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14 Schraubenverbindungen

Dipl.-Ing. Josef Esser

14.1 Schrauben und Muttern

14.1.1 Herstellung von Schrauben und Muttern


Spanende Formgebung
Bei spanender Formgebung werden Verbindungselemente meist aus
Automatenstahl gefertigt. Dieser Stahl ist nur zulässig für Schrauben der
Festigkeitsklassen bis 6.8 (Ausnahme 5.6) und Muttern der Festigkeits-
klassen 5, 6, 04, 11H, 14H und 17H.
Spanende Formgebung wird auch bei der Weiter-/Fertigbearbeitung von
kalt- oder warmgepressten Rohlingen aus Vergütungswerkstoff ange-
wendet, z. B. Drehen oder Schleifen bei der Herstellung von Dehn- oder
Passschrauben sowie beim Schneiden von Innengewinden, Abgraten von
Sechskantköpfen und Fertigbearbeiten von Zeichnungsteilen.

Spanlose Formgebung
Warmformung erfolgt überwiegend bei Werkstoffen mit hohen Um-
formkräften (hoher Verformungswiderstand), hohen Stauchverhältnissen
und Abmessungen > M30 (maschinentechnischer Grenzbereich).
Vorteil: keine Verfestigung wie bei der Kaltverformung metallischer
Werkstoffe.
Bei der Kaltformung werden die Zugfestigkeit und Streckgrenze erhöht,
die Bruchdehnung und Brucheinschnürung reduziert. Daher ist nur eine
begrenzte Verformungsfähigkeit vorhanden. Kaltformung dominiert bei
Großserienfertigung und kleinen bis mittleren Stauchverhältnissen im
Abmessungsbereich bis M30.
Die Schraubenfertigung erfolgt meist in mehreren Stufen auf einer oder
mehreren Maschinen, die Mutternfertigung auf Quertransportpressen.
Das Gewinde wird auf Spezialmaschinen geschnitten oder geformt.

14.1.2 Warmbehandlung
Schrauben der Festigkeitsklassen ab 8.8 müssen nach DIN EN ISO 898-1
vergütet werden, ebenso Muttern der Festigkeitsklassen 05, 8 (> M16),
10 und 12 nach DIN EN 20898 Teil 2. Die Vergütung (Härten und An-
lassen) erfolgt meist auf automatischen, kontinuierlichen Vergütungs-
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straßen. Zur Vermeidung unerwünschter Aufkohlung oder Randentkoh-
lung werden diese mit genau gesteuerter Schutzgasatmosphäre betrieben.
Ofentypen: Schwingretorten- und Banddurchlauf-Öfen mit Kapazitäten
von 150 … 1500 kg/h.

14.1.3 Normung
Die mechanischen Eigenschaften der Schrauben sind in der DIN EN
ISO 898-1 genormt (s. Tabelle 14.1), die der Muttern in der DIN EN
ISO 898-2 (Regelgewinde) und DIN EN ISO 898-6 (Feingewinde). Der
Geltungsbereich umfasst normale Anwendungsbedingungen für Schrau-
ben und Muttern aus unlegiertem und niedrig legiertem Stahl bis M39,
an die keine speziellen Anforderungen hinsichtlich Schweißbarkeit,
Korrosionsbeständigkeit, Warmfestigkeit über 300 °C und Kaltzähigkeit
unter –50 °C gestellt werden.
Die Norm sieht für hochfeste Schrauben oberhalb von 800 N/mm2 vier
Festigkeitsklassen vor.
Die Festigkeitsklasse 9.8 findet überwiegend in den angelsächsischen
Ländern Anwendung.

