wirtschaftssoziologiej daneben
existiert eine dritte Untergruppe um Mauss und Hubert (mit den Berei-
chen Ethnologie und Religionssoziologie)69). Diese Spezialisierung ist
- 126 -

vor allem dadurch zu erklären, daß die Mitarbeiter unterschiedliche Ak-


zente beim theoretischen und empirischen Ausbau von Durkheims Ansatz
setzen.

So arbeitet Mauss Durkheims Religionssoziologie weiter aus und führt


dafür (im Gegensatz zu diesem) als Ethnologe Forschungsaufenthalte
bei außereuropäischen Stammgesellschaften durch. Simiand versucht im
Rahmen seiner empirischen Wirtschaftssoziologie die von Durkheim auf-
gestellten "Regeln der soziologischen Methode" zu einer umfassenden
"experimentellen", d.h. historisch-empirischen Methodologie auszubauen
und wendet sie für die Analyse langfristiger Wirtschaftszyklen an, wo-
bei er sich auf Löhne, Preise und andere monetäre Faktoren konzen-
triert. Halbwachs wird zu einem "Universal"-Soziologen, denn seine Ar-
beiten beziehen sich sowohl auf empirische Analysen sozialer Schich-
tung, Demographie und Urbanisierung, also auch auf eine sozialpsycho-
logische Theorie des kollektiven Gedächtnisses und die "kollektive Psy-
chologie" insgesamt wie schließlich auf eher sozialphilosophische Analy-
sen von Rousseau und Comte Z.B. Bougie wird dagegen nicht zu einem
Empiriker, sondern versucht über eine allgemeine Verbindung von So-
zial- und Ideengeschichte hinausgehend Durkheims soziologische Theo-
riebildungen in eine eigene Gesellschaftstheorie und Gegenwartsanalyse
miteinzubeziehen, was explizit in dem Bestreben zum Ausdruck kommt,
den Solidarismus von einer "praktischen" zu einer "wissenschaftlichen"
Theorie weiterzuentwickeln, wie im Kap. III. dargestell t wird.

Diese unterschiedlichen Tendenzen verstärken sich in der Zwischenkriegs-


zeit, denn die "verbindende Klammer" von "Annee Sociologique"
existiert nach dem Tod von Durkheim 1917 nicht mehr. Heilbron unter-
scheidet für diese Periode zwei Gruppen unter den Durkheim-Schülern,
die dessen "Erbe" als "Lehrende" bzw. "Forscher" weiterführen. Die
"Lehrenden" bzw., wie man eher sagen müßte, die Vertreter einer
"ideengeschichtlichen" Soziologie, unterscheidet er von den "Forschern"
und Empirikern nicht nur wissenschaftlich, sondern auch in bezug auf
ihre politische Orientierung und berufliche Karriere: So neigen die
"Lehrenden" mehr den Radikalen und die "Forscher" mehr den Soziali-
sten zu, und die Forscher etablieren sich im Gegensatz zu den andern
im außeruniversitären Hochschulbereich (vgl. Heilbron 1985: 213 f). In
- 127 -

bezug auf diese globale Klassifizierung muß aber angemerkt werden,


daß es zumindest auf seiten der "Forscher" gewiChtige Ausnahmen gab,
denn Simiand tritt nach 1918 aus der SFIO aus (ab 1921 ist er Profes-
sor am "Conservatoire National des Arts et Metiers" und ab 1932 am
"College de France") und Halbwachs erhält eine ordentliche Professur
ab 1919 an der Universi tät Straßburg und ab 1935 an der Sorbonne als
Nachfolger von Bougie auf dem Lehrstuhl für "Geschichte der Sozial-
ökonomie".

Insgesamt kann festgestellt werden, daß mehrheitlich die Durkheim-


Schüler die vor 1914 offensichtlichen politischen Implikationen ihrer So-
ziologie in der Zwischenkriegszeit hintanstellen und (wahrscheinlich als
Gegenreaktion) die "Wissenschaftlichkeit" ihrer Disziplin betonen. Dies
gilt insbesondere für Halbwachs und Simiand, deren eigentliche wissen-
schaftliche Karriere erst nach 1918 beginnt, aber weniger für Bougie,
der zumindest am pädagogischen Aspekt der Soziologie festhält und z.B.
die Einführung der Soziologie als Schulfach Anfang der zwanziger Jahre
verteidigt, währenddessen ihr Halbwachs und Mauss kritisch, Simiand
völlig ablehnend gegenüberstehen (vgl. ebd., S. 219).

Trotz dieser internen Spaltungen darf aber auch nicht übersehen wer-
den, daß die Durkheim-Schüler einige geziel te Anstrengungen unterneh-
men, sich nicht völlig als Gruppe mit einem grundsätzlich gemeinsamen
paradigmatischen Ansatz aufzulösen. Dies kommt in der Gründung des
"Institut fran;:ais de sociologie" (IFS) und dem Bemühen, die gemein-
same Arbeit an einer soziologischen Fachzeitschrift wieder aufzuneh-
men, zum Ausdruck. Das IFS wird 1924 gegründet und soll gemäß sei-
ner Statuten als Kommunikationszentrum zwischen den "verschiedenen
Spezialisten der Sozialwissenschaften" (zitiert nach Heilbron 1985: 211)
fungieren. Die "exklusiv" wissenschaftliche Orientierung des Institutes
kommt darin zum Ausdruck, daß "... im Gegensatz zu gewissen anderen
wissenschaftlichen Gesellschaften das IFS eine "ausschließlich wissen-
schaftliche und geschlossene Gesellschaft" war, die Zahl ihrer Mitglie-
der begrenzt war, und eine gewisse Nüchternheit charakterisierte die
Sitzungen, in denen es keinen Platz für "mondäne" Subjekte oder für
politische Themen gab (das einzige, während der 25 Sitzungen vor 1940
diskutierte politische Thema war das juristische Problem des Völkerbun-
des)." (ebd.)
- 128 -

Gleichzeitig wird eine Neuauflage von "Annee Sociologique" beschlos-


sen, und unter der Federführung von Marcel Mauss erscheinen 1925 und
1927 zwei Ausgaben ("Annee Sociologique. Nouvelle Serie"). Aber auf
Grund zu großer Koordinationsschwierigkeiten wird die gemeinsame Ar-
Jeit hieran wieder aufgegeben und stattdessen wird vor allem in den
Jahren 1930-33 ein "Bulletin de I'IFS" herausgegeben, welches die Vor-
träge und Diskussionen im Rahmen dieses Institutes dokumentiert 70).
Aber der wichtigste Versuch zur Herausgabe einer neuen soziologischen
F achzeitschri ft wird mi t den "Annales Sociologiques" (J 934-42) unter-
nommen, allerdings in veränderter Form. Statt der regelmäßigen Her-
ausgabe eines Sammelbandes, der mit seinen verschiedenen Sektionen
die Teilbereiche der Soziologie abdeckt (wie bisher in den bei den Fol-
gen von "Annee Sociologique"), werden fünf voneinander unabhängige
"Serien" veröffentlicht: Serie A - Allgemeine Soziologie unter der Lei-
tung von Bougie, Serie B - Religionssoziologie von Mauss, Serie C -
Rechtssoziologie von Jean Ray, Serie D - Wirtschaftssoziologie von Si-
miand und Serie E - Soziale Morphologie, Technologie, Ästhetik von
Halbwachs 71).

Zwar sind die Durkheim-Schüler damit wiederum im "Redaktionskomi-


tee" bestimmend, aber sie geben ihren traditionellen "soziologischen
Imperialismus" auf, um neue und jüngere Mitarbeiter zu gewinnen (z.B.
Raymond Aron, Georges Friedmann, Jean Stoetzel, Jacques SousteIle,
Daniel Essertier) 72). Obwohl sich diese neue Generation von Sozialwis-
senschaftlern verstärkt an ausländischen Autoren (lViax Weber, Vil fredo
Pareto, der angelsächsischen Sozialpsychologie und dem Marxismus) ori-
entieren (vgl. Karady 1981: 37), kommt es nicht zum Bruch zwischen
den beiden Wissenschaftlergenerationen, da die Durkheim-Schüler die
neuen Ansätze (gerade auch in den "Annales Sociologiques") zur Gel-
tung kommen lassen. "Thus some of the prominent, older Durkheimians,
thanks to their enlightened scientific pratice and strategy, took part in
and kept control of the modernization of sociological thinking and te-
aching until the Second World War without provoking or allowing a
dramatic rupture with their master's thought." (ebd., S. 38)

Im Vergleich zur Periode vor 1914 läßt sich über die Zwischenkriegszeit
- 129 -

zusammenfassend feststellen, daß die vorher schon implizit vorhandenen


personellen und fachlichen Differenzierungen nach 1918 ganz off ensicht-
lich werden, und daß die Trennung der "ideengeschichtlich" orientierten
Soziologen, deren zentrale Figur BougIe ist, von den Forschern (wie
Mauss, Halbwachs und Simiand) durch die "divergierende und gegensätz-
liche Ausarbeitung des Durkheimschen Ansatzes" (Heilbron 1985: 236)
anscheinend zu einem "mehr oder weniger stillschweigenden Bruch der
Gruppe" (ebd.) führt. Trotz der nachweisbar lockerer werdenden
Bindungen zwischen den Durkheim-Schülern darf man aber in dieser
Interpretation nicht zu weit gehen (genauso wie die Sicht der Durk-
heim-Schule als einem "monolithischen Block" richtigerweise widerlegt
worden ist), denn sie bewahren sich ein "Kollektivbewußtsein" als eine
zusammenhängende "scienti fic community", was nach außen hin, wie
dargestellt, in der Gründung des IFS sowie den verschiedenen Bemühun-
gen zur Herausgabe einer neuen soziologischen Fachzeitschrift deutlich
wird.

Vor diesem allgemeinen Hintergrund der Gemeinsamkeiten und internen


Spaltungen der Durkheim-Schule soll im folgenden an der Wissen-
schaftsbiographie von Celestin BougIe verdeutlicht werden, wie dessen
besondere Position innerhalb der Durkheim-Schule weiter präzisiert
werden kann. Er wird 1870 in Saint-Brieuc (Bretagne) geboren und
wächst dort auf, bis er nach dem Tod seines Vaters, eines Offiziers,
1884 von einem Verwandten in Paris aufgenommen wird. Sein Eltern-
haus ist wie das der anderen "Sozialisten der ENS" jener "republikani-
schen Mittelschicht" zuzurechnen, die sich in erster Linie aus dem Bil-
dungsbürgertum der Beamten und freiberuflichen zusammensetzt und
politisch den "gemäßigten" Republikanern nahesteht 73) (vgl. Prochasson
1981: 293 ff). In Paris besucht er zunächst das "College Rollin" und
beendet seine Schulzeit auf dem "Lycee Henri IV", einem der angese-
hendsten Pariser Gymnasien. Er entscheidet sich danach für das Stu-
dium der Philosophie an der "Ecole Normale Superieure", welches er
1890 abschließt und bereitet in den folgenden Jahren die "agregation"
in demselben Fach vor, die er 1893 erfolgreich besteht. Mittels eines
Stipendiums kann er im Anschluß daran einen einjährigen Forschungs-
aufenthalt in Berlin durchführen und die Anregungen, die er durch La-
zarus, von Ihrering, Adolf Wagner und vor allem Georg Simmel erhält,
- 130 -

faßt er in seinem ersten Buch "Die Sozialwissenschaften in Deutsch-


land. Der Methodenstreit" (1896) zusammen.

Dieses während seiner Tätigkeit als Gymnasiallehrer in Saint-Brieuc


geschriebene Buch markiert den Beginn der Beschäftigung mit der
Soziologie, obwohl er sich von der Philosophie niemals völlig abwendet
(seit 1894 veröffentlicht er regelmäßig Beiträge in der Zeitschrift "Re-
vue de Metaphysique et de Morale"), was vor allem in der Zwischen-
kriegszeit wieder deutlich wird. Zunächst nimmt er aber Kontakt mit
Durkheim auf, und es scheint sogar BougIe gewesen zu sein, der diesem
die Gründung einer soziologischen Fachzeitschrift besonders nahegelegt
hat (vgl. Besnard 1981: 264). Neben dem Beginn seiner Mitarbeit bei
"Annee Sociologique" bereitet er mit dem Buch "Die egalitären Ideen.
Eine soziologische Untersuchung" seine Promotion vor, die er 1899 an
der "Faculte de lettres" der Universität Montpellier erfolgreich ab-
schließt, nachdem er im Jahr zuvor eine Lehrtätigkeit an dieser Fakul-
tät aufgenommen hat.

Bereits 1901 erhält er die Professur an dem neuen Lehrstuhl für "So-
zialphilosophie" der Universität Toulouse, den er bis zu seiner Berufung
auf den Lehrstuhl "Geschichte der Sozialökonomie" an der Sorbonne
1908 innehat. In diese Zeit fällt auch der Beginn seines Engagements
bei den "Universites populaires" und der "Menschenrechtsliga" , deren
Vize-Präsident er von 1911-24 ist, für die "Radikaldemokratische Par-
tei" (als Kandidat bei den Wahlen für die Nationalversammlung 1902,
1906, 1914 und 1924), als regelmäßiger Kommentator der den Radika-
len nahestehenden und einflußreichen Lokalzeitung "Depeche de Tou-
louse,,74) und ab 1908 in Paris bei der "Ecole socialiste".

In seinem wissenschaftlichen Werk vor 1914 lassen sich zwei Tendenzen


verfolgen: Zum einen führt er die mit seinen beiden früheren Arbeiten
aufgeworfenen Probleme im Bereich der allgemeinen Soziologie (Metho-
dologie, soziale Morphologie, soziale Differenzierung u.a.) weiter (in:
"Was ist Soziologie?" (1907) und "Aufsätze über das Kastenregime"
(1908)), zum anderen stehen die meisten seiner Veröffentlichungen in
einer mehr oder weniger direkten Verbindung mit der soziologischen
Fundierung des Solidarismus: "Für die französische Demokratie" (1900),
"Geistesleben und soziale Aktion" (1902). "Solidarismus und Liberalis-
- 131 -

mus" (1902), "Die Demokratie vor der Wissenschaft. Kritische Analysen


über die Vererbung, die Konkurrenz und die Differenzierung" (1903),
"Der Solidarismus" (1907), "Syndikalismus und Demokratie. Eindrücke
und Überlegungen" (J 908) und "Die Soziologie von Proudhon" (J 912),
um nur die Buchveröffentlichungen zu nennen. Während des Krieges
veröffentlicht er (teilweise unter dem Pseudonym Jean Breton) einige
nationalistische Schriften (wie Durkheim), die aber noch von einem re-
lativ gemäßigten Stil geprägt sind (vgl. Logue 1979: 152, Anm. 54).

In der Zwischenkriegszeit vollzieht sich ein tiefer Wandel in seinem


wissenschaftlichen Werk. Als ein immer stärker "ideengeschichtlich"
orientierter Soziologe unternimmt er keine Anstrengungen, die zur em-
pirischen Sozialforschung notwendigen Methoden (z.B. außereuropäische
Sprachen wie die Ethnologen Mauss und Granet oder Statistik wie
Halbwachs und Simiand) sich anzueignen. Damit einher geht eine wie-
der stärkere Betonung der methodologischen Kritik an Durkheims Sozio-
logie (wie schon in seinem ersten Buch), die er in den "Soziologie-
Lektionen über die Evolution der Werte" (1922) zusammenfaßt. Die
teilweise kritische Distanz zur Durkheimschen Soziologie sowie das Feh-
len eigener empirischer Untersuchungen erklären einerseits Bougies
Sonderstellung innerhalb der Durkheim-Schüler sowie andererseits die
Tatsache, daß er in der Folgezeit immer mehr dazu übergeht, Über-
sichtswerke und Werkausgaben anderer Theoretiker zu veröffentlichen:
"Studienführer für den Studenten in Soziologie" mit Marcel Deat
(J 921), "Werke von Proudhon" (1923), "Die Doktrin von Saint-Si mon"
mit Elie Halevy (1924), "Soziologische Elemente. Ausgewählte und ge-
ordnete Texte" mit J. Raeffault (1926), "Französische Sozialismen.
Vom "utopischen Sozialismus" zur "industriellen Demokratie"" (1932),
"Die Meister der universitären Philosophie in Frankreich" (1938) u.a.

Paralell zum Nachlassen eigener Forschungsarbeiten fördert er aber


umso stärker die Aktivitäten junger Sozialwissenschaftier. So gründet er
bereits 1920 das "Zentrum für gesellschaftliche Dokumentation" an der
ENS, welches zunächst nur als Informations- und Dokumentationszen-
trum für Sozialwissenschaften fungiert. "Ab 1932 erweitern sich die
Aktivitäten und umfassen regelmäßige Konferenzen, Forschungsarbeiten
und Veröffentlichungen wie die Hefte für Allgemeine Soziologie der
- 132 -
"Annales Sociologiques" und die drei Bände von "Inventaires"." (Heil-
bron 1985: 232)75) Auch nimmt er zusammen mit Halbwachs und U~vy­
Bruhl an den Davoser Universitätstreffen (1928-31) teil, die im Rahmen
der deutsch-französischen Annäherungspolitik von dem Frankfurter So-
7iologen Gottfried Salomon für deutsche, österreichische, schweizerische
und französische Geistes- und Sozialwissenschaftler organisiert werden
(vgl. Davy 1967: 6 f). Bougies administrative Karriere findet schließlich
ihren Höhepunkt, als er 1935 seinen Lehrstuhl an der Sorbonne aufgibt
und Direktor der ENS wird, nachdem er schon vorher einige Jahre lang
ihr Vize-Direktor gewesen ist. Anfang des Jahres 1940 stirbt er noch
während des "drole de guerre", d.h. der Periode zwischen der Kriegser-
klärung im September 1939 und dem Einmarsch deutscher Truppen nach
Frankreich im Mai 1940.

Unter Bezugnahme auf die bei den so unterschiedlichen Perioden seines


wissenschaftlichen Werkes und seiner sonstigen politischen und admini-
strativen Aktivitäten charakterisiert ihn Karady insgesamt, wie folgt:
"Bougle's scientific activity was obviously surpassed by his organization
work as a promoter of research and popularizer of established society.
His main academic positions (as a professor at the Sorbonnej and
vice-director and later director of the Ecale Normale) and his tireless
efforts (writings, speeches, and participation in scholarly gatherings)
made him the unforgettable propagandist of an intellectual cause to
which he had made earlier significant contributions~' (Karady 1981: 39)
Auch Halbwachs sieht in ihm vor allem einen "Historiker der Gesell-
schaftsdoktrinen" (Halbwachs 1941: 24), und beschreibt seine besondere
Position innerhalb der Durkheim-Schule sehr präzise: " ... Bougie ist für
die Soziologen ein regsamer Propagandist gewesen ... , der ihre Sache in
allen Milieus, vor jedem Publikum mit umso mehr Hingebung zu vertei-
digen verstand, als er nicht in allen Punkten vollkommen mit ihnen
übereinstimmte. ( ... ) Erkennen wir es an, vielleicht ist er in der
Gruppe selbst der Soziologen manchmal auf den stärksten versteckten
oder offenen Widerstand gestoßen, weil er, wie er es sagte, nicht ganz
orthodox war. (. .. ) Er setzte über alles die Freiheit des Geistes" (ebd.,
S. 47).

Ganz in diesem Sinne versuchen wir deshalb aus Bouqles Werk seinen
- 133 -

Beitrag zur sozial wissenschaftlichen Fundierung des Solidarismus heraus-


zulesen, da er der einzige gewesen ist, der explizit eine Verbindung
zwischen dieser während der Dritten Republik so einflußreichen "gesell-
schaftspolitischen Doktrin" und der soziologischen Theoriebildung der
Durkheim-Schule herzustellen versucht hat. Wir konzentrieren uns in
unserer Analyse einerseits auf diejenigen seiner Schriften, die sich di-
rekt auf den Solidarismus beziehen und versuchen andererseits aufzuzei-
gen, inwieweit seine darüber hinausgehenden sozialökonomischen und im
engeren Sinne soziologischen Analysen hiermit in Verbindung zu bringen
sind.
- 134 -

III. DIE SOZIALWISSENSCHAFTLICHE FUNDIERUNG


DES SOLIDARISMUS DURCH CI~LESTIN BOUGLC::

Während wir im Kap. II. versucht haben, durch eine sozial- und wissen-
schaftshistorische Analyse die Durkheim-Schule zwischen Solidarismus
und Reformsozialismus in der Dritten Republik einzuordnen, soll in die-
sem Kapital unserer Arbeit darauf eingegangen werden, welchen Bei-
trag Bougie zur wissenschaftlichen Fundierung des Solidarismus leistet.
In Abschnitt J. wird dargestellt, wie er die ursprünglich von Bourgeois
ausformulierte Moralphilosophie der Solidarität teilweise weiterent-
wickelt und darüber hinaus fordert, sie auf eine neue wissenschaftliche
Grundlage zu stellen. Wie diese auszusehen habe, wird in den folgenden
bei den Abschnitten behandelt. In Abschnitt 2. werden seine sozialökono-
mischen Analysen (teilweise im Vergleich zu anderen Durkheim-Schü-
lern sowie Solidaristen und Frühsozialisten) und in Abschnitt 3. seine
makrosoziologische Grundkonzeption der "modernen" Industriegesell-
schaft sowohl auf struktureller als auch auf normativer Ebene vorge-
stellt. In Abschnitt 4. wird abschließend auf die Frage eingegangen,
wie weit der Anspruch der "Wissenschaftlichkeit" von Bougies Solida-
rismus in Anbetracht seiner praktischen politischen Implikationen tat-
sächlich gehen kann.

1. Die Präzisierung der solidaristischen Doktrin

Bougie hat nicht nur versucht, Bourgeois' solidaristische Doktrin in vie-


len wissenschaftlichen und teilweise populärwissenschaftlichen Beiträgen
darzustellen, sondern auch an einigen entscheidenen Stellen zu präzisie-
ren. Dies betrifft insbesondere das Problem der wissenschaftlichen Fun-
dierung des Solidarismus, die Reformulierung der These von der "sozia-
len Schuld" und die solidaristische Kri tik an Rousseaus Konzeption des
"Gesellscha ftsvertrages".
- 135 -

1.1. Die wissenschaftliche F undierung des Solidarismus

Wie dargestellt (vgl. Kap. 11.2.) versucht Bourgeois aus dem von der
ükonomie und Biologie festgestellten Phänomen der Arbeitsteilung,
funktionalen Spezialisierung und Interdependenz, d.h. der "sachlichen
Solidari tät" ("solidari te de f ait"), die moralische Solidarität abzulei ten.
Bougie bezeichnet dies als "naturalistische Ansprüche" (Bougie 1902b:
15), die aber im "Essai" mehr und mehr zurückgedrängt werden. Da
die "sachliche Solidarität" selbst in keiner Beziehung zur Gerechtigkeit
steht, d.h. "a-juste" ist, läßt sich aus dem Tatbestand der ökonomi-
schen Arbeitsteilung und Interdependenz nicht eindeutig determinieren,
welche Art der Distribution der Güter als "gerecht" bewertet wird.
Während etwa eine priviligierte Minderheit die von ihr praktizierte, fast
ausschließliche Aneignung des gesellschaftlich produzierten Wohlstandes
als "natürlich" (vgl. ebd., S. 18) bewertet, erscheint dies aus der Sicht
der solidaristischen Doktrin als eine "Ausbeutung der Solidarität"
(ebd.).

Auf Grund der Möglichkeit zu derart entgegengesetzten Bewertungen


über die Distribution, die aus der "sachlichen Solidarität" resultiert, zu
kommen, folgert Bougie (vgl. 1907a: 60 ff), daß genau umgekehrt, aus-
gehend von der Kombination der verschiedenen moralischen Postulate
des Solidarismus (Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Solidarität),
nur bestimmte Formen der Interdependenz (Kooperation und Mutualis-
mus) gegenüber anderen (Konkurrenz und "Kampf ums Dasein") positiv
zu bewerten sind. Der Solidarismus bekommt damit im Gegensatz zum
Sozialdarwinismus, der nur eine spezifische Form der Interdependenz in
der Natur wirken sieht und diese auf die menschliche Gesellschaft
überträgt (vgl. Abschnitt 2.5.), nicht eine "naturalistische", sondern ei-
ne "idealistische" Basis.

Diese Verschiebung der Fundierung des Solidarismus von den Naturwis-


senschaften zu einer "quasi-spiritualistischen Moralphilosophie" (1902b:
15) bezeichnet Bougie als die "Evolution des Solidarismus" (vgl. ebd., S.
I), und sie stellt das Problem seiner wissenschaftlichen Fundierung völ-
lig neu, die nun von den Sozialwissenschaften geleistet werden muß.
Von dieser "Moralphilosophie". die, in einer heutigen Terminologie aus-
- 136 -
gedrückt, die solidaristischen "Grundwerte" darstellt, muß die eigentli-
che wissenschaftliche Fundierung des Solidarismus unterschieden wer-
den, die durch wirtschafts- und sozial wissenschaftliche Analysen dieje-
nigen ökonomischen und sozialen Prozesse aufzudecken versucht, die am
ehesten den solidaristischen "Grundwerten" entsprechen und dadurch
deren praktische Realisierbarkeit aufzeigen sollen. "Die Aufgabe, die
der Solidarismus sich zugewiesen hat, besteht darin, einen Körper die-
sen allgemeinen Ideen (d.h. den "Grundwerten"; C.G.) zu geben, sie
konkret, lebend und handelnd zu machen, indem die objektiven Beweise
unserer Interdependenz vervielfältigt werden. Indem er sie erfüllt,
schließt er in sich die klarsten Resultate der Sozialwissenschaft ein,
weit entfernt davon auf einem metaphysischen Überrest aufzubauen."
(1907: 34 f; vgl. auch ebd., S. 63 f).

Auf die weitreichenden Konsequenzen der Unterscheidung der "moral-


philosophischen" von der wissenschaftlichen Fundierung des Solidarismus,
d.h. die Frage, wie weit der Anspruch der "Wissenschaftlichkeit" des
Solidarismus dadurch tatsächlich gehen kann, werden wir im letzten
Abschnitt dieses Kapitels präzise eingehen. Die sozialwissenschaftliche
Fundierung des Solidarismus wird an hand von Bougies sozialökonomi-
schen und im engeren Sinne soziologischen Analysen aufgezeigt, die in
den Abschnitten 2. und 3. dargestellt werden.

1.2. Die Reformulierung der These von der "sozialen Schuld"

In diesem Abschnitt wird darauf eingegangen, wie Bougie zur Verstär-


kung der aus der moralischen Solidarität resultierenden Pflichten ver-
sucht, Bourgeois' Thesen über die Entstehung und Verteilung der "so-
zialen Schuld" zu präzisieren. Wie dieser betont er den kollektiven und
nicht individuellen Charakter der Akkumulation des gesellschaftlichen
"Kapitals": "Wir haben in der Tat gesehen, daß in jeder Gesellschaft
gemeinsame Tresore, kollektive Kapitalien, eine ganze Gesamtheit von
intellektuellen und materiellen Instrumenten existieren, die niemandes
eigenes Werk sind." (J 902b: 30) Während Bougie in diesem "instrumen-
talistischen" Sinne den Begriff des "kollektiven Kapitals" durch den
des, frei übersetzt, "gesellschaftlichen Instrumentariums" ("outillage
- 137 -

social"; ebd., S. 22; 1907a: 14) ersetzt, geht ein anderer solidaristi-
scher Theoretiker, Eugene d'Eichthal, unter Bezugnahme auf BougIe
noch weiter und ersetzt Bourgeois' Konzeption der "sozialen Schuld(-
en)" durch die der "Vermietung des gesellschaftlichen Instrumenta-
riums" (zitiert nach Bloch, 1968, S. 27).

Ganz eindeutig liegt hier bei bei den Autoren das Bestreben zugrunde,
die von Bourgeois aufgestellten interindividuellen Verpflichtungen in ei-
ne noch konkreter meßbare, "materielle" Dimension zu überführen,
weshalb Bloch in diesem Zusammenhang von "noch nicht erforschten
Wirkungsvermögen" (ebd.) für die solidaristische Doktrin spricht. Wir
haben aber bereits gezeigt, daß auch Bourgeois in seine Konzeption der
"sozialen Schuld( -en)" sowohl eine "moralische" als auch eine "mate-
rielle" Dimension einführt. BougIe und d'Eichthal formulieren deshalb
weniger eine völlig neue Perspektive aus, vielmehr trennen sie die
moralische Ebene der Begründung sozialer Verpflichtungen durch die
Einführung neuer Begrifflichkeiten schärfer von der Ebene der gegebe-
nen gesellschaftlichen 8edingungen, unter denen die "soziale Schuld"
entsteht, wodurch die Forderung nach ihrer Rückzahlung konkreter be-
gründet werden solL

Aber auch in der Analyse der Verteilung der "sozialen Schuld" geht
80ugle weiter als Bourgeois. Dieser hat zwar richtig erkannt. daß die
"Vermietung der gesellschaftlichen Instrumentarien" an jedes Individuum
entsprechend seiner Fähigkeiten unter den gegebenen gesellschaftlichen
Bedingungen nicht verwirklicht wird, und somit die "soziale Schuld" des
Einzelnen gegenüber der Gesellschaft völlig unterschiedlich zu bemessen
ist. Während aber Bourgeois auf dieser individuellen Ebene stehenbleibt,
kommt BougIe zu der These, daß "__ . in der Materie der sozialen
Schuld Klassen existieren" (1902b: 270 O.
Er versucht im folgenden aufzuzeigen, in welcher spezifischen Weise die
These von der "sozialen Schuld" weiterinterpretiert werden muß, um
von der Arbeiterschaft akzeptiert werden zu können. Wie kann für sie
eine "soziale Schuld" entstehen, wenn zwar insgesamt in der Gesell-
schaft Wissenschaft und Technik weiterentwickelt werden und dadurch
die Möglichkeiten für Bildung und Wohlstand grundsätzlich für jedes In-
dividuum erhöht werden, aber gleichzeitig auf Grund der Kürze der
- 138 -

Schulzeit und des fehlenden Besitzes an Produktionsmitteln eine Klasse


zu einem "prekären, beständig bedrohten Leben, schwankend zwischen
der Erschöpfung durch die Überarbeitung und der Angst vor der Ar-
beitslosigkeit" (I 903: 271) gezwungen wird (vgl. 1902b: 28)? Solange
deshalb die Möglichkeit der Partizipation am "gesellschaftlichen In-
strumentarium" gemäß dem Gerechtigkeitspostulat nicht für alle Indivi-
duen gleichermaßen gegeben ist, muß die These von der "sozialen
Schuld" sehr differenziert dargestellt werden, denn "wenn man will,
daß die Doktrin von den Arbeitern verstanden und akzeptiert wird,
kommt es darauf an hinzuzufügen, daß sie auf allen in unterschiedli-
chen Graden lastet, und daß sie von jedem der Vertragsschließenden
nach seinen Fähigkeiten entrichtet werden muß." (ebd.)

Mit der Feststellung, daß trotz der unterschiedlichen klassenspezifischen


Verteilung der "sozialen Schuld" in der gesellschaftlichen Assoziation
dennoch die Individuen gemäß ihrer Fähigkeiten dazu verpflichtet sind,
jene zurückzuzahlen, weist BougIe auf ein Problem hin, welches darin
besteht, daß auch unter den gegebenen kapitalistischen Produktionsver-
hältnissen ein bestimmtes Maß an individueller Verantwortung für die
eigene sozioökonomische Situation bestehenbleibt. Dies ist besonders von
Gide erkannt worden, der darin die Ursache sieht, daß die These von
der klassenspezifischen Verteilung von "Schulden" (auf seiten der Bour-
geoisie) und "Guthaben" (auf seiten des Proletariats) nicht von der re-
volutionären Arbeiterbewegung aufgegriffen worden ist (vgl. Gide 1932:
129). Denn weder der Reichtum, noch die Verelendung an sich schaffen
"Schulden" bzw. "Guthaben" gegenüber der Gesellschaft, sondern nur
dann, wenn sie sich aus den gesellschaftlichen Bedingungen, unter de-
nen ein Individuum lebt, ohne sein eigenes "Hinzutun" ergeben.

So müssen etwa der nicht arbeitende Adel unter dem "Ancien Regime"
oder jenes "Rentierbürgertum" , das die Leitung der Geschäfte anderen
überläßt, aber über das Privateigentum trotzdem an den Gewinnen der
Unternehmen partizipiert I), als die "Parasiten in der reichen Klasse"
(ebd., S. 131) angesehen werden, die ihre "Schulden" gegenüber der
Gesellschaft nicht zurückzahlen. In dieselbe Kategorie von Reichen kann
aber auf keinen Fall z.B. der Industrielle Ford eingeordnet werden, der
durch die Einführung der Fließbandarbeit in der Automobilproduktion
- 139 -

nicht nur Millionen von Arbeitern eine Erwerbstätigkeit gab, sondern


durch eine bisher unbekannte quantitative Steigerung der Produktion den
Preis der Autos senkte und dieses Produkt damit zum ersten Mal für
die breite Masse der Verbraucher "erschwinglich" wurde (vgl. ebd., S.
131 1). Genau umgekehrt entstehen "Guthaben" gegenüber der Gesell-
schaft nur bei denjenigen unter den Proletariern, "die Opfer der Um-
stände gewesen sind und ... auf Grund des gesellschaftlichen Charakters
dieser Zwangsläufigkeiten müssen wir alle uns als solidarisch verant-
wortlich ihnen gegenüber betrachten •.. " (ebd., S. 132); hierunter fallen
aber nicht "jener Faule, jener Alkoholiker, jener Saboteur" (ebd., S.
131), da " .•. in der armen Klasse sich eine große Zahl von Unfähigen
und Unproduktiven befindet, die niemals im Laufe ihres Lebens der Ge-
sellschaft selbst die geringen Hilfen zurückgeben werden, die ihnen zu-
geteilt worden sind." (ebd., S. 132 1)

Um die Bedeutung dieser von Gide gemachten Differenzierungen gen au


zu erfassen, muß an das solidaristische Gleichheitspostulat erinnert
werden, welches den Ausgleich von "Schulden" und "Guthaben" in der
gesellschaftlichen Assoziation nur für die Schaffung der "Chancen-
gleichheit" fordert, während die darüber hinausgehende "Gleichheit der
Resultate" zu einer Nivellierung sozioökonomischer Verhältnisse führt
und damit gleichzeitig das Ableugnen einer individuellen Verantwortung
für den eigenen sozialen Status beinhalten würde. Das solidaristische
Postulat von der "Chancengleichheit" wendet sich damit aber sowohl
gegen "gleichmacherische" Tendenzen etwa bei den Kollektivisten oder
den "revolutionären" Syndikalisten als auch gegen "dieses Sprichwort
der bürgerlichen Moral, nach dem das Elend die gerechte Bestrafung
für die Faulheit und das Fehlverhalten sei" (ebd., S. 132). Diese "bür-
gerliche Moral" beachtet nicht, daß neben der individuellen Verantwor-
tung für den eigenen sozialen Status auch eine gesellschaftliche
existiert, die eben in der Durchsetzung gleicher "Startbedingungen" für
die Individuen im sozioökonomischen Bereich besteht, und daß erst
durch die Realisierung der "Chancengleichheit" die unterschiedlichen
Fähigkeiten und Leistungen der Individuen zur einzig gültigen Basis von
Statusunterschieden werden können (vgl. Bougie 1903: 263 1).

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Bougie das solidaristische


- 140 -

Postulat von der "Chancengleichheit" dadurch unterstützen will, indem


er die These von der bestehenden ungleichen Partizipation am "gesell-
schaftlichen Instrumentarium" und der daraus resultierenden ungleichen
Verteilung der "sozialen Schuld" durch die Einführung einer klassenspe-
zifischen (und nicht mehr rein individuellen) Dimension präzisiert. Auch
wenn dadurch der Wandel von klassenspezifischen strukturellen Un-
gleichheiten aus solidaristischer Perspektive zu einer prioritären Forde-
rung wird, für die Wissenschaft und Politik Lösungen anbieten müssen,
so wird deshalb, wie Gide zeigt, die Eigenverantwortung jedes Individu-
ums für seine sozioökonomische Situation nicht aufgehoben.

1.3. Die solidaristische Kritik an Rousseaus "Gesellschaftsvertrag"

Wie bereits dargestell t (vgl. Kap. 11.2.3.), lehnen Bourgeois und Deuve
Rousseaus Konzeption des "Gesellschaftsvertrages" auf Grund einer spe-
zifisch historischen Interpretation völlig ab. Auch hier versucht Bougie,
die Position der Solidaristen zu präzisieren. Er schließt sich zunächst
der Argumentation von Bourgeois und Deuve an, daß die Annahme von
Rousseau, die Individuen würden erst durch den Abschluß eines "Gesell-
schaftsvertrages" in einer gesellSChaftlichen Assoziation zusammenle-
ben, nicht aufrechterhalten werden kann. Genau umgekehrt muß
konstatiert werden, daß erst im Zuge der geschichtlich-gesellschaftli-
chen EntwiCklung, d.h. insbesondere durch den Wandel von der Standes-
zur Klassengesellschaft, interindividuelle vertragsmäßige Beziehungen sich
ausbreiten und, wie der englische Jurist Sumner Maine es ausdrückt,
das autoritäre "Regime des Status" durch ein auf Verhandlungen beru-
hendes "Regime des Vertrages" ersetzt wird (vgl. ebd., S. 69; 1902b:
11). Rousseaus "Gesellschaftsvertrag" kann daher nicht als eine Analyse
historischer Prozesse betrachtet werden, sondern er muß als eine "juri-
stische Fiktion" (J 907a: 67) interpretiert werden.

Rousseau zitierend 2 ), kommt Bougie zu dem Schluß, daß jener die


Existenz von Herrschaftsbeziehungen nicht als ein "Tatsachenproblem" ,
sondern als ein "Rechtsproblem" analysiert, und sich letztlich fragt,
wie Herrschaftsbeziehungen zwischen Menschen "legitimiert" werden
können (ebd.). Aus solidaristischer Sicht ist es daher entscheidend.
- 141 -

Rousseaus "Gesellschaftsvertrag" nicht als eine Analyse geschichtlich-


gesellschaftlicher Wirklichkeit, sondern als diejenige eines "idealen"
Zustandes gerechter vertragsmäßiger Beziehungen zu verstehen. "Auch
wenn Rousseaus Theorie das Abbild keiner historischen Realität wäre,
so bleibt, daß sie deutlich unser Ideal aufklärt." (ebd., S. 68)

Diese Interpretation von Rousseau ist für die solidaristische Doktrin


umso bedeutsamer, da Rousseau den "Endzweck" des "Gesellschaftsver-
trages" nicht nur in der Freiheit, sondern auch in der Gleichheit der
sich assoziierenden Individuen sieht (vgl. Rousseau, es. lI.ll.), was
auch von Bougie betont wird: "Seine Philosophie ist eigentlich keine
Geschichtsphilosophie. Er begnügt sich damit, den Ausgangspunkt und
den Endpunkt der menschlichen Evolution zu kennzeichnen: Dort die
Gleichheit in der freien Nstur; hier die Gleichheit in der vertraglichen
Gerechtigkeit." (BougIe 1912: 177) Die wechselseitige Abhängigkeit von
Freiheit und Gleichheit spielt bei der Ausübung und Kontrolle der poli-
tischen Macht eine zentrale Rolle, die Halbwachs wie folgt zusammen-
faßt: "Dieses Verhältnis zwischen der Gleichheit und der Freiheit
resultiert daraus, daß die Menschen nur dann frei sind, wenn sie alle
gleichermaßen den Gesetzen gehorchen." (Halbwachs 1943: 218, Anm.
133) Deshalb muß z.B. das Wahlrecht nicht nur frei und geheim, son-
dern auch allgemein und gleich sein.

In unserem Kontext noch wichtiger aber ist, daß für Rousseau dieses
wechselseitige Verhältnis auch in bezug auf die sozioökonomischen Be-
dingungen gültig ist, wobei er die Bedeutung der Gleichheit genau defi-
niert: "was die Gleichheit anbelangt, so darf unter diesem Wort nicht
verstanden werden, daß das Ausmaß an Macht und Reichtum ganz ge-
nau gleich sei, sondern ... , was den Reichtum angeht, daß kein Bürger
derart vermögend sei, sich einen anderen kaufen zu können, und keiner
so arm, daß er gezwungen wäre, sich zu verkaufen. Das setzt auf sei-
ten der Großen Mäßigung bezüglich Vermögen und wirtschaftlicher
Macht voraus, auf seiten der Kleinen Mäßigung in Neid und Begehrlich-
keit." (Rousseau, es 11.11.) Eindeutig sagt Rousseau also, daß "Gleich-
heit" nicht die vollständige Nivellierung von sozioökonomischen Verhält-
nissen, sondern die Vermeidung von extremen Ungleichheiten impliziert.
Seine Intentionen müssen deshalb im Sinne der Schaffung" •.. einer rela-
- 142 -

tiv homogenen Mittelstandsgesellschaft von Kleineigentümern, Bauern


und Handwerkern, wie er sie in den Stadtrepubliken, namentlich in
Genf vorfand", interpretiert werden (vgl. Einleitung zu Rousseau I 977b:
12 f), wie er sie auch in dem Enzyklopädie-Beitrag "Politische ökono-
mie" ausformuliert hat.

Aber auch er ist sir:h der Schwierigkeiten bei der Verwirklichung selbst
dieser Art von sozioökonomischer "Gleichheit" bewußt, denn in bezug
auf ihre Umsetzung kommt er zu einer Position, die im Grunde
genommen die praktischen Intentionen des aposteriori wirkenden
Quasi-Assoziationsvertrages des Solidarismus vorwegnimmt: "Diese
Gleichhei t, so wird behauptet, ist ein Hirngespinst der Spekulation, das
in der Praxis nicht bestehen könne. Wenn aber der Mißbrauch unver-
meidlich ist, heißt das, daß man ihn nicht wenigstens steuern muß?
Genau deshalb, weil die Kraft der Dinge stets dazu neigt, die Gleich-
heit zu zerstören, muß die Kraft der Gesetzgebung stets versuchen, sie
aufrechtzuerhalten." (Rousseau, es II. 11.) Der Quasi-Assoziationsver-
trag impliziert auf der Ebene seiner praktischen Umsetzung genau die
hier von Rousseau geforderten rechtlich abgesicherten Maßnahmen im
Sinne eines sozioökonomischen Ausgleichs.

Obwohl Bougie nicht auf diese Passagen im "Gesellschaftsvertrag" hin-


weist, wird dadurch aber verständlich, warum er nicht wie Bourgeois
und Deuve Rousseaus Ansatz völlig verwirft, sondern als ein "Ideal" in-
terpretiert, auf welches sich das solidaristische Gerechtigkeitspostulat
berufen kann. In der sozialen Realität bestehende vertragliche Bezie-
hungen sollen, falls erforderlich, mit Hilfe dieses Ideals kritisiert und
Forderungen nach ihrer Veränderung "legitimiert" werden. Die okziden-
talen Gesellschaften " ••. haben sich der Hypothese des Vertrages nicht
bedient, um irgendein Gesetz zu rechtfertigen, sondern um Gesetze zu
berichtigen, die ihnen ungerecht erscheinen. Wenn freie Personen tat-
sächlich unter gewissen Bedingungen entschieden hätten, gemeinsam auf
ihre Unabhängigkeit zu verzichten, ist es wahrscheinlich, daß sie Be-
dingungen unterzeichnet hätten, die nicht allen eine gleiche Kompensa-
tion an Sicherheit und Macht garantiert hätten?" (Bougie 1907a: 68)
An einer anderen Stelle hebt Bougie noch einmal den Klassencharakter
der bestehenden Ungleichheiten hervor, die mit dem Ideal eines gerech-
- 143 -
ten "Gesellsct1aftsvertrages" kritisiert werden können: "Sie (die Indivi-
duen; C.G.) würden es in einer gemeinsamen Übereinkunft als absurd
beurteilen, alle Profite einer Klasse, alle Lasten einer anderen Klasse
zu reservieren. Sie würden, mit einem Wort, wollen, daß, bevor der
Vertrag unterzeichnet wird, für die verschiedenen anwesenden Parteien
die "Rechtssachen der Einwilligung" gleich sind." (1902b: 31)

Obwohl Bougie damit einerseits eine Art "Rehabilitierung" von Rous-


se au anstrebt, weist er andererseits auf die nur mangelhafte Begrün-
dung sozialer Verpflichtungen hin, weshalb aus solidaristischer Sicht die
Konzeption des "Gesellschaftsvertrages" eben nur als ein moralphiloso-
phisches "Ideal", nicht aber als eine sozialwissenschaftliche Theorie be-
trachtet werden kann (vgl. 1907a: 70 ff). Für diese Kritik ist entschei-
dend, daß die Autonomie des Individuums nicht der Ausgangspunkt, son-
dern das Ergebnis des Vergesellschaftungsprozesses ist. Rousseau geht
von einer a-historischen Konzeption des Individuums und seiner "natürli-
chen" Freiheit aus, die es versucht, im "gesellschaftlichen" Zustand
weiter zu bewahren. Während die Freiheit dadurch zum konstitutiven
Grundmerkmal jedes Individuums wird, entsteht die Gesellschaft aus der
Notwendigkeit des Schutzes in einer feindlichen natürlichen Umwelt
(vgl. Durkheim 1966: 129). Das gesellschaftliche Zusammenleben hängt
damit von dem ursprünglich wie auch immer begründeten freien Ent-
schluß der Individuen ab, zusammenleben zu wollen, und die Gesell-
schaft bekommt dadurch eine "voluntaristische" Basis. Genau dies ist
aber nach Fouillee (vgl. Kap. 11.2.3.), Durkheim (vgl. Durkheim 1966:
197 f; Halbwachs 1918: 370 f) wie auch nach Bougie falsch: "Sie (die
Individuen; C.G.) leben von Tauschbeziehungen und Verträgen; aber die-
se individuellen Transaktionen setzen die Existenz einer Assoziation vor-
aus, weit entfernt davon, daß sie sie schaffen. C.. ) Eine Gesellschaft
kann nicht aus Verträgen zwischen Individuen entstehen; die Verträge
zwischen Individuen setzen im Gegenteil, um gültig zu sein und eine
gesellschaftliche Wirkung zu erzeugen, die Existenz einer Gesellschaft
voraus, nach deren Regeln sie formuliert und, einmal ausformuliert,
durch deren Macht sie garantiert werden." (Bougie 1899: 146)3)

Hier liegt nun der Ansatzpunkt der Soziologie, denn sie kann durch hi-
storische und empirische Analysen nachweisen, daß im Laufe des Wan-
- 144 -

dels von gesellschaftlichen Strukturen und des jeweiligen "Kollektivbe-


wuBtseins" die Individuen innerhalb der gesellschaftlichen Assoziation
eine voneinander unterschiedliche "Identität" herausgebildet und ein
gröBeres Maß an Autonomie erreicht haben. In Abschnitt 3. werden wir
ausführlich darauf eingehen, wie Bougie den gesamtgesellschaftlichen
Wandel zur Durchsetzung dieses "Individualismus" analysiert.

Rousseaus Konzeption vom "Gesellschaftsvertrag" muB also nach Bougie


in zwei wichtigen Punkten korrigiert werden: Zum einen ist die Gesell-
schaft kein rein "voluntaristisches" Produkt, denn die Individuen haben
schon immer in gesellschaftlichen Assoziationen zusammengelebt. Ihre
individuelle "Identität" und Autonomie können sich aber in der gesell-
schaftlichen Assoziation erst im Laufe der geschichtlich-gesellschaftli-
chen Entwicklung herausbilden und sind nicht schon von vorneherein ge-
geben. Zum anderen kann genau auf Grund dieses Umstandes, daß die
Autonomie der Individuen nicht "natürlich" gegeben ist, sondern von
den gesellschaftlichen Bedingungen abhängt, die Gerechtigkeit in den
Vertragsbeziehungen nicht nur durch die formale Zustimmung der bei-
den Partner in ihre gegenseitigen, subjekt festgelegten Verpflichtungen
gewährleistet werden.

Durkheim hat dieses Problem am Beispiel vertraglich geregel ter


Tauschbeziehungen verdeutlicht: "Wenn im Gegenteil die ausgetauschten
Werte nicht gleichgewichtig sind, haben sie sich nur dann nicht aus-
gleichen können, wenn irgendeine äußere Kraft in die Waagschale ge-
worfen worden ist. Es gibt einen Schaden auf der einen oder anderen
Seite; die Willensäußerungen haben nur dann nicht zu einer Überein-
kunft kommen können, wenn eine von ihnen einem direkten oder indi-
rekten Druck ausgesetzt worden ist, und dieser Druck ist eine Gewalt.
Mit einem Wort, damit die verpflichtende Kraft des Vertrages vollstän-
dig sei, genügt es nicht, daB er Gegenstand einer ausdrücklichen LU-
stimmung ist; er muß darüber hinaus gerecht sein, und er ist nicht al-
lein dadurch gerecht, daß in ihn verbal eingewilligt worden ist."
(Durkheim 1893: 377)4) Entscheidend ist es also, die Bedingungen, un-
ter denen ein Vertrag abgeschlossen wird, zu berücksichtigen, denn sind
diese für die betroffenen Individuen nicht frei und gleich, d.h. besteht
für den einen Partner zur Absicherung seiner materiellen Existenz eine
- 145 -

zwingendere Notwendigkeit, den Vertrag abzuschließen, als für den an-


deren, so besteht die Gefahr, daß die im Vertrag eingegangenen öko-
nomischen Tauschbeziehungen (z.B. Arbeit für LOhn) nicht gleichwertig
sind: "So scheint es, daß dort, wo die Disproportion der Bedingungen
bestehenbleibt, die Gleichwertigkeit in den Konventionen zwischen Privi-
legierten und Benachteiligten nicht herrschen kann. Sie sind von vorne-
herein fehlerhaft." (Bougie 1907a: 137)

Der solidaristische Quasi-Assoziationsvertrag will deshalb die Individuen


dazu bringen, auch Verpflichtungen anzuerkennen, die sich nicht wie im
"Gesellschaftsvertrag" nur aus den direkt zwischen ihnen abgeschlosse-
nen Verträgen ergeben, sondern sich auf die mehr oder weniger große
Partizipation am "gesellschaftlichen Instrumentarium" beziehen und so-
mit aus den nicht-vertragsmäßigen Bedingungen des Vertragsabschlusses
entstehen. Der Solidarismus "... verlangt nicht nur, daß die aktuelle
Organisation korrigiert wird, so als ob ihre Mitglieder die Bedingungen
des gesellschaftlichen Vertrages in aller Freiheit diskutiert hätten, son-
dern als ob sie sie mit gleichen Freiheiten, d.h. in aller Gerechtigkeit,
diskutiert hätten." (ebd., S. 99) Erst wenn die Gleichwertigkeit der
Tauschbeziehungen durch freie und gleiche Vertragsbedingungen garan-
tiert wird, geben die Individuen freiwillig und nicht nur aus Notwendig-
keit heraus ihre Zustimmung zum Zusammenleben in einer gesellschaft-
lichen Assoziation. "Die Kunst, die Zustimmungen dieser Art zu inter-
pretieren, zu entwickeln und zu vervollkommnen, wird das Hauptobj ekt
des Solidarismus sein." (ebd., S. 75)

Während also Rousseau im "Gesellschaftsvertrag" eine a-historische und


a-soziologische Moralphilosophie des Individuums und seiner "natürli-
chen" Freiheit aufstellt, die zur "Erklärung der Menschenrechte" ge-
führt hat, zielt der solidaristische Quasi-Assoziationsvertrag auf eine
"Erklärung der gesellschaftlichen Pflichten" (ebd., S. 65), wobei in der
Praxis diese Verpflichtungen durch rechtlich fixierte und sanktionierba-
re Regelungen eindeutig determiniert sein müssen. Zur Begründung der
sozialen Verpflichtungen will sich der Quasi-Assoziationsvertrag nicht
mehr auf "philosophische Spekulationen" über die universale "Natur"
des Menschen, sondern auf sozial wissenschaftliche Forschungen über die
gesellschaftlichen Bedingungen der Vertragsabschlüsse stützen. Dies
- 146 -

wird im folgenden besonders an zwei Fragestellungen verdeutlicht: Wie


kann die Gleichgewichtigkeit in den ökonomischen Tauschbeziehungen
zwischen den Individuen realisiert werden (vgl. Abschnitt 2.2.2.), und
welche Form der "Autonomie" ist für diese in der arbeitsteiligen Ge-
sellschaft möglich (''';]1. Abschnitt 4.3.1.)?

2. Sozialökonomische Maßnahmen und Ziele

In diesem Abschnitt soll die sozioökonomische Fundierung des Solida-


rismus durch Bougie dargestellt werden. Diese von ihm entwickelten
sozialökonomischen Maßnahmen und Ziele müssen als eine Ergänzung
der solidaristischen Sozialpolitik interpretiert werden (vgl. Kap. 11.4.1.),
die alleine nicht die Durchsetzung der "sozialen" Demokratie garantie-
ren kann. Für die angestrebte "Assoziation von Kapital und Arbeit"
entwickelt er verschiedene Konzeptionen in bezug auf die Einschränkung
des Eigentumsrechts, die ökonomische und normative Konzeption der
"Arbeitsgesellschaft", die Rolle der Gewerkschaften und Genossenschaf-
ten sowie die ökonomischen Funktionen des Staates. Dabei werden ei-
nerseits die zum Teil auf frühsozialistische Theoretiker zurückgehenden
Ursprünge dieser Konzeptionen verdeutlicht und wie sie z. T. auch von
Simiand und Halbwachs aufgegriffen worden sind; zum anderen wird
versucht aufzuzeigen, welche konkreten Realisierungsvorschläge in dem
historisch-politischen Rahmen der Dritten Republik von Bougie propa-
giert werden. Abschließend gehen wir darauf ein, welche negativen
ökonomischen und sozialen Konsequenzen der uneingeschränkten Konkur-
renz, die der Klassische Liberalismus nicht beachtet hat, durch die so-
lidaristische Sozialökonomie korrigiert werden sollen.

2.1. Die Beschränkung des Eigentumsrechtes

Ausgangspunkt der solidaristischen Eigentumskonzeption ist der Wider-


spruch zwischen der politisch-rechtlichen Gleichheit der Individuen und
der Unsicherheit der materiellen Existenzabsicherung für die überwie-
gende Mehrheit unter ihnen. Durch den fehlenden Besitz an Produk-
- 147 -

tionsmitteln befinden sie sich gegenüber den Produktionsmittelbesitzern


in einem Zustand der Abhängigkeit, der nicht nur ihre ökonomisch-ma-
terielle Existenz, sondern sogar die Ausübung ihrer politischen und zivi-
len Rechte bedroht. "Die moderne Polis ("cite") kennt vom Titel her
keine Sklaven mehr. Aber impliziert nicht ihre ökonomische Organisa-
tion die tatsächliche Unterwerfung einer großen Anzahl? Durch die
Abwesenheit von Eigentum wird die Freiheit, zu gehen und zu kommen,
nach seinem Willen Handel zu treiben, zu glauben, was man will, und
zu sagen, was man glaubt, außerordentlich begrenzt." (Bougie 1921:
207) Welche Konsequenzen sind nun aus dieser strukturellen ökonomi-
schen Ungleichheit zwischen den Individuen zu ziehen?

Der Kollektivismus leitet aus diesem Zustand die Forderung nach einem
"großen ungeteilten Eigentum" (1908a: 60) ab: Das im Kapitalismus
zersplitterte Privateigentum soll in ein umfassendes Staatseigentum
überführt werden, wobei dann unter Ausschaltung jeglicher Konkurrenz
"im Interesse von allen und nicht mehr einer Klasse das diktatorische
Proletariat diese Masse steuern wird" (ebd.). Unabdingbare Vorausset-
zung für diese Transformation der Struktur des Eigentums ist die poli-
tische Machtausübung des Proletariats im Staate. Von daher leitet sich
Guesdes berühmte Formel ab: "Die politische Enteignung der bürgerli-
chen Klasse ist die notwendige Einleitung seiner ökonomischen Enteig-
nung." (ebd.j vgl. Kap. 11.3.3.) Die kollektivistische Konzeption der
Konzentration der politischen und ökonomischen Macht in den Händen
des Staates nennt Bougie die "Theorie des Wirtschaftsblocks" (ebd., S.
59), und wir haben bereits dargestellt, daß genau auf Grund dieser un-
kontrollierbaren Machtkonzentration die Solidaristen diese Perspektive
der Transformation der kapitalistischen Eigentumsstruktur ablehnen, was
von Bougie unterstützt wird (vgl. ebd., S. 207j 1907a: 198 f).

