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Die «Identitäre Bewegung» missbraucht das Hellenentum

In letzter Zeit wird vermehrt über die «Identitären» berichtet, eine Bewegung, die der
sogenannten «Neuen Rechten» zugeordnet wird und als außerparlamentarische
Bewegung Einfluss auf öffentliche Debatten und Entwicklungen nehmen will. Die
Bewegung wünscht sich ein «Bekenntnis» zur «eigenen Kultur und Tradition», sichere
Außengrenzen und den Erhalt einer «ethnokulturellen Identität». Außerdem vertritt sie das
neuzeitliche Weltbild des «Ethnopluralismus», das mit den Ethnien im eigentlichen Sinne
oder gar mit der natürlichen, vorchristlichen Ethnodiversität nichts gemein hat.

Dass die «Nation» nicht mit der «Ethnie» und die «Ethnie» nicht mit dem «Nationalstaat»
identisch ist, weiß jeder, der sich mit der Materie befasst hat. Insofern begehen die
Identitären hier einen Fehler, den alle politischen Monotheismen begehen. Aber das ist
das Problem der Identitären und nicht der anderen. Das Problem der anderen, in diesem
Falle der Hellenen, ist der Missbrauch griechischer Symbole seitens dieser Bewegung:
Denn die Identitären haben das griechische Lambda (Λ), den elften Buchstaben des
griechischen Alphabets, vereinnahmt und zu ihrem Symbol gemacht – eine Perversion
sondergleichen.

Warum tun sie das? Das Lambda wurde von den Spartanern groß auf ihre Schilde gemalt
und stand für «Λακεδαιμόνιοι» («Lakedaimonier»), also Bewohner von Lakedaimon, wie
das spartanische Gemeinwesen in der Antike hieß. So kämpften die Spartaner 480 v.Z. mit
eben diesen Schilden an den Thermopylen gegen die Perser für die Freiheit
Griechenlands, für manche Abendländer wurde in dieser Schlacht gar das Abendland
verteidigt, wie Griechenland und seine Kultur generell mit dem Abendland in Verbindung
gebracht wird, obwohl das Hellenentum eine Alternative zur christlichen Kultur darstellt
und es – insbesondere vor dem Hintergrund des hellenischen Ethnozids – geradezu
grotesk ist, wenn das Hellenentum und seine Symbole in den Dienst des Abendlandes und
seiner politischen Bewegungen gestellt wird. Aber das ist nicht neu; neu ist vielleicht das
Ausmaß, das diese Instrumentalisierung außerhalb Griechenlands erfährt. Auch in den
USA gibt es Nationalisten und Rassisten, die Sparta und seine Symbole für ihre Zwecke
missbrauchen und in den Dreck ziehen.[1] In Griechenland gehört das zum «täglichen
Brot» der Nationalisten und Faschisten.[2] In diesem Sinne können die «Identitären»
tatsächlich als die Bewahrer einer Tradition angesehen werden. (Wobei sich die
deutschsprachigen Nationalisten eher in der Vereinnahmung germanischer Symbole und
Mythen hervorgetan haben.)

Was wollen die Identitären damit sagen? Wahrscheinlich sehen sie sich als Verteidiger des
Abendlandes, als Schild gegen die «islamische Masseneinwanderung», wollen diese
stoppen, wie damals die Spartaner den Persern Einhalt geboten haben. So schreiben sie
über die Aufopferung der Spartaner für die griechische Heimat: «Neben den unmittelbaren
militärischen und politischen Folgen entfaltete dieses Ereignis seine weltgeschichtliche
Bedeutung in dem durch dieses Opfer ermöglichten (nachfolgenden) Sieg der
griechischen Welt gegen die anrennenden persischen Horden und der damit ermöglichten
Rettung des Abendlandes.»[3] Was auf den ersten Blick wie nationalistischer Kitsch
aussieht, ist auf dem zweiten Blick eine Ungeheuerlichkeit, eine Verwerfung, für die sich
die Verantwortlichen in Grund und Boden schämen müssten. Hier wird nämlich ein
hellenisches Symbol und ein wichtiger Ausschnitt aus der hellenischen Geschichte
pervertiert und in den Dienst des Nationalismus und des christlichen Abendlandes
gestellt. Schlimmer kann man das Andenken an die Spartaner bzw. Lakedaimonier nicht
beschmutzen. Die Identitären agitieren unter falscher Flagge, für eine Sache, die die
Spartaner nicht beschäftigt hat. Wissen eigentlich die Identitären, dass, genau zu der Zeit,
als Karl der Schlächter das Abendland begründete, die letzten Lakedaimonier
zwangsmissioniert und ihre Priester abgeschlachtet wurden?[4] Interessiert es sie? Wohl
kaum. Der Zweck heiligt auch hier jedes Mittel. Mögen diese Mittel auch Verfälschung,
Vereinnahmung oder Pervertierung heißen.