Tabelle 14.1: Mechanische Eigenschaften von Schrauben [nach EN ISO 898-1 (1999)]

Festigkeitsklasse
3.6 4.6 4.8 5.6 5.8 6.8 8.8 10.9 12.9
≥M16 >M16 1)

Zugfestigkeit Rm nom 300 400 400 500 500 600 800 800 1000 1200
(in N/mm2)
min 330 400 420 500 520 600 800 830 1040 1220
Streckgrenze ReL nom 180 240 320 300 400 480 640 640 900 1080
(in N/mm2) bzw.
0,2-%-Dehngrenze min 190 240 340 300 420 480 640 660 940 1100
RP0,2 (in N/mm2)
Bruchdehnung A5 min 25 22 14 20 10 8 12 12 9 8
(%)
Vickershärte min 95 120 130 155 160 190 250 255 320 385
HV 10 2) 2) 2) 2) 2)
max 220 220 220 220 220 250 320 335 380 435
Brinellhärte min 90 114 124 147 152 181 238 242 304 366
HB F = 30D2
max 2092) 2092) 2092) 2092) 2092) 238 304 318 361 414
Kerbschlagarbeit min – – – 25 – – 30 30 20 15
(ISO-U) (in Joule)
1)
Für Stahlbauschrauben ab M12
2)
Ein Härtewert am Ende der Schraube darf höchstens 250 HV betragen bzw. 238 HB
14.1 Schrauben und Muttern 257
Die Bezeichnung der Festigkeitsklassen erfolgt mit zwei durch einen
Punkt getrennten Zahlen, z. B. 8.8, 10.9 oder 12.9.
Die erste Zahl entspricht 1/100 der Nennzugfestigkeit Rm in N/mm2.
Die zweite Zahl gibt das 10fache des Verhältnisses der Nennstreck-
grenze zur Nennzugfestigkeit an (ReL/Rm bzw. Rp0,2/ Rm)
Sonderfestigkeiten und eingeengte Festigkeitstoleranzen sind inner-
halb bestimmter Grenzen möglich und sinnvoll.
Für Muttern ist derselbe Anwendungsbereich festgelegt. Sie werden in
drei Gruppen unterteilt:
a) Muttern für Schraubenverbindungen mit voller Belastbarkeit.
Sechskantmuttern DIN EN 24032 (Typ 1), Regelgewinde oder DIN EN
28673 (Typ 1), Feingewinde für Festigkeitsklassen 6 und 8, oder DIN
EN 28674 (Typ 2), Feingewinde für Festigkeitsklassen 10 und 12.
Nennhöhen der Muttern m ≥ 0,85d.
b) Muttern für Schraubenverbindungen mit eingeschränkter Be-
lastbarkeit. DIN EN 24035 (Regelgewinde) und DIN EN ISO 8675
(Feingewinde). Genormt sind die Festigkeitsklassen 04 und 05.
c) Muttern für Schraubenverbindungen ohne festgelegte Belastbar-
keit werden mit einer Zahlen-Buchstaben-Kombination bezeichnet. Die
Zahl steht für 1/10 der Mindest-Vickershärte, und H steht für Härte.
Genormt sind die Festigkeitsklassen 11H, 14H, 17H und 22H.
Schrauben und Muttern gleicher Festigkeitsklasse (10.9/10) ergeben
Verbindungen, bei denen die Muttern an die Schraubenfestigkeit ange-
passt sind. Muttern der höheren Festigkeit können für Schrauben der
niedrigeren Festigkeit verwendet werden.

14.1.4 Qualität
Bei Schrauben und Muttern ist die Qualität in Maßnormen (Produkt-
normen) geregelt, die durch Grundnormen und Technische Lieferbe-
dingungen ergänzt werden. Neben Toleranzen werden mechanische
Eigenschaften und Fragen hinsichtlich der Abnahmeprüfung geregelt.
Wichtige Technische Lieferbedingungen sind die DIN 267, DIN EN
ISO 898, DIN ISO 4759. Sie enthalten Verweisungen auf andere Grund-
normen nach DIN und ISO, sowohl für genormte Schrauben und Mut-
tern als auch für Zeichnungs- und Sonderteile. Die in Maß-, Grund- und
Gütenormen sowie in Technischen Lieferbedingungen definierten An-
forderungen werden durch ebenfalls genormte Vereinbarungen für die
Abnahmeprüfung ergänzt: DIN ISO 3269. Hier sind die wichtigsten
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maßlichen und physikalischen Merkmale sowohl für Werkstoffe als auch
für Überzüge in bestimmten „Annehmbaren Qualitätsgrenzlagen“ (AQL)
festgelegt. Dieses genormte „Mindestqualitätsniveau“ gilt immer dann
als Vereinbarung, wenn in der Zeichnung oder Bestellung nichts Abwei-
chendes vereinbart wird.