Die solidaristische Eigentumskonzeption verfolgt dagegen statt der Ab-


schaffung jeglichen Privateigentums genau umgekehrt die möglichst
wei tgehende Auf teilung von Eigentum unter den Gesellschaftsmitglie-
dern, um ihnen die ökonomische Selbständigkeit zu ermöglichen, bzw.,
wo dies nicht möglich ist, zumindest die gesellschaftliche Verfügung
über das Privateigentum durchzusetzen, um auch im Falle der Lohnab-
hängigkeit eine möglichst weitgehende Absicherung der materiellen
- 148 -

Existenz zu ermöglichen. BougIe zeigt die historischen Ursprünge dieser


Konzeption auf, wobei er bis auf die Französische Revolution 1789 zu-
rückgeht. Diese Revolution hat dabei durchaus zunächst einen "konser-
vativen" Charakter, denn sie legt die Unantastbarkeit des Privateigen-
tums als eines der grundlegenden Rechte jedes Individuums in der "Er-
klärung der Menschenrechte" fest (vgl. 1932: 48 f).

Dennoch kommt es durch die Enteignung des Landbesitzes der Kirche


und des emigrierten Adels sowie durch die Aufteilung dieser Länderei-
en an die Bauern (z. T. gehen sie allerdings auch in den Besi tz des
städtischen Großbürgertums über) zu der einschneidensten Veränderung
der Eigentumsverhältnisse, die Frankreich je gekannt hat (vgl. ebd., S.
50). Trotz der Tatsache, daß diese Enteignungen zugunsten einer neuen
Gruppe von bäuerlichen Kleinbesitzern vorgenommen wurden, sieht BougIe
in dem Handeln der großbürgerlichen Revolutionäre 1789 einen ent-
scheidenden Widerspruch, nämlich in der Theorie die Unverletztlichkeit
des Privateigentums zu proklamieren und gleichzeitig eine der größten
Enteignungsmaßnahmen durchzuführen, die genau das Prinzip selbst des
Privateigentums in Frage stellt (vgl. ebd.).

Dieser Widerspruch gewinnt im weiteren Verlauf der Revolution an


Schärfe. Durch die Aufstände im innern und die Kriegserklärungen der
anderen europäischen Monarchien wird die Versorgungssituation in den
Städten, besonders in Paris, immer schwieriger, so daß die Jakobiner,
als die Sprecher der kleinbürgerlichen "Sanskulotten", 1793 die politi-
sche Macht an sich reißen können 5 ). Der Wohlfahrtsausschuß unter Ro-
bespierre setzt Maßnahmen der Rationierung und Beschlagnahmung von
Lebensmitteln u.a. durch, und das t:igentumsrecht erfährt damit zum
ersten Mal eine deutliche Einschränkung. "Man weiß, daß Robespierre
es nicht mehr als ein Naturrecht präsentiert, sondern als ein zugestan-
denes und notfalls durch die Gesellschaft begrenzbares Recht: Wenn das
Interesse der Masse es zu fordern scheint, warum wäre dieses Recht
nicht immer härteren Einschränkungen unterworfen?" (ebd., S. 52)
Auch wenn die Jakobiner das Eigentumsrecht einschränken, so wollen
sie es doch nicht abschaffen, denn diese Maßnahmen dienen nur dazu,
die Not der besitzlosen städtischen Massen abzumildern; von der grund-
- 149 -

sätzlichen Konzeption der Ausdehnung des Eigentums wenden sich auch


die Jakobiner nicht ab 6 ).

Mit der anschließenden Stabilisierung der Herrschaft des Großbürger-


tums (Direktorium und Erstes Kaiserreich) und schließlich gar der mo-
narchistischen Restauration kann sich die traditionelle Eigentumskon-
zeption erneut durchsetzen. Sie wird erst wieder durch die Frühsoziali-
sten in Frage gestellt, als das Problem des Pauperismus im Zuge der
beginnenden Industrialisierung immer deutlicher wird. Oie Saint-Simoni-
sten (nach 1825) spielen dabei die Rolle der Protagonisten. Von Saint-
Simon selbst stammt zwar der Satz: "Jeder Eigentümer ist ein Verwah-
rer , der mit seinem Eigentum allen Menschen gegenüber Rechenschaft
schuldet." (zitiert nach Gide 1932: 171) Aber er leitet hieraus nur eine
religiös motivierte Verpflichtung der Industriebourgeoisie ab, die mate-
rielle Existenz der "zahlreichsten und ärmsten Klasse" zu verbessern
(vgl. Bougie 1932: 86). Erst seine Schüler kommen zu konkreten Ein-
schränkungen des Eigentumsrechtes: Sie fordern zunächst die Einführung
einer Erbschaftssteuer, aber schließlich das Verbot jeglicher Kollateral-
und direkten Erbschaft, die ganz dem Staat zufließen muß, damit nicht
durch die Geburt, sondern nur durch die Fähigkeiten und Leistungen je-
des Individuum die für ihn optimale Position in der Produktion einnimmt
(vgl. ebd., S. 87). Im Grunde genommen werden die Saint-Simonisten
durch die Erhebung dieser Forderung zu den ersten Befürwortern der
"Chancengleichhei t ".

Oie Saint-Simonisten stellen als erste aber auch noch eine weitere
zentrale Forderung auf: Oie Abschaffung der "Einkommen ohne Ar-
beit,,7). Diese Forderung richtet sich nicht nur gegen Adel und Klerus
(wie hauptsächlich bei Saint-Simon selbst), sondern auch gegen jenes
"Rentierbürgertum" , das von der produktiven Arbeit anderer lebt, indem
es sich über das Privateigentum an Boden bzw. industriellen Produk-
tionsmitteln den größten Anteil des finanziellen Ertrages dieser Arbeit
sichert, ohne selbst produktiv tätig zu sein. Oie Einschränkung des Ei-
gentumsrechtes ist also die notwendige Voraussetzung für die Reduzie-
rung oder gar völlige Abschaffung dieser Art von "Rente": "Im Zen-
trum dieser ganzen Argumentation steht die Idee, daß das Eigentum ei-
ne historische Kategorie ist. Hier fehlt noch das Wort. Es wird erst
durch Rodbertus ausgesprochen werden, aber von einem Rodbertus, der,
- 150 -

so scheint es, tief von der Lehre der Saint-Simonisten geprägt worden
ist." (ebd., S. BB)B)

Hinter der Konzeption des Eigentums als einer "historischen Kategorie"


verbirgt sich vor allem die Erkenntnis, daß das Eigentum nicht als ein
"absolutes Recht" (vgl. ebd.), sondern als eine soziale Institution, die
sich veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anpassen muß, zu ver-
stehen ist. Nach Gide stammt die Idee des Eigentums als einem "abso-
luten Recht" aus dem Römischen Recht: "Das individuelle Eigentum,
sei es der Erde oder des Kapitals, war eine lange und berühmte Tradi-
tion, die Rom uns in der Form des perpetuellen und absoluten Eigen-
tums hinterlassen hat: jus fruendi, utendi et abutendi, das Recht zu
gebrauchen, zu nutznießen und zu mißbrauchen." (Gide 1932: 16B) In
diesem Sinne ist das Eigentumsrecht als ein "Recht, in einer vollstän-
digen und endgültigen Art zu verfügen" (ebd.), interpretiert worden.

Gegen genau diese Art der "vollständigen Verfügungsfreiheit" über das


Privateigentum wendet sich auch Auguste Comte (in seinem "Discours
sur I'ensemble du positivisme", IB4B), denn er kritisiert "die mangel-
hafte, von den meisten modernen Juristen angenommene Definition, die
dem Eigentum eine absolute Individualität zuschreiben, als ein Recht zu
gebrauchen und zu mißbrauchen". (Comte 1972: 252) Gemäß seinem
Gesetz der "Solidarität zwischen und innerhalb von Generationen"
macht er darauf aufmerksam, daß der Ursprung jeglichen, über das Pri-
vateigentum angeeigneten Reichtums auch ein gesellschaftlicher ist, und
daß deshalb der Gesellschaft ein Recht eingeräumt werden muß, über
seine Verwendung mitzubestimmen, d.h. Steuern zu erheben und zu kon-
fiszieren (vgl. ebd., S. 253). Die liberalen Llkonomen erkennen dagegen
diese gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht an, weshalb sie "alle ge-
sellschaftlichen Regelungen der persönlichen Vermögen" (ebd.) ableh-
nen, und Comte seinerseits ihre Position scharf kritisiert: "Diese anti-
soziale Theorie, die historisch einer übertriebenen Reaktion gegen aus-
sergewöhnliche Unterdrückungen zu verdanken ist, entbehrt ebensosehr
der Gerechtigkeit wie der Realität." (ebd., S. 252)

Wichtig ist es zu erkennen, daß Comte die Position des Klassischen li-
beralismus sowohl aus einer "moralischen", als auch aus einer soziolo-
gischen Perspektive kritisiert (Mangel an Gerechtigkeit bzw. "Realität",
- 151 -

d.h. empirisch überprüften Beobachtungen), was bereits dem solidaristi-


schen Ansatz entspricht. Die liberale Konzeption von der "vollständigen
Verfügungsfreiheit" über das Privateigentum kann nicht gerecht sein, da
sie die gesellschaftlichen Bedingungen über die Entstehung von Eigen-
tum nicht berücksichtigt, was vom Solidarismus gefordert wird: "Dieses
Privateigentum, welches zahlreiche Wurzeln in der Vergangenheit und in
der Mitwelt hat, kann nicht nur von einem Einzigen angeeignet werden:
Es muß sozial in seinen Zielen sein, wie es dies in seinen Ursprüngen
ist." (Gide 1932: 1690

Diese Eigentumskonzeption leitet sich demnach aus der "sachlichen So-


Iidarität", d.h. der Arbeitsteilung und Interdependenz, ab, die den ge-
sellschaftlichen Ursprung jeden Eigentums begründen (vgl. ebd., S. 168).
Wenn die Gesellschaft aber trotzdem den Individuen eine Verfügungsge-
walt, wenn auch eine eingeschränkte, über das Eigentum zugesteht,
dann geschieht dies deshalb, weil sie dem Eigentum eine spezifische
gesellschaftliche Funktion zuschreibt. Dies ist von Comte bereits aus-
formuliert worden: " ... das Eigentum, in dem der Positivismus vor allem
eine unabdingbare soziale Funktion sieht, die dazu bestimmt ist, die
Kapitalien zu bilden und zu verwalten, durch die jede Generation die
Arbeiten der folgenden vorbereitet." (Comte 1972: 254) Während Comte
aber nur in einer sehr allgemeinen Weise von der "Bildung und Verwal-
tung des Kapitals" spricht, präzisiert Gide die gesellschaftliche Funk-
tion des Eigentums für den Solidarismus auf eine gezielt ökonomische:
" .•• es ist im gesellschaftlichen Interesse und .•. er (der Solidarismus;
C.G.) denkt, daß es das beste Mittel sein wird, um das Maximum an
Rentabilität von der Erde, der Fabrik, der Mine zu erzielen, das Pro-
dukt denjenigen zu überlassen, die beauftragt sind, es zu verwalten."
(Gide 1932: 172) Die ökonomische Funktion des Eigentums besteht also
in der Erhöhung der Produktivität, indem über das Eigentum der Ertrag
der Eigeninitiative den individuellen Produzenten zufließt (bei Gruppen
über das genossenschaftliche Eigentum). Die Erfüllung dieser spezifi-
schen ökonomischen und in ihren Auswirkungen auch gesellschaftlichen
Funktion des Eigentums schließt seine "vollständige Verfügungsfreiheit"
aus: "Nur angesichts des gesellschaftlichen Charakters des Eigentums
wird es legitim sein, daß dieses Eigentum gewissen Beschränkungen im
öffentlichen Interesse unterworfen wird. Da die Gesellschaft dem
- 152 -

Eigentümer die Produkte überläßt, kann sie also gewisse Bedingungen


an dieses Überlassen knüpfen." (ebd.)

Unter diese "Überlassungsbedingungen" fallen nach Gide nicht nur die


Forderung nach einer Erbschaftssteuer und der progressiven Einkom-
menssteuer, sondern darüber hinaus alle Arten von Enteignungen im
"öffentlichen Interesse", die sich bei Grundstücken nicht nur auf Ein-
zelfälle z.B. beim Straßen- oder Eisenbahnbau beschränken dürfen, son-
dern die Enteignung von Großgrundbesitzern zugunsten eines besitzlosen
Landarbeiterproletariats miteinschließt (vgl. ebd., S. 173). Was das In-
dustriekapital anbetrifft, so muß das Eigentumsrecht durch die "Form
der Arbeiterkontrolle" (ebd., S. 174) eingeschränkt werden, was auf
Mitbestimmung, Gewinn- und Kapitalbeteiligung der Lohnabhängigen ab-
zielt.

Fassen wir zusammen: In der solidaristischen Perspektive wird das


Recht auf Eigentum nicht als ein "absolutes Recht" verstanden, wel-
ches eine "vollständige Verfügungsfreiheit" impliziert, sondern es hat
eine spezifische ökonomische Funktion, die der Steigerung der Produkti-
vität, zu erfüllen. BougIe unterstützt diese Konzeption, wobei er den
Kollektivisten gleichzeitig vorwirft, mit ihrer These vom "Wirtschafts-
block" diese Funktion des Eigentums nicht erkannt zu haben. "Sie (die
Solidaristenj C.G.) sehen nicht genau, wie die Nation dieses ungeteilte
Eigentum direkt oder indirekt steuern würde. Vielmehr glauben sie
ziemlich genau zu sehen, wenn derart gesteuert wird, daß man riskieren
würde, die erprobten Triebfedern der Produktion zu zerbrechen." (Bou-
gIe 1908a: 207) Diese ökonomische Funktion kann natürlich nur dann
erfüllt werden, wenn die Individuen tatsächlich die Besitzer ihrer Pro-
duktionsmittel sind, d.h. " ... überall dort, wo es (das Privateigentumj
C.G.) tatsächlich als eine Verlängerung des Menschen über die durch
seine Arbeit erworbenen und für seine Unabhängigkeit notwendigen
Dinge erscheint ... " (1907a: 204 f).

Umgekehrt ist die Forderung nach der Aufrechterhaltung des Privatei-


gentums an Produktionsmitteln für die Lohnabhängigen bedeutungslos,
denn "diejenigen, die Eigentümer nur von dem sind, was sie tagtäglich
verdienen - die Lohnabhängigen - erfreuen sich keineswegs dieser
höheren Freiheit, die das individuelle Eigentum zusichert... Davon zu
- 153 -

sprechen, das individuelle Eigentum der Fabrikarbeiter aufrechtzuerhal-


ten, wäre tatsächlich in den meisten Fällen nur Köder und blutige Iro-
nie." (ebd., S. 203) Um trotzdem die materielle Existenz der abhängig
Beschäftigten abzusichern, bedarf es einerseits eines umfassenden
Sozialversicherungssystems und einer Steuerreform zu seiner Finanzie-
rung, so wie es Bourgeois vorgeschlagen hat, und andererseits muß
durch Gewinnbeteiligungen und Mitbestimmung die Lohnarbeit durch die
"assoziierte Arbeit" (nach F. Buisson) ersetzt werden (vgl. ebd.).

All diese von den Solidaristen vorgeschlagenen Maßnahmen laufen auf


eine Beschränkung des Eigentumsrechtes hinaus: "Müssen nicht alle
Maßnahmen, die sie ... vorbereiten, ... ebensosehr direkt wie indirekt
Beschränkungen sein, die der Allmacht der Eigentümer auferlegt wer-
den?" (1908a: 223) Mit der Konzeption der Beschränkung des Eigen-
tumsrechtes wird sowohl die "völlige Verfügungsfreiheit" als auch die
Abschaffung des Privateigentums an Boden und Produktionsmitteln abge-
lehnt; die solidaristische Doktrin steht damit zwischen dem Klassischen
Liberalismus und dem Kollektivismus und kann sich in der Eigentums-
frage nur dem Reformsozialismus annähern. "Die Doktrin, deren Evolu-
tion wir nachvollzogen haben, könnte sich vielleicht schließlich mit dem
"solidarischen Eigentum", nach der von Rauh vorgeschlagenen Formel,
abfinden." (1907a: 172; vgl. Kap. [1.3.2.2.) Das individuelle und das "so-
lidarische" Eigentum erfüllen sowohl die ökonomische Funktion der
Steigerung der Produktivität als auch die gesellsChaftliche Funktion der
ökonomischen Selbständigkeit der Individuen.

2.2. Produktion, Einkommen und Konsum in der "Arbeitsgesellschaft"

Im letzten Abschnitt ist dargestellt worden, welche ökonomische und


gesellschaftliche Funktion das Privateigentum an Boden und Produk-
tionsmitteln aus solidaristischer Perspektive erfüllt. Damit diese Funk-
tionen erfüllt werden können, und um gleichzeitig Mißbräuche auszu-
schließen, wird das Eigentum an die produktive Tätigkeit des Eigentü-
mers gekoppel t. In diesem Abschnitt wird gezeigt werden, daß BougIe
den frühsozialistischen Ansätzen von Saint-Simon, Proudhon und Fourier
zur Begründung der "Arbeitsgesellschaft" folgt (wobei weder diese noch
- 154 -

er selbst diesen Begriff schon benutzen), in der sich nicht nur das Ei-
gentum, sondern auch der soziale Status und das Einkommen erst durch
Arbeit "legitimieren". Schließlich werden wir darauf eingehen, daß mit
der Steigerung der Produktion auch eine Neubewertung des Konsums
erfolgen muß, und welche weitergehenden Schlußfolgerungen hieraus
Halbwachs zieht. Zuvor wird aber dargestellt, daß die positive Wert-
schätzung von Arbeit sich nicht auf eine spezifische ökonomische Tätig-
keit reduzieren läßt, was im übrigen ganz der Perspektive Simiands ent-
spricht.

2.2. L Arbeit und Produktion

Bougie und Simiand haben sich beide historisch zurückblickend mit dem
Wandel der gesellschaftlichen Wertschätzung von Arbeit auseinanderge-
setzt.

Simiand zeigt in seiner Antrittsvorlesung am Lehrstuhl für "Geschichte


der Arbeit" am "College de France" Ende 1932 die kontroversen Stand-
punkte auf, die hierzu im Mittelalter (und schon früher in der Antike)
bestanden haben (vgl. Simiand 1932: 17 f). In der mittelalterlichen
Ständegesellschaft lehnten Klerus und Adel (als die bei den ersten Stän-
de) bäuerliche, handwerkliche oder kommerzielle Aktivitäten als unter
ihrer Standesehre stehend ab. Erst der wirtschaftliche (und damit auch
pOlitische) Aufstieg des Bürgertums in den Städten führte zu einer all-
mählichen Infragestellung dieser Wertehierarchie, da er nur durch eine
Intensivierung und Ausdehnung der Aktivi täten von Zünften und Gilden
möglich gewesen ist. Dem widerspricht nicht, daß reich gewordene Pa-
trizierfamilien den Handel aufgaben, um einen adligen Lebensstil anzu-
nehmen bzw. umgekehrt, daß bestimmte Adelsfamilien, um ihre Einnah-
men zu steigern, nicht mehr nur ihre Ländereien verpachteten, sondern
Bauern vertrieben und z.B. Schafszucht für den Handel mit den städti-
schen Manufaktureien zu betreiben anfingen (besonders in England).
Diese Phänomene verdeutlichen nichts wei ter als die Langsamkei t und
die Widersprüchlichkeit des sich abzeichnenden tiefen Wertewandels.

Im Gegensatz zu Simiand beschränkt sich Bougie in seiner historischen


- 155 -

Analyse auf Frankreich und geht nur bis ins 18. Jahrhundert zurück. Er
erklärt, wie sich eine der wesentlichen Kritiken an der Ständegesell-
schaft des "Ancien Regime" in der Neubewertung der "produktiven
Nützlichkeit" der verschiedenen sozialen Klassen artikuliert, und wel-
,f)em Wandel diese Bewertung dann nach der politischen Durchsetzung
der "bürgerlichen Gesellschaft" vor allem in der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts unterliegt. Für diese Entwicklung war Rousseau einer der
wichtigsten Wegbereiter, denn aus seiner Kritik an den verkrusteten so-
zialen Ungleichheiten der Ständegesellschaft resultiert bereits " •.. diese
Umkehrung der Werte, die zuerst der Revolution von 89, dann der von
48 ihr Programm liefern sollte" (Bougie 1912: 181). Wie Bougie betont,
kommt Rousseau allerdings noch nicht zu einer Verherrlichung des In-
dustrieproletariats, welches im 18. Jahrhundert noch gar nicht existier-
te, sondern sein Ideal ist der selbständige Handwerker und Bauer, wo-
bei er den letzteren auf Grund der Einbindung seiner Lebensweise in
die "Natur" noch bevorzugt (vgl. ebd., S. 178 ff). Entscheidend ist
aber, daß für ihn das aus Handwerkern und vor allem aus Bauern zu-
sammengesetzte "Volk" gegenüber den ersten beiden Ständen "zweifach
adlig" ist: "Sowohl weil es auf Grund seiner Sitten der Natur am
nächsten ist, als auch weil es auf Grund seiner Arbeit dem Leben der
Nation am nützlichsten ist." (1932: 11)

Die hier schon erkennbare positive Neubewertung von Arbeit wird unter
dem "Ancien Regime" auch durch die Physiokraten unterstützt, denn
"die durch das 18. Jahrhundert begonnene Diskussion über den jeweili-
gen Wert der Klassen setzte einen Vergleich in bezug auf ihre produk-
tive Kapazität voraus." (J 921: 219 f) In der vorindustriellen Gesell-
schaft des "Ancien Regime" fäll t dieser Vergleich durch die Physiokra-
ten zugunsten der Bauern aus, wobei nicht vergessen werden darf, daß
sie sich in erster Linie gegen das ökonomische System des Merkanti-
lismus wenden, der die Prosperität eines Landes ausschließlich an der
Höhe der Einnahmen des Staates mißt 9). "Das Ergebnis dieser Überle-
gungen ist das beanspruchte Übergewicht für die Klassen, die die Erde
bebauen. Eigentlich sie allein verdienen die Bezeichnung produktiv."
(1932: 28) Die wirklichen ökonomischen Ressourcen stecken demnach in
der Fruchtbarkeit des Bodens, und nur die Bauern machen diesen durch
ihre Arbeit für die übrigen Gesellschaftsmitglieder nützlich, so daß die
- 156 -

Landwirtschaft zur wesentlichen Quelle jeglichen Wohlstandes wird.


Nicht nur Adel und Klerus, selbst Handwerker und Händler scheinen
demgegenüber mehr zu konsumieren als zu produzieren, da das Hand-
werk die Naturprodukte nur "transformiert" und der Handel diese nur
"transportiert" (vgl. ebd., S. 29; 1921: 220). In der Geringschätzung des
Handwerks kommt vor allem die Kritik der Physiokraten an den fast
ausschließlich auf die Luxusproduktion für den königlichen Hof ausge-
richteten Manufaktureien zum Ausdruck.

Durch die bürgerliche Revolution wird zwar die neue positive Bewertung
der Arbeit bekräftigt, denn im Gegensatz zum "Ancien Regime" wird
die Ausdehnung der politischen Rechte auch mit der "Nützlichkeit des
Produzenten" (1921: 220) begründet, auch wenn das Wort hierfür noch
fehlt. Der Unterschied zu den Physiokraten besteht aber darin, daß nun
das Bürgertum diese "Nützlichkeit" für sich beansprucht: "Wenn der
Dritte Stand ... eine vollständige Nation bildet, dann bedeutet dies, daß
er den Auftrag und die Ehre aller wirklich nützlichen besonderen Ar-
beiten und öffentlichen Funktionen hat." (ebd.) Sieyes bringt diese Be-
hauptung in seiner programmatischen Schrift "Was ist der Dritte
Stand?" bei Ausbruch der Revolution 1789 auf die knappe Formel:
"Nichts kann ohne ihn gehen, alles ginge unendlich besser ohne die an-
deren." (ebd.)

Auch Saint-Si mon bleibt in dieser Argumentationslinie, obwohl er sie


entscheidend präzisiert. "Müßiggänger", d.h. "unproduktive Konsumen-
ten" (vgl. ebd., S. 222 0, sind für ihn nicht nur Militär, Adel und Kle-
rus, sondern auch innerhalb des Bürgertums vor allem die "Advokaten",
worunter er den aufgeblähten Beamtenapparat faßt. Oie eigentlichen
Produzenten sind dagegen die "Industriellen", zu denen er nicht nur Un-
ternehmer und Arbeiter zählt, sondern auch die Bankiers, die Wissen-
schaftler und die Künstler. Während die Bankiers durch die Kreditver-
gabe die Agrar- und Industrieproduktion ermöglichen und koordinieren
sollen, sollen die Wissenschaftler, insbesondere die "Ingenieure", die
Produktionsverfahren verbessern, um die Quantität und Qualität der
Produkte zu erhöhen; die Künstler sollen den "Enthusiasmus" der Mas-
sen für die Steigerung der Produktion wecken (vgl. 1932: 84 f, 88).

Jede Berufsgruppe hat auf diese Weise für das Ziel der Steigerung der
- 157 -

Produktion, d.h. des Wirtschaftswachstums, eine bestimmte Funktion zu


erfüllen, wobei allerdings der Schwerpunkt in Saint-Simons "industriel-
lem System" viel mehr auf den "organisatorischen Fähigkeiten" (1921:
221; 1923: 117) der Produzenten als auf der manuellen Arbeit selbst
liegt. Auch wenn die "Industriellen" alle über der Klasse der "Müssig-
gänger" stehen, so gibt es entsprechend der Notwendigkeit der "Orga-
nisation" der Produktion lO ) auch zwischen den Produzenten eine klare
Hierarchie. Die Arbeiter sind dem Unternehmer untergeordnet, diese
wiederum den Bankiers. Am wichtigsten ist aber die Tätigkeit der Wis-
senschaftler und Künstler, die, in der heutigen Terminologie ausge-
drückt, die "Innovation" der Produktion und die "Motivation" der Produ-
zenten garantieren sollen. Die Rolle der "Intellektuellen" wird auch von
einem Schüler Saint-Simons, Enfantin, besonders hervorgehoben. Er
spricht sich für die Schaffung eines "intellektuellen Kredites" aus: "Er
wird fordern, daß man die Stipendien für die Entwicklung der Talente
vervielfältigt. Er weiß, er erinnert daran, daß die Intelligenz der
Hauptreichtum der Nationen ist. Aber die Intelligenz selbst bleibt in
diesem System im Dienst der Industrie. Ihr Fortschritt bleibt die Ein-
leitung aller anderen." (1932: 85) Die Steigerung der Produktion hängt
also auch von der "Chancengleichheit" ab, selbst wenn dieser Begriff
von den Saint-Simonisten noch nicht benutzt wird.

Insgesamt wird das Bild einer klar hierarchisierten Gesellschaft deut-


lich, in der jedes Individuum gemäß seiner Fähigkeiten und Leistungen
die ihm entsprechende Position in der Produktion finden muß. "Es ge-
fällt ihm (Saint-Simon; C.G.) ... in dieser industriellen Gesellschaft,
nicht zwischen den Interessen der Unternehmer und •.. den der Arbeiter
zu unterscheiden. Er spricht gerne von dieser Gesellschaft als einem
Block, und einem Block, der die Form einer Pyramide behalten müßte.
Es steht den Fähigkeiten zu, indem die Funktionen nach den Eignungen
verteilt werden und indem die Vergütungen nach den Leistungen pro-
portioniert werden, die neue Ordnung herrschen zu lassen." (1918: 4 f)

Entscheidend ist es also festzuhalten, daß in diesem hierarchischen Sy-


stem der manuellen Arbeit zwar eine wichtige, nicht aber die wesentli-
che Bedeutung für die Industrieproduktion zugeschrieben wird. Dies än-
dert sich auch nicht, als Saint-Simon und vor allem seine Schüler er-
- 158 -

kennen, daß mit dem eigentlichen Beginn der Industrialisierung der In-
teressenantagonismus zwischen Unternehmern und Arbeitern ihre Inter-
essenassoziation innerhalb der "Industriellen" überwiegt II ). Trotz der
Beibehaltung des hierarchischen Prinzips in der Produktion betonen sie
deshalb immer mehr die Notwendigkeit der "materiellen und morali-
schen Verbesserung des Schicksals der größten Zahl" (zitiert nach 1918:
4). Sie beklagen, daß die Klasse, "die kein anderes Existenzmittel hat
als die Arbeit ihrer Arme" (ebd.), zum direkten Nachfolger der Sklaven
in der Antike und der Lehnsbauern im Feudalismus werden. "Weniger
unterdrückt als seine Vorfahren, ist es (das Proletariat; C.G.) doch ein
Unterdrückter, da es weder die materiellen Mittel besitzt, seine Fähig-
keiten zur Geltung zu bringen, noch sich nach seinen Leistungen bezah-
len läßt." (I932: 89) Damit einher geht, wie bereits dargestellt worden
ist, die Kritik an jenen Fabrikbesitzern, die nicht mehr selbst die Lei-
tung ihres Betriebes wahrnehmen, sondern nur noch die "Rente" bezie-
hen, und deshalb nicht mehr der Klasse der "Industriellen", sondern der
der "Müßiggänger" zuzuordnen sind.

Die Arbeit, d.h. die Fähigkeiten und Leistungen jedes Individuums,


werden dadurch zur grundlegenden Kategorie, über deren "produktive
Nützlichkeit" sowohl der soziale Status als auch das Einkommen und
Eigentum jedes Gesellschaftsmitgliedes gemessen werden soll. Der
Saint-Simonismus trägt dadurch wesentlich zur normativen Begründung
der "Arbeitsgesellschaft" bei. "Die Arbeit, die lange geringgeschätzt
worden ist, vielleicht weil sie in der antiken Polis das Los der Sklaven
zu sein schien, tendiert in unseren industrialisierten Nationen zum Prin-
zip jeglicher Würde zu werden. Man sieht bereitwillig in ihr sowohl den
Schöpfer aller ökonomischen Werte als auch den höchsten moralischen
Wert." (I 921: 223) Aber die Kritik am Pauperismus und den "Einkom-
men ohne Arbeit" führt nach dem Ende des Saint-Simonismus zu einer
Umkehrung der von ihm proklamierten Hierarchie in der "Arbeitsgesell-
schaft". In den Jahren vor 1848 gehören ehemalige Saint-Simonisten
mit zu den aktivsten frühsozialistischen Agitatoren (vgl. 1918: 48 f) und
eine unter ihnen, Flora Tristan, prägt für das Proletariat die Formel:
"die zahlreichste und nützlichste Klasse" (ebd., S. 50).

Die "Apologie der Produzenten" wird auf eine Glorifizierung des Pro-
- 159 -

letariats und damit der manuellen Arbeit verkürzt, was bei Proudhon
(vgl. 1921: 221; 1923: 118) und besonders bei Marx offensichtlich wird.
In Marx' Arbeitswertlehre sieht Bougie den Höhepunkt der "Apologie
der Arbeit des Fabrikarbeiters, Schöpfer allen Reichtums" (1932: 30),
was zu einem radikalen Bruch und zu einer Umkehrung aller bisherigen
Wertesysteme führt. Diese Verabsolutierung der produktiven manuellen
Tätigkeit des Proletariats "... wird durch eine Wirtschaftstheorie ge-
rechtfertigt werden, eine "Werttheorie" , deren Elemente Marx bei Ri-
cardo entleiht. Jeder Wert wird durch Arbeit gemessen, sagt dieser.
Für Marx entsteht jeder Wert aus der Arbeitskraft, die der Arbeiter
dem Unternehmer verkauft. Wir sind hier ganz in der "Ponokratie", in
den Antipoden der Physiokratie. Die Religion der Arbeit, ponos, hat
den Kult der phusis, der produktiven Natur, ersetzt." (ebd.; vgl. auch
1921: 225; 1922: 98)

Für Bougie ist es nun entscheidend, innerhalb dieser "Ponokratie" genau


zwischen dem Berechtigten und dem Übertriebenen zu differenzieren.
Berechtigt ist die Aufwertung der manuellen Industriearbeit, da sie ei-
nen wesentlichen Faktor in der Gesamtproduktion darstellt und somit
über ihre ökonomische und darüber hinaus gesellschaftliche "Nützlich-
keit" kein Zweifel bestehen kann; außerdem muß jeder seiner Arbeits-
leistung entsprechend bezahlt werden, weshalb der Pauperismus über-
wunden werden muß. Aber diese berechtigten Forderungen dürfen nicht
zu jener Übertreibung führen, die darin besteht, ausschließlich der ma-
nuellen Industriearbeit einen produktiven Charakter zuzuerkennen. "Von
dort zu schließen, daß einzig ihre Arbeit produktiv ist, besteht eine Di-
stanz. Die Theorie, die vorgab, den Wert der Produkte durch die Quan-
tität an Stunden manueller Arbeit, die hierin wie einverleibt wäre, zu
messen, hat sich sicherlich als zu eng gezeigt, um der Komplexität der
Tatsachen Rechnung zu tragen." (1921: 224 f) Stattdessen muß der Be-
griff der Produzenten wieder seine ursprüngliche diversifizierte Bedeu-
tung zurückerhalten. "Es kommt nur darauf an, nicht ungebührlich den
Begriff des Produzenten zu verengen und innerhalb der Gattung homo
faber die Verschiedenartigkeit der notwendigen Arten bis zu einer neu-
en Ordnung des Lebens der Nation aufrechtzuerhalten." (ebd., S. 223 f)

Fran~ois Simiand nimmt hierzu eine identische Position ein. Ausdrück-


- 160 -

lich warnt er davor, den Begriff der "arbeitenden Klassen" auf die In-
dustriearbeiter zu beschränken. "Können wir außerhalb unseres Rahmens
••. die eigentlichen Handwerker, die unabhängigen Produzenten, sogar
die Bauern lassen, mit einem Wort all diejenigen, deren ökonomische
Funktion nicht einzig durch die Leistung einer reinen ausführenden Ar-
beit erfaßt wird, sondern in die .andere Elemente (Lieferung von Mate-
rialien, Besitz von Produktionsmitteln, Anteil an der Leitung usw.) hin-
einspielen?" (Simiand 1932: 19 f) Und er geht sogar noch einen Schritt
weiter, indem er fordert, die üblich gewordene Charakterisierung der
modernen Wirtschaftsordnung als einem Antagonismus zwischen Kapital
und Arbeit zu überwinden und stattdessen zu erkennen, daß sowohl das
Kapital als auch die Arbeit immer mehr einer "höheren Funktion" un-
tergeordnet sind, die aus der "Aktion der leitenden Konzeption, Organi-
sation, Verwaltung" besteht (vgl. ebd., S. 20).

Ganz eindeutig läßt sich hieraus schließen, daß auch Simiand jegliche
"ponokratische" Bewertung bei der Analyse der produktiven Tätigkeiten
verwirft, ohne deshalb die Analyse der manuellen Industriearbeit in der
"Geschichte der Arbeit" reduzieren zu wollen (vgl. ebd., S. 21). Zu-
sammen mit Bougie kommt er damit u.E. auf eine saint-simonistische
Position zurück, dessen Kategorien er auch noch für einen anderen so-
zioökonomischen Tatbestand übernimmt, denn er zeigt den Grad der
Verwirklichung der "Arbeitsgesellschaft" in Frankreich auf: "Und in
unseren neuerlichen Volkszählungen werden bei 40 Millionen Franzosen
und angesichts von 21 Millionen Erwerbstätigen nicht mehr als einige
hunderttausend Personen gezählt (weniger als 2 "/0 der aktiven Bevölke-
rung, weniger als I "/0 der Gesamtbevölkerung) die mutig genug sind,
um wagen zu erklären, daß ihr Beruf aus dem Nichtstun besteht: Ren-
tenbezieher, Grundbesitzer; dies ist kaum mehr als der Anteil der Ob-
dachlosen, Häftlinge oder Hospitalisierten." (ebd., S. 19)

Während Simiand hier den Unterschied zwischen den Erwerbstätigen und


den Nicht-Arbeitenden betont, zeigt Bougie für unterschiedliche Berufs-
gruppen die "produktive Nützlichkeit" auf, die er neben die eigentlichen
Industriearbeiter stellt. Die Bauern erreichen ein Höchstmaß an Produk-
tivität (und Selbständigkeit), wenn sie gleichzeitig Produzent und Eigen-
tümer sein können. Bougie sieht eine Abkehr von der "Ponokratie" bei
- 161 -

vielen französischen Arbeitern darin, daß sie nach 1918 versuchen, klei-
ne Ländereien aufzukaufen (vgl. ebd., S. 225). Der produktive Beitrag
der Wissenschaften, insbesondere der technischen, ist unbestreitbar.
"Die große Industrie ist zu einer immensen Anwendung der Wissen-
schaft geworden: Der Techniker ist ein zentrales Rad, um nicht zu sa-
gen der Hauptmotor der modernen Fabrik." (ebd., S. 227) Dasselbe
gilt für den Unternehmer: "Er ist derjenige, der, die Weltwirtschafts-
karte unter seinen Augen, über den allgemeinen Zustand der Geschäfte
nachdenkt, den Mangel oder den Über fluß der Rohstoffe, die Seltenheit
oder die Vielfältigkeit der wahrscheinlichen Absatzmärkte im voraus
berechnet, über die Richtung entscheidet, in die die Produktion der Fa-
briken gelenkt wird." (ebd.)

Ähnlich wie bei Saint-Si mon erfüllt auch der Kreditgeber eine wichti-
ge ökonomische Funktion. "Welcher moralischer Widerwille auch immer
in uns der Lebensstil desjenigen, der von den Einkommen ohne Arbeit
lebt, weckt, es ist schwierig, solange man ihn darum fragt, seine Kapi-
talien zu leihen, ihm seine Stimme im Kapitel zu verweigern. Leihen
ist nicht arbeiten. Aber solange Vorschüsse für die Arbeit selbst not-
wendig sind, behält der Leiher nicht seine Rechte wie auch seinen
Existenzgrund?" (ebd., S. 228 f)

Bougie geht aber noch über Saint-Simon hinaus, denn er bringt eine
fast feministische Perspektive in die Bewertung der produktiven Tätig-
keiten mit ein. Die Gesellschaft bedarf zu ihrem Weiterbestehen nicht
nur der Produktion, sondern auch der "Reproduktion" in der Familie.
Insofern leistet die Frau eine produktive Tätigkeit nicht nur als Arbei-
terin der Fabrik, sondern vor allem als Mutter: "Die Mutter, die viele
Kinder erzieht, verrichtet, selbst wenn sie zuhause bleibt, die nützlich-
ste aller Arbeiten." (ebd., S. 230) Für Bougie steht fest, daß die Ge-
sellschaft noch nicht genügend besonders diese "reproduktive" Tätigkeit
der Frauen anerkennt, weshalb er allerdings noch nicht die Forderung
nach der Bezahlung der Hausfrauenarbeit oder einem "Erziehungsgeld"
etwa aufstellt, sondern sich für die Einführung des Frauenwahlrechts
ausspricht (vgl. ebd.), welches in Frankreich tatsächlich erst nach dem
2. Weltkrieg durchgesetzt worden ist.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Bougie (wie auch Simiand)


- 162 -
die Diversität der poduktiven Tätigkeiten betont, womit er beweisen
will, daß eine "überwertung" insbesondere der manuellen Industriear-
beit aus makroökonomischer oder -soziologischer Perspektive nicht zu
rechtfertigen ist. Dies muß vor allem als eine Kritik an Marx verstan-
den werden. Wir interpretieren BougIes Ansatz dahingehend, daß er auf
makroökonomischer und -soziologischer Ebene das ausformuliert, was
Gide auf betrieblicher Ebene betont. Nach dessen "solidaristischer
Idee" des Unternehmens darf im Interesse des "Funktionierens" des
gesamten Unternehmens weder der Leitung noch der Produktion eine
übermäßige Priorität eingeräumt werden (vgl. Kap. 11.3.2.). Auf Grund
individueller Unterschiede in Fähigkeiten und Leistungen und einer or-
ganisations-technisch notwendigen Hierarchie der verschiedenen produk-
tiven Tätigkeiten ergeben sich zwar Differenzen im sozialen Status und
Einkommen der Individuen, aber die durch die Arbeitsteilung bewirkte
reziproke Interdependenz soll eine "Überbewertung" der einen oder an-
deren produktiven Tätigkeit und der sie ausführenden Berufsgruppe ver-
hindern. Auf diese "egalitäre" Tendenz in der Arbeitsteilung werden
wir im Abschnitt3.3. noch einmal zurückkommen.

2.2.2. Arbeit und Einkommen

Die normative Begründung der "Arbeitsgesellschaft" hat, wie wir gese-


hen haben, zu einer Kritik am Pauperismus und der "Einkommen ohne
Arbeit" sowie zur Einschränkung des Eigentumsrechtes geführt. Auf der
materiell-ökonomischen Ebene impliziert dies eine Verhältnismäßigkeit
zwischen den individuellen Fähigkeiten und Leistungen einerseits und
dem Einkommen andererseits, was uns zu dem Problem der Gleichwer-
tigkeit der ökonomischen Beziehungen und den hierfür notwendigen
strukturellen Voraussetzungen zurückführt. Was den Pauperismus anbe-
trifft, so gibt BougIe einige frappierende Beispiele der Ausbeutung von
Textilheimarbeiterinnen in Toulouse wieder, die von einer Wirtschafts-
wissenschaftIerin erhoben worden sind (vgl. 1908a: 134 f).

Für das reine Existenzminimum einer Heimarbeiterin errechnet sie ein


Jahreseinkommen von 700 Franken; das tatsächliche Einkommen dieser
Textilheimarbeiterinnen beträgt aber nur 200 bis 400 Franken im Jahr.
- 163 -

Dies kommt dadurch zustande, daß z.B. einer Heimarbeiterin, die es


schafft, zehn Westen pro Tag zu nähen (normal seien fünf bis sechs
Stück) und dadurch 4 Franken pro Tag verdient, der Stücklohn um
die Hälfte gekürzt wird, da dem Unternehmer der so erzielte Tageslohn
als zu hoch erscheint. Eine andere wird für ihre Stickarbeit mit 2 bzw.
5 Franken pro Stück bezahlt, während der Händler diese für 6 bzw. 12
Franken verkauft. Eine Unternehmerin erhebt bei den unter ihrer Lei-
tung arbeitenden Weißnäherinnen eine bestimmte Summe pro Arbeitstag
im voraus.

Die Ursache für diese Ausbeutung ist für Bougie eindeutig: "All diese
Abzüge werden umso leichter durchgeführt, als die arbeitende Masse
hier nur zerstreuter Staub ist. Wo jeder bei sich arbeitet, ist es leich-
ter die einen gegen die anderen arbeiten zu lassen." (ebd., S. 136) Als
Ausweg aus dieser Situation sieht er entweder den gewerkschaftlichen
ZusammenschluB zur Verteidigung zumindest eines "Minimallohnes" oder
besser die Gründung einer Art Genossenschaft zum Verkauf der eigenen
Produkte (vgl. ebd., S. 135). Überdeutlich wird an diesen Beispielen,
wie sehr die Gleichwertigkeit ökonomischer Tauschbeziehungen (hier
Lohn gegen Arbeit) von den Bedingungen, unter denen sie eingegangen
werden, abhängt, worauf wir gleich noch näher eingehen werden.

Bougie gibt aber noch ein weiteres, wenn auch nicht so krasses Bei-
spiel ökonomischer Ausbeutung, welches er Proudhon entnimmt und auf
dem qualitativen Unterschied zwischen der individuellen und kollektiven
Arbeitsleistung basiert. So können 100 Arbeiter an einem Tag einen
Obelisken errichten, aber niemals ein einziger Arbeiter in 100 Tagen.
Dasselbe gilt für zehn Arbeiter, die entsprechend ihrer Fähigkeiten die
Arbeit für ein Produkt unter sich aufteilen, während ein einzelner Ar-
beiter in der zehn fachen Zeit nicht dasselbe qualitative Arbeitsresultat
erreichen könnte. Diesen qualitativen Unterschied zwischen der indivi-
duellen und kollektiven Arbeitsleistung erkannt zu haben, ist für Bougie
eine fundamentale soziologische Beobachtung: "Wenn gleichzeitig die
Leistung koordiniert ist und die Arbeit sich teilt, gibt es ein Mehr an
Wert, das aus einem Mehr an Kraft resultiert, das sich durch die KO-
ordination der Leistungen der Individuen erklärt: Dies ist ein Mehrwert
kollektiven Ursprungs. Und Proudhon formuliert hier Sätze aus, die das
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zentrale Postulat der Soziologie aussprechen: "Die Resultante des Zu-


sammenwirkens der Arbeiter ist qualitativ unterschiedlich von den
Kräften, die sie zusammensetzen und höher als ihre Summe"." (l935b:
42).

Nach Bougie verdeutlicht Proudhon also am Beispiel der kollektiven Ar-


beitsleistung das Phänomen der Emergenz, welches aus dem "Hervortre-
ten neuer Eigenschaften (emergent properties) beim Übergang von einer
niederen zu einer höheren Ebene des Systems, die nicht auf Eigen-
schaften der Elemente auf der niedrigeren Ebene zurückführbar sind"
(Lexikon zur Soziologie 1975, Bd. 2, S. 161), besteht. Gerade in der
Durkheimschen Soziologie mit ihrer Problematik der Entstehung und
Existenz des Kollektivbewußtseins "... ist das Problem der Emergenz
eng mit den Fragen über die Eigenart sog. sozialer Tatsachen ... und
die Gegenstände der Soziologie verbunden." (ebd.)

Die Ausbeutung der Arbeiter besteht nun genau darin, daß der Unter-
nehmer sich über das Privateigentum an Produktionsmitteln und Produk-
ten diesen kollektiv geschaffenen Arbeitswert aneignet. "Deshalb wie-
derholt er (Proudhonj c.G.), daß es zwischen Arbeitern und Eigentü-
mern einen Rechenfehler gibt, da der Eigentümer alleine diesen höhe-
ren Wert absorbiert, der aus der Koordination der Kräfte resultiert,
der das gemeinsame Werk von allen ist." (Bougie 1935b: 42) Diese
Form der Ausbeutung ist neben der Kritik der "Einkommen ohne Ar-
beit" die eigentliche Begründung für Proudhons Behauptung: "Eigentum
ist Diebstahl." (vgl. ebd.) 12)

Zur Verhinderung dieser bei den Formen der Ausbeutung ist das "Recht
auf den vollen Arbeitsertrag" proklamiert worden (vgl. 1903: 264), und
Buisson definiert den ausschließlich auf Arbeit begründeten Erwerb von
Geld und Eigentum als das solidaristische Ideal: "Wir erheben uns nicht
gegen die Existenz eines Lohnes, d.h. einer Vergütung: Man konnte sa-
gen, daß dies die einzige Quelle von Reichtum, die absolut legitim ist,
das einzige, vor jeder Kritik sichere Eigentum ist." (Buisson 1908: 224,
Anm.) Diese Art der "Vergütung" basiert auf der Realisierung gleich-
wertiger ökonomischer Tauschbeziehungen, die wiederum eine relative
Angleichung der sozioökonomischen Bedingungen der Vertragspartner
implizieren.
- 165 -

Genau auf dieses Problem ist Durkheim bereits in der "Arbeitsteilung"


eingegangen (vgl. Durkheim 1977: 422 ff): Deutlich sieht er die Gefahr
des Verlustes der Gleichgewichtigkeit in den vertraglich geregelten
Tauschbeziehungen, wenn die eine Klasse für die Sicherung ihres
Existenzminimums ihre Arbeitsleistung "um jeden Preis" anbieten muß,
während die andere auf Grund des erblich übertragenen Eigentums an
Produktionsmitteln sich nicht nur außerhalb jeglicher Zwangslage befin-
det, sondern diese Situation benutzen kann, sich materiell zu übervor-
teilen. Genau dieser Argumentation hat sich später auch Buisson ange-
schlossen (vgl. Kap. 1.3.2.1.), die von Filloux, wie folgt, zusammenge-
faßt wird: "Die ganze Überlegung von Durkheim basiert also auf der
Tatsache, daß ... der Industrielle immer verweigern kann, den Arbeiter
zu beschäftigen ... Wenn es die Gleichheit in den Bedingungen des
Kampfes gäbe, wäre eine solche Verweigerung in dem Sinne unmöglich,
daß der Arbeiter nicht dazu verpflichtet wäre, seine Arbeitsleistungen
für eine unterhalb seiner "Verdienste" liegende Gratifikation anzubie-
ten." (Filloux 1977: 200)

Filloux macht in diesem Kontext darauf aufmerksam (vgl. ebd., S. 200,


291), daß damit Durkheims Analyse von ökonomischer Ausbeutung von
der von Marx (und Proudhon) grundsätzlich verschieden ist. Während bei
Marx die kapitalistische Ausbeutung strukturell in der Beziehung zwi-
schen Kapital und Arbeit angelegt ist (der Tauschwert der Ware Ar-
beitskraft liegt unterhalb des durch diese Arbeitskraft geschaffenen
Wertes der Produkte und genau durch diese Differenz des Tauschwertes
der Arbeitskraft und der produzierten Waren kommt der dem Kapitali-
sten zufließende Mehrwert zustande), sind es bei Durkheim nur spezifi-
sche Umstände, die die Ausbeutung der einen und gleichzeitig die
Übervorteilung der anderen ermöglichen: Es ist dies zum einen eine Si-
tuation des Arbeitskräfteüberangebotes, durch die die "Vergütung" der
erbrachten Arbeitsleistungen illegitimerweise unter die Höhe gesenkt
werden kann, die ihr gemäß ihrem "Verdienst" eigentlich zusteht.

Für die Produktionsmittelbesitzer stellt sich die Situation dagegen, wie


folgt, dar: "Der kapitalistische Profit resultiert letztlich aus der Tatsa-
che, daß als Folge der Vererbung des Kapitals der Kapitalist den Ver-
dienst der Arbeiter durch eine ungenügende Vergütung bezahlt sieht,
- 166 -

während der seinige durch eine übertriebene Vergütung bezahlt wird:


Die Differenz zwischen den Verdiensten ... ist völlig zulässig, da der
Unternehmer ein Verdienst hat, dessen Bezahlung genau sein Gewinn
ist; die Ausbeutung kommt nicht aus der Tatsache, daß es einen Profit
gibt - im Sinne einer Spanne zwischen den Bezahlungen, sondern daß
der an den einseitig begünstigenden Vertrag gebundene Profit ungebühr-
lich, d.h. dem gesellschaftlichen Verdienst des Kapitalisten nicht kon-
form ist. C.. ) Der Begriff der Ausbeutung wird mit dem der miß-
bräuchlichen Ausbeutung identifiziert, was bedeutet, daß es keine Aus-
beutung an sich gibt. Der [Jurkheimsche "Überschuß" ist weder der
"unverhoffte Gewinn" von Proudhon noch der "Mehrwert" von Marx: Er
besteht nur aus einem Exzeß an Gratifikationen bezüglich der Stufen-
leiter der gesellschaftlichen Werte oder Verdienste." (ebd., S. 201)

Wie wird aber diese "Stufenleiter der Verdienste" festgelegt, an der


sich gerechterweise die Höhe der Gratifikationen orientieren soll? Wie
Filloux zeigt, versucht Durkheim dabei über die Thesen der liberalen
(und Marxschen) Politischen Ökonomie hinauszugehen, nach der die aus-
getauschten Produkte automatisch als nützlich angesehen werden und
ihr Preis sich aus der Quantität an hineingesteckter Arbeit und aus den
Nachfrageschwankungen ergibt (vgl. ebd., S. 195 f). Zwar identifiziert
auch er " ... den gesellschaftlichen Wert eines produzierten Gegenstan-
des und den gesellschaftlichen Wert der den Gegenstand produzierenden
Tätigkeit (oder allgemeiner noch den gesellschaftlichen Wert jeder an
eine Funktion gebundenen Tätigkeit)" (ebd., S. 196), aber, und hierin
kommt der Unterschied zum Ausdruck, " ... weit entfernt davon, den
Wert der Arbeit als Wert der Arbeitskraft zu definieren, sucht er tat-
sächlich seine Grundlegung in den kollektiven Repräsentationen, wie sie
sich in der Meinung ausdrücken." (ebd.) Dies bedeutet nichts anderes,
daß der Wert einer Arbeit nicht so sehr einer quantitativ-ökonomi-
schen, sondern eher einer qualitativ-sozialen Wertschätzung ("Meinung")
unterliegt.

Durkheim gibt selbst hierfür ein gutes Beispiel, indem er sagt, daß ei-
ne geniale Idee gesellschaftlich von einem größeren Nutzen sein kann
(und deshalb auch einen höheren "Verdienst" besitzt) als jahrelange
manuelle Arbeit (vgl. ebd., S. 197). Genauso gut ließe sich umgekehrt
- 167 -

formulieren, daß eine jahrelange manuelle oder intellektuelle Arbeit an


einem Gegenstand oder einem Problem dann kaum einen Wert besitzt,
wenn damit nicht ein gesellschaftliches Bedürfnis befriedigt werden
kann und somit auch der gesellschaftliche "Verdienst" durch diese Ar-
beit praktisch gleich null ist.

Entscheidend ist es also zu erkennen, daß für Durkheim der Wert einer
Arbeit nicht nur durch die Quantität an produktiver Tätigkeit und kon-
junkturelle Nachfrageschwankungen bestimmt wird (vgl. Bougie 1922:
110), sondern daß hierin auch eine immaterielle Wertschätzung dieser
Tätigkeit durch die Gesellschaft zum Ausdruck kommt: "Der gesell-
schaftliche Wert einer Arbeit, die der Ausübung einer Funktion in der
Erfüllung einer Rolle entspricht, resultiert also aus seiner Situation in
der Hierarchie, die mehr oder weniger obskur das öffentliche Be-
wußtsein aufstellt." (Filloux 1977: 197) Der "Verdienst" jedes Individu-
ums hängt damit weniger von der Quantität effektiv geleisteter Arbeit
als vielmehr von dem Grad der Befriedigung materieller wie immate-
rieller Bedürfnisse der Gesellschaft ab, auf der die gesellschaftliche
Wertschätzung einer Arbeit basiert. Durch diese tatsächlich "sozialöko-
nomische" Wertlehre versucht Durkheim zu erreichen, daß "... der Wert
gleichzeitig eine Angelegenheit der Arbeitsquantität und eine Angele-
genheit der Meinung ist" (ebd., S. 198).

Diese Position wird auch von Bougie übernommen, der betont, daß auch
der nicht-ökonomische Teil dieser Wertlehre nicht nur "obskur", wie
Filloux meint, sondern wissenschaftlich bestimmbar ist: "In diesem Sin-
ne kann man behaupten, daß die ökonomischen Werte selbst Meinungs-
angelegenhei ten sind, wenn man darunter versteht, daß die Meinung,
von der man dann spriCht, nicht etwas Unstabiles und willkürliche
Phantasie ist: Es ist die Gesamtheit der Ideen und Gefühle, die sich in
einem Land und zu einem Zeitpunkt dem Kollektivbewußtsein aufdrängt
und die sich durch imperative, die Ideale repräsentierende Werturteile
ausdrückt, die selbst mit der Struktur der Gesellschaft in Beziehung
stehen. Die so verstandenen Werte sind das wesentliche Objekt der So-
ziologie." (Bougie 1922: 111)

Um auf das Problem der Ausbeutung bzw. der Übervorteilung sozialer


Klassen zurückzukommen, kann gesagt werden, daß sich diese dann ein-
- 168 -
stellen können, wenn es unter dem Druck spezifischer Bedingungen (Ar-
beitskräfteüberangebot, Vererbung des Besitzes an Kapital u.a.) zu ei-
ner Abweichung der Gratifikationen für Arbeitsleistungen von der Hier-
archie der gesellschaftlichen Wertschätzung der "Verdienste" kommt.
Die unter diesen Bedingungen abgeschlossenen Verträge (z.B. Arbeit
gegen Lohn) können nicht mehr die Gleichgewichtigkeitdes eingegan-
genen Tausches garantieren und werden deshalb vom "öffentlichen Be-
wußtsein" immer mehr als "ungerecht" betrachtet. "Dies bezeugt die
Geschichte des Vertragsrechts, welches immer mehr dazu neigt, jegli-
chen Wert den Übereinkommen abzusprechen, in denen sich die Ver-
tragsschließenden in zu ungleichen Situationen befunden haben." (Durk-
heim 1893: 378) Das "öffentliche Bewußtsein" " ... findet jeden Tausch
ungerecht, bei dem der Preis des Gegenstandes ohne Beziehung zur
Mühe, die er kostet, und den Diensten, die er leistet, steht. Nach die-
ser Definition können wir sagen, daß der Vertrag nur dann ganz ge-
nehmigt ist, wenn die ausgetauschten Arbeitsleistungen einen gleichge-
wichtigen gesellschaftlichen Wert besitzen." (ebd., S. 376; I vgl. 1977:
424) Mit dieser Analyse der Bedingungen und Regeln für ökonomische
Vertragsabschlüsse kommt Durkheim der auch von Bougie unterstützten
Forderung nach dem "Recht auf den vollen Arbeitsertrag" nahe, auch
wenn es sich, wie dargestellt worden ist, nicht um die Verhinderung
der Aneignung eines strukturell angelegten "Mehrwertes" handelt.