Die Identitären setzen sich angeblich für den Erhalt der «eigenen Kultur und Tradition» ein,
sprechen von Respekt gegenüber den Kulturen und Völkern, während sie gleichzeitig die
Symbole anderer Kulturen und Völker für ihre Propaganda missbrauchen und in den
Dienst der Homogenisierungsmaschine «Nationalismus» stellen. Reinste Heuchelei. Das
hätte Paulus von Tarsus nicht besser machen können. Sie wollen angeblich Widerstand
gegen die «One-World-Propaganda» leisten und vergessen geflissentlich, dass ihr
Abendland – bedingt durch seine Religion – genau diese Vereinheitlichung, den westlichen
Kulturimperialismus vorantreibt. Ihnen ist, so behaupten sie, an der Erhaltung des Eigenen
gelegen und gleichzeitig vergreifen sie sich am Eigenen der anderen. Sie erzählen uns
etwas von «Traditionen» und «ethnokultureller Identität», während ihr Abendland auf der
Vernichtung der europäischen Traditionen und Identitäten beruht, wie auch die Identität
der Staatsvölker (im Gegensatz zu den Kulturvölkern) nicht das väterliche Ethos, sondern
die vom Nationalismus fabrizierte «nationale Identität» zur Grundlage hat. Sie verkünden
die alte Ordnung des säkularisierten politischen Monotheismus und verpacken diese in
Begriffe, deren Bedeutung im klaren Widerspruch zu eben dieser Ordnung stehen. Diese
«Ordnung» können sie für sich behalten. Die ethnischen Traditionen Europas, die sich
beispielsweise im Europäischen Kongress ethnischer Religionen (ECER) organisieren,
kämpfen für die Dekolonialisierung unserer Imagination, für die Überwindung des
Monotheismus und Abendlandes in unseren Köpfen und sicher nicht für eine
abendländische Rekolonialisierung unserer wiedergewonnenen ethnischen Identität. Das
Ziel der «Identitären Bewegung» ist klar, darüber kann auch ihr ideologieverseuchter
Sirenengesang nicht hinwegtäuschen. Sie mag sich zwar mit fremden Federn und
schönen Begrifflichkeiten schmücken, doch dem sehenden Auge bleibt weder ihr Ansinnen
noch ihre Identität verborgen. Wie die Hydra hat auch der politische und kulturelle
Monotheismus viele Köpfe, viele Formen, doch sie alle verbindet der gleiche Körper.

«Als genuine Erfindung des monotheistischen Absolutismus drückte und drückt sich der
Nationalismus als eine konsequente Forderung nach vollständiger Homogenität und
Einheit aus, kultureller, religiöser und sprachlicher Natur. […]. Wiedererkennungszeichen
des Nationalismus wurden logischerweise die Voreingenommenheit, die Angst vor dem
'Anderen', geistige Geschlossenheit, Misstrauen und Introvertiertheit. Als ‹Feinde› wurden
nicht die Feinde der kollektiven Freiheit und Autonomie deklariert (die die Feinde der
Ethniker gewesen sind), sondern jede Art von Andersartigkeit, die aufgrund einer kranken
Kollektivmentalität nun als eine kulturelle, religiöse, ethnische oder ‹rassische›
Verschmutzung gesehen wird. […]. Das Ziel des ‹Nationalismus› ist die allgemeine
Homogenität innerhalb des Pseudo-«Ethnos», dessen fanatische territoriale Expansion
und Hegemonie außerhalb desselben, so wie die herrschenden Monotheisten es ihm
Jahrhunderte hindurch vormachten. […]. Die ‹Nationalisten› erweisen sich letztlich als die
schlimmsten Feinde des wirklichen ‹Ethnos›, wandeln sie doch dessen natürlichen und
vernünftigen Anspruch auf eine Identität (‹Ethnismus›) in Hass um (in der Regel den Hass
gegen den eigenen Nachbarn). Während der ‹Ethnismus› integriert und den
gerechtfertigten Anspruch auf kollektive Würde repräsentiert, schließt der Nationalismus
aus. […] im Gegensatz zum natürlichen (antiken) ‹Ethnismus›, der seine Verschiedenheit /
Alterität auf eine positive Weise äußern kann (und der gleichzeitig die Verschiedenheit /
Alterität aller anderen tiefgehend respektiert, die sich ihm gegenüber in gleicher Weise
äußern), betrachtet […] der Nationalismus seine […] ‹Rasse› als wichtiger und
überlegener, als alle anderen, und deshalb kann er seine Verschiedenheit / Alterität nur
negativ definieren.»
Vlassis G. Rassias: Ethnos – Ethnismus – Nationalstaat – Nationalismus. 2. Auflage,
Verlag Anichti Poli, Athen 2006 [org. 1996], Sprache: Griechisch, ISBN: 960-7748-37-9.