14.2 Zeichnungs- und Kaltformteile

Auf modernen Kaltumformmaschinen werden neben Schrauben und


Muttern auch Verbindungselemente und Formteile hergestellt, die nicht
unbedingt ein Gewinde aufweisen. Solche Präzisionsteile sollten hin-
sichtlich ihrer Form, Toleranzen und mechanischer Eigenschaften zwi-
schen Hersteller und Anwender besprochen und festgelegt werden. Diese
Teile können
nur kaltgeformt eingebaut werden, wenn Form und Toleranzen den
geforderten Ansprüchen entsprechend ausgerichtet sind. Die durch
die Kaltumformung erzielbare Festigkeit von Rm = 750 N/mm2 und
ein nicht unterbrochener günstiger Faserverlauf können eine nach-
folgende Warmbehandlung überflüssig machen.
kalt umgeformt sein und mit zusätzlichen meist zerspanenden
Arbeitsgängen den speziellen Anforderungen angepasst werden.
bei geeigneter Werkstoffwahl durch zusätzliche Wärmebehandlung
auf höhere Festigkeiten gebracht werden.

Zusätzliche Bearbeitungsverfahren
Riffeln und Rändeln erfüllen die Aufgaben des zylindrischen Presssit-
zes. Gegenüber der Passung ist eine preiswertere spanlose Fertigung –
durch Entfall des Schleifens – mit geringeren Einpresskräften möglich.
Der Riffel verhindert das Herausfallen der Schraube und überträgt das
Drehmoment der Mutter.
Gewindewalzen ist das am weitesten verbreitete zusätzliche Bearbei-
tungsverfahren. Beim Gewindewalzen nach der Vergütung wird die dyna-
mische Haltbarkeit (Dauerhaltbarkeit) des Gewindes wesentlich gesteigert.
Auf gleichem Prinzip basiert auch die spanlose Herstellung von Dehn-
schäften durch Dehnwendel oder Dehnrillen (Bild 14.1). Ein- oder
mehrgängige Dehnwendelschrauben kommen bei Zylinderkopfschrau-
ben zum Einsatz. Bei geschickter konstruktiver Anpassung der Walz-,
Kern- und Außendurchmesser sowie der Wendel- oder Rillenprofile
lassen sich die Funktionen „Dehnschaft“ und „Passung/Zentrierung“
miteinander kombinieren.
14.3 Auslegung und Berechnung von Schraubenverbindungen 259

Bild 14.1: Dehnwendel- und Dehnrillenschraube [TFS]

Auch das Kalibrieren optimiert die Funktion „Passung/Zentrierung“. In


einer Art Zieh- oder Reduziervorgang werden enge Durchmessertoleran-
zen erzielt, gegenüber dem Schleifen eine kostengünstige Alternative.
Erfolgreich mit dem Kaltpressen kombinierbar ist das Festwalzen. Es
wird zur Steigerung der Dauerhaltbarkeit im Bereich von Querschnitts-
übergängen eingesetzt und ist mit dem Gewindewalzen nach dem Vergü-
ten vergleichbar.
Insbesondere bei Zeichnungsteilen sind auch spanende Bearbeitungs-
gänge wie Drehen, Schleifen, Bohren und Fräsen verbreitet. Speziell bei
diesen Teilen sollten Hersteller und Anwender im frühesten Entwick-
lungsstadium zusammenarbeiten.

14.3 Auslegung und Berechnung


von Schraubenverbindungen

Die Berechnung von Schraubenverbindungen ist ein komplexes Gebiet,


das im Rahmen dieses Kapitels nicht ausführlich behandelt werden kann.
Daher sei hier auf die VDI-Richtlinie 2230 hingewiesen, die Hinweise
zur Schraubenberechnung enthält und regelmäßig aktualisiert wird.
Nachfolgend wird in kurzer Form nur die überschlägliche Auslegung
und Berechnung von Schraubenverbindungen beschrieben.