In bezug auf die Betonung der Durchsetzung gleichwertiger Tauschbe-


ziehungen kann darüber hinaus eine Paralelle zwischen Durkheim und
Proudhon gezogen werden (zumindest was die Zielsetzung anbetrifft,
aber nicht bei den Mitteln für ihre Verwirklichung). Bougie zeigt in
diesem Kontext, daß deshalb auch Proudhon für den Solidarismus wei-
terhin von Interesse ist. "In diesem Punkt könnte man den solidaristi-
schen Gedanken ... dem "mutualistischen" Gedanken annähern. Proudhon
betrachtete bereits, daß, um das zu beenden, was er die "ökonomische
Unsolidarität" nennt, es notwendig wäre und genügen würde, wenn die
Gleichwertigkeit endlich in den Verträgen herrschen würde, ... die Ver-
tragsschließenden .•. wirklich gleiche Werte tauschen: "Dienstleistung
für Dienstleistung, Produkt für Produkt, Anleihe für Anleihe, Versiche-
rung für Versicherung, Kredit für Kredit, Kaution für Kaution, usw."."
(Bougie 1907a: 99) Im Zentrum dieses "Tauschsozialismus" , wie Proud-
- 169 -

hons Konzeption auch benannt worden ist (vgl. 1932: 151), steht eine
"Volksbank", bei der jeder Produzent entsprechend dem Wert seiner
Arbeitsleistung einen "Gutschein" ausgestellt bekommt, den er gegen
andere Produkte oder Dienstleistungen eintauschen kann. Das ganze
Wirtschaftsleben WÜl je auf der Anwendung "mutualistischer" Prinzipien
basieren, da die Produzenten sich über die "Volksbank", Genossenschaf-
ten, Gegenseitigkeitsversicherungen u.a. ökonomischen Assoziationen ge-
genseitig nicht nur Kredite und Sozialversicherungen, sondern auch "die
reziproken Garantien für den Absatz, die gute Qualität und den gerech-
ten Preis der Waren" (Proudhon, zitiert nach ebd., S. 148) geben wür-
den.

Mit dem Vorschlag der Einrichtung einer "Volksbank" als dem Zentrum
aller Tauschgeschäfte macht Proudhon deutlich, daß es für die Durch-
setzung der Gleichwertigkeit in den Tauschbeziehungen einer institutio-
nellen Absicherung bedarf. Er erfüllt damit schon die wesentlichste
Forderung von Durkheim, nicht nur den Inhalt eines Vertrages, sondern
auch die Bedingungen des Vertragabschlusses zu berücksichtigen. Da-
rüber hinaus ist es aber auch offensichtlich, daß die wichtigste Vorbe-
dingung für seinen "Tauschsozialismus" darin besteht, daß die Masse
der Produzenten aus selbständigen Bauern und Handwerkern besteht,
was Frankreichs Wirtschafts- und Sozialstruktur in der MItte des 19.
Jahrhunderts auch noch in etwa entsprach. Um die Jahrhundertwende
war die Entwicklung von Großbetrieben schon vorangeschritten, aber
nicht in dem Maße wie in Großbritannien oder Deutschland (vgl. Kap.
11., Anm. 42), so daß für die Solidaristen, auch in Anbetracht der
hauptsächlichen Wählerschaft der "Radikalen", Proudhon weiterhin eine
große Aktualität besaß (allerdings nicht in bezug auf die Idee einer
"Volksbank", sondern auf das Ideal der Selbständigkeit aller Produzen-
ten). Auch Buissons Definition der "Vergütung" von Arbeit läßt sich
am ehesten auf selbständige ProDuzenten anwenden, so daß die Reali-
sierung gleichwertiger Tauschbeziehungen direkt an die Durchsetzung
der "Wirtschaftsdemokratie" gekoppelt bleibt.

Durkheims Position ist dagegen lange nicht so weitgehend, da er sich


vor allem auf die Analyse und Kritik der bestehenden Bedingungen für
die Vertragsabschlüsse zwischen Kapital und Arbeit konzentriert und in
- 170 -

allgemeiner, aber dezidierter Form die Abmilderung des Gegensatzes


zwischen den "von Geburt an Reiche(n) und Arme(n)" (Durkheim 1977:
426) und der sich daraus ergebenden "aufgezwungenen"Arbeitsteilung
fordert. Bougie wie auch Buisson müssen dagegen so verstanden werden,
daß sie Proudhon und Durkheim nicht gegensätzlich, sondern eher sich
ergänzend interpretieren, vor allem was die Kritik an den bestehenden
sozioökonomischen Verhältnissen und das Ideal einer möglichst weitge-
henden Gleichwertigkeit der Tauschbeziehungen anbetri fft.

2.2.3. Arbeit und Konsum

Die Steigerung der Produktion in der "Arbeitsgesellschaft" hat aber


noch eine weitere Konsequenz: Die positive Neubewertung des Konsums.
Wie Bougie aufzeigt, haben vor allem Saint-Simon und Fourier hierin
ein normativ abzusicherndes Ziel gesehen, welches weit über eine rein
materielle Bedürfnisbefriedigung hinausreicht. Die Ablehnung des Paupe-
rismus soll dadurch unterstützt werden, indem die Ideale von Armut
oder Askese, wie sie noch etwa im Katholizismus oder Protestantismus
oder auch bei Rousseau vorzufinden sind, überwunden werden. Obwohl
für Saint-Si mon die Steigerung der Produktion zunächst das wichtigste
Ziel bleibt, ist sie doch nur die Voraussetzung zur Befriedigung der
"sinnlichen" Bedürfnisse, denen gerade durch die positiven Möglichkei-
ten des "industriellen Systems" keine Schranken mehr auferlegt zu
werden brauchen (vgl. Bougie 1912: 180; 1923: 125 f; 1932: 80, 93).

Noch stärker als bei Saint-Simon wird diese positive Bewertung der
"Sinnlichkeit" bei Fourier deutlich. Er wendet sich nicht nur gegen as-
ketische Ideale, sondern er will auch gegen die seiner Meinung nach
viel zu einseitige Konzeption des "homo oeconomicus" reagieren, des-
sen Arbeitsmotivation durch den Klassischen Liberalismus auf die Ge-
winnerwartung reduziert wird (vgl. 1932: 113). Nach Fourier besteht
aber genau umgekehrt die beste Arbeitsmotivation darin, diese "anzie-
hend" zu machen, d.h. sie letzIich zu einer Art "sportlichen Wettbe-
werbs" werden zu lassen, wie Gide Fouriers Grundgedanken zu charak-
terisieren versucht (vgl. Gide/Rist 1913: 284): "Er (Fourier; C.G.) ver-
sichert, daß dies möglich sei, wenn jedem ein Existenzminimum auf al-
- 171 -
le Fälle zugesichert ist; denn die Arbeit verliert ihren Zwangscharakter
und wird freiwillig, wenn jedem die Freiheit gesichert ist, sich diejeni-
ge Arbeit auszuwählen, die seinen Fähigkeiten am besten entspricht,
und wenn diese Arbeit, welche auch immer sie sei, möglichst verschie-
den und abwechselungsreich ist, wenn sie durch den Wetteifer ange-
spornt wird und sich inmitten von Fröhlichkeit und Schönheit abspielt."
(ebd., S. 185) Je "anziehender" die Arbeit auf diese Weise wird, desto
mehr kann die scharfe Trennung rein ökonomischer Ziele (Steigerung
von Produktion und Einkommen) von anderen, vor allem psychologischen
(Kreativität in der Arbeit, Befriedigung der intellektuellen, musischen
und "sinnlichen" Bedürfnisse in und außerhalb der Arbeit) überwunden
werden. Dahinter verbirgt sich eine Art "ganzheitlicher" Psychologie
des Menschen, nach der es unmöglich ist, eine spezifische Tätigkeit
nicht im Zusammenhang mit der Gesamtheit der Bedürfnisse eines Indi-
viduums zu sehen. Nach Fourier besitzt der lv1ensch zwölf wesentliche
"Leidenschaften" (insgesamt unterscheidet er bis zu 800 "Nuancen"),
die ständig danach drängen, befriedigt zu werden, weshalb er zu einem
kontinuierlichen Wechsel in seinen Tätigkeiten neigt (vgl. ebd.; Bougie
1932: 113)13).

Der Rückgriff auf Fouriers Psychologie der "anziehenden Arbeit" und


"Sinnlichkeit" muß bei Bougie in einer größeren theoretischen Perspek-
tive gesehen werden. Einerseits kritisiert er zwar Fourier, daß er eine
universal gültige Psychologie hat entwickeln woUen, die aus soziologi-
scher Perspektive insofern als ungenügend erscheint, als sie den spezifi-
schen Einfluß "sozialer Milieus" nicht berücksichtigt, die entweder
"stimulierend" oder "hemmend" auf die Handlungsmotivationen wirken
(vgl. 1922: 122 f). Andererseits wird aber dadurch die einseitige Über-
betonung des "quantitativen" und "sachlichen" Aspektes der Arbeitstei-
lung in der liberalen Wirtschafts theorie verdeutlicht. Unter diesem
Aspekt versteht er die an sich positive Konsequenz der enormen quanti-
tativen und qualitativen Steigerung der Warenproduktion, die durch den
effizienten Einsatz von Kapital, Maschinen und Arbeitskräften möglich
wird (vgl. 1903: 173; 1907b: 120 f). Wie auch Marx analysiert hat, ist
in dieser Perspektive die Senkung der Produktionskosten und das An-
wachsen der Tauschwerte (nicht der Gebrauchswerte) prioritär. Durch
die räumliche Konzentration von Arbeitskräften und die Mechanisierung
- 172 -

ihrer Arbeit, durch die Verringerung von Zeitverlusten beim Transport


von halbfertigen Produkten und bei der Umstellung auf andere Produk-
tionsverfahren, d.h. insgesamt durch eine Optimierung von Zeit und
Raum, des Einsatzes von Kapital und entsprechend qualifizierten und
unqualifizierten Arbeitskräften wird die maximale Leistung der mensch-
lichen und materiellen produktiven Kräfte erreicht. Alles wird dem Ziel
des "allgemeinen Überflusses" untergeordnet, und hierin ist der "Opti-
mismus" des Klassischen Liberalismus begründet, da mit der Steigerung
der Produktion sich auch das "Verteilungsproblem ", der Pauperismus,
quasi von selbst auflöse (vgl. 1923: 127).

Diese möglichen positiven Konsequenzen werden von Bougie (wie auch


von Saint-Simon und Fourier) keineswegs abgeleugnet, nur macht er
einschränkend gel tend, daß mit der Steigerung der Produktion das
"Verteilungsproblem" keineswegs automatisch gelöst wird, was die
Fortdauer des Pauperismus beweist (wir werden hierauf zurückkommen),
und daß darüber hinaus dadurch nur der "sachliche", nicht aber der
"psychologische" Aspekt der Produktion betrachtet wird. Die negativen
Konsequenzen der Arbeitsteilung sind besonders dann erkennbar, wenn
der Schritt der Arbeitsteilung zwischen Berufen zur Arbeitszerlegung
innerhalb der Fabrik vollzogen wird, und nicht die Produkte (als das
Ergebnis der Produktionsverfahren), sondern die Produzenten im Produk-
tionsverfahren analysiert werden.

Für Bougie stehen die negativen Konsequenzen der durch die Mechani-
sierung der Produktionsverfahren erfolgten Arbeitszerlegung auf die psy-
chische und soziale Situation der Produzenten außer Frage, wobei er
sich sowohl auf Adam Smith als auch auf Marx' Entfremdungstheorie
beruft 14). Sie führen zunächst zum Verlust der von Fourier so vehe-
ment geforderten "Kreativität" in der Arbeit: "Die Arbeit besitzt hier
nicht mehr im geringsten den Charakter der Kunst; der Arbeiter fügt
nichts mehr aus sich selbst heraus hinzu; er ist nicht mehr als eine
Art Anhängsel eines allgemeinen Mechanismus, der seine Handlungen
befiehlt." (1903: 174) Darüber hinaus führt die tagtägliche langwierige
Wiederholung dieser völlig einseitigen körperlich-psychischen Belastung
zu einem kontinuierlichen Zustand "körperlicher Müdigkeit" und "geisti-
ger Apathie" (vgL 1902a: 9) mit weit reichenden Konsequenzen selbst
- 173 -

für den Teil des Tages, in dem das soziale Leben nicht mehr durch die
Arbeit bestimmt wird.

Dies gilt insbesondere für das Familienleben und das Konsumverhalten.


Das Familienleben der Arbeiter verliert durch die Fabrikarbeit an In-
tensität: "Das Leben des Heimes existiert kaum mehr für denjenigen,
der, den ganzen Tag über von den seinigen getrennt, nur erschöpft zu-
rückkehrt." (1903: 176) Die verbleibende Zeit am Tag dient ausschließ-
lich der "Reproduktion" der Arbeitskraft und weitergehende kulturelle
u.a. Aktivitäten verlieren ihre Bedeutung. Dies wird durch Familienbud-
getanalysen konkret meßbar. Bougie verweist auf eine Untersuchung des
Budgets einer Arbeiterfamilie, deren Einkommen sogar knapp über dem
nationalen Durchschnitt liegt, und das trotzdem keinerlei Ausgaben für
kulturelle Beschäftigungen (z.B. Zeitungen oder Bücher) enthält (vgl.
ebd., S. 177). Nicht nur kulturelle, sondern eigentlich jegliche Art von
Freizeitaktivitäten ist aber für die Masse der Arbeiterfamilien schon
aus rein finanziellen Gründen unmöglich, da noch um die Jahrhundert-
wende in Frankreich 5 "/0 aller Familien unter und 28 "/0 gen au am
Existenzminimum gelebt haben (vgl. ebd.). Mit diesen Konstatierungen
über die materiellen und sozial psychologischen Auswirkungen des Ar-
beitslebens auf Familie und Konsum eröffnet Bougie ein soziologisches
Forschungsfeld, welches eines der Schwerpunkte eines anderen Durk-
heim-Schülers wird, nämlich Maurice Halbwachs, worauf wir gleich zu-
rückkommen werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Bougie Arbeit und Konsum


in einem komplexen Verhältnis zueinander sieht, welches über die rein
materielle Dimension der Lohnentwicklung und der Befriedigung
existentieller Bedürfnisse hinausgeht. Entsprechend den frühsozialisti-
schen Idealen ist in der Arbeit sowohl der Aspekt der "Leistung" als
auch der der "Kreativität" enthalten, und der Konsum soll nicht nur
der Sicherung des Existenzminimums dienen, sondern die Individuen sol-
len gleichermaßen ihre darüber hinaus gehenden geistigen und "sinnli-
chen" Bedürfnisse befriedigen können. Unter den kapitalistischen Pro-
duktionsverhältnissen ist der Arbeit die "Kreativität" verlorengegangen,
da die mechanisierte Arbeitszerlegung nur auf das "sachliche" Ziel der
Steigerung der Produktion ausgerichtet ist. Von dieser haben die Arbei-
- 174 -

terfamilien aber auch noch nicht profitieren können, da einerseits die


Lohnerhöhungen zumindest bis zur Jahrhundertwende nicht ausreichend
waren und andererseits durch die körperlich-psychische Einseitigkeit der
Arbeitsbelastung die "integrale" Entwicklung der individuellen Persön-
lichkeit verhindert wird, was im Konsumverhalten durch das Überwiegen
von Ausgaben zur "Reproduktion" der Arbeitskraft und das Fehlen von
Ausgaben für kulturelle u.a. Freizeitaktivitäten konkret meßbar wird 15).

Wie schon angedeutet, werden die von Bougie erstmals aufgestellten


Thesen über die Auswirkungen der Arbeitsbedingungen auf das Fami-
lienleben und die Konsumgewohnheiten der Arbei terschicht von Halb-
wachs aufgegriffen und in seiner Dissertation "Die Arbeiterschicht und
die Lebensstandards" (1912) entscheidend präzisiert 16). Sein empirisches
Datenmaterial bilden zwei deutsche Familienbudgetuntersuchungen, die
beide 1909 vom staatlichen "Statistischen Amt" bzw. dem "Metallarbei-
terverband" durchgeführt worden sind und für die jeweils mehrere hun-
dert Arbei ter- und z. T. Angestelltenfamilien ein Jahr lang genauestens
über ihre laufenden Ausgaben Buch geführt haben.

Diese Ergebnisse zusammenfassend, kann festgestellt werden, daß "so-


mit, während ein Teil der Arbeiter alles, über das er verfügt, dazu
verwendet, seine Wohnung zu verbessern, nachdem er die Hälfte seines
Einkommens für Nahrung verbraucht hat, gibt ein anderer Teil dersel-
ben (welcher dem ersten gleich steht) für die Wohnung um die Hälfte
weniger aus; die anderen Ausgaben und die Ausgaben für Kleidung ver-
brauchen den Rest." (Halbwachs 1926: 377) Bei der komparativen Ana-
lyse der vier Hauptkategorien der Ausgaben zwischen den Arbeiterhaus-
halten und denen der Angestellten (bei gleichem Einkommen) wird aber
ein entscheidender Unterschied deutlich: "Es ist aber immerhin be-
zeichnend, daß die Arbeiter in ihrer Gesamtheit bei gleichem Einkom-
men verhältnismäßig weniger für ihre Wohnung ausgeben wie die Men-
schen der anderen Klassen." (ebd., S. 381; vgl. auch Bougie 1934: 405
f; 1935a: 153 f)

Wie kann diese Besonderheit in der Ausgabenverteilung der Arbeiterfa-


milien erklärt werden? Hierfür muß zunächst aufgezeigt werden, wei-
chem Bedürfnis die Ausgabenkategorie Wohnung entspricht. Die Woh-
nung ist vor allem der Ort des Familienlebens, und Halbwachs sieht die
- 175 -

Familie als dasjenige Netz sozialer Beziehungen an, in dem die Indivi-
duen all diejenigen Eigenschaften realisieren können, die sie zu unver-
wechselbaren Persönlichkeiten werden lassen, während sie an den ande-
ren gesellschaftlichen Teilbereichen nur über "funktional" spezifizierte
"Rollen" partizipieren können (als Berufstätige, Vereinsmitglieder,
Glaubensangehörige usw.) (vgl. Halbwachs 1926: 382)17).

Diesem "sozialen" Charakter der familiären Beziehungen völlig entge-


gengesetzt ist die Fabrikarbeit. Von den Arbeitern werden dabei im
Rahmen der Arbeitsteilung nicht nur spezifische Fähigkeiten und Lei-
stungen verlangt, sondern, und das ist für Halbwachs das eigentlich Be-
deutsame, die Fabrikarbeit vollzieht sich "außerhalb der Gesellschaft"
(ebd., S. 384). Damit ist gemeint, daß die Arbeiter in ihrer Arbeitszeit
vor allem auf die Bedienung von Maschinen ausgerichtet sind, die ihrer-
seits nur Rohstoffe oder halbfertige Produkte in Endprodukte verwan-
deln. In ihrer Arbeit steht somit der Kontakt mit der "Materie" (in
Form von Maschinen und zu verarbeitendem Material) im Vordergrund,
während soziale Kontakte extrem reduziert werden. "Im täglichen
Kampf mit der toten Materie ist aber der Arbeiter, indem er weniger
auf die Menschen als auf die Dinge einwirkt, wie isoliert in diesem
Kampf selbst; ist er nicht wirklich von der Gesellschaft getrennt, wenn
er arbeitet? Als Anhängsel der Maschine, wie Marx beobachtete, als
wirkliches Werkzeug, um Werkzeuge zu handhaben, kann man sagen, daß
er sich entmenschlicht. Die Mechanik, sagt Halbwachs ... , dringt in das
Lebende ein und vertreibt es bis hin zum Bestreben, sich zu den wah-
ren Freuden des sozialen Lebens zu erheben." (BougIe 1934: 405; vgl.
1935a: 152)

Dies bedeutet nichts anderes, als daß Halbwachs in der Analyse der
psycho-sozialen Auswirkungen der entfremdeten Arbeit noch weiter
geht als BougIe. Während dieser vor allem die Aspekte der langen zeit-
lichen Trennung von Arbeits- und Familienleben sowie der Einseitigkeit
der körperlich-psychischen Belastungen durch die Fabrikarbeit betont
hat, sieht jener in der weitergehenden Arbeitszerlegung (besonders
durch die Einführung der Fließbandarbeit im Taylor-System) die we-
sentliche Ursache dafür, daß die Arbeiter einen Teil des Bedürfnisses
verlieren, überhaupt soziale Beziehungen einzugehen. Dies kann auch
- 176 -

nicht durch bestehende Kontakte am Arbeitsplatz oder in der Familie


ausgeglichen werden, sondern ganz im Gegenteil werden gerade hier die
Auswirkungen der Entfremdung während der Arbeitszeit offensichtlich
(vgl. Halbwachs 1926: 382). Durch die Abnahme der Intensität des Fa-
milienlebens kann nach Halbwachs die vergleichsweise geringe Höhe der
Ausgaben für die Wohnung erklärt werden, denn die Wohnung ist der
Ort, an dem sich das Familienleben abspielt. "Die Arbeiterklasse ist
sich noch nicht der sozialen Bedeutung der Wohnung bewußt. Es wird
mir erlaubt sein, darin eine der Hauptwirkungen der anormalen Bedin-
gungen, unter denen sie arbeiten, zu erblicken, weil die fortgesetzte
Berührung mit der Materie bei ihnen die Gefühle tötet." (ebd., S. 384;
Hervorhebung durch uns) Zusammenfassend kann demnach gesagt wer-
den, daß der extrem unpersönliche und gewissermaßen "a-soziale" Cha-
rakter der Fabrikarbeit nach Halbwachs dafür verantwortlich ist, die
Lebensgewohnheiten der Arbeiterschicht auch außerhalb der Arbeitszeit
zu beeinflussen. Ihre sozialen Beziehungen liegen schwerpunktmäßig we-
niger in der Familie als auf der Straße, dem Stadtviertel, der Nachbar-
schaft usw., wodurch sie nur eine sehr viel geringere Intensität errei-
chen. Empirisch und quantitativerfaßbar wird dies durch komparative
Familienbudgetanalysen, in denen nicht nur niedrigere Ausgaben für
Freizeitaktivitäten (wegen der geringen Einkommenshöhe), sondern auch
für die Kategorie Wohnung im Vergleich zu Angestelltenfamilien (bei
gleichem Einkommen) nachgewiesen worden sind. Halbwachs bestätigt
und konkretisiert damit die von Bougie aufgestellten Thesen der Aus-
wirkungen der Arbeitsbedingungen auf das Familienleben und die Kon-
sumgewohnheiten der Arbeiterschicht: Zentral für beide ist der Zusam-
menhang zwischen der Entfremdung in der Arbeit und der daraus resul-
tierenden Unmöglichkeit, eine "integrale" Entwicklung der individuellen
Persönlichkeit zu garantieren. Darüber hinaus konkretisieren beide den
schon von Durkheim gesehenen Zusammenhang zwischen den "anorma-
len" Formen der Arbeitsteilung, gerade weil dieser die entfremdete
Arbeit noch nicht analysiert hat, und der daraus resultierenden Ab-
schwächung der sozialen "Bindungen" der Individuen.

An den Beispielen der Ablehnung einer "ponokratischen" Bewertung des


Verhältnisses zwischen Arbeit und Produktion sowie der empirischen
Analyse der Konsumgewohnheiten der Arbeiterschicht wollen wir dar-
- 177 -
über hinaus zeigen, daß zwischen Bougie, Simiand und Halbwachs be-
stimmte theoretische Querverbindungen bestehen, auch wenn sie selbst
nicht hierauf verweisen. Dadurch läßt sich, wenn auch in unserem Kon-
text nur exemplarisch, verdeutlichen, daß sie tatsächlich eine soziologi-
sche Schule mit einem gemeinsamen paradigmatischen Ansatz bilden,
wobei sie ihn in unterschiedlichen Forschungsbereichen zur Anwendung
bringen.

2.3. Gewerkschaften zwischen Partikularinteresse und "Allgemeinwohl"

In den letzten beiden Abschnitten sind wir darauf eingegangen, daß die
produktive Tätigkeit in der "Arbeitsgesellschaft" die Basis für Eigen-
tum, Einkommen und sozialen Status konstituiert. Es ist gleichzeitig
deutlich geworden, daß keiner Berufsgruppe auf Grund der Ausübung
einer spezifischen Art von produktiver Tätigkeit eine besondere soziale
Aufwertung unter ökonomischen oder normativen Aspekten zugestanden
werden kann. Alle diese Konzeptionen können allerdings am ehesten auf
Produzenten angewendet werden, die selbständig sind, d.h. die die bei-
den Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit in sich vereinigen. Nun ist
aber umgekehrt im Zuge der Industrialisierung eine Zunahme der Lohn-
arbeit zu konstatieren, die eine gewerkschaftliche Organisation der
lohnabhängigen Produzenten erforderlich macht. Aus solidaristischer
Perspektive ist es daher fundamental, einerseits die partikularen Inter-
essen der Lohnabhängigen unter den kapitalistischen Produktionsverhält-
nissen durch die Gewerkschaften abzusichern, andererseits diese aber
daran zu erinnern, daß der Produktionsfaktor Arbeit nur ein Faktor ne-
ben Kapital, Leitung, technischer Innovation, Konsum u.a. im Wirt-
schaftsleben ist, was eine Unterordnung gewerkschaftlicher Ziele unter
makroökonomische und -soziologische Perspektiven impliziert. Bougie
setzt sich daher mit der Frage auseinander, ob die verschiedenen Stra-
tegien, die von dem Gewerkschaftsbund CGT in der Dritten Republik
proklamiert und praktiziert werden, dieser doppelten Zielsetzung ge-
recht werden. Abschließend wird gefragt. wie in dieser Perspektive spe-
ziell das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Genossenschaften zu
definieren ist.
- 178 -

2.3.1. Die Ablehnung des "revolutionären Syndikalismus" in der CGT vor


1914

Wie bereits dargestellt worden ist, ist vor 1914 in Frankreich das Pro-
'Ilem der Sicherung des Existenzminimums für die Arbeiterfamilien noch
keineswegs gelöst worden. Dieser Um~tand erklärt, daß nach dem
Scheitern der wirtschaftspolitischen Reformprojekte des ersten soziali-
stischen Ministers Millerand die Gewerkschaftsbewegung CGT sich radi-
kalisiert und zur Ideologie des "revolutionären Syndikalismus" neigt (vgl.
Kap. 11.4.2.2.). Wesentlich für diese Ideologie ist nicht nur, daß der
Staat keinerlei Funktionen bei der Lösung von Arbeitskonflikten ausüben
soll, sondern daß nur aus der direkten Konfrontation zwischen dem Un-
ternehmer und der Arbeiterschaft in dem jeweiligen Betrieb die Festle-
gung von Arbeitsbedingungen, Lohnhöhe, Arbeitszeit usw. resultieren
darf. Sorel (als Autor des Buches "Reflexionen über die Gewalt") lehnt
nicht nur jegliche staatliche Sozialpolitik, sondern darüber hinaus alle
Maßnahmen zur "Assoziation" von Kapital und Arbeit ab, denn dieser
"demokratische Sumpf" (zitiert nach BougIe 1908a: 101) lähme nur den
Willen zur totalen Konfrontation des Proletariats mit der Unternehmer-
schaft, die auch in der "demokratischen Republik" durch die staatli-
chen Institutionen (Justiz, Polizei und Armee) geschützt würde.

Das wichtigste Mittel zur Intensivierung dieser Konfrontation ist die


Zunahme der Streiks. Als die Streiks nach 1905 tatsächlich häufiger
werden, sehen die Syndikalisten darin einen Erfolg ihrer Propaganda,
und auch die Unternehmer machen diese dafür verantwortlich (vgl.
ebd., S. 124). Bougie zeigt aber auf, daß beide Seiten sich täuschen,
weil beide in ihrer Argumentation zuerst ihren Gegner treffen wollen.
Er verweist auf zwei voneinander unabhängige empirische Analysen von
Fran~ois Simiand und Charles Rist, die die Häufigkeit von Streiks durch
das "Verhältnis, welches den industriellen Wohlstand mit dem Wider-
stand der Arbeiter vereinigt" (ebd., S. 127), erklären: Je mehr der ge-
samtwirtschaftliche Wohlstand wächst (gemessen an der Zunahme der
Exporte und der Verringerung der Arbeitslosigkeit), desto mehr nimmt
die Zahl der Streiks zu, während umgekehrt bei Gefahr des Arbeits-
platzverlustes die Zahl der Streiks zurückgeht. Simiand und Rist sehen
also prioritär ökonomische Gründe für Streiks, wobei der wichtigste
- 179 -

derjenige ist, daß die Arbeiter am gestiegenen gesamtwirtschaftlichen


Wohlstand mehr partizipieren wollen (vgl. ebd., S. 125 ff).

Die Reaktion der Unternehmerschaft läßt nicht lange auf sich warten,
und BougIe macht auf diesen "neuen Tatbestand ... unserer Industriege-
schichte" (ebd., S. 155) aufmerksam, nämlich "die Fortschritte der de-
fensiven Organisation der Unternehmerschaft" (ebd.), die sich in den
ersten systematischen branchenweisen Aussperrungen manifestieren. Aus
der Sicht der Kollektivisten und der Syndikalisten müßten diese ersten
Organisationsbestrebungen in der Unternehmerschaft, die zeigen, daß
trotz der ökonomischen Konkurrenz zwischen ihnen auch ein "Gefühl ih-
rer Solidarität" (ebd., S. 156) existiert, begrüßt werden, denn für die
einen müßte es ein Zeichen der Entwicklung vom Konkurrenz- zum Mo-
nopolkapitalismus sein, und für die anderen müßte es möglich sein, auf
Grund der Verhärtung der Haltung der Unternehmer den Konfronata-
tionswillen der Arbeiterschaft noch zu steigern (vgl. ebd., S. 157 0.
Aber die praktischen Erfahrungen anderer Länder (vor allem in Groß-
britannien und Deutschland) lassen erwarten, daß eher das Gegenteil
der Fall sein wird. Der zunehmende Organisationsgrad bei Unterneh-
mern und Arbeitern führt dazu, daß Delegierte bei der Seiten, gestützt
auf Statistiken, "kollektive, für die Unternehmer und Arbeiter einer
ganzen Industriebranche obligatorische Konventionen" (ebd., S. 159)
ausarbeiten, die den Beginn "industrieller Schiedsverträge" (ebd., S.
160) darstellen.

BougIe bewertet also den organisatorischen Zusammenschluß der Unter-


nehmer positiv, wenn er nicht dazu mißbraucht wird, ausschließlich den
"Absolutismus in der Fabrik" (vgl. ebd., S. 114) zu schützen, d.h. das
unternehmerische Entscheidungsmonopol über den Inhal t der Arbei tsver-
träge zu bewahren, sondern umgekehrt dazu dient, die "kollektiven Kon-
ventionen" zwischen Unternehmern und Gewerkschaften als "ein Prinzip
der Vereinheitlichung in den Arbeitsbedingungen: ein Prinzip also der
Stabilität der Produktionskosten" (ebd.) zu benutzen. Durch die "kollek-
tiven Konventionen" werden die Arbeitskämpfe nicht aufgehoben, sie
werden aber auf die wirklich "entscheidenden" Konflikte konzentriert,
was jeder "bewußte" Unternehmer als einen Vorteil für eine kontinuier-
liche Produktion ansehen muß (vgl. ebd., S. 115).
- 180 -

Genauso wie Bougie in der Unternehmerschaft positive und negative Po-


sitionen unterscheidet, so kritisiert er scharf die Strategie der CGT,
Arbeitskonflikte ausschließlich durch Streiks und nicht durch kollektive
Verhandlungen und Konventionen lösen zu wollen. Kollektive Verhand-
lungen würden angeblich zur "Zwangsgewerkschaft" führen (vgl. ebd.),
die die "direkte Aktion" der betroffenen Arbeiter in einer bestimmten
Fabrik nur bremsen wollen würde. Im Gegensatz zur CGT haben aber
die englischen und deutschen Gewerkschaften die Vorteile der Kollek-
tivverhandlungen auch für die Arbeiterschaft erkannt. In beiden Ländern
tendieren die Gewerkschaften zu einem praktischen Reformismus, der
den Arbeitern immer mehr die Härte von Arbeitskämpfen erspart, und
aus dem trotzdem eine kontinuierliche Verbesserung ihrer Arbeits- und
Lebensbedingungen resultiert. In England erfolgen schon jetzt mehrheit-
lich die Lohnerhöhungen nach Verhandlungen und nicht mehr durch
Streiks (vgl. ebd., S. 129 und S. 141 f), und in Deutschland würde die
umfassende Realisierung des praktischen Reformprogrammes der Ge-
werkschaften auch ohne revolutionäre Strategie nicht nur zu einer Aus-
dehnung der staatlichen Sozialpolitik, sondern zu einer konstanten Mit-
bestimmung und Mitverantwortung der Arbeiter in den Betrieben und
damit zu einer Überwindung des "kapitalistischen Absolutismus" führen
(vgl. ebd., S. 147 f).

Die englischen und deutschen Gewerkschaften vertreten damit Positio-


nen, die sich denen der Soli da risten stark annähern, insbesondere was
die Methoden zur Lösung von Arbeitskonflikten anbetrifft. "Eine Nation,
die sich methodisch in und durch die Demokratie fortentwickeln möch-
te, schuldet es sich selbst, sie schnellstens zu generalisieren." (ebd., S.
129) Die Solidaristen fordern deshalb auch in Frankreich die Einführung
von "kollektiven Konventionen" (d.h. Tarifverträgen) und des obligatori-
schen Schlichtungsverfahrens, durch die die Arbeitskonflikte in einer
demokratisch kontrollierbaren Form ablaufen würden (vgl. ebd.).

Darüber hinaus gibt es aber noch ein weiteres Ziel, weiches durch die
Einführung solcher Methoden zur Lösung von Arbeitskonflikten erreicht
werden kann. Die Arbeiter lernen es, jenseits der Vertretung ihrer par-
tikularen Interessen als Lohnabhängige ein Verantwortungsgefühl für
den gesamten Betrieb zu entwickeln, was auch der Reform>ozialist
- 181 -

Briand im Sinne der Reduzierung der Häufigkeit von Streiks als einen
Vorteil ansieht (vgl. ebd., S. 119). Das gleiche gilt für die Gewerk-
schaften auf volkswirtschaftlicher Ebene, die "im höheren Interesse der
gesamten Kollektivität" (ebd., S. 160) zunehmende und vereinheitlichen-
de Regelungen zwischen Kapital und Arbeit akzeptieren würden. Dahin-
ter kommt die Erkenntnis zum Ausdruck, daß jenseits der vorhandenen
antagonistischen ökonomischen Interessen der Klassen "eine gewisse
Gemeinsamkeit von Institutionen, von Gewohnheiten und von Ideen"
(ebd., S. 100) innerhalb einer Nation, mit anderen Worten, "ein gewis-
ses Gefühl der 'gesellschaftlichen Gesamtheit '" (ebd.) existiert. "Oie
verschiedenen ökonomischen Gruppen, unter die wir aufgeteilt sind,
müssen - wäre es nur dafür, die Bedingungen ihrer Zusammenarbeit zu
diskutieren und zu reformieren - eine gesellschaftliche Gesamtheit bil-
den." (ebd., S. 98 f) In Durkheims Begrifflichkeit ausgedrückt, bedeutet
dies, daß auch in der industriell-arbeitsteiligen Gesellschaft Formen der
"mechanischen" Solidarität weiterexistieren müssen, die die aus der
"organischen" Solidarität resultier ende gesellschaftliche "Kohäsion" un-
terstützen sollen 18).

BougIe wirft den "revolutionären Syndikalisten" und besonders Sorel vor,


die nicht klassenspezifischen Formen der Solidarität bewußt zu verleug-
nen und stattdessen den "übersteigerten Kampf" (ebd., S. 103) zu pre-
digen. Ihre Haltung entspricht einem "Geist der Negation" (ebd., S.
20 I), der die gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen immer mehr ver-
kennt. Diese bestehen nicht nur darin, daß die französischen Arbeiter
sich langsam von ihren radikalisierten Führern in den Gewerkschaften
entfernen wollen, genauso wie sie sich von dem absoluten Führungsan-
spruch der Kollektivisten gelöst haben (vgl. ebd., S. 203) 19), sondern
auch darin, daß die Solidarität jeder einzelnen Nation immer stärker
wird gegenüber der nationenübergreifenden Solidarität der Klassen. Oie
internationale Arbeiterbewegung wird nicht nur durch verschiedene na-
tionale "Temperamente", sondern vor allem durch unterschiedliche poli-
tische Institutionen und den unterschiedlichen EntwiCklungsstand des
Wirtschaftssystems gespalten (vgl. ebd., S. 74). Diese verschiedenartigen
nationalen Bedingungen wirken auf die Organisationen der Arbeiterbe-
wegung zurück, so daß "unleugbare Formen nationaler Solidarität sie
trennen wie Netze, die sie daran hindern, hier ihre ideale Klassensoli-
- 182 -
darität voll zur Wirkung kommen zu lassen." (ebd.) Und er folgert dar-
aus, daß "die Formel des Kommunistischen Manifestes jeden Tag· um-
strittener" (ebd., S. 75) wird, denn "die Proletarier haben ein Vater-
land: Würden sie von Fremden regiert werden, würden sie sich zweifach
unterworfen fühlen. Das 19. Jahrhundert wird legitimerweise das Jahr-
hundert der Nationalitäten gewesen sein." (ebd.) Er befindet sich mit
dieser Argumentation in voller Übereinstimmung mit Durkheim, dessen
Position Filloux, wie folgt, zusammenfaßt: "In Wirklichkeit erscheint
ihm die Vereinigung selbst der Arbeiterklassen der verschiedenen Na-
tionen gleichermaßen als unverständlich und abwegig. Wenn er sich
noch die Möglichkeit einer Internationalen der Vaterländer, im äußer-
sten Falle die Vereinigung von Berufsgruppen vorstellt, so erscheint ihm
das Zusammentreffen der Arbeiterklassen, die in verschiedenen Ländern
für die Revolution kämpfen und letztlich den Staat in Frage stellen, als
eine reine Utopie." (Filloux 1977: 294).

Der Erste Weltkrieg hat Bougie und Durkheim auf tragische Weise
recht gegeben: Die 11. Internationale konnte ihn nicht verhindern, zu
dem von den "revolutionären Syndikalisten" propagierten Volksaufstand
bei Ausbruch eines europäischen Krieges ist es nicht gekommen 20 ). Für
unseren Kontext ist es allerdings wichtiger, daß sich die CGT nach
1918 vom "revolutionären Syndikalismus" löst und die Posi ti on der Ge-
werkschaften gegenüber dem Staat und der Unternehmerschaft neu de-
finiert.

2.3.2. Die Debatte um das "Wirtschaftsparlament" in der Zwischen-


kriegszeit

Wie Bougie konstatiert, betont die CGT auch nach 1918 die "Antithese
zwischen Produzent und Bürger" (vgl. 1921: 217), die auch aus dem
weiterhin vorhandenen Mißtrauen resultiert, welches zwischen jenen, die
von ihrer sozialen Situation als Lohnabhängige dominiert werden (unab-
hängig von ihren politischen, religiösen u.a. Meinungen), und dem Staat
existiert, "der selbst in einem demokratischen Regime noch zu oft sei-
ne Zwangsgewalt denjenigen zur Verfügung stellt, die die Produktions-
mittel besitzen" (ebd., S. 232). Trotzdem läßt sich eine neue Gewich-
- 183 -
tung der gewerkschaftlichen Kritik am Staat erkennen, denn sie richtet
sich immer weniger gegen dessen politische "Tyrannei" als vielmehr
gegen seine ökonomische "Inkompetenz" (vgl. 1932: 182).

Uiese Kritik war auch schon vor 1914 zu vernehmen, aber sie wird nun
dominierend: Mangelnde Kompetenz bei den Parlamentariern, Günst-
lingswirtschaft und Zeitmangel bei den Ministern, Routine und man-
gelnde Anpassungsfähigkeit in der Bürokratie (vgl. ebdj 1921: 232). Das
Hauptargument der Gewerkschaftler gegenüber der "politischen Admini-
stration" besteht darin, daß nicht diese, sondern nur die am Wirt-
schaftsprozeß Beteiligten (I:lanken, Unternehmer, Industrie- und Han-
deinskammern, Gewerkschaften, Verbraucherverbände usw.) über die
notwendige Kompetenz verfügen, wirtschaftspolitische Entscheidungen zu
treffen. Die CGT überwindet damit die aus dem "revolutionären Syndi-
kalismus" resultierende Ablehnung jeglichen Staatsinterventionismus
nicht völlig (vgl. Anm. 3D dieses Kapitels), obwohl sie eine neue, nicht
aber mehr politisch, sondern "ökonomisch-fachlich" begründete Form
annimmt.

Oie CGT folgert hieraus, daß der Staat deshalb nicht nur einwilligen
müsse, einen "Nationalen Wirtschaftsrat" mit beratendem Status einzu-
richten, sondern eine Art "Wirtschaftsparlament ", durch das die von
den Experten der verschiedenen ökonomischen Interessensgruppen ausge-
arbeiteten Stellungnahmen einen bindenden gesetzlichen Chrakter be-
kommen. Rist und Bougie beschreiben die Grundkonzeption dieses "Na-
tionalen Wirtschaftsrates" , wie folgt: "Er könnte entweder die großen
ökonomischen Regionen (die noch zu schaffen sind) oder die großen Be-
rufskorporationen oder '" die großen Interessensgruppen repräsentieren:
Sparer, Konsumenten, Produzenten. Man kann ihn als eine Kombination
dieser Typen konzipieren. Das Wesentliche ist, daß die qualifizierten
Repräsentanten jeder produktiven Tätigkeit des Landes in Kontakt ge-
bracht werden, daß sich ihre antagonistischen Interessen frei formulie-
ren, daß sich ausgehend von ihrer Opposition die Notwendigkeit gerech-
ter Lösungen und praktischer Kompromisse und der Begriff eines höhe-
ren nationalen Interesses durchsetzt." (Rist 1924: 274 f) Entscheidend
sei es, so Rist, eine Institution zu finden, in der sich die "tiefe Soli-
darität" (ebd., S. 275) zwischen den ökonomischen Aktivitäten klar aus-
- 184 -
drücken kann. Auf diese sehr Durkheimsche Intention werden wir später
zurückkommen.

Bougie hebt demgegenüber zunächst den besseren Informationsaustausch


zwischen "Politik" und "Wirtschaft" durch den "Nationalen Wirtschafts-
rat" hervor: "Indem neben die Repräsentanten der öffentlichen Verwal-
tungen die Repräsentanten der verschiedenen Kategorien der Produzen-
ten sowie die Repräsentanten der Masse der Verbraucher gestellt wer-
den, würde es ihm zufallen, die Produktion und die Politik miteinander
zu vereinbaren. Durch dieses Verbindungsorgan könnte das politische
Frankreich dem ökonomischen Frankreich, wenn es nötig wäre, eine
Anordnung für das öffentliche Wohl übermitteln, und das wirtschaftli-
che Frankreich würde dem politischen Frankreich seine Ideen, seine
Projekte, seine Bedürfnisse wissen lassen." (Bougie 1932: 184).

Da einerseits aus der solidaristischen Perspektive die Konzeption eines


"Nationalen Wirtschaftsrates" grundsätzlich positiv bewertet wiri I),
setzt sich Bougie andererseits mit der Forderung der CGT auseinander,
ihm nicht nur einen beratenden, sondern auch einen gesetzgebenden
Status zu verleihen. Er fragt zunächst nach der demokratischen Legiti-
mation dieses "Wirtschaftsparlamentes" , da seine Vertreter nicht über
das allgemeine Wahlrecht, sondern über eine "qualitative Repräsenta-
tion" (1921: 239) gewählt werden: Wie kann sichergestellt werden, daß
tatsächlich alle ökonomischen Interessensgruppen sich repräsentiert füh-
len, und nach welchen Kriterien wird die Verteilung der Sitze zwischen
ihnen vorgenommen (vgl. ebd., 18S)?

Noch wichtiger ist aber die Frage, wie verhindert werden kann, daß
nicht die partikularen Gruppeninteressen dominieren, sondern daß sich
das "Allgemeinwohl " gegenüber der "korporativen Begehrlichkeit", wie
Jaures es nannte (vgl. ebd.), durchsetzen kann. Es ist zunächst als ein
eminenter F ortschri tt zu bewerten, daß das "Allgemeinwohl" zur "neuen
Sprache im syndikalistischen Vokabular" (J 921: 238) geworden ist, da
dadurch deutlich wird, daß die Gewerkschaften neben der Arbeit auch
die Berechtigung anderer ökonomischer Faktoren und dami t die Interes-
sen der sie repräsentierenden Gruppen anerkennen. Trotzdem ist dies
für eine Begrenzung der Gruppeninteressen nicht ausreichend. Wie die
Organisationen der anderen ökonomischen Interessensgruppen so unter-
- 185 -

liegen auch die Gewerkschaften, je mehr ihre Entscheidungskompeten-


zen ausgedehnt werden, einem Prozeß der Bürokratisierung, der die
Mandatsträger von ihren Wählern entfernt. Hinzu kommt, daß die
berufliche Kompetenz zwar zur Beurteilung der Situation der eigenen
Branche ausreicht, aber auch genau deswegen nicht darüber hinausgeht.
Noch schwieriger wird es, z.B. Lohnforderungen mit den Interessen der
Verbraucher zu verknüpfen, die vor allem an einer Bekämpfung der In-
flation interessiert sind (BougIe weist allerdings ausdrücklich darauf
hin, daß die Steigerung von Löhnen nur einer und auch nicht der wich-
tigste Grund für Preissteigerungen ist; vgl. ebd., S. 234 ff).

Die Gefahr der Dominanz des Gruppenegoismus im "Wirtschaftsparla-


ment ", die auf Grund der nicht völlig gesicherten demokratischen Legi-
timation noch untolerierbarer erscheint, ist für BougIe letztlich aus-
schlaggebender in seiner Gesamteinschätzung als der Zuwachs an fach-
licher Kompetenz. "Damit sich dem Allgemeinwohl konforme Interessen
durchsetzen, ist es ohne Zweifel einfacher und besonnener, das Gefühl
der Individuen zu konsultieren, wenn sie eher als Bürger und Verbrau-
cher betrachtet als in verschiedene Rahmen von Produzenten auf ge teil t
werden." (J 932: 185) Er fordert damit eine bleibende Priorität des po-
litischen vor dem "Wirtschaftsparlament" , die konkret dadurch realisiert
werden soll, indem dieses gegenüber jenem nur einen beratenden Status
zugebilligt bekommt, allerdings mit der Auflage, daß die Empfehlungen
des "Wirtschaftsparlamentes" obligatorisch angehört werden müssen
(vgl. 1921: 239; 1932: 185 f). Er schließt sich damit einer der wesent-
lichsten Forderungen der "Jungtürken" in der Radikaldemokratischen
Partei an (vgl. Kap. 11.4.3.).

Die Gefahr des Gruppenegoismus sieht BougIe natürlich auch im politi-


schen Parlament, insbesondere, wenn die Mehrheit den Willen der Min-
derheit gänzlich ignoriert. "Aber so ist das Paradoxum der Demokratie:
Die modifizierbarste Regel ist genau deshalb in ihren Augen die am
meisten zu respektierende. Die Möglichkeit, das Gesetz zu ändern, wenn
die Mehrheit gewechselt haben wird, verpflichtet die Minderheit, sich
dem Gesetz zu beugen." (1921: 240) Die Möglichkeit der legalen Ver-
änderung von Mehrheiten (und damit von Gesetzen) bedeutet darüber
hinaus für die Minderheit die Verpflichtung, sich in der politischen
- 186 -

Auseinandersetzung nicht auf die "Revolte", sondern auf die "Propagan-


da" zu konzentrieren (vgl. ebd., S. 241).

Auch wenn der schon bestehende "Nationale Wirtschaftsrat" nicht in


ein "Wirtschaftsparlament" mit der Möglichkeit, gesetzmäßige Entschei-
dungen zu fällen, umgewandelt wird, so zeigt die CGT durch die Ent-
sendung von Experten in dieses Gremium ihren Willen zu einer "Politik
der Anwesenheit" und zu einer ausdrücklichen Respektierung des "All-
gemeinwohls" (vgl. 1932: 189), durch die sie sich dem demokratischen
Staat annähert. Die CGT hat sich dadurch nicht nur von der Tradition
des "revolutionären Syndikalismus" gelöst, sondern sie macht auch
gleichzeitig deutlich, daß für sie das sowjetische Modell inakzeptabel
ist, welches die Einflußmöglichkeiten der Gewerkschaften durch "die
bürokratische Allmacht. zu oft Schwester der Inkompetenz" (ebd., S.
188) völlig beschneidet 22 ).

Diese neue Grundorientierung der CGT kommt auch der von Durkheim
etwa 30 Jahre vorher entwickelten Konzeption der Berufsgruppen und
ihrer "Nationalen Korporationen" sehr nahe, wie Bougie hervorhebt. Er
lehnte sowohl eine einseitige Ausrichtung auf den sozialen Klassen-
kampf als auch eine Überbetonung der ökonomischen Funktionen des
Staates ab, so wie sie nach 1918 im sowjetischen Modell oder in jenen
Staaten realisiert wird, "die mittels der Gewalt eine durch eine höhere
Polizei eng überwachte korporative Organisation errichten" (I 929: 162).
Auch wenn Durkheim nicht präzis die Organisationsform der Zusam-
menarbeit der Berufsgruppen beschrieben hat, so ist er doch durch die
gleichgewichtige Betonung der individuellen, korporativen und staatli-
chen Ebene als "ein Vorläufer, wenn nicht ein Prophet" (ebd.) für die
Debatte um das "Wirtschaftsparlament" in Frankreich in der Zwischen-
kriegszeit anzusehen (vgl. hierzu präziser Abschnitt 2.4.2.).

2.3.3. Gewerkschaften und Genossenschaften

Während wir bisher in diesem Abschnitt darauf eingegangen sind, wie


Bougie das Verhältnis der französischen Gewerkschaften zu Staat und
Unternehmerschaft analysiert und kritisiert hat, soll nun dargestellt
- 187 -

werden, wie aus solidaristischer Perspektive das Verhältnis zwischen


Gewerkschaften und Genossenschaften definiert werden kann. Dabei
muß zunächst die spezielle Problematik zwischen Gewerkschaften und
Konsumgenossenschaften betrachtet werden, da diese nicht im Bereich
der Produktion und Distribution, sondern dem der Konsumtion eine Lö-
sung des Pauperismus angestrebt haben und dabei, wie Bougie hervor-
hebt, antagonistische ökonomische Interessen zwischen den Konsumenten
und den verschiedenen Kategorien der Produzenten 'entstehen können.

Aus der Sicht der Produzenten ist das wichtigste Mittel zur Lösung des
Problems des Pauperismus die Steigerung der Produktion, denn je mehr
produziert wird, desto leichter ist es, jedem Individuum zumindest das
Existenzminimum zu garantieren. Dieser "produktivistische Optimismus"
(1923: 127) wird auch vor. den Gewerkschaften geteilt, denn je mehr
die Produktion gesteigert werden kann, desto leichter lassen sich Lohn-
erhöhungen durchsetzen. Diese Logik ist aber aus der Sicht der Konsu-
menten aus zweierlei Gründen unzureichend. Zum einen werden die
Lohnerhöhungen als Vorwand für Preiserhöhungen sowohl durch die Un-
ternehmer als auch durch den Handel benutzt, so daß der Arbeiter von
der Lohnerhöhung kaum profitiert. Bougie macht hier also auf den Un-
terschied zwischen dem "nominalen" und dem "realen" Lohn aufmerk-
sam, wobei nur der letztere die eigentliche Kaufkraft mißt. Hinzu
kommt, daß die Steigerung der Produktion nur dann sinnvoll ist, wenn
entsprechende Absatzmärkte bestehen, d.h. die Produktion muß sich
letztlich an der Nachfrage der Konsumenten orientieren. Geschieht dies
nicht, so kommt es entweder zu Überproduktionskrisen, die die Arbeiter
als Lohnabhängige treffen, wenn sie schlimmstenfalls entlassen werden
müssen, oder aber zu Kartellbildungen, die wegen der Möglichkeit un-
kontrollierbarer Preissteigerungen die Arbeiter als Konsumenten treffen
(vgl. ebd., S. 127 ff).

Hieraus ergibt sich zwingend die Notwendigkeit der "Organisation" der


Produktion, was bereits von Saint-Si mon und Fourier erkannt worden
ist. Während Saint-Si mon allerdings eher an die "Organisation" der
Produktion durch die Kreditvergabe dachte (wir werden hierauf im
nächsten Abschnitt zurückkommen), will Fourier die Ausschaltung des
Marktes als Regelmechanismus zwischen Produktion und Konsumtion
- IBB -
23)
durch die Konzeption des "Phalansteriums" als "Vollgenossenschaft"
erreichen. Statt der "Vollgenossenschaft" konnten sich aber bis zu ei-
nem gewissen Grade die Konsumgenossenschaften durchsetzen 24 ), die
durch den Kauf von Aktien an der Leitung großer Industrieunternehmen
partizipieren, um deren Produktion auf die Nachfrage der in ihnen
assoziierten Konsumenten immer stärker auszurichten und dadurch "eine
rationalere Anpassung der Produktion an den Konsum" (1932: 132) zu
erreichen.

Deutlich ist erkennbar, daß noch in der Zwischenkriegszeit viele Sozi-


alökonomen, z.B. der Reformsozialist Albert Thomas, große Hoffnungen
in die kontinuierliche Ausdehnung der Konsumgenossenschaften setzen,
um dadurch, wie von Gide vorgezeichnet, auch den Bereich der Produk-
tion "organisieren" können (vgl. ebd., S. 131 f). Wir wissen heutzutage,
daß durch die immer weitergehende Ausdehnung der Märkte diese Kon-
zeption der Steuerung der Produktion sich nicht realisieren konnte, auch
wenn in Einzelfällen Konsumgenossenschaften große Umsatzsteigerungen
erzielen konnten. Dieselbe Konstatierung läßt BougIe bereits für die
Produktionsgenossenschaften gelten: "Trotz der Geschäfte von 210 Mil-
lionen (Francs; c.G.), die sie 1930 haben umsetzen können, scheinen
die 340 Produktionsgenossenschaften ... nicht in der Lage zu sein, in
der Wirtschaft Transformationen grossen Stils herbeiführen zu können."
(ebd., S. 179 f) Auf Grund der Konkurrenz der mit erheblich mehr Ka-
pital ausgestatteten Privatbetrieben rät er ihnen, ihre ökonomischen
Möglichkeiten vor allem für die Schaffung von Arbeitsplätzen zu nutzen
(vgl. ebd., S. IBO). Über die ökonomischen Zukunftsperspektiven der
Konsumgenossenschaften schweigt sich BougIe, genau genommen, aus,
denn er konstatiert lediglich, daß ihre "Sphäre gegenwärtig viel breiter
als die der Produktionsgenossenschaften ist" (ebd.).