Als ethnischer Hellene fordere ich die «Identitäre Bewegung» hiermit dazu auf, den
Missbrauch griechischer Symbole und die Instrumentalisierung griechischer Geschichte zu
unterlassen und von dieser perversen Taktik Abstand zu nehmen. Das Lambda-Zeichen
gehört ihnen nicht. Die Spartaner haben nicht für ihr Abendland gekämpft, sondern für ihre
eigene Freiheit. Das ist die Wahrheit und deshalb werden die Identitären mit ihrer
Propaganda nicht durchkommen. Mögen sie sich noch so in die Tasche lügen und mittels
fragwürdiger Interpretationen die Welt auf den Kopf stellen: Das Hellenentum ist nicht ihr
«Eigenes», nicht Wiege ihrer Kultur, nicht die Quelle ihrer Ideologie, nicht die Grundlage
ihrer Weltanschauung. Deshalb sollten sie sich nicht an seinen kulturellen Gütern
vergreifen. Falls sie der trügerischen Vorstellung verfallen sind, dass die hellenische
Tradition wehrlos darniederliegt und ihnen deshalb ausgeliefert ist, möchte ich ihnen in
aller Deutlichkeit zu verstehen geben, dass dies nicht der Fall ist. Wir sind hier und wir
werden unsere Tradition vor jeder arglistigen Vereinnahmung verteidigen, genauso wie
unsere spartanischen Ahnen ihre Autonomie mit dem Speer und dem Schild gegen die
persischen Invasoren verteidigten. Das sollten sie sich genau hinter die Ohren schreiben.

Uns Hellenen interessiert die «Identitäre Bewegung» nicht sonderlich. Ihre Bekämpfung ist
nicht unser Ziel und ihre Analyse nicht unsere Aufgabe. Das sei ihren Gegnern und den
Politikwissenschaftlern überlassen. Wir werden aber auf keinen Fall dulden, dass diese
Bewegung das Hellenentum instrumentalisiert, seine Symbole in den Dreck zieht und
kontaminiert, seine Geschichte ausschlachtet, um eine «Botschaft» in die Welt zu tragen,
die all das verkörpert, was die vom Monotheismus und vom Abendland geknechteten
Ethnien auf dem Weg zur Freiheit, will heißen zur Revitalisierung ihrer Kultur und Identität
hinter sich lassen müssen.

Wir fordern die «Identitäre Bewegung» auf, das Lambda-Zeichen nicht mehr als ihr
offizielles Symbol zu «verwenden» und von jeder Pervertierung oder Instrumentalisierung
des Hellenentums Abstand zu nehmen. Andernfalls werden wir in derselben Weise mit
ihnen umgehen, wie sie momentan mit den Gütern einer fremden Kultur umgehen. Wir
werden ihnen genauso begegnen, wie sie sich zu erkennen geben: Als Feinde des
Hellenentums.
Nachweise:
1. https://hellenismos.org/2016/02/25/ethnikistes-kapileuontai-elliniko-emvlima/
(griechischer Artikel)
2. https://hellenismos.org/2016/04/08/der-missbrauch-griechischer-symbole-geht-in-die-
naechste-runde/
3. Identitäre Bewegung: Historische Wurzeln im antiken Sparta, in: Neue Ordnung (Archiv:
Jahrgang 2013: NO I/2013). URL: http://www.neue-ordnung.at/index.php?id=699 (zuletzt
abgerufen am 22. April «2019»). Kursiv von mir.
4. https://hellenismos.org/2014/11/04/christliche-massenmorde-an-den-hellenen/

Mehr Informationen dazu unter:


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