14.3.1 Grobe Kalkulation


Für eine Annäherung und grobe Kalkulation kann Tabelle 14.2 herange-
zogen werden.
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Tabelle 14.2: Überschlägliche Dimensionierung von Schraubenverbindungen [TFS]
Betriebskraft pro Schraube

statisch in dynamisch in statisch und/oder Vorspann- Nenndurch-


Achsrichtung Achsrichtung dynamisch senkrecht kraft1) messer1) (in mm)
FA (in N) FA (in N) zur Achsrichtung Fv (in N) Festigkeitsklasse
FQ (in N)
8.8 10.9 12.9
1 600 1 000 320 2 500 4 – –
2 500 1 600 500 4 000 5 4 4
4 000 2 500 800 6 300 6 5 5
6 300 4 000 1 250 10 000 72) 6 5
10 000 6 300 2 000 16 000 8 72) 72)
16 000 10 000 3 150 25 000 10 92) 8
25 000 16 000 5 000 40 000 14 12 10
40 000 25 000 8 000 63 000 16 14 12
63 000 40 000 12 500 100 000 20 16 16
100 000 63 000 20 000 160 000 24 20 20
160 000 100 000 31 500 250 000 30 27 24
250 000 160 000 50 000 400 000 – 30 30
1)
Die angegebenen Nenndurchmesser und Vorspannkräfte gelten für Schaftschrauben; bei
Dehnschrauben ist wegen des verringerten Taillenquerschnittes diejenige Abmessung zu
wählen, die der nächsthöheren Laststufe entspricht.
2)
Abmessungen M7 und M9 nur in Sonderfällen verwenden.

Beispiel: Eine Verbindung soll eine axiale schwellende Belastung von


40 000 N aufnehmen. Aus Tabelle 14.2 ergibt sich
Festigkeitsklasse 8.8 / Abmessung M20
Festigkeitsklasse 10.9 / Abmessung M16
Festigkeitsklasse 12.9 / Abmessung M16
Vergleich: Unter Berücksichtigung aller bekannten Bedingungen, wie
Anzahl und Rauigkeit der Trennfugen, Klemmlänge, Krafteinleitung und
Anzugsbedingungen, ergibt die exakte Berechnung nach VDI 2230
folgende Dimensionierungen:
Festigkeitsklasse 8.8 / Abmessung M16
Festigkeitsklasse 10.9 / Abmessung M14
Festigkeitsklasse 12.9 / Abmessung M12
Ergebnis: Der Benutzer dieser Tabelle kann mit einer ausreichenden
Sicherheit kalkulieren.
14.3 Auslegung und Berechnung von Schraubenverbindungen 261
Zur Bestimmung der Vorspannkraft und des Anziehdrehmoments ist
die Kenntnis der Reibungszahlen wesentliche Voraussetzung. Unter-
schiedliche Oberflächen und Schmierbedingungen lassen ein großes
Spektrum an Reibungszahlen zu (Tabelle 14.3).

Tabelle 14.3: Reibungszahlen [TFS]

Oberflächenzustand µges bei Schmierzustand

Schraube Mutter ungeschmiert geölt/gewachst

vergütungsschwarz ohne Nachbehandlung 0,125 … 0,18 0,125 … 0,16


phosphatiert 0,125 … 0,18 0,125 … 0,14
Dünnschicht-phosphatiert 0,08 … 0,125 0,08 … 0,10
galvanisch verzinkt 0,10 … 0,16 0,10 … 0,14
Zink-Lamellen-Überzüge 0,16 … 0,24 0,08 … 0,12

Für die Berechnung sind die fett gedruckten Werte zu berücksichtigen. Wird mit MoS2
geschmiert, ist eine Reibungszahl von µges = 0,10 einzusetzen.