Stattdessen kann aber zumindest die Funktion der Konsumgenossen-


schaften innerhalb einer marktwirtschaftlichen Ordnung aufgezeigt wer-
den, die auf den Bereich der Konsumtion begrenzt wird und sich auf
den "Kampf gegen den Zwischenhändler durch den Zusammenschluß der
Konsumenten" (ebd., S. 131) konzentriert. Dies ist auch der Ausgangs-
punkt von Fourier gewesen, der in den Preissteigerungen des Handels
eine Art "Einkommen ohne Arbeit" gesehen hat (vgl. 1923: 130). Die
- 189 -

Konsumgenossenschaften im Bereich der Konsumtion sowie die Gewerk-


schaften im Bereich der Produktion und Distribution wehren sich somit
gegen dieselbe Ursache ökonomischer Ausbeutung, die nur unterschiedli-
che Formen annimmt, denn "der wirkliche Feind, der universale Feind
ist der Überprofit" (ebd., S. 129). Bougie schließt sich damit der
Durkheimschen Definition von ökonomischer Ausbeutung an, nach der,
wie dargestellt (vgl. Abschnitt 2.2.2.), nicht der Gewinn an sich, son-
dern nur der unter spezi fischen Bedingungen mögliche, übermäßige Pro-
fit zu verurteilen ist, denn "es ist diese Spanne, die zuerst reduziert
werden muß, wenn man will, daß das Interesse der größten Zahl ge-
schützt wird." (ebd.)

Es ist deshalb falsch, innerhalb der Arbeiterbewegung den Gewerk-


schaften vor den Konsumgenossenschaften eine Priorität einräumen zu
wollen, denn zum einen wollen beide den in unterschiedlichen Formen
sich manifestierenden "Überprofit" begrenzen, und zum anderen können,
wie dargestell t, antagonistische ökonomische Interessen zwischen Pro-
duzenten und Konsumenten entstehen. Aus diesen bei den Gründen
erachtet es Bougie als notwendig, daß "in einigen Punkten die genos-
senschaftliche Idee die produktivistische Idee in der Art vervollständigt
oder begrenzt, die uns konform mit dem Allgemeinwohl erscheint."
(ebd., S. 121)

Wollte man trotzdem zu einer Gewichtung zwischen den bei den Organi-
sationsformen gemäß ihrem Beitrag zum "Allgemeinwohl" kommen, so
müßte diese eher zugunsten der Konsumgenossenschaften ausfallen,
"denn die Prodzenten können gut in Kategorien entgegengesetzter Inter-
essen aufgeteilt werden. Aber jedermann ist Konsument. Jedermann hat
also ein Interesse daran, daß das Leben so wenig wie möglich kostet,
und daß der Tribut des auf die Produkte erhobenen Profites immer
mehr reduziert wird." (ebd., S. 128) Hinzu kommt, daß der produktive
Akt an sich nur in einem eingeschränkten Maße einen Selbstzweck dar-
stellt. Dieser wird für den Produzenten erfüllt, wenn er unter den gün-
stigsten Bedingungen in seiner Arbeit nicht nur eine "Leistung" er-
bringt, sondern auch seine "Kreativität" entfalten kann. Auf gesell-
schaftlicher Ebene ist die Produktion aber nur ein Mittel, um die für
die "Reproduktion" der Individuen notwendigen Waren herzustellen.
- 190 -

Auch Jaures hat in dem- von der entfremdeten Arbeit befreiten Produ-
zenten nur einen "Diener" der Masse der Konsumenten gesehen (vgl.
ebd., S. 124 0.
Diese tendenziell feststellbare Unterordnung der Interessen der Produzen-
ten, selbst der lohnabhängigen, unter die der Konsumenten resultiert
letztlich aus der unterschiedlichen Bewertung der Formen von ökonomi-
scher Solidarität, die in den Konsumgenossenschaften bzw. den Gewerk-
schaften realsisiert werden. Bougie schließt sich hier Gides Argumenta-
tion an: In den Gewerkschaften wird eine berufsbezogene Solidarität
ausgeübt, wobei allerdings die Verteidigung der ökonomischen Interessen
auf die Mitglieder eines Berufes oder einer Branche beschränkt und
damit eindeutig partikular bleibt, während die Konsumgenossenschaften
grundsätzlich jedem Gesellschaftsmitglied offenstehen, da jeder ein
Konsument ist, und somit die in ihnen praktizierte Form der ökonomi-
schen Solidarität einen umso weniger partikularen Charakter besitzt, je
mehr Mitglieder in ihnen assoziiert sind (vgl. 1907a: 194 f; Kap.
II.3.2.2.).

Aber, wie Bougie betont, erscheint es aus solidaristischer Perspektive


falsch, auf Grund der unterschiedlichen Formen der ökonomischen Soli-
darität und ihrem Beitrag zum "Allgemeinwohl" eine Hierarchie zwi-
schen den sie repräsentierenden Organisationen etablieren zu wollen.
"Der Solidarismus löst nicht diese Frage, oder besser gesagt, er stellt
sie sich nicht. Zwischen den so vorgeschlagenen Hilfsrr·itteln verweigert
er auszuwählen." (J 907a: 195) Unter den bestehenden kapitalistischen
Produktionsverhältnissen ist sowohl die Garantie der ökonomischen In-
teressen der lohnabhängigen Produzenten als auch die der Konsumenten
unabdingbar, denn Gewerkschaften und Konsumgenossenschaften verfol-
gen gleichermaßen das Ziel, den "Überprofit", " ... diesen Krieg aller
gegen alles, der noch zu oft die Regel in der Welt der modernen In-
dustrie bleibt, zu begrenzen" 1923: 131). Durch ihre Betonung der un-
terschiedlichen Formen der Solidarität leisten sie einen wichtigen Bei-
trag zur "solidaristischen Philosophie" (ebd.), der dabei nicht auf den
Bereich der Ökonomie beschränkt bleibt.

Gewerkschaften und Genossenschaften erfüllen darüber hinaus durch ih-


re internen Organisationsprinzipien eine "erzieherische Aufgabe" (1932:
- 191 -
180) im Sinne der "sozialen Demokratie" und entsprechend den drei
Prinzipien der Revolution von 1789. Was die Produktionsgenossenschaften
von den kapitalistischen Betrieben besonders unterscheidet, ist die Tat-
sache, daß, indem die Arbeiter zu Mitbestimmenden in der Leitung des
gesamten Unternehmens werden, "sie einen Teil an Autonomie bewah-
ren, der nicht zu verachten ist" (ebd.). Die Konsumgenossenschaften
unterscheiden sich von den Aktiengesellschaften etwa dadurch, daß in
ihnen jedes Mitglied unabhängig von der Höhe seiner Einkäufe bei Voll-
versammlungen nur über eine Stimme verfügt, während in den Aktien-
gesellschaften der Stimmanteil einer Person von der Zahl der von ihm
besessenen Aktien abhängt, was die !:<Ieinaktionäre besonders benachtei-
ligt (vgl. ebd.).

Die Ziele der "sozialen Demokratie" werden danach durch die Selbst-
bestimmung in der Arbeit (Freiheit), die Gleichheit im Wahlrecht und
die Formen der ökonomischen und damit auch sozialen Solidarität (Brü-
derlichkeit) angestrebt. Dies wird dadurch möglich, daß die in den bei-
den Genossenschaftstypen praktizierte Art der "Kooperation" den Ar-
beiter daran gewöhnt, "zu verwalten, zu diskutieren, vorherzusehen. Sie
zwingt ihn, aus dem engen Kreis seines täglichen Werkes herauszutreten
und öffnet ihm •.. breitere Perspektiven." (J 902a: 13)

Auch die Gewerkschaften können die gleichen politischen und sozialen


Erziehungsziele erfüllen. Ihre Repräsentanten auf betrieblicher und na-
tionaler Ebene werden nach demokratischen Prinzipien gewählt, und
durch die materielle Unterstützung ihrer Mitglieder im Falle von Streik,
Aussperrung, Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit usw. leisten sie einen
wichtigen Beitrag zur ökonomischen und sozialen Solidarität. Aber wir
haben gesehen, daß vor 1914 die französischen Gewerkschaften auf
Grund des "revolutionären Syndikalismus" einem solchen Hilfskassensy-
stem eher ablehnend gegenübergestanden sind, währenddessen die engli-
schen und deutschen Gewerkschaften diese Form der praktischen Soli-
darität früh akzeptiert haben.

Es ist deshalb kein Zufall, daß Bougl~ auf die Arbeiten von Beatrice
und Sydney Webb (von der "F abian Society") auf die englische Gewerk-
schaftsbewegung verweist. "Am Ende ihres Buches über den "Englischen
Trade-Unionismus" zitiert Sydney Webb die Autobiographie eines Arbei-
- 192 -

ters, die zeigt, welchen Platz die Gewerkschaften im geistigen Leben


der Arbeiterklasse innehaben, und wie sie durch die Auskünfte aller
Art, die sie für ihn sammeln, durch die Probleme, die sie ihm vorge-
ben, durch die kollektiven und durchdachten Entscheidungen, die sie ihn
auffordern zu formt..:ieren, seinen Horizont erweitern." (ebd., S. 16)
Darüber hinaus zeigen die Webbs die Möglichkeit der Annäherung, wenn
nicht der Integration der Gewerkschaften als Organisation in die politi-
sche Demokratie auf, so wie sie von der CGT erst nach 1918 akzep-
tiert worden ist. In ihrem Buch über die "Industrielle Demokratie" wird
genau die Strategie der Gewerkschaften ausgeführt, als demokratische
Repräsentation der verschiedenen Gruppen der Arbeitnehmer, selbst der
Beamten, durch kollektives Handeln Einfluß auf die sie betreffenden
Entscheidungen des politischen Parlamentes zu nehmen. "Der so ver-
standene Syndikalismus wäre nicht eine Negation, sondern eine Ausdeh-
nung der Demokratie: Er würde eine Brücke zwischen der poli tischen
Demokratie und der industriellen Demokratie schlagen , , ( 1932:
179)25).

Die wichtigste Konsequenz sowohl aus den internen Organisationsprinzi-


pien als auch aus den darüber hinausgehenden politischen und sozialen
"Erziehungszielen" der Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegung
besteht für Bougie aber darin, eine neue Perspektive der Realisierung
der ehemaligen Revolutionsprinzipien geschaffen zu haben, die über das
rein politisch-parlamentarische System hinausgeht: "Die Tradition der
Französischen Revolution, die möchte, daß das Individuum einen Anteil
an Kontrolle über die Institution behält, würde also in heutigen ökono-
mischen und sozialen Realitäten mehr als ein Mittel zum Überleben
finden. Sie ist nicht völlig auf den Parlamentarismus begrenzt." (ebd.,
S. 180 f) Dies führt uns zu nichts Anderem als der solidaristischen
These von der Ergänzung der politischen durch die "Wirtschaftsdemo-
kratie" zurück, durch die allein eine umfassende "soziale Demokratie"
garantiert werden kann. Im folgenden Abschnitt werden wir deshalb
noch einmal besonders auf das Problem der Konstitution der "Wirt-
schaftsdemokratie" und ihrer Beziehung zum Staat eingehen.
- 193 -

2.4. Begründung und Begrenzung des Staatsinterventionismus

In diesem Abschnitt wird dargestellt, wie, ausgehend von Bourgeois, der


solidaristische Staatsinterventionismus weiter präzisiert wird. Insbeson-
dere wird aufgezeigt, wie Bougie (unter Rückgriff auf Durkheim) die
Begrenzung des Staatsinterventionismus durch die Betonung der Bedeu-
tung von "intermediären ökonomischen Assoziationen" theoretisch neu
zu begründen versucht, und welche ökonomischen u.a. Funktionen dem
Staat in der Praxis durch die Solidaristen zugeteilt werden. Vorher ge-
hen wir allerdings kurz auf die Ursprünge der Begründung des Staatsin-
terventionismus durch die Frühsozialisten ein, die für Bougie auch hier
die Vorläufer waren.

2.4.1. Die Begrundung des Staatsinterventionismus durch die Frühsoziali-


sten

In Fouriers System der "VOllgenossenschaften" bleiben dem Staat nur


sehr beschränkte ökonomische Funktionen. Der Staat soll z.B. an die
Bauern für den Kauf von Maschinen und Dünger Kredite vergeben und
durch die Anlage öffentlicher Vorratskammern einen kontinuierlichen
Absatz ihrer Produkte garantieren. Auch soll er für eine gewisse Koor-
dination der Produktion in den Manufaktureien sorgen, in denen die
Maschinen für die Agrarproduktion hergestellt werden. Aber die staatli-
chen Eingriffe in die Autonomie der "Phalansterien" sollten insgesamt
so selten wie nur möglich sein, so daß diesbezüglich Bougie Fouriers
Konzeption als einen "föderalistischen" oder "anarchischen Sozialismus"
bezeichnet (vgl. 1932: 120 0.
Ganz anders ist dies bei Saint-Si mon und seinen Schülern. Hier wird
zum ersten Mal eine umfassende Konzeption für wirtschafts- und so-
zialpolitische Maßnahmen des Staates entwickelt, denn neben der Stei-
gerung ist die "Organisation" der Produktion für sie das wichtigste
Problem (vgl. 1923: 128). Die "industrielle Anarchie" erscheint ihnen
als das entscheidende Hindernis für "die Steigerung der Leistung, die
Senkung der Produktionskosten, die Aufteilung von Rohstoffen oder
Märkten" (J 932: 101), d.h. wegen der uneingeschränkten Konkurrenz
- 194 -

bekämpfen sich die Unternehmen eher untereinander, als daß es durch


eine Koordination ihrer Produktion auf regionaler und nationaler Ebene
zu einem möglichst effizienten Einsatz aller ökonomischen Faktoren und
dadurch zu einer optimalen Befriedigung der Bedürfnisse der Konsumen-
ten kommt.

Hierin liegt eine eigentliche Ursache für die von ihnen aufgestellte
Hierarchie der verschiedenen produktiven Tätigkeiten: Unterordnung der
Arbeiter unter die Unternehmer, aber Unterordnung der Unternehmer
unter die "Ingenieure" und vor allem die Bankiers. Während die "Inge-
nieure" kontinuierlich die technischen Voraussetzungen der Produktion
verbessern sollen, soll für die "Organisation" der Produktion ein Netz
staatlicher Banken geschaffen werden. "Staatsbanken ... würden sich
weniger leicht durch die Verringerung der Einnahmen oder den Rück-
gang der Höhe der Zinsen alarmieren lassen. Sie wüßten, Unternehmen
öffentlicher Nützlichkeit zu kommanditieren. Zusätzlich hätte eine Zen-
tralbank die Aufgabe, ihre Aktivitäten zu koordinieren." (ebd., S. 90)
Ihre wichtigste Funktion würde demnach darin bestehen, die Kreditver-
gabe an Privatpersonen entsprechend ihren "persönlichen Fähigkeiten"
und den "kollektiven Interessen" zu organisieren. Hierzu gehören vor al-
lem Infrastrukturmaßnahmen; die Schüler Saint-Si mons fordern einen
raschen Ausbau des Eisenbahnnetzes in Frankreich und propagieren als
erste den Bau des Suez-Kanals (vgl. ebd., S. 100 f). Neben diesen
wirtschaftspolitischen Funktionen der Staatsbanken soll der Staat selbst
zum "Universalerben" werden (um die "Chancengleichheit" durchzuset-
zen; vgL Abschnitt 2.1.), und allen Produzenten soll eine Mindestalters-
rente garantiert werden (vgL ebd., S. 89 f).

Bougie bezeichnet die saint-si monistische Konzeption des Staates zwar


als einen "Kollektivismus" (vgL ebd.), aber er betont, daß der Staat im
"Industriellen System" nur ein "universaler Regler" ist, der nicht zu ei-
nem "inkompetenten Autoritarismus" tendieren solL Er soll keine
Zwangsmethoden benutzen, sondern prioritär ein nützlicher Kontrolleur
und "Treuhänder" sein. Gerade wenn die politische und ökonomische
Elite nicht mehr aus "Müßiggängern", sondern aus "Industriellen" be-
steht, könnte "die Politik vor der Technik zurückweichen". Hinter die-
ser Staatskonzeption verbirgt sich schon der von Auguste Comte später
- 195 -

ausformulierte Grundgedanke, daß "die Verwaltung der Dinge die Re-


gierung der Personen ersetzen wird" (vgl. ebd., S. 91, 104). All diese
Formulierungen sind letztlich nur vor dem Hintergrund der radikalen
Ablehnung eines sich hauptsächlich auf politisch-militärische oder gar
zusätzlich religiöse Macht stützenden Staates (wie unter den monarchi-
stischen oder napoleonischen Regimen) zu verstehen. Seine Ziele sind
eher auf die Absicherung der nach "absoluter" Herrschaft strebenden
Eliten (Klerus, Militär, Beamte u.a.) ausgerichtet, als darauf, die mög-
lichst günstigen Bedingungen zur Entwicklung von Produktion und Wis-
senschaft zu schaffen 26 ).

Auch Louis Blanc ist auf Grund seines 1841 erschiene Buches "Orga-
nisation der Arbeit" zu den Vorläufern des Staatsinterventionismus zu
zählen. "Man muß sich, hatte Louis Blanc schon gesagt, des Staates als
eines Instrumentes zu bedienen wissen, wenn man ihm nicht als einem
Hindernis begegnen will. Von dem Augenblick an, in dem das Volk
Druck auf den Staat ausübt, ist dieser nicht mehr Herr, sondern Die-
ner." (ebd., S. 63 fj vgl. 1921: 205) Hierin befindet sich also bereits
der Grundgedanke von Jaures' Staatskonzeption (vgl. Kap. II.3.4.) und,
wie Bougie betont, auch die von Leon Bourgeois dem Staat zugeschrie-
benen ökonomischen und sozialen Funktionen basieren direkt hierauf
(vgl. 1932: 64). Blanc selbst hat in dem Staat allerdings vor allem den
Kredit- und Auftraggeber ~er Produktionsgenossenschaften gesehen, die
zum Organisationsprinzip der gesamten Industrieproduktion werden sollen
( vgl. ebd., S. 129) 27) •

Das in unserem Kontext an den frühsozialistischen Konzeptionen Ent-


scheidende ist also, daß einerseits der Staat nicht nur sozialpolitische
Funktionen (wie in der jakobinischen Tradition), sondern auch wirt-
schaftspoli tische zu erfüllen hat, die allerdings nicht auf eine direkte
"Verstaatlichung", sondern eher auf eine mittelbare "Steuerung"
hinauslaufen. Die Privatinitiative bleibt voll bestehen, der Staat behält
es sich aber vor, die Vergabe von Krediten und Aufträgen an die von
ihm fixierten Maßstäbe der "öffentlichen Nützlichkeit" zu koppeln bzw.
die genossenschaftliche Transformation der Wirtschaftsordnung zu unter-
stützen. Dies wird einer der wesentlichen Aspekte des solidaristischen
Staatsinterventionismus sein.
- 196 -

2.4.2. Die Begrenzung des Staatsinterventionismus durch die "interme-


diären ökonomischen Assoziationen"

Bourgeois' Konzeption der "mutualistischen Organisation" stellt die


theoretische Basis für den solidaristischen Staatsinterventionismus dar,
der im Bereich der Sozialpolitik zu einem umfassenden Sozialversiche-
rungssystem (gegen alle "soziale Risiken") und im Bereich der Bil-
dungspolitik zu einer sozialen Öffnung des Schulwesens (im Sinne der
"Chancengleichheit") führen soll. Im Bereich der Finanz- und Wirt-
schaftspolitik hat sich Bourgeois für die Einführung der Erbschafts- und
der progressiven Einkommensteuer, für die Möglichkeit der Verstaatli-
chung von Unternehmen mit monopol artiger Marktbeherrschung und für
die Möglichkeit, aber auch gleichzeitig Beschränkung staatlicher Subven-
tionen auf die Unternehmen, deren Erhalt für das "Allgemeinwohl" er-
forderlich ist, ausgesprochen (vgl. Kap. 11.2.3).

Wie schon bei Bourgeois angedeutet, besteht für die Solidaristen vor al-
lem das Problem, diese Ausdehnung der ökonomischen und sozialen
Funktionen des Staates zu legitimieren und zu präzisieren, ohne daß ge-
gen sie der Vorwurf erhoben werden könnte, sie würden letztlich eine
umfassende Regulierung der Wirtschaft durch den Staat wie die Kollek-
tivisten anstreben. Bourgeois hat dieses Problem dadurch zu lösen ver-
sucht, indem er nur die Individuen, nicht aber den Staat als "reale" so-
ziale Tatbestände anerkannt hat, und sich somit das Problem der Ein-
schränkung der individuellen Freiheit nur zwischen den Individuen, nicht
aber zwischen dem Staat und den Individuen stelle. Dieser "soziologi-
sche Atomismus" ist aber aus der Perspektive der Ourkheim-Schule un-
haI tbar, wie wir berei ts dargestell t haben (vgl. Kap. 11.2.4.), und so
versucht BougIe im Rahmen seiner sozialwissenschaftlichen Fundierung
des Solidarismus zu einer andersartigen Begrenzung der Staatsaktivitäten
zu kommen, nämlich durch eine Präzisierung des von Ourkheim vorge-
schlagenen Modells der Berufsgruppen und ihrer "nationalen Korporatio-
nen" als einer "intermediären" Ebene zwischen dem individuellen und
staatlichen Handeln.

Er verdeutlicht zunächst noch einmal Ourkheims Intention: Eine Gesell-


schaft, in der die soziale Kohäsion zwischen den "atomisierten" Indivi-
- 197 -

duen nur durch einen "Uberstaat" garantiert werden soll, hätte eine
"anormale Struktur" (1921: 210), weshalb er befürwortet, daß "... sich
diese intermediären Zentren rekonstruieren, die fähig sind, sowohl eine
moralische Disziplin als auch eine neue Wirtschaftsordnung zu gründen."
(1932: 14)28) Hierin kommt implizit die erkenntnis zum Ausdruck, daß
der Staat unfähig ist, die Gesamtheit der ökonomischen Prozesse zu ko-
ordinieren, was BougIe, wie folgt, analysiert: "... selbst ein demokrati-
scher Staat kann sich nur mit Zuhilfenahme der Bürokratie einmischen,
um das wirtschaftliche Leben zu regeln ... Er hätte auf jeden Fall den
schwerwiegenden Nachteil, alles zu zentralisieren, alles zu mechanisie-
ren, das Feld der Initiativen und Verantwortlichkeiten für jedermann
auf beinahe nichts zu reduzieren." (1921: 208) Hieraus resultiert auch
die bereits bekannte ökonomische Kritik am Kollektivismus, abgesehen
von der Gefahr der Konzentration der ökonomischen und politischen
Macht im Staat (vgl. 1908: 207).

Statt eines politisch unkontrollierbaren und ökonomisch ineffizienten bü-


rokratischen Zentralismus muß deshalb aus solidaristischer Perspektive
ein "ökonomischer Föderalismus" (ebd., S. 208) realisiert werden. Boug-
Ie kommt hierauf mehrfach zurück: "Der Staat sieht das Detail der
Realitäten aus einer zu entfernten und zu hohen Position: Richten wir
also neben seiner zentralen Souveränität spezielle, gleichzeitig kompe-
tentere und begrenztere Souveränitäten ein." (ebd.) Um die vollständige
ökonomische Reorganisation durchzusetzen, "... zählt man nicht auf die
Staatsverwaltung - das Werk, sagt man uns zurecht, ist zu komplex für
seine Bürokratie - sondern vielmehr auf die Föderation mächtiger, be-
si tzender und disziplinierender Gesellschaften." (1902a: 65) "... was
bleibt, ist, sich zu gruppieren, um verschiedene autonome Organisations-
zentren zu konstituieren. Diese intermediären Gruppen, mächtiger als
das Individuum, weniger drückend als der Staat, sind ebensosehr unab-
dingbare Instrumente für die moderne Polis. Angesichts der Größe ihrer
Dimension, der Verschiedenartigkeit der in ihr vorhandenen Interessen,
der Komplexität der gestellten Fragen ... , kann sie nicht über diese
Hil fskräfte für die Koordination hinweggehen" (1921: 208 f).

Als die Möglichkeit der Realisierung des "ökonomischen Föderalismus"


deutet BougIe die Bildung von "professionellen Unter-Zentren" (1908a:
- 198 -
208) an. Hierunter versteht er den Zusammenschluß von Arbeitgeberver-
bänden und Gewerkschaften, beide werden als "Syndikate" bezeich-
net 29 ) ,auf regionaler Ebene, innerhalb dessen alle ökonomischen und
sozialökonomischen Probleme der Region diskutiert und Empfehlungen
für konkrete Problemlösungen an den Staat ausgesprochen werden sol-
len. Entscheidend hierbei ist, daß "sowohl die dezentralisierenden als
auch die demokratischen Tendenzen" (ebd.) realisiert werden können;
dezentrale, weil nicht die staatliche Verwaltung, sondern die Organisa-
tionen der Produzenten selbst die Initiative ergreifen und dadurch effi-
zienter Lösungen für spezifische, sie selbst betreffende Probleme erar-
beiten können; demokratische, da es sich hierbei um eine Form kollek-
tiver Eigeninitiative handelt und darüber hinaus den von den staatlichen
Entscheidungen Betroffenen bereits vorher eine direkte Einflußmöglich-
keit gegeben wird. Diese demokratische und "partizipierende" Tendenz
wird sich darüber hinaus nicht nur gegenüber dem Staat auswirken,
sondern auch gegenüber den Unternehmern. Arbeiter und Gewerkschaf-
ten können über den "ökonomischen Föderalismus" immer mehr Mitbe-
stimmungsrechte bei der Leitung der Unternehmen durchsetzen. Dies ist
neben dem zunehmenden Einfluß auf staatliche Entscheidungen das
zweite Ziel der "industriellen Demokratie" (vgl. ebd., S. 209 f).

Bougie verweist darauf, daß Proudhon einer der ersten Theoretiker ge-
wesen ist, der diesen Begriff verwendet hat. Mit ihm drückt er zum
einen sein Genossenschaftsideal aus, nach dem die Großbetriebe organi-
siert sein sollen. Darüber hinaus benutzt er ihn aber als eine Art Ge-
genbegriff zur "politischen" Demokratie. Es ist bereits dargestellt wor-
den, daß innerhalb seines "Tauschsozialismus" der autonome Produzent,
ob im handwerklich-industriellen oder agrarischen Bereich, sein Ideal
gewesen ist (vgl. 1923: 118 f; 1932: 149 f). Die autonomen Produzenten
sollen über die dezentralen, lokalen und regionalen "Volksbanken" alles
eintauschen können, was sie für ihre Bedürfnisbefriedigung brauchen,
und sich nicht nur im Bereich von Produktion und Distribution, sondern
auch für soziale Notfälle selbst organisieren (in "mutualistischen" Or-
ganisationen wie den SSM). Seine Grundidee dabei ist, daß, je größer
die ökonomische Autonomie der Individuen ist, desto unabhängiger sind
sie vom Staat, denn in einer gut funktionierenden "industriellen" und
"ruralen" Demokratie hätte der Staat außer der Kontrolle der Recht-
- 199 -
mäßigkeit der für den Tausch ausgestell ten "Gutscheine" keinerlei öko-
nomische und soziale Funktionen mehr zu übernehmen (vgl. 1932: 146
ff).

Proudhon kommt damit zu einem radikalen Bruch mit den Konzeptionen


von Saint-Si mon und Louis Blanc, die dem Staatsinterventionismus posi-
tiv gegenüberstanden. Er verarbeitet dadurch theoretisch die historische
Erfahrung der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes im Juni 1848 und
der anschließenden zentralistischen Diktatur des Zweiten Kaiserreichs.
Die schon bei Saint-Si mon und Comte angelegte Ersetzung der staatli-
chen "Herrschaft über Personen" durch eine "Verwal tung von Sachen",
die grundsätzlich auch Proudhon positiv beurteilt, da sie schon eine Re-
duktion der politischen Macht der staatlichen Autorität impliziert, wird
bei diesem zu einer "Auflösung der Regierung im ökonomischen Orga-
nismus" (vgl. ebd., S. 155). Bougie sieht insofern eine Parallele zwi-
schen Durkheims "nationalen Korporationen" und Proudhons "industriel-
ler Demokratie", da beide die Wichtigkeit nicht-staatlicher, von den
Produzenten selbst konstituierter, "intermediärer" Organisationen flir
die Regulierung der Produktions- und Distributionsprozesse betonen (vgl.
ebd.). Proudhons anti-staatliche Intentionen sind aber prioritär politisch
und nicht ökonomisch bedingt, denn sie resultieren aus einem unüber-
brückbaren Mißtrauen gegenüber jeglicher staatlichen Intervention in in-
dividuelle oder kollektive Eigeninitiativen, unabhängig davon, ob sie von
einer Demokratie (wie 1848) oder einer Diktatur (wie unter Napoleon
III.) vorgenommen werden 30 ).

Es ist offensichtlich, daß Bougie zwar Proudhons Genossenschaftsideal


übernimmt, er aber nicht die "Abkoppelung", sondern im Gegenteil die
"Einbindung" der Gewerkschaften (neben den SSM, den Verbraucher-
und Unternehmerverbänden usw.) in die staatlichen Entscheidungsprozes-
se wünscht, um seine Wirtschafts- und Sozialpali tik effizienter zu ge-
stalten. "Deshalb erscheint der Syndikalismus als die notwendige Ergän-
zung des Interventionismus. " (1908a: 209) Wenn Bougie den Begriff der
"industriellen Demokratie" benutzt, muß er deshalb einerseits als syn-
onym zu der schon bekannten solidaristischen Konzeption der "Wirt-
schaftsdemokratie" verstanden werden. Andererseits wird dami t die
Möglichkeit der Einflußnahme auf staatliche Entscheidungen im Bereich
- 200 -

der Wirtschafts- und Sozialpolitik bezeichnet, die nicht nur den Reprä-
sentanten des Kapitals, sondern auch den von Arbeit und Konsum of-
fenstehen muß, so wie dies auch die Webbs gefordert haben.

Wie diese Einflußnahme institutionalisiert und gleichzeitig demokratisch


legitimiert werden kann, dafür können bei BougIe letztlich verschiedene
Modelle gefunden werden. 1908 schlägt er, wie dargestellt, die Bildung
regionaler "professioneller Unter-Zentren" vor, und in der Zwischen-
kriegszeit setzt er sich für den sehr viel breiter konzipierten "Nationa-
len Wirtschaftsrat" ein. In bei den Institutionen soll sich der "ökonomi-
sche Föderalismus" realisieren, d.h. die Konstitution und Kollaboration
von autonomen Organisationen ökonomischer Interessensgruppen. Die
Verknüpfung des "ökonomischen Föderalismus" mit der staatlichen
Wirtschafts- und Sozialpolitik im Rahmen der "industriellen Demokra-
tie" muß u.E. im Sinne einer theoretischen (und praktischen) Konkreti-
sierung von Durkheims Konzeption der Berufsgruppen und ihrer "natio-
nalen Korporationen" als einer "intermediären" Ebene zwischen dem in-
dividuellen und staatlichen Handeln interpetiert werden. Bougie bezeich-
net es selbst als das wichtigste Ziel dieser Überlegungen, "... das Be-
dürfnis der Organisation und das Bedürfnis der Autonomie miteinander
zu vereinbaren" (1921: 210).

So sehr BougIe also einerseits die Konsti tution "intermediärer ökonomi-


scher Assoziationen" begrüßt, um ihnen Einflußmöglichkeiten auf staat-
liche Entscheidungen im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu
geben (abgesehen davon, daß sie durch ihre Autonomie ein Gegenge-
wicht zur staatlichen Machtkonzentration bilden), so sehr fürchtet er
andererseits in ihnen die Dominanz von partikularen Gruppeninteressen.
Genau in diesem Spannungsverhältnis zwischen "industrieller" und "poli-
tischer" Demokratie sieht er eines der größten Probleme der aktuellen
politischen und wirtschaftlichen Ordnung: "Dies ist vielleicht das größte
Problem, dem bisher die nationalen Polis ("nations-cites") der moder-
nen Zeiten begegnet sind: Wie kann man die eigenen Kräfte und beson-
deren Kompetenzen der verschiedenen Syndikate benutzen, ohne gleich-
wohl die Errungenschaften der Demokratie, die wertvoll bleiben, zu
verwerfen? Weder weiß heute jemand, wie sich die hier notwendigen
Einigungen realisieren werden, noch wie weit die syndikalistischen
- 201 -
Kräfte, an die die sozialen Forderungen gekoppelt sind, die juristisch-
politischen Formen der Demokratie verändern werden." (ebd., S. 212)
Dies ist natürlich auf die Debatte um das "Wirtschaftsparlament" be-
zogen. Bougie hat also die Problematik der Einflußnahme partikularer
ökonomischer Interessensgruppen auf staatliche Entscheidungsprozesse
voll erkannt, was umso bedeutsamer ist, solange sich in den Betrieben
noch keine "wirtschaftsdemokratischen" Strukturen durchgesetzt haben.
In der Abwägung zwischen Partikularinteressen und "Allgemeinwohl" ist
seine aus der damaligen Diskussion resultierende Posi tion eindeutig, in-
dem er sich, wie schon dargestellt, dagegen ausspricht, dem "Nationa-
len Wirtschaftsrat" einen gesetzgebenden (und stattdessen nur einen
beratenden) Status zu geben 31 ).

2.4.3. Praktische Ziele des solidaristischen Staatsinterventionismus

Nachdem bisher vor allem theoretisch die Bedingungen, unter denen der
Staatsinterventionismus praktiziert werden soll, betrachtet worden sind,
soll nun aufgezeigt werden, welche wirtschaftspolitischen Aktivitäten
des Staates die Solidaristen propagieren, die über die von Bourgeois
vorgeschlagenen hinausgehen. Seine Idee der Verstaatlichung von mono-
polartig marktbeherrschenden Unternehmen wird von Bougie und dem
Programm der "Radikaldemokratischen Partei" von 1907 (§ 20) aus-
drücklich zum vorrangigen Schutz der in ihnen beschäftigten Lohnabhän-
gigen und der Verbraucher gebilligt. Sie erfährt eine zusätzliche Legi-
timierung dadurch, daß gefordert wird, die Gewinne der verstaatlichten
Monopole zur Finanzierung der Sozialversicherung und dadurch gleichzei-
tig zur Reduzierung der Beitragszahlungen der Versicherten zu verwen-
den (vgl. 1907a: 204; Buisson 1908: 208).

In demselben Paragraphen wird auch ausdrücklich die Verstaatlichung


all derjenigen Unternehmen verlangt, die "einen entscheidenden Einfluß
auf die Produktion, den Reichtum des Landes ausüben" und deshalb,
wie Bougie zitiert, "... nicht partikularen Interessen überlassen werden
können, ohne daß ihnen nicht eine wirklich feudale Macht zukommt ... "
(vgl. ebd.). Hierunter fallen alle Unternehmen, die an der nationalen
Infrastruktur arbeiten (Eisenbahnen, Straßen, Kanäle, Häfen, Elektrizi-
tät, Post usw.; vgl. Rist 1924: 286 0 32 ).
- 202 -

Genau aus diesen Gründen lehnt Rist auch die Forderung nach einer
Reprivatisierung dieser ökonomischen Aktivitälen ab, die in der Zwi-
schenkriegszeit erhoben wird (vgl. ebd.). Zwar erkennt er an, daß diese
Unternehmen aus der Sicht der Konsumenten nicht immer effizient ge-
nug arbeiten, aber dieses Problem ist nicht durch einen Wechsel des
Besitzers, vom Staatsmonopol zum privaten Monopol, zu lösen, sondern
nur durch eine Veränderung der administrativen Methoden, in denen
sich die privaten Großunternehmen von der staatlichen Verwal tung
kaum unterscheiden. "Das Problem besteht darin, autoritäre administra-
tive Gewohnheiten durch kommerziellere Gewohnheiten zu ersetzen. Re-
form der Methode mehr als des Prinzips." (ebd., S. 287) Woraus resul-
tiert, daß der zu erfolgende Wandel "technisch, nicht politisch" (ebd.,
S. 288) sein müsse.

Genauso wenig wie der Staat auf seine "Rolle als Unternehmer" ver-
zichten kann (wie die eines "Kontrolleurs und Schiedsrichters" im ar-
beitsrechtlichen und sozialpolitischen Bereich; vgl. ebd.), so erwächst
ihm in einem erweiterten wirtschaftspolitischen Bereich eine neue, zu-
sätzliche Aufgabe, nämlich die Qualifikation der Arbeitskräfte. "In der
Weltkonkurrenz hat der Faktor "Persönlichkeit" das Übergewicht über
alle anderen. Der Erfolg wird letztlich durch die Überlegenheit der
technischen Bildung der Produzenten, Arbeiter, Werkmeister oder Inge-
nieure, Bankiers oder Händler erworben." (ebd., S. 288 f) Deutlich fin-
det sich hier also die bereits von Saint-Simon aufgestellte Forderung
wieder, nach der der Staat· im Interesse der Steigerung der Produktion
eine aktive Rolle bei der Förderung der "intellektuellen Fähigkeiten"
der Produzenten zu spielen habel wobei, wie Rist betont, dies nicht
nur die Vermittlung von rein technischem Wissen, sondern auch einer
"humanen" Bildung miteinschließen müsse (vgl. ebd., S. 289).

Bougie weist noch auf einen anderen Bereich des solidaristischen


Staatsinterventionismus hin, der besonders nach 1918 wegen der Über-
windung der Kriegsfolgen an Aktualität gewinnt: Die Kreditvergabe. So
erscheint in den Jahren 1920-23 eine hauptsächlich von Ingenieuren und
Bankiers herausgegebene Zeitschrift "Producteur", die schon mit dem
Titel ganz bewußt an die saint-simonistische Tradition anschließen
möchte. Einer ihrer wichtigsten Programmpunkte ist die Forderung nach
- 203 -
günstigen Krediten für jeden "Produzenten", der einen erfolgverspre-
chenden Vorschlag für eine Unternehmensgründung präsentiert (vgl.
Bougie 1932: 108). So sehr Bougie grundsätzlich diese Forderung auch
unterstützt, so warnt er doch vor der l11usion der Herausgeber, daß sich
dies ohne staatliche Intervention durchsetzen könne 33 ). So haben die
Privatbanken nur auf Grund massiven staatlichen Druckes hin agrari-
schen u.a. genossenschaftlichen Banken z.B. billige Kredite gewährt
(vgl. ebd., S. 157). Diese besitzen aber nicht nur auf Grund ihrer
nicht-profitorientierten Kreditvergabebedingungen, sondern auch wegen
des durch ihre Selbstverwaltung garantierten Schutzes der Kleinsparer
vor Finanzspekulationen eine besondere Bedeutung. In der solidaristi-
schen Perspektive resultiert deshalb daraus, daß sowohl für eine geziel-
te "Existenzgründungsförderung" als auch im Interesse der Kleinsparer
eine "Reorganisation des Kredites" (ebd.) erfolgen muß, die einerseits
vom Staat selbst durchgeführt werden muß, andererseits aber auch auf
"einer methodischen Partizipation der "Wirtschaftsdemokratie"" (ebd.)
basieren muß.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß der solidaristische Staatsin-


terventionismus letztlich nur vor dem Hintergrund des Abwägens zwi-
schen den Vor- und Nachteilen der Privatinitiative zu verstehen ist.
Einerseits ist diese grundsätzlich positiv zu bewerten, denn "die indivi-
duelle Aktivität und Initiative bleiben die Motoren par excellence jeden
Fortschritts" (Rist 1924: 280). Hieraus resultiert die Notwendigkeit
für den Staat, die Bedingungen für die Entfaltung der individuellen und
kollektiven Eigeninitiative von Produzenten kontinuierlich zu verbessern,
wozu auch im Sinne der "Chancengleichheit" sowohl "ein Minimum an
Kapital oder zu allermindest ein Minimum an Ausbildung" (Bougie
1908a: 172) gehören muß. Diese Art von Staatsinterventionismus be-
droht somit nicht die von Gide geforderte "Freiheit der Arbeit" (vgl.
Kap.II.3.2.2.), sondern im Gegenteil wird sie für eine immer größere
Zahl von Individuen dadurch erst erreichbar. Der positive Aspekt der
Privatinitiative besteht deshalb darin, die individuellen Unterschiede an
Fähigkeiten und Leistungen, oder, wie Buisson es formuliert, "den mo-
ralischen Verdienst jeder Person" (Buisson 1908: 250) aufzuzeigen.

Weil dies aber eine rein individuelle Perspektive ist, dürfen Gesellschaft
- 204 -

und Staat gerade nicht in dieser Perspektive verharren, im Gegenteil


muß die Gesellschaft im Interesse aller Individuen "Vorsichtsmaßnahmen
treffen. damit sich ihr Egoismus, ihre Ignoranz oder ihr Laisser-aller
nicht in schwerwiegenden Schäden für die Kollektivität äußert" (ebd.).
Während es also das Recht jedes Individuums ist. zuerst an seinen per-
sönlichen Erfolg zu denken, so ist es umgekehrt die Pflicht der Gesell-
schaft, jedem Individuum die hierfür notwendigen Voraussetzungen zu
garantieren (vgl. ebd.). Dies ist die eigentliche Rechtfertigung des
Staatsinterventionismus: "Von dieser implizit eingestandenen Idee einer
gesellschaftlichen Verantwortlichkeit leitet sich jeder Staatsinterven-
tionismus ab, d.h. die Gesamtheit der Gesetze, durch die sich der Staat
das Recht und die Pflicht zuteilt, gewisse Maßnahmen im öffentlichen
Interesse obligatorisch zu machen, d.h. allen durch das Gesetz aufzu-
zwingen." (ebd., S. 249) Der Staatsinterventionismus wird dadurch ei-
nerseits zum Garant des "Allgemeinwohls" gegenüber den individuellen
und kollektiven Partikularinteressen, andererseits muß er dort seine
Grenzen finden, wo der bürokratische Zentralismus die produktive Ent-
faltung der individuellen und kollektiven Eigeninitiative beschränkt, was
nicht nur ökonomisch schädlich, sondern auf Grund des Prozesses der
Machtkonzentration auch politisch gefährlich ist 34 ).

2.5. Die Kritik an den ökonomischen und sozialen Konsequenzen der un-
eingeschränkten Konkurrenz

Nachdem in den bisherigen Abschnitten dieses Kapitels aufgezeigt wor-


den ist, welche positiv bestimmbaren sozialökonomischen Ziele in bezug
auf das Eigentumsrecht, die Einkommensbemessung, die ökonomischen
und sozialen Funktionen von Gewerkschaften, Genossenschaften und des
Staates der Solidarismus nach BougIe vertreten soll, soll nun noch ein-
mal verdeutlicht werden, was durch diese Maßnahmen verhindert werden
soll: Die negativen ökonomischen und sozialen Konsequenzen der unein-
geschränkten Konkurrenz.

BougIes Ausgangspunkt ist die Frage nach der Verifizierung des utilita-
ristischen Postulates des .Klassischen Liberalismus, nach dem " ... sich in
und durch die Freiheit eine perfekte Harmonie der Interessen etabliert
- 205 -

hätte, die zum Wohle aller den gerechten Wettbewerb der persönlichen
Verdienste begründet" (Bougie 1907a: 108; vgl. 1922: 122). Nach der
liberalen Wirtschaftstheorie bestehe eine "Disporportion zwischen der
unbegrenzten Quantität der zu befriedigenden Bedürfnisse und der be-
grenzten Quantität der Mittel zur Befriedigung" (1903: 253), welche
nur durch ein "Maximum" und ein "Optimum" an Produktion ausgegli-
chen werden könne, wozu die Konkurrenz der "unabdingbare Antrieb"
sei (vgl. ebd., S. 254). Denn durch die Konkurrenz würden die Produ-
zenten dazu stimuliert, möglichst viel zu möglichst niedrigen Preisen zu
produzieren, und entsprechend den Resultaten, die aus ihren individuel-
len Fähigkeiten und Leistungen resultieren, entstehe eine soziale Hier-
archie unter ihnen. Die Konkurrenz sei deshalb der beste Mechanismus,
um "die Bedingungen den Qualitäten, die Vorteile den Leistungen, die
Produkte den Bedürfnissen" (ebd.) anzupassen.

Der liberale Staat müsse deshalb seine Aktivitäten auf den Bereich der
Innen- und Rechtspolitik beschränken, d.h. Polizei und Justiz müssen
"die Nutzung des Eigentums, die Freiheit des Tausches, den Respekt
der Verträge" (ebd., S. 253) garantieren, aber jegliche Intervention in
den ökonomischen und sozialen Bereich würde den Prozeß der Produk-
tion stören (vgl. ebd.). Den Unterpriviligiertgen zu helfen, könne zwar
als eine "weite Pflicht" im Sinne der Nächstenliebe verstanden werden,
aber dieser Anspruch der sozialen Gerechtigkeit dürfe nicht zu einem
durch Sanktionen abgesicherten Recht führen (vgl. 1902a: 43 f). Würden
aber solche rechtlich fixierten Ansprüche an den Staat und damit an
die Gesamtheit der Individuen zugelassen werden, wären sie schon bald
nichts anderes als "eine "anziehende Pumpe", die bis zur völligen Er-
schöpfung der partikularen Einkommen funktionieren könnte." (1907a:
166)35)

Was ist nun Bougies Position gegenüber dieser traditionellen liberalen


Argumentation? Um zu einer Einschätzung zu kommen, muß die liberale
Wirtschaftsordnung in der sozialen Realität an ihren eigenen Ansprü-
chen gemessen werden; es muß deshalb gefragt werden, ob das "System
des Laisser-faire tatsächlich der beste Regulator der Produktion, der
beste Stimulator des Handeins, der beste Klassizi fierer der Fähigkeiten
ist?" (1903: 254) Die Konkurrenz zwischen den Produzenten führt zwar
- 206 -

zu einer Steigerung der Produktion, da diese sich aber am "Maximum


der Profite" und nicht am "Maximum der Nützlichkeit für alle" orien-
tieren, leidet die Produktion einerseits unter der "Überproduktion" und
den notwendigerweise daraus resultierenden "periodischen Krisen" und
andererseits unter der "Unter-Produktion' in anderen Bereichen, da auf
Grund der "extremen Ungleichheit der Verteilung" die Kaufkraft der
Masse der Bevölkerung zu gering ist, und die Produktion somit nicht
auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse ausgerichtet wird (vgl. ebd., S.
255)36).

Wenn aber nun die Konkurrenz zwischen den Produzenten durch die
"Konstitution von Monopolen" außer Kraft gesetzt wird, erfolgt aus
dieser "Organisation" der Produktion keine Senkung der Preise, sondern
im Gegenteil ihr noch stärkerer Anstieg, denn aus der "Anarchie" zwi-
schen den Produzenten wird der "Despotismus" nur eines Produzenten,
oder wie Bourgeois es formuliert, der "Kollektivismus zugunsten eines
einzigen" (vgl. ebd., S. 256).

Die Konkurrenz zwischen den Verkäufern und Händlern hat ebenfalls


negative Konsequenzen: Die "exzessive Anzahl" von Zwischenhändlern
führt zu Preissteigerungen und zu einer "quantitativen und qualitativen
Falsifizierung der Waren", gegen die sich die Konsumenten, "selbst iso-
liert, geteilt und ungenügend organisiert", kaum wehren können, so daß
es falsch ist zu behaupten, die Kaufkraft der Konsumenten würde nur
den konkurrierenden Produzenten und Händlern zufließen, die am mei-
sten die Interessen ihrer Kunden respektieren (vgl. ebd.). Bougie
schließt sich hier also den Argumentationen von Fourier (vgl. Abschnitt
2.3.3.) und Gide an, denn dieser verweist auf bereits damals bekannte
Beispiele von Lebensmittelverfälschungen (z.B. das Panschen von Milch;
vgl. Gide 1902: 222).

Die uneingeschränkte Konkurrenz führt sowohl in der Produktion als


auch im Handel zu diesen negativen Konsequenzen, da in der durch sie
dominierten Wirtschaftsordnung nicht derjenige besteht, der die beste
Qualität an Waren oder Dienstleistungen anbietet, sondern derjenige,
der den größten Profit realisiert, unabhängig davon, welche Mittel er
benutzt (vgl. ebd., S. 259). Eine weitere Konsequenz besteht deshalb
darin, daß die Einkommensverteilung nicht dem Aufwand und der Nütz-
- 207 -

Iichkeit der Leist ng entspricht, denn "verdient der Spekulant gewöhn-


lich nicht mehr als der Industrielle, der Lizenzinhaber mehr als der Er-
finder, der Aktionär mehr als der Arbeiter?" (ebd., S. 261) Bougies
Argumentation basiert hier deutlich auf der frühsozialistischen Kritik der
"Einkommen ohne Arbeit", und er verweist auch auf Stuart Mill, der
bereits erkannt hatte, daß die Einkommensverteilung fast umgekehrt zur
geleisteten Arbeit gestaffelt sei (vgl. ebd.).

Die uneingeschränkte Konkurrenz führt aber nicht nur rein ökono-


misch-materiell, sondern auch "moralisch" zu sehr negativen Konse-
quenzen, wobei sowohl wirtschaftsethische als auch generell soziale
Aspekte in Bougies Ausführungen unterschieden werden müssen. Wenn
behauptet wird, daß durch die Konkurrenz sich die individuellen Fähig-
keiten und Leistungen erst entfalten, dann muß gefragt werden, ob in
diesem ökonomischen "Existenzkampf" die "Tauglichsten" auch die "Be-
sten" sind? (vgl. ebd., S. 258) "Inde;m die Industrie um jeden Preis dazu
verpflichtet ist, Absatzmärkte zu suchen, macht sie (die Konkurrenz;
c.G.) die Täuschung gegenüber der Qualität zur Regel der Produktion,
den Betrug zur Regel des Handels, die Prellerei zur Regel des Kredi ts."
(Gaston Richard, zitiert nach ebd., S. 259 f) Mit anderen Worten,
durch die Zwänge der Konkurrenz wird derjenige zum "idealen Tausch-
partner" der vor allem die "Qualitäten der Durchtriebenheit" und nicht
jenen "professionellen Altruismus" entwickelt, für den das Optimum an
Preisen und das Maximum an Qualität für den Kunden der wesentliche
Stimulator des wirtschaftlichen Handeins darstellt. Entscheidend ist al-
so, daß diese positiven wirtschaftsethischen Ziele sich unter den
gegebenen Bedingungen kaum durchsetzen können, obwohl das Gegenteil
von den liberalen ökonomen immer wieder behauptet wird. "Aber so zu
denken, bedeutet, bemerkt Gide, "den Begriff der Dienstleistung mit
dem Begriff des Profits" zu verwechseln." (ebd., S. 259)

Neben diesen negativen Konsequenzen für die Wirtschaftsethik muß dar-


über hinaus auf die Auswirkungen des ökonomischen "Existenzkampfes"
auf die soziale "Kohäsion" zwischen den Individuen und Gruppen inner-
halb der Gesamtgesellschaft aufmerksam gemacht werden. Bougie
kommt hierbei zu einer scharfen Kritik am Sozialdarwinismus von Her-
bert Spencer, für den "die Armut der Unfähigen, das Elend der Unvor-
- 208 -
sichtigen, die Eliminierung der Faulen und die Stoßkraft der Starken,
die die Schwachen an die Seite drängt und eine so große Zahl davon
auf das Elend beschränkt, die notwendigen Ergebnisse eines aufgeklär-
ten und wohltuenden allgemeinen Gesetzes sind." (Spencer, zitiert nach
ebd., S. 239 f) Die wichtigste Konsequenz dieses Sozial darwinismus be-
steht für Bougie darin, daß aus ihm scheinbar eine Rechtfertigung der
uneingeschränkten Konkurrenz und der Vernachlässigung des Problems
der Distribution durch den Klassischen Liberalismus resultiert: "Mit an-
deren Worten, durch den Kredit des Sozialdarwinismus verlangt man
hier eine Wiederbelebung der Autorität für den ökonomischen Libera-
lismus." (1907 a: III f; vgl. 1903: 191) Bougies Gegenargumentation
richtet sich zum einen gegen die Unwissenschaftlichkeit der "Methode
des Sozialdarwinismus" , die auf Grund der bio-sozialen Analogien nicht
die Unterschiedlichkeit der Mittel und Motive des "Kampfes ums Da-
sein" in der Natur und der menschlichen Gesellschaft beachtet 37 ). Da
es hierfür aber bereits eine umfangreiche Literatur gibt 38 ), ist es in
unserem Kontext wichtiger aufzuzeigen, inwieweit ein Übermaß an
Konkurrenz und sozio-ökonomischer Ungleichheit dem von Bourgeois und
Durkheim alIfgestellten normativen Ziel der "Stabilität der Gesell-
schaft" widerspricht.

Solange das Existenzminimum in diesem ökonomischen "Existenzkampf"


nicht für alle gesichert ist, und unter diesem Druck alles als verkauf-
bar erscheint, ist es nicht verwunderlich, daß, wie Richard schreibt,
"die Prostitution eher als die Ehe, die Ausbeutung der Kinder eher als
die Erziehung", der "Alkoholismus" und "Selbstmord" bei denjenigen,
die dieser Situation nicht gewachsen sind (zitiert nach Bougie 1903:
260), zu beobachtbaren sozialen Phänomenen werden. Aber selbst wenn
das Existenzminimum gesichert ist, verstärkt das Konkurrenzdenken bei
Individuen und Gruppen " .•. ihr Streben, sich gegenseitig zu übertrump-
fen, ... ihren Ehrgeiz, ihren Rang zu halten und Ränge zu gewinnen,
Abstände zu markieren oder auszuwischen." (ebd., S. 235) Diese "Kon-
kurrenz für die Wertschätzung" um materielle und kulturelle Güter zwi-
schen den unteren und oberen Klassen kann zwar durchaus zu einem
Anwachsen des Wohlstands ("bien- etre") insgesamt führen, aber sie
wird von dem "Handeln eines "Willens zur Macht"" dominiert. welcher
- 209 -

nicht unbedingt ein Mehr an, wie man heute sagen würde, "Lebensqua-
lität" ("bien-vivre") impliziert (vgl. ebd., S. 236).

Dies alles wird aber noch dadurch verstärkt, wenn der ökonomische
"Existenzkampf" nicht nur durch die uneingeschränkte Konkurrenz, son-
dern durch einen "Exzeß an ökonomischer Ungleichheit" zusätzlich ver-
härtet wird. Um in der Konkurrenzsituation bestehen zu können, sind
für die Individuen neben ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Lei-
stungen vor allem die "angeeigne'ten Kräfte" entscheidend, wozu insbe-
sondere das Eigentum gehört. Ist dieses aber völlig ungleich zwischen
den Gesellschaftsmitgliedern verteilt, so wird die "Selektion der Taug-
lichsten" genau dadurch verfälscht. Durch diese soziale Institution ge-
schützt, können sich die "unfähigsten" Individuen aus den oberen Klas-
sen in leitenden Funktionen halten, während umgekehrt den "Fähigsten"
aus den unteren Klassen der soziale Aufstieg unmöglich gemacht wird.
Die Konsequenzen sind einerseits ein "Parasitentum" (wie der Adel un-
ter dem "Ancien Regime") und andererseits die "Dekadenz" der
Gesellschaft "sowohl vom oberen als auch vom unteren Ende der sozia-
len Leiter" (vgl. ebd., S. 240 ff).

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß neben der ökonomischen


Kritik der Unter- und Überproduktionskrisen für Bougie die Kritik der
"moralisch" negativen Konsequenzen des Systems der uneingeschränkten
Konkurrenz nicht weniger wichtig ist, denn es führt zu "Prämien, die
es ... schädlichen, in letzter Analyse unmoralischen und antisozialen
Verfahrensweisen bewilligt", so daß die Gesellschaft das, was sie "...
durch die Verbesserung der Dinge gewinnen würde, ... hundertfach
durch das Herabsinken der Personen verlieren würde." (ebd., S. 260)
Speziell für die Arbeiterschicht kann es deshalb aus gesellschaftlicher
Perspektive nicht genügen, daß einige wenige Individuen es schaffen,
durch den sozialen Aufstieg die harten Existenzbedingungen ihrer Her-
kunftsklasse zu überwinden, so sehr dies im Einzelfall zu begrüßen ist.
Entscheidend ist es, die Existenzbedingungen der Masse der Mitglieder
dieser Schicht zu verbessern, damit "... diese Klasse, ohne aufzuhören,
ihre Rolle in der Produktion zu spielen, aufhört, in ihr gefangen zu
sein, und damit ihre Mitglieder sich innerhalb ihrer natürlichen Mittel
weiterhin "erheben" können." (ebd., S. 172; vgl. 1908a: 173)

Um diese sowohl für die Individuen als auch die Gesamtgesellschaft


- 210 -

negativen Konsequenzen abzumildern, muß die Konkurrenz zwischen den


Individuen so reguliert werden, daß sie nicht zu einem "einfachen
Überlebenskampf" (1903: 236) führt. Die Gesellschaft muß durch "dif-
fuse" und "organisierte" Sanktionen mäßigend auf die Mittel und Ziele
der Individuen im Konkurrenzkampf einwirken. Die Funktion der
"Institution des Rechtes" ist es nicht, Konflikte auszuschließen, sie
wird im Gegenteil dadurch "impliziert", sondern es soll durch die "In-
tervention einer gesellschaftlichen Macht" garantiert werden, daß die
Individuen zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen nur auf Mittel zu-
rückgreifen, die sie sich selbst innerhalb ihrer Assoziation erlaubt ha-
ben und "mit der Existenz selbst einer sozialen Bindung" vereinbar sind
(vgl. ebd., S. 237, 246). Die Einführung der Konkurrenz als dominieren-
den Mechanismus der ökonomischen Prozesse hat einersei ts eine bisher
unbekannte Steigerung der Produktion bewirkt; gleichzeitig ist aber als
"unerwartete Nachwirkungen der Konkurrenz" der Pauperismus der
Mehrheit der Produzenten deutlich geworden, was schließlich immer
mehr als "inkompatibel mit dem gesellschaftlichen Pakt" bewertet wor-
den ist (vgl. ebd., S. 248)39).

Die von Bougie (und den anderen Solidaristen) befürworteten sozial-


ökonomischen Maßnahmen (Einschränkung des Eigentumsrechtes, Ga-
rantie des Existenzminimums, Formen der ökonomischen und sozialen
Solidarität in Genossenschaften und Gewerkschaften, Staatsinterventio-
nen u.a.) sind deshalb als rechtlich fixierte Regeln (und Sanktionen) zu
interpretieren, mit deren Hilfe der mit der Konkurrenz implizierte
"Kampf um den Profit" 50 abgemildert wird, daß hieraus keine Gefähr-
dung der sozialen Kohäsion zwischen Individuen und Gruppen resultiert,
andererseits aber auch nicht die "Freiheit der Arbeit" bedroht ist, die
für die Individuen ein "Grundrecht" und für die Effizienz der Produktion
eine notwendige Bedingung darstellt. Die auf der Konkurrenz basierende
Wirtschafts- und Sozialordnung ist aus solidaristischer Perspektive nur
dann akzeptabel, wenn "die gleiche Freiheit der Konkurrenten" (ebd.,
S. 247) in der sozialen Realität garantiert ist, d.h. wenn die Gesell-
schaft Maßnahmen ergreift, um die "Chancengleichheit" und die "sozia-
le Sicherheit" durchzusetzen, da sonst, wie man heute sagen würde, das
"individualistische Leistungsprinzip" durch die strukturellen sozio-öko-
nomischen Ungleichheiten verfälscht wird.
- 211 -

In diesem Sinne ist auch Bougies Kritik an der "Phobie des Staates"
(1907a: 108) seitens des Klassischen Liberalismus zu verstehen. Sie
stellt einen Rückschritt im Vergleich zur individualistischen Philosophie
des 18. Jahrhunderts dar, die erheblich "sozialer" gewesen ist: "Auch
wenn sie (die Aufklärungsphilosophenj C.G.) den Staat als Herrscher
nicht mehr zuließen, so ließen sie gerne den Staat als Diener rier frei-
en Individualitäten zu." (ebd.j vgl. Kap. ll, Anm. 38) Genau umgekehrt
besteht die "Einseitigkeit,,40) des Klassischen Liberalismus und vor al-
lem des Sozial darwinismus in der Überbetonung des ökonomischen und
sozialen "Existenzkampfes", der scheinbar die "Auslese der Tauglich-
sten" und die "Ausmerze des Schwächsten" für das Ziel der Steigerung
des materiellen Wohlstandes rechtfertigt. Dies widerspricht aber den
Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft selbst, da sie das Recht
der freien Entfaltung der Persönlichkeit für alle Individuen fordert,
weshalb die Konkurrenz durch den so verstandenen "Egalitarismus" der
"sozialen" Demokratie eingeschränkt werden muß (vgl. 1903: 121, 263
ff).

In diesem Abschnitt haben wir dargestellt, welche sozialökonomischen


Maßnahmen Bougie vorschlägt, um die Kombination von "Chancengleich-
heit", "sozialer Sicherheit" und dem individualistischen "Leistungsprin-
zip" zu realisieren. Im folgenden Abschnitt wird aufgezeigt werden,
mittels welcher strukturellen und normativen Analysen der arbeitsteili-
gen Gesellschaft Bougie versucht, diese Kombination von "Individualis-
mus" und "Egalitarismus" auch soziologisch abzusichern.

3. Individualismus und Egalitarismus

In diesem Abschnitt gehen wir darauf ein, welche soziologische Grund-


konzeption Bougie für die "moderne" Gesellschaft entwickelt, ausgehend
von Durkheims "organisiertem Gesellschaftstyp" und der "organischen
Solidarität". Entsprechend dem Durkheimschen Ansatz muß dabei zwi-
schen der "strukturellen" und "normativen" Ebene in dieser makrosozio-
logischen Konzeption unterschieden werden. Hierbei wird aufgezeigt,
wie Bougie Durkheims Begrifflichkeiten für die morphologische Analyse
der Sozialstruktur und die normativen Tendenzen, d.h. der "Grundwer-
- 212 -
te", die für die soziale Kohäsion der Individuen notwendig sind, weiter-
entwickelt. Abschließend wird dargestellt, welche theoretischen Verbin-
dungen zwischen dieser soziologischen Grundkonzeption der "modernen"
Gesellschaft und den bisherigen sozialökonomischen Anal ysen bestehen,
die zusammen die sozialwissenschaftliche Fundierung des Solidarismus
ergeben sollen.

3.1. Die morphologische Analyse der Sozialstruktur

Bevor wir auf Bougies eigene Begriffe eingehen, mit denen er die So-
zialstruktur "morphologisch" analysiert, zeigen wir auf, was Durkheim
mit der Begründung der "sozialen Morphologie" als einem Teilgebiet
der Soziologie beabsichtigt hat. "In mancher Hinsicht betrachtet Durk-
heim die Entwicklung der "sozialen Morphologie" als eine bewußte Zu-
sammenfassung bestimmter Bereiche der demographischen und geogra-
phischen Forschung: Mit seinen Worten: " ... die Geographie untersucht
die territorialen Staatsformen; die Historie geht der Entwicklung städ-
tischer und ländlicher Gruppen nach; die Demographie befaßt sich mit
allem, was die 8evölkerungsverteilung betrifft; usw. Wir glauben, daß
ein Interesse daran besteht, diese bruchstückhaften Wissenschaften aus
ihrer Isolation herauszuführen, indem wir sie miteinander in Verbindung
bringen und unter einem gemeinsamen Dach vereinigen; auf diese Wei-
se werden sie ein Einheitsbewußtsein gewinnen" (Wörterbuch der Sozio-
logie 1969: 975).

Auch Bougie definiert später als die drei Hauptbereiche der "sozialen
Morphologie" die Demographie, die "Humangeographie" (d.h. die Wirt-
schafts- und Sozialgeographie) und die Statistik (vgl. Bougie 1935: 61).
Er macht darüber hinaus darauf aufmerksam, daß bei Durkheim, schon
bevor er den Forschungsbereich der "sozialen Morphologie" genau fest-
legt (in einem Beitrag zu "Annee Sociologique", Tome 11, 1899), in sei-
nen Arbeiten morphologische Probleme eine zentrale Rolle gespielt ha-
ben: "Nicht erst seit den "Regeln der soziologischen Methode" signali-
siert er die Wichtigkeit dieses Teils der Soziologie, dessen Aufgabe es
ist, die GesellSChaftstypen zu konstituieren und zu klassifizieren. Son-
dern darüber hinaus sucht er, in seiner Dissertation über die "Arbeits-
- 213 -

teilung", in den Transformationen der materiellen Ordnung - Bevölke-


rungswachstum, Vervielfältigung der Städte, Ausdehnung der Kommuni-
kationsmittel - die tiefe Ursache des Phänomens, das er als Soziologe
analysieren möchte." (ebd., S. 61 f)

Diese demographischen und "humangeographischen" Daten reichen aber


nicht aus, um die Struktur einer Gesellschaft vollständig zu erfassen,
wie auch schon Durkheim in der "Arbeitsteilung" erkannt hat. Die Zu-
nahme an "Volumen" und "Dichte" einer Gesellschaft ist soziologisch
nur insofern von Interesse, als sie ursächlich das Fortschreiten der Ar-
beitsteilung und damit die Evolution der "Gesellschaftstypen" (von ei-
nem "segmentären" zu einem "organisierten") beeinflußt. Die "soziale
Morphologie" darf sich daher nicht auf die Analyse von "Volumen" und
"lJichte" beschränken, sondern sie muß auch die Klassifikation dieser
"Gesellschaftstypen" leisten (vgl. Durkheim 1970a: Kap. IV.). Nach
Bougie ist diese Erweiterung der "sozialen Morphologie" theoretisch
erst später von Marcel Mauss ausformuliert worden, der einerseits den
umfassenden Begriff der "Struktur" der Gesellschaft einführt und dar-
über hinaus zwischen der "materiellen" Struktur (Volumen und Dichte)
und der "institutionellen" Struktur unterscheidet: "M. Mauss ... , der
weiter das Wort "Struktur" benutzt, macht darauf aufmerksam, daß es
mehr als einen Sinn enthält. Es kann Untergruppen bezeichnen, deren
Einheit vor allem moralisch ist, die häusliche Gruppe, die Großfamilie,
eine Föderation von Clans, die in Beziehung stehen, ohne in Kontakt zu
sein: Oder sogar etwas, was nichts !,v1aterielles mehr enthält, eine sou-
veräne Macht, eine Führerschaft in einem Stamm, die Altersklassen,
die militärische Hierarchie, alle Phänomene, die eine juristische
Organisation und nicht nur eine physiologische Annäherung vorausset-
zen." (Bougie 1935a: 64 f).

Trotz der von Mauss einc;eführten Unterscheidung der "materiellen" von


der "institutionellen" Struktur bleibt ein Begriffsproblem bestehen, denn
die "GesellSChaftstypen" (nach Durkheim) und die von Bougie benutzten
Begriffe für die morphologische Analyse der Sozialstruktur, die über die
rein "materielle" Dimension hinausgehen, können nicht mit der von
Mauss vorgeschlagenen "institutionellen" Struktur gleichgesetzt werden.
Nach Mauss ist der Ursprung dieser "institutionellen" Phänomene vor
- 214 -
allem aus dem sozialen Leben der Gruppen (oder der Gesellschaft)
selbst zu erklären, d.h. aus ihrem "KollektivbewuBtsein". Das "Kollek-
tivbewuBtsein" kann also ab einer gewissen Intensität bewirken, wie
Durkheim gezeigt hat, daB die Kohäsion einer Gruppe (oder einer Ge-
sellschaft) nicht mehr nur "moralisch", sondern auch durch eine juristi-
sche Organisation reguliert wird (die z.B. nicht mehr nur "diffuse",
sondern auch "restitutive" oder gar "repressive" Sanktionen verhängt).
Diese juristische Organisation wird zu einer "Institution", die sich als
ein sozialer Tatbestand den Individuen in der Form eines "strukturellen"
Phänomens gegenüberstell t.

Entscheidend ist es aber nun zu unterscheiden, daB diese "institutionel-


le" Struktur und ihre damit zusammenhängende juristische Fundierung
ihren Ursprung im "KollektivbewuBtsein" hat, währenddessen die Struk-
tur der "Gesellschaftstypen" ("segmentär" oder "organisiert") von der
"materiellen" Struktur der Gesellschaft (Volumen und Dichte) abhängt.
Um nun zu einer klaren begrifflichen Trennung zu kommen, werden wir
in Anlehnung an Bougie und im Gegensatz zu Mauss den Begriff der
Sozialstruktur in einem rein morphologischen Sinne benutzen, d.h. die
"materielle" Sozialstruktur (Volumen, Dichte u.a.) wird als "quantitati-
ve" Ebene der Sozialstruktur und die "Gesellschaftstypen" bzw. Bougies
andere Begrifflichkeiten, die wir noch darstellen werden, als "qualitati-
ve" Ebene der Sozialstruktur bezeichnet.

An einigen Beispielen werden wir darüber hinaus in diesem Abschnitt


aufzeigen, wie sich nicht nur aus dem "KollektivbewuBtsein" bestimmte
Institutionen herausbilden können, sondern auch wie bestimmte Phäno-
mene auf der "qualitativen" Ebene der Sozialstruktur in Verbindung mit
dem "KollektivbewuBtsein" spezifische "institutionelle" Formen anneh-
men können. Auf das sich letztlich dahinter verbergende Problem des
Verhältnisses zwischen der Sozialstruktur und dem "KollektivbewuBtsein"
gehen wir in Abschnitt 4.1 ein. Auf die "in dieser ersten Phase" der
"sozialen Morphologie" noch herrschende Begriffsverwirrung hat Bougie
selbst rückblickend hingewiesen, denn in ihr sind nicht scharf die "ma-
terielle" von der "institutionellen" Struktur unterschieden worden (vql.
ebd.)41). Wie wir aber gezeigt haben, unterscheidet selbst Bougie da~n
noch nicht genau genug zwischen der morphologischen "quali tativen"
Ebene der Sozialstruktur und den "Institutionen" einer Gesellschaft.
- 215 -
Für seine eigene morphologische Analyse der "quantitativen" Struktur
der Gesellschaft erweitert Bougie Durkheims Ansatz: Die "Quantität
einer sozialen Einheit" besteht nicht nur aus der Anzahl und Dichte,
sondern auch der Mobilität der sie konstituierenden Individuen. Mit der
Anzahl der Individuen wird das "Volumen" (nach Durkheim) einer "so-
zialen Einheit" analysiert: "Alle Gesellschaften haben dies gemeinsam,
daß sie eine gewisse Anzahl von Individuen vereinigen" (Bougie 1899:
91), und ihr "Volumen" wird durch "ihre Größe oder ihre Kleinheit,
d.h. die mehr oder weniger große Anzahl von Menschen, die sie mitein-
ander in Beziehung setzen" (ebd., S. 92), bestimmt. Mit der Dichte der
Bevölkerung soll nicht nur ein durchschnittlicher Wert über die Ge-
samtheit einer Bevölkerung innerhalb eines bestimmten Territoriums er-
hoben werden, sondern für Bougie ist besonders der Grad der Konzen-
tration der Bevölkerung in den Städten, die "urbane Konzentration"
(ebd., S. 103), von Bedeutung. Die Mobilität schließlich resultiert aus
der "Vervielfältigung der Transport- und Kommunikationsmittel" (ebd.),
d.h. auch durch die Weiterentwicklung dieser technischen Hilfsmittel
(neben der Erhöhung von Volumen und Dichte) steigert sich "die Quan-
tität, die Komplexität und die Varietät der sozialen Kontakte" (ebd.)
und der "Interaktionen" (ebd., S. 93), insgesamt also das, was Durk-
heim mit "moralischer Dichte" bezeichnet hat. Volumen, Dichte und
Mobilität sind die drei zentralen Begriffe, mit denen Bougie die "quan-
titative" (oder "materielle") Ebene der Sozialstruktur erfassen will; wir
gehen nun zur "qualitativen" Analyse der Sozialstruktur über, die zuerst
nach der "Homogenität" oder der "Heterogenität" einer "sozialen Ein-
heit" fragen muß (vgl. ebd., S. 126 f).

Der Grad ihrer Homogenität oder Heterogenität wird an der Verschie-


denartigkeit der Gewohnheiten, der Ideen, der Funktionen und der
alutsverwandschaft der Individuen gemessen (vgl. ebd. S. 137). Je mehr
Familien oder Clans sich in einer "sozialen Einheit" assoziieren, je
mehr sich die arbeitsteiligen Funktionen der Individuen und damit auch
ihre "Gewohnheiten" und "Ideen" (d.h. Werte- und Normensysteme)
voneinander differenzieren, desto heterogener ist die Gesellschaft. "Hat
man nicht bewiesen, daß, je mehr die Anzahl der Individuen, die eine
- 216 -

Gesellschaft zusammensetzen, anwächst, je mehr die Milieus durch die


Einflüsse, denen sie unterworfen sind, voneinander differieren, •.. folg-
lich die Heterogenität der Gesellschaft umso wahrscheinlicher wird?
Folglich kann eine Gesellschaft nicht wachsen, ohne ihre Homogenität
zu verlieren." (ebd., S. 135 f) Daraus folgt umgekehrt, daß "die maxi-
male Homogenität der Gesellschaften sie gewissermaßen zu einem Mi-
nimum an Volumen zwingt" (ebd.). Mit anderen Worten: Die interne
Homogenität einer "sozialen Einheit" kann nur bei einer möglichst ge-
ringen Quantität ihrer "materiellen" Struktur aufrechterhalten werden,
während die Heterogenität der Individuen notwendigerweise zunimmt, je
mehr Volumen, Dichte und Mobilität in der "sozialen Einheit" anwach-
sen. Homogenität und Heterogenität entsprechen damit auf der "quali-
tativen" Ebene der Sozialstruktur dem, was Durkheim für das "Kollek-
tivbewußtsein" als soziale "Kohäsion" durch die "Ähnlichkeit" ("mecha-
nische" Solidarität) bzw. durch "Verschiedenartigkeit" ("organische"
Solidarität) bezeichnet.

Bougie formuliert hier also in seiner eigenen Begrifflichkeit die wech-


selseitigen Beziehungen zwischen der "quantitativen" und "qualitativen"
Ebene der Sozialstruktur aus, die bereits von Durkheim festgestellt
worden war, als er in der Zunahme von Volumen und Dichte die Ursa-
che für das Fortschreiten der Arbeitsteilung und damit der Spezialisie-
rung der Individuen sah. Da dieser aber nicht nur von der ökonomi-
schen, sondern von der "gesellschaftlichen" Arbeitsteilung spricht und
deshalb den Begriff der "organischen Solidarität" einführt, wird darüber
hinaus deutlich, daß die Individuen sich zunehmend nicht nur in ihren
ökonomischen Aktivitäten, sondern auch in ihren politischen, religiösen,
kulturellen, sozialen u.a. Aktivitäten voneinander unterscheiden, die zu
"Rollen" werden (vgl. Logue 1983: 159).

Dies ist die Basis für die Entwicklung einer nicht mehr ökonomischen,
sondern "wirklich soziologischen Theorie" (Bougie 1903: 138) der Ar-
beitsteilung, die erst dann gebildet werden kann, wenn die Bedeutung
des Wortes Arbeit nicht mehr auf die Industrieproduktion reduziert und
gleichzeitig das Phänomen der Spezialisierung auf andere nicht-ökono-
mische Aktivitäten ausgedehnt wird (vgl. ebd., S. 139). Für diese auch
im außerökonomischen Bereich immer heterogeneren Aktivitäten asso-
- 217 -

ziieren sich die Individuen in immer neuen Gruppen, um in ihnen ihre


spezifischen Bedürfnisse zu befriedigen. "Das Gesetz der Arbeitsteilung
findet sich hier also wieder und wirkt weiter jenseits der Geschäfts-
welt; die vielfältigen Assoziationen spezialisieren sich; jede verfolgt ein
eigenes Objekt." (ebd., S. 155) Die Heterogenität einer Gesellschaft
muß also in einem doppelten Sinn verstanden werden: Nicht nur die
Individuen, sondern auch die Gruppen und Assoziationen werden immer
heterogener, weil sich diese wie jene nicht nur in ihren ökonomischen,
sondern auch in ihren außerökonomischen Aktivitäten immer weiter
"spezialisieren".

Um diesen allgemeinen ProzeB der "Spezialisierung" von Individuen und


Assoziationen präziser zu erfassen, führt Bougie eine begriffliche
Trennung ein, die von Durkheim noch nicht durchgeführt worden ist,
nämlich die Unterscheidung von (ökonomischer) Arbeitsteilung und
(sozialer) Differenzierung (vgl. ebd., S. 153), wozu er noch später
rückblickend feststellt, daß " ... eine der größten Konfusionen der Epoche
gerade die Assimilation zwischen Arbeitsteilung und sozialer Differen-
zierung ist." (1935b: 65)42)

Mit Hilfe dieser Unterscheidung soll es z.B. möglich werden, das Phä-
nomen zu erklären, daß die Okonomie einer Gesellschaft zwar arbeits-
teilig organisiert sein kann, sich aber die außerökonomischen Bindungen
der Individuen trotzdem nicht differenzieren; eine Gesellschaft "... kann
ihre Mitglieder in deutlich verschiedene Sektionen aufteilen, ohne einem
von ihnen zu erlauben,. gleichzeitig mehreren von ihnen (den Sektionen;
C.G.) anzugehören." (1899: 172) Dies ist l.B. die Situation der mittel-
ai terlichen Gesellschaft gewesen, als in den Städten eine Arbeitsteilung
zwischen den Zünften und Gilden bestand, aber diese eigentlich ökono-
mischen Assoziationen auch fast das gesamte übrige soziale Leben ihrer
individuellen Mitglieder bestimmten: Neben der Ausübung des Berufes
hatten sie religiöse Funktionen (Glaubensgemeinschaft um den Heiligen
der Gilde), weltliche (Organisation von Festen), karitative (Hilfskassen
für Notfälle), juristische (Schutz vor Verfolgung) und ethische (Einhal-
tung der beruflichen und kameradschaftlichen Pflichten) (vgl. ebd., S.
184). "Dies ist eine Vereinigung für alle Augenblicke, die alle Seiten
des Menschen umfaßt." (ebd.; vgl. Simmel 1890: 111; Halbwachs 1918:
405)
- 218 -
Noch stärker ist dies in der Kastengesellschaft, in der jede Kaste auf
eine Aktivität spezialisiert ist (Verkündung der Religion, Militär, Han-
del, Agrar- und Handwerksproduktion u.a.), darüber hinaus aber die so-
zialen Kontakte zwischen den Individuen verschiedener Kasten stark re-
duziert sind (z.B. durch Heiratsverbote, kastenspezifische religiöse Ze-
remonien und Gerichtsbarkeiten) und teilweise, durch religiöse Motive
verstärkt, sogar völlig verboten werden wie im Falle der "Unberührba-
ren" (vgl. Halbwachs 1941: 39 f; Vogt 1979: 133).

Die mittelalterliche Ständegesellschaft in Europa und noch mehr die


indische Kastengesellschaft sind demnach für BougIe durch ein "Anhal-
ten in der Evolution" (vgl. Halbwachs 1941: 42) charakterisiert, in der
die Arbeitsteilung eine kollektive, nicht aber individuelle Form ange-
nommen hat: Die Erblichkeit der beruflichen Spezialisierung macht die
Ausübung einer anderen, außerhalb der familiären Tradition liegenden
ökonomischen Aktivität für die Individuen fast unmöglich; diese enge
Verknüpfung der familiären Bindungen und ökonomischen Aktivitäten
bewirkt, daß die Individuen auch bei den nicht-ökonomischen Aktivitä-
ten praktisch über keine Möglichkeiten verfügen, aus ihrem Stand bzw.
ihrer Kaste als ihrem "ursprünglichen Assoziationskreis" (vgl. Simmel
1890: 101) auszubrechen. "Wenn die Gesellschaft in gleichartige Sektio-
nen zerschnitten ist, innerhalb derer fast alle Bedürfnisse der Indivi-
duen, die sie in sich einreihen, befriedigt werden können, dann beste-
hen keine Gründe, daß sich die Individuen gleichzeitig mehreren Grup-
pen anschließen." (Bougie 1899: 172)

Kasten und Stände (und z.B. im Bürgerstand Zünfte und Gilden) sind
also historisch unterschiedliche Formen desselben "qualitativen" Merk-
mals der Sozialstruktur, d.h. der kollektiven Form der Arbeitsteilung
und der daraus resultierenden gruppenspezi fischen Differenzierungen al-
ler außerökonomischen Aktivitäten und "Bindungen" der Individuen. Die-
se historisch unterschiedlichen Formen der Abgrenzung der Individuen
untereinander gehören in den Bereich der "Institutionen" einer Gesell-
schaft, da ihre jeweilige spezifische Ausprägung entweder religiös (wie
bei den Kasten) oder juristisch (wie bei den Ständen) festgelegt wird.
Dies ist ein Beispiel dafür, daß die letztendliche "institutionelle" Form,
- 219 -

die ein bestimmtes "qualitatives" Phänomen in der Sozialstruktur an-


nimmt, von der spezifischen Ausprägung des "Kollektivbewußtseins" ei-
ner Gruppe (oder Gesellschaft) abhängt.

Erst mit der Überwindung der Erblichkeit der Berufe kann eine weiter-
gehende "Individualisierung" der Arbeitsteilung erfolgen, und gleichzeitig
mit dem Fortschreiten der ökonomischen Arbeitsteilung kann sich die
soziale Differenzierung weiterentwickeln, d.h. die Stände und Kasten
hören auf, der al!umfassende Rahmen des über die ökonomischen Akti-
vitäten hinausgehenden sozialen Lebens der Individuen zu sein. Deshalb
hat sich in der Industriegesellschaft ein neues strukturelles Phänomen
entwickelt: Die soziale Verflechtung (vgl. ebd., S. 169; 1903: 154); sie
ist synonym mit dem, was Simmel als die "Kreuzung sozialer Kreise"
bezeichnet hat (vgl. Simmel 1890: 100 ff).

Sie wird dadurch ermöglicht, daß zusammen mit der fortschreitenden


Spezialisierung der Individuen in der ökonomischen Arbeitsteilung sich
die früher sozusagen "multifunktionalen" Gruppen oder Assoziationen
(z.B. Kasten, Stände oder im Bürgerstand Zünfte und Gilden) auflösen
und ihre verschiedenen ökonomischen, politischen, religiösen, kulturellen
u.a. Funktionen an "partielle Assoziationen" (Bougie 1903: 156) abge-
ben. BougIe beschreibt hier also den Prozeß der "funktionalen Diffe-
renzierung", nach dem die "Gliederung eines sozialen Systems oder Un-
tersystems in strukturell verschiedene Elemente im Hinblick auf die von
Systemen verfolgte(n) Funktion(en)" erfolgt. "Die Elemente übernehmen
verschiedene, einander ergänzende Funktionen, von deren ineinandergrei-
fendem Zusammenwirken die Systemverwirklichung abhängig ist." (Lexi-
kon zur Soziologie 1975: 141, Bd. I) Für das Individuum hat dies die
Auswirkung, daß es seine verschiedenen Aktivitäten nun nicht mehr wie
früher innerhalb einer Assoziation betreiben muß, sondern für die Aus-
übung jeder dieser Aktivitäten in einer anderen "partiellen", d.h. funk-
tional spezialisierten Assoziation Mitglied werden kann (vgl. Simmel
1890: 101 f).

"Und so, anstatt daß der Mensch in einer einzigen ausschließlichen und
eifersüchtigen Assoziation eingeschlossen wird, die, indem sie alle seine
Bedürfnisse befriedigt, seine ganze Aktivität an sich reißt, öffnet sich
ihm eine Vielheit von Gesellschaften: Jeder von ihnen leiht er seine
- 220 -

Aktivität nur entsprechend seinen Bedürfnissen." (Bougie 1899: 186; vgl.


auch ebd., S. 173) Genau hierin besteht die Besonderheit des Phäno-
mens der sozialen Verflechtung: "Mit einem Wort, unsere Zivilisation
sieht nicht nur, daß sich diese Kreise vervielfältigen, sondern auch
überschneiden. Diese unaufhörliche Kreuzung, diese universale Durch-
dringung konstituiert das originelle Phänomen ... " (1903: 155; vgl. 1899:
169). Auch hier müssen wir wieder zwecks der klaren begri fflichen
Trennung, die Bougie noch nicht vornimmt, darauf hinweisen, daß die
Mitgliedschaft in unterschiedlichen "partiellen" Assoziationen oder
Gruppen die "institutionelle" Form des morphologisch-strukturellen Phä-
nomens der sozialen Verflechtung bzw. der "Kreuzung sozialer Kreise"
darstell t.

Die soziale Verflechtung macht darüber hinaus, auch hierbei folgt


Bougie Simmel, einen Zuwachs an individueller Freiheit sowie die Her-
ausbildung einer "individualisierten" Persönlichkeit möglich. Der Zu-
wachs an individueller Freiheit resultiert aus dem "dialektischen" Pro-
zeß der Spezialisierung der "partiellen" Assoziationen und der Reduzie-
rung der Aktivitäten der Individuen in ihnen auf diejenigen, die für die
Erfüllung des Zwecks der Assoziation notwendig sind; denn "... die
Individuen, entfernt davon, dieser oder jener dieser Assoziationen "anzu-
gehören", "partizipieren" an vielen von ihnen, diese rein ökonomisch,
jene politisch oder religiös, die eine permanent, die andere kurzlebig,
die eine lokal, die andere international." (1903: 155) Je mehr die "Par-
tizipation" an einer Assoziation "durch die sachliche Gleichheit der An-
lagen, Neigungen und Tätigkeiten" (Simmel 1890: 101) der Individuen
determiniert wird, umso mehr ist es diesen möglich, "... alle Gruppie-
rungen, selbst den Staat, nach diesem "Warum sie konstituiert sind" zu
fragen und folglich den Teil an Freiheit, den sie veräußern, zu messen.
Mit der Zivilisation dominieren freiwillige oder vertragliche "zweckge-
bundene" ("finaliste") Assoziationen, von denen keine ihren Mitgliedern
verbieten könnte, einer anderen beizutreten." (Bougie 1899: 185 )43)

Je mehr es den Individuen also möglich ist, ihren "ursprünglichen Asso-


ziationskreis" zu verlassen und entsprechend ihren individuellen Neigun-
gen und Tätigkeiten an anderen Assoziationen zu partizipieren, worin
- 221 -

sich der Zuwachs an Freiheit für sie konkret ausdrückt, desto mehr
unterscheiden sie sich untereinander durch die Verschiedenartigkeit der
Assoziationen, an denen sie partizipieren. Simmel hat dies folgenderma-
ßen analysiert: "Die Gruppen, zu denen der einzelne gehört, bilden
gleichsam ein Koordinatensystem, derart, daß jede neu hinzukommende
ihn genauer und unzweideutiger bestimmt. Die Zugehörigkeit zu je einer
derselben läßt der Individualität noch einen weiten Spielraum; aber je
mehr es werden, desto unwahrscheinlicher ist es, daß noch andere
Personen die gleiche Gruppenkombination aufweisen werden, daß diese
vielen Kreise sich noch einmal in einem Punkte schneiden." (Simmel
1890: 103) Mit anderen Worten, je mehr die Verschiedenartigkeit der
Assoziationen durch ihre Spezialisierung zunimmt, desto mehr kann sich
die Persönlichkeit des Einzelnen durch die Anzahl und Verschiedenartig-
keit der Assoziationen, an denen er partizipiert, "individualisieren".
Unter Bezugnahme auf Simmel formuliert dies Bougie, wie folgt, aus:
"... die Zunahme der Anzahl der Gruppen, an denen sie teilnehmen, er-
höht so die Originalität der Personen: Sie erscheinen als einzigartige
Synthesen, indem sie sich voneinander durch das, was man ihre Samm-
lungen an Gruppierungen nennen könnte, unterscheiden." (Bougie 1903:
157; vgl. 1899: 190)

Insgesamt kann also konstatiert werden, daß bei fortschreitender Ar-


beitsteilung, Differenzierung und Verflechtung die Heterogenität von In-
dividuen und Assoziationen zunimmt, wobei sich die Individuen ökono-
misch immer weiter spezialisieren, während sie sich sozial immer mehr
verflechten, und schließlich die Einzigartigkeit ihrer ökonomischen Spe-
zialisierung und sozialen Verflechtung zum entscheidenen Merkmal ihrer
individuellen Persönlichkei t wird. ökonomische Spezialisierung und sozia-
le Verflechtung sind demnach die morphologisch-strukturellen Voraus-
setzungen für die Entwicklung eines generalisierten "Individualismus"
durch die Individuen in den Industriegesellschaften, worauf wir im
nächsten Abschnitt näher eingehen werden.

Der letzte Begriff, den Bougie für die morphologische Analyse der So-
zialstruktur einführt, ist der der "Vereinigung" der Gesellschaft. Wie
bereits dargestellt, erhöht das Fortschreiten von ökonomischer Arbeits-
teilung und sozialer Differenzierung und Verflechtung die interne He-
- 222 -
terogenität der Gesellschaft. Damit aber die vielfältigen "Bindungen"
und Aktivitäten zwischen den "partiellen" Assoziationen und den "indi-
vidualisierten" Individuen auch tatsächlich Bestand haben, damit sie
nicht nur eine "Agglomeration", sondern einen stabilen "Körper" bilden,
" .•. müssen ihre Beziehungen durch eine gewisse Gemeinsamkeit an an-
erkannten Verpflichtungen, gebilligten Gefühlen, wahrgenommenen In-
teressen definiert und geregel t werden" (J 899: 207).

Obwohl es Bougie hier nicht deutlich ausformuliert, ist offensichtlich,


daß er von der Ebene der morphologischen Analyse der Sozialstruktur
zu der des Kollektivbewußtseins übergeht. Während wir bei den bisheri-
gen morphologischen Phänomenen aufgezeigt haben, welche "institutio-
nellen" Formen ihnen entsprechen, soll nach Bougie gen au umgekehrt
das morphologische Phänomen der "Vereinigung" aus der Schaffung ei-
ner "Institution" resultieren (die ihrerseits wiederum nur aus der Ver-
stärkung des Kollektivbewußtseins resultieren kann): "Eine vollständige
gesellschaftliche Vereinigung besteht nur dort, wo für die Regelung der
Beziehungen der assoziierten Einheiten eine gewisse politische, juristi-
sche, administrative, ökonomische Organisation - ein Gesetz, eine zen-
trale Macht, mit einem Wort, ein Staat existiert." (ebd.) Mit anderen
Worten: Die "Institution" des Staates soll garantieren, daß eine allge-
meine Rechtsordnung von den Individuen und Assoziationen respektiert
wird, wofür er unterschiedliche Arten von Sanktionen aussprechen kann.
Je mehr der Staat die Anerkennung der Gesetze garantieren kann, umso
größer ist die "Vereinigung" der Gesellschaft.

Bougie kommt hier also zu einer völligen Umkehrung des Verhältnisses


zwischen morphologischen strukturellen Phänomenen sowie dem Kollek-
tivbewußtsein und den "Institutionen", da in diesem Falle nicht be-
stimmte morphologische Phänomene die Herausbildung neuer "Institutio-
nen" begünstigen, sondern die Durchsetzung der "Vereinigung" von der
Herausbildung der "Institution" Staat und der Verstärkung des Kollek-
tivbewußtseins abhängt. Letzteres wird auch noch durch einen anderen
Umstand verdeutlicht. Damit der Staat die Rechtsordnung aber auch
wirklich durchsetzen kann, darf er nicht ausschließlich auf die "brutale
Gewalt" zurückgreifen, sondern es bedarf einer "Art öffentlichen Ein-
verständnisses", d.h. die Individuen, die sich denselben Gesetzen unter-
- 223 -
werfen sollen, rnüssen auch den Willen haben, zusammenleben zu wol-
len; sie müssen bereit sein, eine "Nation" zu bilden (vgl. ebd.).

Bougie macht hier auf ein Problem aufmerksam, welches er erst später
unter Rückgriff auf Durkheim ausformuliert hat. Einerseits ist es rich-
tig, daß bei einer fortschreitenden "gesellschaftlichen" Arbeitsteilung
Assoziationen und Individuen immer heterogener werden, und somit im
Kollektivbewußtsein die "mechanische" Solidarität (basierend auf der
Ähnlichkeit) immer mehr von der "organischen" Solidarität (basierend
auf der Unähnlichkeit) verdrängt wird. Andererseits ist es aber ent-
scheidend zu erkennen, daß die Arbeitsteilung nur in der Gesellschaft
entstehen und sich entwickeln kann, in der die Individuen auch weiter-
hin assoziiert bleiben wollen. "Zugegeben, die Kooperation resultiert
aus der Arbeitsteilung, aber die Kooperation setzt eine gegebene Asso-
ziation voraus, Personen, die zusammenleben oder zusammenleben wol-
len, die untereinander durch ein Netz von Ähnlichkeiten, durch eine
gewisse Anzahl gemeinsamer Repräsentationen, durch die ganze Macht
eines Kollektivbewußtseins verbunden sind." (1929: 148)

Dies bedeutet, daß auch noch in einer hocharbeitsteiligen, differenzier-


ten und verflechteten Gesellschaft die Individuen jenseits ihrer Hetero-
genität sich durch die "mechanische" Solidarität verbunden fühlen und
unter den gegebenen geographisch-ethnischen, historisch-kulturellen Be-
dingungen eine "Nation" bilden müssen. Da die Nation als ein "sozialer
Körper" aber nur der Träger des Kollektivbewußtseins ist, bedarf es ei-
ner "Institution", die die Einhaltung der aus dem Kollektivbewußtsein
resultierenden Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens kontrol-
liert und bei Verstößen Saktionen verhängen kann. Diese "Institution"
muß der Staat sein, der eine zentrale Macht bildet, deren Entscheidun-
gen von den in der Nation "vereinigten" Individuen und Assoziationen
akzeptiert werden müssen. Die wichtigste Funktion der "Vereinigung"
besteht also darin, ein Gegengewicht zur internen Heterogenität der
Gesellschaft zu bilden, denn, "indem eine zentralisierte Regierung die
entferntesten und unterschiedlichsten Individuen demselben Gesetz un-
terwirft, macht sie sie unter einem gewissen Gesichtspunkt ähnlich."
(1899: 221) Die "Vereinigung" einer Gesellschaft als einem morpholo-
gisch-strukturellen Phänomen läßt sich also an dem Grad der Heraus-
bildung der "Institution" eine~ zentralen Regierungsgewalt messen.
- 224 -

Als ein morphologisch-strukturelles Phänomen ist die "Vereinigung" der


Gesellschaft auch deshalb unabdingbar, denn in ihrer Einheit verbinden
sich die nach Bougie universal gültigen "Existenzbedingungen der Ge-
sellschaft": "Ein Minimum an Ähnlichkeit, Gehorsamkeit und Konzen-
tration" (l902a: 46 f). Was ist damit präzis gemeint? "Ähnlichkeiten"
(resultierend aus der "mechanischen" Solidarität) sind notwendig, denn,
"wenn zwei Individuen sich so voneinander unterscheiden, daß sie keine
Idee, keine Tendenz, keine Gewohnheit gemeinsam haben, könnte es
zwischen ihnen keinen Vertrag, keinen Handel, keine Konversation
selbst geben" (ebd.). Mit anderen Worten: Ein gewisses Maß an Kollek-
tivbewußtsein ist notwendig, damit überhaupt Formen von sozialer
"Kommunikation" und "Interaktion" zwischen den Individuen entstehen
können.

Damit diese "Interaktionen" aufrechterhalten werden können, ist es


aber notwendig, daß die beteiligten Individuen "Regeln" bzw. "Gesetze"
akzeptieren, nach denen ihre "Interaktionen" ablaufen. "Welche Form
auch immer die Regel annimmt, ob sie geschrieben oder nicht ge-
schrieben, in den Gesetzbüchern oder nur in den Köpfen eingraviert
id, es gibt keine dauerhafte Gesellschaft ohne eine respektierte
Rege!." (ebd., S. 47) Darüber hinaus ist es notwendig, daß die Regeln
für die "Interaktionen" nicht nur aufgestellt, sondern auch respektiert
werden, d.h. ihre Einhaltung muß kontrolliert und Verstöße müssen
sanktioniert werden, was nur durch eine "Konzentration" von Macht in
einem "einzigen Zentrum" garantiert werden kann. Funktion dieses
"Zentrums" ist es, daß aus der Heterogenität von Individuen und Asso-
ziationen keine "antagonistischen Mächte" bzw. "Staaten im Staate"
resultieren, die die Einheit der Gesellschaft auflösen könnten. Für eine
"perfekte Verwirklichung der gesellschaftlichen Einheit" sind deshalb
gleichermaßen "Ähnlichkeiten" zwischen den Individuen, Akzeptanz von
allgemein gültigen Regeln und "Konzentration" von sozialer Macht not-
wendige Voraussetzungen (vg!. ebd.). Auf diese eher "egalitären"
Effekte der "Vereinigung" werden wir im nächsten Abschnitt noch nä-
her eingehen.

Insgesamt sind damit alle morphologischen Begriffe dargestellt, mit de-


- 225 -

nen Bougie versucht, die Sozialstruktur zu erfassen (vgl. Halbwachs


1941: 38): Volumen, Dichte und Mobilität der Individuen sind für die
"quantitative" Struktur entscheidend, Homogenität und Heterogenität
"sozialer Kreise" oder "Einheiten", basierend auf dem Grad von ökono-
mischer Arbeitsteilung, sozialer Differenzierung und Verflechtung sowie
der Vereinigung charakterisieren die "qualitative" Struktur einer
Gesellschaft. Im nächsten Abschnitt werden wir darauf eingehen, wie
die morphologische Sozialstruktur als Ganzes auf die Herausbildung des
"Kollektivbewußtseins" und der in ihm enthaltenen "Grundwerte" der
Gesellschaft Einfluß nimmt.

3.2. Die "Grundwerte" des Individualismus und Egalitarismus in der


"modemen" Gesellschaft

Der Zusammenhang bei der Veränderung von strukturellen und normati-


ven Faktoren im Zuge der gesellschaftlichen Evolution ist bereits von
Durkheim hergestellt worden (vgl. Kap. I.). Genauso wie Bougie ver-
sucht, Durkheims Begrifflichkeit für die morphologische Analyse der
Sozialstruktur zu präzisieren, so müssen auch seine Thesen zur Entste-
hung und Verbreitung von Individualismus und Egalitarismus als eine
Reformulierung der Konzeption der "organischen" Solidarität verstanden
werden.

Durkheim hat in dieser Form der Solidarität die wichtigste normative


Garantie für die Kohäsion der hocharbeitsteiligen Gesellschaft gerade
durch die "Verschiedenartigkeit" und der daraus resultierenden Interde-
pendenz der Individuen gesehen. Bougie teilt Durkheims Konzeption vom
"Kul t des Individuums", dieses ausgeprägten Individualismus; daneben
gewinnt aber mit der Überwindung der Ständegesellschaft noch ein
zweiter "Grundwert" immer mehr an Bedeutung: Der Egalitarismus. Die
Entstehung und Verbreitung des Egalitarismus und seine Verknüpfung
mit dem Individualismus in der arbeitsteiligen, differenzierten und ver-
flechteten Gesellschaft ist die GrundfragesteIlung seines Buches "Die
egalitären Ideen" (1899).

Wie wird der Egalitarismus definiert? Sein Inhalt ist ein Werturteil,
- 226 -
welches darauf basiert, daß jedem Individuum ein "Eig8nwert" zuer-
kannt wird: "••. das Gefühl des Eigenwertes des Individuums scheint uns
das wesentliche Element der egalitären Ideen zu sein." (Bougie 1899:
25) Diese Anerkennung des "Eigenwertes" jedes Individuums basiert
darauf, daß "•.• wir als "Gleiche" nur diejenigen behandeln, die wir für
unsere "Ähnlichen" halten; •.• Wir können den Menschen nicht gleiche
Rechte zuerkennen, ohne ihnen eine gewisse Identität in der Natur zu-
zuerkennen." (ebd., S. 24) Der Egalitarismus proklamiert also eine
grundsätzliche Gleichheit aller Individuen jenseits jeglicher, wie auch
immer begründeter Gruppenunterschiede: "A priori kollektive Unter-
scheidungen zu erlassen, und die Individuen gewissermaßen in heteroge-
ne Klassen oder Arten einzusperren, denen man ungleiche Werte zutei-
len würde, dies wäre dem Egalitarismus formell entgegengesetzt."
(ebd.) Von dieser grundsätzlichen Wertgleichheit wird darüber hinaus
auf die Gleichheit der "Rechte" der Individuen gegenüber der Gesell-
schaft (und nicht etwa auf die Gleichheit ihrer "Fähigkeiten"; vgl.
ebd., S. 28) geschlossen: "Die Menschen als Gleiche zu erklären,
bedeutet, eine Art, sie zu behandeln, zu verordnen. ( .•. ) Das erste kon-
stitutive Element des Egalitarismus ist die Behauptung, daß die
Menschheit einen Eigenwert besitzt, und daß folglich alle Menschen
Rechte haben." (ebd., S. 23 f)

Der Egalitarismus um faßt also zwei Dimensionen: Zum einen resultiert


aus dem Postulat des "Eigenwertes" jedes Individuums eine "universali-
stische" Dimension, da jedes Individuum nicht nach seiner Gruppenzuge-
hörigkeit (ob ethnisch, religiös, politisch, juristisch, sozioökonomisch
o.a.), sondern entsprechend seiner Eigenschaft als "Mensch" beurteilt
wird und aus dieser "Ähnlichkeit" das "Menschheitsideal" entstehen
kann, worauf wir noch genauer eingehen werden; zum anderen resultiert
aus dieser Grundgleichheit für die Individuen einer Gesellschaft ein
Rechtsanspruch gegenüber dieser. Dies ist von Bourgeois innerhalb sei-
nes Gerechtigkeitspostulates später konkret ausformuliert worden; wie
dargestellt (vgl. Kap. 11.2.2.), bedeutet ihm zufolge Gerechtigkeit
die "Gleichheit des Rechtes", nach der jedes Individuum einen Anspruch
auf die Partizipation am "materiellen und intellektuellen Kapital" der
Gesellschaft entsprechend seinen Neigungen und Fähigkeiten hat und
sein sozioökonomischer Status ausschließlich aus seiner individuellen
- 227 -
Leistung resultieren darf. Die "Gleichheit des Rechtes" impliziel't also
im Sinne von Bougies Egalitarismus die Reduzierung von gruppenspezifi-
schen Ungleichheiten, aus der erst die Entfaltung der individuellen Un-
terschiede resultieren kann. Hiermit wird bereits angedeutet, daß so-
wohl die "universalistische" als auch die "juristische" Dimension des
Egalitarismus erst dann ihren vollen Sinn erhält, wenn sie mit individu-
alistischen Zielen verknüpft wird. Wir werden nun darauf eingehen, un-
ter welchen Bedingungen, d.h. w·ie durch den Wandel der Sozialstruktur
die gruppenspezifischen normativen Differenzierungen zwischen den Indi-
viduen an Bedeutung verlieren und durch gleichzeitig egalitäre und indi-
vidualistische Normen ersetzt werden.

Entscheidend hierfür ist das Verständnis der Beziehung zwischen der


"quantitativen" und "qualitativen" Dimension der Sozialstruktur: Je ge-
ringer Volumen, Dichte und Mobilität in einer "sozialen Einheit" sind,
desto homogener sind ihre individuellen Mitglieder, während sich genau
umgekehrt bei einer Zunahme der "quantitativen" Faktoren die Hetero-
genität der Individuen verstärkt, da die ökonomische Arbeitsteilung und
Spezialisierung sowie die soziale Differenzierung und Verflechtung ins-
gesamt sich immer weiter entwickeln.

In einer Gesellschaft mit geringem Volumen, Dichte und Mobilität kön-


nen sich deshalb "soziale Einheiten" bilden, die durch ihre "Institutio-
nen" von ihren Mitgliedern eine möglichst weitgehende Homogenität
verlangen: In der Stände- oder Kastengesellschaft existieren daher kol-
lektive Formen der Arbeitsteilung (Vererbung innerhalb eines Standes
der agrarischen oder handwerklichen Produktion, des Handels, der mili-
tärischen oder religiösen Funktionen u.a.), Heiratsverbote zwischen den
Ständen, standesspezifische Gerichte und Fixierung der politischen
Rechte, in der Kastengesellschaft sogar unterschiedliche Gottheiten,
räumliche Aufteilung der Städte nach Zünften oder Religionsgemein-
schaften, Kleidervorschriften für jeden Stand usw. Stände und Kasten
umschließen demnach die zu ihnen gehörenden Individuen in nahezu all
ihren Aktivitäten und "Bindungen" (familiär, ökonomisch, religiös, juri-
stisch, politisch usw.) und fordern von ihnen die Akzeptanz dieser grup-
penspezifischen Normen.

Die geforderte interne Homogenität wird dadurch zu einem Zwang, der


- 228 -

die Entfaltung der unterschiedlichen Neigungen und Fähigkeiten der In-


dividuen verhindert: "Die absolute Homogenität macht die Gesellschaf-
ten nicht nur geschlossen, sondern kompakt, nicht nur ausschließlich,
sondern unterdrückend. In den perfekt homogenen Gruppen ist die Kraft
der kollektiven Gefühle derart, daß sie keine partikulare Divergenz to-
lerieren können." (ebd., S. 139; vgl. ebd., S. 194). Eine der bei den
wichtigsten Konsequenzen, zu denen stark homogene Gruppen führen, ist
demnach, daß sie zu einem ausgeprägten "Anti-Individualismus" tendie-
ren, denn "das Individuum wird dort keineswegs für eine Sache für
sich, noch für ein Ziel an sich gehalten, wie es der Egalitarismus
will." (ebd., S. 140)44)

Die nach innen erzwungende Homogenität hat für die Individuen aber
auch in ihren Beziehungen zu den Individuen außerhalb ihrer eigenen
Gruppe entscheidende Konsequenzen. Die allgemeinste und gleichzeitig
wichtigste besteht darin, daß sie diese nicht mehr als "ähnlich" aner-
kennen, denn je größer die interne Homogenität einer Gruppe ist,
"desto schwieriger wird es für ihre Mitglieder sein, jemals außerhalb
von ihr einen "Ähnlichen" zu treffen. Die soziale Kennzeichnung ist in
einer absolut homogenen Gruppe •.. zu belastet, damit die Kombination
von Merkmalen aller Art, die sie konstituiert, sich in anderen Gruppen
wiederfinden könnte." (ebd., S. 136) Die wichtigste Konsequenz hieraus
ist deshalb die Tendenz zum "Anti-Egal i tarismus", d.h. einer normativ
unterstützten kollektiven Ungleichheit zwischen den Gruppen, denn " ...
je mehr die Elemente einer Gruppe untereinander ähnlich sind, desto
mehr besteht die Möglichkeit, sich von anderen Gruppen en bloc zu un-
terscheiden; umso weniger werden sie folglich dazu gebracht, sich für
Ähnliche, Mitglieder wie sie selbst einer weiteren Gruppierung, die die
Menschheit wäre, zu halten." (ebd., S. 137; vgl. ebd., S. 143)

Der "Anti-Egalitarismus", den Bougie hier analysiert, ist kollektiver,


nicht individueller Art, denn die Individuen innerhalb einer Gesellschaft
bewerten sich gegenseitig nicht nach ihren individuellen Merkmalen,
sondern nach ihrer Gruppenzugehörigkeit und dem Rang der Gruppe in
der Gesellschaft. Unabhängig davon, wie die Hierarchie der Gruppen
begründet wird (ethnisch, religiös, ökonomisch o.a.), sie wird u.a. durch
einen spezi fischen Entwicklungsstand der Sozialstruktur ermöglicht,
- 229 -
durch den die Individuen unterschiedlicher Gruppen zu wenig miteinan-
der "interagieren", und somit die bestehenden, allen gemeinsamen
Aktivitäten oder "Bindungen" nicht ausreichen, um die anti-egalitären
Tendenzen auszugleichen. Die Praktizierung des gleichen Glaubens hat in
der europäischen Ständegesellschaft dazu beigetragen, Standesgegensät-
ze abzumildern, wie der Islam zwischen den verschiedensten unterworfe-
nen ethnischen Gruppen, während Christen und Moslems gleichzeitig
umso intoleranter gegenüber Andersgläubigen gewesen sind (vgl. ebd., S.
133 f). In anti-egalitären Gesellschaften wie den Stände- oder Kasten-
gesellschaften dominieren also kollektive normative Di fferenzierungen,
strukturell basierend auf mehr oder weniger nach außen abgeschlosse-
nen "sozialen Einheiten", die auf Grund ihrer internen Homogenität In-
dividuen anderer Gruppen nicht als "Ähnliche" beurteilen und darüber
hinaus, wenn die umfassendste "Ähnlichkeit" der Individuen derselben
Gesellschaft, der gemeinsame Glaube z.B., fehlt, in diesen nicht einmal
mehr die ursprünglichste Gemeinsamkeit, den "Menschen", erkennen und
somit die Durchsetzung eines universalistischen "Mensch heitsideals"
("idee de I'humanite"; vgl. ebd., S. 116) verhindern 45).

Für diese Phase der geschichtlich-gesellschaftlichen Entwicklung kann


also festgehalten werden, daß sich Gruppen bilden, die nahezu die ge-
samten familiären, ökonomischen und sonstigen Aktivitäten und "Bin-
dungen" der in ihnen assoziierten Individuen umfassen. Dies führt dazu,
daß die Identität der Individuen vornehmlich kollektiver, gruppenspezifi-
scher Art ist, woraus negativ die fehlende Akzeptanz des "Eigenwertes"
jedes Individuums resultiert. Die interne Homogenität der Gruppen im-
pliziert damit sowohl anti-individualistische (innerhalb der Gruppe) als
auch anti-egalitäre (außerhalb der Gruppe) normative Tendenzen. Dieser
Homogenität der Gruppen (als dem "qualitativen" Merkmal der Sozial-
struktur und normativ abgesichert) entspricht der niedrige Stand von
Volumen, Dichte und Mobilität (auf der "quantitativen" Ebene der So-
zialstruktur) der Gesellschaft. Die interne Heterogenität der Gesell-
schaft reduziert sich damit auf die strukturelle Herausdifferenzierung
von relativ stark abgeschlossenen "sozialen Einheiten" und die normati-
ven kollektiven Abgrenzungen zwischen den darauf basierenden Grup-
pen 46 ).
- 230 -

Findet nun aber eine Zunahme von Volumen, Dichte und Mobilität in
einer Gesellschaft statt, so können die kollektiven Formen von ökono-
mischer Arbeitsteilung und sozialer Differenzierung überwunden werden
und sich die individuelle Spezialisierung bei den ökonomischen Aktivitä-
ten und die soziale Verflechtung der Individuen in "partiellen" Assozia-
tionen herausbilden, wie im vorigen Abschnitt dargestellt worden ist.
Mit diesem "quantitativen" und "qualitativen" Wandel der Sozialstruktur
geht der Durchbruch von egalitären und individualistischen Normen ein-
her. Dies stellt nach Bougie die strukturelle und normative Besonder-
heit der "modernen" Gesellschaft dar, wobei wir bewußt diesen sehr
allgemeinen Begriff der "Modernität" benutzen, um die verschiedenen
Merkmale dieses "Gesellschaftstyps" gleichwertig darzulegen.

Die entscheidende Veränderung, der die Aktivitäten und "Bindungen"


der Individuen durch den strukturellen Wandel zur "modernen" Gesell-
schaft unterliegen, besteht darin, daß ihre "Interaktionen" gewisserma-
ßen "punktueller" werden. Um mit einem bisher völlig unbekannten und
verschiedenen Individuum zu "interagieren" bzw. um als Mitglied einer
Assoziation akzeptiert zu werden, genügt es, nur in bezug auf diese ei-
ne spezifische Aktivität übereinzustimmen, deretwegen der Kontakt her-
gestellt wird, während alle anderen "Bindungen" des Individuums, an
denen es partizipiert, hierfür vernachlässigt werden können: Eine politi-
sche Partei verlangt die Akzeptierung des Grundsatzprogramms, unab-
hängig von der sozialen Schicht z.B.; eine Religionsgemeinschaft fordert
die Annahme des Glaubens unabhängig von der Nationalität, dem Ge-
schlecht, der ethnischen Gruppe o.a.; ein Unternehmen fragt nach be-
ruflicher Qualifikation und nicht nach religiösen oder sonstigen weltan-
schaulichen Überzeugungen; usw. Je "punktueller" die Kontakte zwi-
schen den Individuen werden, d.h. je mehr durch das strukturelle Phä-
nomen der Verflechtung das Individuum als eine "einzigartige Synthese"
erscheint, desto mehr kann sich in den "Interaktionen" gegenüber den
hierarchisierten kollektiven WertSChätzungen der "Eigenwert" des Indivi-
duums durchsetzen (ebd., S. 138).