Zur Unterstützung einer definierten Montage werden Verbindungsele-


mente durch zusätzliche Schmierung beim Hersteller in ein Reibzahl-
fenster von µges = 0,09 … 0,15 (gemessen nach DIN EN ISO 16047)
gelegt. Für weitere Reibungszustände wird auf die VDI 2230 verwiesen.
Zur Berechnung werden die niedrigsten Werte der Reibzahlspanne he-
rangezogen. Mit diesen Werten können in den Tabellen 14.4 Vorspann-
kraft und Anziehdrehmoment abgelesen werden.
Bei Sicherungsschrauben mit Verzahnung, Verrippung oder mit Kleb-
stoff im Gewinde werden in vielen Fällen höhere Reibungszahlen auftre-
ten (Prospektangaben der Hersteller berücksichtigen oder durch Ver-
suche ermitteln).
Anziehdrehmomente und Vorspannkräfte für Festigkeitsklassen, die
nicht in den vorliegenden Tabellen aufgeführt sind, können errechnet
werden, indem die bekannten Werte für MA und Fv mit dem Verhältnis
der Streckgrenzen der gesuchten und der bekannten Festigkeitsklasse
multipliziert werden.
Beispiel: M10, Festigkeitsklasse 8.8, MA = 49 N ⋅ m, Mindeststreck-
grenze Rp0,2 = 640 N/mm2.
Gesucht: MA für M10, Festigkeitsklasse 5.6 (Mindeststreckgrenze
ReL = 300 N/mm2).
MA/5.6 = (reL/5.6/Rp0,2/8.8) · MA/8.8

MA/5.6 = (300/640) · 49 N ⋅ m = 23 N ⋅ m
262 14 Schraubenverbindungen
Tabelle 14.4: Vorspannkräfte und Anziehdrehmomente für Schrauben mit Kopfauflagen nach DIN
EN 24014, DIN EN 24015, DIN EN ISO 4762 [TFS]
14.3 Auslegung und Berechnung von Schraubenverbindungen 263
Ebenso ist es möglich, hinreichend genau MA und Fv für Abmessungen
zu berechnen, die nicht in vorhandenen Tabellen aufgeführt sind. Die
Vorspannkraft einer Schraube beträgt bei µges = 0,14 unter der Annahme,
dass die Gesamtbeanspruchung durch Vorspannkraft und Torsion 90 %
der Mindeststreckgrenze beträgt, ungefähr:
Fv = 0,7 · Rp0,2 · As für Schaftschrauben
Fv = 0,7 · Rp0,2 · AT für Dehnschrauben
Die Mindeststreckgrenze ist bekannt aus DIN EN ISO 898/1. Der Span-
nungsquerschnitt errechnet sich aus:
p d + d3 ˆ
2

As = ◊ ÊÁ 2 ˜
4 Ë 2 ¯
d2 Flankendurchmesser, d3 Kerndurchmesser (Nominalwerte nach
DIN 13 Teil 13)
Der Taillenquerschnitt AT kann der Zeichnungsvorgabe entnommen
werden. Das Anziehdrehmoment errechnet sich aus folgender Formel:
MA = Fv[0,16 · P + µges(0,58 · d2 + DKm/2)]
P Steigung in mm, µges Gesamtreibungszahl (= 0,14), d2 Flanken-
durchmesser in mm nach DIN 13 Teil 13, DKm = (dh + dw)/2 mitt-
lerer Reibungsdurchmesser der Kopf- oder Mutternauflage in mm,
dh Bohrungsdurchmesser in mm nach DIN ISO 273, dw Außen-
durchmesser der Kopf- oder Mutternauflage in mm, d3 Kerndurch-
messer in mm nach DIN 13 Teil 13

Beispiel:
Berechnung des Anziehdrehmoments für eine Schraube M10 DIN EN
ISO 4762-10.9
Fv = 0,7 · Rp0,2 · As = 0,7 · 940 · 58 N = 38 200 N
MA = Fv [0,16 · P + µges(0,58 · d2 + DKm/2)]
mit DKm = (dh + dw)/2 = (11 + 16)/2 mm = 13,5 mm
MA = 38 200 [0,16 · 1,5 + 0,14(0,58 · 9,026 + 13,5/2)] N ⋅ mm
= 73 264 N ⋅ mm = 73 N ⋅ m
Der Wert in der Tabelle beträgt 72 N ⋅ m, der Fehler ist vernachlässigbar.
Bei Schmierung mit MoS2-Paste reduziert sich die Reibungszahl auf ca.
µges = 0,10. Das errechnete Anziehdrehmoment sollte um 20 % verringert
werden, da die Schraube ansonsten überzogen würde. Die Vorspannkraft
erhöht sich trotzdem um ca. 10 %.
264 14 Schraubenverbindungen