Die Durchsetzung des "Eigenwertes" des Individuums gegenüber den


kollektiven hierarchisierten Wertschätzungen führt gleichzeitig zu indivi-
dualistischen und egalitären Zielsetzungen. Der Individualismus kann
- 231 -
sich entwickeln, wenn "nicht mehr ••• die Unterwerfung unter die Be-
dürfnisse irgendeiner KOllektivität, sondern ... die Suche nach der indi-
viduellen Vervollkommnung" (ebd., S. 118) als ein gesellschaftlicher
"Grundwert" anerkannt wird. Die Individuen betrachten die Entfaltung
ihrer persönlichen Neigungen und Fähigkeiten als das wichtigste anzu-
strebene Ziel, während umgekehrt aus der gesellschaftlichen Perspektive
das soziale "Prestige" einer Person nicht mehr aus der vererbten Grup-
penzugehörigkeit, sondern aus der optimalen Funktionserfüllung, der in-
dividuellen Leistung in den ökonomischen u.a. Aktivitäten resultiert
(vgl. ebd., S. 121 f, 145).

Der "Kult des Individuums", wie Durkheim sagt, führt damit auf der
normativen Ebene nicht nur zur Überwindung der zwanghaften internen
Homogenität einzelner Gruppen und damit zu einem Gewinn an persön-
licher Freiheit für die Individuen, sondern er wird im Zuge der ökono-
mischen Spezialisierung und sozialen Differenzierung sogar zu einer
Notwendigkeit für eine optimale Adaptation individueller Eigenschaften
an "institutionelle" funktionale Erfordernisse. Die "organische" Solida-
rität unterstützt den Individualismus, da sie die "Verschiedenartigkeit"
der Individuen zu einem gesellschaftlichen "Grundwert" erhebt. Wie
Bougie betont, impliziert sie aber neben der Verschiedenartigkeit und
Interdependenz der Individuen auch noch deren grundsätzliche Gleich-
heit, denn " .•. damit diese Vereinigung andauert, ist es gleichermaßen
wichtig, daß sie sich als gleiche behandeln. Die Arbeitsteilung könnte
die Menschen nicht innerlich assoziieren, ohne sie zu egalisieren."
(ebd., S. 144)

Bei der Begründung des Zusammenhanges zwischen Individualismus und


Egalitarismus folgt Bougie Simmels Argumentation. "Es scheint, daß
gerade dadurch, daß wir die individuellen Differenzen sich vervielfälti-
gen sehen, wir jedes Individuum als ein originelles Wesen betrachten,
wir in ihm "das, was man niemals zweimal sehen wird", respektieren,
wir ihm endlich einen unvergleichbaren Wert und in diesem Sinne gleich
dem der anderen zuerkennen. "Gerade wenn jeder etwas besonderes ist,
sagt Simmel, ist er insofern jedem anderen gleich". So kann inmitten
ihrer extremen Ungleichheit das Gefühl der Gleichheit der Personen
wiederentstehen." (ebd., S. 141)47) Entscheidend ist es also zu erken-
- 232 -

nen, daß jedem Individuum die Entfaltung seiner persönlichen Eigen-


schaften garantiert werden muß und sie insofern alle über das gleiche
"Recht" verfügen. Der Egalitarismus soll verhindern, daß Gruppen die
Individuen dazu zwingen können, nur spezifische Fähigkeiten oder
Aktivitäten zu entwickeln (wie in der 5tände- oder Kastengesellschaft)
bzw. umgekehrt, daß Individuen nur bestimmter Gruppen unter so gün-
stigen Bedingungen leben, die ihnen die freie Entf al tung ihrer persön-
lichen Eigenschaften ermöglichen (wie, worauf wir noch eingehen wer-
den, in der Klassengesellschaft).

Der Egalitarismus richtet sich aber nicht nur gegen strukturelle und
normativ legitimierte gruppenspezifische Ungleichheiten innerhalb einer
Gesellschaft, sondern er besitzt auch eine "universalistische" Dimension.
"So muß in den Gesellschaften die Zunahme der individuellen Verschie-
denartigkeiten die Herausbildung der Idee der Menschheit begünstigen.
Je mehr die Individuen, mit denen wir leben und denen wir Rechte
zuerkennen, verschieden sind, umso mehr wird die Zahl der Merkmale
beschränkt, die wir von einem Individuum fordern, um ihm Rechte zu-
zuerkennen." (ebd., 5. 138) Das "Menschheitsideal" kann sich also dann
umso mehr durchsetzen, je mehr die interne Heterogenität der Gesell-
schaften nicht mehr durch gruppenspezifische, sondern stärker durch
"individualisierte" Unterschiede zwischen den Individuen charakterisiert
wird, und es dadurch den Individuen unterschiedlicher Gesellschaften
immer mehr ermöglicht wird, auf Grund persönlicher gleicher Eigen-
schaften miteinander zu "interagieren", ohne daß gruppen- bzw. gesell-
schaftsspezifische Differenzen dies erheblich stören: "In einem Milieu,
in dem sich die Repräsentanten so vieler unterschiedlicher Gesellschaf-
ten treffen, wird leichter die Idee eines Allgemeinen Rechtes, welches
den Rechten der partikularen Gesellschaften überlegen ist, entstehen."
(ebd., 5. 190 f) Diese "universalistische" Dimension des Egalitarismus
hätte dann ihr Maximum erreicht, "... wenn man nicht mehr verlangt,
um die juristische Existenz eines Individuums anzuerkennen, daß es in
den Grenzen eines bestimmten Territoriums geboren ist." (ebd., 5. 123
f) Die "juristische" wie die "universalistische" Dimension des Egalita-
rismus basiert demnach auf der Akzeptanz des "Eigenwertes" des Indi-
viduums, welche sich sowohl gegen normative gruppenspezifische Hier-
archisierungen innerhalb einer Gesellschaft wie auch gegen gesell-
- 233 -

schaftsspezi fische innerhalb der "Menschheit" (d.h. gegen nationale, su-


pranationale, religiöse, ethnische u.a. Unterscheidungen innerhalb der
"Weltgesellschaft") richtet.

Das Verhältnis zwischen Egalitarismus und Individualismus muß noch in


bezug auf das strukturelle Phänomen der "Vereinigung" einer Gesell-
schaft analysiert werden. Wie bereits dargestell t, erhöht die soziale
Verflechtung die individuelle Freiheit, denn je mehr das Individuum an
verschiedenen Gruppen und Assoziationen partizipieren kann, desto we-
niger kann es nur von einer Gruppe "absorbiert" werden; durch die
Mitgliedschaft in anderen Gruppen entsteht ein "Gegengewicht", durch
das es sich gegen ungerechtfertigte Zwänge in einer bestimmten Grup-
pe verteidigen kann (vgl. ebd., S. 192 f): "... aber weil es vielen Kol-
lektivitäten gleichzeitig angehörte, konnte es jeder von ihnen den Wi-
derstand der anderen entgegensetzen; aus der Vervielfältigung der Ab-
hängigkei ten ist seine Unabhängigkei t entstanden." (ebd., S. 194) Auch
die "Vereinigung" einer Gesellschaft erhöht zunächst die individuelle
Freiheit, denn die politische Zentralgewalt, der Staat, tendiert dazu,
die Macht von intermediären Gruppen zu reduzieren. Dies geschieht al-
lerdings nicht nur im Interesse der Individuen, sondern auch in dem des
Staates selbst: "Eine zentrale Autorität besitzt in der Tat alles Interes-
se ... die kollektiven Unterscheidungen, die sie (die Gruppen; C.G.) in
partielle Kreise aufteilen, nicht zu respektieren." (ebd., S. 222) "Ver-
glichen mit der souveränen Macht, erscheinen alle Mitqlieder des Staa-
tes auf eine selbe Ebene gestellt, gleich in der Unterwerfung ... : Die
Distanz, durch die er die einen und die anderen beherrscht, verringert
die Distanz, die sie trennt." (ebd., S. 223 f) Es liegt also in dem In-
teresse der Machtausdehnung des Staates selbst, Gruppen und Assozia-
tionen seiner Macht zu unterwerfen; dies geschieht dadurch, daß er
einheitliche Gesetze für alle erläßt: "Von seinen Untertanen distanziert
und sich um ihre kollektiven Unterscheidungen wenig sorgend, tendiert
die Zentral macht dazu, mittels Prinzipien und mittels allgemeiner Re-
geln zu verfahren." (ebd., S. 224) Wenn also für alle Individuen einer
Gesellschaft unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit dieselben vom
Staat erlassenen Gesetze gelten, werden sie in diesem Sinne "egali-
siert" und müssen sie sich nicht mehr "Staaten im Staate" unterwer-
fen.
- 234 -

Es besteht allerdings die Gefahr, daß die aus der "Vereinigung" resul-
tierenden egalitären Tendenzen zu weit gehen. Würde es durch die
staatliche Zentral macht zu einer "exzessiven Vereinigung" der Gesell-
schaft kommen, könnte es zu einer "Beseitigung jeglicher Art von par-
tieller Assoziation" kommen, und die Gesellschaft würde "ausschließlich
und unterdrückend" werden. Dies hätte zur Folge, daß die Gesellschaft
nicht mehr nur "vereinigt", sondern "vereinheitlicht" wäre. Der aus der
"Vereinheitlichung" resultierende größere Zwang zur internen Homoge-
nität der Gesellschaft würde sich nicht nur gegen die in ihr lebenden
"Fremden", sondern auch gegen "ihre Mi tglieder selbst" richten. Die
"exzessive Vereinigung" würde demnach sowohl den "universalistischen"
Egalitarismus als auch die interne Heterogenität und damit den Indivi-
dualismus bedrohen 48), denn die übermächtige Machtkonzentration im
Staat führt dazu, daß dieser "... bald den Begri ff des Wertes der Men-
schen verlieren muß." (vgl. ebd., S. 231 f)

Obwohl BougIe den Begriff noch nicht verwendet, wird deutlich, daß er
hier auf die der "Vereinigung" inneliegende Gefahr des "Totalitaris-
mus" verweist, wie immer dieser auch normativ (politisch, religiös,
ethnisch o.a.) legitimiert wird. Im übrigen muß in diesem Kontext dar-
auf hingewiesen werden, daß BougIes Argumentation in bezug auf die
der Vereinigung immanenten positiven und negativen Tendenzen völlig
mit Ourkheims Staatssoziologie übereinstimmt, die dieser in den
"Lei;ons de sociologie" (vgl. Durkheim 1969: 97 ff) entwickelt hat. Da-
bei steht der Begriff des "Gegengewichts" im Mittelpunkt, welches zur
Aufrechterhaltung der individuellen Freiheit der Staat gegenüber den
gruppenspezifischen Partikularinteressen, wie auch umgekehrt die Grup-
pen gegenüber zu weit gehenden Reglementierungsbestrebungen seitens
des Staates bilden müssen.

Wie läßt sich nun das Verhältnis zwischen Individualismus und Egalita-
rismus zusammenfassend darstellen? Beide können sich nicht in Gruppen
(bzw. Gesellschaften) entwickeln, die strukturell durch die "absolute"
Homogenität bzw. Heterogenität der "sozialen Einheit" charakterisiert
sind. Je stärker die interne Homogenität einer Gruppe ausgeprägt ist,
desto weniger können sich die Individuen in ihren Aktivitäten und "Bin-
dungen" unterscheiden, desto geringer ist also der Individualismus; dies
- 235 -
impliziert gleichzeitig eine umso stärkere Heterogenität der Gruppen
als Ganzes untereinander, so daß sich Individuen unterschiedlicher Grup-
pen nicht mehr als "ähnlich" betrachten und sich somit weder der ge-
se:tschaftsinterne noch der "universalistische" Egalitarismus entwickeln
'~ann. "Die kollektiven Unterscheidungen ••. hindern uns daran, die Per-
sonen wahrzunehmen, sowohl in dem, was sie als das Besonderste ha-
ben, als auch in dem, was sie als das Allgemeinste haben; die Homo-
genität wie die Heterogenität arbeiten, jede von ihrer Seite, daran,
diese kollektiven' Unterscheidungen zu verwischen, indem hier die Ähn-
lichkeiten, dort die Unterschiede multipliziert werden." (ebd., S. 149)
Damit die Gesellschaftsmitglieder nicht mehr in "Gruppen ungleichen
Wertes" (ebd.) aufgeteilt werden, muß sich zwischen sozialer Homoge-
nität und Heterogenität eine "Dialektik" (ebd., S. 148) entwickeln,
durch die sich die Individuen innerhalb einer Gesellschaft "... durch
gewisse Seiten ähneln, während sie sich durch gewisse andere unter-
scheiden" (ebd., S. 149). Bougie formuliert hier also den Übergang von
der homogenen Heterogenität zur heterogenen Homogenität innerhalb
einer Gesellschaft aus, der die strukturelle Voraussetzung dafür ist, daß
Egalitarismus und Individualismus gleichzeitig zu den dominierenden ge-
sellschaftlichen "Grundwerten" werden.

Seine gesamte Begriffsbildung, sowohl für die morphologische Analyse


der Sozialstruktur als auch auf der normativen Ebene für den Zusam-
menhang von Individualismus und Egalitarismus läuft damit auf eine
theoretische Fundierung zweier völlig entgegengesetzter Gesellschafts-
modelle hinaus: In dem einen ist die Sozialstruktur quantitativ durch
den niedrigen Stand von Volumen, Dichte und Mobilität und qualitativ
durch die Existenz von "sozialen Einheiten" charakterisiert, in denen
ökonomisch kollektive Formen der Arbeitsteilung und zwischen denen
sozial kaum oder gar nicht überwindbare kollektive Differenzierungen
dominieren. Die mehr oder weniger vollständige Unterwerfung des Indi-
viduums unter die Bedürfnisse der Gruppe und die Hierarchisierung der
Gruppen untereinander resultiert auf der normativen Ebene aus der
Dominanz anti-individualistischer und anti-egaiitärer Tendenzen. Dieses
theoretische Modell kann nach Bougie unter der Voraussetzung histori-
scher Präzisierungen auf die Ur-, die antiken, die Kasten- und die
Ständegesellschaften angewendet werden.
- 236 -
Das andere Gesellschaftsmodell ist dagegen durch eine immer wei ter-
gehende quantitative Zunahme von Volumen, Dichte und Mobilität ge-
kennzeichnet; hieraus resultieren eine "Individualisierung" der ökonomi-
schen Spezialisierungen, eine Herausdifferenzierung neuer "sozialer Ein-
heiten", die "partielle" Assoziationen und die Verflechtung der Indivi-
duen zwischen ihnen ermöglichen. Die strukturelle "Vereinigung" der
Gesellschaft verstärkt die "Egalisierung" der Individuen und damit die
Zunahme ihrer Freiheit gegenüber den Gruppen, solange dies nicht zur
Auflösung der Gruppen und damit zu einer Machtkonzentration im Staat
führt. Dieser qualitative Wandel der Sozialstruktur begünstigt die Aner-
kennung von Individualismus und Egalitarismus als "Grundwerte" der
Gesellschaft.

Eine Verwirklichung dieses Gesellschaftsmodells kann, wenn überhaupt,


nur in den "modernen" okzidentalen Gesellschaften nachgewiesen wer-
den 49 ), denn Bougie betont ausdrücklich die eher "idealtypische" als
"deskriptive" Bedeutung dieser theoretischen Konzeption: "Wer im Ge-
genteil in der Verflechtung unserer modernen Zivilisation lebt, gewöhnt
daran, die zahlreichsten und verschiedensten Individuen in gleichen As-
soziationen und umgekehrt die gleichen Individuen in den zahlreichsten
und verschiedensten Assoziationen zu treffen, der wird dazu gebracht,
sich diese Anzahl und diese Varietät als unendlich ausdehnbar vorzu-
stellen, der vergegenwärtigt sich leicht oberhalb dieser reellen Gruppie-
rungen mögliche Gruppierungen und kommt auf diese Weise dazu, ohne
Abneigung eine Art weiter idealer Gesellschaft zu konzipieren, in der
alle Menschen, welcher partiellen Gesellschaft auch immer sie angehö-
ren könnten, c:;leichermaßen Mitglieder wären." (ebd., S. 191 f)

Hieraus wird zweierlei deutlich: Zum einen stellt für Bougie eine glei-
chermaßen individualistische und egalitäre Gesellschaft ein "idealtypi-
sches" makrosoziologisches Modell dar; zum anderen kann dies nur
durch eine nahezu perfekte "Dialektik" zwischen allen "quantitativen"
und "qualitativen" Faktoren der Sozialstruktur realisiert werden. In Be-
zug auf die "moderne" Gesellschaft muß deshalb gefragt werden, in-
wieweit ihre Sozialstruktur die Entwicklung von Individualismus und
Egalitarismus noch verhindert?
- 237 -

3.3. Die soziale Mobilität in der "sozialen" Demokratie

Entsprechend der "idealtypischen" Konzeption der "modernen" Gesell-


schaft können die Individuen durch die soziale Verflechtung unbe-
schränkt an den unterschiedlichsten "partiellen" Assoziationen teilneh-
men. Je mehr sich die Assoziationen funktional spezialisieren, je mehr
sie also entsprechend ihrer allgemeinen Zielsetzung jeweils unterschied-
liche Fähigkeiten von den Individuen erwarten und diese zur Basis der
Hierarchisierung der Individuen in ihnen werden, desto unwahrscheinli-
cher wird es, daß ein Individuum in allen Assoziationen, an denen es
partizipiert, den gleichen Rang einnimmt (vgl. ebd., S. 200 50 ). Jen
mehr ein Individuum nicht nur gleichzeitig, sondern auch noch "sukzes-
siv" unterschiedliche Ränge in unterschiedlichen Assoziationen ein-
nimmt, desto mehr kann die "eigentlich soziale Mobilität" zwischen ih-
nen entstehen, "... durch die die Menschen die verschiedenen Grade
der Leiter der Situationen auf- und absteigen" (vgl. ebd., S. 203).

Bougie macht darauf aufmerksam, daß diese soziale Mobilität besonders


Individuen aus den unteren sozialen Klassen zugute kommt, die aller-
dings, "... um sich in der allgemeinen Wertschätzung zu erhöhen, jede
Art von Unterscheidungen suchen: tin Untergebener, dem man in ge-
wissen Punkten eine Überlegenheit anerkennt, muß bald als gleicher be-
handelt werden." (ebd., S. 202) Er deutet damit implizit an, dai3 dieses
Streben des "Aufsteigers" nach einem erhöhten Sozialprestige, beson-
ders wenn es durch Titel, Reichtum o.a. nach außen hin dargestellt
wird, aber zutiefst anti-egalitäre Tendenzen verbergen kann, denn die
Annahme von Symbolen der oberen Klassen beweist nicht nur das Stre-
ben nach "Gleichheit" mit diesen, sondern vor allem das Streben nach
Abgrenzung nach "unten" hin gegenüber denjenigen, zu denen er bisher
gehört hat.

Diese aus der sozialen Ivlobilität selbst resultierenden antiegalitären


Tendenzen können aber auch dadurch wieder ausgeglichen werden, daß
die stark hierarchisierenden Bewertungen insbesondere zwischen den
ökonomischen Aktivitäten an Bedeutung verlieren. "Allein daraus, daß
das Wohl der Gesamtheit von der Kollaboration spezialisierter Individuen
abhängt, folgt, daß alle ihre Aktivitäten, so unterschiedlich sie auch
- 238 -

seien, gleichermaßen für das Wohl der Gesamtheit wichtig sind. In die-
ser Perspektive, verglichen mit dem Ganzen, sind die verschiedensten
Spezialisierungen assimilierbar, und die unteren Klassen können an ihre
gesellschaftliche Wich tigkeit erinnern, um die Gleichheit der Rechte zu
reklamieren." (ebd., S. 144 f)

Hier formuliert Bougie also jenes Gleichheitspostulat aus, nach dem die
soziale Hierarchie sich nicht daraus ergeben darf, welcher Spezialisie-
rung die Individuen innerhalb der Arbeitsteilung nachgehen, sondern, wie
schon dargestellt, wie gut sie die von ihnen gewählte Funktion erfüllen,
d.h. sozial bewertet können nur unterschiedliche individuelle Fähigkeiten
und Leistungen, nicht aber technische Spezialisierungen. Diese egalitäre
Tendenz der Arbeitsteilung (im Sinne einer funktional notwendigen und
rleshalb gleichgewichtig zu bewertenden Spezialisierung der Aktivitäten
innerhalb der Gesellschaft) muß mit Gides solidaristischer Unterneh-
menskonzeption in Zusammenhang gebracht werden, nach es zwar einer-
seits eine "organisationstechnisch" zu begründende Hierarchie zwischen
Leitung, Verwaltung und Produktion in den Unternehmen geben muß,
andererseits aber den Arbeitnehmern (wie auch den Verbrauchern) ein
Mitspracherecht an der Leitung der Unternehmen zugestanden werden
muß.

Gleichwohl müssen natürlich die Grenzen dieser egali tären Tendenz ge-
sehen werden, die sich im übrigen trotz des gesellschaftlich gleichen
"Verdienstes" (nach Durkheims Terminologie) aus den Spezialisierungen
selbst ergeben. Wenn z.B. für die Ausübung einer Spezialisierung eine
hohe berufliche Qualifikation notwendig ist, so ist es offensichtlich,
daß hierfür sehr unterschiedliche individuelle Fähigkeiten verlangt wer-
den (unabhängig davon, ob es sich hierbei um intellektuelle oder ma-
nuelle Fähigkeiten handelt), die nur von einer dementsprechend gerin-
geren Anzahl von Individuen erbracht werden können. Insofern wird
deutlich, daß jede Spezialisierung selbst auch einer sozialen Bewertung
unterliegt, da sie mehr oder weniger hohe Fähigkeiten von den Indivi-
duen verlangt. Die Folge hiervon ist, unter der Voraussetzung, daß das
Prinzip der "Chancengleichheit" voll realisiert ist, daß die Individuen
gemäß der Ausübung ihrer beruflichen Spezialisierungen nicht nur "or-
ganisationstechnisch", sondern auch sozial hierarchisiert werden können.
- 239 -
Von Bougie ist dies anerkannt worden, denn er schreibt: "Es ist wün-
schenswert, es ist nützlich, daß die Funktionen nach den Fähigkeiten
verteilt werden, und daß die soziale Hierarchie die reellen Ungleichhei-
ten ausdrückt: Dies entspricht den Interessen der Gesamtheit und den
Wünschen der Natur" (1903: 165), wobei unter "Natur" hier die Entfal-
tung der individuellen Fähigkeiten und Neigungen verstanden werden
muß (vgl. Anm. 13 des Kap. 11.).

In bezug auf die egalitäre Tendenz der Arbeitsteilung läßt sich also
einerseits sagen, daß Bougie Durkheims Argumentation weiterführt,
nach der es der gesellschaftlich zuerkannte "Verdienst" ist, der den
Platz einer spezialisierten Aktivität in der sozialen Hierarchie festlegt.
Nach Bougie ist dieser "Verdienst" der noch klassenspezifisch aufge-
teilten Aktivitäten relativ "assimilierbar", so daß zu starke sozioökono-
mische Ungleichheiten nicht zu rechtfertigen sind. Diese Feststellung
muß aber in erster Linie vor dem Problem des Pauperismus verstanden
werden, der überwunden werden muß, da der gesellschaftliche "Ver-
dienst" der Arbeiterschicht unbestreitbar ist; unter Respektierung die-
ser "Minimalbedingung" wird aber eine weitergehende ökonomische und
soziale Hierarchisierung nicht abgelehnt.

Haben sich aber nun in der "modernen" Gesellschaft die soziale Mobi-
lität und mit ihr die individualistischen und egalitären normativen Ten-
denzen schon voll realisiert, nachdem die juristisch fixierten, kollektiven
Hierarchisierungen der Ständegesellschaft abgeschafft worden sind?
Die diesbezüglich kritische Einstellung von Bougie ist eindeutig, und für
ihre Begründung greift er auf vor allem eine der von Durkheim
entwickelten "anormalen" Formen der Arbeitsteilung zurück, nämlich
die "aufgezwungene" Arbei tsteilung (vgl. ebd., S. 166). Nach Durkheim
ist dies eine "Form der Arbeitsteilung, bei der die Regelungen betref-
fend die Zuteilung der Erwerbstätigkeiten nicht auf der Chancengleich-
heit und Wahl freiheit der Arbeitenden, sondern auf Klassen- und
Machtunterschieden beruhen, deren juristische und moralische Rechtfer-
tigung von der Mehrheit der Arbeitenden nicht akzeptiert wird." (Lexi-
kon zur Soziologie 1975: 55 f, Bd. I) Dies bedeutet, daß zwar eine
formale rechtliche und politische Gleichheit aller Individuen in der Ge-
sellschaft besteht, die sozioökonomischen Ungreichheiten aber noch so
- 240 -
kraß sind, daß die ökonomische Spezialisierung der Individuen eher aus
strukturellen Zwängen als aus ihrer freien Entscheidung resultiert. Der
Übergang von der Standes- zur "modernen" Gesellschaft hat zwar die
Aufhebung der juristischen, aber noch nicht der strukturellen sozioöko-
nomischen Ungleichheiten zwischen der Gesellschaftsmitgliedern ge-
bracht, so daß die "moderne" Gesellschaft sich noch in der Phase der
"Klassengesellschaft" befindet 51 ).

Ihr Klassencharakter wird vor allem in der "sozialen Transmission der


Situationen" (Bougie 1903: 171) deutlich, durch die die Kinder zwar
nicht unbedingt denselben Beruf wie die Eltern ausüben, aber bei einem
Berufswechsel den "Rang" ihrer sozialen Klasse nicht verlassen. "Aber
es ist zu bemerken, daß die Berufe, zwischen denen sich solche Passa-
gen ergeben ... gewöhnlich denselben sozialen Rang repräsentieren und
einer gleichen Vermögenssituation entsprechen. Es existieren mit einem
Wort wie Etagen von Berufen, und es wird immer schwieriger, wenn
die ökonomische Ungleichheit zunimmt, sich ohne äußere Hilfe von ei-
ner Etage zur anderen zu erheben." (ebd.) Diese klassenspezi fischen
"Transmissionen" von ökonomischen Spezialisierungen und dem sozialen
Status schränken also die Berufswahl der Individuen stark ein, was dem
Ziel einer vollständigen sozialen Mobilität und damit auch den individu-
alistischen und egalitären Normen der "modernen" Gesellschaft wider-
spricht. "Mit einem Wort, da wir überall, wo Klassen existieren, fest-
stellen, daß die Ungleichheit direkt oder indirekt auf die Verteilung
der Berufe und die nachfolgende Organisation der Bedingungen Druck
ausübt, zielt die Demokratie legitim auf die Auflösung der Klassen."
(ebd., S. 166 f)

Überdeutlich wird hier also wieder BougIes Konzeption von der Demo-
kratie nicht nur in einem "politischen", sondern auch in einem "sozia-
len" Sinne: Freiheit und Gleichheit der Individuen dürfen nicht nur
formale politische und zivile Rechte beinhalten, sondern sie müssen sich
auch auf die "Chancengleichheit" ausdehnen, durch die sie erst auch in
ihren ökonomischen Aktivitäten (und nicht nur in diesen, worauf wir
gleich noch eingehen werden) ihre volle Freiheit erlangen. Die Verfol-
gung des Zieles der "Chancengleichheit" durch die "soziale" Demokratie
widerspricht dabei in keiner Weise der Effizienz der Produktion, denn
- 241 -

" sie (die Demokratie; C.G.) vergiBt weder die Notwendigkeiten der
Produktion, noch die Gegebenheiten der Natur; sie verkennt weder die
unausweichliche Verschiedenartigkeit der Fähigkeiten, noch die unab-
dingbare Verschiedenartigkeit der Funktionen; sie protestiert gegen die
Ungleichheiten der Situation, die genau die exakte Adaptation der
Funktionen an die Fähigkeiten sehr schwierig macht." (ebd., S. 167)
Genau auf Grund dieser mangelhaften "Adaptation" stellen mehr oder
weniger unüberwindbare Klassenbildungen eine "aufgezwungene", und
deshalb eine ihrer "normalen" Entwicklung widersprechende Form der
Arbeitsteilung dar.

Die Klassenbildungen haben aber nicht nur für die ökonomischen


Spezialisierungen, sondern auch für die soziale Verflechtung der Indivi-
duen negative Konsequenzen. Dies wird insbesondere bei der Arbeiter-
schicht deutlich; ihre auBerökonomischen Aktivitäten werden durch die
Arbeitsbedingungen selbst eingeschränkt, denn "die Art von ökonomi-
scher Aktivität, die ihnen aufgezwungen wird, erschöpft ihre Zeit, ihre
Kräfte, ihr Leben" (ebd., S. 178). Die mangelnde materielle Sicherheit,
die überlangen Arbeitszeiten sowie die physischen und psychischen ne-
gativen Wirkungen der "Entfremdung" in der Arbeit werden für die Ar-
beiterschicht zum Haupthindernis für die Entfaltung ihrer auBerökono-
mischen Aktivitäten: "Um die unerfreulichen Konsequenzen einer
intensiven Spezialisierung zu bremsen, verlieB man sich mit Recht auf
die auBerökonomischen Annäherungen, auf die Partizipation der Indivi-
duen an einer wachsenden Zahl von sozialen Kreisen; aber viele von
diesen Annäherungen bleiben oberflächlich, wenn sie nicht sogar im Zu-
stand von rein möglichen bleiben." (ebd., S. 177 f) Die Situation der
Arbeiterschicht ist demnach durch eine zwar theoretische, aber kaum
praktisch realisierbare Möglichkeit zur Partizipation an den auBeröko-
nomischen "partiellen" Assoziationen charakterisiert, denn genauso wie
die Klassenbildungen besonders für die .L',rbeiter die freie Berufswahl
einschränken, so hemmen zusätzlich die Arbeitsbedingungen die Entfal-
tung ihrer Persönlichkeit auch in den auBerökonomischen Aktivitäten.
"Ein schöner Vorteil, wenn dieselbe Entfaltung täglich durch die öko-
nomische Notwendigkeit gehemmt wird! In einem gesellschaftlichen Zu-
stand, in dem solche Ungleichheiten fortbestehen, können alle Türen
offenstehen: Die Zirkulation der Menge wird durch unsichtbare Ketten
- 242 -

angehalten." (ebd., S. 178) Die mangelhafte Partizipation der Arbeiter-


schicht an der sozialen Verflechtung ist also eine weitere theoretische
Begründung für die "Abschwächung" ihrer sozialen "Bindungen", wie sie
etwa an den Besonderheiten des familiären Lebens und der Konsumaus-
gaben (vgl. oben Abschnitt 2.2.3.) erkennbar wird.

In der Tatsache, daß die Arbeiterschicht sowohl in ihren ökonomischen


als auch in den sonstigen Aktivitäten durch ihre Klassenlage dominiert
wird, sieht Bougie darüber hinaus die Ursache, daß die dennoch beste-
henden Arbeiterassoziationen vor allem zu "Widerstandsorganen" (ebd.,
S. 179) werden, denn "•.. der Kampf für die Transformation ihrer öko-
nomischen Situation reklamiert und absorbiert alle Energie, alle Zeit,
alles Geld, welches ihnen bleibt. Später einmal befreit, wird es ihnen
statthaft sein, sich für verschiedene Ziele gemäß ihren verschiedenen
Affinitäten zu gruppieren, indem sie so alle ihre persönlichen Kräfte
entwickeln. Heute überwiegen ihre Klasseninteressen alle anderen."
(ebd.) Die Forderungen der Arbeiterassoziationen müssen also auf die-
sem nicht nur ökonomischen, sondern auch soziologischen Hintergrund
verstanden werden. In Abschnitt 2 haben wir bereits dargestellt, wie
Bougie sich zu den Zielen der Gewerkschaften, Genossenschaften und
SSM stellt, und welche eigenen sozialökonomischen Zielvorstellungen er
entwickelt.

Alle sozialökonomischen Maßnahmen sollen letztlich der Überwindung


einer Situation dienen, in der die Arbeiterschicht in der "modernen"
Gesellschaft diejenige Schicht ist, die am stärksten von der klassenspe-
zifischen "Transmission" der ökonomischen Aktivitäten betroffen ist,
und deren Arbeitsbedingungen darüber hinaus sie wei tgehend von der
sozialen Verflechtung ausschließt. "Genau in diesen Worten stellt sich
heute das soziale Problem vor der Demokratie." (ebd) Die "soziale"
Demokratie sieht die individualistischen und egalitären Tendenzen der
"modernen" Gesellschaft erst dann VOllständig verwirklicht, wenn die
soziale Mobilität nicht nur für eine privilegierte Oberschicht, sondern
für alle Individuen nicht nur eine theoretische Möglichkei t darstell t,
sondern zur praktischen Realität geworden ist. "Dies ist der wesentli-
che Protest, den wir aus der "sozial-demokratischen" Theorie soeben
herausgearbeitet haben." (ebd., S. 180)
- 243 -

Genau hierin sehen vvir auch die Verbindung zwischen Bougies Theorie
der sozialen Differenzierung und Verflechtung und den von ihm ent-
wickelten sozialökonomischen Zielen und Maßnahmen. Die "moderne"
Gesellschaft zeichnet sich im Idealfall durch ein Maximum an ökonomi-
scher Spezialisierung und sozialer Verflechtung der Individuen aus, so
wie es der Entfaltung der persönlichen Neigungen, Fähigkeiten und Lei-
stungen entspricht. Die auf diese Weise mögliche Herausbildung ihrer
Persönlichkeit kann sich aber nur dann vollziehen, wenn auf der Ebene
der Sozialstruktur vorgängig vorhandene kollektive Hierarchien möglichst
wei tgehend reduziert werden.
In der "modernen" Gesellschaft lassen sich zwar nicht mehr politisch-
juristische, aber dafür noch sozioökonomisch begründete Ungleichheiten
feststellen, von denen am stärksten die Arbeiterschicht betroffen ist.
Wie diese sozioökonomischen Ungleichheiten nach Bougie überwunden
werden könnten, um letztlich eine möglichst uneingeschränkte soziale
Mobilität für alle Gesellschaftsmitglieder herzustellen, stellt u.E. die
eigentliche Bedeutung der in Abschnitt 2 analysierten sozialökonomi-
schen Ziele und Maßnahmen dar. Sowohl die sozialökonomischen Thesen
als auch die Theorie der sozialen Differenzierung und Verflechtung
müssen deshalb als die bei den entscheidenden Theoriebildungen betrach-
tet werden, mit denen Bougie die sozialwissenschaftliche Fundierung
des Solidarismus leisten will. Bougies Solidarismus strebt die Verwirkli-
chung der "sozialen Demokratie" an, wobei er einerseits ein "idealtypi-
sches" Modell der "modernen" Gesellschaft vorschlägt, welches sowohl
strukturell als auch normativ begründet wird, gleichzeitig analysiert er
aber die noch bestehenden sozioökonomischen Ungleichheiten, für deren
Überwindung die sozialökonomischen Maßnahmen vorgeschlagen werden.
Dies ist der Kern von Bougies zweigleisiger sozialwissenschaftlicher
Fundierung des Solidarismus.
Ein Problem, was sich allerdings direkt hieraus ergibt, besteht darin,
wie weit der Anspruch der "Wissenschaftlichkeit" des Solidarismus tat-
sächlich gehen kann, und inwieweit er, nicht nur auf Grund seiner
praktischen Reformvorschläge, sondern vor ellem wegen seiner normati-
ven Zielsetzungen nicht auch als eine "gesellschaftspolitische Doktrin"
betrachtet werden muß. Dies ist die Grundfragesteilung des folgenden
Abschnitts.
- 244 -

4. Der Solidarismus zwischen Theorie und Praxis

In diesem Abschnitt wird versucht, eine Antwort darauf zu geben, ob


die in Abschnitt 2. und 3. vorgestellten Theoriebildungen von Bougie
tatsächlich zu einer sozialwissenschaftlichen Fundierung des Solidarismus
geführt haben. Aber bevor wir auf das Verhältnis zwischen politischer
Praxis und wissenschaftlicher Theoriebildung eingehen, muß dargestellt
werden, wie Bougie methodologisch das Problem der wissenschaftlichen
Analyse von "Werten", die das Handeln von Individuen in der sozialen
Realität mitdeterminieren, löst und dies am Beispiel der "sozialen Er-
ziehung" spezifiziert.

4.1. Die methodologische Grundposition

Im letzten Kapitel haben wir dargestellt, wie Bougie Durkheims Kon-


zeption der "organischen Solidarität" dadurch präzisiert hat, indem er
neben ihrer individualistischen auch die egalitäre Dimension aufgezeigt
hat. Individualismus und Egalitarismus werden dami t zu den bei den
"Grundwerten" der "modernen" Gesellschaft und als solche bilden sie
die wesentliche Form ihres "Kollektivbewußtseins". Bei dem "Kollektiv-
bewußtsein" , um es noch einmal zu verdeutlichen (vgl. Kap. 1.), "...
handelt es sich ... um diejenigen Einstellungen, Denkweisen, Vorstel-
lungen usw. im Bewußtsein der Individuen, die durch ein Aufeinander-
wirken und durch eine Fusion individueller Bewußtseinsinhalte, also
durch das Leben der Individuen in der Gesellschaft, zustandegekommen
sind und die daher auch nur unter Bezugnahme auf die gesellschaftli-
chen Bedingungen, in denen die Individuen leben, erklärt werden kön-
nen." (Lexikon zur Soziologie 1975, Bd. I, S. 345) Der Soziologe muß
also nach Durkheim, um einen gesamtgesellschaftlichen Wandel erklären
zu können, sowohl Volumen und Dichte sowie die "Gesellschaftstypen"
(auf der strukturellen Ebene) als auch das "KollektivbewuBtsein" und
seine Formen ("mechanische" bzw. "organische" Solidarität auf der
normativen Ebene) analysieren. Für ihn stellen sich daher alle diese
Phänomene als "soziale Tatbestände" dar, die nach möglichst objektiven
Kriterien beobachtet, beschrieben, kategorisiert und gemessen werden
müssen.
- 245 -

Methodologisch bedeutsam dabei ist, daß er demnach strukturelle und


normative Phänomene gleichermaßen als "gegeben" ("positiv") betrach-
tet, und dadurch der strenge moralphilosophische Gegensatz zwischen
dem "Sein" und dem "Sollen" aus der Perspektive soziologischer Analy-
se abgeschwächt w:rd (vgl. Kap. II.2.4.). Er verfolgt damit ein be-
stimmtes Ziel, welches Logue, wie folgt, beschreibt: "Durkheim was
not satisfied with the prospect of a sociology which could show us how
to get what we wanted; it must also be able to show us what we
should desire. Certainly, he did not regard the ~ and the ought as
identical, but he did think that the stud y of the ~ (and of the has
been) would be sufficient to lead us to the oughL" (Logue 1983: 155;
vgl. Vogt 1979: 128)

Für die in unserem Kontext wichtige Beziehung zwischen Wissenschaft


und Politik folgt daraus, daß die Soziologie durch ihre Analyse des ge-
sellschaftlichen "Seins" der Politik Vorgaben machen kann für das zu
erreichende "Soll". Dies kann an folgendem Beispiel verdeutlicht wer-
den: Wenn die Sozialstruktur der "modernen" Gesellschaft arbeitsteilig
"organisiert" ist und deshalb die "organische" Solidarität zur Grundlage
ihres "Kollektivbewußtseins" werden muß, aber gleichzeitig durch sozio-
logische Analysen "anormale" Formen der Arbeitsteilung festgestellt
werden, die dies verhindern, dann kann (und muß) die Soziologie auch
darüber hinaus Mittel vorschlagen, die dem entgegensteuern. Nachdem
er auf diese Weise theoretisch die Notwendigkeit der Rekonstitution
von "Berufsgruppen" aufgezeigt hat, geht er einen Schritt weiter und
deutet mögliche Organisationsformen für diese "nationalen Korporatio-
nen" an. Er macht dies allerdings nur in der Form einer Anmerkung
(vgl. Durkheim 1977: 64, Anm. 34), denn vorher betont er folgendes:
"Die Aufgabe des Soziologen ist nicht die des Staatsmannes. Wir brau-
chen also nicht im einzelnen aufzuzeigen, wie diese Reform sein müßte.
Wir begnügen uns damit, die allgemeinen Prinzipien aufzuzeigen, so wie
sie aus den aufgeführten Tatsachen hervorzugehen scheinen." (ebd., S.
63)

Für die Aufgabentrennung zwischen Wissenschaft und Politik ergibt


sich somit folgendes: Der Soziologe kann durch die empirische Analyse
- 246 -

der Sozialstruktur auf der theoretischen Ebene diejenigen gesellschaftli-


chen "Grundwerte" bestimmen, die für jene aus "funktionalen" Gründen
adäquat sind. Darüber hinaus kann er praktische Maßnahmen vorschla-
gen, die die Generalisierung dieser "Grundwerte" unterstützen. Somit
ist es möglich, der Politik wissenschaftlich begründete Zielvorgaben an-
zubieten. Dem Politiker bleibt damit nur noch die Aufgabe, die konkre-
te Realisierungsform dieser Zielvorgaben zu entwickeln und durchzuset-
zen.

Entscheidend hierbei ist, daß die Wissenschaft nach Durkheim nicht nur
den "gegebenen" Zustand der Gesellschaft (das "Sein") analysiert, son-
dern auch durch die Erkenntnis von "Grundwerten" und möglichen Mit-
teln für ihre Generalisierung, d.h. durch die Formulierung praktischer
gesellschaftspolitischer Ziele, das anzustrebende "Soll" der gesellschaft-
lichen Entwicklung fixiert. Mit anderen Worten und etwas zugespitzt
formuliert, kann man sagen, die Wissenschaft gibt die "Ziele" gesell-
schaftlicher Entwicklung vor, und die Politik muß die hierfür notwendi-
gen praktischen "Mittel" suchen.

Für BougIe stellt sich dieses Ziel-Mittel-Verhältnis genau anders herum


dar. "Nach ihm kann die Wissenschaft unsere Ziele "konstatieren, aber
ihnen nicht einen Wert zuerkennen". Aber sind unsere Ziele einmal in
einer außerwissenschaftlichen Weise festgelegt worden, kann die Wis-
senschaft "uns die geeigneten Mittel, sie zu realisieren, anzeigen."
(Vogt 1979: 128). Dies bedeutet, daß die Politik die gesellschaftlich
anzustrebenden "Ziele" festlegt, und die Wissenschaft "Mittel" für ihre
Durchsetzung entwickeln soll; auf die sich daraus ergebende andersarti-
ge Bestimmung des Verhältnisses zwischen Politik und Wissenschaft
kommen wir im übernächsten Abschnitt zurück.

Für die Begründung seiner Position verweist BougIe darauf, daß die Er-
klärung der Herausbildung von "Grundwerten" nicht allein durch die so-
ziologische Analyse der Sozialstruktur geleistet werden kann. Diese de-
terminiere zwar die Entstehung von "Grundwerten" mit, aber sie resul-
tieren nicht ausschließlich aus ihr (vgl. BougIe 1899: 215). Für ihn
steht fest, daß sich in der geschichtlich-gesellschaftlichen Entwicklung
Beispiele für jede Art von Kausalbeziehung zwischen den strukturellen
und den normativen Faktoren einer Gesellschaft finden lassen: "Zwi-
- 247 -
sehen einer bestimmten gesellschaftlichen Transformation und einer
bestimmten Ideenbewegung kann man leicht das gegenseitige Zusam-
menwirken beweisen, aber selten das Frühersein." (ebd., S. 241) Gerade
aber auf Grund der "Reversibilität" dieser Kausalbeziehungen in der
geschichtlich-gesellschaftlichen Entwicklung schließt er gleichermaßen
eine rein "idealistische" bzw. "materialistische" Geschichtsphilosophie
aus, und seine Ausführungen müssen dahingehend verstanden werden,
daß er für die Durchsetzung individualistischer und egalitärer Ideen den
Wandel der Sozialstruktur als eine notwendige, aber nicht hinreichende
Bedingung betrachtet (vgl. ebd., S. 242 ff).

Um die Herausbildung von "Grundwerten" und ihnen adäquaten Zielvor-


gaben zu erklären, muß deshalb auch eine "teleologische" Analyse die-
ser "Soll"-Zustände durchgeführt werden. Halbwachs faßt Bougies Posi-
tion, wie folgt, zusammen: Die "metaphysische Teleologie" leistet eine
a-historische und a-soziologische Analyse der Herausbildung von
"Grundwerten" , wie z.B. Kants Moralphilosophie von der "Würde" des
Menschen, und die "wissenschaftliche Teleologie" analysiert praktische
Ziel-Mittel-Verhältnisse: "Ich konstatiere einerseits das Ziel, anderer-
seits die Mittel, und aus dieser doppelten Konstatierung deduziere ich
die Handlung." (Halbwachs 1941: 26)

Bougie sieht demnach die Erklärungskapazität der Soziologie dadurch


eingeschränkt, daß sie zwar durch die Analyse gesellschaftlicher Bedin-
gungen erklären kann, warum sich bestimmte "Grundwerte" und andere
Ziele verbreiten können, aber dadurch nur unzureichend erklärt, wie
sich diese selbst herausbilden. Seine "teleologische" Kritik an Durk-
heims Methode zur Analyse moralischer, d.h. normativer Tatbestände ist
nach Halbwachs " .•. in dieser Zeit die Art von Argumenten, die die
traditionelle Philosophie Durkheim entgegensetzt. Aber solche Einwände
werden auch von denjenigen vorgebracht, die sich einfach von morali-
schen, psychologischen, metaphysischen Betrachtungen leiten lassen,
wenn sie die neue Wissenschaft beurteilen." (ebd., S. 27)52)

In unserem Kontext bleibt festzuhalten, daß Bougie die Hauptaufgabe


der Soziologie darin sieht, den gesellschaftlichen "Ist"-Zustand und
wahrscheinliche zukünftige strukturelle und normative Entwicklungsten-
denzen zu analysieren. Sie kann deshalb in erster Linie "aufklärerisch"
- 248 -

wirken, indem sie feststellt, welche der von den verschiedensten Indivi-
duen und Gruppen propagierten Wert- und Zielvorstellungen den wahr-
scheinlichen "normalen" Entwicklungstendenzen der Gesellschaft am
ehesten entsprechen 53 ) • Sie kann damit aber nur indirekt auf die
Fixierung der gesellschaftlich. anzustrebenden Werte und Ziele Einfluß
nehmen (vgl. Vogt 1979: 126), denn deren Bestimmung in der sozialen
Realität bleibt im Bereich der Politik, d.h. ist eine Frage, welche poli-
tischen, ökonomischen, sozialen, religiösen u.a. Kräfte sich letztlich
durchsetzen können. Diese eingeschränkte Bedeutung der Wissenschaft
bei der Fixierung gesellschaftlicher "Soll "-Zustände erklärt Bougies Be-
tonung der "sozialen Erziehung", auf die wir nun eingehen werden.

4.2. Die Bedeutung der "sozialen Erziehung"

In der "sozialen Erziehung" werden sämtliche normativen Tendenzen zu-


sammengefaßt, die der Solidarismus verstärken will und die in der ge-
sellschaftlichen Praxis die Realisierung der "sozialen Demokratie" un-
terstützen sollen. Die "soziale" Demokratie basiert, wie wir bereits ge-
sehen haben, auf den beiden "Grundwerten" des Individualismus und
Egalitarismus, die ihrerseits aus der Anerkennung des "Eigenwertes"
des Individuums resultieren. Ausgangspunkt der "sozialen Erziehung" ist
deshalb der "Kult des Individuums", " ... der einzige, der von nun ab al-
len aufgedrängt werden kann. Der Respekt der Persönlichkeiten ist
heute der Pfeiler der gesellschaftlichen Moral." (1903: 275; vgl. ebd.,
S. 300) Der "Kult des Individuums", dessen ideengeschichtlicher Ur-
sprung in der klassischen Moralphilosophie seit Kant liegt (vgl. 1907a:
183), bedeutet, daß die "organische" Solidarität zum Zentrum des
"Kollektivbewußtseins" der "modernen" Gesellschaft wird, daß die Ent-
faltung der individuellen Persönlichkeit gegenüber allen gruppenspezifi-
schen oder "institutionellen" Zwängen das höchste, gesellschaftlich zu
garantierende "Ziel" ist. Der hieraus resultierende Individualismus ba-
siert in allen Bereichen der "intellektuellen" Freiheit (Politik, Religion,
Wissenschaft, Kultur, Ethik, usw.) auf dem Prinzip der "Gewissensfrei-
heit", d.h. wie auch immer eine Entscheidung ausfällt, sie muß aus-
schließlich beim Individuum liegen, unabhängig jeglicher "äußerer" Ein-
flüsse (vgl. Kap. 11.3.2.2. und 5.1.); im sozioökonomischen Bereich muß
- 249 -

sich das "meritokratische" Prinzip durchsetzen, nach dem ausschließlich


aus den individuellen Neigungen, Fähigkeiten und Leistungen die indivi-
duell verfügbaren ökonomischen Ressourcen und der soziale Status re-
sultieren.

Entscheidend ist es aoer zu erkennen, daß sich diese Formen des Indi-
vidualismus nur auf der Basis gesellschaftlicher Regelungen entfalten
können, d.h. es muß ein gesellschaftlicher Grundkonsens darüber beste-
hen, daß z.B. "Gewissensfreiheit" und "Meritokratie" diejenigen Prinzi-
pien sind, nach denen sich die individuelle Freiheit entwickeln kann.
Bougie verweist auf Durkheim, der betont hat: "Jede Freiheit ist das
Ergebnis einer Regelung." (zitiert nach 1929: 155) Dies impliziert aber
nicht nur, daß ein normativer Grundkonsens über die Prinzipien gefun-
den werden muß, nach denen sich die Entfaltung der individuellen Per-
sönlichkeit vollziehen kann, sondern er muß auch "institutionell" abge-
sichert werden. Im Bereich der Politik bedeutet dies die Akzeptanz der
Institutionen der "Republik", worauf wir im nächsten Abschnitt einge-
hen werden; für den sozioökonomischen Bereich muß dagegen gefolgert
werden, daß die "Meritokratie" sich nur auf der Basis der sozialen So-
lidarität und der hierfür notwendigen sozialpolitischen und -ökonomi-
schen Maßnahmen entwickeln kann.

In der Betonung der Notwendigkeit der sozialen Solidarität und der


daraus resultierenden praktischen Maßnahmen liegt neben den individu-
alistischen Zielsetzungen die eigentliche Bedeutung der "sozialen Erzie-
hung". Die historische Erfahrung des Pauperismus hat die These des
Klassischen Liberalismus widerlegt, nach der die Durchsetzung der (po-
litisch-rechtlichen) Freiheit genüge, um die (soziale) Ger'echtigkeit zu
verwirklichen (vgl. 1907a: IBO). Der Liberalismus, der von jeher das
"meritokratische" Prinzip proklamiert hat, ist nur noch unter der Be-
dingung akzeptierbar, daß "unter Liberalismus nicht das klassische Lais-
ser-faire" verstanden wird, der zu einem ökonomischen "Vernichtungs-
kampf" zwischen den Mitgliedern einer selben Gesellschaft führt und
dazu, daß die Personen "als eine Sache" behandelt werden (vgl. 1903:
275).

Die "soziale" Demokratie rechtfertigt die "Maßnahmen der sozialen


Solidarität" nicht nur durch das "Recht auf den vollen Arbeitsertrag" ,
- 250 -
sondern noch grundsätzlicher durch die Anerkennung des Individuums als
"Endzweck" ("valeur finale") und "die Notwendigkeit, ihm die unab-
dingbaren Mittel für seine Entwicklung zu leihen" (vgl. ebd.). Mit
anderen Worten: Die Verpflichtung zur sozialen Solidarität leitet sich
ethisch aus der egalitären Dimension des "Eigenwertes" des Individuums
ab, die in dem "Respekt der gleichen Würde der Individuen" (ebd., S.
300) zum Ausdruck kommt. Die "soziale Erziehung" darf aber die Soli-
darität nicht zu einem Dogma erheben, welches rein normativ begrün-
det wird wie etwa die a-historisch und a-soziologisch begründete Näch-
stenliebe des Christentums. Der entscheidende Unterschied zu dieser
(und zur klassischen Moralphilosophie) besteht darin, daß die Solidarität
auf den egalitären Tendenzen des "Kollektivbewußtseins" basiert, deren
Aufkommen durch den Wandel der Sozialstruktur, durch die fortschrei-
tende ökonomische Arbeitsteilung und Spezialisierung sowie soziale
Differenzierung und Verflechtung erklärt werden kann. "Den sozialen
Sinn zu erwerben, bedeutete nichts anderes als sich dieser Interdepen-
denz bewußt zu werden." (J 907 a: 183)

Die "soziale Erziehung" kann also für die Begründung der Solidarität
auch auf die Interdependenzen, in die die Individuen in der "modernen"
Gesellschaft durch das Fortschreiten der "gesellschaftlichen" Arbeits-
teilung eingebunden sind, hinweisen; sie kann deshalb nicht nur norma-
tiv, sondern auch "rational" argumentieren, d.h. sie kann sich auf eine
soziologische Theoriebildung stützen, die die enge "Dialektik" zwischen
strukturellen und normativen Faktoren aufzeigt. Bougie gesteht also
durchaus die Existenz einer "wissenschaftlich" begründeten Moral
zu, so wie dies von Durkheim gefordert worden war; er zieht aber
hieraus für die Praxis nicht dieselben Konsequenzen, wie wir später
darstellen werden. Beide Autoren stimmen aber darin überein, daß es
nicht genügt, normative Postulate wie das der Solidarität z.B. zu pro-
klamieren, ohne sie nicht gleichzeitig durch empirisch nachgewiesene
Tatbestände in der Sozialstruktur zu "legitimieren".

Wie wirkt sich dies nun auf die Forderung nach Solidarität durch die
"soziale" Demokratie aus? Sie impliziert sowohl die Durchsetzung der
"Chancengleichheit" als auch die der "sozialen Sicherheit" (vgl. 1903:
276). In Abschnitt 3. haben wir bereits dargestellt, daß die "Chancen-
- 251 -
gleichheit" normativ durch den aus dem Individualismus resultierenden
Egalitarismus gerechtfertigt wird, denn die soziale Mobilität der Indivi-
duen kann sich nur durchsetzen, wenn jedem von ihnen durch die Über-
windung der sozioökonomischen Ungleichheiten grundsätzlich die gleiche
Möglichkeit zur Partizipation am "intellektuellen und materiellen Kapi-
tal" der Gesellschaft garantiert wird. Dies ist aber nicht nur den Indi-
viduen gegenüber gerecht, sondern auch gleichzeitig für die Gesellschaft
nützlich, denn nur auf diese Weise kann garantiert werden, daß für die
Erfüllung der spe~i fischen Funktionen in der arbeitsteiligen Gesellschaft
die jeweils geeigneten Individuen die ihnen adäquate Position einneh-
men. Es ist genau diese Adäquanz zwischen den individuellen Fähigkei-
ten und den funktionalen Erfordernissen, die ein Optimum an Gerech-
tigkeit (für das Individuum) und Nützlichkeit (für die Gesellschaft) er-
bringt, was eine sowohl normative als auch strukturelle "Legitimation"
der "Chancengleichheit" darstellt.

Die sozialpolitischen und -ökonomischen Maßnahmen der Solidarität im-


plizieren aber die Garantie nicht nur des physischen, sondern auch des
"sozialen" Existenzminimums aller Gesellschaftsmitglieder , d.h. die Ga-
rantie eines Lebensstandardes, unterhalb dessen den Individuen ihre
Existenz nicht mehr als "lebenswert" erscheint (vgl. ebd., S. 235). Dies
muß aber unter allen Umständen verhindert werden, da sonst "diese
Dosis an gegenseitigem Vertrauen und folglich an Arbeitsmotivation"
(ebd., S. 274) zwischen den Individuen verloren gehen würde. Die am
weitesten gehende Konsequenz besteht darin, daß, " •.. den Individuen
die soziale Hilfeleistung zu verweigern, heute bedeuten würde, die ge-
sellschaftliche Gemeinschaft selbst zu schädigen." (ebd.). Wenn durch
das Fehlen einer "sozialen Sicherheit" der ökonomische Konkurrenz-
kampf so verhärtet wird, daß die Individuen zu "sozialen Problemfällen"
werden, d.h. zu Alkoholismus, Kriminalität, Prostitution, Selbstmord u.a.
neigen, dann richtet sich dies nicht nur gegen die Individuen selbst,
sondern schädigt auch die Gesellschaft sowohl ökonomisch, wenn die
Fähigkeiten der Individuen für Arbeit und Produktion verloren gehen, als
auch sozial, wenn stabile, nach normativen und rechtlichen Regeln fi-
xierte "Interaktionen" mit diesen unmöglich werden. Auch hier wird
deutlich, daß die "soziale Sicherheit" nicht nur den betroffenen Indivi-
duen einen Vorteil bringt, indem ihnen das "soziale" Existenzminimum
- 252 -

gesichErt wird, sondern auch gleichzeitig der Gesellschaft, indem sie


zumindest gegen diese Ursache für die Entstehung "sozialer Probleme"
vorbeugende Maßnahmen trifft. In diesem Sinne verbindet sich auch hier
das Gerechtigkeitspostulat (auf der individuellen Ebene) mit dem
Aspekt der Nützlichkeit (auf der gesellschaftlichen Ebene).

Aus der sowohl normativen als auch strukturellen "Legitimation" von


"Chancengleichheit" und "sozialer Sicherheit" leitet sich die Bedeutung
der "sozialen Erziehung" ab. Sie soll in der gesellschaftlichen Praxis
auf der normativen Ebene dazu beitragen, daß " ... die Masse der indivi-
duellen Willen tatsächlich dazu bereit ist, sich den Notwendigkeiten der
Gerechtigkeit zu beugen." (l907a: 180) Durch die Erziehung zur Solida-
rität, zur "sozialen Idee" nach Renouvier (vgl. 1903: 280), soll verhin-
dert werden, daß die Betonung "individualistischer Prinzipien" letztlich
nur die Entwicklung "wesentlich anti-sozialer Gefühle" verschleiert:
"der Ehrgeiz des Geschäftsmannes, der Hochmut des Dilettanten" (vgl.
ebd.). Durch die "soziale Erziehung" sollen die Individuen lernen, " ... in
sich die anti-sozialen Bestrebungen zu hemmen" (1907a: 191), indem
ihnen verdeutlicht wird, daß die Verfolgung ihrer individuellen Ziele,
deren Realisierung weiterhin das wichtigste gesellschaftliche Ziel ist,
nicht ohne die gleichzeitige Realisierung von "Chancengleichheit" und
"sozialer Sicherheit" für alle Mitglieder der Gesellschaft möglich ist.
Die Realisierung dieser gesellschaftlichen Ziele wird damit zu einem
unabdingbaren "intermediären Ziel" (ebd., S. 189), ohne daß der Indivi-
dualismus letztlich sich selbst in Frage stellen würde. In dieser Verbin-
dung der individuellen und gesellschaftlichen Ebene, von strukturellen
und normativen Phänomenen, von Individualismus und Egalitarismus, d.h.
insgesamt von Nützlichkeit und Gerechtigkeit kommt u.E. die Quintes-
senz der soziologisch fundierten Gesellschaftstheorie von BougIe wie
auch von Durkheim zum Ausdruck, die darin besteht zu verdeutlichen,
wie durch den Schutz des Individuums der Schutz der Gesellschaft ga-
rantiert werden muß.

Der "Kult des Individuums", die ungehinderte Entfaltung der individuel-


len Persönlichkeit könnte nicht in einer Gesellschaft akzeptiert werden,
in der dies nicht allen Individuen garantiert wird. "Indem folglich Maß-
nahmen getroffen werden, um dieses Gefühl zu befriedigen, machen un-
- 253 -

sere Gesellschaften nichts anderes, wie alle Gesellschaften es schon


immer durch moralische Regeln, die sie sanktionieren, gemacht haben,
als ihre innere Kohäsion zu bewahren." (1903: 300 f) In der "moder-
nen" Gesellschaft, die strukturell durch eine immer weitergehende öko-
nomische Spezialisierung und soziale Verflechtung der Individuen und
deshalb normativ durch die Entwicklung des "Eigenwertes" des Individu-
ums charakterisiert ist, muß daher der "unabdingbare Konsens garan-
tiert" werden, durch den die gleichzeitig individualistischen und egalitä-
ren Tendenzen befriedigt werden. "Daß also das Maximum an Vorteilen
den Stärksten reserviert bleibt, wenn dies notwendig ist, um ihre Akti-
vität im Interesse der allgemeinen Produktion zu stimulieren. Aber daß
ein Minimum zumindest selbst den Schwachen zugesichert bleibt." (ebd.,
S. 276; vgl. ebd., S. 288)

Die "soziale Erziehung" zur Solidari tät resultiert letztlich aus dem dop-
pelten Tatbestand, daß "..• immer mehr unsere Produktion einen kollek-
tiven Charakter annimmt und unsere Moral einen individualistischen."
(ebd., S. 279 f) Gerade im sozioökonomischen Bereich müssen deshalb
Formen der "Assoziation" gefunden werden, die einerseits den individu-
alistischen, andererseits den egalitär-solidarischen Tendenzen entspre-
chen. Vorbedingung hierfür ist zu erkennen, daß kollektive Assoziation
und individuelle Eigeninitiative nur scheinbar zueinander im Gegensatz
stehen. "Es stellt noch eine doppeldeutige Antithese dar, den Geist der
Initiative und den Geist der Assoziation in einen Gegensatz zu bringen.
Die Assoziation entsteht nur und lebt nur durch die Initiativen."
(1907 a: 187) Der entscheidende Fehler besteht darin anzunehmen, daß
die individuelle Eigeninitiative auch nur für individuelle Ziele einzuset-
zen sei, und daß daher kollektive Zielsetzungen fast "notwendig" ver-
nachlässigt werden müßten. Ganz im Gegenteil muß hierzu verdeutlicht
werden, daß alles davon abhängt, "... unsere individuellen Energien mit
Blick auf ein gemeinsames Ziel zu koordinieren, anstatt sie getrennt zu
halten oder sie gegeneinander zu richten." (ebd.)

Bougie verweist in diesem Kontext auf die besonders von Gide betonten
ökonomischen Assoziationen, in denen sich die Durchsetzung individuel-
ler Interessen mit der Wahrung kollektiver Ziele kombinieren läßt (vgl.
ebd., S. 192 ff; Kap. 11.3.2.2.): Die Konsumgenossenschaft z.B. ver-
- 254 -

schafft all ihren Mitgliedern billigere Produkte, schüttet die Gewinne


aber proportional zu der individuell unterschiedlichen Höhe der Einkäufe
aus; die Versicherungsleistungen der SSM richten sich zwar nach den
individuellen Beiträgen, durch die Einrichtung eines "gemeinsamen
Fonds" wird aber für besondere Notfälle einzelner Mitglieder vorge-
~orgt. Obwohl es Bougie nicht ausführt, gehören hierzu auch die selbst-
verwalteten Unternehmen, in denen z.B. die Einkommen "leistungsbezo-
gen" bleiben, aber durch die Existenz "wirtschaftsdemokratischer" Kon-
trollmechanismen die Einkommensdifferenzen zwischen den Funktionen
(Leitung, Verwaltung, Produktion) nicht übermäßig ansteigen, und die
"organisationstechnisch" bedingten Hierarchien zwischen ihnen kaum in
starre soziale Hierarchisierungen zwischen den Individuen umschlagen.

Durch die Entwicklung "soziologischer Konzeptionen" von Assoziationen,


in denen diese Kombination von individueller Eigeninitiative und kollek-
tiver Assoziation garantiert wird, wird die "soziale Erziehung" in ihrem
praktischen pädagogischen Ziel unterstützt (vgl. ebd., S. 188), "... We-
sen, die von selbst zu handeln wissen, aber indem sie sich aneinander
und im Interesse einer Gruppe anpassen" (ebd., S. 189), d.h. indem die
Individuen " ••• zu sozialen Wesen werden" (ebd., S. 181), zu erziehen.
Die "soziale Erziehung" entwickelt sich somit insgesamt in zwei Rich-
tungen, " ••• die auf den ersten Blick völlig entgegengesetzt erscheinen:
In einem "personalistischen" Sinne und in einem "soziologischen" Sinne.
Sie wird sich dessen immer bewußter, daß, um die notwendigen Reor-
ganisationen vorzubereiten, es Menschen bedarf, die entsprechend dem
Gefühl der Würde der Person und der Neigung zur individuellen Lei-
stung, das Bestreben vereinigen können, ihre Leistungen im Interesse
der Gruppe zu koordinieren, die als eine Art jedem von ihnen höhere
Realität betrachtet wird." (ebd., S. 182) Das, was Bougie hier als "so-
ziologisch" bezeichnet, ist nichts anderes als die egali tär-solidarischen
Tendenzen, die für die Aufrechterhaltung des Individualismus selbst ver-
stärkt werden müssen.

Die eigentliche Bedeutung der Soziologie für die "soziale Erziehung"


liegt, wie schon angedeutet, woanders: Sie soll zum einen den Zusam-
menhang der Entwicklung zwischen strukturellen und normativen Fakto-
ren verdeutlichen, die sie beide gleichermaßen als "soziale Tatbestände"
- 255 -

betrachtet, und darüber hinaus Modelle von Assoziationen entwickeln, in


denen sich die für die "moderne" Gesellschaft charakteristischen indivi-
dualistischen und egalitär-solidarischen normativen Tendenzen realisieren
können. Indem die Soziologie die strukturellen Ursachen und praktischen
Realisierungsmöglichkeiten dieser normativen Tendenzen aufzeigt, kann
in dem von Durkheim gewünschten Sinne von einer "wissenschaftlich"
begründeten Moral gesprochen werden. Je mehr sie empirisch abgesich-
ertes Wissen über die Zusammenhänge der strukturellen und normativen
Entwicklungstendenzen der Gesellschaften anhäuft, desto mehr wird sie
fähig sein, in bezug auf bestimmte "Ziele" von Individuen oder Gruppen
zu urteilen, ob diese der "normalen" strukturellen und normativen Evo-
lution der Gesellschaft entsprechen oder nicht (vgl. 1903: 299).

Es ist aber bereits dargestellt worden, daß Bougie die wissenschaftlich


bewiesene "Legitimation" von normativen Tendenzen nicht als ausreich-
end ansieht, damit sich diese in der gesellschaftlichen Realität auch
durchsetzen können (vgl. 1907a: 30 ff). Dies ist die Funktion der "so-
zialen Erziehung", die somit in der Praxis ein eindeutig normatives Ziel
zugeschrieben bekommt, d.h. die "Sozialisation der Personen" (ebd., S.
IBI) durch die Akzeptanz der individualistischen und egalitär-solida-
rischen "Grundwerte". Das Verhältnis zwischen Soziologie und "sozialer
Erziehung" wird deshalb von Bougie, wie folgt, definiert: "Mit anderen
Worten, die unabdingbare Bedingung für die moralische Wirksamkeit
dieser soziologischen Folgerungen ist die vorherige Existenz eines "so-
zialen Geistes"." (ebd., S. 301)

Die "soziale Erziehung" steht somit im Spannungsfeld zwischen wissen-


schaftlicher Theoriebildung und praktischer Anwendung. In ihrer Argu-
mentation ist sie wissenschaftlich, denn sie stützt sich auf die soziolo-
gisch nachweisbaren Zusammenhänge zwischen den strukturellen und
normativen Faktoren der gesellschaftlichen Entwicklung. In ihrer An-
wendung ist sie aber normativ, denn ihr praktisches pädagogisches Ziel
ist die Akzeptanz der "Grundwerte" der "modernen" Gesellschaft durch
die Individuen, d.h. ihre "Sozialisation" für die Integration in diese Ge-
sellschaft. So sehr auch ihr praktisches pädagogisches Ziel gewisserma-
ßen "parteilich", d.h. auf eine klare Verurteilung bzw. Akzeptanz be-
stimmter normativer Tendenzen ausgerichtet ist, so sehr soll sie in ih-
- 256 -

rer Methode nicht dogmatisch oder autoritär sein, d.h. die bedingungs-
lose Akzeptanz letztlich unbegründbarer Prinzipien durch die Individuen
fordern (wie z.B. in der Religion), sondern die Akzeptanz der von ihr
propagierten normativen Tendenzen soll im Idealfall auf der wissen-
schaftlich begründeten und deshalb "rationalen Einsicht" in die konsta-
tierten Entwicklungszusammenhänge der Gesellschaft basieren. Insofern
soll die normative "Sozialisation" der Individuen durch die "soziale t:r-
ziehung" "rationales" Denken keinesfalls ausschließen, sondern es soll
im Gegenteil aus ihr resultieren.

In diesem Abschnitt haben wir sowohl die theoretische Fundierung der


Argumentation der "sozialen Erziehung" als auch ihre Funktion in der
gesellschaftlichen Realität aufgezeigt; dabei läßt sich also recht deut-
lich eine wissenschaftliche Ebene in bezug auf ihre theoretische Fun-
dierung und eine normative Ebene in bezug auf ihre praktischen päda-
gogischen Ziele unterscheiden. Wir werden nun abschließend darauf ein-
gehen, wie Bougie in seiner Solidarismus-Konzeption als Ganzer, d.h.
für die theoretische Fundierung und praktische Realisierung der "sozia-
len" Demokratie, diese beiden Ebenen verbindet.

4.3. Der Solidarismus: Eine wissenschaftliche Theorie oder eine "gesell-


schaftspolitische Doktrin"?

Bevor wir Bougies Definition des Verhältnisses zwischen Politik und


Wissenschaft darstellen und damit versucht werden kann, die Frage
nach der "Wissenschaftlichkeit" des Solidarismus zu beantworten, muß
zur Verdeutlichung noch einmal auf die Problematik der wissenschaftli-
chen Fundierung des "republikanischen Ideals" eingegangen werden, so
wie dies von Durkheim, aber auch Fouillee, Henry Michel u.a. ange-
strebt worden ist (vgl. Kap. 11.5.1.).

4.3.1. Das Problem der wissenschaftlichen Fundierung des "republikani-


schen Ideals"

Nach Nicolet besteht die Besonderheit des französischen "republikani-


- 257 -

schen Ideals" um die Jahrhundertwende in der gegenseitigen Abhängig-


keit von "Republik" und Wissenschaft (vgl. Nicolet 1982: 309 ff): Die
Wissenschaft braucht die "Republik", da nur unter dieser politischen
Ordnung die "Gewissensfreiheit" garantiert wird, die die "Pluralität"
der Meinungen nicht nur im Bereich von Politik, Religion, Ethik, Kunst,
Kultur usw., sondern auch und gerade in der Wissenschaft vor jeglichem
"äußeren" Einfluß von politischen, ökonomischen, religiösen u.a. Interes-
sensgruppen schützt; aber auch ·umgekehrt braucht die "Republik" die
Wissenschaft, denn wenn das Ziel der politischen Ordnung die Durch-
setzung der "Gewissensfreiheit" ist (neben dem der Solidarität im so-
zio-ökonomischen Bereich), muß sie auch in ihren Mitteln zur Durch-
setzung dieses Ziele möglichst weitgehend auf jeden äußeren Zwang ver-
zichten. Wenn aber einfache Machtpolitik zur Durchsetzung dieser poli-
tischen Ordnung ausgeschlossen wird (im Gegensatz zu den monarchi-
schen oder napoleonischen Regimen vorher), dann muß nachgewiesen
werden, daß die "Republik" als politische Ordnung am besten den ge-
sellschaftlichen Entwicklungstendenzen entspricht.

Um die Frage beantworten zu können, durch welche politische Ordnung


auf die Gesellschaft der geringste Zwang ausgeübt wird, darf nicht
mehr auf eine Moralphilosophie wie den "Gesellschaftsvertrag" von
Rousseau zurückgegriffen werden, die a-historisch und a-soziologisch
die Freiheitsrechte und Verpflichtungen der Individuen festlegen will.
(Der Unterschied zu Rousseau liegt, wie schon dargestellt (vgl. Ab-
schnitt 1.3.), in der theoretischen Begründung dieser Freiheitsrechte,
nicht aber in ihrer Akzeptanz als gesellschaftliches Ziel). Ganz im Ge-
genteil muß hierfür auf die empirischen Forschungen der neueren So-
zialwissenschaften, und insbesondere der Soziologie als eine die Ent-
wicklungen in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen "syntheti-
sierende" Wissenschaft zurückgegriffen werden: Wenn die "moderne"
Gesellschaft strukturell durch das Phänomen der "gesellschaftlichen"
Arbeitsteilung charakterisiert ist, dann folgt daraus auf der normativen
Ebene die Entwicklung des "Kultes des Individuums".

Genauso wenig wie eine Gruppe oder Assoziation (Kirche, Partei, Be-
rufsorganisation o.a.) die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit
(aus Gründen der Gerechtigkeit und Nützlichkeit) verhindern darf, ge-
- 258 -

nauso wenig darf dies der Staat tun. Neben dem Schutz des Individuums
vor gruppenspezifischen Zwängen durch den Staat (durch die Trennung
von Kirche und Staat, durch die Verpflichtung der Parteien auf die
Verfassung, durch die Durchsetzung von "Chancengleichheit" und "sozia-
ler Sicherheit" usw.) muß aber auch der Staat selbst diesem Ziel der
politischen und allgemein gesellschaftlichen Ordnung unterworfen wer-
den. Hierzu dienen die Grundregeln der "Republik" wie die Gewal ten-
teilung, das allgemeine, gleiche, freie und geheime Wahlrecht, usw. Die
"Republik" kann so zum Garant des generalisierten Individualismus (und
Egalitarismus) werden, da sie eine Staatsform darstellt, die einerseits
möglichst unabhängig von gruppenspezifischen Interessen sein soll, um
diese notfalls einzuschränken, und in der interne Kontrollmechanismen
vorhanden sind, um eine Machtkonzentration im Staate zu verhindern.
Die pol i tische Ordnung der "Republik" stell t daher den notwendigen
Grundkonsens dar, auf Grund dessen sich die individuelle Freiheit erst
entwickeln kann.
Wie Bougie betont (vgl. 1929: 156), bedeutet für Durkheim (in Anleh-
nung an Rousseau) Freiheit nicht "Unabhängigkeit", sondern "Autono-
mie". "Unabhängigkeit" existiert nur im "Naturzustand", der aber mit
dem Fehlen von sozialen "Bindungen" gleichzusetzen ist; "Autonomie"
impliziert dagegen die Akzeptanz von Grundregeln zwischen den asso-
ziierten Individuen, nach denen sich ihre individuelle Freiheit erst
entfalten kann (vgl. auch 1899: 230 f). Diese Konzeption von "Autono-
mie" wird von Bougie präzisiert, denn er schreibt an anderer Stelle:
"Der Bürger ist die Antithese zum Untertanen. Das Ideal besteht darin,
daß er gleichzeitig sein Untertan und sein Herr ist, indem er die
Macht besitzt, die Gesetze zu modifizieren, denen er gehorchen muß."
(J 921: 198) Durkheim und Bougie nähern sich damit Rousseaus Ver-
ständnis der "sittlichen Freiheit" an, die als "Gehorsam gegen das
selbst gegebene Gesetz" definiert wird (vgl. Rousseau - CS, 1.8.). Fehlt
die Akzeptanz dieser Grundregeln, so wird die gesellschaftliche Assozia-
tion zerstört und die Entfaltung der individuellen Persönlichkeit auf ei-
ner höheren Stufe durch die Zwänge eines härteren Existenzkampfes
unmöglich gemacht.

Die "Republik" als politische Ordnung soll genau diesen Grundkonsens


darstellen, innerhalb dessen die Individuen ihr Leben gest al ten können,
- 259 -

nachdem noch zusätzlich die Sozialwissenschaften die zwischen. ihnen


existierenden Interdependenzen nachgewiesen haben. An diesem Beispiel
der Freiheit wird deutlich, was Nicolet meint, wenn er feststellt: "So
gibt es für die französischen Republikaner keine Neutralität der Wis-
senschaft, da die Republik gleichzeitig die notwendige Bedingung der
Entwicklung des freiest möglichen Wissens und das Regime ist, welches
von den Anwendungen des Wissens und seiner Integration in eine Moral
die Bedingung selbst seiner Existenz und seiner Aufrechterhaltung
macht." (Nicolet 1982: 311) Die Wissenschaft weist somit nicht nur
nach, daß die "Republik" die der "modernen" Gesellschaft adäquate
politische Ordnung ist, sondern hil ft ihr auch bei ihrer Durchsetzullg.
"t:s kommt also darauf an, daß sie (die republikanischen Doktrinen;
C.G.) sich außerhalb jeglicher "Gnade", jeglicher Verleitung, jeglicher
"Autorität" durchsetzen, eine durchdachte Überzeugung, die sich auf-
drängt, wie sich von selbst die Verkettungen der mathematischen oder
wissenschaftlichen Sprache aufdrängen. Sie müssen sich in der Meinung
durchsetzen, aber nicht in irgendeiner Weise: in einer unbestreitbaren,
d.h. anerkannten, d.h. logischen und nicht widersprüchlichen Art."
(ebd., S. 33) Die öffentliche Meinung wird durch das allgemeine Wahl-
recht zur souveränen Entscheidungsinstanz, die die gesellschaftliche Pra-
xis eines politischen Diskurses darstellt, der jene dadurch zu gewinnen
versucht, indem er nicht nur "wahre", d.h. empirisch überprüfbare Aus-
sagen macht, sondern genau auf Grund des "Wahrheitsgehaltes" akzep-
tierbar wird und sich gegenüber den anderen Meinungen durchsetzt (vgl.
ebd., S. 34). In diesem Sinne ist die wissenschaftliche Fundierung des
"republikanischen Ideals" zu verstehen, und Nicolet verweist ausdrück-
lich auf die praktischen Intentionen sowohl der neu begründeten Sozio-
logie von Durkheim als auch gleichzei tig des Solidarismus von Bourgeois
(vgl. ebd., S. 39, 313).

4.3.2. Die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Politik und Wissen-


schaft

Trotz der praktischen politischen Implikationen seines soziologischen


Ansatzes, haben wir aber gesehen, daß Durkheim nicht völlig die Gren-
ze zwischen Wissenschaft und Politik aufhebt, denn der Sozialwissen-
- 260 -
schaftler kann zwar durch die Erkenntnis der Sozialstruktur die "nor-
malen" Entwicklungstendenzen normativ fixierter gesellschaftlicher
"Ziele" bestimmen, deren praktische Umsetzung ist aber die Aufgabe
der Politiker. Während Durkheim es als die Aufgabe der Wissenschaft
ansieht, global die "Ziele" zu bestimmen, und die Politik die hierfür
praktischen "Mittel" fixieren soll, ist es bei BougIe, wie dargestellt,
genau umgekehrt.

Er begründet seine Position aber auch durch eine wissenschaftstheoreti-


sche Bestimmung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Politik,
auf die auch Nicolet besonders verweist (vgl. Nicolet 1982: 319 ff):
"Aber laßt uns anmerken, daß so exakt und präzis die Beobachtungen
auch sein mögen, es sind hier niemals die Tatsachen alleine, die
beweisen, daß gewisse Mittel gefährlich sind: Es sind die Ziele, mit
denen die Wirkungen dieser Mittel konfrontiert werden. ( ... ) Die Kon-
statierungen der Wissenschaft eliminieren hier nicht die Wahl des Be-
wußtseins. Wenn sie seine Entscheidung aufklären, so determinieren sie
sie nicht." (Zitiert nach ebd., S. 323j vgl. BougIe 1903: 289 fj Her-
vorhebung durch uns)

Das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft stellt sich demnach


also so dar, daß zuerst politische Grundsatzentscheidungen normativer
Art getroffen werden müssen, welche gesamtgesellschaftlichen "Ziele"
realisiert werden sollen. Dies ist die politische Debatte um die
"Grundwerte" der Gesellschaft (vgl. BougIe 1907a: 44, 48). Erst wenn
diese mehr oder weniger präzise fixiert worden sind, soll die Wissen-
schaft die vorgeschlagenen "Mittel" nach ihren Wirkungen in der
gesellschaftlichen Wirklichkeit untersuchen, und es bleibt dann der Poli-
tik überlassen, dasjenige "Mittel" auszuwählen, dessen Wirkungen den
vorher fixierten "Zielen" am nächsten kommt. Die Rolle der Wissen-
schaft gegenüber der Politik ist demnach vor allem "beratend" und
nicht "determinierend" wie bei Durkheim: " •.. damit diese proklamier-
ten Rechte Reformmaßnahmen hervorrufen, die lebensfähig sind, kommt
es darauf an, daß man es versteht, die komplexen Verhältnisse zu be-
nutzen, die die Wissenschaft entdeckt, und daß man endlich nicht mehr
die apriorische Vernunft, sondern die methodisch konsultierte Erfah-
rung fragt, welche Mittel sich dafür eignen, kombiniert zu werden."
(ebd., S. 52)
- 261 -

Insgesamt ist also Bougies Definition des Verhältnisses zwischen Politik


und Wissenschaft als "dezisionistisch" zu verstehen: "Dem dezisionisti-
schen Modell zu folge ist die Rolle des Fachmannes von der des Politi-
kers scharf getrennt. Dessen dezidierten, rational nicht begründbaren
Entscheidungen über zentrale Ziele stellt der Fachmann lediglich Infor-
mationen und Technologien für eine rationale Mittelwahl zur wirksamen
Durchsetzung dieser Ziele zur Verfügung." (Lexikon zur Soziologie 1975
Bd. 2, S. 453) Trotz dieser "dezisionistischen" Grundtendenz in Bougies
Konzeption, ist sein Ansatz nicht völlig eindimensional. Auch wenn die
praktischen Ziele von Politik (und "sozialer Erziehung") prioritär
normativ sind, so darf nicht übersehen werden, daß in ihrer Begründung
sozialwissenschaftliche Empirie und Theoriebildung und deshalb auch
"rationales" Denken ausdrücklich von ihm miteingeschlossen werden.
"Oie Bemühungen der Soziologie, die engen Abhängigkeiten und die
entfernten Nachwirkungen der verschiedenen sozialen Phänomene aufzu-
decken, erscheinen aus dieser Perspektive ebensosehr als Arbeiten der
Annäherung, die dazu bestimmt sind, die rationalen Reaktionen der
Kollektivität vorzubereiten." (Bougie 1907a: 52) Bougie sieht demnach
eine Rückwirkung wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht nur auf die
theoretische Begründung, sondern auch auf die praktische Umsetzung
normativer Ziele, allerdings nicht in dem von Durkheim beschriebenen
Sinne: "... wenn sie (die Wissenschaft; [.G.) keineswegs unser Gefühl
der Gerechtigkeit schafft, so wäre sie zumindest fähig, sie zu "trans-
formieren", indem sie ihren Inhalt erneuert. Oie einfache Kenntnis der
Tatbestände wäre also fähig, die Gefühle zu transformieren? Es ist
schwer, es zu leugnen." (ebd., S. 53)

Wenn demnach Bougie auch weiterhin den "Determinismus" von Durk-


heim ablehnt, nach dem rein auf Grund wissenschaftlicher Erkenntnis
sich auch in der Praxis normative Tendenzen durchsetzen können, so
gesteht er zu, daß bei dem Vorhandensein von spezifischen "Grundwer-
ten" , diese durch wissenschaftliche Erkenntnisse über die "Mittel" zu
ihrer Realisierung nicht nur konkretisiert, sondern auch "inhaltlich"
verändert und weiterentwickelt werden können. Er tendiert damit also
schon zu einer Position, die heute als "pragmatiSCh" bezeichnet wird:
Das "pragmatische Modell" proklamiert "... eine genauere Auffassung
vom Verhältnis von Wissenschaft und Politik ... , derzufolge ein wechsel-
- 262 -

sei tiger Zusammenhang zwischen Werten, die aus Interessenlagen her-


vorgehen, einerseits und Techniken, die zur Befriedigung wertorientier-
ter Bedürfnisse verwandt werden, andererseits besteht. Weder be-
herrscht der Fachmann den Politiker, noch ist Politik zwangsläufig irra-
tional." (Lexikon zur Soziologie 1975, Bd. 2, S. 453)

Trotzdem muß Bougies Bestimmung des Verhältnisses zwischen wissen-


schaftlicher Empirie und Theoriebildung und praktischer Politik eher als
"dezisionistisch" denn als "pragmatisch" bezeichnet werden. Dies
bedeutet nicht, daß die Politik auf eine wissenschaftliche Begründung
ihrer Ziele verzichten soll, ganz im Gegenteil ist dies ein wesentliches
Mittel zu ihrer "Legitimation"; nur darf umgekehrt nicht von der wis-
senschaftlichen Begründung auf ihre praktische Durchsetzbarkeit ge-
schlossen werden. "Folgt daraus, daß eine Tendenz als normal er-
scheint, unmittelbar, daß sie als wünschenswert erscheinen wird?"
(Bougie 1903: 300) In der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist die "Nor-
malität" eines Phänomens im Gegenteil zuerst eine Frage der politi-
schen Debatte um die "Grundwerte" , nach denen sich die Gesellschaft
entwickeln soll.

Das wichtigste praktische Ziel der Politik muß deshalb darin bestehen
zu verdeutlichen, daß sich die "moderne" Gesellschaft selbst als indivi-
dualistisch-demokratisch und egalitär-solidarisch definieren muß, was
aber als umso schwieriger erscheint, da die "soziale" Demokratie ohne
historisches Vorbild ist. "Das, was die Soziologie uns am besten beige-
bracht hat, besteht darin, ganz oberflächlichen Analogien zu mißtrauen,
nach denen man z.B. die moderne Demokratie den sogenannten Demo-
kratien der klassischen Antike oder der Urzeiten annäherte. Wir erken-
nen, daß durch die Formen ihrer Regierung und ihrer Verwaltung,
durch die Macht ihrer Industrie, schließlich und vor allem durch die
Anforderungen an das Bewußtsein, die es anregen, unsere Gesellschaf-
ten wirklich "ohne analog" sind." (ebd.)

Die "soziale" Demokratie ist demnach ein historisch einmaliges Phäno-


men und muß, damit sie sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit
auch tatsächlich durchsetzen kann, erst einmal als ein anzustrebendes
"Ziel" von den Individuen akzeptiert worden sein. Es ist die Aufgabe
- 263 -
der Wissenschaft, durch Empirie und Theoriebildung zu verdeutlichen,
daß dieses "Ziel" der "normalen" Entwicklung der "modernen" Gesell-
schaft entspricht. Es ist die Aufgabe der Politik, dies in der gesell-
schaftlichen Wirklichkeit durchzusetzen, wobei sie auf wissenschaftliche
Argumentationen zurückgreifen kann, sie 3ber auch gleichzeitig die Ge-
seIlschaftsmitglieder z.B. durch die "soziale Erziehung" auf dieses Ziel
normativ fixieren und eine klare Verurteilung und Bekämpfung entge-
gengesetzter normativer Tendenzen und praktischer Ziele leisten muß.
In Anbetracht der Tatsache, daß BougIe dies nur kurze Zeit (I903)
nach dem Ende der Dreyfus-A ffäre geschrieben hat, sehen wir in die-
ser Aufgabentrennung von Politik und Wissenschaft vor allem auch eine
Reaktion auf die Erfahrungen dieser politischen Krise der französischen
Gesellschaft, in der es sich erwiesen hat, wie wichtig einerseits wis-
senschaftliche Argumentationen für die Politik sind, aber auch deutlich
geworden ist, daß diese allein die Durchsetzung oder Aufrechterhaltung
einer politischen Ordnung nicht garantieren können, sondern in der ge-
sellschaftlichen Praxis dies eine Frage politischer Machtkonstellationen
ist.

Wenn wir bei BougIe demnach von einem eher "dezisionistischen" An-
satz sprechen, so wird damit nicht ein Ausschluß wissenschaftlicher Be-
gründung gesellschaftlicher Ziele impliziert, sondern das Primat der
Politik in der gesellschaftlichen Wirklichkeit betont, d.h. die politische
Auseinandersetzung um die Bestimmung der "Grundwerte" , nach denen
sich die Gesellschaft entwickeln soll. Erst wenn diese fixiert worden
sind, kann die Wissenschaft die Wirkungen der für ihre Realisierung
vorgeschlagenen "Mittel" versuchen zu antizipieren und mit dem ange-
strebten "Ziel" vergleichen. Die Politik sollte sich dann wiederum für
dasjenige "Mittel" entscheiden, dessen antizipierte Wirkungen dem vor-
gegebenen "Ziel" am nächsten kommen. Genau dies ist die praktische
Bedeutung des von BougIe vorgeschlagenen "Polytelismus", den er als
"die Koexistenz verschiedener Ziele innerhalb eines selben Wertes"
(1922: 89) definiert.

Entscheidend ist es zu erkennen, daß BougIe damit an einer scharfen


Aufgabentrennung zwischen Politik und Wissenschaft festhält. Politik
soll die praktische Durchsetzung normativer Tendenzen und Ziele garan-
- 264 -

tieren, wobei diese trotzdem möglichst wissenschaftlich und am "All-


gemeinwohl" orientiert und weniger durch partikulare gruppenspezi fische
Interessen begründet werden sollen. Wissenschaft verfolgt dagegen das
Ziel der "Erkenntnis", wobei wir heute wissen, daß der absolute Objek-
tivitätsanspruch des Positivismus aufgegeben und durch die Konzeption
der "Falsifikation" bisheriger "Wahrheiten" ersetzt werden mußte.

Diese Aufgabentrennung dürfte auch nicht durch die bei ihm bereits in
Ansätzen vorhandene "pragmatische" Bestimmung des Verhältnisses zwi-
schen Politik und Wissenschaft aufgehoben werden. Es wäre z.B. vor-
stellbar, daß sich in einer Gesellschaft allgemeingültige "Grundwerte"
durchsetzen und sich wegen dieses gesellschaftlichen Grundkonsenses die
allerschärfsten machtpolitischen Auseinandersetzungen reduzieren ließen,
wodurch gleichzeitig in den politischen Auseinandersetzungen um die
"Mittel" und "Zwischenziele" zu ihrer Verwirklichung wissenschaftliche
Argumentationen an Bedeutung gewinnen könnten. Auch wenn die Wis-
senschaft dadurch mehr Einfluß auf die Ausformulierung praktischer
Ziele bekommen würde, so wäre es weiterhin Aufgabe der Politik, die
entsprechenden Konstellationen politischer Kräfte zu finden, mit denen
diese ZiE;!le in der gesellschaftlichen Wirklichkeit auch tatsächlich
durchgesetzt werden können. Diese weitergehende Konzeption einer
"pragmatischen" Bestimmung des Verhältnisses zwischen Politik und
Wissenschaft fällt allerdings schon in den Bereich einer möglichen Wei-
terentwicklung von Bougl!!s Ansatz und kann nicht mehr direkt aus sei-
nen Schriften herausinterpretiert werden.

4.3.3. Praktischer und wissenschaftlicher Solidarismus

Nachdem nun dargestellt worden ist, wie Bougl!! grundsätzlich das Ver-
hältnis zwischen Politik und Wissenschaft sieht, soll jetzt versucht wer-
den, die anfangs gestellte Frage nach der "Wissenschaftlichkeit" von
Bougl!!s Solidarismus zu beantworten. In Abschnitt I. haben wir darge-
stellt, wie Bougl!! einige Begriffsbildungen von Bourgeois präzisiert und
darüber hinaus den Solidarismus von bio-sozialen Analogien lösen will,
um ihn auf die Basis einer rein sozialwisssenschaftlichen Theoriebildung
zu stellen. Diese Theoriebildunq findet ihrerseits in zwei unterschiedli-
- 265 -

chen Bereichen statt, dem der Sozialökonomie (Abschnitt 2.), in der


die Ursachen und vor allem die Möglichkeiten für die Überwindung des
Pauperismus in der Arbeiterschicht behandelt werden, und dem der
Theorie der sozialen Differenzierung und Verflechtung (Abschnitt 3.),
mit der die grundsätzlichen strukturellen und normativen Entwicklungs-
möglichkeiten der "modernen" Gesellschaft erfaßt werden sollen und
die gleichzeitig bei der Analyse der Gründe, warum sich diese "norma-
len" Entwicklungstendenzen bisher nur teilweise realisiert haben, auf
die sozioökonomischen Probleme zurückverweist. Die Theoriebildungen in
diesen bei den Bereichen müssen als ein Beitrag für die von ihm selbst
erhobene Forderung nach einer sozialwissenschaftlichen Fundierung des
Solidarismus interpretiert werden. Wird also der Solidarismus durch die-
se Theoriebildungen von der Ebene der praktischen Politik auf die der
Wissenschaft "gehoben", oder anders ausgedrückt, ist er mehr als nur
eine auf die Realisierung praktischer Ziele ausgerichtete "gesellschafts-
politische Doktrin"?

Um diesen Begriff inhaltlich zu bestimmen, greifen wir auf die von


Durkheim in seinen pädagogischen Schriften entwickelte Unterscheidung
von "praktischer" und "wissenschaftlicher" Theorie zurück (vgl. hierzu
zusammenfassend: König 1975: 247 ff): Das menschliche Denken oszil-
liert zwischen zwei Polen, der "Praxis" einerseits, d.h. der Handlung
selbst und ihrer situationsgebundenen Reflexion, und der "Theorie" an-
dererseits, d.h. des Reflektierens von Handlungen jenseits der konkret
erlebten Situation. Im ersten Fall ist das Denken nur darauf ausgerich-
tet, das Handeln des Individuums in der konkret erlebten Situation zu
steuern, es geht in seiner Erkenntnisabsicht nicht über den vorgegebe-
nen Handlungskontext hinaus und ist insofern ausschließlich "praktisch";
"theoretisch" wird das Denken dann, wenn sich das Erkenntnisinteresse
ganz auf das "Verstehen" von Situationen verlagert und sich völlig da-
von gelöst hat, Handlungsanweisungen in einer spezifischen Situation zu
geben. Das "theoretische" Denken ist dann wissenschaftlich, wenn es
aus der Analyse unterschiedlichster Handlungssituationen "Gesetzmäßig-
keiten" ableiten kann, die das Handeln von Pelsonen ursächlich erklären
können.

Zwischen diesen bei den Polen des Denkens existiert aber noch eine
- 266 -
Zwischenschicht, die "praktische Theorie". Es sind dies Reflexionen " ...
mit Erkenntnisanspruch .•. die äußerlich den unmittelbaren Handlungs-
bezug abgestreift haben. Aber ... sie haben nicht zur selbstgestellten
Aufgabe Erkenntnis tatsächlich aufweisbarer Seinsbezüge, vielmehr wen-
den sie sich zentral an die konkrete Existenz und ihre Orientierung in
der Welt durch entsprechende Akte der Indoktrinierung. Sind sie nicht
selber Handlung, so sind sie doch Handlungsentwürfe, Handlungspro-
gramme, kurz "Doktrinen"." (ebd., S. 250 f) Diese "praktischen Theo-
rien" stehen zwischen dem Denken für die reine Situationsbewältigung
(Praxis) und dem wissenschaftlichen Denken (Theorie), da sie zwar über
einzelne konkrete Handlungssituationen hinausgehen und gewissermaßen
eine "Doktrin" schaffen wollen, durch die ein Individuum in den unter-
schiedlichen Situationen, in denen es sich erfahrungsgemäß befinden
kann, seine Handlungen steuern kann; aber genau dadurch wird das Er-
kenntnisinteresse letztlich wieder völlig auf die "Praxis" ausgerichtet
und ist deshalb nicht rein "theoretisch". Die "praktischen Theorien"
sind somit einerseits "Ausdruck eines aus der Existenz selber hervorge-
wachsenen Bedürfnisses nach "Existenzerhellung'''' (ebd., S. 251), ande-
rerseits liegt aber ihre "Intention auf Veränderung der Welt" (ebd.).

Der Solidarismus muß dann als eine "gesellschaftspolitische Doktrin"


angesehen werden, wenn er auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene sich
für die Aufrechterhaltung einer bestimmten politischen Ordnung (die
demokratische "Republik") einsetzt und darüber hinaus fordert, daß die
Demokratie auch "sozial" sein müsse, d.h. daß er sowohl die in der
"sozialen Erziehung" implizierten normativen Tendenzen im staatlichen
Bildungswesen verbreiten als auch die konkreten sozialpolitischen und
-ökonomischen Maßnahmen im Sinne der "Solidarität" durch den Staat
und durch die Schaffung einer "Wirtschaftsdemokratie" realisieren will.
Auf praktisches Handeln in der gesellschaftlichen Wirklichkeit ausge-
richtet, ist für ihn die Akzeptanz der von ihm vertretenen "Grundwer-
te" und die AUlformulierung konkreter Ziele am wichtigsten, für deren
Durchsetzung sich die Solidaristen parteipolitisch und/oder in "Assozia-
tionen" unterschiedlichster Zielsetzungen engagieren 54 ) . Als eine "ge-
sellschaftspolitische Doktrin" impliziert er bei denjenigen, die seine
Repräsentanten sind, eine politische Praxis. d.h. eine klare "Parteilich-
keit" für die Realisierung der eigenen und Verurteilung und Bekämp-
- 267 -
fung entgegengesetzter "Grundwerte" und praktischer Ziele. Auch Bou-
gie ist in diesem Sinne "Politiker" gewesen, als Mitglied der "Radikal-
demokratischen Partei" und als Redner in den "Universi tes Populaires",
der "Ecole socialiste" und allen sonstigen Gruppen, Vereinigungen, Or-
ganisationen usw., zu denen er gesprochen hat.

Aber wir haben gesehen, wie er auch theoretisch versucht, eine gen aue
Trennung zwischen politischer Praxis und wissenschaftlicher Erkenntnis
zu ziehen. Aber nicht in dem Sinne, daß der Anspruch wissenschaftli-
cher "Objektivität" dazu führen soll, Wissenschaftler und Wissenschaft
völlig von der sie umgebenden gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tren-
nen, sondern genau umgekehrt sollen wissenschaftliche Erkenntnisse die
politischen Auseinandersetzungen "rationaler" machen. Wissenschaftliche
Erkenntnis soll die strukturellen und normativen Entwicklungstendenzen
der Gesellschaft aufdecken, um für die Politik Entscheidungshilfen an-
zubieten. Die Soziologie faßt die Sozialstruktur und die normativen Ten-
denzen als "soziale Tatbestände" auf, über deren gegenseitige Interde-
pendenz und weitere Evolution es möglich ist, "objektive" Erkenntnis zu
erhalten. In diesem Sinne ist er ein Positivist, wozu er sich selbst be-
kennt (vgl. Bougie 1908a: 218 0, und wir wissen, daß dies eine er-
kenntnistheoretische Formel ist, die heutzutage nicht mehr akzeptiert
werden kann.

Trotz der aus heutiger Sicht zu berücksichtigenden Einschränkung des


"Objektivitätsanspruches" wissenschaftlicher Erkenntnis bleibt aber der
Anspruch von "Wissenschaftlichkeit" in Bougies Solidarismus verständ-
lich. Er bezeichnet ihn als eine "Art umhertastender Empirismus"
(1907: 196): "Nachdem die Notwendigkeit neuer Institutionen bewiesen
worden ist, präzisiert er (der Solidarismus; C.G.) nicht fest überzeugt,
welche Formen sie annehmen sollen." (ebd.) Die "Wissenschaftlichkeit"
seines Solidarismus basiert demnach einerseits auf der empirischen
Analyse der aktuellen und antizipierbaren "normalen" Entwicklungsten-
denzen der Gesellschaft, und andererseits auf der Analyse all der Pro-
bleme, die diese "normale" Entwicklung beeinträchtigen. Auch wenn
dazu durchaus die Entwicklung von Vorschlägen zu ihrer Überwindung
gehört, so ist es nicht mehr die Aufgabe des wissenschaftlichen Soli-
- 268 -

darismus, hier genaue Entscheidungen zu fällen und sich für die Durch-
setzung bestimmter Lösungen einzusetzen.

Für den wissenschaftlichen Solidarismus impliziert dies eine "politische


Schwäche und moralische Stärke. Um Stimmen zu gewinnen, um eine
Partei zu bilden, bedürfte es ohne Zweifel Programme praktischer Maß-
nahmen, die klarer sind als diejenigen, die der Solidarismus bis jetzt
ausgearbeitet hat." (Rbd., S. 197) Da der wissenschaftliche Solidarismus
sich aber genau dessen enthält, bleibt er offen für all diejenigen, die
"unsicher über die Institutionen der Zukunft, aber sicher über die ge-
genwärtigen Aufgaben, zögernd zwischen verschiedenen Möglich keiten,
aber einverstanden über derartige Notwendigkeiten" (ebd.) sind. Der
wissenschaftliche Solidarismus bleibt durch seinen "intermediären" und
"undeterminierten Charakter" (ebd., S. 196) bestimmt (vgl. auch 1908a:
213), wodurch es ihm ermöglicht werden soll, jensei ts der praktisch-
poli tischen "Parteilichkei t" wissenschaftlich begründete Problem lösungen
zu diskutieren, die sich den "Grundwerten" der Gesellschaft möglichst
annähern. Auf dem Hintergrund der vorher aufgezeigten Aufgabentren-
nung von Politik und Wissenschaft kann deshalb u.E. tatsächlich von ei-
ner sozialwissenschaftlichen Fundierung des Solidarismus durch Bougie
gesprochen werden.
- 269 -

IV. DAS IDEAL DER "SOLIDARISCHEN" GESELLSCHAFT


IN HISTORISCHER UND SOZIOLOGISCHER PERSPEKTIVE

Der Solidarismus von Bourgeois, Buisson, Gide, Bougie u.a. stellt sich
historisch als eine "gesellschaftspolitische Doktrin" dar, die unter Wah-
rung des gegebenen Rahmens der politischen Institutionen der "Dritten
Republik" auf die Veränderung der Wirtschaftsordnung zielt. Ein umfas-
sendes Sozialversicherungssystem und Arbeitsschutzgesetze durch den
Staat, gesetzliche Grundlagen für Tarifvertragsverhandlungen und bei
Arbeitskämpfen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, die Einfüh-
rung des konsultativen "Nationalen Wirtschaftsrats" , die Durchsetzung
von Elementen der Mitbestimmung in betriebliche Entscheidungsstruktu-
ren mit dem Ideal der genossenschaftlichen Umgestaltung der Wirt-
schaftsordnung usw., d.h. insgesamt ein begrenzter Staatsinterventionis-
mus und die "Wirtschaftsdemokratie" sollen einen institutionellen Wan-
del herbei führen, dessen Ziel es ist, den ökonomischen Antagonismus
zwischen Kapital und Arbeit aufzulösen, indem beide als für die öko-
nomischen Prozesse notwendige Teil funktionen neben anderen betrachtet
werden; darüber hinaus sollen genau durch die Erkenntnis dieser struk-
turellen Interdependenzen nicht nur sozialökonomische Mechanismen zur
Abmilderung sozioökonomischer Ungleichheiten durchgesetzt werden,
sondern auch mögliche Tendenzen eines soziopolitischen klassenspezifi-
schen Machtkampfes reduziert und durch stabile "Bindungen" ersetzt
werden, die idealtypisch eine "moralische Solidarität" (Bourgeois) der
sozialen Gruppen und Schichten untereinander schaffen sollen. Dies sind
die Grundlagen einer nicht mehr nur politischen, sondern umfassenden
"sozialen" Demokratie.

Diese Gesamtcharakterisierung des Solidarismus verdeutlicht, daß er im


Sinne von Durkheim als ein "Sozialismus" bezeichnet werden kann. Er
hat den "Sozialismus", wie folgt, definiert: "Man nennt jede Doktrin
sozialistisch, die die Anbindung aller ökonomischen Funktionen oder
einiger von ihnen, die gegenwärtig diffus sind, an die leitenden und
bewußten Zentren der Gesellschaft fordert." (Durkheim 1971: 49) In
den "Le;ons de sociologie" führt er explizit aus, daß es vor allem dem
Staat obliegt, die Funktion eines "reflektierenden" und "organisierenden
Zentrums" zu erfüllen (vgl. 1969: 86 f), worauf wir noch präziser ein-
- 270 -
gehen werden. In dieser Definition des "Sozialismus" ist also weder die
Veränderung der Eigentumsverhältnisse, noch die aus "Klassenkämpfen"
resultierende Veränderung politischer Machtstrukturen, noch die Einfüh-
rung bestimmter Produktions- und Distributionsmechanismen u. dgl. von
Bedeutung, sondern ausschließlich die Tatsache, daß die Wirtschaftssub-
jekte in ihren Entscheidungen in staatlich fixierte Rahmenbedingungen
bzw. Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Da der Solidarismus sich
für einen, wenn auch begrenzten Staatsinterventionismus in die ökono-
mischen Prozesse ausspricht, ist er also in diesem Sinne eine Variante
des "Sozialismus".

Wie Filloux hervorhebt, lassen sich mit dieser Definition die graduellen
Unterschiede zwischen den verschiedenen "sozialistischen" Doktrinen
aufzeigen, je nach dem, wie weit der Staatsinterventionismus geht (vgl.
Filloux 1977: 303). In Kap. II.3. 2.-4. haben wir die Differenzen zwi-
schen Solidarismus, Reformsozialismus und Kollektivismus in Frankreich
vor 1914 dargestellt, und es ist bereits deutlich geworden, daß einer
der wichtigsten Unterschiede dabei in den Konzeptionen über die zu-
künftige Rolle des Staates in der Wirtschaft liegt. Reformsozialismus
und Kollektivismus wünschen im Gegensatz zum Solidarismus eine um-
fassende Verstaatlichung der Produktionsmittel, wobei die Reformisten
im Gegensatz zu den Kollektivisten aber betonen, daß die "Verfügungs-
gewalt" über jene bei den Produzenten selbst liegen muß, während die
Kollektivisten nach heutigem Sprachgebrauch eine "Zentralverwaltungs-
wirtschaft" anstreben. Die Reformisten nähern sich in diesem Punkt
wiederum den Solidaristen an, die aber nicht nur fordern, daß die Pro-
duzenten die "Verfügungsgewait", sondern auch das Eigentum an Pro-
duktionsmitteln besitzen. Die Solidaristen fordern die Verstaatlichung
nur im Falle monopolartiger Marktbeherrschung oder bei Gütern und
Dienstleistungen "nationalen Interesses" (Infrastruktur, Energieversor-
gung, kommunale Dienstleistungen u.a.). Das Privateigentum an Produk-
tionsmitteln soll aber möglichst eine "kollektive", d.h. genossenschaftli-
che Form annehmen, in der sich besser "wirtschaftsdemokratische"
Zielsetzungen verwirklichen lassen.

Die "sozialistische" Komponente des Solidarismus ist demnach in der


Eigentumsfrage nicht sehr stark ausgeprägt. Sie zeigt sich deutlicher
- 271 -
im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Der organisatorische
Schwerpunkt der Sozialpolitik soll durch die Einführung gesetzlicher Ar-
beitgeber- und -nehmerbeiträge beim Staat liegen, da die "Societes des
secours mutuels" keinen ausreichenden Sozialversicherungsschutz
gewährleisten können, denn auf Grund der Freiwilligkeit der an sie ab-
zuführenden Beiträge sind gerade diejenigen sozialen Schichten davon
ausgenommen, die diesen Schutz am ehesten benötigen (vgl. Kap.
II.3.1.).

Den umfassendsten Versuch, staatlicher Wirtschaftspolitik einen institu-


tionellen Rahmen zu geben, stellt das Projekt des "Nationalen Wirt-
schaftsrates" dar (vgl. Kap. I1I.2.3.2.). Dadurch, daß ihm nur ein bera-
tender, nicht aber ein legislativer Status zugestanden worden ist, muß
sogar eindeutig von einem Übergewicht des "politischen" gegenüber
dem "wirtschaftlichen" Parlament gesprochen werden. Trotzdem ist
auch hier wieder die eigentliche Intention zu betonen, die gerade in ei-
ner Abmilderung eines zu weitgehenden Staatsinterventionismus liegt.
Dies wird aus der Zusammensetzung der Mitglieder des "Nationalen
Wirtschaftsrates" schon ersichtlich, in dem sich ausschließlich Vertreter
ökonomischer Interessensgruppen befinden (Arbeitgeber, Gewerkschaften,
Verbraucherverbände, Genossenschaften, Versicherungsvereine auf Ge-
genseitigkeit u.a.), so daß die Hauptfunktion dieses Organs darin be-
steht, unabhängig von jeglichem staatlichen Einfluß einen Ausgleich
zwischen den partikularen ökonomischen Interessenslagen zu finden, um
dann dem Staat die jeweilige Stellungnahme der Produzenten und Kon-
sumenten darzulegen. Der "Nationale Wirtschaftsrat" schiebt sich als
ein beratendes Organ zwischen die autonomen Entscheidungen von Pro-
duzenten und Konsumenten einerseits und die die Rahmenbedingungen
festsetzende staatliche Wirtschaftspolitik andererseits, so daß diese
Form des Staatsinterventionismus nur eine "mittelbare" und nicht eine
"unmittelbare" Anbindung der Wirtschaft an den Staat darstellt und das
sowohl aus Gründen der ökonomischen Rationalität als auch wegen des
notwendigen "Machtgleichgewichtes" zwischen den ökonomischen und
politischen Institutionen (vgl. Filloux 1977: 285). Auf den hierbei wich-
tigen Aspekt des Informationsaustausches zwischen Staat und Produzen-
ten werden wir gleich noch näher eingehen, wenn die eigentliche Funk-
tion des Staates nach Durkheim dargestellt worden ist.
- 272 -

Bei der Veränderung der Wirtschaftsordnung wird der eigentlichen


"Wirtschaftsdemokratie" eine mindestens ebenso wichtige, wenn nicht
noch bedeutendere Rolle als dem Staatsinterventionismus zugeschrieben.
Sie impliziert auf Grund der nachgewiesenen funktionalen Interdepen-
denzen zwischen allen ökonomischen Faktoren (Kapital, Leitung, Ver-
waltung, Produktion, Konsum, technische Innovationen u.a.) vor allem
demokratisch legitimierte und kontrollierbare Entscheidungsprozesse in
den Unternehmen sowie Gewinn- und Kapitalbeteiligungen in Arbeit-
nehmerhand, wenn möglich eine Überführung in genossenschaftliches Ei-
gentum. In diesem Sinne läßt sich Buisson explizieren, der den Solida-
rismus als eine "integrale Demokratie"l) bezeichnet (neben der politi-
schen auch die wirtschaftliche) und als Ideal "weder die Kaserne, noch
die Bürokratie, noch die Funktionärsherrschaft ", sondern "das Land,
welches die Lohnarbeit abgeschafft haben wird, als eine große Koope-
rative, eine Föderation der Föderationen" (Buisson 1908: 239) ansieht.

Die Tatsache, daß es also insgesamt möglich ist, den Solidarismus als
eine, wenn auch abgeschwächte Form des "Sozialismus" nach Durkheim
zu charakterisieren, ist ein weiteres Indiz für dessen Nähe zum Re-
formsozialismus von Jaures und den anderen Absolventen der "Ecole
Normale Superieure" (vgl. Kap. 11.3.4. und 5.1.). Solidaristen und Re-
formsozialisten akzeptieren als "Republikaner" die bestehende poli tische
Ordnung, weil die Durchsetzung der "Republik" das grundsätzliche Ziel
der französischen Linken im 19. Jahrhundert gewesen ist; mit ihren
Forderungen nach einem mehr oder weniger stark begrenzten Staatsin-
terventionismus und der "Wirtschaftsdemokratie" bringen sie aber zum
Ausdruck, daß durch die bestehende kapitalistische Wirtschaftsordnung
die französische Gesellschaft der Dritten Republik weder genügend de-
mokratisiert, noch wirklich "solidarisch" ist. Die Wiederaufwertung der
"sozialen Solidarität" als einem politischen Schlüsselbegriff zur Unter-
stützung konkreter sozialökonomischer Ziele wird dabei auch indirekt
von Autoren wie Durkheim ermöglicht, die jenseits aktueller politischer
Programme die grundsätzliche soziologische Dimension dieses Begriffs
aufzeigen (vgl. Kap. II.l.). Es ist von daher nicht erstaunlich, daß
Durkheim (im Gegensatz zu seinen Schülern) gerade auf Grund seiner
bewußt allgemein gehaltenen "Reformhypothese" den Soli da risten und
den Reformsozialisten gleichermaßen nahestand (vgl. Birnbaum 1971:
14 f).
- 273 -

Hierin liegt wohl auch die Ursache für die späteren so unterschiedli-
chen, teilweise völlig konträren politischen Interpretationen von Durk-
heims Ansatz, die von "konservativ" über "liberal" bis zu "sozialistisch"
reichen (vgl. Logue 1983: 151). Eine Einschätzung mi ttels dieser Kate-
gorien müßte u.E. folgendes beachten: Er ist "konservativ" in dem Sin-
ne, daß er gemäß dem Comteschen Prinzip von "Ordnung und Fort-
schritt" radikalen Brüchen ablehnend gegenübersteht (vgl. König 1975:
174 ff) und statt der Überspitzung des politischen Machtkampfes (et-
wa im Sinne der Marxschen These von der Errichtung der "Diktatur des
Proletariats") die bestehende "republikanische" Ordnung verteidigt (wie
die gesamte reformistische französische Linke); er ist "liberal" in dem
Sinne, daß er als den "Motor" jeglicher ökonomischen Entwicklung die
möglichst ungehinderte Entfaltung individueller und kollektiver Eigenini-
tiativen und nicht den Staat ansieht, der jene nur bremsen würde; er
ist aber auch "sozialistisch" in dem Sinne, daß er den Selbststeue-
rungsmechanismen einer reinen Marktwirtschaft mißtraut, was der Ver-
weis auf die "anomische" Arbeitsteilung und die Betonung der Notwen-
digkeit der Berufsgruppen und ihrer "nationalen Korporationen" sowie
"mittelbarer" Interventionen des Staates beweist.