14.3.2 Genaue Berechnung einer Schraubenverbindung


Zur exakten Berechnung einer Schraubenverbindung sei auf die VDI-
Richtlinie 2230 „Systematische Berechnung hochbeanspruchter Schrau-
benverbindungen“ oder auf Fachliteratur, z. B. das „Schrauben Vademe-
cum“, verwiesen. Die VDI-Richtlinie 2230 unterliegt einer ständigen
Aktualisierung und ist das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit von
Experten des VDI-Ausschusses „Schraubenverbindungen“.

14.4 Verhalten von Schraubenverbindungen


unter Belastungen

Die Streckgrenze ist der wichtigste mechanische Wert der Schraube,


nicht die Zugfestigkeit!
Zieht man eine Schraubenverbindung immer fester an, so wächst der
Widerstand stetig, bis die Grenze erreicht wird, ab der die Schraube be-
ginnt, sich bleibend zu längen. Dann genügt eine geringere Kraft, um sie
weiter zu längen. Beim Nachlassen der Beanspruchung geht die Schraube
allerdings nicht mehr in ihre ursprüngliche Länge zurück, da die „Streck-
grenze“ überschritten wurde. Diese Streckgrenze des Schraubenbolzens
Rp0,2 ist – ausreichende Mutternfestigkeit oder Einschraubtiefe vorausge-
setzt – die wichtigste Größe für die Dimensionierung jeder Schrauben-
verbindung. Sie gibt die maximal ertragbare Kraft an, bei der die bleibende
Verformung der Schraube nicht größer als 0,2 % ist.
Beim Überschreiten dieser Last längt sich die Schraube und geht
schließlich zu Bruch.
Heute setzt inzwischen ein Trend zur Montage in den plastischen Be-
reich (streckgrenzengesteuertes und drehwinkelgesteuertes Anziehen)
ein. Innerhalb des elastischen Bereichs gleicht die Schraube einer Feder,
die nach der Entlastung auf die ursprüngliche Länge zurückfedert.
Setzt sich die Belastung oberhalb der Streckgrenze fort, tritt eine blei-
bende plastische Verlängerung ein, beim Erreichen der Bruchgrenze
erfolgt ein Gewaltbruch. Das Gebiet der plastischen Verformung sowie
die Bruchfestigkeit haben für die Schraubenberechnung keine entschei-
dende Bedeutung.
Die plastische Verformung ist allerdings von Bedeutung, wenn bei
Überbelastung besonders zähe Schrauben erforderlich sind. Dies ist bei
den Anziehverfahren über die Streckgrenze hinaus der Fall, besonders
bei drehwinkelgesteuerter Montage, wobei das Überschreiten der
Streckgrenze deutlich ausfallen kann. Die Wiederverwendung derart
14.4 Verhalten von Schraubenverbindungen unter Belastungen 265
montierter Schrauben ist fraglich und von verschiedenen Parametern
abhängig.
Bild 14.2 zeigt, dass die plastischen Reserven bis zum Bruch der
Schraube beachtlich sind und ein Mehrfaches des elastischen Bereichs
betragen. Zu beachten ist, dass die Zähigkeit mit steigender Vergütungs-
festigkeit sinkt. Bei der Auslegung der Verbindung ist zu berücksichti-
gen, welche dieser Eigenschaften notwendiger für den spezifischen
Anwendungsfall ist.

Bild 14.2: Vergleich Starrschraube – Dehnschraube [TFS]

Bild 14.3: Kraft-Verlängerungs-Schaubilder für a) Schraube, b) Flansch [TFS]