"Sozialismus" bedeutet für ihn demnach vor allem eine Antwort auf das
"Bedürfnis der Organisation" (Durkheim 1971: 55) der Wirtschaft, was
auch schon sein Schüler Paul Lapie hervorgehoben hat (vgl. Filloux
1977: 302). "Organisation" statt "Anarchie" oder "Anomie" in den Be-
ziehungen zwischen den verschiedenen Kategorien der Produzenten: Dies
entspricht sowohl der Perspektive Saint-Simons als auch seiner eigenen
Definition des "Sozialismus", wenn man bedenkt, daß er die Rolle des
Staates in der eines "reflektierenden" und "organisierenden Zentrums"
sieht, die in diesem Kontext verdeutlicht werden muß.

Der Staat wird dabei von seiner Funktion für die Gesellschaft her be-
stimmt. In dieser existieren unterschiedliche "Strömungen", die unab-
hängig von jenem über die gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen re-
flektieren und auf ihn Druck ausüben. "Es gibt so ein ganzes psychi-
sches Leben, welches diffus in der Gesellschaft ist." (Durkheim 1969:
85) Dem Staat fällt nun die Aufgabe zu, die aus den unterschiedlich-
- 274 -
sten Gruppen und Teilbereichen der Gesellschaft kommendt::n Reflek-
tionsleistungen mit seinen eigenen zu koordinieren und dadurch auf ei-
nen "höheren Grad an Bewußtsein und Reflektion" zu bringen. Er re-
präsentiert auf diese Weise nicht das gesamte gesellschaftliche "Kol-
lektivbewußtsein" , sondern "er ist nur der Sitz eines besonderen, einge-
grenzten, aber höheren, klareren Bewußtseins, das sich selbst lebhafter
empfindet." Hieraus ergibt sich eine entscheidende Schlußfolgerung,
denn "wenn der Staat denkt und sich entscheidet, darf man nicht sa-
gen, daß die Gesellschaft durch ihn denkt und sich entscheidet, sondern
daß er für sie denkt und sich entscheidet" (Hervorhebungen durch uns).
Die Träger dieses "höheren" Bewußtseins sind eine "Gruppe von Funk-
tionären sui generis" (Regierung und Parlament, nicht die untergeord-
nete Verwaltung), die "Befehle geben, damit man handelt" (vgl. ebd.,
S. 86 f).

Mit anderen Worten, der Staat nimmt die sich überall in der Gesell-
schaft entwickelnden Reflektionsleistungen auf, versucht sie mit seinen
eigenen zu synthetisieren und auf ein höheres Niveau zu bringen, wobei
es dann bei der Staatsspitze liegt, hieraus gewissermaßen ein "Sub-
strat" zu bilden und richtungsweisende Entscheidungen für die Gestal-
tung der zukünftigen Entwicklungstendenzen der Gesellschaft abzuleiten.
Das Wichtigste bei dieser Bestimmung der Funktion des Staates besteht
also darin, daß seine eigentliche Aufgabe im "Denken", nicht aber im
"Handeln" liegt: "Der Staat führt nichts aus. ( .•. ) Nichtsdestoweniger
besteht seine wesentliche Funktion im Denken." (ebd., S. 87)

Auf Grund dieser Funktionsbestimmung wird deutlich, wie nach Durk-


heim der Staatsinterventionismus im Bereich der Wirtschaft gestaltet
werden muß und eine neue Qualität erhält. "Aber der Staat selbst ist
kein Produzent. Er fügt nichts hinzu und kann nichts den Reichtümern
aller Art hinzufügen, die die Gesellschaft anhäuft und von denen das
Individuum profitiert. Was wird also seine Rolle sein? Bestimmten
schlechten Auswirkungen der Assoziation vorzubeugen." (ebd., S. 88)
Diese Auswirkungen sind die "anormalen" Formen der Arbeitsteilung,
weshalb, wie Bougie es formuliert, zur Schaffung der "Gleichheit des
Ausgangspunktes" jedes Individuums" ... der Staat in die Organisation
der Produktion wie in die der Erziehung intervenieren muß" (Bougie
- 275 -

1938: 34). Aber, wie gleichzeitig von ihm betont wird, "... der Staat
muß sich, damit diese Interventionen wirksam sind, auf intermediäre
Mächte zwischen ihm und dem Individuum stützen, die die Berufsgrup-
pen sind." (ebd.) Staatsinterventionismus im Sinne von Durkheim und
Bougie bedeutet folglich nicht, daß der Staat die gesamten ökonomi-
schen Aktivitäten leitet und damit fast zum alleinigen Wirtschaftssub-
jekt wird. Ganz im Gegenteil soll er sich auf die praktischen Erfahrun-
gen der Produzenten stützen, um diejenigen Regeln zu entwickeln und
dann gesetzlich zu fixieren, die ein optimales Funktionieren der ökono-
mischen Prozesse garantieren. Die Schaffung des "Nationalen Wirt-
schaftsrates" sollte genau diesem Anspruch gerecht werden, und Bougie
hat den durch ihn möglichen, verstärkten Informationsfluß zwischen Po-
litik und Wirtschaft besonders hervorgehoben (vgl. Kap. 111.2.3.2.).

Indem die Funktion des Staates auf die Durchsetzung möglichst optima-
ler Rahmenbedingungen für alle Produzenten eingegrenzt wird und dies
vor allem auf "Reflektion" bzw. "Kommunikation" (Birnbaum 1971: 9)
basiert, wird noch deutlicher, was nach Durkheim "Sozialismus" als
"Organisation" der Wirtschaft bedeutet: "Im Geiste Durkheims ist die
"sozialistische" Gesellschaft die Gesellschaft mit einer gesellschaftli-
chen Arbeitsteilung, die unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses des
ökonomischen zum Politischen einen bestimmten Grad der Perfektion
erreicht hat." (Filloux 1977: 302; vg1. Müller 1983: 162) Filloux' For-
mulierung von der notwendigen "Perfektion" des Verhältnisses zwischen
Wirtschaft und Politik impliziert ein erhöhtes Maß an "Kommunikation"
zwischen beiden Teilbereichen und, damit durch diese ein Mehr an "Or-
ganisation" ermöglicht wird, zumindest unter den spezifischen histori-
schen Bedingungen um die Jahrhundertwende auch ein Mehr an Staat.
Die Verstärkung seines Interventionismus in die Wirtschaft ist aber
kein Ziel an sich, sondern nur ein Mittel für die Verwirklichung einer
"solidarischen" Gesellschaft, denn "... kann die sozialistische Gesell-
schaft etwas anderes sein als die Gesellschaft mit der organischen So-
lidarität in ihrer Perfektion?" (Filloux 1977: 302)

Durch die Bestimmung der Funktion des Staates als ein "reflektieren-
des" und "organisierendes Zentrum", welches als Wirtschaftssubjekt
selbst kaum in Erscheinung tritt, wird aber auch verständlich (verstärkt
- 276 -
durch die eindringliche Warnung von einem "Überstaat"), daß Durk-
heims Konzeption nicht nur von den Reformsozialisten, sondern auch
von "liberalen" Kreisen aufgegriffen wurde. Logue hat herausgearbei-
tet, daß sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein "neuer" Liberalismus
in Frankreich bildete, der sich immer mehr von der Politischen ökono-
mie des Laisser-faire distanzierte. "Liberalism was born in the convic-
tion that man could undertake through reason the control of his own
affairs, and sociology would help restare this original impulse by sho-
wing that the activities of society, led by, but not absorbed by, the
state, could be expanded without the diminution of individual freedom."
(Logue 1983: 179) Obwohl sich die "neuen" Liberalen anfangs mehr an
Alfred Fouillee als an Durkheim orientieren (vgl. ebd., S. 175), wird
durch Bougies soziologische Fundierung des Solidarismus deutlich, wei-
chen Beitrag der Ansatz der Durkheim-Schule für die Konzeption einer
gleichermaßen individualistischen und egalitär-solidarischen Gesellschaft
leisten kann. Der "neue", oder wie man präziser sagen müßte, der "so-
ziale" Liberalismus findet vor 1914 in der Form des Solidarismus seine
endgültige Ausformulierung als "gesellschaftspolitische Doktrin".

So läßt sich zusammenfassend für den historischen Kontext sagen, daß


sich unter dem Einfluß der Schüler von Emile Durkheim Solidarismus
und Reformsozialismus während der Dri tten Republik (vor allem vor
1914) zu zwei unterschiedlichen, sich aber dennoch teilweise sehr nahe-
stehenden politischen Reformprogrammen entwickeln, die aus dessen
soziologischem Ansatz einer funktional und sozial differenzierten, ar-
beitsteiligen Gesellschaft konkrete Maßnahmen für die Veränderung der
Wirtschaftsordnung (unter Wahrung der politischen Institutionen der
"RepUblik") ableiten. Beide stehen dabei in der französischen "republi-
kanischen" Tradition des 19. Jahrhunderts und versuchen die zwei, durch
die kapitalistische Wirtschaftsordnung verdrängten Prinzipien der
Revolution von 1789, "Gleichheit" und "Brüderlichkeit", durch das "50-
Iidaritätsprinzip" wiederaufzuwerten. Die von den Solidaristen und Re-
formsozialisten vorgeschlagenen Maßnahmen zur Realisierung eines
"dritten Weges" zwischen Kapitalismus und Kollektivismus können aber
nur vor dem Hintergrund der spezifischen historischen Bedingungen der
Wirtschafts- und Sozialstruktur Frankreichs während der Dritten Repu-
blik verstanden werden. Wir wollen deshalb abschließend darauf einge-
- 277 -
hen, welche grundsätzliche soziologische Perspektive sich im Sinne einer
"solidarischen" Gesellschaft aus dem Ansatz von Durkheim und Bougie
ergibt.

Durkheims soziologischer Begriff der Solidarität ist, wie schon darge-


stellt, auf die Notwendigkeit eines Werte- und Normensystems ausge-
richtet, welches möglichst allen Individuen einer Gesellschaft gemein-
sam ist und somit ihr "Kollektivbewußtsein" bildet. Ihre bei den Formen,
"mechanisch" bzw. "organisch", sind daher funktional äquivalent, und
die Frage, welche der beiden dominant sein muß, muß entsprechend
dem Entwicklungsstand der "gesellschaftlichen" Arbeitsteilung beant-
wortet werden, oder, wie Bougie präzisiert, entsprechend dem Grad der
"Individualisierung" der ökonomischen Arbeitsteilung und des Fortschrei-
tens von sozialer Differenzierung und Verflechtung. Gemäß dieser
sozialstrukturellen Kriterien muß in der modernen Industriegesellschaft
die "organische" Solidarität vorherrschen, da sich in ihr einerseits der
"Kult des Individuums" (die ungehinderte Entfaltung der persönlichen
Fähigkeiten jedes Individuums) und andererseits ihr Zusammenhalt durch
die "VerSChiedenartigkeit" ausdrückt. Wenn also "die funktionale Not-
wendigkeit des moralischen Individualismus in den industriellen Gesell-
schaften" (Filloux 1977: 177) anerkannt wird, dann muß, und das ist
angesichts der "anormalen" Formen der Arbeitsteilung das eigentlich
zentrale Problem, nach den gesellschaftlichen Bedingungen für diesen
"Individualismus" gefragt werden. Wir sehen bei Durkheim und Bougie
im wesentlichen zwei:

Die erste wird von verschiedenen Autoren als struktureller oder institu-
tioneller "Pluralismus" bezeichnet (vgl. Filloux 1977: 285; Logue 1983:
167; Müller 1983: 166). Damit ist nicht nur gemeint, daß im engeren
Sinne der Staat die politischen Grundrechte garantiert, sondern dahinter
verbirgt sich vor allem das Problem des "MaChtgleichgewichts" zwischen
den verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen. Durkheim hat dies in
seiner Staatssoziologie mit dem Begriff des "Gegengewichts" und Bou-
gie mit dem des strukturellen Phänomens der "Vereinigung" der Gesell-
schaft ausformuliert, und sie sind sich in der Warnung vor einem
"Überstaat" einig, der die "Heterogenität" und die Eigeninitiativen von
Individuen und Gruppen nicht nur bei den ökonomischen, sondern auch
- 278 -
politischen, religiösen, kulturellen u.a. Aktivitäten bedrohen kann (vgl.
Kap. III.3.2.). Ihr "pluralistischer" Ansatz muß deshalb, was speziell das
Verhältnis der politischen zur wirtschaftlichen Ordnung anbetrifft, zu-
nächst als eine Unterstützung der "liberalen" Perspektive verstanden
werden, nach der ein direkter Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher
und politischer Freiheit besteht, und sie deshalb eine staatliche "Zen-
tralverwaltungswirtschaft" ablehnen. Wie dargestellt, soll der Staat
nicht oder nur in geringem Maße selbst ökonomisch aktiv werden und
stattdessen vor allem die Rahmenbedingungen für das Handeln der
Wirtschaftssubjekte festlegen.

Aus ihrem "pluralistischen" Ansatz ergibt sich aber auch eine dem
Klassischen Liberalismus gegenüber kri tische Perspektive. Als mögliches
Wirtschaftssubjekt stehen nicht der einzelne Unternehmer, sondern, und
das ist bei Bougie besonders deutlich, die "assoziierten Produzenten" im
Zentrum seines Interesses. Die Idee der "private collective activity"
(Logue 1983: 204) muß als eine Erweiterung der Konzeption der unter-
nehmerischen Tätigkeiten innerhalb einer marktwirtschaftlichen Ordnung
verstanden werden, die auch von Gide ausdrücklich unterstützt wird
(vgl. Gide 1912: 36, Anm. I). Die Verbindung und Ausrichtung ver-
schiedener individueller Eigeninitiativen auf autonom gewählte, kollekti-
ve Zielsetzungen wird von Bougie darüber hinaus als eines der wesentli-
chen Grundelemente der "sozialen Erziehung" angesehen (vgl. Kap.
IIJ.4.2.).

Statt mit einer "Zentralverwaltungswirtschaft" ist ihr Pluralismus aber


mit einer "korporatistischen" Dimension vereinbar, auf die, wie Bougie
hervorhebt, bereits Mauss aufmerksam gemacht hat: "Und deshalb ist
Marcel Mauss berechtigt zu sagen, daß die Korporatisten unserer Tage
- die übrigens voneinander ziemlich unterschiedliche Formen syndikaler
Gruppierungen einzuführen versuchen - wenn sie weiser wären, sich
auf die Autorität Durkheims berufen könnten." (Bougie 1938: 34) Die
hierin enthaltene Kritik richtet sich natürlich nicht gegen die Solida-
risten, sondern gegen die links- bzw. rechtsextremistischen Aktivisten
des "revolutionären Syndikalismus" und der "Action fran:;aise". Beson-
ders in bezug auf die letzteren muß aber angemerkt werden, daß sich
ihre "korporatistischen" Vorstellungen nicht an "Machtgleichgewicht"
- 279 -

und "Kommunikation" und damit "Konsens", sondern an den bereits


verwirklichten Modellen des "autoritären" Korporatismus in den damals
faschistischen Staaten (Italien, Portugal, Österreich und NS-Deutsch-
land) orientieren. Ob nun aber die von Durkheim und Bougie unter-
stützten Prinzipien eines "pluralistischen" Korporatismus ausreichen, die
heute diskutierten Probleme der "Technokratie" und des "Verbändestaa-
tes" zu lösen, ist eine Fragestellung, die wir innerhalb unseres histo-
risch-soziologischen Kontextes nicht mehr beantworten können 2 ).

Die zweite gesellschaftliche Voraussetzung für einen generalisierten


"Individualismus" ist der Egalitarismus, der von Bougie, wie dargestellt
worden ist, noch sehr viel stärker betont worden ist als von Durkheim.
Dieser hat sich deutlich für das "meritokratische" Prinzip bei der Gü-
terdistribution ("jedem nach seinen Leistungen") ausgesprochen, mit
dem er die aus der "aufgezwungenen" Arbeitsteilung resultierende klas-
senspezi fische soziale Ungleichhei t kri tisiert.

Das "meritokratische" Prinzip wird dadurch legitimiert, daß "die gesell-


schaftliche Arbeitsteilung von einer hierarchisierten Differenzierung der
Funktionen begleitet wird, die zu einer "immer zunehmenden Ungleich-
heit" führt." (Filloux 1977: 186) Diese Hierarchisierung ist nicht nur
zulässig, sondern sogar funktional notwendig, denn nur durch die Un-
gleichheit der Einkommen können Individuen dazu stimuliert werden,
Funktionen zu übernehmen, bei denen überdurchschnittliche Fähigkeiten
verlangt werden (vgl. ebd.). Voraussetzung für die Anwendung des "me-
ritokratischen" Prinzips ist aber die "Chancengleichheit" für alle Indivi-
duen, damit sie ihre jeweils unterschiedlichen Neigungen und Fähigkei-
ten durch das Erziehungswesen und die Berufsausbildung voll entwickeln
können. Nur durch die "Chancengleichheit" wird das ermöglicht, was
bei Durkheim schon angelegt ist (vgl. ebd., S. 189), aber durch Bougie
erst explizit ausformuliert wird: Die notwendige Adäquanz zwischen den
funktional immer weiter differenzierten ökonomischen u.a. Aktivitäten
(auf gesellschaftlicher Ebene) und der gleichzeitig ungehinderten Ent-
faltung der persönlichen Neigungen und Fähigkeiten (auf der Ebene der
Individuen), damit jene von dementsprechend "befähigten" Individuen er-
füllt werden und diese sich in jenen "selbstverwirklichen" können. Nur
- 280 -
auf diese Weise wird eine Verbindung des gesellschaftlich "Nützlichen"
mit dem für die Individuen "Gerechten" möglich (vgL Kap. I1I.4.2.).

Durkheim und Bougie erscheinen damit als funktionale Schichtungstheo-


retiker (vgL Filloux 1977: 186), denn ausdrücklich werden mit ihrem
Egalitarismus nicht "gleichmacherische" Tendenzen im Sinne einer
"Gleichheit der Resultate" (d.h. der Nivellierung sozioökonomischer
Verhältnisse) impliziert. Trotz des in ihrem Egalitarismus enthaltenen
"utopischen Elements" (eine perfekte "Chancengleichheit" ist letztlich
ohne eine zunehmende "Gleichheit der Resultate" nicht realisierbar;
vgl. Logue 1983: 174), muß aber als ein realistisches "Minimalpro-
gramm" festgehalten werden, " ... to attenuate inequalities of oppor-
tunity" (ebd.).

Fassen wir die soziologische Perspektive zusammen: Pluralismus und


Egalitarismus sind die beiden "institutionalisierten" Voraussetzungen,
damit sich in der modernen Gesellschaft ein generalisierter "Individu-
alismus" entwickeln kann, der alle Lebensbereiche des Individuums um-
faßt. Nur durch die Verbindung dieser drei Faktoren kann die "organi-
sche" Solidarität sich durchsetzen und damit das Ideal einer "solida-
rischen" Gesellschaft. Dieses Ideal ist " ... like that of liberal econo-
mists and the socialists, that of a society of spontaneous harmony ... "
(ebd., S. 173), und es sieht sich " ... mit dem Paradox der optimalen
Organisation der Spontaneitäten konfrontiert" (Filloux 1977: 206).
Durkheims und Bougies makrosoziologische Theoriebildung mag als ein
Versuch der "Quadratur des Kreises" erscheinen, dabei drückt sich in
ihm nur das Bemühen aus, eine Lösungsmöglichkeit für die notwendige
Vermittlung zweier grundlegender "Bedürfnisse" der modernen Gesell-
schaft zu finden: Autonomie und Organisation. Indem sie hierfür grund-
sätzliche theoretische Perspektiven aufgezeigt haben, liegt u.E. die bis
heute gültige Aktualität ihres Werkes.
- 281 -

ANMERKUNGEN

EINLEITUNG

I) Vgl. die Serie von Sondernummern der "Revue frant;:aise de socio-


logie" über die Gründungsphase der französischen Soziologie:

- "A propos de Durkheim", RFS, Nr. XVII-2, 1976

- "Les Durkheimiens". RFS, Nr. XX-I, 1979

- "Sodologie frant;:aise au tournant du siecle: les concurrents du


groupe durkheimien", RFS, Nr. XXII-3. 1981

- "La sociologie frant;:aise dans I' entre-deux-guerres", RFS, Nr.


XXVI-2. 1985

2) So ergibt sich bei den vier wichtigsten Durkheim-Schülern, Mauss,


Bougie, Halbwachs und Simiand (vgl. Karady 1981: 38 f), folgen-
des Bild. Am bekanntesten sind die ethnologischen Arbeiten von
Mauss. von denen drei übersetzt worden sind: Die Gabe. Form und
Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften, Frankfurt
a.M. 1968; Soziologie und Anthropologie. Band I und 2. München
1974/75; Marrokanische Reise, Frankfurt a.M. 1980.

Von Halbwachs sind nur seine beiden Bücher über das "kollektive
Gedächtnis", nicht aber seine empirischen Arbei ten zur Schich-
tungsanalyse sowie zur sozialen Morphologie und dem Urbanismus
übersetzt worden: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen,
Berlin 1966; Das kollektive Gedächtnis, Stuttgart 1967. Von Bou-
gie und Simiand existieren dagegen überhaupt keine Übersetzungen
ins Deutsche, obwohl zumindest über Simiand schon in den dreiBi-
ger Jahren eine Dissertation geschrieben worden ist:
Oorothea Knoblauch - Die Methodologie Frant;:ois Simiands, Uni-
versität Köln 1935 (vgl. zusätzlich: Hansjürgen Daheim - Frant;:ois
Simiand. Ein empirisch-theoretischer Ansatz in der Wirtschaftsso-
ziologie, in: Soziologie in weltbürgerlicher Absicht. Festschrift für
Rene König zum 75. Geburtstag. herausgegeben von Heine von
Alemann und Hans-Peter Thurn. S. 175-199, Opladen 1981).
- 282 -

3) Vgl. neben der in Anmerkung des Kap. I. angegebenen Litera-


tur:
Georges Gurvitch - La vocation actuelle de la sociologie, Tome
H, Chap. VIII und X, Paris 1963.

Raymond Aron - Hauptströmungen des soziologischen Denkens,


Band 2. Köln 1971.

Rene König - Einleitung, in: Emile Durkheim - Die Regeln der


soziologischen Methode, S. 21-82. Berlin 1970.

Rene König - Emile Durkheim zur Diskussion. Jenseits von Skepsis


und Dogmatismus, Köln 1978.

Niklas Luhmann - Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie,


in: Durkheim 1977: 17-35.

Anthony Giddens - Durkheim, Fontana 1978.

4) Vgl. über Pesch zusammenfassend jeweils unter dem Stichwort


"Solidarismus" die Beiträge von Th. Brauer (in: Handwörterbuch
der Staatswissenschaften, Siebter Band, S. 503-507. Jena 1926)
und G. Gundlach (in: Staatslexikon (der GÖrres-Gesellschaft).
Vierter Band, S. 1613-1621, Freiburg 1931).
- 283 -

KAPITEL I.

1) Für die zusammenfassende Darstellung von Durkheims Arbeitstei-


lungstheorie haben wir uns gestützt auf: Halbwachs (1918), König
(1975), Lukes (1973), Filloux (1977), Logue (1983), Müller (1983)
und Tyrell (1985).

2) Die Präzisierung der Phasen dieses langfristigen, geschichtlich-ge-


sellschaftlichen, gleichzeitig strukturellen und normativen Trans-
formationsprozesses stellt eine der wesentlichsten Theoriebildungen
BougIes dar (vgl. Kap. 111.3.). Durkheim selbst kommt in den
"Regeln der soziologischen Methode" (vgl. Durkheim 1970a, Kap.
4) zu einer weitergehenden Unterscheidung verschiedener "Gesell-
schaftstypen".
- 284 -

KAPITEL H.

1) Hayward 1959: 270 f, und Gide 1932: 30 f, verweisen darüber hin-


aus auf die Ursprünge dieser juristischen Konzeption im Römischen
Recht.

2) "Zwar erlaubt das beschleunigte wirtschaftliche Wachstum bis zur


Krise 1847/48 nicht, von einer "Take-Off-Phase" im Industrialisie-
rungsprozeß Frankreichs zu sprechen; dennoch machte die kapitali-
stische Produktionsweise nicht unbeträchtliche F ortschri tte." (Zie-
bura 1979: 133)

3) Oe Maistre, Ballanche, aber auch de Bonald sind die wichtigsten


Vertreter dieser Theologie (vgl. Hayward 1959: 274 f).

[)e Bonald will die "Philosophie des Ich" der Aufklärung durch eine
"Philosophie des Wir" ersetzen. Demnach sei die Familie das von
Gott geschaffene Grundelement jeder menschlichen Gemeinschaft
und sie unterstehe der Autorität des Vaters; ganz analog dazu ent-
stehe die Gesellschaft nicht aus dem freiwilligen Vertragsabschluß
zwischen Individuen (wie bei Rousseau), sondern sie ist ein eigen-
ständiges "Wesen" und kann nicht nach demokratischen Prinzipien,
sondern nur durch von Gott berufene Dynastien regiert werden (vgl.
Bougie 1935c: 14). Trotz seiner antidemokratischen Intentionen hat
de Bonald, wie Bougie hervorhebt (vgl. 1935b: 88), immerhin das
Verdienst, als einer der ersten Theoretiker Gesellschaft nicht nur
als etwas rein "Voluntaristisches" (d.h. ausschließlich auf einem
freiwilligen Zusammenschluß beruhend) zu definieren, sondern auch
als etwas "Gegebenes". d.h. den Menschen sowohl als ein indivi-
duelles als auch als ein kollektives "Wesen" zu verstehen. und da-
mit ungewollt eine soziologische Perspektive zu eröffnen, die da-
nach etwa von Comte und Fouillee aufgegriffen worden ist (vgl.
(Abschnitt 2.2. und Kap. 111.1.3.).

4) Die wichtigsten Frühsozialisten während der Juli-Monarchie sind:


Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865). Louis Blanc (1811-1882), Phi-
- 285 -

lippe Buchez (1796-1865), Pierre Leroux (1797-1871), Louis-Augu-


ste Blanqui (1805-1881) und Etienne Cabet (1788-1856). Die wich-
tigsten antiliberalen und -klerikalen Theoretiker vor dieser Zeit
sind Claude-Henri de Saint-Simon (1760-1825) und Charles Fourier
(1772-1837). Einen kurzen Überblick über ihre theoretischen Ansät-
ze gibt Ziebura 1979: 120 f, 134 ff. Auf einige unter ihnen werden
wir im Zusammenhang mit Bougies Darstellung der historischen
Grundlagen der solidaristischen Sozialökonomie noch genau eingehen
(vgl. Kap. Il1.2.).

5) Diese Konzeption wird später, wie wir noch zeigen werden, von
Leon Bourgeois weiter präzisiert (vgl. Abschnitt 2.2.).

6) Der Psychologe Henri Marion, ein Schüler des im 19. Jahrhunderts


wichtigsten französischen Neo-Kantianers Charles Renouvier veröf-
fentlicht 1883 die Studie "Die moralische Solidarität. Versuch einer
angewandten Psychologie". Bougie resümiert seinen Ansatz, wie
folgt: "Indem Marion die Grenzen unserer Freiheit festzusetzen
suchte, entdeckte er Bindungen aller Art,' die das Individuum nicht
nur an seine eigene Vergangenheit, sondern durch die Sympathie,
durch die Nachahmung, durch alle Formen der Suggestion und des
Druckes an sein historisches Milieu anbindet." (Bougie 1907a: 3 f)

Der Jurist Leon Duguit versucht die strenge Bipolarität zwischen


dem individuell-privaten und öffentlich-staatlichen Recht zu über-
winden, um auch intermediären Kollektivitäten einen eigenen
Rechtsstatus zu geben und begründet mit dieser Zielsetzung den
"juristischen Solidarismus". Diese Bipolarität war eine Folge des
Dekretes von Allarde und des Gesetzes von Le Chapelier (beide
1791), welche im Zuge der Revolution die vollständige Auflösung
der Zünfte ordnung und das Verbot von Neugründungen von Berufsas-
soziationen verfügten. Im "Code Napoleon" und später wurden diese
Gesetze in einem polizeistaatlichen Sinne zur Unterdrückung der
Koalitionsfreiheit mißbraucht. Erst 1864 wurde unter dem Druck
der Unternehmer das Koalitionsverbot wieder aufgehoben und die
Bildung von "Syndikaten" (Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften)
zugelassen. Unter der Dritten Republik wurde 1884 ein neues Ge-
- 286 -

werkschaftsgesetz erlassen und 1893 konnte die "Confederation Ge-


nerale du Travail" (CGT) als erster nationaler Dachverband der
französischen Gewerkschaften gegründet werden (über Duguits pro-
tagonistische Rolle bei der theoretischen Grundlegung dieser neuen
Rechtspolitik, vgl. J.E.S. Hayward - Solidarist Syndicalism: Durk-
heim and Duguit, in: The Sociological Review, New Series, vol. 8,
S. 17-36, 185-202, 1960; Dieter Grimm - Solidarität als Rechts-
prinzip: Die Rechts- und Staatslehre Leon Dugui ts in ihrer Zeit,
Frankfurt 1973; Logue 19a3: 195 ff).

Auf die biologischen Studien kommen wir am Anfang des Ab-


schnitts 2. zurück.

7) Fouillee (J 838-1912) muß als der eigentliche Vordenker des späte-


ren Solidarismus angesehen werden. Sein Hauptanliegen ist die Be-
gründung einer "reformistischen Soziologie", die die wissenschaftli-
chen Grundlagen für eine langfristige Reformpolitik schaffen soll.
Insbesondere was die Ausdehnung der Staatsaktivitäten anbetrifft
(Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Aufkauf von Grundbesitz zur Ver-
hinderung von Bodenspekulation, finanzielle Umverteilungen über
Steuern und Sozialgesetzgebung u.a.), nähert er sich dem "Staatsso-
zialismus" des 1872 in Deutschland gegründeten "Vereins für So-
cialpolitik" an, auf den wir im Abschnitt 4.1. noch eingehen wer-
den. Den Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit versucht er
durch Modelle der Gewinn- und Kapitalbeteiligung der Arbeiter und
Mitbestimmung, wenn möglich Selbstverwaltung in den Unternehmen
u.a. abzumildern bzw. zu überwinden. Alle seine praktischen Re-
formvorschläge basieren auf sozialphilosophischen Vorüberlegungen,
die den Versuch einer positiven Synthese verschiedenster theoreti-
scher Ansätze, vor allem des idealistischen Individualismus in der
Tradition Kants und der bio-sozialen Doktrinen von Evolutionismus
und Drganizismus darstellen und zu einer Kritik von Klassischem
Liberalismus und Marx' Historischen Materialismus führen (vgl.
über Fouillee zusammenfassend: Hayward 1963 und Logue 1983: 129
ff). Auch Durkheim hat sich kritisch mit Fouillee auseinanderge-
setzt (vgl. seine umfassende Analyse des Buches "Das gesellschaft-
liche Eigentum und die Demokratie", abgedruckt in: Durkheim
1970b: 171 ff).
- 287 -

8) Vgl. Hayward 1961: 21; Ruby 1971: 19. Die umfassendste Biogra-
phie über Bourgeois stammt von Hamburger (1932).

9) Vgl. über Bourgeois' internationale Aktivitäten zusammenfassend:


Hayward 1961: 41 ff; Ruby 1971: 90 ff.

10) Mit Klassischem Liberalismus bezeichnen wir im folgenden die


"Gesamtheit der Gesellschafts-. Staats- und Wirtschaftslehren, die
den größt möglichen gesellschaftlichen Fortschritt. "das größte
Glück der größten Zahl". von der freien, nicht durch staatliche.
gesellschaftliche und geistige Bevormundung gehinderten Entfaltung
der Anlagen und Fähigkeiten des einzelnen erwarten." (Lexikon
zur Soziologie 1975. Bd. 2, S. 404) Politisch werden die Forderun-
gen des Klassischen Liberalismus zur Grundlage aller individuellen
Freiheitsrechte gegenüber dem Staat. so wie sie in den Menschen-
und Bürgerrechtserklärungen festgeschrieben worden sind. "Auf
wirtschaftlichem Gebiet sieht der L. im freien Spiel der Kräfte,
d.h. in dem ungehinderten, allein durch das private Eigeninteresse
der am Wirtschaftsprozeß Beteiligten gesteuerten Wettbewerb die
Voraussetzung für Fortschritt. allgemeinen Wohlstand und soziale
Gerechtigkeit. Die Tatsache. daß dieses System in seiner Entfal-
tung die ökonomisch Stärkeren, insbesondere die Eigentümer der
Produktionsmittel, einseitig begünstigte. während sich für große
Teile der Lohnabhängigen die politische Freiheit und Gleichheit
als lediglich formaler Anspruch erwies. der auf Grund der wirt-
schaftlichen Abhängigkeit und Ungleichheit nicht realisiert werden
konnte, wurde zum wichtigsten Ansatzpunkt für die Entwicklung
sozialistischer Ideen und Bewegungen." (ebd .. S. 405)

Wir wollen zeigen, daß auch der Solidarismus gen au hierin seine
Kritik an der wirtschaftsliberalen Ordnung begründet hat.

11) Worms stand aber nicht nur im Gegensatz zu Spencer, sondern


auch zu Durkheim sowohl in theoretischer als auch in praktischer
Hinsicht. Theoretisch akzeptierte Durkheim Worms' organizisti-
- 288 -

schen Ansatz auf Grund seiner eigenen Forderung nach einem


"Soziologismus" nicht (vgl. im Text) und praktisch sah er in
Worms einen großen Konkurrenten, da dieser schon vor ihm große
Anstrengungen zur Institutionalisierung der Soziologie in Frankreich
unternommen hatte. So gründete Worms bereits 1892 die "Revue
Internationale de Sociologie", d.h. sechs Jahre vor dem ersten Er-
scheinen von "Annee Sociologique", und 1893 das "Institut
International de Sociologie" (die Durkheim-Schüler dagegen erst
1924 das "Institut Frani;ais de Sociologie"j vgl. hierzu Abschnitt
5.2.). Eine Gesamtdarstellung von Worms' Werk findet sich in:
Roger L. Geiger - Rene Worms, I' organicisme et I' organisation de
la sociologie, in: Revue frani;aise de Sociologie, Nr. XXII-3, S.
345-360, 1981.

12) Gide verweist auf die kri tische Einstellung von Bastiat (in seinem
Buch "Llkonomische Harmonien", Paris 1847) gegenüber der
Solidarität: "In der Tat repräsentiert Bastiat die individualistische
Politische Llkonomie, für die der Fortschritt darin besteht, gegen
alle Abhängigkeiten zu reagieren, aus der globalen und kollekti-
ven Verantwortung, die genau die Solidarität ist, die Verantwor-
tung jedes Individuums hervorzuheben. " (Gide 1932: 36)

13) Hierbei muß darauf hingewiesen werden, daß es falsch ist, wie
Bourgeois, aber auch Durkheim und BougIe, von "natürlichen" an-
statt von individuellen Ungleichheiten und Fähigkeiten zu sprechen.
Wie Filloux gezeigt hat, ist der Begriff der "Natürlichkeit" zu
einseitig auf die Vererbung von Fähigkeiten ausgerichtet und be-
achtet nicht, daß die mit der Geburt beginnende Sozialisation
nicht nur vererbte Fähigkeiten entweder sich entwickeln oder ver-
kümmern läßt, sondern sie auch einen entscheidenden Einfluß auf
den Erwerb durch das Erlernen von Fähigkeiten besitzt. Auf Grund
dieser "doppelten erblichen und sozialen Determination" muß des-
halb von individuellen und nicht "natürlichen" Fähigkeiten gespro-
chen werden (vgl. Filloux 1977: 190 f).

14) Bourgeois verweist auf die häufige Verwendung des Beispiels von
- 289 -

Robinson Crusoe bei der Begründung der liberalen Wirtschaftstheo-


rie (vgl. Bourgeois 1902: 12 f).

15) Wir halten es in diesem Zusammenhang nicht für notwendig, die


gesamten Diskussionen, die Bourgeois' Theorie vom Quasi-Assozia-
tionsvertrag hervorrief, nachzuzeichnen. Die wichtigsten Kritiken
aus philosophischer und religiöser Sicht kann man sowohl in den
Diskussionsbeiträgen im "Essai" als auch zusammengefaßt bei Bou-
gie 1907a: Kap. I, und bei Hayward (1961) nachlesen. Mit Durk-
heims Kritiken wollen wir dagegen die normativen und sozialstruk-
turellen Fragen, die sich aus dem Quasi-Assoziationsvertrag erge-
ben, verdeutlichen. Die Beziehung zwischen Durkheim und dem So-
lidarismus ist bisher nur wenig aufgegriffen worden (vgl. aber Lu-
kes 1973: 350 ff). Als typisch für die mangelnde Beachtung dieser
Fragestellung kann folgende Kritik von Pierre Birnbaum an Jean-
Claude Filloux (1977) "Durkheim et le socialisme", gelten: "Ab-
schließend kann man bedauern, daß in einem Buch von einer sol-
chen Qualität der Autor nicht die Beziehungen zwischen Durkheim
und der solidaristischen Bewegung behandelt, und daß er nicht die
Entwicklung von Durkheims Anhängern beschrieben hat, von denen
man weiß, daß einige im Gegensatz zum Meister versucht haben,
gleichzeitig Soziologe und Sozialist zu sein." (Revue franl;aise de
Sociologie, Nr. XX-I, S. 304, 1979)

16) Vgl. die Aussage des reformistischen Sozialisten Renard: "Deshalb


enthält jedes sozialistische Programm ... diesen Artikel: Soziali-
sierung der Produktionsmittel. Der Sozialismus respektiert auf die-
se Weise das auf der persönlichen Arbeit begründete Eigentum,
aber nicht dasjenige, welches sich nur auf der Arbeit anderer be-
gründen kann." (Essai 1902: 70)

17) Hans Albert faßt die Trennung von "objektiven" und "moralischen"
Phänomenen, wie folgt, zusammen: "... der Positivismus /legt/ die
Betonung auf Erkenntnis und Dbjektivität, betont deren Begründbar-
keit und ihren rationalen Charakter, verweist dagegen Entschei-
dung und Engagement als philosophisch uninteressant in den Be-
- 290 -
reich der Subjektivität und Willkür." (Albert 1977: 69) Es entsteht
damit ein "Bereich der 'reinen' Tatsachen beziehungsweise ..
der 'reinen' Entscheidungen" (ebd.• S. 70). die sich unvermittelt
gegenüberstehen. Diese Trennung der emprisch-rational erfaßbaren
von den "gesetzten" und deshalb wissenschaftlich nicht erfaßbaren
Wertentscheidungen führt im Denken zu einer "Dichotomie von
Erkenntnis und Entscheidung" (ebd .• S. 69), die sich in Bourgeois'
Theorie der Solidarität als Interdependenz und Moral wiederspie-
gelt. Wir werden unten sehen, wie Durkheim versucht. diese Tren-
nung zu überwinden.

18) Hatzfeld verweist auf den Wandel der SSM in Lyon. in denen An-
fang der 1830er Jahre schließlich völlig gewerkschaftliche Zielset-
zungen überwogen. und die den organisatorischen Rückhai t der
Seidenarbeiter während ihrer Aufstände in den Jahren 1831-34 bil-
deten (vgl. Hatzfeld 1971: 195 f).

19) Durch seinen Rücktritt schafft Bourgeois einen Präzedenzfall, der


sogar verfassungsmäßig bedenklich ist, da eine Regierung nur bei
einer Abstimmungsniederlage in der Nationalversammlung, nicht
aber im Senat verpflichtet ist zurückzutreten. Bourgeois' Nachgie-
bigkeit wird von der gesamten. den Radikalen nahe stehenden
Presse als vertane Chance scharf kritisiert (vgl. zusammenfassend
über Bourgeois' Amtsperiode: Kayser 1962: 228 ff; Hayward 1961:
34 ff; Mayeur 1984: 164 ff).

20) Auf die genauen Hintergründe. die zu dem politischen Erfolg die-
ser linken Koalition führen, wird im Abschnitt 4.2.2. noch einge-
gangen werden.

21) Vgl. über die Diskussionen zwischen den Befürwortern und Kriti-
kern des Gesetzes innerhalb von CGT und SFID: Hatzfeld 1971:
229 ff.

22) Die heute existierende gesetzliche Sozialversicherung. die "Securite


Sociale". ist 1945 entstanden und respektiert die Tradi tion der
- 291 -
SSM durch deren weitgehende Mitbestimmung in der Verwaltung
der Sozialversicherung (vgl. Laroque 1984: 129 ff).

23) Der Begriff geht auf Fouillee zurück. der sich seinerseits auf Re-
nouvier bezieht (vgl. Hayward 1963: 208).

24) Diese Maßnahmen werden auch in das Programm der Radikalde-


mokratischen Partei aufgenommen (vgl. Buisson 1908: 206 ff).

25) 1892 war das sog. "zügige" Schlichtungsverfahren in Kraft getre-


ten. durch das Arbeitskonflikte mittels eines örtlichen Friedens-
richters geschlichtet werden sollten. Da aber vor allem die Unter-
nehmer sich weigerten. diese Vermittlungsvorschläge anzunehmen.
entwickelten die Radikalen das sog. "Obligatorische" Schlichtungs-
verfahren. welches schließlich auch von den Reformsozialisten un-
terstützt wurde. aber bei der Abstimmung in der Nationalver-
sammlung 1904 keine Mehrheit fand (vgl. Loubere 1976: 227 ffj
Reberioux 1975b: 77).

26) Gide sieht insbesondere in der "Humanisierung der Arbeit" für die
Unternehmer eine positive Möglichkeit, ihre traditionell-autoritäre.
"paternalistische" Rolle durch eine die Gleichberechtigung mit den
Arbeitern betonende Beziehung zu ersetzen: "Innerhalb der Fabrik
und bei allem. was das Berufsleben des Arbeiters betrifft. bleibt
dem Unternehmer eine schöne Rolle erhalten. Hier kann er sich
darum bemühen, seinen Arbeitern das zu verschaffen, was man in
den USA "industrial betterment" nennt. d.h. die Sicherheit. die
Sauberkeit. den Komfort, weite. schöne. helle Arbeitsräume mit
gemäßigter Temperatur, Erholungs- und Lesesäle. Eßzimmer für
die Pausenzeiten .... Arbeitskleidung zum Umziehen. Bäder und
Duschen. mit einem Wort all das. was die manuelle Arbeit wenn
nicht anziehend. wovon Fourier träumte. zumindest der intellek-
tuellen Arbeit an Würde gleich macht. alles. was aus dem Beruf
des Arbeiters einen "freien Beruf" in der ganzen schönen etymo-
logischen Bedeutung dieses Namens macht." (Gide 1912: 56 f) Auf
- 292 -

Fouriers Konzeption der "anziehenden Arbeit" kommen wir in Kap.


III.2.2.3 zurück.

27) Eine gute Zusammenfassung dieser Gewerkschaftstradition, deren


wichtigster Theoretiker Georges Sorel ist, geben Sombart 1919:
103 ff und Henri Dubief - Le syndicalisme revolutionnaire, Paris
1969. König hat darüber hinaus herausgearbeitet, wie wenig letzt-
endlich Sorels Theorie, die ganz auf den revolutionären Aktionis-
mus ausgerichtet ist, für die Grundlegung einer neuen Gesell-
schaftsordnung hergibt (vgl. König 1975: 191 ff).

28) Gustav Schmoll er hat dieses Verhältnis des freien Staatsbürgers


(und Konsumenten) und des sich unterordnenden Arbei ters als die
beiden zentralen Rollen der meisten Individuen in der kapitalisti-
schen Gesellschaft im Gegensatz zu den Solidaristen nicht als wi-
dersprüchlich, sondern als komplementär zueinander verstanden. Es
sei notwendig, "daß die Arbeiter das Maß von Unterordnung,
Disziplin, Gehorsam, Treue und Hingebung behalten und immer
wieder erlernen, ohne das große Organisationen nicht möglich
sind. Sie werden diese Eigenschaften in dem Maße leichter erwer-
ben, als sie richtig behandelt werden, einen legitimen Einfluß auf
die Arbeitsbedingungen erhalten, als sie den Druck und die Diszi-
plin als notwendigen Bestandteil der heutigen großen Geschäftsor-
ganisationen überhaupt erkennen, und als sie durch die richtige
Freiheit in ihrer dienstfreien Zeit, durch die Freiheit, die sie als
Staatsbürger I als Konsumenten genießen, für den Druck im Ge-
schäft entschädigt werden." (Schmoller 1918: 219 f)

29) In unserem Kontext kann natürlich nicht auf die gesamte Genos-
senschaftstheorie von Gide eingegangen werden, die den Schwer-
punkt seines wissenschaftlichen Werkes darstellt. Wir gehen nur
auf die zentralen Thesen ein, die er in seinen beiden Beiträgen
zur solidaristischen Doktrin in "Essai d'une philosophie de la soli-
darite" und "Les applications sociales de la solidarite" aufgestell t
hat.

30) Der ökonom Maurice Bourguin weist daraufhin, daß Gides Trans-
- 293 -

formationsmodell im wesentlichen eine theoretische Verallgemei-


nerung der praktischen Organisationsprinzipien eines Teils der bri-
tischen Genossenschaftsbewegung, der "föderalistischen Richtung",
sei, die um die Jahrhundertwende einen großen Aufschwung ge-
nommen hatte (vgl. Bourguin 1906: 105 ff).

31) Bourguin sieht z.B. im Bereich des Kleingewerbes Möglichkeiten


für die Entwicklung von Produktionsgenossenschaften. Ansonsten
warnt er aber schon zu diesem frühen Zeitpunkt vor den Illusionen
der Genossenschaftstheoretiker in bezug auf die Ausdehnung des
Genossenschaftswesens, da dieses zwar in absoluten Zahlen seinen
Umsatz erheblich steigern konnte, sein prozentualer Anteil an der
Gesamtproduktion bzw. dem Handel weiterhin äußerst gering ist
(vgl. Bourguin 1906: 348 ff).

32) Dieser Begriff wurde zum ersten Mal von Charles Andler für den
Solidarismus verwendet (vgl. Andler 1897: 530).

33) Der Anspruch der Vollständigkeit der Analyse der sozialistischen


Posi tionen kann in unserem Kontext natürlich nicht erhoben wer-
den, da dies weit über den Rahmen dieser Arbeit hinausgeführt
hätte. Eine umfassende Darstellung der politischen Geschichte des
französischen Sozialismus während der Dritten Republik vor 1914
findet sich in: Madeleine Reberioux (1975a) - Der französische
Sozialismus von 1871 bis 1914, Frankfurt sowie Georges Lefranc -
Le mouvement socialiste sous la troisieme republique, tome I,
1875-1920, Paris 1977.

34) Rauh schreibt hierzu folgendes: "Man muß darüber hinaus zwischen
Marx und Engels unterscheiden, die weder die Ursachen noch die
Ankunft des neuen Regimes identisch darstellen. Marx und Engels
haben gewiß in der letzten Phase ihres Lebens ihre zentralisti-
sche Konzeption abgeschwächt." (Rauh 1902: 164, Anmerkungen)
Rauh bezieht sich hierbei ausdrücklich auf Eduard Bernsteins "Die
Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemo-
kratie" (vgl. ebd.).
- 294 -

Die Abschwächung der revolutionären Thesen bei Marx in seinem


Spätwerk wird auch von Prelot herausgearbeitet (vgl. Prelot 1939:
89 ff), wonach Marx. ohne die revolutionäre Option völlig aufzu-
geben. zumindest zunächst nur die legale Beteiligung an Wahlen
als Strategie des POF ansieht, wie aus seiner Präambel zum Par-
teiprogramm herausgelesen werden kann: "daß die kollektive An-
eignung nur von einer revolutionären Aktion der Klasse der Produ-
zenten - dem Proletariat-, in einer selbständigen politischen Par-
tei organisiert. ausgehen kann;
daß eine solche Organisation mit allen Mitteln, über die das Pro-
letariat verfügt, angestrebt werden muß, einschließlich des allge-
meinen Wahlrechts, das so aus einem Instrument des Betrugs, das
es bisher gewesen ist, in ein Instrument der Emanzipation umge-
wandelt wird;" (Marx 1880).

35) Brousse verläßt bereits 1882 den POF von Guesde. d.h. nur drei
Jahre nach dessen Gründung. und gründet eine eigene Partei mit
seinen Anhängern, die als "Possibilisten" bezeichnet werden. da sie
ihre Forderungen auf das konkret Realisierbare, das "Mögliche".
reduzieren und vor allem einen praktischen Munizipalsozialismus
anstreben.

36) Jaures' Einfluß innerhalb der SFIO geht in den letzten Jahren vor
dem Ersten Weltkrieg schließlich so weit. daß die Guesdisten zu-
mindest in der Praxis ihre anti reformistische Haltung überwinden,
auf Grund derer sie noch das Gesetz zu den Arbeiter- und
Bauernrenten 1910 ablehnen. und die Überführung von Betrieben in
Gemeinde- oder Staatseigentum als eine Ausdehnung öffentlicher
Dienstleistungen unterstützen (vgl. Prelot 1939: 173 O.

37) Genau genommen handelt es sich aber nicht mehr um den


Solidarismus, sondern um den "Radikal-Sozialismus", da die Radi-
kai demokratische Partei schon bald nach Bourgeois' Tod 1925 den
Solidarismus als sozioökonomische Doktrin aufgibt. worauf wir im
Abschnitt 4.3. noch eingehen werden.
- 295 -

38) Maurice Hamburger nimmt den Liberalismus von Adam Smith vor
dem Vorwurf des "Egoismus" in Schutz, da dieser, wie die Aufklä-
rungsphilosophen des 18. Jahrhunderts, dem Staat Funktionen, die
über die Aufrechterhaltung der inneren und äußeren Sicherheit
hinausgehen, zLJ.3chreibt. "Der Individualismus von Rousseau, der an
öffentliche Vorratskammern dachte, der von Condorcet, der ein
System gegenseitiger Versicherungen skizzierte, der von Adam
Smith, der die Verpflichtung eines öffentlichen Bildungswesens be-
tonte, der von Montesquieu, der das Subsistenzrecht proklamierte,
konnte keinem Vorwurf ausgesetzt werden, und der Egoismus war
durch die Sorge um das Menschenrecht begrenzt." (Hamburger
1932: 63) Ähnlich äußern sich Bougie (vgl. Bougie 1907a: 107 f;
Kap. III. Anm. 14) und Rist (vgl. Gide/Rist 1913: 467 f). Erst der
Klassische Liberalismus des 19. Jahrhunderts ist dann dazu über-
gegangen, dem Staat jegliche ökonomischen und sozialen Funktio-
nen abzusprechen. Auf Bougies Kritik an der anti-staatlichen Ein-
stellung des Klassischen Liberalismus kommen wir im Kap. I1I.2.5.
zurück.

39) Charles Dupont-White veröffentlicht 1856 sein Buch "Das Individu-


um und der Staat", mi t dem er auf die "doktrinären Übertreibun-
gen" des führenden französischen Liberalen Frederic Bastiat (in
dessen Buch "ökonomische Harmonien", 1847) reagieren will. Sei-
ne Thesen zur Überwindung der liberalen Konzeption des "Nacht-
wächterstaates" stoßen allerdings bei der Arbeiterbewegung und
dem republikanischen Kleinbürgertum auf Ablehnung, da diese sich
ganz auf den rein politischen Kampf gegen den kaiserlichen Ob-
rigkeitsstaat konzentrieren und jede Ausdehnung des Einflußberei-
ches dieses Staates ablehnen. Napoleon III. greift aber auch nicht
auf Dupont-Whites Thesen zurück, da dieser sich der pOlitischen
Opposition angeschlossen hat und betont, daß nur ein "konstitutio-
neller, liberaler und demokratischer Staat" die neuen ökonomi-
schen und sozialen Funktionen übernehmen woll. Auf diese Weise
wird er von seinen politischen Freunden und Gegnern abgelehnt, so
daß sein neuer Ansatz sich nicht durchsetzen kann und in der Fol-
gezeit in Vergessenheit gerät (vgl. hierzu die zusammenfassende
- 296 -

Uarstellung der Positionen von Dupont-White und Wagner, in: Gi-


de/Rist 1913: 466 ff).

40) Während Bourgeois den Staat auf die Rolle eines "Schiedsrichters"
zwischen den politischen, ökonomischen, rechtlichen u.a. Interessen
der Individuen beschränken will, geht vor allem Wagner in seiner
Gegenreaktion gegen den Klassischen Liberalismus noch einen
Schritt weiter, indem er in dem Staat den institutionellen Aus-
druck der übergreifenden nationalen Solidarität sieht: "Für die
Staatssozialisten besteht im Gegenteil zwischen den Individuen und
den Klassen der gleichen Nation eine moralische Solidarität, die
viel tiefer geht als diese wirtschaftliche: sie beruht auf der Ge-
meinschaft der Sprache. der Sitten und der politischen Einrichtun-
gen. Der Staat ist das Organ dieser moralischen Solidarität. und
aus diesem Grunde hat er nicht das Recht, dem materiellen Elend
eines Teiles des Volkes gleichgültig gegenüber zu stehen. Er hat
daher mehr als nur eine einfache Schutzpflicht gegen äußere oder
innere Gewalttätigkeit zu erfüllen, es liegt ihm eine wirkliche
Aufgabe ob: nämlich, "für Kultur und Wohlfahrtszweck zu sor-
gen"." (Gide/Rist 1913: 502) Deuve hat auf die politische Oppor-
tunität dieser Doktrin für das neugegründete Deutsche Reich hin-
gewiesen (siehe in unserem Text weiter unten).

41) Hierin liegt eine der wesentlichen Ursachen für die Annäherung
von Solidaristen und Reformsozialisten, denn der "Geist von 1848",
auf den sich beide berufen, ist mehr "humanitär" als "proleta-
risch" ausgerichtet: "Substrat dieser Humanität ist weniger das
Proletariat als das "Volk", die Masse aller Entrechteten. In den
Schriften von Leroux, vor allem aber von Michelet (Le Peuple,
1847) und Lamennais (Le livre du peuple, 1837) kommt es zu ei-
nem regelrechten Kult des Volkes, der schon fast an eine roman-
tisierende Mystifikation grenzt, den Charakter der Revolution von
1848 zu erklären hil ft, die spätere Geschichte der französischen
Arbeiterbewegung, insbesondere der Sozialdemokratie, prägt und
ihre Abneigung gegenüber einer Rezeption des Marxismus ver-
ständlich macht." (Ziebura 1979: 137)
- 297 -

42) Die vergleichsweise langsame Industrialisierung Frankreichs wird


auch durch die folgenden Schaubilder verdeutlicht ("The develop-
ment of the labour force by status and by sector", in: Flora,
Kraus, Pfenning 1987: 443 ff). Was die sektorale Verschiebung der